Marcel Prévost Die Fürstin von Ermingen Roman   Einzige berechtigte Übersetzung aus dem Französischen von Franziska Gräfin zu Reventlow   Viertes Tausend Albert Langen Verlag für Litteratur und Kunst München 1910 Erster Teil 1 Bis zum Jahr 1897 gab es zwei Familien, eine deutsche und eine französische, welche den Titel »Fürsten von Ermingen« für sich in Anspruch nahmen, nur mit dem Unterschied, daß zu Ende des 18. Jahrhunderts eine dieser beiden Familien erst durch kirchliche, dann auch durch zivilrechtliche Akte den Namen französisieren ließ und Erminge statt Ermingen daraus machte. Ermingen ist ein Marktflecken im westlichen Odenwald, einige Kilometer von Darmstadt entfernt. Die 600 Einwohner haben ihre ärmlichen, aber sauberen Häuschen in ein grünes Tal hineingebaut, das durch einen reißenden Bach, den Kaubach, zwischen den Hügeln gebildet wird. Auf dem höchsten dieser Hügel erblickt der Tourist die Ruinen eines Feudalschlosses, und er wird ohne besonderes Erstaunen in den Chroniken lesen, daß dieses Schloß wie viele andre in den Rheinlanden während des 30jährigen Krieges von den Franzosen zerstört wurde. Aber trotzdem stand das Oberhaupt des Fürstentums – welches aus einigen Wald- und Weidestrecken um das Dorf herum bestand –, Otto von Ermingen, genannt der Einäugige, während der vierten Periode dieses entsetzlichen Krieges in französischen Diensten. Unter dem Oberbefehl Rantzaus wurde das Dorf durch eine jener abenteuernden Räuberbanden niedergebrannt, welche dem Baron von Durlach folgten und je nachdem Freund oder Feind zugrunde richteten, wie es gerade das Bedürfnis des Augenblicks oder die Zufälle des Krieges mit sich brachten. Nach dem westfälischen Vertrag empfand Fürst Otto kein Verlangen, seinen zerstörten Wohnsitz, sein niedergebranntes Dorf, dessen Einwohner entflohen waren, und die verwüsteten Wälder und Felder wiederzusehen. So folgte er seinem Befehlshaber nach Frankreich und blieb im Dienst des Königs. Dieser machte ihn zum Comte de Calm, steuerte ihn reichlich aus und verheiratete ihn mit Mademoiselle Juliette des Taschouères, die ihm das gleichnamige, zwischen Orleans und Blois gelegene Gut zubrachte. Er nannte sich von da an Comte de Calm, als Devise wählte er sich eine Sonne über friedlichem Meer, aber der Name und Titel seines deutschen Fürstentums figurierte weiter bei allen öffentlichen Akten, während der Schwan von Ermingen sein neues Wappen zierte. Sein jüngerer Bruder, Rupert, erhob inzwischen in Deutschland Ansprüche auf die Rechte des Erstgeborenen. Mit der Einwilligung des Landgrafen von Hessen erbaute er sich ein neues Schloß, nicht weit von den Ruinen des zerstörten Fleckens, und siedelte dort die Bauern an, die sich um den neuen Herrscher sammelten. Seltsamerweise verloren diese beiden Brüder und späterhin ihre Familien sich nicht aus dem Auge, sie wechselten Briefe und besuchten sich gegenseitig. Dieses gute Einvernehmen, das trotz zwei und einem halben Jahrhundert der Kämpfe und Revolutionen bestehen blieb, wurde sogar durch verschiedene Heiraten besiegelt. Bei Denain fiel ein Ermingen durch eine französische Kugel, die Armee des Prinzen von Soubise zählte einen Comte de Calm und Prince d'Erminge unter den Kompagniechefs, die sich in Port-Mahon ausschifften. Bei Koblenz unter Condé kämpfte ein Fürst von Ermingen Seite an Seite mit einem Prince d'Erminge. Selbst denen unter ihren Waffengenossen, die nichts von Physiognomie verstanden, fiel die Ähnlichkeit der beiden Vettern auf: dieselben breiten Schultern, derselbe eckige Gesichtsschnitt und die rauhen Züge, die hellblauen Augen und das gleiche blonde Haar. Alle die verschiedenen Kreuzungen mit fremdem Blut hatten bei keinem von ihnen den ursprünglichen germanischen Typus verwischt. Im Kriege von 1870, der die gesamte wehrbare Bevölkerung der beiden Länder zu den Waffen rief, standen sich ein Calm und ein Ermingen feindlich gegenüber – fast ein Bruderkampf, denn erst vor wenigen Jahren hatten der deutsche und der französische Zweig der Familie sich noch einmal näher miteinander verbunden. Charlotte Wilhelmine von Ermingen, eine Tochter des hessischen Fürsten, hatte den Grafen François de Calm geheiratet. Aber dieser starb schon 1868 an einer Magenerkrankung – sein Sohn Christian war gerade fünf Jahre alt, als der Krieg ausbrach. Charlotte Wilhelminens Vater machte unter Friedrich Karl den französischen Feldzug mit, wurde bei Metz schwer verwundet, lebte als Krüppel noch zehn Jahre nach dem Frieden und setzte bei seinem Tode seine Tochter, die Gräfin von Calm, zur Universalerbin ein unter der Bedingung, daß Christian den Titel Fürst von Ermingen führen sollte. Sie war ganz Deutsche geblieben, hielt strenge auf die Traditionen des Hauses Ermingen und ging ohne Schwierigkeiten auf diese Bedingung ein. So kam es, daß Christian, dazumal Schüler der fünften Klasse, in seinem zwölften Jahr den Namen wechselte, während seine Mutter, die Comtesse de Calm, wieder zur Fürstin Charlotte Wilhelmine von Ermingen wurde. Christian von Ermingen verlebte eine stürmische Jugend. Seine Mutter vermochte den wilden, sinnlichen Burschen nicht zu bändigen und gab ihn in ein Internat, wo er wegen seines Jähzorns unter den Kameraden förmlich gefürchtet war. Bei Nacht sprang er aus der ersten Etage auf die Straße hinunter, um mit zweifelhaften Mädchen zusammenzutreffen. Dabei war er von einer Tapferkeit, über die selbst die kühnsten seiner Kameraden erschraken; Gefahren oder Sinnenlust waren das einzige, was ihn überhaupt anzog. In der Reitbahn behielt er sich stets das schwierigste Pferd vor, bei den Bergtouren, die er während der Ferien unternahm, sagten die Führer ihm schließlich den Dienst auf, weil er sie immer überanstrengte und jeden Augenblick ihr Leben wie das seine aufs Spiel setzte. In den oberen Klassen zwang er einen seiner Mitschüler, sich heimlich mit ihm im Fechtsaal des Lyzeums zu duellieren. Er wurde dabei am Arm verwundet und mußte einen Monat das Bett hüten, verbarg aber stoisch die wahre Ursache seiner Wunde. Ebenso wie sein Mut kannte auch seine Verschwendungssucht keine Grenzen. Die Fürstin Charlotte Wilhelmine mußte etwa viermal hohe Spielschulden für ihn bezahlen und bei einer andern Gelegenheit durch eine bedeutende Summe das Stillschweigen eines Vaters erkaufen, dessen Tochter angeblich entehrt worden war. Und sie war entsetzt und außer sich darüber, daß er so aus sein Erbteil loswirtschaftete. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts war das Vermögen der Calms, wie das der Ermingen ziemlich zurückgegangen, der Landbesitz war nicht viel wert, und im übrigen waren beim Tode des letzten Comte de Calm etwa 1 100 000 Francs vorhanden, welche die Fürstin durch ihre Sparsamkeit auf 1 800 000 erhöht hatte, solange Christian noch minderjährig war. Das Gut der Familie des Taschouères war zwar seit der Schenkung Louis XIV. den Ermingens verblieben, aber es bestand fast nur aus Jagd, deren Instandhaltung ungefähr 20 000 Francs im Jahr kostete. Charlotte Wilhelmine lebte sehr zurückgezogen und zitterte vor dem Augenblick, wo ihr Sohn mündig sein würde. Auf den letzten Skandal hin verlangte sie von Christian, daß er in die Armee einträte, und er gehorchte ohne vielen Widerspruch, den Willen seiner Mutter achtete er wie ein folgsames Kind, und außerdem reizte ihn der Gedanke an das rauhe Soldatenleben. Die Fürstin hatte dadurch einen Aufschub von fünf Jahren erreicht und benutzte diese Zeit, um weiter zu sparen, sie lebte beinah ärmlich in einem düstren Entresol der Rue Barbet de Jony, wo sie außer den Freunden ihres verstorbenen Gatten kaum jemand empfing. Christian machte währenddem den Feldzug nach Tonkin mit, wo er sich durch brutalen Heldenmut auszeichnete und die Verdienstmedaille bekam. Kurz darauf gelang es ihm nur mit Mühe dem Kriegsgericht und der Strafkompagnie zu entkommen. Er kehrte, nunmehr großjährig, nach Paris zurück, und seine Leidenschaften entfesselten sich jetzt nach der langen Enthaltsamkeit um so stärker. Charlotte Wilhelmine lebte wieder in beständiger Angst, der ungestüme, zügellose Junge möchte binnen kurzem alles über den Haufen werfen, was sie in langen, mühevollen Jahren für den Glanz und die irdischen Güter des Hauses Ermingen getan hatte. Trotz ihrer streng moralischen Grundsätze empfand sie eine gewisse Erleichterung, als sie durch ihre alten Freunde und Klubkameraden Christians von einer Liaison ihres Sohnes mit der Komtesse de Guivre hörte. Mochte Madeleine de Buzet-Raincy, die mit 30 Jahren Witwe des Comte de Guivre geworden war, immerhin im Rufe einer galanten Weltdame stehen – sie war wenigstens ihre eigne Herrin, ziemlich vermögend und von guter Familie und würde Christian gerade vor dem behüten, was ihm am gefährlichsten war: vor minderwertigen Abenteuern und vor dem Spiel. Tatsächlich schien seine etwas regellose Existenz geordneter zu werden, seine Sitten verfeinerten sich unter der Leitung der erfahrenen Pariserin. Madame de Guivre dachte sicherlich nicht daran, einen geistig ebenbürtigen Gefährten in ihm zu finden, aber sie wußte wenigstens seine überschüssige Kraft aus den Sport und die Vergnügungen der vornehmen Welt hinzulenken. Und die Fürstin Charlotte Wilhelmine atmete auf – die Gesellschaft wußte bald Bescheid und betrachtete das verliebte Paar mit der üblichen Neugier, halb amüsiert und halb gehässig. Übrigens befleißigten die beiden sich einer streng korrekten Haltung, beschränkten sich nach außen hin auf jenes Spiel der arrangierten Begegnungen und öffentlichen Rendezvous, das die leichten Sitten der Großstadt gerne dulden und begünstigen. Die Gesellschaft stand Madeleine de Guivre offen, sowohl wegen ihrer Herkunft und ihrer Schönheit als ihrer guten Beziehungen halber; und andrerseits war sie viel zu stolz an Türen zu klopfen, die ihr vielleicht verschlossen geblieben wären. Diese Türen waren auch nicht sehr zahlreich, und was konnten die Salons, die sie beschützten, einer Buzet-Raincy zu bieten haben, die durch ihren Vater in enger Beziehung zu den Familien Gaumont und Langeois stand, sowie zu dem Marquis de Lestang, einem der Löwen des zweiten Kaiserreichs? – So litt es die Gesellschaft ruhig, daß diese unabhängige Frau, die in ihrem Äußeren viel Ähnlichkeit mit Margarethe von Valois hatte, den Abkömmling des Hauses Ermingen zum Liebhaber wählte – den schönen Fürsten mit dem mächtigen rötlichen Barte, der so gut zu seiner hohen, geschmeidigen Gestalt paßte. Und obgleich sie vier Jahre älter war wie er, prophezeite man, sie würde eines Tages Fürstin von Ermingen sein. Aber es vergingen Tage, Monate – zwei Jahre und Madeleine war noch immer nicht Fürstin geworden, obgleich das Verhältnis fort bestand. Die Welt, die für alles immer eine Erklärung bei der Hand hat, behauptete, die Fürstin Charlotte wolle nichts von einer Heirat ihres Sohnes mit dieser Frau wissen. Tatsächlich begann die Fürstin allmählich zu finden, daß diese Liaison mit ihrem leichten Anstrich von Protektion zu lange dauerte und hoffte, ihr Sohn würde sich durch eine Heirat davon befreien. Sie dachte nicht daran, daß Christian ihrem mütterlichen Einfluß inzwischen doch vielleicht entwachsen sein möchte, und wußte nicht, daß Madeleine de Guivre durchaus nicht die Absicht hatte, ihn zu heiraten. Von dem geheimen Drama, das sich zwischen den beiden abspielte, ahnte niemand etwas. Es bestand darin, daß ihre Sinnlichkeit sie unauflöslich aneinander kettete, zwei Jahre waren verflossen und ihr Verlangen immer noch dasselbe geblieben, und doch gab es Momente, wo einer in den Augen des andern eine Art Haß aufflammen sah. Madeleine de Guivre besaß jene starke Erotik, die bei Frauen der modernen Gesellschaft sehr selten ist. Denn meistens spielen bei ihnen die Nerven eine größere Rolle wie die Sinne. Ihre Mutter war früh gestorben, ihr Vater, der Marquis de Buzet-Raincy, ging in erster Linie seinen eignen Vergnügungen nach. So verlebte sie ihre Jugend fast wie ein junger Mann, um dessen Erziehung man sich nicht bekümmert. Zum Glück verheiratete sie sich sehr jung und nach ihrem eignen Geschmack. Während ihrer neunjährigen Ehe gab sie ihrem Mann an Zärtlichkeit und Treue weit mehr, als sie von ihm empfing. Er war wohl verliebt in sie, aber ein großer Lebemann und starb schließlich an einer Art Auszehrung, die Stoff zu allerlei Gerede gab. Madeleine genoß ihre Freiheit mit Maß und Besonnenheit, sie rangierte von nun an unter jene Frauen, welche die allererste Gesellschaft nicht anerkennt, obgleich sie ihr eigentlich angehören, die aber in den unmittelbar folgenden Kreisen, wo viele Künstler und reiche Leute verkehren, eine hervorragende Rolle spielen. Als sie Ermingen kennen lernte, war sie eben dreißig Jahre alt. Er war ein schöner Mann und wußte noch nichts von den Intriguen der vornehmen Welt. Und für sie, die das alles schon müde war, hatte seine Unerfahrenheit ebensoviel Reiz wie seine Schönheit. Es lockte sie, diese Naturkraft zu zähmen und zu glätten. Und sie wußte ihn vollständig zu erobern, sie brachte es fertig, aus dem brutalen Wildling, den weder Schule noch Militär zu bändigen vermochte, einen vollkommenen Weltmann zu machen. Er bekam sogar eine gewisse Leichtigkeit und Blasiertheit, die ihm ganz gut stand. Aber man ändert sein innerstes Wesen ebensowenig wie die Farbe seiner Augen. Christian ließ sich wohl an die Kette legen, aber er war wie jene halbwilden Hunde, die ihren Herren äußerlich völlig ergeben sind, aber trotzdem imstande, ihn plötzlich anzufallen und in Stücke zu reißen, wenn er irgend ein andres Tier streichelt. – Er wollte Madeleine ganz für sich allein und auf immer. Und instinktiv mißtraute er ihr, ahnte in ihr eine perverse List und Verstellungskunst, die über seinen Scharfblick hinausging. Und dieses Gefühl seiner Inferiorität brachte ihn zur Verzweiflung, in den Stunden der Eifersucht reizte das Bewußtsein seiner Ohnmacht ihn beinahe dazu, seine Kraft zu mißbrauchen oder wenigstens damit zu drohen. Er wußte, daß er sie nie überraschen und daß sie sich höchstens über seinen Argwohn lustig machen würde, und so ließ er es aus Angst vor einem Bruch bei Drohungen bewenden. Dabei wußte er sich so wenig zu verstellen, daß Madeleine nicht daran zweifelte, er wäre imstande, sie gelegentlich zu erschlagen. So lag der eine beständig auf der Lauer, der andre wurde ungeduldig und fürchtete sich, und es entstand allmählich eine Art dumpfer Feindschaft zwischen ihnen, die an Haß grenzte. Und doch trieb das Verlangen sie einander immer wieder in die Arme. So hatten ihre Beziehungen schon an vier Jahre gedauert, als Madeleine endlich eine Möglichkeit zur Befreiung zu entdecken glaubte. Die alte Fürstin quälte ihren Sohn immer mehr mit Vorwürfen über sein ungeregeltes Leben, ermahnte ihn, zu heiraten und drohte ihm, alle Hilfsquellen abzuschneiden, wenn er ihr nicht gehorchte. Und obgleich noch völlig in den Banden Madeleines, hatte der Fürst seiner Mutter gegenüber doch immer eine gewisse Gefügigkeit bewahrt, er besuchte sie getreulich jeden Tag um zwei Uhr und ließ ihre Vorwürfe wie ein Schuljunge über sich ergehen. Madeleine war nun Diplomatin genug, um auch ohne persönliches Erscheinen der alten Dame eine Idee zu suggerieren – sie benutzte dazu einige geistliche Herren, die sich ahnungslos zu ihren Helfershelfern gebrauchen ließen. Es handelte sich um eine entfernte Cousine von ihr, Tochter eines gewissen Monsieurs de Cudère, der in Bordeaux einem blühenden und mächtigen Finanzunternehmen mit legitimistischer Tendenz, der Süd-West-Bank vorstand. Eben dieser Cudère wünschte nichts dringender wie die Verbindung mit einem fürstlichen Hause und sicherte seiner Tochter eine Mitgift von 300 000 Franks Rente zu! Der Adel der Familie war nicht gerade weit her, aber Monsieur de Cudère war ein hochangesehener und einflußreicher Mann und hatte der monarchistischen Partei bedeutende Dienste geleistet. Der alten Fürstin eilte es immer mehr, ihren Sohn im sicheren Hafen zu sehen, und Christian gab schließlich nach, als Madeleine ihm klar machte, diese Heirat sei notwendig für ihn und ihm versprach, sich nicht von ihm zu trennen. Die einzige, die man noch nicht um ihre Meinung gefragt hatte und die nichts von alledem ahnte, war Marthe-Marguerite-Arlette de Cudère. Sie zählte neunzehn Jahre, war von seltener Schönheit und Herzensreinheit. Ihre Mutter, eine geborene de Bordeneuve, eine neurasthenische, unruhige Frau, lebte fast nie in Bordeaux, weil es ihr dort nicht gefiel und sie sich mit ihrem Manne schlecht vertrug. Man konnte ihr nicht gerade etwas nachsagen, aber sie machte sich durch eine krankhafte Koketterie lächerlich, lechzte beständig nach Huldigungen und war außer sich in dem Gedanken an das herannahende Alter. Auf ihren vielen Reisen schleppte sie immer die Tochter mit sich, putzte sie auf wie eine Puppe und überließ ihre Erziehung ausländischen Gouvernanten, die ebenso rasch wechselten wie Madame de Cudères Launen. So war Arlette während ihrer Kindheit und ersten Jugend eine jener Zierpuppen, wie man sie in Biarritz, Ostende, Rom und Kairo genugsam zu sehen bekommt, und die weit über ihr Alter hinaus in kurzen Kleidern herumlaufen. Ihre kindlichen Züge kamen ihr dabei zu Hilfe, so daß man sie mit siebzehn Jahren ruhig noch für vierzehn ansehen konnte. Sie war durchaus nicht unintelligent, aber ziemlich träge, á la diable unterrichtet und nahm das Leben, wie man es ihr bot, ohne besondere Freude und ohne Widerwillen. Jedes Jahr wurde sie auf vierzehn Tage nach Paris zu ihrer Tante, Madame de Péfaut, einer älteren Schwester ihres Vaters, geschickt. Diese hatte am Boulevard de la Tour Maubourg eine große Wohnung und lebte zusammen mit ihrem Sohn Jérôme, der etwa dreißig Jahre alt war, Medizin studiert hatte, aber keine Praxis ausübte, sondern auf eigne Hand wissenschaftliche Versuche machte. Wahrscheinlich um des Gegensatzes halber hatte das strenge, arbeitsame Leben der beiden für das junge Mädchen einen großen Reiz, ihr Vetter Jérôme verzog sie in seiner klugen, aufmerksamen Art, die sie angenehmer berührte wie die flüchtigen Liebkosungen und die oberflächliche Freigiebigkeit ihrer Mutter. Aber bald mußte sie ihr gewohntes Leben wieder aufnehmen, das fortwährende Herumreisen und die Nervenanfälle ihrer Mutter. So ging es fort, bis Arlette ihr achtzehntes Jahr erreicht hatte. Um diese Zeit wollten Madame de Cudères sorgfältig gefärbte Locken und die unentrinnbaren Falten zu beiden Seiten ihres Mundes sich nicht mehr mit der blonden Haarfülle und der göttlichen Jugend Arlettens vertragen. Ihre Mutter begann die Ironie der Gewohnheit zu empfinden, wenn es hieß: man möchte Sie für Schwestern halten. So fand Madeleine de Guivre eine eifrige Verbündete in ihr. Und was die Braut selbst betraf, diesem jungen Dinge von achtzehn Jahren, dessen Seele noch kindlicher war wie ihr Gesicht, machte es vor allem Spaß, eine Fürstin zu werden, wie die Heldinnen der Märchen. Denn sie war wirklich jungfräulich geblieben, trotz der bunten kosmopolitischen Gesellschaft, in der ihre Mutter sie seit frühester Kindheit herumschleppte, und trotz dem gänzlichen Mangel an moralischer Leitung. Perverse pflegen von solchen jungen Mädchen zu sagen: es ist besser, ihr nichts zu erzählen, sie würde uns durch ihre Naivetät blamieren. Arlette las noch einen Monat vor ihrer Hochzeit kindliche Bücher und führte ihre Lieblingspuppen durch ganz Europa spazieren. Und alledem hatte sie es zu verdanken, daß sie Fürstin von Ermingen wurde. Madeleine de Guivre hatte Mutter und Tochter während der vorjährigen Saison in Pau kennen gelernt – sie wußte wohl, daß eine Arlette, mochte sie noch so jung und schön sein, ihren eignen Einfluß auf Christian nie erschüttern würde. Einer jener psychologischen Widersprüche, von denen das Seelenleben der Frau erfüllt ist – Madeleine wollte sich von Christian freimachen, aber er sollte sich nicht von ihr loslösen. Ihr klarer Verstand sagte ihr: »mache dich los von ihm« – und gleichzeitig flüsterte der erotische Instinkt ihr zu: »ja, ja, mach dich nur frei, aber so, daß du ihn jeden Tag zurückrufen kannst.« – Christian, der weniger über sein eignes Innenleben nachdachte, wußte sehr wohl, was er tat und wollte. Er heiratete, um seine Mutter zufriedenzustellen und um aus der drückendsten Geldverlegenheit herauszukommen, aber gleichzeitig war er fest entschlossen, daß seine Beziehungen zu Madame de Guivre dadurch nicht gelockert werden dürften. Diese Heirat bedeutete also im höchsten Maße ein Verbrechen gegen den eigentlichen Sinn der Ehre. Die unschuldige und unerfahrene Arlette wurde wie ein willenloses Opfer diesem Manne in die Arme geworfen, der sie nicht liebte, nicht einmal lieben wollte und noch dazu von Natur aus brutal war. Sie waren übereingekommen, daß Madeleine sich für den Winter in San Remo niederlassen sollte. Zehn Tage nach der Hochzeit kam Christian mit seiner jungen Frau ebenfalls dorthin. – Trotz aller Eifersucht hatte Madeleine noch keinen Gebrauch von ihrer Freiheit gemacht, sie zitterte vor Sehnsucht, den Fürsten wiederzusehen und stand völlig unter dem Banne jener Kraft, die stärker redet wie alle Vernunft – das unvermeidliche Ende jedes halben Bruches zwischen Liebenden. Die junge Fürstin witterte keine Gefahr in diesem Zusammentreffen mit Madame de Guivre, die sie schon ein wenig kannte und der sie das Zustandekommen ihrer Heirat zum Teil zu danken hatte. Außerdem zog Madeleine sie durch ihre Eleganz und Liebenswürdigkeit an und kam ihr sehr freundlich entgegen. Als sie sich dann plötzlich verlassen sah – mitten in den Flitterwochen, wie eine Witwe, da begriff sie anfangs nicht, was das bedeutete, und gleichzeitig empfand sie beinahe etwas wie Erleichterung. Sie hatte eigentlich noch nie tiefer über irgend etwas nachgedacht, so grübelte sie auch jetzt nicht weiter über die näheren Umstände ihrer Ehe. Ihre Seele blieb so kindlich und unberührt wie vorher. Es machte ihr Spaß, Fürstin genannt zu werden, von den nervösen Kaprizen ihrer Mutter befreit zu sein und in einer glänzenderen, bewegteren Umgebung zu leben. So geschah das Widersinnige, daß sie eine große Freundschaft für Madeleine faßte. Und Madeleine hatte sich vorgenommen, Arlette zu gewinnen, was ihr auch nicht schwer fiel, denn Arlettens kindliches Gemüt war leicht zu beeinflussen, sie war Madeleine dankbar, daß sie sich die Mühe nahm, sie ein wenig zu bilden und zu belehren und ihr einen gewissen Pariser Schliff beizubringen. Aber in dem Maße, wie sie in allen diesen Dingen Fortschritte machte, fing sie auch an, besser zu verstehen, die Wahrheit zu ahnen. Sie waren jetzt alle nach Paris zurückgekehrt, wo die Saison auf ihrem Höhepunkt stand. Das Ermingensche Paar stürzte sich mit in die Flut von Vergnügungen, die in gewissen Kreisen von April bis Juli üblich sind. Die Gesellschaft von Vergnügungsjägern, denen sie sich anschlossen, wurde in vertrautem Kreise »Made's Bande« genannt. Es zählten dazu noch mehrere junge Ehepaare, so der Vicomte d'Ars und seine Frau, die wegen ihres ungeordneten Lebens bekannt waren, – Monsieur und Madame Destreux (de Saint Clair), die aus reichen Industriekreisen herstammten und bemüht waren, sich durch eifrige Sportpflege in der Gesellschaft zu behaupten, beide rechneten sich zu den hervorragendsten Golfspielern diesseits des Kanals – ferner ein dicker, lustiger Lebemann, Campardon genannt, der nicht ohne Geist war, Jacques et-pistroi, ein schöner, eleganter Maler und dementsprechender Snob, welcher Madame d'Ars die Kur machte. Und schließlich Jérôme de Péfaut, der für Arlette eine etwas besorgte Freundschaft an den Tag legte und sich manchmal von ihr zu den weniger extravaganten Zerstreuungen der »Bande« mitziehen ließ. Madeleine de Guivre befehligte diese fliegende Schwadron ohne Widerspruch, sie war es, die Partien und Diners arrangierte, Villen in Dauville oder Monte Carlo mietete, plötzlich eine Spritzfahrt nach London, Florenz oder Sevilla vorschlug, unter dem Vorwande, daß man irgend eine Bilderausstellung ansehen oder einer Feierlichkeit beiwohnen müsse – und zur gegebenen Zeit auch die Jagden organisierte. Selbst als die »Bande« im Herbst nach dem Schlosse des Taschouères übersiedelte, gab Madeleine das Kommando nicht ab, und Arlette hütete sich wohl, es ihr streitig zu machen. Ja, Arlette hatte jetzt allmählich alles begriffen, was um sie herum vorging, aber ihr Herz litt nicht darunter. Von der einzigen Woche, wo sie wirklich Christians Frau gewesen, war ihr nur die Angst geblieben, er möchte wieder zu ihr zurückkommen. Auch nach außen hin brauchte sie keine Demütigung zu empfinden, denn Christian und Madeleine hielten ihr zuliebe den Schein aufrecht. Nur hatte sie allen Glauben an Ehe und Liebe verloren und gelangte allmählich zu einem halb unbewußten Nihilismus. Denn man hatte sie nie gelehrt, die Dinge von irgend einem bestimmten Gesichtspunkt aus aufzufassen. So war sie über ihren Fall nicht weiter entsetzt oder empört; sie sah ein, daß er in dem Milieu, in welchem sie lebte, nichts Außergewöhnliches bedeutete, aber zu dieser Resignation gelangte sie nur auf Kosten ihres eignen moralischen Gefühls. Es vergingen zwei, drei Jahre in der entsetzlichen Monotonie dieser beständigen Jagd nach Zerstreuung. Ihr wurde der Hof gemacht, sie widerstand den Versuchungen ohne inneren Kampf und ohne Verdienst; ihre Seele war so abgestumpft, daß sie gar nicht imstande zu irgend einer Initiative war, weder im Guten, noch im Bösen. »Made's Bande« hatte sich im Laufe der Zeit noch um einen jungen Mann vermehrt, der durch Madame Destreux eingeführt wurde. Er hieß Rémi de Lasserade und war der älteste von den drei Brüdern, die durch einen tragischen Unglücksfall mit dem Automobil beide Eltern verloren hatten. Ihr Großonkel, der alte Herzog de Lasserade, hatte sie bei sich aufgenommen und erzogen, Rémi hatte jetzt eben seinen Militärdienst absolviert und zeichnete sich bei seinem Debüt in der Gesellschaft durch außerordentliche Schönheit und liebenswürdige Unverschämtheit aus. Er huldigte dem heutzutage beliebten Grundsatz, daß die Beziehungen der Geschlechter untereinander keine besondere Bedeutung haben, solange man nur im gesellschaftlichen Sinne »anständig« bleibt. Den Grad dieser Anständigkeit zu beurteilen, behielt er sich selber vor, und seine große Jugend – er zählte zweiundzwanzig Jahre – machte ihm Dinge möglich, die einen reifen Mann den Ruf gekostet hätten. Er war geistreich, kühn, bei aller Wildheit zärtlich und liebevoll und entwickelte von Anfang an eine außerordentliche und geradezu feminine Geschicklichkeit, in diesem leichtlebigen Milieu, in das er hineingeraten war, sich das zu erobern, was er wünschte. Binnen kurzem war er der »Löwe« der kleinen Gesellschaft – um ein Wort zu gebrauchen, das früher sehr Mode war und uns heute fehlt, weil der Gegenstand selten geworden ist – gefeiert, beneidet und nachgeahmt. Es liegt in dem Schicksal gewisser Frauen, denen jede Perversität fehlt, in der Liebe beständig Opfer zu sein, ebenso wie bestimmte, rechtschaffene Männer es in Geldangelegenheiten sind. Arlette von Ermingen, an der Christian und Madeleine ein schwerwiegendes Verbrechen begangen hatten, war wie ausersehen für Rémis Neugier. Sie, deren Sinnlichkeit sich so wenig regte, die bis jetzt mühelos widerstanden hatte, ließ sich jetzt ohne weiteres in intime Beziehungen mit diesem Altersgenossen ein, der ihre tatsächliche Unschuld erriet, an die man sonst nicht recht glauben wollte und sich darüber amüsierte wie ein frühreifer Valmont über eine Cécile Volanges. Während sie anfangs noch zögerte, suchte ihr Vetter Jérôme sie auf die Gefahr aufmerksam zu machen, aber sie wies seine Ratschläge mit kindischer Gereiztheit zurück. So sagte er nichts mehr und tat, als ob er nichts bemerke. – Liebte sie denn Rémi Lasserade? Sie war wenigstens bereit, ihn zu lieben, ihr Leben für ihn hinzugeben, mit ihm zu entfliehen – wenn er nur etwas andres von ihr gewollt hatte wie ein flüchtiges Spiel. Es war wenigstens endlich einmal jemand gekommen, der ihr zärtliche Worte zuflüsterte, sie in seinen Armen hielt und sagte: Du bist mein Glück... Sie war wenigstens nicht mehr allein. Aber zum Unglück war der junge Mann dies kleine Abenteuer bald müde. Arlette war wirklich zu aufrichtig, zu sehr zur Gattin geschaffen. Als er sie glücklich gewonnen hatte, sah er ein, daß bei ihr nichts zu holen war, wie leidenschaftliche Liebe, und das war nicht, was er begehrte. Arlette war nicht zu verderben, mit dem Moment, wo man sie besaß, war auch das Spiel zu Ende... Und nun brachen kurz aufeinander zwei schwere Schicksalsschläge über die junge Fürstin von Ermingen herein. Der erste war der Krach der Süd-Westbank, Monsieur de Cudère war ruiniert und mußte eine untergeordnete Stellung annehmen. Das Benehmen des Fürsten bei dieser Gelegenheit war durchaus korrekt, aber die Fürstin Charlotte-Wilhelmine betrachtete diesen Zusammenbruch als einen Verrat Arlettens: die beiden Frauen überwarfen sich miteinander und besuchten sich nicht mehr, obgleich sie in demselben Hause wohnten. Noch ganz mitgenommen von dieser Katastrophe, traf Arlette ein noch weit schmerzlicheres Ereignis. Der alte Herzog Lasserade zwang Rémi zu einer jener angeblichen Studienreisen, die in guten Familien manchmal über die Sühne verhängt werden, um irgendwelchen andern Dingen Einhalt zu tun. Diese Reise im Gefolge irgend eines Fürsten brachte einen Aufenthalt von etwa drei bis vier Monaten in Abyssinien mit sich. Rémi teilte Arlette seine Abreise erst am Abend vorher mit und versicherte ihr, er selbst sei erst jetzt durch den Herzog benachrichtigt worden. Arlette glaubte ihm alles und ergab sich in ihr Schicksal. Nach zehn Tagen bekam sie aus Livorno einen ziemlich kühlen Brief von ihm, einen Monat später noch eine Postkarte aus Port Said und dann nichts mehr. Sie war wieder allein und einsamer wie je, ihr Herz war voll von unendlichem Bangen, und sie konnte sich niemandem anvertrauen. Ihre Gesundheit fing an zu schwanken, sie wurde nervös und weigerte sich jetzt oft, an den Vergnügungen der »Bande« teilzunehmen. Man fand allgemein, daß sie sich eine immerhin unbedeutende Sache allzusehr zu Herzen nähme. Drei Jahrhunderte waren vergangen seit jenen heroischen Zeiten, wo Otto der Einäugige in Schwaben an der Seite Rantzaus kämpfte – und was war noch geblieben von dem Ruhm und Glanz jener teutonischen Fürsten und französischen Grafen? In einem der Neubauten an den Champs-Elysées, die den traurigen Beweis für die Unfähigkeit unserer modernen Architektur liefern, nahmen die Fürstin-Witwe Charlotte Wilhelmine, der Fürst Christian und seine Frau die beiden Wohnungen im vierten Stock ein. Von diesen drei Bewohnern hatte jedes sein Gebiet für sich, das der alten Fürstin war am kleinsten: ein Bibliothekssalon, ein Zimmer mit Nebenräumen und ein kleines Betzimmer – die Möbel streng im Stil Louis XIV., Ahnenbilder, zahllose alte Bücher – immerhin hatte diese Einrichtung am meisten Charakter von den dreien. Denn das übrige – nach dem Geschmack irgend eines großen Tapezierers aus der Rue de la Paix zusammengestellt – war eine beliebige Anhäufung von kostspieligen Dingen, wie man sie bei Menschen findet, die nichts von ihrer Seele in ihre Umgebung hineinzulegen wissen. Die Plafonds mit weißem Stuck, das Mobiliar mit einer kindlichen Stilhascherei und zugleich einer Unwissenheit zusammengestellt, über die ein echter Amateur hätte lächeln müssen. Die Gemächer des Fürsten, in englischem Stil gehalten, glichen dem Innern einer prunkvollen Jacht. In Arlettens kleinem Privatsalon und ihrem Schlafzimmer herrschte wiederum jener trostlose Tapeziererstil. Nur ihr Ankleidekabinett, das sie nach einem pompejanischen Tepidarium in reinstem italienischen Marmor hatte gestalten wollen, ergötzte das Auge durch den Kontrast zwischen antikem Stil und dem raffiniertesten Toilettenapparat der modernen Pariserin. Außer Christians täglichem Besuch bei seiner Mutter, lebte jeder von den dreien vollständig für sich. Arlette besuchte ihre Schwiegermutter nicht mehr, seit sie miteinander brouilliert waren, mit ihrem Mann speiste sie fast nur noch auswärts zusammen oder wenn sie selbst Gäste hatten. Christians Leben spielte sich im Klub oder bei Madeleine ab, und Arlette verzehrte sich in Sehnsucht und Bitterkeit, während sie bald allein zu Hause saß ohne andre Gesellschaft wie ihre Kammerjungfer, bald sich kopflos in eine Flut von Zerstreuungen stürzte, deren sie nur allzubald wieder überdrüssig war. Und die alte Fürstin saß drüben in ihren Gemächern und beobachtete den langsamen Zusammenbruch des Hauses Ermingen unter Geldschwierigkeiten und zerrütteten Familienverhältnissen, die sich jeden Augenblick zum Drama gestalten konnten. * An einem Oktobermorgen etwa zwei Monate nach Rémis Abreise, die von der übrigen Gesellschaft als Bruch mit Arlette ausgelegt wurde, erwachte die junge Fürstin sehr spät. Sie kämpfte noch eine Zeitlang mit dem Schlaf, sank in die Kissen zurück und fuhr plötzlich wieder empor, mit klopfendem Herzen und umschleierten Augen. Um sich endlich dem Schlummer ganz zu entreißen, richtete sie sich auf, zog die Knie empor und blieb so an die Kissen gelehnt sitzen. Draußen mußte voller Sonnenschein sein, denn eine Flut von Licht drang durch die dichten Vorhänge von gelbem Damast, welche beide Fenster verhüllten. Der ganze Raum war wie in hellen Schimmer getaucht, vor allem der große, dreiteilige Spiegelschrank, die Bilder ringsum an den Wänden und die Photographien auf dem Kaminsims. Noch voller drang der goldige Glanz durch eine halboffene Tür links vom Bett, sie führte in einen großen Raum, der als Ankleidezimmer und Badesaal diente. Diese Tür blieb die ganze Nacht durch offen, ebenso wie die zum anstoßenden Zimmer, wo die Kammerjungfer der Fürstin schlief. Denn Arlette ängstigte sich alleine und mußte das Gefühl haben, daß irgend ein menschliches Wesen in ihrer Nähe war, im Bereich ihrer Stimme, so daß sie nur zu rufen oder eine der beiden Türen aufzustoßen brauchte. In den letzten zwei Monaten, wo diese Art nervöser Angst sich noch gesteigert hatte, ließ sie Martine Lebleu, ihre Zofe und Vertraute, sogar manchmal in dem Badesaal schlafen, weil sie ihr da noch näher war. Aus dem großen Gebäude mit seinen dichten Mauern und doppelten Türen drang kaum ein Geräusch zu ihr hinüber, während sie so regungslos dasaß, die Hände um die Knie geschlungen. Um so deutlicher ließ sich von draußen her das rege Straßenleben der Champs-Elysées vernehmen, vor allem als stets wiederkehrendes Motiv das Ächzen der Automobile und die kurzen, abgerissenen Warnungssignale. Arlette sah eine Zeitlang dem wechselnden Spiel der Schatten am Fries des Plafonds zu, gelangweilt und müde streifte ihr Blick über diese ganze gewohnte Umgebung hin. Dann rief sie leise: Martine! Martine mußte schon auf ihren Ruf gewartet haben, denn im selben Augenblicke ging die Tür ganz auf und eine schlanke jugendliche Gestalt erschien als scharf umrissene Silhouette auf der Schwelle. Das grelle Licht, das nun ins Zimmer eindrang, blendete Arlette, und sie schloß die Augen. Gleich darauf stand Martine schon neben ihrem Bett und beugte sich über sie. Aus ihrem intelligenten Gesicht mit den dunklen Augen sprach aufrichtig Besorgnis: »Haben Hoheit wohl geruht?« »Nicht besonders, Martine – willst du die Vorhänge aufziehen, aber bitte, recht leise.« Behutsam wie eine Krankenwärterin ließ das junge Mädchen nun das Tageslicht eindringen, dann kam sie zu ihrer Herrin zurück. »Es ist wundervolles Wetter, fast wie im Sommer.« Das volle Licht fiel jetzt auf Arlettens reizendes Gesichtchen, mit ihren kindlichen Zügen und der schweren, blonden Haarmasse sah sie fast aus wie ein schmollendes kleines Mädchen, denn um den weichen Mund mit den fast zu vollen Lippen, die zierliche, etwas unregelmäßige Nase und in den hellen, blauen Augen lag etwas Trübes, als wäre sie alles Lebens und Denkens unendlich müde. Ein silberner Spiegel im Stil der lothringischen Künstler, der dicht neben dem Bett stand, warf gleichzeitig Martines ernstes, kluges Gesicht zurück. Sie war nicht schön, hatte aber einen gewissen Charme – mit der schmalen, glänzenden Stirn und den ziemlich regelmäßigen Zügen. Nur der Teint war etwas unklar und die Haare von einem unbestimmten Kastanienbraun. Im ganzen wirkte sie am besten, wenn man die feine, geschmeidige Gestalt mit den sicheren, graziösen Bewegungen nur im allgemeinen sah. Während Martine ihre Herrin mit fast mütterlicher Besorgnis anblickte, wurde diese plötzlich ungeduldig. »Ist das Bad fertig?« »Ja.« »Worauf wartest du denn noch? Komm, hilf mir.« Damit warf sie die Decken zurück, und ihre nackten Füße tasteten in dem weißen Pelz, der vor dem Bett lag, nach den Morgenschuhen. Martine half ihr sie anziehen, dann richtete sie sich auf, um Arlette ins Bad zu leiten. Aber die Fürstin machte sich plötzlich von ihr los. »Nein, laß mich.« In ihrem langen Nachthemd sah sie jetzt noch kindlicher aus. Etwas fröstelnd ging sie auf die Badewanne von rosa Marmor zu, die in den Boden eingelassen war. An alle kleinen Launen ihrer Herrin gewöhnt, machte Martine sich beständig, aber ohne Aufdringlichkeit um sie zu schaffen, sah nach dem Thermometer, regelte die Temperatur des Wassers, hob das Hemd auf, das achtlos zu Boden gefallen war und stützte den jungen Körper, während er sich ins Wasser gleiten ließ und sich in eine Wolke von Benzoë hüllte. Das laue Bad beruhigte ihre Nerven, sie lächelte zufrieden und ließ ihre Hände spielend durchs Wasser gleiten. »Wieviel Uhr ist es?« »Gleich elf.« »Schon elf, – oh, wie angenehm.« Elf Uhr – der ganze Morgen im Schlaf vergangen, ein Stückchen Leben spurlos hinabgeglitten – von diesem Leben, das ihr so endlos lang, so drückend vorkam. Während Martine ihr leicht Arme und Hände massierte, fragte Arlette: »Gegen Mitternacht, als ich gerade eingeschlafen war, wachte ich von einem Donnergepolter wieder auf – was war denn das?« »Ich glaube, es war der Fürst,« sagte Martine leise. »War er wütend?« Martine nickte mit dem Kopf. »Worüber denn?« »Jean hat vergessen, einen Brief zu besorgen, der Fürst gab ihm einen Stoß, und er hatte gerade ein Glas Wasser in der Hand.« »Ich dachte nach dem Lärm, es wäre ein größerer Gegenstand gewesen,« sagte Arlette gleichgültig. Dann verließ sie das Bad und Martine hüllte sie in den Bademantel, der große Spiegel gab das Profil ihres kindlichen Körpers wieder, mit seiner zarten, bleichen Haut, der selbst das warme Wasser keine lebhaftere Farbe zu verleihen vermochte. Martine rieb und frottierte sie, Arlette ließ es willenlos geschehen, sie schloß die Augen und seufzte von Zeit zu Zeit leicht auf, dann warf sie sich auf einen Diwan in der Ecke des Badesaals und gähnte, während die Zofe sie mit weichen Tüchern bedeckte und ihr die Füße massierte. »Weißt du, was ich jetzt am liebsten möchte? mich wieder ins Bett legen und schlafen, – viel besser wie in der Nacht, denn in der Nacht habe ich soviel Angst. – Ist heute nichts angekommen? Keine Briefe oder Telegramme? »Nein, es war keine Post da. Nur eine Rechnung von Jubillard – für den Zobelpelz.« Die Fürstin wurde etwas aufmerksamer. »Was haben sie gesagt?« »Daß die Sache eilte. Jubillards Bruder war da, Monsieur Maxime. Er sprach davon, mit der Rechnung zum Fürsten zu gehen.« »Zum Fürsten,« rief Arlette und fuhr plötzlich in die Höhe. »Aber ich habe die Rechnung genommen und gesagt, es würde heute jemand im Geschäft vorkommen.« »Wie soll man es machen, daß er sich noch geduldet«, sagte Arlette nachdenklich. »Hoheit dürfen sich nicht beunruhigen. Ich gehe heute selbst hin und werde mir schon irgend etwas ausdenken.« »Du bist eine durchtriebene Person,« sagte Arlette lachend und klopfte Martine vertraulich aus die Wange. »Wenn du Geschäftsmann geworden wärest, hättest du die ganze Welt auf den Kopf gestellt.« Martine lächelte. Dann fuhr sie fort, ihre Herrin zu bedienen, immer bemüht, sie durch ihr Geplauder aufzuheitern. Sobald diese schwieg und in ihre schlechte Laune zurückzusinken drohte, fing Martine sofort an zu sprechen, erzählte eine Anekdote oder machte eine vorsichtige Bemerkung über Arlettens Schönheit. Sie wußte sich sehr gut, beinah elegant auszudrücken. Aber Arlette hörte kaum zu. Als Martine den Sessel vor dem Toilettetisch zurechtrückte, wandte sie sich plötzlich um und fragte: »Wie denkst du eigentlich über Rémi? Du weißt doch, er soll wieder in Paris sein. Er hätte mir doch ein Wort schreiben können, mir eine Blume schicken können, seine Karte abgeben ... Aber nichts – Und ich hab ihm doch nichts zuleid getan.« Ihre blauen Augen füllten sich mit Tränen, und ihr Gesicht verdüsterte sich. Martine Lebleu schwieg und schüttelte nur teilnehmend den Kopf, während ihre Hände liebkosend durch das prachtvolle Haar der jungen Fürstin glitten. Bei jedem Aufschluchzen bewegte sich das Köpfchen unter der dichten, goldnen Haarflut, und abgerissene Worte, die sie in kindlichem Eigensinn immer wiederholte, rangen sich los. »Ich habe ihm doch nichts getan – nichts – und doch« – – Wieder teilten die geschickten Hände der Zofe die schönen rötlichen Haare, hoben sie empor und schlangen sie zu einem einfachen niedrigen Knoten Und nun kam ein verweintes, in Schmerz aufgelöstes Gesicht zum Vorschein. – Um sie abzulenken, fragte Martine: »Darf ich Hoheit jetzt den Tee bringen?« »Nein, ich mag keinen Tee!« »Aber was dann?« Arlette dachte nach. Dann blitzten ihre Augen wie von einem plötzlichen Gelüst auf: »Habt ihr nicht irgend eine Suppe in der Küche, eine ganz gewöhnliche Suppe, wie man sie bei mir zu Lande ißt?« »Ja, Irma hat erst heute morgen eine gekocht, es muß noch etwas da sein.« »Dann bring mir die – einen großen Teller voll und ganz heiß.« Martine rückte am Fenster einen kleinen Tisch zurecht und bedeckte ihn mit einer Serviette. Dieser Badesaal, wo alles in Marmor gehalten war, war Arlettens Lieblingsaufenthalt. Oft blieb sie den halben Tag darin, das Schlafzimmer mit seinem Straßenlärm machte sie nervös und war ihr unsympathisch. Martine war hinausgegangen, um die Suppe zu holen, als in einer Ecke des Saales ein gedämpftes Läuten erklang. Es war das Telephon, – um die Nerven der Fürstin zu schonen, hatte man den Klingelapparat mit einem dichten Kreppschleier verhüllt. Arlette zögerte noch, ob sie antworten sollte, als Martine mit dem Besteck und einer dampfenden Terrine wieder eintrat. »Es wird antelephoniert,« sagte Arlette, »sieh, wer da ist und sage, ich schliefe.« Martine ging ans Telephon und Arlette amüsierte sich damit, dem Gespräch zu folgen. »Ja – die Kammerjungfer – ah – gewiß, gnädige Frau – Hoheit sind gestern spät schlafen gegangen und noch nicht aufgestanden. – Hallo – Danke sehr, gnädige Frau, Hoheit befinden sich wohl und werden gewiß ausgehen können. Ich werde es gleich ausrichten, sobald Hoheit aufgewacht sind. – Bei Holtz, um ½ 6 Uhr? – sehr wohl. Adieu, gnädige Frau.« Damit hängte sie die Hörrohre wieder ein. »War es Madeleine?« fragte Arlette. »Ja, Hoheit. – Sie läßt bitten, heute nachmittag zu Holtz zu kommen, um ½ 6, im großen Hotelsaal.« »Gut, wer wird denn da sein?« »Monsieur de Péfaut – Mademoiselle Rose und Marguerite – der Fürst ist auch eingeladen. Dann wird noch ein junger italienischer Dichter dort sein, mit dem Madame de Guivre Hoheit bekannt machen möchte. – Guiseppe Sarracioli.« »Irgend eine abenteuerliche Existenz, wahrscheinlich.« »Nein, nein, Hoheit, er ist ein sehr talentvoller Dichter.« »Kennst du ihn?« »Ich habe über ihn gelesen – in einem Buch über italienische Dichtung.« »Mir scheint, du hast ziemlich viel überflüssige Zeit, Martine.« »Wollen Hoheit jetzt nicht frühstücken?« »Ach ja, ich hab es ganz vergessen.« Nachlässig ließ sie sich vor dem Tisch nieder. Martine servierte ihr einen Teller von der schäumenden Suppe und Arlette lächelte. »Wenn wir in meiner Kinderzeit auf dem Lande waren,« sagte sie, »lief ich oft heimlich vom Schloß zur Meierei hinüber und erbettelte mir von der Bäuerin einen Teller Suppe, wie diese hier. Meine Mutter erlaubte nie, daß so etwas auf den Tisch kam, weil sie es nicht vornehm fand. Mein Gott, wie dumm.« Begierig aß sie ein paar Löffel voll. Martine beobachtete und bediente sie wie eine Rekonvaleszentin bei der ersten Mahlzeit. Aber Arlette schob den Teller fort, als er noch beinahe voll war. »Wollen Hoheit nicht mehr essen?« »Nein, nimm den Teller weg, mir ekelt davor.« »Wünschen Hoheit vielleicht Kuchen?« »Hast du welche holen lassen?« »Ja, weil Hoheit gestern den Wunsch aussprachen.« »O, das ist recht – bring sie mir rasch.« Und nun stopfte sie sich mit Süßigkeiten voll, wie eine Halbverhungerte. Dabei wurde sie wieder ganz lustig und plauderte mit Martine, die mit vollendetem Takt auf alles zu antworten wußte, nie zu unterwürfig und nie zu vertraulich wurde. »Du sagtest, er wäre Italiener, der Dichter?« »Ja, Hoheit.« »Made ist doch ganz toll – wo hat sie den nur wieder her? Und dann führt sie ihn dem Fürsten vor – wenn der irgend welchen Verdacht schöpft, mag der italienische Dichter sich in acht nehmen.« Wenn die Fürstin ganz ruhig von der Liaison ihres Mannes mit Madame de Guivre sprach und noch mehr, wenn sie, wie vorhin, Rèmis Namen nannte, pflegte Martines sonst so lebhaftes Gesicht einen gewissen starren Ausdruck anzunehmen, kein Muskel bewegte sich, und ihr Blick verlor sich wie abwesend in die Ferne. – Arlette merkte das wohl, und es machte sie ungeduldig. »Warum machst du wieder dies Holzgesicht,« sagte sie. »Gott, bist du manchmal unleidlich. Es ist mir unsympathisch, wenn jemand nicht den Mut hat, seine Meinung zu sagen und dabei im stillen alles kritisiert. Bei dir weiß man niemals, was du denkst.« Sie erregte sich an dem Ton ihrer eignen Stimme und fuhr fort: »Es ist überhaupt unglaublich unhöflich, wenn ich dir die Ehre erweise, dich fast wie meinesgleichen zu behandeln. – Und das ist eigentlich ganz verkehrt von mir. Ich habe schon manchmal darüber nachgedacht, ob du nicht mit dem Fürsten im Einverständnis bist, um mich auszuspionieren.« »O, aber Hoheit.« Martines Augen füllten sich mit Tränen, trotzdem sie versuchte, sich zu beherrschen. »Nein, ich glaube es in Wirklichkeit nicht,« lenkte Arlette ein, »aber du bist manchmal so sonderbar. – Mein Gott, du armes Mädchen –« Es entstand eine Pause. »Welches Kostüm werden Hoheit heute anziehen?« fragte dann Martine in sanftem Ton. »Das blaue von Emery, – hast du den Gürtel geändert?« »Ja.« – Martine holte das Kostüm und begann ihre Herrin anzukleiden, die immer noch schmollte und sich über die geringste Kleinigkeit ärgerte. Jeden Augenblick fand sie einen Vorwand, um Martine klar zu machen, daß sie sie schlecht bediente und ihr zu versichern, sie würde viel zu gut behandelt. »Ich möchte wetten, daß du heute wieder auf drei Stunden ausgehen willst?« »Wenn Hoheit nichts dagegen haben – aber ich werde zur rechten Zeit wieder da sein.« – »Höre mal, du mußt eigentlich ein nettes Leben führen, und dabei tust du immer, als ob du nicht bis drei zählen könntest. Ich habe noch nie eine Kammerjungfer gehabt, die so oft um Ausgang gebeten hat wie du. – Aber ich gäbe wirklich etwas darum, wenn ich dich einmal mit deinem Schatz beobachten könnte.« Dieser Gedanke erheiterte Arlette plötzlich wieder, sie lächelte und Martine ebenfalls. Sie war sehr geheimnisvoll in bezug auf ihr Verhältnis, obgleich sie wirklich sehr oft um Erlaubnis zum Ausgehen bat. »Nein, so ein Mädel wie dich habe ich noch nie in meinem Dienst gehabt,« erklärte die Fürstin. »Manchmal bilde ich mir ein, daß in deinem Leben alle möglichen Dramen spielen, und daß ich eines Tages ganz fabelhafte Sachen entdecken werde. »Aber ich schwöre, Hoheit,« antwortete Martine in heiterem Ton, »daß es wirklich nichts zu entdecken gibt.« »Nichts weiter wie den einen guten Freund?« Martine zögerte einen Moment, dann sagte sie: »Nein, wirklich nicht.« In diesem Augenblick wurde an die Tür des Nebenraumes geklopft, der zugleich als Garderobe und als Vorzimmer diente. Der Diener übergab Martine einen Brief an die Fürstin, man wartete auf Antwort, »eine Art Dienstmädchen,« wie der Diener verächtlich bemerkte »Mach ihn auf und lies mir vor,« sagte Arlette, und Martine gehorchte: »Hoheit! Da Ihr edles Herz mir bekannt ist, wage ich es, mich in meiner entsetzlichen Lage an Sie zu wenden. Ich weiß nicht, ob Hoheit sich daran erinnern, mich früher bei Laurent gesehen zu haben. – Ich bin sehr krank gewesen, und man hat mir gekündigt. Meine Ersparnisse sind verbraucht und – – – « »Wie ist es denn unterschrieben?« fragte die Fürstin. »Josephine Darras. Und in Klammer: die früher bei Laurent war – –« »Ja, richtig,« sagte Arlette, »ich erinnere mich an ein Mädchen, das so hieß. Laß ihr fünf Franken geben. Hast du soviel bei dir? Nein? Du hast auch niemals Geld. Was machst du eigentlich damit? Schau in meiner Börse nach.« »Es ist nur ein Fünfzigfrankenschein drin.« »Vielleicht können sie in der Küche wechseln. – Oder nein, halt. Gib ihr die fünfzig Franken – dieser Josephine, aber dann soll sie mich in Ruhe lassen. Eil dich, es hat schon zwei geschlagen, ich bin noch nicht angekleidet und muß um ein halb drei zur Anprobe bei Emery sein.« Während sie allein war, ging Arlette im Unterrock ans Fenster und blickte hinaus, sie sah wieder ganz wie ein halbwüchsiges Mädchen aus, das noch in der Entwicklung begriffen ist. An der linken Seite des Hofes hielt ein Zweispänner mit zwei isabellfarbenen Pferden, die ebenso steif und hochmütig aussahen wie der Kutscher und dann bog ein ziemlich elegantes Coupé in den Hof ein und hielt gerade vor dem Fenster. Martine kam wieder herein. »Das Coupé ist schon da,« sagte die Fürstin, »laß uns jetzt rasch machen.« Mit ihrer gewohnten Geschicklichkeit machte Martine sich daran, ihr die Stiefel anzuziehen. Während sie sich niederbeugte und den Stiefelknöpfer mit Perlmuttergriff handhabte, bemerkte Arlette, daß sie unter der Bluse oberhalb des Korsetts irgend einen rechteckigen Gegenstand verborgen trug, es schien ein kleines Buch oder eine Schachtel zu sein. »Was hast du da?« fragte sie und tippte mit dem Finger darauf. Martine errötete so heftig, daß ihr sonst etwas trüber Teint fast schön wurde. »Ein Buch,« stammelte sie. Die Fürstin brach in lautes Gelächter aus. »O, aber sicher ein schlimmes Buch – mit Bildern – irgend ein Casanova. O diese Martine mit ihrem feierlichen Gesicht. Ich hab mir schon immer gedacht, daß du deine heimlichen kleinen Laster hättest.« Martine stand auf, etwas verwirrt, aber sie lächelte und sagte kein Wort. Arlette ließ ihr keine Ruhe. »Willst du mir das kleine Buch nicht zeigen?« »Aber Hoheit, es wird Sie ganz sicher nicht interessieren,« sagte das Mädchen und hielt unwillkürlich die Hände vor die Brust. »Ach was, gleich zeigst du es mir« – Arlettens Gesicht zeigte in diesem Augenblick den unschönen Ausdruck eines Kindes, das Tiere quält – »was sollen die Faxen, gib es her.« Martine zauderte immer noch, sie war jetzt ganz blaß geworden. »Gib das Buch her, sofort – sonst entlasse ich dich.« Martine öffnete ihre Bluse, dabei warf sie Arlette einen so vorwurfsvollen Blick zu, daß diese ganz die Fassung verlor. Sie schämte sich bis in die innerste Seele hinein, und nur, um nicht jetzt noch nachzugeben, nahm sie das kleine, in mattes Leder gebundene Buch, das Martine ihr hinreichte. Dann schlug sie es aufs Geratewohl auf und las: »Die Liebe ist stark, sie vermag alles – selbst der Tod ist machtlos gegen sie. Die Liebe ist Vertrauen – –« Sie erkannte diese berühmten Worte nicht wieder und hatte sie doch gewiß in ihrer Kindheit einmal gelesen. – Aber sie hatte ihre Lektüre immer nur sehr oberflächlich betrieben, ob es profane oder religiöse war. Und was ihre Gouvernanten, alle diese Irländerinnen, Schweizerinnen oder Österreicherinnen, die je nach Laune ihrer Mutter rasch wechselten, ihr an religiösen Begriffen beigebracht hatten, das war unter dem Einfluß des Pariser Lebens längst spurlos verwischt. Sie warf einen Blick auf den Titel: »Die Nachfolge Jesu Christi« – murmelte sie vor sich hin »übersetzt von Lamenais.« »Und du liest solche Sachen – du?« Sie blickte Martine an und sah, daß ihr langsam große Tränen übers Gesicht liefen und auf die schwarze, halbgeöffnete Bluse niedertropften. »O du weinst,« sagte Arlette, während sie ihr das Buch zurückgab, »habe ich dir wehgetan?« Martine wollte »nein« sagen, aber sie brachte keinen Ton heraus. Sie steckte das Buch wieder zu sich und trocknete sich die Augen. »Martine.« »Hoheit befehlen.« »Ich habe dir wehgetan ... du mußt mir nicht böse sein, ich bin heute morgen schlecht und unfreundlich gegen dich. Aber ich bin so nervös. Liebe, kleine Martine, trag es mir nicht nach.« Sie umarmte Martine zärtlich; von einer seltsamen Bewegung erfaßt, deren letzten Grund keine von ihnen ganz begriff, hielten sie sich eine Zeitlang umschlungen. – Ihre Tränen vermischten sich, und jetzt war es die Fürstin, die laut schluchzte und Martinens Hals mit ihren Tränen benetzte. »Ich bin ja so unglücklich,« sagte sie leise – »und so einsam – so ganz allein – ich habe keinen Menschen. Kümmere dich nicht um meine Launen und vor allem, verlaß mich nicht.« Bei diesen Worten sah sie Martine an, und eine tiefe Angst lag in ihrem Blick. »Nicht wahr, du wirst mich nicht verlassen?« »Aber nein, gewiß nicht, Hoheit.« »Auch wenn ich dich quäle?« Martine schüttelte den Kopf. »Selbst wenn ich einmal sage, du solltest gehen – sag mir, daß du auch dann nicht gehst.« »Nein, auch nicht, wenn Hoheit mich fortschicken,« sagte Martine jetzt wieder mit einem Lächeln. »Du sollst heute zu deinem Freund gehen,« rief die Fürstin, »du kannst gehen, sobald ich fort bin und den ganzen Nachmittag ausbleiben. Ich komme spät zurück, denn ich habe Anprobe bei Emery, dann schaue ich noch einen Augenblick in der Rue d'Athènes vor, wo die kleinen Avigres einen Bazar haben, und dann zum Tee bei Holtz. – Es ist früh genug, wenn du um sechs Uhr wieder hier bist.« »Danke vielmals, Hoheit.« »Du mußt deinen Freund sehr lieb haben,« meinte Arlette nachdenklich. »Du opferst ihm deine ganze freie Zeit und gewiß auch dein Geld; ich habe noch nie gesehen, daß du etwas für dich selbst ausgibst. – Wenn er dich dafür nicht sehr lieb hat, taugt er nicht viel. Hat er dich denn wirklich lieb?« »O ja.« »Das hast du gut gesagt,« sagte Arlette, die jetzt auch wieder heiter geworden war. »Komm, laß uns etwas eilen – es ist halb drei. Ich werde heute überhaupt nicht mehr fertig.« Martine kleidete sie nun vollends an. Die Fürstin von Ermingen stellte, als sie endlich ihr Schlafzimmer verließ, gewissermaßen die Verkörperung jenes überraffinierten Luxus dar, wie nur Paris ihn aufzuweisen hat. Sie trug eine Art Schneiderkleid von langhaarigem Stoff, das äußerst einfach und nur mit diskreten Handstickereien geschmückt, aber 900 Franken wert war. Der Hut, eine Toque mit niederfallender Feder, hatte fünfzehn Louisd'or gekostet und wurde höchstens dreimal getragen. Ihre Dessous bestanden aus Seide und zartestem Musselin und waren noch weit kostspieliger wie das Kostüm. Aber sie war auch verführerisch schön, die natürliche Blume dieser einzigen Stadt der Welt, wo alles: Kunst, Geschichte, Reichtum und Klima, sich verbünden, um die glänzendste, kostspieligste und zarteste aller Luxuspflanzen – das Weib – zur Blüte zu bringen. Und dieses empfindliche Pflänzchen wurde jetzt mit aller Vorsicht aus dem Ankleidekabinett zum Lift und vom Lift ins Coupé gebracht. Ehe sie dem Kutscher eine Adresse angab, warf die Fürstin einen Blick in das kleine Notizbuch, wo Martine das Tagesprogramm für sie zu notieren pflegte. Es waren heute nur drei Punkte: Wohltätigkeitsbazar, rue d'Athènes 19 (für alleinstehende junge Arbeiterinnen). – Um zwei Uhr bei Emery Beige-Kostüm und Crêpe de chine-Bluse anprobieren. – Um halb sechs bei Holtz. – Es war schon halb drei, also Zeit, um zu Emery zu gehen. Aber der Gedanke an die Anprobe kam ihr so anstrengend vor, daß sie dem Kutscher zurief: »rue d'Athènes 19«. Im Coupé sank sie ganz in sich zusammen, als ob das Ankleiden, das Herunterfahren im Lift und das Einsteigen ihre Kräfte völlig erschöpft hätte. Ein leidender Zug legte sich über ihr hübsches Gesicht und sie preßte die linke Hand auf das Herz, das zum Zerspringen klopfte. Das Coupé fuhr die Champs Elysées entlang, die in vollem Sonnenschein und der Stille dieser ersten Nachmittagsstunden dalagen, und auf die Place de la Concorde zu. Alles schimmerte in herbstlichen Farben, Kastanienblätter wirbelten über das Pflaster hin. Einen Augenblick freute die junge Frau sich an dem immer noch frischen Rasengrün und der blendenden Farbenpracht der Chrysantemen, und die Müdigkeit schien von ihr zu weichen. Aber dann sank sie wieder in ihre trübe Melancholie, in ihr schmerzliches Nachdenken zurück. Zwischen ihren Augen grub sich eine tiefe Falte ein, und sie dachte nach. Wie im Traum murmelte sie dann und wann einige Worte vor sich hin. Als sie an der Madeleine vorüberfuhr, fiel ihr plötzlich ein, wie ihre Gouvernante sie einmal hierhergeführt hatte und sie aufgefordert, mit ihr vor einem Bild des heiligen Antonius zu beten. Diese Erinnerung machte sie lächeln, und gleich darauf dachte sie an Martine mit ihrem kleinen Buch und den Sätzen aus der Nachfolge Christi. »Aus dem Mädchen ist nicht klug zu werden. Ich hatte niemals daran gedacht, daß sie fromm sein könnte. Bei dem Leben, das sie führt – fast jeden Tag geht sie drei Stunden lang aus, und ich glaube nicht gerade, um zu beichten. Übrigens fallen allen ihre leidenschaftlichen Augen auf. Made behauptet, sie müßte einen Liebhaber haben, der jünger wie sie ist und sie quält, und dem sie mit Geld aushilft. – Sie gibt ja auch keinen Sou für sich selbst aus. Ihre Toilette macht sie sich aus alten Sachen von mir zurecht, und ich glaube, dreiviertel von dem, was ich ihr gebe, verkauft sie noch. Das arme Mädel!« Immer wieder tauchten Martines dunkle, leidenschaftliche Augen in dem Chaos von Gedanken auf, das in Arlette auf und nieder wogte. Sie fühlte plötzlich, wie unentbehrlich ihr dieses Mädchen war, von dem sie doch so wenig wußte und deren Moral ihr nicht ganz unanfechtbar erschien. »Im ganzen bedient sie mich glänzend, sie ist nur etwas zu geheimnisvoll. Wenn sie mich nur nicht an den Fürsten verrät.« Sie dachte daran, wie frühere Dienstboten sie verraten hatten. Arlette hatte von jeher die Neigung gehabt, sich vertraulich mit ihnen zu stellen, aus Schwäche, aus physischer Trägheit, zum Teil wohl auch, weil alle, die sie hätten leiten sollen, sie immer nur sich selbst überließen, ihre Eltern und später ihr Gatte. In alten Zeiten waren die Kindermädchen ihre Vertrauten gewesen, später die Lehrerinnen und dann ihre Zofen, die immer sehr bald in die Geheimnisse ihrer Herrin eingeweiht wurden. Martines Vorgängerin hatte das benutzt, um ihr zu drohen, sie würde ein Telegramm von Rémi, das sie zufällig aufgefangen hatte, an den Fürsten ausliefern. Und Arlette hatte die Depesche mit fünfzig Louisd'or bezahlen müssen. »Nein,« dachte sie, »einen solchen Streich würde Martine mir niemals spielen, ich glaube doch, sie hat mich sehr lieb.« Bei dem Gedanken, daß nur ein einziges menschliches Wesen, das ihr noch dazu so fern stand, sie liebte, wurde sie über ihr eignes Schicksal gerührt. Es war ja entsetzlich, in was für einer inneren Einsamkeit sie lebte. Dieses Gefühl lastete seit einiger Zeit schwer auf ihr, wie ein körperliches Leiden. Sie blickte auf die Menge hinaus, die sich in den Straßen drängte, einzeln oder paarweis. »Es sind wohl wenige so allein wie ich,« sagte sie sich – »von jeher hat man mich mir selbst überlassen. Alle diese Leute haben Freunde oder Familie, nur ich habe niemanden. – Meine Mutter ist mir niemals eine Mutter gewesen, mein Mann ist mir kein Gatte – mir bleibt nichts übrig, als um die Freundschaft meines Kammermädchens zu betteln.« Sie lachte schmerzlich auf, dann machte es sie ungeduldig, daß der Kutscher anhalten mußte, die Omnibusse stauten sich vor ihnen wie eine Barrikade, es schien unmöglich, vorwärts zu kommen, das Pferd scharrte und tänzelte nervös. »Ah, wie dies Paris mir zuwider ist.« Und sie träumte von irgend einem entlegenen Ort, weit vor der Stadt und fern von allen Menschen, die sie kannte, wo sie sich ganz vergraben konnte, nur mit Martine, die sie bedienen und pflegen würde. »Allem andern entfliehen und auf die Zukunft warten – mit allen ihren Drohungen, Unsicherheiten, meinetwegen auch Katastrophen – an irgend einem stillen Plätzchen, wo niemand etwas davon ahnt, was mir widerfährt.« »Oder sterben,« dachte sie dann ganz laut, und dann erschrak sie darüber und wich vor dem Gedanken zurück, als hatte sich plötzlich ein schwarzer Abgrund vor ihr geöffnet. Bei dem bloßen Worte: Tod erwachte ihre ganze Lebenslust wieder, und sie wies die geheime Angst von sich, die an ihr nagte, und die sie sich selbst nicht klar machen wollte. »Nein, nein, es kann nicht sein, es ist unmöglich.« Endlich konnten sie weiterfahren, der Wagen berührte den Bahnhof St. Lazare, rollte über die Place de la trinité und hielt in der Rue d'Athènes vor dem Wohltätigkeitsbazar. Eine ganze Reihe von Wagen stand schon vor der Tür, als Arlette ausstieg. Sie durchschritt den Vorplatz, der mit ziemlich dürftigem Grün geschmückt war und gelangte in die Halle. Hier herrschte das gewöhnliche, banale Arrangement, das bei derartigen Festen üblich ist, blumengeschmückte Verkaufstische, hinter denen die Damen der Gesellschaft alle möglichen Dinge feilhielten – ältere Frauen in strengen Toiletten, die nicht viele Kunden herbeilockten und frische, geputzte, junge Mädchen, die zugunsten des guten Werkes munter flirteten. Nach kurzem Umschauen näherte Arlette sich einem der Tische, der mit am meisten umlagert war. Hinter demselben standen zwei junge Mädchen, sie sahen sich so ähnlich, daß man sie sofort als Zwillinge erkannte, nur ein Unterschied machte es unmöglich sie zu verwechseln, die eine hatte mattblondes Haar, während das der andern ausgesprochen rot, dabei weit üppiger und natürlich gelockt war. Beide trugen das gleiche, pastellblaue Tuchkostüm, ohne allen Schmuck, aber von tadellosem Schnitt. »O Arlette, wie hübsch, daß Sie, uns besuchen.« Marguerite d'Avigre, die mit dem mattblonden Haar, hatte sie zuerst entdeckt. Eine ältere Dame und zwei junge Herren, die, ihre Einkäufe in der Hand, am Tisch standen und plauderten, verabschiedeten sich jetzt, nur ein Mann von etwa vierzig Jahren blieb zurück und begrüßte die Fürstin. Er war sehr sorgfältig und elegant gekleidet mit kurzem Jackett, weiten Hosen und weißen Gamaschen über den Lackschuhen. Über seiner breiten Stirn waren die blonden, leicht ergrauten Haare en brosse frisiert, ebenso kurz und eckig war der gleichfarbige Bart geschnitten, unter dem Schnurrbart kam der feingeschnittene, jugendliche Mund mit den schönen Zähnen zum Vorschein. Seine tiefblauen Augen unter den etwas zu dichten Brauen blickten scharf und grade. Die schmale, gebogene Nase machte das Gesicht weniger schön aber äußerst vornehm, während der Teint etwas fleckig und gerötet war. »Du hier, Jérôme?« sagte Arlette, »du machst also auch in Wohltätigkeit.« »Ich benutze jede Gelegenheit um mit diesen beiden Kleinen zusammenzukommen,« antwortete Jérôme mit einem Blick auf Rose und Marguerite, die der Fürstin lachend die Hand entgegenstreckten, »sind sie nicht entzückend?« »Ja, das sind sie wirklich,« pflichtete Arlette ihm bei, »ich glaube, sie nehmen den andern alle Kundschaft weg. Was verkaufen Sie denn eigentlich? Briefpapier?« Ja, und Federhalter, Tintenfässer, Wachsstücke, Löschpapier – lauter nützliche Sachen.« »Vorwärts, Arlette, entscheiden Sie sich, wählen Sie sich etwas aus – und Sie auch, Monsieur de Péfaut.« »Da sehen Sie, wie praktisch sie sind,« gab dieser zurück, »statt einem Haufen von überflüssigem Kram, vor dem jeder Käufer zurückschreckt, verkaufen sie einfach nützliche Sachen, die jedermann braucht.« »Zum Beispiel Briefmarken,« sagte Rose, »nur mache ich Sie aufmerksam, daß sie hier etwas teurer sind. – Aber – fehlt Ihnen etwas, Arlette?« Arlette war plötzlich blaß geworden und hielt sich an dem Ladentisch fest um nicht hinzufallen. Die andern bemühten sich sofort um sie, sie rückten einen Lehnstuhl herbei, in den sie sich niederließ. Sie preßte das Taschentuch vor den Mund und machte mit der linken Hand ein Zeichen, daß man sich nicht beunruhigen möge. Die anmutigen Gesichter der Zwillingsschwestern beugten sich zu ihr herab, während Monsieur de Péfaut sie mit halb freundschaftlichem, halb ärztlichem Interesse beobachtete. »Helfen Sie doch, Jérôme, Sie sind ja Arzt, – was fehlt ihr denn?« fragte Rose. Jérôme zuckte schweigend die Achseln. Arlette ließ beide Arme schlaff herabsinken. Auf ihrem schneeweißen Gesicht perlten jetzt Schweißtropfen. »Mir ist schon besser,« murmelte sie mit erzwungenem Lächeln, – »es ist nichts weiter – nur der Magen.« Und rasch fügte sie hinzu: »Ich bekomme jetzt fast immer ein paar Stunden nach dem Essen Magenkrämpfe.« »Auch Übelkeit?« fragte Jérôme. »O nein – nein – – nur diese Krämpfe. Doktor Legrand sagt, es wäre eine Magenerweiterung. Übrigens ist mir schon wieder ganz wohl. – Es geht immer rasch vorüber.« Noch ganz verstört richtete sie sich auf und verbarg ihre Gemütsbewegung unter heiteren Worten. Liebenswürdig plaudernd nahm sie Marguerites Arm. Rose beeilte sich ebenfalls, sie zu stützen, Arlette kam ihr so blaß vor, daß sie jeden Augenblick fürchtete, sie wieder umsinken zu sehen. »Willst du nicht einen Augenblick draußen mit mir herumgehen?« fragte Jérôme und sah sie fest an, »die frische Luft wird dir gut tun?« »Nein, ich danke dir,« antwortete sie und wich seinem Blick aus, – »siehst du, mir ist schon wieder ganz wohl. Jetzt will ich meine Einkäufe machen – Rose – Marguerite – jede von Ihnen soll mir einen Federhalter geben – da ein Louis für das Stück. Ich bin momentan ganz abgebrannt und kann nicht mehr leisten.« »Aber im Gegenteil, Sie verwöhnen uns! Da sehen Sie, das ist das Beste, was wir an Federhaltern haben. Sehr glänzend ist es nicht, aber Sie dürfen mir glauben, wir haben keinen Louis dafür gezahlt.« »Worin besteht eigentlich eure Tätigkeit für die alleinstehenden jungen Arbeiterinnen?« fragte Jérôme, während die beiden Mädchen die Federhalter sorgsam in lange Pappschachteln packten. Marguerite setzte jetzt einfach und klar auseinander, daß es sich darum handele, den Pariser Arbeiterinnen ein anständiges Obdach und ein gutes Bett zu verschaffen. Das Heim ist in der Rue de l'Université, sie werden unter der Bedingung aufgenommen, daß sie ein anständiges Leben führen. Natürlich ist auch eine Kapelle im Hause, da die meisten katholisch sind. Aber für die Aufnahme kommt es nicht in Betracht, welcher Religion sie angehören, es können auch Protestantinnen oder Jüdinnen sein.« »Und die gar keiner Religion angehören?« »Die Freidenkerinnen?« sagte Rose, anscheinend ohne über das Wort zu erschrecken, – »natürlich werden sie ebenfalls aufgenommen – oder meinen Sie, man sollte sie auf der Straße lassen?« »Und alle die Mädchen vertragen sich miteinander?« »Bis jetzt wenigstens. Es sind sechsundachtzig, und bisher ist noch nicht die geringste Uneinigkeit vorgekommen.« »Was?« rief Monsieur de Péfaut, »es gibt in Paris ein Haus, wo eine Menge Frauen mit verschiedenen Ansichten beisammen wohnen – und die Katholiken betrachten die Freidenkerinnen nicht als wilde Tiere – und die Freidenkerinnen bekommen nicht hysterische Anfälle, wenn sie das Kruzifix über einem Bette sehen. Ich möchte selber in diesem Hause ein Zimmer nehmen, – – – da,« fügte er hinzu und legte einen hundert Franksschein auf den Tisch – »das ist für Ihr gutes Werk. Geben Sie mir dafür einen Abreißkalender.« Die Fürstin von Ermingen ließ das Paket mit den Federhaltern in ihren Muff gleiten, küßte die beiden jungen Mädchen und reichte Péfaut die Hand. »Du weißt doch, daß wir uns nachher noch treffen, Jérôme?« »Wieso denn?« »Bei Holtz. – Made hat heute morgen telephoniert, daß sie zu Ehren irgend eines Italieners einen kleinen five o'clock veranstaltet – wie heißt er doch noch?« »Giuseppe Saraccioli?« sagte Jérôme. »Du sagst einfach irgend ein Italiener, – er ist ein äußerst begabter Dichter – christlicher Richtung übrigens – man hat ihn sogar schon d'Annunzio gegenübergestellt. Dabei ist er ein liebenswürdiger Mensch, ich habe ihn in Florenz bei der Marquise della Venta kennen gelernt.« »Und verstehst dich gut mit ihm, wo du doch ein abscheulicher Atheist bist?« fragte die Fürstin. »Mir sind Leute, die eine feste, auf Religion gegründete Moraltheorie haben, sympathischer wie die ohne jede Moral,« warf Péfaut ziemlich trocken hin. Dabei hat dieser sogenannte christliche Dichter nichts dagegen, aus heidnischen Lebensquellen zu trinken.« »Sein Hymnus an die Jungfrau Maria ist sehr schön,« sagte Marguerite. »Sie haben Saraccioli gelesen?« fragte die Fürstin, »wo nehmen Sie die Zeit her, alles zu lesen?« Die beiden Mädchen lächelten und wechselten einen Blick. Jérôme antwortete an ihrer Stelle: »Sie gehören einer Generation an, welche die geistige Kultur nicht so gering schätzt wie die vorhergehende. Sie sind beide sehr tüchtig. – Und das ist sehr viel für junge Damen, die ihre Zeit ebensogut mit Toiletten und leerem Geschwätz hinbringen könnten. – Aber, um auf Saraccioli zurückzukommen – er hat noch eine sehr schätzenswerte Eigenschaft, er sieht nämlich dem Apollo von Canova ähnlich.« »Sagst du das für mich,« meinte Arlette – »mich läßt seine Schönheit ebenso kalt wie seine Poesie.« »Aber mich nicht,« sagte Rose lachend. »Und mich auch nicht,« kam Marguerite ihr zu Hilfe. »Wenn wir unsere Bude hier vor ½ 6 Uhr schließen können, kommen wir auch noch zu Holtz, um den schönen Verfasser des Hymnus an die Jungfrau Maria in der Nähe zu sehen.« »Die beiden Kleinen sind wirklich vollkommen, was Intelligenz und Wahrheitsliebe anbetrifft,« schloß Péfaut das Gespräch, – »sie lieben alles, was schön ist und haben auch den Mut, es zu sagen.« Arlette schien plötzlich ganz abwesend und träumte vor sich hin. Wenn sie an diese Zusammenkunft heute nachmittag dachte, tauchte ein Bild in ihrer Erinnerung auf, das Herz wurde ihr schwer, und sie wäre beinahe in Tränen ausgebrochen. »Auf Wiedersehn also,« sagte sie in so müdem Ton, daß die Lebhaftigkeit der andern sofort verstummte, »um halb sechs!« Ohne auf eine Antwort zu warten, ging sie rasch auf den Ausgang zu, stieg in ihr Coupé und sagte: »Zu Emery, Rue Royale.« Im Wagen, der langsam dem Boulevard zurollte, überließ sie sich ganz der schmerzlichen Bewegung, die sie eben während des Gesprächs mit Jérôme und den Zwillingen erfaßt hatte. Jenes Bild, das plötzlich vor ihr aufgestiegen war, wollte nicht wieder weichen, – es war Rémi de Lasserade, an den sie dachte. Das ganze Elend dieser verfehlten Liebesgeschichte, in der sie so ehrlich nach ein wenig Wärme und Inhalt für ihre innere Einsamkeit gesucht hatte, überwältigte sie von neuem und erfüllte ihr Herz mit Bitterkeit. »Was hab ich ihm denn getan – was hab ich ihm denn getan,« schluchzte sie, in eine Ecke des Wagens gedrückt. Und plötzlich kam ein physisches Angstgefühl über sie, jene seltsame Beklemmung, die sie heute schon ein paarmal befallen hatte, sie wurde immer heftiger, einen Augenblick fast unerträglich und ließ dann allmählich wieder nach. Als sie bei Emery ausstieg, hatte sie sich beinahe ganz erholt. Aber während sie die Treppe zum Anprobesalon hinaufstieg, fühlte sie sich so schwach, daß sie sich mehrmals festhalten mußte. »Es geht heute nicht, es geht nicht,« dachte sie, »es wäre besser, ich führe nach Hause.« Aber jetzt kam jemand hinter ihr die Treppe herauf, sie wollte nicht in diesem hilflosen Zustande überrascht werden und entschloß sich, die letzten Stufen noch zu überwinden. »Die Anprobe für die Fürstin von Ermingen,« rief ein hübsches, schwarzgekleidetes Mädchen, als Arlette erschien. Bei dem Titel »Fürstin« blickten alle übrigen Kunden auf und instinktiv richtete Arlette sich straff empor, während sie durch den Saal ging. Sie war zu sehr Weltdame, um nicht die ärgsten körperlichen Qualen für einen Augenblick, zu unterdrücken, wenn die Form es von ihr verlangte. Eine halbe Stunde später hatte Arlette immer noch nicht anprobiert, sie war viel später als zur angesetzten Stunde gekommen, und das Fräulein, das sie zu bedienen pflegte, war beschäftigt. Aber sie amüsierte sich inzwischen damit, eine ganze Menge neue Sachen zu bestellen, in einem förmlichen Anfall von Eitelkeit, wie er von Zeit zu Zeit über sie kam und dem sie sich willenlos zu überlassen pflegte, sich geradezu daran berauschte. Sie hatte absolut keine persönlichen Hilfsquellen mehr (ihr ganzes Vermögen bis auf eine sichergestellte Rente von zweitausend Franks war bei dem Bankkrach von Bordeaux verloren gegangen) – sie wurde unaufhörlich von Gläubigern bedrängt, die ihr die unbezahlten Rechnungen von zwei Jahren präsentierten, sie kannte Christians Zorn, wenn die Lieferanten sich an ihn wandten, und doch brachte sie es fertig, in einer halben Stunde dreihundert Louisdor Schulden zu machen, ohne überhaupt nach irgend einem Preis zu fragen. Endlich erschien das Probierfräulein, Mademoiselle Armande, eine hübsche, schlanke Brünette mit klugen, dunklen Augen, die sich ohne Aufdringlichkeit entschuldigte: »Ich bedaure unendlich, daß ich Hoheit habe warten lassen, aber ich hatte die Hochzeitstoiletten für Mademoiselle Camory-Laurin anzuprobieren, die nächstens den Duc d'Epinière heiratet.« Sie warf diesen Namen nachlässig hin, wie jemand, der die sozialen Rangstufen wohl abzuschätzen weiß. Ein magres Ladenmädchen mit Pfropfenzieherlocken brachte jetzt ein wunderbares Kostüm aus spanischen Kreppschals. Die geniale Schneiderin war auf die Idee gekommen, mit Hilfe von Spitzenzwischensätzen unglaublich luxuriöse Abendtoiletten daraus zu gestalten. Arlettens Blick wurde plötzlich wieder lebhaft. »O, sehr hübsch!« sagte sie. Dann nahm sie den Hut ab und begann sich rasch auszukleiden, fast ohne Hilfe der dienstbereiten Mädchen. Ein großer Spiegel á la Louis XIV. aus Rosenholz mit zierlichen Bronzegewinden gab das reizvoll komische Bild wieder, wie sie so in Höschen und Korsett dastand. Die Freude über das Kostüm hatte ihre Wangen wieder etwas gefärbt. Sie ließ die Achselbänder ihres Hemdes, die aus Valenciennespitzen bestanden, herab und man warf ihr den Rock über. Und nun rief das Probierfräulein ganz entsetzt: »Aber wer hat denn Hoheit heute das Korsett geschnürt?« Die Fürstin wurde etwas blaß: »Ich leide seit einiger Zeit an Magenverstimmungen, und meine Zofe darf mich nicht so fest schnüren, aber jetzt können Sie es ruhig um zwei Zentimeter fester anziehen. Sehen Sie« – damit schob sie die Hand zwischen Hemd und Korsett. »Hoheit haben eine so schöne Taille – Emilie, zieh die Schnüre ein wenig fester an.« Emilie, das kleine Ladenmädchen mit den Locken, machte die Korsettschnur auf und begann sie fester anzuziehen, wie ihr befohlen wurde. Vielleicht machte sie es etwas zu energisch, denn in demselben Moment stieß die Fürstin einen leisen Schrei aus und schwankte. Die beiden Mädchen fingen sie rasch auf und trugen sie auf eine Chaiselongue. »Du ungeschicktes Ding,« schalt Mademoiselle Armande halblaut und versetzte der verblüfften Emilie einen tüchtigen Puff – »rasch, hol Riechsalz – was wird die Direktrice sagen – lauf, rasch!« Arlettens Ohnmacht dauerte ziemlich lange; als sie wieder zu sich kam, schüttelte es sie wie im Fieber. Aber sie beklagte sich nicht, es schien ihr vielmehr peinlich, daß sie solche Unordnung verursachte. »Ich glaube, mir ist heute nicht wohl genug, um weiter anzuprobieren,« sagte sie, »wissen Sie, liebe Armande, ich werde lieber morgen recht zeitig wiederkommen. Außerdem ist es heute so spät, daß wir nichts mehr sehen können. Danke schön für Ihre liebenswürdige Fürsorge, und auf morgen.« Die beiden Mädchen waren eifrig bemüht, ihr beim Wiederankleiden zu helfen, sichtlich erleichtert, daß Arlette Emiliens Ungeschicklichkeit mit keinem Wort erwähnte. Dann stieg sie wieder in ihr Coupé: »Nach Hause.« Auf den Tee bei Holtz verzichtete sie. »Ich fühle mich heute zu elend, es geht nicht. Ich möchte nicht in großer Gesellschaft noch einen solchen Anfall bekommen. Bei Emery, das kommt nicht in Betracht; die Mädel werden nichts davon erzählen.« Die im Wagen angebrachte Uhr war schon über halb sechs. »Jetzt sind sie schon alle da,« dachte Arlette. Sie stellte sich den riesigen Hotelsaal vor, voll von Blumen, Lichtern, eleganten Frauen, den Tisch, an dem Madeleine, Jérôme, der italienische Dichter, die kleinen d'Avigres und Christian saßen. Wie war sie das alles müde, diese ewige leere Geselligkeit, die sie nun schon so viele Jahre mitgemacht hatte, erst unter ihrer Mutter und dann als junges Mädchen unter Madeleines Leitung. Alle die Bekannten kamen ihr jetzt auch so leer und hohl vor, obgleich doch manche geistvolle Menschen darunter waren, wie zum Beispiel der dicke Gampardon. Aber in ihrer jetzigen Gemütsverfassung erschien ihr alles so widerwärtig, das ganze Leben und Treiben, selbst die witzigsten Gespräche. »Die kleinen d'Avigres und Jérôme, die sind noch bei weitem das Beste von der ganzen Bande.« – Aber eigentlich gehörten Rose und Marguerite kaum mit zu ihrem Kreise. Ihre Mutter war Engländerin und hatte sie sehr ernst erzogen. Sie hatten viel gelernt, beschäftigten sich eingehend mit allerlei Wohltätigkeitseinrichtungen und tauchten nur hier und da einmal in der Gesellschaft auf, meist nur, wenn irgendein spezielles Interesse höherer Art sie dazu veranlaßte, so wie heute das Erscheinen des italienischen Dichters. Jérôme ließ sich öfters blicken, es amüsierte ihn anscheinend, dieses Milieu zu studieren, und er war Arlette immer ein treuer Freund geblieben, seit damals, wo sie als Kind die Osterferien bei seiner Mutter zubrachte. Aber im Grunde fürchtete sie sich ein wenig vor ihm, sie fühlte wohl, daß er nicht ganz zufrieden mit ihr war und sie gerne anders gesehen hatte, besonders seit einigen Monaten. Und dieses Gefühl machte ihr seine Gegenwart oft peinlich. »Mein Gott, ich habe so genug von alledem, von allen diesen Leuten,« murmelte die junge Frau vor sich hin, und wieder kam die Verzweiflung über sie, ihre Hände brannten wie im Fieber – »wenn ich sie nur nicht mehr zu sehen brauchte, nie mehr, nie mehr. Vor allem Madeleine ... die schöne Madeleine mit den melancholischen Augen, meine intime Freundin und die Geliebte meines Mannes.« Es war nicht zum erstenmal, daß sie sich das Abscheuliche dieser ganzen Situation klar machte, aber vielleicht, daß sie es so klar formulierte. Aber ihr ganzes Denken war zu oberflächlich, um lange bei einem Punkt zu bleiben, die verschiedenen Bilder kamen und gingen in raschem Wechsel. Sie vergaß Madeleine und stellte sich plötzlich vor, wie Rémi de Lasserade bei Holtz in den Saal trat – sein hübsches Pagengesicht, das braune wellige Haar, seine ausgesuchte Eleganz, die frauenhaft zarten Hände. – Und nun beugte sie sich zum Fenster hinaus: »Jean – zu Holtz – rasch!« Der Kutscher, an die wechselnden Launen seiner Herrin gewöhnt, wendete sofort um. Arlette war selbst über ihren plötzlichen Entschluß erstaunt und fing schon an, ihn zu bereuen. »Wenn ich ihn nun bei Holtz treffe – und wenn er mir sagte, daß er mich immer noch liebt...« Nachgeben – das Leben der vergangenen Monate wieder aufnehmen, das so reich an Schmerzen war, aber auch an schönen Stunden – »o Gott, wenn er wollte, würde ich sicher nicht imstande sein, nein zu sagen. Aber es ist sonderbar, ich möchte wieder anknüpfen und fürchte mich auch wieder davor. Es wäre besser nicht –« Nein, sie wollte danach streben, Seelenruhe zu finden, Gleichgewicht und moralische Harmonie in sich selbst, um sich von all dieser Qual zu befreien – eitle Träume, wo sie es doch nicht lassen konnte, die verhängnisvolle Begegnung zu suchen, und die fieberhafte Erwartung in ihr sich mit jeder Minute steigerte. * Als die Fürstin von Ermingen an dem Perron des Hotels Holtz ausstieg, mischte sich der letzte gelbliche Tagesschein mit dem Lichte der großen dreiarmigen Kandelaber. Es herrschte ein solches Gewühl von Wagen und Automobilen, daß Arlettens Coupé nur langsam bis unter die Halle vordringen konnte. Und es stiegen so viele elegante Herren und Damen aus, daß man hätte glauben sollen, die ganze Pariser Gesellschaft feierte ein großes Fest. Und doch war es nur ein flüchtiger Haltepunkt in dem ganzen Strom des geselligen Treibens, der gerade für eine kurze Zeit Mode geworden war. Arlette drückte hier einem jungen Mann die Hand, der gerade das Hotel verließ, begrüßte dort eine hübsche blonde Dame, die sich in der Halle in einem Lehnstuhl dehnte und kam schließlich in den langen Saal, wo die five o'clocks abgehalten werden. Sie fühlte sich jetzt beinahe froherregt, und die körperliche Beklemmung war geschwunden. Eine ziemlich gemischte Gesellschaft erfüllte den Saal mit lautem, geräuschvollem Leben, es waren viele Ausländer darunter, einige neugierige Bourgeois, auch die Demimonde war vertreten, aber nur jene oberste Schicht derselben, die der guten Gesellschaft so nahe steht, daß man ihr hier und da gestattet, die Grenze zu überschreiten. Das Ganze machte den Eindruck eines eleganten Kasinos oder sehr freien Salons, wie überhaupt Paris in den letzten fünfzehn Jahren, seit die Flut der Kosmopoliten es immer mehr überschwemmt. Wie alle Frauen der besseren Gesellschaft, sah Arlette nur die Gesichter derer, die zu ihren Kreisen gehörten. Sie blieb mitten im Saale stehen, und ließ ihren Blick umherschweifen, – in einer Entfernung von etwa zwanzig Schritt entdeckte sie Madeleines schimmernden Nacken unter dem schweren, dunklen Haar. Neben ihr saß ein breitschultriger Mann mit üppigem, blondem Haar und Bart. Sie hatte sich vorgebeugt, den Arm auf die Lehne seines Stuhles gelegt, und sprach vertraulich mit ihm, er hörte mit sorgenvollem Ausdruck zu: es war Christian von Ermingen. Beide saßen etwas abseits von dem runden Tisch, auf dem die Teetassen standen. Am Tisch selbst saß ein junger Mann in hellgrauem Jackettanzug und grüner Krawatte, der seinen weichen Filzhut zwischen den Händen drehte und sich mit Jacques de Péfaut unterhielt. Madame d'Ars, eine graziöse, etwas rundliche kleine Frau in pastellblauem Schneiderkleid und bläulicher Federboa, aus der ihr niedliches Grisettengesicht hervorguckte, hatte sich mit dem Maler Apistral isoliert, dessen hohe Gestalt mit dem Henri IV-Typus die Aufmerksamkeit der Damen erregte. »Rémi ist nicht da,« dachte die Fürstin, denn der einzige, den sie suchte, war nicht unter den Gästen zu entdecken. Etwas kühner wagte sie sich jetzt vorwärts. Christian war der erste, der sie bemerkte und Madeleine aufmerksam machte, und jetzt wurde sie von der ganzen Tafelrunde begrüßt. »Liebste Arlette – wie bist du heute wieder schön,« rief Madeleine, »ich möchte dir gleich einen Kuß geben, aber unsre Hüte – – ist sie nicht reizend, Christian? – Arlette, ich stelle dir hier unsren Freund Giuseppe Saraccioli vor, den berühmten italienischen Dichter – – die Fürstin von Ermingen.« Der Apollo von Canova in grauem Anzug beugte sich über die Hand, die Arlette ihm reichte. »Leider verstehe ich nicht genug Italienisch,« sagte diese, »so habe ich Ihren berühmten Hymnus an die Jungfrau Maria nicht im Original lesen können.« »O Fürstin,« sagte er, vor Stolz errötend, »aber Sie wissen wirklich, daß dieses kleine Werk von mir ist.« Der Name seiner Dichtung, von den Lippen einer vornehmen Pariserin nachlässig hingeworfen, bereitete ihm mehr Genuß wie die akademischen Ehren seines Vaterlandes. Madeleine bemerkte das wohl und ärgerte sich im stillen darüber, sie beanspruchte die Huldigungen aller Männer für sich allein. So wandte sie sich ironisch an den Fürsten und sagte ganz laut: »Seit wann ist denn Ihre Frau so literarisch geworden, Christian?« Er zuckte lächelnd die Achseln, aber Arlette hatte von alledem nichts bemerkt. Sie saß wie angewurzelt an ihrem Platz, mit weit offenen Augen, und ein kalter Schauer nach dem andern durchrieselte ihren Körper. An dem Stuhle neben Madame de Guivre hatte sie einen Spazierstock stehen sehen – den sie kannte – denn sie selbst hatte ihn Rémi de Lasserade voriges Jahr zu Weihnachten geschenkt. »Willst du Tee, Liebste?« fragte Madeleine und reichte ihr eine Tasse. – »Aber sprechen Sie doch weiter, Saraccioli – weißt du, er hat eben einen so interessanten Vergleich zwischen den Fresken von Lucca Signorelli und denen in Monte Oliveto aufgestellt.« Arlette hatte sich niedergelassen, und während der Italiener mit beneidenswerter Beredsamkeit in seinem Vortrag fortfuhr, hatte sie Zeit, ihre Nerven zu beherrschen und sich in dem großen Saal umzublicken. Endlich entdeckte sie Rémi, über einen kleinen Tisch gebeugt, an dem zwei berühmte Schauspielerinnen saßen. Von den Nachbartischen gingen unaufhörlich Blicke zu dieser Gruppe hinüber, verstohlene oder entrüstete von den Frauen und übelwollende von den Männern, alle nahmen lebhaftes Interesse an diesem jungen Mann, dessen Schönheit und Eleganz in Paris schon eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte. Von den beiden Schauspielerinnen war die eine schon in reiferen Jahren, die andre in jenem undefinierbaren Alter, das die Pariser Höflichkeit noch mit Jugend bezeichnet, beide sahen mit dem Blick der »grandes amoureuses« zu ihm auf und ließen ihre Busen wogen, wie in einer entscheidenden Szene des dritten Aktes. Auch Arlette beobachtete ihn aus der Entfernung, seine schlanke Gestalt, die das enge Jackett knapp umschloß, die graziöse und dabei gebieterische Kopfhaltung und das etwas herablassende Lächeln – sie vergaß alles andre und sah nur noch ihn. Arme Arlette, es war nicht heißes Verlangen, das ihr Blut durchglühte. Selbst zu der Zeit ihrer ehebrecherischen Liebe hatte sie in seinen Umarmungen vor allem nur die Zärtlichkeit genossen und sicher war auch diese Passivität ihrer Sinne schuld daran, daß er ihrer so rasch müde geworden war. Und jetzt wieder, als sie ihn sah, das einzige Wesen, von dem sie jemals Liebe erhofft hatte, dachte sie nur: »Warum stößt er mich von sich – was habe ich ihm getan?« – Aber sie empfand keine Eifersucht auf die beiden Schauspielerinnen, mit denen er flirtete, noch auf die Unbekannte, die sicher jetzt ihren Platz einnahm. Sie sehnte sich nur nach dem Freunde und Gefährten, den sie eine Zeitlang zu besitzen glaubte, dessen leichtsinniges Haupt an ihrer Brust geruht und ihr die Illusion geschenkt hatte, daß sie nicht mehr ganz allein auf der Welt sei. Der Italiener merkte nichts davon, daß Christian mit finstrer Miene ausschließlich mit Madeleine beschäftigt war, während Madeleine verstohlen jede Bewegung Rémis beobachtete, noch daß Madame d'Ars und Apistral sich heimlich die Hände drückten, er redete unermüdlich weiter vom Monte Oliveto, und Jerôme de Péfaut war der einzige, der ihm zuhörte. »Ich war während meines Aufenthaltes in diesem Kloster gezwungen, wie ein Mönch zu leben, und meine Seele wurde schließlich wie die eines Menschen aus dem vierzehnten Jahrhundert ... Die Gestalten Signorellis und Sodomas wurden mir lebendiger, wie meine Zeitgenossen aus Fleisch und Blut. Da ist jene schöne Courtisane von Sodoma, die einen Heiligen versucht, ich habe sie besessen, und nie habe ich mit einer lebenden Geliebten solche Wonne genossen.« Und Arlette dachte währenddem: »Wenn ich ihn nur manchmal sehen könnte wie früher, etwas für ihn tun, seine Einkäufe für ihn besorgen, ihm langweilige Gänge abnehmen, ihn manchmal in Gesellschaft treffen und wissen, daß er an mich denkt – ach, es wäre mir ja so gleichgültig, ob er andre Maitressen hat.« Allmählich war das Stimmengetöse im Saal etwas ruhiger geworden. Es war über halb sieben, die Tische leerten sich, die Hitze war nicht mehr so drückend. Und jetzt kamen Rose und Marguerite d'Avigre. »Denken Sie nur,« sagte Marguerite zu Madeleine, »wir konnten jetzt erst unsre Bude schließen. Wie gewöhnlich kamen die meisten erst nach fünf Uhr. Aber wir wollten unser Wort halten und sind trotz der späten Stunde noch gekommen. Aber bestellen Sie keinen Tee mehr, es ist nicht der Mühe wert.« Arlette war froh über die Ablenkung, denn grade jetzt verabschiedete Rémi sich von seinen Damen, und die Unruhe, die durch die Ankunft der Schwestern entstanden war, machte es ihr leichter, die Haltung zu bewahren. Rémi kam an den Tisch, reichte erst den beiden Zwillingen und dann Arlette die Hand: »Guten Tag, Hoheit, wie geht es denn?« Ziemlich sicher antwortete sie: »O danke, sehr gut, und Ihnen?« während er die übrigen begrüßte, dann Madeleine beiseite zog und ein paar Worte mit ihr wechselte. Es frappierte Arlette, daß Christian die beiden während dieses kurzen Tête-à-têtes mißtrauisch beobachtete. Gleich darauf sah das Ehepaar sich einander gegenüber, rechts von ihnen Rémi und Madeleine, links Jerôme und der Dichter, zu denen Rose und Marguerite sich gesellt hatten. »Willst du heute abend zu Hause speisen, Christian?« fragte Arlette, nur um irgendetwas zu sagen und den Laut ihrer eignen Stimme zu hören. Höflich und zerstreut antwortete er: »Nein, Madeleine hat in der Tour d'Argent ein Diner arrangiert und nachher in den Zirkus. Willst du nicht auch hinkommen?« »Nein, ich bin etwas angegriffen.« »Ah,« sagte er und blickte sie fest an. Seine Augen erschienen in diesem Augenblick fast schwarz bei dem Licht der elektrischen Lampen. Arlette hielt seinen Blick gleichgültig aus. Ihr schien jetzt alles so völlig unwesentlich. Man hätte sie auf dem Fleck niederschlagen können, sie schrak selbst vor dem völligen Nichts nicht mehr zurück. Der Saal wurde immer leerer; schon fingen die Kellner an, die Tische zum Diner zu decken. Madeleine kam plötzlich auf Arlette zu und überschüttete sie mit Liebkosungen. »Was, du willst nicht mit uns kommen? – das ist ja eine nette Art, Rémis Rückkehr zu feiern. Was bedeuten überhaupt diese Klosterneigungen, denen du seit einiger Zeit huldigst. Langweilst du dich unter uns oder bist du krank?« »Ich langweile mich gar nicht,« antwortete Arlette mit erzwungenem Lächeln, »mir ist nur nicht recht wohl, offen gesagt, mein Magen ist euren komplizierten Menüs nicht gewachsen.« »Du kannst essen, was, du willst – man zwingt dir doch nichts auf – – – Herr Saraccioli,« wandte sie sich gebieterisch an den Dichter, den Jerôme und die Zwillingsschwestern ganz mit Beschlag belegt hatten – »sagen Sie der Fürstin, daß sie heute abend mitkommen muß. Dem Verfasser des berühmten Hymnus wird sie nichts abschlagen können.« »O Fürstin,« sagte der Dichter, ohne die Ironie herauszufühlen, »Sie müssen, müssen kommen ... Sie dürfen unsern Augen nicht den Genuß des eigenartigen Kontrastes entziehen, der zwischen Ihrer und Madame de Guivres Schönheit besteht.« Dieses allzu direkte Kompliment mißfiel Arlette. Aber sie war zu müde, um zu widersprechen, und um die Aufmerksamkeit von sich abzulenken, sagte sie schließlich: »Nun also, wenn ich irgend kann, werde ich kommen.« Die beiden d'Avigres, Jérôme und Saraccioli blieben noch in eifrigem Gespräch sitzen. Madame d'Ars und fast gleichzeitig auch der Maler verabschiedeten sich. Der Fürst von Ermingen, der keinen Tee getrunken hatte, ließ sich jetzt Sherry bringen. Stumm saß er da, während Madeleine, Rémi und sogar Arlette über allerhand gleichgültige Dinge plauderten. Schließlich sammelte sich alles um Jérôme und Saraccioli, die zu disputieren anfingen. »Also im Grunde,« sagte Péfaut, »repräsentieren Sie in der italienischen Literatur die katholische Reaktion gegen die allgemeine positivistische Tendenz.« »Es wäre in der Tat mein Traum, der Chateaubriand Italiens zu werden,« erwiderte der Italiener heiter. Die beiden Schwestern wechselten einen belustigten Blick, während Jérôme einwendete: »Was mich noch irre macht und was Sie von unsrem Chateaubriand unterscheidet, ist eben, daß – der Hymnus an die Jungfrau Maria und noch einiges andre ausgenommen – Sie vor allem die Sinnenlust besingen und durchaus kein Moralmensch sind.« »Was Sie Moral nennen, ist mir tatsächlich ganz gleichgültig,« sagte Saraccioli. – »Ich habe den Glauben eines Menschen aus dem vierzehnten Jahrhundert, der sich um alle eure Sittengesetze absolut nicht kümmerte. Übrigens lesen Sie nur einmal die Evangelien, so werden Sie finden, daß Christus gegen Sünder meiner Art immer äußerst milde war.« Er sagte das nicht ohne Ironie, aber mit einer gewissen Harmlosigkeit. »Péfaut ist Atheist,« sagte Marguerite d'Avigre. »und wenn jemand an Gott glaubt, hat er, nach seiner Ansicht, kein Recht mehr zu der geringsten Unvollkommenheit. Er selbst ist aber auch wirklich vollkommen.« »O nein, ich mache gar keinen Anspruch darauf,« antwortete Jérôme. »Aber ich gestehe Ihnen, daß ich die konventionelle Frömmigkeit absolut verachte. Sehen Sie, Herr Saraccioli, bei uns zulande steht es schlimm für den, der seine Meinung ehrlich vertreten will. Freidenker und Klerikale zerreißen sich gegenseitig, aber glauben Sie nur nicht, daß das Überzeugungssache ist. Es dreht sich dabei ausschließlich um armselige politische Interessen oder um das Wohl irgend einer Partei. »Da hat Jérôme recht,« warf Madeleine ein, »Frankreich ist im Grunde ein völlig ungläubiges Land, sogar die Skeptiker spötteln über ihren eignen Skeptizismus.« »Aber Jérôme, wenn Sie uns schon verdammen, so belehren Sie uns doch wenigstens über das Wesen Ihrer Morallehre.« »Mein junger Freund,« erwiderte Péfaut und stand auf, »Sie möchten mich wohl gerne ein wenig zum Narren halten, wenn Sie mich bitten, jetzt einen Vortrag über Moral zu halten, hier bei Holtz, um 6 Uhr abends, und in Gegenwart von schönen Frauen. Da haben Sie sich aber verrechnet.« »Wenn ich dich nun aber bitte, mir den Hauptinhalt deiner Moral zu sagen« – drang Arlette in ihn. »Gut, dir will ich es ins Ohr sagen wie ein Geheimnis.« Sie rückte näher und er flüsterte ihr zu: »Immer der Wahrheit gehorchen, immer nur die Wahrheit sagen und folglich auch so handeln, daß man sie immer sagen kann.« Arlette hatte einen Scherz erwartet, nun verstand sie ihn nicht ganz und fand es banal. Péfaut nahm Abschied und ging mit Saraccioli fort, gleich nach ihnen auch Rose und Marguerite. Arlette blieb mit ihrem Mann, Rémi und Madeleine zurück. Rémi rauchte eine Zigarette und der Fürst trank langsam seinen Sherry. Sie war sehr müde und hatte das Gefühl, in einem Labyrinth ohne Aufgang umherzuirren, willenlos, jedem Zufall überlassen. Es schlug ein halb sieben, ringsumher waren die Tische zum Diner gedeckt, und alle möglichen Gäste kamen um zu speisen. Trotz ihrer Mattigkeit bemerkte Arlette schließlich, daß der Fürst Madeleine nicht mit Rémi allein fortlassen wollte. »Also Rémi und Madeleine,« dachte sie – sie fühlte keine Eifersucht, aber sie kannte Christians Jähzorn und begann für Rémi zu fürchten. Die beiden Männer beobachteten sich bei aller Höflichkeit mit finstern Blicken, während Madeleine Gleichgültigkeit heuchelte und fast nur mit Arlette sprach. Endlich erhob sie sich, sah Christian an, dessen Augen vom Alkohol glänzten und sagte: »Schon sieben Uhr. Ich mache mich jetzt aus dem Staub. Wen von euch beiden soll ich mitnehmen? Ich glaube, Rémi hat einen Fiaker vom Klub?« »Ja,« sagte der junge Mann, und auf einen Wink von Madeleine: »Ich kann den Fürsten mitnehmen. »Wo gehen Sie hin, Christian?« »In den Klub, mich umkleiden,« und sein Gesicht hellte sich auf, »also ich komme mit. Besten Dank.« »Gut, gehen wir.« Die Fürstin verabschiedete sich von Madeleine und versprach pünktlich zu kommen. Als sie wieder in ihrem Koupee saß, atmete sie auf. Sie wunderte sich selbst, daß sie nicht mehr darunter litt, Rémi so fremd und gleichgültig zu sehen, als ob nie etwas zwischen ihnen gewesen wäre. Und sie fürchte e sich nicht mehr vor ihrer eignen Schwäche: »es ist vorbei – ich bin jetzt wirklich allein.« Ihr schien, als wäre sie auf einer Reise und verließe das Land, wo sie bisher gelebt hatte, um, Gott weiß wo, zu landen. War es nicht seltsam? Sie hatte so sehr gelitten, die Monate, wo er fort war, und jetzt war ihr Inneres wie verwandelt, sie hatte sich heute beinah vor ihm gefürchtet. Bewegt dachte sie daran, wieviel Liebe sie ihm gegeben hatte, und doch überwog die Erinnerung an die ausgestandenen Leiden. Aber auch das war jetzt vorbei, denn sie würde ihm niemals mehr angehören, er wollte ja nichts mehr von ihr wissen. Und auch keinem andern, o Gott nein, keinem andern. Bisher hatte sie halb gehofft und halb gefürchtet, daß ihre Beziehungen sich erneuern würden – von dieser Ungewißheit war sie jetzt befreit, und in einem wohltuenden Gefühl von Stumpfheit und Ermattung schlummerte sie bei dem gleichmäßigen Dahinrollen des Wagens ein. Aber plötzlich fuhr sie wieder empor – nein, nein, ihre Leiden waren noch nicht zu Ende. Im Gegenteil, die schwerste Tragik lag noch vor ihr. – Seit über einem Jahr hatten sie und Christian nicht mehr als Mann und Frau zusammen gelebt; und wenn es wirklich war, was sie immer noch nicht glauben wollte, trotz aller deutlichen Anzeichen, die sie auch heute wieder so dringend gemahnt hatten ... was dann, um Gotteswillen, was dann? ... Der Wagen hielt jetzt vor ihrem Hause – eine rasende Empörung gegen die Ungerechtigkeit ihres Schicksals schüttelte sie. »Nein, es kann nicht sein,« dachte sie, »es wäre ja furchtbar. Es darf nicht sein, ich will es nicht, will es nicht.« Zweiter Teil Gegen Mitte November hatte Made's Bande sich auf Les Taschouères, dem Ermingenschen Gut, versammelt. Es war eine Kaprice von Madeleine de Guivre, die Paris plötzlich müde geworden, Christian hatte sich überreden lassen und die andern mit ihm, trotzdem die Jahreszeit für die Jagd nicht günstig war. Der dicke Campardon, der selbst kein Jäger war, erklärte, das bloße Zuschauen, wenn die andern sich anstrengten, würde ihn magerer machen. Jérôme sah sich die Treibjagden mit einem Band Moralprinzipien unter dem Arm an. Das Ehepaar d'Ars war auch erschienen, ferner Saraccioli, den Madame de Guivre zu ihrem speziellen Kavalier – wie Campardon sagte, zu ihrem Kerzenträger – gemacht hatte und der Maler Apistral, der mit Rémi de Lasserade in sportlicher Eleganz wetteiferte. Zur Haupttreibjagd kamen auch noch der Marquis de la Monnerie und Madame d'Avigre mit ihren Töchtern. Das Schloß, im Stil Louis XIII., mit seiner langen Fassade und den schiefergedeckten Pavillons, lag mitten im Walde, etwa fünf Kilometer von den Dörfern entfernt. Der Park mit seinen weiten Rasenplätzen und schönen alten Baumgruppen verlor sich allmählich in die etwas monotone Umgegend: grauer Boden mit dürftigem Getreide, dazwischen Gebüsch, Eichenwälder und stille Teiche, von Hecken umgeben. Während die Jäger von ihren Rebhühnern und Hasen in Anspruch genommen waren, machten die übrigen Spaziergänge oder Tennispartien. Da die Abende trotz der Jahreszeit noch ungewöhnlich warm waren, wurde es Mode, nach dem Diner noch in den Park zu gehen, er wurde zu einer Art galantem Salon, wo die einzelnen Paare sich nach Belieben zerstreuten. Der dicke Campardon isolierte sich mit Madame d'Ars, denn Apistral tat jetzt, als ob er Arlette den Hof machte. Madeleine de Guivre hatte Christian, Saraccioli und Rémi in ihrem Gefolge. Später sammelte man sich um die Spieltische zum Bridge oder Poker, das oft bis in die Morgenfrühe hinein dauerte. Die Leidenschaftlichste beim Spiel wie bei der Jagd war die Fürstin von Ermingen. Apistral wich nicht von ihrer Seite, oft ritten sie nachmittags zusammen aus, und ihr war kein Ritt zu anstrengend oder zu wagehalsig. Abends am Spieltisch war es wiederum sie, die alles auf die Spitze trieb und nie aufhören wollte. Diese nervöse Unermüdlichkeit trug ihr Madeleines Bewunderung ein. »Bravo, Arlette, jetzt verdienst du es wieder, zu meiner Bande zu gehören. Alle, Jérôme vielleicht ausgenommen, fanden, daß sie sich ziemlich schnell über Rémi getröstet hätte und hielten Apistral für den Tröster. Der Maler fühlte sich dadurch geschmeichelt und lächelte zufrieden in seinen Henri IV-Bart hinein, wenn man ihm gratulierte. Er hütete sich wohl, zu gestehen, daß er, ebenso wie die arme Martine, der Fürstin oft nur dazu diente, ihre Nervosität an ihm auszulassen. Ja, eines Morgens im Walde, als er versuchte, ihren Nacken mit seinem Schnurrbart zu streifen, hatte er kaum noch Zeit gehabt, mit dem Arm einen kräftigen Schlag ihres Spazierstöckchens abzuwehren. Seit jenem Nachmittag bei Holtz, wo ihr ganzer Schmerz sich noch einmal aufgebäumt und wo sie zum erstenmal nähere Beziehungen zwischen Rémi und Madeleine geahnt hatte – war ihr das innere Gleichgewicht völlig abhanden gekommen, und sie suchte sich jetzt auf alle Weise zu betäuben. In einsamen Stunden machte sie sich wohl die ganze Abscheulichkeit dieses Beisammenseins mit Christian, Madeleine und Rémi klar. Aber was hätte sie tun sollen? Wohin gehen, wohin sich flüchten? Und was sollte aus ihr werden, wenn sie entfloh? Der Schmerz, daß Rémi sie verlassen hatte, ließ mehr und mehr nach, sie war auch nicht eifersüchtig auf Madeleine, nur begann sie allmählich Abscheu vor ihr zu empfinden. Das einzige, was sie noch für Rémi fühlte, war eine nervöse Angst, es möchte ihm etwas zustoßen – irgend eine tragische Katastrophe zwischen ihm und Christian. Sie zermarterte ihr armes Hirn mit schrecklichen Vorstellungen von Christians Zorn, der sowohl Rémi wie sie treffen konnte, denn die Ursache ihrer geheimen Angst bestand immer noch fort, trotz dem Übermaß von körperlichen Anstrengungen, das sie sich zumutete, in einer unklaren Hoffnung, sich davon zu befreien. Völlig zerschlagen, mit lahmen Gliedern und schmerzendem Kopf suchte sie so spät wie möglich, oft erst gegen drei Uhr morgens, ihr Zimmer auf, wo Martine, ebenfalls halbtot vor Müdigkeit und Unruhe, sie erwartete. »Rasch, Martine, hilf mir ausziehn.« Arlette war hart gegen sie wie eine römische Patrizierin gegen ihre Sklavin, äußerte bei jedem Anlaß ihre Unzufriedenheit und ließ sich durch nichts besänftigen. Sie glaubte in Martinens Augen einen beständigen stummen Vorwurf zu lesen, das Mädchen kam ihr beinah vor, wie ein zweites Gewissen, das sich mahnend und verdammend vor ihr aufrichtete. Diese körperliche und geistige Anspannung erschütterte ihre Gesundheit immer mehr. Eines Abends, als sie ihr Zimmer betrat, bekam sie einen heftigen Herzkrampf, wie damals bei der Anprobe. Und diesmal wagte Martine eine leise Mahnung: »Hoheit dürfen mich schelten, soviel Sie wollen, es ist einfach meine Pflicht, nicht mehr zu schweigen. – Hoheit dürfen nicht mehr reiten, dürfen sich nicht mehr so schnüren. – Ich kann es nicht mehr mit ansehen, wie Hoheit sich zugrunde richten, ich kann es nicht –« Arlette war einen Augenblick ganz starr, sie versuchte zornig zu werden, aber die selbstlose Anhänglichkeit, die aus Martinens Worten sprach, rührte sie tief. »Was meinst du damit? Arlette lag auf dem Bett, und Martine kniete neben ihr, so bewegt, daß sie ihre gewohnte Zurückhaltung vergaß. »Hoheit, ich bitte Sie, lassen Sie sich von mir pflegen – richten Sie sich nicht so zugrunde. Es macht mich so unglücklich.« Einen Augenblick herrschte Stillschweigen zwischen Herrin und Dienerin. Arlette beherrschte ihre Überraschung und ihren Zorn. Langsam und in trocknem Ton sagte sie dann: »Kleide mich jetzt aus und sprich kein Wort mehr.« Sie konnte in dieser Nacht lange nicht einschlafen, sondern lag und dachte: »Sie weiß um mein Geheimnis – wäre es nicht am Ende besser, wenn ich sie bäte, mir zu helfen. Sie ist sehr auf Geld aus, und wenn ich ihr viel Geld gäbe, könnte sie vielleicht Rat schaffen. Mein Gott, warum ist es mir so peinlich, es ihr vorzuschlagen.« Vielleicht zum erstenmal wagte sie es, ihrem Schicksal voll ins Gesicht zu sehen, und obgleich es eine warme Nacht war und noch dazu ein Feuer im Kamin brannte, zitterte sie an allen Gliedern, – »ich muß mich zu irgend etwas entschließen, es muß etwas geschehen. Warum noch länger warten, es ist kein Zweifel mehr.« Die Folgen ihrer Schuld lasteten auf ihr wie ein unerträgliches Gewicht – was tun, was beginnen? Bei dem Gedanken, daß Christian, dessen sinnlosen Jähzorn sie wohl kannte, eines Tages etwas ahnen könnte, sie fragen – gerann ihr das Blut zu Eis. Sie dachte an alle die Skandalgeschichten, die bei der »Bande« das häufigste Gesprächsthema bildeten – ihr fielen Namen ein von galanten, jungen Damen der Gesellschaft, selbst von anständigen Frauen, die mit Zustimmung ihres Mannes – – Es muß also doch nicht so schwierig sein, in Geschichten heißt es immer, daß schon ein anstrengender Ritt, ein heftiger Sprung – – aber ich habe mich in diesen letzten vierzehn Tagen fast umgebracht, und es ist immer noch beim Alten.« Also noch mehr wagen, sich nicht auf den Zufall verlassen, sondern das Schicksal einfach zwingen. – Arlette dachte nicht weiter über die moralische Seite der Sache nach, was sie fürchtete, waren nur die Schwierigkeiten und die Gefahr, – sie konnte daran sterben. Und bei diesem Gedanken rieselte wieder ein Schauer durch ihren zarten, jungen Körper. »O nein, nur das nicht! – nur das nicht! – Aber was dann?« »Lieber noch fliehen, wenn es wirklich so ist, wie ich fürchte. Denn ganz sicher ist es schließlich doch nicht. Aber dann muß ich mich retten vor Christian, vor seiner Mutter, vor allem. Ich habe ja doch keinen Menschen, an dem mir etwas liegt. Und mir bleibt ja immer noch meine kleine Rente von zweitausend Franken. Damit kann ich ins Ausland gehen und irgendwie existieren.« Und in ihrer kindlichen Unwissenheit stellte sie sich ein Budget auf. Sie mußte sich selbst eingestehen, daß sie mit zweitausend Franken schwerlich reichen würde, aber dann dachte sie: »Ich kann ja arbeiten, Martine behauptet, ich hätte soviel Geschmack, daß ich als Modistin leicht mein Brot verdienen könnte.« So grübelte und rechnete sie noch eine Zeitlang, aber das ungewohnte Nachdenken ermüdete sie, und sie schlief schließlich unter Tränen ein, wie ein Kind, das Schläge bekommen hat. Für den nächsten Tag hatte der Marquis de la Monnerie die ganze Gesellschaft zu einer großen Treibjagd eingeladen. Um ein halb elf sollten sich alle zum Frühstück in la Fauconnière versammeln. Die unermüdliche Madame d'Ars schlug vor, schon um sieben Uhr aufzubrechen und sich über Bloir nach dem Meierhof zu begeben, was einen großen Umweg bedeutete. Arlette wachte viel zu spät auf, um den Ausflug mitzumachen, sie hatte nur eben Zeit, sich anzukleiden, um nach la Fauconnière nachzukommen in einem kleinen Wagen, den sie selbst lenkte. Um den Weg abzuschneiden, fuhr sie mitten durch den Park, in kaum einer Viertelstunde hatte sie das Gehölz erreicht, von dem aus man die roten Dächer des Hofes schimmern sah. Von da aus mußte sie zu Fuß gehen und schickte das leichte Fuhrwerk mit dem Groom zurück. Ein schmaler Weg mit einer hölzernen Brücke verband die beiden Besitzungen miteinander. Das Wetter war schön und trocken, und der einsame Gang durch das Gehölz machte ihr Vergnügen. Langsam ging sie den schmalen Pfad entlang, der sich durch Unterholz und Gebüsche hinschlängelte. Manchmal hatte sie beinahe Lust, wieder umzukehren, aber die Einsamkeit in les Taschouères schreckte sie ebenso ab, wie das Zusammentreffen mit der Gesellschaft. So ging sie weiter über das weiche, grüne Moos, auf dem hier und da die Sonnenstrahlen spielten, manchmal flog dicht vor ihr ein Fasan auf mit seinem schwerfälligen Flügelschlag, oder ein Hase lief so rasch über den Weg, daß man nur einen auf und nieder springenden weißen Fleck und zwei lange Ohren sah. Plötzlich blieb sie stehen und horchte auf. Der Fußweg kreuzte hier gerade einen breiteren Weg, und in dem Gebüsch seitwärts hörte sie Stimmen. Sie schienen aus einer verlassenen, halbverfallenen Köhlerhütte zu kommen, die man durch das Dickicht liegen sah. Das Dach war gänzlich eingefallen, nur die Vorderwand war ganz geblieben und verbarg die Sprechenden. Arlette näherte sich der Hütte, in dem einfachen Jagdkostüm konnte sie ungehindert durch das Gebüsch kommen. Und nun erkannte sie Rémis spöttische Stimme: »Kleine Made, jetzt ist's aber genug für heute morgen. Dein Fürst wird jetzt schon in la Fauconnière angekommen sein, und dann fängt er sofort an zu toben.« Und Madeleine antwortete in ihren weichsten Tönen: »Aber ich sage dir ja, Benis paßt auf und kommt sofort im Galopp, uns Bescheid sagen, wenn er sein Automobil auf der Landstraße sieht.« »Das ist mir ganz egal,« gab Rémi zurück, »ich habe diese ewigen Vorsichtsmaßregeln satt bis dahinaus. Eines schönes Tages werde ich ihm alles ins Gesicht sagen.« Madeleine schrie so entsetzt auf, daß Arlette ganz bewegt war. »Das verbiete ich dir, – er würde dich niederschlagen, ohne weiteres – deine schönen Augen, dein junges Gesicht – alles das sollte ihm preisgegeben werden? Diesem Wüterich – ja, kennst du ihn denn so wenig?« Rémi sprang auf und trat aus der Hütte. Arlette wagte sich nicht zu rühren, sie dachte schon, er hätte sie gesehen, aber das dichte Gebüsch verbarg sie. »Bah,« sagte Rémi, »wir wiegen uns gegenseitig auf, er ist stärker und ich bin gewandter. Außerdem würde es wohl nicht gerade einen Faustkampf zwischen uns geben.« Nun kam auch Madeleine aus der Hütte, sie glättete ihren kurzen Rock und rückte den Hut zurecht. »Schweig, der Gedanke an einen Zusammenstoß zwischen euch beiden ist mir unerträglich,« sie kam näher auf ihn zu – »so sei doch vernünftig, du sollst es nicht bereuen. Höre mal, ich habe eine Idee. Du hast doch heute morgen deine Einberufung bekommen?« »Ja, in sechs Tagen muß ich nach Bourges und dann einen Monat jeden Tag um fünf Uhr aufs Pferd und was sonst dazu gehört. Es lebe die Armee!« »Hast du dem Fürsten erzählt, auf wann du einberufen bist?« »Nein, er weiß nur, daß ich übermorgen abreise.« »Das ist sehr gut – heute ist Samstag – nachher bei Tisch muß du möglichst laut erzählen, daß du Dienstag antreten mußt und nur noch Zeit hast, am Montag deinen Großvater in Paris zu besuchen.« »Großartig – und du verzichtest am Dienstag auf die Genüsse von les Taschouères und triffst mich in Paris.« »Dienstag ist noch zu früh – Christian möchte mißtrauisch werden, aber Mittwoch.« »Gut, also Mittwoch, Rue d'Off ... Und um welche Zeit?« – »Ja, Rue d'Off ... wenn nichts dazwischen kommt – Komm zum Essen – Und jetzt höre.« Damit zog sie ihn dichter zu sich heran: »Ich muß dann aber diese Tage sehr nett mit dem Fürsten sein. Und du darfst kein böses Gesicht dazu machen. Bedenke, daß er im Grunde doch derjenige ist, der« – Sie sagte ihm etwas ins Ohr und er lächelte. »Und jetzt drück dich,« fügte sie hinzu, »du mußt vor ihnen in la Fauconnière sein – von hier aus den Weg rechts und dann den ersten Fußsteig – ich gehe links und dann direkt auf das Haus zu. Rémi entfernte sich und gleich darauf Madame de Guivre, nachdem sie ihre Toilette erst noch völlig in Ordnung gebracht hatte. Arlette wartete, bis sie keine Schritte mehr hörte, dann verließ sie das Gebüsch und ging weiter, denselben Weg, auf dem Madeleine eben verschwunden war. Ihr war seltsam zumut, was sie eben angehört hatte, erfüllte sie mit Abscheu und zugleich mit förmlicher Erleichterung, daß sie selber nicht in dergleichen verwickelt war. Vor allem – nicht die geringste Eifersucht. Im Gegenteil, das verliebte Getu der beiden ernüchterte sie und brachte den letzten Rest von Schmerz zum Verstummen. Das war etwas so ganz andres, als was sie für sich selber erhofft und ersehnt hatte. »Nein, niemals wieder, Gott sei Dank, jetzt bin ich völlig fertig damit.« Sie sah jetzt schon das große, rote Gebäude, von mächtigen uralten Bäumen umgeben, dicht vor sich. Jérôme, die kleinen Avigres, Apistral, Rémi und Madeleine standen vor der Tür, und man hörte das Automobil nahen, in dem Christian, Saraccioli und das Ehepaar d'Ars kamen. Es war Arlette peinlich, Rémi und Madeleine gleich wieder zu begegnen, so wartete sie, bis das schwerfällige weiße Gefährt vor der Tür hielt und sie in dem ganzen Trubel sich möglichst unbemerkt unter die andern mischen konnte. Der Marquis de la Monnerie, der aussah wie ein Trinker von Franz Hals, kam auf sie zu und begrüßte sie. Madeleine schloß sie in die Arme: »Wo kommst du denn auf einmal her, wie eine Fee aus dem Walde?« »Ja, ich bin durchs Holz gegangen.« »Ich auch,« sagte Madeleine völlig unbefangen. Madame d'Ars wickelte sich aus ihren Schleiern, warf Saraccioli, der eifrig und erregt um sie herumtänzelte, ihren Pelz zu und erzählte Jérôme von den Erlebnissen während der Fahrt, wo sie das Automobil gelenkt hatte. »Bei Lucenay ist ein Vogel tot geblieben, einfach von dem Luftdruck. Zehn Kilometer weiter, bei einem Abhang, hab ich einen Hund überfahren. Aber ich glaube, wir haben mindestens 65 gemacht. Durch Cissey fuhren wir in einem wahnsinnigen Tempo, die Bauern waren wütend und warfen uns Steine nach. Wir haben uns königlich darüber amüsiert. Der Fürst hat einen an den Hut bekommen.« Unter diesem Geplauder trat man ins Haus, wo die Marquise ihre Gäste erwartete. Ihr feines, anziehendes Gesicht war von vorzeitig weiß gewordenem Haar umrahmt. La Fauconnière war ein alter Landsitz, den Christians Vater, der Comte de Calm, gekauft und für seine Jagden eingerichtet hatte. Nach seinem Tode hatte die Fürstin Charlotte Wilhelmine ihn wieder an den Marquis de la Monnerie verkauft. Das Schönste an dem ganzen Hof waren die majestätischen Ulmenbäume, die das Haus umgaben und selbst an den heißesten Tagen köstliche Frische spendeten. An diesem etwas kühlen Herbsttag hatte man den großen Saal geheizt, wo auch der Tisch gedeckt war, und die Flammen prasselten lustig im Kamin. Arlette saß zwischen dem Marquis und Apistral und aß mit gutem Appetit. Sie hatte es heute morgen geduldet, daß Martine sie etwas loser schnürte, und fühlte sich bedeutend leichter und wohler. Zerstreut, aber nicht mißgestimmt ließ sie die faden Galanterien Apistrals über sich ergehen, ebenso die etwas plumpen Scherze zwischen Campardon und dem Marquis, die fabelhaftesten Jagd- und Automobilgeschichten. Dann erzählte Saraccioli in gewählter und möglichst malerischer Redeweise von einer Hirschjagd in der Campagna. Die Fürstin von Ermingen saß ziemlich abwesend daneben; zufällig hörte sie, wie Jérôme mit seiner Nachbarin von der Zeit sprach, wo er Assistent am Hospital Beaujon war, und dabei stieg ein Gedanke in ihr auf. »Jérôme ist Arzt, und man kann ihm absolut vertrauen. Er ist immer mein Freund gewesen; es ist nur meine Schuld, daß unser Verhältnis seit meiner Heirat etwas kühler geworden ist. – – – Aber er würde mir sicher seinen Rat nicht versagen, wenn ich ihn darum bäte.« Wie weit sie sich ihm anvertrauen wollte, wußte sie noch nicht. Wie alle oberflächlichen Menschen hatte sie nur den Mut, etwas anzufangen, und es dann dem Schicksal zu überlassen. Nach beendigter Mahlzeit, als die Jäger sich zum Aufbruch rüsteten, erklärte Arlette, sie habe die letzte Nacht schlecht geschlafen und fühle sich zu müde, um mit auf die Jagd zu gehen. Statt dessen wolle sie zu Fuß nach les Taschouères zurückgehen. Apistral erbat sich, sie zu begleiten. »Nein,« sagte sie, »das Schlußtableau des Abends würde zu sehr verlieren, wenn Sie dabei fehlten, aber ich denke, mein Vetter, der doch nur mit einem Buch unter dem Arm jagt, wird mit mir gehen.« »Aber mit Vergnügen,« sagte Jérôme, »es ist mir in diesem Falle nur angenehm, daß ich ein schlechter Jäger bin.« Sie amüsierten sich noch eine Zeitlang damit, dem Abmarsch der Jäger zuzusehen. Christian und Madeleine waren die ersten, dann kam Rémi mit Madame d'Ars und Saraccioli und alle die übrigen. Dann schlugen Jérôme und Arlette denselben Weg ein, den sie vorher gekommen war. »Ich schmeichle mir nicht, daß du nur meine Gesellschaft wünschst,« sagte er scherzend – »hast du mir irgend etwas zu sagen?« »Im Gegenteil, deine Gesellschaft ist mir sehr angenehm,« erwiderte sie, »und dann möchte ich dich allerdings auch um etwas fragen – du bist doch Arzt, nicht wahr, und ein guter Arzt?« »Guter Arzt – das weiß weder ich noch sonst jemand, da ich nicht praktiziere. Ich habe meinen Doktor gemacht, voilà tout !« »Ah,« sagte sie etwas entmutigt – »warum übst du deinen Beruf eigentlich nicht aus?« »Ich habe es früher einmal versucht, liebe Cousine, aber man hat mich nicht ernst genommen. Ich habe eben das Unglück, Graf Péfaut zu sein und für reich zu gelten. Siehst du, man ist ungerecht gegen uns – schimpft über die untätigen Aristokraten, duldet uns aber nicht, wenn wir einen ernsthaften Beruf ergreifen wollen. Wir sollen nur das Recht haben, uns mit Pferden und Frauen abzugeben, und unglücklicherweise habe ich für beides nicht viel Sinn. Bah, das macht nichts... Mit Büchern und Gedanken kann man sich über alles trösten. Und es scheint ja, daß ich jetzt eine Patientin bekomme.« »O, es handelt sich nicht um mich,« berichtigte Arlette rasch mit etwas unsicherer Stimme. »Um wen dann?« fragte Jérôme. »Um meine Kammerjungfer – du kennst sie ja.« »Martine? Nun freilich – ein tadelloses Mädchen. Ich habe manchmal am Telephon mit ihr gesprochen, und sie drückt sich aus wie eine Dame.« »Ja, sie ist nicht übel. Aber siehst du, sie hat eine Dummheit gemacht – –« »Eine Liebesgeschichte?« fragte Jérôme und sah sie an. Arlette wich seinem Blick aus; sie fühlte, daß sie ungeschickt log. Sie kamen an die Brücke, welche die beiden Güter voneinander trennte. Arlette ging voran hinüber, froh, ihr Erröten verbergen zu können. Als Jérôme sie eingeholt hatte, begann sie etwas ruhiger: »Nun ja – ein junger Mensch hat sie verführt und dann sitzen lassen. Und jetzt fürchtet sie die Folgen, und nicht ohne Grund.« »Warum fürchten? Sie ist doch frei, und ein Kind ist niemals ein Unglück – sie muß bei dir doch auch genug verdienen können, um die Hebamme zu bezahlen und das Kind in Kost geben zu können.« »Ja, das schon,« murmelte Arlette. Seine ruhigen Antworten verwirrten sie so, daß sie nicht mehr wußte, was sie eigentlich fragen wollte. »Was wünschst du denn in diesem Fall von mir?« fragte Jérôme. »Fühlt sie sich krank?« »Ja, eben,« antwortete sie lebhaft, »sie fühlt sich fortwährend elend, kann sich aber nicht entschließen, zum Arzt zu gehen. Du verstehst schon, sie hat es mir nicht direkt gesagt, aber ich kann es mir ungefähr zusammenreimen.« »Soll ich selbst mit ihr sprechen, das kann ja gleich geschehen, wenn wir in Taschouères sind.« »Nein, nein, das ist nicht nötig – momentan geht es ihr gerade besser; ich meinte nur, für den Fall, daß sie hier krank wird, wollte ich dich bitten, damit du dich nicht wunderst, wenn ich dich plötzlich rufen lasse und die Sache dann geheim hältst. – So, das war alles, und wenn du jetzt noch die andern treffen möchtest, will ich dich nicht aufhalten. Sie treiben jetzt bei dem Teich von Villiers, du brauchst nur direkt dorthin zu gehen und wirst noch vor ihnen ankommen.« »Es wäre dir also lieber, wenn ich dich allein ließe?« fragte Jérôme. »Du weißt, mir würde es sehr viel Freude machen, den Nachmittag mit dir zusammen zu sein, wie früher, als du ein kleines Mädchen warst. Erinnerst du dich noch daran?« »Ja, ja,« sagte Arlette, die plötzlich nervös geworden war – »aber ich bin heute schlechte Gesellschaft, ich habe etwas Migräne, laß mich lieber allein, Jérôme. Geh jagen und amüsiere dich. Dort mußt du gehen, wenn du nach Villiers willst.« Sie blieb stehen und ihre Ungeduld zeigte deutlich, daß sie allein zu sein wünschte. Jérôme fühlte das wohl, und drang nicht weiter in sie. »Gut denn. Wenn du es so wünschest, gehe ich zu der Jagdgesellschaft. Aber noch ein Wort in bezug auf Martine.« »Ich sage dir ja, es eilt nicht.« »Bitte, laß mich ausreden,« sagte er so bestimmt, daß sie schwieg. »Wenn die Vermutung sich bestätigt, wird das Mädchen in Versuchung kommen, sich den Folgen zu entziehen. Dann ist es deine Pflicht ihr davon abzuraten. Wenn es sich um eine Dame der Gesellschaft handelte, würde es genügen, ihr zu sagen: Nehmen sie sich vor dem Gerede in Acht. Hier handelt es sich um ein einfaches Mädchen, und man muß Sie darauf aufmerksam machen, was sie riskiert: In neun Fällen von zehn die Gesundheit und in einem von zweien den Tod.« »Ist das so gefährlich?« fragte Arlette, die wider ihren Willen ganz blaß geworden war. »Bei den zweifelhaften Individuen, die sich dazu hergeben, sehr gefährlich. Sag ihr das. – Auf Wiedersehen heute Abend.« Er ging rasch fort, um dem Gespräch ein Ende zu machen. Einen Augenblick hatte sie Lust ihn zurückzurufen, ihm nachzulaufen. Das Geständnis schien ihr plötzlich so leicht – hatte er nicht so wie so alles erraten? Aber während sie es noch erwog, hatte er sich schon ziemlich weit entfernt, und sie setzte langsam ihren Weg fort. Sie war unsagbar müde, und als sie in ihr Zimmer kam, warf sie sich auf eine Chaiselongue und schlief ein. Erst am Abend erwachte sie wieder, die Jagdgesellschaft war zurückgekommen, sie hörte die Schritte und Stimmen im Speisesaal. Martine sagte ihr, daß Madeleine sich gleich nach ihr erkundigt und gebeten hatte, es sie gleich wissen zu lassen, wenn Arlette aufgewacht sei. »Laß sie nur heraufkommen, wenn sie will,« sagte die Fürstin. Madeleine kam denn auch gleich, und erkundigte sich zuerst freundlich nach ihrem Befinden. Dann plauderten sie von der Jagd, von den einzelnen Gästen, von allem möglichen. Madeleines Gesellschaft war ihr nicht unangenehm, im Gegenteil sie war froh etwas von ihren Gedanken abgelenkt zu werden. »Übrigens, Liebste,« sagte Madeleine, »muß ich wahrscheinlich etwas früher wie Ihr andern nach Paris zurück.« »Warum denn?« fragte Arlette. In demselben Augenblick fiel ihr ein, daß Rémi heute beim Frühstück verkündet hatte, er müsse Mittwoch nach Bourges, um seine Übung zu machen.« »Ach, Geschäftssachen, mein Notar aus Rouen hat mir geschrieben, und ich kann es nur persönlich abwickeln.« »Ach, wie langweilig,« rief Arlette, »wie soll die Sache hier ohne dich gehen? Wäre es nicht gescheiter, wenn wir dann alle schon aufbrächen? »O nein,« meinte Madame de Guivre lebhaft, »ich werde hier schon alles ins Geleise bringen, du kleines Faultier, außerdem handelt es sich nur um zwei Tage, da ihr Samstag fahrt. – Aber woran denkst du denn?« Arlette saß mit starrem Blick da und fuhr jetzt plötzlich in die Höhe. Als Madeleine von den zwei Tagen sprach, war ihr plötzlich der Gedanke gekommen: Zwei Tage und zwei Nächte. Nach dem Gespräch mit Jérôme waren die schlimmen Pläne, die sie beschäftigt hatten, einstweilen wieder in den Hintergrund getreten, aber gab es nicht noch ein andres Mittel, wenn Madeleine zwei Tage und zwei Nächte fort war? Es verbündete sich alles miteinander, die dringende Notwendigkeit irgendwie zu handeln und diese zufällige Abwesenheit Madeleines, um in Arlettens Hirn einen Plan zu reifen, an den sie bisher noch nicht gedacht hatte. Als Madame de Guivres sie verlassen hatte, dachte sie lange darüber nach. Ihr Zusammenleben mit Christian war seit jener ersten Woche nach der Hochzeit nie eine wirkliche Ehe gewesen. Es ging so weit, daß sie jedes Tête-à-tête , jede auch nur flüchtige Begegnung vermieden, kaum daß ihre Hände sich einmal streiften, und das auch nur, wenn sie durch die Gegenwart andrer dazu gezwungen waren. Bei alledem standen sie sich aber durchaus nicht feindlich gegenüber, es fehlte eben nur jede innere Beziehung zwischen ihnen. Immerhin war es für Arlette unter diesen Umständen nicht ganz leicht, ihr Unternehmen ins Werk zu setzen. Sie suchte ihre angeborne Passivität gewaltsam zu überwinden, indem sie sich immer wieder sagte: »es muß sein – es muß sein –« denn was sonst? – Skandal und Todesgefahr. – Es muß sein!« Und während dieser Tage vor Madeleines Abreise gab sie sich alle Mühe alle die Empfindungen von Widerwillen und Scham zu besiegen, die sie immer wieder überkamen. Sie zwang sich dazu nur an die äußeren Möglichkeiten zu denken, zu überlegen, ob sich denn wirklich noch alles so zurechtlegen ließe, daß die Wahrscheinlichkeit gewahrt blieb. Sie rechnete die Daten aus – ja, wenn ihr Vorhaben gelang, war sie gerettet. Aber wie sollte sie es anfangen ein Tête-à-tête mit Christian zu arrangieren, und wenn es soweit kam, wie ihm zu verstehen geben, daß sie nach dreijähriger Trennung sich ihm als Gattin wieder näherte? So lange Madeleine da war, wußte sie sehr wohl, daß alles umsonst sein würde. Bei ihrer Neigung, sich mit den Dienstboten auf vertraulichen Fuß zu stellen, wußte sie ziemlich genau Bescheid über die erotischen Gewohnheiten des Fürsten. Martinens Vorgängerin, dieselbe die Arlette jene Unannehmlichkeit mit Rémis Depesche bereitete, hatte sich eines Tages erlaubt ihr zu sagen: »Der Fürst hat seine guten Gründe, um Madame de Guivre keine Streiche zu spielen?« »Wieso?« hatte Arlette gefragt. »Nun, Madame de Guivre stellt sehr starke Ansprüche, und der Fürst hat wohl keine Lust in ähnlicher Weise, wie ihr einstiger Mann zu endigen.« Aus diesem und vielleicht auch aus noch andern Gründen schien es festzustehen, daß überhaupt keine andre Frau wie Madeleine für Christian existierte. Aber wenn sie nicht da war? Wer sich der Wollust ergibt, wird immer ihr Sklave sein, und Arlette erinnerte sich bei dieser Gelegenheit einer häßlichen Geschichte mit einem Dienstmädchen, welches behauptete, von Christian vergewaltigt worden zu sein, als Madeleine einmal ein paar Tage abwesend war. Alles das gab ihr zu denken, wie tief sie sich erniedrigen mußte, aber was blieb ihr übrig! Und wie sollte sie es überhaupt anfangen? Je länger sie darüber nachdachte, um so mehr empfand sie ihre eigne Unerfahrenheit. Sie hatte nichts von jener angebornen Koketterie, mit der andre Frauen auf Männer zu wirken wissen. Christian hatte sie damals als völlig unwissendes Kind besessen, und von ihrem Verhältnis mit Rémi war sie fast ebenso unberührt geblieben. Vergebens suchte sie in ihren Erinnerungen, wie sie es wohl anstellen könne, wenn auch nur für dieses eine Mal das Verlangen ihres Mannes zu erregen. Und unter allen diesen Ängsten flog die Zeit rasch dahin. Rémi de Lasserade war am Montag abgereist, und am Mittwoch verließ Madame de Guivres ebenfalls das Gut. Christian war überzeugt, daß Rémi schon seit achtundvierzig Stunden in Bourges wäre und trennte sich ohne jeden Argwohn von ihr. Unglückerweise begann es gerade an diesem Tage zu regnen, jener seine Herbstregen, der den Horizont verschleiert und die ganze Landschaft verändert. – Arlette hatte gehofft, die tägliche Jagdpartie benutzen zu können, um die erste Annäherung an ihren Mann zu versuchen, und nun war sie enttäuscht und verzweifelt. Sie saß in ihrem Zimmer und blickte trübselig in den Regen hinaus, mit ihrer schwachen Erfindungsgabe fühlte sie sich schon gänzlich entwaffnet. Und was sollte sie heute mit den Gästen anfangen, Jérôme ausgenommen, waren sie alle an solchen Tagen gelangweilt und schlechter Laune und wußten nichts Besseres zu tun, wie die Zeit mit Kartenspielen totzuschlagen. Gleich nach dem Déjeuner begann man mit dem Bakkarat, zwischen sieben und zehn Uhr gab es eine Pause zum Ankleiden und Diner, dann wurden die kleinen Tische zum Bridge und Poker zurechtgerückt, und nun ging es fast bis tief in die Nacht hinein. Arlette spielte mit, verlor anfangs und fing dann plötzlich an zu gewinnen. Als der Abend einbrach, hatte sie das Verlorene wieder und noch zweitausend Franks darüber. Ihr Mann hatte ebenfalls Glück gehabt und einige Scheine gewonnen. Man verließ den Salon erst, als es höchste Zeit war, zum Diner Toilette zu machen. Das Spielfieber hatte die ganze Gesellschaft ergriffen, und die Mahlzeit verlief ziemlich heiter. Arlette trank nur Champagner, der Fürst, den Madeleine sonst etwas zu überwachen pflegte, ließ sich heute auch mehr gehen und sprach dem Weine gehörig zu. – Sofort nach Tisch begann das Spiel von neuem und dauerte bis zwei Uhr morgens. Als Arlette auf ihr Zimmer ging, wirbelte ihr der Kopf von dem vielen Wein, sie hatte heute mit Absicht so viel getrunken, daß sie halb berauscht war. Es war jetzt allmählich eine gewisse Umwandlung in ihr vorgegangen, sie begann sich vor ihrem eignen Gewissen zu rechtfertigen. – »Jetzt ist es Zeit,« dachte sie, »und es soll und muß gelingen. Mein Gott, und schließlich ist er doch mein Mann, was ist denn dabei. Ich tue doch wirklich nichts Schlimmes, wenn ich ihn wieder zu gewinnen suche. – Ich will ihn etwas glauben machen, was nicht wahr ist, – nun ja, schlimm genug. Man hat mir wirklich genug angetan, warum soll ich mich nicht dafür rächen?« Und dann überlegte sie: »Von seinem Zimmer führt eine Tür in die Bibliothek. Ich werde mir irgend ein Buch holen, wenn alle zu Bett sind. Dann lasse ich irgend einen schweren Band fallen, – er wird hereinkommen, um zu sehen, wer da ist –« Was dann kam, wollte sie sich nicht weiter ausmalen. Aber warum wand sich ihr Körper geradezu unter der Vorstellung, als ob alle Sinne auf eigne Hand weiter dächten und sich dagegen empörten? Sie versuchte, sich selbst die niedrigsten Motive unterzuschieben, die Motive einer Kokotte: »Ich bin zu nervös. – – Christian gilt doch für einen schönen Mann, er gefällt den Frauen – warum soll nur ich – –« Ja warum? Stammte dieser Widerwille noch aus jener ersten Woche ihrer Ehe, wo gleich die ersten Erfahrungen sie entsetzt und eingeschüchtert hatten, oder aus den dann folgenden drei Jahren, wo sie so viele Kränkungen zu erdulden hatte? Die Uhr schlug halb drei. In dem großen Hause war allmählich jedes Geräusch verstummt, und es lag so still da, baß man nur noch das leise Rieseln des Herbstregens draußen vor den Fenstern vernahm. Arlette ist allein in ihrem Zimmer, sie hat Martine fortgeschickt, schon ehe sie mit Auskleiden fertig war, als könne sie nicht einmal diese stumme, nichts ahnende Zeugin ihrer Pläne um sich sehen. Arlette ist allein und trifft in fieberhafter Hast ihre letzten Vorbereitungen. In ihrer Unerfahrenheit richtet sie sich fast her wie eine Kurtisane, wirft nur ein leichtes Gewand von alten Valenciennespitzen über das Nachthemd. Alles schweigt ringsumher, selbst der Regen tropft immer leiser und fast unhörbar. Arlette öffnet die Tür ein wenig und überzeugt sich, daß das elektrische Licht überall ausgelöscht und alles zur Ruhe ist. Sie schaudert leise, aber nicht vor Kälte, – und plötzlich erinnert sie sich wieder an die zwingende Notwendigkeit ihres Vorhabens: sie hat Angst, ihren Henker vielleicht gar nicht zu treffen, ihn schlafend zu finden, –»es ist ja Wahnsinn, noch länger zu warten – –« Dann nimmt sie einen Leuchter und verläßt das Zimmer. Christian von Ermingen hatte sich inzwischen ebenfalls in seine Gemächer begeben. Sie bestanden aus einem großen Salon, der mit Jagdutensilien aller Art angefüllt war und einem etwas kleineren Schlafzimmer. Er hatte sich von seinem Kammerdiener auskleiden lassen, dann schickte er ihn fort, warf einen japanischen Schlafrock über, rauchte Zigaretten und vergewisserte sich noch einmal, ob seine Patronentasche für die morgige Jagd genügend gefüllt wäre. Der Fürst war so an den Alkohol gewöhnt, daß der leichte Rausch von vorhin längst verflogen war, aber ihm war unruhig und nervös zu Mut, er fürchtete, nicht schlafen zu können und hatte deshalb noch keine Lust, zu Bette zu gehen. Seit dem ersten Tage in les Taschouères war er gewöhnt, sobald alles zur Ruhe gegangen war, Madame de Guivre in ihrem Zimmer aufzusuchen, das von dem seinen durch die Bibliothek und noch einen Raum getrennt war. Und heute, wo sie fort war, quälte ihn der Gedanke an eine Nacht ohne die Freuden der Liebe. Selbst in Paris kam es selten vor, daß er sie vierundzwanzig Stunden nicht sah. Aber dort konnte er sie nur am Tage besuchen, während ihr Zusammenleben hier sich weit intimer gestaltete, beinah als wären sie verheiratet. Christian hatte es so einzurichten gewußt, daß die Räume, die zwischen ihren Zimmern lagen, unbenutzt blieben; er war immer noch bis zur Raserei in Madeleine verliebt und glückselig, wenn er, so wie hier, mit ihr zusammenleben konnte. Als er mit der Patronentasche fertig war, ging er wieder in das Schlafzimmer und blätterte in den Pariser Zeitungen, die neben dem Bett lagen. Aber während er versuchte zu lesen, drehten sich seine Gedanken fortwährend um Madeleine. »Was mag sie jetzt tun?« dachte er, und in fast greifbarer Deutlichkeit sah er ihr Haus in der rue d'Offèmont vor sich, die leichte grüngestrichene Eisentreppe, die zu ihr hinaufführte, ihr Zimmer, das ganz in Weiß gehalten war, das niedrige Bett, von lauter weißen Fellen umgeben – – ein andrer wie er in diesem Zimmer? – Und welcher andre? – Bei dem bloßen Gedanken umklammerten seine Finger das Gewehr, das er noch in der Hand hielt. Dann stellte er es wieder an seinen Platz und dachte nach. Er dachte an Rémi de Lasserade, und plötzlich stieg ein Verdacht in ihm auf – sollten die beiden – – während er hier in Taschouères saß? – Die Adern an seinen Schläfen schwollen an und auf seiner Stirn erschienen rote Flecken: – »Ah, ich würde sie töten – alle beide.« Und für einen Augenblick haßte er Madeleine, weil sie selber es ihm unmöglich gemacht hatte, sie ganz und gar zu besitzen. Was half es, daß sie seine Geliebte war – auch vor der Welt? Er fühlte wohl, daß er ihr Leben nicht ganz ausfüllte, wie er es gewollt hätte, und daß er unfähig war, sie zu durchschauen und zu entlarven, wenn sie ihn einmal verraten sollte. »Nein, nein, Rémi ist sicher in Bourges, um seine Übung zu machen und Madeleine hat mir heute von Paris aus telegraphiert – morgen muß ein Brief von ihr aus Rouen kommen.« Dabei beruhigte er sich schließlich, seine Eifersuchtsanfälle pflegten ihn so mitzunehmen, daß sein Gehirn ganz ermattet war. Und nun erfaßte ihn plötzlich ein heftiges Verlangen, wie alle Abende, in Madeleines Zimmer hinüberzugehen. In den Gemächern einer Frau, in denen sie noch vor wenigen Stunden sich aufhielt, schlief, Toilette machte, bleibt immer etwas von dem Duft ihres Wesens, ja, von ihrem intimsten Selbst zurück. – So stürzte er nach der Tür, die von der Bibliothek und den leeren Zwischenräumen zu Madeleines Zimmern führte. Aber sie war von innen verriegelt; Madeleine, die immer sehr auf die Dehors bedacht war, pflegte sie nur abends, wenn sie wußte, daß Christian kam, zu öffnen. Im ersten Augenblick schlug er wütend mit der Faust dagegen, dann fiel ihm ein, daß er ja nur durch den Korridor zu gehen brauchte; nach der andern Seite hin hatte sie ihre Tür sicher nicht abgeschlossen. Als er hinaustrat, glaubte er im andern Flügel des Schlosses eine Tür gehen zu hören und blieb unentschlossen stehen. Es wäre ihm nicht angenehm gewesen, hier gesehen zu werden. Dann ging er rasch weiter, ohne das elektrische Licht aufzudrehen. Der Korridor lag in tiefem Dunkel, nur von der offengebliebenen Tür zu Christians Zimmern drang ein schwacher Lichtschein. Ohne Hindernisse gelangte er jetzt an sein Ziel, öffnete die Tür und machte Licht – in der Mitte des Zimmers stand das Bett, ihr Bett mit dem leichten seidenen Baldachin. Als er sich umwandte, um die Tür zu schließen, sah er plötzlich Arlette vor sich – sie stand im Korridor und beobachtete ihn. Bei all seiner herkulischen Kraft besaß Christian durchaus keine Geistesgegenwart; er stand dem Unvorhergesehenen so schüchtern und linkisch gegenüber wie ein Kind, ausgenommen in solchen Fällen, wo er in plötzlichen Zorn geriet. Aber Arlette hatte schon seit Tagen die Möglichkeit dieser Begegnung vorausgesehen und überlegte. So sah sie ihm ruhig ins Gesicht und sagte mit fester Stimme, was sie sich vorher zurechtgelegt hatte: »Ich konnte absolut nicht schlafen und wollte mir ein Buch aus der Bibliothek holen.« Der Fürst hatte seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen und antwortete: »Mir geht es ebenso, ich konnte auch nicht einschlafen,« und so ungeschickt wie möglich fügte er, beinah mit denselben Worten wie Arlette, hinzu: »deshalb bin ich hergegangen, um mir ein Buch zu holen, das Madeleine gerade las und mir sehr empfohlen hat.« Aber in dem tadellos aufgeräumten Zimmer war nichts von einem Buch zu sehen und so setzte er rasch hinzu: »Sie muß es mitgenommen haben, es ist nicht zu finden.« So standen sie sich eine Zeitlang gegenüber und sahen sich an. Arlette war so erregt, daß man ihren Busen unter dem leichten Gewebe wogen sah. War es nun, um dieser peinlichen, halb komischen Situation ein Ende zu machen, oder ergriff ihn wirklich ein plötzliches Verlangen – das Verlangen des brutalen Sinnesmenschen, der nimmt, was ihm in den Weg kommt, weil er das nicht gefunden hat, was er suchte. Arlette fühlte sich plötzlich von seinen Armen umschlungen und fortgetragen. Das kam so brutal und unvermittelt, daß sie alle ihre Erwägungen für einen Augenblick vergaß und ihr Körper sich aufbäumte wie in einem Krampf von Entsetzen und Widerstreben. Und zweifellos war es gerade ihr Widerstand, verbunden mit den Erinnerungen die dieses Zimmer und dieses Bett dort vor ihm heraufbeschworen, die Christians Begehren noch heftiger entflammten. – Es war das erste Mal seit sechsundzwanzig Monaten, daß er seine Frau im Nachtgewande sah und sie kam ihm anders vor wie früher – reifer, mehr Weib. Sie war ihrer Empörung wieder Herr geworden und ließ sich von ihm auf das Bett niederlegen, wie ein willenloses Opfer schloß sie die Augen und bemühte sich krampfhaft immer wieder zu denken: »gleich bin ich gerettet, gleich, und dann soll er mich niemals wieder anrühren.« Sie wollte nichts andres denken, vergessen, was mit ihr geschah, und sich gewissermaßen von ihrem Körper abstrahieren. Und es schien auch, daß Christian nichts weiter von ihr verlangte wie willenlose Hingabe an seine Umarmung. Seine Liebkosungen erfüllten sie mit Abscheu, sie mußte sich von Sekunde zu Sekunde gewaltsam beherrschen, um sich ihm nicht zu entwinden – seinen Händen, seinen Lippen, diesem Bart, der ihre zarte Haut streifte. »Ah,« dachte sie, »wenn er mich nur an sich reißen wollte, mich dieses eine Mal seine Frau sein lassen – und dann nie wieder, fürs ganze Leben.« Es kam ihr vor, als ob das alles eine unendliche Zeit dauerte und Schweißtropfen perlten auf ihrer Stirn wie bei einer Schwerkranken, die unter den Händen des Chirurgen allmählich in eine Art Starrkrampf versinkt. Sie biß die Zähne zusammen, sie wollte sich ihm hingeben – um jeden Preis. Ob Christian sich klar machte, welchen Abscheu er seiner Frau einflößte? Oder fiel es ihm plötzlich ein, daß Madeleine ihn übermorgen erwarte und ihr spöttisches Lächeln, wenn sie sich in ihren anspruchsvollen Erwartungen getäuscht sah. – In dem Augenblick, wo Arlette, von innerer Angst überwältigt auf dem Punkt war ihm zuzurufen: »So nimm mich doch, nimm mich endlich hin« – in diesem Moment fühlte sie plötzlich, wie er sie losließ. – Zu Tode ermattet sank sie zurück, ihr ganzes Wesen war wie aufgelöst in einem Gefühl von wohltätiger Ruhe. Dann richtete sie sich plötzlich auf, das leere Zimmer war hell erleuchtet. »Wo bin ich denn, wie komme ich hierher?« dachte sie, wie aus einem bösen Traum erwachend. Damit stand sie auf – und nun kam ihr die abscheuliche Wirklichkeit mit erdrückender Wucht wieder zum Bewußtsein. »Hier, in diesem unseligen Zimmer, auf diesem Bett habe ich mich meinem Mann zur Sklavin seiner Lüste angeboten, und er hat es verschmäht sie an mir zu stillen. Selbst jetzt, wo er allein, wo sie nicht da ist.« Eine Zeitlang ging sie rasch im Zimmer auf und ab. Mein Gott, mein Gott, was hab ich dir getan – das ist zu viel. In ihrer gänzlichen Verwirrung fing sie an zu beten, aber sie hätte ebensogut fluchen oder lästern können. Dann sprach sie wieder halblaut vor sich hin: Ja, ja, er bleibt ihr treu, seine Sinnlichkeit geht nur so weit, wie seine Kräfte reichen. – Ob er das Mädchen damals ebenso behandelt hat wie mich. – – Aber für mich ist jetzt alles aus, ich bin verloren. Und nun ergriff sie die Flucht, ohne das Licht zu löschen, ohne das Bett wieder in Ordnung zu bringen – sie machte nicht einmal die Tür hinter sich zu, eilte, wie verfolgt von ihrem eignen Entsetzen durch den Korridor, in ihr Zimmer und schloß sich ein. »Alles das habe ich über mich ergehen lassen,« schluchzte sie, »und doch umsonst. Ich bin verloren.« Dann wurde ihr die Einsamkeit plötzlich unerträglich, sie stürzte an die Tür des kleinen Zimmers, wo Martine schlief: »Martine, Martine!« Das Mädchen wachte auf und sprang sofort aus dem Bett: »Sind Hoheit krank?« Arlette fühlte sich so namenlos hilfsbedürftig, daß sie sich ihr in die Arme warf, mit solcher Heftigkeit, daß Martine auf ihr Bett zurücktaumelte. Die Fürstin lag vor ihr auf dem Boden und barg den Kopf in ihrem Schoß wie ein Kind. Und dabei schluchzte sie unaufhörlich: »Es ist aus mit mir, ich bin verloren.« Martine versuchte sie aufzurichten, aber sie ließ es nicht zu und schluchzte nur immer wieder: »Verloren – ich bin verloren.« Immer dichter schmiegte sie sich an Martinens Brust, und die drückte sie an sich wie eine Schwester oder Freundin. Ihre üppigen, schwarzen Haare flossen aufgelöst über Hals und Schultern, Arlette sog ihren Duft ein und benetzte sie mit ihren Tränen. Und ohne zu wissen, was sie sagte, wiederholte sie krampfhaft: »Ich bin verloren.« »Aber was ist denn geschehen, Hoheit, ich kann es nicht begreifen.« Arlette richtete sich plötzlich auf, und in dem unfreundlichen Ton, den sie Martine gegenüber manchmal anschlug, sagte sie: »Ach, du weißt es sehr wohl – tu doch nicht so. Das macht mich allmählich nervös. Du weißt sehr wohl, in welchem Zustand ich mich befinde.« »Ja, das weiß ich,« erwiderte Martine. »Nun also« – und Arlette stand auf, während Martine auf ihrem Bett sitzen blieb – »seit zwei Jahren hat der Fürst mich nicht angerührt – verstehst du jetzt?« »Und jetzt, heute nacht, hab ich all meinen Mut zusammengenommen, habe mich ihm an den Hals geworfen wie eine Dirne – ich hatte mich möglichst schön gemacht, um ihn zu verführen – weil er seine Maitresse heute nicht bei sich hat. Aber er ist ihr treu – diesem elenden Weib – selbst in ihrer Abwesenheit. Mich hat er mit ein paar Liebkosungen abgefertigt, wie ein impotenter Greis. – Er denkt nicht daran, daß er doch mein Mann ist, er spart sich für Madeleine auf. – Ach, Martine, ich bin verloren, ich will sterben.« Damit ging sie in ihr Zimmer zurück, als ob sie sich etwas antun wolle. Martine eilte ihr nach und faßte sie am Arm. »Hoheit, ich beschwöre Sie, lassen Sie mich heute Nacht bei Ihnen bleiben.« Arlette zerfloß in Tränen: »Aber wozu? Wenn der Fürst die Wahrheit erfährt, tötet er mich. Und dann will ich mich lieber noch vorher selbst umbringen.« Aber dann ließ sie sich doch in ihr Zimmer führen, ließ sich auskleiden und zu Bett bringen wie ein Kind. Und nun erst bemerkte sie, daß Martine im bloßen Hemde war. »Du mußt ja frieren – da, zieh meinen Schlafrock an – ich will es haben – ich schenke ihn dir, ich will ihn nicht mehr haben, mir graut davor. Tu, was ich dir sage.« Martine ergab sich und warf das elegante Negligé von Musselin und Spitzen über, das Arlette eben abgelegt hatte. »Jetzt setz dich dahin und laß mich nicht allein.« Sie setzte sich zu ihrer Herrin aufs Bett und hielt ihre Hand. Arlette blieb lange schweigend liegen und schien schon einzuschlafen, als sie plötzlich wieder emporfuhr und sich aufsetzte: »Wer ist da? – ist es der Fürst?« Halb im Traum hatte sie geglaubt, Christian vor sich zu sehen, wie er sie von neuem an sich reißen wollte. Martine beruhigte sie und redete ihr zu, einzuschlafen. »Nein, ich will nicht schlafen,« sagte Arlette, »sonst kommen diese schrecklichen Träume immer wieder. Ich will lieber mit dir plaudern, das erleichtert mich etwas. – Ich habe das alles so lange allein in mir herumgewälzt und nicht gewagt mich jemand anzuvertrauen. Also sag mir, Martine, du hast dir alles gedacht?« »Ja,« sagte Martine ohne Zögern, »Hoheit können sich denken, daß es mir nicht verborgen bleiben konnte. Aber weil Sie nicht mit mir darüber sprachen, mußte ich doch schweigen, nicht wahr? Aber ich konnte es kaum mit ansehen, wie Hoheit sich quälten.« Arlette hörte schon nicht mehr zu, ihre großen blauen Augen blickten starr vor sich hin. »Höre,« sagte Arlette und faßte Martinens beide Hände. »Du weißt jetzt mein Geheimnis und du kannst mich jetzt zugrunde richten. – Nein, nein, ich habe volles Vertrauen zu dir, obgleich du manchmal so mysteriös bist und man nicht weiß, was du im Grunde denkst. Du hast es in der Hand, mich zugrunde zu richten, aber auch mir zu helfen.« »Wie meinen Hoheit das?« Arlette wurde ungeduldig: »Tu doch nicht so dumm – sonst glaube ich wirklich noch, daß du mit dem Fürsten unter einer Decke steckst. Soll ich dir noch einmal sagen, daß mein Mann mich seit zwei Jahren nicht angerührt hat und er will es auch jetzt nicht – ich habe ja den Beweis dafür. – Also, wenn mein jetziger Zustand bestehen bleibt, bin ich verloren. Du mußt mir helfen, dem ein Ende zu machen.« Sie sah, daß Martine jäh erbleichte, fuhr aber fort: »Es muß sein – und ich bin nicht die erste, die diesen Weg einschlägt. Ich habe getan, was ich konnte, um es nicht zum äußersten kommen zu lassen, es ist nicht meine Schuld, wenn es mißlungen ist. – Ich bin bereit, zu wagen, was gewagt werden muß, aber ich bin nicht imstande, die nötigen Schritte allein zu tun, du mußt mir dabei helfen.« Martine war so bestürzt, daß sie kein Wort herausbrachte, Arlette faßte sie an beiden Armen. »Martine, du mußt es tun, – rette mich, ich bin doch gut gegen dich gewesen, habe dir soviel Geld und soviel Freiheit gegeben, wie du wolltest. Wenn du mir hilfst, will ich deine Zukunft sicher stellen. Und willst du nicht, so bleibt mir nichts übrig, wie ins Wasser zu gehen oder Strychnin zu nehmen.« Martine schwieg immer noch, aber ihr Gesicht war leichenblaß, und die Fürstin fühlte, daß ihre Arme bebten wie im Fieber. »Warum antwortest du denn nicht?« fuhr Arlette fort, außer sich, daß nun dieser letzte Versuch auch noch fehlschlagen sollte. »Du willst nicht – aber warum? sag mir doch, warum. Kein Mensch will mir helfen. In ganz Paris gibt es außer dir kein Mädchen, daß seiner Herrin für gute Belohnung nicht beistehen würde. Aber so sprich doch endlich. Antworte mir, sage wenigstens ja oder nein.« »Hoheit,« murmelte Martine mit erstickter Stimme, »ich bitte Sie, sprechen Sie nicht so – Sie dürfen nicht mehr daran denken und nicht davon sprechen. Ach, Hoheit, sagen Sie nie wieder, daß Sie nicht – – daß Sie nicht Mutter werden wollen.« Dann verbarg sie das Gesicht in den Händen, als schäme sie sich, soviel gewagt zu haben. Aber es hatte in dem Ton ihrer Stimme etwas so unendlich Zartes und Weiches gelegen, daß Arlette gerührt war. Es durchdrang sie beinah wie eine Art Befreiung, wie eine ferne Hoffnung. Sie sah, daß große Tränen über Martinens Gesicht rannen – eine Zeitlang hörte man nichts wie das unterdrückte Schluchzen des jungen Mädchens. Einen Augenblick lehnte Arlettens Stolz sich auf, »also so weit ist es gekommen, daß Martine mir Moralpredigten hält.« Aber diese Anwandlung ging rasch vorüber, sie fühlte, daß dieses Mädchen ihr moralisch überlegen war, »im Grunde muß sie mich verachten – seit eineinhalb Jahren hat sie Gelegenheit genug, mich zu kritisieren. Aber schließlich hat sie doch selber einen Liebhaber – sie hat es mir selbst gesagt.« »Und wenn du an meiner Stelle wärest,« sagte sie bitter, »ob du es dann wohl auch so schön fändest, Mutter zu werden, du stehst allein und hast deine Freiheit, aber wenn dein Liebhaber dich in diese Lage brächte, was würdest du tun?« Martine ließ die Hände sinken, ihr Gesicht war wieder ruhig geworden und die Tränen versiegten allmählich. »Ich darf mich selbst nicht mit Hoheit vergleichen,« sagte sie, »aber ich kann Ihnen versichern, daß ich unter jeder Bedingung nur glücklich darüber wäre, und nur daran denken würde, ein Kind zu haben und es aufzuziehen.« »Selbst wenn es dich deine Stelle kostete?« »Aber natürlich.« »Ach, das sagst du so, weil du es eben nicht an dir selbst erlebt hast.« Martine sah ihre Herrin fest an und sagte: »Doch, Hoheit – ich habe es erlebt.« Wieder stiegen ihr die Tränen in die Augen und Arlette fragte ganz erstaunt: »Wie – du hast ein Kind?« »Ja, Hoheit.« »Von deinem Liebhaber?« »Ich habe keinen Liebhaber,« antwortete Martine mühsam. »Ja, aber – –« »Ich habe früher einmal einen Mann geliebt, und wir wollten uns heiraten.« »Und er hat dich sitzen lassen, als du Mutter werden solltest.« »Nein, er war ein rechtschaffener Mensch – er wollte mich heiraten, es war schon alles festgesetzt – aber er ist vorher gestorben.« Sie weinte nicht mehr, aber aus ihren Zügen sprach ein so tiefer Schmerz, daß Arlette sie bewegt in ihre Arme schloß und sie küßte. »Martine, verzeih mir, ich hab dich oft schlecht behandelt und nun quäle ich dich noch. Sei mir nicht böse – ich bin so unglücklich, daß ich manchmal selber nicht weiß, was ich tue.« »Hoheit,« sagte Martine gerührt. Und ganz schüchtern wagte sie es, mit ihren Lippen Arlettens Hals zu berühren, während diese sie immer noch umschlungen hielt. Es geschah das in aller Bescheidenheit und Ehrfurcht, wie wenn ein Gläubiger eine Reliquie küßt. Aber auf Arlettens zerrissenes Herz wirkte diese Zärtlichkeit wie lindernder Balsam. »Kleine Martine,« flüsterte sie, »ich habe dich sehr lieb und volles Vertrauen zu dir.« »Und ich würde mich für Hoheit jeden Augenblick töten lassen,« antwortete das Mädchen. »Willst du mir nicht noch erzählen, wie das alles kam mit deinem Kind – wenn es dich nicht zu traurig macht?« »Ja, gerne,« erwiderte sie, »aber Hoheit werden sehen, daß meine Geschichte nicht besonders interessant ist. – Also: Ich stamme aus Yvonne, meine Eltern hatten dort ein kleines Landgut und lebten ganz behaglich. Sie schickten mich in die Schule und ließen mich zur Lehrerin ausbilden.« »Hast du denn die Examina gemacht?« »Ja freilich, Hoheit.« »Aber dann bist du ja eine halbe Gelehrte?« »O nein, wirklich nicht,« sagte Martine lächelnd. »Ich habe immer gern gelernt und hätte es auch gewiß noch weiter gebracht, wenn die Umstände danach gewesen wären. Aber dann starb mein Vater, und meine Mutter heiratete einen andern Mann, der es auf ihr Vermögen abgesehen hatte. Ich fühlte mich nicht mehr wohl bei ihr, und ihr war es auch lieber, wenn ich nicht mehr nach Hause kam. Als ich dann in Ricaut als Hilfslehrerin angestellt wurde, betrachtete ich mich selbst als Waise, und es kam mir vor, als ob ich keinen Menschen auf der Welt mehr hätte. Eben dort an der Knabenschule war ein Lehrer, der fast im gleichen Alter stand wie ich –« »Und der machte dir den Hof?« »Wir sahen uns alle Tage. Die übrige Bevölkerung bestand fast nur aus Arbeitern; wir waren, was Verkehr und Interessen betrifft, ganz aufeinander angewiesen. Außerdem stand er ebenso allein wie ich.« »War er schön?« fragte Arlette, und gleich darauf fühlte sie selbst, wie töricht diese Frage war. »Mein Gott, er gehörte nicht zu den Männern, um die die Frauen sich reißen. Er war etwas kleiner wie ich und sehr kräftig gebaut. Aber ich liebte ihn vor allem, weil er die Güte und Ehrlichkeit selbst war. Ich glaube, wir wären sehr glücklich zusammen geworden.« Sie hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: »Schon am Ende des ersten Jahres waren wir uns einig, daß wir heiraten wollten. Das Datum war schon festgesetzt. Da wir beide mittellos waren, mußten wir warten, bis er avancierte.« »Und dann?« fragte Arlette. »Dann, nun, wir haben uns sehr lieb gehabt, als ob wir schon Eheleute wären. Unsre Schulen lagen dicht beieinander, und Antonin kam jeden Abend zu mir, wenn schon das ganze Dorf schlief. Und dann im Februar fühlte ich mich Mutter, und wir freuten uns beide so darüber. Wir wollten ja bald heiraten und dann anderswo hingehen. Aber in dem Frühjahr bekam Antonin eine Bronchitis,« ihre Stimme senkte sich ein wenig und es lag ein Ton von schlichter Trauer darin – »Hoheit werden wohl begreifen, daß ich alle Rücksichten fahren ließ und ihn in seiner Wohnung pflegte wie eine Frau ihren Mann. Er ist in meinen Armen gestorben. Nach seinem Tode konstatierten die Ärzte, daß es keine Bronchitis, sondern Typhus war.« »Und warum habt ihr euch nicht noch vor seinem Tode trauen lassen?« »Das Ende kam zu plötzlich. Als ich wußte, daß er sterben müsse, habe ich auch an nichts andres mehr gedacht, wie bis zum letzten Augenblick bei ihm zu bleiben.« Beide schwiegen eine Zeitlang. Arlette dachte nicht mehr an ihre eignen Qualen; ihre Einbildungskraft war ganz von der einfachen, traurigen Geschichte in Anspruch genommen, die Martine ihr erzählt hatte. Dann begann diese wieder: »Als alles vorbei war, wurde ich selbst schwer krank. Ich ließ mich so gut wie möglich pflegen, denn um des Kindes willen, das ich von ihm unter dem Herzen trug, wollte ich weiterleben. – Kaum wiederhergestellt, ging ich nach Paris, wo mich niemand kannte und brachte dort einen schönen Knaben zur Welt – ja wirklich« – und ihr Gesicht verklärte sich – »es ist ein sehr schönes Kind.« »O, Martine,« murmelte die Fürstin, »du glaubst gar nicht, wie mich das alles interessiert, und dann?« »Als ich wieder auf war und das Kind bei einer Amme untergebracht hatte, waren meine Mittel völlig erschöpft. Eine Stelle als Lehrerin zu bekommen, wäre sehr schwierig gewesen, da meine Geschichte bekannt geworden war. Zufällig suchte eine ausländische Dame, die bei derselben Hebamme wie ich niederkam, eine Zofe und Gesellschafterin. Sie war reich und zahlte hohen Lohn, dreimal so viel, wie ich als Lehrerin verdient hätte. Ich stellte mich ihr vor und blieb bei ihr in Paris, bis sie wieder in ihre Heimat zurückkehrte. – Ich habe nur diese eine Stellung gehabt, ehe ich zu Ihnen kam.« »Und dein kleiner Junge?« »Er ist in St. Cloud bei einer braven und vernünftigen Frau, die ihn aufzieht. Er fühlt sich so glücklich wie ein kleiner König, und es hat ihm noch nie an etwas gefehlt. Für mich selbst brauche ich wenig, und Hoheit sind immer so freigebig gegen mich gewesen.« »O,« sagte Arlette und schlug die Hände zusammen – »jetzt verstehe ich alles – daß du so oft ausgehen wolltest, und deinen vermeintlichen Geiz. Ich habe dich sehr oft falsch beurteilt, Martine.« »Das dachte ich mir wohl und es machte mich oft traurig, aber ich tröstete mich mit meinem kleinen Pierre, er ist mein Trost für alles.« »Ach, du bist sehr glücklich,« seufzte Arlette. »Glücklich kann man wohl nie wieder sein, wenn man einen geliebten Mann verliert. Aber das Leben ist dennoch reich für mich.« Die Fürstin dachte eine Zeitlang nach. »Etwas wundert mich doch –« sie zögerte einen Augenblick – »du hast mit deinem Freunde ohne priesterlichen Segen zusammengelebt. Erinnerst du dich noch an das kleine Buch, das ich einmal bei dir entdeckte? Ich dachte danach, du wärest fromm.« »Ja, ich bin es mit der Zeit geworden. Damals vor Antonins Tode war ich es noch nicht. Aber als ich vor seinem Bett auf den Knien lag und mir unwillkürlich die Gebete meiner Kinderzeit auf die Lippen traten – als ich die Notwendigkeit empfand, auf Wiedervereinigung mit ihm zu hoffen – und der entsetzliche Gedanke, daß der Tod das Ende von allem sein sollte – das alles hat die Sehnsucht nach Glauben in mir geweckt, ich habe angefangen, danach zu ringen, und mit der Zeit ist es denn auch gekommen.« »Man kann den Glauben doch nicht erzwingen,« meinte die Fürstin leise. »Vielleicht nicht, wenn man glücklich ist und sich stark fühlt, aber als armes, verlassenes Mädchen wenn man alles, was man liebte, verloren hat – da kommt es ganz von selbst, daß man in Gebet und Glauben Trost sucht.« »Ich glaube an gar nichts,« sagte Arlette traurig. Wenn sie an ihr eignes Leben dachte, erschien es ihr so trostlos und trübe, daß sie Martine fast um ihr einfaches Schicksal beneidete. Und ihr Stolz war so gebrochen, daß sie es auch aussprach. »Das Leben hat dir hart mitgespielt, aber du hast dein Kind, das dir alles ist und dich tröstet.« Mit einer lebhaften und graziösen Bewegung beugte Martine sich zu ihr hinab und flüsterte ihr ins Ohr: »Ach, Hoheit, es hängt nur von Ihnen ab, auch bald solch einen kleinen Tröster zu haben.« »Nein, ich darf nicht Mutter werden. Du kennst meinen Mann. Wenn ich mich nicht umbringe, ehe er alles erfährt, so wird er mich töten.« Von einem andern Ausweg wie dem Tode wagte sie jetzt nicht mehr zu Martine zu sprechen. Das Mädchen dachte nach, aber ebenso wie ihre Herrin schien sie auch keinen Rat zu wissen. So schwiegen sie eine Weile, beide mit denselben Gedanken beschäftigt. Das Zimmer war nur matt durch eine blauverschleierte Lampe erhellt, ringsum lag das ganze Schloß in tiefem Schweigen; man hörte nicht einmal mehr die Regentropfen fallen. Martine trat an das Bett ihrer Herrin, rückte ihr die Kissen zurecht und brachte alles in Ordnung. Dann kniete sie neben dem Lager nieder, stützte den Kopf in die Hände und rührte sich nicht mehr. Arlette war so erschöpft von den Aufregungen dieser Nacht, daß sie nicht einmal mehr die Kraft hatte, zu fragen, was sie da täte. Aber sie erriet es auch so: »Sie betet – und gewiß betet sie für mich. Armes Kind, was sollen die Gebete helfen, das Leben ist so schlimm, und es gibt kein überirdisches Wesen, das es für uns leitet.« Aber das Gefühl, daß ein menschliches Wesen in ihrer Nähe war, neben ihr kniete und mit der Vorsehung um ihr Schicksal rang, hatte etwas seltsam Beruhigendes, und allmählich schlummerte sie ein. Wenn sie hier und da einen Augenblick aufwachte, sah sie Martine immer noch auf den Knien liegen, in tiefes Gebet versunken. * An demselben feuchtkalten Novembermorgen blieben an dem Hause Madeleines in der Rue d'Offémont die Fenster und Jalousien hermetisch verschlossen, ausgenommen ein kleines rundes Guckloch im dritten Stock, wo wahrscheinlich irgendein dienstbarer Geist wohnte, der in Abwesenheit der Herrin das Haus bewachte. In der Frühe um halb acht sah man dann auch ein niedliches kleines Dienstmädchen mit einem Schal um den Kopf das Haus verlassen und eine halbe Stunde später mit verschiedenen Paketen zurückkehren. Dann lag alles wieder wie ausgestorben da. Und doch herrschte im Innern einiges Leben. Die entgegengesetzte Seite des Hauses ging auf Gärten mit wohlgepflegten Alleen und üppigem Blumenschmuck hinaus. Und hier waren die Fenster weit geöffnet, um die bleiche Herbstsonne hereinzulassen, die gegen zehn Uhr allmählich über den Nebel triumphierte. Es waren die Fenster von Madeleines kleinem Salon, der an ihr Schlafzimmer stieß. Grade als die ersten Sonnenstrahlen hereindrangen, saß Madame de Guivre beim ersten Frühstück mit einem Gast, den man auf den ersten Blick für eine Frau hätte halten können, der aber niemand anders war wie Rémi de Lasserade. Er war in ein Neglige von Madeleine gehüllt, das nicht übel zu seinem bartlosen Gesicht und seinem lockigen Haar stand. Am Abend vorher hatte er sich in der Dämmerung ins Haus geschlichen, nachdem er sich vorher vergewisserte, daß niemand ihn hineingehen sah. Gegen Mitternacht hatte Madame de Guivre ihn fortschicken wollen, sie war ein wenig unruhig, obgleich sie Christian noch in Taschouères wußte und er wiederum sie in Rouen glaubte. Aber der eigensinnige Page hatte sich einfach geweigert, in dieser regenfeuchten Nacht, wo man schwerlich noch einem Fiaker begegnete, nach dem Park Monceau zu wandern. Außerdem fühlte er sich hier so wohl, daß er entschlossen war, erst morgens nach dem ersten Frühstück zu weichen, und auch das wollte er nicht versprechen. Madeleine war so verliebt, und das Abenteuer machte ihr soviel Spaß, daß sie nachgab. Wie sollte man ihm auch widerstehen, diesem anmutigen, verzogenen Jungen, der sich ebenso gut aufs Schmollen wie auf Zärtlichkeit verstand, und den sie mit der ganzes Glut ihrer vierzig Jahre liebte. Ja, dieses Mal war es wirkliche Liebe, nicht nur sinnliches Verlangen, eine seltsam tiefe und hingebende Leidenschaft. Wenn er nur gewollt hätte – – Da gingen manchmal Gedanken und Träume durch den Kopf, über die sie sich wunderte, und die sie Rémi nicht zu gestehen wagte. Denn sie fürchtete seine Ironie, die jede sentimentale Redensart unbarmherzig verspottete. Ins Ausland gehen und dort mit ihm zusammen leben, – und wenn es nur auf ein Jahr wäre – frei von Christians Tyrannei und fern von diesem brausenden Pariser Leben, in dem sie sich nur noch vorübergehend zu betäuben suchte. Ein Leben wie diese Nacht in ihrem weißen Zimmer, das sie noch nie in solchem Liebesrausch gesehen hatte, wie heute morgen beim Frühstück im zärtlichen Tête-à-tête mit diesem entzückenden Pagen, der fast so anmutig war wie eine Frau und dabei so drollig pervers und doch auch so tapfer, denn er wußte wohl, welche Gefahr es bedeutete, Madeleine zu lieben. Allen diesen Gedanken gab sie sich hin und blickte dabei Rémi an, der in seiner seltsamen Verkleidung beim Frühstück saß und gleichgültig in den Garten hinausblickte. Auf seinem hübschen Gesicht hatte die Liebesnacht keine Spuren zurückgelassen, aber mit leisem Schrecken sah sie ihre eignen, etwas welken Züge in dem Spiegel gegenüber. Und nun lachte er plötzlich auf wie ein Schuljunge. »Du, Made, ich denke eben, was der Fürst für ein Gesicht machen würde, wenn er uns hier zusammen beim Frühstück sähe. Ich glaube, er würde einen Anfall bekommen.« »Nein, lach nicht so, Mi, es ist gar nicht komisch. Ich zittere fortwährend, daß er plötzlich irgendwie hier herein kommt, über die Gartenmauer springt oder etwas ähnliches, und auf uns losgeht –« »Aber warum läßt du dich so von ihm tyrannisieren. Schick ihn doch weiter, du bist doch durch nichts an ihn gebunden.« »Wenn ich das doch könnte,« murmelte Madeleine, – »gleich morgen! Aber er würde mich auf der Stelle totschlagen.« – Und dann fügte sie mit gedämpfter Stimme hinzu: »Und jetzt, wo ich dich habe, möchte ich nicht sterben.« »O Made, um Gottes willen keine dritte Aktszene.« Dieser Spott verletzte sie tief, aber sie zwang sich zu lachen. Dann saß sie wieder da und betrachtete ihn, er amüsierte sich jetzt damit, einem jungen Mädchen zuzusehen, das im Nachbarsgarten auf und ab ging. – »Ja, so ist er,« dachte sie traurig, »alle Frauen reizen ihn, und alle sind ihm nur Zeitvertreib. Ich bin nicht so dumm und temperamentlos wie Arlette, und doch bedeute ich für ihn nicht mehr wie sie.« Rémi war aufgestanden und kokettierte vor dem Spiegel mit seiner schlanken Taille, es machte ihm einen kindischen Spaß, als Frau verkleidet zu sein. Und Madeleine sah ihm zu, und bemühte sich, gewaltsam heiter zu sein. Da ging plötzlich die Tür auf und das Mädchen erschien auf der Schwelle, ihr Gesicht war ganz blaß. »Was gibt's denn, Francine?« »Gnädige Frau, der Fürst ist da.« »Der Fürst,« stammelte Madeleine – und unwillkürlich stellte sie sich vor Rémi, wie um ihn zu schützen. »Bitte näherzutreten, Hoheit,« scherzte Rémi. »Du hast ihn doch hoffentlich nicht hereingelassen?« sagte Madeleine. »O nein, gnädige Frau, er hat nicht einmal geschellt ... er steht in der Rue de Prony, etwa hundert Schritt von hier und beobachtet das Haus.« »Bist du sicher, daß er es ist?« »Vollkommen sicher, ich habe ihn von meinem Zimmer aus gesehen, als ich mich umzog.« »Mein Gott, was sollen wir machen?« murmelte Madeleine, »lach doch nicht, Rémi, du machst mich nervös. Mir scheint wirklich, du hast keine Ahnung, was für ein wildes Tier er ist.« »Francine,« sagte Rémi, »Sie müssen mich in Ihr Zimmer lassen, ich will mir doch das Vergnügen leisten, ihn Posten stehen zu sehn. – – Vorwärts, Made, mach doch nicht wieder dein Gesicht aus dem dritten Akt.« Und lachend faßte er Madeleine um die Taille, Francine am Arm und zwang beide, die Treppe zum dritten Stock mit hinaufzukommen. Durch die kleine, runde Scheibe sahen sie wirklich den Fürsten, der auf dem Trottoir der Rue de Prony auf und ab ging und bei jeder Wendung einen Blick auf Madeleines Haus warf, manchmal blieb er stehen und betrachtete es, als suchte er die Geheimnisse seiner Mauern mit Blicken zu durchdringen. Christian von Ermingen hatte wirklich, von einem plötzlichen Verdacht erfaßt, les Taschouères beim ersten Morgengrauen verlassen. Sein Mißtrauen entsprang nicht etwa aus irgendwelchen Reflexionen, es war nichts weiter als einer seiner Eifersuchtsanfälle. »Und wenn sie mich doch belogen hätte – – wenn sie in Paris wäre.« So hatte er gleich den ersten Zug genommen und erreichte Paris in aller Frühe, Der Anblick der herabgelassenen Jalousien hatte ihn etwas beruhigt, aber dann stiegen wieder Zweifel auf: »Das beweist noch nichts, wenn sie da ist, wird sie sich selbstverständlich verborgen halten.« Es gab ein sehr einfaches Mittel, um Gewißheit zu erlangen, an der kleinen Tür unter dem Glasdach läuten, das Dienstmädchen, das er heute früh aus dem Hause hatte kommen sehen, beiseite schieben, und wie ein Polizist das Haus durchsuchen! Aber im Grunde hatte er immer eine gewisse Angst vor Madeleine, sie war ihm völlig unentbehrlich, was wäre ihm noch geblieben, wenn sie mit ihm brach. Madeleine und Rémi beobachteten ihn, sie sahen wie er plötzlich eine Handbewegung machte, als ob er jemand erwürgen wollte. Madeleine kannte diese Geste und schauderte; mit einem fast mütterlichen Aufschrei umarmte sie Rémi, und er erwiderte ihre Liebkosung ebenso stürmisch. Der Fürst von Ermingen blieb den ganzen Tag auf seinem Posten, hier und da wagte er sich bis in die Rue d'Offémont vor und betrachtete das Haus ganz von der Nähe. Aber die Spannung seiner Nerven ließ allmählich nach, und ein intensives Wohlgefühl durchdrang seinen gewaltigen und primitiven Organismus. Er fühlte wieder ein unbedingtes Zutrauen zu Madeleine, nein, sie hatte ihn nicht belogen, sie war ihm treu. Am liebsten hätte er sie gleich wiedergesehen, um ihr alle seine Zweifel abzubitten. So verging der Tag, aber er konnte sich immer noch nicht entschließen fortzugehen. Seit achtzehn Stunden hatte er weder gegessen noch getrunken, er fühlte auch keinen Hunger und keinen Durst, nur eine leichte Migräne begann ihn zu peinigen. Die ersten Straßenlichter wurden angezündet. Christian näherte sich dem Hause und musterte die Fenster mit seinem scharfen, unbestechlichen Jägerblick. Auf der Vorderseite blieb alles dunkel. Dann leuchtete plötzlich hinter dem kleinen, runden Mansardenfenster ein Licht aus. Er blickte danach hin, »das Dienstmädchen« dachte er. Aber er blieb immer noch stehen, trotzdem sein Kopfschmerz sich verschlimmerte. Er war jetzt fest überzeugt, daß Madeleine fort sei und konnte sich doch nicht mehr so darüber freuen. Er schämte sich der Rolle, die er hier spielte und wie schon manchmal, wenn ein Eifersuchtsanfall vorüber war, überkam ihn ein Gefühl von Bitterkeit über sein verfehltes Leben. Dann dachte er an seine Vorfahren, diese stolzen, wilden Krieger, die Schlachten schlugen und Städte niederbrannten. Sein eignes Dasein als Pariser Lebemann bedrückte ihn, schien ihm so hohl und nichtig. Inzwischen war es völlig dunkel geworden. Das Licht im Mansardenfenster erlosch, bald darauf ging die Haustür auf, und dasselbe Dienstmädchen wie heute morgen erschien in Hut und Schleier. »Aha, Francine benutzt die Abwesenheit ihrer Herrin, um sich zu amüsieren,« dachte er, einen Augenblick war er drauf und dran sie anzurufen und sich nach Madeleine zu erkundigen. Aber wieder konnte er sich nicht dazu entschließen. Und nun endlich gab er seinen Posten auf und rief einen Fiaker heran, um heimzufahren. Wenn er gewußt hätte, daß, während er sich hier in wahnsinniger Eifersucht verzehrte, Madeleine, und Rémi den ganzen Tag in zärtlichstem Tête-à-tête verbrachten und das Gefühl der Gefahr ihre Liebesglut nur noch steigerte! Hätte er ihre Gespräche mit anhören können, in denen sein Name mehr wie einmal scherzend erwähnt wurde, und geahnt, daß jene leichtfüßige Zofe in Hut und Schleier niemand anders war als Rémi de Lasserade, dem es unsagbaren Spaß machte, dem Fürsten einen derartigen Possen zu spielen. Und hätte er dann schließlich noch gesehen wie Madeleine, deren Liebesraserei selbst nach dieser Nacht und diesem Tage noch nicht gestillt war, rasch das leichte Gewand überwarf, das Rémi vorher getragen hatte, und ihre eignen Arme küßte, um wenigstens einmal noch den Duft des Geliebten einzuatmen ... Ein paar Tage später hatte die ganze Bande les Taschouères verlassen und war nach Paris zurückgekehrt. Arlette und Martine traten die Reise in einem für den Nachmittag gemieteten Automobil an. Wie zwei vertraute Freundinnen saßen sie nebeneinander und genossen den schönen, stillen Herbsttag. Dabei plauderten sie eifrig, Arlette war ruhiger geworden und sah nicht mehr so verstört aus, wie in den letzten Tagen, Martinens Gesicht hatte seinen gewohnten, ernsten Ausdruck, den dann und wann ein freundliches Lächeln verklärte. Manchmal faßte sie die Hand ihrer Herrin und drückte einen Kuß darauf. Jene tragische Nacht mit ihren gegenseitigen Geständnissen hatte sie einander sehr nahe gebracht, wenn auch Arlettens Stolz sich noch manchmal dagegen auflehnen wollte, daß sie bei diesem einfachen Mädchen eine Art moralischen Halt suchte und fand. Aber diese vorübergehenden Empfindungen kamen immer seltner und vermochten es nicht zu ändern, daß sie sich dem Einfluß Martinens immer mehr hingab. Sie konnte ihre Gesellschaft nicht mehr entbehren und ging kaum noch ohne sie aus. Sie fuhren jetzt durch die herbstlich gelichteten Wälder, hinter denen die Sonne langsam niedersank. Arlette legte ihre Hand auf Martinens Arm: »Ich möchte dich etwas fragen, aber ohne dich zu quälen oder zu verletzen.« »Alles, was Sie wollen, Hoheit.« »Also – dein Kind, dein kleiner Pierre – welchen Namen führt er eigentlich?« »Meinen natürlich – Pierre Lebleu.« »Also nicht den seines Vaters –« »Nein, das geht nicht anders, er muß meinen Namen tragen. Ich habe ihn gleich nach seiner Geburt anerkannt.« »Aber wenn er groß ist und anfängt, zu begreifen – wenn er dich fragt?« »Wenn er groß genug ist, um es zu verstehen, werde ich ihm alles so erzählen, wie es war; daß zu der Zeit, wo ich seinen Vater liebte, die Heirat mir nur eine Formalität bedeutete, die früher oder später erfüllt werden konnte. Und daß sein Vater starb, ehe wir heiraten konnten. Daß ich erst später religiös geworden bin. Ich denke ihn überzeugen zu können, daß wir beide nach unserm eignen Gewissen gehandelt haben, und ich hoffe, er wird es begreifen und mich ebenso lieb haben. O, dessen bin ich ganz sicher.« »Ist er intelligent?« »Ja, sehr – wie sein Vater.« »Und wie du. Du bist sehr klug, Martine.« »Nein, Hoheit, ich habe immer sehr viel Lust am Studieren gehabt, aber seit ich nicht mehr so viel Zeit zum Lesen habe, weiß ich nicht mehr viel.« Sie hatten St. Cloud erreicht und fuhren dann wieder durchs Gehölz. Martine blickte auf die Uhr: »In einer Viertelstunde sind wir bei Baby.« Dabei sah sie vorwärts auf den Weg und schien ungeduldig darauf zu warten, daß das Haus vor ihnen auftauchte, vielleicht auch der kleine Pierre ihr entgegengelaufen käme. Die Sehnsucht, ihn wiederzusehen, beschäftigte sie jetzt so, daß sie sicher nicht mehr an ihre Herrin dachte. Und diese Freude, die ihre Wangen höher färbte und aus ihren Augen leuchtete, machte sie beinah schön. Arlette hatte ein häßliches Gefühl dabei, sie ärgerte sich über dieses Glück, wenn sie an ihre eignen Leiden dachte, für die es kein Heilmittel gab, und war nahe daran, den Chauffeur umkehren zu lassen. Aber jetzt waren sie am Ziel, das Gefährt hielt vor einem kleinen Häuschen, das mitten zwischen Feldern lag. Über den hohen Gartenzaun ragten ein paar alte Obstbäume empor, und neben dem Hause stand eine jener mächtigen hundertjährigen Ulmen, die man hier und da in der Umgegend von Paris antrifft. Und nun hörte man eine laute Kinderstimme: »Mutter, ein Wagen mit Leuten!« Dann ein eifriges Getrappel auf die Gartentür zu, und ein kleiner Kerl erschien mit wirrem Haar und dunklen Augen, die denen Martinens sprechend ähnlich waren, und ein lauter Freudenschrei: »O Mimine! Mimine!« Die kleinen Finger arbeiteten ungeduldig an dem Türschloß herum, bis es endlich aufging, und dann stürzte das Kind auf Martine zu, umschlang sie, überschüttete sie mit Liebkosungen und rief immer wieder: »Mimine ist da! Mimine ist da!« Um Arlette kümmerte er sich absolut nicht, als echtes Vorstadtkind, dem schöne Damen im Automobil kein ungewohnter Anblick sind. »Komm, Pierre, Liebling, ich bitte dich, sei ruhig. Sag der Frau Fürstin guten Tag.« Der Kleine, der noch auf dem Wagentritt stand, stutzte und betrachtete mit seinen großen klugen Augen die Dame, von der seine Mutter ihm schon so oft erzählt hatte. Auf der Schwelle des Hauses war inzwischen eine alte Frau erschienen, die, mit dem Kochlöffel in der Hand, nach den Angekommenen ausspähte. Dann lief sie rasch in das Haus zurück, kam jetzt mit einer rasch umgebundenen weißen Schürze wieder zum Vorschein und näherte sich dem Wagen mit vielen Verbeugungen und liebenswürdigem Lächeln: »Guten Tag, Frau Fürstin,« sagte Pierre jetzt ernsthaft. »Guten Tag, mein kleiner Freund,« antwortete sie lächelnd und wandte sich dann an Martine: »Komm, laß uns aussteigen, ich bin etwas angegriffen.« Martine sprang aus dem Wagen und half ihr dann aussteigen. Arlettens Mißstimmung war rasch wieder verflogen; all das Neue, was sie hier sah, machte ihr Spaß, wie überhaupt dieser ganze heimliche Ausflug – es war doch endlich einmal etwas, das nicht Mode und ihre »Bande« arrangiert hatten. So trat sie in den Hof des kleinen Hauses, wo unter der riesigen Ulme schon die Schatten des Abends lagen. Dieser Abend – sie kehrten erst gegen elf Uhr nach Paris zurück – mit allen seinen ungewohnten Eindrücken prägte sich Arlettens Gedächtnis unauslöschlich ein; noch oft in späteren Zeiten mußte sie daran zurückdenken. Und doch hatte der Ort, wo sie sich befand, nicht viel Besonderes oder Merkwürdiges. In dem alten Bauernhause gab es nur zwei Zimmer und noch einen Raum, der zur Aufbewahrung von allerhand Geräten diente. Das eine war Küche und Eßstube zugleich, in dem andren standen zwei Betten, wo die Alte und Pierre schliefen. Die Alte führte Arlette hinein und erging sich in Entschuldigungen. »Salon gibt es leider keinen bei uns, sehr schön ist es hier nicht, und Hoheit sind es gewiß ganz anders gewöhnt, wir sind nur einfache Bauersleute –« Sie machte Arlette damit schließlich ganz nervös, so daß Martine sie in die Küche schickte, um den Tee zu bereiten. Die Fürstin blieb mit Martine und dem Kleinen in dem geräumigen Zimmer, das ganz von Abendsonne erfüllt war. Pierre liebkoste seine Mutter, immer wieder preßte er seinen kleinen Mund auf ihre Arme und Hände. Arlette sah ihm zu. Vor dem natürlichen Reiz des Kindes schmolzen alle die feindseligen Empfindungen von vorhin. Pierre war für seine sechs Jahre sehr groß und außerordentlich schlank und zart, er hatte ganz Martinens zierlichen Wuchs und ihre feingeformten Hände und Füße. Seine Züge waren regelmäßiger wie die ihren und feingeschnitten, der Teint brünett und die welligen Haare braunblond. Er war sorgfältig gekleidet in einen dunklen Matrosenanzug mit großem Kragen. Martine hatte den Arm um seinen Hals gelegt, schaute ihn an und plauderte mit ihm. Das Kind antwortete offen und unbefangen, erzählte seine kleinen Erlebnisse in der Schule, die er seit kurzem besuchte. Arlette schwieg und beobachtete Martine, sie schien ihr hier eine andre, nicht die sanfte, gefügige Dienerin, sondern eine freie Persönlichkeit unter eigner Verantwortung. Und sie fühlte sich etwas bedrückt, nicht etwa dadurch, daß diese Leute einer niedren Gesellschaftsschicht angehörten, sondern weil ihr schien, daß sie in einer reineren und gesunderen Luft lebten, wie sie selbst. Während sie so Mutter und Kind betrachtete und nebenan die Alte mit ihren Tassen klappern hörte, dachte sie immer wieder: »Und ich – und ich.« Ihr eignes Leben kam ihr vor, wie etwas, das man lieber verbergen sollte. Nein, sie hätte Martine nicht in alles einweihen sollen. Mein Gott, was für ein Leben und ebenso das der andern: Christian, Madeleine, Madame d'Ars, Apistral! Galvanisierte Marionetten alle miteinander! Sie wollte lieber nicht mehr daran denken und zog das Kind zu sich heran. »Wie ist er reizend!« sagte sie. »Finden Hoheit wirklich?« Sie war ganz glücklich und ließ den Kleinen bei Arlette, während sie hinausging, um nach dem Tee zu sehen. Die Fürstin blieb mit dem Kinde allein, und wieder überkam sie jenes quälende Gefühl, daß sie eigentlich nicht würdig sei, die Rolle der Mutter selbst auf diese kurze Zeit zu vertreten, und daß Martine ihr eine Art Gnade erwies, wenn sie ihr dieses reine Wesen anvertraute. Das Kind blickte sie eine Zeitlang an und sagte: »Nicht wahr, du bist Mamas Herrschaft?« Arlette errötete und war froh, daß Martine diese Frage nicht hörte. »Deine Mama arbeitet bei mir, und ich habe sie sehr lieb, mein Kind.« »So, dann mußt du sie recht oft herkommen lassen. Du kannst auch mitkommen, wenn du willst,« sagte das Kind ernsthaft, wie man jemanden eine Gunst gewährt. »Ja, du hast recht, wir werden recht oft zusammen herkommen.« Liebevoll und mit leisem Neid betrachtete sie das hübsche Gesichtchen, die klaren, ausdrucksvollen Augen und den schwellenden, kleinen Mund. »Wie ist Martine glücklich, das alles ihr Eigen zu nennen – und wie das Kind sie liebt. Ich habe niemanden, der mich liebt.« Und sie versenkte ihre Lippen in das weiche, feine Haar. »Du mußt mich auch etwas lieb haben,« sagte sie dann fast bittend. »Ja, ich glaube, ich werde dich lieb haben,« antwortete Pierre, »du bist sehr hübsch, aber du siehst so traurig aus. Mimine ist viel vergnügter.« Jetzt trat Martine wieder ein mit der Alten, die ein Tablett mit Tassen brachte, und sie tranken zusammen Tee. Martine servierte ihn, aber nicht wie eine Dienerin, sondern als Herrin des Hauses, die Besuch empfängt, und Pierre half ihr. Er war jetzt schon ganz vertraut mit Arlette und zählte ihr alle seine Spielsachen und Bücher auf. »Komm, Liebling, laß die Frau Fürstin etwas in Ruhe,« sagte Martine, »du quälst sie.« »Nein, das tu ich doch nicht, Frau Fürstin?« fragte das Kind. »Aber sicher nicht, kleiner Schatz.« »Dann komm jetzt, die große Ulme ansehen.« Und sie mußten ihm zu Gefallen dem ehrwürdigen Riesenbaum einen Besuch abstatten. »So einen schönen Baum hast du doch zu Hause gewiß nicht?« fragte Pierre. »Nein, freilich nicht,« sagte Arlette lachend. »Ich möchte niemals in einem Hause wohnen, wo kein solcher Baum wäre,« meinte Pierre. Beide hörten belustigt seinem muntren Geschwätz zu. Arlettens Schönheit und Eleganz zog ihn immer mehr an, und er begann unbefangen mit ihr zu spielen. Ihr taten diese kindlichen Liebkosungen wohl und erfüllten sie gleichzeitig mit schmerzlicher Rührung. Dann hörte man die Uhr von einem benachbarten Meierhof langsam sechs schlagen. »Sechs Uhr,« sagte Pierre, »jetzt hört da auf dem Hof die Arbeit auf, und die Leute gehen zum Essen. Aber wir essen erst um sieben Uhr,« fügte er hinzu und spielte mit Arlettens langer Uhrkette. »Wir müssen nach Paris zurück,« sagte Arlette. »Soll ich dem Chauffeur sagen, daß wir fahren wollen?« fragte Martine. Arlette nickte bejahend. O, wie sie dieses Paris haßte und das gewohnte Leben, zu dem sie jetzt zurückkehren mußte! Schweigend entfernte sie sich ein wenig, um Martine von dem Kleinen Abschied nehmen zu lassen. Pierre war ganz traurig geworden und hatte Tränen in den Augen. Als sie eingestiegen waren, kam er und bot Arlette die Stirn zum Kuß. »Adieu, Frau Fürstin.« »Adieu, mein Liebling,« sagte sie und küßte ihn. Dann fuhren sie ab. Es war eine stille Mondnacht, nur einzelne weiße Wölkchen zogen über den Himmel dahin, und die beiden jungen Frauen saßen schweigend da, in den Anblick des nächtlichen Himmels versunken. Arlette wurde immer melancholischer, zum erstenmal in ihrem Leben gestand sie sich rückhaltslos ein, daß sie sich vor sich selber schämte. Voller Neid blickte sie auf Martine, die so klar und mutig ihren Weg gesucht und gefunden hatte. – »Wie muß sie mich im Grunde verachten, uns alle, denn die andern in meiner Umgebung sind um nichts besser wie ich, außer Jérôme und den kleinen d'Avigres.« In ihrem Kreise, in Made's Bande, pflegte man lächelnd und in scherzendem Ton alle möglichen Geschichten zu erzählen, die mehr oder minder das Verbrechen streiften; hier hatte eine Frau ihren Mann beiseite zu schaffen gewußt – dort hegte ein Bruder unerlaubte Gefühle für seine Schwester – jener Haushalt bestand auf Kosten eines Onkels, den man in flagranti erwischt hatte. Und bei der Bande gehörte es zum guten Ton, sich über nichts zu entrüsten. Hatte sie selbst, Arlette, nicht auch eine Zeitlang daran gedacht, sich durch ein Verbrechen ihrer schwierigen Lage zu entreißen. »Martine,« sagte sie plötzlich. »Hoheit.« »Ich habe mich heute nachmittag sehr glücklich gefühlt. Dein kleiner Pierre ist entzückend. Ah, du hast das Rechte gefunden – wenn man solch einen kleinen Tröster hat, kann man sich mit dem Schicksal abfinden.« »Ja,« erwiderte Martine, »Hoheit werden bald selbst fühlen, wie schön es ist – diese kleinen Wesen erfüllen unser Leben ja schon, ehe sie zur Welt kommen. Und wenn sie erst geboren sind, ist alles wie umgewandelt.« Der Wagen rollte jetzt durch das Bois de Boulogne, man begegnete nur noch einzelnen Fiakern oder Automobils. »Ach, Martine,« sagte die Fürstin leise – »ich will ja mit Freuden Mutter werden. Aber es hängt ja nicht allein von mir ab. Wenn der Fürst es erfährt. O, ich habe solche Angst.« Und wie hilfesuchend, wie ein Kind schmiegte sie sich an Martine, die vergebens nach einem tröstenden Wort suchte. »Vielleicht, wenn Hoheit zu Ihrer Mutter gingen. Eine Mutter muß alles begreifen.« Arlette schüttelte den Kopf. »Nein, meine Mutter ist nicht wie andre. Sie würde nichts mehr von mir wissen wollen und eher noch mit dem Fürsten gemeinsame Sache gegen mich machen. Der Fürst ist mein Mann und kann mich zwingen, in seinem Hause zu leben. Oder sie würden zusammen irgend etwas Schreckliches aushecken, um den Skandal zu vermeiden. Wenn sie mich nicht umbringen, so stecken sie mich vielleicht in eine Irrenanstalt. Mein Gott, ich fürchte mich so.« »Hoheit sollten einmal mit Monsieur de Péfaut reden,« meinte Martine. »Mit Jérôme? wie kommst du darauf?« »Er ist so gut, und ich glaube, er ist Hoheit viel mehr zugetan, wie Sie wissen. Ich bin ein einfaches Mädchen und weiß keinen Rat, aber der Herr Graf ist ein gescheiter Mann, der die Welt kennt und Einfluß genug hat, um jemanden, den er lieb hat, zu schützen.« »Ja,« sagte Arlette, »aber Jérôme wird vielleicht denken – –« »Ja, was würde er wohl denken – und was änderte das an der Sache. Es gibt Stunden der Verzweiflung, wo alles besser ist wie untätiges Abwarten.« »Martine, laß uns gleich zu ihm gehen,« sagte sie plötzlich. »Um diese Zeit?« »Es ist noch nicht sieben und er ist sicher zu Hause.« »Hoheit haben recht. Wir wollen gleich hin und dann werden Hoheit wenigstens eine ruhigere Nacht haben.« Martine beugte sich vor und sagte dem Chauffeur die Adresse des Grafen, Rue de l'Université 146. »Ich werde mehr Mut haben, wenn du mich begleitest,« sagte Arlette. »Hoheit brauchen gar nicht besonders viel Mut. Der Herr Graf wird sich nur freuen, wenn Sie zu ihm kommen und er Ihnen helfen kann. Ich bin überzeugt, daß er Ihr bester Freund ist, das ist nicht schwer zu sehen.« »Sollte er mich wirklich so gerne haben?« dachte Arlette. Es war ihr immer ein wenig so vorgekommen, als ob er zu der älteren Generation gehörte und sie hätte nie gedacht, daß er etwas andres in ihr sehen könnte, wie eine etwas leichtsinnige Kameradin, mit der man sich amüsierte. Wieder schwiegen beide, während das Gefährt die Avenue du Bois entlang rollte und sich den Champs Elysées zuwandte. Dritter Teil Es war etwas über halb neun Uhr als Arlette an Jérômes Wohnung läutete. Ein uralter Diener, der auf einem Bein hinkte und es mühsam nachschleppte, öffnete die Tür. Obgleich er Arlette seit Jahren nicht gesehen hatte, erkannte er sie sofort: »Der Herr Graf empfängt um diese Zeit niemand mehr, er hat schon zu Abend gegessen und ist in seinem Laboratorium. Aber für Hoheit wird er sicher zu sprechen sein. Wollen Hoheit gütigst eintreten.« Er beschleunigte seine Schritte nach Kräften und ging voran, ihr die Salontür zu öffnen. In dem großen, dreifenstrigen Raum war alles unverändert geblieben, seit Jérômes Mutter als jungverheiratete Frau es eingerichtet hatte. »Hoheit haben sich hier lange nicht sehen lassen,« sagte der Alte, »der Herr Graf wird sich sehr freuen.« Arlette gab keine Antwort, es bewegte sie tief, diese Umgebung wiederzusehen, in der sie als Kind so oft ihre Osterferien zugebracht hatte. Dort in der Kaminecke stand der große Lehnstuhl, in dem Madame de Péfaut jeden Abend gesessen und unermüdlich historische Memoiren gelesen hatte. Sie sah die alte Dame vor sich mit ihrem schlicht gescheitelten Haar, ihrem schildplattnen Lorgnon und den feinen, von der Gicht leicht gekrümmten Händen. Obgleich der Salon jetzt elektrisch erleuchtet war, stand die dickbäuchige alte Öllampe, die sie immer gebraucht hatte, noch an ihrem Platz. »Wie melancholisch ist das alles,« dachte Arlette, »und früher bin ich hier so glücklich gewesen. Sie war eine so wundervolle Frau, meine Tante – ah, wenn ich sie zur Mutter gehabt hatte.« Sie empfand etwas wie Groll gegen das Schicksal. Es wäre besser gewesen, eine Waise zu sein, als eine Mutter zu haben, wie die ihre. »Bah, Jérômes Mutter war eine Heilige und doch ist sein Leben ein verfehltes gewesen. Was hat er erreicht von alledem, was er wollte. Er ist auch nicht glücklich. Nein, das Leben ist schlimm.« Martinens Worte fielen ihr wieder ein. »Ich glaube beinah, sie wollte damit sagen, daß er mich liebte – was für ein Unsinn. Jérôme liebt überhaupt niemanden. Er verliebt – und noch dazu in mich, das wäre einfach komisch.« Während sie noch diesen Gedanken nachhing, ging die Tür auf, und er kam herein. Über seinem Anzug trug er einen Arbeitskittel von grauer Leinwand, und in der Hand hatte er einen kleinen Glasstab, wie ihn die Chemiker gebrauchen. So kam er auf Arlette zu und drückte ihr die Hand: »Nun, was gibt's denn? Hoffentlich nichts Schlimmes.« Die Bewegung, die aus seinem sonst so kühlen Gesicht sprach, rührte sie, und sie erwiderte seinen Händedruck sehr herzlich. »Ich möchte dich nur um einen Rat bitten, Jérôme, weiter nichts.« »So – ich weiß nicht warum, aber ich hatte Angst, es wäre irgend etwas passiert, weil du plötzlich so spät noch herkommst.« Er legte den Glasstab auf ein Tischchen und setzte sich neben sie. »Ist dein Mann auch wieder in Paris?« »Ja, er ist schon einen Tag vor mir gekommen. Aber ich habe ihn noch nicht gesehen, er hat nicht zu Hause gegessen und gestern nacht, wie ich hörte, im Klub geschlafen. – Sag Jérôme, sind wir allein?« »Absolut.« Sie suchte nach einer Einleitung für ihre Beichte, konnte aber nicht das rechte Wort finden. Schließlich sagte sie ganz leise: »Jérôme, ich bin in einer verzweifelten Lage.« Unwillkürlich preßte sie die Hand gegen ihre Stirn, es wäre ihr lieber gewesen, im Dunkeln mit ihm zu sprechen, so daß er ihr Gesicht und sie seines nicht sehen konnte. Er rückte seinen Stuhl näher heran und sagte selber ganz erregt: »Liebe Arlette, du kannst ganz über mich verfügen, das weißt du.« Damit nahm er ihr sanft die Hand vom Gesicht und behielt sie in der seinen. »Du darfst keine Angst haben, dich einem Freunde wie mir anzuvertrauen, ich wünsche nichts mehr, wie dir helfen zu können. Sag mir, um was es sich handelt.« »Ich kann nicht,« murmelte sie – nein, ich gewinne es nicht über mich, davon zu sprechen.« Es entstand eine Pause, Arlettens Blick schweifte halb abwesend durch den Salon, und plötzliche Erinnerungen stiegen vor ihr auf: das Heft mit Schumannliedern auf dem Klavier – und dort das Sofa, wo sie als Kind eines Abends eingeschlafen war, mit dem Kopf auf Jérômes Schoß. – Dann sagte er ganz unvermittelt: »Arlette, du brauchst es mir nicht erst zu sagen, ich habe es schon erraten.« Sie fuhr in die Höhe, erschrocken und doch erleichtert. »Erraten?« »Ich habe es mir gedacht seit jenem Nachmittag, als wir zusammen von La Fauconnière zurückkamen, du tatest damals, als ob du von deinem Mädchen sprächest. Aber deine Unruhe und Nervosität brachte mich auf den Gedanken, daß es sich um dich selber handelte. Bist du völlig sicher über deinen Zustand?« »Ich habe lange hin und her geschwankt zwischen Verzweiflung und Ungewißheit. Ich dachte, du als Arzt könntest es am besten feststellen – wenn du willst. Mit aus diesem Grunde bin ich gekommen.« Jérôme überlegte einen Augenblick: »Du wirst begreifen, daß es mir etwas peinlich ist, dir gegenüber den Arzt zu spielen – – –« »Ja, mir geht es ebenso,« sagte sie mit glühendem Gesicht, »ich schäme mich entsetzlich. Aber es muß sein.« »Gut,« antwortete Jérôme, »ich will dich gleich gründlich untersuchen,« dabei deutete er auf eine Chaiselongue und sie legte sich nieder. Die Untersuchung dauerte kaum eine Minute. Arlette hatte sich wieder aufgerichtet. »Nun?« fragte sie und ein letzter, schwacher Hoffnungsschimmer regte sich in ihr. »Ja, es ist kein Zweifel möglich. Die Herztöne deines Kindes sind deutlich wahrnehmbar, und das ist ein untrügliches Zeichen.« Die Gewißheit traf sie nicht so zermalmend, wie sie gedacht hatte. »Dein Kind,« dieses Wort, das sie zum erstenmal hörte, durchströmte sie mit einem seltsam wonnigen Gefühl. Sie wiederholte es still für sich: »Mein Kind,« und ihr wurde so friedlich zumut, wie schon lange nicht. »Die Schwangerschaft datiert ungefähr seit vier Monaten,« sagte Jérôme. »Ja, das stimmt mit meiner Berechnung.« »Und was gedenkst du jetzt zu tun?« »Ich weiß nicht, – ich weiß nichts mehr. Anfangs dachte ich daran, mich auf irgend eine Weise davon zu befreien – – das hast du dir damals in Taschouères wohl auch gedacht.« »Und hast du darauf jetzt verzichtet?« fragte er beinah ängstlich. »Ja, es ist zu abscheulich. Was du mir damals sagtest, hat mir zuerst einen heilsamen Schrecken davor eingeflößt. Und dann habe ich ein solches Beispiel von heroischer Mutterschaft vor Augen – – eben diese Martine – –« »Hat sie ein Kind?« »Ja, und sie sorgt mit rührender Hingabe dafür, so daß ich mich meiner Feigheit geschämt habe.« »Ich wußte es doch, daß dein Herz im Grunde unverdorben ist.« »Ach, aber ich bin doch nicht viel wert,« rief Arlette, und ihre Augen brannten wie im Fieber. »Es war zum Teil auch Feigheit, daß ich darauf verzichtete. Ich weiß es selber nicht. Aber ich habe etwas weit Schlimmeres und Schmachvolleres getan, ich wollte meinen Mann wiedergewinnen – um ihn zu täuschen. Er hat mich dann auch behandelt, wie ich es verdiente, und seit jener Nacht schäme ich mich geradezu meines Körpers – so sehr, daß ich es mir beinah als Wohltat denke, mich meinem Mann auszuliefern. Mag er mich niederschlagen, dann ist wenigstens alles vorbei.« Sie ließ die Hände auf die Knie sinken und saß ganz gebeugt da, die Augen zu Boden geheftet. »Es wird wohl nichts andres übrig bleiben wie die Flucht. Ich habe eine kleine Rente von zweitausendfünfhundert Francs, die mir niemand nehmen kann. Damit kann ich leben, Martine wird bei mir bleiben und mir helfen. Ich habe nur Angst davor, daß mein Mann mich zwingen kann, zurückzukehren.« »Das wird er auch sicher tun, wenn du, ohne einen Grund anzugeben, fortgehst. Aber solltest du nicht lieber versuchen, seine Verzeihung zu erlangen und daß er das Kind legitimiert. »Ich halte das nicht für ganz unmöglich, wenn er einen Schimmer von Vernunft behält wird er sich sagen, daß das die beste Lösung wäre und auch in seinem Interesse liegt.« »Mir liegt nichts daran, daß das Kind den Namen Ermingen trägt, den ich hasse.« »Ja, aber für das Kind wäre es dennoch am besten, und du bist verantwortlich für sein Wohl. Du bist ihm wenigstens schuldig, den Versuch zu machen. Glaube nur, daß ich das nicht unüberlegt sage, seit dem Nachmittag in Taschouères habe ich viel darüber nachgedacht.« Arlette überlegte einen Augenblick. »Lassen wir die Sache lieber gehen, bis er es selbst bemerkt.« »Nein, du mußt ihm zuvorkommen.« »Aber er wird mich nicht einmal ausreden lassen, mich ohne weiteres umbringen.« »Das glaube ich nicht,« sagte Jérôme, »in dem Mut zur Wahrheit liegt so viel überzeugende Kraft.« Er fühlte wohl, daß Arlette sich innerlich gegen diesen Entschluß auflehnte und fügte hinzu: »Glaube mir nur, es fällt mir nicht leicht, dir das zu raten. Aber ich müßte dich und mich selbst belügen, wenn ich es nicht täte.« Sie fühlte seine Bewegung, wenn er sie auch unter möglichst einfachen Worten zu verbergen suchte, und das rührte sie tief. »Jérôme,« flehte sie, »könntest du mir nicht diese Demütigung und die Gefahr eines solchen Geständnisses ersparen? Geh du zu Christian und sag ihm alles.« »Wenn du es von mir verlangst, würde ich es tun. Aber du mußt selbst fühlen, das es unvorsichtig wäre, eine Mittelsperson zwischen euch zu stellen. Um seine Angst vor einem Skandal zu beschwichtigen, muß es den Anschein haben, als ob niemand darum wüßte.« »Aber selbst wenn er bereit wäre, das Kind anzuerkennen,« sagte Arlette – »stell dir vor, was für ein Zusammenleben es zwischen uns sein würde.« »Doch kaum schlimmer wie vorher. Ihr würdet jeder für sich leben, brauchtet kaum miteinander zu sprechen. Das könntet ihr doch alles einrichten, wie ihr wollt, und wie es der Selbstachtung des Einzelnen entspricht. Das Wort Selbstachtung erweckte in Arlette die Vorstellung eines ganz andern Lebens, als sie es bisher geführt hatte. Ja, sie wollte ein neues Dasein beginnen, rein von aller Schmach und von allen den beschämenden Kompromissen, aus die sie bisher eingegangen war. »Du hast recht, Jérôme, mein bisheriges Leben ist nicht wert, daß ich es weiter lebe.« »Du mußt es schwer büßen,« sagte er und nahm ihre Hand, »schwerer, als alle die armseligen Freuden, die es dir brachte, wert waren.« »Du bist so gut gegen mich, Jérôme, es kommt mir vor, als ob du mir heute so viel Wahres und Bedeutungsvolles gesagt hättest. Warum hast du das nicht schon manchmal früher getan, vielleicht wäre es dann nie so weit gekommen.« »Früher – aber wann meinst du?« »Nun damals, wenn ich bei euch war, als deine Mutter noch lebte.« Sie sahen sich an, dann wurden beide plötzlich verlegen, und ihre Blicke wichen sich aus. »Gedacht habe ich manchmal daran,« sagte Jérôme etwas verwirrt, »aber du warst noch so jung, und dein ganzes Wesen hatte etwas so Unschuldiges, Unberührtes, daß meine Mutter und ich uns mehr wie einmal sagten: »man soll ihre Seelenruhe nicht stören, sie ist vollkommen, so wie sie ist.« »Ja, sagte Arlette fast unhörbar, »damals war ich ein völlig unschuldiges Kind,« und sie seufzte schmerzlich in dem Gedanken an jene längst vergangene Zeit.« »Du mußt auch bedenken,« meinte Jérôme, »daß jede Einmischung in deine Erziehung gewissermaßen eine Kritik deiner Mutter bedeutet hätte. Und dazu fühlten wir uns nicht berechtigt. Aber du weißt, wie lieb wir dich von jeher hatten.« »Ich auch, Jérôme, ich hatte deine Mutter sehr lieb und fühlte mich immer so glücklich hier. Ach, warum habt Ihr mich nicht bei euch behalten,« fügte sie unwillkürlich hinzu. Sie hatte das nur so gesagt, ohne etwas Bestimmtes damit zu meinen, es wäre auch schwer gewesen, näher anzugeben, wie Jérôme und seine Mutter das hätten anfangen sollen. Aber Jérôme wurde so verwirrt, daß sie es bereute, so gesprochen zu haben. So entstand ein etwas verlegenes Stillschweigen zwischen ihnen, beide suchten etwas zu sagen, aber es wollte ihnen nichts einfallen. »Laß mich dir noch einmal recht herzlich danken, Jérôme,« sagte Arlette endlich, »und dann muß ich nach Hause.« »Willst du heute abend noch mit ihm sprechen?« »Sobald es geht – ist das nicht am besten?« »Erst habe ich dich dazu überredet und jetzt fange ich an, mich um dich zu ängstigen,« sagte er. »Dieser Christian ist ja wirklich eine Art wildes Tier.« »Was liegt daran?« sagte Arlette, und er fühlte aus ihrem Ton, aus der ganzen verzweifelnden Entschlossenheit, die sie erfüllte, daß sie diese Unterredung mit ihrem Mann wie eine Art Selbstmord betrachtete. »Wo liegt da die Wahrheit?« fragte er sich, »bin ich denn so sicher über das, was das Leben von uns verlangt, daß ich andern Vorschriften machen darf!« Sie verließen den Salon und gingen über den Flur, der zu einer Art Wintergarten eingerichtet war, Arlette betrachtete alles, die Bilder und Pflanzen. »Es ist alles noch ebenso, als wie ich zum letztenmal hier war,« murmelte sie, – »übrigens ist es erst vier Jahre her. Aber was haben diese vier Jahre alles mit sich gebracht, meine alte Freundin lebt nicht mehr, und ich bin unglücklich und einsam – mein Gott, so einsam!« Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und Jérôme faßte tiefbewegt ihre beiden Hände. »In unsren Kreisen steht fast jeder für sich allein,« sagte er, »sieh dich nur einmal um. Das trauliche Zusammenleben und Zusammenhalten ist ein Privilegium der einfachen Leute.« »Ja, das ist wahr.« Er half ihr den Mantel umlegen und drückte ihr, sichtlich erregt, die Hand zum Abschied. »Leb wohl, Jérôme.« »Und laß mich alles wissen, was geschieht.« – Dann sah er sie die Treppe hinabgehen. Martine erwartete sie unten im Wagen, der jetzt der Seine zulenkte. »Nun?« fragte sie gespannt, sobald ihre Herrin Platz genommen hatte. »Mein Vetter meint, ich soll mit dem Fürsten sprechen.« »Und ihm alles sagen.« »Ja.« »O Hoheit,« rief Martine mit gerungenen Händen, »aber dann lassen Sie mich in Ihrer Nähe bleiben, ich beschwöre Sie. Verstecken Sie mich in dem Zimmer, wo Sie mit ihm sprechen.« Arlette lächelte gerührt und gab keine Antwort, sie fühlte sich unsagbar erschöpft. Und doch hatte die Unterredung mit Jérôme ihr eine große Erleichterung gewährt, vor allem hatte sie jetzt das klare Gefühl, daß sie erst Ruhe finden würde, wenn sie ihrem Mann die volle Wahrheit gesagt und die Folgen ihres Geständnisses auf sich genommen hatte. Zu Hause angekommen, warf sie sich auf die Chaiselongue in ihrem Toilettezimmer. Martine bereitete ihr das einzige Gericht, das sie ohne Widerwillen zu sich nehmen konnte, ein geschlagenes Eigelb in schwarzem Kaffee. Plötzlich rief sie nach ihr: »Martine.« Sie kam gleich herbeigeeilt. »Martine,« sagte die Fürstin, »ich habe eben ein ganz seltsames Gefühl gehabt, als ob etwas in meinem Innern sich bewegt hätte. Ist das das Kind?« »Ja, Hoheit!« Nicht wahr, es ist ein schönes und zugleich schmerzliches Gefühl?« Arlette nickte, Martine hatte ihre Hand gefaßt und küßte sie, dann flüsterte sie: »Möge Gott es segnen.« Arlette hätte am liebsten gleich heute noch den Fürsten aufgesucht. Sie hatte Angst, daß ihre Kraft nachlassen würde, wenn ihre jetzige Erregung sich wieder gelegt hatte. Aber er war nach St. Claire zur Jagd gefahren. Während dieser Tage, die sie in fieberhafter Erwartung zubrachte, blieb Arlette im Bett liegen und ließ sich von Martine pflegen. Sie fühlte sich körperlich wie zerschlagen, aber ihre Gedanken arbeiteten um so angestrengter. Das leise Pochen in ihrem Innern, das jetzt von Zeit zu Zeit wiederkehrte, erinnerte sie immer wieder daran, daß sie Mutter werden sollte, und bei diesem Gedanken durchströmte sie ein nie geahntes Gefühl von neuer Lebenswärme. Und jetzt lehnte sie sich nicht mehr dagegen auf, es gab für sie nur noch die eine Lösung, die Jérôme ihr geraten hatte; und mochte sie ihr noch so schwer fallen. Ihrem Mann gegenüber vermochte sie sich noch nicht schuldig zu fühlen. »Er ist mir nie ein Gatte gewesen, hat mich ohne weiteres aufgeopfert.« Alle ihre Gedanken konzentrierten sich auf das Kind, auf dieses Kind, das die Ursache aller ihrer Angst und auch aller ihrer jetzigen Energie war, und sie mußte sich sagen: »Was ich auch tun mag, das Kind wird um meinetwillen zu leiden haben.« Selbst wenn Christian ihr nicht das Leben nahm, er und das Kind würden sich immer feindlich gegenüberstehen, und unter welchen Verhältnissen würde es heranwachsen: Entbehrungen, Schwierigkeiten, vielleicht auch Gefahren. Das war ihre Schuld, und sie schwor sich, es wieder an ihm gut zu machen, soweit es in ihren Kräften stand, »ich werde für es tun, was ich kann und keinen Schritt weichen, wo es sich um seine Sicherheit und sein Glück handelt.« Und doch hörte die Angst nicht auf, sie zu martern. Wenn Christian ihr etwas antäte? Ihre jugendliche Lebenskraft bäumte sich auf gegen den Gedanken, zu sterben, aber diese Möglichkeit eines plötzlichen Todes, die sie wohl oder übel ins Auge fassen mußte, trug auch zu ihrer moralischen Erneuerung bei. Plötzlich ließ sich das gedämpfte Klingeln des Telephons vernehmen, Martine legte rasch ihre Arbeit beiseite und ging ins Nebenzimmer. Gleich darauf kam sie wieder: »Madame de Guivre läßt sagen, daß sie von Rouen zurück sei und sich persönlich nach Ihrem Befinden erkundigen möchte.« »Jetzt?« »Ja, sie wird gleich hier sein, der Diener hat telephoniert. Wollen Hoheit sie empfangen?« »Ja,« sagte Arlette nach kurzem Nachdenken. Madeleine hatte seit ihrer Abreise von Taschouères weder Arlette noch Christian gesprochen. Christian war zur Jagd in St. Clair und bekam jeden Tag einen Brief oder ein Telegramm von ihr. Es entsprach der Wahrheit, daß sie erst heute morgen in ihre Wohnung zurückgekehrt war, ebenso, daß sie die ganze Zeit in Rouen gewesen war, mit Ausnahme jenes einen Tages, wo Rémi sie besucht hatte. Aber sie war nicht ganz beruhigt nach Paris zurückgekommen, Christians Briefe kamen ihr etwas mysteriös vor. Selbstverständlich erwähnte er nichts von jenem Tage, den er selbst in Paris zugebracht, aber er hatte ihr von jener Szene mit Arlette in Taschouères erzählt, den wahren Ausgang jedoch verschwiegen. Wie jeden Mann, verlangte ihn danach, ihr zu beweisen, daß er auch noch andre Frauen erobern könne. Sollte Arlette eifersüchtig geworden sein – auf Christian oder auf Rémi? Sollte sie ihm etwas gesagt haben? Das mußte sie wissen, mußte Arlette im Gespräch sondieren, ehe sie Christian wieder sah, der heute abend zurückkommen wollte. Munter und graziös trat sie bei Arlette ein, in ihren langen Pelzmantel gehüllt. Arlette zuckte fast unmerklich zusammen, als sie sich über sie beugte und einen Kuß auf ihre Haare drückte. »Ach, Liebste, ich hab mich so danach gesehnt, dich wiederzusehen, besonders seit ich hörte, daß du leidend wärest. Ich habe in Rouen alles stehen und liegen lassen, um rasch herzukommen. Aber ich hoffe, dir fehlt nichts Ernstliches?« Sie hielt Arlettens schmale Hand in der ihren und blickte sie anscheinend besorgt an. »Nein, nein, nichts Ernstliches,« sagte Arlette. »Der Arzt behauptet, es sei nur Neurasthenie, und ich weiß selber nicht recht, was mir fehlt. Ich mag nicht essen und mich nicht bewegen und schlafe schlecht. Aber heute ist mir schon etwas besser.« Madeleine ließ sich von Martine den Pelz abnehmen, setzte sich neben das Bett und fing an, von allem möglichen zu plaudern, von ihrer Reise, von Toiletten, die sie sich bestellt hatte, und von den neusten Plänen der »Bande«. Dann fragte sie leichthin: »Hast du Nachricht vom Fürsten, und ist er noch in St. Clair?« »Ich habe ihn seit Taschouères nicht gesehen,« antwortete Arlette, »aber sein Diener hat Martine gesagt, er käme heute abend.« »Dies dumme Ding scheint wirklich nichts zu wissen,« dachte Madame de Guivre und fuhr fort zu schwatzen, dabei war sie äußerst liebenswürdig und verhätschelte Arlette wie ein krankes Kind. Die Fürstin hörte alles mit an, als spräche man in einer fremden Sprache zu ihr, die sie früher einmal verstanden, aber wieder vergessen hatte, und dabei dachte sie: »Vor und nach meiner Heirat ist sie die Geliebte meines Mannes gewesen – und jetzt die Geliebte eines andern, der nicht mein Gatte ist und von dem ich mich Mutter fühle. Wir beide wissen ungefähr alles voneinander, und sie nennt sich meine beste Freundin, und ich lasse sie ruhig so sprechen. – Und da sitzt sie an meinem Bett, um mich zu pflegen und aufzuheitern, wie sie sagt – –« Ihr kam das alles so unwahrscheinlich vor, wie in einem jener Träume, wo das Bewußtsein bis zu einem gewissen Grade wach ist und man selbst fühlt: Das ist ja alles nicht wahr, und wenn ich aufwache, ist es vorbei. »Und doch war dieser böse Traum die Wirklichkeit, in der ich lebte,« dachte sie. Dabei antwortete sie ganz mechanisch auf Madeleines Fragen: »Wann denkst du denn aufzustehen, Liebste?« »Ich weiß selbst nicht – morgen vielleicht.« »Darfst du denn ausgehen?« »Der Doktor hat es mir nicht verboten, ich bin nur selber zu faul.« »Dann tu mir doch den Gefallen und bleib noch bis morgen abend liegen, um dich zu schonen, und dann stehst du auf, und ich hole dich zum Diner ab. Die ganze ›Bande‹ trifft sich morgen im Restaurant Kieffer und geht dann in die Bouffes, um eine neue Operette anzuhören.« »Amüsant?« »Ach, natürlich lauter Blödsinn. Aber es wird dir gut tun und dich nicht zu sehr angreifen.« Dann stand sie auf und sah Arlette lächelnd an. »Ich begreife, daß du dich so gefällst, Kind – du siehst entzückend aus mit deinem halbaufgelösten Goldhaar. Die Bettruhe hat dir auch gut getan, du hast viel mehr Farbe. – Martine, bitte, meinen Mantel. Also schone dich recht, daß du morgen mitkannst.« Sie beugte sich über Arlette und küßte sie flüchtig auf die Wange. »Also abgemacht.« »Ja, ja.« Als sie dann ging, lag Arlette schweigend da und dachte nach. Sie fühlte keinen Haß gegen Madeleine, sondern nur, daß auch das Band gesellschaftlicher Sympathie, daß sie miteinander verknüpfte, sich immer mehr lockerte. Als sie Madeleines schöne, hohe Gestalt in der Tür verschwinden sah, sagte ihr jenes Ahnungsvermögen, welches manchmal großen Krisen vorangeht, daß Madeleine jetzt auch aus ihrem Leben für immer verschwinden würde. Madame de Guivre begab sich von diesem Besuch direkt nach Hause, über den Hauptpunkt war sie jetzt beruhigt. Gegen fünf Uhr ließ sich der Fürst bei ihr melden. Madeleine ließ ihn etwa eine Viertelstunde warten und empfing ihn dann ziemlich frostig. Natürlich kam es bald zu der unvermeidlichen Aussprache. Madeleine teilte ihm mit, daß sie von seiner Spionage unterrichtet sei; ihr Mädchen und verschiedene Leute aus der Nachbarschaft, die ihn von Ansehen kannten, hatten ihn beobachtet. Sie übertrieb ihre Entrüstung: »Ich will nicht so überwacht werden und kann es nicht leiden, wenn man so mißtrauisch gegen mich ist. Wir stehen uns völlig frei gegenüber. Wenn es so weitergeht, ist es besser, wir brechen alles ab.« Manches Mal früher, wenn sie solche Worte sagte hatte er sich ihr zu Füßen geworfen und geweint wie ein Kind. Aber diesmal stand er mit ernsthaftem Gesicht da und schwieg. »Hast du mich verstanden, Christian?« wiederholte sie. »Gewiß, ich habe dir unrecht getan und bitte um Entschuldigung. Aber ich glaube, kein Mann ist sicher vor solchen Torheiten, wenn er so liebt, wie ich dich liebe. Ich begreife aber, daß du dich verletzt fühlst und bitte noch einmal, verzeih es mir.« Dabei blickte er sie so fest an, daß sie sich beinah fürchtete und nichts mehr sagte. In seinen Augen hatte sie etwas von jener drohenden Mordlust aufflammen sehen, die sie schon mehr wie einmal erschreckt hatte. Rémis Bild, wie er blutend und entstellt vor ihr lag, verfolgte sie schon nächtelang im Traum. Und auch dieses Mal versuchte sie Christian zu entwaffnen und ließ ihn wieder in seine Rechte eintreten. Er war sichtlich froh, daß sie ihm verziehen hatte, aber es fiel ihr auf, daß eine gewisse Unruhe in ihm zurückblieb. Und das ängstigte sie unsagbar. »Was hat er nur,« dachte sie, »worüber sinnt er nach?« Die Angst um Rémi trieb sie an, mit einer beinah exaltierten Hingabe seinem Begehren zu willfahren. – Christian blieb zum Essen und verließ sie erst um Mitternacht. Er war jetzt wieder ruhig und heiter geworden: »Wenn eine Frau sich so hingibt, kann sie nicht lügen,« dachte er, und sein Argwohn war wieder völlig geschwunden. Mit raschen elastischen Schritten begab er sich nach dem Park Monceau in seinen Klub, wo er seine Bekannten beim Jeu traf. Er beteiligte sich und gewann fast unaufhörlich, so daß er zum Schluß seinen Gewinn auf etwa 60 000 Franks beziffern konnte. Als er sich auf den Heimweg machte, war ihm zumute, als hätte er sich um zwanzig Jahre verjüngt; seine Erfolge als Liebhaber erfüllten ihn mit Stolz und Freude, er fühlte Kraft und Selbstvertrauen genug in sich, um noch auf weitere Abenteuer auszugehen und sprach ein hübsches Mädchen an, das gerade vorbeikam. Seine stattliche, elegante Erscheinung schien Eindruck auf sie zu machen, sie gab ihm ihre Adresse und bestimmte ein Rendezvous. Die Adresse hatte er ein paar Schritte weiter schon wieder vergessen; aber dies kleine Intermezzo tat seiner Eitelkeit wohl, und wie jedem Mann, der die Vierzig überschritten hat, gewährte es ihm eine innere Genugtuung, zu fühlen, daß er immer noch jung und elastisch war. Zu Hause angelangt, fand er den Vorplatz erhellt und den Diener auf einer Bank eingeschlafen. Er fuhr rasch in die Höhe, als Christian ihn mit seinem Spazierstock berührte. Während er ihm den Überzieher ablegen half, sagte er: »Auf dem Tisch im Arbeitszimmer liegt ein Billett von der gnädigen Frau, das sie Hoheit gleich zu lesen bittet.« »Was mag sie nur wollen?« dachte Christian, »vielleicht die Szene von neulich abend weiter fortsetzen. Und warum denn nicht?« Er war heute nacht so gut aufgelegt, daß ihm der Gedanke an eine freundlichere Gestaltung seines Ehelebens gar nicht unsympathisch erschien. Madeleine hatte heute wiederholt von Arlette gesprochen, in einem Ton, der etwas wie Angst durchblicken ließ. Das führte ihn irre, er hielt es für Eifersucht und lächelte bei dem Gedanken, sich auf diese Weise für die Qualen zu rächen, die seine Maitresse ihm letzthin bereitet hatte. So ging er in sein Arbeitszimmer, wo der Diener inzwischen rasch das elektrische Licht angezündet hatte. Der Brief lag auf dem Tisch und er machte ihn gleich auf: »Ich wäre dir sehr dankbar, Christian, wenn ich dich heute abend noch sprechen könnte, einerlei, wie spät es ist. Ich erwarte dich in dem kleinen Salon neben meinem Schlafzimmer. Arlette.« Die Kürze des Billetts und der ganze Ton ließ ihn ahnen, daß es sich um etwas Ernstes handle. Er dachte einen Augenblick nach und schwankte zwischen zwei Hypothesen: eine Kaprice von Arlette oder – was weniger schmeichelhaft gewesen wäre – sie hatte Schulden zu beichten. »Es ist schon gut, Urban,« sagte er zu dem Diener, »du kannst schlafen gehen.« Das Arbeitskabinett war durch zwei große Salons und den Eßsaal von den Zimmern seiner Frau getrennt. Sämtliche Räume gingen nach der andern Seite auf eine lange Galerie hinaus, die als Antichambre diente. Christian überlegte einen Moment, ob er durch den Salon oder die Galerie gehen sollte. Das erstere erschien ihm bei der ganzen Art ihrer Beziehungen zu intim, und so wählte er die Galerie. Trotzdem war er überzeugt, daß Arlette ihm ein Rendezvous geben wollte, und seine Vermutung bestärkte sich, als in der halboffenen Tür ihres Boudoirs eine weibliche Gestalt erschien. Erst als er näher kam, erkannte er Martine. »Hoheit lassen bitten, sie hier zu erwarten.« Es entging ihm nicht, daß sie äußerst verwirrt und erregt schien. »Aha, ihre Helfershelferin und Vertraute,« dachte er. Seine Sinnlichkeit, die Madeleines Umarmungen heute nicht zu stillen vermocht hatten, regte sich, und ein Zittern durchlief seinen Körper in dem Gedanken, daß Arlette gleich erscheinen würde. Martine war wieder hinausgegangen, und es vergingen ein paar Minuten. Im Nebenzimmer hörte er Geflüster und dann etwas wie unterdrücktes Schluchzen, es klang fast wie ein leiser Aufschrei. Einen Augenblick später erschien Arlette in einem schwarzen, enggeschlossenen Kleid. Christian wunderte sich darüber, er hatte erwartet, sie wie damals halbnackt in irgendeinem durchsichtigen Negligé zu sehen. Sie reichte ihm die Hand und sagte in ruhigem Ton: »Verzeih, Christian, daß ich dich noch so spät belästige.« Er behielt ihre Hand in der seinen, obwohl er fühlte, daß sie sich ihm zu entwinden versuchte. »Im Gegenteil, ich habe mich zu entschuldigen, daß du so lange hast warten müssen. Ich war noch im Klub und hab mich zu einer hitzigen Partie verleiten lassen, die sich bis um ein Uhr hingezogen hat. Dabei habe ich unverschämt gewonnen, gegen 60 000 Franks.« Sie standen sich gegenüber und beobachteten sich. Arlette las das sinnliche Verlangen in seinen, noch vom Wein glänzenden Augen, und er seinerseits wunderte sich über ihren ernsten Ausdruck. Es war ihm peinlich und er ärgerte sich darüber; wieder kam ihm der Gedanke, daß sie Schulden habe und sie nicht einzugestehen wagte. Aber im Gefühl seines fabelhaften Gewinnes von heute abend kam ihm das so nebensächlich und gleichgültig vor. Er trat hinter sie und sagte leise, in zärtlichem Ton: »Du siehst entzückend aus heute, aber warum plagst du dich damit, mitten in der Nacht dein Korsett und ein so festgeschlossenes Kleid anzubehalten?« Seine schönen, kräftigen Hände legten sich um ihre Taille, sie entwand sich ihm leise und ohne Heftigkeit, so daß Christian es für Koketterie hielt und weiter in sie drang. »Ich bin neulich nicht sehr galant gewesen,« sagte er, »aber ich war müde und nervös. Laß mich es heute wieder gut machen.« Er hielt sie umschlungen und seine Lippen suchten die ihren. Arlette sträubte sich, aber nicht in wildem Abscheu, wie sie sich vorher im Gedanken an diese Szene ausgemalt hatte, es machte sie nur ungeduldig und nervös, was hatten diese Frivolitäten mit allen ihren schweren Sorgen zu tun? »Christian, ich bitte dich,« sagte sie so ernst, fast tragisch, daß er sie sofort losließ und seine gewohnte gesellschaftliche Haltung wieder annahm. Dabei spielte ein etwas boshaftes Lächeln um seine Lippen. »Du bist wirklich manchmal etwas seltsam, teure Freundin. Neulich, in Taschouères, erwartest du mich im Korridor in einem Kostüm – und auch dein Benehmen war so, daß ich glauben mußte, ganz gut bei dir angeschrieben zu sein, und dann plötzlich wolltest du nichts mehr von mir wissen. Und heute läßt du mich um zwei Uhr morgens hierherkommen, um es wieder ebenso zu machen. Da soll jemand anders draus klug werden. –« »Ja, du hast recht, Christian, ich habe damals zu schlimmen Mitteln gegriffen, um mich dir wieder zu nähern. – – Aber seitdem – – habe ich viel nachgedacht und viel gelitten. Du darfst mir völlig vertrauen. Was ich dir zu sagen habe, wird dir vielleicht sehr peinlich sein, aber ich will keine Ausflüchte machen und dir die volle Wahrheit sagen.« »Natürlich sind es Schulden,« dachte er, aber der Ton, den sie anschlug, kam ihm immer seltsamer vor, und seine Enttäuschung verwandelte sich in heftige Ungeduld – die Ungeduld des Genußmenschen, dem man plötzlich mit ernsten Dingen kommt. »Mein Gott, wenn es sich um unangenehme Sachen handelt, wollen wir sie lieber bis morgen aufschieben. Oder eilt es sehr?« »Ja, Christian, bitte, höre mich ruhig an.« Er setzte sich neben dem Kamin aus einen niedrigen Sessel. »Also bitte.« Arlette war zumute, als sähe sie einen Abgrund vor sich, in den sie sich freiwillig hinabstürzen sollte, und einen Augenblick wich sie unwillkürlich davor zurück. »Christian, du darfst nicht zu hart gegen mich sein, – ich habe mich sehr verlassen gefühlt, seit wir verheiratet sind.« Der Fürst war jetzt völlig ernüchtert und begann zu ahnen, daß sie ihm nicht nur von Geldsachen sprechen wollte. Aber das irritierte ihn nur um so mehr, obgleich er sich äußerlich wieder vollkommen beherrschte. »Meine liebe Arlette, mir scheint, du bist sehr nervös, und du wirst begreifen, daß dein Empfang auch auf mich nicht sehr erheiternd gewirkt hat. Überlege es dir, bitte, noch einmal, ehe du fortfährst. Wenn du mir etwa Vorwürfe über mein Verhalten machen willst, so finde ich das nicht sehr angebracht.« Sie machte eine verneinende Bewegung. »Also keine Vorwürfe? Dann willst du mir wahrscheinlich dein Herz ausschütten – ich bitte dich, verschone mich damit.« »Aber Christian.« »Ich verlange keine Konfidenzen. Wenn du Schulden gemacht hast, so schicke deine Lieferanten zu Verdet. Ich will noch einmal alles bezahlen. Das mußt du mir doch lassen, daß ich dir über solche Dinge niemals Vorwürfe gemacht habe. »Ja, Christian, das ist wahr. Vielleicht wäre es für uns beide besser gewesen, du hättest mich manchmal deine Autorität fühlen lassen.« »Das sind ja sehr schöne Ansichten,« sagte der Fürst lächelnd.« Du hast dich wohl zu irgend einem neuen Glauben bekehrt. Es fiel mir schon seit einiger Zeit auf, daß du viel ernster geworden bist. Da steckt wahrscheinlich ein Beichtvater dahinter. – Also abgemacht, ich bezahle deine Schulden, und du machst keine wieder. Aber als Revanche dafür bitte ich dich, verschone mich mit Vorwürfen darüber, daß ich von meiner Freiheit Gebrauch mache. Ich bin kein Muster von einem Ehemann gewesen, soviel ist sicher, aber in unsren Kreisen kommt so etwas öfters vor, und unsre ganze Art, zu leben, bringt es mit sich. – Und habe ich dir nicht von jeher dieselbe Freiheit gelassen, die ich für mich beanspruchte?« »O ja,« murmelte Arlette, »ich habe nur allzuviel Freiheit gehabt.« »Bitte, verleumde dich nicht. Du hast deine Haltung der Welt gegenüber immer tadellos bewahrt, und wenn sich irgend jemand eine Kritik über dich erlauben sollte, hat er es mit mir zu tun. – Also sprich morgen mit Verdet, er wird alles in Ordnung bringen. Ist es dir recht so und kann ich mich jetzt zurückziehen?« Er stand auf und ging nach der Tür zu. Arlette hielt ihn zurück, sie zitterte davor, daß es nicht mehr zur Aussprache kommen würde. »Christian, es handelt sich nicht um Geldangelegenheiten und ähnliches. – Fühlst du denn nicht, daß ich dir etwas sehr ernstes zu sagen habe?« Der Fürst wurde plötzlich rot im Gesicht und blieb stehen. Dann sagte er, aufs äußerste gereizt: »Aber ich will keine Geständnisse, kannst du es denn nicht begreifen? Ich will keine, will absolut keine. Ich verlange keine Rechenschaft von dir und finde es albern und unpassend, daß du sie mir aufzwingen willst.« »Du mußt mich anhören, Christian.« »Ach, laß mich in Ruhe. Mir scheint, du hast dir vorgenommen, mich aus der Fassung zu bringen.«- Aber als er die Hand auf den Türgriff legte, sagte Arlette mit leiser, fester Stimme: »Ich bin dir untreu gewesen.« Der Fürst fuhr zusammen. Arlette sah, daß er nach Atem rang. »Nun wird er mich gleich totschlagen,« dachte sie. Aber er setzte sich wieder auf den niedrigen Stuhl am Kamin und legte die Hände auf dessen zierliche Lehne. Dann blickte er Arlette feindselig an und sagte mit etwas heiserer Stimme: »Du bist verrückt geworden. – Du träumst. Hättest du wirklich einen Liebhaber, so würdest du es mir nicht sagen. Ich habe keinerlei Rechenschaft von dir verlangt.« »Nein, Christian, ich bin völlig bei Sinnen. Ich habe ein Verhältnis gehabt – im letzten Frühjahr. Und ich schwöre dir, es war das einzige Mal, daß ich mich gegen dich vergangen habe. Zwei Monate lang habe ich ihm angehört, und seitdem ist nichts derartiges mehr vorgefallen.« »Wirst du endlich schweigen,« schrie Christian, und die schwache Lehne des Stuhles krachte unter seinen geballten Fäusten. »Ich sage dir noch einmal, ich will keine Geständnisse von dir. Erstens glaube ich nicht daran, und zweitens ist es mir völlig gleichgültig, was du mir da erzählst. Hörst du, absolut gleichgültig. – Ich weiß, daß du nichts taugst, ebenso wie dein Vater und deine Mutter. Und würde mein eigner Name dadurch nicht mit besudelt, so hätte ich dich schon längst zu ihnen zurückgeschickt.« Seine beschimpfenden Worte glitten völlig von ihr ab. Sie wollte ihm die volle Wahrheit sagen und empfand schon das, was sie bisher gesagt hatte, als Erleichterung. »Es handelt sich nicht um meine Eltern, Christian, ich bin für mich selbst verantwortlich, und ich bitte dich um Verzeihung.« »Verzeihung! was sollen solche Scherze. Ich wiederhole dir, daß dein persönliches Leben mir völlig gleichgültig ist; mir genügen die Unannehmlichkeiten, die du mir durch deine unsinnigen Ausgaben gemacht hast, vollauf. Weißt du, daß Verdet heute Morgen einen Zahlungsbefehl über fünfzehntausend Francs von Jousselin bekommen hat, unter Androhen der Pfändung – Pfändung im Hause des Fürsten von Ermingen! Und das hätte ich dir verdankt – wenn ich nicht bezahle. Und womit bezahlen – mit deiner Mitgift etwa?« »Soll ich dir den Namen nennen?« fragte Arlette, als ob sie alles andre nicht gehört hätte. »Ich befehle dir zu schweigen,« sagte der Fürst erbleichend. Er blieb eine Zeitlang regungslos sitzen, die Adern auf seiner Stirn waren mächtig angeschwollen. Arlette sprach nicht weiter, sie fürchtete, ihn möchte jeden Augenblick ein Schlaganfall treffen. Und sie wunderte sich beinah, daß sie selbst noch am Leben war, daß diese mächtigen Fäuste nicht zermalmend auf sie niederfielen. Christian litt tatsächlich. Ihre Worte hatten ihm nichts neues gesagt, sie und Rémi hatten seinerzeit so wenig Hehl aus ihrer Intimität gemacht, daß man kaum zweifeln konnte. Aber er hatte sich nicht darum bekümmert, so lange der Schein nach außen gewahrt und ihr Verhältnis in den Grenzen einer gesellschaftlich geduldeten Liaison blieb. Nur über ihr Geständnis war er empört, es kam ihm vor, als müßte damit der Skandal beginnen, und nur der Wunsch sie zum Schweigen zu bringen, ließ ihn seine Selbstbeherrschung wahren. Er war der erste, der jetzt wieder das Wort ergriff, und seine Stimme klang müde, beinah wie die eines Kranken, der sich beklagt: »Ich bitte dich, kein Wort mehr darüber. Ich will den Namen nicht wissen, unter keiner Bedingung. Du wirst selber einsehen, daß die Sache dann weitere Konsequenzen haben und alles an die Öffentlichkeit gelangen würde. Das will ich nicht. Der Name Ermingen soll durch deine galanten Abenteuer nicht besudelt werden. Also schweige, wenn es dir möglich ist. Du hast mir schon Qual genug bereitet – ich hasse und verachte dich. Sprich kein Wort mehr zu mir. Vor der Welt wird alles bleiben wie es war, und wir werden wie bisher miteinander verkehren. Aber unter vier Augen kenne ich dich nicht mehr, das ist vorbei. Und sieh dich vor, daß du mir nicht zu oft in den Weg kommst, sonst stehe ich für nichts ein.« »Christian, ich versichre dich, es schmerzt mich tief, dir wehe getan zu haben – aber ich habe dir noch nicht alles gesagt.« »Aber du weißt, daß ich den Namen nicht hören will« – und seine Züge verzerrten sich – »und ich schwöre dir, ich zwinge ihn dir in deine Kehle zurück, wenn du es trotzdem versuchst, ihn auszusprechen.« »Er wird mich umbringen,« dachte Arlette, und zum ersten Mal schien ihr der Gedanke an den Tod fast wie eine Befreiung. »Nein, ich werde den Namen nicht aussprechen, wenn du es nicht willst, aber ich muß dir noch sagen, daß jener Mann – – daß ich mich von ihm Mutter fühle.« Sie schloß die Augen, wie um den Todesstreich zu empfangen, und hörte, wie Christian plötzlich aufstand, der Stuhl ging krachend in Trümmer und dann klang eine heisere Stimme dicht vor ihrem Ohr: »Gemeinheit!« Sein heißer Atem streifte ihr Gesicht, unwillkürlich schlug sie die Augen auf und sah seine entstellten Züge dicht vor sich. »Gemeinheit!« wiederholte er noch einmal, und dann raunte er ihr atemlos zu: »Wenn man sich benimmt wie eine Dirne, so weiß man auch die Folgen zu vermeiden wie eine Dirne. Man hütet sich wohl, einen Bastard in die Welt zu setzen, wenn man einen Namen trägt wie den meinen, hörst du.« Und zweimal nacheinander beschimpfte er sie, die blaß wie eine Tote dastand, mit einem gemeinen Wort, wie es das Volk zu brauchen pflegt. Sie rührte sich nicht, antwortete keine Silbe, auch dann nicht, als seine geballte Faust schwer auf ihre Schulter niederfiel. Aber bei dieser Berührung ihres zarten Körpers schien ihn plötzlich die Scham zu überkommen, und er ließ sich wieder auf einen Sessel in der Nähe des Kamins niedersinken. Mechanisch nahm er das Spitzendeckchen von einem kleinen Tisch und trocknete sich damit den Schweiß ab. Die kleine Decke war voller Staub, der sich mit den Schweißtropfen vermischte und dunkle Streifen auf seinem Gesicht zurückließ. Es bekam dadurch etwas von einer Maske, halb komisch und halb unheimlich anzusehen. »Wenn ich denke, daß ich so etwas geheiratet habe,« grollte er mit einem Blick auf Arlette. »Christian,« flehte sie, »hab Erbarmen – du hast mich immer so allein gelassen.« »Ah, das ist denn doch der Höhepunkt,« rief der Fürst, »jetzt ist es auch noch meine Schuld. Weil ich dich allein gelassen habe, läßt du dir von einem andern ein Kind anhängen. Wenn alle Frauen so dächten wie du, würde die Welt sich leicht bevölkern. – Ich möchte nur wissen, ob du es aus Dummheit getan hast oder aus Bosheit (er stand auf und kam wieder auf sie zu). Ich habe eine Geliebte, das hast du immer gewußt, aber es ist mir nie eingefallen, dir einen Bastard ins Haus zu bringen und zu verlangen, daß du ihn für deinen Sohn ausgibst. – Jetzt begreife ich auch, wie es mit dem Abend in Taschouères zusammenhing – ah, du bist doch schlauer, wie ich gedacht hätte.« Arlette hatte bisher nicht geweint, aber jetzt liefen ihr große Tränen über die Wangen. »Laß das Geheul,« sagte der Fürst; er gab sich Mühe, seine Gedanken zu sammeln und seine Stimme zu beherrschen – »wir müssen jetzt sehen, wie wir die Geschichte am besten und ohne Skandal arrangieren. Wieviel Monate sind es jetzt, daß du schwanger bist.« »Ich glaube vier.« »Vier Monate, aber bist du toll, so lange zu warten? Hast du denn gar nicht daran gedacht, irgendwelche Schritte zu tun. So antworte doch.« »Ich glaube, ich verstehe, was du meinst,« sagte Arlette nach kurzem Nachdenken, »ja – ich habe anfangs auch daran gedacht, aber jetzt bin ich entschlossen, um keinen Preis etwas derartiges zu tun.« »Aber ich verlange es von dir,« erklärte der Fürst, und wieder schwollen die Adern auf seiner Stirn, »ich will auf keinen Fall, daß dieses Kind zur Welt kommt. »Es hat keinen Zweck, das von mir zu verlangen, Christian, denn ich bin fest entschlossen, es nicht zu tun. – Ich habe mich gegen dich vergangen und habe mich vor dir gedemütigt. Aber das will ich nicht, kann ich nicht.« »So,« stammelte er, »du willst deinen Bastard also in meinem Hause zu Welt bringen und ihn für meinen Sohn ausgeben. Höre Arlette,« und er machte eine gewaltsame Anstrengung sich zu beherrschen, »es ist nicht zu deinem Vorteil, wenn du mich zum Äußersten treibst.« »O nein, Christian, Gott ist mein Zeuge, daß mir fern liegt, dich reizen oder quälen zu wollen. Ich bin zu allem bereit, um dir die Folgen meiner Schuld zu ersparen, nur wo es gegen das Wohl meines Kindes geht, darfst du nichts von mir verlangen. Du mußt doch begreifen, daß ich auf alles andre verzichtet habe, als ich jetzt hierherkam.« Sie sagte das in so bestimmtem Ton, daß Christian überrascht war und nicht gleich antwortete. Sie kam ihm völlig verwandelt vor in ihrer freimütigen Entschlossenheit. »Du wirst aber doch nicht annehmen, daß ich das Kind eines andern als meines anerkenne,« sagte er. »Aber das verlange ich ja auch gar nicht von dir.« Er ging im Zimmer auf und ab, sein Gesicht war verzerrt, und von Zeit zu Zeit, stieß er unartikulierte Töne aus. Arlette war erschöpft in einen Stuhl gesunken, sie war fast am Ende ihrer Kraft und fühlte von Zeit zu Zeit einen heftigen Schmerz in ihrem Innern. Aber sie wehrte sich mit aller Macht dagegen, es schien ihr, als ob der körperliche Schmerz ihr die Klarheit raubte, deren sie so sehr bedurfte. Sie betrachtete Christian mit einem Gemisch von Furcht und Mitleid, wie er endlich am Kamin stehen blieb und in kurzen, gebieterischen Sätzen zu sprechen begann, als ob er zu einem Dienstboten redete. »Du mußt ins Ausland reisen und dort so lange bleiben.« Arlette nickte bejahend. »Wir werden keinen Arzt ins Vertrauen ziehen. Du läßt dich unter falschem Namen an irgend einem kleinen Ort in Deutschland oder Italien nieder, den wir noch bestimmen werden. Deine Kammerzofe Martine wird die Sache wohl ahnen?« »Sie weiß alles.« »Hältst du sie für sicher?« »Absolut.« »Dann kannst du sie also mitnehmen. – Wir werden irgend einen Grund, zum Beispiel deine Gesundheit, angeben, um deine lange Abwesenheit zu motivieren.« Wieder nickte sie zustimmend. »Wenn es Zeit zur Entbindung ist, benachrichtigst du mich. Ich werde dann selbst kommen und verspreche dir, daß es dir an nichts fehlen soll.« »Ich danke dir, Christian, so viel Güte hätte ich kaum von dir erwartet.« »Für den Unterhalt und die Erziehung des Kindes werde ich sorgen.« »Auch das willst du tun?« »Ja, aber unter einer Bedingung: daß du es nie wieder siehst.« »Wie?« fragte Arlette, »du willst es mir wegnehmen?« »Ja, sobald es geboren ist. Und du wirst mich niemals fragen, wo es sich befindet. Aber ich gebe dir mein Wort darauf, daß es gut aufgehoben sein und nichts entbehren wird und später irgendetwas lernen soll, womit es sich seine Zukunft sichern kann.« Arlette schüttelte den Kopf und sagte nur: »Davon kann nicht die Rede sein.« »Was willst du damit sagen?« »Daß ich mich nicht von meinem Kinde trennen will.« »Du willst nicht?« höhnte der Fürst, »du willst nicht? Es steht dir sehr gut an, so zu reden. Weißt du denn auch, daß du überhaupt nichts zu wollen, sondern dich einfach zu fügen hast. Oder ich lasse dich einfach einsperren, in St. Lazare – unter Wahnsinnigen und Dirnen.« »Christian!« »Mir scheint, ich habe Geduld genug gehabt, und ich glaube, wenige Männer würden so wie ich handeln. Aber ich schwöre dir, wenn du fortfährst, mir zu trotzen, so zerschmettere ich dich!« Er war kaum imstande, zu sprechen, ein paarmal versagte ihm die Stimme. Arlette versuchte, ihn zu beruhigen: »Aber Christian, ich trotze dir ja nicht. Mein Gott, nichts liegt mir so fern wie das. Schick mich, wohin du willst, meinetwegen fürs ganze Leben. Du hast das Recht, mich zu strafen, und ich will jede Strafe über mich ergehen lassen, nur mich nicht von meinem Kinde trennen.« »Danach wirst du nicht gefragt werden,« sagte er. »Dann sage ich dir im voraus, daß ich mich dagegen auflehnen werde.« Während sie das sagte, sah sie wieder den unheimlichen Ausdruck in seinen Augen aufleuchten. »Elendes Weib, wenn ich dich hier auf dem Fleck erwürgen könnte,« murmelte er. »Nimm dich in acht – es könnte geschehen, daß ich die Selbstbeherrschung verlöre!« Er nahm sich immer noch zusammen, die Angst vor einem Skandal hielt ihn zurück. Und was nützte es, wenn er sie zu Boden schlug, sie würde sich niederschlagen lassen und dennoch nicht nachgeben. Das fühlte er wohl, und doch wollte er seinen Willen um jeden Preis durchsetzen. Aber er fühlte sich am Ende seiner Kraft und sagte leise, wie zu sich selbst: »Aber was tun? – was tun?« »Kannst du mich nicht unter irgend einem Vorwand aus deinem Leben verschwinden lassen,« flehte Arlette, »du könntest ja sagen, ich wäre in einem Sanatorium oder in einer Irrenanstalt. Kein Mensch interessiert sich für meine Existenz, also wird sich auch niemand darum kümmern. Oder laß mich einfach für tot gelten.« Sie sagte das so aufrichtig, daß er etwas milder gestimmt wurde. »Trennung,« murmelte er, »aber man wird doch alles erfahren, es sich zusammenreimen, – ah, es ist eine abscheuliche Lage für mich!« Er setzte sich auf den Divan, seine Züge schienen plötzlich zu altern und zu erschlaffen, und große Tränen rollten ihm übers Gesicht. »Christian,« rief Arlette, »ach, verzeih mir.« Sie selbst hatte ihm alles verziehen in dem Moment, wo sie sah, welchen Schmerz sie ihm bereitete. »Wir müssen versuchen, klar zu sehen und eine Entscheidung zu treffen,« begann er wieder, »am besten wird es sein, wir lassen uns scheiden, so diskret wie möglich. Von deiner Schwangerschaft darf dabei natürlich nicht die Rede sein, ich nehme die Schuld auf mich.« »Ich bin zu allem bereit, wie du es wünschest.« Er ruhte einen Augenblick vom Denken aus, wie jemand, der schwere Arbeit getan hat. Ihm war, als habe er jetzt die Lösung gefunden. Arlette würde aus seinem Leben verschwinden – niemand sie wiedersehen – vielleicht konnte er dann doch noch Madeleine heiraten. »Also abgemacht,« sagte er, »Entbindung im Ausland – vorläufig freundschaftliche Trennung und späterhin Scheidung auf Antrag von dir.« Arlette zögerte. »Warum antwortest du nicht?« »Ich sage dir noch einmal, ich will mich dir in allem nach Möglichkeit fügen – ausgenommen, was das Kind angeht.« »Wieso, das Kind?« »Wie wird die Stellung des Kindes sich gestalten – vor und nach der Scheidung?« Christian dachte nach, es machte ihn nervös, daß sich schon wieder ein Einwand erhob. »Das Kind, – – aber niemand wird es zu sehen bekommen oder überhaupt von seiner Existenz erfahren, da wir die ganze Sache geheim halten wollen. Es wird einfach nicht von ihm die Rede sein. – Halt, jetzt weiß ich einen Ausweg, einen ganz vorzüglichen, da du es dann ruhig bei dir behalten und selbst erziehen kannst.« »Was meinst du?« fragte Arlette ängstlich. »Du hast mir doch gesagt, daß Martine alles weiß.« »Ja.« »Nun also, man gibt ihr eine anständige Summe, und dafür läßt sie das Kind dort, wo es geboren wird, als ihres eintragen.« »Nein, Christian,« antwortete Arlette, »ich kann unmöglich sagen, daß es nicht mein Kind ist. – Aber was kann dir das ausmachen?« fragte sie, denn sie las in seinen Zügen, daß der Sturm von neuem begann, – »ich werde ja doch verschwinden, fortgehen, – das schwöre ich dir, wohin du willst, nach Amerika oder Australien meinetwegen, und nie wiederkommen.« Aber er schien ihre letzten Worte überhört zu haben und sein Zorn wuchs mit jedem Augenblick. »Du bist wahnsinnig,« schrie er mit halberstickter Stimme, »oder da steckt irgend jemand anders dahinter, und ich bin ein Narr, daß ich überhaupt mit dir rede. Wenn du mir nicht gehorchst, jage ich dich einfach fort von hier, das schwöre ich dir – es möchte sogar besser sein, wenn du dich gleich aus dem Staube machst, sonst könnte noch ein Unglück geschehen. Das Kind wird als das Martinens eingetragen – du kannst es erziehen, wie du willst, ich werde dir die Mittel dazu geben. Du weißt, daß ein Kind von dir, so lange du meine Frau bist, für meines gilt, und ich habe wahrhaftig keine Lust, daß du oder dein Bastard hier eines Tages auftaucht und mir allen möglichen Skandal auf den Hals hetzt.« »Christian!« »Ja, ich danke für Skandal – wenn du nicht mehr meine Frau bist, kannst du leben wie du willst, meinetwegen zwanzig Kinder kriegen – ich bin vielleicht nicht der erste Fürst, dessen Frau auf der Straße geendet hat. Aber im Hause Ermingen will ich keine Bastarde. Verstanden?« »Ich kann nicht,« sagte Arlette ganz leise. »Was soll das heißen? Was kannst du nicht?« »Ich kann nicht versprechen, mein Kind nicht als meines anzuerkennen. Wir werden fern von hier leben und ich werde ihm sagen, daß du nicht sein Vater bist; aber daß ich seine Mutter bin, soll und muß es wissen, Christian.« Dieses letzte Wort klang wie ein Aufschrei des Entsetzens, denn in seinem Gesicht war plötzlich eine furchtbare Wandlung vor sich gegangen. »Sterben,« dachte sie wieder, und der lange aussichtslose Kampf hatte sie so erschöpft, daß sie beinah das Ende herbeisehnte, ein jähes Ende durch diese furchtbare, entfesselte Naturgewalt, die jetzt über sie hereinbrach. In demselben Moment fühlte sie einen heftigen Stoß, ihr zarter Körper gab nach und schlug rückwärts auf den Boden nieder. Sie sah nur noch die hohe Gestalt ihres Mannes vor sich, die ihr in diesem Moment fast gigantisch erschien, und seine ungeschlachten, in Lackschuhe eingezwängten Germanenfüße, sie hatte das Gefühl, als ob dieselben sie zermalmen würden, wie die Räder eines Wagens. – Aber jetzt schrak er doch davor zurück, sie völlig zu vernichten, alle die Qualen, die er in den letzten Stunden erduldet hatte, in ihrem Blut zu kühlen. Er stieß mit dem Fuß nach diesem halb leblosen Körper, der sich vor ihm am Boden wand, aber ohne seiner Raserei völlig freien Lauf zu lassen. Sie fühlte, wie der Stoß ihre Hände traf, die sie unwillkürlich, schützend, über dem Leib verschlungen hatte, und empfand einen heftigen Schmerz im Innern. Fast in demselben Augenblick beugte die riesige Gestalt sich nieder, hob sie vom Boden auf, nahm sie unter den Arm und schleifte sie so an die Tür. Ihr Kopf und ihre Arme stießen gegen die Möbel und ihr Gesicht streifte den Boden, so schleppte er sie durch die Galerie, die das elektrische Licht blendend erhellte, bis an die Entreetür und schob sie, immer noch zitternd vor Wut, in den dunklen Flur hinaus. Arlette hatte die Arme sinken lassen, ihr Kopf stieß gegen das Treppengeländer und sie verlor das Bewußtsein, noch ehe Christian, halb trunken wie ein Mörder, wieder in die Wohnung zurückgekehrt war. Als Arlette die Augen wieder aufschlug, war ihr zumute, als sei sie in einen tiefen Abgrund gestürzt und aus dem todbringenden Dunkel wieder zum Bewußtsein erwacht. Sie sah alles um sich her in haarscharfer Deutlichkeit bis auf die kleinste Einzelheit, die weiße Treppe mit dem Smyrnateppich, die vergoldeten Bronzeleuchter, den Vorplatz, wo sie lag und links die Tür zu ihrer Wohnung, durch deren Scheiben ein heller Lichtschein von der Galerie herausdrang. Als sie sich bewegte, fühlte sie einen heftigen Schmerz im Kopf, im Innern und an der Hand – – »Vielleicht kommt jetzt der Tod,« dachte sie – und fühlte, wie ihr Wille sich vom Körper gleichsam loslöste und gleichgültig wurde gegen die Leiden des Körpers. Sie befahl ihren Gliedern sich zu bewegen trotz aller Schmerzen, unbeholfen und wie zerschlagen raffte sie sich empor, und schleppte sich zu der Treppe hin. Mit Hilfe des Geländers gelang es ihr, sich niederzulassen und sich auf der ersten Stufe zusammenzukauern. Da blieb sie sitzen, die Brust bis auf die Kniee niedergebeugt und wartete ab, bis sie die Kraft haben würde, sich mit ihren schmerzenden Schenkeln aufzurichten. Und nun begann sie auch wieder zu denken. Was zwischen ihr und Christian vorgegangen, war vielleicht erst zehn Minuten her, vielleicht aber auch schon eine Stunde oder zwei. Aber sie wußte noch nicht, was jetzt aus ihr werden, wie sie hier von dieser Treppenstufe fortkommen sollte. Von den momentanen Schmerzen gingen ihre Gedanken zurück zu den verflossenen Stunden: »Das ist vorbei und diese entsetzlichen Momente werden nie wiederkehren.« – Und es schien ihr, als sei es der Preis, um den sie sich das Recht auf ihr Kind erkauft hatte. Zum erstenmal seit langer Zeit fühlte sie wieder jene leise Bewegung in ihrem Innern, die Stimme der Hoffnung. Dann überwältigte sie die körperliche Schwäche, ihr Kopf sank auf die Kniee herab, sie vermochte nicht mehr zu denken und wußte nur noch, daß sie nicht schlief. So verging noch eine Zeitlang. »Hoheit!« Arlette schlug die Augen auf – vor ihr stand Martinens schlanke Gestalt im vollen Licht der offnen Entreetür. Und im nächsten Augenblick kniete sie neben ihr, umschlang sie mit den Armen. »Hoheit, was ist Ihnen geschehen? O mein Gott, sagen Sie nur, daß Sie am Leben sind.« »Ja, ja, mir fehlt nichts – aber bleib, bleib,« flüsterte Arlette – »laß mich nicht allein.« »Nein, ich lasse Sie nicht. – Kommen Sie – Sie müssen jetzt hereinkommen, lassen Sie mich Ihnen helfen.« »Nein,« sagte Arlette entsetzt, »ich will nicht herein, der Fürst hat mich hinausgeworfen. Martine, ich will fort von hier, aus diesem Hause. Ich beschwöre dich, bring mich fort.« Martine dachte einen Augenblick nach: »Können Hoheit noch ein Weilchen allein bleiben?« fragte sie, »ich komme sofort wieder.« »Nein, laß mich nicht allein,« seufzte Arlette. »Ich bin gleich wieder da, kommen Sie dort auf die Bank, da ist es bequemer –« Sie führte Arlette zu einer Bank auf dem Vorplatz und verschwand dann in der Wohnung. Arlette hätte sie am liebsten gleich zurückgerufen, sie bebte vor Angst, daß Christian mit ihr zusammen wieder erscheinen könnte. Endlich kam Martine mit einem Hut und Mantel für Arlette und einer Reisetasche in der Hand. Sie selbst hatte sich auch in aller Hast zum Ausgehen angekleidet, Arlette ließ sich von ihr helfen, die leiseste Bewegung verursachte ihr Schmerzen, aber sie war völlig gleichgültig dagegen. Als sie, so gut es eben gehen wollte, angekleidet war, faßte Martine sie unter: »Jetzt die Treppe hinunter,« sagte sie. Arlette stieg hinunter – die Treppe wurde immer dunkler, je weiter sie kamen, Martine rieb ein Zündholz nach dem andern an. Im Entreesaal mußte die Fürstin sich ausruhen, dann drängte Martine sie vorwärts: »Wir müssen eilen, Mut, Hoheit.« Und sie stand auf und ging weiter, ganz mechanisch Stufe auf Stufe, es kam ihr vor, als führten diese Marmorstufen bis ins Innere der Erde hinab. Mit schwacher Stimme fragte sie: »Wohin gehen wir denn, Martine?« Und Martine antwortete: »Aber nach Hause, Hoheit, zu meinem Pierre.« Vierter Teil Wieder einmal hatte eine Pariser Saison ihren geräuschvollen, schimmernden und doch so monotonen Kreislauf vollendet, der mit dem Ende der Novemberjagden beginnt und mit den großen Sportturnieren des Sommers abschließt. Wie immer hatte sich das Leben um Kunst und Skandale aller Art, um Liebe und Geschäftsangelegenheiten gedreht, um tiefes Elend und aufdringliche Eleganz. Es hatte Ehescheidungen gegeben und Duelle, schmachvolle Prozesse, Katastrophen und glänzende Erfolge, manches Vermögen und manches Menschen Ehre war kläglich gescheitert. Hier und da war einer gestorben, den man für unentbehrlich hielt, oder an den Theatern und im Gesellschaftsleben war irgend ein neuer Stern aufgegangen. Und jetzt, wo der volle Luxus der Saison sich im sonnenbeschienenen Bois entfaltete, beginnt man allmählich nach der gewohnten Sommerfrische auszuschauen, die Vorsichtigen haben ihre Villa schon längst voraus gemietet, Paris geht in die Ferien, leert sich wie ein Hotel, in dem kaum noch ein Gast zurückbleibt. Vergessen, verweht ist alles, was dieses letzte Jahr gebracht hat, die Skandale wie die ruhmvollen Ereignisse, Glück und Elend, die Zugrundegegangenen wie die Triumphierenden – so rasch und so gründlich vergessen, daß in der nächsten Saison sich keiner mehr ihrer erinnert. Es war jetzt acht Monate her, daß das Verschwinden der Fürstin von Ermingen die Pariser Gesellschaft in einige Aufregung versetzt hatte, aber auch darüber hatte man sich schon längst wieder beruhigt. Der Anwalt des Fürsten hatte sein möglichstes getan, um die Presse zum Schweigen zu bringen, und sie hatte sich denn auch wirklich fast einstimmig diskret verhalten. Zwei oder drei kleine Skandalblätter hatten eine Mitteilung darüber gebracht, sich jedoch ziemlich in den Grenzen der Mäßigung gehalten. Dann war allerdings in einem Boulevardblatt ein kleiner Artikel erschienen unter der Spitzmarke: » si tu veux, faisons un rêve « – und darin war die Rede von einer Fürstin, die von ihrer Zofe entführt wurde... Aber schon am Tage darauf übernahm es eine der verbreitetsten großen Zeitungen, die Sache richtig zu stellen. Eine der bekanntesten Erscheinungen unsres Pariser Gesellschaftslebens, – hieß es da – der Träger eines alten und berühmten Namens, ist von einem harten Schicksalsschlag betroffen worden – seine Frau erkrankte an einem schweren Nervenleiden und mußte in eine Heilanstalt des Auslands gebracht werden. Diese einfache Tatsache hat man zu einer geheimnisvollen Geschichte aufgebauscht. Wir hätten uns aus einfacher Diskretion nicht näher damit befaßt, aber es ist unter anderm das Wort ›Flucht‹ gebraucht worden. Allem Anschein nach kann ein Mitglied unsrer angesehensten Kreise nicht von irgend einem Unglück befallen werden, ohne daß man die Gelegenheit benutzt, es sofort zu verdächtigen und herabzuziehen.« Mit dieser Erklärung: daß die Fürstin sich in einer Heilanstalt befinde, gab man sich allgemein zufrieden. Christian fürchtete anfangs, Arlette möchte durch plötzliches Wiedererscheinen alles dementieren und wollte im Einverständnis mit seiner Mutter polizeiliche Nachforschungen anstellen lassen. Aber Madeleine und Madame de Guivre waren dagegen, in der Überzeugung, daß Arlette und Martine sicher jeden Skandal vermeiden und sich möglichst verborgen halten würden. Und die Zukunft gab ihnen recht. Arlette hatte damals, als sie noch mitten in dem geselligen Leben ihres Kreises stand, manchmal das schmerzliche Gefühl gehabt: »Ich stehe ganz allein, kein Mensch kümmert sich um mich.« – Und das fand sie jetzt bestätigt, nachdem man sich, eine Zeitlang über ihr plötzliches Verschwinden unterhalten hatte, beschäftigte sich niemand mehr mit ihrem Schicksal. Sie hatte in »Made's Bande« nur eine Nebenrolle gespielt und wurde rasch vergessen. Ebenso bekümmerten sich weder ihr Vater noch ihre Mutter darum, was aus ihr geworden war. Es gab nur einen einzigen Menschen, der manchmal in Liebe und Besorgnis ihrer gedachte, aber ohne es jemals andern gegenüber zu erwähnen, und das war Jérôme de Péfaut. Es wäre wohl eigentlich an ihm gewesen, ihr nachzuforschen, aber er konnte sich nicht dazu entschließen. Nicht etwa, weil er die Mühe scheute, aber eine Art Schamgefühl hielt ihn davon ab, vielleicht auch, daß ihr Schweigen ihn gekränkt hatte. Sie bedurfte meiner nicht, sonst hätte sie mir wohl ein Wort gesagt, aber sie hat meine Hilfe nicht gewollt.« – So kam es auch, daß er nie von ihr sprach, obgleich er oft im stillen ihrer gedachte. Christian zog sich fast ganz von der Gesellschaft zurück, solange wie er eine plötzliche Rückkehr Arlettens befürchtete. Sein einziger Zufluchtsort während dieser Zeit waren seine Mutter und seine Geliebte. Die alte Fürstin sah ihn jeden Tag nach Tisch oder gegen sechs Uhr nachmittags bei sich, und jedesmal hatte er mindestens eine Viertelstunde lang ihre Vorwürfe anzuhören, immer über dasselbe Thema: seine unmoralischen Beziehungen zu einer Frau, die nicht seine Gattin war, – ihr unkorrekter Lebenswandel und die Wahrscheinlichkeit, daß sie ihm übel mitspielte. Er hörte es ruhig und gleichgültig mit an, und es tat ihm wohl, aus alledem doch immer wieder ihre etwas rauhe Liebe herauszufühlen. Denn im Grunde fühlte er sich oft einsam und nicht so recht an seinem Platze als Sports- und Klubmann und als Liebhaber einer hyperzivilisierten Pariserin, die ihn im Grunde weit mehr quälte wie die Mutter mit allen ihren Vorhaltungen. Denn Madeleine zwang ihn in Dinge hinein, die seiner Natur ganz fern lagen, zwang ihn nachzudenken, auf alle möglichen Nuancen zu achten, Empfindungen zu analysieren, und seine eignen unter glatten Formen zu verbergen. Und alles, was ihm an Scharfsinn fehlte, besaß Madeleine im höchsten Maße, sie wußte seine Gedanken bis ins kleinste hinein zu erraten. Er machte ihr gegenüber auch keinen Hehl daraus, daß die alte Fürstin sie haßte, sie der Untreue gegen ihn beschuldigte, ohne sich jemals auf Einzelheiten einzulassen. Sie sah auch, daß seine hypochondrische Eifersucht mit jedem Tage wuchs, und wußte ganz genau, auf wen sie sich bezog. Trotzdem wurde Rémis Name nie zwischen ihnen erwähnt. Aber Madeleine ahnte wohl, was für Gefahren hinter dieser Eifersucht lauerten, es gab ein Bild, das sie nicht loswerden konnte und das allmählich ihr Leben vergiftete: Christian, der sich auf Rémi stürzte und ihn mit brutaler Gewalt zermalmte. Gegen diese entsetzliche Möglichkeit gab es nur ein Mittel: Christian durch seine eigne Sinnlichkeit zu täuschen. Und zu diesem Mittel nahm sie denn auch ihre Zuflucht. Nach Arlettens Flucht war er halb krank gewesen, und sie pflegte ihn. Und als er wieder genesen war, da gehörte sie ihm mit solcher Hingebung an, wie noch fast nie zuvor. Und wenn sie ihn dann in einem Zustande von seliger Trunkenheit entließ, brauchte sie nicht Komödie zu spielen, daß sie sich selber glücklich fühlte, denn sie wußte, jetzt konnte sie ein paar Stunden, manchmal auch Tage, des Zusammenseins mit Rémi genießen, ohne daß jene quälende Angst sich in ihre Umarmungen drängte. Rémi war der einzige, der in diesem ganzen Drama seine Sorglosigkeit behielt. Die Gefahr schreckte ihn nicht, vielleicht glaubte er auch nicht an sie, er nahm das Leben überhaupt wie eine Art Theaterprobe, legte jedesmal das Kostüm an, das man von ihm verlangte, und übernahm jede Rolle, vorausgesetzt, daß sie ihn amüsierte. Er war von Natur unglaublich kühl und betrachtete die Liebe nur als angenehmen Zeitvertreib. Madeleine war ihm bisher der angenehmste, weil sie ihn am meisten liebte. Und gerade durch seine perverse Herzlosigkeit und fast feminine Niedertracht hatte er Madeleine – die bisher unzähmbare, zu zähmen gewußt. Seine einzige wirkliche Leidenschaft, das einzige, was heftige Gemütsbewegungen in ihm auslösen konnte, war das Spiel. Dabei konnte er sogar gelegentlich seine gute Erziehung verleugnen. So war es einmal vorgekommen, daß er einen kürzlich im Klub eingeführten Fremden als Falschspieler entlarvte und, damit nicht genug, ihn an der Kehle packte und beinah in Stücke zerrissen hätte, wären nicht die Klubdiener noch rechtzeitig dazu gekommen. * Im Juni dieses Jahres hatte die Marquise d'Entragues den Einfall, auf dem See im Bois de Boulogne ein Fest zu geben. Für Made's Bande war es eine willkommene Gelegenheit, sich zu amüsieren. Apistrol erschien unter den Gästen mit seinem schönen Bart à la Henri IV., und die kleine Madame d'Ars war ebenfalls da. Sie machte den Eindruck einer hübschen blonden Eva, die mit allen Schlangen auf recht vertrautem Fuße stand. Jérôme kam im Boot mit seinen Nichten d'Avigre, Rosa in lichtgelbem, Marguerite in rosa Seidenmusselin, mit leichten Seidenmänteln darüber. Es war ein feenhaft schöner Juniabend, selbst nachdem die Sonne untergegangen, war alles in wunderbare Klarheit gehüllt, und die Banalität des künstlichen Sees, der kleinen Insel mit ihren unschönen Gebäuden machte sich nicht so fühlbar. Jérôme, die letzte Nummer der Revista Medicale in der Rocktasche, stellte ironische Vergleiche mit Venedig an. Drüben am Ufer standen Rémi de Lasserade, Saraccioli, Apistrol, Madame d'Ars und der dicke Campardon. Sie begrüßten die Ankommenden, man schüttelte sich die Hände, stimmte überein, daß es ein wundervoller Abend sei und beobachtete dann ein Boot, das gerade auf die Gruppe zukam. »Schau, schau,« sagte Madame d'Ars halblaut, »der Fürst und Made in demselben Boot zusammen.« »Madeleine kann unmöglich in ein Boot steigen, ohne daß Christian sich ihr sofort nachstürzt,« bemerkte Campardon. »Sie sind wirklich geistreich heut abend,« sagte Rémi de Lasserade so scharf, daß alle plötzlich schwiegen, während das Paar jetzt in ihrer Nähe landete. Unter einer Art Schuppen war der Tisch gedeckt, die Damen legten ihre Mäntel ab, und man ließ sich nieder. Madeleine wußte wie immer Leben in die Gesellschaft zu bringen und die gute Laune wieder herzustellen, die Rémis Unliebenswürdigkeit etwas gestört hatte. Sie selbst war in heitrer Stimmung, denn es war ihr gelungen, Christians Zweifel wieder einmal völlig zu beruhigen, und dann hatte sie wieder eine Zeitlang Freiheit. So hatte sie ihm schon vorher gesagt, daß Rémi neben ihr sitzen würde. »Du mußt ein wenig nett gegen den armen Kerl sein, er ist so nervös, ich glaube, er hat in letzter Zeit beim Jeu entsetzlich verloren.« »Ja, gestern war ich dabei, wie er fünfzigtausend Franks verloren hat,« war Christians Antwort. Und gleichzeitig wußte sie durch heimliche kleine Annäherungen, die der schlecht beleuchtete Platz möglich machte, Rémi zu erregen und in eine zufriedenere Stimmung zu versetzen. Gegen zehn Uhr erhob man sich wieder, in der Ferne, am obern Teil des Sees stiegen Raketen auf, um der Stadt Paris den Beginn des Festes zu verkünden. »Muß man dorthin gehen?« fragte Apistrol. »Der Herzog hat mir heute morgen gesagt, vor halb elf würde nichts Besonderes unternommen.« »Dann gehen wir doch noch etwas ins Gehölz.« Auf schmalen Fußwegen, die sich durch das Gebüsch wanden, gelangte man ans andre Ende der Insel, Christian und Madeleine voran, dann Saraccioli, Rémi und Campardon. »Besteht denn das immer noch fort?« fragte Saraccioli mit einem Blick auf das Paar, das vor ihnen herging. Campardon wußte ebenso wie die übrige Bande, daß man vor Rémi nicht davon sprechen dürfe und suchte abzulenken. »In Paris dauert alles lange – man ist hier sehr konservativ. Übrigens kann man es nie so wissen.« »Pardon,« fuhr der Italiener hartnäckig fort, »ich saß bei Tisch neben der Gräfin, und ich verstehe mich auf dergleichen. Wir Italiener sind alle gute Beobachter.« »Rémi,« unterbrach ihn Campardon, »du weißt doch, daß in Wirklichkeit die kleine Lievens vom Athenäum das ganze Fest veranstaltet hat. Der Herzog soll ganz toll in sie verliebt sein.« »Laß Monsieur Saraccioli doch ausreden,« sagte Rémi ungeduldig, – »also es ist Ihnen aufgefallen – –« »Mit eignen Augen hab ich's gesehen,« fuhr der Italiener geschmeichelt fort, – »als der Fürst ihr den Mantel umhängte, hab ich eine sehr kompromittierende Geste beobacht –«, er kam nicht ganz zu Ende, Campardon hatte ihn heftig in den Arm gezwickt und trat ihn zum Überfluß noch auf den Fuß. Gleichzeitig brüllte er mit Donnerstimme: »Nicht so rasch, Made, ich kann kaum mehr schnaufen.« Christian und Made wandten sich um, vom See her kam ein heller Schein, und die beiden standen da wie in vollem Tageslicht. Campardon bereute es sie angerufen zu haben, denn sie und Christian boten wirklich einen peinlichen Anblick – er hielt ihren Arm gewaltsam an sich gepreßt und auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck von Besitzerstolz, so daß Campardon Rémis stumme Wut vollkommen begriff. Aus Gutmütigkeit hielt er sich für verpflichtet zu sagen: »Der gute Fürst sieht wirklich aus wie der geborne Ehemann.« »Laß mich in Ruh,« erwiderte Rémi trocken. Dann sprach er kein Wort mehr und blickte nur finster vor sich hin. Im Gedränge des Festes, das die verschiedenartigsten Elemente der großen Stadt vereinigte, wurden sie für eine Zeit getrennt, fanden sich dann aber wieder zusammen. Angesichts der verschiedenen Frauen, denen er den Hof machen konnte, fand Rémi bald seine ganze Gewandtheit und ironische Heiterkeit wieder. Aber Madeleine vermochte trotz aller Anstrengungen ihre Unruhe nicht mehr zu beherrschen. Sie kannte diesen Blick bei Rémi, in dem etwas von wirklichem Haß schimmerte, kannte und fürchtete ihn. – Was mochte geschehen, wenn sie ihn nicht rechtzeitig wieder zu fesseln wußte? Allmählich wurde Rémi auch wieder schweigsam; an eine Balustrade gelehnt, blickte er gleichgültig auf die antiken Tänze am Rande des erleuchteten Sees. Er war verstimmt, gereizt und hatte Lust, aller Welt unangenehme Dinge zu sagen. Die Hauptschuld an dieser Verstimmung trugen die bedeutenden Geldverluste der letzten Tage. Wo sollte er die fünfzigtausend Franks auftreiben, um seine Spielschulden zu decken? Und so kam es, daß ihm überhaupt alles in einem ungünstigen Licht erschien. Bisher hatte er sich über Christians Eifersucht eigentlich nur amüsiert. Ihm lag im Grunde nichts daran, Madeleine ganz allein für sich zu besitzen, und manchmal hatte er schon gedacht: eigentlich ist das das Ideal – eine Maitresse, die zum großen Teil anderweitig in Anspruch genommen ist. Aber heute sah er alles mit andern Augen an. »Im Grunde bin ich der Hahnrei,« dachte er, und Christian kam ihm weniger lächerlich wie sonst vor. Dagegen schien seine eigne Lage ihm etwas absurd, sich verstecken zu müssen wie ein Knabe, sich als Zofe verkleiden und den Augenblick abpassen, wo der offizielle Liebhaber verschwand. »Und warum kommt er immer in erster Linie? Er ist weder jung noch reich.« – Der Gedanke an Christians Brutalität hatte ihn nie erschreckt, und jetzt lag sogar ein gewisser Reiz für ihn darin. Dann stieg der Wunsch in ihm auf, seine Feindseligkeit an den Tag zu legen und vor allen andern unliebenswürdig gegen Madeleine zu sein, sie unter ihrer Liebe leiden zu lassen. Er trat auf die Gruppe zu, wo sie mit ihren Bekannten zusammensaß, spielte den Gutgelaunten und versuchte sie aus dem Kreise loszulösen, unter Christians Augen mit ihr allein zu sprechen. Sie fühlte die Gefahr und gab nach, denn sie baute auf Christians versöhnliche Stimmung. Er schien auch erst nicht weiter darauf zu achten, aber allmählich mußte auch ihm auffallen, was allen andern auffiel: daß Rémi mit einer gewissen zuversichtlichen Vertraulichkeit auf Madeleine einsprach und sie ihre Erregung kaum zu verbergen vermochte. Er redete halblaut, fast ohne die Lippen zu bewegen, wie jemand, der um jeden Preis angehört und verstanden sein will. Für Madeleine war es äußerst kompromittierend, sie machte in ihrer Verwirrung den Eindruck eines verliebten jungen Mädchens, das eine Liebeserklärung anhört. Es frappierte Christian ebenso wie die übrigen Zeugen der kleinen Szene. Hätten sie auch noch etwas von dem Gespräch der beiden Liebenden mit anhören können, so wäre kein Zweifel mehr geblieben. »So laß mich doch jetzt – ich bitte dich.« »Nein, ich lasse dich nicht. Das gewohnte Spiel ist mir heute zu langweilig. Ich möchte ihn einmal wieder eifersüchtig sehen.« »Aber was kann dir das für Vergnügen machen? Du weißt, daß er seinen Zorn nur wieder an mir ausläßt, und daß es mich womöglich einmal das Leben kosten kann. – Höre, Mi – ich Hab dich so lieb – aber ich bitte dich, laß mich jetzt.« »Ich lasse dich nicht los, ich will dich für mich allein. Ja, es ist wirklich wahr, ich bin jetzt auch eifersüchtig.« »Ach, du denkst nicht an Eifersucht, du bist ein entzückender Kerl, aber es ist dir ganz egal, ob du mit noch jemand teilst. Also warum mich quälen?« »Ich will dich für mich allein.« »Mein Gott, wenn das doch wahr wäre –« sie sah ihn an, sein feingeschnittenes Pagengesicht, die Augen, in denen soviel zynische Neugier liegen konnte, und den Mund, der nur zum Küssen und zum Spotten geformt schien. »Du – eifersüchtig! – Ach, das wäre so schön. Und dann wäre mir alles gleich, auch wenn man uns alle beide totschlüge. Wenn ich dich einmal in den Armen hätte; rasend vor Eifersucht – wie ihn, den ich nicht liebe. Aber du bist nicht eifersüchtig. Du bist nur heute abend schlechter Laune, und es macht dir Spaß, mich zu quälen. Aber jetzt geh, laß mich, sonst gibt es ein Unglück.« In ihren Worten lag soviel ungestüme Aufrichtigkeit, daß er endlich nachgab und sich entfernte. Madeleine gesellte sich jetzt zu den kleinen Avigres und plauderte mit erzwungener Heiterkeit. Rémi verschwand, ohne sich von irgend jemanden zu verabschieden. Während das nächtliche Fest seinen Fortgang nahm, mit bengalischen Feuern, mit Musik und Tanz, saß Christian in finstere Gedanken versunken da und sagte kein Wort. Er war traurig, so namenlos traurig, wie er noch nie gewesen war, und es lag wie Bergeslasten auf seiner Seele. Jetzt konnte er nicht mehr zweifeln, daß sie ihn betrogen hatte. Und doch – wie sich den Beweis verschaffen? Sie waren zu schlau für ihn, alle beide, das wußte er wohl. »Aber ich bin der Stärkere,« dachte er, und ein blutdürftiges Leuchten funkelte in seinem Blick, während er Madeleine ansah. All das Hin- und Herdenken erschöpfte ihn so, daß er kaum imstande war mit Madeleine zu sprechen, als sie schließlich kam und sich zu ihm setzte. Allmählich ging das Fest zu Ende, und die Menschenmenge verlief sich. Halb willenlos ließ er sich zu dem Wagen führen, und wie im Traum hörte er Madeleines Stimme. Sie hing an seinem Arm, als wollte sie ihm ihren Willen aufzwingen, ihn hindern, zu handeln. Er antwortete auch, wußte aber selber nicht, was er sagte. Wie von einer unerträglichen Last gelähmt, saß er während der Heimfahrt neben ihr, und die fixe Idee, die ihn seit Monaten verfolgte, nahm immer festere Gestalt an. Selbst Madeleines Zärtlichkeiten vermochten ihn jetzt nicht zu zerstreuen. Sie bemerkte es mit Schrecken, und als sie an ihrer Tür ankamen, schlug sie ihm vor, mit heraufzukommen, bei ihr zu bleiben. Zu jeder andern Zeit hätte eine solche Gunstbezeugung ihn mit glühendstem Dank erfüllt. Und sie wollte ihn heute um jeden Preis in ihrer Nähe behalten, verhüten, daß er seinen Gedanken überlassen blieb. Aber er entschuldigte sich mit übergroßer Ermüdung. »Du willst nach Hause?« fragte sie. »Ja, natürlich.« »Dann gute Nacht. Telephoniere mich morgen an und laß mich hören, wie es dir geht.« Nur halb beruhigt durch sein Versprechen, nach Hause zu gehen, stieg sie die Treppe hinauf. Und Christians Beklommenheit wuchs noch mehr von dem Moment an, wo er allein war. »Ich hätte sie fragen sollen. – Aber nein, sie schlug mir ja vor, zu bleiben – also kann sie niemanden erwarten. Oder sollten sie ein Signal haben!« Es fiel ihm wieder ein, daß Rémi schon frühzeitig verschwunden war. »Ich werde im Klub nachsehen,« dachte er und ließ sich nach der Rue Royale fahren. Dort fragte er den Diener und erfuhr, daß der Vicomte de Lasserade im Spielsaal sei. Nun schickte er das Coupé fort und ging hinein. Ihm war förmlich erleichtert zumute, als er auf den ersten Blick Rémi an dem großen Bakkarattisch entdeckte. Er spielte schon seit zwei Stunden, erst mit wechselndem Glück, dann fing er endlich an zu gewinnen. Christian nahm zwischen zwei Spielern Platz und begann zu setzen. Rémi hatte ihn nicht gesehen, da eine Menge von Neugierigen um den Tisch herumstand und er völlig in das Spiel vertieft war. Aber dann fing er plötzlich wieder an zu verlieren, und nun blickte er zufällig auf und sah den Fürsten, der mit vollendeter Ruhe spielte und andauernd gewann. Und Christian war von einem Gefühl der Rache gegen ihn beseelt, er wußte, daß Rémi pekuniär schon fast zugrunde gerichtet war und wußte auch, was auf einen derartigen Zusammenbruch folgen kann, Demoralisation, ja Selbstmord. Und nun hatte er das Gefühl, selber etwas dazu beizutragen, indem er immer stärker gegen Rémi pointierte. Rémi war zu sehr Spieler, um das nicht herauszufühlen – so war ihnen beiden, als sei dieses Spiel ein erbitterter persönlicher Kampf. Als Rémi sich schließlich erhob mit dem quälenden Bewußtsein, noch achtzigtausend Franks Schulden mehr zu haben und dennoch den Kampf aufgeben zu müssen, da kam es ihm vor, als habe Christian ihn besiegt und zugrunde gerichtet. Und nun spielte sich in diesem prunkvollen Saal mit seinen Marmorpilastern und seiner üppigen Vergoldung eines jener kurzen, mysteriösen Dramen ab, die um so erschütternder wirken, als sich niemand von den übrigen auch nur einen Moment dadurch in seinem Vergnügen stören läßt. Christian hatte den Spieltisch fast unmittelbar nach Rémi verlassen, die kleine Gruppe von Bekannten, die sich um ihn versammelte, um noch ein paar Worte zu plaudern, zerstreute sich bald wieder, und alles kehrte zu den Tischen zurück. Und nun schritten die beiden Männer durch den leeren Saal aufeinander zu, blieben stehen und schüttelten sich die Hand wie gewöhnlich, während sie sich gegenseitig mit brennenden Blicken maßen. Rémi war in diesem Augenblick wohl der zornigere von beiden, aber auch der minder brutale, er wartete darauf, daß der andre sich eine Blöße geben möge. – Und das geschah denn auch. Wie von einem inneren Zwange getrieben, aber mit einer Ungeschicklichkeit, die ihn selber überraschte, sagte Christian: »Sie scheinen ja konsequent Unglück zu haben.« »Und Sie haben das Glück, das Ihnen zukommt,« antwortete Rémi. Er war plötzlich sehr ruhig geworden, und während Christian erst allmählich die Beschimpfung, die darin lag, begriff, fuhr er fort: »Warum sollen wir also noch länger warten. Es verlangt uns beide danach, ich werde zwei meiner Freunde benachrichtigen und bitte Sie um das Gleiche, damit sie sich gleich morgen bereden können.« Christian stand immer noch unbeweglich da, und nun fügte Rémi hinzu, um ihn wenigstens noch so empfindlich wie möglich zu treffen: »Ich bin es Ihnen schuldig und eher zweimal wie einmal. – Das lastet schon seit lange auf mir.« Dann sah der Fürst seine schlanke Gestalt sich absichtlich langsam entfernen. Wie ein Goliath, den der Stein aus der Schleuder des Knaben getroffen, sank er in einen der breiten Sessel, die vereinzelt im Saale umher standen. »Eher zweimal wie einmal – ja – damit meinte er Arlette und Madeleine – ah – ihn zu töten!« Er sah den Degen vor sich, mit dem er den Körper dieses Gegners durchbohren und ihm den Lebensnerv durchschneiden würde. – Und diese Vision beruhigte ihn allmählich. Als sich dann verschiedene Kameraden um ihn sammelten, war er wieder imstande, über gleichgültige Dinge mit ihnen zu plaudern. Die Spannung seiner Nerven löste sich allmählich, und während er sprach, weidete er sich immer wieder an dem Gedanken, wie das scharfe Eisen jenen weichen jugendlichen Körper durchbohren würde. Dann nahm er zwei seiner Freunde, den Marquis de Larens und Monsieur de Comtat beiseite, setzte ihnen auseinander, daß der Vicomte de Lasserade, durch seine Spielverluste gereizt, ihn beleidigt habe und verabredete, daß sie sich morgen zu Rémi begeben sollten, wo sie zwei von dessen Freunden treffen würden. Christian wünschte, daß die Angelegenheit so rasch wie möglich zum Austrag kommen möchte, vielleicht schon morgen nachmittag, wenn die Formalitäten am Morgen erledigt würden. Am nächsten Mittag wußten die beiden Gegner, daß sie sich vier Stunden später, mit der Waffe in der Hand, gegenüberstehen würden. Als Rendezvous war ein Reitinstitut in Neuilly ausersehen, wo nur vornehme Duelle ausgefochten wurden. Rémi, den seine Geldangelegenheiten weit mehr beunruhigten wie das Duell, machte sich nach beendigter Unterhandlung im Klubfiaker auf den Weg, um die verschiedenen Wucherer aufzusuchen. Die Idee, Christian zu provozieren, kam ihm jetzt schon ziemlich töricht vor. Was war ihm nur eingefallen, plötzlich auf Madeleine eifersüchtig zu sein? »Aber mein Gott,« dachte er, »schließlich wird es mir Spaß machen, ihm eins auszuwischen.« Der Fürst nahm die Sache bedeutend ernster. Seit das Renkontre entschieden war, hatte er nur noch zwei Gedanken: Madeleine war doch Rémis Geliebte, und binnen wenigen Stunden würde er vor ihm stehen, seiner Rache anheimfallen. Seit jenem knabenhaften Erlebnis seiner Schülerzeit hatte er nie ein Duell gehabt und kaum je den Fechtsaal besucht, aber er zweifelte keinen Augenblick, daß es anders als mit Rémis Tod endigen würde. Wenn er nur eine tödliche Waffe in der Hand hatte, alles übrige kam nicht in Betracht. Und der Gedanke an den ermordeten Gegner nahm seinen ganzen Zorn mit weg. War Rémi vom Schauplatz verschwunden, so konnte er die Beute, die er ihm streitig gemacht hatte, wieder an sich reißen, und was vergangen war, vergessen. Er wollte sie ausschließlich für sich, und dann würde er Ruhe haben. Je näher die Stunde des Duells heranrückte, um so ruhiger wurde er, fühlte sich beinah glücklich, wie jemand, der endlich der Sklaverei entrinnt und von nun an seine volle Freiheit genießen wird. Eine Stunde, bevor der Wagen ihn abholte, suchte er seine Mutter auf. Charlotte Wilhelmine saß auf einem niedrigen Sessel, dem einzigen geschmacklos modernen Möbel zwischen der alten aristokratischen Einrichtung, die sie mit aus Deutschland herübergebracht hatte. Ihre lange, magere, etwas grobknochige Gestalt war ganz in schwarze Spitzen gehüllt. Gesicht und Hände, die daraus hervorragten, schienen wie aus Holz geschnitten und hatten etwas von den Gliedern einer überlebensgroßen Marionettenfigur. Dabei sah sie weder vornehm noch besonders intelligent aus. Christian küßte ihr die Hand, und sie begrüßte ihn auf französisch. Dann sprachen sie deutsch zusammen. Von dem Duell ahnte sie selbstverständlich nichts, was sie grade heute beschäftigte, war die finanzielle Lage ihres Sohnes. Sie wollte gerne wissen, ob er Schulden habe und ob seine Ausgaben jetzt, wo Arlette nicht mehr da war, sich mit seinen Einnahmen deckten. Dann kam sie wieder auf das Thema Madeleine und ließ es nicht an Beschimpfungen und brutalen Ausdrücken fehlen. »Diese Hexe, diese schlechte Frau!« so und womöglich schlimmer bezeichnete sie Madame de Guivre. Christian ließ sie reden, in seine respektvolle Haltung mischte sich heute beinah etwas wie Zärtlichkeit. Die Fürstin fühlte es und wurde gerührt. Als er Abschied nahm, küßte sie ihn auf die Stirn, und er ging ganz beruhigt fort, als sei der Sieg ihm jetzt noch gewisser wie vorher. Draußen war heller Sonnenschein, während Rémi de Lasserade und Christian von Ermingen sich in dem Nebensaal des Reitinstituts umkleideten. Die Ärzte hatten ihre chirurgischen Werkzeuge ausgebreitet, dicht daneben standen die Zeugen, um die letzten Dispositionen zu treffen. Monsieur de Comtat, der in seinen Kreisen für eine Art Berufssekundanten galt, gab Christian noch einige Ratschläge von solcher Banalität und Selbstverständlichkeit, daß er sie sich ebensogut selber hätte geben können. Aber Christian hörte kaum zu, während er ein weiches Hemd überwarf und seine Handschuhe anzog, war er etwa in derselben Gemütsverfassung wie ein Bauer, der mitten in der Nacht aufsteht und sein Gewehr vom Nagel nimmt, um einen Fuchs oder ein andres schädliches Tier zu töten. Er wußte das Wild, dem er nachstellte, in seinem Bereich. Da er nicht antwortete, nahm Comtat an, er sei mit ernsten Gedanken beschäftigt und sagte leise zum Marquis de Larens: »Der Fürst scheint sehr düster gestimmt – und bei dem Mann sollte man doch nicht denken, daß er Furcht hat?« Um die Lippen des Marquis spielte ein scharfes Lächeln: »Nein. Er fürchtet sich nicht – aber ich, und zwar nicht um ihn. Es ist eine dumme Geschichte, und ich bedaure es, gestern abend in den Klub gekommen zu sein.« Christian war inzwischen in den Gang getreten, wo Rémi in einem leichten, anschmiegenden Hemde stand und anscheinend gleichgültig mit seinen Sekundanten plauderte. Bald darauf kreuzten sich die Degen, Rémi de Lasserade war der Geschmeidigere und suchte seinen Gegner in die Enge zu treiben, der sich kaum rührte und mit gespanntem Blick jeder Bewegung folgte, wie ein Jäger, der den geeigneten Augenblick zum Losdrücken erspäht. So verlief die erste Minute, bis Halt geboten wurde. Während der Pause verwandte Christian kein Auge von seinem Gegner, der wieder mit seinen Freunden sprach und Monsieurs d'Ars etwas an seinem Degen zeigte. Zufällig wandte Rémi sich um und begegnete Christians Blick. Und jetzt begriff er plötzlich, daß dieser Mann seinen Tod wollte. – In diesem flüchtigen Moment, den das Schicksal ihm noch gewährte, faßte er zum erstenmal die Möglichkeit des Todes ins Auge, und wie in einer jähen Vision zog sein Leben an ihm vorüber – so leer, so kurz und grade jetzt so voller Schwierigkeiten. »Bah,« dachte er, »was liegt denn daran! Ich habe eben kein Glück gehabt, und jetzt verschwört sich alles gegen mich.« Wieder kreuzten sich die Klingen, trafen sich, verfingen sich ineinander. Rémi war nervös geworden und machte einen heftigen Ausfall, Christian parierte ihn und die Spitze seines Degens berührte Rémi leicht oberhalb der linken Brust. Er wich einen Augenblick zurück, und nun fuhr die Klinge des Fürsten ihm tief in die Brust und durchbohrte die Lunge. Rémi sah durch das Fenster die roten Ziegelsteingebäude da draußen schwanken – auf sich zukommen, ihn erdrücken – dann kamen noch andre Sachen auf ihn zu – Arme, Gesichter, ein Rockaufschlag mit einer roten Rosette. – Langsam glitt der Boden unter ihm weg, er fühlte eine salzige Flüssigkeit im Munde, an der er fast erstickte, sah einen Kopf mit weißem Haar dicht über sich, auf den er wie hypnotisiert hinstarrte, – dann wurde es Nacht um ihn her, und er stöhnte dumpf. Christian war mit in das Coupé des Doktors gestiegen. Sie fuhren im Sonnenschein durch das Bois, begegneten unzähligen andern Wagen, in denen manchmal zärtliche Pärchen saßen – Automobilen, Radfahrern und Fußgängern. Die beiden Männer redeten kein Wort, der Doktor spielte nervös mit der Quaste des Türgriffs, schnalzte von Zeit zu Zeit leise mit der Zunge und begann schließlich diskret zu gähnen. Christian war vollkommen ruhig. Er hatte keinen andern Ausgang erwartet und war weder erstaunt noch bestürzt. Im Grunde fühlte er nur eine große Erleichterung, einmal, weil die schlummernde Brutalität seiner Natur sich endlich einen Ausweg gebahnt hatte, und dann glaubte er jetzt zum erstenmal und für immer Madeleines unumschränkter Herr und Gebieter zu sein. Als das Coupé in die Champs Elysées einbog, wagte der Arzt endlich zu bemerken: »Sie wissen, man wird versuchen, die Sache als Unglücksfall hinzustellen, aber trotzdem können Sie vielleicht heute schon vor den Untersuchungsrichter zitiert werden. Und darum war es am Ende besser, wenn Sie jetzt gleich beim Palais vorführen und mit dem ersten Staatsanwalt sprächen.« »Heute habe ich keine Zeit mehr,« antwortete Christian ruhig. Dann verabschiedete er sich von dem Arzt und nahm einen Fiaker, um in die Rue d'Offémont zu fahren. Madeleine war eine halbe Stunde vorher nach Hause gekommen und in trostloser Stimmung, vorgestern hatten sie sich für heute nachmittag verabredet, Rémi hatte vergessen abzuschreiben und sie ihn stundenlang vergebens erwartet. Jetzt eben hatte sie ihre Zofe zu ihm geschickt, um sich zu erkundigen. Sie war noch nicht zurück, als Christian kam. Madeleine empfing ihn freundlich, denn sie hoffte von ihm etwas über Rémi zu erfahren und fragte gleich: »Wo kommst du her, mein Freund? Warst du bei der Gardenparty von St. Clairs?« Aber schon hatte er sie in die Arme genommen und sah ihr so ernst, so bewegt in die Augen, daß sie ganz überrascht zu sprechen aufhörte, in dem Gefühl, daß irgend etwas Schwerwiegendes bevorstände. Dann stammelte sie, ohne den Mut zu haben, sich loszumachen: »Christian, was hast du?« »Du bist mein,« sagte er nur. Sie wußte nicht, konnte nicht wissen, warum er das grade jetzt sagte. – Er betrachtete sie in diesem Augenblick gewissermaßen wie eine Beute – alles andre war gleichgültig, denn jetzt konnte sie nur noch ihm angehören. Leidenschaftlicher wie je trachtete er danach, sie zu besitzen, und während er sonst ihren Launen zu gehorchen pflegte, sollte sie sich jetzt seinem Verlangen fügen, wie er es wollte. Es lag bei ihm kein Cynismus darin, er liebte sie noch mehr wie sonst, liebte sie bis zum Wahnsinn, seit er seinen Rivalen erschlagen hatte und sicher war, sie nicht mehr mit ihm teilen zu müssen. Madeleine begriff endlich, was er wollte, und ganz erfüllt von ihrer Sorge um Rémi, sträubte sie sich. »Nein, nein, Christian – sei vernünftig. Ich bin so müde.« Aber er achtete weder auf ihre Einwände, noch auf das Sträuben ihres Körpers, der sich ihm zu entwinden suchte. In zorniger Resignation ließ sie schließlich alles über sich ergehen, als plötzlich die laute Stimme ihrer Kammerjungfer ihr die Kraft gab, sich loszureißen. »Madame, Madame,« rief das Mädchen laut und erschreckt. Dabei kam sie in das Zimmer gestürzt, ohne die Verwirrung der beiden zu bemerken, die sich rasch erhoben hatten. »Madame, Madame! Monsieur Rémi –« Als sie dann Christian sah, blieb sie bestürzt stehen und stammelte: »Er ist – – im Duell – – jetzt eben –« Und jetzt begriff Madeleine plötzlich alles. Sie stieß einen wahnsinnigen Schrei aus, bäumte sich empor und fuhr dem Fürsten mit ihren Nägeln ins Gesicht. »Du hast ihn getötet – du!« Dann taumelte sie halb von Sinnen gegen die Mauer und brach zusammen. Christian wies dem Mädchen mit einem so drohenden Blick die Tür, daß sie entsetzt hinausfloh und vor Schrecken gegen den Türpfosten anrannte. Dann lief er rasch zu Madeleine und hob sie auf. Als er sie berührte, schlug sie die Augen auf, Haß und Abscheu flammte in ihnen. »Mörder!« stammelte sie, »Mörder.« Christian suchte weder zu erklären noch sich zu entschuldigen, sondern fuhr trotz ihrer Empörung und ihres Widerstandes fort, sie gewaltsam an sich zu pressen.– – Sie schrie verzweifelt um Hilfe, aber ihre Dienerschaft bebte vor Christians Zorn, und niemand wagte herbeizueilen. So mußte sie alles über sich ergehen lassen. Die Repräsentanten der Religion und Justiz taten ihr möglichstes, um die Duellaffäre niederzuschlagen, da es sich doch um den Träger eines einstmals berühmten Namens handelte. Madeleines Vetter, der Herzog von Langeois, verwendete sich für die Sache und erreichte auch, daß der Staatsanwalt kein Strafverfahren einleitete. Rémi wurde in das Haus des Herzogs gebracht, ohne daß jemand etwas von dem wahren Hergang wußte. Er lebte noch etwa vierundzwanzig Stunden in völlig bewußtlosem Zustande, also immerhin lange genug, daß man sein trauriges Ende einem Unfall zuschreiben und einen Priester holen konnte. So stand nun auch einem kirchlichen Leichenbegängnis nichts im Wege, das in Notre Dame de Passy abgehalten wurde, einer kleinen unscheinbaren Kirche, zu deren Gemeinde die Familie Lasserade gehörte. Dasselbe klare Sonnenwetter wie an jenem Tage nach dem Fest leuchtete über Paris, unzählige Wagen folgten dem Leichenzuge, und wie immer in Paris, wenn es irgend etwas zu sehen gibt, waren Scharen von Müßiggängern herbeigekommen. Die Feier war auf elf Uhr angesagt, aber um zehn war die Kirche schon gedrängt voll. Die gesamte hohe Aristokratie von Paris war anwesend und zahlreiche Vertreter der Künstler-, Börsen-, Klub- und Lebewelt. Man unterhielt sich im Flüstern über die wahre Ursache von Rémis Tod, die nicht einmal in die Zeitungen gedrungen war. – Made's Bande war auch erschienen, mit Ausnahme von Christian und Madeleine. Man wollte wissen, daß das Verhältnis der beiden nach diesem Drama noch unlösbarer fortbestände wie früher. Ja, alles hatte sich hier versammelt, und hätte Rémi durch die blumengeschmückten Bretter seines Sarges hindurchblicken können, so wäre ihm die innere Hohlheit dieser ganzen Lebenssphäre wohl noch klarer zum Bewußtsein gekommen als in jenen letzten Augenblicken vor seinem Tode. Aber er sah nichts mehr von alledem, es war nichts mehr von ihm übriggeblieben als ein traurig verstümmelter Körper, in voller Jugendblüte dahingerafft, ohne das Leben anders kennen gelernt zu haben als von seiner nichtigsten Seite. Aber unter allen den vornehmen Nichtstuern gab es doch wenigstens einen nachdenklichen Beobachter, und das war Jèrôme de Péfaut. Während der Bischof unter pomphaftem Gepränge die Totenmesse zelebrierte und vom Chor herab die Musik in herzzerreißenden Klagetönen niederschallte, saß er tief in Gedanken versunken da. »Alle diese schönen Liturgien und Gebete,« dachte er, »die von der Auferstehung und von ewiger Ruhe in Gott reden – wer von allen diesen Leuten hier versteht das überhaupt oder glaubt daran? Er glaubte wohl kaum etwas davon zu seinen Lebzeiten – der jetzt starr und kalt dort im Sarge ruht. Und wer von allen den andern, die ihn heute zu Grabe tragen? Wie manches Mal habe ich die Besten unter ihnen danach gefragt – Männer und Frauen und alle waren unsicher, zögerten mit der Antwort. Sie machen das alles eben mit, ohne darüber nachzudenken, um Ruhe zu haben.« Er betrachtete die beiden Schwestern Rose und Marguerite, die ganz in seiner Nähe saßen und mit anmutig geneigtem Haupt auf die gefalteten Hände niederblickten. Auch diese beiden wollten nur bis zu einem gewissen Punkt mit der Sprache heraus; und als er weiter in sie drang, wichen sie aus: »Lassen Sie uns in Ruhe, Jérôme, Sie bekehren uns doch nicht zu Ihrem Heidentume.« Sein Heidentum! Er konnte sich selbst das Zeugnis ausstellen, daß er wirklich kein Heide war, – er, der seinen Moralprinzipien getreu sich jeden Genuß versagte und wie ein griechischer Weiser lebte. Waren die andern, alle diese Campardon, Apistrals und wie sie heißen mochten, etwa bessere Christen? Während er über diese Dinge nachdachte, fiel sein Blick zufällig auf zwei Frauen, die etwas abseits im Schatten eines Beichtstuhls knieten. Beide waren in tiefer Trauer, die langen Kreppschleier verbargen ihre Gesichter, so daß man sie selbst bei Tageslicht nicht hätte erkennen können. Und diese beiden wenigstens plauderten nicht, wie die übrige Versammlung, lachten nicht und schienen die Kirche nicht als Salon, die Trauerfeier nicht als Theatervorstellung zu betrachten. Die kleinere von beiden hatte das Gesicht in beiden Händen verborgen und weinte heftig, die andre schien in tiefe Andacht versunken. »Wer mögen die beiden sein?« fragte Jérôme sich, »und weshalb sind sie hier. Von den übrigen scheint niemand sie zu kennen. Sie gehören wohl auch kaum zur Gesellschaft, obgleich sie gut gekleidet sind. Wahrscheinlich sind es Modistinnen oder Schneiderinnen – nicht grade wohlhabend, aber sie sehen auch nicht aus, als ob es ihnen schlecht ginge. Die eine hat sehr viel Kummer, die andre ist nur aus Freundschaft und überhaupt aus Frömmigkeit mitgekommen. Ob es Schwestern sind?« Ihre Schleier waren so dicht, daß man nicht einmal die Haarfarbe erkennen konnte. – Die Weinende hatte sich jetzt etwas beruhigt und ihren Platz wieder eingenommen, nachdenklich saß sie da, die Hände zwischen den Knieen. Es fiel Jérôme auf, daß diese Hände sehr klein und zierlich waren. Er versuchte sich ihre Lebensgeschichte auszumalen, »es sind sicher Schwestern, die eine hat vor kurzem ihren Mann oder ein Kind verloren, das hier bestattet worden ist, – heute morgen ist sie mit ihrer Schwester hergekommen, um zu beten, ohne zu wissen, daß hier eine andre Trauerfeier stattfindet. Das hat sie dann noch trüber gestimmt. – Aber sicher ist es doch ihr Gatte, den sie verloren hat, eine Mutter würde nur beim Anblick eines Kindersarges so weinen.« Rose Duclerc, die gefeierte Sängerin von der Oper, stimmte jetzt mit ihrem wundervollen Alt das Pie Jesu an, die gleichgültige Menge erhob die Köpfe und hörte bewundernd zu, wie im Theater. Die beiden Schwestern in Trauer blieben in ihrer vorigen Stellung und schienen dem Gesang wenig Beachtung zu schenken. Und Jérôme dachte weiter: Der Mann dieser kleinen Pariserin hat wahrscheinlich ein Glück gekannt, von dem alle diese Leute hier nichts ahnen – er ist nicht einsam gewesen, weder im Leben noch im Tode, und sein Andenken lebt in einem treuen Herzen fort. – Wir andern, die wir hier versammelt sind, leiden alle unter dem Gefühl einer entsetzlichen Einsamkeit, die wir selbst bei allen unsren Vergnügen und Festen nicht los werden. Sie läßt uns nicht los, verfolgt uns bis in den Tod. – Ich selbst, zum Beispiel, seit dem Tode meiner Mutter habe ich keinen Menschen mehr, der mir wirklich nahe steht und den ich lieben könnte. Es gab nur ein einziges zartes Wesen, für das ich wenigstens brüderliche Gefühle hegte, und auch das ist verschwunden. Der Geistliche redete jetzt am Sarge des Verstorbenen, erteilte ihm die Absolution und betete für die Ruhe seiner Seele. Dann wurde der Sarg hinaus getragen, und die Trauerversammlung bewegte sich auf die Sakristei zu. Man hatte die Feier schon viel zu lang gefunden und atmete auf. Während der Zeremonie waren die beiden Geschlechter getrennt gewesen, setzt vereinigten sie sich wieder wie eine Herde lustiger Schulkinder. Madame d'Ars gesellte sich zu Apistral, der dicke Campardon plauderte in einer Ecke mit Rose Duclerc, die eben von der Tribüne herabgestiegen war, um die Huldigungen ihrer Bewunderer entgegenzunehmen. Saraccioli legte seine Hand auf Jérômes Schulter: »Eine schöne Feier,« sagte er, »und echt Pariserisch.« »Aber der, dem sie gilt, hat nichts mehr davon, der Held des Tages zu sein,« erwiderte Jérôme. »Sie kennen das Geheimnis?« fragte der Italiener. »Ich weiß niemals Geheimnisse.« »Dann sagen Sie es, bitte, nicht weiter, es ist wirklich tiefes Geheimnis. Der Vicomte Rémi ist nicht das Opfer eines Unfalls, sondern im Duell gefallen, das heißt, der Fürst von Ermingen hat ihn gewissermaßen im Duell ermordet, weil er ihn mit Madame de Guivres ertappt hatte.« »Aber ich bitte Sie,« mischte sich die blonde Madame de St. Clair unaufgefordert in das Gespräch, »Saraccioli, erzählen Sie doch keine Romane. Rémi war mit Rose Duclerc liiert, das ist doch stadtbekannt.« Durch die nachdrängende Menge wurde die kleine Gruppe voneinander getrennt. Jérôme wußte natürlich um das Geheimnis, es war allgemein bekannt, alle Anwesenden sprachen im Flüsterton darüber, raunten es einander zu, einige bestritten, andre bestätigten es, man fühlte sich bei diesen Gesprächen von der wollüstigen Atmosphäre der gewohnten Liebesabenteuer und intimen Geheimnisse umgeben, während vom Chor herab der Grieg'sche Trauermarsch erklang. Dann zerstreute die Versammlung sich allmählich, nachdem man zuvor noch der Familie des Verstorbenen kondolierend die Hand gedrückt hatte. Da war zuerst Rémis Onkel, der Herzog de Lasserade, ein schöner, distinguierter alter Herr. Er war sehr bewegt, denn Rémi war sein Lieblingsneffe gewesen. Neben ihm stand irgend ein Verwandter aus der Provinz, ein korpulenter, kahlköpfiger Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, und die Brüder des Verschiedenen, Jean, der Dragonerleutnant, und Hubert, der Artilleriehauptmann. Der Zeremonienmeister hatte ihnen ihren Platz links neben der Sakristei angewiesen, alle nahmen eine möglichst ernste und traurige Miene an, während sie an ihnen vorbeikamen, um gleich darauf wieder in den gewohnten leichten, scherzenden Konversationston zu verfallen. Jérôme wartete noch einen Augenblick auf die kleinen d'Avigres, hier und da kamen Bekannte vorbei, und man wechselte ein paar flüchtige Worte. Bruchstücke von Gesprächen drangen an sein Ohr, unter Plaudern und Lachen. Da war die Rede von einer Baudeville-Première, die morgen zum Abschluß der Saison stattfinden sollte, von Sport-Réunions und Seebädern. Wo von Rémi gesprochen wurde, erwähnte man sein tragisches Ende mit verständnisvollem Lächeln und allerhand pikanten Anspielungen. Der dicke Campardon sagte, während er mit Monsieur de Comtat in den Fiaker stieg: »Weißt du, Alter, es ist doch schad um den Kleinen, daß er so früh abgeklappt ist. Er war so famos niederträchtig mit den Weibern, daß er uns andre mitgerächt hat.« »Ja, ja,« dachte Jérôme, »das war wohl die treffendste und lakonischste Leichenrede, die man diesem unseligen jungen Menschen halten konnte.« Dann wartete er nicht länger, sondern schlenderte langsam, aufs Geratewohl, durch die ziemlich menschenleeren Straßen von Passy weiter. Seine Gedanken waren immer noch mit dem Problem des menschlichen Schicksals beschäftigt, als an einer Straßenecke zwei schwarzgekleidete Frauen vor ihm auftauchten, sie gingen etwa dreißig Schritt vor ihm her in der Richtung nach Auteuil. Jérôme erkannte die beiden aus der Kirche von Passy und folgte ihnen, während er selbst innerlich über seine Neugier spottete. An der Ecke der Rue Renouard schien die größere von beiden zu bemerken, daß ihnen jemand folgte, sie sah sich um, sagte ein paar Worte zu ihrer Gefährtin, dann verlangsamten sie ihre Schritte ein wenig. »Sollte ich mich so gänzlich getäuscht haben?« dachte Jérôme, »am Ende sind es nur ein paar zweifelhafte Frauenzimmer, die darauf warten, daß man sie anspricht. Man behauptet ja, daß es hier in Paris Spezialistinnen dieses Berufes für Leichenbegängnisse gibt.« Er ging jetzt selbst langsamer. Die beiden Frauen schienen darüber zu sprechen, daß sie verfolgt wurden. Die jüngere wandte sich flüchtig um, sie hatte den Schleier jetzt etwas zurückgeschlagen, so daß er einen Moment ihr Profil sehen konnte. Jérôme fühlte eine heftige Bewegung: »Aber das ist doch nicht möglich,« murmelte er vor sich hin und blieb stehen, die beiden Frauen ebenfalls, als erwarteten sie, daß er näher käme. Und nun entschloß er sich plötzlich und ging auf sie zu. Als er dicht bei ihnen war, schlug die Kleinere von beiden den Schleier ganz zurück und sagte lächelnd: »Also du bist's wirklich, und es freut mich so, dich zu sehen.« Er nahm die Hand, die sie ihm darbot und war einen Augenblick nicht imstande, zu sprechen. In tiefer Bewegung vermochte er nur immer wieder diese ihm so wohlbekannten Züge in sich aufzunehmen, die ihm teurer waren, wie er sich selbst jemals eingestanden hatte. Und wie verändert schienen sie ihm, nicht minder schön wie früher, aber so ganz anders, älter geworden, vielleicht nur durch den tiefen Ernst, der jetzt über ihnen lag. Man sah wohl, daß sie viel gelitten hatte, der früher für Arlette so charakteristische kindliche Ausdruck war geschwunden, und man sah ihren Augen an, daß sie viel geweint hatte. »Es freut mich so, dich zu sehen,« wiederholte sie, und dann etwas unruhig: »Hast du uns gleich erkannt?« »Nein, das war bei den dichten Schleiern unmöglich, aber ihr wart mir aufgefallen.« »Sehen Sie, Arlette, das habe ich doch gleich gesagt,« warf jetzt Martine ein. Sie hatte auch den Schleier zurückgeschlagen und nahm zärtlich Arlettens Arm, wie um sie zu beruhigen. Jérôme war sichtlich überrascht, daß sie Arlette so ohne weiteres beim Vornamen nannte. »Aber wir wollen nicht hier stehen bleiben,« fuhr sie fort, »in diesen kleinen Nebenstraßen erregt man sofort Aufsehen.« In einem gegenüberliegenden Hause lehnte auch wirklich schon ein Dienstmädchen neugierig am Fenster, und ein Mann in Hemdsärmeln erschien in der Tür, um die drei zu betrachten. »Ja, gehen wir weiter,« sagte Arlette, Jérôme ging neben ihr her. »Wie ist es dir denn gegangen in all der Zeit?« fragte er. In Arlettens Augen leuchtete ein wenig von ihrer einstigen Heiterkeit auf, und lächelnd antwortete sie: »Für mein jetziges Leben würde sich wohl kaum jemand aus meinem früheren Kreise interessieren. Ich wohne mit Martine zusammen, ganz hier in der Nähe. Komm doch mit uns, wenn du dich durch einen Besuch bei bescheidenen Modistinnen nicht zu kompromittieren fürchtest. »Ja, tun Sie das,« bat auch Martine, »ich bitte Sie, Monsieur de Péfaut. Es wird Arlette soviel Freude machen und ihr gut tun nach allen den traurigen Erinnerungen, die der heutige Morgen wieder aufgeweckt hat.« Schweigend gingen sie weiter, Arlette zwischen den beiden andern. Es lag so unendlich viel zwischen dem Einst und Jetzt, daß es nicht leicht war, gleich einen Übergang zu finden. Aber sie waren alle froh, sich wiederzusehen; und jeder fühlte wohl, was der andre empfand. Bei Jérôme verbarg sich unter aller Freude eine tiefe innere Erregung. Er hätte vorher kaum geglaubt, daß es ihn so ergreifen würde, Arlette wiederzusehen, an ihrer Seite zu gehen. – »Und das Kind?« dachte er plötzlich, aber er wagte nicht danach zu fragen. »Sollte es gestorben sein, weil sie so tiefe Trauer trug? Oder diente der Schleier nur dazu, sie unkenntlich zu machen? Und wie mochte sie leben? Mit wem? – Nein, wenn sie mich bittet mitzukommen, muß ihr Leben einwandfrei sein, wenigstens für den Moment. – O du liebes Kind,« dachte er. Martine zeigte auf ein kleines, einstöckiges Haus an der Rue de Bouviers, es lag in einem Garten, wo eine Menge Geranien und Astern blühten. »Da wohnen wir,« sagte sie. Als sie an die Gartentür kamen, lief ihnen ein kleiner Knabe entgegen, der zögernd stehen blieb, als er den Fremden sah. »Komm nur, Pierre, du brauchst dich nicht zu fürchten.« Er kam näher, küßte Martine zärtlich die Hände und begrüßte Monsieur de Péfaut ziemlich unbefangen. »Das ist mein kleiner Sohn,« sagte Martine mit freudigem Stolz. Dann nahm sie Pierre an der Hand und ging mit ihm voran, die beiden andren folgten. Im Parterre lag das Atelier. »Unsre drei Arbeiterinnen sind grade frühstücken gegangen,« sagte Martine. Das erste Stock enthielt drei Zimmer, in dem einen standen zwei Betten und eine Wiege, daneben in einem kleineren Raum war Pierres Schlafstätte aufgeschlagen. Alles war so einfach wie möglich eingerichtet, und doch lag ein Hauch von Behaglichkeit, ja beinahe von Eleganz darüber, der erraten ließ, daß die Bewohnerinnen aus einem andern Milieu stammten. Arlette zeigte Jérôme das winzige Badezimmer, das neben ihrem Schlafgemach lag, und führte ihn dann in den Salon, der zugleich als Empfangsraum für die Kunden diente. »Jetzt muß ich erst meiner Tochter guten Tag sagen,« sagte sie lächelnd und verschwand. Jérôme blickte Martine fragend an. »Ja, das Kind ist glücklich zur Welt gekommen,« sagte sie, »ein entzückendes Kind. Es gleicht seinem Vater, dem Vicomte Rémi, aufs Haar.« »Und Arlette hat es hier bei sich?« »Nun freilich, die Fürstin stillt es selbst,« erwiderte Martine. Dann trat Arlette wieder ein, sie hatte Hut und Schleier abgelegt und erschien wieder viel jünger im Schmuck ihres blonden Haares. Auf dem Arm trug sie ein blondes, anscheinend kräftiges und gesundes Baby, das Jérôme genau so anzusehen schien wie alle andren Babys. »Da ist es, Jérôme, findest du es nicht reizend?« Er bewunderte es pflichtschuldigst als echter Junggeselle, der sich bemüht, möglichst viel Verständnis an den Tag zu legen. Dabei war ihm das Herz seltsam schwer, er wußte selber nicht warum. Dann dachte er daran, daß eben ihre Mutterschaft der beste Beweis für ein reines Leben war und wurde wieder froher gestimmt. »Aber haben Sie schon gefrühstückt, Herr Graf?« fragte Martine plötzlich. »Ja, gewiß, wenn ich morgens irgend einer öffentlichen Feier beiwohnen muß, sei es eine Hochzeit oder ein Begräbnis, pflege ich immer vorher ein englisches Frühstück einzunehmen.« »Aber Sie erlauben wohl, daß wir dann in Ihrer Gesellschaft unsern Tee trinken und nehmen vielleicht auch noch eine Tasse.« Jérôme bejahte dankend, ein blutjunges Dienstmädchen, das unwahrscheinlich klein aussah, trug das Baby hinaus, und Martine folgte ihr, um den Tee zu bereiten. »Also Martine ist in deinem Dienst geblieben?« fragte Jérôme. »In meinem Dienst? lieber Jérôme,« sagte Arlette lachend, »so etwas gibt es bei mir nicht mehr. Martine ist meine Freundin, sie hat mein Leben vor dem Schiffbruch gerettet, damals vor sechs Monaten – sie ist mir Freundin, Gefährtin, Schwester – wie soll ich dir das erklären?« Jérôme betrachtete sie, während sie sprach; ihr Gesicht, das die schönen, rotgoldnen Haare umrahmten, war schmäler geworden und schien um ein paar Jahre älter, und doch sah es fast frischer aus wie früher, jede Nervosität und Gespanntheit war daraus verschwunden. »Sie ist nur noch reizender geworden,« dachte er bei sich. »Du bist sehr tapfer gewesen,« sagte er dann. »Tapfer? o nein, – anfangs ließ ich mich nur von Martine leiten und führen, wie ein armes, verwundetes Tier, dessen ein Vorübergehender sich annimmt. Ich war ganz aufgelöst vor Schrecken. – Mein Mann hat mich mit derartiger Brutalität aus dem Hause gejagt –« »Aus dem Hause gejagt, tatsächlich?« »Weißt du das nicht?« »Kein Mensch weiß davon. Man hat nur erfahren, daß ihr euch getrennt habt. Offiziell wurde angegeben, du wärst in einer deutschen Nervenanstalt.« »So? – um so besser. Damit sind ja alle weiteren Kommentare abgeschnitten. Mir wäre es am liebsten, wenn es hieße, ich wäre tot. Die Fürstin von Ermingen ist auch wirklich tot.– – Aber ich will dir erzählen, wie es sich in Wirklichkeit abgespielt hat. Nach dem Geständnis, zu dem du mir rietest – und ich danke dir heute noch dafür – hat Christian mich aus dem Hause gejagt, er ließ mich halb ohnmächtig an der Treppe liegen, bis Martine kam und mich aufhob. Sie brachte mich dann nach St. Cloud, wo ihr Kind bei einer alten Frau in Kost war.« »Und du hast mich nicht benachrichtigt, nicht einmal daran gedacht?« sagte Jérôme leise. »O doch, ich habe wohl an dich gedacht, und ich hatte volles Zutrauen zu dir. Wir haben oft von dir gesprochen. Aber ich hatte so entsetzliche Angst davor, wiederaufgefunden zu werden, daß ich nicht das geringste zu unternehmen wagte. Diese Furcht hat sich erst nach und nach gelegt – wenn ich dir heute nicht begegnet wäre, hätte ich dir sicher in der nächsten Zeit geschrieben.« Jérôme gab keine Antwort, eine tiefe Melancholie war über ihn gekommen, ohne daß er sich zu erklären wußte, weshalb. Im Grunde kränkte es ihn, daß sie auch ohne seine Hilfe fertig geworden war. In ernstem Ton fuhr Arlette fort, und ihre Augen wurden feucht, während sie sprach: »Ich konnte es nicht lassen, heute morgen hinzugehen. O, ich weiß sehr gut, daß er mich längst vergessen hatte, und daß ich nie etwas andres für ihn gewesen bin als ein flüchtiger Zeitvertreib. – Für mich selbst ist jene Erinnerung nur noch ein Rätsel: wie habe ich jemals so handeln können? – Und doch bin ich mehr sein Weib gewesen wie das meines Mannes. Mein ganzes jetziges Leben verdanke ich ihm. – Ist es wirklich wahr, daß er mit dem Pferde gestürzt ist?« »Nein, der Fürst von Ermingen hat ihn im Duell getötet.« »Wegen Madeleine?« Jérôme nickte. »Mein Gott, was für ein schreckliches Ende!« Sie hielt die Hand vor die Augen, wie um sich vor diesen Gedanken zu retten. Martine kam mit einem Tablett, und beide fühlten sich durch diese Unterbrechung erleichtert. Hinter seiner Mutter erschien der kleine Pierre und trug vorsichtig ein Kupfergefäß mit heißem Wasser. Jérôme rief ihn zu sich und sprach mit ihm, während Arlette und Martine auf einem kleinen Tische das Frühstück herrichteten. »Komm her und plaudere etwas mit mir, wenn du magst.« »Aber gewiß.« »Lernst du auch schon, kleiner Freund?« »Ja.« »Gehst du in die Schule?« »Nein, ich lerne bei Mama.« »Und was lernst du denn?« »Alles, was man im Gymnasium lernt, auch Latein und Griechisch. Mama kann alles.« »Bitte, glauben Sie das nicht, Herr Graf,« wandte Martine ein, – »vor allem mit dem Griechisch. Aber ich lerne es mit ihm.« »Also in die Schule gehst du nicht?« »Nein, aber ich lerne auch bei dem Schlosser nebenan, bei Pigoret, und das macht mir viel Spaß.« »Martine ist darin ein Genie,« bemerkte Arlette, »sie gibt dem Kleinen dieselbe Bildung wie reiche Leute ihren Kindern, und daneben läßt sie ihn ein nützliches Handwerk lernen.« »Herr Graf, darf ich bitten,« schnitt Martine das Gespräch ab und reichte ihm eine Tasse Tee. »Pierre, biete dem Herrn ein Butterbrod an.« Sie war ihrer Rolle durchaus gewachsen und wußte sich zu benehmen wie eine Dame der ersten Gesellschaft, ohne irgendwie gezwungen oder affektiert zu erscheinen. Während des Frühstücks sprachen sie weiter über Erziehung. »Ich fange hier auch allmählich an, die Lücken in meiner Bildung etwas auszufüllen,« sagte Arlette, »das verdanke ich Pierre und seiner Mutter. Man hat mich darin früher sehr vernachlässigt.« Pierre stand am Fenster und sah hinaus. »Da kommt Martha, und Juliette läuft hinterher.« »Ah, unsre Arbeiterinnen,« sagte Martine, »ich bitte mich zu entschuldigen, ich muß ihnen jetzt ihre Arbeit zuteilen. Komm mit, Pierre.« Arlette und Jérôme waren wieder allein. Die Nachmittagssonne schien durch das Fenster herein. Arlette sah, daß das Licht Jérôme blendete, und stand auf, um die Vorhänge herunterzulassen. Unten hörte man eine Nähmaschine rasseln, draußen auf der Straße rollte von Zeit zu Zeit ein Wagen vorbei. Sonst war alles still. Arlette setzte sich wieder ihrem Vetter gegenüber. Das, was ihn am tiefsten bewegte, konnte er nicht aussprechen, und so fragte er, um irgend etwas zu sagen: »Könnt ihr denn von eurer Arbeit leben?« »Ich weiß nicht, ob es dazu reichen würde,« sagte Arlette, »wenn ich nicht noch andre Hilfsquellen hätte. Aber du erinnerst dich vielleicht, daß ich von einer Erbschaft her eine kleine Rente von 2500 Franks besaß. Nach meiner Flucht hatte ich solche Angst, Christian könnte mich wieder holen lassen, daß ich nicht einmal wagte, Martine auf die Bank zu schicken. Aber als das Kind geboren war, fühlte ich, daß meine Pflicht es von mir verlangte. Und Martine hat die Coupons auch ohne weiteres ausgehändigt bekommen. Aber, wenn es möglich wäre, möchte ich die Papiere verkaufen, weil sie auf den Namen Fürstin von Ermingen lauten.« »Wenn es dir recht ist, werde ich mich damit befassen,« sagte Jérôme, heimlich erfreut über die Gelegenheit, Arlette helfen und sie gelegentlich wiedersehen zu können. »Im übrigen kannst du ganz ruhig sein, man denkt nicht daran, nach dir zu suchen.« Beide schwiegen, es kam Jérôme plötzlich zum Bewußtsein, daß sie hier saßen und um über alltägliche Dinge sprachen, während doch weit ernstere Dinge sie innerlich beschäftigten. Und nun fragte er: »Sag mir, Arlette, bist du jetzt wirklich glücklich?« Nach einer Pause antwortete sie: »Ich bin damals – es ist noch kein Jahr her, so entsetzlich unglücklich gewesen, daß mir zumute ist wie einer Genesenden, seitdem das alles hinter mir liegt. Ich war schon so weit, daß ich den Tod nur als Erlösung betrachtet hatte; jetzt habe ich das Leben auf mich genommen, wie es ist, und glaube mir, ich fühle mich sehr wohl dabei.« »Das ist Ruhe,« sagte Jérôme, »aber noch kein Glück.« »Ich möchte es dir noch besser erklären,« antwortete sie, »dieses Gefühl von Ruhe, von überstandenen Qualen ist für jetzt wohl das vorherrschende in mir. Aber es ist doch nicht alles. Martinens Freundschaft bedeutet ein Glück für mich, die Geburt meines Kindes hat mir unendliche Freude gebracht. Diese drei, mein Kind, Martine und Pierre, sind meine Welt, die mir genügt, in der ich nie jenes entsetzliche Gefühl von Einsamkeit habe, unter dem ich früher litt. Das alles ist noch besser, noch mehr als die Ruhe, von der ich vorhin sprach.« »Wie ich das verstehe,« sagte Jérôme, und das Herz schnürte sich ihm zusammen: »ich bin ganz allein« dachte er, und dann fragte er: »Und das ist alles?« »Das übrige ist etwas schwerer zu sagen,« fuhr Arlette mit einem reizenden, verlegenen Lächeln fort. »Du hast ja damals alles mit durchgemacht, hast mir den besten Rat gegeben, für den ich dir zeitlebens danken werde – den Rat, immer die Wahrheit zu sagen. – Das hat mich gerettet, mir die Freiheit gegeben, die ich brauchte, um mein Leben von neuem zu beginnen. Alles in allem, ich bin glücklich in meinem jetzigen Leben – ich bin weit davon entfernt, mir heroisch vorzukommen; aber ich fühle, daß ich besser geworden bin. »Ja, ich verstehe – du hast nach und nach ein moralisches Gesetz in dir entdeckt, hast dich ihm unterworfen, und dieses Gefühl gibt dir Glück und Halt.« »Ich weiß nicht, ob ich dich ganz richtig verstehe,« erwiderte Arlette – »aber ich vermag mir selbst wohl Rechenschaft abzulegen, von dem, was in mir vorgegangen ist. Kein Mensch hat mich je etwas andres gelehrt, als daß man bei seinen Leidenschaften nur ben äußeren Schein zu wahren habe. Und so habe ich ins Blaue hineingelebt, ohne mich dabei glücklich zu fühlen, bis ich völlig gedankenlos eine schwerwiegende Handlung beging und die Konsequenzen über mich hereinbrachen.« Sie schwieg, anscheinend in Erinnerungen versunken. Jérôme betrachtete ihr ruhig heiteres Gesicht, dann fuhr sie nach einer Weile fort: »Damals begann ich zu leiden, aber wie ein Tier leidet, in dumpfer Auflehnung gegen den Schmerz. Es mußte erst vieles dazu kommen, bis ich begriff, daß dies Leiden eine Schuld war, die ich bezahlen mußte, daß es nicht über mich gekommen wäre, wenn ich nicht gefehlt hätte. – Aber damit war mir das Gefühl für Recht und Unrecht noch nicht aufgegangen. Ich sagte mir nur: ich habe eine Dummheit begangen und sann darüber nach, wie ich die Folgen dieser Dummheit von mir abwälzen könnte. Dann sah ich, daß alle mich entgelten ließen, was ich getan hatte. Zum Beispiel versuchte ich mich meinem Mann wieder zu nähern, und er hat mich so grausam gedemütigt, daß ich mich zum erstenmal auf meine Menschenwürde besann. – Später waren es vor allen zwei Dinge, die zu meiner Umwandlung beitrugen, der Gedanke, daß Christian mich töten könnte, und das Gefühl, daß ein zweites Wesen in mir lebte, das Anforderungen an mich geltend machte. Und als ich an das Kind dachte, fühlte ich mich zum erstenmal schuldig. Christian hatte mir gegenüber von jeher unrecht gehandelt, aber dies kleine Wesen war völlig auf mich angewiesen.« »Liebe Arlette,« sagte Jérôme, gerührt von der ernsten Anmut, mit der sie über sich selbst sprach. »Und so,« fuhr sie fort, »ging mir endlich das Gefühl der Verantwortlichkeit auf, ich betrachtete mein bisheriges Leben in einem neuen Licht und erschrak darüber, wie es sich mir jetzt darstellte. Als ich damals zu dir kam, hatte ich den rechten Weg zur Sühne noch nicht gefunden, du hast ihn mich gelehrt: die Wahrheit sagen, mag es kosten, was es wolle.« »Wie hatte ich nur den Mut, dir diesen Rat zu geben?« murmelte Jérôme. Es war ganz still im Zimmer, unten im Hause hatte auch die Nähmaschine zu rasseln aufgehört, aber man hörte eine frische Mädchenstimme irgend eine Romanze singen. Der warme Duft der Sommerblumen drang durch das offene Fenster herein. Jérôme war traurig geworden, er sah Arlette an und dachte, daß sie noch nie so reizend gewesen wäre, und daß er es nicht ertragen würde, sie wieder aus seinem Leben verschwinden zu sehen. Dann fragte er: »Und was wirst du dem Kind sagen, wenn es groß ist?« »Das fragst du mich?« antwortete sie lächelnd. »Die volle Wahrheit werde ich ihr sagen. Sie soll mein Herz ganz kennen und mich danach beurteilen. Glaube mir, ich habe die triumphierende Macht der Wahrheit kennen gelernt.« Er lauschte einen Augenblick auf den Gesang der jungen Mädchen unten, dann fragte er: Und Martine ist immer noch sehr fromm?« »Ja, mehr als je.« »Hat sie dich noch nicht bekehrt?« »Sie selbst ist so vollkommen, daß sie mir dadurch ihre Religion liebenswert gemacht hat. Ich gehe manchmal mit ihr in die Kirche, es gibt hier draußen Kirchen, die mir so vorkommen, als wären sie eigens für solche Ausgestoßene, wie wir beiden es sind, gebaut. Ich weiß mir keinen lieberen Zufluchtsort, ich verstehe es noch nicht zu beten, aber mir wird dort so still und friedlich zu Mut.« »Du wirst noch dahin kommen, selbst zu beten; das ist wie eine Ansteckung, der niemand zu wiederstehen vermag.« »Wohl möglich,« antwortete Arlette. Wieder entstand eine Pause, und wiederum blickte er sie lange an. Er fühlte, sie war das einzige Wesen auf der Welt, für das er eine tiefe Zärtlichkeit empfand. Die Tür ging auf, und die kleine Magd brachte das Kind herein. Es schien ein wenig unruhig, und sein lebhaftes Gezwitscher klang, als ob es demnächst in Geschrei übergehen möchte. »Sie hat Hunger und verlangt ihre Mahlzeit,« sagte Arlette. »So, dann will ich dich verlassen,« sagte Jérôme etwas verlegen und stand auf. »Aber du störst mich nicht im mindesten, ich möchte nur rasch ein andres Kleid anziehen, das mir zum Stillen bequemer ist.« »Nein, ich muß sowieso gehen,« sagte er. »So, dann begleite ich dich noch durch den Garten, die Kleine wird sich schon so lange gedulden.« * Als sie an dem Atelier vorbeikamen, trat Martine heraus, um sich von Jérôme zu verabschieden. Mit der einen Hand raffte sie ihre Schürze zusammen, die voller Blumen und Tüll war. »Sie kommen doch hoffentlich einmal wieder, Herr Graf. Arlette wird sich so darüber freuen. Und wenn sonst irgend etwas vorfällt, was sie angeht, so benachrichtigen Sie uns bitte.« »Ja, gewiß, darüber dürfen Sie beruhigt sein.« Damit schüttelten sie sich die Hand, Arlette war schon im Garten, sie hatte eine schlichte, kleine Rose abgepflückt und reichte sie Jérôme. »Zum Andenken an unser Haus.« Die Sonne blendete so, daß er die Hand vor die Augen hielt, und Arlette sah, wie sie zitterte. Er war kaum imstande, die Blume in seinem Knopfloch zu befestigen. Schweigend gingen sie bis zur Gartentür. Jérôme versuchte nicht mehr seine Erregung zu beherrschen, sie verstanden sich gegenseitig besser, als wenn sie ihre Gedanken in Worten ausgesprochen hätten. Zuletzt sagte Arlette, obgleich ihre Worte mit allen ihren vorhergehenden Gesprächen in keinem Zusammenhang zu stehen schienen: »So wie mein Leben sich jetzt gestaltet hat, Jérôme, ist für nichts andres mehr Platz darin, als für die Liebe zu meinem Kinde. So wie ich es jetzt an meiner Brust nähre, so möchte ich auch späterhin mein ganzes Leben mit dem seinen verschmelzen.« Er nickte mit dem Kopf, als wollte er sagen, »ja, das weiß ich wohl,« und dann fragte er: »Aber darf ich trotzdem wiederkommen?« Als ob er keine Antwort auf diese Frage erwarte, hatte er schon bei den letzten Worten die Gartentür geöffnet und war hinausgetreten. Aber als er ihr dann zum Abschied noch einmal die Hand reichte, sah sie ihn mit einem beinah traurigen Blick an und sagte: »Ja, komm wieder, wenn du willst.«