Heinrich Zschokke Die Prinzessin von Wolfenbüttel. Erstes Buch. 1. Der Chevalier d'Aubant an Laurent Bellisle. Petersburg , den 13 August 1714. Endlich, geliebter Bellisle, endlich sind meine Wünsche gekrönt! Bald kehr' ich nun in Ihre Arme zurück, um im Schoße der ländlichen Natur einige Monate mit Ihnen auf Ihren Gütern zu verleben. O wie ungeduldig sehn' ich mich nach dem Augenblicke der ersten Umarmung, und wie viele hundert Stunden sind es von hier, dem traurigen Norden, bis zu den blühenden Gefilden Frankreichs! Schon vor einem halben Jahre bat ich um meine Entlassung. Vor wenigen Tagen erst erhielt ich sie, und zwar von Seiner Majestät, dem großen Zar selbst, in den gnädigsten Ausdrücken. Ich wohnte dem in den Jahrbüchern der russischen Monarchie unvergeßlichen Tage von Aland bei, an welchem fast die ganze schwedische Flotte erobert ward. Das Glück ward mir hold. Ich focht auf dem Schiffe und an der Seite des Zaren, welcher diesmal unter dem Admiral Apraxin die Vorhut befehligte. Der schwedische Vice-Admiral Ehrenschild, uns an Stärke fast gleich, eröffnete den Angriff, indem er eine Fregatte vorrücken ließ, um unsere Bewegungen und unsere Macht zu beobachten. Bald ward das Treffen allgemein; bald donnerten aus tausend Schlünden alle Schiffe einander Verwüstung und Tod entgegen. Der Zar war mitten im Pulverdampf so kalt, ich möchte sagen so heiter, als befände er sich in seinem eigentlichen Element. Wechselsweise war er bald Matrose, bald General, bald Steuermann, bald Soldat. Seine Geistesgegenwart, sein Heldenmut hätte auch den feigsten Unterthan beseelen müssen. Zwei Stunden dauerte der höllische Kampf; Trümmer und Leichname tanzten auf den wilden Wogen des Meeres, und unaufhörlich krachte das Geschütz, das ungeheure Elend zu vermehren. Durch eine kühne Wendung gelang es uns, der feindlichen Flotte den Wind abzugewinnen, sie zu trennen, einen Teil derselben zwischen den Klippen zu umzingeln, und sie erobert in den Hafen von Abo zu führen. Der Zar war nach diesem Siege so vergnügt, wie ich ihn nie gesehen. Mehrere der vornehmsten Offiziere von den andern Schiffen kamen herbei, ihm Glück zu wünschen. »Wer hätte das vor zwanzig Jahren denken sollen,« rief der Zar, »daß wir Russen heut in selbsterbauten Schiffen auf dem Baltischen Meere kämpfen und siegen würden!« Nachdem er die nötigen Befehle erteilt hatte, den Lauf auf die Alands-Inseln zu richten, um sich ihrer zu bemächtigen, ließ er mich vor sich kommen. Er unterschrieb noch einige Befehle, trank ein großes Glas voll Branntwein mit einem Zuge aus, stand dann auf, umarmte mich und sagte: »Junger Mann, Du hast Dich brav gehalten! Wie heißt Du?« – »Chevalier d'Aubant, Eure Majestät!« – »Gut, sollst Oberst sein! Geh' an Deinen Posten, und diene mir ferner wie heute!« Die Gnade des Zaren rührte mich tief. Doch benutzte ich den vorteilhaften Augenblick, meine Entlassung zu erbitten. Ich erzähle ihm das Wesentlichste von meinen Verhältnissen in Frankreich, vom Tode meines Vaters, und von der Notwendigkeit meiner Heimkehr, um die zerrütteten Vermögenszustände meiner Familie in Ordnung zu bringen. Der Monarch hörte mich schweigend an, drückte mir dann die Hand und sagte: »Ich verliere ungern wackere Männer; aber geh' nur, ich wills nicht abschlagen!« Bald nachher, sobald wir wieder in Petersburg angekommen waren, ward mir die Entlassung ausgefertigt und mit der Einladung zugestellt, an allen Feierlichkeiten und Festen des Hofes teil zu nehmen, so lange ich noch in Petersburg verweile. Dergleichen schlägt man nun nicht gern aus, besonders wenn man wie ich noch einen Teil seiner Mobilien erwarten muß, welcher in Moskau zurückgeblieben ist. Ich beschäftige mich inzwischen damit, die neuen Anlagen zu sehen, welche der Monarch mit jedem Tage vervielfacht; und wahrlich, man muß Jahre zu Hilfe nehmen, um nur das alles mit den Augen durchlaufen zu können, was dieser außerordentliche Mann in einem so kurzen Zeitraum geschaffen hat! O wie elend winzig ist das Leben von tausend Königen gegen das Leben eines einzigen, in welchem fast jede Stunde die Geburtsstunde eines riesenhaften Werkes ist! Das Schlachtfeld von Pultawa, wo Peter seinen fürchterlichen Nebenbuhler Karl XII. besiegte und Schwedens Macht zertrümmerte, reihte ihn den ersten Feldherren seiner Zeit an, und auf den Gewässern von Aland gewann er den Ruhm eines Seehelden. Vor elf Jahren gründete er an den Sümpfen des Newastromes eine neue Stadt, er selbst war Baumeister und Meßkünstler; jetzt dehnt sich dort Meilen weit das unermeßliche Petersburg aus. Noch immer wird hier gearbeitet; über vierzigtausend Russen und eine zahllose Menge schwedischer Kriegsgefangenen sind täglich beim Bau beschäftigt. Und alles das, wovon die Hälfte hinreicht, einen Fürsten unsterblich zu machen, sind nur seine geringsten Thaten. Er ist der Gesetzgeber und zugleich der Umwandler seines Volkes. Aber was thue ich? Verzeihen Sie, lieber Bellisle, wenn Sie statt eines Briefes eine Lobschrift auf den großen Mann erhalten, der in der Weltgeschichte keinen Nebenbuhler unter all den tauend Fürsten der tausend Völker findet, die einst waren. Romulus und Numa, die einst aus einer Räuberhorde den römischen Staat schufen, thaten viel; aber was ist ihr Werk neben dem Riesenwerk Peters des Großen? Karl der Große dürfte vielleicht mit dem Ruhme Peters in die Schranken treten, obgleich ohne Hoffnung des Sieges! Ich kehre nach Frankreich zurück, aber die Erinnerung an das Große, was ich gesehen, wird mich dahin begleiten, und unter dem ungeheuern Maßstab, mit welchem ich künftig die Verdienste unserer Minister, Feldherren und Fürsten messen werde, wird das zu einer Kleinigkeit zusammenschrumpfen, was ich sonst für bewundernswert gehalten. Der Zar hat übrigens das Schicksal aller Sterblichen, welche von Zeit zu Zeit, wie Erscheinungen aus einer bessern Welt, in die unsrige treten, um sie zu erleuchten, zu veredeln, zu erheben. Wo man ihn verehren sollte, wird er gehaßt. Sein Werk war nicht leicht. Er hatte mit Gefahren von tausenderlei Art zu ringen. Die Pfaffen verfluchen ihn heimlich; die Bauern verwunschen ihn; die Bojaren verlästern ihn; die Strelitzen möchten ihn umbringen . . . genug, all das reichere und ärmere Gesindel, der träge am Staub klebende Pöbel in allen Ständen, deren Ansehen, Geburtsrang, Herrschaft, Privilegien, Vorurteile, Aberglauben, Einbildungen und Grillen verletzt wurden, diese moralischen Vielfraße, welche nichts als ihre eigene Unbedeutendheit kennen und, unbekümmert um das von der Vernunft gebotene Bessere, sich nur in ihrem alten, hergebrachten Schlamme wohl fühlen . . . alle diese bilden um den Erhabenen eine alberne, feige Verschwörung. An ihrer Spitze steht des Zars eigener Sohn . . . der Großfürst Alexis. Dieser junge Mensch, weit entfernt, wie einst Alexander, um die Großthaten seines Vaters zu weinen, daß sie ihm nichts zu thun mehr übrig lassen, spielt den Altklugen und zuckt die Achseln über die Erhabenheit dessen, der sein Vorbild sein sollte. Er meidet den Hof und giebt sich mit unwissenden Russen ab, die seiner Eitelkeit schmeicheln und mit ihm im Branntweintrinken wetteifern. Ist er in Moskau oder Petersburg, so sieht man ihn, statt von Künstlern, Gelehrten, Feldherren und Staatsmännern, von schmutzigen Pfaffen umgeben, die ihn als echten, altgläubigen, braven Russen segnen, der den heiligen Schlendrian liebt und Neuerungen haßt, in denen sie nicht glänzen können, weil sie nicht Geist, Bildung und Kraft genug haben. Jetzt ist der Großfürst Alexis in den Bädern von Karlsbad, wohin er seine Mätresse Euphrosyne, ein Mädchen aus der niedrigsten Volksklasse, eine Finnländerin, glaub' ich, mitgeschleppt hat. Sein Vater, der Zar, soll deswegen gegen ihn aufgebracht sein, besonders da die Gemahlin des Großfürsten erst vor kurzem von einer Prinzessin entbunden wurde und in gefährlichen Umständen war . . . Doch kein Wort mehr von diesem Unwürdigen, von dem alle Moskowiten hoffen, daß er der Wiederhersteller ihrer langen Bärte und abenteuerlichen Landestrachten sein werde! Morgen mehr! Heute ist Ball in Peterhof. Sie werden mir gern glauben, daß ich nicht ehrgeizig genug bin, um mein Leben, welcher Preis mir auch geboten werden könnte, in dieser Wildnis zu beschließen, doch eben so wenig würde ich die rauhen Tage, welche ich in derselben unter Kriegsgetümmel und Gefahren aller Art genoß, meinem Gedächtnis abkaufen lassen. Wir leben unterm Monde nur einmal! Und ein Thor ist, wer sich nicht so gut bettet, als er nur immer kann. Jetzt sehne ich mich nach Stille, und in den Schatten meiner heimatlichen Haine zurück. Ich stehe in der Mitte meiner irdischen Laufbahn, und will die zweite Hälfte meiner Stunden in süßer Ruhe hinbringen, da ich die erste in mannigfaltiger Geschäftigkeit durchflogen habe. Ich denke mir den Erdball zuweilen wie einen weitläufigen Ameisenhaufen und vergleiche die Menschen mit jenen betriebsamen Tierchen. Wie klein erscheinen mir da die Sterblichen mit ihrem Thun; sie bauen für einen Tag; der folgende zerstört es. Der Erdball ist mein Vaterland; ich habe ihn ziemlich durchkreuzt; ich habe mit Bettlern und Fürsten zu Tisch gesessen; ich habe mit Katholiken, Juden und Lutheranern Brüderschaft geschlossen; ich habe die Kriege der Menschen mitgemacht, und fast in allen Ständen längere oder kürzere Zeit versucht, wie sich's darin lebt. Das hat mich zum Philosophen gemacht; doch bin ich's nur erst halb. Es kleben mir noch so viele Ammenmärchen und Grillen aus meinen Kindheitstagen an. Ich will sie aber abstreifen, wie man Kletten abstreift, die man beim Blumensammeln auffängt. Wir glauben nicht mehr an Gespenster und Teufelskünste; aber wir glauben noch an viele andere, viel schädlichere Dinge, die unsern Geist verkrüppeln, und unser ganzes Dasein verbittern können. Unsere Erziehungskunst liegt fürwahr noch in der Wiege, trotz aller hochberühmter Männer, die sie zu veredeln glaubten, und trotz aller Bibliotheken, die sie zusammenschrieben. Sie verstehen mich nicht, geliebter Bellisle, und ich glaub' es gern. Wollen Sie Geduld mit mir haben, so will ich Ihnen die Erklärungen in diesem Briefe geben. Legen Sie dies Blatt Tausenden Ihrer Mitbürger vor, sie werden es lesen und wieder lesen und doch nicht verstehen. Wer in meine Geheimnisse eingeweiht sein will, muß die Welt so von allen Seiten gesehen haben, wie ich, und gelernt haben, daß das Wesen nicht Schein, und der Schein nicht das Wesen sei. Ich habe die beste Erziehung von der Welt genossen, was man nur heutiges Tages die beste nennt, und bin doch durch die Menge der Vorurteile sehr verdorben worden, welche mir mit der Muttermilch eingeflößt wurden. Ein gesunder Leib ist nicht derjenige, dessen bleiche Wangen mit Karmin gerötet, dessen fehlende Zähne durch Elfenbein ergänzt, dessen mangelnde Gliedmaßen durch Kissen und Holzformen verheimlicht werden. Aber sehen Sie umher und suchen Sie unter den Millionen Wesen, von denen Sie umgeben sind, einen gesunden Geist! – Suchen Sie einen wirklichen kraftvollen, unverstümmelten Menschen, der mit der Natur eins ist! – Ihre Bemühungen dürften vergeblich sein. O Bellisle, sehen Sie um sich, vom königlichen Audienzsaal bis in die Werkstatt des Handarbeiters finden Sie statt der wirklichen Menschen nur Larven! Jeder wird von allen betrogen, aber jeder will dafür auch alle betrügen. Nichts ist Natur – alles ist Einbildung und Hirngespinnst. Wir begehren nicht den Schatz, sondern glänzendes Flittergold. Wir fürchten nicht die eigentliche Gefahr, sondern sterben aus Verzweiflung und Angst vor Einbildungen. Es ist alles eine neue andere Art von Gespensterfurcht oder Schatzgräberei, und an allem ist unsere Erziehung schuld. Sie haben lange keine Briefe von mir empfangen, geliebter Bellisle! Sie haben mich lange nicht gesehen. Darum ist's gut, daß Sie auch meinen innern Menschen kennen lernen, daß ich Ihnen schreibe, wie ich denke. Sie können freilich auch in Büchern, wenn Sie Lust haben, moralische Abhandlungen lesen – aber ich weiß nicht, ob Sie den Gedanken darin finden, der in diesem Briefe liegt. Ich erzählte Ihnen nicht meine Abenteuer, aber das Ergebnis derselben. Nach Mitternacht. Es wird bald der Morgen grauen. Alles schläft; ich bin der Ruhe unfähig. Das Blut in meinen Adern ist Feuer geworden, meine Atemzüge sind Seufzer; mein Geist taumelt durch die Höllen und Himmel des Wahnsinns. Ich bin nicht mehr Ich selbst. Ich weiß es. Mitten in der Raserei des Fiebers ergreif ich die Feder. Es wird Unsinn geben; ich kann es voraus wissen. Aber ich will's wieder lesen, wenn ich gesund bin, um zu sehen, wie ich mich in dieser Verwandlung benahm. Daß ich noch dies denken kann, überzeugt mich von der Hoheit meines Geistes, welcher über dem Sturm der verworren in einander wogenden Sinnlichkeit wie ein Adler über Gewittern und empörten Ozeanen schwebt. Stolz giebt diese Höhe; aber süßer ist's unten im schönen Wahnsinn. Ich will mich wieder hinabtauchen; ich will nicht mehr ich sein – einst werd' ich wieder erwachen. O Bellisle! Daß ich noch in diesem Augenblicke an Sie denken, daß ich noch in dieser Aufregung Ihren Namen schreiben kann, ist der höchste Beweis der Liebe, den ich Ihnen jemals gegeben. Aber keine Worte mehr . . . zur Sache! Ich verfluche die Langsamkeit meiner Feder, bei deren trägen Strichen in jeder Sekunde Millionen meiner Gedanken vorüberblitzen, und nur der elendeste, lahmste, wie ein ausgelebter Körper auf dem Papier liegen bleibt. Doch nein, ich kann ja mein Entzücken, meinen Jammer, alles Himmlische und Höllische, was über und unter den Sternen wohnt, mit einem Worte ausdrücken. Ich will's! Christine. Christine heißt das Wort, und ich zittere, indem ich's schreibe, und mein ganzes Wesen sinkt, wie von einer Feuerflamme verzehrt, ausgelöst aschenhaft zusammen. Nein, ich liebe nicht, o Bellisle, gewiß nicht! Ich weiß ja wohl, was Liebe ist; ich habe ja geliebt. Nein, es ist Wahnsinn, was mich durchglüht . . . wundersüßer Wahnsinn, Trunkenheit, Taumel . . . wie soll ich es nennen? Verwandlung, Zerstörung . . . alles, seitdem ich Christinen gesehen habe. Täuschen Sie sich nicht, Bellisle, wenn Sie diese verworrenen Zeilen lesen . . . es ist nicht Liebe; Christine ist von mir entfernter, als die Sonne vom Erdball. In keiner Ewigkeit durcheile ich die endlose Kluft zwischen mir und ihr. Auch begehr' ich's nicht, will nichts . . . ich verlasse Petersburg, Rußland . . . alles. Ich gehe nach Frankreich, ohne einen Schatten von Wunsch. Christine ist vermählt; Alexis, der Sohn Zar Peters des Großen ist ihr Gemahl; die deutsche Kaiserin ihre Schwester: vielleicht hat das Schicksal die jetzige Großfürstin zur einstigen Selbstherrscherin des russischen Nordens bestimmt. Doch ich will Sie nicht mit Schwärmereien behelligen. Ich will Ihnen die Geschichte meines heutigen Tages ohne abzuschweifen erzählen, ich will mich mit angenommener Geduld quälen, bis ich wieder zu dem schönen Roman gelange, und in ihm die ganze Glut meiner Gefühle aushauche. Diesen Abend war Ball in Peterhof. Das Schloß des Zaren ist noch nicht ausgebaut, aber es schien, als sollte es mit dem heutigen Feste die Weihe empfangen. Alles geschah zu Ehren der schönen Großfürstin Christine, welche, des schönsten Loses wert, vom Zar verehrt, von allen Russen angebetet, selbst von den eisgrauen Bojaren vergöttert, an einen Unhold vermählt ist, der eine verworfne Dirne aus Finnland dem Himmel an Christines Herzen vorzieht. Die Großfürstin hat das Wochenbett verlassen. Am 23. Juli gebar sie ihrem Gemahl eine Prinzessin, welche in der Taufe den Namen Natalie empfing. Der unempfindliche Halbmensch Alexis blieb mit seiner finnischen Buhlerin in Karlsbad; die Vaterfreude lockte ihn nicht zurück. Sein Vater, der große Zar, erschöpft sich indessen fast, bei seiner Schwiegertochter die Ausschweifungen und die Roheit des ungeratenen Sohnes in Vergessenheit zu bringen. Er hat sie mit einem glänzenden Hofstaate umgeben; Feste aller Art wechseln wie die Tage. Und so sah ich sie an dem heutigen. Vor neun Tagen feierte man ihr zwanzigstes Geburtstagsfest, Ach, Bellisle, erinnern Sie sich noch eines Miniaturgemäldes, welches ich Ihnen vor einigen Jahren in Calais zeigte? Sie glaubten damals nicht, daß es das Werk meines Pinsels und meiner Einbildungskraft war Ich erinnere mich noch, wie Sie es mit dem stillen Lächeln des Beifalls anstarrten, gen Himmel hoben, und ausriefen: Unter deinem blauen Gewölbe wohnt so ein Engel nicht – ich stürbe noch heute gern, fänd' ich ihn dort oben! Sie sahen mich erröten, meine Augen von einer stillen Thräne glänzen. Sie forschten nach meinem Geheimnis; ach, ich selbst hätte es mir so gern verschwiegen! Ich taumele in einem Wundergarten. Mein Leben ist ein zaubervolles Labyrinth – ich begreife nichts – die Dinge erscheinen und verschwinden, schlingen eine Zauberschnur um meine Seele und ziehen sie in den Strom der Begebenheiten nieder. Sie wird nicht genesen bis ich sterbe. Als ich mich in das festliche Gewühl der Versammlung zu Peterhof mischte . . . als ich dem Zaren vorgestellt war . . . öffneten sich die Flügel einer Nebenthür . . . am Arm der Gräfin von Königsmark trat sie herein . . . o Bellisle, soll ich sie Ihnen beschreiben? Wenn meine Einbildung das Innerste des Himmels durchdringt, finde ich unter den Seligen eine solche Gestalt nicht. Sie war es wieder, Doch nein, keine Silbe mehr! Ich erschrak vor meinen eigenen Worten, welche meinen Wahnsinn zurückspiegeln . . . Schon flammen die Wellen der Newa vom Morgenrot . . . Ich muß ruhen und mein Fieber verglühen lassen, ehe ich die Feder wieder nehme. 2. Die Großfürstin Christine an die Gräfin Julie von B**. Petersburg , den 2. September 1714. Wie rührend ist die Stimme Deiner Liebe, meine Julie! Wenn ich Deine Briefe lese, nur die Züge Deiner Hand erblicke, dann vergesse ich träumend, wo ich bin; dann haucht mich wieder Deutschlands milder Himmel an; dann seh' ich wieder die Schattengänge und die Lauben im Schloßgarten meines Vaters, wo wir als Kinder in seliger Unschuld unter tausend Blumen hüpften, und seh' in diesen nordischen Wüsteneien, wohin mein Schicksal mich bannte, die silberne Blütenfülle der Fruchtbäume wieder, in deren Schatten wir unsere Kränze flochten. Kalt und wild ist in der Nähe des Nordpols die Natur und der Mensch. Fast seit drei Jahren wohne ich fern von meinen Lieben, und noch immer lebe ich unter fremden Wesen. Keiner versteht meine Sprache, und die leisern Töne meines Herzens verhallen und finden kein fühlendes Herz. Ohne die Gräfin von Königsmark, so wenig auch unsere Denkart und Ansichten der Dinge zusammenstimmen, würde ich glauben, schon gestorben und vom Schöpfer auf einen traurigen Planeten verwiesen zu sein, wo ich eine Ewigkeit lang Sünden abbüßen soll. Meine Gesundheit ist, gedankt sei es den unzerstörbaren Kräften der Jugend, wieder hergestellt. Nun will ich Dir öfter schreiben. Die Unterhaltung mit Dir soll meine schönsten Morgenstunden ausfüllen. Dein Bild hängt vor mir, vergegenwärtigt den Traum der Vergangenheit und erfüllt mich mit Täuschungen. Glaube es doch nicht – ich beschwöre Dich –. daß in dieser Heimat des ewigen Winters auch mein Herz jemals erkaltet sei! Nein, Julie, Du bleibst mir teuer, wie ein Kleinod, welches ich aus bessern Welten hierher gebracht; wie eine Schwester, deren schönes Herz die Hand der milden Natur unauflöslich an das meinige schloß! Und, Julie, wenn ich dein zärtliches Vertrauen nicht erwiderte . . . wenn ich auf deine tausend Fragen seit Jahren schwieg . . . wenn ich dir mein häusliches Leben verschleierte . . . glaub es mir, ich wünschte, du solltest mich glücklich wähnen! Ich wollte dich täuschen, um dich meinethalben ohne Kummer zu sehen. Bin ich nun glücklicher, nun getrösteter, nun du mich beweinst? Du sagst, ganz Europa kenne meine traurige Lage, ganz Europa die Bitterkeit meines Loses, und schenke mir sein Mitleiden . . . nur ich allein wollte dir mein unverdientes Elend verheimlichen. Nun ja, du magst es wissen! Der Großfürst, mein Gemahl, ist von Natur von einem finstern Charakter. Ich habe nicht – o Julie, wie herbe wird es mir, dies Wort zu schreiben! – ich habe nicht das Glück, ihm zu gefallen. Ich war nicht das Weib seiner freien Wahl . . . und daher stammt vielleicht sein Widerwillen. Drei Jahre lang warb ich vergebens um seine Gunst. Man sagt wohl, wir Weiber können mit einem Lächeln, einer Thräne Wunder bewirken – nichts wäre uns unmöglich. Mir aber scheint leider die Natur dies glückliche Talent versagt zu haben. An den Launen meines Alexis scheiterte jede Kunst. Ich habe endlich – und drei Jahre ist eine lange Schulzeit – mich an den Haß meines Gemahls gewöhnt; vielleicht gewöhnt er sich an meine Liebe, die ich ihm schuldig bin. Sehen wir, wer am Ende den Preis gewinnt! Ja, geliebte Julie, da du nun das Geheimnis meines Schicksals weißt, so wisse denn alles! Ich habe seit drei Jahren unaussprechlich gelitten, und der verborgene Kummer hat meine Kräfte fast ganz aufgezehrt. Einst war ich der Liebling meiner fürstlichen Eltern. Die Liebe wiegte mich groß; die Freuden erzogen mich. Wohin ich mich wandte, flog mir das Herz freundlicher Menschen entgegen. Ich kannte in der Welt keine Fremdlinge; kannte keine Sorgen, als die, Vergnügungen zu geben und zu empfangen; keine Thränen, als solche, welche beim Anblick der Leidenden, oder beim Lesen eines Gedichts, oder unter den schwermütigen Tönen der Musik stilles Mitgefühl meinen Augen entlockte. Jeder Morgen weckte mich zu einem kleinen Feste; unter schmeichelnden Erwartungen schlummerte ich abends ein. Ein Tag glich dem andern; jeder trat wie ein freundlicher Genius lächelnd zu mir, und schied lächelnd von mir. So ward ich dem Sohne des größten Monarchen vermählt. Ach! Mit weissagendem Kummer sah ich hinter mir das kleine Wolfenbüttel verschwinden, wie ein Paradies, dessen ich unwert erklärt zu sein schien. Schon der erste Anblick dessen, dem meine Hand bestimmt war, erfüllte mich mit bangen Ahnungen. Nicht, daß Alexis kein Mann gewesen wäre, der durch sein Äußeres wohl zu gefallen hoffen dürfte. Der Großfürst ist von hohem schlanken Wuchs und männlicher Haltung. Schwarzes Haar und schwarze Augen, ein angenehmer Ernst in seinen Gesichtszügen, eine würdevolle Haltung, die ihn als den Erben des größten Reichs der Welt kenntlich macht, geben seiner Gestalt Interesse. Er kann, wenn er will, sehr liebenswürdig sein – aber – er will es nie. Seine Erziehung ist versäumt. Während der Zar, sein erlauchter Vater, Europa durchreiste, um Künste und Wissenschaften milderer Himmelsstriche auf seinen nordischen Schnee zu verpflanzen; während er einem nie beschifften Meere Flotten, wilden Völkerstämmen Sitten und undurchdringlichen Wäldern Städte gab, vergaß er, für diese neue Schöpfung einen würdigen Thronerben zu bilden. Der Prinz, von mißvergnügten Bojaren und abergläubischen Pfaffen umgeben, sog mit der Muttermilch alle Vorurteile seiner Nation und den Haß gegen alle Neuerungen seines erhabenen Vaters ein. Das Schicksal seiner Mutter Eudoxia, welche der Zar ins Kloster schickte und den Schleier zu nehmen zwang, goß neue Bitterkeit in seine Seele. Ein finsterer Trotz bemächtigte sich seines Gemüts. Er haßte, was von seinem Vater stammte. Was diesen kränkte, machte ihm Freude. Er nahm den Aberglauben der dummen Priester, die rohen Sitten der Bojaren an, und gefiel sich, der Abgott des niederen Pöbels zu werden. So verwilderte der Prinz. Sein Betragen ist roh, seine Kleidung ohne Wahl und unreinlich, seine Gesellschaft ein Haufen Mönche und verdorbener Wüstlinge. Julie, und dieser ist mein Gemahl! Am Tage unserer Vermählung zog mich der Zar zu sich an ein Fenster des Versammlungssaales, wo der Prinz stand. »Sieh,« sagte er zu seinem Sohne, »Du kannst die alten Gebräuche nicht vergessen, und die langen Bärte verdrehen Dir noch immer den Kopf. Mir folgst Du nicht. So hoff' ich denn alles von der Herrschaft einer schönen, geistvollen, tugendhaften Frau über Dein Herz. Gehst Du auch aus dieser Schule ungebessert hervor, so bist Du wahrhaftig für die ganze Welt verdorben.« Ich schlug die Augen nieder und fühlte es, wie meine Wangen brannten. Diese Anrede, welche alles Zartgefühl so tief verwundete, mußte den Prinzen mit Argwohn und Verdruß erfüllen. Ich hatte es schon in den ersten Tagen aus tausend kleinen Zügen bemerkt, daß Alexis mich nicht aus freier Wahl, sondern auf Befehl seines Vaters zu seiner Gemahlin erhoben. Und als ich mit furchtsamer Verlegenheit nun die Augen zu dem Neuvermählten aufschlug – o Julie, da las ich in den düstern Falten seiner Stirn, in den finster vor sich funkelnden Augen den Schwur seines ewigen Widerwillens, und mein entsetzliches Schicksal! So ward es – so blieb es. Sei verschwiegen und liebe mich! Kaum hatte ich, geliebte Julie, den letzten Brief abgesandt, so empfing ich den Deinigen. . . . Wie bezaubernd ist das Familiengemälde, welches Du mir entwirfst und in welchem Du selbst die angebetete Göttin bist! Ich sehe Dich auf Deinem ländlichen Schlosse, im Schatten majestätischer Kastanien und Eichen, zu Deinen Füßen den lachenden Garten, über welchen selbst der Herbst noch hundert Blumen streut, und im Hintergrunde das frohe Dorf, dessen Bewohner Dich wie ihren Schutzgeist verehren. Ich sehe Dich, glückliche Mutter, den schönen Säugling an Deiner Brust, wie er tändelnd die Ärmchen nach Deinen herabfallenden Locken ausstreckt, und den Mann Deines Herzens, wie er entzückt vor der reizenden Gruppe dasteht, bald mit väterlicher Zärtlichkeit den flügellosen Liebesgott auf Deinem Schoße küßt, bald seine glühenden Lippen mit der Innigkeit des Bräutigams an die Deinigen schließt! Ach, was habe ich verschuldet, daß ich auf diese Freuden Verzicht thun muß! Wie ganz wäre mein Herz für dieselben geschaffen, wie geringen Ersatz gewährt mir der Glanz meines traurigen Ranges! Töchter der Fürsten, unter allen Weibern die beklagenswürdigsten, beneidet die Tochter eures ärmsten Unterthans; denn sie darf lieben, darf ihre Hand dem geliebtesten der Männer reichen und an seiner Brust ihr Dasein verträumen, an seiner Brust mit stiller Seligkeit sterben! Wie die Sklavinnen des Morgenlandes geschmückt, werden wir dem Mächtigen dahin gegeben, der uns fordert; die Staatskunst schließt den Vertrag, und unser gebrochenes Herz ist eine Ware. Man nennt uns Götter der Erde, aber nimmt uns den Himmel. Wir sind Menschen, und man raubt uns das heilige Recht des Willens; wir haben ein Herz, und wir dürfen es nicht bekennen; die Natur ist unsere Mutter, und wir müssen sie verleugnen. Mit Thränen sehen wir von unserm Thron aus die häuslichen Freuden der Armut, die uns versagt sind. Mit unsern Juwelen und Schätzen können wir die Glückseligkeit nicht kaufen, die unter dem Strohdache des Landmanns wohnt. Wir schmücken unsern Leib mit kostbaren Metallen und Steinen; wir hüllen uns in prächtige Stoffe, und die Leckerbissen fremder Weltteile und Meere zieren unsere Tafeln . . . aber den niedern Ständen lassen wir die höhern Güter des Lebens; unsere Kleinodien erwärmen das Herz nicht; unsere Kronen verschaffen uns keinen Freund; ach! und ob Millionen ihre Kniee vor uns beugen und die Völker des Erdballs uns bewundern . . . diese tote Herrlichkeit wiegt nicht die lebendige Liebe und Treue eines Einzigen auf. Barbarische, vom Wahnsinn des Ehrgeizes eingeführte Ordnung, welche dem geringsten der Sterblichen alles gab, was das Leben verschönert, und uns zu goldenen Kerkern verdammte! Verzeihe mir, Julie, wenn ich einen Augenblick dem Elende meines fürstlichen Standes erliege! Meine Klagen ändern die Einrichtungen der Welt nicht; das Vorurteil des Ranges und der Geburt behauptet seine Herrschaft, solange die Völker mit ihrer Barbarei behaftet sind. Tausend bittere, stille Thränen benetzten schon den Purpur der Fürsten und werden ihn noch lange benetzen. Ach, niemand versteht mich, als Du – niemandem klag' ich, als Dir! Ich lebe – empfange denn als Gegenstück des Deinigen auch ein Familiengemälde von mir – das einsame Leben einer Witwe, ungeachtet des glänzenden Hofstaats, mit welchem die Güte des Zaren mich umgeben hat, und ungeachtet der Kette von Festtagen, mit welcher er mein Leben in Rußland durchflochten, um meinen Kummer zu zerstreuen. Ich bin in diesen feierlichen Versammlungen, bei diesen Lustbarkeiten und Spielen wie eine fremde Zuschauerin; meine Augen irren suchend durch das schimmernde Gewühl, mein Herz bleibt leer, nur meine Sehnsucht nach dem Bessern bewegt es. Zuweilen seh' ich den Zar und seine Gemahlin, die Kaiserin Katharina Alexejewna. Mir ist wohl bei diesem edlen Paar; doch ihre Sorgen um das unermeßliche Reich erlauben ihnen selten einen freien Augenblick. Man erzählt in Europa so manches von dem wunderbaren Manne, dem ich, wie einem zweiten Vater, mit kindlicher Liebe zugethan bin: sein Wesen erscheint in den tausend Märchen oft sehr entstellt. Ich will meinem Briefe eine Anekdote einflechten, die noch zu neu ist, als daß sie Dir bekannt sein könnte, und welche einen bedeutenden Charakterzug von ihm und der Zarin giebt. Es ist ungefähr ein Jahr, daß der Monarch bei einem hier angesessenen fremden Hausmann zu Mittag speiste. Er sah dessen Tochter, welche in der That den Namen einer Schönheit verdient, verliebte sich in sie, und verschwendete alle Künste der Beredsamkeit, sie, zu bewegen, ihrem Gatten die Treue zu brechen. Sie aber widerstand mit edelm Mute seinen Anträgen. Sie zitterte vor den Folgen der Leidenschaft eines in seinem Staate allmächtigen Fürsten, nahm einiges Geld an sich, und verschwand noch denselben Tag. ohne ihre Familie wissen zu lassen, wohin? Sie flüchtete in ein Dorf, wo ihre Amme lebte, die Frau eines Köhlers; ließ sich in den Wald führen, wo letzterer arbeitete, und sich daselbst von ihm eine Hütte errichten. In dieser wohnte sie nun, aller Welt verborgen. Die getreue Amme brachte ihr täglich die notwendigen Lebensmittel. Den Tag nach der Flucht kehrte der Zar in das Haus des Kaufmanns zurück. Er wollte die Tochter sehen. Zitternd erzählte der Vater, wie sie sich entfernt habe. Der Fürst war wütend vor Zorn, ließ das ganze Haus und die Häuser aller Verwandten durchsuchen, aber alle seine Bemühungen waren fruchtlos. Es verstrich ein Jahr. Man vernahm nichts mehr von dem schönen und tugendhaften Flüchtling. Man hielt sie für tot, wie denn ihr Gatte ebenfalls in der Zeit gestorben war. Durch ein Ungefähr entdeckte sie ein Oberst, der in demselben Walde jagte, worin ihre Hütte stand. Es gelang ihm, sie wegen der Nachstellungen des Zaren zu beruhigen, und sie in das Haus ihrer Eltern zurückzuführen. Er meldete seinen Fund der Kaiserin. Diese führte ihn selbst zum Zaren; hier mußte er alles erzählen, was die tugendhafte Frau während ihrer Entweichung gelitten. Der Zar, bis zu Thränen gerührt, überhäufte sich selbst mit Vorwürfen. Er gelobte, sein Unrecht gut zu machen. Die junge Witwe ward die Gemahlin des Obersten; der Zar machte den Eheleuten die ansehnlichsten Geschenke, und sicherte dem ehemaligen Gegenstande seiner Liebe eine Pension von dreitausend Rubeln zu. So wechseln in seinen Handlungen unaufhörlich Seelengüte und Härte, Achtung für Tugend und rohe Leidenschaft. Er ist ein Sohn der wilden Natur, die ihn umgiebt, stürmisch, wohlthätig und erhaben wie sie: voll unermeßlicher Wünsche und furchtbarer Kraft. Die Fürstin von Ostfriesland und die Gräfin von Königsmark sind meine täglichen Gesellschafterinnen. Es ist mir unmöglich, mit jener ein enges, trautes Band zu knüpfen. Nur im Hofwesen atmend, nur der Hofsitte huldigend, unbekannt mit edlern Gefühlen, sieht sie in mir ewig die künftige Kaiserin Rußlands, nie das leidende Weib. – Interessanter ist die noch immer, ungeachtet ihres Leichtsinns, liebenswürdige Königsmark. Sie schmiegt sich mit unendlicher Gewandtheit jedem meiner Wünsche, jeder meiner Klagen an. Sie ist eines von jenen zarten, gefälligen Wesen, welche, das Gegenteil spröder Selbständigkeit, tief in die Denkart anderer eindringen, und unwillkürlich die Laune, die Empfindungsweise des andern zu ihrer eigenen machen. Unter den Frohen ist sie die Mutwilligste, unter den Ernsten die Philosophin, unter den Unglücklichen die Beklagenswürdigste; sie bildet sich selbst ein, das alles zu sein, und ist doch nur ein zartes Echo. Du kennst den alten Herbert? Erinnerst Du Dich seiner noch, wie er uns als Kinder bald in kleinen Wagen durch den Schloßgarten zog und unser Pferdchen hieß, bald mit uns über Zaun und Graben ging, bald unser Schiffsmann, bald unser Baumeister wurde? Dieser treue Diener ist noch immer bei mir, noch immer derselbe, und seine Laune noch immer die rosenfarbene, wie sonst. Er ist mir unentbehrlich geworden. Wenn ich ihn verlieren sollte, wäre ich untröstlich. Siehe, nun kennst Du die wichtigsten Personen, welche mich umgeben! Alle übrigen gleiten vorüber, wie Schattenspiel an der Wand; ich sehe sie, und vergesse sie. Jedes treibt sich in seinen Sphären umher, macht mir den Hof, um sich glänzend zu zeigen, und kümmert sich weniger um mich, als um Spieltische und Tafeln. Die einzige Freude, die mir gewährst ist – Du bist Mutter, meine Julie, und errätst es voraus – ist meine kleine Natalie. Wie reizend ist der kleine Engel! Wie beklage ich ihn schon jetzt, daß er eine Fürstentochter ist, daß ihm einst das Los seiner Mutter zu teil werden soll! Indem ich diesen Brief schließen will, kommt Herbert und meldet die Ankunft des Großfürsten Alexis, meines Gemahls. O Julie, mit zitternder Hand schrieb ich diese Zeilen! Um mir den Schrecken zu ersparen, bereitete mich Herbert lange auf diese Nachricht vor und doch vergebens. Mein Elend erneuert sich nun. Ach, daß ich den mit Furcht und Beben begrüßen muß, dem ich mit der Wonne des Wiedersehens an die Brust fliegen sollte! – Lebe wohl und beweine mich! 3. Der Chevalier d'Aubant an Laurent Bellisle. Noch immer datieren sich meine Briefe aus der Hauptstadt des russischen Reiches. Ich bin an diesen wilden Boden wie durch einen Zauber gebannt. Während in Frankreich noch alle Lauben grünen, noch hundert Blumen glänzen und an den Hügeln der Gesang der Winzer erschallt, verkürzen sich hier schon die nebligen Tage; das Laub fällt welkend von den Bäumen und von den finstern Tannen glänzt schon der Reif kalter Nächte und verkündet den nahen Schnee. Dennoch – in dem Augenblick, wo ich sie verlasse – gefällt mir die rauhe Weltgegend. Auch hat sie ihren Schmuck und ihre Wunder. Wenn die Sonne rötlich durch den grauen Nebel bricht und ein melancholisches Licht über die schwarzen Wälder, über die kahlen Ebenen und armseligen Hütten verbreitet, hat sie einen Reiz, wie sie ihn kaum zeigt, wenn sie über den üppigen Gefilden der Champagne in vollem Strahlenglanze schwebt. Die hölzernen Häuser haben etwas einladend Heimliches. Die behagliche Wärme der Stuben lockt zu vertraulicher Geselligkeit. Lachen Sie immer, mein Bellisle . . . aber die Welt ist überall weder häßlich noch schön; sie ist ein farbenloses Bild, das sich unsere Seele erst selbst ausmalen muß! Erst wir bringen Leben und Anmut hinein, wir erblicken nicht sie, sondern unser Selbst in ihr. Dem sibirischen Nomaden gefällt sein Dorf in der Schneewüste so gut, als dem Pariser Künstler das prächtige Rom. Gewohnheit macht alles erträglich, aber die Stimmung unsers Herzens ist die Zauberkraft, welche eine Sandsteppe zum Feengarten verwandelt. Ich bin Ihnen noch die Erzählung von meiner Vorstellung bei der Großfürstin Christine und die Erklärung des geheimnisvollen Gemäldes schuldig. Ich will mich selbst vergessen und die fabelhafte Geschichte so einfach erzählen, als wär's ein Ammenmärchen. Auf meiner Reise durch Deutschland streifte ich einst am Harzgebirge vorüber. Ich schickte Pferde und Wagen in die nächste Stadt voraus, um diese Gegend zu Fuß durchwandern zu können. Sie wissen, wie sehr ich Gebirgslandschaften liebe Eines Tages, die Mittagssonne brannte heftig, verließ ich die Landstraße; ich glaube, es war in der Nähe eines Ortes namens Blankenburg; ich wählte den Fußweg, welcher im Schatten eines Gehölzes neben dem Fahrwege in gleicher Richtung zu laufen schien. Die Landleute, die auf dem Felde arbeiteten, versicherten mir, daß ich auf demselben nicht fehl gehen könnte. Ich geriet immer tiefer in den Wald. Der Pfad hatte sich unmerklich unter meinen Füßen verloren. Ich kehrte zurück, fand einen Weg, verfolgte ihn, entdeckte bald, daß er mich ganz von meiner Richtung ableitete, verließ ihn wieder, suchte den ersten und verirrte mich zuletzt so tief, daß ich nicht wußte, woher ich gekommen war oder wohin ich mich wenden sollte. Der Abend trat ein. Noch immer war ich in dem verwünschten Buchenwalde; je weiter ich ging, desto unendlicher schien er zu werden. Ich machte mich schon gefaßt, mein Nachtlager auf weichem Moose zu nehmen und mit Bären oder Wölfen ein Abenteuer zu bestehen. Indem gelangte ich aus dem verhaßten Dickicht auf eine vom Walde rings umschlossene kleine Wiese. Das Gras stand hoch. Ich beschloß, sie zu durchkreuzen, in der Hoffnung, eine betretene Spur zu entdecken. Noch stand ich unentschlossen, wohin ich mich zuerst wenden sollte, als auf der andern Seite der Wiese zwei Frauenzimmer aus der Finsternis des Waldes, wie ein Paar freundliche Elfen hervortraten Sie erblickten mich; sie riefen und winkten. Ich flog der schönen Erscheinung froh entgegen. Ihre einfache, aber kostbare und geschmackvolle Kleidung ließ mich erraten, daß sie von gutem Hause seien; aus ihrer Verwirrung und Ängstlichkeit schloß ich, daß ihnen etwas Unangenehmes begegnet sei. O Bellisle, und als ich näher trat . . . als mir die jüngste zurief: »Führen Sie uns nach dem Jagdhause zurück! Wir haben uns verirrt . . . wir können keine Viertelstunde weit davon sein!« . . . da glaubte ich, die alten Wunderzeiten der Feenwelt seien in diesem Walde wiedergekehrt. Die begabteste Phantasie eines Dichters sah ein solches Ideal edler Schönheit nicht, als hier mit unendlicher Anmut meine Hülfe begehrte. Ich selbst ein Verirrter in dem bezauberten Forst, vergaß, daß ich diese unbekannten Gegenden zum ersten Male betrat. Das Unmögliche schien mir möglich zu werden. Ich begleitete die jungen Damen in derjenigen Richtung zurück, in welcher sie hierher gekommen zu sein schienen. Sie waren ermattet. Sie ruhten unterwegs. Sie fragten um meinen Stand, Namen und Vaterland. Ich antwortete. »Wie?« rief die jüngste der Grazien lächelnd: »So sind Sie selbst hier fremd und verirrt? Und Sie wollen uns führen?« Ich sprach ihr mit einer Zuversichtlichkeit Mut ein, daß sie mir zuletzt glaubte. Wir setzten unsern Weg fort. Ermüdet lehnten sich Beide an meinen Arm. Ja, Bellisle, ich war der glücklichste aller Sterblichen in diesen köstlichen Augenblicken, wo vertrauensvoll das unbekannte Wesen neben mir schwebte, welches von nun an der Abgott meiner Wünsche und Träume werden sollte! Ach, wie süß, wie unvergeßlich sind mir jene Augenblicke, jene Gespräche, jene kleinen Sorgen, die ich für den wunderbaren Engel übernehmen durfte! Bald mußte ich ihr Kleid von einem Dorn befreien, bald ihr durchs verwachsene Gebüsch Bahn brechen; und wie sie dann jedesmal zum Danke mich so gütig anlächelte, mit einem Blick, der die reinste Wollust der Seligen über mich goß! Plötzlich standen wir auf einem freien Felde, au einem Fahrwege, der neben dem Walde sich hinzog . . . Nicht weit von uns hielt wartend ein prächtiger Wagen. Er fuhr heran. Die Damen dankten mir, stiegen ein und verschwanden. Lange, wie ein Berauschter, wie ein Träumender, starrte ich ohne Bewegung dem Wagen nach, dessen Spur der wolkige Staub bezeichnete. – Mir war's, als würde mir meine Seele entrissen. Ich folgte dem Wege, welchen die Unbekannte genommen. Nur einmal wollt' ich sie noch sehen . . . Doch nein, ich wollte Ihnen meine Geschichte mit dürren Worten erzählen! Nun denn, wie in stillem Wahnsinn lief ich den Weg entlang, und dachte nur an sie! Es war dunkel. Die Sterne leuchteten am Himmel. Ich ward nicht müde: kam von Weg zu Weg, Gott weiß, wohin, bis ich gegen Mitternacht ein Dorf erreichte. Mein Forschen nach dem Wagen und den beiden Damen war vergebens. Niemand wußte mir Auskunft zu geben. Wahrscheinlich hatte ich wieder zehnmal des Weges gefehlt, und mich mehr von denen, die ich suchte, entfernt, als mich ihnen genähert. Genug, ich sah die Zauberin des Waldes nicht wieder; erfuhr weder ihren Namen, noch Wohnort, und kehrte mit einer hoffnungslosen Sehnsucht in mein Vaterland zurück. In einsamen Stunden versuchte ich's, das liebliche Engelsgesicht, voll süßer Kindlichkeit und hoher Würde, aus dem Gedächtnis zu malen. Sie sahen das Bild. Das ganze Abenteuer war einfach; aber es entschied über den Gang meines Lebens. Oft hat der Untergang eines Reiches nicht so viel Interesse, als die Geschichte eines Augenblicks. Ich liebte, was ich verloren – einen Traum, ein Ideal – aber genug, meine Seele hing mit unüberwindlichem Eigensinn daran! Kein Romanenheld konnte mir lächerlicher sein, als ich selbst . . . aber ich liebte. Ich wagte keinem meiner Freunde eine Silbe zu gestehen, um nicht ihr Spott zu werden; aber dafür erfüllte das Geheimnis mein ganzes Wesen mit einer unendlichen Glut. Und nun ich in Rußland bin, folgte mir das zauberhafte Bild in die fernsten Zonen. Es umgaukelte mich in den Schrecken der Schlacht; es ging mit mir durch die Prunksäle der Großen; es lächelte, wie ein tröstender Engel, an meinem Krankenlager; es zog den Himmel in meine Fieberträume. O Bellisle, und diejenige, welche in der festlichen Versammlung zu Peterhof am Arm der Gräfin Königsmark in den Saal trat . . . war wieder die holde Fee des Buchenwaldes . . . die längst Verlorene . . . Jetzt Gemahlin des Großfürsten Alexis, die Erbin des russischen Throns! Fordern Sie nicht, geliebter Bellisle, daß ich Ihnen sage, wie mir ward! Ich zweifelte an Allem, was ich sah, selbst an der Wahrheit des Tages. Und während ich mir's tausendmal rief: »Du bist dem Wahnsinn nahe, armer d'Aubant. Glaub' es nicht, du siehst es nicht, es ist grobes Blendwerk!« . . . verging ich in Anbetung und Entzücken. Die Fremden wurden ihr der Reihe nach vorgestellt. Auch ich mußte mich ihr nähern. Mir war's, als trät' ich in den Kreis eines überirdischen Wesens. Sie bemerkte meine Verwirrung; mich zu schonen, schien sie es zu übersehen. Der Haushofmeister nannte ihr meinen Namen. »Wie?« sagte sie. »Chevalier d'Aubant?« sah mich aufmerksamer an, und setzte zweifelnd hinzu: »Ich erinnere mich dunkel dieses Namens und daß ich Sie schon einmal gesehen. Vielleicht in Deutschland!« Und indem sie dies sprach, flog über ihr schönes Gesicht eine matte Röte, wie ein Widerschein des Morgenhimmels. Ich zitterte, Die Antwort erstarb auf meinen Lippen. Ich stammelte endlich eine Lüge, ich gab vor, die nie gesehen zu haben, deren Bild mich seit Jahren nicht verließ. Ich wußte nicht, was ich that und sagte. »Gewiß!« sagte sie nach einer kurzen Pause, »Sie sind's, der eine meiner Freundinnen und mich einst aus dem Walde führte, wo wir uns verirrt hatten. Sie sehen, daß Dankbarkeit wenigstens ein treues Gedächtnis hat.« Wie gern gestand ich's nun, daß jener Tag der schönste, der unvergeßlichste meines Lebens sei! Sie nannte sich, mit einem Lächeln, womit auch ein Thron, ein Leben bezahlt gewesen wäre, meine Schuldnerin, und wandte sich zu den übrigen Fremden. Jetzt, Bellisle, kennen Sie meine Lage! – Und wenn die Advokaten daheim den ganzen Rest meines kleinen Vermögens verschlängen und ich ein Bettler würde, ich kann Petersburg noch nicht verlassen! Fragen Sie nicht, was ich wolle, was ich hoffe . . . schelten Sie meine Leidenschaft nicht . . . nennen Sie mich nicht einen Rasenden! Nein! Sie irren sich! Ich liebe die Großfürstin nicht . . . dies wäre Raserei. Aber ich verehre sie, wie ein höheres Wesen, dessen Nähe uns über uns selbst erhebt. In dieser Fürstin Dienst zu sterben, dies, Bellisle, ist mein letzter Wunsch! 4. Die Großfürstin an die Gräfin Julie. Der Großfürst, mein Herr und Gemahl, ist mit seinem ganzen Gefolge aus den Bädern zurück. Erst den zweiten Tag nach seiner Ankunft in Petersburg würdigte er mich seines Besuchs. Was soll ich Dir, meine Julie, von diesem Besuche erzählen? Er erfüllte keine meiner Hoffnungen, mit denen ich mir so gern schmeichelte, ungeachtet ich die finstere Gemütsart meines Gemahls kannte. Alexis kam nach langer Abwesenheit die Gattin wieder zu finden, welche unterdessen an der Pforte des Todes gestanden. Ach, warum hatte sich diese Pforte nicht geöffnet! Ich war auf seine Ankunft vorbereitet. Ich hoffte ihm diesmal liebenswürdiger denn je zu erscheinen, denn ich war ja Mutter. Ich schmückte mich mit meinem schönsten Kleinode . . . Natalien in meinem Arme ging ich ihm entgegen. Dies reizende, holdselige Geschöpf sollte, mit dem Lächeln der Unschuld, das Herz des Vaters für die Mutter gewinnen. Doch, als hätte Alexis meine Entwürfe vorausgesehen, als hätte er gefürchtet, durch die Gewalt der Naturstimme, die zu ihm sprechen würde, überwunden zu werden, hatte er sich mit aller ihm möglichen Kälte bewaffnet, und, um jedem vertraulichen Worte zu entrinnen, den tückischen Schmeichler, den General Glebow, zur Gesellschaft mit sich genommen. Was konnten zwei Gatten in der Anwesenheit eines solchen Dritten sich sagen? Und doch vergaß ich den häßlichen Glebow, sobald Alexis hereintrat. Ich eilte ihm lächelnd entgegen. Ich bot ihm sein Kind dar; ich sagte ihm, was Liebe und Treue ihm sagen konnten. Ach, ein Fremdling aus den entferntesten Weltgegenden würde mehr geantwortet haben, als Alexis. Keine Umarmung belohnte die Gattin; kein väterlicher Kuß segnete das Kind. Nicht einmal ein freundliches Lächeln konnte er sich abnötigen. Er fragte in allgemeinen Ausdrücken nach meinen Gesundheitsumständen, nach meinen Beschäftigungen, besah meine neuen Gemälde, und überließ es dem Glebow, mich mit faden Schmeicheleien zu quälen. So verließ er mich nach einer halben Stunde wieder; und als er verschwunden war, weinte ich in meiner Einsamkeit bittere Thränen auf mein verlassenes, vom Vater ungeliebtes Kind. Alexis verachtet mich. Auf keinem der Bälle, auf keinem der Feste, welche mir die Gnade des Kaisers veranstaltet, erscheint er. Immer hat er Vorwände, sie zu meiden: bald ist er unpäßlich, bald fällt auf den Tag eine Jagd, bald hindern ihn andere Geschäfte. Und während ich heimlich meinen Gram verschmerzen muß, solltest Du es glauben, befindet sich Alexis in roher Gesellschaft sehr wohl, und berauscht sich zum Überfluß mit seinen Russen in starken Getränken. Je mehr ihn sein Vater, der Zar, wegen dieses Betragens mit Vorwürfen überhäuft, desto mehr Ursache glaubt er zu haben, mich zu hassen. Ach, wenn er nur wüßte, wie oft ich den Kaiser mit Thränen beschworen habe, seiner zu schonen! Wenn er es nur wüßte, wie ich ihn unaufhörlich entschuldige! Da bin ich nun wieder so einsam, und doch füllt jeder Tag meine Säle mit glänzender Gesellschaft; ich bin eine leidtragende Witwe, und doch lebt mein Gemahl mit mir in den Ringmauern einer Stadt; ich bin so arm, und doch die Gattin des Thronerben, und die Schwester einer Kaiserin. Niemand versteht mich; niemand redet zu meinem Herzen. Es ist kalt, verschlossen; es liegt in meiner Brust wie in einem Sarge, nur die Geisterstimmen der Musik durchdringen zuweilen die tote Welt und sprechen verständlich zu meinem Innern. Julie, Du hast geliebt, Du wurdest geliebt; Du kennst ein Glück, dessen Größe mir ein Geheimnis ist; Du kennst die Größe Deines Glücks, und also auch die meines Unglücks! Was ist denn auch alle Herrlichkeit des Lebens, aller Glanz, alle Hoheit, wenn unsere edlern Gefühle darben? Was kümmern und freuen den Toten die Kronen und Fahnen, die Marmorbilder und silbernen Zierrate neben seiner Asche? – Ehe ich Fürstin war, war ich ein Weib. Welch eine traurige Entartung des Menschengeschlechts! Es quält sich von der Wiege bis zum Grabe im Unnatürlichen, und Millionen hauchen mit Thränen ihr elendes Leben aus, und verdammen eine Welt, die an sich das Vollkommenste ist, in der nur sie selbst durch eigene Schuld das Unvollkommenste sind. Jeder Stein, jede Pflanze, jedes Tier übertrifft uns hinsichtlich der Vollendung; denn jedes ist, was es nach seiner Natur sein soll: nie mehr, nie weniger als dies. Nur wir Menschen, mit hohen Gaben ausgerüstet, verstümmeln uns selbst, und sind und bleiben jammernde Krüppel, häßliche Zerrbilder. Julie, Julie! Meine Kniee zittern, mein Herz ist gebrochen! . . . O wie elend bin ich! Es war ein heiterer Sonnentag, eine Seltenheit für dieses Land. Ich hörte, daß mein Gemahl im neuen Schloßgarten wandle. Ich hüllte mich warm ein, und flog, ohne alle Begleitung, dahin, ihn zu sehen, ihn zu sprechen, ihn durch freundliche Unterhaltung zu fesseln. O Julie, bin ich denn so häßlich? Sagt nicht, wenn auch meine Selbstliebe und mein Spiegel mich belögen, der Mund derer, die mich nicht lieben, daß ich wenigstens kein Gegenstand des Abscheus sei? Wußte ich sonst nicht Tausenden zu gefallen? Trug mich nicht sonst alles auf den Händen, wie einen Liebling? . . . Hat mein Geist nicht unter der zärtlichen Sorgfalt der Eltern einige Bildung empfangen? Bin ich nicht in Wort und Wandel tugendhaft gewesen; oder hätte nur mein Gewissen kein Gedächtnis? Und doch bin ich so tief gesunken, daß ein Geschöpf von schlechter Erziehung und noch schlechterm Wandel, ein Geschöpf, welches keinen Anspruch auf Schönheit und Geist machen kann . . . daß ein gemeines Mädchen, kaum gut genug, rohe Wüstlinge zu fesseln, eine Dirne, auferzogen in den Schulen des Lasters, über mich triumphiert, und das Herz meines Gemahls gewonnen hat! Ich ging mit schüchterner Ungeduld durch den Garten. Ich suchte Alexis, und fürchtete immer, ihn zu finden. Ich hatte ihm unendlich viel zu sagen, und war doch verlegen, wie ich ihn anreden sollte. Und wie ich nun um die Hecke bog . . . da sah ich ihn in einiger Entfernung auf einer Bank neben . . . seiner Buhlerin sitzen. Ihre Hände lagen vertraulich in einander. Die Dirne schlug ein gellendes Gelächter auf, und hielt ihm die Hand vor den Mund, als weigere sie sich, seine Zärtlichkeiten oder Scherze zu hören. Ich stand still, wie vom Strahl des Blitzes getroffen, atemlos, vernichtet. Die Dirne bemerkte mich, sprang auf und wollte davon. Er hielt sie zurück, sah nach mir, und lachte bald ebenso ausgelassen, wie vorher sie. Unterdessen rang sie sich von ihm los, und lief den Gang hinunter. Er lachte nach wie vor, und rief einige Male: »Euphrosyne! Euphrosyne, sei keine Närrin!« und folgte ihr mit behenden Schritten. Um mich, die erniedrigt, verwirrt, vom Schmerz betäubt dastand, um mich, die ihm gern gefolgt wäre, wie ihn jene floh, um mich, seine Gattin . . . um mich bekümmerte sich Alexis nicht. Nun denn, so will ich mich mit meinen zerstörten Hoffnungen und mit meiner unendlichen Sehnsucht verschließen! Ach, warum bin ich noch so jung; warum sind meine Kräfte noch so eisern . . . warum findet der Tod mich nicht, er, der so manchen Seligen mitten in der Freude entführt? 5. Der Chevalier d'Aubant an Laurent Bellisle. Breslau , den 3. Mai 1715. Das erwarteten Sie nicht. geliebter Bellisle, mich so bald auf der Heimreise nach Frankreich zu wissen! Mich, der noch seinen letzten Brief mit hohen Schwüren füllte, in Petersburg leben und sterben zu wollen; mich, der Sie noch ersuchte, statt meiner alle häuslichen Angelegenheiten im Vaterlande in Ordnung zu bringen . . . Ersparen Sie sich nun die Mühe: ich komme selbst! Sie sagen, der größte Teil meines Vermögens sei verloren? Sie trösten mich . . . Wahrlich, die Nachricht hat mich wenig betrübt. Ich kann arm sein. Ich verliere nur einige Mittel, die ich zum Besten anderer angewandt hätte; für mich bedürfte ich alles dessen nicht. Ich bin ein Flüchtling, habe den größten Teil meiner Sachen in Petersburg gelassen, und rettete außer einigem Gelde nichts als mein Leben. Das also, und Kapitänsrang, ist die ganze Ausbeute mühseliger Jahre, die ich in russischen Diensten zubrachte. Andere thaten weniger als ich und stiegen von Stufe zu Stufe; andere hatten weniger Kenntnisse, und brüsten sich mit Ansehen und Reichtümern. Man rühmte meine Talente, benutzte sie, und vergaß mich; man überhäufte mich mit Schmeicheleien, wegen geselliger Tugenden; jeder wollte mein Freund sein, und keiner war es. Die Menschen sind in sich selbst verliebt, und lieben außer sich keinen andern. Wer sich für sie aufopfert, heißt bei ihnen ein nützlicher Thor. Doch zur Sache. Sie sehen wohl, lieber Bellisle, ich bin allzu bewegt, der Strom braust, aber noch kennen Sie seine Quelle nicht! Ich lebte still und froh zu Petersburg. Mein Gepäck war von Moskau angekommen, doch dachte ich an keine Abreise. Ich wünschte . . . doch meine Wünsche sind Ihnen kein Geheimnis. Nur auf die freundliche Gelegenheit hoffte ich, noch einmal der angebeteten Fürstin mich nähern zu können, ihr sagen zu dürfen, daß ich in ihren Diensten zu leben, mein höchstes Glück nennen würde. Aber sie hatte mich vergessen. Umsonst hoffte ich mit jedes Morgens Anbruch, daß er den schönen Tag verkündete, an welchem ich eine Einladung zum großfürstlichen Palast erhalten würde. So verstrichen Wochen und Monate. Meine Unthätigkeit ward mir zur Last, Noch einmal Dienste beim Zaren zu begehren, schämte ich mich, da er mir die Entlassung hatte ausfertigen lassen. Und doch war es das einzige Mittel, durch welches ich mich länger in dieser Gegend erhalten konnte, die durch Christinens Gegenwart die reizendste des weiten Erdenrundes geworden. Schon war ich, nach langem innern Kampfe, entschlossen, endlich, bei einer der öffentlichen Audienzen, wo jeder Bittende das Recht hat, dem Zaren sich unmittelbar zu nähern, den Monarchen um meine Wiederaufnahme in sein Heer anzugehen, als der unglücklichste Zufall von der Welt mich aus Rußland und für immer verbannte. Ich war eines Abends beim Obersten Larive zum Schmause in Gesellschaft vieler andern Offiziere. Nachdem die Speisen abgetragen waren, ward auf gut russisch tapfer gezecht. Jeder sprach nach seinem Sinn, und mancher Mutwille ward ausgeübt. Unter anderem lenkte sich auch das Gespräch auf den seit einiger Zeit aus den Bädern zurückgekehrten Großfürsten Alexis. Man redete ziemlich frei von den Ursachen der Spannung, die zwischen ihm und seiner Gemahlin herrschte. Man nahm Partei. Viele verteidigten den Thronfolger, – viele die tugendhafte Christine. Ein junger roher Russe, Offizier und naher Verwandter des Marschalls Scheremetjew, verfocht das Betragen des Großfürsten, und stieß die gröbsten Verleumdungen gegen Christinens Tugend aus. Die andern belachten seine tollen Einfalle; das gab ihm Mut, und er ward in seinen Reden gegen die Fürstin noch zehnmal frecher. Als Verwandten Scheremetjews widersprach ihm keiner, und wer es wollte, fürchtete sich doch vor den trunkenen Lachern. Wenn ein elender Mensch ohne Geist und Herz mit seinem armseligen Verstande das Erhabene, was er nicht begreifen kann, verspottet; wenn ein unwissender Tropf die Thaten und Entwürfe eines Weisen bekrittelt, dann kann ich auch zu den Lachern treten, oder über den armen Wicht die Achseln zucken, der sich selbst an den Pranger stellt. Aber wenn ein Spötter es wagt, mit schadenfrohem Witz was gut und edel ist zu lästern; wenn er die Tugend verdächtigen und große Handlungen verkleinern will: dann ist das nicht Verstandesschwäche, die uns zum Lachen reizen kann, sondern Bosheit, die unser Herz empören muß. Wer gelassen lächeln kann, wenn ein Bösewicht die Tugend verhöhnt, oder Leidende zum Gegenstande des Gelächters macht – der ist mit ihm verwandt, und selbst ein Bösewicht. Ich näherte mich dem Russen und bat ihn ernst und höflich, sich zu mäßigen und nicht zu vergessen, daß Christine die Tochter eines edlen deutschen Fürsten, die Schwester einer Kaiserin, die Schwiegertochter unseres erhabenen Monarchen sei. Der Russe, wahrscheinlich einer von den Anhängern des Alexis, die sich durch ihren Haß gegen die Fremden bei ihm einschmeicheln, glaubte hier eine Gelegenheit zu finden, sich seines Herrn würdig zu zeigen. Mit höhnischem Blick sah er mich seitwärts an und antwortete mit einer Grobheit, die man nur einem Manne aus dem Pöbel nachsehen kann. Die andern füllten ihre Becher und lachten über meine unsanfte Abfertigung aus voller Kehle. Das munterte ihn zu neuen Schmähreden auf. Ich bat ihn zu schweigen . . . ich drohte. Alles umsonst. Er schimpfte nur immer ärger; die andern lachten nur noch wilder. Was sollte ich unter diesen Trunkenen? Ich ergriff Hut und Degen, um mich zu entfernen. Der Elende, stolz auf seinen Sieg, ging mir bis zur Thür nach, und rief, indem er mir einen Fußtritt gab: So soll man alle Fremdlinge, Glücksritter und Abenteurer aus unserem Lande treiben! Ich drehte mich um, gab dem unverschämten Laffen eine gellende Ohrfeige, und als er mit mir handgemein werden wollte, schleuderte ich den Wütenden zu Boden, daß ihm die Lust verging. Langsam schritt ich meiner Wohnung zu. Aber noch hatte ich kaum zweihundert Schritte gethan, als mir der Russe mit bloßem Säbel nachsprang und mich mit hundert Schimpfreden zum Stillstehen aufforderte. Ich machte mich zur Gegenwehr bereit. Der Mond schien hell. In der Ferne blieben einige andere aus unsrer Gesellschaft stehen, um den Verlauf der Dinge abzuwarten. Ich versprach dem Russen, ihm den andern Tag Genugtuung zu geben, und bat ihn, seinen Rausch auszuschlafen. Vergebliche Mühe! Er griff mich wie rasend an; kaum konnte ich mich gegen die Säbelhiebe decken. Es währte nicht zwei Minuten, so lag er entseelt zu meinen Füßen. Ich beugte mich zu ihm nieder. Er seufzte noch einmal und starb. Ich rief die andern herbei. Sie trugen ihn zurück. Ich eilte in meine Wohnung, packte das Unentbehrlichste zusammen und verschwand mit Tagesanbruch aus Petersburg, um nicht nach Sibirien zu müssen. Jetzt, mein Bellisle, wissen Sie alles! Mein Los ist hart, und doch werde ich's vielleicht einst segnen. Ich habe mich daran gewöhnt, daran zu glauben, daß jedes Übel die Quelle einer Freude, und jede Lust die Mutter eines Schmerzes sei. Entfernt von der Einzigen, die ich von allem, was unterm Himmel wohnt, am höchsten ehre, wird mein Herz seine Ruhe wieder gewinnen. Sie aber wird vielleicht von meiner That und meiner Flucht hören, und wenigstens mein Name so glücklich sein, wieder von ihr gehört zu werden. Leben Sie wohl, mein Bellisle, wir sehen uns bald wieder! Ach, ich habe Ihnen noch vieles zu sagen; nur ekelt es mich an, Buchstaben zu malen. Ich bin mißvergnügt . . . erbittert gegen die Menschen und das Geschick . . . ich möchte mir eine wilde, große Zerstreuung geben, worin ich mich, wie in einen brausenden Strom tauchen und alles . . . alles . . . und mein Selbst vergessen könnte! . . . Mein elendes, schlechtes Selbst, welches, so sehr durch Vorurteile und unrichtige Erziehung verwöhnt, immer sein Glück noch in äußern Dingen, nie in sich suchen, und immer andern Vorwürfe machen will, und nie sich selbst, da es dieselben doch allein verdient! Leben Sie wohl! 6. Die Großfürstin an die Gräfin Julie. Ja, Julie, ich will mein Schicksal tragen und Deinem Rate folgen, obgleich ich nicht die reizende Hoffnung im Hintergrund der Zukunft sehe, die Du mir vorspiegeln willst! Es ist eine vergebliche Erwartung, daß ich den wilden Sinn meines Gemahls bändige. Er haßt, er verachtet mich; er ist nicht fähig, mich zu verstehen; er ist nicht fähig, mich zu lieben. Sein Wesen ist nun einmal der Art; er kann seine Natur nicht ablegen. Aber auch ich, Julie, kann ihn nicht mehr lieben. Er selbst hat zwischen mir und sich die unzerstörbare Scheidewand aufgebaut. Ich werde es als des Himmels höchste Gunst ansehen, wenn mich der Tod von diesem qualvollen Zustand befreit oder wenn der Großfürst einst, zu eigener Macht gelangt, mich in irgend ein einsames Kloster verstoßen wird. Daß er die Finnländerin Euphrosyne mir vorzog . . . konnte ich ertragen. Ich fühlte meinen Wert und beklagte nur den verirrten Mann. Aber . . . o daß ich's schreiben muß! . . . Julie, ich, eine Fürstentochter, die an eine edle Behandlung gewöhnt ist! . . . Julie, ich werde von ihm gemißhandelt, wie eine Sklavin kaum von ihrem barbarischen Herrn gemißhandelt wird! Gestern trat er, düster wie gewöhnlich, in mein Kabinett. Ich nahte mich ihm schmeichelnd. Ich hatte mir vorgenommen, ihn zu bewegen, eine Fürbitte beim Kaiser, seinem Vater, für den Chevalier d'Aubant einzulegen. Dieser d'Aubant, ein Infanterie-Hauptmann, ist eben der junge Mann, welchen wir einmal im Walde bei Blankenburg trafen, wo wir uns verirrt hatten, und der uns auf die Straße zurückführte. Vielleicht erinnerst Du Dich seiner nicht mehr. Er stand seitdem in russischen Diensten, geriet vor einigen Tagen mit einem jungen Russen in Händel, der zu Petersburg mächtige Verwandte hatte, und erstach ihn in einem Duell. Man behauptet, ich sei unschuldigerweise die Ursache des Streites gewesen; der Russe habe bei einem Trinkgelage schlecht von mir gesprochen und d'Aubant habe sich meiner mit allzu großer Heftigkeit angenommen. Genug, d'Aubant ist seit dem Tage unsichtbar geworden. Man vermutet, er habe sich in Petersburg verborgen; überall wird er ausgesucht, und sollte der Bedauernswürdige ertappt werden, so ist seine Verweisung nach Sibirien unvermeidlich. Kaum sprach ich den Namen des unglücklichen d'Aubant aus, so warf der Großfürst einen fürchterlichen Blick auf mich und befahl mir, zu schweigen. Ich gehorchte mit Zittern. Nie hatte ich ihn so gesehen; niemals hat ein Mensch jemals so zu mir geredet. Ich wollte mich entfernen. »Wohin?« schrie er, ergriff mich beim Arm und schleuderte mich mitten ins Zimmer zurück. »Gewiß wieder zum Kaiser, um mich bei ihm anzuschwärzen, daß ich seine Vorwürfe überall und vor aller Welt hören muß! Aber, Madame, ich bin dieser Kabalen satt, und verbitte mir's ernstlich und ein für allemal, daß Sie sich noch ferner bemühen, den Haß des Kaisers gegen mich zu vermehren!« Ich konnte nicht antworten. Ich schluchzte und streckte meine Arme gegen ihn aus. Er achtete nicht darauf, sondern fuhr fort, mich zu bedrohen. »Wehe Ihnen,« rief er, »wenn es Sie gelüsten sollte, mich beim Kaiser zu verklagen. Ich schwöre es Ihnen, dann werde ich anders mit Ihnen sprechen!« – »Wer aber,« erwiderte ich, »wer war so boshaft, mich bei meinem Gemahl zu verleumden? Und hätte ich die gerechtesten Ursachen, zu klagen, so würde dennoch kein Wort wider den Gemahl über meine Lippen gehen!« – »O,« schrie er, »ich weiß alles. Sie brennen sich nicht rein! Ich habe noch der Freunde mehr, als der Kaiser und seine neuerungssüchtigen Ausländer glauben. Das merken Sie sich! Es werden aber noch einmal andere Tage kommen. Nur Geduld!« – »Ich bitte nur um die einzige Gnade,« versetzte ich, »nennen Sie mir diejenigen, welche behaupten, daß ich Sie bei Seiner Majestät angeklagt habe! Bin ich schuldig, so bin ich Ihres Hasses wert; bin ich unschuldig, o so stoßen Sie die Liebe Ihrer Gemahlin nicht zurück! . . . Erlauben Sie also, daß ich mich wenigstens vor Ihnen gegen jeden Verdacht rechtfertige!« Er befahl mir nun wieder, zu schweigen, und wiederholte seine Drohungen mit noch bitterern Worten, falls ich dem Kaiser wieder plaudern würde. Thränen erstickten meine Stimme. Ich konnte nichts, als stumm meine Arme gegen ihn ausbreiten. Ich wollte mich an seine Brust werfen und an seinem Herzen Zuflucht gegen meine Verleumder suchen . . . . Er stieß mich mit einer Heftigkeit, mit einem Ungestüm von sich, daß ich zu Boden gestürzt sein würde, hätte ein vorstehender Sessel es nicht verhindert. Ich schlug aber gegen die Wand mit der Stirn, daß sie verwundet aufschwoll. Der Großfürst achtete nicht auf mich, sondern verließ das Zimmer und schmetterte wütend die Thür hinter sich zu. Ich lag lange betäubt im Lehnstuhl; alle meine Sinne waren in dumpfer Thätigkeit, wie in einem Fieber. Erst nach und nach entschwand der Nebel meines Geistes und ich übersah das Fürchterliche meines Zustandes. Ein Thränenstrom machte meinem gepreßten Herzen Luft. Ich wollte mich zerstreuen, um meinen Schmerz vor fremden Augen verbergen zu können. Ich ging durchs Zimmer, aber meine Kniee brachen bald zusammen. So, auf dem Teppich des Fußbodens daliegend, streckte ich meine Hände zum Himmel und flehte den barmherzigen Gott um Rettung an, oder um Kraft, mein Verhängnis mutvoll zu ertragen. O Julie, wie groß und schön ist die Kraft des Gebets! Welche Seligkeit liegt schon allein in dem Gedanken an Gott! Wenn weit umher uns Alles verläßt, wenn Menschen ihre Brust gegen unsere Leiden verschließen, wenn jede Hoffnung unter dem Gewittersturm des Lebens zusammenbricht, wenn wir mit unserm Schmerz in der weiten Welt verlassen dastehen – dann, Julie, ein Blick auf den, der unsern Schmerz versteht, und es ist uns schon geholfen! Er war's, der uns in seine Welt gerufen; er ist's, zu dem allein die gequälte Seele Zuflucht nehmen kann. Gestärkt erhob ich mich, mutiger und heiliger, als vorher. Erstorben war nun in mir alle Leidenschaft und aller Groll um die erlittene Schmach. Gott klagte ich sie, Dir nenne ich sie. Aber tröste mich nicht, Julie, denn ich bin schon getröstet! Ich schellte meinen Kammerfrauen. Sie erschienen. Ich bemerkte, daß sie über mein Aussehen erschraken. Ich nannte die Verletzung meiner Stirn eine Folge meiner Unvorsichtigkeit, verbat mir jeden Besuch, und nahm, da mir nicht wohl war, nur den Besuch des Arztes an. Sieh, Julie, so steh' ich nun da – fern von Dir, von meinen Eltern, in einem fremden Lande, ungeliebt von den Russen, gehaßt und gemißhandelt von meinem Gemahl, ohne jemanden, dem ich mich vertrauen darf, ohne Aussicht auf erträgliche Tage! Schreibe mir bald! Schildere mir Dein Glück! In dem Gemälde Deiner Freuden erhebt sich meine Seele wieder; ich vergesse meinen Gram und lebe dann nur in Deinem Himmel. O, wie gern würde ich mit der ärmsten Bäuerin Deines Dorfes tauschen, wenn ich nur in Deutschland, nur in Deiner Nähe, unter Deinem Schutze wohnen könnte! 7. Der Chevalier d'Aubant an Laurent Bellisle. Villiers , den 25. Juli 1715. »Den Mut nicht verlieren?« . . . O mein Bellisle, wie urteilen Sie von Ihrem d'Aubant! . . . Schüchtern im Schoße des Glückes, aber mutvoll, wenn Not und Tod gegen uns zu Felde ziehen! Das ist mein Wahlspruch. Nun ja, mein Vermögen ist dahin . . . rein verflogen, oder vielmehr, ich habe nie Vermögen gehabt! Ich habe mit den Gläubigern meines Vaters gerechnet, und Alles ausbezahlt. Güter, Heerden und Mobilien, Alles ist verkauft. Der mir von den glänzenden Herrlichkeiten und Herrschaften meiner Ahnen bleibende Rest besteht netto in vierundzwanzigtausend Livres, kein Sou darüber oder darunter. Wenn's mir gelingt, so bringe ich das Kapitälchen zu fünf Prozent unter, und habe dreihundert Thaler jährliches Einkommen; der ärmste Dorfpfaffe hat mehr für seine Messen. Ich begreife es wohl, es läßt sich damit keine Rolle spielen, und doch soll ich meinem Stande gemäß leben, darf kein Handwerk treiben, darf nicht dreschen, darf nicht krämern – und zu betteln schäme ich mich! Ich bin inzwischen lange nicht so froh gewesen, als jetzt. Noch vier Wochen darf ich im väterlichen Hause wohnen, dann zieht der neue Eigentümer ein. Er läßt schon jetzt überall ausbessern, sägen, putzen und lärmen in allen Ecken, Dieser neue Eigentümer ist ein großer, dicker, guter Mann, Namens Maillard, der sich als Kaufmann eine runde Summe zusammenspekuliert hat, und keinen andern Fehler zu haben scheint, als den, daß er weiß, er sei reich, und nun gern den Großmütigen, den Gönner und Beschützer spielen will. Er bot mir, auch wenn er eingezogen sein würde, mit recht vornehmem Anstande Wohnung bei sich an; ich aber schlug's natürlich aus. Arm sein, Bellisle, thut nicht weh; aber Gönnermienen begüterter Wichte, denen der Himmel das liebe Geld im Schlaf aufhäufte, und die unterm Himmel kein Verdienst haben, als den vollen Kasten . . . o Bellisle, die schmerzen! Ja, Bellisle, ich wollte mir lieber, wenn ein Zufall meine paar tausend Livres und meine gesunden Gliedmaßen hinwegraffte, das tägliche Brot von Haus zu Haus bei unsern Bauern zusammenbetteln, als Unterstützungen von Leuten mit Gönnermienen annehmen! Ich bin arm, aber mir ist wohl dabei. Was ich bin, ward ich ohne mein Verschulden; was ich werde, soll der Zeuge meiner Kraft . . . meine eigene Schöpfung sein! Nicht die Armut ist's eigentlich, die den meisten Menschen beschwerlich fällt zu ertragen, sondern der unbefriedigte Wunsch ihres Ehrgeizes. Sie wollen in höheren Stellungen glänzen. Brot und Wasser schmecken so übel nicht; aber darüber ertappt zu werden, das ist den Leuten bitter. Armut ist das Element der großen Geister, die Mutter der Weisheit, die Erzieherin der Menschheit, die Erfinderin der Kunst und Wissenschaft, die kühne Wegweiserin über Ozean und Gebirge, die Priesterin des besseren Lebens. Reichtum dagegen erschlafft Leib und Seele, lähmt den Flug des Geistes, erstickt und tötet ihn mit Sinnenlust, entartet Völker, erzeugt unerhörte Krankheiten, unerhörte Begierden, unerhörte Laster. Der Arme ist reich an Hoffnungen, an Entwürfen; sein Leben fliegt unter Gedanken und Ahnungen vorüber, die der Reiche nicht kennt. Ihm mangelt die Muße, sich selbst zu quälen. Jede Blume, jede Frucht, jeder freundliche Blick ist ihm ein neues Gut. Die karge, selbstverdiente Mahlzeit dünkt ihm ein Festessen; der süße Schlaf ist mit goldenen Träumen erfüllt. Armut führt uns an die Brust der Natur zurück; Reichtum verleitet uns zur Unnatur, zum Rangstreit, zur Unempfindlichkeit, zu weibischen Gelüsten. Sehen Sie, Bellisle, ohne daß ich es wollte, hielt ich der Armut eine Lobrede! Aber mit dieser ist's mein ganzer Ernst. Der Reiche fühlt nur, was er hat, der Arme aber, was er ist. Auch ich empfinde zum ersten Male lebhaft, was ich bin, und dies Gefühl macht mich stolz und froh. Der von der vornehmen Welt sogenannte Bettelstolz ist oft der edelste und ehrwürdigste Stolz, den ein Sterblicher nähren kann. Es ist die richtige Würdigung der wesentlichen und zufälligen Güter . . . Verachtung toter Titel, gestickter Kittel eitler Gecken, gefüllter Kisten, wohlgemästeter Dümmlinge, und Hochschätzung der stillen Tugend, ohne Glanz – des Verdienstes ohne Prunken . . . der Weisheit ohne Marktschreierei. Sie fragen, was ich anfangen werde? – Ich gehe in einigen Wochen nach Paris. Ich zeige mich meinen Verwandten; zeige mich den Ministern. Ich habe einige Kenntnisse, bin erfahren, man kann mich gebrauchen . . . ich suche eine Civil- oder Militärstelle, sei die Einnahme auch noch so gering. Ich will mit Brot und Wasser mich begnügen, aber thätig, nützlich sein. Und wenn's dann manchmal einen trüben Tag giebt . . . nun dann, Bellisle, seh' ich auf den Abgott meiner Träume . . . und ich bin wieder froh. Eine Welt, die solch ein Engel bewohnt, muß doch die beste Welt sein. 8. Die Gräfin Königsmark an die Gräfin Julie B. Petersburg , den 2. September 1715. So traurig immerhin der Anlaß sein mag, so wünsche ich mir doch Glück, mit Ihnen, Frau Gräfin, in Bekanntschaft treten zu können . . . einer Dame, deren Geist, deren Seelengüte wenige Ihresgleichen haben müssen, da selbst unsere geliebte Großfürstin Christine nie ohne Bewunderung von Ihnen spricht, und bei der Nennung Ihres Namens selbst auf dem Krankenbett ihre Blicke von der schönen Begeisterung der Freundschaft glänzen. Ja, unsere angebetete Fürstin ist krank! Auf Befehl derselben muß ich die Feder ergreifen, um Ihnen dies und damit die Ursache anzuzeigen, warum unsere gnädige Fürstin Ihre verschiedenen, freundschaftsvollen Briefe seit einigen Monaten nicht beantwortete. Sie hatten das Glück, die Jugendgespielin derselben zu sein; Sie blieben ihre einzige und geliebteste Vertraute. Ich ward nur durch die schrecklichsten Unfälle zu Ihrer Nebenbuhlerin, oder zum Mittel, die vertraulichen Unterhaltungen unserer erhabenen Freundin mit Ihnen fortzusetzen. Die unangenehmen Verhältnisse derselben mit ihrem Gemahl, dem Großfürsten Alexis, sind Ihnen nicht mehr unbekannt. Aber schwerlich werden Sie wissen, welche unendliche Opfer die Großfürstin brachte, um sich die Huld ihres Gemahls zu erwerben, mit welcher Engelssanftmut sie seine unverdiente Härte ertrug: welche unbeschreibliche Geduld sie seiner unversöhnlichen Grausamkeit entgegensetzte; wie sie ohne Unterlaß immer seine erste Fürsprecherin bei Seiner Majestät dem Kaiser war, wenn dieser dem Sohn mit den Ausbrüchen seines furchtbaren Zornes drohte: wie sie voll rührender Ergebenheit ihren Gemahl mit Wohlwollen überhäufte, während sie von ihm die kränkendsten Mißhandlungen erfuhr. Aber jede Liebkosung, jede Thräne, jede Wohlthat, des Großfürsten Herz zu rühren, blieb erfolglos. Geschenke, welche er aus den Händen seiner reizenden Gemahlin empfing, Arbeiten, die sie selbst für ihn in einsamen Stunden geschaffen, gab er in derselben Stunde an seine Finnländerin, die nicht errötete, mit den schönen Arbeiten der Großfürstin geschmückt, öffentlich zu erscheinen. Feste, die sie ihrem Gemahl zu Ehren veranstaltete, wurden entweder von ihm nicht besucht, oder zu Gelegenheiten benutzt, diejenige mit schmerzlichen Kränkungen zu überhäufen, die alles einzig und allein für ihn that und war. Wer die hartnäckige, wilde Denkart des Thronfolgers kennt; wer seinen Haß kennt, welchen er teils durch seine vom Kaiser in's Kloster verstoßene Mutter, teils durch diejenigen, welche ihn während der öftern Entfernung des Kaisers umgeben, gegen alle dessen Unternehmungen einsog; wer da weiß, daß er die schöne und geistvolle Prinzessin von Wolfenbüttel eben deswegen haßte, weil sie ihm von der Hand seines Vaters zugeführt war – der hofft nicht mehr auf Aussöhnung dieses unglücklichen und erlauchten Ehepaares. Der Thronfolger, täglich in der Gesellschaft verdorbener Menschen, ohne Erziehung, ohne Grundsätze, ohne Kenntnisse – täglich seine Geisteskräfte durch unmäßigen Genuß des Branntweins zerstörend, wird täglich ausgelassener, roher, tyrannischer. Nichts, als seine nur allzu gerechte Furcht vor dem Kaiser, seinem Vater, hält ihn von größeren Ausschweifungen zurück. Unter solchen Verhältnissen bleibt der leidenden Großfürstin keine andere Hoffnung, als durch förmliche Scheidung von ihrem Verfolger getrennt zu werden, oder mit Gelassenheit das qualvollste Leben ihrem Grabe entgegen zu tragen. Der Großfürst hat es ihr selbst mit schrecklicher Freimütigkeit gestanden, daß er sie eben so lange verabscheuen würde, als sie seine Gemahlin wäre. Er deutete ihr selbst an, daß er die Trennung dieser Ehe von Herzen wünsche, aber von der Unbeugsamkeit des Kaisers nimmermehr die Einwilligung zu erhalten hoffen dürfte. Die Großfürstin hatte die Gnade, mir ihr Vertrauen zu schenken. Es sollte ein leiser Versuch gemacht werden, die Gesinnungen des Kaisers über die Scheidung zu vernehmen. Ich wandte mich an den Fürsten Menschikow, um durch diesen Liebling des Monarchen denselben zu erforschen. Die Gelegenheit dazu fand sich. Menschikow warf mit seiner ihm eigentümlichen Gewandtheit einige abgerissene Worte hin. Diese aber reizten den Jähzorn des Zaren in einem so fürchterlichen Grade, daß Menschikow zu einem ähnlichen Versuche keinen Mut mehr hatte. »Wehe dem Alexis!« rief der Kaiser. »Wenn ich diesen Ungeratenen, diesen Widerspenstigen, diesen Unwürdigen, der täglich tausend Mal des Vaters Herz bricht, wenn ich ihn bisher mit wohlverdienter Strafe schonte, so ists aus Achtung und Liebe für seine Gemahlin geschehen. Wehe ihm, wenn ihm einst dieser Engel fehlte!« Ungeachtet Menschikow dem Kaiser feierlich schwor, daß der Gedanke an eine Scheidung nie in die Seele des Großfürsten gekommen, daß es nur sein eigener Einfall gewesen, schien jener doch den Argwohn beibehalten zu haben. Wenigstens sprach dafür die härtere Begegnung, die sein Sohn seit jenem Tage von ihm erfuhr und welche den Großfürsten bis zur Raserei gegen seine Gemahlin erbitterte. Machen Sie sich nun darauf gefaßt, teuerste Gräfin, noch das Entsetzlichste zu erfahren! Man hat einen Versuch gemacht, die Großfürstin durch Gift aus der Welt zu schaffen. Zum Glück ist die Frevelthat nicht ganz gelungen. Die Großfürstin hat nur sehr wenig von der vergifteten Suppe genossen; die zufällige Ankunft des kaiserlichen Leibarztes in demselben Augenblick, wo die Fürstin die Wirkungen des Giftes empfand, die Schnelligkeit, mit der er das Übel entdeckte, und die Kraft seiner Gegenmittel verhüteten das größte Unglück. Alles ward mit dem tiefsten Geheimnis behandelt, und soll es bleiben. Die Gesundheit der leidenden Großfürstin kehrt zurück. Vielleicht genießt sie schon in einigen Wochen das Vergnügen, Ihnen wieder selbst schreiben zu können. Nie erschien an allen Höfen Europas eine liebenswürdigere und unglücklichere Fürstin; nie ein Weib, welches durch Schönheit, Tugend und Geistesgröße des schönsten Menschenloses werter gewesen, und es weniger genossen hätte, als sie. Ich gestehe Ihnen, daß ich ratlos und in Verzweiflung bin. Der Kaiser läßt sich nichts einreden, der Großfürst sich nicht ändern, und so wird die Unschuldigste, die Edelste unseres Geschlechts das Opfer dieser Verhältnisse. Nicht ein einziges Mal hat der Großfürst seine Gemahlin, während der Krankheit, eines flüchtigen Besuches gewürdigt; nicht ein einziges Mal den Anstand nur so weit beobachtet, nach ihrem Befinden fragen zu lassen. Denken Sie sich noch hinzu, daß die Großfürstin in einigen Monaten ihre abermalige Niederkunft erwartet! Ich beschwöre Sie, wenn Sie uns in dieser peinlichen Lage vielleicht durch einen glücklichen Gedanken raten können, säumen Sie nicht! Ich sehe keine Hilfe . . . die Heilige wird früher oder später durch namenlose Barbarei zu Grunde gerichtet. Bereiten Sie sich daher immerhin vor, einst das Schrecklichste erfahren zu müssen! 9. Der Chevalier d'Aubant an Laurent Bellisle. Paris , den 2. Oktober 1715. Acht Wochen lang, mein geliebter Bellisle, trete ich nun schon das Straßenpflaster von Paris; laufe von der Morgenfrühe bis zur Mitternacht; gähne halbe Tage lang in den Vorzimmern der Großen; schreibe unterthänige Vorstellungen und Bittschriften; lasse mich mit Hoffnungen und Möglichkeiten, mit Achselzucken und teilnehmenden Mienen abspeisen, bin und bleibe aber nach wie vor der arme, amtlose Chevalier d'Aubant und komme keinen Schritt weiter! Man lobt meine Arbeiten, man findet Talente an mir . . . und das ist alles! Kommts bei einer erledigten Stelle zur Wahl, siehe, da springt ein anderer rüstig vor, und pflanzt sich hin, wo ich sitzen möchte . . . und immer ein anderer, dem ich vielleicht an Kenntnissen, an Thätigkeit, an gutem Willen gleich, auch wohl zehnmal überlegen sein dürfte! Ach, ich weiß es wohl, was mir gebricht! Schmücke Dich mit Salomons Weisheit, mit der Tugend der Engel, und vereinige in Dir die Gelehrsamkeit aller Akademieen, Du wirst nichts mehr sein und gelten, als eine kostbare Denkmünze, die aber im Handel und Wandel des Lebens nicht gangbar und gebrauche ist. Gold ist der Firniß, welcher der Tugend erst Glanz, der Weisheit erst Ansehen giebt. Gold ist die moralische Universaltinktur, unter welcher sich Kot in Perlen, Albernheit in Anmut, Feigheit in Heldentum, Kleinigkeitskrämerei in Geistesgröße verwandeln. Wohlan, die Universaltinktur fehlt . . . ich muß mich also ergeben! Aber Ihre Verwandten, Ihre Freunde in Paris! werden Sie sagen. Ach, lieber Bellisle, diese lieben Leute sind unendlich gütig! Sie laden mich zu ihren Festen ein, wo sie mit ihrem Überfluß glänzen können; sie würden ein paar tausend Thaler in einer einzigen Mahlzeit verschwenden, ohne es sich gereuen zu lassen; aber einen wahrhaften Dienst zu leisten, wo es sich nur um eine einfache, schlichte, biedere That handelt . . . daran denkt keine Seele. So sind die Menschen; aber wer ändert sie? Und was nun weiter beginnen? . . . Ich weiß es nicht. Ich bin so verlassen, daß es mir selbst an Ratgebern fehlt; und guter Rat ist doch das Wohlfeilste in der Welt, womit selbst der Geizhals verschwenderisch sein kann. Doch nein, ich will nicht ungerecht sein! Mein alter, getreuer Diener Claude, der mich nie verließ, und den ich nie verlasse, giebt mir alle Tage neuen Rat, und wird nicht müde damit. Bald meint er, ich soll bei irgend einem Regiment Oberst, oder wenn auch nur Hauptmann werden; bald in die Lotterie setzen, bald Mitglied des königlichen Staatsrates werden, bald eine reiche Witwe mit zehn Landgütern heiraten, Heute – ich hatte kaum meine karge Mahlzeit beendet – kam er eilig gelaufen, und rief: »Herr Hauptmann, gute Nachricht! Jetzt wollen wir der ganzen Welt ein Schnippchen schlagen!« – »Daraus wird sich die ganze Welt nichts machen!« versetzte ich. – »Wollen Sie ein Marquisat, eine Baronie, ein kleines oder großes Fürstentum?« – »Wenigstens ein großes!« – »Nun Gott Lob, Herr Hauptmann, daß Sie das nur wollen; so ist denn uns allen geholfen! Machen Sie mich dann zu Ihrem Minister, oder zu was Sie wollen, denn ich bin Ihnen doch immer der Nächste gewesen: und einen treuern Menschen finden Sie unter Sonne, Mond und Sternen nicht wieder, als Ihren Claude! Ihre Pferde sollen die prächtigsten sein, tausend Meilen in der Runde. Lassen Sie mich nur dafür sorgen!« – »Aber wo ist mein Fürstentum, Claude?« – »In der neuen Welt, Herr Hauptmann; da . . . warten Sie . . . Ja . . . am Mississippi, in dem großen Königreich Louisiana, nicht weit von Amerika! Alles läuft jetzt dahin. Ich habe heute an der Wirtstafel mit sechzehn Familien gesprochen: sie kommen weit her; es sind sogar Deutsche und Schweizer darunter. Alles geht nach Louisiana. Man bekommt dort soviel Land, als man nur will, ohne einen Sou dafür zu zahlen; macht sich soviel Sklaven, als man Amerikaner findet, und kann leben wie ein König.« – »Du bist ein Narr, Claude!« – »Aber wahrhaftig ein Narr, der nicht mit Gold aufzuwiegen ist! Der Schiffskapitän de Blaizot wohnt in der Straße Richelieu, Nummer 595, im zweiten Stock. Er macht Werbungen für Louisiana. Bei ihm muß man sich melden. Er hat die Landkarte auf dem Tische liegen, und teilt jedem, der zu ihm kommt, Besitzungen darauf aus. Wenn Sie erlauben, gehe ich ohne weiteres zu ihm, und nehme für uns eine ganze Provinz in Beschlag, da es doch ein Fürstentum geben soll. Ich bitte Sie . . . Wasser, Kalk, Waldungen, alles umsonst . . . es fehlt nichts, um soviel Städte neu aufzubauen, als ganz Frankreich hat . . . nichts, als der Wille dazu!« – »Den Willen hab' ich wohl!« – »Nun, Herr Hauptmann, so haben wir gewonnen Spiel! Bedenken Sie, Herr Hauptmann, was das sagen will, eine ganz neue Welt! Total neu und nicht zum hundertsten Teil so abgenutzt und verbraucht, wie unsere alte Welt hier zu Lande.« So schwärmte mir Claude eine ganze Stunde lang von den Herrlichkeiten in Louisiana vor, und ich lachte so viel, daß ich fast Kopfweh bekam. Es ist gewiß, daß Kapitän Blaizot Kolonisten für Louisiana wirbt. und daß die Herren Werber es nicht an Aufschneidereien mangeln lassen, um Menschen in ihr ödes Kanaan zu locken. Für heute beruhigte ich meinen glückstrunkenen Staatsminister Claude mit dem Versprechen, den Kapitän morgen selbst zu besuchen und mir mein Fürstentum mit eigenen Augen auszuwählen. Morgen hat Claude gewiß schon einen andern Plan. Und ich bin wie er! Der Mensch ist nicht so froh durch das, was er besitzt, als durch das, was er hofft. Und so bin ich froh, wie ein Gott! Kümmern Sie sich, geliebter Bellisle, um mein Schicksal nicht! Ein gesundes Herz in gesunder Brust, ein freier Geist im freien Körper . . . diesen gehört die Welt an. Schon seit langer Zeit fehlen mir von Petersburg alle Nachrichten. Umsonst durchblättere ich alle Zeitungen und suche unter dem Artikel Rußland. Keiner nennt die Nennenswürdigste des Nordens; nur meine Träume erzählen mir von ihr. Bald muß sich meine trübselige Lage erheitern. Der Winter rückt heran, ich muß mich entschließen. 10. Die Großfürstin an die Gräfin Julie B. Petersburg , den 5. Oktober 1715. Das erste Opfer meiner wiedergekehrten Kräfte wird Dir, geliebte Julie, gebracht . . . vielleicht ist's auch das letzte; und wär' es so, o so klage nicht, sondern wünsche Deiner Freundin Glück, daß sie bald ihr Ziel errungen! Die gute Königsmark hat Dir meine Krankheit und deren Ursachen gemeldet. Du weißt, daß mir nach dem Leben getrachtet wird . . . ich aber weiß, daß es mir endlich unmöglich wird, den Nachstellungen meiner Meuchelmörder zu entrinnen. Und wer bürgt mir dafür, daß nicht jetzt schon wieder ein langsames Gift durch meine Adern schleicht? Niemand als die Königsmark, du und meine bekannten Mörder wissen von dem schrecklichen Ereignis. Einer meiner Köche ist seitdem unsichtbar geworden. Ich will ihn nicht verfolgen; den Bösewicht verfolgt die Erinnerung seiner That. Ich fühle das nahe Ziel meiner Laufbahn. Ich sehne mich nach ihm. Ein solches Leben zu verlieren ist Gewinn. O Julie, wie umgewandelt ist alles, seit wir beide voneinander schieden! Ach, hätte ich's damals ahnen können, ich wäre im Schoße meiner schönen Heimat gestorben! Ausgerüstet mit Sinn für jede Schönheit der Natur, entzückt von jedem kommenden Frühling, schon durch jene rührenden Schilderungen begeistert, welche Reisende uns von der Majestät der Alpen, von dem Zauberlande Italien gaben, sehnte ich mich mit unaussprechlicher Begierde, nur einmal jenen Wundergarten des Erdballs sehen zu dürfen – mein Wunsch blieb unerfüllt. Die willenlose Fürstentochter ward auf ewig in die kalten, traurigen Wildnisse der entlegensten Enden unseres Wertteiles verbannt. Mit einem Herzen, welches voll Schwesterliebe sich an jedes Wesen schloß, und nur Liebe forderte, verwies mich das Schicksal zu Halbbarbaren, die nur rohe Triebe kennen und mich nicht verstehen. Ich sehe sie für Mord und Hader eifrig, und nur vergnügt, wenn berauschende Getränke ihren Verstand verwirren. Noch sind sie von den umherschweifenden Tartaren durch nichts verschieden, als daß sie zur Kenntnis eines geringen Teils vom Luxus des gebildeten Europas gelangt sind . . . Könnte ich auch die Beherrscherin dieser Wilden sein, ich zöge doch den Stand der ärmsten Unterthanen im freundlichen Deutschland vor. Ich mußte abbrechen. Meine Kräfte verließen mich. Aber ich ergreife die Feder wieder, um Dir Lebewohl zu sagen. Dies Blatt soll der stumme Zeuge meiner Treue sein, mit der mein Herz sich an Dich knüpft, bis der Tod es bricht. Leider ist es nur ein letztes, unverständliches Stammeln . . . ein Beweis meines Absterbens, vor dem ich selbst erschrecken möchte. Denn in mir glühen noch tausend Gefühle; ich möchte sie Dir noch nennen, aber ich bin gelähmt. Ich zeichne nur tote, kalte Worte auf dies heilige Blatt. Mein Winter beginnt. Glaube mir, Julie, ungeachtet meiner Jugend scheide ich ohne Kummer von der Lebensbühne, wo ich überall Dornen fand, Mißtöne hörte! Ich klage nicht mit diesen Worten den Schöpfer an, sondern die Thorheit der Menschen, welche die Ordnung der Schöpfung verwirren. Aber diese Thorheit, ist sie nicht wieder eine traurige Notwendigkeit in der Natur? Führt der Weg zur Wahrheit nicht immer erst durch die Gänge des Irrtums? War's nicht Werk und Wille der Natur, daß der Mensch unermüdlich sein mußte, sein Glück zu erweitern; und war's beim Mangel seiner Erfahrungen seine Schuld, wenn er unter den Mitteln falsch wählte? Der Mensch, im Stande der Natur, ohne Entwickelung seiner schlummernden Kräfte, Begierden und Leidenschaften, fast noch ein Tier mit wenigen Erinnerungen und Hoffnungen . . . und der Mensch in seiner höchsten Vollendung, wo er mit gebildetem Geist, ausgebreiteten Kenntnissen und erhabenen Gefühlen die einfachen Gesetze der Natur wieder lieb gewinnt und die Herrschaft zerstört hat, welche die gesetzgebende Leidenschaft übte . . . nur diese sind glücklich. Alles, was zwischen diesen beiden wandelt, die ungeheure Masse der Halbwilden . . . und von den Ufern des Tajo bis zum Ladoga-See giebt es nur diese Halbwilden . . . ist elend durch Verirrungen, durch Unnatürlichkeiten, durch Widersprüche seiner Begierden und Anordnungen mit den unbeugsamen Geboten der Natur. Ach, Julie, vielleicht verstehst Du mich kaum! Ich deute nur aus der Ferne auf meine Todeswunden. Erhebe Dich mit mir über das rege Getümmel der armen Sterblichen und beobachte ihr Wirken und Treiben! Was erblickst Du? . . . Sieh', überall Seufzer, überall Thränen, überall Sorge und Kummer! Wie sind der Glückseligen so wenig! Sie leben nur einzeln und einsam und hüten sich wohl, zu viel Berührungspunkte mit der Welt zu haben. Darüber herrscht nur eine Stimme, daß der Glücklichen wenige sind; ja, die Leidenden kennen sogar die Ursache ihres Elends. Aber wer wagt den großen moralischen Aufruhr, welcher die Welt von ihrem Jammer befreit? Wer hat Mut genug, die Fesseln abzuwerfen, die ihn hindern, einzutreten in sein Paradies? Wer kündigt dem altersgrauen, allmächtigen Vorurteil den Krieg an und stiftet Versöhnung zwischen dem entarteten Menschengeschlecht und der Natur? Mustere die selbstgeschaffenen Verfassungen und Einrichtungen der Sterblichen . . . sind es nicht Werke der vernunftwidrigsten Begierden? . . . Mustere ihre Heiligtümer, vor denen sie anbetend knieen: sind es nicht wahnwitzige Vorurteile? Um ihren Götzen angenehm zu sein, trennen sich Männer und Weiber und entsagen mit blutendem Herzen den heiligsten und schönsten Gefühlen; verdammen sich zu ewigem Kerker in Klöstern, zu Arbeiten, welche weder dem Himmel frommen, noch der Erde, und die Mächtigen des Erdballs schirmen die Barbarei, vor der der rohe Naturmensch, wie der vollendete Weise schaudert . . . und nennen es ein heiliges, gottgefälliges Leben. Andere, um sich Wohnungen in den Gefilden einer bessern Welt zu bereiten, bezeichnen ihre Bahn zum ewigen Leben mit Strömen Bruderbluts. Den Dolch in der Hand und Gott auf den Lippen, verfolgen sie den Mitbürger, der ihren Glauben oder ihre Hirngespinste nicht teilen will. Selbst da, wo Völker sanftere Sitten angenommen haben und Religionskriege verabscheuen, erröten sie nicht, mit christlichem Erbarmen Andersgläubige zu hassen und sie, so weit ihre Macht reicht, von den Rechten der bürgerlichen Gesellschaft auszuschließen. Ein unersättlicher Ehrgeiz erfand die erblichen Vorrechte und Nachteile der Geburt . . . Menschen, aus demselben Stoffe gebildet, in dasselbe Vaterland gestellt, zu demselben Wohl und Weh erkoren, trennen sich in ihrem Wahnsinn, wie Wesen fremder Art, verachten oder verehren sich, als könnte es nicht anders sein. Der Edelmann blickt mitleidig auf den Bürger, der Graf auf den Edelmann, der kleine Fürst auf den Grafen, der König auf den Fürsten herab, und jeder nennt es Entwürdigung, sich mit demjenigen zu verbrüdern, an dessen Wiege ein geringerer Titel hing. Dennoch nennen sich alle, Königin und Bäuerin, Taglöhner und Kaiser Kinder Gottes, und vor ihm gleich, werden sie im Grabe auf gleiche Weise zu Staub und lassen alle ihre Titel diesseits des Grabes zurück. So ist das Menschengeschlecht durch unzählige Schranken, bald durch Meinungen, bald durch Reichtum und Armut, bald durch selbstgeschaffene Vorstellung von Ehre und Schande, bald durch weiße und schwarze Hautfarbe, von einander geschieden, vereinzelt, ohne Liebe, ohne Freuden, stets im Widerspruch und in größerer Erwartung. O, Julie, Du begreifst nicht, was und warum ich Dir dies sage! . . . Aber lies es oftmals, und vielleicht steigt Dir aus den Trümmern dieser Gedanken eine schöne Ahnung entgegen, wie ein Geist aus dem Grabe, der Dich einst tröstet, und Dir die Thränen vom Auge trocknet, die ich Dir nicht trocknen darf. Wenn ich nur einmal, ach, Julie! nur noch einmal Dich sehen könnte! . . . Es ist mein letzter Wunsch, den vielleicht keine Hoffnung krönt. Ich wollte meine bleichen Wangen an Dein Herz legten, und mit dem Gedanken an die schönen Tage meiner Kindheit sterben und zur neuen Kindheit des zweiten Lebens übergehen. Weine nicht, meine Einzige! . . . Früher oder später, wenn die Gewalt des Himmels nicht meinen Willen bricht, werde ich wieder vor Dir erscheinen . . . nicht ich selbst, aber mein Geist! Er soll zu Dir reden, ach! und vielleicht werde ich Deine Erwiderungen vernehmen! . . . Zweifle immerhin an dieser Geistererscheinung: aber einst will ich Dich an mein Wort erinnern. Lebe wohl! . . . Vergiß Deiner Freundin nicht. – Der Gedanke an Deine Liebe soll mir den letzten, schweren Kampf erleichtern, und in einem seligern Leben zu den ersten meiner Freuden gehören. Lebe wohl! . . . Immer werf' ich das Blatt hin, immer nehm' ich es wieder, und die Größe meines Schmerzes hindert mich, Dir zu sagen, was ich leide. Liebe mich ewig! . . . Geister werden nicht getrennt. Noch eins, geliebte Julie, muß ich Dir sagen! Betrachte, was ich Dir anvertraue, als ein heiliges Vermächtnis Deiner Freundin! . . . Es sind nun . . . 11. Die Gräfin Königsmark an die Gräfin Julie B. Petersburg , den 9. November 1715. Wenn ich, was schon ganz Europa durch Trauerboten und Zeitungen erfahren hat, Ihnen erst jetzt melde, meine teuerste Frau Gräfin . . . o, so verzeihen Sie es meinem traurigen Gemütszustande, meiner Verwirrung, meinem unermeßlichen Schmerze! Ich will Ihnen weder diesen schildern, noch Sie trösten. Die hochselige Fürstin, die wie eine Heilige lebte, wie eine Heilige starb . . . sie ist wohl des Opfers unserer Thränen wert. Nur einige nähere Umstände ihre Todes, dessen Zeugin ich war, darf ich Ihnen nicht verschweigen. Am 22. Oktober ward ich zur verewigten Großfürstin gerufen. Ihre längst erwartete Niederkunft war schon erfolgt. Sie hatte einen Prinzen geboren, der in der Taufe den Namen Peter, und den Titel eines Großfürsten empfing. Die Nachricht von dieser Geburt erfüllte ganz Petersburg mit Freude. Nie sah man Seine Majestät den Kaiser so vergnügt. Nur ein einziger Mensch mischte seine Stimme nicht in den allgemeinen Jubel, und dieser einzige Gefühllose war . . . o, Sie erraten ihn wohl! Aber die öffentliche Freude ward bald durch die Nachricht vom Übelbefinden der Großfürstin getrübt. Sie wurde das Opfer ihrer langen Leiden. Als sie die Annäherung ihres Todes empfand, verlangte sie nur noch den Zaren zu sehen. Sie dankte ihm für seine väterliche Huld, nahm auf ewig Abschied von ihm und ihren Kindern, die sie mit Thränen benetzte. Sie empfahl beide dem Kaiser und übergab sie dann dem Thronfolger, ihrem Gemahl. Dieser nahm die Kinder mit sich in sein Gemach, und kehrte nicht mehr zu seiner sterbenden Gemahlin zurück, verlangte sogar nicht einmal Nachricht von ihrem Befinden, sondern begab sich auf eins seiner Landhäuser. Die Ärzte wollten die Fürstin noch überreden, einige Arznei zu nehmen; sie rief aber mit heftiger Bewegung: »Beunruhigt mich nicht länger! Laßt mich in Ruhe sterben; ich habe keine Ursache mehr zu leben!« Sie gab am 1. November ihren Geist auf. Auf ihr ausdrückliches Verlangen wurde ihr Leichnam nicht geöffnet und einbalsamiert, sondern in aller Stille begraben. Eben dies befahl auch ihr Gemahl, der Großfürst, welchem der Todesfall durch Eilboten gemeldet worden war. Am 7. November wurde die Totenfeier in der Hauptkirche mit all dem Pomp und den Ehrenbezeigungen begangen, welche ihrem erhabenen Range gebührten. Der schreckliche Tag, an welchem ihr Gemahl sie mit Schlägen und Fußtritten so abscheulich mißhandelt, und sie ohnmächtig und im Blute schwimmend verlassen hatte – ich weiß nicht, ob Ihnen die Hochselige jemals von solchen Ereignissen, die leider öfters geschahen, geschrieben hat – und jener Vergiftungsversuch, welcher nur durch ihre Jugendkraft und die schnelle Hilfe der Ärzte vereitelt ward, haben ohne Zweifel den größten Anlaß zu ihrem frühen Tode gegeben. Sie war kaum einundzwanzig Jahre alt. Ich enthalte mich aller Bemerkungen über diese Begebenheiten, durch welche die Tochter eines der edelsten Fürstenhäuser Deutschlands der Roheit eines Unmenschen preisgegeben, und eine Prinzessin von den seltensten Vorzügen des Geistes und Herzens, mit deren Schönheit und deren Tugenden keine an allen europäischen Höfen wetteifern durfte, unverzeihlich grausam hingeopfert ward. O wie elend ist das häusliche Leben der Großen, während die Menge des unwissenden Volks, vom Glanz des Äußeren geblendet, sie wie beneidenswürdige Halbgötter anstaunt! – Welche Verbrechen muß oft der Purpur bedecken, welchen Abscheulichkeiten dient oft die fürstliche Krone zum Schilde gegen das rächende Urteil der Welt! . . . Könnte das Auge eines frommen Bettlers in die schwarzen Geheimnisse manches mächtigen Hauses dringen, er würde schaudernd sich zu seinen vertrockneten Brotrinden wenden, und mit dankbarem Blicke seinen Bettelstab segnen! Unter den nachgelassenen Papieren der seligen Großfürstin fand ich noch einen langen, unvollendeten Brief, den sie bei ihrem Leben für Sie, meine teuerste Frau Gräfin, bestimmt hatte! Ich lege ihn, als ein köstliches Denkmal treuer Liebe, diesem Schreiben bei. Wir wollen mit Wehmut das Andenken der erhabenen Dulderin ehren, und über ihrem Grabe den Bund der Freundschaft schließen. 12. Der Chevalier d'Aubant an Laurent Bellisle. Paris , den 7. November 1715. Wie sehr, geliebter Bellisle, rührt mich Ihre beispiellose Freundschaft . . . Wahrlich, eine That, wie die Ihrige, gehört heutiges Tages zu den schönen Fabeln . . . Sie treten mir und meinen möglichen Nachkommen die Hälfte Ihres großen Vermögens ab; schenken mir das prächtige Landgut bei Bordeaux, das Ihnen die letzte Erbschaft zuwarf, und fordern für dies alles nichts, als meine Einwilligung. Ich konnte, denn ich war allzu bewegt, ich konnte mich nicht enthalten, Ihren Brief, diese köstliche Urkunde menschlicher Herzensgüte, einigen meiner Verwandten vorzulesen. Alle waren – nicht berührt, sondern erstaunt. Sie wünschten mir Glück. Hat der Mann Kinder? fragten andere. Allerdings, und zwar einen Sohn und eine Tochter! erwiderte ich. Nun war die Verwunderung noch größer. Ein alter, kinderloser, sehr begüterter Vetter schüttelte bei dem allen den Kopf, als dürfte er dem Märchen nicht trauen. Er that hundert Fragen über Sie, und alle hundert, wie ich endlich merkte, zielten zuletzt nur dahin, zu erfahren, ob Sie nicht dann und wann an Geistesschwäche oder Blödsinn litten. Sehen Sie, mein Bellisle, so unglaublich ist Ihre That den gewöhnlichen Menschen! Alle diese Leute bilden sich dennoch ein, zu wissen, was Freundschaft sei. Es giebt unter ihnen einige Herren, welche Dichterwerke gelesen haben mögen, sich sogar über den Mangel wahrer Freunde beklagen, und zarte und große Empfindungen bei den Menschen zu den Seltenheiten zählen. Aber daß sie irgend einen, der ihnen lieb ist, beobachten sollten, ob und wo er leide; daß sie einen Teil ihres Vermögens, nur einen geringen, daran wenden sollten, den, welchen sie lieben, in glücklichere Verhältnisse zu setzen: das fällt diesen zarten, erhabenen Seelen weder wachend noch schlafend ein. Sie schreiben Ihnen die gefühlvollsten Briefe, sie schwören Ihnen Treue in Not und Tod; sie nennen jeden ihren eigenen Feind, der Sie zu kränken wagt; sie schwören hoch und teuer, ihr Blut für Sie hinzugeben, wenn die Not es verlangt; sie wollen ihres eigenen Lebens nicht achten, wenn es darauf ankommt, Sie glücklich zu machen . . . Aber, mein Lieber, nur kein Geld müssen Sie erwarten, und wenn ein paar hundert Louisd'ors Sie von der Hölle und vom Tode loskaufen könnten! – Alle bilden sich auch gutmütig genug ein, wirkliche Freunde zu sein, und wahre Freunde zu haben; es erinnert sich aber wahrlich keiner von ihnen, weder ein großes Werk der Freundschaft ausgeführt noch erfahren zu haben. Doch kein Wort mehr von diesen armen Sündern, die, wenn sie eine Erzählung von edlen Freunden in einem Buche lesen, oder dieselbe auf der Bühne dargestellt sehen, entzückt in die Hände klatschen, oder sich wehmutsvoll die Augen rot weinen, in der Wirklichkeit aber nicht den hundertsten Teil ihrer Güter an die Erhaltung eines treuen Herzens wenden möchten. Ja, mein geliebter Bellisle, ich danke Ihnen! Ihr Geschenk ist mehr wert, wenigstens achte ich es höher, als wenn Sie selbst das Leben für mich geopfert hätten. Deuten Sie meine Worte nicht übel! Man wird viel leichter Menschen finden, die, hingerissen von einer schönen Schwärmerei gegenseitiger Zuneigung, ihr Leben für einander lassen, als eine Zahl solcher, die ihr Hab' und Gut, oder auch nur einen namhaften Teil desselben, einem Freunde schenkten. Jede Schwärmerei, selbst wenn eine ihrer geheimen Quellen die Eigenliebe gewesen wäre, vergißt bald ihres dunkeln Ursprunges, und sie erstickt die niedrige, gefräßige Selbstsucht. Das Geldzählen hingegen verlangt kaltes Blut, da kommt die Selbstsucht wieder zu Wort und spricht so nachdrücklich, und rechnet so lange, bis die schon dem Freunde gewidmeten Geldsäcke in den eigenen Kasten zurückkehren. Dann besinnt sich der zärtliche Freund auf irgend eine schön klingende Redewendung; weint auch, wenn es nicht zu vermeiden ist, eine bittere Thräne der Wehmut an Ihrer Brust, und klagt die Grausamkeit des unerbittlichen Verhängnisses an. Und nun, geliebter Bellisle, zum Schluß meines ewigen Geschwätzes noch eine Bitte! Ihre Güte enthob mich aller Nahrungssorgen, und setzte mich in den Stand, meinem Range, meinen Verhältnissen gemäß, sogar mit einigem Aufwande leben zu können. Aber ich würde im Besitze dieses Geschenks weniger glücklich sein, als ich's jetzt bin . . . erlauben Sie daher, daß ich's Ihnen zurückgebe, ohne Gebrauch davon zu machen. Ich behalte nichts, als die ewige Verbindlichkeit, Ihnen dankbar zu sein . . . ach, daß ich's sein könnte. Zürnen Sie mir nicht, daß ich Ihre Gabe zurückweise! Wenn das Bedürfnis mich drückte, ich würde mich ohne Zaudern an Sie wenden, und fordern; ich würde Ihr Eigentum als einen Teil des meinigen ansehen, so wie ich nichts besitze, was nicht Ihnen gehört. Aber ich stehe noch in der Blüte des Lebens; ich fühle meine Kraft, und bin noch nicht der Mittel beraubt, mir so viel zu erwerben, als ich für die Sorgenfreiheit späterer Jahre bedarf. – Und ein Bäumchen von unserer eigenen Hand gepflanzt, gewährt uns ein höheres Vergnügen, als ein ganzer Wald, den uns der Zufall schenkt. Und – warum soll ich's Ihnen verbergen? – ich liebe Sie zu sehr, als daß ich's ertragen könnte, von Ihnen in den schönsten Beweisen der Freundschaft überwunden worden zu sein. Ich fürchte, Sie weniger lieben zu können, wenn ich Sie als meinen Wohlthäter ehren muß. Nichts darf das Gleichgewicht unserer Freundschaft stören, keiner erhaben über dem andern stehen, wenn wir nicht die zarten Gefühle auslöschen, welche bisher unsere Herzen erwärmten. Und nun noch ein seltsames Abenteuer! Vorgestern, als ich durch den Hof des Louvre ging – es war schon spät und Dämmerung – nahm mich ein Bekannter mit sich in ein in der Nähe gelegenes Kaffeehaus. Ich fand da ein großes Gewühl. In allen Zimmern waren die Spieltische besetzt. Ich ging von einem zum andern. »Kennen Sie den Rotrock da?« fragte mein Bekannter, und deutete verstohlen auf die Seite. Nicht weit von mir stand ein kleiner, breitschulteriger Mann, in scharlachenem Überrock, dessen Farbe gegen die pechschwarzen, ungepuderten Haare, und das bleiche, starkknochige Gesicht grell abstach. Er sah den Spielern gelassen in die Karten. »Ich kenne ihn nicht!« gab ich zur Antwort. – »Er verläßt Sie nicht mit seinen Augen!« sagte mein Bekannter. Ich achtete darauf nicht weiter, ließ Punsch geben und trat ins Nebenzimmer. Da fand ich wieder den Rotrock und bemerkte wirklich, daß er mich von Zeit zu Zeit scharf mit seinen vorragenden großen Augen anblickte. Mir behagte weder der Mensch, noch sein Blick. Ich eilte in den Billard-Saal: auch da war der Rotrock. Ich stellte mich vors Kaminfeuer. Mein widerlicher Beobachter pflanzte sich neben mir auf. Ich spann ein Gespräch mit ihm an; seine Sprache verriet den Ausländer. Ich würde ihn der Aussprache nach für einen Engländer gehalten haben, wenn er nicht ein so widriges Zigeunergesicht gehabt hätte. Er antwortete mir meistens sehr einsilbig. Nach einer Weile zog er plötzlich die Uhr heraus, drehte sich zu mir und sagte: »Die Gemahlin des Großfürsten, die Prinzessin von Wolfenbüttel, ist gestorben!« – Ich erstarrte, indem er die Worte sprach. Er wandte sich von mir. Ich suchte ihn in dem Gewühl. Er war verschwunden. Auch hatte ihn keiner von allen gekannt, welche gegenwärtig waren; jeder sagte, er habe ihn diesen Abend zum ersten Male gesehen. Ich eilte sogleich zum Sekretär der russischen Gesandtschaft, den ich genau kannte. Ich teilte ihm, noch zitternd vom Schreck, die entsetzliche Neuigkeit mit; ich fragte um Bestätigung oder Grundlosigkeit. Er lächelte, und sagte: Die letzten Kuriere melden das Wohlbefinden der Großfürstin und daß ihre Niederkunft täglich erwartet werde. O, ich war bei diesen Worten selig, wie ein Gott! Was konnte aber der Rotrock für eine geheime Absicht dabei haben, mir das abscheuliche Märchen aufzubürden? Und wenn er mich, wie es doch sein muß, gekannt hätte, woher wußte er das Geheimnis meines Herzens, und was ich für die göttliche Christine empfinde? Doch der fade Spaß ist schon vergessen. Ich wünsche Ihnen, solche Zigeuner selbst im Traume zu sehen! Paris , den 18. Dezember 1715. Wenn keiner Ihrer lieben Briefe seit sechs Wochen von mir beantwortet wurde, o, so verzeihen Sie mir . . . ich gehörte mir selbst nicht an; ich war die Beute eines grenzenlosen Schmerzes, welcher mir endlich mit wohlthätiger Gewalt das Bewußtsein raubte! Ich hatte mit fürchterlichen Fiebern zu kämpfen. Heute ist's der dritte Tag, daß ich das Bett auf einige Stunden verlassen darf. Mit matter, zitternder Hand kann ich Ihnen meine Genesung melden. Dank sei es dem braven Arzt, der mit mir in demselben Hause wohnt, und dem Beistande meines treuen Claude! Sie lebt nicht mehr! O, Bellisle, die Einzige, die Göttlichste unter den Weibern . . . sie lebt nicht mehr! Tadeln Sie nicht meinen unmäßigen Schmerz! Nur wenn ich mich ihm ganz überlasse, wird [er] mir erträglicher. Ich mag, ich kann Ihnen nicht erzählen, was ich litt, seit ich die unglückliche Zeitung in die Hand nahm, und die ausführliche Nachricht vom Tode der Großfürstin las; wie ich an Claude's Arm bewußtlos über die Straße nach meiner Wohnung zurücktaumelte, wie ich da entkräftet zusammensank und bald alle Besinnung verlor. Seit ich Christinen in ihren väterlichen Hainen zum ersten Male gesehen, lebte ich, atmete ich nur für sie. In meinem Wesen war eine wunderbare Veränderung vorgegangen; die ganze Welt war mir um dieses ihres schönsten Schmuckes willen reizender, und jede Erscheinung der Natur bedeutungsvoller geworden. Sie mir in dem Glanze unaussprechlichen Liebreizes zu denken, sie mir in den wichtigern Augenblicken meines Lebens gegenwärtig zu denken, im Hintergrunde aller meine Träume auch den beseligendsten schimmern zu sehen, einst wieder in Deutschland oder Rußland mich ihrem Hofe nahen, in ihren Diensten leben zu dürfen . . . das alles war mir zum Bedürfnis geworden, und zur Bedingung meines Handelns und Denkens, wie das Leben selbst. Liebe – was man im Umgange mit Frauen Liebe nennt – war meine Empfindung nicht. Es war ein unendliches Entzücken in der Erinnerung des Heiligsten und Schönsten, was je in den Wunderkreis der Schöpfung trat. Und nun mußte ich alle meine Hoffnungen so plötzlich erlöschen sehen, und an das Bild meiner Heiligen den Gedanken an das Vergängliche knüpfen, an Tod, an Verwesung . . . Ach, Bellisle, die große Verwandlung ist mit mir geschehen. Der Lenz meines Daseins liegt vernichtet hinter mir, und vor mir der ewige Winter. Glanz und Anmut sind aus der Natur verschwunden; ich lebe für nichts mehr, als für den zögernden Tod. Daß ich diese Stunde und diesen Zustand erleben mußte, daß meine Täuschungen von mir gerissen wurden, wie ein Schleier, der mir meine und des Lebens Erbärmlichkeit bisher so wohlthätig verbarg! . . . Die Schöpfung mit ihren Herrlichkeiten ist ein entsetzliches Gähren, welches Geburten neben Geburten, wie einen flüchtigen Schaum auswirft, der wieder in sich selbst zusammenfällt. Wo hast Du, Natur, im weiten Reiche Deiner Geheimnisse einen einzigen Balsam für die ewige Wunde eines Herzens, das Du selbst so fühlend schufst? Warum rufst Du meinen Namen in die dunkle Welt toter Stoffe und Keime, und mich selbst aus dem stillen, bewußtlosen Nichts in's Leben? Kannst Du einen einzigen Schmerz, den wir dulden müssen, mit Deinen tausend Freuden bezahlen? Furchtbare, eiserne Herrschaft der Natur, die, weil sie es will, uns zu leben befiehlt, statt nicht zu sein; uns zwischen Dornen und Rosen wirft, und uns tötet, wenn sie es will. Paris , den 3. Januar 1716. Es kann sein, lieber Bellisle, wie Sie sagen, daß mein letzter Brief noch einen sehr fieberhaften Puls verrät! . . . Ihre gute Laune ist unüberwindlich! Ihre Einfälle beleben mich wieder. Ich will alles versuchen, mich in meine ehemalige Heiterkeit zurückzukünsteln: ich will mich mit Gewalt in Täuschungen werfen, und den Rest meines Lebens, wie in einem Rausche, verbringen; denn wahrlich, dem Nüchternen ist dies armselige Dasein nicht wert, genossen zu werden! Das fühlen alle Menschen, sobald sie dem verworrenen, nebelhaften Kindesalter entwachsen sind, und deutlicher zu sehen und zu denken beginnen. Woher entspränge auch sonst wohl der Hang der Nationen, durch Wein, durch Biere, gebrannte Wasser, Opiate und betäubenden Tabak ihre Sinne auf längere und kürzere Zeit zu verwirren? Es muß doch eine sehr allgemein empfundene Wollust sein, die Welt, diese langweilige Prosa, nicht zu genießen, wie sie uns aufgetischt ward. Europa gefällt mir nicht; ich suche mir einen neuen Weltteil zur Wohnung; auch wäre es mir gleichgültig, wenn ich der Robinson eines unbewohnten Eilandes würde. Was ist am Ende daran gelegen, wohin mein Staub fällt! Ich lebe; und es wird eine Zeit kommen, wo ich nicht mehr bin. Sie werden sagen: Ändere Dich, aber nicht den Weltteil! Der alte Gemeinspruch hat an mir sein Recht verloren. Ich bin frei; warum soll ich bei Schlafenden wohnen, wenn ich wachen . . . bei läppischen Buben, wenn ich ernst sein will? Mich ekelt Europa mit seiner halben Kultur an. Ich will unter Weisen, oder einfältigen Kindern der Natur leben; beide sind gleich liebenswürdig, weil sie einfach, wahrhaft, ungeziert einhergehen. Die Völker unseres Weltteils befinden sich noch in den Knabenschuhen, sind linkisch, widerspruchsvoll und reich an unreifer Schulweisheit, wie Knaben. Jeder scheint. Niemand ist. Mein Handel mit dem Schiffskapitän de Blaizot ist im Reinen. Ich verlasse Europa und gehe nach Louisiana. An den schönen Ufern des Mississippi will ich meine Wohnung bauen, und das Oberhaupt einer kleinen Kolonie werden, die mich zu ihrem Führer gewählt hat. Es sind sechs Handwerksleute, welche auf eigene Kosten nach Nordamerika gehen wollen; diese treten in meine Dienste. Schon habe ich in Bordeaux ansehnliche Bestellungen zum Ankauf von allerlei Samen, Vieh, Acker- und Hausgerät gemacht. Künftigen Monat reise ich von Paris ab, und im März schiffen wir uns ein. Glauben Sie nicht, daß ich, wie tausend Andere, dahin eile, um Schätze von edlen Metallen zu sammeln! Mögen sie für mich noch manches Jahrtausend in Frieden ruhen; ich werde ihrethalben keines Indianers Ruhe stören. Keine Leidenschaft, außer derjenigen, welche Religionseifer erzeugt, ist so fürchterlich – Alles verheerend, ist grausamer in ihren Mitteln, nichtiger in ihren Zwecken, als der Durst nach Gold. Millionen Menschen wurden seine Schlachtopfer; Millionen zogen über entlegene Meere und verdarben elend in den Wüsten fremder Weltteile unter ihren Hoffnungen, Die Unglücklichen! Und wenn sie nun Haufen Goldes zusammengescharrt und nach Europa zurückgeschleppt hätten, wären sie froher, glücklicher, reifer gewesen? Konnten sie mehr, als ihren Hunger stillen, sich gegen Frost und Hitze in Kleider hüllen und sanft schlafen? . . . Was ist eine Tonne Goldes neben einem siechen Körper? Was ist ein ganzes Goldland neben einem krankenden Herzen? Nein, darum verlasse ich den vaterländischen Boden nicht! Ich sehne mich nach einem schönern Leben. Ich will der Stifter einer glücklichen Gesellschaft werden, welche durch Arbeitsamkeit blühend, durch Unterricht weise, durch bürgerliche und religiöse Freiheit kraftvoll und beneidenswürdig sein soll. Ich werde mich tief in das Innere des Landes hineinbegeben, fern von den Pflanzstätten habsüchtiger Europäer und von den beunruhigten Meeresküsten. Ich werde Verträge mit meinen indianischen Nachbarn schließen, und unsere einfachen Bündnisse sollen heiliger sein, als die sogenannten ewigen Frieden arglistiger Politik der Europäer. Sivray , den 20. Februar 1716. Von den reizenden Ufern der Charente, schon neunzig Stunden von Paris entfernt, schreibe ich Ihnen. Die ersten Blumen des jungen Frühlings sollen mich vom Boden fremder Inseln anlächeln; nichts wird mich zurückhalten, wäre auch ganz Frankreich voll Zauber, wie eine Feenwelt. Vielleicht erstaunen Sie, Geliebter, mich entfernt von der gewöhnlichen Straße, in einem armen, unbedeutenden Städtchen rasten zu sehen! Sie haben Recht. Sie werden noch mehr erstaunen, wenn ich Ihnen sage, daß ich schon seit neun vollen Tagen diese Gegenden nach allen Richtungen durchkreuze, wie ein Jäger, der die Fährte eines kostbaren Wildes verfolgt. Aber – lächeln Sie nur immerhin – mich umgibt überall Zauberei. Ich weiß nicht mehr, ob ich träume, ob ich wache, ob ich rase? Die übernatürlichen Dinge werden zur Wirklichkeit: meine Träume verkörpern sich, und Engel, die ich in den Entzückungen meiner Einbildungskraft sehe, schweben auf Erden als menschliche Wesen an mir vorüber. Von meinem Claude begleitet, verließ ich die Hauptstadt. Meine Seele wandelte schon in jenen Gefilden am Mississippi, welche mit Griechenland, Persien und China unter gleichem Himmelsstrich liegen. Ich sah mich dort schon umgeben von meinen Hütten, meinen Pflanzungen, meinen Heerden in philosophischer Einsamkeit; sah meinen Garten mit allen Blüten geschmückt, welche der ewige Lenz des Südens streut, und sah im dunkelsten Heiligtum meiner selbstgepflanzten Gebüsche das Denkmal, welches ich der angebeteten Fürstin weihen wollte . . . Sie ist nicht mehr, aber ich bin noch, und bin und atme nur für sie. Ich werde sie beweinen, so lange meine Augen Thränen haben; ich kann das Unvergeßliche nicht vergessen, und keine Freude der Welt gilt meinem Herzen soviel, als die stille, hoffnungslose, immer rege Sehnsucht nach ihr. So kamen wir nach Poitiers. Hier machte ich Rasttag, um einen alten Kriegsgefährten, den Obersten Brouin, im Vorbeigehen zu besuchen. Es war morgens. Ich fand ihn nicht zu Hause. Ein Lohnbedienter führte mich durch die Stadt umher, mir die Merkwürdigkeiten und Altertümer derselben zu zeigen. Die schönste Gegend von Poitiers ist vor dem Thore St. Lazare. Hier erheben sich von verschiedenen Seiten Trümmer zerstörter Römerwerke; auch ein altes, verfallenes Schloß, und nicht weit davon fällt ein kleiner Fluß in den Clainstrom. Die Landschaft hat ungemein viel Anmut und romantisches Interesse. Ermüdet setzte ich mich unweit der Burg auf ein morsches Mauerstück, und während mir mein wohlunterrichteter Führer von der alten Herrlichkeit Poitiers' erzählte, und wie Kaiser Augustus es selbst gebaut habe, wie vor Zeiten hier berühmte Kirchenversammlungen gehalten worden wären, und unter Karl VII. sogar das Parlament von Paris sich hierher geflüchtet habe, gedachte ich der Vernichtung und Verwesung alles Irdischen. Der glückliche Augustus und der unglückliche Karl, die frommen Männer der Kirchenversammlung und die berühmten Redner des Parlaments sind nicht mehr, und ihre Werke sind untergegangen. Alle haderten, sorgten und litten umsonst, und starben nach einem freudenarmen, verkümmerten Leben. Und ich gedachte der schönen Kirchenlehre von der Auferstehung und dem Wiederkommen aller Dinge. Da schauerte meine Seele froh. Unter den Millionen würde dann auch die Einzige verklärt da stehen; ich würde sie unter den Millionen finden. Und indem ich's dachte – o Bellisle! – trat sie hinter der halbverfallenen Ringmauer des Schlosses, in der Mitte einiger Herren und Frauen hervor, ging den Steig gegen den Fluß hinab, wo ein Schiff sie erwartete, und fuhr mit ihrer Gesellschaft den Strom entlang, wo sie mir zwischen den Gebüschen und Uferkrümmungen entschwand, ehe ich mich von meinem Schrecken, von meiner unaussprechlichen Verwirrung erholen konnte. War sie's selbst? War's ihr Geist? War's Augentäuschung? War's ein Wunderspiel der Natur, die ihr schönstes Werk zweimal erschuf, um durch den Tod der Großfürstin nicht das edelste Glied in der Kette ihrer Schöpfungen fehlen zu lassen? Christine ist nicht mehr, und doch sah ich sie – sie war's! Ihre Gestalt, ihre Anmut, ihr Gesicht, ihr lichtbraunes, üppiges Haupthaar, ihre Bewegung – alles war sie selbst! Ich sprang auf und eilte, als es schon zu spät war, dem Ufer zu. Ich fragte den Lohnbedienten um die Namen der Gesellschaft. Der Dummkopf wußte mir nichts zu antworten. Er schwatzte mir statt dessen mit Zungenfertigkeit viele Märchen von einem großen Steine vor, der bei Poitiers auf vier anderen Steinen liegen soll, und wollte mich dahin führen. Ich lief das Ufer entlang. um das Schiff noch einmal in der Ferne zu erblicken; allein die Gesträuche hinderten mich, vorzudringen. Wie ein Berauschter kehrte ich in die Stadt zurück. Der Oberst Brouin nahm mich mit Liebe auf; vergebens forschte ich aber nach den Namen der Personen, die mich so lebhaft angezogen hatten. Urteilen Sie nicht zu früh über mich, ab, Bellisle! Lesen Sie diesen Brief zu Ende! Was ich gesehen zu haben glaube, ist mehr als Wahnsinn! Am Abend desselben Tages – ich weiß nicht, welches Fest die Leute in Poitiers hatten – ging ich mit Brouin und seiner Familie in die Messe. Wir traten in das Innere einer altgothischen, prächtigen Kirche, deren hohe, kühne Massen, Pfeiler, Wölbungen und hundert Altäre vom Glanz unzähliger Lampen und Kerzen erleuchtet waren. Kaum fanden wir noch Raum für uns, so groß war die Menge des Volks. Sei es die Feierlichkeit des Orts, die Pracht der Erleuchtung, die Gewalt der Musik und der Chöre, die zuweilen vom majestätischen Ton der Orgel unterbrochen ward . . . genug, ich erlag bald den heftigen Empfindungen der Wehmut. Christinens Bild umschwebte mich; meine Sehnsucht ward ungestümer, und ich fühlte all den namenlosen Schmerz wieder, der mich bei der Nachricht von ihrem Tode und Begräbnisse fast getötet hatte. Meine Augen schwammen in Thränen, und ich seufzte mit zitternder Stimme gen Himmel: »O warum gabst Du mir dies Herz und des Jammers so viel! Indem ich die Augen wieder senkte, überflogen sie seitwärts die Stühle der Damen und . . . Bellisle . . . da sah ich dieselbe Gestalt wieder, welche mir diesen Morgen bei dem alten Schlosse erschienen war! Ihre seelenvollen Blicke ruhten auf mir! . . . Bellisle, auf mir! . . . Sie war es wieder, ganz die Großfürstin, in allen Zügen, in allen Bewegungen, nur möchte ich sagen, frischer, blühender, schöner, als ich sie in Petersburg zuletzt gesehen hatte, wo sie schon der Gram dem Tode langsam zuführte. Wie am Morgen, war sie auch jetzt in schwarzen Trauerkleidern und trug einige Blumen am Busen. Meine starren Blicke hingen an der Wundergestalt. Sie bemerkte es, schien betroffen und zog den schwarzen Schleier schnell über ihr himmlisches Angesicht. Und doch war mir's, als beobachtete mich ihr Auge durch die Dunkelheit des Schleiers. Ich aber hatte fast mein Selbst verloren in diesen begeisterten Augenblicken meines Daseins – in diesen seltenen Licht- und Verklärungspunkten meines schattenvollen Lebensgemäldes. Wie soll ich Ihnen meinen Zustand schildern? Ich gedachte nicht des ungeheuern Widerspruchs, daß die russische Großfürstin im kaiserlichen Begräbnis zu Petersburg den tiefen Schlaf des Todes schlafe und zugleich in einer Kirche zu Poitiers die Messe höre. Ich sah nicht mehr die Kirche mit ihren glänzenden Altären und verdämmernden Schwibbogen und Hallen, sondern es war mir, als atme ich in einer Vorhalle des Himmels, wo die seligen Geister, des Irdischen entkleidet, sich unter süßen Ahnungen versammeln, ehe sie in das Allerheiligste gerufen werden. Und die Fülle der Strahlen, die aus der Finsternis auf mich niedersanken, und die Betenden alle und der Klang heiliger Töne aus der Höhe fügten sich in meinen Traum oder in meine überirdische Erscheinung. Ich fand nichts mehr unbegreiflich; und hätte ein Gott mir Diesen Zustand verewigt, ich würde unter allen Wesen der Schöpfung das seligste geblieben sein. Die Zeit verfloß. Viele verließen die Kirche. Auch das wunderbare Ebenbild Christinens schien sich zum Aufbruch zu rüsten. Da erst genas ich von meinem Taumel. »Wer ist die schwarze Dame dort?« fragte ich ängstlich den Obersten Brouin neben mir. »Ich kenne sie nicht!« »Also eine Fremde?« »Sehr wahrscheinlich, denn ich sah sie nie in Poitiers. Die junge Dame neben ihr, mit der sie sich unterhält, ist die Tochter des Gastwirts zum goldenen Stern.« »Kennen Sie diese genauer?« »Ich sah sie einigemal auf Bällen. Sie tanzte vortrefflich.« »Ich beschwöre Sie, lieber Oberst, fragen Sie Ihre Bekannten um Namen und Vaterland der schwarzen Dame!« »Mit Vergnügen!« Während unseres Gesprächs hatten sich jene Damen schon im Gewühl der Menge verloren. Wie gern wäre ich ihnen nachgeeilt, aber ich mußte dem Anstand ein Opfer bringen. Am folgenden Morgen ließ ich nicht vom Obersten ab, bis wir miteinander nach dem Gasthofe zum goldenen Stern gingen. Der Oberst erkundigte sich bei der artigen Tochter des Wirtes nach der fremden Dame. »Sie ist aus Lyon!« war die Antwort. »Ihr Vater heißt de l'Ecluse; er scheint ein Kaufmann zu sein. Diesen Morgen ließ er in aller Frühe anspannen und reiste mit seiner liebenswürdigen Tochter ab.« »Wohin?« rief ich. »Wir wissen es nicht. Er erkundigte sich gestern nach der Heerstraße von Sivray,« antwortete die Befragte. »Es scheint,« setzte sie lächelnd hinzu, indem sie mich schalkhaft ansah: »Sie haben einander in Lyon gekannt und sind hier bei uns unerwartet zusammengetroffen. Waren Sie nicht gestern Abend mit dem Herrn Obersten in der Kirche St. Eustache?« Ich bejahte es. »Nun wohl, Fräulein de l'Ecluse befragte mich um Sie! Ich konnte ihr nur erwidern, daß Sie ein Fremder wären.« Dies war nun alles, was wir über die Unbekannte erfahren konnten, die sich mit ihrem Vater kaum zwei Tage in Poitiers aufgehalten hatte. Vergebens waren Brouin's Bitten. Ich reiste noch denselben Morgen nach Sivray ab. Wohin ich kam, forschte ich nach dem Kaufmann aus Lyon und seiner Reisegesellschaft. Man wies mich bald rechts, bald links. Immer glaubte ich die Spur entdeckt zu haben; immer fand ich mich wieder getäuscht, bis ich die Hoffnung aufgab, jemals das rätselhafte Abenteuer aufklären zu können. Morgen reise ich von hier ab. Mögen Sie auch, mein Bellisle, immerhin sagen, daß die lebhafte Einbildungskraft mir den Streich gespielt, daß ich ein artiges Mädchen von Lyon, einiger Ähnlichkeit wegen, für eine Geistererscheinung genommen; daß es durchaus nicht wunderbar sei, wenn eine Dame, unaufhörlich von den Augen eines jungen Mannes verfolgt, endlich neugierig genug werde, nach dein Namen dieses Mannes zu fragen . . . den Tag von Poitiers vergesse ich nicht! Auch ihm baue ich in meiner Einsiedelei am Mississippi ein Denkmal. Bordeaux , den 13. März 1716. Nachdem ich kaum meine ersten Besuche in dieser blühenden Handelsstadt abgestattet hatte, erschien bei mir der Bankier Herr Duchat, und fragte, ob ich die in seinem Büreau für mich liegenden Geldsummen in Wechseln oder bar beziehen wolle? Welche Geldsummen? Herr Duchat stand, ehe ich nach Bordeaux gekommen, weder mit mir, noch mit einem meiner nähern Freunde in Briefwechsel. Nicht einmal eine Karte hatte ich an ihn durch Sie, geliebter Bellisle, erhalten! Ich bezeigte ihm meine Verwunderung; ich behauptete, er irre sich schlechterdings in meiner Person. Er wies mir einen Brief ohne Ort und Namensschrift vor, und fragte mich, ob ich der darin bezeichnete Chevalier d'Aubant sei, ob ich in russischen Diensten gestanden? ob ich entschlossen sei, mit Kapitän de Blaizot nach Louisiana zu gehen? . . . Ich läugnete es nicht, und er zeigte mir noch einmal an, daß ich bei ihm ein Kapital von 150,000 Livres zu beziehen habe. Nähere Auskunft wollte er mir nicht geben. Denn daß die Anweisung dazu, wie er vorgab, von London gekommen, wo keine Seele wußte, daß der Chevalier d'Aubant im März zu Bordeaux eintreffen würde, um sich nach Amerika einzuschiffen . . . das ist wohl ein Märchen. Wer ist mein unbekannter Wohlthäter? . . . O Bellisle, darf ich auf einen andern als Sie rathen? Nur ein Freund wie Sie ist fähig, seinem Freunde ein so königliches Geschenk zum Abschiede mitzugeben! . . . Ja, ich nehme die Summe an, aber vermehren Sie mir den Wert derselben durch das Geständnis, daß Sie der Geber seien. Santa Cruz , den 8. Juli 1716. O Bellisle, mich verfolgt das seltsamste Schicksal, welches jemals einen Sterblichen neckte! Der unermeßliche Ozean trennt mich von Europas Küsten, und was ich dort sah, sehe ich hier wieder; und was mich dort bezauberte, übt auch hier seine feenhafte Gewalt an mir. Mein Lebenslauf gleicht einem schönen Feenmärchen; dieselbe Wundergestalt, welche mich in dem deutschen Hain entzückte, die ich am Hofe des russischen Kaisers als Großfürstin glänzen sah, die mich an den Ufern des Clain überraschte, im Tempel zu Poitiers begeisterte . . . nennt meinen Namen unter den Palmen von Teneriffa. Doch ich will alles in stiller Ordnung erzählen, damit Sie nicht wieder auf die Verworrenheit meiner Briefe schmählen. Meinen letzten Brief, welchen ich Ihnen von der Insel Madeira schrieb, werden Sie schon erhalten haben; denn wir mußten dort, widriger Winde wegen, noch viele Tage liegen bleiben. Der Kapitän de Blaizot ließ endlich am dritten Juli in der Frühe die Anker lichten, und schon am vierten gegen Abend konnte man in dämmernder Ferne die Insel Teneriffa am Horizont erblicken, die wir jedoch erst am folgenden Tage erreichten. Der Kapitän wollte sich auf dieser Insel mit Wein versorgen. Wir mußten also auch hier einige Tage verweilen. Ich ging mit de Blaizot auf Land und hatte beim Anblick des majestätischen Pic, der sich kegelförmig bis in die Wolken emporstreckt, nichts Geringeres im Sinne, als diesen berühmten Berg zu besteigen. – Doch der Schiffskapitän hinderte mich daran, ich habe dadurch aber nichts verloren, denn ich erblickte dafür die geliebte Überirdische. Es war gestern ein herrlicher Tag. Ich begab mich am Abend auf den Spaziergang am Ufer, die Almeida genannt, wo ich im Schatten hoher Palmen und Kastanienbäume eine schöne Stunde mit Träumereien über meine Zukunft zubrachte. Der Anblick des ewig regen, unendlichen Meeres und dann wieder des jenseits der Stadt sanft anschwellenden Gebirges, dessen höchste Gipfel ein Kranz von gekräuselten Silberwolken umfloß . . . die leichtere, reinere Luft, in der ich tiefer und gesunder zu atmen wähnte . . . der aromatische Geruch, der mir von unzähligen, wild wachsenden, fremdartigen Stauden und Gesträuchen entgegenströmte . . . das geschäftige Getümmel der Arbeiter, Lastträger und Matrosen am Gestade . . . Alles war mir ein so neues, schönes Bild, wie ichs nie gesehen, und welches meine Brust mit den lieblichsten Gefühlen schwellte. Siehe! – ich war zum Ausgang der Almeida, zu dem weit in die See hinausgebauten Hafendamm gelangt – da kommt atemlos, mit einem Päckchen unterm Arm, derselbe Mensch gesprungen, den ich dir in meinen Briefen aus Paris stets den Rotrock nannte. Es war dasselbe Zigeunergesicht; nur statt des Scharlachrockes trug er ein leichtes grünes Reisekleid. Er lief an mir vorüber, sah mich, blieb verwundert stehen und rief: »Herr Chevalier, Sie hier? Willkommen auf Teneriffa! Wohin geht die Reise?« Ich antwortete ebenso schnell, als er fragte. »Nach Neu-Orleans in Louisiana!« »Viel Glück!« rief er, und lief davon, den Hafendamm entlang. Die Eilfertigkeit dieses Sonderlings verdroß mich, ich rief ihm nach. Er hörte mich nicht. Gern hätte ich ihn gesprochen. Langsam folgte ich ihm. Die Seiten des Hafendammes wimmelten von Booten, die landen oder abstoßen wollten. In eins dieser Boote sah ich meinen Grünkittel springen; es waren darin zwei Damen und ein ältlicher Herr. Ich trat näher. Das Boot war schon vom Ringe abgelöst, und ruderte seewärts. Ich hörte eine weibliche Stimme aus dem Fahrzeuge: »d'Aubant!« rufen. O mein Freund, da ward es dunkel vor meinen Augen . . . es war die göttliche Lyonerin, die Großfürstin, das Mädchen aus dem deutschen Walde . . . nennen Sie es, wie Sie wollen! Mit Vogelschnelle flog das Boot dahin und verlor sich unter den Schiffen, welche auf der Rhede vor Anker lagen. Ich Elender, den alle Besonnenheit und alle Geistesgegenwart verlassen hatte! Ich beschoß zu spät, der Wunderbaren nachzueilen, und endlich das unbegreifliche Rätsel zu lösen. Ich lief den Damm auf und ab, und suchte um jeden Preis ein Boot zu mieten. Ich fand alle schon versagt; bei andern fehlten die Schiffer, und wieder bei andern hatte ich Mühe, mich den Leuten verständlich zu machen die nur spanisch redeten. Als ich endlich ein Fahrzeug gewonnen, sah ich drei große Schiffe mit gespannten Segeln ins Meer gehen. Ein Landwind, der bei Teneriffa zu den Seltenheiten für Schifffahrer gehört, begünstigte sie. Ich zitterte bei dem Gedanken, daß eins derselben die wunderbare Unbekannte entführe. Ich kam zum Ankerplatz und fragte von Schiff zu Schiff, und meine Furcht fand ihre Bestätigung. Die Damen waren auf das französische Schiff, der »Delphin« genannt, an Bord gegangen, welches unter den Absegelnden gewesen. Man wußte mir nur noch zu sagen, daß der Commandeur des »Delphin« nur um dieser Damen willen die Abfahrt verzögert, und bei ihrer Ankunft schon die Anker aufgewunden gehabt habe. Es war dunkel, als ich wieder auf Ufer trat . . . ich liefen die Almeida zurück, wie ein Verzweifelter, und machte – ich erröte nicht, es zu bekennen – in tausend Thränen meinen Schmerzen Luft. Meine Augen fanden in dieser Nacht keinen Schlummer. Sobald der Morgen graute, ging ich aus, um zu erforschen, wo sich die Damen während ihrer Anwesenheit auf der Insel aufgehalten hatten. Es war in Santa Cruz selbst, wo sie in einem Privathause gewohnt hatten. Der Eigentümer des Hauses, ein Weinhändler, wußte mir nichts zu sagen, als daß die Dame, die mich interessierte, die Tochter eines Deutschen mit Namen Walter sei, der nach Westindien zu seinen Verwandten reise. Das zweite Frauenzimmer habe er für die Dienerin der Tochter gehalten; und eine Mannsperson, die nach der davon gegebenen Beschreibung keiner als mein Rotrock zu Paris, oder der Grünrock von Teneriffa sein kann, schien der Bediente des Herrn Walter zu sein, der ihn schlechtweg nur Paul gerufen habe. So weit meine Aufklärung, wenn ich das Aufklärung nennen darf, was meine Verwirrung noch vergrößerte . . . Ich erlangte ohne Mühe, daß mir auch das Zimmer gezeigt wurde, welches die schöne Walter bewohnt hatte. Ich betrat es mit sanftem Schauer, wie das Allerheiligste eines Tempels. Ihr Geist schien aus diesen einfachen Geräten und Verzierungen mich noch anzusprechen, und jedes schöner und bedeutender zu sein, weil es durch ihre Berührung geweiht worden. Dieser Boden hatte sie getragen, dieser Sessel sie umfangen, dieser Spiegel ihre himmlische Gestalt zurückgestrahlt. Ich durchspähte alles mit Blicken der Neugier und heiligen Scheu, wie ein Pilger, welcher die heilige Erde Jerusalems betritt, und das Grab sieht, aus welchem der Erlöser auferstanden ist. Auf einem Winkeltischchen lagen einige zerschnittene Papiere, von denen noch eins die abgerissenen deutschen Worte enthielt: Vergessenheit aus Lethes dunkeln Wellen, Der Hoffnung grüner Feenkranz . . . Man sah 's den Zügen der Schrift an, daß eine weibliche Hand sie gezeichnet hatte. Auch der Weinhändler bestätigte, daß er die schöne Fremde in diesem Zimmer einmal schreibend gefunden. Dies war genug für mich. Das Blättchen mit den sinnvollen Zeilen ward mein Kleinod. Bellisle, Bellisle! Wer ist diese Wunderbare, die mir unter wechselnden Gestalten und Namen in den verschiedensten Gegenden des Erdballs begegnet? Ist es nicht eine . . . sind es mehrere? Daran glaube ich nicht mehr, seit ich auf dem Hafendamm meinen Namen von ihr aussprechen hörte! Die Tochter Walters und die Lyonerin d'Ecluse ist eine und dieselbe. Die Tochter Walters und die Gemahlin des Großfürsten Alexis sind in meinen Vorstellungen durch den sogenannten Paul wundersam verwandt, der ihr Diener ist, und in Paris mir doch – und warum gerade mir – den Tod der Prinzessin von Wolfenbüttel verkündete, ehe die Gesandtschaft davon unterrichtet war . . . Bellisle, hier walten seltsame Geheimnisse! Wer kennt die vor der Welt verhüllte Geschichte manches Fürstenhauses? Die Gemahlin des Großfürsten ist gestorben, ihr Leichnam ist in das kaiserliche Begräbnis beigesetzt worden – aber eben diese Prinzessin wandelt noch lebend unter dem Himmel! Die Prinzessin von Wolfenbüttel schwebt in diesen Augenblicken auf den Wellen des Meeres zwischen den Wendezirkeln, während Europa sie beweint. Ich ruhe nun auf Erden nicht, bis ich die Unerklärliche gefunden. Als das schwankende Boot sie übers Meer trug, sprach sie mit süßer Stimme meinen Namen . . . und dieser Ruf zieht mich ihr nach durch alle Wüsten, alle Paradiese . . . und immer tönt es noch vor meinen Ohren, und mein erloschenes Leben flammt wieder mit verjüngter Gewalt auf. Der »Delphin« trug sie zu den Küsten Amerikas. Er wird doch zu erforschen sein. Ich will rastlos und unstät von Hafen zu Hafen, von Land zu Land ziehen, bis ich die Spur entdecke . . . und dann . . . blüht mir noch ein Arkadien, und dieser Stern wird mich nicht belügen! Vielleicht erhalten Sie nun in langer Zeit keine Briefe von mir . . . senden Sie die Ihrigen für mich nach der neuen Kolonie Neu-Orleans am Mississippi. Dahin werde ich, von meinen Abenteuern müde, einst gewiß zurückkehren. Zweites Buch. Aus dem Tagebuche von Augustine Holden. 1. Die Palme wirft ihren leichten Schatten auf das Fenster meiner Hütte – ein unbekanntes Gebirge strahlt mit beschneiten Gipfeln vom fernen Horizont . . . ein namenloser Bach rauscht in der Tiefe zwischen Felsen und entwurzelten Stämmen; eine fremde Natur umschwebt mich mit reizender Farbenmischung; selbst jene Bäume, die ihre ungeheuern, finstern Äste durch diese Lüfte schwingen, jene Gesträuche am Fuße des Hügels kenne ich nicht, und aus den Wiesen sprießen unbekannte Blumen hervor. Hier ist mir wohl, und hier beginnt ein neues Leben für mich, hier meine Ruhe und meine Sicherheit. Sei mir gegrüßt, du wundervolle, freundliche Wildnis, ich will deine Bewohnerin sein! Ich will eure Schwester heißen, ihr gutmütigen Wilden, die ihr eure Kinder und eure Toten zwischen den Zweigen der Bäume wiegt. So soll mich einst eure Hand unter kühlen Zweigen in den ewigen Schlaf wiegen. Fürchtet das schwache Weib aus Europa nicht! Reicht mir die Hand, ihr Kinder der Natur, laßt mich in eure zwischen Pfählen erbauten, mit Reis umflochtenen und mit Laub bedeckten Hütten treten; ich will die Gesänge eurer Weiber lernen, und ihnen die Künste meines Vaterlandes lehren! Ich will die Zeugin eurer Feste, eurer Tänze sein, eure Sieger mit den schönsten Glasperlen schmücken, und eure stillen Wohnungen mit nützlichem Gerät bereichern. 2. O Julie, o meine Julie! – denn Du bist's, mit der ich immer in meinen Gedanken rede – Dir weihe ich diese Blätter meines Tagebuchs, diese Früchte der Einsamkeit und Schwermut – – Julie, die Du von mir in unendlicher Ferne wohnst und mich beweinst, wie man die Toten beweint – Deine Freundin wandelt unter einem fremden Himmel und liebt Dich noch, und gräbt mit zärtlichem Sinn Deinen Namen in die Cedern eines fremden Weltteils. Ich sehe Dich erblassen und mit zitternder Hand die Papiere öffnen, die einst . . . wenn unser beider Leben schon zur Neige eilt und Europa mich längst vergaß, und das Andenken an mich nur in Deiner treuen Liebe einsam fortdauert . . . vielleicht Dein Eigentum sein werden. Warum bebst Du ohnmächtig zusammen? Hast Du der Verheißung vergessen, daß mein Geist Dir einmal nach langer Zeit wieder erscheinen werde? . . . Du wankst und zweifelst? O meine Julie, erkennst Du nicht mehr die Züge meiner Hand? Es ist dieselbe Hand, die in den Gärten unserer Kindheit Dir so manchen Blumenstrauß gebunden; es ist dieselbe, die Dir mit leisem Druck ewige Freundschaft schwor; es ist dieselbe, die krampfhaft einst die Deinige umschloß, und von Dir nicht lassen wollte, als wir scheiden mußten. Ja, Julie, ich lebe! Hinter mir ließ ich meine erhabene Verwandtschaft, meine Aussicht. Selbst meinen Namen überließ ich dem Moder des Grabes; Augustine Holden ist ein neugebornes Wesen. Vor meiner Thür, wo sonst Kammerherren und Gräfinnen Befehlen entgegenhorchten, sitzen jetzt Indianerinnen, welche ihre Kinder säugen. Statt der Konzerte und Redouten höre ich den Gesang eines Wilden, der einsam durch den Wald irrt, oder das Lied unbekannter Vögel, oder sehe den Tanz der Eingeborenen im Mondenschein. Mooskissen liegen an der Stelle meiner Sammetpolster, und Kräuter, Mais und kühlende Früchte der heißen Zone füllen meinen Tisch . . . Und doch, Julie, beklage mich nicht, denn ich bin glücklich! Noch ist keine Thräne des Heimwehs um Europa aus meinen Augen gefallen, seit ich den Boden Amerika's berührte! In meiner Brust, o Julie, ist ein Himmelreich, und ein neuer Sinn für den Wert des Lebens ist mir aufgeschlossen. Ich gehe mit Entzücken durch die grüne Nacht dieser ungeheuren Wälder; sitze mit frohem Schauer am Abhange dieser einsamen Wasserfälle; atme tiefer in diesen lauen Lüften unter balsamischen Gesträuchen, und weine nur Thränen schwermütiger Wollust, wenn Abends des grauen Herbert Flöte durch die horchende Einöde tönt, und das liebliche Bild meiner verwaisten Kinder, ihr Lächeln, ihr anmutiges Liebkosen, ihre unschuldsvollen Tändeleien in meiner Phantasie erneuert . . . . Ach, Julie, nur diese holden Kleinen noch einmal zu sehen . . . nur ungekannt im Gewühl von Zuschauern stehen, und aus der Ferne ihre Spiele sehen zu dürfen – dies ist mein letzter, brennender Wunsch! Aber sie hatten ihre Mutter kaum gekannt; sie werden den Verlust derselben nie beweinen. Nur ich betraure euer Los, o meine Natalie, mein Peter. 3. Nur Dir, Geliebte, will ich das Geheimnis meines Lebens entschleiern! Aber ich beschwöre Dich, wirf diese Blätter in die Flammen, damit sie kein Uneingeweihter lesen, ihren Inhalt verraten und den Gram meiner Eltern erneuern kann! Ach, was sollte sie trösten, wenn sie nun wüßten, daß ihr geliebtes Kind im Innern von Amerika, unter den Wilden wohne? . . . Wer würde die Wenigen retten, die mitleidsvoll meine Flucht veranstalteten? Würde man nicht, und wäre es noch so spät, mich wieder in die Heimat zurückfordern? Würde man nicht diese Einöden durchsuchen lassen, um mich zu finden? . . . Mich graut vor der entsetzlichen Möglichkeit . . . ich würde entschlossen sein, lieber den Tod, als die Küsten von Europa zu sehen. Glaube es, Julie, nur die schrecklichsten Schicksale konnten mir gebieten, das Außerordentlichste zu wählen! Ich habe einen großen Kampf gekämpft, und habe über der Wiege meiner verlassenen Kinder Blut geweint . . . Gott verzeihe es meinem Gemahl! Unter Thränen entschlief ich jeden Abend, mit Bangigkeit erwachte ich jeden Morgen . . . vom leichten, unruhigen Schlummer. Es verging fast kein Tag, an welchem ich nicht Beschimpfungen und die peinlichsten Drohungen von meinem Gemahl erlitt. Es war mir eine Gnade, wenn er mich mied. Doch wenn er kam, dann ward mein Jammer neu. Meistens zeigte er sich nur, wenn er, vom Branntwein berauscht, ohne Sinn und Verstand, an mir den Zorn kühlen wollte, welchen die erbitterten Bojaren, Strelitzen und Priester gegen seinen Vater in ihm angefacht hatten; oder wenn er aus dem Kloster kam, worin seine Mutter, mit ihrem abscheulichen Anbeter Glebow, Ränke und Pläne gegen den Kaiser geschmiedet hatten; oder von seiner Tante, der Prinzessin Marie, die den Haß der verstoßenen Zarin gegen ihren kaiserlichen Bruder teilte. »Geduld, Geduld!« schrie er dann oft. »Der Zar ist nicht von Eisen. Besteige ich einst den Thron, Madame, dann hat unsere Ehe ein Ende und ich jage Sie in dasselbe Kloster, worin jetzt meine unschuldige Mutter schmachtet! Den schelmischen Großkanzler, den Grafen Golowkin, will ich zur Belohnung seiner Kuppelei lebendig auf einen Pfahl spießen lassen, denn er allein ist schuld, daß ich eine Wolfenbüttlerin heiraten mußte. Den Fürsten Menschikow und seinen Schwager will ich ebenfalls, dem Golowkin zur Gesellschaft, lebendig spießen lassen. Die Günstlinge des Zaren sollen in Sibirien Zobel fangen lernen, und all' die verdammten Fremden mit ihren neuen Sitten und Künsten, diese Glücksritter und Abenteurer, will ich mit eisernen Ruten wie ein lästiges Ungeziefer aus Rußland wegfegen, und mit Knuten soll man ihnen den Zehrpfennig auf den Heimweg reichen.« Dies wiederholte er mir oft . . . dies schwor er mir mit den gräßlichsten Flüchen. Einst hing ich mich liebkosend, weinend an seinen Hals, um seinen Unmut zu beschwichtigen: da warf er mich, wie eine freche Bettlerin, zurück und gab mir einen Backenstreich, der mich betäubte. Ach! Julie, dies ist die erste Mißhandlung, die ich in meinem Leben dulden mußte . . . ich, die von Tausenden seit meinen Kinderjahren nur gehätschelt worden war, ich, der Liebling meiner Eltern . . . ich, die Fürstin! Nein, und wenn ich könnte, ich würde Dir nicht die Empfindungen schildern, unter welchen ich damals verging! Aber keiner Seele offenbarte ich meine Kränkungen, die nachher nur allzu oft wiederholt wurden. Vielleicht hätte ich mein herbes Los mildern können, wenn ich in die Verwünschungen meines Gemahls gegen des Kaisers Günstlinge, gegen die Weisesten und Tugendhaftesten des Landes eingestimmt . . . wenn ich mit all den Mönchen und ausschweifenden Lüstlingen, die meinen Gemahl umgaben, ein zügelloses Leben begonnen, und mit seiner schändlichen Buhlerin, die ihn in ihren Netzen hielt, Schwesterschaft geschlossen hätte . . . Ich konnte es nicht. Beklagenswürdiger ist kein Geschöpf, als das schutzlose Weib, welches vor dem Manne unaufhörlich zittert, von dem es Schutz erhalten sollte. Es ist kein qualvollerer Zustand zu erdenken. Die Unglückselige steht vereinzelt in der Welt, mit und neben ihrem Peiniger; sein Name ist der ihrige, seine Ehre die ihrige. Sie muß die Grausamkeit ihres Folterers verheimlichen, um ihren guten Ruf in der Welt nicht zu entweihen. Sie muß den Mund rühmen, der sie schilt, und die Hand streicheln, von der sie geschlagen wird. Lange konnte ich all mein Elend tragen, Jahre hindurch versuchte ich jedes Mittel, den Unempfindlichen zu rühren. Ich stellte seinem Hasse meine Liebe, seinen Flüchen meine Thränen, seiner Roheit meine Liebkosungen, seiner Wut meine Gelassenheit, seinen Niederträchtigkeiten oft den edlen Stolz entgegen, mit welchem Unschuld und Bewußtsein uns bewaffnen . . . ich siegte nicht. Meine Sanftmut stärkte nur die Roheit seines Sinnes, mein Ernst brachte ihn zur Raserei. Einst fand mich, wie Du weißt, von ihm mißhandelt, die Gräfin von Königsmark. Ihr Mitleid regte meine Kraft auf. Er hatte mir oft die Scheidung angeboten, doch, des Kaisers Zorn fürchtend. nie gewagt, das Wort öffentlich auszusprechen. Ich wagte es, den Vorschlag zur Trennung den Monarchen wissen zu lassen. Fürst Menschikow sollte ihm den Gedanken annehmlich machen. Menschikow's Kunst scheiterte an des Kaisers unbeweglichem Sinn. Der Zar, welcher in seinen Staaten keinen furchtbarern Feind kennt, als den ungeratenen Sohn, der, überall in der Mitte der Mißvergnügten, ein Liebling des dummen Pöbels und der beleidigten Mönche, das große Werk seines Vaters zu zerstören droht . . . der Zar hätte eher seine Waffen vor Karl XII. strecken, als sich in einen Wunsch und eine Neigung dieses Sohnes fügen können. Ich wandte mich flehend in eigenhändigen Briefen an meinen teuern Vater in Deutschland um die Einwilligung und um sein hohes Fürstenwort zu meiner Erlösung. Mit väterlichem Ernst wies er die unglückliche Tochter zurück. So ward ich für die Ehre meines Hauses hingeopfert . . . wurde mir nicht einmal die Gunst gestattet, auf einige Zeit nach Wolfenbüttel zurückkehren zu dürfen. So mir selbst und meiner Verzweiflung überlassen, gab ich jede Hoffnung eines frohen Lebens auf. Mein Gemahl verdoppelte seine Unmenschlichkeit. Meine jugendlichen Kräfte vereitelten seine Mühe, mich durch Gram und Kummer früher zum Tode reif zu machen. Da ward ich vergiftet und . . . gerettet. 4. Düsterer denn jemals – es war ein melancholischer Abend, Wind und Regen rauschten gegen die Fenster meines einsamen Gemachs – erwog ich einst mein Schicksal, musterte die freudenarme Gegenwart und die furchtbaren Möglichkeiten der Zukunft. Ich verlor mich in verzweiflungsvollen Plänen, und beklagte, daß die Kunst der Ärzte mein elendes Leben aus den Gefahren des Gifttodes gerettet haben. Was habe ich, so sprach ich zu mir selbst, was habe ich zu hoffen? Ist denn irgend wo anders für mich Friede, als im Grabe? Wird der grausame Thronfolger, den ich Gemahl nennen muß, nicht jedes Mittel wählen, sich meiner zu entledigen? Bin ich nicht in seiner Gewalt? Früher oder später falle ich durch ihn. Wer einmal das Entsetzen vor einer Greulthat verlernt hat, dem ist kein Verbrechen weiter unmöglich. Er kann mir den Tod in meinen Lieblingsspeisen reichen; er kann ihn meinem Weine beimischen; er kann mich im Schlafe an seiner Seite erwürgen. Was hätte ich zu erwarten, wenn dieser Wilde einst den Thron seiner Väter bestiege? . . . Den Tod, oder den ewigen Kerker? Wer ist mein Schutz? Ich bin von allen verlassen. Der Schlaf des Todes ist süß. Gott erbarme sich meines unmündigen Kindes . . . mein Leben ist ihm unnütz! Mein Tod wird vielleicht den grausamen Mann erschüttern, und ihn zu einem zärtlichen Vater machen, obgleich er kein zärtlicher Gemahl war. Schnell reifte der Entschluß zum Selbstmorde. Ich ging zu meinem Arzneischrank. und nahm die Flasche mit Opium heraus. Ich füllte einen Becher. Ich ließ mir meine Tochter Natalie bringen, um sie noch einmal zu segnen. Ich nahm das holde Wesen an meine Brust; ich weinte bitterlich; unter meinen Thränen schlief es ein. Als ich das Kind zurückgegeben hatte, befahl ich den Kammerfrauen, mich allein zu lassen, und erst am folgenden Morgen zu kommen, denn ich wollte schlafen gehen . . . Sie gehorchten . . . Ich verschloß das Kabinett und sank auf meine Kniee, um zu beten. Aber ich konnte die Hände nicht emporheben, meine Seele war wie vernichtet . . . Selbstmörderin und Mörderin des Kindes unter Deinem Herzen, kannst Du zu Deinem Schöpfer reden, während Du über Verbrechen brütest? So rief's in meinem Innern. Ich konnte nicht beten. Ich sank weinend zur Erde, meine Stirn berührte den Boden. Nein, o mein Gott, mein Schöpfer, stammelte ich, ich bleibe Dir getreu, ich will mein Leiden ertragen, und den bittern Kelch leeren . . . vergieb dem schwachen, verzweifelnden Weibe. So lag ich da. Es war still und dunkel umher. Ich war ermattet und ohnmächtig. Es fehlte mir an Kraft, mich emporzurichten; zwischen Schlaf und Ohnmacht, in wohlthätiger Betäubung, verlor ich allmählig das Bewußtsein. Grüne, hellschimmernde Inseln schwammen, wie in einem Morgentraume, vor mir vorüber. Sie nahmen mich auf; ich irrte in unbekannten Hainen, und über pfadlose, blühende Auen; von allen Zweigen tönten mir Gesänge der Vögel entgegen, und links und rechts gaukelten fallende Blüten purpurn und silbern in der Luft um mein Haupt. Ach, mir war's, als lebte und webte ich wieder in einem der wunderschönen Frühlinge des reizenden Deutschland, und meine Brust erweiterte sich tiefatmend, als wollte ich den ganzen Himmel in einem Zuge trinken! Aber wo bin ich denn? fragte ich einen ehrwürdigen Greis, der mit schneeweißem Haupt und Bart und weißen Kleidern, gleich einem Braminen am Ganges neben mir wandelte. – Dies ist Amerika! sprach er, und hier sollst Du, wie eine Selige, wohnen! Da stiegen mir heiße Freudenthränen in's Auge. Also dem unermeßlichen, winterlichen Kerker Rußlands entflohen? Ich bin frei . . . für mich giebt es kein Rußland, keinen Thronfolger mehr! Und hier werde ich fortan wie eine Selige wohnen. So dachte ich, bog mich nieder, und küßte segnend den blühenden Boden Amerikas. Mein Traum erlosch, und mein Schlaf verflog. Ich erhob mich vom Fußteppich. Schon war es um Mitternacht Ich warf mich in meinen Kleidern auf's Bett, den schönen Traum zu erneuern. Julie, wenn es eine göttliche Eingebung giebt – und warum soll ich sie bezweifeln, warum soll der Vater der Welt nicht mit seinen leidenden Kindern reden, wie vormals, er, der noch jetzt, wie sonst, ihre Gedanken regiert? – so war dies eine göttliche Stimme, die zu mir sprach: Hier ist Amerika, und hier sollst Du, wie eine Selige, wohnen! . . . Heiter erwachte ich spät am Morgen; mein Herz aber war voll unnennbarer, tiefer, schmerzlicher Sehnsucht nach dem blühenden Boden des fernen Weltteils. Die Gräfin von Königsmark besuchte mich. Sie erschrak über die Blässe meines Angesichts. Ihre Augen wurde feucht. Sie küßte meine Hand mit der Heftigkeit des lebhaften Mitgefühls, und ich fühlte ihre warmen Thränen auf meine Hand fallen. »Nein,« rief sie, »meine Fürstin, ich kann es nicht ertragen. Ich kann Sie unter der Grausamkeit Ihres Gemahls nicht so hinsterben sehen. Gebieten Sie über mich, und wenn es mein Leben gelten sollte, ich will Sie erretten! Fliehen Sie nach Wolfenbüttel, in den Schutz Ihrer erlauchten Eltern; ich nehme es auf mich, Ihr Entrinnen zu veranstalten! Keine Seele soll es früher vernehmen, als bis Sie den deutschen Boden betreten haben werden.« Ich umarmte schweigend die edle Frau, und reichte ihr den harten Brief meines Vaters, worin er mir die Heimkehr untersagte. »Mag er doch!« rief sie, »Sind Sie nur einmal in Wolfenbüttel, so wird er Sie nicht zurückstoßen.« »Aber er wird mich wieder nach Petersburg ausliefern und mein ganzes Leben ist dann mit heilloser Schmach bedeckt. Wie könnte er den gebieterischen Forderungen des Kaisers widerstehen? Ja, liebe Königsmark, Sie verdienen mein Vertrauen! Ich fühle es, daß ich mein qualvolles Dasein nicht mehr lange führen kann. Wäre ich nur über das Los meines Kindes und desjenigen, welches ich unter meinem Herzen trage, getröstet: mein Entschluß wäre schon gefaßt.« »Was können Sie für Ihre Kinder fürchten? Der Zar wird sie nicht verlassen. Die ganze Liebe des Monarchen, die er jetzt Ihnen weiht, wird auf seine Enkel übergehen. Er wird ihr Los zu sichern wissen, selbst wenn der Großfürst ein ebenso unnatürlicher Vater wäre, wie er ein unnatürlicher Sohn ist. Und gesetzt, teure Fürstin, Sie blieben in Petersburg, sind darum Ihre Kinder mehr geschützt? Oder wenn Sie die Beute Ihres Kummers werden und früh aus dem Leben gehen . . . ist Ihren Nachkommen damit mehr geholfen? Ich beschwöre Sie, retten Sie sich! In Petersburg ist Ihr Leben in täglicher Gefahr.« »Ich weiß es, Gräfin! Ich will mich retten.« »Und wie?« »Durch eine neue freiwillige Todesart. Erschrecken Sie nicht! Ich will keinen Selbstmord begehen. Aber sterben will ich, wenigstens für Petersburg, für Europa . . . ich flüchte mich über's Meer und verberge mich unter fremdem Namen im Innern dieses Weltteils in unbekannten Gegenden, welche nie der Fuß eines Europäers betrat. Da werde ich gleichsam in ein zweites Leben treten; wie ein Kind anfangen, eine neue Sprache zu stammeln, neue Verbindungen zu schließen, neue Dinge kennen zu lernen. Ich werde in einer neuen Welt, wie auf einem neuen Sterne wandeln und, gleich einer Abgestorbenen, mich nur dunkel der Vergangenheit, wie eines frühern Lebens auf dem Erdplaneten, erinnern. Ich werde nichts mehr erfahren von meinen Freunden, von meinen Kindern, meinen Eltern, von allem, was in der bekannten Welt geschieht. Man wird nichts mehr von mir erblicken: man wird mich wie eine Begrabene betrauern und vergessen. Ich werde einem abgeschiedenen seligen Geiste gleichen, ohne den Tod empfunden zu haben. Sie schaudern vor diesem Gedanken, liebe Königsmark? Mir gewährt er eine namenlose Lust. Er ist ein Selbstmord ohne Sünde. Ich erfülle eine heilige Pflicht und rette mein Leben, ohne die Vorurteile der Welt, ohne die Begriffe meiner Verwandten von fürstlicher Ehre zu verletzen. Alles hängt nur von der Verheimlichung meiner Flucht ab. Sollte das Geheimnis jemals verraten werden, so würden meine Verwandten untröstlich sein, vielleicht weniger meines Looses, als der vermeintlichen Schande wegen, die ich auf unser Haus werfe. Menschen, unbekannt mit meinem Elende und all den tausend Ursachen des verzweifelten Entschlusses, würden mich zu den Abenteurern zählen und mich hartherzig verdammen . . . anstatt den Mut zu ehren, mit welchem ich dieses Vorurteil zertrat, um die verlorene Ruhe und Freiheit wieder zu gewinnen.« So ungefähr sprach ich zur Gräfin. Wenig Mühe kostete es, sie zum Beistande zu überreden und manche Besorgnisse um den gewagten Plan zu zerstreuen. Sie gelobte mir treue Verschwiegenheit und veranstaltete das Nötige zu meiner Flucht, die nach meiner Niederkunft geschehen sollte, sobald ich die nötigen Kräfte zu einer großen Reise wieder gewonnen haben würde. 5. Mein alter, treuer Diener Herbert, ein Mann von Tugend und großem Mute, war der erste, welchen ich in unser Geheimnis zog. Seine Hülfe war uns unentbehrlich; ich wollte mich nicht ohne Begleitung in die weite Welt stürzen. Seit meinen Kinderjahren war er mein Freund, mein Vertrauter; ihm hatte ich viele meiner bessern Kenntnisse zu danken. Ich ehre ihn mehr wie einen zärtlichen Vater, als daß ich ihn wie einen Diener am Hofe behandeln sollte. Ehemals war er der Zeuge meines Frohsinns, nun seit dem Tage der Vermählung der meines Grams gewesen. Oft stand er von ferne mit einem Antlitz voll Schmerz und beobachtete mich; oft, wenn ich mich bei ihm beklagte, wußte er mir Mut einzuflößen: oft, wenn ich verzweifeln wollte, wußte er durch seine Vorstellungen neue Hoffnungen in mir zu erwecken. Mir war's, als sei er die ehrwürdige Gestalt des himmlischen Traumes, durch welchen mein Schutzgeist zu mir geredet hatte. Herbert stand betroffen und sprachlos vor mir, als ich ihm das große Vorhaben enthüllt hatte. »Warum schweigst Du, lieber Herbert?« fragte ich ihn. »Gnädige Fürstin, der Gedanke ist entsetzlich! Sie, gewöhnt an den Glanz des Hofes, an tausend kleine, unentbehrliche Bedürfnisse, an den Genuß, welchen Wissenschaft und Kunst in der gebildeten Welt gewähren, Sie wollen Ihre Wohnung unter den Horden wilder Indianer, in den unbekannten Wildnissen eines fremden Weltteils wählen?« »Leben, Freiheit, Ruhe und Armut sind süßer als der Jammer unter Gold und Seide. Herbert, ich will, ich muß mein Leben retten! Ich frage Dich, folgst Du Deiner Fürstin lieber zum Grabe oder in eine andere Weltgegend? Wir fliehen, Herbert! Ich höre auf, Fürstin zu sein. Ich will Dich Vater nennen; ich will Deine Tochter sein. Es wird einen schönen Winkel auf Erden geben, wo wir verborgen vor den Menschen in Einsamkeit und kummerloser Muße wohnen dürfen. Ich büße meine Kinder ein . . . Du nichts. Was fesselt Dich an die Wildnis von Rußland, daß Du sie nicht gegen die blühende Einöde eines milderen Himmelsstriches vertauschen möchtest?« »Nichts!« rief Herbert, fiel vor mir auf die Kniee, drückte meine Hand an seine Lippen und schwor mir Treue bis in den Tod. Schon am folgenden Tage mußte er, so war unsere Verabredung, öffentlich seine Entlassung fordern, damit er von Petersburg entfernt die Fortsetzung meiner Flucht unterstützen könne, ohne durch späteres Verschwinden nach meinem Scheintode Verdacht zu erregen. O wie unendlich lang wurden mir seit diesem Tage die Stunden! Und doch sah ich, nicht ohne Furcht und Schmerz, als flöhen sie zu schnell, die Wochen vorübergehen. – Ich wünschte und scheute zugleich die große Entscheidung; die Stunde meiner Erlösung war der ewige Verlust meiner kleinen Natalie. Holder, stiller Engel, noch seh' ich Dich auf meinen Knieen in meinen Armen gaukeln . . . ach, Deinem kindlich-frohen Jauchzen antworteten der Mutter tiefe Seufzer; Deinem süßen Lächeln, Deinen freundlichen Winken begegneten nur der Mutter thränenschwere Blicke! . . . Du verstandest, selige Unschuld, noch nicht die Sprache des Grams . . . schon gedenkst Du nicht mehr der verwaisten Mutter . . . aber ich, oft irr' ich weinend am Strande des Meeres hin, und strecke die mütterlichen Arme umsonst gegen Osten, und nenne tausendmal mit leiser, schmerzlicher Stimme Deinen Namen: Natalie! 6. Je näher die Zeit meiner Entbindung heranrückte, je seltenem wurden die Besuche meines Gemahls. Mir ward wohl dabei. Ich träumte mir vom Glück der Freiheit . . . ich rüstete mich geschäftig zur ungeheuren Wanderschaft. Die Gräfin von Königsmark versorgte mich mit neuen Kleidern, mit Wechseln und Adressen; ich versah mich mit Gold und Juwelen; auch mein treuer Herbert hatte schon Kapitalien in Sicherheit gebracht. Am 22. Oktober ward ich von einem jungen Prinzen entbunden, welcher in der Taufe den Namen seines erlauchten Großvaters erhielt. Wie unverstellt, wie rührend war die Freude des edlen Kaisers! Nur Alexis, mein Gemahl, blieb sich gleich, empfindungslos und kalt. Ich fühlte mich wunderbar stark und gesund. Ich hätte schon wenige Tage nachher das Bett verlassen können, wenn nicht die gute Königsmark meiner Ungeduld Schranken gesetzt hätte. So spielte ich nun, um die Welt über mein Vorhaben in Täuschung zu erhalten, die Sterbenskranke, und unerfahren in den Künsten des Betrugs, half die Begierde, frei zu werden, meiner Ungeschicklichkeit nach. Von allen denen, welche mein Krankenlager umgaben, war der Schmerz keines einzigen so tief, so trostlos, als der eines meiner Fräulein, Namens Agathe von Dienholm. Sie war ein liebenswürdiges Mädchen, meines Alters, aus einem verarmten adeligen Geschlechte, ohne Eltern, ohne nahe Verwandte. Auf Empfehlung der Königsmark hatte ich das gute Kind aufgenommen. Sie belohnte meine Freundschaft mit einer unbegrenzten Dankbarkeit, mit einer Anhänglichkeit, die selten ihres gleichen findet. Es war mir nicht unbekannt, daß sie einen jungen, angesehenen Offizier aus einem der besten Häuser von Petersburg, der um ihre Hand geworben, der ihr sogar keineswegs gleichgültig gewesen, mit Unerbittlichkeit von sich gewiesen hatte, weil er in einer Gesellschaft anderer Offiziere zum Vorteil des Großfürsten wider mich das Wort geführt haben sollte. Als man nun an meinem Leben zu zweifeln begann, überließ sie sich dem wütendsten Schmerze. Sie erschien nicht mehr vor meinem Bette. Ich erkundigte mich nach ihr, und erfuhr, daß sie aus Kummer um mich erkrankt sei. Wie konnte ich so viel Liebe unbelohnt lassen! Ich beschloß, sie zur Vertrauten meines Geheimnisses und zur Gefährtin meiner Pilgerschaft zu machen. Die Gräfin von Königsmark eilte zu ihr, bereitete sie auf die große Entdeckung vor und machte ihr meine Gesinnung kund. Agathe trat, an den Arm der Gräfin gelehnt, in mein Zimmer. Sie war bleich und entstellt; aber Liebe und Entzücken leuchteten mir aus ihren schönen, seelenvollen Augen entgegen. Sie fiel vor meinem Bett auf die Kniee . . . ohne Sprache, ohne Thränen; aber ihr Busen flog ungestüm und verriet, welch ein Sturm in ihrem Herzen wühlte. Sie drückte ihre brennenden Lippen auf meine Hand; mir selbst war um das gute Kind und um die Verborgenheit meines Planes bange. »Willst Du, liebe Agathe, künftig meine Schwester sein?« sagte ich leise zu ihr. Sie seufzte tief und laut, sah gen Himmel und dann mit Zärtlichkeit auf mich, und stammelte halb atemlos: »Treu . . . ewig . . . ewig!« Dann nahm sie vom Tische ein Messer und rief: »Ich will mir selbst die Brust durchbohren, wenn ich Sie je verlasse, meine Fürstin, je verrate!« Ich entließ sie, und an demselben Tage ging sie schon genesen unter den andern umher. Sie schien veredelter, feierlicher; sie trug den Himmel im Herzen und auf dem Antlitz unerkünstelten Schmerz. Warum genoß ich Liebe von so vielen fremden Wesen, warum mußte der Einzige mich hassen, an den mein Schicksal mich gefesselt hielt! 7. Schon war der Tag meiner Flucht bestimmt. Die Gräfin von Königsmark, die treueste Freundin, bürgte für mein glückliches Einkommen und für die Vollendung der allgemeinen Täuschung. Herbert hatte überall für Schlitten gesorgt und harrte meiner in einem Walde, nahe bei der Hauptstadt, während Kuriere bereit standen, meinen Tod in ganz Europa zu verkünden. Ich sagte als Sterbende allen meines Hofes Lebewohl. Ich verweigerte, von den Händen der verzweifelnden Ärzte neue Hilfe anzunehmen, und wünschte nur mit sehnlichem Verlangen noch einmal den Kaiser zu sehen. Er kam, und mit ihm mein Gemahl. Zum letzten Male ruhten meine Kinder in meinen Armen . . . O welch ein schmerzlicher Abschied! Der Kaiser gab sich den Gefühlen seines Schmerzes hin; er wollte keinen Dank von meinen Lippen für seine Liebe hören; er segnete mich und meine Kinder und schwor mir, ihnen fortan alles zu sein. Mir brach das Herz; ich schluchzte laut. O meine Kinder! Meine Kinder! . . . Ich umarmte sie wechselweise hundertmal und badete sie mit meinen Thränen. Fast verlor ich in diesem schrecklichen Augenblicke meine Besonnenheit. Ich fand das qualvollste Leben erträglicher, als die ewige Trennung von diesen Engeln. Der Kaiser sah meine heftige Bewegung, er fürchtete von ihr die Beschleunigung meines Todes. Er hieß die Gräfin Königsmark die holden Geschöpfe hinwegtragen. Mein Gemahl begleitete sie. Noch einmal, ehe er ging, reichte er mir stumm und düster die Hand. Ach, hätte ich noch in seinen Mienen eine geringe Spur von Schmerz und Zuneigung gefunden, ich würde meine Rolle verworfen und mein altes Leben in Rußland wieder angefangen haben! Aber sein Blick war finster. Zeuge meines Todes zu sein, war ihm mehr unbehaglich, mehr peinlich als schmerzlich. Sein Händedruck war kalt und wie von Wohlanständigkeit erzwungen. Er schien auf sich selbst zu zürnen, daß seine Augen keine Thränen fanden, die er seinem Vater, dem betrübten Kaiser hätte aufweisen können. Er ging und war von mir vergessen, wie er den Rücken wandte. Ach, mein Herz schrie nur meinem Kindern nach! Erschöpft sank ich zusammen. Mau ließ mich allein; nur die Gräfin Königsmark bewachte mich. Ihr Zuspruch gab mir den verlorenen Mut wieder. Ich hatte einen kurzen Schlummer und fühlte mich gestärkt. Nach Mitternacht wurde die Anzeige meines Todes verbreitet. Mein Gemahl hatte schon Petersburg verlassen und sich mit einigen seiner Genossen auf ein Landgut begeben. Er empfing die Botschaft meines Todes und gab Befehl, wie ich es selbst gewünscht hatte, meinen Leichnam in der Stille zu beerdigen . . . Der Sarg kam. Agathe und die Königsmark legten mich hinein und verhüllten mein Gesicht. Viele meines Hofes verlangten mich zu sehen. Sie umgaben weinend die Bahre. Von Zeit zu Zeit lüftete die Königsmark den Schleier von meinem Antlitz, und der Schmerz der Zuschauer ward nur reger, und mein Absterben gegen jeglichen künftigen Verdacht zweifelloser. Verkleidet ward ich in der Nacht, nachdem mein verschlossener Sarg beigesetzt worden war, von der Königsmark aus meiner Wohnung entführt. Ich blieb verborgen in ihrem Palaste. In der dritten Nacht erschien der treue Vater Herbert am Thore der Stadt. Agathe von Dienholm und ich verließen in männlichen, altrussischen Kleidern Petersburg. Es war hoch Schnee gefallen, aber gutes Wetter. Die Sterne funkelten hell. Herbert fuhr selbst den Schlitten; er flog mit Vogelschnelle über den Schnee hin. Keiner sprach. Immer zitterte ich, verraten und eingeholt zu werden. Oft wünschte ich's heimlich, um wieder, wäre es auch im Kerker, meinen Kindern nahe zu sein . . . Unaussprechliche Angst und tiefnagender Mutterschmerz quälten mein Herz . . . Agathe, die liebevolle, schmiegte sich schüchtern an mich; unermeßlich schien ihr das Glück, die Unentbehrliche ihrer Fürstin zu sein. Ich drückte ihre Hand in die meinige. »O meine Fürsten, meine Fürstin!« lispelte sie. »Wie liebe ich Sie, wie gern möchte ich für Sie sterben!« »Ich bin nicht mehr Deine Fürstin! Vergiß Deine Rolle nicht! Nenne mich Deine Freundin, Deine Schwester, denn nun bin ich's, und dir gleich!« Ich legte meinen Arm um sie; nur auf meinen wiederholten Wunsch that die Schüchterne desgleichen. Ich fühlte ihr Erglühen und die Unruhe ihres schönen Herzens, worin noch immer die zärtlichste Liebe mit der gewohnten Ehrfurcht kämpfte. So dämmerte, nach einer langen schrecklichen Nacht, der Morgen. Wir befanden uns in einer waldigen Wildnis Die ermüdeten Pferde trabten langsamer. Wir erreichten endlich ein einsames, armseliges Haus, vor welchem Herbert Halt machte. Er führte uns hinein. Ein Paar alter Leute nahm uns mit Gastfreundschaft auf, Herbert nannte Agathe und mich seine Söhne. 8. O Seligkeit, unbemerkt und einsam, und nur von wenigen Guten, die uns lieben, gekannt, zu leben – welches Glück der Welt darf dir gleich geachtet werden! Der alte Russe, mit seiner Frau und einem rüstigen jungen Burschen, ihrem Sohne, lebten in dieser Hütte schon viele Jahre, ohne sie zu verlassen, außer an hohen Festtagen, wenn sie die Kirche eines eine Meile entfernten Dorfes besuchten. Der Alte mit seinem Sohne verfertigten allerlei Geräte von Holz, die dieser dann zum Verkaufe austrug, und gegen Lebensmittel, Kleider und weniges Geld austauschte. Wie bezauberte mich die stille Zufriedenheit und Genügsamkeit dieser Armen! Alles, was ihr Herz wünschte, lag im Umkreise ihrer Hütte. Sie kannten die Herrlichkeit und das Elend der Großen nicht; sie wußten nichts von den Ereignissen, welche rings umher die Welt erschütterten, nichts von dem fürchterlichen Gährungsstoff, der, in die Brust der Menschen geworfen, frohe Geschlechter verheert und Throne in Ströme Blutes senkt. Während Herbert unsere Pferde besorgte, ward die liebenswürdige Agathe mein Mundkoch. Sie bereitete uns ein einfaches, reinliches Mahl. Ich bewunderte ihre Geschicklichkeit, ihren Fleiß. Als wir in dem engen Stübchen allein waren, nahte ich mich ihr, schloß sie in meine Arme, und drückte einen Kuß auf ihre Lippen. Ein reizendes Rot überfloß ihr Antlitz . . . sie erwiderte schüchtern und glühend den schwesterlichen Kuß, sah mit schwimmenden Blicken zu mir auf, und stammelte leise: »O mein Gott!« Fast den ganzen Tag blieben wir mit voller Sicherheit in der Hütte. Wir schliefen hier so sanft, so fest, als hätte Rußland für uns keine Gefahr mehr. Erst am Abend trennten wir uns von unsern alten Wirtsleuten, und setzten unsere Reise über den Schnee fort. Herbert war seines Weges vollkommen kundig, er mied überall die große Straße; wir reisten meistens nur bei Nacht, ruhten meistens nur in abgelegenen Hütten und schlechten Dörfern aus; sahen wenig Menschen, und wechselten bald die Kleider, bald die Namen, um immer unentdeckt zu bleiben. Aber alles dies gab unserer Flucht eine ermüdende Langsamkeit; bald waren die Nächte zu dunkel, bald die Tage zu stürmisch, und alle Wege bis zur Unkenntlichkeit verschneit. Vierzehn Tage lang waren wir schon in den ewigen Wildnissen durch unbewohnte Steppen und finstere Waldungen geirrt, aus denen wir uns, ohne von Dorf zu Dorf mitgenommene Führer, nie herausgefunden haben würden, und noch immer hatten wir die Grenzen des russischen Gebietes nicht erreicht . . . Herbert tröstete uns von einem Tage zum andern, aber einen Tag wie den andern ward unsere Hoffnung getäuscht. Eines Abends endlich sprach Herbert: »Beruhigen Sie sich, wir schlafen heute im letzten russischen Dorfe; es heißt Kwadoszlaw, und kann nicht mehr als anderthalb Meilen entfernt sein! Morgen reisen wir auf polnischem Boden.« . . . Ich jauchzte freudig auf. »Nein,« rief ich, »noch diese Nacht müssen wir in Polen sein! Eher atme ich nicht frei.« Wir kamen spät in Kwadoszlaw an. Es war finster und schneite stark. Herbert wollte rasten, aber ich ließ nicht nach, bis er die Reise nach dem ersten polnischen Dorfe fortsetzte. Er erkundigte sich nach dem Namen desselben. Man nannte es Nieszosperda. Wir begehrten einen Wegweiser, aber die Menschen waren hier so ungefällig, daß sich keiner dazu hergeben wollte und wir, eine so hohe Bezahlung wir auch versprachen, keinen erhalten konnten. Dessenungeachtet betrieb ich die Fortsetzung der Reise, da wir an diesem Tage noch nicht weit gekommen waren. Bald sahen wir uns in einem weitläufigen Walde; wir hatten bisher das kaum sichtbare Gleise vor uns gefahrener Schlitten verfolgt, doch da es immer dunkler wurde, und der Wind uns den Schnee entgegenwarf, so war zuletzt keine Möglichkeit, eine Spur der Bahn zu finden. Wir waren schon zu tief in der Irre, um hoffen zu dürfen, nach dem verlassenen Orte zurückkommen zu können. Wind und Schnee hatten unser Gleise verwischt. Wir waren vom Frost halb erstarrt, und mußten uns dadurch erwärmen, daß wir von Zeit zu Zeit neben dem Schlitten hintrabten. Ich litt viel, aber noch mehr die gute Agathe, welche nicht, wie ich, durch Hoffnung, Angst und Furcht die Kraft der Verzweiflung empfing, und ohnedies an diesem Tage die schwerfällige Tracht einer russischen Bäuerin angenommen hatte. Einige Stunden lang hatten wir uns im Walde umhergetrieben, ohne sein Ende zu erreichen. Herbert war, da er nirgends einen Ausweg vor sich sah, abgestiegen, um die Gegend vor uns zu untersuchen, Agathe und ich erwarteten im Schlitten seine Rückkunft. Zu unserem nicht geringen Schrecken erschien unverhofft zu Fuß neben uns ein fremder Kerl. Ich redete ihn an; er gab keine Antwort, sondern trat an die Pferde, schwang sich auf das eine hinauf und jagte seitwärts durch das Gehölz mit uns davon. Bestürzung und Angst raubten uns fast alle Besinnung. Wir riefen Herberts Namen; wir hörten aus der Ferne sein antwortendes Geschrei, bald vernahmen wir aber auch das nicht mehr. Ich sank ohnmächtig in Agathens Arme zurück, und kam nicht eher zu mir, als in dem Augenblick, als der Schlitten still stand. Ich öffnete die Augen. Wir waren in einer weiten Ebene außerhalb des Waldes, Schnee und Wind dauerten fort. Der Kerl, der uns entführt hatte, war vom Pferde gesprungen und verschwunden. Vermutlich hatte er nur, um seine Fußreise zu verkürzen, und schneller aus dem Gehölz zu kommen, sich unseres Pferdes bedienen wollen. Es blieb uns nichts übrig, als in den Wald zurückzukehren, um unsern verlornen Freund zu suchen. Die tiefen Spuren im Schnee zeigten den weiten Weg, welchen wir gemacht hatten. Nach einer halben Stunde kamen wir wieder ins Gehölz. Wir riefen Herberts Namen unzähligemal, aber unserm ängstlichen Geschrei antwortete nur das Brausen des Sturmwindes in den schwarzen Fichten . . . Wir fuhren noch eine halbe Stunde tiefer in den Forst; keine Spur, kein Laut von dem armen Herbert. Wo sollten wir ihn suchen? Wir mußten sogar fürchten, in irgend eine falsche Fährte geraten zu sein. Vielleicht war der Unglückliche schon, von Kälte erstarrt, auf dem Schnee erfroren; vielleicht von Wölfen angefallen und zerrissen worden . . . und wir standen dann ohne Ratgeber, ohne Beistand, an Kraft und Mut erschöpft, in der Schneewüste verlassen da. Nie hatte ich mich in einer so schrecklichen Lage befunden. Kaum besaßen unsere erstarrten Hände noch Kraft genug, die Zügel unserer müden Pferde zu halten. Agathe riet, in das Freie zurückzufahren, in der Hoffnung, irgend eine menschliche Wohnung zu entdecken, wenn wir die Fußstapfen unsers Entführers verfolgen würden. Von da könnten wir bei Tage des Waldes kundige Leute nach Herbert aussenden . . . Ich folgte dem Rate, und in der That erreichten wir, indem wir die hinterlassene Spur des entwichenen Kerls verfolgten, mit Tagesanbruch ein kleines, armseliges, halb in Schnee vergrabenes Dorf. 9. Wir hielten vor einem alten, aus Backsteinen aufgeführten Hause an, welches das ansehnlichste im ganzen Dorfe war. Eine ganze Koppel Hunde umringte bellend unser Fuhrwerk, bis sie ein zerlumpter, schmutziger Kerl zum Schweigen brachte, der aus dem Hause trat und unsere klägliche Erzählung anhörte, die ich ihm, so gut als möglich, in russischer Sprache vortrug. Er verließ uns, ohne zu antworten, erschien jedoch nach einigen Minuten wieder, und führte uns in eine geheizte Stube, welche einem Stalle glich, wo mehrere Knechte und Mägde auf Stroh umherlagen. Wohl eine Stunde mußten wir hier geduldig unser Schicksal abwarten. Die Schlafenden ermunterten sich; man führte unsere Pferde unter Dach, und uns endlich in ein größeres Zimmer, wo ein starker, breitschulteriger Mensch, der einen gewaltigen Knebelbart trug, sich als den gestrengen Herrn von Horodok ankündigte. Er redete zuerst Agathen auf russisch, dann auf polnisch an. Das gute Kind, keiner dieser Sprachen mächtig, antwortete französisch, dann deutsch, und ward nicht verstanden. Ich wollte das Wort für sie führen, er aber gebot mir Stillschweigen. »Du bist keine Russin, trotz Deiner Kleider!« sagte er, flüsterte einem seiner Knechte einige Worte in's Ohr und ließ Agathen zum Zimmer hinausführen. Vergebens widersetzte ich mich diesem seltsamen Betragen. »Ich kenne Euch wohl,« sagte der schreckliche Mensch zu mir, »Ihr seid von Petersburg entwischt. Ihr waret mir gleich anfangs verdächtig.« Diese Rede vollendete meine Angst . . . Schon fürchtete ich mich entdeckt, verraten, aufgesucht und nach Petersburg ausgeliefert. Ich gab Agathen für meine Schwester aus; erzählte unser nächtliches Abenteuer, und wie sich unser Vater im Walde verloren habe. Ich bat nur, diesen aufsuchen zu lassen. Der Edelmann schüttelte den Kopf; er ließ mich in ein Nebenzimmer führen, wohin nach einiger Zeit auch Agathe gebracht ward, die bitterlich schluchzte. Mit Hülfe eines Knechts, der gebrochen deutsch redete, hatte der Herr von Horodok auch sie wieder in's Verhör genommen, und da sie sich für eine Magd ausgegeben, die in Diensten meines Vaters stehe, so wurde der Verdacht des alten Dorftyrannen durch den Widerspruch unserer Aussagen vermehrt. Man behandelte uns wie Gefangene, brachte unsere wenigen Habseligkeiten aus dem Schlitten in's Zimmer, versorgte uns mit Speise und Trank, und ließ uns bis gegen Abend allein. Wir erfuhren nur, der gestrenge Herr, dem man den Titel eines Starosten beilegte, sei mit anderen Freunden auf die Jagd gegangen. Bald nahmen wir uns vor, mit einbrechender Nacht zu entspringen, bald, mit heldenmütiger Fassung den Ausgang der Dinge zu erwarten. Ein Plan verdrängte den andern; am meisten waren wir um unsern Herbert in Sorgen. Als es dunkel ward, hörten wir die Jagd zurückkommen. Bald entstand im Zimmer neben dem unsrigen ein wildes Getümmel. Wir hörten Becher klingen, und rohes Gelächter. Der Starost, dessen Stimme wir von allen anderen unterschieden, sprach auch von uns. Was mich am meisten beunruhigte, war seine Vermutung, daß wir schwedische Spione, oder Vagabunden seien, die in Petersburg ein Gaunerstückchen verübt hätten. Er wolle uns, sagte er, und den Alten, den wir für unsern Herrn ausgeben, am nächsten Tage an die Obrigkeit der nächsten russischen Stadt abliefern . . . Also schien sich auch Herbert aufgefunden zu haben. Indem ich der armen zitternden Agathe die Reden des Starosten erklärte, ward die Thür geöffnet. Die Gesellschaft, von Wein und Branntwein erhitzt, drängte sich zu uns herein und musterte uns. Agathe weinte; ich aber überhäufte den Starosten wegen seines tyrannischen Verfahrens gegen unschuldige Reisende mit Vorwürfen, und verlangte zu meinem Vater gebracht zu werden. Ein wohlgewachsener, junger Mann nahte sich Agathen, und sagte, indem er seine Hand unter ihr Kinn legte und ihren Kopf in die Höhe richtete, auf französisch: »Sie sind wohl weder eine Bäuerin, noch eine Verbrecherin, schönes Kind!« »Und Sie, mein Herr,« redete ich ihn an, »scheinen weder ein Räuber, noch fähig zu sein, Roheiten gut zu heißen, welche man im Gebiete des Königs von Polen gegen Reisende verübt! . . . Wir kamen und machten Anspruch auf Gastfreundschaft und auf die gerühmte Großmut der Polen, und statt dessen werden wir allen Mißhandlungen preisgegeben.« Der junge Mann sah mich lächelnd von der Seite an, dann wieder Agathen, die ihre Augen verschämt zu Boden schlug. »Folgen Sie mir! Ich will Sie frei machen, wenn Sie wollen!« sagte er endlich, und, indem er seine Hand auf Agathens Schulter legte, setzte er hinzu: »Weine nicht, schönes Mädchen!« Dann wandte er sich lachend zum Starosten und rief: »Wladislaw, Du hast mir einen schönen Streich gespielt!« »Wie meinst Du das, Janinski?« rief der Starost. »Du hast den Maler verhaftet, von dem mir der Hauptmann Osterow geschrieben, und welchen ich so sehnlich erwartet habe. Diese beiden jungen Leute gehören ihm an. Wo ist er? Ich muß ihn sprechen.« Damit verließ er uns. Die ganze Gesellschaft folgte ihm. Kaum war eine halbe Stunde verflossen, als Janinski, an seiner Hand unsern Herbert, mit schlauem Lächeln zu uns hereintrat. »Die Schlitten,« sagte Janinski, »sind angespannt. Sie folgen mir auf mein Schloß und genießen dort alle Bequemlichkeit, so lange Sie bei mir ausruhen wollen!« Ich glaubte mich, als ich Herbert wieder sah, aller Gefahr auf immer entronnen. Wir erzählten ihm, sobald wir allein waren, unser Abenteuer, unsere Angst, unsere Sorgen um ihn. Er teilte uns seine Geschichte mit, die der unsrigen ziemlich ähnlich war, indem er die Spuren unsers Schlittens im Schnee wiedergefunden, und durch sie geführt nach Horodok gekommen. So ermüdet wir auch alle Drei sein mochten, standen wir doch keinen Augenblick an, diesen verhaßten Ort zu verlassen, und mit dem unbekannten Janinski zu reisen, dessen freundliches Äußere uns wenigstens ein besseres Los versprach. 10. Unter empfindlichem Schneegestöber machten wir uns auf den Weg, Janinskis Schlitten fuhr voran. Kurz vor Mitternacht erreichten wir endlich ein weitläufiges Dorf, namens Sloboda, dessen eine Seite ein hohes, altväterisches Gebäude mit einigen kleinen Türmen einnahm. Der Mond schien trübe durch die grauen Schneewolken, und warf ein melancholisches Licht auf das Schloß, welches mit seinen Erkern, Türmchen und engen Fenstern einem großen Gefängnis glich. Rings um dasselbe zog sich ein Graben, über welchen eine Brücke führte. »Ach,« flüsterte mir Agathe zu, »ich hoffe auch von dieser Zuflucht nicht viel gutes.« Unser Wirt war sehr geschäftig, uns aus dem Fuhrwerk zu heben; dann nahm er Agathen und führte sie in's Schloß. Herbert und ich folgten. In einem großen, mit alten Tapeten bedeckten Zimmer ward ein Abendessen angerichtet. Überall herrschte Ordnung und Reinlichkeit, was uns wieder einiges Vertrauen einflößte. »Wie freue ich mich,« sagte Janinski, »Sie aus der seltsamen Gefangenschaft des Starosten erlöst zu haben! Er ist sonst ein guter Kauz, aber etwas roh, und dabei ein Todfeind des Königs von Schweden. Er ist reich an Land und Leuten; aber seit er seine Gemahlin verloren, gleicht sein Haus einer Bettlerherberge, und er wühlt und wälzt sich nach Herzenslust in seinem Schlamm und Schmutz. Man muß ihm seine sonderbaren Launen nachsehen und, weil er von Einfluß ist, freundliche Nachbarschaft mit ihm halten . . . Vergessen Sie den Schrecken, den Ihnen der wunderliche Mann verursachte; an meinem Willen soll es nicht fehlen, Ihnen den Aufenthalt bei mir angenehmer zu machen! Ich habe auch Reisen in Europa gemacht, und weiß, wie wohl es thut, ein gastfreundliches Obdach zu finden, zumal in einem wilden, unwirtbaren Lande, wie bei uns.« Wir dankten ihm für so viel Verbindliches, und Herbert zog seine Brieftasche hervor. »Hier,« sagte er und zeigte ihm einen russischen Paß, »damit Sie auch uns kennen lernen! Sie sehen daraus, daß ich ein französischer Edelmann bin, de Laborde heiße, und daß diese beiden meine Töchter sind. Die Verkleidung der einen in Mannskleidern, der andern in russischer Bauerntracht war eine Grille von den beiden Mädchen, die ich ihnen gern nachsah. Ich bin von Ihrem Edelmut überzeugt, mein Herr, und wir schätzen uns glücklich, durch das rauhe Ungefähr mit einer so angenehmen Bekanntschaft überrascht worden zu sein.« Janinski sah den Paß durch, und entschuldigte sich bei mir und Agathen, daß er, verführt durch unsere Verkleidung, uns vielleicht nicht mit der gebührenden Achtung behandelt habe. Auch für Agathen wurde jetzt ein Gedeck auf den Tisch gelegt. Ich bemerkte inzwischen, daß Janinski, seitdem Herbert die Eröffnung gemacht hatte, um vieles ernster geworden zu sein schien. Wir bedurften diesen Tag mehr der Ruhe, als der Speisen. Eine Magd führte Agathen und mich in ein kleines Zimmer im obern Stock des Hauses, wo wir im Schutz der Ahnen unseres Edelmanns, deren halbverblichene Gemälde rings an den Wänden hingen, sanft entschlummerten. Herbert brachte uns am folgenden Morgen die Einladung des gefälligen Wirts, einige Tage bei ihm zu verweilen, bis unsere, von so vielen Anstrengungen ermatteten Pferde sich erholt haben würden. Auch war das Wetter noch stürmischer als sonst; wir selbst hatten der Ruhe vonnöten, um neue Kraft zu schöpfen. Niemand kannte uns in dieser Gegend, welche von Reisenden höchst selten besucht ward; und dies fügte zu den Annehmlichkeiten der Ruhe noch das reizende Gefühl der Sicherheit hinzu. Wir willigten ein. Janinski schien entzückt zu sein, als wären wir nicht seine Schuldner sondern er der unsrige. »Ach,« rief er,« wie selten wird mir's zu teil, Menschen aus der gebildeten Welt zu sehen! Hätte ich nie andere Länder und höhere Bedürfnisse kennen gelernt, so würde mir unter meinen Nachbarn wohl sein, deren höchstes Gut Jagd, Spiel und Zechgelage sind. Nun aber fühle ich mich in meiner eigenen Heimat nicht mehr heimatlich. Der Tod meines Vaters machte mich zwar zum Erben seiner Güter, doch früher oder später werde ich mich ihrer entledigen, und wieder nach Warschau oder Dresden gehen, wenn der Himmel mir nicht zu guter Stunde eine liebenswürdige Gesellschafterin zuführt, die meine Einsamkeit belebt.« Janinski war ein schöner Mann: die polnische Nationaltracht kleidete ihn ungemein vorteilhaft. Er sprach polnisch, französisch und russisch, und hatte eine kleine ausgewählte Bibliothek von lateinischen und französischen Schriftstellern. Er liebte die Musik; er spielte mit Fertigkeit die Flöte und das Klavier. Die Langeweile konnte uns also in Janinski's Schlosse nicht wohl überfallen. Ich las; Agathe saß am Klavier; Janinski begleitete ihr gefühlvolles Spiel mit der Flöte; Herbert schrieb und blätterte in Landkarten. Am meisten von uns allen beschäftigte sich unser Wirt mit Agathen. An ihr hingen seine Augen unverwandt; ihr wußte er immer tausend Dinge zu sagen, die ein tiefes Gefühl verrieten; auf ihre Worte hörte er am liebsten, und ihren Wünschen kam er überall am schnellsten zuvor. Als er am Abend des zweiten Tages neben Agathen am Klavier stand – beide waren eben im Zimmer allein – hörte er plötzlich auf, ihr Spiel zu begleiten. Sie sah zu ihm auf. Seine Augen waren voll Thränen. Er wandte sich ab und ging gegen das Fenster. »Ist Ihnen nicht wohl?« fragte Agathe und stand auf. »Wie kann mir wohl sein?« rief er mit Heftigkeit. »Sie wollen morgen abreisen und mich wieder allein lassen! Warum erschienen Sie in meiner Einöde, wie Wesen einer bessern Welt, um mir einen Augenblick lang den Himmel zu geben, damit ich nachher das Armselige dieses Lebens desto tiefer empfinde? O, Fräulein, Fräulein, ich bin sehr unglücklich!« Agathe, bestürzt und verlegen, wußte ihm nichts zu erwidern. Er nahm ihre Hand, drückte sie an seine Lippen und blickte mit nassen Augen gen Himmel. »Zürnen Sie mir nicht, Fräulein, auch nicht meinem Schmerze!« fuhr er fort: »Hätte ich Sie in einer weitläufigen Stadt, in den glänzenden Kreisen eines Hofes gesehen, mein Herz würde Sie aus den Tausenden Ihres Geschlechtes herausgefunden und gesprochen haben: Nur Du allein bist mir über alles teuer! . . . Und nun wohne ich hier in der Wüste, fern von jeder freundlichen, meinem Geiste verwandten Gesellschaft . . . Ich sehnte mich vergebens nach dem Bessern . . . Meine Tage floßen in ermüdender Einförmigkeit dahin. Ich fing an, ein Alltagsmensch zu werden, und mein armes, nur zu zart fühlendes Herz sich an den Gang des abgeschmackten, gewohnten Herkommens zu gewöhnen. Ach, was ich nicht als Möglichkeit träumte, ward nun so plötzlich wunderbare Wirklichkeit! Ich sah Sie; eine himmlische Erscheinung hätte mich nicht tiefer erschüttern können. Ich bin ein Verwandelter geworden; ich sehe nur Sie, und kenne nur Sie, und alles rings umher ist mir so fremd geworden, als wäre es heute erst entstanden. Zürnen Sie mir nicht, Fräulein, denn ich kann Ihnen nichts gelten, das fühle ich wohl; ich bin Ihnen zu bedeutungslos! Unter den Millionen, die Sie sahen, haben Sie Millionen gesehen, wie mich.« Er führte sie bei diesen Worten zum Klavier zurück und nahm die Flöte. Agathe tändelte zitternd mit einzelnen Tönen. Sie zürnte ihm nicht, und wußte selbst nicht, daß er ihr wohlgefallen hatte. Indem trat Vater Herbert ins Zimmer. Janinski ging ihm entgegen. »Sie wollen mich morgen wieder verlassen?»sagte er. »Aber erinnern Sie sich, daß Sie mein Schuldner sind! Ich zähle auf Ihre Erkenntlichkeit; ich will den kleinen Dienst, den ich Ihnen leistete, für bezahlt halten, wenn Sie mir die Bitte gewähren, noch zwei Tage in Sloboda zu verweilen. Ich kann mich unmöglich an den Gedanken gewöhnen, Sie schon morgen zu verlieren.« Herbert lächelte. »Wie gern würden wir,« sagte er, »unsere Schuld bei Ihnen vermehren, wenn nicht allzu gebietende Familienverhältnisse uns die Beschleunigung unserer Reise zur Pflicht machten.« Der liebeatmende Janinski aber ließ sich nicht zurückweisen; er drang mit so freundlichem Ungestüm auf unser Bleiben; er wußte die Gefahren der Reise bei gegenwärtiger Kälte, die Unsicherheit der Wege durch Wölfe, die der Frost aus den Wäldern triebe, um Nahrung in bewohnten Gegenden zu suchen, so lebhaft zu schildern, daß Herbert endlich wankte, und wenigstens Bedenkzeit forderte. Als Herbert mir und Agathen, da wir allein waren, den Vorschlag machte, sah ich wohl, daß er bei der herrschenden rauhen Witterung geneigter sei, ein paar Tage in Sloboda zuzulegen, als aufzubrechen. Agathe aber gab statt aller Meinung auf meine Frage ein stummes Erröten zur Antwort. So blieben wir also noch in Sloboda. 11. Und aus den versprochenen zwei Tagen wurden allmählich ihrer sechs. Janinski war der glücklichste Mensch und die Güte selbst. Agathe unterhielt sich gern mit ihm, wenn er ihr von seiner Leidenschaft schwieg; ich bemerkte, daß sie schöner und gefühlvoller am Klavier sang, als sonst an meinem Flügel; daß ihr ganzes Wesen von einem höhern Geiste beseelt zu sein schien. Mir selbst kam sie weit liebenswürdiger vor, als ehemals; ihre Stimme hatte etwas unbeschreiblich Weiches und Rührendes; ihre Blicke hafteten länger und träumender an allen Gegenständen; hätte sie einen Todfeind gehabt, er würde ihr mit Liebe haben an das Herz sinken müssen. Nur ich allein war die ewig Rastlose und schwebte in unendlicher Furcht. Jede fremde Gestalt, jeder Reisende, welcher über die Schneewüsten daher irrte, jagte mir Todesangst ein. Ach, und meine verlassenen Kinder, die fürstlichen Waisen! Immer war ich nur im Geiste bei ihnen; immer träumte ich nur von ihren holdseligen Gestalten . . . wie gern hätte ich für einen einzigen Kuß auf ihre Lippen mein freudenarmes Leben dahin gegeben. Am Abend des sechsten Tages trat die gute Agathe zu mir ins Zimmer. Ihre Augen waren verweint, doch lächelte sie. »Ich habe mit Vater Herbert geredet,« sprach sie, »er wäre entschlossen, morgen in der Frühe aufzubrechen, wenn Sie in unsere Abreise willigen.« »Jeden Augenblick . . . jetzt . . . bin ich bereit!« »Aber Janinski darf es nicht wissen . . . nicht eher als bis wir morgen plötzlich von ihm Abschied nehmen. Er würde uns tausend Schwierigkeiten in den Weg legen, um die Abreise zu hindern!« sagte sie und wandte sich errötend von mir. Ihr Betragen fiel mir auf. Ich schloß sie in meine Arme; ich forschte nach der Ursache ihrer Verwirrung und dem Geheimnis ihrer Thränen. Halb erriet ichs. »Du hast in der Wildnis eine Eroberung gemacht!« sagte ich lächelnd zu ihr. »Er hat bei Herbert um meine Hand angehalten,« erwiderte Agathe, »in der Meinung, daß Herbert wirklich mein Vater sei. Herbert stellte ihm vergebens vor, daß er sich von seiner Tochter nicht trennen würde: daß ich in dieser Wüstenei nicht leben könne. Er will Hab und Gut in Geld verwandeln, will Polen verlassen, will uns folgen und sich in Frankreich bei uns niederlassen.« »Und Du, Agathe?« »Mir thut es leid! Er ist ein so guter Mensch, aber wilder Schwärmerei fähig. Darum müssen wir eilen, Sloboda zu verlassen.« Herbert bestätigte Agathens Rede. Um Janinski für immer abzuweisen, hatte er demselben erklärt, daß er nirgends anders, als auf französischem Boden, über Agathens Schicksal entscheiden werde. Sobald am folgenden Morgen Herbert in der Stille alles zur Abreise gerüstet und die Pferde angeschirrt hatte, zeigten wir dem unglücklichen Liebhaber unseren Entschluß an, ihn zu verlassen. Schon war der Schlitten vorgefahren. Janinski stand erbleichend, sprachlos vor uns. Seine Augen irrten abwechselnd auf uns Dreien herum und schienen zu fragen: »Scheiden? Könnt Ihr dies? Wollet ihr Janinskis Tod?« . . . Wir sagten ihm alles, was Erkenntlichkeit zu sagen gebot. Herbert zog einen kostbaren Ring vom Finger und bat ihn, denselben zum Andenken anzunehmen. Er stieß Herberts Hand zurück. Er trat ans Fenster, sah unsern Schlitten bereit stehen . . . kehrte sich wieder zu uns, drückte Herbert, dann mir die Hand; dann fiel er vor Agathen aufs Knie, drückte ihre Hand mit Inbrunst an sein Herz, seufzte tief und sprach mit beklommener Stimme das Wort »Ewig« aus. Wir sahen den guten, armen Janinski nicht wieder. Wir waren alle tief bewegt und hofften alle, er werde zurückkehren. Bald aber erfuhren wir von einem seiner Knechte, er habe sich auf sein Pferd geworfen und Sloboda verlassen. Herbert und ich standen beim Schlitten. Agathe war noch im Hause geblieben. Ich ging zurück, um sie aufzusuchen. Als ich ins Zimmer kam, wo Janinski uns verlassen hatte, fand ich sie schluchzend mit verhülltem Gesicht auf einem Sessel sitzen. Auf einem Tischchen neben sich hatte sie mit Kreide die Worte geschrieben: »Ewig Janinski!« Ich näherte mich ihr und ergriff ihre Hand. Sie erschrak und suchte mir ihren Schmerz zu verheimlichen Aber ich hatte jene Worte gelesen, worin sie die Geschichte ihres Herzens beschrieb. »Willst Du hier bleiben?« fragte ich. Sie sprang auf und zog mich zum Schlitten hin, ohne ein Wort zu reden. Wir setzten uns hinein und fuhren ab. 12. Es war ein düsterer Wintertag; der Himmel eine einzige graue Wolke, von welcher Schnee und Regen auf uns herabfiel. Aus den beschneiten Ebenen erhoben sich die dunkeln Waldungen wie schwarze Inseln. Dann und wann tönte aus der Ferne das melancholische Geläute einer Dorfglocke. Und Wälder, Wolken und Hütten flogen an uns, wie Gestalten eines einförmigen Traumes, vorüber. Agathe lag fest an mich geschmiegt. Ich wagte nicht, ihr Träumen und Sinnen zu stören. Das arme Kind war aus dem seltsamen Abenteuer mit einem verwundeten Herzen hervorgegangen. Aus Liebe zu mir hatte sie hingegeben, was sie liebte . . . O Julie, welch träumerisches Gemisch ist unser ganzes Leben; mehr Schatten, als Wesen; mehr Ahnung, als Genuß! . . . Da erscheinen wir, ohne zu wissen, woher? und irren eine Zeitlang zwischen Dornen und Rosen umher, begegnen und begrüßen manche fremde Gestalt, hätten mit mancher gern den Bund des Herzens geschlossen, aber sehen sie verschwinden, nie wiederkehren und die Woge der Zeit und das rätselhafte Schicksal führen uns weiter, bis wir müde und matt zusammensinken, und der Rinde unseres Planeten den erborgten Staub zurückgeben. Man spottet gern jener Empfindungen von ewiger Liebe, von treuer Freundschaft, in welchen die Jugend sich wohlgefällt; man nennt sie Roman-Schwärmerei, Überspannung und Empfindelei . . . . Ich aber will Agathens Thränen nicht zürnen. Die Jugend ist in Thaten und Empfindungen edler, als das spätere Alter. Sie wandelt noch in Unverdorbenheit, rein, wie sie aus den Händen der Natur und den frommen Lehren der Schule hervorging, unbekannt mit Verderbtheit und Greueln der Menschen; sie will das Große, das Gute, ihre Schwärmerei ist am ehrenwertesten . . . . Vom Rauch der Leidenschaft geschwärzt, geht das spätere Alter einher, ist selbst nicht mehr heilig, und sieht daher kein Heiligtum; wälzt sich in Lüsten, oder jagt rasend einem Hirngespinnst nach, oder verkauft um Gold die schönsten Gefühle, und nennt alles, was ihm nicht mehr reizend scheint, Thorheit, Kindertand. Die Tugend, dem Kinde und noch dem Jünglinge und Mädchen heilig, ist ihm Lebensklugheit. Es achtet nicht mehr des Schönen, sondern nur des Nützlichen. O sagt mir doch, da wir nun einmal Menschen sind und menschlich denken und empfinden müssen, welche Schwärmerei ist die edlere? . . . Ist's das unbändige Streben nach Sinnengenuß oder das Streben nach Selbstverleugnung, Treue und Seelengüte? Laßt unsern Kindern den erhabenen Sinn; tötet ihn nicht mutwilligerweise früher, als ihn vielleicht traurige Schicksale töten. Ich will aber nun, sei denn auch meine Bestimmung auf Erden und jenseits des Grabes, welche sie wolle . . . ich will dem Tand der entarteten Menschheit auf ewig entsagen; will nicht nach Schätzen geizen, wenn ich nur mit dem Notwendigen mein Leben erhalten kann. will nicht nach Weltruhm ringen, wenn mich nur eine Seele herzlich liebt; will nicht den Purpur und den Bettlerrock, sondern nur die Herzen unterscheiden, und hienieden meine Welt mir schaffen, wie sie sein soll, nicht wie sie durch die verwirrende Leidenschaft im unglücklichen Europa ward. Wir leben nur einmal, o Julie! Warum soll ich dies Leben den Grillen und Meinungen der Menschen opfern, und mir es nicht selbst weihen? Warum soll ich die Sklavin ihrer Vorurteile und ihrer Leidenschaften sein, da mir der Mächtigste von ihnen keinen Schmerz zu vergüten und keine Stunde neuen Lebens zu gewähren fähig ist, wenn meine Zeit einst abgelaufen sein wird! 13. Sobald wir nach zwei Tagen das erste Städtchen – sein Name ist mir entfallen – erreicht hatten, fanden wir daselbst einen Reisewagen mit allen möglichen Bequemlichkeiten, der uns, wie der Postmeister sagte, schon längst erwartete. Auch dies war ein Werk der Vorsorge unseres Herbert, damit wir nirgends allzulange aufgehalten würden, Er hatte ohne mein Wissen einen Menschen, Namens Paulowitz, in Dienst genommen; einen Menschen, dessen Treue und Klugheit erprobt waren, der schon viele Reisen gemacht hatte, durch Unglücksfälle aller Art verarmt, ohne Anstellung geblieben war, und jetzt sein Schicksal an Herberts Schicksal unauflöslich knüpfen wollte. Herbert sagte mir, daß uns Paulowitz in Paris erwarte und daselbst unsere Abreise nach Amerika vorbereite. So eilten wir unaufhaltsam durch das übrige Polen und reisten durch Deutschland, ohne an einem Orte länger zu verweilen, als es nötig war, um durch einen nächtlichen Schlummer unsere erschöpften Kräfte zu stärken. Ich las in den Zeitungen die Geschichte meines Todes und Begräbnisses. Meine Flucht aus Petersburg war ein Geheimnis geblieben . . . – Ihr meine zärtlich geliebten Eltern! . . . Meine einzige Julie! . . . In den Augenblicken, da Ihr noch meinen Tod beweintet, war ich Euch so nahe! Ich breitete schluchzend meine Arme nach jenen Gegenden aus, die Ihr bewohnt, und rief Euch leise unter tausend Thränen mein Lebewohl und meinen Segen zu. Während Ihr Euch in Trauerkleider hülltet, betete für Euch Eure unglückliche Tochter und Freundin um Frieden und Trost zu dem, der allein Trost und Frieden verleihen kann. Ich aber bin für Euch eine Tote und werde es bleiben . . . so will es mein Verhängnis. Wir erreichten endlich nach einer unaussprechlich langen Reise die Hauptstadt Frankreichs. Hier hatte uns der gute Paulowitz eine angenehme Wohnung eingerichtet; auch erzählte er uns, daß er mit dem Schiffskapitän de la Bretonne, der im Hafen zu l'Orient sei, um den Preis einig geworden, uns nebst mehreren hundert Deutschen nach Amerika überzufahren. Diese Deutschen waren mehrenteils verarmte Leute, welche ihr Vaterland zu verlassen gedachten, um ihr Glück unter einem fremden Himmelsstriche durch Anlegung neuer Kolonien in Louisiana zu finden. Aber erst im Monat Mai konnte die Abfahrt geschehen. Ich fürchtete während dieser Zeit in Paris entdeckt zu werden. Eben das ungeheure Menschengewühl dieser kleinen Welt, in welchem ich anfangs glaubte, am unbemerktesten leben zu können, ward mir um so gefährlicher, da hier von allen Nationen Europas Reisende zusammenströmen. Wie leicht konnte ich in der Nähe des Hofes von irgend einem Neugierigen erkannt und verraten werden, der mich einmal in Petersburg oder Wolfenbüttel gesehen! Vater Herbert, welcher jetzt den Namen de l'Ecluse angenommen, fand meine Besorgnisse sehr gegründet. Wir verließen Paris, um, nach unserer Gewohnheit immer unstät und flüchtig, vor der Abreise noch einige Gegenden Frankreichs zu besuchen. Aber auch auf dieser Irrfahrt war ich noch nicht vor Verräterei sicher . . . wo ich am geborgensten zu sein wähnte, war meine Gefahr am größten. Als wir uns nämlich in Poitiers befanden, kam ich auf den Gedanken, in Gesellschaft unserer artigen Wirtin einer Abendmesse in der dortigen Kirche beizuwohnen. Ich betete mit Inbrunst, o meine Julie, für Dich, für meine Kinder und für meine fürstlichen Eltern . . . Ein unerwarteter Anblick riß mich aus meiner tiefen Andacht heraus und fesselte unwiderstehlich meine Aufmerksamkeit. Nicht fern von mir stand in den Reihen der Männer – o wie gern schrei ich seinen Namen, der mich wieder an die fröhlichsten Stunden meiner Kindheit erinnert! – der Chevalier d'Aubant. Ich erschrak und doch konnte ich meinen Augen nicht gebieten, ihn zu verlassen. D'Aubant war's, der einst – ach Julie, mit Wehmut gedenk' ich des Tages, ich feierte Dein Geburtsfest und wir unbesonnene Mädchen durchschwärmten mit kindischem Übermut die grüne Wildnis – uns Verirrten wie ein Schutzgeist erschien . . . d'Aubant, der nachmals im traurigen Petersburg edel genug dachte, für die Ehre einer zum Spott des Pöbels gewordenen Fürstin sein Leben zu wagen . . . dessen Bild ich mir nie denken kann, ohne es vom rosenfarbenen Himmel meiner Kindheit umstrahlt zu sehen – dessen Namen ich nie ohne Dankbarkeit nenne, da er für den meinigen ohne Hoffnung einer Belohnung sein Blut vergoß. Er war's! . . . Julie, ich zitterte! In angenehmer, wunderbarer Wärme glühte mein halb erloschenes Leben auf. D'Aubant glich in diesen Augenblicken einem holden Genius, der mir noch einmal an den Grenzen des vaterländischen Weltteils wie zum Abschiede erscheinen wollte, bevor mein Schicksal mich auf immerdar entführt haben würde. Ich vergaß bei seinem Anblick mich selbst und meine Gefahr. Er bemerkte mich nicht. Sein Gesicht drückte männliche Schwermut aus, Du erinnerst Dich noch seiner hohen Gestalt und der zarten, geistvollen Sprache seiner Mienen! Oft hatte uns die Erscheinung des schönen Waldgottes, wie Du ihn gern nanntest, Stoff zu tändelnden Neckereien gegeben. O wie ward mir zumute! Ein halbes Jahrzehnt meines Lebens schien nicht gewesen zu sein. Ich irrte wieder mit Dir im Hain von Blankenburg und Du bekränztest mich wieder zum abendlichen Tanz auf dem Lustschlosse mit wilden Feldblumen. Plötzlich wandte er sich um. Er erblickte mich, und ich glaubte in seinen Augen das tiefste Entsetzen zu lesen; welches seine ganze Seele beim Anblick einer Totgeglaubten erfülle mußte. Ich fiel aus meinen Träumen, und hüllte mein Gesicht in die Falten des Schleiers. Ich war einer Ohnmacht nahe. Wie eine ertappte Verbrecherin sehnte ich mich nach Flucht und Freiheit. Der Boden glühte unter meinen Sohlen, und die tausend in der Kirche Versammelten schienen ihre Augen auf mich allein zu richten und einander zuzuflüstern: Siehe, dort ist die entwichene Fürstin! Es war wegen des Gedränges unmöglich, die Kirche sogleich zu verlassen, so sehr ich auch meine Gefährtin darum bat. Und immer blieben d'Aubants Blicke auf mich geheftet; immer begegneten meine Augen den seinigen wieder – und ein Gemisch von Grausen und Wollust durchschauerte mich, wie Glut und Frost den Fieberkranken. Sobald ich unsere Wohnung wieder erreicht hatte, ließ ich Herbert rufen. Agathe bemerkte meine Verwirrung, meine Angst; Herbert desgleichen. Ich verheimlichte ihnen nichts. Ich erzählte ihnen von d'Aubant. Er war ihnen dem Namen nach, seit seiner Flucht aus Petersburg, nicht mehr unbekannt. Wir beschlossen einmütig, die Stadt Poitiers sogleich zu verlassen. Ich hatte in der Nacht keinen Schlummer. Immer wähnte ich mich verraten, und das Haus umringt, und mich den Kerkern von Petersburg zugeführt . . . und mitten in meiner Todesangst stand wieder die Gestalt d'Aubants vor mir, und neben ihm blühte das Elysium meines ersten Lebens, ich konnte dann den Mann nicht hassen, der mich verraten und ausliefern wollte. Diese einzige Nacht in Poitiers dünkte mich länger und ereignisvoller, als mein ganzes Leben. Am folgenden Morgen hatten wir schon, ehe es im Osten graute, Poitiers verlassen. 14. Sobald der Maienmond begann, wurden wir unter dem Namen einer deutschen Familie, welche nach Westindien zu ihren Verwandten reiste, eingeschifft. Paulowitz hieß nun Paul; Herbert, unser sorgsamer Vater, trug den Namen Walter. Jener hatte, während wir andern in Frankreichs Provinzen umhergezogen waren, mit bewundernswürdiger Sorgsamkeit in l'Orient alles zusammengekauft, was teils eine langwierige Seefahrt angenehm machen, teils uns im fernen Weltteile wohlthun konnte. Die Kanonen donnerten im Hafen das Lebewohl. Die Winde schwellten unsere Segel. Das Schiffsvolk jauchzte. Die Batterieen von Port-Louis donnerten den Scheidegruß zurück . . . Das Schiff flog über die dunkeln, spielenden Wellen des Ozeans. Die Ufer Europas wichen zurück. Agathe stand voll tiefer Wehmut auf dem Verdeck. Ihre Lippen bebten, wie wenn sie zu dem verschwindenden Weltteile reden wollte; Thränen füllten ihre Augen. Die arme Agathe! Ihre Seele irrte in den Wüsteneien von Polen, und umschwebte den trauernden Janinski im winterlichen Sloboda, Herbert hatte sich mit gekreuzten Armen und gesenktem Haupte in schwermütiger Stellung an einen Mastbaum gelehnt. Meinethalben schied er von der mütterlichen Erde, und suchte in fernen Wildnissen nun das Ziel seines tugendhaften Lebens. Er hörte nicht das Donnern des Geschützes, nicht das fröhliche Jauchzen der Matrosen. Nur dann und wann schien ein Seufzer seine Brust zu heben. Und aus dem Gewühl und Lärmen des Schiffsvolks erscholl mit einemmale ein feierlicher Kirchengesang, von Männern, Weibern und Kindern. Es waren Deutsche und Schweizer, welche sich eingeschifft hatten, um in Louisiana das Glück zu finden, welches ihnen in der alten Welt nicht lächeln wollte. Sie saßen gedrängt beisammen, und sangen mit lauter Stimme ihren Psalm zu dem Gotte ihrer Väter, und empfahlen ihm das teure Vaterland, welches sie nicht mehr ernähren konnte. Und aller Augen starrten nach dem festen Lande hin, und weinten im Angesichte desselben ihre Abschiedsthränen. Die Wehmut übermannte auch mich. Mein leises, glühendes Gebet für meine Kinder stieg unter den Liedern dieser Unglücklichen zum Himmel empor; und meine Thränen begleiteten die ihrigen. Natalie, o Natalie, geliebte Tochter, und Du, mein unglückseliger Säugling, dem nicht die zarte Hand der Mutterliebe die Thränen trocknen darf . . . noch einmal lebet wohl! So rief ich, und sah die Küsten Europas vor mir dunkler werden, und am Horizont verdämmern. Wie ein ungeheurer Sarg versank der heimatliche Weltteil mit all seinen Schätzen und Martern, mit seinen Thränen- und Freudenstunden in die Tiefe des Meeres. Nur nach meinen Kindern schlug mein Herz in diesem feierlichen Augenblick . . . auch sie gingen für mich auf ewig unter. Ich schwebte einsam auf dem Ozean, wie ein abgeschiedener Geist, der, zu entfernten Bestimmungen hingerissen, schaudernd die Welt wie einen Dunst vor sich zerfließen sieht . . . die Welt, welche für ihn zwar manche Qualen, aber auch manches Kleinod hatte. Ich saß, in meinen Empfindungen verloren, auf dem Verdecke. Der Mond war aufgegangen, denn unsere Abfahrt geschah spät am Tage; weit umher herrschte Totenstille; überall nur Wollen und Himmel, Dunkelheit und Glanz. Dies furchtbar liebliche Schauspiel fesselte mich durch seine Neuheit und zerstreute meinen Gram. Da trat Agathe zu mir und fragte schüchtern: »Meine Augustine, störe ich Dich? Du bist betrübt. Verfolgt Dich schon so früh die Reue? Verlässest Du Dein Europa ungern?« Ich zog das gute Mädchen an mich und antwortete: »Nein, gern! Denn niemand liebte, niemand schützte mich dort. Und was mich liebt und schützt, begleitet mich zur neuen Welt. Nur um meine Kinder klage ich, und um meine Julie. Die sind mir verloren. Und hätte ich sie nicht verlassen, so wären sie mir dennoch verloren. Nun denn, gute Nacht, Vergangenheit! Sei mir willkommen, fremde Zukunft! Ich gehe Dir mit einer reinen Seele entgegen. Wer nichts zu fürchten hat, hat nur zu hoffen.« Agathe drückte ihr Gesicht an meine Brust und schluchzte heftiger. »Du weinst?« fragte ich sie. »Sehnst Du Dich heim?« Nach einer langen Stille lispelte sie nur den Namen Janinski. Meine Augen wurden von Thränen verdunkelt. Ich küßte des Mädchens heiße Stirn und antwortete nicht. Was hätte ich auf solch ein vielsagendes Wort erwidern können? Agathe liebte. Janinski war der Gegenstand ihrer ersten Leidenschaft. Treu und ergeben hatte sie mir ihre schönsten Empfindungen zum Opfer gebracht, und es erst damals gestanden, als sie hoffnungslos an der Möglichkeit ihres Glückes verzweifelte. Ja, es ist das höchste Opfer, sein eigenes Herz freudig brechen zu lassen, indem man seine Liebe tötet! Unterm Himmel beseligt nichts so, wie dies Gefühl, welches mit dem Glücke der Unsterblichkeit so ganz eins. Wer seine Liebe opfert, der opfert mit ihr seine Unsterblichkeit. Ohne Liebe ist die Ewigkeit leer und wertlos. 15. Wir schwammen nun aus dem hellen, immer bewegten Ozean von Insel zu Insel. Wir gewöhnten uns an das unbequeme Leben der Seefahrer; an das betäubende Hin- und Herwiegen des Schiffes; an das rege, wunderbare Einerlei des Weltmeeres, Das Bild des stillen, rastlosen Lebens und der Ewigkeit giebt uns keine Landschaft mit ihren blühenden Gefilden, kein Gebirge mit seinen unermeßlichen Aussichten in so vollem Maße, als das Meer. Hier ist alles Bewegung und unermüdlich. Unter uns gaukeln die Wellen; um uns flattern die bunten Wimpel des Schiffs; über unserm Haupte schweben die Gewölke. Die ungeheure Natur ist bald in stiller, bald in geräuschvoller Gährung, und der Mensch, welcher die unbändigen Elemente beherrscht, erscheint nirgends in so gewaltiger Hoheit, wie hier. Wir sahen die Kanarischen Inseln . . . wir wohnten einige Tage auf Teneriffa, am Fuße des Pic. Schon umgab uns hier eine neue Welt, ein neuer Pflanzenwuchs, und Menschen von anderen Farben. Wir wähnten uns schon von Europa weit geschieden. Agathe klagte leiser um Janinski, und lächelte wieder wie sonst. Ich hatte Rußland und Deutschland fast vergessen; die Erinnerung ward schwächer an alles, was mich einst freute und quälte . . . ich sah auf die Vergangenheit zurück, wie auf einen langen, düstern Traum, oder wie der Geist eines Verstorbenen auf die Geschichte seiner irdischen Wallfahrt. Ich hätte es nicht geglaubt, daß ich hier noch durch einen Dritten so unerwartet, so überraschend an meine schönsten Lebensstunden, an Dich, o meine Julie, an meine ferne reizende Heimat erinnert werden würde! Der Schiffskapitän beschloß plötzlich, mit gutem Winde wieder Teneriffa zu verlassen. Eilfertig verließen wir das Land. Wir waren ins Boot gestiegen und warteten noch auf die Rückkehr des wackern Paul. Er kam atemlos, stieg zu uns ein, und die Matrosen stießen vom Lande. Julie, denke Dir, in eben diesem Augenblicke . . . ich saß mit dem Gesicht gegen das Land gewandt . . . erschien am Ufer ein junger Mann . . . ganz d'Aubants Gestalt. Ich erschrak . . . nein, ich kann es nicht Schreck nennen . . . eine unbegreifliche Mischung von Bestürzung, Freude und Wehmut war es, die mein Gemüt verwirrte. Ich ergriff Agathens Hand . . . »d'Aubant ist's! Gewiß d'Aubant!« rief ich. Es schien, als habe er mich erkannt . . . Aber sein Betragen war mir doch unerklärlich. Er lief am Ufer ängstlich umher und streckte die Arme über das Meer nach uns aus, – ich hätte wünschen mögen, daß ein Unfall unser Boot getroffen und es zur Rückkehr gezwungen hätte. Wir erreichten das Schiff. Die Anker wurden bei unserer Ankunft gelichtet. Rasch flogen wir in die weite Wüste des Ozeans hinaus; ich stand auf dem Verdeck; ich starrte nach den blühenden Lüften Teneriffas zurück. Und als die Gestade bläulich verdämmerten, starrte ich noch immer dahin; und mir war es, als sehe ich noch immer d'Aubants Gestalt, wie sie die Arme ausstreckte, und eine Stimme sagte mir immer: »Gegen mich!« . . . Und als wir gegen Abend nichts mehr sahen, als den hohen, einsamen Pic, wie er gleich einer Pyramide aus den Tiefen der Gewässer hervorragte, war mir's, als stehe diese Gebirgssäule am Horizont nur da, um noch die Gegend zu bezeichnen, wo d'Aubant trauere. Paul kannte d'Aubant noch aus Petersburg. Er erzählte mir, daß d'Aubant es in der That gewesen, der am Ufer erschienen sei – daß er mit ihm einige Worte gesprochen; daß derselbe nach Amerika reise, um sich in Louisiana niederzulassen. In Louisiana! . . . Also auch ein Unglücklicher? Fast sollte ich über die Teilnahme erröten, welche dieser Mann in meinem Herzen erregt, denn jeder der Augenblicke, in welchen ich ihn gesehen, hat in meinem Gedächtnisse einen hohen Wert. Aber nicht er ist es, von dem ich mit wehmütiger Ruhe, mit einem Gefühl wie Sehnsucht, so gern träumte; es ist die Zahl meiner Blütenstunden, die ich betrauere, in denen er mir zum erstenmal erschien. Jetzt, von meiner ehemaligen Welt geschieden, ist mir jede Kleinigkeit von ihr so neu, so wichtig! . . . So gewährt uns eine am Fenster blühende Pflanze in des Nordens rauhen Wintertagen ein höheres Vergnügen, als eine Flur voll Blumen im Sommer. Ach, Julie, ich will d'Aubants gern gedenken! Es ist das Einzige, wodurch mein Herz sich eines Dankes entledigt, welchen es dem edlen Manne schuldig ist, der für meine Ehre sein Blut vergoß. Die Erinnerung an ihn ist zugleich eine Erinnerung an Dich und an mein verlornes Himmelreich. 16. Geschrieben in Port au Prince . Dem guten Herbert bekam die Seeluft übel. Er war uns erkrankt. Wir trauerten um ihn, wie um einen Vater. Mit Freudenthränen dankte ich Gott, als wir nach der langen, ewigen Fahrt endlich wieder festes Land erblickten. Es war St. Domingo, die reichste von allen Inseln Westindiens, rings von Felsen und gefahrvollen Klippen umgeben. Unser Schiff landete. Ich verließ mit den wenigen, welche mir in die fremde Welt folgten, das Schiff, und wir kehrten auf dasselbe nicht wieder zurück. Denn Vater Herbert liegt hier schon seit zwölf Wochen krank. Weh' mir, wenn ich ihn verlöre! Er ist mein zweiter Vater, mein Lehrer, mein Schutzgeist, mein Führer. Ich würde in der Einöde der weiten Welt allein stehen. Agathe ist ein holdes Kind, und bedarf selbst des Rates und Schutzes. O Alexis! Alexis! Dahin treibst Du mich, mein Gemahl! Fern von meinen Kindern, fern von meiner Heimat irre ich, die Tochter der Welfen, in fernen Zonen. Meinem Tode konntest Du keine Thränen weihen . . . was würde Dein Herz fühlen, wenn Du die Verlassene hier erblicktest? Wir bewohnen ein artiges Landhaus am Meere, nicht weit von der Stadt; es gehört einem begüterten Kolonisten . . . Er ist ein alter, biederer Mann, immer reich an fröhlichen Einfällen. Seine an einen jungen Pflanzer vermählte Tochter besorgt die häuslichen Angelegenheiten. Sie ist Mutter zweier liebenswürdigen Knaben, die dem alten Großvater viele Freude machen. Wir sind in dieser Familie bald heimisch geworden. Wir lieben uns, wie wenn wir uns schon seit vielen Jahren kennten. Besonders hängen die beiden schönen Knaben an mir. Auch ich bin Mutter; ach, und die Küsse, welche ich an sie verschwende, gelten den fernen geliebten Engeln, von denen ich nie den süßen Mutternamen hören darf! . . . O Julie, was ist bitterer, als der Schmerz einer unglücklichen Mutter? Man wendet alle Kunst an, uns Pilger in St. Domingo zu fesseln. Täglich fordert man uns auf, daß wir uns hier niederlassen sollen. Der alte Deroy, so heißt unser freundlicher Wirt, will uns in seiner Nachbarschaft eine schöne Pflanzung verkaufen. Nein, wir sind noch zu nahe an Europa; allwöchentlich erscheinen hier Schiffe von jenem mir so furchtbar gewordenen Weltteile. Die Neugier der Reisenden durchspürt die ganze Insel. Wie leicht könnte ich entdeckt und verraten werden! Ich will nach Louisiana . . . Dahin zieht mich meine Sehnsucht. Dort werde ich im Schatten tausendjähriger Haine verborgen und vergessen leben; dort werde ich mir ganz gehören. Und vielleicht – o Julie! süß ist mein Wahn – bin ich in jenen Wildnissen dann doch nicht so einsam. Was habe ich Arme, womit ich meinem dürftigen Leben Reiz gebe, als Träumereien? Ich will mit kindlicher Begier an den bunten Hoffnungen hangen, und würden sie auch nie erfüllt. Sobald Vater Herbert genesen ist, suchen wir Louisiana's Wälder auf. 17. O wunderbare Allmacht der Liebe! . . . Was kein Mensch glauben, keiner träumen kann, ist geschehen. Julie, ich taumle vor Freuden! Der Geliebte Agathens, der gastfreundliche Pole Janinski, ist in St. Domingo. Er hat mit unbegreiflichem Glück unsere Spur durch ganz Europa und über das Weltmeer hin verfolgt, nachdem er sein Hab und Gut in Geld verwandelt hatte. Es klingt schwärmerisch. Aber, wenn sich der Mann in seiner Schwärmerei nur glücklich fühlt. Fast vermute ich, daß Agathe mit ihm mehr im Einverständnis gewesen, als sie mich wissen ließ. Genug, er ist da! Aus der Stadt kam ein Bote an den Herrn Walter. Herbert führt in St. Domingo diesen Namen. Der Mensch brachte ihm einen Brief. Herbert war noch zu schwach, ihn selbst zu lesen. Agathe und ich standen vor seinem Bette. Ich öffnete den Brief und las ihn vor. Ehe ich vollendet hatte, sank Agathe fast bewußtlos nieder. Janinski kündigte sich in diesem Schreiben selbst an. Sobald das gute Mädchen sich erholt hatte, hielten wir Rats zusammen. Agathe aber sprach nichts. Sie setzte sich, den Brief in der Hand, an's Fenster; stumm und in tiefer Gemütsbewegung saß sie da. Sie starrte nur den Brief an, las ihn aber nicht. Ich fürchtete für ihre Gesundheit. Ich wollte sie beruhigen; sie hörte mich aber nicht; sie sah nur das tote Blatt an, und stieß von Zeit zu Zeit einen Seufzer aus. Ich schrieb in Herbert's Namen die Antwort an den kühnen Abenteurer, und bat ihn, seinen Besuch noch um einige Tage zu verschieben, weil Agathe allzu bewegt sei. Noch hatte ich nicht vollendet, als sich die Thür öffnete. Janinski selbst trat herein. Ich erschrak. Agathe sprang mit einem Schrei vom Sessel auf, ward totenbleich, wankte ihm, mit halbgeschlossenen Augen, wie eine Sterbende entgegen, und fiel ohne Bewußtsein ihm in die Arme. Mit Mühe brachten wir sie in's Leben zurück. Erst am folgenden Tage konnte sie ihren Freund mit Ruhe sehen und sprechen. Der kranke Herbert wollte dem Janinski Vorwürfe machen. »Oh,« rief Janinski, »mir steht es zu, Ihnen Vorwürfe zu machen! Warum erschienen Sie mit Ihrer liebenswürdigen Tochter in meiner Einöde, und raubten mir auf immerdar Freude und Ruhe? . . . Ich hatte sie gesehen, ich liebte sie, und die Überzeugung, daß ich Agathen nicht unglücklich liebe, machte mich noch elender. Es ist mir, aller Ihrer Vorstellungen und Verheimlichungen ungeachtet, gelungen, Sie auszuspähen. Ich bin nun da, Wollen Sie noch ferner hartherzig sein? Wollen Sie nicht mein Vater werden, wohlan, so verstoßen Sie mich! Aber ich werde Sie durch alle Weltteile verfolgen, wie Ihr Schatten, bis Sie von meiner Ergebenheit, von meiner Standhaftigkeit gerührt werden. Verschmähen Sie mich als Ihren Sohn . . . nun, so will ich Ihr Sklave werden! Sie reißen sich nicht wieder von mir los.« So ungefähr sprach der Mann, und wie er's sprach! Seine ganze Miene war Seele. Entzücken, Wehmut und Besorgnis sprachen in denselben Augenblicken aus seiner Stimme, aus seinem Lächeln, und aus der Thräne, die von seinem flammenden Auge wie ein Lichtfunken fiel. Herbert sah mich mit einem stillforschenden Blicke an, und reichte Janinski freundlicher die Hand, »So viel Treue ist wohl des höchstes Lohnes wert!« sagte ich . . . Janinski fiel mir zu Füßen, bedeckte meine Hand mit brennenden Küssen, und rief: »Verlassen Sie mich nicht! Verstoßen Sie den unglücklichen Janinski nicht!« Und als Herbert sprach: »Wohlan, Janinski, ich gebe Ihnen meine Tochter, wenn meine Tochter Ihnen Liebe geben kann!« sprang Janinski auf, und redete wie ein Begeisterter, oder wie einer, dessen Sinne verwirrt waren . . . Er weinte, er lachte, er erzählte von den Gefahren seiner Reise, er rief Agathens Namen, er bat um ihre Liebe, ungeachtet Agathe nicht mehr zugegen war, er überhäufte Herbert und mich mit Dank und Segen, schilderte einen Sturm, den er auf dem Meere ausgestanden, und faltete dann wieder die Hände gen Himmel, als wollte er Gott für das erreichte Ziel Dank sagen. Es war nicht mehr daran zu denken, den hochbeglückten Schwärmer nach der Stadt zurückzusenden. Wir behielten ihn im Hause. Am folgenden Tage gab ihm Agathe den Schwur der ewigen Liebe, und mit errötenden Wangen den belohnenden Kuß für so viel unglaubliche Treue. Wie sie Beide nun hochbeseligt sind! . . . Ich sehe in dem Glücke dieser Liebenden mein eigenes Glück blühen . . . . Janinski will sich im schönen Louisiana mit uns anbauen. Unaufhörlich träumen wir von dem Elysium, welches unser wartet. 18. Langsam kehrte Vater Herberts Gesundheit endlich wieder. Schon konnte er, nach sieben peinlichen Monaten, das Krankenlager verlassen . . . wir beschlossen, sobald er vollkommen hergestellt sein würde, die Vermählung der beiden Liebenden zu feiern. O meine Julie, nun nehm' ich die Feder, um Dir eine meiner fürchterlichsten Lebensstunden zu beschreiben! Auf Erden soll keine Freude reifen; unser Herz sich an keine Lust hängen. Die Hoffnung, welche wie ein neugebornes Kind zartlächelnd an unserm Herzen ruht, wird von dem tückischen Dolch der nächsten Stunde getötet. Wir gehören nicht dieser Welt an. Sie selbst stößt uns mit grausamem Ernst zurück, wenn wir sie lieb gewinnen möchten. Über den Sternen ist unsere Heimat, nicht unter denselben! sagt der gute Herbert, wenn er mich trösten will Ach! und was können wir für unsere Schwäche? Warum tragen wir ein fühlendes Herz in der Brust? Janinski, Agathe, Frau Almas, die Tochter des alten Deroy, mit ihren beiden schönen Knaben August und Karl, und ich gingen am Nachmittage durch die fruchtbaren Felder. Nächtlicher Regen hatte die Luft erfrischt, und ein kühler Ostwind blies über das Meer herüber. Wir streiften durch die Zucker- und Indigopflanzungen, sahen den Arbeiten der Sklaven zu, und kehrten nachbarlich in manche Hütte ein, Von langem Wandern ermüdet, ruhten wir auf weichem Rasen unter Kakaobäumen aus. Die Sonne war schon hinter den Hügeln niedergesunken, ihre letzten Strahlen flimmerten rötlich an den Gebüschen und Felsen. Ein gewürzhafter Duft von tausend unbekannten Kräutern strömte uns im Zuge des Ostwindes entgegen. Da sagte Janinski: »Warum ist diese Herrlichkeit so vergänglich? Warum gewährt uns der Himmel nicht schon hier ein ewiges Leben? Wir sind berufen, das wundervolle Schauspiel zu sehen, und ehe wir's noch ganz genießen können, ist der Vorhang schon wieder gefallen.« »Das Leben hienieden ist nur der Prolog zum ewigen Schauspiel!« erwiderte ich ihm. »Er kündigt nur an, und reizt unsere Erwartung auf das Folgende. Ist der Prolog so reizend, wie sollen wir nicht mit Begier wünschen, daß der Vorhang falle, damit das Schauspiel selbst beginne?« Janinski drückte Agathens Hand an seine hochschlagende Brust; und sie lächelte zärtlich den teuren Liebling an. »Sollen wir wünschen, daß der Vorhang falle?« fragte sie ihn. »Ich habe genug empfangen, Agathe,« rief er, »denn Agathe liebt mich. Und mein höchstes Ziel ist errungen, glücklicher kann die Welt mich nicht mehr machen. Früher oder später, immer aber einmal müssen wir hienieden enden; gepriesen sei der Mensch, welcher mitten unter seinen Freuden entschlummert! Und ist dies Leben nur der Prolog, o meine Agathe, was werden wir uns im Jenseits sein!« Unter solchen Gesprächen verflogen die Minuten und Stunden. Der aufgegangene Mond und die wachsende Dunkelheit erinnerten uns an den Heimweg, Wir wählten den kürzesten Pfad, der längst dem Meergestade sich hinzog, die Knaben sprangen munter davon. Ein plötzlicher Sturmwind erhob sich, noch ehe wir die Wohnung erreichen konnten. Gesträuche und Bäume brausten wild, der Staub wirbelte in großen Wolken von der Erde himmelan; die Wellen schlugen mit dumpfem Geräusch an die Klippen . . . . Der Aufruhr der Natur ward von einer Sekunde zur andern entsetzlicher. Wir verdoppelten unsere Schritte, denn wir waren von der Wohnung noch weit entfernt. »Meine Kinder! meine Kinder!« seufzte Frau Almas ängstlich. »Sie sind gewiß schon zu Hause,« sagte Janinski, »denn sie haben uns schon längst verlassen.« Die Gewalt des Sturmes warf uns fast zu Boden. Mondschein, Finsternis und Staubwolken blendeten uns, daß wir kaum sahen, wohin wir traten. Das Meer brüllte ungestümer, und von den wankenden Bäumen stürzten zerrissene Zweige. Es war mir, als zittere das Erdreich, als wolle der gewaltige Orkan die Felsenwurzeln St. Dominos vom Grunde des Ozeans losreißen und die Insel zermalmen. »Noch eine Viertelstunde!« sagte die junge Almas, welche uns den Weg zeigte. Mutterzärtlichkeit machte sie behende und mutig. Sie flog immer weit vor uns hin durch Nacht und Sturm; kaum konnten wir sie einholen. Wenn wir ihr nahe waren, hörten wir sie nur die Worte lispeln: »Meine Kinder! Meine Kinder!« Plötzlich stand sie still, rang die Hände und rief: »O mein Gott, diesen Weg so hart am Meere dürfen wir nicht gehen! Bei der Flut und bei solchem Sturme stürzen oft große Wellen über den schmalen Fußpfad. Zurück! . . .« Noch ehe wir einen Entschluß fassen konnten, rief sie wieder: »Doch ich will erst nach der gefahrvollen Stelle hin, um zu wissen, ob meine Kinder hinüber sind.« Sie ging; wir folgten ihr. Als wir zwischen den Felsen hervortraten, deren Wände uns kurze Zeit gegen die Windstöße geschützt hatten, sahen wir vor uns das kochende Meer, wie es sich hoch emportürmte, und von Zeit zu Zeit eine große Woge gegen die Klippenmauer jagte, an welcher sich der Fußpfad hinzog. Die Wellen eilten mit erschütternder Furchtbarkeit vom Meere gegen das Gestade, hundert neben hundert, wie ergrimmte Streiter, welche eine feste Burg erstürmen und wütend über die Leichname ihrer gesunkenen Vorderreihen fortstürzen. Der bleiche Mond sah durch die fliehenden Wolken des Himmels, und leuchtete grausig zum Kampf der empörten Elemente. Als wir der Stelle nahe gekommen, gebot uns Janinski, stille zu stehen. Kaum konnten wir in dem betäubenden Wogengetöse unsere Worte hören. »Still!« rief die bebende Almas. »Ist das nicht das Wimmern eines Kindes?« Uns allen fuhr ein kalter Schauer durch Mark und Bein. Wir horchten: wir vernahmen deutlich ein ängstliches Stöhnen, aber wir sprachen zur bangen Mutter: »Nein, wir hören es nicht! Der Wind pfeift in den Klippen und Gebüschen.« »Ich muß aber hinüber!« rief die verzweifelnde Mutter. Janinski ergriff sie, und indem die letzte Woge abfloß, trug er sie eilends über den Pfad in Sicherheit. Dann kam er wieder, erhaschte den glücklichen Moment und trug seine Agathe dahin. Er kam wieder und nahm auch mich. Drüben im Hause saß der kleine Karl schon am Fenster und weinte und seine Mutter lag vor ihm auf den Knieen in Todesangst und rief: »Aber wo ist Dein Bruder August?« Der Knabe schluchzte und deutete mit der Hand auf die schäumenden Wellen hinaus. »Allmächtiger Gott!« schrie sie, sprang auf und streckte die Arme gegen das Meer, als fordere sie dem tauben Ozean den kostbaren Raub wieder ab. Indem trat der Mond abermals aus den Wolken. Da sahen wir deutlich, nicht weit vom Ufer, den armen August im Wasser. Er hielt sich mit seinen kleinen Armen festgeklammert an einem zerbrochenen Baumstamm, der in den Wellen hing. Von Zeit zu Zeit rauschte eine Woge über ihn hinweg. Als seine Mutter ihn erblickte, flog sie mit ausgebreiteten Armen der daherströmenden Woge entgegen, und stürzte sich uneingedenk ihrer schwachen Kraft ins Meer, um den holden Liebling ihrer Seele zu retten. Heulend schlugen die Wellen über sie zusammen. Wir alle standen erstarrt. Ich taumelte ohnmächtig gegen die Felswand. Nur der edle Janinski behielt seine Geistesgegenwart. Er beobachtete die Flut, bat uns, ruhig zu sein, und sprang, als er die Kleider der armen Almas über den Wellen erblickte, eilig ins Wasser. Agathe schlug schauernd ihre Arme um meinen Nacken. Alle Kraft verließ sie. Sie sank, einer Entseelten gleich, auf die feuchte Erde an meiner Seite nieder. Ich rief bald den Namen der Almas, bald den Namen Janinski. Und als ich sah, wie Janinski, mit den Wellen kämpfend und sie bewältigend, die Kleider der Almas faßte, und seine Beute gegen das Ufer führte, schlug mein Herz wieder hoch und freudig. Indem die bebende Almas von Janinski ans Land gebracht und zu meinen Füßen niedergelegt ward, erschienen auch ihr Gatte und ihr Vater, welche sorgenvoll ausgegangen waren, uns zu suchen. Sie hatten mein Geschrei vernommen, ihre Schritte beflügelt, und eilten nun, die halbtote Frau und Agathen ins Leben zu bringen. Janinski aber säumte nicht, sein großes, gefahrvolles Werk zu beenden. Er warf sich zum zweitenmal ins Meer, denn noch hielt sich der Knabe mit aller Kraft an einem Zweige des Baumstammes fest, aber jede über ihn hinrollende Woge drohte ihn wegzuspülen. Sein Retter erschien, riß ihn vom Baume los, kämpfte sich mit ihm durch die Fluten hindurch nach dem Gestade zurück, und als er nahe genug war, schleuderte er ihn mit unglaublicher Macht auf's feste Land hinauf, wo ihn sein Vater auffing. Aber Janinski wälzten die Wogen wieder vom Ufer zurück . . . noch einmal streckte er den Arm aus einer Welle empor . . . und wir sahen ihn nicht mehr. O Julie, wir sahen ihn nicht wieder! Wir erhoben ein fürchterliches Geschrei. Sturm und Wellen heulten mit uns. Aber der Edle blieb verschwunden . . . unser Geschrei, unser Suchen blieb vergebens. Man holte Sklaven herbei und Fackeln, Seile und Leitern. Einige Neger wagten ihr Leben im Meer, den Verlornen zu finden. Der Greis Deroy versprach dem Sklaven die Freiheit zu schenken, der uns Janinski bringen würde. Er bot den Preis vergebens. Wir Frauen wurden nebst den Kindern in die Wohnung geführt. Die Männer setzten ihre Nachforschungen fort. Ach, erst am fünften Tage nachher fand man Janinskis Leichnam an einer von der Stelle, wo wir ihn zuletzt sahen, weit entfernten Klippe. So ward der Tod in den Wellen der Lohn seiner heldenmütigen Tugend. So hatte der edle Mann nun Heimat und alles verlassen, hatte voll treuer Liebe Länder und Meere durchirrt, hatte, vom günstigen Gestirn geleitet, die Geliebte wiedergefunden, um vor ihren Augen sein Leben zu verlieren. 19. Fünf traurige Monate sind seit Janinskis Tode verflossen. In wenigen Tagen sollen wir nach Neu-Orleans zu Schiffe gehen. Herbert, wiewohl nicht ganz hergestellt, ist doch stark genug, die Mühseligkeiten einer neuen Seereise zu wagen. Das ungesunde Klima St. Domingos würde ihn töten, wenn wir länger zögerten. Und meine Agathe, die unglückliche Braut, hat ihren Kampf gekämpft und obgesiegt. Sie sehnt sich mehr als ich nach der Einsamkeit von Louisiana, um dort ihren Janinski mit eben der unüberwindlichen Liebe zu betrauern, mit welcher er sie einst liebte. Sie ist ein schönes Bild der Wehmut, und erscheint mir liebenswürdiger als jemals. Gute Nacht denn, Weltgetümmel, aus welchem wir alle mit verwundetem Herzen scheiden . . . Empfanget mich, ihr stillen Wildnisse der Fremde und gebet mir die längst ersehnte Ruhe! Dort hört der furchtbare Wechsel der Schicksale auf. Unsere Tage verfließen dort in stiller Einförmigkeit und klösterlicher Abgeschiedenheit, bis man unsern Staub in den friedlichen Schoß der Erde senkt. Wenn die dunkelroten Gluten des Morgens durch den Wald brechen und der Gesang der Vögel erwacht, will ich betend meine ersten Stunden dem Vater des Weltalls weihen, dann in häuslichen Geschäften Mittel suchen, das Leben derer zu verschönern, welche mir mit Selbstverleugnung in die Einöde folgten. Ich werde sie alle froh sehen; und was kann meinem Frieden mangeln, wenn sie lächeln? Ich will die Wunder der Natur studieren; Bildung, Eigenschaften und Kräfte der reizenden Pflanzenwelt untersuchen, von der hohen Ceder bis zum Moose, von der Palme bis zum Grashalm. So werde ich Gott sehen, so werde ich mit ihm vertrauter werden. Bald will ich ein ödes Feld urbar machen, bald einsame Spaziergänge schmücken, um meine Geliebten zu überraschen; bald die Arbeiten und Tagewerke der Insekten belauschen; bald mich an der erhabenen Musik des donnernden Wasserfalles ergötzen. Und wenn die Nacht mit ihrer begeisternden Herrlichkeit die Fluren Louisianas beschleicht, wenn das Firmament seine tausend Sonnen enthüllt, und ein ernster Geist die verstummte Welt durchzieht, dann will ich der Ewigkeit meine Betrachtungen, meine Hoffnungen weihen. Sie wird mir nicht mehr fremd sein. Mein Auge wird einst im Tode unter einer Freudenthräne brechen. Seid mir gegrüßt, ihr heilige Wildnisse, die noch keines Europäers Ehrgeiz, Wollust und Golddurst entweihte! Nehmt mich auf in Eure kühlen Schatten; ich gehöre nicht mehr dem Getümmel der Welt und ihrer Leidenschaft an; ich werde fortan in meinem harmlosen Selbst leben! Drittes Buch. 1. Der Chevalier d'Aubant an seinen Freund Bellisle. Christinenthal , den 24. April 1718. Sie werden glauben, geliebter Bellisle, ich sei längst vom Ocean verschlungen, oder schon seit Jahr und Tag von den Indianern erschlagen und verzehrt, daß ich Ihnen so lange nicht schrieb. Denn ich sehe aus meinem Tagebuche, es sind volle fünfzehn Monate verstrichen, seit ich Ihnen meinen letzten Brief von Biloxi aus zusandte. Aber wenn man eine neue Welt erobert und neue Staaten gründet . . . wenn in diesen neuen Staaten noch dazu Posten und Kouriere fehlen, so werden Sie mich wohl entschuldigen können. Abgesehen davon, daß ich Selbstherrscher und König von Christinenthal, und der Bundesgenosse eines mächtigen Nomadenstammes von Indianern bin, habe ich noch dazu die Ehre, Schutzherr einer europäischen und einer indianschen Kolonie in meiner Nachbarschaft zu sein, deren Haupt sich König nennt. So könnte ich denn auch wohl mit allem Rechte den kaiserlichen Titel annehmen, wenn man hier zu Lande nicht über die Albernheiten der europäischen Spießbürger längst hinweg wäre. Ich habe Ihnen viel zu erzählen, unter anderm auch, wo denn eigentlich unterm Monde mein, oder vielmehr Ihr berühmtes Kaisertum gelegen sei? Denn auf den Landkarten werden Sie es leider noch nicht finden, obgleich es in betreff seiner Größe nicht unbekannt bleiben kann. Aber ich muß Ihnen meine ganze Reise erzählen. Als wir von Pensacola längst den Küsten von Westflorida absegelten, erwarteten wir Ausgewanderten alle mit ungestümem Verlangen den prachtvollen Anblick des hochgelobten Louisiana. Wir träumten uns schon die malerischen Ufergegenden, mit ihren grünen Hügeln, reichen Fluren und ungeheuern Waldungen aufs schönste vor, und beschlossen so im Vorbeifahren die behaglichsten Landungsplätze, und was sonst sich zur Errichtung einer Pflanzstadt eignen würde, uns sorgfältig zu merken. Aber, ach! wir fanden uns abscheulich getäuscht. Von Pensacola an zieht sich eine kahle, niedrige Küste von fünfzig bis sechzig Stunden Länge hin; überall toter Sand, auf welchem nur hin und wieder eine verkrüppelte Meerkiefer und magere Gesträuche grünten. Der Kapitän landete endlich in der allertraurigsten und unfruchtbarsten Gegend dieser Küste. Da lagen einige erbärmliche Hütten umher, worin etliche halbnackte, halbverhungerte Menschen, Überbleibsel einer frühern, hier angelegten Kolonie, wohnten. Bei diesem Anblick entfiel uns allen der Mut. Der Kapitän unseres Schiffes sprach uns indessen Trost zu. »Wartet doch,« rief er, »bis ihr Neu-Orleans gesehen habt!« Was war zu thun? Wir folgten ihm. Ich gab dem zurückkehrenden Schiffe meinen letzten Brief an Sie nach Europa mit. Endlich erreichten wir die Mündung des Mississippistroms, von welchem jetzt alle Völker Europas sprechen. Er bietet viele Einfahrten dar; aber die meisten haben nur wenig Wasser, vielen fehlet es zu gewissen Jahreszeiten ganz daran. Das Ufer ist überall flach und niedrig, und scheint weit umher, so wie der größte Teil der Küste, erst durch das Meer und den Strom gebildet worden zu sein. Man findet dort fast gar keine Steine, sondern alles ist Schlamm, Sand, Schilf und verfaultes Holz, wie es der Mississippi aus seinem unermeßlichen Laufe von seinen entfernten, noch nie gesehenen Quellen bis hierher aufnahm und gegen den Ozean ausspielte. Dieser sumpfige Boden rings umher trägt nichts als eine außerordentliche Menge Schilfrohr, welches sich von Jahr zu Jahr zu vermehren scheint, und undurchdringlich wird. Hierin verwickeln sich die vom Mississippi weggefluteten Baumstämme, welche er, oder die Wut des Sturmes in unbekannten Gegenden entwurzelte; Schlammerde und Sand setzten sich in die Zwischenräume, und so erweitern sich die seichten Ufer unaufhörlich, oder es bilden sich in dem Ausfluß des Mississippi große Inseln voll Schilf und Binsen, welche der Aufenthalt allerlei Ungeziefers werden, und in heißen Jahreszeiten die Luft weit umher mit ihren abscheulichen Ausdünstungen verpesten. Dies gab uns auch von dem Paradiese, Neu-Orleans genannt, keine reizende Vorstellung. Wir waren aber noch nicht da! Wir segelten in den Mississippi hinein; zehn bis zwölf Stunden weit sahen wir aber immer nicht mehr, als das flache, unwirtbare, schlammige Ufer mit Binsen und Rohr besetzt. Oft hatten wir Mühe, uns Bahn durch die ungeheure Masse von ineinander verwickelten Baumstämmen zu brechen, welche den breiten Fluß ganz überdeckten. Um schneller fortzukommen, wurden die Boote ausgesetzt. Aber auch mit den Booten, die zum Segeln und Rudern eingerichtet waren, ging's unerträglich langsam. Immer hatten wir mit dem schwimmenden Floßholz zu kämpfen und die bei der sehr heißen Witterung eingetretene Windstille leistete uns ebenfalls schlechte Dienste. Indessen verbesserten sich an beiden Seiten die Ufer, denn sonst hätte ich ganz Louisiana bald für ein Schilf- und Schlammmoor gehalten. Rechts und links erhoben sich dicke, finstere Waldungen, die uns ein heiliges Grauen einflößten. Kein Sonnenstrahl durchdringt sie, In meinem Leben habe ich keine so hohen und starken Bäume in so ungeheurer Masse beisammen gesehen. Auch fehlte es nicht an allerlei wilden Früchten, an einer Menge unbekannter Vögel, an mancherlei Rotwildpret, welches wir von Zeit zu Zeit über die von Gebüschen umgebenen Wiesen irren sahen. Nach zwei Tagen endlich, denn unsere Fahrt ging immer im Zickzack, gelangten wir durch eine Flußenge, die man die englische heißt, nach Neu-Orleans. Als man uns sagte, wir seien nun an Ort und Stelle, rieben wir uns sehr verwundert die Augen, denn aller Mühe ungeachtet konnte keiner von uns Neu-Orleans entdecken oder was sonst einem so berühmten Orte ähnlich sah. Am östlichen Ufer des Flusses, wo er eine weite Krümmung bildet, in welcher alle Schiffe landen können, standen überall zerstreute Hütten von Holz und Rohr aufgeführt. Hin und wieder zeigte sich auch wohl ein Gebäude, von Holz und gebranntem Thon errichtet, welches etwas europäischeres Aussehen hatte. Man erklärte mir den Mangel aller großen und massiven Häuser damit, daß der Boden nicht Festigkeit genug habe, schwerere Gebäude zu tragen Das war nun die Hauptstadt von Louisiana. Mein treuer Claude wollte das noch immer nicht glauben. Von einer Hauptstadt erwartete er wenigstens ein paar Dutzend Kirchtürme schon in der Ferne entdecken zu können; altertümliche Thore, Marktplätze und Paläste und großes Leben und Getümmel in den Hauptstraßen, Er schüttelte den Kopf und sagte: »Herr, für diese Hauptstadt gebe ich keinen Sou! Das Dorf, worin ich die Ehre hatte geboren zu werden, wäre, wenn's hier stände, ein wahres Paris.« Ich dachte es auch, allein was war zu machen? Wir wurden alle dem Gouverneur vorgestellt. Ich überreichte ihm meine Empfehlungsbriefe. Er war sehr höflich und bestand darauf, vorläufig in seiner Wohnung mich beherbergen zu lassen, bis ich mir nach Gefallen eine Gegend zu meiner Ansiedelung gewählt haben würde. Ausschlagen ließ sich das nicht gut, denn an Wirtshäusern fehlte es in Neu-Orleans gänzlich. Die übrigen Auswanderer mußten sich, um Dach und Fach zu haben, Hütten bauen. Die armen Leute machten saure Gesichter. Es schien ihnen nicht besser als meinem Premierminister Claude ergangen zu sein. Der Gouverneur war sehr gefällig gegen mich. Er ist von einer angesehenen, aber in Vermögensumständen zurückgekommenen Familie in Frankreich. Er betrachtete seinen Aufenthalt hier wie eine Verbannung. Wahrscheinlich hatte er sich auch größere Hoffnungen gemacht und von den ungeheuern Goldminen von St. Barbara, welche in Europa so berühmt sind, von denen aber hier zu Lande kein Mensch weiß, ansehnliche Schätze zu ziehen gedacht. Seine Gemahlin spricht mit Entzücken und Thränen unaufhörlich von Paris und findet das Leben hier unter den wilden Einwohnern des Landes und glücksuchenden Auswanderern aller Nationen sehr langweilig. Ihre Tochter Adelaide, eine junge, unbefangene Schönheit von sechzehn Frühlingen, scheint sich im fremden Weltteil am meisten zu gefallen. Sie baut ihren Garten, tanzt, wenn niemand mit ihr tanzt, mit sich selbst, will einen alten Neger französische Opern-Arien singen lehren und spielt die Guitarre allerliebst. Ich habe das holde Kind nun aber, da ich Ihnen dies melde, seit einem Jahre nicht gesehen; sie schreibt mir indessen dann und wann einen artigen Brief, zankt und versöhnt sich mit mir, übt alle ihre kleinen guten und bösen Launen an mir aus, wie wenn ich ihre Puppe wäre. Ich verdenke es dem lieben Mädchen nicht und bleibe ihr nichts schuldig. Gleich die ersten Tage nach meiner Ankunft wendete ich dazu an, die Gegend zu untersuchen, um mich irgendwo anzunisten. Meine Reisegefährten, die mich als ihren Chef ansehen wollten, quälten mich vom Morgen bis zum Abend, daß ich für sie sorgen solle. Sie waren alle mutlos und standen betrübt umher. Mir gefiel es überall nicht. Neu-Orleans liegt auf einer großen Insel, die ungefähr fünfzig bis sechszig Stunden lang sein mag. Sie wird vom Mississippi, vom Meere, von einem Landsee und von einem Abfluß des Mississippi gebildet. Der größte Teil dieser Insel aber ist durchaus unanpflanzbar, ist den Überschwemmungen des Mississippi ausgesetzt, und hat schlammigen feuchten Grund. Man hatte den Bau des Zuckerrohrs versucht, allein die zuweilen zur Regenzeit eintretenden, wenngleich geringen Fröste verderben besonders beim Nord- und Nordwestwind die Ernten. Mit Baumwollenstauden werden ziemlich glückliche Versuche gemacht; am besten gelingen die Indigopflanzungen, und dieses Erzeugnis kann allerdings einst, wie der Tabak, ein ansehnlicher Artikel der Ausfuhr werden. Für alles, was einen feuchten Boden erfordert, ist das Land sehr ergiebig. Mais und Reis kommen gut fort, aber besser geraten Obstbäume; sie blühen in diesem Klima jährlich zweimal; aber nur der geringste Teil der Früchte gewinnt Reife, weil sie meistens, von Insekten angestochen, vor der Zeit abfallen. Nur Pommeranzen, Feigen und Pfirsiche wuchern in außerordentlicher Menge zerstreut, und sind gewöhnlich durch Sümpfe, stehende Gewässer und Gräben von einander geschieden. Ich erhielt ohne Mühe vom Gouverneur die Erlaubnis, auf neue Entdeckungen auszugehen, und für mich und alle diejenigen, welche mit mir gekommen waren, eine neue Pflanzstadt anzulegen. wo es mir belieben würde. An der Spitze von fünfundzwanzig bewaffneten Leuten, die alle auf mehrere Tage mit Lebensmitteln versehen waren, setzte ich nach dem rechten Ufer des Mississippi über, und ging den großen Fluß hinauf. Das Land wurde immer schöner und trockener, je weiter wir zogen; die Ufer hörten auf, niedrig zu sein; sie bestanden meistens aus Kalkfelsen. Von Zelt zu Zeit zwangen uns undurchdringliche Gebüsche, große Umwege zu machen; bald standen wir in weitläufigen Waldungen, wo in schöner Wildnis ungeheure Cedern mit Fruchtbäumen wechselten, bald wanderten wir über schöne üppige Auen und Wiesen, welche von der Hand der Natur gebildet worden waren. Während das gewerbreiche, übervölkerte Europa die unfruchtbarsten Landstriche für große Summen feilbietet, liegen hier die reizendsten, ergiebigsten Fluren unbenutzt; blühende Fürstentümer ohne Menschen und Eigentümer, nur von einer wandernden Horde wilder Indianer durchstreift, welche sich von Jagd und Fischerei ernähren. Es würde mir unerklärlich sein, warum Amerika in seinem Innern noch keine Völkerwanderung vom Norden zum prachtvollen Süden hatte, wenn mir nicht die Roheit und Dummheit derjenigen Völkerschaften bekannt wäre, welche den rauhen Norden dieses unermeßlichen Weltteils bewohnen. Wir begegneten hin und wieder einzelnen Indianern. Sie hatten noch ihre natürliche Gutmütigkeit. Wir beschenkten sie mit mancherlei Kleinigkeiten, und sie jagten für uns Wild und Geflügel. Der Führer, welchen ich von Neu-Orleans mitgenommen hatte, konnte sich ihnen in ihrer sehr wortarmen Sprache ziemlich verständlich machen. Sie gehörten zu dem zahlreichen Stamme der Natchitoches. Wir hatten uns vom Mississippi entfernt und die Richtung gegen Nordwest genommen, um die Ufer des Red River oder Roten Stromes zu finden, der in den neumexikanischen Gebirgen entspringt, und sich in den Mississippi ergießt. Wir erreichten unser Ziel ohne Hindernis, und unsere Mühe wurde durch die Entdeckung einer der reizendsten Landschaften reichlich belohnt. In einem großen Kranze von Hügeln und Bergen, die mit hohen Waldungen bedeckt waren, breitete sich eine wunderschöne, fruchtbare Ebene aus, geräumig genug, zehn Dorfschaften tragen und ernähren zu können. Durch den Roten Strom war das ganze in zwei fast gleiche Teile geschieden. Die Einförmigkeit der Ebene unterbrachen viele zerstreute Lustwäldchen, die die Fruchtbarkeit der Fluren vermehrten, und in der Mitte der Landschaft war ein schroff emporsteigender Felsen, welcher zwischen dem Roten Strom und zwei Bächen, die sich in denselben ergießen, das Ansehen einer Insel erhält, Als wir uns durch die Gebüsche bis zum Gipfel der Anhöhe Bahn gebrochen hatten, und nun das prachtvolle Land mit Entzücken übersahen, rief ich: »Hier laßt uns Hütten bauen! Diese schöne Erde soll einst meinen Staub aufnehmen; ich nenne das Land Christinenthal. Diese Wälder rings umher halten uns vor der Welt verborgen; diese fruchtbaren Gefilde werden dankbar unsern Fleiß belohnen; die Anhöhe, durch Kunst befestigt, wird unsere Kolonie gegen die Streifzüge der Barbaren schirmen, und der Rote Strom giebt uns die beste Verbindung mit Neu-Orleans, wohin wir den Überfluß unserer Früchte senden.« Alle jauchzten Beifall. Wir wählten mitten durch die Waldungen den kürzesten Rückweg zum Hauptort, um dort die nötigen Anstalten zur neuen Niederlassung zu treffen. Da wir aber genötigt waren, bald über Bäche und Waldströme Brücken zu schlagen, bald Wege durch die Waldung zu hauen, welche seit der Schöpfung noch keines Sterblichen Fuß durchwandelt hatte, so vergingen über zehn Tage, ehe wir Neu-Orleans wiedersahen. Sobald wir angekommen waren, verbreitete sich schnell die Nachricht von unseren Entdeckungen und Entschlüssen. Binnen fünf Tagen hatten sich bei mir siebenundneunzig Mann gemeldet, von denen vierunddreißig verheiratet waren; achtzehn von diesen hatten Kinder. Zwar hatten wir uns schon in Europa mit denjenigen Unentbehrlichkeiten reichlich versehen, die zur Anlegung einer Pflanzstätte in so unbewohnten Gegenden erforderlich sind, aber doch fehlten uns noch tausend Dinge, besonders Pferde, Schafe, Rindvieh. Nur gegen große Geldsummen gelang es mir, davon eine ansehnliche Zahl zusammenzukaufen. Andere von meinen reichen Kolonisten reisten nach Adayes, um zu wohlfeileren Preisen Vieh zu erhalten. Alles dies hielt uns lange auf, so ungestüm auch unsere Begierde war, die neue Heimat bald zu gründen. Endlich verließen wir alle Neu-Orleans. Ich machte den Weg wieder zu Lande, an der Spitze meiner Kolonie; zwanzig Mann aber von den Unsrigen schifften den Mississippi und den Roten Strom in drei neugebauten. mit Segeln versehenen Booten hinauf, um diese Flüsse und die Fahrt zu untersuchen. Sie kamen in Christinenthal vier Tage später an als wir, weil sie etlichemal genötigt gewesen waren, ihre Boote, die ohnedies von plumper Bauart waren, den Strom aufwärts zu ziehen. Unsere Geschäfte wurden geteilt. Die Ankömmlinge hatten mich von Anfang an zu ihrem Haupt auserwählt; der Gouverneur hatte mich als solches bestätigt, mir obrigkeitliche Rechte erteilt, und für den König von Frankreich, unsern Souverän, der anderthalbtausend Meilen von uns entfernt lebt, in Eid und Pflicht genommen. Zu allererst sorgten wir für unsere Sicherheit. Die Anhöhe ward unsere Festung, wir umgaben die darauf befindliche kleine Fläche mit Wällen und Pfahlwerk, bahnten einen Weg bis auf ihre Spitze, wo ich meine Wohnung nahm, die anfangs eine bloße Hütte war. Es fehlte weder an Holz, noch an Kalk und Sand. Während die Baumaterialien herbeigeschafft wurden, entwarf ich den Grundriß zur Anlegung der ganzen Kolonie, maß das Land, theilte die Felder ein, welche zu allererst mit Reis und Mais für unsere dringendsten Bedürfnisse angebaut werden mußten; andere jagten und fischten unterdessen; die Weiber bestellten die Küche. Alle Arbeiten gingen nach Wunsch von statten; Zufriedenheit und Eintracht herrschte in unserem kleinen Staate. Am Ende eines thatenreichen Jahres hatten wir nicht nur unsere Wohnungen, Ställe und Magazine aufgerichtet, sondern auch einträgliche Ernten von unsern Feldern gehabt. . . . Freilich mußten wir uns bei der schwersten Arbeit immer sehr sparsam behelfen; aber das Vergnügen, welches wir beim Aufblühen unseres Reiches empfanden, versüßte wieder jedes Ungemach. Wir knüpften Verbindungen mit der spanischen Besatzung von Adayes und der Kolonie Roland am Roten Strome an. Auch die Eingeborenen des Landes besuchten uns von Zeit zu Zeit, und begafften mit Erstaunen und Neugier, was wir auf ihrem vaterländischen Boden trieben. Ein Häuptling der Natchitoches am sogenannten Schwarzen Fluß besuchte mich selbst, von einigen hundert seiner streitbaren Unterthanen begleitet. Ich beschenkte sie Alle, und schloß mit ihnen ein Freundschafts-Bündnis. Aber eben dieses Bündnis verwickelte uns vor drei Monaten in einen vierzehntägigen Krieg, der, außer einigen Verwundeten, unserer Kolonie auch zwei brave Männer kostete, die dabei das Leben verloren. Ein wilder Indianerschwarm, vom Stamme der Arkansas, warf sich verheerend auf die Natchitoches am Schwarzen Flusse. Die Letzteren hatten sich ihrer Haut gewehrt, waren aber geschlagen worden, und verlangten Beistand. Gern oder ungern mußten wir uns ihrer annehmen, teils um uns selbst Ruhe vor den etwaigen Angriffen der Sieger zu verschaffen, teils um den Eingebornen Achtung und Furcht vor uns einzuflößen. Die Kolonisten, welche ich versammeln ließ, stimmten darin mit mir überein, daß man den Natchitoches helfen müsse. Wir zogen achtzig Mann stark über den Roten Strom in das Land derselben, die uns selbst zu Wegweisern dienten, und uns mit Lebensmitteln versorgten. Wir fanden ihre Krieger auf einer Anhöhe. Ihr Häuptling schien sehr mutlos. Die Arkansas hatten den Schwarzen Fluß überschritten, und alle Hütten unserer Bundesgenossen verbrannt; sie waren auch, wie man uns sagte, an Mannschaft viel stärker als diese . . . Den Anlaß zur Fehde hatte ein Todschlag gegeben, welchen ein Natchitoches an einem angesehenen Manne vom Stamme der Arkansas verübt hatte. Ich wollte der Vermittler und Friedensstifter beider Stämme werden und sandte einen von unserer Kolonie, begleitet von zwei vornehmen Natchitoches, an den Häuptling der Arkansas, mit der Aufforderung, über den Schwarzen Fluß zurückzukehren und mich als Schiedsrichter des Streites anzuerkennen. Ich gelobte, gerecht richten. Aber beschimpft und verwundet kamen unsere Friedensboten aus dem Lager der Arkansas zurück . . . Ein Sieg mußte erst mein Ansehen unter diesen Söhnen der Wildnis gründen. Ich teilte unsere Kolonisten in vier Haufen, sprach ihnen Mut ein, und belehrte sie von der Notwendigkeit, unserer eigenen Sicherheit wegen uns für jede Zukunft unter diesen Nationen Achtung zu verschaffen. Die Arkansas stürmten schon gegen die Anhöhe heran, noch ehe ich alle Anordnungen zum Angriff oder zur Verteidigung getroffen hatte. Die Natchitoches schlugen sich wie Verzweifelte, und eilten ihren Feinden mit gräßlichem Geschrei entgegen. Wir folgten ihnen langsam in verschiedenen Richtungen. – Plötzlich donnerten aus allen Gebüschen unsere Flinten gegen die Arkansas. Erschrocken stellten beide Heere der Wilden ihren Kampf ein; der Häuptling der Natchitoches zeigte mir den mit hohen Federn geschmückten, von seinen Tapfersten umgebenen Häuptling der Arkansas. Ich gab den bei mir befindlichen Schützen den Befehl, vorzurücken und den Häuptling nebst seinem Begleiter wegzuschießen. Es geschah. Ein fürchterlicher Schrecken bemächtigte sich der betäubten Arkansas. Sie entflohen heulend. Den Natchitoches blieb nichts übrig, als den Feind zu verfolgen, und Tote und Gefangene zu machen . . . Fliehende und Verfolgende schwammen in mörderischem Getümmel durch die Wellen des Schwarzen Flusses. Wir Europäer, minder gewandt und geübt als diese Natursöhne, brachten einen ganzen Tag damit zu, von auseinander genommenen Flößen eine Brücke über den Fluß zu schlagen. Vereint mit den siegestrunkenen Natchitoches, gelangten wir nach drei langen Tagreisen zu den Hütten der Arkansas. Ihr Eigentum zu verteidigen, hatten sich diese hier zum letztenmal aufgestellt. Sie fochten mit Raserei; aber unser Flintenfeuer war ihnen allzu schrecklich. Die Natchitoches siegten, verbrannten die Hütten ihrer Feinde, und metzelten Weiber, Kinder und Gefangene mit unmenschlicher Grausamkeit nieder. Die Arkansas baten um Frieden. Ich gewährte ihn gern. Der Stamm der Natchitoches huldigte mir als ihrem Beschützer und Oberherrn. Er machte einen förmlichen Vertrag mit der Kolonie, daß er uns jährlich für den ihm zu leistenden Schutz eine beträchtliche Anzahl von Tierfellen geben wolle. Wir kehrten zu den Unsrigen in das lachende Christinenthal zurück Wir hatten, außer jenem Vertrage, den Vorteil, von den Natchitoches über zweihundert Sklaven zu erhalten, die uns wesentliche Dienste bei den Pflanzungen leisten konnten. Seitdem ist Friedensstille in die Louisianischen Wälder zurückgekehrt. Der gedemütigte Stamm der Arkansas hat sich über dreihundert Stunden weiter hinauf, den Quellen des Arkansas-Stromes entgegen, in die Wildnis zurückgezogen. Unsere Ländereien sind ringsum von freundschaftlichen Kolonien und friedlichen Nomaden begrenzt . . . Nie lebte ich sorgenloser, nie angenehmer, als in dieser Einsamkeit, wo alles mein Werk ist, wo jeder mich ehrt und liebt. Auf der Höhe ist meine Wohnung gebaut, und wird von Neu-Orleans aus mit allen Bequemlichkeiten versehen. Fünf majestätische Cypressen umschatten mein Haus, welches rings von einem Blumengarten umgeben ist, worin die Flora der ganzen Gegend blüht und Balsamdüfte gegen meine Fenster aushaucht . . . Bald besuche ich die Wälder, um dort zu jagen; bald meine Pflanzungen am Roten Strom. Mein Claude, der die Tochter eines armen Kolonisten geheiratet hat, besorgt mit seiner jungen Frau meine kleine Wirtschaft. Ich sehne mich nicht nach Eurer Welt zurück; mit eigener Kraft habe ich mein Glück begründet. Des Lebens stille Freuden wohnen unter meinem Dach; aber die folternde Sorge, das hagere Gespenst der Leidenschaft habe ich jenseits des Meeres gelassen. Das köstlichste von allen Gütern, welches ich mit mir aus Europa nahm, ist meine kleine Bibliothek. Es sind die sämtlichen Klassiker der Griechen, Römer, Italiener, Engländer und Franzosen, und die Hauptwerke aus allen Wissenschaften. Den Gouverneur mit seiner Gemahlin und Tochter haben mir schon längst ihren Besuch versprochen. Ich freue mich auf die Abwechselung, die er mir bereiten wird, denn ich werde dann viel Neues aus Europa vernehmen. 2. D'Aubant an Bellisle. Christinenthal , im Juli 1718. O Bellisle, Bellisle, beklagen oder bewundern Sie mein Schicksal! Ich bin der Glückseligste und der Elendeste von allen Sterblichen. Ja, Bellisle, meine stolze Ruhe ist dahin; meine philosophische Fassung habe ich auf immer verloren! . . . Ich liebe ein weibliches Wesen, vor welchem alle Weltteile die Kniee beugen . . . welche überall Königin ist, wo sie erscheint, und durch ihre Gegenwart diese romantische Einsamkeit zum Zaubergarten macht. Schon oft hatten meine Nachbarn, wenn sie sich abends bei mir in meiner Laube versammelten, mit gutmütigem Scherz mich wegen meines ehelosen Lebens geneckt; schon oft hatte mir Claude nach seiner Art das Glück geschildert, welches er als Gatte genoß, und hatte mir immer dabei eifrig von der schönen Tochter des Gouverneurs, von meiner kleinen Freundin Adelaide, geplaudert. Wohl gedachte ich dann und wann Adelaidens. Aber, ach, lieben konnte ich sie nicht, so lange noch mein treues Gedächtnis das Bildnis jener Unerklärlichen bewahrt, deren Gestalt mir so fabelhaft wieder begegnete, und deren Namen meine Pflanzung schmückt! Die Kolonie Roland ist zwei Tagereisen von hier. Lange hatte ich schon beschlossen, sie zu besuchen, und das Band der Freundschaft mit den Nachbarn enger zu schließen. Vor ungefähr fünf Wochen machte ich mich, begleitet von meinem treuen Claude, zwei Kolonisten und einigen Negern, auf den Weg dahin. Wir wählten der Kürze des Weges und der Bequemlichkeit wegen die Fahrt zu Wasser. Erst am Morgen des dritten Tages erreichten wir die Kolonie, welche ungleich größer, reicher und älter als die unsere ist, wiewohl der Boden und die Lage dieser Ländereien den unsern an Güte nicht gleichkommen. Als wir die Boote in Sicherheit gebracht hatten, und ans Land stiegen, strömten neugierig Männer, Weiber und Kinder vom Felde und aus den Häusern herbei, uns zu begaffen. Wir machten uns bald mit allen vertraut, sagten, wer wir wären und von wannen und warum wir erschienen. Mit gutherziger Freude drängten sich die Hausväter um uns her; jeder wollte uns gastfreundlich in seiner Hütte beherbergen. Wir waren die gerührten Zeugen des schönsten, freundschaftlichsten Wettstreites der lieben Leute, welche endlich nach langem Für und Wider einig wurden, uns Fremdlinge unter sich zu teilen. Wohin wir kamen, streckte uns alles die Hand entgegen und rief: »Seid uns willkommen! Wir bitten Euch, tretet ein in unser Haus, und laßt Euch von uns beherbergen!« Und die Weiber eilten hinein und brachten uns Erfrischungen aller Art. Wir wurden alle getrennt. Ein ehrwürdiger Greis, begleitet von seinen Kindern und Enkeln, hatte mich erhalten. Sein Haus stand im Schatten hoher Palmen. Dort wurden Sitze bereitet, Wein und Früchte aufgetragen. Die ganze Familie lagerte sich um mich her. Mir war es, als lebte ich in den Unschuldszeiten der morgenländischen Erzväter. Wir sprachen von unsern Pflanzungen, von unsern Heerden. Die ansehnliche Bevölkerung dieser Gegend hatte den Preis der Grundstücke und der Sklaven sehr gesteigert. Freilich fehlte es nicht an großen, unfruchtbaren Heiden und Waldstrichen; aber teils ihre Entlegenheit, teils der ungeheure Kostenaufwand verhinderte ihre Urbarmachung. »Ich werde mich bei Euch nicht ankaufen und ansiedeln können!« sprach ich. Da trat eine Enkelin des Greises, Lucia hieß sie, lächelnd zu mir und antwortete: »Für Dich, lieber Fremdling, wird unser Land noch Raum haben! Ich bitte Dich, bleibe bei uns!« Und der Blick, welchen ihre schönen glanzvollen Augen auf mich senkten, bat noch inniger, als ihre süße Stimme. Ihre schlanke und anmutige Gestalt, die angeborne Zierlichkeit ihrer Bewegungen, die Zartheit und Schönheit ihrer Gesichtszüge bezauberten mich fast. »Du könntest mich an diesen Boden fesseln, schönes Kind,« sagte ich, »wenn meine Heimat nicht schon gewählt wäre!« Und ich erzählte von der Fruchtbarkeit und Einrichtung der Kolonie Christinenthal und von den geringen Preisen der dortigen Güter. »So könntest Du den deutschen Fremdling mit seinen Töchtern in Deine Heimat führen,« antwortete Lucie, »denn sie dauern mich, weil sie bei uns keine Ländereien nach ihrem Sinne finden.« »Du hast einen glücklichen Einfall, Lucie!« sagte der Greis. »Wir wollen den deutschen Fremdling einladen lassen oder ihn selbst aufsuchen. Ihm würde geholfen sein, und die Botschaft würde ihn freuen, denn es ist doch hart, daß der alte Mann mit seinen Kindern einen so weiten Weg zu uns vergebens gemacht hat.« Wir durchwanderten am Mittag die Pflanzungen von Luciens Großvater; zwar lernte ich viel aus den Gesprächen dieses Greises, dessen Erfahrungen eine Richtschnur für meine wirtschaftlichen Unternehmungen wurden, aber die schöne, unbefangene Lucie zerstreute zu sehr meine Aufmerksamkeit. Meine Augen und mein Herz waren immer nur bei ihr, und ich fühlte, daß sie es sein müsse, wenn ich mir eine Gattin wählen sollte. Am folgenden Morgen ging ich mit Luciens Großvater, den deutschen Fremdling aufzusuchen. Mir war es willkommen, unsere Kolonie vergrößern zu können. Der Deutsche wohnte fast eine Stunde weiter am entgegengesetzten Ende der Niederlassung, bei einem Pflanzer. Als wir ankamen, war er abwesend . . . Der Pflanzer führte uns in die sehr geräumige Behausung. Wir sagten ihm die Ursache unseres Kommens. »Wohlan, das wird ihm lieb sein!« rief der Pflanzer. »Nehmt denn bei uns das Mittagsmahl ein. Er wird bis dahin zurückkehren; ihr möget inzwischen mit seinen Töchtern reden. Herr Holden ist ein kreuzbraver Herr; auch seine Töchter sind höchst liebenswürdig, besonders Augustine . . . wahrhaftig, sie ist ein Engel, wie ich in meinem Leben noch keinen zweiten gesehen habe.« Er verließ uns, aber bald daraus erschien er wieder und sprach: »Folget mir, sie sind bei meiner Frau draußen unter den Kokosbäumen.« Wir gingen hinaus; der Weg führte durch eine kleine Wildnis blühender Gebüsche; dann über die Brücke eines Baches zu einem umzäunten Garten. Als wir hineintraten, standen zwei junge, einfach gekleidete Frauenzimmer unter den Kokosbäumen, neben einem geschäftigen Mütterchen, welches die Beete jätete. Alle blickten gegen uns auf. Das eine dieser Frauenzimmer wandte sich eiligst, wie erschrocken, von uns ab, ergriff den Arm des andern und rief: »Agathe!« Beide kamen uns sodann einige Schritte entgegen . . . o Bellisle! . . . Ein Blendwerk gaukelte mir vor . . . es war die verstorbene Großfürstin von Rußland! Es war dieselbe, die mir im deutschen Hain, die mir in der Kirche zu Poitiers . . . die mir auf dem Ozean erschienen war . . . o Bellisle, sie war es! Ich hatte Besinnung und Sprache verloren . . . ich verbeugte mich schweigend . . . sie verneigte sich und lehnte sich an den Stamm des Kokosbaumes, Luciens Großvater eröffnete die Rede. Ich gewann allmählig meine Besinnung wieder und mischte meine Worte, anfangs freilich sehr einsilbig, ins Gespräch, Sie aber schwieg lange. Nur ihre Schwester Agathe führte das Wort. Die Stunden verflogen wie Minuten. Ich zitterte . . . ich schwor bei mir, diese Wunderbare nie wieder zu verlassen . . . ich war wie ein Träumender – meine Seele war in Entzücken und Zweifeln aufgelöst. Doch wagte ich's nicht, ihr zu sagen, wie ich sie schon mehr als einmal wie eine Erscheinung in den verschiedensten Zeiten und Zonen gesehen zu haben glaubte. Aber in jedem Augenblick überzeugte ich mich mehr, daß sie es selbst wieder und keine andere sei. Denn auch sie war betroffen . . . Ich bemerkte ihr Erröten, ihr Erblassen . . . ihre Unruhe, ihre Verlegenheit, und wie sie nach und nach sich faßte und heiterer ward, sobald ich meiner selbst Herr ward, und je fremder ich gegen sie that. Herr Holden, der deutsche Flüchtling kam. Die Töchter flogen ihm mit Ungeduld entgegen. Sie hatten ihn längst schon in der Ferne entdeckt. Sie gingen mit einander ins Haus. Erst nach einer halben Stunde kam Herr Holden zu uns. Ich fand an ihm einen gewandten und geistvollen Mann. Unser Gespräch lenkte sich bald zur Hauptsache. Ich schilderte ihm die Schönheiten unserer Kolonie; ich erzähle ihm die Geschichte derselben, und als ich ihren Namen: Christinenthal aussprach, verwandelte sich seine Gesichtsfarbe. Vergebens suchte er mir seine Bestürzung zu verheimlichen. Ja, Bellisle, mein Bellisle! Sie ist's, sie lebt! Die Prinzessin von Wolfenbüttel lebt, sie ist's! Die Geschichte ihres Todes und Begräbnisses ist mir und der Welt ein unerklärliches Rätsel. Aber Ehrfurcht und Liebe gebieten mir, das Geheimnis ihres Lebens in meiner Brust zu verschließen . . . Sie soll es nicht ahnen, daß ich sie kenne. Ich will es ihr selbst läugnen, daß ich Petersburg jemals gesehen; ich will irgend ein Märchen erdichten, und sagen, es sei mein Lebenslauf. So werde ich sie sicherer machen; so wird sie sich mit meiner Gestalt aussöhnen; so wird sie in mir keinen Verräter fürchten, und Christinenthal zu meinem Himmel machen . . . Ich liebe sie, o Bellisle . . . die Gattin des abscheulichen Alexis von Rußland . . . o wie unglücklich ist d'Aubant! Hören Sie endlich, wie weit meine Unterhandlungen mit Herrn Holden, dem vorgeblichen Vater der Unglückseligen, gediehen sind! »Aufrichtig zu gestehen,« sagte er eines Tages zu mir, »Ihre Schilderung von Christinenthal ist lockend; allein meine beiden Töchter haben fast eine unüberwindliche Vorliebe für eine Niederlassung in der Kolonie Roland. Nur scheint mir diese fast übervölkert; wenigstens sind Sklaven und bequeme Ländereien in allzu hohem Preise, als daß ich meine Familie von dem Kapital, welches mir nach manchen Unglücksfällen in Europa übrig blieb, ernähren könnte, wie ichs wohl wünschte. Ich erwarte nur die Rückkunft meines Hausbedienten von Adayes . . . . Dann will ich mit Ihnen nach Christinenthal, und die Sache an Ort und Stelle untersuchen.« Der Hausbediente kam wirklich nach einigen Tagen von Adayes zurück, . . . Und wer wars, o Bellisle? Wieder das Zigeunergesicht, welches mir den Tod der Großfürstin zuerst gemeldet, und dann mich auf Teneriffa geäfft hatte. Man nennt ihn hier im Lande Paul. Der Kerl war, als er mich sah, nicht einmal bestürzt, mich zu sehen; nannte mich gleichgültig bei meinem Namen und meinte, es gefiele ihm in dem ungeheuern englischen Park von Louisiana eben so wohl, als in dem steinernen Straßenlabyrinth von Paris. Auch Augustine und Agathe wurden, da wir uns alle Tage sahen, gelassener, minder ängstlich, sogar freundschaftlich. Aber ich . . . o, ich! Am Abend vor der Abreise nach der Kolonie Christinenthal . . . ich war gegangen, um von den Damen Abschied zu nehmen . . . saßen wir noch beim Schein des Vollmonds, im Dämmerlicht unter den Palmen. Meine Blicke ruhten auf der Gestalt der wunderbaren Augustine, welche beim hellen Strahl des Mondes einer Verklärten glich. . . . Es war mir wie Zauberei, wenn ich die, welche in den Wettern der Schlacht und in den stürmischen Stunden meines Schicksals mir gleich einem Schutzgeist zur Seite geschwebt hatte . . . wenn ich dies Ideal meiner Einbildungskraft und meiner Sehnsucht nun in so schöner Verkörperung, die Tochter eines deutschen Fürstenhauses, erzogen unter den Künsten der Freude und des Luxus, unter den Palmen einer amerikanischen Pflanzerwohnung vor mir erblickte! . . . Ich hätte mich oft selbst von meinem Wahnsinn aufwecken mögen . . . ich konnte an die Wahrhaftigkeit des Wirklichen gar nicht glauben. . . . Wenn sie mich voll Holdseligkeit anredete, erglühte jeder Nerv in mir, und mein ganzes Wesen ward Flamme. Wenn ich aber antworten wollte, sank ich machtlos in mir selbst zusammen . . . dann sah ich nur die Unglückseligste aller Fürstinnen vor mir . . . meine Liebe ward Ehrfurcht und Demut. Als wir nun schieden, und die Töchter noch ihren Vater und mich eine Strecke Wegs begleiteten, lehnte sich die fürstliche Augustine an meinen Arm. Ich unterdrückte meine Wehmut. »Wer gab der Kolonie den Namen Christinenthal?« fragte sie mich leise. »Ich gab ihn!« stammelte ich. Sie schwieg, und doch wars, als wollte sie noch eine neue Frage an die vorige knüpfen. Nach einem langen Stillschweigen lenkte ich die Unterredung wieder auf die Annehmlichkeiten meiner Louisianischen Heimat; ich sprach von dem Glücke, welches meine höchsten Wunsche erfüllen würde, wenn ihr Vater sich entschließen könnte, dort seine Niederlassung zu wählen. »Und wahrlich,« setzte ich mit lebhafter Gemütsbewegung hinzu, »fiele sein Entschluß gegen meine Wünsche aus, ich würde am meisten zu beklagen sein! Ich würde meine Besitzungen dort verlieren, und Ihnen lieber als ein Bettler in alle Wüsten folgen.« Sie lächelte mich mit unbeschreiblichem Liebreiz an, drückte dann mit ihrer Hand leise auf meinen Arm und lispelte: »Warten wir es ab!« Wir und Herr Holden, von seinem Paul begleitet, reisten am folgenden Morgen und zwar zu Schiffe nach Christinenthal. Wir erreichten den Ort ohne Abenteuer. Holden wohnte in meinem Hause. Er schien von der Schönheit der Gegend entzückt . . . Hoffnung und Liebe machten mich beredt, um ihn zum Ankauf zu bewegen. Ich bemerkte endlich, daß er von der Landwirtschaft nur unvollkommene Kenntnis besitze. Ich erbot mich, mein Kapital mit dem seinigen zu vereinen, die Wirtschaft für ihn und mich zu führen, den Kauf der Ländereien und Sklaven zu besorgen und mich statt seiner mit dem Gouverneur in Neu-Orleans abzufinden. Er nahm meine Vorschläge an. Wir entwarfen miteinander den Plan zu seinem Wohngebäude, welches neben dem meinigen am Roten Strom auf meinen Ländereien stehen sollte. Er reiste zu seiner Familie nach Rolands-Kolonie zurück. Jetzt bin ich alle Tage mit der Einrichtung des Gebäudes und mit einer großen Gartenanlage neben demselben beschäftigt. Die Natur selbst hat alles schon zur Ausschmückung jener Gegend gethan Bis zum Frühjahr wird das Gebäude vollendet sein. Aber früher kommen sie nicht nach Christinenthal . . . für mich eine Ewigkeit. Und doch bin ich so selig, denn ich arbeite ja für die Einzige! Ihr Fußtritt wird jenen Boden heiligen, den ich für sie mit den schönsten Blumen und Gesträuchen der Landschaft schmücke, und in jenen Zimmern, die ich ihr einrichte, in jenen Lauben, die ich für sie anlege, werde ich die Wunderbare sehen! 3. Auszug eines Schreibens des Herrn Bellisle an den Chevalier d'Aubant. Orleans, den 5. September 1718. . . . So viel von mir! . . . Und nun endlich noch eine Neuigkeit, die ganz Europa erschütterte, fürchterlich und selten in der Geschichte und gewiß selbst für Sie, in Ihrer zaubervollen Wildnis, von höchstem Interesse ist! Der russische Kaiser, Peter der Große, der erhabenste Mann unserer Zeit, hat seinem eigenen Sohn, dem Großfürsten Alexis, das Todesurteil gesprochen und ihn hinrichten lassen. Zwar reden alle Zeitungen von dieser ebenso außerordentlichen, als schrecklichen Geschichte, aber durch einen Offizier habe ich einige nähere Umstände erfahren, die ich Ihnen nicht vorenthalten will. Die Sache verhält sich folgendermaßen: Die Spannung, welche zwischen dem Kaiser und seinem Sohn herrschte, vermehrte sich mit jedem Jahre. Alexis hatte, seiner düstern, rohen Gemütsart ungeachtet, sowohl beim Volke als unter den Großen und bei der mißvergnügten Geistlichkeit einen zahlreichen Anhang. Alle Feinde der vom Kaiser zur Gründung und Kultur seines unermeßlichen Reichs begonnenen Reformen erwarteten um so zuversichtlicher nach seinem Tode eine allgemeine Gegenrevolution, da der Großfürst Alexis weder seinen Haß gegen den Kaiser, noch den Groll gegen dessen kühne Neuerungen verhehlte. Der Kaiser, um endlich wegen der Fortdauer seiner Staatsveränderungen vollkommen beruhigt zu sein, schrieb an den Thronfolger einen sehr ernsten Brief. Am Schlusse vieler Ermahnungen zur Besserung fügte er endlich die bedeutsamen Worte hinzu: »Du hast nun zu wählen, entweder den Thron oder das . . . Kloster!« Der Thronfolger, von seinen Anhängern umgeben, faßte den Entschluß, den gefährlichen Folgen einer Entscheidung auszuweichen. Der Kaiser war damals in Kopenhagen. Alexis gab vor, sich zu ihm zu begeben, reiste mit seiner finnländischen Mätresse Euphrosyne ab, nahm aber den Weg nach Wien, um sich in den Schutz seines Schwagers, des deutschen Kaisers Karl VI., zu flüchten. Hier wollte er bis zum Tode seines Vaters bleiben. Allein Alexis fühlte bald, daß auch Wien ihm die nötige Sicherheit verweigern würde, wenn es zur Entscheidung käme. Der Unglückliche! Was hatte er für ein Recht auf Schutz und Trost am Thron einer Kaiserin, die ihn von der Welt als einen gefühllosen Mörder ihrer Schwester, der beklagenswerten Prinzessin von Wolfenbüttel, verdammen hörte? Er floh deshalb nach Neapel, um wenigstens den Wüsteneien fremder Weltteile näher zu wohnen. Kaum hatte der russische Monarch den Aufenthalt des Prinzen in Wien erfahren, so sandte er seinen geheimen Rath, den Grafen Tolstoy, einen verwegenen und schlauen Mann, dahin, dessen er sich immer bedient, wenn es ein gefährliches Abenteuer zu bestehen giebt. Romanzow, der Befehlshaber der Leibgarde, begleitete ihn. In Wien hörten sie, daß Alexis schon verschwunden sei und den Weg nach Turin genommen habe. Sie setzten ihm nach, entdeckten aber vom Großfürsten keine Spur mehr. In der Hoffnung, ihn, wenn er in Turin auch verborgen lebte, dennoch ausfindig zu machen, verweilten sie einige Monate daselbst. Tolstoy, als Privatmann gekleidet, lebte wie ein gemeiner Bürger, durchstrich nach und nach alle Gasthöfe, alle Kirchen, alle Weinhäuser und öffentlichen Plätze, doch immer fruchtlos. Eines Abends saß er bei einem Glase Wein in einem öffentlichen Hause, wo mehrere Freunde, unter andern auch ein Neapolitaner, versammelt waren. Man trank tapfer. Tolstoy stellte sich früh berauscht, warf sich auf ein Ruhebett, welches in demselben Zimmer war und that, als wäre er in tiefen Schlaf versunken. Die andern achteten auf ihn nicht. Der Neapolitaner erzählte, daß seit einiger Zeit in Neapel ein junger Mann mit einer Dame angekommen sei, die eine Sprache redeten, welche niemand verstände; der Fremdling mache einen so großen Aufwand, daß man mutmaße, es sei ein Prinz, der im Geheimen reise. Tolstoy wußte nun genug, er ermunterte sich wieder, forderte zu trinken; erwies allen Gästen viele Freundschaft, und schloß sich besonders an den Neapolitaner an, den er auf den folgenden Mittag zu sich einlud. Er ward mit diesem immer vertraulicher, und ließ ihn nicht eher aus den Augen, bis er vollkommen von allem dem unterrichtet war, was er eigentlich zu wissen begehrte. Sodann reiste er mit dem Grafen Romanzow von Turin nach Neapel. Den Tag nach ihrer Ankunft in dieser Hauptstadt war ihr erstes, dem Gouverneur einen Besuch abzustatten. Nach den ersten Höflichkeiten zog Tolstoy den Gouverneur auf die Seite. »Seine Majestät der Kaiser von Rußland weiß mit völliger Gewißheit,« sagte er zu ihm, »daß der Großfürst, sein Sohn, in Neapel ist. Der Monarch wünscht, da seine Gesundheit so hinfällig ist, die baldige Rückkehr des Prinzen, den er so sehr liebt, und der sein Thronerbe ist. Er wird Ihnen, Herr Gouverneur, vorzüglich verpflichtet sein, wenn Sie mir eine besondere Unterredung mit dem jungen Prinzen verschaffen wollten. Ich bitte Sie, genehmigen Sie hier die Beweise von dem, was ich Ihnen sagte!« Tolstoy überreichte bei diesen Worten, außer einem prächtigen Diamanten, dem Gouverneur die augenscheinliche Instruktion, die er vom Kaiser erhalten hatte. Der Gouverneur versprach eine Zusammenkunft auf den folgenden Tag, und hielt Wort. Tolstoy und Romanzow, indem sie sich dem Großfürsten näherten, warfen sich nach russischer Sitte vor ihm nieder, und küßten ihm ehrfurchtsvoll die Hand. Der Prinz erkundigte sich ziemlich betroffen nach der Veranlassung ihrer Reise, und fragte, wie es in Rußland gehe, seitdem er abwesend sei? Sie überreichten ihm einen Brief vom Kaiser. Der Inhalt dieses Schreibens war, daß der russische Monarch seinem Sohne vorwarf, Eid und Pflicht verletzt und sich unter einen fremden Schutz begeben zu haben. Er fordere ihn auf, seinem Willen, wie ihn Tolstoy und Romanzow bekannt machen würden, zu folgen, und er verspreche ihm: »im Namen Gottes und bei dem jüngsten Gericht«, ihn nicht zu bestrafen, sondern ihn noch mehr als sonst zu lieben, wenn er nach Rußland zurückkäme; wenn dies aber nicht geschehen sollte, so erkläre er ihn für einen Verräter und gebe ihm seinen ewigen Fluch. Der Prinz war sehr bestürzt. Tolstoy suchte ihm aber jede Furcht zu benehmen, und wußte sich so ergeben gegen ihn anzustellen, daß der Großfürst und dessen Buhlerin Euphrosyne Vertrauen faßten. »Wahrhaftig,« sagte Tolstoy einstmals zu der Geliebten des Prinzen, »wir sind hier in einem herrlichen Lande; man lebt hier, wie im Himmel. Ich möchte ewig hier wohnen. Aber unangenehm ist's doch, daß es katholisch ist, und daß unsere heilige Religion uns verbietet, mit Leuten von der römischen Kirche zu leben. Dazu kommt noch, daß der Kaiser sehr schwächlich ist. Stirbt er, so besteigt Alexis den Thron von Rußland, und Sie, Madame, spielen dann in Rußland die glänzendste Rolle! Es kann nicht anders sein. Aus Liebe zu Ihnen, Madame, und zum Großfürsten muß ich raten, daß wir dies italienische Paradies verlassen! Ist Ihnen nur daran gelegen, daß seine und Ihre Regierung von glücklicher und langer Dauer sei, so erwecken Sie um alles in der Welt willen bei den Russen nicht den Argwohn, daß der Großfürst vielleicht zwischen der rechtgläubigen griechischen Kirche und der römisch-katholischen Religion einen Augenblick geschwankt habe.« Dergleichen Reden verfehlten ihr Ziel nicht. Die Abreise wurde beschlossen, und Tolstoy führte den 13. Februar dieses Jahres den Prinzen in die Thore von Moskau ein. Noch denselben Abend warf sich der reuige Alexis zu den Füßen seines Vaters. Sie hatten eine lange Unterredung miteinander. Durch die Stadt verbreitete sich sogleich das frohe Gerücht, Vater und Sohn seien miteinander versöhnt, und alles Geschehene vergessen. Am andern Tage aber tritt bei Morgenanbruch schon das Garderegiment unter's Gewehr; man hört die große Glocke von Moskau läuten; die Bojaren und Staatsräte werden nach dem Palast berufen; die Bischöfe und die Äbte versammeln sich in der Kathedralkirche. Alexis wird ohne Degen wie ein Gefangener vor seinen Vater geführt. Er wirft sich demütig vor demselben zur Erde, und überreicht ihm weinend eine Schrift, worin er sich selbst der Thronfolge unwürdig erklärt, und sich nur sein Leben als eine Gnade ausbittet. Vor dem versammelten Staatsrat ward nun eine Art öffentlicher Anklage gegen den Prinzen vorgelesen, worin ihm seine genauen Verbindungen mit den Anhängern der alten Einrichtungen und Sitten, die grausame Behandlung seiner verstorbenen Gemahlin, der unglücklichen Prinzessin von Wolfenbüttel, der Ehebruch mit Euphrosyne, einer ganz gemeinen Dirne, die Flucht zum deutschen Kaiser Karl VI., den er aufgefordert habe, ihn mit bewaffneter Hand zu schützen, und mehreres andere als Staatsverbrechen vorgerechnet wurden. Der Kaiser enterbte ihn darauf feierlich durch eine besondere Urkunde, erklärte ihn der Thronfolge auf ewig unwürdig, und Alexis unterzeichnete bebend mit eigener Hand die Urkunde . . . Dann ging der Zug in die Kathedralkirche. Die Enterbungsakte ward dort zum zweiten Male verlesen, und die Geistlichen unterschrieben sie ebenfalls. Aber das Schicksal des Prinzen war noch nicht vollendet. Er wurde von diesem Augenblicke an samt allen seinen ehemaligen Anhängern, Aufwieglern und Mitschuldigen verhaftet, worunter sich selbst die verstoßene Zarin, seine Mutter, und viele Andere befanden, deren Teilnahme an der Verschwörung zur großen russischen Gegenrevolution entdeckt oder beargwohnt war. Der Prozeß ward ihnen gemacht, und das Urteil gesprochen. Die Vollziehung dieses Urteils ging ohne Gnade von statten. Glebow, der begünstigte Liebhaber der Mutter des Großfürsten, wurde lebendig gespießt, der Bojar Abraham Lapuchin, der Oheim des Großfürsten, Bruder der verstorbenen Zarin, Alexander Kikin, erster Kommissär der Admiralität, der Bischof von Rostow, Beichtvater der Zarin, wurden gerädert und ihre Köpfe öffentlich aufgesteckt; viele von den Teilnehmern an den Ausschweifungen des Großfürsten, unter denen sich fünfzig Mönche und Priester befanden, wurden enthauptet. Dies schreckliche Blutbad ließ glauben, daß nun alles beendigt sei. Aber neue Entdeckungen bewiesen, daß der Prinz noch nicht überall die Wahrheit eingestanden hatte. Der Kaiser versammelte einen hohen Gerichtshof, zusammengesetzt aus dem Adel und der Geistlichkeit, den vornehmsten Offizieren von der Land- und Seemacht, den Gouverneuren der Provinzen und anderen Ständen. Der Prozeß gegen den Großfürsten Alexis wurde den 25. Juni angestellt. Vor seine Richter geführt, hörte derselbe die Sentenz, und wurde in sein Gefängnis zurückgebracht. Den folgenden Tag ging Seine Majestät der Kaiser, begleitet von allen Senatoren und Bischöfen, nebst anderen hohen Personen, in's Schloß, und in das Verhaftzimmer des Großfürsten . . . . Was hier geschah, bleibt ewig ein Geheimnis. Nach einer halben Stunde verließ der Kaiser mit seinem Gefolge wieder des Prinzen Gemach. Aus allen Gesichtern sah man düstere Bestürzung. Man erfuhr nur, daß der Prinz gefährlich krank sei, daß er aus Verzuckungen in Verzuckungen falle. Nachmittags um fünf Uhr hieß es, er sei unter heftigen Kämpfen gestorben. Auf Befehl des Kaisers wurde der Leichnam seines Sohnes einbalsamiert, und unter Feierlichkeiten neben dem Sarge der Prinzessin von Wolfenbüttel, seiner Gemahlin, in den Todtengewölben beigesetzt. Was sagen Sie, lieber Chevalier, zu dieser entsetzlichen Geschichte? . . . Peter der Große, um seine neue Schöpfung zu retten, verläugnete die Gefühle des väterlichen Herzens. . . . Alexis, der grausame, zu allem Großen und Guten unfähige Alexis, erntete schon auf Erden den Lohn für seine mannigfachen Verbrechen und Laster, der andern Fürstensöhnen sonst diesseit des Grabes selten zu teil zu werden pflegt. Ja, mein Geliebter, es ist ein Gott! Es herrscht in der unendlichen Welt ein unsichtbarer, allmächtiger Arm der Vergeltung, und richtet Thaten und Gedanken! Über die Todesart, welche der russische Prinz erleiden mußte, kann ich Ihnen keine befriedigende Auskunft geben. Man hat ausgesprengt, Alexis sei, während ihm das Todesurteil verkündet wurde, vom Schlage gerührt niedergestürzt. Andere Mutmaßungen aber gehen dahin, daß er den Giftbecher habe trinken müssen; noch andere, daß er erwürgt worden sei. Wenn es in den finstern Heimlichkeiten manches Fürstenhauses plötzlich Tag werden sollte, wenn ein Geist der Wahrheit plötzlich den Purpur hinwegrisse, welcher die Verbrechen und das Elend mancher Großen vor den Blicken der untertänigen Menge verhüllen muß; wenn wir sie sehen sollten, die Götter der Erde, wie sie in ihren Gemächern und Schlafkammern mit abgelegter Krone über ihren verstohlenen Jammer brüten; wie sie, ungeheuren Leidenschaften preisgegeben, die Beute derselben sind, und zwischen Rache und Reue, zwischen Wollust und Ekel, zwischen Vergötterung und Dolchen des Meuchelmörders taumeln, wahrlich, mein d'Aubant, unsere Bettler würden ihre Lumpen nicht gegen einen hochfürstlichen Hermelin vertauschen, sondern ihre Brodrinden dem schwelgerischen Gastmahle der Paläste vorziehen! Aber so ist's mit der Menschheit. Raserei ist ihre Weisheit, Leidenschaft ihre Frömmigkeit. Die, welchen Geburt und Zufall mit ungemessener Gunst die Güter der Welt gaben, und jedes Mittel zuteilte, ihr Dasein zu verherrliche, und auf der Erde einen Himmel um sich zu bauen, verstehen oft kaum die Seligkeit eines reinen Herzens; wähnen, Religion und Tugend seien Schattenbilder, und Staatsmittel, den Gehorsam des Volkes zu fesseln; kämpfen mit thörichtem Stolz gegen die ewigen Gesetze der Natur an, und verzweifeln endlich unter ihren Unnatürlichkeiten, wo ihnen Alles, und sie sich selbst zum Widerspruche werden. An diesem allem ist nur die Erziehung der Fürstenkinder schuld. Schon von der Wiege aus sehen sie die Welt mit geblendeten Augen, und statt der einfachen Wahrheit – Zerrbilder der Kunst . . . 4. Der Chevalier d'Aubant an Bellisle. Christinenthal , den 3. April 1719. Nichts mehr, lieber Bellisle, nichts mehr habe ich zu wünschen, nichts mehr zu hoffen! Ich stehe am Ziele und habe auf der irdischen Laufbahn meine Palme errungen. Und wenn der Genius der Ewigkeit mir heute erschiene, winkend, ihm zu folgen, ich würde diese Erde segnen, lächelnd ihr meinen Staub zurückgeben, und still und freudig dem Genius – vielleicht zu einem schönern Sterne – folgen. Ja, Bellisle, die einzige, die mich jemals entzückte, die Wundervolle, welche meinen ganzen Lebenslauf in einen ewigen Lenz verwandelt, die schöne Heilige, deren bloßes Anschauen mich näher zur Gottheit und zur Tugend führt, als aller Pomp der Kirchen, als aller Priester Rednergabe, als aller Philosophen Weisheit – ja, Bellisle, sie ist da! Seit einigen Wochen schon verherrlicht sie meinen Wohnsitz. Ich darf sie von Zeit zu Zeit besuchen. Wenige Tage nach ihrer Ankunft starb ihr seit langer Zeit kränkelnder Vater, der gute Herr Holden. Wie gern that ich dem edeln Manne in seine sterbende Hand den Schwur, seine Kinder nie zu verlassen, an seiner Stelle ihr Freund, ihr Beschützer, ihr Ratgeber zu werden! . . . Er ward unter den hohen Cypressen in seinem Garten begraben. Die reizende Augustine und ihre Schwester Agathe waren untröstlich. Sie leben sehr einsam. Fünf junge Sklavinnen sind ihre Gesellschafterinnen und Dienerinnen. Der mir einst so verhaßte, rätselhafte Paul besorgt die Geschäfte des Hauses und des Feldes. Er besucht mich täglich, und täglich erhalte ich durch ihn Nachrichten vom Befinden seiner Gebieterinnen. Was mangelt mir zu meinem höchsten Glück? Fern vom Geräusch der Welt, fern von ihren Thorheiten und Leidenschaften, lebe ich in meinem selbstgeschaffenen Paradiese. Gleich fern vom vergiftenden Luxus wie von der entnervenden Sorge der Armut, bewohne ich meine eigene, schöne Hütte, umrankt von jungen Reben, und übersehe meine kleinen Herden mit Zufriedenheit. Der Zauber der Natur, welcher mit ewiger Jugend und immer wechselnder Pracht dies einsame Paradies verklärt, der Umgang mit meinen freundlichen Nachbarn, die mich als ihren Ratgeber und Anführer ehren, meine Bibliothek, auf welcher die Weisen aller Nationen und aller Zeitalter zu mir reden und meinen Geist erheben, bringen Mannigfaltigkeit und Anmut in mein einfaches Leben . . . Und nun ist sie erschienen, die Sonne meiner innern Welt! . . . Meine kühnsten Wünsche stiegen nicht höher; ich stehe auf dem glänzenden Gipfel meiner Lebensbahn. Die Nachrichten, welche Sie mir, mein Bellisle, von den blutigen Auftritten in Petersburg gaben, und die ich im Auszuge auch dem Herrn Holden nach der Kolonie Roland gesandt hatte, waren diesem nicht mehr neu gewesen. Man hatte dort die Zeitungen von Neu-Orleans früher erhalten als ich. Als die Fürstin drei Wochen nach dem Tode ihres vorgeblichen Vaters mein Haus zum ersten Male mit ihrem Besuch beehrte, begleitet von Agathen und ihren Sklavinnen, hatte ich ihnen ein kleines ländliches Fest bereitet. Ich hatte mehrere von unsern Pflanzern zum Gastmahl eingeladen; und diese, um sich nach ihrer Weise den Tag froher zu machen, hatten wieder mehrere junge Leute und die Töchter der Kolonie, sowie Musik zum Tanze bestellt. Ich führte Augustinen durch mein Haus, und zeigte ihr meine Einrichtung. Als wir in das Kabinett traten, wo meine Büchersammlung, meine Zeitungen und Karten sind – Agathe hatte uns eben verlassen – warf sie einen flüchtigen Blick auf alles, wandte sich dann zu mir und reichte mir die Hand. Ich wagte es, diese Hand mit Inbrunst und Ehrfurcht zu küssen. Augustine schwieg; ihre schönen Augen schwammen unter Thränen und ein zartes Rot flog über ihre Wangen. »Ich bin eine Waise,« sagte sie endlich, »der Tod meines teuern Vaters ließ mich einsam und schutzlos in einem fremden Weltteil. Aber Gott hat mich nicht ganz verlassen. Er führte mich zu Ihnen, lieber d'Aubant! Sie sind ein edler Mann. Was Sie schon für uns gethan haben, können wir Ihnen nicht mehr vergelten. Aber, d'Aubant, der ewige Vergelter lebt! . . . Bleiben Sie uns, was Sie waren: unser Schutzengel, unser Vater!« Lange war ich keiner Antwort fähig. Ich gedachte ihres erhabenen Standes, ihrer fürstlichen Geburt und des Glanzes, der sie einst umgab . . . und dann, wie die schöne Schwester einer europäischen Kaiserin, die Verwandte der mächtigsten Monarchen, sie, die vom Himmel bestimmt gewesen zu sein schien, vom Throne herab großer Nationen Wohl und Wehe zu entscheiden, neben mir in den Einöden einer neuen Welt, voll Demut und Ergebung stand, und mit einer Thräne um den Schutz eines Mannes flehte, der einst kaum wagen durfte, den Fuß in die goldenen Vorsäle ihres Palastes zu setzen. »Nein,« rief ich, »ich beschwöre Sie, nicht mehr diese Sprache! Sie sind meine Gebieterin, Ich habe keinen Willen; ich bin Ihr Unterthan. Diese Güter, diese Herden, diese Hütte . . . alles, was ich einst mein nannte, ist nicht mehr mein, es ist Ihr Eigentum. Mein Leben hat nur dadurch einen Wert, daß ich es für Sie leben darf.« In diesem Augenblicke bemerkte sie ein kleines Gemälde unter dem Spiegel. Sie trat näher, um es zu betrachten. Ich war ihr gefolgt, und meine Unruhe vermehrte sich, da ich wahrnahm, wie sie sich in dem Bilde, und zwar in derselben Kleidung selbst wieder erkannte, welche sie in dem Walde bei Blankenburg getragen, wo ich sie zum erstenmal gesehen. Sie stand lange schweigend und staunend da. Sie trocknete ihre Augen, nahm mit zitternder Hand das Gemälde ab, betrachtete es wieder, warf sich entkräftigt in einen Sessel, und schluchzte laut. Noch immer wollte ich, um ihrer zu schonen, mein Geheimnis verhehlen, als kenne ich sie nicht. Aber als sie nun ihre verweinten Augen schüchtern zu mir aufschlug, und fragte: »D'Aubant, woher haben Sie dies, und seit wann?« da konnte ich's nicht länger ertragen. Ich sank zu ihren Füßen nieder. »Gnädige Fürstin!« stammelte ich. »Ich sah Sie einst im Hain von Blankenburg . . . ich selbst war der Maler. Es blieb seit jenen Tagen mein höchstes Kleinod. Ich trug's in mancher Schlacht auf meiner Brust; ich nahm es mit mir über's Meer hierher. Einst soll es mit mir im Sarge ruhen.« Sie reichte es mir schweigend zurück, verhüllte ihr Gesicht und weinte heftiger. Nachdem sie wieder Gewalt genug über sich selbst gewonnen hatte, hieß sie mich aufstehen. Sie drückte mir schweigend die Hand. Ein Schauer bebte durch alle meine Nerven. »Ich habe es längst gefürchtet!« sagte sie, »D'Aubant, ist Ihnen meine Zufriedenheit teuer, so vergessen Sie, daß Sie mich einst unter andern Verhältnissen kannten! Wecken Sie in mir keine von jenen unseligen Erinnerungen! Nehmen Sie, samt Ihrem Gemälde, das Geheimnis in das stumme Grab mit! Ich bin nicht mehr Fürstin. Ich bin eine arme, aber zufriedene Pflanzerin. Ich selbst habe mir dieses Los erkoren, und wähle Sie nun zu meinem Vertrauten. D'Aubant, vergessen Sie nicht, daß Sie nun der einzige Sterbliche sind, der mich bereuen machen könnte, was ich gethan!« So sprach die Edle. Ich schwor ihr freudig das Gelübde der Verschwiegenheit, aber verhehlte ihr auch nicht, daß ich Ihnen, mein Bellisle, schon manche Mutmaßung über die holde Unbekannte mitgeteilt, die mir unter so seltsam verschiedenen Verhältnissen im Leben erschienen war! Ich schilderte ihr Sie und unsere Verbindung, und die Folge der Entdeckung war, daß Sie auch diesen Brief, und alles, was ich Ihnen künftig noch über diese Herrliche schreiben werde (denn mich mit Ihnen von ihr im Geiste zu unterhalten, ist mir ein unentbehrliches Bedürfnis), erst dann erhalten werden, wenn sie es selbst erlaubt. Und von diesem Tage an war das Verhältnis zwischen ihr und mir bestimmt. Keiner unserer Gedanken schweifte in das Vergangene zurück. Ich sah sie wieder. Ich sah sie oft. Wie eine Rose nach nächtlichem Gewitterregen blühte ihre Schönheit allmählig unter den Thränen der Schwermut wieder auf, die sie dem Angedenken ihres verstorbenen, treuen Dieners Herbert weinte, den sie, unter dem Namen Holden, als einen zweiten Vater verehrt hatte. O, Bellisle, wenn Sie sie in ihrer häuslichen Thätigkeit sehen könnten! Ein wunderbar schöner Geist der Einfalt und der Ordnung waltet bei ihr. Was sie berührt, scheint sich unter ihren Händen zu veredeln. Alles wird anmutsvoller und bedeutsamer, was mit ihr in naher oder ferner Verbindung steht; selbst das Leblose wird beredt, und die kleinste Blume ihres Gartens blüht herrlicher, greift schöner in das wundervolle Ganze ein, welches die Gegend umgiebt, die von ihr bewohnt wird. Mit erhabener Selbstverläugnung belebt sie geschäftig ihren neuen Wirkungskreis, als wäre sie für ihn geboren, und seit der frühesten Kindheit in ihm aufgewachsen. Die ganze Weltgeschichte kennt kein weibliches Wesen, welches mit solchem Heldenmute und solcher Kraft mit so entgegengesetzten Lebenslosen sich befreundete wie sie; welches gelassenen Mutes Thron und Purpur mit einer Hütte vertauschte, und mit einer Religion, wie Heilige sie nicht in ihrem Busen trugen, erhaben über ihr Schicksal, hinwandelt, und den trüben Strom der Verderbtheit ihres Zeitalters, der verworrenen Begriffe von Hoheit und menschlicher Bestimmung tief unter sich erblickt. Nie sah die Welt eine Fürstin von so rührender Demut, nie eine Hüttenbewohnerin von so vieler Majestät umstrahlt. Die ganze Kolonie Christinenthal sieht mit Ehrfurcht und Liebe auf sie hin, wie auf ein Wesen, das aus einer bessern Welt kam, uns zu beglücken; ihre Sklavinnen vergöttern sie . . . und ich, o Bellisle! . . . ob ich sie liebe? . . . Liebe? . . . Nein, nur anbeten darf ich sie! Ach, die peinlichen, die seligen Gefühle, die mich oft entzücken und vernichten . . . sie kennt sie nicht . . . sie darf sie niemals vermuten. Liebend werde ich einst ins Grab sinken, aber ungeliebt! Die ich anbete, ist eine geborne Fürstin. Es bedarf eines Königreichs, um die Kluft auszufüllen, welche der Zufall zwischen ihr und mir geschaffen hat. 6. Aus dem Tagebuche Augustinens. . . . Sähest Du nur, geliebte Julie, meine Einsiedelei im Schatten hoher Eichen, und das hehre Prachtwerk der in sich selbst vollendeten Natur, welches mich, so oft meine Blicke es durchirren, mit Begeisterung erfüllt; sähest Du mein Tagewerk und den Frieden und die Freude, die außer mir und in mir herrschen, Du würdest mich die glücklichste Tochter der Erde nennen! D'Aubant, der Edle, wetteifert mit der holden, üppigen Natur dieses Landes, meinen Aufenthalt zum reizendsten der Welt zu machen. Wo jene das Anmutige gab, fügte er das Nützliche hinzu; wo jene den Nutzen bot, knüpfte er das Schöne der Kunst daran. Mein Dasein löst sich in den stillen Strom heiliger Empfindungen auf. Die Wehmut der Erinnerung, das fröhlichbange Ahnen des Künftigen und der milde Zauber der Gegenwart verschmelzen in zarter Übereinstimmung mit einander, wie die verschiedenen Töne eines harmonischen Klanges. Ich muntere unsere Arbeiter in den Feldern auf, ich besuche die Hütten meiner Kolonie, werde die Freundin und der Arzt der Kranken, die Friedensstifterin der Entzweiten; oder ich pflanze unsern Garten an, teile mit der liebenswürdigen Agathe die kleinen häuslichen Arbeiten, oder wir empfangen Besuche, und bewirten unsere willkommenen Gäste auf das beste. Oft gehe ich mit Agathen und einigen meiner Sklavinnen den brausenden Strom entlang und untersuche die Pflanzen dieses lieblichen Himmelsstriches; oft schweife ich einsam und furchtlos durch die finstern, feierlichen Waldungen und durch das Gebirge. Die Natur ist das wahre Buch himmlischer Offenbarung, welches gleichsam die Hand des Allmächtigen selbst geschrieben; und jede Zeile dieses unendlichen Werkes ist ein neues Wunder. Der Teil des Erdballs, auf welchem ich jetzt wandle, trägt überall die Spuren einer späten Bildung und Entstehung. Noch ist nicht der tausendste Teil desselben von Menschen bewohnt oder gekannt. Einst herrschte auch hier, wie in andern Weltgegenden, allein der unermeßliche Ozean, wie dies die Menge der Versteinerungen von Meererzeugnissen verbürgt, welche heutzutage nur im Schoße des Weltmeers gesehen werden . . . Langsam nur, und im Verlaufe vieler Jahrhunderte, bildete sich die Oberfläche des Erdballs, wie wir sie jetzt kennen. Aber was war sie vor unserer Geschichte? . . . Wo jetzt in der Nähe des Nordpols eine ungeheure Wüste von ewigem Eise starrt, da lebten einst Tiere, welche heutzutage unter den heißesten Zonen gefunden werden, und Tiergeschlechter sind untergegangen, von denen wir nur noch große Gerippe in verschütteten Höhlen entdecken! Julie, es war eine Vorwelt, von der unsere Geschichte nichts weiß, und wir wandeln auf dem Staube und über den Trümmern von Geschlechtern, welche diese Erde früher sahen, als selbst Moses' Urkunden hinaufdeuten. Was da gewesen ist, verwest; die Thaten jener fernen Geschlechter sind vernichtet und verloren. Sie schmeichelten sich vielleicht in stolzer Hoffnung mit der Unsterblichkeit ihres Namens, und siehe, eine Änderung in der Bahn des Erdballs um die Sonne . . . und alles versank in den Schutt der Vergessenheit, denn das feste Land, das wir bewohnen, ist neues Land, und die Meere, die wir beschiffen, sind vielleicht nur Gräber vormals bewohnter Weltteile. Und so wie jene vernichteten Völker der unbekannten Urwelt, können auch unsere Völker, unsere Thaten einst durch furchtbare Zerstörungen bis auf die letzte Spur verschwinden. Dann war kein Alexander, kein Cäsar, kein Sokrates, kein Homer. – Nach Jahrtausenden findet vielleicht ein neues Geschlecht unsere verkalkten Gebeine und Abdrücke unserer Pflanzen in neuen Schiefergebirgen, und spricht: Dieser Weltkörper trug schon einmal Bewohner, ehe unsere Geschichte sie kannte! . . . Aber der Name Griechenlands und Roms ist dann verschwunden; man weiß nicht, war ein Rußland, ein Frankreich; blühte einst ein schönes Reich, Deutschland genannt, welches edle Fürsten und Weise erzeugte? So, Julie, sinke ich beim Betrachten der unendlichen Natur schauernd in mir zusammen, die Vergänglichkeit weht mich mit ihren Flügeln an, ich falle nieder, berühre mit meiner Stirn den Staub der Erde und bete Gott an! Julie, es ist nichts ewig, als Gott; es ist nichts unsterblich, als sein Werk, das wir auch sind; es ist nichts schön, als die Natur; es ist dem Menschen nichts verwandt, als die Tugend! Ich habe die Bande des Vorurteils zerrissen, und mir ist's, als stehe ich nun wie eine Vollendete besser und größer da, zwischen Welt und Ewigkeit, zwischen Gott und Menschheit. Ich erkenne an dem Fürstenthron keinen Glanz mehr, an der Armut keine Schmach. Die Menschen sind nur darum elend, weil sie den Mut nicht haben, glücklich zu sein. O, Julie, wärest Du bei mir in der schönen, klösterlichen Welt Louisianas; könnte ich meine Ansichten, meine Hoffnungen, mein Glück mit Dir teilen! Ich beklage weder das Vergangene, noch das Verlorene. Was mich quälte ist vergessen; was ich liebte, ruht unverloren in Gottes Arm. Auf meines treuen Herberts Grabe weint das menschliche Auge nur Thränen der Dankbarkeit; ich beklage aber seinen Tod nicht. D'Aubant will mir Herbert sein . . . ich fühle es, er wird mir mehr. Ich liebe in ihm meine Jugendwelt; ich liebe in ihm Dich, o Julie! Dies giebt dem Irdischen, das mich umfängt, den von mir unter tausend Leiden verkannten Wert wieder. Ja, es ist eine Seligkeit, ein Mensch zu sein! 6. Mündliche Überlieferungen. Die glücklichen Kolonisten lebten lange in beneidenswürdiger Abgeschiedenheit von der übrigen Welt und vergessen von Europa. Ihre Indigo- und Tabakspflanzungen erreichten bald den höchsten Flor. Nichts fehlte ihnen zur Zufriedenheit; und selbst was ihnen zu mangeln schien, vermehrte nur den Wert ihrer Verhältnisse. Täglich sah d'Aubant Augustinen, täglich lernte sie neue Tugenden an ihm achten. Gegenseitiger Umgang ward ihnen in der Einsamkeit zum Bedürfnis. Augustine liebte den edlen Mann, ohne es zu wissen, ohne es sich zu gestehen; und d'Aubants Leidenschaft für die Liebenswürdigste ihres Geschlechts brannte in stillem Feuer unauslöschlich. Selbst die gute Agathe, dem allmähligen Welken nahe, lebte wieder in schöner Jugendfülle auf, denn ein französischer Offizier, welcher von Neu-Orleans kam, um die Kolonieen zu untersuchen, verdunkelte bald in ihr die Erinnerungen an den romantischen Janinski. Nach einem halben Jahre der neuen Bekanntschaft war aus Agathen eine Madame Desfontaines geworden, und Herr Desfontaines, in so schönen Banden gehalten, legte seine Stelle nieder und ward in der glücklichen Kolonie ein Pflanzer. Der Gouverneur von Neu-Orleans, welcher schon längst versprochen hatte, das so hoch gerühmte Christinenthal zu besuchen, erfüllte endlich sein Wort. Er kam nebst seiner Gemahlin und der reizenden Adelaide, seiner Tochter, sammt einem großen Gefolge, in der Mitte des Sommers an, um wenigstens einen Monat in der neuen Pflanzung zuzubringen. Ihm zu Ehren wurden eine Menge kleiner Feste veranstaltet, und die harmlose Freude schien sich aus der übrigen Welt nun in diesen unbekannten Winkel der Erde geflüchtet zu haben. Aber eben dieser Aufenthalt des Gouverneurs in Christinenthal hatte auf die bisherigen einförmigen Verhältnisse d'Aubants und der fürstlichen Pflanzerin einen Einfluß, den sie selbst nicht erwartet hatten. Augustinens Heiterkeit verlor sich unmerklich. Agathe sowohl als d'Aubant fanden sie öfter als gewöhnlich an den Grabhügel Herberts gelehnt und in traurige Betrachtungen verloren. Zwar lächelte sie, sobald ein Freund vor ihr erschien; zwar belebte sie noch wie immer die Gesellschaften mit ihrem Frohsinn; aber dennoch empfand jeder, der sie kannte, daß ihr Lächeln und ihr Scherz nur erzwungen sei. Niemand konnte in das Geheimnis ihres stummen Grames dringen. Inzwischen dauerten die Zerstreuungen fort. D'Aubant hatte weniger Veranlassung und Gelegenheiten, Augustinen zu beobachten. Er war mit der Sorge um die Unterhaltung seiner Gäste eifrig beschäftigt. Die muntere Adelaide umgaukelte ihn unaufhörlich, und der Gouverneur hatte tausend Dinge mit ihm ins Reine zu bringen. Die Gemahlin des Gouverneurs bemerkte mit innerm Wohlgefallen, wie sich Adelaide mit jedem Tage vertraulicher an Herrn d'Aubant anschloß. Sie teilte ihre kleinen Entdeckungen dem Gouverneur mit, und dieser hatte, so wie seine Gattin, manchen Grund, mit den Entdeckungen zufrieden zu sein. Denn die kleine flatterhafte Adelaide hatte ihr Herz schon einem Ingenieur, einem jungen, artigen Manne schenken wollen; das wußten die Eltern und waren dieser Absicht nicht gewogen gewesen. Sie hatten Adelaiden die Liebe zum Ingenieur, als einem Manne von bürgerlicher Abkunft, ernstlich untersagt; das wußte Adelaide, und sie ihrerseits war dem Verbot nicht gewogen gewesen. Jetzt schien sich das Mißverhältnis sehr angenehm in eine Verbindung d'Aubants mit Adelaiden aufzulösen, und in der ganzen Kolonie zweifelte kein Mensch weiter daran. D'Aubant läugnete freilich herzhaft, so oft die liebenswürdige Desfontaines ihn darum befragte; dessenungeachtet wollte er nie die Wahrheit und das Geheimnis all der kleinen Vertraulichkeiten verraten, die zwischen ihm und Adelaiden herrschten. An einem schönen Nachmittage war die ganze Gesellschaft der Fremden von Neu-Orleans, natürlich auch d'Aubant, bei Augustinen eingeladen. Augustine schien trüber gestimmt, als gewöhnlich, so viele Mühe sie sich auch gab, ihre Schwermut zu verheimlichen. Auch der Gouverneur und seine Gemahlin waren ernster denn sonst. Der flatterhaften Adelaide sah man sogar rotgeweinte Augen an; d'Aubant war stiller. Mit einem Worte, der Genius der Freude war treulos entwichen; jedes lebte mehr in sich, als mit den andern. Agathe allein hüpfte harmlos von einem zum andern, und konnte das rätselhaft Betragen einer Gesellschaft nicht begreifen, in welcher sonst Mutwille und Scherz einheimisch waren; und mochte sie auch forschen und fragen, wie sie wollte, einer war geheimnisvoller als der andere. Augustine ermannte sich. Sie stand im Glauben, daß ihre Niedergeschlagenheit, welche sie so wenig bewältigen konnte, die Ursache der unangenehmen Verstimmung der übrigen geworden sei. Ihre Gäste hatten sich im Garten und im daranstoßenden kleinen Parke paarweis zerstreut. Sie eilte dahin, um die Verlorenen zu sammeln. Indem sie an einer kleinen, von Gebüschen begrenzten Wiese vorüberging, sah sie Adelaiden mit ausgebreitete Armen gegen d'Aubant fliegen, welcher mit dem Ingenieur in ein Gespräch vertieft zu sein schien; sah, wie Adelaide den letzteren umarmte. Augustine wandte sich schnell ab, um die Glücklichen nicht durch ihr Erscheinen zu stören . . . . D'Aubant aber hatte die Fürstin bemerkt. Er überließ die freudenberauschte Tochter des Gouverneurs dem Geliebten und eilte jener nach. Sie stand an eine Cypresse gelehnt, und starrte finster vor sich hin. Als sie seine Schritte vernahm und ihn erblickte, schien sie ihm entgegen eilen zu wollen, doch die Kraft gebrach ihr. Sie war sehr blaß; sie lächelte ihn an, und ihre Augen waren von zitternden Thränen schwer. »Ihnen ist nicht wohl?« fragte d'Aubant ängstlich. »Nicht ganz,« antwortete sie, »aber es wird vorübergehen.« Sie deutete mit der Hand auf einige bemoste Felsenstücke, welche im Schatten überhängender Gesträuche ein Ruheplätzchen bildeten. D'Aubant führte sie dahin. Er setzte sich an ihrer Seite nieder. Beide schwiegen lange. Er ergriff plötzlich ihre Hand mit einer Heftigkeit, die sie erschreckte, und küßte sie mit ungewöhnlicher Inbrunst. »Machen Sie mich nicht unglücklich, Madame!« rief er mit bebender Stimme. »Irgend eine Krankheit, irgend ein Übel nagt an Ihrem Leben.« Sie schlug die Augen zu ihm auf, und bemerkte Thränen in den seinigen. »Fürchten Sie nichts!« erwiderte sie. »Mir ist wieder wohl. Es war eine Anwandlung . . . es ist schon vorüber.« Eine neue Stille trat wieder ein. »Ich habe,« sagte er nach einiger Zeit, »Ihnen eine frohe Botschaft bringen wollen. Es ist mir gelungen, den Gouverneur und seine Gemahlin zur Einwilligung in die Verbindung Adelaidens mit dem Ingenieur zu bewegen. Es hielt schwer. Aber der Gouverneur war wohl gezwungen, sein Jawort zu geben, da sich die beiden jungen Leute aus Liebe und Leidenschaft schon zu sehr vergessen hatten und dergleichen Schritte nicht wohl zurückgethan werden können. . . . Kommen Sie, nehmen Sie Teil an der Freude der Glücklichen, die jetzt wahrscheinlich zu den Füßen ihrer Eltern liegen.« Augustine schien von dieser Neuigkeit sehr überrascht. Sie that noch manche Frage, und an den Arm des Chevaliers gelehnt, ging sie, den Gouverneur aufzusuchen. Die düstere Stille, welche noch vor einer Stunde in dem freundschaftlichen Kreise geherrscht hatte, war nun plötzlich verschwunden; das drückende Geheimnis von jeder Brust gewälzt. Man gab und empfing Glückwünsche, und überließ sich unbefangener, als jemals, der Freude. Augustine, von dem Vergnügen ihrer Gäste beseelt, wollte das Fest krönen. Sie lud die benachbarten Pflanzer mit ihren Familien ein; auch ländliche Musik erschien, und beim Schimmer des Mondes und der Sterne wurde ein fröhliches Abendmahl im Freien unter den Palmen veranstaltet. Versöhnung, Dankbarkeit, Liebe, Hoffnung und Freundschaft bewegten jedes Herz. Man tändelte, man sang, man tanzte. Der Klang der Instrumente drang weit und melodisch durch die Stille des Abends hin, lockte die Bewohner und Bewohnerinnen der entfernten Hütten herbei und vermehrte mit jeder Stunde beim Schein der Fackeln und Lampen das liebliche Getümmel. D'Aubant vermißte zufällig Augustinen. Sie hatte sich aus dem Gewühl zurückgezogen. Er fand sie nicht weit vom Tanzplatze auf einer Bank im Garten, von wilden blühenden Gebüschen verdeckt. »Darf ich mit Ihnen diese Einsamkeit teilen?« sagte er. »D'Aubant!« sagte sie leise. Er saß schon neben ihr. Er wollte reden, ergriff ihre Hand und vergaß, indem er diese an seine Lippen zu pressen wagte, seine Worte. Beide schwiegen. Das Zauberische des schönen Abends, die letzten Ereignisse, die Musik in der Ferne, schienen mächtiger auf Beider Herzen zu wirken, nachdem in Beider Brust die schöne Ahnung reger geworden: Du lebst nicht ganz ungeliebt. Augustine, aller Vergangenheit vergessend, sah mit träumenden Blicken in die verworrene Abendwelt hinaus. Wohlgerüche dufteten von allen Stauden. Gesträuche, Hütten und Tänzer schwebten im Halblichte des Mondes; und wie Gestirne funkelte der rote Glanz der Fackeln durch das vom leisen Wehen der Abendluft erzitternde Laub. Was sie in diesem Augenblicke an d'Aubants Seite empfand, glaubte sie noch nie empfunden zu haben, und wie sehr sie ihn liebte, schien sie nie so deutlich erkannt zu haben, wie in diesen Augenblicken. Aber diese Augenblicke waren auch die ersten, in welchen er, der sonst nie seine tiefe Ehrfurcht vor der schönen Fürstentochter vergessen hatte, die Schranken der Ehrfurcht brach. Er schwieg und zitterte, während seine Lippen auf ihrer Hand glühten. Seine Seele taumelte zwischen Entzücken und Furcht. Seine Verwegenheit führte ihn an die Schwellen des Himmels oder der Vernichtung, und diese Minuten wurden für ihn entscheidend. Sie wollte ihm ihre Hand entziehen und vermochte es nicht. »D'Aubant!« sagte sie schüchtern. Er drückte ihre Hand an seine von einem Seufzer tief bewegte Brust. Sie schwieg; sie wollte den Seufzer unterdrücken, welcher dem seinigen antwortete. Aber er hörte ihn und in ihm die Hoffnung der Gegenliebe. Ein Geräusch in der Nähe weckte plötzlich Beide aus ihren Träumen auf. Erschrocken zog Augustine die Hand zurück, welche schon zu lange die Beute des jungen Mannes gewesen war. D'Aubant wich voll Ehrfurcht auf die Seite. Der alte Gouverneur, von Lust und Wein erhitzt, stand vor ihnen. Beide schienen diese Überraschung so wenig erwartet, als gewünscht zu haben; sie konnten ihn nicht anreden und sich so plötzlich der Gefühle erwehren, in denen ihre Seelen seit einer Stunde und vielleicht länger wie in einem Garne kämpfend und bewältigt lagen, Der Gouverneur sah sie eine Weile an. »Also hier?« sagte er lachend, »Und so stumm? O, machen Sie Beide mich nicht blind; ich habe es längst bemerkt. Habe ich nun schon gern oder ungern heute eine Verlobung machen müssen, Herr Chevalier, so muß es auf der Stelle noch die zweite und, wenn morgen oder übermorgen der Missionär komm., eine Doppelhochzeit geben!« Ohne weitere Antwort abzuwarten, bog sich der Mann über Beide nieder, schlug die Arme rechts um d'Aubant, links um Augustinen und preßte Beide herzlich und so nahe zusammen, daß ihre Lippen sich begegnen mußten. D'Aubants Kuß brannte auf Augustinens schönen Lippen . . . Bewußtsein und Besonnenheit waren von ihnen gewichen. Sie fühlte in der Betäubung des geliebten Mannes Mund an dem ihrigen glühen und unwillkürlich antwortete ihm der süße Gegenkuß. Zitternd versanken Beide in den Wirbel unbekannter Wonnen, wie wenn sie sich durch Zauber aus der toten Erdenwelt ins Elysium versetzt sähen und beim ersten Eintritt noch schüchtern daran zweifelten. Der Gouverneur lachte über seinen glücklichen Rat laut auf und ging mit Recht triumphierend davon. Das Lachen rief d'Aubants Besinnung zurück. Er fürchtete, die der Fürstentochter schuldige Hochachtung verletzt, Augustinens Zorn verdient zu haben . . . und doch hielt Liebe ihn immer wieder an des wundervollen Weibes Brust. »D'Aubant!« lispelte sie bebend und erwiderte leise den Kuß, der ihre Lippen versiegelte. Er schlang seine Arme um sie. Er fühlte sich von dem schönsten, edelsten Wesen, welches er jemals in der Welt gefunden, umfangen. Er schwamm in einem Meere von Seligkeit. Ein fröhliches Geräusch drang durch die Gebüsche heran, und der Glanz der Kerzen kam näher. Hand in Hand gingen der Chevalier und Augustine der herbeiströmenden Menge entgegen. Sie empfingen, als Neuverlobte, die Glückwünsche aller, ohne eine Antwort stammeln zu können, denn sie hatten sich selbst noch nicht mit Worten gestanden, was sie fühlten und dachten. Den Chevalier floh diese Nacht der Schlaf; er lag wie im wilden Fieber. Erst am Morgen ziemlich spät erquickte ihn ein leichter Schlummer. Und als er erwachte, dünkte es ihm ein Märchen, was gestern geschehen. Furchtsam machte er sich auf, um Augustinen zu sehen . . . um, wenn sie vielleicht den schönen Rausch bereuen würde . . . Doch was er dann thun würde, war ihm selbst noch dunkel. Sie war allein, noch im häuslichen Gewande; aber schöner war sie ihm nie erschienen. Bei d'Aubant's Eintritt in's Zimmer flog eine sanfte Röte über ihr Gesicht. Sie erhob sich vom Stuhl, wagte aber nicht, zu ihm aufzusehen. Und doch, so sagte ihr ganzes Wesen, und der stille Ernst, der sie beherrschte, daß sie sich vorbereitet hatte, mit ihm über das Geschehene ein ernstes Wort zu sprechen. Er fiel zu ihren Füßen nieder . . . er konnte keine Silbe des Grußes stammeln. Sie winkte ihm, aufzustehen. Er erhob sich, und wollte mit seinen Augen in den ihrigen Gnade oder Verdammung lesen. Sie starrte ihn traurig, zärtlich an, und was gesprochen werden sollte, ward vergessen . . . Sprachlos, Herz an Herz, vergaßen sie des ganzen Weltalls: nur in zitternden Seufzern, nur in Thränen tiefgefühlten Glücks redeten ihre Seelen zu einander. Und wie gestern machte auch diesmal der Gouverneur ihrer Begeisterung ein Ende. Er trat herein, an seiner Hand den Geistlichen von Adayes, und hinter ihm ein fröhliches Gefolge: Agathe mit ihrem Desfontaines, und andere von der Begleitung des Gouverneurs und aus der Kolonie. Agathe schlang schluchzend ihre Arme um Augustinen, küßte sie mit hoher Inbrunst und rief: »Wohl hat mir's immer eine geheime Stimme zugeflüstert, aber ich wagte es nicht, ihr zu glauben. Du liebe, göttliche Pflanzerin, bist glücklich! Ich kröne Dich hier mit dieser Myrtenkrone. Christinenthal ist Deine Monarchie; Liebe, Tugend und Seligkeit sind Deines Hofstaates Glanz . . . vergiß nur in d'Aubant's Armen Deine Agathe nicht!« Wirklich heftete Madame Desfontaines die frische Myrtenkrone auf Augustinens Haupt, von welchem in reizender Unordnung die Locken über Schultern und Nacken wallten . . . Der ganze Zug ging zur nächsten Kapelle, und die verwitwete Fürstin ward . . . vermählt mit dem Geliebten . . . Madame d'Aubant. Nachschrift. Eine Reihe seliger Monate und Jahre blühte dem hochbeglückten Paare in Louisiana's Einsamkeit. Die Geburt einer reizenden Tochter erhöhte das Glück der fürstlichen Mutter. Sie säugte ihr Kind selbst, und unterrichtete es, sobald es stammeln lernte, in ihrer Muttersprache, der deutschen. So hatte das erhabene Weib, indem es siegend über die Vorurteile der Welt, und nur in seine Tugend gehüllt, daher ging, das harte Schicksal unter ihren eigenen Willen gebeugt. Selbstschöpferin ihres Wirkungskreises in unbekannten Gegenden, bereitete sich die mutmaßliche Erbin des größten Reichs der Welt ihr Elysium in den Hütten harmloser Pflanzer, und fand hier unter wilden Völkerschaften ein himmlischeres Los, als im kaiserlichen Palaste von Petersburg ihr je zu Teil werden konnte. So verfloß der schönste und wichtigste Zeitraum ihres Lebens. D'Aubant's Pflanzungen vergrößerten sich mit jedem Jahre. Er lebte im Überfluß. Zwei Umstände aber trafen späterhin zusammen, durch welche die Glücklichen veranlaßt wurden, ihren Aufenthalt zu veräußern . . . eine Krankheit d'Aubant's, welche ohne Beratung mit geschickten Ärzten gefährlich zu werden drohte, und die falsche, golddürstige Politik des neuen Gouverneurs zu Neu-Orleans. Sie verkaufen ihre Pflanzungen mit großem Gewinn, und reisten beide nach Frankreich zurück. Die Prinzessin glaubte in Europa schon längst vergessen zu sein. Sie kamen nach Paris, d'Aubant übergab sich den Ärzten, und ging seiner Genesung entgegen. Eines Tages ging Augustine mit ihrer Tochter lustwandelnd durch den Garten der Tuilerien. Beide unterhielten sich in deutscher Sprache. Graf Moriz, der Marschall von Sachsen, stand in der Nähe und bemerkte die Damen. Da sie in seiner Muttersprache redeten, wollte er die Gelegenheit nicht verlieren, mit so liebenswürdigen Landsmänninnen Bekanntschaft anzuknüpfen. Er trat zu ihnen und erkannte die Prinzessin von Wolfenbüttel, welcher seine Mutter, die Gräfin von Königsmark, vor mehreren Jahren zur Flucht aus St. Petersburg verholfen hatte. Vergebens wollte sich die Überraschte ihm verbergen. Sie war einmal erkannt, und der Marschall bat um die einzige Gnade, ihre Anwesenheit in Paris dem Könige zu melden. Alle Gegenvorstellungen der Prinzessin waren fruchtlos. Sie ergab sich endlich in seine dringenden Bitten; doch unter der Bedingung, daß er das Geheimnis drei Monate lang bewahren solle. Er versprachs, und erhielt dafür die Erlaubnis, der Prinzessin von Zeit zu Zeit seine Aufwartung machen zu dürfen. Der Chevalier war inzwischen wieder vollkommen gesund geworden. Und als der Marschall am Ende des bestimmten Vierteljahrs die Prinzessin noch einmal besuchen wollte, bevor er dem Könige die wichtige Entdeckung machte, war sie mit ihrem Gemahl und ihrer Tochter verschwunden. Doch erfuhr er, daß sie sich nach Ostindien eingeschifft, und die Insel Bourbon zum Wohnorte gewählt hätten. Graf Moriz eilte zum Könige. Dieser, nicht wenig durch die Entdeckung überrascht, ließ auf der Stelle durch seinen Minister dem Gouverneur der Insel befehlen, den Chevalier d'Aubant und dessen Gemahlin mit der ausgezeichnetsten Achtung zu behandeln, und allen ihren Wünschen zuvorzukommen. Aber damit noch nicht zufrieden, schrieb der König eigenhändig einen Brief au die Königin von Ungarn, wiewohl er mit ihr im Kriege war, und unterrichtete sie von den außerordentlichen Schicksalen ihrer, längst als tot beweinten Tante. Die Antwort enthielt, außer ihren Dankbezeugungen, ein beigefügtes Schreiben an Madame d'Aubant. Die Königin bat sie, zu ihr an den Hof zu kommen; der König von Frankreich werde für ihren Gemahl und für die Tochter, welche sie mit demselben erzeugt hätte, auf das Glänzendste sorgen . . . aber die Prinzessin antwortete ihres hohen Geistes würdig und im stolzen Gefühle ihres Glückes. Sie verwarf alle Anträge und blieb in ihrem Dunkel. Sie war noch im Jahre 1754 auf der Insel Bourbon. Nach dem Tode ihres Mannes und ihrer Tochter begab sie sich wieder nach Europa. Viele behaupten, daß sie sich nach Montmartre zurückgezogen habe, wo man sie noch im Jahre 1760 gesehen haben will. Andere versichern, daß sie den Abend ihres tugendhaften Lebens in Brüssel verlebt habe, wo ihr eine ansehnliche Pension von dem Hause Braunschweig ausgezahlt wurde. Hier war sie aller Armen Trösterin; jeder Unglückliche fand Hilfe bei ihr, wenn ihn die Welt verlassen hatte. Eine unzerstörbare, sanfte Heiterkeit strahlte aus ihren Gesichtszügen, wie ein Abglanz ihres inneren Seelenfriedens. Nahe an siebenzig Jahren bewahrte sie noch Spuren ihrer ehemaligen Schönheit; und die Fülle reiner und beseligender Empfindungen, mit denen sie einst die Tage ihrer Jugend durchwandelte, blieb ihr noch im stillen Lebenswinter getreu. Und als sie nun, so wird von ihr erzählt, die schöne Stunde schlagen hörte, welche ihre Seele mit dem vorangegangenen Freunde ihres Herzens, mit d'Aubant, und mit ihren Kindern vereinigen sollte . . . und als aller Augen an ihrem Sterbebette weinten, wandte sie sich noch mit sanftem Lächeln zu den Klagenden, und sprach: »Ich habe einen schönen Traum geträumt; nun laßt mich doch zum Leben erwachen!«