Kenelm Chillingly. Dritter Band Roman von Edward Bulwer.   Aus dem Englischen von Emil Lehmann.     Leipzig, Ernst Julius Günther. 1873.     Dritter Band Sechstes Buch. Erstes Kapitel. Auf seinem Rückwege nach Moleswick langte Kenelm kurz vor Sonnenuntergang an den Ufern des geschwätzigen Baches, dem von Lily Mordannt bewohnten Hause fast gegenüber, an. Lange und schweigend stand er an dem Rasenrande und warf seinen dunklen, durch die Strömung gebrochenen Schatten auf das Wasser. Seine Blicke ruhten auf dem gegenüberliegenden Hause und Garten. Die Fenster im obern Stock waren geöffnet. »Ich möchte wohl wissen, welches ihr Fenster ist«, dachte er bei sich. Endlich wurde er des Gärtners ansichtig, der sich eben mit seiner Gießkanne über ein Blumenbeet beugte und dann langsam durch das kleine Gebüsch, vermuthlich nach seinem eigenen Häuschen, ging. Jetzt war der 2 Grasplatz leer bis auf ein paar Drosseln, die sich plötzlich auf den Rasen niederließen. »Guten Abend, Herr«, ließ sich eine Stimme vernehmen, »ein prächtiger Platz für Forellen.« Kenelm wandte sich um und gewahrte auf dem Fußwege dicht hinter sich einen respectabel aussehenden ältlichen, allem Anscheine nach zur Klasse der kleinen Ladeninhaber gehörenden Mann mit einer Angel in der Hand und einem Fischkorbe. »Für Forellen?« sagte Kenelm. »Das wundert mich nicht, es ist ja eine höchst anziehende Gegend.« »Darf ich mir die Frage erlauben, ob Sie selbst gern angeln, Herr?« fragte der ältliche Mann, der vielleicht nicht recht wußte, wie er den Fremden taxiren sollte, wenn er einerseits seine Kleidung und seine Haltung, andererseits aber das abgetragene schäbige Ränzel auf seinem Rücken, das Kenelm auf seinen Reisen im In- und Auslande während eines vollen Jahres benutzt hatte, in Betracht zog. »Ja, ich angle gern.« »Dann finden Sie hier die beste Stelle im ganzen Strome. Sehen Sie, Herr, da ist Isaak Walton's Pavillon, und sehen Sie, da weiter unten jenes weiße nette Häuschen, das ist mein Haus, Herr, und ich habe Zimmer, die ich an Herren, die hier angeln wollen, 3 vermiethe. Während der Sommermonate sind sie meistens besetzt. Ich erwarte jeden Tag einen Brief von jemand, der sie haben will, aber augenblicklich stehen sie leer. Ein sehr hübsches Logis, Herr, Wohn und Schlafzimmer.« » Descende coelo et dic age tibia «, sagte Kenelm. »Was beliebt, Herr?« fragte der ältliche Mann. »Ich bitte tausendmal um Vergebung! Ich habe das Unglück gehabt, die Universität zu besuchen und ein wenig Latein zu lernen, das sich bisweilen zu sehr ungelegener Zeit wieder bei mir einstellt. Aber was ich sagen wollte, ist in einfachen Worten Folgendes: Ich rief die Muse an, vom Himmel herabzusteigen und, das Original sagt, eine Flöte, ich aber sagte, eine Angel mitzubringen. Ich sollte meinen, Ihr Logis müßte mir grade conveniren, bitte, zeigen Sie es mir doch.« »Mit dem größten Vergnügen«, sagte der ältliche Mann. »Die Muse braucht keine Angel mitzubringen; Sie finden bei uns alle Arten von Fischgeräthen zu Ihrer Verfügung und auch ein Boot, wenn Sie es wünschen. Hier in der Nähe ist der Strom so schwach und eng, daß ein Boot Ihnen wenig nützen kann, wenn Sie nicht weiter hinunter wollen.« »Ich will nicht weiter hinunter; aber wenn ich 4 ans andere Ufer hinüber wollte, ohne durchwaten zu müssen, würde ich dazu das Boot benutzen können, oder ist da eine Brücke?« »Das Boot kann Sie hinübersetzen; es ist ein Fahrzeug mit glattem Boden; grade meinem Hause gegenüber ist aber auch eine Brücke für Fußgänger und zwischen hier und Moleswick, da wo der Strom sich erweitert, ist eine Fähre und ganz am Ende der Stadt eine steinerne Brücke für Fuhrwerke.« »Gut; lassen Sie uns doch jetzt gleich nach Ihrem Hause gehen.« Die beiden Männer gingen zusammen fort. »Beiläufig«, sagte Kenelm im Gehen, »wissen Sie viel von der Familie, welche das Landhaus am andern Ufer bewohnt, das wir eben hinter uns gelassen haben?« »Da wohnt Frau Cameron. Ja gewiß, eine sehr gute Dame, und der Maler, Herr Melville – gewiß kenne ich ihn, denn er hat oft bei mir logirt, wenn er herkam, Frau Cameron zu besuchen. Er empfiehlt meine Zimmer seinen Freunden und das sind meine besten Einlogirer. Ich habe die Maler gern, Herr, obgleich ich nicht viel vom Malen verstehe. Es sind liebenswürdige Herren und immer zufrieden mit meiner bescheidenen Wohnung und meiner Kost.« 5 »Sie haben ganz Recht. Ich verstehe auch nicht viel von der Malerei, aber ich bin, nicht aus eigener Erfahrung, denn ich habe keinen Bekannten unter den Malern, sondern nach den Biographien von Malern, die ich gelesen habe, zu glauben geneigt, daß sie im Allgemeinen nicht nur liebenswürdige, sondern auch edelgesinnte Menschen sind. Sie sind beständig bestrebt, die uns im täglichen Leben umgebenden Dinge zu verschönern und zu erheben, und sie können dieses Streben nur erreichen, indem sie unablässig darüber nachdenken, was schön und erhaben ist. Ein fortwährend mit solchen Gedanken beschäftigter Mensch muß edel sein, wenn er auch nur der Sohn eines Schuhputzers wäre. Und ich begreife sehr wohl, daß die Maler, die in einer höhern Welt als wir leben, wie Sie sagen, mit der Kost und dem Logis, das sie in der von uns bewohnten Welt finden, sehr leicht zufrieden gestellt sind.« »Ganz richtig, Herr, ich verstehe, obgleich Sie die Sache in einer Weise auffassen, an die ich bisher nie gedacht habe.« »Und doch«, sagte Kenelm, indem er den alten Mann mit einem wohlwollenden Blicke ansah, »scheinen Sie mir ein wohlerzogener und intelligenter Mann zu sein, der gern über die Dinge im Allgemeinen 6 nachdenkt, ohne seine Privatinteressen zu verabsäumen, namentlich wenn er Zimmer zu vermiethen hat. Nichts für ungut! Ein solcher Mann ist vielleicht nicht geboren, ein Maler zu sein, ich schätze ihn aber hoch. Wie die Welt einmal beschaffen ist, muß die überwiegende Mehrzahl ihrer Bewohner nicht nur auf ihr, sondern auch von ihr leben. Jeder für sich und Gott für uns alle. Das größte Glück der größten Zahl ist am besten gesichert, wenn jeder sich klüglich als Nummer eins betrachtet.« Kenelm war einigermaßen überrascht, denn er hatte jetzt das Leben hinreichend kennen gelernt, um gelegentlich überrascht zu sein, als der ältliche Mann hier plötzlich still stand, ihm herzlich die Hand entgegenstreckte und rief: »Oho! ich sehe, daß Sie gleich mir ein entschiedener Demokrat sind.« »Demokrat? Darf ich fragen, nicht warum Sie einer sind, denn damit würde ich mir eine Freiheit gegen Sie erlauben, und Demokraten sind sehr empfindlich in Bezug auf Freiheiten, die man sich gegen sie herausnimmt, aber warum Sie mich für einen halten?« »Sie sprachen von dem größten Glück der größten Zahl. Das heißt gewiß demokratisch denken. Sagten Sie nicht überdies, Herr, daß Maler, selbst wenn sie 7 die Söhne von Schuhputzern wären, die wahren Gentlemen, die wahren Edelleute seien?« »Ich habe das nicht eigentlich gesagt, um andere Gentlemen und Edelleute herabzusetzen. Aber wenn ich es gesagt hätte, was dann?« »Herr, ich bin Ihrer Meinung. Ich verachte Alles, was vornehm ist, ich verachte Herzoge, Grafen und Aristokraten. Ein rechtschaffner Mensch ist die edelste Schöpfung Gottes, sagt ein Dichter, ich glaube, Shakespeare. Ein herrlicher Mann, Shakespeare. Der Sohn eines Handwerkers, ich glaube, eines Schlächters. O mein Onkel war auch ein Schlächter und hätte Alderman werden können. Ich schließe mich Ihnen von Herzen, von ganzem Herzen an. Ich bin ein Demokrat; geben Sie mir die Hand, Herr, geben Sie mir die Hand. Wir sind alle gleich. Jeder für sich und Gott für uns alle.« »Ich will Ihnen gern die Hand geben«, sagte Kenelm, »aber ich fürchte, Sie gründen Ihre freundlichen Gesinnungen für mich auf falsche Voraussetzungen. Obgleich wir vor dem Gesetze alle gleich sind, außer daß ein Reicher wenig Aussicht hat, vor einer englischen Jury gegen einen Armen zu seinem Rechte zu kommen, so muß ich doch durchaus in Abrede stellen, daß je zwei Menschen einander völlig gleich seien. Der eine 8 muß dem andern in irgend etwas überlegen sein, und wenn ein Mensch dem andern überlegen ist, so hört die Demokratie auf und beginnt die Aristokratie.« »Aristokratie – das sehe ich nicht ein. Was verstehen Sie unter Aristokratie?« »Den größern Einfluß der besseren Männer. In einem rohen Staate ist aber der stärkere Mann der bessere, in einem corrumpirten Staate vielleicht der spitzbübischere; in modernen Republiken haben die Börsenspeculanten das Geld und die Advocaten die Macht. Nur in wohlgeordneten Staaten erscheint die Aristokratie in ihrem wahren Werthe. Hier besteht sie aus den durch ihre Geburt besseren Männern, weil der Respekt für die Vorfahren die Gewähr für einen höhern Ehrbegriff bietet, den durch ihren Reichthum besseren Männern, weil reiche Männer, wenn sie ihren natürlichen Neigungen folgen, von außerordentlichem Nutzen für die Förderung des Unternehmungsgeistes, die Entwickelung einer energischen Thätigkeit und die Pflege der schönen Künste sein müssen, endlich den durch ihren Charakter und den durch ihre Fähigkeiten besseren Männern, aus Gründen, die zu nahe liegen, um der Erörterung zu bedürfen; und diese beide Klassen werden den Vorrang in der Regierung des Staates haben, wenn der Staat blühend und frei ist. Alle 9 diese vier Klassen besserer Männer bilden zusammen die wahre Aristokratie, und wenn erst einmal der menschliche Witz eine bessere Regierung als die einer wahren Aristokratie ersonnen haben wird, werden wir nicht mehr weit von dem tausendjährigen Reiche und der Herrschaft der Heiligen sein. Aber hier sind wir vor dem Hause – das ist doch Ihr Haus? Es gefällt mir ungemein.« Der ältliche Mann trat jetzt voran in die kleine Thür, an der sich Geißblatt und Epheu in einander verflochten emporrankten, und führte Kenelm in ein freundliches Wohnzimmer mit einem Bogenfenster, hinter welchem sich ein ebenso freundliches Schlafzimmer befand. »Wird Ihnen das genügen, Herr?« »Vollkommen; ich nehme die Zimmer auf der Stelle. Mein Ränzel enthält Alles, was ich für die Nacht brauche. In dem Laden bei Somers steht mein Koffer, der morgen früh hergeschickt werden kann.« »Aber wir haben noch nichts über die Bedingungen abgemacht«, sagte der ältliche Mann, dem einige Bedenken darüber aufzusteigen anfingen, ob er Recht daran gethan habe, einen breitschultrigen Fremden, von dem er nichts wisse und der bei all seinem Redefluß über andere Dinge doch ein ominöses Schweigen 10 über den Punkt der Bezahlung beobachtet hatte, in sein Haus aufzunehmen. »Ja so! Das ist wahr. Sagen Sie mir Ihre Bedingungen.« »Die Kost mit einbegriffen?« »Gewiß. Chamäleons leben von der Luft, Demokraten von Windbeuteln. Ich habe einen gemeineren Appetit und brauche Hammelfleisch zu meiner Ernährung.« »Das Fleisch ist jetzt sehr theuer«, sagte der ältliche Mann, »und ich fürchte, ich kann Ihnen für Kost und Logis nicht weniger berechnen als drei Pfund die Woche. Meine Einlogirer pflegen eine Woche im voraus zu bezahlen.« »Abgemacht«, sagte Kenelm, indem er drei Sovereigns aus seiner Börse zog. »Ich habe schon zu Mittag gegessen. Ich brauche heute Abend nichts mehr. Ich will Sie nicht länger aufhalten. Haben Sie die Güte, die Thür hinter sich zu schließen.« Als Kenelm allein war, setzte er sich in die Nische des Bogenfensters und blickte scharf spähend hinaus. Ja, er hatte Recht, er konnte von dort Lily's Daheim sehen. Von dem Hause freilich sah er nur einen weißen Schimmer zwischen Bäumen und Gebüsch hindurch, deutlich aber sah er den nach dem Bache sich sanft hinneigenden Rasen mit der großen Weide, die ihre 11 Zweige ins Wasser tauchte und jede Aussicht über sie hinaus durch ihr Laubdach versperrte. Kenelm stützte den Kopf in die Hände und überließ sich einem träumerischen Sinnen. Die Nacht brach herein; die Sterne gingen auf und die Strahlen des Mondes drangen jetzt schräg durch die bogenförmig gewölbten Zweige der Weide hindurch auf das Wasser, auf welchem eine silberne Spur ihren Weg bezeichnete. »Soll ich Licht bringen, Herr? Was ziehen Sie vor, eine Lampe oder Wachskerzen?« fragte eine Stimme hinter ihm, die Stimme der Frau des ältlichen Mannes. »Soll ich die Laden schließen?« Die Fragen erschreckten den Träumer. Sie schienen ihn mit seinem eigenen früheren Spott über die Romantik der Liebe zu verspotten. Lampe oder Kerzen, Licht für prosaische Augen und Mond und Sternenlicht durch geschlossene Laden ausgesperrt! »Ich danke Ihnen, Madame, noch nicht«, sagte er, stand ruhig auf, legte die Hand auf den Fenstersims und schwang sich zum offenen Fenster hinaus. Draußen schritt er langsam am Rande des Flüßchens auf einem Fußsteige dahin, auf welchem Schatten und Sternenlicht wechselten, während der Mond noch langsamer über den Weiden aufstieg und mit noch längerer Silberspur über die kleinen Wellen dahinzog. 12 Zweites Kapitel. Obgleich Kenelm es nicht für nothwendig hielt, seinen Eltern und Londoner Bekannten seine letzten Bewegungen und seinen gegenwärtigen Ruheaufenthalt mitzutheilen, kam es ihm doch nicht in den Sinn, in der unmittelbaren Nähe von Lily's Hause auf der Lauer zu liegen und Gelegenheiten zu suchen, sie heimlich zu treffen. Er ging am nächsten Morgen zu Frau Braefield, fand sie zu Hause und sagte in einem etwas suffisanteren Ton, als er ihm sonst eigen war: »Ich habe in Ihrer Nähe am Ufer des Flusses, um Forellen zu fangen, eine Wohnung gemiethet. Sie werden mir erlauben, Sie bisweilen zu besuchen, und nächstens werden Sie mir hoffentlich das Diner geben, das ich vor einigen Tagen so unhöflich abgelehnt habe. Ich 13 wurde damals sehr gegen meinen Willen plötzlich abgerufen.« »Ja, mein Mann hat mir erzählt, daß Sie plötzlich mit einem wilden Ausruf über Pflicht von ihm wegliefen.« »Ganz richtig. Meine Vernunft und, ich kann wohl sagen, mein Gewissen waren durch eine mir äußerst wichtige und ganz neue Angelegenheit in Verwirrung gebracht. Ich ging nach Oxford, dem Orte, wo Fragen der Vernunft und des Gewissens gründlicher als irgendwo anders in Erwägung gezogen und vielleicht am wenigsten befriedigend gelöst werden. Als ich mein Gemüth durch einen Besuch bei einer der größten Zierden dieser Universität erleichtert hatte, glaubte ich mir einige Sommerferien gönnen zu dürfen, und da bin ich!« »O ich verstehe, Sie hatten religiöse Skrupel, dachten vielleicht daran, katholisch zu werden. Ich hoffe, Sie werden das nicht thun?« »Meine Skrupel waren nicht von der Art, daß man sie nothwendig religiös nennen müßte. Auch die Heiden nährten sie.« »Worin sie auch bestanden haben mögen, jedenfalls sehe ich mit Vergnügen, daß sie Sie nicht verhindert haben, zu uns zurückzukehren«, sagte Frau 14 Braefield mit anmuthiger Freundlichkeit. »Aber wo haben Sie eine Wohnung gefunden? Warum sind Sie nicht zu uns gekommen? Mein Mann würde sich kaum weniger gefreut haben als ich, Sie bei uns aufzunehmen.« »Sie sagen das so aufrichtig und herzlich, daß ein kurzes ›Ich danke Ihnen‹ als eine steife und herzlose Antwort erscheinen würde. Aber es gibt Zeiten im Leben, wo man sich danach sehnt, allein zu sein, mit seinem eigenen Herzen zu verkehren und sich womöglich ruhig zu verhalten; ich bin eben in einer solchen Stimmung. Haben Sie Nachsicht mit mir.« Frau Braefield sah ihn mit freundlich zärtlichem Interesse an. Auch sie hatte ihrer Zeit die Last einer jungen romantischen Liebe in der Einsamkeit getragen. Sie erinnerte sich ihrer träumerischen und ihr so gefährlichen Mädchenjahre, wo auch sie sich danach gesehnt hatte, allein zu sein.« »Mit Ihnen Nachsicht haben? Als ob es dessen bedürfte! Ich wollte, Herr Chillingly, ich wäre Ihre Schwester und Sie vertrauten sich mir an. Etwas quält Sie.« »Quält mich? Nein. Ich trage mich mit glücklichen Gedanken, und wenn sie mich auch bisweilen verwirren mögen, so quälen sie mich doch nicht.« 15 Kenelm sagte das in einem sehr milden Ton, und in dem warmen Ausdruck seiner sinnenden Augen, dem anmuthigen Spiel seines ruhigen Lächelns lag etwas, das seine Worte nicht Lügen strafte. »Sie haben mir noch nicht gesagt, wo Sie eine Wohnung gefunden haben«, sagte Frau Braefield etwas abrupt. »Nicht?« erwiderte Kenelm, indem er unwillkürlich zusammenfuhr, wie wenn er plötzlich aus einer tiefen Träumerei aufgerüttelt würde. »Ich wohne, glaube ich, bei einem recht distinguirten Mann, denn als ich ihn diesen Morgen nach der genauen Adresse seines Hauses fragte, um mein weniges Gepäck hinbringen zu lassen, gab er mir seine Karte mit einer großartigen Miene und sagte: ›Ich bin ziemlich bekannt in Moleswick und Umgegend.‹ Ich habe seine Karte noch nicht angesehen. Ah, da habe ich sie! Algernon Sidney Gale Jones, Cromwell-Lodge. Sie lachen? Was wissen Sie von ihm?« »Ich wollte, mein Mann wäre hier, der würde Ihnen mehr von ihm erzählen können. Herr Jones ist eine ganz originelle Persönlichkeit.« »Das merke ich.« »Ein großer Radicaler und ein sehr geschwätziger Kannegießer; aber unser Pfarrer, Herr Emlyn, sagt, 16 er sei im Grunde ein harmloser Mensch, sein Bellen sei schlimmer als sein Beißen, und seine republikanischen oder radicalen Ideen kämen auf Rechnung seines Gevatters! Zu seinem Namen Jones erhielt er in der Taufe unglücklicherweise den Namen Gale, weil Gale Jones ein zur Zeit seiner Geburt bekannter radicaler Redner war. Und ich denke mir, die Namen Algernon Sidney wurden dem Namen Gale noch vorangestellt, um den Neugeborenen noch entschiedener dem Dienste republikanischer Principien zu weihen.« »Sehr natürlich taufte daher Algernon Sidney Gale Jones sein Haus Cromwell-Lodge, in Betracht, daß Algernon Sidney einen besondern Abscheu vor dem Protectorat hegte und daß der originale Gale Jones, wenn er ein ehrlicher Radicaler war, im Hinblick auf die unsanfte Behandlung, welche den Fürsprechern parlamentarischer Reformen von Seiten seiner Hoheit widerfuhr, denselben Abscheu hegen mußte. Aber wir müssen nachsichtig gegen Leute sein, welche zu ihrem Unglück getauft worden sind, ehe sie eine Wahl in Betreff der Namen treffen konnten, welche bestimmend für ihr Schicksal werden sollten. Ich selbst würde weniger grillenhaft geworden sein, wäre ich nicht nach einem Kenelm genannt worden, der an sympathetische Pulver glaubte. Abgesehen von 17 seinen politischen Doctrinen gefällt mir mein Hauswirth, er hält seine Frau vortrefflich in Ordnung. Sie scheint bei dem Klang ihrer eigenen Fußtritte zu erschrecken und schleicht, ein bleiches Bild demüthiger Weiblichkeit, in Pantoffeln aus Tuchflecken durchs Haus.« »Sicherlich eine große Empfehlung und Cromwell-Lodge liegt sehr hübsch. Beiläufig, es liegt sehr in der Nähe von Frau Cameron's Haus.« »Ja, es ist wahr, es fällt mir jetzt ein, daß Sie Recht haben«, sagte Kenelm in einem ganz unschuldigen Ton. O mein lieber Kenelm, du Feind alles Scheins, du Wahrheitsfreund par excellence , wohin ist es mit dir gekommen! Wie sind die Mächtigen gesunken! »Wenn Sie bei uns essen wollen, lassen Sie uns für übermorgen verabreden, und ich will Frau Cameron und Lily einladen.« »Uebermorgen – mit dem größten Vergnügen.« »Paßt Ihnen eine frühe Zeit?« »Je früher, desto besser.« »Ist sechs Uhr zu früh?« »Zu früh? Gewiß nicht, im Gegentheil. Leben Sie wohl, ich muß jetzt zu Frau Somers, sie hat meinen Koffer in Gewahrsam.« Mit diesen Worten stand Kenelm auf. 18 »Das liebe Kind, die arme Lily«, sagte Frau Braefield, »ich wollte, sie wäre weniger Kind.« Kenelm setzte sich wieder. »Ist sie ein Kind? So kommt sie mir nicht vor.« »Nicht an Jahren, sie ist zwischen siebzehn und achtzehn; aber mein Mann sagt, sie sei zu kindisch, und bittet mich immer, sie ihm abzunehmen; er unterhält sich lieber mit Frau Cameron.« »So?« »Ich finde aber doch etwas an ihr.« »Wirklich?« »Ich finde sie nicht grade kindisch und auch nicht ganz wie ein erwachsenes Mädchen.« »Wie denn?« »Ich kann es nicht recht definiren. Aber wissen Sie, welchen Lieblingsbeinamen Herr Melville und Frau Cameron ihr geben?« »Nein.« »Fee! Feen haben kein Alter; eine Fee ist weder ein Kind noch erwachsen.« »Fee! Wird sie Fee von denen genannt, die sie am besten kennen? Fee!« »Und sie glaubt an Feen.« »So? Ich auch. Verzeihen Sie, ich muß fort. Auf übermorgen also um sechs Uhr.« 19 »Warten Sie einen Augenblick«, sagte Elsie, an ihren Schreibtisch tretend. »Sie kommen auf Ihrem Rückwege bei Grasmere vorüber, wollen Sie die Freundlichkeit haben, dieses Billet abzugeben?« »Ich meinte, Grasmere sein ein im Norden gelegener See?« »Ja, aber Herr Melville hat dem Landhause den Namen des Sees gegeben. Ich glaube, das erste Bild, das er je verkauft hat, war eine Ansicht von dem am See gelegenen Wordsworth-House. In dem Billet lade ich Frau Cameron ein, mit Ihnen bei uns zu essen; wenn Sie aber meine Botschaft nicht übernehmen wollen –« »Nicht übernehmen wollen! Liebe Frau Braefield, ich komme ja, wie Sie sagen, dicht an dem Landhause vorüber.« 20 Drittes Kapitel. Kenelm ging raschen Schrittes von Frau Braefield nach dem in der Highstreet gelegenen Somers'schen Laden. Jessie stand hinter dem Ladentisch, vor dem sich die Kunden drängten. Kenelm sagte ihr kurz, wohin sie seinen Koffer schicken solle, und ging in das hinter dem Laden gelegene Zimmer, wo ihr Mann mit Korbflechten beschäftigt war, während das Baby in seiner Wiege lag, wo die Großmutter es mechanisch schaukelte und dabei ein herrliches Missionärtractätchen, voll von Erzählungen wunderbarer Bekehrungen – zu was für Christen, wollen wir hier nicht näher untersuchen – las. »Sie sind also glücklich, Will?« sagte Kenelm, indem 21 er sich zwischen den Korbmacher und die Wiege setzte, neben sich die gute alte Mutter, welcher beim Lesen des Tractätchens ihre Träume vom ewigen Leben mit dem eben erwachenden Leben in der Wiege, die sie schaukelte, verschmolzen. Er sollte nicht glücklich sein! Wie bedauerte er den Mann, der solche Frage thun konnte! »Ob ich glücklich bin, Herr? Ich sollte es meinen! Es vergeht fast kein Abend, wo nicht Jessie und ich und auch Mutter beten, Sie möchten noch einmal ebenso glücklich werden. Nach und nach wird auch das Baby beten lernen: Gott segne Papa und Mama, Großmama und Herrn Chillingly.« »Es gibt einen, der Eurer Gebete viel würdiger ist als ich, wenn er ihrer auch weniger bedarf. Sie werden es noch einmal erfahren – lassen wir es jetzt auf sich beruhen. Um auf unsern Gegenstand zurückzukommen, Sie sind glücklich; und wenn ich Sie fragte, warum, würden Sie nicht sagen: Weil ich das Mädchen geheirathet habe, das ich liebe, und weil es mich nie gereut hat?« »Nun ja, Herr, ungefähr so ist es; obgleich ich, wenn Sie es nicht übel nehmen wollen, glaube, es könnte noch etwas hübscher ausgedrückt werden.« 22 »Darin haben Sie Recht. Aber vielleicht hat noch nie jemand die rechten Worte für Liebe und Glück gefunden. Für heute leben Sie wohl.« Ah, wenn es wahr wäre was reine Materialisten sagen, daß die Hauptbedingung des Glücks in Gesundheit und Kraft des Körpers bestehe, so würde jene Frage, ob Will glücklich sei, sinnlos oder kränkend erscheinen müssen, wenn man sich die Personen des Fragestellers und des Befragten vergegenwärtigt. Jener ein Mann von der seltensten körperlichen Ausstattung, wie sie die Natur nur zu Genüssen geschickt machen kann, ein Mann, der, solange er denken konnte, nie gewußt hatte, was es heißt, unwohl sein, und der es kaum verstand, wenn man ihm sagte, daß einem der Finger wehe thue, ein Mann, den die Verfeinerungen geistiger Bildung, welche die sinnlichen Genüsse vervielfältigen, in seltenem Grade in den Stand gesetzt hatten, das Glück, welches die bloße Natur und ihre Instinkte gewähren können, zu begreifen; dieser ein bleicher Krüppel, der, wenn sich auch sein Gesundheitszustand seit kurzem sehr gebessert hatte, doch dazu verurtheilt war, sein Lebelang kränklich und leidend zu sein. Aber Will fand die Frage weder sinnlos noch beleidigend. Er, der arme Krüppel, hielt sich für viel glücklicher als den hochgebornen, 23 gebildeten und reichen jungen Hercules, der so wenig vom Glück wußte, daß er den verkrüppelten Korbmacher fragen konnte, ob er glücklich sei – er, der glückliche Gatte und Vater! 24 Viertes Kapitel. Lily saß unter einem Kastanienbaum im Grase. Eine weiße Katze, die noch kürzlich ein Kätzchen gewesen war, lag neben ihr in sich zusammengerollt und schlummerte. Auf ihrem Schooß hatte Lily ein offenes Buch, in welchem sie mit Entzücken las. Frau Cameron trat aus dem Hause, sah sich um, bemerkte Lily und näherte sich ihr. Ging sie so leise oder war Lily so vertieft in ihr Buch, sie wurde sie erst gewahr, als sich eine sanfte Hand auf ihre Schulter legte und sie, sich umsehend, in das sanfte Gesicht ihrer Tante blickte. »O Fee, Fee, das alberne Buch! Und Du solltest doch Deine französischen Verbes lernen. Was wird Dein Vormund sagen, wenn er herkommt und findet, wie schlecht Du Deine Zeit angewandt hast!« »Er wird sagen, daß Feen ihre Zeit nie schlecht 25 anwenden, und wird Dich schelten, daß Du das zu mir sagst.« Mit diesen Worten warf Lily ihr Buch weg, sprang auf, umschlang Frau Cameron und küßte sie zärtlich. »So, heißt das meine Zeit schlecht anwenden? Ich habe Dich so lieb, Tante. An einem Tage, wie der heutige, ist mir, als müßte ich alle Menschen und alle Dinge lieb haben!« Bei diesen Worten richtete sie ihre geschmeidige Gestalt auf, schaute zu dem blauen Himmel empor und schien mit geöffneten Lippen Luft und Sonnenschein einzuschlürfen. Dann weckte sie die schlummernde Katze und fing an, sie um den Grasplatz herumzujagen. Frau Cameron stand still und sah ihr mit feuchten Augen zu. Grade in diesem Augenblick trat Kenelm durch die Gartenpforte ein. Auch er stand still und verfolgte mit seinen Blicken die Wellenbewegungen der reizenden Feengestalt. Sie hatte ihren Liebling gefangen und spielte jetzt mit ihm, nahm ihren Strohhut ab und zog das an demselben hängende Band neckend auf dem Rasen hinter sich her. Ihr reiches, so freigewordenes und durch die Bewegung aufgelöstes Haar fiel ihr zum Theil in leicht geringelten Löckchen über das Gesicht und ihr melodisches Lachen und ihre der Katze im neckischen Spiel gegebenen Namen klangen für Kenelm's Ohr heiterer als das Trillern der 26 Lerche, anmuthiger als das Girren der Turteltaube. Er näherte sich Frau Cameron. Lily wandte sich plötzlich um und wurde seiner ansichtig. Instinctiv strich sie ihre aufgelösten Flechten zurück, setzte ihren Strohhut wieder auf und trat mit ernster Miene an seine Seite, grade in dem Augenblick, wo er ihre Tante angeredet hatte. »Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit, Frau Cameron. Ich habe Ihnen dieses Billet von Frau Braefield zu überbringen.« Während die Tante das Billet las, wandte er sich an die Nichte. »Sie haben mir versprochen, mir das Bild zu zeigen, Fräulein Mordannt.« »O, das ist lange her.« »Zu lange, als daß man noch auf die Erfüllung des Versprechens einer Dame rechnen dürfte?« Lily schien über diese Frage nachzudenken und zögerte mit ihrer Antwort. »Ich will Ihnen das Bild zeigen. Ich glaube nicht, daß ich schon je ein gegebenes Versprechen nicht erfüllt habe, aber ich werde mich doch in Zukunft mit dem Versprechen noch mehr in Acht nehmen.« »Warum denn das?« »Weil Sie, als ich mein Versprechen gab, keinen 27 Werth darauf legten, und das verletzte mich.« Lily blickte mit einer bezaubernden Miene von hoher Würde auf und fügte hinzu: »Ich war beleidigt.« »Frau Braefield ist sehr gütig«, sagte Frau Cameron; »sie ladet uns auf übermorgen zu Tische ein. Möchtest Du hingehen, Lily?« »Vermuthlich lauter erwachsene Leute? Nein, ich danke, liebe Tante. Geh Du allein, ich möchte lieber zu Hause bleiben. Darf ich mir nicht die kleine Clemmy einladen und mit ihr spielen? Sie bringt dann Juba mit und Blanche liebt Juba sehr, obgleich sie ihn kratzt.« »Gut, liebes Kind, Du sollst Deine Spielkameradin haben und ich werde allein gehen.« Kenelm stand bestürzt da. »Sie wollen nicht kommen, Fräulein Mordannt? Das wird Frau Braefield außerordentlich leid thun. Und wenn Sie nicht kommen, mit wem soll ich mich dann unterhalten? Ich mag erwachsene Leute ebenso wenig leiden wie Sie.« »Gehen Sie denn hin?« »Gewiß.« »Und wenn ich komme, wollen Sie sich mit mir unterhalten? Ich fürchte mich vor Herrn Braefield, er ist so weise.« 28 »Ich will Sie vor ihm retten und kein weises Wort soll über meine Lippen kommen.« »Tante, ich will hingehen.« Mit diesen Worten machte Lily einen Sprung und ergriff Blanche, die sich ihre Küsse resignirt gefallen ließ und mit ersichtlicher Neugierde Kenelm anstarrte. In diesem Augenblick erklang in dem Hause eine Glocke, die das zweite Frühstück ankündigte. Frau Cameron lud Kenelm ein, an dieser Mahlzeit Theil zu nehmen. Ihm war zu Muthe, wie Romulus zu Muthe sein mochte, als er zum ersten Mal eingeladen wurde, das Ambrosia der Götter zu kosten. Und doch war das Frühstück nicht der Art, wie es Kenelm Chillingly in jenen Tagen des Mäßigkeits-Hotels gefallen haben möchte. Aber seit kurzem hatte er seinen Appetit verloren und heute genügten ihm eine sehr bescheidene Portion von einem kleinen Gericht Hühnerfricassée und ein paar mit Weinblättern hübsch aufgeputzte Kirschen, welche Lily für ihn ausgesucht hatte, wie wahrscheinlich auch Romulus, während er seine Augen an Hebe weidete, sich mit sehr wenig Ambrosia begnügte. Nachdem das Frühstück beendet war, führte Lily, während Frau Cameron ihre Antwort an Elsie schrieb, 29 Kenelm in ihr Zimmer, gewöhnlich ihr Boudoir genannt, obgleich es nicht aussah, als ob jemals jemand darin boudirt hätte. Es war allerliebst, nicht wie eine Frau, sondern wie ein Kind es sich erträumen würde, wunderbar zierlich und kühl und rein; das Tapetenmuster war ein Spalier von Rosen und Geißblatt mit Vögeln und Schmetterlingen; an den Fenstern hingen mit zierlichen Quasten und Bändern geschmückte Mullgardinen; in dem Zimmer stand ein winziges Bücherschränkchen, das, nach den hübschen Einbänden zu urtheilen, wohl ausgestattet war, und ein kleiner Schreibtisch von französischer Marqueterie-Arbeit, der zu frisch und fleckenlos aussah, als daß man hätte glauben können, er habe schon schwere Dienste geleistet. Das Fenster war geöffnet und im Einklang mit der Tapete rankten Geißblatt und Rosen an dem Fensterrahmen empor und erfüllten, von lauen Sommerwinden bewegt, das kleine Zimmer mit lieblichen Düften. Kenelm trat ans Fenster und warf einen Blick auf die Aussicht. »Ich hatte Recht«, sagte er zu sich, »ich habe errathen.« Aber obgleich er die Worte nur leise und wie nach innen vor sich hin flüsterte, hörte Lily, die seinen Bewegungen mit Staunen gefolgt war, sie doch. »Sie haben es errathen? Was haben Sie errathen?« 30 »Nichts, nichts; ich sprach nur mit mir selbst.« »Sagen Sie mir, was Sie errathen haben, ich bestehe darauf!« Und dabei stampfte die kleine Fee mit ihren zierlichen Füßchen auf den Boden. »So? Da muß ich wohl gehorchen. Ich habe mir für kurze Zeit in Cromwell-Lodge am andern Ufer des Flüßchens eine Wohnung gemiethet, und als ich von dort Ihr Haus liegen sah, errieth ich, daß Ihr Zimmer hier liegen müsse. Wie lieblich ist hier der Blick aufs Wasser! Ah! Da drüben ist Isaak Walton's Pavillon.« »Reden Sie nicht von Isaak Walton, oder ich zanke mich mit Ihnen, wie ich es mit Löwe gethan habe, als er einmal von mir verlangte, ich solle das grausame Buch gern lesen.« »Wer ist Löwe?« »Löwe? Natürlich mein Vormund. Ich habe ihm den Namen als kleines Kind gegeben, als ich in einem seiner Bücher das Bild eines Löwen sah, der mit einem kleinen Kinde spielt.« »O, ich kenne die Zeichnung sehr gut«, sagte Kenelm mit einem leichten Seufzer. »Das Original befindet sich auf einer antiken griechischen Gemme. Aber der Löwe spielt nicht mit dem Kinde, sondern das 31 Kind bemeistert den Löwen und die Griechen nannten das Kind Liebe.« Diese Idee schien Lily's Fassungskraft etwas zu übersteigen. Nach einer kleinen Pause antwortete sie mit der Naivetät eines sechsjährigen Kindes: »Jetzt verstehe ich, warum ich Blanche, die sonst von niemand etwas wissen will, bemeistern kann – ich liebe Blanche. O, da fällt mir ein, kommen Sie und sehen Sie sich das Bild an.« Sie trat an die Wand über dem Schreibtisch, zog einen seidenen Vorhang von einem kleinen, in zierlichem Sammtrahmen befindlichen Bilde zurück und rief, indem sie auf dasselbe hindeutete, triumphirend: »Sehen Sie da! Ist das nicht schön?« Kenelm hatte sich darauf gefaßt gemacht, eine Landschaft, eine Gruppe oder irgend etwas zu sehen, nur nicht das, was er zu sehen bekam – Blanche in ihrer Jugend. Wenig erhaben wie der Gegenstand war, war er doch mit phantasievoller Grazie behandelt. Das Kätzchen hatte ersichtlich aufgehört mit einem Baumwollenknäuel, der zwischen ihren Pfoten lag, zu spielen und heftete ihren Blick mit gespannter Aufmerksamkeit auf einen Buchfinken, der sich auf einem für sie erreichbaren Zweig niedergelassen hatte. 32 »Sie verstehen«, sagte Lily, indem sie ihre Hand auf Kenelm's Arm legte und ihn an eine Stelle zog, von der aus er nach ihrer Meinung das Bild im besten Lichte sehen konnte. »Es ist der Moment, wo Blanche zum ersten Mal eines Vogels ansichtig wird. Sehen Sie nicht, wie sie halb vor Freude, halb vor Furcht plötzlich überrascht ist? Sie hört auf mit ihrem Knäuel zu spielen. Ihr Verstand oder, wie Herr Braefield sagen würde, ihr Instinkt wird zum ersten Mal wach. Von diesem Augenblick war Blanche kein Kätzchen mehr und es bedurfte der sorgfältigsten Erziehung, um sie zu lehren, die kleinen Vögel nicht mehr zu tödten. Jetzt thut sie das nicht mehr, aber es hat mir unsägliche Mühe gekostet.« »Ich kann offen gestanden nicht behaupten, daß ich in dem Bilde alles das sehe, was Sie darin sehen. Aber es scheint mir sehr hübsch gemalt und war ohne Zweifel Blanche in ihrer Jugend sprechend ähnlich!« »Ja, das war es. Löwe machte seine erste Bleistiftskizze nach dem Leben, und als er sah, wie sehr sie mir gefiel, malte er sie – ach, es war so lieb von ihm! – auf die Leinwand und ließ mich bei ihm sitzen, während er daran arbeitete. Dann nahm er das Bild mit und brachte es mir vorigen Mai fertig 33 und eingerahmt, wie Sie es da sehen, als Geschenk zu meinem Geburtstag.« »Sie sind also im Mai geboren – mit den Blumen.« »Die besten aller Blumen, die Veilchen, sind vor mir geboren.« »Aber sie sind im Schatten geboren und hängen ihm an. Sie aber als Kind des Mai lieben sicherlich die Sonne!« »Ich liebe die Sonne, sie ist nie zu hell, nie zu warm für mich. Aber ich glaube nicht, daß ich, obgleich im Mai geboren, im Sonnenlicht geboren bin. Ich fühle mich mehr als mein eigenes ursprüngliches Selbst, wenn ich in den Schatten krieche und einsam dasitze. Dann kann ich weinen.« Bei diesen letzten, schüchtern ausgesprochenen Worten hatte sich der Ausdruck ihres Gesichtes ganz verändert; die kindliche Heiterkeit war verschwunden. Ein feierlicher, nachdenklicher, ja trauriger Ausdruck hatte sich auf die zärtlichen Augen und um die zitternden Lippen gelagert. Kenelm war so gerührt, daß er keine Worte finden konnte, und einige Augenblicke schwiegen beide. Endlich sagte Kenelm langsam: »Sie sagen, Ihr eigenes ursprüngliches Selbst. 34 Fühlen Sie denn, wie ich oft thue, daß es ein zweites, vielleicht ursprüngliches Selbst gibt, das tief unter dem Selbst verborgen liegt, nicht blos dem, welches wir der Welt gewöhnlich zeigen – das kann eine bloße Maske sein – sondern dem Selbst, das wir gewöhnlich, auch wenn wir allein sind, als unser eigenes gelten lassen; ein allerinnerstes Selbst, das, von dem ersten ganz verschieden, so selten aus seinem Versteck herauskommt, dann aber sein Herrscherrecht geltend macht und das andere Selbst verdunkelt, wie die Sonne einen Stern verdunkelt?« Wenn Kenelm so zu einem gescheidten Weltmann, zu einem Chillingly Mivers, zu einem Chillingly Gordon gesprochen hätte, würden sie ihn gewiß nicht verstanden haben. Aber zu solchen Männern würde er auch nicht so gesprochen haben. Er wagte zu hoffen, daß dieses kindische Mädchen trotz ihres vielen kindischen Geredes ihn verstehen würde. Und sie verstand ihn sofort. Sie trat dicht an ihn heran, legte wieder ihre Hand auf seinen Arm, schaute mit erstaunten, nicht mehr traurigen, aber auch nicht heitern Augen zu seinem gesenkten Antlitz auf und sagte: »Wie wahr! Haben Sie das auch empfunden? Wo liegt aber dieses innerste Selbst? So tief unten, so 35 tief! und ist doch, wenn es hervortritt, so viel höher, so unendlich viel höher als unser tägliches Selbst? Dieses Selbst zähmt nicht die Schmetterlinge, es verlangt zu den Sternen aufzusteigen. Und dann, dann, ach! wie bald sinkt es wieder zusammen! Sie haben das empfunden! Macht es Ihnen nicht zu schaffen?« »Sehr viel.« »Gibt es keine weisen Bücher darüber, die uns das erklären helfen?« »Soweit meine sehr beschränkte Kenntniß reicht, gibt es keine weisen Bücher, die dieses Räthsel auch nur berühren. Ich denke mir, daß das eine jener Fragen ist, die zwischen dem Kinde und seinem Schöpfer ungelöst bleiben. Geist und Seele sind nicht dasselbe und die von Ihnen und mir so genannten weisen Männer vermengen diese beiden beständig.« Zum Glück für alle Theile, namentlich für den Leser, denn Kenelm hatte eben eins seiner besondern Steckenpferde, den Unterschied zwischen Psychologie und Metaphysik, die wissenschaftliche oder logische Betrachtung von Seele und Geist, bestiegen, trat in diesem Augenblick Frau Cameron ins Zimmer und fragte Kenelm, wie ihm das Bild gefalle. »Sehr. Ich verstehe nicht viel von der Kunst. Aber es gefiel mir gleich, und jetzt, nachdem Fräulein 36 Mordannt mir die Intentionen des Malers erklärt hat, bewundere ich es noch mehr.« »Lily liebt es, seine Intentionen auf ihre eigene Weise auszulegen, und beharrt dabei, daß sich in Blanche's Gesichtsausdruck die Fähigkeit kundgibt, ihren Zerstörungstrieb zu beherrschen und sich die Ueberzeugung beibringen zu lassen, daß es unrecht sei, Vögel zum bloßen Spaß zu tödten. Zu ihrer Ernährung braucht sie sie nicht zu tödten, da sie sieht, wie Lily dafür sorgt, daß sie reichlich zu fressen hat. Aber ich glaube nicht, daß Herr Melville die leiseste Ahnung davon hatte, daß er diese Fähigkeit Blanche's in diesem Bilde ausgedrückt habe.« »Er muß es aber gethan haben, gleichviel, ob er eine Ahnung davon hatte oder nicht, sonst würde es nicht wahr sein«, sagte Lily sehr positiv. »Warum nicht wahr?« fragte Kenelm. »Sehen Sie nicht? Wenn Sie aufgefordert würden, den Charakter eines kleinen Kindes wahr zu schildern, würden Sie da nur von seinen unartigen Trieben, welche allen Kindern gemein sind, und nicht einmal andeutungsweise von der Fähigkeit des Kindes reden, besser zu werden?« »Vortrefflich!« sagte Kenelm. »Es leidet keinen Zweifel, daß viel wildere Thiere als eine Katze, zum 37 Beispiel ein Tiger oder ein erobernder Held, gelehrt werden können, auf dem denkbar freundschaftlichsten Fuße mit den Geschöpfen zu leben, über welche ihr natürlicher Instinkt sie würde haben herfallen lassen.« »Ja, ja. Hörst Du, Tante? Erinnerst Du Dich noch der ›glücklichen Familie‹, die wir vor acht Jahren in Moleswick sahen, wo sich eine Katze, die nicht halb so niedlich war wie Blanche, von einer Maus ruhig ins Ohr beißen ließ? Nun denn, würde Löwe nicht schmählich unwahr gegen Blanche gewesen sein, wenn er nicht –« Lily hielt inne und sah Kenelm halb schüchtern, halb verschmitzt an; dann aber fuhr sie langsam, in tiefgezogenen Tönen fort: »ihr innerstes Selbst hätte durchschimmern lassen?« »Innerstes Selbst?« wiederholte Frau Cameron betroffen und lächelnd. Lily schlich sich näher an Kenelm heran und flüsterte: »Ist nicht unser innerstes Selbst unser bestes Selbst?« Kenelm lächelte zustimmend. Die kleine Fee bannte ihn immer tiefer in ihren Zauberkreis. Wenn Lily seine Schwester, seine Braut, sein Weib gewesen wäre, wie zärtlich würde er sie geküßt haben! Sie hatte einen 38 Gedanken ausgesprochen, über den er oft unhörbar gebrütet, und sie hatte denselben mit allem Zauber ihrer kindlichen Phantasie, ihrer weiblichen Zärtlichkeit bekleidet! Goethe hat irgendwo gesagt oder soll gesagt haben: »In jedes Menschen Herz ist etwas, das, wenn wir es kennten, uns ihn hassen machen würde.« Was Goethe gesagt hat, noch mehr, was Goethe gesagt haben soll, ist nie ganz buchstäblich zu nehmen. Kein umfassender Genius, der zugleich Dichter und Denker ist, darf je so aufgefaßt werden. Die Sonne bescheint einen Düngerhaufen, aber sie hat keine Vorliebe für ihn. Sie umfaßt nur den Düngerhaufen, wie sie die Rose umfaßt. Aber doch hatte Kenelm diesen verlorenen Strahl von Goethe's reich leuchtendem Stern immer mit einem Abscheu betrachtet, den man für einen Philosophen von so jugendlichem Alter, daß er von Rechtswegen auf die Worte eines so großen Meisters hätte schwören müssen, als höchst unphilosophisch bezeichnen mußte. Kenelm war der Meinung, daß die Wurzel alles persönlichen Wohlwollens, jedes erleuchteten Fortschrittes auf dem Wege socialer Reformen in der Umkehr jenes Satzes liege, daß in jedes Menschen Natur etwas sei, das, könnten wir es nur erfassen, es reinigen, es uns klar vor die Augen führen, uns ihn lieben machen würde. Und bei der ihm hier 39 entgegentretenden spontanen, unreflectirten Sympathie mit dem Ergebniß so vieler mühsamer Kämpfe seines eigenen geschulten Geistes gegen das Dogma des deutschen Riesen war ihm zu Muthe, als habe er eine jüngere, aber eben deshalb um so siegreicher kämpfende Schwester seiner eigenen männlichen Seele gefunden. Dann überkam ihn das Gefühl ihrer Sympathie mit seinem innersten Selbst, das ein Mann nie mehr als einmal im Leben für ein Weib empfindet, so mächtig, daß er sich nicht zu reden getraute. Er verabschiedete sich bald. Als er durch den Hintergarten auf die Brücke zuging, welche zu seiner Wohnung führte, sah er am gegenüberliegenden Ufer, an der andern Seite der Brücke, Herrn Algernon Sidney Gale Jones friedlich Forellen angeln. »Wollen Sie es nicht heute einmal mit dem Fischen versuchen, Herr? Nehmen Sie meine Angel.« Kenelm erinnerte sich, daß Lily Isaak Walton's Buch ein grausames genannt hatte, und ging freundlich kopfschüttelnd seines Weges nach Hause weiter. Hier setzte er sich schweigend ans Fenster und 40 schaute nach dem grünen Rasen, der über das Wasser geneigten Weide und den durch die umgebenden Bäume hindurchschimmernden weißen Mauern hinüber, wie er es am Abend zuvor gethan hatte. »O«, murmelte er endlich, »wenn, ein nur leidlich guter Mensch unbewußt, nur vermöge seines Daseins Gutes thut, wenn ein solcher Mensch seinen Weg von der Wiege bis zum Grabe nicht vollenden kann, ohne auf seinem Wege die Keime der Kraft, der Fruchtbarkeit und der Schönheit auszustreuen, so wenig wie es der achtlose Wind oder der schweifende Vogel kann, ohne, wo er vorüberzieht, die Keime der Eiche, des Kornes oder der Blume auszustreuen, o, wenn dem so ist, wie zehnfach muß das Gute sein, das der Mensch vollbringen kann, wenn er die sanftere und reinere Verdoppelung seines Selbst in jener geheimnißvollen, undefinirbaren Verbindung findet, welche Shakespeare und Tagelöhner mit dem gleichen Namen Liebe nennen. Newton freilich erkannte die Liebe nie an und Descartes, sein einziger Rivale in dem Reiche des zugleich strengen und phantastischen Gedankens, behauptete, sie sei nur eine Folge von Ideenassociationen, und erklärte, daß er schielende Frauen liebe, weil, als er ein Knabe war, ein an diesem Gebrechen leidendes Mädchen ihn über die Mauer seines 41 väterlichen Gartens hinüber angeschielt habe. O, sei diese Verbindung zwischen Mann und Weib, was sie wolle, wenn sie nur wirklich Liebe ist, wirklich das Band, welches das innerste und beste Selbst beider umfaßt, wie müssen wir täglich, stündlich, jeden Augenblick Gott dafür danken, daß er es uns so leicht gemacht hat, gut und glücklich zu sein!« 42 Fünftes Kapitel. Die Mittagsgesellschaft bei Herrn Braefield war nicht ganz klein, wie Kenelm vorausgesetzt hatte. Als Herr Braefield von seiner Frau hörte, daß Kenelm kommen werde, schien es ihm nur höflich gegen den jungen Mann, noch einige andere Personen einzuladen. »Siehst Du, liebes Kind«, sagte er zu Elsie, »Frau Cameron ist eine sehr gute, einfache Frau, aber nicht grade besonders amüsant, und Lily, wenn auch ein hübsches Mädchen, so entsetzlich kindisch. Wir sind diesem Herrn Chillingly viel Dank schuldig, süße Elsie –« und bei diesen Worten sprach sich in seinem Blick und Ton eine tiefe Empfindung aus – »und wir müssen es ihm bei uns so angenehm wie möglich zu machen suchen. Ich will meinen Freund Sir 43 Thomas aus der Stadt mitbringen; lade du Herrn Emlyn und seine Frau ein. Sir Thomas ist ein sehr verständiger und Emlyn ein sehr gelehrter Mann. So wird Herr Chillingly Leute finden, mit denen er sich unterhalten kann. Beiläufig, wenn ich zur Stadt fahre, will ich einen Rehrücken von Croves herausschicken.« Als daher Kenelm kurz vor sechs Uhr eintrat, fand er im Salon den Ehrw. Charles Emlyn, Pfarrer von Moleswick, mit seiner Frau und einen stattlichen Mann von mittleren Jahren, der Kenelm als Sir Thomas Pratt vorgestellt wurde. Sir Thomas war ein bedeutender Londoner Banquier. Als die Vorstellungsförmlichkeiten vorüber waren, schlich sich Kenelm an Elsie's Seite. »Ich dachte, ich sollte Frau Cameron treffen; ich sehe sie aber nicht.« »Sie wird gleich kommen. Es sieht nach Regen aus und ich habe den Wagen hingeschickt, um sie und Lily zu holen. Ah, da kommen sie.« Frau Cameron, die sich immer in Schwarz kleidete, trug ein schwarzseidenes Kleid und Lily folgte ihr in einem lilienweißen Kleide ohne jeden andern Schmuck als eine dünne goldene Kette, an der ein einfaches Medaillon befestigt war, und eine einzige rothe Rose im Haar. Sie sah wunderbar lieblich aus 44 und mit dieser Lieblichkeit verband sich ein unsagbar distinguirter Ausdruck, der sich vielleicht aus der Zartheit ihrer Gestalt und Farbe, vielleicht aber auch aus der Grazie ihrer Haltung, die nicht ohne einen gewissen Stolz war, erklären ließ. Herr Braefield, der ein sehr pünktlicher Mann war, gab seinem Diener ein Zeichen und im nächsten Augenblicke ging man zu Tische. Sir Thomas führte natürlich die Wirthin, Herr Braefield die Frau des Pfarrers, welche die Tochter eines Dechanten war, Kenelm Frau Cameron und der Pfarrer Lily. Bei Tische saß Kenelm an der linken Seite der Wirthin und von Lily durch Frau Cameron und Herrn Emlyn getrennt, und als der Pfarrer das Tischgebet gesprochen hatte, warf Lily hinter seinem und ihrer Tante Rücken Kenelm einen Blick zu, den dieser erwiderte, und machte ihm, was die Franzosen une moue nennen. Er hatte sein ihr gegebenes Versprechen nicht gehalten. Sie saß zwischen zwei sehr erwachsenen Männern, dem Pfarrer und dem Wirth. Kenelm erwiderte die moue mit einem traurigen Lächeln und einem unwillkürlichen Achselzucken. Alle schwiegen, bis Sir Thomas, nachdem er seine Suppe gegessen und sein erstes Glas Sherry getrunken hatte, das Wort ergriff. 45 »Ich glaube, Herr Chillingly, wir haben uns schon einmal getroffen, obgleich ich damals nicht die Ehre hatte, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Sir Thomas hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: »Es ist noch nicht lange her; es war auf dem letzten Hofball im Buckingham-Palaste.« Kenelm nickte zustimmend mit dem Kopf. Er war auf jenem Ball gewesen. »Sie unterhielten sich damals mit einer charmanten Frau, einer Freundin von mir, Lady Glenalvon.« Sir Thomas war Lady Glenalvon's Banquier. »Ich erinnere mich sehr gut«, sagte Kenelm. »Wir saßen in der Bildergallerie. Sie kamen, sich mit Lady Glenalvon zu unterhalten, und ich überließ Ihnen meinen Platz auf dem Sopha.« »Ganz richtig; und ich glaube, Sie gesellten sich zu einer sehr schönen jungen Dame, der großen Erbin Fräulein Travers.« Kenelm verneigte sich wieder, wandte sich so höflich wie möglich ab und redete Frau Cameron an. Sir Thomas, dem es zur Genugthuung gereichte, der Gesellschaft die Thatsachen seiner Freundschaft mit Lady Glenalvon und seiner Anwesenheit auf dem Hofball zu Gemüthe geführt zu haben, ließ jetzt sein Unterhaltungstalent dem Pfarrer zu gute kommen, der, 46 nachdem sein Versuch, etwas aus Lily herauszubringen, völlig mißlungen war, den Avancen des Baronets mit dem Eifer eines allzulange zum Schweigen verurtheilten Causeurs entgegenkam. Kenelm fuhr ungestört fort, näher mit Frau Cameron bekannt zu werden. Sie schien indeß seinen einleitenden gewöhnlichen Bemerkungen über Gegend und Wetter kein sehr aufmerksames Ohr zu leihen, sondern sagte, als er zuerst innehielt: »Sir Thomas sprach von einem Fräulein Travers – ist sie verwandt mit einem Herrn, der früher einmal bei den Garden stand, Leopold Travers?« »Sie ist seine Tochter. Haben Sie Leopold Travers gekannt?« »Ich habe ihn vor langer, langer Zeit von Freunden nennen hören«, erwiderte Frau Cameron in einem bei ihr nicht ungewöhnlichen Ton schlaffer Mattigkeit und ging dann, wie wenn sie den Erinnerungen aus alter Zeit nicht weiter nachhängen wolle, zu einem andern Gegenstande über. »Lily sagt mir, daß Sie bei Herrn Jones in Cromwell-Lodge wohnen, Herr Chillingly. Ich hoffe, Sie sind da gut aufgehoben.« »Sehr gut, die Lage ist besonders hübsch.« »Ja, es gilt für den hübschesten Platz an dem 47 Ufer des Flüßchens und pflegte ein beliebtes Quartier für Liebhaber des Fischens zu sein, aber die Forellen sind, glaube ich, selten geworden, wenigstens klagt der arme Herr Jones jetzt, wo das Fischen in der Themse erleichtert ist, daß seine alten Einlogirer ihm untreu werden. Sie haben die Zimmer natürlich des Fischens wegen gemiethet; ich hoffe, der Fischfang stellt sich besser heraus, als man sagt.« »Daran liegt mir wenig; ich mache mir nicht viel aus dem Angeln, und seit Fräulein Mordannt das Buch, welches mich zuerst reizte, es mit dem Fischen zu versuchen, grausam genannt hat, ist es mir, als wären die Forellen so geheiligt, wie die Krokodile es für die alten Aegypter waren.« »Lily ist, wenn sie von solchen Dingen spricht, ein närrisches Kind; sie kann den Gedanken nicht ertragen, irgend einem Thiere Schmerz zu bereiten. Grade vor unserm Garten sind im Bache einige Forellen, welche sie gezähmt hat. Sie fressen ihr aus der Hand; ihr ist immer bange, sie möchten fortziehen und gefangen werden.« »Aber Herr Melville fischt doch?« »Vor einigen Jahren that er bisweilen, als ob er fische, aber ich glaube, es war mehr ein Vorwand, im Grase zu liegen und in dem grausamen Buche zu 48 lesen, oder vielleicht noch mehr, Skizzen zu machen. Aber jetzt kommt er selten vor dem Herbst her, wo es zu kalt für ein solches Vergnügen ist.« In diesem Augenblick erhob Sir Thomas seine Stimme so laut, daß die Unterhaltung zwischen Kenelm und Frau Cameron dadurch unterbrochen wurde. Er war in seinem Gespräch mit dem Pfarrer auf politische Fragen gekommen, über welche die beiden Herren verschiedener Ansicht waren und die Discussion drohte einen erregten Charakter anzunehmen, als Frau Braefield mit echt weiblichem Takt einen neuen Gegenstand aufs Tapet brachte, für den sich Sir Thomas sofort lebhaft interessirte. Es handelte sich um die Construction eines Treibhauses für Orchideen, welches er auf seinem Landsitze errichten zu lassen beabsichtigte, und bei der sich entspinnenden Unterhaltung wurde häufig an Frau Cameron appellirt. welche für eine ausgezeichnete Blumenkennerin galt und Gelegenheit gehabt zu haben schien, sich eine sehr vertraute Bekanntschaft mit der kostbaren Familie der Orchideen anzueignen. Als Kenelm, nachdem die Damen sich in den Salon zurückgezogen hatten, seinen Platz neben Herrn Emlyn erhielt, setzte ihn dieser durch ein verbindliches Citat aus einem seiner eigenen lateinischen Universäts-Preisgedichte in Erstaunen, sprach die Hoffnung aus, 49 er werde sich einige Zeit in Moleswick aushalten, erzählte ihm von den sehenswerthesten Punkten der Umgegend und forderte ihn auf, seine Bibliothek, welche, wie er sich schmeichle, mit den besten Ausgaben griechischer und lateinischer Classiker wie mit Werken der älteren englischen Literatur ziemlich reich ausgestattet sei, nach Belieben zu benutzen. Kenelm fand großes Gefallen an dem gelehrten Pfarrer, besonders als Herr Emlyn anfing, von Frau Cameron und Lily zu reden. Von der ersteren sagte er: »Sie ist eine jener Frauen, bei welchen die Ruhe so vorherrschend ist, daß es lange dauert, bis man eine Ahnung davon hat, welche Fülle wahrer Herzensgüte unter der anscheinend unbewegten Oberfläche strömt. Ich wünschte jedoch, sie wäre etwas energischer in der Behandlung und Erziehung ihrer Nichte, eines Mädchens, für welches ich mich sehr lebhaft interessire, und das Frau Cameron, wie ich fürchte, nicht versteht. Vielleicht aber kann nur ein Dichter und zwar ein besonderer Dichter sie verstehen; Lily Mordannt ist selbst ein Gedicht.« »Ihre Art, ihr Wesen aufzufassen, gefällt mir«, sagte Kenelm; »in diesem Wesen liegt sicherlich etwas von der Prosa des Alltagslebens sehr Abweichendes.« »Sie kennen vermuthlich Wordsworth's Verse: 50 . . . und lauschen soll ihr Ohr An manchem stillen Ort, Wo Bächlein über Kiesel springt, Und Liebreiz, den es murmelnd bringt, Verklär' sie fort und fort. Viele Kritiker haben diese Stelle unverständlich gefunden, aber Lily scheint mir ein lebendiger Schlüssel zu ihrem Verständniß zu sein.« Ueber Kenelm's dunkles Gesicht fuhr es wie ein Lichtglanz, aber er antwortete nicht. »Wie aber«, fuhr Herr Emlyn fort, »ein solches Mädchen, das sich ganz selbst überlassen ist und gar nicht geschult und erzogen wird, sich in die praktischen Pflichten des Weibes finden soll, das ist eine Frage, an deren schwierige Lösung ich nicht denken kann, ohne traurig zu werden.« »Nimmt einer der Herren noch ein Glas Wein?« fragte der Wirth, der eben ein Gespräch über commerzielle Angelegenheiten mit Sir Thomas beendet hatte. »Nein? Sollen wir uns zu den Damen verfügen?« 51 Sechstes Kapitel. Der Salon war leer, die Damen waren im Garten. Als Kenelm und Herr Emlyn mit einander auf die Damen zugingen, während ihnen Sir Thomas und Herr Braefield in einiger Entfernung folgten, fragte der erstere etwas abrupt: »Was für eine Art von Mann ist Fräulein Mordannt's Vormund, Herr Melville?« »Das wüßte ich kaum zu sagen. Ich sehe ihn wenig, wenn er herkommt. Früher pflegte er ziemlich oft mit einer Gesellschaft wilder Gesellen, ich glaube, junger Maler, nach Cromwell-Lodge herauszukommen; in Grasmere war kein Platz für sie. Seit einigen Jahren bringt er diese Leute nicht mehr mit, und wenn er allein kommt, ist es immer nur auf einige Tage. Er steht im Rufe, ein sehr wilder Patron zu sein.« 52 Die Unterhaltung wurde hier unterbrochen. Die beiden Männer waren, während sie so mit einander sprachen, von dem graden, über den Rasen zu den Damen führenden Wege abgekommen und in einen abgelegenen Fußsteig durchs Gebüsch gerathen, von wo sie jetzt wieder auf den offenen Rasen und zwar grade vor einem Tische heraustraten, auf welchem der Kaffee servirt war und um welchen sich die ganze übrige Gesellschaft versammelt hatte. »Ich hoffe, Herr Emlyn«, sagte Elsie mit ihrer muntern Stimme, »daß Sie Herrn Chillingly abgerathen haben, katholisch zu werden. Sie haben sich wenigstens Zeit genug dazu gelassen.« Herr Emlyn, der durch und durch ein guter Protestant war, trat wie erschreckt ein wenig von Kenelm's Seite zurück. »Denken Sie wirklich daran –« Er konnte seinen Satz nicht beenden. »Beruhigen Sie sich, mein werther Herr. Ich habe Frau Braefield nur bekannt, daß ich nach Oxford gegangen sei, um dort mit einem gelehrten Manne über eine Frage zu conferiren, die mir zu schaffen mache und die so abstract sei wie heutzutage der Theologie genannte weibliche Zeitvertreib. Ich kann Frau Braefield nicht überzeugen, daß Oxford sich mit 53 noch anderen Lebensräthseln beschäftigt als solchen, welche die Damen amüsiren.« Bei diesen Worten ließ sich Kenelm auf einen Stuhl neben Lily nieder. Lily kehrte ihm halb den Rücken zu. »Habe ich Sie wieder beleidigt?« Lily zuckte leicht die Achseln und antwortete nicht. »Ich fürchte, Fräulein Mordannt, die Natur hat Ihnen bei so vielen guten Eigenschaften doch eine versagt. Ihr besseres Selbst sollte dieselbe ersetzen.« In diesem Augenblick wandte Lily ihm plötzlich ihr Gesicht zu. Das Tageslicht fing an zu schwinden, aber die Abendsonne beschien das Gesicht. »Wie? Was wollen Sie damit sagen?« »Soll ich Ihnen höflich oder wahr antworten?« »Wahr, o wahr! Was ist das Leben ohne Wahrheit!« »Selbst wenn man an Feen glaubt?« »Die Feen sind in gewisser Weise wahr. Aber Sie sind nicht wahr. Sie dachten nicht an Feen, als Sie –« »Als ich was?« »An mir etwas zu tadeln fanden.« »Das glaube ich doch. Aber ich will Ihnen meine Gedanken, soweit ich sie selbst zu lesen vermag, 54 verdolmetschen, und um das zu thun, will ich wieder auf die Feen zurückkommen. Nehmen wir an, eine Fee habe ihr Kind in die Wiege eines Sterblichen gelegt, sie lege in die Wiege alle Arten von Feengeschenken, welche Sterblichen nicht zu Theil werden, vergesse aber eine sterbliche Gabe. Das Feenkind wächst heran und bezaubert seine Umgebung, man gibt ihm in Allem nach und verzieht es. Aber es kommt ein Moment, wo seine Bewunderer und Freunde das Fehlen der einen sterblichen Gabe empfinden. Rathen Sie, worin diese Gabe besteht.« Lily dachte nach. »Jetzt sehe ich, was Sie meinen, das Gegentheil der Wahrheit, die Höflichkeit.« »Nein, das ist es nicht ganz, obgleich es die Höflichkeit mit einschließt; es ist eine sehr bescheidene, sehr unpoetische Eigenschaft, eine Eigenschaft, die viele langweilige Menschen besitzen, und doch kann ohne sie keine Fee Sterbliche entzücken, sobald sich auf dem Antlitz der Fee die erste Falte einstellt. Können Sie es nicht errathen?« »Nein, Sie quälen mich, Sie machen mich unglücklich.« Und Lily stampfte ungeduldig mit dem Fuß, wie sie es schon einmal in Kenelm's Gegenwart gethan hatte. »Sprechen Sie deutlich, ich will es.« »Verzeihen Sie, Fräulein Mordannt, ich wage es 55 nicht«, sagte Kenelm, indem er aufstand und eine Verbeugung machte, wie man sie vor der Königin macht. Und damit ging er zu Frau Braefield hinüber. Lily verharrte in zornigem Schmollen. Sir Thomas setzte sich auf den Stuhl, von welchem Kenelm aufgestanden war. 56 Siebentes Kapitel. Der Moment des Aufbruchs kam. Von allen Gästen übernachtete nur Sir Thomas im Hause. Herr und Frau Emlyn hatten ihren eigenen Wagen, Frau Braefield's Wagen fuhr vor, um Frau Cameron und Lily nach Hause zu bringen. Lily aber sagte ungeduldig und unhöflich: »Wer möchte an einem solchen Abend nicht lieber zu Fuße gehen!« Und dann flüsterte sie ihrer Tante etwas ins Ohr. Frau Cameron, die jeder Grille Lily's ein williges Ohr lieh, sagte: »Sie sind zu aufmerksam, Frau Braefield. Lily zieht es vor, zu Fuß nach Hause zu gehen; wir haben jetzt keinen Regen zu befürchten.« Kenelm folgte der Tante und der Nichte und holte sie bald am Ufer des Flüßchens ein. 57 »Ein herrlicher Abend, Herr Chillingly«, sagte Frau Cameron. »Eine echt englische Sommernacht; in den Gegenden der Welt, die ich besucht habe, gibt es nichts Aehnliches. Aber leider gibt es nur wenig englische Sommernächte.« »Sie sind viel im Auslande gereist?« »Viel? Nein, nur ein wenig, und das meistens zu Fuß.« Lily hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen und war mit gesenktem Kopf ihres Weges gegangen. Jetzt blickte sie auf und sagte im mildesten und versöhnlichsten Ton: »Sie sind im Auslande gewesen«, und fügte dann mit einer Concession an die gesellschaftlichen Gebräuche, welche sie Kenelm gegenüber noch nie gemacht hatte, seinen Namen, »Herr Chillingly«, hinzu; darauf fuhr sie vertraulicher fort: »Wie viel liegt in dem Wort: im Auslande! fort, getrennt von unserm Selbst, von unserm Alltagsleben. Wie ich Sie beneide, Sie sind im Auslande gewesen, Löwe auch –« dabei richtete sie sich auf und fügte hinzu – »ich meine meinen Vormund, Herrn Melville.« »Allerdings bin ich im Auslande gewesen, aber nie fort von meinem Selbst. Es ist ein altes Sprichwort – alle alten Sprichwörter sind wahr, die 58 meisten neuen sind falsch – der Mensch trägt seinen Heimatsboden an seinen Fußsohlen mit sich.« Hier wurde der Fußsteig etwas enger. Frau Cameron ging voran, Kenelm und Lily folgten; sie natürlich auf dem trockenen Fußsteige, er auf dem bethauten Grase. Sie hielt ihn zurück. »Sie gehen mit ihren dünnen Schuhen im feuchten Grase.« Dabei trat sie instinctiv von dem trockenen Fußsteige zurück. So einfach diese Worte Lily's, ja so albern sie im Munde eines zarten Mädchens einem Gladiator wie Kenelm gegenüber waren, leuchtete ihm doch aus denselben eine ganze Welt von Weiblichkeit entgegen; sie zeigten das ganze für den gelehrten Herrn Emlyn unentdeckbare Land, von welchem ein unverstandenes Mädchen Besitz ergreift und das es beherrscht, wenn es Weib und Mutter wird. Bei den einfachen Worten und der impulsiven Bewegung blieb Kenelm in der Art von träumerischem Staunen stehen. Er wandte sich schüchtern zu ihr: »Können Sie mir meine unfreundliches Worte verzeihen? Ich maßte mir an, etwas an Ihnen zu tadeln.« »Und mit so großem Recht. Ich habe über Alles, 59 was Sie gesagt haben, nachgedacht und ich fühle, wie Recht Sie haben; nur verstehe ich noch nicht ganz, was Sie mit jener Eigenschaft der Sterblichen meinten, welche die Fee ihrem Kinde nicht mitgab.« »Wenn ich es vorhin nicht zu sagen wagte, wage ich es jetzt noch weniger.« »Thun Sie es doch.« Aber sie stampfte nicht mehr mit dem Fuße; ihr Auge funkelte nicht mehr, in ihren Mienen sprach sich nicht mehr der eigensinnige Trotz aus, der sie sagen ließ: Ich will es. »Thun Sie es doch«, sagte sie jetzt begütigend, sanft bittend. So gedrängt nahm Kenelm seinen Muth zusammen und sagte, ohne daß er sich jedoch getraut hätte Lily anzusehen, kurz: »Die Eigenschaft, welche auch für Männer wünschenswerth, doch für Frauen in dem Maße wichtiger ist, wie sie feenhaft sind, ist eine ganz gewöhnliche Sache, es ist – gleichmäßige Laune.« Lily sprang plötzlich von ihm fort und lief durch das nasse Gras zu ihrer Tante. Als sie bei der Gartenpforte anlangten, trat Kenelm vor und öffnete dieselbe. Lily ging stolz an ihm vorüber. Vor der Thür des Hauses sagte Frau Cameron: »Ich fordere Sie zu dieser späten Stunde nicht 60 auf mit hineinzukommen. Es wäre das ja doch nur eine höfliche Redensart.« Kenelm verbeugte sich und schickte sich an, zu gehen. Da trat Lily mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. »Ich werde Ihre Worte in Erwägung ziehen, Herr Chillingly«, sagte sie mit einer komisch-majestätischen Miene. »Für jetzt glaube ich noch, daß Sie nicht Recht haben. Ich bin nicht launisch, aber –« Hier hielt sie inne und fügte dann mit einer hochmüthigen Miene, welche, wenn Lily nicht so außerordentlich hübsch gewesen wäre, unartig hätte erscheinen müssen, hinzu: »Auf jeden Fall verzeihe ich Ihnen.« 61 Achtes Kapitel. In der Umgegend von Moleswick lagen viele hübsche Villen deren Bewohner größtentheils wohlhabend waren, und doch gab es unter ihnen wenig geselligen Verkehr, vielleicht, weil sich unter den Bewohnern wenige Mitglieder der gewöhnlich sogenannten aristokratischen Klassen befanden und eben deshalb bei ihnen die schlimmsten aristokratischen Prätensionen herrschten. Die Familie des Herrn A., der durch Speculationen an der Börse reich geworden war, rümpfte die Nase über die Familie des Herrn B., welcher ein noch größeres Vermögen als Leinenhändler erworben hatte, und die Familie des Herrn B. hielt sich wieder sehr fern von der Familie des Herrn C., der als Pfandleiher noch reicher als jene beiden geworden war und dessen 62 Frau Diamanten trug, aber mit der Grammatik auf einem einigermaßen gespannten Fuße stand. England würde ein so aristokratisches Gemeinwesen werden, daß man nicht mehr darin leben könnte, wenn man das, was man jetzt Aristokratie nennt, ausrotten könnte. Braefields waren die einzigen Leute, welche die antagonistischen Atome der Moleswicker Gesellschaft wirklich zusammenbrachten, zum Theil weil sie anerkanntermaßen die vornehmsten Leute in der Gegend waren, nicht nur vermöge ihrer alten Niederlassung – die Braefields hatten Braefieldsville seit vier Generationen inne – sondern auch vermöge ihres in den großartigsten commerziellen Unternehmungen erworbenen Reichthums und ihres für den schönsten in der Gegend geltenden Landsitzes; namentlich aber, weil Elsie mit ihrem außerordentlich heitern, sympathischen Temperament eine gewisse schon bei ihrer jugendlichen Thorheit bewiesene Willenskraft besaß, welche die Leute, die sie bei sich sah, zwang, gegeneinander höflich zu sein. Sie hatte diese anmuthige Aufgabe mit der Einführung von Kindergesellschaften begonnen, welche die Folge hatten, daß, wenn die Kinder sich befreundeten, die Eltern nothwendig zusammenkamen. Aber sie hatte erst seit kurzem an der Lösung dieser Aufgabe zu arbeiten angefangen und ihre Bemühungen hatten noch nicht ihre 63 volle Wirkung gethan. So geschah es, daß, obgleich es in Moleswick bekannt wurde, daß der junge Erbe eines großen Gutes und ein künftiger Baronet in Cromwell-Lodge wohne, ihm doch von den A.s, B.s und C.s keine Avancen gemacht wurden. Der Pfarrer, welcher Kenelm am Tage nach dem Diner in Braefieldsville besuchte, gab ihm Aufschluß über die geselligen Verhältnisse des Ortes. »Sie begreifen«, sagte er, »daß Sie es keinem Mangel an Höflichkeit von seiten meiner Nachbarn zuschreiben dürfen, wenn sie Ihnen keinerlei Abwechslung in dem Vergnügen der Einsamkeit offeriren. Sie müssen sich das einfach damit erklären, daß sie schüchtern, nicht daß sie unhöflich sind. Und in Rücksicht darauf wage ich es, Sie, auf die Gefahr hin, zudringlich zu erscheinen, zu bitten, im Pfarrhause morgens oder abends vorzusprechen, so oft Sie Ihrer eigenen Gesellschaft überdrüssig sind. Wie wäre es denn, wenn Sie heute Abend bei uns Thee tränken? Sie finden eine junge Dame, deren Herz Sie bereits gewonnen haben.« »Deren Herz ich gewonnen habe!« stammelte Kenelm, dem das Blut dabei in die Wangen schoß. »Aber«, fuhr der Pfarrer lächelnd fort, »sie hat bis jetzt noch keine Heirathsabsichten auf Sie. Sie ist erst zwölf Jahre alt, es ist meine kleine Tochter Clemmy.« 64 »Clemmy ist Ihre Tochter? Das habe ich nicht gewußt. Ich nehme Ihre Einladung sehr dankbar an.« »Ich darf Sie nicht länger von Ihrem Vergnügen abhalten. Der Himmel ist grade bewölkt genug zum Fischen. Welchen Köders bedienen Sie sich?« »Um die Wahrheit zu sagen, glaube ich kaum, daß der Strom mit seinen Forellen einen großen Reiz auf mich ausüben wird, und ich schweife lieber durch Feld und Wald, als daß ich Geräuschlos einsam wie der Angler sitze. Ich bin ein unermüdlicher Fußgänger und die hier gefällt mir sehr. Außerdem«, fügte Kenelm, der fühlte, daß er wohl einen plausiblern Grund als die landschaftlichen Reize der Gegend für einen längern Aufenthalt in Cromwell-Lodge anführen müsse, hinzu, »außerdem beabsichtige ich mich viel mit Lectüre zu beschäftigen. Ich bin in letzterer Zeit sehr träge gewesen und die Einsamkeit dieses Ortes muß dem Studium sehr günstig sein.« »Sie wollen sich doch vermuthlich auf keinen gelehrten Beruf vorbereiten?« »Gelehrter Beruf«, erwiderte Kenelm, »ist ein gehässiger Ausdruck, den wir eifrig bemüht sind aus der Sprache zu verbannen. Alle Berufsarten bedürfen heutzutage ungefähr desselben Quantums erlernten Wissens. 65 Das Wissen des militärischen Berufs ist auf ein höheres, das scholastische Wissen auf ein niedrigeres Niveau zu bringen. Kabinetsminister höhnen über die Nützlichkeit des Griechischen und Lateinischen. Und selbst so männliche Studien wie Jurisprudenz und Medicin müssen sich in Akademien für junge Damen nach Rücksichten des Geschmacks und der Schicklichkeit behandeln lassen. Nein, ich bereite mich auf keinen Beruf vor; aber doch wird ein unwissender Mensch wie ich vielleicht nicht schlechter, wenn er dann und wann ein ernstes Buch liest.« »Sie scheinen aber hier schlecht mit Büchern versorgt zu sein«, sagte der Pfarrer, indem er sich im Zimmer umsah, in welchem auf einem Tische in der Ecke ein halbes Dutzend alt aussehender Bücher lag, die offenbar nicht dem Einlogirer, sondern dem Hauswirth gehörten. »Aber, wie gesagt, meine Bibliothek steht Ihnen zu Diensten. Welche Art von Bücher lieben Sie besonders?« Kenelm war betroffen und konnte es auch in seinem Aussehen nicht verhehlen. Aber nach einer kleinen Pause antwortete er: »Je ferner ihr Inhalt unserer Zeit liegt, desto lieber sind sie mir. Sie sagten, Ihre Bibliothek sei reich an Werken der mittelalterlichen Literatur. Aber 66 das Mittelalter ist von den modernen Barbaren so nachgeahmt worden, daß ich ebenso gut Uebersetzungen von Chaucer lesen könnte. Wenn Sie irgend ein Buch über die Sitten und Gewohnheiten derjenigen besitzen, welche den neuesten wissenschaftlichen Ideen zufolge unsere halbmenschlichen Vorfahren in dem Uebergangsstadium zwischen einem Seethier und einem Gorilla waren, so würde ich Ihnen für die Darleihung eines solchen Buches sehr dankbar sein.« »Leider«, erwiderte Herr Emlyn lachend, »haben wir keine solchen Bücher überkommen.« »Keine solchen Bücher? Sie müssen sich irren. Es muß deren irgendwo in Menge geben. Ich gestehe den Schöpfern romantischer Poesie die höchste Erfindungskraft zu, aber doch würden die größten Meister auf diesem Gebiete der Literatur, würden Scott, Cervantes, Goethe, würde selbst Shakespeare nicht gewagt haben, die Vergangenheit ohne die Hülfsmittel, welche sie in den Chroniken fanden, wieder aufzubauen. Und obgleich ich ebenso freudig anerkenne, daß jetzt ein Schöpfer romantischer Poesie unter uns lebt, der unendlich viel erfinderischer ist als jene, indem er unserer Leichtgläubigkeit in einem reizend gemüthlichen Stil die ungeheuerlichsten Wunder zumuthet, so kann ich doch nicht zugeben, daß selbst dieser unvergleichliche Romanschreiber unsern Verstand in dem Grade gefangen nehmen könnte, daß er uns glauben machte, daß, wenn Fräulein Mordannt's Katze sich nicht gern die Füße naß macht, das wahrscheinlich daher komme, daß ihre Vorfahren in der prähistorischen Zeit in dem trockenen Lande Aegypten lebten oder daß, wenn ein gewaltiger Redner, ein Pitt oder ein Gladstone, den groben Angriff seines Gegners mit einem höflichen Lächeln, bei welchem seine hündischen Zähne zum Vorschein kommen, abtrumpft, er damit seine Abstammung von seinem halbmenschlichen Vorfahren verräth, der gewohnt war, nach seinem Feinde zu schnappen. Kein Zweifel, es muß noch irgendwo von Naturforschern vor Adam's Zeiten geschriebene Bücher geben, in welchen, wenn auch nur in mythischen Fabeln, die Anhaltspunkte für solche poetische Erfindungen gegeben sind. Kein Zweifel, alte Chronisten müssen irgendwo aussagen, daß sie gesehen haben, mit ihren eigenen Augen gesehen haben, wie die großen Gorillas sich ihre Behaarung abkratzten, um den jungen Damen ihrer Gattung einen angenehmen Anblick zu gewähren, und daß sie die allmälige Umwandlung eines Thieres in das andere beobachtet haben. Denn wenn Sie mir einwenden, daß dieser berühmte Romanschreiber nur ein vorsichtiger Mann der 68 Wissenschaft sei und daß wir seine Erfindungen nach den nüchternen Gesetzen einer exacten Beweisführung annehmen müssen, so erwidere ich Ihnen, daß es keine noch so unglaubliche Geistergeschichte gibt, die nicht den gesunden Menschenverstand eines Skeptikers besser befriedigte. Wenn Sie keine solchen Bücher besitzen, so leihen Sie mir das unwissenschaftlichste, das Sie haben, zum Beispiel eins über Zauberei oder über den Stein der Weisen.« »Ich habe einige dergleichen Bücher«, sagte der Pfarrer lachend, »davon können Sie sich wählen.« »Wenn Sie nach Hause gehen, lassen Sie mich Sie eine Strecke weit begleiten; ich weiß noch nicht, wo die Kirche und das Pfarrhaus sind, und ich möchte es doch wissen, bevor ich heute Abend zu Ihnen komme.« Kenelm und der Pfarrer gingen nun sehr freundschaftlich mit einander über die Brücke und längs des Flüßchens, an welchem Frau Cameron's Landhaus lag. Als sie an dem Gartenzaun an der Rückseite des Hauses vorüberkamen, hielt Kenelm plötzlich inmitten eines Satzes, welcher Herrn Emlyn interessirt hatte, inne und blieb ebenso plötzlich auf dem Rasenrande am Wege stehen. Vor ihm stand eine alte Bauerfrau, mit welcher sich Lily, an der innern Seite des Gartenzauns stehend, unterhielt. Herr Emlyn, der, überrascht 69 von Kenelm's plötzlichem Innehalten und Schweigen, sich etwas umwandte, um seinen Begleiter anzusehen, bemerkte zuerst nicht, was dieser sah. Das Mädchen gab der alten Frau einen kleinen Korb in die Hand und diese machte einen tiefen Knix und sagte leise: »Gott segne Sie!« So leise das auch geschah, Kenelm hörte es doch und sagte in Gedanken versunken zu Herrn Emlyn: »Gibt es ein stärkeres Band zwischen diesem und dem künftigen Leben als den von der Lippen der Alten auf das junge Mädchen herabgerufenen Segen Gottes?« 70 Neuntes Kapitel. »Und wie geht's Ihrem guten Manne, Frau Haley?« fragte der Pfarrer, an die alte Frau, welcher Lily's schönes Gesicht noch zugekehrt war, herantretend, während Kenelm ihm langsam folgte. »Freundlichen Dank, Herr, es geht besser; er liegt nicht mehr zu Bett. Das Fräulein ist so gut gegen ihn gewesen –« »Still«, unterbrach sie Lily erröthend, »gehen Sie jetzt rasch nach Hause; Sie dürfen ihn nicht auf sein Essen warten lassen.« Die alte Frau machte wieder einen Knix und ging dann rasch fort. »Wissen Sie, Herr Chillingly, daß Fräulein Mordannt unser bester Doctor hier ist?« sagte Herr Emlyn. Wenn sie aber fortfährt, so gute Kuren zu 71 machen, wird ihr die Menge ihrer Patienten am Ende doch lästig werden.« »Sie haben mich erst neulich für die beste Kur, die ich noch gemacht habe, gescholten« sagte Lily. »Ich? Ah, ich erinnere mich. Sie machten das alberne Kind Madge glauben, daß in dem Arrowroot, das Sie ihr schickten, ein Feenzauber stecke. Bekennen Sie, daß Sie dafür Tadel verdienten?« »Nein, das bekenne ich nicht. Ich bereite das Arrowroot, und bin ich nicht eine Fee? Ich habe eben ein hübsches Billet von Clemmy bekommen, Herr Emlyn, worin sie mich bittet, heute Abend hinzukommen und ihre neue Zauberlaterne zu sehen. Wollen Sie ihr sagen, ich würde kommen. Aber wenn ich bitten darf, keine Schelte wieder.« »Und lauter Zauberei?« sagte Herr Emlyn. »Nun meinetwegen.« Lily und Kenelm hatten bis jetzt kein Wort mit einander gewechselt. Sie hatte seine schweigende Verbeugung mit einem feierlichen Kopfnicken erwidert. Aber jetzt wandte sie sich schüchtern an ihn und sagte: »Sie haben wohl den ganzen Morgen gefischt?« »Nein, die Fische hier in der Nähe stehen unter dem Schutze einer Fee, deren Mißfallen ich mir nicht zuziehen darf.« 72 Lily's Gesicht verklärte sich und sie reichte ihm die Hände über den Gartenzaun hin. »Adieu! Ich höre die Stimme meiner Tante – die abscheulichen französischen Verbes !« Sie verschwand im Gebüsch, aus welchem sie sie noch mit ihrer frischen, jungen Stimme vor sich hinträllern hörten. »Das Kind hat ein goldenes Herz«, sagte Herr Emlyn zu Kenelm, als sie zusammen weiter gingen. »Ich habe nicht übertrieben, als ich vorhin sagte, sie sei hier unser bester Doctor. Ich glaube, die Armen glauben wirklich, sie sei eine Fee. Natürlich schicken wir vom Pfarrhause aus unsern kranken Gemeindemitgliedern, die dessen bedürfen, Essen und Wein; aber es scheint ihnen nie so gut zu bekommen wie die kleinen Gerichte, die Lily mit ihren kleinen Händen bereitet. Ich weiß nicht, ob Sie den kleinen Korb bemerkt haben, den die alte Frau mitnahm; Fräulein Lily hat allerliebste kleine Körbe nach ihrer Angabe von Will Somers verfertigen lassen und sie thut ihre Gelées oder andere wohlschmeckende Sachen in zierliche kleine Porzellankrüge, die genau in den von ihr mit Band eingefaßten Korb passen. Das hübsche Aussehen der Sachen reizt den Appetit der Patienten, und sicherlich kann man das Kind eine Fee 73 nennen. Aber ich wollte, Frau Cameron nähme es etwas strenger mit ihrer Erziehung. Sie kann doch nicht immer eine Fee bleiben.« Kenelm seufzte, gab aber keine Antwort. Darauf brachte Herr Emlyn das Gespräch auf gelehrte Gegenstände, bis sie der Stadt ansichtig wurden und der Pfarrer stehen blieb und auf die Kirche hindeutete, deren Thurm sich ein wenig zur Linken erhob und neben welcher der von zwei alten Eibenbäumen halb beschattete Kirchhof lag, während im Hintergrunde das Pfarrhaus durch die davorliegenden Gartengebüsche hindurchschimmerte. »Sie werden jetzt Ihren Weg finden können«, sagte der Pfarrer, »entschuldigen Sie, wenn ich Sie verlasse; ich habe einige Besuche zu machen, unter anderen bei dem alten Haley, dem Manne der Frau, die Sie vorhin gesehen haben. Ich lese ihm täglich ein Kapitel aus der Bibel vor, aber ich glaube, er glaubt doch an Feenzauber.« »Besser, zu viel als zu wenig glauben«, sagte Kenelm, und damit ging er seitab ins Dorf, brachte eine halbe Stunde bei Will zu und sah sich die hübschen Körbe an, die Lily ihn machen gelehrt hatte. Als er sich dann langsam nach Hause begab, trat er in den Kirchhof ein. 74 Die im dreizehnten Jahrhundert erbaute Kirche war nicht groß, aber sie mußte wohl für ihre Gemeinde genügen, da keine Spur eines modernen Ausbaues zu erkennen war; sie bedurfte weder einer Restauration noch einer Reparatur. Die Jahrhunderte hatten nur ihren soliden Mauern eine sanftere Färbung gegeben und diese Mauern hatten so wenig durch die riesigen Epheustämme, welche sich mit ihrem Laub bis zu der Spitze des stattlichen Thurmes hinaufgerankt hatten, wie durch die schlanken Rosenbüsche gelitten, welche die Strebepfeiler einige Fuß hoch bedeckten. Der Kirchhof bot einen ungemein malerischen Anblick dar; im Norden durch eine bewaldete Anhöhe geschützt, senkte er sich nach Süden zu in sanfter Abdachung bis zu dem Pfarrweideland, durch welches der kleine Bach floß, dessen rieselndes Gemurmel man an ruhigen Tagen vernehmen konnte. Kenelm setzte sich auf einen Grabstein, der offenbar in vergangenen Tagen das Grab einer Person von höherem Rang geziert hatte, an welchem aber die Bildhauerarbeit völlig zerstört war. Die Ruhe und Einsamkeit des Ortes übten einen eigenen Reiz auf sein beschauliches Gemüth und er blieb lange dort, der Zeit vergessend und kaum auf die Glockenschläge hörend, die ihn an den Verlauf der 75 Stunden erinnerten, bis plötzlich der Schatten einer menschlichen Gestalt auf den Rasen fiel, auf welchem seine Blicke ruhten. Zusammenfahrend blickte er auf und sah Lily stumm und still vor sich stehen. Ihr Bild hatte ihm grade in diesem Augenblicke so lebendig vorgeschwebt, daß ihn ein Gefühl ehrfurchtsvoller Scheu überkam, wie wenn seine Gedanken ihre Erscheinung heraufbeschworen hätten. Sie ergriff zuerst das Wort. »Sie auch hier?« sagte sie sehr sanft, fast flüsternd. »Auch!« wiederholte Kenelm aufstehend. »Auch! Es ist doch nicht zu verwundern, daß ich als Fremder an diesem Ort mich durch sein ehrwürdigstes Gebäude angezogen fühle. Selbst der achtloseste Reisende wendet sich, wenn er bei entfernten Wohnungen der Lebenden Halt macht, zur Seite, um sich die Ruhestätte der Todten anzusehen. Aber ich bin überrascht, daß Sie, Fräulein Mordannt, sich gleichfalls von dieser Stätte angezogen fühlen.« »Es ist mein Lieblingsplatz«, sagte Lily »und ist es immer gewesen. Ich habe manche Stunde auf jenem Grabstein gesessen. Es ist sonderbar zu denken, daß niemand weiß, wer unter demselben ruht; der Moleswicker Führer gibt zwar die Geschichte der 76 Kirche von der Zeit ihrer Erbauung an, kann aber in Betreff dieses Grabes, des größten und ältesten auf dem Kirchhofe, nur die Vermuthung aussprechen, daß es ein Mitglied einer Familie mit Namen Montfichet beherberge, die einst sehr mächtig in der Grafschaft gewesen, seit der Regierungszeit König Heinrich's VI. aber ausgestorben sei. Aber«, fügte sie hinzu, »von dem Namen Montfichet ist auch kein Buchstabe mehr übrig. Ich habe mehr als alle Andern herausgefunden; ich habe eigens zu dem Zweck gothische Schrift gelernt; sehen Sie her!« Und sie deutete auf eine kleine Stelle, von welcher das Moos entfernt worden war. »Sehen Sie diese Zahl an; ist es nicht XVIII? Und nun sehen Sie wieder in der Zeile, die früher über den Zahlen stand, E. L. E.. Es muß eine Eleanor gewesen sein, die im Alter von achtzehn Jahren starb.« »Ich halte es für wahrscheinlicher, daß die Zahlen sich auf das Todesjahr beziehen, vielleicht 1318; und soweit ich die gothische Schrift entziffern kann, was mehr in das Fach meines Vaters schlägt als in meines, halte ich es für A. L., nicht E. L., und mir scheint, daß zwischen dem L. und dem zweiten E. noch ein Buchstabe gestanden hat, der jetzt verwischt ist. Das Grab selbst hat schwerlich einer mächtigen, damals 77 hier am Orte ansässigen Familie gehört. Die Grabdenkmäler einer solchen Familie würden dem herrschenden Gebrauche gemäß innerhalb der Kirche, wahrscheinlich in ihrer eigenen Grabkapelle gestanden haben.« »Versuchen Sie es nicht, mir meine Vorstellung zu zerstören«, sagte Lily kopfschüttelnd; »es wird Ihnen nicht gelingen; ich kenne ihre Geschichte zu gut. Sie war jung und es hatte sie jemand geliebt und ließ ihr das schönste Grab erbauen, das er bestreiten konnte; und sehen Sie, wie lang die Grabschrift gewesen ist! Wie viel muß sie zu ihrem Lobe und von seinem Kummer geredet haben! Und dann ging er von dannen und das Grabmal wurde vernachlässigt und sie vergessen.« »Mein liebes Fräulein Mordannt, da haben Sie in der That aus einem sehr dünnen Faden eine wunderbar romantische Geschichte herausgesponnen. Aber selbst wenn sie wahr wäre, so ist doch kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß ein Leben vergessen sei, weil ein Grab vernachlässigt ist.« »Vielleicht nicht«, sagte Lily nachdenklich. »Aber ich glaube, wenn ich einmal todt bin, wird es mir, wenn ich dann hinabblicken kann, angenehm sein, zu sehen, daß mein Grab von denen, die mich geliebt haben, nicht vernachlässigt wird.« 78 Mit diesen Worten ging sie nach einem kleinen, wie es schien, noch nicht lange errichteten Hügel; auf demselben stand ein von einem schmalen Blumenrand umgebenes einfaches Kreuz. Lily kniete bei den Blumen nieder und riß etwas Unkraut aus. Dann erhob sie sich und sagte zu Kenelm, der jetzt neben ihr stand: »Sie war die kleine Enkelin der armen alten Frau Haley. Ich konnte sie nicht heilen, so viele Mühe ich mir auch gab; sie liebte mich so innig und starb in meinen Armen. Nein, lassen Sie mich nicht sagen starb, es gibt ja in Wahrheit gar kein Sterben, nur Wechsel ist's des Lebens: Klein wie der Raum, der Well' von Welle trennt, Die Kluft, die zwischen Leben liegt und Tod.« »Von wem sind diese Verse?« fragte Kenelm. »Ich weiß es nicht, ich habe sie von Löwe gelernt. Halten Sie sie nicht für wahr?« »Ja; aber diese Wahrheit macht den Gedanken, daß wir dieses Leben verlassen müssen, für die meisten von uns nicht angenehmer. Sehen Sie doch, wie sanft und lieblich und freundlich all das Leben athmende Sommerland jenseits dieser Stätte da liegt; lassen Sie uns jenem lebendigen Boden, nicht dem 79 Kirchhof, auf welchem wir stehen, unsern Gesprächsstoff entnehmen.« »Gibt es aber nicht ein schöneres Sommerland als das, welches wir hier vor uns sehen? Und sehen wir nicht dieses schönere Land wie in einem Traume am besten, wenn wir unser Gespräch an den Kirchhof knüpfen?« Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr Lily fort: »Ich habe diese Blumen gepflanzt; Herr Emlyn war darüber böse; er sagte, das sei papistisch. Aber er hat nicht das Herz, sie fortnehmen zu lassen; ich komme oft her, um mir die Blumen anzusehen. Halten Sie das für unrecht? Die arme kleine Nell! Sie hatte die Blumen so gern. Und Eleanor, die in dem großen Grabe liegt, kannte vielleicht auch einen, der sie Nell nannte. Aber auf ihr Grab sind keine Blumen gepflanzt. Die arme Eleanor!« Sie nahm das Sträußchen, welches, sie vor der Brust trug, und legte es, als sie wieder an dem Grabe vorüberkam, auf den verwitterten Stein. 80 Zehntes Kapitel. Sie verließen den Kirchhof und gingen nach Grasmere. Kenelm ging an Lily's Seite, beide sprachen kein Wort, bis sie das Landhaus zu Gesicht bekamen. Da stand Lily plötzlich still und sagte, indem sie ihm ihr reizendes Gesicht zukehrte: »Ich sagte Ihnen, ich wolle über das, was Sie mir gestern Abend gesagt haben, nachdenken; ich habe es gethan und fühle jetzt, daß ich Ihnen danken kann. Es war sehr gütig von Ihnen; es war mir bisher nie eingefallen, daß ich launisch sei, das hatte mir nie jemand gesagt. Aber ich sehe jetzt, was Sie meinen; bisweilen bin ich leicht gereizt und zeige es dann. Aber wie habe ich es Ihnen gezeigt, Herr Chillingly?« »Haben Sie mir nicht den Rücken zugekehrt, als 81 ich mich im Garten bei Frau Braefield zu Ihnen setzte, und mir keine Antwort gegeben, als ich Sie fragte, ob ich Sie beleidigt habe.« Lily stammelte mit hochgeröthetem Gesicht: »Ich war da nicht beleidigt, nicht launisch verstimmt, es war schlimmer als das.« »Schlimmer? Was war es dann?« »Ich fürchte, es war Neid.« »Neid? Auf was? Auf wen?« »Ich kann Ihnen das nicht erklären; aber ich fürchte, Tante hat am Ende Recht, wenn sie behauptet, daß einem die Feengeschichten sehr alberne und unartige Gedanken in den Kopf setzen. Als Aschenbrödel's Schwestern auf den Hofball gingen und Aschenbrödel allein zu Hause bleiben mußte, verlangte es sie da nicht auch hinzugehen? War sie nicht neidisch auf ihre Schwestern?« »O ich verstehe jetzt. Sir Thomas sprach von dem Hofball.« »Und da haben Sie sich mit schönen Damen unterhalten und ich war närrisch genug, mich darüber zu ärgern.« »Also Sie, die Sie, als wir uns zuerst sahen, nicht begreifen konnten, wie Leute, die auf dem Lande leben könnten, es vorziehen, in der Stadt zu leben, 82 Sie gerathen bisweilen in Widerspruch mit sich selbst und sehnen sich nach der großen Welt, die jenseits dieses ruhigen Flußufers liegt. Sie sind sich bewußt, jung und schön zu sein, und möchten bewundert werden!« »Es ist nicht grade das«, sagte Lily mit einem betroffenen Blick ihres feinen Gesichts, »und in meinen besseren Momenten, wenn mein besseres Selbst die Oberhand gewinnt, weiß ich, daß ich für die große Welt, von der Sie reden, nicht gemacht bin. Aber sehen Sie –« Hier hielt sie wieder inne und ließ sich, nachdem sie eben in den Garten getreten waren, ermattet auf eine Bank am Wege nieder. Kenelm setzte sich zu ihr und wartete ruhig ab, ob sie ihren unterbrochenen Satz vollenden werde. »Sehen Sie«, fuhr sie fort und sah dabei verlegen zu Boden und beschrieb mit ihren feenhaften Füßchen unbestimmte Kreise im Sande. »Zu Hause haben Sie mich, solange ich denken kann, behandelt, als ob, nun, als ob ich – was soll ich sagen? – das Kind einer Ihrer großen Damen wäre. Selbst Löwe, der so nobel und so großherzig ist, schien, als ich noch ein ganz kleines Kind war, zu denken, ich sei eine kleine Königin; als ich einmal die Unwahrheit sagte, schalt er mich nicht, sagte aber mit einem so 83 traurigen und so bösen Gesicht, wie ich es nie wieder an ihm gesehen habe: ›Vergiß nie wieder, daß Du eine Lady bist.‹ Und – aber ich ermüde Sie –« »Mich ermüden! Das wäre! Fahren Sie fort!« »Nein, ich habe genug gesagt, um Ihnen zu erklären, warum ich zu Zeiten stolze und eitle Gedanken habe und warum ich zum Beispiel bei mir dachte: ›Vielleicht hätte ich ein Recht auf einen Platz unter jenen vornehmen Damen, welche er –‹ aber es ist jetzt Alles vorüber.« Mit einem reizenden Lachen stand sie rasch auf und sprang auf Frau Cameron zu, welche mit einem Buch in der Hand langsam auf dem Rasen spazieren ging. 84 Elftes Kapitel. Es war eine sehr lustige Gesellschaft an jenem Abend im Pfarrhause. Lily war nicht darauf gefaßt gewesen, Kenelm dort zu treffen, und ihr Gesicht leuchtete wunderbar auf, als er sich bei ihrem Eintritt von den Bücherschränken, auf welche Herr Emlyn ihn eben aufmerksam gemacht hatte, nach ihr umwandte. Aber anstatt sein Entgegenkommen zu erwidern, sprang sie fort nach dem Rasen, wo Clemmy und mehrere andere Kinder sie mit Jubelgeschrei begrüßten. »Sie kennen Macleane's Juvenal nicht?« sagte der gelehrte Geistliche. »Das Buch wird Ihnen sehr gefallen; hier ist es. Es ist ein nachgelassenes Werk, das George Long herausgegeben hat. Ich kann Ihnen auch Munro's Lucretius leihen. Ja, ja, wir haben den Deutschen noch einige Gelehrte entgegenzustellen.« 85 »Das freut mich sehr«, erwiderte Kenelm. »Es wird noch lange dauern, bis sie es versuchen werden, es in jenem Spiel mit uns aufzunehmen, welches Fräulein Clemmy da auf dem Rasen arrangirt und in welchem England seit kurzem einen europäischen Ruf erlangt hat.« »Ich verstehe Sie nicht. Von welchem Spiel reden Sie?« »Kätzchen im Winkel. » Puss in the corner «, ein unserem »Kämmerchen zu vermiethen« sehr ähnliches Spiel. — Anm. d. Übersetzers. Mit Ihrer Erlaubniß werde ich zusehen, wer das Spiel gewinnt.« Kenelm gesellte sich zu den Kindern, unter welchen Lily nicht die wenigst kindische zu sein schien. Allen Aufforderungen Clemmy's mitzuspielen leistete er beharrlich Widerstand und setzte sich als müßiger Zuschauer in einiger Entfernung auf eine Rasenbank. Sein Auge folgte Lily's behenden Bewegungen, sein Ohr schlürfte die Musik ihres heitern Lachens. War das dasselbe Mädchen, welches er das Blumenbeet inmitten der Grabsteine hatte pflegen sehen? Frau Emlyn kam über den Rasen zu ihm gegangen und setzte sich neben ihn auf die Rasenbank. Sie war eine außerordentlich gescheidte Frau, aber dennoch hatte sie nichts Furchtbares, war im 86 Gegentheil sehr angenehm, und obgleich ihre Nachbarinnen sagten, sie rede wie ein Buch, so widerlegte doch die leichte Anmuth ihrer Art zu sprechen diese beleidigende Behauptung. »Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen, Herr Chillingly«, sagte sie, »daß mein Mann Sie zu einer solchen Kindergesellschaft eingeladen hat. Aber als er Sie bat, heute Abend zu uns zu kommen, wußte er nicht, daß Clemmy auch ihre jungen Freundinnen eingeladen habe. Er hatte sich auf eine vernünftige Unterhaltung mit Ihnen über seine Lieblingsstudien gefreut.« »Ich bin noch nicht so lange aus der Schule, daß ich nicht einen Ferientag allen Lectionen, selbst wenn sie von einem so angenehmen Lehrer wie Herrn Emlyn ertheilt werden, vorziehen sollte.« Glückliche Zeit! Wer wäre Zum andern Mal Knabe nicht gern!« »Nein«, sagte Frau Emlyn ernst lächelnd, »wer, der seine Laufbahn so rühmlich betreten hat wie Sie, möchte wohl wieder umkehren und seinen Platz wieder unter den Knaben einnehmen!« »Aber meine liebe Frau Emlyn, der von mir citirte Vers war der Ausdruck der tiefsten Empfindung eines Mannes, der auf der Rennbahn, die er sich 87 erkoren, bereits alle Nebenbuhler überholt hatte und der in jenem Augenblick im Frühling seines Lebens und seines Ruhmes stand. Und wenn ein solcher Mann in einem solchen Moment seiner Laufbahn sehnliches Verlangen danach tragen konnte, wieder Knabe zu werden, so kann das seinen Grund nur darin gehabt haben, daß er bei dem Gedanken an die Freiheit des Knaben vor den Aufgaben, die er als Mann zu lernen verdammt war, zurückschreckte.« »Der von Ihnen citirte Vers ist, glaube ich, aus ›Childe Harold‹ und Sie möchten doch gewiß die Empfindungen eines, wenn ich so sagen darf, so eigenthümlich reflectirenden Dichters von oft so krankhafter Empfindungsweise nicht auf die Menschheit im Allgemeinen anwenden.« »Sie haben Recht, Frau Emlyn«, sagte Kenelm offen. »Aber doch ist der Ferientag eines Knaben etwas sehr Schönes, und gewiß würden Viele froh sein, diese Zeit wieder erleben zu können, Herr Emlyn selbst, zum Beispiel, glaube ich.« »Mein Mann hat jetzt eben seinen Ferientag! Sehen Sie nicht, wie er da am Fenster steht? Hören Sie nicht, wie er lacht? Er wird bei der Heiterkeit seiner Kinder selbst wieder zum Kinde. Ich hoffe, Sie bleiben eine Weile hier bei uns. Ich bin überzeugt, 88 Sie und mein Mann werden sich gegenseitig conveniren. Und es ist ein so seltener Genuß für ihn, sich mit einem Gelehrten, wie Sie es sind, zu unterhalten.« »Verzeihen Sie, ich bin kein Gelehrter. Das ist ein schöner Titel, auf den ein müßiger Dilettant wie ich, der nur von der Oberfläche gelehrter Bücher genascht hat, keinen Anspruch machen darf.« »Sie sind zu bescheiden. Mein Mann besitzt ein Exemplar ihres Cambridger Preisgedichtes und sagt, die Latinität desselben sei ganz vortrefflich. Ich citire seine eigenen Worte.« »Lateinische Verse machen ist eine bloße Fertigkeit und solche Verse machen können beweist wenig mehr, als daß man einen tüchtigen Gelehrten zum Lehrer gehabt hat, wie es bei mir sicherlich der Fall war. Aber es ist nur eine besondere Gnade des Schicksals, wenn es einem wahren Gelehrten vergönnt ist, einen andern wahren Gelehrten auszubilden, wie wenn ein Kennedy einen Munro zum Schüler hat. Doch um auf den interessanten Gegenstand, die Ferien, zurückzukommen, so sehe ich eben, daß Clemmy ihren Papa in diesem Augenblick im Triumph aufführt. Er soll Kätzchen im Winkel mitspielen.« »Wenn Sie Charles, ich meine meinen Mann, 89 erst besser kennen, so werden Sie finden, daß sein ganzes Leben mehr oder weniger einem Ferientage gleicht. Vielleicht grade, weil er nicht das ist, dessen Sie sich anklagen; er ist nie müßig, er hat nie den Wunsch, wieder ein Knabe zu sein, und die Arbeit selbst ist ihm Feriengenuß. Er findet seine Freude daran, sich in sein Arbeitszimmer einzuschließen und zu studiren, wie er seine Freude daran findet, mit den Kindern spazieren zu gehen, die Armen zu besuchen und seine Pflichten als Geistlicher zu erfüllen. Und obgleich ich nicht immer mit seinem Loose zufrieden bin, obgleich ich finde, daß ihm die Ehren gebührt hätten, die man an andere weniger fähige und weniger gelehrte Männer verschwendet hat, so ist er doch selbst nie unzufrieden. Soll ich Ihnen das Geheimniß dieser Zufriedenheit verrrathen?« »Ja, bitte.« »Er ist ein dankbarer Mensch. Auch Sie, Herr Chillingly, müssen Gott für Vieles zu danken haben; und liegt nicht in der Dankbarkeit gegen Gott das Bewußtsein, sich den Menschen nützlich gemacht zu haben, und das Bewußtsein, seine Zeit so zugebracht zu haben, daß jeder Tag einem dabei als Ferientag erscheint?« Kenelm blickte mit einem Ausdruck des Erstaunens 90 zu dem ruhigen Gesicht dieser ruhigen Predigersfrau auf. »Ich sehe, Frau Emlyn, daß Sie viel Zeit auf das Studium der ästhetischen Philosophie deutscher Denker, die etwas schwer zu verstehen sind, verwandt haben.« »Ich, Herr Chillingly? Du lieber Gott, nein! Was verstehen Sie unter ästhetischer Philosophie?« »Nach den Principien der Aesthetik gelangt der Mensch, glaube ich, auf die höchste Stufe sittlicher Vortrefflichkeit, wenn Arbeit und Pflicht alle Unannehmlichkeiten der Anstrengung für ihn verlieren, wenn sie ihm zur zweiten Natur werden, wenn sie als die essentiellen Attribute des Schönen wie die Schönheit von ihm als Vergnügen empfunden werden und so, wie Sie es ausdrücken, jeder Tag für ihn ein Ferientag wird. Eine anmuthige Lehre, vielleicht nicht so großartig wie die der Stoiker, aber ansprechender. Nur können sehr wenige von uns im praktischen Leben ihre Sorgen und Mühen in einer so heitern Atmosphäre aufgehen lassen. Einige thun es, ohne irgend etwas von Aesthetik zu wissen und ohne jeden Anspruch darauf, Stoiker zu sein; aber dann sind sie Christen. Es gibt ohne Zweifel solche Christen, aber man begegnet ihnen selten. Nehmen Sie die gesammte 91 Christenheit und Sie werden finden, daß sie das aufgeregteste Volk der Welt in sich schließt, das Volk, in welchem die größte Unzufriedenheit in Betreff des Quantums der zu verrichtenden Arbeit herrscht, die lautesten Klagen darüber, daß die Pflicht kein Vergnügen, sondern ein sehr schweres Ding sei, ertönen und bei welchem die Zahl der Ferientage äußerst gering und die moralische Atmosphäre am wenigsten heiter ist. Vielleicht«, fügte Kenelm mit einer nachdenklichen Falte auf seiner Stirn hinzu, »ist es dieses beständige Bewußtsein eines Kampfes, diese Schwierigkeit, die Arbeit zum Behagen, die strenge Pflicht zu einem heitern Genuß zu machen, diese Gewohnheit, es uns zu versagen, uns um unserer selbstwillen in eine friedliche Atmosphäre zu erheben, welche über den dunkeln Wolken und über dem Gewittersturm, der auf unsere zurückbleibenden Nebenmenschen herabfährt, liegt, was das sorgenvolle Leben der Christenheit dem Himmel theurer macht und dem Plane des Himmels, die Erde zum Kampfplatz und nicht zur Ruhestätte der Menschen zu machen, entsprechender erscheinen läßt, als es das Leben des Braminen ist, der immer darauf bedacht ist, sich dem Conflicte des Christen zwischen Thätigkeit und Wunsch zu entziehen, und die ästhetische Theorie des ungestörten Sichsonnens in der 92 Betrachtung der absolutesten Schönheit, die der menschliche Gedanke in seiner Reflexion über das göttliche Gute erfassen kann, auf die äußerste Spitze treibt.« Frau Emlyn war es unmöglich, irgend etwas zu erwidern, denn eben kamen die Kinder, die des Spielens überdrüssig waren, zu ihr herangeeilt und verlangten nach Thee und nach einer Vorstellung mit der Laterna magica . 93 Zwölftes Kapitel. Das Zimmer war, wie es sich gehörte, dunkel gemacht und das weiße Betttuch an die Wand befestigt; die Kinder saßen still und voll ehrfurchtsvoller Scheu da. Kenelm hatte neben Lily Platz genommen. Die gewöhnlichsten Dinge in unserm sterblichen Leben sind oft höchst geheimnißvoll. Das Wachsen eines Grashalms birgt ein größeres Mysterium in sich als ein Zauberspiegel oder die Enthüllungen eines Mediums. Wir alle haben wohl einmal die Anziehungskraft empfunden, die ein menschliches Wesen auf ein anderes übt und die es für solche zwei Wesen zu einer so auserlesenen Glückseligkeit macht, ruhig und stumm neben einander zu sitzen. Unsere stürmischsten Gedanken, unsere aufgeregtesten Herzenswünsche 94 verstummen für den Augenblick und wir empfinden nur gegenwärtig unaussprechliche Wonne. Wir alle haben das wohl einmal erlebt, aber wen hat je eine metaphysische Erklärung der Gründe dieser geheimnißvollen Anziehungskraft befriedigt? Wir können nur sagen, es ist Liebe, und zwar Liebe in jenem ersten Stadium, welches die Romantik noch nicht abgestreift hat; aber vermöge welchen Vorgangs jene andere Person aus dem ganzen Universum dazu ausgesondert worden ist, eine so besondere Macht über uns auszuüben, das ist ein Problem, welches, obgleich Viele es zu lösen versucht haben, doch noch der Lösung harrt. Bei der matten Erleuchtung des Zimmers konnte Kenelm nur die Umrisse von Lily's zartem Gesichte unterscheiden; aber bei jedem neuen Bilde auf der Leinwand kehrte sich ihr Gesicht instinctiv dem seinigen zu, und als einmal das schreckliche Bild eines in weiße Gewänder gehüllten Geistes, der einen schuldigen Menschen verfolgte, an der Wand vorüberzog, rückte sie in ihrer kindischen Angst näher an ihn heran und legte mit einer unwillkürlichen, unschuldigen Bewegung ihre Hand auf die seinige. Er hielt sie zärtlich fest, aber ach! schon im nächsten Augenblick zog sie sie wieder zurück; der Geist wurde von ein paar tanzenden Hunden abgelöst. Und Lily's lustiges Lachen über die 95 Hunde und über ihre eigene Angst berührte Kenelm's Ohr unangenehm. Er wünschte, es wäre eine Reihe von Geistern, einer immer entsetzlicher als der andere, erschienen. Die Vorstellung war zu Ende und nach einer kleinen Collation von Kuchen und Wein und Wasser brach die Gesellschaft auf. Die fremden Kinder gingen mit den Mädchen, die sie zu holen gekommen waren, fort. Frau Cameron und Lily wollten zu Fuß nach Hause gehen. »Es ist ein schöner Abend, Frau Cameron«, sagte Herr Emlyn, »und ich will Sie nach Hause begleiten.« »Erlauben Sie mir auch mitzugehen«, sagte Kenelm. »Gewiß«, sagte der Pfarrer, »Sie gehen ja denselben Weg.« Sie gingen über den Kirchhof, um so auf dem kürzesten Wege an das Ufer des Baches zu gelangen. Die Mondstrahlen schimmerten durch die Eibenbäume hindurch und ruhten auf dem alten Grabe, umspielten gleichsam die Blumen, welche Lily's Hand diesen Morgen auf das Grab gelegt hatte. Sie ging neben Kenelm, die beiden älteren Personen einige Schritte voraus. »Wie albern von mir«, sagte sie, »mich so vor 96 dem Bilde des Geistes zu fürchten! Ich glaube nicht, daß ich mich vor einem wirklichen Geiste fürchten würde, wenigstens hier nicht bei diesem lieblichen Mondschein und auf dem Friedhof!« »Geister könnten, wenn sie auch außer in der Laterna magica erscheinen dürften, doch dem Unschuldigen nichts anhaben. Und ich begreife nicht recht, warum sich mit der Idee ihrer Erscheinung von jeher, besonders bei unschuldigen Kindern, die doch am wenigsten Ursache haben, sie zu fürchten, die Vorstellung von Schreckgebilden verknüpft hat.« »O, das ist wahr«, rief Lily; »aber selbst wenn wir erwachsen sind, muß es Zeiten geben, wo wir sehnliches Verlangen nach dem Anblick eines Geistes tragen und fühlen müßten, welchen Trost und welche Freude uns dieser Anblick gewähren würde.« »Ich verstehe Sie. Wenn ein uns besonders theures Wesen aus unserm Leben geschwunden wäre, und wenn wir den Schmerz der Trennung so tief empfänden, daß uns der Gedanke, wie Sie es so schön ausgedrückt haben, das Leben stirbt nie, ganz abhanden käme, nun ja, dann begreife ich, daß der Trauernde sich nach einem einzigen Blick des Dahingegangenen sehnen könnte, und wäre es auch nur, um die eine Frage an ihn zu richten: Bist Du glücklich? Darf 97 ich hoffen, daß wir uns wiedersehen werden, um uns nie, nie wieder zu trennen?« Kenelm's Stimme zitterte, als er das sagte, und Thränen standen ihm in den Augen. Ein unbestimmtes melancholisches, überwältigendes Gefühl durchfuhr sein Herz, wie der Schatten eines schwarzgeflügelten Vogels über ein stilles Wasser dahinzieht. »Sie haben doch das nie selbst empfunden?« fragte Lily in einem zweifelnd sanften Ton, hielt aber sofort inne und blickte ihm ins Angesicht. »Ich? Nein. Ich habe noch nie jemand verloren, den ich so geliebt und den ich wiederzusehen ein so sehnliches Verlangen getragen hätte. Ich dachte nur daran, daß solche Verluste uns alle betreffen können, ehe auch wir von dieser Erde scheiden.« »Lily!« rief Frau Cameron, an der Pforte des Kirchhofs stehen bleibend. »Ja, Tante?« »Herr Emlyn möchte wissen, wie weit Du im Numa Pompilius gekommen bist. Komm her und antworte selbst.« »O diese langweiligen erwachsenen Leute!« flüsterte Lily Kenelm ungeduldig zu. »Ich liebe Herrn Emlyn; er ist einer der allerbesten Menschen. Aber er ist doch auch erwachsen und sein Numa Pompilius ist so dumm.« 98 »Es war auch mein erstes französisches Lesebuch. Aber es ist nicht dumm. Lesen Sie nur weiter. Es enthält das hübscheste Märchen, das ich kenne, und besonders kommt eine Fee darin vor, die meine Einbildungskraft als Knabe bezauberte.« In diesem Augenblicke hatte Lily die Kirchhofspforte erreicht. »Was für ein Märchen? Was für eine Fee?« fragte sie rasch. »Sie war eine Fee, obgleich sie in der heidnischen Sprache eine Nymphe genannt wird – Egeria. Sie war für den von ihr Geliebten das Band zwischen Menschen und Göttern, sie gehörte zum Geschlechte der Götter; sie konnte zwar verschwinden, aber nie sterben.« »Nun, Fräulein Lily«, sagte der Pfarrer, »wie weit sind Sie in dem Buche, das ich Ihnen geliehen habe, im Numa Pompilius?« »Fragen Sie mich heute über acht Tage.« »Das will ich; aber vergessen Sie nicht, daß Sie auch übersetzen müssen und daß ich die Uebersetzung sehen muß.« »Gut, ich will mein Bestes thun«, antwortete Lily kleinmüthig. Lily ging jetzt neben dem Pfarrer und Kenelm neben Frau Cameron, bis sie Grasmere erreichten. 99 »Ich will Sie bis an die Brücke begleiten, Herr Chillingly«, sagte der Pfarrer, als die Damen sich an der Pforte ihres Gartens verabschiedet hatten. »Wir haben wenig Zeit gehabt, meine Bücher anzusehen, aber ich hoffe. Sie haben wenigstens den Juvenal zu sich genommen.« »Nein, Herr Emlyn, wer könnte wohl beim Verlassen Ihres Hauses noch Lust zur Satire haben? Ich muß dieser Tage zu Ihnen kommen und mir ein Buch aussuchen, das zu einer freundlichen Auffassung des Lebens Anleitung gibt und uns in eine günstige Stimmung für die Menschheit versetzt. Ihre Frau, mit welcher ich eine interessante Unterhaltung über die Principien ästhetischer Philosophie gehabt habe –« »Meine Frau – Charlotte weiß nichts von ästhetischer Philosophie.« »Sie nennt die Sache anders, aber sie versteht sie gut genug, um die Principien derselben durch Beispiele zu illustriren. Sie sagt mir, daß Sie bei Arbeit und Pflicht nach den Worten des Dichters In den heitern Regionen Wo die reinen Formen wohnen, schweben, sodaß beide für Sie zu Genuß und Schönheit werden. Ist dem so?« 100 »Etwas so Poetisches hat Charlotte gewiß nie gesagt. Aber ganz einfach gesprochen, die Tage verfließen mir recht glücklich. Ich wäre undankbar, wollte ich nicht glücklich sein. Der Himmel hat mir so viele Quellen der Liebe eröffnet, Weib, Kinder, Bücher und meinen Beruf, welcher mich, sobald ich meine Schwelle verlasse, Liebe in die Außenwelt bringen läßt – eine kleine Welt, nur ein Kirchspiel, die aber mein Beruf mit der Ewigkeit verknüpft.« »Ich sehe, es sind die Quellen der Liebe, aus denen Sie Ihr Glück schöpfen.« »Ohne Liebe könnte ein Mensch sicherlich gut, aber schwerlich glücklich sein. Niemand kann sich den Himmel anders denn als eine Stätte der Liebe vorstellen. Welcher Schriftsteller sagt doch noch, wie gut der das menschliche Herz habe kennen müssen, der Gott zuerst Vater genannt habe?« »Ich erinnere mich nicht mehr; aber es ist ein schönes Wort. Offenbar stimmen Sie den Ausführungen von Decimus Roach's ›Annäherung an die Engel‹ nicht bei.« »O, Herr Chillingly! Ihre Worte lehren mich, wie es das Glück eines Menschen zerstören kann, wenn er die Klauen der Eitelkeit nicht scharf beschnitten hält. Ich kann Ihnen nicht verhehlen, wie empfindlich es 101 mich berührt, daß Sie mir von jenem beredten Lobredner der Ehelosigkeit sprechen, ohne zu wissen, daß die einzige von mir veröffentlichte Schrift, welche, wie ich glaubte, von verständigen Lesern nicht unwerth gehalten werde, eine Erwiderung auf die ›Annäherung an die Engel‹ ist. Es war ein jugendliches, in den ersten Jahren meiner Ehe geschriebenes Buch; aber es hatte Erfolg. Ich habe eben die zehnte Auflage revidirt.« »Das Buch will ich mir aus Ihrer Bibliothek nehmen. Es wird Sie freuen, zu hören, daß Herr Roach, den ich vor einigen Tagen in Oxford gesehen habe, seine Ansichten geändert hat und im fünfzigsten Lebensjahre im Begriff steht, sich zu verheirathen, wie er mich hinzuzufügen bittet, nicht zu seiner persönlichen Genugthuung.« »Sich zu verheirathen! Decimus Roach? Ich dachte mir es wohl, daß meine Erwiderung ihn am Ende doch überzeugen würde.« »Ich werde mir Ihre Erwiderung ansehen, um einige mir noch gebliebene Bedenken zu beseitigen.« »Bedenken zu Gunsten des Cölibats?« »Nun ja, wenn nicht für die Laien, doch vielleicht für die Geistlichkeit.« »Der überzeugendste Theil meiner Erwiderung 102 betrifft grade diesen Punkt. Lesen Sie sie aufmerksam. Ich bin der Ansicht, daß es unter allen Ständen keinen gibt, für den die Ehe, sowohl um ihrer selbst willen wie im Interesse des ganzen Gemeinwesens, so empfehlenswerth wäre wie für die Geistlichkeit. Denn«, fuhr der Pfarrer fort, indem er warm wurde und in oratorische Begeisterung gerieth, »wissen Sie nicht, daß aus keinen Häusern in England mehr Männer hervorgegangen sind, welche ihrem Lande gedient und zur Zierde gereicht haben, als aus denen der Geistlichkeit unserer Kirche? Welcher andere Stand kann eine solche Reihe ausgezeichneter Namen aufweisen, wie die, deren wir uns in den Söhnen rühmen können, die wir erzogen und in die Welt hinausgesandt haben? Wie viele Staatsmänner, Soldaten, Seeleute, Advocaten, Aerzte, Schriftsteller, Gelehrte sind die Söhne von uns Landpredigern gewesen! Sehr natürlich, denn bei uns erhalten sie eine sorgfältige Erziehung, eignen sie sich nothwendig den einfachen Geschmack und die geregelten Gewohnheiten an, welche die Vorbedingungen des Fleißes und der Ausdauer sind, und nehmen sie in den meisten Fällen ein reineres Sittengesetz und in Anknüpfung an ihre frühesten Gewöhnungen der Liebe und des Respectes eine gründlichere Ehrfurcht vor religiösen Dingen und Gedanken fürs 103 ganze Leben mit, als es sich bei den Söhnen von Laien, deren Eltern lediglich von zeitlichen und weltlichen Interessen erfüllt sind, erwarten läßt. Ich behaupte, daß dies ein zwingendes Argument ist, welches die Nation wohl erwägen sollte, nicht nur zu Gunsten einer verheiratheten Geistlichkeit, denn in dieser Beziehung könnte eine Million von Roachs die öffentliche Meinung in diesem Lande nicht bekehren, sondern zu Gunsten der Kirche, der bestehenden Kirche, welche eine so fruchtbare Pflegestätte berühmter Laien gewesen ist; und es hat mir oft geschienen, daß eine bisher noch nicht hervorgehobene Hauptursache des niedrigen Standes der öffentlichen und privaten Sittlichkeit, der größeren Corruption der Sitten, der allgemein verbreiteten Verhöhnung der Religion, welche wir zum Beispiel in einem so civilisirten Lande wie Frankreich finden, darin liegt, daß seine Geistlichkeit keine Söhne dazu erziehen kann, in die Kämpfe der Welt den festen Glauben an eine Verantwortlichkeit vor dem Himmel zu tragen.« »Ich danke Ihnen von ganzem Herzen«, sagte Kenelm. »Ich werde über alles von Ihnen so nachdrücklich Ausgesprochene reiflich nachdenken. Ich bin schon geneigt, alle mir noch anhaftenden Grillen zu Gunsten einer verheiratheten Geistlichkeit aufzugeben; aber als Laie fühle ich, daß ich niemals die Höhe der 104 reinen Menschenliebe des Herrn Decimus Roach erreichen werde und daß, wenn ich mich je verheirathen sollte, es sehr zu meiner eigenen Genugthuung geschehen wird.« Herr Emlyn lachte gutmüthig, reichte Kenelm, als sie jetzt an die Brücke gelangten, die Hand und ging längs des Baches und über den Kirchhof mit dem behenden Schritt und dem aufrechten Haupt eines Mannes, der sich des Lebens freut und keine Furcht vor dem Tode kennt, nach Hause. 105 Dreizehntes Kapitel. Während der nächsten Wochen sahen sich Kenelm und Lily nicht so oft, wie der Leser vielleicht vermuthen würde, aber doch recht häufig; mehrere Male bei Frau Braefield, noch einmal im Pfarrhause und zweimal bei Besuchen Kenelm's in Grasmere, und als er bei einem dieser Besuche aufgefordert wurde, zum Thee zu bleiben, blieb er den ganzen Abend. Kenelm wurde, je mehr er dieses außerordentliche Wesen sah, immer mehr von ihm bezaubert. Lily war für ihn nicht nur ein Gedicht, sondern ein räthselhaftes, aller Auslegung spottendes, geheimnißvolle Ausblicke in die Zukunft eröffnendes Gedicht. In Lily fand sich in der That eine bezaubernde, selten harmonische Verschmelzung der größten Gegensätze. Ihre Unwissenheit in vielen Dingen, 106 welche Mädchen, die halb so alt sind wie sie, in der Regel wissen, wurde mehr als aufgewogen durch ihre unschuldige Einfachheit, durch ihre reizenden Einfälle und ihren naiven Glauben und andererseits durch leuchtende Blitze eines Wissens, wie es junge Damen, die wir wohlerzogen nennen, selten besitzen, eines Wissens, das auf rascher Beobachtung der Natur, auf einer feinen Empfänglichkeit für ihre mannichfachen und zarten Schönheiten beruhte. Dieses Wissen hatte sie vielleicht aus einer Poesie, die sie nicht nur auswendig gelernt, sondern als von ihrem Gedankenleben untrennbar in sich aufgenommen hatte, zuerst geschöpft und dann genährt. Nicht aus der Poesie unserer Tage – von der wissen die meisten jungen Damen genug – sondern aus einer Auswahl alter Gedichte von Dichtern, welche die jungen Leute unserer Zeit wenig lesen, von Dichtern, welche Geistern wie Coleridge und Charles Lamb theuer waren. Keins dieser Gedichte aber war ihr so theuer wie die feierlichen Melodien Milton's. Viele dieser Gedichte hatte sie nie in Büchern gelesen, sie hatte sie als Kind von ihrem Vormund, dem Maler, gelernt. Und bei all dieser unvollkommenen, lückenhaften Bildung hatte sie in jedem Blick und jeder Bewegung so eine zierliche Feinheit, eine so tiefe echt weibliche Zärtlichkeit des Herzens! 107 Seit Kenelm ihr Numa Pompilius zum Studium empfohlen, hatte sie sich liebevoll in die Lectüre dieses alten Romans versenkt und liebte es, mit ihm über Egeria wie von einem Wesen zu sprechen, das wirklich gelebt habe. Aber welchen Eindruck machte er, der erste im Alter zu ihr passende Mann, mit dem sie sich je vertraulich unterhalten hatte, welchen Eindruck machte Kenelm Chillingly auf Lily's Herz und Geist? Das war die Frage, die ihm nicht ohne Grund am meisten zu schaffen machte. Die ungekünstelte Offenheit, mit welcher sie ihm ihre Neigung zu erkennen gab, war von den gewöhnlichen Aeußerungen der Mädchenliebe ganz verschieden; sie erschien mehr wie die Liebe eines Kindes zu seinem Lieblingsbruder. Und es war diese Ungewißheit, welche Kenelm vor sich selbst rechtfertigte, wenn er zögerte und glaubte, er müsse ihr innerstes Herz erst gewinnen oder wenigstens besser kennen lernen, bevor er es wagen könne, ihr sein eigenes Herz zu öffnen. Er schmeichelte sich nicht mit der angenehmen Besorgniß, daß er vielleicht ihr Glück gefährde; nur sein eigenes Glück war in Gefahr. Bei allen ihren Begegnungen, allen ihren vertraulichen Unterhaltungen war keins jener Worte vorgekommen, mit welchen wir unser Schicksal in die Hände eines 108 Andern legen. Wenn sich der Ausdruck der Liebe in Kenelm's Augen drängen wollte, trieb Lily's unschuldiger, offener Blick diese Liebe erkaltend wieder in sein innerstes Selbst zurück. So freudig sie ihm entgegenzueilen pflegte, so lag doch keine vielsagende Röthe auf ihren Wangen, erklang kein verrätherisches Zittern aus ihrer klaren, lieblichen Stimme. Nein, es hatte bis jetzt noch keinen Moment gegeben, wo er zu sich hätte sagen können: Sie liebt mich. Oft sagte er: Sie weiß noch nicht, was Liebe ist. In den Stunden, die Kenelm nicht in Lily's Gesellschaft zubrachte, begleitete er Herrn Emlyn auf langen Streifereien oder verplauderte die Zeit bei Frau Braefield in ihrem Salon. Für jenen faßte er eine herzlichere Freundschaft, als er für irgend einen Mann seines Alters hegte, eine Freundschaft, welche die edlen Gefühle der Bewunderung und der Hochachtung nicht ausschloß. Charles Emlyn war einer jener Charaktere, deren Färbung sehr schwach erscheint, wenn sie nicht sehr hell beleuchtet werden, dann aber scheint jede Tinte sich in eine wärmere und sattere zu verwandeln. Das Wesen, das man anfänglich nur sanft nennen würde, wird dann ein herzliches, Sympathie erweckendes, offen-heiteres; dem Geiste, den man anfänglich träge, wenn 109 auch wohlunterrichtet nennen möchte, muß man dann strenge Schulung und eine Fülle von Kraft zuerkennen. Emlyn hatte indessen auch seine kleinen liebenswürdigen Schwächen und vielleicht waren grade sie es, die ihn liebenswürdig machten. Er hatte einen sehr festen Glauben an die menschliche Güte und ließ sich durch einen »schlauen Appell« an seine wohlbekannte Güte leicht gewinnen. Er war geneigt, die Vortrefflichkeit alles dessen, was er einmal ins Herz geschlossen hatte, zu überschätzen. Er war überzeugt, er habe die beste Frau in der Welt, die besten Kinder, die besten Dienstboten, den besten Bienenkorb, das beste Pony und den besten Haushund. Seine Gemeinde war die tugendhafteste, seine Kirche die malerischste, sein Pfarrhaus das hübscheste in der ganzen Grafschaft, vielleicht im ganzen Königreich. Wahrscheinlich war es diese optimistische Philosophie, welche dazu beitrug, ihn in die heiteren Regionen ästhetischer Lebensfreude zu erheben. Er hatte seine Antipathien so gut wie seine Sympathien. Obgleich als Geistlicher liberal gesinnt gegen alle protestantischen Dissenters, hegte er doch das odium theologicum gegen alles, was nach Papismus schmeckte. Vielleicht hatte er dazu noch eine andere als rein theologische Veranlassung. Vor langen Jahren war eine jüngere Schwester von ihm, um uns 110 seines Ausdrucks zu bedienen, zum Uebertritt in die katholische Kirche heimlich verlockt worden und war seitdem in ein Kloster gegangen. Sein liebendes Herz ward durch diesen Verlust schwer verwundet. Herr Emlyn hatte auch seine kleinen Schwächen, mehr der Selbstachtung als der Eitelkeit. Obgleich er außer seinem Kirchspiel wenig von der Welt gesehen hatte, that er sich etwas auf seine Kenntniß der menschlichen Natur im Allgemeinen und des praktischen Lebens insbesondere zu gute. Gewiß gab es niemand, der mehr, namentlich in den Werken der alten Classiker, darüber gelesen hatte als er. Vielleicht kam es daher, daß er so wenig Verständniß für Lily hatte, zu deren Charakter sich in den alten Classikern weder ein Gegenstück noch ein Schlüssel fand, und vielleicht kam es auch daher, daß Lily ihn so »entsetzlich erwachsen« fand. So kam sie trotz seines sanften, gutmüthigen Wesens nicht sehr gut mit ihm aus. Die Gesellschaft dieses liebenswürdigen Gelehrten gefiel Kenelm um so mehr, je weniger der Gelehrte auch nur die entfernteste Ahnung davon hatte, daß Kenelm's Aufenthalt in Cromwell-Lodge durch die Nähe Grasmere's beeinflußt sei. Herr Emlyn war viel zu sehr von seiner Kenntniß der menschlichen Natur und des praktischen Lebens im Allgemeinen 111 durchdrungen, als daß er es für möglich hätte halten sollen, daß der Erbe eines reichen Baronets auch nur daran denken könne, ein Mädchen ohne Vermögen oder Rang, das verwaiste Mündel eines niedrig geborenen Künstlers, der erst eben anfing sich einen Ruf zu erwerben, zur Frau zu nehmen, oder daß ein Erringer des Cambridgepreises, der sich offenbar viel mit dem Studium ernster und trockener Gegenstände beschäftigt und sich augenscheinlich viel in der feinen Welt bewegt hatte, an einem sehr mangelhaft erzogenen Mädchen, das Schmetterlinge zähmte und so wenig von der fashionablen Welt wußte, einen andern Reiz finden könne, als den Herr Emlyn selbst an der Gegenwart eines hübschen, launenhaften, unschuldigen Kindes, der Genossin und Freundin seiner Clemmy, fand. Frau Braefield war scharfsichtiger; aber sie war taktvoll und vermied es, Kenelm merken zu lassen, wie scharfsichtig sie sei, und ihn dadurch aus ihrem Hause zu verscheuchen. Sie sprach nicht einmal davon mit ihrem Mann, der an den meisten Vormittagen abwesend und von den Sorgen seines eigen Geschäftes viel zu sehr in Anspruch genommen war, um sich für die Angelegenheiten Anderer sehr zu interessiren. Aber Elsie hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß Lily Mordannt, wenn auch nicht die Märchenprinzessin, deren Rang 112 eine Weile verheimlicht wird, doch eine der hochgeborenen Töchter des alten Geschlechts, dessen Namen sie trug, und daher keine unebenbürtige Partie für Kenelm Chillingly sei. Für diese Ansicht hatte sie keine besseren Anhaltspunkte als die Erscheinung und das feine Wesen der Tante und die auserlesene Delicatesse der Formen und Züge der Nichte mit ihrem unsagbar distinguirten Wesen, das sich selbst in den Momenten, wo sie sich am achtlosesten ihren spaßhaften Einfällen hingab, nie verleugnete. Aber Frau Braefield hatte auch Scharfsinn genug, um zu entdecken, daß unter den kindischen Launen und Manieren dieses fast ganz sich selbst überlassenen Mädchens die bis jetzt noch unentwickelten Elemente einer schönen Weiblichkeit lagen; sodaß Elsie in Betracht alles dessen von dem ersten Tage an, wo sie Kenelm wieder begegnet war, gedacht hatte, Lily würde die rechte Frau für ihn sein. Nachdem sie einmal diese Idee ergriffen hatte, rief ihre natürliche Willenskraft den Entschluß in ihr wach, die Verwirklichung dieser Idee auf jede Weise geräuschlos und ohne Zudringlichkeit zu fördern. »Es freut mich«, sagte sie eines Tages zu Kenelm, als dieser sich ihr auf einem Spaziergange durch die anmuthigen Gebüschwege ihres Gartens zugesellte, »daß Sie sich so mit Herrn Emlyn befreundet haben. 113 Obgleich alle hier in der Gegend ihn seiner Herzensgüte wegen lieben, gibt es doch nur wenige, welche seine Gelehrsamkeit zu würdigen wissen. Für Sie muß es ebenso überraschend wie angenehm sein, an diesem ruhigen, verschlafenen Orte einen so gescheidten und wohlunterrichteten Gefährten zu finden; das ist eine Entschädigung für Ihre Enttäuschung bei der Entdeckung, daß es mit dem Fischfang in unserm Flüßchen so schlecht bestellt ist.« »Schelten Sie mir nicht das Flüßchen; es hat die lieblichsten Ufer, an denen es sich mittags so schön unter alten Eichen ausruhen und morgens und abends so angenehm hinschlendern läßt. Wo diese Reize fehlen, könnte einem selbst ein Lachs kein Vergnügen machen. Ja, es ist mir sehr lieb, mich mit Herrn Emlyn befreundet zu haben. Ich habe sehr viel von ihm gelernt und frage mich oft, ob ich jemals das, was ich von ihm gelernt habe, praktisch anwenden und dadurch zum Frieden mit meinem eigenen Herzen gelangen werde.« »Darf ich fragen, welchem speciellen Zweige des Wissens das, was Sie gelernt haben, angehört?« »Ich weiß kaum, wie ich es bezeichnen soll. Ich möchte es die Lehre von dem der Mühe Werthen nennen. Unter den neuen Ideen, welche nur als die 114 meine Generation beherrschenden zum Studium empfohlen worden waren, spielt die Idee des nicht der Mühe Werthen eine sehr große Rolle, und da ich von Haus aus ein ruhiges und gleichmüthiges Naturell habe, bildete diese neue Idee die Grundlage meines philosophischen Systems. Aber seitdem ich mit Charles Emlyn vertraut worden bin, glaube ich, daß sich sehr viel zu Gunsten der Lehre von dem der Mühe Werthen, wenn sie auch zu den alten Ideen gehört, sagen läßt. In ihm finde ich einen Mann, der bei sehr wenig ergiebigem Stoff für sein Interesse oder sein Vergnügen nicht müde wird, sich fortwährend zu interessiren und sich des Lebens im Allgemeinen zu freuen; ich frage mich, wie das zu erklären ist, und es scheint mir, daß der Grund in festen Ueberzeugungen zu suchen sei, welche seine Beziehungen zu Gott und Menschen ein für allemal so feststellen, daß er sich durch keine Speculation darin irre machen läßt. Mögen diese Ueberzeugungen von Anderen bestreitbar sein oder nicht, jedenfalls sind sie so beschaffen, daß sie der Gottheit nicht mißfallen und nicht verfehlen können, in ihrer freundlichen Gesinnung den sterblichen Mitmenschen nützlich zu sein. Und diese Ueberzeugungen pflanzt er auf den Boden eines glücklichen und freundlichen Heimwesens, welches dazu dient, ihn 115 in diesen Ueberzeugungen zu befestigen und zu bestärken und sie täglich praktisch zur Anwendung zu bringen. Und wenn er von seinem Hause selbst bis an die äußerste Grenze des dasselbe umgebenden Kreises geht, trägt er den freundlichen Einfluß seines Hauses mit sich. Möglicherweise wird sich meine Lebenslinie in einem weitern Kreise als dem seinigen bewegen; aber nur um so besser für mein Interesse und mein Vergnügen, wenn diese Lebenslinie sich von demselben Centrum, nämlich von festen Ueberzeugungen aus bewegen kann, welche sich in dem Sonnenschein einer sympathischen Häuslichkeit täglich zu einer lebensvollen Thätigkeit erwärmen.« Frau Braefield hörte diesen Worten mit wohlgefälliger Aufmerksamkeit zu, und als Kenelm geendet hatte, schwebte ihr der Name Lily auf den Lippen; sie errieth, daß er, als er von der Häuslichkeit sprach, an Lily gedacht habe; aber sie drängte den Antrieb zurück und antwortete mit einem Gemeinplatz. »Es ist gewiß das Wichtigste im Leben, sich eine glückliche und sympathische Häuslichkeit zu gründen. Es muß auch für den Besten schrecklich sein, ohne Liebe zu heirathen.« »Gewiß schrecklich, wenn die Liebe des einen von dem andern nicht erwidert wird.« 116 »Das könnte Ihnen wohl kaum begegnen, Herr Chillingly, denn ich bin überzeugt, daß Sie nie ohne Liebe heirathen werden. Und glauben Sie nicht, daß ich Ihnen schmeichle, wenn ich sage, daß ein viel weniger begabter Mann als Sie ziemlich sicher darauf rechnen kann, von dem Weibe, um das er wirbt und das er gewinnen will, geliebt zu werden.« Kenelm, der in dieser Beziehung einer der bescheidensten Menschen war, schüttelte zweifelnd mit dem Kopf und war im Begriff, eine dieser Bescheidenheit entsprechende Antwort zu geben, als er aufblickend plötzlich wie festgewurzelt und sprachlos stehen blieb. Sie hatten eben die umgitterte Blumennische betreten, durch deren rankende Rosen hindurch er zuerst des Gesichtes ansichtig geworden war, das ihn seitdem unablässig verfolgte. »Ach«, sagte er abrupt, »ich darf doch nicht länger hier verweilen und die Werkeltagsstunden in einem Feenkreise verträumen. Ich werde noch heute mit dem nächsten Zuge nach London fahren.« »Sie kommen aber doch wieder?« »Natürlich, noch heute Abend. Ich habe in meiner Wohnung in London keine Adresse zurückgelassen. Es muß sich da eine Masse von Briefen angehäuft haben, darunter gewiß einige von meinen Eltern. Ich 117 gehe nur dieser Briefe wegen. Leben Sie wohl! Wie gütig haben Sie mir zugehört!« »Sollen wir einen Tag der nächsten Woche für die Besichtigung der Ruinen der alten römischen Villa festsetzen? Ich will Frau Cameron und ihre Nichte auffordern, mit von der Partie zu sein.« »Mir ist jeder Tag, den Sie bestimmen, recht«, sagte Kenelm vergnügt. 118 Vierzehntes Kapitel. Kenelm fand wirklich in seinem verlassenen Logis in Mayfair einen riesigen Haufen von Briefen und Billetts, unter denen sich aber viele Einladungen zu bereits verflossenen Tagen und außer zwei Briefen von seinem Vater, dreien von seiner Mutter und einem von Tom Bowles keine Zuschriften von Interesse befanden. Sir Peter's Briefe waren kurz. In dem ersten schalt er Kenelm auf seine sanfte Weise dafür, daß er fortgegangen sei, ohne eine Adresse zurückzulassen, und berichtete über seine Bekanntschaft mit Gordon, den günstigen Eindruck, den der junge Mann auf ihn gemacht habe, die Auszahlung der zwanzigtausend Pfund und die Einladung, die er an Gordon, an Travers und seine Tochter und an Lady Glenalvon habe 119 ergehen lassen. In einem zweiten, von einem viel spätern Tage datirten Briefe meldete Sir Peter die Ankunft seiner eingeladenen Gäste, verweilte mit einer bei ihm ungewöhnlichen Wärme bei den Reizen Cecilia's und benutzte die Gelegenheit, Kenelm anscheinend beiläufig, aber darum nicht weniger nachdrücklich an sein ihm gegebenes Versprechen zu erinnern, niemals einer jungen Dame einen Heirathsantrag zu machen, bevor er den Fall der Prüfung seines Vaters unterbreitet und dessen Genehmigung eingeholt habe. »Komme nach Exmundham, und wenn ich nicht meine Zustimmung dazu gebe, daß Du um die Hand Cecilia Travers' wirbst, so halte mich für einen Tyrannen und lehne Dich auf.« Lady Chillingly's Briefe waren viel länger. Sie beschwerten sich ausführlicher darüber, daß Kenelm auf seinen excentrischen Gewohnheiten beharre, so ganz anders wie andere Leute sei, daß er London im Moment des Höhepunktes der Saison verlassen und selbst ohne Diener fortgegangen sei, niemand wisse wohin. Sie wolle ihn nicht verletzen, aber das sei doch fürwahr nicht die Art und Weise, die sich für einen jungen Mann von Stande schicke. Wenn er keine Achtung vor sich selber habe, so solle er doch einige Rücksicht auf seine Eltern, namentlich auf seine arme Mutter 120 nehmen. Dann folgten Bemerkungen über Leopold Travers' elegante Manieren und das verständige Wesen und die angenehme Unterhaltung Chillingly Gordon's, eines jungen Mannes, auf den jede Mutter stolz sein könne. Dann ging sie zu sanft krittelnden Berichten über Familienangelegenheiten über. Pfarrer John habe sich in Veranlassung des Buches eines Ausländers, Camte oder Cannt oder ähnlich so, sehr unverbindlich gegen Chillingly Gordon in einer Unterhaltung ausgesprochen, in welcher, soweit sie sich ein Urtheil erlauben dürfe, Herr Gordon sehr wohlwollende Ansichten über die Menschheit geäußert habe, welche Pfarrer John in der insolentesten Weise als einen Angriff auf die Religion bezeichnet habe. Aber Pfarrer John sei ihr wirklich zu hochkirchlich gesinnt. Nachdem sie Pfarrer John so abgethan hatte, erging sie sich in einigen einer vornehmen Dame durchaus würdigen mitleidigen Betrachtungen über die sonderbare Toilette der drei Fräuleins Chillingly. Ohne ihr Wissen habe Sir Peter recht nach seiner Art die drei Schwestern eingeladen, ihre Gäste, Lady Glenalvon und Fräulein Travers, die eine so schöne Toilette machten – hier beschrieb sie diese Toilette – zu treffen, und da seien sie denn in erbsgrünen Kleidern mit Pelerinen von falschen Blonden und Fräulein Sally 121 gar mit langen Ringellocken und einem weißen Blütenkranz im Haar, welchen kein über achtzehn Jahre altes Mädchen zu tragen wagen würde, erschienen. »Aber mein lieber Sohn«, fügte Mylady hinzu, »in der Familie Deines guten Vaters gibt es wirklich sehr sonderbare Persönlichkeiten. Ich habe davon mehr auszustehen, als irgend jemand weiß. Ich thue mein Bestes, es zu ertragen. Ich kenne meine Pflichten und werde sie erfüllen.« Nachdem Lady Chillingly ihrem Herzen in Betreff dieser Familienbeschwerden Luft gemacht hatte, kehrte sie zu ihren Gästen zurück. Offenbar von den Absichten ihres Mannes in Betreff Cecilia's nicht unterrichtet, erwähnte sie dieselbe nur ganz kurz. »Ein sehr hübsches junges Mädchen, obgleich etwas zu blond für meinen Geschmack, und mit einem air distingué .« Endlich verbreitete sie sich über das außerordentliche Vergnügen des Wiederzusammenseins mit ihrer Jugendfreundin Lady Glenalvon. »Sie ist nicht im mindesten durch das Leben in der großen Welt verdorben, welcher ich leider in Erfüllung meiner Pflichten als Frau und Mutter, wie wenig auch meine Opfer anerkannt werden mögen, seit langer Zeit Lebewohl gesagt habe. Lady Glenalvon räth den alten abscheulichen Graben mit 122 Farrenkräutern zu bepflanzen, und das wäre eine große Verbesserung. Natürlich macht Dein guter Vater Einwendungen.« Tom Bowles' auf schwarzgerändertem Papier geschriebener Brief lautete, wie folgt: »Geehrter Herr! Seit ich die Ehre hatte, Sie in London zu besuchen, hat mich ein schwerer Verlust getroffen. Mein armer Onkel ist nicht mehr. Er starb sehr plötzlich, nachdem er mit gutem Appetit zu Nacht gegessen hatte. Ein Doctor sagt, es sei ein Schlag, ein anderer, es sei ein Herzleiden gewesen. Er hat mich, nachdem seine Schwester versorgt ist, zum Erben gemacht; niemand hatte geglaubt, daß er so viel Geld erspart habe. Ich bin jetzt ein ganz reicher Mann und ich werde das Geschäft eines Thierarztes, welches mir in neuerer Zeit, seit ich, Ihrem freundlichen Rathe folgend, mehr gelesen habe, gar nicht mehr behagt, aufgeben. Der erste Kornhändler hier hat mir proponirt, mich zu seinem Associé zu machen, und soviel ich sehe, wird das etwas sehr Vortheilhaftes sein und mir eine viel höhere Lebensstellung schaffen. Aber ich kann mich jetzt noch nicht dazu entschließen, Herr Chillingly, ich kann mich noch leider zu nichts entschließen. Ich weiß, Sie werden nicht über mich lachen, wenn ich Ihnen sage, daß 123 ich ein eigenthümliches Verlangen trage, eine Weile zu reisen. Ich habe Reisebeschreibungen gelesen und sie interessiren mich mehr als alle anderen Bücher. Aber ich glaube, ich könnte nicht glücklich abreisen, wenn ich nicht noch einmal vorher, Sie wissen, wen, gesehen und mich überzeugt hätte, daß sie glücklich sei. Ich weiß gewiß, daß ich ohne einen bösen Gedanken Will die Hand schütteln und ihren Kleinen küssen könnte. Was sagen Sie dazu, verehrter Herr? Sie hatten mir versprochen, mir über sie zu schreiben, aber ich habe nichts von Ihnen gehört. Susey, das kleine Mädchen mit dem Blumenball, hat auch einen großen Verlust gehabt. Der alte Mann, bei dem sie wohnte, starb wenige Tage nach dem Tode meines lieben Onkels. Mutter ist, wie Sie, glaube ich, wissen, nach dem Verkauf der Schmiede in Graveleigh hierher gezogen und sie will Susey ganz zu sich nehmen, denn sie liebt sie sehr. Bitte, lassen Sie mich bald von Ihnen hören und geben Sie mir Ihren Rath in Betreff meiner Reise und in Betreff ihrer. Sie sehen, ich möchte gern, wenn ich in fernen Landen weile, wissen, daß sie meiner freundlich gedenkt. Ich verbleibe, geehrter Herr, Ihr dankbarer Diener T. Bowles.         124 P. S. Fräulein Travers hat mir Will's letzte Rimesse geschickt. Er ist mir jetzt nur noch sehr wenig schuldig; es muß ihnen also wohl gut gehen. Ich hoffe, sie überarbeitet sich nicht.« Als Kenelm an jenem Abend mit der Eisenbahn nach Moleswick zurückgekehrt war, ging er alsbald zu Will Somers. Der Laden war bereits geschlossen, aber die treue Magd ließ ihn in das Wohnzimmer eintreten, wo er sie alle beim Abendessen versammelt fand, mit Ausnahme des Babys, das sich schon lange in seine Wiege zurückgezogen hatte und hinausgebracht war. Will und Jessie waren sehr stolz, als Kenelm sich selbst einlud, an ihrer Mahlzeit Theil zu nehmen, die zwar einfach, aber keineswegs schlecht war. Als das Abendessen vorüber und der Tisch abgedeckt war, rückte Kenelm seinen Stuhl nahe an die Glasthür, welche in einen kleinen, sehr nett gehaltenen Garten führte, dessen zu warten, bevor er an seine eigentliche Arbeit ging, Will's Stolz war. Durch die geöffnete Thür strömte die kühle Abendluft und der Duft der schlafenden Blumen herein. »Sie wohnen hier allerliebst, Frau Somers.« »Das thun wir und segnen den, dem wir es versanken, dafür.« »Das freut mich. Wie oft gibt Gott, wenn er 125 uns eine besondere Wohlthat zudenkt, es einem Nebenmenschen, vielleicht dem letzten, an den wir gedacht haben würden, in das Herz, sie uns zu erweisen; aber indem wir ihn segnen, danken wir Gott, der es ihm eingab. Meine lieben Freunde, ich weiß, daß Ihr alle drei mich im Verdacht habt, das Werkzeug zu sein, dessen sich Gott zu seiner Wohlthat bedient hat. Ihr glaubt, daß das Darlehn, welches Euch in den Stand setzte, Graveleigh zu verlassen und Euch hier zu etabliren, von mir kam. Ihr irrt Euch. Ihr seht mich ungläubig an?« »Es kann doch nicht der Squire sein«, rief Jessie. »Fräulein Travers versicherte mir, daß weder er noch sie selbst es sei. O, Sie müssen es sein, Herr. Verzeihen Sie, aber wer sonst sollte es sein?« »Ihr Mann soll es rathen. Angenommen, Will, Sie hätten sich schlecht gegen jemand benommen, der Ihnen gleichwohl theuer gewesen wäre, und hätten es nachher bei näherem Nachdenken sehr bereut und sich geschämt, und angenommen, Sie fänden später Gelegenheit und wären im Stande, jener Person einen Dienst zu leisten, glauben Sie, Sie würden es thun?« »Ich wäre ein schlechter Mensch, wenn ich es nicht thäte.« »Bravo! Und weiter: angenommen, daß derjenige, 126 dem Sie so gedient hätten, wenn er erführe, daß Sie es seien, der ihm diesen Dienst geleistet habe, nicht dankbar wäre, es nicht schön von Ihnen fände, auf diese Weise das kleine Unrecht, daß er Ihnen früher gethan, wieder ausgleichen zu wollen, sondern ungezogen und verdrießlich und widerhaarig würde und mit elendem falschem Stolze sagte, daß, weil er Sie früher einmal beleidigt habe, er es übel nehme, daß Sie es sich jetzt herausnehmen, sich freundlich gegen ihn zu erweisen, würden Sie nicht diesen Menschen für einen undankbaren Burschen halten, undankbar nicht nur gegen Sie, seinen Nebenmenschen, darauf kommt es weniger an, sondern undankbar gegen Gott, der es Ihnen ins Herz gelegt hatte, sein Werkzeug bei der erwiesenen Wohlthat zu sein?« »Nun ja, Herr, gewiß«, sagte Will, der, bei all seiner geistigen Ueberlegenheit über Jessie, keine Ahnung davon hatte, worauf Kenelm hinaus wollte, während Jessie, ihre Hände fest zusammenpressend, bleich und mit einem raschen erschrockenen Blick auf Will antwortete: »O Herr Chillingly, ich hoffe, Sie reden nicht – von Herrn Bowles?« »An wen anders sollte ich denken, von wem anders reden?« Will stand in nervöser Aufregung auf, alle seine Züge zuckten krampfhaft. »O Herr, das ist ein harter Schlag, sehr, sehr hart!« Jessie stürzte auf Will zu, schlang ihre Arme um ihn und schluchzte. Kenelm wandte sich ruhig an die alte Frau Somers, welche ihre Handarbeit, ein paar Socken für das Baby, an denen sie seit dem Abendessen gestrickt, bei Seite gelegt hatte, und sagte: »Liebe Frau Somers, wozu wären Sie eine Großmutter, welche Socken für ihr Enkelchen strickt, wenn Sie Ihre albernen Kinder da nicht überzeugen könnten, daß sie zu glücklich mit einander sind, um Groll gegen einen Mann zu hegen, der sie früher auseinander bringen wollte und es jetzt bereut?« Zu einiger Verwunderung, ich darf wohl sagen Ueberraschung Kenelm's stand die alte Frau Somers, an die Kenelm so appellirt hatte, von ihrem Sitz auf und trat mit einer ruhigen Würde, die niemand von der alten Bauerfrau erwartet haben würde, an das Ehepaar heran, richtete Jessie's Gesicht mit der einen Hand auf und legte die andere Hand auf Will's Kopf und sagte: »Wenn Ihr nicht Verlangen danach tragt, Herrn Bowles wiederzusehen und zu ihm zu sagen: 128 Der Herr segne Sie! so verdient Ihr nicht, daß Euch der Segen des Herrn zu Theil wird.« Damit setzte sie sich wieder nieder und nahm ihre Strickarbeit wieder auf. »Dem Himmel sei Dank, wir haben den größten Theil des Darlehns abbezahlt«, sagte Will in sehr aufgeregtem Tone, »und ich glaube, wenn wir uns ein bischen einschränken, Jessie, und einen Theil unseres Waarenlagers wieder verkaufen, könnten wir auch den Rest bezahlen, und dann – und dann« – hier wandte er sich an Kenelm – »und dann, Herr, wollen wir« – hier drohte ihm die Stimme zu versagen – »Herrn Bowles danken.« »Das befriedigt mich durchaus nicht, Will«, erwiderte Kenelm; »und da ich dazu behülflich gewesen bin, Euch beide zusammen zu bringen, so habe ich ein Recht zu erklären, daß ich das nie gethan haben würde, wenn ich hätte ahnen können, daß Sie Ihrer Frau so wenig zutrauen würden, daß eine Erinnerung an Herrn Bowles für sie noch schmerzlich sein könnte. Sie fühlten sich nicht gedemüthigt, als Sie glaubten, mir eine Summe schuldig zu sein, welche Sie rechtschaffenerweise abbezahlt haben. Nun, ich will Ihnen die Kleinigkeit, die etwa noch zu der Abbezahlung Ihrer ganzen Schuld an Herrn Bowles fehlt, leihen, sodaß 129 Sie eher im Stande sein werden, zu ihm zu sagen: Ich danke Ihnen. Aber unter uns, Will, in meinen Augen würden Sie ein besserer und männlicherer Bursche sein, wenn Sie sich weigerten, diese kleine Summe von mir zu borgen, und lieber zu Herr Bowles sagen möchten: Ich danke Ihnen, ohne der albernen Vorstellung Raum zu geben, daß Sie, wenn Sie ihm sein Geld zurückbezahlt haben, ihm für seine Güte nichts mehr schuldig seien.« Will blickte unentschlossen weg. Kenelm fuhr fort: »Ich habe heute einen Brief von Herrn Bowles gehabt. Er ist vermögend geworden und will eine Zeit lang ins Ausland reisen. Aber bevor er abreist, schreibt er mir, möchte er gern Will die Hand reichen und sich von Jessie versichern lassen, daß sie ihm seine frühere Rohheit verziehen hat. Er hatte keine Idee davon, daß ich die Sache mit dem Darlehn ausschwatzen würde, und wünschte, das möchte für immer ein Geheimniß bleiben. Aber unter Freunden bedarf es keines Geheimnisses. Was sagen Sie, Will, als Haupt der Familie? Soll Herr Bowles hier als Freund willkommen geheißen werden oder nicht?« »Herzlich willkommen«, sagte die alte Frau Somers, von ihrem Strickstrumpf aufblickend. »Herr Chillingly«, sagte Will plötzlich in einem 130 sehr energischen Ton, »sehen Sie, Sie sind gewiß nie verliebt gewesen. Wenn Sie es wären, würden Sie nicht so hart gegen mich sein. Herr Bowles war in meine Frau da verliebt; Herr Bowles ist ein sehr schöner Mann und ich bin ein Krüppel.« »O Will! Will!« rief Jessie. »Ich vertraue meinem Weibe von ganzem Herzen und ganzer Seele, und jetzt, wo ich die erste peinliche Empfindung überwunden habe, soll Herr Bowles, wie Mutter sagt, freundlich willkommen sein, herzlich willkommen!« »Geben Sie mir die Hand. Jetzt reden Sie wie ein Mann, Will. Ich hoffe, Bowles nächstens zum Abendessen herbringen zu können.« Noch an demselben Abend schrieb Kenelm an Tom Bowles: »Mein lieber Tom! Kommen Sie doch hierher nach Moleswick und bringen Sie einige Tage bei mir in Cromwell-Lodge zu. Will Somers und seine Frau wünschen sehr, Sie zu sehen und Ihnen zu danken. Ich konnte es nicht länger ertragen, mir fremdes Verdienst zugerechnet zu sehen, um Ihrer Laune zu fröhnen. Sie bestanden darauf, daß ich es gewesen sei, der den Laden für sie gekauft habe und so weiter, 131 und so war es Nothwehr von mir, ihnen zu sagen, wer es gewesen sei. Mehr darüber und über Ihre Reise, wenn Sie herkommen. Ihr aufrichtiger Freund K. C.«               Fünfzehntes Kapitel. Frau Cameron saß allein in ihrem hübschen Wohnzimmer mit einem offenen Buch, in welchem sie aber nicht las, auf dem Schooße. Sie blickte über die Seiten desselben hinweg anscheinend in den Garten hinaus, in Wahrheit aber in den leeren Raum. Ein sehr scharfsichtiger und geübter Beobachter würde in ihrem Gesichtsausdruck etwas bemerkt haben, was dem gewöhnlichen Auge entging. Für das gewöhnliche Auge war dieser Ausdruck leer, der Ausdruck einer ruhigen, indolenten Frau, die vielleicht an eine Haushaltungskleinigkeit gedacht, diesen Gedanken zu schwer gefunden hatte und jetzt an gar nichts dachte. Aber für das Auge eines scharfen Beobachters lagen in diesem Gesicht Spuren einer bewegten 133 Vergangenheit, deren nicht zur Ruhe zu bringende Geister sie noch heimsuchten, und ferner Spuren eines Charakters, mit dem eine gewaltsame Umwandlung vor sich gegangen war. Dieser Charakter war nicht immer der einer ruhigen, indolenten Frau gewesen. Die zarten Umrisse der Lippen zeugten von seiner Empfänglichkeit und in den herabgezogenen Mundwinkeln sprach sich eine permanente Traurigkeit aus. Der sanfte, ins Leere schauende Blick verkündete keinen leeren Geist, vielmehr einen durch das Gewicht eines geheimen Kummers gedrückten und niedergebeugten Geist. Auch lag in ihrem ganzen Wesen, grade in der Ruhe, welche der hervorstechendste Zug ihrer äußern Erscheinung war, etwas, das keinen Zweifel darüber ließ, daß sie in der feinsten Gesellschaft gelebt habe, in der Gesellschaft, in welcher sich zur Ruhe Würde und Grazie gesellen. Die Armen verstanden sich darauf besser als ihre reichen Bekannten in Moleswick, denn sie pflegten zu sagen, an Frau Cameron sei jeder Zoll eine Lady. Nach ihren Zügen zu urtheilen, mußte sie einmal hübsch gewesen sein, keine glänzende Schönheit, aber entschieden hübsch. Jetzt, wo diese Züge zusammengeschrumpft waren, war alle Schönheit in einer kalten grauen Gesichtsfarbe und einer Art gezähmter und schläfriger Schüchternheit des Ausdrucks 134 aufgegangen. Sie war nicht nur nicht demonstrativ, sondern hatte sich die Unterdrückung jeder demonstrativen Regung zur Pflicht gemacht. Wer konnte diese Lippen betrachten und nicht sehen, daß sie ein nervöses, rasch bewegliches Temperament verkündeten? Und doch würde bei abermaliger genauer Beobachtung diese gewaltsame Unterdrückung der angeborenen Tendenz zu rascher Kundgebung jeder Gemüthsbewegung die Neugier und das Interesse nur um so reger gemacht haben, als sie, wenn irgend etwas auf Physiognomik und Phrenologie zu geben war, wenig Charakterstärke besaß. In der für weibliche Nachgiebigkeit charakteristischen kurzen runden Oberlippe, der bittenden Schüchternheit des Blickes, der eleganten, aber unproportionirten Schlankheit des Kopfes zwischen Ohr und Nacken lagen die Zeichen eines Charakters, der dem Willen, vielleicht der Laune eines Andern, an den ihn Liebe oder Vertrauen fesselt, nicht zu widerstehen vermag. Das auf ihrem Schooße offen daliegende Buch war sehr ernsten Inhaltes; es war das Werk eines populären Geistlichen der sogenannten Law-Church über die Gnade. Sie las selten etwas Anderes als ernste Bücher, außer wenn die Sorge für Lily's Erziehung sie nöthigte, Abrisse der Geschichte und 135 Geographie oder die französischen, in Erziehungsanstalten für junge Damen gebräuchlichen Elementarbücher zu lesen. Und doch würde jeder, der Frau Cameron zu einer vertraulichen Unterhaltung gebracht hätte, gefunden haben, daß sie in früheren Jahren die Erziehung einer jungen Dame von Stande müsse genossen haben. Sie sprach und schrieb französisch und italienisch wie eine Eingeborene. Sie hatte die classischen Autoren beider Sprachen, welche der wohlanständige Geschmack orthodoxer Gouvernanten jungen Zöglingen in die Hand gibt, gelesen und nicht vergessen. Sie wußte etwas von Botanik, wie sie vor zwanzig Jahren gelehrt wurde. Ich bin nicht sicher, ob sie nicht, wenn man ihr Gedächtniß gehörig gerüttelt hätte, auch noch Proben theologischer und nationalökonomischer Kenntnisse, wie dieselben in den populären Handbüchern von Mrs. Marcet gelehrt werden, abgelegt hätte. Kurz, man würde in ihr eine gründlich gebildete englische Dame, die ihre Erziehung eine Generation früher als Lily erhalten hatte und die in ihrer Bildung dem gewöhnlichen Durchschnitt in unsern Tagen unterrichteter englischer Damen unendlich überlegen war, gefunden haben. So war sie auch in der Uebung der am Ende doch untergeordneten, jetzt freilich sehr überschätzten Fertigkeiten, wie zum Beispiel der Musik, so 136 tüchtig, daß ein Kenner ihrem Klavierspiele sofort angehört haben würde, daß sie ihrer Zeit die besten Lehrer gehabt habe. Sie konnte freilich nur Stücke spielen, die ihrer Zeit angehörten. Seitdem hatte sie nichts mehr gelernt. Kurz, ihre ganze geistige Bildung war schon seit langen Jahren, vielleicht noch ehe Lily geboren war, stehen geblieben. In diesem Augenblicke wurde, während sie so ins Leere schaute, Frau Braefield gemeldet. Frau Cameron ließ sich dadurch nicht aus ihrer Träumerei aufscheuchen. Sie rückte nicht von der Stelle, machte aber eine matte gelangweilte Bewegung, setzte sich wieder in Positur und legte das ernste Buch auf den Sophatisch. Elsie trat ein, jung, strahlend, nach der neuesten Mode, das heißt so ungraziös, wie eine Dame in den Augen eines Künstlers nur erscheinen kann, gekleidet; aber reiche Kaufleute, welche stolz auf ihre Frauen sind, bestehen darauf, daß sie solche Toiletten machen, und die Frauen sind in dieser Beziehung von dem fügsamsten Gehorsam. Die Damen wechselten die gewöhnlichen Begrüßungen, begannen ihre Unterhaltung mit den gewohnten Einleitungsphrasen und erst nach einer Pause fragte Elsie dringend: »Aber soll ich Lily nicht sehen? Wo ist sie?« 137 »Ich fürchte, sie ist in die Stadt gegangen. Einem armen kleinen Jungen, der für uns Wege ging, ist ein Unfall begegnet, er ist von einem Kirschbaum gefallen.« »Den er plünderte?« »Wahrscheinlich.« »Und Lily ist gegangen, ihn zu schelten?« »Das weiß ich nicht; aber er hat sich sehr verletzt, und Lily ist hingegangen, um zu sehen, wie es mit ihm steht.« Darauf sagte Frau Braefield in ihrer offenen, rückhaltslosen Weise: »Ich mache mir im Allgemeinen nichts aus Mädchen in Lily's Alter, obgleich ich Kinder leidenschaftlich liebe. Sie wissen, wie gern ich Lily habe; vielleicht weil sie so sehr wie ein Kind ist. Aber sie muß Ihnen viel Last und Sorge machen.« Frau Cameron erwiderte in einem nichts weniger als zuversichtlichen Ton: »Nein. Sie ist noch ein Kind und ein sehr gutes Kind, warum sollte ich um sie besorgt sein?« »Nun«, entgegnete Frau Braefield, ohne sich zu besinnen, »Ihr Kind muß jetzt achtzehn Jahre alt sein.« »Achtzehn?« wiederholte Frau Cameron. »Ist 138 es möglich! Wie die Zeit fliegt! Freilich in einem so einförmigen Leben wie dem meinigen fliegt die Zeit nicht, sie schleicht dahin wie träge fließendes Wasser. Warten Sie einmal, achtzehn? Nein, sie ist erst siebzehn, vorigen Mai siebzehn geworden.« »Siebzehn?« fragte Frau Braefield. »Ein sehr ängstliches Alter für ein Mädchen, ein Alter, in welchem die Puppen aufhören und die Liebhaber anfangen.« Nicht ganz so matt wie bisher, aber immer doch ruhig erwiderte Frau Cameron: »Lily hat sich nie viel aus Puppen gemacht, hat nie leblose Lieblinge gehabt und an Liebhaber denkt sie auch nicht im Traum.« »Nach dem sechzehnten Jahr«, entgegnete Frau Braefield lebhaft, »denken Mädchen immer an Liebhaber. Und hier entsteht noch eine andere Frage. Wenn ein so reizendes Mädchen wie Lily an ihrem nächsten Geburtstage achtzehn Jahre alt wird, kann da nicht ein Liebhaber im Traum an sie denken?« Mit jener eisigen Kälte, die dem Fragesteller zu verstehen gibt, daß man ihm das Recht, eine solche Frage zu thun, nicht zuerkenne, erwiderte Frau Cameron: »Da sich bis jetzt noch kein Liebhaber 139 eingestellt hat, kann ich mich auch nicht mit seinen Träumen befassen.« Elsie dachte bei sich: Das ist die dümmste Frau, die mir je vorgekommen ist. Zu Frau Cameron aber sagte sie: »Finden Sie nicht, daß Ihr Nachbar, Herr Chillingly, ein sehr stattlicher junger Mann ist?« »Ich kann mir denken, daß das allgemein gefunden wird; er ist sehr groß.« »Hat er nicht ein schönes Gesicht?« »Ist es schön? Ich glaube wohl.« »Was sagt denn Lily?« »Wovon?« »Von Herrn Chillingly. Findet sie ihn nicht schön?« »Danach habe ich sie nie gefragt.« »Liebe Frau Cameron, wäre das nicht eine charmante Partie für Lily? Ich glaube, die Chillinglys gehören zu den ältesten Familien in Burke's Verzeichniß von Landedelleuten, und sein Vater, Sir Peter, soll ein beträchtliches Vermögen besitzen.« Zum ersten Mal während dieser ganzen Unterhaltung äußerte sich bei Frau Cameron eine Spur von innerer Bewegung. Eine plötzliche Röthe überflog ihr Gesicht, das aber alsbald nur noch blasser wurde als zuvor. Nach einer Weile hatte sie ihre 140 gewohnte Fassung wiedererlangt und antwortete wenig höflich: »Kein wahrer Freund könnte Lily solche Ideen in den Kopf setzen, und es liegt kein Grund vor, anzunehmen, daß Herr Chillingly an so etwas denkt.« »Würde es Ihnen leid thun, wenn es doch der Fall wäre? Sie würden doch Ihre Nichte gewiß gern gut verheirathet sehen, und in Moleswick bietet sich dazu wenig Gelegenheit.« »Verzeihen Sie, Frau Braefield, aber Lily's Verheirathung ist eine Frage, die ich selbst mit ihrem Vormunde noch nie erörtert habe. Auch kann ich, wenn ich mehr ihre kindischen Neigungen und Gewohnheiten als ihre Jahre in Betracht ziehe, nicht anders als glauben, daß die Zeit für eine solche Erörterung überhaupt noch nicht gekommen ist.« Als sich Elsie so zurückgewiesen sah, brachte sie das Gespräch auf einen augenblicklich von den Zeitungen verhandelten Gegenstand, der das Publikum lebhaft interessirte, und stand sehr bald auf, um fortzugehen. Frau Cameron hielt die ihr dargereichte Hand Elsie's fest und sagte in einem leisen, etwas verlegenen, aber sehr dringenden Tone: »Liebe Frau Braefield, lassen Sie mich zu Ihrem gesunden Urtheil und der 141 freundlichen Zuneigung, mit welcher Sie meine Nichte beehrt haben, das Vertrauen hegen, daß Sie es nicht darauf ankommen lassen werden, ihr Gemüth durch eine Andeutung der ehrgeizigen Pläne für ihre Zukunft, über welche Sie mit mir gesprochen haben, zu beunruhigen. Es ist außerordentlich unwahrscheinlich, daß ein junger Mann von Herrn Chillingly's Aussichten ernsthaft daran denken sollte, sich außerhalb seiner Lebenssphäre zu verheirathen und –« »Halt, Frau Cameron. Ich muß Sie unterbrechen. Lily's persönliche Reize und ihr anmuthiges Wesen würden jedem noch so hochstehenden Mann zur Zierde gereichen; und habe ich Sie nicht recht dahin verstanden, daß wenn auch ihr Vormund Herr Melville von bescheidener Herkunft ist, Ihre Nichte Fräulein Mordannt, wie Sie selbst, von Adel ist?« »Ja, allerdings von Adel«, sagte Frau Cameron, indem sie sich mit einer plötzlichen Anwandlung von Stolz aufrichtete. »Aber«, fügte sie in einem ebenso plötzlichen Wechsel mit dem Ausdruck frostiger Demuth hinzu, »was kommt darauf an? Ein Mädchen ohne Vermögen, ohne Verbindungen, das in diesem Landhäuschen aufgewachsen ist, das Mündel eines 142 Künstlers von Profession, der der Sohn eines Schreibers war und dem sie selbst ihre Heimstätte verdankt, gehört nicht derselben Lebenssphäre an wie Herr Chillingly und seine Eltern könnten eine solche Verbindung für ihn nicht billigen. Es würde höchst grausam gegen sie sein, wenn Sie das unschuldige Vergnügen, welches das Mädchen vielleicht an der Unterhaltung eines gescheidten und wohlerzogenen Fremden findet, in das aufgeregte Interesse verwandeln wollten, welches, da Sie mich doch einmal an ihr Alter erinnern, ein so kindisches und schönes Mädchen wie Lily an jemand nehmen möchte, den man ihr als ihren künftigen Ehegatten darstellen würde. Begehen Sie diese Grausamkeit nicht, thun Sie es nicht, ich flehe Sie darum an!« »Verlassen Sie sich auf mich«, rief die warmherzige Elsie mit Thränen in den Augen. »Was Sie da so verständig und so edel aussprechen, ist mir bis jetzt noch gar nicht in den Sinn gekommen. Ich weiß wenig von der Welt, wußte gar nichts von ihr, ehe ich mich verheirathete, und in meiner zärtlichen Liebe für Lily und meiner großen Achtung für Herrn Chillingly glaubte ich beiden nicht besser dienen zu können als – als – aber ich sehe jetzt wohl, er ist sehr jung, sehr eigenthümlich, seine Eltern möchten, nicht 143 gegen Lily selbst, aber gegen die Verhältnisse etwas einzuwenden haben. Und Sie würden sie natürlich nicht gern in eine Familie eintreten sehen, in der sie nicht so herzlich willkommen geheißen würde, wie sie es verdient. Es freut mich, daß ich diese Unterhaltung mit Ihnen gehabt habe. Glücklicherweise habe ich bis jetzt noch nichts Schlimmes angestiftet und will es auch ferner nicht thun. Ich war gekommen, Ihnen eine Excursion nach den Ruinen der römischen Villa zu proponiren und Sie und Herrn Chillingly dazu einzuladen. Aber ich will nicht mehr daran denken, ihn und Lily zusammen zu bringen.« »Ich danke Ihnen. Aber Sie mißverstehen mich noch immer. Ich glaube nicht, daß sich Lily halb so viel aus Herrn Chillingly macht wie aus einem neuen Schmetterling. Bei der Art, wie sie ihn bis jetzt ansieht und wie er, soweit ich es habe beobachten können, sie ansieht, fürchte ich mich durchaus nicht davor, daß sie, wie Sie es nennen, zusammengebracht werden. Meine einzige Besorgniß ist, daß sie durch eine Andeutung veranlaßt werden könnte, ihn anders und in einer Weise, die zu nichts führen könnte, anzusehen.« 144 Elsie ging fort. Die Art, wie Frau Cameron sich über das, was mit zwei jungen Leuten, die man »zusammenbringt«, vorgehen kann, ausgesprochen, hatte sie sehr außer Fassung gebracht und erfüllte sie mit tiefer Verachtung. 145 Sechzehntes Kapitel. An demselben Tage, ungefähr um dieselbe Stunde, wo die eben berichtete Unterhaltung zwischen Frau Cameron und Elsie stattfand, betrat Kenelm auf einer seiner einsamen Nachmittagswanderungen den Kirchhof, auf welchem ihn Lily vor einiger Zeit überrascht hatte. Und da stand sie wieder neben dem Blumenrande, welchen sie um das Grab des Kindes, das sie vergebens gewartet und gepflegt, gezogen hatte. Der Himmel war bewölkt, es war einer jener sonnenlosen Tage, welche dem englischen Sommer so oft etwas Melancholisches verleihen. »Sie kommen zu oft hierher, Fräulein Mordannt« sagte Kenelm auf sie zutretend sehr sanft. Lily blickte zu ihm auf ohne jede Regung der Ueberraschung und ohne daß durch ein plötzliches 146 Aufleuchten irgend eine Veränderung mit ihrem bei dem beweglichen Spiel ihrer Züge selten nachdenklichen Ausdruck vor sich gegangen wäre. »Nicht zu oft. Ich habe versprochen, zu kommen, so oft ich kann, und wie ich Ihnen schon einmal sagte, ich habe noch nie ein gegebenes Versprechen nicht gehalten.« Kenelm erwiderte nichts. Plötzlich verließ Lily den Platz und Kenelm folgte ihr, bis sie vor dem alten Grabstein mit seiner erloschenen Inschrift Halt machte. »Sehen Sie«, sagte sie mit schwachem Lächeln, »ich habe frische Blumen hergestreut. Seit dem Tage, wo wir uns zuerst hier trafen, habe ich viel an dieses Grab gedacht, das so vernachlässigt, so vergessen und« – sie hielt einen Augenblick inne und fuhr dann unvermittelt fort: »Finden Sie nicht oft, daß Sie viel zu – wie soll ich es ausdrücken? – ach! viel zu egoistisch, nachdenklich und brütend und viel zu sehr in Träumereien über sich selbst versunken sind?« »Ja, da haben Sie Recht, wiewohl ich mir, bevor Sie mich so anklagten, dessen nicht bewußt war.« »Und finden Sie nicht, daß man dieser Heimsuchung eines fortwährenden Denkens an sich selbst dadurch entgeht, daß man an die Todten denkt, welche keinen Antheil an unserm Erdenleben haben können? 147 Wenn Sie sagen: Ich werde dies oder jenes morgen thun; wenn Sie träumen: Ich kann dies oder jenes morgen werden, so denken und träumen Sie ganz allein und nur für sich. Aber Sie gehen aus sich heraus und über sich hinaus, wenn Sie an die Todten, welche nichts mit Ihrem Heute oder Morgen zu thun haben können, denken oder von ihnen träumen.« Wir wissen alle, daß es eine der Lebensregeln Kenelm Chillingly's war, sich nie überraschen zu lassen. Aber als die Schmetterlingszähmerin die eben von mir niedergeschriebenen Worte sprach, war er so betroffen, daß er nach einer langen Pause nichts zu erwidern wußte als: »Die Todten sind die Vergangenheit und auf der Vergangenheit beruht Alles, was in Gegenwart oder Zukunft eine Entäußerung unseres natürlichen Selbst bewirken kann. Die Vergangenheit entscheidet über die Gegenwart. Aus der Vergangenheit errathen wir unsere Zukunft. Geschichte, Poesie, Wissenschaft, die Wohlfahrt der Staaten, der Fortschritt der Individuen hängen alle mit Grabsteinen zusammen, deren Inschriften unleserlich geworden sind. Sie haben Recht, die verwitterten Grabsteine durch Blumenspenden zu ehren. Es ist wahr, nur in der Gesellschaft der Todten hört man aus ein Egoist zu sein.« 148 Wenn die mangelhaft erzogene Lily sich in ihren Aeußerungen dem akademisch gebildeten Kenelm an rascher Fassungskraft überlegen gezeigt hatte, so gingen jetzt die Worte Kenelm's über das Verständniß Lily's hinaus. Auch sie antwortete erst nach einer Pause: »Ich glaube, wenn ich Sie besser kennte, würde ich Sie besser verstehen. Ich wollte, Sie kennten Löwe, ich möchte Sie mit ihm reden hören.« Während Sie sich so mit einander unterhielten, hatten sie den Kirchhof verlassen und waren auf den gewöhnlichen Fußweg gelangt. Lily nahm wieder auf. »Ja, ich möchte Sie so gern sich mit Löwe unterhalten hören.« »Sie reden von Ihrem Vormund, Herrn Melville?« »Ja.« »Und warum möchten Sie mich gern mit ihm reden hören?« »Weil es einige Dinge gibt, in denen er, glaube ich, nicht ganz Recht hat, und ich würde Sie bitten ihm meine Zweifel auszusprechen. Das würden Sie thun, nicht wahr?« »Aber warum können Sie diese Zweifel nicht selbst gegen Ihren Vormund aussprechen? Fürchten Sie sich vor ihm?« 149 »Mich fürchten? Nein, wahrlich nicht! Aber – ach, wie viele Leute gehen dieses Weges! Es ist eine langweilige Versammlung heute in der Stadt. Lassen Sie uns mit der Fähre übersetzen; das andere Ufer des Flusses ist viel angenehmer, wir werden da mehr für uns sein.« Bei diesen Worten wandte Lily sich zur Rechten und stieg eine sanfte Böschung hinab, die nach dem Ufer des Flüßchens führte, auf welchem ein alter Mann in seinem Fährboot schläfrig zurückgelehnt saß. Als sie nebeneinander sitzend auf dem ruhigen Wasser unter einem sonnenlosen Himmel langsam dahinfuhren, wollte Kenelm das von Lily begonnene Gespräch fortsetzen, aber sie schüttelte den Kopf mit einem bedeutungsvollen Blick auf den Fährmann. Offenbar war das, was sie zu sagen hatte, zu vertraulicher Natur, um vor einem Dritten ausgesprochen zu werden, wenn auch der alte Fährmann sich schwerlich die Mühe gegeben haben würde, auf irgend welche nicht an ihn gerichtete Worte zu hören. Lily redete ihn bald an: »Brown, die Kuh ist ganz wiederhergestellt.« »Ja, Fräulein, das danke ich Ihnen und Gott segne Sie dafür. Wenn ich denke, daß Sie die alte Hexe so aus dem Felde geschlagen haben!« 150 »Nicht ich habe die Hexe überwunden, Brown, das hat die Fee gethan. Feen, wißt Ihr, sind viel mächtiger als Hexen.« »Das merke ich, Fräulein.« Hier wandte sich Lily an Kenelm. »Brown hat eine prächtige Milchkuh, die plötzlich sehr krank wurde, und er und seine Frau waren beide überzeugt, daß die Kuh behext sei.« »Natürlich war es so, das läßt sich beweisen. Hatte doch Mutter Wright meiner Alten gesagt, es würde sie gereuen, die Milch verkauft zu haben, und hatte sie dafür entsetzlich gescholten; und noch denselben Abend bekam die Kuh Schüttelfrost.« »Sachte, Brown. Mutter Wright hatte nicht gesagt, daß es Eure Frau gereuen würde, die Milch verkauft, sondern Wasser hinein gethan zu haben.« »Und wie konnte sie das wissen, wenn sie nicht eine Hexe war? Wir haben die besten Kunden unter den vornehmen Leuten und nie hat sich einer beklagt.« »Und«, erzählte Lily Kenelm weiter, ohne von der letzten verdrossen hingeworfenen Bemerkung des Fährmanns Notiz zu nehmen, »Brown hatte den schrecklichen Gedanken, Mutter Wright in sein Fährboot zu locken und sie ins Wasser zu werfen, um den der Kuh angethanen Zauber zu brechen. Aber ich zog die 151 Fee zu Rathe und gab ihm einen Feengegenzauber, den er der Kuh um den Hals binden sollte. Und jetzt ist die Kuh, wie Sie hören, wieder ganz wohl. Ihr seht also, Brown, es war nicht nöthig, Mutter Wright ins Wasser zu werfen, weil sie gesagt hatte, Ihr hättet etwas davon in die Milch gethan. Aber«, fügte sie hinzu, als das Boot jetzt am entgegengesetzten Ufer angelangt war, »soll ich Euch sagen, Brown, was die Feen mir diesen Morgen gesagt haben?« »Thun Sie das, Fräulein.« »Es war Folgendes: Wenn Brown's Kuh reine Milch gibt und Brown, wenn er sie verkauft, sie mit Wasser versetzt, so werden wir Feen Brown blau und braun kneifen, und das nächste Mal, wo Brown seinen Rheumatismus hat, darf er sich keine Hoffnung darauf machen, daß die Feen ihm den Rheumatismus wegzaubern.« Mit diesen Worten ließ Lily ein kleines Silberstück in Brown's Hand gleiten und sprang, von Kenelm gefolgt, leichten Fußes ans Ufer. »Sie haben ihn völlig zu dem Glauben nicht nur an die Existenz, sondern auch an die wohlthätige Macht der Feen bekehrt«, sagte Kenelm. »O«, antwortete Lily sehr ernst, »wäre es aber nicht hübsch, wenn es noch Feen gäbe, gute Feen, die 152 man erreichen, mit denen man verkehren, denen man Alles sagen könnte, was uns verwirrt und quält, und von denen man Zaubermittel gegen die Hexerei gewinnen könnte, die wir an uns selbst üben?« »Ich zweifle, ob es gut für uns sein würde, uns auf solche übernatürliche Rathgeber zu verlassen. Unsere Seelen sind so grenzenlos weit, daß, je mehr wir in ihnen forschen, wir nur auf immer neue Welten stoßen würden; und unter diesen Welten ist auch das Feenland.« Bei sich aber dachte er: »Bin ich nicht jetzt im Feenlande?« »Still!« flüsterte Lily. »Sagen Sie eine Weile nichts mehr. Ich überdenke, was Sie eben gesagt haben, und versuche es zu verstehen.« Während sie so schweigend neben einander hergingen, gelangten sie an den kleinen Pavillon, welchen die Tradition dem Andenken Isaak Walton's widmete. Lily trat ein und setzte sich, Kenelm setzte sich neben sie. Es war ein kleiner achteckiger Bau, welcher nach seiner Architektur zu urtheilen in der unruhigen Zeit Karl's I. erbaut sein mochte; die inneren geweißten Wände waren dicht mit Namen, Daten und Inschriften zum Lobe des Angelns oder zum Preise Isaak's und mit Citaten aus seinen Büchern bedeckt. Drüben 153 über dem Flüßchen konnten sie den Rasen von Grasmere mit seinen großen, das Wasser überhängenden Weiden sehen. Die Ruhe des Platzes mit seinen Erinnerungen an das ruhige Leben des Anglers stimmte zu dem ruhigen Tag, der windstillen Luft und dem bewölkten Himmel. »Sie wollten mir Ihre Zweifel in Bezug auf Ihren Vormund mittheilen, ob er in etwas, worüber Sie sich nicht näher aussprachen, Recht habe, Zweifel, die Sie ihm nicht selbst erklären könnten.« Lily fuhr auf wie aus Gedanken, die dem wieder angeregten Gegenstande fremd waren. »Ja, ich kann ihm meine Zweifel nicht sagen, weil sie sich auf mich beziehen, und er ist so gut. Ich verdanke ihm so viel, daß ich den Gedanken nicht ertragen könnte, ihn durch ein Wort zu verletzen, das wie ein Vorwurf oder wie eine Klage erscheinen könnte. Sie erinnern sich« – bei diesen Worten rückte sie näher an ihn heran und sah ihn mit jener unbefangenen Vertraulichkeit in Blick und Bewegung, welche ihn schon oft im ersten Augenblick entzückt und bei näherem Nachdenken betrübt hatte, weil sie zu unbefangen und zu vertraulich für die Gefühle war, welche ihr einzuflößen es ihn so sehnlich verlangte, mit ihren offenen furchtlosen Augen an und legte die Hand auf seinen Arm – »Sie erinnern sich, 154 daß ich Ihnen auf dem Kirchhofe sagte, wie tief ich fühle, daß man beständig zu viel an sich selbst denke; das muß unrecht sein. Wenn ich mit Ihnen nur von mir rede, so weiß ich, daß ich Unrecht thue, aber ich kann nicht anders, ich muß es. Denken Sie deshalb nicht schlecht von mir. Sie sehen, ich bin nicht erzogen wie andere Mädchen. Hatte mein Vormund darin Recht? Vielleicht, wenn er darauf bestanden hätte, daß ich nicht meinem eigenen grillenhaften Willen folge, wenn er mich statt der Gedichte und Feengeschichten, welche er mir gab, die Bücher hätte lesen lassen, zu deren Lectüre Herr und Frau Emlyn mich zwingen wollten, würde ich so viel mehr an diese zu denken gehabt und weniger an mich selbst gedacht haben. Sie sagten, die Todten seien die Vergangenheit; man vergesse sich selbst, wenn man an die Todten denke. Wenn ich mehr von der Vergangenheit gelesen und mehr Veranlassung zum Interesse an den Todten hätte, deren Geschichte die Vergangenheit erzählt, würde ich mich da nicht weniger, so zu sagen, in mein eigenes kleines selbstsüchtiges Herz verschließen? Erst seit kurzem ist mir das eingefallen, erst seit kurzem gräme und schäme ich mich, wenn ich denke, daß ich so wenig von dem weiß, was andere Mädchen, selbst die kleine Clemmy weiß. Und ich wage das nicht zu Löwe zu sagen, 155 wenn ich ihn das nächste Mal sehe, damit er sich nicht Vorwürfe mache, da er doch nur gut gegen mich sein wollte, wenn er zu sagen pflegte: Ich will nicht, daß unsere kleine Fee gelehrt wird, mir genügt es, zu denken, daß sie glücklich ist. Und ich war so glücklich bis – bis vor kurzem!« »Weil Sie bis vor kurzem sich nur als ein Kind fühlten. Aber jetzt, wo Sie das Bedürfniß des Wissens empfinden, ist Ihre Kindheit dahin. Machen Sie sich deshalb keine Sorge. Bei dem Geist, mit welchem die Natur Sie begabt hat, werden Sie sich das Wissen, dessen Sie etwa bedürfen möchten, um sich mit den schrecklichen erwachsenen Menschen zu unterhalten, sehr leicht und schnell aneignen. Sie werden jetzt in einem Monat mehr lernen können, als Sie in einem Jahre gelernt haben würden, als Sie ein Kind waren und das Arbeiten nicht liebten, sondern verwünschten. Ihre Tante ist offenbar gut unterrichtet, und wenn ich mir erlauben dürfte, mit ihr über eine Auswahl von Büchern zu sprechen –« »Nein, thun Sie das nicht, das würde Löwe nicht mögen.« »Ihr Vormund würde nicht mögen, daß Sie die gewöhnliche Erziehung anderer junger Mädchen erhalten?« 156 »Löwe verbot meiner Tante, mich Vieles zu lehren, was ich gern gelernt hätte. Sie wollte es thun, aber auf seinen Wunsch hat sie es aufgegeben. Jetzt quält sie mich nur mit den schrecklichen französischen Verbes, und das ist, wie ich weiß, ein reines Scheinwerk. Natürlich, am Sonntag ist es anders, dann darf ich nur die Bibel und Predigten lesen. Aus Predigten mache ich mir nicht so viel, wie ich wohl sollte; aber in der Bibel könnte ich jeden Tag lesen, Wochentags so gut wie Sonntags; und aus der Bibel habe ich gelernt, daß ich weniger an mich selbst denken müßte.« Kenelm drückte unwillkürlich die Hand, die sie so unschuldig auf seinen Arm gelegt hatte. »Wissen Sie den Unterschied zwischen zwei verschiedenen Arten von Poesie?« fragte Lily ganz unvermittelt. »Ich weiß es nicht. Ich sollte es allerdings wissen, wenn die eine Art gut und die andere Art schlecht ist. Aber ich finde, daß viele Leute, besonders Kritiker von Beruf, die Poesie, welche ich schlecht nenne, der Poesie, welche ich gut finde, vorziehen.« »Der Unterschied von beiden Arten von Poesie«, sagte Lily in einem sehr positiven Ton und mit einer triumphirenden Miene, »ist, vorausgesetzt, daß beide Arten gut sind, folgender. Ich weiß es, weil Löwe es mir 157 erklärt hat. In einer Art von Poesie tritt der Dichter ganz aus sich heraus und versetzt sich völlig in andere, ihm ganz fremde Existenzen. Er könnte ein sehr guter Mensch sein und doch könnte grade seine beste Poesie von sehr schlechten Menschen handeln. Er würde keiner Fliege ein Leid thun, dabei aber vielleicht in der Schilderung von Mördern schwelgen. In der andern Art von Poesie aber versetzt sich der Dichter nicht in andere Existenzen, sondern bringt seine eigenen Freuden und Sorgen, sein eigenstes Herz und Gemüth zum Ausdruck. Wenn er keiner Fliege ein Leid thun möchte, so könnte er sich gewiß noch viel weniger in das grausame Herz eines Mörders einleben. Sehen Sie, Herr Chillingly, das ist der Unterschied zwischen zwei verschiedenen Arten von Poesie.« »Sehr wahr«, sagte Kenelm, den die kritischen Definitionen des Mädchens ergötzten. »Das ist der Unterschied zwischen dramatischer und lyrischer Poesie; aber darf ich fragen, was diese Definition mit dem Gegenstande zu thun hat, mit welchem Sie dieselbe so plötzlich in Verbindung gebracht haben?« »Sehr viel; denn als Löwe meiner Tante die Sache erklärte, sagte er: Ein vollkommenes Weib ist ein Gedicht; aber sie kann nie ein Gedicht der einen Art sein, nie sich in ein Herz einleben, zu welchem sie 158 in keiner Beziehung steht, nie Sympathie mit Verbrechen und Bösem finden; sie muß ein Gedicht der andern Art sein und Poesie aus ihren eigenen Gedanken und Vorstellungen herausspinnen. Und zu mir gewandt fügte er hinzu: Ich wünschte, Lily würde ein solches Gedicht. Zu viele trockene Bücher würden das Gedicht nur verderben. Und jetzt wissen Sie, warum ich so unwissend und andern Mädchen so unähnlich bin und warum Herr und Frau Emlyn so geringschätzig auf mich herabblicken.« »Herrn Emlyn wenigstens thun Sie Unrecht; denn er war es, der zuerst zu mir sagte: Lily Mordannt ist ein Gedicht.« »Wirklich? Dafür will ich ihn lieb haben. Wie das Löwe freuen wird!« »Herr Melville scheint einen außerordentlichen Einfluß auf Ihr Gemüth zu haben«, sagte Kenelm mit einer Regung von Eifersucht. »Natürlich; ich habe weder Vater noch Mutter, Löwe ist mir beides gewesen. Tante hat mir oft gesagt: Du kannst Deinem Vormund nicht dankbar genug sein; ohne ihn hätte ich kein Obdach und kein Brod für Dich. Er hat das nie gesagt, er würde sehr böse auf Tante sein, wenn er wüßte, daß sie das gesagt hat. Wenn er mich nicht Fee nennt, so nennt 159 er mich Prinzessin. Ich möchte ihm um Alles in der Welt nicht mißfallen.« »Er ist, wie ich höre, viel älter als Sie, alt genug, um Ihr Vater zu sein.« »Ich glaube, ja. Aber wenn er noch einmal so alt wäre, könnte ich ihn nicht lieber haben.« Kenelm lächelte, die Eifersucht war verschwunden. Gewiß konnte kein Mädchen, selbst Lily nicht, so von einem Manne reden, in den sie sich, wie lieb sie ihn auch haben mochte, verlieben könnte. Lily stand jetzt langsam und wie ermattet auf und sagte, es sei Zeit, nach Hause zu gehen. »Tante wird nicht wissen, wo ich bleibe, kommen Sie.« Sie gingen nach der Cromwell-Lodge gegenüberliegenden Brücke. Mehrere Minuten lang schwiegen beide. Lily ergriff zuerst wieder das Wort und zwar mit einem jener plötzlichen Sprünge in der Unterhaltung, die bei dem ruhelosen Spiel ihrer geheimen Gedanken so gewöhnlich waren. »Ihr Vater und Ihre Mutter leben noch, Herr Chillingly?« »Dem Himmel sei Dank. Ja.« »Wen von beiden lieben Sie am meisten?« 160 »Das sollten Sie mich eigentlich nicht fragen. Ich liebe meine Mutter sehr, aber mein Vater und ich verstehen einander besser als –« »Ich sehe, es ist so schwer, verstanden zu werden, niemand versteht mich.« »Ich glaube, ich verstehe Sie.« Lily schüttelte ungläubig den Kopf. »Wenigstens so gut, wie ein Mann ein junges Mädchen verstehen kann.« »Was für eine Art von Mädchen ist Fräulein Cecilia Travers?« »Cecilia Travers? Was und wo haben Sie denn von der gehört?« »Der Londoner große Herr, den sie Sir Thomas nennen, nannte ihren Namen damals, als wir in Braefieldville zu Mittag aßen.« »Ich erinnere mich, er erwähnte, daß sie auf dem Hofball gewesen sei.« »Er sagte, sie sei sehr schön.« »Das ist sie.« »Ist sie auch ein Gedicht?« »Nein, den Eindruck hat sie mir nie gemacht.« »Herr Emlyn würde sie, glaube ich, höchst wohlerzogen nennen. Er würde über sie nicht die Nase rümpfen, wie er es über mich thut, mich armes Aschenbrödel!« 161 »O Fräulein Mordannt, Sie brauchen sie nicht zu beneiden. Lassen Sie mich Ihnen noch einmal sagen, daß Sie sich sehr leicht die Erziehung aller der jungen Damen, welche die Hofbälle zieren, würden aneignen können.« »Ja, aber dann würde ich kein Gedicht mehr sein«, sagte Lily mit einem scheuen verschmitzten Seitenblick auf Kenelm. Sie waren jetzt an der Brücke angelangt, und noch ehe Kenelm antworten konnte, fuhr Lily rasch fort: »Sie brauchen nicht weiter mitzugehen, es wäre ein Umweg für Sie.« »Ich kann mich nicht so kurzweg verabschieden lassen, Fräulein Mordannt; ich bestehe darauf, Sie bis an Ihre Gartenpforte geleiten zu dürfen.« Lily hatte nichts einzuwenden und nahm wieder das Wort. »In was für einer Gegend sind Sie zu Hause? Ist sie der hiesigen ähnlich?« »Nicht so lieblich, aber großartiger, mehr Berg und Thal und Wald; aber etwas gibt es auf unserm Gut, das mich ein wenig an diese Landschaft erinnert, ein Flüßchen, das nur etwas breiter ist als Ihr kleiner Bach; aber an einigen Stellen sind die Ufer denen von Cromwell-Lodge so ähnlich, daß ich bisweilen 162 plötzlich zusammenfahre und mich zu Hause glaube. Ich habe eine merkwürdige Liebe zu kleinen Flüssen und allen fließenden Gewässern, und auf meinen Fußwanderungen fühle ich mich immer wie magnetisch von ihnen angezogen.« Lily hörte mit Interesse zu und sagte nach einer kurzen Pause mit einem halbunterdrückten Seufzer. »Ihre Heimat ist viel schöner als irgend ein Punkt hier, selbst als Braefieldville, nicht wahr? Frau Braefield sagt, Ihr Vater sei sehr reich.« »Ich zweifle, daß er reicher ist als Herr Braefield, und wenn sein Haus auch vielleicht größer ist als Braefieldville, so ist es doch nicht so hübsch möblirt und hat keine so prächtigen Treib- und Gewächshäuser. Mein Vater hat einen sehr einfachen Geschmack, wie ich auch. Wenn er nur seine Bibliothek behalten könnte, würde er den Verlust seines Vermögens kaum bemerken. Das hat er entschieden vor mir voraus.« »Sie würden Ihr Vermögen schmerzlich vermissen?« sagte Lily rasch. »Das nicht, aber mein Vater wird der Bücher nie überdrüssig. Und – soll ich es gestehen? ich habe Tage, wo mir die Bücher fast so langweilig sind wie Ihnen.« In diesem Augenblick waren sie an der 163 Gartenpforte angelangt. Lily, die mit der einen Hand die Thürklinke ergriffen hatte, streckte die andere Kenelm entgegen und ihr Lächeln erhellte den dunkeln Himmel wie eine plötzlich hervorbrechende Sonne, als sie ihm einen letzten Blick zuwarf und verschwand. 164 Siebentes Buch. Erstes Kapitel. Erst in der Dämmerung kehrte Kenelm nach Hause zurück, und als er sich eben zu seinem einsamen Mahl niedergesetzt hatte, wurde an der Glocke gezogen und Frau Jones führte Herrn Thomas Bowles zu Kenelm hinein. Obgleich Tom den Tag seiner Ankunft nicht vorher gemeldet hatte, war er darum doch nicht weniger willkommen. »Ich fürchte nur«, sagte Kenelm, »wenn Sie sich noch des Appetits erfreuen, den ich verloren habe, werden Sie heute mit schmaler Kost vorlieb nehmen müssen. Setzen Sie sich zu mir her.« »Besten Dank, aber ich habe vor zwei Stunden in London zu Mittag gegessen und kann wirklich nichts mehr essen.« 165 Kenelm war zu gut erzogen, um seinen Gast zu nöthigen. Nach wenigen Minuten war sein frugales Mahl beendet, der Tisch abgedeckt und die beiden Männer fanden sich allein. »Ihr Zimmer ist natürlich bereit, Tom; das habe ich von dem Tage an, wo ich Sie einlud, gemiethet, aber Sie hätten sich in einer Zeile melden sollen, damit ich unsere Wirthin hätte veranlassen können, ihr Bestes an Herstellung von Speise und Trank zu leisten. Sie rauchen natürlich noch; zünden Sie sich doch Ihre Pfeife an.« »Ich danke Ihnen, Herr Chillingly. Ich rauche jetzt nur selten; aber wenn Sie mir eine Cigarre gestatten wollen« – Und dabei zog Tom eine sehr zierliche Cigarrentasche heraus. »Thun Sie, als ob Sie zu Hause wären. Ich werde Will Somers sagen lassen, daß Sie und ich morgen bei ihm zu Abend essen wollen. Sie verzeihen mir, daß ich Ihr Geheimniß ausgeplaudert habe. Von nun an spielen wir offenes Spiel. Sie treten als Freund an ihren Herd, der beiden von Jahr zu Jahr theurer werden wird. Tom, diese Liebe zu einem Weibe scheint mir etwas höchst Wunderbares. Sie kann einen Mann in die tiefsten Tiefen des Bösen versenken und ihn auf die höchste Höhe des Guten erheben.« 166 Ob es mit dem Guten seine Richtigkeit hat –« sagte Tom traurig und legte seine Cigarre beiseite. »Rauchen Sie doch weiter. Ich möchte Ihnen Gesellschaft leisten. Können Sie mir eine Cigarre geben?« Tom reichte Kenelm seine Cigarrentasche. Kenelm nahm sich eine Cigarre, zündete sie an, that ein paar Züge und nahm dann, als er sah, daß Tom wieder angefangen hatte zu rauchen, die Unterhaltung wieder auf. »Sie wissen nicht, ob es mit dem Guten seine Richtigkeit hat; aber sagen Sie mir aufrichtig, glauben Sie, daß Sie, wenn Sie Jessie Wiles nicht geliebt hätten, ein so guter Mensch geworden wären, wie Sie es jetzt sind?« »Wenn ich jetzt besser bin als früher, so verdanke ich das nicht meiner Liebe zu dem Mädchen.« »Wem denn?« »Ihrem Verlust.« Kenelm fuhr zusammen, wurde sehr blaß, warf seine Cigarre beiseite und ging mit sehr raschen, aber sehr unregelmäßigen Schritten im Zimmer auf und ab. Tom fuhr ruhig fort: »Ich glaube nicht, daß, wenn ich Jessie's Herz gewonnen und sie geheirathet hätte, es mir in den Sinn gekommen wäre, mich zu 167 bessern. Mein Onkel würde meine Heirath mit der Tochter eines Tagelöhners sehr übel genommen und würde mich nicht zu sich nach Luscombe eingeladen haben. Ich würde in Graveleigh geblieben sein und nicht daran gedacht haben, mehr zu werden als der gemeine Schmied und der unwissende zanksüchtige Polterer, der ich war; und wenn es mir nicht gelungen wäre, Jessie's Liebe zu gewinnen, so würde ich mir das Trinken nicht abgewöhnt haben, und ich schaudere bei dem Gedanken, welch eine Bestie wohl aus mir geworden wäre, wenn ich in der Zeitung die Berichte über Betrunkene lese, die ihre Weiber geprügelt haben. Wie können wir wissen, ob ein solcher Mensch sein Weib nicht vor der Heirath zärtlich geliebt hat, während sie sich nichts aus ihm machte? Seine Häuslichkeit war unglücklich und so fing er an zu trinken und seine Frau zu prügeln.« »Ich hatte also Recht«, sagte Kenelm stehen bleibend, »als ich Ihnen sagte, es würde ein unglückliches Loos für Sie sein, mit einem Mädchen verheirathet zu sein, das Sie bis zum Wahnsinn liebten und dessen Herz Sie nie für sich würden erwärmen, dessen Leben Sie nie würden glücklich machen können.« »O wie Recht!« »Lassen wir diesen Gegenstand jetzt auf sich 168 beruhen«, sagte Kenelm, indem er sich wieder hinsetzte, »und reden wir von Ihren Reiseplänen. Wenn Sie auch zufrieden sind, Jessie nicht geheirathet zu haben, wenn Sie sie auch jetzt ohne Groll als das Weib eines Andern begrüßen können, so können Sie doch den Gedanken an sie nicht ganz loswerden und sind ruhelos; Sie fühlen, daß Sie sich dieser Gedanken bei einem entschiedenen Wechsel des Orts und der Erlebnisse leichter würden entschlagen können. Ist dem so?« »Ja, etwas der Art, Herr Chillingly.« Dann raffte sich Kenelm dazu auf, von fremden Ländern zu reden und einen Reiseplan für einige Monate zu entwerfen. Er fand mit Vergnügen, daß Tom schon Französisch genug gelernt habe, um sich wenigstens im gewöhnlichsten Verkehr verständlich zu machen, und mit noch größerem Vergnügen, daß er nicht nur die geeigneten Reisehandbücher über die sehenswerthesten Hauptplätze Europas gelesen habe, sondern daß er sich wirklich für diese Plätze, für ihre historische Bedeutung und ihre Kunstschätze interessire. So unterhielten sie sich bis tief in die Nacht hinein. Als aber Tom sich auf sein Zimmer zurückgezogen hatte, schlich Kenelm leise zum Hause hinaus und ging langsamen Schrittes nach dem alten Pavillon, in welchem er mit Lily gesessen hatte. Es hatte 169 sich ein Wind erhoben, der die Wolken, welche tags zuvor den Himmel bedeckt hatten, auseinanderjagte, sodaß die Sterne wie in fernen Tiefen des darüber liegenden Himmels sichtbar wurden, um, wenn die Wolken im raschen Fluge über sie hinjagten, wieder an einer andern Stelle hervorzuleuchten. Inmitten der mannichfachen Klänge der vom Nachtwinde bewegten Bäume glaubte Kenelm das Seufzen der Weide auf dem gegenüberliegenden Rasen von Grasmere vernehmen zu können. 170 Zweites Kapitel. Früh am nächsten Morgen schickte Kenelm ein Billet an Will Somers, in welchem er sich und Herrn Bowles zum Abendessen bei ihm einlud. Sein Takt sagte ihm, daß es bei einem solchen geselligen Mahle für alle Betheiligten viel zwangloser hergehen werde als bei einem förmlicheren Besuch Tom's zur Tageszeit, wo auch Jessie mit ihren Kunden im Laden beschäftigt sein würde. Aber noch bei Tage führte er Tom durch die Stadt und zeigte ihm den Laden mit seinen hübschen Waaren hinter den Spiegelscheiben, der das Gepräge eines gedeihlichen Geschäftsbetriebes trug; dann nahm er ihn mit sich in die Umgegend und fand hier Gelegenheit, im vertrauten Gespräch mit seinem Gefährten die Bildung, welche sich derselbe angeeignet, und 171 die reichen Anschauungen, welche ihm diese Bildung vermittelt hatte, zu bewundern. Aber bei aller Mannichfaltigkeit ihrer angeregten Unterhaltung entging es Kenelm nicht, daß Tom noch immer präoccupirt und zerstreut war; der Gedanke an die bevorstehende Zusammenkunft mit Jessie lastete auf ihm. Als sie bei Anbruch der Nacht Cromwell-Lodge verließen, um sich zum Abendessen zu Will zu begeben, bemerkte Kenelm, daß Bowles einige Verschönerungen an seiner Toilette vorgenommen hatte, die ihm sehr gut standen. Als sie das Wohnzimmer betraten, stand Will, in dessen Zügen sich eine tiefe Aufregung malte, von seinem Stuhl auf, trat auf Tom zu, ergriff seine Hand. drückte sie und ließ sie, ohne ein Wort zu sagen, wieder los. Jessie begrüßte beide Gäste zugleich mit gesenkten Blicken und einem wohlstudirten Knix. Nur die alte Mutter bewahrte völlig ihren Gleichmuth und zeigte sich dem Augenblicke ganz gewachsen. »Ich freue mich herzlich, Sie zu sehen, Herr Bowles«, sagte sie, »und das thun wir alle drei, wie es sich gehört, und wenn Baby älter wäre, so wären wir unser vier.« »Und wo in aller Welt habt Ihr Baby versteckt?« rief Kenelm. »Ihr hättet ihn wohl für mich auflassen 172 können, wenn Ihr mich erwartetet; das letzte Mal, wo ich hier zu Abend aß, überraschte ich Euch und hatte daher kein Recht, mich über Baby's Mangel an Respekt vor den Freunden seiner Eltern zu beklagen.« Jessie zog die Fenstervorhänge auseinander und deutete auf die dahinterstehende Wiege. Kenelm schlang seinen Arm in den Tom's, führte ihn an die Wiege, ließ ihn dann hier allein, sich das schlafende Kind zu betrachten, und setzte sich an den Tisch zwischen die alte Frau Somers und Will. Will's Blicke waren den Vorhängen zugewandt, welche Jessie aufgehoben in der Hand hielt, während der furchtbare Tom, welcher der Schrecken seiner Gegend gewesen war, lächelnd über die Wiege gebeugt stand, bis er endlich sanft und mit ängstlicher Vorsicht, den kleinen Schläfer nicht zu erwecken, seine große Hand auf das Kopfkissen legte und seine Lippen unzweifelhaft zu einem Segen bewegte; dann setzte er sich an den Tisch und Jessie trug die Wiege hinaus. Will heftete seine scharfen intelligenten Augen auf seinen ehemaligen Nebenbuhler, und als er hier den veränderten Ausdruck des einst so angriffslustig dreinschauenden Gesichtes und das veränderte Costüm gewahrte, in welchem sich ohne eine Spur von bäuerischem Putz ein gewisser Ernst der Lebensstellung kund 173 gab, welcher mit einer Rückkehr zu alten Liebeleien und alten Gewohnheiten in der Sphäre des Dorflebens kaum vereinbar schien, verschwand der letzte Schatten der Eifersucht aus seinem liebenden Gemüth. »Herr Bowles«, rief er mit Wärme, »Sie haben ein gutes, edles Herz und daß Sie uns heute Abend hier so freundschaftlich besucht haben, ist eine Ehre, welche –« »Welche«, unterbrach ihn Kenelm, dem Will in seiner Verlegenheit leid that, »ganz auf Seite von uns unverheiratheten Männern ist. In diesem freien Lande kann ein verheiratheter Mann, der ein männliches Baby hat, Vater des Lord-Kanzlers oder des Erzbischofs von Canterbury werden. Aber nun, liebe Freunde, eine Zusammenkunft, wie wir sie hier heute Abend haben, kommt nicht oft vor, laßt sie uns daher nach dem Abendessen mit einer Bowle Punsch feiern. Wenn wir morgen früh Kopfschmerzen haben, wird keiner von uns darüber brummen.« Die alte Frau Somers lachte herzlich. »Du lieber Himmel! An den Punsch habe ich gar nicht gedacht, ich will gehen und das Nöthige vorbereiten.« Und den Strickstrumpf noch in der Hand haltend, eilte sie zum Zimmer hinaus. Das Abendessen, der Punsch und Kenelm's Kunst, 174 eine heitere Unterhaltung über allgemeine Gegenstände in Gang zu bringen, ließen alle Zurückhaltung, alle Verlegenheit, alle Schüchternheit der Festgenossen bald schwinden. Jessie mischte sich in die Unterhaltung, vielleicht sprach sie, Kenelm ausgenommen, mehr als die andern, ungekünstelt, munter, ohne eine Spur der frühern Koketterie, aber dann und wann mit einem Anflug von feinerer Bildung, welche eine Frucht ihrer höhern Lebensstellung und der Berührung der Ladeninhaberin mit vornehmen Kunden war. Es war ein angenehmer Abend, Kenelm hatte beschlossen, daß er das werden solle. Der Verpflichtungen gegen Bowles geschah auch nicht einmal andeutungsweise Erwähnung, bis Will Tom beim Abschied ins Ohr flüsterte: »Sie wollen keinen Dank und ich kann Ihnen denselben nicht ausdrücken. Aber wenn wir abends unser Gebet sagen, bitten wir Gott, immer den zu segnen, der uns zusammengebracht und uns seitdem so glücklich gemacht hat, ich meine Herrn Chillingly. Heute Abend werden wir noch für einen Andern außer ihm beten, für den auch Baby, wenn er erst älter ist, beten wird.« Bei diesen Worten fing Will's Stimme an ihm zu versagen und er hielt in der nicht unbegründeten 175 Besorgniß inne, der Punsch möchte ihn zu allzu demonstrativen Kundgebungen seiner Gefühle veranlassen, wenn er noch mehr sage. Auf dem Rückwege nach Cromwell-Lodge war Tom sehr still; es schien nicht das Schweigen einer gedrückten Stimmung, sondern mehr das des ruhigen Nachdenkens, und Kenelm versuchte es daher nicht, ihn demselben zu entreißen. Erst als sie bei dem Gartenzaun von Grasmere angelangt waren, stand Tom plötzlich still, sah Kenelm an und sagte: »Ich bin Ihnen sehr dankbar für diesen Abend, sehr.« »Er hat also keine schmerzlichen Gefühle bei Ihnen wieder aufgefrischt?« »Nein; ich fühle mich, nachdem ich sie wiedergesehen habe, viel ruhiger in meinem Gemüth, als ich es je für möglich gehalten habe.« »Ist es möglich!« dachte Kenelm bei sich. »Wie würde ich wohl empfinden, wenn ich je in Lily das Weib eines andern Mannes, die Mutter seines Kindes sehen müßte?« Bei dieser Frage schauderte er zusammen und ein Seufzer entwand sich seiner Brust. Grade in diesem Augenblick fühlte er seinen Arm, den er auf den Gartenzaun gelegt hatte, sanft berührt. 176 Er sah auf und fand, daß es Blanche sei. Das Thier, das sein Instinkt zu Nachtwanderungen trieb, war von seinem Lager im Hause entflohen und, als es eine seinem Ohre einigermaßen vertraute Stimme vernahm, aus dem Gebüsch auf den Gartenzaun geschlichen. Da stand es mit gekrümmtem Rücken und leise schnurrend, wie zum Zeichen einer freundlichen Begrüßung. Kenelm bückte sich und bedeckte das blaue Band, welches Lily's Hand um den Hals des Lieblings befestigt hatte, mit Küssen. Blanche ließ sich die Liebkosungen gefallen, sprang aber dann, durch ein leises, von einem erwachenden Vogel herrührendes Rascheln im Gebüsch aufmerksam gemacht, in das Dickicht der rauschenden Blätter und verschwand. Kenelm ging raschen, ungeduldigen Schrittes weiter und wechselte mit seinem Gefährten kein Wort mehr, bis sie ihre Wohnung erreichten und sich gute Nacht sagten. 177 Drittes Kapitel. Als am nächsten Mittag Kenelm und sein Gast am Flußufer spazieren gingen, machten sie vor Isaak Walton's Pavillon Halt und traten auf Kenelm's Vorschlag hinein, um hier mit größerer Ruhe und Behaglichkeit ihre begonnene Unterhaltung fortsetzen zu können. »Sie haben mir eben gesagt«, sagte Kenelm, »es sei Ihnen jetzt, nachdem Sie Jessie Somers wiedergesehen haben, zu Muthe, als wäre Ihnen eine Last vom Herzen genommen, und Sie fänden sie so verändert, daß Sie sie nicht mehr liebten. Was die Veränderung betrifft, so bekenne ich, daß ich dieselbe als eine Verbesserung in Erscheinung, Manieren und Charakter betrachte; ich würde das natürlich nicht sagen, wenn ich nicht vollkommen von der 178 Aufrichtigkeit Ihrer Versicherung überzeugt wäre, daß Sie von der alten Wunde geheilt seien. Aber es interessirt mich so lebhaft zu erfahren, wie eine einmal gehegte und in dem Herzen eines so innigliebenden und so warm fühlenden Mannes wie Sie wohnende Liebe sich plötzlich infolge einer einzigen Begegnung verlieren oder in das ruhige Gefühl der Freundschaft umwandeln kann, daß ich Sie mir das zu erklären bitte.« »Das zu begreifen wird mir selbst schwer«, antwortete Tom, indem er sich mit der Hand über die Stirn fuhr, »und ich weiß nicht, ob ich es erklären kann.« »Denken Sie nach und versuchen Sie es.« Tom sann einige Augenblicke nach und fing dann an: »Sie wissen, Herr Chillingly, daß ich selbst ein ganz anderer Mensch war, als ich mich in Jessie Wiles verliebte und sagte: Komme, was da wolle, das Mädchen soll mein Weib werden. Kein Anderer soll sie haben.« »Zugegeben. Fahren Sie fort.« »Aber während ich ein anderer Mensch wurde, stellte ich sie mir doch, wenn ich an sie dachte, und ich dachte immer an sie, noch als dieselbe Jessie Wiles vor; und als ich sie nach ihrer 179 Verheirathung in Graveleigh wiedersah, an jenem Tage –« »Wo Sie sie vor der Insolenz des Squire schützten –« »War sie erst kürzlich verheirathet und ich konnte sie mir noch nicht als verheirathet vorstellen. Ich sah ihren Mann nicht und meine innere Umwandlung hatte eben erst begonnen. Nun, obgleich ich in Luscombe die ganze Zeit las und dachte und daran arbeitete, mein altes Selbst zu bessern, verfolgte mich doch noch immer das Bild Jessie Wiles' als des einzigen Mädchens, das ich je geliebt hatte und je würde lieben können; es schien mir unmöglich, jemals eine Andere zu heirathen. Und als ich letzthin sehr gedrängt wurde, eine Andere zu heirathen, wie meine ganze Familie es wünscht, schwebte mir das Bild Jessie's vor und ich sagte zu mir: Ich würde ein gemeiner Mensch sein, wenn ich ein Mädchen heirathete, während ich den Gedanken an ein anderes nicht loswerden kann. Ich mußte Jessie noch einmal sehen, mußte erfahren, ob ihr Gesicht jetzt noch wirklich das Gesicht sei, welches mich verfolgt, wenn ich allein sitze; und ich habe sie gesehen und es ist nicht das Gesicht; es ist vielleicht schöner geworden, aber es ist nicht mehr das Gesicht eines Mädchens, es ist das Gesicht einer Frau und 180 einer Mutter. Und gestern Abend wurde ich mir, während sie mit einer Offenherzigkeit sprach, die ich nie an ihr gekannt hatte, der innern Umwandlung, die seit etwa zwei Jahren im Stillen mit mir vorgegangen war, eigenthümlich bewußt. Als ich nur noch ein elender, unerzogener kleiner Dorfschmied war, bestand keine Ungleichheit zwischen mir und einem Bauermädchen oder vielmehr das Bauermädchen war mir in allen Dingen, bis auf das Vermögen, bedeutend überlegen. Aber gestern Abend fragte ich mich, während ich sie beobachtete und ihren Worten zuhörte: Wenn Jessie jetzt frei wäre, würde ich sie drängen, mein Weib zu werden? und ich antwortete mir: Nein.« Kenelm hörte mit gespanntester Aufmerksamkeit zu und rief kurz, aber leidenschaftlich aus: »Warum?« »Es könnte scheinen, als wenn ich mich wichtig machen wolle, indem ich sage warum. Aber, Herr Chillingly, seit kurzem bin ich in die Gesellschaft von Leuten, Männern sowohl als Frauen, gekommen, die von besserer Herkunft sind als ich; und in meiner Frau würde ich eine Genossin haben wollen, welche diesen Leuten gesellschaftlich gleich stände und mir meine gesellschaftliche Stellung erhalten hälfe; und ich habe nicht die Empfindung, als ob ich eine solche Genossin in Frau Somers finden könnte.« 181 »Ich verstehe Sie jetzt, Tom. Aber Sie zerstören mir einen albernen romantischen Traum. Ich hatte mir eingebildet, das kleine Mädchen mit dem Blumenball würde Ihnen, wenn sie erwachsen wäre, den Verlust Jessie's ersetzen können; und ich kenne das menschliche Herz so wenig, ich dachte, es würde aller der Jahre, die das kleine Mädchen braucht, um ein Weib zu werden, bedürfen, bevor an einen Ersatz des Verlustes der alten Liebe zu denken sei. Ich sehe jetzt, daß das arme kleine Kind mit dem Blumenball keine Chance hat.« »Chance? Wie so, Herr Chillingly?« rief Tom offenbar sehr gereizt. »Susy ist ein liebes kleines Mädchen, aber sie ist doch eigentlich nur ein Armenkind. Als ich Sie zuletzt in London besuchte, Herr Chillingly, berührten Sie schon diesen Gegenstand, als ob ich noch der Sohn des Dorfschmieds wäre, der die Tochter eines Dorftagelöhners heirathen könnte. Aber«, fügte Tom hinzu, indem er seinen gereizten Ton zu dämpfen suchte, »selbst wenn Susy von guter Herkunft wäre, so glaube ich doch, daß ein Mann einen großen Mißgriff begehen würde, wenn er glaubte, er könne ein kleines Mädchen dazu erziehen, ihn als Vater zu betrachten, und dann, wenn sie erwachsen ist; sich ihr als Liebhaber präsentiren.« 182 »So, glauben Sie das?« rief Kenelm eifrig und indem er seine vor Freude funkelnden Augen nach dem Rasen von Grasmere hinüberschweifen ließ. »Also das glauben Sie; sehr verständig! Nun, und Sie sind also gedrängt worden zu heirathen und haben sich gesträubt, bis Sie Frau Somers wiedergesehen hatten. Jetzt werden Sie zu einem solchen Schritt besser aufgelegt sein; erzählen Sie mir etwas Näheres darüber.« »Ich erzählte Ihnen gestern Abend, daß einer der ersten Kapitalisten in Luscombe, der erste Kornhändler, mir proponirt habe, sein Associé zu werden. Und dieser Mann hat eine einzige Tochter, ein sehr liebenswürdiges Mädchen, das eine ausgezeichnete Erziehung genossen hat, die feinsten Manieren besitzt und sich sehr angenehm zu unterhalten weiß. Wenn ich dieses Mädchen heirathete, würde ich bald der erste Mann in Luscombe sein, und Luscombe schickt, wie Sie ohne Zweifel wissen, zwei Mitglieder ins Parlament; wer weiß, ob nicht der Schmiedssohn noch einmal –« Tom hielt plötzlich inne; er schämte sich des ehrgeizigen Gedankens, welcher, während er sprach, das frische Roth seines Gesichts erhöht und aus seinen ehrlichen Augen geleuchtet hatte. »Ach!« sagte Kenelm fast traurig, »muß es denn 183 so sein; muß jeder Mann in seinem Leben verschiedene Rollen spielen? Ehrgeiz folgt auf Liebe, der raisonnirende Kopf tritt an die Stelle des leidenschaftlichen Herzens. Es ist wahr, Sie haben sich verändert. Mein Tom Bowles hat zu existiren aufgehört.« »Nicht aufgehört in seiner unzerstörbaren Dankbarkeit gegen Sie, Herr Chillingly«, sagte Tom in großer Aufregung. »Ihr Tom Bowles würde alle seine Träume von Reichthum und höherer Lebensstellung bereitwillig aufgeben und durch Feuer und Wasser gehen, um dem Freunde zu dienen, der ihn zuerst ein neuer Tom Bowles werden hieß! Verachten Sie in mir nicht Ihr eigenes Werk. An jenem schrecklichen Tage, wo mir der Wahnsinn auf der Stirn stand und das Verbrechen in meinem Herzen lauerte, sagten Sie zu mir: Ich will Ihnen der treueste Freund sein, den ein Mann je an dem andern gefunden hat. Und das sind Sie mir gewesen. Sie hießen mich lesen, Sie hießen mich denken, Sie lehrten mich, daß der Körper der Diener des Geistes sein müsse.« »Still, still, die Zeiten haben sich geändert. Jetzt können Sie mich lehren. Lehren Sie mich, wie ersetzt der Ehrgeiz die Liebe? Wie wird der Wunsch, eine höhere Lebensstellung zu erlangen, die allbeherrschende Leidenschaft und, wenn er erfüllt wird, der für Alles 184 entschädigende Trost unsers Lebens? Wir können nie, und wenn wir den Thron der Cäsaren bestiegen, so glücklich werden, wie wir uns träumen, daß wir es geworden wären, wenn der Himmel uns nur gestattet hätte, in dem bescheidensten Dorfe an der Seite des Weibes, das wir lieben, zu leben.« Tom war außerordentlich betroffen von einem solchen Ausbruch unbezähmbarer Leidenschaft von dem Manne, der ihm gesagt hatte, daß man nur einmal im Leben einen Freund finde, Liebchen aber so reichlich vorhanden seien wie Brombeeren. Er fuhr sich wieder mit der Hand über die Stirn und erwiderte zögernd: »Ich kann mir nicht anmaßen zu sagen, wie es mit Andern steht. Aber nach mir zu urtheilen liegt die Sache so: Ein junger Mann, der außer seinem Geschäft nichts hat, was ihn interessirt oder aufregt, findet Befriedigung, Interesse und Aufregung, wenn er sich verliebt. Und dann denkt er, es gebe in guten wie in bösen Tagen nichts der Liebe Vergleichbares und gibt für den Ehrgeiz nicht das! Wieder und wieder forderte mein verstorbener Onkel mich auf, zu ihm nach Luscombe zu kommen, und stellte mir alle die weltlichen Vortheile vor, die damit für mich verbunden sein würden; aber ich konnte mich nicht entschließen, das 185 Dorf zu verlassen, in welchem Jessie lebte, und überdies fühlte ich mich nicht dazu gemacht mehr zu werden, als ich war. Aber nachdem ich einige Zeit in Luscombe gewesen war und mich allmälig an eine andere Art von Leuten und eine andere Art von Unterhaltung gewöhnt hatte, fing ich an mich für dieselben Gegenstände wie die Menschen, unter denen ich lebte, zu interessiren. Und als ich, theils infolge meines Umgangs mit besser erzogenen Leuten, theils infolge meiner Bemühungen, mich selbst zu erziehen, fühlte, daß ich mich jetzt leichter über die Lebensstellung meines Onkels würde erheben können, als ich mich zwei Jahre früher über die Stellung eines Dorfschmieds hätte erheben können, da fing der Ehrgeiz, eine höhere Stufe zu ersteigen, sich in mir zu regen an und wurde von Tag zu Tag stärker. Ich glaube nicht, Herr Chillingly, daß Sie den Geist eines Menschen erwecken können, ohne zugleich seinen Wetteifer zu erwecken. Und Wetteifer ist am Ende Ehrgeiz.« »Dann habe ich vermuthlich keine Spur von Wetteifer in mir, denn ich habe keinen Ehrgeiz.« »Das kann ich nicht glauben, Herr Chillingly; andere Gedanken mögen Ihren Ehrgeiz verdecken und eine Zeit lang niederhalten. Aber früher oder 186 später wird dieser Ehrgeiz durchbrechen, wie er es bei mir gethan hat. Im Leben weiter zu kommen, sich von denen, die uns kennen, je älter wir werden, desto mehr geachtet zu sehen, das nenne ich einen männlichen Wunsch. Ich bin überzeugt, daß dieser Wunsch sich bei einem Engländer so natürlich einstellt wie – wie –« »Wie es der Wunsch thut, einen andern Engländer, der ihm im Wege ist, niederzuhauen. Ich sehe jetzt, daß Sie immer ein sehr ehrgeiziger Mann waren, Tom, der Ehrgeiz hatte nur eine andere Richtung genommen. Cäsar wäre vielleicht Nur der erste Ringer auf dem Plan geworden! Und jetzt geben Sie wohl den Gedanken ans Reisen auf und kehren von allem Kummer über Jessie's Verlust geheilt nach Luscombe zurück. Sie werden die junge Dame, von der Sie mir sagen, heirathen und so stufenweise zum Alderman, zum Mayor und endlich zum Parlamentsmitglied von Luscombe aufsteigen.« »Das kann nach und nach Alles werden«, erwiderte Tom ohne Empfindlichkeit über Kenelm's ironischen Ton: »aber ich beabsichtige doch noch zu reisen; ein so zugebrachtes Jahr muß mich für jede Stellung, die ich ambitionire, fähiger machen. Ich werde nach 187 Luscombe zurückkehren, um meine Angelegenheiten zu ordnen, mich mit Herrn Leland, dem Kornhändler, über die Bedingungen meines Eintritts in sein Geschäft zur Zeit meiner Rückkehr verständigen und –« »Die junge Dame muß bis dahin warten.« »Emily –« »Heißt sie so? Das ist ein viel eleganterer Name als Jessie.« »Emily«, fuhr Tom mit einer Gelassenheit fort, die in Betracht der gesteigerten Bitterkeit, mit welcher Kenelm seine gewohnten Süßigkeiten des Indifferentismus vertauscht hatte, wahrhaft engelgleich zu nennen war, »Emily weiß, daß, wenn sie meine Frau wäre, ich stolz auf sie sein würde, und sie wird mich nur um so höher achten, wenn sie fühlt, wie entschlossen ich bin, dafür zu sorgen, daß sie sich nie meiner zu schämen habe.« »Verzeihen Sie mir, Tom«, sagte Kenelm besänftigt und legte dabei mit brüderlicher Zärtlichkeit seine Hand auf die Schulter seines Freundes. »Die Natur hat Sie zu einem rechten Gentleman geschaffen, und Sie könnten nicht edler denken und reden, wenn Sie als das Haupt aller Howards auf die Welt gekommen wären.« 188 Viertes Kapitel. Am nächsten Morgen ging Tom fort. Jessie noch einmal zu sehen, lehnte er mit der kurzen Erklärung ab: »Ich möchte den Eindruck, den sie neulich Abend auf mich gemacht hat, nicht der Gefahr aussetzen, wieder abgeschwächt zu werden.« Kenelm war nicht in der Stimmung, die Abreise seines Freundes zu bedauern. Ungeachtet aller Verbesserungen in Tom's Manieren und Bildung, welche ihn an die Bildungsstufe des feinen und unterrichteten Erben der Chillinglys so viel näher heranreichen ließen, würde Kenelm sich doch sympathischer zu dem alten trostlosen Wandergefährten, der mit ihm auf dem Grase gelegen und auf die Worte oder Verse des Troubadours gehorcht hatte, hingezogen gefühlt haben, als zu dem praktischen, aufstrebenden Bürger von Luscombe. 189 Für den jugendlichen Liebhaber Lily Mordannt's lag ein Zwiespalt, ein Mißklang in dem ihm aufgedrängten Bewußtsein, daß das menschliche Herz solche wohlüberlegte, wohlgerechtfertigte Wechsel der Treue und Huld zuläßt: heute eine Jessie und morgen eine Emily – La reine est morte; vive la reine! Etwa eine Stunde nachdem Tom fort war, ging Kenelm fast mechanisch des Weges nach Braefieldville. Er hatte instinctiv Elsie's geheime Wünsche in Bezug auf ihn und Lily errathen, wie geschickt sie dieselben auch verborgen zu haben glaubte. In Braefieldville würde er auf dem Schauplatz, auf welchem er Lily zuerst gesehen hatte, von Lily reden hören. Er fand Frau Braefield allein in ihrem Salon, vor einem mit Blumen bedeckten Tisch, die sie für die Vasen, für welche sie bestimmt waren, sortirte und mischte. Es frappirte ihn, daß sie reservirter als gewöhnlich und etwas verlegen war, und als er sich nach einigen einleitenden gewöhnlichen Unterhaltungsphrasen kühn in medias res stürzte und Frau Braefield fragte, ob sie Frau Cameron kürzlich gesehen habe, erwiderte sie kurz: »Ja, ich habe sie neulich besucht«, und ging sofort auf einen andern Gesprächsgegenstand, auf den bedrohlichen Zustand des Continents über. 190 Kenelm war entschlossen, sich nicht so kurz abspeisen zu lassen, und ging sofort wieder zur Attake über. »Neulich proponirten Sie eine Excursion nach der römischen Villa und sagten, Sie würden Frau Cameron auffordern, von der Partie zu sein. Haben Sie das vielleicht vergessen?« »Nein, aber Frau Cameron lehnt es ab. Wir können statt dessen Emlyns auffordern. Er wird ein vortrefflicher Cicerone sein.« »Vortrefflich! Warum lehnte denn Frau Cameron ab?« Elsie zögerte, blickte ihn aber dann mit ihren klaren braunen Augen an und war plötzlich entschlossen, die Sache zur Entscheidung zu bringen. »Ich kann nicht sagen, warum Frau Cameron ablehnte, aber jedenfalls war es sehr weise und ehrenwerth von ihr gehandelt. Hören Sie mich an, Herr Chillingly. Sie wissen, wie hoch ich Sie schätze und wie herzlich ich Ihnen zugethan bin, und wenn ich nach dem urtheile, was ich mehrere Wochen hindurch, vielleicht länger, empfand, als wir uns in Tor-Hadham getrennt hatten –« sie zögerte abermals, fuhr aber alsbald halblachend und leicht erröthend fort: »Wenn ich Lily's Tante oder ältere Schwester 191 wäre, so würde ich grade so handeln wie Frau Cameron; ich würde es ablehnen, Lily viel mit einem jungen Manne zusammenkommen zu lassen, der an Vermögen und Stellung viel zu hoch über ihr steht, als daß –« »Halt!« rief Kenelm in einem hochmüthigen Ton, »ich kann nicht zugeben, daß das Vermögen und die Stellung irgend eines Mannes ihn zu der Anmaßung berechtigen könnten, sich für höher stehend als Fräulein Mordannt zu halten.« »Gewiß nicht an natürlicher Grazie und Feinheit des Wesens. Aber in der Welt gelten andere Rücksichten, welche bei Sir Peter und Lady Chillingly vielleicht schwer ins Gewicht fallen würden.« »Vor Ihrem letzten Besuch bei Frau Cameron hatten Sie daran nicht gedacht.« »Aufrichtig gesagt, nein. Ueberzeugt, daß Fräulein Mordannt von adliger Geburt sei, hatte ich an andere Ungleichheiten nicht hinreichend gedacht.« »Sie wissen also, daß sie von adliger Geburt ist?« »Ich weiß es nur wie alle Leute hier, durch die Versicherung von Frau Cameron, von der niemand bezweifeln wird, daß sie eine Lady ist. Aber es gibt verschiedene Grade von Ladies und Gentlemen, die im 192 gewöhnlichen gesellschaftlichen Verkehr wenig beachtet werden, sich aber, wenn es sich um eheliche Verbindungen handelt, sehr bemerkbar machen, und Frau Cameron selbst erklärt grade heraus, daß ihre Nichte nicht der Lebenssphäre angehöre, aus welcher Sir Peter und Lady Chillingly sehr natürlich wünschen würden ihre Schwiegertochter gewählt zu sehen. Verzeihen Sie mir«, schloß sie, indem sie ihm die Hand entgegenstreckte, »wenn ich Ihnen wehe gethan oder Sie verletzt habe. Ich spreche als Ihre und Lily's wahre Freundin. Ich rathe Ihnen dringend, wenn Fräulein Mordannt die Ursache Ihres Aufenthaltes hier sein sollte, diesen Ort zu verlassen, so lange es noch für Ihren und Lily's Seelenfrieden Zeit ist.« »Ihr Seelenfrieden«, murmelte Kenelm, der von dem, was Frau Braefield sagte, sonst nichts gehört hatte, leise vor sich hin, »ihr Seelenfrieden. Glauben Sie wirklich, daß sie sich etwas aus mir macht, sich etwas aus mir machen könnte, wenn ich hier bliebe?« »Ich wollte, ich könnte Ihnen eine bestimmte Antwort geben. Ich bin nicht in die Geheimnisse ihres Herzens eingeweiht. Ich kann nur vermuthen, daß es gefährlich für den Seelenfrieden jedes jungen Mädchens werden könnte, einen Mann wie Sie zu viel zu sehen, vielleicht zu errathen, daß er sie liebe, und nicht zu 193 wissen, daß er sie nicht mit Zustimmung seiner Familie zur Frau begehren könne.« Kenelm senkte den Kopf, bedeckte sein Gesicht mit seiner rechten Hand und schwieg einige Augenblicke. Dann stand er mit bleichen Wangen auf und sagte: »Sie haben Recht, Fräulein Mordannt's Seelenfrieden muß mir das Wichtigste sein. Aber entschuldigen Sie mich, wenn ich Sie so plötzlich verlasse. Sie haben mir viel zu denken gegeben und ich kann es nur gehörig überdenken, wenn ich allein bin.« 195 Fünftes Kapitel. Kenelm Chillingly an Sir Peter Chillingly. »Lieber, bester Vater, diese Zeilen sollen keine Antwort auf Deine Briefe sein. Ich weiß nicht, ob sie überhaupt den Namen eines Briefes verdienen. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich sie in Deine Hände gelangen lassen will. Der Unterhaltung mit mir selbst überdrüssig, setze ich mich hin, um mich mit Dir zu unterhalten. Oft habe ich mir vorgeworfen, nicht jede Gelegenheit ergriffen zu haben, Dich bestimmt wissen zu lassen, wie warm ich Dich liebe, wie tief ich Dich verehre, o Du mein Freund, mein Vater! Aber wir Chillinglys sind kein demonstratives Geschlecht. Ich erinnere mich nicht, daß Du mir je in Worten zu erkennen gegeben hättest, daß Du Deinen Sohn unendlich viel mehr liebst, als er es verdient. Und doch 196 weiß ich, daß Du lieber alle Deine geliebten alten Bücher unter den Hammer bringen, als zugeben würdest, daß ich vergebens nach einer noch ungenossenen, wenn nur unschuldigen Freude schmachte. Und weißt Du nicht ebenso gut, daß ich lieber auf meine ganze Erbschaft verzichten und Tagelöhner werden würde, als zugeben, daß Du Dich von Deinen geliebten alten Büchern trenntest? Daß wir so beide von des andern Liebe überzeugt sind, betrachte ich bei Allem. was mein Herz in das Deinige auszuschütten verlangt, als ausgemacht. Aber wenn ich richtig voraussehe, so wird ein Tag kommen, wo einer von uns beiden dem andern ein Opfer bringen muß. Wenn dem so sein muß, so flehe ich Dich an, mir das Opfer zu bringen. Wie kommt das? Wie kommt es, daß ich so ungroßmüthig, so selbstsüchtig, so undankbar alles dessen uneingedenk bin, was ich Dir schon schuldig bin und was ich vielleicht niemals werde zurückzahlen können? Ich kann nur antworten: Daran ist das Schicksal, die Natur, die Liebe schuld. Hier muß ich abbrechen. Es ist Mitternacht, der Mond blickt in das Fenster, an dem ich sitze, und auf dem Wasser des Flüßchens, das unter demselben hinfließt, zieht sich eine lange schmale Silberspur hin, in 197 welcher jede Welle im Mondlichte zittert. Die übrigen Wellen zu beiden Seiten der mondbeleuchteten Spur, welche gleichermaßen ihrem Grabe in der unsichtbaren Tiefe entgegeneilen, erscheinen regungslos und dunkel. Ich kann nicht mehr schreiben.« Zwei Tage später. »Sie behaupten, sie stehe, was Reichthum und Lebensstellung betrifft, unter uns. Sind wir, lieber Vater, wir, zwei Gentlemen von guter Herkunft, auf Geld erpicht oder Lakaien der Großen? Als ich auf der Universität war, gab es dort keine verhaßteren Menschen als die Parasiten und Kriecher, die Leute, die sich in der Wahl ihrer Freunde durch den Nutzen bestimmen ließen, den das Geld oder der Rang ihnen leisten konnte. Wenn das schon da ein Zeichen niedriger Gesinnung ist, wo die Wahl von so geringer Wichtigkeit für die Laufbahn eines tüchtigen Menschen ist, wie viel niedriger erscheinen die Parasiten und Kriecher da, wo es sich um eine Entscheidung darüber handelt, welches Weib man lieben, welches Weib man sich zur Verschönererin des Lebens ausersehen soll. Würde sie diese Verschönererin, diese Veredlerin meines Lebens werden können? Ich glaube es sicher. Schon hat das Leben einen Reiz für mich gewonnen, von dem ich früher keine Ahnung hatte; schon fange ich an, wenn 198 auch noch schwach und unbestimmt, das Interesse an den Zielen und Bestrebungen meiner Mitmenschen zu nehmen, welches am stärksten bei denjenigen ist, die die Nachwelt zu ihren Veredlern rechnet. Zwar hätte ich selbst in diesem ruhigen Dorfe Belege genug für die Wahrheit finden können, daß der Mensch nicht dazu da ist, über das Leben nachzudenken, sondern dazu, thätig in dasselbe einzugreifen; aber ich zweifle, ob ich aus diesen Belegen Nutzen gezogen haben, ob ich nicht diese kleine Weltbühne, wie ich es bei der großen gethan hatte, mit den gleichgültigen Augen eines Zuschauers betrachtet haben würde, wäre nicht mein ganzes Wesen plötzlich von kühler Philosophie zu leidenschaftlichem Erfassen der Dinge übergegangen, sodaß es, auf einmal menschlich warm geworden, für alles Menschliche sympathisch erglühte. Ach! Sollte wirklich ein Zweifel darüber bestehen, welche Stellung ihr als meiner Frau zukommt, ihr, meiner Fürstin, meiner Frau? Wenn dem so wäre, wie zufrieden solltest Du, lieber Vater, mit der Carrière Deines Sohnes sein! Wie beharrlich würde er streben – und wann hat Ausdauer nicht zum Ziele geführt? – alle seine Mängel an Intelligenz, Genialität und Wissen durch die auf einen bestimmten Zweck concentrirte Energie zu ersetzen, welche mehr als Intelligenz, Genialität und 199 Wissen, wenn sie nicht mit einer gleich concentrirten Energie verbunden sind, sicher zu dem führt, was die Welt Ehren nennt. Ja, wenn sie, zu der ich, was ich auch Großes und Gutes thun möchte, sagen könnte: Es ist Dein Werk, nun die Trägerin meines Namens wird, dann verspreche ich Dir, daß Du den Tag, wo Du eine Tochter in Deine Arme geschlossen hast, segnen sollst. Du fühlst die Nähe der Geliebten bei Allem, was Du als über Dir erhaben empfindest, das sind die Worte eines jener deutschen Magier, welche in unserm Busen nach den Samenkörnern schlummernder Wahrheiten graben und Blumen aus ihnen hervorzaubern, noch ehe wir selbst von dem Vorhandensein dieses Samens etwas wußten. Jeder Gedanke, der sich für mich mit meiner Geliebten verknüpft, scheint mir beflügelt geboren. Ich habe sie eben gesehen, eben Abschied von ihr genommen. Seit man mich freundlich und weise darauf aufmerksam machte, daß ich kein Recht habe, ihren Seelenfrieden zu gefährden, solange ich mir nicht die Erlaubniß verschafft habe, um sie zu werben und sie zu gewinnen, gelobte ich mir, ihre Gegenwart zu meiden, bis ich Dir, wie ich es jetzt thue, mein Herz ausgeschüttet und Deine Erlaubniß erhalten haben würde; 200 denn wenn ich auch das Gelübde, das meine Ehre bindet, nicht gethan hätte, so müßte doch Deine Zustimmung und Dein Segen meine Wahl begleiten. Ich könnte es nicht wagen, ein so unschuldiges und schönes Mädchen zu bitten, einem undankbaren, ungehorsamen Sohne ihre Hand zu reichen. Aber heute Abend traf ich sie unerwarteter Weise bei dem Pfarrer, einem vortrefflichen Mann, von dem ich viel gelernt habe, dessen Lehren, dessen Beispiel und dessen Freude an seiner Häuslichkeit und seinem zugleich thätigen und heitern Leben ganz im Einklange mit dem Inhalte meiner Träume stehen. Ich will Dir jetzt den Namen meiner Geliebten sagen. Halte ihn fürs erste ganz geheim. Aber o, wie ich mich dem Tage entgegensehne, wo ich Dich sie bei diesem Namen nennen hören und ihr den einzigen Kuß auf die Stirn drücken sehen werde, der mich nicht eifersüchtig machen wird! Es ist Sonntag und nach dem Abendgottesdienst pflegt mein Freund seine Kinder um sich zu versammeln und ohne förmliche Predigt oder Rede sich mit ihnen über solche Gegenstände zu unterhalten, welche der Heiligkeit des Tages angemessen sind; oft nimmt er bei diesen Gegenständen keinen directen Bezug auf Religion, öfter geht er scherzend von einem kleinen Vorfall oder dem Inhalt eines kleinen Geschichtenbuches, 201 welches die Kinder im Laufe der letzten Wochen ergötzt hatte, aus, um allmälig zu einer freundlichen, sittlichen Ermahnung oder zur Illustration einer Lehre durch ein göttliches Beispiel überzugehen. Es ist sein Grundsatz, daß, während Vieles, was Kinder lernen müssen, nur bei gewissenhafter Arbeit und als positive Aufgabe von ihnen erlernt werden kann, die Religion sich in ihren Gemüthern nicht mit dem Gedanken an Arbeit und Aufgaben verknüpfen, sondern unmerklich in ihr Denken und Fühlen übergehen, sich an Erinnerungen und Bilder des Friedens und der Liebe, an die zärtliche Nachsicht der frühesten Lehrer, an die unschuldige Heiterkeit der ersten Jugendzeit, an den Trost, den sie bei späterem Kummer, die Unterstützung, die sie bei späteren Prüfungen erfahren haben, knüpfen und sich niemals von ihrer Zwillingsschwester, der Hoffnung, trennen sollte. Ich trat heute Abend grade in dem Augenblick in das Zimmer des Pfarrers, wo sich die kleine Schaar um ihn versammelt hatte. An der Seite seiner Frau saß eine Dame, für die ich mich lebhaft interessire. Ihr Gesicht trägt jenen Ausdruck der Ruhe, welcher eine durch schweren Kummer bewirkte tiefe Ermattung bekundet. Sie ist die Tante meiner Geliebten. Lily hatte sich auf einer niedrigen Ottomane zu Füßen des 202 guten Hirten mit einem seiner kleinen Mädchen, um dessen Schultern sie ihren Arm geschlungen hatte, gelagert. Sie zieht die Gesellschaft von Kindern der von Mädchen ihres eigenen Alters bei weitem vor. Die Frau des Pfarrers, eine sehr gescheidte Dame, stellte sie einmal in meiner Gegenwart wegen dieser Vorliebe zur Rede und fragte sie, warum sie sich beharrlich nur mit Kindern umgebe, von denen sie doch nichts lernen könne. O wenn Du den unschuldigen, engelgleichen Ausdruck ihres Gesichtes hättest sehen können, mit welchem sie anspruchslos antwortete: Ich denke mir, weil ich mich mit ihnen sicherer, ich meine Gott näher fühle. Herr Emlyn, so heißt der Pfarrer, entnahm das Thema seiner Homilie diesen Abend einem hübschen Feenmärchen, welches Lily tags zuvor seinen Kindern erzählt hatte und welches er sie zu wiederholen veranlaßte. Hier in kurzen Worten der Inhalt des Märchens: Es waren einmal ein König und eine Königin, die waren sehr unglücklich, weil sie keinen Thronerben hatten, und sie beteten zu Gott, er möge ihnen doch einen schenken. Und siehe da, an einem schönen Sommermorgen sah die Königin, als sie aufwachte, neben 203 ihrem Bett eine Wiege stehen, in welcher ein schönes Knäblein schlafend lag. Großer Jubel herrschte im ganzen Königreich. Aber als das Kind heranwuchs, wurde es sehr launenhaft und reizbar, verlor seine Schönheit, wollte seine Lectionen nicht lernen und wurde ein höchst unartiger Knabe. Darüber grämten die Eltern sich sehr; der so heißersehnte Erbe schien eine große Plage für sie selbst und ihre Unterthanen werden zu sollen. Endlich wurden ihre Sorgen noch dadurch vermehrt, daß sich eines Tages auf den Schultern des Prinzen zwei kleine Auswüchse zeigten. Alle Aerzte wurden über die Ursache und die Mittel zur Abhülfe dieser Deformität consultirt. Natürlich versuchten sie es mit Tragbändern und eisernen Maschinen, welche dem armen kleinen Prinzen große Schmerzen verursachten und ihn nur noch unliebenswürdiger machten. Aber die Auswüchse wurden immer größer, und der Prinz wurde kränklich und siechte hin. Endlich machte ein geschickter Chirurg, als das einzige Mittel, dem Prinzen vielleicht das Leben zu retten, den Vorschlag, ihm die Auswüchse auszuschneiden, und am nächsten Tage sollte diese Operation vorgenommen werden. Aber in der Nacht sah die Königin wirklich oder im Traum eine schöne Gestalt an ihrem Bette stehen. Und diese Gestalt sprach zu ihr in 204 vorwurfsvollem Tone: ›Undankbares Weib! Wie dankst Du mir für das köstliche Geschenk, das meine Gunst Dir gewährt hat? Sieh in mir die Königin der Feen. Als Erben Deines Königreichs vertraute ich Dir ein Kind aus dem Feenlande an, auf daß es ein Segen für Dich und Dein Volk werde, und Du willst ihm durch das Messer eines Wundarztes einen qualvollen Tod bereiten?‹ Und die Königin antwortete: ›Fürwahr ein kostbares Geschenk! Ein elender, kränklicher, vom Fieber geplagter Wechselbalg!‹ ›Bist Du so unverständig‹, fragte die schöne Fee, ›nicht zu begreifen, daß die frühesten Instinkte des Feenkindes es zu Aeußerungen der Unzufriedenheit über die Verbannung aus seinem Heimatlande treiben mußten? Und in dieser Unzufriedenheit würde es hingesiecht oder verbittert und boshaft aufgewachsen sein, noch immer ein Elfe an Macht, aber ein bösartiger Elfe, hätte nicht die Kraft seiner eingeborenen Natur hingereicht, das Wachsthum seiner Flügel zu entwickeln. Das, was Deine Blindheit als eine Deformität des menschlich Geborenen verurtheilt, ist für den von einer Fee Geborenen die Vollendung seiner Schönheit. Wehe Dir, wenn Du die Flügel des Feenkindes nicht wachsen lässest!‹ Und am nächsten Morgen schickte die Königin den 205 Chirurgen, als er mit seinem schrecklichen Messer erschien, fort und ließ dem Prinzen die Tragbänder und die eisernen Maschinen abnehmen, obgleich alle Doctoren voraussagten, daß das Kind sterben werde. Und von diesem Augenblick fing der königliche Erbe an sich zu erholen und blühend und gesund zu werden. Und als endlich aus diesen entstellenden Auswüchsen das Gefieder schneeweißer Flügel hervorsproßte, machte die mürrische Verdrossenheit des Prinzen einer heitern, freundlichen Laune Platz. Anstatt seine Lehrer zu kratzen, wurde er der aufgeweckteste und gelehrigste Schüler und wuchs heran zur Freude seiner Eltern und zum Stolz ihres Volkes. Und das Volk sprach: In ihm werden wir einen König bekommen, wie wir ihn noch nie gehabt haben! Hier endete Lily's Erzählung. Ich kann Dir keinen Begriff von der hübschen, scherzhaften Art geben, wie sie erzählt wurde. Dann sagte sie mit ernstem Kopfschütteln: ›Aber Ihr scheint nicht zu wissen, was nachher geschah. Glaubt Ihr, daß der Prinz niemals Gebrauch von seinen Flügeln machte? Hört mir zu! Die Hofleute, welche im Dienst seiner königlichen Hoheit standen, entdeckten, daß er jede Woche während einiger Nächte verschwand. In diesen Nächten flog er nämlich, dem Triebe seiner Flügel folgend, aus den 206 Palasthallen nach dem Feenlande und kam von dort nur mit um so innigerer Liebe zu seiner menschlichen Heimat, der er auf eine Weile entrückt war, zurück.‹ ›O meine Kinder‹, fügte der Pfarrer hinzu, ›die Flügel würden uns umsonst gegeben sein, wenn wir dem Triebe, der uns reizt, uns aufzuschwingen, nicht folgen wollten; aber gleichwohl würde auch dieses Aufschweben vergeblich sein, geschähe es nicht nach der Heimat von wannen wir gekommen sind, auf daß wir aus der heimatlichen Luft eine kräftigere Gesundheit und eine reinere Freudigkeit mit zurückbringen und uns nach jedem neuen Auffluge himmelwärts um so gestärkter für die Pflichten der Erde fühlen!‹ Nachdem er so die Moral von Lily's Feenmärchen ergänzt hatte, erhob sich das Mädchen von ihrem niedrigen Sitz, ergriff seine Hand, küßte sie ehrfurchtsvoll und trat dann ans Fenster. Ich konnte sehen, daß sie bis zu Thränen gerührt war, die sie zu verbergen suchte. Später am Abend, als wir einige Minuten, bevor die Gesellschaft aufbrach, auf dem Rasen zerstreut waren, kam Lily schüchtern zu mir und sagte leise flüsternd: ›Sind Sie mir böse? Was habe ich gethan, was Ihr Mißfallen erregt hat?‹ 207 ›Ihnen böse? Mißfallen? Wie kommen Sie auf solche Gedanken?‹ ›Es sind so viele Tage her, seit Sie uns besucht haben, seit ich Sie zuletzt gesehen habe‹, sagte sie, so natürlich zu mir aufblickend und mit Augen, in welchen die Thränen noch zu zittern schienen. Bevor ich mich noch getrauen konnte, eine Antwort zu geben, trat ihre Tante heran und führte, nachdem sie mich nur einer kalten guten Nacht gewürdigt hatte, ihre Nichte fort. Ich hatte darauf gerechnet, sie nach ihrem Hause zu begleiten, wie ich es gewöhnlich gethan habe, wenn wir uns in einem andern Hause trafen. Aber die Tante hatte wahrscheinlich vermuthet, daß ich an jenem Abend im Pfarrhause sein würde, und hatte, um meine Absicht zu vereiteln, einen Wagen für die Rückfahrt bestellt. Ohne Zweifel hat man sie gewarnt, keinen vertraulichen Verkehr zwischen ihrer Nichte und mir zu gestatten. Vater, ich muß sofort zu Dir kommen, mich meines Versprechens entledigen und aus Deinem eigenen Munde Deine Zustimmung zu meiner Wahl vernehmen; denn Du wirst zustimmen, nicht wahr? Aber ich möchte, daß Du darauf vorbereitet wärest, und ich will daher diese unzusammenhängenden Bruchstücke meiner Einkehr 208 in mein eigenes und Dein Herz versiegeln und sie Dir morgen schicken. Erwarte mich, nachdem ich Dir einen Tag gelassen haben werde, ihren Inhalt allein in Erwägung zu ziehen – allein, lieber Vater, sie sind nur für Deine Augen bestimmt! K. C.« 209 Sechstes Kapitel. Am nächsten Tage ging Kenelm zur Stadt, gab seinen volumiuösen Brief an Sir Peter auf die Post und sprach dann in Will Somers Laden vor, in der Absicht, einige Ankäufe von Korbwaaren oder von andern Kleinigkeiten aus Jessie's hübschem Vorrath, wie sie dem Geschmack seiner Mutter zusagen möchten, zu machen. Bei dem Eintritt in den Laden schlug sein Herz rascher. Er sah zwei junge Gestalten, die über den Ladentisch gebeugt den Inhalt eines Glaskastens in Augenschein nahmen. Eine dieser Kunden war Clemmy, die schlanke graziöse Gestalt der andern konnte nur Lily Mordannt sein. Clemmy rief eben: »O wie hübsch ist das, Frau Somers; aber«, fügte sie in traurigem Ton hinzu, indem sie ihre Blicke von dem Ladentisch 210 ab auf eine seidene Geldbörse in ihrer Hand fallen ließ, »ich kann es nicht kaufen, ich habe nicht Geld genug bei mir, bei weitem nicht genug.« »Und was ist es, Fräulein Clemmy?« fragte Kenelm. Die beiden Mädchen wandten sich bei diesen Worten um und Clemmy's Gesicht verklärte sich. »Sehen Sie einmal her«, sagte sie, »ist das nicht reizend?« Der so bewunderte und ersehnte Gegenstand war ein kleines goldenes Medaillon, das mit einem aus kleinen Perlen bestehenden Kreuz geziert war. »Ich versichere Ihnen, Fräulein«, sagte Jessie, die sich die ganze einschmeichelnde Ueberredungskunst einer Verkäuferin angeeignet hatte, »es ist wirklich sehr billig. Fräulein Mary Burrows, die kurz vor Ihnen hier war, hat ein bei weitem nicht so hübsches gekauft und zehn Schillinge mehr dafür bezahlt.« Fräulein Mary Burrows war ebenso alt wie Fräulein Clementina Emlyn und diese beiden jugendlichen Schönheiten waren in Bezug auf ihren Putz Rivalinnen. »Fräulein Burrows!« seufzte Clemmy mit einem Ausdruck von bitterm Hohn. Aber Kenelm's Aufmerksamkeit wurde von Clemmy's Medaillon auf einen kleinen Ring abgelenkt, den 211 Lily an ihrem Finger zu versuchen sich von Frau Somers hatte überreden lassen und den sie jetzt kopfschüttelnd wieder abzog. Frau Somers, welche sah, daß sie wenig Aussicht habe, das Medaillon an Clemmy zu verkaufen, wandte sich darum an das ältere Mädchen, von dem es wahrscheinlicher war, daß es hinreichend mit Taschengeld versehen sein werde, und dem sie auf jeden Fall ganz sicher Credit geben konnte. »Der Ring paßt Ihnen so gut, Fräulein Mordannt, und jede junge Dame Ihres Alters trägt wenigstens einen Ring; darf ich ihn nicht für Sie beiseite legen?« Und in einem leisern Ton fügte sie hinzu: »Wir haben diese Artikel zwar nur in Comission, aber es ist uns doch einerlei, ob wir jetzt oder zu Weihnachten bezahlt werden.« »Es nützt Ihnen nichts, mich in Versuchung zu führen, Frau Somers«, sagte Lily lachend und fuhr dann mit ernster Miene fort: »Ich habe Löwe, ich meine meinen Vormund, gelobt, mich nie in Schulden zu stürzen, und das will ich auch nicht.« Damit kehrte Lily, nachdem sie ein neues Band, das sie für Blanche gekauft, zu sich genommen hatte, entschlossen dem gefährlichen Ladentisch den Rücken und Clemmy folgte ihr widerstrebend auf die Straße. Kenelm blieb noch eine Weile, suchte in großer 212 Eile ein paar Kleinigkeiten aus, die ihm noch an demselben Abend mit einigen Korbflechtereien, deren Auswahl er dem Geschmack und der Discretion Will's überließ, geschickt werden sollten, und kaufte dann das Medaillon, an welchem Clemmy's Herz hing; während der ganzen Zeit aber dachte er nur an den Ring, den Lily versucht hatte. Es war kein Verstoß gegen die Etikette, das Medaillon einem Kinde wie Clemmy zu schenken; aber würde es nicht eine grausame Impertinenz sein, Lily ein Geschenk anzubieten? Jessie sagte: »Fräulein Mordannt hat sich ganz in diesen Ring verliebt, Herr Chillingly. Ich bin überzeugt, ihre Tante würde es gern sehen, wenn sie ihn bekäme. Ich habe große Lust, ihn in der Hoffnung, daß Frau Cameron bald einmal bei uns vorspricht, zurückzulegen. Es wäre schade, wenn jemand anders ihn kaufen sollte!« »Ich denke, ich kann mir die Freiheit nehmen«, sagte Kenelm, »ihn Frau Cameron zu zeigen. Sie wird ihn ohne Zweifel für ihre Nichte kaufen. Setzen Sie ihn mir auf meine Rechnung.« Er nahm den Ring zu sich und ging damit fort; es war ein sehr bescheidener, einfacher kleiner Ring, mit einem einzigen Stein in Gestalt eines Herzens, nicht halb so theuer wie das Medaillon. 213 Kenelm erreichte die jungen Damen grade an der Stelle, wo der Fußsteig sich in zwei Wege spaltete, von denen der eine direct nach Grasmere, der andere über den Kirchhof nach dem Pfarrhause führte. Er offerirte Clemmy das Medaillon mit kurzen freundlichen Worten, die jeden Skrupel, ob sie es auch annehmen dürfe, leicht bei ihr beseitigten, und entzückt lief sie fort nach dem Pfarrhause, ungeduldig, ihren Schatz ihrer Mama und ihren Schwestern und vor allem Mary Burrows zu zeigen, die zum Frühstück zu ihnen kommen sollte. Kenelm ging langsam neben Lily her. »Sie haben ein gutes Herz, Herr Chillingly«, sagte sie etwas abrupt. »Wie angenehm muß es Ihnen sein, solche Freude zu bereiten! Die liebe kleine Clemmy!« Dieses schmucklose Lob und diese reine, von Neid oder Gedanken an sich selbst völlig freie Freude, die sich bei der Erfüllung des Wunsches ihrer Freundin kundgab, obgleich der ihrige nicht erfüllt war, entzückten Kenelm. »Wenn es angenehm ist, Freude zu bereiten«, sagte er, »so ist jetzt die Reihe an Ihnen, sich diese angenehme Empfindung zu verschaffen, Sie können mir eine solche Freude bereiten.« 214 »Wie das?« fragte sie stammelnd und mit einem raschen Wechsel der Farbe. »Indem Sie mir dasselbe Recht zugestehen, welches Ihre kleine Freundin mir gewährt hat.« Und dabei zog er den Ring heraus. Lily warf in einer ersten Regung von Hochmuth den Kopf in den Nacken. Aber als ihre Blicke den seinigen begegneten, senkte sich ihr Kopf wieder und ein leichter Schauer überlief sie. »Fräulein Mordannt«, nahm Kenelm wieder auf, indem er sein leidenschaftliches Verlangen, ihr zu Füßen zu fallen und zu sagen: »O, in diesem Ringe biete ich Ihnen meine Liebe, verpfände ich Ihnen meine Treue!« bemeisterte, »Fräulein Mordannt, ersparen Sie mir den Jammer, denken zu müssen, daß ich Sie beleidigt habe; nie möchte ich das weniger als an diesem Tage; denn es wird vielleicht eine kleine Weile dauern, bis ich Sie wiedersehe. Ich gehe auf einige Tage nach Hause wegen einer Angelegenheit, von der das Glück meines Lebens abhängen kann und über welche ich, wenn ich nicht ein schlechter Sohn und ein unwürdiger Edelmann sein will, den zu Rathe ziehen muß, der mich dazu erzogen hat, in Betreff alles dessen, was meine Neigungen berührt, an ihn, den Vater, in Allem, was meine Ehre betrifft, an ihn, den Edelmann, zu wenden.« 215 Man kann sich wohl kaum eine Rede denken, welche den Worten, die ein Darsteller der Sitten unserer Tage einem Liebhaber in den Mund legen würde, unähnlicher und mehr dazu geeignet wäre, von einem Kritiker im »Londoner« der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden, als diese Worte Kenelm's. Aber merkwürdigerweise verstand diese arme kleine Schmetterlingszähmerin und Märchenerzählerin augenblicklich Alles, was der excentrischste aller Menschen so frostig ungesagt ließ. Es senkte sich tiefer in ihr innerstes Herz, als es die glühendste Erklärung aus dem Munde der Laffen und vaut-riens gethan haben würde, in welchen die Sittenschilderer unserer Tage nur zu oft die herrliche, in dem Worte »Liebender« verkörperte Ritterlichkeit herabwürdigen. Zufällig waren beide, während sie miteinander sprachen, an der Stelle des längs des Flüßchens hinführenden Fußwegs stehen geblieben, wo die Bank stand, auf welcher sie vor einigen Wochen gesessen hatten. Einige Augenblicke später saßen sie wieder auf dieser Bank. Nicht lange und der dürftige kleine Ring mit seinem Herzen von Türkis steckte an Lily's Finger. Und da saßen sie wohl noch eine halbe Stunde, nicht viel redend, aber wunderbar glücklich. Kein Gelöbniß der Treue wurde zwischen ihnen gewechselt, nein, nicht 216 einmal ein Wort, dem man den Sinn: Ich liebe Dich! hätte beilegen können. Und doch wußten beide, als sie von der Bank aufstanden und schweigend längs des Flusses nebeneinander hergingen, daß sie sich liebten. Als sie an der Gartenpforte von Grasmere anlangten, fuhr Kenelm leicht zusammen. Frau Cameron stand über das Gitter gelehnt. Mochte Kenelm sich bei ihrem Anblick beunruhigt fühlen, Lily empfand sicherlich nichts der Art. Leichten Fußes schritt sie ihm voraus, küßte ihre Tante auf die Wangen und hüpfte singend über den Rasen. Kenelm blieb vor Frau Cameron am Gitter stehen. Sie öffnete die Pforte, nahm seinen Arm und führte ihn eine Strecke weit längs des Flusses hin. »Ich bin überzeugt, Herr Chillingly«, sagte sie, »daß Sie meinen Worten keine ernstere Bedeutung beilegen werden, als ich sie beabsichtige, wenn ich Sie daran erinnere, daß uns keine noch so bescheidene Stellung vor der Bosheit der Klatschsucht sichert, und Sie werden zugeben, daß meine Nichte sich der Gefahr aussetzt, ein Opfer dieser Klatschsucht zu werden, wenn man sie auf diesen Dorfwegen mit einem Manne Ihres Alters und Ihrer Stellung, dessen Aufenthalt in dieser Gegend ohne irgend welchen plausibeln Zweck 217 bereits angefangen hat, zu allerhand Vermuthungen Veranlassung zu geben, allein gehen sieht. Ich nehme keinen Augenblick an, daß Sie meine Nichte in einem andern Lichte als dem eines naiven Kindes betrachten, dessen phantastische Originalität Sie vielleicht ergötzt, und noch weniger fällt es mir ein zu glauben, daß sie in Gefahr ist, die ihr von Ihnen erwiesenen Aufmerksamkeiten zu mißdeuten. Aber um ihretwillen bin ich verpflichtet, an das zu denken, was Andere vielleicht sagen werden. Verzeihen Sie mir daher, wenn ich hinzufüge, daß ich auch Sie durch Ihre Ehre und Ihre edle Gesinnung für verpflichtet halte, dasselbe zu thun. Herr Chillingly, ich würde mich sehr erleichtert fühlen, wenn es Ihren Plänen nicht zuwider liefe, diese Gegend zu verlassen.« »Meine liebe Frau Cameron«, erwiderte Kenelm, der diese Ansprache mit dem Ausdrucke unerschütterlicher Ruhe angehört hatte »ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Aufrichtigkeit und freue mich über die mir von Ihnen gebotene Gelegenheit, Ihnen mitzutheilen, daß ich im Begriff stehe, diese Gegend in der Hoffnung zu verlassen, in wenigen Tagen zurückkehren zu können und Ihr Mißverständniß in Betreff der Art, wie ich ihre Nichte betrachte, zu berichtigen. Mit einem Wort« – und hier ging mit seinem 218 Gesichtsausdruck und dem Ton seiner Stimme eine plötzliche Veränderung vor – »es ist der innigste Wunsch meines Herzens, mich von meinen Eltern ermächtigt zu sehen, Ihnen zu sagen, mit welcher Freude sie Ihre Nichte als Tochter willkommen heißen werden, wenn sie sich dazu verstehen sollte, meiner Bewerbung ein geneigtes Ohr zu leihen und ihr Glück mir anzuvertrauen.« Frau Cameron stand plötzlich still und starrte ihn mit einem Blicke an, in welchem sich unaussprechlicher Jammer malte. »Nein, Herr Chillingly«, rief sie, »das darf nicht sein, das kann nicht sein. Schlagen Sie sich einen so tollen Gedanken aus dem Kopf. Das ist nichts als eine jugendlich romanhafte, unausführbare Idee. Ihre Eltern können Ihrer Verbindung mit meiner Nichte nicht zustimmen; ich sage Ihnen im voraus, Sie können es nicht!« »Aber warum nicht?« fragte Kenelm, dem die Leidenschaftlichkeit, mit welcher Frau Cameron ihn beschwor, keinen großen Eindruck gemacht hatte, leicht lächelnd. »Warum?« wiederholte sie leidenschaftlich, faßte sich dann wieder und fuhr mit etwas von ihrer gewöhnlichen matten Ruhe fort: »Das Warum ist leicht 219 erklärt. Sie sind der Sohn eines sehr alten Hauses und wie ich höre, der Erbe eines bedeutenden Grundbesitzes. Meine Nichte ist eine mittellose Waise ohne Verbindungen, das Mündel eines Künstlers von niedriger Herkunft, dem sie das Dach dankt, das sie schützt; sie hat nicht einmal die gewöhnliche Erziehung eines Mädchens von guter Herkunft; sie hat von der Welt, in welcher Sie leben, nichts gesehen. Ihre Eltern haben nicht das Recht, einem Sohn von so jugendlichem Alter zu gestatten, durch eine so übereilte und unverständige Verbindung aus der ihm gemäßen Lebenssphäre herauszutreten. Und nie würde ich, nie würde Walter Melville seine Zustimmung dazu geben, daß sie in eine Familie einträte, die sie nur mit Widerstreben aufnehmen würde. So, das genügt. Lassen Sie den so leicht genährten Gedanken fahren und leben Sie wohl.« »Gnädige Frau«, erwiderte Kenelm sehr ernst, »glauben Sie mir, daß, wenn ich nicht die der Gewißheit nahe kommende Hoffnung hegte, daß die von Ihnen gegen meine Anmaßung angeführten Gründe bei meinen Eltern nicht so schwer ins Gewicht fallen werden, wie Sie voraussetzen, ich mich nicht so offen gegen Sie ausgesprochen haben würde. So jung ich bin, so darf ich doch das Recht in Anspruch nehmen, 220 die Wahl meiner künftigen Gattin selbst zu treffen. Aber ich habe meinem Vater das bindende Versprechen gegeben, keinem Mädchen einen förmlichen Heirathsantrag zu machen, bevor ich ihn von meinem Wunsche, das zu thun, in Kenntniß gesetzt und seine Zustimmung zu meiner Wahl erlangt habe; und er ist der letzte Mensch auf der Welt, der mir diese Zustimmung vorenthalten würde, wenn mein Herz daran hängt, wie es jetzt der Fall ist. Ich brauche keine vermögende Frau zu heirathen, und sollte ich je wünschen, meine Stellung in der Welt zu verbessern, so würde mir das zustimmende Lächeln eines geliebten Weibes dazu förderlicher sein als irgend eine Verbindung in der Welt. Es gibt nur Eins, was meine Eltern von meiner Wahl eines Mädchens, das unsern Namen tragen soll, zu fordern sich für berechtigt halten würden. Ich meine, daß sie die Erscheinung, die Manieren, die Grundsätze und – wenigstens würde meine Mutter das noch hinzufügen – die Geburt eines adligen Mädchens habe. Nun, was Erscheinung und Manieren betrifft, so habe ich, obgleich ich von Jugend auf viel in der feinen Gesellschaft gelebt habe, unter den Höchstgeborenen keine gefunden, welche an auserlesener Feinheit des Wesens und an angeborener Delicatesse jeder Empfindung die übertroffen hätte, auf welche ich, 221 wenn sie die Meine wird, ebenso stolz sein werde, wie ich sie lieben werde. Was den Mangel an dem Tand und Flitter einer Pensionserziehung anlangt, so läßt sich dem sehr leicht abhelfen. Es bleibt also nur der letzte Punkt, die Geburt. Frau Braefield sagt mir, daß Sie ihr versichert haben, Fräulein Mordannt sei, obgleich Umstände, nach denen mich zu erkundigen ich bis jetzt noch kein Recht habe, sie zum Mündel eines Mannes von niedriger Herkunft gemacht haben, von adliger Geburt. Ist dem so?« »Ja«, sagte Frau Cameron zögernd, aber mit einem stolzen Ausdruck und fuhr dann fort: »Ja, ich kann nicht leugnen, daß meine Nichte von Ahnen abstammt, welche an Adel der Geburt Ihren Vorfahren gleichstanden. Aber«, fügte sie in einem Tone bitteren Kleinmuths hinzu, »Gleichheit der Geburt verliert ihre Bedeutung, wenn man der Armuth, der Obscurität, der Vernachlässigung, dem Nichts verfällt!« »Das ist in der That eine krankhafte, Ihnen zur Gewohnheit gewordene Anschauung. Aber da wir so vertraulich miteinander gesprochen haben, wollen Sie mich nicht in den Stand setzen, die Frage, welche man mir wahrscheinlich thun wird und deren Beantwortung, wie ich nicht zweifle, jedes meinem Glücke im Wege stehende Hinderniß beseitigen wird, zu 222 beantworten? Was auch immer die Gründe sein mögen, aus denen Sie mit Fug und Recht hier, wo Sie so ruhig leben, ein discretes Schweigen über Fräulein Mordannt und Ihre eigene Familie beobachtet haben, und ich weiß sehr wohl, daß diejenigen, welche sich durch veränderte Glücksumstände zu einer veränderten Lebensweise genöthigt sehen, es oft verschmähen, sich vor Fremden ihrer Ansprüche auf eine höhere Lebensstellung als diejenige, in die sie sich gefunden haben, zu rühmen, was auch immer, sage ich, diese Gründe Ihres Schweigens gegen Fremde sein mögen, dürfen dieselben Sie abhalten, einem Bewerber um die Hand Ihrer Nichte ein Geheimniß anzuvertrauen, welches doch schließlich ihrem künftigen Gatten nicht wird verborgen bleiben können?« »Ihrem künftigen Gatten? Gewiß nicht«, erwiderte Frau Cameron. »Aber ich muß es ablehnen, diese Frage einem Manne zu beantworten, den ich vielleicht nie wiedersehen werde und von dem ich so wenig weiß. Ich muß in der That jede Mitwirkung dazu ablehnen, irgend ein Hinderniß einer Verbindung mit meiner Nichte zu beseitigen, welche ich in jeder Beziehung für beide Theile für unpassend halte. Ich habe nicht einmal Veranlassung zu glauben, daß meine Nichte Ihren Antrag annehmen würde, wenn Sie 223 berechtigt wären, ihr denselben zu machen. Sie haben doch wohl noch nicht mit ihr als Bewerber um ihre Hand gesprochen, haben ihr Ihre Neigung nicht erklärt und haben nicht versucht, ihrer Unerfahrenheit Worte zu entlocken, die Sie zu der Annahme berechtigen könnten, daß ihr Herz brechen würde, wenn sie Sie nie wiedersähe?« »Ich habe so grausame und höhnische Fragen nicht verdient«, sagte Kenelm entrüstet. »Aber ich will jetzt nichts mehr sagen. Lassen Sie mich hoffen, daß Sie mich, wenn wir uns wiedersehen, weniger unfreundlich behandeln werden. Leben Sie wohl!« »Halt, Herr Chillingly. Noch ein Wort. Beharren Sie dabei, Ihre Eltern um ihre Zustimmung dazu zu bitten, daß Sie sich um die Hand meiner Nichte bewerben?« »Gewiß thue ich das.« »Und Sie versprechen mir auf Ihr Wort als Gentleman, daß Sie Ihren Eltern offen alle die Gründe mittheilen wollen, welche ihrer Zustimmung entgegenwirken könnten; die Armuth, die dürftige Erziehung, die mangelhafte Bildung meiner Nichte, sodaß sie nicht nachher sagen können, Sie hätten ihre Zustimmung erschlichen, und sich für ihre Täuschung durch ein geringschätziges Benehmen gegen sie rächen können?« 224 »O gnädige Frau, Sie stellen in der That meine Geduld auf eine zu harte Probe. Aber nehmen Sie mein Versprechen, wenn Ihnen das Versprechen eines Menschen, den Sie einer überlegten Täuschung für fähig halten, von irgend welchem Werth sein kann.« »Ich bitte Sie um Verzeihung, Herr Chillingly, haben Sie Nachsicht mit meinen unverbindlichen Worten. Ich war so überrascht, ich weiß kaum, was ich gesagt habe. Aber lassen Sie uns uns vollkommen verständigen, ehe wir uns trennen. Wenn Ihre Eltern Ihnen ihre Zustimmung verweigern, so werden Sie es mir mittheilen, mir allein, nicht Lily. Ich wiederhole es, ich weiß nichts darüber, wie es mit ihrem Herzen steht. Aber es könnte das Leben jedes Mädchens verbittern, sich verleitet zu sehen, jemand zu lieben, den sie nicht heirathen könnte.« »Das soll geschehen. Aber wenn sie ihre Zustimmung geben?« »Dann werden Sie mit mir reden, bevor Sie eine Zusammenkunft mit Lily suchen, denn dann entsteht eine andere Frage: Wird ihr Vormund seine Zustimmung geben? Und – und –« »Und was?« »Einerlei. Ich verlasse mich bei dieser Bitte wie in jeder andern Beziehung auf Ihre Ehrenhaftigkeit. Leben Sie wohl.« 225 Raschen Schrittes ging sie nach Hause und murmelte vor sich: »Aber sie werden ihre Zustimmung nicht geben. Gott gebe, daß sie nicht zustimmen; wenn sie es aber thun, was soll ich dann sagen oder thun? O daß Walter Melville hier wäre oder daß ich wüßte, wohin ich ihm schreiben könnte!« Auf seinem Heimwege nach Cromwell-Lodge fand sich Kenelm von dem Pfarrer eingeholt. »Ich wollte grade zu Ihnen, mein lieber Herr Chillingly, erstens um Ihnen für das allerliebste Geschenk zu danken. durch welches Sie das Herz meiner kleinen Clemmy erfreut haben, und dann Sie zu bitten, heute den Tag ruhig bei mir zuzubringen, um Herrn N., den berühmten Antiquar, zu treffen, der diesen Morgen auf meine Bitte nach Moleswick gekommen ist, um das alte gothische Grab auf unserm Kirchhof zu besichtigen. Denken Sie nur, obgleich er die Inschrift nicht besser lesen kann als wir, kennt er doch die ganze Geschichte des Grabes. Es scheint, daß ein junger, durch seine Tapferkeit berühmter Ritter zur Zeit Heinrich's IV. eine Tochter eines jener großen Grafen von Montfichet, welche damals die mächtigste Familie in dieser Gegend waren, heirathete. Er wurde bei Vertheidigung der Kirche gegen einen Angriff einiger Aufrührer von der Lollard-Partei erschlagen; er 226 fiel grade auf der Stelle, wo jetzt das Grab liegt. Das erklärt die Lage desselben auf dem Kirchhof und nicht in der Kirche. Herr N. fand diese Thatsache in einem alten Mémoire der alten, einst berühmten Familie, welcher der junge Ritter Albert angehörte und welche leider später ein so schmachvolles Ende genommen hat, der Fletwodes, Barone von Fletwodes und Malpas. Welch ein Triumph über die kleine Lily Mordannt, die sich immer eingebildet hat, das Grab müsse das einer Heroine ihrer eigenen romantischen Erfindung sein! Kommen Sie zum Essen, Herr N. ist ein sehr angenehmer Mann und voll von interessanten Anekdoten.« »Es thut mir außerordentlich leid, aber ich kann nicht. Ich muß sofort auf einige Tage nach Hause reisen. Diese alte Familie Fletwode! Mir ist, als sähe ich, während wir miteinander reden, den großen Thurm vor mir, in welchem sie einst herrschten, und dagegen der letzte des Geschlechts, der dem Fortschritt der Zeit gemäß dem Mammon huldigte und – als verurtheilter Verbrecher endigte! Welch eine schreckliche Satire auf den Geburtsstolz!« Kenelm reiste noch denselben Abend ab, behielt aber seine Zimmer in Cromwell-Lodge, weil er, wie er sagte, jeden Tag der nächsten Woche ungemeldet zurückkommen könne. 227 Er blieb zwei Tage in London, da er wünschte, daß sein Vater Alles, was er ihm schriftlich mitgetheilt, recht gründlich in sich verarbeitet haben möge, bevor er sich persönlich an ihn wende. Je mehr er über die unfreundliche Art nachdachte, wie Frau Cameron seine Confidence aufgenommen hatte, desto weniger Gewicht legte er darauf. Eine übertriebene Empfindlichkeit gegen ungleiche Glücksumstände bei einer Frau, die ihm jenen Stolz zu haben schien, der bei Leuten, welche bessere Tage gekannt haben, so gewöhnlich ist, verbunden mit einer nervösen Besorgniß, daß seine Familie ihr den Versuch, einen sehr jungen, glücklich gestellten Mann zu einer Heirath mit einer blutarmen Nichte verlockt zu haben, Schuld geben möchte, schien Vieles zu erklären, was ihn anfänglich irre gemacht und erzürnt hatte. Und wenn, wie er vermuthete, Frau Cameron ehemals eine viel höhere Stellung in der Welt eingenommen hatte, als sie es jetzt that, eine Vermuthung, welche ihre unleugbare Eleganz des Wesens zu bestätigen schien, und wenn sie, wie sie es zu verstehen gegeben hatte, thatsächlich von der Güte eines Malers abhängig war, der sich eben erst in seiner Kunst einen gewissen Ruf erworben hatte, so mochte sie wohl vor der Kränkung zurückschrecken, ein Gegenstand des Mitleids für ihre reicheren Nachbarn zu werden. Und wenn 228 er näher darüber nachdachte, so hatte er nicht mehr Recht als diese Nachbarn auf eine vertrauliche Mittheilung über ihre eigene oder Lily's Familie, solange er nicht förmlich berechtigt erschien, einen Anspruch auf ihr specielles Vertrauen zu erheben. London schien ihm unerträglich todt und langweilig. Er machte nirgends Besuche außer bei Lady Glenalvon, die aber, wie er zu seiner Freude von den Dienern erfuhr, noch in Exmundham war. Er hatte großes Vertrauen zu dem Einfluß dieser Königin der Mode auf seine Mutter, die, wie er voraussah, schwerer zu überreden sein würde als sein Vater, und zweifelte nicht, daß er diese so sympathisch und warm empfindende Königin für sich gewinnen werde. 229 Siebentes Kapitel. Es war ungefähr drei Wochen her, daß die von Sir Peter und Lady Chillingly eingeladenen Gäste in Exmundham eingetroffen waren, und sie waren noch da, während sonst die zum Besuch auf dem Lande eingeladenen Leute selten Mitleid genug mit der Langenweile ihrer Wirthe haben, um länger als drei Tage auszuhalten. Herr Chillingly Mivers hatte in der That diesen von der conventionellen Rechtgläubigkeit vorgeschriebenen Termin nicht überschritten. Während seines Aufenthalts hatte er das Benehmen des jungen Gordon gegen Cecilia und das ihrige gegen diesen ruhig beobachtet und die Ueberzeugung gewonnen, daß kein Grund vorliege, Sir Peter zu beunruhigen oder ihn die Einladung, die er an den begabten jungen 230 Verwandten hatte ergehen lassen, bereuen zu lassen. Für alle zurückbleibenden Gäste hatte Exmundham einen besondern Reiz. Für Lady Glenalvon, weil sie in der Wirthin ihre vertrauteste Jugendfreundin wiederfand und weil es ihr Vergnügen machte, das Interesse zu beobachten, welches Cecilia Travers an der Stätte nahm, an die sich so viele Erinnerungen an den Mann knüpften, mit welchem Lady Glenalvon sie einmal verbunden zu sehen hoffte; für Gordon Chillingly, weil es keine günstigere Gelegenheit zur Verfolgung seiner wohlverborgenen Pläne auf Herz und Hand der Erbin geben konnte. Der Reiz, den der Ort für die Erbin selber hatte, bedarf keiner nähern Erläuterung. Auf Leopold Travers übten die Reize Exmundhams unstreitig eine geringere Anziehungskraft. Und doch war auch er es zufrieden, seinen Aufenthalt zu verlängern. Sein thätiger Geist fand eine Unterhaltung daran, ein Gut zu durchwandern, dessen Umfang eine viel höhere Einnahme zu bedingen schien, und Sir Peter sowohl über das altmodische Bewirthschaftungssystem, welches dieser gutmüthige coulante Grundbesitzer seinen Pachtern anzuwenden erlaubte, als über die Anzahl von überflüssigen Arbeitern zur Rede zu stellen, welche in den Gärten und bei der allgemeinen 231 Verwaltung des Gutes beschäftigt waren, wie Zimmerleute, Säger, Jäger, Maurer und Schmiede. Als Travers sagte: »Sie könnten ebenso gut mit dem Dritttheil dieses kostspieligen Arbeiterpersonals auskommen«, gab Sir Peter, indem er sich unbewußt eines Plagiats schuldig machte, die Antwort des alten französischen Grandseigneur: »Sehr wahrscheinlich; aber es fragt sich, ob die Uebrigen auch ebenso gut ohne mich auskommen könnten.« Die Unterhaltung von Exmundham war in der That sehr kostspielig. Das vor drei Jahrhunderten von einem ehrgeizigen Chillingly erbaute Haus würde für einen Besitzer von dreifach größerer Einnahme noch groß genug gewesen sein; und obgleich der Blumengarten kleiner war als der in Braefieldville, so gab es doch Fußsteige und Fahrwege, die meilenweit durch junge Anpflanzungen und alte Waldungen führten und einer Armee von Arbeitern eine müßiggängerische Beschäftigung verschafften. Kein Wunder, daß Sir Peter, trotz seiner nominellen Einnahme von jährlich zehntausend Pfund, doch weit entfernt war, ein reicher Mann zu sein. Exmundham verschlang wenigstens die Hälfte dieser Einnahme. Leopold Travers' thätiger Geist fand auch reichliche Nahrung an dem großen Bücherschatz seines Wirthes. Travers, der nie viel studirt hatte, war 232 darum doch keineswegs ein Verächter des Wissens und legte sich bald auf historische und archäologische Untersuchungen mit dem Eifer eines Mannes, der jede Beschäftigung, welche sich ihm als Rettung vor Müßiggang darbietet, mit Energie ergreift; er konnte nie müßig sein. Aber noch mehr als diese Beschäftigungen interessirte ihn die Gesellschaft Chillingly Gordon's und brachte den Strom seiner Gedanken in lebhafteren Fluß. Immer freudig bereit, sich in der Gesellschaft junger Leute in seine eigene Jugend zurückzuversetzen, und von jenem theilnehmenden Wesen, welches herzlichen Naturen eigen ist, war er, wie wir gesehen haben, sehr bereitwillig auf die ehrgeizigen Absichten George Belvoir's eingegangen und hatte sich leicht in die Grillen Kenelm Chillingly's gefunden. Aber der eine von diesen beiden war doch ein wenig gar zu gewöhnlich, der andere ein wenig gar zu excentrisch, als daß sich mit ihnen ein so vollkommen gutes Verhältniß hätte herstellen lassen, wie es das war, in welches der ebenso begabte wie praktische Leopold Travers zu dem sehr begabten und sehr praktischen Repräsentanten der aufstrebenden Generation, Chillingly Gordon, trat. In politischer wie in anderer Beziehung verband sie eine gemeinschaftliche Verachtung altmodischer, wenn auch unschädlicher Begriffe, zu welcher sich in Leopold 233 Travers' Geist noch eine Verachtung gesellte, die vollständig gewesen wäre, wenn sich nicht eine gewisse Furcht hineingemischt hätte, die Verachtung neumodischer schädlicher Ideen, welche ihm in seinen Gedanken den drohenden Ruin seines Landes, den Sturz der Thorheiten der bestehenden Gesellschaft bedeuteten, während er dieser Verachtung nur unter der Hülle der weltmännischen Phrase »eine für mich zu weit gehende Richtung« Ausdruck gab. Von dem viel gebildeteren Geist und dem unendlich viel weitergreifenden Ehrgeiz Chillingly Gordon's mochten dieselben Ideen etwa so angesehen und kritisirt werden: Könnte ich diese Doctrinen acceptiren? Ich sehe nicht, wie ich Premierminister in einem Lande werden kann, in welchem Religion und Kapital noch zu berücksichtigende Mächte sind. Und wenn ich von Religion und Kapital abstrahire, sehe ich doch nicht, wie ich nicht, wenn diese Doctrinen Gesetz würden, leiden müßte, solange ich einen guten Rock trage. Entweder würde man mir als dem Träger eines guten Rocks und folgeweise einem Kapitalisten den Rock vom Leibe reißen, oder man würde mich, wenn ich im Namen moralischer Rechtlichkeit demonstrirte, als einen Anhänger der Religion umbringen. Wenn daher Travers sagte: »Natürlich müssen wir vorwärts«, lächelte Chillingly Gordon und 234 antwortete: »Gewiß, vorwärts.« Und wenn Leopold Travers hinzufügte: »Aber wir können zu weit gehen«, schüttelte Chillingly Gordon den Kopf und erwiderte: »Wie wahr ist das! Gewiß zu weit.« Außer der Harmonie ihrer politischen Gesinnungen gab es noch andere freundschaftliche Berührungspunkte zwischen dem ältern und dem jüngern Mann. Beide waren außerordentlich angenehme Weltleute, und obgleich Leopold Travers gewisse Tiefen in Chillingly Gordon's Natur nicht ergründen konnte – und in der Natur jedes Menschen gibt es Tiefen, auf deren Grund sein scharfsichtigster Beobachter nicht hinabzublicken vermag – so hatte er doch nicht Unrecht, wenn er sich sagte: »Gordon ist ein Gentleman.« Meine Leser würden diesen begabten jungen Mann völlig mißverstehen, wenn sie dafür hielten, er sei ein Heuchler wie Klifil oder Joseph Surface. Chillingly Gordon war in jedem privaten Sinne des Wortes ein Gentleman. Wenn er sein ganzes Vermögen bei einem Robber Whist eingesetzt hätte und ein unbemerkter Blick in die Karten seines Gegners ihm zum Gewinn hätte verhelfen können, würde er weggesehen und gesagt haben: »Halten Sie Ihre Karten besser vor sich.« Auch die Motive, die ihn bei seinem geheimen Entschluß, die Hand der Erbin zu gewinnen, leiteten, hatten, wie ich 235 schon früher zu erklären Gelegenheit gehabt habe, nichts mit denen des gewöhnlichen Glücksjägers gemein. Er gab gar nicht zu, daß zwischen ihr und ihm eine Ungleichheit der weltlichen Güter bestehe. Er sagte sich: »Wieviel Vermögen sie mir auch mitbringen mag, wird es, wenn ich Succeß habe, durch meine Stellung in der Welt reichlich aufgewogen werden, und Succeß werde ich sicher haben. Selbst wenn ich auch so reich wäre wie Lord Westminster und dabei noch den Wunsch hegte, Premierminister zu werden, würde ich doch immer sie als das passendste Mädchen für die Frau eines Premierministers wählen.« Wir werden ihm die Anerkennung nicht versagen können, daß dieses Selbstgespräch, wenn nicht das eines glühenden Liebhabers, doch das eines sehr verständigen Mannes war, der, von hoher Selbstachtung erfüllt, sein ganzes Absehen darauf gerichtet hat, den Preis einer öffentlichen Laufbahn zu erringen, und der sich in seiner Gattin eine Frau zu sichern wünscht, welche der Stellung, die er im geheimen anstrebt, zur Zierde gereichen würde. In der That würde ein so fähiger Mann nie den ehrgeizigen Gedanken gefaßt haben, Minister zu werden, wenn er sich nicht in allem dem, was im Privatleben den englischen Gentleman ausmacht, von jedem Vorwurf frei gewußt hätte. 236 Er war im öffentlichen Leben nur das, was mancher im Privatleben rechtschaffene Gentleman vor ihm gewesen ist, ein ehrgeiziger, entschlossener Egoist, keineswegs ohne persönliche Zuneigungen, die sich aber alle den Zwecken seines persönlichen Ehrgeizes unterordnen mußten, und mit Ausnahme des einzigen, Alles beherrschenden Princips der Nützlichkeit in Bezug auf seine Carrière völlig principlos. Aber Nützlichkeit hielt er für das einzig rationelle Princip des Staatsmannes. Und für die Erwägungen der Nützlichkeit brachte er einen sehr vorurtheilslosen Geist mit, der ganz dazu gemacht war, unbefangen darüber zu entscheiden, ob die öffentliche Meinung eines freien und erleuchteten Volkes dafür sei, die St.-Paulskathedrale in einen Tempel der Freiheit zu verwandeln oder nicht. So hatte er seine Sommerferien den Rasenplätzen und Baumgängen Exmundhams gewidmet. Leopold Travers war nicht die einzige Person, deren Gunst sich Chillingly Gordon erworben hatte. Er hatte sich auch des lebhaftesten Beifalls der Frau Campion zu erfreuen. Seine Unterhaltung erinnerte sie an die Gespräche, die sie im Hause ihres verstorbenen Gatten zu führen gewohnt gewesen war. Cecilia gegenüber pflegte sie ihn mit Kenelm zu vergleichen und zwar nicht zu Gunsten dieses letztern, dessen 237 Grillen ihr durchaus unverständlich waren und den sie beharrlich »so affectirt« nannte. »Ein höchst ausgezeichneter junger Mensch, dieser Herr Gordon, so wohlunterrichtet, so verständig und vor allem so natürlich.« So lautete ihr Urtheil über den noch nicht offen auftretenden Bewerber um Cecilia's Hand, und Frau Campion bedurfte keines offenen Auftretens, um die Bewerbung zu errathen. Selbst Lady Glenalvon hatte angefangen, ein freundliches Interesse an der Carrière dieses vielversprechenden jungen Mannes zu nehmen. Die meisten Frauen haben Sympathie für jugendlichen Ehrgeiz. Sie war überzeugt von seinen Fähigkeiten und hatte einen hohen Respekt vor der Concentration dieser Fähigkeiten auf praktische Zwecke, auf die Erlangung von Macht und Ruhm. Auch sie fing wie Frau Campion an, Vergleiche zwischen den beiden Vettern anzustellen, die ungünstig für Kenelm ausfielen; der eine, allem Anscheine nach, so träge, entschlossen, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, der andere so ehrlich bestrebt, sein Licht vor den Leuten leuchten zu lassen. Es verdroß sie auch und verstimmte sie, daß Kenelm sich grade in dem Augenblick von dem väterlichen Hause fern hielt, wo sie dasselbe zum ersten Mal besuchte und wo er eine so glückliche Gelegenheit gefunden haben würde, das Mädchen näher kennen zu 238 lernen, von dem er wußte, daß es nach Lady Glenalvon's Ueberzeugung, wenn er sich nur in gehöriger Weise um seine Hand bewerben wollte, die passendste Frau für ihn sein würde. Als daher eines Tages Frau Campion allein mit Lady Glenalvon durch den Garten spazierte, während Chillingly-Gordon Arm in Arm mit Leopold Travers aus dem Garten in den Park ging, und ihre Begleiterin plötzlich fragte: »Glauben Sie nicht, daß Herr Gordon in Cecilia verliebt ist, obgleich er es bei seinem bescheidenen Vermögen nicht offen zu bekennen wagt? Und glauben Sie nicht, daß jedes Mädchen, wenn es auch so reich wäre, wie Cecilia es einmal werden wird, auf einen Mann wie Chillingly Gordon stolzer sein würde als auf einen albernen Grafen?« antwortete Lady Glenalvon kurz, aber in etwas bekümmertem Ton: »Ja«, und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: »Es gibt einen Mann, von dem ich einst glaubte, daß sie mit ihm glücklicher werden würde als mit irgend einem andern; einen Mann, der mir theurer sein müßte als Herr Gordon, denn er hat meinem Sohne das Leben gerettet, und der, wenn auch vielleicht weniger begabt als Herr Gordon, doch Talente genug besitzt, die sich geltend machen und ihn – was soll ich sagen? – zu einem nützlichen und ausgezeichneten Mitgliede der 239 Gesellschaft machen könnten, wenn er ein Mädchen heirathete, das jeden Mann, dem es seine Hand reicht, so sicher emporheben würde, wie Cecilia Travers. Aber wenn ich diese Hoffnung aufgeben und die mir bekannten jungen Männer Musterung passiren lassen muß, so weiß ich, wenn ich von Rang und Vermögen absehe, keinen, den ich lieber für eine begabte Tochter wählen möchte, welche von ganzem Herzen und ganzer Seele den Ehrgeiz eines begabten Mannes theilen würde, als Herrn Gordon. Aber Frau Campion, ich habe diese Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, und solange ich das nicht thue, glaube ich noch immer, daß es einen Mann gibt, dem ich Cecilia, wenn sie meine Tochter wäre, noch lieber geben würde.« Mit diesen Worten brach Lady Glenalvon das Gespräch über diesen Gegenstand so entschieden ab, daß Frau Campion dasselbe nicht ohne einen Verstoß gegen die gute Sitte und den feinen weiblichen Takt, einen Verstoß, dessen niemand weniger fähig war als sie, wieder hätte aufnehmen können. Lady Chillingly mußte wohl Gefallen an Gordon finden. Er hatte ein umgängliches Wesen, amüsirte ihre Gäste und war immer bereit, wenn es erforderlich war, als vierter Mann bei einem Robber Whist auszuhelfen. Mit zwei Leuten wußte sich jedoch Gordon nicht 240 zu stellen, nämlich mit Pfarrer John und Sir Peter. Als Travers ihn eines Tages wegen der Solidität seiner Talente und seines gesunden Urtheils lobte, erwiderte der Pfarrer bissig: »Ja, solid und gesund; wie einer jener Tische, die man beim Trödler kauft: unter dem dicken Firniß verbergen sich die Mängel der Arbeit; das ganze Gefüge ist gebrechlich.« Als aber Travers den Pfarrer entrüstet drängte, seine Gründe für ein so hartes Urtheil anzugeben, konnte er nur mit einer Behauptung antworten, die in Travers' Augen nichts war als ein rhetorischer Ausbruch geistlicher Unduldsamkeit. »Er hat«, sagte Pfarrer John, »keine Liebe zu den Menschen und keine Ehrfurcht vor Gott. Und kein Wesen ist gesund und solid, welches sich auf Kosten seiner innern Festigkeit ausbreitet.« Sir Peter's anfänglich günstiges Urtheil über Gordon aber war in dem Maße in sein Gegentheil umgeschlagen, als er, dem Winke folgend, den Mivers ihm ursprünglich gegeben, aber nicht zu wiederholen für nöthig gehalten hatte, die Mühe, die sich der junge Mann gab, sich bei Herrn Travers und Frau Campion zu insinuiren, und die künstliche und halbverhüllte Galanterie in seinem Benehmen gegen die Erbin zu beobachten Gelegenheit hatte. 241 Vielleicht hätte Gordon es nicht gewagt, in dieser Weise »Fühlung zu suchen«, bis Mivers abgereist war, oder vielleicht machte Sir Peter seine väterliche Besorgniß in diesem Falle zu einem feinern Beobachter, als es der Weltmann war, dessen natürlicher Scharfsinn bei Herzensangelegenheiten nicht selten durch seine Philosophie des Indifferentismus gelähmt wurde. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde war Cecilia während ihres Aufenthaltes in Sir Peter's Hause ihm theurer geworden und immer mehr befestigte sich in ihm der Wunsch, sie zur Schwiegertochter zu gewinnen. Er fühlte sich unendlich geschmeichelt durch ihre Vorliebe für seine Gesellschaft. Immer war sie bereit, ihn auf seinen gewöhnlichen Spaziergängen, seinen freundlichen Besuchen in den Hütten der Bauern oder den Häusern kleiner Pachter zu begleiten, wo beide sicher sein konnten, manche einfache Anekdote aus der Kindheit Kenelm's, Anekdoten von grillenhaften Einfällen oder gutmüthigen Zügen, von Proben zarten Mitleids oder rücksichtslosen Muthes zu hören. Durch alle diese mannichfach abgestuften Gedanken und Gefühle in dem gesellschaftlichen Kreise um sie her hindurch bewahrte Lady Chillingly sich die unerschütterliche Ruhe ihrer würdevollen Haltung. Sie 242 war gewiß eine sehr gute Frau und sehr comme il faut . Niemand hätte einen Flecken in ihrem Charakter oder eine ungleiche Falte an ihren Falten entdecken können. Sie war nur, wie die Götter des Epikur, zu gut, um ihr hehres Dasein durch die Sorgen einfacher Sterblicher zu trüben. Nicht daß sie für eine heitere Genugthuung über den Tribut, den die Welt auf ihren Altären niederlegte, unempfänglich gewesen, oder daß sie in ihrer Gottähnlichkeit über die häuslichen Freuden erhaben gewesen wäre, welche die Menschheit den Bürgern und Bewohnern der Erde zutheilt. Sie liebte ihren Mann, wie die meisten ältlichen Frauen ihre ältlichen Männer lieben. Für Kenelm hegte sie noch eine etwas wärmere Liebe, in die sich ein gewisses Mitleid mischte. Seine Excentricitäten würden ihr zu schaffen gemacht haben, wenn sie sich überhaupt mit irgend etwas zu schaffen gemacht hätte; es incommodirte sie weniger, sie zu bemitleiden. Sie theilte nicht den Wunsch ihres Gatten in Betreff seiner Verbindung mit Cecilia. Sie glaubte, daß ihr Sohn eine höhere Stellung in der Grafschaft gewinnen würde, wenn er Lady Jane, die Tochter des Herzogs von Clanville, heirathete, und das sollte er thun, sagte Lady Chillingly zu sich. Ihr lag die Besorgniß fern, welche Sir Peter veranlaßt hatte, sich von Kenelm das 243 Versprechen geben zu lassen, sich nicht ohne Genehmigung seines Vaters zu verloben. Daß der Sohn Lady Chillingly's eine Mesalliance sollte schließen können, war bei aller seiner sonstigen Grillenhaftigkeit ein Gedanke, den zu fassen sie so außer Fassung gebracht haben würde, daß sie ihn nicht faßte. So war der Zustand der Dinge in Exmundham, als das lange Schreiben Kenelm's in Sir Peter's Hände gelangte. 244 Achtes Buch. Erstes Kapitel. Noch nie in seinem Leben war Sir Peter's Gemüth so aufgeregt gewesen wie während und nach der Durchlesung von Kenelm's hochfliegendem Schreiben. Er erhielt es beim Frühstück, öffnete es hastig und durchflog eifrig den Inhalt, bis er sehr bald auf Stellen gerieth, die ihn mit Entsetzen erfüllten. Lady Chillingly, die glücklicherweise mit dem Thee beschäftigt war, entging die Veränderung, die mit seinem Gesichtsausdrucke vorgegangen war. Nur Cecilia und Gordon entging dieselbe nicht. Keins von beiden errieth, von wem der Brief sei. »Hoffentlich keine schlimmen Nachrichten«, sagte Cecilia sanft. »Schlimme Nachrichten?« wiederholte Sir Peter. 245 »Nein, meine Liebe, nein, ein Geschäftsbrief. Er scheint entsetzlich lang.« Und indem er ihn in die Tasche steckte, murmelte er vor sich hin: »Ich will ihn nachher lesen.« »Ihr liederlicher Pachter Nostack ist vermuthlich bankrott« sagte Herr Travers und bemerkte beim Aufblicken, wie die Lippen seines Wirthes zitterten. »Ich habe Ihnen das vorausgesagt – und ein so schöner Pachthof! Lassen Sie mich einen andern Pachter für Sie aussuchen.« Sir Peter schüttelte matt lächelnd den Kopf. »Nostack wird nicht Bankrott machen, die Nostacks sitzen schon in der sechsten Generation auf dem Pachthof.« »Das glaube ich wohl«, sagte Travers trocken. »Und – und«, stammelte Sir Peter, »wenn der letzte des Geschlechts insolvent wird, so soll er an mir eine Stütze finden, und wenn einer von uns beiden fallen muß, so soll es nicht –« »Soll es nicht dieser querköpfige Schafskopf sein; das heißt die Güte zu weit treiben, mein lieber Sir Peter.« Hier kamen der Takt und das savoir vivre Chillingly Gordon's dem Wirthe zu Hülfe. Er nahm die Times zur Hand und stieß alsbald einen aufrichtig 246 gemeinten oder simulirten Schrei der Ueberraschung aus und las laut eine Stelle aus dem Leitartikel vor, der einen bevorstehenden Wechsel des Kabinets ankündigte. Sir Peter eilte, sobald er den Frühstückstisch verlassen konnte, in sein Arbeitszimmer und ging hier an ein sorgfältiges Studium von Kenelm's unwillkommener Mittheilung. Er verweilte lange dabei; denn zu wiederholten Malen mußte er, von dem Kampf seiner Gefühle überwältigt, inne halten; bald war er tief gerührt von der leidenschaftlichen Beredtsamkeit eines bisher von aller Liebesromantik so unberührt gebliebenen Sohnes und bald erfüllte ihn die Aussicht auf die Vereitelung seiner liebsten Hoffnungen mit banger Besorgniß. Dieses unerzogene Landmädchen würde für einen Mann wie Kenelm nie eine so hülfreiche Genossin sein können, wie es Cecilia Travers gewesen sein würde. Als er endlich den Brief zu Ende gelesen hatte, vergrub er sein Gesicht in seine gefalteten Hände und versuchte es mit aller Anstrengung, sich eine Situation klar zu machen, welche Vater und Sohn in einen so directen Gegensatz brachten. »Aber«, murmelte er vor sich hin, »am Ende handelt es sich doch um das Glück des Jungen. Wenn er nicht auf meine Weise glücklich werden will, welches 247 Recht habe ich zu sagen, daß er es auch nicht auf seine werden soll?« Grade in diesem Augenblick trat Cecilia leise ins Zimmer. Sie hatte das Privilegium, zu jeder Zeit in die Bibliothek zu kommen; bisweilen that sie es, um sich ein von ihm empfohlenes Buch zu holen, bisweilen, um ihm seine Briefe zu adressiren und zu siegeln – Sir Peter war für jede ihm abgenommene Unbequemlichkeit äußerst dankbar – und bisweilen, besonders zu dieser Stunde, um ihn zu seinen gewohnten Gesundheitsspaziergängen zu überreden. Bei dem Klang ihrer herannahenden Tritte und ihrer gewinnenden Stimme blickte er auf und sein Gesicht sah so traurig aus, daß ihr beim Anblick desselben die Thränen in die Augen traten. Sie legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte in bittendem Ton: »Lieber Sir Peter, was haben Sie, was haben Sie?« »O mein liebes Kind«, sagte Sir Peter, indem er die zerstreuten Blätter von Kenelm's Erguß mit zitternden Händen zusammenlas, »fragen Sie mich nicht, reden Sie nicht davon; es ist nur eine der Enttäuschungen, denen wir alle ausgesetzt sind, wenn wir unsere Hoffnungen auf den unberechenbaren Willen Anderer setzen.« Dann, als er sah, wie die Thränen an den schönen 248 blassen Wangen des Mädchens herabrollten, ergriff er ihre Hand mit seinen beiden Händen, küßte sie auf die Stirn und sagte flüsternd: »Sie liebes Kind, wie gut sind Sie gegen mich gewesen! Gott segne Sie! Was für eine vortreffliche Frau werden Sie Ihrem Manne sein!« Mit diesen Worten schleppte er sich durch die geöffnete Glasthür zum Zimmer hinaus. Sie folgte ihm und fragte sich, was es wohl sein möge; aber noch ehe sie ihn eingeholt hatte, kehrte er sich um, winkte ihr mit einer sanft abwehrenden Handbewegung und ging seines Weges allein durch dichte Baumgänge von Tannen, die zu Ehren von Kenelm's Geburt gepflanzt worden waren. 249 Zweites Kapitel. Kenelm traf in Exmundham grade noch zeitig genug ein, um vor Tische Toilette zu machen. Seine Ankunft war nicht unerwartet; denn am nächsten Morgen, nachdem Sir Peter seinen Brief erhalten, hatte dieser zu Lady Chillingly gesagt, daß Kenelm ihm geschrieben habe und jeden Tag eintreffen könne. »Es wird Zeit, daß er kommt«, sagte Lady Chillingly. »Hast Du seinen Brief bei Dir?« »Nein, liebe Karoline. Er läßt Dich natürlich herzlichst grüßen, der arme Junge.« »Warum armer Junge? Ist er krank gewesen?« »Nein; aber er scheint etwas auf dem Herzen zu haben. Wenn dem so ist, müssen wir thun, was wir können, ihm zu helfen. Er ist ein vortrefflicher Sohn, Karoline.« 250 »Ich habe gewiß nichts gegen ihn, außer«, fügte Lady Chillingly nachdenklich hinzu, »daß ich wünschte, er wäre ein wenig mehr wie andere junge Männer.« »Hm, zum Beispiel wie Chillingly Gordon?« »Nun ja, Gordon ist ein ausgezeichnet verständiger, wohlerzogener junger Mann. Wie verschieden von seinem unangenehmen bärbeißigen Vater, der einen Prozeß mit Dir anfing!« »Allerdings sehr verschieden, aber doch mit demselben Chillingly'schen Blut. Wie aus der Chillingly'schen Familie je ein Kenelm hat hervorgehen können, ist eine viel intrikatere Frage.« »O lieber Peter, laß doch solche Räthselfragen! Du weißt, wie ich die hasse.« »Und doch, Karoline, habe ich Dir für ein Räthsel zu danken, das ich mit meinem Kopf nie lösen kann. Es gibt sehr viele Räthsel in der menschlichen Natur, die nur mit dem Herzen gelöst werden können.« »Sehr wahr«, sagte Lady Chillingly. »Kenelm soll doch wohl sein altes, dem Gordon's grade gegenüberliegendes Zimmer haben?« »Ja, ja, grade gegenüber. Ihr Lebelang werden Sie sich gegenüberstehen. Denke nur, Karoline, ich habe eine Entdeckung gemacht.« »Lieber Gott, nur das nicht! Deine Entdeckungen 251 sind gewöhnlich sehr kostspielig und bringen uns mit so sonderbaren Leuten in Berührung.« »Diese Entdeckung soll uns keinen Heller kosten, und ich kenne keinen Menschen, der sonderbar genug wäre, um sie nicht zu verstehen. Die Sache ist kurz folgende: Herz ist das erste Erforderniß des Genies. Das Talent aber bedarf seiner gar nicht. Meine liebe Karoline, Gordon ist der talentvollste junge Mann, den ich kenne; aber das erste Erforderniß des Genies fehlt ihm. Ich bin keineswegs überzeugt, daß Kenelm Genie hat, aber unzweifelhaft hat er das erste Erforderniß des Genies – Herz. Das Herz ist ein sehr verwickeltes, launenhaftes, irrationales Ding; und das erklärt vielleicht die Unfähigkeit der meisten Menschen, das Genie zu begreifen, während jeder Narr das Talent begreifen kann. Meine liebe Karoline, Du weißt, daß ich selten öfter als alle drei Jahre einmal meinen Willen gegen den Deinigen durchzusetzen verlange; aber sollte es sich in einem gegebenen Augenblick um das Herz unseres Sohnes handeln, dann muß, unter uns gesagt, Dein Wille sich dem meinigen fügen.« »Mein Mann wird jeden Tag sonderbarer«, sagte Lady Chillingly bei sich, als Peter fortgegangen war. »Aber er meint es nicht böse und es gibt schlimmere Ehemänner in der Welt.« 252 Dann klingelte sie ihrer Kammerjungfer, gab die nöthigen Ordres für die Herrichtung von Kenelm's Zimmer, in welchem seit vielen Monaten niemand geschlafen hatte, und consultirte diesen weiblichen Beamten über die Frage, ob sich eins ihrer Kleider, das zu kostbar war, um abgelegt zu werden, wohl nach der Façon eines weniger kostbaren Kleides, welches Lady Glenalvon als la dernière mode von Paris mitgebracht, ändern lassen werde. Grade an dem Tage, wo Kenelm in Exmundham ankam, hatte Chillingly Gordon folgenden Brief von Gerard Danvers erhalten. »Lieber Gordon! Bei den von den öffentlichen Blättern als Gerücht angekündigten ministeriellen Veränderungen, welche Sie als sicher annehmen können, wird der reizende kleine Cherub *** entsandt werden, in der Höhe zu thronen und dort für das Leben des armen Jack, das heißt, der Regierung, die er unter sich zurückläßt, zu beten. Durch die Annahme der Pairswürde, zu der ich ihm gerathen haben würde, schafft *** eine Vacanz für den Wahlflecken *, der ganz der rechte Platz für Ihre Candidatur und in jeder Beziehung viel besser wäre als Saxborough. *** verspricht Sie seinen Wählern zu empfehlen. Kommen Sie sofort nach London. Der Ihrige G. Danvers.« 253 Gordon zeigte diesen Brief Herrn Travers und erwiderte, als dieser ihm von ganzem Herzen Glück wünschte, mit einer halb echten, halb gemachten Aufregung: »Sie können sich nicht denken, welche Bedeutung die Erfüllung Ihrer freundlichen Wünsche für mich haben würde. Ich bin mir so starker Antriebe zu energischem Handeln bewußt, daß ich, ohne zu fürchten, von Ihnen für sehr eingebildet gehalten zu werden, sagen zu dürfen glaube: wenn ich erst einmal im Unterhause sitze, so rechne ich sicher auf parlamentarische Erfolge.« »Mein lieber Gordon, ich bin so fest überzeugt, daß Sie Erfolg haben werden, wie ich von meinem Dasein überzeugt bin.« »Und wenn ich Erfolg haben, wenn es mir gelingen sollte, den großen Kampfpreis des öffentlichen Lebens davonzutragen und mich zu einer Stellung zu erheben, die meine Anmaßung rechtfertigen würde, würden Sie mir dann gestatten, zu Ihnen zu kommen und zu sagen: Es gibt ein Ziel des Ehrgeizes, das mir theurer ist als Macht und Amt und dessen Erreichung meine Hoffnung und in dieser Hoffnung der stärkste meiner Antriebe zum Handeln war? Und darf ich bei dieser Hoffnung auch auf die guten Wünsche von Cecilia Travers rechnen?« 254 »Mein lieber Freund, geben Sie mir Ihre Hand; Sie sprechen männlich und offen, wie es einem Gentleman ansteht. Ich antworte Ihnen in demselben Geiste. Ich will nicht behaupten, daß nicht bei meinem Gedanken an einen Bewerber um Cecilia's Hand erblicher Rang und festgegründetes Vermögen eine Rolle gespielt haben, obgleich ich diese Dinge nie zu unerläßlichen Bedingungen gemacht haben würde. Dazu bin ich weder vornehm noch Parvenu genug; und ich kann nie vergessen« – und bei diesen Worten zuckte es in jedem Muskel seines Gesichtes – »daß ich selbst aus Liebe geheirathet habe und so glücklich gewesen bin – wie glücklich, weiß nur Gott. Aber doch würde ich, wenn Sie vor einigen Wochen so zu mir gesprochen hätten, keine sehr günstige Antwort auf Ihre Frage gegeben haben. Aber jetzt, nachdem ich Sie näher kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe, antworte ich Ihnen: Auch wenn Sie nicht gewählt werden, wenn Sie gar nicht ins Parlament gelangen, dürfen Sie darum nicht weniger auf meine guten Wünsche rechnen. Wenn es Ihnen gelingt, das Herz meiner Tochter zu gewinnen, so weiß ich keinen Mann, dem ich ihre Hand lieber geben würde. Da ist sie ja selbst und allein im Garten. Gehen Sie und reden Sie mit ihr.« Gordon zögerte. Er wußte nur zu gut, daß er 255 ihr Herz nicht gewonnen habe, obgleich er keine Ahnung davon hatte, daß es bereits einem Andern gehörte. Und er war viel zu gescheidt, um nicht zu wissen, wie viel der wagt, der bei einer Liebeswerbung vorschnell zu Werke geht. »O!« sagte er, »ich finde keinen Ausdruck des Dankes für so großmüthige, so ermuthigende Worte. Aber ich habe noch nie ein Wort gegen Ihr Fräulein Tochter zu äußern gewagt, das sie an mich als einen Bewerber um ihre Hand auch nur hätte denken lassen können. Und ich glaube kaum, daß ich den Muth behalten würde, bei der Parlamentswahl als Candidat aufzutreten, wenn der Kummer über eine Abweisung meines Antrags mein Herz betrübte.« »Gut, lassen Sie sich erst wählen. Inzwischen verabschieden Sie sich doch jedenfalls von Cecilia.« Gordon verließ Travers und ging zu Cecilia, entschlossen, zwar keine förmliche Erklärung zu riskiren, aber doch das Terrain zu sondiren. Die Unterhaltung war sehr kurz. Er sondirte das Terrain sehr geschickt, fand aber, daß ein Betreten desselben sehr unsicher sein würde. Der Vortheil der erlangten Zustimmung des Vaters war zu groß, um ihn durch eine jener entscheidenden Antworten der Tochter einzubüßen, welche, namentlich einem armen 256 Gentleman, der sich um die Hand einer Erbin bewirbt, keine Appellation gestatten. Er ging wieder zu Travers und sagte einfach: »Ich nehme neben Ihren guten Wünschen auch die Ihrer Tochter mit mir, mehr aber nicht. Ich lasse mein Schicksal in Ihren freundlichen Händen.« Damit eilte er fort, sich von seinen Wirthen zu verabschieden und einige bedeutungsvolle Worte zu Frau Campion, in der er bereits eine Verbündete gewonnen hatte, zu sagen. Und eine Stunde später fuhr er mit der Eisenbahn an einem Zuge vorüber, der Kenelm nach Exmundham brachte, nach London. Gordon war in bester Laune. Er glaubte sich Cecilia's so sicher wie seiner Wahl. »Mir ist noch nie etwas, was ich gewünscht habe, fehl geschlagen«, sagte er zu sich, »weil ich mich immer mit größter Vorsicht vor dem Fehlschlagen gehütet habe.« Die Ursache von Gordon's plötzlicher Abreise rief in dem ruhigen Kreise in Exmundham bei allen, außer bei Sir Peter und Cecilia, eine große Aufregung hervor. 257 Drittes Kapitel. Kenelm sah weder seinen Vater noch seine Mutter, ehe er bei Tische erschien. Hier saß er neben Cecilia. Aber beide sprachen nur wenig miteinander; den fast ausschließlichen Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung bildeten Gordon's Aussichten bei der bevorstehenden Wahl und Conjecturen über seine Haltung im Parlament. »Wo«, sagte Lady Glenalvon, »eine solche Dürre an talentvollen jungen Männern herrscht, daß er, wenn er auch nur halb so gescheidt wäre, wie er ist, eine Acquisition sein würde –« »Eine Acquisition für wen?« fragte Sir Peter verdrießlich. »Für sein Land? Um das schert er sich, glaube ich, nicht einen Pfifferling.« Dieser Behauptung trat Leopold Travers mit 258 Wärme entgegen und fand sich dabei ebenso warm von Frau Campion unterstützt. »Ich meinestheils«, sagte Lady Glenalvon in versöhnlichem Tone, »halte dafür, daß jeder fähige Mann im Parlament ein Gewinn für das Land ist, dem er vielleicht nicht weniger wirksam dient, auch wenn er nicht mit seiner Liebe für dasselbe prahlt. Die Politiker, die ich am meisten fürchte, sind die jetzt in Frankreich so üppig wuchernden patriotischen Schreier. Als Sir Robert Walpole sagte: Alle diese Männer haben ihren Preis, deutete er auf die Männer, die sich Patrioten nannten.« »Bravo«, rief Travers. »Sir Robert Walpole gab seine Liebe für sein Land dadurch zu erkennen, daß er es corrumpirte. Es gibt noch außer der Bestechung viele Wege, ein Land zu corrumpiren«, sagte Kenelm in mildem Ton, und in dieser Bemerkung bestand sein einziger Beitrag zu der allgemeinen Unterhaltung. Erst nachdem sich die übrige Gesellschaft zurückgezogen hatte, fand die von Kenelm herbeigesehnte, von Sir Peter gefürchtete Zusammenkunft im Bibliothekzimmer statt. Sie dauerte bis tief in die Nacht hinein. Beide trennten sich mit erleichtertem Herzen und 259 einer noch zärtlicheren Liebe für einander. Kenelm hatte ein so reizendes Bild von der Fee entworfen und Sir Peter so gründlich überzeugt, daß seine Gefühle für sie nicht eine vorübergehende jugendliche Laune, sondern die der Liebe seien, die im tiefsten Herzen wurzelt, daß der Vater, wenn auch noch immer mit einem schweren Seufzer, den Gedanken an Cecilia aufgab. Halb getröstet, daß Lily von adliger Herkunft und daß ihr Name Mordannt der alter illustrer Häuser sei, sagte er endlich: »Es hätte schlimmer kommen können, mein lieber Junge. Ich hatte schon zu fürchten angefangen, es wäre trotz der Lehren von Mivers und Welby am Ende doch die Müllerstochter geworden. Aber eine schwere Aufgabe steht uns noch bevor, wir müssen Deine gute Mutter gewinnen. Zur Beschönigung Deiner ersten Flucht aus dem Hause habe ich ihr unglücklicherweise die Idee mit Lady Jane, einer Herzogstochter, in den Kopf gesetzt, und diese Idee hat sie nie wieder fahren lassen. Das kommt vom Flunkern.« »Ich rechne außer Deinem eigenen auf Lady Glenalvon's Einfluß auf Mama«, sagte Kenelm. »Wenn ein von der großen Welt so anerkanntes Orakel sich zu meinen Gunsten erklärt und verspricht, meine Frau bei Hofe vorzustellen und sie in die Mode zu 260 bringen, so wird und Mama hoffentlich erlauben, die alten Familiendiamanten für ihr nächstes Wiedererscheinen in London neu fassen zu lassen. Und dann kannst Du ihr auch sagen, daß ich mich um die Vertretung der Grafschaft bewerben will. Ich will mich ins Parlament wählen lassen, und wenn ich dann dort unsern gescheidten Vetter treffe und finde, daß er sich nicht einen Pfifferling um das Land schert, verlaß Dich darauf, daß ich ihn leichter unterkriege, als ich Tom Bowles untergekriegt habe.« »Tom Bowles! Wer ist das? Ah, ich erinnere mich eines Deiner Briefe, in welchem Du von einem Moralphilosophen Bowles sprachst, dessen Lieblingsstudium die Menschheit sei.« »Moralphilosophen«, antwortete Kenelm, »haben ihr Gehirn durch den Alkohol neuer Ideen so betäubt, daß ihre moralischen Beine wacklig geworden sind und daß ein menschlich Fühlender ihnen lieber ins Bett helfen würde, als sie unterkriegen. Mein Tom ist ein muskulöser Christ, der nicht weniger muskulös, aber viel christlicher wurde, nachdem er untergekriegt war.« Und in dieser anmuthigen Weise beschlossen diese beiden Sonderlinge ihre Zusammenkunft und gingen, die Arme gegenseitig um die Schultern geschlungen, auf ihre Zimmer, sich zur Ruhe zu begeben. 261 Viertes Kapitel. Kenelm fand es viel schwieriger, als er es sich gedacht hatte, Lady Glenalvon für seine Sache zu gewinnen. Bei dem lebhaften Interesse, das sie an seiner Zukunft nahm, konnte ihr der Gedanke an seine Verbindung mit einem unbekannten mittellosen Mädchen, das er erst seit einigen Wochen kannte und von dessen Familie er nichts zu wissen schien, als daß es – und auch das nur auf eine Versicherung hin – ihm ebenbürtig sei, nur aufs äußerste widerstreben. Und der von ihr fast ebenso innig wie von Sir Peter gehegte Wunsch, daß Kenelm ein seiner Wahl in jeder Beziehung so würdiges Mädchen wie Cecilia Travers zur Frau nehmen möge, ließ sie das Scheitern ihrer Pläne mit ebenso viel Entrüstung wie Bedauern betrachten. 262 Im ersten Augenblick war sie so aufgebracht, daß sie ihn nicht einmal anhören wollte. Sie ließ ihn mit einer Rücksichtslosigkeit, wie sie sie noch nie gegen jemand geübt hatte, mitten im Gespräch stehen, verweigerte ihm eine zweite Zusammenkunft zum Zweck einer abermaligen Erörterung der Sache und erklärte, sie wolle, weit entfernt, ihren Einfluß zu Gunsten seiner romantischen Thorheit zu verwenden, bei Lady Chillingly und Sir Peter energisch dagegen remonstriren, daß sie darein willigten, ihn sich so wegwerfen zu lassen. Erst am dritten Tage nach seiner Ankunft ließ sie sich, durch die tiefe, aber stolze Trauer seines Ausdrucks gerührt, dazu herbei, in einer vertraulichen Unterhaltung mit Sir Peter den Gründen des würdigen Baronets ein geneigtes Ohr zu leihen. Sie führte ihre Drohung, bei Lady Chillingly zu remonstriren, nicht aus. Aber nur mit Widerstreben gab sie Sir Peter's Behauptung zu, daß ein Sohn, der mit der Aussicht auf die absolut freie Verfügung über ein Gut sich großmüthigerweise freiwillig zu einer neuen, für seine beiden Eltern außerordentlich günstigen Festsetzung in Betreff dieses Gutes entschlossen habe, einen Anspruch auf ein Opfer ihrer Neigungen bei einer Frage habe, von welcher nach seiner Ueberzeugung sein Lebensglück 263 abhänge, und daß er mündig sei und in seiner Wahl ganz frei sein würde, wenn ihn nicht ein ihm früher von seinem Vater abgenommenes Versprechen bände, ein Versprechen, welches streng genommen nicht für Lady Chillingly, sondern nur für Sir Peter als Haupt der Familie und Herrn des Hauses Geltung habe. Er, der Vater, habe seine Zustimmung bereits gegeben, und wenn Kenelm in seiner Ehrfurcht vor seinen beiden Eltern der Zustimmung seiner Mutter nicht entrathen könne, so sei es die Aufgabe einer wahren Freundin, ihm jeden Gewissensskrupel zu ersparen und jedes Hinderniß einer Liebe aus dem Wege zu räumen, die man nicht verdammen dürfe, weil sie uneigennützig sei. Nach dieser Unterhaltung suchte Lady Glenalvon Kenelm auf, fand ihn am Ufer des Forellenbaches finster brütend, nahm seinen Arm, führte ihn auf die dunkeln Wege des Tannenwäldchens und hörte Alles, was er zu sagen hatte, geduldig an. Selbst jetzt ließ sich ihr Frauenherz nicht durch seine Gründe gewinnen und ließ sich erst überwinden, als er pathetisch ausrief: »Sie haben mir einst für die Rettung des Lebens Ihres Sohnes gedankt und gesagt, Sie würden mir Ihre Schuld nie abtragen können; Sie können sie mir jetzt zehnfach abtragen. Glauben Sie, daß Ihr Sohn, der jetzt, wie wir vertrauen, im Himmel ist, wenn er 264 herabblicken und zwischen uns entscheiden könnte, Ihnen Recht geben würde, wenn Sie mir diesen Dienst versagen?« Da weinte Lady Glenalvon, ergriff seine Hand, küßte ihn auf die Stirn wie eine Mutter und sagte: »Sie haben gesiegt; ich will sofort zu Ihrer Mutter gehen. Heirathen Sie die, welche Sie so lieben, aber unter einer Bedingung, heirathen Sie sie von meinem Hause aus.« Lady Glenalvon gehörte nicht zu den Frauen, die ihren Freunden halb dienen. Sie verstand es vortrefflich, Lady Chillingly günstig zu stimmen und ihres apathischen Temperaments Herr zu werden; sie ließ nicht nach, bis Lady Chillingly selbst auf Kenelm's Zimmer ging und sehr ruhig zu ihm sagte: »Du willst also um Fräulein Mordannt's Hand anhalten, von den Warwickshire-Mordannts, glaube ich. Lady Glenalvon sagt, sie sei ein charmantes Mädchen und werde sie vor der Hochzeit auf einige Zeit in ihrem Hause besuchen. Und da die junge Dame eine Waise ist, wird Lady Glenalvon's Onkel, der Herzog, der mit dem ältesten Zweige der Mordannts verwandt ist, bei der Hochzeit Vaterstelle an ihr vertreten. Das wird sehr brillant werden. Ich wünsche Dir von Herzen Glück, Du mußt nachgrade ausgetobt haben.« 265 Zwei Tage, nachdem er so die förmliche Zustimmung seiner Eltern erlangt hatte, verließ Kenelm Exmundham. Sir Peter würde ihn begleitet haben, um der Braut seine Aufwartung zu machen, aber die Aufregung, die er durchgemacht hatte, zog ihm einen heftigen Gichtanfall zu, der seine Füße zu einer Flanelleinwickelung verurtheilte. Als Kenelm fort war, ging Lady Glenalvon zu Cecilia auf ihr Zimmer. Cecilia saß sehr betrübt am offenen Fenster; sie hatte entdeckt, daß Vater und Sohn von etwas Peinlichem präoccupirt gewesen seien, und hatte das mit dem Briefe in Verbindung gebracht, der das ruhige Gemüth Sir Peter's so aufgeregt hatte; aber sie errieth nicht, was dieses Etwas sei, und wenn sie sich auch durch eine gewisse von Kenelm ihr gegenüber beobachtete, gegen sein früheres Benehmen abstechende Zurückhaltung gekränkt fühlte, so empfand sie doch diese Kränkung weniger lebhaft als eine zärtliche Theilnahme für die Trauer, deren Ausdruck sie auf seinem Gesichte beobachtet und die sie zu mildern inniges Verlangen getragen hatte. Seine Zurückhaltung hatte jedoch auch sie zurückhaltender gegen ihn gemacht und dafür schalt sie sich jetzt mehr, als daß sie ihm Vorwürfe machte. Lady Glenalvon schlang ihre Arme um Cecilia's 266 Hals, küßte sie und flüsterte ihr zu: »Dieser Mensch hat mich bitter getäuscht, er ist des Glückes, das ich einst für ihn erhofft, ganz unwürdig!« »Von wem reden Sie?« murmelte Cecilia erbleichend. »Von Kenelm Chillingly. Es scheint, daß er sich in ein mittelloses Mädchen, dem er auf seinen Wanderungen begegnet ist, verliebt hat, hierher gekommen ist, sich die Zustimmung seiner Eltern zu einem ihr zu machenden Heirathsantrage zu erbitten, diese Zustimmung erhalten hat und nun hingereist ist, seinen Antrag zu machen.« Cecilia saß einen Augenblick mit geschlossenen Augen schweigend da und sagte dann: »Er verdient alles Glück und hat gewiß keine unwürdige Wahl getroffen. Gott segne ihn – und – und –« Sie wollte hinzufügen, »seine Braut«, aber ihre Lippen sträubten sich, das Wort Braut auszusprechen. »Vetter Gordon ist zehn Kenelms werth«, rief Lady Glenalvon entrüstet aus. Sie war Kenelm behülflich gewesen, aber sie hatte ihm nicht verziehen. 267 Fünftes Kapitel. Kenelm übernachtete in London und beschloß am nächsten Tage, da es außerordentlich schönes Wetter war, zu Fuß nach Moleswick zu gehen. Er hatte diesmal nicht nöthig, sich mit einem Ränzel zu beschweren; er hatte eine hinreichende Garderobe in Cromwell-Lodge zurückgelassen. Gegen Abend langte er in einem der hübschesten Dörfer an, bei welchem Die weiße Themse fließt dahin, Ihr Weg sich silbern windet. Es lag nicht an der graden Straße von London nach Moleswick, aber es war ein angenehmer Weg für einen Fußgänger. Und als er die lange heiße, durch das Dorf führende Straße passirt hatte und an das sich sanft dem Wasser zuneigende Ufer gelangte, 268 war er froh, eine Weile auszuruhen, sich der Kühle der plätschernden Fluten zu erfreuen und ihrem sanften Gemurmel in dem Schilfe zuzuhören. Er hatte noch reichlich Zeit. Seine von Cromwell-Lodge aus gemachten Streifereien hatten ihn mit der Gegend um Moleswick auf Meilen hin vertraut gemacht und er wußte, daß ein Fußsteig durch die Felder zur Rechten ihn in weniger als einer Stunde an das Ufer des Nebenflüßchens bringen würde, an welchem Cromwell-Lodge der hölzernen Brücke gegenüber lag, welche nach Grasmere und Moleswick führte. Für einen, der Sinn für die Romantik der englischen Geschichte hat, ist die Themse in ihrem ganzen Lauf voll Reiz. O könnte ich zu den Tagen zurückkehren, in welchen jüngere Generationen denn die Kenelm Chillinglys noch ungeboren waren, als jede Welle des Rheins mir von Geschichte und Romantik erzählte, welche Feen sollten sich an deinen Ufern begegnen, o du, unsere heimische Themse! Vielleicht wird eines Tages ein deutscher Pilger dir den Tribut, den der englische Vetter dem Vater Rhein gezollt hat, zehnfach zurückbezahlen. Als Kenelm dem Rauschen des Schilfes zuhörte, war es ihm, als flüsterte ihm der Geist des Stromes seine Legenden zu. Mancher poetische Vorfall und 269 manche Ueberlieferung aus alten Chroniken, mancher geweihte Vers aus Gesängen, welche unsern Voreltern theuer waren, drängten sich nebelhaft und verwirrt seinem Gedächtnisse zu, welches wenig darauf bedacht gewesen, solch anmuthigen Schmuck mit liebendem Gemüthe zu hegen. Aber Alles, was sich von Kindheit an in uns mit Romantik verknüpft hat, lebt mit frischerer Blüte in dem Gedächtniß dessen wieder auf, der liebt. Und bei diesem Mann, der in der ersten gefährlichen Jugendzeit vor den gewöhnlichsten Jugendgefahren so merkwürdig bewahrt geblieben war, bei diesem beflissenen Schüler des Realismus, diesem gelehrten Adepten aus der Schule eines Welby und eines Mivers, bei diesem Manne hatte sich die Liebe endlich wie mit der verhängnißvollen Macht der Göttin Cytheras eingestellt, und mit dem Eintritt dieser Liebe wurden ihm alle Realismen des Lebens Ideale, verwandelten sich alle die strengen Linien unseres täglichen Lebenslooses in Wellenlinien der Schönheit, stimmten sich alle die gewöhnlichen Töne unseres täglichen Lebens in zarte Melodien um. Wie voll von hochfliegender, aber noch träumerischer Seligkeit war sein Herz und schien seine Zukunft in dem sanften Hauch und der gedämpften Glut jenes Sommerabends! Am nächsten 270 Morgen sollte er Lily wiedersehen und sein Mund durfte nun Alles offen aussprechen, was er bis jetzt noch zurückgehalten hatte. Plötzlich wurde er aus der halb wachen, halb träumenden Glückseligkeit, die wir in den Momenten empfinden, wo wir uns ins Elysium versetzt glauben, durch den Gesang einer Stimme aufgeschreckt, die sich mit lauterem Jubel vernehmen ließ als die Stimme seines eigenen Herzens. »Mit Gesang, mit Gesang, mit lustigem Gesang Zum Walde heraus, die Hunde voran, Trabt der Ritter von Nierenstein.« Kenelm drehte den Kopf so rasch um, daß Max, der schon etwa eine Minute lang mit erhobener Pfote und unsicher schnüffelnd, ob er einen alten Bekannten wiedergefunden habe, hinter ihm gestanden hatte, heftig erschrak und laut bellend zu seinem Herrn zurücklief. Der Troubadour achtete der am Ufer ausgestreckten Gestalt wenig und würde leichten Schrittes und lustig singend weiter marschirt sein, wenn nicht Kenelm aufgesprungen wäre und die Hand ausstreckend gesagt hätte: »Ich hoffe, Sie sind nicht auch wie Max erschrocken, mich wiederzusehen?« »O sieh da, mein junger Philosoph; sind Sie es wirklich?« 271 »Wenn ich als Philosoph bezeichnet werden soll, so bin ich es nicht. Und aufrichtig gesagt bin ich nicht mehr derselbe, der vor zwei Jahren den angenehmen Tag in den Feldern bei Luscombe mit Ihnen zubrachte.« »Oder der Sie mir in Tor-Hadham riethen, meine Leier zum Lobe eines Beefsteaks zu stimmen. Ich bin auch nicht mehr derselbe, dessen Hund Sie mit einem zinnernen Teller anbettelte.« »Aber Sie durchwandern doch immer noch singend die Welt?« »Selbst diese Zeit des singenden Umherwanderns ist so ziemlich vorüber. Aber ich habe Sie in Ihrer Ruhe gestört. Wenn Sie erlauben, ruhe ich mit Ihnen aus. Sie gehen wahrscheinlich nicht meinen Weg, und da ich keine Eile habe, möchte ich nicht gern die glückliche Gelegenheit versäumen, die der Zufall mir bietet, die Bekanntschaft mit Jemand zu erneuern, mit dem ich mich oft in Gedanken beschäftigt habe, seitdem wir uns zuletzt getroffen haben.« Mit diesen Worten lagerte sich der Troubadour behaglich am Ufer und Kenelm folgte seinem Beispiel. Offenbar war eine Veränderung mit dem Troubadour vorgegangen, eine Veränderung in der Toilette, in der Haltung, in jener unbeschreiblichen Selbstbewußtheit, die 272 wir Benehmen nennen. Die Toilette war weder jener Zigeuneranzug, in welchem Kenelm zuerst dem wandelnden Troubadour begegnet war, noch die sorgfältigere hübsche Kleidung, welche er während seines Besuches in Luscombe getragen und welche seiner schönen Gestalt so gut gestanden hatte. Jetzt trug er einen zierlich einfachen, kühlen Sommeranzug. Und als er jetzt seinen Hut abnahm, um sich von der kühlen Luft anwehen zu lassen, frappirte Kenelm eine ernstere Würde in dem Rubens ähnlichen Gesicht des Mannes, ein Ausdruck tiefern Denkens auf der hohen Stirn, und in den dicken kastanienbraunen Locken des Haupthaares und Bartes fand sich hier und da ein graues Haar. In seinem noch immer sehr offenen Benehmen lag doch eine Nüance von nicht verletzender, aber männlicher Selbstzuversicht, wie sie einem Mann von reiferen Jahren und von einer gewissen Stellung im Leben einem viel jüngern Manne gegenüber, welcher aller Wahrscheinlichkeit nach außer der ihm durch den Zufall der Geburt angewiesenen noch gar keine Stellung erlangt hat, wohl ansteht. »Ja«, sagte der Troubadour mit einem halbunterdrückten Seufzer, »das letzte Jahr meiner Wanderferien geht zu Ende. Ich erinnere mich, daß ich Ihnen an jenem Tage, wo wir uns zuerst bei dem Brunnen 273 an der Landstraße trafen, rieth, es mir nachzuthun und auf Fußreisen Vergnügen und Abenteuer zu suchen. Jetzt, wo ich Sie, der Sie offenbar nach Geburt und Erziehung ein Gentleman sind, noch immer als Fußreisenden finde, ist mir, als müßte ich zu Ihnen sagen: Lassen Sie sich an Ihren bisherigen Erfahrungen genügen; das Vagabundenleben hat seine Reize, aber auch seine Gefahren; stellen Sie es ein und fangen Sie ein stetiges Leben an.« »Das denke ich zu thun«, erwiderte Kenelm lakonisch. »In einem bestimmten Beruf? Als Militär, als Advocat, als Arzt?« »Nein.« »Ah, in der Ehe also. Das ist recht. Geben Sie mir Ihre Hand. So hat also ein Frauenkleid doch endlich nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im wirklichen Leben seinen Zauber auf Sie geübt.« »Ich schließe«, sagte Kenelm ohne von dieser scherzhaften Anspielung Notiz zu nehmen, »aus Ihrer Bemerkung, daß Sie im Begriff stehen, ein stetiges Leben in der Ehe zu beginnen.« »Ja, hätte ich das früher thun können, so würde mich das vor vielen Irrthümern bewahrt haben und ich würde mich viel früher dem Ziele genähert haben, 274 welches mein Auge durch den Nebel meiner jugendlichen Träume hindurch blendete.« »Was ist das für ein Ziel? Das Grab?« »Das Grab? Nein. Das, was kein Grab kennt – der Ruhm.« »Ich sehe, daß Sie ungeachtet dessen, was Sie vorhin sagten, noch immer die Welt zu durchziehen denken, um den Ruhm eines Dichters zu suchen.« »Ach nein! Ich verzichte auf diesen Traum«, sagte der Troubadour wieder leicht seufzend. »Es war nicht ausschließlich, aber zum großen Theil die Hoffnung auf den Dichterruhm, die mich zu einem Faulenzer in dem Streben nach dem machte, was das Schicksal und die geringen, mir von der Natur verliehenen Gaben mir als mein eigentliches und einziges Ziel bestimmt hatten. Aber welch ein sonderbares täuschendes Irrlicht ist doch die Liebe zum Versemachen! Wie selten täuscht sich ein verständiger Mensch in Betreff seiner Begabung für andere Dinge; aber wenn er einmal den Reiz des Versemachens gekostet hat, nimmt alsbald dieser Zauber seinen Verstand gefangen, und wie lange dauert es, bis er sich überzeugt, daß die Welt ihm nicht aufs Wort glaubt, wenn er Sonne, Mond und Sterne zu Zeugen anruft, daß auch er ein Poet sei. Unter welchen Todeskämpfen, als ob sich die Seele 275 vom Leibe losreißen sollte, ergibt er sich endlich in die Ueberzeugung, daß es im Grunde auf dasselbe hinauskomme, ob er oder ob die Welt Recht habe. Wer kann seine Sache vor einem Gerichtshof vertreten, der ihn nicht anhören will?« Der Troubadour hatte diese Worte in so leidenschaftlicher und offenbar schmerzlicher Aufregung gesprochen, daß Kenelm vermöge seiner sympathischen Theilnahme zu Muthe war, als ob sich seine eigene Seele von ihm loszureißen ringe. Aber Kenelm war ein so excentrischer Sterblicher, daß, wenn das acute Leiden eines sterblichen Mitmenschen ihm faßbar vor die Sinne geführt wurde, er ebenso litt wie dieser Mitmensch. So drängte ihn jetzt, obgleich es nichts in der Welt gab, was zu vollbringen er weniger den Wunsch hegte, als Verse machen, sein Geist unwillkürlich dazu, die Argumente aufzusuchen, mit welchen er den Schmerz des Versemachers am besten zu lindern hoffen konnte. »So weit ich es bei meiner sehr bescheidenen Bücherkenntniß beurtheilen kann«, sagte er, »theilen Sie die Liebe des Versemachens mit den ausgezeichnetsten Männern, welche das Ziel des Ruhmes erreicht haben. Es muß also wohl eine sehr edle Liebe sein. Augustus, Pollio, Varius, Mäcenas, die größten Staatsmänner ihrer Tage, waren alle Versemacher. 276 Und so waren auch in neuerer Zeit Richelieu, Walter Raleigh und Philipp Sidney, Fox, Burke, Sheridan, Warren Hastings, Canning und selbst der große Pitt Versemacher. Das Versemachen verzögerte nicht, im Gegentheil die dazu erforderlichen Eigenschaften beschleunigten ohne Zweifel ihren Lauf nach dem Ziele des Ruhmes. Und was für große Maler sind Versemacher gewesen! Michel Angelo, Leonardo da Vinci, Salvator Rosa.« Der Himmel weiß, wie viele andere große Namen Kenelm noch würde aufgezählt haben, wenn ihn der Troubadour hier nicht mit der Frage unterbrochen hätte: »Wie, alle diese gewaltigen Maler waren Versemacher?« »Und zwar so gute Versemacher, namentlich Michel Angelo, der größte von allen Malern, daß sie auch als Dichter berühmt geworden sein würden, wenn nicht zum Unglück für dieses Ziel des Ruhms ihre Glorie in der Schwesterkunst der Malerei jenen Ruhm überstrahlt hätte. Aber wenn Sie Ihrer Gabe des Gesanges den bescheidenen Titel des Versemachens geben, so erlauben Sie mir zu bemerken, daß Ihre Gabe von der des Versemachers durchaus verschieden ist. Ihre Gabe, mag sie nun beschaffen sein, wie sie wolle, würde nicht ohne eine gewisse Sympathie für das 277 nichtversemachende menschliche Herz bestehen können. Ohne Zweifel haben Sie nicht nur auf Ihren Fußwanderungen durch Beobachtung Vertrautheit mit der äußern Natur erlangt, mit der zu jeder Stunde wechselnden Färbung ferner Höhen, mit den länger werdenden Schatten, wie sie die untergehende Sonne hier auf das Wasser zu unsern Füßen wirft, mit den Gewohnheiten der Drossel, die sich hier furchtlos neben mir niedergelassen hat, mit dem durch die Nähe des träufelnden Schilfes befeuchteten Rasen; das Alles könnte ich ebenso genau beschreiben wie Sie, wie ein Peter Bell es vielleicht ebenso genau beschreiben könnte wie ein William Wordsworth! Aber in denjenigen von Ihren Gesängen, die Sie mir zu hören erlaubt haben, scheinen Sie sich von diesem elementaren Beiwerk zur Kunst des Dichters frei gemacht und, gleichviel, wie leicht, das einzige dauernde Interesse berührt zu haben, welches das allgemeine Herz der Menschheit an dem Gesange des Dichters haben kann, nämlich den Ton, welchen die persönliche Sympathie des Dichters dem verborgenen Strom dieses allgemeinen Herzens entlockt. Was Sie die Welt nennen, ist doch nicht mehr als die Mode des Tages? Wie weit sich das Urtheil dieser Welt der Mühe des Dichters verlohnt, das zu bestimmen maße ich mir nicht an. Aber Eins weiß ich gewiß. So sicher 278 ich ebenso wenig einen einem einfachen Zuhörerkreise zu Herzen gehenden Liedervers machen könnte, wie ich die Quadratur des Zirkels finden kann, so sicher könnte ich die Art von Versmacherei, welche die Mode des Tages charakterisirt, ellenlang ausspinnen.« Sehr geschmeichelt und nicht wenig ergötzt kehrte der wandernde Troubadour sein freundliches, nicht mehr umwölktes Gesicht seinem lässig hingestreckten Tröster zu und antwortete munter: »Sie sagen, Sie könnten Verse nach der Mode des Tages ellenlang ausspinnen. Ich möchte Sie bitten, mir eine Probe Ihrer Geschicklichkeit in dieser Handarbeit zu geben.« »Gut; aber unter einer Bedingung: Sie müssen mich für meine Mühe durch eine Probe Ihrer eigenen Verse belohnen, nicht nach der Mode des Tages, sondern etwas, was ich verstehen kann. Es soll Ihnen schwer werden, meine Verse zu verstehen.« »Gut.« »Lassen Sie uns also annehmen, daß wir ein augusteisches Zeitalter der Poesie hätten und daß unsere Sprache wie die lateinische todt wäre. Nehmen Sie an, ich schriebe zur Bewerbung um eine Preismedaille in unserer Sprache, wie ich auf der Universität zur Bewerbung um eine Preismedaille lateinisch geschrieben habe. Natürlich werde ich in dem Maße 279 Erfolg haben, wie es mir gelingt, die unserm augusteischen Zeitalter eigenthümlichen eleganten Wendungen anzubringen und der für diese classische Epoche charakteristischen Auffassung gerecht zu werden. Nun wird aber, glaube ich, jeder scharf beobachtende Kritiker zugeben, daß die frappantesten Merkmale der modernsten Poesie, also des augusteischen Zeitalters, bestehen erstens in einer Auswahl von eleganten Wendungen, welche dem barbarischen Geschmack des vorigen Jahrhunderts auf das äußerste widerstrebt haben würden, und zweitens in einer sehr erhabenen Verachtung aller prosaischen Herablassung zu gesundem Menschenverstande und einer sorgfältigen Pflege jenes Elements des Erhabenen, welches Burke in dem Kapitel vom ›Dunkeln‹ behandelt. Wenn Sie diese Voraussetzungen zugeben, so habe ich Sie nur noch zu bitten, das Metrum zu bestimmen; reimlose Jamben sind grade jetzt sehr mode.« »Bah, reimlose Jamben! Ich werde mich wohl hüten, Ihnen bei Ihrem Experimente die Schwierigkeit des Reimes zu erlassen.« »Mir ist Alles einerlei«, sagte Kenelm gähnend. »Also meinetwegen Reime! Sollen es heroische oder lyrische sein?« »Heroische sind altmodisch; aber die Chaucerstrophe, 280 wie sie von unsern modernen Dichtern so vollendet gehandhabt wird, scheint mir die passendste.« »Gut, ich acceptire die moderne Chaucerstrophe.« »Und was soll der Gegenstand sein?« »O, danach dürfen Sie nicht fragen. Was auch immer für eine Ueberschrift unser augusteischer Dichter seinem Gedichte als Etikette aufklebt, er verschmäht es doch wie Pindar, sich durch den Gegenstand beschränken zu lassen. Hören Sie zu und lassen Sie Max, wenn er irgend umhin kann, nicht heulen.« Und Kenelm fing in einem affectirten, aber emphatischen Singsang an: »In Attika der edle Pythias wohnt, In Jugend und in Reichthum stolz er thront, Doch fehlt ihm die erträumte Seligkeit. Sophronia, die dunkle, war 'ne holde Maid. Und eines Sommertags – Neptunus hebt Den stolzen Nacken nicht und Liebe durch den Hain hinschwebt. Und am Iliß, zu Deiner Leier Klang, Harmonia, Sprach er: »Ich liebe Dich, sei mein, Sophronia!« Crocus und Iris, da sie sein Wort gehört, Neigen freudig das Haupt; Bienen mit Honig beschwert Werden zum Altar; die Taube am Waldessaum Glättet die Federn. Das ist der Liebe Traum! – Bist mehr zu hören du gewillt, Wart', bis vier Bände ich damit gefüllt, 281 Die die Kritik weit über Chaucer stellt. Sie will mir wohl. Nimm's hin für baares Geld, Nur lies mich nicht, denn sonst bist Du geprellt.« »Sie haben wahrhaftig Ihr Wort gehalten«, sagte der Troubadour lachend. »Und wenn wir im augusteischen Zeitalter lebten und unsere Sprache todt wäre so verdienten Sie die Preismedaille.« »Sie schmeicheln mir«, sagte Kenelm bescheiden. »Aber wenn ich, der ich noch nie in meinem Leben zwei Reime zusammengeleimt habe, so fertig im Stil der Jetztzeit improvisiren kann, warum sollte nicht ein Praktiker im Reimen wie Sie in einer Sitzung einen ganzen Band und noch mehr in demselben Stil zu Stande bringen können? Sie müßten nur alle erborgten eleganten Wendungen geschickt verhüllen, den Reiz der Delicatessen des Reimes noch durch das häufige Einschieben eines Verses, der sich nicht scandiren läßt, erhöhen und Ihren Versen einen noch erhabeneren Schwung dadurch verleihen, daß Sie noch unverständlicher würden. Thun Sie das und ich verspreche Ihnen den glühendsten Lobeserguß im ›Londoner‹, denn ich werde ihn selber schreiben.« »Im ›Londoner‹?« rief der Troubadour zornig erröthend. »Meinem bittern, beharrlichen Feind?« »Da muß ich also fürchten, daß Sie die kritische 282 Presse des augusteischen Zeitalters ebenso wenig studirt haben, wie Sie Ihre Muse mit dem classischen Geiste seiner Verse getränkt haben. Um die Kunst des Schreibens zu erlangen, muß man sich selber cultiviren. Um es aber in der Kunst sich kritisiren zu lassen zu etwas zu bringen, muß man die Bekanntschaft der Kritiker cultiviren. In dem augusteischen Zeitalter fallen die Begriffe Kritik und Clique zusammen. Man braucht nur einer Clique anzugehören, um Horaz oder Tibull zu sein. Wenn man aber keiner Clique angehört, so ist man natürlich Bavius oder Maevius. Der ›Londoner‹ ist der Feind keines Menschen, er hat die gleiche Verachtung für alle Menschen. Da er aber, um zu amüsiren, mißhandeln muß, so entschädigt er das Publikum für die Lobpreisungen, welche er den Mitgliedern seiner Clique zu ertheilen genöthigt ist, dadurch, daß er über alle, welche cliquenlos sind, die ganze Schale seines Hohns ausgießt. Nur gehörig losgeschlagen auf den, der hat keine Freunde.« »O«, sagte der Troubadour, »ich glaube, es ist viel Wahres in dem, was Sie da sagen. Ich habe noch nie einen Freund unter den Mitgliedern der Clique gehabt. Und der Himmel weiß, mit welcher Beharrlichkeit diejenigen, von denen ich in meiner völligen Unbekanntschaft mit den Regeln, welche die 283 sogenannten Organe der öffentlichen Meinung beherrschen, in der Zeit meines Ringens auf ein wenig Sympathie, auf eine freundliche Aufmunterung gehofft hatte, sich vereinigt haben, mich niederzuhalten. Lange Zeit gelang ihnen das. Aber endlich darf ich hoffen, daß sie mir nichts mehr anhaben können. Glücklicherweise hat mich die Natur mit einem sanguinischen, elastischen, heitern Temperament ausgestattet. Wer nie verzweifelt, geht selten ganz zu Grunde.« Diese Aeußerungen machten Kenelm etwas betroffen, denn hatte nicht der Troubadour erklärt, die Tage des Gesanges seien für ihn vorüber und er habe sich entschlossen, dem Versemachen Valet zu sagen? Welche andere Bahn des Ruhms, von welcher die Kritiker nicht im Stande gewesen waren ihn auszuschließen, verfolgte er denn jetzt, er, von dem Kenelm angenommen hatte, daß er einer kaufmännischen Firma angehöre? Ohne Zweifel eine weniger schwierige Branche der Prosa, wahrscheinlich als Romanschreiber. Jedermann schreibt heutzutage Romane, und da das Publikum Romane liest, ohne daß man es dazu auffordert, und keine Poesie liest, wenn man es nicht ausdrücklich darauf hinweist, so sind Romane vielleicht nicht so völlig abhängig von der Gnade der: Cliquen, wie es die Gedichte unseres augusteischen Zeitalters sind. 284 Indessen dachte Kenelm nicht daran, weiter in den Troubadour zu dringen. Sein Geist ging leicht begreiflicher Weise in diesem Augenblick von Büchern und Kritikern zu dem Gedanken an Liebe und Ehe über. »Unser Gespräch«, sagte er, »hat sich auf kitzelige Gebiete verirrt; erlauben Sie mir, zu unserm Ausgangspunkte zurückzukehren. Sie stehen im Begriff, sich ein friedliches Hauswesen zu gründen. Ein friedliches Hauswesen ist wie ein gutes Gewissen. Der herabströmende Regen dringt nicht durch das Dach; der pfeifende Wind kann seine Mauern nicht erschüttern. Wenn es nicht unbescheiden ist – kennen Sie Ihre Braut schon lange?« »Ja, sehr lange.« »Und haben sie immer geliebt?« »Immer, von ihrer frühesten Kindheit an. Aus dem ganzen weiblichen Geschlechte war sie ausersehen, meine Lebensgenossin und die Reinigerin meiner Seele zu werden. Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn der Gedanke an sie mich nicht auf allen meinen Wegen wie mein Schutzengel begleitet hätte. Denn wie bei vielen Vagabunden der breitgetretenen Heerstraße der Welt liegt in meiner Natur etwas von jener Gesetzlosigkeit, welche mit einer Ueberfülle des Lebenstriebes, mit der Lust an Abenteuern und mit 285 dem warmen Blut, welches sich in Gesang verwandelt, hauptsächlich weil der Gesang der Ausdruck der Lust ist, verbunden zu sein pflegt. Und ohne Zweifel muß ich, wenn ich auf mein verflossenes Leben zurückblicke, bekennen, daß ich mich zu oft von meinem mir von der Vernunft vorgesteckten und mit Liebe umfaßten Ziele durch falsche Impulse oder muthwillige Einfälle habe ablenken lassen.« »Vermuthlich Frauenkleiderinteressen«, schaltete Kenelm trocken ein. »Ich wollte, ich könnte aufrichtig antworten: Nein«, sagte der Troubadour hocherröthend. »Aber vor dem Schlimmsten, vor Allem, was die Laufbahn, auf welche ich alle meine Hoffnungen setze, für immer vereitelt haben würde, vor allem, was mich der reinen Liebe, welche jetzt, wie ich vertraue, meiner harrt, um meine Glücksträume zu krönen, unwürdig gemacht haben würde, bin ich durch das unablässig mich begleitende Lächeln eines unschuldigen Kindergesichtes bewahrt geblieben. Nur einmal war ich in großer Gefahr, mit Schaudern erinnere ich mich jener Stunde der Gefahr. Es war in Luscombe.« »In Luscombe?« »Im Augenblick der Versuchung zu einem schrecklichen Verbrechen war mir, als hörte ich eine Stimme 286 sagen: ›Unheil! Gedenke des kleinen Kindes.‹ In jener eigenthümlichen Spannung des Gemüthes, wo wir so leicht eine göttliche Warnung zu vernehmen glauben, wo die Phantasie krankhaft erregt ist und wo das Gewissen, wenn auch für einen Augenblick eingelullt, doch so leicht schlummert, daß ein Windhauch, das Fallen eines Blattes es plötzlich unter Entsetzen aufrütteln kann, nahm ich die Stimme für die meines Schutzengels. Als ich später darüber nachdachte und die Stimme mit der Moral jener geheimnißvollen Zeilen, die Sie mir zu so sehr passender Zeit vorlasen, verglich, gelangte ich zu der Ueberzeugung, daß die Stimme, die mich rettete, die Ihrige gewesen sei.« »Ich bekenne mich zu der Anmaßung. Sie verzeihen mir!« Der Troubadour ergriff Kenelm's Hand und drückte sie mit Inbrunst. »Ihnen verzeihen? O wenn Sie ahnen könnten, welche Ursache ich habe, Ihnen dankbar, ewig dankbar zu sein, wie dieser plötzliche Ruf, die Gewissensbisse und das Entsetzen meines innern Selbst, welches er in mir traf, verschärft durch jene holperigen Verse, welche mich am nächsten Tage ›vor dem Antlitz meiner bösen Lust‹ zurückschrecken ließen, auf mich gewirkt haben! Dann kam die entscheidende Wendung meines 287 Lebens. Von jenem Tage an war der gesetzlose Vagabund in mir todt. Ich meine nicht die Liebe zur Natur und zum Gesange, welche den Vagabunden zuerst verlockt hatten, sondern den Haß gegen stete Gewohnheiten und ernste Arbeit – der war todt. Ich nahm es von da an nicht mehr leicht mit meinem Beruf, ich lag demselben wie einer ernsten Pflicht ob. Und als ich nun sie, die das Schicksal mir zu meinem Weibe bestimmt und erzogen hat, wiedersah, da erschien mir ihr Gesicht nicht mehr als das des spielenden Kindes, die Seele des Weibes dämmerte in ihm auf. Seit jenem für mich so ereignißreichen Tage sind erst zwei Jahre vergangen. Und doch ist mein Glück schon jetzt gesichert. Und wenn mein Ruf noch nicht feststeht, so bin ich doch endlich in einer Lage, die mich zu ihr, die ich liebe, zu sagen berechtigt: Die Zeit ist gekommen, wo ich Dich ohne Besorgniß für Deine Zukunft bitten kann, die Meine zu werden.« Der Mann sprach mit so glühender Leidenschaft, daß Kenelm ihm schweigend Zeit ließ, seine gewohnte Selbstbeherrschung wiederzugewinnen; er schwieg nicht ungern, benutzte nicht ungern den Moment, in dieser milden Stunde des Ueberganges vom rosigen Sonnenuntergang zu sternenbeleuchtetem Zwielicht vor sich hin zu murmeln: »Und auch für mich ist die Zeit gekommen!« 288 Nach einigen Minuten nahm der Troubadour in leichtem, heiterem Ton wieder auf: »Jetzt ist die Reihe an Ihnen, mein Herr. Kennen Sie die Dame, um die Sie geworben und die Sie gewonnen haben, schon lange? Nach unserer frühern Unterhaltung zu urtheilen, kann Ihre Liebe noch nicht alt sein.« Da Kenelm bis jetzt um die fragliche Dame noch weder geworben, noch sie gewonnen hatte und es nicht für nothwendig hielt, auf die Einzelheiten seiner Liebesgeschichte näher einzugehen, antwortete er mit einer allgemeinen Bemerkung: »Mir scheint, das Erscheinen der Liebe ist wie das Erscheinen des Frühlings; der Tag läßt sich nicht nach dem Kalender berechnen. Er kann langsam und allmälig, er kann aber auch schnell und plötzlich kommen. Aber wenn wir am Morgen erwachen und die Wandlung, welche mit der Welt da draußen vor sich gegangen ist, mit Augen schauen und hören: Grün auf den Bäumen, Knospen auf dem Rasen, warmen Sonnenschein und süße Töne in der Luft, dann sagen wir: Der Frühling ist da!« »Ihr Bild gefällt mir. Und wenn es müßig ist, einen Liebhaber zu fragen, wie lange er die Geliebte kennt, so ist es fast ebenso müßig, zu fragen, ob sie 289 schön sei. Er kann nicht anders als in ihrem Gesichte die Schönheit erblicken, welche sie der Welt um ihn her verliehen hat.« »Das ist wahr, und dieser so poetische Gedanke erinnert mich daran, daß ich Ihnen die jungfräuliche Probe meiner Dichtkunst unter der Bedingung zu hören gegeben habe, daß Sie mich für meine Mühe durch eine Probe Ihrer Meisterschaft in dieser Kunst belohnen. Und ich nehme das Recht in Anspruch, Ihnen das Thema vorzuschlagen. Es sei –« »Ueber ein Beefsteak?« »Bah, diesen geschmacklosen Witz haben Sie nun schon auf meine Kosten zu Tode gehetzt. Der Gegenstand muß Liebe sein, und wenn Sie ein paar Stanzen improvisiren könnten, welche die eben von Ihnen ausgesprochene Idee zum Ausdruck brächten, so würde ich noch aufmerksamer zuhören.« »Leider bin ich kein Improvisator. Aber ich will mich doch für Ihre frühere Geringschätzung meines Talents dadurch rächen, daß ich Ihnen ein kleines Lied vorsinge, welches dem Gedanken, den Sie mich in Verse zu bringen bitten, einigermaßen entspricht, das Sie aber damals in Tor-Hadham, wenn Sie auch Max einen Schilling auf seinen zinnernen Teller warfen, nicht anhören wollten. Es ist eins der Lieder, die ich 290 an jenem Abend sang, und wurde von meinen bescheidenen Zuhörern nicht übel aufgenommen. Die Schönheit der Geliebten liegt im Auge des Liebenden.         Ist sie nicht schön, mein Maiblümlein? Zwar hat sie niemand Blümlein noch genannt. Sind fehlerlos nicht ihre Züge fein, Ob ich es gleich bis jetzt nur fand? Wie herrlich, daß mit Augen so wie ich Niemand sie noch hat angeblickt! Wie selig, daß vom Himmel sie für mich Sich niederließ und mich beglückt.« Sobald der Troubadour mit diesem höchst kunstlosen Lied zu Ende war, stand er auf und sagte: »Jetzt muß ich Ihnen Lebewohl sagen. Mein Weg führt mich durch jene Wiesen, der Ihrige ohne Zweifel über die Landstraße.« »Doch nicht. Erlauben Sie mir, Sie zu begleiten. Ich habe mir nicht weit von hier eine Wohnung genommen, zu welcher der kürzeste Weg über die Felder führt.« Der Troubadour warf Kenelm einen überraschten, halb forschenden Blick zu. Aber er fühlte vielleicht, daß, da er seinem Reisegefährten jede nähere Mittheilung in Betreff seines Namens und Standes 291 vorenthalten hatte, er auch kein Recht habe, von diesem Herrn irgend eine ihm nicht freiwillig gemachte vertrauliche Mittheilung in Anspruch zu nehmen, und sagte daher vorsichtig, er wünschte, der Weg wäre länger, da er ihn in so angenehmer Gesellschaft zubringen würde, und brach rasch auf. Die Dämmerung war jetzt in eine sternhelle Sommernacht übergegangen, und tiefe Einsamkeit herrschte auf den Feldern. Beide Männer, die hier neben einander hergingen, fühlten sich unendlich glücklich. Aber das Glück wirkt wie der Wein verschieden, je nach den verschiedenen Temperamenten der Liebenden. In diesem Falle machte es den einen, der warmblütig sinnlich und für die Eindrücke der äußern Natur so empfänglich war wie eine Aeolsharfe für einen vorüberziehenden Windhauch, geschwätzig, und ein wenig ruhmredig, den andern aber schweigsam, zurückhaltend in seiner Ausdrucksweise, schwermüthig, nachdenklich und, wenn auch nicht stumpf gegen die Eindrücke der äußern Natur, doch gleichgültig gegen den Werth derselben, außer wo diese Eindrücke auf dem Gebiet des Sinnlichen in das des Geistigen übergehen und wo die menschliche Seele der seelenlosen Natur ihre Fragen und Antworten dictirt. Der Troubadour sorgte allein für die 292 Unterhaltung und sein Reden bezauberte seinen Zuhörer. Seine Worte wurden so echt beredt durch den Klang seiner Stimme, durch seinen lebendigen Vortrag, daß ich dieselben so wenig treu wiedergeben könnte, wie ein Berichterstatter, wenn er auch noch so treu jedes Wort eines Redners berichtet, das wiedergeben kann, was, abgesehen von allen Worten, der Persönlichkeit des Redners angehört. Indem ich es daher nicht wage, die Worte dieses eigenthümlichen Wanderers zu wiederholen, begnüge ich mich damit zu sagen, daß der Inhalt dieser Worte den Gegenstand betraf, über welchen, wie man behauptet, die meisten Menschen beredt sein können, seine eigene Person. Er sprach von seinen bis in seine frühesten Erinnerungen zurückreichenden Bestrebungen, sich einen Namen zu machen, von den Hemmnissen niedriger Geburt und beschränkter Verhältnisse, von einer seinem Ehrgeiz noch in seinen Knabenjahren plötzlich durch die Großmuth eines reichen Mannes eröffneten Aussicht, indem dieser Beschützer sagte: »Das Kind hat Genie, ich will ihm die Mittel gewähren, sich auszubilden, es soll der Welt eines Tages abzahlen, was es mir schuldig ist«; von feurig begonnenen, ernst verfolgten, aber schon in früher Jugend traurig unterbrochenen Studien. Wie das gekommen sei, sagte er 293 nicht; er ging rasch darüber hinweg, um bei den Schwierigkeiten zu verweilen, mit denen er zu kämpfen gehabt habe, um für sich und andere von ihm Abhängige den Unterhalt zu schaffen; wie er bei diesen Kämpfen genöthigt gewesen sei, seine Arbeitskraft und seine Energie der systematischen Verfolgung des einmal ins Auge gefaßten Zieles zu entziehen, weil die Geldverlegenheiten so dringend gewesen seien, daß sie von dem Streben nach Ruhm zurücktreten mußten. »Aber«, rief er leidenschaftlich aus, »aber selbst für solche übereilte und rohe Kundgebungen dessen, was in mir liegt, wie sie mir die Verhältnisse abnöthigten, hätte ich bei denen, die sich zu kritischen Autoritäten aufwerfen, ein aufmunterndes Lob finden müssen. Wie viel Besseres würde ich geleistet haben, wenn ich ein solches Lob gefunden hätte! Wie erwärmt doch ein wenig Lob und lockt das Gute, was in einem Menschen liegt, heraus, und wie wirkt der Hohn eines abfälligen Urtheils, von dem er fühlt, daß es ungerecht ist, erkaltend auf seinen Eifer, sich auszuzeichnen! Indessen gelang es mir doch, meinen Weg so weit zu machen, wie es damals am dringendsten für mich noththat, nämlich meine Kunst zum Broderwerb für meine Lieben zu verwenden; und in meinen Ferienstreifereien mit munterem Gesang fand ich ein Vergnügen, das 294 mich für alles Uebrige entschädigte. Aber doch stirbt der einmal in der Kindheit gefaßte und in den Jünglingsjahren genährte Wunsch nach Ruhm nie ab, bevor wir im Grabe liegen. Mag die Pflanze dieses Wunsches mit Knospen, Blättern und Stengel noch so sehr niedergetreten werden, ihre Wurzel liegt zu tief unter der Oberfläche, als daß die rohen Fußtritte ihr etwas anhaben könnten, und Jahr für Jahr richten sich Stengel, Knospe und Blatt wieder empor. Die Liebe mag aus unserm sterblichen Leben weichen; wir trösten uns, die Geliebte wird sich im künftigen Leben wieder mit uns vereinigen. Aber wenn der, welcher sein Herz an den Ruhm gehängt hat, denselben in diesem Leben verliert, was kann ihn trösten?« »Haben Sie nicht vorhin gesagt, daß es für den Wunsch nach Ruhm kein Grab gebe?« »Das ist wahr; aber wenn wir ihn nicht erreichen, bevor wir selbst im Grabe liegen, welchen Trost kann uns der Wunsch gewähren? Die Liebe steigt zum Himmel empor, zu dem wir selbst aufzusteigen hoffen; aber der Ruhm bleibt auf der Erde, zu der wir nie wieder zurückkehren werden. Und eben weil der Ruhm erdgeboren ist, ist der Wunsch nach demselben der dauerndste, der Schmerz über seine Entbehrung der 295 bitterste für das Erdenkind. Aber ich werde ihn jetzt erreichen, ich habe ihn schon gefaßt.« In diesem Augenblick waren die Wanderer der hölzernen Brücke gegenüber neben Cromwell-Lodge am Flüßchen angelangt. Hier machte der Troubadour Halt und Kenelm sagte mit leicht zitternder Stimme: »Wäre es nicht Zeit, daß wir uns gegenseitig mit unseren Namen bekannt machten? Ich habe keine Veranlassung mehr, den meinigen zu verbergen, ich hatte eigentlich nie eine stärkere Veranlassung, als die in einer Grille lag. Ich bin Kenelm Chillingly, der einzige Sohn Sir Peter's von Exmundham.« »Ich wünsche Ihrem Vater Glück zu einem so begabten Sohn« sagte der Troubadour mit seiner gewohnten Urbanität. »Sie wissen bereits genug von mir, um überzeugt zu sein, daß ich von viel bescheidenerer Herkunft und Lebensstellung bin als Sie; aber wenn Sie zufällig in diesem Jahr die Ausstellung der Royal Academy besucht hätten – o, ich begreife Ihr Erstaunen! – so würden Sie vielleicht ein Bild wiedererkannt haben, von dem Sie die erste Skizze gesehen haben, das Mädchen mit dem Blumenball, eins von drei Bildern, mit welchen der ›Londoner‹ sehr unglimpflich verfahren ist, die aber trotz dieses mächtigen Feindes 296 glückbringend und ruhmverheißend für den wandernden Troubadour geworden sind, und Sie würden, wenn der Anblick der Bilder Sie veranlaßt hätte, sich danach zu erkundigen, erfahren haben, daß derselbe Walter Melville heißt. Nächsten Januar hoffe ich, Dank diesem Bilde, meinem Namen hinzufügen zu können: Associate of the Royal Academy . Das Publikum wird ihnen trotz des ›Londoner‹ nicht erlauben, mich von der Akademie fern zu halten. Sie werden vielleicht als Gast auf einer der schönen Villas erwartet, aus deren Fenstern uns hier die Lichter entgegenschimmern. Ich gehe nach einem sehr bescheidenen Landhause, in welchem ich fortan eine dauernde Häuslichkeit zu finden hoffe. Ich werde mich jetzt nur einige Tage dort aufhalten, aber bitte, lassen Sie mich Sie dort willkommen heißen, bevor ich wieder fortgehe. Das Landhaus heißt Grasmere.« 297 Sechstes Kapitel. Der Troubadour schüttelte seinem Reisegefährten, dem er gerathen hatte, ein stetiges Leben zu beginnen, beim Abschied herzlich die Hand, ohne zu bemerken, wie kalt diese Hand unter seinem freundlichen Druck geworden war. Leichten Schrittes ging er über die hölzerne Brücke, vor ihm Max, und als er an der andern Seite angelangt war, drang an Kenelm's Ohr durch die Stille der hellen Nacht der heitere Gesang des unvollendeten Liebesliedes: »Mit Gesang, mit Gesang, Mit lustigem Gesang Aus dem Walde heraus, die Hunde voran, Trabt der Ritter von Nierenstein!« Ein unvollendetes Liebeslied – warum unvollendet? Es war Kenelm nicht gegeben, zu errathen, warum. Es war ein Liebesgesang, in welchem eine der hübschesten 298 Feengeschichten, welche Lily sehr liebte und welche Löwe Lily zu versificiren, aber nur in ihrer Gegenwart und ganz nach ihrem Wunsche zu vollenden versprochen hatte, in Verse gebracht war. 299 Siebentes Kapitel. Wenn ich es nicht wagen durfte, die genauen Worte eines beredten, nach dem erdgeborenen Ruhm Trachtenden aufs Papier zu bringen, so darf ich es noch weniger wagen, alles das, was in dem stummen Herzen eines nach der Liebe, die vom Himmel kommt, Trachtenden vorging, niederzuschreiben. Von dem Augenblick an, wo Kenelm Chillingly sich von Walter Melville getrennt hatte, bis zum nächsten Vormittage lächelte die Sommerfreude jener äußern Natur, welche dann und wann, wenn auch meistens in trügerischer Weise, an die Seele des Menschen ihre seelenlosen Fragen und Antworten richtet, seine trüben Ahnungen hinweg. Ohne Zweifel war dieser Walter Melville der geliebte Vormund Lily's; ohne Zweifel war es Lily, die 300 er als ihm vom Schicksal vorbehalten und erzogen, seine Frau zu werden, bezeichnete. Aber in dieser Frage hatte Lily selbst die entscheidende Stimme. Es mußte sich noch herausstellen, ob Kenelm sich in dem Glauben getäuscht hatte, der ihm seit der Stunde ihres letzten Abschieds die Welt so schön hatte erscheinen lassen. Auf alle Fälle war er es ihr, war er es seinem Nebenbuhler schuldig, seinen Anspruch auf ihre Hand geltend zu machen. Und je mehr er sich Alles, was Lily je offen und rückhaltslos über ihren Vormund, über ihre Liebe, Bewunderung und Dankbarkeit für ihn gesagt hatte, wieder ins Gedächtniß rief, desto überzeugender drängte sein Raisonnement seine Besorgnisse zurück, indem es ihm zuflüsterte: »So könnte ein Kind von seinem Vater reden, nicht so spricht die Jungfrau von dem Manne, den sie liebt und den sie sich kaum zu loben getraut.« Kurz, nicht in niedergeschlagener Stimmung und nicht mit traurigen Blicken überschritt Kenelm kurz vor Mittag die Brücke und betrat wieder das Zauberland Grasmere. Auf seine Frage antwortete die Magd, die ihm die Thür öffnete, daß weder Herr Melville noch Fräulein Mordannt zu Hause seien; sie seien eben spazieren gegangen. Er wollte wieder umkehren, als Frau Cameron in die Vorhalle trat und ihn mehr durch 301 eine Handbewegung als mit Worten aufforderte, hereinzutreten. Kenelm folgte ihr in das Wohnzimmer und setzte sich neben sie. Er wollte eben reden, als sie ihn in einem Ton unterbrach, der so verschieden von der gewöhnlichen Mattigkeit ihrer Stimme, so scharf und lebhaft war, daß er wie ein Schrei der Verzweiflung klang. »Ich wollte eben zu Ihnen gehen. Glücklicherweise aber finden Sie mich allein, und was auch zwischen uns vorgehen mag, es wird bald vorüber sein. Aber zuerst sagen Sie mir, Sie haben Ihre Eltern gesehen? Sie haben ihre Erlaubniß erbeten, meine Nichte zu heirathen? Sagen Sie mir, o, sagen Sie mir, daß Ihre Eltern ihre Zustimmung verweigert haben!« »Im Gegentheil, ich bin mit voller Zustimmung meiner Eltern hier, um die Hand Ihrer Nichte zu bitten.« Frau Cameron sank in ihren Stuhl zurück und wiegte sich wie Jemand, der von Schmerzen geplagt ist, hin und her. »Das habe ich gefürchtet. Walter sagte mir, daß er Sie gestern Abend getroffen habe, und daß Sie wie er mit dem Gedanken sich zu verheirathen umgingen. Sie müssen natürlich, sobald sie seinen Namen erfuhren, gewußt haben, an wen er bei seinem Heirathsplan denke. 302 Glücklicherweise konnte er nicht errathen, welche Wahl Ihre jugendliche Phantasie Sie so blindlings hatte treffen lassen.« »Meine liebe Frau Cameron«, sagte Kenelm sehr mild, aber sehr fest, »Sie kannten den Zweck, um dessentwillen ich Moleswick vor einigen Tagen verließ, und es scheint mir, daß Sie wohl meiner Absicht hätten zuvor kommen können, der Absicht, die mich zu so früher Stunde in Ihr Haus führt. Ich komme, um zu Fräulein Mordannt's Vormund zu sagen: Ich bitte Sie um die Hand Ihres Mündels. Wenn Sie auch um sie werben, so habe ich einen sehr edlen Rivalen, für uns beide kann keine Rücksicht auf unser eigenes Glück gegen die Pflicht, ihr Glück zu Rathe zu ziehen, in Betracht kommen. Lassen wir sie zwischen uns beiden wählen.« »Unmöglich!«rief Frau Cameron. »Unmöglich! Sie wissen nicht, was Sie sagen, wissen nicht, ahnen nicht, wie geheiligt die Ansprüche Walter Melville's auf Alles sind, was die Waise, die er von ihrer Geburt an beschützt hat, ihm gewähren kann. Sie hat kein Recht, einem Andern den Vorzug zu geben; ihr Herz ist zu dankbar, als daß ein Anderer darin Raum fände. Wenn ihr die Wahl zwischen ihm und Ihnen frei gestellt würde, so würde sie ihn wählen. Das versichere ich Ihnen 303 feierlich. Setzen Sie sie daher nicht der Pein einer solchen Wahl aus. Nehmen Sie an, wenn Sie wollen, Sie hätten einen Eindruck auf sie gemacht, und Sie erklärten ihr Ihre Liebe und bewürben sich um ihre Hand, so würde sie, müßte sie doch nichtsdestoweniger Ihre Hand zurückweisen, aber Sie könnten ihr Glück bei der Annahme der Hand Melville's trüben. Seien Sie großmüthig! Bezwingen Sie Ihre Neigung; sie kann nur vorübergehender Natur sein. Reden Sie weder mit ihr noch mit Herrn Melville von einem Wunsche, der nie erfüllt werden kann. Gehen Sie schweigend und sofort von hier.« Die Worte und die Haltung der blassen, flehenden Frau erfüllten das Herz Kenelm's mit einem unbestimmten Gefühl ehrfurchtsvoller Scheu. Aber er antwortete darum nicht weniger entschlossen: »Ich kann Ihnen nicht gehorchen. Es scheint mir, daß meine Ehre mir gebietet, Ihrer Nichte zu beweisen, daß, wenn ich mich in der Auffassung ihrer Gefühle für mich getäuscht habe, ich sie doch weder durch Wort noch Blick zu dem Glauben verleitet habe, daß meine Gefühle für sie weniger ernster Natur seien, als sie es in der That sind; und es scheint mir kaum weniger eine Ehrenpflicht gegen meinen würdigen Nebenbuhler, ihm die Gefährdung seines künftigen Glückes zu ersparen, die eintreten würde, wenn er später entdecken sollte, daß seine Frau mit einem 304 Andern glücklicher gewesen sein würde als mit ihm. Warum hegen Sie so geheimnißvolle Besorgnisse? Wenn, wie Sie es anscheinend so fest überzeugt aussprechen, Ihre Nichte wirklich einem Andern den Vorzug gibt, so reise ich auf ein Wort aus ihrem Munde ab und Sie sehen mich nie wieder. Aber dieses Wort muß sie selbst aussprechen, und wenn Sie mir nicht erlauben, mir dasselbe in Ihrem Hause zu erbitten, so will ich versuchen, sie jetzt auf ihrem Spaziergange mit Herrn Melville zu treffen, und sollte er mir das Recht verweigern, mit ihr allein zu reden, so kann ich das, was ich zu sagen habe, auch in seiner Gegenwart sagen. O, gnädige Frau, haben Sie kein Erbarmen mit dem Herzen, das Sie so unnütz martern? Wenn ich das Schlimmste tragen muß, lassen Sie mich es gleich erfahren.« »Erfahren Sie es denn aus meinem Munde«, sagte Frau Cameron mit unheimlicher Ruhe und während ihr Gesicht einen starren, strengen Ausdruck annahm. »Und ich stelle das Geheimniß, das Sie mir abringen, unter den Schutz der Ehre, welche Sie so ruhmredig als Ihre Entschuldigung dafür anführen, daß Sie den Frieden des Hauses gefährden, welches zu betreten ich Ihnen nie hätte gestatten sollen. Ein rechtschaffenes Ehepaar von geringem Stande und beschränkten Mitteln hatte einen einzigen Sohn, der in früher Jugend so 305 bemerkenswerthe Talente zeigte, daß sie die Aufmerksamkeit des Brodherrn des Vaters, eines reichen, sehr wohlwollenden und gebildeten Mannes, auf sich zogen. Er schickte den Knaben auf seine Kosten in eine vorzügliche Handelsschule, in der Absicht, ihn später in seinem Geschäfte zu verwenden. Der reiche Mann war der Theilhaber eines bedeutenden Bankhauses; aber seine sehr schwache Gesundheit und seine dem Geschäft sehr fern liegenden Liebhabereien hatten ihn veranlaßt, sich von jeder thätigen Theilnahme am Geschäft zurückzuziehen und die Leitung desselben einem Sohn zu überlassen, den er vergötterte. Aber die Talente seines Schützlings, den er in die Schule geschickt hatte, nahmen hier eine so entschieden künstlerische und dem Geschäft fernliegende Richtung und seine Zeichnungen wurden von Kennern für so vielversprechend erklärt, daß der Protector seine Intentionen änderte, ihn in das Atelier eines ausgezeichneten französischen Malers gab und ihn später anwies, seinen Geschmack durch das Studium italienischer und niederländischer Meisterwerke zu vervollkommnen. Er war noch auf Reisen, als –« bei diesen Worten hielt Frau Cameron, sichtlich mit sich kämpfend, inne, unterdrückte ein Schluchzen und fuhr durch die zusammengepreßten Zähne flüsternd fort: »als ein furchtbarer 306 Schlag das Haus des Patrons traf, der sein Vermögen zertrümmerte und seinen Namen beschimpfte. Der Sohn hatte sich ohne Wissen seines Vaters zu Speculationen verleiten lassen, welche sich als unglücklich erwiesen; der Verlust hätte sich im ersten Augenblick leicht wieder einholen lassen, aber unglücklicherweise ergriff er das falsche Mittel, ihn wieder einzuholen, und ließ sich in neue gewagte Speculationen ein. Ich will mich kurz fassen. Eines Tages wurde die Welt durch die Nachricht erschreckt, daß eine wegen ihres vermeintlichen Reichthums und ihrer Solidität berühmte Firma bankrott sei. Unredlichkeit wurde behauptet, wurde bewiesen – nicht gegen den Vater. Dieser wurde nicht wegen Betrugs verurtheilt, sondern mit einem Tadel für seine Nachlässigkeit frei gesprochen, war aber blutarm. Aber der Sohn, der vergötterte Sohn wurde überführt, zum Zuchthaus verurtheilt und entging dieser Strafe durch – durch – Sie errathen – Sie errathen. Wie anders konnte er dieser Strafe entgehen als durch den Tod? Durch den Tod von eigener, schuldiger Hand.« Fast ebenso sehr von Aufregung überwältigt wie sie selbst, bedeckte Kenelm sein gesenktes Antlitz mit der einen Hand und streckte die andere, ohne hinzusehen, aus, um die ihrige damit zu ergreifen, aber sie nahm sie nicht. Ein trauriges Vorzeichen. Wieder stieg vor 307 seinen Blicken der alte graue Thurm auf, wieder klang ihm die tragische Erzählung von den Fletwodes in den Ohren. Sprachlos, wie von einem Zauber gebannt, harrte Kenelm dessen, was noch zu sagen übrig blieb. Frau Cameron nahm wieder auf: »Ich sagte schon, der Vater sei blutarm geworden; er starb, nachdem er lange ans Bett gefesselt gewesen war. Aber ein treuer Freund war nicht von diesem Bett gewichen, der Jüngling, dessen Genius sein Reichthum die Mittel zu seiner Ausbildung geboten hatte. Er war aus dem Auslande mit einigen bescheidenen Ersparnissen von dem Erlös in Florenz verkaufter Copien oder Skizzen zurückgekehrt. Mit diesen Ersparnissen gewährte er dem alten Mann und den beiden hülflosen, unglücklichen, gleich ihm blutarmen Frauen, seiner Tochter und der Wittwe seines Sohnes, ein schützendes Obdach. Als diese Ersparnisse erschöpft waren, entsagte der junge Mann seinem eigentlichen Beruf, ergriff jede Gelegenheit zu einträglicher Beschäftigung, wenn dieselbe seinem Geschmack auch noch so wenig entsprach, und ließ es den dreien, welche er mit seiner Arbeit unterstützte, nie an Obdach und Nahrung fehlen. Nur wenige Wochen nach dem schrecklichen Tode ihres Gatten – sie waren noch kein Jahr verheirathet gewesen – gebar die junge Wittwe ein Kind, eine Tochter. Sie 308 überlebte ihr Wochenbett nicht lange. Die Erschütterung über ihren Tod zerschnitt den schwachen Lebensfaden des armen Vaters. Beide wurden an demselben Tage zu Grabe getragen. Vor ihrem Tode richteten beide dieselbe Bitte an die beiden einzigen Menschen, welche um sie trauerten, die Schwester des Verbrechers und den jungen Wohlthäter des alten Mannes. Die Bitte war, daß das neugeborne Kind, gleichviel wie bescheiden, in Unwissenheit über die Schuld und Schande ihres Vaters auferzogen werden möge. Sie sollte nicht zu einer Bittstellerin bei reichen und vornehmen Verwandten werden, die nicht einmal ein Wort des Mitleids für den schuldlosen Vater und das schuldlose Weib des Verbrechers gehabt hatten. Dieses Versprechen ist bis heute gehalten worden. Ich bin jene Tochter. Der Name, den ich trage, und der Name, den ich meiner Nichte gegeben habe, sind nicht unsere, außer insofern wir durch Jahrhunderte zurückreichende Familienverbindung einen Anspruch auf dieselben haben. Ich bin nie verheirathet gewesen. Ich war verlobt und sollte dem Repräsentanten eines nicht unedlen Hauses eine fürstliche Mitgift mitbringen; der Tag der Hochzeit war schon bestimmt, als die Katastrophe hereinbrach. Ich habe meinen Verlobten nie wiedergesehen. Er reiste ins Ausland und starb dort. Ich glaube, er liebte mich; er wußte, daß ich ihn liebte. Wer kann ihn tadeln, daß er mich verließ? Wer hätte die Schwester des Verbrechers heirathen können? Wer möchte das Kind des Verbrechers heirathen? Wer, außer einem, dem Mann, der ihr Geheimniß kennt und es bewahren wird, dem Manne, welcher, wenig bekümmert um ihre sonstige Erziehung, mit hat geholfen, ihrem unschuldigen Kinderherzen eine so starke Liebe zur Wahrheit und ein so feines Ehrgefühl einzuflößen, daß sie, wenn sie wüßte, daß eine solche Schmach an ihrer Geburt hafte, sich zu Tode grämen würde.« »Gibt es nur einen Mann auf dieser Erde«, rief Kenelm, indem er plötzlich sein bis jetzt gesenktes und mit den Händen bedecktes Gesicht mit einem Ausdruck gewaltigen Stolzes erhob, der von der gewohnten Milde desselben merkwürdig abstach, »gibt es nur einen einzigen Mann, der die Jungfrau, zu deren Füßen er niederknieen und sagen möchte: Geneige, die Königin meines Herzens zu werden, nicht für viel zu edel halten würde, als daß sie durch die noch vor ihrer Geburt begangenen Sünden Anderer herabgewürdigt werden könnte? Gibt es nur einen einzigen Mann, der nicht überzeugt wäre, daß die Liebe zur Wahrheit und stolzes Ehrgefühl höchst königliche Attribute für Frauen und Männer sind, gleichviel ob die Väter dieser Frauen 310 und Männer gesetzlose Piraten, wie die Väter normannischer Könige, oder so gewissenlose Lügner waren wie die gekrönten Repräsentanten so berühmter Herrscherfamilien wie der Cäsaren, der Bourbonen, der Tudors und der Stuarts? Der echte Adel ist wie der Genius angeboren. Nur ein einziger Mann sollte ihr Geheimniß bewahren, ein Geheimniß bewahren, das, wenn es bekannt würde, ein Herz, das vor der Schande zurückschreckt, beunruhigen könnte? O gnädige Frau, wir Chillinglys sind ein sehr obscures, unberühmtes Geschlecht, aber seit länger als einem Jahrtausend sind wir englische Gentlemen gewesen. Lieber ein Geheimniß bewahren, als die Gefahr einer Entdeckung laufen, die ihr Kummer bereiten könnte? Ich könnte mein ganzes Leben an ihrer Seite in Kamtschatka zubringen, und selbst dort soll nie die leiseste Andeutung des Geheimnisses über meine Lippen kommen, so dicht verdeckt und umhüllt sollte es sein von den Falten der Ehrfurcht und der Anbetung.« Dieser leidenschaftliche Ausbruch erschien Frau Cameron als die sinnlose Declamation eines unerfahrenen, heißblütigen jungen Menschen, und indem sie darüber hinwegging, etwa wie ein großer Advocat die blühende Rhetorik eines jüngern Collegen, der er einst selbst gehuldigt, als Salbaderei belächelt, oder wie eine 311 Frau, für welche die Zeit der Romantik vorüber ist, einen romantischen Gefühlsausdruck, der ihre junge Tochter bethört, als müßiges Wortgepränge von der Hand weist, erwiderte sie einfach: »Das Alles ist leeres Gerede, Herr Chillingly, lassen Sie uns zur Hauptsache kommen. Beharren Sie nach Allem, was ich Ihnen gesagt habe, noch darauf, sich um meine Nichte zu bewerben?« »Allerdings.« »Wie!« rief sie, dieses Mal entrüstet und mit edler Entrüstung, »wie! Selbst wenn es möglich wäre, daß Sie die Zustimmung Ihrer Eltern dazu erlangen könnten, das Kind eines zum Zuchthaus verurtheilten Mannes zu heirathen, oder daß Sie, der Pflicht eines Sohnes gegen seine Eltern gemäß, ihnen diese Thatsache verbergen könnten, glauben Sie, daß bei Ihrer Lebensstellung, wo alle Welt neugierig fragen würde: Wer ist und wie heißt die künftige Lady Chillingly? die wahre Antwort auf diese Fragen nicht herausgebracht werden würde? Haben Sie, ein Fremder, der uns noch vor wenigen Wochen völlig unbekannt war, ein Recht, zu Walter Melville zu sagen. Verzichten Sie zu meinen Gunsten auf das, was Ihr einziger Lohn für die erhabenen Opfer, für die loyale Hingebung, für Ihre jahrelang ausdauernde zärtliche Sorgfalt ist?« 312 »Damals, gnädige Frau«, rief Kenelm, der sich durch diesen Appell mehr erschreckt und mehr im Innersten erschüttert fühlte als durch die vorangehenden Enthüllungen, »damals, als ich mich von Ihnen verabschiedete, als Sie sich mit meinem Vorschlag, nach Hause zu reisen und die Einwilligung meines Vaters zu meiner Bewerbung einzuholen, einverstanden erklärten, damals wäre der Moment gewesen, zu sagen: Nein, ein Bewerber mit nicht zurückzuweisenden Ansprüchen ist Ihnen zuvorgekommen.« »Ich wußte damals nicht, deß ist der Himmel mein Zeuge, ja ich ahnte nicht, daß Walter Melville je daran gedacht habe, in dem Kinde, das unter seinen Augen aufgewachsen war, sein künftiges Weib zu erblicken. Sie können nicht leugnen, daß ich Alles aufbot, Sie von Ihrer Bewerbung abzubringen; ich konnte nicht weiter gehen, ohne das Geheimniß ihrer Geburt zu verrathen, welches ich doch nur im äußersten Nothfall offenbaren durfte. Aber ich war überzeugt, daß Ihr Vater seine Zustimmung zu Ihrer Verbindung mit einem seinen berechtigten Ansprüchen so wenig entsprechenden Mädchen nicht ertheilen und daß die Weigerung dieser Zustimmung allem ferneren Verkehr zwischen Ihnen und Lily ein Ende machen würde, ohne daß es einer Enthüllung ihres Geheimnisses bedürfe. Erst 313 nachdem Sie abgereist waren, erst vor zwei Tagen erhielt ich von Walter Melville einen Brief, der mir mittheilte, was ich bis dahin nie vermuthet hatte. Hier ist der Brief; lesen Sie ihn und sagen Sie dann, ob Sie noch das Herz haben, sich als Nebenbuhler aufzudrängen gegenüber – gegenüber –« Sie brach mit vor Anstrengung erstickter Stimme ab, drückte ihm den Brief in die Hand und beobachtete sein Gesicht mit gierig starren, erwartungsvollen Blicken, während er las. Der Brief lautete, wie folgt: »Street Kloomsbury. Theure Freundin! Freude und Triumph! Mein Bild ist fertig, das Bild, an welchem ich seit vielen Monaten Tag und Nacht in dieser Höhle von einem Atelier ohne den kleinsten Blick auf grüne Felder gearbeitet habe, dessen Adresse ich vor jedermann, selbst vor Ihnen geheim gehalten hatte, damit ich nicht in Versuchung geriethe, meine Arbeit zu unterbrechen. Das Bild ist fertig – es ist verkauft; rathen Sie, zu welchem Preise. Für fünfzehnhundert Guineen an einen Bilderhändler! Denken Sie nur! Es soll im Lande umhergeschickt und überall allein ausgestellt werden. Sie erinnern sich jener kleinen Landschaften, die ich vor zwei Jahren mit Vergnügen für zehn Pfund verkauft haben würde, wenn 314 nicht Sie und Lily dagegen gewesen wären. Mein guter Freund und frühester Protector, der deutsche Kaufmann in Luscombe, der mich gestern besuchte, bot mir so viel Guineen dafür, wie erforderlich sein würden, die Leinwand dreifach damit zu bedecken. Sie können sich vorstellen, wie glücklich es mich machte, als ich ihn zwang, die Bilder als Geschenk von mir anzunehmen. Welch einen Riesenschritt in dem Leben eines Menschen bedeutet es, wenn er sagen kann: Ich verschenke! Jetzt bin ich also endlich endlich in einer Lage, die mich berechtigt, der Hoffnung Ausdruck zu geben, welche mich seit achtzehn Jahren getröstet und aufrecht erhalten hat, welche der Sonnenstrahl gewesen ist, der mir auch in dem trübsten Dunkel meiner schlimmsten Lage leuchtete, die mich wie mit Lerchengesang emporhob, wenn ich in den Stimmen der Menschen nur höhnisches Lachen vernahm. Erinnern Sie sich jener Nacht, in welcher Lily's Mutter uns bat, ihr Kind in Unwissenheit über ihre Familie zu erziehen, und nicht einmal unfreundlich gesinnten und hochmüthigen Verwandten mitzutheilen, daß ein solches Kind geboren sei? Erinnern Sie sich, wie jammervoll und doch wie stolz sie, die Vornehmgeborene, sie, die stolzeste der Frauen, die ich je gekannt habe, sie, deren Lächeln ich in seltenen Momenten in Lily wiederfinde, als ich zu 315 remonstriren und zu sagen wagte, daß ihre Familie ihr Kind nicht für die Schuld seines Vaters büßen lassen könne, meine Hände krampfhaft ergreifend und sich im Bette aufrichtend stöhnte: »Ich sterbe, die letzten Worte des Sterbenden sind Gebote. Ich gebiete Euch, dafür zu sorgen, daß das Loos meines Kindes nicht das einer zu vornehmen Leuten gebrachten Verbrecherstochter sei. Wenn sie glücklich sein soll, muß ihr Loos bescheiden sein, kein Dach ist zu bescheiden, um die Verbrecherstochter zu schützen, kein Mann zu niedrig geboren, um sie zu heirathen.« Von jenem Augenblick an beschloß ich mir Hand und Herz frei zu erhalten, damit ich, wenn die Enkelin meines fürstlichen Wohlthäters herangewachsen sei, zu ihr sagen könne: Ich bin niedrig geboren, aber Deine Mutter würde Dich mir gegeben haben. Das unserer Obhut anvertraute Kind ist jetzt zur Jungfrau herangewachsen und meine Verhältnisse haben sich so gestaltet, daß ich, wenn ich sie um ihre Hand bitte, sie nicht mehr aufzufordern brauche, Armuth und Kampf mit mir zu theilen. Ich weiß, daß, wäre ihr Schicksal nicht ein so besonderes, diese meine Hoffnung eine eitle Anmaßung sein würde, ich weiß, daß ich nur das Geschöpf der Güte ihres Großvaters bin und daß ich 316 dieser Güte Alles verdanke, was ich bin, ich bin mir der Ungleichheit an Jahren, bin mir manches vergangenen Irrthums und manches gegenwärtigen Fehlers bewußt. Aber da das Schicksal es so gebietet, sind solche Erwägungen müßig; ich habe einen berechtigten Anspruch auf ihre Hand. Welche andere Wahl könnte diesen gebieterischen Rücksichten gegenüber in Betracht kommen, welche für Ihr Ehrgefühl, theure und verehrte Freundin, noch unendlich viel schwerer wiegen wie für das meinige, und doch ist das meinige nicht stumpf. Wenn ich es so als ausgemacht betrachten darf, daß Sie, ihre nächste und verantwortlichste Verwandte, mich nicht der Anmaßung zeihen, so scheint mir alles Uebrige klar. Lily's kindliche Zuneigung zu mir ist zu tief und zu zärtlich, als daß sie sich nicht leicht in die Liebe eines Weibes verwandeln sollte. Glücklicherweise ist sie auch nicht in dem hohlen Schlendrian eines stereotypen Pensionsunterrichts und einer vulgären Gentilität, sondern wie ich durch das freie Wirken der Natur erzogen, welches sie nach keinen andern Hallen und Palästen Verlangen tragen läßt, als denen, die wir uns aufhorchend in Feenländern erbauen, erzogen, die Phantasiegebilde zu begreifen und zu theilen, welche für den Verehrer der Kunst und des Gesanges mehr sind als alle Buchgelehrsamkeit. 317 In einigen Tagen, vielleicht den Tag, nachdem Sie diese Zeilen empfangen haben werden, werde ich im Stande sein, aus London zu entfliehen, und höchst wahrscheinlich wie gewöhnlich zu Fuß zu Ihnen kommen. Wie ich mich danach sehne, das Geißblatt auf den Hecken, die grünen Halme der Kornfelder, den sonnenbestrahlten Wasserfall und noch mehr die kleinen Fälle unseres schwatzenden Bachs wiederzusehen! Inzwischen flehe ich Sie an, theuerste, gütigste und verehrteste unter den wenigen Freunden, welche ich mir in meinem Leben bis jetzt erworben habe, den Hauptinhalt dieses Briefes wohl zu erwägen. Wenn Sie, die Sie so viel höher geboren sind als ich, eine nicht zu rechtfertigende Insolenz darin erblicken sollten, daß ich die Hand der Enkelin meines Protectors begehre, so sagen Sie es grade heraus und ich werde darum nicht weniger dankbar für Ihre Freundschaft bleiben, als ich es für Ihre Güte war, da ich zum ersten Mal in dem Palast Ihres Vaters zu Mittag aß. Jung, schüchtern und empfindlich, wie ich war, fühlte ich, daß seine vornehmen Gäste sich darüber wunderten, daß ich eingeladen sei, an demselben Tische mit ihnen zu essen. Sie, die Umworbene und Bewunderte, hatten Theilnahme und Mitleid für den linkischen, ängstlich verdrossenen Jungen, machten, daß die, welche mir damals als die 318 Götter und Göttinnen eines heidnischen Pantheons erschienen, sich zu dem Schützling Ihres Vaters setzten und ihm ermunternde Worte zuflüsterten, von denen getragen ein niedrig geborener ehrgeiziger Bursche beim Nachhausegehen leichten Herzens zu sich sagt: Früher oder später! Und was es für einen ehrgeizigen Burschen heißt, sich von den Göttern und Göttinnen eines Pantheons emporgehoben glauben, leichten Herzens nach Hause gehen und vor sich hinmurmeln zu dürfen: Früher oder später! davon machen selbst Sie sich schwerlich eine Vorstellung. Sollten Sie aber für den anmaßenden Mann noch ebenso freundlich gesinnt sein, wie Sie es für den scheuen Knaben waren, und sollten Sie sagen: Verwirklicht sei der Traum, erreicht sei der Zweck Ihres Lebens, nehmen Sie aus meiner, ihrer letzten Verwandten Hand die letzte Nachkommin Ihres Wohlthäters, dann wage ich es, folgende Bitte an Sie zu richten. Sie vertreten Mutterstelle bei dem Kinde Ihres Bruders. Handeln Sie jetzt, wie es einer mütterlichen Beschützerin zusteht, um ihr Herz und ihren Geist auf die bevorstehende Veränderung in den Beziehungen zwischen ihr und mir vorzubereiten. Als ich sie vor sechs Monaten zuletzt sah, war sie noch so ganz spielendes Kind, daß es mir halb vorkommt, als würde ich mich gegen die einem Kinde schuldige 319 Ehrfurcht versündigen, wollte ich zu plötzlich zu ihr sagen; Du bist jetzt erwachsen und ich liebe Dich nicht als Kind, sondern als Weib. Und doch habe ich keine Zeit zu einem langen, vorsichtigen, allmäligen Hinübergleiten aus dem Verhältniß eines Freundes in das eines Liebhabers. Ich verstehe jetzt, was der große Meister in meiner Kunst einst zu mir sagte: Unsere Laufbahn ist unser Schicksal. Einer jener Handelsfürsten, welche jetzt in Manchester, wie sie es einst in Venedig und Genua thaten, gleichzeitig die beiden Civilisatoren der Welt, welche nur blöden Augen als unvereinbare Gegensätze erscheinen, die Kunst und den Handel beherrschen, hat mir eine so großartig liberale Bestellung auf ein Bild gemacht, dessen Gegenstand er sich ausgedacht hat, daß meine Kunst dem Handel dienstbar werden muß, und die Natur des Gegenstandes nöthigt mich, sobald wie möglich die Ufer des Rheins aufzusuchen. Ich bedarf des Anblicks aller Tinten des Laubes in der mittäglichen Pracht des Sommers und kann daher nur einige Tage in Grasmere bleiben; aber bevor ich fortgehe, muß ich wissen, ob ich für Lily arbeiten werde oder nicht. Von der Antwort auf diese Frage hängt Alles für mich ab. Wenn ich nicht für sie arbeiten soll, so würde der Sommer keine Pracht, die Kunst keine Triumphe mehr 320 für mich haben, ich würde die Bestellung ablehnen. Wenn sie antwortet: Ja, Du sollst für mich arbeiten, dann wird sie mein Schicksal, sichert sie meine Laufbahn. Hier rede ich als Künstler. Niemand, der nicht Künstler ist, hat eine Ahnung, von wie entscheidender Wirkung für seine moralische Existenz in einem gewissen kritischen Moment seiner Laufbahn als Künstler oder seines Lebens als Mann der Erfolg oder das Mißlingen eines einzigen Werkes ist. Aber ich will auch als Mann reden. Meine Liebe für Lily ist in den letzten sechs Monaten so groß geworden, daß, obgleich ich, wenn sie meine Hand zurückweisen sollte, auch ferner der Kunst dienen und auch ferner nach Ruhm trachten würde, ich doch Beides wie ein alter Mann thun würde. Mein Leben würde zwecklos geworden sein. Als Mann sage ich alle meine Gedanken, alle meine Glücksträume fassen sich, abgesehen von Kunst und Ruhm, in die eine Frage zusammen: Wird Lily mein Weib werden oder nicht? Ihr treuergebener         W. M.« Kenelm gab den Brief, ohne ein Wort zu sagen, zurück. Durch sein Schweigen aufgebracht, rief Frau Cameron: »Nun, Herr Chillingly, was sagen Sie dazu? Sie kennen Lily seit kaum fünf Wochen. Was 321 bedeutet die Laune einer fünfwöchentlichen fieberischen Erregung gegen die lebenslängliche Hingebung eines solchen Mannes! Wagen Sie noch zu sagen: Ich beharre?« Kenelm machte eine sehr ruhige, abwehrende Handbewegung, als wolle er jeden Gedanken von Hohn und Insulte von sich weisen, und sagte, indem er seine sanften, melancholischen Augen auf die aufgeregten Züge der Tante Lily's heftete: »Dieser Mann ist ihrer würdiger als ich. Er bittet Sie in seinem Brief, Ihre Nichte auf das veränderte Verhältniß vorzubereiten, mit welchem sie selber zu rasch bekannt zu machen er sich fürchtet. Haben Sie das gethan?« »Allerdings. Noch an dem Abend, an welchem ich den Brief erhielt.« »Und – Sie zögern, reden Sie offen, ich bitte Sie inständig. Und – sie –« »Sie«, antwortete Frau Cameron, die sich unwillkürlich gezwungen fühlte, der Stimme dieser Bitte zu gehorchen, »sie schien anfänglich wie betäubt und murmelte: ›Das ist ein Traum, das kann nicht, kann nicht wahr sein! Ich Löwe's Frau, ich! ich! ich! Sein Schicksal! Sein Glück von mir abhängig!‹ Und dann lachte sie mit ihrem lieblichen Kinderlachen, schlang ihre Arme um meinen Hals und sagte: ›Du scherzest, 322 Tante, das kann er nicht geschrieben haben!‹ Da gab ich ihr die betreffende Stelle des Briefes zu lesen, und als sie sich von der Wahrheit meiner Worte überzeugt hatte, wurde ihr Gesicht sehr ernst, frauenhafter, als ich es noch je gesehen hatte, und nach einer Weile rief sie leidenschaftlich aus: ›Kannst Du, kann ich mich selbst für so schlecht, so undankbar halten, daß ich zweifelhaft sein könnte, was ich zu antworten habe, wenn Löwe mich fragte, ob ich mit Bewußtsein etwas sagen oder thun möchte, was ihn unglücklich machen würde? Wenn ein solcher Zweifel in meinem Herzen wohnte, so würde ich ihn mit der Wurzel und mit dem ganzen Herzen ausreißen!‹ O Herr Chillingly! Es gibt kein Glück für sie mit einem Andern, da sie sich sagen müßte, sie habe das Leben dessen verwüstet, dem sie so viel schuldig ist, wenn sie auch nie erfahren wird, wie viel mehr sie ihm noch verdankt.« Da Kenelm hierauf nichts antwortete, nahm Frau Cameron wieder auf: »Ich will vollkommen offen gegen Sie sein, Herr Chillingly. Ich war am nächsten Morgen, das heißt gestern, nicht ganz mit Lily's Aussehen und Wesen zufrieden. Ich fürchtete, sie habe einen innern Kampf zu bestehen, an welchem der Gedanke an Sie Theil haben könne. Und als Walter nach seinem Eintreffen hier am Abend von Ihnen als jemand 323 sprach, dem er bereits früher auf seinen ländlichen Ausflügen begegnet sei, dessen Namen er aber erst beim Abschied an der Brücke bei Cromwell-Lodge erfahren habe, wurde Lily blaß und ging bald darauf auf ihr Zimmer. In der Besorgniß, daß eine Zusammenkunft mit Ihnen, wenn auch nicht ihren Entschluß wankend, doch sie bei der einzigen Wahl, die sie treffen kann und darf, weniger glücklich machen könnte, beschloß ich diesen Morgen zu Ihnen zu gehen und an Ihre Vernunft und an Ihr Herz zu appelliren, wie ich es jetzt gethan habe – ich bin überzeugt, nicht vergebens. Still! Ich höre seine Stimme!« Melville trat mit Lily, die sich auf seinen Arm stützte, ins Zimmer. Das schöne Gesicht des Künstlers strahlte von unaussprechlicher Freude. Er ging auf Kenelm wie mit einem Sprung zu, schüttelte ihm herzlich die Hand und sagte: »Ich höre, daß Sie bereits ein willkommener Gast in diesem Hause sind, mögen Sie es noch lange bleiben, so sage ich und so sagt, dafür stehe ich, meine schöne Braut, der ich Sie nicht vorzustellen brauche.« Lily ging auf Kenelm zu und streckte ihm sehr schüchtern ihre Hand entgegen. Kenelm berührte dieselbe mehr, als daß er sie ergriff. Seine eigene starke Hand zitterte wie Espenlaub. Er wagte nur einen 324 raschen Blick auf ihr Antlitz. Alle Frische war daraus verschwunden, aber der Ausdruck schien ihm wunderbar, grausam ruhig. »Ihre Braut – Ihre künftige Frau!« sagte er zu dem Künstler mit einer Beherrschung seiner Gemüthsbewegung, die ihm durch den einzigen Blick auf das ruhige Gesicht weniger schwer gemacht war. »Ich gratulire Ihnen, meinen herzlichsten Glückwunsch, Fräulein Mordannt; Sie haben eine vortreffliche Wahl getroffen.« Er sah sich nach seinem Hut um, der grade vor ihm auf der Erde lag, den er aber nicht sah; denn seine Augen wanderten mit unstätem Blick in die Weite wie die eines Schlafwandelnden. Frau Cameron hob den Hut auf und gab ihn ihm. »Ich danke Ihnen«, sagte er kleinmüthig und fügte dann mit einem halb milden, halb bittern Lächeln hinzu: »Ich habe Ihnen für so Vieles zu danken, Frau Cameron.« »Aber Sie wollen doch noch nicht gehen, grade wo ich komme? Halt! Frau Cameron sagt mir, daß Sie bei meinem alten Freund Jones wohnen. Kommen Sie doch her und bleiben einige Tage bei uns, wir können Ihnen ein Zimmer einrichten, das Zimmer über Deinem Schmetterlingskäfig, wie, Fee?« 325 »Ich danke Ihnen allen, aber ich kann nicht, ich muß mit dem nächsten Zuge nach London.« Bei diesen Worten war er an die Thür getreten, verneigte sich mit der ruhigen Grazie, die alle seine Bewegungen charakterisirte, und ging fort. »Verzeihe seinem so plötzlichen Aufbruch, Lily, auch er liebt; auch er ist ungeduldig, eine Verlobte aufzusuchen«, sagte der Künstler munter. »Aber jetzt, wo er mein theuerstes Geheimniß kennt, habe ich, denke ich, ein Recht, auch das seinige zu kennen, und ich will versuchen, es zu erfahren.« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als auch er das Zimmer verließ und Kenelm noch grade an der Schwelle einholte. »Wenn Sie nach Cromwell-Lodge zurückgehen, vermuthlich um Ihre Sachen einzupacken, so lassen Sie mich bis zur Brücke mit Ihnen gehen.« Kenelm machte eine zustimmende Kopfbewegung, während sie durch die Gartenpforte gingen, und schlug den Rückweg längs des Gartenzaunes ein. Als sie an der Stelle angelangt waren, an welcher er an dem Tage nach ihrem ersten und einzigen Wortwechsel Lily's Gesicht durch das Immergrün hindurch leuchten gesehen hatte, an jenem Tage, wo die alte Frau im Fortgehen zu ihr sagte. »Gott segne Sie!« und an welchem der 326 Pfarrer Kenelm von ihren Reizen sprach, sah er an derselben Stelle Lily's Gesicht wieder, dieses Mal nicht durch das Immergrün leuchtend, es wäre denn, daß man von dem bleichsten Glanz des bleichsten Mondes sagen könnte, er leuchte. Auch Kenelm sah, fuhr zusammen und blieb stehen. Sein Gefährte, der eben in dem Strom einer lustigen Rede war, von welcher Kenelm kein Wort gehört hatte, sah nichts und blieb nicht stehen, sondern ging mechanisch lustig schwatzend weiter. Lily streckte durch das Immergrün hindurch ihre Hand aus. Kenelm ergriff dieselbe ehrfurchtsvoll. Dieses Mal zitterte nicht seine Hand. »Leben Sie wohl«, flüsterte sie, »leben Sie wohl für immer in dieser Welt. Sie verstehen, Sie verstehen mich. Sagen Sie, daß Sie es thun.« »Ich verstehe. Edles Kind, Gott segne Sie. Gott tröste mich!« murmelte Kenelm. Ihre Augen begegneten sich. O welche Trauer und ach, welche Liebe sprach aus beider Augen! Kenelm ging weiter. Alles war in einem Augenblick gesagt. Wie oft ist Alles in einem Augenblick gesagt! Melville endigte, als Kenelm wieder zu ihm trat, einen feurigen Erguß, den er angefangen 327 hatte, als Kenelm stehen geblieben war, mit den Worten: »Worte können es nicht ausdrücken, wie schön mir von heute an das Leben, wie leicht mir der Ruhm zu erreichen scheint.« Und jetzt stand auch er still, blickte umher in die sonnenbeleuchtete Landschaft und athmete tief auf, wie um die ganze Freude und Schönheit der Erde, soweit er sie mit dem Blick bis an die äußersten Grenzen des Horizonts umfassen konnte, einzuschlürfen. »Selbst die, welche sie am besten kannten«, nahm der Künstler weitergehend wieder auf, »selbst ihre Tante ahnte nicht, eine wie ernste und innige Natur unter all ihrem kindlich anmuthigen Phantasiespiel wohne. Es war auf einem Gang am Ufer des Flusses, wo ich ihr zu sagen begann, wie einsam die Welt für mich sein würde, wenn ich sie nicht zu meinem Weibe gewinnen könnte; während ich sprach, hatte sie einen Seitenweg eingeschlagen, und erst als wir im Schatten der Kirche standen, in welcher unsere Trauung vollzogen werden wird, sprach sie die Worte, welche jede Wolke meines Geschickes silbern säumte, und gab mir durch den Ort, an welchem sie diese Worte sprach, zu verstehen, wie feierlich in ihrem Gemüth der Gedanke an Liebe mit der Heiligkeit der Religion verknüpft sei.« 328 Kenelm schauderte – die Kirche – der Kirchhof – das alte gothische Grab – die Blumen auf dem Kindergrab! »Aber ich spreche viel zu viel von mir«, nahm der Künstler wieder auf. »Liebende sind die vollendetsten Egoisten und die geschwätzigsten Plaudertaschen. Sie haben mir zu meiner bevorstehenden Heirath Glück gewünscht, wann werde ich Ihnen zu der Ihrigen gratuliren können? Da wir einmal angefangen haben, uns gegenseitig Confidencen zu machen, so sind Sie mir eine schuldig.« Sie hatten eben die Brücke erreicht. Kenelm wandte sich plötzlich um und sagte: »Leben Sie wohl, lassen Sie uns voneinander Abschied nehmen. Ich habe Ihnen nichts anzuvertrauen, was Ihren Ohren nicht wie ein Hohn klingen möchte, wenn ich Ihnen Glück wünsche.« Bei diesen unwillkürlich in der Angst seines Herzens ausgestoßenen Worten drückte Kenelm seinem Gefährten die Hand mit der Heftigkeit eines unbezwinglichen Schmerzausbruchs und eilte über die Brücke, noch bevor Melville sich von seiner Ueberraschung erholen konnte. Der Künstler würde nur wenig Anspruch auf ein wesentlichstes Element des Genius, nämlich die intuitive Sympathie der Leidenschaft mit der 329 Leidenschaft haben, wenn das Geheimniß Kenelm's, dessen Mittheilung Melville so leichthin als ein Recht begehrt hatte, ihm jetzt nicht wie mit einem elektrischen Schlage offenbar geworden wäre. »Der arme Kerl«, dachte er mitleidig bei sich, »wie natürlich, daß er sich in Fee verliebt hat! Aber glücklicherweise ist er so jung und ein solcher Philosoph, daß es für ihn nur eine jener Prüfungen sein wird, wie ich sie wenigstens zehnmal jährlich durchgemacht habe und deren Wunden keine Narben zurücklassen.« So mit sich selbst redend, kehrte der warmblütige Verehrer der Natur nach Hause zurück, zu glücklich in dem Triumph seiner eigenen Liebe, um mehr als ein freundliches Mitleid für das verwundete Herz zu empfinden, überzeugt wie er von der heilenden Wirkung der Zeit auf einen wankelmüthigen jungen Menschen und von der Trostkraft der Philosophie war. Keinen Augenblick argwöhnte der glücklichere Nebenbuhler, daß Kenelm's Liebe erwidert werde, daß eine Fiber in dem Herzen des Mädchens, welches versprochen hatte, sein Weib zu werden, von einer andern Liebe als der seinigen berührt werden könne. Indessen sprach er, mehr aus zarter Rücksicht für den Nebenbuhler, der sich ihm selbst so plötzlich verrathen hatte, als aus einem von der Vorsicht 330 eingegebenen Motiv, selbst mit Frau Cameron nicht über Kenelm's geheimen Kummer, und weder sie noch Lily waren geneigt, ihm irgend welche Frage in Betreff Kenelm's zu thun. Der Name Kenelm Chillingly wurde kaum ein einziges Mal in diesem Hause während der wenigen Tage genannt, welche Walter Melville noch in Grasmere zubrachte, bevor er nach den Ufern des Rheins abreiste, um erst im Herbst zu seiner Hochzeit zurückzukehren. Während dieser Tage war Lily ruhig und anscheinend heiter, ihr Benehmen gegen ihren Verlobten war nur ergebener, nicht weniger zärtlich als sonst. Frau Cameron gratulirte sich dazu, Kenelm Chillingly so glücklich los geworden zu sein. 331 Achtes Kapitel. So würde also Kenelm Chillingly, wenn er nicht damals unter dem Balkon in Luscombe jene allzubeflissene Warnung ausgesprochen hätte, vielleicht niemals Walter Melville zum Nebenbuhler bekommen haben. Aber man würde sich eine falsche Vorstellung von Kenelm's Charakter machen, wollte man annehmen, daß ein solcher Gedanke die Bitterkeit seines Kummers vermehrt hätte, für ihn konnte nichts Kummervolles in dem Gedanken liegen, daß er eine große Seele vor einer großen Sünde bewahrt habe. Der gute Mensch thut Gutes schon, indem er existirt, und das Gute, das er thut, kann oft seine für sein eigenes Glück gefaßten Pläne vereiteln, aber er 332 wird es nie bedauern können, daß der Himmel ihm gestattet hat, Gutes zu thun. Was Kenelm empfand, wird sich vielleicht am besten aus seinem hier folgenden Briefe an Sir Peter ersehen lassen: »Theuerster Vater! Nie werde ich vergessen, mit welchen zärtlichen Wünschen für mein Glück, unter Hintansetzung aller weltlichen Rücksichten und aller Deiner Lieblingspläne für Deinen Erben, Du mich aus Deinem Hause entließest. Deine Worte klangen mir in den Ohren wie der Schall von Freudenglocken: ›Wähle, wie Du willst, und sei meines Segens gewiß; mein Herz hat noch Platz für ein zweites Kind, Dein Weib soll meine Tochter sein.‹ Es ist mir ein unaussprechlicher Trost, mir jetzt diese Worte ins Gedächtniß rufen zu können. Von allen menschlichen Gefühlen ist Dankbarkeit gewiß das heiligste, und dieses Gefühl erhält noch eine religiöse Weihe, wenn es Dankbarkeit gegen einen Vater ist. Gräme Dich daher nicht zu sehr meinetwegen, wenn ich Dir sage, daß die Hoffnungen, die mich beseligten, als wir von einander Abschied nahmen, nicht in Erfüllung gehen sollen. Ihre Hand ist einem Andern bestimmt, einem Andern, gegen dessen Ansprüche die meinigen nicht aufkommen können; auch verdient 333 er, abgesehen von Geburt und Vermögen, in jeder Beziehung den Vorzug vor mir. Dieser Gedanke, ich meine den Gedanken, daß der Mann, den sie gewählt hat, ihrer würdiger ist als ich und daß sie in seinem Glück das ihrige finden wird, wird mir Trost verleihen, sobald ich die erste, die Alles überwiegende Regung der Selbstsucht, welche dem Gefühl eines unerwarteten und unersetzlichen Verlustes zu folgen pflegt, niedergekämpft haben werde. Inzwischen wirst Du es nicht unnatürlich finden, daß ich die Hülfe suche, welche ein Wechsel des Orts für einen Wechsel der Stimmung bieten kann. Ich reise heute Abend ab und zwar direct nach Venedig, das ich noch nicht kenne. Ich fühle mich unwiderstehlich angezogen von den stillen Kanälen und den darauf hingleitenden Gondeln. Ich werde Dir und Mama am Tage meiner Ankunft schreiben. Und ich hoffe zuversichtlich, daß ich heiter über Alles, was ich gesehen habe, werde berichten können. Aber, liebster Vater, berühre in Deinen Briefen mit keiner Silbe den Kummer, den selbst Deine zärtlichsten Worte nur zu einem noch empfindlicheren Schmerz machen würden. Am Ende ist doch eine unglückliche Liebe ein sehr gewöhnliches Loos. Und wir begegnen alle Tage Männern und Frauen, welchen dieses Loos beschieden war und die doch völlig geheilt sind. Der 334 männlichste unserer modernen Dichter hat das sehr edle und ohne Zweifel richtige Wort gesprochen: ›Ertragen heißt uns zum Herrn unseres Schicksals machen.‹ Dein Dich liebender Sohn K. E.« 335 Neuntes Kapitel. Fast anderthalb Jahre waren verflossen. Zwei Fremde hatten sich auf einem der Berge, welche die Höhen von Pausilippo durchziehen, gelagert; der eine saß, der andere lag ausgestreckt im Grase. Vor ihnen lag das stille, sonnenbeschienene Meer, dessen spiegelglatte Flut kein Windhauch kräuselte, zur Linken gewährten offene Stellen im Gebüsch einen Blick in die Ferne auf die öffentlichen Gärten und die weiße Chiaja. Es waren zwei Freunde, die sich unerwarteterweise im Ausland getroffen, sich vereinigt hatten und viele Monate, namentlich im Orient, gereist waren. Sie waren erst seit wenigen Tagen in Neapel. Der ältere hatte wichtige Geschäfte in England, welche ihn längst dahin hätten zurückführen müssen; aber er ließ es seinen Freund nicht wissen. Seine Geschäfte schienen ihm weniger wichtig 336 als seine Pflichten gegen einen Freund, mit welchem jene tiefe und edle Liebe ihn verband, die stärker ist als Bruderliebe, denn mit brüderlicher Liebe vereinigt sich bei ihr Dankbarkeit und Ehrfurcht. Er wußte auch, daß sein Freund von einem geheimen Kummer bedrückt sei, dessen Ursache er errieth, ohne daß der andere sie ihm mitgetheilt hätte. Einen ihm so theuren Manne mit seinem Kummer in fremden Landen allein zu lassen, war ein Gedanke, den ein so zärtlicher Freund nicht zu fassen vermochte; denn die Freundschaft dieses Mannes hatte jene Art von Zärtlichkeit, welche einer durchaus männlichen Natur einen Anflug von Weiblichkeit verleiht. Es war Winter, aber der Tag war unter dem südlichen Himmel Neapels mild wie ein nordischer Spätsommertag. Die Sonne stand schon tief im Westen und sammelte an dem azurblauen, sonst wolkenlosen Himmel bereits rosige und purpurne Lämmerwölkchen um sich. Beide hatten eine Zeit lang geschwiegen; endlich sagte der im Grase liegende jüngere Mann plötzlich und ohne daß der Inhalt seiner Aeußerung durch irgend etwas Vorhergehendes vorbereitet gewesen wäre: »Legen Sie Ihre Hand aufs Herz, Tom, und antworten Sie mir aufrichtig. Sind Ihre Gedanken so frei von schmerzlichen Empfindungen, 337 wie der Himmel über uns frei von Wolken ist? Der Mensch sammelt schmerzliche Empfindungen aus Thränen, die zu fließen aufgehört haben, wie der Himmel aus dem Regen, der zu fallen aufgehört hat, Wolken sammelt.« »Schmerzliche Empfindungen? O, Sie meinen wegen des Mädchens, das ich einst bis zur Raserei liebte! Nein; darüber habe ich mich vor vielen, vielen Monaten, als ich Ihr Gast in Moleswick war, deutlich gegen Sie ausgesprochen.« »Ja, aber ich habe seitdem nie wieder mit Ihnen über diese Sache gesprochen. Ich wagte es nicht. Es scheint mir so natürlich, daß ein Mann in dem ersten Kampfe zwischen Liebe und Vernunft sagt: Die Vernunft soll siegen und hat gesiegt, und doch im Laufe der Zeit empfindet, daß Eroberer, welche den Aufruhr nicht niederzuhalten vermögen, sich in ihrer Herrschaft sehr unbehaglich fühlen. Antworten Sie mir nicht, wie in Moleswick während des ersten Kampfes, sondern wie Sie jetzt in den Tagen, wo die Reaction des Kampfes sich geltend zu machen pflegt, empfinden.« »Auf mein Ehrenwort«, antwortete der Freund, »ich bin mir durchaus keiner solchen Reaction bewußt. Ich war vollkommen geheilt, nachdem ich Jessie ein einziges Mal als das Weib eines andern Mannes, 338 als die Mutter seines Kindes, glücklich in ihrer Ehe und, gleichviel, ob sie verändert war oder nicht, sehr anders wiedergefunden hatte, als ich mir die Frau denke, die ich jetzt, wo ich kein Dorfschmied mehr bin, heirathen möchte.« »Und ich erinnere mich, daß Sie von einem andern Mädchen sprachen, das Sie jetzt heirathen möchten. Sie sind nun lange von ihr entfernt gewesen. Denken Sie noch an sie, noch an sie als Ihr künftiges Weib? Können Sie sie lieben? Können Sie, der Sie einst so treu geliebt haben, wieder lieben?« »Ganz gewiß. Ich liebe Emily jetzt mehr, als da ich England verließ. Wir correspondiren. Sie schreibt so hübsche Briefe.« Tom zögerte, erröthete und fuhr dann schüchtern fort: »Ich möchte Ihnen wohl einen ihrer Briefe zeigen.« »Thun Sie das.« Tom zog ihren letzten Brief aus der Brusttasche. Kenelm richtete sich im Grase auf, nahm den Brief und las langsam und aufmerksam, während Tom vergebens danach spähte, ob nicht ein zustimmendes Lächeln das schöne, dunkle, melancholische Gesicht erhellen möchte. Der Brief war der Art, daß ein Verliebter ihn wohl mit einigem Stolz seinem Freunde zeigen mochte; 339 es war der Brief einer wohlerzogenen, wohlunterrichteten Dame, die ihre Neigung, aber auch ihre Intelligenz im bescheidenen Maße zu erkennen gab, ein Brief, an welchem eine Mutter, welche ihre Tochter liebt und mit deren Wahl zufrieden ist, nichts auszusetzen gehabt haben würde. Als Kenelm den Brief zurückgab, begegneten seine Blicke denen seines Freundes, in dessen Augen sich ein lebhaftes, ungeduldiges Verlangen nach Lob malte. Kenelm machte sich innerlich bittere Vorwürfe wegen jener schlimmsten Sünde in der Freundschaft, dem Mangel an Sympathie, und dieses unbehagliche Gefühl drängte ihm Glückwünsche auf die Lippen, welche vielleicht nicht ganz aufrichtig waren, den Liebhaber aber vollkommen befriedigten. Indem er so sprach, stand Kenelm auf, schlang seinen Arm um den Nacken seines Freundes und sagte: »Sind Sie des Aufenthalts hier nicht überdrüssig, Tom? Ich bin es. Lassen Sie uns morgen wieder nach England reisen.« Tom's ehrliches Gesicht strahlte. »Wie egoistisch bin ich gewesen«, fuhr Kenelm fort. »Ich hätte mehr an Sie, an Ihre Laufbahn, an Ihre Heirath denken sollen, verzeihen Sie mir.« »Ihnen verzeihen, verzeihen! Verdanke ich Ihnen nicht Alles, verdanke ich Ihnen nicht auch Emily? 340 Wenn Sie nicht nach Graveleigh gekommen wären, wenn Sie nicht zu mir gesagt hätten: Sei mein Freund, was wäre wohl aus mir geworden? Was – was?« Am nächsten Tage reisten die beiden Freunde von Neapel nach England, ohne sich unterwegs viel mit einander zu unterhalten. Der alte gesprächige, grillenhafte Humor Kenelm's war von ihm gewichen. Einen langweiligeren Gefährten, als er es geworden war, kann man sich nicht vorstellen. Er hätte den Helden des Erstlingsromans einer jungen Dame abgeben können. Erst als sie in London von einander Abschied nahmen, gab Kenelm mehr Energie des Wollens und mehr Aufregung zu erkennen als einer seiner Wappenweißfische, die von dem Grunde eines unbewegten Teiches zur Oberfläche auf und wieder auf den Grund hinabsteigen. »Wenn ich Sie recht verstanden habe, Tom, so bewerkstelligte sich die ganze Veränderung Ihrer Gefühle, diese Heilung von quälender Sehnsucht dauernd und so, daß Ihr Herz für thätiges Handeln und den Genuß einer friedlichen Häuslichkeit frei wurde, an jenem Abend, wo Sie sie, deren Gesicht Sie bis dahin verfolgt hatte, als die glückliche Frau eines andern 341 Mannes wiedersahen. Entweder muß da ihr Gesicht verändert gewesen sein oder Ihr Herz sich verändert haben.« »Ganz wahr. Ich würde es vielleicht anders ausdrücken, aber die Thatsache bleibt dieselbe.« »Gott segne Sie, Tom, segne Sie in Ihrem Fortkommen und in Ihrer Häuslichkeit«, sagte Kenelm, seinem Freunde an der Thür des Wagens die Hand drückend, welcher den weiland Dorfbramarbas zu Liebe, Reichthum und angesehener Stellung auf jenen Eisenschienen führen sollte, welche, jetzt die prosaischste Realität, einst für die wildeste Phantasie eines Dichters eine zu kühne Vorstellung gewesen wäre. 342 Zehntes Kapitel. Ein Winterabend in Moleswick! Wie verschieden von einem winterlichen Sonnenuntergang in Neapel! Bei klarem, scharfem Frost hatte ein leichter Schneefall die Straßen mit einer dünnen weißen Decke überzogen. Kenelm Chillingly kam zu Fuß ohne Ränzel auf dem Rücken in die Stadt. Als er die Hauptstraße passirte, stand er einen Augenblick vor Will Somers' Thür still. Der Laden war geschlossen. Nein, er wollte nicht eintreten, um sich auf Umwegen nach Neuigkeiten zu erkundigen. Er wollte nämlich gradeswegs nach Grasmere gehen. Er wollte die Bewohner dort überraschen. Je früher er Tom's Erfahrung auch an sich selbst erleben konnte, desto besser. Er hatte sein Herz dazu geschult, sich auf diese Erfahrung zu 343 verlassen, und das gab ihm die alte Elasticität seines Schrittes wieder. In seiner stolzen Haltung und seinem selbstbewußten Ausdruck malte sich wieder der alte Hochmuth des Indifferentismus, der weit erhaben ist über die leidenschaftliche Unruhe und die Frivolität derer, die seine Philosophie bemitleidet und verspottet. »Hahaha«, lachte er, der wie Swift nie laut und oft unhörbar lachte. »Hahaha! Ich werde den Geist meines Kummers austreiben. Mich soll nie wieder ein Gesicht verfolgen. Wenn der wilde Bursche, den der Liebeswahnsinn fast zum Verbrecher gemacht hätte, auf einmal durch einen einzigen Besuch in dem Hause seiner ehemaligen Geliebten geheilt werden konnte, weil ihr Gesicht, dessen Lächeln und Thränen jetzt einem andern Manne gehörten, ihm verändert erschien, wie viel mehr darf ich darauf rechnen, ohne eine Schmarre davonzukommen, ich, ein Chillingly, ich, der Verwandte eines Mivers, ich, der Schüler eines Welby, ich, ich, Kenelm Chillingly!« Mitten in diesem ruhmredigen Selbstgespräch sah und hörte er plötzlich den ihm so wohlbekannten Bach, der bei dem Licht des winterlichen Mondes glänzte und rauschte. Kenelm blieb stehen, bedeckte sein Gesicht mit den Händen und brach in einen Strom von Thränen aus. 344 Allmälig kam er wieder zu sich und ging weiter auf dem Fußpfade, auf jedem Schritt von Lily's Gestalt begleitet. An der Gartenpforte von Grasmere angelangt, öffnete er dieselbe und trat ein. In demselben Augenblick eilte ein Mann, den Hut berührend, an ihm vorüber, es war der Dorfbriefträger. Kenelm trat zurück, um dem Manne den Vortritt ins Haus zu lassen, und als er so zurücktrat, fiel sein Blick seitwärts auf erleuchtete, auf den Rasen gehende Fenster, die Fenster des hübschen Wohnzimmers, in welchem er Lily zuerst von ihrem Vormunde sprechen gehört hatte. Der Briefträger gab seine Briefe ab und ging wieder zum Garten hinaus, während Kenelm noch immer dastand und gedankenvoll nach den erleuchteten Fenstern blickte. Inzwischen war er längs des Rasens näher an das Licht herangetreten und sagte zu sich: »Nur einen Blick auf sie und ihr Glück, dann will ich kühn an die Thür klopfen und sagen: Guten Abend, Frau Melville.« So schlich er sich über den Rasen, stellte sich an die Mauerecke und blickte ins Fenster. Melville saß in Schlafrock und Pantoffeln allein am Kamin. Sein Hund lag auf dem Kaminteppich 345 träge ausgestreckt. Allmälig belebte sich das stille Zimmer, der Schauplatz seines verschwundenen Glückes für Kenelm, die zartgefärbten Wände, das kleine Büchergestell mit seinen weiblichen Zierrathen auf dem oberen Bort, das noch an derselben Stelle stehende Klavier! Nur Lily's niedriger kleiner Stuhl stand nicht mehr an seinem alten Platze, sondern war in eine entfernte Ecke geschoben, als würde er nicht mehr benutzt. Melville las einen Brief, ohne Zweifel einen der eben von dem Briefträger abgegebenen. Der Inhalt mußte wohl sehr angenehm sein, denn sein schönes Gesicht, auf dem sich jede innere Regung immer sofort deutlich abspiegelte, leuchtete beim Lesen wunderbar auf. Dann stand er rasch auf und zog hastig an der Glocke. Ein sauberes Mädchen trat ein, ein Kenelm unbekanntes Gesicht. Melville gab ihr einen kurzen Auftrag. »Er muß frohe Nachrichten bekommen haben«, dachte Kenelm. »Er schickt nach seiner Frau, damit sie seine Freude mit ihm theile.« Alsbald öffnete sich die Thür und nicht Lily, sondern Frau Cameron trat ein. Ihr Aussehen war verändert. Ihre gewohnte Ruhe in Ausdruck und Bewegung war zwar noch dieselbe, aber es war Alles matter, ihr Haar war grau 346 geworden. Sie trat auf Melville, der am Tische stand, zu. Er gab ihr den Brief mit einem frohen stolzen Lächeln in die Hand, sah ihr über die Schultern, während sie ihn las, und deutete mit dem Finger auf eine Stelle, auf die er sie besonders aufmerksam machen zu wollen schien. Als sie zu Ende gelesen hatte, lächelte auch sie. Sie schüttelten sich herzlich die Hände, wie um sich zu beglückwünschen. »Ah«, dachte Kenelm, »der Brief ist von Lily, sie ist verreist, vielleicht meldet sie die Geburt ihres ersten Kindes.« Grade in diesem Augenblick kroch Blanche, die bisher nicht zu sehen gewesen war, unter dem Tische hervor und sprang, als Melville sich wieder ans Kamin setzte, auf seinen Schooß und rieb sich an seiner Brust. Der Ausdruck seines Gesichts veränderte sich; ein leiser Ausruf entrang sich seiner Brust. Frau Cameron nahm ihm das Thier vom Schooß, streichelte es ruhig, trug es durchs Zimmer und setzte es zur Thür hinaus. Dann setzte sie sich neben den Künstler, legte ihre Hand in die seinige und sie unterhielten sich leise, bis Melville's Gesicht sich wieder aufhellte und er den Brief wieder zur Hand nahm. Einige Minuten später brachte das Mädchen das Theegeschirr hinein und trat, nachdem sie dasselbe auf 347 den Tisch gestellt hatte, ans Fenster. Kenelm zog sich in den Schatten zurück, das Mädchen schloß die Laden und ließ die Vorhänge herab – das Bild einer ruhig behaglichen Häuslichkeit wurde den Augen des Zuschauers entzogen. Kenelm war betroffen. Was war aus Lily geworden? War sie in der That vom Hause abwesend? Hatte er richtig vermuthet, daß der Brief, der Melville offenbar so froh gestimmt hatte, von ihr war, oder war es möglich – hier durchfuhr sein Herz ein freudiges Gefühl, das ihm den Athem versetzte – war es möglich, daß sie am Ende doch ihren Vormund nicht geheirathet, daß sie anderswo ein Daheim gefunden hatte, daß sie frei war? Er ging weiter zurück nach dem Wasser zu, um jenen Theil des unregelmäßigen Baus besser vor Augen zu haben, in welchem Lily ehemals ihr Schlafzimmer und ihr eigenes Zimmer hatte. Alles war dort dunkel, die Laden erbarmungslos geschlossen. Der Raum, an welchen sich die kindlichsten Vorstellungen des kindlichen Mädchens knüpften, in welchem sie die Schmetterlinge, die bestimmt waren, Feen zu werden, zähmte und pflegte, der gebrechliche Käfig war nicht geschlossen, nicht gegen Wind und Wetter geschützt; seine Thür stand trübselig offen, das zarte Drahtwerk war durchlöchert; 348 von den zierlichen Draperien waren nur noch einige zerrissene Fetzen übrig und auf dem entvölkerten Boden spielten die Mondstrahlen kalt und geisterhaft. Kein Wasserstrahl entströmte mehr der kleinen Fontaine; das Bassin war zerbrochen und verwittert, das wenige darin befindliche Wasser gefroren. Von all den hübschen geflügelten Thierchen, die Lily zähmen zu können wähnte, war kein einziges mehr vorhanden. O doch! Da war einer, der aber vermuthlich nicht zu der alten vertrauten Schaar gehörte, sondern ein fremder, der vielleicht hineingeflogen war, um Schutz gegen die ersten winterlichen Stürme zu suchen, und nun mit anliegenden Flügeln sich in eine Ecke der Mauer gedrängt hatte, schlafend, nicht todt. Kenelm sah ihn nicht; er bemerkte nur die traurige Vernachlässigung und Verödung des Raumes. »Sehr natürlich«, dachte er; »sie ist allen solchen lieblichen Albernheiten entwachsen. Eine Frau kann kein Kind bleiben. Aber doch! Wenn sie mein geworden wäre –« Dieser Gedanke überwältigte ihn so, daß er ihn nicht einmal innerlich auszusprechen wagte. Er wandte sich ab, blieb einen Augenblick unter den entlaubten, noch immer in den Bach getauchten Zweigen der großen Weide stehen und ging dann mit raschen, ungeduldigen Schritten an die Gartenpforte zurück. 349 »Nein, nein, nein. Ich kann jetzt nicht dieses Haus betreten und nach Frau Melville fragen. Es ist genug für einen Abend, auf dem alten Boden zu stehen. Ich will in die Stadt zurückkehren. Ich will bei Jessie vorsprechen und dort kann ich erfahren, ob sie wirklich glücklich ist.« So ging er wieder seines Weges längs des Baches; die Nacht wurde immer kälter und klarer, während der stille Mond immer höher stieg. Tief in Gedanken versunken schlug er, als er an die Stelle kam, wo sich der Fußpfad in zwei Wege theilte, nicht den, der directer in die Stadt führte, ein. Er lenkte seine Schritte nur zu natürlich längs des Weges, der sich mit seinen Gedanken verknüpfte. Bald stand er wieder auf dem Kirchhof, dem alten zerstörten Grabe mit der verloschenen Inschrift gegenüber. »O Kind, Kind!« murmelte er fast hörbar, »welche Tiefen weiblicher Zärtlichkeit liegen in Dir verborgen! In welcher innigen Sympathie mit der Vergangenheit, wie sie nur die zärtlichsten Frauen und die größten Dichter empfinden, legtest Du Deine Blumen auf das Grab, dem Du eine poetische, von einem Frauenherzen dictirte Geschichte gabst, ohne zu ahnen, daß unter 350 dem Grabstein ein Held Deines eigenen gefallenen Geschlechtes ruhe.« Er trat unter den Schatten der Eiben, deren Blätter kein Wintersturm verstreuen kann, und blieb an dem zerstörten Grabe stehen. Keine Blumen lagen jetzt auf dem Grabstein, nur einige Schneeflocken am Fuß desselben, wie am Fuß aller übrigen Grabhügel. Regungslos starrte der spitze Kirchthurm in der kalten Winternacht und höher und höher stieg am Himmelszelt der Mond; rings von Sternen umgeben, deren Zahl keine Wissenschaft angeben kann. Aber nicht weniger schwer zu zählen sind die Gedanken, Wünsche, Bestrebungen, welche im Verlaufe einer Zeit, die kürzer ist als eine Winternacht, durch die unendlichen Tiefen einer menschlichen Seele ziehen können. Von seinem Platze an dem gothischen Grabe schaute Kenelm über den Kirchhof nach dem Grabe des Kindes aus, welches Lily's fromme Sorgfalt mit geweihten Blumen umkränzt hatte. Ja, von dort her leuchtete noch ein Schimmer von Farbe; konnte es in dieser bittern Winterkälte die Farbe von Blumen sein? Das Mondlicht täuscht so, es verleiht dem Immergrün die Silberfarbe weißer Blüten. Er ging nach dem weißen Grabhügel. Sein Auge hatte ihn genarrt, da waren keine blassen Blumen, kein Immergrün auf dem vernachlässigten Grabrand, nur braune Erde, verwelkte Blumen und Schneeflocken. »Und doch«, sagte er traurig zu sich, »hat sie mir versichert, daß sie nie eine Zusage gebrochen habe, und sie hatte dem sterbenden Kinde ein Versprechen gegeben. O, sie ist jetzt zu glücklich, um an die Todten zu denken« So vor sich hin murmelnd, war er im Begriff, wieder in die Stadt zurückzukehren, als er dicht bei dem Grabe des Kindes ein anderes Grab erblickte. Rund um dieses andere Grab lagen Immergrün und kleine Blüten von Laurestinus, an den vier Ecken verwelkte Knospen der Weihnachtsrose; am Kopf des Grabes stand ein weißer Grabstein, dessen scharfe Ecken in die sternenklare Luft hinausstarrten, und auf dem Grabstein standen in frischen Lettern folgende Worte. Dem Andenken von L. M. Sie starb siebzehn Jahre alt am 29. October 18 . . Dieser Stein auf dem Grabe, in welchem ihre sterblichen Ueberreste liegen, neben dem Grabe eines 352 Kindes, das nicht unschuldiger war als sie, ist von denen errichtet, die sie am tiefsten betrauern und am schmerzlichsten vermissen. Isabel Cameron. Walter Melville. Lasset die Kindlein zu mir kommen. Elftes Kapitel. Als am nächsten Morgen Herr Emlyn auf seinem Wege vom Pfarrhause nach Moleswick über den Kirchhof ging, bemerkte er eine auf dem Boden des Kirchhofs ausgestreckt liegende menschliche Gestalt, die sich unablässig, aber sehr schwach, wie von einem leichten Fieberschauer geschüttelt, bewegte und sehr leise Töne ausstieß, wie jemand, der von Schmerzen geplagt sich Gewalt anthut, aber doch stöhnen muß. Der Pfarrer eilte nach der Stelle hin. Der Mann lag mit dem Gesicht nach unten auf einem Grabhügel weder todt noch schlafend. »Der arme Bursche ist, fürchte ich, betrunken«, dachte der milde Pfarrer, und da es seine Art war, 354 mit dem Irrthum noch mehr Mitleid zu empfinden als mit dem Kummer, so redete er den vermeintlichen Sünder mit sehr milden Worten an und versuchte es ihn aufzurichten. Da erhob der Mann sein Gesicht von seinem harten Grabkissen, blickte träumerisch um sich in die leere graue Luft des trüben Morgens und stand langsam und ruhig auf. Der Pfarrer entsetzte sich; er erkannte das Gesicht dessen, den er zuletzt strotzend von Kraft und Gesundheit gesehen hatte. Aber das Gesicht war verändert, völlig verändert! Die alte, zugleich ernste und liebliche Heiterkeit seines Ausdrucks war einer wilden Unruhe, die sich in den schweren Augenlidern und den zitternden Lippen am deutlichsten kund gab, gewichen. »Herr Chillingly, sind Sie es? Ist es möglich?« »Varus, Varus«, rief Kenelm leidenschaftlich aus, »gib mir meine Legionen wieder!« Bei diesem Citat des bekannten Wortes, mit welchem Augustus seinen unglücklichen Feldherrn begrüßte, fuhr der gelehrte Pfarrer entsetzt zurück. War sein junger Freund irrsinnig geworden, vielleicht infolge zu vielen Studirens? Aber er fand sich bald beruhigt. Kenelm's Gesicht gewann bald wieder einen ruhigen, 355 wenn auch traurig ruhigen Ausdruck, wie er zu dem trübseligen Wintertag zu stimmen schien. »Verzeihen Sie mir, Herr Emlyn. Ich hatte mich noch nicht ganz aus den Klauen eines souderbaren Traumes losgemacht. In meinem Traume stand es schlimmer mit mir als mit Augustus; er hatte, als die Legionen, die er einem Andern anvertraut hatte, ins Grab sanken, nicht die Welt verloren!« Bei diesen Worten ergriff Kenelm den Arm des Pfarrers, stützte sich etwas schwer auf denselben und zog ihn mit sich von dem Kirchhof bis an die Stelle, wo die beiden Wege sich zu einem vereinigten. »Aber seit wann sind Sie wieder in Moleswick?« fragte Herr Emlyn. »Und wie kommen Sie dazu, sich ein so feuchtes Bett für Ihren Morgenschlummer auszusuchen?« »Die Winterkälte drang mir in die Adern, als ich auf dem Kirchhof stand, und ich war sehr müde. Ich habe heute Nacht nicht geschlafen. Ich will nach Grasmere gehen. Aus einer Grabschrift ersehe ich, daß Herr Melville seine Frau schon seit länger als einem Jahre verloren hat.« »Frau? Er war gar nicht verheirathet.« »Wie!« rief Kenelm. »Wessen Grabstein ist es denn – L. M.?« 356 »Ach! Das ist der Grabstein unserer armen Lily.« »Und sie ist unverheirathet gestorben?« Bei dieser Frage blickte Kenelm auf und die Sonne brach aus dem trüben Morgennebel hervor. »Ich darf Dich also«, dachte er, »als die Meinige in Anspruch nehmen, wenn wir uns wiedersehen.« »Unverheirathet? Ja«, nahm der Pfarrer wieder auf. »Sie war mit ihrem Vormund verlobt und die Hochzeit sollte im Herbst bei seiner Rückkehr vom Rhein stattfinden. Dahin war er gegangen, um an Ort und Stelle sein jetzt so berühmt gewordenes Bild: Roland der Einsiedler gewordene Ritter blickt nach dem Gitterfenster des Klosters, um der ›heiligen Nonne‹ ansichtig zu werden, zu malen. Aber Melville war kaum abgereist, als sich die Symptome der Krankheit, welche für die arme Lily verhängnißvoll werden sollte, einstellten; sie spotteten aller ärztlichen Geschicklichkeit – die Krankheit machte reißende Fortschritte. Sie war immer sehr zart gewesen, aber niemand hatte geahnt, daß sie den Keim der Schwindsucht in sich trage. Melville kehrte erst wenige Tage vor ihrem Tode zurück. Die liebe kindliche Lily! Wie tief betrauerten wir sie alle! Nicht am wenigsten die Armen, die an ihren Feenzauber glaubten.« 357 »Am wenigsten aber, wie es scheint, der Mann, den sie hatte heirathen sollen.« »Er? Melville? Wie können Sie ihm so Unrecht thun! Sein Schmerz war furchtbar, überwältigend in der ersten Zeit.« »In der ersten Zeit?« wiederholte Kenelm so leise, daß der Pfarrer es nicht hören konnte. Sie gingen schweigend weiter. Emlyn nahm wieder auf: »Sie werden die Bibelstelle auf Lily's Grabstein bemerkt haben: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.« Sie hatte dieselbe selbst am Tage vor ihrem Tode angegeben. Ich war bei ihr wie auch in ihrem letzten Augenblick.« »Sie waren bei ihr im letzten, letzten Augenblick. Leben Sie wohl, Herr Emlyn. Ich sehe schon den Gartenzaun. Entschuldigen Sie mich, ich möchte Herrn Melville allein sprechen.« »Nun, so leben Sie wohl; aber wenn Sie sich hier in der Gegend irgend länger aufhalten sollten, wollen Sie nicht unser Gast sein? Wir haben ein Zimmer, das ganz zu Ihrer Verfügung steht.« »Ich bin Ihnen sehr dankbar, aber ich muß in wenigen Stunden nach London zurück. Noch ein Wort. 358 Sie waren bei ihr in ihrem letzten Augenblick? Starb sie ergeben?« »Ergeben! Das ist kaum das rechte Wort. Das Lächeln, das ihre Lippen umschwebte, war nicht das menschlicher Ergebenheit, es war das Lächeln einer himmlischen Freude.« 359 Zwölftes Kapitel. »Ja, Herr, Herr Melville ist zu Hause in seinem Atelier.« Kenelm folgte dem Mädchen durch die Vorhalle nach einem Zimmer, das bei seinem letztem Besuche im Hause noch nicht vorhanden gewesen war. Der Künstler hatte es, als er sich nach Lily's Tode dauernd in Grasmere niederließ, hinter dem verfallenen Raum, in welchem Lily »die Seelen ungetaufter Kinder« gefangen hielt, anbauen lassen. Es war ein stattliches Zimmer mit einem scharf nach Norden liegenden, theilweise verhangenen Fenster; an den Wänden hingen verschiedene Skizzen; einzelne antike Möbel und prachtvolle italienische Seidenstoffe lagen unordentlich verstreut im Zimmer umher; ein großes Bild stand verhangen auf einer Staffelei; vor 360 einem andern, ebenso großen und halb vollendeten stand der Maler. Als Kenelm unangemeldet ins Zimmer trat, kehrte sich Melville rasch um, ließ Pinsel und Palette aus der Hand fallen, trat rasch auf Kenelm zu, ergriff seine Hand, ließ seinen Kopf auf seine Schulter sinken und sagte mit einer von innerer Bewegung fast erstickten Stimme: »O, seit wir uns nicht gesehen haben, was habe ich erlebt!« »Ich weiß es. Ich habe ihr Grab gesehen. Lassen Sie uns nicht davon reden. Warum sollten wir so nutzlos Ihren Kummer erneuern? So haben sich also Ihre sanguinischen Hoffnungen erfüllt. Die Welt hat Ihnen endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen? Emlyn sagt mir, daß Sie ein Bild gemalt haben, das Sie berühmt gemacht hat.« Bei diesen Worten hatte Kenelm sich gesetzt. Der Maler stand noch in niedergeschlagener Stellung mitten im Zimmer und fuhr sich ein paarmal mit der Hand über die feuchten Augen, bevor er antwortete: »Ja, aber warten Sie noch einen Augenblick; reden Sie noch nicht von Ruhm. Haben Sie Nachsicht mit mir. Ihr plötzliches Erscheinen hat mich übermannt.« Bei diesen Worten setzte sich auch der Künstler auf eine alte, wurmstichige gothische Kiste, indem er 361 dabei das Goldbrocatgewebe eines seltenen alten gestickten Seidenstoffs, der über der ebenso seltenen alten gothischen Kiste hing, achtlos zerknitterte. Kenelm sah den Künstler durch halbgeschlossene Augenlider an, und seine bis dahin etwas spöttisch herabgezogenen Lippen preßten sich jetzt ernst zusammen. In Melville's Kampf, seine Gemüthsbewegung zu verbergen, erkannte der starke Mann den starken Mann, konnte sich aber doch nur wundern, wie ein solcher Mann, dem sich Lily verlobt hatte, so bald nach ihrem Verluste fortfahren konnte, Bilder zu malen und den mindesten Werth auf die Belobung einer bemalten Elle Leinwand zu legen. Nach wenigen Minuten nahm Melville die Unterhaltung wieder auf, von einem ehrfurchtsvollen Gedenken Lily's war aber dabei so wenig mehr die Rede, wie wenn sie nie existirt hätte. »Ja, mein letztes Bild hat wirklich einen brillanten Erfolg gehabt, ein vollständiger, wenn auch später Lohn für alle Bitterkeit so lange vergeblichen Ringens, für das kränkende Gefühl des erlittenen Unrechts, dessen Qualen nur ein Künstler kennt, wenn er unwürdige Nebenbuhler sich vorgezogen sieht. Feinde zum Tadeln bereit und Freunde zu loben sich scheuend. Zwar habe ich noch immer viel auszustehen; die 362 Cliquen sind noch immer bemüht, mich herabzusetzen, aber zwischen mir und den Cliquen steht endlich die Riesengestalt der öffentlichen Meinung und endlich haben Kritiker von größerer Autorität als die Cliquen mir einen noch höhern Rang zuerkannt als selbst das Publikum. O, Herr Chillingly, Sie geben sich nicht für einen Kenner aus, aber verzeihen Sie mir, lesen Sie doch einmal diesen Brief. Ich erhielt ihn erst gestern Abend von dem größten Kenner Englands, vielleicht Europas.« Bei diesen Worten zog Melville aus der Seitentasche seines malerischen mittelalterlichen Ueberrocks einen Brief, der die Unterschrift eines Namens trug, welcher allen Malern als Autorität gilt, die einem Manne Autorität zuerkennen, der so wenig ein Bild malen könnte, wie Addison, der beste Kritiker des größten Gedichts, welches das moderne Europa hervorgebracht hat, zehn Zeilen von dem »Verlorenen Paradieses« hätte schreiben können, und drückte Kenelm den Brief in die Hand. Kenelm las denselben ohne Interesse, mit steigender Verachtung für einen Künstler, der so in seiner befriedigten Eitelkeit Trost für ein theures, entschwundenes Leben finden konnte. Aber so interesselos er auch den Brief las, so machte ihm doch das darin enthaltene aufrichtige und enthusiastische Lob einer unleugbaren Autorität Eindruck. 363 Der Brief war in Veranlassung von Melville's kürzlich erfolgter Ernennung zum Mitglied der Royal Academy an die Stelle eines eben verstorbenen großen Künstlers geschrieben. Kenelm gab Melville den Brief mit den Worten zurück: »Das ist der Brief, den ich Sie gestern Abend, als ich in Ihr Fenster blickte, lesen sah. Der Brief ist in der That für jemand, der auf die Meinung Anderer Werth legt, sehr schmeichelhaft; und für einen Maler, dem es auf Geld ankommt, muß es sehr angenehm sein zu wissen, mit wie viel Guionen er sich jeden Zoll seiner Leinwand bedecken lassen kann.« Aber unfähig, seiner innern Wuth, seinem Hohn, seinem rasenden Schmerz noch länger Gewalt anzuthun, brach er plötzlich in die Worte aus: »Mann, Mann, den ich einst als Lehrer für das Leben betrachtete, dessen Lehren mein apathisches, träumerisches, langsam pulsirendes inneres Leben erwärmten, erleuchteten und erhoben, ist nicht das Weib, das Du Dir aus der Masse ihrer Schwestern ausersahst, um Bein von Deinem Bein und Fleisch von Deinem Fleisch zu werden, von der Erde verschwunden, hat nicht seit wenig länger als einem Jahre ihr Mund zu reden und ihr Herz zu schlagen aufgehört? Aber wie leicht wiegt für Dein Leben ein solcher Verlust im Vergleich zu dem Werth eines Lobes das Deiner Eitelkeit schmeichelt!« 364 Der Künstler sprang entrüstet auf. Aber das zornige Roth wich von seinen Wangen, als er dem, der ihn so hart anließ, ins Gesicht sah. Er trat auf ihn zu und versuchte es, seine Hand zu ergreifen, aber Kenelm zog die seinige mit einer höhnischen Bewegung weg. »Armer Freund«, sagte Melville in einem traurigen, besänftigenden Ton, »ich ahnte nicht, daß Sie sie so geliebt haben. Verzeihen Sie mir!« Er rückte sich einen Stuhl an den Kenelm's heran und fuhr nach einer kurzen Weile sehr ernst fort: »Ich bin nicht so herzlos und habe meinen Verlust nicht so rasch vergessen, wie Sie zu glauben scheinen. Aber erwägen Sie, daß Sie eben erst die Todesnachricht erfahren haben, daß Sie noch von dem ersten Schmerz überwältigt sind. Ich habe nun schon länger als ein Jahr Zeit gehabt, mich allmälig in den göttlichen Rathschluß zu finden. Jetzt hören Sie mir zu und versuchen Sie es, mir ruhig zuzuhören. Ich bin viel älter als Sie; ich muß die Bedingungen, unter welchen den Menschen das Leben verliehen ist, besser kennen. Das Leben ist zusammengesetzt und mannichfaltig gestaltet; unsere Natur duldet nicht, daß es dauernd von einer einzigen Leidenschaft beherrscht, daß es noch in der Blüte seiner Kraft durch einen einzigen Kummer für immer 365 verwüstet werde. Ueberblicken Sie die große Masse der Menschen in ihren verschiedenen, bald bescheidenen, bald erhabenen Berufsarten, wie sie die Geschäfte der Welt mit sich bringen. Sind Sie berechtigt, den armen Händler oder den großen Staatsmann als herzlos zu verachten, wenn dieselben vielleicht wenige Tage nach dem Verlust eines ihren Herzen nahestehenden und theuren Wesens ihren Geschäften wieder nachgehen, der Händler seinen Laden wieder öffnet und der Staatsmann seine amtlichen Pflichten wieder versieht? Aber in mir, dem Jünger der Kunst, in mir erblicken Sie nur die Schwäche befriedigter Eitelkeit, wenn ich mich der Hoffnung freue, daß meine Kunst Triumphe feiern und daß mein Vaterland meinen Namen in das Verzeichniß derer eintragen werde, die seinen Ruhm vergrößert haben! Wo und wann hat je ein Künstler gelebt, den nicht diese Hoffnung bei Entbehrungen, Krankheiten, in dem Kummer, der das gemeinsame Theil aller Sterblichen ist, aufrecht erhalten hätte? Und diese Hoffnung entspringt nicht einer weibischen Eitelkeit, einem krankhaften Verlangen nach Beifall, sondern sie ist gleichbedeutend mit dem Wunsch unserm Vaterlande, der Menschheit, der Nachwelt rühmliche Dienste zu leisten. Unsere Kunst kann keine Triumphe feiern, unser Name kann nicht auf die Nachwelt kommen, wenn wir nicht 366 etwas vollbringen, was dazu beiträgt, die Welt zu verschönern oder zu veredeln, die Welt, in welcher wir das gemeinsame Erbtheil der Arbeit und der Sorge tragen, um damit für die gegenwärtigen und kommenden Geschlechter Erholung und Freude zu schaffen.« Während der Künstler so sprach, blickte ihn Kenelm mit thränenschweren Augen an. Und das Gesicht, das zornerglüht war, als der Künstler sich gegen die bitteren Vorwürfe des jungen Mannes vertheidigte, hatte am Schluß dieser nicht unedlen Vertheidigung einen in seinem Ernst rührend milden Ausdruck angenommen. »Genug«, sagte Kenelm aufstehend. »Es ist etwas Wahres an dem, was Sie sagen. Ich kann begreifen, wie der Künstler, der Dichter aus dieser Welt, wenn Alles darin kalter Tod und eisiger Winter ist, in die Welt entflieht, die er sich schafft und nach seinem Belieben mit sommerlichen Farben schmückt. So kann ich auch begreifen, wie der Mann, dessen Leben an das strenge Geleise eines geschäftlichen Berufes oder staatsmännischer Pflichten gefesselt ist, durch die Macht der Gewohnheit nach kurzem Aufenthalt von einem Grabe hinweg rasch weiter getragen wird. Aber ich bin kein Dichter, kein Künstler, kein Geschäftsmann, kein Staatsmann. Ich habe keinen Beruf, mein Leben ist an kein Geleise gefesselt. Leben Sie wohl.« 367 »Halt, einen Augenblick! Nicht jetzt, aber etwas später fragen Sie sich, ob es irgend einem Leben gestattet ist, sich als von dem Leben aller Andern losgelöste Monade im Raume zu bewegen. Von irgend einem Geleise muß es sich früher oder später fesseln und gehorsam den Gesetzen der Natur und der Verantwortlichkeit gegen Gott forttragen lassen.« 368 Dreizehntes Kapitel. Als Kenelm allein und mit gesenkten Blicken wieder durch den öden, blumenlosen Garten ging, fühlte er sich, an der Gartenpforte angelangt, am Arme leicht berührt. Er sah auf und erblickte Frau Cameron. »Ich habe Sie von meinem Fenster aus ins Haus gehen sehen und habe hier auf Sie gewartet. Ich wünschte Sie allein zu sprechen. Erlauben Sie mir, Sie eine Strecke weit zu begleiten.« Kenelm machte eine zustimmende Kopfbewegung, gab aber keine Antwort. Als sie ungefähr in der Mitte des Weges zwischen Grasmere und dem Kirchhof angelangt waren, nahm Frau Cameron in einem von ihrer gewohnten matten Ruhe merkwürdig abstechenden, raschen, aufgeregten Ton wieder auf: 369 »Mir lastet etwas schwer auf dem Herzen, einen Gewissensbiß kann ich es nicht nennen. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Aber, Herr Chillingly, wenn ich geirrt, wenn ich falsch geurtheilt habe, sagen Sie, daß Sie wenigstens mir vergeben.« Sie ergriff seine Hand und drückte sie krampfhaft. Kenelm murmelte unhörbar etwas vor sich hin – die furchtbar schmerzliche Aufregung war bei ihm einer Art stumpfer Trauer gewichen. Frau Cameron fuhr fort: »Sie hätten Lily nicht heirathen können, Sie wissen, Sie hätten es nicht gekonnt. Das Geheimniß ihrer Geburt hätte ehrenhafter Weise vor Ihren Eltern nicht verborgen gehalten werden können. Sie hätten Ihrer Heirath nicht zustimmen können, und selbst wenn Sie ohne diese Zustimmung und trotz des Geheimnisses darauf beharrt hätten, selbst wenn sie die Ihrige geworden wäre –« »Würde sie vielleicht jetzt noch leben«, rief Kenelm wild. »Nein, nein; das Geheimniß hätte an den Tag kommen müssen, die grausame Welt würde es herausgefunden haben, es würde ihr zu Ohren gekommen sein und die Schande würde sie getödtet haben. Und wie verbittert würde dadurch ihr kurzes Leben gewesen sein! Jetzt ist sie ergeben und glücklich von dannen 370 gegangen. Aber ich bekenne, daß ich sie nicht verstand, nicht verstehen konnte, daß ich nicht ahnen konnte, was sie für Sie empfand. Ich glaubte, daß sie bei einer Einkehr in ihr eigenes Herz finden werde, daß die Liebe zu ihrem Vormunde ihre stärkste Neigung sei. Sie willigte anscheinend ohne Kampf ein, sein Weib zu werden, und sie schien ihn immer so gern zu haben, und wie hätte es anders sein können? Aber mir hatte der Schein getrogen. Von dem Augenblicke an, wo Sie sie zum letzten Male sahen, fing sie an hinzusiechen. Aber Walter reiste wenige Tage nach Ihnen ab und ich glaubte, sie traure wegen seiner Abwesenheit. Sie gestand mir erst, daß es Ihre Abwesenheit sei, die sie betraure, als es zu spät war, zu spät – grade als mein betrübter Brief ihn zurückgerufen hatte, drei Tage vor ihrem Tode. Hätte ich das früher gewußt, als noch Hoffnung für ihre Wiederherstellung vorhanden war, ich hätte Ihnen schreiben müssen, wenn auch die Hindernisse, die Ihrer Verbindung mit ihr im Wege waren, fortbestanden. O ich flehe Sie abermals an, sagen Sie mir, daß, wenn ich geirrt habe, Sie mir vergeben. Sie hat mir unter zärtlichen Küssen vergeben. Wollen Sie es nicht auch thun? Es würde ihr Wunsch gewesen sein.« »Ihr Wunsch? Glauben Sie, daß ich den 371 unerfüllt lassen könnte? Ich weiß nicht, ob ich irgend etwas zu vergeben habe. Wenn aber, wie sollte ich nicht Ihnen, die sie geliebt hat, vergeben? Gott tröste uns beide!« Er neigte sich und küßte Frau Cameron auf die Stirn. Die arme Frau schlang ihren Arm in dankbarer Zärtlichkeit um ihn und brach in Thränen aus. Als sie sich von ihrer Aufregung wieder erholt hatte, sagte sie: »Und nun kann ich mit so viel leichterem Herzen ihren Auftrag an Sie ausrichten. Aber bevor ich Ihnen diese Zeilen übergebe, können Sie mir etwas versprechen? Sagen Sie Melville nie, wie sehr sie Sie geliebt hat. Sie war so ängstlich darauf bedacht, es ihn nie ahnen zu lassen. Und wenn er wüßte, daß es der Gedanke an eine Verbindung mit ihm war, der sie tödtete, er würde nie wieder froh werden können.« »Sie würden es nicht nöthig finden, mir ein solches Versprechen abzufordern, wenn Sie ahnen könnten, wie mir das Geheimniß, das Sie mir anvertraut haben, heiliger ist als Alles auf der Welt. Durch dieses Geheimniß verwandelt sich ihr Grab für mich in einen Altar. Unsere Hochzeit ist jetzt nur eine Weile verschoben.« 372 Frau Cameron überreichte Kenelm einen Brief und eilte, nachdem sie leise schluchzend vor sich hingeflüstert hatte: »Sie gab ihn mir am Tage vor ihrem Tode«, mit raschen schwankenden Schritten nach ihrem Hause zurück. Sie verstand ihn jetzt endlich zu gut, um nicht zu fühlen, daß er beim Lesen dieses Briefes allein mit der Todten sein müsse. Es ist sonderbar, daß wir so wenig von unserm gegenseitigen Thun und Treiben zu wissen brauchen, um einander zu lieben. Noch nie hatten Kenelm's Augen auf Lily's Schriftzügen geruht und er betrachtete jetzt die förmliche Adresse auf dem Couvert mit einer Art ehrfurchtsvoller Scheu. Eine aus einer unbekannten Welt an ihn gelangende Handschrift – eine zarte, zitternde Hand, die Handschrift nicht eines Erwachsenen, aber auch nicht die eines Kindes, dem man ein langes Leben hätte versprechen mögen. Er bewegte das Couvert zwischen den Fingern hin und her, nicht ungeduldig, wie es der Liebende thut, dessen Herz bei dem Ton der nahenden Fußtritte höher schlägt, sondern zögernd, schüchtern. Er konnte sich nicht entschließen, den Brief zu erbrechen. Er war dem Kirchhofe so nahe. Wo konnte er wohl den ersten, je von ihr empfangenen Brief, den einzigen, den er überhaupt von ihr empfangen konnte, 373 ehrfurchtsvoller und mit liebenderem Herzen lesen als an ihrem Grabe! Er ging nach dem Kirchhof, setzte sich auf das Grab und erbrach den Brief; ein einfacher kleiner Ring mit einem bescheidenen kleinen Türkis fiel heraus und blieb zu seinen Füßen liegen. Der Brief enthielt nur die folgenden Worte: »Hier erhalten Sie Ihren Ring zurück. Ich konnte es nicht ertragen, einen Andern zu heirathen. Ich wußte nicht, wie sehr ich Sie liebte, bis – bis ich zu beten anfing, Sie möchten mich nicht zu sehr lieben. Theurer, geliebter Mann, leben Sie wohl! Lily. Lassen Sie Löwe diese Zeilen nie sehen und nie erfahren, was ich Ihnen darin gesagt habe. Er ist so gut und verdient es so sehr, glücklich zu sein. Erinnern Sie sich des Tages, an welchem Sie mir den Ring gaben? O mein Geliebter!« Vierzehntes Kapitel. Wieder war ein Jahr verflossen. Es war in den ersten Frühlingstagen in London. Die Bäume in den Parks und auf den Squares trugen Blätter und Blütenknospen. Leopold Travers hatte eine kurze, aber ernste Unterhaltung mit seiner Tochter gehabt und war jetzt ausgeritten. Er war noch immer ein schöner Mann und fand, so oft er in London war, mit Vergnügen, daß er auch jetzt noch bei den jungen Leuten kaum weniger in der Mode war, als da er selbst noch ein junger Mann war. Er ritt längs der Serpentine hin, ein vorzüglicher Reiter, in der gewähltesten Toilette, von angenehmster Erscheinung und der beliebteste Causeur, der auch jetzt seine Begleiter gut zu unterhalten schien. Cecilia saß allein mit Lady Glenalvon in dem 375 kleineren Wohnzimmer, welches zu ihrer ausschließlichen Verfügung stand. »Ich bekenne, meine theure Cecilia«, sagte Lady Glenalvon, »daß ich mich endlich auf die Seite Deines Vaters stellen muß. Wie sehnlich ich zu einer Zeit gehofft habe, Kenelm Chillingly möchte um die werben und sie gewinnen, die mir am besten dazu gemacht schien, sein Leben zu schmücken und zu erheitern, das brauche ich nicht zu sagen. Als er mich aber in Exmundham bat, seine Wahl einer Andern zu begünstigen und seine Mutter mit dieser offenbar nicht passenden Wahl auszusöhnen, da gab ich ihn auf. Und obgleich es mit dieser Geschichte vorüber ist, so scheint doch wenig Aussicht dazu vorhanden, daß er sich je zur Erfüllung praktischer Pflichten und zur Annahme häuslicher Gewohnheiten herbeilassen werde. Man hört nichts von ihm, als daß er sich müßig in fernen Landen mit wunderlichen Gefährten umhertreibt. Vielleicht kehrt er nie wieder nach England zurück« »Er ist jetzt in England und zwar in London«, erwiderte Cecilia. »Ist es möglich? Wer hat Dir das gesagt?« fragte Lady Glenalvon. »Sein Vater«, entgegnete Cecilia, »der mit ihm hier ist. Sir Peter besuchte uns gestern und sprach 376 so freundlich mit mir.« Bei diesen Worten wandte sich Cecilia ab, um die Thränen zu verbergen, die ihr in die Augen getreten waren. »Hat Dein Vater Sir Peter gesehen?« fragte Lady Glenalvon. »Ja«, erwiderte Cecilia, »und ich glaube, es muß etwas zwischen ihnen vorgefallen sein, was meinen Vater veranlaßte, zum ersten Mal in meinem Leben fast streng mit mir zu sprechen.« »Um Gordon Chillingly's Bewerbung zu befürworten?« schaltete Lady Glenalvon ein. »Und mir zu befehlen, die Zurückweisung seines Antrags noch einmal zu überlegen. Es ist Gordon gelungen, meinen Vater ganz für sich einzunehmen.« »Mich auch«, sagte Lady Glenalvon. »Natürlich könntest Du unter andern Bewerbern um Deine Hand einen viel vornehmeren und viel reicheren wählen, da Du aber diese andern Bewerber bereits zurückgewiesen hast, so geben Gordon's Verdienste ihm einen um so begründeteren Anspruch auf billige Berücksichtigung seiner Bewerbung. Er hat sich schon zu einer Stellung aufgeschwungen, welche bloßer Rang und bloßer Reichthum nicht verleihen können. Männer aller Parteien reden mit der größten Achtung von seinen parlamentarischen Talenten, die öffentliche Meinung 377 bezeichnet ihn bereits als einen Mann der Zukunft, einen künftigen Minister von hervorragender Bedeutung. Er ist jung, er sieht gut aus; sein Lebenswandel ist vorwurfsfrei, und doch sind seine Manieren so ganz frei von affectirter Strenge, so offen und so sympathisch! Jede Frau müßte sich in seiner Gesellschaft gefallen, und Du mit Deinem Verstande, Deiner Bildung, Du, die Du so ganz für eine hohe gesellschaftliche Stellung gemacht bist, Du könntest mehr als jede Andere stolz darauf sein, die Sorgen seiner Laufbahn und die Erfolge seines Ehrgeizes zu theilen.« Cecilia preßte ihre Hände zusammen und rief: »Ich kann nicht, ich kann nicht! Das mag Alles wahr sein; ich weiß nichts gegen Herrn Gordon, aber meine ganze Natur widerstrebt der seinigen, und selbst wenn dem nicht so wäre –« Sie hielt plötzlich inne, eine tiefe Röthe hatte ihr schönes Gesicht überflogen, um sofort einer tödtlichen Blässe zu weichen. »Du hast also noch nicht einmal Deinen ersten Mädchentraum überwunden, hast den Undankbaren noch nicht vergessen?« sagte Lady Glenalvon, indem sie sie zärtlich küßte. Cecilia ließ den Kopf auf die Brust ihrer Freundin sinken und flüsterte in flehendem Ton. »Sagen 378 Sie nichts gegen ihn, er ist so unglücklich gewesen. Wie innig muß er geliebt haben!« »Aber er hat nicht Dich geliebt.« »Hier in meinem Herzen sagt mir etwas, daß er mich noch lieben wird, und wenn nicht, so will ich mich damit begnügen, seine Freundin zu sein.« 379 Fünfzehntes Kapitel. Während die eben berichtete Unterhaltung zwischen Cecilia und Lady Glenalvon stattfand, saß Chillingly-Gordon allein mit Mivers in dem comfortablen Zimmer des cynischen alten Junggesellen. Gordon hatte mit seinem Vetter gefrühstückt, aber die Mahlzeit war lange vorüber und die beiden Männer hatten sich angelegentlich über Gegenstände unterhalten, welche den Jüngern lebhaft interessirten und auch für den Aeltern nicht ohne Interesse waren. Chillingly-Gordon hatte sich in der sehr kurzen Zeit, seit er ins Unterhaus eingetreten war, eine jener zwar nicht sehr glänzenden, aber soliden Reputationen erworben, welche einem Manne ein sicheres Aufsteigen im Staatsdienst voraussagen. Er hatte keine der Gaben des geborenen Redners: keinen Enthusiasmus, keine 380 Phantasie, keine unvorsichtig leidenschaftlich feurigen Ausbrüche; aber er hatte alle Gaben eines ausgezeichnet sachgemäßen Redners: eine klare, metallreiche Stimme, eine den gebildeten Mann verkündende angemessene Gesticulation, die vielleicht etwas zu ruhig, aber darum nicht weniger würdig war, Schlagfertigkeit im Repliciren, Fleiß und Methode für vorbereitete Darlegungen von Principien oder Thatsachen. Aber sein Hauptverdienst in den Augen der Führer des Parlaments lag in dem gesunden Menschenverstand und dem praktischen Takt, welche ihn zu einem sichern Redner machten. Dieses Verdienst verdankte er zum großen Theil seinen häufigen Zusammenkünften mit Chillingly-Mivers. Dieser Herr erfreute sich, sei es infolge seiner gesellschaftlichen Eigenschaften, sei es infolge des Einflusses des »Londoner« auf die öffentliche Meinung, einer vertrauten Bekanntschaft mit den Führern aller Parteien und war ein in eminentem Sinne weltkluger Mann. »Nichts«, pflegte er zu sagen, »schadet einem jungen parlamentarischen Redner so sehr wie leidenschaftliche Meinungsäußerungen nach der einen oder der andern Richtung hin. Hüten Sie sich davor, geben Sie immer zu, daß sich für beide Seiten einer Frage viel sagen lasse. Wenn die Führer Ihrer eigenen Partei sich plötzlich zu einer extremen Ansicht bekennen, können Sie 381 mit ihnen oder gegen sie gehen, je nachdem es Ihnen am besten convenirt.« »So hätten wir uns also, denke ich«, sagte Mivers, auf seinem Sopha zurückgelehnt und im Begriff, seine zweite Trabuco – er erlaubte sich nie mehr als zwei Cigarren zur Zeit – zu vollenden, »so ziemlich über den Ton geeinigt, den Sie heute Abend in Ihrer Rede anschlagen müssen. Es ist eine große Gelegenheit.« »Das ist wahr; zum ersten Mal ist die Debatte so arrangirt, daß ich um zehn Uhr oder noch später zum Reden kommen werde. Das ist an und für sich ein großer Fortschritt; und ich habe einem Minister zu antworten, der glücklicherweise ein sehr geistloser Patron ist. Meinen Sie, daß ich einen Scherz, wenigstens einen Witz riskiren könnte?« »Auf seine Kosten? Entschieden nicht. Wenn ihn auch sein Amt dazu nöthigt, diese Maßregel zu beantragen, so hat er sich bei der Berathung derselben im Cabinet keineswegs zu ihren Gunsten ausgesprochen, und wenn er auch, wie Sie sagen, geistlos ist, so ist doch gerade diese Art von Geistlosigkeit unerläßlich für die Bildung jedes respectablen Cabinets. Einen Scherz auf ihn, das wäre! Lernen Sie, daß milde Geistlosigkeit keine Scherze liebt, die auf ihre Kosten gemacht 382 werden. Thörichter Mann, ergreifen Sie die Gelegenheit, welche Ihr Tadel seiner Maßregel Ihnen bietet, machen Sie ihm ein Compliment! Und nun genug von Politik. Es thut nie gut, zu viel über das nachzudenken, was zu sagen man sich bereits entschlossen hat. Wenn man anfängt darüber zu brüten, so läuft man Gefahr, die Sache zu ernst zu nehmen und eine Indiscretion zu begehen. – Also Kenelm ist wieder da?« »Ja, ich hörte es gestern Abend bei Whites von Travers.« »Ist Travers Ihrer Bewerbung um die Hand der Erbin noch immer günstig gestimmt?« »Ich glaube, mehr als je. Erfolg im Parlament gilt sehr viel bei einem Mann, der in der Mode ist und Respekt vor der Meinung der Clubs hat. Aber gestern Abend war er ungewöhnlich herzlich gegen mich. Unter uns gesagt, ich glaube, er fürchtet ein bischen, Kenelm könne noch jetzt mein Nebenbuhler werden. Ich schloß das aus einer Andeutung, die er in Betreff des unerwünschten Inhalts seiner Unterhaltung mit Sir Peter fallen ließ.« »Und was hat Travers gegen den armen Kenelm? Er schien ihn doch früher so gern zu haben?« »Ja, aber nicht als Schwiegersohn, nicht einmal 383 als ich noch keine Aussicht hatte, das zu werden. Und als Travers während seines Aufenthalts in Exmundham, nachdem Kenelm dort gewesen war, ich glaube, von Lady Chillingly erfuhr, daß Kenelm sich in ein anderes Mädchen, die ihm nachher einen Korb gegeben zu haben scheint, verliebt habe und sie heirathen wolle, und noch mehr, als er hörte, daß Kenelm später in Gesellschaft eines Burschen von geringer Herkunft, eines betrunkenen Raufbolds, des Sohnes eines Schmieds, auf dem Continent gereist sei, da können Sie sich wohl vorstellen, wie wenig einem so verständigen und feinen Manne wie Leopold Travers die Idee lächeln konnte, seine Tochter jemand zu geben, der so wenig Aussicht bot, ein angenehmer Schwiegersohn zu werden. Bah! ich fürchte mich nicht vor Kenelm. Beiläufig, hat Sir Peter Ihnen gesagt, ob Kenelm sich ganz wieder erholt hat? Als vor etwa achtzehn Monaten Sir Peter und Lady Chillingly von den Aerzten nach London gerufen wurden, war er dem Tode nahe.« »Mein lieber Gordon, ich fürchte, Sie haben keine Hoffnung, Exmundham zu erben. Sir Peter sagt mir, sein wandernder Hercules sei so handfest wie je und von gleichmäßigerer Laune, schweigsamer und ernster, kurz, weniger sonderbar. Aber wenn Sie sagen, daß 384 Sie sich vor Kenelm's Nebenbuhlerschaft nicht fürchten, meinen Sie das nur in Bezug auf Cecilia Travers?« »Ich fürchte ihn weder in dieser noch in irgend einer andern Beziehung, und was Exmundham anlangt, so kann er das nach Belieben vererben, und ich habe Ursache zu glauben, daß er mich nie zum Erben einsetzen würde. Wahrscheinlicher Pfarrer John oder des Pfarrers Sohn – oder warum nicht Sie? Ich denke oft, daß es für die Erreichung der unmittelbaren Ziele meines Ehrgeizes besser ist, wenn ich keinen Landbesitz habe, Landbesitz ist ein gefährlicher Sinnenbenebler.« »Hm, darin liegt etwas Wahres. Aber die Furcht vor Land und Beneblung scheint doch Ihrer Bewerbung um die Hand von Cecilia Travers nicht entgegen zu stehen?« »Ihr Vater hat alle Aussicht, so lange zu leben, bis ich es zufrieden sein werde, mich im Oberhause behaglich auszuruhen, und ich möchte kein landloser Pair sein.« »Darin haben Sie Recht. Aber ich muß Ihnen doch sagen, daß es jetzt, nachdem Kenelm zurückgekehrt ist, Sir Peter's lebhaftester Wunsch ist, daß sein Sohn Ihr Nebenbuhler werden möge.« 385 »In Bezug auf Cecilia?« »Vielleicht, gewiß aber in Bezug auf parlamentarischen Ruf. Der ältere Vertreter der Grafschaft beabsichtigt sich zurückzuziehen und Sir Peter ist dringend aufgefordert worden, seinem Sohne zu erlauben, sich als Candidaten aufstellen zu lassen, soviel ich höre, mit der sichern Aussicht auf Erfolg.« »Was? Trotz seiner wunderbaren Rede bei Gelegenheit seiner Mündigkeitserklärung?« »Bah! von der weiß man jetzt, daß sie nur ein schlechter Witz auf die neuen Ideen und ihre Organe, den ›Londoner‹ mit einbegriffen, gewesen ist. Aber wenn Kenelm ins Unterhaus kommt, so wird er nicht auf Ihrer Seite stehen, und wenn ich seine Fähigkeiten nicht gewaltig überschätze, wie ich es sehr wahrscheinlich thue, wird er ein nicht zu verachtender Nebenbuhler werden, außer daß er vielleicht einen Fehler hat, der in unseren Tagen hinreichen würde, ihn für das öffentliche Leben ungeeignet zu machen.« »Und was ist dieser Fehler?« »Verrath an dem Blut der Chillinglys. Wir leben aber in einer Zeit, wo einer in England nicht zu viel von einem Chillingly an sich haben kann. Ich fürchte, daß, wenn Kenelm sich in eine politische Abstraction verbeißt, nennen Sie sie, wie Sie wollen, sagen wir zum Beispiel Vaterlandsliebe, oder irgend eine andere solche altmodische Grille, ich fürchte sehr, daß er es in einem solchen Falle ernst meint.« 387 Schlußkapitel. Es war ein Schlachtabend im Unterhause, eine vertagte Debatte, die von George Belvoir eröffnet wurde, der während der letzten beiden Jahre wenn auch sehr langsame Fortschritte in der Gunst oder vielmehr der Nachsicht des Hauses gemacht und Kenelm's Prophezeiung in Betreff seiner Laufbahn mehr als gerechtfertigt hatte. Als Erbe eines edlen Namens und großer Güter, als unverdrossener Arbeiter und sehr wohlunterrichteter Mann konnte er unmöglich anders als Fortschritte machen. An jenem Abend sprach er ganz verständig, unter häufiger Benutzung seiner Notizen, wurde höflich angehört und, als er fertig war, mit einem schwachen »Hört, hört!« der Befreiung begrüßt. 388 Allmälig leerte sich dann das Haus, bis es sich um neun Uhr wieder sehr rasch füllte. Ein Minister hatte sich feierlich erhoben und auf dem Tische vor sich eine gewaltige Reihe von gedruckten Papieren, darunter ein voluminöses Blaubuch ausgebreitet. Die Hand auf das rothe Pult gestützt, begann er mit folgendem ehrfurchtgebietenden Satz: »Sir! Ich bin der ganz entgegengesetzten Ansicht des sehr ehrenwerthen Herrn mir gegenüber. Er behauptet, es handle sich hier nicht um eine Parteifrage, das leugne ich. Für Ihrer Majestät Regierung handelt es sich um eine Existenzfrage.« Hier folgten Beifallsrufe, welche die Worte dieses Ministers so laut und in so ungewohnter Weise begrüßten, daß sie ihn aus dem Context brachten und daß er vieler Hm! und Ha! bedurfte, um den Faden seiner Rede wiederzufinden. Dann fuhr er in ununterbrochenem, aber trägem Redefluß fort, las lange Auszüge aus Actenstücken vor, strafte die Versammlung mit einer ganzen Seite aus dem Blaubuch, schloß mit einigen respectabeln Plattheiten, blickte auf die Uhr, sah, daß die Stunde, welche ein Minister, der keinen Anspruch auf glänzende Beredtsamkeit macht, nach der herrschenden Ansicht ausfüllen, aber nicht überschreiten. soll, abgelaufen war, und setzte sich wieder. 389 Sofort erhob sich eine Masse von redegierigen Gesichtern, aus welchen der Sprecher nach einer mit den Einpeitschern vorher getroffenen Verabredung eins auswählte – ein junges, kühnes, intelligentes, leidenschaftsloses Gesicht. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß es das Gesicht Chillingly-Gordon's war. Seine Stellung an diesem Abend war der Art, daß sie großes Geschick und feinen Takt erforderte. Gewöhnlich unterstützte er die Regierung; bisher hatte er noch immer zu ihren Gunsten gesprochen. Bei dieser Gelegenheit aber war er anderer Ansicht als die Regierung. Diese Verschiedenheit der Ansichten war den Führern der Opposition bekannt und daher hatten die Einpeitscher es so arrangirt, daß er zum ersten Male nach zehn Uhr und zum ersten Mal in Erwiderung auf die Rede eines Ministers sprechen sollte. Das ist eine Stellung, in welcher ein junger Parteimann sich seine Zukunft sichert oder zerstört. Chillingly-Gordon sprach von der dritten Reihe hinter der Regierungsbank aus. Er war von Mivers zu rechter Zeit gewarnt worden, keine selbstbewußte Unabhängigkeit und keine Hinneigung zu der Leidenschaftlichkeit ultraliberaler Ansichten dadurch zur Schau zu tragen, daß er sich unter den Quergang setze. Wenn er so von einem 390 Platz inmitten der geschlossenen Reihe der Anhänger des Ministeriums aus rede, werde jede von den Mundstücken der Ministerbank abweichende Ansicht sicherlich einen größern Eindruck hervorbringen, als wenn sie von den Reihen der durch den Quergang von besser disciplinirten Streitkräften getrennten aufrührerischen Bashi-Bazanks aus gesprochen würde. Seine ersten kurzen Sätze gewannen ihm die gespannteste Aufmerksamkeit des Hauses, stimmten die ministerielle Seite versöhnlich und die oppositionelle erwartungsvoll. Die ganze Rede war in der That äußerst geschickt, besonders darin, daß sie, während sie dem Ministerium in seiner Gesammtheit opponirte, doch den Ansichten einiger bedeutenden Mitglieder des Cabinets Ausdruck gab, welche sich trotz ihrer Minorität als Anhänger einer neuen Idee des Fortschritts der Zeit aller Wahrscheinlichkeit nach als eine gute Anlage für das Vertrauen erweisen würden, welches der ehrliche Gordon darauf setzte, daß sie ihre Collegen aus dem Felde schlagen würden. Aber erst als Gordon geschlossen hatte, machten die Beifallsrufe seiner Zuhörer – spontane und herzliche Beifallsrufe, wie es die Beifallsrufe im Parlament sind, wenn der Redner unzweideutige Proben von scharfem Verstande gegeben hat – der Gallerie und den Reportern die ganze Wirkung seiner Rede 391 klar. Der Führer der Opposition flüsterte seinem nächsten Nachbar zu: »Ich wollte, wir könnten den Mann für uns gewinnen!« Der Minister, welchem Gordon geantwortet hatte und bei welchem das Gefallen an einem ihm persönlich gemachten Compliment größer war als das Mißfallen über einen Angriff auf eine Maßregel, welche er nur durch sein Amt gezwungen vertheidigte, flüsterte seinem Chef zu: »Das ist ein Mann, den wir nicht verlieren dürfen.« Zwei Herren, welche vom Beginn der Debatte an in der Loge des Sprechers gesessen hatten, verließen jetzt ihre Plätze. Als sie in den Vorsaal traten, geriethen sie hier in ein dichtes Gedränge von Parlamentsmitgliedern, welche gleichfalls nach Gordon's Rede ihre Plätze verlassen hatten und jetzt am Buffet bei Apfelsinen und Sodawasser über die Bedeutung dieser Rede discutirten. Unter ihnen befand sich George Belvoir, welcher, als er den jüngern der beiden Herrn aus der Sprecherloge kommen sah, auf ihn zutrat und ihn freundlich begrüßte. »Sieh da, Chillingly, wie geht es Ihnen? Ich wußte gar nicht, daß Sie in London seien. Sind Sie den ganzen Abend hier gewesen? Nicht wahr, es war eine famose Debatte? Wie hat Ihnen Gordon's Rede gefallen?« 392 »Lange nicht so gut wie die Ihrige.« »Meine« rief George sehr geschmeichelt und sehr überrascht. »O meine war eine ganz langweilige Geschichte! Eine einfache Darlegung der Gründe meiner bevorstehenden Abstimmung. Gordon's Rede aber war etwas ganz Anderes. Haben Ihnen seine Ansichten nicht gefallen?« »Ich weiß nicht, was seine Ansichten sind, aber seine Ideen haben mir nicht gefallen.« »Ich verstehe Sie nicht ganz. Was für Ideen?« »Die neuen, durch welche gezeigt wird, mit wie reißender Geschwindigkeit ein großer Staat klein gemacht werden kann.« In diesem Augenblick wurde Herr Belvoir von einem Collegen beiseite genommen, der ihn über eine wichtige, vor das Haus zu bringende Angelegenheit in Betreff von Lachsfischereien zu sprechen wünschte, und Kenelm ging mit seinem Begleiter, der niemand anders als Sir Peter war, seines Weges weiter durch die dichtgedrängte Vorhalle auf die Straße. Als sie auf den weiten Platz mit seinem mächtigen Glockenthurm hinaustraten, blieb Sir Peter stehen und sagte, indem er auf die halb im Schatten liegende, halb vom ruhigen Mond beleuchtete Westminster-Abtei hindeutete. 393 »Es spricht sehr zu Gunsten der langen Dauer eines Volkes, wenn es den richtigen Instinkt für das Ringen seiner Männer nach unsterblichem Ruhm hat, wenn ihm ein ehrenvolles Grab als Lohn für die Arbeiten und Gefahren eines edeln Lebens gilt. Wie bedeutsam faßte Nelson den Inhalt der englischen Geschichte in die einfachen Worte zusammen: Sieg oder Westminster-Abtei.« »Vortrefflich gesprochen, lieber Vater«, sagte Kenelm kurz. »Ich stimme Deiner vorhin gemachten Bemerkung über Gordon's Rede ganz bei«, nahm Sir Peter wieder auf. »Sie war äußerst geschickt, aber doch würde es mir leid gethan haben, wenn Du sie gehalten hättest. Solche Gesinnungen waren es nicht, welche die Nelsons groß gemacht haben. Wenn solche Gesinnungen je in der Nation allgemein werden sollten, so würde der Ruf nicht mehr lauten: Sieg oder Westminster-Abtei, sondern: Niederlage und die Dreiprozentigen!« Angenehm angeregt durch seine eigene ungewohnte Lebhaftigkeit und das sympathische Lächeln auf den schweigsamen Lippen seines Sohnes, ging Sir Peter nun sofort unmittelbar zu den Gegenständen über, die ihm am meisten am Herzen lagen. Gordon's Erfolg 394 im Parlament und Gordon's, wie Sir Peter erfahren hatte, von Travers begünstigte, von Cecilia aber bis jetzt noch zurückgewiesene Bewerbung um ihre Hand waren in Sir Peter's Geist und Worten gewissermaßen untrennbar verknüpft, als er es versuchte, den Ehrgeiz seines Sohnes anzufeuern. Er verweilte zunächst bei den Verpflichtungen, welche ein Land seinen Bürgern, namentlich der jungen und kräftigen Generation auferlege, welcher die Geschicke der kommenden Geschlechter anvertraut seien, und mit diesen ernsten Verpflichtungen brachte er alle die heiteren und zärtlichen Vorstellungen in Verbindung, welche ein englischer Staatsmann an eine englische Häuslichkeit knüpft, das Weib, das mit ihrem Lächeln die Sorgen wegscheucht und mit ihrem Geist die Bestrebungen eines Lebens theilt, das in schwerer Arbeit verbracht werden muß, um Ruhm zu erwerben. So verknüpfte er in Allem, was er sagte, als wären es untrennbare Dinge, die Ziele des Ehrgeizes und Cecilia. Kenelm unterbrach ihn mit keinem Wort, hatte aber, was Sir Peter in seinem Eifer gar nicht bemerkte, diesen von dem graden Wege ab auf die Westminsterbrücke geführt, blieb jetzt hier stehen und blickte über das massive Geländer gelehnt in die Wellen des sternenbeleuchteten Flusses. Zur Rechten dehnte sich 395 seiner ganzen stattlichen Länge nach der erst kürzlich, aber in allen seinen Theilen sorgfältig nach altem Stile erbaute Palast der Gesetzgebung des Volkes bis zu den niedrigen elenden Dächern der Armuth und des Verbrechens hin aus. Wohl mögen diese Wohnungen den Palasthallen der Gesetzgeber eines Volkes so nahe sein – dem Herzen jedes Gesetzgebers muß das gewaltige Problem nahe sein, wie der Glanz und die Tugend eines Volkes zu vermehren und wie seine Armuth und seine Verbrechen zu vermindern seien. »Wie sonderbar«, sagte Kenelm, noch immer über das Geländer gebeugt, »daß ich mich auf all meinen Streifereien immer zu dem Anblick und dem Klang fließender Gewässer, und wäre es auch nur eines kleinen Bachs, hingezogen gefühlt habe! Von welchen Gedanken, Träumen und Erinnerungen meiner Vergangenheit könnten die Wellen des bescheidensten Baches erzählen, wenn nicht die Wellen selbst so vollendete Philosophen wären, aufgeregt auf der Oberfläche, gereizt über jedes Hemmniß ihres Laufes, aber völlig gleichgültig gegen Alles, was den Sterblichen, welche an ihren Ufern denken, träumen und fühlen, Trübsal oder Tod bringt.« »Du lieber Himmel«, dachte Sir Peter bei sich, »der Junge ist wieder auf seine alten melancholischen 396 Grillen verfallen. Er hat kein Wort von dem gehört, was ich gesagt habe. Travers hat Recht. Er wird nie in seinem Leben etwas thun. Warum habe ich ihn auf den Namen Kenelm taufen lassen? Er hätte ebenso gut Peter heißen können.« Verstimmt darüber, daß er seine Beredtsamkeit verschwendet hatte und daß der Wunsch seines Herzens unerfüllt bleiben solle, sagte Sir Peter laut: »Du hast nicht auf das gehört, was ich gesagt habe, Kenelm; Du betrübst mich.« »Dich betrüben, Dich! Sage das nicht, lieber Vater. Ich hätte Dir nicht zugehört? Jedes Wort, was Du gesprochen hast, ist mir in die tiefste Tiefe des Herzens gedrungen. Verzeihe mir mein kurzes zweckloses Selbstgeschwätz; es ist nur so meine Art, meine Art, lieber Vater!« »Junge, Junge!« rief Sir Peter mit von Thränen erstickter Stimme, »wenn Du nur diese alte Art ablegen könntest, wie dankbar wollte ich sein! Aber wenn Du es nicht kannst, nichts, was Du thust, soll mich betrüben. Nur das laß mich sagen: fließende Wasser haben immer einen großen Reiz für Dich gehabt. Mit dem Gedanken an einen bescheidenen kleinen Bach verbindest Du Gedanken, Erinnerungen, Träume Deiner Vergangenheit. Aber jetzt stehst Du an einem mächtigen Strom – vor Dir der Senat eines Reiches, 397 das größer ist als das Alexander's; hinter Dir die Stätte eines Handels, gegen welchen der von Tyrus ein kümmerlicher Kleinhandel war. Blicke weiter hinunter nach jenen schmuzigen Hütten, wieviel ist da zu befreien oder zu verbessern! Und dort, nicht mehr sichtbar, aber nicht sehr fern, die Walhalla der Nation! Sieg oder Westminster-Abtei! Der bescheidene Bach ist Zeuge Deiner Vergangenheit gewesen. Wird der mächtige Strom keinen Einfluß auf Deine Zukunft haben? Der Bach bewahrt keine Erinnerungen an Deine Vergangenheit; willst Du Deine Zukunft nicht so gestalten, daß der Strom dereinst Erinnerungen an sie bewahrt? O Junge, Junge, ich sehe, Du träumst noch immer – es nützt nichts, mit Dir zu reden. Laß uns nach Hause gehen!« »Ich habe nicht geträumt, ich habe mir gesagt, daß die Zeit gekommen sei, den alten Kenelm mit den neuen Ideen durch einen neuen Kenelm mit den alten Ideen zu ersetzen. Ach, vielleicht müssen wir, es koste, was es wolle, die Romantik des Lebens durchmachen, um klar zu erkennen, was seine Realität Großes enthält. Ich darf nicht länger klagen, daß ich den Zwecken und Interessen meines Geschlechts fremd gegenüberstehe. Ich habe gelernt, wie viel ich mit ihnen gemeinsam habe; ich habe die Liebe, ich habe den Kummer kennen gelernt.« 398 Kenelm hielt einen kurzen Augenblick inne, dann erhob er sein gesenktes Haupt und richtete sich hoch auf mit einem so veränderten Gesichtsausdruck, daß es seinen Vater betroffen machte. Seine Lippen, seine Augen, seine ganze Erscheinung bekundeten zu ernst, als daß es nur die vorübergehende Wirkung eines Augenblicks hätte sein können, einen begeisterten Entschluß. »Ja!« rief er, »Sieg oder Westminster-Abtei. Die Welt ist ein Schlachtfeld, auf welchem die schwerst Verwundeten die Deserteure sind, welche auf der Flucht von der feindlichen Kugel getroffen ihr Stöhnen unterdrücken müssen, um ihr unrühmliches Versteck nicht zu verrathen. Der Schmerz der im Kampfgewühl erhaltenen Wunden wird in der Freude, einer ehrenvollen Sache zu dienen, kaum empfunden und durch die Ehrfurcht der Menschen vor rühmlichen Narben reichlich aufgewogen. Meine Wahl ist getroffen. Ich will kein Deserteur, ich will ein Soldat in den Reihen der Kämpfer sein.« »Es wird nicht lange dauern, bis Du aus den Reihen hervortrittst, mein Junge, wenn Du an der alten Idee, deren Symbol der Ruf: Sieg oder Westminster-Abtei! ist, festhältst.« Bei diesen Worten ergriff Sir Peter den Arm seines Sohnes und stützte sich stolz darauf. Und so 399 ging der Mann der jungen Generation von der modernen Brücke, welche den legendenreichen Strom überspannt, durch das Gewühl der Straßen hindurch Schicksalen entgegen, welche jenseits des Horizontes liegen, der den sehnsüchtigen Blick der Augen meiner Generation begrenzt.   Ende.