Der Aufgang des Abendlandes Karl Bleibtreu John Macready Der Verfasser, früher lange in Deutschland lebend, schrieb dies Werk deutsch unter Beihilfe eines befreundeten deutschen Autors, weil er aus bestimmten Gründen, die teilweise aus dem Inhalt erraten werden dürften, es in England nicht veröffentlichen konnte O Mirabile Giustizia Di Te, Primo Motore! O La Tua Divina Necessità! Leonardo Da Vinci Ich sah keinen Tempel, denn Gott selbst war der Tempel. Apokalypse Wir wissen noch nicht, was wir sein werden, wissen aber, wann es erscheinen wird, daß wir Gott gleich sind, denn wir werden ihn so schauen, wie er ist. Epistel Johanni Wer mit Zweifel beginnt, endet mit Gewißheit. Bacon Die Seele ist nicht räumlich im Körper ... Körper ist vielmehr in der Seele ... Einheit und Wahrheit sind das gleiche. Giordano Bruno Ohne Unsterblichkeit ist das Leben sinnlos. Goethe zu Eckermann Der Sinn, der Geist, das Wort, die lehren fromm und frei, Wenn du es fassen kannst, daß Gott dreifaltig sei. – Wär' Jesus tausendmal in Bethlehem geboren, Wenn nicht gebor'n in dir, so bist du doch verloren. Angelus Silesius Wer feige Frieden sucht nur für sein eigen Heil, Ist ein Verräter an der Welt gemeinem Heil. Rückert Glück und Unglück sind nur Schein. Paracelsus Glück und Unglück sind dem Starken gleich. Chamford Jedes Phänomen der Geschichte wird Naturerzeugung. Herder Nicht wir sind in der Zeit, Zeit oder vielmehr absolute Ewigkeit sind in uns. Natur weiß nicht durch Wissenschaft, sondern auf magische Weise. Schelling , »Über Dogmatik« Gemeinschaft sucht, wer Einsamkeit nicht vertragen kann. Pascal Unfreiheit ist ein Phänomen der Freiheit. Kierkegaard Das Subjekt kommt nie zum Bewußtsein seiner Selbständigkeit, deshalb finden wir bei Juden keinen Glauben an Unsterblichkeit ... Statt die Welt analytisch zu buchstabieren, sollte Philosophie sie synthetisch konstruieren. Hegel Nur Denken erzeugt, was als Sein gelten darf. Cohen Die Methode des Denkens ist beim Kongoneger ganz wie die des Professors. Nordau , »Was ist Wahrheit« Habichte fressen immer Tauben, warum sollte der Mensch seinen schlechten Charakter ändern? Voltaire , 1780 Erinnern des Lebensinhalts ist nur ein Vorbegriff. Fechner Alles Erinnern an das alte Leben wird beginnen, wenn das alte Leben dahinten liegt ... Es ist umsonst, aus Umständen den Genius begreiflich zu machen, der eigenste Zugang zu ihm ist der subjektive. Dilthey Deshalb ist Universalität das Kennzeichen des Genies ... Höchster Individualimus ist höchste Universalität ... Wissenschaft nimmt die Dinge, wie sie sind, Genie für das, was sie bedeuten ... Nur zeitlose Dinge werden positiv gewertet. Weininger Für Wissenschaft gibt es keine Spezialuntersuchung, jedes ihrer Sonderprobleme dehnt seine Linie von selbst in letzte Fragen aus. Windelband 1. Naturerkennen und Erkenntniskritik. I »O Wunder der ersten Bewegung!« ruft Leonardo. Das klingt anders als die Altklugheit, die sich über nichts wundert und Bewegung als einzigen Lehrsatz ihrer Schematik herleiert, als drehe es sich bei Weltdrehung um objektive Tatsache statt um subjektiven Verstandesbegriff, der nach naivem Menschenmaß unterscheidet. Selbst der alte Helvetius, der nicht so dumm war wie die ihm folgende Kraftstoffelei, gab zu, daß Kraft und Stoff keine Wirklichkeiten, sondern nur Postulate menschlicher Auffassung seien. Ostwalds »Energetik« blieb auch nur eine nichtssagende Phrase, weil Energetiker und Vitalisten sich nicht dazu entschließen, aus solcher Lebensdynamik die natürliche Folgerung eines supranaturellen »immateriellen Lebensprinzips« (Kant) zu schöpfen. Was man als Bewegung wahrnimmt, ist trotz der Verpflichtung, damit zu rechnen, eine Täuschung der drei Vorstellungen Zeit, Raum, Kausalität. Wie sich aber die Materie von sich aus in Bewegung gesetzt haben sollte, wird wohl kein ehrlicher Mechaniker ausdenken. Eine »erste Bewegung« wäre freilich ein Wunder, denn wie konnte sie entstehen ohne Anstoß eines Bewegenden, der sie zum Rollen brachte? Oder war dies Bewegende immanent, dann wäre eben dies der »letzte zureichende Grund«, dem nicht höhere Mathematik die Wurzel ausziehen kann. Denn ob »Gott der erste Beweger« von außen oder ob er sich innen verbirgt, immer bleibt er bestehen als bewegende Kraft. Allein, das Wunder ist leider viel größer und unheimlicher, sintemal es eine » erste Bewegung« überhaupt nie gegeben haben kann, sondern Bewegung und Ruhe beide nur menschliche Begriffe für etwas sind, was weder Zeit noch Raum noch Kausalität weder ein Erstes noch ein Letztes hat. Denn die All-Ewigkeit kennt weder Ursache noch Wirkung, weder Anfang noch Ende, so daß ein »Wunder der ersten Bewegung« durch die Kinderfrage ausgehöhnt wird: Und wer schuf Gott? So kindlich gehen selbst die größten Geister, sobald sie von transzendentaler Metaphysik indischer Urweisheit abirren, an die Grundfrage heran. Diejenigen aber, die als angenehme Zerstreuung zwischen Kolleghalten über Kathederzoologie »Welträtsel« lösen, verdienen eine Anstellung als Wirklicher Geheimer Rat des höheren Blödsinns und des höchsten Größenwahns, der im Namen der bekannten Göttin Vernunft ein Sacrifizio dell' Intelletto und ein Credo quia absurdum neuen Pfaffentums fordert. Wahre Erkenntnis ist schaurig-ernst und entzieht sich grabestief dem Lärm der Laboratorien, wo man froh ist, wenn man in den Retorten Regenwürmer findet. Wonnebrunzelnde Frömmelei und philanthropische Menschheitsliebelei erbauen aber auch nicht mit zerflossenem Quark den Sinai, zu dem Gott im Donner niedersteigt. Er ist durchaus kein Pazifist, mit ihm darf man nicht flirten, er ist nicht »die Liebe«, sondern Gerechtigkeit und den Imperatorhohn spricht er selber aus: »Ihr Racker, wollt ihr denn ewig leben?« Nicht verzückter ideologischer Augenaufschlag schaut diese Unendlichkeit. Dazu muß man auf dem Rücken liegen, durch die Brust geschossen, wie Tolstois Fürst Andrei auf dem Schlachtfeld von Austerlitz, dem ein vor ihm stehender Napoleon spaßig vorkommt, gemessen am unermeßlichen schweigenden Äther. Heutige Naturforschung kann sich so wenig wie alte Scholastik von anthropomorphischen Voraussetzungen frei machen. Schon Sokrates meinte naiv, er wolle sich nicht mit spezialisierter Beschauung »die Augen verderben«, sintemal »das wahre Wesen der Dinge im menschlichen Denken darüber liegt«. Stolz will man den Spanier, doch in so überschäumende heilige Einfalt, die in Spitzfindigkeit eines Erdenwurms die Allwahrheit sucht, darf man wohl einige Wermuttropfen träufeln. Der Wissenschaftskirchenvater Aristoteles fing den Weltgeist hübsch in ein Dogmanetz ein, unterschied genau Geistgott und Ursubstanz und ließ amtierende Untergeister (Erzengel) als Lampenträger des Universums um die Erde herumtanzen, obschon von Pythagoras bis Aristarch lange vor Copernic und Cusa das heliozentrische System sich der Vernunft aufdrängte. Vergleicht man indessen dies Weltbild von Menschen, nicht Gottes Gnaden mit der modernen Substanzschwärmerei, so fällt einem Luthers Gleichnis ein: Die Vernunft sei ein betrunkener Bauer zu Pferde, der auf der einen oder auf der anderen Seite herunterfällt und sich den Hals bricht. Kaum stolperte so Herbarts Vorstellungsmechanik über die damit unvereinbare einheitliche Individualität, als auch schon die modernste Psychologie mit Assimilierung und Übung der Anschauung und die Gehirnpathologie mit Dezentralisierung der Geistesfunktionen in die Fußangeln der übersinnlichen Vitalität stürzten. Denn das Fehlen jeder sichtbaren Hirnzentrale, gleichmäßiges Wohnen und Betätigen an verschiedensten Orten der Hirnnerven, zeigt die Psycheenergetik als Abbild des Äthers allgegenwärtig ausgedehnt innerhalb des ihr zugewiesenen Organismus, ein Sinnbild von Einheit in Vielheit. Die Experimentalpsychologie rennt nur dem Ich nach, verleiht aber wichtigtuerisch diesem vor ihr hertanzenden Irrlicht den Namen Seele, sie sucht alldurchdringenden Sonnenstrahl in unterirdischem Keller statt im Äther, während Seele als Ichbegriff undenkbar und einfach mit dem immateriellen Lebensprinzip (Elektronen) identisch ist. Gehirnanatomie bedeutet nichts als Wohnungsuntersuchung, was den zeitweiligen unsichtbaren Mieter kalt läßt, da er ja doch bald auszieht. Sie klopft als blinder Polyphem die Wände ab, um den Herrn Niemand zu suchen. Schon dieser, das Ich, narrt den Sucher, das Echo höhnt: Du sagst ja selbst, du suchst Niemand. Doch den wahren Jemand ahnt er in jeder Ecke, ohne den »Sitz« zu finden, an dem »er« arbeitet. Die immaterielle Ausdehnung der Elektronen als Teil der Weltseele im Hirn suchen ist gerade so kindisch, wie das frühere Festhalten an einer freien Ich-Seele. Wenn Erhaltung der Kraft für die Energie gilt (Mayers Wärmetheorie), so bewahrt auch die Psyche ihre eigene unzerstörbare Kraftkonstante. II Aristoteles ließ bei seinen 10 Kategorien den Grundzügen »Stoff, Bewegung, Form« ein Endziel folgen, das er nicht klarzumachen weiß. Das Fundament des Stoffes scheint heut mehr denn je auf Sand gebaut. Das vom Araber Maimonides übernommene »unzerschneidbare« Atom als Urkörperahne der Allfüllung enthüllte sich jüngst experimentell von sehr zerschneidbarer Seite. Da auch mit starren Atomen nichts für psychische Bedingungen anzufangen ist, setzte Leibniz den Atombegriff in seelische Monaden um. Er ließ sich dabei auf sozusagen Gleichstellung aller Monadeuhren ein, die ohne Einwirkung aufeinander die Stunde schlagen, nur bewegt vom Normalzeitzeiger der Urmonade Gott. Solcher Gleichklang ohne Wechselbeziehung bleibt ein Unding, denn Monaden wechseln natürlich ihre Lage wie Elementatome durch veränderliche Wärmestadien. Doch die organische Chemie schöpft auch kein Fundamentalwissen aus der Retorte. Man kann die 64 Elemente, die man nun glücklich herausklaubte, nicht in ihre Grundstoffe auflösen, Atomwägung bleibt für sinnlich Unwahrnehmbares illusorisch. Erdichtung des Moleküls, d. h. der Atomverbindung gestand, daß Einzelatome nicht für sich selbst bestehen und sich fortwährend durch Reibung mit Nachbaratomen verwandeln. Chemische Wahlverwandtschaft aber setzt einen psychischen Prozeß des Wollens und Begehrens voraus. Da werden Ehefesseln abgestreift, alte Liebe rostet nicht, das Entfernte und scheinbar Entgegengesetzte findet sich wieder in elektrischer Spannung von Positiv und Negativ. Der Kohlenstoff erhebt sich im Verbrennungsprozeß zum Sinnbild organischen Lebens, Harnstoff wird Gleichnis der Gleichheit alles Animalischen mit den Elementen selber. Doch die Schleimzelle als Keimzitadelle des Materielebens entweicht vorwitziger Neugier, man kann sie nicht nachfabrizieren. Ihre dämonische Gewalt wird Medizinern in Bazillen, Agrariern im Samenkorn verdeutlicht. Pflanzenstäubchen begehen Minneheldentaten, zwischen dunkelm Erdschoß und lichter Himmelsluft werden beim Reifen der Neugeburt die sieben Arbeiten des Herkules vollbracht. Alle Elemente sind im Samenkorn enthalten, gewiß ebenso in einstiger Urkeimzelle des Menschen und ihrem heutigen Aufbau (Paracelsus). Materialisierung arbeitet mit möglichster Kraftersparnis nach einem einzigen Grundgesetz, doch unbegreiflich weit spannt sich dabei die individuelle Ungleichheit. Die einen Bakterien sind gut, die andern bösartig, dienen Leben oder Tod nach eigenem Gefallen, individuelle psychische Anreize durchziehen jede Naturstufe. Vagabundieren mancher Pflanzensporen gleicht dem Beute- und Minnesuchen der Tiere, neben andern harmlosen Schwestern stehen holde Blumen als spitzbübisch gierige Insektenfänger. Pflanze und Tier als Kohlenstoffverbindungen sind zugleich tier- und pflanzenähnlich, waschen sich die Hände als gegenseitige Lebensassekuranz, jeder nährt sich von Abfällen des andern wie der Mensch von beiden. Doch wie verschieden entfaltet sich die Psyche, je heftiger sich das Selbstbewußtsein meldet! Pflanzliches und Tierisches haben gleichen Verbrennungsapparat, doch wie verschieden atmen Pflanzen und Tiere Kohlen- und Sauerstoff ein und aus! Beide wichtigsten Lebensstoffe vermählen sich als Kohlensäure unter gewissen Bedingungen zu bestimmtem Zweckerfolg, scheinbarer Dualismus sucht auch hier Einheit, im Unsichtbaren gibt es sicher zahllose Verbindungen, die doch alle zu gleicher Familie gehören. Ihr Familiencharakter aber ist Beständigkeit. Naturapparate sind stets die gleichen, sogar Größeformate (Planeten) scheinen einmal für immer fixiert, in der ungeheuren Vielheit herrscht nur geringe physische Transformation, keine andere Verwandlungsfähigkeit wird zugelassen als die des Schauspielers, der Maske und Kostüm wechselt, doch stets der nämliche bleibt. Der Mensch schwärmt gern von Generatio aequivoca bei Athene, Madonna und sogar der Bienenkönigin. Wären diese Damen Jungfern und ohne Mutter geboren – la recherche de la maternité est interdite –, so unterbrächen sie den Ring exakter Mechanik nicht eigentümlicher als Fehl- und Schwergeburten – Friedrich der Große, Voltaire usw. sträubten sich lebhaft gegen das Licht der Welt – oder die Buntscheckigkeit aller Erotik. Aristoteles lehrte »Form« als Folge von Stoffbewegung, Plato »Idee« als primär. Nun kristallisieren sich, mag man sie auflösen und andere Neubildung zur Verfügung stellen, Steinsalze immer wieder in Würfel, Alaun in Achteck, Korallen in Siebenornamente, die Pflanze schießt aus ihrer Wurzel stets zum gleichen architektonischen Gebäude auf. Ketzer mochten den heiligen Feigenbaum von Buddha-Gaya verstümmeln und umhauen, sie verminderten nur seine Größe, er wuchs immer wieder als Idee dieses Feigenbaums und lebt noch heut. Form ist also nur das Modell, nach dem sich der Stoff um seine Idee gruppiert. Im Atelier der Natur aufgestellt, gleicht sie der künstlerischen Idee eines Bauplans. Wir sehen uns allgemeiner Vorbestimmung der Formen und somit einer Ideenwelt gegenüber, in welcher der Stoff geknetet wird. Deshalb verwerfen wir das Wort Materie, setzen dafür Materialisation, die nicht von Ursubstanz, sondern Urkraft unbekannter Wesenheiten ausgeht. Könnte man das 300fach verstärkte Sehvermögen der Mikroskopforschung aufs gewöhnliche Sichtbare anwenden, würde man Überraschungen erleben. Ehrenberg spricht von »seelenvollem Aufbau zierlich lebendiger Formen«, wo das Gewebe kleinster Infusorien sich stets verfeinert. Plan, Gesetz, Einheit, wo man Zufallspiel des Formlosen vermutete! Je mehr sich Beobachtung verschärft und Schauen vertieft, desto deutlicher tritt jedes Naturteilchen als Spiegelbild einheitlichen Schöpfungswillens einer alldurchdringenden Psyche hervor. Diesem logischen idealistischen Weltbild begegnet der Materialismus mit lauter Geschäftsphrasen über angeblich selbständige Naturwirtschaft. Das ist gut genug für Krämer, die ihr Hauptbuch mit Soll und Haben als Fetisch verehren, während dort verzeichnete Zahlenmessungen nur papierner Niederschlag von Addition und Subtraktion zahlloser lebendiger Tatsachen sind, aus denen man erst die Zahlen gewann. Der Wilde hält doch wenigstens seinen Stein oder Holzklotz nur für ein Merkzeichen des angerufenen Zauberfetisch, nicht das Holz selber für wundertätig. Freilich sind auch Stein und Holz nicht leb- und seelenlos. Denn Prof. Chander Bose, ein Hindu, bewies experimentell, daß Metalle genau so auf Stimulanzen reagieren wie ein Menschenkörper. Eine Eisenstange spürt Müdigkeit, schläft ein, erwacht, kann vergiftet und getötet werden. Man kann unter galvanischer Stromwirkung metallische Vegetation erzeugen, ein deutscher Gelehrter verwandelte Salz in farbige Pilzform. Nun kann aber Leben nur durch Leben entstehen, alles ist eben Leben, beständig kommen Lebensformen aus Unorganischem, siehe Bastians Experiment über Entstehung von Bakterien. Was heißt überhaupt unorganisch! Derlei kann es in der ungeheuren Weltorganisierung überhaupt gar nicht geben. Wieder nur anthropomorphische Täuschung, die alles für toten Stoff hält, was sich menschlicher Prüfung entzieht und sich nicht animalisch bewegt. Unstreitig entstand alle Materie durch Attraktion von »Molekülen«, An- und Abstoßung als Ehe und Scheidung chemischer Prozesse sind aber psychische Akte und solches muß bei allen sog. Atomen vorausgesetzt werden. Haeckel erklärte offen, er sehe Zu- und Abneigung in jedem Materieakt. Welche Begriffsstutzigkeit, daraus nicht sofort antimaterialistische Schlüsse zu ziehen! Komischerweise läuft nämlich der ganze Spektakel darauf hinaus, den ausgetriebenen Geist wieder in die Materie hineinzuschmuggeln. Leben ist eben allgegenwärtig, Geist immer dort, wo Leben ist, Leben aber in jedem Atom. Saaleby schließt daher ganz richtig, daß Geist in jedem chemischen Element der Zelle sei, Geist sozusagen das Elektron der Materie. Geist aber will stets etwas. Schon im 18. Jahrhundert sprach Crusius das große Wort: »Wille ist die herrschende Kraft im Universum«, moderne gelehrte Redensarten umschreiben dies nur wie Wundts Auslegung der Energie als »etwas dem Willen Ähnliches« oder Gudsworths »plastische Natur«, die dem »schöpferischen Willen« der Yogalehre entspricht als Instrument des absoluten Einen. Dieser Wille ist in der Natur unverkennbar, aber nicht Schopenhauers blinder Wille, der ohne Zweck und Ziel nach Leben hascht. Es ist auch etwas anderes, wenn Lamark »Begierde« als Ursache aller Formen erkennt. Formen sind ewiger Wechsel, Wille auch, identisch mit Bewegung, Geist aber als notwendige Ursache jedes Willens seinem Wesen nach wechsellos. Der Tautropfen der Wolke wandert auf mancherlei Wegen zum Meer zurück, aus dem die Wolke kam; so des Menschen wechselnde Psyche zurück zur ewigen Ruhe. Die Wissenschaft drückt sich mit unnötiger Vorsicht um die Erkenntnis herum: In jeder Energie ist »etwas wie Geist«, in jedem Elektron »etwas wie Materie«, nur unendlich feiner. »Etwas wie« ist Ausdruck der Hilflosigkeit, die nicht ehrlich sein will: ist das Elektron irgendwie mit sog. Materie (Äther) verkettet, dann ist eben die Materie geistig beseelt, und zeigt die Energie geistige Anlage, dann hat sie geistige Zwecke. Geist ist also das Uranfängliche, Energie seine Folge und deren Endfolge die Materie. Die umgekehrte Reihenfolge anzunehmen ist so verdreht, daß es sich nur noch pathologisch als epidemische Ansteckung erklären läßt wie im Mittelalter der Veitstanz. Schopenhauer nennt den Optimismus mehr verbrecherisch als leichtfertig, wir nennen Materialismus eher kreuzdumm als verbrecherisch. Der primitivste Wilde fühlt das Übergewicht des Psychischen, die Antike verband mit Hades ganz logische Vorstellung, daß die Unterweltler nach Erdsinnlichem schmachten (»lieber ein Bettler hier als König im Reich der Schatten«), in dem allein sie aufgingen, während sie die Kämpfer für höhere Zwecke als Halbgötter in die Sterne versetzte. Materialisten bestehen gemeinhin aus Verstandesgelehrten, die überhaupt nichts vom Leben wissen, aus sog. Weltleuten, die nur winzigen Ausschnitt der Menschenwelt und ein paar wissenschaftliche Näschereien als Nachtisch der Sinnlichkeit kennen, und aus der riesigen Herde, die vor sich hingrast und ihren Grasfleck für die Welt hält. Die kleinste tägliche Beobachtung müßte den Materialisten verwirren und tut es auch, wenn er genug nachdenkt. Er sieht einen roten Kaschmirschal, schon dieser Vorgang ist psychisch, da die Augen nur als Fenster dienen, durch die der Sehnerv im Hirn hinausschaut. Daß nun das Bild des Schals samt seiner roten Farbe in einem Hirnkasten aufbewahrt wird, den wir Gedächtnis nennen, und dort reproduziert bleibt, daß ferner willkürlich Bilder im Hirn auftauchen, plastisch und oft farbig, und sich dies beim Künstler zum Schaffen selbstherrlicher Gebilde steigert, solche unverkennbaren Akte einer regierenden Psyche können durch keinerlei Floskeln von Apperzeptionen weggedeutet werden. Wir zünden hier absichtlich nur die Laterne des gesunden Menschenverstandes an, bevor wir das Erkenntnislabyrinth betreten. Wir rammen die Pflöcke ein für Pfahlbauten am See des Unsichtbaren. Vor Beweisaufbau muß man das Gelände abstecken, von wo er beginnen soll. Schon die Annahme eines letzten Ursachgrundes, ohne den keine Wissenschaft denken kann, bedeutet einen Energiewillen, der sich in Marsch setzt. Bewegung ohne Willen kann es nicht geben, so wenig wie der Arm sich ohne Gehirnvorgang hebt. Alles hat ein Woher, warum soll nur das All kein Warum und kein Wozu kennen, ziellos seine Massen angehäuft haben? Umgekehrt schiebt menschlicher Unverstand dem Unendlichen endliche Funktionen unter: Gott will »sich ausdrücken« oder »träumen, spielen« oder »Erfahrung gewinnen«, wenn er die Welt darstellt? Ihm solche Bedürfnisse zuzuschieben ist naiv. Er fühlt sich zu »einsam«, so daß er notgedrungen unzählige Seelen aus seiner Allseele produziert? Wer so denkt, besudelt leidig das Eine, das immer zugleich Eins und All bleibt. Plotin griff hier ungeschickt daneben. Oder führt der Eine in den Vielen vor sich selbst eine Maskerade auf? Solche kindischen Ratereien sind notwendig anthropomorphische Täuschungen. Doch ein notwendiges Warum zu leugnen, weil der kleine Mensch es nicht erfassen kann, ist eine Frechheit, die nur von ihrer Dummheit übertroffen wird. Wahrlich, es gibt ein Warum für jedes Was und Wie, nur hier so unaussprechlich erhaben, daß selbst der erleuchtetste Seher es nur in dämmernden Umrissen ahnt. Allerdings muß Gott schaffen wie das Genie, das ohne Schaffen kein Genie wäre, diese Analogie ist um so sinnbildlicher, als das Genie nur zur Selbstveranschaulichung schafft. Leonardo erkannte schon bald, sein Abendmahl werde eindunkeln, doch selbst wenn es sofort nach Vollendung hätte vergehen müssen, hätte er's doch geschaffen und Shakespeare seine Dramen geschrieben, wenn er gewußt hätte, die Manuskripte würden verbrannt werden. So darf man nicht abweisen, daß innerer Zwang das Absolute zum Schaffen nötigt als einer seiner Funktionen. Doch da dies Weltschaffen auf viel subtilerem Wege geschieht, als Götzentheologie sich träumen läßt, dürfen wir weder hierin das volle Warum vermuten noch auch im Christussymbol der Selbstkreuzigung Gottes, wieder nur einem Teil der möglichen Wahrheit. Jesu Geheimnis »Ich und der Vater sind eins« konnte die plumpe Menschheit nur götzendienerisch mißverstehen, wir aber erkennen, daß Kreuzigung und Himmelfahrt eine Notwendigkeit der Allökonomie sein müssen, genau so wie Schlaf und Wachen, Tod und Leben. Nur Pietätlosigkeit unterfängt sich, naseweise Fragen an den Einen zu stellen, Er wird schon wissen warum, wie soll das Endliche im Staubkleid das strahlende Unendliche verstehen! Wer ununterbrochen in grelles Licht blinzelt, erblindet. Sehe er lieber so weit, als sein Sehvermögen reicht, da lernt er schon genug. Gott sei uns Narren gnädig! wäre das passende Gebet gelehrter Zöllner, die mit plausibler Materialität den Welträtseln beikommen und dem Unerforschlichen ins Handwerk pfuschen. III Schon Heraklit und die Pythagoräer lehrten zyklischen Rhythmus der Allbewegung, Vedanta und Buddhismus bauten es schon in Zahlen auf. Ein Großjahr bedeutet 360 Erdjahre, ein Großzyklus 4+320+000, 71 Großzyklen ergeben Manvantara, teilweise zeitliche Auflösung, 14 Manvantaras wieder in 71 Zyklen unter dem Namen Kalia setzen die Zerstörung fort, 36+000 Kalias ergeben Maya-Praylaya: Zurückziehung aller Manifestation in den Einen. Das sind die »Nächte Brahms«, Einatmen des Daseinsodems in den Einen zurück, sogleich gefolgt von erneutem Ausatmen in neuen Zyklen der »Tage Brahms«, gleich lang wie die Nächte. So schwingt sich das Rad des Vergehens und Entstehens von Planet zu Planet, Tätigkeit und Untätigkeit wechseln wie Wachen und Schlaf. Sind wir so denkerisch befriedigt? Nicht ganz! Nach okkulter Auffassung ist Schlaf kein vermindertes, sondern gesteigertes Leben, Nacht hat Reize wie Tag, der Begriff Tage und Nächte deckt sich nicht damit, wenn Nacht des Manvantara wirkliche Götterdämmerung bedeuten soll, zeitweiliges Wegwischen des Weltbildes. Denn ein untätiger Weltgeist ist undenkbar, ein Nichts ebenso. Man könnte sich nur Einsaugen alles Sichtbaren in den Äther vorstellen, damit ist aber die Welt nicht aufgehoben, sondern besteht als Äther fort, natürlichster Aufenthalt für Nirvanaerlöste. Wo bleibt aber, was als Leben sich tummelte? Eine dem Manvatara verfallene Welt war nach indischer Vorstellung nicht mehr lebensfähig, der versinkende Planet durch angehäufte Karmaschuld in den Abgrund gezogen. So einst der Erdteil Atlantis, dessen Bewohner als Mechaniker und Elektriker schwarze Magie trieben, nach welchem 4. Zyklus allmählich der 5. ins eiserne Zeitalter Kali Yuga eintrat »an age full of horrors« (Blavatzky), dessen Früchte Weltkrieg und Weltrevolution. Gehen wir teilweisem Manvantara entgegen, wohin wandern die unzähligen selbstverdammten Seelen, so weit vom Nirvanaäther entfernt, und wohin erst, wenn die volle Nacht des Brahm hereinbricht und kein Planet mehr Wohnorte gewährt? Wie stimmt dies zu der Lehre, daß erdgebundene Individuen in wenig Jahren, sogar wenig Tagen zur Erde zurückkehren, wenn doch keine Erde mehr ist? Fortgeschrittene Seelen ruhen für Jahrhunderte, manchmal Jahrtausende in höheren Ebenen, bis die Menschlichkeit ihr Niveau erreichte? Doch wo bleiben die höheren Ebenen, wenn alles Nacht bedeckt? Wir dürfen unmöglich Manvantara in solchem Sinne auffassen, das Sichtbare mit Unsichtbarem verwechseln. Letzteres kann nie und nimmer für eine Sekunde seine Tätigkeit einstellen, ob auch der Schein des Sichtbaren vergeht. Man denke sich also unter Einatmen Brahms eine andere Ordnung der Dinge, die über menschliches Denken geht, doch keine Nacht, kein wirkliches Schlafen des Weltwillens. Die sieben übernatürlichen Kräfte der indischen Adepten scheinen nicht übernatürlich genug, um hier das Mögliche geschaut zu haben. Steigen wir aus höchsten Regionen des Alldenkens zu dem herab, was Menschen Natur nennen, wie kann eine an die Erde gefesselte Wahrnehmung Allgesetze entdecken? Linné sagt: »Die Natur bleibt sich immer gleich.« Ein kurzes Schlagwort, das zwar der Evolutionsphrase den Kopf abschlägt, doch den steten Stoffwechsel der Natur allzu summarisch abtut. Als Botaniker durfte er dies nicht mal formal behaupten, denn mannigfache Metamorphose der Pflanzen ergibt keine unbedingte äußere Gleichung. Dagegen wird der Metaphysiker dazu Beifall nicken, daß Transformierung gleichwohl den Kern der Dinge nicht antastet, während Naturkunde nur an der Schale herumknabbert. Er wird deshalb auch den Streit über »Schaffen« oder »Entstehen« der Welt als leeres Wortgezänk verpönen. Ungenauer Begriff macht Schaffen zu etwas zeitlich Begrenztem, Entstehen zu unbegrenzt Zeitlosem, als ob es nicht grenzenloses Schaffen und beengtes Entstehen geben könne. Erschaffen des Alls auf einen Hieb wäre so, als ob man an einem Tag eine vollendete Statue aushauen könnte, nie meinten dies die alten Schöpfungsmythen. Doch Zeitmaß des Schaffens variiert von Leonardos Langsamkeit bis zu Raphaels Überproduktion, neun Jahre wollte der ungeniale Horaz an einem Opus feilen und brauchte Gott 9 Billionen Jahre zur historischen Schöpfung, so bleibt er darum doch ihr Autor. Jedes Werk entsteht, trotzdem sagt man zutreffend, daß es geschaffen sei. Alles wechselnde Entstehen in Werden und Vergehen ist ein fortlaufender Schaffensakt, statt eines einmaligen setze man nur einen ewigen Schöpfer, der täglich an seinem Kunstwerk formt. Da wir ihn nicht beobachten können, so scheint auch der Streit müßig, wie er arbeitet. Angeblich langsames Entstehen aller sichtbaren Formen stellt man triumphierend in den Vordergrund, um Mechanistik von da aus einzuschmuggeln. Natürlich kann es in der Unendlichkeit keinen einmaligen Schöpfungsakt geben, doch allmähliches Entstehen eines Gemäldes und analytische Zerlegung, daß es aus Leinewand, Kohlenstift, Farbe hervorging, machen doch nicht den Maler selber überflüssig. Den sieht man ja auch nicht arbeiten und etwa mal ins Atelier Zugelassene, was sehen sie? Sichtbare Handarbeit, nicht unsichtbaren Plan der Kunstkomposition. Wenn man Goethe beim Dichten zuschaute, sähe man nur Hand und Feder auf dem Papier: So sieht man vom unsichtbaren Schaffen in der Natur stets nur die Materialisationsbewegung. Und deren Methode? Aus Blutkreislauf und Erdmagnetismus folgerte Descartes, daß Spiralbewegung und Polarität im ganzen kreisenden All regiere, der Lehrsatz mag richtig sein, zumal Buddha es ähnlich ansah, doch was gewinnt man damit? Untersuchung äußerer Mittel. Daß der Maler die Palette nicht verkehrt hält, Pinsel und Farbentuben benutzt, so weit in Wissensmacht sind wir schon. Doch die Leinwand des Ätherraums koloriert nicht selber die dort vorgezeichnete Komposition, auch behaupten Eingeweihte, daß manchmal eine mißlungene Linie weggewischt und ein störender Fleck übermalt wird. Wer aus solcher weisen Erforschung mechanisches Entstehen eines aus unsichtbarer Vorstellung des Kunstingeniums Entsprungenen begründen wollte, setzte sich dem Gelächter jedes Schuljungen aus. Das überhebt uns der Mühe, dies ironische Gleichnis weiter auszumalen. Ob wir den Bildner »Gott« oder »Nous und Logos« benamsen, hat nur für Kunstgelehrte Wichtigkeit, Name ist Schall und Rauch. Don Quixotes Wissenschaft attackiert auf dem Rosinanteklepper »Naturgesetze« alle möglichen Windmühlen, reitet Bleisoldaten der Pseudoreligion reihenweise nieder. Indem sie aber das Schlachtfeld zu behaupten wähnt, verwandeln sich die leblosen Figürchen plötzlich in lebendige Körper und schießen den vermeintlichen Sieger tödlich in den Rücken. Denn jenes Spielzeug der Kinderstube war doch Nachahmung wirklicher Soldaten, unsichtbare Wahrheit wird nicht aus der Welt geschafft, weil man sie stümperhaft versichtbaren wollte. Tritt jemand zu stürmisch in einen Antiquitätenladen, schlägt er wohl unvorsichtig Tassen und Kelche vom Regal herunter, doch das Geschädigte braucht darum noch nicht Meißner Porzellan und Gold zu sein, die Schadenersatzrechnung richtet sich danach. Den Anempfehlern des Buddhismus, als ob er der Stein der Weisen und ein Kobrastein für alle Giftwunden sei, schauen wir geradeso auf die Finger wie den Kirchenchristen, und was wir herunterschlagen, ist billige Schleuderware gefälschter Reliquien, die man für Naive feilhält. Doch machen wir gewiß nicht Reklame für moderne Kaufhäuser des Westens, wo man statt solider antiker Eichenmöbel nur elegant geschmacklosen Pofel verkauft, das Antiquariat enthält trotzdem manch wertvolles Stück, das wir gebührend taxieren. Indessen haben achtarmige Buddhabroncen und elfenbeinerne Kruzifixe nur noch Liebhaberwert auf modernen Auktionen. Die kunstfremden mosaischen und islamitischen Semiten verdammten die arischen Christen als heidnische Götzendiener, weil deren Kirchenbilder die Götterstatuen fortsetzten, doch sie selber erklärten den Menschen für eine Götterstatue »Abbild Gottes«, welche Blasphemie nur den Spott wachruft: Ein netter Gott, wer solcher Kreatur gleicht! Mit solcher Selbstvergötzung räumte die Moderne nicht auf, sondern verstärkte sie. Nicht auf Heerstraße der Alltäglichkeit, sondern durch Schnee und Eis klimmt man zum Gipfel des Gaurisankar, wo man dem Äther näher zu sein scheint, doch Äther und Gaurisankar sind beide nur Veranschaulichung eines Unnahbaren und Alldurchdringenden, des Unsichtbaren. Nach der Art eines Schwindlers versteckt der Materialismus seine Kurpfuscherei, indem er das Unsichtbare frischweg als Phosphoreszierung des Sichtbaren auslegt, obschon umgekehrt der Leichnam des Stoffes nur durch unsichtbare Kraft galvanisiert wird, ewige Auferstehung des Lazarus aus Starrkrampf und Scheintod. So verletzt die Wissenschaft sogar ihren eigenen Denkkreis, denn sie gibt zu: jede Verschiebung oder Verpolsterung unseres Sehvermögens würde uns Neues sichtbar, Altes unsichtbar machen, bisheriges Naturbild umstoßen. Was man zuversichtlich glaubte, würde unwirklich, das Bestrittene wirklich. Welche Stoffwirklichkeit soll die hochgelahrte Hirnsubstanz nun anerkennen, zumal ihre Optik nicht auf dem Augeninstrument, sondern dem eigenen Hirnsehnerv beruht? Sehen selber ist also ein unsichtbarer psychischer Akt, das innere Gesicht kann von sich aus eine schönere als die Außenwelt schauen, weshalb die Alten sich den Seher blind dachten. Wer telepathisches Hellgesicht anzweifelt, muß wenigstens zugeben, daß unser Natur-einseitiges Gesichtsbild ist, einseitige Ausbildung äußeren Schauens alle Vorgänge optisch färbte, während Hör-, Tast-, Geruchsinn ebenso verkümmerten wie die Instinkte. Jedes Tier weiß vorher, wenn ein Erdbeben kommt, der Mensch hat nicht mal politische Erdbebenkunde des Sichtbaren. Je schlechter des Menschen Sinnesorgane werden, desto eifriger konstruiert er sich eine Weltanschauung die auf sinnlicher Wahrnehmung beruht. Aller Rationalismus sollte Kurzsichtigkeitsbrillen tragen, das wäre die treffendste Symbolik. Gewiß, beim Oberbewußtsein walten physische Scheinparallelismen, jeder gewöhnliche Bewußtseinsakt läßt sich auf sinnliche Wurzel zurückführen. Doch da Zeit, Raum, Kausalität bei Tranceentfesselung des Unterbewußtseins einstürzen, wird die Basis des Oberbewußtseins wie von einem Erdrutsch fortgeschoben und die Psyche müßte in den Abgrund fallen, da ein oberes Stockwerk das untere zu begraben pflegt. Offenbar verwischt aber Ober und Unter den richtigen Standpunkt, daß Ober- nur ein in Haft geschlagenes Unterbewußtsein vorstellt und beide scheinbar unvergleichbaren Psychemanifestationen nur den Standort wechselten. Beim Unbewußten herrscht keineswegs völlige Befreiung, Hellgesicht sieht indirekt doch immer räumlich kausal, das nämliche Bewußtsein verschob nur seine Sehensfläche. Telepathie ist nur ein Merkzeichen, sich aufs Transzendente vorzubereiten. Dem Ich fehlt jeder Maßstab für das, was auf einer ihm fremden Plattform vorgeht: Ehe man nicht im Flugzeug sitzt, kann man sich Luftreise nicht vorstellen, gleichwohl bleibt der Flieger der gleiche Mensch, wie der auf festem Boden ihm Nachschauende. Das als unnütz und nichtig verworfene Ichbewußtsein hängt mit dem Unbewußten geradeso organisch zusammen wie Wurzel und Wipfel, äußeres Wachstum löst nicht die Identität. Was drunten im Dunkel der Wurzel als Ursache des Baumes lebt, ahnt nichts vom Wipfelgefühl im hellen Licht und doch durchzittert das nämliche Leben den ganzen Stamm und all seine Blätter. Man muß beide Extreme der Materieanbetung und Materieableugnung berichtigen, jeder Materialisierung ihr Recht lassen, auf höherer oder niederer Wahrnehmungsebene ein psychisches Gesetz auszudrücken. Doch des unsichtbaren Gesetzgebenden jeweiliges Gebundensein an Materialisierung für ihr Wesen halten, heißt einen elektrischen Draht mit dem Element Elektrizität verwechseln. IV Ebbinghaus' »Abriß der Psychologie« (1914) kann weder Entstehen einer Vernunftidee erklären, noch »Eigenart« als Selbsterhaltungstrieb ausschöpfen. Als ob nicht umgekehrt das stolze Behaupten der Persönlichkeit die äußere Selbsterhaltung im Lebenskampf gefährdete! Methodische Einschachtelung in Allgemeinheiten entwurzelt nicht die Herrschaft des Individuellen bei ganz verschiedenem Reagieren auf Materieeindrücke, während bei sinnlicher Mechanik alle Eindrücke gleichmäßig wirken müßten. Wir könnten eine Reihe grundlegender Tatsachen anführen, wonach das Leben in der Psyche eine Korrektur besitzt, um sowohl der Lust als der Unlust äußerer Reibung zu widerstehen. Schält man das moderne Psychologiegerede klar heraus, so sei alles, was Ethik heißt, nur Gemeinsinn, verhüllt durch einen aus Gewohnheit vererbten Selbstzwang, der sich einbildet, aus eigenem Antrieb sittlich zu handeln? Kants abstruser kategorischer Imperativ wäre somit, wenn wir dies nachdeuten, praktischer Niederschlag der Gemeinbürgschaft, unbewußt ihres Zwecks: Erhaltung der Art? Solche Phraseologie vergißt, daß das Ich nur auf Erhaltung seiner selbst, nicht der Art bedacht bleibt, daß der Durchschnittsmensch die Zweckmäßigkeit des Gemeinsinns heimlich nicht anerkennt. Ein aus Gewohnheit vererbter Selbstzwang zum Sittlichen als Vorschule des Gemeinsinns ist eine Fiktion, nur das Ungewohnte und gar nicht Vererbbare steigt als höherer »Manas«, wie der Inder unterscheidet, aus dem Unbewußten empor und zwingt zu altruistischer Selbstaufopferung in vereinzelten Exemplaren, was nur durch Karmalehre verständlich und mit irgendwelcher Mechanistik unvereinbar ist. Adlers Psychoanalyse, man gleiche Minderwertigkeit in einer durch Mehrwertigkeit an anderer Stelle aus, beutet Wirtz in einer Rundfrageschrift über Krüppel (1919) aus: »Gilt vom verwachsenen Michel Angelo dies Gesetz des Ausgleichs?« Da 99% der Genialen nicht verwachsen und 99% der Krüppel nicht hervorragend begabt sind, auch ethisch Ersatz von Häßlichkeit durch Seelenschönheit nur selten zutrifft, so entspricht dies der köstlichen Logik: weil einige Genies Abnormitäten zeigten, drum sind alle Normwidrigen Genies. Siehe auch die oberflächliche vorschnelle Übertreibung »Genie und Wahnsinn«, deren sich Lombroso, der als Spiritist endete, später selbst geschämt haben muß, denn der Prozentsatz wirklich »verrückt« gewordener Genies ist abnorm gering. Wir könnten dies ganze Thema durch reiche Erörterung zergliedern, haben aber hier nicht Anlaß zu solchen Aufzählungen und betonen nur kurz, daß Byrons besondere Verbitterung (Klumpfuß bei apollohafter Schönheit, ein ganz abnormer Fall) weder seinen Edelsinn und Heldenmut schmälerte, noch seine echt englisch-nationale Weltschmerzpoesie wirklich beeinflußte. Alle seelischen Eigenschaften sind völlig unabhängig von Umständen der Materie. Angeborene Gutheit wird angemessen handeln auch ohne religiöse Vorschrift oder Pflichtimperative, doch selbst Zweckmäßigkeitspolitik kann Selbstsucht nicht zu Gemeinsinn erziehen, wie halsstarrige Unbelehrbarkeit von Kapitalisten und Arbeitern gleichmäßig lehrt. Gerade Altruismus, die höchste Blüte »guter Gesinnung«, als deren ursprüngliche Grund lage aufzufassen, zu solcher Verschrobenheit versteigt sich diese weltfremde Psychologie im heißen Bemühen, Ethik rationalistisch auszudeuten! Ähnlich impfte Demagoge Eisner den dummen Massen das Gift ein, jeder Mensch werde als Genie geboren! Mit solchem ekelhaften Blödsinn sucht man die jeder Biologie im Wege stehende Ungleichheit aus der Welt zu schaffen. Der Streit, ob erworbene Eigenschaften vererbbar oder nicht, verrät die innere Unsicherheit, denn erkenntnistheoretisch besteht überhaupt keine Verschiedenheit von Vererbtem und Erworbenem, da alles, was Eigenart kennzeichnet, nur »erworben« sein kann durch Karmafügung. Selbst Spezialanlage eines bestimmten Berufstrebens durch erworbene Familienanpassung vererbt sich äußerst selten. Darwins Großvater und die drei Maler Vernet dürften wohl das einzige bekannte Beispiel sein. Genie vollends vererbt sich weder, noch wird es geerbt. Keiner wird je ergründen, wie Napoleon, Cromwell, Byron, Leonardo oder Proletarier wie Luther, Fichte, Kant, Petöfi, Burns, Faraday, Keats, Dickens aus so unbedeutender Abstammung unvermittelt hervorgingen. So steht es bei allen Bedeutenden. Frau Rat gebar nicht den Faust, der schlaue Philipp und die wüste Olympias produzierten gewiß nicht die poetische Genieromantik Alexanders. Der Gründer des Preußentums bot den schreiendsten Gegensatz zu seinem elenden Papa und der schöngeistigen Mama, seine Tochter Wilhelmine malt ihn in ihrer Menagerie fürstlicher Paviane und Meerschweinchen nur als höheren Gorilla, und wenn sie einseitig übertreibt, so stimmt Treitschkes Verhimmelung des rasenden Staats- und Haustyrannen gewiß nicht zum hysterisch-pathologischen Temperament dieses ins Deutschpedantische übersetzten Peter der Große, dem die versöhnenden Züge des seltsamen russischen Gewaltmenschen mangeln. Was außer zwangsweiser Anpassung an das überkommene Staatsmilieu Friedrich der Große von ihm und der intriganten eitlen Mutter geerbt haben soll, wissen die Götter. Auch hilft hier der beliebte Biologensprung nach rückwärts zu Großmutter und Urgroßvater nichts, denn hier könnten allenfalls Ansätze geistiger Struktur übertragen sein, nie und nimmer aber ihre Verarbeitung zu einer völlig verschiedenen Eigenart von unermeßlich höherem Umfang. Dagegen waltet freilich bei seinen und Napoleons Geschwistern anscheinend die natürliche Vererbung, was den Geniefall erst recht unerklärlich macht, und Jesus weist Eltern und Brüder ab: »Wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder?« Der heilige Geist senkt sich plötzlich auf ein Ich ganz außer der Reihenfolge seines Geschlechts. Kaiser Titus war Sohn und Bruder schlechter Menschen. Die unzähligen »übernatürlichen Phänomene« im genialen Menschen seit Sokrates' Dämon, der so sein Unbewußtes personifizierte, sind so verbürgt, daß der Astronom Herschel, dem wir auch ein religiöses Gedicht von tiefherzlicher Selbsterlebtheit verdanken, aussagte: »In unserem eigenen Organismus arbeitet eine Intelligenz, verschieden von derjenigen unserer sonstigen Persönlichkeit.« Auch die plötzlichen Bekehrungen, die »Metanoia« des alten Adam, die scheinbare Umkehr des innersten Menschen aus dem Unbewußten heraus, sind spontane inkommensurable Größen, die weder mit Zweckmäßigkeit noch vorher unhörbaren Imperativen, sondern nur durch das Karmagesetz erklärt werden können als Erwachen einer präexistenten Kausalität. Wie unbedeutende und schlechte Eltern oft bedeutende und gute Kinder haben, so können bedeutende und gute Eltern oft unbedeutende und schlechte Kinder haben, was bei Identität vom Physischen und Psychischen unmöglich wäre. Die psychischen Eindrücke der Schwangerschaft können jede natürliche Vererbung selbst im zoologischen Sinne umstoßen, z.B. ein schönes Gesicht von häßlichen Eltern stammen, wenn die Schwangere fortwährend inbrünstig einen Apollo anschaute. Umgekehrt wirken ungünstige seelische Einflüsse: häßliche Kinder schöner Eltern. Selbst jene Hypnose, die eine Masse selbstsüchtiger Einzelner gegenseitig mit Opfermut für Religion, Vaterland, Befreiung ansteckt, beweist die Übermacht der »Ideen«. Das ästhetische Bedürfnis, wahrscheinlich Urgrund des sittlich Schönen, wie denn Plato »schön und gut« zu einem einzigen Doppelwort verband, steht als begehrungslose Freude ohne jede Beziehung zum materiell Zweckmäßigen, hiermit aber außerhalb sinnlicher Mechanik. Wunschloses Anschauen der Welt in ästhetischem und sittlichem Gefühl läßt sich als Ideenbildung nur mit Einwirkung der Äther-Weltvernunft zusammenreimen, nie mit gleichmäßiger Zweckmäßigkeitsmechanik zur »Erhaltung der Art«. Denn jeder Idealismus beeinträchtigt die Erhaltung des Ich und damit der Art im ordinären Kampf ums Dasein. Allerdings nur scheinbar, denn der Idealismus züchtet eine höhere Art neben den ihm völlig ungleichen Vielzuvielen. Wie aber dies Züchten im vollsten Widerspruch zur Materie möglich sei, vor dieser Problemstellung muß selbst der denkunfähigste Materialismus die Waffen strecken. Im Grunde beruht er wie der gegenstandslos gewordene kirchliche Aberglaube auf Personenglauben, indem er die Materie wie eine konkrete Person unterschiebt. Indessen ist sie so wenig konkret wie das Ich, sondern nur ein abstrakter Schulbegriff für das sinnlich Wahrnehmbare, so verschwommen und trügerisch, daß es sich durch nichts beweisen läßt als wieder durch sinnliche Eindrücke. Helmholtz sagt einmal: Wenn er sich an den Tisch stoße, so sei diese Materie doch da und nicht wegzudisputieren. Aber nichts ist an und für sich da als der subjektive Eindruck auf die menschliche Haut, und die Immunität des Fakirs gegen viel gefährlichere schmerzhafte Angriffe lehrt genügend die Unzuverlässigkeit der Empfindung. Denn wenn ein Zustand möglich ist, wo die sonst erfahrungsmäßigen Bedingungen aufgehoben werden, so zeigt das materielle Fühlen ein Janusgesicht, das sich nicht unter einen Hut bringen läßt. Ob also die Kirche einen persönlichen Gott oder die Naturforschung die persönlich empfundenen Naturphänomene anbetet, so bleibt beides gleich anthropomorphische Einbildung. Ob die »Natur« nichts als subjektiver Schein oder halbe Wirklichkeit sei, keinenfalls kann sie mehr als relativ sein, gerade weil wir sie nur sinnlich wahrnehmen und doch das Unvorstellbare zu erkennen glauben. Denn Materie als Allgemeinbegriff ist gerade so sinnlich unvorstellbar wie das Transzendentale, der Physiker also ein ähnlicher Charlatan wie der Theologe, sobald beide etwas sinnlich Vorgestelltes mit naiver Gewißheit als positiv »offenbart« unterschieben. Wer verderblicher, Wissenschaftspfaffen oder Priester, läßt sich kaum entscheiden, beide sind Früchte vom gleichen giftigen Upasbaum der Verblendung. Nur wer ihm den Rücken wendet, wird Byrons Vers »der Baum der Erkenntnis ist nicht der des Lebens« umprägen: wahre Erkenntnis ist das ewige Leben. Descartes' »Ich denke, daher bin ich«, heißt ebenso klar: Ich bin, daher denke ich. (Sein und Denken sind das nämliche, selbst die Pflanze denkt: je höher das Denken, desto höher das Sein.) Schon er erkannte, daß Bewegung und Ruhe nur Zustände , nicht Gegensätze sind, Licht nur Ausstrahlung unwägbarer Substanz, Sehkraft in Gehirnmolekülen verlegt. Ja, natürlich! Jedes auf wahres Naturschauen eingestellte Auge schaut immer nur Einheit: Von Bewegung mit Ruhe, von Licht mit Äther, von Auge mit Licht, von äußerem Augennerv und äußerem Licht mit innerem Gehirnlicht! Die Ameise aber denkt nicht mit einem Hirn, sondern einem Klümpchen Rückenmark, die Insekten haben mehrseitige Augen, sehen also Welt und Farben anders als das angeblich mit einem Streifen Farbensubstanz ausgestattete Menschenauge, dem Papagei lösen nicht Brocasche Windungen die Zunge, obschon es sich auch bei ihm lediglich um Gehirnvorgang handelt. Das Pferd mit seinem großzügig konstruierten Hirn scheint einen sechsten Sinn zu besitzen, der vor uns unsichtbaren Dingen »scheut«. Anatomie menschlicher Gehirnfunktionen ist daher denkerisch zwecklos, weil die Psyche höherer Tiere auf anderer Basis beruht und die nämliche Allvernunft sich ihnen in anderer Weise mitteilt. Sie als »Automaten« zu betrachten wie Descartes oder sie mit dem fiktiven Begriff »Instinkt« abzuspeisen ist Rückständigkeit, übrigens auch ein Schlag ins Gesicht monistischer Erkenntnis. V Schon Goethe wußte, daß »Licht und Auge das nämliche« seien, doch Herder ahnte mehr: Gleichheit von »Licht, Äther, Lebensbewegung«. Unter gewissen Umständen erzeugen die Ätherwellen Licht, unter andern Elektrizität, unter wieder andern organisches Leben und hieraus in Steigerung der Bewegung alles Immaterielle des Lebensprinzips, nämlich Vernunft, Idee, Genie, d. h. den »höheren Manas« der Inder, untrennbar vom Weltäther. Dagegen hilft Ausdeutung der Farben als Lichtschwingung nichts für unser eigenes Weltbild, denn die Farbenempfindung ist rein subjektiv und je nach Stellung des Auges und Anlage des Hirnnervs verschieden. Die Physik leistet also wieder nichts als Beschreibung eines Vorgangs, der selber keine objektive Wirklichkeit bedeutet. Rot erregt die Rinder vermutlich als Blutfarbe durch Instinktassoziation mit Blut, als ob Tradition von Schlachthäusern ihnen okkult zugänglich sei. Hunde schnappen nach fleischfarbenen Röcken, auch Katzen sehen rötliche Speisen als blutig. Demnach sehen die Tiere Blut und überhaupt Rot wie wir? Nicht unbedingt, sie können auch darin eine beliebte andere Farbe sehen, die ihre Gier und Wut erregt. Das Rindvieh wird aber wohl nicht politisch als Antimarxist Rot hassen! Da ist nun bedeutungsvoll, daß Rot tatsächlich in okkulter Aura die Farbe böser Leidenschaft bedeutet, man könnte also folgern, daß die Tiere gleichsam symbolisch »rot sehen«. Jedenfalls empfinden sie an Blut erinnernde Farben gemeinsam als einen Komplex wie wir eben Rot, und daraus folgert, daß die Lichtwirkung genau wie beim Menschen einen Farbeneindruck hinterläßt, sie daher eine der unsern sehr ähnliche Außenwelt sehen von gleicher relativer Realität. Diese ist also auch »Vorstellung« des Tieres, womit alle anthropomorphische Eitelkeit zerfällt. »Die Tugend ist nur, weil ich selber bin« (Tieck) könnte auch ein gelehrter Papagei empfinden, wenn er es soweit in philosophischem Kursus brachte! Es gibt zwischen dem Menschen und anderen Lebewesen wesentlich nur quantitative Unterschiede der Vorstellung, nicht qualitative, wobei obendrein noch wahrscheinlich, daß die besser entwickelten Sinne vieler nichtmenschlicher Wesen ein quantitativ reicheres Bild der Außenwelt haben. Über solche denkerische Beobachtung, die den Menschen äußerlich ganz ins Tierreich stellt – ein gelehrter Elefant könnte eines Tages durch den Rüssel trompeten: »der Dschungel ist meine Vorstellung!« –, darf aber der Materialist nicht frohlocken, denn alsbald tut sich eine andere Logik auf. Diese so wenig von der tierischen verschiedene Sinnesvorstellung steigerte trotzdem den »Geist« so ungeheuer, daß nun zwischen Jesus oder Leonardo und der höchsten Tierpsyche ein Abgrund klafft? Was folgert unabwendbar? Daß alles, was den Menschen über die Außenwelt erhob, nicht erfahrungsmäßiger, jedem Tier zugänglicher Wahrnehmungsvorstellung entstammt, sondern unbekannten unsichtbaren Ursachen. Abstrahieren wir sämtliche Sinne, würde diese Psyche sich dennoch eine Innenvorstellung schaffen, selbstherrlich unabhängig von der Außenwelt. Entspricht dies nicht sogar Mills Logik, man müsse Unwesentliches eliminieren, hier also das mit dem Tier Gemeinsame. Wichtig bleibt nur die metaphysische Erfassung des Lichts als einer alldurchdringenden Emanation unsichtbarer Kraft, und wenn Goethe sogar die sichtbaren Strahlen als »Abstraktion« betrachtet, so ahnt er damit die Einheit und Immaterialität der allgemeinen Lichtquelle, denn was wir als Licht empfinden, ist genau so abstrakt unwirklich wie die Farbe, wirklich nur die unsichtbare Einheitskraft, für welche »Licht« selber nur eine Teilschwingung bedeutet. Genau so wie die Sonne fernwirkend auf der Erde Lebenskeime ausbrütet, zu welcher Materietat ein immaterielles Gebot sie treibt, so erhält das Ich durch Berührung mit der Welt den Anstoß, auf der Grenzscheide des sinnlichen Verstandes das Unsinnliche aufblitzen zu lassen. Durch die Zündschnur des Ätherlichtes bringt die Weltvernunft dies Pulverfaß zur Explosion der »Ideen«, dafür muß aber eben schon Pulver vorhanden sein, nämlich die Ansammlung der Vernunft (des »höheren Manas«) im Unbewußten, dem nun freier Zugang zum Äther geöffnet wird. Doch selbst klarste Erleuchtung denkt nur in Gleichnissen, in endlichen Relativbegriffen unendlicher Ahnung. So ist »Licht« nur ein Symbol wie alles Physikalische, während man alles Immaterielle zugleich physikalisch auffassen kann. Alles Un vergängliche ist nur ein Gleichnis, alles Vergängliche ist unvergänglich, das scheinbar Unzulängliche immer Ereignis, das Unbeschreibliche nicht »hier«, sondern immer und überall getan. »Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein sinnliches Gleichnis machen,« dies monotheistische Gebot gilt auch für monistische Einheit. Descartes, ohne je in Materienwahn zu verfallen, von unbedingter Tatsächlichkeit und Notwendigkeit Gottes durchdrungen, verbannte ihn aber, vom Kosmos abgesondert, gleichsam auf eine einsame Insel, sonst hätten die Jesuiten ihm den Ellenbogenraum für Aufdeckung des äußeren Naturmechanismus verdorben. Auch bei Bruno schielt vielleicht Einiges, worauf Chamberlain übelwollend verweist, nach der Inquisition hin und auf Kants »Dunkelheit« färbte wohl auch die staatlich-kirchliche Hemmung ab. Könnten aber Descartes, Bruno, Kant sich mit Plato, Goethe und dem aus starrer Mechanistik zuletzt zu mystischer Denkart durchgerungenen Leonardo besprechen, so würde sich ihre Übereinstimmung trotz verschiedener Methode herausstellen und indische Urweisheit darüber den Segen sprechen. Denn auch im höchsten Denken waltet geistiger Monismus, die Weltseele weist ihm deterministisch immer das gleiche Endziel. Gerade durch Anerkennung der unfreien Determiniertheit tront die Einheit von Welt und Ich, Gott und »Seele« und hiermit die Idealität des Lebensprinzips auf erhebender Sicherheit. Transzendentale Freiheit entsprießt aus Notwendigkeit alles Geschehens. Intuitive Eingebungen wollte Goethe als freies Geschenk der Götter mit ehrfürchtigem Dank betrachtet wissen, doch auch hier ergänzt sich das Freie mit dem Notwendigen. Denn wie die Materie uns sinnliche Wahrnehmung erweckt, so stellen Ideen nur den Eindruck einer stofflosen Wahrnehmung dar, die sich als Ätherstrahl elektrisch vollzieht, von so erhabenem Ursprung, daß ihnen dann wohl »gesetzgebende« Macht (Kant) innewohnen mag, was sonst nur sträfliche Anmaßung des menschlichen Denkens wäre. Ideen sind nicht Produkte einer »produktiven Einbildungskraft«, womit Kant plötzlich die Vernunft ausstattet, als ob derlei ohne die sonstige Ichbedingtheit im Bewußtsein möglich wäre, sondern Empfängnisse aus einer Sphäre vom gleichen Stoff wie die Ideen: einer transzendenten Ideenwelt »geistiger Naturen«. Ohne Erfahrung gibt es keine Wahrheit? Wie könnte dann etwas jede Erfahrung Überfliegendes Wahrheit besitzen, wenn nicht eine unsichtbare Erfahrungs welt zugrunde läge? »Ein Begriff, der die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt, ist die Idee,« dann wäre sie wahrheitslos, doch beanspruchen Denker und Religionsstifter: »Ich bin die Wahrheit.« Ist dies relativ wahr, müßte eben Kant eine außer- und innerhalb der Materie bestehende vierte Dimension gelten lassen, und da dort Notwendigkeit geradeso regiert wie im Sichtbaren, so kann die Idealität im Menschen nur auf Spiegelung des Transzendentalen beruhen, das der Äther durchs Medium der Elektronen in das Selbst, eine Partikel des Welt-Selbst, hineinstrahlt. »Wir können nur verstehen, was wir selbst machen können?« Dann wohnt der Idee eine Schöpferkraft inne, die keinem Geschöpf der Materie zukäme, wohl aber einem Strahlenleiter aus dem Äther. Der Verknüpfung von Ich und Materie steht eine noch festere Einheit von Seele und Allseele gegenüber. In ein falsch konstruiertes All der Widersprüche, wo in Mechanik die Idee als Mädchen aus der Fremde hineinschneit, wagen Naturforscherhypothesen eine Luftschiffahrt, wo sie als erfahrungslose und höchst inexakte Vagabundinnen im stickstofflosen Ätherraum ersticken müßten, wenn sie nur allzumenschliche Töchter der Materie wären. Sie leben aber herrlich und in Freuden, Kants längst angefochtene Nebelkosmogenie am fidelsten, denn auch die sinnliche Naturerscheinung tut ihnen den Gefallen, sich ihnen so darzustellen, wie es für sie paßt. Für neueste Physik lösen sich die Atome in bloße Wirbelbewegung und ein nur mechanisch mitbewegtes Leben müßte sich in Horror Vacui verzehren, ohne je Immaterialität selbstherrlicher Ideen hervorzubringen. Daß ihm dies möglich, beleuchtet blitzartig das wahre Geheimnis: Drahtlose Telegraphie mit einer Kraftzentrale, die sich nach Bedarf als Telepathie, Idee, Genie entladet und deren das All durchschießende Ausstrahlung sich das Leben als elektrische Maschinerie erfand. Von solcher sichtbaren Stofflichkeit geht unendliche unsichtbare Kraft aus, unzerstörbar an sich, ob auch die Maschine einzeln stoppt. Diese allgemeine Elektronenvernunft beweist unwiderleglich die Immaterialität des Lebens, zugleich aber ein höchstes Wesen im All, dessen Strahlenblitze ununterbrochen das Materiedunkel umleuchten, und die Unsterblichkeit der Seelenmonade als symbolisches Abbild der Zentralleitung. Weil Materialisierung nötig und die elektrische Batterie oft repariert werden muß – ihre Verfeinerung in besonderer Sammelstelle bedeutet Genie –, deshalb das Karma der Wiedergeburt, bis solches überflüssig wird und das unbewegt im Unbewußten die Materieschwingung betrachtende transzendentale Ego sich wieder mit Gott vereint, d.h. die Elektronen der dauernd abgeschliffenen Persönlichkeit im Äther aufgehen. Die Karmalehre enthält trotz strenger Wahrung der individuellen Ungleichheit die Vielheit als Täuschung (»Schleier der Maya«), Einheit als Urprinzip, zu welchem »Nirvana« hinstrebt. In diesem symmetrischen Bau ist alles nicht nur logisch wie bei keiner anderen Definition des Weltbildes, sondern auch viel klarer angeschaut, während ein älterer Franzose die Mathematik »dunkel« nennt und Goethe ihr »lebendige Anschauung« abspricht, welche sie geradezu aufhebe. In der Tat war ihr Ausgangspunkt anschauliche Idee, doch indem sie diese in bloße Zahlenmessung verstrickte, verriet sie die höhere Vernunft an den niederen Verstand. Sie wurde so zugleich das verwegenste Phantasieprodukt und die ausgeklügelste Abstraktion, ist Verstandesmechanik und möchte doch Freiheit über die Natur behaupten. Diese bewunderungswürdige Spielerei verwirrt daher unleidlich die Begriffe Freiheit und Mechanik. Sie läßt sich auf nichts Konkretes ein, wirkt nicht durch, sondern für Erfahrung, wie Kant von der Physik sagt, dies aber widerspruchsvoll fortsetzt: unsere Empfindung sei »was Wirklichkeit im Raum bezeichnet«. Wie kann subjektive Empfindung irgendwelche objektive Wirklichkeit ersetzen! Letztere würde hiermit ganz verneint, wenn sie nur als Scheinerfahrung des sinnlich Empfundenen auftritt. Vielmehr wird uns nur das innere Anschauungsvermögen als Ahnung einer Wirklichkeit durch das immaterielle Lebensprinzip übermittelt. Wäre der Raumbegriff »in uns schon bei der Geburt vorhanden« (Mach), so würde dadurch nur bewiesen, daß die »Welt« wünscht , wir möchten sie uns sinnlich vorstellen, weil dies ein nötiger Durchgang zum Verständnis ihrer Sinnbildlichkeit . Indessen gibt Helmholtz zu, die sog. Naturkräfte seien nur ein Objekt (richtiger Postulat) des Verstandes, Hertz resigniert sich offen: »das Scheinbild« der Naturforschung habe keinerlei »Übereinstimmung mit den (wirklichen) Dingen«. Das ist blanke Kapitulation. Wenn aber umgekehrt Kant völlig verworren »Freiheit und Unabhängigkeit des Menschen vom Mechanismus der Natur« und der manchmal widerspruchsvolle Leonardo »Freiheit« als »Imperium der Natur« proklamiert, so verwechseln sie die Notwendigkeit elektrischer Entzündung von Intuitionen durch die Zentralstelle mit freier Verantwortung der Einzelseele. Beide Denker reizte ihre Milieuwidersetzlichkeit gegen Priesterscholastik zu widerborstigem Hervorkehren mechanistischer Stacheln, doch ihr im Alter über jeden Materialismus emporgereifter Denkerstolz verlockte sie umgekehrt zu unbesonnener Überhebung. Denn ihr geheimes Erkennen der Alleinheit hält die geahnte transzendentale Freiheit für gleichbedeutend mit Überwindung der unentrinnbaren Notwendigkeit innerhalb der Materie und des von ihr kausal bestimmten Ichs. Das ist Größenwahn, denn die ideenbildende Vernunft, solange sie an den Ichgeist gebunden, stellt nur den passiv empfangenden stillen Partner der Weltvernunft vor und darf von sich aus keinerlei Freiheit beanspruchen. Jede Inspiration des Genies unterfällt geradeso der Notwendigkeit wie jeder gewöhnliche Willensakt. Der vordem rationalistische Kant, den Nietzsche mit gewohnter Ungezogenheit des Un- und Mißverstehens als Begriffskrüppel verhöhnt, mußte im Alter zuletzt ein Corpus mysticum schauen, auch Leonardo Goethesche Ahnung singen hören: Die Geisterwelt ist nicht verschlossen, nur unser Hirn ist trüb, unser Herz ist tot. Solchen Tiefblick gebeut kein freier kategorischer Imperativ, sondern die notwendige Kausalfolge eines einmal auf den richtigen Draht eingestellten Denkens, das einfach den Botschaften der Weltvernunft zu gehorchen hat. Wie man dies Mysterium wahrer »unbefleckter« Empfängnis für Kirchenbedürfnis sinnlich vergröberte, so sträubt sich auch das Ichbewußtsein mit Freiheitswahn gegen den Prozeß, die Scheinvielheit in das Allsein aufzulösen, d. h. die unbedingte Vorbestimmung alles Erkennens wie alles Geschehens anzuerkennen. Die Erleuchtung des Genies ist keinerlei freies Verdienst, sondern eine Art Gnadenwahl der Notwendigkeit infolge einer durch Präexistenzen verdienten Auslese einer besonders geeigneten Elektronenseele. Entzündet hingegen eine einheitliche Idee den latenten elektrischen Draht einer Massenpsyche, so verbiegt ihn bald die Trägheit der Materie, verschüttet den Anschluß an die Zentrale und schraubt ihn ab. Durchschneidet man grundsätzlich die Verbindung mit den Polen Gott und Unsterblichkeit, so steckt Kurzschluß die verschlammte Ichmaschinerie in Brand, wie Bolschewismus den Sozialismus in die Luft sprengt. Doch auf entgötterte und als Rumpelkammer mit Götzenbildern vollgestopfte Hirne kann die Ätherzentrale plötzlich vibrierende elektrische Schläge austeilen, wenn ein Genius als personifiziertes Licht mitten unter der Masse die Strahlen der Weltvernunft materialisieren will. »Wenn das Unrecht überhandnimmt, schafft Wischnu sich selbst« verkündet Brahminenweisheit das Erscheinen der Heilande als gesetzmäßige Notwendigkeit: Pfingstniederkunft des heiligen Geistes. Selbst wer behutsam jeden Kirchenspuk bei jeder Pfingstmär ausschaltet, wird nicht die Möglichkeit plötzlicher Elektronenergießung leugnen, welche die Menschheit gleichsam mit ätherischem Öl einer Reinigungssehnsucht tauft, um Blut und Schmutz von ihr abzuwaschen. Ist die Zeit erfüllt für Wiedergeburt religiöser Erhebung? In Bereitschaft sein ist alles. Sollte Leonardos oft zitiertes »Miracolo del primo Movimento« am Ende nur Verballhornung sein für seinen wirklichen Satz über »wunderbare Gerechtigkeit des ersten Bewegungsurhebers«? So erben sich Verwechslung und Verdrehung als ewige Krankheit fort. Wer Chamberlains Anpreisung Leonardos als bloßen Außenschauer hinunterwürgt, wird gegen den Großen heimlich aufgebracht und hält ihn irrtümlich für mechanistisch. Wer aber den gewaltigen Innenschauer, dem Außenschauen nur als Werkzeug innerer Erleuchtung diente, wirklich erkennt, betrachtet es als Fälschung, daß man diesen Vorauserkenner des von uns gesuchten transzendentalen Monismus (siehe sein tiefsinniges Bacchus-Johannesbild) als Eideszeugen für antimetaphysische Hirngespinste anzurufen wagt. Ins Reich der transzendentalen Freiheit führt keine willkürliche Enterbrücke, sondern nur »göttliche Notwendigkeit, deren Wirkungen auf kürzestem Wege ihren Ursachen folgen« (Leonardo).Das Ursachlose, die Seele der Unendlichkeit, kann auch spontane psychische Wirkungen durch Herniederkunft von Ideen erzeugen, deren Ursachen über jede sichtbare Kausalität hinausreichen: die innere Notwendigkeit des Unsichtbaren. 2. Das Unwirkliche des Wirklichen. I Bergsons und seines Schülers Grandjean Vorwürfe gegen die Vernunft berücksichtigen nicht die radikale Ungleichheit der Anlagen, so daß man von allgemeinverbindlicher Menschenvernunft kaum reden darf. Bergson griff eigentlich nur den Verstand an, Grandjean das, was er Vernunft nennt, wobei er Begriffsschnitzler wie Spinoza meint. Plato, Bruno, Kant stehen auf anderer Stufe, obwohl Kants »praktische« keine »reine« Vernunft sein will. Kuba ist das einzige Tropenland, wo keine giftigen Schlangen und Insekten gedeihen: Gibt es Lande der Psyche, wo keinerlei Unvernunft regiert? Zweifellos das Reich der Genialität, doch Bergson und sein Schüler bestreiten, daß hier Vernunft arbeite, sondern nur Intuition, die sie streng davon unterscheiden. Sind Intuition und inspirierte Vernunft zu trennen? Was die Inder den höheren Manas nennen, kann kein Gegensatz der Vernunft sein. Allerdings läßt sich die Wirklichkeit, die hinter den Dingen steht, nur mit der Vernunft, die hinter dem Verstande ahnt, innerlich wahrnehmen. Das von Chamberlain gepriesene Nach-Außen-Schauen hilft zu nichts, richtig betont Grandjean, daß wir jedes Ding einseitig, einförmig, als Festbegrenztes nebeneinander sehen, was es notwendig nicht sein kann, und auf diesem Falschsehen Schlüsse aufbauen, so daß jede äußere Logik täuschen muß. Er übersieht dabei noch, daß der einseitig entwickelte Gesichtssinn (Tast- und Geruchsinn verkümmert, Hörsinn mangelhaft) wiederum sehr ungleich ist. Immerhin muß das Schauen des Sichtbaren so verschieden sein wie die Augen selber, allen gemeinsam nur das Nebeneinandersehen. Man versuche einen größeren Komplex anzuschauen, diese Probe wird jeden überzeugen, daß man nur einen bestimmten beschränkten Punkt des Gesichtsfeldes gleichzeitig sieht. Das Nebeneinander wird notwendig ein Nacheinander, so daß unsere Erfahrung sich aus lauter zeitlich und räumlich getrennten Bruchstückssteinchen zusammensetzt. Ist richtig, daß genau Gleiches beim Innern Schauen zutrifft? Mehr als ein Objekt und einen Gedanken kann man nicht gleichzeitig erfassen, doch genügt dies, um der Vernunft jede Fähigkeit des Erkennens abzustreiten? Wohl für gewöhnliche Verstandesprozesse, doch jede Denkervernunft gerät unwillkürlich in tranceartigen Zustand, wo sie alles mit einem Blick zu überschauen sucht. Der ernstlich Nachdenkende erblindet sozusagen für die näheren Objekte, seine gewöhnliche Wahrnehmung stumpft sich ab, während er überlegt, so befindet er sich auf dem Weg zur Intuition, die Bergson und Grandjean allein als großgeistig anerkennen. Das begrüßen wir an sich als Anerkennung des Schöpferisch-Geistigen im Vergleich zum trockenen Gelehrtenverstand, aber leiten aus obiger Betrachtung ab, daß Intuition und Vernunftdenken nur graduell verschieden sind, d. h. aus Letzterem die Erstere aufblitzen muß. Denn der intuitive oder gar inspirierte Zustand, »des Dichters Aug' in schöner Verzückung rollend« (nicht »Wahnsinn« wie Schlegel mal wieder falsch übersetzt) zeichnet sich dadurch aus, daß die Konturen des tagläufigen Gesichtsfeldes verschwimmen, das Einzelne nicht mehr unnützes Aufmerken erregt und so Erweiterung des Sehkreises gleichzeitiges relatives Allsehen verbürgt. Arsène Houssaye sagt von Musset: »Was ist Genie? eine Stunde Betäubung am Rand eines Abgrundes. Die das Absolute begehren, für die ist alles gut, was sie aus sich selbst heraustreibt.« Doch die Vielzuvielen sehen weder den Abgrund noch begehren Absolutes und doch verbringen sie ihr Dasein in chronischer Betäubung der Materietrunkenheit, »der Mensch, weil vernünftig, muß sich betrinken« höhnt Byron. Vielmehr möchte gerade der Geniale unbetäubt Abgründe überfliegen, nimmt aber wahr, daß sie überall und nirgends sind in ihm selber wie im Allgott, der immer gewaltiger und doch immer verschwindender wird, je mehr sich beflügeltes Denken ihm nähert. Für Pythagoras bedeutete sein »Kreis« die Einheit der Gottsubstanz, sein »Punkt« darin die Monade, sein Dreieck die Gleichung von Geist, Materie und ihrem Sprößling Welt. Aristoteles verflachte dies in Linie, Form, Körper, doch wenn die Kabbala den Raum als substantielle Wesenheit erfaßte, so stand auch Demokrit dieser Urdenkweise keineswegs fern. Moderne legen alles in ihrem Sinne grob buchstäblich aus, wie z. B. Hatha Yoga »die Kunst willkürlichen Atmens« falsch wörtlich verstanden wird, während es innerlichen Geistatem der Selbstbeherrschung bedeutet. Sie hatten es freilich schwer, sich aus mittelalterlicher Scholastik herauszuarbeiten, die einige Reste von Grundwahrheiten so durch Kirchendogmen filtrierte, daß nur ein schwächlicher Abguß übrig blieb. Descartes mit seinem Korpuskularplenum blieb ganz Dualist, für Leibniz' ätherisches Plenum sind Atom und Element geistige Wesen, deren Natur das Wissen, Spinozas untätige Substanz wird ihm Energie, doch die Monaden bleiben ihm unkörperliche Automaten (Entelechien wie bei Aristoteles), während doch alle Teile einer tätigen Substanz Energien sein müssen. In Hegels vernunftgeschwängerter Welt ist alles einer universalen Existenz untergeordnet, ihr dienstbar und Werkzeug zu ihrer Entwicklung, doch zu welcher? Wieviel klarer und gesunder schreibt der alte Plutarch: »Eine Idee ist ein unkörperliches Wesen, das an sich selbst kein Dasein hat, doch der gestaltlosen Masse Figur und Farbe gibt und so Ursache der Offenbarung wird.« Denn Ideengeist im All kann als ursächlich gedacht werden, substantielle Existenz nur als bestehende Wirkung, die nichts erklärt. Der Psychophysiker G. Th. Fechner (»Zendavesta«, »vom Leben nach dem Tode«) meint, daß alle Gestorbenen noch als die gleichen Individuen in anderen Lebenden fortdauern, Wundt empfiehlt diese Phantastik, während er und Fechner die »Seelenwanderung« phantastisch nennen! Hört man dies unbeholfene Wort Seelenwanderung, so weiß man schon, welch unwissende Vorstellungen die Karmalehre in europäisch Verbildeten annimmt. (Unendliche Oberflächlichkeit in solchen Dingen! Der große Orientalist M. Müller verwechselt Vedanta mit Buddha, der große Sanskritkenner Rys Davids Buddha mit esoterischer Geheimlehre.) Wir kommen also wieder zum Doppelich, dem des Lebenden und des Verstorbenen, der sich ihm zugesellt, abstruser Dualismus. Rationalist Spencer führt aber auch mit vollen Segeln in die hohe See der Spekulation, wo alles, was als feste Säule des Herkules aufragt, weggeschwemmt wird von einem Meer unergründlicher Elemente »unter Bedingungen, die hervorzubringen die Chemie nicht imstande war«. Als den einzigen ehrlichen systematischen Denker schätzen wir den Metachemiker Crookes. Für ihn sind Wasser-, Sauer-, Stickstoff keine heilige Dreifaltigkeit, er verleugnet die 64 Elemente für einen Grundstoff, seine »Genesis der Elemente« predigt, daß Molekülen nicht an und für sich bestehen, sondern, durch unbekannte Prozesse aufgebaut, nach ihrer Auflösung alle die gleiche Substanz zeigen, wie Silber eines Fünfschillingsstückes im Schmelztiegel, das darin jede Prägung verliert und doch Silber bleibt. Dies entspricht dem okkulten Verstehen, daß Kraft und Stoff nur zwei Seiten derselben Erscheinung sind. Die Urquelle bildet Spiegel aus den Atomen und wirft auf jedes »einen Spiegel des eigenen Angesichts«, d. h. Silberstoff und individuelle Prägung sind beide nur Abbilder von etwas, was in keinem Schmelztiegel vergeht. In veränderte Wahrnehmung jenseits der Bewußtseinsschwelle nehmen Durchschnitts-Iche unverändert sich selbst hinüber. Ihre Beschränktheit offenbart sich gerade in ihren Hoffnungen, wo man in Walhalla pokuliert, himmlische Jagdgründe durchstreift, sich der Huris erfreut oder stracks als psalmsingender Engel davonfliegt oder aber im Grabe traumlos für immer schläft, eins so unmöglich wie das andere. Jedenfalls kann ein Jenseits für »fleischlich« Gestorbene nichts anderes sein als Kehrseite bisheriger Wahrnehmung in unfleischlicher Umgebung bei genauer Fortsetzung bisherigen Trachtens. Die von Helmholtz hervorgehobene konstante Arbeitssumme im All bleibt stets an gleicher Stelle wie das Meer mit Ebbe und Flut, deren Vor- und Rückstoß die Brandungswogen noch immer auf dem nämlichen Platze läßt. Beständigkeit der Art erlebt auch jenseits keine plötzliche Evolution, sie vollzieht sich nur im Unsichtbaren durch lange Reihe von Wiedergeburten, die langsam Aufstieg oder Abstieg erzielen unter Ausgleich hemmender oder fördernder Milieuform. Auch hier »macht die Natur keinen Sprung«, Schulze bleibt noch lange Schulze, sein Abstand von Leonardo wird durch keine Jenseitigkeit vermindert, der jenseitige Leonardo bleibt ein Geisterfürst höherer Sphären im gleichen Verhältnis wie er es im Leben war. II Neueste Fachkunde lehrt, daß Stottern »eine qualvolle Seelenkrankheit «, Sprachfurchtsamkeit, ferner »Hörstummheit« intellektueller Mangel an Sprachverständnis oder seelischer Gelenkigkeit zur Sprachbewegung sei. Gibt es deutlicheren Wink, daß Körpervorgänge unkörperlichen Ursprungs sind? Stottern so wenig ein physischer Zungenfehler, wie geistige Inartikuliertheit einer dummverworrenen Seele! Die Zungenfehler des Gemüts oder der Denkkraft, die Hörstummheit für das Schöne und Wahre sind völlig analoge psychische Gebrechen, so auch das Stottern der Menge in Religionssprache. Im christlichen Zeitalter lebte ein allgegenwärtiger Gott, der junge Schiller jauchzt noch, überm Sternenzelt müsse ein guter Vater wohnen. Je häufiger aber die zweiten Ursachen als sog. Naturgesetze bekannt wurden, desto ferner verblaßt im menschlichen Bewußtsein die erste Ursache Gott als schattenhafter konstitutioneller Monarch, dem die Natur eine Verfassung auferlegte und dem ein Eingreifen in die gesetzgebenden Faktoren nicht zukommt. Sogar Pascal verwarf jede Theodizee und versteift sich, um die Repräsentativfigur seines Gottkönigs zu retten, ganz wie Kant auf angebliche Erhabenheit menschlichen Denkens und Fühlens. Jede Ethik, die er bezeichnenderweise Charité nennt, stehe höher als jedes Wissen, das sei der einzige Gottbeweis. Das ist stets der erste Schritt des Rationalismus, parallel zur Kirchenscholastik, die alte Einbildung menschlicher Überlegenheit über alle anderen Gebilde, obwohl man vom sittlichen Instinkt der Tiere gerade genug weiß, um sich für den Menschen schämen zu müssen. Für Pascal sind auch die Planeten tot und geistlos, in welcher kindlichen Überzeugung Kirche und Wissenschaft sich die Hände reichen, er zieht wie Kant sittlichen Imperativ nur aus sich selber, ein Seelenprophet nur für bestimmte Seelen wie Madame Guyon. Wird Sittliches durch Notwendigkeit emporgezüchtet? Kain und Abel leben noch heut nebeneinander, die Raubmörder des Weltkrieges schliefen gewiß mit gutem Gewissen auf dem besten Ruhekissen ihrer Schandtaten. Gröbste Selbsttäuschung hält sich für sittlichen Imperativ. Sollten aber die Unsichtbaren mit eisernen Besen über das Spinngewebe fahren, so würden alle Kreuzspinnen dies für Vergiftung der moralischen Weltordnung erklären. Europas Selbstblutvergiftung stellt sich als Bolschewismus Selbstdiagnose, daß es nur durch Amputierung an Haupt und Gliedern zu kurieren sei. Der byronische Weltschmerz, der wenigstens noch an sich selbst glaubte, bedeutete den letzten Widerstand der aristokratischen roten Blutkörperchen gegen die gefräßigen Bazillenhorden des Pöbelmaterialismus, die seelische Dekomposition ist nun vollendet. Immer blamieren sich Prophezeiungen der Vernunftpächter, man erklärte Kriege in Europa für finanztechnisch unmöglich und machte den Weltkrieg, aus der Kriegsmaschine trieb Wissenschaft den Künstlergeist aus, Vernunft schickte man beständig auf Reisen mit unbestimmtem Urlaub, Unvernunft blieb daheim als unabkömmlich. Vergleicht man römische Katapulte oder Leonardos Kriegsmaschine mit heutigen Zerstörungsmitteln, so waren eben erstere damaligem Milieu angemessen wie letztere dem heutigen, das ist der ganze Fortschritt auf diesem negativen Gebiet. Nicht mal die Schlachtverluste vermehrten sich durch moderne Taktik verbesserter Waffen, wahre Gesetze der Kriegskunst bleiben, wie Napoleon und Jomini sich angesichts der ersten Erfindung des Hinterladers durch Leutnant Pauly theoretisch einigten. Studiert man nun aber mit J. H. Fabre »les moeurs des insectes«, so findet man die grausamen Kampfmethoden des Cerceriskäfers, der Pompilawespe, des grünen Grashüpfers gegen Käfer, Tarantellaspinne, braune Cigalen – sämtlich an Kraft, Größe, Gift überlegen und dennoch verloren wie die größte Kobra gegen den winzigen Mongun – viel geistreicher berechnet. Da doch alles im Sichtbaren relativ und keine Art physisch entwickelter als die andere, »jedes nach seiner Art« so darf der erst recht nicht an geistigen Fortschritt glauben, wer Geist und Stoff für identisch hält. Ein englischer Revueartikel »Chance und Change« will völligen Wechselumsturz bis in heutigen literarischen Stil bemerkt haben. Wieso? Shaw ist nur verkleinerter Swift, Wells verkleinerter Defoe, bei Einführung von Christentum, Humanismus, Reformation, Aufklärung, Revolution jubilierte man auch, eine ganz neue Menschheit beginne, doch der Rest war nicht Schweigen, sondern Hohnlachen der Verstehenden. Die Maschine habe das ganze Menschenwesen verändert? Chesterton predigt, alle Maschinen müssen zerstört werden, um das merkantile Zeitalter zu töten: was immer Technik bewirkt haben mag, jedenfalls nichts im Sinn von Aufwärtsbewegung. Einführung von Meerschiffen oder Pferden hatte relativ den gleichen Bewegungswert wie Eisenbahn und Luftschiff, Entdeckung Amerikas erweiterte den Horizont drastischer als drahtlose Telegraphie. »La matière derneure et la forme se perd« sang schon der alte Ronsard, das liest sich richtiger: jede Form verliert sich, der Stoff bleibt unverändert als Abbild des Unsichtbaren. Auch die Psyche des Erdballs bleibt eine Konstante mit Arbeitsteilung vom Moneron bis zum Normalmenschen, auch die Psyche des Alls vom Übermenschen (Genie) bis zum Erzengel (überirdische Kraftsumme), innerhalb dieser ewigen Einheit gibt es nur ein Unterscheidendes, Veränderliches und Entwicklungsmögliches: Individualität. Art, Rasse sind gleichgültige Begriffe, biologische Wichtigtuerei auch nur Milieuerzeugnis der Philisterdemokratie, alles Erhöhende stammt nur vom großen Individuum, Rasse und Masse bleiben nur Material für Aufrechterhaltung des Naturhaushalts für unsichtbare Zwecke. Doch auch das geniale Individuum jenseits der Masse und beim Prozeß des Schaffens jenseits des Sichtbaren bleibt ein unveränderter Typ, dessen Erzeugnisse nur die Form wechseln. Michelangelo war nicht genialer als die Urschöpfer von Skulptur und Malerei, Shakespeare nicht genialer als die sumerischen Dichter der Genesis. Was Evolution sein mag, ist nicht von dieser Welt und auf höheren Ebenen kann auch das Geistige sich nur relativ steigern; was verändert und evolutioniert werden kann, ist nur ethische Erkenntnis, doch nur Karmagesetz und Wiedergeburt ermöglichen solch transzendente Evolution, sonst müßte man auch sie verneinen. Die unsagbare Lächerlichkeit des Wahns, Wissenschaft reinige die Ethik, demaskierte sich in der Nichtswürdigkeit des sterbenden 19. Jahrhunderts, nachdem das internationale Zwischenreich bei Waterloo den Heldentod starb. Die Propheten des 18. Jahrhunderts waren Friedrich der Große, Goethe, Beethoven, Napoleon, Byron, die des 19. Jahrhunderts Darwin und Nietzsche mit dem Intermezzodichten Bismarcks und Wagners, wo der eine mit Blut und Eisen klirrende Prosa, der andere mit Operntönen mystische Erotik niederschrieb. Vergleichskommentar überflüssig, so evolutionierte sich die Menschheit. Das 16. und 18. Jahrhundert brachten Ausnahmeentladungen besonders zahlreicher Individualpsychen, nur Täuschung ohne Relativitätsperspektive meint aber, ihr Massenmilieu habe sich gehoben. Das Wort Persona bedeutet ursprünglich Maske, Bühnenrolle, Antlitz: die Weisheit der Sprache stempelte also Ich und Äußeres so ab, daß hinter solcher Maske etwas anderes verborgen liege. Tritt diese Person aus dem Mutterleib, so scheint sie psychisch ein unbeschriebenes Blatt; was ewig wechselndes Leben darauf kritzelt und einätzt, muß billionenfach verschieden sein. Variation ist die natürlichste Erscheinung der Transformation, alle Varianten berühren nicht einheitlichen Grundstock der Arten, deren Ursprung aber von vornherein sich der Arbeitsteilung befleißigte, gleich wie das Moneron sich durch Teilung vermehrt. Das Prototyp von Vogel wie Mensch, ihre Idee, war schon im Protoplasma vorhanden und Übertritt in organisches Leben bedürfte keiner stufenweisen Entwicklung, die viel mehr Anforderung an Wunderglauben stellt als Annahme vielseitiger Schöpfung durch unsichtbaren Psychewillen. Jede Art kann jeweiliges Bedürfnis eines Weltgedankenganges sein. Jüngst entdeckte man in südamerikanischer Wildnis ein in noch manchen Exemplaren erhaltenes Urtier, von dem man nicht weiß, ob es zu Sauriern oder Mammals gehört. Warum starb dieser etwaige Pleosaurius nicht aus, warum evolutionierte er sich nicht wie das gleichalterige Riesenkänguruh, von dem man noch heutige Lebensspuren in Zentralafrika entdeckt haben will, in das heutige kleine Australiens, warum erhielt sich letzteres uraltes Beuteltier trotz Lemuriens Untergang, wo so viele Urtiere versanken? Wenn ein Urungetüm in Südamerika sich erhielt, indem es vor den Menschen in unbewohnte Gegenden flüchtete, so müssen alle gleichaltrigen Arten lediglich durch gewaltsame Erdkatastrophen vernichtet sein, ohne daß sie sich in irgendwelche andere Form umsetzten, also entstanden spätere Arten nicht aus ihnen. Nimmt man aber de Vries' »Mutation« durch revolutionäre Naturentladung an, so ist dies einfach ein willkürlicher Schöpfungsakt, genau so wie die Kirche ihn Gott zuschrieb, Entstehung des Menschen konnte rein spontan auf solche Weise erfolgen. Daß hierfür rudimentäre Grundzüge eines Uraffen benutzt sein könnten, entspräche nur dem gemeinsamen anatomischen Bauplan alles Lebens. Wir halten zwar Mutation nicht für unbedingtes Grundgesetz, sie ist so wenig beweisbar wie der Darwinismus, freilich mit dem Unterschied, daß de Vries wirklich etwas aus der Botanik dokumentieren kann, während Evolution niemals sichtbar beobachtet wurde. Wenn etwas so Erstaunliches wie die Mutationsbelege sich noch heute vollzieht, so wäre es nur logisch für ein Grundgesetz, das heute wirken muß wie vor Billionen Jahren. Dies widerlegt schlagend die Ausrede, Evolution vollziehe sich so langsam, daß ihr Stillstand in der ganzen historischen Zeit und darüber hinaus bis zum Neandertaler nichts besage. Wenn Mutation, etwas viel Wunderbareres, noch heute sich zeigt, dann müßte Evolution gleichfalls sich melden. Man will es nicht Wort haben, doch beruft sich der Biologe, da er keinerlei sichtbare Entwicklung im Tierreich bemerkt, unbewußt immer auf angebliche Menschenevolution. Dieser jeder Psychologie bare Wahn vergleicht leichtfertig das »dunkle« Mittelalter mit der Jetztzeit, als ob nicht die Antike vorangegangen wäre, die aber auch nur relativen Fortschritt über vorhergehende Semitenzeit darstellt, denn die Urrasse bis zum Sumerer war den Griechen relativ gleichwertig, wo nicht überlegen als Kulturgründer. Neueste Entdeckung in Los Angeles und eines Musterierjünglings vor 100+000 Jahren bekundet bedeutende Schädelform, was betretene Wissenschaft nicht mehr leugnet. Das Mittelalter aber schöpfte aus gewaltsamer Verstandesverdunklung durch Kirchendogmen andererseits eine Tiefe und Einheitlichkeit des Gemüts, die es zu großen Leistungen befähigte. Lange vor Newton oder Kant strebten Roger Bacon, Erigena, Duns Scotus; mittelhochdeutsche Poesie; Dante, Dome und Münster bereiteten Renaissance vor. Nur unverschämte Einseitigkeit mißt »Größen der Menschheit« nach technischen Erfindungen und Naturforschungen, die aber wahrlich den Alten nicht fremd waren. Sogar auf Aviatik verweist die Dädalussage. Selbst Denkerevolution fehlt völlig, man hält Kants Vernunftkritik für Original, dem Lockes »Essay on human Understanding« die solide Grundlage bot, doch Locke selber tönte im Grunde nur Lehren der Stoiker seit Zeno nach. Wenn heute Drews »Sternenhimmel und Religion« das Christentum als Astralmythos auslegt, so ist es unbewußt nur satter Erbe uralter Weisheit. Schon unter Heinrich IV. soll deutscher Kultureinfluß überwogen haben, jedenfalls ging die Geistwissenschaft griechischer Mystiker zunächst auf die Deutschen über. Von der rationalistischen Anlage englischen Denkens abgesehen, konnte auch skandinavische Mystik sich nicht von kirchlichen Vorstellungen freimachen. Sahlinger 1901 suchte Swedenborg in Beziehung zu Herder und Goethes Morphologie zu stellen, das scheint ebenso willkürlich wie Steiners Anknüpfung an Haeckel, die er damit motiviert, Haeckel arbeite mit lebendigen Anschauungen, aber toten Begriffen. Von seiner Naturerkenntnis hätten »eigentlich nur die Bilder, die er hinmalte, Bedeutung«, was bleibt dann aber philosophisch von Haeckel übrig! Ebensowenig haben Herder und Hammann mit Swedenborg gemein, Hammann sieht alles als »Natur«, die aber den Samen des Ideellen in sich trage, Herder sagt ausdrücklich »kein Wort ist vieldeutiger als Natur«, sein Lebensbegriff geht auf Verarbeitung der Persönlichkeit aus, welche er weder wie Winkelmann bloß im Kunstsinn noch wie andere im Philosophischen, sondern ganz allgemein gestalten will. In solcher Hinsicht begrüßen wir auch Hefeles waghalsigen Versuch (österreichische Rundschau 1923), Schiller als »Denker« wieder lebendig zu machen, sobald man sich nur an die ringende Persönlichkeit hält. Diese behält ihr historisches Recht, so wenig sonst Schiller uns heute zu sagen hat. Die englischerseits aufgetauchte These einer Auto-Central-Control des Hirnlebens kann nur Sinn haben, sobald man die Folgeerscheinungen des Hirnapparats als unwesentlich ausschaltet, denn mit ihnen verhält es sich nicht anders wie mit dem Blutkreislauf. Diesen betrachtete die Medizinphysik als Folge mechanischer Wirkung der Herzpumpe, wie man Atmen als Folge des Lungenblasebalgs, Stoffwechsel als Folge der Reibmaschine Magen, Ausscheidungen als Folge der Filtriermaschine Niere einstellte, ohne die vitalen Einflüsse organischer Bestimmung zu bedenken. Wir atmen nicht, weil wir eine Lunge haben, sondern die Wesen bilden sich Lunge, Kiemen oder Atmungsorgane der Pflanze, weil sie atmen wollen und müssen. Kreislauf der Säfte im Organismus ist das wahre Urphänomen, ohne welches keine Lebenserhaltung möglich wäre. Denn die gebrechlichen Außenwände der Zelle befinden sich in fortwährendem Absterben, »Leben ist verhindertes Sterben« (Kolisko), die Säfteströmung erfolgt überall bis zu den untersten Gebilden ohne wirklichen Motor. Daß der Kreislauf sich bei höheren Tieren eine Herzpumpe schuf, ist nur konstruktive Nebenerscheinung, Blutkreislauf entsteht aus der Polarität des Lebens, nicht durch mechanischen Druck, sein Pulsieren und Zirkulieren ist identisch mit den Bildungen des Nervensystems. Zwischen Sinnesnerven und Stoffwechselsystem vermittelt im Embryowachstum das Blut, das sich als selbständige Strömung der Venen offenbart (Hesebroeks Forschung 1914) und im ganzen Gefäßgewebe wirkt. Der Rhythmus entsteht durch Mitwirkung sämtlicher Organe, nicht bloß der Gefäße, denn jedes Bedürfnis eines Organs saugt das Blut an sich. Das lehrt die einfachste Beobachtung z. B. spontanen Errötens und Erbleichens. Drückt man dabei auf einen hydrodynamischen Knopf der Herzpumpe? Nein, Scham, Zorn, Angst erregen einen Aufruhr im Blute, der vom Gefäßkomplex der Nerven nach oben wallt. Dies ist also eine sog. Hirnvorstellung, die an sich nicht aus irgendwelchem Herzvorgang entsteht, aber mit Blut- und Nervenbewegung eins ist. Das Hirn selber aber wird vom Blut erzeugt und hört zu funktionieren auf, sobald die Blutspeisung aufhört. »Blut ist ein ganz besonderer Saft«, der Satz hat einen tieferen Sinn als er gemeint war: Blut ist nichts einzeln Besonderes, sondern die eine Hauptsache, das Lebensprinzip selber. Nicht nur Bewußtsein und Stoffwechsel, sondern jedes seelische Erleben ist Blut, jede Vorstellung wird nur durch Blut dem Hirn vermittelt. Schon Okens »Naturphilosophie« wußte, daß der Herzschlag nicht Ursache, sondern Folge des Kreislaufs. Jawohl, er benutzt eine von ihm selbstgeschaffene Herzpumpe nur als regulierendes Werkzeug ähnlich wie das Gehirn. Jede Bewegung im Organischen hat eine einzige unsichtbare Ursache, die sich eines unfaßbaren Nervenfluidums bedient. Beschaffenheit des Blutes entspricht der Beschaffenheit des psychischen Faktors. Das Herz ist so wenig selbständig wie jedes andere Organ, es hängt z. B. von Lungenatmung ab, Blut aber ist der unabhängige Träger des Lebens und wird ausschließlich gelenkt vom geheimen Unsichtbaren der Psyche. Mit Wundts Erfahrungspsychologie ist dem Komplex bewußter Täuschung und eingeredeter Selbsttäuschung nicht beizukommen. Seine »Hegemonie der Zwecke« verbindet sich sonderbar mit Schopenhauers blindem Naturwillen. Die Natur gehe erst durch willkürliche Handlungen des Individuellen in Kultur über? Willkür der Individuen gibt es nicht, ihre kausal bestimmten Regungen sind immer Natur und wie soll hier der Begriff Kultur definiert werden? Außenkultur, d. h. Zivilisierung, entsteht durch Anpassung der Masse, wobei umgekehrt die Individuen vom Milieu mitgerissen werden. Meint aber Wundt individuelle Eingriffe der Genialen, so ist deren in der Masse verschwindende Ausnahmeart nicht imstande, allein eine Kulturgesellschaft zu gründen. Pythagoras gründet eine Schule, nicht eine Kultur, obendrein ist niemand mehr »Natur« als der antikonventionelle Geniale. Deshalb scheint absurd, eine zehnbändige »Völkerpsychologie« aus Naturlauten und Sprachgefühl der Wilden herauszuhören. Die Psyche einer Nation wird immer schärfer herausgearbeitet, je verfeinerter ihre wachsende Tradition. Die Gallier hatten wohl Grundelemente des Franzosentums, doch erst heute kann man mit einer französischen Nationalpsyche rechnen infolge angesammelter Masse jahrtausendlanger Eindrücke. Als Segest Tochter, Enkel, Schwiegersohn an den Landesfeind verriet, lieferte er schon typischen Beitrag vom deutschen Wesen, doch daß Kleists Hermannsschlacht den deutschen Nationalcharakter so umfassend zeichnete, verdankte er eben nur langer Geschichtserfahrung. Um den Franzosen richtig zu umschreiben, muß man die lange durcheinanderlaufenden Adern des Gallischen und Fränkisch-Burgundischen sezieren, Kobold Lafontaine neben Zeremonienmeister Racine sehen, während Chateaubriand schwerlich von den Druiden für seine »Märtyrer« profitiert hätte. Der vielgeschäftige Wundt, für Universitätler natürlich »ein König des Geistes« (!), offenbart nur die Unfähigkeit, in Unerklärbares Gesetze hineinzudiktieren. Diese Wichtigtuerei geht an allem Telepathischen vornehm vorüber, begnügt sich mit Einteilung in »Elemente« und »Komplexe«, doch muß »psychophysischer Parallelismus« wenigstens zugeben, daß aus Körperlichem nur Körperliches wird, daß wohl Körperliches dem Seelischen parallel läuft, nicht aber Seelisches dem Körperlichen, wie Spinozas Substanz voraussetzt. In psychischer Kausalität walte »schöpferische Synthese«, Wachstum der Energie, physische Verbindungen arbeiten mechanisch, psychische »schöpferisch«. Dies starke Adjektivum kann leicht mißverstanden werden. Eigenartig berührt die durch Wundt bewirkte Teilung von Naturforschung und Psychologie, denn diese Trennung der Beobachtungssphäre hebt schon das Grundgesetz jedes Materialismus auf, die Identität von Physischem und Psychischem. Wundt nennt sein Gebiet Erfahrungswissenschaft, erklärt also nur das Psychische im Gegensatz zum abstrakten Naturforschen als konkret tatsächlich. Das wäre ganz recht, wenn er sich nicht von Fechners Psychophysik abgewendet, das Unbewußte geleugnet, die Bewußtseinsstände mit allerlei Messungen beglückt hätte. Solcher Halbmaterialismus kommt gerade in der Hirnanatomie zu Fall. Der Neger hat nur etwa 100 g weniger Hirnsubstanz als der Engländer, dessen Durchschnitt mit 1534 ccm sehr übertrieben wird. Der weit geringere Schädelumfang vieler bedeutenden Männer (Leibniz usw.) beweist aber schon die Hinfälligkeit bloßer Gewichtstheorie. Nicht mal hilft die Korrektur, daß nur das relative, nicht absolute, Gewicht entscheide: Wenn Verhältnis von Gesamtkörper zu Gehirn beim Tier meist 100:1, beim Menschen 36:1 beträgt, so übertreffen viele Singvögel und südamerikanische Äffchen mit 13:1 das Menschenmaß weit. Auch liegt strukturelle Hirnverbesserung beim Menschen so wenig vor, daß laut Brocas Gräberfunden der Pariser von 1850 tief unter dem von 1150 stand. Letzte Behauptung: Die Furchen der »Konvolutionen« im Hirn bestimmen dessen Kraft? Diese sind aber nichts Gegebenes, beim Kind viel weniger vorhanden, sondern bereits Folge von angewandter Energie. Individuelle Beschaffenheit der Gehirnsubstanz, unabhängig vom Gewicht, mag darauf Einfluß haben, doch dieser individuelle Energieprozeß entzieht sich jeder Betrachtung. Warum hierbei der bewegliche weibliche Intellekt für geringeres Gewicht große anderweitige Kompensationen erhält? Ein Narr wartet auf Antwort, doch nur ein Narr leugnet, daß hier unsichtbare Energiefaktoren wirken, für die jedes Maß fehlt. Die Ausdehnung der »Seele« durch den ganzen Organismus scheint ein genaues verkürztes Miniaturabbild der Elektronenbeseelung des Alls. Wie das Warum-Darum der Notwendigkeit hüllt sich auch das Warum und Wie geistiger Betätigung in undurchdringliches Dunkel. Für unsichtbare Vorgänge sind Analogieschlüsse aus Körperbewegungen unzulässig, die alten Jäger konnten ihr erfinderisches Hirn nicht trainieren wie ihre Muskeln und keine Pflege eines Denkapparats könnte je schöpferische Genialität oder telepathische Kräfte erzeugen. Weil man sturmfrei schlecht verteidigte Außenforts der alten Scholastik erstürmte, muß man nicht Berennung der uneinnehmbaren Zitadelle ausprahlen. So konfus zupft der Evolutionist am verworrenen Garn, daß Vogt zuerst mit Recht über Bischoff spottet, ein Idiot solle kein Mensch sein, dann aber plötzlich selber den hilflosen Idioten für ein Zwischenglied von Mensch und Affe hält. Der Schimpanse verbittet sich das, da er alles eher als idiotisch den Kampf ums Dasein führt, sondern höllisch aufgeweckt. Daß es sich bei Mißgeburten lediglich um »Miscarriage« lebensunfähiger Organismen handelt, zeigt das rasche Ableben geborener Mikrozephalen. Naturspiele sind kein »Rückfall«. Daß einer zerstörten Intelligenz ein Ichbewußtsein fehlt, ist unglaubhaft, jedes Lebewesen setzt eine Psyche voraus, und da die organischen Funktionen des Idioten menschliche sind, so darf man ihn ebensowenig wie den Genialen vom Menschentum ausschließen. Auch Telepathie ist nur Abstufung von Genie, wo Hellsehen und Seelenlesen zum Gestalten gesteigert. III Man spottet heute über Descartes' Zirbeldrüse, doch Anatomiepsychologie suchte gerade so naiv den Zentralnexus in der Hirnhöhle, erst heute erkennt sie, daß die Psyche Hirnwindungen nur als Apparat benutzt und sich durch alle Telephon- und Telegraphenstränge des Nervensystems unauffindbar verflüchtigt wie ein Gasfluidum. Ohne den Wandlungen in Wundts endgültigem Verzicht auf die gewünschte Psychologiephysik nachzugehen, möchten wir nicht unterdrücken, daß dieser »Heros«, diese »Leuchte«, wozu heute jeder Verstandesjongleur ernannt wird, zuletzt vor dem Wesen der Psyche ratlos stand wie die Kuh vorm neuen Tor. Denn einer solchen Methode, die zuletzt mit »Völkerpsychologie« anrückt, weil sie des allein maßgebenden Individuellen nicht Meister geht, zeigt das Unsichtbare immer neue Tore, doch leider alle verschlossen. Man darf weder dem Stoff jede Bedeutung absprechen, noch Kraft für durchaus unabhängig vom Stoffe halten, beides verwickelt in offenbare Denkfehler. Wohl lebt Stoff von Kraftes Gnaden, doch Kraft nährt sich vom Stoff, der selber nur umgesetzte Kraft ist. Weil Stoff sich nur durch Kraft belebt und Stoff nicht aus sich selber Kraft bewegen kann, folgert daraus ein Dualismus? Allerdings nicht. Denn Stoff ist nach unserer Auffassung nur Erscheinungsform unsichtbarer Kraft, deren grundlegende Eigenschaft bleibt, sich immer zu verstofflichen, und sei es in ätherischster Form jenseitiger Astralebenen. In diesem Sinne ist Kraft so wenig stofflos denkbar wie ein produktiver Geist ohne Produkte, für den Produzieren Daseinsbedürfnis wie Oxygen für die Lunge. Gerade dieser Monismus steter Vermählung des Stofflosen mit dem Stoff versetzt dem Materialismus den Todesstoß. Man braucht nur den erkenntnistheoretisch und empirisch gleich unsinnigen Satz »alles ist Materie« entschlossen umzubiegen »nichts ist Materie« im gebräuchlichen Sinne des Wortes, um ein klares Weltbild zu gewinnen. Jeder Blutstropfen ist ein Gedanke, jeder Gedanke ein Blutstropfen, weil Unsichtbares sich immer in Sichtbares umsetzt, natürlich mit veränderter Sichtbarkeit bei veränderter Wahrnehmung. Deshalb kann das subliminale Selbst (»Unterbewußtsein«, »Unbewußtes« sind unklare Definition) in allen Stadien von Telepathie oder Spiritismus sich nicht von sichtbaren Bildern freimachen. Nur in Buddhas »vierter Schauung«, Brunos »Universalaffekt« denkt man nicht mehr in Bildern. Myers gibt zu, sein Subliminales möge in jedem Individuum sehr verschieden entwickelt sein. Natürlich, gemäß der ungeheuren Ungleichheit der Einzelwesen, was Materialismus und Demokratie aus guten Gründen leugnen. Das Telepathische offenbart sich beim einen als leidende Schwäche für Eindringen des Supranaturellen, beim anderen als höchste Kraftanspannung für höhere Erscheinungsform telepathischen Hellgesichts, nämlich die genial schöpferische, als solche der Weltseele unmittelbar verwandt. In anderer Gedankenverbindung verweist ein Psychiker auf »künstlerisches und besonders dichterisches Schaffen«. Wir ergänzen: Weil der Dichter nur mit Unsichtbarem und ohne sinnliche Außenwahrnehmung arbeitet, während Bildner und Tonerzeuger bei Ausführung der Konzeption nie sinnlicher Mittel entraten können. Indessen bleibt auch Dichtung wenigstens ins sinnlich Vorstellbare gebannt, wodurch sie eben nur ein Sinnbild des sich immer bildmäßig verstofflichenden Unsichtbaren wird. Bei Kontroversen zwischen Schülern und Widersachern von Myers, wobei Andrew Lang sich hervortat, kam die Frage aufs Tapet, daß Shakespeare als Grieche nicht den Hamlet geschrieben hätte, daher Dichtung vom Milieu abhängig, also nicht subliminal sei. Welch unglückliches Beispiel! Als Grieche schrieb Äschylos die Agamemnon-Orestestragödie, d. h. im Kern ganz das gleiche wie Hamlet, auch Ödipus und Antigone sind Lear und Cordelia in anderer Art, Achilleus ein anderer Coriolan. So sind auch Äschylos' Prometheus, Dantes Höllenwanderung, Byrons Kainflug nur Etappen auf gleicher Marschroute. Typen und Konflikte, aus denen die Dichtung schöpft, sind so beständig wie die Menschenart selber, Varianten des Milieukostüms berühren nicht die subliminale Vision, weshalb man sich Homer und Ossian blind denkt: »Erwache, du Licht in Ossians Seele!« Hingegen betonen wir, daß Erzeugung des Hamlet an und für sich nur gleiche Stoffbildung vorstellt wie jedes andere Erzeugnis der »Natur«, d. h. der unsichtbaren Kraft, die sich selbst veranschaulicht. Deshalb warnte Buddha vor Huldigung an die eigene »Seele«, denn auch das Subliminale klebt noch an der Erddimension, das zeigt der erdgebundene Trieb seiner nur sehr erweiterten Wahrnehmung. Solange wir an Stofflichkeit gefesselt, bleiben Psyche und Materie einander unentbehrlich, gerade ihr Gegensatz bedingt ihre Existenz als Mensch, scheinbar unlöslich verbunden und deshalb einig gehend. Kann man da noch Einwände gegen Unvollkommenheit subliminaler Funktionen aufrecht erhalten? Unnatürlich wäre im Gegenteil, wenn eine von allem sinnlich Beschränkten freie Seele sich im Spiritismus ausdrücken könnte. Auch in höheren Sphären könnte grundsätzliche Änderung nur eintreten, sobald der letzte Rest sinnlicher Vorstellung erlosch. Die Jenseitsbewohner müssen untereinander so unendlich verschieden sein wie die Diesseitsbürger, da nur die Mittel der Wahrnehmung sich wandelten, nicht der psychische Kern. Schon der irdische Geist Leonardos steht in himmlischer Buchführung viel höher abgeschätzt, als die ungeheure Mehrzahl der im Tod entkörperten Durchschnitts-Iche. Denn der lebende Leonardo webt schon in einer Sphäre, zu der die frömmsten »Seelen« zunächst nie zugelassen werden. Der Theologe Hagenbach betont dies einmal bezüglich Goethe. Dem höheren Menschen eine Sonderstellung einzuräumen und sich jeder Kritik zu enthalten würde beim Massenmenschen ein Anfang jeder Erkenntnis sein. Ihm fehlt aber so sehr jede pietätvolle Bescheidenheit, daß der Wissenschaftsphilister am liebsten alles Geniale als Pilz morbiden Hirnbodens auffaßt und lange Lombrosos »Genie und Wahnsinn« als Wahrheitsentdeckung galt, während diese entfernte Verwandtschaft ganz andere dem Philister unbequeme Schlüsse nahelegt. Manchmal geht der »Geistesgestörte«, weil ihm die Hemmungen ordinären Bewußtseins zerrinnen, ins Unbewußte höherer Sphäre ein. Laut Kelvin geht das bestehende Universum zeitlichem Ende entgegen, hatte also zeitlichen Anfang, d. h. wurde »geschaffen«, so sehr sich die moderne Phrase dagegen sträubt. Durch Bewegung schwingender Atome? Atom ist abstrakte Prämisse, Bewegung nur Kausalerscheinung von Zeit und Raum, wie man ja alle Dinge nur räumlich neben- und zeitlich nacheinander schauen kann, unser Bild sich daher aus lauter Bruchstückchen zusammensetzt. Wenn Büchner von »Allmacht der Substanz«, Ewigkeit von Stoff und Kraft phantasierte, als ob die Abstraktion von Allmacht und Ewigkeit nicht der begriffliche Gegensatz alles Stofflichen wäre, so scheint zufällige Lebensentstehung durch Vermengung von Kohlen-, Wasser-, Sauerstoff und Schwefel hochkomisch. Stoff kann nur in dem Grade ewig sein wie Kraft, die ihm allein zur Existenz verhilft und daher ein notwendiges Schöpfervermögen sein müßte; was ist aber Substanz, ist sie Kraft oder Stoff? Wie kann sie allmächtig sein, wenn sie nur zufällig Atome zusammenfügte? Der Stoff, aus dem das Sichtbare besteht, ist bestimmt nicht ewig, dann aber auch nicht die Kraft, deren Wirkung wir eben nur am Stoff erkennen. Wäre sie dennoch ewig, so gehört sie eben einer anderen Sphäre an als der Stoff. Bei einer jede chemische oder Molekularkraft tötenden Gefriererstarrung leben viele Bazillen und sogar vereiste Fische weiter und wieder auf, sobald man nur die nötige Wärme erneuert. Also überlebt das Lebensprinzip den Stoff und jedem Protoplasma ging Urkraft voraus. Wenn Flammarion schon das sichtbare Licht, d. h. eine Kraftquelle »unbegreiflich« nennt, wie unbegreiflich muß erst das Licht-All bleiben! Ob Sonnen verlöschen, ihre ins All versprengten Teilchen sind unvergänglich und die unsichtbare Kraft unveränderlich. Wie will man aber etwas erkennen und benennen, was nur als Wirkung sich meldet? Wie Raupe und Schmetterling, Polyp und Meduse im gleichen Stoff abwechseln, so bleibt jede Stoffverwandlung geheimnisvoll. Die Puppenhülle der Raupe gleicht dem Sarg, in dem ein scheinbar Totes ruht, was geht da vor, um aus früher häßlich Kriechendem ein Schönheitswunder auffliegen zu lassen? Die passive Rezeptivität der Pflanze bringt Schönheitsideen in Ernährung und Fortpflanzung mit feinster Zwecktätigkeit zum Ausdruck. Ein tausendstel Gramm Rückenmarksubstanz genügt der Ameise, um einen Sozialstaat zu erdenken, während die von Lubbock und Forel vergötterte Biene mit mathematischer Berechnung ihre Zellen baut. Das Submarine lebt ohne Sonne, die man als einzige Lebenserhalterin für unsere vor ihr entstandene Erde auffaßt. Amöben wählen taugliches Futter und reagieren auf Reize, Atome wollen chemische Wahlverwandtschaft, Verbindung durch Annäherung, Veränderung im scheinbar Unveränderlichen, Kristallisierung nach bestimmtem Zentralgesetz. Überall arbeitet etwas ganz Subtiles, das mit Schulbegriffen Kraft und Stoff nie ausgetieft werden kann. Nur Immaterielles ist Trumpf, stofflose Elektronen bauen mit Radium und Helium das leuchtende All, wo das Kleinste ein All für sich bedeutet, wo Milliarden Atome Wasserstoff verdunsten und doch unzerstörbar bleiben. Jedes Atom ist ein Weltsystem mit Sonnen als Mittelpunkt eines Elektrizitätskerns, um den sich Elektronen negativer Elektrizität mit rasender Schnelligkeit schwingen. Und das angeblich unteilbare unzerschneidbare Atom spaltet sich in andere Elemente, so das Radium in Blei und Helium, auch Chlor hat man gewaltsam in zwei neue Stoffe zersplittert. Das chemische Atom ist ohnehin nichts einförmiges, sondern geformt aus Atomen positiver und negativer Elektrizität. Ob durch Umwandlung radioaktiven Stoffes riesige Energiemengen frei werden? Erhaltung der Kraft bei Wärmeverbrauch gilt für alle Kalorien, doch Zerfallsymptome des Radium, wobei ein Gramm 300 Kg. Steinkohle in Verbrauchsenergie entspricht, könnten auch Aufzehrung von Energie bedeuten. Aber kann Energie überhaupt zerstört werden, zumal Sonnenstoff wahrscheinlich aus Auflösung von Radium und Helium besteht? Rutherford zertrümmerte Stickstoffatome durch Elektronenerguß von Alphastrahlen. Das befremdet keinen, der sich zu eigen machte, daß Materie nur Energieerscheinung, Masse nur verdichtete Energie vorstellt. Beide lösen sich spurlos auf und zerrinnen sozusagen zwischen den Fingern, das als fester Baustein gedachte Atom verflüchtigt sich in – Was? Denn laut Relativitätstheorie wird auch Energie wie Masse nur Erscheinungsform eines unbekannten Dritten. Dieses große Unbekannte, der heilige Geist einer Dreiheit, begegnet uns überall. Wie Wärme, Licht, Elektrizität oder Eis, Wasser, Dampf nur Phänomene, nicht Grundelemente, so auch Stoff, Kraft, Energie oder Körper, Geist, Seele. (Die Engländer sagen nicht »Seele«, soul, sondern matter, mind, spirit). Alle bedürfen eines Weltspirits, ohne den Energie wohl Stoff bilden oder auflösen, doch nicht selber bestehen könnte. Stoff scheint wesenloses Phantasma als Energieprodukt, Energie aber nur Spiegelung von Ausstrahlung des über alle Begriffe gehenden Unbekannten. Somit ist jede bisherige Wissenschaftterminologie nur Aushilfe von Sinn- und Scheinbildern, unbegreiflich steht dahinter der letzte zureichende Grund. Wie der Materialismus sich behaupten will, nachdem er selber wohl oder übel den Materieast absägte, auf dem er saß, gehört freilich auch ins Reich des Unbegreiflichen. Er setzte unveränderliche Gleichheit der Atome voraus, ist also die richtige Weltanschauung demokratischer Gleichmacherei, der vor ihrer Gottähnlichkeit so bange wird, daß sie lieber an ihre Affenähnlichkeit glaubt. Stürzt nun aber Atomistik als Grundlage ein und macht die Relativitätstheorie auch Raumwerte unsicher, so kann das aus Zellenatomen aufgebaute Ich keinen Bestand haben. Fortdauer selbst der inneren Persönlichkeit bedarf auch im Sinne der Wiedergeburt, geschweige im Spiritistischen, einer einschränkenden Korrektur. Mit Zerfall der Körperatome wird zwar die Energie frei, die sich ihrer zu bedienen beliebte, doch auch sie muß eine gewisse Umwandlung durchmachen. Dies erklärt die äußere Verschiedenheit des Wiederaufbaus. Denn wäre Energie etwas Souveränes und Stationäres, so könnte sie stets das absolut Gleiche verkörpern, also Gottlieb Schulze und Otto Bismarck als unverändert Gleicher wiederkommen. Doch der buddhistische Satz »nicht Derselbe und doch kein Anderer« bedeutet, daß durch Atomzerfall gewisse Werte wegfallen und dafür andere stärker auftauchen. Ungeschmälert bleibt nur die letzte transzendentale Ursache jeder spirituellen Erscheinung. Nur Ungleichheit und Veränderlichkeit der Atome erklärt die Trennung und Spaltung aller Wesen untereinander, denn die Energien als Atombauschöpfer sind offenbar geradeso verschieden und veränderlich. »Ich ersticke, Europa ist mir zu eng«, stöhnte Napoleon, »Ich ersticke in diesem All, das mir zu klein ist« klingt doppelt lächerlich in Rousseaus Munde. Die Welt als zu klein oder wie der Durchschnittsmensch als zu groß empfinden ist beides Ich-Illusion. Wenn Montaigne es vorzog, im Ungewissen zu schweben statt »sich mit den zahllosen Irrtümern menschlicher Einbildungskraft« zu beflecken, so meint Anatole France umgekehrt: »Nur was man sich einbildet ist wirklich«, ja, aber nur für das Ich. Ferner: »Leben ist Zerstören, Handeln heißt Unrecht tun«? Hiermit bedient sich die Skepsis selber eines Urteils, das sie doch vermeiden müßte, denn Agnostiker sind den gleichen Irrtümern ausgesetzt wie Gnostiker. Die Natur offenbart nichts als ihre Idealität, indem sie sich vor dem schärfsten Beschauer in Gasnebel auflöst und nichts bestehen läßt als einen unbekannten Spiritus Rector. Mehr kann sie nicht leisten, sondern nur jedem Newton und Darwin zuwinken: Du gleichst der Natur, die du begreifst. Euer Pan trägt Bocksfüße und Faunfratzen, ein Kreis ist kein Zentrum, Milliarden unzureichender Gründe ergeben keinen zureichenden Grund, seelischer Fehlbetrag als »Sklave der Natur der Dinge« (Napoleon) keine gottverdienende »große Seele« (Maha = Atma). Wohl belustigen heut Descartes' »Gedanken der Seele« geradeso wie Bacons »Medical Remains«, doch als Jean Pauls Roquerol sich zum »Titan« träumte und Jung-Goethes Titanismus, Jung-Stillings Christlichkeit ablehnend, sich mit Brunos Promethidenerbe zu Straßburg auf der Schanz anfreundete, da blies immer wieder der alte Jäger aus Kurpfalz aus des Aufklärichtknaben Wunderhorn, und was er blies, hieß: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Die Welt entgöttern heißt sie entseelen. »Toren verachten Mich, der Ich der Herr des Alls bin« (Bagghawad), doch dieser hohe Herr bedankt sich dafür, anthroposophische Schulzes zu beglücken, die ursprünglich sprachlose Affen gewesen wären. Ob Sprachwurzeln fertige Materialien (Müller) oder Offenbarung des Unbewußten (Hartmann), jedenfalls sind sie als Denkwurzeln hoch über der »Natur«. 3. Der Evolutionswahn. I »Wisse, daß die Welt eine Kugel ist, ebenso sind alle Zustände im Kreislauf, so daß Ende des Einen mit Anfang des Andern zusammenhängt.« Tierkadaver werden Pflanzen, Pflanzen werden Tiere, auch Menschenleben ist ein kreisendes Rad. Die Mineralanfangstufe bilden Gips und Salz, ihre Endstufe die Morchel, ein Pflanzenmineral. Der Pflanzen Endstufe ist die Dattelpalme, eine hermaphroditische Tierpflanze, auch schmarotzende Orchideen haben schon das Tun einer Tierseele. Des Tieres Anfang ist die Rohrschnecke, die nur Tastsinn hat, als Endstufe kommt der Affe dem Menschen nahe »in der Form des Leibes, im Charakter dagegen das Araberpferd, in Einsicht der Elefant, in Begabung Papagei und Biene.« – So sieht der arabische Darwinismus im 10. Jahrhundert aus, wie der Orientalist Dieterici ihn 1875 geistreich schilderte. Also, was wahr und unbestritten, stufenweise Verbindung, ist uraltes Naturerkennen, wozu es nur für theologisch verderbte Europäer eines Darwin bedurfte. Nur daß die klugen Asiaten bei näherer beständiger Betrachtung auch anderen Tieren neben dem Affen die Übergangsstufe einräumten und des Affen körperliche Verwandtschaft für nichts Entscheidendes hielten. Ferner verkannten sie nicht die heute naiv geleugnete Ungleichheit der Menschenspezies selbst bei gleicher Rasse. Nur des Menschen Unterstufe hängt lose mit dem Tierreich zusammen, das sind »jene, die nur Sinnliches kennen, nur von leiblichen Gütern wissen. Sie begehren nur diese Welt, möchten ewig darin bleiben obwohl sie dies als unmöglich wissen. Ist auch ihre Gestalt die des Menschen, so handeln sie doch nur wie Tier- und Pflanzenwelt.« Die Oberstufe bilden solche, »die vom Schlaf der Torheit erweckt und zum wahren Leben erwacht sind, bei der Reinheit ihrer Substanz erfassen sie die von Materie reinen Formen.« Obschon sie dem Leibe nach mit den Menschen verkehren, gehören sie der Welt geistiger Wesen an«. Dieterici, dem wir manche witzige Anregung verdanken und nachbilden, ahnte nicht, daß diese »arabische« nur Erbteil einer Urweisheit war. Ob wir mehr Planeten und Elemente kennen als die arabische Kosmogenie mit ihren 11 Sphären, erweitert unsere Vorstellung nur in die Breite, ohne irgendwie tiefer das Wesen zu berühren. Der Aberwitz, aufgestapeltes Wissen für Verbreiterung der Oberstufe zu halten, belehre sich durch historische Relativitätstheorie. Diese Oberschicht bildete allezeit seit Anbeginn eine nie vermehrte und nie verminderte Konstante. Hier fällt jede Auslegung einer Evolution dahin, während Stufenleiter der Materieorganismen eine Binsenwahrheit von ehrwürdigem Alter bedeutet. Das Gute Darwins ist alt, das Neue nicht gut, sobald sich der Materialismus seiner bemächtigt. Pythagoras nannte zuerst die Welt einen Kosmos, d. h. Ordnung, daran ändert auch materialistisches Denken scheinbar nichts, setzt aber dabei ethische Disharmonie voraus, die jede Psycheausstrahlung zu täuschender Spielerei herabdrückt. Vielheit der Erscheinungen auf Einheit zurückzuführen ist kein Grundprinzip der Wissenschaft, wie ein Franzose irreführt, sondern des scharfen Denkens. Huldigt ihm der Materialismus, so verleugnet er sich selbst. Denn für exakte Beobachtung bedeutet Materie schlechtweg Vielheit, in ihr Einheit suchen ist jenseits jeder Wahrnehmung verborgene idealistische Synthese. Hier war Notdurft Vater des Gedankens: weil Viel- und Ungleichheit bestimmten materialistischen Prämissen widerspricht, mußte künstlich ein Monistisches Protoplasma durch Evolutionshypothese eingeschmuggelt werden. Buffon und Linné lehrten aber die im Typ festgelegte Beständigkeit der Art. Wohl bewegten diese Gründer von Zoologie und Botanik sich in mancherlei Irrtümern, wie später auch Cuvier, doch ihre Grundmeinung läßt sich nicht umstürzen, zumal jeder Experimentalbeweis für wirkliche Veränderlichkeit fehlt und Darwin nur Wahrscheinlichkeiten aufstellte, um welche man ein dogmatisches Glaubensgerüst herumbaute. Jene Alten meinten, die Affenzunge sei zum Sprechen wohlgeeignet (während Herder umgekehrt das Nichtsprechenkönnen anatomisch erklärte), es fehle nur der Geist dazu. Nun wissen wir heute, daß Sprachfähigkeit nicht auf der Zunge, sondern in Brocascher Hirnrindung liegt. Wäre die Zunge maßgebend, müßten alle Papageien reden, doch tun dies nur besondere Arten von besonderer Intelligenz. Der Affe aber hat wie jedes Tier Geist, d. h. Bewußtsein und vielleicht auch einen primitiven Sprachtorso, denn alle Lust- und Unlustlaute der Tiere sind Gehirnakte. Das ist gar nichts Besonderes, eine Katze besitzt ein ganzes Vokabularium von Tönen, die einen bestimmten Sinn haben. Wohl möglich, daß des Gorillas nächtliches Weltschmerzbrüllen ein Fluchen auf die degenerierte Menschenbande bedeutet, deren verbrecherische Raubgier von ihm abzustammen sich rühmt! Ihm, der sich redlich von süßen Früchten nährt und keinem Mitwesen etwas zu Leide tut trotz seiner 12-Männerstärke und Schnelligkeit, die ihm noch nie karnivorische Jagdlust erregte, in allem schon dem ältesten Menschen so unähnlich wie möglich! Trotz Nachäffung äußerer Bewegungen verstand ein Affe noch nie Worte nachzuahmen und deren Sinn sich anzueignen, denn hier handelt es sich einfach um die Gabe begrifflichen Denkens, die nur einigen allein redenden Papageien nicht versagt blieb und wozu vielleicht der Vogelgesang einen Übergang bildet. Daß wir vermittelst der Sprache denken (Mauthner), heißt umgekehrt, daß wir vermittelst des Denkens reden. Unsere Urahnen hatten wahrscheinlich schon früh eine bildliche Schriftsprache (Hieroglyphen, Runen, Tasmanische bunte Zeichen auf Borke), waren daher sicher eine vom heutigen Anthropoiden gänzlich verschiedene Art, die sich beständig erhielt. Evolutionsscherze von Klaatsch, wonach der geschwänzte Baumhocker durch Anstemmen seiner Hinterpfoten auf den Stamm sich zum Aufrechtgehen erzog, enden mit dem Kladderadatsch, daß der aufrechte Gang einfach durch Straffung der Rückenmarkganglien infolge vermehrter Hirn- und Schädelschwere entstand, das Hirn also immer den Entscheidungspunkt bildet. Da aber dessen Volumen allein nicht den Intellekt bedingt (ein Vogelköpfchen birgt sicher mehr Psychereize als der eines Nashorns), so besagt relative Hirnvermehrung beim Schimpanse gar nichts. Anatomisch verrät der äußerlich platt- und glattstirnige Pferdeschädel weit mehr Denkkraft, sobald man sein Inneres seziert, die Ameise bedarf nicht mal eines Hirns zur Gründung ihres Sozialstaats! Der Stammbaum des gewöhnlichen Affen ist so lückenhaft wie der des Anthropoiden. Laut Evolution müßte der Mensch unbedingt zuletzt erschienen sein wie in der sumerischen (von den Assyrern übernommenen und von den Hebräern entlehnten) Genesis, in Wahrheit kannten ihn schon die alten Saurier lange ehe heutige Reptile herumkrochen. Ob und wann der Mensch sich von irgendwelcher Affenform oder der Uraffe sich als sodomitischer Bastard vom Menschen absonderte, steht im zerfetzten unleserlichen Codex der Natur, nicht in Schweinsleder gebunden wie ein Korpus Juris, nirgendwo zu lesen. Aus zusammenhanglosen vergilbten Blättern, deren Fetzen man zufällig fand, einen spannenden Detektivroman zu erdichten, heißt Wissenschaft! In der Materie waltet ewiges tägliches Werden, aus Nichtsein erwächst zunächst nur Werden (Hegel). Nun bedingt sich aber Nichtsein nur durch den Begriff Sein, Sein wird ergänzt durch den Widerpart Nichtsein. Daher sind Sein an sich und Nichtsein an sich undenkbar, beide eins, man sollte vielmehr das Weltbild viel logischer in Sichtbar und Unsichtbar spalten. In der Unendlichkeit gibt es notwendig kein Nichtsein und ein Werden aus beständigem Sein ist nur vager Kausalbegriff. Das Unsichtbare kann sich mit gleicher Schnelligkeit in das in ihm schon enthaltene Sichtbare verwandeln wie bei einer elektrischen Licht-Geschäftsreklame, die eine Serie abblendet, um im selben Augenblick eine andere erscheinen zu lassen. So sehr sich Buddhas Beweisführung für Entstehen und Vergehen einschmeichelt, wird sie empirisch nur durch Umbildung und Erneuerung der Körperzellen belegt. Ständiges Werden des Sichtbaren tangiert nicht Beständigkeit des Unsichtbaren, Wechsel ist kein Nichtsein der Seinsidee. Darwin als Hegel der Zoologie konstruiert zuerst einen Grundbegriff Ein-Urform, von dem er die Dinge ableitet; wer aber lieber zuerst die Dinge untersucht, findet keine Logik in seiner Werdelehre, deren mechanistische Auslegung in einen Abgrund fällt, wo keine Seinergänzung mehr blüht, schattenhaftes Zufallsspiel ohne Gesetzmäßigkeit. Zuchtwahl? In der Tierwelt schließt sich die Art viel strenger ab als unter Menschenrassen, hinter künstliche Paarung von Esel und Pferd setzt die Natur ihr Verbot durch Unfruchtbarkeit des Maultiers. Auslese? Jeder Organismus ist dem andern relativ ebenbürtig bis zum untersten Einzeller, Kristallisierung wirkt nicht mindere Wunder als der menschliche Körperbau. Wo aber wirklicher Wertunterschied besteht im einzigartigen Fall jener menschlichen geistigen Oberschicht, handelt es sich um rein psychischen Vorgang, bei dem nie Auslese stattfand. Denn die materielle Oberschicht des Ausbeuter- und Gewaltstaats gehört zum nämlichen Pöbel wie die unterjochten Vielzuvielen, doch allzeit wird ein ungefähr gleiches Quantum des Geistesadels als Körnchen Salz und Sauerteig in die Masse gemengt, ohne daß das Gebäck dieser Vielheit damit besser schmeckt. Zwei Symbolismen werden aufgepflanzt: Das unterste Insekt bezahlt Fortpflanzung mit sofortigem Tod, die höchste Lebeform Genie vererbt sich nie, meist fortpflanzungsunfähig, oder die Nachkommenschaft stirbt aus. Es soll keine wahre Auslese stattfinden, physische Zeugung ist zugleich Leben und Tod. Ehrenbergs mikrologische Studien fanden nirgends aufsteigenden Zusammenhang, obschon sich dies bei solchen Primitivformen viel leichter beobachten ließe als im Makrokosmos. Im Darwinismus macht die Natur halsbrecherische Bocksprünge, begibt sich auf die schiefe Ebene des Giraffenrückens, trägt als dies hohe Geschlecht den Kopf allzuhoch, spekuliert aber auf Baisse, da man mit Bücklingen besser durchs Leben kommt und die Buckligen seit Aesop im Geruch boshafter Intelligenz stehen, und verleiht sich sogar zwei Buckel! Man muß wirklich ein Kamel sein, um dies Selbstbestimmungsrecht von Antilop-Giraffe-Kamel-Abwandlung gelten zu lassen, wo doch Selbstbestimmungsrecht der Völker nur ein trauriger Spaß! Der Darwinismus reitet aber nicht auf einem Kamel, sondern dem Flügelroß Pegasus, das er wahrscheinlich als fossile Urart des englischen Vollblut schätzt, sein Steepelchase setzt über Hindernisse weg, ohne das Endziel des Starts zu kennen. »Weisheit Gottes« klingt doch minder phrasenhaft als »Weisheit der Natur«, denn wenn sie Stoff ist, wie kann sie weise sein! Den Einzelorganismen aber die Eigenkraft zutrauen, ihre physische und psychische Struktur nach Milieubedürfnis zu ändern, eröffnet eine für Anthropoiden und Menschen beschämende Perspektive. Vom Erhabenen der sanften dummen Giraffe bis zum Lächerlichen des häßlichen höckerigen pflichttreuen klugen Kulturträgers Kamel ist also nur ein Schritt, wahrlich ein Riesenschritt mit Siebenmeilenstiefeln. Für den Affen wäre hochnötig, sich Krallen oder Waffen zu schaffen, um den Raubtieren ihre Vorliebe für Affenfleisch auszutreiben. Dem Menschen wäre Rettung vor vielem Ungemach, wenn er wenigstens seine Haut widerstandsfähiger gegen klimatische Einflüsse machen dürfte. Warum blieben denn bei beiden die mechanischen Notwirkungen aus, die dem Kamel Umsturz seiner Giraffenhaftigkeit verbürgten? Ob aber diese meisterhafte Einrichtung eines Wüstentrabers durch Vorsehungsschöpfung einer passenden Art oder evolutionäre Selbstzüchtung entstand, jedenfalls springt fürsorgliche Planmäßigkeit der »Natur« ins Auge. Darwinismus sollte das Kamel im Wappen führen, doch wenn er danach sich für Mechanismus zureiten läßt, dann ist er wirklich nach burschikosem Studentenausdruck ein Kamel. II Ein klassisches quid pro quo des Platzwechsels liefert der im Meer plätschernde Elefant Walfisch, doch auch die schwimmende Bauherr-Ratte Biber ist nicht von schlechten Eltern. Solche Saltomortale können nur gelingen durch Beihilfe unbekannter Mächte hinter den Dingen, Mechanik-Arbeit würde hier unglaublich subtile Konstruktion voraussetzen, die der Stoff sich nicht selber geben kann. Die Dynamik der Kaulquappe, die sich Sprungfüße wachsen und fröhliches Gequak ertönen läßt, bildete ihr Talent in der Stille, ihren Charakter im Geräusch des eigenen Energieimpulses, doch woher entfließt dieser? Ihr Embryo-Laich war eben seit Anbeginn nicht fischartig, das Vorhersein verschiedener Typen im Embryo mag noch so sehr sich gleichen, ihr plötzlich Da-Sein in gänzlich verschiedenen Formen beweist das Gegenteil materialistischer Folgerung. Nämlich der Stoffbrei ist überall gleichgegeben als Bindemittel der Materialisierung, der Farbentopf steht nun da, doch man muß Farben erst teilen und mischen, um sie vielfarbig auf die Palette zu setzen, worauf erst der Pinsel (Energetik) der Künstlerpsyche das Naturgemälde schafft. Beim mechanischen Entstehen müßte die Vielfältigkeit der Typen schon im Embryo vorbereitet sein, bei großer Ähnlichkeit aller Embryonen läßt sich die gänzliche Verschiedenheit der zu Tage geförderten Produkte nur erklären durch exterritoriale Geheimdiplomatie des Unsichtbaren. Die Evolution hängt sich bekanntlich die Klausel an, daß sie ihre Wunder schamhaft in unbekannte Ferne versteckt, um der Kontrolle zu entgehen. Vor ihr sind Millionen Jahre wie ein Tag. Gibt es atavistische Rückfälle, warum nicht auch Vorfälle? Wir möchten mit dem Einfall eine Wohltat erweisen, daß ein unregelmäßiger Geburtsvorfall einer Schimpansin, als Maria oder Maja vom Heiligen Geist beschattet, plötzlich den ersten Menschen Schulze ausspie. Dies Wunder wäre viel geringer, als wenn eine arme Dienstmagd den Leonardo gebärt, denn zwischen Schimpanse und Schulze gibt es viel geistige Berührungspunkte, z.B. den Trieb zur Nachäfferei, zwischen Leonardo und Schulze gar keine. Da Schulzes so gern politisch die Farbe wechseln, so borgen sie dies wohl vom gelegentlichen Farbenwechsel bei Tiergeburten durch Versehen der Schwangeren! Umgibt einen schwärzlich geborenen Arier ein schwarzer Verdacht, so braucht dies keine weiße oder schwarze Schmach zu sein, sondern ein psychischer Einfluß. Ein Goldfasan verliebte sich mal heftig in ein gewöhnliches Suppenhuhn (Brehm), doch die Liaison blieb platonisch oder unfruchtbar, selbst bei so nah verwandter Gattung verbietet die Natur den Nachwuchs von Mitteldingen. Wo bleibt daher die Möglichkeit der Artveränderung durch Zuchtwahl? Jene abnorme Liebschaft war ein rein individuelles Psychesymptom, und Buddha, der sich auf solche Dinge verstand, erklärt die Geburt nach physischem Zeugungsakt für freiwillige Psycheerscheinung. Zwei kerngesunde Schweizer erzeugen einen Kropfkretin, wie ist dieser Versuch zu erklären? fragt die Schulphysik. Alle Anthropoiden sind Baumbewohner, warum verloren Schimpanse und Gorilla den langgeringelten Affenschwanz, den sie so gut brauchen könnten? Durch eigene Abschleifung wider eigenes Interesse geschah dies sicher nicht. Beim Schwanzknorpel kam der Mensch zu kurz, beim Blinddarm verrät er vielleicht den Wiederkäuer, manchmal spitzt er abstehende Fledermausohren wie ein horchender Esel? Sind dies Rudimentärbeweise, daß er ein Pavian, Rindvieh, Esel war, sind atavistische Rückfälle so gesetzlich wie politische Reaktion? Ach nein, die »Krone der Schöpfung« ist eben nicht vollkommen gebaut, Helmholtz erklärte das Auge für das Werk eines schlechten Optikers. Man unterschiebt der Natur Vollkommenheitszwecke, die sie nicht brauchen könnte, sie gab sich ihr Lebtag nicht mit Kleinigkeiten ab, da es der bewegenden Kraft um andere Dinge zu tun ist als Materievervollkommnung. Sie benutzt die konventionellen Formeln gewisser anatomischer Grundlagen, die sie aus Bequemlichkeit nicht entbehren kann, gleichwohl mutet Darwin ihr schwierige langwierige Umwege zu, stellt Jahrmillionen als Faktoren ein. Ist die Ewigkeit eine mathematische Gleichung, daß man ihr so die Wurzel ausziehen kann? Wann ragte denn das hypothetische Protoplasma in die Ewigkeit hinein? Da jede Zelle im Organismus uns apokryph bleibt, wie kann man eine Urzelle erdichten, von deren Beschaffenheit man nicht die entfernteste Vorstellung hat? Die ungeheure Sekundenschnelle des Lichts steht im sichtbaren Widerspruch zur unglaublichen Langsamkeit des Naturwerdens in Darwins Sinne. Was wird daraus in einer posterioren oder posthumen Ewigkeit? Wäre Unendlichkeit auch nur ein Werden, so schwebt Materie vollends in leerer Luft. Gibt es aber ein niegewordenes in sich beruhendes Sein, so kann Materie-Werden nicht auf lauter Zufallstreffern beruhen, sondern benützt Anpassung nur als Handwerksgerät für Gestaltung verwickelter Zwecke. Angebliche Mechanik zieht weitere Nützlichkeitskreise derart, daß ohne das Kamel der Austausch zwischen Asien und Afrika und hiermit alle Kultur des Morgenlandes unmöglich gewesen wäre. Man muß hart gesotten sein, um hier subtile Verknüpfung von Entstehung und Gebrauch bei psychischer Verwendung der Materiedinge zu verkennen. Die Dreistigkeit mechanistischer Erklärung so planmäßiger Vorgänge (ohne Goldmineral des Eldorado würden wir keine wirtschaftliche Neuzeit haben) wetteifert mit ihrer Abenteuerlichkeit. Was an fossilen Dokumenten vorliegt, läßt zunächst nur mäßige Umwandlung innerhalb gleicher Art erkennen. Das Paläoterium ist einfach Ahne des Tapirs, Dinoterium des Elefants. Wenn der Mastodonsaurus auf Größe heutiger Molche einschrumpfte, so darf Abmagerung durch Nahrungsmangel oder klimatische Einflüsse wohl kaum als Evolutionsprodukt gelten! Größemaßstäbe sind ohnehin relativ und Herabsetzen von Kolossalformen zu immer kleineren bedeutet keine Anpassung oder natürliche Auslese, da hier Verbesserung nur fingiert wird. Solange die für ihre Ernährung nötigen Verhältnisse bestanden, waren jene ungeschlachten Ungeheuer genau so »geeignet«, »passend«, »tüchtig« (der englische Ausdruck fit meint allerlei zusammen) wie heutige Gebilde. Diese Arten sind eingegangen unter Druck äußerer Eingriffe mannigfacher Art. Die Naturlithographie (Abdruck auf Steinplatte im Meerschlamm) des Archäopterix zeigt eine Krokodilart mit Flügeln, und da noch heute in Südamerika ein winziger harmloser Ableger des apokryphen Flügeldrachens lebt, so betrachten wir die Möglichkeit geflügelter Reptile einfach als etwas den Insekten Analoges, die doch gewiß einen Wurmleib mit Flügelextremitäten darstellen. Daß die in Gesamtform und Wesen ganz davon abweichenden Vögel sich aus dem Reptil selbständig entwickelt hätten, ist eine um so kühnere Voraussetzung, als man schon in alten Schichten Vogel und Reptil als Zeitgenossen findet. Transformierung aller Materie unter Einwirkung kosmischer Elemente versteht sich von selber, dagegen bleibt fundamentale Änderung der Art nicht nur unkontrollierbar, sondern widerspricht der Idee einer Art. Wo man Aufstieg vom Niedern zum Höhern erträumt, werden schlichteste Transformierungsakte als tiefsinniges Gesetz ausgespielt. »Wie sich aus einem Römer ein Italiener, aus einem Liter Wasser unter Einfluß der Kälte Eis entwickelt« (Bölsche)? Taschenspielerei der Begriffsverwirrung. Eis ist keine Verbesserung des Wassers, der Italiener keine des Römers, aus dem er sich ja gar nicht anders transformierte als durch Totschlagen der meisten Lateiner und schon früh einsetzende Blutmischung anderer Rassen. So geht es in der Natur zu: Wenn die Mehrzahl einer Art gefressen und der Rest mit anderen begattet wird, entsteht etwas Neues, meist Schlechteres, wer wird dies Aufwärtsentwickeln der alten Art aus sich selber nennen! Zwangsweises Emporzüchten durch planvolle Naturgewalt? Was heißt Besseres! Der Renaissance galt die Antike dafür, das war so in politisch sozialer Organisierung, umgekehrt stand der Italiener damals hoch über dem Römer an feingeistiger Begabung, dafür verlor er alles, was einst Rom groß machte, und der Kunstüberschwang verschwand, je mehr das germanische Mischblut eintrocknete. Der Süditaliener, nachdem die günstige normännisch-sarazenische Befruchtung durch frivol sinnliche Franzosenherrschaft der Anjou unterdrückt, bleibt ein trauriges Zerrbild der Degenerierung, gemessen besonders an der alten Großgriechenkultur. Die Darwinisten sollten sich peinlich hüten, in ihre Hypothesen je etwas Kontrollierbares einzumischen wie Beziehung auf den historischen Menschen. Da kann man ihnen hohnvoll beipflichten: Ja, die Evolution gleicht der des Italieners aus dem Römer, d. h. sie entbehrt jeder Aufwärtstendenz. Die sogenannten Übergangsformen, selbst wenn sie gefunden würden, hätten nur Bedeutung, wenn dabei innere Selbstentwicklung oder planvoller Aufbau transzendenter Naturweisheit vorläge, welch letzteres ein richtiggehender Materialist nicht zugeben darf. Die Transformierung beschränkt sich aber auf rein äußerliche Merkmale, wie die zoologische Einteilung in höhere und niedere Arten. Viele Vögel sind klüger als die meisten Säugetiere, Ameise und Biene klüger als alle Vögel außer dem Papagei, vom Verstand der Reptile wissen wir wenig, »klug wie die Schlangen« war irrig, doch sind sie für ihre Bedürfnisse nicht dümmer als ein Schimpanse. Man muß dies stets wiederholen, um dem Evolutionswahn die Spitze abzubrechen. Ähnlich muß man der Anpassung auf die Finger sehen. Daß die Farbe der Haut sich nach dem Milieu ändert, ist einfache Licht- und Luftwirkung, hier paßt sich nichts an, sondern wird von außen angepaßt. Laubfrosch und Heuschrecke erscheinen uns grün aus gleicher Lichtursache wie Blatt und Gras, Eisbär und Schneehase weiß wie der Schnee, in dem sie leben, Löwe und Kamel gelbbraun wie der Wüstensand. Dieser gleichmäßigen Färbung unter bestimmten Lichtkomplexen kommt nicht mal objektive Richtigkeit zu als bloßen Vorstellungen menschlichen Sehvermögens. Wenn Naturforscher davon ein Wesens machen, verleugnen sie das Abc der Wahrnehmungskunde. Hier lerne man, wie das Getöse des Darwinismus verwirrt, einschüchtert und wörtlich blendet, so daß man jede Vorsichtsmaßregel übersah. Denn die einzig richtige Folgerung ergibt, daß der Mensch selber seine subjektive Sehart in die Natur hineinpaßt und dies Schielen dann als objektiven Augenschein ausgibt. Farbenanpassungslehre hat überall Löcher, denn die mitten im Grün wachsenden Blumen spielen in allen möglichen Farben, nur keinen grünen, und die Giraffe hat ein rötliches Fell wie der Tiger, obschon sie nicht im Dschungel lebt. »Wer die Anpassung in ihren Ursachen erklären könnte, wäre mitten im Geheimnis der ganzen Entwicklung« (Bölsche)? Wer nicht mal nötige Ursachen für eine behauptete Tatsache kennt, sollte mit solcher Behauptung hintanhalten. Für so viele Zweckmäßigkeiten zur Lebenserhaltung kann man nur Weltfürsorge unbekannter Ökonomie ahnen, womit wir wieder bei der »Vorsehung« anlangen. Denn daß die Laubfrösche ursprünglich nicht alle grün, die Hasen nicht alle braun waren, sondern zufällig die grünen und braunen als passendste überlebten, ist reine Träumerei der Einbildungskraft, auf welche schwungvolle Eigenschaft die ganze Lehre sich aufbaut. Eine unbeweisbare Fiktion als Ursache einer schlichten Tatsache unterschieben und dabei vergessen, daß wir bei einer kleinen optischen Änderung die Hasen rot, die Laubfrösche blau sehen würden und wir schlechterdings nicht wissen, ob deren Tierfeinde sie braun und grün sehen! Wenn Tiere sich zuvorkommend dem Schein unserer Augen anpassen, wie vollbringen sie dies metaphysische Kunststück? Warum sie aus eigenem Antrieb sich diese Mühe geben, da nicht vom Menschen allein ihnen Gefahr droht? Die ganze Farbenmimikry, für die man nur beim Chamäleon irgendwelchen Anhalt hat, läuft auf anthropomorphische Einfalt hinaus, als ob unsere unbedeutende Wahrnehmung sich mit der Wirklichkeit deckte. III Wie der Amphioxus (Lanzettefisch) zum Molch, zum Schnabeltier, das seine Eierjungen säugt, zum Känguruh (mit Vorderfüßen als Greiforgan), zum Affen und Menschen wird, ist eine so unglaubliche Geschichte, daß beim Schlußprodukt die Darwinisten nicht ein noch aus wußten. Den Neanderthaler hielten sie zunächst für Anthropoiden, das medizinische Orakel Virchow für einen abnorm krankhaften Menschen, während ein Blick auf die Rundung und Symmetrie dieses Schädels und anderer gleicher Gattung die hohe Menschlichkeit des Urahnen bekundet. Dem Dubois-Affen maß sein Entdecker einen fabelhaften Innenraum seines Schädeldachs bei, Schwalbe und Cunningham konnten sich hier leider nur zu einem Gibbonaffen aufschwingen. Haeckel stieß ja auch ein Triumphgeschrei aus, er habe die Urzelle leibhaftig erschaut, bis man ihn mikroskopisch belehrte, daß er unorganischem Kalk pietätvollen Ahnenkult widmete. Aus der verständigen Umwandlungslehre Lamarks, daß die Außenwelt nebst Gebrauch oder Nichtgebrauch einzelner Organe individuelle Änderungen hervorruft, die unter Umständen sich vererben, wogegen niemand etwas einzuwenden hat, machte Darwin eine Fabel gleich Ovids Metamorphosen. Auch Lamarks Lehre bedarf einiger Vorbehalte, denn weder einseitige Bizepsausbildung des Athleten noch einseitiges Talent vererben sich. Der Maler Vernet sagte von sich, er sei Sohn und Vater eines großen Malers, dies Beispiel steht aber einzig da; Vererbung naturwissenschaftlicher Neigung von Darwins Großvater schlug schon bei dessen eigenem Bruder ins volle Gegenteil um. Horace Vernet war kein wirklich großer Maler, konnte daher von einem unbedeutenden Vater und leidlich talentvollen Großvater wenig erben. Das Überspringen von Mittelgliedern, wie man bei Friedrich d.Gr. Großmutter und Urgroßvater heranzieht, gehört zu den Freuden der Vererbungstheorie, versagt aber bei fast allen bekannten Fällen und verliert sich ins Abstruse gemäß der Gepflogenheit, dem Sohn eines Zimmermanns einen Stammbaum bis David beizulegen. Denn der Mensch paßt die Dinge seinen Vorurteilen an. Die unendlichen Spielarten der Vererbung – wobei das Versehen der Schwangern eine bedeutsame Rolle spielt und fremde Ammenmilch erheblich mitspricht – würden angebliche Übergänge gut erklären. Wenn heutige Kritik am frühesten natürliche Zuchtwahl verwarf, weil nur der Pferde- und Schafzüchter künstliche Paarung betreibt und die Natur es sonst zu verbieten scheint, so kann in Urzeiten recht wohl Bastardisierung erfolgt sein. War doch Sodomiterei noch in historischen Zeiten verbreitet, wie denn die Sage nach Sodoms Untergang die Gegend plötzlich mit Affen bevölkert sein läßt, und durch geschlechtlichen Umgang verschiedener Tierarten lassen sich Formabwandlungen zwanglos vorstellen. Dann muß man aber bei physischen Abnormitäten wieder psychische Anreize voraussetzen. Einheitlichen Bauplan aneinandergereihter Stufen vermittels uranfänglicher Kraftanwendung für möglich halten, widerstrebt dem modernen Enthusiasmus für Zufall und Mechanik; indem Huxley und Darwin jede Vorsicht abstreiften und unbescheiden einen neuen Dogmenglauben dekretierten, fühlten sie, daß ihre Mythologie sich wunderschön dem Zeitgeist anpaßte. Das war kausal notwendig wie die andere Abart der gleichen Grundstimmung in Nietzsche, der das Recht des Stärkern fälschlich als natürliche Auslese proklamierte. Wir müßten uns wundern, wenn Darwin im Manschesterliberalismus und Nietzsche im Wendepunkt von Großkapitalismus und Bolschewismus nicht entstanden wären! Wenn man sich dies Milieu wegdenkt, so gäbe es keine Gläubigkeit für den Giraffenhals, der bei jeder Dürre um einen Millimeter wächst, weil das sonst so launische Klima mit pedantischer Pünktlichkeit immer strengere Dürren verhängt, just um die Giraffe in die Streckmaschine einer orthopädischen Anstalt zu nehmen! Warum stellte sie sich nicht wie jede Ziege auf die Hinterbeine, um nach oben zu knabbern? Doch wo Marx die wirtschaftliche Dürre progressiv sich steigern und die Gesellschaft nach allgemeinem Halsverrenken auf ein Prokrustesbett schnallen läßt, da nimmt man am progressiv wachsenden Giraffenhals keinen Anstoß, in solcher Wüste wimmelt es von evolutionierten Kamelen. Das Wesentliche am Darwinismus ist seine rohmechanistische Denkweise. Variation ist etwas Natürliches, neu nur die Auslegung, sie entstehe wahllos zufallmäßig. In Wahrheit vollzieht sie sich weder regel- noch grenzenlos, nichts »schlägt aus der Art«, veränderliches Wesen bleibt in Gebundenheit des Typs. Mustang, Pony, Rennpferd bleiben halt Pferde, Mastif wie King Charles Hunde, alle Rinder stammen vom Ur und fallen bei Verwilderung in die Urform zurück. Haeckel wetteifert mit Jules Verne, wenn er Stammvögel namens Tocornithes erfindet, er seiltänzert über Abgründe mit geflügelten Schlagworten, die weder fliegen noch schlagen können, wie ein Archäopterix, der bald wieder im. Schlamm kriecht, nachdem man ihm erdichtete Flügel anschnallte. E. V. Hartmann betont in »Probleme des Lebens« sehr richtig, daß der Einzeller sich am besten anpaßt, Vielzeller also am schlechtesten der Evolution dienen, volle Anpassung aber Stillstand bedeuten würde. Wer sich auf dies Gebiet begibt, muß notwendig straucheln und ausgleiten. Hohles Phrasenecho bei Ungebildeten und Halbgebildeten wurde zu politischem Bauernfang erst gegen Religion, dann gegen Ethik, zuletzt gegen jeden Idealismus. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen in umgekehrtem Sinne wie Jesu stolzes Wort: »Wer meiner Lehre folgt, ward bald innewerden, ob sie von Gott ist.« Mensch und Affe könnten von einem gemeinsamen Ahnherrn als Vettern abstammen? Solche diplomatisch schielende Vorsicht, von der wir die Mehrzahl der Darwinisten freisprechen, denen die direkte Abstammung vom Affen am Herzen liegt, vergißt nur, daß der ganze Darwinismus damit steht und fällt. Ist er wahr, dann müßte der Mensch sich vom Affen entwickelt haben, d. h. aus einem Mammal, der keineswegs psychisch über andern höhern Tieren steht und den als Ahnen zu grüßen viel erniedrigender ist, als wenn man die Araberstute zur Stammmutter hätte (vergl. Swifts fürchterliche Satire von den Pferden und Affen). Wieso ein gemeinsamer Vater den Menschen mit all seinen Möglichkeiten und den Affen mit all seinen Unmöglichkeiten erzeugte, wäre eine köstliche Deszendenz, die wirklich nicht zuläßt, daß dem einen Sprößling lauter Fähigkeiten vererbt werden, die der andere nie hat noch haben wird. Oder war der Urmensch ein plötzlich vom Himmel gefallenes Affengenie? Das ließe sich hören, dann steht dies aber auf einem andern Blatt, der Psychelehre, fern physikalischer Mechanistik. In gleicher Weise könnten dann Fische und Insekten, Reptile und Vögel gleichzeitig vom gemeinsamen Urzeuger ins Leben geschickt sein. Nein, sei man doch redlich: daß der Mensch vom Affen kommt, ist der Clou des ganzen Darwinismus, le dernier cri! Wie steht es mit dieser Familienchronik? Der Affe, und zwar ziemlich die gleiche Gattung wie heutige, lebte in Europa neben dem Neanderthaler und seinen Nachfahren, verkümmerte aber und ging ein wegen Klimawechsel, da der Affe überall nur heiße Klimate verträgt im Gegensatz zum Menschen. Wunderlicher Vorgang: Der Mensch stammt vom Affen, hat aber trotz seiner Fellosigkeit eine Struktur, die Europas Erkaltung trotzt, während sein Vater oder Bruder oder Vetter Affe von vornherein nur für Hitze lebensfähig war. Deshalb wuchs er nur in Zentralafrika und auf den Sundainseln zu anthropoider Größe, in europäischen Schichten sucht man umsonst nach dem Großaffen, selbst der bösartige Pavian, der den Menschen angreift, ist afrikanisches Gewächs. Viele Tiere wie Hund, Pferd, Katze und Vielhufer, sogar der aus Indien abgewanderte sibirische Tiger, ertragen Kälte und Hitze gleich gut, der Mensch aber soll sich ausgerechnet aus dem Geschöpf entwickelt haben, das nur unter bestimmten Breitegraden gedeiht. Danach kann das Blut des Anthropoiden dem des Menschen unmöglich so nah verschwistert sein, wie Friedländers Blutforschung ergab, man muß bedeutsame Abweichungen übersehen haben, denn verschiedene Regulierung des Blutumlaufs macht notwendig einen entscheidenden Unterschied. Daß bei ähnlicher Baustruktur der Lebenssaft sich ähnelt, hat nichts auf sich, denn zoologische Verwandtschft bestimmt nie in der Natur das Individuelle der Art. Bär und Schwein, Elefant und Nashorn sind Angehörige der gleichen Spezies, doch wie grundverschieden ihre Eigenschaften! Selbst das Gleichnis Wolf = Hund widerlegt den Vergleich Affe = Mensch, denn der kanadische Wolf ist so klug wie der klügste Hund, das Physische gleich mit mäßiger Abweichung. Der Hund gab nicht freiwillig sein Wolfsleben auf, sondern durch Zucht des Menschen. Wo aber ist, was den Affen gezähmt, zum Menschen erzog? Das höhere Wesen, das zu Adam sprach, war eben unsichtbar! Kein ersichtlicher Grund bekräftigt die Mutmaßung, der ausgestorbene Europaaffe sei ein Zwischenglied zum Tropenaffen, den die Äquatornatur seit Anbeginn zum Großaffen bestimmte. Sie entwickelte ihn, nicht er sich aus andern Milieuständen. So weit gehende Selbsttätigkeit der Anpassung ist nirgends nachweisbar, überall kennt die Natur nur relative Änderung und auch das nur selten. Der Urbär blieb Bär, das Urrind Rind, der Urtiger mit dem Säbelzahn der nämliche Tiger, auch kam nur Verkleinerung der Maße vor, nie umgekehrt riesiges Wachstum wie beim Äffchen zum Gorilla! Der uns bekannte Mensch änderte nie sein Strukturmaß, kleinwüchsige Rassen blieben klein, großwüchsige groß, die Differenz beträgt aber durchschnittlich nur wenige Zoll. Alles läßt darauf schließen, daß der Anthropoide – wohlgemerkt nur unterm Äquator vorkommend – eine für sich bestehende Gattung ist und war. Warum ließ sich in historischer Zeit der Wolf nirgends als Hund zähmen, sondern setzte fanatische Wildheit entgegen? Lang behauptet, der kanadische Wolf interessiere sich für den Menschen und greife nie ein Kind an, Kiplings Dschungelbuch wärmt die Romulusfabel auf, warum bleibt aber die freundlichste Behandlung des gefangenen Wolfs verlorene Mühe, warum interessiert der verwandte Fuchs sich nicht für den Menschen und trotzt jeder Zähmung? Umwandlung in den Hund scheint nur dem Menschen ein Fortschritt, weil ihm angenehm. Subjektiv geschmeichelt, überschätzt er den Hundecharakter, wogegen auch Brehm sich wendet. Bei der aristokratischen Katze fruchtet nur Güte, beim Hund nur Strenge, er hört nicht auf freundliches Verbot, sondern nur auf Prügel, in ihm lauert das ungebändigte Raubtier. Nicht nur der rote Wildhund von Dekkan ist fürchterlich, sondern wenn in Kanada ein Hund in die Wildnis ausbricht, wirft er sich zum Oberhaupt des Wolfsrudels auf, weil er mutiger und stärker ist als seine Waldbrüder. Sein Gebiß mit der schrecklichen Kraft der Kinnlade und die manchmal vorhandene Schädelwölbung unterscheiden ihn so sehr vom Wolf, daß wir nicht unbedingt sicher sind, ob er nicht die Annahme, der Wolf sei sein Ahne, mit Verachtung zurückweisen und uns belehren würde, der Wolf sei nur sein minderwertiger Vetter, er selber sei stets neben diesem dagewesen. Um sicheres Futter und Schutz zu haben, biederte er sich an den Menschen an und hat überhaupt nur als Jagdgenosse seinen Beruf nicht verfehlt. Auch hier, wo alle Bedingungen zur Evolution vorhanden wären, bewährt sich die Beständigkeit der Art. Die Leistung der St.-Bernhards-Hunde ist künstliche Abrichtung wie jede andere, keine besondere Erhöhung des Wesens. Der Mensch zeigt sein Unverständnis, daß er über die nur durch besonderen Spieltrieb veranlaßte Grausamkeit der Katze gegen die Maus zetert, während er sie doch zur Mäusejagd anhält. Die Katze ist sich bewußt, daß ihre Herrschaft die schädlichen Nager vertilgt haben will, Naturtrieb also hier mit Pflicht zusammenfällt. Die unbekömmlichen Feldmäuse frißt sie meist gar nicht, erst recht nicht die Ratte, ihren verabscheuten Todfeind, der ihr doch persönlich nicht im Wege steht und dessen gefährliche Zähne sie fürchtet. Wir kannten einen treuen Kater, der als Veteran stolz seine Wunden durch Rattenbisse zur Schau trug, immer wieder ans Werk ging, die Unholde anzugreifen. Dieser Mäuse- und Rattenkrieg ist nobler als die Jagdpassion des Hundes, der sich meist an Wehrlosen vergreift, wie sein plebejischer Schädigungstrieb nur solche Menschen anpöbelt und beißt, denen er ansieht, daß sie sich fürchten, und sofort sklavisch den Schwanz einkneift, wenn man ihm auf seine Frechheit gehörig dient. Vor der eigenen Katze braucht man die eigenen Küchlein und Kanarienvögel nicht zu schützen, der gezähmte Löwe läßt die Hausgazelle im Kraal seines Herrn ungeschoren, einem als Säugling auf einem Kriegsschiff erzogenen Tiger war alles heilig, was innerhalb des Schiffes war, dem Hund aber muß man erst einbläuen, daß er die freundliche Hauskatze, die gern mit ihm spielen möchte, nicht verfolgen soll. Der Hund, Genosse des Urmenschen, evolutionierte sich also nie, der arktische Hund, wohl die älteste Hundeform, steht heute noch seelisch höher als spätere Hunderassen. Beiläufig erfreuen sich die Nager, zu denen auch der Architekt Bieber gehört, einer höheren Intelligenz als die auf der famosen Stufenleiter höher stehenden Gattungen. Die Ratte zeigt im Füttern von Alten und Blinden eine merkwürdige Ethik, ist gezähmt sehr liebenswürdig, auch diese Art blieb aber beständig seit ihrem ersten Erscheinen. Überall, wo Vorwitz die Natur zur Evolution auffordert wie beim Haustier, macht sie von so gütiger Erlaubnis keinen Gebrauch. Der gezähmte Affe, auch der Anthropoide, bleibt hinter jeder Erwartung zurück, wenn man nur richtig sehen wollte. Sein erster Trieb, sobald er sich im Spiegel sieht, will auf das Biest im Spiegel losspringen, wie die Mieze mit ihrem Pfötchen hinter dem Spiegel die andere Katze als Spielkameraden sucht. Wenn er nachher erkennt, daß es sich um ein Blendwerk handle, so beruhigt er sich damit und erinnert sich wohl dunkel, daß er seinen Umriß auch mal im Wasserspiegel sah. Wahrscheinlich empfindet so jedes Tier, der gelehrteste Schimpanse bringt nichts weiter fertig, als sich auf einen Stuhl zu hocken und möglichenfalls Messer und Gabel zu brauchen statt das Kotelett in die Pfote zu nehmen. Lauter Abrichtungskünste, zu denen in anderer Form jedes Tier, selbst der Floh, fähig. Was er im Naturzustand für Kampf ums Leben leistet, erhebt sich in nichts über üblichen Betrieb jeder Lebensform, bleibt sogar tief unter dem Niveau der Erbweisheit vieler Gattungen. Vom untersten Wilden trennt ihn psychisch ein Unersetzliches, und das einzige, was ihn Menschen ähnlich macht, sind Nachäfferei und dumme Bosheit. Was hilft die ausgebildete Hand des Gorilla, wenn er noch nichts Besonderes damit anzufangen weiß? Es bleibt dabei, daß zoologische Verwandtschaft sich nur physisch ausdrückt, psychisch in keiner Weise. Bedeutet Evolution, wohlgemerkt als mechanische Entwicklung, denn einen psychischen Purzelbaum, wie das gelenkigste Äffchen ihn nicht physisch nachahmen könnte? So versessen bleibt man auf die einmal ausgegebene Losung, daß de Vries seine Mutationslehre zum Darwinismus rechnet, obschon sie mit äußerstem Gegensatz von Evolution hantiert, nämlich Revolution. Natürlich schlägt plötzliche Zersprengung einer Art, um eine höhere neu zu schaffen, jeder Mechanistik ins Gesicht. Solche schon supranaturelle Schaffensmethode würde freilich plötzliches Entstehen des Menschen sattsam erklären, doch genügen einige botanische Beispiele, um allgemeine Revolutionierung der Natur zu begründen? Auf den Menschen angewendet, wäre es ohnehin nicht statthaft, solange man ihn als Nachfolger des Affen anspricht, denn die anthropoide Gattung ist nicht zersprengt, lebt wie vor alters neben dem Neger fort, unevolutionierbar, wie sie sich hat. Das hoffähig machende »Tabouret« der Wissenschaft, das einen Ehrensitz am Hof der Natur zu bedeuten meint, dreht sich fortwährend im Kreise. Was man von Toilettengeheimnissen der unsichtbaren Königin bemerkt, sind nur Schminktöpfe, aus denen sie das Janusantlitz ihres transformierenden Wandels bepinselt. Am schroffsten zerschellt der Evolutionswahn gerade dort, wo der Mensch ihn am eifrigsten nachrennt, an der historisch beglaubigten Menschheitsgeschichte. Hier streitet man zunächst, ob der Weiße vom Hindukusch oder aus dem hyperboräischen Norden in der Eiszeit nach Europa kam. Weißhaut wird mit arktischen Schnee in Verbindung gebracht, als ob Eskimo und Lappe nicht dunkles Pigment hätten und hohe Kältegrade vielmehr die Haut gerbten und bräunten (siehe Engadiner). Für beide Hypothesen führt man Ethymologisches ins Gefecht, als ob Hyperboräer die Lautverwandtschaft nicht schon früher aus Südasien bezogen haben könnten. Des Weißen Hochmut legt seinem Erscheinen das höchste Gewicht bei, der Arier ernennt sich zum ersten Kulturträger. In Wahrheit übernahmen die Achäer von den Mykenokretern, die Lateiner von den Etruskern ihre Kultur, die von Gobineau verhimmelten Perser hatten keine andere als Überbleibsel der summerischen, die weißen Lybier störten nur die längst vorhandene Herrlichkeit der Pharaonendynastie. Unter deren Einfluß (Odysseues besucht zuerst nach der Sage das Nilland) und Paarung mit Phrygiern (Helena heiratet Paris) entfaltete sich erst der Hellenismus. Arier und Semiten stießen auf jene Urrasse, die noch in ihren letzten Ablegern, den Altägyptern und Sumeroakkadern, die Grundlage nicht nur jeder äußeren Zivilisation, sondern auch höchster Innenkultur legten. Um den Evolutionstrugschluß zu stützen, scheute man nicht grobe Irreführung, die jeder Unkundige dem andern nachschreibt. Frischweg wird dekretiert, Schädelbau und Hirngewicht hätten sich seit Urzeit verbessert. Diese Unwahrheit stammt aus Vergleichen von Tasmaniern (1200 – 1300 ccm) und Australnegern (1350) mit modernen Europäern (1450 – 1550) statt mit deren eigenen Ahnen, den 1650 ccm Schädeln der Neanderthal- und Aurignacrasse, ergänzt durch Nachkommen am Euphrat und Nil. Wir erkennen sogar im Glauben der tiefstehenden Australneger Überreste einer weisen Urreligion. Geister bevölkern alles, und jede Geburt entsteht durch Einbürgerung eines Spirit, der Mensch existiert vor und nach seinem Erdenleben, gehorcht überall der Magie, sein Geist verläßt den Körper beim Träumen, dann sehen ihn hellgesichtige Medizinmänner; der Weltgeist Banjil, Ursprung aller Magie, schaut von den Sternen herab: »Du siehst ihn und er sieht Dich.« So fühlten Urmenschen wohl schon in Lemuriens Zeiten, und wenn bis heute keine kulturelle Änderung eintrat bei australischen wie afrikanischen und amerikanischen Negern, so lehrt dies nur, daß weder Freiheit noch Knechtschaft noch Klima das Rassentum ändern, immer konstant von Anpassung unberührt. Jene negroide Urrasse von kleiner Statur mit großen Köpfen, die sich quer durch Europa von Düsseldorf und Gibraltar bis Indien verbreitete, hatte von wahrer Kultur, was sie brauchte, moderne seelenlose Zivilisation wäre für sie nutzlos gewesen. Sie ist mehr als das, tödlich für alle Rassen außer der weißen. Deren ursprünglich rohe antikulturelle Sinnesart beutete die verdrängte Urkultur nur zu Verstandes- und Willensmästung der Ichbegierde aus, was ihr bereits die »olivengelben« Semiten in 3000jähriger Razzia vormachten, doch gegen die brutalere physische Energie der Nordländer sich nicht als Herren behaupten konnten. Aus solchen Transformierungen durch Rassenkämpfe läßt sich kein Vorwärtsschreiten ableiten, doch täuscht geradeso angebliches Rückwärts periodischen Verfalls wie in Spenglers Schulmeisterei vom Untergang der Kulturen. Nichts geht unter, alles setzt sich fort wie die Antike im aus ihren Trümmern aufgebauten Heidenchristentum. Überall Renaissance aus Scheintod, ägyptische und jüdische Theokratie auferstand in der katholischen Kirche, gleichzeitig drang griechischer Neuplatonismus durch alle Poren christlicher Dogmen. Die Menschen selber glaubten nie an evolutionären Fortschritt, sondern verlegten goldene Zeitalter stets in die Vergangenheit. Nachdem das kirchliche Märchen vom religiös-ethischen Fortschritt nicht mehr verfing, tanzte plötzlich das Irrlicht technischen und wissenschaftlichen Fortschritts, zu spät erkannten Verständige, daß dies mit sonstiger seelischer Verödung, mit nüchterner Dürre geschäftlicher Erwerbsgesellschaft erkauft wurde. Angesichts der Abhängigkeit all unserer staatlichen oder künstlerischer Grundsätze von antiker Tradition kann man über historische Evolution nur lächeln. Was wir hellenisch und römisch nennen, schufen nur die Jonier, unter den Italikern nur die Lateiner, die Spartaner blieben geistig Irokesen, auch hier also Arten und Gattungen streng geschieden. Die Beschämung verschlimmert sich, weil auch diese gepriesene Antike nur auf den Schultern einer größeren stand. Hamurabis Gesetzgebung war großzügiger und moderner als die von Solon und Lykurg, als Magna Charta und Code Napoleon, ohne Altägyptens Kunst wäre die von Hellas nie entstanden, auch besaßen die Urahnen uns unbekannte Maschinen und Mörtel, ohne die Zyklopenbauten, Pyramiden, Babels hängende Gärten so wenig möglich gewesen wären wie die uralten Nilkanäle und -schleußen. Die Semiten waren zu nichts fähig als zu merkantilen Gründungen; Beständigkeit der Art, wohin man sie verpflanze, machte auch in Afrika den Araber zum gleichen Mittelding von Händler und Räuber. Wenn nachher die Moslem in Spanien und Bagdad eine sarazenische Kultur zustande brachten, so geschah dies durch Mischung mit der später gräkisch befruchteten Urbevölkerung Babyloniens, in Neupersien mit den baktrischen Indogermanen, deren Sagen Firdusi auferweckte. Der geniale Antisemit Nebukadnezar wollte durch Austreibung der Semiten ein sumerisches Neubabylonien wiederherstellen; die staatsstrengen Assyrer, ein turanisches Mischvolk, hatten wenigstens rührende Ehrfurcht vor sumerischer Urkultur, Assurbanipal war ein noch echterer grand monarque als der roi soleil, Ninive eine glänzendere zivilisatorische Hochburg als Versailles. Assyrer und Babylonier verehrten gemeinsam den Literaturgott Nebo, auch hatte die heilige Bücherstadt der in Kleinasien lange tonangebenden Hittiter vielleicht mehr Wert als Neueuropas Universitäten, wo die »abgeschmackten« (Kant-)Verlehrten Stroh dreschen und jedem ein Bein stellen, der in die muffige Zunft Licht und Luft einlassen will. Die äußere geistige Vorwärtsbewegung seit dem 16. Jahrhundert verband sich mit solchem Verwesungsgeruch sozialer Übelstände, daß jene Babylonier, die sogar die moderne Frauenfrage lösten, sich mit Ekel davon abgewendet hätten. Als die Konquistadoren ihre christliche Raubmörderei übers Meer trugen und ihrer Goldgier, dieser erblichen Belastung der Weißen, harmlose Völker schlachteten, da reifen noch heute die Früchte dieser schönen Evolution, die den Doppelkontinent mit Karmafluch belud. Ob die Pilgerväter als Hexenverbrenner oder die Junker von Virginia als bibelgesegnete Importeure schwarzer Sklaven eine Kulturmission erfüllten, als sie den Ureinwohnern ihre Jagdgründe stahlen und die Börse von Wallstreet errichteten, dürfte dem Weltphilosophen wohl fragwürdig sein. Er fragt unbescheiden, was die alte vornehme Welt mit Dampfbahnen und -schiffen, Telegraph, Telephon, Telefunken anfangen sollte. Ein Denker der Vorzeit würde eine Vision der Neuzeit als Hölle verpöbelter würdeloser Unrast verabscheut haben. Diese ist freilich der heutigen Menschheit ganz angemessen, sie schuf die häßliche Welt des Industrialismus nach ihrem eigenen niedrigen Bilde. Doch das gibt ihr kein Recht, ihre Entartung seit 15+000 Jahren, wo Aurignacier und Mousterier ihre Künstlerhand erhoben, als Aufwärtsevolution zu feiern. Deshalb verlegt man sie ins unkontrollierbar Prähistorische, welche Rückschiebung wieder keine Logik hat, denn ein vor Jahrmillionen wirksames Gesetz müßte sich dauernd bis heute geäußert haben. Nun darf aber der leichtfertige Darwinist beim Menschen nicht mit Jahrmillionen um sich werfen, damit schlüge er die eigene Theorie tot, der angeblich jüngste Erdengast müßte recht spät erscheinen, weshalb man sich heftig sträubt, Menschenmöglichkeit im Tertiär anzuerkennen und sie aus dem Pliozän schon bis ins Pleistozän verkürzt. Ein schneller Sprung vom Duboisaffen zum Neanderthaler würde den halbwahren Satz »die Natur macht keine Sprünge« glatt aufheben, oder soll die Mutationslehre in Anwendung kommen? Menschenarten sind keine Pflanzen, das in der Botanik als Einzelfall Beobachtete läßt sich nicht so erweitern, daß Übergangsformen wie Kreidekladde auf einer Schiefertafel weggewischt wurden. Bei Annahme einer sprunghaft plötzlichen Entwicklung wäre die eigentliche Evolutionsthese schon erledigt, denn die Natur erschiene dann als eine mit souveräner Willkür schaltende Künstlerin, was den unkünstlerischen Wissenschaftlern nicht behagt, die nur eine langsam methodisch arbeitende Geschäftsdame im Kontor brauchen. Indessen schmiert wahre Kunst nicht wüst drauflos wie ein dekadenter Lyriker, sondern verfährt logisch kontinuierlich. Es gibt da ein geheimnisvolles Beispiel: Umwandlung des mexikanischen Wassermolchs in Erdsalamander. Hier erweist sich zunächst der Schwindel mit unbegrenzten Zeiträumen als närrisch, denn die Verwandlung im Zwange der Not erfolgt in kürzester Frist, man will sie in wenigen Tagen beobachtet haben. Doch die verzweifeltste Anstrengung konnte nicht plötzlich durch Lunge statt mit Kiemen atmen, wenn eben nicht Ansatz einer richtigen Lunge vorhanden gewesen wäre. Ein ähnlich entscheidendes Organ müßte beim Menschen das Hirn gewesen sein, also seine Wundertätigkeit behalten haben. Das stimmt durchaus nicht, das »Ebenbild Gottes« macht eine schnurrige Figur in unveränderter Ohnmacht, dagegen braucht man sich keine grauen Haare wachsen zu lassen wegen anscheinender zoologischer Verwandtschaft mit dem Schimpansen. Wie wäre es anders möglich, da alles Organische dem gleichen Strukturgesetz unterfällt und der Mensch nicht auf Erden wandeln könnte, wenn seine sichtbare Gestalt über unerläßliche organische Bedingungen hinauswüchse! Solche Selbstverständlichkeit vergißt eben nur, daß es sich bei der psychischen Seite um eine unsichtbare Ebene handelt, daher eine durchaus vom Affen verschiedene Psyche von Anfang an den Menschen begleiten konnte und mußte. Die Popularität des Darwinismus beruht auf der Vorliebe des Spießers für ein seinem Fassungsvermögen handliches Weltbild. Schwerere Denkarbeit erfordert eben die Erkenntnis, daß die Weltseele aus viel großartigeren Beweggründen schafft. IV Jeder vorurteilslose Anatom und Zoologe finden sich wie Th. Eimer zu Lamark zurück: Gesetzmäßige Abänderung durch Zwang der Außenwelt innerhalb festgelegter Geleise bestimmter Artrichtung. G. Wolf wies sogar mathematisch die Unmöglichkeit einer Zufallauslese nach: Bei Häufung höchst komplizierter und doch völlig symmetrischer Organe im Tierleib sei deren Zufallentstehung so unwahrscheinlich wie die einer Lokomotive. Voltaire wählte einst das Uhrgleichnis, unsere Erkenntnistheorie benutzt es so: Die Uhr läuft anscheinend von selber, man sieht den Zeiger sich bewegen, doch vergißt den unsichtbaren Uhrmacher, der obendrein die Uhr immer wieder aufziehen und reparieren muß. Selbstregulieren ist nur vorstellbar, wenn er heimlich in ihrem Gehäuse sitzt, Sich-selbst-Schaffen der Uhr nur, wenn er selbst sich in sein Werk verwandelt hätte. Entstehen und pünktliches Funktionieren der Uhrnatur durch eine Reihe günstiger Zufälle gliche der unbefleckten Empfängnis oder sonst einem Mirakel, man möchte wünschen, Humes Wahrscheinlichkeitsprüfung hätte den Darwinismus zwischen die Klauen bekommen. Wo man ihn packt, da ist er interessant wie eine Räubergeschichte. Konkurrenzkampf ums Dasein fand in der Urzeit nie statt, bei deren weiten unbewohnten Räumen man sich nicht um die Futterkrippe zu drängeln brauchte. Auch im Urwald wird Samen nur durch äußere Elementareinflüsse vertilgt, gegen die Bäume selber wüten Sturm, Blitz, Feuer, über ihr Gedeihen entscheidet der Standort bei Lichtbestrahlung: Schicksal, wenn man will, doch nirgends Kampf ums Dasein. Den erzeugt höchstens künstlich ungeschickte Bepflanzung durch Menschenhand, so wie schlechte Gesellschaftseinrichtung den modernen Kampf aller gegen alle verursachte. In der Tierwelt freilich erscheint dieser Kampf als rein ökonomisches Gesetz: Gäbe es keine Pflanzenfresser, würden die Pflanzen den Boden schädlich überwuchern; gäbe es keine Fleischfresser, so würden alleinige Pflanzenfresser das Erdreich leerknabbern und so Lebenserhaltung beeinträchtigen. Wer diese wunderbare Teilung der Arbeit auf listigen Zufall zurückführt, der muß sich vor »seiner Majestät dem Hazard« verbeugen, solche Zufallsmechanik verdient göttliche Ehren. Doch die Majestät der Unweisheit bedarf treuherzigen Glaubens an Grimmsche Märchen, wie er so rühmlich Darwinistengemüter kennzeichnet. Diesen dreimal heiligen Zufallsmechanismus wie einen heiligen Rock von Trier anzubeten, ist »unser Verstand zu enge, für ihn ist nur das Herz ein würdiges Haus«. Das sagt Fichte freilich vom lieben Gott, doch die grundsätzliche Haltung gleicht sich vollkommen: glaubt kritiklos, so werdet ihr selig in Haeckels Schoß. Greift nur hinein ins volle Naturleben, da spendet man ein genaues Jahresbudget zwischen Raub- und Beutetieren, tägliche Wägung wie bei sich trainierenden Athleten, ob Gangart von Wolf und Reh so Distanz hält, daß nicht alle Rehe gefressen werden und nicht alle Wölfe verhungern? Nur Waldfremde wissen nicht, daß überall Lotterietreffer der Witterung bei der Jagd entscheiden. Mehr äsende Rehe erliegen durch Hochwasser, Schneewehen, Bremsen als durch Wolfsrudel, die besten oder schlechtesten Exemplare fallen, wie in der Schlacht die Kugeln mit Starken und Schwachen gleichmäßig aufräumen. Von Auslese keine Spur, Anpassung entweder ein Truism – denn was sich dem Milieu nicht eingliedert, kann natürlich nicht leben – oder falsche Lesart. Keinenfalls wirkt Kampf ums Dasein selektiv, Ausstattung der Tiere mit so unendlich verschiedenen Körpermerkmalen richtet sich nicht für den Daseinskampf ein, sondern entspringt individuellen Eigenschaften, z.B. der Eitelkeit. Was als Schmuck dient, wie Federbüsche des Paradiesvogels, zu schwere Hörner des Steinbocks, die als Waffe überflüssige und unbrauchbare Geweihkrone des Edelhirsches ist fürs Fortkommen eher zweckwidrig. So auch die elastische Polstersohle des Bären, da sie vor Kälte springt oder vor Hitze ansengt. Die gewundenen zurückgebogenen Zähne des Mammuts scheinen sehr unzweckmäßig. Wir entnehmen diese Beispiele dem geistvollen Vortrag des Prinzen Alois Lichtenstein 1901. Gleichwohl müssen wir sofort ergänzen, daß der Mammut sich doch wohl gut sein Futter verschaffte, denn er ging nur durch die Eiszeit ein, vor der er nicht schnell genug emigrierte wie der Elefant, der stets einen geeigneten Stoßzahn besaß. Warum dieser Dickhäuter sich durch großartige Intelligenz auszeichnet, seine Verwandten aber (Nashorn, Flußpferd, Tapir) durch hervorragende Dummheit, wird wohl kein Darwinist enträtseln. In dieser uralten, stets gleichzeitig lebenden Gattung hat sich wahrlich nichts evolutioniert! Und wozu macht die Natur Kunststücke wie Form- und Farbenpracht der Blätter und Blüten (Atmungs- und Fortpflanzungswerkzeuge), die höchstens zu botanischer Einreihung dienen? Erschuf »Gott« solche Schönheit, wie ein Theologe sagen würde, um des Menschen Herz zu erfreuen? Darwin, Interpret eines merkantilen Zeitalters, denkt immer an den praktischen Wert, was sagt er zur unpraktischen Ästhetik der Natur? Indessen hängt ja die Schönheit nur vom Auge des Beschauenden ab, physikalische Betrachtung gerät gleich wieder in Metaphysik hinein. Doch auch das Zweckmäßige wird mit rätselhafter Mannigfaltigkeit hergestellt. Die Bewegungsorgane aller Gattungen sind verschieden, doch alle tauglich zum Durchmessen gewisser Entfernungen. Vögel segeln, schwimmen, rudern in Lüften anders als Fische, Falter, Käfer, doch alle miteinander sind ausgezeichnete Mechaniker, die Flossen Flügel, aufs Wassermilieu übertragen; Fledermaus und Flughund bedienen sich sogar der Fallschirme. Wie spät gelang unsern Luftschiffern, durch Analogie solche Geheimnisse abzulauschen, wieviel genialer in ihrer Einfachheit und doch wieviel abwechslungsreicher sind Flugsysteme und Materialien der Tiere! Daraus eine Pauschalsumme selbstbestimmender Entwicklung zu ziehen, scheint aufgelegter Schwindel. Der erste Vogel, dem Schwingen wuchsen, benutzte sie wie heute, die Selbstbestimmung lag im Organ, ohne daß es irgendwelcher Entwicklung bedurfte. Das Naturwerden bindet sich an keine Regel, ganz verschieden wachsen Hörner oder Geweihe, ohne daß die Gegner dieser Waffe verschieden wären. Der Hirsch hat Geweih, der Löwe Mähne als Mannbarkeitszeichen? Auch die Renntierkuh hat Geweih, die kanadische Wölfin eine Mähne. Warum hat die Hundegattung bis zur Hyäne, die ihrer dringend bedürfte, keine Krallen? Die Katzengattung zieht ihre Krallen ein, den Bären hindern seine uneinziehbaren Krallen nicht beim Laufen. Nirgendwo findet man gymnastische Ursachen, wie Darwinisten sie sich für Aufrechtgang des Menschen ausdenken, doch überall gleiche Tauglichkeit. Der Eisbär fängt Fische mit Tatzenschlag, der sonstige Bär nicht, noch weniger die Katzenarten, doch mit Ausnahme des Jaguar, der seinen Speichel als Angelköder benutzt. Weil er am Orinoko lebt? Der Tiger kann sogar schwimmen im Ganges und Irawaddi, doch nie wird er Fischer, so wenig wie Löwen und Leoparden am Kongo und Niger. Überall nur individuelle Akte selbsttätiger Intelligenz ohne Veränderung der Organe, es sei denn, daß das verschiedene Verdauungssystem der Pflanzen- und Fleischfresser dafür gelten soll (Wiederkäuer haben vier Magen), doch wer will hier entscheiden, ob die Kost das System oder das System die Kost beeinflußte! Zweckmäßig heißt soviel wie lebensfähig als Begleiterscheinung jedes organischen Werdens, doch eine Eigenschaft ist nicht Erklärung ihrer selbst. Die unendliche Gruppen- und Gestaltenfülle, durchaus beharrlich in ihrer Mannigfaltigkeit, verrät uns nicht, warum sie in jeder Form seit Anbeginn zweckmäßig organisiert. Das uralte Zebra ist für sich so zweckmäßig, wie für uns das Kavalleriepferd, die hochbeinige Höhlenkatze wie das Hauskätzchen oder der uralte kurzbeinige Löwe. Die Hauptraubtiertypen erhielten sich seit urvordenklicher Zeit, und was von ihren äußeren Formen unterging, ist von Elementen und Menschen ausgerottet, ihre geringe Transformierung, d.h. Abweichung von ursprünglicher Form hatte bestimmte Grenzen, nur Verkürzung der Maße wegen ungünstig werdendem Milieu. Bei Rind, Schaf, Antilope usw. ist überhaupt keine Abwandlung bemerkbar, erst recht keine Verbesserung. Der Riesenwidder in Tibet, ein Überbleibsel der Urzeit, hat den Begriff des Leithammels in heroischem Verhältnis von Herren- und Mannentreue: Der erwählte Führer stürzt sich in den Abgrund, sobald er keine Rettung vor Jägern sieht, unverzüglich folgt ihm die ganze Herde in den Tod aus trotzigem Ehrgefühl, dem Feind seinen Triumph nicht gönnend. Nichtswürdig ist die Hammelnation, die nicht ihr alles setzt an ihre Ehre! Wir unterstreichen dies von uns gefundene Beispiel, denn erstens macht es jede Evolution lächerlich, wenn aus so erlauchten Hammeln, die an Napoleons Scherz erinnern »mon mouton (General Mouton) est un lion«, der heutige dumme Graser emporreifte, zweitens offenbart es Seele und Geist noch nicht geknechteter Tiere besonders auffällig. Das Versteinerungsarchiv der Paläontologie lieferte trotz glaubensstarker Prophezeiungen keinerlei beweiskräftige Übergangsdokumente. Wer sonst in irgendwelcher Wissenschaft eine welterschütternde Theorie (alle Lebeformen aus einer Urzelle) auf solche Beweise stützen würde, verfiele dem Gelächter. Jede Ausgrabung zeigt die Urarten so schroff gesondert wie die heutigen, die Ahnenprobe des darwinistischen Stammbaums gleicht einer mittendurch gerissenen Kette, und die Ausrede verfängt nicht, gerade die Mittelformen seien zufällig spurlos verschwunden. Denn gerade diese müßten viel zahlreicher gewesen sein als die Haupttypen und in jeder Bodenschicht massenhaft stecken. Nichts fand sich als Zähne angeblicher Halbaffen oder Halbanthropoiden, wobei der Wunsch oft Vater des Fundgedankens war. Warum sollte sich das Skelett eines Riesenaffen nicht so gut erhalten haben wie das eines Dinosauriers, wovon man jüngst in New Jersey die allergrößten Exemplare entdeckte? Vielmehr liegt dringender Verdacht nahe, daß der Mensch älter sei als der Affe. Natürlich drängte heutiger Darwinismus eiligst die Forschung zurück, daß der Mensch schon im Tertiär vorkam. Man roch Lunte, daß dies Zugeständnis gefährlich werden könne. Sind denn die Ameghinofunde am La Plata als Schwindel entlarvt? Wir halten schon deshalb für verfehlt, eine Eolithenzeit unfertiger Steinschleifung als Prolog der langen Steinzeit wegzudisputieren, denn die ersten historisch beglaubigten Steinwerkzeuge sind schon technisch so reif, daß man lange Vorschulung voraussetzen muß. Dem La Plata-Menschen soll eine Rippe gefehlt haben, dagegen haben die Skelette von Correze und Krapina schon das vollständige heutige Knochengerüst mit geringer Abweichung der Kniekehle. Der breitausladende Kiefer erklärt sich unseres Erachtens durch die Nötigung, beim beliebten Aussaugen des Marks Knochen zu zermalmen: als diese Gewohnheit abnahm, wich der Kiefer zurück. Der Gibraltarmensch hat schon die gleiche Mundpartie wie wir. Die ältesten Funde ergeben schon Feuerstätten und ausgebildete Beerdigungsgebräuche mit religiösem Hinweis. All dies, auch Eindringen antiker Feuerbestattung statt der älteren Einscharrung, wie man es auch bei den zahlreichen »Lausitzer-Funden« beobachtet, bedarf späterer Betrachtung der Urrassen und Urtraditionen. Während physische Entwicklung gering und relativ, ist die psychische noch geringer und relativer, davon später. V Ein großer Irrtum besteht darin, heutige Bewußtseinsstände an früheren zu messen. In der Ära des Weltkrieges sollte man ohnehin aufhören, die bête humaine als irgendwie verändert anzunehmen; die Erde raucht noch immer von Brand und Blut, doch man darf nicht glauben, daß uns unerträglich scheinende Mißstände von deren Zeitgenossen ähnlich empfunden wurden, es gleicht sich alles aus. Beim Konzil von Konstanz schrie alle Welt nach Reformation, die Schlauheit der Pfaffen und Theologieprofessoren hintertrieb es im Bund mit der Kaiserei, die Feigheit der Philister ergab sich darein, und das Reformkonzil errichtete Huß' Scheiterhaufen. Der Vorgang gleicht indessen aufs Haar jedem beliebigen anderen der humanen Moderne, wo Staat, Kirche, Philistertum den Idealismus niederhielten, etwa der Demagogenhetze vor und nach 1848, nur das Kostüm wechselt. Dagegen fehlt sonst der Lichtblick, daß damals in Konstanz gerade spanische Mönche und Prälaten heftig und tapfer die Kirche revolutionieren wollten. Das überrascht nur den nicht, der weiß, wie hoch die Volksfreiheit in Spaniens Mittelalter gedieh, besonders unter dem herrlichen König Heinrich III. dem Kränklichen (29jährig gestorben), wie die päpstliche Allmacht sich am meisten vor den Spaniern fürchtete, die Bannbullen verlachten. Und dies selbe Volk versank später in den Inquisitionsschlamm, der ihm das Mark aus gichtbrüchig faulenden Knochen sog. Wer also zur Reformationszeit auf das Konstanzer Konzil als Merkmal der Rückständigkeit blickte, täuschte sich sehr, es gab damals viel Gesundes, was seither erkrankte, das 16. und 17. Jahrhundert standen trotz humanistischen Aufschwungs sozialpolitisch tief unterm 14. und 15. Jahrhundert. So nun hat man alle Bewußtseinsstände verschiedener Zeitalter zu werten, der Urmensch mit dem massiven Unterkiefer mag robustere Nerven gehabt haben, doch sein Innenleben war vielleicht reicher entwickelt als das moderner Zartnerviger. Als der Tasmanier auf seinen merkwürdigen Flössen breite Meerengen durchfuhr, vollbrachte er relativ das gleiche wie heutige Luftschiffer, sich durch selbsterfundene Technik in fremdes Element hinauszuwagen. Daß Nietzsche historische Studien verpönte, entspricht dem naturwissenschaftlichen Zeitgeist, historisches Denken aber taugt allein zur richtigen Auffassung der Natur geschichte . Evolution ist ein Traum unhistorischer Köpfe. Früher sollte Anatomie für Generalorgien der Deszendenzkonfusion herhalten, doch diese schöne Zeit ist vorüber. 1901 stellte der Erlanger Anatom Fleischmann das Normalgerüst der Wirbeltiere fest, woraus Extremitäten in jeder beliebigen Form sich von selber ableiten, daraus ergab sich bei gemeinsamem Bauplan nichts weniger als Möglichkeit des Auseinanderentwickelns. Die menschliche Fünffingerhand verbirgt sich bei den Tieren, dort werden mehrere Finger geschwächt oder unterdrückt und der dritte, längste Finger zum Pferdehuf vergrößert? Huxley behauptete sogar, der Dinosaurier sei auf den Zehen gekrochen und daher Ahne der Vögel, eine unbegreifliche Voreiligkeit, da der Vogelkrallenfinger gar keine Ähnlichkeit damit hat. Auf der südamerikanischen angeblichen Stammtafel des Pferdes ritt man so lange als Parade- und Steckenpferd herum, bis die Anatomie durch Enthüllung entscheidender Verschiedenheit dieser Ähnlichkeitsjagd ein Ende machte. Fünffingrige Extremität widerspricht schlagend gemeinsamer Abstammung, denn die ältesten Knorpelfische hatten Flossen, aus denen sich niemals derlei entwickeln konnte. Der angebliche Pferdeahne »Phanacodus« unterschied sich in Gebiß, Schädel, Augenhöhlen, Beinknochen völlig von Pferdegeschöpfen, deshalb erfand man aus einem Zahn ein Zwischenwesen »Marychippus«! Das genügt für die Methode, Tatsachen zu erdichten, um eine Hypothese durchzudrücken. Solch systematische Wahrheitsnotzucht steht in der Wissenschaft nicht vereinzelt da, Stradfordier und Baconier stopfen beim Shakespeare-Rätsel die Lücken mit »man darf annehmen, man muß glauben«, und wenn alle Stricke reißen, erfindet und fälscht man. Das ist die kindische Selbstüberhebung des Verlehrtentums, das mit vorgefaßten Dogmen als Ariadnefaden im Labyrinth des Alls auskommen will. Welch kindliche Freude bot das biogenetische Gesetz als Spielzeug! Heute lächeln Embryologen über dies angebliche Auszugsrepetitorium von Evolutionsmetamorphosen, denn die Tierkeime sind strukturell und chemisch grundverschieden, Wiederholung angeblicher Ahnenreihen physikalisch ausgeschlossen. Natur, d.h. die sie bewegende unsichtbare Kraft, arbeitet eben nicht als Schulfuchs, sondern als Künstler, sie entwirft einen allgemeinen Plan, behandelt ihn aber wie Gesetze der Kunstästhetik, an die sich der Freischaffende nur so weit bindet, als sie seinen Mitteln und Zwecken entsprechen. Der Geologe Sueß hat den fruchtbaren Gedanken, das organische Leben bilde eine ökonomische Einheit, die ein Gleichgewicht aller Wesen zur Erhaltung des Ganzen verbürgt. Ja, so ist es, erkenntnistheoretisch kann die Materialisation nur auf solcher Grundlage gedacht werden. Durch silurische, devanische, karbonische Zeit bis ins Diluvium rollt der Kreislauf des Lebens, er genügt zur Erklärung sowohl der Verschiedenheit der Arten als ihres unwandelbaren Bestandes, jede hat ihre bestimmte unüberschreitbare Spezialaufgabe. Aus schärfster Analyse geht die Synthese planmäßig moralischer Weltordnung erst recht hervor. Weit entfernt, manchesterlischen Konkurrenzkampf mit Darwinismus-Selbstsucht und Nietzsche-Brutalität zu veranschaulichen, bringt sie vielmehr im Naturganzen geniale Sozialisierung unter geregeltem Ausgleich von Produktion und Konsum . Es bezeichnet die diplomatische Feigheit des Gelehrtentums, daß heimliche Demolierer des Darwinismus sich noch Darwinischer Formeln befleißigen. Selten wird deutlich ausgesprochen, daß wirkliche Forschung das ganze Inventar verschimmelter Hypothesen fallen ließ. Haeckels Propaganda überzeugte das Laienpublikum vom Weiterleben einer längst beigesetzten Leiche oder pietätvoll einbalsamierten Mumie. Und doch hofft F. Dreyer grob und ehrlich, daß die junge Biologie sich von der »englischen Krankheit« erhole und mannbar werde! und doch bezeichnete Prof. Haberlandt auf einer Naturforscherversammlung den Darwinismus als den größten Irrtum des 19. Jahrhunderts, obschon den genialsten und fruchtbarsten! Das Wort »genial« sollte man nicht unnützlich im Munde führen, ohne daß man mit Weininger übereinzustimmen braucht, daß es auf wissenschaftlichen Verstand überhaupt unanwendbar sei. Die kostbare Serie Ostwalds über Größen der Menschheit, wonach nur Naturforscher als geistige Leuchten gelten dürfen, erregt nur mitleidiges Lächeln, und Liebigs Behauptung, daß Phantasie zur Chemie nötig sei, stimmt zwar in gewissem Grade (siehe Crookes), hebt aber nicht auf, daß etwas Schöpferisches von Wissenschaft nur in sehr bedingtem Sinne zu erwarten ist. Kant und Schopenhauer hoben dies kräftig hervor, Dichtung sei veranschaulichte Philosophie, Kunst die »Idee« selber, das geistige Ding-an-sich. Schopenhauer belegt seine Lehrsätze durch Zitate aus Byron und Berufung auf dessen »unsterbliches Meisterwerk Kain«. Wer das Organ dafür hat, findet in Shakespeare, Goethe, Byron mehr kosmische Belehrung als in sämtlichen Wissenschaften. Geistreich ist Darwins Hypothese, aber nicht mal Original, denn den eigentlichen Grundgedanken nahmen asiatische Weise längst vorweg, er verzierte nur mit reizvollen Arabesken und verunzierte mit willkürlichen Einfällen! Fruchtbare Wirkung? Ja, negativ, denn indem er unsäglichen denkerischen und sittlichen Schaden angestiftet, schärfte er vielleicht den Blick zur Öffnung und Beschreitung des gegensätzlichen Weges. G. Wolf bezeichnet die Bedeutung dieser Irrlehre nicht nur als Null, sondern positiven Verlust, weil sie vom rechten Wege ablenkte. Nach unserer Weltanschauung kommt freilich solcher Verlust nicht vor, denn auch auf geistigem Gebiet ist alles Geschehen notwendig. Wir begrüßten den Spektakel als den einzig möglichen Trick, dem sonst unvermeidbaren Pessimismus der Materieversklavung einen schmeichelhaften Optimismus anzulügen, da Emporführung aus dem Knorpelfisch den Menschen gewiß noch zum Ganz-Gott machen wird! Ein wissenschaftlicher Halbgott ist er ja schon; gottähnliche Wissenschaft wird uns ein soziales Paradies und am Ende noch wie einen in die Metzelsuppe beigegebenen Markknochen eine irdisch fortgesetzte Unsterblichkeit bescheren. So schlug man manche Fliegen mit einer Klappe: Kitzelt den Gelehrtendünkel, berauscht den menschlichen Größenwahn mit trügerischer Zukunftshoffnung und hält doch zugleich am Mechanismus schonungsloser Selbstsucht fest, wie Plutokratie und Imperialismus es brauchen. Fein ausgesonnen, Vater Lamormain! Der Einfall war verwünscht gescheit, doch muß man ihn insofern herzlich dumm nennen, als seine Entkräftung die endgültige Niederlage des Materialismus nach sich zieht. Denn über diese letzte Gliederverrenkung des Mechanismus hinüber gibt es keine fernere geistige »Evolution«, dieses war der letzte Streich, und kein zweiter folgt zugleich, furchtbares Weltgeschehen zerstörte den Aberglauben der Kulturevolution im Massenbewußtsein. Selbst den zahllosen Mitläuferschädlingen, denen es dabei nur um antiideale Tendenz zu tun war wie dem hinter Nietzsches Assassinenmoral nachjohlenden Lumpenpack, wird vor ihrer Gottähnlichkeit bange, und jener Retortenküche wird die Maulwurfsarbeit gestört, wenn die Weltlaboratorien einstürzen. 4. Phrasenevolution der Menschheit. I »Die Wiederkehr des Gleichen« leuchtet so klar hervor, daß sogar Nietzsche sie widerwillig anerkannte. Wer sich zur Urweisheit bekennt, der noch heute 800 Millionen Asiaten anhängen, darf nach dem »Karma« – dem Gesetz steter Wiedergeburt durch Kausalzwang eigenen Wirkens – wohl transzendente Erweiterung der seelischen Ebenen, nie aber irdische Evolution für möglich halten. Er würde sich denkerisch dagegen sträuben, da menschliche Bewußtseinsstände unveränderlich, d.h. relativ stets die gleichen bleiben; selbst wenn hinreichende Beweise hier überzeugen könnten, daß wenigstens äußerlich derlei obwalte. Daß man aber statt frischem Brot nur ungesäuerte, verschimmelte, altbackene Ware mit neuer Zuckerkruste bekommt, dies vor Augen zu führen bedarf wohl noch weiteren Eindringens in die ältere sogenannte Weltgeschichte. Wenn Nordau sich rühmte, die »Entartung« demoliert zu haben, und Shaw: »Wie ich Nordau demolierte«, so möchten wir auch scherzhaft vorhersagen: »Wie ich den entarteten Darwinismus demolierte.« Dessen Symptome zeigen freilich immer verwickeltere Komplikationen für die Krankheitsdiagnose, insofern sich auch schon ganz gegensätzlich gestimmte Kreise wie Theologen, Theosophen, Anthroposophen streberisch der Modephrasen bemächtigten für eigene Zwecke. Das bezeugt nur ihre traurige Unsicherheit, Unklarheit, Unwahrhaftigkeit. Der richtige waschechte Darwinismus kann sich nur mit richtigem waschechtem Materialismus paaren. Eure Rede sei ja, ja, nein, nein, was darüber ist, das ist vom Übel. Wir schicken vorauf, daß neueste Darwinisten, nachdem die Krankheit durch Haeckel ins akuteste Fieberstadium trat, planmäßig das Datum der Menschwerdung immer mehr verengern, während sie im übrigen an den ungeheuren Millionenziffern der Geologie für erste Abkühlung der Erdkruste festhalten. Ein richtiggehender Darwinist bestreitet noch heute, daß die Menschheit vor dem Quartär erschien, engt auch dieses möglichst ein und läßt den Menschen in sehr später Zwischenepoche der Eiszeit zuerst auf zwei Beinen wandeln. Unglücklicherweise mißlang dies kühne Streben durch Tertiärfunde, nichtsdestoweniger werden noch heute die unmöglichsten Jahrzehntausende angemeldet, wo es sich um Jahrmillionen handelt, 240+000 Jahre Eiszeit schrumpfen aus allerhöchster Machtvollkommenheit auf 24+000 ein, der Mensch ist 20+000 oder höchstens 25+000 alt, während wir zweifellos jetzt schon prächtig erhaltene Skelette von 100+000 in Händen haben und andere deutliche Überreste gemütlich in Millionen Jahre zurückspazieren. Eine besondere Verwirrung, die wir an späterer Stelle ausführlich berühren werden, entstand durch die naive Verwechslung als ob der fossile Europäer aus einem jüngeren Weltteil irgendwie für die sonstige Menschheit verantwortlich wäre, sowie durch die noch naivere Annahme, als ob die zufälligen Fossilien uns ein sauberes Präparat chronologisch aufsteigender Rassen nacheinander hinterließen. Daß die psychische Ungleichheit der Menschen auch Ungleichheit der Rassen voraussetzt und daß noch heute zugleich der Weiße und ein verkümmerter Rest Tasmanier leben, scheint diesen kühnen Geheimnisräubern, die in den böhmischen Wäldern der Haeckelei sich tummeln, eine Kette böhmischer Dörfer. Wir machen also aufmerksam, daß die nachfolgenden Ziffern, sofern sie über den auch reichlich spät angesetzten Musterier hinausgehen, nicht die unseren sind, daß wir sie nur zum Schein ernst nehmen, weil auch so die Unmöglichkeit später Menschwerdung erkennbar wird. Die wahren Ziffern gehören in ein viel späteres Kapitel, es kommt aber aufs gleiche heraus, ob man angebliche Affenahnen mit reißender Schnelle zum Heidelberger und Neanderthaler werden läßt oder den Menschen in immer weitere Ferne hinausrückt, der unauffindbare Affe flieht doch immer vor uns her ins Reich der Nebel und Schatten. Sobald das missing link zwischen Mensch und Affe in Frage kommt, betragen sich beide Parteien ungefähr so wie Feinde und Freunde des Spiritismus. Die wenigsten haben eine klare Vorstellung, worum es sich handelt, kennen meist nicht mal die vorhandenen Tatsachen. Viele glauben ernstlich, man habe auf Java ein wohlerhaltenes Skelett des Affenmenschen gefunden! Im Notfall wird gefälscht und geschwindelt. Die Leute vom Schlage Keplerbund verbreiten, der Dubois-Fund betreffe einen richtigen Orang-Utan, das ist unwahr. Die Darwinisten verbreiten, es sei erwiesenermaßen ein Homo erectus, das ist gleichfalls unwahr. Über Priorität von Mensch oder Affe behaupten sie ferner, die Eolithentheorie, wonach der Mensch schon im Eozän sich Steine schliff, sei endgültig erledigt, wieder unwahr, doch auch nicht wahr, daß der Mensch in der ältesten Tertiärperiode unbedingt sicher festgestellt sei. Dies Problem ist von größter Bedeutung, denn jenseits des Pliozän ist nicht die kleinste Spur vom wirklichen Affen bemerkbar, höchstens ein Phantasiegeschöpf im Miozän; lebte also der Mensch schon lange zuvor, so wäre dieser ganze Evolutionswahn beseitigt. Abschließender Fundbeweis für oder wider konnte freilich nicht erbracht werden; jedenfalls bleibt es dreiste Unwissenschaftlichkeit, aus vorläufigem Fehlen von Funden menschlicher Überreste in älteren Straten irgendwelchen Beweis für spätes Erscheinen des Menschen ableiten zu wollen. Unsere eigene Hypothese, der anthropoide Affe sei möglichenfalls ein sodomitischer Bastard des Menschen, steht nicht allein da, denn über Dubois' Pithekanthropus wurde gleiche Vermutung laut. Daß die Dubois-Mythe, gestützt auf einen einzigen unvollständigen Schädel, von Fanatikern wie Klaatsch unerbittlich kolportiert wird, stößt nicht um, daß auch die angebliche Entdeckung von Waffen und Feuergebrauch des Ungeheuers durch die Selenkaexpedition 1906 als vorschneller Leichtsinn selber eingestanden wurde, daß Cunningham und Schwalbe nur einen dem Gibbon oder Schimpansen ähnlichen Affen erkannten, d.h. vielleicht Abart des javanischen Orang-Utan. Die Stirn war sogar noch zurückfliehender, d.h. tierischer als beim Schimpansen, welchem auch Höhe und Länge der Schädelbildung durchaus glichen. Trotzdem wird behauptet, unterhalb der Schädeldecke sei Brocasche Windung erkennbar, d.h. Sprachfähigkeit. Falls nicht vorschneller Irrtum vorliegt – Haeckelianer sind so leicht bei der Hand, ihnen Schmeichelndes zu sehen –, was versteht man hier unter Sprache? Die Affen sollen ja laut gewissen Forschern selber eine Sprache haben, wie übrigens fast jedes Tier, und wer weiß, ob man nicht noch bei einem bevorzugten Gorilla Brocasche Windungen entdeckt, so daß sein Gebrüll als artikuliertes Fluchen auf die Menschheit erscheint! Hat der Papagei auch Brocasche Windungen?! Nur als Formulieren begrifflichen Denkens nimmt die Sprache einen hohen, sogar höchsten Rang im organischen Leben ein, keineswegs als stotternder Naturlaut. Die Schädelsezierung eines Polyglotten (Dr. Sauerwein 1904) ergab gar nichts Bemerkenswertes nach dieser Richtung, man darf also der bloßen mechanischen Sprachbeherrschung keinen übermäßigen Wert beilegen. Beim Papagei steht es anders, denn hier beruht alles auf eigener Beobachtung und Belauschung, spontaner Denktätigkeit. Auch erwies sich Gambettas Schädel trotz bedeutender Ausbildung des Rethorikorgans sonst als Hohlkopf nach bisheriger anatomischer Auffassung, denn Umfang und Hirngewicht waren außerordentlich gering. (»Umfang« bemessen nach der Fähigkeit, mehr oder minder Gehirn zu umfassen.) Nun wird ferner behauptet, der angebliche Pithekantropus übertreffe an Schädelumfang (850 ccm) um 250-350 ccm des Volumens den des höchsten Affen und bleibe durchschnittlich nur um 30 ccm hinter dem des niedrigsten Exemplars allerältester Durchschnittsmenschen (Tiroler Funde), was sich indessen in manchen Fällen (man besitzt über 900 solcher Schädel) bis 1190 ccm erhebt. Das ergibt ein ergötzliches Dilemma. Der Tasmanier nämlich, die älteste uns wirklich bekannte Rasse, hat schon Schädelumfang von 1200 ccm, der sich sogar bei einzelnen zu 1306 ccm erhob: Übergewicht von 350-450 ccm über Dubois' »Affenmenschen«. Der Tasmanier nun bedeutet eine unterste Stufe, entschieden noch unter dem Australier, bei dem der Schädeldurchschnitt 1250 ccm beträgt. Zwischen ihm und dem Durchschnittseuropäer beträgt aber der Unterschied nur 175 ccm, also im Vergleich zu oben ein äußerst geringer Fortschritt, einem einzelnen höher »entwickelten« Tasmanier und Australier gegenüber sogar nur von 120 ccm. Was will man nun sagen, wenn der große Leibniz mit 1422 ccm sogar unter dem Durchschnitt bleibt, und sich nur um 118 ccm über den klügsten Tasmanier erhebt! Es ist wahr, daß der Riese Bismarck und der kleingebaute Kant einen denkbar größten Schädelumfang hatten. Bei Bismarck war aber der Kopf sogar klein im Verhältnis zur Statur, das Gewicht freilich sehr groß (1867 g), wie Byrons abnorm kleiner Kopf das doppelte Hirngewicht eines Durchschnittsmenschen (also etwa 2800 g?) gehabt haben soll. Doch gemeine Verbrecher hatten notorisch ein größeres Hirngewicht als Gauß und Mommsen, noch weit tiefer standen Liebig und Menzel, am niedrigsten Leibniz und Gambetta. Somit können Umfang und Gewicht nur ein beschränktes und einseitiges, wo nicht bescheidenes und fragwürdiges Maß zur Intellektbeurteilung beitragen. Jedenfalls müssen hier besondere Beschaffenheit der grauen Masse und Vervollkommnung der Strukturverteilung entscheiden. Und da spricht sogar die Blutpumpe des Herzens gewichtig mit. Weitgehende Schlüsse aus dem größeren Umfang des sonst ganz affenartigen Javaschädels zu ziehen, ist daher sehr unwissenschaftlich und würde uns an sich noch nicht kümmern, daß die Neanderthalrasse (»Mousterian« nach französischen Funden genannt) gar über 1600 ccm Schädelumfang hatte, also mehr als der intelligenteste Durchschnittseuropäer (1425-1550). Dagegen fällt sofort auf, daß im 1908 entdeckten Kiefer des »Heidelbergmannes«, einer noch älteren Form, die Bezahnung sich noch mehr vom Affen unterscheidet als beim viel jüngeren Australier. Treten wir sodann in das jüngere paläolithische Zeitalter ein, so begegnen wir den sog. Aurignac- und Magdalenarassen, wo Steinkultur den Knochen- und Elfenbeinindustrien Platz macht. Der Negroide Knabe von Mentone hat schon Schädelumfang von 1540 ccm, eine wahrhaft staunenswerte Entwicklung, natürlich hoch über allen späteren Negerrassen und auch den verwandten überlebenden Buschmännern (1330 ccm). Letztere, als Überreste der Aurignacierzeit von den Weißen aus Europa nach Nordafrika und dann bis Transvaal vertrieben, mögen im Verhältnis zu den Aurignaciern allmählich degeneriert sein, doch beiden blieb gemeinsam die erstaunliche Liebe und Begabung für Kunst. Wohl übertreiben kunstfremde Gelehrte den absoluten Wert dieser Höhlenmalereien und Skulpturen (einer erhebt sie über die Griechischen!). Doch bei unparteilicher Prüfung bekennen wir, daß einige dieser Tiernachbildungen eine realistische Genauigkeit der Beobachtung und eine Kraft der Technik zeigen, die auf diesem Gebiet kaum übertroffen werden kann. (Menschen werden aus wahrscheinlich religiösen Gründen selten oder nur in symbolischem Umriß geformt.) Bedenkt man vollends, mit welch spärlich unzulänglichen Werkzeugmitteln diese zweifellosen Kunstwerke hergestellt wurden, wie ferner die Buschmänner Musik, Tanz, Sagendichtung, Religion als Erbe und Mitgift europäischer Altvordern mit sich führten, so schauen wir die Neanderthalrasse und ihre Ableger auf solcher intellektueller Höhe, daß ihr enormer Schädelumfang wirklich ein Anzeichen dafür sein mag. Gibt es etwas Reineres von Gottesahnung als die des Buschmanns: »Man sieht ihn nicht mit den Augen, aber man kennt ihn im Herzen«? Dies edle Volk, das in seiner Kunst sich unsterblich machte und die Tugenden freier Männer besaß, ist nicht mehr. Die Bibelburen haben es und seine geheiligten Maler und Bildhauer, die eine besondere Kaste bildeten, aufs roheste und gemeinste vertilgt. Wer erkennt nicht die göttliche Rache in den späteren Leiden der Buren! Wir aber bekennen frank und frei, daß wir nicht nur den Buschmann für einen unendlich höheren Menschentyp halten, als jene würdigen Ohme mit der Bibel in der Linken und dem Scheckbuch in der Rechten, sondern daß wir die ganze Urperiode höher stellen als die folgende Neolithzeit der siegenden weißen Rasse, die erst später in Hellas eine ausgebildete Kultur schuf, vorerst aber nur durch große Überzahl und rohe Kraft jene geistvollen Künstler und freien Jäger verdrängt haben kann. Das gleiche gilt für die Magdalenarasse, deren ältere Überreste sich nach Grönland und Kanada zurückzogen (Eskimos und einige Rothautstämme) und in verwahrloster Verwilderung als nordrussische Samojeden weiterleben. Indessen sind diese von rohem Fleisch und Renntierblut genährten Wilden durchaus gutartig, ihr Schamanismus kennt keinen kannibalischen Bestialismus wie Südseeinsulaner, Mißhandlung von Frauen und Kindern und alle Verbrechen »evolutionierter« Europäer darf man bei ihnen nicht suchen. Auch ihre Arbeiten in Horn und Elfenbein verraten hohen Kunstsinn und die Reichhaltigkeit ihrer Instrumente eine relativ hohe industrielle Tätigkeit. Dies war vor vermutlich 12+000 Jahren? Datierung des ersten Endes der Eiszeit auf 24+000 ist nachweislich falsch, und es wären nur noch 5000 Jahre hinzuzufügen für die sechs Perioden des Abwechselns von Vergletscherung und Erwärmung, wobei die Neanderthalrasse in eine wärmere, die Magdalenarasse eine kältere Epoche fiel? Diese 17+000 Jahre sind alles, was wir vom Auftreten des Menschen bestimmt wissen? Das Alter des Heidelbergmanns und des angeblichen javanischen Affenmenschen läßt sich nicht genau bestimmen, müßte aber in Verbindung mit der Australrasse, der untergeordnetsten der Mousterierzeit, stehen. Nach Verschwinden der Magdalenarasse stoßen wir im 7. Jahrtausend teils auf degenerierte Überreste, teils aber saß die große Urrasse noch in Ägypten, Babylonien, Ägaa. Erst im 6. Jahrtausend v. Chr. beginnt der Weiße seine Siegesbahn, gefolgt von anderen neuen Seitenzweigen. Von ihm zu Anfang der Neolithzeit wissen wir nichts, er scheint sich als Überleber der letzten Eisperioden in die bis heute andauernde warme Periode hinübergezüchtet zu haben. So klafft eine Lücke, wo die prähistorische in die historische Zeit mündet. Daß der Mensch nur in der Pleistozän-, nicht in der Pliozän- und Tertiärstrata vorkomme – unter Verwerfung der Eolithentheorie – ist eine Weisheit, welche die Ameghinofunde am La Plata einfach ignoriert, die den Menschen als Zeitgenossen von Megalosauriern verkünden. (Stellten diese Funde sich als Märchen heraus? wir hörten dies nie!) Da Südamerika allem Anschein nach aus Asien bevölkert wurde, so müßte also ein richtiggehender Menschentyp der langen Steinzeit schon längst gewirkt haben, als der Dubois-Anthropoide, falls Vorläufer der Australrasse, noch auf unterer Stufe verharrte. Nun ging dieser angeblich aufrecht, hätte hiermit den wahren Affencharakter abgestreift, denn der aufrechte Gang bedingt eine Fülle anderer struktureller Veränderungen, als deren wahre Ursache wir gerade Gehirnvermehrung ansehen: Aufrechtgehen durch Straffung der Rückenmarksganglien vom verstärkten Gehirn her. Die Schädelverbreiterung eines Aufrechtgängers würde also nicht überraschen, weil beides identisch, und müßten wir zugeben, daß er einen revolutionären Sprung vom Schimpansen her gemacht hätte. Doch steht nicht mal fest, daß der gefundene Beinknochen zum gefundenen Oberschädel gehört, es dürften ja auch ein Mensch und ein Anthropoide am gleichen Punkt miteinander gewohnt haben. Dieser handfeste Kerl hinterließ doch wohl ein gleiches Geschlecht, doch die allein als ihm artverwandt möglichen Australier sind von kleiner, schwächlicher Statur. Auch bleibt gewiß auffällig, daß dies missing link auf dem ganzen Erdball nichts als ein einziges Exemplar eines Oberschenkels uns vermachte, während sich im Pliozän angeblich Überreste eines Schimpansen finden, im Eozän Zähnchen einer zwerghaften Affenart, im Tertiär-Miozän plötzlich der Beinknochen eines Riesenaffen? Das sind alles Beteuerungen überzeugter Darwinisten, während ihre Gegner den Affen nirgends, den Menschen schon früh entdecken. Tatsächlich fehlt der Affe meist in den Straten wo der Mensch gefunden wird, obschon das damals warme Klima auch von Mitteleuropa und die dort während langer Perioden tropische Fauna und Flora jede Affenmöglichkeit gaben. Soll man daraus entnehmen, daß vorhandene Affensorten sich in Menschen verwandelten? Das wäre um so unsinniger; als neben den wenigen Anthropoiden, die sich nach Zentralafrika zurückzogen, eine Menge niederer Affenarten sich bis heute herumtummelt. Doch nur in heißen Klimaten, gerade der Anthropoide geht bei jeder Kälte ein, die erstaunliche Anpassungsfähigkeit des unbehaarten Menschen in jeder Temperatur ist ganz affenwidrig. Dubois' »aufrechter« Affenmensch, den anatomische Autoritäten mit ebensolcher Bestimmtheit für einen Affen erklärten, wie Huxley den Neanderthaler früher mit Virchow für zweifellosen Homo sapiens, erscheint bei der Unmöglichkeit, aus einem unvollständigen Schädelbefund etwas Gewisses zu schließen, als Phantasiegebilde. Selbst für seine angeblichen 850 ccm sollen wir uns bloß auf Dubois' willkürliche Schätzung verlassen. Für die sonderbare Verbindung einer sogar neben dem Schimpansen rückständigen Affenstirn mit Umfangvermehrung und aufrechtem Gang – nach unserer Meinung müßte dann der Schädel eo ipso die Affenform abgeworfen haben – könnten wir wirklich nur einen Bastardursprung annehmen. Vorausgesetzt aber, das Unwahrscheinlichste wäre trotzdem richtig, so könnten wir das Alter des Javaners höchstens ans Ende des Pliozäns versetzen, laut darwinistischer Chronologie vor etwa 20+000 Jahren. Der schon viel höhere, ziemlich gleichalterige Heidelbergmann war sicher nicht älter, laut Sollas beide »nicht weit entfernt von der Pleistozänepoche«. Nun treffen wir höchstens 3000 Jahre später schon die Tasmanier, die unter allen Menschenrassen den geringsten Grad von Entwicklungsfähigkeit zeigten, mit ungeheuer überlegener Schädelbildung. Sie kannten Feuer, Holz- und Steinbearbeitung und sogar Boote, haben wahrscheinlich die damals sehr schmalen Meerengen der Sundainseln, bestimmt die kleine Meerenge zwischen Australien und Tasmanien mit Mann und Maus überschifft. Wo bleiben nun die Millionen Jahre, mit denen tolle Darwinisten sonst so gern jonglieren, um angebliche späte Menschwerdung zu ermöglichen? Den angeblichen Affenmenschen trennen so vom Australier, der schon einen ausgebildeten religiösen Kult hatte, und gar von der Neanderthalrasse schwerlich mehr als 4000 Jahre. Das wäre ein wahrer Salto mortale, eine Überstürzung des Tempos, das sich aber plötzlich bis zu retardierendem Stillstand verlangsamt, denn das hohe Künstlervolk der Aurignacier war vor 15+000 Jahren der höchsten modernen Kulturrasse relativ ebenbürtig, den Umständen nach überlegen. Wo bleibt nun die Evolution? Gibt es ein Naturgesetz »bis hierher und nicht weiter«? Das wäre mechanisch betrachtet ein Unding, da jede Bewegung sich fortsetzt, ja sich ballistisch sogar steigert. Doch in 15+000 Jahren kam die weiße Rasse, von anderen ganz zu schweigen, psychisch nicht einen Schritt weiter als die geniale Urrasse, bei der sich auch unsere These bewahrheitet, daß das Ästhetische ein Urtrieb und Ursache der Ethik (des sittlich Schönen) sei. (Richtiger: daß beides zusammenfällt, so daß der schöpferisch Gestaltende zugleich der Gottsucher und der Gottfinder sein muß, wie Homer und Phidias die griechischen Götter und Äschylos den Erlöser Prometheus schufen.) Gegen solchen Pessimismus lehnt sich nur ein blinder Tor auf, der die erst im 19. Jahrhundert heraufgezauberte Technik für Kulturfortschritt hält. So wenig der moderne Europäer über den alten Ägyptern, Indern, Griechen steht, so wenig standen letztere über unseren Urahnen, wenn wir deren Gesamtleben nach hinterlassenen Proben abmessen. Hiermit wird jeder Evolutionsfortschritt zunichte, erst recht die mögliche Wahrscheinlichkeit, ein Affe könne sich aus eigener Kraft zum Menschen aufgeschwungen haben in verhältnismäßig kurzer Zeit. Denn wenn wir die Spanne, die den Schimpansen vom angeblichen Affenmenschen trennt, nicht überblicken, so doch annähernd die Spanne, die letzteren vom Tasmanier trennen würde, und die ist zeitlich sehr gering. Gewiß hat äußere Schädelvermehrung nicht die Bedeutung, welche man ihr früher zuschrieb, denn dies gehörte mit zu den Requisiten des Mechanismus, der mit sichtbar Quantitativem das unsichtbar Qualitative abschätzen möchte. Einen gewissen Faktor der Beurteilung bildet aber die Schädelmessung immerhin, und gerade hier, an der Hand seiner eigenen einseitig dürftigen Wertung, wird der anatomische Darwinismus geschlagen. Die unsichtbare geistige Differenz, viel bedeutender als sichtbare anatomische Abstände, zwischen einem klügeren Tasmanier (1300 ccm) und dem Schimpansen beträgt sicher 1:10, zwischen diesem Booterbauer und Schifffahrer und dem angeblichen Affenmenschen ist sie kaum geringer. Der Schädelabstand beträgt im ersteren Falle 650-750 ccm, in letzterem (wenn man Dubois' Messung Glauben schenkt) 350-450 ccm, der zwischen Schimpanse und Affenmensch angeblich 200-300 ccm. Worin zeigte sich der geistige Unterschied zwischen letzteren? Wir wissen nichts davon, fragen nur, warum der sonstige javanische Orang-Utan (sicher recht alt) unter gleichen Daseinsbedingungen wie sein angeblicher Duboisvetter nie den Trieb verspürte, sich höher zu entwickeln. Der Tasmanier müßte trotz wenig größerer Schädelvermehrung sich ungeheuer viel rascher und gründlicher über den Affenmenschen geistig entwickelt haben als letzterer, noch nicht mal Affenform des Schädels abstreifend, über den Schimpansen. Zwischen Tasmanier-Australier und Aurignacier ein Unterschied von wieder 300-400 ccm, die unsichtbare geistige Differenz, wiederum 1:10. Die Zeitspanne vom Affenmenschen bis zum Neandertaler (Differenz mindestens 750 ccm), vom Schimpansen (fast 1100 ccm, fast Verdoppelung) könnte aber höchstens 3000-6000 Jahre betragen. Denn wenn ein Schimpanse sich angeblich schon im Spätpliozän findet, so kann sein Sprung zum Duboisaffen (vermutlich sogar gleichaltrig) zeitlich nur sehr kurz gewesen sein, er würde also dies Wunder spielend vollbracht haben, ohne daß er je später es wiederholte. Äußerlich länger, aber relativ noch kürzer wäre der Sprung vom Affenmenschen zum Aurignacier. So weit wäre immerhin trotz einzelner Widersprüche (denn der Sprung vom Australtyp zum Neanderthaler wäre unglaublich kurz) die Evolution als Prinzip scheinbar gerettet, und der unerhört rasche Aufstieg zu höchstem Menschentum (Kunst) ließe sich eben mit gesteigerter Geschwindigkeit jeder Bewegung vereinbaren. Was aber nun? Warum rollt die Kugel nicht nur nicht weiter, sondern steht bis heute dauernd still, macht sogar rückwärtige Kurven? Wir werden dies historisch beweisen, auch in anderem Kapitel bezüglich religiöser Nichtevolution, möchten hier nur noch die Ausrede bekämpfen, die so verschiedene Entwicklung der Australier und Europäer könne auf günstigeren Bedingungen der letzteren beruhen. Diese waren vielmehr in der Eiszeit ungünstiger als beim Australier, hemmten ja auch den Spätmagdalener (Eskimo), in der Wärmezeit waren Flora und Fauna überall auf Erden ungefähr gleich. Die umgekehrte Behauptung, ungünstiges Milieu züchte eine härtere und daher höhere Rasse, kann sich höchstens auf Muskeltätigkeit beziehen. Je härter der physische Daseinskampf, desto geringer die Aussicht auf verfeinertes Gehirnleben. »Unter den Waffen schweigen die Musen.« Die Aurignacier bekamen gewiß nicht durch Sorge und Not ihre 1600 ccm-Schädel! All diesen Differenzierungen müssen andere Bedingungen zugrunde liegen, die sich uns ganz verhüllen. Und nun vollends: Wie denkt sich der Mechanist eigentlich die riesige Selbstvermehrung des Hirns? Durch bloßes Aufpassen und Anpassen im Daseinskampf? Jedes Tier und der Affe üben dies im gleichen Grade, ohne je über einfache Lebenserhaltung hinauszustreben. Durch physikalische Ursachen? Da käme höchstens die Herzpumpe in Betracht, die dem Hirn vermehrte Blutkräfte zuführt, und warum tut sie dies derartig nur beim Menschen? Das ähnliche Blut der Anthropoiden zeigt nie diese Tendenz, warum sollte der zum Affenmenschen Gewordene eine Ausnahme gebildet haben? War er eine Ausnahme, d.h. ein Affengenie, dann unterfiel er dem Naturgesetz des aussterbenden und nie fortgepflanzten Genies. Derb und deutlich: Wie kamen Durchschnittsaffen auf den Einfall, ihr Hirn übermäßig anzustrengen? Und wenn so, gewährleistet bloße Anstrengung dauernde Vermehrung und Verbesserung eines strukturell bisher ungeeigneten Organs? Die 1600 ccm-Schädel entstanden gewiß nicht dadurch, daß eine vorherige Form sich entschloß, hochgeistig zu werden! So enormer Willensakt könnte nie aus mechanischer, sondern einer höheren Notwendigkeit stammen, über deren mögliche Ursache nur der Transzendentalist eine Deutung geben kann. Auch hierfür, daß das Menschheitskarma nicht gestattet, die angebliche Evolution fortzusetzen, und der Durchschnittseuropäer um mindestens 150 ccm unter dem Schädelmaß der Aurignacier blieb, versagt jede mechanistische Einrede. Unseren Spott, der Schimpanse möge das einst so herrlich gelungene Kunststück der Menschwerdung doch mal in den seither verflossenen 20+000 Jahren wiederholen, statt ungezählte Jahrtausende auf gleichem Fleck zu verharren, beantworten nur phantastische Hypothesen. Jene Fanatiker, die allen Ernstes historische Anzeichen einer Schimpanseevolution bemerkt haben wollen, verdienen keine Erwähnung, wohl aber jene »Denker«, welche nicht nur die Gelegenheit zur Menschwerdung, sondern sogar deren einzige treibende Ursache in der geologischen und klimatischen Revolution der Eiszeit und ihrer wechselnden Vor- und Rückstöße suchen. Also eine de Vriessche Mutationstheorie, aus dem Botanischen ins Animalische übersetzt? Wie man sich so etwas vorstellt, gehört ins Reich der Mythologie. Not bricht Eisen, mag die Kräfte übermäßig (aber nicht unnatürlich) steigern, die solche Katastrophen Überlebenden mögen sich relativ angepaßt haben, doch die Menschengeschichte spricht keineswegs für immer segensvolle Einflüsse der Not! Keine geschichtliche Katastrophe von der Völkerwanderung bis zum Weltkrieg hat je die Spezies merklich verändert oder ihre Psyche verbessert. Alles aber, was Homo sapiens daraus erwarten könnte, wäre ein Kinderspiel neben dem Wunder, wie er durch katastrophale Not sich zum Aurignacier aufschwang. Nun wohl, die bisher umfassendste und gründlichste Darstellung der Urrassen »Ancient Hunters« von Prof. Sollas-Oxford 1911, einem überzeugten Evolutionisten, schließt mit offenem Eingeständnis, daß für dies Problem, »das Geheimnis der Geheimnisse,« keine Lösung gefunden sei, zumal »natürliche Zuchtwahl manches vollbringen, aber gar nichts schaffen kann«. Nach einigen logischen Bemerkungen, wobei er Inspiration ein anderes unlösbares Geheimnis nennt, erklärt er rundweg, daß die fundamentale Ursache im ganzen Evolutionsprozeß in Wirklichkeit nur »eine Sache des Geistes« sei! »Wir wissen sehr wenig von der Macht des Geistes, hier sind wir nicht fortgeschrittener als die alten Jäger in ihrer Kenntnis der Materie. Die Naturwissenschaft unterwarf sich das materielle Universum in nicht geringem Grade, ihr nächster Triumph wird folgen aus der experimentellen Untersuchung der Innenwelt.« Bravo, ein teils ehrliches, teils ironisches! Denn das Abschwören roher Mechanistik kann nicht deutlicher zum Ausdruck kommen, Evolution ist eben geradeso eine Fiktion des Geistes wie alle anderen Hypothesen. Weil der Evolutionsgedanke dem Größenwahn schmeichelt (»Eritis sicut deus«, heißt die Endparole), wird er noch lange in den Köpfen spuken, bis irgendein neuer ungeahnter Fund das Traumgebäude über den Haufen wirft. Wie man aber experimentell die Innenwelt erforschen will, wissen die Götter, bisher winkte da wahrlich kein Triumph! Wenn Psycho-Physiologie Ich-Vorgänge zergliedern könnte, so wäre das nie gleichbedeutend mit Innenwelt, wo man notwendig aufs Unsichtbare stößt. Bei ehrlichen Gelehrten wie Sollas begegnet man nicht unehrlichen Ausreden, womit jeder in die Enge getriebene Darwinist sich herauszuwinden sucht: man mißverstehe den Begriff Evolution, Fortschritt sei nicht damit gemeint. So? Ist Evolution nur Transformation, wie wir sagen, dann fehlt ihr jeder dogmatische Wert. Denn daß durch materielle Einflüsse sich materielle Dinge umbilden, versteht sich empirisch von selber. Obiger Einwand ist aber bewußte Unwahrheit, denn jeder richtige Darwinist deutet Evolution als aufsteigende Linie wachsender Vervollkommnung, und so faßt natürlich auch Sollas es auf. Dieser täuschende Irrtum liefert sozusagen einen Beitrag zu Einsteins Relativitätstheorie. Denn wie der Einzeller des Protoplasma in seiner Weise ebenso vollkommen konstruiert wie der höchste Vielzeller, so ist jeder Urmensch, der Steine bearbeitete und Feuer schlug, worauf bald viel erstaunlichere Erzeugnisse seiner erfinderischen Schaffungsgabe folgten, dem heutigen Techniker mindestens ebenbürtig, der damalige Künstler relativ so genial wie Phidias und Raffael, vielleicht gab es damals schon einen primitiven Leonardo. Evolution zum Höheren daraus abzuleiten, daß im Laufe der Erfahrung ein nachfolgendes Geschlecht die Werkzeuge seiner Altvordern zu verbessern strebt und dies vermöge jener Vorarbeiten meist gelingt, ist schlechtweg kindisch. Für den Aurignacier waren Knochen, Horn, Elfenbein geradeso passendes Material wie für seinen Altvordern Stein und (Tasmanier) gehärtetes Holz, und die erst spät in Ägypten auftretende Bronze und später Kupfer und Eisen leisteten relativ nicht mehr. Jawohl, die »Innenwelt« ist das Maßgebende, und die ist beim Modernen gewiß nicht reicher als im Bewußtseinszustand jener künstlerischen Urmenschen. Die andere faule Ausrede lautet: Man meine nicht Abstammung vom Affen, sondern vom gemeinsamen Urahnen. Auch das ist bewußte Unwahrheit. Wozu dann ein missing link? Alle ehrlichen Darwinisten, wie Sollas, meinen klipp und klar Evolution vom Schimpansen. Abzweigung wäre so noch unnatürlicher und wieso? Zuchtwahl mit anderen Affen, Nahrungswechsel? Schon vor Menschwerdung karnivor? Wir möchten aber keinen Zweifel darüber lassen, daß unsere Abwehr der Affenmythologie nichts mit sozusagen theologischen Gründen gemein hat, sondern schlichter Wahrheitsliebe entspringt. Wenn Wundts »Völkerpsychologie« für das Ideal des Buddhismus »Wahrheit« hält, so gilt dies für jeden Wahrheitsforscher. Die meisten sog. Theosophen paßten sich opportunistisch dem Darwinismus an, obschon dieser nur antitheosophisches Rüstzeug den Materiegläubigen in die Hände spielt. Für unsere Weltanschauung wäre aber im Grunde gleichgültig, ob der Affenmensch Fabel oder nicht. Denn dies Wunder ließe sich in Analogie zum menschlichen »Kulturfortschritt«, immer nur von einzelnen ausgehend, die dann suggestiv die Masse allmählich scheinbar mit sich reißen, überhaupt nur so erklären, daß ein besonderes Affengenie plötzlich über seine Milieumasse hinauswuchs und so langsam den Überaffen anbahnte. Doch wie Übermenschensucht nie die Gattung erhöhte, so könnte ein Überaffe schwerlich sein ganzes Geschlecht umgestalten. Wieder stehen wir vor dem Rätsel des Genialen, identisch mit dem von Sollas angestaunten Geheimnis der Inspiration, und so wäre solche Scheinevolution wieder nur eine »Sache des Geistes«. Woher aber diese »Macht des Geistes«? Keine Antwort. Wenn Steiner träumt, die tierischen Übergangsformen des menschlichen Embryos hätten früher in Atlantis als Larven gespukt, so müßten sie nachher vom Heiligen Geist aus den Wolken befruchtet sein. Welches Interesse hätte die Weltökonomie an so zwecklosem Umweg? Ist nicht viel möglicher, daß die Natur wie so oft symbolistisch verfährt und gewissermaßen zur Selbstorientierung im menschlichen Mutterleib ein Register aller animalischen Formen rekapituliert? Um einige Sicherheit zu erlangen, müßte man die Embryonalformen aller Tierformen vergleichen, wofür natürlich bisher keinerlei ausgiebiges Material vorliegt. Vorschnelles Drauflosschließen vergißt auch hier jedes gediegene Fundament. Der Natur ihre Methoden ablauschen wollen ohne eigentliche eigene Methode, zeichnet den altklugen Vorwitz neuester Wissenschaft aus. Jedenfalls gibt es keine Embryonalentwicklung in der beglaubigten Geschichte der Menschheit, wo die Reihenfolge vom angeblich Tierischen bis zum Aurignacier nur in ganz verwischter Linie vorausgesetzt wird, die dann plötzlich abbricht und keine Fortsetzung hat. Wenn der moderne Durchschnittseuropäer nur 1200-1550 ccm Schädelumfang aufweist, so läßt ein 1650 ccm des Aurignaciers vermuten, daß dessen Genies ein noch mächtigeres Gehirn hatten als Bismarck und Kant. Nur wo das starre Reich der Notwendigkeit in das nur transzendentale Reich der Freiheit mündet, ist psychischer Aufstieg denkbar. Dieser, jenachdem Brenn- oder Nullpunkt, bleibt auf Erden immer gleich. Wohl läßt die große »Sache des Geistes« in bevorzugter Einzelpsyche stete Vermehrung und Bereicherung des Wissens und Könnens zu, also wirkliche Evolution (z.B. Goethes von Spinoza zu Kant, Bruno, Theosophie). Doch beim Durchschnittsmenschen wie beim Schimpansen steht es leider umgekehrt, nur Kindheit und Jugend zeigen seelisches Wachstum, dann folgt geistige und ethische Reaktion zum Minderwertigen. Das Genie, »zeitlebens ein Kind,« dem wir als Merkmal originale Fortentwicklungsfähigkeit zusprechen, gehört daher schon ins Reich der transzendentalen Freiheit, nicht einer irdischen Evolution. Darwins spärliche Beispiele (Archäoptrix usw.) überzeugen nicht mal restlos von Transformation der Arten zum Säugetier, und wie selbst im Zoologischen das meiste nur Hypothese, so bleibt auch bloße Vermutung, daß der Neandertaler sich etwa aus dem Heidelberger entwickelte. Das können von Anbeginn verschiedene Typen gewesen sein, wie der dem Australier physisch ähnliche Buschmann psychisch ungemein von ihm sich unterschied und höherer Abstammung rühmen durfte, obschon die kubische Differenz nur 80 ccm betrug. Daß die Arten der Gattung sich nicht neben, sondern auseinander entfalten, dafür vermißt man jeden Beweis. Der Heidelberger war kinnlos wie Affen, wo nur ein junger Gorilla Kinnansatz zeigt, ihn aber beim Wachstum verliert, vielleicht Kennzeichen von Bastardnatur, die einen halbmenschlichen Ursprung bald wieder ins Äffische versenkt, also Rückfall, keine Spur von Evolutionstrieb. Aber der Aurignacier besaß auch kein entwickeltes Kinn, obschon es ihm gewiß nicht an Energie gebrach. So begegnen wir auf Schritt und Tritt Widersprüchen; noch heute findet man intelligente energische Menschen (z.B. Paul Lindau) mit fast fehlendem Kinn, ein besonders starkes wie das Napoleons, Byrons, Wagners verrät wohl nur eine besondere agressive Willenskraft, die trotzig herausfordernd große Widerstände überwinden muß. Dazu fehlten dem Neanderthaler äußerer Anlaß und innerer Antrieb, was gewiß keine Inferiorität bedingt, im Gegenteil ein Leben konzentrierter Kontemplation fördert. Letztere schaut uns sichtlich aus dem wunderbar halbkreisrunden Schädel entgegen mit der seltsamen Wulsterhöhung über den Augenbrauen, symmetrischer Rand von Schläfe zu Schläfe in kreisförmiger Schwingung. Dieser einzig dastehende Torus mit der Ghabella, Erhöhung über der Nasenwurzel und Fossa, Einsenkung oberhalb des Wulstrandes, findet sich ja auch beim wohlerhaltenen Vollschädel von La Chapelle. Die Nase war viel größer als bei bekannten Menschen, im schroffsten Gegensatz zum Affen, auch die Augenhöhlen tief und groß. Das sonstige Skelett enthält gar keine affenähnlichen Züge, der Kiefer stand wenig oder nicht hervor. Gibraltar- und Krapinaschädel ergeben das Gesicht eines modernen Europäers, im ganz menschlichen Gebiß bezeichnenderweise der Weisheitszahn am stärksten ausgebildet. Dicke, Breite und Höhe des Stirnwalls sind erstaunlich, sogar der Knabe von Le Moustier zeigt schon bedeutende Gehirnfähigkeit. Die Statur war kaum mittelgroß, das Psychische (Kopf) überwog ganz (vgl. den Großkopf des Gnomen Gottfried Keller). Antitierischer und unäffischer als diese Urrasse kann man überhaupt nicht sein, und es reizt zum Lachen, daß man mangelhaftes Sprachorgan entdeckt haben will, während der Duboisaffe es schon besessen hätte. Das gibt den rechten Maßstab für den Leichtsinn, womit man feste Gesetze aufrichtet, die nachher durch Augenschein und Logik niederfallen. Siehe das früher über Brocasche Windungen Gesagte. Kann man sich Blödsinnigeres vorstellen, als daß die Mousterier, deren hohe Leistungen ihrem hohen anatomischen Merkmal entsprechen, keine ausgebildete Sprache hatten, wie ihre hohe Denkfähigkeit forderte, dagegen wohl der Duboisaffe? Man bekommt Ekel vor einer Wissenschaft, die ihrer Evolutionsphrase den Verstand opfert. Aus einem Kiefer einen affenähnlichen Heidelberger aufzubauen, scheint noch dreister als Erfindung des Affenmenschen aus Schädelfragment und an anderer Stelle gefundenem Beinknochen. Massive Freßorgane findet man oft noch beim Europäer, das ist nicht animalischer als Zeugungsorgane und deutet beim Urmenschen nur darauf hin, daß er zu seiner Ernährung Knochen zermalmte, um das Mark zu saugen. Wer hält denn den Menschen für einen spirituellen Engel! »Tierisch« ist ein leerer Begriff, mancher Europäer in seinem Fraß- und Zeugungsgebahren tierischer als ein Affe. Das gehört in ein ganz anderes Gebiet supranatureller Betrachtung. Des Heidelbergers ungeschlachte Kiefer paarte sich wohl mit guter Schädelbildung. Die späteren Neandertaler aber, von denen wir vollständige Skelette besitzen, hatten einfach gar keine Ähnlichkeit mit Anthropoiden. Welcher Ammenglaube, daß ein Affenmensch vor 20+000 Jahren den Neandertaler schon vor 17+000 nach sich zog! Denn dieser, besonders der bei Düsseldorf gefundene, macht den Eindruck des Genies, je gründlicher wir seinen erhabenen Schädel betrachten. Und da die Exemplare nur den Durchschnitt bezeichnen (siehe Knaben von Le Moustier und Mentone), so mag man sich ausdenken, daß damals auch Bismarckschädel (1+965 ccm) bei Genies reichlich vorkamen. Wir ahnen ein Geschlecht geistiger Riesen und wundern uns weder über ihre grundlegenden Schöpfungen noch über kindische Affentheorie der Heutigen, sintemal letztere einfach Degenerierte, vom Gorillastandpunkt degenerierte Affen, vom Mousterierstandpunkt degenerierte Menschen. Bedeutet der Weltkrieg »Manvantara« dieser Degenerierung, kann die Rückwärtsentwicklung je zur edlen Urzeit zurückkehren, wo selbst der Heidelberger wohl mehr »Innenwelt« hatte als ein schnoddriger Berliner? Welchen Zweck verfolgt dieser traurige Abfall von höherem Menschentum, welche kausale Ursache hatte er? Auf letzteres gibt das Karmagesetz die Antwort, auf ersteres antworten kann nur Gott. II Seine Ausrede mit unermeßlichen Zeiträumen gibt der Evolutionismus plötzlich auf, wenn es gilt, späte Menschwerdung durchzudrücken. Diese, wie wir sehen, recht bescheidenen Ziffern ergaben aber in unserer Beleuchtung unnatürlich kurze Frist für Aufstieg eines Anthropoiden zum Vollmenschen. Wie nun, wenn diese Zeitdaten alle insofern falsch wären, als schon der Neanderthaler einer Epoche angehört, der ein viel größeres Menschheitsalter voraufging? Diesen dringenden Verdacht behandelt ein späteres Kapitel, das sehr vieles auch in folgenden Abschnitten Gesagte ergänzen wird. Anpassung an Futterkausalitäten bedeutet keine wirkliche Umbildung, Nebeneinander aller Arten noch kein Auseinander. Das erkannte schon Carl Vogt in »Vorlesungen über den Menschen«, als er den Darwinismus nur mit der Einschränkung begrüßte, daß jede menschliche Hauptrasse aus eigenem von jedem anderen verschiedenem Protoplasma stammen müsse. Warum zog er dann nicht die natürliche Logik, daß der Mensch überhaupt eine eigene Keimzelle hatte, getrennt auch von der Affenfamilie? Bei letzterer läßt sich freilich ein Bindeglied (der von Wagner entdeckte griechische Affe als Übergang zu Macaucus) bis zum Anthropoiden ahnen, dagegen besitzen Gorilla (Arm, Fuß, Hand), Schimpanse (Schädel) in Afrika, Orang (Hirn), Gibbon (Knochen) auf den Sundainseln, Zebu Südamerikas (Schädel) jeder nur einen menschenähnlichen Zug. Wo soll man den Urahnen suchen, der alle Merkmale vereinte? Gewiß nicht im hohen Norden, von wo der Weiße in die Urkultur einbrach, dessen Ursitze überhaupt kein Affenleben gestatteten. Möglichenfalls war er nicht jünger als der in der Farbe negroide Neanderthaler. Übrigens scheint keinem Darwinisten aufgefallen, daß für seine Theorie viel wichtiger wäre, das Bindeglied vom Affen zur übrigen Tierwelt zu entdecken. Was im Gebiß einiger Urmenschen Übergangsform scheint, erklärt sich durch Anpassung der Kinnlade ans Fleischfressen, wozu der ewig Früchte schmausende und keinem Tier etwas zuleide tuende Anthropoide nie Miene machte. Wenn für ihn vorhandene Pflanzennahrung genügte, warum wurde der Mensch karnivorisch? Kein Affencharakter gleicht den Fidschikannibalen, die am nächsten mit dem Orang-Utan zusammenhängen müßten. Da könnte man eher Voltaires Kennzeichnung seiner Landsleute als »Tigeraffen« wörtlich nehmen oder den Menschen wegen Beschaffenheit seiner Eingeweide für einen Verwandten des Schweines halten, zumal er sich oft schweinischer aufführt als ein Tier. Diese Ironie soll darauf hindeuten, daß es lächerlich bleibt, Psychisches durch Physisches erklären zu wollen. Anpassung und Selektion ändern immer nur Äußerliches. Nach Südamerika verpflanzte Schweine, Schafe, Katzen streiften einige nebensächliche Merkmale ab, blieben aber dann stationär, sowie der spätere Riesenbär der Schweiz sich so gut wie gar nicht vom Urhöhlenbär und der heutige Braunbär oder Grisly sich nur in der Größe von seinen Ahnen unterscheiden. Alle Tier- wie alle Menschenrassen sind untereinander verschieden, aber alle konstant. Bau und bräunliche Färbung des Negerhirns trennen keineswegs die psychische Grundlage vom Europäer, der früher geradeso an Hexen und Fetische (Heiligenbilder) glaubte, während man über manchen »Aberglauben« der Schwarzen (Telepathie, Hypnose) eine günstigere Meinung haben darf. Nun vertritt Vogt energisch eine nähere Verwandtschaft der Frau mit dem Affentyp. Wir versagen uns nicht die Ironie, daß dies eine Ehre für den Affen und eine Blamage für den Mann wäre, da an »Schwachsinn des Weibes« (Möbius) nur ein Narr, an die höhere sittliche Anlage der Frau jeder Erfahrene glaubt. Indessen trennen wichtige Merkmale selbst die Hottentottin erheblich vom Schimpansen. Übrigens variieren die Gewichtsmessungen von Boyd, Morton, Moigs, Walker so sehr, daß wir manchen Überraschungen der Übersichtstafeln nicht trauen. Bei Mexikanern, Grönländern, Malaien gibt es da Differenzen von 70–100 ccm und daß der Chinese dem Malaien und sogar der Rothaut weit nachstehe, ist schwer zu glauben. Merkwürdig berührt der Abstand des Hottentotten vom höheren Negertyp (um 135 ccm), und wenn die amerikanischen Sklaven um 25 ccm hinter dem freien Afrikaner zurückstehen, welches Gesetzchen will man daraus ableiten? Daß Barbarei dem Hirn förderlicher als Kulturanblick? Doch der »Napoleon von Südafrika«, jener schreckliche Kaffernkönig, war ein armseliger Schlucker im Vergleich zum Sklaven Toussaint Louverture, der als Staatsmann und Held geistig und sittlich die meisten Kaukasier beschämte und dessen treulose Ermordung als wirklicher Schandfleck an Napoleons Hand klebt, während dumme Europäer über formal berechtigte Erschießungen von Enghien, Hofer usw. zeterten. »Nur ein Schwarzer« und doch ein großer Mann? Wieso, da seine befreiten Landsleute noch heut ein trauriges Gesindel sind? Wieder ein Fingerzeig, daß die Psyche sich nicht in Rasse, Schädelgewicht, Physiognomie auszudrücken braucht. Der alte Empedokles lehrte selbständig die Reinkarnation aus eigener Erleuchtung und er hätte wohl für möglich gehalten, daß eine Psyche auf ihren geheimnisvollen Wanderungen sich von Insel Sizilien nach Insel Haiti begab! Zahlreiche Schädelfunde aus Schweizer Pfahlbautenzeit ergeben, daß der Schweizertyp, obwohl Kelten und Germanen die rätische Urrasse überzogen, wesentlich konstant blieb, ebenso der von Niederländern, Finnen, Lappen, Basken, also Transformierung uralter Rassen nicht stattfand. Nun fand man aber andere intellektuell tiefstehende Schädel an verschiedenen Punkten der Schweiz aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. Vogt nennt sie höhnisch Apostelschädel, die von irischen und anderen Missionaren dort hinterlassen seien. Jedenfalls steht fest, daß in so späthistorischer Zeit dort Menschentyps vielleicht das große Wort führten, die unverhältnismäßig niedriger waren als die prähistorischen. Die Basken (Ignaz Loyola und Minas Guerillas) seien den Atlantiern verwandt gewesen, als Europa noch mit Florida zusammenhing, ihre Sprache gleiche derjenigen der Ureinwohner Amerikas? Ein- und Auswanderung von Erdteil zu Erdteil kam wohl nur selten vor, und wenn Vogt vielleicht zu radikal jede asiatische Abkunft von Europäern leugnet, so bleibt die Ehre sein, daß er zuerst nachdrücklich den Stammsitz der Weißen nach Norden verlegte. Diese verdrängten wohl schon seit Diluvial- oder Alluvialzeit die dunklere Urrasse, unterhielten sonst zu ihr keine Beziehung. Von Evolution einer Rasse aus der anderen nirgendwo eine Spur, vielleicht fanden in Ostasien Kreuzungen negroider und jüngerer bleicherer Stämme statt, die auf Entstehung vom Mongolen und Malaien einwirkten. Indessen ist auch dies nebelhaft, denn Kastenwesen verbot Blutmischung, so daß noch heute Negroide in Indien sich erhielten. Entstehung der Ameroindianer durch mongolische Einwanderung ist eine schon sehr erschütterte Hypothese, Sprachähnlichkeit beweist nichts, denn diese geht hier bis auf die Sumerer zurück: Überall saß eine Urrasse, die bis zu gewaltsamer Ausrottung konstant blieb. Hätte die Affenmythologie einen Sinn, so müßte eben auch weiteres Aufsteigen höherer aus niederer Rasse folgern mit den Kaukasiern als Gipfel. Doch weder sind sie ein Gipfel und verdanken ihre spätere Vorherrschaft nur Europas günstigerer Lage, noch entwickelten sie sich aus irgend etwas als sich selbst Modifikation von Tierarten liegt kaum vor. Der Hund, des Menschen ältester Begleiter, ist prähistorisch der gleiche, die Hauskatze nur Verkleinerung der Höhlenkatze, von der nicht mal alle Raubkatzen abstammen, denn der gemähnte Löwe ist gleichaltrig uralt in gleicher Form. Nashorn, Flußpferd, Elefant, Rind, Schwein, Schaf, Ziege, Hirsch, Antilope, Biber, viele Vogelsorten erhielten sich unverändert, die Saurier als Krokodile und Eidechsen, der Flügeldrache hinterließ einen winzigen harmlosen Nachkommen in Südamerika. Verkleinerung ist nur Frage geschmälerter Nahrung, einige ausgestorbene Urformen zeigten schon durch ihre ungeschickte Bildung Lebensunfähigkeit. Schon im Nachpliozän findet sich das mit dem heutigen identische Vieh, der Auerochse starb noch nicht aus, das Torfschaf der Steinzeit war nicht größer als das heutige, die Schweizer Bergziege erhielt sich unverändert, das erst spät nach Europa verpflanzte Pferd ist sonst uralt und das griechische Fabeltier mit den acht Hufen dürfte als Spielart einst bestanden haben als lebensunfähige Ausnahme. Alle europäischen Früchte, Weizen, Hopfen wurden von den Pfahlbauern kultiviert, dagegen fehlten Gerste, Hafer, Hanf, asiatische Pflanzen, die der Europäer gewiß schon früh importiert hätte, wäre er früh aus Asien gekommen. Auch die Pflanzen sind also konstant, ihrem Boden eigentümlich. Dickhäuter und Affen verzogen sich aus Europa, weil ihr glattes Fell nicht der Eiszeit widerstand, die sogar dem dichtbehaarten Mammut in Sibirien und Kanada den Garaus machte, weil er zu lange mit dem Abmarsch zögerte. Wenn dem Amurtiger ein Pelz wuchs, so ist sicher wahrscheinlicher, daß dies prähistorisch geschah, nicht bei späteren Invasionen aus China, d. h. daß es sich auch hier um besondere Urgattung handelt. Gewaltsame Austilgung durch Menschenjäger oder Naturkatastrophen ist kein Verschwinden auf natürlichem Wege wegen ungenügender Anpassung, kein sog. Evolutionsgesetz hält der Prüfung Stich, nirgends nachweisliche Umbildung zu neuen Formen. Sogar Bastardisierung von Pferd und Esel (Maultier), Ziege und Schaf (von Wolf und Hund, Windhund und Pudel innerhalb gleicher Gattung) gibt nur flüchtige Variation und endet mit Unfruchtbarkeit. Art und Gattung bestreben sich überall, sich unverändert zu halten. Die Kopten bewahren den altägyptischen Typ trotz Umgebung von Arabern und Negern, die Nordinder den arischen trotz Überflutung von Parsen und Mongolen. Quatrefages verzapfte nur Unsinn über Verwandlung des Briten in den Yankee mit indianischen Merkmalen, gerade der echte neuenglische Yankee bewahrt treulich den Puritanertyp. Buckles Theorie über die Macht des Klimas macht umsonst die Rasse zum Spielball der Materie, nicht Spaniens Klima und Boden, sondern wechselnder Doppeleinfluß von Goten und Arabern erklärt alles. Der Materialismus haßt die Rassenseele als etwas Immaterielles, dem nicht beizukommen ist. (Die angeblich kosmopolitischen Juden hüten sich ihre eigene Rassenseele abzulegen!) Sie ändert sich auch nicht durch Sexualkreuzung, siehe Kanada, Louisiana und die den Spaniern abgenommenen Südstaaten, wo der französische und spanische Typ sich abgesondert vom germanischen vollständig erhielten, zumal beide Teile instinktiv der angeblich wohltätigen Rassenmischung widerstrebten. Das Geheimnis der Rassenseele zeigt die absolute Konstanz ursprünglicher Verschiedenheit ohne gemeinsamen Grundstock. Adam lebte gleichzeitig am Mississippi, wo man uralte Reste fand, wie am Euphrat oder baltischen Meer. Jede Rasse müßte, weil immer verschieden von der anderen, also ihren besonderen Affenahnen haben, obschon man höchstens einen Schimpansen in einer Urschicht irgendwo fand, wo blieben die vielen anderen anthropoiden Stammväter? Keine Art erlischt, sie wird sehr selten gewaltsam zerstört, setzt sich sonst mit gar keiner oder ganz geringer Modifikation fort. Für angebliche Ubergangsformen, auf die Darwin solch Gewicht legt, scheint viel bezeichnender, daß Wal und Seehund Säugetiere blieben, Albatros ein Vogel, trotzdem jetzt wie auch bei Biber und Otter Wasser ihr Element. Entweder müßten sie sich gesondert von übrigen Säugetieren aus Fisch und Amphibiennaturen entwickelt haben, was nicht mal ein Darwinist zu behaupten wagt, oder ihre Anpassung ans Wasser aus natürlichen Ursachen des Fischfangs änderte so wenig ihr Originalwesen wie beim Flußpferd. Ferner müßten wir für Vogelwerdung des Reptils ungeheure Zeiträume ansetzen, während für Menschwerdung des Schimpansen nur eine kurze Spanne übrig bliebe, obschon diese Leistung eine unermeßlich größere wäre und kein anderes Säugetier eine auch nur entfernt ähnliche Evolutionsänderung vollbrachte. Eür Veränderlichkeit der Spezies liegt nicht der kleinste Anhalt vor, z. B. erhielt sich das Genus Lingula aus Silurierzeit bis heute. Für Darwinistische Hypothesen müßte man einen Phantasieroman in unerforschliche Ferne verlegen, d. h. den gleichen Glauben verlangen wie Theologen. Das nennt sich exakte Beweismittel für Träumer, die nicht erwachen wollen. Wenn freilich einst der Anatom Owen jede Übereinstimmung der Schädelgrundform in Mensch und Affe bestritt, so konnten Huxley und Vogt sich solcher ängstlichen Rücksichtnahme auf einen theologisch vom Tierreich getrennten Homo entledigen. Gerade dem unzähmbaren Gorilla ist Aufrechtstehen am möglichsten, Hand, Fuß, Arm ähneln sogar mehr dem Europäer als dem Neger. Nun waren aber die ursprünglichen Lebensbedingungen des Westafrikaners die gleichen wie die des Gorilla, dessen Hand ihn hervorragend zur Herstellung von Werkzeugen befähigte. Er machte nicht den kleinsten Anfang dazu, sondern blieb ein einsames Ungeheuer, dem der Elefant aus dem Wege geht, doch intellektuell auf ihn herabblickt. Wie seine Riesigkeit in Wuchs und Stärke zu Pygmäen oder bei ähnlichen Anthropoiden zu schmächtigen Tasmaniern einschrumpfte, mit so verwunderlich Zoologischem mag sich der Darwinist abfinden. Gewiß, obschon jedes Suchen nach Zwischenstufen fehlschlagen muß, staunt man über die Hartnäckigkeit, die noch vor 50 Jahren den Homo als zoologisch alleinstehend verherrlichte, doch nach abermals 50 Jahren wird man über die Verblendung staunen, die aus Körpermerkmalen etwas anderes folgert als Körperliches, d. h. Ähnlichkeit der Sinneseindrücke. Daß diese beim Affen ungefähr ähnlich sind, zeigt seine Nachahmung menschlicher Gesten. Doch jede menschliche Psyche, auch ohne den »höheren Manas« indischer Seelenkunde, hat mit Unsinnlichem zu tun, hier beginnt die unüberbrückbare Verschiedenheit von jedem möglichen Denken des Schimpansen. Freilich fehlt dem Tier nicht Ichbewußtsein, wie nur oberflächliche Beobachtung glaubt (man denke an Sultangebräuche einer Affenhorde oder den souveränen Leithammel der tibetanischen Riesenwidder), doch es wächst natürlich graduell mit der Selbstsuchtabsonderung des Menschen. Damit verbindet sich Schwächerwerden der Sinne, was schon beim Neger auffällt, dessen Schmerzunempfindlichkeit bei keinem Anthropoiden vorkommt. Vogt vergleicht irrig die Furcht des Wilden vor dem Donner mit dem Scheuen von Pferd und Hund, denn letztere sehen uns Unsichtbares offenbar körperlich, sonst läßt sich das Entsetzen sonst so mutiger Tiere nicht erklären, der Wilde aber vermutet nur Unsichtbares als Wirkliches und zieht daraus spornstreichs einen Vernunftschluß zur Religion. Das ist kein Verstandesschluß der Erfahrung , wie er allenfalls noch beim Schimpansen möglich wäre. Das weite Ausgreifen supranaturellen Denkens und Empfindens, wodurch der Mensch sich ein unsichtbares Geistreich schuf, bleibt rätselhaft, denn bei psychischen Vorgängen läßt sich nie erfassen, wie und wodurch sie entstanden. Aus zoologischer Materie vermittels sinnlicher sog. Erfahrung unsichtbare Evolutionsgesetze erdichten, hat eine scherzhafte Seite, die das Lachvermögen eines Brüllaffen übersteigt: Der Darwinist handelt hier genau wie der Wilde, als ihn ein psychisches Hellgesicht aus bloßer Materieerfahrung zu Metaphysik heraushob. Was man heute als Radioaktivität entdeckte, setzt sich eben als Psychokraft um, die das Sichtbare mit Unsichtbarem durchstrahlt. Einbildungskraft ist Bildungskraft, Phantasie die höchste Bildungskraft des Manas, weshalb eben die Antike den Dichter Vates (Seher) und Poetes (Schöpfer) nannte. Hätte der Gorilla nur einen Funken dieses psychischen Elements, so müßte es allzeit in ihm aufblitzen. Doch so logisch Philistermaterialismus als Gorillaweltanschauung wäre, so kennt der Gorilla, sonst ein anständigerer Kerl als der Philister, leider weder Welt noch Anschauung. Er blieb Affe pur et simple, gerade wie der Mensch seit Anbeginn eine besondere Spezies vorstellt, die ihre Psyche irgendwo aus dem Äther beziehen konnte. Beliebige Kausalitäten sind nicht Evolution. So hat die Gans noch Schwimmhäute an den Füßen, benutzt sie aber nicht so berufsmäßig wie Ente und Schwan, sondern watschelt lieber akklimatisiert auf dem Lande, wo sie ihren gezähmten Zustand ernährungsgünstiger findet, während Ente und Schwan ein Wasserleben für zuträglicher halten. Alle drei benutzen kaum mehr ihre Flügel, während Wildgans und Wildschwan noch gehörig fliegen. Überall einfache Nahrungsanpassung. Offenbar verwandelte sich so der Kranich teilweise zum Flußreiher, dessen spitzer Schnabel weit besser zum Fisch- und Insektenfang geeignet als Reptilschnauze und Plattschnabel. Deshalb braucht er nicht zu Wasser gehen wie Ente und Schwan, ebensowenig der Storch. Beständen bestimmte Evolutionsgesetze, so hätten die der Gans hinderlichen Fußhäute eingehen und so ihr Gang sich verbessern müssen. Äußere Anpassung bewirkt nur Äußerliches. Wenn Wildente und Eidergans etwas Trangeschmack haben, so beweist dies Einfluß des Wassers, doch gewiß nicht Verwandtschaft des tranreichen Walfisches! Schwan, Gans (Ente dagegen kaum) ähneln im Gegensatz zu allen anderen Vögeln in Langhals und Kopfprofil etwas dem platten langgestreckten Schlangenschädel, doch gleiches könnte man von Giraffe und Kamel sagen, denn solche Kopf- und Halsform ist nur lokalen Bedingungen angepaßt, ohne daß man daraus Verwandtschaft mit dem Reptil entnimmt. Bewegt der Schwan beim Schnappen den Hals wie die Schlange, so folgt er nur lokaler Nötigung gegen Wasserinsekten. Was soll denn die Gans sein, Übergang aus Reptil zu Vogel oder zu Säugetier? Sie frißt Nudeln und Kartoffeln, die Ente auch, was weder dem Reptil noch dem sonstigen Vogel einfällt. Der stets bösartige Gänserich sucht zu zischen wie eine Schlange, hat aber ein besonders starkes Geschwätzigkeitsorgan und steht geistig ziemlich hoch, während er »evolutionär« auf der Skala tiefstehen müßte, weil einzig Gans und Schwan im ganzen Vogelreich gewisse reptilartige Äußerlichkeiten zu haben scheinen. Gab es fliegende Reptile, so hatten sie einfach den Flügelbau der Insekten, deren Wurmkörper sie natürlich fortsetzten, aber nicht von uns bekannten Vogelarten. Da das Reptil sich ebensogut aus dem Wurm wie aus dem Fisch entwickelt haben könnte, sein schwaches Fliegen (Drache) nur dem Insektenflug ähnelt, so ist seine Entwicklung zum Vogel um so unwahrscheinlicher, als sich in alten Straten der Vogel längst vom Reptil gesondert findet wie letzteres vom Fisch, und welche von den 200+000 Insektenarten schon bestanden, weiß man nicht. Sofern der Darwinismus nicht offene Türen einrennt, verwechselt er stets transformierende Anpassungen mit wirklicher Umwandlung der Arten. Ist nicht wahrscheinlicher, daß der freifliegende Vogel die Urform und die kleine Spielart schwimmender Vögel nur durch Futteranpassung daraus entstand, statt umgekehrt Aufstieg aus dem Amphibienbereich? Ähnlichkeiten erklären sich viel einfacher durch die schon von Leonardo gesuchte Gleichmäßigkeit der Strukturen im Grundbauplan der Natur, die alles Animalische wie alles Pflanzliche nach ebenso einfachen wie sinnvollen Allgemeinregeln formt. Baum und Blume haben Keimsamen, Wurzeln, Stamm (Stengel, Blüte, Wipfelkelch). Trotzdem behauptet wohl niemand, daß die Eiche sich aus der Rose entwickelte. Diese wilde Verwirrung der Begriffe bedeutet nur ein vorwitziges Spiel, in die unbegreifliche Mannigfaltigkeit der Phänomene solche Gesetze hineinzuzaubern, wie sie dem Menschenverstand einleuchten. Die Gesetze, nach denen die schöpferische Unendlichkeit arbeitet, müssen uns notwendig ebenso unbegreiflich bleiben wie sie selber. Sie richtet ewige Transformationen ewigen Werdens schwerlich danach ein, ob der Herr Lehrer sie für seine Schule gebrauchen kann, man kann sich allegorisch vorstellen, daß Dame Natur vor übermütigem Lachkrampf ein Erdbeben bekommt, wenn sie an ihrem Herd ein Darwinistenkochbuch zur Hand nimmt und sich ihre Rätsel von Vater Häckel als Rezepte für wissenschaftliche Leibgerichte servieren läßt. Die Ente ist gefühlvoll und anhänglich, bittet zutraulich, wenn man ihre Sprache versteht; die nahe verwandte Gans fordert frech, ärgert sich über alles, haßt den Menschen, doch auch hier gibt es Ausnahmen von Dankbarkeit für gute Behandlung. In den Arten ist alles individuell ohne jede Zusammengehörigkeit. Anpassung ändert nie das wahre Wesen beim Tier wie beim Menschen. Wenn ein Literat aus Weltkriegsnöten sich schmutzigen Geschäften anpaßt, evolutionierte er sich dann zum Schieber? Er bleibt immer der gleiche Gänserich, nur die Nahrung ändert sich, nicht mal die Schwimmhaut! Gleiche Gattung, ungleiche Psyche. Wie verhält sich der kluge Bär zum Schwein, der weise Elefant zum Tapir, Nashorn und anderen idiotischen Dickhäutern? Der Affe hat zwar einen schlechteren Charakter als manche anderen Tiere, steht aber moralisch hoch über dem tückischen Südseekannibalen, der »Morden« und »Töten« sprachlich nicht unterscheidet und für Vater- oder Kindermord, die beliebtesten Taten, eigene Kosenamen hat. Doch die gleich alten Ceylon-Weddha und afrikanischen Pygmäen sind gutartig, die weiland Buschmänner dazu noch hochbegabt und die höchste bisher auf Erden erschienene Rasse vom Neanderthaler bis zum Sumerer entstand noch viel früher, die vornehmste Menschenpsyche stände also zeitlich dem Anthropoiden am nächsten! Es ist nicht mal beweisbar, ob der Heidelberger oder Tiroler Urmensch mit dem Neandertaler oder Aurignacier, deren Schädel schon Vogt als »vornehm und nobel« pries, irgendwie auf einem Stammast saß. Viel wahrscheinlicher, daß es sich hier um verschiedene Keimzellen handelte. Selbst der mythische Duboisaffe wäre aufrecht gegangen, was die ganze Struktur entscheidend ändert, kein Fossil liefert Anhalt dafür, daß die Menschengestalt je affenähnlicher war als heute. Wir erkennen im Haeckelismus nur überspannte Reaktion gegen das »Ebenbild Gottes« und seinen Grundirrtum darin, daß er lokale Varianten für wirkliche Umformung hält. Jedes Organ stärkt oder schwächt sich durch Ausbildung oder Nichtgebrauch, bei Athleten oder Botenläufern der Bizeps und das Bein auf Kosten der Herztätigkeit, bei Gelehrten das Hirn auf Kosten der Muskeltätigkeit, bei Musikern das Gehör unter Einbuße anderer Fähigkeiten. Solche Abschleifungen evolutionieren nicht, sind nicht mal Milieuanpassung, sondern gehen schon aus Verschiedenheit individueller Anlagen hervor, deren wirkliche Ursache in fernes Dunkel zurückführt. Der Neanderthaler strengte gewiß seine Muskeln an, trotzdem muß seine Nachkommenschaft schon früh eine zahlreiche Künstler- und Denkerrasse besessen haben, die auf allgemeines Verständnis stieß. Sexualzeugung ist nur gewöhnliche Kausalität, die beste Zuchtwahl kann durch ungünstige andere Kausalitäten beeinträchtigt werden. Manchmal scheidet eine Tiergattung ihre unnützen Mitesser gewaltsam aus, was die Spartaner für schlechte Neugeburten nachgemacht haben sollen. Indessen sorgen Ratten und Störche für ihre Alten und Krüppel, der gallige Gänserich ritterlich für seine Familie, selbst altruistischer Trieb zeigt sich als rein individuell, nicht als natürliches Grundgesetz. Die von Biologen gewünschte Ausmerzung oder Fortpflanzungshinderung von physisch Untauglichen könnte ein fragwürdiges Gut werden, da öfters psychische Erhöhung aus Morbidität entsteht, woraus freilich nicht folgert, daß Geniale schwindsüchtig sein müßten! »Der morbide Hirnboden des Genies« gehört zu jenen Narrheiten, für die der Engländer den Ausdruck »Jump at conclusions« hat. Eine nur physisch starke Rasse von Bolschewisten würde immer Rückschritt bedeuten, und wenn angebliche blonde Bestien nachher Kulturträger wurden, so verdankten sie es besonderen psychischen Eigenschaften, sonst wären die gesunden starken Nordindianer nicht kulturunfähig. Wenn Corriger la fortune ein Euphemismus für Falschspiel, so ist Corriger la nature mit Wissenschaftsphrasen gleichfalls intellektueller Betrug. Man will nicht einsehen, daß die unsichtbaren Mächte sich keine Matura von Professorenkollegien einholen, daß sie als freie Künstler arbeiten, daß alle Materie nur Materialisation psychischer Prozesse bedeutet, die unendlich vielfältigen Lebensformen sich also nur nach unerkennbaren Bedingungen der Weltpsyche richten und diese nur der gleichen souveränen Eingebung gehorcht wie die Intuition des Genies. Die einzige Ursache der einstmaligen Kulturgründung war nur die ursprüngliche Psyche bestimmter Neanderthaler. Diese hatten große tiefliegende Augenhöhlen und der Mensch scheint sich Psychisches nur mit physischen Merkmalen vorstellen zu können. Daher die Legende von »großen Augen« großer Männer, was doch nur auf Herzhypertrophie deuten würde, durch Gifte dehnt sich die Pupille aus, andererseits kann sie sich durch übermäßigen Gebrauch der Augennerven zusammenziehen. Tiefliegende Augen, bei genialen Stirnschläfen naturgemäß, können unmöglich groß sein, nicht umsonst hat der Elefant ein kleines Auge. Auch hört man stets Widerspruchvolles, so sei bei Alexander und Byron das rechte Auge größer gewesen, ersterer habe ein grünes und ein braunes gehabt. Der Cambridgeprofessor Scott, der Napoleon auf Elba sah, erklärt dessen Augen für klein, sein Gesicht in ruhigem Zustand sehe dumm aus, belebe sich aber vorteilhaft im Gespräch, besonders das Auge. Natürlich, offenbar ist nur der Ausdruck des Auges maßgebend, nicht der Bau, d. h. nicht das äußerlich Erkennbare, sondern die verborgene Psyche, die erst durch ihre eigene Energie zum Vorschein kommt. Hund und Papagei mit ihren sofortigen meist richtigen Sym- und Antipathien sehen offenbar vom Menschen mehr als wir vermöge unerklärlicher psychophysischer Witterung. Kein Auge kann sich selber sehen und der Mensch müßte, um seine Vergänglichkeit zu beurteilen, sich erst selber kennen, was unmöglich ist. Ist der Athlet sich bewußt, daß sein Bizeps an sich kraftlos wäre, wenn nicht unsichtbarer Hirnbefehl seine Muskeln verwendbar straffte? Alles Außenschauen kann das Weltbild nur verschwommen chaotisch vorstellen, nur Innenschauen etwas Klares und Geordnetes. III Ist es genug des grausamen Spiels, müssen wir noch Glossen über den Anfang historischer Zeitalter hinzufügen? Siehe gleich die Phantastik der Evolutionslegende bezüglich Afrika. Erst vor 12+ooo Jahren erreichten die Neger aus Südasien das von Elefanten und einigem andern Getier bevölkerte Zentralafrika. Wir hegen über Entstehung der dortigen Anthropoiden einen so einschneidenden Verdacht, daß wir dringend zu wissen wünschten, ob die Neger damals wirklich den Gorilla antrafen. Keinenfalls können sie sich aber aus ihm entwickelt haben, wenn sie ihn dort vorfanden, und ihre Altfordern in Lemurien (Papuaneger in Polynesien, Melanesier, Kontinentalaustralier) hatten nie den Vorzug, mit Anthropoiden zu verkehren; sintemal es solche dort nicht gibt noch gab. Denn der famose Javaner ließ sich nicht dazu herab, seine Menschenfamilie zu begleiten, und beschloß sein schattenhaftes Phantasiedasein, indem er 20+000 (oder 100+000) Jahre bis heute als Orang-Utan weiterlebte. Bleibt also nur der Ausweg, daß in Osteuropa und Westasien, der neuen Menschheitwiege, sich irgendwo das missing link herumtrieb, doch mit Stumpf und Stiel schon aus der Pliocänschicht spurlos verschwand, weil ausgerechnet gleich in die »höchste« Rasse, die weiße, verwandelt! Denn es scheint ausgemacht, daß der weiße ligurisch-lybische Mittelmeermensch, der schon Nordafrika besetzte, ehe Semiten und Neger aus Arabien westwärts anrückten, die älteste bisher erhaltene Rasse ist, älter als gelbe und schwarze. Eine Evolution nach unten, die aus dem gleichen imaginären missing link Rassen von ganz verschiedener Qualität erzeugt! Es steht fest, daß die zunächst am Nilkatarakt angesiedelten Neger obwohl mit ägyptischer Hochkultur in naher Berührung, heute die gleiche Minderwertigkeit zeigen wie vor 12+000 Jahren. Die in Ostafrika ausgestorbene Urrasse hat nichts damit gemein. Nun ziehe man umgekehrt die Logik aus der Historie »the opening up of Africa« des Kolonialstaatsmanns Sir Johnston. Semiten, Hamiten, Neger, Malayen, Mongolen, Ameroindianer (ursprünglich keineswegs Abart von erst später dorthin verschlagenen Mongolen, sondern Mischlinge älteren Ursprungs, »halb ein Weißer in Körper und Geist«, weshalb Azteken und Inkas Wiederkehr weißer Götter erwarteten) scheinen nur Seitenableger der weißen Rasse, entstanden durch klimatische Einflüsse und steigende Blutkreuzung der verschiedenen Abarten untereinander und mit der langsam aufgesogenen Urrasse, die aus Europa verschwand und sich geschwächt und herabgestimmt nach verschiedenen Enden des Erdballs entfernte (Südafrika, Australien, Grönland), jedoch noch lange in Ägypten und Babylonien aushielt, vermutlich früher in Atlantis. Alle späteren Arten behielten ihr besonderes Rassenwesen ebenso unverändert, wie ihr Stammvater der weiße Europäer in seinen zwei Typen, dem blonden Nordländer vom Griechen bis zum Slaven und dem schwarzhaarigen Mittelmeermenschen, zu dem wohl auch bald herrschende Kreise der erst viel später semitisch-hamitisch gemischten Ägypter gehörten, deren wunderbare Kultur im Ansatz vertiefteren Seelenlebens die europäischen Indogermanen nur ähnlich übernahmen mit Ausnahme der uralten Inder selber. Beiden war die Urweisheit der Karmalehre gemeinsam, ebenso den fernen Azteken und Inkas mit ihren Pyramiden. Diese älteste der überlebenden Rassen gründete auf den Trümmern jener älteren Urkultur die eigene, welcher die aus ihr abgezweigten Seitenrassen nur unvollständig (Semiten und Mongolen) oder gar nicht folgen konnten. Indessen genossen Chinesen einst atlantische Hochkultur, Priorität der Weißen bleibt unbestimmt, laut Genesis alle nebeneinander. In Vorderasien enthüllt der Unterschied der Perso-Baktrer, Phrygo-Hittiter, Philister-Galiläer von den Assyrern, Phönikern, Juden, Arabern das Übergewicht einer Herrenrasse? Aber waren die älteren Ägypter vor Einwanderung weißer Lybier und die Sumerer (Chaldäa) mit ihrem negroiden Magdalenertyp etwa Weiße? Und doch waren grade sie die wahren Aufbauer jener Kultur, als deren fröhliche Erben die Weißen sich niederließen. Jedenfalls behauptete der Europäer, der älteste Stammvater heutiger Rassen, bis heute seine Vormacht, nichts änderte sich, erst recht nicht in der Energie der Bestrebung, die bei den Seitenrassen sogar ungeheuer abnahm. (Jüngstes Emporkommen der aus Malayen und Chinesen gekreuzten Japaner wird ebenso als Episode versanden wie der arabische Islam.) Das heutige Afrika außerhalb der aufgepfropften Kolonisierung steht selbst bei den Nubiern, die einst vorübergehend von einiger Kultur beleckt wurden, tief unter dem Afrika der Pharaonen, Berber, Karthager sowie der kühnen Küsten- und Inselbesiedlung durch Araber, im Indischen Ozean durch Malayen. Karthagos und schon früher Ägyptens (unter Necho) Umschiffung Afrikas kam den Portugiesen, Handel treiben bis zu den Scillyinseln den Holländern und Engländern um Jahrtausende zuvor. Außerdem verweisen Funde am Zambesi und in Nubien sowie in Westafrika auf uralten prähistorischen Kulturstand. Wenn wir aus dem Begriff Entwickelung völlig den Sinn Fortschritt streichen, so bleibt selbst zoologische Transformation (für die ältesten Ungeheuer genau so milieumäßig wie die heutige Fauna) für Menschenrassen unanwendbar. Germanen und Kelten sind heute die gleichen wie bei ihrem ersten Auftreten, Semiten und Mongolen blieben ebenso unveränderlich wie Überbleibsel der Hellenen in Epirus und Naxos, der berühmte Affenmensch lebt heute noch unverändert als Vetter Schimpanse. Wer die Vergangenheit kennt, kennt auch die Zukunft, von der schon die Gegenwart imprägniert ist, wie Leibniz sehr richtig lehrte. Das heutige Unheil ist sicher geringer als das der Eiszeit, wo das hyperboräische warme Klima sich tödlich erkältete, die Überbleibsel der damaligen Rasse überdauerten es aber. Für die unverwüstliche Lebenskraft der Deutschen ist die beispiellose Heldenleistung des Weltkriegs kein verlorenes Gut, sondern vererbt sich im Blute. Wer das Trommelfeuer überstand, schafft ein psychisch stärkeres Geschlecht, und wer weiß, ob nicht, wenn der aufgepeitschte Schlamm sich verlief, diese Sündflut manche alten Sünden ertränkte! Aus der kleinasiatischen Überschwemmung (nicht zu verwechseln mit der kometarischen Sindflut in Sind am Indus, woher der Name stammt) retteten sich die Sumerer in mächtig anschwellende Daseinserhöhung. Wenn Delitzsch diese Herrlichkeit den Semiten zuschanzen wollte, so irrte er gradeso wie wenn Johnston die ägyptische den weißen Lybiern schenkt. Er geriet in Verdacht, »Bibel und Babel« solle nach Art jüdischer Orientalisten semitische Propaganda treiben. Man erboste sich freilich verfrüht, denn er bekehrte sich später überraschend zu den Sumerern als den wahren Kulturträgern, meint aber irrig, sie seien bald in den Semiten untergegangen. Die Nordchaldäer (Akkader), weil von Semiten anfangs unterworfen, verloren noch lange nicht ihren Urcharakter, und Elam (Südchaldäa) behielt sein unsemitisches Wesen noch unter der Cyrusdynastie. Rasche Aufnahme der Gräkisierung am Euphrat-Tigris, wo die Urrasse sich mit arischen Persern verschmolz, steht in vollem Gegensatz zur Widerspenstigkeit der Semiten von Karthago bis Arabien gegen höhere Gesittung. Alle Evolutionisten legen sich zurecht, daß jüngere Rassen ältere übertreffen, ein sinnloser Wahn. Die Urkultur gehört ausschließlich der Urrasse an. Ägyptens alte Dynastien besaßen ein ausgebildetes Staatssystem des monarchistischen Legitimismus, wie es erst viele Jahrtausende später Louis XIV. erreichte, ungleich der Zerfahrenheit des römischen Cäsarismus oder des türkischen und russischen Sultanats. Der Ketzerkönig Akben-atem (Amenhotep III., 18. Dynastie) nahm Erscheinungen wie Julian Apostata und Staufenkampf gegen den Klerus vorweg. Die äußere Zivilisation im Nilland mutet geradeso »modern« an, wie die auswärtige Politik gegen Lybier, Neger und Vorderasiaten. Spätere Anpassung an Hellas und Rom, wobei Ägypten seine Geheimlehre den Griechen (Eleusinische Mysterien) und seinen Religionskult den Cäsarischen Römern aufzwang, zeigt von schmiegsamster Geschmeidigkeit im Beharren. Kultur im höheren Sinne blühte derart; daß sie davon reichlich an Hellas abgeben konnte. Die gewaltige Skulptur und Architektur, verbunden mit eigenartiger Malerei und gemalter Schriftsprache, gaben dem Ganzen einen feierlichen Ernst erhabenen Stils. Die wirtschaftliche Kraft, durch großartige Kanal- und Schleusenbauten gefördert, die England dort später nur nachahmen konnte, war stark genug, um politische Krisen wie unter Meremptah und Ramses III. zu überstehen. Kein späteres asiatisches oder gar afrikanisches Staatswesen läßt sich auch nur im entferntesten damit vergleichen, kaum ein europäisches. Der Sturz des Pharaonenreichs bedeutete für Afrika den Rückfall in ständige Barbarei. Als der Mahdi bis Assuan barbarischer hauste, als je die Hirtenkönige der Hyksos in uralter Zeit, konnte man auf seinen Schädelpyramiden über Evolution nachsinnen. Die Akkader-Sumerer (Babylonier-Chaldäer), wohl zweifellos Magdalenier oder sonstige Seitenableger der Urrasse, obschon ihre Sprache sich den Mongolen Zentralasiens etwas nähert, hatten eine andere Linienführung der Kultur, die noch mehr der modernen glich als die ägyptische. Hier tritt die bildende Kunst in den Hintergrund neben erstaunlicher Entwickelung der Industrie, die den in Ägypten tonangebenden Ackerbau, obwohl auch dieser die Täler am Euphrat und Tigris üppig beherrschte, weit überwog. Hier treffen wir eine Rechtsordnung bis ins kleinste (Ärztehonorare auch für Chirurgen und Tierärzte) durchgearbeitet, wo der Arbeitersklave sparen, Eigentum erwerben und sich freikaufen kann, wo der weibliche Geburtenüberschuß sich in kooperativer Gilde unverheirateter Geschäftsdamen mit zölibatärem Gelübde vereinte (so die Frauenfrage besser löste, als bisher den Europäern vergönnt), wo die Verheiratete dem Manne gleichberechtigt und jeder asiatischen Haremswirtschaft enthoben. Wahrlich, Hammurabi, den ein kindischer Willy neben Wilhelm dem Großen gelten ließ, war der weise Fürst eines weisen Volkes. Das Fehlen großer Kunst, so begreiflich bei industrieller Bourgoisie, darf man hier wohl mehr dem Mangel an Stein zuschreiben. Vom so reichlich vorhandenen Ton machte man erfinderischen Gebrauch in Schreibtafeln, die eine überaus rege Korrespondenz ermöglichten. Schaut man dies babylonische System an, dessen milde Sternengötter keine semitischen Opfer verlangten, obwohl Priesterhierarchie geradeso unheilvoll wirtschaftete wie unter der 21. ägyptischen Dynastie, und später sogar noch das minderwertigere Perserreich, wo Darius regelmäßigen Postdienst einführte, wie ihn Mitteleuropa erst im 19. Jahrhundert durch Thurn- und Taxissche Postkutschen bekam, so lacht man bitter über eine Evolution, die an Stelle der Ägypter und Babylonier, dieser würdigen Fortsetzer der Neanderthalrasse, erst Semiten und später nach unfruchtbarer Gräkisierung mongolische oder tatarische Horden setzte. Von dieser glorreichen Entwickelung erholte sich Vorderasien bis heute nicht. Die alten Beduinen waren nur dazu da, um durch semitische Razzia gegen Ur und Erida und später im Norden, wo man (ähnlich wie die »Chinesische Mauer«) einen »Medischen Wall« gegen die iranischen Nomaden errichten mußte, die sumerische Kultur zu stören. Sargon und Naramsin gründeten ein Semitenreich von Akkad bis Ur und zwangen den Babyloniern teilweise ihre Sprache auf, sonst hatten sie nichts zu geben. Als im 3. Jahrtausend v. Chr. die zweite Semitenrazzia Kanaan besetzte, nahm dort die Barbarei überhand. Kananiter und Syrer als Zweig der Araber und andere Semitenpulks überschwemmten das Sumererland und gründeten Assyrien. Aus ihnen bildeten sich auch die Juden und der Hirtenkönig Abraham scheint dem langen Einfall der Hyksos in Ägypten (2000–1500 v. Chr.) nicht ferngestanden zu haben. Ob dies vor, während oder nach der ägyptischen 12. Dynastie stattfand, weiß man nicht, wahrscheinlich nach. Indessen heftet sich noch an Sargon sumerische Tradition und wir möchten unsererseits mehr ethnologisches Licht verbreiten, daß es sich ursprünglich schwerlich um Semitisches handelt. Die Phryger nämlich zwischen Hellespont und Taurus, zwar durchtränkt mit babylonischer Industrie, doch sonst ein neolitisches Urvolk mit Ablegern bis Armenien und am Schwarzen Meer, überrannten schon unter Hattusil I. (Zeit 12. ägyptische Dynastie) zeitweilig Babylonien und drangen später, mit Kananitern vermischt und mit Gefolge von Beduinen, in Ägypten ein, wo sie die 14.–16. Dynastie gründeten, dann aber gänzlich von der neuen einheimischen 18. bis Cilicien zurückgeworfen wurden. Diese Hyksos werden wirklich auf Urkunden mehrfach als Nordlandtyp angedeutet und brachten vielleicht schon damals Enakssöhne der Philister nach Kanaan, welche möglichenfalls (Chamberlain ergeht sich darüber) zur arischen Rasse gehörten, die im Bronzezeitalter sich ankündigt. Keinenfalls können die »Hirtenkönige« Wüstenräuber gewesen sein, sonst hätten sie sich nicht so rasch zivilisiert und eine rassenfremde Hochkultur in sich aufgenommen. Der neue Babelkönig Hammurabi befand sich 2300 v. Chr. im Kampf gegen die Kananiter, deren Greuelnest Sodom er ausbrannte. Sein Titel »König der Rechtschaffenheit« deckt sich mit »Melchisedek« der Bibel. Noch 1000 Jahre später wehrte der Assyrer Salmanassar die dritte arabische Razzia ab, die aramäische, die in Damaskus ihren Herrschersitz aufschlug und den Judenstaat bedrängte. Der semitische Einfluß besaß starken Rückhalt in den Syrophönikern, deren Haupthafen Byblus schon unter der 6. Dynastie mit Ägypten Holzhandel trieb, der sich später auf Zypernkupfer, Silber, Spezereien, Früchte ausdehnte und dafür Korn, Leinewand, Papyrus, Elfenbein eintauschte. Die Bronzemanufaktur in Sidon und Stahlindustrie in Damaskus blühten schon unter der 18. Dynastie, die ihre Herrschaft zeitweilig bis zum Euphrat vorschob. Doch nahe Berührung mit den Semiten bekam den Ägyptern übel, wie ihr nachfolgender Verfall beweist. Dagegen vertrugen sich die Hittiter von Kappadozien, mächtige Verwandte der Phryger, nachdem sie um 1400 unter Amenhotep IV. das ägyptische Klientelreich Mitanni zerstörten, dann aber von Salmanassar I. und Ramses III. wieder nach Kleinasien getrieben wurden, fortan mit Ägypten, denn sie wollten sowohl gegen die Semiten als gegen die aus Nordwest vordringenden Pelasgoarier Front machen. Dies merkwürdige Volk hatte dieselbe Hochachtung vor der Frau wie Sumerer und Ägypter im Gegensatz zur semitischen Haremswirtschaft. Wir erkennen hier Rassenzusammenschluß der Sumerer mit der weißen Mittelmeerrasse gegen die Semiten. Das phrygisch-lydische Hittiterreich seit Hattusil II. war 1200 v. Chr. vielleicht auf dem Wege, altbabylonische Kultur wieder herzustellen, wurde aber durch offenbar skytische Völkerschaften (dabei »Amazonen«) erschüttert, die schon Tiglath-Pileser I. in Assyrien zu schaffen machten. Indessen behaupteten sich die Hittiter noch in Karchemisch am Euphrat. Nach 1275 (Gründung Ninives bei Mosul) ließen die Assyrer ihren schrecklichen Gott Assur, der an düsterer Härte noch den jüdischen Jave übertraf, gegen Vorderasien los, semitische Tücke gepaart mit bestialer Grausamkeit der unterworfenen Kurden, ursprünglich wohl ein neolitisches Urvolk wie die Skyten, dann eine Bastardrasse. Dieser ursprünglich abscheuliche, später hochzivilisierte Gewaltstaat, schlug das Nomadenzelt seines grimmen Militärsultanats inmitten 600 jähriger Razzia auf und plünderte alle Lande. Die Tiglath-Pileser und ihre Nachfolger untergruben anfangs sumerische Altkultur und die beginnende phrygische, blieben aber stets in Sorge vor Iraniern, Armeniern, Skythen, die sie seit 820 öfters züchtigten, doch kaum in Zaum hielten. Semitischer Militarismus entsteht nur wie beim Islam durch religiösen Fanatismus, in den sich der schonungsloseste Stammesegoismus kleidet. Die Kunst der Assyrer, grotesk götzendienerisch, kannte echt semitisch nur Form und Technik, ihre merkwürdige Schreibseligkeit und Bücherbildung – in Ninive gab es eine große königliche Bibliothek – gleicht dem Talmudismus, eklektisch und plagiatorisch. Wie die Juden ihre »Genesis« den Assyrern entlehnten, so eigneten diese sich unschöpferisch philologisch Sprache und Literatur der Akkader an, deren Keilschrift und Tontafeln sie übernahmen und deren heilige Schriften sie übersetzten. Dafür fertigten sie genaue Diktionäre an. Die Auffassung, angeblich semitische Babelherrscher und deren assyrische Überwältiger hätten die wunderbare Organisierung der babylonischen Kultur verursacht, ist offenbar Fälschung. Der »semitische Genius« der Ausbeutung paßte sich einfach dem Vorgefundenen an, so weit es sich mit utilitarischen Zwecken vertrug. Alles ist nur auf praktischen Nutzen angelegt. Selbst die Heiligung des Sabbat nach Mondberechnung stammt von den Sumerern, die das Paradies und den Baum des Lebens nebst Adam und Eva und Schlange nach ihrer heiligen Stadt Erida verlegten. Die Überschwemmung, welche ihre Altvordern angeblich am Arrarat erlebt hatten, besangen sie in Liedern und einem großen Epos, dessen Einteilung mit Sternenkunde zusammenhing, wie denn Sumerer und Ägypter schon sehr früh Astronomie betrieben und sie theosophisch (Geheimnis der Cheopspyramide) als kosmische Bestrahlung verstanden. Indessen meinte ihre Tradition eine viel ältere und größere Sintflut, worüber wir später noch viel sagen müssen, verballhornt durch die Judenbibel. Aus einem mystischen Symbol des »Schiffs«, als Schrein eines Gottbilds gemeint, mit dem »Sonnengott der Berge« als Piloten machte der nüchterne Judenverstand nachher eine kindische Arche und aus einem mystischen »Tor Gottes«, das eine Urrasse von Titanen luziferisch erstürmen wollte, aus ethymologischem Mißverständnis »Babel«. Die akkadische Legende vom dortigen Turmbau ist lediglich eine andere Version der hellenischen Gigantomachie, wo man den Ossa auf den Pelion stülpen und so Gott näherkommen wollte. Uralte Symbolik für Entstehen des Karmafluchs, wo Größenwahn durch Ichsucht jede Einheit verlor, daher die Menschheit sich spaltete und »zerstreute«. Ähnlich wurde aus dem chaldäischen Sisuthros »Sonne des Lebens« als »Weisheit« ein biblischer Noah, was im Assyrischen »Ruhe« bedeutet: theosophische Symbolistik, daß Erkenntnis in der Sündflut des Lebens Ruhe bringt. So wird alle Urweisheit semitisch vergröbert. Daß die biblische Paarung (wohl akkadische Mystik für ein Urgeheimnis) von »Söhnen Gottes und Töchtern der Menschen« Mischung »weißer« Semiten mit dunklen Sumerern bedeutet, wie Rawlinson meint, ist unsinnig, da die Semiten sich selbst nur »olivenfarbig« (Sem) nannten im Gegensatz zu Japhet (Weiß), worunter sie die Iranier und südrussischen Kimmerier (Gimmirai, Nachbarn der Skythen) verstanden. Letztere warf der Assyrer Esarheddon erst 670 nach Lydien zurück, wo ihr König Gyges (Gog) Tribut zahlte. Die späteren Lydo-Phryger waren also Arier, gemischt mit Mittelmeerurrasse. Gleiches gut wohl für die Tubal und Moschi, mit denen die Achäer Händel bekamen. Diese bildeten ihr Wort Ionien aus Javan, nämlich Cypern, das schon Sargon berührte und das später lange unter ägyptischer Botmäßigkeit stand: rassenmäßige Verbindung der Ägypter und der das ägäische Inselmeer bewohnenden Myceno-Kreter. Letztere wurden von den Ägyptern Keftim genannt – nicht, wie der Oxforder Philologieprofessor Sayce in »fresh light from ancient monuments« meint, die Phöniker. Doch standen als vorgeschobene Küstengarnisonen auch diese in Abhängigkeit der Pharaonen, die bei Punt auch die Somaliküste beherrschten und ihr Zepter über Nubien streckten. Die dort aus Arabien herübergekommenen Neger (Ham »schwarz gebrannt«) hatten natürlich keinerlei Rassenverbindung mit den Sumerern. Wenn diese als »dunkel« bezeichnet werden, so handelt es sich eben um eine Urrasse. Ob dunkel oder weiß (auch der ursprünglich weiße Mittelmeermensch wurde in Lybien und Ägypten klimatisch gebräunt), mag nur dem Dünkel der weißen Rasse nicht gleichgültig sein. Wir blicken mit gleicher Rührung und Ehrfurcht wie auf die Aurignacier auf die Sumerer und nennen sie Patriarchen wahrer Kultur. Uns scheint sicher, daß Reich Elam (Südchaldäa) seinen sumerischen Ursprung sehr wenig mit Semitischem kreuzte. Seine Hauptstadt Susa wurde nachher Residenz der arischen Perser. Dagegen brach das durch Pflege akkadischer Überlieferung verhüllte Semitentum des Assyrerreichs darin hervor, daß Aramäisch diplomatische und Handelssprache wurde, die auch in Kanaan das noch ganz unreife Hebräische verdrängte. War hingegen Elam stets wesentlich sumerisch – der Semit Abraham mußte von Ur nach Kanaan auswandern, wo man sich gegen Chedrolaomer von Elam empörte –, so kann von Semitisierung Babyloniens außer in spätassyrischer Zeit überhaupt keine Rede sein. 2280 eroberte Elam Babylonien, also war die Hamurabidynastie keineswegs semitisch. Umgekehrte Auffassung wie sie Ward im »Century magazine« 1908 vertritt, Hamurabi habe Elams Herrschaft abgeschüttelt, die erst 300 Jahre später Babel wieder besetzt habe, beruht auf beweisloser Chronologie. Hamurabi regierte angeblich 42 Jahre um 2250. Sein Hauptgesetzstein befand sich nachher in Susa, gewiß nicht als Beutestück, denn wer schleppt materiell wertlose Felsen mit, sondern als Adoption, vielleicht stand er sogar ursprünglich dort, nicht vom Sipapatempel entlehnt. Nord- und Südchaldäa sind nicht zu trennen, Hamurabis Sonnengott ist sicher der elamitische Merodach. Die Felsreliefs »Hamurabi empfängt sein Gesetzbuch vom Sonnengott«, in der Sinaimythe offenbar nachgeahmt, und »Nabuabal vor dem Sonnengott« erinnern deutlich an die naiv-geniale Zeichnung »die Sonne auf ihrem Wagen« (wohl in der griechischen Phöbusbildung nachgeahmt), die nachweislich aus Elam stammt. Übrigens machen auch andere Skulpturproben in den Werken von Morgan und Menant, wie eine symbolistische Landverteilung oder Naramsin auf dem Schlachtfeld, einen bedeutenden Eindruck, die Semiten haben aber überhaupt keine Kunst. Wenn die babylonische und später assyrische Kultur sich künstlerisch nicht mit der altägyptischen messen können, so sind ihre Tempel und Paläste immerhin großartig angelegt. Bei Kreuzung mit den unterworfenen Akkadern darf man die Assyrer als Semiten nicht für voll nehmen, kein reiner Semitenstaat besaß je so straffe Organisierung. Auch Vermengung mit Ariern ist möglich. Von den Sagengestalten Ninus und Semiramis wird überliefert, daß sie durch Belutschistan ihre Waffen zum Indus tragen wollten, die halbarischen Kurden von Afghanistan mögen die Leibgarde der Großherrn von Ninive gebildet haben. Bei maßloser Bevorzugung der Frau in Hamurabis 280 Gesetzsteinvorschriften (aus Arabien beschaffte Felsblöcke, erstaunliche Verkehrsleistung) erkennt unsere eigene Divination Anknüpfung ans uralte Maternat: Dies verrät den rein sumerischen Ursprung dieser so gründlich unsemitischen Gesetzgebung. In der altmosaischen ist das Bessere entweder den Sumerern entlehnt oder der Ägypter Moses fußte auf Überlieferung aus gemeinsamer Urrasse. Semitische Ausbeutungskunst darf nicht noch historische Verdienste sich aneignen. Die kunst- und kulturlosen Semiten außerhalb der Assyrokurden entwickelten jetzt vollständig ihren unausrottbaren, auch dem Islamaraber später anhaftenden Charakter, den merkantilen. Die Aramäer gehorchten Handelsfürsten, die Phöniker spannten ihren Seehandel längs des Mittelmeeres (Karthago), die Juden bildeten große Handelssyndikate, Salomon und Hiram von Sidon beuteten schon die Küste des Roten Meeres aus, Jehosaphat machte ganz moderne Spekulationen. Indessen kann rein kommerzielle Staatsbildung nicht standhalten, die Schlacht von Ramoth-Gilead machte die Hittiter wieder zu Herren, die durch Vermischung mit Kananitern den früheren vornehmen Typ verloren. Ihre und der Phryger »trojanische« Kultur, ursprünglich autochton, erweiterte sich durch die mycenische, die sich von Kreta und Cypern bis Südthessalien erstreckte, im engen Anschluß an Ägypten, wo 1350 Amenhotep III. mycenische Kunstgefäße in seinem Palaste aufstellte. Schon seit der 1. ägyptischen Dynastie bis ins eiserne Zeitalter 1000 v. Chr. hinterließen diese sinnreichen Arbeiter auch eine große Architektur. Da die poetische Unterlage der homerischen Epen, mögen sie auch später ihre klassische Form empfangen haben, sicher ins Mycenische fällt, so haben wir im Mittelmeermenschen von kleiner Statur und hoher Intelligenz den würdigen Erben der Neanderthaler (natürlich aber keine Evolution, Erben sind eben reicher als heroisch arbeitende Urväter). Die Freude war nicht von Dauer, Mycene sank in Schutt und Asche, die gräkopelasgischen Seeräuber machten auch der kretischen Minoszivilisierung (schon seit der 5. ägyptischen Dynastie) ein Ende und verwüsteten das Delta Ägyptens. In Asien setzte sich durch Assyriens Sieg der kulturmörderische Semitismus so endgültig fest, daß später die arischen Iranier das Bild nicht wesentlich änderten. Nur das ägäische Inselreich (Funde auf Melos) lief vom Stein- bis Ende des Bronzezeitalters mit Ausläufern in Sizilien, Sardinien, Marseille. Die Phöniker, von deren Einfluß auf die Griechen Gobineau fabelt, trugen nicht ein Körnchen zu dieser von Semitischen unbefleckten myceno-kretischen Kultur bei, die auf der Balkanhalbinsel dem Vordringen barbarischer Horden erlag. Sie wendete schon wissenschaftliche Kenntnisse an, mechanisch, hydraulisch, hygienisch »ohnegleichen bis zur Neuzeit« (Myres »the dawn of history«), auf Kreta schon berühmte Silber- und Goldschmiedekunst. Womit die Mycener ihr Los verdienten, warum die schöne Kontinuität der ägyptisch-sumerisch-mycenischen Kultur unterbrochen und die mycenische durch die griechische ersetzt wurde? Man mag letztere noch so sehr bewundern, ihre Anfänge bleiben darum doch barbarisch, wozu solche Vergeudung älterer Kulturkraft, um erst auf Umweg Ersatz zu schaffen? Das reimt sich mit keiner Evolution, wohl aber mit dem Karmagesetz, was die hellenische Sage vom Übermut der Tantaliden und Minosgreueln andeutet, wie die Theseusmythe den Zusammenhang athenischer Inselbesiedelung mit kretischer Überlieferung, d.h. Abhängigkeit der griechischen von der älteren Kultur. In Ägypten erwies sich die mit Weißen durchsetzte Urrasse noch stark genug, unter Amosis die letzten Überbleibsel der Hyksos zu vertreiben, die wir meist als nichtsemitische Phrygo-Hittiter auffassen, vielleicht schon mit arischen Zusätzen in einzelnen Häuptlingen und Abenteurern. Die Hyksos-Hauptstadt Zoan entsprach der Hittiterstadt Hebron, auch Jerusalem vor der jüdischen Einwanderung. Ihre 311 Jahre dauernde Herrschaft hinterließ keinerlei semitische Spuren, ihr Hof glich dem früheren Pharaonensitz in Theben, leider nicht dem glorreichen Memphis der 1. bis 6. Dynastie, wo Kunst und Wissenschaft im höchsten Flor standen. Also nicht der Mittelmeermensch, sondern eine den Sumerern verwandte Urrasse, vielleicht Abkömmlinge der 10+000 v. Chr. geologisch untergehenden letzten Atlantier, tat diese Wunder. Politisches Neuerstarken war nur letztes Aufflackern, fortan gab es mehr erstarrte Konventionalität als schöpferische Kultur. Als Usertasen I. dem Sonnengott den Tempel von On (Heliopolis) weihte, erlosch schon lange die geistige Sonne. Thotmess III. (1600), Seth I., Ramses II. (Sesostris 1400) unterwarfen Kanaan und eroberten das hittitische Kadesch am Orontes. Der Antisemit Sesostris unterdrückte die von den Hyksos angesiedelten und begünstigten (Joseph) Hebräer, die unter Meremptah II. nach 1325 desertierten, den Zeitpunkt benutzend, wo lybischer Einfall den Pharao beschäftigte. Sie stahlen dabei »Gastgeschenke« des ägyptischen Prinzen Moses, wie die Phöniker das ägyptische Alphabet (schon 2. Dynastie) stahlen und an die Griechen verschacherten. Auch die Hittiter hatten eigene Hieroglyphen und eine »Bücherstadt«, wo sie ihre Literatur aufbewahrten. Ihre Skulpturen unterscheiden sich wenig von den sumerischen. Ihre Hautfarbe war gelblich weiß, Anzeichen zwar nicht der »kaukasischen« (Lenormant), aber Mittelmeerrasse. Es gehört wohl mit zur Evolution, daß wir von diesem großen Volk und Reich so wenig, dagegen unendlich viel vom unbedeutenden unwissenden Judenstamm wissen, weil man in dessen stilistisch vortreffliche Urkunden Religiöses hineinliest, das man geradeso in assyrischen Keilschriften finden könnte. Der Eindruck dieser halbprähistorischen Zeit ist geradezu überwältigend. Aus der diplomatischen Korrespondenz von Tel-El-Amarna (Amenhotep) und anderer von Boghan-keni (Hittiterhof), worin ganz moderne Auslieferungsverträge für politische Verbrechen vorkommen, gewinnt man ein Bild, das sich nicht im geringsten von modernster Politik unterscheidet. Der Horizont ist so weit, daß die Götter Indra und Waruna den Hittitern bekannt waren, die also mit Indien in diplomatischer Beziehung standen. Jener Ramses, der »Flotte und Kavallerie« hatte, wie ein ägyptischer Chronist sagt, sah sich gegen semitische Einkreisung und Hungerblockade durch lybisch-ägäische Seeräuber besser vor als Deutschland vor dem Weltkrieg! »Kavallerie«, d.h. Einführung des gezähmten wilden Pferdes aus der Steppe zwischen Don und Mongolei, bis dahin auch den Arabern unbekannt, die später die edelste Art dieses edlen Tieres züchteten, gab aber den Wanderzügen nordöstlicher Horden jetzt besondere Furchtbarkeit. Homers Danaer sind die Danauna ägyptischer Urkunden. Zuerst allein, dann mit Achäern vereint, die als pelasgische Seeräuber bis Sardinien streiften, griffen sie Meremptah und Ramses III. an, während Berber längs der Küste anrückten. Dieser Vorstoß zu Wasser und zu Lande nimmt gleichsam die Jahrtausende späteren Normannenzüge vorweg. Die Achäer kamen auf großen Schiffen mit Kriegswimpel am Mast, wurden aber zuletzt vernichtend geschlagen und ihre Überreste in Palästina angesiedelt, was Pelasga (Pulischta) bedeutet, doch vermuten wir, daß blonde blauäugige »Philister« teilweise schon früher dort saßen. Beim biblischen Namen Philister denkt sich der Unkundige in nahezu prähistorische Zeiten versetzt, doch nichts ist irriger. Politische und soziale Ordnung unterschied sich damals wenig von heutiger, die Zustände bei und nach dem Weltkrieg sind viel verworrener. Während andere Arier in Iran und Indien an der alten Welt zu rütteln begannen, gaben jetzt Pelasger und Kimmerier ein Vorspiel späterer germanischer Völkerwanderung. Wie die Slawen später stets Byzanz haben wollten, warfen sich nördliche Steppenvölker auf den Hellespont, gründeten ein neues Troja und verteidigten es 1194–84 gegen die Achäer. Der Trojanische Krieg war also nicht, wie man gern schwindelt, ein Rassenkampf, da selbst die älteren Phrygier keine Semiten waren, sondern der übliche arische Bruderkrieg. Achäer und Neo-Phrygier schwächten sich gegenseitig, es folgte die dorische Periode, wo ein neues pferdeloses Steppenvolk von der Donau durch Mazedonien den Balkan in Besitz nahm und die Achäer aus ihren Trümmern mykenischer Kultur vertrieb. Deren Flüchtlinge besiedelten als »Ionier« die asiatische Küste unter Protektorat Athens, das sich allein gegen die kulturlosen Dorier hielt. Von jetzt ab trat Verbrennung statt Begrabung der Toten ein, weil es minder mühselig für diese plumpen Indogermanen war, die sich keineswegs als Kulturbringer in die Weltgeschichte einführten. Durch sie verarmte die Kupfer- und Eisenindustrie auf Zypern, für phönikische Silber- und Juwelengewerbe hatten sie nur Verständnis des Räubers. Gobineaus tolle Behauptung, die Hellenen seien Semitenmischlinge, ist völlig unbegründet, sie waren Mischlinge von Pelasgern und Doriern mit Mittelmeerrasse der Mykeno-Kreter und Phrygo-Hittiter. Was wir hellenische Kultur nennen, ist nicht Eigengewächs, sondern aus der älteren Urrasse umgebildet, und zwar nur von den Ioniern. Spartaner und Böotier blieben stets Barbaren. Spartanische Ideale glichen auffallend denen der Rothäute. Was ferner Perser und Baktrer sich aneigneten, war altbabylonisch auf Umweg semitischer Okkupation, und sie brauchten davon für ihre Zwecke nur das Administrative, nicht das Industrielle, geschweige denn Kulturelle. Zunächst schlug Assyriens Obmacht die neue Völkerwelle zurück, auch Ägypten war 1060 erneut Herr am Jordan. Den Judenstaat zerschmetterte die 22. Dynastie; dann sank Ägypten wieder zurück durch Einbruch der Nubier. Dagegen unterwarf Salmanassar II. (859-23) Syrien und die Hittiter (Schlacht von Karkar 853, am Hermon 840). Die semitische Kleinstaatenliga sprengte Tiglath-Pileser II., dessen Staats- und Kriegskunst keinem europäischen Regenten nachsteht, wie denn auch die Ingenieurarbeiten jener Zeit, z.B. der Wassertunnel von Siloam ganz »modern« angelegt wurden. Damaskus fiel 732, nach Tiglaths Tod 727 eroberte Sargon 722 Samaria, 720 das Hittiterreich Hamath. Der ägyptische Pharao So und sein Vasall, der Philisterfürst von Gaza, wurden bei Raphia entscheidend geschlagen und sodann Babylon wieder erstürmt, das sich befreit und selbständig gemacht hatte. 711 reichte Assyrien schon bis zur ägyptischen Grenze, 710 fiel Babylon, auch Karchemisch der Hittiter. Ein neuer Aufstand wurde von Sennacherib gedämpft und Überreste der freien Chaldäer 697 bis Westelam mit einer Flotte verfolgt. Hezekiah von Juda und Zedekiah von Askalon empörten sich umsonst, 701 eroberte Assyrien die phönikischen Hauptstädte, das zur Hilfe geschickte große Heer des Ätiopierkönigs von Ägypten erlag in der Schlacht von Erkron und Eltekeh. Doch eine Pestilenz befiel das assyrische Heer, und Hezekiah, der begabteste Judenkönig, sah sich in Jerusalem befreit, wo eine königliche Bibliothek neue Auflagen alter Rabbinerschriften besorgte. Wir zitieren solche Einzelheiten – Senacheribs Testament würde ein moderner Notar genau so aufsetzen –, um die völlige Gleichheit von einst und jetzt festzustellen. Daß freilich der assyrische Gott Nebo als Schutzpatron der Literatur galt, ist nicht modern, da die Musen bei der edlen Europäerrasse nie wirklichen Schutz genossen! Esarheddon (681-68) schlug die Armenier und Nordhittiter (Kappadozier), überwältigte Ägypten, das er in zwanzig Satrapien verteilte, und machte sogar die Araber in ihrer Wüste tributpflichtig. Sein Sohn Assurbanipal (sinnlos als Weichling Sardanapal verleumdet) einverleibte das ganze Elamreich und suchte wie Ludwig XIV. seinen Thron durch Literatur und Kunst zu vergolden. Jene Skulpturen können sich aber neben ägyptischen und indischen nicht sehen lassen, die Architektur war gleichsam Rokoko, wie ja die Vornehmen damals Alongeperücken trugen oder sich wie Merowinger den Bart lang wachsen ließen und ihn künstlich flochten. Der Pomp nahm ein jähes Ende. 665 hatte man Ägyptens Königsstadt Theben zerstört bei einer der üblichen Revolten, doch die Altägypter warfen sowohl assyrische als nubische Usurpatoren hinaus, und als der grand Monarque 630 starb, war Assyriens Schicksal entschieden. Iranier, Skythen, Lydophrygier und Elamiten zerstörten 606 Ninive. Die Chaldäo-Babylonier behielten wesentlich den sumerischen Typ, ihre tiefe Abneigung gegen ausgeprägt Semitisches warf unter Nabopolassar das Joch Assyriens ab. Die Könige von Ecbatana errichteten ein iranisches Reich, das man irrig »medisch« nennt, worunter nur einige kleine Nomadenstämme verstanden wurden. Gleichzeitig machte Pharao Necho sich auf, um die assyrische Ordnung in Kanaan umzustoßen. Er eroberte Zypern und Philisterland aufs neue, Schlacht bei Meggido kostete dem Judenkönig Josia Thron und Leben. Allein schon 609 erlag Necho bei Karchemisch dem Babylonierprinzen Nebuchadrezar (nicht Nebukadnezar), der ihn bis über den Jordan verfolgte. Erneut stieg Babel zur Macht empor. Nebuchadrezar erbaute den Wundertempel des Baal mit den hängenden Gärten und den Tempel der sieben Planeten mit sieben Stockwerken in sieben verschiedenen Farben. Die mystische Zahl 7 der Urreligion (siehe ein späteres Kapitel) wurde also noch jetzt heilig gehalten. Die ungeheuren Wälle und die prachtvollen Kais der Euphratufer könnte man heute nicht nachmachen, auch nicht die kompliziert großartige Tempelbauart. Dieser hoffärtige, aber geniale Monarch regierte lange (604-561) und ließ sich von den jüdischen Propheten nicht befehlen, Gras zu fressen, abgeschmackte Legende. Er unterwarf ganz Syrien und Palästina, eroberte auch große Teile Ägyptens (567). Seinem Nachfolger Nabonides gelang, den Medern Gebiete wieder abzunehmen, wo er Mondtempel errichtete mit Hilfe des Elamkönigs Cyrus, den man irrig für persisch hält. Dieser raffinierte Streber unterwühlte das neue Babelreich, als dessen treuen Vasallen er sich anfangs gab, durch Priesterintrigen, da aus sicher schmutzigen Gründen die Pfaffen mit Nabonides und seinem Sohn Belsazar nicht zufrieden waren. Durch Verrat zog der fromme Cyrus kampflos in Babylon ein und ließ die als Sklaven dorthin versetzten Juden nach Kanaan zurückkehren. Das ihm darob als Judenfreund von der »heiligen Schrift« späterer Rabbis gespendete Lob verdient er nicht, da er gleichmäßig auch alle andern Verschleppten in ihre Heimat sandte, nicht aus Milde, sondern überlegter Politik. Seine religiöse Toleranz hatte nur Vorliebe für den Sumerergott Merodach, als dessen besonderer Diener er auf einer Inschrift erscheint, neuer Beweis, daß die Elamiten selber Sumerer waren. Auch sein Sohn Kambyses erbte solche Herrscherweisheit und freundete sich bei Besitznahme Ägyptens mit den Priestern an, betete zum Bullen Apis, den die Sage ihn schlachten läßt. Die ganze Geschichtsfälschung, als ob Cyrus und sein Sohn Perser und Zoroastrier gewesen wären, ist aus durchsichtigen Gründen erfunden, sie waren nichts weniger als Monotheisten weder im Juden- noch im Persersinne. Damalige Fürsten und Priester benutzten Religion wie heute zu Machtzwecken, auch hier nichts Neues unter der Sonne, kein Unterschied zwischen Fehden verschiedener Stammesgötter und denen der christlichen Konfessionen. IV Erst durch Darius kamen die Indogermanen wirklich an die Reihe. Die Perser übernahmen die Führung, obschon die Hauptstadt des Weltreichs in Elam blieb. Diese wirklichen freien Monotheisten, die allein Ormuz den Lichtgott des Edlen anbeteten, fühlten sich keineswegs von Jave angezogen, wahrscheinlich betrachteten sie die Juden überhaupt nicht als Monotheisten. In den drei Jahrtausenden der Semitenzeit stand die Kultur still. Erst die Perser räumten das Trümmerfeld auf, doch ihr gesundes Staatswesen auf föderativer Grundlage wurde bald vom überkommenen assyrischen Imperialismus entkräftet und zerfressen. Der übliche Arierzwist (Vorbild der Germanenzwietracht) schädigte Perser und Griechen wechselseitig. Nur närrischer Einfall Gobineaus erhöht die Perser über die Griechen. Der allgemeine Rückschritt durch Semitenwirtschaft, entfremdet von Kunst und Wissenschaft, gierige Räuberei und Händlerei, wurde durch die Perser nicht aufgehoben, und diese ganze Völkerwelt erhielt durch Alexanders Gräkisierung nur scheinbare Verjüngung. Das ergab nur eine alexandrinisch nachahmende Epoche, die keinen Homer erzeugte, sondern nur schwache Epigonen. Der semitische Kaufmannsgeist herrschte vom Euphrat bis Tunis. Ägypten baute keine Cheopspyramide mehr, nur den Obelisk der Kleopatra. Ob der Perser in Persepolis, der Parther in Ktesiphon oder später der Araber in Bagdad und der Türke in Stambul hausten, es bleibt ununterbrochener atavistischer Rückfall aus Hochkultur in Halb- oder Ganzbarbarei. Und das alles, damit das auserwählte Volk der Europäer die Kultur allein für sich pachte? Daß die griechischen Arier die Menschheit auf eine höhere geistige Stufe hoben, als es die ältere Mittelmeerrasse vermocht hätte, ist beweislos, da Hellas in viel späteres Zeitalter fällt, wo die Mykener vielleicht ähnliche Dichter und Denker erzeugt hätten. Nur in Indien bedeutet Ankunft der Arier unter Austreibung negroider Völker, die nach Australien und Ozeanien abwanderten, scheinbare Evolution einer tatsächlich schon vorhandenen Urkultur. Nachdem die Inder sich unter Asoka der gräkopersischen Sphäre anschlossen, herrschten nun die Arier vom Nil bis zum Ganges, ohne aber wirkliche Eigenkultur ohne Beihilfe der älteren zu schaffen. In dieser Hinsicht stehen, wie die Griechen unter den Ägyptern, die jüngeren Italer tief unter den Griechen. Die arischen Sabeller und ihre Vorläufer bevölkerten Italien schon ziemlich früh, blieben aber primitives Hirtenvolk, nur Ägäer, später Achäer und Dorier (Gründung Tarents 700) pflanzten einige Zivilisation an beiden Küsten. Schon 1250 konsolidierte sich der athenische Staat unter dem legendären Theseus, doch die Tradition von Roms Gründung 753 scheint noch sehr vordatiert, da die Sabeller erst um 400 feste Staatsgemeinden erwarben. Die Arier erwiesen sich als Lateiner kulturrückständig. Sie verlegten sich im Jahrtausend ihrer Welteroberung auf eine nur besser organisierte und mit kräftigerem Menschenmaterial versehene Razzia wie die Semiten und äußerlich materielle Zivilisierung, nicht auf wirkliche Kulturpflege, worin sie von Anfang bis Ende unschöpferische Affen der Griechen blieben. Daß sie Hellas ganz von der Bühne verdrängten, ist Evolution zum absolut Schlechterem. Dagegen hatte die ligurische Mittelmeerrasse nördlich des Appenin im Stein- und Bronzezeitalter selbständige Pfahlbautenkultur, desgleichen die eingewanderten Etrusker, wahrscheinlich Abspliß der Ägäer. Beide erlagen den wilden Galliern, die 390 bis Rom vordrangen, sich aber später auf Besitz der Poebene beschränkten. Vermutlich übertrugen Überreste der Ligurer ihre Pfahlbautentradition ein Jahrtausend später auf Venedig, die einzige norditalische Stadt, die eigenständige Kultur erwarb, während die ungewöhnliche Begabung der Toskaner vielleicht ebensoviel etruskischer Blutmischung als späterer ostgotischer verdankte. Die Gallier hatten freilich einen Ostflügel von Regensburg bis zur Donaumündung, der sich erheblicher Zivilisation erfreute, teils durch Vermittlung der Ägäer im Adriatikum teils durch ältere Errungenschaften der Neanderthalrasse (Krapinafund in Kroatien). Durch gallische Zwischenhändler sandten die zwischen Oder, Pripet und Dnystr sitzenden Teutonen Bernstein ins Mittelmeer (leere Sage, daß karthagischer Seehandel hier im Spiel). Die von Skythen (Vorläufer der Hunnen?) am Schwarzen Meer verjagten Gallier warfen sich nach Kleinasien hinein, wo sie 650 die Lyder überrannten und Assyrien mit zerstören halfen. Arisches Blut, obschon sich ins Dunkel verlierend, wird in Vorderasien schon früh bemerkt, möglichenfalls sind die Galliläer als gallische Abkömmlinge anzusprechen, zumal 279 ein anderer Gallierschwarm bis Delphi in Hellas vordrang und »Galatia« in Kleinasien gründete. 235 aus der Poebene durch Rom und über den Rhein durch die Teutonen vertrieben, breiteten die Kelten sich in Frankreich, Spanien (Keltiberer), Belgien, Britannien aus, bis Cäsar ihrer Siedlungslust ein Ende machte und den bretonischen Venetern auch ihre atlantische Seemacht abnahm. Die Menschheit kam bei so endlosen Kämpfen nicht auf ihre Kosten, nur äußerliche Zivilisierung hielt das Römerreich zusammen, dessen Fäulnis die Christianisierung beförderte und das die Germanen mit einem Fußtritt begruben. Sie teutonisierten fast ganz Europa und verjüngten allerdings das Europäerblut, Man darf sich dies aber nicht im Übermaß denken. So träumt Löhers Buch über die Kanarischen Inseln die dortigen »Wandschen« als Vandalen, während es sich natürlich um »weiße« Berber der alten Mittelmeerrasse handelt. Doch gleiches könnte man für Asien von der neuen Semitenrazzia des Islam behaupten oder gar der hunnisch-tartarischen und mongolischen Invasion. Daß die byzantinische Hyperkultur vor altarabischer und türkischer Unkultur Stück für Stück zusammenbrach, wird man wohl schwerlich für eine glückliche Evolution halten. An Stelle der römischen Nivellierungsordnung trat im verarmten Europa feudale Anarchie. Nachdem die Mongolen die neupersische, indische, arabische Zivilisation (letztere nur ein äußerlicher Abklatsch der alten Kulturen) zerstampften, die Türken ihre Balkanvölker (in Serbien schon prähistorische Bildungsanfänge) und die verwandten Magyaren zu gleichen Barbaren wie sie selber herunterdrückten, wuchs von der Donau bis zur chinesischen Mauer, von Gibraltar bis Suez vier Jahrhunderte Gras auf den Grabstätten jener hohen Vergangenheit, zu der schon die Steinzeit ein festes Fundament legte, die im Bronze- bis ins Eisenzeitalter sich sichtlich aufwärtsbewegte, dann aber von Stufe zu Stufe sank. Nur ein Narr kann das christliche Mittelalter und selbst die Renaissance, wenn man sie richtig kennt, für einen Fortschritt über Indiens und Hellas' Großzeit halten. Selbst die durch Rasseninstinkt gerechtfertigte Austreibung der Mauren und Juden aus Spanien (der einzigen Stelle, wo die Semiten einen höheren Aufschwung nahmen) bedeutet doch nur den gleichen Sieg barbarischen Aberglaubens wie die Ausrottung der Azteken und Inkas zum unendlichen Schaden der Menschheit, wodurch Mexiko und Südamerika noch heute herabgedrückt. Plünderungszüge der Sarazanen und Normannen, vererbt in den Kreuzfahrern, zerstörten mehr als je die Seeräuberei der Achäer. Als seit dem 16. Jahrhundert die »weißen Teufel« den ganzen Erdball unterjochten, dienten sie wahrlich nicht der Kultur, sondern profitwütiger Scheinzivilisierung, die erst 2000 Jahre später den ägypto-phönikischen und griechischen Seewelthandel wieder aufnahm. Wer die Neuzeit mit den Anfängen der Geschichte vergleicht, entdeckt relativ keinen, absolut nur einen winzigen Unterschied seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch äußere Technik, Weltkriegsbarbarei erinnert an hunnisch-mongolische. Den Evolutionisten, der sich damit zufrieden gibt, beneiden wir nicht. Nur ein hoffnungsloser Pessimist mag seine Ableugnung moralischer Weltordnung darin bestätigt finden. Wir hingegen sehen in Niedergang und Fall hochverdienter Rassen nur ein Karmagesetz zweifelloser Gerechtigkeit. Deutet die Minotaurussage und die von Sodomiterei der Minosgattin nicht auf Grausamkeit und sadistische Wollust kretischen Kulturträger hin? Sind die Sünden der seit lange nicht mehr rassenechten und semitisch angefaulten Ägypter oder der späteren Hellenen und Römer nicht offenkundig? Karmamäßige Transformation dünkt uns natürlicher und weiser als Aufwärtsevolution, die dem wahren Weltprozeß zuwiderhandeln würde. Auf den römischen Exilinseln (Ponzagruppe, heute Zuchthauskolonie) finden sich sogenannte Zyklopenbauten der Volsker, Spuren prähistorischer Magdalenier oder noch viel älterer Jahrtausende, noch heute sind dort Höhlen als Behausung beliebt, kühler im Sommer und wärmer im Winter. Höhlenwohnung und dem Biber nachgeahmte Pfahlbauten waren damals passender als heutige Paläste. Städte entstanden erst in Ebenen, wo es nicht Berge und Seen gab, durch Zwang der Übervölkerung, hygienisch ein Rückschritt, für kunstliebende und forschungseifrige Urrassen so wenig brauchbar wie moderne Technik, diese Notfolge des Maschinenzeitalters, das einem Mittelmeermenschen Grauen eingeflößt hätte als Werk böser Geister. Vielleicht sind die Pyramiden mit ihrem Geheimnisinnern und die Höhlentempel bei Luxor nur Anknüpfung an verflossene Steinzeit in pietätvoller Erinnerung an die großen Ahnen, die wahren Kultur bringer. Was nach den Sumerern kam, ist nicht Kultur, sondern jenes fragwürdige Danaergeschenk, das alle nicht zur weißen Rasse Gehörigen aufreibt. Was wirklich Kultur bedeutet, nämlich Kunst jeder Art, diese Urseele der Menschheit, und höheres Denkertum, hat sich mühsam inmitten dieser rein materiellen Zivilisierung behauptet. Es gibt manche, die in der griechischen eher einen Rückschritt neben altägyptischer Kunst sehen.Uns aber fällt nicht ein, den deutschen romanischen Stil und die französische Gotik(seltsame Namensumdrehung des Rassemäßigen) neben der antiken Architektur herabzusetzen, weil alles relativ und milieumäßig. Was Michelangelo mit seinen Schöpfungsfresken aussprach, taten die Ägypter mit der Wüstensphinx. Einem oder dem andern den Vorzug zu geben ist sinnlos. Gewiß gehört zur Geschichte der verlehrten Dummheit, wenn Humanisten und Philologen Homerische Epen und griechische Tragiker hoch über Nibelungenlied und Shakespeare setzten. Doch umgekehrt wäre töricht, Shakespeare, weil unserm Ideal entsprechender und relativ reicher, für größer als Äschylos, den Urvater und Gründer des Dramas, zu halten. Daß moderne Dichterkraft an sich der antiken nicht überlegen, zeigt Vergleich von Goethes Iphigenie mit jedem bessern Hellenendrama. Euripides war gewiß so geistreich wie irgendein Moderner und Aristophanes relativ so witzig wie Swift, Herodot, ein Repräsentant historischer Morgendämmerung, vollbrachte als Gründer der Geschichtswissenschaft relativ das Hundertfache als jeder spätere Historiker. Übrigens ist ergötzlich bei Thukidides und Tacitus zu beobachten, wie antike Historiker und Politiker geradeso vor politischen Verbrechen und Unsinnigkeiten warnten wie heutige vor dem Weltkrieg. Einzelschriften wie A. Schwan: »The great Solution« und politische Artikel der »English Revieu« bis 1914 stellten das Unheilvolle der Deutschenhetze in helles Eicht, sicher war auch die Mehrzahl der Engländer gleicher Meinung, dennoch siegte die Unvernunft. Denn der Homo sapiens ändert sich nie. Die letzte Ausrede, Evolution bewege sich wellenförmig in Kurven, nach jedem Rückstoß gebe es wieder einen Aufwärtsruck, ist so sinnlos wie alle andere Evolutionsmythologie. Denn da alles relativ, kann es wirkliche Aufwärtsbewegung nicht geben, immer nur Oberflächenwertung einseitiger Beobachtung. Tröstet es über den Verfall altägyptischer und akkadischer Hochkultur, umrahmt vor- und rückwärts teils von Urkultur der Aurignacier, teils von mykenisch-kretischer, daß nach Jahrtausenden steriler Rauferei eine kurze hellenische Blüte sich aufreckte, um in sieben Jahrhunderten kulturloser Römerzivilisierung zu versinken? Tröstet es über ein Jahrtausendmittelalter relativen Rückschritts, daß Renaissance und Reformation einen rund hundertjährigen relativen Aufstieg brachten? Tröstet es über den Menschheitszusammenbruch des Weltkriegs, daß dem öden Maschinenzeitalter des technischen Spezialismus eine Krampfanstrengung der Napoleon- und Goethe-Zeit voraufging, die ihrerseits einer widrigen Epoche der Pedanterie und übertünchten Gemeinheit folgte? Nach jedem Fort- und Rückschritt ist die Menschheit genau so weit wie vorher, selbst der Begriff Transformation ist einzuschränken, denn umgewandelt werden nur Milieustände, nie ethisch und intellektuell die Menschen. Die Assyrer waren ein hartes Militaristenvolk wie Preußen, aber Ehrfurcht vor literarischem Streben ist ihnen nicht abzusprechen, und sie gingen viel würdiger unter als die Neudeutschen. Assurbanipal würde einen Wilhelm verachten und seine eigene Bemühung um Literatur und Kunst für viel kultureller halten als die Berliner Mischpoke. Das äußere Milieu von Ninive und Babel war unendlich glanzvoller und einem Künstlerauge angenehmer als ein Berlin mit Siegesspargel und Puppenallee. Nichts komischer als der frühere Hereinfall mit der angeblichen Gehirnzunahme des modernen Menschen, siehe die Neanderthaler, dabei wissen wir noch gar nicht, wie vollendet die inneren Gehirne der Ägypter, Chaldäer, Hellenen ausgesehen haben mögen. Die Moderne endete als Größenwahn wie der Turmbau zu Babel, nach welchem die Völker zerstreut wurden, solchen Aufwand von Bosheit, Grausamkeit, Perfidie wie der Weltkrieg hat relativ kein Altertum und Mittelalter aufzuweisen. Als Frucht solcher Entwicklung macht das jüngste Geschlecht auch den Spruch »Not lehrt beten« zunichte, Wut und Verzweiflung der Besiegten und Raub- und Prahlsucht der Sieger verdoppelten nur ihre Herzenshärtigkeit und geile Genußsucht. Sodom und Gomorra müssen ihre wenigen Gerechten zusammentrommeln, um dem Pech und Schwefel den Rücken zu wenden. Nur Hyänen des Schlachtfelds schleichen als Leichenschänder herum, jeder sucht aus dem Augiasstall sein goldenes Schäfchen ins Trockene zu bringen. Als die Griechen das Märchen von Sardanapal erfanden, wie er sich mit Ninive verbrannte, um nicht dem Feinde einen Triumph zu gönnen, lehrten sie, was sich zieme. Heute desertiert man mit Millionen ins Ausland und läßt die Dummen daheim verbrennen. Das ist Evolution der christlichen Seele. Im Essay über »Self Reliance« sagt Emerson: »Jeder will die Gesellschaft verbessern, keiner verbessert sich selbst. Die Gesellschaft schreitet nie vor, geht in einer Richtung so schnell zurück, wie sie in anderer vorrückt. Sie unterliegt beständigem Wechsel, ist barbarisch, zivilisiert, christianisiert, wissenschaftlich, doch dieser Wechsel ist nicht Verbesserung. Für jedes Gegebene wird etwas genommen. Die Gesellschaft ist eine Welle, die dahinströmt, doch die Wassermenge, aus der sie besteht, bewegt sich nicht.« Im Essay über Geschichte: »Die Natur ist endlose Wiederholung sehr weniger Gesetze, sie summt die alte Weise durch unzählige Varianten. Die Geschichte hat Veränderungen nur auf der Oberfläche, im Zentrum größte Einfachheit der Ursachen.« Diese Zitate dienen als Beweis, daß jeder ehrliche Denker, wie es Emersen trotz seines antithesensüchtigen Wortschwalls immerhin war, unsern Standpunkt teilt: Verwerfung jedes Evolutionsbegriffs im Fortschrittsinne. Im Genesis-Gespräch erklärt Buddah, die Erde werde einmal verschwinden, ihre Bewohner auf andern Planeten wiedergeboren werden, die Urwesen seien leuchtend immateriell gewesen, jedoch durch die Erdatmosphäre entleuchtet und materialisiert worden. Ist also Zweck der transzendentalen Evolution, diese Materialisierung aufzuheben? Für soziale Weltverbesserer sollte es ein Wink sein, daß Buddhismus, dem Torheit das Gegenteil vorwirft, sich auch weltlich weise als staatsbegründend erwies. Erst er einte das zerklüftete Indien im Heüreich des Kaisers Asoka als eine durch »Norm« verbundene brüderliche Gemeinschaft. Die Christenkirche versuchte Ähnliches ohne Erfolg. Denn der Buddhist will nicht Ruhe und Frieden durch Resignation, wie man irrig glaubt, sondern heroische Überwindung der Materieunrast und ihrer Drehungen in Wechsel und Bewegungen. Er reitet auf dem Sturm als ruhiger Meister im Mantel der Weisheit. Buddha verfemte jedes träge Mönchtum, verlangte Aposteltum von den Arrahant. Dem Buddhisten gilt ununterbrochen lehrende und wirkende soziale Tätigkeit als Attribut eines Buddha und Asoka: Wer nicht für Erlösung der Menschheit sich müht und nur sich selbst erlösen will, erfüllt nicht die ganze »Norm«. Ob Buddha 624 bis 544 v. Ch. oder 563–483 lebte, letzteres wahrscheinlicher (Asokas Krönung 218 Jahre nach Buddhas Tod), jedenfalls schien das »Licht Asiens« zu einer Zeit, wo die arischen Griechen und Perser anderswo die Herrschaft antraten. Deren Glaube war so wenig evolutionistisch wie die Urweisheit, denn alle Arier glaubten an ewiges Werden unter der Anangke, dessen Wechsel auch die Götter wegwischt, doch nie sich ändert, an ewigen Kampf von Nacht und Licht. Nirgendwo bis ins 19. Jahrhundert begegnen wir dem modernen Aberglauben. Genau genommen, dachte nur der jüdische Messiaswahn evolutionistisch, indem er wüst selbstisch irdische Herrschaft eines auserwählten Volkes in Aussicht stellt. Leicht möglich, daß in unterirdischen Kanälen das Europa durchsickernde Judentum auch für den Fortschrittsevolutionsschwindel die Verantwortung trägt. Dessen letzter Zweck bedeutet, alles Transzendentalstreben zu entwurzeln und dem Menschen eine irdische Gottwerdung auf rein materieller Basis vorzugaukeln, was sich der Sozialismus zunutze machte. Das ist nicht des Ariers Kampfstimmung für das Heil, sondern Blendwerk der Begierde. Sozialisierung ist auf keinem andern Wege möglich als aus dem des Buddha-Asoka, aber auch dies transformiert sich in ewigem Drehen des Rades, jenseits alles immer gleichen Wechsels auf gleichem Fleck ruht nur unveränderlich das keiner Evolution Bedürftige, Unnennbare. Beistand » außerirdischer Intelligenz« anzurufen kann Wallace nicht umhin für den als Ur-Faust erfundenen »Dryopithekus«, der nachher seine Menschwerdung vergaß. Denn selbst Huxley erklärte die Schwierigkeit für unübersteiglich, da der Gorillaknochen Zeichen trägt, denen im Alter immer deutlicher rein Tierisches anhaftet. Quatrefages verwarf solch umgekehrte Reihenfolge: beim Affen erschienen zuerst Windungen des mittleren Hirnklappens, beim Menschen die des Stirnbogens. Andere vergleichen die Knickung der Stirnachse, daß des Menschen Wachstum immer menschlicher, des Anthropoidem immer tierischer werde, Romanus und Dickson verspotteten natürliche Zuchtwahl. Gewiß, » zufällige Divergenzen« und inverse Konträrentwicklung sind so undenkbar, wie Owens »Vervollkommnungstrieb« in der Mechanik. Die Idee Affe projiziert sich ins All wie eine Psychopathia Sexualis, die eine Kopie von bestialem Sadismus verewigen wollte. Affe ist des Tigers Leibgericht, während er den Menschen höchstens aus Blutrache als alten Tigerjäger anfällt (vgl. Ossendowski). Der Kannibale verbannt diesen Braten von seiner Tafel, älteste Feuerstätten bieten keine Affenknochen, dieser Verwandtenliebe lüstert es nie nach gegenseitiger Berührung. Ursagen hätten sich gewiß nicht geniert, solchen Stammvater zu allegorisieren wie andere leibhaftige Tatsachen von Riesen und Zwergen. Unser Embryo enthält ja auch Lefebvres »Vegetabil mit Blättchen«, warum hütet man sich, auch pflanzliche Ahnengalerie in den Stammbaum aufzunehmen? Francé's These (ähnlich Bansens 15 Erdteile), jeder Boden habe besondere Rasse, setzt unzählige Protoplasmen voraus. Nun wohl, die Fötusvorgänge lassen nur eine Erklärung zu, die wir künstlerischem Verfahren entleihen. Ein Maler verfertigt Aktstudien zu jeder Figur und Skizzen der Gesamtkomposition; wirft er sie nachher weg als wertlose Atelierschnitzel? Mit nichten, er sammelt sie in Mappen für persönliche Erinnerungsorientierung. So skizziert Schöpfungskunst ihre Ideen, wie sie sich Aufbau tauglicher Körper denkt, ins Embryonotizbuch, ihre Sparsamkeit bewahrt und verwendet sie zur Knetung der Formen aus unzähligem Protoplasmateig. Gleiche Struktur der Wirbeltiere scheint nur Abspliß vom menschlichen relativen Vollendungsmodell. 5. Das Weltreich der Illusionen. I Apologetisch übertreibt Horace Samuel, daß Nietzsches Doktrin nicht mindere Selbstverleugnung vom Übermenschen fordert als vom Altruisten, und daß sie ausdrücklich die Unsterblichkeit des Lebens in ewiger Wiederkehr des Gleichen lehrt. Also selbst Nietzsches Gedankenflucht kommt nicht hinweg über die zwei Grundpfeiler: Das Karmagesetz in verhülter Form und hiermit Ablehnung der Evolution im Fortschrittssinne. Es belustigt, wie dieser Antichrist enthusiatisch predigt als eigener Christus, unfehlbar borniert wie Orthodoxe. Wir brauchen nicht so weit zu gehen, in seiner Umwertung einfach Auflösung des früheren Zerebrallebens zu erkennen, erstes Stadium der Paralyse. Seine Briefbekenntnisse machen klar, daß seine Stärkevergötterung dem Sehnen nach geistigem Überglück entsprang, weil ihm körperliches Wohlsein versagt blieb. Was bei Stendhal (schon früher Chamford und de Vignys Stoa) stramme Willenskraft starrer Ichsucht bedeutet, pfropfte er seiner Hysterie in epileptischen Krämpfen auf, die gegen die Wirklichkeit strampeln. Seine historische Unkenntnis hielt die griechische Ethik für geistesverwandt, während sie von Lebensbejahung in seinem Sinne nichts wußte. »Das beste wäre, nie geboren zu sein.« Die Ansteckung mit Ethik war dort so antinietzscheanisch wie irgendwo; kannte er als Philologe nicht die äschyleischen Eumeniden? Daß das Wort »gut« sowohl moralisch als materiell gedeutet werden kann, wußte schon Spencer, das beweist nur notwendige Gleichzeitigkeit beider Begriffe, wo eben beim Ethiker das ethisch Gute, beim Materialisten das materiell Gute im Vordergrund steht, nicht aber nach trägliche Einschmuggelung der Ethik. Ebenso kindisch ist das Unterstreichen der Wortgleichheit von Schuld und Geldschuld. Denn natürlich heißt Schuld, daß man sich gegen die moralische Weltordnung verschuldete und dies dem Gläubiger abzutragen habe. Daß die angeborene Gewalttätigkeit sich im schlechten Gewissen gegen sich selber kehre, verwirrt wild die Ursächlichkeit. Denn gerade Nietzsches blonde Bestie kann sich immer nur nach außen wenden, da sie ja nur Außenwelt anerkennt. Ewiger Kampf des tollen Ich gegen die Welt ist eine Tatsache, deren angebliche Schwächung und Beschneidung nur ein weldfremder Professor voraussetzt, denn die wirtschaftlich Starken arbeiten heute mit gleichen Mitteln wie der älteste Sklavenhalter. »Der langsame Selbstmord, den wir Staat nennen«, war nie ein Werk der schwachen Herde, sondern der Schafzüchter, die diese scheinbare gesetzliche Beschränkung nur zu ihrem Vorteil ausbeuteten. Daher wirkt Hobbes Naivität, der die Gesellschaft für einen Contrat Social hält, als ob dieser Vertrag an einen einmaligen Abschluß gebunden wäre, so schädlich wie die Rousseaus, ob ersterer dies nun rechtmäßig oder letzterer unrechtmäßig findet. Auch der Rechtslehrer Ihering ist naiv, wenn er Recht für Überwiegen der allgemeinen über die individuellen Interessen hält. Denn nie verfuhr man so, immer war Recht nur geronnene Gewalt weniger über viele oder, im Bolschewistenideal, vieler über wenige. Hier sind nur äußerlich die »tables turned«, wie man im Englischen unübersetzbar sagt: Die Vereinung zu gemeinsamen Zweck, welche auch Nietzsches Verbrecherhelden brauchen, wird dann mörderische Übermacht der Schwachen gegenüber dem individuell Starken. All dies Gekreisch über Heiligkeit der Ichwut und Verächtlichkeit der Ethik ist praktisch leeres Strohdreschen, denn die Menschheit hat vom Urbiest bis zum Plutokraten und Bolschewisten immer nach Nietzsches Grundsätzen gehandelt und sich dafür selbst bestraft. Wenn der unselige Romantiker den Kampf selber für das Lobenswerte erklärt (nicht gute Sache heilige den Krieg, sondern guter Krieg die Sache), so fand diese pseudoheroische Weltanschauung längst in Giordanos wirklichen Eroici Furori bessern Ausdruck. Oder wenn wir als letzten Bodensatz dieses Mit-dem-Hammer-Philosophierens den Wahlspruch hören »Es lebe das Leben!«, so wissen wir ja, in welch banausischem Sinne ein literarischer Vielzuvieler oder die blöde Menge dies auslegen. Ja freilich lebe das ewige Leben, das wirklich seinen Zweck in sich selber trägt durch transzendentale Karmakausalität! Jeder Pessimismus dem Lebensprinzip gegenüber bleibt eine Unverschämtheit des Ichs, Leben ist das höchste Gut und will als solches genossen werden – aber nur, sobald es sich auf sein wahres Prinzip besinnt, daß Selbst und All, Leben und Unendlichkeit das nämliche, daß seine Basis nichts anderes ist als Gott selber. Schwante Nietzsche so etwas in lichten Augenblicken, wenn er die ewige Wiederkehr des Gleichen pries? Der Freidenker Foote rühmt den übergeistreichen Romandichter Meredith als Gesinnungsgenossen, denn dieser bestritt persönliche Fortdauer, weil er in sich sechs verschiedene Menschen fühle, die doch nicht alle gleichmäßig fortdauern könnten. Der Scherz überrascht durch die Gedankenlosigkeit solcher vom Geiste Freien. Sechs Ich, nicht bloß Doppel-Ich, allzuviel ist ungesund! Doppel-Ich, wenn wirklich dies Phänomen in morbidem Hirnboden vorkommt, ist auch nur Täuschung. Denn Desorganisierung der Zellenrepublik könnte wohl solche zeitliche Spaltung herbeiführen, aber das Ich bleibt in beiden widersprechenden Zuständen, solange sie dauern, innerhalb der verschiedenen Eindrücke doch wieder vollkommen einheitlich. Darüber hinaus ist die Behauptung, daß Kind, Jüngling, Mann, Greis vier verschiedene Formen des Individuums seien, gründlich falsch. Wordsworths Vers »Das Kind ist Vater für den Mann« spricht die Einheit der Lebensprozesse aus, bleibt aber auch noch unklar, denn das Kind ist einfach schon der Mann, und der Mann bleibt wesentlich wie das Kind, nur sein Milieu änderte sich. Natürlich vermehrten sich Wissen und Erfahrung des Greises über das Kind hinaus, doch sets nur im relativ gleichen Tempo intellektuell und charakterologisch. Der Knabe Napoleon war ein verblüffend ähnliches Miniaturbild des Gefangenen von St. Helena. Nur verblendete Täuschung durch Äußerlichkeiten leugnet Unveränderlichkeit der Individualpsyche. Wäre aber Merediths unsinnige Prämisse wahr, so bewiese es höchstens die Verwandlungsfähigkeit des Ichs und gar nichts gegen die Fortdauer der Seelenelektronen. Er meint offenbar solche persönliche Fortdauer, wie die Kirche widersinnig lehrt (ohne dabei irgendwie ans transzendentale Ego zu denken). Immer wieder Verwechslung atavistischen Kirchenglaubens mit Erkenntnisglauben an den wahren Gott und die wahre Unsterblichkeit. So begriffsstutzig denken selbst begabte Leute. Leonardo sagt (wir zitieren nach englischer Ausgabe von Richters Studie über seine Malerei): »Geist hat keine Stimme, denn wo Kraft, da ist Körper und wo Körper, da ist Raumausfüllung. Wo nicht Bewegung, ist keine Stimme, keine Bußprozession ohne Instrument, kein Instrument ohne Substanz. Der Geist hat weder Stimme noch Form noch Kraft. Wo nicht Nerven und Kräfte sind, kann der Geist, wie wir ihn uns vorstellen, keine bewegende Macht haben.« Der Materialist liest hier sein Credo von Nichtexistenz des Geistes, genau das Gegenteil ist gemeint: Der »Geist«, das heißt das spirituelle Prinzip, steht abseits der Materie, die nur durch Materialisierung ihre Macht übt, er ist das Wortlose, Stofflose, Unbewußte. Aber gab nicht Leonardo, der sogar Totenmessen für sich testamentarisch anordnete, weil er dies mystisch und symbolisch auffaßte, Anlaß zu solchem Mißverstehen durch solch unklare Orakel? Der gedankenreiche, doch allzu dogmatische Steiner bringt in seinem Vortrag »Theosophie und Philosophie« Aristoteles und dessen scholastische Jünger sowie Hegel zu Ehren, verwirft Kant und seine Nachfolger. Das stößt jeden vor den Kopf, der Kants Verdienst als Wegräumer scholastischer Spinngewebe würdigt. Hat er willkürlich sich selber den Weg zur reinen Vernunft verannt? Kants Mißversteher sehen eben nicht sein Janusgesicht, daß er als Rationalist auf Humes Fährte begann, daß aber, je tiefer er ins Dickicht des Weltgeheimnisses eindrang, bald ein Unterton erklang wie die Glocke von Uhlands verlorener Kirche und immer deutlicher transzendentale Sphärenmelodie ihn umrauschte. Steiners drei Stadien zur höchsten Erkenntnis »Phantasie, Inspiration, Intuition« verschlossen sich Kant theoretisch keineswegs. Was er produktive Einbildungskraft nannte, soll diesen Pfad beschreiten. Die drei Stadien nur durch theosophische Disziplin zu erreichen, ist schwer, sie liegen aber schon vorbestimmt im höheren Menschen. Denn mit Recht spottet Steiner, daß der Materialist das Genie aus den Wolken fallen lasse, während es nur Fortsetzung dahin führender Präexistenzen sein könne. Doch er hätte sich nicht mit solchem Ausnahmezustand zu befassen, sondern mit Möglichkeiten jeder Psyche, die er allzu freigebig seinen Jüngern verspricht. Auseinandersetzung mit Kant wäre hier nachzuschlagen, siehe später. Merkwürdigerweise bekannte sich auch Helmholtz gewissermaßen zu Kant, indem er jede Ähnlichkeit, wie eines Gemäldes mit dem konterfeiten Gegenstand, zwischen unserer Anschauung und dem Ding-an-sich leugnet. Was der Mensch in sich erfahre, sei nur ein Sinnbild, das ja dem, was es bedeuten soll, nicht ähnlich sein braucht. Gut, also alle Physik nur Symbolistik! Was fängt sie mit der aristotelischen Unterscheidung von Form und Stoff an? Unser Anschauen erfaßt nur die unzählbar wechselnden Formen, nur sie drücken sich wie in Wachs in unsere unterwürfigen Sinne ab. Was Steiner weitschweifig andeutet, formulieren wir scharf: Sobald wir Formen in Gruppen sondern und sammeln und diese dann zu Allgemeinbegriffen verbinden, begehen wir schon einen Akt der Vernunft, weil losgelöst von der Symbolistik bloßer Sinneserfahrung der Formen. Wir freilich nennen unsererseits dies gewollte Objektivieren der Vernunft selber nur ein Symbol füs die Einheit von Subjekt und Objekt. Damit erfassen wir nicht ein Ding-an-sich, das jenseits jeder Vernunft liegt, doch wir gewinnen den rechten symbolischen Standpunkt, uns ihm zu nähern. Denn indem wir es uns vorstellen, eröffnen wir schon, Symbol gegen Symbol, einen Tauschhandel. Das übrige muß eben Inspiration-Intuition tun, durch welche allein die relative Realität sich entschleiert. Jeder Realismus, der mit mechanischen Mitteln die symbolische Materie abstrakt begreifen will, ist unrealistische Ideologie. Auch Mono- und Polytheismus sind nur Symbole. Semitische Vielgötterei entdecken wir nicht bei den Akkadern, die eigentlich nur zum Mond- und Sternengott beteten, was weit eher monotheistisch klingt als Anbetung eines Stammgotts, der ein auserwähltes Volk aus einem Zionstempel regiert. Die Moabiter (Dibonfund) wären dann ja auch Monotheisten. Die Methaphern des Jesaias sind alle geborgt aus akkadischer Mythologie. Dem Morgenstern, den ja die Chaldäer zuerst berechneten, vergleicht er den Babelkönig, der sich auf dem Götterberg (Olymp der Akkader) erheben will, doch zum Hades hinab muß, wo Schatten auf Schattenthronen sitzen und den Neuankömmling begrüßen. An diese Fortdauer glaubt der Sumerer, Göttin Istar sucht ihren Gatten dort unten, »im Haus der Toten ist mir eine Krone bewahrt«. Gott Merodach »erhebt die Toten zum Leben, hilft allen Notleidenden«, er ist Mittler zwischen Menschen und zürnenden Naturgöttern, ein mitleidig verzeihender Christus. Gott Nebo ist nur sein »Prophet«, Sonnengott Baal verschmilzt mit ihm, er ist der Heilige Geist, der zuletzt noch allein als Gottheit angebetet wird. Sumerische Bußpsalmen aus frühester Zeit voll ergreifender Frömmigkeit atmen unverkennbaren Monotheismus. Dessen Evolution zum Christen- aus dem Judentum ist Fabel, um so drolliger, als die Lehre des Ägypters Moses und der ihr verwandte Islam (der Koran ein politisch-soziologisches Buch wie das Alte Testament) beide das Christentum mit seinen Dreieinigkeiten, Madonnen und Heiligen der besonderen Vielgötterei beschuldigen. Wichtigtuerei von Mono- gegen Polytheismus ist Unwissenheit, nur altindische und sonstige Urweisheit war wirklich monotheistisch, Allah und Jahve sind nur Stammesgötter, und solange der Christ den Begriff »Heide« aufrecht hält, fällt dies unter gleiche Rubrik. Welche traurige Ironie, daß die Christen sich auf den Judengott beriefen, der ursprünglich nur »Mensch« war, auf polytheistische Elohimgläubige, und daß sie für den Islam, dessen arabischer Jehova doch wenigstens Alleinherrscher ist, zweifellos »Heiden« sind. Paulus verstand unter Heiden einfach gottlose Materialisten, damalige Antike glich der Moderne, auf deren Untergang im Weltkrieg laut Bibelmystikern schon die Apokalypse anspielen soll. Ursprünglich dachte aber die Antike nicht so, auch sie eigentlich nicht polytheistisch. Man anerkannte einen höchsten Gott, von dem Celsus sagt, es sei gleichgültig, ob man ihn Zeus, Adonai, Amiri (Ägypter), Papeios (Skyten) nenne. Plutarch und Apulejus stimmen überein, daß es eine Menge Unterherrscher geben könne, deren jedem von Gott seine Provinz zugeteilt sei.« Was immer geschieht, sei es von Göttern, Engeln, Dämonen, Helden, hat sein Gesetz vom höchsten Gott«, an den Indogermanen wie Papuaneger gleichmäßig glauben, und den schon die Neanderthalrasse längst anerkannte. Man sah Geist und Vorsehung in der Natur, zu deren Erklärung Pantheismus nicht ausreichte. Man nahm gute Dämonen an, die im Äther zwischen Gott und Mensch den Verkehr aufrechterhalten, Untergötter, die ihr Prinzip in jeder Sphäre vom »Höchsten« empfangen, ihm verantwortlich. Edle Seelen, befreit von der Wiedergeburt, können Dämonen werden. Es ist bezeichnend, daß die Christenkirche das Wort Dämon nur im bösen Sinne auslegt, während ihre »Heiligen« diesen griechischen Begriff decken. Sokrates verstand darunter sein transzendentales Ego. »Enthusiasmus« (Plutarch), d. h. Inspiration führt zur Intuition delphischer Orakel, wobei heiße Erddämpfe die Poren öffnen, auch Tischrücken ruft die Geister (Tertullian). Äskulap und Trophonius, weise Dämonen, spenden an ihren Altären Orakel und Heilungen wie die Lourdesquelle. Daß dabei Hypnose und Radium mitspielen, hebt das Wunder nicht auf. Daß man wie heute auch damals (Lucians »Alexander«) leichtgläubige beschwindeln konnte, ist nur die Wiederkehr des Gleichen, weil Lüge sich jeder Wahrheit bemächtigen kann. »Seit seiner Geburt steht bei jedem ein Dämon, sein gütiger Mystagoge durchs Leben« (Menander). Aristoteles lehrte gleiches, laut Seneca hat jeder Mensch seinen Genius (Schutzengel). Die Perser nannten den spirituellen Doppelgänger Frevashi, die Ägypter Ko, die Syrer kannten den Astralkörper: »Zwei an Zahl wir stehen, doch einer in der Erscheinung.« Epiktet sagt, daß dieser unsichtbare Wächter uns stets beobachtet, der laut Apulejus nach dem Tode Rapport abstattet. Empedokles meinte, jeder habe zwei Dämonen, einen guten und bösen. Einige machten den Menschen zu einem trojanischen Pferd, das eine Menge Geister in sich birgt. Die Ägypter behaupteten, ein Gott, d. h. ein höherer Dämon könne eine Frau von oben befruchten (Erklärung der Geburt des Genies). Drum habe ich mich der Magie ergeben! sagten die alten Weisen wie Faust. Sind Namen wie Vielgötterei und Heidentum hier angebracht? Der Theosoph wäre eher geneigt, dies als Übergang zu wahrer Erkenntnis zu begrüßen. Wenn die Christenkirche sich zur Vernunft bekehrte, um ihre starren Dogmen beweglich zu entwickeln, so könnte sie eine Wiedergeburt erleben. Der Kampf des französischen Klerus gegen eine Normalschule, wo Glaube an Gott und Unsterblichkeit als Aberglaube, Religion und Vernunft als unvereinbar gelehrt werden, hat unsere Sympathie. Doch Tyrrels Modernismus und Kardinal Newmans berühmter Essay »Über Entwicklung des Christenglaubens«, wonach die katholische Tradition »Christ selber ist, reinkarniert von Geschlecht zu Geschlecht in der historischen Kirche, die sein Körper ist, dauernd in unablässiger Vermittlung und Offenbarung« läßt sich weder mit historischem Katholizismus und Protestantismus noch mit wissenschaftlicher Kritik der Grundlagen vereinbaren. Daß eine organisierte Gemeinde sein muß, darüber lese man Schleiermacher. Doch diese kann heute weder wie protestantische Orthodoxie an Autorität einer Heiligen Schrift noch mit Harnack an Zurückführung des Christentums auf seine einfachsten Anfänge glauben. Man kann auch unmöglich wie Tyrrel nach Paulus' Vorbild Jesus schlankweg mit dem »Geist« identifizieren. Denn sowohl Buddha als Shakespeare und Leonardo sind Manifestationen des gleichen Logos. Wenn man nur einen Interpreten der Gottheit zuläßt, verfällt man in Götzendienst. Monnier (»La Mission historique de Jesus«) will alles, was in den Seelen der Gläubigen vorgeht, auf diese eine Person übertragen. Solche Spinngewebe zerreißt die Frage: Ist Buddha identisch mit den 600 Millionen Anhängern? War inspirierte Intuition »heidnischer« Denker auch schon vom Heiligen Geist empfangen, lange ehe er sich in Jesus verkörperte? Die beredte Rettung eines christlichen Modernismus, so heftig sich Tyrrel gegen Autoritätstheologie aufbäumt, bleibt zuletzt auch nur Theologie, fern theosophischer Geistesfreiheit. Man will die Notwendigkeit notzüchtigen, indem man das kausal Zerbröckelte für etwas noch kausal Bestehendes hält. Daß kein Klerus auf eine Reform eingehen kann, die ihn seiner irdischen Macht beraubt, versteht sich ohnehin von selber. – Während auf diesem Wege kein Gewinn mehr zu erwarten ist, läßt uns auch Bergsons »intuitive Methode« im Stich. Unser Denken sei räumlich, unsere Erinnerung sehe Dinge nebeneinander, wie in der Außenwelt, und schalten wir nicht das Räumliche aus, so können wir nicht unser Selbst erkennen. Nun setzt aber unser Eindruck der Außenwelt schon ein ewiges Bewußtsein voraus, sonst würden nur zeitliche Serien spurlos an uns vorüberfließen, statt daß wir sie sogleich assoziativ verbinden. Unser Innenleben ist qualitativ, nicht quantitativ, Raum als solcher unveränderlich, Denken veränderlich. Also leistet zur Erkennung des Selbst Ausmerzen des Raumbegriffs nichts, sein Eindringen in Ichvorstellungen bietet kein Hindernis. Wohl erkennen wir Außenwelt oder uns vorgelegte Gedanken als räumlich von uns getrennt. Doch Bergsons geistreiche Haarspaltereien überzeugen nicht von der Unmöglichkeit, gleichsam ein Sinnbild (vergl. Helmholtz) unseres Selbst zu erschauen, gerade weil wir es objektivieren möchten. Sein Werk »Zeit und freier Wille« leugnete Determinismus und Willensfreiheit, da beides aus räumlicher oder zeitlicher Täuschung gefolgert werde. Das beweist aber nur, daß unser Ichbewußtsein nicht ausreicht, beide Begriffe auseinanderzuhalten. Gewiß, Kausalität ist zeitlich und räumlich gedacht, doch da wir eben nur so denken können, scheint determinierte Notwendigkeit des Geschehens für uns notwendig, Freiheit nur möglich, sobald wir das Unbewußte darunter verstehen, dann aber nicht nur möglich, sondern tatsächlich. Wenn Bergson Selbstaufgeben des Selbst als einzigen Weg zur Erkenntnis predigt und seine Gegner dies als vernichtenden Pessimismus mißverstehen, so besteht hier die stete Verwechslung des Ich mit dem höheren Selbst, das nichts sehnlicher wünscht, als sein Ich loszuwerden und im Allgefühl zu verschwinden. Solange man esotherisch-buddhistische Erklärungen ängstlich vermeidet, wird jeder philosophische Disput nur Spiegelfechterei um unverständliche Widersprüche. In seiner »Evolution créattice« behauptet Bergson: »Gedächtnis ist keine Fähigkeit, Erinnerungen zu registrieren. Kein Register ist da und keine Fähigkeit. Aufhäufen des Vergangenen auf Vergangenes geht ohne Unterbrechung fort, folgt uns jeden Augenblick. Was wir fühlen, denken, handeln von Kindheit an, ist jetzt hier, beugt sich über den gegenwärtigen Augenblick, der sich in sie verschmilzt, drückt auf das Bewußtseinstor, das es ausschließen möchte.« »Weder mechanische Kausalität noch eine Endursache ist passende Übersetzung des Gebens.« Mit andern Worten ein ewig transformiertes Werden, wo das verflossene Selbst als Erinnerung ins Gegenwärtige sich verwebt und das künftige Selbst eine natürliche Schöpfung des Gegenwärtigen wird. Von hier bis zur Annahme der Karmalehre ist nur ein Schritt, alles klingt wie Plagiat aus buddhistischem Lehrsystem, ohne daß sich Bergson dessen bewußt. Seinen Wunsch, sich durch Sympathie ins Innere des Werdens zu versetzen im eigenen Innern, hat ihm Buddha längt erfüllt und vorgemacht. Zweifellos entspringt die ablehnende Haltung der »Wissenschaft« gegen den Buddhismus, der ihr unter allen Religionsgebilden am sympathischsten sein sollte, zumeist aus blanker Unkenntnis. Doch auch bei bewährten Indologen (vergl. außer Deußen, Max Müller, Oldenburg usw. die Angloinder Professor und Mrs. Rhys Davids) merkt man die Scheu, offen sich zur Überzeugung zu bekennen, daß indische Urweisheit und Karmalehre die klarste, obschon immer nur relative Wahrheit sind, die ins Innerste der Welt eindringt. Im Buddhismus freilich, den sie allein gründlich studierten, muß man erhebliche Einschränkungen machen. Robertson Smiths Theorie, primitive Religion habe sich um ein heiliges Tier gruppiert, das nachher sakramental aufgegessen wurde, erklären wir uns so: Der Urmensch suchte außerhalb sich selbst ein Mittelglied, um Kontakt mit dem Unsichtbaren herzustellen und Opfer zu bringen. Er suchte sich sichtbares Symbol für Unsichtbares, wäre aber nicht wenig erstaunt gewesen, wenn moderne Enthusiasten von ihm verlangt hätten, er solle ohne Glauben an eine Gottheit die Weltmaschinerie anbeten. Unparteiliche Liebe für alles Sein, bloß weil es ist, darf niemals gepredigt werden, weil es einen höchsten Zustand des Allgefühls voraussetzt, der nur zeitweilig oder in intuitiven Augenblicken dem Sterblichen vergönnt sein kann. Ebensogut dürfte man für jeden Durchschnitts- den Ausnahmestand des Geniemenschen als allgemeine Richtschnur aufstellen. Auf der unmäßigen Forderung, man solle das Gottall lieben, obschon es uns nicht wieder liebe, sondern gleichgültig über uns wegschreite, läßt sich kein Gottesdienst erbauen, sondern nur auf Dankbarkeit für Gottes Gegenliebe und Gerechtigkeit. Diese Merodach-Auffassung der Sumerer ist offenbar uralt. Ihre Mondgöttin Istar (Astarte), die Große Mutter, die als Erdgeist ewig Fruchtbare mit ihren andern Namen Isis und Kybele, muß das Schwert durch ihren Busen dringen lassen, daß Tammuz, Osiris, Adonis geopfert werden, damit man sie aus der Unterwelt erlöst wie Eurydice den Orpheus. Diese uralte Konzeption verwandelte sich später in Madonnenkult, also bewegt sich das praktische Religionsbedürfnis stets in gleicher Bahn. Indessen verschlimmerte der unbändige Individualismus, der sich heute noch gar mit dem Drill des Kollektivismus vertragen soll, seine »Evolution«. (Nochmals in Parenthese: »Entwicklung« gibt »Evolution« nicht richtig wieder, ersteres heißt englisch »Development«, während Evolution sinngemäß nur Entwicklung zum Bessern bedeutet.) Denn die Alten kannten nicht die heftige Sexualleidenschaft der Modernen und verachteten als widerwärtig die heute glorifizierte Regellosigkeit der Impulse. Daß die Kirchenväter in der Sexualität den Hauptteufel sahen, war keine Ausgeburt christlicher Askese, sondern entsprach so ziemlich der antiken Weltanschauung. Diese sah jedoch das Weltübel vor allem in der Veränderlichkeit alles Vergänglichen, ihre Philosophie fahndete nach seelisch Festem, Unveränderlichem, außerdem fürchtete sie übeln Einfluß der Gestirne, so daß sie eine Sphäre über den Sternen als Ruhehafen hoffte, wie schon die Chaldäischen Sternenanbeter. Die sogenannten Hermetisten (Hermes Trismegistus) und Gnostiker hatten es leicht, sich der Person Christi zu bemächtigen, den sie im Gegensatz, zur Kirche als astrales transzendentales Ego meinten: »Ein Körper von okkulter Form, sichtbar, eindrucksfähig, doch ohne wirkliche Materialisation«. Denn die Idee des Erlösers, der sich opfert, ist gleichfalls uralt. Der indische Krischna muß sich immer wieder inkarnieren. Dies göttliche Wesen wohnt jenseits der sieben Sphären der Chaldäer in der »achten Region« und bricht sich durch die Naturgötterherrschaft Bahn, indem es deren sieben Elemente assimiliert, steigt nieder, um das im Menschen gefesselte Göttliche zu befreien, und fährt wieder himmelan durch das von ihm gebrochene Tor, das die überwältigte Materie nicht mehr verriegeln darf und das dem Erlösten nun offen steht. Faßt man diese Gnosis allegorisch auf, so mag hier okkulte Wahrheit schlummern. Doch erscheint andern Gnostikern ein allgemeiner Erlöser unnötig, da höhere Erkenntnis und Magie genügen, daß jede Seele sich selbst erlöse. In der Vorstellung, daß sie sich vor der Materie versteckt und von ihr unbemerkt ihre Himmelfahrt besorgt, ist offenbar das Unbewußte gemeint. Auch »Offenbarung« ist den Gnostikern nicht fremd als uralte Tradition: Orpheus und der ägyptische Thorat wird Hermes bei den Gnostikern, die sich sogar persönlichen Unterrichtes durch Doppelgänger Gottes rühmten. Jedenfalls konnten die hellenischen Mystikkulte sich dem Christusbegriff sofort anpassen, weil er bei ihnen schon vorhanden war. (Pfleiderer scheint gleicher Meinung). Also fällt auch Evolution der Christusidee durch das Christentum weg, es sei denn zu schädlichem Aberglauben. Denn Gnostiker und Mystiker kannten einen duldenden Heiland (Prometheus, auch gewissermaßen Herkules) nur als eine sich wiederholende Offenbarung oder als eine durch Magie jedem Sterblichen mögliche Befreiung, während der Christ nur einmaliges Opfer einer bestimmten Person als bestimmend für alle Äonen anerkennt, alle ungezählten Geschlechter vor dieser Kreuzigung zur Hölle verdammend, welche abscheuliche Brutalität wir noch in Dantes Hölle wiederfinden. Zeitweiliges Einmünden ägyptisch-griechischer Gnosis ins Christliche geschah nach gleicher Methode wie indische Ur -Gnosis sich den Puranas und dem Buddhismus anbequemte. II Der Versuch, das historische Dasein des Gautama Buddha als bloße Allegorie wegzudisputieren, blieb erfolglos, ungleich der gegen Jesus gerichteten Skepsis, für welche immerhin Möglichkeit besteht. Buddhas Wirken ist so beglaubigt wie das seines weltlichen Vollenders, des »Heilskönig« Asoka, benannten. Dagegen blieb Europas Kenntnis der spezifisch buddhistischen Philosophie im Verhältnis zur älteren Vedantalehre noch unvollständig, der Abendländer wirft nur zu oft Buddhismus und Brahminismus zusammen. Beiden gemeinsam ist Suchen und Fördern des Heils (Dhamma), eines fundamentalen Normalgesetzes der Weltordnung. Desshalb verliert Buddha nie aus den Augen, daß er nicht durchaus Neues bringe, dann wäre es ja nicht kosmisch, ewig, notwendig für alle Zeit, sondern daß er die Urweisheit neu entdecke und wiederbelebe. »Brüder, ich sah einen alten Pfad, auf dem die Buddhas der Urzeit wandelten«. (Von jener Urrasse, die wie in Sumerien und Ägypten auch in Indien lebte, ehe Indogermanen den Indus überschritten). Um das Dhamma begrifflich zu machen, diente das Abhidhamma, eine philosophische Logik, die sich teilweise an die alten Vedantadenker Sutta und Pitaka anschloß, ergänzt durch Selbsthypnose heiliger Betrachtung, wie Unzählige beiderlei Geschlechts sie pflegten. Buddha starb im 5. Jahrhundert v. Chr. und die buddhistische Lehre bildete sich somit 2500 Jahre bis heute aus, wir müßten aber mindestens 5000 Jahre hinzufügen, wenn nicht gar 15+000, um die wahre Grundwurzel esoterischer Urweisheit zu entdecken. Selbst das genügt nicht, sie reicht in tiefste Tiefen der Vorwelt hinab, wie wir an späterer Stelle ausführen. Dies unterscheidet sie völlig vom Christentum, zwar in seiner Grundlehre mit Ägyptischem, Griechischem, Indischem durchtränkt, doch sich gebarend, als finge mit ihm allein das Heil an. Buddhismus, seinem Wesen nach verkörperte Toleranz gegen religiöse Irrtümer, ist heute die einzige wirkliche Weltreligion, weil sie sich auf keinerlei apokryphe Offenbarung eines Augenblicks, sondern auf die Welt selber beruft und mit ihr eins ist. Natürlich gilt dies aber in noch viel höherem Grade für überlieferte Geheimlehre prähistorischen Lichtes, das nur Blinde für dunkel halten. Auch europäisches Denken blickt auf 2500 Jahre bis Thales zurück, dann erlischt jede Tradition, obwohl wahrscheinlich die Eleaten lediglich von sumerisch-ägyptischen, oder noch älteren Überlieferungen zehrten. Heraklit und Demokrit, deren wirkliche Werke uns verloren gingen, scheinen aus Quellen geschöpft zu haben, die auf Uranschauung zurückgehen. Denn die Grundlegung ihrer Gedanken deckt sich mit der indischen nur viel vollständigeren Kosmogenie. Philosophen wie Buddhaghosa beanspruchen aber für sich keine Originalität, sondern erklären sich nur für Interpreten der Urweisheit. Diese erkennt ein unendliches All ohne erste Ursache, moralisch und psychisch genau geordnet wie physisch, mit der Unmöglichkeit von Zufall oder Chaos in den sich ballenden oder auflösenden Welten. »Dhammaanalyse ist Erkenntnis der Bedingungen.« Jedes Phänomen an sich ist eine Nichteinheit, geistig nur ans irdische Bewußtsein geknüpft, daher auch selbst nur phänomenale Vorstellung ohne Wesen, Dasein ein Bündel von Aggregatformationen. Die Welt ist leer von Selbst, ebenso selbstleer Sinne, Geist, Empfindung, daher Glaube an Fortdauer des Ich sinnlos. Diese Buddhaworte werden aber gröblich mißverstanden, wenn man Leugnung jeder Seele (atta bedeutet zugleich Selbst) darin sieht, er versteht darunter den üblichen Seelenbegriff des Ego. Und zwar war dies ein polemischer Protest gegen Übertreibung der Upanischaden, der uralten Rigveda-Lehre vom Gottesodem (Attman), der sich im Menschenodem (Prana) fortsetzt: »Im Anfang war die Welt nur Seele... wenn ein Mensch sein Selbst vernimmt ›Ich bin Er‹, so ist er selbst Schöpfer, sein ist die Welt und er ist die Welt. Wenn du dies Selbst als Gott selber erkennst, als Herr der Welten, dann fürchtest du dich nicht mehr«. Das klingt noch siegesgewisser als bei Fichte, enthält aber nur die gleiche Halbwahrheit. Es ist wahr im letzten höchsten Transzendentalsinne, aber nicht wahr, sobald man damit nur den geringsten Ichbegriff verbindet (die Welt als meine Vorstellung). Kein Selbst kann sich mit Gott amalgamieren, der selber kein Selbst ist. Wir möchten davor warnen, den nicht glücklichen Ausdruck »transzendentales Ego«, der nur fürs Zwischenreich der Wiedergeburten gut, unpassend anzuwenden, denn da Ich nur ein flüchtiges Phänomen, wie kann es im Transzendentalen bestehen! Sogar Dämonen oder Götter, die der Buddhismus nicht leugnet und die als personifizierte Naturgewalten in der Geisterwelt ihren kosmischen Einfluß üben, darf man nicht als Ich im gewöhnlichen Sinne auffassen. Einer Leibnizschen Monadentheorie über Zwischenbeziehung der Ichseelen untereinander begegnen wir im indischen Denken überhaupt nicht. Jedenfalls müßte die materialistische Wissenschaft den Buddhismus als die einzige Religion anerkennen, die sich mit modernen Doktrinen verträgt. Aber man würde sehr irren, wenn man die Buddhaerkenntnis als Mechanistik begrüßen würde, weil sie so analytisch alle Sinnesphänomene zergliedert und die phychischen Prozesse fast mit Methoden moderner Physio-Psychologie erklärt. Denn selbst der Sinneseindruck beginnt für buddhistische Wissenschaft als »Vibrieren im Unterbewußtsein« und das Unbewußte als Gegensatz zum Ich bleibt ihr immer gegenwärtig. Gegen den fleischlichen Materialismus der Sinnesknechtschaft ruft Buddha nicht Askese herbei, wie die Europalegende wähnt, vielmehr verurteilt er diese offenbar uralte Neigung zur Sinnestötung aufs entschiedenste. Sondern er überträgt die ethische und intellektuelle Betrachtung der objektiven Welt durch ruhiges Studium, als Mittel zur gleichgültigen Überwindung des Sinnlichen, auch auf die subjektive Innenwelt, die wir gleichfalls nur zum Betrachtungsobjekt machen sollen. Die vierfache Plattform, auf der Erkenntnis über der Welt steht, heißt Arische Innenbeschauung, Arische Wahrheit (Nirwana), Arische Verwerfung aller Bedingungen zur Wiedergeburt, Arischer Friede von allen Leidenschaften und Illusionen. Wotansreligion unsrer Völkischen als »arisch« ist Indianergeschichte für große Kinder, die Germanen pflegten nur überkommene atlantische Ursage, ihr Baldur war Merodach und Tammuz der Sumerer, erst die Inder haben wie das Wort auch den Begriff arisch als geistig rassisch. Uns scheint bemerkenswert, daß »Arisch« so viel bedeutet wie »zum Heil erwählt«. Wenn also die Indogermanen sich Arier nannten, so müssen sie von Anfang an das »Heil« transzendentalen Wissens gesucht und gefunden haben. Da aber ihre Anfänge unbekannt und uralte Kulturen bei ihnen nicht nachzuweisen sind, so glauben wir, daß auch die Inder bereits aus dem vorhandenen Born einer Urweisheit tranken, die sich vielleicht in der tibetanischen Geheimlehre aufbewahrt und über die Entstehung der Karma- und Gotterkenntnis vielleicht ein unheimlich blendendes Licht verbreiten würde. Laut buddhistischer Analyse zerfällt Person in fünf Gruppen: Körper, Empfindung, Wahrnehmung, fünfzig Begleiterscheinungen (besonders Wille) und erst zuletzt Bewußtsein. Schopenhauers Primärwille, dessen Unkenntnis sich so irrig auf Buddha beruft, meldet sich also hier nur als Begleiterscheinung auf Anreiz von Gefühl und Wahrnehmung. Diese Nomenklatur ist zwar klar durchdacht, um das Ich zu eliminieren, muß aber verworfen werden, sobald wir die gleichmäßige Einheit des Lebensphänomens erkennen. Denn die fünf Kategorien sind so eng verschmolzen, daß es kein Vorher und Nachher geben kann, keine Kausalevolution vom Körper bis Bewußtsein. Daß jedes Ding keine statische Quantität, sondern ein stetes Begebnis sei, Fortsetzung ewigen Wechsels ohne wahre Identität, wird durch Fließen des Wassers versinnbildlicht, wie die Unterbrechung des Bewußtseins andererseits durch Schlaf und Träume. Das ist ebenso richtig wie die strenge Lehre, daß Ichbewußtsein nur auf Kausalanreiz reagiere, tastet aber umsonst die Einheit des organischen Lebens an, besonders wenn man das Unbewußte als sein Substrat anerkennt. Auch das vielfach wiederholte Gleichnis für Wiedergeburt, die Strömung fließe ununterbrochen, nur zeitweilig vom Aufsteigen des Todesbewußtsein gehemmt, widerspricht sich als »scheinbare Identität des Flusses, obwohl nicht ein Tropfen heute der gleiche ist wie gestern«. (Heraklit: »Du kannst nicht zweimal in den gleichen Fluß steigen«). Die Karmalehre läßt vielmehr sehr viel seelische Tropfen bestehen, und da Wiedergeburt nur bei voller Kausalität möglich scheint, die Elektronen des unsterblichen Unterbewußtseins wohl sicher ihre immaterielle Identität bewahren, so müßte der Buddhismus entweder die Reinkarnation fallen lassen oder sich der Tatsache anbequemen, daß außerhalb des Ichs doch noch Seelisches fortdauert, das allein wiedergeboren werden kann. Dabei legte der Buddhismus gerade besonderen Wert auf Kausalität, von damaligen Skeptikern rundweg bestritten. Wir formulieren: Jedes Geschehen ist Folge früheren Geschehens, ohne welches es nicht geschehen könnte, nun aber gerade so geschehen muß. Diese Formel gibt buddhistisches Denken wieder, das in Anerkennung einer absoluten Naturnotwendigkeit gleichwohl die Ethik als gleiche Notwendigkeit fand und zwar mit viel schärferer Begründung als etwa die Huxleys: das Verfahren des Kosmos billige Moralität. Wenn zwei dasselbe tun, ist's nicht dasselbe. Wenn Buddha angeblich »Evolution« der Kausalität zugrunde legt, so meint er eben damit nur das, was im Grunde Tautologie ist, zwei Namen für das gleiche. Kausalität der Phänomene leugnet niemand, aber wie völlig buddhistische sich von moderner Naturwissenschaft trennt, zeigt ausdrückliches Hervorheben des Verfalls, Sterbens und Leidens der Welten und Organismen. Evolution als Fortschritt zu predigen, würde Buddha als frivol kindische Phantasterei gerügt und den Häckel mit der häufigen Wendung seiner Parabeln angeredet haben: »närrischer Mensch!« Da es Fortschritt nicht geben kann, lehrt schon die Bhagavad-Gita, daß in jeder Zeit der Bhagva, d.h. der Genius wiedergeboren wird, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, da sonst unfehlbar das Schlechte siegt. Statt einer Theodicee lehrt Buddha eine Kosmodicee, in welcher Gerechtigkeit, Vergeltung, Ausgleich gerade so natürlich walten, wie das Wasser fließen und die Pflanze wachsen muß. So scharf er von der älteren Seelenlehre abweicht und sich dem rein Naturwissenschaftlichen bedenklich nähert, ja geradezu, was keine Religion je wagte, die Naturgesetze als einzige Grundlage der Erkenntnis handhabt, so fest hält er trotzdem am Karma, d.h. an Kausalgerechtigkeit alles Geschehens und an Unsterblichkeit in Wiedergeburt oder Nirwana. Wenn ein Moderner den wirklichen Buddhismus (nicht ein überliefertes Scheinbild) kennen lernt, so muß er stutzen, daß jener Naturmechanik auf den Thron setzen und dennoch alles als Tatsache lehren darf, was der Europäer »abstrus« und Mystik nennt. Die Unwirklichkeit des Ichs oder einer selbständigen Seele, eines für sich bestehenden Geistes oder Bewußtseins, die Kausalität auf rein materieller Basis als einzige Ursache und Wirkung durchschauen, heißt kühnsten Modernismus vorwegnehmen. Doch gerade deshalb folgert daraus nicht ein Nichts, sondern Unzerstörbarkeit des Lebens, nicht blindes Ungefähr willenloser Mechanik, sondern kausale Gerechtigkeit, beides als einfaches logisches Naturgesetz, ohne das man sich ein Kausalsystem nicht vorstellen kann. Nichts erheitert mehr als der Widerwille des Europäers vor dieser Naturlogik als mystisch, während er doch zwei Jahrtausende über den von den Semiten übernommenen Jahve- und Allahkult nicht wegkam und die Christenkirche von künftigem Jenseits als Folge einer einmaligen Gegenwart träumte statt der unermeßlichen Präexistenz einer notwendig dazu gehörigen Vergangenheit zu gedenken. Diese lächerlich willkürliche Aufhebung der Kausalität nahm man ruhig hin und bis in jüngste Zeit auch mit dem freien »Willen« fürlieb. Angesichts solcher eigenen Kausalwidrigkeiten wagt man es, der Karmalehre dichtende Mystik vorzuwerfen! Woher nimmt man nur die Kühnheit, die bisher einzig logische Welterklärung zu bemängeln? Ob man auf Plato oder Aristoteles, Giordano oder Kant, Swedenborg oder Häckel schwört, möge man bedenken, daß nicht einer von diesen den wirklichen Buddhismus kannte, auch nicht die Vedantalehre, daß sie aber sämtlich Formen indischen Denkens, sei es nach der einen oder nach der andern Richtung, bei sich aufweisen und daher ihr eigenes Spekulieren als epigonisch, unvollständig, unvollkommen neben Buddhas Weltsystem erkannt hätten. Nicht minder erheitert es, wenn sogenannte Theosophen sich auf Buddhismus berufen, den sie gar nicht kennen, wie Schopenhauer allen Ernstes Pessimismus, Askese, Primat des Willens, Welt als Ichvorstellung aus einem fiktiven Buddhismus herauslas, während Buddha Pessimismus und Askese verpönt, die Natur als relativ wirklich und umgekehrt das Ich als bloße Vorstellung auffaßt, den Willen als bloße Kausalerscheinung von Empfindung und Wahrnehmung abhängig macht. Unter esoterischem Buddhismus verstehen Unkundige die Vedantalehre, die ja gerade der buddhistischen widerspricht, wobei wir unsererseits die erstere keineswegs ablehnen, sondern ihren Gottes- und Seelenodem nicht minder als Wahrheit spüren wie Buddhas anderweitige Erkenntnis. Er war wie Jesus ein propagandistischer Revolutionär, der den Laien und Frauen das gleiche Maß der Erleuchtung zukommen ließ, das die Brahminenkaste nur für sich beanspruchte. Gautama war nicht umsonst ein geborener König wie sein Nachfolger Asoka, da wirkliche Demokratie nur von Königen und Aristokraten erwartet werden kann. Aus dieser demokratischen Kampfstellung und seinem Bestreben, eine Geistesaristokratie aus allen Ständen zu gründen, erklärt sich manche Schroffheit. Indem er jeden supranaturellen Eingriff göttlicher Vorsehung ableugnete, wollte er die Priester und den gesamten Götteraberglauben ins Mark treffen. Wir sind daher nicht geneigt, uns jede buddhistische Kategorie gefallen zu lassen, sondern ergänzen sie durch Grundzüge der älteren Urweisheit. Die strenge und im höchsten Sinne wissenschaftliche Logik steht freilich auf Buddhas Seite. Doch das Weltgeheimnis ist kein Spielzeug der Logik, auch ist man nicht unbedingt sicher, ob man Buddhas eigenes Denken über den letzten zureichenden Grund, den zu begrübeln er seinen Jüngern verbot, richtig einschätzt. Jedenfalls wirkt es tragikomisch, daß ausgerechnet Buddhismus bei Unwissenden als mystisch und abstrus gilt, während er vom Standpunkt der Upanischaden als krasser Rationalismus erscheint. Doch es scheint nur so, denn tatsächlich kommt er auf anderm Weg zum Ziel. Kamma oder im Sanskrit Karma heißt zugleich Werk und Handlung, was immer unendliche Ursachen und unendliche Wirkungen voraussetzt, als »Gedanke, Wort, Tat«, wie schon Zoroaster wußte. Die Vedanta dachte auch hier animistischer: »Was der Gestorbene ist, heißt ›Name‹, was ohne Ende ist und ihm die endlose Welt erwirbt«, wobei Name natürlich den erworbenen Charakter bedeutet, »Wissen und Handeln« bestimmen sein künftiges Geschick. Von Wissen will Buddha hier nichts wissen, nur Handlungen und Vorsätze bestimmen die Wiedergeburt. Ungleichheit der Umstände und Schicksale beruht nur auf den Werken, für deren Eigentümer und Erben sie seine eigentliche Abstammung sind, durch die sein Lebensstand festgestellt wird. Da Buddha das Ich ausstreicht, kann natürlich nicht das Ich wiedergeboren werden, sondern nur die Essenz dieses Schein-Ich in dessen Worten und Werken. Hier erinnere man sich, mit welcher Naivität der Europäer auf die Identität des Ich in allem Praktischen baut und darauf bindende Verträge schließt, obschon wissenschaftlich bewiesen, daß wir materiell täglich wechseln und ebenso alles andere um uns her. Nichtsdestoweniger ist der Satz »Geschichte wiederholt sich nie« ebenso leichtfertig halbwahr, wie »nichts Neues unter der Sonne«. Denn unter dem immer neuen Wechsel bleibt ein Beharrendes, die Wiederkehr des Gleichen. Daß die Präexistenzen vergessen werden, ist nicht nur praktisch weise eingerichtet, sondern naturgemäß, weil die ganze aufgespeicherte Vergangenheit allgegenwärtig im Ich weiterlebt, dem deshalb das Unterscheidungsvermögen fehlt. Erst im Alter erinnert man sich wieder der Kindheit, erst beim Sterben oder psychischem Absterben des Ich erwacht plötzlich im Gedächtnis die Präexistenz, beide Vorgänge sind ganz naturkausal. Nur muß man festhalten, daß sowohl der Präexistente als der Reinkarnierte nicht derselbe sind wie der Gestorbene und dennoch kein Anderer. Was man in dieser Hinsicht gegen die Karmalehre vorbringt, ist eitel Leichtfertigkeit. Denn die Identität des täglich wechselnden Ich (man denke an siebenjährige Zellenumbildung durch Stoffwechsel) ist nur formal, ohne daß man jenem übertreibenden Irrtum (siehe früher) zu verfallen braucht, verschiedene Individualitäten entständen im gleichen Organismus. Doch die Identität der eigentlichen Individualität, wo das organische Unterbewußtsein den Hauptbestandteil bildet, scheint andrerseits auch für Buddha transzendental beglaubigt. Freilich klafft hier scheinbare Lücke seiner Logik, denn seine Anerkennung ewiger Fortdauer der Individualitäten in den Wiedergeburten schließt doch in sich einen Seelenbegriff in anderer Form. Dies hat er gar nicht bestritten, sondern nur die landläufige Vorstellung einer selbständigen freien Seele, womit sich der Europäer noch immer herumplagt. Jede Existenzphase ist nur Resultante vergangener und Ursprung kommender Phasen. Der Grundsatz des Reinkarnierens »nicht derselbe und doch kein anderer« muß jedem Denkenden klar sein. Entspricht dies nicht auch dem Fortbestand gleicher Ich-Psyche trotz siebenjährigem physischem Zellenwechsel? Wir heben hervor, daß die Karmalehre zwar arische und noch ältere Urweisheit bedeutet, daß sie aber in der Vedanta viel unklarer und schwächer auftritt als im Buddhismus, gerade weil erstere nur spekulativ, letzterer naturwissenschaftlich denkt. Also das schärfste unerschrockenste Denken – denn im Grunde denkt Buddha kühner und schärfer als Giordano und Kant – und eine ganz naturwissenschaftliche Anschauung führen logisch zum Karma, d. h. einer äußerlich mechanisch gedachten Kausalität, die aber gleichzeitig ihre Transzendentalität in sich selber trägt. Es ist sinnlos, den Buddhismus für atheistisch zu halten, weil er jedes persönlichen Götterglaubens zu entraten weiß. Denn eine Naturkausalität, die eine absolut moralische Weltordnung höchster Gerechtigkeit verbürgt und ewige Fortdauer in Wiedergeburt oder Allverschmelzung (Nirwana) gesetzmäßig vollzieht, ist eben dann die Gottheit selber, das transzendentale Welt-Ego. Vergeltung in Wiedergeburt und diese selber blieben bisher »experimentell« unbeweisbar, obschon man nicht wissen kann, welche Enthüllungen noch bevorstehen. Wenn Oliver Lodges jüngstes Buch behauptet, sein gefallener Sohn teile ihm als Spirit mit, in zehn Jahren werde die halbe Welt spiritistisch denken, so ist Erfüllung dieser Prophezeiung nicht unbedingt unmöglich. Dann müßten eben noch besondere Tatsachen sichtbar werden, um den Unglauben so zu erschüttern. »Seelenwanderung« ist dem Ägyptischen und nicht dem Indischen entnommen und wahrscheinlich auch von den Ägyptern esoterisch nicht so gedacht, wie man es dem Begriffsvermögen der Menge beibrachte. Wenn schon Altindien dem Buddha vorwarf, er leugne Seele und lehre doch Wiedergeburt, so macht stete Wiederholung dieser Kritik sie nicht vernünftiger. Für Buddha ist Wiedergeburt nichts als Naturkausalität, wie auch deren Überwindung (Nirwana) nur Kausalgesetzen folgt, da die dazu nötige Erkenntnis nicht aus den Wolken fällt, sondern logische Transformation vorstellt. Die Seele wandert nicht, denn sie ist nach seiner Auffassung nicht vorhanden, das ewig Wechselnde aber, das sich nun mal trotzdem als Individualität ankündigt, wechselt natürlich immer weiter die Außenform in natürlicher Fortsetzung. Tod als Aufhören des Wechsels ist unmöglich, bedeutet nur Wechsel der Bewußtseinsschwelle. Über letzteren Punkt sagt Buddha nichts Besonderes, weil er es für selbstverständlich erachtet, doch sagt die ergreifende Parabel, wie er die Todesfurcht überwand, das Nötige. Die glänzenden Gleichnisse im Milindabuch (Kathechismus von Fragen und Antworten) überzeugen, warum trotz physischen und psychischen Wechselwerdens der Neugeborene B verantwortlich bleibe für die Handlungen des A, den er fortsetzt. Die sauer gewordene Milch bleibt doch die gleiche, die der Milchmann vorher in süßem Zustand verkaufte, üble Taten des A gehen in B über, der aus A's Elementen stammt. »In der Todesstunde ist der letzte Bewußtseinsakt so, als ob ein Mann sich über einen Graben an einem Seil hinüberschwingen will. Doch er kommt nicht selber dort an, sondern während der letzte Bewußtseinsakt erlischt (man nennt dies Dahinscheiden), landet schon drüben der erste Bewußtseinsakt eines neuen Lebens und dies heißt Wiedergeburt oder Konzeption (Empfängnis). »Diese Neuerscheinung verdankt man allein Ursachen, enthalten in vorheriger Existenz,« lehrt Buddhaghosa ausdrücklich. Wir brauchen seine weitere Erörterung nicht zu verfolgen, warum weder Identität noch Wesensverschiedenheit der Wiedergeburten vorliegt. Da es für Buddha kein Dasein, sondern nur Werden gibt, bleiben nur Handlungen des Individuums übrig, diese sind Quintessenz seines Werdens sowohl intellektuell als charakterologisch. Mit derselben Energie aber, mit der er den Animismus erledigt, weist Buddha jeden materialistischen Nihilismus über rein physische Abwicklung von Beginn und Ende des Lebens als widersinnig ab. Die Spanne Zeit eines flüchtigen Einzellebens kann nur zwischen zwei Ewigkeiten liegen, in welchen ununterbrochene Serien solcher Zeitspannen sich als Zyklus unaufhörlicher Bewegung darstellen und Aufhören der Bewegung in stabilem Todeszustand unmöglich ist. Die Person endet, ihr Leben geht weiter, denn Leben ist Kraft, die sich erhält, Tod nur ein Akt transitiver Kausalität. Europäische Vorstellung, die einseitig vorwärts und nie rückwärts schaut, als ob eben erst Entstandenes Anspruch auf Zukunftsleben gewährleiste, hat etwas kindlich Jugendliches, während der Buddhist als erfahrener Mann endlose Vergangenheit als Erklärung seiner Gegenwart überschaut. Nur so rettet er die moralische Weltordnung vor Vorwürfen. Wenn ein guter Mensch ohne eigene Schuld leidet, so wäre dies ungerecht und Verheißung einer Belohnung dafür im Jenseits sinnlos, weil solcher Umweg unnötige Grausamkeit in sich schließt. Wer aber sein Verschulden im vergangenen Leben sucht, den wird dies Glauben – falls es nicht schon zum Wissen wird bei Heiligen, Weisen und manchmal Kindern – trösten, Zuversicht verleihen, daß sein verdientes Leiden seine besondere »Erbsünde« (wie das Christentum eine richtige Anschauung verfälscht) austilgte und ihm glücklichere Wiedergeburt sichert. Der unermeßliche ethische Einfluß des Buddhismus beruht auf dieser Basis. »Verdienst« sammeln durch Altruismus heißt sich ruckweise dem »Rad« des Weltübels entziehen und das künftige Selbst auf bessere Bedingungen stellen. Der »richtige Blick« mit dem »achtfachen Pfad« und sechs richtigen Faktoren der Ethik wird erworben aus Bedürfnis der menschlichen Not, so wie ein Reisender, der keine Brücke über einen Fluß findet, sich ein Floß zimmert. Solche Ethik scheint utilitarisch, man faßt sie auch irrig als heroisch auf, weil sie auf jede Gottberufung verzichte und Gutes nur um des Guten willen preise wie Kant. Beides ist irrig. Für Buddha bleibt Ethik einfach ein Naturgesetz, weil nur sie vom Leid, identisch mit dem Bösen, befreit. Nicht dumpfe Resignation, wie Unwissenheit und dem Christentum nach dem Munde redendes Vorurteil fälschten (am empörendsten beim glatten Max Müller-Oxford), sondern im Gegenteil trotzige Auflehnung gegen das Weltleid kennzeichnet den Buddhismus, der siegreich Weltschmerz abschüttelt und dessen Ursache nur als Blindheit des lusthungrigen Ichwillens verachtet. Weil er dessen Bändigung für möglich hält, also Leid und Übel samt dem Ich verneint, ist er alles eher als »einfacher trauriger Pessimismus«. Diese Bezeichnung kommt dem Kirchenchristentum zu, sogar dem Griechentum, das dem Leben als einer steten Unrast wirklichen Wert absprach, es sei denn durch Ästhetik und Philosophie, rein spirituelle Güter, welche die Antike viel aufrichtiger und überzeugter als die Moderne hoch über das Sinnliche setzte. Christ und Grieche nehmen Leid und Übel als unvermeidlich hin, diese Entsagung liegt dem Buddhisten fern, er will Befreiung von »Dukkah«, vom Rad der Begierden und Illusionen. Und daß Unzählige dies Heil-in-Buddha fanden, bezeugt der begeisterte Optimismus ihrer Hymnen, die den Verzückungen der ersten Christengemeinden nicht nachstehen. Das dumme schlechte Quantitätsleben des Ich ist dahin, nur das Qualitative der höchsten Erleuchtung blieb und gibt dem Leben unendlichen Wert. Dieser Höchstzustand des Idealismus kennt keine religiösen Zweifel, wie sie schon die ersten Christen zeitweilig befielen. Er hat Sicherheit und Ruhe im betäubenden Kreisen des »Rads«. Wer die Entstehung von zahlreichen Heiligen und Weisen (Arahant) beiderlei Geschlechts, eine wahre »Gemeinde der Heiligen« voraussetzt und tatsächlich herbeiführt, ist wahrlich der größte Optimist und Lebensbejaher. Buddha würde einen Haeckel oder Nietzsche mitleidig gewarnt haben: närrischer Mensch, lerne erst die Anfangsgründe des Denkens und dann komm wieder, daß ich dich belehre, wie du nach löblicher Abkehr von Priesterwahn wild und trunken in Irre und Wüste wandertest, statt das klare »Licht der Welt« zu sehen. Den unwissenden Fälscher Schopenhauer, der Buddhas Namen als Aushängeschild seiner unrein sexualpathologischen Pessimistik im Munde führt, würde er nicht so sanft entlassen, sondern ihm ein schlimmes Karma prophezeit haben, weil er sich auf eigene Faust zu Buddhas Jünger ernannte. Wem aber Aufhören aller Geburt im Nirwana nicht einleuchtet, der denke daran, daß das Genie – eine andere Form der höchst erreichbaren Stufe – nachweislich ausstirbt und sich nicht vererbt, womit jede Rassenverbesserung von der Natur sinnbildlich verneint wird. Das »Verlöschen« (Nirwana) des Lebensfeuers paart sich mit »Ruhe und Erleuchtung«, den wahren Attributen des »Nibbana«, das im älteren Pali-Indisch heiteres »Behagen« bedeutet. Ausdrücklich wird Nirwana als Zustand der Freiheit bejubelt, also gibt es jenseits der allregierenden Notwendigkeit eine transzendentale Freiheit. Aus buddhistischen Hymnen und Kommentaren folgert aber keineswegs, daß diese Freiheit vom Lebensprozeß, eine schon im Diesseits erreichbare Seeligkeit, kein Fortsetzen des Jenseits besitze, wie man vorschnell unterschob. Asoka sagt ausdrücklich in einem Edikt, daß seine Kinder – »alle Menschen betrachte ich als meine Kinder« – im Diesseits Glück und im Jenseits das Heil gewinnen sollen. Obschon bisher bekannt gewordene buddhistische Schriften keine Klarheit darüber schaffen, scheint durchaus sicher, daß Buddha nur gegen das Phantom einer Ichseele Front machte, dagegen ein letztes seelisches Prinzip in der Weise anerkannte, daß der schon hienieden in Nirwana Eingegangene nicht etwa für immer vergeht, sondern in rein spiritueller Form weiterdauert, die mit »Leben« nichts mehr gemein hat. Da das »Heil« in Ruhe und Freiheit besteht, kann man aus ihm nicht wieder in Unruhe und Unfreiheit irgendwelcher Lebensform herabsinken. Ein von Personenseelen bevölkerter Christenhimmel wäre nichts als Leben, d. h. Bewegung und Wechsel. Buddha sagt ausdrücklich auf die Frage, wie ein Arrahant nach dem Ableben sich befinde: Das auszudrücken übersteige Sprach- und Denkfähigkeit, er sei »weder wiedergeboren noch nicht wiedergeboren«, d. h. in gottähnlichem Zustand übergegangen, den man intuitiv ahnen, doch nicht konkret vorstellen darf. Selbst in den Siegeshymnen der Jünger (darunter wahre Perlen von Naturpoesie) über Eroberung des Nirwana merkt man eine gewisse Zurückhaltung, vor Unerleuchteten das Unbeschreibliche zu profanieren. Eine Schwesternonne will nichts weiter aussagen: »Genug, ich brauche keinen Götterhimmel, Herzleid und Sehnsucht habe ich wegtrainiert.« Dies Training ist im Yogasystem genau entwickelt und setzt ohne weiteres ein hyperphänomenales Selbst voraus, was Buddha insgeheim gebilligt haben muß, obschon er sich nur zurückhaltend äußert. Vom Verklärten eines jenseitigen Nirwana »sind abgeschnitten alle Formen des Wissens, alle Kanäle der Sprache«, dies zeit- und raumlose, geist- und körperlose Dasein ist »unerreichbar für irdisches Denken«. Das Training aber erfordert heroische Anstrengung (»hohe Wissenschaft, Kasteiung, Wagnis« sagt Byrons Manfred) in vielen Stadien. Zunächst diszipliniert sich der Bhukkhu (Schüler) zur höheren Ethik, dann tritt er in die Erste Jhana verzückter Betrachtung voll emotioneller Inspiration, dann in die Zweite beruhigter Konzentration, dann die Dritte, wo jede Emotion schwindet, und die Vierte, wo er Erlösung und Freiheit in der »brennenden Flamme Nirwanas«, die alles Irdische verzehrt, und hiermit den höchsten vierten Grad erreicht. Bei dem allem war Selbsthypnose erforderlich, eine Macht der Sinnesunterdrückung, die bei Europäern, denen erst am Ende des 19. Jahrhunderts Hypnotik bekannt wurde, noch in den Kinderschuhen steckt. Diesen Trance des Unbewußten, der ungeheure verborgene Kräfte heraufbeschwört nach Sprengung von fünf »Fesseln«, übten schon die älteren Vedantayogi, wie denn Praktizieren aller Formen von Telepathie durch höchstgesteigerte Willensenergie in Indien bis in die Urzeit reicht. Der buddhistische Yogi aber entdeckt auch hierbei kein kontrollierendes und konzentrierendes Seelenich, sondern die gewaltige Erhöhung seines Wesens, wo Sinne und Geist gleichmäßig schwinden, versetzt ihn in zeit- und raumlose Unendlichkeit, wo für keinerlei Ichseele ein Platz ist. Deshalb beschäftigt sich der Buddhismus wenig mit »Maya«, der Unwirklichkeit der Sinnesphänomene, wie die Vedanta dies tun muß, sondern mit »Mana«, der Illusion des Selbst, die als »Einbildung« verhöhnt wird, und sein letztes Wort der Ethik bleibt immer vollkommener Altruismus. Da bei ihm alles naturgemäß entwickelt (Dhamma heißt bezeichnenderweise auch Norm), so muß Altruismus wohl wirklich ein Naturgesetz der Ethik sein, das der »Erwachte« als ebenso natürlich empfindet, wie es dem Europäer künstlich und unnatürlich erscheint. Die Formel der »Erhabenen Stimmung« oder »Unbegrenztheit« läuft auf Alliebe hinaus, doch jede Schwärmerei dabei soll gebändigt werden durch »Denken und Wollen«, was dem Inder das gleiche bedeutet und dem er nicht wie moderne Psychologie bloß rezeptive, sondern schöpferische Kraft zutraut, bezeugt durch abnorme psychische Fähigkeiten (Iddha) unter Disziplin der Yogienergie. Der Wille (Chanda) kann nur durch den höheren Willen gebrochen werden, dessen sonstige Unfreiheit durch den dauernden Trance disziplinierter Begeisterung »emanzipiert« wird, niedere Begierde nur durch Umwandlung in stärkere Leidenschaft (»Eifer«) für das Heil. Das Stärkste dieser Leidenschaft ist »Emanzipation« des Herzens, buddhistische Apostel predigen ganz im Sinne Pauli »Liebe«. Ob sie durch Karma angeboren oder durch Dhamma erworben sei, erfahren wir nicht. Bei Gutartigen ist freilich freundliche Gesinnung für Nebenmenschen normal, auch Mitleid für Leidende natürlich, wenigstens bei Frauen. Nun gibt es aber eine größere Mehrzahl von Ungutartigen, bei denen Wohlwollen wahrlich kein Naturtrieb. Menschenliebe bleibt überhaupt ein laues schwaches Gefühl, das im Konflikt mit Selbstliebe keinerlei Opfer bringen möchte und sich nur schwer dazu entschließt. Je wohlmeinender ein Mensch, deso häufiger erfährt er, daß man Mitleid verschwendet und wenige der Hilfe würdig sind. Hilfsbereite werden fast immer ausgenutzt, man klammert sich an sie, bis sie die Geduld verlieren. Wer Dank verlangt, ist ein Lump; wer Dank verweigert, ein noch größerer Lump; vergeßlicher Mangel an Treue fast allgemein. Geniale oder besonders Liebenswürdige (Frauen, liebenswürdige Männer sind schlechtweg Raritäten) müßten darauf rechnen, ihr Umgang sei so wertvoll, daß man gern für sie Opfer bringe, doch weit gefehlt! Kein persönlicher Reiz bietet ein Äquivalent für zu leistende Dienste, sobald sie irgendwie lästig fallen. Daher ist das Leben großer Männer besonders lehrreich, weil man dort fast immer auf Gleichgültigkeit, Undank und sogar aggressive Bosheit der Mitmenschen stößt. Hat ausnahmsweise ein R. Wagner opferbereite Freunde, so war er eben selber ein Ausnützer und Selbstling, dreht also den gewöhnlichen Spieß um. Sonst gilt nur Napoleons Hohn: »Wenn man mir vorwarf, daß ich die Menschen verachte, so sieht man jetzt wohl ein, daß ich Grund dazu hatte.« Wer ehrlich alle Triebfedern erkennt, wird unterschreiben, daß der Mensch keinen Altruismus verdient. Dagegen beweisen die Regungen von Sympathie und Mitleid bei Gutartigen, so lau und schwach sie der natürlichen Selbstsucht widerstreben, daß Altruismus trotzdem Norm sein sollte. Um ihn zum Leben zu wecken, bedarf es aber eines anderen, stärkeren Gefühls, das die eingewurzelte Ichsucht bricht. Ob selbstwidrige Menschenliebe durch Liebe zu Gott oder zum Dhamma entsteht, ist das nämliche, da »Norm« hier »Gott« bedeutet. Selbst der größte Ewigkeitsmensch wie Buddha, der übrigens einen Nachfolger Meteya für heutige Tage prophezeite, bleibt nicht unberührt vom Zeitmilieu, wir dürfen ihn daher nicht sklavisch als »allwissend« anbeten. Aber daß er buchstäblich Handlungen ohne Substanz, Attribute ohne Subjekt gelehrt habe, heißt ihn mißverstehen. Indem er das flüchtige Subjekt objektivierte und die Innenwelt nur als Objekt sah, indem er Kausalität nicht als Reihenfolge von Momenten, sondern als einziges rhythmisches Pulsieren empfand, war er ein metaphysischer Kopernikus, der die Festigkeit von Erde und Mensch aufhob, sie vom stabilen Objekt zum rollenden Subjekt machte, die Energetik zu einer Spirale der Dynamik und so stürmisch in die Ewigkeit eindrang. Das ist zwar schwerlich die ganze und absolute, aber eine große und beweisbare Wahrheit. Denn daß nur Handlungen und Werke fortdauern, deckt sich mit dem natürlichen Vorgang, da das Ich illusorisch, doch die von ihm ausgehenden Bewegungen tatsächlich und durch Verkettung der Kausalwirkung ewig sind. Die »gesammelten Werke« eines Autors überleben ihn nicht nur zeitlich, sondern wirken, wenn sie längst Makulatur sind, indirekt fort durch die auf andere übertragene Anregung als Anstoß für andere Werke. Wenn für die Schöpfung gilt »Die unbeschreiblich hohen Werke sind herrlich wie am ersten Tag« trotz substantieller Vergänglichkeit der einzelnen Planeten, so sind Shakespeares Werke heute noch lebendiger als bei seinen Lebzeiten. Es liegt Anerkennung der Gleichgültigkeit des Individuums in der bekannten Ausrede: Es interessiere uns nicht, wer diese Werke vollbrachte. Somit gibt die Wirklichkeit auf der ganzen Linie Buddha recht. Die Unvergänglichkeit aller Handlungen (im Indischen identisch mit »Werken«) öffnet einen Tiefblick von besonderer Tragweite. Alles Gehandelte und Gedachte drückt sich nach indischer Auffassung in der Astralwelt ab. Jeder sollte daher recht vorsichtig sein bei Gedanken und Handlungen, die nicht nur direkt einzelne, sondern indirekt die Masse schädigen. Die im Weltkrieg angesammelte Summe von Haß, Niedertracht, Verlogenheit wird noch lange die Erde besudeln. Buddha behandelt freilich bei den für ihn substanzlosen Phänomenen nur deren Wirkungen als wesenhaft und Schullogik fragt, wie aus nichts etwas werden und wirken könne. Abgesehen davon, daß nach Ausstreichung des Ichsubjekts erst recht ein großes Etwas übrig bleibt, nämlich das allgemeine organische Leben in all seinen Funktionen, kümmert sich das All schwerlich um platte menschliche Logik. Doch gilt dies nicht auch für Buddha selber? Dieser verzichtete auf Fortdauer seines zeitlichen Sieges in Indien, sagte richtig voraus, daß dies nur 10 Jahrhunderte dauern werde. Heute blüht der wahre Buddhismus nur noch in Ceylon, Siam, Burma, bemächtigte sich zwar der ganzen mongolischen Rasse, vermischte sich aber dort mit Schamanismus und verlor philosophisch viel von seinem Gehalt. Wäre Buddhismus metaphysisch das Absolute, so hätte im Denken Indiens nicht der vedantische Brahminismus die Oberhand bekommen. Jedenfalls wird wiederum klar, daß Evolution zum Besseren sich auf Erden ausschließt, denn unstreitig erreichte die indische Hochkultur nur unter buddhistischer Herrschaft (Asoka) ihre Vollkommenheit und sank dann in populären Götzendienst schlimmster Art (Göttin Kali, Thugs) zurück. Und weil Buddha dies voraussah, trotzdem er eine Rasse wirklicher Übermenschen (Arahant) züchtete, so ist sinnlos, ihm eine evolutionistische Fortschrittsethik zuzuschieben. Darüber hätte er nur gelächelt: närrischer Mensch, du hast nichts vom Weltprozeß begriffen. Doch begriff er selber alles, deckt seine Logik sich unbedingt mit der Allbedingung? Denn wenn wir das Grundgesetz der Wiedergeburt nachprüfen mit eigener Erleuchtung, so drängen sich Zweifel und sogar Gewißheit auf, daß das Individuelle überhaupt nicht glatt auszumerzen sei. Denn um ans Shakespearebeispiel anzuknüpfen, so ist einfach unwahr, daß nur dessen Werk und nicht seine Person von Bedeutung sei. Ohne letztere können wir erstere als Handlungen der letzteren unmöglich richtig verstehen, Halb- oder Unverständnis einer großen Handlung hat natürlich schädliche Kausalfolgen. Auch die Ketzerreform Buddhas, wie Brahminen es auffaßten, versteht man richtig nur durch seine gewaltige Persönlichkeit und sein Milieu, welches doch selbst nur die Gesamthandlung unzähliger zeitgenössischer Persönlichkeiten darstellt. III Wenden wir nun das Gesetz der Wiedergeburt »nicht derselbe und doch kein anderer« an, so muß nochmals gewarnt werden vor der Buddhas Meinung zuwiderlaufenden Verdrehung in Gjellerups Roman »Weltwanderer«, als ob genau die gleichen Personen nur in etwas anderem Kostüm in gleicher Gruppenbeziehung untereinander ihr früheres Schicksal nachäfften. Das widerspricht der Kausalität, da die hinterlassenen Handlungen jedes Einzellebens notwendig auf das Nachfolgende verändernd abfärben. Nichtsdestoweniger wird für Tieferblickende eine innerliche Identität der auseinanderfolgenden Iche bemerkbar, die sich mit buddhistischer Wegleugnung des Selbst nicht verträgt. Wie steht es mit Buddha selber, da die Buddhas doch als zweifellos Buddhaselbste sich reinkarnieren? Lehrt nicht die Blavatzky, daß besondere Rüstzeuge des Schicksals wie Alexander und Napoleon sich, wenn die Zeit erfüllt, reinkarnieren müssen, und wird nicht gleiches überhaupt vom Genie vorausgesetzt? Ein Naturgesetz kennt keine Ausnahmen, gleiches muß für jeden unbekannten Durchschnittsmenschen gelten, nur daß uns für dessen Wesen und Handlungen alle Merkmale der Beobachtung fehlen. Auch er besitzt eine, obschon schwach ausgeprägte, Persönlichkeit und begeht Dinge, die sich astral vererben, nicht auf seine leiblichen Nachkommen, denen sein Karma oft nicht anhaftet oder nur äußerlich. Die »Wiederkehr« selber, die auch der Alleszermalmer Nietzsche als Tatsache anerkannte, drängte sich seit ältesten Zeiten auf, und die halbwahre Vererbungstheorie als Übersetzung einer psychischen Tatsache ist nur ein faßliches Sinnbild einer größeren und verwickeiteren Transzendentalerscheinung. Wir können die Wiederkehr der Karmavererbung nur an bedeutenden Persönlichkeiten studieren und wählen wir hier ein bestimmtes Beispiel, das wir vor Augen haben, ohne es durch Namen zu verdeutlichen. Der halbgeniale A wird als ganzgenialer B wiedergeboren, B als umstrittener C. Ein Oberflächlicher würde frischweg erklären, dies sei Fiktion, er sehe im Äußeren und Innern, Milieulebenslauf und Werkform der drei keine Ähnlichkeit. Ein Besserwissender würde indessen bekennen, daß hier Ähnlichkeit in der Verschiedenheit bemerkbar sei, derart, daß bei B bestimmte Anhalte (z.B. Lektüre der Mutter während der Schwangerschaft) zu A hinüberführen und B auch wirklich mehrfach mit A verglichen wurde, ähnlich C im Verhältnis zu B. Dies bezieht sich auf geistige Strukturen und Impulse. Physisches Äußere scheint bei den drei verschieden, doch erkennt ein Tieferprüfender selbst hier Zeichen der Ähnlichkeit in Anlage und Aufbau. So äußert sich z.B. die Sinnlichkeit anscheinend verschieden, bei B alles sublimierter und vornehmer, doch offenbar nur gemäß seinem bevorzugten Milieu, der Grundtrieb souveränen Wegsetzens über bürgerliche Moral bei allen gleich nebst Auflehnung gegen Familienpflichten, obwohl in sehr verschiedener Form. Das besondere Temperament, schwankend zwischen wohlwollender Offenheit des Idealisten und krankhaft gesteigertem schwarzgalligem Mißtrauen realistischer Erfahrung, deckt sich bei allen drei. Schwächere Abarten dieser heftigen Temperamente kommen natürlich auch sonst vor, doch die besondere Eigenart der drei wiederholte sich bisher nie, verknüpft mit revolutionären Haß gegen die Gesellschaft. Ist nun der Ausnahmecharakter der drei gänzlich identisch, so scheint Ausdrucksform ihrer Werke verschieden, besonders bei A und B. Aber auch hier liegt nur Verschiedenheit der äußeren Lebensstände vor, infolgedessen A eine für seine Zeit und Rasse passende Form wählte, B eine andere seiner eigenen Zeitströmung. Doch das Polemische, die Neigung zu rhetorischem Disputieren und Herausfordern findet sich deutlich bei B wie bei A und C, während umgekehrt der düstere Propagandist A zeitweise in überschwenglicher Schwärmerei schwelgte und bei beiden die Leidenschaft die gleiche sexual-platonische Ekstase zeigt. Die wahre geistige Identität ist also so groß wie die charakterologische, während C geistig eine Mischung von A und B bedeutet, äußerlich umfassender in Formen und Wissen, scheinbar in mancher Ausdrucksweise verschieden und dennoch der nämliche. Die A und B gemachten Vorwürfe, manchmal richtig, doch größtenteils oberflächlich borniert, trafen genau so C. Dieselbe glühende Phantasie, derselbe zersetzende Verstand paaren sich bei allen drei, die Phantasie bei A am schwächsten, auch bei B und C mehr reflektiv als sinnlich gestaltend. Allen gemeinsam begeisterte Hingabe ans Transzendentale, gleiche Entwicklung von natürlichem Wohlwollen zu kalter Menschenverachtung durch bittere Weltkenntnis, was gleichmäßig ihren Gegnern zu verläumderischen Zerrbildern Anlaß gibt. Die beißende Ironie und gallige Satire bei B und C ist nur Umsetzung düsterer Bitterkeit bei A, immer Gleichheit bei schwacher Verwandlung, allgemeine erstaunliche Identität. Dagegen gleichen ihre äußeren Milieubedingungen und ihr Lebenslauf sich anscheinend nicht, aber auch dies ist Schein. Zunächst fällt auf, daß alle drei jeder in besonders bedeutende historische Phasen fielen, die nur zeitlich sich unterscheiden, sonst absolut gleich, wobei merkwürdigerweise Phase 3 geradeso eine verstärkte Mischung von Phase 1 und 2, wie C eine wunderliche Mischung von A und B. Diese drei innerlich identischen Zeitläufte (Manwantara, Zusammenbruch der alten Gesellschaft durch Krieg und Revolution) paßten aber allein fürs Wesen von A, B, C. Bei solcher überraschender Identität des Milieu in höherem Sinne wäre also belanglos, ob das äußerliche soziale Milieu der drei Revenants wirklich verschieden wäre. Aber ist dem so? Leider können wir nicht deutlich werden, weil man sonst erraten könnte, wer mit den drei gemeint, und das wünschen wir aus Gründen nicht. Dazu kommt, daß A und B genau, wenn auch nicht immer richtig, in ihrem Erdenwallen bekannt, C nicht oder zu wenig. Des letzteren persönliches Milieu würde, wenn richtig bekannt, wieder als Mischung aus dem von A und B erscheinen, sinnreiche Verschmelzung äußerlich entgegengesetzter Bedingungen. Das bezieht sich sogar auf äußere Würdigung und Weltgeltung, die weder derjenigen von A noch B quantitativ gleich und dennoch qualitativ die nämliche ist. Die Widersacher von A waren auch die von B, die von C in wenig veränderter Form die von A und B, denn diese Verfolger werden geradeso wiedergeboren wie die für A und B Begeisterten, nur mit dem Unterschied, daß jenen bei Lebzeiten ein Teil des großen Haufens anhing, während der andere sie grimmig befehdete und beschimpfte. Bei C blieb das Maß der Anhänger und Beschimpfer viel kleiner, dafür die Lobpreisung durch einzelne Erkenner noch maßloser. Die persönliche Verfolgung blieb ziemlich aus wie umgekehrt das weltweite Aufsehen. Denn es spielt bei Obigem auch das Temperament der verschiedenen Rassen mit, der A und B angehörten. Wir erwähnten noch nicht, daß A, B, C jeder einer anderen Nation entstammten: um so beweiskräftiger für Karmavererbung ihre geistige und Charakter-Identität. A hatte übrigens anscheinend noch einen präexistenten Vorläufer in der Nation von B, von gleicher revolutionärer Bitterkeit bis zu genialem Irrsinn, dessen geistige Art mehr in B und C als in A zum Wiederdurchbruch kam. Dieser Vorläufer, den wir diesmal mit richtigem Namen S nennen wollen, stand an wirklicher Bedeutung hoch über A, obschon minder berühmt. A schwärmte für die Nation B, in der er als B wiedererstand, B hielt viel von Nation C, in der er dann wiederkam. Jeder haßte mehr oder minder die eigene Nation, wie denn C sich allzeit nach Nation B zurücksehnte, gegen die B sich aufgelehnt hatte. A wünschte notorisch der Nation B anzugehören, B pries Nation C für geeigneter, ihn zu verstehen. Beider Wunsch erfüllte sich, doch A wurde als B nicht glücklicher, und B als C lernte alle Unarten der ohne wirkliche Kenntnis gewünschten Nation C kennen. Wenn C wünschen würde, zu Nation B heimzukehren, so würde er nur das frühere Schauspiel des B wiederholen in nur rassemäßig veränderter Auflage. Die Beziehung der drei untereinander entbehrte nicht mal handgreiflicher Berührung ihrer Lebensaufenthalte. B, der unverhohlene Vorliebe für das zur Rassengruppe A Gehörige verriet, sah sich unversehens an zwei fremde Orte versetzt, wo einst A hauste, und gedachte des A, als er buchstäblich in dessen Fußstapfen wandelte, mit so leidenschaftlicher Inbrunst, als wäre A sein Doppelgänger – was ja ganz richtig war. Ähnlich fühlte sich C, als er B geistig kennenlernte, elektrisch durchzuckt mit unbeschreiblicher Empfindung, als schaue er sich selbst im Spiegel, auch erwachte in ihm an vaterländischen Orten des B deutliche Erinnerung, daß er dies alles schon mal gesehen habe. Es wäre wertvoll, nachzugehen, wie der oben angedeutete S in Weltstadtverderbnis nach Natur und schlichten Verhältnissen schmachtete, was ihm im A gewährt wurde (beider äußere Herkunft gleich plebejisch), auf den die Händel des S übergingen, während dessen intime Privattragödie mehr auf B abfärbte. Man darf wohl kaum als Zufall betrachten, daß A, B, C durch Schicksalsfügung ohne eigenes Zutun lange nach gleicher südlicher Zone verschlagen wurden in wichtigen Epochen ihres Lebens. Übrigens darf nicht vergessen werden, daß B, so sehr sein späteres Milieu von dem des A abstach, als Knabe in fast gleicher Misere aufwuchs und wenigstens seine pekuniären Verhältnisse trotz sonst glänzender Stellung noch lange unsichere und bedrängte blieben. Bei C waltete auch hier wieder Mischung der Daseinsbedingungen von A und B. Wenn B von A allerlei Schmutz erbte, so verfolgte ihn deshalb ein Karmafluch und wir vermuten, daß dunkle Flecken in A's Erdenwallen sich bei B wiederholten, obwohl in vornehmerer Form. Dagegen hinterließ er umgekehrt – nicht A, der in Schmerz und Schmutz nur indirekt Großes wirkte – viel erhebende Handlungen und gute »Werke«, büßte bitter und tilgte so Teile der Karmaschuld gründlich. Infolge dieser besseren Erbschaft entfaltete C, obschon nach Menschenbegriffen in der Hauptsache mit weit mehr Grund verbittert als A und B, die sich fälschlich als Verkannte fühlten, ungebrochene Widerstandskraft bis in weit höheres Alter, vom Karma begünstigt in einem viel wichtigeren Lebensfaktor, in welchem A und B das schlimmste Fiasko machten. Könnten also A und B ihre Wiedergeburt als C betrachten wie etwas Fremdes, so würden sie urteilen, C sei sicher glücklicher als sie, obschon die Welt, wenn sie von A, B, C alles richtig wüßte, schwerlich dieser Meinung wäre. Denn die Welt, d.h. der Pöbel, mißt nur mit äußerlichen Maßstäben und stimmt mit Dühring (»der Wert des Lebens«) überein, daß andauernde Unterdrückung durch Sachfeinde, »die Schmach, die Unwert dem Verdienst erweist,« was ja auch Hamlet zu den ärgsten Übeln zählt, kurz das Los des sog. verkannten Genies eine besonders schwere Prüfung sei, was dem A und B erspart blieb. (Der eitle Mime Barnay nennt als seine Vorstellung des größten Unglücks »erfolglose Arbeit«.) Es ist fraglich, wie das reizbare Selbstgefühl von A und B die tragische Demütigung durch dauernde Ungerechtigkeit ertragen hätten, wahrscheinlich hätte es sie zuletzt gebrochen und schaffensunfähig gemacht, was nicht im Plan ihres Karma lag. Die Tugend, die jemand gleichwohl dem B zusprach, daß er trotz so viel Anfeindung rüstig weiter schuf, trat bei C unendlich stärker hervor. Hier zeigt er sich als idealere Natur, die schon durchs Schaffen befriedigt wird und lernt, gelassen jede Enttäuschung zu tragen, gestützt auf anderweitiges Seelenglück, nicht zufällig, nicht ohne eigenes Verdienst, obwohl dankbar als Geschenk der Vorsehung begrüßt. Doch diese Vorsehung schenkt nichts umsonst, Karmakausalität regelt jeden Lebensumstand nach Fug und Recht, denn es sind Leiden und verborgene Tugenden von B, die sich in C belohnen. Wer am meisten litt, ob der halbgeniale A oder das Genie B oder der fragmentarische C, dem sein Karma absichtlich kein Ausreifen gestattete, wäre schwer zu entscheiden. Bewußtseinsstände bleiben in Lust und Unlust ziemlich auf gleichem Nullpunkt der Abwägung, es kommt nur auf Bereicherung der Erfahrung an. Die unheimliche Dreieinigkeit dieser Identität »nicht derselbe und doch kein anderer« verdichtet sich noch bei schärferem Zusehen. Laut esoterischer Mystik werden beim einzelnen auch die Menschengruppen wiedergeboren, die ihm in Präexistenz nahestanden, Freund und Feind, Opfer und Henker. Wenn Schatten in A's Leben ähnlich über B lagerten, so erging natürlich auch Wiedergeburt von Personen, die gegen sie oder gegen die sie sündigten. Freilich verschärfte sich widerliche häusliche Misere des A bei B zu vornehmerer Tragödie, doch den Unterschied verursachte eben nur das Milieu, nicht der gleiche wirkliche Kern der Konflikte. Eine Hysterikerin, die bei A eine bestimmende Rolle spielte, konnte beim B nichts ausrichten, von ihm abgeschüttelt. Dieser Femme superieure würde man auch bei C begegnen und noch anderen Ähnlichkeiten, in der Hauptsache aber verkehrt sich bei ihm der Schatten in laicht, wobei vermutlich auch ein einstiges Opfer des B verdiente Karmabelohnung erhielt. Hat man sich mal in diese mystische Bahn begeben, so scheinen selbst Namen bedeutungsvoll. In A's und B's Jugend erinnerten zwei Orte, wohlgemerkt in ganz verschiedenen Ländern, an etwas Lebenbestimmendes, wovon deren Wirken seinen Ausgang nahm, beide Ortsnamen von drei Silben sind völlig gleich mit Ausnahme eines eingeschobenen Buchstabens. Das Wappen des B trug ein Motto, das dem Sinne nach genau dem Namen des C gleicht. B hatte »eine Leidenschaft für den Namen ...«, C keineswegs, doch dieser Vorname bekam zweimal in seinem Leben Bedeutung. Ebenso wiederholt sich ein südlicher Familienname, der den B anging, im Leben des C genau. Auch dessen Vater hatte den gleichen Vornamen wie B und gehörte zweifellos zur gleichen Menschengruppe, seine Mutter hatte viel Ähnliches mit B's Mutter, der keinen Vater, wie A keine Mutter kannte. Wenn aber A und B dies für einen besonders hinderlichen Karmafluch hielten, so mag vielleicht C für sich anderer Meinung gewesen sein. Es gewinnt den Anschein, daß bei so allgemeiner Identität auch Kleinigkeiten nicht zufällig sein können und daß vermutlich ein Sterbender – auf die Todesstunde legen die Inder besonderen Wert – die Macht hat, über sein künftiges Milieu teilweise zu bestimmen. Was er für Verbesserung seiner Lage zur Vermeidung von Leid und Schuld wünscht, wird ihm in der Wiedergeburt – ohne daß sich damit sein Los wesentlich ändert, denn nur Verblendung hält Form für Norm. Was sich allein ändert im Guten und Bösen, geschieht als Kausalfolge seiner früheren Handlungen. Wird man aber nach Durchdenken obiger Beispiele noch Buddha beipflichten, daß es gar kein Selbst gebe? Man muß immer festhalten, daß Ich nur eine Form von Selbst. So zeigen z. B. A, B, C gleichmäßigen Bekennermut der Wahrheitsliebe, also ursprüngliche Tapferkeit, aber A und C zwang ihr schwaches Milieu öfters Anfälle physischer Furchtsamkeit auf, während dem B seine Lebensstellung die Kraft gab, rücksichtslos kühn sich auszuleben. Nun verstrickt zwar alles sich Ausleben in seelische und materielle Gefahren, aber wem es sein Schicksal verweigert, trägt ein Joch des Unbefriedigtseins, das ihn seelisch niederdrückt. Wenn A daran zugrunde ging, C nicht, so verdankt es C der stolzen trotzigen Mutausbildung des B. Jede Art von physischem Mut im Weltkampf ist nur Milieusache, nur der moralische Mut, gleichbedeutend mit Idealismus, ist das Wirkliche und Bedeutungsvolle. Man könnte eine Tabelle aufstellen, welche Eigenschaften dem Ich und welche dem Selbst angehören. Das Selbst von A, B, C gleich heldenhaft und idealistisch, das Ich dagegen sehr verschieden an physischem Mut, wobei C wieder Mischung von A und B. Es scheint sogar, als ob auch die Ausdrucksform, in der sich Genialität entladet, nur Milieusache wäre. Napoleon und Friedrich behaupteten, sie seien zum Schriftsteller geboren, empfanden ursprünglich Abneigung gegen alles Militärische, Bismarck gegen alles Diplomatische, wir können ihn uns in anderem Milieu etwa als einen höheren Treitschke denken. Unser B mißachtete manchmal seinen Genieberuf und seufzte nach kriegerischer Aktivität, welchen Zug er schärfer ausgeprägt auf C vererbte, der möglichenfalls seinen »Beruf verfehlte« und unter anderen Umständen ganz etwas anderes hätte »werden« sollen. Man »wird« eben nur, was die Kausalität will, und da jede echte Genialität innerlich universal und unteilbar, so kann sie sich im vielfachsten Wechsel ausdrücken. In Leonardo steckten zugleich die kleineren Möglichkeiten eines Vauban, Lesseps, Watt, Fulton, Zeppelin oder die größeren eines Kepler, Helmholtz und Giordano. Daß die Wiederkehr bestimmter Genietyps schon manchem sich aufdrängte, der von Karmalehre nichts wußte, darüber sehe man Gutzkows »Briefe eines Narren«, wo Rousseau, Jean Paul, Byron und – Bettina v. Arnim als Identitätskette verknüpft. Die unsinnige Anziehung von Paul und Bettina zeigt aber, wie sehr man strengerer Denkdisziplin und tieferen Wissens bedarf, um Reinkarnierung zu erforschen. Voraussichtlich fordert diese Auseinandersetzung wohlfeiles Gespöttel und hämische Kommentare heraus, wenn Neugier die veranschaulichten Beispiele wörtlich beim Namen sucht. Da würde man um so mehr straucheln, als eins der drei Glieder für Nachforschende nur ein unbekanntes X sein könnte. Man kann indessen einwenden, daß Identität von Geist, Charakter und dem dadurch bedingten Schicksal vorliegen möge, dagegen Identität konkreter Einzelheiten nur Einbildung, Zusammensuchung täuschender Zufälligkeiten sei. Gewiß, es öffnen sich da mancherlei dunkle Wege. So wurde z. B. ein größerer als unser B 200 Jahre früher in gleiche Nation unter gleichem Milieu geboren und starb genau im gleichen Alter. Bei beiden das 24. Lebensjahr von besonderer Bedeutung, zögernde Werbung um und unglückliche Ehe mit einer geistig hervorragenden Frau von erschreckender Ähnlichkeit, revolutionäre Haltung, Familienzwist, edelste Anlage bei überstolzem, leidenschaftlichem Temperament gleich, auch viel in geistiger Struktur ähnlich. Bei physischem Defekt, zwar verschieden, doch als Verkrüppelung reizbare Abnormität verursachend, persönliche Verschiedenheit nur in Punkt Erotik, wobei angenommen werden könnte, daß jener große Präexistente sich Eigenschaften des B wünschen mochte. Daß selbst die Stammsitze beider sich ziemlich nahe lagen, daß sie wichtige Lebenszeiten im gleichen Süden verlebten wie auch A und C, könnte man als Zufall betrachten, aber nicht, wenn Identität von Wesen und Schicksal so auffallen. Doch wir stolpern über den Stein des Anstoßes, daß dieser größere Präexistente wohl kaum als A zunächst wiedergeboren sei, den man nur mit B, nicht mit jenem älteren Größeren verbinden darf. Und wie stände es gar mit dem früher angedeuteten Zwischenglied S, so entschieden mit A und B vereinbar, doch schwerlich mit jenem Größeren! Natürlich kann man auf den Einfall kommen, daß Reinkarnierung nicht aus einem Stück erfolgt und zum Wiederaufbau Ungewöhnlicher sich ein Doppelich aus zwei Präexistenzen vereinen könnte. Also geraten wir noch tiefer in Mysterium hinein. Zwar wäre Reinkarnierung als B ohne Zwischenglieder jenes Größeren würdig, zumal B tatsächlich von zwei bedeutendsten Beurteilern einst mit jenem verglichen wurde, andererseits hängt aber das Zwischenglied A so unverkennbar mit B zusammen, C für Erkennende so direkt mit B und indirekt mit A wie letzterer mit S, daß man die direkte erlauchte Abstammung des B von jenem größern Ahnen bezweifeln muß: Dieser wäre bei S, A und C von seiner Höhe merklich herabgesunken. Wir wissen, daß unsere Verschweigung der gemeinten Namen und Personen und anderes dabei, was ein genaueres Kennen unserer eigenen Auffassung voraussetzt, den Ununterrichteten nicht aufklärt und alles Konkrete im Dunkel bleiben muß. Hätte er den Schlüssel, nämlich Erraten der Namen, so würde dem Kundigeren manche Einzelheit klar. Vielleicht erleichtert es das Suchen, daß A und jener größere Präexistente den gleichen Anfangsbuchstaben ihres wirklichen Namens führten, ebenso B und C einen anderen gleichen. (Daß S Anfangsbuchstabe des Pseudonyms ist, unter dem jener Größte schuf, scheint ein unheimlicher Witz der in S verkörperten Weltsatire.) Alle, S inbegriffen, sind Germanokelten, Wiedergeburt erfolgt rassenmäßig. Und ist nicht obiger Zweifel auch nur Kleingeisterei? Ist höchstes Schaffen nicht bloß günstige Karmafügung, während das gleiche zugrunde liegende Selbst in ungünstigem Milieu nur bruchstückweise zum Vorschein kommt? Zwar halten wir A für das unbedeutendste Glied der Kette in »Werken«, obwohl sein Wirken zu weltgeschichlicher Handlung wurde, doch niemand verkennt in ihm ein düster Elementares, das vielleicht nur eines andern Milieu bedurfte, um in reinerer Form zu schaffen. Er verfiel gleicher Gesellschafts- und Weltstadtvergiftung wie sein Vorgänger S, trotzdem er günstiger in freier Natur aufwuchs, zeigte den gleichen snobistischen Bettelstolz des hochgekommenen Plebejers unter »Vornehmen«. Denn das Wesen bleibt kausal gleich, auch bei Änderung des Anfangsmilieu, ein Aristokraten-Ich des gleichen Selbst prägt den Stolz nur in scheinbar anderer Form aus. Nun setzte aber S mit vermehrter Gewalt eine Seite jenes größten Präexistenten fort, der höchstwahrscheinlich auch wie S ein tragisches Ende nahm: grausamsten Weltschmerz der Menschenverachtung. Könnte dieser Teil sonst kosmischer Gefühle sich nicht vereinzelt in einem Dämon der Weltsatire reinkarniert haben? Das übrige transzendentale Ego hält sich zurück, bis es seinen erhabensten Teil wieder in B hervorbringt, dem aber gleichfalls die Weltsatire anhaftet. Als C sinkt es teilweise ins Milieu von S und A zurück, woraus gleiche abstoßende Eigentümlichkeiten folgern (Anfälle von Verfolgungs- und Größenwahn, aggressive Wut und boshafter Hohn), behält gleichwohl die noblere Erbschaft von B und dessen scheinbar dem A und S widersprechende Eigenschaften (Wohlwollen, Großmut), verbunden mit teilweiser Milieuverbesserung gegenüber S und A und in gewissem Sinne auch gegenüber B. Daraus ergibt sich widerspruchsvolles Leben und Wirken, wobei Glück und Unglück sich scheinbar verschieden von S, A, B mischen, auch das Wirken sich scheinbar unterscheidet, tatsächlich aber die größte Ähnlichkeit obwaltet, indem bei C Elemente von S, A, B verschmolzen. »Nicht derselbe und doch kein anderer.« Nicht nur beim äußeren, auch beim inneren Erfolg, Vollendung wirklicher Leistung, waltet Karma. Goethe ohne sein Milieu wäre nicht der Goethe geworden. Jener literarische Handwerksbursche, der so sensationell auf der Modelandstraße der Unnatur fechtet und dabei ein von ihm angeblich bereistes Indien so beschreibt, als wäre er nie dort gewesen (ein Brahmane predigt Schiller!), jener Charlatan fiktiver Differenzierung unwahrer Güte oder Amoralität schrieb gelassen: »Es gibt kein Glück, es gibt nur Tüchtigkeit.« Das ist ein Königswort, daran soll man weder drehen noch deuteln, eines jener Bekenntnisse, woran man dem ganzen Menschen auf dem Nabel guckt. Vielleicht fühlt er sich moralisch verpflichtet, die Überschwemmung des Gimpelmarktes mit seiner Konterbande für ehrliche Schmugglertüchtigkeit auszugeben. »Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige,« warf sich ja auch Moltkes strategischer Dusel in die Brust. War kein Glück, daß lauter Trottel oder Schlimmeres ihm in die Hände spielten? Gibt es kein Glück in den Karten, wo der beste Spieler nichts gegen bessere Trümpfe vermag? Weit richtiger klingt: es gibt weder Glück noch Tüchtigkeit, es gibt nur Karma. Untersuchen wir den Einwand, Vergleich von Einzelheiten erkünstele zufällige Übereinstimmung: Hat in einem Weltbild absoluter Kausalität überhaupt der Zufall Raum? Nein. Die von uns angeführten Einzelheiten bis auf Ähnlichkeit von Nebenpersonen und Ortsnamen wären selbst dann auffällig, wenn sonst keine innere Identität nachweisbar wäre. Da aber letztere über jeden Zweifel sichtbar ist, so darf man alle übrigen Indizien unmöglich für zufällig halten. Entweder ist die von der Urweisheit gewußte und noch heute von 600 Millionen Menschen religiös geglaubte Wiedergeburt leerer Wahn – und dann ginge auch die Kausalität in die Brüche – oder unser Beispiel hat zum erstenmal die Grundlagen der Wiedergeburt veranschaulicht. Wer unserer Entschleierung nicht zu folgen vermag, dem rufen wir das Jesuswort ins Gedächtnis: Wer den Propheten nicht glaubt, wird auch nicht glauben, wenn die Toten auferstehen. IV Im Essay über »Ausgleichung« (Kompensation) empört sich Emerson über die Kanzelpredigt, der Gute leide in diesem Leben und dem Bösen gehe es gut, wofür dann das Jenseits den Spieß umkehre. Diese sehr verbreitete Auffassung zeugt von Niedrigkeit der Gesinnung und falschem Aufmerken. Denn damit soll gemeint sein, daß materielles Wohlleben der Schlechten nachher durch materielles Wohlsein der Guten im »Himmel« ausgeglichen wird, ein rohweltlicher Realismus, der dabei übersieht, daß der Gute ein meist mit schlechten Handlungen erworbenes »Glück« nicht wünschen kann, daß es ihm aber dafür in idealer Hinsicht gut geht. Auf die Irreligiosität, daß Gott zwecklos Tragödien im Diesseits aufführen und sinnlos den Guten quälen würde, damit er einen ihm ohnehin sichern »Himmel« verdiene, geht Emerson nicht ein. Und zwar aus guten Gründen. Denn das Weltübel läßt sich nun mal nie mit willkürlichem Walten eines persönlichen Gottes zusammenreimen, auf den der frivole Spruch passen würde: »Das einzige, was ihn entschuldigt, ist, daß er nicht existiert«, sondern findet vernünftige Begründung einzig durch das Karmasystem. Dauernde Leiden und Mißerfolge erbittern und verbittern, dienen also selten zur Läuterung und im wirklichen Leben erhält der geduldige Hiob keineswegs von Jehova nachher noch mehr Kamele und Rinder. Schopenhauers Verschrobenheit, das Leben mache sich unerträglich, damit man einsehe, es solle nicht sein, widerspricht jedem Naturgesetz, übrigens finden Glückverwöhnte es recht angenehm. Wenn er Leiden der Tiere mit heranzieht, die sich doch meist des Daseins freuen, so wird ein Skeptiker spotten, ob auch sie der Wiedergeburt teilhaftig werden, ein Kirchenrohling folgern: Das leidende Tier hat keine Seele, also auch keine Unsterblichkeit, der Materialist aber: Der Mensch ist Tier, hat also so wenig Fortdauer wie das Tier. Antwort: selbstredend hat das Tier eine Seele, vielleicht eine reinere, da bei ihm das Ich sich minder vordrängt. Wer Hunden, Katzen, Elefanten oder gar Pferden und Papageien eine Psyche abspricht, ist ein Narr. Nie machte sich der Buddhismus solches menschlichen Größenwahns schuldig. Sie gehen gerade so ins Astrale ein, finden geradeso eine Wiedergeburt, obschon ägyptische Lehre, der vertierte Mensch kehre in Tierleiber zurück, nicht viel Glauben verdient. Warum sollte ein viel duldendes edles Pferd nicht auf höhere Stufe befördert werden? Karmagesetz gilt für alles Geschaffene, auch für die vom Inder als Lebewesen erkannten Planeten. Die Versündigung der Europäerkirche an der Vernunft rächt sich durch die Unmöglichkeit, dem Skeptiker irgendwelche anständige Lösung des Übels = Dilemmas vorzutragen, während ausgleichende Wiedergeburt den so scharf und nüchtern denkenden Asiaten befriedigt. Es war ein Verhängnis der Christenkirche, daß sie nur verschwommen »Auferstehung des Fleisches« in ihren Katechismus aufnehmen durfte, weil wirkliche Auferstehung der Toten durch Wiedergeburt nicht in den sonstigen Kreis des Aberglaubens paßte, der für Getaufte eine Erlösung fauler Sünder durch einmalige Kreuzigung eines einmaligen Gottsohn voraussetzte. Diese unsolide Firma Gott \& Co. ohne Kredit bei der Vernunft kann ihre beschränkte Haftpflicht nicht den ungeduldigen Gläubigern der modernen Skepsis entziehen und müßte daher Pleite machen, worüber der Allgott, dessen heiligen Namen sie gesetzwidrig auf ein mit ihm in keiner Verbindung stehendes Kirchengeschäft übertrug, sich nur freuen mag. Leider möchten auch Emersons beredte Tiraden uns beschwindeln, daß bloßes Rechthandeln den äußern Sieg des Schlechten genug kompensiert. Wenige handeln so recht, daß sie es vor zartem Gewissen verantworten können, es handelt sich fast immer nur um relativ Gutes und da bewahrheitet sich das ethische Naturgesetz. Denn es ist meist falsch, daß der Gerechte besonders leide, meist leidet er verdient, weil er nur unserm mangelhaften Wissen gerecht scheint, und daß der Ungerechte immer floriere. Besonders ungerecht scheint er nur unter falscher Perspektive, der Unterschied ist meist relativ: Führe uns nicht in Versuchung! Auch brauchen nur wenige den Ring des Polykrates zu werfen, denn materielles Gedeihen paart sich selten mit andern Glücksgütern wie Gesundheit, Heiterkeit, Liebe, Ehre, Ruhm, von denen jedes mehr wert ist als Banknoten. Anhäufen alles »Glücks« in einer Person würde zu Übermut oder Blasiertheit führen, also Verderben. Da das Karma sich bestrebt, Kausalgerechtigkeit zu veranschaulichen, so staunt man freilich um so mehr über Einzelfälle, wo man umsonst nach Ausgleich sucht, z.B. qualvollen Tod eines gutartigen Jünglings zur Trauer für viele. Sühnt er damit ein präexistentes Schlechtes, für das keinerlei Anzeichen vorlag? Ist das andern durch seinen Tod zugefügte Leid gerecht z.B. wenn einer Witwe ihr einziger Sohn und Ernährer stirbt? Warum kompromittiert sich das Karma so vorm menschlichen Begriffsvermögen, da Hinweis auf Präexistens in gewissen Fällen kaum gültig scheint? Daß jede Tat (also auch die schlechte?) sich selbst belohne und daß man nicht Unrecht tun könne ohne Unrecht zu leiden, ist Emersonscher Paradoxenschwulst, nicht ohne eine letzte Wahrheit, die aber kein Orakeln verständlich macht, solange man als moralisierender Yankee die Dinge beschaut, mit Dollaroptimismus zahlungsfähiger Moral Widerwärtigkeiten als Ansporn zu mannhafter »Tugend« preist. Daß Tadel gesunder sei als Lob und böswillige Kritik besser als wohlwollende Achtung, sind Redereien eines Menschen, der eher überschätzt wurde, und dem es am »Irrsinn eitler Einbildung« selber nicht fehlte, wie sein Diktator-Dozieren als Präzeptor mundi austönt. »Die Seele will nicht Häßlichkeit und Leid kennen«? (Essay »spirituelle Gesetze.«) Sie sind aber da, ob sie will oder nicht. Liebe erzeuge immer Liebe? Selbst Sexualliebe ist nicht immer gegenseitig, wenn sie sich mit andern Reizungen kreuzt, und der Mob zerreißt den Liebevollen, der ihn aufklären möchte. Wenn die Natur nur handelndes Bewegen liebt und »unsere Wohltätigkeit und Gelehrsamkeit nicht mehr schätzt als unsere Betrügereien und Kriege«, so wäre dies ethischer Nihilismus. Warum sich dann noch mit Rechthandeln plagen! Auch ist paradox, daß kein Mensch je betrogen werde, es sei denn, daß er sich selbst betrüge. Wohl kann man sich selbst betrügen und doch keine Fähigkeit des Betrogenwerdens haben. Emersons blendende, obwohl oft wirre, Beredsamkeit sagt manchmal Richtiges, doch so aphoristisch, daß er sich oft widerspricht. Auf die lächerliche Behauptung »der Eindruck jeder Schrift auf die Öffentlichkeit mißt sich mathematisch nach der Tiefe ihres Denkens« folgt gleich nachher, daß kein Dutzend Plato lesen, nie genug um eine Auflage zu bezahlen, und das soll für Piatos Einfluß genügen? »Ein Mensch wird genau so geschätzt, wie er wert ist. Wenn er weiß, daß er etwas Großes machen kann, so ist er sicher, daß alle Menschen dies anerkennen«? Diese scheußliche täglich widerlegte Fälschung braucht solche Yankeenaivität, um einen Optimismus vorzuzaubern, den Schopenhauer verbrecherisch nannte und den wir mit Buddha belächeln: »närrischer Mensch!« Auch die süßlich metaphorischen Kapitel über Liebe und Freundschaft belustigen als künstliche Weltfremdheit, die, sich kindlich stellt und vorgibt, sie sehe so viel Schönes. Der Essay »Klugheit« klingt dahin aus, daß Wahrheit, Offenheit, Mut, Liebe, Bescheidenheit alle Weltklugheit seien, die Tugend eine Eintrittsgebühr für persönliches Wohlsein. Im gemeinten Sinne ist das wiederum rasende Schwärmerei. Jeden Schuft und jeden Weltkenner ergötzt der Einfall, daß Wahrheit und Offenheit der klügste Trick im Lebensgeschäft seien. Über »Heroismus« schreibt man am fröhlichsten in der Studierstube. Den Kriegshelden leiten fast durchweg Machtmotive oder Berauschung durch fixe Ideen »Pflicht«, »Königstreue«, »Freiheit«. Sittlich ist nur der Mut, die Wahrheit zu bekennen. Wer das in Amerika beim Weltkrieg tat, wurde angepöbelt, eingekerkert, gelyncht. Die Amerikaner sind also ein feiges Volk, das seinen Heroismus in Phrasentrara austobt und die bewaffneten Sendlinge von Wallstreet als Maratonier auslügt. Steht es anderswo anders? Selbstloser Heroismus widerspricht gänzlich der Menschennatur. Wir zweifeln, ob Emerson seine Stimme erhoben und zur Deutschenhetze nicht bloß schweigend die Achseln gezuckt hätte. Die »Oberseele« ist Phrasenschemen ohne faßliche Substanz, denn Emerson meint nicht etwa ein transzendentales Ego, sondern eine Weltseele, die sich mit einem Ich in Verbindung setzt. Dagegen hätten wir nichts, doch nicht in solcher Formulierung. Die Abhandlung »Zirkel« betont das ewige Werden, das sich in immer weitern Kreisen um den Innenpunkt Gott schwingt. (Bei ihm nicht so scharf ausgedrückt und in Rhetorik vergraben.) Doch Buddha könnte lächeln, daß diese Zirkel eben sein rundes Rad sind, das sich gleichsam um einen toten Winkel dreht, wir unsererseits können das Bild nur annehmen mit umgekehrter Schwingung, nämlich in immer engeren Kreisen. In Emersons Essays über Intellekt, Natur, Kunst, Erfahrung, Charakter, gute Manieren entdecken wir unter Wortreichtum nur Truisms oder einzelne verständige Sätze wie: »Wir erwarten eine neue Ära von neuen Lokomotiven und Luftballons, doch stoßen dabei auf die alten Barrieren.« Der lange Erguß »der Dichter« erzeugt ein kunstfremdes Gelehrtenideal, wonach Goethe als Verfertiger des Helenaaktes gepriesen wird, greisenhafter Allegorik. Es kennzeichnet den Tiefstand der Europäer, daß Emersons, Carlyles, Ruskins feuilletonistische Rhetorik als Denkoffenbarung gefeiert wurde. Selbst hier ist Dekadenz, gemessen an Früherem, auch Herbert Spencer ein trauriger Abfall. Diese Äußerungen über den von deutschen Phrasenseligen verhimmelten Yankeepropheten bedeuten keine Abschweifung, sondern betonen, daß bei Breittreten des Ichgeists und Ichwillens immer nur verwerflicher leicht widerlegbarer Optimismus unklaren Denkens herausschaut. Buddha, dem Leben gegenüber Pessimist, dem Dhamma gegenüber Optimist, behält recht, sobald man seine Seelenverneinung auf das Ich beschränkt und für die befehdete Vedantalehre, die einseitig zu weit ging, doch ein Residuum des Seelenbegriffs im Unbewußten offen läßt. Hier tritt Myers »menschliche Persönlichkeit« als notwendige Ergänzung ein, das subliminale Selbst, und dem Buddha erwächst ein seltsamer Widersacher in der neusten Erweiterung des Spiritismus. Es sähe sogar so aus, als ob damit seine Karmalehre zusammenbreche. Die durch den Weltkrieg geborene Bewegung in England, siehe Lodges »Raymond«, Wynns »Ruppert lebt«, Hills »psychische Untersuchungen«, Balfours »Ohr des Dyonisus«, Baretts »Schwelle des Unsichtbaren«, Crawfords »Wirklichkeit der psychischen Phänomene«, Connan Doyles »neue Offenbarung«, bringt das Geisterreich überraschend näher. Die Beweiskette ist so stark, daß man wohl oder übel glaubt, was die Geister über ihren Zustand aussagen. Danach leben sie als Astralkörper weiter, nach Belieben in ihrer oder der Erdsphäre in Nähe von Angehörigen und Freunden, denen sie zu helfen sich bestreben. Daß sie unter Verlust alles Rohmaterials (Sexuelles, Mammon, Rangunterschiede) sonst ganz wie vorher als bestimmte Personen fortbestehen, scheint eigentlich so plausibel wie Dantes Jenseitsinsassen, denn man kann sich nicht vorstellen, wie ein unerleuchtetes Ich plötzlich in ganz verschiedene von allem Irdischen losgelöste Sphäre hineinpassen soll. Dies scheint einerseits, richtig verstanden, ein vernichtender Schlag gegen die Vedantavergötterung der Seele, andererseits Entkräftung der Nichtexistenz des Ich. Wie kann etwas Illusion sein, was als Persönlichkeit den Tod überdauert? Natürlich kann man sich eine metaphysische Erklärung dafür denken, und da die Inder alle Erscheinungen des Spiritismus und der Telepathie seit der Urzeit kennen, so darf man nicht eher urteilen, ehe nicht europäische Spiritisten sich mit asiatischen in genaue Verbindung setzten und von letzteren belehren lassen, was Brahmanisten oder Buddhisten oder Schamanisten über die Geisterwelt wissen. Sobald man sich die Sachlage zu eigen machte, daß die Hingeschiedenen ihr vorheriges Dasein fortsetzen, berührt es nicht mehr abstoßend, daß die Spirit-Engländer immer nur von Christus und auch nie von Reinkarnation reden, da sie nach letzterer ja überhaupt nicht gefragt werden. Diese Spirits bleiben eben im Bannkreis ihrer bisherigen christlichen Anschauung, wie umgekehrt der Inder von Buddha und Reinkarnierung reden würde. Auch indische Lehre nimmt ja ein Interregnum zwischen Wiedergeburten an. Wenn jetzt ein englischer Spirit bekundet, daß man aus diesem zeitlich kurzen Zwischenstand in höhere Sphäre aufrücke, so ließe sich dieses höchstens so verstehen, daß es für ein Bruchteil gilt, während die übrigen sich reinkarnieren müssen. Denn wodurch hätten sie Befugnisse und Fähigkeit, sich so bald irdischen Banden zu entziehen, dauert übrigens in höherer Sphäre ihr Ich lustig weiter? Daß es keine Hölle gibt, braucht man nicht zu versichern, doch wäre es Fegefeuer genug für die Masse der gestorbenen Materialisten, wenn sie sich, alles Sinnlich-Körperlichen entkleidet, in eine so fremde Welt versetzt sehen, wo nichts mehr an irdische Torheit und Gemeinheit erinnert und wo sie mit ihrem untergeordneten Verstand nicht auskommen. Indessen scheint plötzliches Absterben sonst allbeherrschender Triebe nicht unnatürlich, denn das Sexuale steckt in den Organen, wie Eunuchen und die meisten Greise wissen, Rang- und Geldgier in den Gesellschaftszuständen, und wo dies alles aufhört, regieren »Hunger und Liebe« nicht mehr. Es scheint Ausgleich genug, daß der höher Geartete sich unbewußt für seine künftige Heimat besser trainierte und sich dort sofort glücklich einbürgert, während der Niedrige anfangs sich wie in ungewohnte Fremde verbannt findet und sich nur schmerzhaft anpassen kann. Seine geringe Fähigkeit, im Immateriellen zu wohnen, bereitet ihn aber sicher nicht für noch höhere Sphären vor. Er wird gleichsam nur einen Vorgeschmack der Wahrheit erhalten und vielleicht in diesem Zwischenstand sich halbwegs wählen dürfen, wie er zur Sühne hernach wieder als Erdenbürger erscheinen wolle. Bei Hervorragenden steht dies wohl weniger im Belieben, sondern sie müssen erneut ihre Erdenrolle spielen, weil sie dort für bestimmte Zwecke gebraucht werden. So ungefähr darf man sich's zurecht legen, wenn man sich damit befreundet, daß sowohl der vorläufige Spiritzustand als spätere Reinkarnierung der Weltvernunft entsprechen. Indessen bedürfen wir viel mehr Beispiele, als Spiritforschung sie bisher lieferte. Auffälligerweise treffen wir nirgends Erzählungen von Geistern, die überschwer auf Erden litten. Mit der Behauptung, Leiden sei Buße für vergangene Schuld oder Erbsünde, kommt man nur aus, wenn man die Augen vor dem Leiden relativ braver Menschen schließt, deren Wesen es unglaubhaft macht, daß ihre Präexistenz sie mit nennenswerter Schuld belud. Sollte sich Buddha diese Lösung etwas bequem gemacht haben? Keinenfalls steht Leid stets in genauem Verhältnis zur Schuld, Gerechtigkeitssinn mag sich damit trösten, daß materielle Unlust den Immateriellen als unerheblich gilt und oft die »Wonne des Leids« bei unheilbar Kranken seelische Lust vorschreibt. Auch gibt es die mögliche Erklärung: übermäßiges zum Tode führendes Leiden, wie das Weltkrieggeschlecht es in verschiedsten Formen erfuhr, entrückt solche Opfer noch viel größern Leiden, die sonst kausal unabwendbar wären, und schafft sie rasch in ein besseres Jenseits hinüber. Wie eine französische Kriegsmeldung so schön sagte: »Die beste taktische Lösung schien der Rückzug«, so scheint hier Rückzug aus dem Diesseits die beste Lösung. Solange die Menschheit sich solchen Auffassungen nicht anbequemt, was das Christentum nur unlogisch versucht und der Buddhismus nicht restlos erfüllt, muß Verzweiflung der Sterbenden und Hinterbliebenen das Diesseits zur Hölle machen. So sehr wir Schopenhauers entnervende Daseinsvergiftung mißbilligen, so empören wir uns doch mit Recht gegen die frevelhafte Schönrederei eines Emerson und Genossen, die ihren persönlichen behaglichen Lebenslauf für das Normale halten und den durchschnittlichen liebenswert mit einer Verkennung der Wirklichkeit aufbauschen, die jeder Erfahrung Hohn spricht. Von außen wie von innen gesehen wird die moralische Weltordnung zwar immer im großen, doch nicht immer im kleinen so erkennbar, wie Buddhas Dhamma es verlangt, und redliche Denker dürfen nicht Verbitterten glitzernde Steine als Brot reichen. Den Heüspfad können nur wenige betreten, selbst christlichen Heiligen wie Franz von Assisi fiel ihr Einsiedeln notwendig schwerer als im weit günstigeren indischen Milieu. Die These, Leid bereite am besten für immaterielles Jenseits vor, versagt zwar oft nicht, doch umgekehrt verteufelt oft die Not erst recht die irdische Schwäche. Auch darf die vorausgesetzte absolute Gerechtigkeit vom Durchschnittsmenschen nicht mehr verlangen als seine Sansaraverstrickung leisten kann. Vom modernen Europäer darf man noch weniger Innerlichkeit erwarten als von irgendeinem früheren Menschen,– subjektiv entschuldigt ihn also die Schlechtigkeit seines Milieu. Tolstoi hatte gut reden, sein gleichmäßig Kunst und Sinnlichkeit hassendes Urchristentum wuchs nur unter barbarischen Muschiks als möglich. Sind Schwächen nicht manchmal Bedingungen von Kräften, wie Sinnlichkeit beim Künstler, der ohne sie nicht sinnlich gestalten könnte? Wer wie Tolstoi vom Kunstwerk Moral heischt, arbeitet dem Philister in die Hände, es ist unwahr, daß Kunst ein ethisches Ideal voraussetze. Bei höchsten Erscheinungen trifft dies zu, doch wäre lächerlich, immer nur das Höchste als Maßstab zu nehmen. Solche Enge führt zur Verwechslung des Schöpferischen mit dem Moralischen, so daß Dante und Milton ihrer Moraltendenz halber zu den Großschöpfern gerechnet werden. Selbst als Allegoriker steht Milton unter den Heiden Shelley und Keats wie dem schlichten Bibelchristen Bunyan, der wenig moralische Bums als Dichterkraft über allen diesen, und wenn der moralinsaure Carlyle ihn über Byron stellt, weil er dessen Ethik nicht versteht, so läßt er sich auslachen. Byrons Kain ist in wunderbarer Jugendfrische so religiös wie eine Hymne der Urzeit, Miltons Paradies nur ein dürrer Kanzelsermon. Tizian und Mozart, bei denen heitere Sinnlichkeit überwiegt, sind geradeso genial wie Buonarotti und Beethoven, und d'Annuzzios virtuose Unsittlichkeit ändert nicht sein Dichtertum. Nun wohl, wie setzt sich Buddha mit dem Ästhetischen auseinander, das noch jeder Philosoph von Plato bis Schopenhauer (obwohl Plato den Künstler aus seinem Musterstaat verbannen wollte) als Kalon-Agathon für eine Wurzel der Idealität hielt, weil wunschloses Anschauen, das wir beim Urmenschen als Urtrieb erkennen, geradezu als Vorstufe des Nirwana zu betrachten wäre? Wenn christliche Askese (Savonarola) die Kunst als lüsternes Teufelswerk verdammte, so hat ihre unfruchtbare »Wollust des Leids« sich damit selbst gerichtet. Doch es macht nachdenklich, daß trotzdem Buddhismus und Christentum die Kunst zu eigenartiger Entfaltung brachten. Der Schaffende steht dem Naturgesetz ewigen Schaffens weit näher als der Moralist, noch in wüster Verirrung stehen ihm Inspiration und Intuition eher zu Gebot als andern. Wie will man ihm mit gewöhnlicher Ethik beikommen, da laut Lamartines Napoleons-Wertung »Genie vor Gott vielleicht die höchste Tugend ist?« Wir bezweifeln nicht, daß Buddhas Weg zum Heil der sozusagen geometrisch gradeste sei, wohl aber, daß sein Weltbild sich mit der höchsten Realität decke. Man wird den Genialen zwar nicht für einen über menschliche Ethik erhabenen Sendung aus »Dewachan« halten, sein Wesen aber fügt sich der Dhammaethik nicht ein, sonst müßte er auf sein Schaffen verzichten, was ihm unmöglich ist. Unter welche Kategorie fällt sein Übel und sein Leid? und da er wie kein anderer seine Persönlichkeit ausbilden muß, so müßte man in ihm den ärgsten Vertreter des Ichs verabscheuen, was nur ein alberner Bettelmönch und gewiß nicht Buddha oder Christus lehren würden. Warum melden sich bisher nur untergeordnete Spiritpersonen, nicht abgeschiedene Geniale, von denen wir Wichtiges vernehmen könnten? Wir kommen nicht weg über das subliminale eigenste Selbst im Gegensatz zum Ich, dieser Leihgebühr der Materie, und nun führt gar der Spiritismus das ordinäre Wald- und Wiesen-Ich in den Kreis des Jenseits ein. Denn bisher bot dieser Seelenkult nur Beweismittel für Fortdauer des gewöhnlichen Durchschnittsich, was wir freilich für noch naturgemäßer halten als dessen unvermittelte Erhöhung ins Subliminale, das nur im Nirwana ganz frei werden könnte. Die Erlösung der Ichillusion von sich selbst ginge also nicht so glatt vonstatten wie auf dem Heilspfad, den Buddha empfiehlt. Doch Spiritismus als neue Religionsgrundlage – ist er neu, kannten ihn nicht nachweislich schon die Antiken und laut Doyles Nachweis auch die Urchristen? – bedarf sorgfältiger philosophischer Sichtung, um vor verhängnisvoller Überschätzung und Enttäuschung zu bewahren. Paulus warnt vor bösen listigen Geistern, die im Gewande guter Geister uns hintergehen, wobei er augenscheinlich damalige spiritistische Seancen im Auge hat, dies seltsame Phänomen der Hintergehung wird von heutigen Spiritisten erfahrungsgemäß anerkannt. Ist so etwas möglich, was schützt dann vor Irrungen? Wer weiß umgekehrt, ob angebliche Irrgeister immer Unwahrheit sagen, selbst wenn sie uns manchmal in April schicken? Die englischen Spirits, überzeugte Christen, bekennen, daß sie bisher Christus nie zu Gesicht bekamen, und wenn andere Spirits sich spöttisch über Christentum äußern, so mag ein englischer Pastor dies natürlich als untrügliches Zeichen betrügerischer Geister ansehen, ein Buddhist ist vielleicht anderer Meinung darüber! So einfach können die Dinge nicht liegen, daß alles von Menschen Vorausgesetzte sich in der Geisterwelt als objektiv richtig bewährt. Gewiß wäre Doyle befugt, als vereidigter Detektiv den Indizienbeweis für Spirits zu führen, doch das Bedenkliche entging seinem Spürsinn, daß er dort nur Geist von seinem Geiste findet. Alle im Weltkrieg Gefallenen vertraten bisher den gleichen kindischen Standpunkt wie der Jingoimperialist Doyle selber. Nicht als ob man gewagt hätte, uns fröhliches Bekenntnis der Geister vorzusetzen, daß sie für Freiheit und Recht fielen. Doch schweigen sie auffällig über diesen Gegenstand, der ihnen so nahe liegen sollte, kein Beschwörer stellt ihnen die Frage, ob England für Ideale focht. Die Pflicht guter Geister wäre, Lebenden die Augen zu öffnen. Schweigen sie vorsätzlich, so steht's mit Befreiung von Erdlüge nicht gut. Sprachen sie und ihre Anhänger schweigen es tot, dann steht's schlimm mit dem ethischen Einfluß, den man verspürt haben will. Raymond Lodge müßte dem Vater sagen: »Wir hier drüben sehen den Weltkrieg anders an als ihr drunten. Wir Engländer verkehren hier mit deutschen Brüdern und seufzen zusammen über die Lügen, mit denen man uns köderte. Warne unsere Regierungsstreber, daß sie Gott nicht belügen können.« Dann würden zwar sämtliche Jingos den Geist oder dessen Vermittler des Hochverrats zeihen, wir aber die moralische Ordnung der Geisterwelt bewiesen finden. Doch nach bisherigen Proben vermuten wir, daß auch deutsche Gefallene »Gott strafe England« anstimmen würden. Solange solche Verewigte gleiche Ichverstocktheit besitzen wie irdische Angehörige, scheint ihr ethischer Stand wenig geeignet, religiöse Gefühle zu wecken. Raymond meint, überirdische Industrie könne Tabak und Alkohol aus Äthersubstanzen herstellen, was Presseidioten zum Gelächter reizte, doch steht dies ganz im Einklang mit so menschenähnlichem Milieu des Geisterreichs. Ohne subjektive Wahrhaftigkeit zu bestreiten, stellen wir anheim, ob man geistig so wenig vorgeschrittenen Geistern transzendentale Wahrheit zutrauen könne. Vor Pazifisten bekennen sie sich als Pazifisten, biedern Haudegen rufen gewiß die Gefallenen zu: Feste druff für König und Vaterland! Besteht da nicht die Möglichkeit, daß zwischen äußerlich gereinigtem Jenseits und einem Diesseits, dessen verbesserte Kopie solch Astralreich nur vorstellt, gedankenübertragende Wechselbeziehung herrscht? »Beten« und »Liebe« sind theologischer Phrasenbrei, zu dessen Auftischung wir keiner Geister bedürfen, bisher sprach noch kein Jenseitiger ein bedeutendes Wort. Daß die von Medien zitierten Cäsars und Shakespeares wie dumme Jungen reden, wird als Hinterlist maskierter Elementals ausgelegt. Doch wenn laut neuester Geisterrapporte Längstverstorbene überhaupt nicht zu uns reden können, weil schon in höhere Sphäre aufgestiegen, so gewinnen wir wenig durch Verkehr mit lauter mittelmäßigen »Seelen«. Warum erscheinen nicht die »prominenten« Weltkriegtoten Kitchener, Wilson, der Zar und sagen über sich reuig das Nötige aus? Die »neue Offenbarung« kann nur für solche wichtig sein, deren verbildete Blindheit die Selbstverständlichkeit der Fortdauer leugnete. Diese würden sich bis zuletzt widersetzen, die Gläubigen aber sich aus den Kreisen rekrutieren, die sonst jedem Kirchenhumbug anhingen. Den Denker langweilt handgreifliche Vergröberung von intuitiv viel besser Gewußtem. Daß Geisterverkehr nichts fruchtet, wußte schon Jesus, in dessen Zeitalter man daran glaubte und doch in Narrheit verharrte. Wir warten zunächst, was indische Geisterseher von ihrer höheren Warte zu berichten haben und ob sich ein Geist meldet, der einem Denker etwas Entscheidendes zu berichten hat. Bis dahin sind die astralischen nur Spiegelung menschlicher Poltergeister. Wenn ein griechischer Weiser das Universum unverfroren »eine Statue des menschlichen Intellekts« nannte, könnte ja auch Geisterspuk ähnliche Statuen vorstellen. Dies Jenseits fließt zu sehr ins Diesseits über, als daß wir ihm höhere Offenbarung verdanken könnten. Gleichwohl haben wir uns mit ihm abzufinden, die andrängende Masse der Phänomene läßt uns keine andere Wahl. Nach Fallenlassen der nur für Unwissende glaubbaren Schwindeltheorie könnte man das Ganze für Selbsthypnose erklären, wovor sich natürlich alle bekehrten Physiker und Skeptiker ursprünglich durch Vorsichtsmaßregeln hüteten. Das Gedankenübertragungsexperiment, von dem jeder Wissende unzweideutige Proben bekam, erfolgt aber auch ohne jede konkrete Hypnose durch Fernwirkung und flößt dennoch nicht nur wirkliche Vorsätze und Handlungen, sondern sogar sichtbare Halluzinationen ein. Jede Selbsthypnose oder jede Telepathie als Ursache des Spiritismus würde uns, falls man eine Geisterwelt dabei ausschließt, in noch tiefere Geheimnisse stürzen. Nur die Vedantavergötterung der Seele könnte sich darauf berufen, weder Materialismus noch Kirchenchristentum gewinnen etwas durch solche Auslegung und wir raten ihnen, lieber wie Kinder, die immer das gleiche eingelernte Sprüchlein herleiern, bei der Schwindeltheorie zu verharren. Lodge und die ihm gleichgesinnten Physiologen leiden natürlich wie Crookes und Wallace an Gehirnerweichung, auch Doyles Meisterdetektiv Sherlok Holmes ist ein kritikloses Opfer von Einbildungen, denn sonst würden die Geschäfte von Wissenschaft und Kirche gestört und das wäre der Weltuntergang, nicht wahr? Gewiß reden alle nur wie Blinde von der Farbe, die vor telepathischen Sehen die Augen schließen, so steht's auch beim Spiritismus. Doch ob dessen subjektiv einleuchtende Erscheinungen als objektive Realität aufgefaßt werden dürfen? Fortdauer der gewöhnlichen Iche verletzt zu sehr gewisse Grundregeln der Erkenntniskritik. Eher könnten sonstige »Geister«, nicht Verstorbene, die Iche personifizieren in Kontakt mit Selbstvorstellungsfähigkeit des menschlichen Unbewußten. Liegt nicht Analogie dafür vor beim Genie, das aus scheinbarem Nichts ein sichtbares Etwas schafft? Das würde freilich den Materialismus noch viel tödlicher treffen, denn damit würde schlechtweg alles Illusion, Sichtbares und Unsichtbares, als wahres Ding-an-sich bliebe nur übrig selbstherrliche Psyche, deren Vorstellungskraft keine Grenzen kennt und die im organischen Leben als anonymer stiller Partner doch der eigentliche Prinzipal wäre. Da wären wir wieder bei jenem Unnennbaren, dessen Erörterung Buddha verbot, weil unsere praktische Vernunft alles uns Unverständliche mit wohltätigem Schleier deckt, sonst müßte das im Weltprozeß nötige Geschäft menschlicher Lebensfunktionen sich insolvent erklären. In letzter Instanz fallen Vedanta und Buddhismus doch zusammen, da Nirwana auf Selbstbefreiung des Selbst beruht. Späterer Beleuchtung, wenn wir uns europäischem System zuwenden, bleibt aufgespart, beide indische Gedankenkreise zu verknüpfen und innerhalb ihrer dem Spiritismus die richtige Stelle anzuweisen. Wie dieser bisher erschien, kann er nur eine Seite des Transzendentalen bedeuten, nur eine Stufe der Jakobsleiter, die ins Allerheiligste führt. Im Grunde meinte Buddha nur, daß für das illusorische Ich der Seelenbegriff untauglich und alles Spekulieren müßig sei, weil alles jenseits des Bewußtseins unerforschlich bleiben müsse. Dies war sein Amt als praktischer Heilslehrer. Doch lehrte er nicht zugleich, wie der Mensch durch Selbsthypnose gleichsam sein eigentliches Selbst entdecke, d.h. seine wirkliche Seele finde? Indem er streng rationalistisch Ich und Dasein im Wechsel und Werden auflöste, mündet sein Nirwana gleichwohl genau in die Vedanta. Zwischen Upanischaden und buddhistischen Bekenntnissen besteht volle Übereinstimmung der Aussage. Zu guter Letzt kann sich Buddha wirklich nicht dem Einwurf entziehen, daß er selbständige Psyche ganz im Sinne materialistischer Psychologie leugnet und dennoch dem flüchtigen Ich selbständige Befreiungskraft zuweist, sich zu Dauerndem und Positivem zurückzufinden. Nur übersieht die Kritik, daß er dies als rein naturgesetzlich auffaßt, sobald das Ich einmal auf den richtigen Pfad des Heils instradiert sei. Doch warum läßt es sich auf diesen Pfad leiten? Dafür setzt Buddha die Vorbereitung der Wiedergeburten ein, doch auch dies Kausalgesetz bestätigt die Selbstbestimmung eines geheimen Selbst und tastet nicht ständiges »Dasein« einer Seele an, da »Werden« doch nur dem Ich zukommt. Jede als fester Religionskult erstarrte Lehre verfällt dem Fluch, der christlichem Kirchentum den Garaus machte, daß die Anhänger sich willenlos an das Wort binden, einmalige Offenbarung einer Wahrheit. Buddha war für sein Zeitalter und indisches Milieu um so mehr berechtigt, apodiktisch und kanonisch zu lehren, als die Praxis ihm bis heute Recht gibt, d.h. durch ihn bis heute Milliarden Menschen das Heil fanden. Doch die Richtigkeit seiner Mittel beweist noch nicht das Absolute ihrer philosophischen Begründung. Käme er heute wieder und gar als Europäer, so würde er wohl anders sich ausdrücken. Späterer esoterischer Buddhismus der Geheimlehre (Blavatzky) nahm erneut die Vedanta in sich auf und muß betont werden, daß Spiritismus sich noch eher mit Vedanta und am meisten mit christlicher Kirchenanschauung vertrüge, da letztere das Fortbestehen des Ich voraussetzt. Doch gerade dies macht den christlich abgestempelten Spiritismus verdächtig, nicht bezüglich seiner eigenen Ehrlichkeit und anscheinenden Richtigkeit seiner Enthüllungen, sondern bezüglich seiner subjektiven Beschaffenheit. Zu auffällig bleibt hier gegenseitiges Wechselverhältnis von Frage und Antwort, von Spiritaussage und menschlicher Entgegennahme. Wer übt hier Gedankenübertragen, Spirit oder Mensch, oder sind beide nicht zu trennen, so daß die Geisterwelt des Engländers anders wäre als die des Franzosen? Das wäre an sich nicht unnatürlich, würde aber mindestens halbe Subjektivität des Phänomens beweisen. Moltkes vertraute Nichte versichert, sie habe lange im täglichen Verkehr mit dem Verstorbenen gestanden, der selber oft die Nähe seiner verstorbenen Frau zu spüren glaubte. Vor dem Weltkrieg habe er plötzlich gesagt: »Ich komme nicht mehr, muß weiter reisen.« Auch geht die Sage, zwei Offiziere hätten ihn zur Stunde seines Todes aus dem Generalstabsgebäude treten sehen, die Wache präsentierte. Also ein astraler Spaziergang von Emmaus?! Das deckt sich mit andern Überlieferungen, wonach Leute an der Stelle ihres Wirkens in ihrer Todesstunde sichtbar bemerkt wurden oder Nahestehenden, an die sie beim Sterben dachten, greifbar erschienen. Was soll man dazu sagen? Wo hört hier das Subjektive auf und beginnt das Objektive oder sind beide eins, die Astralspiegelung und der Schauende oder Hörende? Im überaus geistreichen, daher wenig bekannten Humoristenbuch »Der Professor am Frühstückstisch« des Bostoniers O. W. Holmes stoßen wir auf den gelegentlichen Einfall, Gedanken seien so unzählig wie Blutkörperchen. Daraus könnten wir unsererseits ableiten, daß jeder Gedanke sich als Blutkörper, jeder Blutkörper als Gedanke darstellt und daß sie in Wechselbewegung stehen. Da folgert der Materialist: weil Gedanken aufhören, sobald Blutkörper nicht mehr rollen, so zerstört Tod das Psychische mit dem Physischen. Genau mit gleichem Recht sagen wir: weil die Gedanken sich nicht mehr bewegen, hört die Blutzirkulation auf. Denn es ist absurd, daß Blutzirkulation eine geistige Welt erzeugt, welche Blutmystik wieder nur ins Unbegreifliche führen würde, obendrein physiologisch falsch, dagegen umgekehrt richtig, daß psychische Bewegung vom Gehirn aus die Blutmaschine in Bewegung setzt. Dem Blut kommt nur die Funktion der Ernährung zu für etwas außer ihm Seiendes, nämlich das unsichtbare Gehirnleben. Organisches Nervensystem speist sich mit selbsterzeugtem Blut auf Befehl der Psyche, der Begriff Mechanik reicht selbst hier nicht aus. Auf so schwachen Füßen steht jede Kraftstoffelei, übrig bleibt nur, daß eine apriorische Psyche des Blutes, d.h. der Materialisierung bedarf, um Ichbewußtsein zu bilden. Daß Hirnnerven das Blut bewegen, lehrt die einfachste Empirie: Gemütsbewegung steigert oder hemmt die Herztätigkeit, was aber umgekehrt nur das physische Wohlsein beeinflußt, nicht im geringsten den Stand der Psyche. Daß ein Körper ohne psychische Bewegung lebt, ist ausgeschlossen, dagegen ganz denkbar, daß eine Psyche ohne Körper lebt. Doch wenigstens ihr Ichbewußtsein scheint zweifellos ans Körperliche gebunden, wie kann es also im Spirit ohne Blutzirkulation weiterdauern? Handelt es sich vielleicht um ein Gesetz des Entgegenkommens, in dem Natur oder Allseele ein dem Ich verständliches Sinnbild der Fortdauer darreichen? Das braucht sich keineswegs mit Wirklichkeit jenseits des Ich zu decken. Relativitätstheorie wird auch hier am Platze sein, jede Spiritmanifestierung entspricht dem empfangenden Ich, dem dabei das Unbewußte zeitweilig unvollständig zu Hilfe kommt. Das Weltreich der Illusionen scheint von Realität nicht zu trennen, alles ist Illusion und alles ist Realität, alles subjektiv und alles objektiv, Spirit und Ich sind gleich real, beide illusorisch dem Bewußtsein angepaßt. Doch Flüchtigkeit des Ich als Sinnbild des Selbst und des Spirit als Sinnbild des Jenseits beeinträchtigt nicht, daß hinter Sinnbildern ein Etwas, unter »Werden« ein »Dasein« steckt. 6. Der Ursprung der Religion. I Gott hat uns verlassen!« soll Ludendorff in einer Kirche ausgerufen haben, jedenfalls kennzeichnet dies die naive Oberflächlichkeit gedankenloser »Religiosität«. Wenn es uns schlecht geht, hat uns Gott verlassen. Indessen gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder ist Gott und dann »verläßt« der notwendigerweise Allgerechte nichts und niemanden, oder er ist nicht und dann kann er uns auch nicht »verlassen«. Ohne ihn aber wird jede moralische Weltordnung zur Chimäre und ein Idealist müßte sich ohne weiteres zum Selbstmord entschließen, da der Anblick einer entgötterten mechanischen Welt das Bewußtsein zu einer Hölle macht und jede Hoffnung auf Gerechtigkeit aufhebt. Denn da die durchschnittliche Menschennatur auf nacktem Egoismus beruht und die allermeisten Schufte würden, wenn sich ihnen die Gelegenheit zu schuftigem Vorteil bietet, so müßte der kleine Prozentsatz von ethisch Veranlagten geradeso als ein krankhaftes Naturspiel betrachtet werden wie die kleine Rasse der Genialen, die mitten zwischen die Mittelmäßigkeit hineinschneit. Es muß immer wieder betont werden, daß diese doppelte Auslese nie auf mechanischem Wege erzielt werden konnte und nur durch das Karmagesetz, d. h. individuelle Entwicklung der Wiedergeburten erklärbar wird. Denn die Phrase Evolution war nur der letzte Strohhalm, an den sich der ertrinkende Unglaube an transzendente Leitung klammerte. Selbst wenn der Darwinismus zoologisch richtig und beweisbar wäre, so hülfe er uns rein gar nichts zur Deutung der Menschheitsgeschichte. Denn so wenig die anthropoiden Affen jemals, wie wir sie geschichtlich seit Ägyptens und Indiens uralter Zeit kennen, irgendwelche Neigung spürten, ihren Zustand zu verändern und sich ihren Menschenvettern anzupassen, ebenso wenig zeigte der Mensch sich fähig, seine Psyche zu verbessern. Ob sein rudimentärer Schwanz einschrumpfte, ihm vor Zeiten eine Rippe fehlte, seine Kinnbacken hervor und seine Stirn zurücktraten, sein Knochengerüst des Beins sich erst später straffte und seine anschwellende Gehirnmasse die Ganglien des Rückenmarks derart stärkte, um ihm allmählich aufrechten Gang zu gestatten, all diese Vorgänge liegen so fern, daß sie nur naiven Superklugen als irgendwie dokumentiert gelten. Die spärlichen Skelettfunde besagen an sich nichts, denn dies könnten ja zufällige Überbleibsel individueller Einzeltypen gewesen sein. Was würde man zu der Einfalt sagen, wenn die ganze weiße Rasse durch geologische Katastrophen verschwände und ein Zukunftsforscher nach 20\&nspb;000 Jahren das Wesen der heutigen Menschen nach zufällig gefundenen Schädelresten eines irgendwie in einer Höhle erfrorenen ehemaligen Zuchthäuslers konstruieren wollte! Darwinische Hypothesen schmeißen zwar großartig mit Jahrbillionen herum, innerhalb welcher sich ihre Wunder vollzogen haben sollen, man darf sie aber darauf festnageln, daß ihre Exempel des Urmenschen höchstens 20\&nspb;000 Jahre zurückdatieren, während wir mit ziemlicher Sicherheit schon auf 10\&nspb;000 Jahre »Geschichte« in Asien und Afrika blicken, wo Staaten, Religionen, Künste, Handwerke bestanden. Der angebliche Halbaffenmensch (d. h. im Knochenbau und Schädelform vom heutigen verschieden) brauchte also nur 10–15\&nspb;000 Jahre, um sich zum »Ebenbild Gottes«(!) zu erheben? Diese erstaunliche Leistungsfähigkeit verließ ihn dann plötzlich über Nacht, wahrscheinlich hat ihn »Gott verlassen«! Außerdem scheint unsere Geschichtsrechnung falsch. Denn so keck man die auch von Plato erwähnte Insel Poseidonis, die in einem bestimmten namhaft gemachten Jahre vor 9–10\&nspb;000 Jahren unterging, für bloßen Mythos ausgibt, so liegen zu viel Anhalte für die Existenz eines uralten Kulturreiches Atlantis vor (am ehemaligen Bestehen dieses versunkenen Weltteils besteht geologisch überhaupt kein Zweifel ), um mystischer Geheimlehre darüber (Blavatzky, Donelly, Sinnett usw.) zu bedürfen. Daß gerettete Atlantier ihre Kultur nach Ägypten brachten (von dort in den eleusinischen Mysterien nach Europa getragen), bleibt Hypothese, indessen ist Gleichmäßigkeit des Pyramidenbaus in Ägypten und Mexiko gewiß nicht zufällig, zumal das astronomisch-mathematische Rätsel der Cheopspyramide als ein theosophisches erkannt. Kurz, eine Menschheitskultur hohen Grades reicht vermutlich schon ins Tertiär zurück. Wo aber findet sich seither geschichtlich irgendein Anzeichen so erstaunlicher Evolutionssprünge, wie sie der Tiermensch vollbracht haben müßte, wenn er wirklich auf so niedriger Stufe stand, wie ihn die Biologen nur wegen anatomischer Kleinigkeiten an zufällig vorhandenen Überbleibseln degradieren? Wir bestreiten zwar letzteres, jedenfalls müßte aber nach dem Gesetz der rollenden Kugel die Entwicklung sich immer rapider vollzogen haben, während ihr geschichtliches Nichtvorhandensein nur von Unwissenden und Denkfaulen geleugnet wird. Wir rekapitulieren hier das früher von uns Bewiesene zu anderem Zweck. Wenn wir die Schöpfer der Cheopspyramide und die altindischen Theosophen für geradeso große Genies halten wie Shakespeare und Leonardo, in der ägyptischen und altindischen Kultur etwas der unsern mindestens Ebenbürtiges, wo nicht Überlegenes erkennen, so wendet man ein, daß doch das Ideal der »Humanität« sich geläutert habe. Doch wie der moderne Staats- und Rechtsbegriff sich von der Gewalthaberei früherer Zeitalter nur äußerlich unterscheidet und die von Ideologen verdammte antike oder Negersklaverei sich unvergleichlich weniger grausam gestaltete als die »Hölle« (Hyndman) der englischen Industriesklaverei mit ihrer scheußlichen Kinderarbeit, so zeigte der Weltkrieg deutlich das unveränderte Fortleben satanischer Triebe. Ob wir heute keine gerichtliche Folter mehr kennen, sondern nur seelische Torturen von gleicher Perfidie, so sind höllische Grausamkeiten (siehe St. Grahams Kriegstagebuch) an Gefangenen verübt und überhaupt das »Kriegsrecht« so gehandhabt worden wie in barbarischsten Zeiten. Gas-, Flieger- und U-Bootangriffe, Minen und Flammenspritzer entfesselten ein Triumphgeheul. Wer verkennt echten Sadismus in den langfristigen Daumschrauben des Nachkriegs, um deutsche Nerven zu zermürben, und der Hungerblokade, von der ein englischer Arzt frohlockte, die Deutschen würden dauernd rachitisch werden! Wenn wir keine Hexen mehr verbrennen, so steckt gleiche Trottelei und Bosheit im Verfolgen jeder eigenartigen Persönlichkeit. Das Verbrennungswürdige der Hexen bestand darin, daß sie sich mit Heilkräutern befaßten, und »die ihr Wahrgefühl dem Pöbel offenbarten, hat man von je gekreuzigt und verbrannt« von Jesus bis Giordano physisch, sonst aber nach wie vor psychisch. Auch anerkennen wir zwischen jüdischen Pharisäern und Kirchenchristen, die von Nächstenliebe überfließen, seit sie nicht mehr verbrennen dürfen, nur einen formalen Unterschied. Beide schlossen mit ihrem Herrgott einen Pakt persönlicher Eitelkeit. Von der Menschheit an sich wäre also auf keinem Wege Ethik zu erwarten, nur Gotterkenntnis könnte ihren bösen Willen brechen. Abstrakte, nur auf sich selbst gestellte Ethik, wie Kant sie träumte, ist leerer Wahn, dieser ehrwürdige Ethiker scheint ein von Erdenschwere Belasteter, der ohne Flügel jenseits der »praktischen Vernunft« fliegen will. Nietzsches Anmaßung, sich jenseits von Gut und Böse stellen zu wollen, als ob ein Diesseitswurm die Fähigkeit hätte, ein Jenseits aus eigener Kraft zu finden, hat allerdings in klarerer Auslegung gesunden Sinn, uralt wie alles Neue Nietzsches, sobald man es des hochtrabenden Prophetentons entkleidet. »An sich ist nichts gut und bös, das Denken macht es erst dazu.« Dies aus Bruno entlehnte Hamletwort bezieht sich auf die Relativität aller Moralbegriffe und ihre Hinfälligkeit, sobald nur aus praktischem Bedürfnis der Gesellschaft abgeleitet. Verwechslung von Ethik mit menschlichen Nützlichkeitsgesetzen änderte sich nie. Noch heute fehlt Verständnis, warum Jesus den Schacher am Kreuz segnete und den Pharisäer zur Hölle verdammte. Letzterer bedeutet den allgemeinen Menschentyp, der sich für »gut« hält, weil er äußerliche Gesetze hält, d. h. seine Mitmenschen nicht gar zu arg übers Ohr haut oder Wohltätigkeit praktiziert, um sein Ansehen zu fördern. Die unbewußten Heuchler überwiegen weit die bewußten, sind aber vor Gott noch verdammenswerter, weil der aus Berechnung heuchelnde Schuft wenigstens vor sich selber ehrlich ist und sich keineswegs als gut empfindet, wenn er die Welt zum besten hält. Eine Handlung des Sünders kann hingegen böse sein, ohne daß er selber diese Bezeichnung verdient. Denn, wie es im Streit Duthers mit Katholiken und Calvinern über die Opera operata unklar empfunden wurde, es kommt nur auf die innerste Gesinnung an, was man unter Umständen auch mit fragwürdigem Ausdruck »Glauben« umhüllen mag. Denn es ist der Erkenntnisglaube der ostasiatischen Weltanschauung an das Karmagesetz der Wiedergeburten als Selbstkausalität, was sie wirklich jenseits von Gut und Böse, Schuld und Strafe des unreifen Allzumenschlichen stellt. Das organische lieben als verkörperter Egoismus kann keine angeborene moralische Anlage in sich tragen, wie schottische Metaphysik im 18. Jahrhundert naiv lehrte. Adam entdeckt erst, daß er »nackt« sei, daß es ein ethisch Gut und Böse gebe, nachdem er Erkenntnis aß und »Gott« vor ihm stand. Jede Ethik kann nur aus dieser Offenbarung stammen, in welcher das lieben durch Leiden sich selbst erkennt. Jesu Satz, kein »Reicher« komme »ins (inwendige) Himmelreich« ist zwar wörtlich gemeint, besagt aber vor allem, daß eudämonistisches Behagen ohne genügende Leiderfahrung nichts erkennen, daher kein Verhältnis zu Gott gewinnen könne. Der Anstoß zur Ethik, ihr Grund und Sinn liegt daher außerhalb des Ichs, das von sich aus nie ethisch fühlt, und gewissermaßen auch außerhalb des Gebens, denn sie kann sich nur auf ein Leben-in-Gott beziehen. Ethik ohne Religion ist eine Orchidee ohne Baum, um den sie sich ranken darf, ohne Beziehung auf eine Tatsache, nämlich eine für Gläubige und Erkennende gültige göttliche Weltordnung, auf welche allein sich die Forderung des »Guten« berufen darf. Denn wenn es innerhalb der Sansarabegriffe (indische Benennung des Materiescheins) weder Gut noch Böse gibt, erkennt der tiefer Prüfende ein transzendental Gutes und Böses. Gut ist alles, was zur Einheit mit »Gott« führt, schlecht alles, was davon abführt. Jeder Exzeß der Selbstsucht vergrößert die Entfernung. Sogar die entschuldbare Selbstbehauptung, der nicht nur Petrus, sondern auch Jesus ihren Fleischeszoll entrichteten (»laß den Kelch von mir vorübergehen!« »mein Gott, warum hast du mich verlassen?«), ist ein von Mystikern und Buddhistenheiligen durchschauter feiger Täuschungswahn. Verbrechen, Sünden, jede Form der Selbstsucht, sind als kausal bestimmt nicht an sich strafwürdig und »schlecht«, da sie ja dem Ich-Vorteil »zugute« kommen sollen, den eine Materie ohne Gott als »gut« für sich auffassen sollte. Sondern sie sind schlecht (und ihr Gegensatz gut) nach höherem transzendenten Gesetz, das man geradezu physikalisch nennen könnte. Sie erscheinen optisch als Flecken in der Reinheit des Ätheralls, beleidigen sozusagen die göttliche Ästhetik und vollziehen als Abfall von Gott, d. h. von der Allerhabenheit, die innere Vergeltung an sich selbst. Der überzeugteste Atheist und gewissenloseste Verbrecher ahnt nämlich mindestens in seiner Todesstunde als Gewißheit, was er krampfhaft verleugnete und doch nie ganz bezweifelte: daß die Materie nicht das letzte Wort sei. Nicht irgendwelche Ethik ist dem Menschen angeboren, wohl aber das Gefühl seiner hilflosen Nichtigkeit im Unendlichen. Aus diesem handgreiflichen Sichtbaren stellt sich sofort die Voraussetzung eines noch viel unendlicheren Unsichtbaren ein. Je bleierner Dummheit und Unwissenheit diese Ahnung niederwuchten, die sich aber schon beim rohesten Wilden nicht ersticken läßt, desto dumpfer und plumper wird die Beziehung zur »Religion«. Je klarer die Vernunft sich ausstrahlt, desto deutlicher wird ihr die Gewißheit des Transzendentalen. Adam fühlt »Gottes Auge« und schämt sich, daß er nackt ist, verfertigt sich daher einen Lendenschurz ethischer Grundsätze. Kain würde allzeit mit befriedigtem Instinkt den schwächeren Abel auffressen, wenn er nicht eine unirdische Stimme hörte: »Wo ist dein Bruder?« Warum und woher tönt diese Stimme? Ohne freie (nicht erzwungene) Anerkennung einer höhern sittlichen Allordnung hängt auch jedes Streben nach sozialer Verbesserung in leerer Luft und Bedürfnis nach »geistigen Führern« wäre gegenstandlos, wenn man diese nur als Förderer des Wohlbehagens wünschen würde. Denn alle eudämonistischen Werte scheinen dem blinden Zufall überlassen, sobald man materialistisch denkt, ein Japan- und Messinaerdbeben könnte jede Minute die Menschheit wegraffen, wie im Untergang Sodoms die Bibel andeutet. Da bedarf man keines Geistes und keines Führers, es sei denn ein Leithammel der tibetanischen Riesenwidder, dem die Herde gehorsam in den Abgrund nachspringt, um der Jägerkugel zu entgehen. So etwas setzt sich in »Mannentreue« um, wo man sich dem »Herrn« opfert und den »König« als mystischen Popanz anbetet. Das ist aber kein altruistischer Affekt, sondern Fortsetzung des primitiven Fetischkult. Der sonst edle Wilhelm I. schrieb mal bei Wiederkehr des 18. August: »Tausende braver Leute fielen bei Gravelotte für mich «, welch ruchlose Naivität! Wo immer man die Sonde ansetzt, kann die Menschennatur aus sich keine Ethik gebären. Allerdings deutet die Genesis an, daß schon in Urzeit Abel neben Kain stand, neben einer Masse von Wilden auch andere, die über das Tierleben hinausstrebten und als Priester, Sterndeuter, Skalden den Geistesfunken weckten. Solche Anfangsverschiedenheit der Anlage müßte schon im Protoplasma entstanden sein, was mechanistisch undenkbar, da der Materialismus psychische Befruchtung ausschließt, wird aber durch die Geheimlehre des Karmagesetzes verständlich, die nicht Protoplasmen, sondern Materialisierung von »geistigen Naturen« (Kant) voraussetzt. Die Nachkommen Abels könnten nun den amoralischen Wilden nicht Ethik beigebracht haben, wenn sie sich nicht auf Etwas außerhalb der Materie bezogen hätten und dies Etwas als Ursprung der Religion nicht dem Rohsten und Dümmsten eingeleuchtet hätte. Diesen Überbegriff müssen wir dort suchen, wo allgemeine sinnliche Wahrnehmung sich zu natürlicher übersinnlicher Folgerung entwickelte. Dann werden wir bewiesen haben, daß zunächst immer nur Religion, d.h. Gottglaube entstand und menschliche Ethik nur mit Bezug darauf möglich ist, eine »gottlose« Menschheit daher auf jede soziale Verbesserung verzichten muß. Wenn Taine meint: »Laster und Tugend sind Naturprodukte wie Vitriol und Zucker«, Larochefoucould die Tugend verfeinerten Egoismus nennt, so übersieht solche Oberflächlichkeit folgendes. Ist die weit häufiger unbewußte als bewußte Heuchelei die Verbeugung des Lasters vor der Tugend, warum hält sie sich die Hintertür offen, hält also die Tugend für das ihr unerreichbare Richtige? Jedes Naturprodukt ist zwar untereinander gleichwertig, der Vergleich aber obendrein übel gewählt, denn Vitriol ist ein künstliches, Zucker ein natürliches Gebilde, Laster vergleichsweise kein Naturprodukt, obwohl Folge kausaler Ursachen. Produziert die Natur irgendwo qualitativ ganz Entgegengesetztes, d.h. durchaus Schädliches neben dem Nützlichen? Das Raubtier ist nötig, Wälder und Pflanzen gingen sonst zugrunde durch Überhandnehmen des Wildes. Die Schlange in den Tropen auszurotten wäre unheilvoll, sie versieht den wichtigen hygienischen Polizeidienst, unzählige Bakterienträger zu vertilgen. Welchen Nutzen bringt aber das Laster? Die bitter ironischen Romantitel »Das Entzücken des Lasters, das Unglück der Tugend« des Revolutionärs de Sade bezeichnen nur eine Dokumentsammlung gegen das verrottete ancien Regime, malen die Hölle, in die das Laster führt, und deren nahe Explosion. Nicht die Natur schafft unnatürliche Wollust und »viehische« Grausamkeit, die das Vieh nicht kennt, sondern der Mensch, nicht aus seiner physischen (die es ihm verbietet), sondern psychischen Anlage: Sobald er Gott abschwört, verfällt er der »Schwarzen Messe« des Teufels, da nur Gottglaube ihn zur Ethik zwingt. II Es bedrückt das Gemüt, wenn sogenannte Gottesgelahrtheit von Theologie-Professoren (Vergl. die »Evangelien als historische Dokumente« vom Cambridger Professor Standon) noch heute sich damit abquält, historisch festzustellen, wann irgendein Kirchenvater zuerst seinen mythologischen oder dogmatischen Kram auspakte. Welches Interesse hat für uns, was unwissende Leute, denen zumeist jede philosophische Bildung abging, in einer geistig und ethisch verdorbenen Epoche, wie in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche, ihren noch unwissenderen Täuflingen vorschwatzten? Ebensogut und oft mit größerem Recht könnten wir uns dafür interessieren, welchen Hokuspokus ägyptische oder chaldäische Priester, die ihren Geheimkult für sich behielten, vor den fürs Volk bestimmten Götzenbildern anstellten. Historie belebt nicht Religion, aus keiner Geschichte der Philosophie lernt man denken. Es wäre an der Zeit, uns nicht mehr mit Dingen zu belästigen, die wie Raritäten eines Antiquitätenkabinetts wohl den Sammler, aber nicht die Öffentlichkeit angehen. Ob Pfleiderer, Schmiedel, Holtzmann und der scharfe Abbé Loicy sich gegen die Echtheit des Ev. Joh. wenden oder Schürer und Drummond eine vermittelnde Haltung annehmen oder der beredte Harnack diplomatisch schwankt, jedenfalls erwies man dem Christentum keinen Dienst, als man das gedanklich und poetisch bedeutendste Evangelium als späte Arbeit eines christianisierten Neuplatonikers aufdeckte. Viel vom Reiz der Persönlichkeit Jesu, viel von Bewunderung seiner tiefsinnigen Lehre geht dann verloren. Die »echten« Evangelien zeigen uns einen volkstümlichen Prediger mit revolutionärem Anstrich, nicht einen erkenntnistheoretischen Gottfinder vom Schlage Buddhas. Daß eine trocken kritische Natur wie Strauß diese wundersame Gestalt nicht durchdringen konnte, daß Renans schwermütig süßliche Ironie dem »Erlöser« umsonst rationalistisch beizukommen suchte, daß Schopenhauer, Wagner, Tolstoi und Antichrist Nietzsche ihn einseitig mißverstanden, berechtigt nicht zu der fanatischen Einseitigkeit Weinels (»Jesus im 19. Jahrh.«): »entweder Christus oder nichts, entweder Christi Gott oder keiner«, was denn selbst Chamberlain zu viel ist. Dieser versündigt sich zwar an Buddha und indischer Urweisheit, behält sich aber seine Alleinwürdigung Christi nur für dessen Persönlichkeit vor, während er dessen angeblich persönlichen Gott (im jüdischen Sinne) ablehnt. Es bleibt aber ein seltsames Unterfangen, Religion nicht auf die Lehre, sondern auf die Person des Stifters zu gründen. Nun gar erst, wenn wir von ihr so wenig und so schlecht Verbürgtes wissen. Die paar Zeilen im Josefus und Tacitus sind die einzig historischen Überlieferungen, die im Josefus sollen sogar spätere Interpolationen sein und es fehlt nicht an Stimmen, die dem Christos jede Existenz absprechen. Wir freilich halten aus bestimmten Gründen an dieser Existenz fest, halten aber Ev. Joh. für ein Anzeichen, daß man schon früh geneigt war, das ganze nur als theosophisches Mysterium auszulegen. Wir sind ferner überzeugt, daß Jesus seinen »persönlichen« Gott in einer Auffassung lehrte, die wir philosophisch gutheißen, denn wir erkennen im Allgott einen für den Menschen selber persönlich Werdenden . Manche Aussprüche Jesu sind vieldeutig und scheinbar dunkel, obwohl oft blendend klar für den Verstehenden, und da man bedenken muß, daß er sich schlichten ungebildeten Jüngern verständlich machen wollte und diese vielleicht seine Worte nicht wortgetreu wiedergaben, so bleibt offen, ob wir nicht im Jesus der »echten« Evangelien verschleiert den gleichen gewaltigen Seher vor uns haben wie im »unechten« Ev. Joh. Die scheinbare Schlichtheit der Bergpredigt atmet tiefsinnige Größe und die Parabel (oder wirklicher Vorgang) von der Ehebrecherin scheint uns das Erhabenste, was je geschrieben oder gar wirklich gesprochen. Sind übrigens Joh. Episteln auch unecht, die geistig so sehr dem Ev. Joh. und gewissen Sätzen der Apokalypse ähneln? Spricht in allen Evangelien literarische Meisterschaft der Darstellung für Selbsterlebtheit des Vorgangs oder gegen die Wahrscheinlichkeit, daß einfache Fischer so geschrieben haben? Doch heißt's ja wiederholt: »als die Jünger diese Rede hörten, entsetzten sie sich«, und bezüglich des ältesten Ur-Evang. Matthäi weiß man gar nicht, wie sein Originaltext lautete. Das gehört in ein späteres Kapitel. An begeisterter Verehrung für diesen ganz »modernen« Ethiker stehen wir hinter niemand zurück, belächeln mitleidig jene kleinlichen Lästermäuler, die hier von Sklavenmoral schwatzen und ihren sittlichen Makel »Antichrist« als Ehrenschild aushängen. Doch ein Reformchristentum, das die Lehre fallen und nur die schattenhafte Persönlichkeit gelten läßt, zeigt nur, auf wie schwachen Füßen solche Staatsreligion steht. Denn Jesu heiter liebenswürdiges Heldentum, das ihm die Herzen alter Germanen gewann (»Heliand«) und, jeder süßlich säuselnden-Sentimentalität fremd, grimmig über Heuchler und Wucherer die Geisel schwang, mag man als herrlichstes Vorbnd von Mensch zu Mensch anerkennen, doch für abstrakte All- und Gotterkenntnis gewinnen wir philosophisch scheinbar daraus nichts. Giordano Brunos Eroici Furori und sein glorreicher Märtyrertod erhoben nicht den Anspruch darauf, eine Religion zu gründen, wohl aber erweckte seine allschauende Lehre religiöse Empfindung. Ob der alte Aufklärer Feuerbach oder der theologische Diplomatikus Harnack mit gleichem Titel das »Wesen des Christentums« beschreiben, jede rationalistische Halbheit mit schielendem Hinblick auf die gestrenge »Wissenschaft« (historische Unsicherheit oder Haltlosigkeit der »Offenbarung«) schiebt sehr zu Unrecht die Person Christi in den Vordergrund. Sie verfällt so in den gleichen Irrgang wie die verpönte Orthodoxie, für die ja im Grunde die Bergpredigt nur unbequeme Zugabe zu dem Götzendienst einer Gottperson. Es ist lächerliche Übertreibung, daß kein Erdenleben so rein und so heldenhaft gewesen sei, wie das uns halbsagenhaft überlieferte des Jehoschua von Nazareth. Unzählige indische Chela und manche christlichen Mystiker wie Franz v. Assisi lebten ebenso sündenfrei und an Helden, die sich für eine Idee kreuzigen ließen, fehlt es keiner Zeit. Wenn also Christi Kreuzigung eine besondere Weihe haben soll, dann darf man dies nur davon herleiten, daß er wie kein anderer »Gott geschaut« und die höchste Weisheit erreicht habe. Und ohne damit sein Dasein anzweifeln zu wollen, möchten wir doch andeuten, daß die Entstehung der »echten« Evangelien durch Schriftsetzung ungebildeter Jünger uns ihren stellenweise vollendeten Stil geradeso verdächtig macht wie das Ev. Joh., für dessen wirkliche Unechtheit wir geradesowenig positiven Beweis anerkennen wie für die Echtheit der andern. Einen gewissen sagenhaften Ton wird man kaum ableugnen. Alle Religion auf eine Persönlichkeit stellen, von der wir weniger wissen als von irgendeiner andern der Weltgeschichte! Obendrein erklärt »des Menschen Sohn«, hiermit jede Gottessohnschaft in kirchlichem Götzensinne von sich abstreifend, ausdrücklich: »was nennst du mich gut, niemand ist gut als der einzige Gott« und »nicht mir steht zu, Sitze im Himmel zu verleihen«. Die Redensart, daß Christi auferstandene Persönlichkeit ewig fortlebe in der christlichen Kultur und sein Erscheinen die Welt umgewandelt habe, ist wieder nur Berufung auf Pseudo-Historisches. Seine Lehre hat leider die Menschheit so umgewandelt, daß diese sich selbst den Weltkrieg als höchsten Greuel der Geschichte bescherte, und sonstiger Einfluß des Christentums führte nur zur Umwandlung des altrömischen Militarismus in gesetzloseres roheres Feudalsystem, der harmlosen Auguren in verschmitzte Pfaffen. Was sonst an historischen Werten entstand, geschah durch Rassen- und Wirtschaftsbewegungen. Hätte die Christenlehre etwas damit gemein gehabt, so war die Transformation gewiß nicht größer als durch Alexanders, Roms, Napoleons Weltreiche. Wenn England mit der Bibel in der Hand die Erde brandschatzte, so kommt dieser fromme Betrug gewiß nicht dem Reich Christi zugute. Und wie steht es mit Buddhismus und Brahmanismus, denen sich friedfertig ohne Kriege dreimal größere Menschenmassen unterwarfen, und mit dem Islam, der sich in fortwährender Zunahme befindet? Der Kameltreiber von Mekka lebt also auch noch, obschon er nicht sichtbar von den Toten auferstand! Solche Anrufung gefälschter Geschichtsklitterung, weil die früher als historisch eingebläute »Offenbarung« nicht mehr verfängt, zeigt das krampfhafte Bemühen, vom und für Pseudochristentum zu retten, was zu retten ist. Rationalistische Reform einer völligen Vermenschlichung Christi und maßloser Übertreibung seines äußerlichen Einflusses gebraucht die gleichen Trugschlüsse wie die Kirche nur in anderer Form. Nein, es handelt sich nicht um seine Person, nur um seine Lehre. Hier sind wir freilich weit entfernt, heutige Anschauung zu teilen, er sei im Milieu des Judentums befangen geblieben. Sein stetes Betonen, Himmelreich sei inwendig, genügt ihn von jeder anthropomorphischen Vorstellung eines persönlichen Jehova freizusprechen. Indessen behalten wir bei ehrerbietiger Würdigung seiner überlieferten Sprüche den Eindruck, daß wir Fragmentarisches vor uns haben, Bruchstücke eines Baues, dessen Grundplan wir nicht überschauen. Unter solchen einzelnen Säulen und Simsen, mögen sie noch so herrlich sein, kann man so wenig sicher schlafen wie in Ruinen eines hellenischen Tempels. Indische Urweisheit dagegen steht, wie einer jener uralten Höhlentempel mit Elefantenreliefs und Götterskulpturen, als Ganzes wohlerhalten vor uns da, geordnet und gesichert auf unzerbrechlichen Grundpfeilern divinatorischer Logik, auf dem Fundament des Kausalgesetzes vom Karma. Hier kann der müde moderne Mensch vor den Stürmen des Schicksals, vor den reißenden Wölfen mechanistischen Unglaubens Zuflucht finden, hier kann er Hütten bauen. III In seinem Aufsatz über christliche Doktrin bestätigte der bedeutende Physiker Oliver Lodge, daß wahre Wissenschaft nichts gegen Präexistenz einzuwenden habe. Sie vermute die Existenz einer höheren transzendentalen Individualität, mit welcher das Genie am klarsten in Berührung stehe. Auch Christi Erscheinung sei nur als Reinkarnation eines göttlichen Spirit erklärbar. Solange aber die Kirche mit allerlei Redensarten die »historisch« völlig beweislose »Auferstehung« der Jesusseele in leiblicher Form (natürlich konnte sie halluzinativ den Jüngern so erscheinen) nicht fallen läßt, wird der wahre sinnbildlich transzendentale Sinn gröblich entstellt. Myers' »Subliminal Self« (unter der Grenze des Bewußtseins) sucht eine Verbindung zwischen »übernormalen« Phänomenen und den natürlichen der gewöhnlichen modernen Psychologie, muß aber zugeben »eine Fähigkeit wie das Erdenleben sie nicht gewährt«. Was seine Gegner, die Professoren Stout und Mac Dougall, dagegen vorbringen, trifft nirgends den Kern und schiebt Dinge in dies Subliminale hinein, die höchstens ins Unterbewußtsein (subconscious) gehören, wie das Vergessen und plötzliche Wiederfinden von Worten, was sich freilich ganz gut mechanistisch erklären läßt. Der Begriff Unterbewußtsein wird aber unnötig von Stout eingeschmuggelt, als ob schon alles, was man zeitweilig vergißt, jenseits der Bewußtseinsschwelle läge, doch handelt's sich hier um reine Reaktionsstände des bewußten Gehirnarbeitens, so wie eine Sehne oder Muskel zeitweilig den Dienst versagt aus rein physischer Ursache. Auch wenn Andrew Lang zwei subliminale Selbst unterscheidet, ein begrenztes und ein unbegrenztes, welche beiden Myers Definitionen angeblich verwechseln, so wäre dies nur ein Spiel mit Worten. Doch er folgert daraus mit Recht, daß die von Myers versuchte Verbindungskette zwischen dem gewöhnlichen Bewußtsein und dem »Unbewußten« (denn es läuft im Grunde auf Hartmanns und schon Hegels Definition hinaus) nicht haltbar sei. Myers wie mancher andere Wissenschaftler hat eine Heidenangst davor, sich von Spezialisten als Mystiker verlästern zu lassen. Er verwirrt sich nicht, weil er zu wenig, sondern weil er zu viel Rücksicht auf »gewöhnliche Psychologie« nimmt. Komischerweise sind aber seine Gegner gezwungen, selber zu abstrusen Phantasien ihre Zuflucht zu nehmen, so wie Stout behauptet, daß Bewußtes und Unbewußtes in ständigem Konnex stehen, »bewußte Aktivität appelliert sozusagen immer an etwas anderes «. Ein Konnex mit freilich sehr langem Kabel von unterseeischer Verborgenheit wäre möglich, ein »ständiger« nicht, sonst würde ein nüchternes Normalbewußsein nicht Ahnungen, Warnungen, Eingebungen in wachem Zustande ausschalten. Mit dem vagen »etwas anderes« wissen wir nichts anzufangen. Deckt es sich mit Kants »transzendentalem Gegenstand« und könnten wir es in anderer Aufmachung als uns konformen Tiefsinn begrüßen, wo bleibt dann der gewollte Rationalismus? Mit solchem unbekannten X sind wir in der schönsten Mystik, die sich sogar dazu versteigt: »Der Durchschnittsmensch wie das Genie kann Originalideen finden, während seine Gedanken mit ganz verschiedenen Gegenständen beschäftigt sind oder während er schläft«. Lang macht sich über diesen Satz lustig und leugnet mit Recht jede Möglichkeit des Durchschnittsmenschen, aus seinem Unbewußten Originalgedanken hervorzuholen. Myers unterscheidet vorsichtiger, die Menschen seien sehr verschieden veranlagt in ihrer Beziehung zum Subliminalen, nur Genies wie Shakespeare und Wellington (! unpassendstes Beispiel) führen aus, was ihr Unbewußtes ihnen eingibt. Stout verweist nun darauf, das Subliminale des Genies ändere nichts daran, daß es von zeitlicher Umgebung abhänge. Vielmehr besitzen wir Beispiele für das Phänomen, daß Inspiration und Genie plötzlich auftauchen ohne jede Verbindung mit »vorherigem Geistesleben«, wie Stout glaubt. Siehe Jeanne D'Arc, ein völlig ungebildetes Bauernmädel, das fünf Jahre lang sich den Ermahnungen des geheimen Selbst widersetzte und lieber »an Mutters Seite nähen« wollte, ein unzweifelhaftes militärisch-politisches Genie, das jeder mechanistischen Erklärung spottet. Was ferner die wissenschaftlich anerkannten Schlaftraum-Eingebungen betrifft, so mag es für diese (siehe Freuds Theorie) eine, obschon verwickelte, Verbindung mit dem zeitweilig unterdrückten Bewußtsein geben. Freilich verwischt solche Erklärung die Grenzen zwischen bewußt und unbewußt derart, daß der Mechanist unmöglich Freude daran haben kann. Denn daß das bewußte Spektrum des Ich kontinuell im Schlaf fortdauert, berührt nicht die Tatsache, daß der gewöhnlichste Mensch im Traum die ihm sonst ganz abgehende und nur dem Genialen eigene Fähigkeit des inneren Schauens gewinnt und Traumvorgänge sich plastisch veranschaulichen. Daß dabei keineswegs nur aus Erinnerungsvorrat geschöpft wird, sondern erwiesenermaßen auch bestimmte und sichere Vorahnungen genaue Form annehmen, macht das Rätsel noch dunkler. Offenbar bewegt sich die Plastik der Träume auf gleicher Ebene wie diejenige spiritistischer oder telepathischer Erscheinungen. Doch sei dem wie ihm wolle, und mögen auch hypnotische Kuren sich einigermaßen erklären lassen – wobei aber stets der banausische Wald- und Wiesenmaterialismus zu kurz kommt–, so versagt jede Erklärung für Fernhypnose durch Telepathie, Clairvoyence unter Hypnose, überhaupt alle Erscheinungen der Telepathie. Versuche wie Lehmanns »Aberglauben und Zauberei«, derlei wegzudisputieren, endeten in Gelächter, wie der Antispiritist Lombroso in überzeugten Spiritismus. Von Phänomenen wie wirklichen spiritistischen Manifestationen, Chiromantie, Kristallbeschauen, Wünschelruten, Tischklopfen, Kartenlegen – sofern nicht leicht erkennbarer Schwindel und Taschenspielerei vorliegen – läßt sich nur urteilen wie über Stolz' »Geschichte des Hypnotismus«: die versuchte rationalistische Deutung (oft ganz versagend wie bei Immunität und lebendig Begraben der Fakire) ist viel abstruser und unwahrscheinlicher als die einfach hingenommene Tatsache. Ebenso stehen wir beim uns bekanntgewordenen Bild des Blavatzkyschen »Master« (Mahatma) vor dem Dilemma: Entweder ist es wirklich im Astrallicht photographiert oder es stammt von einem Genie größer als Michelangelo, das ein wahres überwältigendes Abbild eines Mahatma und hiermit den indirekten Beweis für dessen Möglichkeit schuf. Was von beiden ist das Einfachere und Wahrscheinlichere?! Denn wer kann an ein so unbekanntes Genie glauben, das sonst keinerlei Spuren hinterließ! Das Ungeheuerlichste, weit unheimlicher als Prophetie oder Gedankenlesung und -Übertragung, enthüllt sich beim scheinbar Unmöglichsten, beim Kartenlegen, sobald eine Lenormant es in die Hand nimmt. Denn nicht das Lesen der Karten ist hier das Unerklärliche, sondern daß die Karten wirklich so liegen, wie die Deuterin sie liest, weshalb nur solche dies Experiment vornehmen sollten, die selber genau den Sinn der Karten kennen. Wenn der Fragende, nur an »Abheben« beim Mischen beteiligt, seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den gelegten Karten findet und der Deuterin stets kontrollierend auf die Finger sieht, d.h. bei jeder Deutung findet, daß die Karten wirklich in gedeutetem Sinne liegen,so muß jedem Skeptiker gruselig werden. Und wenn gar bei besonders schwerer Lesung (Kartenlegen für eine ferne dritte Person) vorkommt, daß die Deuterin mal falsch übersetzt, der in den Karten selber stehende Sinn aber völlig der Wahrheit entspricht (»die Sterne lügen nicht«, nur der Sterndeuter mag irrig übersetzen), dann wird der Rationalist wohl staunend erstarren. Ähnlich Unglaublichem begegnet man gelegentlich beim Tischrücken, dessen äußere Materiewirkung für jedermann ins Auge springt und durch Magnetismus – soweit man nämlich ihn kennt – unmöglich erklärt wird, dessen psychische Mitteilungen aber oft von so überraschender Richtigkeit, daß man sich im Verkehr mit Klopfgeistern in eine Sphäre versetzt findet, wo man sich ohne jeden Übergang heimisch fühlt. Wer selber solche Erfahrungen hatte, wird mit Professor Andrew Lang nur noch Hohn und Spott für jene »Psychologen« haben, die von vornherein solche Experimente als unsinnig ausschließen, während der Unsinn nur in ihrer Verstockheit steckt, und ungescheut alle unbescholtenen Zeugen, die als absolute Skeptiker gründlich bekehrt wurden, der Lüge oder Selbsttäuschung bezichtigen. Obendrein machen wir das Bekenntnis, daß jeder Spiritismus,also auch »Klopfgeister« unserer Weltanschauung ganz zuwiderläuft, insofern es sich um Manifestation Verstorbener handeln soll, wobei wir auch Blawatzky folgen, die diese ihr so reichlich bekannten und ihr unterworfenen Phänomene auf bloße »Elementals« (Spukdämonen) zurückführte. Doch wir gleichen nicht eingebildeten Verlehrten, die prüfungslos verwerfen, was ihnen nicht paßt, wir beugen uns den Tatsachen, müßten daher wohl oder übel eine persönliche Fortdauer im Interregnum zwischen Wiedergeburten annehmen, sowie ein stetes Hineinragen der Jenseits- in die Diesseitssphäre, das sinnlich wahrnehmbar werden mag. Doch kann dies alles nur auf das von uns formulierte Gesetz des »Entgegenkommens« hinauslaufen, wonach der Mensch unter Beihilfe des subliminalen Selbst alles findet, was er ernstlich sucht. IV Mathematische Definitionen des »Unendlichen« (Dedekind, Bolzano) sind ein müßiges Verstandesspiel, denn sie beweisen natürlich nichts für etwas Unbeweisbares, da das Unendliche aus dem uns allein bekannten Endlichen überhaupt nicht abgeleitet werden kann. Dagegen faßt der gewöhnlichste Menschenverstand das All als etwas notwendig Unendliches auf, da etwas ohne Anfang und Ende notwendig unendlich ist, das All aber ohne »Ewigkeit«, das zeitlich Unendliche, gar nicht für uns denkbar wird. Ewigkeit und Unendlichkeit sind geradeso notwendige Kategorien für unser Denken, wie Zeit und Raum. Haarspaltereien angelsächsischer Professoren (Royce, Kayser), ob derlei positiv zu beweisen sei oder nicht, entbehren aus obigen Gründen nicht der Komik. Denn der einzige, doch völlig genügende Beweis liegt darin, daß sich uns der Gegensatz des Unendlichen, nämlich das Endliche, von selbst versteht für Einzelleben und Einzelplaneten wie die Erde, daß wir aber das All, in welchem Begriff schon Unendlichkeit liegt, notwendig davon unterscheiden. Es ist gleichgültig, ob wir die Planeten eines Tages sämtlich aufzählen könnten oder ihre Menge immer unendlicher hinausrückt, denn wenn alle »Welten« zerstörbar endlich wären, so bliebe noch der umrahmende Äthernebel, aus dem immer neue Welten hervorgehen, in seiner Unerschöpflichkeit ohne Anfang und Ende. Ja, selbst wenn Äther sich in Nichts auflöste, so würde immer noch dies Vakuum notwendig ewig und unendlich sein, ohne welche Attribute ein »All« überhaupt nicht möglich wäre, an dessen Vorhandensein zu zweifeln nur dem absoluten Wahnsinn einfallen könnte. Vielmehr bleibt nur die umgekehrte Fragestellung wichtig: kann man beweisen, was endlich ist ? Man kann es nicht, denn jedes Gebilde und jede Funktion der Materie ist in ihrer unablässigen Transformierung gleichfalls unendlich (Erhaltung der Kraft). Die Annahme, daß Planeten, selbst die kleine Erde, »endlich« seien, wofür man lediglich den Scheinbeweis des Mondes hat und zwar auch nur bezüglich angeblichen Absterbens alles Organischen (reine Hypothese, da die Mondbewohner gänzlich andere Lebensbedingungen haben können als die Erdbewohner), wäre doch auch nur Trugschluß, da aus zerstörten Planeten dann der Stoff sich zu andern Äthererscheinungen zusammenfügen würde. Endlich kann nichts sein als alle äußern Formen . Selbst das Erdenleben kann man nicht als endlich betrachten, denn wenn Vereisung jede bisherige Lebensform erstickt, so bleibt bis auf Gegenbeweis wahrscheinlich, daß das »unsterbliche Lebensprinzip« sich sogar auf der Erde selber andere Bedingungen schafft oder wenigstens sich auf andere Planeten überträgt. Die Energetik der Elektronen bleibt jeder Endlichkeit entrückt und würde eben andere Materialisierung suchen oder stofflos weiterbestehen, soweit von Stofflosigkeit im unendlichen Wirbel der Atome geredet werden kann. Nun steht aber erfahrungsgemäß fest, daß jeder Mensch so lebt, als ob er immerfort so leben wolle und an seinem Aufhören zweifle. Sollte dies elementare Gefühl nicht bedeuten, daß das Leben sich unbewußt als unendlich empfindet? Zeit und Raum sind Notbegriffe, damit das Leben denken, fühlen, handeln könne. Unendlichkeit aber desgleichen, um ein für jede Weltanschauung nötiges All zu bauen. Da sie »Zeit und Raum« in sich umfaßt, sind letztere nur Funktionen und tragen daher nach unabweislichem Gesetz als Teile die gleiche Unendlichkeit in sich wie das Ganze. Insbesondere sind sie Urfunktionen der Kausalität, welche identisch mit der Weltbewegung, daher ohne Anfang und Ende wie das All selber. Durchdenken wir reiflich diesen Syllogismus, so bleibt nichts mehr übrig, was wir als endlich (finite) bezeichnen könnten, Unendlichkeit und Ewigkeit (zwei Namen für das gleiche) sind das wahre Wesen der Dinge. Nicht nur das Leben als Allgemeinbegriff, sondern alles, was sich in Zeit und Raum bewegt, jedes Atom und jedes Aggregat von Atomen haben Möglichkeit und Fähigkeit unendlicher Ausdehnung. Tatsächlich kann selbst das einfachste Denken sich Zeit und Raum nicht begrenzt (endlich) vorstellen. Denn hinter dem für das Einzel-Ich verrechneten Zeit-Raum vermutet und erkennt das Ich unendliche andere Zeiten und Räume. »Zeitraum« faßt die deutsche Sprache ahnungsvoll beides zusammen, obwohl naive Wahrnehmung Zeit und Raum als etwas Verschiedenes auffaßt: Zeit und Raum sind aber ein und dasselbe, nicht sie sind wirklich vorhanden, sondern immer nur die Unendlichkeit, bei welcher Zeit und Raum in eins zusammenfallen. Der müßige Streit, ob Zeit- und Raumbegriff »erworben« oder »angeboren« – für den Karmadenker gibt es solchen Unterschied, auf dem wesentlich das Trugbild äußerer Evolution beruht, überhaupt nicht–, löst sich dahin auf, daß lediglich der Begriff Unendlichkeit apriorisch mit dem Leben zugleich erscheint und erst aus ihm heraus das Lebende sich zum Eigenschutz eine Begrenzung schafft, das begrenzte Ich einen für das Ich begrenzten Zeit-Raum. Man kann so weit gehen: Das Denken kann die Wesenheit von Zeit und Raum als Illusion durchschauen, wie es Kant endgültig festlegte, doch nie bezweifelte es ja die Unendlichkeit. Diese ist daher das einzig Positive und Wesenhafte, das subliminale Selbst fühlt apriorisch in sich die Fähigkeit unendlicher Ausdehnung, also die unbedingte Unsterblichkeit. Des Kindes Wachstum geht Hand in Hand mit der Wahrnehmung, daß es außer Papa und Mama noch Unendlich-Vieles gebe. Wenn es von Stufe zu Stufe klarer zeitlich und räumlich auffassen lernt, so beruht dies nur auf dem Urbegriff des Unendlich-Vielen. Dieser Ursprung alles Denkens kann daher auch nur Ursprung des Religiösen sein. Der Anglodeutsche F. C. Schiller (Oxford) nennt seine Philosophie »Pragmatism« oder »Humanism«. Er erhebt dabei Einwendungen gegen das »Absolute«, für uns ein Windmühlengefecht um Namen. Denn Absolutes und Ursubstanz Spinozas sind nur Schulbegriffe wie »Ding-an-sich, letzter zureichender Grund«, die für das gewöhnliche Denken (ohne intuitive Illuminatio) faßlich und verständlich sein sollen. Wir ergänzen aus anderer Richtung mit verhaltener Ironie: natürlich gibt es kein Absolutes, weil dies einen Gegensatz von Nicht-Absolutem oder Relativ-Konkretem voraussetzt, in der Unendlichkeit aber alles absolut ist, nichts relativ, die gleiche Erscheinungsform vom »Höchsten« bis zum »Geringsten«. Aus gleichem Urgründe gibt es auch keine Ursubstanz, was Gegensatz von Nicht-Substanziellem oder posterioren Substanzen voraussetzt, in der Unendlichkeit ist aber alles gleich substanziell und gleich spirituell, unverändert und unvermindert, und wo keinen Anfang gibt es auch keine Anfangssubstanz, daher dann auch keinen letzten zureichenden Grund, und da es in der unendlichen Wechselbeziehung kein an »sich« gibt, so gibt es kein Ding-an-sich als Gegensatz zu relativen Dingen, sondern selbst das beschränkteste Ich ist für sich selber ein absolutes. Wem unsere Syllogismen einleuchten, behalte sie im Gedächtnis, sie sind nicht ohne Wert für die Psychelehre. Doch solche Spitzfindigkeiten sind nur Kampf um des Kaisers Bart, da niemand je wirklich bezweifelt hat, für was man allerlei nicht deckende Namen sucht, nämlich die Unendlichkeit. Schiller will eben nur darauf hinaus, daß unser menschliches Denken sich an bestimmte pragmatische Grenzen zu halten habe. Es sei »purposive«, d. h. vorsätzlich zwecksetzend und beeinflusse so auch jede Metapysik. Alle Handlungen beziehen sich auf praktische Zwecke. Das (für uns) »Gute« gehe dem Begriff des »Wahren« voran und das »Wirkliche« werde gesucht mit der Absicht, das Wahre zu wissen. Das (für uns) »Gute« sei erste und oberste Kontrolle unserer Erfahrung, Metaphysik stamme nur aus Ethik, daher sei Wirklichkeit für uns »nicht was sie ist, was immer wir selber tun mögen«. Deutlicher ausgedrückt: nicht passiv entgegenkommend, sondern beeinflußt durch unsere eigenen Vorsätze. Hier sind wir also mit andern Formeln wieder bei der »Welt als Wille und Vorstellung« des Ich angelangt und es wird noch schöner: Determinismus sei zwar ein absolutes (sic) wissenschaftliches Postulat, doch »wir mögen doch wohl die Wirklichkeit eines gewissen Maßes von Unterdeterminiertheit anerkennen«, die Welt sei teilweise durch unser Handeln determiniert. Zu solchem Gallimathias verführt unklare Halbheit. Ein absolutes Postulat »der Wissenschaft« läßt also große Abweichungen zu? Dann deckt es sich eben nicht mit der Wirklichkeit. Die eherne Notwendigkeit fragt indessen nicht nach Hypothesen menschlicher Hirne, sondern hat in ihrer Kausaldeterminante keinen Platz für ein »gewisses Maß« irdischer Freiheit. Den Weltlauf bestimmt nie unser Handeln, sondern letzteres selber ist nur ein determinierter Kausalakt unzählbarer Notwendigkeiten. Wo man die Unfreiheit des Ichwillens »teilweise« leugnet (Ich und Unfreiheit sind synonym), also den »absoluten« Unsinn wieder einschmuggelt, muß etwas radikal Falsches vorliegen! Der Fall liegt aber einfach so: selbst ein Flachkopf ahnt, daß es doch irgendwie und irgendwo eine relative Freiheit geben müsse. Daß dies aber nur jenseits der Ichmaterie möglich sei, daß daher nur das im subliminalen Selbst versteckte transzendentale Ego wohl oder übel diesen leeren Thron besteigen müsse, darf er nicht zugeben und so hilft er sich mit »teilweiser« Absurdität. Heute gibt's unzählige solcher Agnostiker. Sie erkennen heimlich die unwirkliche Relativität der Mechanistik, scheuen sich aber vor dem Umkehrsprung ins Wirkliche, das sie beargwöhnen, als sei die wahre Logik, nämlich Meta-Physik, ein verbotener Gepäckraum von Phantasien. »Der Pragmatist wird seine Transaktionen mit der Natur und den Mächten, die er sich vorstellt, persönlich interpretieren«, unsere Metaphysik muß daher »quasi-ethisch« sein? Da sind wir wieder bei Kants Irrgang, der Mensch selber schaffe (erfinde) Gott und moralische Weltordnung. Aber nicht »Good«, sondern »God« war nachweislich der erste Begriff des Urmenschen, d. h. der Schauer der Unendlichkeit. Er hatte so wenig Trieb zum Guten wie das Kind, in dem apriorisch nur eins erwacht: das Aufschauen zur überwachenden und säugenden Mutter. Doch ganz richtig folgert Schiller: die Welt sei für uns wirklich nur, solange wir in ihr sind, sie sei relativ wie das Wahre und Gute, d. h. wahr und gut für uns. »Nutzlose Kenntnis« sei uns versagt, metaphysische Hypothesen stellten wir nur auf, weil sie nützlich wären, wenn sie wahr wären, und wahr, soweit sie nützlich sind. Wahrheit sei nur eine Form der Wertschätzung je nach dem Vorsatz des Wahrheitsuchers. Die Gesellschaft wählt davon aus, was ihr nützlich ist, so entsteht angeblich objektive Wahrheit für alle. Das alles sind alte Binsenwahrheiten, soweit es sich auf Subjektivität alles Denkens bezieht. Gerade deshalb ist unwahr, Gesellschaftsmaximen irgendwelche Allgemeingültigkeit zuzusprechen. Monarchie ist wahr für Fürsten und Adel, Republik für kapitalistische Bürger, Sozialismus für Arbeiter, katholische oder protestantische Dogmen vornehmlich für deren Priester, denn selbst hier ist die Gemeinschaft der Gläubigen nur eine soziologisch zwangsweise, meist ohne jede freiwillige Überzeugung. Es gibt also keine sozialen oder kirchlichen Wahrheiten und, wenn man ehrlich sein will, auch keine wissenschaftlichen, jedenfalls nicht für die Allgemeinheit, sofern nicht irgendein materieller technischer Nutzen damit zusammenhängt. Wissenschaft ist Wahrheit für die Wissenschaftler, die obendrein noch ihren Nutzen suchen (Bezahlung, Ämter, Titel). Wahrheit um ihrer selbst willen suchen ist nur die Art ämterloser Literaten wie Lessing oder eines nicht mal als Privatdozent zugelassenen Eugen Dühring, womit natürlich nicht gesagt sein soll, daß eine ehrlich gesuchte Lösung wie Dührings heroische Mechanistik besser ausschauen müsse als die auf dem Katheder gepredigte. Diese rücksichtslose Logik aus obigen Prämissen ist die Wahrheit über menschliche Wahrheiten. Laut Schiller ist die Welt nur meine Erfahrung, ergänzt »durch die Erfahrung, welche ihre Natur mich voraussetzen läßt«. Wirklich sei diese Welt just so lange, als sie unsere Erfahrung erläutert. Die »allgemeine Welt, wie wir sie alle erfahren«, sei eine soziale Konvention, die wir für praktische Zwecke postulieren. Sie ist niemandes besondere Erfahrung, doch es wird einfach angenommen, daß sie jedermanns Erfahrung gewährleiste. Der Philosoph nimmt frischweg an, daß er selber existiere, welche Annahme die übrigen Existenzen nichts angeht. Daß diese existieren, nimmt er erfahrungsgemäß an, ohne es verbürgen zu können. Das Bestehen einer materiellen objektiven Welt ist nur Annahme, die für des Philosophen eigene Existenz nötig erscheint? Je ne vois pas la necessité. Denn wenn obige Welt »Niemandes Erfahrung« ist, so kann sie auch der Philosoph nicht erfahren, und wie kann sie »wirklich« und »objektiv« sein, wenn sie nur eine »soziale Konvention« (eine für alle verbindliche Vorstellung) ist? Da wir den Tod und die Verwesung anderer Wesen nie selbst an uns erfahren, warum soll denn sein Koeffizient Leben eine erfahrungsmäßig nötige Annahme sein? Dann sind Tod und Leben anderer für uns gleichweise unwirklich, und wenn sie zusammen die Menschheit ausmachen, dann ist auch diese nur eine unwirkliche Vorstellung. Es ist nur zu wahr, daß wir über fremde Iche keine Erfahrung haben, sondern nur Annahmen. Doch wenn sie keinen Teil seiner Erfahrung bilden, bildet Schillers Ich selbst einen Erfahrungsteil für andere? Nein. Doch wenn er existiert (cogito, ergo sum), dann müssen notwendig auch die andern existieren und die Welt dazu, sie sind alle geradeso wirklich und unwirklich, er würde sonst für sie auch nur eine Annahme sein. Wer an der Wesenheit eines Mitwesens zweifelt, darf auch der eigenen nicht gewiß sein. Diese Mischung aus Descartes einer- und Berkeley-Fichte andererseits erzeugt einen saubern Pragmatismus oder Humanismus, in dem sowohl das Pragmatische als das Menschliche verschwimmt und unter Flagge strenger Begriffsgliederung keckster Subjektivismus in ein Weltmeer hinaussegelt, das sich in Nebel hüllt. Doch ein Lichtstrahl fällt durch die Wolken: »Die unbesiegliche Individualität der Philosophie«. Denn »das erfahrene Selbst«, die Persönlichkeit ist »die formale genügende und abschließende Ursache jeder Erklärung«... der Weltdinge? Herrlich, klingt's auch wunderbar. Heißt: jede Philosophie ist rein persönlich. Der Philosoph besitze »eine verantwortliche Persönlichkeit, eigene Seele und Bewußtheit« und sei nicht »eine bloße Phantasmagorie von Abstraktionen, ein vorübergehender Komplex schattenhafter Formeln, die man Naturgesetze nennt.« Bravo, der Pragmatist wird grob gegen pragmatische Mechanistik, deren Vertreter über so aufrichtige Absage der Lebenspsyche an schattenhafte Formeln schaudernd ihr Haupt verhüllen. Doch leider sind auch wir nicht erbaut von schattenhaften Begriffen wie verantwortliche eigene Seele, worunter er ja nur den Kausalkomplex Ich versteht. Was er für den Kernpunkt seines Systems hält, ist die zwecksetzende Absichtlichkeit (purposiveness) unseres Denkens und der teleologische Charakter seiner Methoden. Wohl und gut. Schätzt man die Persönlichkeit so hoch ein, so folgert von selbst, daß jede individuelle Wahrheit nur einer andern höchstens ähnlich, doch nie ganz die gleiche sein kann, daß allgemeine Wahrheit nie einer »sozialen Konvention« innewohnt, daß aber auch Untersuchung über Wirklichkeit der Außer-Ich unnütz ist. Denn eine Einzel-Persönlichkeit ohne Bezug auf andere ist unmöglich, sie wird sich gerade erst durch die Reibung mit andern ihrer bewußt. Bin ich also individuell, so sind es alle andern außer mir auch. Ist nun wahr, daß Ideen und Ideale geradeso eigene individuelle Zwecke ihres Urhebers verfolgen wie praktische Handlungen des persönlichen Daseinskampfes und daß sie teleologisch verfahren, etwa eine »prästabilierte Harmonie« zwischen sich und dem All herstellen wollen? Ja, sicher, auch umgekehrt: Der am Leben und an sich selbst Verzweifelnde begrüßt den Verzicht auf Gott und Fortdauer, er will Materialist sein. Der religiöse Fanatiker, sei er Christ oder Moslem, findet orthodoxe Dogmen für sich passend und schwört darauf. Der Buddhist oder Theosoph huldigt reiner Anschauung, weil er geistig und sittlich damit harmoniert. Was Plato, Giordano, Kant oder Pascal, Descartes oder Locke, Comte, Spencer oder Fichte, Hegel, Schopenhauer lehrten, entsprach genau ihren eigenen Wesen. Und wenn Mohammed und Luther reine Individualisten, so haben sogar Buddha und Jesus ein gewisses individuelles Gepräge, freilich schon in sehr beschränktem Sinne, wie denn die christlichen Mystiker und indischen Büßer sich bestreben, die Individualität völlig auszulöschen. Denn je erfolgreicher die Selbstsucht des Ich bekämpft, die Materie verachtet und das Transzendentale gesucht wird, desto geringer ist die Ich-Färbung einer Lehre. Solche Heilige und Heilande bringen mehr oder minder das subliminale Selbst zur Anschauung, welches jenseits des Subjektiven die Objektivität Gottes in sich trägt. V Wäre das Ich-Bewußtsein ganz unüberwindbar, so könnte keine reinere religiöse oder philosophische Lehre eine innere Wahrheit ausströmen. Zunächst bringt aber die ungeheure sittliche und geistige Verschiedenheit der Individuen einen sehr großen Wertunterschied ihres Denkens und Fühlens hervor. Soviel sich der Philister auf praktische Schläue und sogenannten gesunden Menschenverstand einbildet, wagt er doch nicht, sich mit höheren Persönlichkeiten zu vergleichen, die er treffend »gottbegnadet« nennt. Nur dem Rohesten und Ungebildetsten fällt es ein, dies zu leugnen, Bolschewismus müßte daher den völligen seelischen Bankerott herbeiführen, wenn nicht auch hier »Führer« wie Lenin und Trotzky ein gewisses Pathos der Distanz erzwängen. Nun, die wirklichen geistigen Führer der Menschheit (worunter beileibe nicht »Professoren« zu verstehen sind) zeigen seit Anbeginn eine gewisse Übereinstimmung, und es muß betont werden, daß die Führer des Materialismus (französische und englische Sensualisten, Büchner, Moleschott, Vogt, Häckel) als Persönlichkeiten sehr tief unter den großen Denkern oder Religionslehrern stehen. Diese aber sind alle einig in Anerkennung und Beschauung einer idealen Transzendentalwelt, selbst Schopenhauers Verneinung der Sansara gipfelt in Bejahung des Nirwana, d.h. des Verlöschens der Selbstsucht in der Unendlichkeit. Der wahre Goethe kehrte zu den mystischen Anwandlungen der Jugend (Jung-Stilling) im Alter zurück, um rein theosophisch nicht länger den Pan, sondern den Allgott anzublicken. Die größten Tatgenies waren teils überhaupt religiös, wie Cromwell und Bismarck, teils deistisch, wie Napoleon und Friedrich, dessen Kokettieren mit Lamettries L'Homme-Machine sich eben nur auf die verachteten vergänglichen Menschen bezog, ohne damit ein höchstes Wesen und eine transzendentale Weltordnung anzutasten. Die Autoritätsgläubigkeit der Menge, im Daseinskampf so oft am falschen Platze, hat aber ganz recht, sich auf das Vorbild größerer Männer zu berufen, die kleinen Persönlichkeiten vertrauen auf die großen, daß diese mehr Wahrheit sehen können. Und zwar natürlicherweise, weil alle Größe sich nach dem Grade richtet, wie weit das subliminale Selbst sich nach oben ringt. Allzeit entstand und bestand schöpferische Größe (so sehr verschieden vom kleinen Ichverstand) aus Fühlen und Anschauen einer höheren als der materiellen Welt, welche sich ihrem Unbewußten offenbart. Dies ist die wirkliche »Offenbarung«, die in Tausenden von Bibeln jeder Form (Tat und Werk) die Menschheit belehrt, nicht die kirchliche einer einmaligen »heiligen Schrift«. Eigentümlich ist allen Genialen die innere Ehrfurcht vor der unsichtbaren höheren Macht und das reuevolle Leid über jeden Abfall vom höheren Selbst. »Ich weiß, daß ich einstmals in der Gnade war«, seufzte der sterbende Cromwell und betete; alles Gute, was er tat, möge England, und alle Ichsünden nur ihm selber angerechnet werden. Von Napoleon rannen alle Atheistenscherze der Laplace und Monge ab wie von einem Regenmantel, sein Glaube an »Gott« und Unsterblichkeit war eine Gewißheit, er kannte das »Schicksal« (Karma) aus innerster Erfahrung. Wenn die Unterhaltungen mit Gourgaud gelegentlich eine mechanistische Note anschlagen, so wollte er offenbar die querköpfige Rechthaberei des kirchlich-frommen Generals necken, der übrigens kein ganz zuverlässiger Gewährsmann ist. Sind nun alle Großen die geborenen Antimaterialisten und stimmen sie alle in Anerkennung eines Allgotts und Ahnung eines ewigen Lebens überein, so müßte dies für den dumpf und stumpf am Boden klebenden Alltagsmenschen um so beweiskräftiger sein, als das Element, aus dem allein Größe und ethische Erkenntnis stammen, nicht alleiniger Besitz von Auserwählten, sondern Erbgut alles Lebens ist: Das subliminale Selbst. Denn was beim Genie als Schöpferfunktion, das tritt beim Minderbegabten als Telepathie auf, und es bedarf keiner Erklärung, daß Ähnliches, sei es noch so abgeschwächt, notwendig in jedem Menschen verborgen vorhanden als Grundgesetz jedes Lebens. Daher steht jedem offen, im Lauf der Äonen allmählich vom Karma der Wiedergeburten zu gleicher Höhe heraufgezüchtet zu werden. Den Anstoß zu solchem Freiwerden des Unbewußten kann nur Erkenntnis geben, daher bleibt von äußerster Wichtigkeit, was der Mensch wirklich glaubt. Nichts kann er wirklich glauben, was der »Vernunft« (wie man klaren Verstand zu nennen pflegt) widerstrebt, also weder kirchliche Märchen noch mechanistischen Aberglauben. Wäre der von Zweidrittel der Menschheit seit ältesten Zeiten als einzig vernünftig, wahrscheinlich und möglich erkannte Karmaglaube nur ein subjektives Wünschen, ein künstliches Zwecksetzen, eine täuschende Halbwahrheit, so müßten wir ihn dennoch predigen, weil er für uns so nützlich ist als Verständnisbringer und Ordner sonst unbegreiflicher Rätsel. Denn gerade er beruht auf dem einzig sichern Fundament, dem mit dem Leben selbst geborenen Begriff und Gefühl des Unendlichen. An allem dürfen wir zweifeln, nur nicht an dieser Gewißheit, welche zugleich eine Ewigkeit der Kausalität von selber aufrollt. Aus dieser Anfangsempfindung des Unendlichen erwächst natürlich nicht das »Gute«. Das für uns Gute, animalische Bedürfnisse, wie der Säugling nach der Mutterbrust schreit, ist nur unbewußter Instinkt der Selbsterhaltung und darf nicht mit irgendwie sittlich Gutem verwechselt werden, das keineswegs für »uns«, d. h. das gemeine Ich nützlich scheint. Sondern die nächste Folgerung des Kindes und Wilden konnte nur sein, daß es außer irdischen Eltern und Vorgesetzten einen Regenten der Unendlichkeit gebe. In Christi Doppelgebot »liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst« wird das Zweite aus dem Ersten abgeleitet, so daß statt »und« stehen sollte » deshalb «. Denn ohne diese Voraussetzung wäre jede Menschenliebe sinnlos und hat falsch verstanden zu verschiedensten unsinnigen Schwärmereien geführt, sei es durch ehrliches »praktisches« Christentum, sei es umgekehrt durch Humanismus einer phantastischen Menschenliebe. Denn wer sich nur um des Menschen und der Menschheit willen opfert, ist ein Narr, der zugleich Christi Meinung übertreibt. » Wie dich selbst« heißt nicht mehr als dich selbst, was der Fall sein muß, wenn man das eigene einem fremden Interesse zum Opfer bringt, d. h. den fremden Egoismus füttert auf Kosten des eigenen. Wie durchaus unverdient solches Opfer ist, zeigt nicht nur die allgemeine Erfahrung »Undank ist der Welt Lohn«, sondern die besondere, daß jeder Leidende, der mal zufällig auf opferwilliges Mitleid stößt, sich sofort rücksichtslos daran festklammert wie der Ertrinkende an seinen Retter und den Edlen ausnutzt, als sei dies sein gutes Recht. Die »Armen« sind mitleidigen »Reichen« gegenüber die größten Egoisten in ihrer Denkart. Und die »Menschheit« als Kollektivbegriff hat noch stets Weltverbesserer untergehen lassen. Warum soll man diese Nebenmenschen lieben und ihrer Selbstsucht die eigene opfern? Solcher Impuls mag ethisch verführerisch sein, kann aber vor der Vernunft nicht bestehen, weshalb es der Materialist auch leicht hat, über Vaterlandsliebe zu spotten, die ja meist auf unklarer Hypnose beruht. Nun vergißt der Kosmopolit, Pazifist, Evolutionist, Altruist oder wie die Leute sich nun nennen mögen, daß Menschheitsliebe den gleichen Spott verdient, weil die Menschheit genau so selbstsüchtig gemein wie der einzelne. Und was fangen wir mit dem Tatwamasi »Ich bin Du« der Inder an? Grob empirisch wäre ja auch dies ein Aberwitz, denn die unendliche Ungleichheit ethisch und intellektuell ist nicht wegzuzaubern. Wenn Goethe sich gelegentlich dazu verstieg, er finde in sich die Keime zu jedem Verbrechen, so betrachten wir dies als poetische Lizenz, die unklar eine gewisse Wahrheit auf die Spitze treibt. Ebenso übertreibt Hebbels Tagebuch: Bei Veränderung äußerer Umstände der Richter an Stelle des Mörders. Soll heißen, man dürfe den Mörder nicht pharisäisch verdammen, sobald man sich an seine Stelle unter Schicksalszwang versetzt? Sehr wahr. Doch der Vers eines Gründeutschen »Ich bin durch nichts vom Mörder unterschieden, als durch die Gabe des Gedichts und reinem Seelenfrieden«, wobei »Unterschied von Bös und Gut die sittlichen Begriffe« als »alte Henkerskniffe« belächelt werden, prahlt Unreife als Reife aus. Viel tiefer hat Wildes unsterbliche Zuchthausballade die Wahrheit erfaßt, daß jeder Mensch unentrinnbarem Karma folgt, was aber gerade die dauernde Ungleichheit nicht nur äußerer, sondern vor allem innerer Lebensbedingung bedeutet. Denn Hebbels Spruch heißt richtiger: Mancher Richter wäre ein Raubmörder geworden unter gleichen Bedingungen, mancher Mördergeist versteckt sich als grausamer Richter, Verallgemeinerung aber ist unsinnig, denn mancher Richter würde unter keinen Umständen zum Verbrecher. Mancher Verbrecher erlag nur vorbestimmtem Augenblickszwang und wäre ein Hort der Gerechtigkeit wie Michael Kohlhaas, wenn sein Karma es erlaubte, das heißt aber keineswegs, daß das Gros der Gewohnheitsverbrecher zur Kohlhaasart gehört. Der gleiche Spaß, wie wenn ein Blaustrumpf schreibt »der Mann« und männliche Blaustrümpfe »die Frau« oder »der Hund«, »die Katze« allgemein verbindliche Hunde- und Katzenpsychologie hergeben sollen. Die Frauen sind unendlich differenziert, die Männer weniger, doch ist nicht jeder Mann ein brutaler Schuft, und wenn der größte Tierkenner Brehm die Hundeanbetung schroff verpönt und dafür die Katze übermäßig preist, so besagt das nur, daß es eben auch viele schlechte Hunde und manche edle Katze gibt. »Die sittlichen Begriffe« aber sind nur dann hinfällig, wenn sie als Formelschablone gesellschaftlicher Konvention auftreten. Das ist schon deshalb erbärmlich, weil eben die Ungleichheit der Individuen und ihrer Lebensbedingungen keinerlei Schablone zuläßt und die äußere Handlung nur äußeres Kausalergebnis vorbestimmter Umstände, nicht aber die allein maßgebende Gesinnung auslöst. Wenn also Hebbel richtiger gesagt hätte, mancher Mörder könne vor Gott besser sein als sein Richter, so ist dies schon ausgedrückt im Schacher am Kreuze, dem Jesus verheißt: »Morgen wirst du im Paradiese sein«, weil in jenem seine innerste Natur durch Todesnot als gottgläubig herauskommt: »Herr, ich glaube an dich«. Alle scheinbaren Widersprüche und Ungerechtigkeiten der ewig ungleichen Lebensläufe lösen sich spielend durch das Karmagesetz, hier aber lautet die entscheidende Frage: durch was wird der sterbende Sünder gerettet, dessen Lebenserfahrung doch über Nächsten- und Menschheitliebe höhnisch lachen würde? Durch Liebe zu Gott , den er in einem Gottmenschen verkörpert sieht. Jetzt erkennen wir, daß des Inders Tatwamasi nichts mit sinnloser Nächstenliebe zu tun hat, sondern sein Wohlwollen für alles Geschaffene nur Kausalfolge seiner Gotterkenntnis ist. Wer Gott liebt, liebt alle seine Werke. Bei Ehrfurcht vor der unerforschlichen Macht geht das »Wahre« natürlich dem »Guten« voran. Erst aus diesem Gedankengang besann sich der Mensch auf seine sittliche Identität mit dem Nebenmenschen, dem er sich nur »in Gott« nahefühlt. »Ewige Sehnsucht der Welt nach dem Gleichgewicht« (Leonardo) begründet eine innere Mechanik der Ethik. Man darf nun fragen, ob allbeherrschende Liebe zu Gott, durch welche allein wir zur sonst unnatürlichen Nächstenliebe gelangen, wirklich die Seele erfüllen könne. Die Möglichkeit sehen wir bereits bei christlichen Mystikern und erleuchteten Indern, also muß jeder, sobald er gleichen geistigen und ethischen Grad erreichte, in sich die gleiche begeisterte Liebe zu Gott finden. Gewiß tritt Erleuchtung als ekstatischer Zustand auf, der dumpfes Verstandesbewußtsein weit hinter sich läßt, doch Dichterseher reden hier zu ausschließlich vom Gefühl: »Für mich sind hohe Berge ein Gefühl« (Byron) »Gefühl ist alles« (Goethe). Nein, es ist nicht alles. »Gefühl gehört der Erde an, doch betrachtende Vernunft steht außerhalb der Gefühle« (Leonardo). Wohl »Name ist Schall und Rauch«, aber die Einschränkung: wer darf bekennen, ich glaub' Ihn oder ich glaub' Ihn nicht! bezeichnet Fausts mangelhafte Erkenntnis, denn die wahre wird wagen zu sagen, ich kenne Ihn. Und zwar braucht man dazu nur ins eigene Leben zu schauen und das der Nächststehenden zu prüfen, denn dort drängt sich dem Nachdenkenden förmlich greifbar eine übernatürliche Gerechtigkeit auf, die freilich nie mit schwächlicher Affenliebe unartige Kinder verzieht und ihnen gebratene Tauben aus Schlaraffenland ins Maul schiebt, doch bei aller Strenge der Erziehung väterliche Freundlichkeit bewährt, erfinderisch im Herbeiführen nützlicher Kausalwendungen, günstig und ungünstig wie es gerade für ein Individuum paßt. Daß allzeit auch der schlichteste Volksverstand die Gesetzmäßigkeit individuellen Erlebens ahnte, zeigt die bei vielen Völkern verbreitete Parabel: daß Christus jedem Sterblichen freistellt, sein Kreuz abzuwerfen und sich ein anderes, bequemeres zu wählen, und dann jeder unter den zahllosen Kreuzen wieder sein eigenes heraussucht. »O göttliche Notwendigkeit, du zwingst alle deine Wirkungen, auf kürzestem Wege deinen Ursachen zu folgen!« (Leonardo). Tatsächlich gibt es keine Geschichte der Menschheit, sondern nur der unzählbaren einzelnen, und würden zahlreiche Autobiographien nebeneinander geschrieben, so würde jeder Klarsehende hier auf Schritt und Tritt Stoff für Beweise einer Vorbestimmung entdecken, die sich als persönliche Vorsehung dem einzelnen vermittelt. Selbst die uralte Vorstellung vom guten und bösen Engel ist nicht von der Hand zu weisen, in einem gewissen unerklärbaren Sinne wird jedes Wesen in Spaltung des Doppel-Ich von einem guten und bösen Prinzip überwacht. (Womit natürlich nicht dem dualistischen Prinzip von Lotze dem Jüngeren das Wort geredet werden soll, »Gott« und »Teufel« sind nicht zu trennen). Erkennt nun der Mensch – und das tat er seit ältesten Zeiten –, daß jede Hiobprüfung vorbedacht, äußeres oder inneres Verderben fast immer verdiente Vergeltung, Leben nicht der Güter höchstes, Schuld das wahre Übel sei, so dämmert ihm die Ahnung unermeßlicher Weisheit. Aus anstaunender Verehrung wird aber überströmende Liebe, sobald er sich bewußt wird, wie allwissende Allmacht sich herabläßt, ihre Allgerechtigkeit auf jeden Erdenwurm zu übertragen und diese ewige Sonne ewig über unserm Staub leuchten zu lassen. Solche vorausgesetzte Allgüte ruft dann wirklich die Vorstellung eines »himmlischen Vaters« hervor, auf dessen Schutz man im Leben und Tod vertrauen dürfe. Daß sich gegen so frommen Optimismus das Weltleid empört, ihm oft den Schein des Weltbilds verdunkelt und der menschlichen Schwäche oft bittere Zweifel aufdrängt, geht uns hier nichts an, denn jedenfalls war dies allzeit der Weg zur Gottliebe. Anbetende Dankbarkeit verwandelt sich in unbegrenzte Begeisterung für dies höchste Wesen. Um seiner würdig zu werden, seine Liebe zu verdienen, wirft man altruistischen Blick auf den Nächsten, und der christliche Satz »Ihr sollt euch untereinander lieben, weil Gott euch geliebt hat« erhält den Zusatz: und weil ihr Gott liebt. Musset schließt seine Rhapsodie »Hoffnung auf Gott«, daß Name und Ruhm untergehen, die Seele sich nur noch ihrer Liebe erinnert. Metaphysik der Liebe (nicht im ironischen Sinne Schopenhauers) sucht in Ergänzung die Einheit, ist also eine dumpfe ichbeschränkte, aber instinktiv natürliche Vorstufe der Sehnsucht nach Einheit mit dem Allgott, der höchsten Liebesseligkeit. Nur unter dieser Voraussetzung ist Menschenliebe möglich und vernünftig, nur Liebe zu Gott, d.h. dem einzigen Liebenswerten kann je gestatten, sich aus individueller Selbstsucht zum Einheitsgefühl zu erheben. Wir sehen am erhabenen Beispiel Leonardos, wie dessen milde Güte nur aus Ehrfurcht vor der schönen Gottbeseelung des Alls entsprang und sich mit bitterster Menschenfremdheit vertrug: »Die große Liebe zu Gott kommt nur vom großen Wissen. Wer wenig weiß, liebt auch wenig, Liebe ist Tochter der Erkenntnis und ist um so heißer, je klarer die Erkenntnis.« Der große Ahner wahrer, d.h. transzendentaler Naturgesetze sprach zum andern Mal: »Wie das Echo Spiegelung des Schalls, so ist Spiegelung Echo des Lichts.« So geniale Formulierung der Schall- und Lichtwellen des Äthers als einer ewigen Einheit schöpft aus Anschauung des Unendlichen die gleiche Inbrunst der Verehrung wie der Wilde, der im Donner die Stimme eines Unsichtbaren hört und nicht fordert, der müsse sich sichtbar mit Visitenkarte und polizeilicher Anmeldung vorstellen. Wohl kannte Leonardo alle physikalischen Ursachen, doch verkannte nie hinter den Phänomenen Blitz und Donner den »Höchsten«. »Alles ist einzig Dein Wille.« Trotz früherer Widersprüche, wo Leonardos Abscheu vor Kirchenschwatz in starre Mechanistik zu entgleisen scheint, begrüßen wir ihn gerade als Bundesgenossen. Diesen Mechaniker ohnegleichen, der in die Unendlichkeit konstruierend eindrang, möchte Chamberlains Kantbuch als Gegenfüßler des unendlichkeitstrunkenen Giordano ausspielen. Diesen Weltanatomen, der in Planet, Mensch, Tier, Pflanze das gleiche Strukturgesetz suchte, möchte entgötterter Aufkläricht als Stammvater materialistischer Scholastik ansprechen. Denn man fälscht sich große Männer so zurecht, wie es für eigene Zwecke paßt. Doch schriebe er heute seine zahllosen Aphorismen und Parabeln, so hätte er uns beißenden Spott über sogenannte Mechanistik hinterlassen. Umarmte da einer mit Tränen der Rührung ein Auto und pries dessen Weisheit und Schönheit, doch ein Schuljunge rief ihm ins Gedächtnis, daß Automaten einen Erbauer haben und solch Halleluja sich an falsche Adresse richte. Wer ruhig prüfend »Kraft« geistig und unsichtbar nannte, weil ihre Anwendung das Körpergewicht nicht ändere , wer An- und Abprall, Einfall- und Ausfallwinkel für das nämliche erklärte, wer trocken aussprach: »Mit Zerstörung des Körpers wird die Seele nicht zerstört, sie haust in ihm nur so wie Wind in Orgelpfeifen«, der verwechselte wahrlich nicht Wirkung und Ursache. Ihm entrang sich der Aufschrei begeisterter Gottliebe: »O Deine wunderbare Gerechtigkeit, Du Urheber der ersten Bewegung! O Deine göttliche Notwendigkeit! Die äußere Notwendigkeit der Natur entspricht der innern Notwendigkeit der Vernunft. Alles ist vernünftig, denn es ist notwendig.« Diese göttliche Gerechtigkeit, welche zugleich äußere und innere Notwendigkeit ist, diese Einheit beseelter Materie und materialisierter Seele, dies »Oben ist Unten, Unten ist Oben« hat als Odem der Unendlichkeit vom untersten Wilden bis zum obersten Weisen die Religion im Menschen geboren. Der Urmensch sah und fühlte um sich her Unendlichkeit »Gott«, fühlte psychisch unendliche Ausdehnung »Unsterblichkeit«, folgerte daraus Notwendigkeit des »Guten«. letzteres, obwohl bei Gutartigen auch gefühlsmäßig erfaßt, bedeutet also nur eine spätere Vernunftverpflichtung, dagegen die zwei Unendlichkeitsgefühle eine zwar nicht apriorische, aber erste Empfindungswahrnehmung, auf ihr allein beruht der Ursprung der Religion. 7. Von Buddha zu Jesus. I Man kann den Hamletsatz über Gut und Bös erweitern: an sich ist nichts Psyche oder Materie, das Denken macht es erst dazu. Wohl schreit nur der Niedrige: Es lebe das Leben! Doch das Leben verachten heißt nicht es verstehen. Obwohl Buddha das Heil der Ruhe verbürgt, scheint keineswegs sicher, ob dies für alle Temperamente die einzige Heilung sei. Dann würde auch alle Kunst ungeschehen bleiben, die so vielen Erhöhung und teilweise Erlösung brachte. Vielleicht fuhren nicht viele Wege nach Rom, doch jedenfalls wird es nicht an einem Tage erbaut und nicht durch eine einzige Bresche mit Sturm genommen. Einseitigkeit ist der Fluch aller Religionen und auch aller Philosophien. Sie legen Pflaster auf die Wunden, wobei Apotheker sich um Vorrang der Rezepte streiten, doch stellen nie die Diagnose, ob Wunden und Geschwüre nicht dazu dienen, das schlechte Blut herauszulassen. Bei bloßer Repression schlägt der Krankheitsstoff erst recht nach innen. Unterdrückt nicht vielleicht Buddhas Beruhigungssalbe den richtigen Ablauf des Fiebers, mit dem die Natur sich selber hilft? In der Lebensinfluenza sollte man sich das Gesundheitsprinzip vorhalten, daß zuletzt doch jedem wird, was ihm angemessen, wenn er sein Leiden nur mit geduldigem Mut durchleuchtet. Wenn das Leben sein eigenes Gleichgewicht in sich trägt, wo bleibt der Wert gewaltsamen Verneinungseingriffs? Ist der Lebensquell sichtbar oder unsichtbar? Ist er letzteres; was Buddha bejaht, wie kann man verneinen, was sich der Wahrnehmung entzieht! Man lege sich lieber die Frage vor, warum die sogenannte Natur, eine Riesendame, die noch niemand bei der Toilette belauschte, alles Stoffliche sichtbar, alles Psychische unsichtbar machte bis zur untersten Fraßwahl einer Amöbe. Da Helmholtz alle Wahrnehmung symbolisch nennt, wird es bei den zwei Hauptbegriffen, auf welche jede wirkliche Erkenntnistheorie einschrumpft, »sichtbar und unsichtbar«, wohl seine besondere symbolische Bewandtnis haben. Dies als Dualismus auffassen, bedeutet den Grunddenkfehler, jeder echte Transzendentalist kann gar nicht anders als monistisch denken, und es gehört zum Gewebe menschlicher Verworrenheit, daß der Erkenntnismonismus heute zum Beiwort plumpster Unerkenntnis wurde. Zarathustra hätte sich über den Niezky empört, der seinen Namen borgte, um für seine polnische Wirtschaft die alte Kampflehre, die auch in Götterdämmerung der Germanen ihren Auftakt fand, in äußerliche Machtformeln umzuprägen, wobei nicht Ormuz, sondern Ariman contra Ariman streiten würden. Laut Zoroaster ist aber kein Ariman ohne Ormuz, kein Ormuz ohne seinen Widerpart, die finstern Mächte. Kampf auf der Grenzscheide von Hell und Dunkel ist ein der Psyche immanentes Stadium, das sie durchmachen muß, wie das Atmen auf der Erdebene Oxigen braucht. Anders atmet man im Unendlichen, dessen erster Formulierer Anaximenes es als Ursache eines rein stofflich gedachten Allraums ausgab. Doch als Ursprungskraft könnte es nur überstofflich, sonst nur Qualität des Allstoffs sein. Wir aber erkennen hier weder Qualität noch Überkraft, sondern lediglich eine spirituelle Idee, die zwar unendliche Gedankenreihen, doch nichts Stoffliches auslöst: ein Attribut des Allbegriffs, der an sich auch keine stoffliche Grundlage hat, ohne den sich aber nicht übersinnlich denken und der sich ebensowenig beweisen läßt wie alles Unsichtbare. Der Materialismus täte besser, eiligst dem totgesagten Gott auch den gefährlichen Begriff All ins Dunkel der Unwissenschaftlichkeit nachzustoßen. Denn All schmeckt nicht nach sichtbarer Natur, sondern nach etwas, von dem wir nur die Einflüsse voraussetzen. Das Unerkannte als unbekannte Größe einzustellen, darf man aber so wenig verbieten wie Infusorienforschung, die ja früher unmöglich schien, weil man das Teleskop fürs unendlich Große noch nicht als Mikroskop fürs unendlich Kleine verwendete. Fürs unendlich Feine wird wohl kaum ein Instrument erfunden werden, und das unendlich Größte bleibt notwendig unsichtbar, nur als sein symbolistischer Hampelmann agiert der Parallelismus von Hirn- und Körperbewegung. Leonardo und Schulze gehen beide auf zwei Beinen, atmen durch die gleich konstruierte Lunge, üben vom Hirn aus Muskelbewegung. Suchen wir also die fundamentale Verschiedenheit ihres eigenen Wesens, so stoßen wir nur auf Unsichtbares. Der Maler sieht die Dinge malerisch, nicht weil er andere Augen hat, sondern ein anderes psychisches Sehvermögen. Die Existenz jener kleinen Oberrasse genialer Menschen beruht auf Ursachen, deren Sichtbarwerden unmöglich ist. »Jedes Menschen Glauben kommt aus dessen eigenem Wesen, jedes Wesens Wirken geht aus dessen eigener Natur hervor« (Bagghavat Gita). Man glaubt, was der eigenen Psyche entspricht, man handelt, was die Karmaanlage befiehlt. Die Lehre vom Karma der ewigen Vorbestimmung und Wiedergeburt ist daher die Urweisheit unverbildeten hellgesichtigen Denkens, von den Vorahnen übernommen, deren Vorhandensein auf vergessenen Pfaden zu verschollenen Tempeln Buddha ja ausdrücklich bestätigt. Damit sind aber den Fähigkeiten des Eigenwesens Grenzen gesetzt, und sie anthroposophisch erweitern wollen, ist Selbstüberhebung. Gewiß ziemt Leonardo eine andere Haltung als Schulze, wer sich als Teil der Weltseele fühlt, darf Demut nicht übertreiben, – »christliche Demut« ist Schulzes Anmaßung, Leonardos durchaus verschiedene Daseinsbedingung demokratisch zu verwischen –, doch erst recht nicht den Hochmut. Denn alles steht in psychischer Wechselwirkung, und mag der Einzelne sich noch so stolz von der Masse absondern, allgemeinen kosmischen Einflüssen entrinnt er nicht, die ihn umspülen. Was wir Leben und Materie nennen, scheint kein natürlicher, sondern sehr okkulter Akt. Wer über Wunder Christi staunt, sollte eher über Genietaten staunen und das Staunen damit beginnen, daß aus bebrüteten Eiern lebendige Küchlein herausschlüpfen wie beim Zauberkunststück eines Taschenspielers, dem Küchlein aus einem leeren Hut flattern. Geschwindigkeit ist keine Hexerei, doch organisches Leben durch bloßen Zeugungsakt – warum glückt er denn nicht immer, warum gibt es Unfruchtbarkeit? – ist wirklich Hexerei. Gab es je ein Urei als Lebenskeim, wo kam es her? Irgendwo muß es doch gelegt, irgendwer es befruchtet haben. Darüber mit ein paar Wärmehypothesen wegzuhüpfen, ist konventionelle Phraseologie. Jenes Sichtbarwerden für subjektive Wahrnehmung verrät ein unsichtbares Vermögen vor dem gottlob Gottlieb Schulze nicht schaudert, sonst könnte er sein Leben nicht lebenslustig leben. Wer aber dies rätselhafte Leben verneint, ist im Grunde ein Frechling, denn außer Sichtbarem, was er ungenügend kennt, will er Unsichtbares verneinen, was er überhaupt nicht kennt. – Unterscheidet sich Buddhismus ganz von der Vedanta, womit ihn Indologen und Philosophen oft verwechseln, oft aber auch sie mehr trennen als geboten? Ja und nein. Buddhas demokratische Propaganda gegen die Wahrheitspachtung der Brahminenkaste und die Selbstheiligkeit der Asketen gleicht derjenigen Jesu gegen die Gesetzesheiligen, doch sein Ausstreichen der vedantischen Seele als eines wechselnden Werdens statt eines festen Seins mündet zuletzt im gleichen reinen Transzendentalismus, weit entfernt vom Trugschluß moderner Psychologen, als ob mit Entlarvung des Ich die Psyche selber angetastet würde. Mühevolle Durcharbeitung der Reden Gotamos, die mit späterer Ausbildung buddhistischer Scholastik so wenig gemein haben wie Jesu Reden mit den Kirchenvätern, schenkt da alleine Aufschlüsse. Sein Johannes, Lieblingsjünger Sariputo, spendet »Pfeiler der Einsicht«, wie man beim »äußern und innern Körper« über den Körper, beim »äußern und innern Gefühl« über das Gefühl wachen soll, über die subjektiv-objektiven Organe der Erscheinung und des begehrlichen Gemüts. Vier Arten des Lebenstriebs: Geschlechtlichkeit, Vielwisserei, Askese als Selbstzweck, persönliche Fortdauer. Gefühl, Wahrnehmung, Begreifen, Aufmerken erzeugen die Erscheinung, deren Form weiter bestimmt wird durch Bewußtsein, Unterscheidung (körperliche, sprachliche, geistige) Nichtwissen (Wahnentstehung), Wahn (Wunsch, Dasein, Nichtwissen). Dies alles, entstanden durch Lebenslust, Gefühl, Berührung, Sechssinnensitz (Gehirnleben vom Seh- bis Denksinn), ist das »Subjektiv-Objektive«. Dieser Begriff, der ins Herz der Dinge trifft, scheint Buddhas größte Tat. Doch wenn das »Buch des Löwenrufs« lehrt, dem Dasein Zugetane werden verstimmt durch Ansicht des Nichtseins, dem Nichtsein Zugeneigte durch Dasein, beides müsse aber gleichzeitig überwunden werden, so fehlt die wünschenswerte Logik, daß Sein und Nichtsein gleichwertig. »Wer hier Entstehung aus Ursachen merkt, merkt die Wahrheit; wer die Wahrheit merkt, merkt die Entstehung aus Ursachen«? Dies Kausalitätsdogma paßt für alles Sichtbare, nicht aber zur Lehre vom ungebrochenen innern Gefühl, »ohne daß äußere Formen in den Gesichtskreis treten«. Wer Form-Reflex-Vielheitwahrnehmung aufhebt, gewinnt dadurch grenzenlosen Raum, dann grenzenloses Bewußtsein, damit Auflösung der Wahrnehmbarkeit? Das nennt er Nichtseinssphäre, und doch »blickt der Chela mit dem himmlischen Auge, dem verklärten überirdischen, über tausend Welten hin«? Im Gleichnis vom Rinderhirten an der Gangesfurt wird ausdrücklich unterschieden zwischen dies- und jenseitiger Welt, Reich der Natur und Reich der Freiheit. Eine Hauptrede unterstreicht: »Die Unsterblichkeit ist gewonnen.« Das heiße die Zeitlichkeit verstehen und das sichere Tor zur Ewigkeit auftun. Da alle Inder die Reinkarnation als selbstverständlich annehmen, ist Buddhas Verwerfung persönlicher Fortdauer nur so zu verstehen, daß Nichtmehrsein irgendwelchen Ichs Nirwanaglück bedeutet. Genau gleiches lehren die deutschen Mystiker. Dies Nichtsein ist also ganz verschieden von dem, was viele seiner Interpreten meinen. Gewiß unterschreibt man: »Ohne zureichenden Grund entsteht kein Bewußtsein«, es entsteht durch die Dinge und vergeht nach Entziehung dieser Nahrung. Wir formulieren sogar schärfer: Andere Dinge anderes Bewußtsein, anderes Bewußtsein andere Dinge! Doch damit klopft Buddha immer wieder aufs Ich los, läßt aber Vedantaunsterblichkeit bestehen, betont die Allmacht des Psychischen durch folgende Deutlichkeit: »Wie entsteht Körperleben? Wenn drei sich vereinen«, denn »sind Vater und Mutter vereint, doch der Genius ist nicht bereit, so entsteht es nicht«, nur die Psyche schafft also Geburt . Wir begrüßen dies besonders, weil es mit einem Hieb den gordischen Knoten der tausend Vererbungswidersprüche durchhaut. Buddha erklärt also ausdrücklich, daß das Psychische transzendent und nicht an Stoff gebunden sei, solange es sich nicht in kerkerhaftes Ich begibt. Man begegnet bei ihm auch Geistern, »33 Göttern« und allerlei Spukgestalten, deren Symbolik sich allzusehr verbirgt. Klar steht in den »Brahminen von Sela«, daß die Guten nach dem Tod zur himmlischen Welt eingehen. Der Böse denkt: Es gibt nicht Vergeltung guter und böser Werke, Dies- und Jenseits sind leere Begriffe, der Gerechte aber erhält die Wiedergeburt, wie er sie wünscht, und schon diesseits Wahnerlösung. Ferner heißt es: »Was man fühlt, nimmt man wahr, was man wahrnimmt, dessen ist man bewußt.« Das ist tiefer, als es scheint: Gefühl als Ursache, nicht Folge der Wahrnehmung. Noch bedeutender ausgedrückt: »Wodurch besteht Lebenskraft? Durch Wärme, wodurch besteht Wärme? durch Lebenskraft.« Diese aber ist nicht identisch mit dem Intelligibeln, Wahrnehmbarkeitstäuschung wird erst vernichtet, wenn man beides als verschieden erkennt, d. h. Psyche unabhängig von Lebenskraft. Gier, Haß, Irrtum erzeugen die Vorstellungen, mit ersteren schwinden letztere. Die fünf Elemente des Lebenstriebs bilden die Persönlichkeit, deren Fortdauer nur möglich wäre, wenn jene selber das intelligible Selbst wären. Sehr wahr, doch gerade letzteres heißt uns Persönlichkeit; was Buddha meint, ist nur die belanglose Person. Vernichtung der Wahrnehmbarkeit löst zuerst sprachliche, dann körperliche, zuletzt geistige Unterscheidung, dagegen bringt ihre Wiederherstellung zuerst Geistiges, dann Körperliches, dann Sprachliches. Dieser umgekehrte Werdegang entspricht jeder wahren Biologie. Wenn man sich sträubt, geistige Wahrnehmung des Säuglings an die Spitze zu stellen, so beobachtet man doch das nämliche auf untersten Lebestufen, wo deutlich Orientierungswunsch den Tastversuchen voraufgeht. »Aus dem freudigen folgt das leidige, aus dem leidigen das freudige Gefühl«, doch es gibt dauernde Freude ohne Gier, nämlich Weihe der Betrachtung, Leid ohne Haß, nämlich Sehnsucht nach Wahnverlöschung. Und was folgt aus letzterer? »Laß die Frage, ich kann den Begriff nicht fassen«, antwortet die weise Nonne, denn Unaussprechliches darf nicht besprochen werden. Deshalb ist irrtümlich, daß Buddhismus ohne Gott auskomme, Buddha verbietet nur Spekulation darüber, weil das Endliche nicht begrifflich, geschweige denn sprachlich das Unendliche erfassen könne. Darum verschweigt er auch, woher die transzendentale Psyche stamme, und legt die Frage nicht vor, warum Ich und Materie da sind, da er zweckmäßige Allordnung keineswegs verneint. Erst modernste Wissenschaft behielt sich die Entdeckung vor, daß Natur nur grausam und zufallmäßig handle, vieles zu Schaden der Lebewesen einrichte. Das möchte sein, da etwas Teuflisches in der Materie steckt und man vom menschlichen Standpunkt nicht mit einer besten aller Welten zu tun hat, sofern man sich an sichtbare hält. Das hebt nicht auf, daß kritische Rügen an die Natur sich an falsche Adressen wenden. Denn was schadenfrohes Übelstiften übt, kann nicht gleich sein mit angeblich automatisch mechanistisch arbeitender Natur, die doch keine plötzlichen Launen und Seitensprünge kennen kann, übrigens im allgemeinen doch wirklich prästabilierte Harmonie im Weltraum zu besorgen scheint. Was also teuflisch eingreift, ist etwas Unsichtbares und über dessen Absichten steht uns kein Urteil zu. Vielleicht lacht man in höheren Sphären (die Spirits des Reverend Owen tun es) über menschliche Dreistigkeit, die sich einbildet, was ihr nicht paßt, sei deshalb nicht zweckdienlich. Auch Buddha erkennt in der Materie einen bösen Geist, Maro den Versucher, der uns verführt, dem Schein zu trauen. Alles Ethische behandelt er sozusagen physikalisch. In prachtvoll durchgeführtem Gleichnis wird die Lust, wo ihr Same unbeachtet bleibt, zur Schlingpflanze, die den Baum zerstört. Die körperwollüstige Brunst asketischer Schmerzekstase führt gleichfalls auf falsche Fährte abwärts. Das hier nichtbegründete Warum ist klar: da Körperliches wesenlos, so irrt, wer es kasteit, so töricht wie wer es pflegt. Befreiung kann nur innerhalb der Psyche stattfinden, entscheidendes Übel ist Unwissenheit. Hier läßt freilich Buddha ungeklärt, warum nur so wenige Wissen erwerben, wieder halte man sich gewärtig, daß indischem Denken immer Karma zugrunde liegt, unfreier Wille als Karmafolge sich auslebt und dies völliger Ungleichheit der Iche entspringt. Der Böse ist böse »mit Lust und Genügen«, der Halbböse ringt mit seiner Sündhaftigkeit »in Schmerzen und Qualen«, welch gegenwärtige Unlust ihm künftiges Wohlsein beschert. Dagegen hält sich der Gute mit Lust und Genügen vom Bösen zurück, dessen Verwerfung ihm nicht Anstrengung kostet, sondern Lust gewährt. Solche Lebensführung, die gegenwärtiges und künftiges Wohl bringt, verscheucht »wie die Sonne die nebelhaften Redereien der Geistlichen«, auch der Materiepfaffen. Maro der Böse führt Buddha in den Kreis der Brahmagötter und predigt ihm, nur Natur sei das Immerwährende, Naturfeinde versinken nach Verbrauch der Arbeitskraft, während Naturforscher und Erdanbeter sich selber evolutionieren! Der Große Brahma ist allein Erschaffer, Erhalter, Übermächtiger. Doch Buddha läßt sich nicht beirren, sondern lacht Maro aus, nach dessen Willkür sich alle Naturgötter bewegen (d.h. der Materialismus verfällt dem Naturschein). Der Pan-Theismus Brahma hält ihm vor, man könne nichts als Stütz- und Schwerpunkt nehmen als die Materie. Ironisch erwidert der »Erleuchtete«, wohl kenne er solche Herrlichkeit, »wo tausendfach der Weltenraum in deinen Willen eingewiegt«, doch er wisse auch, wie unbefriedigend des Alls Allheit ist. Ja, spottet Brahma, weil in Buddha hohl und leer ward, was Leuchtkraft des Bewußtseins war. Doch der belehrt ihn, daß es drei höhere Daseinsarten gebe, dem Brahma fremd: Die Leuchtende, Strahlende, Gewaltige. Aus der Leuchtenden sei Brahm erschienen (d.h. Materie stammt aus Weltpsyche), doch habe wegen zu langen Verweilens im Schein die Erinnerung des Ursprungs verloren, das wahrhaft strahlende Gewaltige kennt er nicht. »So werde ich Dir zur Strafe entschwinden« droht Brahm, doch vermag es nicht, das Wesen der Natur bleibt dem Buddha sichtbar, dagegen entschwindet er selber mit dem Magiespruch: »Kein Leben lieb ich irgendwo.« Da jammern die Naturgötter bestürzt: »Das Leben hat er mit der Wurzel ausgezogen«, womit natürlich nur das Sinnenleben gemeint. Dies ist die tiefsinnige Parabel »Heimsuchung des Brahma«: voller Triumph des Unsichtbaren über das Sichtbare. – Tatsächlich gewährt die Wiedergeburt Schulzes Eigenwillen, er lebt gesetzmäßig fort, ob als Proletarier oder als Prinz Schulze, bis unendliche leidvolle Erfahrung ihn vom Schulzeismus freimacht. Nun aber übernimmt Buddha für das Interregnum zwischen den Schlachten der Wiedergeburt den Himmel und die Hölle (verstärkt fressender Lebensgier) aus der Bagghavat Gita. Denn es wäre nicht abzusehen, wo die Elemente von Haß und Gier oder Begeisterung und Edelsinn sonst ihren Aufenthalt finden sollten nach Aufhebung irdischer Materiewohnung. Ohne solchen Kompromiß zwischen Ichvertilgung und selbständiger Psycheexistenz kommt also Buddha nicht aus, er darf auch eine Geisterwelt nicht ausschließen mit anderer physikalischer Basis auf anderer Ebene. Doch ist dies unwesentlich. Reißt man aus dem lockern Bau des Materiekults nur einen Stein, so droht Einsturz; beseitigt man dagegen aus der Psychelehre jede konkrete Jenseits-Vorstellung, so bleibt die Gewißheit des Unsichtbaren, jene »heilige Wissenschaft, überweltlich mit gewöhnlichen Begriffen nicht vereinbar«. Dies wahrhaft naturwissenschaftliche Denken (zyklische Allbewegung des Rades) hat mit Experimentiererei am untauglichen Objekt des Sichtbaren so wenig gemein, wie mit den verkappt materialistischen Semitenreligionen. Von »christlicher« Leidenswollust keine Spur, das Leid als Übel soll vielmehr abgewischt werden wie ein Schmutzfleck. Es erheitert, wenn Edel-Materialisten verzweifelt dem Buddhismus als einer Pessimistenmoral huldigen. Ein sonderbarer Weltschmerz, der vor allem mit Gotamo Ruhe und Heiterkeit fordert! Ebenso sollten aber Theosophen sich hüten, einen fingierten Buddha unnützlich im Munde zu führen, wobei sie mit vedantistischer »Seele« »freiem Willen« »Gott« derart um sich werfen, wie es dem Buddha ein Greuel wäre. Solchen Pseudobuddhisten ziehen wir noch das ehrliche Idiotentum über »müde« Lebensabtötung vor, während der »Erhabene« gerade matte Müde verdammt und seelische Heldentaten verlangt. Von eigenen Nachfolgern mißverstanden – denn nichts liegt ihm ferner, wie wir sahen, als wirklicher Atheismus und Unsterblichkeitsleugnung – genoß seine Lehre doch das unschätzbare Glück, daß man sie im Wesenskern seiner Reden vollständig unentstellt bewahrte und sie nicht durch Zusätze um ihre Reinheit brachte, wie die Nachfolge Christi wirtschaftete. Aber so sehr wir der intellektuellen Sauberkeit indischen Denkens das Wort reden, so reinlich und vornehm es dem abendländischen Anthropomorphentum gegenübersteht, so warnen wir davor, es als Zukunftsreligion der ganzen Menschheit ins Auge zu fassen. Praktisch kann es nach Europa nicht übergeführt und eingebürgert werden, weil man Konsequenzen der »Überwindung« wohl in indischer Waldeinsamkeit ziehen kann, nicht aber bei der Lebenshaltung der weißen Rasse, bei welcher Willensüberspannung angeboren und vererbt. Ein Nietzschekranker Biologe klagt, die prächtigen, obwohl nicht »blonden«, Bestien der Mongolei seien zu sanften milden Hirten geworden, das habe mit seinem Singen der böse Buddhismus getan. Doch selbst dieser ethische Gehalt genügt dem blamierten Europäer so wenig, daß der Indologe v.Schröder sich als Ergebnis seiner Studien zu Kirchendogmen bekehrte! Arya heißt indisch das Edle und Vornehme; ob die indischen Arier ihren europäischen Verwandten dies Ariertum zubilligen, scheint leider fraglich. Indessen können wir nicht umhin, aus tieferen Gründen abschließende Alleingültigkeit Buddhas nicht anzuerkennen. So tief er seelisch schürfte, scheint er sich Erlösung zu einfach vorgestellt und einzig morgenländischem Wesen angepaßt zu haben. Möglichenfalls beschleunigte das christlich-demokratische Ideal allgemeiner Gotteskindschaft der Vielzuvielen den Zersetzungsprozeß der modernen Gesellschaft. Desgleichen verwertete die Plutokratie die merkantil verknotete Wissenschaft als Sprengstoff gegen den Feudalstaat, was aber einen so breiten Granattrichter aushöhlte, daß alle Zerfallsprodukte aus dem Abgrund aufstiegen. Buddha dagegen stand in fester Kastengliederung, und als Königssohn schätzt er »Söhne aus edlem Hause« besonders als Entsager, während Zweifler als »Fischersöhne« und »Geierjäger« und ein vorlauter junger Sophist als »Kaufmannssohn« bezeichnet werden. Brahminen und Krieger hält er anscheinend für heilsfähiger, er bleibt Aristokrat trotz demokratischer Propaganda. Da er also nicht unterläßt, Ungleichheit der Menschen zu bejahen, warum hält er dann seine acht Heilspfade für alleinverbindlich, da doch Gleiches sich nicht für alle schickt? Der mißverstandene Marquis de Sade sagt: »Eine durchaus tugendhafte Welt könnte nie bestehen ... nur durch Böses gelangt die Natur dazu Gutes zu tun. Die Gegenstände haben nur den Wert, den ihnen unsere Einbildung verleiht, als Teilchen des Unendlichen kehren wir in den Naturschoß zurück, um ihm in anderer Form wieder zu entsteigen. Dies geschieht ohne Beziehung auf Tugend oder Laster, denn alle handeln wie die Natur es will.« Solcher Anarchismus der Halbwahrheit vertritt zwar richtig die Notwendigkeit alles Geschehens, macht aber halt vor der Forderung, daß Gesetzmäßigkeit sowohl Ursachen als Zwecke hat. Buddha dagegen hat späteren Bickshu-Kathechismus, der weder Lohn noch Strafe kennt, keineswegs selber eingeführt, macht auch die christliche Allvergebung nicht mit. Für ihn ist Böses als Folge des Bösen ein physikalischer Vorgang wie Belohnung des Guten durch Selbstbefriedigung. Der buddhistische Heilige verabscheut den Geschlechtsakt nicht aus moralischem, sondern aus philosophischem Grund, betrachtet Keuschheit als Erhöhung sogar der physischen Kraft, Jungfräulichkeit als Voraussetzung hoher Intuition. Buddhistische Nonnen widerlegen die Phrase, das Weib stehe der Natur näher wie der Mann, oder die andere, es habe nur sexual religiöses Bedürfnis: jede buddhistische Philosophin fühlte sich als Überwinderin der Natur. Der organisierte Geschlechtsneid – wie Hauer boshaft die moderne Frauenbewegung nennt, verschafft statt sexualem Wahlrecht ein politisches, Buddha und nach ihm Jesus schenken dem Weib etwas Besseres, das Seelenrecht. Daß die christliche »Sünde« erst die moderne Erotik im Preise steigen ließ, stimmt nicht, auch die Antike kannte Zwangskeuschheit der Pythia und Vestalin, während die indische Ars Amandi zwar den Begriff Sünde ignoriert, doch bei solcher Natürlichkeit nicht modernste Raffiniertheit verleugnet. Während aber christliche Tugend aus bloßem Moraldiktat Unnatur erzwingen will, lassen Buddhas Vernunftgründe Naturverleugnung als natürlich erscheinen. In seinem Reiche kastriert man nicht den Massenverstand, früher durch Kirche heute durch Presse, dies Panoptikum demokratischer Schwarzkunst, Majoritätsabstimmung der Obskuranten, parasitische Made der Massenmode. Hocharistokratisch züchtet er Edelmenschen, welche die Torheitswelt auf den Kopf stellen, nämlich den Kopf des Erlösten. Aber schlägt er nicht auch Egozentrische Individualitäten über einen Leisten durch Alleinseligmachenden Drang sich ins All auszuhauchen? II Träumen ist Erholung von bemühender Zweckhörigkeit des wachen Bewußtseins, das umgekehrt im Bann der Sinneseindrücke träumt, weshalb Buddha sich den »Erwachten« nennt. Die Blitzschnelligkeit, mit der jede Berührung des Seh- oder Gehörnervs im Schlafe sich zu Erdichtungen von Handlungen umbildet, zeigt gerade erst im Traum die Vorstellungskraft ungebunden. Je visionärer sich der Künstler beim Schaffen verhält, desto klarer schaut er, weshalb sich Schaukraft bei buddhistischer Versenkung mit physikalischer Sicherheit einstellt und die »vier Schauungen« ins Unsichtbare projiziert. Den bösen Träumen des Ichs, das sich lauter Zufallsgewalten ausgesetzt sieht und den Alltäglichkeitsgefahren durch Räusche zu entfliehen sucht, stellt Buddha das psychische Erwachen entgegen, das sich nicht dem Naturschein preisgibt. Schon die Veda verkündet: »In der Mitte der Sonne ist das Licht, in der Mitte des Lichts die Wahrheit, in der Mitte der Wahrheit das unvergängliche Wesen«. Vom Monismus des Sichtbaren und Unsichtbaren weiß schon Vischnu Purana: »Die Welt ist nur Vischnus Erscheinung, der mit allem identisch. Wie ein und dieselbe Luft, wenn sie durch die Flöte hindurchgeht, sich nach Noten der Tonleiter unterscheidet, so ist der große Geist seiner Natur nach einzig, obwohl seine Form vielfältig.« Doch der Brahmanismus behauptete dann schon recht theologisch: Wenn ein Böser sich nur zu Krischna bekenne, werde er nicht bestraft, sondern später tugendhaft gemacht werden. Das sieht christlicher Glaubenserlösung verzweifelt ähnlich, gemeint ist freilich Transzendentalevolution durch Wiedergeburten, doch das verwickelt in Optimismen wie Platos wundersamen Satz: »Die Seele, die nie Wahrheit erkannte, kann nie Menschengestalt annehmen.« In welcher Präexistenz soll von Thamas (Dummheit) und Rayas (Begierde) Erfüllter (Bagghavat) die Wahrheit erkannt haben? Die Wahrheit ins Unbewußte jedes Durchschnittsmenschen zu verlegen fällt so bedenklich aus, daß Myers kleinlaut gesteht, sein Subliminales sei unendlich verschieden entwickelt. Natürlich, weil wir ja früher betonten, daß Ober- und Unterbewußtsein ineinander übergehen, letzteres also dem Ich entspricht, mit dem es zusammenhängt. Anthroposophische Anmaßung gab Swedenborg den unglücklichen Satz ein: »Gott ist der unendlich große Mensch.« Dann ist wohl Gott auch ein unendlich großer Elefant (Symbol Buddhas)! Kirchenchristliche Verschrobenheit konnte indessen des schwedischen Sehers Blick wohl trüben, ihn aber nicht von jener Sehbahn ablenken, auf welche jedes wahre Denken optisch eingestellt, und so stoßen wir bei Swedenborg auf manche Enthüllung, die Buddha uns schuldig blieb. Sein Okkultismus tritt aus dem rein Psychologischen ins Kosmische über. Es sei ein beständiges Gesetz organischer Körper, daß große zusammengesetzte sichtbare Formen aus kleinen einfachen und schließlich unsichtbaren bestehen. Und zwar durch letztere, die sich vollkommener und universaler betätigen. Gerade die allerkleinsten unsichtbaren bieten die beste Vorstellung des Alls als dessen Vertreter. Die Einheiten jedes Organs seien viele kleine Wesensgleiche, so auch bei Empfindungen z. B. Hunger nur Summe zahlreicher kleiner Hungergefühle von Blutkörperchen, die ihrerseits gerade so um ihre Achse rotieren wie die größten Planeten. Die Formen steigen zwar von niedrigsten zu höchsten auf, doch irdisch körperliche seien immer »winkelig«, erst jenseits beginnen kreisförmige, dann spiralförmige, dann wirbelförmige, dann »himmlische« (?) und zuletzt reingeistige. Noch mehr: Im Animalischen Reich entsprechen alle Naturbilder den höchsten spirituellen Erscheinungen. Nun, auch wir erkennen, daß Symbolismus in steter Wechselbeziehung alles Belebte durchdringt, alles Sichtbare ist Bilderschrift, das ist das Motto unserer eigenen Lehre. Alles Sichtbare sei nicht um seiner selbst willen da, sondern als Bericht von unsichtbarer Welt. Man vergesse nicht, daß der schwedische Geisterseher ein bedeutender Physiker war, wie denn ehrliche Naturforschung allzeit eher zur Mystik als zum Materialismus führt. Leider wird er selber ein Beispiel, daß Buddhas Formel »Subjektiv-Objektiv« auf jeden an Materie Gefesselten paßt. Swedenborgs innerstes »inwendiges« Auge sehe das Jenseits klarer als sein körperliches das Diesseits? Welche Täuschung! Indem er Moralgesetze der Innenwelt aufspürte, schon christlich zugestutzt, verfiel er in Schauungen, die sich höchst subjektiv mit christlicher Mythologie bis zum Rande färbten, so daß sein Unbewußtes von Bildern seines Ichmilieu überfloß. Für Gegenwart in der Geisterwelt trenne sich nur sein Intellekt und nicht sein seelischer Wille vom Körper? Was heißt Intellekt? Meint er den Höheren Manas nach indischer Lehre, den letzten sublimierten Grundstoff der sieben Elemente des menschlichen Organismus? Der ist vom seelischen Willen nicht zu scheiden. Die Bibel sei nur allegorisch? Leugnet er Jesu historische Erscheinung? Das liegt ihm, dem Pietisten, doch wahrlich fern. Man mag ihm mißtrauisch um so weniger folgen, als seine subjektive psychophysikalische Sicherheit das objektiv zu schauen meint, was nur seinem eigenen Denkkreis angehört. Dagegen trifft er sich mit Plato, daß einst Urmenschen besser als wir und näher den Göttern lebten, für welche alle Gegenstände nur Andeutung höheren Sinns gewesen seien. Uns genügt unsere eigene Auffassung der Atlantierrasse und ihrer Vorfahren, worüber später mehr. Indessen entsprechen platonische Ideen wohl kaum buchstäblich den Dingen so, daß ein Mensch organisch gewordene Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit sei! Allerdings leuchtet der reinpsychischen Auslegung des Sichtbargewordenen ein, daß jede Form dem Endzweck gleicht, der ihr aufgeprägt. Bedenklich aber stimmt Swedenborgs Begründung, alles existiere nur »durch Eingebung des Herrn«! Wahrlich nicht, sondern durch göttliche Notwendigkeit. »Ein Knecht des Herrn Jesu Christi« möchte wohl durch kirchliche Allegorien dem verödeten Christentum unter die Arme greifen, doch Vernunftdenken nimmt plötzlich Reißaus von ihm, der es beseitigen möchte, um aus geistiger nur geistliche Symbolik zu machen. Seinen Spirit-Katalog in hebräischem Prophetenton schützt freilich eisern kühle Methodik vor Albernheit, nur Albernen erscheint es so, mit dem Ordnungsschritt einer Soldatenlegion dringen seine platonischen Ideen vor. Emerson hat recht, daß Swedenborg keinen Professorentalar trug wie Plato, dessen »Erinnerung an frühere Zeit, wo wir bei Gott weilten«, indischen Einfluß verrät. Ins Hellenische übersetzt, mußte er aber das Schöne in den Vordergrund stellen und es mit dem Guten als einen Wortbegriff verkoppeln, weil wunschloses Anschauen als Ästhetik dem Griechen am nächsten lag. Vielleicht ist das Ästhetische der eigentliche psychische Urtrieb, Sichtbares in Unsichtbares hinein zu produzieren, die Griechen fanden ihren Olymp erst durch Homer wirklich gegeben, altindische Theosophie sprach sich ästhetisch in Ringveda und Mahabaratta aus. Beim kunstfremden Pietisten Swedenborg fehlt jede solche Anschauung, das Gute ist ihm so wenig das Schöne, daß er in häßlichen Bildern schwelgt. In seinem bedeutenden Werk »die Zukunft der Natur« leitet Ed. V. Meyer geistreich, obschon gesucht, jedes Philosophensystem von Milieuhörigkeit ab und Driesmans »Keltentum in europäischer Blutmischung« geht so weit: Newtons Gravitationsgesetz entspreche politischem Planetentanz um der Briteninsel unbewegliches Zentrum, Lockes Sensualismus dem merkantilen Realismus, Darwinismus rechtfertige die national-ökonomische Manchesterei, alles unbewußt eingegeben von geschäftsmäßigen Instinkten und – fügen wir hinzu – Nationalbedürfnissen. In paradoxer Übertreibung verbirgt sich hier viel Wahrheit. So nimmt bei Swedenborg die Gesetzmäßigkeit des Ethischen, von Buddha auf feste psychologische Basis gestellt, einen unanständig theologischen Geschmack an, allerdings führt sie den lutherischen Bischofssohn notwendig zum Karmagesetz. Welchen Unsinn aber ein Abendländer darüber denkt, zeigt Emerson: Die Inder dächten Seelenwanderung (verballhornt, muß heißen Seelenwandelung) als Verpflanzung der Seelen in andere Körper durch fremden Willen!! Vielmehr entspringt auch für Swedenborg Wiedergeburt aus eigenem Willen des Selbst, sie ist durch waltende Notwendigkeit »subjektiv-objektiv«. Des Menschen Neigung ist er selbst: wie er ist, so ist ihm die Welt. Es wäre unnatürlich, wenn Schulze sich aus früherem Kirchengänger und Ketzerbrater nicht heute in einen Häckelianer verwandelte. Angeborener Materialismus der Trottel und Schufte vertrottelt und verschuftet auch jede Religion, sobald sie aus den frommen Händen ihrer Stifter in die unreinen einer besoldeten Priesterschaft überläuft. Die Kirche hat so dämonische Gewohnheitsmacht, daß Swedenborgs starke Seele von ihr angesteckt blieb. Ihm werden alle Ehen im Himmel geschlossen, das Sakrament vollzieht Wunder, die einer besseren Sache würdig wären. Er malt unzählige Höllen mit dem Behagen eines Torquemada, vollzieht Autodafés an Ungläubigen und beschwört Geister, um seinen eigenen Sermonjargon von ihnen zu hören. An ihm frißt christliche Angst, er salbadert wie ein Hetzkaplan, bricht kalt und lieblos den Stab wie ein Jurist hochnotpeinlicher Tortur. Urböses ist ihm unbekehrbar, alles dualistisch gesondert, seine Schematik teilt Seelen ein wie Pflanzensorten, spießt sie auf wie Maikäfer. So unterscheidet ihn scheinbar nichts von Dantes Mittelalter als seine wirklichen telepathischen Hellgesichte. Beweist aber solche halbe Eröffnung des Unsichtbaren, daß man damit gleich ins Allerheiligste dringe? Sein Zelotentum verdirbt alles. Ist ein gedankenloser Experimentator eine Null, so wird man nicht eine Eins, weil man die eigene Moralinsäure dem All aufpfropft. Wer mag Urgeheimnisse schauen, wenn er sich in Pastorenpolemik verwickelt, wozu das ewige Pflichtgerede! Pflichterfüllung ist ein so vager Begriff wie Gewissen, schlägt als äußere Zwecktätigkeit oft in ermüdende Bande. Chamberlain vermißt an Byron »einer der echtesten Dichternaturen« das Pflichtgefühl, als ob das Genie eine andere Pflicht hätte als die gegen sich selbst. Dem Buddhistenchela gebietet Pflicht, die Familie zu verlassen, dem Papst ist Pflicht, kräftig zu exkommunizieren. Wahres Wissen befreit, beschwert nicht mit plumpen Gewichten. Swedenborgs einzige Bedeutung liegt in strenger Durchführung der Gesetzmäßigkeit von Sichtbar und Unsichtbar. Im seltsamen Drama »Buddha« von Sadakichy Hartmann Daß er ein Nepaler Mongole war, diese Entdeckung A. Wirths verfolgt wohl nur den Zweck, den Buddhismus als nichtarisch den lieben Völkischen anrüchig zu machen. Damals lebten nur Arier am Himalaja, der Mongoleneinfall kam ja unendlich später. Wirth meint auch, daß der »Nazarener« Jesus zur nichtjüdischen Sekte der Nasnai gehörte, während es damals gar kein Nazareth gab. Vielleicht altsumerische Sekte? Man kann nur achselzucken: War Jesus kein Jude und Buddha kein Arier, schade für ... Juden und Arier!] (1897 New York) schwört der Erleuchtete seine Lehre ab. Der Sinn soll wohl sein: gleichgültig, ob du Gutes oder Böses tust, dem Leben entrinnst du nicht, hienieden findest du Tod und nicht Nirvana. Das ist nicht nur historische Fälschung – Gotamo starb hochbetagt in freudigem Frieden –, sondern fälscht auch den praktischen Einfluß seines Wirkens. Der verbildete Abendländer kann eben aus dem Sichtbaren nicht heraus wie das Huhn nicht aus dem Kreidezirkel. Noch unerträglicher täuscht Edwins Arnolds »Leuchte Asiens«, ein schon heute verschimmeltes Pedantenepos, vor dem sich Unästhetik und Untheosophie in Begeisterung überschlugen. Hier wird ein Christus-buddha ohne den Purpur des Märtyrertods mit Aberglauben umkleidet, hält Bergpredigten in behäbiger Bequemlichkeit. Diesen Pseudo-Buddha brauchen wir so wenig wie die Kehrseite der indischen Medaille, die mordsüchtige Todesgöttin Kali. Man darf nicht aus den Augen verlieren, daß der Begriff Indisch zu weit gespannt und mit ungeklärten Widersprüchen von Metaphysik und Naturgöttern überladen wird, die lediglich auf Rassenkreuzung oder unvermitteltem Nebeneinander von Ariern, Negroiden, Mongoloiden beruhen. Als Pariah = ständig gelten wahrscheinlich Reste von Lemuriern, Verwandte der Australneger, auch Madrassioten scheinen negroid angehaucht, solche Inder beten die bösen Fetische Schiwa und Kali an. Außer mongolischen und afganischen Islamiten, mongolischen Pseudobuddhisten in Nepal, Parsen-Überbleibseln in Bombay widersprechen sich auch die zwei arischen Haupttyps zwischen Indus und Ganges: Die schwachen spekulativen Hindus im Osten, die kriegerischen Sikhs und Ratschputen im Norden, aus deren Kreis Buddha hervorging. Einheitliches Denken läßt sich da nicht erwarten, fortwährend verwechselt der Europäer populären Tempelbrahmanismus mit Esoterischem und erfährt vom Buddhismus, der heutige Geheimleitung in Tibet hat und so ganz an die Mongolen überging, nur noch auf Ceylon, während die Yainas der Nordstämme nur einen andern Buddha Mahaviras wählten. Mit äußerster Vorsicht muß man sich scheuen, Religion und Philosophie der Inder mit ein paar Einschachtelungen zu erledigen. Wohl münden »das Unerwartete und Unerhoffte« (Heraklit), die Adrasteia moralischer Weltordnung (Plato) ins Raggi-Yog (Magie) ein, doch Sankaras Dogmatisierung der Sutras gleicht schon dem Treiben von Kirchenvätern, als welche hier die Rishi (Urheber der Veden) eingesetzt werden. Von Buddhas Interpreten lasse man sich nicht in dogmatische Fesseln schlagen, wir halten uns allein ans umfangreiche, obschon formal durch endlose Wiederholung abschreckende Redegebäude Buddhas selber, so wie beim Christuswollen nur an die Evangelien. Chamberlains »Arisches Denken« trägt den Unsinn vor, dem Inder sei erst als Greis nach Erledigung aller Lebensgeschäfte das Zurückziehen in Waldeinsiedelei erlaubt. Das wäre ja grausam, die Erlösung soweit hinauszuschieben, während Buddha sie jedem Jüngling offen läßt. Denn seine Ethik schrumpft auf die Glücklehre ein: Geh in den Wald, weihe dich der Betrachtung, das ist der einzige Friede, nach Aufhebung des Lustleids findet sich weiteres von selber. Ertappen wir ihn da aber nicht auf übertriebener Voraussetzung? III »Ich fühle, daß etwas in mir ist, von dem ich nicht weiß, was es ist, doch fühle, daß ich selbst dies Etwas bin, da es mich nie verläßt, es ist da, wenn ich es brauche, nicht aber, wenn ich es nicht brauchen will«. So schreibt der Arzt, Mathematiker, Naturforscher Cardano (1500–1576) in bitter wahrhaftiger Selbstbiographie, wo er mit düsterer Lebensverachtung ein Glücksgefühl vereint, weil Streben nach Einheit ihm vergönnt und ein Schutzgeist in tausend Widerwärtigkeiten sein Begleiter gewesen sei. Er schwankte zwischen Averoes und Plotin, umschreibt im Obigen Symptome des transzendentalen Ego, erzählt Wahrträume und unerklärliche Spiritzeichen, war Astrologe und Telepath, an seiner ehrlich wissenschaftlichen Haltung ist nicht zu zweifeln, sein »Schutzgeist« entspricht der Lehre griechischer Mystiker, daß jeder Mensch einen Wächter habe. Nicht tadelfrei und stets verbittert, findet er das Leben trotzdem lebenswert, sofern man darin Befriedigung des Weisheits- und Wahrheitstriebes sucht. Ist also das Leben trotz überwiegender Unlust ein relatives Gut? warum sonst Todesfurcht? sie wäre unlogisch, wenn Leben nichts als Leiden wäre, wie Buddha predigt, die von unheilbarem physischem Leid Betroffenen wünschen nicht wirklich den Tod, greifen sehr selten zum Selbstmord. »Alles Leiden zerstört oder wird zerstört durch den Leidenden« lautet ein tiefer Vers Byrons, Gewöhnung und Vergessen stumpfen das Leid ab durch Einfluß des Lebens. Wie kann es wertlos sein, wenn innerhalb seiner Grenzen okkulte Kräfte und Vorsehung wirken wie Cardano als Selbsterlebt angibt? Denn wäre Leben nutz- und wertlos, wozu dann Vorbestimmung, warum gestattet es etwas so Nützliches wie laut Buddha die Ichverneinung, aus dem Nichtigen das Richtige, aus dem Negativen das Absolute? Kann Leben ein solches summum bonum erreichen, so muß es selber ein bonum sein. Kann es sich von sich selbst befreien, so hat es Kraft zum Befreiungskrieg und Kraft ist immer ein Gut. Halb mechanische Methode der Yogi-Versenkung tötet die Lebenspsyche ab? Das wäre nur denkbar, wenn sie selber mechanisch entstände, wie Buddha sich anstellt und vorgibt, doch diese Prämisse des Materialismus hebt er sogleich durch die Wiedergeburt auf, einen neuen psychischen Lebensakt. Immer trifft er nur das Ich und nicht das Leben. Die Mahatmavorstellung macht solche Vorstufe des Nirwana einfach zum Über-Leben des Übermenschen. Braucht Besiegung der Materie nur den Wunsch dazu, dann müssen die Schutzgeister Cardanos auch andere Wege eröffnen, als die eintönige Yogimethode, dies kann nicht das Einzige der Ethik sein. Bleibt Liebe ein roher Geschlechtsakt, so wird sie freilich Wurzel alles Leidigen, dagegen ist die auf ein Wesen konzentrierte Auslese ein durchaus psychischer Akt, nach Karmalehre eine Wiederfindung von Platos Schwesterseelen, und wird oft Ansporn seelischer, sogar heroischer Leistungen. Diesen Motor ausschalten wäre Selbstberaubung, zumal Verzicht nur temperamentlosen Mittelmenschen leicht fällt und die große Leidenschaft gerade beim höheren Menschen auftritt. Wenn Weininger trompetet »es gibt nur platonische Liebe«, so genügt Erfüllung des Keuschheitgebots Buddha nicht, er heischt Unterdrückung jeder Einzelvorliebe als eines Wahns. Mit gleichem Recht muß er Begeisterung für große Genien und Kunst verbieten. Bringt er vollen Ersatz für die so vernichteten Seelenwerte? Läuft Verbannung des Egoisme à deux nicht Gefahr, zu Einzelegoismus des nur um sich bekümmerten »Heils« auszuarten wie bei Mönchen und Pietisten? Das sind unbequeme Stachelfragen und eine beschämende Rede Buddhas gegen untereinander hadernde Jünger zeigt an, daß geistlicher Hochmut auch indische Walderemiten nicht verschonte. Verwerfung bloßen Naturlebens faßt Byron in die Stanze: »Unser Leben ist eine falsche Natur, nicht in der Dinge Harmonie.« Natürlich, weil mit einem Fuß im Sichtbaren, mit dem andern im Unsichtbaren. Pessimisten, sobald sie sich sentimentalen Mitleids angesichts äußerer Naturfresserei entschlagen, halten Tier- und Pflanzenleben für unvergleichlich glücklicher, das bedingt schon die geringere Schmerzfähigkeit, soll man sich also zu eigener Zufriedenheit auf animalisch-vegetativen Zustand zurückschrauben? Das gelänge nicht mal Schulze und was wird aus der Oberklasse, bei der das Psychische ganz überwiegt, Byron schildert in allen Tönen das Weltleid, würden aber er und wir sein Leben deshalb ungelebt machen wollen, ohne daß es Genietaten entfalten konnte? Wäre der Mensch nur Bestandteil der Natur, so verführen er und sie gleich inkonsequent: Sie, indem sie »die Krone der Schöpfung« zum unglücklichen Hallunken machte und ihm gerade durch seine Gehirnbevorzugung naturwidrige Übel aufhalste – er, indem er das Leben en bloc kritisiert, das ihm doch noch beim Tier angenehm erscheint. Beim Biber will man freilich Schopenhauerei bemerkt haben, gegenseitiges Fressen beginnt schon beim Hecht im Karpfenteich, im ganzen aber würde die Tierwelt sich kaninchenhaftem Behagen hingeben, wenn nur des Menschen Raubsucht sie zufrieden ließe. Daß er sich dessen bewußt ist, zeigt sein Abbitte-Bedürfnis, sich mit Haustieren zu umgeben. Man füttert und liebkost die Katze nicht des Mausens wegen, sondern weil man sie gern hat. Tierliebe ist noch der anständigste Zug im Durchschnittsmenschen; wo sie fehlt, setzt der Unmensch ein, alle Verbrecher beginnen als Tierquäler. Man schätzt solch schlichtes Naturleben, an dessen Nachahmung man für sich selbst verzweifelt, verrät aber damit ein Lustgefühl bei objektivem Anblick des Lebens, das angeblich nur subjektive Unlust erzeugen soll. Dabei erheitert, wenn der Mensch, von Natur undankbar, sich demütig vor der gütigen Mutter Natur verbeugt, die ihn so stiefmütterlich behandelte. Nichts von den physischen Vorrichtungen, mit denen die Schöpfung ihre Geschöpfe schützt, kam ihm zugute. Dem Amurtiger wuchs langhaariger Pelz, dem kanadischen Wolf die Mähne als wärmende Halskrause. Daß die Herrschaften sich selber die nötigen Kleidungsstücke verschafften, glaubt wohl nicht mal ein Darwinist. Jedem Tier lieh sie passendes Fell oder Schutzwehr, streut überall Wunder ihrer Fürsorge aus. Doch das fell- und klauenlose ohne jede physische Verbesserung zu Schutz und Trutz verlassene Säugetier Mensch überlieferte sie Sauriern und Höhlenbären, wobei sie ihm auch schon die Muskelstärke seines angeblichen Gorilla-Ahnherrn entzog. (Wenigstens zeigen die ältesten Skelettfunde kleine Statur mit 13 Rippen vom Schlage etwa der Australneger.) Deutlich unterstrich sie, daß er sich nur auf sein Hirn und keine Naturhilfe verlassen dürfe, womit er bereits gründlicher aus ihrem Reich verbannt wurde, als es zoologisch den Anschein hat. Täusche man sich doch gefälligst nicht: bloß zoologisch betrachtet, ist das Menschendasein, um sich die Haare zu raufen, heutige materialistische Massenüberzeugung, der Mensch komme durch Einordnung ins Tierreich auf natürliche Bahn, ist, um Steine durch Lachtränen zu erweichen. Schroff und herbe ruft die Natur, was man so nennt, ihm zu: Du sollst und mußt dich von mir trennen, mit mir verbindet dich nichts als dein Kadaver. Durch christliche Phantasien befreit man sich nicht vom Naturzwang, Buddha erzwingt es durch antikörperliche Übung. Glückt dies nun, so geschieht es innerhalb des Lebens, und damit ist dessen Wert bewiesen. Wenn Sophokles singt: »Nichts ist elender und nichts gewaltiger als der Mensch«, so gilt dies von allem Geistigen. Was dachte Buddha z. B. von Kalidasa, ob dessen Dichten nicht ein Gut für alle Inder sei, dessen recht weltliches Liebesdrama Urvasi geradeso ein psychischer Akt wie die Veden? Das Leben kann nicht verneint werden, solange es »große Geister« hervorbringt, welchen Plural die Sprache geradeso für spiritistische Geister braucht, weil sie bezeichnenderweise für Erd- und Astralgeist nur dasselbe Wort hat. Unsichtbares Genie ist Bejahung sichtbaren Lebens als eines nötigen Stoffrahmens für Sichtbarwerden der Lebenssymbolik, ganz gleich, ob es metaphysisch arbeitet wie Leonardo und Michel Angelo oder Sinnliches verklärt wie Tizian und Rembrandt. Für das Christentum blieb Kunst »weltliches Blendwerk des Satans«, es endete entweder mit Bilderstürmerei oder mißbrauchte sie für »geistliche« Zwecke, was sich noch in der Spießerästhetik der Fiebelmoral versteckt. Doch Shakespeare und Byron sind weit religiöser als Milton und Wordsworth, weil bei ihnen Karmagerechtigkeit regiert nach der rechten Bedeutung des zynisch gemeinten Spruchs: »Das Warum wird offenbar, wenn die Toten auferstehen.« Doch auch jener Hohnvers auf Schopenhauer ist nicht so seicht, wie er klingt: »Auf, ihr Lebenshasser, springet frisch in Wasser, wenn das Leben euch so sehr mißfällt! Wir? wir müssen bleiben, müssen Bücher schreiben, zu bekehren die betörte Welt.« Denn, von Schopenhauers eigener allzumenschlicher Bejahung der Sinnenwelt abgesehen, würde er wohl darauf verzichtet haben, seine Bücher zu schreiben, um eiligst in Nirwana einzugehen? Indem der bis zum Wahnsinn das Leben zerfleischende Swift seine Weltsatyre schuf, bewies er unfreiwillig, daß eine Welt doch Wert haben müsse, die gestattet, sie genial zu verspotten. Buddhistische Verengung betröge uns bei allgemeiner Durchführung um Psychefrüchte, die für die Menschheit wichtiger sind als religiöse Verzückung. Würde man Swift die ewige Seligkeit versprechen, wenn er »Gulliver« zu schreiben unterließe, so würde er fauchen: Wenn man mir Verdammnis dafür androht, noch in der Hölle freue ich mich dann meines Schaffens. Ein Held dient seinen vaterländischen Idealen mit Selbstverleugnung, selbst ein wilder Gewalttäter wie Peter der Große opferte alles seiner Idee Rußland, der sonst böse Richelieu starb ruhig: »Meinen Feinden verzeihen? Ich hatte nie andere als die Feinde Frankreichs.« Das ist nicht der höchste Standpunkt, doch es ist der heroische, auf den »Gott« vermutlich mit besonders gnädigem Auge blickt. Wohl verkennen nur Toren das gleichfalls Heroische in Buddhisten und Urchristen, doch nur ebenso Törichte werden es bloß auf religiöse Form beschränken. Brunos Eroici Furori sind überall da wirksam, wo der Mensch das Psychische hervorkehrt. Verneinung des Naturlebens bedeutet nicht den Wunsch, das höhere Leben-im-Geist aufzugeben, das jedem Sterblichen offensteht. Jedem? Ach nein, die Bagghavat Gita erachtet die von »Thamas« (stumpfer Alltagsdummheit) besessenen Massen als vorerst zu jeder Materielösung unfähig. Da aber auch Schulze eine Psyche besitzt, so muß er im Lauf der Wiedergeburten endlich den Weg ins Unsichtbare finden, wenn er sich nicht bestial widersetzt. Würde der Proletarier den Sozialismus als Seelenideal erstreben, so könnte er sich erlösen; solange er nichts als Materielles dem Materiellen entgegensetzt, taumelt er unheroisch aus einer Sklaverei in die andere. Daß geistige Güter allzeit niedrig im Preise standen und die Gesellschaft möglichst die Freiheit psychischen Auslebens unterdrückt, folgert notwendig aus der Knechtschaft des Materielebens, dem sich der Sinnenmensch verschrieb. Das soll so sein, damit das Heroische offenbar werde, liefert daher nicht mal das Recht, die Materie als antiethisch der Weltordnung vorzuwerfen. Denn ohne ihre von Buddha so sattsam aufgezählten Begierdenleiden würde das sich heroisch entgegenstemmende Psychische nicht zu seinem Rechte der Selbsterziehung kommen. Gewaltsame Abdämmung geistiger Tattriebe, die ja schon auf höherer Sphäre arbeiten als der flachen materiellen, kann nicht des Lebens Endzweck sein, wie Buddha empfiehlt. Wenn Schulzes »Thamas« oder »Rayas« schwadroniert: »Lasset uns trinken und essen und fröhlich sein, denn morgen sind wir tot!«, so wird das nicht verbessert durch christliches: »Lasset uns fasten und darben und traurig sein!« unter Verheißung eines sichtbar gedachten unmöglichen Himmels. Wenn Buddha Heiterkeit des Gleichmuts bei Abschwörung der Materie lehrt, so ist das zwar heroisch, doch den unheroischen Massen wird damit nicht gedient, daher die ihnen einleuchtende Ergänzung durch Wiedergeburt. Ohne Kampfstellung gegen Materialismus oder Staatkirche, Formen des Gleichen, konnte auch Buddhismus sich nicht durchsetzen. Kaiser Asoka, Buddha der Tat, der »alle Menschen als seine Kinder betrachtete«, erkannte höchstes Glück in »Arbeit für Gemeinwohl«, die nie »Übersättigung« spüre wie der Sinnenrausch, er war kein ums eigene Seelenwohl bemühter Bettelmönch. Heroischer ist, handelnd und leidend im Naturleben zu verharren und den Stößen der Materiereibung, wo Schlechtigkeit und Dummheit der Menschen selber ihr eigenes Heil verwunden, mit fester Geduld zu begegnen, sich inmitten zeitlich fruchtloser Mühen mit der Gewißheit zu erleuchten, daß trotzdem psychische Gerechtigkeit wirkt und dem Arbeiter-im-Geist sein innerer Lohn wird. Wohl verlangte Buddha selber von seinen Aposteln wanderndes Wirken, nicht träge Selbstbeschaulichkeit, doch seine Lehre zog unabweislich nach sich, daß später träges selbstgerechtes Mönchtum als Vorbild des christlichen sich ausbreitete. Und selbst in reinster Ursprungsform läuft hier alles auf verkappten Eudämonismus hinaus. Das Materielle wird nicht als »Sünde«, sondern als »Übel« empfunden, das Ethische nicht empfohlen um seiner selbst willen, sondern als »Wissen« zum Glücklichsein. Damit wird Heiligung zu einfacher Glücklehre, die sich nur in den Mitteln von Epikur unterscheidet und wissenschaftlich verfährt, indem sie sich auf neue psychologische Entdeckung stützt, die den Ablauf der Lebensprozesse physikalisch als »Rad« veranschaulichen. Das ist wenigstens wissenschaftlicher als Kunststücke moderner Psychologen, in Schulzes Ichtrieb einen durch Vererbung anerzogenen Gemeinsinn hineinzulügen und daraus die Moral zu begründen, was doch höchstens konventionell ergibt: Ich fürchte den Kriminalkodex und sonst nichts in der Welt. Wir verweisen nochmals auf Ursprung der Religion, warum zuerst der Begriff Gott, dann Unsterblichkeit und erst zuletzt Ethik als das Gott Wohlgefälltige und der Unsterblichkeit Würdige entstand. Sonst fragt der Naturmensch, warum er seines Bruders Hüter sei und nicht Abel totschlagen solle. Anarchismus ist die einzige redliche Logik des Materialismus, der daher stets als Todesbazillus gesellschaftlicher Zellenauflösung wirkt. Wer von Evolutionsmoral schwärmt, hat nie denken gelernt. Indem Buddha jeder historischen Ergründung zu entraten scheint, gibt man ihm irrig den Vorzug größerer ethischer Reinheit, weil er auf egoistische Jenseitshoffnung verzichte. Das fällt ihm gar nicht ein, wie wir sahen. Man mißverstand ihn als atheistisch, weil er keine vermenschlichte Gottheit in den Kreis des Endlichen herabzieht, und als Unsterblichkeitsleugner, wo er doch nur dem Ich Fortdauer versagt und Nirwana höchste Unsterblichkeitserfüllung bedeutet. Doch absichtlich schob er Transzendentales in den Hintergrund und wandte sich erst recht an den Egoismus, um ihm mit Vernunftbeweisen beizukommen. Denn ist lieben schlechtweg das Übel und sein Absterben die Leidaufhebung, dann weiß man ja, wie man glücklich wird! Widersprach die praktische Probe? In den Hymnen buddhistischer Bruderschaften haucht nicht stille Meeresruhe der Entsagung, wie der europäische Willensfuchteler voraussetzt, sondern stürmische Begeisterung: »Glücklich erwach' ich, glücklich schlaf ich ein.« Innere Beseeligung wird Beseelung von Wald und Hochland, unendliches Wohlwollen leiht sichtbarem Naturleben Weihe des Unsichtbaren. Mehr Menschen fanden zufriedenes Seelenglück auf Buddhas Pfaden als auf den dornigen eines Jesu mißkennenden Kirchentums, das im besten Fall nur haluzinative Ekstase gewährt, wie sie der mit Julien und Kindlein spielende Jesus gewiß nicht wünschte. IV Für Gebildete hat pfäffisches Dogma den Schacht so verschüttet, daß der englische Aufklärungstheologe Robertson naiv ausplaudert, niemand wisse, was Jesus meinte! Mit Verlaub, das weiß der sehr wohl, wer in fragmentarischen Bruchstücken den wahren Wind des Unsichtbaren (Gespräch mit Nikodemus) wehen hört und in »wer sich rein fühlt, werfe den ersten Stein«, »so verurteile ich dich auch nicht«, den Donner höchster Erhabenheit rollen hört. Ob Philo oder die Buddhistensekte in Alexandria (Flucht nach Ägypten) oder griechische Mystik (Himmelfahrt) auf den Nazarener einwirkten, wäre belanglos, denn mögliche Anregungen sind hier zu etwas ganz Eigenartigem verarbeitet mit besonderer Persönlichkeitsnote. Die Ohnmacht der heutigen Christianität, nachdem das Brimborium vom »eingeborenen Sohn Gott Vaters« nur noch als Kuriosum geistiger Erkrankung des Mittelalters belächelt wird, offenbart sich am kläglichsten in der letzten Zuflucht, daß Christi Lehre überlebt, doch seine Persönlichkeit vorbildlich sei. Diese ist ja nicht mal historisch beglaubigt, jedenfalls lehnen wir die geistliche Fiktion ab, daß Jesu persönliches Erdenwallen besonders übermenschlich gewesen sei. Gleich ihm sind alle Geistmenschen von Kirchenpharisäern und Pilatusstaatbüttelei verfolgt, gar viele gekreuzigt und verbrannt worden. Wer sich auf diese abschüssige Fährte begibt, kommt zu Renans süßlich-ironischer Wehmut, der in Jesus nur einen überspannten Volksredner sieht mit populärer Anknüpfung an messianischen Aberglauben. Das Mitleid Fürst Pücklers (Briefwechsel mit Bettina), der gute Jesus würde heute als Landstreicher nach Spandau befördert werden, enthüllt die Erbärmlichkeit der modernen Gesellschaft nicht kläglicher als die unreife Überhebung, daß man mit dieser »schlichten« Liebeslehre unter Gebildeten nichts anzufangen wisse. Nein, es ist gerade diese Lehre, in deren Namen der Menschensohn spricht: »Wer auf mich baut, wird Wunder tun wie ich, ja größere als ich« (Ev. Joh.), die Lehre und nicht die Person ist es, die das Göttliche in Jesus verkündigt. Durch telepathische und hypnotische Phänomene heute belehrt, sehen wir in seinen Wundern nur Ergebnisse einer in ungewöhnlichem Maße freigewordenen subliminalen Kraft, welche Mary Corellis »Romance of two Worlds« möglichenfalls richtig auf elektrische Entladungen einstellt. Die Antike, an Erscheinungen wie Apolonius gewöhnt, sah in solcher »Zauberei« nichts Außerordentliches, wohl aber in der Lehre. Julian Apostata, der mystischer Magie nachging, rief »Nazarener, du siegst«, der englische Atheist Saladin (Pfarrer Ross) preist Julians herrliche Sterberede. Hätte dieser sich die Mühe gegeben, die Evangelienlehre zu studieren, wäre er nie Apostat geworden, jeden Abfall von Christus verschuldete immer nur die Pfaffenkirche. Nein, nicht überlebt ist Jesu abgrundtiefes Fühlen, diese stete Beziehung hochbegnadeter Psyche zur Weltseele, die er für Menschenverständnis »Vater im All« nannte: Ouranoi, Himmel im Plural, Vater in griechischer Mystiksprache gleich Urgrund. Nie nannte er sich Gottsohn in anderem Sinne als der »Lichtsöhne, weil wir Kinder Gottes sind«, nie sprach er den Unsinn »selig sind die geistig Armen«, sondern »die nach Geist hungern«, selbst »die reines Herzens sind« ist falsche Übersetzung eines schwerverständlichen Ausdrucks, der Sinn ist: »die aus der Einzäunung der Materie sich befreien, denn sie werden Gott schauen«. Deshalb durfte der Menschensohn (ausdrücklich von ihm betont) das vom Pöbelwahn plump wörtlich verstandene stolze Bekenntnis wagen: »Ich und der Vater sind eins.« Katharos bedeutet einen von Dickicht und Unkraut gerodeten Freiplatz: selig sind, die freien Blickes sind. Laut Harnack hielt das Konzil von Nicäa den Heiligen Geist nur für Ausfluß Gottes, nicht Separatperson. Die Dreieinigkeit des Athanasischen Credo entspricht der Brahmanischen Teilung: Gott, Manifestierung, Geistessenz und der Dreistrahlung jedes erhitzten Körpers: Wärme, Licht und nur chemisch faßbare Substanz. Schopenhauer meint, die Begebenheiten in Galiläa würden die Urreligion nicht umstoßen, doch gerade der Buddhismus, auf den er sich spitzt, war eine neue Begebenheit, die Jesulehre dagegen mit der wahren Urzeit ursächlich verknüpft, ihre Symbole (Taufe, Kreuz, Fisch) uralt. Die erstaunliche Enthüllung, daß Jesus sein Wissen und Wollen aus der Urlehre übernahm, es nur mit genialer Eigenart durchdrang, versparen wir für später. Daß er, genau genommen, nichts Neues offenbarte, mag sein Ansehen bei Toren schädigen, für uns erhebt es ihn erst recht, daß er einfach Verkünder der Urweisheit wurde, die nach ihm genannte Religion also den Vorrang höchster Würde über alle bestehenden Kulte behauptet. Von Semitischem kann gar keine Rede sein, nur insofern durfte Disraeli das Christentum als semitisch-jüdisch mit Beschlag belegen, als die Kirche durch die Judenchristen die Umfälschung vollbrachte. Die Juden wußten sehr gut, warum sie ihn tödlich haßten, denn ob er selber semitischen Ursprungs oder nicht, seine Lehre hatte nichts mit der mosaischen gemein, wie das offizielle Judentum sie auffaßte. Ein besonderer verdächtiger Umstand verdichtet einerseits den Schleier und lüftet ihn andererseits. Das älteste Evangelium Matthäi war hebräisch geschrieben, nicht aramäisch, der erste griechische Übersetzer Sankt Hieronymus verstand sicher nicht aramäisch. Nun wohl, dieser, der es das echte Evangelium der Nazarener und Eboniten nennt, erzählt Sonderbares. Es sei versiegelt und nur für Umlauf in besonders religionsfesten Kreisen bestimmt gewesen (d. h. für Geheimbund), die es nie zum Abschreiben gaben und nur mündlich verbreiteten in verschiedener Lesart. Ein Manichäer habe es trotzdem veröffentlicht, es biete aber »mehr Stoff zur Zerstörung als zur Erbauung«. Ihm sei es unverständlich, dabei erklärt er aber als echter Kirchenvater jede andere Auslegung als die seine für häretisch! Offenbar ließ er vieles weg als »Zerstörung« des neuen Kirchenmythos, einiges mag er interpoliert, anderes falsch übersetzt haben, immerhin blieb noch so viel stehen, daß wir offenbare Lücken ausfüllen und ahnen, warum es heißt: »Als die Jünger diese Rede hörten, entsetzten sie sich«, und »er gebot ihnen, daß sie es niemand sagen sollten«, die Schweigepflicht der Adepten. Vier Jahrhunderte beharrten die Urchristen dabei, daß er »vom Samen eines Menschen« war, diesen Kampf um ein Urprinzip nahmen besonders die Arianer auf, weil ein buchstäblicher Gottsohn der heftigen Urwahrheit ins Gesicht schlug. Grelles Licht fällt auf vieles, wenn die Entdeckung stimmt, daß der mit griechischen Buchstaben im Text angeführte hebräische Ausruf »mein Gott, warum verließest du mich« vom Übersetzer mit Vers 1, Psalm 22, verwechselt sei und vielmehr den Sinn habe: »Mein Gott, wie verklärst du mich!«, gewöhnlicher Ausruf des zum Adepten erhöhten Neophiten im Geheimritus nach Überstehen der 12 Prüfungen. Der englische Entdecker (»Quelle der Masse«) spricht hier von schrecklichem Schlag gegen die Heiligkeit des Evangeliums, die Blavatzky von bewußter Fälschung. Das scheint unsicher, denn Hieronymus' Entstellung mag um so unabsichtlicher gewesen sein, als seine schwächliche Lesart geradezu einer Gottähnlichkeit Christi widerspricht. Zwar fällt uns ein, daß man vielleicht aus dogmatischen Gründen den Psalmanklang wählte, als hätten wieder mal die alten Juden schon die Kreuzigung prophezeit! Wenn also unsere Theologen sich wütend gegen die Neufindung sträuben, so hängt dies mit dem eingewurzelten Unfug zusammen, das Neue mit dem Alten Testament zu verkoppeln, ein unsagbar schädlicher Kniff der Judenchristen. Auf jedes Gemüt wirkte allzeit jener Aufschrei der Todesangst peinlich verwirrend, Kanzelredensarten müssen das Widerwärtige abschwächen, da so kein Gottessohn fühlen würde. Dann wären Sokrates, Bruno, auch viele christliche Märtyrer würdiger gestorben. Wenn wir es also einerseits psychologisch als Beweis für Augen- und Ohrenzeugenschaft des Evangelisten auffassen müßten – denn so etwas erfindet man nicht von seinem Heiland –, so stimmt es anderseits nicht zum Heldenbilde, und wo bliebe das freiwillige Sühneopfer? Ein indischer Guru würde achselzucken, daß ein Mahatma überhaupt Mittel hat, sich irdischem Körperschmerz zu entziehen. Daher hat man ehrlich nur Wahl zwischen zwei Dingen. Entweder war Jesus ein Sterblicher mit allzumenschlicher Schwäche und wer weiß, ob im versiegelten Bericht des Zöllners Matthäus nicht so »Zerstörendes« stand! – oder ist es gewolltes Martyrium und dann die neue Lesart die allein würdige. Auch die natürliche, da das Bewußtsein im Übermaß des Schmerzes Exaltation empfindet, wie die Pucelle aus den Flammen rief: »Meine Stimmen waren von Gott, sie haben mich nicht betrogen«, und es paßt besser zum folgenden Todesseufzer »in deine Hände empfehle ich meinen Geist«, wahrscheinlich eine adeptische Formel. Fortwährend müssen wir lächeln: Über Schopenhauer, der vornehm Jesum als späten Outsider abtut, über die Kirche, die einem nach ungezählten Äonen plötzlich auf die Erde verschneiten Gott den schäbigsten Stammbaum anheftet – für die Antike muß die Vorstellung eines ausgerechnet als Jude herabgestiegenen Gottes zwerchfellerschütternd gewesen sein, es sei denn, daß dies die tiefste Erniedrigung bedeuten sollte – und über die Hartnäckigkeit, womit Theologen die augenfälligsten Widersprüche als Bollwerk behaupten möchten. Eine Exegese über »inwendiges« Gottesreich »nicht von dieser Welt« hat keinen Zweck, uns scheint das Bedeutungsvollste, daß Jesus sich an Sünder und Zöllner wendet, Magdalenen aus dem Staub erhebt, Schächern am Kreuz das Paradies verheißt. Das schlichte »Führe uns nicht in Versuchung« hat tiefen Erfahrungswert. Er lockt nicht wie Buddha den Egoismus, das Gute zu tun, weil es Glück bringe, er verspricht weder Leidaufhebung, noch vertröstet er aufs Jenseits als Schadloshaltung, noch betont er »Gottes Gebote«, verabscheut vielmehr jedes starre Moralgesetz, folgert nur, daß wir rein werden müssen, weil wir vom ewig Reinen abstammen. Er zerbricht Gesetztafeln, vertreibt den donnernden Javeh vom Sinai, hoch über brennendem Horebstrauch fährt er in feurigem Wagen gen Himmel, wo er den unaussprechlichen Gott der Notwendigkeit schaut. Seine Gottliebe kennt kein verliebtes Wonnebrunzeln einer Nonne zum himmlichen Bräutigam, nie verläßt ihn Ehrfurcht vor schaurigem Ernst des heiligen Kampfes: »Ich bin gekommen, das Schwert zu bringen.« Er gründet eine heroische Weltanschauung, die nicht künstlich die Lebenswurzel beschneidet, nichts verneint als Pharisäertum, und Leben bejaht als bloße Phase ewigen Lebens. Zufriedenheit scheint nicht wünschenswert, wohl aber Leid der Prüfung. Christlich genug rümpft Antichrist Nietzsche die Nase: »Glück, was ist das? Ich bin gekommen, mein Werk zu tun.« Nun, die da Werke taten und tun, brauchten und brauchen nicht Christen zu sein, angewidert vom Verwesungsgeruch der immerfort von gleichen Pharisäern gekreuzigten Befreiungslehre. »Nichts stinkt so wie eine verfaulte Lilie« (Shakespeare), doch der wahre Jesus verträgt sich prächtig mit leidenschaftlichem Ausleben des Genialen, dessen Sichtbarkeit dem Schulze eindringlicher das Ideale veranschaulicht als Buddhas Methoden. Auch für geniale Psyche gilt das Erlöserwort: »Viel vergeben, weil viel geliebt.« Das Genie ist nicht »Blüte« (Goethe), sondern Wipfel des Baumes, eins mit dessen Saft und Rinde. Goethe der Heide, während Faustens unsterblich Teil als »edles Glied der Geisterwelt« eine christliche Apotheose sucht, war unbewußt ein Jesugläubiger. Auch Jesus hält wie Buddha die Ethik für naturgesetzlich, doch er weicht dem Bösen nicht aus, sondern steigert mit Entrüstungspessimismus, der die Wucherer geißelt, den Willen zum Sieg der Psyche. Wohl vermochte Asoka sein Pataliputra, das er als ärmliches Nest vorfand, zum Marmorwunder Palimbotra zu machen, doch es waren Indusgriechen alexandrinischer Diaspora, die er zur Neuschaffung heranzog, denn an und für sich ist Buddhismus so kunstfremd wie Islam, er handelte schwerlich in Buddhas Sinne. Auch nicht in aufopfernder Staatstätigkeit. »Der Berg ist überstiegen« atmete sterbend Friedrich der Große auf und winkte der Sonne, »bald werde ich dir näher sein«. Das ist Jesu Nachfolge, und des sog. Atheisten Shelley »Pantheismus der Liebe« hat unbewußt mehr von Jesusbegeisterung als von Buddhas unwandelbarer Ruhe. Wenn Byron singt: »Mein Dom sind Meer, Gebirge und Firmament, alles, was von dem Allsein ausgegangen, das Seelen schuf, sie wieder zu empfangen« »sind Berge, Wolken, Winde, nicht ein Teil von mir wie ich von ihnen,« so heißt es in diesem Hochland des Genies: »Für mich sind hohe Alpen ein Gefühl.« Ja, höchstgesteigertes Lebensgefühl ist Jesureich. Buddha sprach über das sichtbare Leben nicht das letzte Wort, daher auch nicht über das Unsichtbare. Wohl nennt man Willensanstrengung der Ichverneinung fälschlich Willensverneinung, doch jedes Lebensprinzip sah er mit scheelen Augen an. Was aber auf so sicherem Grunde ruht, läßt sich nicht entwurzeln. »Nur der verdient die Freiheit und das Leben, wer täglich sie erobern muß.« Auf dies gewaltige Goethewort hört, wer über Buddha hinausstrebt, Jesusapotheose bildet den Übergang zu neuem Wissen. Materialismus ist weder Wissen noch neu. Schon einige alte Inder formulierten ihn, doch hatten sie noch intellektuelle Reinlichkeit genug, nicht Kraft für Stoffeigentum und Energetik für Mechanistik zu halten. Außerhalb der Identität von Mind und Matter (im englischen schälen sich beide Begriffe klarer heraus, weil das deutsche »Geist« zugleich spirit bedeutet) sprachen sie dem »Selbstsein, dem verborgenen Meister« Sonderexistenz zu, die im Unterbewußtsein unbewegt den Schein des Ichlebens betrachtet, teilnahmslos für alles sichtbar sich Bewegende. (Mit dem Namen transzendentales Ego wollen wir hier nicht rechten, von Ego dürfte man nur reden, wenn man die Weltseele als ein Oberego betrachtet, worüber man sich verständigen kann.) Jedenfalls gibt jener altindische strenggefaßte Materialismus zu, daß Atman der Weltodem sich nicht ins Ichhirn einsperren und der verpönte Vedantabegriff Seele in anderer Begriffsfassung nicht vermeiden läßt, weil er eben dem Reich des Unsichtbaren angehört. Auch Schopenhauers Pessimismus mündet gelegentlich in verschämten Optimismus, seine Abhandlung »über anscheinende Absichtlichkeit im Schicksal des einzelnen« verrät, daß er diese Cardanosche Vorsehung keineswegs für scheinbar hält. Es ging ihm eben wie dem alten Kant, nachträglich dämmerte ihm tiefere Erkenntnis, ohne daß sein Hauptwerk etwas spüren läßt. Wir begrüßen verwundert dies Anzeichen, daß jeder Denker zur Einsicht des Planmäßigen kommen muß, sobald er genügend Erfahrung sammelt. Dies zerstört natürlich den Pessimismus wie den Materialismus, doch gibt's noch manche harte Nuß zu knacken, ob Leid und Unglück tatsächlich zu individueller Läuterung bestimmt und als gerechte Vergeltung zu betrachten seien. Schopenhauer berief sich meist irrig auf Buddha, unfreiwillig knüpft er an Jesus an, geht sogar über dessen Seelenbefreiungslehre schwärmend hinaus. Denn unter Aufgeben seines sonstigen Kausaldeterminismus hält er »Gnadenwirkung und innere Wiedergeburt« für spontanen freien Akt, mit gleicher Verschwommenheit wie Schelling: »Freiheit ist unser Höchstes, unsere Gottheit, diese wollen wir als letzte Ursache der Dinge.« Aber »an sich selbst nicht-gebunden-sein des absoluten Geistes« kann es nicht geben, solange er materialisiert. Umkehr des alten Adam und Neugeburt der Willensrichtung sind Kausalfolge präexistenter Vorbestimmung, determiniert wie alles andere. Wenn R. Mewes »Kriegs- und Geistesperioden im Völkerleben« aus Sonnenflecken ableitet, ist dieser physikalische Determinismus sich wohl selber klar, ob er mystisch oder mechanistisch gemeint? Es zeigt wieder die Gedankenlosigkeit der Naturforschersippe, wenn sie den alten Aberglauben verhöhnt, Kometen bedeuteten Krieg und Pestilenz, obschon jedes astronomische Lehrbuch manche Belege liefert und zweimal Auftreten schreckhafter Kometen große gewaltsame Umwälzung anzeigte: Vor 1812 und der Hastingsschlacht. Wissenschaft haßt eben alles, was auf mystischen Weg führen könnte. Wahrscheinlich begünstigt Frühlingssonne geistige Empfängnis, Hundstaghitze Temperamentwallungen wie Kriege und Verbrechen, doch natürlich nur, wenn psychische Grundlagen dazu gegeben. Periodizität kosmischer Einflüsse auf die Erdatmosphäre wie des Mondes auf Ebbe und Flut ist gewiß nicht abzuweisen, doch Physikalisches kann nur Physisches beeindrucken. Buddha würde lächeln »törichter Mensch«, wollte man ihm aufschwatzen, daß Sonnenflecken die psychische Aufnahmefähigkeit für das Heil bestimmen. Ließe sich aber Parallelismus von Planeten- und Erdvorgängen nachweisen, so kommt dies natürlich nicht psychisch in Frage, falls nicht den beobachteten physikalischen Veränderungen eine psychische Planetenbewegung zugrunde liegt. Das ist durchaus denkbar und für okkulte Mystik sogar sicher, die Sonne als organisches Wesen hat Fleckenperioden nicht zufällig, sondern ihre Erscheinungen haben tiefere Ursachen. Jedenfalls darf Determiniertheit, sei sie noch so okkult, für keine Erd- und Menschenbewegung bezweifelt werden. Hat etwa Jesus irdische Freiheit gepredigt? Mitnichten. Die Jünger fragen, ob ein Blinder bestraft werde für seine oder seiner Eltern Sünde? Nein, sondern »damit Gottes Werke offenbar werden«. Aus so unklarer Übersetzung wird so viel verständlich, daß Jesus nicht die Karmalehre ablehnen, sondern nur Notwendigkeit alles irdischen Geschehens unterstreichen will: Gottes Werke werden offenbar ohne Beziehung zu äußerem Glück und Unglück des Einzellebens. Erst jenseits Gut und Böse der Materie, wo die Person aufhört, beginnt die Persönlichkeit, von Buddha beschränkt und verstümmelt, von Jesus befreit und vergrößert, weil in unsichtbares Gottesreich erhoben. Die jüngste theologische Richtung in der Zeitschrift »Zwischen den Zeiten«, Zündeis »Jesus«, Barths »Römerbrief« und des schwäbischen Kirchenvaters Oetinger »Heilige Philosophie« füllen in alte Schläuche einen nicht neuen Wein. Nie werden Berufstheologen aufhören, das Christentum wie eine isolierte Osterinsel zu betrachten, an der noch ein schmaler Kanal zum Judentum überführt. Nichts kann törichter und unwahrer sein. Unkenntnis und Unverständnis des Buddhismus sind eine gewollte Erbsünde dieser beruflichen Richtung, doch noch viel trauriger ist die tiefe Nacht, die dieser amtlich besoldeten Gottesgelahrtheit verbietet, sich mit der theosophischen Wissenschaft einzulassen. Diese zerstört freilich theologischen Götzenwahn, stellt aber Jesus auf eine viel festere Grundlage der Urreligion. Daß man im bisherigen Nebel auch nicht wie Grisebach ein »Problem der wirklichen Bildung« findet, ist klar, denn der gepredigte Idealismus bleibt ohnmächtig, solange er den Ballast der Kirche mitschleppt. 8. Urreligion der Kosmogenie. I Das Wie der Menschwerdung hüllt sich um so mehr im Dunkel, als jede Zeitrechnung sich widerspricht. Die Eiszeit dauerte angeblich über 400+000 Jahre, aber es gab 4 (Rügen), 3 (Norddeutschland) und sogar nur 1 (Mitteldeutschland) Eisablagerung? Daß der Mensch im Tertiär lebte, ficht man an, weil die Knochenreste am Laplata so sehr heutigen Rassen gleichen, d.h. man erklärt es nur deshalb für unmöglich, weil die Tatsache den Evolutionswahn niederschlägt. Bestritten wird aber nicht »ein zweifellos hohes Alter«, und daß in ziemlich früher Zeit der Indianertyp, wie wir ihn heute kennen, entwickelt (!) war. Schon das genügt, den Evolutionisten einen Klaps zu geben, wie kommt man vollends über die Fundtatsache weg, daß diese Urmenschen, die man als solche nicht anerkennen will, Zeitgenossen des Megateriums waren? Da sie mit den Saurierkolossen zusammenhausten und sich anscheinend von ihnen nährten, ist sicher, daß der Mensch nicht erst im Quartär auftrat. Der älteste beglaubigte Mensch habe vor 320+000 bis 560\&nsbp;000 Jahren gelebt, nämlich der Heidelberger, welcher der Neandertalrasse angehört habe? Dies sei in der Günz-Mindel-Zwischeneiszeit gewesen. Daß dieser Unterkiefer, denn weiter haben wir nichts, ein zurücktretendes Kinn hatte, gereicht ihm nicht zur Unehre, denn starkes Hervortreten des Kinns scheint physiologisch analog mit egoistischer Willensspannung, sein Zahnbau aber war menschlich, nicht äffisch. Hätte der prächtige Schädel des Neandertalers sich mit jenem Unterkiefer gepaart, so war ein vollkommener seelisch hochstehender Mensch in Europa vorhanden, als es dort nur gewöhnliche Äffchen gab. Es ist wilde Begriffsverwirrung, von »Neandertalmenschen, Homo mousteriensis und Kiefer von Mauer« (Heidelberg) in einem Atem zu reden, wobei sogar natürliche Reihenfolge umgedreht wird. Der vielleicht aus Asien gekommene Neandertaler war sicher eine andere Rasse als der Heidelberger. Ob das Steintor von Tiahuanaco in Bolivia 100\&nsbp;000 Jahr älter als die älteste Pharaopyramide, mag man bezweifeln, doch daß eine der heutigen ähnliche Indianerrasse schon zur Urzeit Amerika bevölkerte, ist sicher, und da soll man evolutionistisch denken! In einer Anmerkung der Geheimlehre bezeichnet die Blavatzky den »sog. Monismus« als den gefährlichsten Feind, Leute wie Spencer und Huxley seien schädlicher als Büchner und Konsorten. Haeckels Schule kannte sie noch nicht in ihrer Pracht, sonst würde sie nicht zwischen vorsichtigen Monisten und plumpen Materialisten unterscheiden. Ihr selber aber darf man vorwerfen, daß sie dem gemäßigten Darwinismus zu viel Zugeständnisse macht, von der gelehrten Phalanx eingeschüchtert. Begreift sie nicht, daß alles, was in indischer Urweisheit evolutionistisch aussieht, nichts mit Mechanistik gemein hat? Und nur dies ist der springende Punkt, sie durfte daher nie sagen, »hierin stimmen Okkultisten und Darwinisten überein,« sie tun es nirgends. Auch macht sie den formalen Fehler, daß sie dualistisch zu fühlen glaubt, während sie in unserem Sinne monistisch denkt und dabei den Begriff Pantheismus zu weit faßt, der immer unbewußt in Materialismus übergeht. Wer einen letzten zureichenden Grund außerhalb der Welt zugibt, sollte sich nie Pantheist nennen. Das ist nun wieder hier der springende Punkt. Bei ihrem Kampf gegen offizielle Wissenschaft verfällt sie in Unsicherheit, indem sie weiblich diplomatisch Respektsverbeugungen einstreut oder z.B. Virchow, weil er aus Rechthaberei den Haeckelismus befehdete, für ehrlicher hält als den naiven Enthusiasten in Jena, der noch als Greis wie ein Jüngling schwärmte. Wir legen Wert darauf, daß Haeckel und der eifrige Romanleser Darwin immerhin einen höheren Menschentyp darstellen als übliche verlehrt trockene Spezialisten. Ihre künstlerische Empfänglichkeit glaubte für neue Ideale zu streiten, wobei freilich Darwin gelegentlich pessimistische Anwandlungen bekam, Haeckel aber frisch-freifröhlich »das Gute, Wahre, Schöne« auf sein Panier schrieb, während er es tötete und die Massengefolgschaft seiner Irrlehre sich aus Unguten, Unwahren, Unschönen zusammensetzte. Anmaßung einer gelehrten Gilde, die sich einbildet, juristische Pandekten der Natur herausgeklaubt zu haben und damit die Unfehlbarkeit naturwissenschaftlicher Justiz zu begründen, indem sie jedem »Laien« das Recht abspricht, Natur mit unbefangenen Augen zu sehen wie Goethe, den sie fälschlich mit freundlicher Herablassung zu den Ihren zählt – wie allein kann man sie bloßstellen? Wenn man ihre Widersprüche entlarvt und fragt, was eigentlich unwissenschaftlich an Überlieferungen theosophischer Erbweisheit anmute. Dies ist der rechte Weg. Auf der einen Seite lauter Hypothesen anthropomorphisch eingestellten Verstandes mit fast keiner denkerischer Intuition und ohne jede Erfahrung im kosmogenischen Erleben – auf der anderen Seite uralte Überlieferung, deren Glaubwürdigkeit man anzweifeln könnte, die aber gewaltig intuitiv wirkt, d.h. jeder Vernunft einleuchtet und sich auf gewisse nachweisliche Wahrheiten stützt. Was sie darbietet, enthüllt uns die »Natur« in majestätischer Erhabenheit gegenüber ausgeklügelter Unnatur der Mechanik für ordinäres Menschenverständnis. Sehen wir also genau zu unter Verwendung und Durcharbeitung vieler Argumente, wie die geniale Russin sie mit Bienenfleiß zusammentrug, wobei einerlei, ob man ihren Geheimschriftsatz, dessen Strophenstil unbedingt archäisch klingt, für authentisch hält oder nicht. Das ist ebenso Nebensache, wie die verbürgten »Wunder« der Blavatzky, wir halten uns nur an logischen Wahrheitswert. Dreiste Vorrede der Anny Besant zum 3. Band der »Secret doctrine«, worin sie der Gewaltigen auf die Schulter klopft, deren Geist sie geerbt zu haben vorgibt – wie kam er in Annys Propagandaschriften herunter! –, zeigt sie als geeignete Genossin Steiners, der beiläufig mit ihr in eine Querele über ein Hindulegat verwickelt war. Für uns gibt es nur eine Autorität im Okkultismus, die »Schwindlerin Blavatzky«. Comte dekretierte, man werde nie die chemische Zusammensetzung der Sonne kennen, 30 Jahre später kamen Kirchhoff und Bunsen. Doch was bewies die Spektralanalyse? Daß wahrscheinlich die Chromasphäre des Gestirns uns bekannte Elemente enthält; daraus zu folgern, daß man das Lebensprinzip der Sonne entdeckte, ist lächerlich. Schon Herschel gab zu, daß die Sonne von gewissen Organismen gelenkt zu werden scheine und man nicht wisse, ob nicht organische Lebenskraft erforderlich sei, um Wärme, Licht, Elektrizität zu entwickeln. Später erbaute sich der Physiker Hunt an der Idee, daß die »Photosphäre der Sonnenhülle« (Arago) der ursprüngliche Sitz der Lebenskraft unseres Weltsystems sei. Richardson fügte »Nervenäther« hinzu, was sich mit Paracelsus' Liquor vitae deckt, wonach der Spiritus vitae aus Spiritus mundi entsprang. Metcalfs in Einzelheiten unklare Theorie läuft auf Einheit von Sonne- und Erdkraft hinaus, wobei der Mensch mit Äther geladen sei! Im Gegensatz zum zerstörbaren Individuum sieht Okkultismus in diesem Ätherspiritus das Unzerstörbare, rechnet aber die Sinne dazu als Symptome des Lebensgeistes Krischna, deren verschiedene Feinheit oder Dumpfheit aus extramundanen Ursachen entspringe: offenbar richtig, weil die Sinne, wenn nur körperlich aufgefaßt, nie telepathische Phänomene zeitigen könnten. Paracelsus' magnetischer »Archäus« ist hier klarer demonstriert als jener zweideutige Nervenäther: Lebenskraft ist nicht im Menschen eingeschlossen, sondern strahlt um ihn als leuchtende Aura und kann zu Fernwirkung veranlaßt werden, kann dieselbe Essenz des Lebens vergiften oder reinigen. Wenn Vogt und Huxley über Lebenskraft spotten, so gestand Ouatrefages in unserem Sinne: »Leben beherrscht und leitet die unbelebten Kräfte durch seine Gesetze.« Wir bemerken, daß wir das großartige Sammelwerk der Blavatzky zwar in diesem Kapitel für unsere Zwecke reichlich exzerpieren, doch in anderer Reihenfolge und in anderer Richtung unter möglichster Weglassung mythologischen Zubehörs mit sorgsamer Sichtung des Wesentlichen, da die Autorin oder ihr »Meister« oft vom Hundertsten ins Tausendste abspringen und das Wichtigste in einen Wust von Anmerkungen verweisen. Unsere eigene Auslegung stofflicher Benutzung ist daher frei und unabhängig. Nun wohl, nach obigen Zugeständnissen bedachtsamer Moderner steht nichts im Wege, alle Planeten als Organismen zu fassen, denen man Blutkreislauf und regelmäßiges Atmen zusprechen darf, das alle Erdwesen in eine Ätheraura eintunkt. Letztere sind wir unbescheiden genug als Lebenskraft zu bezeichnen. Der beschränkte Untertanen-, pardon, Laienverstand begreift nicht, wie man für Kräfte im Plural ohne allgemeines Prinzip auskommen kann. Vitalismus und Neovitalismus (die gewaltsam verpönte Einsicht meldet sich immer wieder, chassez la nature et elle revient au galop) sind Kunstausdrücke für Selbstverständliches, Einwände dagegen spitzfindige Marotten der Unnatur. Übrigens scheint von Annahme der Planeten als psychophysische Organismen (Fechner) bis zu ihrer Auffassung als individuelle Lebewesen höherer Ordnung nur ein Schritt, und die »7 Elohim« als Schöpfer unserer Erdsphäre sind daher durchaus keine kindliche Vorstellung. Die Wissenschaft denkt ja selber so anthropomorphisch, daß sie sich jeden Spott darüber sparen kann, wenn die Alten sich Naturkräfte als Göttersymbole zurechtlegten. Ein bedeutsames Kapitel öffnet sich im Entstehen der Augen, sie wachsen im menschlichen Embryo von innen nach außen aus dem Gehirn, schon das wirft Haeckels mechanistische Phantasie um, das Auge entstehe nur durch Veränderungen der Epidermis. Nun liegt aber ein drittes Auge versteint und tot auf der Rückseite des Kopfes und hinterließ die Zirbeldrüse. Laut esoterischem Kommentar lag hier das Instrument geistigen Schauens, das in der »vierten Rasse« immer trüber wurde. Dagegen trug die älteste Zeusstatue auf Argos ein drittes Auge auf der Oberspitze der Stirn, tatsächlich besitzen noch heute Halleria-Eidechse, Chamäleon, einige Reptile und Fische drei Augen, unstreitig sind also Veränderungen der Sehorgane vorgegangen. So absurd Descartes' Betonung der Zirbeldrüse scheint, liegen Anzeichen vor, daß sie in ihrer Verbindung mit Rückenmark und Sexualorgan eine sozusagen symbolische Bedeutung hat. Sobald Sexuales überwiegt, verkümmert sie, trocknet aus? Hier würde sich für unsere Logik die vom Chela geforderte Keuschheit physiologisch für geistiges Schauen begründen. Die Paläontologie erfuhr, daß die Ursaurier auch das dritte Auge besaßen, das bei den Tieren allmählich abstarb wie beim Menschen, nachdem die zwei Stirnaugen von innen nach außen wirkten. D. h. je einfacher die Wesen, desto mehr überwog geistiges Schauen, je komplizierter das physische Gewebe, desto sinnlicher wurde das Sehen. Lächelt man über Zyklopenaugen, sollte man sich erst vergewissern, ob Zyklopenriesen existierten. Dafür sprechen die unbegreiflichen Zyklopenbauten, noch mehr die Riesenstatuen auf der polynesischen Osterinsel und bei Bania am Hindukusch, die unmöglich von gewöhnlichen Menschen verfertigt sein können. Sollen die »Sagen« über Atlantierriesen am Ende nicht recht behalten, nachdem die Existenz der Atlantis endlich wissenschaftlich feststeht? Als man Riesenskelette entdeckte, erzählten Indianer, ihre Urahnen hätten Blitz und Donner verspottet, da sie viel mächtiger seien, dafür habe eine große Flut sie getötet. Unterm kalifornischen Tafelberg fand man Schädel eines Menschen, der lange vor Entstehen des Gebirgs lebte, im Ural zwei versteinerte Riesen, die lange vor der Flut gelebt haben müssen. Cuviers Katastrophentheorie wird übrigens heute durch Ingenieur Hördiger aufgenommen und seinen Hauptschüler Fischer, wonach Monde, auf die Erde fallend, sie zerstören und neubauen. Die Zyklopenbauten bei Stonehenge, West Houndley, Carnac verraten außerdem erstaunliche Kenntnis der Statik, die Erbauer hatten nicht nur Riesenkräfte, sondern weit offene Augen großer Intelligenz. Damit nicht genug, werden sprechende beseelte Steine bis auf Plinius beglaubigt, sich bewegende Steine kann man kaum anzweifeln nach dem »Riesentanz« bei Stonehenge. Natürliche Erklärungen versagen, denn man gibt zu, daß diese riesigen Monolithen völlige Fremdlinge sind, so auch die kolossalen Granitblöcke in Sibirien, wo es sonst weder Berge noch Felsen gibt, ein Fels in Irland stammt mineralisch aus Afrika, zur irischen Überlieferung stimmend, daß ein Zauberer die Steinkreise aus Westafrika brachte. Eine Million Pfund schwere Steine hat man aus fernen Erdteilen übers Meer nach Britannien gebracht? Das tat natürlich die blinde Natur, sie bestimmte mathematisch die geordnete Steinlage in Stonehenge und gab ihr die Form der Tierkreiszeichen! Scherz beiseite, auch die beweglichen Steine von Golkar mit ihrem unglaublichen Gleichgewicht sind das Werk intelligenter Wesen, die überall über den Globus zerstreuten Monolithen und Felsbauten, die man im indischen Ellora dem »Baumeister der Götter« zuschrieb, beweisen die Tätigkeit von Zyklopen, wie die Griechen sie nannten. Dahinter tut sich aber gleich ein tieferes Geheimnis auf, die Schaukelsteine hießen »Steine der Wahrheit«, prophezeiten und hatten Individualwillen. Der Argonautenstein in Cicicum – so benannt wegen seines Uralters – lief mehrmals fort, der ins Irische Meer geworfene Monastein kehrte an seinen gewohnten Platz zurück (bezeugt 1554). Märchen, nicht wahr? Möglich, obschon Kenner der Antike sich längst Skepsis abgewöhnten, Leute wie Herodot, Plinius usw. für wahrheitsliebend zuverlässig halten, überhaupt viel Unverschämtheit dazu gehört, Griechen und Ägypter, von deren Hochkultur wir ständig neue Zeugnisse empfangen, als leichtgläubige Kinder zu verlachen. Auch Mittelaltermenschen ließen sich zwar Heiligenfabeln aufschwatzen, nicht aber das Zeugnis ihrer eigenen Augen verfälschen. Ein singender Stein (Memnonsäule) ist physikalisch leichter zu erklären als ein tanzender, schaukelnder jener Bauten, sie sind aber Tatsache. Da sie und offenbare Riesenerbauer feststehen, sollte man auch bezüglich Zyklopenaugen und prophezeienden Steinseelen zurückhaltender denken. Es kommt aber noch besser. Die Gräber von Karnack wie in Indien und Malakka enthalten Knochen von riesiger Größe, dieselben Becher- und Schalenzeichen in Felsen finden sich in Naypur wie im hohen Norden. Also haben diese Steinkreise überall einen bestimmten Sinn, Heiligtümer uralter Menschheit, von der wir nur wissen, daß sie von hohem Wuchs und hoher Intelligenz war, worin steinerne und schriftliche Urkunden übereinstimmen. Trotz aller Vogel-Strauß-Politik bekommt der Darwinismus hier gleich einen scharfen Riß. Diese Zyklopen waren dem stärksten Gorilla physisch weit überlegen und der berühmte gemeinsame Ahne müßte ein Biest gewesen sein, vor dem alle Saurier die Schwänze einkniffen. Wenn die Natur es als Homo sapiens in ihr Budget einstellte, müßte sie dazu eine Jahrmilliarde vorausgabt haben, d. h. so lange, als nach höchster Schätzung die Abkühlung der Erdkruste begann! Doch nur den 20. oder gar 200. Teil dieser Zeit geben die Geologen dem ersten Auftreten des Säugetiers, spaßige Darwinisten lassen sogar erst vor 100+000 Jahren den Uraffen auf allen Vieren spazieren gehen, was einigermaßen zu den üblichen »6000 Jahren« historisch falscher Zeitrechnung paßt. Das ist nun freilich ein sehr unwissenschaftlicher Scherz, denn der Mensch fand sich ja fossil schon vor Millionen Jahren im Quartär und sogar Miozän Europas. Dieser war sehr verschiedenen Wuchses, anscheinend nie ein Riese, Virchow spottet über die Hünengräber ohne Hünenknochen. Solche Weisheit ist wieder mal fadenscheinig, indem sie von der naiven Ansicht ausgeht, die Vorrassen müßten sich geglichen haben wie ein Ei dem anderen, obwohl seit historischem Alter so grundverschieden. Wenn aber das Urbiest sich vor seinen Nachkommen so schämte, daß es kein fossiles Merkzeichen hinterließ, so hinterließen die Atlantierriesen auch nichts als steinerne Urkunden und chronistische, sagenhafte Überlieferungen, weil sie alle mit Mann und Maus das Meer begrub. Aha, die Sintflut? Allerdings, nur in unvergleichlich größerem Maßstab. Die zwei oder richtiger drei ersten Kontinente, die der Erdball seinen Kindern lieh, gingen unter: Hyperboräische Halbinsel größtenteils (heute Arktik), Lemurien fast ganz (Überrest Polynesien), Atlantis ganz. Von ihr retteten sich nur einzelne Gruppen (Noah) teils nach dem neuen Ägyptendelta über ihren äußersten Südrand (heute Nordwestafrika und kanarische Inseln) und ihren Ostrand Britannien nach der Bretagne, von wo ihre Priesterheiligen erneut die Steinkreise der Urreligion verbreiteten und ihr Kulturerbe zum Nil und Euphrat mitteilten, selbst aber als Halbgötterpharaonen und Hohepriester später allmählich ausstarben. Als Odin, Deukalion, Merodach, Krischna leben sie mythologisch fort, ihre Vorfahren aber als Titanen zur Zeit der ältesten Dinosaurier. Was ist dawider einzuwenden? Nichts, denn alle Geologen sind einig über Untergang des atlantischen Kontinents im Tertiär, wo unter allen Umständen der Mensch dies weite Land bewohnte, und da sich die späteren Zyklopenbauten auf keine andere Weise erklären lassen, so füllen eben die untergegangenen Zyklopen die Lücke, die der Darwinist zum Affen sucht, sie sind das missing link. Natürlich bedeutet dann unsere neue »vierte Rasse« große physische und vielleicht noch größere psychische Degenerierung. Wie das Auge haben seither alle Sinnesorgane von innen nach außen eine umgekehrte Involution geübt, objektive Plastik der Gestaltungsgabe versank in gespreizt subjektivem ohnmächtigen Willensdrang. Hypothese? Mindestens eine geschichtliche, d. h. auf Urkunde fußende. Demgegenüber wird in Evolutionsausdrücken jede Art von Wesen aufgefaßt als »Produkt von Modifikationen, die in unmerklichen Abstufungen an einer vorhergehenden Art von Wesen bewirkt wurden, so wie organische Stoffe im Laboratorium durch Vorgänge künstlicher Evolution hervorgebracht werden«. O Herbert Spencer! »Künstlich« innerhalb eines angeblich automatisch arbeitenden Naturmechanismus? Sind künstliche Übergänge möglich, so bleibt der Phantasie jede Möglichkeit offen, was alles die Urzeit in Modifizierung vollbracht haben mag. »Unmerklich« ist nicht übel, wo die Natur mit den fürchterlichsten Kataklysmen arbeitete! Darwinische langsame Aufwärtszüchtung ist eigentlich schon hiermit erledigt. Deshalb sträuben sich die Anhänger mit Händen und Füßen gegen früheres Erscheinen des Menschen, doch mußten die Quartärverfechter allmählich nachgeben, daß der Europäer zugleich mit einem einzelnen Affenexemplar im Miozän und wahrscheinlich schon Eozän gefunden wurde. Darauf aber die Existenzmöglichkeit der ersten Menschen beschränken wollen, ist blanker Unverstand. Denn daß auf der damaligen kleinen Halbinsel Europa Menschen sich bewegten, die weite Atlantis aber mit großartiger Fauna und Flora unter besonders tropischer Sonne von Menschen unbewohnt blieb, ist eine kindische Vorstellung. Als sicher gegeben Bestehen dieser Atlantis, als fast urkundlich bewiesen dortiges Bestehen einer Zyklopenrasse und ihr Untergang, selbst wenn die Überlieferung bis auf Plato ihre dämonische Hochkultur übertriebe, schrumpft also die Evolution darauf ein, daß sie erst für heutige 5. Rasse und ihre begleitende Fauna gelte. Abgesehen von der Lächerlichkeit, daß ein Weltgesetz plötzlich erst begonnen hätte, ist auch das leerer Wahn. Nach Verschluckung der Saurier und Riesenbeuteltiere blieben alle Tiergattungen konstant, sofern sie die Eiszeit überdauerten, der Mensch aber – auf den es uns Menschen allein ankommt – stand nie tiefer als heute, wahrscheinlich einst viel höher. Die Durchlöcherung papierner Evolutionsphrase dient zur Eröffnung unbegrenzter Möglichkeiten, denn können ganze Rassen zerstört werden, so fehlt auch jedes connecting link zu den zwei Ursprungsrassen, die laut Geheimlehre ungeschlechtlich und schattenhaft feinstofflich als Elohimkinder dahinlebten. Bei jeder natürlichen oder künstlichen Evolution hätten die fabelhaften Atlantier Götter werden müssen, doch die letzten Spuren der lemurischen Rasse sind ganz ungleich: hünenhafte Polynesier, zwerghafte Tasmanier und Papuas, teils unzivilisierbar, teils lebensunfähig, nur die Papuas mit Anklängen erhabener Urreligion. Verbesserung des ausgezeichneten Aurignaciers bis zu Geheimrat Haeckel erweckt hingegen geheime Tränen des Beileids. II Als Fliege im eigenen Spinngewebe verfangen, steht Wissenschaft vor dem Urquell der Bewegung (Parabrahman) wie der Ochs vor der Mauer, dagegen wußte Kant, die Seele sei in so unauslöschlicher Gemeinschaft mit der Geisterwelt, daß sie dauernd in sie wirke und von ihr Eindrücke empfange. Sie vermittelt offenbar als Ätherbindeglied zwischen Materie und Denken das Logoslicht. In ihm schwimmt jede Monade ganz für sich, kann weder vorwärts schreiten noch sich entwickeln, noch vom Wechsel der Zustände, wo sie physisch hindurchgeht, beeinflußt werden. Sie ist ein Ding für sich, das die von Leibniz gebrauchte »Apperzeption« nicht betasten kann. Die wirkliche Sonne und der wirkliche Mond sind so unsichtbar wie der wirkliche Mensch, sagt ein okkulter Spruch und unsere eigene Lehre braucht nicht Sinnetts »Geheimbuddhismus« dazu. Die Menschheit ist freilich reicher an geistig affenähnlichen Menschen als an menschenähnlichen Affen, die als Degenerierungsprodukt gelten können, zu dem alles zurücksinken mag, was »mehr vom Simia als mehr vom Seraph hat«. Die Embryologie des Kosmos gehorcht aber sicher gleichem Gesetz wie die irdische organische. Origines polemisierte gegen die »7 Schöpfungen« des Gnostikers Celsus. Soll dies nur allegorisch verstanden sein, so ist ja auch Atomismus nur Symbologie, worunter jeder Zweig der Naturwissenschaft sich etwas anderes denkt. Sie ist nämlich so exakt, daß sie sich alle paar Jahre inexakt findet, wie jemand witzig sagte. Wie findet sie also den Mut, über die durch Millionen Jahre bestätigte übereinstimmende exakte Erfahrung der Alten die Nase zu rümpfen! Jene symbolisierten den Mond als Regierer, Erzeuger, Erhalter des Erdlebens, den Planeten Hermes-Merkur als Erleuchter der Weisen. Das entspricht nicht nur der heutigen Astrologie (Konjunktion von Mond und Merkur), sondern entspringt okkulter Erfahrung. Mutet man uns zu, über solche »Ammenmärchen« zu lachen, so wissen wir jedenfalls eins: Mondeinfluß auf gewisse Menschen, gewisse Meere, gewisse Kräuter, alle atmosphärischen Verhältnisse sind erwiesene Tatsache, warum soll sein Bestimmen sexualer Fruchtbarkeit, wie die Brahmanen es angeben, nicht dem entsprechen? Bringt Wissenschaft selber soviel Verbürgtes oder auch nur Wahrscheinliches? Was hat sie eigentlich dagegen einzuwenden, daß die heilige Zahl 7 ein Urprinzip sei: 7 Rassen, 7 planetarische Geschichtsepochen in unserem Manvantarazyklus, 7fältige Menschennatur? Eins steht jedenfalls fest: 7 Hauptplaneten heute wie damals. Wer sie als Götter und Schutzgenien der Erde auffaßt, muß daraus 7fältige Einwirkung folgern. Gibt es kosmogenische Hypothesen, die auf so unbestreitbarer Sichtbarkeit fußen? Heute bezweifeln einige sogar die Heliozentrik, doch die 7 Planeten regieren unangefochten. Ob Venus für uns der wichtigste Planet sei, wie man okkult behauptet, lassen wir dahingestellt. Bis 1820 war die brahmanische Literatur völlig unbekannt, bis 1840 bestritt man die graue Herkunft der Veden und erklärte Sanskrit für einen dem Griechischen entlehnten Dialekt, heute weiß jeder, daß beide »dem fernsten Altertum angehören« (M. Müller). Im 20. Jahrhundert werde die Urquelle Gupta-Vidya erschlossen werden, prophezeit die Blavatzky; wenn aber Müller aussprach, Christen und Mohamedaner würden die Eitelkeit ihrer Streitereien einsehen und erkennen, es gebe nur eine Religion, die Verehrung von Gottes Geist – da kann er noch lange warten! Jener Monismus, der seine Verballhornung aus materialistischer Schablone zieht, stützt seinen Siegeszug auf Majoritätsstimmvieh. Selbst Epikur und Lukrez waren nie in solchem Sinne Atheisten, nur aus Opposition gegen persönliche Götter und Mißkenner des Symbolismus von Materieallegorien. Demokrits Lehrer Leukippos lehrte ewige Rotation der seit Ewigkeit angehäuften Atome, alle anerkannten Universalbewegung schöpferischen Atems. Die indische Materialistenschule kennt gleichfalls keinen Atheismus, denn über allen Vergänglichkeiten Brahmas schwebt die unerforschliche Substanz, über die man nicht spekulieren darf. Schankarajaria sagt: »Die empirischen Bestrebungen sind Schöpfer des Ich,« dies Ich der Nichterkenntnis und der Bestrebungen sei »das einzigartig Empfindende im Lebensprinzip«, dagegen das transzendente Ego ein allgemeines Selbst, »ungeboren unendlich« fern dem Körperschein. »Das Selbst (Atma) ist das Eine, nur in der Erscheinungswelt herrscht Vielheit, wie könnte daher der Geist mit der Vielheit identisch sein?« Alles ist aus Brahma-Atma hervorgegangen, alles so Entstandene Brahma selbst, auch der physische Leib, man darf ihn so wenig mit Atma verwechseln »wie die Tonerde mit dem Krug, der aus ihr gemacht ist«. Es fragt sich eben nur, ob einzigartiges Empfinden nicht im Debensprinzip nötig, um Individualitäten als klare Veranschaulichung von Attributen des allgemeinen Selbst zu sammeln und ob Vielheit nicht ebenso ein Attribut des Atma ist wie Einheit. So erscheinen uns die Inkarnationen nicht nur kausalnotwendig, sondern als Manifestationen überhaupt. Wir sind einverstanden mit der Geheimlehre: »Das Tier kann nie Mensch, der Mensch nie Tier werden ... Menschenaffen sind Kinder einer früheren Menschheit«, d. h. Bastarde verderbter Menschenart. Doch der indische Volksglaube, ein Mensch könne zur Strafe in ein Tier zurückfahren, z. B. grausame Sultane in Königstiger, ist nicht glatt abzuweisen, da Ägyptens Esoteriker es gleichfalls lehrten. Um bloßen Atavismus kann es sich nur in übertragenem Sinne handeln, denn weil in manchem Menschen Tigerhaftes oder Schweinisches überwiegt, wie Voltaire seine Landsleute Tigeraffen nannte, so wäre wohl möglich, daß die 3 unteren der 7 Prinzipien des Menschenwesens in besonderen Fällen verdammt würden, sich eine Tierhülle zu suchen. Solche Folgerungen sind weniger phantastisch als viele der Wissenschaft. Okkultismus kennt kein Erstes, was bedingt und endlich wäre, sondern nur ursachlose Ursache, wurzellose Wurzel, keine unabhängigen Wirklichkeiten, nur Aspekte des Absoluten. Leben ist mehr als Form, Form aber überdauert das letzte Atom, Inkarnationen sind Notwendigkeiten des zyklischen Karma, nur persönliche Anstrengung des Ego in vielen Ubungsschulen erschafft jene volle Individualität, die erst zuletzt jede elementare Form abstreifen und innerhalb ihres Zyklus zu unabhängiger Buddhaexistenz werden kann. Darf man fragen, was Wissenschaft eigentlich dagegen einzuwenden hat, da dies doch ideell ihre geliebte Evolution bedeutet? Da verlangt man wirklich zu viel von ihr, da sie überhaupt nie ideell arbeitet, daher ihr Identität einer logischen Idee mit einer von ihr abgeleiteten Tatsachenmöglichkeit, d. h. Vorstellung einer Transzendentalevolution böhmische Dörfer sind. Man sollte sich doch freuen, daß der Evolutionstraum, obschon für das Sichtbare verpufft, sichere Zuflucht im Unsichtbaren findet. Da merkt man den Teufelsfuß, daß es den Darwinisten nur um den Materialismus zu tun ist, sie pfeifen auf alles andere. Das All ist ein vollkommener Kreis mit Wurzelpunkt in der Mitte (nicht die Kreuzscheibe der christlichen Rosenkreuzer), es entsteht durch siebenfache Hierarchie göttlicher Keimkräfte, Offenbarung eines Urgesetzes in den Naturgesetzen, die nicht mit ihm identisch sind, wie menschlicher Vorwitz hineinklügelt. Es gab eine Schöpfung kosmologisch elementarischer Schöpfer (Elohim), sie schuf ein feuriger Wirbelwind, dessen Gasnebel sich als Sonnenuniversum verdichtete. Dieser Akt ist so riesenhaft über alle menschlichen Begriffe, daß man ihn nur im allgemeinen denken kann, während die Hypothesen »Äther, Weltnebel, Atome« für nüchternen Verstand wie für Einbildungskraft gleich nichtssagend bleiben. Man kann eine Schlacht nicht damit veranschaulichen, daß man auf einem Brett, das man Schlachtfeld nennt, ein paar Klötze aufbaut und ihnen Namen gibt, ohne angeben zu können, wie und auf wessen Geheiß sie sich in Bewegung setzten und wann. Der gute Papa Kronos ist selbst schon etwas Hervorgebrachtes, Zeit ein Agens des Raumes, Illusion der Bewußtseinsstände, deren Unterscheidung in Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft gleichfalls illusionär. Die Zukunft ist schon da, nur dies erklärt das telepathische Hellgesicht. Naturforschung aber, insbesondere Evolutionsschnickschnack, zerfällt ohne Grundlage der Zeit als einer bestimmten Wirklichkeit, wobei Geologie um die Kleinigkeit von 1 bis 10+000 Millionen Jahren in Abschätzung der Erdexistenz schwankt. So ist auch ein getrennt vom Stoff handelnder Nous der Eleaten nur anthropomorphische Illusion, denn das Unendliche kann nicht das endliche Attribut des Denkens haben, es handelt unbewußt als Allbewegung. Fichte, Schelling, Hegel denken sich einen »höchsten Geist« in menschlichem Sinne, Hartmanns absoluter Geist ist noch lange nicht das Absolute, Versenken des Individuums ins universale Bewußtsein (Fichte) unmöglich für ein nicht selber universales Bewußtsein, auch kann das Absolute nicht den Trieb zur Selbstemanation haben (Hegel), sofern sich damit ein Selbstwille verbinden soll nach menschlicher Vorstellungsart von Selbstgefühl. Solche Begriffe eignen sich nur für unsere Erscheinungswelt, eine Projektion oder Fata Morgana des Unveränderlichen. Indessen sind auch solche Spekulationen so wenig neu wie der »Archäus« von Parazelsus und van Helmont, die Urreligion bekräftigt sie sogar, doch eben nur angewandt auf das geoffenbarte All, nicht auf das letzte Absolute. Das Verlangen nach fühlendem Sein ist natürlicher Reflex des Gottgedankens, daß die Welt sichtbar werden solle, sozusagen eine göttliche Reflexion. So wie der Embryo sich vor der Geburt ein Leben nicht vorstellt und es von seinem Standpunkt als Tod oder Nichtsein betrachten würde, so ist Nichtsein eine dem Menschen unfaßliche Vorstellung. Der »verborgene Herr«, der mit dem Absoluten eins ist, wird als »elternlos« bezeichnet; was unser endlicher Intellekt intuitiv erfahren kann, ist auch nur Endliches, was Eltern hat, nämlich den unteren Logos des Weltphänomens in unserem besonderen Manvantara. Der »oberste Werkmeister« der Freimaurer ist kein erkannter Allgott, sondern die Alten erfaßten die Schöpfer im Plural der Elementargeister, die dies All aufbauten und periodisch in »Brahmas Nacht« zerstören, um es erneut wieder aufzubauen, Gott ist unerkennbar dahinter in der Ewigkeit. Auch jene »Diamanthalter« (Gleichnis der Unzerstörbarkeit) als aus menschlichen Buddhas gehärtete Mahatmas kennen nur die Schöpfer, nicht den letzten zureichenden Grund, selbst Christus, der laut Hegel die ewige »Geschichte des Geistes« durchlief, behalf sich mit dem Menschenbegriff »Vater«, was freilich in griechischer Adeptensprache auch Urgrund bedeutet. Daß den Kirchenreligionen für allzumenschliche Notdurft dies nicht behagt, begreift man; daß aber denkende Naturforscher sich nicht um den Sinn dieser Kosmogenie bemühen, selbst wenn wir sie nur allegorisch verstehen wollen, wäre unbegreiflich, wenn in diesen Kreisen überhaupt höheres Denken heimisch wäre. Um in ihrer Sprache zu reden: Wasser- und Sauerstoff verbinden sich im Wasser, ihre Verwandlung ist aber nur scheinbar, denn bei Zersetzung des Wassers findet man sie genau wieder. So bleibt das Ursprüngliche überall das Gleiche, obwohl es scheinbar zu existieren aufhört und ein anderes prägnanteres Sein gewinnt (Wasser statt Gas): so hebt zeitweilige Auflösung der Allform das ewig in sich ruhende All nicht auf, Tod nicht das immer gleiche Leben. Sein und Nichtsein sind Illusionsbegriffe. »Leben wird nur erkannt durch den Baum des Lebens« lehrt tiefsinnige Yogavorschrift, d. h. nur wer Wurzel und Wipfel des Daseins denkerisch berührte, kann es richtig erfassen. Dunkelheit ist die Mutter des Lichts, Dunkelheit beleuchtete sich, wie ein Rosenkreuzer sagt, um sich sichtbar zu machen, wozu ihr der oberste stolzeste Erzengel Lucifer verhalf und so die Einheit des dunkelschweigenden absoluten Seins trübte. Selbstgefühl, sich hervorzutun, scheint ein vom phänomenalen untrennbaren Naturdrang, weshalb die Lucifermythe naturgesetzlich begründet. Von ebenso symbolischer Bedeutung ist der Lotus, die Wasserlilie. Vom Äther, der großen Lichtmutter, dem ewig Weiblichen empfängt sie Hitze, d. h. Feuer, den sinnbildlichen Geisterwecker, und entsprießt so aus Wasserschlamm, ihr Same aber enthält schon vollkommen geformte Blätter, ganz die gleichen, die später auswachsen. Gleiches beobachtet man bei vielen Pflanzen, ihr Embryo kommt fertig in Miniatur ans Licht. Beweist das nicht, daß der Erdgeist die Idee des Produkts fertig vorausformt? Heutige Vorbilder kommender Dinge sind im Unsichtbaren, ehe sie sichtbar werden. Statt tierischen Aufstiegs besteht weit mehr Wahrscheinlichkeit für Menschenursprung aus geistigen Prinzipien, wofür sämtliche Urzeitüberlieferungen als »Sagen« eintreten, für Formung von innen nach außen, wofür sogar physiologisches Beweismaterial nicht fehlt. Daß dann die 3. Rasse immer mehr sich versinnlichte und dann verrohte, die 4. Rasse bereits in wildem Hochmut »Götter« spielen wollte, »Gewaltige vor dem Herrn« aus Kains Geschlecht (alles Atlantiersymbole, wie auch der sog. Turmbau zu Babel später auf Kleinasien übertragen auf dem Umweg über das Buch Enoch), entspricht so sehr der Menschennatur, daß man nachdenklich fragt, ob heutiger Weltkrieg und Bolschewismus nicht eine andere Strafvernichtung wie bei 3. und 4. Rasse prophezeien. Ob in jenen Katastrophen (für Lemurien Erdfeuer, für Atlantis submarin) göttliche Bestrafung lag, wie die Bibel es für Sintflut und Sodoms Vertilgung aussagt, vermag kein Sterblicher zu wissen. Der Karmagläubige findet indessen durchaus sinngemäß, daß sowohl sinnliche Vertierung als »Zauberei«, d. h. naturwissenschaftliche Technik mit einseitiger Ausbildung des Verstandeshochmuts und steigender Gemütsverkümmerung sich selbst eine Züchtigung wachrufen. Uns scheinen die Sünden jener Altvordern beglaubigt, besonders scheußliche Sodomiterei, für die uns der Anthropoidenbestand eine lebende Urkunde bleibt, wir werden daher schwerlich mit naseweisen Materialisten jene schrecklichen Heimsuchungen als blinden Naturzufall betrachten. Viel eigene Blindheit gehört dazu, hier nicht erschauernd düstere Mächte moralischer Weltordnung zu verehren, die sich der Materie als bloßen Werkzeuges bedient. Symbologisch-historisch scheint ausgemacht, daß die geretteten Heiligen (sumerisches Noahsymbol) vor etwa 850+000 Jahren sich als göttliche Dynastien niederließen, nicht nur in Altägypten, sondern überall, wo man Pyramiden trifft, im neuen Amerika und sogar in Europa. Überall wo atlantische Weisheit blühte, verstand man »Drache«, »Schlange«, offenbar atlantisches Nationalwappen aus Saurierzeit, als Initiation verborgenen Wissens. Das Sternbüd des Drachen soll bei der großen Flut am Pol gestanden haben, 3 Polveränderungen fanden noch später statt, wie die Astronomie nach Einsichtnahme ägyptischer Sterntafeln zugibt. Der Drache galt als Vermittler zwischen der Erde und dem unendlichen Himmelspol. Ob er in der Apokalypse die Sintflut bedeutet, scheint uns zweifelhaft, dagegen mag er ein Sinnbild selbstsüchtiger schwarzer Magie gewesen sein. Wahrscheinlich bedeutet er im Zoroasterkreis den Nordpol, dessen unheilvolle Wendung das heimische Eden der Hyperboräer in Schnee und Wüste verwandelte, so daß die Adame der 3. Rasse nach Baktrien südwärts auswanderten. Die Ägypter symbolisierten den Kosmos als feurigen Kreis mit habichtköpfiger Schlange in der Quere: Erdpol in Elliptik, so daß der siderische Tierkreis sich entzündet mit feurigen Folgen, wobei wir uns fragen, ob sich dies auf Vergangenheit oder Zukunft bezieht. Es kann aber wohl immer nur teilweise Zerstörung der Erdkugel geben, da völlige Umänderung der Planetenumgebung kaum denkbar, aus Erdtrümmern wird stets neue bewohnbare Masse auftauchen, wie das heutige Amerika nach Vernichtung der Atlantis. Auch Vereisung, wie die des Mondes, schließt nicht aus, daß dort Leben anderer Art sprießt. Bei den Alten war alles astronomisch gedacht, der Berg Helion als Hochpunkt der Sonne am Nordpol über dem Horizont sichtbar, am Südpol 32° darunter, daher dort Acheronabgrund. Jakobs Himmelsleiter ist metaphysisch richtig aufgefaßt von der Erde hinauf zum Pol mit auf- und absteigendem Tierkreis als Sprossen. Die Chinesen beteten zum Drachen als Symbol göttlicher Weisheit, auch sie hatten Götterdynastien und folgende Halbgötter als Gründer der Kultur, wie Odin und Osiris, Prometheus und Hermes. Herodot glaubt alles Ägyptische einfach deshalb, weil man in Hellas ziemlich gleiches glaubte, wo die Arkadier sich rühmten, älter zu sein als der Mond. Natürlich lächeln die Modernen, daß Völker in Kindheitsalter sich Götter erdichten. Das aber ist undenkbar, daß überall auf Erden die gleiche Überlieferung herrschte bei allen Rassen, die örtlich in gar keiner Verbindung standen, wenn nicht eine allgemeine Tatsache zugrunde lag. Alle prähistorischen Rassen übernahmen die gleiche Vorgeschichte der Erde von ihren Ahnen, welche ursprünglich ihnen gemeinsam waren, doch sich nachher in Weiße, Olivengelbe, Gelbe, Braune, Schwarze, Rote spalteten, wobei klimatische Einflüsse nichts bedeuten, da die Verschiedenheit sich besonders im Gesichtstyp ausdrückte. Hätten sie untereinander evolutionäre Beziehung, so müßten die Neger als ältester Typ rangieren, denn das Negroide der Sumerer, wahrscheinlich auch der Atlantier und Aurignacier, bestand nur in ihrer Hautfarbe, die in jedem Klima gleichblieb und nichts mit wirklichen Negroiden in Indochina und Australien gemein hat. Die eigentlichen afrikanischen Neger sind aber historisch viel jünger als Mongolen und selbst Semiten, aus ersteren gingen braune Malaien und vielleicht rote Ameroindianer als Mischrassen hervor, doch scheint dies bei den Rothäuten dunkel und fraglich. Die ganze 5. Rasse als arisch anzusprechen ist eine Willkür Blavatzkys. Die besonderen Arier kamen bestimmt nicht als neue jüngste Rasse in Betracht, der Weiße als letzte Krone der Schöpfung ist eine Fiktion arischer Anmaßung, er war Zeitgenosse der Sumerer und Mittelmeermenschen in Asien, die Inder und Turanier gleichaltrig mit Chinesen, Semiten, wenn nicht gar älter. Jedenfalls ist ausgeschlossen, daß höhere sich aus niederen Rassen erhoben, jede hatte eigenen Ursprung. Da man 10 Millionen Jahre alte Dinosauriereier jüngst in der Mongolei entdeckte, hatten Asien und Amerika die gleiche Fauna, also wohl auch ähnliche Menschentypen. Altägyptische Hieroglyphen erzählen von Göttern, Seelen (Manas) in gemeinsam entstandener Umwelt. Renan suchte dies wegzutüfteln, doch nicht nur der alte Astronom Eratosthenes, der lange zweifelte, sondern gleich ihm der moderne Champollion bekehrten sich dazu, daß laut dem im Abydos gefundenen Papyros die Dynastenlisten von Göttern und Halbgöttern noch zu Ramses' Zeit so galten, wie sie Maneto einst überlieferte, denn diese Chronologie war Geheimwissen der Priester ohne politisch praktischen Zweck für die Profanen. Nun entstand aber Ägypten später als Frühatlantis, damals war die Sahara Meer, Abessynien Insel, das übrige Afrika ungeboren, gleichwohl belehrten die Priester Herodot, daß Erdpol und Ekliptik zusammenfielen und sie von ihren alten Erzpropheten die Zeichen der Ekliptik lernten. Sie zeigten ihm 350 hölzerne Abbilder vorweltlicher Könige über 3 frühere Rassen; Götter, Halbgötter, Riesen. Diese Geschichte trifft man genau so bei den Indern und Chinesen. Die Saispriester enthüllten Solon die Geschichte der Atlantis, die dann Plato übernahm, laut Theopompus erzählten die Phrygier das gleiche. Auch Kain und Abel treten da auf: in fromme Betrachtung versenkte Arier und für Eisen unverwundbare mörderische Zauberer, da Spätatlantier und Arier gegeneinander kämpften. Sogar sehr skeptische Forscher geben zu, daß solche Übereinstimmung bei allen Völkern schwerlich bloße Chimäre sein kann. Von unserem besonderen Standpunkt aus könnten wir freilich diese Götter und Halbgötter als synonym mit jener kleinen Rasse von Geistmenschen erklären, deren Prozentsatz in jeder Generation ungefähr der gleiche, die aber einst unter vernünftigen besseren Menschen göttliche Verehrung genoß und das Regiment führte, wodurch »Saturns goldenes Zeitalter« blühte. Chimäre? Reicht nicht Erfindung von Feuer, Sprache, Zahl usw. in ungeheuere Ferne zurück? Wir fragen wieder: da das Feuer entdeckt wurde, warum soll Entdecker Prometheus Mythe sein, da doch die Ägypter wußten, daß Isis vor 75+000 Jahren ihnen den Weizen schenkte? Feuer war den Alten symbolisch für geistige Schöpferkraft, Scheu aller Raubtiere vor Feuer ist vielleicht mystisch bedeutungsvoll. Jedenfalls verschmolz sich der Prometheus- mit dem Luzifermythos und stellte nach unserer Meinung die wahre Menschwerdung dar, die Erleuchtung des höheren Manas. Nach der Zohar-Kabbala waren die »Söhne Gottes«, die zur Erde stiegen, durchaus keine gefallenen Engel, sondern inkarnierte Sendboten, die sich mit den Sterblichen vermischten, die Schlange am Baum der Erkenntnis ist die Unsterblichkeit. Alle Hierophanten nannten sich Söhne der Schlange, in Ägyptens unterirdischen Katakomben wurden im »Schlangengang« die Riten vom »Kreis der Notwendigkeiten« abgehalten. Ähnliche Karmafeier zelebrierten die Azteken, auch hier hieß ein Halbgott »Sohn der Schlange«. Die gallischen Druiden nannten sich selber »Schlangen«, Carnac in der Bretagne und Karnak in Ägypten sind Zwillinge. Der Weisheitsdrache wurde Symbol der Sonne, die Sonne Symbol der höchsten Gottheit, weshalb der Ketzerkönig Amenhoteb, von dem Blavatzky nichts zu wissen scheint, nur noch Sonnenkult pflegen wollte. Bezeichnenderweise nannten die Drachensöhne sich auch »Baumeister«, ihre Pyramiden und Riesentempel spotten heutiger Ingenieure. Drachentöter gibt es in jeder Sage, überall erschlagen Sigurds den Lindwurm, doch auch dies verwandelt sich esoterisch zum Symbol: Kampf mit den eigenen Leidenschaften, nach deren Überwindung der Adept zum Mahatma wird und als Drachensohn die Haut der Materie abstreift. Leider scheint der tibetanische »Meister« der Upasika-Blavatzky die Siegfriedsage nicht gekannt zu haben: Siegfrieds Baden im Drachenblut macht ihn unverwundbar, und er versteht alle Vogelstimmen, das auf die Achsel gefallene Lindenblatt mit der einzigen Todesstelle entspricht der Achillesferse und dem Spruch: »Du wirst der Schlange den Kopf zertreten, sie aber wird dich in die Ferse stechen«, wenn nämlich ein Rest menschlicher Schwäche im Drachentöter zurückbleibt. Der »alte Adam«, der »neue Mensch« sind keine christlichen Mysterien, sondern jeder Neophyt der Geheimkulte erstand nach Überstehen der Prüfungen in seelisch neuer Form. Verschiedene Mysterien sind sehr tiefsinnig; auf Samotrake und Rhodus, Inseln vulkanischer Bildung, symbolisierte man, daß die Titano-Zyklopen von Zeus verschlungen wurden, doch einst wieder auftauchen werden. Etymologisch sind Satan und Jahve eins, Jahve-Kain sind männliche Menschheit, Abel weibliche, dessen Jungfernblut Kain vergießt: Zeugung tritt in die Welt und damit todbringende Leidenschaft. Letztere symbolische Auslegung würden wir gekünstelt finden, wenn sie nicht so ausgezeichnet zur trotzigen Titanenhaftigkeit und sadistischer Fleischeslust der atlantischen Zauberer paßte, sowohl Technik und Magiermusik der Kainsnachkommen als Sodoms Untergang so gut zur Atlantisgeschichte stimmten. Blavatzky übersieht diese Dinge, es ist aber auffällig, daß sonst keine Ursage sich so deutlich mit Sodomiterei als Untergangsursache beschäftigt. Hierin kommt nicht nur der spezifisch jüdische Zug, alles auf geschlechtliche Phallusfragen zurückzuführen, sondern auch zur Geltung, daß geflüchtete Spätatlantier in Kleinasien ihr Wesen trieben. Die Adeptin irrt, daß die große Flut am Ararat nie stattfand, die Sumerer warfen später nur diese kleinere Überschwemmung mit der atlantischen Sintflut zusammen. Obwohl der Name Noah rein allegorisch, was Blavatzky nicht weiß, so veranschaulicht er doch auch, daß von solchen Spätatlantiern drei Rassen gleichzeitig abstammen: Semiten, Hamiten, Arier. Seth ist Übertragung des ägyptischen Sath (Hermes). Später soll Esau rot und haarig sein, Anspielung auf neukeimende Rasse von Rothäuten, dann wohl sicher in Ostasien, nicht Kanaan! Wer weiß, was sich alles in den sogenannten Büchern Mose verbirgt! III Trotzdem auch die letzte Zeit der Atlantis in Dunkel gehüllt, soll nach griechischer Überlieferung ein Weltkrieg zwischen weißen Ariern und dunklen Atlantiern sich abgespielt haben vor 9000 Jahren, Verwechslung mit Versinken der Plutoinsel Poseidonis, wofür Plato ausdrücklich eine Ziffer von über 9000 Jahren angibt, doch nach esoterischer arischer Rechnungsart bedeutet dies 900+000. Dies hohe Alter wird dadurch wahrscheinlich, daß jener Weltkrieg sich auch in der Mahabaratta und persischen Kämpfen von Diws und Peris verewigt, die mindestens dem Tertiär angehören. Die alte Chronologie galt überall als »Geheimnis der Götter«, die Juden bedrohten jeden mit dem Tod, der die Zahlen der Kabbala veröffentlichte, und doch hat Europa die nur zur Täuschung dienende Bibelchronologie angenommen. Hier ist z. B. Salomo so mythisch wie sein Tempel, in keiner andern Historie bekannt, trotzdem er angeblich Großhandel mit Asien und Afrika trieb. (Neuerdings fand freilich ein Brite angeblich das Tempelfundament, auch will man »Salomos Minen« in Ophir glauben.) Für unsere Adeptin einfach die Sulima der persischen Sage, deren »Buch der Könige« 72 Dynasten aufzählt, deren erster einen Kain und Abel zum Sohn hatte. Wir halten dies für zu weit hergeholt, Erfindung eines dem jüdischen Instinkt angenehmen Großhändlers Salomo mag den Rabbinern gepaßt haben, doch daß er zugleich ein großer Dichter und Erkenntnisprediger, mit dem sich eine erfundene Königin von Saba unterhält, deutet auf symbolische Rätsel, deren Lösung noch nicht spruchreif. Verbindung mit arisch-persischer Namensähnlichkeit ist nicht gar so leicht herzustellen, indessen soll der erste Sulimaskönig Huschenk Altbabylon gegründet haben, sein Nachfolger Ninive, viele Hauptstädte der Urzeit z. B. Delhi sind auf sechs verschiedenen Städten erbaut – wie sollen aber Turanier schon so früh an diesen später so berühmten Örtlichkeiten gehaust haben! Vielmehr deuten diese Sulimas auf wahre Urzeit, Huschenk ritt auf einem zwölfbeinigen Pferd, Sohn eines Nilpferds und Krokodils, in einer »trocknen Insel« d. h. einem Neuland, uns fällt ein, daß dies eher aufs ägyptische Delta verweist. Sein Sohn beritt sogar den Vogel Greif, lange vor Äonen geboren, »84 000« Jahre bedeuten hier esoterisch 8 400+000. Dieser Simurgh wird einst das verlorene Lebensland offenbaren, das am Nordpol liegt! Geheimlehre nennt ihn Sinnbild des ganzen Manvantarazyklus bis zur künftigen siebenten Rasse, in welcher anscheinend Rückbildung zur geschlechtlos geistigen Urrasse stattfinden soll! Das Sagenpferd, Sprößling der heiligen Flußtiere, sei das Meer, wie ja die Griechen das Pferd dem Poseidon weihten, vielleicht wegen Ähnlichkeit der Wellenmähnen. An dieser Symbologie ist wenigstens eins sicher: Daß die Menschheit einst auf der hyperboräischen Halbinsel saß und das arktische Meer sich unliebsam einmischte, den besten Teil wegriß. Ob Riesenvögel und zwölfbeinige Pferde, wie man Schieferspuren in Südamerika fand, also aus viel späterer Zeit, damals schon existierten? Wichtig scheint unsere obige Andeutung auf Ägypten, auch hier Verbindung aller Rassen in einer einzigen Urreligion. Daß der Himalaja, ob über oder unter dem Meer, sich »als Gürtel um die Erde erstreckt«, ihr Nabel, ist für Geologen von Belang und mag zur Festigung der Erdkruste dienen, jedenfalls wußten Urgeologen eine Menge Dinge, die wir erst mühsam wieder erfahren müssen. Neuamerika, nur etwas älter als Europa, soll gleichzeitig mit Aufschießen europäischer Alpen entstanden sein. Inder beschrieben die letzte Atlantisinsel vor 11+000 Jahren, doch schon seit hunderttausenden von Jahren versank der große Kontinent stückweise. Krischna, die inkarnierte Sonne, kämpfte gegen die Atlantier am Atlas und Teneriffapic, Theodorus berichtet, daß die Atlantiden morgens und abends die Sonne »verfluchten«, d. h. sie mit Zaubersprüchen schwarzer Magie befehdeten. Nach anderer astronomischer Berechnung der Inder begann der Weltkrieg gegen Spätatlantis vor 223+000 Jahren, als der »Stier« mittags senkrecht über Atlantis und der »Löwe« abends senkrecht über der Löweninsel Ceylon stand. Hiermit wird schon etwas Historisches fixiert! Marcellus erzählt von drei Kontinenten, sieben Inseln der Atlantiden, deren Magier im »Licht der großen Schlange«, d. h. Astrallicht arbeiteten. Der äschyleische Prometheus prophezeit der Jo vom Nil, gemeint ist aber Nila der Blaue, ein Name des Indus: Emigration aus Indien nach Ägypten, das unzweifelhaft viel jünger ist. Wir halten dies für um so glaublicher, als die alten Pharaonenbilder einer Rasse angehören, die man eher arisch als hamosemitisch nennen könnte. Äschylus wurde zum Tode verurteilt und dann verbannt wegen Gotteslästerung, weil er als Initiierter der sabazischen Mysterien die Verteilung der Rassen und Esoterik der Prometheusmythe auf die Bühne brachte, wahrscheinlich noch deutlicher im verloren gegangenen »Entfesselten«, dessen Heraklessymbol später Shelley politisch verkleinlichte. Prometheus ist wahre göttliche Seele, Zeus bei griechischen Philosophenabstraktionen nur der niedere Intellekt, identisch mit dem eifer- und rachsüchtigen Egoisten Jehova, erzeugt aber zuletzt selber den Heiland Dionysos, der mehr ist als Mensch, identisch mit Osiris, Krischna, Buddha (daher Dionysoszug nach Indien), wohl auch mit dem kommenden siegenden Herakles-Christos, der den leidenden Christos-Prometheus erlöst am Ende des düstern Kali-Yoga, unter dem wir noch seufzen. Dann wird das Weib ohne Sünde gebären und alle Brahma, Zeus, Jahve in nichts vergehen zugleich mit Ariman, Typhon, Satan. Diese großartige Theophanie könnte den braven Haeckel begeistern als Evolution des »Wahren, Guten, Schönen«, prophetisch für die Wunder mechanischer Modifizierung vom Affen zum Übermenschen! Das Kindliche muß er hier bei sich selber suchen, man lächelt mitleidig, wie in verbildeten Gelehrtengehirnen der Zeus-Jahve niedern Intellekts mit Prometheus-Lucifer verwechselt wird, dessen supermundane Kraft allein den Übermenschen erhebt. Da aber auch kirchliche Jahveanbeter zu berücksichtigen sind, muß man sich noch mit einer andern Prometheusgestalt beschäftigen, dem Ägypter Moses. Wie mythisch er ist: die ganze Findelgeschichte ist entlehnt vom Babylonierkönig Sargon, sein Sterben auf Berg Nebo verknüpft ihn dem babylonischen Weisheitsgott, sein Errichten der eisernen Schlange verweist ausdrücklich auf die ägyptische Schlange der Geheimlehre. Nebo, Sohn der Mondgöttin und des Sonnengottes Merodach, des Baldurvermittlers zwischen Göttern und Menschen, ist als Planet Merkur identisch mit dem ägyptischen Hermes, Moses also Adept des Nebo, des Merodach-Verkünders. (Das entspricht übrigens neuster Kunde, wonach die Sumerer ihre Kultur nach Ägypten getragen hätten.) Von einem monotheistischen Gott Abrahams, Isaaks und Jacobs keine Spur, sondern nur von chaldäisch-ägyptischem Urwissen! Jetzt will man einen Jehutempel am Sinai ausgegraben haben mit einer Steintafel »althebräischer« Inschrift: »Ich verdanke der Königin Hetsupsut mein Leben, die mich aus den Wassern errettete«, welche Identifizierung Mose wohl nur allegorisch zu verstehen. »Althebräisch« gab es nie, Moabiterinschrift ist was anders, Verwandtschaft mit Mexikanischem verweist nur auf Ursprache = Wurzel. Die Tafel soll 5000 Jahre alt sein, was die Bibelchronologie (Moses um 1450 v. Chr.) ohnehin zerstört. Der unwahren Bibelchronologie paßt man sich auch an, wenn man die Cheopspyramide auf 3350 oder gar 2170 v. Chr. datiert, was zugleich dem darwinistischen Wunsch entsprang, ägyptische Hochkultur möglichst spät anzusetzen. Doch die Zodiakzeichen im Denderatempel – analog einem Tempel in Vorderindien – ergeben eine Überlieferung von 78+000 (drei siderischen) Jahren! Ägyptologen lassen sich eine Hintertür, die Ägypten gründende vorhistorische Rasse sei schon hochzivilisiert gewesen, bevor sie ins Niltal einwanderte. Ist laut Volney die griechische Kenntnis des Tierkreises schon 17+082 Jahre alt, so ist der ägyptische Gesetzgeber Manas mit 4180 v. Chr. unsinnig spät angesetzt, soll wohl heißen 4+180+000! Mackay schenkt den Ägyptern fünf, Indern und Chinesen 10 Millionen Jahre, dies scheint übertrieben, da es unseres Erachtens bis in die Sekundärzeit reichen würde, jedenfalls muß man aber bis ins Frühtertiär rechnen. Mit welcher Verstocktheit die Indologen indisches Urwissen verfolgen, zeigt die lächerliche Behauptung, Pamini habe erst 200 v. Chr. die Schriftsprache erfunden, weil er die vollkommenste Grammatik schrieb, was gemeinhin erst spät in einer Nationalsprache geschieht (vgl. Diktionär unter Richelieu, von Johnson und Webster erst im 18. Jahrhundert). Die Brahmanen kamen aber aus Iran, wo die Felsen notorisch schon lange zuvor mit Schrift bedeckt waren, nach einigen Paläontologen vor 12+000 Jahren, wahrscheinlich noch viel früher. Die Griechen wollen erst 770 v. Chr. die Kadmosschrift gehabt haben, doch die fortwährend mit ihnen lebenden Phöniker hatten sie vor 1500, Schliemann entdeckte Gefäße mit unbekannter Inschrift aus sehr viel älterer Zeit, tasmanische Runen erlauben sogar die Möglichkeit, daß schon Spätlemurier sich schriftlich verständigten, sicher hatten Atlantier eine volle Schriftsprache, die sich in Hieroglyphen und chinesischen Zeichen vererbte. Nach unserer Meinung fällt Sprachschaffung fast automatisch mit gesteigertem Denken zusammen, schon der Wilde versucht Botschaften irgendwie zu fixieren, Zeichensprache bildlich zu übersetzen. Spekulation über verschiedene Sprachalter ist daher müßig, ein Alphabet irgendwelcher Art wird sich allemal sofort zu Beginn der Zivilisation einstellen. Azteken und Peruaner gebrauchten Hieroglyphen, auch ihr Alter reicht ins Nebelgraue trotz leichtfertig spätdatierter Zahlen, wie sie Spengler auftischt. Jene seltsame Esauanspielung entspricht geographisch-ethnologischer Wahrscheinlichkeit, daß Amerika aus Asien besiedelt wurde. Daß Prometheus das Feuer »entdeckte«, ist blöd, da schon Lemurier Blitze und Vulkane kannten, Benutzung des Feuers trifft man bei den untersten Wilden, darum brauchte man Prometheus nicht in so hohen Ehren zu halten. Nein, Feuer bedeutet esoterisch Schöpferkraft, Prometheus brachte Vernunfterkenntnis und den göttlichen Seelenfunken der Inspiration, den entdeckte er und entzündete ihn blitzartig durch Reibung mit der Materie, er selber ist Genius des Feuers, transzendentales Menschheitsego. Darum sagt er bei Äschylos, er habe verhindert, daß die Sterblichen zum Hades sanken, d. h. er gab ihnen die Offenbarung der Unsterblichkeit, tat dies aber ebensowohl als indischer Gott oder Osiris und Merodach. Offenbar verweist die Sodomsage auf jene Zeit, wo »Sünde und Schande« entstellte Bastarde menschlicher Herkunft zeugten. Stammte aber Menschwerdung von Haeckels Gnaden nicht weiter rückwärts aus Lemurien, wann entstanden die unglaublichen Riesenstatuen der polynesischen Osterinsel, die doch sicher ein übriggebliebener Splitter Lemuriens ist? Nach Geheimtradition erhoben sich die Titanen schon am Ende der dritten Rasse, obschon in geringer Zahl, um dann aus dem vulkanisch zerstörten Lemurien nach Atlantis auszuwandern. Da manche Gelehrte sich auf 320 Millionen Jahre seit Festigung der Erdkruste einigten, so möchten wir mit Zusätzen und Abstrichen die kambrisch-silurische Primordialzeit auf 172, die Steinkohleprimärzeit auf 105, das Jurakreidesekundär auf 38, Tertiär (Eo-Mio-Pliozän) auf vier, Quartär auf eine Million Jahre schätzen. Diese Zahlen beanspruchen nicht unbedingte Richtigkeit, kommen aber der Gegenpartei insofern entgegen, als wir die zwei letzten Stadien bedeutend kürzer ansetzten als manche Geologen. Keinenfalls dürfen aber Thesen wie die Mortillers hier gelten, der zuerst dem Menschen nur 230+000 Jahre zuschrieb, dann ihn mindestens zehnmal weiter ins Miozän versetzte, weiteres Hinausschieben aber verschwor, weil – sonst der Darwinismus verhöhnt würde! Ist das nicht kostbar? Josuas Sonne muß stillstehen, weil sonst eine Hypothesenbibel zu kurz kommt! Bei fünf geologischen Perioden wird zugestanden, daß schon die Primordialzeit reichliches Meerleben enthielt sowohl vegetabilisch als moluskenhaft. In Primärzeit verdichtet sich die Flora, Fische und erste Reptile bilden sich. Nun kann weder bewiesen noch widerlegt werden, daß damals laut Geheimlehre »himmlische« Menschen umherwandelten oder schwebten, dagegen muß man unbedingt Ursprung des Menschen neben Beuteltieren und Sauriern des Sekundär annehmen. Denn 1. finden sich damals schon Vögel, eigentliche Reptilzeit ist damit fast überschritten, Simurgh-Allegorie beweist, daß der Mensch Riesenvögel kannte; 2. kannte er bestimmt die Riesensaurier, da alle Überlieferungen von China bis Island dabei verweilen. Noch weniger anfechten kann man rückwärts greifende Logik: Besaß er im Tertiär atlantische Hochkultur, dann muß er schon im Sekundär mindestens jene Stufe gehabt haben, wie die geringere spätere Europäerrasse sie angeblich im paläolitischen Quartär besaß, als nach dem großen Zusammensturz nur noch entartete Wilde des Diluviums umherirrten. Da jede archaische Überlieferung die dritte Rasse ins Sekundär verweist, könnte erste Menschwerdung sogar schon im Primär erfolgt sein. Natürlich liegt auch keinerlei abschließender Beweis vor, daß im Sekundär nur Beutelsäugetiere vorhanden waren, denn daß in den Straten andere Fossilien bisher fehlen, kann reiner Zufall sein, entdeckte man doch erst heute die Dinosauriereier in Asien! Indessen waren sicher nur wenige Säugetierformen im Sekundär vorhanden, am wenigsten der Affe, der Mensch stammt also unmöglich von einem Säugetier ab. Sein volles Dasein im Tertiär zu leugnen ist Dreistigkeit, denn die Beweise für sein europäisches Dasein im Mio- oder gar Eozän sind gegeben, und das Klima war damals zur Lebensentfaltung besonders günstig. Die Säugetiere begannen gerade jetzt in reicheren Arten die Erde zu bevölkern, also wird auch hier ein Deszendenzestammbaum lächerlich, denn, um aus dem Beuteltier auch nur den Halbaffen hervorzubringen, bedürfte es unermeßlicher Zeit für geregelte Stufenleiter der Säugetiere, doch Elefant und Affe waren Zeitgenossen, Auerochs und Renntier erschienen später als der Tertiärmensch. Dieser ist also die vierte Rasse, die fünfte im europäischen Quartär begann etwa mit dem Neanderthaler und setzte sich bis zum Sumerer fort, doch durchlebten die Inder schon früher eine Jahrmillion, die Chinesen noch mehr. IV Natürlich ficht der Darwinist mit Händen und Füßen gegen das »Märchen« atlantischer Hochkultur, verfällt aber beim paläolithischen und neolithischen Menschen, die er huldvoll anerkennt, alsbald in naive Widersprüche. Daß die Inder schon in sehr früher Zeit gewaltige Metaphysik und Astronomie pflegten, kümmert die Herren nicht, zumal die teils den Theologen teils den Darwinisten gefälligen Indologen es möglichst leugnen. Dagegen gesteht man den Neolithen Acker- und Pfahlbau, Weber- und Töpferei zu, was samt Kunsthandwerk hervorragender Waffen- und Gerätetechnik doch sicher auf lange Vorarbeit der Vergangenheit schließen läßt, was aber wissen sie von Paläolithen? Daß sie als Wilde in Höhlen lebten und gar nichts Kulturelles hatten als – erstaunliche Kunstarbeit! Da der Neolith im Besitz gezähmter Haustiere trotzdem kannibalische Neigungen hegte, die seinen wilden Vorgängern ganz fehlten, unter Abwesenheit jedes Kunsttriebs (Gould), so ist das ein Schlag ins Gesicht der Evolution. Denn erfahrungsgemäß stellt sich Kunsttrieb am spätesten ein, er ist – den Gelehrten sei es gesagt – die vornehmste Seelenblüte, die nur in besonders begabten und hochgestimmten Gemütern Platz findet. Nun wohl, »die Renntierweide«, »der laufende Mann«, alle bisher bekannten Schnitzereien und Gravierungen jener Wilden übertreffen himmelhoch jede ägyptische Wandmalerei und zwar, was psychologisch am auffälligsten, nicht nur in künstlerischer Auffassung, sondern nach der sozusagen wissenschaftlichen Seite der Kunst hin: in Proportion und Perspektive. Sonst kennen wir von diesen Künstlern nur kleine Steinbeile. Daß sie in schutzgewährenden Höhlen wohnten, wäre begreiflich, wo es weder Seen noch Biberbeispiele gab und man gegen Raubtiere dort am sichersten sein Lager aufschlug. Wissen wir aber, ob wir nicht nur nach zufälligen Funden urteilen und sie nicht doch andere Wohnungen hatten und auch andere Waffen, sich des Höhlentigers zu erwehren? Jedenfalls schmückten sie die Höhlen mit sinnigen Zeichen ihrer bildungsfrohen Seele. Hatten sie keine gezähmten Haustiere, so würde eben das entsprechende Rindvieh noch nicht aus Asien eingewandert sein, doch sie hatten ja das Renntier, was will man mehr? Schwere Not und Klimawechsel mögen sie in ihren Bergasylen physisch herabgedrückt haben, doch ihr Kunsttrieb konnte nur das Erbe einer langen Kulturvergangenheit sein, eher beweist dies also für den Psychologen klar das Vorherbestehen einer hohen untergegangenen Rasse. Der Neolith scheint dagegen trauriger Rückfall zum Lemurier ohne jede geistige Evolution, er bildete nur praktische Fähigkeiten aus, muß aber auch hierin Vorgänger gehabt haben. Übergang vom Wilden wäre viel zu schnell erfolgt, um einem Prinzip langsamer Entwicklung zu genügen. Vom Paläolithen wissen wir viel zu wenig, um zu beurteilen, ob er nicht als atlantisches Erbe Eigenschaften besaß, die für ihn Ackerbau unnötig machten, ihm auch hypnotischen Schutz gegen Raubtiere sicherten. In einer Höhle fand man Skelette von sieben zusammenhockenden Menschen neben Hyänen und Löwen, wir möchten dies als gemeinsame Flucht vor Erdbeben deuten, indessen bleibt doch seltsam, daß die Raubtiere augenscheinlich einträchtig mit den Menschen sich verständigten statt sie zu fressen. Was beweisen die Steinbeile und Eolithenkiesel bis ins Eozän? Daß es damals Wilde gab wie heute! Ein Naturforscher nach 100+000 Jahren, wenn Europa vielleicht unterging, könnte ebenso logisch aus Zigeunerüberbleibseln schließen, daß es dort keine Zivilisation gab. Verschlänge heute ein Erdbeben alle Küsten Australiens und nur der »Busch« mit Papuabewohnern bliebe übrig, so könnten spätere Forscher das Märchen eines »Commonwealth of Australia« verlachen. Gewöhne man sich doch endlich den Wahn ab, daß die Urrassen in eintöniger Uniformität eine sich überall ähnliche Menschheit bildeten. Hohe und niedere Rassen lebten nebeneinander wie heute, in Alteuropa die Großen von Cro Magnon Krapila, Mentone neben Kleinen und Verwilderten in belgischen und Tyroler Höhlen. Verständen aber die Mittelmäßigen, die im Geleise ihrer Examina trotten, etwas von Psychologie und Ästhetik, so verständen sie, daß die Künstler, die nach damaliger Gepflogenheit auf Renntiergeweihen ihre Meisterwerke einritzten, nie und nimmer Wilde waren oder von so besonderer Kulturart, daß jede äußere Zivilisierung sich vor ihnen verstecken muß. Wir brauchen aber die kunstfremden Neolithen nicht für Degenerierte zu halten, sondern nur, was in gleicher Weise das Evolutionsprinzip schädigt, die natürliche Ungleichheit nebeneinander stehender oder aufeinander folgender Rassen seit Anbeginn voraussetzen. Der Paläolithenmann, der mit einem Steinmesser sein Renntier anatomisch proportional und Gras und Bachrand perspektivisch schraffierte – was die Malerei erst seit Leonardo kennt –, tat ein Wunder wie etwas Selbstverständliches und stieg unendlich höher als die ganze Durchschnittsmenschheit eines späteren Europa. Wer weiß übrigens, ob er sich nicht den Berglöwen als Hauskatze und Jagdgefährten hielt und sein Lager mit ihm teilte, geborgen in »magischer« Unverletzbarkeit, und den Elefas für sich arbeiten ließ! Rawlinson macht sich über den »ursprünglichen Wilden« lustig, der wohl nie als allgemeiner Typ bestanden habe. Jawohl, aus einer devonischen Kalksteinhöhle bei Torquay fand man übereinander gelagert eine neolithische Schicht mit ausgezeichneten Geräten und darunter eine andere mit Knochen ausgestorbener Riesentiere nebst kleinen Steinbeilen, für die daher, wie wir ergänzen, nur Hände kleiner Menschen passen. Glaubt man, daß diese Kerlchen damit im Mammutzeitalter ihre Tiergegner erlegten, während ihre fleißigen Hände zugleich Fresken einritzten? Nein, neben den mächtigen Ariern besiedelte damals Westeuropa der fälschlich sogenannte Mittelmeermensch aus älterem Zeitalter, allmählich bis nach Afrika hinausgedrängt, er ist der eigentliche Neolith, der noch später als Mykenokreter bedeutende Technik erwarb, doch keine seelische Kultur. So falsch der Arier als Kulturbegründer gilt, zeichneten ihn doch von Anbeginn Kunsttrieb und Phantasie vor allen andern Rassen aus, wovon Homer und Mahabaratta bald Zeugnis ablegten. Daß die barbarischen Achäer so früh das formal und inhaltlich gleich unübertreffliche Wunder Homer hervorbrachten, ist wieder ein Evolutionsskandal, besonders wenn diese Meistergesänge eine Sammlung vieler Barden waren, solche Menschen machten einen ebenso unbegreiflichen Aufwärtssprung aus Barbarei in höchste Seelenkultur, wie ihre Ahnen von der Renntierweide. Logik: Die uralten Arier müssen bereits vom Tertiär eine hohe Geistesstufe übernommen haben. Wie in Afrika die gigantischen Umjamwewe und Pygmäen ziemlich nahe beieinander nisten (glänzende Ehrenrettung Herodots), so gab es laut Broca und Pryère in Alteuropa stets zwei verschiedene Rassen. – Blavatzky betont »die ungeheure Kluft zwischen arischem und semitischem Denken, Aufrichtigkeit und Unehrlichkeit«, das sind aber verschwommene Ethnologien, da Ägypter und Chaldäer später mit Semiten gemischt waren, die hebräischen Kabbalisten das sie nördlich und südlich umgebende Urwissen aufschnappten und, genau wie arische Griechen in eleusinischen Mysterien, wenig verändert nachbildeten. Wenn hier Jehova nur einen weiblichen (Binah) und männlichen Sephirot bedeutet, d. h. die Menschheit, dagegen Lucifer den wahren Gottschöpfer, so müssen die Esoteriker des Neuen Testaments dies auch gewußt haben. Groteske Unverschämtheit christlicher Missionare, die Inder hätten aus dem Neuen Testament entlehnt, verbirgt ihre staunende Wut, so viel kirchliche Symbole bei den »Heiden« wiederzufinden. Ein katholischer Marquis als Dämonologe versichert die Teufelslist, daß die Alten längst vor Jesus schon Christi Leben und Lehre plagiierten! Man muß lachen, aber es ist ein trauriges Lachen. Sir Johnes und der von den Brahminen gehänselte Wilford äußerten über Indien kaum minder Lächerliches, und als Blavatzky die Ignoranten grausam heimschickte und sie geradezu barbarisch zurichtete, ließ sich kein Wissenschaftler herab, davon Notiz zu nehmen. Denn es gibt nichts Unduldsameres, Kasten- und Pfaffenmäßigeres als die Gelehrtenzunft. Ob der Buddhismus unmittelbar auf die Evangelien einwirkte, ist bedeutungslos, denn obschon Maria nicht Maja bedeutet, sondern Mara das Meer »die große Täuschung«, so geht dieser gleiche Gedankengang, daß die Heilande als Menschen in der Illusion geboren werden, offenbar auf allgemeine Geheimlehre zurück. Für diese zeugen noch ungeheure Bibliotheken in Gebirgskrypten des Himalaja und in Zentralasien, wo einst nachweislich in Mongolien und Turkestan glänzende Kulturstädte thronten zur Zeit der vierten und vielleicht schon dritten Rasse. Auch gab es ursprünglich allgemeine Priestersprache (Senzar), vermittels welcher, wie im Mittelalter durch Latein, sich die Initierten am Euphrat, Nil, Ganges verständigten. Hierdurch kannten die Hellenen die Hyperboräa als Reich Appollos und einen zweiten Hauptkontinent Atlantis. Kants elementar primitives Fluidum, Keplers Systemwirbel und Ähnliches von Galilei bis Swedenborg sind schon in indischen »Mantras« enthalten. Beginnen wir damit, daß die Kabbala vier Adame lehrt: göttliches Phantom, das verschwand; transplastische Androgyne; Staubadam; angeblich gefallener Adam der Erkenntnis, beide unter Einwirkung geschlechtlicher Fortpflanzung. Die hebräische Bundeslade (Arche) mit zwei Elohim emblemierte den Zeugungsakt mit Penis und Gebärmutter. Die Inder fügen hinzu das daraus entsprungene Karma als Vorbereitung transzendenter Entwicklung. Die fünfte Rasse ist noch nicht voll ausgewachsen: ägyptisches Symbol fünf ausgespreizter Finger, kleiner Finger nur halb mit fünf Hieroglyphen, fünf Vokalzeichen in antiken Tempeln und fünf »Zweige« der Gnostiker sind gleich fünf Wurzelrassen. Arche Noah symbolisiert das Schiff der Mondscheibe, wo Astarte schwebt, Mutter der Götter, Königin der Fruchtbarkeit, später fortgesetzt als Gottesmutter Maria. Ihr entsprießt Isis in Dreieinigkeit mit Osiris und Thot-Hermes. Die Juden unterschieden sich so wenig von andern »Heiden«, daß die architektonischen Maße des mythischen Salomotempels gleich sind mit denen der Pyramide. Adam ist ein Priapusprinzip, Jahve als »Bild Gottes« mit ihm eins, der Atlantier Noah eine Art Heiland, der in seiner Mondarche Keime alles Lebendigen rettend trägt, Schöpfer der fünften Rasse. Bei Indern und Ägyptern ist der Geist des Allerheiligsten rein metaphysisch, bei den Juden, die dies internationale Symbol übernahmen, realistisch physisch. »Harter Realismus, Selbstsucht, Sinnlichkeit« brandmarkt Blavatzky dies erst 8000 Jahre alte Volk, dessen Entstehung und Herkunft unbekannt, während indische Arier wohl eine Million Jahre bestanden, ohne die voraufgehenden (lemurischen?) Dravidas zu rechnen, die unstreitig auch schon geoffenbarte Urreligion besaßen. Bei den Alten bedeutete niedriger Eingang zum Sarkophag der Königskammer Wiedergeburt, nur bei den Juden Zeugungsdienst eines anthropomorphischen Gottes, daher der Name Monotheismus! Auch die Inder hatten Phalluszeichen, doch ihr Weltsymbol war der Lotus. Philo, selbst Rabbi, gibt zu, daß Haß gegen alle andern Rassen jüdisches Gebot war. Die Sadduzäer verwarfen jeden religiösen Glauben außer dem »Gesetz« (siehe später), erst die Kabbala suchte hinter dem auf Zeit gepachteten Stammgott den Ain Suph, die von Ägyptern und Chaldäern entlehnte Offenbarung. Erst 3-800 Jahre nach Moses – wohlgemerkt nach Bibelchronologie, denn die Mosesmythe reicht in unergründliche Vorzeit – schuf David nationalen Judaismus, die sogenannte Bibel brachte man aus babylonischer Gefangenschaft als kein autochtones Gewächs. Hier verschwand der alte Jav der Mysterien für einen politischen Nationalkönig Jehova, den spätere kabbalistische Gnostiker »Abrasenz« tauften, alles eher als monotheistisch. Bei allen Semiten galt der Erdgeist Satan als Sohn und Engel Gottes, Zwilling des Himmelreichs, der Talmud untersagt geradezu, den Teufel zu verfluchen. Er ist sozusagen Karma, verwoben mit dem Menschen, »Dämon« ist bei allen Alten transzendentales Ego, »Deus is Demon inversus«. Zoroasters Ferouer entsprechen dem, im Christenmythos vergröbert zu St. Michael, der ursprünglich den Planeten Merkur, den Hermes der Gnostiker bedeutet. Desgleichen schöpften Evangelien und Apokalypse aus dem uralten Buch Enoch eines vorsintflutlichen Patriarchen, Kopie aus Urreligion. Wenn Bossuet den »Fallenden Stern« der Apokalypse naiv für den Herätarchen Theodosius ausgab, so möchten wir freilich auch nicht anerkennen, daß die 7 Häupter des Drachen und seine 5 Könige den Zyklus der 7 Rassen und 5 davon, die nichts taugen, repräsentieren oder der 3. Teil der Sterne, der zur Erde her abgeworfen wird, neu zu inkarnierende Monaden bedeuten. Hier gibt es andere Deutung. Dagegen bedeutet der biblische Fall der Engel offenbar Inkarnierung von Göttern in Menschen, keinen Sündenfall, sondern eine Tat des Erbarmens von Prometheus, Krischna, Osiris und den Buddhas. Wenn Jahve »wie ein Blitz« vom Himmel stürzt, so soll ja Christus dasselbe tun (Math. 24), sie werden also seltsam veralgamiert. Laut den Akkadern sind die Götter zugleich wohltätig und bös, denn Kosmos liegt stets im Kampf mit Chaos, und Karma birgt Böses im Dienst des Guten. Man atmet auf, wenn man aus düsterer jüdischer Stickluft in dies Hochland einfachen und um so tieferen Denkens hinaustritt. Diese Alten verstanden, daß die äußere Natur unter anmutiger Maske nur ein »steinkaltes Schlachthaus«, die abstrakte Natur aber jenseits sinnlicher Täuschung ein Arbeitshaus des Karma ist, worin Leid erhaben notwendig, ohne welches nur Stillstand und Seelentod wäre. »Wehe denen, die ohne Leid leben!« Ariman ist der Schatten des Ormuz, mit ihm gleich, die Elohim, die indischen Asaras, die 6 geistigen Engel Zoroasters, die zugleich mit dem ewigen laicht in 7 Tagen (Zyklen) das All schaffen – sie alle sind »Söhne der Finsternis«, aus der allein das Dicht kommen kann, weshalb Satans Name »Engel der Finsternis« nichts weniger als ein Schimpf. Darf man solche Anschauungen wissenschaftlich antasten? Nichts davon! Apokryph? d. h. Geheimbuch, das Wort wird falsch mißbraucht, ein solches fand man in Abessinien: »Enoch« heißt Adept, wie Orpheus mit der 7 fältigen Leier die 7 Initiationen eines orphischen Kults bedeutet, der sich mit allen andern Mysterien deckte und heute vielleicht noch bei Papuas und Negern ein Asyl fand. Aberglauben? Inwiefern war der Intellekt einst geringer als heute? Schädelindex, da Wissenschaft sich immer nur auf äußere Merkmale einläßt, ist ein zweischneidiges Beweisstück, denn er ist bei den alten Germanen nach Höhe und Breite gemessen einen halben Zoll größer als bei heutigen Europäern, die hierin ihrerseits noch nicht um anderthalb Zoll den Hottentotten überragen. Gewiß beharren wir dabei, daß alle Quantitäten fragwürdig und nur Qualität des dem Hirn zugeführten Blutes entscheidet, doch wenn Wissenschaft alles Unkontrollierbare verachtet, darf sie sich hier nicht auf äußere Kennzeichen berufen, da schneiden die Modernen schlecht ab! Nichts berechtigt zu der Anmaßung, sie seien scharfsinniger als ihre Urahnen, die vermutlich viel mehr wußten als wir, weü unverbüdeter und der Urzeit näherstehend. Erwiesenermaßen setzte das Leben ohne geschlechtliche Fortpflanzung ein, diese sogar exoterische Lehre der Inder wird wissenschaftlich anerkannt, der »bei weitem größte Teü der Lebensformen brauchte keine geschlechtliche Hilfe« (Laing), Haeckels Moner vermehrte sich durch Selbstteilung. Nach unserer Meinung gehören auch hierher die Experimente, wonach abgetrennte Glieder an anderer Stelle wieder anwachsen oder Selbstloslösen von Gliedern wie der Eidechsenschwanz: sie beweisen funktionelle Selbstbestimmung von innen nach außen ohne geschlechtliche Beimischung, eingeborene Plastik ohne Sexualprozeß. Vergegenwärtigt man sich die ungeheure Tragweite? Zunächst stellen wir fest, daß Geheimlehre über die ersten geschlechtslosen Menschenrassen hochwissenschaftlich begründet ist. Dies ist aber das physische Fundament der ganzen Lehre: steht es fest, kann der Bau nicht einstürzen. Der Übergang zu Doppelgeschlechtlichkeit ist gleichfalls erwiesen durch Hermaphroditentum vieler Pflanzen und einiger Tiere, jungfräuliche Fortpflanzung besteht in der niedern Lebewelt, wo scheinbare Eizellen ohne Befruchtung Individuen hervorbringen. Der Mensch muß nach eigener darwinischer Theorie diese Stadien durchgemacht haben wie jedes andere Lebewesen und siehe da, im Embryo zeigen sich Geschlechtsunterschiede erst ganz zuletzt! Den Menschen von diesem biogenetischen Gesetz auszuschließen wäre also höchst unwissenschaftlich. Durchlief er aber Phasen der Selbstteilung, des Hermaphroditischen, der jungfräulichen Fortpflanzung, so bedurften er und alle andern Organismen gar keiner mechanischen Entwicklung, es könnten sich neue Rassen jungfräulich gebildet haben unter unbekanntem geistigen Antrieb. Das Modell als Urtyp muß vorhanden sein, ehe die Monade es verfestigt, sowie der Künstler ein Modell geistig vor sich sieht, ehe er es dimensional objektiviert. Aus Adams Rippe wird die Idee Eva herausgezogen und manifestiert, somit scheint die sumerische Genesis ebenso tiefsinnig wie wissenschaftlich, denn das Gebären des Androgynen kam erst in der 3. Runde. Da Sexualität die derbste Verknotung der Materie bedeutet, so ist durchaus natürlich, sich ein asexuelles Urwesen als feinstofflich und »himmlisch« zu denken, der ganze Manvantaraprozeß der Menschheit dreht sich anscheinend darum, zu diesem Frühstadium endlich zurückzukehren, gestärkt und geläutert durch unablässige Karmaschule. Solche Weltanschauung, die erhabenste denkbare, durchzieht alle Esoterik der Urväter, lebt fort in Buddhas Nirwana und dem Christos der Gnostiker, jungfräulich geboren und geschlechtslos zum Himmel heimkehrend. V Laut 4 entdeckten Fundamentzylindern des Babylontempels herrschte der Weise Sargon der Akkader schon 3000 Jahre vor dem von Cyrus besiegten Babelkönig, Statuen zu Tellot aus grünem Sinaistein entstanden gleichzeitig mit den Pyramiden, Stadt Erida an der Euphratmündung schon 5000 v. Chr., die »Berechnungen des Bai« beweisen, daß die Sonne damals bei Frühüngsäquinoktien nicht im »Fisch« oder »Widder«, sondern im »Stier« stand, jedenfalls reichen die historisch bekannten ersten 4 Pharaonendynastien viel weiter zurück als die z.B. von Spengler benutzten falschen Jahreszahlen. Für Tertiär schwanken nun die Geologen zwischen 2 und 15 Millionen Jahren, Atlantis soll schon im Eozän erste Anzeichen des Versinkens gegeben haben, wir bevorzugen nach unserem Ermessen ein mittleres, doch sehr verkürztes Maß. Abkühlung des Planeten vor 20 Milionen Jahren (Helmholtz), 70 (Croll), 10–100 (Thompson), 240 (Lyell), 300 (Darwin), 350 (Bischoff), 500 (Reade), 1000 (Huxley)!! Nach so bunter Speisekarte wissenschaftlicher Exaktheit haben wir uns auf 320 verständigt. Bildung der Kontinente vor 650+000 bis 27 \½ Millionen Jahren, sogar 37 (Houghton), nach anderer Berechnung gar 131+\½ für sedimentäre Verkrustung! Eiszeit 80–240+000, seither 20–240+000 verstrichen! Also völliger Wirrwarr, jedenfalls belächeln Indologen grundlos die großen Zahlen indischer Mythologie, Wissenschaft ergeht sich in gleich ungeheuren Zeiträumen, wo Darwinisten behaglich mit ihrer Allmählichkeit lustwandeln. Und wie außerhalb der Erde? Der Inder Planetengeister (Dzyan Cohans) sind nur in unserm eigenen Planetensystem zu Hause gedacht, doch die Vorstellung, daß im All kein Leben herrscht als auf unserer lange unbewohnten Erdkugel, ist einfach komisch. Hat jedes Atom Bewußtsein wie Haeckel so treuherzig bekennt, wieviel stärker sind dann erst die Planeten von lieben besät! Wir kennen nicht mal unser Ich, unsere Schlafträume zeigen Vorstellen des Bewußtseins ohne sinnliche Wahrnehmung, wie können wir über Bewußtsein anderer Organismen und gar erst der Planeten etwas wissen! Sonne, Mond, Venus, Merkur als Wohl-, Mars, Saturn, Neptun als Übeltäter sind wahrscheinlich geistige Prinzipien, ihre Geister in der Lage, auf die kleine Erde ständigen Einfluß zu üben, was ja auch physikalisch für Sonne und Mond feststeht. Leider verirrte sich hier Swedenborg und lieferte ein trauriges Beispiel zur Vermenschlichung submundaner Begriffe, was er auf Übersinnliches übertrug, das sich notwendig von irdischer Auffassung unterscheidet. Davon hielt sich, obschon er sich über solche Verschiedenheit klar ist, auch Flamarion nicht frei, denn er nimmt menschliche Lebensbedingungen für Behausung anderer Planeten an (Pluralité des Mondes). Die Erde selbst unterliegt ja mannigfacher Zerstörung, richtiger Verdunklung und Herabsinken, jedenfalls physischer Veränderung der Lebensmöglichkeit – wie erst Gleiches auf andern Planeten! Sogar die jüngste verworrenste der archaischen Schriften, die hebräische, entnimmt älteren Quellen die Aufzeichnung, daß die erste Wurzelrasse der »Könige von Edom« ausstarb, daher an Kontinuität in darwinischem Sinne gar nicht zu denken ist. Spricht der Herr zu Rebekka: »2 Völker sind in deinem Leibe«, so mag dies auf Übergang von 4. zu 5. Rasse Bezug haben, die 4. ist außer jenen wenigen Exemplaren, die als göttliche Könige und Hohepriester von Noahs Geschlecht die Führung übernahmen, sicher ausgestorben. Manche Gelehrte geben heute zu, daß der Mensch in sehr verschiedenen Adams und Evas zahlreicher Rassen gleichzeitig auftrat. Laut Baumgarten befanden sich die ersten Menschen in Larvenzustand, zu so künstlichen Vorstellungen (siehe auch Steiner) kommt, wer das nämliche in viel prägnanterer Form, nämlich Astralmenschen der Geheimlehre, nicht kennt oder als Hirngespinst verwirft. Um Urzeugung kommt man nicht herum, selbst Huxley, Tyndall, Büchner nicht, auf Befruchtung durch Meteoriten (Thompson) hat man verzichtet und wer legte das Urei für den Befruchter? Jedenfalls gab es sehr verschiedene Protoplasmas an sehr verschiedenen Stellen für den Menschen, der rein spontan aus sich heraus in die Erscheinung trat. Vorkommen miozäner Pflanzen in Grönland, Ähnlichkeit amerikanischer und japanischer Flora (Botanik von Heer und Unger) mit Westeuropa legen nahen Zusammenhang dieser Punkte mit Atlantis fest, dessen untergehende Flora an die Küsten dieser neuen Länder angespült sein mag. Japans vulkanische Inselgruppe, vielleicht ein Atlantiszipfel, gleicht polynesischen Eilanden: Zersprengung durch submarine Erschütterung, die britischen Inseln sind viermal versunken und wieder aufgetaucht. Nordsüdeuropa gab es erst zur Zeit der 5. Rasse, von Nordafrika nur Insel Abessinien, von der die Erde sich ausbreitete und die Wasser verdrängte. Als der Pas de Calais noch trocken war, gaben Eindringlinge aus Arabien und Nubien Anlaß zum Begriff Hamosemiten, wahrscheinlich hoben sich Zentral und Südafrika aus den Wellen nach Versinken Lemuriens, von dem im afrikanischen Gewässer Madagaskar übrig blieb. Durch Atlantis' Sturz erfolgte natürlich ein großer Riß, die wenigen Geretteten übermittelten nur nach tropischen Gegenden, auch zu Azteken und Peruanern, ihre Geheimnisse, doch im neuen Europa der Eiszeit unter kümmerlichen Verhältnissen treffen wir trotzdem Künstler und Techniker, auch diese hartbedrängte Rasse bewies sogleich ihre Ausstattung mit hohen Fähigkeiten. Kein Fachmann dürfte bestreiten, was der Naturforscher Rollstone andeutet, daß »intellektuelle und moralische Eigenschaften die erste statt der zweiten Rolle im progressiven System spielen«. Tatsächlich spürt man beim Kinde zunächst intellektuelles, erst viel später physisches Wachstum, ganz wie es die Geheimlehre bei vegetativ-geistigen Menschen beschreibt, auch hier wissenschaftlicher als die Wissenschaft. Vergeistigung der Ursprungsmenschen hielt trotz zunehmender Verkörperlichung noch so lange vor, daß sie schon früh eine Schreibart anwendeten, von der die gefundenen »Kerbholze« ein späteres Zeugnis geben. Wenn bei dreimaliger astronomisch nachweisbarer schiefer Ekliptik der Erdachse vertilgende Erschütterungen den größten Menschheitsteil wegrafften, so muß die 5. Rasse sich nach früher vorhandenem Typ neu entfaltet haben. Von den Tierformen erhielten sich wohl meist die Fische, doch wer weiß, welch gräßliche Ungetüme bei Aufwühlung der Meere untergingen! Die Reptile sind nur noch in beschränkter Zahl und kleineren Maßstäben da, die Zwischenart der Riesenvögel erlosch, der Papagei scheint aber vor Beginn historischer Zeit erkennbar. Dem Pferd verschaffte man einen variablen Stammbaum, doch weil der Typus Pferd sich erneuerte, ist keineswegs gesagt, daß dieser so spät in Europa auftretende Vierfüßler noch mit den zerstörten problematischen Formen eines Acht- und Zwölffüßlers zusammenhing. Für den Menschen hat nicht der Naturalist, sondern der Historiker das Wort, indem er alle ethnologischen Urkunden pietätvoll sammelt, ohne sich Glossen zu erlauben, die nicht am Platze sind. Überlieferungen hat er hinzunehmen ohne Fragezeichen und Achselzucken. Nichts spricht dafür, daß jene nachdenklichen Weisen an kindlichem Wunderglauben litten, vielmehr hätten sie katholische Wunder ausgelächelt, die sich das Landvolk noch heute aufbinden läßt, bis ins 16 Jahrhundert von Gelehrten eifrig verteidigt. Wenn jene für uns Wunderbares berichten wie Vater Herodot, so verzeichneten sie einfach Tatsachen mit chronistischer Ruhe; wo sie Allegorien anwandten, geschah es für die Plebs exoterisch, während sie esoterischen Schlüssel für sich behielten. Was anders als Wunderglauben ist das angebliche Gesetz, Materie steige von einfachen zu komplizierten Gebilden auf? Das Riesenfaultier war minder einfach als das heutige elende Geschöpf dieses Namens, der Flügeldrache komplizierter als ein Alligator, der fingierte Dryopitekus anatomisch bedeutender als der Gorilla. Es ist durchaus logisch, daß der Mensch selber damaliger Riesenfauna und -flora entsprach, da er sich sonst nicht halten konnte, er degenerierte einfach mit gleicher Antientwicklung wie die Fauna immer schwächer und kleiner, auch war ein zyklopischer Magier sicher psychisch komplizierter als unsere einseitigen Verstandesdrechsler. Verlegt man Evolution ins Geistige, so ist beim besten Willen nicht einzusehen, warum einstige Raub- und Weidetiere dümmer gewesen sein sollten als heutige oder unsere Vögel klüger als Vogel Greif, da diese Symbole (Wotans Rabe, Athenes Eule) auf Erfahrung besonderer Vogelklugheit beruhen, wie denn der erste Papagei wohl geradeso dämonisch klug gewesen sein wird wie mancher heutige, der altindische Elefant als Weisheitssinnbild galt, während Nashorn und Flußpferd gerade so dumm waren wie heute. Über den Urmenschen, Originalschöpfer aller Kultur mit geringen Mitteln, schritten die Nachfahren überhaupt nicht fort, um das mindeste zu sagen, ihre endlos angesammelten Fertigkeiten wurden zehnmal aufgewogen durch Mangel an Intuition und Originalität, man darf ruhig sagen: Jene waren genial, die Modernen nur talentvoll. Nur in der Kunst gibt es insofern keinen Rückschritt, weil einzelne Hochbegnadete in jedem Zeitalter geboren werden, indessen darf man auch hier das Kunstmilieu der Ägypter und Griechen höchstens mit der italienischen Renaissance vergleichen. Cro-Magnon-Leute hält man für Verwandte der Basken, Kanarischen Guanchos und sogar Amero-Indianer, miozänische Flora Frankreichs wird als afrikanisch angesprochen, jedenfalls saßen allerlei fremde niedere und höhere Rassen in Europa bunt durcheinander, zumeist aus Asien eingewandert. Also ist es unmöglich, aus europäischen Fossilien, und das sind die allermeisten, einen allgemeinen Zustand zu begründen und Stammväter zu suchen. Saispriester erzählten Solon, daß ein kleiner Rest erhabener Atlantier sich nach dem neuaufgetauchten Hellas rettete. Von den neuentstandenen Unterrassen besuchten Semiten nur als Händler Europa, dagegen macht der Negertyp von La Noulette in Belgien möglich, daß Afrikaner von der damals trockenen Gadesenge herüberkamen und dann von den Ariern vertrieben wurden. Diese Hochgewachsenen stammen sicher nicht vom älteren Cannstadt- und Engismenschen ab, die arische Völkerflut kam vom Hindukusch, wohin sich die Nordländer vor der Eiszeit flüchteten. Die Zyklopenbauten der Pelasger in Hellas und Italien ähneln nun überraschend den Architekturen in Mexiko, Yukatan, Peru, dortige Rassen waren aber alt genug, um Erinnerung an die Zeit zu bewahren, wo die Anden sich plötzlich aus dem Meer erhoben, während Atlantis zu sinken begann. Kein Vernünftiger darf mehr daran zweifeln, daß ein geheimnisvolles Kulturband zwischen China, Ägypten, Amerika sich nur vom gemeinsamen Zentrum Atlantis herleiten konnte. Hiermit wird frühe Gleichzeitigkeit des Menschen mit größten und ältesten Tieren möglich (Quatrefages), da einer solchen Kultur doch längere Halbbarbarei vorhergehen mußte. Betrachten wir noch die fast historische Eiszeit, so schätzt sie Draper in Europa auf 200+000 Jahre (für viel ältere Besiedlung des Niltals schätzen wir das Doppelte), diese ungenaue Ziffer trennt aber noch 1-Mill.-Jahres-Kluft vom Spättertiär, wir glauben daher nicht an Reise von Isispriestern nach Carnac und Stonehenge, sondern diese Bauten wurden viel früher von atlantischen Emissären errichtet oder vielmehr die Urmysterien waren damals gleichmäßig in allen Landen verschwistert. Laut Nilson-Lubbok grub man 1807 sogar ein neolithisches Skelett von ungemeiner Größe aus, selbst der spätere Mentonemann maß 7 Fuß, auch hört man ja von Enaksöhnen der Philister, wohl versprengten Ariern, doch Davids und Goliaths gab es überall; daher ist sinnlos, allgemeingültige Europäerrasse unter Verbindung mit altern »Tyrolern«, »Heidelbergern« zu konstruieren. Alles spricht für tertiäre Existenz einer besondern Riesenrasse. Ihr Eifer für Donnellys »Atlantis« reißt die Bl. zu weit fort, wenn sie die Babelhure der Apokalypse darauf bezieht, doch lassen sich Anspielungen dort und im Alten Testament auf 7 Runden, 7 Kontinente, 7 Rassen nicht verkennen, was dann freilich über Sinn und Zweck dieser »Offenbarung« ein anderes Licht verbreiten würde. Jedenfalls nahmen Kabbalisten und Gnostiker, während exoterisches Judentum in Jahvepartikularismus sich versteifte, jene uralte Esoterik in sich auf, die sich überall auf Erden glich. Die »Hünengräber« der Dolmen mögen in besonderen Fällen späterer Zeitalter Leichen großer Häuptlinge aufgenommen haben, sonst dienten sie lediglich religiösen Symbolen, »Allegatorhügel« am Mississippi, »Schlangenhügel« am Ohio machen dies klar genug. Man trifft dort einen Lindwurm von 250 Fuß, eine Schlange von 1100 Fuß Länge, deren offener Rachen ein Ei von 100 Fuß Durchmesser verschlingen will: Zeit, die den Kosmos verschlingt, Warnung für die Zukunft. Diese großartige Allegorie ist mit erstaunlicher Geschicklichkeit in Stein gehauen, also standen die Atlantiernachfahren in Neuamerika schon auf sehr hoher Stufe, was gewissen Aztekensagen entspricht. Mit welchen Werkzeugen physische und intellektuelle Giganten diese für uns unmöglichen Felsmonumente schufen? Mit außerordentlichen, uns unbekannten. Virchow konnte in europäischen Gräbern keine Riesenknochen finden, denn die Atlantier wohnten woanders, spätere Geschlechter mögen die magischen Tempel gelegentlich zu Kirchhöfen benutzt haben, in Urzeit verbrannte man aber wahrscheinlich die Toten, wie pelasgische Griechen und Römer den Brauch übernahmen. Dies beweist, daß die Urreligion auf den Körper keinen Wert legte. (Wir werden also schwerlich Atlantierskelette erhalten, außer angespülten Deichen in Strandhöhlen.) Ägyptische Mumienbalsamierung wollte freilich die Reinkarnierung unterstützen. Die Riesenschlange am Ohio wäre das Wappen der Atlantis, »die große Schlange der Zeit«, gewesen, für welche Behauptung wir der Bl. die Gewähr überlassen. Die Bewohner des neuen Kontinents waren demnach immer noch Kunstbegabte, Techniker von gewaltiger Körperkraft, wie man in Kansas Fußtapfen von Riesen gefunden haben will. Betreffs der von Spengler für Aztekenreiche bevorzugten geringen Zahlen leiteten spanische Chronisten irre, deren kirchliche Verdummung vor allzu großen Ziffern erschrak. So versetzt man heute auch das Maja-Manuskript Zentralamerikas (Rettung nach Ägypten) auf ein lächerlich spätes Datum. Fossilien verweisen Amerikas Entstehen an den Schluß des Sekundärs, jedenfalls siedelten Menschen auch dort im ganzen Spättertiär. Später lernten sie zwar Eisen nicht kennen, entwuchsen aber dem Steingebrauch, hatten Waffen von Obsidian und Goldrüstungen, ihre Staatsverfassung näherte sich in Peru (damals ein mächtiges Reich bis Mitte Brasilien) kommunistischer Sozialisierung, in Mexiko römischem Cäsarismus, das nur dort vorkommende Menschenopfer hat nichts mit Kannibalismus zu tun, sondern mit Imperialismus und Schwarzer Magie. Magier nannte Plinius auch die Druiden, verwandt mit thrakischen Orphikern. Bei Seneka findet man brahmanische Anschauung, daß Jupiter, nachdem die Erde schmolz, sich in sich sammelt, in Betrachtung seiner selbst versunken: Einatmen Brahmas nach einem Manvantara. Der ungelehrte Petrus weissagt, daß einst die Elemente vor Hitze verbrennen, bis eine neue Erde kommt. An allen Enden der Erde fließen die gleichen Anschauungen zusammen. Zendavesta und Ringveda wissen von 3 übereinanderliegenden Schichten versunkener Erdbürger, Zoroaster predigt Siebenfältigkeit der siderischen Erdkette, getrennt durch Raumozean. Ähnlich dachten laut Strabo und Diodor die Druiden, ihr Wiedergeburtkult glich dem von Samotrake. Steine auf den Kanarischen Inseln und dem kanadischen Lake Superior tragen die gleichen Symbolikskulpturen. Die von Frobenius an westafrikanischer Küste entdeckten verfeinerten Geräte und Poseidonbüsten beweisen den Kulturzusammenhang des großen Kontinents, der von Kap Verde bis an die Ränder des heutigen Amerika, von Grönland bis Irland reichte (das vulkanische Westindien ist ähnliche Zersprengung wie Japan und Ozeanien). Mit solcher Feststellung begnügen sich Geologen, uns scheint wichtiger, daß diese uralte Rasse eifrig Skulpturen und Büsten anfertigte, etwa im äginetischen Stil, also schon auf jener höchsten Stufe stand, wo Daseinswille sich in ästhetisches Anschauen glättet. Wie Kunsttrieb nur Begnadeten verliehen, so populäre Kunstausübung nur Völkern in seelischer Vollkraft. Da auch die Riesenstatuen der Osterinsel dem Tertiär angehören, fehlt jede Möglichkeit, sich auch den möglichen Sekundärmenschen noch als sprachlosen Wilden vorzustellen, und wäre er es im Primär gewesen, so entwurzelt auch dies den Darwinismus, denn der erfundene Affenahne müßte dann bis ins Primordial geschoben werden, wo es noch gar keine Säugetiere gab, der Traum gradueller Entwicklung wird auch so zerstört. Da der Makiaffe noch gar nicht da war, müßte sich der Uraffe aus dem Urschleim erhoben haben, als »Krone der Schöpfung«, lange vor dem Beuteltier! Laut den von Bl. emsig zusammengetragenen Angaben der Symbologen bot griechische Astronomie recht verwickelte Deutungen. Zeus entführt den »Wassermann« Ganymed über den Horizont des Nordpols und wirft Asträa, Sternbild der Gerechtigkeit, auf die Erde: Ekliptik parallel zum Meridian, Morgenstern in Konjunktur mit Sonne ersetzt den »Stier«, der »Löwe« stürzt in die Acherongrube unter dem Südpol, Plejaden und Hyaden als Regen- und Flutgestirne neigen sich zum Drachen. Aus diesen Aspekten der großen Flut beginnt die Zyklenberechnung der Welterneuerung. Daß die Alten keine ausführliche Atlantisschilderung hinterließen, erklärt sich leicht als Schweigegebot für die Initierten, Plato erwähnt Poseidonis nur als philosophisches Beispiel ohne geographisches Interesse, indessen weiß sein Kritias, daß Atlantis so groß war wie ganz Asien und Lybien zusammen. Übrigens erwähnt schon Homer die Atlantiden, und versteht man Diodor recht, so rühmten sie sich göttlicher Abkunft von Uranus Äther, ihrem ersten König, der sie in Astronomie unterrichtete! Wie trakische Zauberer den Mond, wollten sie die Sonne dienstbar machen (Elektrizität?), ihr Dünkel verfluchte täglich die Sonne, wie Herodot von den afrikanischen Atlasbewohnern berichtet, die Vegetarier und traumlos gewesen seien. Traumlos? Wir erklären uns die merkwürdige Anspielung so, daß sie schon wachend im Unbewußten lebten, daher nicht zu träumen brauchten. Vegetarier, also Adepten. Atlas als Berg ist offenbares Symbol, man schrieb ihm allgemeine Erkenntnis zu, Meerestiefe sei ihm entschleiert: wo Atlantis auf Wiedergeburt harrt. Nicht umsonst ist Kalypso seine Tochter. Homer nennt ihn Wächter, Träger, Stütze, Pfeiler zwischen Himmel und Erde. Daß er den Himmel auf den Schultern trug, verdeutlichten am Atlantisstrand Berggipfel »bis in die Wolken«, deren Wurzeln bis auf den Meergrund reichten. Deshalb bettet sich Atlas nachher zu seinem Bruder Japetus in die Unterwelt. Die Bl. sieht darin Symbolisierung, daß Atlantis alle folgenden Kontinente geistig auf den Schultern trug, wir aber auch Allegorie für himmelhohen Ehrgeiz und moralischen Abgrund, analog den Nimrods, die den Babelturm bauen, oder den Titanen, die den Ossa auf den Pelion stülpen, und den germanischen Jötuns, alles historische Nachklänge der Atlantis. Daß Atlas als Himmelssäule (Pindar und Herodot nannten auch Ätna himmlischer Pfeiler) noch aus Lemurien stammte, verwerfen wir als Verwirrung. Er und Teneriffapick gestatten nicht diese Hypothese als offenbar äußerste südliche Atlantiszipfel, von hier flüchteten Noahheilige nach Ägypten. Dorthin verlegt auch Theopompus Geheimreisen der Phöniker, so geheim, daß Fremde nie auf ihre Spur kamen: Umschreibung für Geheimhaltung der Poseidonismysterien, deren Wohnort man nicht verraten durfte bei Todesstrafe, weil diese letzten Atlantier übernatürliche Kräfte besaßen. Uns scheint auch das Geheimnis der Säulen des Herkules, über die man nicht hinausfahren dürfe, damit zusammenzuhängen. Weiter als bis Poseidonis (nördlich der Azoren) kamen die Phöniker kaum, Vorkommen südlicher Magiersteine auf Irland erklärt sich einfacher durch den früheren Landweg. Zweifellos hatten ägyptische Priester ausführliche Nachrichten, doch Cäsar verbrannte 700+000 Papyrusrollen, Diokletian alle Geheimschriften, die Römer hatten starke politische Gründe dafür, während Bigotterie der Mohammedaner und Byzantiner, die noch im 8. Jahrhundert 300+000 nach Byzanz gebrachte Papyruse zerstörten, mit dem Rest aufräumte. Da begreift man, daß man sich für Geheimlehre meist nur auf Inder und Zoroastrier verlassen kann. Indessen blieb so viel übrig, daß A. Erman eine Literaturgeschichte der Ägypter 1923 herausgab, in der freilich nur Weisheitsbücher aus der 23. Dynastie und Ähnliches über Erziehung zitiert werden können, immerhin auch Vorpythagoräisches 2000 v. Chr., das an spätere Gnostiker erinnert und griechische Denksysteme vorwegnimmt, d.h. letztere bis auf Plato und Plotin nährten sich von der Urlehre. Komisch berührt es, wenn ein Beurteiler (der sonst vortreffliche Naturforscher France) meint, das alte Nilvolk werde jetzt um viele Stufen der Wertschätzung höher steigen, als ihm bisher zugebilligt wird! Wer hieß denn trockene Philologen am allegorischen Tiefsinn klauben! »Dilettanten« wie Chamberlain krähen nach, was alberne Spezialisten an Griechen und natürlich Ägyptern auszusetzen haben, daß sie nämlich nicht Laboratorienschulmeister waren. Sie könnten sich aber mächtig täuschen, da die Ägypter sich bestimmt anmaßten, ihre eigene Chemie zu haben, von deren Geheimnissen man nichts weiß. Die absolute Einheit esoterischer Vorstellungen bei Ägyptern und Griechen belegt deren gemeinsamen Ursprung bis Indien hin. Poseidon gründet die erste physische Menschenrasse Lemuriens, vermacht dem Sohn Atlas den neu aufsteigenden Kontinent, identisch mit dem indischen Idaspati »Meister der Wasser«. Planetarisch herrschen über Lemurien Kronos und Saturn, über Atlantis Neptun und Jupiter, vor allem Uranus, identisch mit dem Astronomielehrer Yotis-Brahma und dem chinesischen Thian. Das reinseelische Astralwesen Uranus brauchten die bösen Titanen Kronos Saturn nicht mehr, da sie in physische Zeugung verfielen: sie verstümmelten es. Die 3. Rasse verlor ihre Eingebungen des Unbewußten, die Polyphemzyklopen erbten von Neptun nur Beherrschung der Meeresfläche. Wohin wir in den Ursagen blicken, immer stoßen wir auf Atlantis. Plato wußte mehr davon, als er verraten darf, bloß auf Poseidonis paßt nicht seine Angabe von 1 Million stehendes Heer 240+000 Seesoldaten auf 1200 Schiffen und von Gräben um die Hauptstadt von 1250 Meilen Länge. Man hielt dies für Märchen, als ob der ernste Plato sich an derlei ergötzt hätte, er verzeichnet offenbar unbefangen überlieferte Statistik. Jedenfalls behaupteten Griechen, Ägypter, Phöniker, deutlich auch Inder, Chinesen, Sumerochaldäer, Baktrier ihre Verbindung mit Atlantis, wie entfernt verschwägerte arme Verwandte eines Hochadels. Hier mögen 7 Plejaden diese 7 Teile der 5. Rasse bedeuten. Der hyperboräische Apollo tötet die einäugigen Arimaspen mit den Pfeilen allzumenschlicher Leidenschaften, in der Polyphemsage spiegelt sich das Erblinden d. h. die Geistesverdüsterung der Zyklopen, während Odysseusgefährten von Kirke zu Schweinen verwandelt werden: die Menschheit wird immer tierischer. Doch der auserwählte Held lernt bei der Atlastochter Kalypso »gerade in der Mitte des Meeres«, d.h. Atlantis. Glaubt ein Vernünftiger, Homer und Hesiod, deren vollendete Sprachbeherrschung mit hoher Denkkraft psychologisch eins, hätten sich vergnügt, wie arabische Scheherezade bloße Fabeln zu spinnen? Deutlich kleiden sie Esoterisches als Künstler in exoterische Versinnlichung, worüber später griechische Philosophen sich erbosten, diese Poesie sei Mysterienentweihung. Ihr Deukalion lehrte den Osiris-Adoniskult der verlorenen und wiedererweckten Sonne, Verweisung auf den Nordpol, wohin sich einst Hyperborea erstreckte. Denn die Pelasger-Achäer kamen aus Norden wie alle Arier auf dem Umweg über »Asia«, deren Sohn der am Kaukasus gefesselte Prometheus ist, wie auch die 7 indischen Rischis das nördliche Sternbild des großen Bären mitbrachten. So löst sich Zwiespalt der Thesen, daß die Indogermanen vom Indus oder vom hohen Norden kamen, sie sind beide richtig. Der von Goethe, Byron, Shelley besungene Prometheus ist der Erzpatriarch der Arier, er brachte als Verbannter Atlantier ihnen das geistige Feuer. Die atlantischen Magier scheinen eher Naturforscher und Techniker gewesen, deren Übermut zu lasterhafter Selbstvernichtung führte. Daß die Gräcopelasger uralte Überlieferungen mit sich trugen, zeigt die Allegorie Apollo-Phaethon. Apollos Mutter Latona ist der Polarkreis, aus dessen Schoß sich die Sonne erhebt, um alle 26000 Jahre durch ihre Stellung die Klimate zu ändern, ihr Gott ist zugleich der große geistige Seher und Dichtervater. Die in Bernstein verwandelten Tränen der Phaethonschwestern deuten aufs baltische Meer, der eigenmächtige Usurpator wollte den erfrorenen Sternen der Nordregion wieder Wärme verleihen, er stürzt: Erste Eiszeit! Die Poseidonenkelin und Atlastochter Latona wird verfolgt vom Drachen der eifersüchtigen Juno, der sie hindern will, ihr Ätherkind Sonne vom Zeus zu gebären: Der Nordpol vertreibt die Hyperboreer. Doch der Meergott rettet Latona auf die neue mythische Insel Delos, wo sie den Sonnengott gebärt: Die Sonne geht gewaltig auf über den neuen Kontinent Atlantis, wo der Alldurchsonner, dessen Aspekt die heilige Zahl 7, »mit eiserner Rute« herrscht, daher verwünscht wird. Latona liegt im Streit mit der hochmütigen Niobe Atlantis, deren 7 Teile (Kinder) von den Kindern der gekränkten Latona getötet werden: Sonne und Mond ändern die Erdachse und ersäufen Atlantis in Niobes »unaufhörlichen Tränen«! Möchte man uns zweierlei beantworten: Welcher Ödipus löst klarer und genauer das Sphinxrätsel dieser sonst ganz unverständlichen Allegorien und aus welcher andern Ursache hätten sie entstehen sollen? Ein Kind sieht doch, daß »Mythen« nicht ins Blaue hinein zum Zeitvertreib erfunden werden, sondern zur Verbildlichung einer historischen oder physikalischen Tatsache; wer erfindet Derartiges ohne Sinn und Beweggrund ins Gelach hinein? Jede alte Nation hat den Allgemeinbestand des Urwissens bei sich lokalisiert und akklimatisiert, um sie exoterisch dem Volke mundgerecht zu machen, daher verschiedene Ausschmückung für das Gleiche. So kleidete der bildnerische Hellengeist in der Phaethon- und Niobemythe das Entstehen und Vergehen von Hyperboräa und Atlantis in die anschaulichste Plastik. So wenig Shakespeare seine Fabeln erfand, doch sie als Gewand der Wahrheit benutzte, so wenig schuf Homer den Olymp und Äschylos den Prometheus; all diese Poesie, auch von Hesiod und Pindar, ist sozusagen Entfaltung von innen nach außen, exoterisches Versinnlichen esoterischer Wahrheit. Wir gehen so weit zu behaupten: die nur so verständliche Latona-Niobeallegorie ist der stärkste dokumentäre Beweis für die Atlantisgeschichte, wichtiger als alle Berichte von Solon, Herodot, Plato, Diodor. Denn Symbologie hat mehr Scharfsinn als Hypothesenwissenschaft, Mythen sind nicht Vermutungsbrücken, sondern Tatsachenpfeiler. VI. Die Pelasger leiteten sich von Pelagos dem »großen Meer« ab. Bezeichnenderweise kennt Plinius das angebliche Delos als Nordinsel Oserikta, was in Nordsprachen heißt »Königsinsel der Götter«, vielleicht zur Vegagruppe arktischer Regionen gehörig, schon zur Quartärzeit unzugänglich im Eis, wo aber einst ein Sonnenparadies Apollos oder Baldurs lag, geographisch-geologisch-astronomisch bewiesen. Wenn noch Plinius dies äußerte, so darf man es als überlieferte Geschichtstatsache ansprechen: daß er die angebliche Griecheninsel Latonas ohne weiteres zum hohen Norden versetzte, zeigt ihn des allegorischen Sinnes voll bewußt. Die Lateiner sprachen von Hyperboreern, Mitternachtssonne, halbjähriger Dunkelheit, arktischem Eismeer, obschon sie damit nicht die entfernteste Berührung hatten, also war ihnen der Klimawechsel der Eiszeit durch Überlieferung bekannt. Obschon wir nicht glauben, daß sich die Offenbarung Johanni auf Atlantisches bezieht, so benutzte Johannes zweifellos Atlantissymbole des Buches Enoch als Zukunftsorakel, dies beweist jedenfalls, daß er die Geheimlehre kannte, die auch nachchristlich bei den Gnostiken fortdauerte, bis die Kirche sie gewaltsam erstickte. Die Mischung von Himmelssöhnen und Erdentöchtern berichtet der Pentateuch lediglich nach alten Quellen, es fehlt nicht an griechischen Bemerkungen, daß damit hyperboreische Vorlemurier gemeint sind, was astronomisch ins Sekundär fällt. Dies verbildlicht das Herabsinken zu geschlechtlicher Zeugung. Haeckel nimmt Lemurien unbefangen als Faktum, weil dessen Überbleibsel wie die Wedda auf Ceylon einen niedern Typus tragen – relativ, denn ethisch stehen sie hoch –, dagegen wehren sich alle Darwinisten gegen Atlantis, für das die geologischen Beweise noch überwältigender, bloß weil dort ein hoher dem heutigen überlegener Menschenschlag vermutet und damit die Evolution buchstäblich zu Wasser wird. Übereinstimmende Aussage aller Polynesier, daß ihre Vorväter weit hinaus ins pazifische Meer auf festem Boden saßen, beweist die unausrottbare Sicherheit stetiger Überlieferung bei schlichten Naturvölkern. Für Atlantis meldet sich aber noch ein seltsamer Zeuge, der norwegische Flußfisch Lemming, dessen selbstmörderische Wanderungen ins nordatlantische Meer sich schlechterdings nur durch Heimwehinstinkt erklären lassen, d. h. überlieferte Erfahrung, daß dort ein erstrebenswertes Trockenland liege, wo ihre Ahnen gediehen. Unzählige dieser Tiere ertrinken durch Atlantissehnsucht. Die haarigen Nephilim der jüdischen Genesis sind entweder Symbole oder Fakten der Sodomiterei, wie sie Poseidon mit Delphin, Pferd, Widder treibt und wie sie möglichenfalls in anthropoiden Affen Früchte trug, welche die Bibel »Ungeheuer« nennt und wofür Satyre mit Bocksfüßen und Zentauern eine andere Symbolik waren, wenn nicht gar ausgestorbene Wirklichkeit. Anscheinend war Sodomiterei das Hauptlaster der Atlantis, gegen das ihre weißen Magier (Loth, Noah) umsonst protestierten und das vielleicht bestimmte Zwecke schwarzer Magie verfolgte. Hochmütige Wissenschaftler, wenn im Besitz entsprechender Macht, sind zu allem fähig. Daß Kronos den hundertarmigen Briareus und seinen Bruder als Wärter des »immerwährenden« Polarkreises in Dunkelheit fesselt, Jupiter sie aber zum Kampf gegen lemurisch-atlantische Titanen benutzt, hat sicher astronomische Bedeutung. Dies alles verweist auf so hohes Alter des Menschen, daß die von Seemann zugegebene Koexistenz bekannter lemurischer Überreste mit Floraresten des Eozän nicht genügt. Denn während die Gelehrten sich in den Haaren liegen, ob die erste Eiszeit vor 70+000, 100+000, 200+000, 1 Million Jahren eintrat, sie also erst recht nicht bindende Daten über frühere Perioden geben dürfen, entscheiden hier viel besser Ursage und innere Beweise. Das uralte Lemurien wird von Haeckel selber zugegeben mit heutigen menschlichen Überbleibseln, den Ethnologen wird immer klarer, daß die so kümmerlichen Australier religiöse Begriffe bewahrten, die weit über ihren Bildungsstand hinausgehen. Daraus folgert, daß schon die Lemurier auf höherer Stufe standen, als Darwinisten sie dem Quartärmenschen zubilligen. Nur Torheit verschließt sich dem überwältigenden Beweis, daß 1. der von Stubengelehrten konstruierte, »erste« Höhlenmensch mit dem abnormen Kunsttrieb eine Mischung hoher und niederer Rassen bildete, 2. Bilder mit Proportion und Perspektive ein langes Kulturerbe voraussetzen, wie es der jetzt anerkannte europäische Miozänmensch in solchem Grade nicht erwerben konnte. Der Quartärmensch, dessen Vorfahren sich beim Steigen der großen Wasser in Berghöhlen flüchteten und der später von Vergletscherung bedroht wurde, befand sich vergleichsweise in tausendmal schlimmerer Lage als Deutschland nach dem 30 jährigen Krieg, dessen unglückliche Bewohner mehrfach bis zum Kannibilismus sanken. Wären also alle Geschichtsakten verloren gegangen, so könnte ein Darwinist sie frisch-frei-fröhlich für zurückgebliebene Wilde erklären, die sich hernach in 100 Jahren wunderbar »entwickelten«. Doch warum erholte sich Deutschland so rasch? Weil ihm vergangene Größe von den Ottonen bis Luther im Blute saß. Wenn also trotz noch härterer Not die alten Höhlenbewohner nicht zu Kannibalen wurden, muß sie davor ererbter vornehmer Kulturstolz bewahrt haben. Obendrein hätte kein heutiger Durchschnittseuropäer die Fähigkeit oder auch nur den Trieb, Kunstwerke wie die paläolithischen Gravüren herzustellen, und nun gar mit so untauglichen Mitteln, dieser »elende« Höhlenbewohner muß daher den Anreiz dazu von einem schon hochentwickelten Tertiär geerbt haben. Die Geisterwüste Gobi der Tartaren trug angeblich neolithische Großstädte von außerordentlichem Glanz, wofür man noch keine Ausgrabungen veranstalten durfte: auch dies wäre ohne voraufgehende Tertiärkultur undenkbar, diese aber nicht ohne schon bedeutende Entwicklungsstände des lemurischen Sekundär. Wir wiederholen nochmals: Der Mensch muß in Fernen hinausgerückt werden, wo es höchstens das Beuteltier gab. Dies macht dem Darwinismus ein krasses Ende, da man kaum erwarten wird, daß der Urmensch durch unnatürliche Zuchtwahl von Beuteltier und Sauriern ins Leben trat: Er kam aus eigenstem Protoplasma verschiedenster Rassen, was der Mechanistik erneut eine schallende Ohrfeige gibt. Denn ziehen wir die allein mögliche Logik aus streng durchdachten Stadien der Menschwerdung, so geschah sie spontan auf eine Weise, die dem Materialisten mystisch erscheint, womit er sich aber vor dem Weltgeheimnis nur blamiert, da die okkulte Entstehungsart weit natürlicher den Vorgängen entspricht, sobald man sich nur von anthropomorphischen Begriffen freimacht. Es kam einfach die Idee Mensch zur Erscheinung, der psychische Ursprung des Lebens fand in ihm seine Bestätigung . Das uralte Buch Enoch kam vom Paropamisus, wohin die Edensage verweist, Juden und Christen warfen es aus ihren Bibeln heraus als verdächtig und unbequem für ihre Zwecke, nachdem sie es gründlich ausplünderten und ihm Weissagung messianischer Zukunft unterschoben. In Wahrheit prophezeit es wenig, warnt zwar die 5. Rasse, doch mit Hinblick auf Untergang alter Welten und betont das Gebot, über Vieles schweigen zu müssen. Sein grimmer »Herr der Schafe« gleicht nicht dem Jesuslamm, sondern bedräut die Schafe, sie würden alle von Wölfen zerrissen, wenn sie ihr Wissen auf dem Markte ausblöken: Solche Unbarmherzigkeit ist nicht ungerecht, denn was nützt es der Wahrheit, wenn ihre Adepten »von je gekreuzigt und verbrannt« werden! Doch Sichopfern ist eben karmisch bedingt, nach esoterischer Kunde starb Buddha an »Schweinefleisch«, was beim Vegetarier nicht wörtlich gemeint sein kann, sondern Bestrafung für seine zu offene Propaganda andeutet: er wählte Schweinefleisch, nämlich Wiedergeburten in irdischem Körper aus freier Wahl. Übrigens gehört eine starke Dosis Nichtwissen dazu, in verschiedenen Jesuworten das Karmische zu verkennen. Auf Nikodemus' »Wie kann ein Mensch wiedergeboren werden?« wundert sich Jesus: »Das fragst du und willst ein Rabbi in Israel sein?« Also war Wiedergeburt ein Grundstock hebräischer Esoterik. Daß Neuplatonismus »die Evangelien überschattete«, war unnötig, denn sie leiteten sich in direkter Folge von indisch-ägyptischer Geheimlehre ab, von der auch Plato zehrte. Für ihn brauchten die Gnostiker nichts mißverständlich hineinzulesen, wie man unterstellt, sie machten höchstens klarer, was Plato als Initierter hohen Grades nicht deutlich aussprechen durfte, wie ja auch sein Vorfahre Pythagoras seine Heliozentrik dem Volk verhehlte. Mit seltener Unverschämtheit benäselt ein englischer Platoübersetzer sowohl Plato als Plotin von oben herab, typisch für moderne Mittelmäßigkeit. Der sonst hochverdiente Sayce erklärt die assyrischen Sprüche als nur an Initierte gerichtet, hält aber moderne Wissenschaft selber für initiert! Die tibetanischen Magier werden geleugnet, obschon christliche Missionare diese schon Marco Polo bekannte Tatsache bestätigten, in heller Angst, daß da die Christenkirche natürlich keine Aussichten habe. Die Orientalisten sind dreist genug, Alexanders Griechen für Importeure jeder indischen Kunst und Wissenschaft auszugeben, obschon gar kein Zweifel besteht, daß schon die Drawidas religiöse Kultur hatten und brahmanische Arier schon früh Indiens Boden betraten, so daß ein so hochbegabtes Volk noch viel mehr Zeit als die Ägypter hatte, sich eigene Kultur zu gründen. Ob eine »göttliche« Rishizeit den Veden voranging oder nicht, so kann nur ein Tropf annehmen, die Upanischads könnten einem Kreis entspringen, in den erst die griechische Diaspora Bildung brachte. Die aztekischen Priester zeigten indischen Kopfschmuck und indische Haltung, die in Guatemalata gefundene Medaille zeigt den chaldäischen Baum der Erkenntnis mit der Weisheitsschlange. Zoroastrier sollen die Sonne, Chaldäer den Mond angebetet und Opferkult getrieben haben? Magische Vorschriften Zoroasters und chaldäische Orakel warnen ausdrücklich vor Priestertrug und verbieten jede andere Anbetung als die des Unsichtbaren. Orphische Hymnen, aus denen Homer und Hesiod schöpften, finden sich schon »kopiert« in Inschriften der 4. Pharaonendynastie? Daraus darf man nicht schließen, daß Ägypter von Griechen und Griechen von Ägyptern entlehnten, sondern die ganze alte Welt besaß eben die gleiche Religion, eine »geoffenbarte« in viel wahrerem Sinn als die späterer Emporkömmlingssekten. Esoterische Magie lag allem Griechischen zugrunde, auch beim schroffsten Rationalisten Demokrit, der bei emigrierten persischen Magiern studierte, handelt es sich nur um Verschiedenheit der Auffassung sonst beglaubigter Tatsachen. Hypnotismus und Spiritismus sind genau das, was die Alten unter schwarzer Magie verstanden, nur daß sie diese Kräfte, uns seit kaum 100 Jahren bekannt, seit Millionen Jahren vollendet praktizierten. Warum soll dann die weiße Magie nicht gewesen sein, von welcher Telepathie ein Wesensteil? Das Maßsystem der großen Pyramide ist das gleiche wie das heute englische, man gelangte auf großem Umweg dorthin, wo einst die Alten standen. Ob die Worte Sem, Ham, Japhet nur astronomische Pyramidenmaße bedeuten, scheint uns zweifelhaft, nicht aber, daß die Urlehrer bedeutende Naturforscher waren. Ham bezieht sich offenbar nicht auf die Neger, Hamiten sind die dunkelhäutigen Sumerer und Altägypter, Ham ist »Cham«, Begründer chaldäisch-baktrischer Magie, Urvater ägyptischer Chemie, als Noahsohn ein paläolithisches Genie, Geheimüberlieferung stellt Cham chronologisch richtig als Atlantiererben ein. Der Ägyptologe Bunsen fand Schreibgriffel und Tintenzeug auf allerältesten Denkmalen und schreibt den Büchern des Hermes Trismegistos sehr hohes Alter zu, Champolion verehrt ihre Genauigkeit als »Ausdruck allerältester Wahrheit«. Die Kabbala lehrt, daß die unpersönliche eine Ursache sich in die Shephirot ausströme und aus der eigenen Substanz das All als ihren Schleier webe. Das steht Wort für Wort so auch in den Veden. Moses als ägyptischer Hierophant würde einfach die Kosmogenie der Cheopspyramide in seine Genesismythologie übertragen haben – wenn er nicht selber mythologisch wäre. A-Bram heißt »Nichtbrahmine«, weil Abraham aus Südchaldäa auswanderte, das damals noch brahmanischem Einfluß unterlag, so daß man in diesem Sinne von Ariertum der Weisheitverbreitung reden dürfte. Ein Teil des Himalajaausläufers Paropamisos heißt Parnass, der griechische Musenberg ist also nach der Heimat des Buch Enoch genannt! Und wie alles auf einen Ursprung zurückging, wird das 20. Jahrhundert zu dem zurückkehren, was vor 20+000 – was sagen wir! 200+000, 2, 20, 200 Millionen Jahren aufleuchtete? bedeuten 200 letzte Jahre rationalistischer Wissenschaft vielleicht noch tiefere Nacht als 1600 Jahre kirchlicher Scholastik? Ihr freilich muß man zu Gemüte führen, daß alle christlichen Symbole den Alten entlehnt sind, insbesondere dem ägyptischen Kreuz »Tau«, das als Signum Tay vom Einsiedler Antonius an der Stirn getragen wurde. Das Versiegeln durch Kreuzmal (Johannes) dürfte das Siegel des jedem Adepten auferlegten Schweigens bedeuten. Kreuz als Symbol ewigen Gebens und des kreuzweisen Dualismus irdischer und geistiger Geburt pflanzte sich aus Ägypten in eleusinischen Mysterien und Kabbala fort, ursprünglich kam es aus Indien oder war vielmehr allgemeines Ursymbol sogar bei Ameroindianern. In mongolischen Buddhistenpagoden finden sich Kreuz und Fisch vereint (2 Fische gekreuzt), auch auf vorchristlichen Drusenamuletten. Hier tritt die Frage auf, ob der Talmud Recht hat, daß Jesus von den Juden gesteinigt und erwürgt wurde, was dem »Ich überliefere ihn euch« entsprechen würde. Wollten die jüdischen Evangelisten das Odium von den Juden abwälzen? Freilich sagt Tacitus, daß ein gewisser Christus vom Landpfleger Pilatus hingerichtet sei, immerhin liegt der Verdacht einer umständlichen Anknüpfung an das heilige Gnosissymbol der Kreuzigung nahe, wie denn die Juden niemals dagegen protestierten, daß man ihnen Christi Hinrichtung zur Last legte. Und wie nun, wenn selbst die christliche Taufe Jesus in den Kreis der Urlehre stellt? Sie ist uraltes Symbol, wobei Osiris und Hermes den »Strom des Lebens« aufs Haupt des Adepten ausgossen und »die beiden Ströme sich vereinend ein Kreuz bilden«. Den Fisch nahmen jüdische Christen zum Zeichen, um sich mit dem Messias zu verbinden, den der Talmud als Fisch bezeichnet, was aber wiederum Entlehnung vom babylonischen als Mannfisch dargestellten Dagon, dem Interpreten der Weisheit. »Wenn Konjunktur von Jupiter und Saturn im Sternzeichen des Fisches steht, kommt der Messias« lehrte Abarbanell, doch diese Konjunktur hat eine viel ältere Herkunft. Clemens von Alexandrien empfiehlt Taube, Arche, Fisch als Kirchensymbole mit der Absicht, das Christentum mit jüdischer Prophetie zu spicken, auch gekreuzte Knochen und Schädel in Konstantins »christlicher« Fahne ist uraltes Emblem »Tod-Leben«. Mit viel Gelehrsamkeit legt der Verfasser von »Quelle der Maße« das ganze Evangelium astronomisch aus, wobei hervorzuheben, daß bei Empfängnis des »Jahres Maria« unterm Stierzeichen (so unheilvoll bei Weltuntergang) die Geburt tatsächlich zu Weihnachten erfolgt. Durchs Labyrinth solcher Kabbalismen verflüchtigt sich der Heiland ins Leere? Das scheint vorwitzig, Matthäus bringt zu viel erlebte Einzelheiten, als daß wir das Ganze lediglich für gnostische Parabel halten dürfen, wohl aber trägt das Original deutlich den okkulten Charakter eines Mysteriums, was den biedern Übersetzer Hieronyrnus augenscheilich zu Umarbeitung bewog. An diesen Kirchenvater schrieb ein anderer Heiliger ohne Falsch die goldenen Worte: »Nichts täuscht die Welt mehr als Wortschwall, je weniger man versteht, desto mehr bewundert man, unsere Väter sagten nicht, was die dachten, sondern wozu Umstände sie zwangen.« Diesem Selbstbekenntnis schöner Seelen entnehmen wir, daß die Heiligen mehr wußten, als sie in ihrer vulgären Vulgata zusammenbrauten, die Kirche also ein rein hierarchisch-politisches Gewächs ist. Gleichwohl suchte man anfangs mit den Gnostikern zu paktieren, Clemens legt Petrus die Worte in den Mund: »Wir erinnern uns, daß der Herr befahl: Hütet die Geheimnisse für mich und die Söhne meines Hauses.« Was die Gnostiker aber lehrten: Herabsteigen der Sophia in den Jesus, der so Christus wurde, obwohl sonst ein gewöhnlicher Mensch und daher körperlich begraben, Hinaufsteigen als Ätherleib des innern Menschen – das alles entspricht genau indischen Riten. »Steig auf zum früheren Aufenthalt, gesegneter Avatar!« Kirchenchristentum ist nichts als Entstellung der Urweisheit zu irdischen Zwecken, Islam desgleichen, beide Religionen sind Verfolgen und Niederdrücken des arischen freien Geistes durch Semitenpraxis. Zwar bestehen wir darauf, daß Jesu Form die tauglichste für arische Menschen und trotz aller Abhängigkeit von gemeinsamer Initiierung ebenso Original war wie Buddha im Vergleich zur Vedanta, aber trotzdem drückte auch er nur Geheimes der Urreligion aus. Seine Wunder sind glaubhaft für jeden indischen Chela, auch werden sie indirekt beglaubigt durch die historisch verbürgten des Apollonius von Thyana. Dieser Heilige und Gewaltige bereitete den Pseudochristen (nicht den Eboniten und den Nazarenern) so viel Ärgernis, daß sie den Konkurrenten durch unlautern Wettbewerb zwischen ihm und Johannes Presbyter beseitigten oder vielmehr solch heiligen Schwindel erfanden, von dem kein anderer »heidnischer« Bericht weiß. Ebenso stellte man den Esoterikbündlern den St. Cyprian von Antiochien entgegen, einen Exzauberer schwarzer Magie, schon früh in alle heidnischen Geheimnisse eingeweiht, durch die schöne Heilige Justina erotisch bekehrt. Sein verworrenes Geständnis entstellt zwar für christliche Gönner seine Adeptenerfahrung mit »Satanischem«, schließt uns aber ägyptischen Spiritismus und chaldäischen Tiefsinn auf: galileische Erdbewegung, Lichtkraft des Äthers, 365 Jahrestage. Manches davon findet sich auch im Zohar des Simon Ben Johai, von dem man nicht mal weiß, ob er im ersten Jahrhundert vor oder nach Christo ausgefertigt wurde, jedenfalls reicht Kabbala weit rückwärts bis Talmud und sogenannte Bibel. Es durfte aber bisher nichts im Zusammenhang aufgeschrieben werden, erst im 2. Jahrhundert n. Chr. wurde »Zohar« postum veröffentlicht, später von Konvertiten des Mosaismus weiterverbreitet. Dies nachher von Pico di Mirandola als Prophezeiung und in Mittelalterschriften der Alchimisten gepriesene Buch, wobei letztere aus Kirchenangst christliche Formeln einschwärzten und so ihre Geheimsprache noch geheimer machten, ehrte auch Paracelsus. Es ist aber von kindlichem Alter, verglichen mit den altersgrauen Veden und ägyptisch-chaldäischen Vorlagen, aus denen die Rabbis schöpften. Hebräisch ist eine erst mit samaritischen, dann chaldäischen Lettern versehene tote Sprache, sie hatte nichts mit »Büchern Mose« gemein und erst im 4. Jahrhundert n. Chr. ihre Quadratbuchstaben. Trifft man im Altägyptischen 500 hebräische Worte, so beweist dies natürlich nur umgekehrt Übernahme ägyptisch-koptischer Worte ins Hebräische. Ein Völkchen, das nie eine wirkliche eigene Sprache besaß, konnte unmöglich eigene Geheimlehre haben, die Kabbala ist offenbar nur Übertragung des chaldäischen »Buch der Zahlen«. Was lehrte der ägyptische Adept Moses? Samaritaner, Kotschinjuden in Indien, Karninjuden der Krim verwarfen das ganze Judentum mit Ausnahme ihrer eigenen Bücher Mose in einer für andere unleserlichen Sprache. Die Kabbalamythe, Adam habe ein Geheimbuch an Seth gegeben, dieser an Enoch und der an Abraham, wiederholt nur, was ältere Rassen vorher erzählten. Laut einer Sekte erhielt sogar der erste »3. Mensch« 3 Bücher Weltgeschichte, die Urchronik erteilt also schon an die ersten physischen Menschen hohes Wissen, den Adam erhebt die Schlange zum Initiierten. Doch alles, was von den Hebräern kommt, ist mehr oder minder Plagiat, viel davon Plagiat des Plagiats, der sogenannte Pentateuch nicht nur aus älteren Schriften abgeschrieben, sondern sein jetziger Bestand von höchst fragwürdiger Herkunft. Ob Ezra (Clemens schreibt »Esdras«) sich Azara lesen läßt (chaldäisch »Initiierter«) oder nicht, jedenfalls hat er die Bibel erst spät zu politischen Zwecken hergestellt mitsamt der Salomofabel, daß dem kleinen Hirtenkönig David ein Großfürst in aller Pracht gefolgt sei, an den das Hohelied und die Weisheitssprüche angeklebt sind wie die Faust aufs Auge. Das Geschick Absaloms spielt nach unserer Meinung auf Abfall vieler Juden zu kanaanitischen Götzen an. Wie konnte man aber das »heilige« Buch vor Antiochus retten, der bei Tempelplünderung auch neue Kopien verbrannte? 168 v. Chr. war alles zerstört. Somit bedeutet die heutige Bibel wohl nur eine Übersetzung aus der griechischen Septuaginta lange nach Jesus, deren Entstehen auf Befehl des Ptolemäus Philadelphus die Juden Josephus und Philo zwar behaupten, doch mit unglaublicher Fabulierung: die 900 v. Chr. angeblich verlorenen 10 Stämme melden sich dabei fröhlich aus heiterm Himmel, um dann gleich wieder zu verduften. Aus welcher Vorlage die Septuaginta übersetzt sein soll, ist daher mehr als fraglich, dem Heiligen Geist beliebte offenbar, auch das Alte wie das Neue Testament aus freier Hand griechisch zu schreiben! Da begreift man, daß die Sadduzäer alle Schriften der Pharisäer verlachten und nur ihr eigenes Gesetz Mose anerkannten, offenbar etwas ganz anderes, das vielleicht mit Zohar zusammenhing. Da die neue »Punktierung« hebräischen Alphabets jede Zweideutigkeit ermöglichte (derselbe Buchstabe konnte Nichts und Gott bedeuten), so besitzt das Alte Testament keine Spur von kanonischem Wert: Verstümmlung und Überarbeitung verlorengegangener Schriften mit dunklen Nachklängen der Erbweisheit aus »Mosi« Tagen! Die Kabbalisten haben nur insofern für uns Bedeutung, als sie, bloße Eklektiker, Chaldäisch-Ägyptisches vermitteln. Sie gestehen selbst, daß es für Initiierte nur ein Wissen, nur eine Sprache gab, beim »Turmbau zu Babel« wurden durch Verlust der heiligen Universalsprache die neuen Nationalsprachen »zerstreut«. Die wenigen aus Chaldäa eingeweihten Juden (wohl erst bei babylonischer Gefangenschaft) wählten ihrem Charakter gemäß von den »7 Schlüsseln des Geheimwissens« nur das geometrisch-numerische System. Ain-Suph und 10 Emanations-Shephirot sind gänzlich aus Wishnu Purana und Gupta Vidia übertragen. Die Wurzel alles Denkens, das Dreieck des samischen Weisen, aus der Monade des immer verborgenen Kreismittelpunkts erwachsen als Dreieinigkeit, haben Kabbala und Kirche aus Indien. Den Logos Gottgeist übernahm Johannes aus der Kabbala Jetzirah, wo er als Zahl 1 und Kosmos als Zahl 10 figurieren, auch dies stammt aus der Vedanta. Den Juden eigen ist nur ihr Jahve, erst Maskulinum und Femininum der Menschheit, dann bloß Judenstamm und zuletzt Phalussymbol, der berühmte Monotheismus ein Geschlechtsakt! Dieser ganze dem Exoterischen ausgelieferte Gedankengang mit Eva als sinnliches Naturwerden ist nur Vergröberung der Brahmaallegorie ewig wechselnder Lebensbewegung des Prana als Emanation des »Sat«, unbedingter unveränderlicher Seinheit. Die eigentlichen 7 Shephirot sind die 7 indischen Rishi in unklarer Umbildung, die ungeschriebene Kabbala war nichts als Propagierung der Urreligion, die viel später geschriebene ist so wenig mit ihr identisch wie die Bibel mit der mosaischen Kopie ägyptischer Theosophie. Daß Zahlenmaße des erdichteten Salomotempels mit den ägyptischen Quadraturen übereinstimmen, war eben bloße Abschreiberei. Die rohste und ärmste Sprache, in letzter zurechtgemachter Form mit Borgen aus fremden Alphabeten und Worten, das Hebräische, eignete sich natürlich am wenigsten zur »Göttersprache« esoterischer Metaphysik, wie Sanskrit sie in solcher Vollkommenheit bietet. 7 Schöpfungstage, 7 Elohim sind aus assyrischen und magischen Texten übernommen, dann durch plumpe christliche Übersetzung unverständlich verbailhornt. Dagegen steht verborgen zwischen den Zeilen, daß 2 Adams am 6. und 8. Tage erschienen, der himmlische und der fleischliche »aus Staub«. Das merkten schon die Gnostiker, über die Irenäus jammert, weil sie eine Achtheit betonten: die uralten 7 Kräfte und dazu Sophia, das »lebendige Wort« der Ägypter. Ein englischer Theologe preist als »unmittelbare göttliche Offenbarung« der Juden die siebenfältige Chronologie ihres Rituals, als ob das nicht allgemeines Herkommen der Urreligion wäre, ausführlich bewiesen von Massey! Philo wünschte, man solle die Bibel allegorisch lesen, sie ist aber so eingerichtet, daß die Kirche den höchst irdischen Zeugungsjehova zum einigen Gott der Monotheisten machen durfte! Der große Sonnenpriester Julian Apostata empörte sich dagegen und suchte der Sonnendreifaltigkeit (Zentral-Vernunft-physischer Planet) zu ihrem Recht zu verhelfen, heute möchten manche Gelehrte Ähnliches, weil ihnen die Sonne als wahrscheinliche Vorratskammer der Elektrizität imponiert. Wir sahen, wie das sterbende Magiertum immer noch »modern« naturhaft dachte und mit metaphysischer Symbolik stets Naturwissenschaftliches verband, oft Galileis und Newtons Aufdeckung vorwegnehmend. – Das Karmagesetz ist bei den Indern genauer ausgebildet, als heutige Theosophie es im einzelnen ergründen kann, des Menschen siebenfältiges Wesen enthüllten die Ägypter klar: Körper, Astralform, Lebensprinzip, irdische Intelligenz, höhere Seele und Mumie, deren Funktion erst nach dem Tode eintritt, worauf es das 7. Prinzip des höchsten Geistes Osiris ruft, deshalb erhielt jeder Verstorbene den Gattungsnamen Osiris, die Mumie soll ein Instrument karmischer Wiedergeburt sein. Diese wird von den Indern spezialisiert, daß jeder Geniale, nicht nur die sehr Großen oder geschichtliche Charaktere, möglichst bald wieder ersteht mit Fähigkeiten in gleicher Richtung, wodurch sich gleichmäßiger Prozentsatz Hervorragender in jeder Epoche erklärt. »Die gemeine Herde« (Blavatzky) vermehrt sich dagegen dauernd physisch und droht mit Ubervölkerung, ohne daß Seuchen, Kriege, Erdbeben die Masse genügend lichten. Wir meinen, daß deren Reinkarnierung meist nur mit den 4 niedern Kräften erfolgt und hier »jeder auf ein Dutzend geht«, daher Dutzendseelen gleich in Masse wiederkehren. Man rechne sich aus, wieviel Trillionen Menschen seit Anbeginn starben, da wird man sich über die Masse der Wiedergeborenen nicht wundern. Da Karma keine äußern Unterschiede kennt und einen Kaiser als Dutzendmensch mit dem Bettler zusammenwirft, so scheint solch Gesetz nicht aristokratisch, wohl aber hart, wenn eben nicht jeder seines seelischen Glücks Schmied wäre und »sitzen bleibt«, falls er Hinaufrücken in der Lebensschule sich nicht selber verdient. Obwohl die höchsten Rishi als Avatar niedersteigen, können hohe Wesen in dauernder Wiedergeburt mit ihrem transzendentalen Ego verschmelzen und bei dieser Theophanie doch in menschlicher Sphäre bleiben wie Heilande und Heilige, wobei sie ihre Ausstrahlung auf gewöhnliche Menschen ergießen: plötzliche Begeisterung und Bekehrung. Solche Auserwählten sind »Kinder der Auferstehung«, »Engeln gleich« (Ev. Lucas), weil sie den 2. Tod (Proklus) des Astralkörpers in Kama Loka (Fegefeuer) nicht mehr durchmachen, auf Erden schon gereinigt und transzendent geworden. Ein solcher sonst mit seinem 7. Prinzip in Nirwana Eingegangener kann gleichwohl als persönliches Ego sich immer wieder inkarnieren, wenn die Welt es bedarf. »Möge ich leiden und die Sünden von allen tragen, wenn nur die Welt erlöst wird!« rief Gautama, das Krishnasymbol meint gleiches. Also auch Sündenvergebung in Christo, Abwaschen der Erbsünde durch Erlöserblut, ist uranfängliches Christusideal, lange vor Jesus erduldete mancher Christus oft unbekannt das Prometheuslos, später auch als Ketzer von Inquisitoren gekreuzigt. Übrigens wurde auch Eechners These, ein Verstorbener könne sich einem lebenden Ego paaren, ohne in dies reinkarniert zu sein, von indischer Esoterik nicht verschmäht im Falle großer Buddhaseelen. Denn Gautama habe sich schon 50 Jahre nach irdischem Ableben mit Shankaracharya verbunden, der sonst selber sein anderes himmlisches Selbst behielt. Und zwar tat Buddha dies als Sühne für seine Verfehlung, daß er von der für Propagierung verbotenen Geheimlehre zuviel oder zuwenig verkündete und dadurch unbewußt Unheil stiftete. Mit Staunen sehen wir, daß alles, was wir Buddha vorwarfen, schon Indiens Weise fühlten. Mögen wir also unsere seelische Entdeckung irrig für neu halten, daß eiskalte Naturpsychologie ohne überirdische Hoffnung mißverstanden werden mußte und Viele enttäuschte, jedenfalls verzichten infolgedessen seine mongolischen Kommentatoren auf Unsterblichkeits- und Gottesbegriff, denn als ideologische Materialisten und materialistische Ideologen verwarfen sie jedes lieben, und sei es das transzendentalste, als unwünschenswert. So hatte es Buddha nicht gemeint, doch sein grenzenloses Mitleid mit der Unwissenheit verführte ihn, Abtötung der Leidenschaften als einziger Leidquelle rein negativ zu betreiben und anscheinend keine Aussicht auf höhere Sphären zu belassen, im vollsten Gegensatz zur Geheimlehre. Weil seine Lehre sich allzu eng an Irdisches heftet, verfiel er dem Fluch, im Bereich bewußten Daseins umzugehen, solange für die 5. Rasse seine Leidbeleuchtung wirken kann. Ohne sein höheres Selbst, das im Nirwana »vollkommener Unbewußtheit« weilt, manifestierte der astrale Buddha sich daher noch vielfach. Shankaracharya, südlicher Brahmine, nicht nördlicher Königssohn wie Gautamo, wird von Vedantisten als Inkarnierung des Shiwa-Logos betrachtet, von tibetanischen Geheimlehrern als Strahl der Sieben, der höchsten Geistesgötter. Für den Bodhisalwa, das kosmische Geistprinzip, gilt wieder eine Dreifaltigkeit: menschlicher Buddha, übersinnliche Kraft und unkörperlich Absolutes außerhalb Zeit und Raum (Adi-Buddha). Dies ist nicht nur »das Geheimnis Buddhas«, sondern jedes »profanen« Genius, dessen Inspiration gleichfalls auf Bohdi Satva beruht wie z. B. Byrons Kainsflug durch den unermeßlichen Raum unbewußt Geheimwissenschaft verbildlicht. Shankaracharya lehrt: »Der Mensch ist die wirkende Ursache, da es kein anderes herrschendes Prinzip gibt, das Selbst ist die materielle Ursache, da es keine andere Substanz gibt, aus der die Welt entsteigen konnte.« Dieser Nihilismus einer Illusionsphilosophie betont doch stärker die Individualität, nicht mehr Illusion, sondern wirklich wirkend. Buddhas 3. Wiederkunft in Jesus war für den Träger unheilvoll, doch lag darin tiefer Sinn. Auch Buddha opferte sich, indem er, ein karmaloser Sohn des Lichts, für den es keine Wiedergeburt mehr geben sollte, sich zum Erdenwillen erniederte. Von Shankaracharya heißt es, er habe dies unwürdige Los nur bis zum 33. Jahr fortgesetzt und dann den Körper abgelegt. Deshalb mußte der neue Buddha willig Kreuzigung und zweifelhaften Erfolg seiner Lehre auf sich nehmen. Kreuzigung entspricht einem Urprinzip, denn aus nur ehrfurchtsvoll zu ahnenden Gründen war schon Involution des Geistes in die Materie ein gewaltiges Gottesopfer, ein langsamer Tod des immateriellen Geistes. Deshalb ist auch das von Rationalisten verhöhnte Sühnopfer eines Gottessohns uralte Offenbarung. Die infolge der Naturgelüste im Himmel entbrannten Kämpfe, wobei Jahve, St. Michael, Christus eins werden, spielen sich in indischer Mythologie genau so ab, wo Vajradhera den großen Drachen besiegt, der beständig Sonne und Mond verschlingen möchte (Midgard, Fenriswolf, Chaos) und vom Elixir des ewigen Lebens etwas naschte, wofür er aus dem Himmel verbannt wird. Verbindung Jesu mit dem Buddhaproblem wird unheimlich beleuchtet durch die Lehre, jeder Selbstmörder wie Shankaracharya müsse bei Wiedergeburt gewaltsam im gleichen Alter sterben: Jesus also historisch mit 33 Jahren. Das entspricht genau der okkulten indischen Angabe, daß der nächste Buddha ohne Namen, nur mit einem Stern bezeichnet, mit 33 Jahren getötet wurde! Als Nachfolger dieses Ungenannten wird Thiani-Thang genannt, der 100 Jahre alt wurde, vielleicht Appolonius, der zur Zeit Domitians plötzlich den Menschen entschwand. Weitere Buddhanamen werden verdunkelt, ethnische Umwandlung des Buddhismus erfolgte, als er im 7. Jahrhundert n. Chr. von den Ariern auf die Mongolen überging, nachdem alle Arhats (Adepten) vor der wüsten Verfolgung des entarteten Brahmanismus nach Tibet flüchteten. Uns kümmert nur, daß Buddha und Jesus durchaus auf dem Boden einer Urreligion stehen, der auch die Mongolen schon früher angehörten, ihren Amitebba-Buddha erfanden nicht die Tibetaner, ihn nennen schon kanonische Buddhistenbücher seit 246 v. Chr. (Konzil v. Kaschmir). Der tibetanische Reformator Thong-Kha Pa leitete die sukzessiven Inkarnationen des Dalai-Lama ein, worüber wir uns kein Urteil erlauben, ob hier nur okkulte Wahrheit oder auch Priestertrug vorliegen. Ein kühler Beobachter wie Sven-Hedin entwirft vom Dalai-Lama, den er kennenlernte, eine begeisterte Schilderung. In diesem wilden Bergland schlug die alte Magie ihr Hauptquartier auf, hier scheint Telepathie das tägliche Brot. Was von magischen Praktiken erzählt wird, geht über unser Verständnis wie »das verlorene Wort«, das noch zwei Südbrahminen besitzen sollen. Pauli Wort, »der Glaube kann Berge versetzen«, hat konkreteren Sinn als bloße Redefigur, da Paulus anscheinend ein Initiierter war. Wir lassen dies still beiseite, erwähnen nur Swedenborgs Aussage bestimmter Geister, das »verlorene Wort« befinde sich in der Tartarei, d. h. Tibet. Das ist doch merkwürdig, denn persönlich kann er von solchen Dingen nichts gehört haben. Mit Worten trieb der alte Okkultismus einen so seltsamen Kult, daß er das Wort »Wie« (Ka) zum Gott erhob! Nicht nur in der Kabbala, sondern in ältesten Geheimschriften gelten Zahlen als wirkende Kräfte, auf Grund von biblischen Zahlen berechnete der amerikanische Pastor Rüssel 1892 das Jahr 1914 als Weltwende, warum sollten nicht Worte magische Gewalt besitzen? Tibetanische Presangaschule vertiefte noch den Tiefsinn. Die unheimliche Beziehung von Shankaracharya zu Jesus öffnet entweder den Blick auf eine düstere Wahrheit oder gibt Skeptikern neue Handhabe, die Evangelien für theosophische Allegorie zu halten, indem man aus Shankaracharyas Ende die okkulte Logik zog und danach symbolisch dichtete. Nach unserer Meinung fließen eben Tatsachen und Symbole hier zusammen. Worauf es ankommt, ist der Nachweis, daß im Christusevangelium so wenig Neues steht wie in den Judenbüchern, alle religiösen Phänomene in einer Urreligion wurzeln. Jesus ist nicht ohne Buddha, Buddha nicht ohne Vedanta und die Transzendentalbegriffe auserwählter Völker (Ägypter, Chaldäer, Perser, Griechen) denkbar. Die Geheimlehre betont, »König Karma« herrsche auch über die Götter (Anangke der Griechen), daher verfällt jeder Buddha oder hohe Adept, der es vorzieht, nicht in volles Nirwana einzugehen, sondern zum Wohl der Menschheit wiederzukommen, den Folgen seines Erbarmens auf irdischer Ebene. »Wer in Demut wählt, muß herabsteigen, nur wer nicht liebt, gestattet dem Karma, ihn zu erheben«, allem Sichtbaren ins Unsichtbare entrückt. So sind alle Buddhas und alle wahren Genien Opfer ihres Drangs, auf Erden ein Heilswerk zu schaffen. Buddhas »Gesetz des Herzens« (esoterisch »der Augen«) strebt völlige Vernichtung der Illusion des Geschaffenen an, um ins Ungeschaffene des ewigen Raums überzugehen, der Begriff »ewige Ruhe« bekommt hier ein anderes Gepräge. Doch als der Erleuchtete unter den Riesenbäumen von Buddha-Gaya sinnend wandelte, beschlich ihn da nicht die Befürchtung, daß das allmächtige Leben auf Illusionsfähigkeit beruht, daß aber jene, in denen seine Methode das Illusionsleben ausrottete, nicht immer Menschheitshelden seien, daß mit dem Geschaffenen auch Schaffen verneint werde, von dem er doch wußte, daß es Beruf und Atem der Allgötter sei? Die seit Urzeit tätigen Adepten waren nie untätig, sie erschufen die Hochkultur von Ägypten, Babylon, China und erhoben die Persobaktrer aus rohem Kriegertrotz zu höherer Gesittung. Daß die Kirchenväter die schwarze Magie verfluchten, die in jenen Tagen römischer Selbstsucht überhandnahm, kann man nur billigen. Doch Jesu Versprechen, verständnisvolle Jünger würden noch größere Wunder tun als er, erfüllte sich nicht, es sei denn, daß man Ekstaseimmunität der Märtyrer für wunderbar hielte. Die weiße Magie, Frucht wahrer Vergeistigung, hat die Christenlehre nicht begünstigt, weil außer Paulus und Johannes wohl niemand den Kern solcher Gnostik begriff. Jesu Lehre mit Füßen tretend verwandelten die »Herren dieser Welt« sein »Reich nicht von dieser Welt« in eitel Legende. Legenden schleppen sich fort wie die von Vittoria Colonna, einer bigotten Vettel, deren Tod ihr Verehrer Michelangelo in einem Sonett verewigte, doch auf die Rückseite ihr abschreckendes Porträt zeichnete, sich selbst daneben, wie er den Kopf in einen Wildschweinsrachen steckt. Das ist deutlich, doch modernste Versuche, sich um Auferstehung Gottes zu bemühen, bleiben undeutlich. F. Brentano rettet »die Lehre Jesu und ihre Bedeutung«, als ob es sich um Mohrenwäsche handle, vier Vorträge von Pastoren und Professoren verteidigen den Christus, als ob er einer Verteidigung bedürfte! Gott schütze ihn vor seinen Freunden! »Der moralische Gott« von David Koigen will Religion zu Willensenergie machen, die einen Mehrgewinn an realer Daseinsbildung erzielt: als ob dies praktische Christentum, das an Laskers Machologie erinnert, je Religiöses austiefen könnte! Thöllichs Schriftchen »Grundlinie des religiösen Sozialismus« hält Religion für aktualisierte Kultur, die ihrerseits aktualisierte Religion sei. Solche Einseitigkeiten vermeidet Fricks »Anthroposophische Schau und religiöser Glaube« erst recht nicht durch Losschlagen auf die Theosophie, weil der Glaube auf Belehrung pfeife und glaube, ohne zu sehen. Allerdings verdammen auch wir das Steinersche Getue, das den Anmaßungen der Kathederwissenschaft gleicht, doch bei wahren Mystikern leitet ja grade der Glaube ans Unsichtbare. Görlands »Religionsphilosophie« löst Religion von allen Kulturgebieten los, räumt ihr selbständigen Platz neben Logik, Ethik, Ästhetik ein. Das ist unmöglich, da religiöse Erkenntnis ohne Zuhilfenahme jener andern Faktoren nie zustande kommt. Messers »Glauben und Wissen«, »Fichtes religiöse Weltanschauung« deckt zwar Fichtes religiösen Reformeifer auf, übersieht aber, wie widerspruchsvoll sich lebensfremder Unwirklichkeitssinn zu tätiger Nationalerziehung erheben wollte. Darwins Stellung zum Gottesglauben brauchte Stölzles Schriftchen nicht zu erörtern. Daß Darwins Agnostik sich nicht zum Atheismus bekannte, was bei ihm logisch gewesen wäre, hing wohl mit englischer Idiosynkrasie zusammen; daß seine Weisheit streng wissenschaftlichen Gottesbeweis nicht liefern könne, mutet komisch an. Wenn Gott durch einen Professor zu beweisen wäre, wäre er nicht Gott, Unsichtbares wird bewiesen durch Unsichtbares. Von Vedanta zu Jesus, von Plato zu Bruno, von Böhme zu Leibniz war Gott allen wirklichen Denkern eine Realität. Teilweise auch für Goethe, dessen »Wandlungen« Brehausen, dessen »Verhältnis zur Religion« Obmauer feststellen. Sehr schön, doch ein klares Bild seiner gesuchten Urreligion machte sich Goethe nicht, er blieb ein Suchender, tat zwar gelegentlich Tiefblicke in »Magie« des Dämonischen, wie sich eben einem so gewaltigen Intellekt Ahnungen aufdrängen mußten, doch ist mehr theosophisches Erkennen in Byrons Mysterien als irgendwo im »Faust«, der sich am Schluß mit konventionellen Kirchenallegorien half. Die Physik hat wenig einzuwenden gegen kabbalistische Terminologie: »Kälte erzeugt Zusammenziehung, Zusammenziehung Wärme, so Kälte Wärme«, womit aber die tiefen Urdenker nicht bloß Physikalisches meinten, sondern Einheit aller Prozesse. Im Memphistempel stand: »Eine Natur freut sich der andern, eine überwindet, eine beherrscht die andern, und doch sind alle eins.« So ist alle Urwahrheit eins, und was seit Cicero über den Wahrsagerarzt Pharekydes bekannt wurde, zeigt dessen »Gleichwertigkeit von Geist und Materie« als Monsimus in unserm, nicht Haeckels, Sinn. Mechanistik? Unsere liebe alte Sonne ist auch eine rätselhafte große Dame, die launisch gelehrten Naturgesetzen den Rücken kehrt. Trotz unaufhörlicher Verschwendung erleidet sie keinen Wärmeund Dichtverlust, ihre Elektrizitätsleitung unterscheidet sich von allem auf Erden Bekannten. Ihre Vasallen und Trabanten stehen auf ziemlich gespanntem Fuß mit den Regeln von Gewicht und Schwere. Ein Naturforscher sagte kühn, Lichtgeschwindigkeit gehe uns nichts an, denn sie sei bewegungslos. Ein anderer nennt Elektrizität getrost Intelligenz unwägbarer Kräfte. In der Tat, etwas unwägbares Unsichtbares, das sich so nachdrücklich sieht und fühlbar macht, muß intelligible Leitung haben, doch nicht die Elektrizität als selber nur Wirkungsteil, sondern Sonne oder Äther, von denen sie ausgeht. Newton fürchtete, der Mond werde mal auf die Erde fallen, Astronomen spotten über den Laienwahn, Planetenbahnen seien immer korrekt, die Gestirne benehmen sich manchmal wie kapriziöse Frauenzimmer, sie änderten ja schon dreimal die Erdachse. Das Fatalste ist aber, daß jede Beschleunigung oder Verlangsamung wieder in Ordnung kommt: hörte man je von einer abgestellten Uhr, die von selber wieder im gewohnten Taktgeleise schlägt? Daß ein jemand solche Uhr wieder aufzog, scheint physikalisch allein möglich. Da sind wir wieder bei den 7 Intelligenzen der 7 Planeten, die man um Neptun und Uranus vermehrte, ohne bei der ungeheuren Entfernung zu wissen, ob sie dazu gehören. Indem man beim Sonnensystem an Kopernik denkt, schweift der Blick rückwärts zu Cusa († 1473), in dessen »de ignorantia docta« schon alle neuen Theorien vorkommen und von dem christliche Kabbalisten melden, der leidende und zuletzt verfolgte Adept habe sich in Wiedergeburt als Kopernik erholt! Aufkläricht schmunzelt lustig über solche Möglichkeit, sie entspricht aber der Lehre, daß besondere Geistpotenzen, selbst wenn ihr höchstes Prinzip in Nirwana einging, das Recht zur Wiederverkörperung erlangen, um ihr Werk weiterzuführen. Nun wohl, Pascal schrieb einen bewunderten Satz, der wörtlich so bei Cusa steht: daß er ihn entwendete, ist unwahrscheinlich, denn Pascals Denken mußte notwendig dazu kommen. Von Cusa leitete man den Satz zum Zohar zurück, und siehe da, hier war wirklich mißverstehende Entwendung aus Hermes Tristmegistos: »Die Welt ist eine unendliche Kugel, deren Mittelpunkt überall und deren Umkreis nirgends ist.« Wenn die andere Version dies umkehrt »Mittelpunkt nirgends, Umkreis überall«, so entbehrt dies der wahren hermetischen Tiefe. Unerkennbare Unendlichkeit mit unendlichen Gottheitsmittelpunkten im Nirgends von Zeit und Raum – wir brauchen kaum zu sagen, wie tief das ist, und wie keine philosophische Systematik je darüber hinaus kann. Und das ist Urweisheit von unermeßlichem Alter! Wenn der gröbere Judensinn den Satz falsch aufgriff und ihn zu korrigieren meinte, bleibt gleichwohl auch hier Übereinstimmung bestehen, daß alle Alten aus der gleichen Quelle schöpften. Monismus ist die Urweisheit, die »permanente Existenz unter allen Formen und Veränderungen« (Pythagoras), sterile Wissenschaft erneute nicht, sondern versaute den Urbegriff. Für sie ist Raum ein vorausgesetztes Abstraktum der Leere, für die Urweisheit eine Fülle der Gesichte des astralen Unsichtbaren. Hier wohnt der Zustand Nirwana-Pralaya, »Als die Auflösung Pralaya endete, beschloß das durch sich selbst seiende große Wesen Para-Atma, aus seiner Substanz das Verschiedene zu emanieren.« Der Ätherraum ist sozusagen ein einziger Gedanke, dem Menschen ebenso unwessenhaft wie jede innere Form der Materie, wo das Gesetz der Schwere dem Naiven selbstverständlich vorkommt, in Wahrheit unwahrnehmbar und unergründlich ist. Da der Begriff Nichts oder Nichtsein sinnlich gar nicht erfaßt werden kann, so wird die Sicherheit hochkomisch, mit der Orientalisten Nirwana als positives »Auslöschen« verfechten, obwohl die Vedanta, die man wohl nicht im Verdacht hat, ewige Fortdauer der Psyche zu leugnen, genau gleiches als »Moksha« verkündet. Nihilismus solcher Art hat man künstlich in späteren Buddhismus hineinkommentiert: Buddha, der sterbend »in seine frühere Wohnung zurückkehrt« und sich zur Wiedergeburt rüstet, liefert so den sprechendsten Beweis gegenteiligen Glaubens. Tatsächlich nannten sogar Paulusschüler wie St. Dionys das höchste Wesen »Nihil«, weil der Ain Suph der Kabbala als das Seiende und Nichtseiende bezeichnet wird, nämlich als das, was »nichts anderem ähnlich ist«. Dies Nichts ist einfach das höchste Sein. Für jede anthropomorphische Religion, für jeden kindischen Willen zur Vorstellung muß Unvorstellbares wirklich »nichts« bedeuten, so wie der Naturforscher ein Vakuum sieht, wo die Quelle alles Seins sprudelt. Dem Klardenkenden ist aber ebenso natürlich, daß nur stofflicher Umriß zerstörbar ist, dagegen das Nichtstoffliche jeder Form Entwachsene das einzig Unzerstörbare: Nichts heißt soviel wie Unsterblichkeit. Und diese höchste Erkenntnis, über die kein Menschengeist je hinüberstreben kann, war die Urreligion. Alle antiken Völker betrachteten Götterbilder als Nationalpalladium. Bin Peruanerstamm, der seinen Goldschatz vor Konquistadoren-Geierkrallen im heiligen Bergsee versenkte, schmolz von einer Million Seelen auf wenige Tausend, damit verschwand seine Person, nicht Persönlichkeit der Stammpsyche, denn ihr Sprachidiom lebt noch heute mit ihren Religionsbräuchen. »Ein König ist nicht in der Natur« (Napoleon), wohl aber der Priester. Doch solche Medizinmänner kurieren stets den Gewissenswurm mit Hokuspokus. Herder nennt hebräische Poesie rein politisch. Als die Ältesten Jahve schauten, »aßen und tranken sie«, solcher Filmzauber macht Appetit, Jahve verheißt »morgens Brot, abends Fleisch«, damit Sattwerden innewerde, »daß ich euer Gott bin«, Jakob stellt kontraktliche Brotbedingung, » dann soll er mein Gott sein«! Ihr lacht? öffnet nur jede kirchliche Bundeslade! Man durchackere Hacoarniks »Einleitung zum Alten Testament«, um diesen Scherbenberg als Akropolis des Monotheismus zu würdigen. Seit Gregor von Nyssa erloschen auch alle Lichtblicke des byzantinischen Hellenismus im Nebel des Judenchristentums, den auch der neue Kirchenvater Neander (getaufter Jude) im 19. Jahrhundert) zusammenbraute (1885 englische Übersetzung von »Christliches Leben im Mittelalter« als schmackhafte Speise für Highchurch). Wählt man zwischen Schleiermachers »Monologen« (1821–31) und »Spirituellem Bewußtsein« des liberalen Kaplans Wilberforce (1913), so – zahlte keiner von den beiden. Schelling aber spekuliert so unfrei über »Menschliche Freiheit«, daß er die Natur den persönlichen Leib Gottes nennt, solche Freiheiten nimmt man sich heraus, auch »Natur« als launenhafte Person! Für uralte Symbolistilc (Maria Verkündigung: Kybelefest am 25. März, Abrundung der Heiligen Familie: Zeus' Schwan über Danae, jungfräuliche Geburt: Minerva, Erlösung durch Chritti Blut: Bacchuskult, »fleischlich und geistlich«: der Veden »zweierlei Leben des Selbst«, gut und böse Engel: wir bevölkern unseren Weg durch Zerfallprodukte eigenen Denkens, lehrt malte Magie) gibt es Naturgrundlagen: X-Strahlen befruchten niedere Lebensformen wie Sonnenwärme unbebrütete Eier, einige Pflanzen und Amöben entstehen ohne Sexualakt. Auch Heilung auf weite Entfernung mit Anrufung Christi (Christian Science) ist sowohl Gedanken- als Strahlenübertragung, sowohl Hypnose ab drahtlose Telegraphie. Vollends rechtfertigt physikalische Bezifferung, daß Licht und Ton sich aus 7 Schwingungen in 3 Farben und Dreiakkord auflösten, die indische Formel: 7 Stoffe des Menschen, die sich in 3 und 1 zerlegen. Stets triumphiert Urweisheit: Physisches getreues Echo des Metaphysischen. 9. Umschau der Philosophie. I Aristoteles' Ethik betont, selbst Gott könne Geschehenes nicht ungeschehen machen. Sehr wahr, unsere Vergangenheit sind wir selber, ohne sie würden wir nicht sein, was wir sind, in ihr liegt unsere Zukunft beschlossen. Da wir aber stündlich in der Unendlichkeit leben, muß auch Vergangenheit gerade wie Zukunft unendlich sein, während der kirchliche Gegenwartsglaube sich nur zu Zukunft ohne Vergangenheit bekennt, eine sinnlose Synthese. Kabbalasprüche für Golems und Homunkuli raunen umsonst: Es lebe das Leben! Künstlich erzeugtes Chemikum beherbergt keine Elektronen, das wäre übertünchtes Grab, wandelnder Tod. Doch was ist der Punkt Tod im Nebeneinander äußerlicher Verfallsymptome? Schon für Aristoteles sind Lebensprinzip und Seele das gleiche. Deren Eigenschaften in aufsteigender Linie von der Pflanze her seien Wachstum, Begierde, Sinneswahrnehmung, Bewegung, Vernunft. Bacon plagiert dies in seiner konfusen »Naturgeschichte«, wobei er Sense und Motion hin und her wendet, dagegen erinnert Hamlets Spruch: »Sense sure you have, else you would not have motion« mehr an die Aristotelische Urquelle. Oder es stimmt auch hier der treffende Spott eines englischen Kritikers, daß Shakespeares Verse über Attraktion und Blutkreislauf klarer und präziser seien als Bacons unbestimmte Winke. Wenn Perditas Frühlingsblumenkatalog dem in Bacons »Essay on Gardens« gleicht, was wir den Baconiern als müde Gabe schenken, so kann der Schulpedant solche Naturbeobachtung recht wohl anders woher bezogen haben. Es tut nicht gut, heute über solche Kategorien zu lächeln. Daß Bewegung erst nach Sinneswahrnehmung folge und beiden Begierde (Wille) vorausgehe, dann Vernunft aus Bewegung, ist kaum konfuser gedacht, als wenn Schopenhauer und verkappt noch manche andern den Willen ganz vornean setzen, so daß er allein das organische Wachstum bestimmt, oder wenn Mechanisten die Vernunft gleichsam als Bewegung der Wahrnehmung auffassen. All solche Definitionen enthalten ein Körnchen Wahrheit, nur daß unbedingt Bewegung in aller Materie das Primäre sein muß, alles übrige sind Bewegungsformen. Die zwei Hauptfaktoren aber, Bewegung (Energie) und Vernunft (Psyche), sind im Grunde eins, Bewegung als stofflose Energie und Psyche als Bewegung des Phänomenalbilds. Jede Einzelsonderung von Lebensattributen bleibt unfruchtbares Beginnen, denn alle sind sofort da: Bewegen, Wachsen, Wahrnehmen, Wollen als der gleiche Vorgang. Wer Bewegung sagt, meint Leben, wer Leben meint, sagt Seele, wer Seele sagt, meint Weltseele. Verfehlt bleibt stets, das Christentum mit philosophischen Begriffen auszustatten, wie es Deussen in einem Bekenntnis beliebt. Vier Fundamentalwahrheiten verdanke Christo die Philosophie? Das erste – man höre und staune! – sei »Determinismus«, nämlich »die Früchte können nicht anders sein als der Baum«, der allbeherrschende Egoismus, die wahre Ursünde. Wahr, aber Christentum redet noch heute von freiem Willen, Deussen selber tat dies an anderer Stelle. Zweitens »in scheinbarem Widerspruch hiermit« der kategorische Imperativ? Das ist keine »Wahrheit«, da jeder Imperativ ausschließlich von Beschaffenheit der verschiedenen Iche abhängt, es gibt auch den unsittlichen Imperativ, der dem Schuft kategorisch befiehlt, schuftig zu handeln. Weil man diese Unfreiheit nicht leugnen kann, so sei die dritte Wahrheit »die Lehre von der Wiedergeburt«? Verwirrender Ausdruck nur für Umwendung des Willens, der hier plötzlich wieder Freiheit hat, sich von Gott umwandeln zu lassen. Meint Paulus dies: »Gott ist's, der in euch wirkt das Wollen und Vollbringen«? Wie könnte Gott durch plötzlichen Eingriff die Kausalität unterbinden! Was Deussen viertens Monergismus nennt, wonach dem Menschen selber keine Mitwirkung bei sittlicher Wiedergeburt eingeräumt, sondern alles Gottes Gnadenwahl wird, so rettet Deussen sich vor »Absurdität der Prädestination«, die er im obigen doch selber anerkennt, ins Indische: Daß Gott nicht außer uns, sondern unser eigener Atman sei, unser Ding-an-sich, das dem Ich, seiner irdischen Erscheinung, die Kraft gibt, dem kategorischen Imperativ zu folgen. Was soll uns das? Damit erregt man Entsetzen bei Christen und Lachen bei Denkern, wenn Determinismus in allgemeinen sittlichen Imperativ, in willkürliche Wiedergeburt von Gottes oder eigenen Gnaden hineinpurzelt. Uns rührt auch nicht, wenn z. B. Pasteur als gläubiger Christ starb. Wer Wissenschaft und Kirchendogmen, denen er sich unterwirft, für getrennte Gebiete hält, verrät nur mutlose Schwäche, da ist uns ein aufrichtiger Materialist noch lieber. Nur wenn Flammarion, Sciaparelli, Lombroso, Crookes, Wallace als Theosophen reden, verbinden sich Religion und Naturkunde, jede andere Haltung entwurzelt sowohl Vernunft als Wissenschaft. Dies verführte auch zur Begriffsverwirrung neuster »biozentrischer« Lehre, das uns bekannte Universum sei endlich, daher erforsch- und erkennbar. Dabei kann man sich nur auf metaphysische Erkenntnis berufen, experimentell ist Endlichkeit der Phänomenalwelt ganz unbeweisbar. Beobachtete Abnutzung würde nichts besagen, da dem immer wieder Herstellung des Stoffes nach anderer Richtung entspricht und Helmholtz die Allarbeitskraft als Konstante auffaßt. Ist dem so, dann ist auch die uns bekannte Welt notwendig unendlich, denn was ewig im Gleichgewicht stabil bleibt, kann kein Ende haben. Obige neuste Erfindung, um dem Ignorabismus zu entweichen, ist also naturwissenschaftlich unsinnig. Dagegen darf man erkenntniskritisch beipflichten, daß alles Sichtbare oder vom Menschenverstand als bestehend Angenommene als bloße Erscheinung endlich sein muß. Denn wie kann etwas nicht endlich sein, was sich auf höchst endliche Wahrnehmungserfahrung stützt! Angenommen aber, das Planetengewölbe sei zerstörbar, so bringt dies nicht einen Schritt weiter, denn der Chaosnebel, in den es zurücksänke, bliebe jedenfalls unendlich und genau so; wie die uns bekannte Welt entstand, würde ein »Es werde Licht« wieder eine neue ähnliche Welt schaffen. Dies aber hängt immerdar von jener Urkraft ab, die wir mit Begriffen fragwürdiger Kosmogenie nie erfassen. Neuerdings rebellierte man auch gegen den »Äther«, denn man begriff nicht, daß alles nur symbolisch geschaut sein will und kann, also nichts darauf ankommt, ob das, was man bisher Äther nannte, die Bedeutung hat, die man ihm zusprach. Wir verstehen unter Äther schlechtweg die den Allraum ausfüllende Energiekraft, einerlei, ob man dafür einen andern Ausdruck wählt. Vom gemeinhin Äther Genannten erblicken unsere Sinne und Fernrohre nur verschwindend kleine Stückchen, alles übrige als unsichtbar wird nur theoretisch erfaßt. Alle Begriffe für Kosmos und Kosmogenie sind rein hypothetische Abstrakta, somit ist die Welt für uns das durchaus Unsichtbare. Wie aber der Mensch mit kläglichen Sinnes- und Verstandeswerkzeugen sich das Unsichtbare als endlich vorstellen solle, gehört zur unlogischen Gedankenlosigkeit alles auf Empirie eingestellten Nichtdenkens. Wir gehen noch weiter: Wie der Mensch drauflos lebt, als ob kein Tod wäre, so kann er sich eigentlich nichts als endlich und nur das Unendliche wirklich vorstellen. Denn wenn er sich vorstellt, alle Menschen und Planeten fänden ein zeitliches Ende, so wird er doch nie glauben, damit sei das All zu Ende. Welche Verschrobenheit liegt also in der Unlogik, Wissenschaft könne die Welt als endlich behandeln, da sie doch das hinter der Welt Stehende notwendig als unendlich anerkennt. Da dies aber der einzige Urheber und Träger des Geschaffenen ist, so bleibt ausgeschlossen, daß es etwas Endliches hervorbringt. Erhaltung der Kraft macht selbst den Stoff unendlich, geschweige denn die in ihm veranschaulichte Energie, so daß Zusammensturz des ganzen Planetensystems immer nur Transformation bedeuten könnte. Daß auf der Erde herumkrabbelnde Geschöpfe sich erdreisten wollen, eine ihnen gar nicht oder nur theoretisch vorgestellte Welt als endlich zu erkennen, bringt den Denker zum Verzweifeln an einem Größenwahn, der nach der Zwangsjacke schreit. Das ist freilich die gleiche Menschheit, die Brunos Auflösen des »Himmels« in den unendlichen Raum für gleichbedeutend mit Entgötterung hielt. Wie würden Bruno und Leonardo sich entsetzen, wenn sie ihre Wegfreilegung zum wahren Gott von Idioten beschritten sähen, die im Unendlichen keinen Platz für Gott finden, obschon er an und für sich der Unendliche sein muß! Und dabei halte man sich vors Auge, daß alles, was wir moderne Wissenschaft nennen, uralt ist, modern nur die grobmaterialistische Auslegung. Tatsächlich lehrte schon Pythagoras kopernikanisch, der Nämliche aber, was wir bisher nicht berührten, stellte Reinkarnation als Lebensprinzip auf, was dann Empedokles schon in volles System brachte. Somit darf man nicht die Karmalehre als indisch isolieren, sie hieße ebensogut griechisch, was sie vermutlich törichten Europäern mehr empfehlen dürfte! Sie ist aber weder indisch noch griechisch, und wenn Buddha sie schärfer betont, während sie sich mit Vedanta kaum verträgt, so ist er doch nirgendwie ihr Urheber. Denn das älteste indische Gesetzbuch des Menu legt sie schon zugrunde, und die Annahme, Pythagoras habe sie von Indien importiert, ist nach damaligen Verkehrsbedingungen unmöglich, die indogermanischen Brahmanen schöpften aus sich heraus nur die Vedanta, also kann das Gesetzbuch nicht von ihnen das Karmaprinzip übernommen haben. Vielmehr erinnern wir an Buddhas Bemerkung über frühere Urreligion, deren Pfad er nachgehe, und sind überzeugt, daß wir auch diese kostbarste Gabe den Urahnen verdanken, von denen sowohl Pythagoras als Buddha sie aufnahmen. Schopenhauer denkt bei »Urweisheit« nur an Chaldäer und Inder, sie wohnte aber ebenso gut an Rhein und Loire, die den Urdingen näherstehende, anschaulicher denkende, geniale Urrasse schuf diese Wahrheit. Daß Materialismus auf Trugschluß beruhe, da die gewähnte Realität nur Gehirnphänomen, ist wahrlich keine moderne Entdeckung, Parmenides bezeichnet genau wie die Vedanta die sichtbare Welt als Illusion (Nicht-Seiendes) »Welt der Schatten« (Plato). Urweisheit wird bei ihren Anhängern eine Klarheit des Schauens vorausgesetzt haben, die fiktiven kategorischen Imperativ nicht nötig hatte. Auch Jesu Sittengesetz hat ursprünglich rein transzendentale Begründung, weiß durchaus nichts von angeborener Sittlichkeit, welche angeblich Gerechtigkeit, Aufopferung, Nächstenliebe, Entsagung dem ganz und gar selbstischen Ich beföhle, sondern er verlangt Neugeburt wie Buddha durch Erkenntnis. Sein Zentralgebot heißt »sich selbst verleugnen«. Daß dies als allgemeine Menschenliebe (bei Buddha Wohlwollen selbst für Schlangen und Tiger) erfolgen müsse, ist sozusagen praktische Nutzanwendung, da natürlich Religion auf Altruismus grundsätzlich nicht verzichten darf. Die falsche Voranstellung dieser an sich sinnlosen und oft schädlichen Liebe für Unliebenswertes, des Antiegoismus für fremden Egoismus, verwirrt den Sinn. Wer sich einer Idee hingibt oder dem Kultus bewunderter Vorbilder, verleugnet sein Ich ebenso wie derjenige, der in Gottliebe aufgeht und nur deshalb seinem Nebenmenschen wohlwill, weil das Gegenteil niedrig wäre und die Selbstachtung fordert, das Niedrig-Selbstische zu verleugnen. Diese Fähigkeit zur Ichverachtung mag durch Erkenntnis zum Durchbruch kommen, letztere fordert aber von vornherein sittliche Anlage, selbst wenn nicht stark genug, eigenes Handeln mit dem Erkennen in Einklang zu bringen. Solcher Sittlichkeitstrieb widerspricht dem natürlichen und durch materialistische Weltanschauung noch gesteigerten Egoismus. Er ist aber bei einzelnen nun einmal da, Erkenntnis findet nur, wer dazu geeignet, am Rohen prallt der klarste Logos ab. Wie will man diese Gnadenwahl schon bei der Geburt erklären? Die gegen Karmazwang Faselnden sollten einsehen, daß Anerkennung des Determinismus jede Willkür innerhalb der Kausalität ausschließt, also Metanoia und Illuminatio nicht unvermittelt entstehen können. Keine Erscheinung ohne Ursache, diese kann hier nur vor der Geburt liegen, also setzt jeglicher Idealismus Determinierung durch Präexistenz voraus, einmalige würde nie genügen, sondern die Ursache projiziert sich immer ferner rückwärts, daraus folgert ebenso dauerndes Reinkarnieren nach vorwärts. Jede andere Weltanschauung widerspricht sich selbst. Wäre freier Wille vorhanden, dann bedarf man kein göttliches Eingreifen; erkennt man die Unfreiheit, so kann Gott nicht willkürliche Abbiegung zum »neuen Adam« veranlassen, genügende Kausalität dafür bloß in kurzen Einzelleben wäre undenkbar. Wäre die Nicht existenz des Imperativs zum Idealen allgemein, dann hätte Materialismus wenigstens in dieser Hinsicht recht, dann wäre jedes Sittengesetz Narrheit oder Heuchelei, vom allbeherrschenden Egoismus darf atheistisches Denken keinerlei Altruismus erwarten, womit auch der Sozialismus lächerlich wird. Indessen ist Idealismus bei einzelnen eine Tatsache, noch mehr: Es kann eine Hypnose transzendental hinauf gerichtet eintreten, die große Massen mit dem Schlachtruf »der Kelch für alle« zu religiöser vaterländischer freiheitlicher Inbrunst bis zur Selbstverleugnung fortreißt. Sogar der Weltkrieg bewies neben so viel Bestialem und Schäbigem das Vorhandensein dieses antiegoistischen Triebs selbst in einem verrotteten Zeitalter. Also baut der Materialismus auch hier nicht auf gültigen Tatsachen. Er und die Kirche können weder die eine noch die andere Seite der Menschenpsyche erklären, »Anthroposophie«, wie Steiner seine sogenannte Theosophie betitelt, ebensowenig, auch nicht Vedanta und Buddhismus, wenn man sie einseitig betrachtet, eher Jesus und Johannes, wenn man sie mystisch zwischen den Zeilen liest. Idealismus, Erkenntnis, Erleuchtung sind undenkbar ohne Kausalursachen, ihre Phänomene verlangen endlose Determinanten vor der Geburt des Ich, latente Immanenz von Immateriellem. Aus Präexistenz und Reinkarnierung folgt logisch die Vorbestimmung in allem Kausalen und die Unsterblichkeit alles Psychischen. Hieraus wieder die unbedingte Planmäßigkeit, hiermit die moralische Weltordnung. II Irenäus, Hippolyt, Tertulian verunstalteten fälschend die griechische Gnostik eines Basilides, Valentin usw. in den drei ersten christlichen Jahrhunderten, wie Harnack kräftig betont, und vertilgten möglichst die ketzerischen Werke, von denen sich nur Weniges in koptischer Übersetzung erhielt. Origines, der viel Gnostik in sich aufnahm, wurde noch 399 n.Chr. als Ketzer verurteilt. Diese Erkenntnislehre behandelt Christus als Sonnengeist und kosmisches Ereignis. Erster Grund des Seins sei der Geist, zweites Wesen das Chaos, drittes die Seele, die aus beiden ihr Sein empfing. Die Kosmogenie entwickelt sich aus geistigen Urgründen des »Weltvaters«, das Sichtbare ruckweise aus »Äonen«, dreißig Stufen führen empor zu Gottsohn Christus, über welchem neben dem Vater noch eine andere Unnennbarkeit thront »die Stille, das große Schweigen«. Solchen Dualismus im letzten zureichenden Grund verwerfend, verstehen wir dagegen, daß die Gnostiker einen Demiurgos als Schöpfer des Sichtbaren im Gegensatz zum Urvater annahmen und dies böse Wesen als den Judengott Jahve verabscheuten. Wenn Steiner die Geringschätzung des Alten Testaments ablehnt, so sehen seine Gegner wohl irrig ein Symptom seiner (von ihm abgeleugneten) jüdischen Herkunft. Es ist indessen sinnlos, wenn er statt dessen »luziferisch-arimanische Wesen« als Herrscher der Sinnenwelt proklamiert. Dadurch wird wieder der Teufel, das heißt Dualismus ins Allbild hineinpraktiziert. Ob Elementar-Elohim das Sichtbare schufen, kommt aufs gleiche hinaus, da sie »in höherem Auftrag« göttlicher Notwendigkeit handelten. Wozu ihren guten Leumund gegen den Vorwurf verteidigen, daß sie Urheber der bösen Materie seien, da deren Bosheit keineswegs gewiß ist und wir nur Notwendigkeit anerkennen. Kant entzog einer rationalistisch gestimmten Metaphysik den Boden, »der gelehrte Pöbel« wisse nichts, rede nur, seine Beweisführung ist aber oft sonderbar. Laut Aristoteles haben alle Wachenden gemeinsame, jeder Träumende seine eigene Welt, Kant folgert: »Vermeinen verschiedene Menschen eine verschiedene Welt, glaubt einer dies und der andere das, so läßt sich vermuten, daß sie träumen?« Gewiß, es gibt keine gemeinsame Welt, das führt auf die Fährte der Individualitätstheorie, doch sein Verneinen allgemeingültiger Vernunft- und Glaubenssätze überwertet noch viel zu viel die Erfahrung. Die radikale Folgerung ist vielmehr, daß Traumwelt relativ richtiger, da sie sich aufs Individuelle stützt, Wachwelt nur auf Erfahrungsschein, der äußerlich Gemeinsames vortäuscht. Alle normalen Augen sehen das gleiche Meer; was aber jeder einzelne bei diesem Anblick fühlt, ist unendlich verschieden, Kant meint mit »verschiedenen Menschen« Unterschiede des Urteilens, nicht aller Psychen intellektuell und ethisch überhaupt, was sein schnurriges allgemeines Sittengesetz ja auch übersieht. Metaphysische Systematik träumt minder als Vernunftillusion, das Unbewußte minder als das im Sichtbaren lebende Bewußte. Obschon Kant den Rationalisten Aristoteles verbessern will, bewegt er sich noch zu beengt. Der Praktiker Napoleon beseufzte das Leben als »flüchtigen Traum«, diese Aussage genialen Instinkts ist das Wahrgefühl des Unbewußten, daß Wachwelt ein Traum der Sinne. Kant polemisiert ferner gegen »Eitelkeit der Wissenschaft«, Vernunft als Beweggrund der Ethik auszugeben, Erwartung eines Jenseits gründe sich auf Empfindung gutgearteter Seelen, nicht aber ihr Wohlverhalten auf Jenseitshoffnung. Da vergißt er wieder die absolute Ungleichheit der Seelen, wonach Leugnung von Gott und Jenseits dem einen so angemessen wie Glaube dem andern. Die jenseitige Idee gründet sich nicht auf bloße Empfindung, die bei Denkenden oder Denkunfähigen subjektiv verschieden sein muß, sondern auf Notwendigkeit logischen Denkens. Goethe, den exakte Naturforscher heute vornehm belächeln, gab nur Ideen, wie Schiller richtig erkannte, brachte aber damit mehr Licht in gewisse Erscheinungen als sämtliche Induktion. Experimentell fachliche Naturforschung schwächt den Blick für die Natur, man verlernt sie im großen anzuschauen, wenn man sich in Einzelheiten vergräbt. Goethes eigene Studien bezeichnen nur Abnutzung seiner höheren intuitiven Seelenmacht, doch obwohl er zeitweilig erblindete wie Eaust, strahlte doch durch alle Nebel der Wissenschaft sein inneres Eicht. Das Dämonische im Körperlichen und Unkörperlichen in Wechselbeziehung zum Menschen erschloß sich ihm als unmittelbare Naturoffenbarung, die eine moralische Weltordnung zu durchkreuzen scheine. Er spricht von dämonischen Menschen, von denen eine Gewalt über alle Geschöpfe ausgeht ja sogar über die Elemente »und wer kann sagen, wie weit sich solche Wirkung erstrecken wird, alle vereinten sittlichen Kräfte vermögen nichts wider sie«. Nichts? Stehen sie nicht in Geheimverhältnis zum Unsichtbaren, das alles vermag, auch, sobald man ihn nicht mehr braucht, Napoleon zerbricht? Ja, dieser Dämonische erkannte tiefer als Goethe: »Bis meine Mission erfüllt, vermag man nichts wider mich, dann aber kann ein Atom mich fällen.« Goethe anerkennt auch telepathische »Magie« und mahnt an den Spruch: »Niemand ist gegen Gott als Gott selbst.« Doch wie reimt sich solche von Dunkelmännern als belanglos verschriene Mystik zur praktischen Weltweisheit eines utopischen Idealstaats im 2. Teil von Meister und Faust? Selbst dieser hoheitsvolle Genius, in dessen Jugend so sichtbar das Dämonische waltete, erkrankte an jener rationalistischen Haltung, die zu soziologischer Gemeinplatzschwärmerei den Eingang sucht. Im Völkerleben regieren nur vernunftlose Leidenschaft und dämonische Persönlichkeit, Dämonie überwindet aber nie das Nemesismaß des Ausgleichs, ringt nicht als blinde Naturgewalt, sondern auserwähltes Rüstzeug der Weltethik. Dämonie und Ethik werden im Wörterbuch des Rationalismus ausgestrichen, der alles abschafft, was im Reich superkluger Vernunft nicht Platz hat, doch unverwüstliche Wirklichkeit des Unsichtbaren ist das Blut, das Homers Unterweltschatten trinken, um lieben zu kosten. Fichte meint, daß die Dinge bloß als Erscheinungen vorgestellt, doch als Dinge an sich gefühlt werden, ohne Gefühl aber keine Vorstellung möglich sei. Gegen Kant führte Trendelenburg das Prinzip der Bewegung als einzige Wesenheit ein, Bewegung erzeugt aber notwendig Kausalität und so sind auch Zeit und Raum in unserm Denken ein Auseinander getrennter Begriffe, wie Herbart richtig erkennt, deshalb sind sie Bewegungsakte, nicht Vorstellungen, sondern Kausalgefühle. Auch geistiges Nationalleben besteht aus Kausalgefühlen. Aus naturwissenschaftlichem Milieu konnte deutsche Literatur nichts anderes nachempfinden als Rülpsen einer Fallstaffkompagnie, die mit flatternden Lumpenfahnen nach Coventry-Köpenick marschierte, obschon nur entwertetes Papiergeld in der Kasse war. Wenn die »Psychoanalyse« ihre Patienten auffordert, auf »die innere Stimme« zu hören, so wäre dann ihre »Deutung« der Sinneszusammenhänge unnötig, denn der Patient könnte »Selbstfindung« schon selber besorgen. Doch keine Methode wird ihn zum Hören der innern Stimme bringen, wenn diese von Jugend an durch Verstandesdressur erstickt würde. Von innerer Wahrnehmung wissen wir so wenig wie von äußerer. III Betrüge deinen Nächsten wie dich selbst! scheint die sittliche Forderung, die allein einkassiert wird. Spinoza betrügt sich selbst wie die andern, die er zu abstrakter Ethik bekehren will. Er verneint nicht an sich ein Jenseits, doch unser Wissen sei vom lieben und nicht vom Tode und, wo Wissen aufhöre, ende auch Denken. Das klingt wie Buddhas Verbot, mit endlichen Vorstellungen über das Unendliche nachzusinnen, ist aber nicht das Nämliche. Zunächst ist wieder nur Voraussetzung, daß wir vom Leben etwas wissen und vom Dasein nach dem Tode nichts. Nähme man Aussagen der »Geister« als Tatsachen, so wüßten wir vom Jenseits eigentlich mehr als vom Diesseits, von welchem wir nur physisch sichtbare Vorgänge sehr unvollkommen kennen. Auch ist bemerkenswert, daß erst modernster Materialismus von »Jenseitswahn« plapperte und wegen Körperzerfall Nichtexistenz lehrt. »Heiden« jeder Art glaubten entweder fest an Fortdauer oder wenigstens wie die Antike an Schattenhades, was sich in mancher Hinsicht kaum vom Geisterglauben unterscheidet. Selbst wenn Buddha je wirklich Fortdauer geleugnet hätte – Nirwana ist nur ein anderer Ausdruck für »ewige Seeligkeit« – so würde die von ihm unterstrichene Wiedergeburt schon betonen, daß es ein vereinzeltes Diesseits überhaupt nicht geben kann. Spinoza aber lehrt keineswegs Niederkämpfung körperlichen Lebenstriebs, einsame Abkehr und Abtötung, sondern verherrlicht Gemeinsinn und Staat, wobei er ihnen Ideale unterschiebt, die jeder Erfahrung spotten. Die von ihm gebilligte Selbsterhaltung wird stets nur Selbstsucht zulassen, solange sie sich nicht in Beziehung zum Unsichtbaren setzt. Daß Gott in allen Dingen ist , scheint irreführende Formel, richtig nur, daß er in allem waltet , etwas wesentlich anderes. Deshalb darf man alles als seine Emanation achten, doch das Böse und Geistlose zu »lieben« wäre unpsychlogische Überspannung. Denn die am stärksten hassen und verachten, haben vorher am meisten Gutes erwartet und Wohlwollen gefühlt. Überwindet man diesen Zorn, der nicht selbstisch zu sein braucht – Entrüstungspessimismus richtet sich nicht gegen einzelne, sondern abstrakt gegen das Weltböse –, so kann hohe Gerechtigkeit, aus unzerstörbarem Wohlwollen geboren, nur vom höchsten Erkennen gefordert werden. Wie darf man aber diesen Ausnahmezustand, wie er in Jesus schon als gottähnlich aufragt, als Grundlage einer Menschheitsethik vorschützen, sobald man sich in reiner Abstraktion bewegt ohne konkrete Anknüpfung an Überirdisches! Die »Diebe« wird dann unbewußte Selbsttäuschung, sie reicht gegenüber dem Erbärmlichen nicht aus, wäre nutzlos weggeworfen, Schwäche aus Kraft- und Mutlosigkeit. Sein Leben einsetzen, um den Drachen zu töten, ist sicher ethischer, als sich passiv von ihm fressen lassen, und ist solch unsinnige Diebe nicht Selbstliebe, die sich übermenschlich erhöhen will? Wer dazu fähig, wohl ihm! Doch in solcher Selbstachtung liegt ein Stolz, in dem eher Verachtung als Diebe steckt. Auch werden wir das Gefühl nicht los, daß Spinozisten, wie der warmherzige Auerbach, der freilich im Deben mehr Weisheit in Worten als Werken trieb, durch keine lange harte Schule gingen. Wer menschliche Gemeinheit gründlich schmeckte und die Heuchelei rührseliger Humanität durchschaute, die doch nie Opfer bringen möchte, weist alles Diebesgerede ab. Mitleid, das man allenfalls dem Nichtswürdigen gewähren mag, ist nicht Diebe. Das Gesetz der Individualität verbietet gleichmäßige Ethik, am schwersten an der Menschenniedrigkeit tragen die Schöpferischen, sie haben auch keine Zeit; sich um elende Mitmenschen zu kümmern. Und doch sind gerade sie es oft, siehe Byron und Leonardo, die den stärksten Instinkt von Mitleid und Güte empfinden und betätigen, während ihr Mund von Verachtung überfließt, selbstverständlich belohnt mit Verleumdung und Niedertracht. Bewegt diesen Elan großer Seelen etwa »Liebe zu Gott«? Keineswegs, sondern unwiderstehlich angeborener Trieb ihres Edelsinns. Nur aus diesen wenigen Elitemenschen, Jesus obenan, konnte der Mensch sich den Begriff bilden, daß Öott die Liebe sei und sich für unliebenswerte Geschöpfe kreuzigen lasse. Mit vollem Recht findet jeder Betrachter des Sichtbaren diesen Liebeswahn absurd. Denn wenn Gott, wie Spinoza selbst erkannte, vor allem die Gerechtigkeit der Notwendigkeit ist, dann bleibt ihm für Affenliebe für alles Schlechte und Nichtige nichts übrig, das wäre Ungerechtigkeit. Ein Gott, der sich in allem Schlechten und Niedrigen wiedererkennt und selbstliebt, wäre alles eher als ethisch, so daß solcher Pantheistengott auch keine Liebe für seine ohnmächtige Zerflossenheit verlangen darf. Erheben wir mit Bruno den Blick zum gestirnten Himmel, zur Unendlichkeit des Entstehens und Vergehens, so erkennen wir im ursächlichen Gesamtzusammenhang ein ur anfängliches intuitives Schöpferlicht. Doch die Weltsubstanz, obwohl in sich monistisch eins, kann unmöglich mit Gott konkret identisch sein. Denn äußerlich sichtbar triumphiert die Bestie, und diese fortwährend zu vertreiben, obschon sie in sichtbarer Materie immer wiederkehrt, ist der Zweck ewigen Diesseitskampfs: »Spaccio della bestia trionfante.« Alles Sichtbare hat einen Januskopf, halb schön, halb häßlich, nach dem Gesetz ewigen Wechsels, auch im Schicksal des einzelnen. Napoleon empfing als Triumphator die Schlüssel von Mailand, Madrid, Wien, Berlin, Moskau, doch wog auch die von Elba verlegen in seiner Hand und hörte St. Helenas Kerkerschlüssel rasseln. Aber so wechselvoll seine Kometenbahn, so stirbt doch nie das Einheitliche seiner großen Persönlichkeit in unvertilgbar hinterlassenen Spuren. Wenn die zusammengefügten Einzelteile der Einzelmonade sich scheiden, bleibt die individuelle Psychesubstanz vom Tode unberührt, verschwindendes Hinschmelzen in die Allheit wird nicht so leicht gewährt, Daseinsbedingung wurzelt auf tieferem Urgrund, als daß »Liebe zu Gott« schon Einswerden mit Gott ermöglichte, das Fahrwasser ins Nirwana ist nicht so glatt, daß Spinozasubstanz sich darin flott erhalten könnte. In Auerbachs Briefen an seinen Vetter Jakob 1884 heißt es Teil 2, S. 290: »Als wir von der Großprotzigkeit der Professoren gegen uns freie Schriftsteller sprachen« sagte Gregorovius: »Wenn Moses und Christus heute kämen, würden sie von den Professoren über die Achsel angesehen, wenn sie nicht wenigstens das Kandidatenexamen gemacht hätten.« So urteilten ein wahrer Gelehrter wie der geniale Gregorovius und ein gelernter Fachphilosoph wie Auerbach über den bornierten Dünkel der Kathederzünftler, in erster Linie die Pygmäen der Naturwissenschaft, während Helmholtz und Liebig obendrein nahe Freunde des Schwarzwalddichters waren. Ist ein solcher Zustand hochnäsiger Verdummung, der völlig Deutschlands Züchtigung rechtfertigt, auch ein notwendiger Ausfluß allgemeiner Gottsubstanz? Auerbach schöpfte aus Spinoza kindlichen Optimismus, der vor dem Lebensübel, so wenig er als Sonntagskind davon erprobte, allemal in die Brüche ging. Seine spinozistische Selbsterkenntnis malt sich erschreckend in einem Ausspruch seines »Kollaborators« über greise Gourmands, wo jedes Ekelwort auf ihn selber paßte. Dem Meister Spinoza macht solcher Idealismus seines Jüngers keine Ehre, dessen Selbstüberschätzung in lieblosen Äußerungen über Gutzkow, respektlosen über Kleist und Grillparzer, maßlos verachtenden über Hebbel auch nicht gerade einnimmt. Brunos Lehre befruchtete und beflügelte den heroischen Shakespeare, doch Spinoza erzog Goethe nicht zu Eroici Furori, sein wundervoller Jugendhymnus »Verteilet euch nach allen Regionen« klingt brunoisch, und man muß staunen, wie irgendwer aus kalter Glasbläserei solchen affetto schöpfen könnte. Bei vielen ist Nichtkenntnis Brunos die Grundlage ihrer Spinozalesart. Jene Professoren, gegen die Auerbach tobt, tragen mehr von Wesen und Methode jenes Talmudisten in sich, als sein schwärmender Verkünder Auerbach, der sich als Jude zu seinem berühmten Rassegenossen hingezogen, aber vom viel genialeren Stammverwandten Heine abgestoßen fühlte, während der tiefe Dichterdenker Heine den Vater der »Taufrischen Amme Valpurga« grenzenlos verachtete. Ja, die Pariser Matrazzengruft wußte nichts mit Spinoza anzufangen, Hiobstrübsal hält sich an einen lebendigen Gott. Spinozismus endet immer wie beim deutschbegeisterten Auerbach, der Gottsubstanz im Volksmenschen suchte und sentimental idealisieren mußte, um zu spinozisieren. Jede Erscheinung des Grundbösen warf ihn um, er »zitterte«, wurde krank vor Ärger und Scham, wenn es dem wohlgenährten Humanismus übel ging und seine Propheteneitelkeit auf schadenfrohe Gehässigkeit stieß. Wir hätten ihm gewünscht, Weltkrieg und Bolschewismus zu erleben, damit ihm vor der Gottähnlichkeit der Volkssubstanz bange werde. Die Rationalisten beriefen sich alle auf Spinoza, mit dem sich auch Diderots »Sensibilität der Materie« befreundete. Wenn dem Voltaire (vgl. Hettner, Teil 2, Seite 182) gottesleugnerische Bestrebungen verhaßt waren, da »die ganze Natur ruft, daß Gott ist«, so blieb sein Deismus nur gefühlsmäßig. Macaulay betont: »Man schuldet ihm und seinen Genossen die Anerkennung, daß das wahre Geheimnis ihrer Kraft ihr flammender Enthusiasmus war«, von welchem auch die Stael bekennt, daß er »unter allen Gefühlen das Glückbringendste sei«. Begeisterungsfähigkeit ist aber nur bestimmten Individuen gegeben, dies besondere Gefühl bleibt von Spinozas passiver Ethik weit entfernt, deren gekünstelte Gottliebe nur die Basis kaltmechanistischer Denkart wurde. Wie der Astronom planetarische Erscheinungen möchte man Gesellschaftsumwälzung vorhersagen, gewiß gleichen heutige Zustände mehrfach denen vor Ausbruch jenes Pariser Kraters. Bodenreformer haben ihr Vorbild in »Physiokraten«, Staatssozialisten vom Schlage Schmollers in »Ökonomisten«, über die Tocquville (Buch 2, Kap. 15) sich verbreitet, Anhäufung der Bodengüter in der Toten Hand (Campomanes' Trattado 1765) mußte ein Ende mit Schrecken nehmen. Doch wendete dies erneute Rückbildung zum Großagrarischen ab? Erneut trat fast Unmöglichkeit für den Kleinbauern ein, kostspielige Bodenbewirtschaftung gegenüber dem Großagrarier zu betreiben, selbst in Amerika kämpft der Farmer schwer gegen Aufsaugen des Großkapitals. Andererseits herrscht heute gleiche Unkenntnis, nur den Landwirt oder nur den Fabrikarbeiter als produktiv zu betrachten, was angesichts der immer verwickelteren Produktionsverhältnisse auf Abwege führt. Wenn Rousseaus Schrei nach Naturzustand noch heute wiedertönt: »Ein Buch soll mein Emil zuerst lesen, es soll lange seine einzige Bücherei bilden«, nämlich Defoes Robinson, welchen glücklichen Zustand erzeugte denn die große »Robinsonade«, wie der Deutschamerikaner Kapp es nennt, die Besiedelung Amerikas? Einen wahren Hohn auf Defoe und Rousseau, Ausbildung der rohsten Plutokratie, dieser unnatürlichsten Tyrannei und Sklaverei, naturwidriger als jedes monarchisch-aristokratische Blutvorrecht. Aus dem Symptom der Natursehnsucht zieht man stets die falsche Voraussetzung, dies bezwecke Gesundung des Lebenstriebs, während es nur sentimentales Ungenügen arbeitsunlustiger Kulturmüdigkeit bedeutet. Gottsubstanz im Naturzustand aufsuchen ist ein sehr ungöttliches Vergnügen. IV Wir finden bei Montesquieu recht moderne Behauptungen: »Wenn der Zufall einer Schlacht, also eine vereinzelte Ursache, einen Staat untergehen macht, so gab es allgemeine Ursachen« (Considerations sur les Causes usw. Kap. 18). Die richterliche Gewalt darf keinem ständigen Gericht übertagen, sondern nur von Leuten ausgeübt werden, die zu gewissen Zeiten vom Volke selbst gewählt sind, um ein Gericht zu bilden, das nicht länger dauert als notwendig« (Esprit des Lois Kap. 6). Da haben wir die Entschließung der Kommune von Fall zu Fall, eine Hauptforderung des Anarchismus gegen Justizpflege einer bevorrechteten Berufsklasse. Ja, die Justiz war nie eine Göttin und stets mitverantwortlich für Umsturzneigungen, doch gibt obiges Heilmittel Aussicht auf Besserung? Werden Arbeiter und Bauern vernünftiger richten als verknöcherte Juristen, die trotz alledem noch mehr Einsicht haben als ungebildete Proleten? Wenn die Sozialisten vor dem Weltkrieg ein zweites Jena prophezeiten, und zwar kein Jena, aber ein Staats-Sedan eintrat, so wird kein Vernünftiger behaupten, die Staatszustände seien unerträglich gewesen, und doch trat der Zusammenbruch nicht durch militärisches Verschulden wie 1806 ein, auch wenig durch vaterlandslose Umtriebe, sondern einfach durch übermächtigen Druck von außen. Die pessimistische Prophezeiung stützte sich also nur auf parteiische Voraussetzung einer Verrottung von Staat und Heer, die Erfüllung war nur eine scheinbar richtige. Allerdings verketten Ursachen und Wirkungen jede Gegenwart mit Vorhergegangenem, alles geschieht notwendig doch warum und wie? Man kennt nur Symptome, aus deren Gleichheit oder Ähnlichkeit man gleiche Folge diagnostiziert, doch sie kann gänzlich verschieden sein. Auf Spinoza angewendet, heißt nun dies, daß man geschichtliche Erscheinungen und menschliche Handlungen weder im ganzen noch im einzelnen als »Linien, Flächen, Körper« beurteilen kann, wie er sich anmaßt. Symptome sind keine Axiome. Für gleichmäßige Substanz, wo Individuelles im Generellen ertrinkt und höchste Psyche nur gleiche Göttlichkeit genießt wie unterste, hat man nicht mal Symptome. Wer ein Wissen vom lieben nur auf ein der Materie dienstbares beschränkt, erniedrigt die Lebenssubstanz. Möglich, daß Spinoza innerlich es nicht so meinte, in seinem mathematischen Aufbau klingt aber jede Annäherung an Reinpsychisches wie Verlegenheitsphrase, sein Gottschema wird ein Schemen. Weltstoff ist Substanz als beseelte Materie, Weltpsyche Gott ist keine Substanz. Wir sagten früher, daß Spinoza unbekannte Attribute zugibt, diese kann man aber alle in Psyche und Materie auf einen Grundbegriff zurückführen: Bewegung. Wer Bewegung sagt, sagt Leben, »wer Leben sagt, meint auch Substanz«, der richtige Begriff ist aber nicht Substanz, was immer nach Materie riecht, sondern substantielles Leben. Gottsubstanz ist so wenig vorstellbar wie eine Gottperson. Daß ein französischer Neuspinozismus sich mit katholischer Ontologie (Gilson) anfreundet, scheint symptomatisch für Spinozas Verwandtschaft mit traditionellem Dogmatismus. Daß unsere Ausstellungen durchaus objektiv analysieren, dafür haben wir den Beweis, daß der radikalste Spinozist Auerbach 1865 gesteht, das System sei »doch vielleicht nicht niet und nagelfest«. Beiläufig teilt er mit, Gervinus sei jetzt dabei, die auch politisch stimmunggebende Kraft Byrons in den zwanziger Jahren darzustellen, er selbst nennt an einer Stelle Byron mit Shakespeare und Goethe zusammen. Später aber ließ er im »Landhaus am Rhein« die wüste Heldin sich aus »Kain«, was sie für das größte Werk aller Zeiten hält, ihre Unsittlichkeit bestätigen und einen Arzt, der sich früher an Byron berauschte, ihn für Fusel erklären. Dann hielt Auerbach einen Vortrag »über Versöhnungslosigkeit des Weltschmerzes«, was sich doch nur auf seinen Intimus Lenau beziehen könnte. Nun wohl, Byron fand eine ganz andere Versöhnung als Spinoza, indem er die große begnadete Psyche, wie Luzifer sie in Kain anredet, auf sich allein stellte, selbst Lenaus Faust hat die tiefsten Probleme tiefer durchdacht als Spinoza. Wie der Sozialismus mechanische Soziologie und soziale Mechanik voraussetzt, ohne zu beachten, daß nichts Individuelles sich mechanisieren läßt, so schließt jede pantheistische Neigung die Augen vor der rein individuellen Bewegung aller Elemente und Wesen. Ohne das Karmagesetz der Selbstbestimmung innerhalb der Notwendigkeit ist keine Gerechtigkeit möglich. Das Böse und das Übel können keine abstrakte Ingredienz einer Gottsubstanz sein, sondern psychischer Kausalität als Abfall von Einheit-in-Gott. So wenig wie Heraklit und Demokrit oder Lucrez und Haeckel kennen Plato, Bruno, Kant, Leibniz die leere Formel Gottsubstanz, die Mechanistik mit schwärmerischem Brimborium überkleistert. Aufklärung ist ein so kaltes Wort! Man könnte sagen, daß auch Luft keine Wärme hat, doch zum Atmen nötiger als Sonne, aber das Gleichnis hinkt, denn ohne Sonne und Wärme kann Luft sich uns gar nicht vermitteln. Geist kann als Stoff aufgefaßt werden wie Oxygen (Cliffords mindstuff), doch Oxygen ist unsichtbar, nur als Wirkung empfunden wie Geist, dessen Schaffen oft erst posthume Produktion treibt. »Es gibt einen natürlichen Körper, es gibt einen spirituellen Körper« (Paulus), wie kann man über letzteren etwas aussagen, solange man am Sichtbaren klebt! Erst wenn man seine Schiffe hinter sich verbrennt an der Küste des Wahrnehmbaren, darf man sich als Konquistador ins Ungewisse des Eldorado aufmachen. Falschschreiber verabreden sich untereinander wie Falschmünzer, doch das Gewicht wird ausgefunden, sobald man es auf die Wage legt. Hier ist nicht mal »honour among thieves«, Rationalisten verraten sich untereinander, indem die einen zum Deismus, die andern zum Atheismus abschwenkten. Skepsis schläft den Schlaf des Ungerechten, weil sie Tatsachen nicht sehen will, die zu ruhelosem Wachen auffordern. Exzerpierte Akten machen Taines Pamphlet gegen die Revolution nicht induktiv wahrer als deduktive Sachfälschung der Legende. Wie Darwin und Wallace andeuten, hat die Natur sonderbare Täuschungsfähigkeiten, die alle Lebewesen verwirren, man muß daher vorsichtig sein, scheinbare Naturbeweise ernst zu nehmen. So gibt es z. B. eine Scheinschwindsucht, die nicht Tuberkulose ist und auf Ebben der Vitalität beruht, daher durch Ausstrahlung fremder Vitalität beseitigt werden kann, wo äußere physische Einflüsse versagen. Auch gottfremder Heroismus überwindet in sich selbst Zeitlich-Wirklichkeit, ist also ein lebendiger Beweis für etwas dem Sinnenleben Fremdes. Den Gottbegriff fallen lassen und trotzdem wie Goethe die Natur für verpflichtet halten, ihm ein neues Kleid zu geben? Die aus gärenden Verwesungsstoffen entstehenden Infusorien sind materiell das gleiche Leben wie das Verweste, solcher Umsatz der Lebenswerte würde nichts Individuelles gewährleisten. Indessen ist das Sichtbare nur ein an unsere Vorstellung gebundener sinnlicher Akt, während eine Welt des Unsichtbaren allwärts auf uns eindringt. Wie käme in angeblich mechanische Naturharmonie eine »falsche Natur« (Byron) als sinn- und zweckloser Selbstwiderspruch des Lebens hinein? Begönnert diese Natur nicht unablässig ihre niederen Erdgeschöpfe von Schildkrötenschirmwänden bis zu Selbstlaternen submariner Tierchen? Schon der Leuchtkäfer ist ein Mysterium. Nur der Mensch rollt immer wieder den Sisyphusstein bergan, er allein müßte der Natur fluchen, geschweige einem Gott, der als schadenfroher Teufel dies zuläßt. Rationalismus preist die Vernünftigkeit der Materie, wie konnte sie solche Unvernunft dulden! Welch albernes Ansinnen, von durchaus Unmoralischen eine Moral zu verlangen ohne Glauben an Gott und Fortdauer oder beide Begriffe trennen zu wollen! Sie stehen und fallen miteinander. Gibt es keinen Gott, so ist Gerechtigkeit und daher auch Fortdauer leerer Wahn. Wieso eine blinde Natur zu etwas verpflichtet sein soll, wissen die Götter! Aus Fortdauer verwandelten Stoffs Fortdauer psychischer Kraft zu folgern, wäre falsche Analogie, aus Sichtbarem Unsichtbares zu folgern, worüber der Natur keine Herrschaft zusteht. Überzeugt man sich von Herrschaft des Unsichtbaren, so wird ein Weltbild ohne Gott unmöglich. Ist aber Unsterblichkeit Wahn, so gibt es keinen Gott, der solchen Namen verdient. Möge man ihn noch so weit Menschenbegriffen von Allbarmherzigkeit entrücken, ein Gott grausamer Unvernunft bleibt doch undenkbar. Wenn höchste Sittlichkeit in hohen Menschen erwacht, darf man sich ein höchstes Wesen nur ähnlich vorstellen, ein solches aber ist wirklich verpflichtet zu gerechter Vergeltung. Wer Dank für Wohltat verlangt, ist ein Lump, wer Dankbarkeit nicht fühlt, ein größerer Lump: Je idealer das Sittliche auf Lohn verzichtet, desto mehr ist Lohn sittliche Notwendigkeit kausaler Gerechtigkeit. Sittliches ohne Beharrung und Erfüllung wäre die Laune eines Betrunkenen. Wäre Menschenleben ein Vergnügen, wozu diente solche Eintagsfliege, wer läßt sich solch ephemeres Theater zu seiner Belustigung vorspielen? Da es aber ein grimmer Kampf ist, könnte nur ein Teufel die arme Psyche zwecklos in solch Wirrsal stürzen, ihr Genugtuung verweigern. Geschähe dies trotzdem, wozu die ganze negative Posse? Ein dummer Gott ist noch unvorstellbarer als ein ungerechter, nur ein Gott aber verbürgt Unsterblichkeit, von Pan verlange man nicht, was er nicht leisten kann. In Frankreich feierte Descartes (auf diesem Umweg auch Spinoza in L. Brunschwieg) seine Auferstehung, doch scheint verworren, ihn mit Kant oder Einsteins Relativitätstheorie zu verbinden, sein Gott ist unangenehm nicht-relativ. Descartes nahm zwei verschiedene Substanzen an, Geist und Materie, eine dritte (Gott) bringe sie erst in Zusammenhang. Es gibt aber keine selbständigen Wesen nebeneinander, sie treten sogleich in Verhältnis der Begrenzung, eins hebt die Selbständigkeit des andern auf. Es gibt auch nicht gleich vollkommene Wesen, denn sind sie auch nur teilweise ungleich, so gehen des einen Eigenschaften dem andern ab, sind sie aber gleich, so sind sie eins. So doziert Spinoza, doch wie kommt er zur Folgerung: Es gibt keine verschiedenen Substanzen, sondern nur eine, Gott? Tötet es wirklich die Selbständigkeit einer Substanz, daß ihre Begrenztheit sich an einer anderen reibt, wird Leonardos Individualsubstanz minder selbständig, weil sie äußerlich in Verhältnis zu Zeitgenossen tritt? Als konkrete Substanzen kann man sich nur zweierlei vorstellen: Individualpsychen oder Naturkräfte. Letztere treten äußerlich unterschiedlich auf wie erstere, eine Gleichheit von Substanzen kommt äußerlich nie vor, gemeinsam ist nur die große Eigenschaft der Welt: Bewegung. Jeder kann sich einen Geist vorstellen, der sich ohne Körper bewegt, nie einen Stoff, der sich ohne Kraft bewegt. Die Behauptung, daß Kraft Eigenschaft des Stoffes sei, wäre ewig unbeweisbar, weil man bei jeder vom Menschen geschaffenen Stofform das Gegenteil weiß, organisches Leben aber nichts über sich selber aussagt. Der kabbalistische »Golem« bleibt bewegungslos, bis ihm der Lebenszauberspruch angehängt wird, und zerfällt, sobald man ihm den Talisman entreißt. Daß der bestimmte Ichgeist an bestimmten Ichkörper gebunden ist, selbst dies kann nur verklausuliert anerkannt werden, falls viele Phänomene dafür sprechen, daß die Ichperson oder etwas ihr Ähnliches noch lange fortbesteht. Was an den Körper gebunden, ist eben einzig das Ich, dessen Sinnen und Trachten selber körperlich ist, das den Körper antreibt, sich zu ernähren und fortzupflanzen, welche Körperfunktionen aber kein organischer Körper selbst bei untersten Formen ohne psychischen Anreiz vollziehen könnte. Wenn Schulze sein Leben lang nur an Geldverdienen in einer bestimmten Branche dachte, so hört dies »drüben« auf, wo man weder Geld noch Kaufmannsmethoden kennt. Daraus folgert aber weder, daß Geist und Körper zwei Substanzen (Descartes), noch daß sie eine seien noch gar, daß es überhaupt nur eine Substanz gebe, ebensowenig wie Einmischung Gottes als drittes Agens in Verbindung von Geist und Körper. Für den aufmerksamen Beobachter ergibt sich ein anderer Monismus: Allerdings sind Geist und Materie eine Substanz, doch in umgekehrtem Sinn als der Materialismus vorgibt, Kraft nicht Eigenschaft des Stoffs, sondern Stoff Eigenschaft der Kraft, welche einfache Wahrheit uns nur der Materieschein verhüllt. Psychekraft aber bedarf keiner Gotteinmischung für ihre Aufgabe, Spinozas Gott wird schon dadurch unklar, daß er ihn nur als letzten Mittelpunkt der Allsubstanz auffaßt. Ein Mittelpunkt als letzter zureichender Grund für unendliche Kreisringe unterscheidet sich aber deutlich von ihnen. Wenn der Apostel sagt, in ihm leben und weben und sind wir, so trennt er dabei schroff Welt und Gott, weder diese Schroffheit noch pantheistische Verblasenheit kann transzendentaler Monismus dulden. Gott ist keine Eigenschaft der Welt, sondern die Welt eine Eigenschaft Gottes, so daß man sich Gott ohne die Welt, die Welt nicht ohne ersten Beweger denken kann. Der Künstler ist nicht denkbar ohne Werke, doch er und Werke sind nicht das nämliche, man darf nicht eine Substanz Gott zulassen, sondern muß, ohne in wirklichen Dualismus zu verfallen, die letzte Frage notwendig subtiler fassen. Spinozas ungeheurer Einfluß kann eigentlich nur noch historisch gewürdigt werden, denn was er mit großem Aufwand talmudischer Disziplin beweisen will, ist nur Uraltes, das All-Eins, wie jeder vorchristliche Denker es lehrte. Sein Fortschritt über Descartes besteht im Sum Cogitans statt Cogito, Sein und Denken sind ineinander, nicht auseinander, Ausdehnung und Denken Äußerungen des Selben, alle Weltdinge zugleich Mittel und Selbstzweck. Eine letzte Ursache sei selbstverständlich, doch damit nicht bewiesen, daß die Welt Wirkung dieser Ursache sei; Gott stelle sich so unmittelbar als eins dar wie Blitz und Knall der Explosion; verschlossen ruhende Kraft wäre unvollkommen, Gott aber sei vollkommen, setze sich sofort in Schaffen um, Schöpferwille sei Notwendigkeit? Ganz und gar unsere Meinung, doch nicht mit der Deutung, daß darum Schöpferkraft und Stofform genau das gleiche sei. Glaubt Spinoza nicht an hebräische Schöpfungsmythe »im Anfang war die Welt wüste und leer«? Naturwissenschaft schließt ja gleichfalls auf ein Chaos von Gaswirbeln, das doch auch eine Welt und gewiß nicht identisch mit ordnender Gottsubstanz war. So entdeckt man gleich zu Beginn als notwendig Priorität der Gottpsyche »im Anfang war der Logos«, aus welcher sich Stoffveranschaulichung zwar sofort emporringt, aber nicht schon als wirkliche Weltgestaltung. Wie begegnet Spinoza dem Einwurf, daß Gott das Böse schuf und Gutes unterdrücke, daher die Wesen nicht liebe und von ihnen keine freie Gegenliebe verdiene? Er umgeht die Erage, predigt Liebe zu Gott als Erlösung und Glückseligkeit auch ohne Gegenliebe, unterscheidet sich also vom Theologen nur darin, daß letzterer Gott »über alles lieben« will, weil Gott »uns so geliebet« habe. Daß er den Menschenbegriff Liebe nicht als notwendige Eigenschaft Gottes auffaßt, erfreut uns, doch gleichzeitig verlangt er vom Menschen eine unerwiderte unglückliche Liebe, die menschlicher Selbstsucht hohnspricht. Denn wenn ein idealistisch fühlender Materialist begeisterte Naturanbetung verlangt, was die meisten Materialisten keineswegs mitmachen und für blinde herzlose Mechanik keine Verehrung fordern, so ist ohnehin Bewunderung nicht mit Liebe zu verwechseln. Man gibt gern zu, daß das Böse notwendig sein muß, doch Notwendigkeit dafür gibt nur das Karmagesetz und Spinozas Annahme, daß alles Böse an sich selbst zugrunde gehe, scheint im Sichtbaren falsch, jedenfalls leiden die Guten nicht minder, völlige Regellosigkeit im Los der Guten und Bösen zeigt an, daß viel verwickeitere Gesetze obwalten. Vom Menschen verlangen, daß er sichtbare Ungerechtigkeit verehren solle, heißt jüdische Priestersatzung blinder Unterwürfigkeit vor Jahve ins Unphilosophische eines Liebeswahns übersetzen ohne christliche Begründung dafür. Denn wenn er hinterrücks nun doch wieder von Gottes Liebe munkelt, so schließt sich Fürsorge der Gottsubstanz für ihre Einzelteile von selber aus, höchstens ließe sich Gottliebe so als Selbstliebe folgern, da ja das Gottganze in jedem Wesen enthalten sein soll. Offenbarer Denkfehler des Pantheismus: Unendliche Substanz stellt sich als unendliche Verschiedenheit dar vom Wurm bis zur Sonne, vom Kretin bis zum Genius, da soll höchste Ganzsubstanz in jedes Teilchen gebannt sein? Wenn ich huste, ist mein Auswurf mein stoffliches Exkrement, aber nicht ich selber, jeder Pinselstrich und Meißelstich ist Emanation des Künstlers, doch er selbst steht außer- und oberhalb. Da man Metaphysisches nur durch Gleichnis faßbar macht, scheint diese Logik zulässig. Spinoza hätte sich gesträubt, daß man ihn allmählich auslegte wie Heine, Gott sei abgesetzt und jeder Mensch in sich Gott, und doch führt seine mathematisch-kabbalistisch-talmudische Verzwicktheit, durch die sich der Geduldigste schwer durcharbeitet, zu eigener Verschrobenheit. Daß Jud und Christ sich gegen seine halb stoische, halb christliche Ethik auflehnten, war nicht mißverständlicher, als daß ein »heidnischer« Pantheismus sich von ihm ableitete mit einer ihm fremden »romantischen« Ethik. Er ist der unplastischste aller Denker, der Mangel des Semiten an schöpferischer Anschaulichkeit tritt zutage. Dagegen deutet Dührings Vorurteil zu schadenfroh auf sein Bekenntnis hin, er habe nicht jede Regung von Habsucht oder Sinnlichkeit unterdrücken können, das beweist nur bescheidene Ehrlichkeit, und welcher Ehrliche möchte nicht Ähnliches bekennen! Freilich darf freundliche Stoa eines Schwindsüchtigen nicht als Tugendmuster verherrlicht werden. Das spezifisch Jüdische seiner Philosophie steckt in Erkaltung jeder inspiratorischen Empfindung. Kommt man von ihm zu Böhme, so fühlt man sich förmlich atembefreit, aus intellektueller Glasschleiferei in die warme Werkstätte eines Lebensvollen einzutreten. Es wäre nicht recht, Brunos Bekennertod mit Spinozas beschaulicher Passivität zu vergleichen, die alle Anerbietungen seiner Freunde Meyer und Oldenburg zu öffentlicher Propagierung seiner Lehre abwies. Nicht Feigheit bewahrte ihn vor Martyrium, die Judenschaft hätte ihm gern Uriel Acostas Los bereitet, er schied sich brav genug von seinen Stammesgenossen, was für einen Juden besonders schwer fällt. Nichtsdestoweniger bleibt lehrreich, daß Bruno sich nach Opfertod sehnte, weil er als Arier das Heroische in den Vordergrund stellte. Wenn er nicht entfernt Spinozas Einfluß erreichte, wenn ausgerechnet Goethe und Herder sich in diese Spitzfindigkeit verliebten, die wesentlich auf Ain Soph der Kabbala zurückging, so erkennen wir hier den Siegesrausch des Rationalismus. Obschon Spinoza schon mit 44 Jahren starb und die »Ethik« erst nachher im Druck erschien, wurde er keineswegs »sekretiert«, man bewunderte ihn in England, sein Nachruhm setzte sofort ein, historisch nicht unbegründet, er bleibt ein Bahnbrecher, der gewissermaßen transzendentalen Monismus vorahnte, was aber in seinen Formeln keine Stütze findet bei seiner Unkenntnis des Unbewußten und der Individualpsyche. Seine Verstandesschärfe darf man ohne Lieblosigkeit jenem Realismus beizählen, der auf Mechanistik lossteuert, auch bei ihm plappert immer wieder »Vernunft« »auf vernunftgemäße Weise«, als ob sie über Gottsubstanz etwas Positives aussagen könnte. Unsere eigene Anschauung hat nichts dawider, daß Geist und Materie nur verschiedene Ausdrucksweisen einer Substanz, doch daß sie einander nicht begrenzen, ist schon schiefe Voreiligkeit. Denn der Geist begrenzt sicher jede Körperbewegung, der Körper begrenzt zwar nicht die Ausdehnung des Geistes, wohl aber dessen sichtbaren Ichwillen. Gegen Alleinherrschaft des Geistes soll zeugen, daß man in Schlaf und Rausch ohne freie Selbstbestimmung rede, redet denn da der Leib? Schlafreden enthält nur die gleichen beim Wachen und Nüchternen wirkenden Vorstellungen, und daß dies ohne Körperbewußtsein möglich, beweist gerade Geistautonomie. Hätte er das Schlafen der Somnambulen gemeint, wovon er nichts wußte, so wäre gerade hier das Sekundäre des Körperlichen zu folgern. So sehen viele Beweise Spinozas aus, von dem in gerader Linie die Sensualisten abstammen. Daß Gut und Bös nichts Positives »an den Dingen«, ist aus Bruno entlehnt, »das Denken macht es erst dazu«, sagt Hamlet, der Bruno las, doch inwiefern das Denken? Es ist unrichtig, daß die Bösen nie das Böse wollen, nur Selbsterhaltung eigenen Wohls, dem Bösen macht Böses tun Vergnügen, man sieht es an jedem Plutokraten, der jeden Armen grinsend übervorteilt, ohne etwas Wesentliches zu gewinnen. Der abscheuliche Satz »je mehr man seinen Nutzen sucht, mit desto größerer Tugend ist man begabt« macht es Dühring leicht, von Spinozas »schlechter Judenmoral« zu reden, doch sein eigener Brunokult stimmt nicht zu seiner Überzeugung, um so mehr Brunos Persönlichkeit: so bestimmt eben nur Individuellseelisches das wahre Wesen, nicht eine eingeschlagene Intellektrichtung, nicht der Mechanist war der wahre Dühring, sondern der Brunojünger. Statt Spinozas leerer Modi der Substanz reichen für Bruno die Wurzeln der Individualität bis unter das Zeitphänomen hinab ins Absolute. Er befruchtete zugleich Spinoza, Descartes, Leibniz, jeder borgte aus seiner Universalintuition nur das ihm Zusagende. Sein Monismus rechtfertigte zeitlose Fortdauer, seine Monade ist innere Form und äußerer Former, Zusammensetzung von innen nach außen, durchläuft ihr Verhängnis ewiger Veränderung mit Endzweck des Absoluten der Allethik. Für Spinoza ist Reue geistige Ohnmacht, für Hartmann schädlich, für Bruno Geburtswehe des Sittlichen. Wer fußt hier auf Wirklichkeit, die ja stets vom Reuehasser Nietzsche verleugnet wird? Nur pathologisch belastete Gewohnheitsverbrecher kennen nicht Reue, einfaches Reaktionsgesetz. Richard III. prahlt, Gewissen sei »schlau ausgesonnen als des Starken Hemmschuh«; doch erfährt im Reuemonolog, daß hier nichts Fremdes, sondern das Ich selber reagiert. Denn sein eines Zusammenhaltendes ist treue Erinnerung, untrüglichstes Merkmal einer starken Psyche. Deshalb wünscht Weininger »theoretische Biographie«. Die mit Bruno Wissenschaft »per il loro dilletto« treiben, werden nie Besoldung und Titel dafür einkaufen, daher mit Recht als Dilettanten behandelt, wie ja livreeprunkendes Bedientenpack gegen unabhängige freie Arbeiter Hochnäsigkeit affektiert Das Geniale läßt sich nicht in muffige Schulstuben einpferchen. Es bedarf keiner Biographie, ob Fachphilosophen eine neue Variante suchen: sage mir, wem du anhängst, Bruno oder Spinoza, und ich werde dir sagen, wer du bist. »No one had a simple sensation by itself« »to think is the only moral act« (W. James) sehr tief, das Moralische des Denkens als Notwendigkeit ist Urkern der Psyche. Herbart meint: »Begierde und Gefühl sind nur die Arten, wie sich unsre Vorstellungen im Bewußtsein finden«, doch diese Arten sind so verschieden wie das Bewußtsein selber. So sagt Pascal, je origineller man sei, für desto origineller halte man die andern: deshalb begreift das Genie nicht, daß man es nicht begreift. F. J. Schmidt, »Grundgesetze konstituiver Erfahrungsphilosophie«, 1901, nennt Psychologie »die Wissenschaft von den konkreten Erfahrungsgesetzen des individuellen Bewußtseins«, doch woher kümmerliche Erfahrung, da kein Bewußtsein sich selbst beobachtet? Daß der Urmensch unabhängig von Gut und Bös war und erst die Gesellschaft ihm solche Begriffe beibrachte, ist unwahr. Ein einsamer Wildling empfindet das Raubtier als bös und den harmlos zwitschernden Vogel als gut, daher alle Vogelsagen, wo Vögel dem Menschen gut raten. Nun, der erste Mensch, der ein aus dem Nest gefallenes Junges mitleidig aufhob und den Eltern zurückbrachte, empfand sich als gut; der erste, der es achtlos oder grausam zertrampelte, empfand das Böse. Am Ausgang aller Wesen steht der Individualismus und weiter nichts. Diese unendlich verschiedenen Psychen können nie gemeinsam »Freiheit« in »Einheit mit Gott« verspürt haben, sondern nur Eingebung ihres verschiedenen Wesens, obschon Gute und Böse mit dem gleichen Magen verdauen. Gewiß entsteht alle Begriffsabgrenzung durch Vergleich, Schön und Häßlich, Vollkommen und Unvollkommen, doch daß ein Klumpfuß so schön sei wie ein Apollofuß, weil jedes Ding nur mit sich selbst verglichen werden dürfe, ist Haarspalterei, nicht Logik. Dann müßte dies auch für den Vergleich Gott und Mensch gelten, wo der Mensch überhaupt keinen konkreten Vergleich und, nichts als sich selbst vergleichend, keinen Idealbegriff Gott aufstellen könnte. Freilich ist nicht Unvollkommenheit der Natur, daß der Ochse kein Adler ist, er freut sich seiner grasenden Bestimmung und möchte nicht mit dem Adler tauschen, doch beide fühlen gewiß nicht gleiche Einheit mit dem All, der eine hat eine wiederkäuende, der andere eine fliegende Weltanschauung, die vielen Menschenochsen haben Nützlichkeitswert, die wenigen Menschenadler Ätherbeziehung. Wenn daher Spinoza sagt: »Ich beurteile menschliche Handlungen, als wären es Flächen, Linien, Körper«, so erscheint solche Anmaßung von oben herab als »Chutzpe«. Denn jede geometrische Generalisierung verrechnet sich, in Psychedreiecken sind manchmal Hypothenuse und Schenkel unkenntlich verschieden. Deshalb hat Leibniz' »Individuation« mehr Wahrheit als Spinozas allgemeine Substanz. Verständig läßt Auerbach (»Dichter und Kaufmann«) den Mendelssohn sagen: »Der einzelne Mensch geht weiter, doch die Menschheit schwankt beständig und behält im ganzen dieselbe Stufe der Sittlichkeit in Religion und Irreligion.« Derselbe Auerbach übersetzte Spinozas Lateinwerke, so wenig verstand er, zu welchem Widerspruch dessen Vergemeinschaftung führt. Wie kann dann der einzelne weitergehen, wenn die Menschheitsubstanz auf gleichem Flecke beharrt! Göttliche Notwendigkeit als zielstrebende Gerechtigkeit erfüllt mit Ehrfurcht, mechanische Notwendigkeit gleichgültig rotierender Substanz, betitele man sie noch so hochtrabend »Gott«, drückt nieder. Zwecklose Nichtigkeit des Teildaseins im ewig gleichen Ganzen kann man nicht mit unnatürlicher Liebe zu einer teilnahmlosen Substanz umkleiden, nicht von schwachen Sterblichen eine unmögliche Fassung und Ergebenheit verlangen. Dann wäre wirklich der Mensch selber Gott, das sittlich Vollkommenste! Angesichts der wirklichen Menschennatur ist solche Anthroposophie Aberwitz: wenn Spinoza sich selbst als solchen Gott fühlt, der sich selbst in Gott liebt, so wird kein anderer Mensch dadurch erlöst, erst am Ende aller Zeiten könnte die Menschheit solche Gottheit in sich spüren. Spinoza nennt ja seine Philosophie ausdrücklich »Ethik«, doch mit so geschwollener Stoa wird keine Menschenethik möglich, nur auf Verkennung aller natürlichen Grundlagen beruht die Begeisterung für eine Vernunftreligion, die weder Konsequenzen des Buddhismus zog (der Einsamkeit suchende Spinoza predigt Aufgehen in Staat und Gemeinsinn!) noch Jesu Seelenlehre übernimmt, doch auch amoralischen Tendenzen unehrlich aus dem Wege geht. Gottsubstanz wird hier zur Falle für bängliche Gemüter, die ein atheistisches Natursystem nicht vertragen. Kein ehrlicher Mechanist läßt sich auf so krummem Wege eine Ethik einreden, die einen Gottesdienst von Moralliebe für etwas heischt, was überall und nirgends ist und alle Selbstopfer zu seiner Ehre nicht rückvergütet. Spinozas eigene Aufrichtigkeit in Ehren, doch seine Lehre ist unaufrichtig, weder für Jesus noch Leibniz erträglich noch für ehrlichen Materialismus, nur unklares Klarheitsuchen kam hier auf seine Rechnung. V Sogar Benennung der Formeln ist oft unzureichend, so müßte man statt »Erhaltung« genauer »Beharrung« der Kraft sagen, »induktiv« und »deduktiv« sind leere Worte, es ist unstatthaft, Spekulation und Analyse auseinanderzuhalten. Jede Analyse geht von spekulativer Voraussetzung aus, jede Spekulation analysiert Begriffe des eigenen Intellekts. Wegen versuchter Trennung beider Methoden entwickelte sich die Wärmetheorie so langsam, denn anfangs hielt man Wärme für Stoffeigenschaft, bis man sie als immateriell und identisch mit dem Licht erkannte. Dies geschah durch kühne Deduktion, Abstreifen einer Sinnestäuschung, so daß man latente Wärme als übersinnlich begriff. Jene Schotten wie Black würden, wenn sie ihre Spekulation fortsetzten, zu Schlüssen in unserm Sinn gelangt sein: Identität der Wärme mit Bewegung und allen übrigen Kräften, diese allein organisches Leben ermöglichende Wärme ist Unsichtbarkeit. Spekulation kann nicht fehlgehen, wenn sie nach diesem Unsichtbaren greift, denn ihr tastender Schritt stößt dort auf bewohnbares Land. Doch sie wird haltlos, sobald sie nicht mit Innenschauen die Außenwelt bestrahlt. Der Rationalismus schnitt dies ab, indem er sich auf Analyse des Bewußtseins beschränkte, so wurde er Stiefvater des groben Materialismus, der sich ums Illusionäre der Sinnentäuschung überhaupt nicht kümmert und nur Sichtbarkeitsanalyse übrig ließ. Seltsamerweise warnt sogar Buckle (2. Bd., 6. Kap.) vor der Naturforscheranmaßung, ihrem »ungehörigen Respekt, vor Experimenten, unpassender Liebe zu kleinlichem Detail, ihrer Neigung, Erfindung neuer technischer Instrumente und Entdecken unbedeutender Tatsachen zu überschätzen.« O Buckle, wo bliebe dann der Philisterrespekt vor Spezialisten, die Heiligkeit der Professorenmittelmäßigkeit? Dieser Unhöfliche nennt es Folge unvollkommener Bildung, denkt ketzerisch genug, die göttliche und prophetische Kraft des Dichtens anzuerkennen. »Wir brauchen Gedanken und erhalten nur Tatsachen«, welch ein Wort! Die aufgespeicherte Masse von Beobachtungen bleibe gänzlich nutzlos, bis sie »unter einer Idee verbunden werden.« Wort für Wort zu unterschreiben, nur hätte er dann sein Buch ungeschrieben lassen sollen, wo massige, doch sehr unvollständige Dokumentierung nicht wirklichen Ideen, sondern willkürlichen Voraussetzungen dient. Was man am wenigsten braucht, sind falsche Halbgedanken. Leslie († 1832) bekannte – als er Identität von Wärme und Licht lehrte, ohne ihre Polarität experimentell zu kennen –, seine genialen Grundsätze unter Einfluß der Poesie gefaßt zu haben: Die Wahrheit der Dichter, dieser vollendeten Beobachter, stände der Wissenschaft nicht nach. Jawohl, nur Verbindung umfassenden Wissens mit »Dichten« erzeugt wahres Wissen und Denken. Leslie bietet dafür das sprechendste Zeugnis, man sieht ihn in Zukunftskenntnisse vorauseilen: »Wir sollten gedenken, daß die Natur eine lückenlose Kette entfaltet, daher systematische Einteilungen und Begrenzungen nur künstlich sind und dazu dienen sollen, das Gedächtnis zu unterstützen.« Noch klarer baut er dies aus: »Alle Kräfte sind radikal von gleicher Art, ihr Unterscheiden in lebend und tot nicht auf richtigen Prinzipien begründet.« Und siehe da, Buckle selber wirft den Physikern vor: »Mit ihren veralteten Begriffen sehen sie nicht, daß alle Materie lebt.« Und doch erniedert er den individuellen Menschen zum Milieuprodukt! Wehe, wenn du erfährst, was du bist! rief die Sphinx dem Ödipus zu, so warnt falsche Wissenschaft den Gläubigen, er sei ein Lehm-Golem, jener Prager Rabbi der Sage stieß den Golem ins Nichts zurück, indem er die Talismankapsel des Lebens von ihm ablöste. Die Natur verfährt aber nicht so gewaltsam, verübt keine Vivisektion, beleidigt nicht das Leben zur Ehre der Wissenschaft, sie schenkt dem Golem den Talisman schon bei seinem Entstehen, und daß sie ihn durch Tod zurückfordere, ist beweislose Behauptung: Wie Leber und Lunge sich ergänzen bei Ausscheidung von Kohlenstoffüberlastung, Leber aber das Ursprüngliche im Embryo ist und Lungen erst später zuwachsen, so muß die Natur stets ergänzen und korrigieren wie ein Künstler, ohne deshalb die großen Richtlinien zu verrücken. Man höre Buckles erstaunliches Zugeständnis, für die Menschheit seien die »geistigen« Gesetze wichtiger als die »natürlichen«! Stellt man den Satz Raids »notwendige Wahrheiten können nicht aus Sinnlichem geschlossen werden, denn die Sinne bezeugen, was ist, nicht was sein muß«, dem Satz Joberts entgegen, »daß notwendige Wahrheiten durch Erfahrung nicht erlangt werden können, heißt das klarste Zeugnis der Sinne verleugnen«, so ist letzteres offenbar unlogischer als ersteres, denn die Sinne bezeugen nicht, was ist, sondern was scheint. Der Transzententalist Kant wird sich gelegentlich untreu: »Metaphysik wirbelt Staub auf und beklagt sich, man könne nicht sehen.« Störte er keinen Staub auf, wenn er in langstilig verschachtelter Parentheseperiode das Urgeheimnis darin sieht: Ich als denkendes Subjekt erkenne mich selbst als gedachtes Objekt. Was ist denn dabei! das tut wohl selbst die Pflanze, wenn man für »Denken« das richtigere »Empfinden« setzt, unser Selbst »erkennen wir« weder subjektiv noch objektiv, nicht mal unsern Körper. Die schon Plato bekannte Tatsache, daß männliche Körper weibliche, weibliche Organe männliche Psyche beherbergen können, was Konträrsexuales erklärt, erlaubt den Schluß, daß Physisches im Organismus keinen, Psychisches bestimmenden Einfluß hat. Das überwiegend Psychische der Mutterschaft gleicht dem Genie, weil sie von allen Dingen seelisch beeindruckt schwanger wird, amo ergo sum, Weisman spricht sogar von Fernzeugung. Goethe, »Über Spiraltendenz der Vegetation«, unterscheidet männlich Vertikales und weiblich Spirales, Fechner bestreitet Arbeitsteilung der Zweigeschlechtlichkeit. Kant schwärmte für Bund freier Völker (das Echo spottet »Völkerbund«) und ewigen Frieden, »auf diese Art garantiert die Natur durch Mechanismus in den menschlichen Regungen selbst«! Wir fragen und sinnen, ob ererbte Pietät für den biedern »Titanen« uns den Mund gegen so kindische Ideologie schließen soll, die echte Erucht rationalistischer Philosophie. Dabei verschmähte sein herbes Pflichtgebot das nächstliegende Preußische, verwarf Friedrich d. Gr. für Vernunftrepublik, dies Gewächs der Studierstube. Seine »metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft« behagen der heutigen nicht, mit Fug, denn nicht sie, sondern die Natur selber hat metaphysischen Ursprung. Gebot ihm auch sein angeborenes Sittengesetz als »Seiner M. getreuester Untertan« in Eingabe an den dicken König sich unwürdig zu gebärden und Fichte zur Nacheiferung zu vermahnen, »vorsätzlich unwahr in Äußerung seiner Gedanken«, was er früher als schimpfliche Lüge bezeichnete? Es peinigt, den »Titanen« erst ungestüm aufstampfen und dann sich drücken zu sehen, wie seine Anhänger sich auch scheu darum herumdrücken, daß seine Absicht ursprünglich zu Materialismus hinneigte. Wenn auch Haeckel gegen ihn eifert, so ist dies recht undankbar. »Man muß Partei ergreifen«, dieser Titel einer Voltaireschrift steht nicht als Motto über Kants Werken. Plötzlich proklamierte er Willensfreiheit als Postulat praktischen Bedürfnisses, denn ohne Freiheit gebe es nicht Sittlichkeit, also müsse Freiheit obwalten, obwohl »unbegreiflich« d. h. er schiebt eine Fiktion als Erklärung einer andern Fiktion ein. Sauertöpfische Pflichtstrenge, die nur aus Selbstwürde ein vorgeschriebenes Gesetz erfüllt, kennen wir als Selbstgerechtigkeit von Pharisäern, Asketen, Puritanern, Methodisten, antiker Stoa und deutscher Drillschulmeisterei. Pflichtzwang ist als Selbstbevormundung nicht frei von Feigheit, sittlich nur der gesetz- und zwanglose Impuls des Gefühls. Wäre Güte verbreitet, so wäre bestimmtes Sittengesetz unnötig, es entsteht wegen Mangels an Güte. Tolstoi sagt, dem Volk imponiere außer tierischer Stärke nur heiliger Lebenswandel, natürlich, als Bedürfnisideal unmöglicher Nachfrage. Aufrichtig unsittlich handelt nur ein tollgewordener Schinderhannes, zahlungsfähige Moral begeht unzählige Alltagsvergehen, doch erkennt scharfäugig nur des Nebenmenschen Profitschmutz, fürchtet nichts auf der Welt als das Strafgesetz. »Allgemeingültigkeit des Erkennens« ist ethisch erst recht Illusion, nur unentwurzelbare Triebe lassen sich nicht beirren durch Gesetzverbindlichkeit, bei Kant ganz unsittlich zum Nutzen der Masse ohne Rücksicht auf Individuen. Das Gemeine bändigt nicht »uns alle«, doch alle Philister, deren Einbildung sofort alles Hohe mit Neid und Eifersucht begeifert, das ist ihr kategorischer Imperativ. Hume, dessen vorurteilslose Skepsis sich mit voreiligem Positivismus schlecht vertrug, führte einen derberen Schlag gegen Sinneserfahrung als je Kant: Denkendes Vereinen der Einzeleindrücke brauche keineswegs allgemeine Notwendigkeit, sondern nur gewohnheitsmäßige Willkür zu sein. Den Raum als »etwas an sich Unmögliches« wie Berkeley, den Sinnenschein als Erweckung angeborener Ideen erklären wie Chadworth hieß Kant ebenso vorwegnehmen wie Raids »Prinzip des Common sense«. Wenn Fichte meint, Kants Kategorien seien selber Erzeuger des Stoffscheins, so wehrte Kant sich heftig dagegen und steht groß da in Negation jeder auf »uferlosen Ozean« sich hinauswagenden Spekulation. Nun, Weltäther ist freilich uferlos, doch der Geist läßt sich nicht Schiffahrt verbieten, fährt los wie Kolumbus auf jede Gefahr hin, kein Ufer zu finden, auch das ist ein Impuls des Intellekts. Freilich lehnt Kant die Träume der Rationalisten indirekt ebenso ab wie die der Idealisten, doch sein direkter Schwerpunkt liegt immer auf Verneinung idealer Voraussetzung z.B. der ontologischen, kosmologischen, physikotheologischen Gottbeweise. Man dürfe nicht Uhr und Uhrmacher auf die Natur übertragen und deren »freiwirkende Kraft« von einer andern übernatürlichen ableiten? Freie Naturkraft wäre ja selber Gott, regelrechte Uhrmacherkunst! Wer einen letzten zureichenden Grund ausschließt, wirft wie ein Kartenhaus alles Kausaldenken und die nur darauf gegründete Wissenschaft um, denn nur ein Vernunftbankrott kann mit Billionen zweckmäßiger Wirkungen keine zwecksetzende Ur-Ursache verbinden. Es ist ein unbeschreiblicher Witz der Weltpsyche, daß sie dem luziferischen Hochmut der von ihr abtrünnigen Kleingeister den Wahnsinn einsenkte, Wissenschaft könne ohne Kausalität einer Vorausordnung bestehen. Das Krabbeln der Spezialisten gleicht dem blinden Unterminieren des Maulwurfs, der die Erde für eine Scheuer voll Egerlingen hält, während droben die Sonne als Endursache der Egerlinge und seiner selbst strahlt. Später ließ Kant hochgeneigtest Gott wieder auferstehen, doch Möglichkeit wird ihm nur deshalb Gewißheit, weil sittliche Vollkommenheit nur durch eine ins Unendliche fortlaufende Existenz einer persönlichen Seele erreicht werden könne. Ist hier Unsterblichkeit ein Postulat der Seele oder Existenz der Seele ein Postulat der Unsterblichkeit? Die Kirche verlangt Jenseitsseeligkeit aus Selbstsuchtschmeichelei, Kant als Gewährleistung der Sittlichkeit, der Materialist ficht spöttisch an, daß Sittlichkeit den Menschen im Plural etwas Natürliches und Notwendiges sei: Ist sie Schimäre, dann wäre es laut Kant auch mit der Fortdauer Essig. Nachdem er das Unsichtbare als belanglos vermöbelte, fiel er plötzlich vor ihm auf die Knie und verrichtete seine Andacht vor lauter nur ihm erkennbaren Kategorien. Wie wenig man von Systemgebäuden verlangt und sich in jedem leeren Baugerüst niederläßt, ob es wie bei Fichte, Hegel, Schopenhauer ohne Erdgeschoß und zementiertes Fundament oder wie bei Spinoza ohne Dach oder wie beim Rationalismus ohne Dach und Fach ist, zeigt die bereitwillige Annahme eines fingierten festgefügten Kantsystems. Der Patriotenrummel bei Kants 200. Geburtstag trieb die himmlische Berliner Professorenblüte, Goethe habe als Süddeutscher preussische Pflichtgröße nicht verstanden! Wahrlich, Bolingbrokes Wort »das Beste in uns ist das Bleibendste« heißt heute: Das Bleibendste ist das Schlechteste, die Schellfischseelen, die Heine in Hamburg roch, verpesten die ganze Athmosphäre und echt modernes Ästhetentum spritzt umsonst Moschus hinein. Wir verwahren uns aber auch dagegen, Kant als einen himmeltragenden Atlas zu betrachten, da er doch selber auf den Schultern der Vorgänger steht. Hume erkannte, daß Erfahrung keinen Wahrheitsschlüssel liefere, weil sie Ursache und Wirkung voraussetzt, wir aber Ursachen nie klar kennen lernen. Daß Wahrscheinlichkeit so viel wie Wahrheit sei, diesen der Naturwissenschaft bequemen Wahn überließ er dem Nachfolger Mill. Descartes verwarf die sinnliche Wahrnehmung, stellte als unbezweifelbar nur unser eigenes Zweifeln hin. Gewiß, doch sein Satz »Ich denke, also bin ich« heißt richtiger »Ich bin, darum denke ich«. Da er keine Brücke zur räumlichen Ausdehnung und sich noch mit angeborenen Ideen herumschlug, so schuf er unerquicklichen Dualismus, dem auch Leibniz nicht entrann. Dieser stellte dem Empirismus, daß Erkenntnis nur auf den Sinnen beruht, entgegen: Außer dem Erkenntnisvermögen selber. Daß auch letzteres durch Sinneseindrücke entstehe, widerlegt sich schon durch einfache Betrachtung, daß Gehör und Gesicht bei jedem jungen Weltbürger verschieden individuell wirkt, doch in jedem gleichmäßig der Satz erwacht: 2+2 ist 4. Wenn aber Leibniz einer Täuschungswelt ein Ding-an-sich als erkennbar aufzwang, so verrückte er die dem Erkenntnisvermögen gesteckten Grenzen. Daß die Außenwelt unabhängig von uns existiert, diesen Grundsatz Lockes machte der Materialismus sich ganz zu eigen. Da liegt nun Kants Verdienst darin, den Fall umzukehren, Lockes primäre und sekundäre Eigenschaften des Stoffes kann man eben umgekehrt anwenden. Dann werden die Dinge primär abhängig von uns, Raum von Raum-Anschauung, Zeit von unserer Kausalauffassung. Hier werfen aber Kants Anhänger und Anfechter die Begriffe durcheinander, intellektuelle Sauberkeit gestattet weder Bejahen noch Verneinen jedes Apriorischen. Daß die Ideen Gott und Unsterblichkeit apriorisch seien, ist theologisches Anhängsel, sie sind bloß Postulate der praktischen Vernunft, sobald sie Reife des Nachdenkens erlangte, doch sicher nicht angeboren, der Wilde und das Kind erhalten sie erst durch Lehre, auch keineswegs ohne äußere Sinneseindrücke des Ätherhimmels. Ganz anders steht es mit der Idee Willensfreiheit, diese ist identisch mit dem Ichgefühl, der Urempfindung jedes organischen Wesens, ohne welche schon das Kind nicht strampelt. Diese wahrhaft angeborene Idee ist freilich Täuschung, Zeit und Raum desgleichen ohne Würde »idealer« Begriffe. Denn daß die praktische Vernunft, sobald der Mensch auf zwei Beinen steht, sich Zeit- und Raumbegriffe machen muß , in die er das Neben- und Nacheinander einreiht, ist Selbsterhaltungstrieb, den er ohne die Außenwelt nie ausbilden würde. Ist letztere nur Vorstellungserscheinung, so ist doch ohne sie Raumanschauung undenkbar. Das sind nicht apriorische, sondern Anpassungspostulate, Zeit ist identisch mit Kausalität. Schon das Kind erfährt, daß es Nahrung bekommt, wenn es lutscht, daß es sich weh tut, wenn es vom Stuhle fällt und daß dies in Abständen aufeinanderfolgt; auch die Katze weiß, daß es Mittagessen gibt, wenn die Kartoffeln dampfen oder man Messer wetzt, Raubtiere lernen, wann Fütterungszeit ist. Nicht um Zeit und Raum handelt es sich, sondern um Nach- und Nebeneinander sinnlicher Erfahrung, und wir müßten hierin dem Materialismus beistimmen, wenn er eben nicht törichterweise die Außenwelt für etwas Unabhängiges hielte, weil sie der Menschenvorstellung ein Nach- und Nebeneinander scheinbar aufzwingt, was doch selbst wieder nur subjektiver Eigentümlichkeit unserer Vorstellung entspringt. Weder gesonderte Ideen noch Erscheinungsbilder sind apriorisch, wohl aber jener unfaßliche Empfindungskomplex, den wir Lebenspsyche taufen wollen. »Das Leben richtet sich ein«, weiter kann man von Innen- und Außenwelt nichts sagen. Veraltete aristotelische Kategorientafeln ergänzte Kant, mußte freilich seinen selbstbevormundenden kategorischen Imperativ 1792 durch »angeborenen Hang zum radikal Bösen« korrigieren. Doch ist im Grunde gleichgültig, nach welchen Modalitäten unser Urteil verläuft, ob es nur Sinneserscheinungen oder Dinge an sich sehen kann, wichtig allein die Tatsache, daß das Lebensprinzip in sich selber Empfindungen auslöst, wie Kausalität, Zeit, Raum, Willensfreiheit. Diese tragen streng empirischen Charakter, sintemal sie alle aus der Grundempfindung Bewegung hervorgehen, welche das Leben selber ist. Deshalb hat auch Streit über Willensfreiheit wenig Sinn, sobald man erkennt, daß diese Täuschung zum Leben selbst gehört, das doch sicher apriorisch und keine Täuschung, vielmehr das einzig Gewisse ist. Deshalb kann man dem »gesunden Menschenverstand« den Determinismus nie begreiflich machen und die praktische Vernunft des Deterministen kümmert sich im Leben nie um seine theoretische Überzeugung. Die Täuschung liegt also nicht in der Erscheinungswelt, sondern in uns selber , d. h. das Leben fordert Täuschung. Natürlich sieht der Materialismus nicht den Widersinn: Ist Natur absolute Realität, dann müßten auch Wollen und Erkennen der Lebewesen als Teil dieser Realität das Wahre und Reale sein. Nur naives Denken kann aber glauben, daß ein von der Materie determiniertes Denken je objektive Wahrheit erlangen kann. Determinismus und »freie« Forschung vertragen sich nicht, weshalb Wissenschaft immer nur das findet, was ihre determinierte Geistesrichtung finden will . Daß Raumvorstellung durch Sehen und Tasten entsteht, hebt nicht auf, daß eben ein Apparat von vornherein da sein muß, um Sehen und Tasten zu solchen Schlüssen zu führen. Wir kommen also zu intellektuellem Monismus, daß Erkenntnisvermögen und Erkennen in eins zusammenfällt, welches wunderbare Rätsel nur durch apriorische Lebenspsyche erklärt wird. Herrschaft der Erscheinung über unsere Sinne wird aufgewogen durch Herrschaft geistiger Orientierung über die Erscheinung. Wahrnehmung ist schon intellektuell, das Empfundene wird gleichzeitig beurteilt und hierdurch wahrgenommen. Kants verzwickter Ausdruck »transzendentaler Gegenstand«, der all unseren Vorstellungen zugrunde liege, meint offenbar nichts hinter der Erscheinung, sondern in uns selbst, nach dem sich unsere Erfahrungswelt zu richten hat. Erkennten wir laut Schopenhauer nur durch Kausalitätsschluß, so könnten wir, wie auch Helmholtz zugibt, keinerlei Wirklichkeit begreifen, denn Ursache und Wirkung sind keine Dinge, sondern Erscheinungen von Erscheinungen. Um es klar zu unterstreichen: so wie 1000 Eindrücke noch keine sondernde Wahrnehmung, so sind 1000 Wahrnehmungen noch keine Erfahrung, erst ihre Verarbeitung durch den Verstand macht sie dazu. Was ist Verstand? Sammlung synthetischer Werturteile, die individuell zustande kommen für ein dem Ich zuträgliches relatives Weltbild. Daß der Körper selber sich ein Hirnorgan beilegt, für das er, der Körper, selber zum Objekt der Wahrnehmung wird wie etwas Fremdes, wirkt geradezu mystisch, um das dem Materialisten verhaßteste Wort zu gebrauchen. Schon J. Müller bestritt die Objektivität des Lichts, offenbar wirkt nur Bewegung, die in uns Lichtempfindung hervorruft, nicht weil es Licht gibt, sondern unsere Nervensubstanz es erfordert. Überzeugung von Einheit der Psyche mit unsichtbarer Wirklichkeit verhilft zur Logik, daß unsere Vorstellung sich irgendwie mit Wirklichem berührt. Raumempfindung ist subjektiv, doch der unantastbare Begriff Unendlichkeit bedingt schon Räumliches, wie Ewigkeit Zeitliches. Helmholz' Bemühung, Lichtwellen für identisch mit Nervenschwingung zu halten, wäre dem Transzendentalmonisten sympathisch, doch völlig ungelöst bleibt das Abfinden mit der Kausalwirkung, wie sich Schwingung in Empfindung umsetzt und gleichzeitig in Wahrnehmung. Bei so blitzschnellem Sehprozeß fallen »Übung und Gewohnheit« ganz fort. Gehirnpsychologie huldigt der jeder Physik spottenden Annahme, daß Gehirn- und Weltraum identisch sei, wie denn die meisten Voraussetzungen der Wissenschaft zum subjektiven Idealismus gehören, während sie das Gegenteil wollen. Die Kantische »Vernunft« ist Tautologie, Einsetzen des Teilbegriffs als Ganzes, statt einfach allgemein »Psyche« zu sagen. Als ob Klauen und Mähne das Apriorische des Löwen wären! nein, der ganze Löwe der Lebenspsyche springt vollgerüstet ins Leben. »Vernunft« was ist das? ihr eine subjektive und sinnfällige Grenze zu ziehen scheint müßige Verwechslungsspielerei. Dies richtet sich gegen jede übersinnliche Offenbarung sowohl der Religion als der Wissenschaft, denn die Physik wie jede andere Fakultät kann bestimmter abstrakter Voraussetzungen (Atomistik, Gravitation usw.) nicht entbehren, über der Höheren Mathematik prangt als Motto Descartes' kostbare Kühnheit: »Ich nehme an, daß alles, wovon ich ausgehe, schon bewiesen ist.« Jede »Logik« beruht auf Vernunftschlüssen aus Hypothesen, also rein übersinnlichen Faktoren. Mills berühmtes Beispiel, die Sterblichkeit des Prinzen Albert folgere aus dem Sterben so vieler anderer Leute, stützt eine abstrakte Behauptung auf eine ihr verwandt scheinende Tatsache, wie dies meist der Naturwissenschaft beliebt, falls sie nicht wie die Molekulartheorie es vorzieht, ohne jeden Tatsachenbeweis ein Weltbild zu erdichten. Mills obige Logik beweist natürlich nicht das Geringste für die Sterblichkeit, denn wie Byron sagt: »Was wißt Ihr? nur daß Ihr sterblich seid, und hier sogar könnt ihr falsch prophezeien, vielleicht kommt einst, ein Quell der Ewigkeit, die Zeit, wo nichts mehr alt noch jung wird sein.« Daß wir das Ding-an-sich nie erfassen können, ist auch nur so eine Behauptung Kants aus der Voraussetzung, daß unsere Psyche nie ihr gewöhnliches Durchschnittsbewußtsein übersteigen könnte. Eine Transzendentalphilosophie, die von Myers' subliminalem Selbst und Hartmanns Unbewußtem sich nie träumen ließ, gleicht einer Naturwissenschaft, die noch vor 30 Jahren die Hypnose leugnete, wie sie heut die Telepathie leugnet. Um es kurz zu sagen: Es gibt weder eine »reine« noch eine »praktische Vernunft«, sondern nur praktischen Verstand , dem auch alle politisch abgestimmten Religionen und die Ziele der Naturwissenschaft entspringen, oder »was höher ist als alle Vernunft,« als alles rationalistische Vernünfteln, nämlich inspirierte Intuition der Erleuchtung, wie sie Bergson heut analysiert und zu der sich der Greis Kant ahnungsvoll in "eine Welt reingeistiger Naturen" durchrang. Zwischen diesem Greisenseher und dem von der Wissenschaft hochgeschätzten Professor der Antimetaphysik besteht keine innere Brücke, weshalb jeder Versuch, wie Chamberlains geistvoll kombiniertem Kantbuch »reine« und »praktische Vernunft« als einheitliches System darzustellen, verwerflich und hier nur der Rationalismus ehrlich scheint, der Kants erneutes Einschmuggeln vorher hinausgeworfener Postulate als Altersschwäche oder schielende Feigheit belächelt. Es war aber nichts dergleichen, sondern einfach Umkehr, allmähliches Verleugnen seines »titanischen« Verständigseins. Daß Kant von Natur zur Mystikerkenntnis neigte, zeigt seine grimmige Verachtung der Wissenschafter wie der Theologen schon in seiner klassischen Periode, wo er nicht behutsam vorging, ohne die Zurückhaltung seines Dehrmeisters Hume, der in einem wesentlichsten Punkt auf einmal alle Konsequenzen seiner Skepsis aufhob. Er glich hierin Demokrit, dessen Atomistik man fälschlich materialistisch auffaßt (er meinte nur beseelte Atome) und der, als Schüler persischer Magier in Abdera, nur deshalb das Wunderbare befehdete, weil alle Wunderokkulte natürlich seien, dem Pythagoras verwandter als dem Epikur. Kants scholastische Verstandesschärfe erinnert eher an Aristoteles als an Plato. Obschon er alle Wissenschafter als eine nur dem Grade nach vom Gewöhnlichen verschiedene, dagegen die Künstler als besondere überlegene Menschengattung erklärte, fehlte ihm selber diese Gabe plastischer Veranschaulichung in Plato und Bruno wie in Buddha und dem Urheber des Johannesevangeliums. Unter diesen vier großen Seelen-und Naturerkennern (Bruno auch naturwissenschaftlich wie Cusa und Paracelsus) war der feingebildete Grieche der Unklarste, seine »Ideen« sind lange nicht so scharf umrissen wie die visionären Erkenntnisse von Meister Eckhardt, Böhme, Angelus Silesius und sogar Swedenborg, wenn diesen nicht seine theologische Denkweise entstellt hätte. Kant bekehrte sich innerlich zu Swedenborg in geläutertem Sinne und es wirkt tragikomisch, daß die Wissenschafter seine »Träume eines Geistersehers« für Ironie ausgeben, weil Kants praktische Privatvernunft sich sicherer Zweideutigkeit befleißigte. Sobald man ihn als »titanischen Bahnbrecher« würdigt, erkennen wir keine besondere Eigenart in ihm, er fußt ganz auf Hume und Locke, dessen »Essay über menschliche Vernunft« (»Understanding« bedeutet hier nichts Anderes) heut wohl nur wenige gründlich lasen, oft so subtil wie Berkeley, der Stammvater von Fichte und Schopenhauer. Erst die moderne Utilitätsphilosophie von Mill und Spencer brachte einen Ton ins englische Denken, der mehr mit dem Empiristen Francis Bacon, dem »Haupt aller Philister« (Goethe) als mit dem mystischen Roger Bacon zusammenhängt. Im übrigen darf man jene älteren Engländer als die wahren europäischen Bahnbrecher im Erforschen von Subjekt und Objekt anerkennen. Für uns ist Kant so wenig wie der magisterhaft am Weltphänomen herumdozierende Hegel der wahre Logiker, sondern jeder unserer großen intuitiven Mystiker, während Descartes' konfuser Dualismus, Spinozas abstrakter Substanzmonismus, Condiliacs Sensualismus sich in lauter Widersprüchen bewegen, letzterer seine Unlogik selbst gestand, indem er Möglichkeit körperloser Seelen zuließ, also den gleichen Weg ging wie der alte Kant mit seinem Korpus Mysticum. Es ist Falschmeldung, daß Kants Vermächtnis noch heute lebe, unmöglich als zwiespältiger Torso ohne innere Einheit. Sein Hauptwerk ist geistig tot, nur das wegweisend, was er im Alter ahnte. Natürliche Pietät für seine Zeitgröße, obschon sein schiefes Verhältnis zu Fichte ihn zu einem sonderbaren Zeitgenossen stempelt, täuscht nicht darüber, daß seine erfundenen Imperative so kategorisch mißverständlich wirkten, daß er und der Revulotionär Fichte in der Kinderfiebel des Obrigkeitsstaats als preußische Schutzheilige prangen. Er gehört einer längst abgeschlossenen Epoche europäischen Denkens, Neukantianer ändern nichts daran. Goethe wandte sich zwar von Spinoza zu Kant, zuletzt aber zu Bruno und »Magie«. Er als der geniale Mensch konnte in Kant auch nur einen ungenialen Professor wahrnehmen und hielt wahrscheinlich Byrons Kain, der sich auffällig mit Blawatskis »Geheimlehre« deckt, für viel echtere angeschaute Philosophie. Aufs Systemspinnen kommt nichts an, Leonardos Kunstgenie hinterließ seherische Tiefblicke, tiefer als des ganzen Kant halb rationalistische, halb ideologische Vernünftelei. Wenn Mechanisten vor so manchem Orakel, das jener Mechanikgenius auf Randecken von Zeichnungen kritzelte, erschrecken müssen, würde etwa Kant ihn besser verstanden haben? Wo Vernünftelen aufhört, beginnt die Intuition. Wir verloren uns schon in höhere Gebiete, die Kants Rationalismus fern liegen. Das vielfach bedeutende Buch von A. Classen »über den Einfluß Kants« 1896 wettert gegen doppelte Buchführung, die nebeneinander Religion und Wissenschaft bestehen läßt, tut aber dann desgleichen und versteht Kant so, daß man das theoretisch Abgelehnte nachher zu eigener Befriedigung wieder glauben muß. Ist der Verstand dazu berechtigt, der nie über Sinnliches hinausreicht, was metaphysische Ideen nicht haben können? Wir stoßen stets auf die Ergötzlichkeit, daß Materialismus, richtig verstanden, in abstruse Mystik mündet. Denn er setzt voraus, daß die Außenwelt sich überwältigend in den Hirnraum ergießt und jede Selbständigkeit darin erdrückt, dann aber müßten Hirn- und Weltraum dem Wesen nach räumlich adäquat sein, was natürlich Unsinn ist. Da jeder Erfahrung etwas Erfahrungsfähiges vorausgeht und der unendliche Raum des Bewußtseins vom engen Hirnraum verschieden, so hat Classen recht, daß gerade deshalb das Bewußtsein eine Außenwelt wahrnehmen kann, was bei Identität von Welt- und Hirnraum unmöglich wäre. Doch tappt er selbst in Unklarheit. »Was auf Empfindung beruht, ist wirklich«, wirklich? Daß wir die Eigenschaften der uns fremden Dinge unsern Empfindungen anpassen, ist kein Beweis der Wirklichkeit. Hierher gehören Untersuchungen über das Farbenproblem. Classen sucht als Arzt scharfsinnig zu überzeugen, daß die Beziehungen der Netzhaut nur mit der allgemeinen Empfindung parallel gehen, keineswegs mit ihr identisch. Nervenerschütterung durch Ätherwellen genügt für den Farbenschein, wir möchten an den Volksausdruck erinnern, daß es einen grün und blau vor den Augen wird. Daß für jede Farbe eine besondere Netzhautfaser bestehe, scheint uns eine verfehlte Hypothese Helmholtz', als ob das Nervensystem von vornherein sich auf etwas einrichtete, was ursprünglich gar nicht bestand, nämlich Farbenskala. Wir geben freilich als möglich zu, die betreffende Substanz des Sehvermögens habe sich nachträglich dem Prozeß des Farbeempfindens äußerlich angepaßt, so wie andauernde Einwirkung auf das Gehör vielleicht kleine Änderungen im Ohrgehäuse verursacht. Dies alles fällt unter physische Kausalität, erklärt aber nicht entfernt, wieso überhaupt Farben wahrgenommen werden. Neger, obschon von gleichen Lichtwellen berührt, sehen angeblich nur eine Grundfarbe, somit ist Farbe ein individueller Subjektivismus. Uns scheint unnötig über Grund- und Mischfarben zu spekulieren, dagegen ist wichtig, daß jeder Lichtreiz, da elektrische Ströme positiv und negativ wirken, auf den Sehnerv doppelpolare Wirkung übt, wodurch vielleicht Farbenempfindung entsteht. Polarer Doppelreiz wirkt aber auf jeden lebendigen Nerv, daher müßte Analogie zur »Farbe« auch anderswo aufgefunden werden, Ob die Farbenqualität etwa mit Erinnerungsassoziation zu tun hat, wie Goethe zu glauben schien, scheint uns fragwürdig, denn die ersten Menschen sahen gewiß die gleichen Farben und hatten dabei keine Erinnerung wachzurufen. Farbenlehre trägt wenig zur allgemeinen Psychologie bei, denn die Ästhetik, welchen positiven oder negativen Reiz jede »kalte« oder »warme« Farbe ausübt, ist rein subjektiv. Gelbbraun machte auf Goethe den Eindruck des Kotigen, andern befriedigt es angenehm den Sehnerv; Zinnoberrot, eine kalte und künstlerisch mißfällige Farbe, erfreut das Bauernauge, wie es auch viele Gebildete haben, die das Grelle für koloristisch halten. Classen liefert den fachmännischen Beitrag, Schielen sei eine psychische Lähmung der Netzhaut, hier kann der Denker weiterbauen: so wäre Erblindung eine ähnliche Erkrankung wie Geistesverfinsterung. Dem scheinen physische Ursachen zu widersprechen, bei denen aber indirekte viel häufiger als direkte. Letztere (Überanstrengung des Sehnervs durch zu viel Lesen kleiner Schrift im Halbdunkel, zu viel Benutzen künstlicher Gläser) führen meist nur zu Schwächung, nicht Versiegen der Sehkraft, selbst gewaltsame Eingriffe, falls sie nicht zu wirklicher Zerstörung führen, rauben dem Auge nicht so sicher die Kraft wie Bluterkrankung. Wirft Erkältung sich aufs Auge, so geschieht dies nur, wie bei Darm- oder Lungenkatarrh allgemeine Störung körperlichen Gleichgewichts sich auf den schwächsten Teil wirft. Dagegen geht sehr häufig Erblindungen eine lange Periode von Kopfkongestionen vorher, auch Hirnsyphilis (Nietzsche) kann ebensogut zum Irrsinn wie zur Erblindung führen. Bei den heftigsten Geistesarbeitern, die am meisten lasen, kam ein Schwächerwerden der Augen allzeit ebenso selten vor wie Behaftung mit chronischen Migränen. Nicht umsonst stecken die Sehorgane im Kopfe auf gleichem Niveau wie der innere Nerv, Augen- und Hirnerkrankung dürfte ziemlich das gleiche sein, so daß Erblindung oft vor Wahnsinn und Wahnsinn oft vor Erblindung schützt, Symptome gleicher Ursache. Wenn ein Arzt sich nicht zu solcher Deduktion aufschwingt, so dürfte man wenigstens erwarten, daß sowohl Classen als Goethe auf zwei Phänomene Gewicht gelegt hätten, die ein besonderes Eicht auf das Sehproblem werfen. Zunächst die Negation des subjektiven Farbengenusses durch Farbenblindheit, die doch nur eine psychische Lücke sein kann, oder Bevorzugung und Erzeugung von Farben durch Gemütsbewegung. Dem Jähzornigen wird es rot vor den Augen, und wenn der Okkultismus die Aura mit bestimmten Farben bekleidet, so verbindet schon der Volksglaube Gelb mit Neid, Grün mit Heuchelei. Vorliebe für bestimmte Farben hat sicher psychische Ursachen, Gewalthaber lieben nicht umsonst Purpur und Scharlach, die Blutfarbe der Macht, während auf andere Naturen Blau oder Weiß besondere Anziehung übt. Das zweite Phänomen ist willkürliche Farbenerzeugung bei geschlossenen Augen im Dunkel, obwohl hier manchmal bestimmte Reize bei Schließen des Auges vorhergehen, so daß frühere Dichtreflexe sich in Farben umsetzten. Gleichwohl bleibt der Vorgang merkwürdig, denn die meist dunkel- oder rosaroten oder grünen, gelben, blauen Lichtkugeln oder -kreise, die sich vor dem inneren Auge bilden, entstehen doch nun mal ohne direkte Imprägnierung der Netzhaut durch Dichtwellen. Treten also hier die Farben im Dunkel klar auf, so sind dies nur Erinnerungsbilder: wenn daher unter Ausschluß des Auges der innere Sehnerv sich erinnert und desgleichen Landschaften, Figuren, Porträtköpfe bei geschlossenem Auge vorüberschweben, so ist dies ein gänzlich psychischer Akt, unsichtbar-sichtbar, und hierdurch wird jeder Farbeneindruck als Psychisches Auffangen und Einstellen der Ätherwellen bewiesen. Für das völlig Spontane und Blitzartige dieser innern Photographien einer psychischen Dunkelkammer fehlt jede Erklärung, es sei denn die einer präexistenten Erinnerung bei vorher nie geschauten willkürlich hervorgezauberten Bildern, übrigens sind ja auch farbige Dichtkreise nichts früher bei offenem Auge Gesehenes. Für Kant dreht sich alles darum, daß ohne apriorisches Erkenntnisvermögen auch Sinneswahrnehmung unmöglich sei. Das läßt sich noch tiefer fassen. Die Uhr tickt stets, wir überhören ihr Geräusch, plötzlich hören wir es stark in der Nachtstille; sobald wir aber darüberweg denken, hört der Ton für uns auf und wird unhörbar. Überzeugt nicht solche Beobachtung, daß die Sinne vom Bewußtsein abhängen, d. h. vom Willen, etwas zu sehen und zu hören? Die Psyche will, daß der junge Weltbürger die Augen aufschlägt, die unendlichen Folgen davon sind aber kein mechanisches Abrollen, denn alles Geschaute richtet sich ja nur nach den Gesetzen der uns eigentümlichen Anschauung. Elefant oder Biene sehen und hören anders als wir, verarbeiten ihre Welt nach ihrem Erkenntnisvermögen und schaffen damit genau so relative Werte wie wir. Der Täuschung entrinnt man nur durch Abstreifen des Lebens, es aber deshalb für zwecklos halten, ist sträfliche Anmaßung der unreinen »reinen« Vernunft, da eine Täuschung auch nur Täuschendes über sich aussagen kann. Sinnlicher Anstoß für alles Denken besagt nichts für den Sensualismus, denn das Sinnliche ist selbst schon unser Denken. Fichte, Hegel, Schopenhauer beriefen sich bei Suchen nach Dingen-an-sich irrig auf Kant, der eine Wirklichkeit außer uns zugab, nur daß wir sie eben durch unsere Vorstellung erfassen, was laut Mill induktiv, laut Schopenhauer deduktiv erfolgt. Ob wir mit letzterem nur eine Kategorie oder mit Kant zwölf unterscheiden, so viel ist sicher, daß Erfahrung, von der Wissenschaft soviel Wesens macht, nur »das erste Produkt ist, das unser Verstand hervorbrachte, indem er den rohen Stoff bearbeitete« (Kant). Pochen auf Erfahrung entspringt daher philosophischer Unreife, Zustandekommen individueller Urteilssammlung erweist als primär einen schon gegebenen Intellekt. Deshalb hilft dem Materialismus nichts, daß Urteile und Begriffe mit Empfindung und Wahrnehmung zusammenhängen, denn nicht letztere bringen erstere hervor, sondern die ersteren sind selber die Ursachen derjenigen Wahrnehmung, über die sich gleichzeitig ein Urteil bildet. Käme hier Materie in Frage, so wäre es nicht die der Außenwelt, sondern unseres Hirnapparats, durch den erst die Erscheinung sich vor uns bildet. Selbst wenn wir so konsequent monistisch denken, daß identische Entwicklung von Hirn und Erscheinung möglich scheint – wächst doch unzweifelhaft das Hirn mit zunehmender Erscheinungsaufnahme –, so kann dies nie materialistisch gedeutet werden. Daß Seh- und Weltraum spezifisch verschieden sind, befriedigt zwar nicht den Materie-Monismus, wohl aber den transzendentalen im Einklang des Unsichtbaren. Der subjektive Idealismus überredet uns nicht, daß außer uns nichts da sei, wohl aber ahnen wir, daß Außen und Innen im letzten Grunde das nämliche sind. Möglichkeit unendlichen Bewußtseins entspricht genau der Möglichkeit unendlicher Außenweltbewegung. Unsere Zeitzerlegung ist keine Empfindung, sondern erfahrungsmäßiger Verstandesmodus, sich mit Kausalbewegung ins reine zu setzen: unwillkürlicher Beweis, daß wir ein Außer-uns zwar anerkennen, aber unserm Bedürfnis unterwerfen, daher Unabhängigkeit unserm Erkenntnisvermögen immanent ist. Aristoteles meint: »Die Seele beaufsichtigt den Körper wie der Herr den Sklaven, Vernunft die Phantasie wie die Obrigkeit den freien Bürger«, was Bacon überraschend kommentiert, der Bürger werde seinerzeit selbst die Obrigkeit. Homers Phantasie wurde gesetzgeberisch für Hellas, Bulwer setzt in »England und die Engländer« auseinander, wie Byron eine ganze Generation färbte, deshalb ist nur des Eklektikers Cousin würdig: »Die Menge hat ein magnetisches Übergewicht, das stärkste Seelen überwältigt«, vielmehr wird die Menge zuletzt von stärkerer Individualität bezwungen. Doch auch diese Regel hat Ausnahmen, die nicht »bestätigen«, wie man närrisch sagt, sondern die Norm umstoßen. Taine meint, der wahre Beweis für Prinz Alberts Sterblichkeit (siehe Mills Gleichnis) bestehe darin, daß die unbeständige chemische Körpermischung sich auflösen, also Sterben zur menschlichen Wesenheit gehören müsse, es gebe absolute Tatsachen, aus denen selbst die Ameisen, wenn sie philosophieren könnten, die gleichen abstrakten Begriffe bilden würden. Warum sollten Ameisen nicht philosophieren, ihre Zweckmäßigkeitsbeobachtung übertrifft die menschliche, sie analysieren erfolgreich jedes Hindernis, doch ihre Erfahrungsurteile ziehen sicher nicht gleiche Schlüsse wegen grundverschiedener Werkzeuge. Notwendigkeit des Sterbens durch chemischen Zerfall ist abstrakte Unterschiebung von Trivialerfahrung. Warum sollte ein chemisches Aggregat sich nicht aufrecht halten durch beständige kosmische Zufuhr? Da könnte man ja behaupten, alle Sonnensysteme müßten sich eines Tages auflösen, weil ihre chemische Zusammensetzung endlichen Zerfall bedingt, Helium und Radium scheinen aber unzerstörbare Stoffe, und es wäre möglich, daß im Menschen verborgene Radioaktivität waltet, den Elektronen sehr angemessen. Daß unser Körper durch stete Verminderung chemischer Beharrungsfähigkeit eingehen müsse, ist bloße Behauptung. Die Japaner sagen, jeder könne bei natürlicher Hygiene über 100 Jahre leben, die Inder sagen, daß Bestimmte und Besondere viele Jahrhunderte leben, Erfahrung sagt, daß Longävität und Mortalität ungemein abwechseln. Also läßt sich ein Zustand denken, wo Körperzellen durch stete Neubelebung großer Blutkörperchen bis ins Unendliche aushalten, ein Lebenselixier ist so wenig undenkbar wie Goldmachen der Alchemisten, Identität von Menschheit und Sterblichkeit daher nur abstrakte Voraussetzung. Alles rationalistische Denken handelt nach Aristoteles: »Man beweist ein Faktum, indem man seine Ursache zeigt.« Als ob man die Ursache von irgendetwas folgern könnte, was nicht schon als bewiesene Tatsache vorliegt, Ursache einer Nichttatsache kann man nicht finden! Man dürfte also mit gleichem Recht sagen: Man beweist eine Ursache, indem man ein Faktum zeigt. Gesetzt den Fall, man bewiese die Ursache eines erfundenen Monstrums, wie Leonardo und die Griechen es als Phantasiespiel aufzeichneten, so würde jedermann lachen, und doch wäre bedeutungsvoll, wenn man Ursachen definieren könnte, unter denen das erfundene Monstrum möglich wäre. Solch Mitwissen von Naturgeheimnissen schließt sich aber glatt aus, man kann Ursachen nur aus Bestehendem ableiten, also nie abstrakt. Jeder Beweis ist Hypothese, der Denkprozeß ist umgekehrt: Man nimmt die Tatsache als Beweis und konstruiert daraus eine Ursache. Ein Mord ist bewiesen durch Tatsache, nachher fahndet man nach dem Täter, Rationalismus aber schwindelt, er werde den Mord, der keines Beweises bedarf, dadurch beweisen, daß er den Täter findet. »Jede Feststellung ist verneinend« (Spinoza), jedes bestimmbare Ding trennt sich von allen übrigen, Kausalität ist Voraussetzung zeitlicher Trennungen. Doch jedes Zukunftsziel gegenwärtigen Ernährungsdrangs ist schon eins mit dessen Vergangenheitsursprung, denn Hunger als Urgefühl war allgemeine Natureinrichtung zur Lebenserhaltung, Hunger und Lebensdrang sind identisch, somit deckt Gegenwart sich mit Vergangenem und Zukünftigem, Körperleben hat kein Ziel, das nicht schon zu Anfang vorhanden war und ewig gleich bleibt, alles Streben ist Konstante, Auswirkung stets die nämliche. Wenn die Wärmetheorie bis auf Youle die Wärme mit der Bewegungsqualität gleichsetzt, so bleibt diese Äquivalenz ungeklärt, solange man nicht die Ursache der mit Wärme identischen Bewegung kennt. Nun, das unbekannte Dritte als Impuls von allen ist das Empfinden in der Natur mit der Allempfindung Gott. Dies fühlte Brunos Affetto universale, im Anfang war das Allgefühl, Logos bedeutet nur das Ausdruckswort, in dem sich Gott entladet. »0 könnt' ich doch verkörpern, was ich fühle, und wär' ein Blitz das Wort, ich sprach es!« erfleht Byron das Logoswort, man wird kein Seher, d. h. Sehender ohne Inspiration nach oben und Intuition nach unten, jeder Dichter hat mehr Empfindung, d. h. Anschauungsfähigkeit als Kant. Die baufälligen Systeme der Rationalisten zeigen die Vernunft als launische Dame, die jedem ihrer Günstlinge etwas anderes diktiert. Bei dieser amüsanten, aber mißlichen Posse bildet die Vernunft sich ein, induktiv zu verfahren, während sie deduktiv voraussetzt, so konnte der Deist Voltaire sich über das Lissaboner Erdbeben nicht beruhigen wegen Voraussetzung einer um die Menschheit väterlich bemühten Gottheit. Womit verdient der Mensch solche Bevorzugung? Der redlich Empfindende bekennt demütig, daß eine schlechte Menschheit eine bessere Welt nicht haben könne, egoistische Forderung gegen kühle Notwendigkeit; daß aber der Mensch nicht moralisch ist, beweist nichts gegen moralische Weltordnung. Der Abenteurer Trelawney spricht mal aus, was wir erfahrungsgemäß bestätigen, daß der Freitag der Seeleute als Unglückstag für alle wahr werde, die daran glauben (Byron, Bismarck u. a.) d. h. ihr Empfinden darin verankern. Wechselbeziehung individuellen Gefühls zur vorgestellten Wirklichkeit ist wesentlich für Erkennung des Allaufbaus aus lauter Individuellem. Ein Schriftchen »die innere Stimme« von v. Rechenberg deckt Gefühlszeichen auf, die als Instinkt aktiv und passiv bestimmen, auch wenn sie dem Verstand zuwiderlaufen, ähnlich Sokrates' Daimon. Dessen Verteidigungsrede schloß aus jetzigem Schweigen des Daimon, der ihn sonst vor jedem Übel warnte, sein bevorstehender Todesgang sei kein Übel, ihm war also Empfindung die Stimme inneren Wissens. So fühlt sich Eydt von leisem Schauder gepackt, »wenn mir aus tiefstem Grund der materiellen Natur das immaterielle: Leben entgegentritt, Vergeistigung der Materie sozusagen unter den Fingern.« Den astronomischen Radius besäte der Mensch mit Sternbildern, die er symbolisch benannte, antike Mystik glaubte an Liebesbeziehung in Gestirnbewegung, wie es Mussets Rolla so inbrünstig besingt. Vermenschlichte Gefühlssymbolistik bringt vielleicht der Wahrheit näher, da alles Naturgeschehen in Licht und Äther rational unverständlich bleibt. Lehrte doch Paracelsus eine »Religion der Arznei«, indem er aus natürlicher Signatur belebter und unbelebter Stofformen gesetzmäßig Heilkräftiges ableitet. Den durchaus psychischen Charakter des Lebens enthüllt auch das Driesch-Experiment. Schneidet man die Kopfzellen eines Froschkeims ab und versetzt sie als Hinterfüße oder setzt man umgekehrt letztere an den Kopf, so verleugnet sich die zoologisch vererbte Anlage: Die umgewechselten Zellen erfüllen die gleiche örtlich zugestimmte Aufgabe, die Hinterfüße entwickeln sich als richtiger Kopf, die Kopfzellen als richtige Hinterfüße. Mechanische Strukturlage der Mutterzellen beirrt also nicht die Idee des Organismus, das Keimplasma handelt nicht psychomechanisch, sondern nach unsichtbarer Anordnung. Durchdenkt man dies Experiment, verschlägt es dem Rationalismus den Atem. »Der Mensch an sich selbst ... ist der größte und genauste physikalische Apparat... und das ist eben das größte Unheil der neueren Physik, daß man die Experimente gleichsam vom Menschen absonderte und bloß in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen, ja was sie leisten kann, dadurch beschränken und beweisen will« (Goethe »aus Makariens Archiv«). Wie klar geahnt für jeden der selber Klarheit hat! So nähert sich Goethe wie Leonardo wahrem Naturerkennen, weil Künstlerauge die schöpferische Künstlerin Natur verständnisvoller liest als Brüle der Wissenschaft, die nur Staubfäden und nie inneren Saft der Pflanze bemerkt. Jede von der Psychevorstellung abgesonderte Betrachtung wird das größte Unheil, weil gerade sie sich von wahrer Natur entfernt und über physikalischem Apparat den Motor des Menschenwesens vernachlässigt, dessen psychische Beschaffenheit allein die Natur erklärt. »Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist,« wohlverstanden, weil dies Innerste den letzten zureichenden Grund enthält, der sich nicht in endliches Denken fassen läßt, doch das Äußere der Natur kann nie verstanden werden ohne die fortwährend darüber hinblitzenden Ausstrahlungen aus dem intuitiv geahnten Innern. Da deutsche Bildung so fest auf Goethe baut, muß sie sich auch den Wahrspruch »zur Naturwissenschaft« zu eigen machen: »Warum sollte es nicht unsichtbare Welten geben, sind die neuentdeckten Planeten nicht der ganzen Welt unsichtbar außer wenigen Astronomen, denen wir auf Wort und Rechnung glauben müssen?« So ist es, das Unsichtbare als Welttatsache kann aber seherisches Schauen mit psychischen Teleskopen entdecken, bis Zentralplaneten der Wahrheit dem Seelenastronomen sichtbar werden. Bulvers Aufsatz »Neigung zum Universalismus« nennt alle Spezialisten »Milben, die an einem einzigen Blatt am Baum der Erkenntnis brüten«. Auch Ameisenbären schnüffeln umsonst nach Weltordnung. Nur der Universalist erfaßt das Universum, doch freilich muß er Psychespezialist für Individuelles werden. Luden sagt in Einleitung zu Herder, daß die Alten nicht grausamer waren als wir, jedenfalls erfand man neue Foltern gegen alles Ungewöhnliche, um den Abstand zu verringern, wie Schönfeld-Nordaus Zersetzungssucht »Entartung«. Seine psychiatrische Diagnose des Musikfimmels (alle Irren musikalisch, laut Sollier Musik die ungeistigste Kunst, »sie verdummt«, bekannte jüngst ein bekannter Musiklehrer) bleibt Wagner gegenüber leidige Philistermache, so wenig wir das Abendmahl in beiderlei Parzifalgestalt einnehmen möchten. Solch schnüffelndem Schwachmatikus, der als Frauenarzt überall Hysterie wittert, wird zuletzt jede Idealromantik Auswanderung der Vernunft, obschon ein süßliches »Blessed Damozel« nur natürliche Reaktion gegen bebrillte Verstandschulmeisterin. Er nennt Ruskin einen gestörten Frömmlerfanatiker, dessen praktischer Utilitätssinn vielmehr das solid Handwerksmäßige der Bildtechnik empfahl. »Romantik und Gegenwart« (Ewald) verstehen sich heut ganz gut. »Zum Genie wird Talent durch dauernde Fähigkeit der Anpassung« (Mach)? Dann sind Nordaus Entartete alle Genies, denn sie paßten sich famos der Zeitströmung an, gegen die zu schwimmen sie strampelnd vorgaben. »Anpassung« tut's dem Verbohrten an, tatsächlich paßt umgekehrt die Gesellschaft sich ihren Chorführern an. Der Durchschnitter, für den die Griechen ein besonderes Wort prägten, bleibt stets passiver Untertan jeder Hypnose, obschon er mit Normalität prunkt. Der Begriff Endzwecke brachte »der Naturwissenschaft keinen Vorteil«? Derlei ist gar nicht ihres Amtes, denn »die Erde ist klein« (Kolumbus aus Jamaika), das Jenseits des Unsichtbaren lebt aber schon auf Erden, deshalb fiel Entstehen von Sternkunde und Religion zusammen (Falb, »Sterne und Menschen«). Ob Geburt ein Lethetrank versinnlichter Vergeßlichkeit, Tod sich erinnernde Selbstbesinnung, jedenfalls würde durch Austrocknen aller Erinnerung das Leben irrsinniges Schattenspiel, und Lichterkennen in diesem Dunkel ist alles Lebens Endzweck. Das Schöne hat seinen eigenen Weg zum Wahren und Guten, nur darf man es nicht äußerlich ästheteln wie Shaftesbury. Seine Griechenästhetik gab Anaxagoras den Genieblitz ein, der Mensch sei geboren »zum Anschauen«. Wer Leben als Fleischerladen sieht, den kümmern nur Sinken der Fleischpreise und Billigkeit des Rindviehs, doch wenn die Zähne zum Beißen ausfallen, dann jammern Fleischergesellen über Bankrott der höchsten Güter. Es gibt nur eine Selbstlosigkeit, im Geiste leben, alles andre ist Selbstbefleckung. Versuchungen des heiligen Antonius und Bekenntnisse des heiligen Augustin sind nur dem Grade nach von All-Gemeinheit verschieden, der eine will eben »den Himmel« erwerben wie der andre Geld. Die wissen nicht, was sie tun, die wie Bertax' »Zweifel« in unbekannte Welten Christus als Allbekenntnis einführen, vor Plato würden sich »Ideen« als Olympier verkörpern. Das »Haupt voll Blut und Wunden« ersetzte den Apoll, weil »berufene Diener Gottes« das Hospital als Vorhof der Götter ehren, um in ihres Nichts durchbohrendem Gefühl dem geheiligten Ich zu schmeicheln. Nur die Ästhetik wunschlosen Anschauens tastet nicht gierig danach, den Schleier des Unsichtbaren nach eigener Fasson zuzuschneiden. Geisterlehre und Totemismus des Papuanegers sind weiser und nützlicher als eine Wissenschaft, die Sichtbares nüchtern liest wie ein Kontobuch und dabei doch ins Leere greift, denn die Blätter sind mit unsichtbarer chemischer Tinte beschrieben, die schärfste Brille sieht nicht mehr davon als das unbewaffnete Auge. »Elohim« personifizieren jedenfalls anschaulicher die strahlenden Urkräfte, während vorausgesetzte »Atome« sich bloß als elektrische Sprengwirkung erweisen. Alle Materiebegriffe lösen sich in ein Lichtmeer auf, dessen Quellen und Strömungen ebenso unberechenbar wie unsichtbar bleiben. »Wir bewegen uns in einer Menge schwebender Objekte, unsichtbare Welten umdrängen uns. Unter solchen Phantasmagorien, gleich einem, der sich durch einen Maskenzug Bahn bricht, ringen wir dem Licht entgegen« (Inglesant 1892). Wenn die Säulenheiligen Schmutz zu religiöser Pflicht machten, so riecht kirchliche Unreinlichkeit nicht schlechter als Sauberkeit bei philosophischem Symposion, wo irgendein biogenetisches »Grundgesetz« (unter seinen Gründern Agassiz und Baer noch bescheiden im Hintergrund) als Schaupastete aufgetragen wird, aus der unter Trompetengeschmetter ein Zwerg herausspringt zur Belustigung des gelehrten Hofstaats. Verwesung winkt neuem Lebenskeim, doch wo zwei Verwesungen um die Herrschaft streiten! Früher schmorten Kompromißler als Ketzer, heute verbeugt sich Verständigungstheologie vor »Wissenschaft« und stößt sieh in der Sackgasse wund, daß neue fettglänzende Schläuche platzen, wenn man abgestandenen Wein neben absurd gärenden Most einfüllt. Priesterseminare für Kameralia geistlicher Jurisprudenz als Naturheilkunde lassen den Unerforschten ebenso kalt wie philosophische Quacksalberei, Sünden wider den Heiligen Geist sind nicht dessen Ausgießung, kein Pfingsten brach an mit Feuerbachs Spott: »Wahrheit ist heute Unwissenschaftlichkeit«, denn er eröffnete Feindseligkeiten gegen Gott, indem er nur ein irdisches Götzenbild abschüttelte. Doch wie der Preußenkönig gegen Fichtes »Atheismus« keine Sperre verhängte: »Händel mit Gott? mir tut das nichts«, so lächelt Gott jenseits jeder Götzendämmerung, ihm tut das nichts! 10. Anthroposophie. I Daß mit neuer Denkgesinnung allgemeine Seelenveränderung verbunden sei, wird die Steiner-Gruppe nicht müde zu predigen. Ob ihr selber aber die gewünschte Gewissenhaftigkeit zukommt? Dem bloß Betrachtenden ein »schaffendes« Bewußtsein entgegenzustellen und die Idee der Entwicklung in seelisches Wachstum zu verlegen, klingt schön, wenn sich nur etwas dabei denken läßt. Steiner will einerseits erhöhtes besonneneres Ichbewußtsein, andererseits Ichauflösung im Unbewußten, was nicht durch Trance und Mystik, sondern Willenskonzentrierung erreicht werden soll. Also Ichvernichtung durch Ichverstärkung, und der Prophet eifert gegen »dämmernde Mystik«! Erfordernis Disziplin, Ergebnis »vollbewußte Willkür«, und der Prophet spricht von mathematisch sichern Erkenntnissen! Mit diesen durchleuchtet man den eigenen Körper in »lebendiger« Anthropologie, die Kraft der Liebe wird so vergedanklicht, daß sie Sozialethik wird? Solche Kleinodien findet man in einer Scheinmetaphysik, mit der Steiner die Scheinbeweise der Evolutionssophistik verschmilzt, so kann man zwischen zwei Aberglauben wählen. Also disziplinierter Wille erzieht bewußte Willkür, unbewußte Unwillkürlichkeit von Ichverdämmerung und Liebeskraft wirft dämonische Willensbejahung, intellektuellen Ichverzicht und einen mit bewußter Willkür unverträglichen Altruismus durcheinander, dessen verdanklichte Ethik nun wieder ganz praktisch bewußt auf soziale Propaganda lossteuert! Solche Gedankensprünge gehen selbst Schopenhauers Willen über die Kraft, der wenigstens einheitlich blind daherrast und sich mit solchen Verzwicktheiten nicht abgibt. Da wir nicht über dessen vollbewußte Grobheit verfügen, fragen wir höflich, ob hier vielleicht das Gespenst des freien Willens lustwandelt, da Willkür doch jeder Notwendigkeit hohnspricht. Steiners begabtester Schüler, Hayer, versichert, daß nur solche Anthroposophie Menschheitsentwicklung verbürge, nämlich durch Einsicht, daß nur stete Wiedergeburt derselben Menschen einen Fortschritt zulasse. Zunächst scheint doch ein starkes Stück, die Urweisheit des Menschengeschlechts, schon im ältesten Gesetzbuch Indiens als etwas bekannt Tatsächliches verwendet, für Steiner als neue Lehre in Anspruch zu nehmen und sich dabei auf Lessing zu berufen. Da dies öfter geschieht, raten wir jedem, die winzige gelegentliche Äußerung in Lessings Erziehungsbriefen nachzulesen, als ob so nebensächliche Befürwortung der »Seelenwanderung« ins Gewicht fiele, da doch Lessing noch sehr viel weniger als Schopenhauer von indischer Lehre etwas wußte. Galliens Druiden, Germanenpriester, viele Griechen seit Pythagoras machten Wiedergeburt zur Grundlage ihres Unsterblichkeitglaubens, selbst »Auferstehung des Fleisches« im christlichen Dogma meinte heimlich nicht viel anderes. Bei der seit Urzeit herrschenden Karmaidee fiel aber niemanden ein, damit eine andere Weltanschauung zu verbinden als Weltanschaulichkeit ausgleichender Gerechtigkeit, Metempsychose bedingt nichts als Abschleifung, was aber dem Individuum selber weder zum Bewußtsein noch irdisch zugute kommt, sondern nur seinem transzendentalen Überich. An Menschenfortschritt auf der Erde kann dabei um so weniger gedacht werden, als indische Adepten häufigen Rückschritt vertierter, im Kama-Rupa versunkener Menschen feststellen, außerdem lehrt ja die Erfahrung, daß die Masse sich nie verändert hat, die kleine geistige Oberklasse sich nie vermehrte, in ihren vornehmsten Vertretern gleichmäßig über die Jahrtausende verstreut. Transzendentalevolution schreitet jenseits der Menschheitsgeschichte. Es heißt Wasser ins Meer der Unendlichkeit tragen, wenn man nochmals erläutern wollte, daß innerhalb der sichtbaren Materie nur Torheit an Evolution und Selbsttäuschung an Umwertung der Werte glaubt, da die alten subjektiv den gleichen Wert haben als die neuen, die nicht mal neu sind. Ein wiedergeborener Buddha, Jesus, Leonardo könnten nie einen Fortschritt in sich abgeschlossener Persönlichkeit verzeichnen, nur formale Abänderung. Steiners krasses Mißverstehen des Karmazwecks geht Hand in Hand mit der Verschwommenheit, welche Mittel es ermöglichen sollen. Vollbewußte Willkür paßt wie die Faust aufs Auge zur Kausalnotwendigkeit des Karma, sein Übernehmen des fremden Inventarstücks aus fremder Garderobe ist freilich bewußte Willkür. Obendrein wendet er sich an die Individialität jedes Menschen, in jedem schlummere das Göttliche, eben weil er Mensch ist, was gewiß den vielen Schulzes seiner Gemeinde schmeichelt. Welcher Unterschied waltet dann zwischen ihnen und dem Homo Heidelbergensis? Wenn ein superkluger Kritiker den Frühvölkern »wahres Ich« im neuzeitlichen Sinne abspricht, so raten wir ihm, seine biologischen Kenntnisse zu erweitern, das Unbewußte dürfte aber dann sicher bei geringerem Ich-Bewußtsein des Urmenschen stärker gewesen sein als beim Modernen. Jesu Wort »So ihr nicht werdet wie die Kinder« muß man verdeutlichen: So ihr nicht werdet wie die Urmenschen. Das würde aber Steiners Fortschrittsphrasen zuwiderlaufen. Hayer spricht von Bewußtseinswandlung in gewissen Zeitaltern, das sind lediglich Milieustände. Ein griechischer Sophist kannte nicht Telephon und Phonograph, doch seine dialektische Geschwätzigkeit glich durchaus derjenigen alles modernen Differenzierten, gleiches Seelensymptom bleibt unberührt bei verwandter Neugeburt, es gibt keine einschneidenden Bruchpunkte von Bewußtseinswandlung. Geburt des »bildlichen Gedankens« bei den Griechen ist Einbildung der Unkenntnis, die Griechen bekannten selbst, daß sie es den Ägyptern verdanken. Vom bildlichen Denken der Urvölker wissen wir nichts außer durch ihre prachtvollen Tierfresken, wohl aber von bildlicher Metaphysik der Inder, die auch nicht »geboren«, sondern von Urzeit überliefert war. Die Renaissance verwandelte nicht das Bewußtsein, sondern verknüpfte Antike mit Christenkunst; was sie lehrte, war durch scholastische Einflüsse vorbereitet. Berufung auf Burkhardt hat keinen Sinn, da dieser Renaissancehistoriker das Ereignis für sich betrachtet, ohne zu seinen Wurzeln niederzusteigen. In Steiners Geheimwissenschaft wird sein Wissen so geheim, daß selbst die große Blavatzky davon lernen kann, wie die Menschheit zuerst auf dem Saturn, dann auf der Sonne, zuletzt im Mond ihr Wesen trieb! Nachdem er die Vergangenheit so befriedigend ordnete, prophezeit er: Der Mond wird sich mit der Erde vereinigen, später auch mit der Sonne! Solche Ungeheuerlichkeiten werden vorgetragen sogar ohne Hinweis auf bestimmte okkulte Quellen, aus denen er schöpfen könnte, denn die Yogiphilosophie weiß nichts davon, er beruft sich auf Tiefen seiner Unbewußtheit und eigene Hellgesichte, die man nicht kontrollieren kann. Seine historische Betrachtung treibt Blüten wie: »Im ägyptisch-chaldäischen Zeitalter war noch nicht vorhanden, was man jetzt als logisches Nachdenken, als verstandesmäßige Auffassung der Welt kennt.« Die Schöpfer der Cheopspyramide besaßen natürlich kein logisches Nachdenken, die Chaldäer Astronomen ebensowenig, auch dachten diese Leute so unverstandesmäßig, daß sie die gediegenste soziale Ordnung hervorbrachten. Daß sich verstandesmäßiger Materialismus mit gemeinem Aberglauben paaren kann wie bei Syrern und Juden, ist freilich nichts Neues, die Moderne hat die Götzen nur durch Wissenschaft ersetzt. Doch was hat das mit Ägyptern und Sumerern zu tun, welch letztere Steiner mit den späteren Chaldäern verwechselt, die er offenbar für Semiten hält! Die Oberflächlichkeit solchen Urteils vergißt, daß dabei an die hohe Atlantierkultur geglaubt wird, deren gerettete Nachfahren sich zu den Ägyptern begaben. Hatten die Geheimpriester des Osiriskults auch kein logisches Nachdenken, hatte Amenhoteps Sonnenverehrung keine Weltauffassung mit Verstandessinn? Griechen und Lateiner wurden immer mehr entfernt von unmittelbarer Wahrnehmung der geistig seelischen Welt? Das ist bezüglich der Griechen grobe Mißdeutung, vom orphischen Kult und Delphiorakel bis zu Throphonius-Höhlen und Äskulap-Quellen zieht sich das Okkulte als roter Faden durch hellenisches Denken, das die geistig seelische Welt sehr unmittelbar anschaute. Auch hatte Hermeskult die ganze ägyptische Weisheit übernommen. Die Lateiner verloren allerdings Unmittelbarkeit des Weltanschauens, weil ganz ins Irdische verstrickt, was ihren Untergang herbeiführte. Aber daß sie sich bestrebten, Zusammenhang mit Übersinnlichem festzuhalten, dafür liefern Virgil, Ovid und selbst Lucrez' verzweifeltes Aufbäumen genügende Anzeichen auch wissen wir zuwenig vom Fühlen römischer Kreise, um ein summarisches Urteil zu gestatten. Es ist nicht sicher, ob die den Sumerern vorhergehende Rasse unmittelbarere Fühlung mit dem Übersinnlichen hatte; war dies aber der Fall, dann muß man rückwirkend folgern, daß dem Menschen immer mehr diese Fühlung abhanden kam und er sie im höchsten Maße nur im Anfangsstadium besaß. Sein Ahne, Steiners Saturn-Sonne-Mondbewohner, würde zweifellos ein geringes Selbstbewußtsein gehabt haben, doch sein Erscheinen auf Erden kann ohne ein solches kaum gedacht werden. War sein Ich-Egoismus geringer, so hatte er naturgemäß mehr Unbewußtheit, befand sich also im Vergleich zu späteren Perioden im Unschuldparadies, sein Sündenfall kann eigentlich erst mit schwarzer Magie luciferischer Atlantier begonnen haben. Nun wohl, dann sind alle beliebten Vorstellungen vom Urmenschen logisch ein Unding, und weder der Schädel des Neanderthalers noch gar des Aurignaciers erlaubt solche Möglichkeit, wie darf dann aber ein Theosoph von seinem Ständpunkt aus Evolution lehren! Daß Steiner dem würdigen Haeckel ein Buch widmete, scheint entweder Geisteswirrheit oder raffinierte Spekulation, sich an den geistigen Erzfeind anzubiedern und die Bonzen der Naturwissenschaft zu kaptivieren, sich bei Kreisen einzuschmeicheln, die naturgemäß mit Zelotenwut über ihn herfallen müßten. Zweifellos war diese Berechnung richtig, denn Steiners Annahme der Haeckel-Evolution brachte ihn bei Verlehrten in den Geruch der Wissenschaftlichkeit. Es war aber bewußte Täuschung, denn Haeckel, mit all seiner Verbohrtheit ein durchaus gerader Charakter, hätte die Widmung abgelehnt, wenn er wußte, aus welchem Lager sie stammte. Auch die zwei Vorreden zu der Geheimwissenschaft täuschen durch Bescheidenheitskomplimente vor der orthodoxen Wissenschaft, denn niemand ahnt danach, welche Zumutung das Buch an gutmütige Lesergläubigkeit stellt. Wenn ein indischer Guru derlei lehrte, würde man die Möglichkeit offenhalten, daß er vermöge jahrtausendalter Überlieferung dazu befugt sei, ein beliebiger Dr. Steiner wird uns schwerlich überzeugen, daß ihm vermöge göttlicher Inspiration Dinge offenbar wurden, die sich überhaupt nicht akademisch beweisen lassen. Allerdings sind wir nicht abgeneigt, in einem besonderen Fall, dem einzigen konkret-physikalischen seiner Abstrusitäten, ihm recht zu geben: seiner sonderbaren Wärmetheorie, wonach Wärme einmal in einem Urzustand nicht Ausfluß von Materiereibung, sondern ein für sich bestehendes Element gewesen sei, eher Ursprung- als Folgeerscheinung der Materie. Nur beanstanden wir, daß Wärme losgelöst von Licht, Elektrizität und anderen Faktoren, die wir nicht kennen, als Agens für sich auftreten könne. Wärme kann immer nur eine Form der Allbewegung sein, denkerisch müßte man daher nur sagen, daß es einmal einen Zustand gab, wo nur Bewegung ohne feste Materie regierte. Das ist sehr möglich, damit würde aber die wissenschaftliche Wärmetheorie zunichte, für die es keine Wärme ohne Materie geben kann, ein neuer Riß durch übliche Materieauffassung. Im übrigen schöpft Steiner, so absonderlich sein Neues, auch oft aus Altem, denn seine famose Gruppenseele der Tiere findet sich schon in der Yogilehre, siehe »Gnani Yoga von Yogi Rama Chakara« (London 1917). Wenn Steiner erklärt, des Hundes sehnsüchtige Erinnerung an seinen Herrn und sein Wiedererkennen seien nichts individuell Geistiges, das Tier könne sich nicht erinnern, so gehört wirklich seltene Naivität zu Behauptungen, über die jeder Tierkenner aus vollem Halse lacht, doch der Yogi redet gleichen Unsinn: Ein Pferd im Freien unter Regen und Sturm möchte instinktiv zum warmen Stall zurück, könne aber über seine Lage nicht nachdenken. Ihn entschuldigt höchstens die geringe Pferdekenntnis des Inders, im selben Atem erzählt er aber, die Krähe könne zählen usw., ohne die viel erstaunlichere Intelligenz des Papageis zu erwähnen, und anerkennt die fast übermenschliche Weisheit der Ameise und Biene. Wie merkwürdig, daß alle Evolutionisten, zu denen auch Rama Chakara sich zählt, nicht den Widerspruch erkennen, der in angeblicher Geistlosigkeit höherer Säugetiere, auch des Affen, und den Geistbeweisen untergeordneter Insekten, auch der Spinne, sich aufdrängt! Dabei wird aber der Ameise trotzdem das Ichbewußtsein abgesprochen, weil menschliche Anmaßung das nämliche Ich, das man psychologisch negiert, als besondere Errungenschaft ausgibt und sich daher schämt, es mit den Tieren zu teilen. Darwin freilich sagt ausdrücklich: das Ameisenhirn (das heißt das Nervenklümpchen, das hier als Hirn dient) sei noch wunderbarer als das Menschenhirn. Da das Hirn der Sitz des Bewußtseins ist, kann also das Ich der Ameise nicht abgesprochen werden. Genau Gleiches gilt für jedes Lebewesen, sogar das Mineral, sobald man sich dem Yogistandpunkt anschließt, wonach Geist in jedem Atom herrsche. Geist und Bewußtsein sind nicht zu trennen. Wie ein Yogi an Gruppenseele der Säugetiere glauben kann, bleibt unverständlich, man frage mal den Einsiedler Gorilla, ob er sich als Gruppenseele fühlt und nicht vielmehr als bestimmtes Selbst, was nur für sich Funktionen ausübt! Steiner kann sich nicht wundern, wenn seine Feinde ihm Charlatanerie vorwerfen, wir aber wundern uns über Auslassungen neuerer Yogi, die wir bedenklich finden. Sie leugnen entrüstet die Möglichkeit, der Mensch könne je wieder als Tier reinkarniert werden, doch wir verstehen gewisse Wendungen Buddhas und der Bagghavad Ghita kaum anders: Strafe für tierische Gelüste. Nicht als ob wir selber den indisch-ägyptischen Volksglauben teilten, siehe früher, doch steckt nicht Uberhebung darin, das Tiersein schlechtweg als Menschenentwürdigung zu betrachten? Bismarck wünschte als Ameise wiederzukommen, und für dumme, selbstische Durchschnittsmenschen könnte Wiedergeburt als Araberpferd nur Belohnung sein. Tierbeobachtung beruht meist auf beweisloser Voraussetzung, wie z.+B. der Überzeugung, das Tier sei glücklicher als der Mensch. Mit so relativem Begriff sollte man nie hantieren, da jeder nur seinen eigenen Lust- und Unluststand kennt. Hunde, Katzen, Pferde, Papageien, Elefanten, die allein man genügend beobachten könnte, haben Anfälle von Nervosität, Unruhe, Schwermut aus unerkennbaren Gründen. Das Tier ist nur in dem Grade glücklicher, als es minder von tausend Attacken rasender Ichsucht geplagt wird, selbst passives Vegetieren der Wiederkäuer kann nicht als Glück gewertet werden, da die Kuh über den Tod ihres Kälbchens trauert und weiß, wann sie zur Schlachtbank geführt wird. In Geringachtung des Tieres, obschon der Inder alles Lebende als gleichberechtigt ehren soll, verrät die neuere Yogilehre eine schiefe Neigung zur Vergöttlichung des Menschen und seiner Zukunft, was dem Lehrsatz widerspricht: »Leben ist nur eins, Leben der Einheit mit dem Willen des Absoluten.« Wie kann innerhalb solches Monismus erst im Menschen ein Bewußtsein ansetzen, erst in ihm Geist beginnen, Seelisches nur im Individuellen! So bietet auch diese Yogilehre ein gut Stück Anthroposophie, wogegen Buddha mit seiner Zersetzung des Ichs Front machte. Der Mensch als einziger bewußter Geisturheber ist also Steiners Geheimnis. Auf die ausweichende Floskel, daß der irgendwo in der Allkraft verborgene Geist in sonstiger Natur zurücktrete und auf okkultem Wege plötzlich im Menschen bewußt werde, lassen wir uns nicht ein. Wäre der Mensch ein Evolutionsprodukt der Natur, so ist ausgeschlossen, daß nicht genau das gleiche, was bei ihm als Geist auftritt, schon in allen Stufen des Naturreichs schwächer oder stärker enthalten sei. Worin besteht sein besonderer Unterschied vom Tier, das mit seinen feiner entwickelten Sinnen zweifellos über telepathische Kräfte verfügt? Jedes Wildtier weiß, ob ein Jäger ihm droht auf weiteste Entfernung, was nur unvollkommen durch »Witterung« erklärt wird. Das Pferd scheut oft nervös, es gibt zahlreiche Beispiele, wo das Scheuen einem Schauen entsprang, d. h. Unsichtbares gesehen wurde. Angeblicher Dämmerzustand tierischen Bewußtseins ist eine Fiktion menschlichen Hochmuts, wie Descartes dreist die Tiere für Automaten ausgab, mit dem Instinkt als Notbehelf wird immer noch Unfug getrieben. Weil man die völlig mathematische Berechnung im Zellenbau des Bienenstaats oder die fabelhafte Organisierung des Ameisenstaats nicht als klare Vernunftakte bewundern will, schob man die Phrase Erbweisheit vor, die selber nur auf breiter psychischer Grundlage einen Sinn hätte. Forels Bienen- und viele Ameisenexperimente zerstören gänzlich diese Fiktion, das weise Insekt entscheidet sich von Fall zu Fall, überwindet jede ihm gestellte Hemmung in erstaunlich kurzer Frist, vermeidet Täuschung bei schlau ausgesonnenen Fallen. Wenn Mystiker wie Böhme und Paracelsus Mischungsübergänge in der Materie finden, so geschieht es im Sinne Pauli: »Mit uns sehnet sich alle Kreatur.« Laut Steiner würden sie den Darwinismus begrüßen, das läuft ihrem wahren Meinen schnurstracks zuwider, Paracelsus sondert das »Vieh« im Menschen vom »andern Vater, und der ist himmlisch«. Silesius denkt allerdings transzendental monistisch (vergl. sein Rosengleichnis), sieht aber alles im Spiegel des Unsichtbaren. Laut Kirchhoff und Bunsen enthalten Erde und Sonne gleiche Bestandteile: so Tier- und Menschengesellschaft gegenseitiges Abbild. Unsre Muhme Schlange züngelt in mancher Salondame, der Tiger begrüßt das Handwerk in Iwan dem Schrecklichen und andern hochgestellten Fachkollegen, Flöhe bewegen sich in höchsten Kreisen als Blutsauger, deren kavaliermäßiges Springen Schiebergestank verbreitet, non olet, chacun a son hautgout, Madame la Nature! Emersons »kaufmännisches Genie« (!) lerne beim Hamster, Industrie bei Seidenwurm und Spinne, Fischzüge sind relativ gleichwertig den Kreuzzügen. Luft- und Waldperipathetiker verständigen sich ohne Alphabet und Einmaleins, wissen sogar, daß zweimal zwei manchmal fünf ist! Überall feinste Differenzierung psychischer Anreize. Locke erzählt vom dämonischem brasilianischen Papagei, der wie ein Mensch Gespräche führte, so daß Anwesende fortan Papageien für Dämonen hielten! Sein maßvoller Rationalismus bescheidet sich im Urteil, doch läßt sich's nur mit Reinkarnierung außer der Ordnung erklären, wo bleibt aber dann Geistlosigkeit der Tiere? »Sprache der Tiere« 1925. »Spectator« kennt dies Beispiel nicht, wohl aber schon Sprechlaute der Fische. Steiners »Philosophie der Freiheit« nennt Denken übersubjektiv, kosmisch jenseits von Subjekt und Objekt. Also auch Ichsubjekt nur von Denkensgnaden? Warum ist dann Denken so wenigen gegeben! Also ist es umgekehrt von nur Subjektsgnaden, nämlich Emanation besonders geeigneter Subjekte. Unabhängig von Sinnesorganen? Ist der Hirnapparat nicht zur Versinnlichung gerade dem Denken nötig? Und sittliche Gebote sind allgemeines Menschenwerk? Was sind dann die unsittlichen Gebote der Verbrechernatur? Leben Kants apriorische Imperative wieder auf? Sittlichkeit ist determinierte Folge des Denkens überfeiner Individuen, wogegen die Menge sich heimlich sträubt, allgemeines Menschenwerk der Sittlichkeit ist Fabel. Mit Steiner, wie er sich auch dreht und windet, kommen wir wieder beim theologischen Anthropomorphismus an, nur modern zugestutzt, oder bei Aristoteles, dem die Planeten als Lampenträger für das Weltzentrum Erde galten. Für Steiner dreht sich zwar die Erde um die Sonne, doch das All um den Menschen. Den Aristotelischen Begriff Form wendet er hin und her, man könnte ihn auch im Sinne Kayserlings als »Sinn« deuten. Man wird nicht daraus klug, wie Steiner sich seine Mystik zusammenreimt, bei christlichen Mystikern Evolutionstendenzen entdecken? Da wäre auch. Swedenborg dessen verdächtig, weil er Transformation im Mineralreich untersuchte. Selbst Steiners Soziologie entgleitet zwischen den Fingern wie ein Nebelstreif, Mystik und praktische Sozialreform lassen sich nicht ehrlich verbinden. Seine politische Klugheit offenbarte sich drastisch, indem er ein fragwürdiges Schuldbekenntnis aus Moltkes hinterlassenen Papieren der Entente in die Hand spielte, was entweder unweise Bosheit oder noch unweisere Torheit verrät. Seine Erfahrungen in Spiritismus zeugen von erheblicher Oberflächlichkeit, der Prophet dekretiert einfach fort, was ihm nicht paßt. Man begreift, daß ein um praktische Propaganda Bemühter den Konventikeln der Nur-Spiritisten nicht wohlwill, deren neuer geistlicher Hochmut den Geisterverkehr für eigene Auszeichnung hält. Wie bornierte Bibelleser alle Werke des Genies neben dem »Buch der Bücher« für nichtig erachten, so wird man sich nächstens hochbegnadet fühlen, weil irgendein Schulze-Spirit Belangloses vorlallt. Doch Steiners Jünger dünken sich ja auch hochgehoben durch des Meisters Nähe, und Salontheosophie steht in reichem Flor. Man enträt Gottes um so leichter, je mehr man sich um »Geist« bemüht, es geht auch so.? Nach Biologen-Charivari giftgrüner Freidenkerhefte mit Empfehlung von Hochschulkollegen von Schimpanse-Professuren kam heute zur Abwechslung mal wieder Gott zu Amt und Würden unter Absetzung der Göttin Menschenvernunft durch Schütteln des Kopfes. Doch allein geisthabende Steinermenschen kneifen trotz närrischem Ausstreichen des Tiergeistes den Affenschwanz nicht ein. Zwischen Haeckels Wahrheitstotschlag und verschwommener Mystikauseinandersetzung zweideutig schwankend, erhebt man so die Menschheit en bloc zum auserwählten Volk von Geistbesitzern. Recht so, auch die Briten als »Letzter der zehn Stämme Israels« schlossen ja mit ihrem »Lord« einen Pakt mit Konventionalstrafe, wenn das Geschäft nicht rentiert, obschon eine Vatikankarte zur Zeit der Lepantoschlacht Großbritannien nur ein Viertel so groß als Holland zeichnete! Während das »göttliche Selbst« sich in acht nehmen muß, nicht in Untiefen abzustürzen, droht anthroposophische Klippe mit gleichem Größenwahn wie Taulers »der Mensch wirkt mit Gott all seine Werke«, »durch den Menschen sind alle andern Kreaturen ausgestoßen« und Luthers Frechheit »Gott und Mensch sind eine Person«. Eine angeblich mit den höchsten Gegenstanden des Göttlichen-im-Menschen beschäftigte Lehre sollte sich doch nicht auf Sozialethik einlassen. So beschäftigt sich Hayer mit Lamprechts Wirtschaftsgeschichte, die doch von selber Bewußtseinsbrüche ausschließt, denn Wirtschaftskampf bleibt sich innerlich in allen Zeitaltern gleich, Kapitalismus und Sozialismus, d. h. Sklavenausbeutung und Sklavenaufstand gab es allzeit. Darin hat Hayer freilich recht, daß Herder und W. v. Humboldt in der Geschichte einen göttlichen Ideengehalt verwirklicht fanden, daß dann dies weltgeschichtliche sich zum nationalgeschichtlichen Interesse verengte, dessen Quellenforschung zu ödem Philologenspezialismus führte ohne geistiges Verbindungsband, wodurch Geschichte als gleichgültige Fachwissenschaft in den Hintergrund gedrängt und Naturgeschichte allein die Teilnahme des Publikums eroberte, weil sie weitere Horizonte zu eröffnen schien. Daß Hayer sich noch an Nietzsche schulte, der doch Geschichte als Kleinkram verwarf, zeigt auch hier Verworrenheit. Immerhin ist man ihm Dank schuldig, daß er Geschichtsverständnis wecken will, für die Menschheit ist ihre Vergangenheit naturgemäß wichtiger als sogenannte Naturgeschichte, ein begriffsloser Begriff, denn die Abstraktion Natur hat überhaupt keine Geschichte. Vielmehr stoßen wir hier auf das Wunder, daß Versinken von Erdteilen sofort Ersatz durch Auftauchen neuer Teile an anderer Stelle nach sich zieht. Bei und nach Kriegserschöpfung steigt oft die Geburtenziffer, um allmählich den Ausfall zu ersetzen. »Natur« befaßt sich also mit allem Geschehen nur ökonomisch. Will man Geschichte anthroposophisch schreiben, muß man umfassendes historisches Wissen unter den Füßen haben, was Steiner und seiner Schule ganz abgeht, sonst benützt man brüchiges Material als Sprungbrett. Man darf Geschichte nicht an mechanischer Spule laufen, aber auch nicht ihr Garn ganz locker lassen. Drapers »Geschichte der intellektuellen Entwicklung Europas« erkennt ein unerbittliches Fatum im Leben der Völker wie jedes Menschen: »Das Freiwillige ist Schein, verhüllend das Vorbestimmte.« Wir sagen geradezu: Eine transzendentale Geometrie bestimmt die Kurven des Vor- und Rückschritts. Anthropologie à la Steiner müßte Determinismus abschwören und am freien Willen hangen, da sie an steten Fortschritt des Menschen glaubt und wie Nietzsche heimlich vom Übermenschen träumt als einem in der Zukunft liegenden Ziel. Und doch gestand Nietzsche, als er im lichtem Augenblick verdunkelter Karmaahnung »die Wiederkehr des Gleichen« fand, daß ihn dies bange bedrücke und dem Aufstieg zum Übermenschen widerstrebe. Jawohl, diesen logischen Schlagbaum schiebt man den zukunftlüsternen Anthroposophen vor, die empörende Nichtachtung des Tiers stammt aus gleicher Quelle träumerischer Überhebung. Die Katzen z.B. haben ausgeprägtes Selbstgefühl individueller Verschiedenheit; wir sahen eine edle Katze als Kinderwärterin mit einem Ausdruck engelhafter Güte und am nächsten Straßenende eine förmlich von Bosheit strotzende Angora mit einer Teufelsvisage. Noch weniger läßt die Differenzierung der Menschen gleicher Rasse allgemeinen Entwicklungstyp zu. Weiße, gelbe, olivengelbe, schwarze, rötliche Rassen sind keineswegs so grundverschieden, wie Hochmut des Weißen meint, auch wagte noch niemand zu wähnen, die Weißen hätten sich aus Negern, Semiten, Mongolen entwickelt. Einschleppung des Evolutionsdogmas in die Theosophie will sich teils dem herrschenden Wissenschaftsmilieu anpassen teils sich als Mittel zur Menschenvergötterung einschmeicheln. Diese schädliche Täuschung weiß auch mit dem Karmagesetz nichts Rechtes anzufangen. Wenn schon Erigina und Buonaventura im Mittelalter die Metempsychose lehrten, Helmont sie in 200 Problemargumenten verteidigte, also die Europäer sich manchmal zum alten Glauben zurückfanden, so scheint bezeichnend, daß Metempsychose heute zur »Auferstehung des Fleisches« wird: so bleibt modernen Barbaren nur das »Fleischliche« verständlich, während Karma nur mit der Psyche zu tun hat. Besorgte Evolutionsmechanik schon selber Veredlung und Stärkung, dann hätte Wiedergeburt keinen Zweck, Theologie und Materialismus sind einig in Ablehnung dieser Züchtigung ihres Größenwahns, selbst die albernen Gegeneinwände der Beiden sind immer die gleichen. Genug, eine Anthroposophie, die mit Karma eine irdische Evolution verquicken möchte, schlägt sich selbst ins Gesicht, »Gruppenseele« der Tiere entwürdigt das Allseelische, das sie predigen will. Oxygen, Hydrogen, Nitrogen, etwas Schwefel und Phosphor und vor allem Carbon sind das Material für jede Zelle, werde sie Pflanze oder Mensch. Die Einerzelle des ersten Protoplasma in arktischem Wasserschlamm war vielleicht der Einzug sichtbaren Lebens auf Erden, doch die Natur vollbringt täglich das nämliche Wunder des Zellenaufbaus aus Wasser, Luft, Erde, wie man es am klarsten bei der Pflanze beobachtet, das Physische des Menschen hat da gar nichts voraus. Wie kann also physische Evolution in Betracht kommen, da die Bestandteile alles Körperlichen und ihr Funktionieren bei allen Lebewesen gleich! Anthroposophie als besondere Art der Theosophie ist ein Unding, als physische Erscheinung hat der Mensch nicht mehr Bedeutung als die Amöbe, Seelenlehre fällt nicht ins Ressort der Anthropologie. Ein Elefantengenie – warum sollte das nicht mal vorkommen? – hätte sicher mehr intuitives Verständnis fürs Unsichtbare als Gottlieb Schulze mit seiner famosen Schulbildung. Lamarck erkannte: »Verlangen geht der Funktion vorher«, Wunsch und Streben der Tiere und Pflanzen verschafft ihnen durch geheimnisvolle Mitarbeit des plastischen Schöpferwillens der Natur die Organe, deren sie bedürfen. Hätte der gewöhnliche Mensch ein Verlangen nach Hohem, so würden die geheimen Ordner des Alls ihm entgegenkommen und ihm den Blick öffnen. Doch er fühlt nichts davon, kriecht als Wurm im Staube und nährt sich vom ordinärsten Staube, am liebsten möchte er Goldstaub fressen. Obiges Lamarcksches Gesetz bewährt sich also erst recht beim Menschen: was er will, bekommt er, technische Nutznießung nüchterner Verstandesbildung. Der geniale Mensch aber erhält geradeso sein Verlangen, daß ihm geistige Flügel wachsen möchten, er baut sich sein eigenes Luftschiff im Äther des Unsichtbaren. Nur für diese kleine Auslese, zu allen Zeiten die gleiche, gelten die Seelenlehren, wir verwahren uns gegen die Fälschung, daß die sonstige Menschheit ein psychisches Vorrecht vor dem Tier habe, bei ihr erstarrt jede Religion zur Konvention, Egoismus ist die einzige Triebfeder ihres Glaubens und ihres Unglaubens. Sophia Göttin der Weisheit kennt keine Anthroposophie, sondern nur Weltseele in allem Lebenden. Die Yogiauffassung, daß zunächst planmäßiges Hinabsteigen der Materiemanifestierung zu niedersten Formen und dann Aufsteigen stattfinde, reimt sich, sobald man darin notwendige Absicht kennen will, schlecht zur Weisheit des Absoluten. Welchen Zweck hätte es, auf solchem Umweg zu evolutionieren? Für das Unsichtbare ist völlig gleichgültig, welche physische Form das Wesen annimmt, ob es kriecht oder fliegt, auf vier oder zwei Beinen geht. Höhere Psyche sucht sich von der Materie zu befreien, niedere verknotet sich in ihr. Nichts zwang den Menschen, selbst wenn er durch möglichenfalls rohe Urform hindurchging, ein Kain und Mammonsknecht zu sein, nur sein angeborener böser Wille. Die stolzen Arier sollten nur stillschweigen, sie vertrieben die herrliche Urrasse aus Europa und ruhten nicht, bis sie noch den letzten Überrest dieser begabten Menschen in den Buschmännern zerstörten in albernem Dünkel auf die weiße Hautfarbe. Wie gesagt täuscht der Ausdruck »negroid« für die europäische Urrasse, denn nichts als dunkle Haut deutete darauf, ihr Gesichtstyp war bedeutender als der arische. Eine Kuckucksmenschheit, die ihre erhabenen Kulturpatriarchen austrieb, wagt noch, sich eine Übermenschenzukunft in Aussicht zu stellen! Das Kurze und Lange unserer Abwehr ist: wir belächeln jede Anthropologie die sich mit Herrlichkeit des Menschen wichtig tut, verachten jede Anthroposophie, die den Menschen vom übrigen Naturleben loslöst. Das Unbewußte steckt in Tier und Pflanze, Mineral und Atom so stark und stärker als in Gottlieb Schulze, ihm einen psychischen Vorrang anzulügen ist unwürdige Schmeichelei. Dann vertragen wir uns noch lieber mit Nietzsches Verbrechermoral, die doch wenigstens von Verachtung der Vielzuvielen ausgeht und sich nur über das Wesen wahrer Übermenschen täuscht, das immer mit weißer und nicht schwarzer Magie durchtränkt ist. Wer durch Karmafolge eine höhere Psyche auf diesen Planeten mitbringt, wird bis ans Ende der Menschheit auf Erden in Verbannung leben und keine Anthroposophie den Durchschnittsmenschen zu etwas Besserem machen als dem gefährlichsten Selbstling in der ganzen Natur. Deshalb wünscht Sokrates als Wahrheitssucher den Tod als »große Hoffnung«, »schönes Wagnis«. So konfus seine Jenseitsgeographie, so klar und sicher wirkt noch heute seine heitre Gewißheit. In gleiche Halbheit verstrickt sich Steiner, wenn er es weder mit Metaphysik noch Materialismus verderben will. Häckel, über den er seinen Segen spricht, darf Reservieren des Immateriellen für den »innern« Menschen nicht dulden und auch mit Kant, gegen den Steiner sich bissig auflehnt, hört jede Verständigung auf. Verwirft er Seele als bloßen Ichbegriff, so schmuggelt er nur eine andere Ichform ein, nämlich einen »Geist« der Selbstbeschauung als seelische Tatsächlichkeit. Giebt es keine Zwecksetzung beseelter Natur, wie kann sie dann den selbsterkennenden Menschen-Gottgeist hervorzaubern! Ist die Materie objektiv wahr, wie will man sich subjektiv von ihr befreien und wozu nützt das! Gottes Erzeugen im Menschengeist wäre ein müßiges Augenblicksvergnügen, dieser zeitliche Gott auf Kündigung stirbt ebenso rasch wie er entstand! Die Sprache hat keine Ausdrücke für den Hohn, den wir diesem unmenschlichen Größenwahn entgegenbringen, aber ist er nicht ein bezeichnendstes Symptom des Zeitgeists neben Häckel und Nietzsche? Steiner stimmt lauwarm mit Häckel überein: Ihm sei ewige Grabesruh erwünschter als die Fortdauer, wie Religionen sie predigen. Doch auf unsere Wünsche kommt es nicht an und wer heißt ihn denn die denkerisch längst zum Tode verurteilte Schulzefortdauer für die wahre Unsterblichkeit unterschieben! Ein unverändert sensibles Wesen, das im Himmel die Harfe schlägt oder eine Huri umarmt, entehrt nicht den Geist – was ist Geist von Schulze! – sondern den Seelen- und Unsterblichkeitsbegriff. Daß aber jenseits des Erdbewußtseins sowohl Sensibilität als Ich eine gründliche Abwandlung erfahren, versteht sich von selber, also hat dort nur suprasensible Seele Daseinsberechtigung. Über relative Bedenken gegen völlige Ichaustreibung setzen wir uns mit dem wahren Denker Buddha auseinander, nicht mit gedankenlosen »Halbvernünftlern« der »Nebelschaffenden« Gelehrtengilde, wie Kant so gewisse Sorten kennzeichnet. Wie unvernünftig wollen Vernunftschlüsse das letzte Wort sprechen! Außerhalb der Materie kann die Psyche nicht für Sensibles empfänglich sein, doch inneres Erleben der Mystiker beweist ja Möglichkeit suprasensibler Seelenstände. Man kann sich Polemik über Ichausstreichung sparen, da Schulze durch die von Buddha hochgehaltene Wiedergeburt wieder zur Hintertür hineinspaziert und der letzte Kern des Persönlichen als nicht vernichtbar sich sogar in Nirwana aufrechthält, denn dies sei weder Sein noch Nichtsein: Dann besteht eben noch ein Supranaturelles darin fort, Quintessenz der Seinpersönlichkeit. Die Scheu, sich aufrichtig mit buddhistischen Denkkreisen einzulassen, läßt auch Eucken in seinen Gemeinplätzen »Sinn und Wert des Lebens« mit keiner Silbe den Buddhismus streifen, als habe der Europäer sich mit wahrscheinlich »angeborener Idee« eines Nur-Christentums zu begnügen! Auch Prophet Steiner scheint Buddhas unlautern Wettbewerb zu ignorieren, um seine davon unbefleckte Eigenart leuchten zu lassen. Sein betriebsames Goetheaneum strahlte so wenig Klarheit aus, daß Buddha vielleicht zu seiner üblichen unhöflichen Anrede verführt würde: »törichter Mensch!« Wenn der Deutsche nur »Goethe« hört, dann wird sich wohl was dabei denken lassen, es wird ihm so Goethereif zumute. Indessen glaubte Goethe erst an Spinoza, dann an Kant, zuletzt an Bruno, drei schroffe Gegensätze umgekehrter Entwicklung, denn Bruno ist der Stammvater, aus dem Spinoza Talmudisch schöpfte, Kant aus Spinoza, um später unwissentlich immer näher an Bruno heranzurücken. Jedenfalls verfocht aber Goethe robuste Unsterblichkeit der Persönlichkeit, was er als verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Natur auffaßte. Seine majestätische Ruhe wohnte nicht im Goetheaneum, plagte sich nicht mit Kasuistik, würde aber Steiners Ego nur als Ichseele anderer Prägung durchschaut und sich ergötzt haben, wie so was aus einer seelenlosen Natur aufgetaucht sein solle à la Münchhausen, der sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zieht. Steinerscher und christlicher Mythos liefern beide Gott der eigenen Selbstvergötterung aus. Schon Rückert stammelt: »Das Unbedingte hat sich selbst hervorgebracht, bedingter Geist, in dir, indem du's hast gedacht«, solch unbedingte Überhebung! quid novi ex Africa, nichts Neues vor Paris und bei Steiner, sein beweglich veränderlicher »Geist« kommt als Bewußtwerden des Alls nicht in Betracht, denn der nach Spannen traumhafter Täuschung siegende Allgedanke bleibt unbewegt anschauend dort, »wohin keine Veränderung dringt« (Eckart) und der Kämpfer »der Reihe nach vereinigt wird« mit ätherischen Formen, bis er, nachdem »Verdienst guter Werke erschöpft«, zum Neugeburttor heimkehrt (Sankajaryas Kategorien über Verknüpfung von Körper mit ätherischem Leib). Freilich trägt Wundts »Weben und Walten eines fremden Geistes« in »erstaunliche Leistungen besonders auf dichterischem Gebiet« falschen Dualismus hinein; geniale Eingebungen verschwistern sich Ätherikern eben nur so wie sich beim Tischrücken Fingerspitzen berühren als leichtverschlungene Knoten, der geheime Bundesgenosse steigt aus Eigenem auf, doch nicht dem »Geist«, sondern dem Unbewußten. Was Menschen unsinnig scheint, kann das All als Tatsachen in sich bergen. Die Stellung des Agnostikers ziemt sich auch vor Erscheinungen des Spiritismus, die auch Steiner leichtfertig mit ein paar Federstrichen abtut. Man bekommt ein buntes Menü widersprechender Grundstimmungen zur Auswahl, wobei das Wort Aberglaube beim Materiegläubigen bersonders erheitert. Denn jeder Einzelglaube eines Materialisten z. B. an Chiromantie (Dumas Fils) schließt Unglauben an Bloß-Mechanik in sich; wenn sie ehrlich rechnet, darf Regeldetri des Schulmeisterverstandes nicht Vorbestimmung mit einstellen, während Flammarions Meta-Astronomie in 482 Beweise der Unsterblichkeit Vorbestimmung einbezieht. Wer aber von Spirits nichts wissen will, darf dann auch nicht wie Renouvier an selbständige Seele glauben. Jede Anerkennung vorbestimmten Ablaufs des Lebenspendels bedeutet Zerfall des Mechanikglaubens, deshalb muß »voraussetzungslose« Wissenschaft, päpstlicher Schiedsrichter über Wahr und Falsch, päpstlicher als der Papst, einfach Reformationen ignorieren. Der katholische Propagandapfarrer Benson fühlt sich genötigt, im Roman »Necromancers« spiritistische Manifestationen als Tatsachen zu schildern, hilft sich nur damit, daß er Spirits für böse Elementals ausgiebt, die lauernd die Formen geliebter Verstorbener für sensitivschwache Menschen annehmen. Besonders auf die Hlg. Kirche sehen sie es ab, dies Bollwerk wider Satan zu untergraben, mal lästern sie, mal fordern sie schlau zu Gebet auf! Solche Konkurrenz muß bekämpft werden, sonst hält man am Ende Glauben an die Hlg. Messe für sinnloser als den an Geisterapparat! Ist die Hostie ein Mysteriensymbol, dann eben auch Schwarze Messe, deren Verfluchung durch die Kirche ja Tatsächlichkeit voraussetzt. Da verfährt halt die Hlg. Wissenschaft radikaler in schlichter Einfachheit ihrer Bulle, daß alles, was ihr nicht paßt, nicht existiert. Stößt ein Orthodoxer Gewalthaber der Gelehrtenkirche mal auf ketzerische Entdeckungen, so will er die Folgerungen nicht mitmachen wie Dugald Stewart bei seiner eigenen These vom Geiststoff (mindstuff), daß dieser Astralstoff erst im Tode seinen richtigen Körper empfange, den der irdisch Materialisierte nur versteckt. Wenn neueste Richtung aus einer Reihe Einzelheiten zwecklose Gleichgültigkeit und Grausamkeit der Natur folgert, so spinnt man nur alten Teufelsglauben fort, doch solch dualistisch böses Prinzip bedeutet gleichfalls Beseelung. Ältere Forscher mögen die Zweckharmonie übertrieben aus religiöser Beeinflussung herausgeputzt haben, doch wenn Laplace Gott eine Hypothese nannte, so huldigte er nicht minder atheistischem Augenblicksmilieu, und heutige Astronomen bekennen sich wieder zur Transzendentalharmonie, denn die Himmelskunde mit ihren großen Maßen schaut Ausgeglichenheit, wo Physik und Chemie mit ihren an der Erdscholle klebenden Kleinmaßen auf Abirrung zu stoßen meinen. Man darf nicht die Orthographie eines Autors für zufällige Druckfehler verantwortlich machen, nicht das Sonnenlicht für Sonnenflecken, deren Ursache wir nur sehr unklar deuten. Bei Helmholtz' »Tatsachen der Wahrnehmung« begriffen weder die Materialisten noch anscheinend er selber, in welch spirituellem Fahrwasser er sich bewegt. Kein Inder betonte schärfer die Hinfälligkeit der Sinnewahrnehmung, das stört die Mechanisten nicht in ihrer Gemütsruhe, da sie eben ihre angeblichen Tatsachen nur aus der Tiefe ihres eigenen werten Gemütes hervorzaubern. Tycho de Brahe, der berühmteste Astronom seiner Zeit, schnaubte gegen Kopernik: »Wie darf er die Erde, die bekanntlich eine bewegungslose Masse ist, als Stern in der Euft rollen lassen!« Bekanntlich lacht heute jeder Schulbub über so unberufene Unwissenheit, künftige Schuljungen lachen vielleicht ähnlich über Häckels Vermessenheit, für den sozusagen das ganze All eine seelen- und daher bewegungslose Masse vorstellt, die aber trotzdem aus sich selbst heraus Evolutionsbewegung vollzieht. Welchen Trost aber Steiners Gemeinde bei ihm findet, blieb uns ein Häckelsches Welträtsel, vielleicht weil sein selbsterkennendes Selbst sich als Gott produziert, der erst so Existenzberechtigung gewinnt? Er klopft Bruno herablassend auf die Schulter, weil dessen Allseele sich nicht auf den Menschen allein als letztes Evolutionsprodukt beschränkt. Wieso ein letztes und vorher das All eine gott-willen-geistlose Masse? Was war denn die Kraft, ohne die kein Stoff sich bewegen, also auch nichts evolutionieren kann? Wenn Paracelsus meint: »Nichts ist im Himmel und auf Erden, was nicht auch im Menschen ist«, so meint er wechselseitige Allbewegung. Hat das All keinen Gott, kann es ihn auch nicht so geistreich aus geistlosem Affen im Gottmenschen hervorbringen. Je höher der anthroposophische Größenwahn den Menschen stellt, desto weniger läßt sich ein Weltgeist aus der Welt schaffen. Man wirbelt im Kreis krasser Widersprüche. Vernunft weiß objektiv die objektive Natur, doch Gottego entsteht durch Ausmerzen der Vernunftswahrnehmung? Dann war letztere subjektive Täuschung, und wer sich »auf den Boden der Naturwissenschaft stellt«, wie Steiner von sich behauptet, baut auf Triebsand. Zwecklose Natur verfolgt den schwierigsten Zweck, den sie zufallmäßig erreicht, aus geistlosen Affen kam der Mensch ins dumm hinbrütende All, das ausgerechnet auf dem Sandkorn Erde wartete und sich selber einen Gott gab, wozu es plötzlich das dringende Bedürfnis fühlte? Und der Mensch sah die Welt an, und siehe da, es war nicht sehr gut! Was auf riesigen Schwesterplaneten geschah, ist gleichgültig, denn die Erde als Mutter des Gottego ist bekanntlich Mittelpunkt des Kosmos, Gott-Pol, dagegen Heliozentrik ein überwundener Standpunkt, denn sie setzt von selber Zentralkraft weit außerhalb Mensch und Erde voraus. Bruno und Cusa lehrten umsonst, wir sind wieder bei Aristoteles und den Kirchenvätern, nur daß letztere einen erdhaften König Christus und ersterer eine Art Basileus Alexandras als aufgeklärten Imperialdespoten des Universums annahmen. Über solche Knechtschaffenheit ist Steiners Menschgott erhaben, den Stoff und Mechanik in einer einzigen Spezies entstofflichten! Dies Geistige scheint etwas Geistliches, es manipuliert wie ein Tridentiner-Konzil und gibt sozusagen den Geist auf, indem es sich unter eigene Gottähnlichkeit beugt, König des Himmels und der Erden. Schade, daß die Herrschaft so kurz bemessen, doch le roi est mort, vive le roi! die Menschheit tritt kollektiv für ihn ein, das Regiment vererbt sich legitim, denn da das Einzelego doch nicht so selbständige Macht besitzt, so landen wir wieder beim Gemein-Sinn (doppelsinnig), wo das Ego sich mit der All-Gemeinheit gemein macht. Diese, Tasmanier und Hottentotten inbegriffen, trägt immer den Gottmensch im Schoß, und werden erst alle göttlichen Ego entbunden, dann haben wir Milliarden Götter. Solchen Unsinn hat noch niemand ausgeheckt? O doch, Pantheistische Theosophie neigt oft zu ähnlichen Scherzen. Mindestens sollte Steiner sich bescheiden mit Lenaus Faust zu fragen: »ist das Göttliche zuerst erwacht und stieg es auf zur Geistesmacht, so daß Natur in Haß und Lieben als ihre Blüte Gott getrieben?« und Lenau schickt die Frage vorher: »Ist diese Welt dadurch entstanden, daß Gott sich selber kam abhanden, ist Göttliches vom Gotte abgefallen, um wieder gottwärts heimzuwallen?« Beides wäre entschieden noch logischer, als eine aus der Natur entsproßte Gottspezies Homo Divinus, der dabei eine so peinliche Materie als objektives Sein dulden muß. Steiner beruft sich auf die Renaissancemystiker, die aber nur »Kreatur« und »Gottes Freunde« sein wollten, denen man mit Christus den Boden entzieht. Die Bagghavad Githa fordert Ehrfurcht und Bescheidenheit, selbst Spinoza verwechselt nicht Aufsteigen zu Gott mit eigener Selbstherrlichkeit. Wenn Steiner den Edeldenker Cusa feiert, sollte er sich dessen Parole »gelehrtes Nichtwissen« besser aneignen. Für menschliches Kausaldenken vollzog sich Materialisation nacheinander, indem zuerst Leuchtkraft die Gasnebel in Planetenkugeln, Äther, Festes und Flüssiges schied, doch im Urtext der Genesis steht umgekehrt: »Als die Elohim Erde und Luft vom Urmeer schieden, da geschah Lichtwerdung.« Plausible Aufmachung des Naturwerdens entspringt nur dem Kausalbegriff, den man in die Dinge hineinlegt, Täuschung wie Zeit und Raum. Gibt es Kausalstufen draußen im All, so sind sie formal unbedingt von den unsern verschieden. Materialismus ist die natürliche Weltanschauung von Karren- und andern Schiebern, die Inder nennen es Verdummung und warnen vor Rückfall ins Tierreich. (Ernennung Schulzes zum Elefanten wäre aber Beförderung, und Rindvieh ist er ohnehin). Wiedergeburt ist eine so natürliche Lösung, daß ein kalter Verstandesmensch wie Ostafrika-Peters vermöge denkerischer Schulung sich dazu bekannte; wie sich dies aber mit Steiners Anthroposophie zusammenreimt, bleibt dunkel. Denn daß der Geist durch eigenen Machtspruch Wiedergeburt vollzieht, geht um so weniger an, als sie oft ein Strafkarma enthält, das Schulze sich wohl nicht selber diktieren würde. Ohne Entgegenkommen der Natur in Wechselbeziehung zum transzendentalen Ego, ohne Zauberwort außerhalb des Menschengeistes kann Wiedergeburt nicht entstehen. Kein Versenken und Hinabsteigen ins Innere könnte inmitten »seelenloser« Natur, von der das Leben abhängig sein soll, Geistiges in die Natur hineintragen, Gesetze der Vorbestimmung und Vorsehung könnten nie im Dasein offenbar werden, telepathische Phänomene sind nur möglich, wenn die Materie sich selber anbequemt. Was ist phantastischer, heimliche Beseelung der Pflanzen oder allmächtiger Anthropo-Logos in einer nichtexistierenden Seele? Wie kann man Evolutionsreligion zimmern, da höhere Spezies leicht durch ungünstigen Zufall untergehen, eine mindere sich gerade wegen ihrer Unbedeutendheit am Untergang vorbeidrücken könnte? Wo bleibt dann der evolutionierte Gottmensch? Kraft welches Zufalls aß Adam vom Erkenntnisbaum, der doch nur seinem eigenen Hirn entwuchs? Schiebt man Geist-Erwecken einer Evolution zu, so muß Geist-Keim stets schon Bestandteil organischen Lebens sein, welche Logik aber sowohl der Naturdegradierung zu geistloser Masse als der Mechanistik ein Schnippchen schlägt. Geist wird man passive Pflanzenpsyche kaum nennen, man kehrt viel logischer zum alten Begriff Seele zurück. Geist ist offenbar nur ein Menschenbegriff, man kann ihn begrifflich zu Weltgeist erweitern, doch nur als Ausfluß einer vom Menschenbegriff unabhängigen Weltseele, womit das Bild sich viel besser deckt als mit Nous Weltvernunft der Eleaten und Hegels. Steiner und neueste Theologen wissen, warum sie Geistigkeit (mind) für Beseelung (spirit) einsetzen, letztere läßt sich als organisches Prinzip nicht leugnen, sogar ein sich selbst drehender Mechanismus liefe darauf hinaus, also muß das Ausnahmezwitter Mensch eines besonderen plötzlichen Geistes teilhaftig sein, um sich »innen« dem Materieknoten zu entwinden. Darwinistisches Siegesgeschrei klingt so teleologisch wie ein theologischer Sermon, nur daß man Evolution für »Ebenbild Gottes« setzt, alles dreht sich um den teuern Homo Sapiens, bei Steiner kehrt die volle theologische Menschenvergötterung zurück, weil er geistige Verbindung mit andern Säugetieren abschneidet, was er doch zoologisch bejaht. Als Ersatz-Religion hat man Übermenschen-Mythologie, Verheißung herrlicher Zukunft und Verklärung der Vergangenheit, denn wer soll da an Weisheit des Steinerschen Weltplans zweifeln, wohlgemerkt nur für den Menschen! Ersatzkaffee und andere Surrogate des Weltkriegs sollten doch dem Originalstoff gleichen, also werden von darwinistischer Anthroposophie statt Kirchenbutter und Himmelszucker ähnlich schmeckende Margarine und Zacharin eingeführt: Der Mensch als Halbgott mit Anwartschaft auf Ganzgott! Kein kindlicher Größenwahn theologischer Ichseele reicht an solchen Hochmut heran. Könnten die Darwinisten ehrlich und überhaupt denken, so müßten sie Steiner jubelnd begrüßen, der ihren mechanistisch unausführbaren Evolutionstraum mit einem Mädchen aus der Fremde verheiratet, das plötzlich als selbstgeschaffener Geist beim Menschen einkehrt und als nur für sich selbst gegründete Gottheit sich behaglich niederläßt. Diese spaltet sich in die Vernunft, die ein seelenloses All erkennt, und den Spirit, der sich selbst spiritualisiert, unkausalere Verzwicktheit solcher Denkblitze läßt sich nicht ausdenken. Ichsucht religiöser Fortdauerhoffnung wird weit von der Eitelkeit übertroffen, die dem All die Seele und Gott die Existenz abspricht, um allein im All zu thronen. Das soll Selbsterkenntnis sein, dieser Mischmasch von Materialismus und Mystik, die einander aufheben! der Wirrwarr entwurzelt gerade die Geheimkräfte des Unbewußten, das nur denkbar ist als Empfangender aus einem Weltreservoir. Was macht zur Selbsterkennung fähig, nachdem man aus dem Säugetier in den Geist hinübersprang, unvermittelt in eine Geistmaschine verwandelt? Der »schwierige Weg« (Spinoza) wird gewiß nicht durch Trainierungsstunden der Steinergemeinde eröffnet. Nur gerade in Naturinstinkten scheint er nicht versperrt, weil Ich-Abstreifung dem höheren Tier, das sich als selbstverständlich für Herrn und Junge opfert, oder dem Künstler, der beim Schaffen nur an sein Werk und nicht an sein Interesse denkt, nicht fremd bleibt. Selbst der Experimentator setzt sich der Gefahr aus, sein Wahrheitsdurst bekennt sich als halbidealistisches Fühlen inmitten fühlloser Materie, jeder Ehrgeiz bewährt oft Hintansetzen des eigenen Behagens für unsichtbar vorschwebenden Zweck. Wir verkennen also nicht natürliche Ansätze zum Selbst-Erkennen als Nicht-Ich, worauf ja das Yogitraining fußt. Die Masse aber hat nur vorübergehend ichlose Anwandlungen durch religiöse, patriotische, soziale Anreize, die unbewußt dem Ich schmeicheln. Allgemein praktisch ist die neue Egolehre untauglich, ideell verführt sie Schwachköpfe. Ein Ego, das sich aus eigener Kraft Gott gleichsetzt ohne Übereinstimmung mit der Natur, macht Steiners Kokettieren mit Haeckel doppelt erheiternd. Kein Mystiker verfiel auf Isolierungswahn, alle sind einig, daß der Gottmensch nur als »Sohn des Vaters« entstehen kann. Man versinkt nicht in den Allgeist, wenn er nicht in allem lebt vom Pflanzenstäubchen bis zur Sonne. Der erlauchte Regimentsinhaber S. M. der Mensch ernennt sich selbst zum allerhöchsten und obersten Kriegsherrn, vor dem ein imaginärer hoher Herr der Heerscharen Revue passieren muß wie vor Wilhelm dem Großen? Über ihn hinaus gibt's nichts mehr, weshalb er auch eiligst Evolutionieren einstellte und mit dem Scherz »Der Mensch das Maß aller Dinge« jeder weiteren Möglichkeit Halt gebot? Nochmals: entsprang der Mensch, der nicht sich selber den lebendigen Odem einblies, aus der Natur, so konnte nur sie ihm schenken, was sie angeblich nicht besitzt, nämlich Geist und Beseelung. II Die Verworrenheit des Zeitgeists, mit der Steiner die Steine seines Goetheaneums kunterbunt zusammenfügte, erzeugt auch das Kompromisseln in Dietgens »kritischem Materialismus«. Dieser verabreicht zwar dem Rohempirischen einige Katzenköpfe, bringt aber Einheit von Objekt und Subjekt wesentlich in bloßem Materiemonismus um. Einen solchen kann es nicht geben aus dem einfachen Grunde, weil das Gesetz aller Materialisierung in absoluter psychischer Ungleichheit besteht, Einheit kann nur gesucht und gefunden werden außerhalb des Sichtbaren. Der Materialist verkennt, daß nicht wahres Sein ist, was nur symbolisch (Helmholtz) wahrgenommen wird, der ältere Transzendentalist verkennt, daß nicht bloß Schein ist, was sich als Symbol von etwas Unerkanntem auf tut. Auf sich selbst gestellte Anthroposophie ist aber wirklich nur Schein schwindelhafter Überhebung, wahre Theosophie kann nur auf Sein der Weltseele abzielen. Die Unstimmigkeit des Materiemonismus rief den Dualismus unter die Waffen, siehe den Klarismus von Elisarion und seines Interpreten E. v. Mayer. Dieser deckt den Hunger als Spiritus Rektor jedes Götzendienstes und jedes Philosophensystems auf! Aus dem Paradoxen übertragen: Wer Ewiggültiges spenden möchte, bleibt von des Gedankens Blässe seines Zeitmilieus nicht unangekränkelt. Wenn Plato nicht Grieche, was wird aus den »Ideen« als statuarischen Götterbildern! Hochschäumende Renaissance bestimmt Bruno, englische kaufmännische Buchführung Mill und Spencer, Pflichtmuß des kargen Preußenstaats Kant. So ähnlich denkt Mayer: Hungerfron und Hungerwahn führen zu Staat und Gemeinsinn, ethisch ist, was der Masse nützt, Altruismus setzt sich in Keim-Form des Sozialismus um. Er hätte hier Benthams »Für die größte Masse das größte Glück« zitieren können, welcher naive Utilitarismus den Malthusianismus und die ebenso einseitige Manschesterdoktrin als scheinbaren Gegendruck wachrief. Jedenfalls proklamiert die Nationalökonomie bis Marx den Materiellen Hunger als Maß aller Dinge, als ob der Magen das Hauptorgan des Lebens und nicht bloß Mittel zum Zweck wäre. Nietzsches Wille zur Macht hungert auch nur nach materiellem Wahn, gefräßig wie ein Riesenpolyp. Nur hat der Klarismus den Tiefblick: die Wirrwelt der Materie sei geradeso ewig wie die Klarwelt des Psychischen, dieser fruchtbare Gedanke wird aber nebensächlich behandelt, weil man sich über logische Folgerung nicht klar scheint. Das Chaos war seit Anbeginn geradeso wesenhaft wie das Zentrallicht; was keinen Anfang hat, hat auch kein Ende, also währt die sichtbare Unordnung geradeso ewig wie unsichtbare Ordnung, und doch findet sich auch bei Mayer der wirklich wirre Evolutionswahn. Infolgedessen wähnt er, die Menschheit könne durch Klarismus emporgezüchtet werden, freier Wille zur Klarheit evolutioniere Eigenwesen. Hier schmeicheln sich verhüllt teils theologische Willensfreiheit, teils Haeckel und Nietzsche wieder ein. So edel und großzügig diese ideologische Wirrwelt gedacht, wird unbeirrbare Wahrheitsschau doch mit eiserner Unerbittlichkeit sie klären müssen. Die winzige Zahl der über Hungerfrohn Wegstrebenden bildet allzeit eine bestimmte Konstante von den unbekannten Gott suchenden Klaristen inmitten götzendienerischer Masse. Diese erbetet Hungerstillung oder zittert vor launenhaftem Zorn, wenn sie Pfaffengebote übertrat, oder sie leugnet den unsichtbaren Götzen, macht sich dafür aber sichtbare: Das goldene Kalb oder die eiserne Schlange, Kapital oder Staat oder Massentyrannis der Gleichmacherei, was sie als Selbstvergötterung der Menschheit versteht. Priester wechseln nur den Talar, wie denn Juristen und akademische Körperschaften für nützlich halten, bei Amtsfunktionen ein feierliches Gewand anzuziehen. Immer wüten Scherbengerichte des Massenwahns gegen Unabhängige, Massenfrohn bestimmt Kirche und Staat nicht minder als den Sozialismus, Nietzsche zupft nur am gleichen Garn am andern Webstuhl. Nur ein Weltfremder hofft von Macht brutaler Minderheit Stärkeauslese, Macht wird ergattert durch betrügerische Verwendung der Massenfron in angeblicher Vertretung des Masseninteresses. Also sprach Zarathustra mit neuem Kreischton uralten Herren- und Priesterwahn aus, der selber hörig bleibt. Was Mayer für frei hält, ist determinierte Anlage zum Höherstreben, das sich zwar nicht ersticken, doch auch nicht beschleunigen läßt. Wenn er »Gnadenwahl« verwirft, so übersetzte man eben theologisch falsch »Prädestination«, was Notwendigkeit durch Präexistenz bedeutet. Er mißversteht Karma, daß es materielle Wiedergutmachung vorgaukele, doch wenn ein Kaiser als Bettler und ein Bettler als Kaiser wiedergeboren würden, so soll dies kein äußerlicher Ausgleich sein. Sondern das in Kaiserwahn befangene Ich erlebt neue Erfahrung am entgegengesetzten Ende und desgleichen der vielleicht von Neidwut verzehrte Bettler, sofern er nicht durch geduldige Leiderziehung besser zum Kaiseramt geeignet. Nur schärfere Herausarbeitung wird ihm selbst beigefügt, Notwendigkeit will nicht gerecht sein sondern ist es, weil gerecht und notwendig das gleiche sind. Deshalb betrachten wir auch Wirrwelt als Notwendigkeit, für deren gerechten Nutzen dem materiegetrübten Blick die Einsicht fehlt, Lichtwelt kann nicht bestehen ohne umrahmende Schattenwelt. Allerdings irrt die Floskel »Kein Licht ohne Schatten«, denn nicht Licht, sondern die Dinge werfen ihren Schatten; da sie selber aber nur ein Schattenwurf des Unsichtbaren, so kommt das Verhältnis aufs gleiche hinaus. In der Unendlichkeit herrscht notwendig innere Einheit, dies Grundgesetz kann auch nicht im Diesseits versagen, doch Monismus und Dualismus werden oft zu leeren Worten. Heute möchte man gar ein räumlich und zeitlich begrenztes All berechnen, was einen Materiemonismus erst recht aufhebt, denn es ist unvorstellbar, daß außerhalb eines begrenzten Universums nicht noch anderes Unbegrenztes läge, nach dem Kindertiefsinn »und wer schuf Gott?« Der wahnwitzige Eifer, ein gemessenes Weltbild abzurunden, kommt so vom Regen in die Traufe, denn was hilft ein Naturgesetz Monismus, wenn es für unmeßbare Unendlichkeit draußen nicht gilt! Das wäre wieder der schönste Dualismus, nur daß man für »sichtbar« und »unsichtbar« setzen müßte »meßbar« und »unmeßbar« (unermeßlich). Auch irdische Vorgänge kann man begrifflich so oder so drehen. Monismus ist durch Haeckels Nutzanwendung so anrüchig geworden, daß Chamberlain sein Kantbuch mit wahrer Starrwut in Dualismus verankert. Dualistisch soll alles heißen, was eine Psychewelt anerkennt, monistisch alles, was sie leugnet, doch Pseudomonismus vertauscht einfach die Rollen. Bunte Verschiedenheit der Dinge bei völlig ungleichen Ichen erscheint für die Wahrnehmung immer als Vielheit, die nichts Einheitliches einer mechanistischen Grundformel zuläßt. Die Psyche mit ihren fernwirkenden Gedankenstrahlen als Stoffwechsel des sichtbar Körperlichen zu erledigen (etwa wie faules Holz phosphoresziert), hat nichts für sich als Unbegreiflichkeit, mit so ungeheuer verschiedenem Stoffwechsel käme doch Allgemeinheit mechanistischer Methode nicht auf ihre Rechnung. Hingegen wird alles Geschehen begreiflich als allgemeiner Drang des Lebens, von der Materie loszukommen, obwohl blinder Selbsterhaltungstrieb sich dawider sträubt. Allein-Dasein des Stoffes erscheint nur Denkunfähigen möglich, die widersinnig Kraft für sekundäre Stoffeigenschaft erklären, überall zeigt schon das sichtbare Geschehen, daß Stoff erst durch Bildkraft zur Form kommt: Der Tischler, nicht das Holz macht den Tisch. Mögen die Hölzer der Stofflichkeit noch so gegeben sein, erst durch Nutzbarmachung gewinnen sie das Existenzrecht der Form. So zimmert der Erdgeist den Tisch, an dem das Ich sich niederläßt, jede seiner Ausstrahlungen wirft sich auf den Stoff und schnitzt ihn. Wie das Gegenteil sich ausschließt, weil Mechanik selber den Wink gibt, daß alle Leitfäden des Körperlichen vom Hirn ausgehen und jede Muskelbewegung erst gedacht sein muß, so ist Allein-Dasein der Psyche, von der alles Sichtbare ausgeht, durchaus denkbar. So läßt sich das Leben nur dann über monistischen Leisten schlagen, wenn man es als Vermählung von Sichtbar und Unsichtbar erkennt, nie aber, wenn man Stoffmechanik voranstellt, deren angebliche Folgen ganz auseinanderlaufen als Milliarden Welten von Bewußtseinsvorstellungen. Darum gelangt der scheinbare Dualismus von Stoff und Kraft schon hienieden zum psychischen Monismus, denn in unendlicher Ungleichheit der Eigenwesen waltet immerhin gemeinsamer Lebensprozeß. Wie darf man also Wirr- und Klarwelt sondern, die sich vielmehr gegenseitig durchdringen! Jedes Verlegen der Bewußtseinsschwelle verändert die Wirrwelt, deren Wirklichkeit so relativ ist wie die des selbsterdachten Gegensatzes, erst jenseits ihrer Auflösung tagt der Klarismus, der etwas klärt. »Was wär ein Gott, der nur von außen stieße!« lautet Goethes Echo Brunos, doch was wäre einer, der nur von innen stieße? Die Eigenwesen sollen sich nur auf sich selber stellen? Wer genügend Erfahrung sammelte, verzichtet nie auf transzendente Beihilfe im Eigenkampf; die kindlich Frommen haben den Erfahrungsspruch: Wo die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt« trägt eine tröstlichere Gewißheit in sich als die kirchlich gemeinte. Wenn Friedrich der Große das höchste Wesen damit ehren wollte, daß es sich unmöglich um Menschenameisen kümmern könne, so beachtete er nicht die erhabenere Ordnung, daß »kein Haar von unserm Haupte fällt ohne den Willen« der göttlichen Notwendigkeit. Mit Gott haben wir persönlich nichts zu schaffen, wohl aber mit seinen Myriaden »Hütern« und »Wächtern«. Wenn Philo den Telepathiker und Hypnotiker Moses »Herrn der Natur« nannte, so lehren Plotin und die Gnostiker nur Eingreifen hilfreicher Schutzgeister, die den Auftrag haben, am Schicksal der Eigenwesen zu modeln und gegebenenfalls der Materierohheit in den Arm zu fallen. Natürlich geschieht dies äußerlich kausal, doch mit wunderbarer Verkettung scheinbar fernliegenden Dinge. Jeder, der im Leben alt geworden, erfuhr solche Fügungen. Wäre die als teuflisch gewertete Wirrwelt des Teufels, so könnten in ihr überhaupt nicht Gerechtigkeit und moralische Ordnung bemerkt werden. Dies leugnet zwar der Materialist, der ehrlicherweise stets Pessimist sein müßte und dessen wahre Frucht bei den ungebildeten Massen das Verbrechen ist. Der vornehm Erkennende aber belächelt dies Leugnen, er weiß, daß jeder Selbstling, sogar jeder unheilbare Schuft über ungerechtes Schicksal flucht, wenn es ihn am Kragen packt. Der Weltkrieg und seine Friedensfortdauer zeigt die gerechte Vergeltung in den großen Verhältnissen, den Sieger verfolgt sein Karma wie den Besiegten, besonders jene wirren Heuchler, die nur im Gegner den Übeltäter sehen, finden früher oder später den kausalen Lohn. Die ganze Weltgeschichte ist voll davon, doch auch in kleinen Verhältnissen des Privatlebens lügt in seinen Hals, wer seine Unschuld beteuert. Gewiß erlebt man Tücken des Daseinsverlaufs, die das Schicksal noch grausamer erscheinen lassen als Menschen, wir reden nicht bequemem Kanzelgerede das Wort, das Gott mit seinem Zorn gegen Sünder entschuldigt, als ob göttliche Notwendigkeit so erbärmliche Regungen wie Zorn kennte. Jahve wollte Sodom schonen, wenn nur 50 Gerechte darin lebten, und wer Satan als Herrn der Welt verflucht, sollte nachschauen, ob er nicht selber satanisch sei. Wer tief durchdenkt, was ihm widerfuhr, spürt nur zu oft, daß erbitternde Widerwärtigkeiten ihn vor Schlimmerem bewahrten. So retten oft plötzlicher Zusammenbruch und Tod vor sonst kausal unvermeidlichen lebenslangem Leiden. »Wen die Götter lieben, stirbt jung« meinten die »lebensfrohen« Griechen. Wenn Ausleben und Ausreifen genialer Menschen durch Milieuhemmnisse oder frühen Tod geschmälert und vernichtet scheinen, so weiß man ja gar nicht, ob sie sich nicht verausgabt hatten und Tod sie nur von einem fortan zwecklosen Leben befreite. Hätten wir rechten Sehwinkel, würden wir vielleicht klare Gerechtigkeit das Einzel- wie Menschheitsdasein durchleuchten sehen. Man dünke sich nicht heroisch, weil man eine von außen stoßende Force majeure in den Erdhändeln ausschließt, obschon doch alle Völker ein Schicksal anerkannten und das Kismet in einer arabischen Sage in obigem Sinne gelehrt wird. Man zetert über Allahs Härte und gleich nachher zeigt sie sich als rettendes Wohlwollen. Die moralische Weltordnung bedarf keiner Ehrerettung durch Priester und Sophisten. Denn wenn Jesus das Richten verbietet und man alle Verurteilungen als Schablone verurteilen muß, weil eine Menge verwickelter Ursachen nicht berücksichtigt werden, wie erst sollte man sich hüten, Gott zu richten, dessen Beweggründe wir noch weniger kennen! »Wer wagt zu richten meinen Wahrschluß mit Worten ohne Verstand!« donnert Jahve den Hiob an, was weiß überhaupt der Mensch von Gerechtigkeit, der seine Gier nach materieller Gleichmacherei für Altruismus hält! Der schlichte Mann ruft oft »das ist Gottes Hand«, wenn Tells Geschoß den Übermut ereilt, im lieben zeigt sich weit mehr Gerechtes als Ungerechtes schon für den äußeren Augenschein, wenn man nur in sich ginge und die eigene Verschuldung begriffe; für die dunklere Hälfte, wo äußere Erklärung versagt, muß man sich bescheiden, daß man vielleicht nicht sehen kann. Weil gebratene und ungebratene Tauben nicht in den Mund fliegen, braucht ein Nicht-Schlaraffenland noch keine Wirrwelt zu sein trotz träger Beständigkeit im Ungeklärten, Verwickeltes ist noch nicht Wirres. Unsere unsichtbaren Beobachter und ungeschauten Mitwirker sehen vielleicht nur eine Klarwelt ohne Spaltung, und es wäre wahrer Klarismus, sich demütig einheitlichem Geschehen hinzugeben. Hat der Mensch überhaupt die Fähigkeit, Glück und Unglück, d. h. klar und wirr für sich und gar für andere abzuschätzen? Byron hielt seine Austreibung aus England für sein großes Unglück, diese wundersame Karmafügung zum höchsten Glück seiner Persönlichkeit, ohne die er nie wahre Größe erreicht hätte. Selbst die Wagschale der Wiedergeburt wird besudelt, indem man Wiederkehr des Gleichen wörtlich nimmt, so daß ein in anderer Umwelt Wiedererstandener gleiche Missetat begeht oder am gleichen Krebs stirbt. Die unbegreiflich weise Schiebung der Personalien schafft abweichende Varianten, die Leiden früherer Leidenschaften werden angerechnet, die Karten anders gemischt, die abhebende Hand ist nicht die des Eigenwesens selber. Dem Wunsch des Ego gewährt Wiedergeburt vieles, was Präexistenz vermißte, Identität aber blitzt unheimlich auf bis in »zufällige« Namen hinein wie Rousseaus Annecey Byrons Annesley, doch wozu hier solche Geheimnisse entschleiern! Wäre Wiedergeburt nur Wiederholung, müßte man auf Erlösung verzichten, rohem Schicksalpopanz unterworfen, wo Grillparzers Ahnfrau oder das Geschlecht der Oerindur umgehen. Solche Wirrwelt besteht nur von Gnaden menschlicher Unwissenheit, vielleicht steht ewig gleiche Materiereibung in planvoller Klarwelt als Teil von ihr. Soweit es sein Karma gestattet, wird der Klarist nicht hilflos allein gelassen, sondern er hat geheime Leiter, für die alles klar ist, was ihn wirr bedrückt. Mit dieser höchsten Mystik rechnet nicht, wer den Eigenwesen entscheidende Selbsttätigkeit beimißt, wir rufen ins Gedächtnis »Mit unserer Kraft ist nichts getan, wir sind da bald verloren«: Wer größte Eigenkraft besitzt, fühlt dies am tiefsten. Auch geistige Werte erwirbt man nur durch kosmischen Beirat (Newton als Muschelsammler am Strand der Ewigkeit). Der Weltdichter und seine zahllosen Regisseure sitzen nicht in Intendanten- und Fremdenlogen, durchs Lorgnon das Spiel beäugend, sondern sufflieren Stichworte und geben den Leitfäden die Richtung. Das Problem des Dramas, nämlich Konflikt von Persönlichkeit und Masse, Psychefittich und Naturballast, ist weder wirr noch chaotisch. Den geschürzten gordischen Knoten durchhaut kein plumpes Todesschwert, sondern er wird spielend gelöst durch klaren Psychestrahl. Der berühmte Autorname Gott verbürgt die Bedeutung des Dramas, denn das Ewige heißt Gott, ohne stete Mitwirkung des Unsichtbaren ist jedes Eigenwesen Schall und Rauch. III Zerrann Nebelspuk, wendet man sich mit frischer Andacht der Sonne zu, hier heißt es nicht mehr: Wo faß ich euch, ihr schwankenden Gestalten! Hier steht jeder am rechten Platz, nichts schwankt im Reich der Ordnung, wo selbst das Sichtbare in fortwährender Geisterschlacht ein ineinander verschlungenes psychisches Ringen intelligibler Zweckmäßigkeit darstellt, mit dem Leben selber identisch, wo nur scheinheilig weichliche »Humanität« eine wohlwollend strenge Gerechtigkeit verkennt. Wäre die physische Erscheinungs- eine Wirrwelt oder Hölle, so wäre dies dem Christentum abgelauschte Wähnen metaphysisch belanglos, doch so ist es nicht, sondern sie bejaht für den Unbeirrten, daß sie zweckdienlich sei für Psycheschulung. Ich bin, weil ich denke, ich denke, weil ich bin, so löst sich auch hier Doppelkausalität in Einheit auf, daß Sein und Denken das nämliche sind. Das Leben denkt fortwährend an seine Erhaltung, worunter Schulze etwas rein Materielles versteht, aber etwas Psychisches meint, nämlich Erhaltung seines Ich. Leben ist nur Erleben, d. h. ein psychischer Prozeß, Denken gesteigertes Leben, höchstes Denken höchstes Lebensgefühl, in solchem Sinne denkt auch die Natur. Dies unbewußte Denkfühlen überschreiten bereits die höchsten Tierwesen, am wenigsten entdecken wir davon beim Anthropoiden. Der Gorilla packt und zerbeißt den Gewehrlauf, aus dem der Schuß kam, worin der Darwinist fälschlich Überlegung erkennt, der Tiger denkt logischer, wenn er den Jäger selber packt, als Urheber des Schusses. Daß der Gorilla sein Bett zur ebenen Erde macht, verrät durchaus keinen menschlichen Trieb, denn viele Urmenschen schliefen sicher auf Bäumen, um sich vor Raubzeug zu schützen. Warum baut sich denn der Schimpanse noch Nester? Der Gorilla schläft nur deshalb nicht im Gezweig, weil es sein Gewicht nicht aushält, wie ihn schon sicher bittere Probe belehrte. Was soll er also im Urwald anders anfangen, als sich unten am Stamm anlehnen, will er der Ruhe pflegen? Man macht also aus einem gewöhnlichen Muß, dessen Ausübung nicht entfernt die verwickelte Überlegung anderer Tierhandlungen erfordert, einen zur Menschwerdung hinstrebenden Vernunftschluß. Überall regiert das Individuelle von Fall zu Fall, die frommen und weisen Neger auf Fernando Po, die sich jede kirchliche Mission verbitten und doch die freiwillig übernommene Jesuslehre zur Beschämung europäischer Beobachter wirklich praktizieren, hatten diese psychische Anlage seit Anbeginn. Die kannibalischen Negerstämme, die ihren grausamen Sultan als Gott anbeten, ohne sich um den amtlich anerkannten obersten Kriegsherrn in den Wolken zu kümmern, sind so geblieben seit ihrer ersten Ansiedlung. Die Buschmänner änderten auf ihrer weiten Wanderung nach dem Veldt nichts von ihrem Charakter, ihren Sitten und ihren Künsten. Ihre Nachbarn, die Kaffern, bleiben allzeit kunstfremde Barbaren. Nichts evolutioniert sich, auch nicht der teutsche Schulmeister, über den Haeckel spottet wie über Orden und Titelwesen, der aber recht gern wie der darauf erpichte Virchow sich »Herr Geheimrat« anreden und mit Orden spicken ließ wie der Ordensliebhaber Helmholtz, der auch kein Kostverächter von Nobilitierung war. Haeckel ist selber ein Typ des von Allbelehrung strotzenden Oberlehrers nach dem Muster jenes Austauschprofessors, der seine Aula-Festreden zum Feststrauß für Amerika zusammenband mit dem herrlichen Titel »Vom Weltreich deutschen Geistes«, dessen Sonne leider in beiden Hemisphären untersank. Aufdringliche Schulmeisterdressur sich als Hochkultur aufschwatzen zu lassen verbat sich das Ausland, das außerdem Nietzsche und Haeckel als echte Koeffizienten neudeutscher Gewaltethik auffaßte. Alldeutsche Professoren »verstehen die Welt nicht mehr« wie Hebbels Meister Anton und glauben sich in einer Wirrwelt, wir erkennen dagegen im allgemeinen europäischen Verstandesbankrott nur eine klare Moral, wie St. Just vom Terreur sagte, Hindurchblitzen unerschütterlicher Klarwelt. Meist glauben nur Wirrköpfe an Wirrwelt, man soll den Teufel nicht an die Wand malen, Glaube an unvernünftige Wirrwelt ist selbst ein Stück Chaos und hilft die Klarwelt mit schwarzem Flor verhängen. Wo die Psyche als Regentin in die Natur einzieht, kann alle Wirrnis nur als Nichtwissen erledigt sein. Hemmnis, Missetat, Bosheit, Tod sind Karmas Notwendigkeitsfäden im großen Gewebe, das die Unsichtbaren wie Penelope auftrennen und erneuern als Gobelin des Lebens, wo unzählbare Psychestrahlen sich zu Farbenharmonie vereinen. Der Materialismus ist nichts als Rückschraubung des Denkens, das Griechische ergriff gleichfalls zuerst den Stoff, dann die Kraft, dann statt blindwillkürlichen Wirbels das Planvolle. Den größten Schritt tat Empedokles, indem er Newtons Anziehung und Abstoßung als Bewegungsursache vorwegnahm, doch als Attribute einer Weltpsyche: Eros und Anteros. Bestimmte Kategorien des Denkens stellen sich unabweisbar ein, es ließ sich nicht vermeiden, daß die klaren Hellenen den Lebensinhalt als fließend empfanden, dagegen einige als Allinhalt die Ruhe. Innerhalb des Sichtbaren gibt es notwendig auch im Denken nur fließende Bewegung, doch »in Gott« nur Ruhe. Plato ließ die Ideen aufmarschieren, hielt aber Einzelwesen für gleichgültigen Massenabdruck des Ideentextes, solche Zwiespältigkeit machte den Racker Staat zum Maß aller Dinge wie im Mittelalter die Kirche, Niedergang des Denkens richtet sich immer häuslich in Respublica ein. Ähnliche Milieuwallungen bringen ähnliche Denksymptome hervor, Wiederkehr des Gleichen auch Wiedergeburt der Denkweise. Das Bahnbrechende in Plato sehen wir darin, daß er das Sichtbare als Sinnbild auffaßte, doch indem er als Staatslehrer das Recht des »guten Bürgers« auf Eigenwuchs beschnitt, unterwarf er das Individuelle teils dem Abstrakten teils dem Materieschein. In ihm und Aristoteles, dem Stammvater alles Positivismus, in dessen imperialistisch-praktischem Massenstaat Welt der einzelne nur den vom Imperatorgott geprägten Formen zu dienen hat, erkennen wir schon die gleiche Denkart, die mit Leibniz' Ordnung eines Grand Monarque, teils in Versailler Taxusgärten, teils in Mordbrennereien harmonisch durchgeführt, zu Kants Unteroffizier-Imperativen und zur Staatsvergötterung bis zum Weltkrieg verführte. Auf altruistisch maskierten Staatsmaterialismus folgte in der Antike spöttische oder ernste Abkehr von so praktisch stilisiertem Weltbild. Zyniker, Epikuräer, Stoiker verzichteten auf jede Weltanschauung, deren bloße Vergesellschaftung durchaus der heutigen glich. Nach ehrlicher Verzweiflung des Materialismus in Lucrez begann neuer Aufblick in spirituelle Formen, heutige Bemühungen von Okkultismus und Spiritismus, durch popularisierte Handgreiflichkeit den Stoffkult auszurotten, gleichen dem Rütteln der Gnostiker an den Materieschranken. Bald darauf brach das große Erdbeben des Christentums herein, und obschon eine 1912 in London auftauchende Romanprophezeiung über neuerscheinendes Christkind und plötzlich seelenüberströmende Altruismuswelle sich jämmerlich blamierte, wird die alte Weissagung über Christi Wiederkehr »nach tausend Jahren und nicht mehr tausend« vielleicht in gewissem Sinne wahr werden. Denn kausalnotwendig zerstört der Materialismus sich selber und macht der äußersten Radikalideologie Platz. Llouys »Aphrodite« wälzt sich in der »großen griechischen Sinnlichkeit«, die freilich nur auf afrikanischem Boden sich derart naiv ausbildete, doch weder Rom noch Hellas kannten so bestiale Wirrwelt, ehe nicht der greuliche Völkerbrei der Rassenvermischung seit Caracalla jeden sittlichen Halt wegschwemmte. Nach dem machtwütigen Nationalismus die entnervende Internationale der »alle gleichbegabten Rassen« (Virchow), die erweiterte Lügenform der Gleichmacherei. Ihr Janusgesicht zeigt teils gröbste Entsittlichung (in zäsarischer Antike Vermischung aller Kulte zum gleichen Priapusdienst), teils christlichen Pazifismus der Sklavenverbrüderung. Ob heute neue Christusbewegung wieder den Geist an den Buchstaben, die freie Psyche an einen sozialistischen Kirchenkanon verkuppeln wird, läßt sich nicht voraussehen. Brunos Selbst- und Weltbefreiung rang umsonst gegen Aristoteles, den Kirchenvater der Scholastik, die Jesuiten als richtige Aristoteliker ließen nur noch Form als Religion gelten, und Descartes als graue Eminenz eines nur scheinbar autoritätsfeindlichen Rationalismus hätte Richelieus Staatsbeirat werden können, denn alle Neigung zum Maschinellen führt wie bei Hobbes zur Heiligsprechung des Absolutismus. Bei den Engländern galt seit Bacon, dessen Credo seinem angeblichen Rosenkreuzertum widerspricht, sogenannte Erfahrung als Norm bürgerlicher Eingemeindung. Sieht z. B. ein Seher die Aura, die Masse nicht, so ist er abnorm, daher seine Erfahrung unwahr, von so naivem Philistertum kam englisches Denken nie wirklich los. Wenn Kant die Erfahrung als subjektiv beseitigt, so rechnen doch seine falschen Imperative den Gemeinbegriff als einzigen Nennwert, und Hegel »Selbstbewegung des Geistes« erstrebt auch wenig anderes als Aristoteles »Entelechie«. Wenn alles Subjektive Null, ist Einzelpsyche nur Entlehnung von der Allgemeinheit, die sich als Wirklichkeitsvernunft bewegt! Ohne uns weitläufig darüber zu verbreiten, wie sinnlos man geistige Mannigfaltigkeit in bindende Formeln zwängt, genügt schon der empirische Augenschein, daß allzeit nur die Einzelpsyche kulturell und geschichtlich den Ton angab. Wie kann sie vom Massenmilieu etwas entlehnen, was dort nie vorhanden war! Das italienische Volk nennt einen Verrückten »originale«, jede Psyche ist ein Original, solange sie sich nicht von Massenhörigkeit verdummen läßt, oft zeigen Kinder originelles Denken. Karma ist nur weltgesetzliche Anerkennung des besonderen Wesensrechts auf Lebensarbeit, man muß Akteure den Massenstatisten vorziehen, nicht ethische Gemeinplätze in die Masse hineinschreien, sondern Individualität als ihren eigenen Imperativ erkennen, der seinen ihm vorgeschriebenen Weg geht. Ihre Abhängigkeit vom Karma aber stellt daher nicht ihrer sonstigen Unabhängigkeit einen übergroßen Freibrief aus, Eigenwesen ist kein Eigengewächs von Selbständigkeitsgelüsten, sondern borgt sein Recht nur vom Unsichtbaren, sonst hinge es in der Luft wie eine wuchernde Orchidee, die gierig Materiestämme umklammert. Am 6. Januar 1818 sprach Napoleon zu Gourgaud gelassen das große Wort: »Was ist Elektrizität, was Magnetismus? Da liegt das große Geheimnis. Ich glaube, der Mensch ist ein Produkt aus Strömungen der Atmosphäre, das Hirn fängt sie auf und erhält so Leben. Die Seele besteht aus Ätherbewegung, nach dem Tode treten wir in den Weltraum zurück und werden von andern Gehirnen aufgesogen«. Wir sind geneigt, dies dahin auszubauen, daß dauernde Speisung des Psychischen aus dem Äther erfolgt. Stoffbildung und Stoffwechsel sind rein chemische Vorgänge, Scheidungen in Kohlen-Sauer-Stickstoff machen diese wie den Harn zu Zerfallsymptomen eines sonst einheitlichen Naturkörpers. Warum zerfällt er nicht gleich, sondern bewahrt durch irgend etwas – Ostwald nennt es Energetik – dauernden Gleichstand, der aber plötzlich (Tod) aufhört? Bezeichnenderweise gibt es für Weltmechanistik kein sichtbares Ebenbild, bei so pausenloser Anspannung müßte die Betriebskraft doch endlich mal verbraucht werden, wer bedient die Maschine, funktioniert sie immer ohne Betriebsstörung? Streiken die Elemente nicht gelegentlich wie Kometen, die es müde sind, ihr geregeltes Pensum abzuschnurren? Die kleinste Arbeitsniederlegung, um sich mal einen Feiertag zu gönnen, würde sofort die Räder in Unordnung bringen. Ein unerschöpfliches Reservoir läßt sich psychisch, doch nicht physisch vorstellen. Wäre dauernde Vermehrung der Weltkraft möglich, wie Mayer gelegentlich meint, um den sonst undenkbaren Gleichstand durch Verbrauchsersatz zu behaupten? Dieser Zufluß könnte nur durch Mehrung des Psychischen erfolgen, das durch ununterbrochenen Karmakampf sich verstärkt und vergrößert, denn Physisches als Konstante (Helmholtz) mehrt und mindert sich nicht. Stofflose Elektronen können sich als Partikel der Ätherseele in größeren Mengen projizieren, während der sichtbare Stoff immer karg bemessen bleibt. Beim freien Spiel und Tanz der Elektronen, welche die Wirrin eine Klarwelt »röntgen«, tagt eine andere substantielle Ausdehnung als die starre Spinozas, die alle Wesen in marionettenhafter Hörigkeit hält: Der alte Götze von Zion- und Peterskirche, nur als reglose Mumie ins Leere entrückt. Nur Jesus wurde einer Gottseele gerecht, die nicht bloß Dinge in sich aufsaugt, sondern werktätig in alle Wesen hineinfunkt, sich nicht bloß herablassend spiegelt, sondern alles kindhaft an sich zieht. Allgott ist ein Nominalbegriff, es kommt nur auf die Ausdeutung an. Spinozas Zebaoth ist ein insolventes Abstraktum, das den Menschen versklavt, als saß er auf der Bundeslade, während Brunos begeisterte Alliebe eine mitfühlende Weltseele voraussetzt. Obschon die Klaristen von Buddha nichts wissen und ahnungslos das alte Lied von Willensermüdung herleiern, gehen wir doch darin halb und teilweise mit ihnen eins, indem sich uns immer wieder das Problem aufdrängt: sind Reinkarnierungskampf und Ätherauflösung (Nirwan) nicht ethisch gleichwertig, unterbricht Lebensabtötung nicht den notwendigen Prozeß der Wiedergeburten und muß deshalb dem Karma mißfällig sein, dem vorzugreifen sie sich erkühnt, steht heroisches Leiden nicht höher als Nirwana-Genügen? Gewiß verfängt nicht der stolze Einwand, man habe heute mehr Kenntnisse als Buddha oder die Griechen, als ob reiche Zufügung von Ornament, Stukkatur, Kachelöfen die Gebäudestruktur änderte, die man heute unbewußt immer noch indischem oder griechischem Bauplan nachzeichnet. Doch die durchaus verschiedene Inspiration Brunos, den Mayer gleichfalls hochmütig abtut, knüpft unbewußt an Jesus an. Wenn Buddhas Anleitung Glück verbürgt, so nennt Bruno sein von Alliebe erfülltes Herz selig, obschon er wahrlich nicht buddhistischer Vorschrift folgte, nur eins wünschte er sich noch in einem herrlichen Sonett: Bekennertod in Flammen. Er ward ihm, und wir erschauern vor diesem geheimisvollem Beweis, daß angebliche Wirr weit jedem so viel Klarwelt bringt, als ihm erwünscht. Christliche Märtyrer befiel einst massenweise die gleiche Sehnsucht nach Bekennertod; daß jeder Märtyrer tausend Proselyten machte, begreift man als notwendig: Solche sichtbare Nichtachtung des Ichlebens überzeugt die Masse von der Gewißheit des Unsichtbaren. Deshalb legen wir Gewicht auf Giordanos gewaltiges Wort, als er sein beim Verlesen des Urteils vom Henker niedergebeugtes Haupt erhob: »Wohl mit mehr Angst fällt ihr das Urteil, als ich es vernehme«. Die Inschrift seines Denkmals hat viele erschüttert: »Hier, wo der Scheiterhaufen brannte, dem Giordano das dankbare von ihm vorausgeschaute Jahrhundert« Doch das 19. irrte sehr mit dieser Anbiederung, hat nicht die geringste Beziehung zu Bruno, wir finden die Geringachtung, mit der Steiner, Mayer, Chamberlain über ihn weggehen, höchst symptomatisch. Chamberlain stellt Brunos »Nach-Innenschauen« Leonardos »Nach-Außenschauen« entgegen. Tatsächlich ergänzen Bruno und Leonardo einander, letzterer schaute von außen nach innen, ersterer von innen nach außen, denn man wird sein heliozentrisches Schauen doch wohl auf die Welt gerichtet finden! Man glaubt ihm Schlimmes nachzusagen, daß er, der Kirchenfeind, von Luther nichts hielt. Als ob der scharfe Erkenner jüdischen Geistes (dem deshalb jüdische Freigeister tragikomisch Giordanobünde stiften!) nicht im Judenfeind Luther den gleichen semitischen Hierararchenwahn und in dessen auf die Spitzetreiben des »Glaubens« statt der »Werke« einen noch giftigeren Teufelsbraten des sacrifizio dell intelletto gerochen hätte! Das Anti-Bruno-Geschwätz ficht uns um so weniger an, als man damit nur einen Kotau vor der nüchternen Moderne macht, die in Inspiration des großen Denker-Dichters (Brunos Dialoge sind Gestaltung wie die Platos) wissenschaftlicher Haltung vermißt. Daß Bruno ewige Transformation der Seelenmonade und damit verbundenen Gerechtigkeitsausgleich lehrte, begrüßen wir als Beweis, daß echtes Denken immer die gleiche Linie findet. Daß aber Bruno als Einziger neben Sokrates die Blutzeugenschaft antrat, sollte doch die kleinen Ankläffer mit mehr Pathos der Distanz erfüllen. Goethe und Schopenhauer, die ihn mehrfach plagiierten, wußten besser, was sie an ihm hatten, dagegen schenken wir Dühring seine Anklage gegen Spinoza, daß er Bruno plagiiert und verballhornt habe. Die Anregung fiel auf so fremden Boden, daß man ebensowohl die Offenbarung Johanni mit der Kabbala vergleichen könnte. Wer sich aber gut mit seinem Fortsetzer vertragen hätte, war Jesus von Nazareth. Wille zum Heldentod ist aggressiv, Leid und Heldentum in Not und Tod atmen keine unweltliche Stimmung, gerade weil sie mit Jesus sich freuen »Ich habe die Welt überwunden«. Daß Jesus die Kreuzigung auf sich nahm, wird dies nicht göttliche Weltethik dem Streben nach Ruhm vorziehen? Gewährt zielvolle Bewegung (Arbeit) nicht auch Zufriedenheit, wie Asoka von sich aussagte? Steht das Tor zu ewiger Ruhe wirklich offen, setzt nicht in höheren »Sphären sicher neues abgeklärteres Streben ein? Lebensverzicht läßt sich auch durch selbstischen Überdruß erzielen, Wunsch nach Grabesruhe ist vielen Materialisten vertraut, ist dies ein ethisches Ziel? Obschon gegen den falschen Vorwurf des Quietismus gewappnet, nicht ohne Erfordernis von Heldensinn in Selbstüberwindung, leitet Buddhismus doch auch nur zum Affetto universale hin, den Brunos Eroici Furori mit einen andern Anlauf erreichen. Zwar heißt es Buddha verkennen, wenn man ihn Heraklit gleichsetzt, ihm ist Fließen der Dinge nicht reine Unbeständigkeit, beständig bleibt ihm das Psychische in Durchbrechung von Ich und Materie. Doch er redet manchmal so inkonsequent, seine Nachfolger verfuhren umgekehrt so konsequent, daß die Klaristen ihn als Todfeind alles Eigenwesens verstehen. »Eigen« ist aber schwer definierbar, als Gegensatz zu Unendlich nur negativer Grenzbegriff. Will man Unendlichkeit als Nicht-Räumlichkeit, Ewigkeit als Nicht-Zeitlichkeit umschreiben, so reißt das Denkvermögen, ein begrenztes All wäre erst recht zum Verrücktwerden, da man dann ein Außer-All suchen müßte und tatsächlich ein All ohne Unbegrenztheit Selbstwiderspruch wäre. Ist »Eigen« das Nicht-Ewige, Zeitliche, Endliche? Gleichfalls unfaßbar, man bildet sich nur ein, daß man sich als tot vorstellen könne, und doch baut sich das Sichtbare durchweg auf dieser sterbenden Endlichkeit auf, die wir objektiv täglich um uns schauen, sie aber subjektiv für uns nicht fassen können. Selbsterkennen heißt allerdings mystisch Selbstvergessen, wo bleibt dann das Eigenwesen? Wohl aber darf man fragen, ob Heilige so viel zu vergessen hatten wie ein Genie und ob Asoka nicht mehr Heilswerke vollbrachte als alle Heiligen zusammen. In diesem Sinne war Buddha selber ein großes Eigenwesen und Jesus als Menschheitsvertreter (»des Menschen Sohn«) erst recht. Wo will man aber mit der Bezeichnung einhalten? Ist nicht auch Schulze ein Eigener, der seine Eigenheiten hat? Ist Stirners »der Einzige und sein Eigentum« nicht eine Warnung, daß das Eigene, sobald man es allzu isoliert empfindet, zu anarchischer Loslösung von jedem sonstigen psychischen Verbände führt? Das wäre die richtige Wirrwelt; wer sich aber auf Uberzeit und Überraum als Korrelaten des Unsichtbaren einstellt und hineinfühlend (Bergson) sich außerhalb sichtbarer Stofflichkeit versetzt, dem bleibt wie bei Buddhas 4. Schauung nur wort- und begrifflose Empfindung. Das relativ Eigene wird bei Veränderung der Bewußtseinsschwelle ins Unsichtbare untergetaucht. Wirrwelt kann es nur geben in Scheinmetaphysik des Pantheismus, auf den sich auch de Sades Teufelsfratzen berufen. Im Theater statt des Bösewichts den Autor mit faulen Äpfeln zu bewerfen wäre das Nächstliegende, doch das Böse in der Natur gehört zur dramatischen Ökonomie der Weltbühne. Gott ist nicht verantwortlich für den Tigerbiß, der Tiger hat seinen eigenen zureichenden Grund, um den Wildschaden der Wälder zu mäßigen. Warum Kontraste nötig wie lieben und Tod, das überlasse man gefälligst dem Autor dieser sichtbaren Klarwelt, deren unsichtbare Kulissenumrahmung erst recht keine Wirrwelt duldet. Dem Pseudoklaristen schreiben wir ins Stammbuch: »Wer die verborgenen Kräfte nicht erkennt, durch welche die Natur ihr Werk vollbringt, wird durch die Werke der Natur gebunden«. (Bagghavad Githa.) Anthroposophie ist nur Umwandlung uralten Kirchenwahns. Im christlichen Eros galt Jesus höchstens als Hauptaktionär, denn hündische Hoffart als treuer Diener seines Herrn brüstete sich in Origines. »Erst kommt Gott, dann kommen wir«, Augustin meint verblümt, Gottes Erniedrigung durch Menschwerdung solle uns vergöttern. »Der Welt Zweck war allein wegen Israel?« Luther, nicht faul, dient darauf: »Wir Christen sind's, wegen deren Gott die Welt verschont.« Denn sonst: »was ginge uns solcher Gott an, welchen Nutzen hätten wir davon?« Die haarsträubende Blasphemie des teuren Gottesmanns, der die Lady Patroneß Maria nur auf die Straße warf, um für Christi Autokratie unter Abdankung Gottvaters Platz zu machen, entweihte das Gebet zur Bettelei: »Wer so bettelt und unverschämt anhält, tut recht«, wie der Lazzaroni sein Heiligenbild ohrfeigt, wenn sein Treffer nicht herauskommt. »Engel sollen Henker sein für die Ketzer«, spricht so Torquemada? Nein, Luther. Die Räudigkeit gottsträflichen Größenwahns reinigt der Taufe »köstlich Zuckerwasser, in das Gott selbst sich eingemengt«, als Johannes badete, was manch frummer Johannes der Säufer wohl brauchen kann. »Wir bedürfen einen willkürlichen Gott« (Lavater), dem man die Akten des Karmagerichts erpresserisch unterschlägt. Dafür sei ihm allein die Ehre, deshalb ist er so kitzlig im Ehrenpunkt wie ein Korpsstudent, verteidigt sich mit Gotteslästerungsparagraphen, so avanciert ein christlicher Staatsanwalt zum himmlischen Marschallstab. Ob also auf theologischem oder Steinerschem holperigen Steinweg, die Kutsche anthropomorphischen Größenwahns rollt stets mit gleichem Geräusch durchs Himmelstor ihrer Einbildung. 11. Übersinnliches, Traum, Spiritismus. I Der Nobelpreisträger Tagore umhüllt ethische Gemeinplätze mit duftig-blumiger Sprache und in Darmstädter »Schule der Weisheit« feiert ihn der nämliche Kayserling, der das große Wort gelassen sprach, in tieferem Verstande seien alle Denker Betrüger. Diese eklektische Inderweisheit macht nur Schule für jenes Liebesgesäusel, das schillernde Seifenblasen in die Luft wirft. Für Gemeinschaft einer menschlichen und göttlichen Seele bringt er nur religiöse Voraussetzung, Verbindung ist nicht Identität und Menschenpsyche nicht Totalität der Weltpsyche. Mit solcher Schwärmerei, die an Shelleys Pantheismus der Liebe erinnert, mag man Frauen entzücken, nicht ernste Wahrheitsringer, die nicht im Magiertalar stolzieren und ihre würdevolle schönäugige Anmut mit Güteblumen drapieren. Wer nie den bittern Daseinskampf der Abendländer durchmachte, schritt sein Lebtag friedlich auf Rosen dahin, wie sie ihm Darmstadts Mägdelein streuten. Solche Weise, die vom Leben nichts wissen und unter Palmen sinnig wandeln, möchten das grause Lebensübel mit »Liebe« vertuschen, als ob persönlicher schöner Impuls angelernt werden könne wie ein Katechismus. Am Ganges duftet's und leuchtet's, unterm Palmbaum träumen seligen Traum, doch wie jener Mathematiker fragte, als man ihm Verse vorlas »Was wird damit bewiesen?« Die lieblichste Poesie (Tagore ist ein reizvoller großer Lyriker) ersetzt nicht die Überzeugung strenger Gedanklichkeit. Mit seiner oder Euckens Oberflächlichkeit erwirbt man Nobelpreise, nicht den Preis ernster Denker. Anders steht es um ein natürlich unbekannt gebliebenes Buch »Die auferstandene Methaphysik« von H. Kerle (Ulm 1921). Der Titel ist spöttisch gemeint, könnte aber als Selbstironie gelten, denn im tiefsten Grunde denkt Kerle so metaphysisch wie möglich. Weil er ein ganzer Kerl ist, möchte er nur auf eigenen Füßen stehen, selbstherrlich die Welt in sein Ich aufsaugen. Diese merkwürdige Philosophie leugnet Gott und Unsterblichkeit theoretisch als zwecklos, verfährt aber dabei streng idealistisch, betrachtet jede Wirklichkeit als Schein, nur geistigen Eigenwert hochhaltend und von ihm auch jede Ethik ableitend. Denn weder Gott noch Menschen zulieb tut der Eigenwert Gutes, sondern einzig aus Selbstachtung. Schön, doch das läßt sich eben nur von ganz Wenigen erwarten, die abnorm hohen Seelengrad erreichten. Wie entsteht solcher Eigenwert? Man höre und staune! Alles Geistige entspringt unter bestimmten kausalen Voraussetzungen »aus dem Nichts«! So wiederholt er ausdrücklich und unterstrichen, er nennt dies Okkasionalismus. Sein Atheismus setzt uns also ein Schaugericht vor, das man als Atrappe ablehnen muß: Das unendliche All soll nur im unendlichen Menschsein wahre Werte auslösen, wohlgemerkt nur in gewissen auserkorenen Menschen, die so Beherrscher des Alls werden und einen Gott höchstens als »Diener« ihrer Erhabenheit brauchen können! Der Anthroposophenwahn »wir sind selbst uns Gott genug, lassen keinen andern gelten« (Griesebach) ist hier auf die Spitze getrieben. Stets wird von Wahrscheinlichkeit geredet, welche spricht für so abstruse Annahme? Wer kann sich das Unding vorstellen, daß Materie oder Leben oder wie man es nennen will, höchste Seelenwerte aus dem Nichts schaffen bloß durch kausale Nervenreibung? Wir sagen Nerven, um doch etwas zu definieren, denn er selbst definiert überhaupt nicht, da er den Hirnapparat als nebensächliche Axidenz betrachtet. Wenn dies nicht der tollste Spiritualismus ist! Ein einzigartiger Vorfall, kausaler Zufall ohne kausale Gründe, dafür wäre Analogie im All das Wenigste, was man fordern darf. Das Wahrscheinlichste bliebe jedenfalls, daß das innerhalb der Materie unerklärliche Hochgeistige nur entstehen kann aus unbekannten Sphären als deren analoges Abbild. Entstehen aus Nichts wäre doppelt widersinnig in solch gottlosem All. Dagegen hat K. nur zu recht mit einschneidender Kritik modernster Metaphysik, man erstaunt betrübt, was man da auftischt; doch auch K. gibt sich so subtiler Spekulation hin, daß sicher nur wenige ihm folgen können, die hier und da Wahrheit aufblitzen sehen, was sich aber hinter Verkehrtheiten verbirgt. Dieser Logiker geht unlogisch von Wunschvoraussetzung aus, daß die Phänomene sich ohne vernünftigen Seelenbegriff erklären lassen. Denn indem er einerseits das Psychische als alleinbestehend anerkennt, behandelt er es andererseits als unpersönliches Neutrum. Das Psychische schlechtweg entsteht »aus dem Nichts« durch sonderbare Materieverrenkung, ohne daß es bestimmte Individualität gibt? Als Allseele? Auch das nicht, was bleibt nun übrig? Und doch soll Eigenart sich so großen Selbstbewußtseins unterfangen, Unsichtbares aus Sichtbarem, Transzendentes aus Materieanreizen entspringen! Selbst wenn dies möglich wäre, lägen die nötigen Bedingungen nur im Weltäther, nur so wäre Hervorbringung des Psycheelements aus feinstem unsichtbaren Stoffe denkbar und damit das Psychische doch wieder als Allbestandteil erklärt! Kerles Denkart ist unnatürlich verstiegene Spekulation »aus Nichts«, doch was lehrt Drieschs »Wirklichkeitslehre«? Alles eher als Wirklichkeit: Ich – Punkt als »zeitunbezogen« mit »geheimnisvollem« Wissen vom Ich im Ich! Solche Künsteleien machen Kritik leicht. Dies »Ordnungswissen« sei überempirisch, sind wir wieder bei apriorischen Ideen? Richtig verlangt D. plötzlich, daß »etwas geglaubt werde« ohne zu wissen, »Gesetzlichkeit überhaupt« sei ohne »überpersönliche Entelechie« eines Gottschöpfers unmöglich, woraus folgern soll »universale Teleologie«. Ist das erfahrungslogisches Postulat oder metaphysisches Faktum? D. tut, als handle es sich um letzteres, doch überpersönliches Gesetz, das wir ihm gern zugeben, bedingt nicht notwendig einen relativ persönlichen Schöpfer. Auf nur apriorischer Begründbarkeit eine Philosophie des Organischen aufbauen, ist ein Exzeß deduktiven Schwärmens. Daß mechanische Verhältnisse nicht eines Zentralwesens bedürfen, nur natürlicher Gravitierung unterworfen, so ähnlich könnte sich Kerle ausdrücken, wenn man nur sein eigenes unsichtbar Psychisches mit sichtbar Mechanischem zusammenkoppeln dürfte und Gravitationsgesetze im Psychischen »aus Nichts« denkbar wären. Ähnlich ist falsch unterschieden, daß psychisches Gefühl »keine Sprünge machen kann«, Bewegung nur der Materie angehört: Psychische Bewegung ist erkennbar als Sym- und Antipathie (Anziehung und Abstoßug). Obschon, wie wir anmerken, auch Denken nach bestimmter Richtung gravitiert, können idealistische oder materialistische Ideen gewiß nicht von körperlichen Reibungen bestimmt werden. Wenn umgekehrt Driesch dem Zufall eine Möglichkeit einräumt, so schlägt er dem für ihn so wichtigen Zweckbegriff den Kopf ab. Dagegen lauten auch starr-realistische Erklärungen wie des Raumes als beziehungsloses Nebeneinander von Dingen (Vaihinger) ebenso banal wie unwahrscheinlich, nur in Chateliers Entdeckung, daß Wärme chemische Umsätze weckt, die wiederum Wärme absorbieren, sehen wir zweckgewollte Verteilung der Materie. Ob man diesen Zweck- als Gottwillen auffaßt oder als immanentes Gesetz geheimnisvoller Automatismen, bleibt denkerisch unwichtig, solange nur das Geheimnisvolle zugestanden wird, das sich eben nie mit Mechanik verträgt. Wundts »Wachstum psychischer Energie« ist sogar empirisch plausibel, geistige Auffassungsgabe wächst vom Kind zum Mann, ebenso Schaffensfähigkeit künstlerischer Gestaltung. Daß Erhaltung der Energie auf psychischem Boden nicht gelte und sogar Erinnerungsbilder aus dem Nichts stammen, behauptet Kerle absurd. Letztere stammen aus einem sehr realen Etwas, nämlich dem Unbewußten, das sie jeweilig ans Licht fördert, und wenn das Hauptgesetz der Materie, nämlich Erhaltung der Energie, im Psychischen wegfiele, dann wäre es ja in keiner Weise dem Physischen verwandt als ein in der Luft schwebendes Nichts. Wo bleiben dann die psychischen Werte als einzige Realitäten? Auch diese, aus Nichts geschaffen, lösen sich in Nichts auf! Laut Hasserl sei nur »Erlebnis«, »Empfinden« das Gegebene, das scheint uns tautologisches Spiel mit Worten. Empfinden vermittelt sich uns gleichmäßig physisch und psychisch, wird aber bewußtes Erleben nur durch Mitdenken, warum also nicht gleich deutlich sagen: Gegeben ist das Psychische schlechtweg, das sich nicht in Erlebnisfunktionen auflöst, sondern das Erlebnis selber ist. Ein Gesetz des Lebens ist unverkennbar, dazu bedarf es nicht de Vries' »überpersönliche, Ganzheit schaffende Varianten«, denn die Ganzheit wäre auch ohne Varianten, diese aber sind insofern nicht überpersönlich, als sie aus Verschiedenheit persönlicher Psychen entspringen. Logik: Auch unendliche Verschiedenheit ist das Gegebene, die Varianten der Materie sind psychische Akte. Kayserling erkennt im »Gefüge der Welt« ganz richtig, daß die Arten sich nicht evolutionieren, sondern als Korrelate physikalischer und chemischer Bedingungen nur modifizieren. Das will heißen: äußerliche Veränderung ist nur zweckdienliches Reagieren suf Materieeinflüsse ohne innere Umarbeitung. Daß die systematisch gegliederten Einzelwesen den Zellen und Organen eines Einzelwesens vergleichbar seien, lehnt Kerle ab, denn die Zellen seien direkt verbunden durch nervöse Leitung, die Einzelwesen untereinander nicht. Ist dies so sicher? Sind die von einem Wesen zum andern übergehenden Strahlenströme nicht auch Verbindung, lebt nicht vielleicht jede Zelle ein Einzelleben, das sich im Unbewußten abspielt? Naiv wettert Kerle gegen Teleologie: »Ließ Gott Bismarck zur rechten Zeit auftreten, warum ließ er ihn zu unrechter Zeit abtreten?« Als ob Deutschlands Wohl eine spezielle Aufgabe Gottes sein müßte! Immer wieder Anthropomorphismus, mit dem der Einzelmensch eine Gottabsicht nur in Befriedigung seines Egoismus erkennt. Bismarcks Abtreten war nur eine Episode in unaufhaltsamer Verschlimmerung der deutschen Lage durch eigene Charakterschuld, zu der Bismarcks eigenes amusisches »saturiertes« Treiben beitrug. Ob Deutschlands Leiden dazu dienen soll, es selbst zu bessern und zu kräftigen, ist zweifelhaft, die moralische Weltordnung könnte man nur anklagen, wenn es ein Ausbund von Vortrefflichkeit wäre, wie alldeutsche Professoren ihm einredeten. Selbst dann aber, würde die Weltgerechtigkeit nicht in die Brüche gehen, denn die Welt dreht sich nicht um das kleine Deutschland, dessen politischer Niedergang vielleicht von Nutzen für allgemeine Weltökonomie wäre, wie auch Hellas' selbstverschuldetes Unglück den kosmopolitischen Hellenismus förderte. Obendrein ist Deutschlands dauernder Sturz kaum denkbar. Teleologie wird nur dann anfechtbar, wenn sie im Sinn der Kirche sichtbare Belohnung und Bestrafung in Aussicht stellt. Wer sagt denn, ob es für Bismarcks väterlichen Nationalruhm nicht ein Glück war, daß er abtreten mußte und die Deutschen pietätvoll wähnen: Ja, wenn Bismarck länger regiert hätte! Am Unabwendbaren hätte auch er nichts geändert, sein Werk unterliegt vorbestimmter Kausalität, deren tiefsten Endzweck »göttlicher Notwendigkeit« wir nur ahnen, nicht kritisieren dürfen. Driesch verwässert die ethische Anlage, indem er Sittlichkeit nur in Beziehung zum überpersönlichen Ganzen möglich hält. Einreihung der Ethik, die so selbständige Würde verliert, nur in übersinnlichem Zweckzusammenhang ist unnötig. Denn so fest wir darauf bestehen, daß Entstehen der Ethik erst auf Gotterkenntnis und Unsterblichkeitsglauben folgte und sie ohne solche Voraussetzung keinen sichern Boden hat, muß gleichwohl bedacht werden, daß seither die Vorstellung des Sittlichen, d. h. Gerechtigkeit und Selbstentäußerung tiefer Wurzel faßte, jetzt also ein gewohnheitsmäßiger Hemmungstrieb gegen das Unsittliche wurde. Wenn trotzdem das Unsittliche äußerlich triumphiert, so würde die Schlechtigkeit der Durchschnittsmenschen ohne solche Schranken noch wachsen. Wie groß sie ohnehin, zeigt pietätlose Gemütlosigkeit der Bauern gegen ihre aufs Altenteil gesetzten Eltern. Rousseaus »Naturmenschen«! Nun behauptet Kerle umgekehrt: der geistige Mensch sei nicht Mittel, sondern Selbstzweck, Mittelpunkt des Universums. Pflicht des Subjekts nur gegen sich selbst? Etwa gegen den »im Wert erlebenden Subjekt selbst zu realisierenden Wert«? Wenn dieser hohe Geisteswert es als Pflicht empfindet, rücksichtslos alles im Wege Stehende zu zertreten? Hier sieht man wieder die Nichtigkeit des Verallgemeinerns, denn unstreitig empfanden so Cäsar und Napoleon aktiv, Goethe und R. Wagner passiv, dagegen beugten sich Friedrich und Cromwell der Staatspflicht, Leonardo und Byron fühlten impulsiv Pflichten der Güte und Großmut. Es gibt also keine gleichmäßige Pflichtauffassung, keine bestimmte Wertbeständikgeit seelischer Valuta, die Ethik notiert sehr verschieden im Kurszettel, gleiche Geistquantitäten haben sehr veränderliche Qualitäten. Vielmehr ist bemerkenswert, daß überhaupt Ethik unter Lebewesen waltet, daß Bienen und Ameisen sich anstandslos dem Staat opfern, bei höheren Tieren sich Altruismus ausprägt (Dankbarkeit, Treue bis zum Tod, selbstlose Mutterliebe), was alles mit bloß geistigen Werten nichts gemein hat; unmöglich kann man leugnen, daß somit Ethisches ein natürlicher Bestandteil des Lebens scheint, obschon durch des Menschen krasse Ichsucht verdunkelt. Kerle spottet, daß Monaden nicht schon deshalb, weil sie miteinander etwas zu tun haben, einen überpersönlichen Werde-Bestimmer haben müßten, doch ein gewisser Ganzheitzug (Lotzes Beziehungsphilosophie) kann im geschlossenen Erfahrungszusammenhang schwerlich verkannt werden. Die Beziehung der Lebewesen untereinander führt nicht nur zu äußern Regeln, sondern sittlichen oder unsittlichen Gefühlen, wobei angeborene Gutheit sowenig wie angeborene Bosheit von sonstigen Wertbeständen abhängt. Gerade Determinismus macht sporadisch ethische Impulse so bedeutungsvoll. Daß auch heute noch »Denker« sich auf Willensfreiheit festlegen, stimmt trübe. »Umkehr« soll wie freier Wille aussehen, doch dies Phänomen gehört zum subliminalen Selbst: Erwachen des Früheren, bisher im Oberbewußsein verhüllt. Laskers Machologie schiebt den Macheiden ein Apriori des Handelns zu und stellt sie willkürlich als ethisch dar, während doch in der Wirklichkeit unritterliche Gemeinheit herrscht. Wer mit solcher Fiktion eine Endseele mit gerechter Geschichtsleitung sucht, einen als ritterlichen Macheiden gedachten Gott, wird ihn mit ungeblendeten Augen nicht finden und die Laskersche Lebenstüchtigkeit bleibt unbedeutend oberflächlich (mit »tüchtiger Mensch« meint der Berliner einen Streber). Sein »Unvollendbar« verlegt die Unsterblichkeit auf Fortdauer der Seelentätigkeit in Andern, ganz unbefriedigend, denn sie kann nur mittelbar und ähnlich, nie gleich in Andern fortdauern. Leib ohne Seele als bewegungslose Masse ist ebenso denkbar wie Seele ohne Stoff, daher albern einzuwerfen, Seele ohne Leib sei nie angetroffen, welches Unsichtbare wurde je angetroffen? Laut Schleich ist alles Körperliche Inkarnation von Gedanken, Münsterberg nennt Körperliches dasjenige, was von allen wahrgenommen wird, Seelisches das nur von einem Subjekt innerlich Wahrgenommene. Doch besonders begabte Augen und jedenfalls Mikro- und Teleskope können Kleines und Großes besser wahrnehmen als »alle«, Telepathie kann gleichzeitig fremde Seelenvorgänge wahrnehmen. So deckt keine Definition dieser verschleierten Differenzierung. Schleichs sonderbare Behauptung, die linke Hirnhälfte produziere nur auf Physisches gerichtete Schwingungen, die rechte alles Gedankliche, ist eigentlich materialistisch trotz angehängter Seelenmythologie altmodischer Art, jedenfalls dualistisch. Möglich, daß die Hirnmasse unter Reibungselektrizität steht, wie Kerle meint, doch diese könnte nur einheitlichen Akt in beiden Hälften erzeugen. Daß Hysterie bloß durch Einbildung Ausschlag und Geschwülste hervorrufe, ist uns zwar ein Beweis für Formfähigkeit psychischer Vorstellung, doch weit entfernt von der ausschweifenden Auslegung, Stoffliches lasse sich aus nichts formen, denn Hysterie entnimmt solche krankhaften Auswüchse doch nur dem eigenen Fleisch. So bequem macht sich dieser neue naturwissenschaftliche Idealismus seine Argumente. Geißlers »System der Seinsgebiete« ist gar kein System. Ist das Wahre und Schöne, weil es eine Forderung ist, darum schon Wirklichkeit einer »Seinsgruppe«? Allerdings vergißt Kerle das Phänomen der Gedankenübertragung, wenn er Durchdringen der Seelen untereinander auslacht, keinenfalls gibt es aber solches Durchdringen, daß dadurch Einheit der Psychen herauskäme, in diesem Sinne würden wir antimonistisch denken, da wir Einheit unendlicher Differenzen schon in der Materie ausschließen, wir denken sie aber transzendental jenseits menschlicher Denkbarkeit, so wie Myriaden elektrischer Funken im letzten Sinne eins sind, doch gewiß nicht identisch in ihrer verschiedenen Lokalisierung. Geißler leugnet töricht Einwirkung von Außendingen auf das Hirn, das ist ebenso möglich wie Eindringen räumlicher Art auf Sinnesorgane, zweifellos können Außenwirkungen die Hirnvorstellungen beeinflussen, nur darf man Beeinflussung des Hirnapparats nicht mit dem davon unberührten Unsichtbaren verwechseln. Kerle hält Monismus für unhaltbar und murrt, daß Geisler an Präexistenz glaubt, doch ohne ersichtlichen Gegenbeweis. Wir unsererseits finden Simmels Ausdruck glücklich, daß Transzendenz dem Leben immanent sei, Bergsons durèe als dauerndes Fließen realer Augenblicke hat mehr für sich, als Zeit nur als unendlich Ruhendes (Lotze) gewissermaßen aus irdischem Vorstellungskreis zu verbannen, Zeit ist für menschliche Vorstellung weder ruhend noch fließend, sondern beides zugleich. Graf Kayserlings »Reisetagebuch eines Philosophen« meint: »Ich denke, um zu leben«, »alles dient dem Leben«, ebensogut könnte man sagen »Ich lebe, um zu denken«, »alles dient dem Denken«, denn Leben wird nur durch Denken bewußt, psychisches reales Erlebnis, wobei es keine Täuschung gibt, den Satz »Ich denke, daß ich lebe« kann nichts erschüttern. Bergson (»schöpferische Entwicklung«, »Natur und Gedächtnis«) wirft dem Intellekt natürliche Verständnislosigkeit für das Leben vor, das nur eine einzige gegen das Leben anstürmende Woge sei. Ein Impuls zu immer höherer Bestimmung, Nichts sei ein undenkbarer Begriff. (Gewiß, doch nicht deshalb unmöglich, weil wir uns absolutes Vakuum nicht vorstellen können.) Wir unterschreiben ja gern Bergsons Anschauung und auch Huxleys Wort »das Jetzt lag schon im Urnebel als möglich«, da eben ewige Rotation ewige Transformation bedingt und einmal Gestaltetes sich unendlich vervielfacht. Doch läßt sich nicht verkennen, daß apodiktische Sätze wie obige oder in Windelbands »Welttheorie des Urteils« sich nie genügend begründen lassen. Leben contra Materie ist eigentlich ein Unding, nur denkbar für altmodisch überlebten Begriff starrer Körperlichkeit, denn beseelte Materie, wie man sie heute wohl oder übel auffaßt, steht ja selbst im Lebensfluß. Den Impuls in Ehren, doch »immer höhere« Bestimmungen vermutet man zunächst nur, im Leben selbst spüren wir höchstens schwache Anzeichen. Hier stellt sich die Unveränderlichkeit schon im seltsamen Problem dar, daß der Körper unaufhörlich seine Zellen ersetzt und umbildet, geistige Vorstellungen sich ändern und vermehren, gleichwohl die Persönlichkeit sich nie ändert. Mit bloßem Lebensbegriff reicht man da nicht aus, denn das Ichbündel von Geistigem und Körperlichem berührt nicht den Kern des subliminalen Selbst. Somit ist nicht das Leben Urheber der Psyche, sondern sie der Herr des manifestierten Lebens. Für W. Stern »Person und Sache« besteht die Welt aus Substanzen, die zugleich Kausalitäten und Individualitäten sind. Nun ja, jeder Organismus, ob Planet oder Mensch, ist notwendig ein Kausalprodukt präexistenter Faktoren, aber wie es sich dabei als besondere Individualität manifestiert, dafür ist der Begriff Substanz bemühend, denn Individualität ist nichts Substantielles, sondern stofflos unfaßbares Unsichtbares. Wir haben gegen diesen Tiefsinn, den wir sonst billigen, eben einzuwenden, daß er der einzigen geziemenden Begründung aus dem Wege geht, der Karmalehre. Heymanns »psychischen Monismus« müßten wir als verwandte Denkart begrüßen, doch er bleibt unbefriedigend, weil transzendente Ergänzung fehlt und Bedeutung des Unbewußten nirgends recht gewürdigt wird. Hirnprozesse seien Abspiegelung psychischer Kausalität, was soll man sich dabei denken, Parallelismus wahrnehmbarer Hirnvorgänge zu unsichtbarer Bewegung einer außerhalb waltenden Psyche? Doch wohl nicht, denn sie hat ihre zeitliche Wohnung im Nervenfluidum selber, das Hirn »spiegelt« nicht passiv, sondern ist ein aktiv mitklappernder Handwerksapparat. Man wird nicht daraus klug, ob solcher Panpsychismus idealistisch mit allen Konsequenzen gedacht sei. Da orientalische Mystik Edelsteinen und Metallen besondere psychische Werte zuschreibt, so ist eine Steinseele denkbar, doch, womit denkt sie ohne Hirn, womit vollends das Protoplasma? Abtrennung der Planeten vom Urnebel ist motorisch unverständlich. Ist Naturgeschehen keine bewußte Willenshandlung, diese daher kein Geschehen, sondern etwas Gesondertes des organischen Lebens? Wir wissen es nicht, strenger Monismus wird Vermengung beider Elemente voraussetzen. Staudenmayers »Magie als experimentelle Naturwissenschaft« kann beim besten Willen so getrennte Gebiete nicht vereinen, an und für sich arbeitet Magie, wie sie Goethe als Dämonisches erkannte, nie experimentell. Seelisches Empfinden stammt unmittelbar weder aus Sinnesnerven noch Außenwelt, denn wir empfinden Schmerz und Freude über ein räumlich ganz entferntes Geschehnis, rein intellektuelle Eindrücke werden zu Erlebnis. Doch wenn Wundt das Denken »die letzte Ursache und letzten Zweck der Dinge« nennt, so klingt dies ziemlich verschroben. Ursache kann nicht zugleich Zweck sein, Psyche ist nicht identisch mit Denken, die Welt ist keine peripatetische Denkerschule, letzter Zweck des Weltdaseins ist nicht Denken, sondern ewiges Leben. Für Boutroux »Kontingenz der Naturgesetze« ist alles Sein, also auch das unorganische, Leben. Bewußtsein sei eine freie Schöpfung nicht aus Vergangenheit, sondern immer Neuerstehen. Er und Bergson glauben an schöpferische Entwicklung, die keinen Vollkommenheitsgott bedarf, es sei denn als Zielideal. Diesen neuen Kurs, um Gott gleichsam herumzusegeln, machen wir nicht mit. Solche Entwicklungsfahrt will am Ende aller Zeiten in einen Gotthafen einlaufen, den sie selbst fabrizierte! Drauflosschaffen ohne Protektion regulierender Zentralmacht würde chaotisch enden. Um derlei überhaupt sich vorzustellen, müßte man erst schöpferische Aufwärtsschwingung irgendwo bewiesen haben. Das ist aber nicht so, wir können nur transzendente Evolution jenseits der Bewußtseinsschwelle annehmen, ohne uns ans sichtbare Weltbild zu halten. Daß Entstehen des Bewußtseins ein immer neuer Schöpfungsakt sei, würden wir gern bejahen, aber Loslösen von der Vergangenheit ist unsinnige Willkür, da unser gesamtes Seelenleben sich aus Erinnerung speist und das stete Neuerstehen von Ichen unbedingt Wiedergeburt aus früherem voraussetzt. Sobald sich der moderne Mensch wie ein mittelalterlicher Scholastiker ans Religiöse wendet, wird er voll von Widersprüchen wie bei R. Otto »Das Heilige«, zugleich irrational und rational wie in Kierkegaards »Absurdum«. James »religiöse Erfahrung« verweist auf gewisse Akte des Unterbewußtseins, die scheinbar im Gegensatz zu Früherem plötzliche Bekehrungen vollbringen. Doch auch dies ist determiniert, denn das betreffende Unter- paßt zum entsprechenden Oberbewußtsein gleich individuell, Obiges hätte also nur »freie« Bedeutung, wenn das subliminale Selbst etwas fundamental Ungleiches wäre. Die süßliche Annahme, dies sei das Göttliche in jedem Wesen, muß der Erkenntnis Platz machen, daß es nichts anderes ist als die wahre Individualität der betreffenden Psyche, die im Ober-Ich durch Milieuzwang nur unklar auftritt. Romain Rollands Schlußweisheit, daß Christof »in Gott eingeht«, kommt unvermittelt und macht sich als gebrochenes Zukreuzekriechen durch Nervenerschütterung, nicht als klares Erwachen. »Vom öffentlichen Geheimnis des Lebens« weiß Schrempf auch nichts mehr als subjektive Erlebnisse religiöser Dämonologie, Jodls »Geschichte der Ethik« ist im Grunde wenig ethisch, Simmels »Schopenhauer und Nietzsche« vermag die Problemstellung des Pessimismus und Machtoptimismus nicht zu lösen, Hoffdings »Erhaltung des Werts« und Rickerts Verbinden von Wert und Wertschätzung gehen wie die Katze um den heißen Brei herum, daß Wert und Welt einander nicht gleichzusetzen sind. Wert ist in der Welt, Welt als solche wertlos, alles in ihr Geschaute nur Bild, liebenswert durchaus variabel. Eür Stinnes ist Anhäufen von Milliarden durch allgemeine Verelendung ein herrlicher Lobenswert, der in seinen Lebenswert versunkene Mystiker braucht Gott nicht, findet ihn irreligiös in sich selber. Wenn Spengler sagt »die Menschheit hat kein Ziel«, so gibt die Geschichte ihm recht, für Buddha war Überwindung der Vielheit durch gegenstandslose Ruhe ein Endziel, das auch Tolstoi als asketisches Sterben der Menschheit vorschwebte. Wo bleiben hier die Werte, sind sie Wesenheit oder Illusion wertbeständiger Individualitäten? Boehns Untersuchung »fremddienliche Zweckmäßigkeit der Pflanzenzellen« 1917 widerlegt Anpassungs- und Ausleselehre, denn die Pflanze sorgt emsig aufs sinnreichste für ihren Schädling, das Gallentier. Wurzeln beide deshalb in überindividuellem Wesen, das sie gemeinsam leitet? Leider läßt sich so vorschneller Schluß bestreiten, wir glauben entweder Unterwerfung oder Täuschung der Pflanze zu erkennen, indessen erhellt daraus klar bewußtes Seelenleben der Pflanze. Das ist wichtiger als »Ideen zu einer Phänomenologie« (Hasserl), da solche Ideen sich je nach dem subjektiven Beschauer widersprechen. So sieht Rickerts »Philos. d. Lebens« 1920 nur Ordnung, während Driesch nur Unordnung sieht, jedenfalls hüte man sich vor flachen Optimismus wie in Lask »Logik« 1911 und Nelson »Grundlagen der Ethik«, lauter unbewiesene Postulate wie in Euckens »Grundlinien neuer (!) Uebensauschauung«, für den Ethik schon als Beweis für überpersönlich göttliches Erleben gilt. Das nennt man »Wahrheitsgehalt der Religion«, mit solchen hohlen Phrasen schädigt man nur das Ansehen des Idealismus bei kritischen Köpfen. Pflichtethik ist nur Folge des Gemeinsamkeitstriebs, ethische Gesinnung durchaus nur individuell, vielmehr Hartherzigkeit und verlogene Ungerechtigkeit viel verbreiteter. Wenn Dessoir »vom Jenseits der Seele« göttlichen Ursprung des Daseins für außer aller Frage hält, Rehmke »Philos als Grundwissen« feiert, Scheler »Formalismus in der Ethik« alle Werte in Gott lokalisiert findet, Jeitler »das Wesen des Katholizismus« treffend eine Religion hinter allen Religionen und darin den Gottesbeweis sucht, so sind das ja löbliche Ansichten, doch werden oft mit dunklem Geschwätz verfochten wie in Yin Ra »Buch vom lebendigen Gott«: »Gestaltung bedingt zuletzt Erstarrung in Sichtbarkeit sinnfälliger Welt« – wie »zuletzt«? Sichtbarwerdung ist sofortige Sinnfälligkeit psychischer Gestaltung. Wie könnte die unsichtbare Mitarbeit als gleichzeitiger Akt je Erstarren im ewig fließenden Werden zulassen? Für Schneiders »Metaphysik als exakte Wissenschaft« ist Dasein nur Wahrgenommensein. Man kann jederzeit gegen jeden Teil seiner Anlage ohne Rücksicht auf die Lage Stellung nehmen? Solche Apotheose des freien Willens macht lachen. Oestereich »Okkultismus und Weltbild« führt allein in neue Regionen über. II Daß alle Bilder sinnlichen Wahrnehmungen entspringen, widerlegt die Telepathie, freilich darf Okkultismus dies nicht zu wörtlich nehmen, auch telepathische sind eben Wahrnehmungen, auch Hellgesicht ein Sehen. Man hält für unvereinbar, daß die einen nur Wahrnehmung, die andern nur Vorstellung für maßgebend halten, doch jede Wahrnehmung stellt sich etwas vor, jede Vorstellung nimmt etwas wahr. Dem Materialismus entgeht, wie viel geschickter er operieren könnte, wenn er okkulte Phänomene frischweg anerkennte, doch lieber macht er sich lächerlich durch Leugnen, um nicht seine alte Position wechseln zu müssen. Wohl könnte er vorschützen, zwar sei bisheriger Materiebegriff zu eng, doch bei jetziger Erweiterung des Psychebegriffs sei sinnliche Realwelt nicht auszuschalten. Wir stellen das Grundgesetz auf: Unsichtbares läßt sich nie sehen; nehmen wir Ebene nach Ebene, Jenseits nach Jenseits an, so wird auch dort das Wesentlichste unsichtbar bleiben. Wer Geister persönlich sieht, Stimmen hört, schriftliche Botschaften aus anderer Dimension empfängt, befindet sich stets noch in der Sphäre sinnlicher Wahrnehmung, auch bei Verrückung räumlicher und zeitlicher Grenzen lebt Trance noch in der Welt des Scheins. Vermutlich war das Stammkapital jedes Seelengehalts ursprünglich gleich, der Weltseele entnommen. Telepathie beweist Vorhandensein überindividueller Eigenschaften im Unbewußten, welche »nicht dem Individuum allein angehören« (Tischner), aus Gemeinsamkeit, dieser seelischen Regionen entsteht Kontakt von Gedankenübertragung, und solche Infusion der Weltseele muß bei jedem Lebewesen gleicher Gattung die nämliche sein. Nun sind aber Bewußtseinstände der einzelnen Seelen, soweit sie sich im Leben offenbaren, unendlich ungleich. Hätte jeder Mensch in sich nur gleichen Urgehalt des Unbewußten, so wäre individuelle Unsterblichkeit ein Unding, weil es dann eben keine Individualität gebe. Gerade weil sich aber bei jedem ein Plus nach oben oder Minus nach unten vom Genie bis zum rohsten Rüpel, von Prospero bis Kaliban herausbildete, ist undenkbar, daß dies kausal bestimmte Produkt ganz zwecklos entstanden sei, um sogleich wieder der Vernichtung anheimzufallen. Daher kündigte ein bisher kaum zum Positiven geneigter Gehirnpsychologe, wie Schleich (»das Ich und die Dämonen«, »Bewußtsein und Unsterblichkeit«), offen an, daß er sich für individuelle Fortdauer bejahend entschied. Der Arzt R. Tischner, vorher etwas schwankend, behauptet jetzt Unabhängigkeit aller mediumistischen Zustände von äußern Merkmalen. Es gibt »alle möglichen Spielarten« mit vielen Übergängen vom Somnambulismus bis zum verhältnismäßigem Wachzustand. Frühere Annahme, Telepathie sei deutlich oder wenigstens »larviert« (v. Hartmann) somnambulisch, ist falsch. Eine ungewöhnlich begabte Kartenlegerin, deren Leistung wir nur als hochgradige Telepathie verstehen konnten, versicherte uns, daß sie sich besonders »hell und leicht« bei ihrem Hellgesicht fühle. Bei vielen, besonders automatischen Verrichtungen, wie Geisterschrift und Tischrücken, findet keine Einengung des Bewußtseins statt, auch sind viele starke Medien nicht hypnotisierbar, die berühmten Medien Mrs. Piper und Mr. Home versetzen sich selber in Tranceschlaf, Home und Slade operierten oft auch im Wachzustand, Eusapia Paladino erzeugte Phänomene auch nach Verfliegen des Trance. Schrenk-Notzing bezeugt, daß bei erstaunlichen kinetischen Leistungen keinerlei Trance vorlag. Somit wird die Bewußtseinsschwelle nicht eigentlich verlegt, es drängen sich nur telepathische Dinge zu ihr empor, die anscheinend diese Schwelle überschreiten, ohne das Ich anzutasten. So sind psychische Vorgänge zwar nicht physikalische, doch nach unserm Begriffsvermögen analoge, z. B. die dem Ichverstand faßbaren Telefunken sicher Erscheinungsform des Reichenbachschen Ods, durch das in genau gleicher Weise Gedankenfernwirkung hergestellt wird. Weil Telefunken sich an die sichtbare Materie wenden, nimmt der Mensch sie willig an, obschon dieser Prozeß genau so wunderbar oder natürlich wie die psychishe Fernwirkung, doch indem er letztere ungläubig bezweifelt, bestärkt er die davon Überzeugten in der andern Einseitigkeit, dies für supranaturell zu halten. Alles, was sinnliche Wahrnehmung hervorruft, z. B. Ahnungsträume, die immer an früher Sichtbares anknüpfen, ist seinem Wesen nach diesseitig, kann nicht als Erzeugnis einer Jenseits-Dimension angenommen werden. So beweist also der Okkultismus zunächst nichts weiter als Mitteilhaberschaft der Ichpsyche am Fundus eines stillen Partners, der aber als Vertreter einer viel größeren Weltfirma nur selten ins unbedeutende Geschäft des Ichlebens eingreift, dessen Routine seiner Großzügigkeit nicht zusagt. Der laut lärmende Geschäftsführer, dem jeder Tag Bankrott droht, kann sich drüben nicht gleich in den stillen Partner verwandeln, dem der Todeskonkurs nichts anhaben kann, weil allmächtiger Trust hinter ihm steht. Die spiritistische Hypothese persönlicher Fortdauer des Ichs stößt auf manche Schwierigkeiten. Deshalb erkannte der verstorbene Professor Hyslop, daß hier zwischen Glauben und Begreifen ein großer Unterschied sei. Constable meint, das transzendentale Selbst vermittle sich telepathisch nur in symbolischen Ideen, nur der Empfänger kleide sie in Worte, weil dies seinem menschlichen Bewußtsein angemessen. Hyslop sieht in den Manifestationen einen »Piktographischen Prozeß«, wobei – um es recht klar zu formulieren – der Lebende die Gedanken des Spirit in solche Bilder überträgt, wie sie zum diesseitigen Bewußtsein und zur geistigen Beschaffenheit des Mediums passen. In dieser von uns gegebenen Formulierung sind wir einverstanden, begreifen daher, daß Cäsars oder Shakespeares »Geister« dem Geistesempfänger Schulze nur Triviales mitteilen können. In Fällen der Persönlichkeitsspaltung, wo plötzlich Talent oder Wissen eines Verstorbenen in einem vorher talentlosen und unwissenden Leben erwachen, glaubt Hyslop an positive Besessenheit durch einen fremden Spirit. Diese Fälle sind ziemlich selten, können aber durch die Redensart Doppelich nie erklärt werden und lassen obige Möglichkeit zu. Denn im Grunde ist Wiedergeburt einer Psyche in einem vom früheren sehr verschiedenen körperlichen Träger das gleiche, nur daß hier nicht eine andere Psyche zeitweilig verdrängt wird. Doch kann man dies unbedingt wissen? Man stelle sich vor, ein genialer Knabe vermisse überall etwas von seiner eigenen unbewußten Neigung Gewünschtes und trete plötzlich in Kontakt mit geistiger Hinterlassenschaft eines Toten, wobei er einen elektrischen Schlag empfängt, der ihm sein wahres Wesen zum Bewußsein bringt und Wiedergeburt des einst gleichen in ihm vollzieht: Von da ab ist er innerlich besessen. Die Annahme, ein fremder Geist könne sich einem gebenden aufdrängen, läßt auf unbegreiflich nahe Verbindung mit der Geisterwelt schließen und warnt vor zu naher Berührung damit, die allerlei Unheil erzeugen könnte, vielleicht ließe sich auch Wahnsinn auf Infusion dämonischer Einflüsse zurückführen. Das wäre nicht phantastischer als Hypothesen der Psychophysik für Bewußtseinsstörungen. Kontinuität des einmal bestehenden Bewußtseins ist des Menschen heißeste Hoffnung, so daß H. Spencer erkennt: »Wir wünschen unser Bewußtsein fortzusetzen, solange wir können.« Tut man dies ab als bloßen Ausfluß des Selbsterhaltungstriebs, so ist dies oberflächlich gedacht, denn was wünscht der Mensch zu erhalten? Tatsächlich nicht das Sinnliche, sei er noch so sehr darin verstrickt, sondern Denken und Fühlen. Verfall seines Körpers bei normalem Verlauf (Tod durch Altersschwäche) wäre ihm gleichgültig, sogar erwünscht, unerträglich ist ihm nur die Vorstellung, daß sein Selbst nicht mehr da sein soll, und warum? Weil Leben sich völliges Aufhören nicht vorstellen kann, man darf ihm dies sowenig verbieten wie Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung. Legte die Natur als zwingenden Naturtrieb Jenseitshoffnung in die menschliche Psyche, so hat sie wie bei all ihren Triebmotiven eine bestimmte Absicht. Denn ohne Glauben an Kontinuität der Organismen mit Ausgleich in späterem Leben vermag man sich keine moralische Weltordnung vorzustellen, ohne welche ein sinnloses Leben sich verneinen müßte. Der Mensch kann also von solcher innern Überzeugung der Fortdauer nur lassen, wenn ihm klar bewiesen wird, es sei unmöglich. Diesen Beweis kann Materialismus nie antreten, er schwindelt es nur Denkfaulen vor, Wissenschaft arbeitet ja selber mit unbekannten X. Während sie alles von Sensibilität abhängig macht, glaubt sie an lauter Suprasensibles wie Atomistik, Äther soll astrales Korrelat der Materie sein, Raumbeziehungen setzen ähnliche Beziehungen in Äther voraus, aber ohne Merkmale des Stoffes. Supranaturelleres als so kann man nicht denken, dennoch lacht man über oft sonderbare Geisterberichte, wonach die Spiritwelt so treulich unserm Materiellen gliche! Ja freilich, »Häuser« und »Kleider« und recht irdische Beschäftigungen der Spirits laut deren Aussagen sind weit weniger spirituell als Atome, Molekülen, Raumbegriffe! Der Wahrscheinlichkeitsfehler dabei ist viel geringer als beim Aufbau einer physikalischen Welt aus unsichtbarer Ursache und zugleich Festhalten am Sichtbaren, willkürlich aufs Unsichtbare übertragen als Selbsterklärung des Weltprozesses. Wissenschaft verfährt also viel idealistisch-phantastischer bei ihrer Materiedeutung als der Spiritismus, dessen recht materielle Ausdrucksform sehr hinter den religiösen Erwartungen seelenhungriger Anhänger zurückbleibt. Man stelle sich vor, ein Wesen aus andern Welten wisse von unsrer irdischen Existenz so wenig wie wir von der seinen; dann würde es mit Fug und Recht die Möglichkeit unseres Erdlebens anzweifeln. Die Möglichkeit der Marsbewohner wird von Arrhenius erneut bestritten, doch wiederum verwechselt er unsere organischen Bedingungen mit denen einer uns fremden Existenz. Nun, ein so anders gearteter Marsbewohner bestreitet wohl auch, daß die Erde Bewohner habe, weil er den Maßstab seiner Sphäre anlegt! Man kann daher nur lachen über Verlachen einer Geisterwelt, von deren Bedingungen wir noch viel weniger wissen als von denen sonstiger Planetenbewohner, wo man doch wenigstens Beschaffenheit ihrer Wohnorte physikalisch zu kennen glaubt. Den Wohnort der Geister kennen wir so wenig wie Eigenschaften des Äthers. Noch lächerlicher wirkt das Narrengelächter über angebliche Absurdität einer materiell angehauchten Geisterwelt voll sichtbarer Objekte. Denn das ist wenigstens logischer als der Glaube an unsichtbar unsensible Ätheratome, da diese vielmehr genau erkennbar- und bestimmbare Materiefunktionen ausüben müßten, wenn sie Ursache der Weltreibung wären. Ins Unsichtbare sichtbare Vorstellungen als Analogieschluß zu übertragen, ist nicht so unsinnig, als Sichtbares als Ausfluß von Unsichtbarem zugeben, dabei aber an positiver autonomer Existenz der Sichtbarkeit festhalten und gleichwohl Atome ohne Materieeigenschaften denken. Wahrnehmbares mit Unwahrnehmbarem bloßer Hypothesen als gleiche Materie, Körperbazillen mit bloß gedachten Atomen zu vermengen, ist eine Gewaltsamkeit, deren sich der Spiritismus nicht schuldig macht, wenn er vorläufig Unsichtbares in Kontinuität mit Sichtbarem bringt. Hyslop tat den großen Schritt, es sei keineswegs widersinnig, wenn die Geisterwelt sich als Abbild der materiellen vorführt. Er findet gerade hierin Beweismaterial für Richtigkeit des Spiritismus, wir möchten unsererseits anmerken, daß dies mindestens subjektive Ehrlichkeit mediumistischer Mitteilungen beweist. Jeder Spirit und jedes Medium könnten sich sagen, daß ihre scheinbaren Absurditäten und Trivialitäten den Spott der Toren herausfordern, es wäre zweckmäßiger, mit hochtrabenden Phrasen um sich zu werfen. Hyslop macht Descartes dafür verantwortlich, daß dessen noch heute herrschende Weltanschauung Geist und Materie als gegensätzlich auffasse, das stimmt aber heute nicht mehr, da der Monismus dem Dualismus das Wasser abgrub. Doch ein Rest des Kartesianismus lugt im Befremden hervor, daß Geister nicht völlig geisterhaft seien, d. h. irdischen Dingen entrückt. Wären sie es, wie sollten sie sich Sterblichen verständlich machen! Treffend verweist Hyslop darauf, daß Verständigung zwischen zwei Wesen nicht einfach sei, sie können ihre Gedanken nicht austauschen, wenn sie nicht gleiche Sprache haben. Auch reden Philosoph und Spießer eine verschiedene Denksprache, sind »füreinander Barbaren«, wie Lassalle von sich und dem Staatsanwalt sagte. Ansiedler des Jenseits haben andere Erfahrungen, die sie nur in uns unverständlichen Ausdrücken mitteilen könnten, wenn sie nicht zu unserm Niveau herabsteigen. Wenn sie sagen Haus oder Kleid, so meinen sie vielleicht Symbolisches. Irdische Erfahrung stützt irdische Erkenntnis, für Überirdisches fehlen uns Begriffe wie Worte. Im Tode fallen die Phänomene fort, auf die unser Körperliches reagiert, übrigbleibt die geistige Seite mit ihren Erinnerungen, für welche schon im Leben Gedanken so wirklich waren wie Taten, Unterbewußtsein ist fähig, Gedanken in Erscheinung umzusetzen, geistige Bilder zu schaffen. Es wird anfangs noch erdgebunden bleiben im vollgehäuften Speicher seiner Erinnerungen, sich somit in einem Traumzustand befinden und in Bildern bewegen, die für den Spirit nur ein Notbehelf sind, während das Medium sie wörtlich nimmt, deshalb sagte ein Spirit aus, daß er sich »wie im Traum« fühle. Wie soll er anders, wenn sich eine ungeistig fleischliche Natur in geistig unsinnliches Milieu versetzt fühlt, an das sie sich allmählich gewöhnen muß! Widersprüche verschiedener Spiritaussagen erklären sich durch verschiedenen Reifestand der Dahingeschiedenen, es versteht sich von selber, daß durchgeistigte Menschen sich dort früher eingewöhnen. Solche berichten, daß sie ihr Jenseits nicht beschreiben und wir es nicht begreifen könnten, bis wir nicht selber dorthin kämen, die Mehrzahl aber bewegt sich noch traumhaft in irdischer Vergangenheit, so gefärbt wie beim eigenen früheren Ichmilieu. Je erdgebundener der Verstorbene, desto länger »spukt« er. Die ohnehin nicht realen Jenseitsbilder gehen außerdem durch Unterbewußtsein des Mediums, wodurch Mißverständnisse nicht ausbleiben. Wir erweitern dies dahin, daß einigermaßen richtige Einsichten ins Jenseits nur möglich wären, wenn ein schon längere Zeit verstorbener dort Eingewöhnter und möglichst ehemals geistig Bedeutender sich mit einem gleichfalls bedeutenden Lebenden verbinden könnte. Befragt Leibniz den Geist Giordanos oder Goethe den Geist Shakespeares, so würden sie verständliche Aufschlüsse erhalten. Da bisher nichts Derartiges geschah, kann ohne solches Experiment nicht erwartet werden, daß Verstorbene in ungereiftem Zustand einem gleichfalls mittelmäßigen Medium etwas Wichtiges mitteilen. Im einzigen Fall, wo ein »Engel« einem hochbegnadeten Seher die Apokalypse schenkte, handelt es sich auch nur um Hellgesichte der Menschheitsgeschichte, die in sinnlichen Bildern auftreten, Johannes teilt nichts über das Jenseits selber mit, sondern über allgemeine Allverhältnisse, die er als neues Jerusalem schaut. Hyslop meint, daß Swedenborg deshalb einem Irrtum zum Opfer fiel, weil er subliminalen Einfluß nicht kannte und daher den symbolischen Charakter seiner Himmel und Höllen mißverstand, obschon er die geistige Welt richtig als Summe von Mentalbildern auffaßte. Die Gedanken des Toten, mit dem er verkehrte, riefen Phantasmen hervor. Wir fügen hinzu: Wie sie zum früheren irdischen Denken dieses Spirit paßten und zugleich ans eigene Meinen Swedenborgs appellierten. So hat das ihm entrollte, in Bibelbegriffe getauchte Panorama wohl relative Wahrheit, doch gemischt und verunziert mit irdischen Erinnerungen, symbolistisch dem Menschenverständnis angepaßt, doch beileibe nicht wörtlich zu verstehen. Der ins Jenseits Eingehende entspricht einem Neugeborenen: Das Kind sammelt erst allmählich Erfahrungen, um sich in seiner Welt einzurichten. Wie darf man also von jüngst Verstorbenen oder solchen, deren niedere Natur noch wie das Kind nach dem Lutschbeutel irdischer Wünsche schreit, anderes als unklares Lallen erwarten! Oft fiel Kindlichkeit der Spirits auf, Neigung zu Kinderei, wie manchmal ein Tisch herumtanzt und sich amüsiert wie ein ungezogenes Kind. Wir stützen hiermit Hyslops Auffassung. Sie läuft darauf hinaus, daß der kommunizierende Spirit nicht die Wirklichkeit dessen sieht, was das Medium ihn beschreiben läßt, in welchem er Halluzination hervorruft und ihm subjektive Auslegung überläßt. Ein »Kontroller« der Hyslopschen Experimente erklärte, daß er in Bildern rede, die irdisch bildlich gefärbten Erinnerungsideen des Spirit erscheinen dem Medium irrig als Wirklich. Wir bemerken hierzu, daß schon die Verschiedenheit der Mediumbegabung, teils hellsehend, teils hellhörig, nur sehr selten beides, Abhängigkeit von menschlichen Sinnen beweist: Ein taubes Medium würde immer nur hellsehen, ein blindes nur hellhörig sein, wenigstens muß man dies voraussetzen. Daraus ergibt sich, daß eine vom Sensorischen freie Übermittlung der Botschaft unmöglich ist, daher immer vom Medium-Milieu gefärbt sein wird. Freilich geht dies nicht so weit, daß deshalb Stil und Sprache der Geisterbotschaft die des übersetzenden Mediums sein müßten. Das traf z. B. beim Hinduspirit des Reverend Ch. nicht zu, auch dürften die schriftlichen Botschaften des Reverend Owen sich nicht mit seinem eigenen Sprachstil decken. Hyslop, dem diese Dinge wohl unbekannt waren, verweilt dabei, daß außer dem Kommunikator, d. h. dem Spirit, der sich zunächst meldet, die »Kontroller« immer anwesend sind, welche die Botschaft leiten, manchmal eine ganze Gruppe von Geistern, wie auch dem Owen mitgeteilt wurde. Die Kontrolle interpretiert die Mentalbilder des Kommunikators als Symbole, wodurch erklärt, daß letzterer manchmal Worte gebraucht, die zu seiner früheren lebenden Person nicht passen. Die Übermittlung scheint demnach sehr verwickelt, man muß von vornherein ausschalten, daß auf diesem Wege sich deutlich erfahren ließe, wie Fortleben beschaffen sei. Dagegen scheint festzustehen, daß ein Bewußtsein weiterlebt, das seine irdischen Erinnerungen behält und den Sterblichen seine Identität beweisen kann. Was den Zustand selber betrifft, läßt er sich vielleicht mit Doppelnatur gewisser physikalischer Erscheinungen vergleichen, die zugleich übersinnlich und sensibel anmuten, wie gewisse Luftgase oder Strahlen. Allein, indem wir Hyslop ergänzen und erweitern, darf man nicht vergessen, daß seine Theorie keine Anwendung auf Tischrücken findet. Hier gibt es keinerlei Trance von Medien, und wer ist hier der Kontroller? Handauflegen könnte höchstens das physikalisch Wunderbare durch Magnetismus erklären, doch wir glauben, daß die Kette lediglich als mechanisches Symbol Bedeutung hat. Von Telepathie, womit Tischner einseitig alles Spiritistische umdeuten möchte, kann dabei keine Rede sein, sind die oft nur allzu normalen Beisitzer telepathisch veranlagt? Meist kein einziger, es sei denn, was sich hören läßt, daß jeder Mensch ohne Ausnahme telepathische Fähigkeit besitze, die sofort auftaucht, wenn man sie in Anspruch nimmt. Empirische Praxis spricht aber durchaus dagegen. Mindestens müßte die angerufene Geisterwelt sich vorzugsweise an die relativ sensibelste Person des Kreises wenden, was keineswegs zutrifft. Wenn nun ein Verstorbener unter Klopfbuchstabierung seines langen Vor- und Zunamens und des Ortes bei irdischer Zusammenkunft eine bestimmte Person anredet, die erst nach langem Besinnen sich oberflächlicher Bekanntschaft erinnert, so ergibt sich zunächst der Verkehrswunsch des Geistes einseitig und unerwartet. Es fällt also der oft richtige Einwand weg, daß ein bestimmter Wunsch der Erwartenden sich für sie personifiziere. Wenn der unerwartete Geist nun ebenso klare wie erstaunliche Bewegungen und Äußerungen vom Stapel läßt, die der so unvermutet angeredete Mensch kühl und bedächtig entgegennimmt, so fehlt jede Möglichkeit der Telepathie, wie man sie sonst definiert. Hier vermittelt sich nichts durch Bilder, weder Hellsehen noch Hellhören treten in sensorische Tätigkeit, der Vorgang ist so einfach, als ob ein Jugendbekannter einen Brief schreibt »erinnern Sie sich meiner noch?« Hier ist nichts kompliziert, auch was »er« sagte ebenso einfach wie wahr, doch nicht ohne okkultes Wissen erklärbar. Natürlich reden wir von Selbsterlebtem, ohne das niemand wie der Blinde von der Farbe reden sollte. Daß Geister auf ihren eigenen Wunsch in Verkehr treten dürfen, zeigt die Nähe ihres Erdkontakts und freundliche Billigung durch die Weltordnung. Über bloße Hypothese scheint Spiritismus für jeden Unbefangenen hinausgewachsen, unsere Kritik richtet sich lediglich gegen die Leichtgläubigkeit, jede Erscheinung und jede Botschaft für objektiv real zu halten, während fast immer Subjektives sowohl des Spirits als des Mediums daran haftet, obwohl es vereinzelte Fälle gibt wie den oben beschriebenen, wo subjektive Mitwirkung des Angeredeten nicht vorliegt. Daß der Spiritismus in all seinen Formen nicht das sein mag, wofür seine Anhänger ihn halten, daß möglichenfalls nicht die Verstorbenen zu uns reden, sondern in sie verkleidete Elementels, wie Blavatzky versichert, das alles höbe nicht auf, daß wir vor einem neuen Beweis für allgemeine psychische Anlage des Alls stehen. E. v. Mayer verhöhnt mit Recht die selber »neurotisch belastete« Psychoanalyse, die mit Freud und Siberer nur sexuale Wunschwurzel aller Träume sieht und Begierde (Libido) als alleiniges Agens der Lebensabspielung. Soviel sich gegen jeden Dualismus einwenden läßt, wird man Trennung von Libido und Eros nicht verkennen, allerdings machten die Griechen, diese tiefsinnigen Symboliker, Eros zum Sohn der Liebesgöttin, d. h. der gewöhnlichen Sinnlichkeit, und vermählten ihn mit Psyche. Diese Familienbeziehung deutet an, daß Begierde erst höhere Liebe gebärt und diese sich dann vergeistigt. Wie beide sich schon diesseits durchdringen, so wohl auch im Astralleben, aus spiritistischen Phänomenen scheint hervorzugehen, daß solch Eigenwesen nach dem Tode bestehen bleibt, jede Person ins Jenseits abwandert und sich dort nach ihrer Eigenart ansiedelt. Dies entspricht Sokrates' kluger Dialektik und religiösem Glauben, widerspricht aber der von heutiger Wissenschaft gebilligten Ichzerstörung Buddhas und der Wiedergeburt, doch wie wir sahen, nehmen Buddha und die Urreligion ein Interregnum zwischen den Geburten an, in welchem das Ich weiter sein Wesen treiben mag. III Nicht Wahrträumen, überhaupt Träumen ist wunderbar. Schlaf hebt Wahrnehmung auf, gleichwohl treten Gestalten und Lokalitäten plastisch hervor, agieren eine eigene Geschichte, die meist nicht in Beziehung zu kürzlich Geschehenem, Gesehenem, Gehabtem steht. Identität des Ichs wird nicht aufgehoben, nur von Nebensächlichem abgetrennt, es kennt im Traum sich besser als im Wachen, wird da Halsabschneider, der im Wachen nur Coupons abschneidet. Nach rein physischem Pubertätszwang weicht das Sexuale, das Freud für die wahre Traumwurzel ausgibt, entweder ganz aus dem Traumleben oder schmückt sich mit Unsinnlichem wie keuscher Schwermut, wo es wachend-sinnlicher Begierde nachlief. Alles deutet darauf hin, daß der Traum den wahren Charakterkern sich selbst offenbart. Fernwirkung zwischen Traum und gleich darauf eintretenden Vorgängen ist ebenso unerklärlich, wie daß man beim Augenschließen noch im Wachen willkürlich Gesichter, Landschaften, Farben aufeinanderfolgen lassen kann: Es gibt also ein inneres Gesicht, ohne daß die Augennetzhaut berührt wird. Physiologische Deutung fällt oft noch lahmer aus als psychologische, die Traumwelt bestätigt unumstößlich Unabhängigkeit der Psyche vom Augenschein. Konstruktion der Nerventätigkeit als Blutwirkung des eigentlichen Lebensfluidums ist so wunderbar eingerichtet, daß jede menschliche Technik daneben plumpe Nachahmung, in dieser drahtlosen Sammelstelle für unaufhörliche Funkenbotschaft ist automatisches Schwingen, Spannen, Ein- und Ausschalten nicht vorstellbar, Unsichtbares arbeitet hier unverdrossen Tag und Nacht, auch wenn Sinne schlafen und Körperbewegung erlischt. Dies also ist der autonome Spiritus rector, die nur bei Körperfunktionen sichtbar werdende Außenwelt das Nebensächliche. An diesem philosophischen Sinn des Träumens, da schon die Alten den Schlaf des Todes Bruder nannten und Thanatos als träumerischen Jüngling darstellten, kann keine altkluge Physiologie rütteln, denn die Tatsache, daß Vorstellungen ohne Wahrnehmung als Traum auftreten, ist um so erstaunlicher, als völlig phantasielose Verstandesmenschen hier plötzlich bewußte Phantasietätigkeit ausüben. Wenn ferner Ton oder Lichtschein den Gang des Traums beeinflussen können, wie behauptet wird, so ändert dies nichts daran, daß die Phantasievorstellung ohne bewußte Wahrnehmung entsteht. Selbst auf dem Gebiet der Freudschen Traumerotik gibt es Seltsamkeiten, von der sich professorale Einfälle nichts träumen lassen. Hier läge nahe, daß man von Erlebtem träumt, von zeitlich Nahem oder »altem Lieben«, das ist aber keineswegs das Gewöhnliche, außer im aktiven Zustand einer bestimmten Leidenschaft selber. Vielmehr tauchen im Traumland unerklärliche Assoziationen auf mit Personen, für die man nie das kleinste erotische Fühlen hatte, die man oberflächlich kannte und längst vergaß. Beim Erwachen aus so unbegreiflichen Vorgängen fühlt man grenzenloses Staunen, grübelt und sucht nach Verknüpfung mit Vorhergedachtem und findet keine. Höchstens käme in Betracht Fernwirkung von der andern Seite, was der oft bezeugten Tatsache entspricht, daß ein Sterbender sich einem fernen Freund bemerkbar macht, der plötzlich intensiv an den Sterbenden denkt, d. h. ihn träumt. Was daraus folgert, läßt sich nur andeuten in den Byrons »Traum« einleitenden Versen: »zweifach ist unser Leben, denn der Schlaf hat seine eigene Welt, ein Grenzland zwischen den Dingen, die wir Sein und Tod nennen«. Daß Freud das Sexuale als Grundstock des Empfindens einstellt, entspricht seiner Rasse, für die das Allerheiligste ein Koitus war (vergl. Kap. Urreligion), indessen mag es für viele Frauen wegen Durchsättigung mit Sexualorganischem, und einige Männer, bei denen sich Bewußtes und Unbewußtes um Erotik dreht, zutreffen. Normalerweise handelt es sich aber dabei meist um unbefriedigte Sexualität, die wachend im Hintergrund schlummert und träumend ihre Wünsche offenbart. Wie Don Juan über Zoten gähnt und ein erotisches Buch weglegt, träumen solche, die viel Erotik genossen, nie erotisch, und der Gegendruck starker geistiger Beschäftigung verscheucht sinnliche Vorstellungen. Die Versuchung des heiligen Antonius naht sich eben nur, wo Verinnerlichung nicht stattfand, daher muß man uneingeschränkte Behauptung sexualer Grundlage für Träume, die nichts Erotisches in sich tragen, als absurd ablehnen, genau so gut könnte man dies von allem Denken sagen, weil der Denkende einst aus einem Zeugungsakt hervorging! Das Wichtige des Traumes liegt vielmehr in nicht nötiger Verknüpfung des Träumenden mit wachem Erleben. Heine z. B. war sinnlich und lachlustig, malt sich hier am besten in Pariser Grisettenliedern, doch schildert ebenso ehrlich sein trübselig keusches Traumleben. »Ich habe im Traum geweinet« glauben wir gern, denn oft weinen Menschen im Schlaf, denen es im Wachen nicht einfällt, verhaltene Tränen, die nicht zum Bewußtsein kamen. Byron dichtete sein Gleichnis vom Skorpion im Flammenring im Traum, schrieb es erwachend sofort nieder, wir bestätigen, daß derlei im Halbschlaf möglich, sogar philosophische Ideen tauchen da plötzlich auf. Was beweist dies immer wieder? Daß die Psyche für ihr Arbeiten keines sinnlichen Bewußtseins bedarf. Ist's wachendes Träumen oder träumendes Wachen, was die Tür der Geisterwelt aufstößt? – Kerners Vorführung der Seherin von Prevorst ergibt für den Prüfenden Gleiches, wie alle andern vorher und nachher bis heut beobachteten Phänomene. Erstens, daß sie an und für sich wahr sind, schon dem Altertum bekannt, wo man zum Magnetisieren behufs hellseherischer Zustände eine Art Magnetstein benutzte und solche Prozeduren nur von eingeweihten Priestern vollziehen ließ. Glauben an psychische Heilmittel teilte noch der berühmteste Arzt späterer Zeit, van Helmont. Zweitens wird klar, daß alle Aussagen, die sich aufs Jenseits beziehen, vom sonstigen Vorstellungskreis der Hellgesichtigen abhängen, daher die Prevorstseherin und so viele andere im Bann ihrer christlichen Mythologie bleiben, während ein Inder dabei notwendig in indischen Religionsbegriffen beharren würde. Nichts wäre also unverständiger, als derlei Botschaften kanonische Bedeutung beizumessen, alle Spirits bleiben auch in dem ihrem Geisteszustand gemäßen Jenseits von dem im Diesseits Eingeprägten hypnotisiert. Fraglich, ob ein großgeistiger Spirit sich gewöhnlichen Menschen vermitteln könnte, nur ein ihm Verwandter noch in Erdschwere gebannter Großgeist dürfte ihn so stark anziehen, daß er Rede stehen müßte – falls dies nicht verboten ist. Wie schon zuvor angedeutet: Brunos oder Leonardos Spirit würde über Jenseits etwas aussagen, was schwerlich mit christlichen, wohl aber transzendentalen Begriffen sich deckt. Dies setzt natürlich einen gleichstehenden Empfänger voraus. Zwiesprache großer dies- und jenseitiger Genien wurde nie überliefert, ist auch unnütz, weil erlauchtes Denken keiner Spirits bedarf, sondern ihm spirituelle Gabe durch eigene Inspiration zufließt. Jenseits-Aussagen gewöhnlicher Menschen, worauf noch Lodges Raymond-Mitteilung Wert legt, sind wertlos, die Spirits berichten zwar wahrheitsgemäß ihre neuen Erfahrungen, doch eben nur im Kreis ihrer eigenen geringfügigen Persönlichkeit nebst allen Vorurteilen ihres früheren Diesseits. Nichts natürlicher als das, weil Dies- und Jenseits für die Psyche nur graduell verschieden, im Wesen ein- und dasselbe sind. Jenseits ersten Stadiums ist nur Diesseits minus Sinneseindrücke der Erdmaterie, von andern Sinneseindrücken verfeinerter Elementarmaterie ist der Erdbürger niederer und mittlerer Stufe noch keineswegs befreit, sonst wäre ja Reinkarnation unmöglich. Schelling schrieb 1811 nach dem Tod seiner Gattin, das gegenwärtige Leben sei viel schrecklicher, als wir wissen, nur der Tote glücklich, seine Persönlichkeit werde nie geschwächt, sondern erhöht, er und wir bleiben untrennbar verbunden. Wiederfinden im Jenseits gewiß. Wissenschaft exkommuniziert terroristisch aus der Erfahrungsgemeinschaft bestimmte Erscheinungen als nicht zur eigenen Theorie passend, allerdings fühlt sich auch Theorie des Spiritismus von sinnfällig plumpem Spuken abgestoßen, uns erscheinen sie aber konsequent natürlich. Einerseits verübt auf diesem Nachtgebiet nur »Gesindel« (Hegel) solche Akte, Abgeschiedene von stumpfen Triebleben, noch ganz diesseitig dominiert, die verzweifelt Anschluß wieder gewinnen möchten, andererseits sind es meist Leute gleicher Art, vornehmlich naive Volksmenschen, denen sie sich sinnlich vermitteln können: Auch hier also Einheit von Subjekt und Objekt. Für ätherische Seelenumhüllung braucht die Prevorsterin den Ausdruck »Nervengeist«, was mit Astralkörper indischer Lehre harmoniert, wie auch ihre Einteilung in engere und weitere Ringe des Unsichtbaren mit Buddhas »Zyklen«. Die furchtbaren Krämpfe, nach deren Überstehung sie ins »magnetische Leben« einging, entsprechen dem kurzen freiwilligen Todeskampf, nach dessen mutiger Überwindung der Guru-Mahatma in lebende Materie-Entäußerung eintritt. Daß dies Übergangsleiden der früher kerngesunden Dörflerin soviel länger dauerte, erklärt sich damit, daß es weder freiwillig noch mit schon transzendent geläutertem Denken verknüpft war, weshalb ihre unerzogene Psyche sich erst langsam von Körperbanden löste. Warum sie dieser Lösung teilhaft wurde, bleibt unerforschlich, jedenfalls scheint ihre hohe ethische Anlage im Unbewußten sie dazu prädestiniert zu haben. In diesem Zustand bilden sich innere Nervenherde mit inneren Sinnen, wodurch potenziertes Gefühlsleben, d. h. Urempfindung (vergl. Bergson) das Denken in direktes Schauen umsetzt. Daß es in Übernatur auch Unnatur gebe, wie Kerner gelegentlich meint, ist anthropomorpher Wahn, ein dunkles Reich unseliger Geister ist nicht dunkler als übliche diesseitige Sonnenfinsternis sinnlich geknechteter Psychen. Auch verwerfen wir Kerners Glauben, daß nach Ablegung des Körpers alle Naturgesetze aufhören und dafür moralische Gesetze eintreten, denn was auf der höheren Ebene moralische, sind auf der tieferen die nämlichen Gesetze, nur daß unsere Gebundenheit sie als Materiegesetzlichkeit empfindet, es gibt keine moralischen, sondern nur Gesetze transzendenter Kausalität, Kerners pietistischer Moralschwulst trägt ins Jenseits unziemliche Enge hinein. Unser Wissen ist Stückwerk und unser Weissagen auch, aber damit ist nicht gemeint, daß Ringen und Streben der Geistvernunft nutzlos und nur bescheidener Einfalt passives Schauen von Wert vor Gott sei. Paracelsus, Böhme, Angelus Silesius bekamen dies Schauen durch geniales Denken, Bruno nicht minder. Wer den Rationalismus nicht durch höhere Ultima Ratio geistiger Erhebung besiegen will, sondern durch vernunftlose Extase kirchlicher Vorstellungen leistet der guten Sache einen fragwürdigen Dienst. Jeanne d'Arc, die so gut Stimmen und Visionen hörte und sah wie die Prevorsterin, bestand irdische Kämpfe mit heroischer Leidenschaft genialer Begabung. Jede Einseitigkeit, das Unsichtbare nur mit einer Methode erschließen zu wollen, führt zu Fehlschlüssen, übrigens geht aus verschiedenen Gedichten der Seherin klar hervor, daß sie mit dichterischer Stimmung begabter war als Kerner selbst, man darf ihre Einfalt nicht mit Mangel dressierter Bildung verwechseln. Jeder Professor denkt sich gebildeter als Jeanne d'Arc, doch alle Professoren und Naturforscher zusammen könnten nie die Taten ihrer Psyche vollbringen. Selbstredend sind Reinheit und Demut wirksame Faktoren der Psychrebefreiung, sie allein würden aber keine telepathischen Wunder verrichten, wenn nicht allemal besondere Intuitivkraft sich einmischte. Bei gewöhnlichen Medien kann der Rapport jederzeit aufgehoben werden, bei geborenen Mediumisten nicht, ihr von innen heraus projiziertes Sehen ist konstant, kann sich mit hellem Bewußtsein und robustem Körper paaren. Kant leugnete nicht, daß solcher Zustand möglich sei, fügte halbspöttisch hinzu, er gleiche wohl dem des Tiresias, den Juno erblinden ließ, um ihm die Gabe inneren Gesichts zu leihen. Dies Erblinden für die Außenwelt traf aber bei Swedenborg nicht zu, den Kant im Auge hatte und der als Naturforscher und Weltmann klare Augen für Irdisches behielt, obschon er fortwährend eine Geisterwelt um sich sah. In der überwiegenden Mehrzahl sind telepathisch überhaupt geistig begabte, manchmal sogar wie Swedenborg überragende Menschen. Wie Byron behauptete, einen Geist gesehen zu haben, die Visionen von Franzeska und Astarte haben unheimliche Anschaulichkeit, so erschien er selbst seinem Freunde Scott ganz unvermittelt. Ob Magister Soundso und Kaufmann Schulze mit wiehernder Lache die Geister herausfordern, sie möchten ihnen doch mal erscheinen, ist daher kein Zeichen ihrer Geistigkeit, und man darf ihnen zuversichtlich versichern, daß ihnen sicher kein Geist erscheinen wird, Geistlosigkeit schützt am sichersten davor. Warum nur einzelne, nicht alle Genialen Unsichtbares sehen, scheint ziemlich klar: Wer fortwährend im Unsichtbaren lebt, bedarf keiner Spirits, schöpferische Vision ist schon spirituell genug. Wäre Swedenborg ein schaffendes Kunstgenie gewesen, so hätte sein Unbewußtes nicht nötig gehabt, ihm die Geisterwelt zu erschließen, alles rein geistige Schaffen (nicht gelehrtes Forschen wie Swedenborgs) schafft sich selber eine unsichtbare Welt. Die Gabe des Geistersehens wie anderer telepathischer Kräfte ist keineswegs, wie ein billiger Einwurf meint, an hysterische Hypersensibilität gebunden, sondern kommt bei kräftigsten, langlebigsten Personen vor. Ob dies mit Magnetismus (Formel für Unaufgeklärtes) zu tun hat und warum sonst diese Gabe den Verschiedenartigsten zuteil wird ohne Rücksicht auf Kraft oder Unkraft, dafür besitzt man keinerlei Anhaltspunkte. Uns scheint, daß Jesus und Buddha mit Geistern verkehrten, Plato spricht überzeugt wie ein Okkultist, auch Kant, obwohl zweideutig, redet dem Geisterglauben das Wort (Vermischte Schriften) und gesteht spöttisch, daß er sich dabei vor dem Geschrei der Wissenschaftler fürchte. Das Ya rationalistischer Esel verneint ja alles, was ihre törichten Voraussetzungen nicht bejaht. Wichtiger aber als oft abstruse Geisterscheinungen (besonderem Gefühls- und Denkkreis jeder Person angepaßt) scheint uns die bei magnetischen Personen beobachtete Aufhebung physischer Schwere, was sich mit allen Phasen des Tischrückens deckt, und Empfinden moralischer Schwere, die ein selbstsüchtiges Ich erdwärts niederdrückt. Gewisse Steine und Pflanzen übten auf die Prevorsterin magnetischen Einfluß aus, den wir für radioaktiv halten. Welche physische Kraft beim Tischrücken wirkt (schon grauem Altertum bekannt, siehe delphischen Dreifuß), blieb unbekannt, da Faraday Galvanisches oder Elektrisches dabei ausschloß, es sei nur »mechanisch«. Was dachte er sich bei dieser Redensart? Wie wohl wenig bekannt, läßt sich das Experiment auch mit einem Degen wiederholen, was uns auf Magnetisches (Anziehung des Eisens) hinzudeuten schiene, wenn nicht unbedingt klar wäre, daß diese Kraft überhaupt nicht physikalisch, sondern psychisch wirkt, nämlich von menschlichen Assistenten abhängt. Materiestoff ist nur insofern nicht gleichgültig, als aus unbekannten Ursachen gewisse Formen wie ein Dreifuß sich besser fürs Experiment eignen als andere. Man könnte auch einen Sessel benutzen, was beiläufig schon geschah, es kommt nur darauf an, eine Lage zu finden, wo aufliegende Hände am besten eine Kette bilden. Daß ein schwerer vierfüßiger Tisch kein so rasches Ergebnis bringt, versteht sich von selber, weil das Schwergesetz in ihm massiveren Widerstand leistet, nämlich für unseren äußeren Sinneseindruck. Wir sind überzeugt, daß auch Händeauflegen nur formalen Zweck hat, die bewegende und prophetische Kraft sonst ausschließlich in der psychischen Bewegung der Erwartenden liegt und intensive Empfindung auch ohne äußeres Manipulieren die Materie bewegen könnte, wie von antiken Zauberern bezeugt wird. Die Derwische bilden eine lebensmagnetische Kette und gelangen so zur Aufhebung der Schwerkraft, bis ein liegender zwei Fuß hoch in der Luft schwebt. Fürst Pückler fand das Tischrücken in Smyrna verbreitet, das schon 1600 in Lyon von einem Magiebuch beschrieben wird. Die Lamas in Tibet entdecken Diebstähle durch fliegende Tische, beiläufig viereckige. Pückler berichtet über zwei elektrische Mädchen, deren Geheimkräfte wahre Exzesse begingen, Türen zertrümmerten, ohne sich selbst vom Fleck zu rühren. Als die Sekte amerikanischer Expounders Tischrücken verbreitete, fungierten damals besondere Medien wie Mrs. Handon; Beschreibung solcher Sitzung durch einen Londoner Deutschen ist doppelt lehrreich, weil ein riesiger massiver Eßtisch in einem dem Medium unbekannten Privathaus benutzt wurde, eine darauf stehende Lampe blieb bei heftiger Tischbewegung wie angeleimt stehen; die Fragen der andern Beisitzer (sämtlich ungläubig) wurden nie ausgesprochen, sondern nur gedacht, sofort von Klopfgeistern richtig beantwortet. Ob letztere »Seelen« Abgeschiedener vorstellen, ist der zweifelhafte Punkt, unzweifelhaft aber die durchaus psychische Art des Phänomens, Kraft dabei nur im Menschen oder Spirit, nicht in irgendwelchem Materielement. Die Handon forderte bloß für physikalische Bewegung das Handauflegen, die Klopfprophetie geschah ohne Manipulation. Da man ein Buch lobend oder tadelnd rezensiert, ohne es gelesen zuhaben, je nach persönlicher Stellungnahme zum Autor, so wundern wir uns nicht, daß Gelehrte über derlei spotten, ohne es je selber erlebt zu haben. Auch Liebigs Ablehnung des Geistersehens, weil man nicht mal feine Materie atmosphärischer Luft sehe und körperlose Wesen nicht Licht reflektieren, also nicht gesehen werden können, geht wieder mal von Voraussetzung aus, dem Grundübel des Rationalismus. Denn wer sagt ihm, daß Geister in derjenigen niedern Sphäre des Mittelreichs, wo sie noch an der Erdatmosphäre haften, wirklich körperlos seien, da ihnen der Astralkörper noch zukommt? Ihr Gesehenwerden erfolgt natürlich nicht durch den gleichen Prozeß wie bei Eindruck leiblicher Augen. Humboldts und Aragos Gerede gegen Tischrücken mutete schon damals ernste Beobachter kindisch an, seither änderte sich nichts, man vergißt, daß italienischer »Volksaberglaube« zu Galvanis und Voltas Entdeckungen sowie zur Erkundung des Siderismus durch sogenannte Wünschelruten führte. Daß etwas dem Elektromagnetischen Ähnliches beim psychischen Phänomen des »Drehens« mitspricht, was sich am Menschen so gut wie an Stühlen praktizieren läßt, hebt nicht auf, daß die Kraft selber nicht von äußerer Materie ausgeht, zumal auch telepathisch begabte einzelne die antiphysikalischen Wunder vollbringen können, ohne einer »Kette« von Mithelfern zu bedürfen. Auch würde tierischer Magnetismus nur das Physikalische der äußern Bewegung, nie Verunft und Weissagung des Tisches erklären. Da handelt es sich um unsichtbare Vorgänge, die zwar mit dem verwandt sind, was man als elektromagnetisch formuliert, doch schon einer höheren Ebene angehören und direkt gar nichts mit jenen Naturbegriffen gemein haben. (Verschiedenes beim Tischrücken erwies sich als antielektrisch und antimagnetisch.) Was immer man über Kerners Prevorsterin und Mädchen von Orlach denken mag (neu kommentiert von H. Freimark), so entsprechen verbürgte Tatsachen von Gespensterei und Besessenheit sowie somnambule Tiefblicke in den »Sonnen- und Lebenskreis« auffällig neuen okkulten Erfahrungen und spiritistischen Aussagen, nur daß sie sich eben heute in modernerer Gewandung melden. Der Kern dieser Erfahrungen bleibt stets der gleiche, doch daß die Form der Mitteilungen sich erheblich änderte – heute reden die Besucher aus der vierten Dimension auf einmal philosophischer –, zeigt die Abhängigkeit dieser Eindrücke vom subjektiven Bildungsstand der Empfänger. Der unbedeutende, aber gebildete Raymond Eodge sieht das Jenseits anders als die ungebildete aber bedeutende Prevorsterin. Bei Betrachtung dieser Dinge, mögen sie teilweise den vorurteilslosesten Denker unangenehm befremden, muß man sich vor allem jeder Voraussetzung enthalten. Welchen Sinn hätte handgreifliches Einmengen böswilliger Gespenster in das Erdenlos gewisser Unglücklicher, denen nur zu solchem Zweck die Geisterwelt sich geöffnet scheint? Ja, wer das wüßte! Steiners allgemeine Geistmenschen der saubern Schulzesippschaft sandten uns natürlich keine Zaubersprüche aus der vierten Dimension, doch wie steht's mit Spirits jener Elitekaste, die sich nicht von Verwesung nährt? Dem sonderbaren Schwärmer Blake erschien Shakespeare auffallend in Gestalt des maskierten Foliobilds, doch wo blieb Beglaubigungsbotschaft? Bisher vergaß man freilich das wichtigste Beweisstück in Schurtz Memoiren. Diesem kühlklugen Staats- und Kriegsmann meldete sich Schiller im Medium eines halbwüchsigen Mädels, das nie Schiller las, durch zwei ganz nebensächliche Sätze aus Wallenstein 5. Akt, die sicher keinem als Schiller selbst im Gedächtnis bleiben konnten. Ferner sagte sein kurz zuvor ermordeter Gönner Lincoln Schurtz' Erhebung zum Missourisenator voraus mit der genauen Jahreszahl. Die Kirche warnt vor Dämonenplage, als dämonische Besessenheit hört sich an, daß 1911 ein Bahnarbeiter mit Morseapparat Weltkriegdepeschen abklopfte und zutreffende Visionen bekam. Dostojewski halluzinierte über Ausgießung von Mikroben des Bolschewismus. Da Bewußtsein als Ausgangspunkt des Ego nur durch Verbindung mit Weltbewußtsein möglich scheint und nach Zerbrechen des Körperbehälters anderswohin entströmen muß, zerfällt Spiritismus theoretisch in die Frage, ob er selber Wirklichkeit oder nur deren symbolische Spiegelung ist. Böhme spricht von »siderischer Geburt« des neuen Menschen, der mit Augen sieht »wo sich das Leben in mir gebärt«. Steiner scheint christliche Mystik für etwas Apartes zu halten, doch älteste indische Überlieferung spricht wie Paracelsus von Kräften der Pflanze, Bedeutung ihrer Gestalt und Farbe, Geist in Stein und Metall. Ihre astronomischen Tafeln behandeln Schiefe der Ekliptik und Bedeutung der Zahlen, besonders von 3, 7, 40, die noch in Daniels Zeitrechnung von 70 Wochen sich ausdrückt. Das ist uralt gegeben, nicht erst später von Kabbala ersonnen. Die Magie stammt aus Urzeit, wo noch ein gewöhnlicher Mensch »ins Zentrum des Sonnenkreises in jeder Seele« treten und ohne Scheidewand die Erdmaterie in ihrem wahren Wesen erkennen konnte. Laut Pythagoras sind Zahlen die Elemente aller Dinge, laut Plato hat die Seele einen arithmetischen, der Körper einen geometrischen Anfang, ganz von sich aus erkennt Novalis eine Zahlenmystik der Natur. Für Plato sind Bewegung von Seele und All zwei miteinander verbundene Kreise, geistige Naturzahlen von Grade und Ungrade bestimmen Erzeugung und Kräfte der Wesen. Auch Swedenborg zerlegt die Psyche in zwei Kreise des »natürlichen« und »geistlichen« Gemüts, sein subjektiv kirchliches Schauen sieht Gleiches wie Plato in anderer Ausdrucksweise. Die Prevorsterin nun erkannte im linken Menschenauge auf der Herzseite die Körperbeschaffenheit, im rechten Auge den verborgenen Charakter und im rechten Auge der Tiere ein blaues Flämmchen: Wohl das Unbewußte, das im Menschenverstand zwar nicht auslöscht, doch nicht mehr sichtbar wird. Ihre Offenbarungen, sobald man religiöse Beterei und Spukerei als subjektiv abzieht, decken sich mit Buddha, Plato, Bruno, nur teilweise mit Swedenborg. Über dessen Anschauungsweise höre man: »Es wird künftig noch bewiesen werden, daß die Seele auch in diesem Leben in unauflöslich verknüpfter Gemeinschaft mit allen inmateriellen Naturen der Geisterwelt steht, daß sie wechselweise in diese wirke und von ihnen Einfluß empfange, wessen sie sich aber als Mensch nicht bewußt ist, solange alles wohlsteht.« Wer spricht so? Kant, somit ist unverschämte Fälschung, wenn man seine »Träume eines Geistersehers« 1766 als ironische Negierung auffaßt, auch an Stellen der Vermischten Schriften drückt er sich positiv genug aus. Novalis' Spott, »es ist als wahre Seltenheit zu betrachten, wenn man rechtes Naturverständnis bei großer Gelehrsamkeit suchen will«, würde er gebilligt haben, doch sein Satz, »ich mußte das Wissen zerstören, um den Glauben aufzurichten«, wäre Bankrotterklärung. Denn ist Wissen nur ohne Glauben und Glauben nur ohne Wissen möglich, dann haben beide kaum Relativitätswert. Infolgedessen verwirft Bergson den Begriff Vernunft und sucht in Empfindung das allein wirkliche Psycheelement, man steht am Totenbett des Rationalismus. Empfindung ist etwas, was sich weder mit Allgemeinverbindlichkeit des Verstandes noch des Glaubens verträgt, wohl aber mit Individualismus. Wir halten auch Neigung zum Schlußfolgern, woraus Kausaltrieb des Denkvermögens erwächst, für energetische Empfindung, eine Begierde des Bewußtseins, Wert und Gegenwert zu verbinden. Nannte doch schon Hume den Schlußfolgerungstrieb einen unmittelbaren Instinkt des Menschen! Somit sind Glauben, Wissen, Empfinden als eins zu fassen, Wissen ist Glauben an Sichtbares, Glauben ein Wissen des Unsichtbaren, beide nur instinktives Empfinden. »Ein Gott ohne Ursache und von Ewigkeit her ist ganz so unbegreiflich, wie eine Welt ohne Ursache und von Ewigkeit her, wir dürfen dies aber nicht als unbegreiflich verwerfen, denn jede andere mögliche Theorie ist geradeso unbegreiflich«, so maßvoll drückte Newton das Hypothetische jeder Weltanschauung aus, während das 19. Jahrh. den anmaßenden Ton von Ivamennais anschlug: »Warum gravitieren die Körper? Weil Gott es will, sagten die Alten; weil die Körper sich anziehen, sagt die Wissenschaft«. Ja, warum ziehen sich die Körper an, kraft welches ersten Bewegungsbefehls? Wenn Goethe an Boisserée bekannte, daß er unter Hadrian, und Flaubert vor G. Sand, daß er unter Nero lebte, werden sie uns sinnfälligen Zusammenhang antiker und moderner Existenz weder begreiflich machen noch selber spüren, da mußten Zwischenglieder vorhanden sein, die in Vergessenheit gerieten. Freilich schilderte Pythagoras sein Vorleben als Trojakämpfer, indem er Reliefdevisen auf Innenseite einer in Delphie aufgehängten Schildtrophäe fernsichtig angab: Dies sei damals sein Schild gewesen. »Spötterei über den »Hahn«, an den er sich auch noch erinnern wollte, sollte sich bescheiden, daß uns schlechterdings kein Urteil darüber zusteht, ob dies abstruse Irreführung oder Rechtleitung des Hellgesichts sei. De Rochas' Experimente mit Somnambulen bestätigten, daß diese sich als unbekannte von ihnen benannte Personen vor 100 und 200 Jahren empfanden, deren frühere Existenz dann tatsächlich durch Kirchenregister festgestellt wurde. Das Allermindeste, was der Skeptiker zugeben muß, ist die Erfahrungstatsache, daß der Instinkt einer Präexistenz tief im Unbewußten lebt und nur durch Tagesschein verdunkelt wird. In der Geschichte geht ein Geist um, der manchmal eine große Geste hat. In Walthamabtei, wo der letzte Sachsenkönig bestattet, beerdigte man auch Edward I., den ersten Normannengründer des englischen Imperialismus, von hier begann Karl I. den Bürgerkrieg, der angelsächsische Freiheit wieder emporbrachte, als griffe Harolds Spirit aus seiner Gruft in Englands Geschick ein. Doch als 1604 an der Guineaküste ein Freibeuter »Hamlet« aufführte, tat er keinen Blick in die Zukunft des British Empire bei so symbolischem Vorgang; als 1757 Pitt Gibraltar räumen wollte, hätte kein Hellseher Glauben gefunden, Spanien werde noch tiefer sinken. Aber Johanni Weltprophetie, die man als kurzfristigen Wechsel auf die Nerozeit auslegen möchte, ist ebenso Wirklichkeit wie Daniels Bilderreihe über vier antike Weltreiche. Das Buch mit sieben Siegeln kann man lösen und sich vermessen, es bis 1934 zu kontrollieren samt dem rot anlaufenden Tier und dem Babelweib, wechselndem Sinnbild jedes Materialismus vom cäsarischen Rom bis zum Bolschewismus. Während in Brandlers »Die Sintflut kommt wieder« esoterische Dynamik dem Physikalischen zuwinkt, weissagt Westfals »Weltgericht«, wie ein Uranuskalender astrologisch, mit Bibeltexten teilweise, Erderschütterung für November 1927. Dieser Warner eröffnet schöne Aussicht auf Auszug Israels mit neuem Palästinazion, ähnlich eine Zeitschrift für Zionisten und Orthodoxe. So wenig wir an kabbalistische Ziffern à la Kemmerich oder an Bindes Pfarrerangst vor leeren Kirchen und vollen Séancen glauben, scheint Mitwissen des Allwissens durch den »Geist der Wahrheit« nach Johanni Verkündigung möglich. Ist unser sinnliches Empfinden im Grunde nicht unsinnlich? Das erste Erwachen zum Bewußtsein ist rein psychisches Empfinden »ich lebe«, erst hernach wird es gewahr, daß es einen Körper hat, und dieser zeigt sich als Produkt des Bewußtseins, da somnambuler Zustand die innern Organe des Körperstoffs als etwas Fremdes deutlich sehen, analysieren und wie die Prevorsterin selbst kurieren kann. Doch bei Erkrankung geistiger Funktionen muß die Psyche solche Kur bleiben lassen, denn sie sieht nie sich selbst, sondern nur ihre angehängte Stofflichkeit wie eine Bekleidung außer ihr oder vielmehr als etwas von ihr selbst Zugeschnittenes und Bedingtes. Träumen versinnbildlicht die Stofflosigkeit der Persönlichkeit, laut jüngster Psychoanalyse lasse sich Erkrankung bestimmter Organe durch Träume bestimmen, auch sonst setzen anscheinend physische Einflüsse sich in Sinnbilder um, wie das Fliegen der Herzkranken. An und für sich ist der Körper im Traum abwesend, das Ich fühlt körperlich nicht sich, sondern entgengetretende Gegenstände. Sind diese aber Fiktionen, so sind sie es nur in gleichem Grade wie Gegenstände der Wirklichkeit, die ja auch nur vermöge psychischer Auffassung gesehen werden. Die Psyche bedarf also nicht unmittelbarer Sinnenseindrücke, um ein handelndes und leidendes Leben im Traum durchzumachen. Spielt dabei Erinnerung des Wachlebens mit, so kann mit ganz gleichem Prozeß die von allen Indern versicherte Rückerinnerung der Präexistenz durch Trancekontemplation erwachen. Wir erkennen im Traum nur ein Sinnbild allgemeiner Lebenserfahrung, Träume spiegeln nicht das eigentliche Ichmilieu, sondern das allgemein Individuelle des Empfindens wieder. Psychoanalyse fürchtet »Kurzschluß geistiger Selbstberührung«, weil zu bohrende Selbstanalyse erst recht isoliert. Doch scheint eine gewisse Isolierung der ungleichen Psychen unvermeidbar, aus überspannter Absonderung entstehen naturgemäß religiöser Wahnsinn und die weltliche Thebaide brütenden Größenwahns, Rousseau und Genossen machen sich ihre eigene Wüste, isolierte Menschenscheu wie des Gewaltpredigers von Sils Maria ist meist Menschenfurcht und Einbildung einer materiell unerreichbaren Majestät, ähnlich dem Despotenwahn der Irren. Solcher Kurzschluß ist notwendiges Ende unehrlicher Selbstbetrachtung, indessen sehen wir mit hoher Befriedigung, daß ehrliche Selbstzerwühler wie Byron am gewaltigsten die Isolierung durchbrechen und sich ins All ausströmem, analog der Erfahrung, daß redliche Menschenverächter – nicht unredliche selbstische Hypochonder – dabei Menschenliebe bewahren wie Byron und Friedrich d. Gr., Leonardo und Goethe, dem unterm Ministerstern ein wohlwollendes Herz klopfte. »Wer die Menschen nicht hassen lernte, hat sie nie geliebt« (Chamford). Jede »Kritik des Gefühls« (A. Vetter) aber wird fadenscheinig, solange sie sich psychoanalytisch auszudrücken meint, ohne Traumleben, Telepathie, Spiritismus als notwendige Ergänzung des Unbewußten in Rechnung zu stellen. Die Einsiedelei des Gefühls ist sehr weit für sehr verschiedene Eremiten. Gold erscheint bekanntlich in drei verschiedenen Zuständen als Gelb, Rot, Grün, doch niemand nimmt daran Anstoß, weil eben der bekannte Stoff Gold dies Farbenspiel erzeugt. Wissenschaft aber erlaubt sich, aus allerlei Farbenspielen der Natur den unbekannten Grundstoff abzuleiten. Das Abstraktum Moleküle als räumliche Begrenzung darf nicht mal relative Realität wie Farbe, Wärme, Gestalt beanspruchen. Sehr gut sagt Goethe, daß jede Analyse eine Synthese voraussetzt, man sich also vor Analyse hüten müsse, wo keine Synthese vorliegt. Man kennt nichts als unzählige »Dinge«, während »Materie« nur ein nominalistisches Sammelbecken hypothetisch vorstellt. Beziehung z. B. von Elektrizität und Helium in X-Strahlen kann nichts mit den Begriffen Materie und Atom anfangen, es bleibt ein sichtbar werdendes Phänomen als relative Wirkung unbekannter Ursachen, wobei Wirkung nicht mal als objektiv Gegebenes, sondern nur subjektiv Wahrgenommenes sich aufdrängt. Wissenschaft verfährt mit der Natur so naseweis, wie Staatsanwalt Wulffen »Shakespeares große Verbrecher« mit dessen eigener sexualpathologischer Anlage erklärt. Weiß er Tatsächliches darüber? Gar nichts. Nur diese einzigartige Dichtung selber nehmen wir wahr, deren Ursprung wir aus nichts Sichtbarem folgern können. Da erinnert man sich eher an Ingalese »History and power of mind« 1902, yankeehaftes Praktizieren der Yogalehren, die neben manchem Richtigen (astrale Farbentheorie usw.) auch widerliche Wendungen ans ordinäre Tagesleben enthält und feierlich verkündet, wieviel Dollars man durch okkultistische Disziplin verdienen kann! Wendet man hingegen die Yogilehre von steter Verwirklichung der Gedanken in sichtbaren Mentalbildern aufs rein Seelische an, so erscheint Shakespeare als rein spiritualistisches Phänomen. Man gewinnt nämlich den Eindruck, als ob seine Spiritkraft einfach seine Gestalten als bestimmte Lebewesen denkt und sie dann von sich abstößt als lebendig herumlaufende, die von selber ihr Drama spielen, ohne daß ihr Schöpfer sich weiter Mühe zu geben braucht. Doch wem sich solche Mahatma-Art enthüllt, fand dafür nicht »wissenschaftliche« Erklärung, welche Atome sich zusammenfügten, um diesen Schaffer aus dem Nichts zu erschaffen! Nur als Wiedergeburt einer dämonisch supranaturellen Psyche ahnt man Phänomenologie verborgener Kraft. Das ist gewiß Natur im höchsten Sinne, Naturgeist, doch fremd den Kräften dessen, was man hypothetisch Natur nennt. Energetik eines alles Sichtbare und Unsichtbare durchdringenden Weltvitalismus sehen wir hier zu verkörpert Spirituellem gesteigert, das wir vollständig wahrnehmen, also die »Macht des Geistes« an einem keineswegs okkulten Beispiel, ohne aber damit irgendwie die unsichtbare Urkraft zu fassen, die dies Phänomen ermöglicht. Richtig erkannte schon der alte Klencke, daß nicht Naturwissenschaft an sich gottverlassen sei, sondern Geistespöbel sie mit dem eigenen Materialismus infizierte und in Dienst stellte. »Wenn man in Märchen und Gedichten erkennt die wahren Weltgeschichten, dann flieht vor einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort« (Novalis). Dies geheime Wort hörte das verkehrte Wesen noch lange nicht. »Leben ist Anfang des Todes, lieben um des Todes Willen da.« »Man sollte die Sachen so betrachten, wie man sein Ich ansieht, als seine eigene Tätigkeit.« »Der Mensch vermag jeden Augenblick ein übersinnlich Wesen zu sein«. Tiefer als solche Novalismen scheint Schellings Definition, daß der Ichgeist als Denken und das Ich selbst eins seien, d.h. das Ich nur das sich zum Objekt werdende Denken. Für Fichte ist das Ich selber eine schöpferische Tätigkeit, die sich unserm Bewußtsein entzieht, während es nur auf dies Ergebnis des Denkens als Ich aufmerkt. Es ist nichts anderes, wenn Goethe sagt: »Farben sind Taten des Lichts.« Materiemonismus von Lyell bis Haeckel, dessen Malersinn Steiner rühmt (Vortrag Sept. 1921), sieht nicht diese unmechanische selbständige Tätigkeit. Alle Versuche Steiners, Haeckel für seine Anthroposophie zu retten, laufen auf Begriffsverwirrung hinaus. Steiner lehrt »Freiheit«, insofern ihm Handlungsimpulse übersinnlich erscheinen, das sind sie aber nie in dieser Erdenspanne. Selbst wenn Ichgefühl ein übersinnlicher Denkakt wäre, blieben Impulse sinnlich gebunden. Goethe hält Kunst für würdigste Auslegung des Naturgeheimnisses, Steiner für die drei gleichwertig einzigen Erkenntnismethoden Imagination, Inspiration, Intuition; doch das ist falsche Dreiteilung, denn Inspiration und Intuition sind erst Töchter der Imagination, wie soll aber beim Durchschnittsmenschen genügende Imagination herkommen und wie kann Haeckel Seelisches in untersten Zellen aufstöbern, wenn solche exklusiven Ansprüche gestellt werden! Dann würden zuletzt nur noch Dichter als Erkennende übrigbleiben! Obwohl Denken selber ein Dichten, ist ›seelisch‹ nicht so eng begrenzbar. Daß Goethes »gegenständliches Denken« (Heimroth) die Gestalt, Haeckel die Farbe als Kunstform der Natur ansahen, zeigt freilich Malersinn, naturkünstlerisch anzuschauen, doch wer der Natur ein Kunststreben zuspricht, verleugnet damit notwendig den Mechanismus, den doch Haeckel vertritt. Das seelisch Künstlerische der Naturformen anerkennen, ist für Materialismus ebenso sinnlos wie Verkuppelung kalter Forschungsdisziplin mit Steiners schwärmender »Geisteswissenschaft«. – Die Vorstellung, daß die gesuchte vierte Dimension nichts anderes als Zeit und daß Zeit eine Art Raum ist, kann nicht von der Hand gewiesen werden. In welcher Dimension bewegt sich der Barometer, in den drei Attributen des Raumes: Länge, Breite, Dichtigkeit? Offenbar nicht, sondern die Bewegung, äußerlich Raumeindrücken Untertan, gleitet auf und ab einer Zeitlinie, jener unsichtbaren Dimension, innerhalb welcher außerhalb der Raumbegriffe die Psyche denkt. Vergleiche Wells geistvolle Schnurre »Die Zeitmaschine«, denn Raumbegriffe entstehen nur durch Bewegungen der Zeit. Nie kann aber lieben in mathematischer Formel ausgedrückt werden, da diese nur Größenquantitäten in vorausgesetztem Raum berechnet ohne Qualität der Dinge. Es ist absurd, Planeten nur als Wärme- und Lichtgrößen zu behandeln, da jeder Weltkörper den gleichen Organismus bedeutet wie die winzigste Körperlichkeit auf Erden. Im Sonnensystem gibt es sicher Embryologie wie in jedem gebärenden Leib. Carus und G. H. Schubert boten sogar erstaunliche Belege, wie das menschliche Blutleben in Beziehung zum Himmelsorganismus steht. Für Lebensspannungen der Weltkörper ist Gravitation ein plumpes Wort, denn das Maschinenhafte des Newton-Laplaceschen Weltbilds schließt jene freie organische Bewegung aus, wie sie Carus im Kosmos als Spirale findet. Condillac nannte Wissenschaft eine »gutgebaute Sprache«, meinte er, alles Wissen sei nur rhetorische Übung? Seine eigene verwegene Wissenschaftssprache schien ihm ziemlich dunkel, er blieb uns wie Forel jede Erklärung schuldig, wieso Gedächtnis längst entschwundene Wahrnehmungen so fest hält, daß Abwesendes wie gegenwärtig erscheint. Gedächtnis und Phantasie sind Verweilen im Unsichtbaren ohne Wahrnehmung, beide aber sind erfahrungsmäßige Tatsachen, während Sinneseindrücke nur fragwürdige Bühnenkulissen, Supplemente der Empfindung. Nun verblaßt jede sinnliche Erinnerung selbst des geliebtesten Gesichts, wenn man kein Abbild vor sich hat, doch nur zu genau kann man sich eigenes Leid und Freud, empfangenes Gutes und Böses zurückrufen, zeigt dies nicht Überwiegen des intellektuell und ethisch Empfundenen im Gedächtnis? Schärfe der Sinne und des Denkens entsprechen sich keineswegs, jedes Wesen ist in sich einheitlich, doch nicht identisch mit dem Nebenwesen, jede Psycheanlage verarbeitet autonom die Außenwelt ganz für sich, Sinne sind nur Notbehelf. Obwohl gewöhnliches Kausaldenken sich gegen blitzschnell spontane Assimilierung der Aufnahme sträubt, da Essen und Verdauen nicht das nämliche, so pflichten wir Condillac hierin bei, doch was ist die nötige Voraussetzung? Daß jede Wahrnehmung auf die Psyche wirkt wie der Funke aufs Pulverfaß, daß also nicht Sinneseindruck Ursache subjektiver Erfahrung, sondern das entscheidende Pulver selber der Psyche angehört und der äußere Funke nichts weiter vermag, als das immer vorhandene Denkpulver zum Aufblitzen zu bringen. So wird die Psyche sich selbst allein Ursache und Wirkung, nur die Frage kommt in Betracht, wer den Zünddraht der Petarde legte, mit der fortwährend etwas gesprengt werden soll, offenbar das Innentor des Sinnenscheins. Wer ist Ingenieur dieser Pionierarbeit, deren Zweck, die Materie in die Luft zu sprengen, noch nicht erreicht wird, höchstens mit telepathischem Dynamit? Doch was nicht ist, kann noch werden, in reinerer Hülle besorgt die Psyche vielleicht besser ihr einziges Geschäft, das Empfindungsdenken braucht wohl im Elektronenäther keine Zündschnur mehr und befindet sich von selber in unaufhörlichem Blitzen eines rauchlos verfeinerten Pulvers. Der viele Rauch, den hinieden das Denkexplodieren verursacht, wird dann wohl auch vergangen sein! »Anbetend liegt die Menge auf den Knien vor Scheinwissenschaft«, höhnt F. Hartmann, seine »Gnomen am Untersberg« lehren, daß es keine Menschen gibt! Wie man Meteoriten leugnete, weil es im Himmel keine Steine gäbe, fauchte Laplace, man wolle nichts von Eolithen hören, für Pariser Medizinische Akademie war der Phonograph ein Bauchrednerkniff! Wallaces »Inselleben« leugnete Lemuria und Atlantis, Gardiner hielt ihm seine eigenen Sätze als »allen Zeugnissen widersprochen« vor. Wie soll man erst für Meteore genialen Denkens ein Auge haben! Nur Lyell prüfte objektiv Plutarchs Lehre periodischer Welterneuerung. »Unbemerkt geht die Pflanze ins Tier, das Tier in den Menschen über« (Büchner)? Dann könnte für unser täuschendes Gesichtsfeld unvermerkt der Mensch ins Unsichtbare übertreten. Shelley singt, Tod sei in uns selbst, dann sind Tod und Leben das nämliche, Tod wird sichtbar als bloße Funktion des Lebens. Natur redet »mit sich selbst und uns« (Goethe), Genie ist Hellgesicht einer Natursichtigkeit. Für Manichäer und Augustin bedeutet Menschwerdung Fesselung der Weltvernunft, die Griechen lehrten Buhlschaft von Vernunft und Materie, wodurch wir Kriegstheater beider Reiche werden. 12. Gehirn- und wahre Psychophysiologie. I Trotz ungebildetem Schimpfen auf die 6 Schöpfungs tage (6 siderische Perioden) entnimmt der gebildete eingebildete Evolutionist als konterevolutionärer Degenerierter der Sumerer, die schon so früh ihre hohe Geistesstufe erklommen, befriedigt ihren Bibeltext, daß die Lebewesen nacheinander entstanden mit dem Menschenhirn als Krone. So war es indessen nicht gemeint, wie schon daraus ersichtlich, daß Adam vor Eva geschaffen, d. h. vor dem Ei, aus dem jede animalische Welt entsteht: Symbolisch für Geschlechtlosigkeit des »himmlischen« Menschen, dem Gott seinen Odem einblies, ohne für diesen »höheren Manas« einen Hirnapparat zu bemühen! Wenn sich zur Blamage von Agassiz und Cuvier, der noch 1830 fossile Menschen und Affen bestritt, Reptile neben dem Fisch, dann Vögel neben dem Reptil, Menschen im Obertertiär als Zeitgenossen von Sauriern und Beuteltier fanden, also die angeblich streng geschiedenen Perioden bunt durcheinander liefen, so arbeitete doch das Hirn stets gleich. Jedenfalls blieb der Mensch allzeit ein für sich bestehendes konstantes Gebilde, den bis heute in sinnlicher Notdurft vegetierenden Alltagsmenschen fehlten auch gleich zu Anfang nicht die Genialen, die als Grundleger aller Kulturerfordernisse sich mit den Größten späterer Zeitalter messen dürfen. Auf diese scheinen Theologie wie Atheismus sich zu berufen, indem sie unbewußt noch am ptolemäischen System kleben mit der Menschenerde als Kern des Alls, wo sich entweder ein besonderer »Erlöser« für alle Planeten aufpflanzt oder sonstwie der glorreiche Mensch als Archimedes den großen Gott des Lebens-im-All aus den Angeln hebt. Solche Verschrobenheit hätten die Urweisen wohl nicht für möglich gehalten. Aberglaube hieß einst Kirche, heut Wissenschaft, jeder Glaube wird Aberglaube, sobald er geahnte Möglichkeit zu sicherer Formalität aufplustert. Goethe meint, der tiefste Gegenstand der Geschichte sei Kampf zwischen Glaube und Unglaube. Doch Glaube an was? Ohne programmatischen Zusatz hat der Konflikt keine Bedeutung. Der englische Dechant Stoughton bekennt in »Einleitung zur historischen Theologie«, sie sei etwas anderes als Religion! So lange man nur den Dogmen einen Guerillakrieg machte, zuletzt mit Minen und Flammenwerfern, blieb der Wissenschaftssieg nur ein Vorpostengefecht. Man schlug sich gegen die Jesuiten, nicht gegen Gott, Locke und Voltaire blieben überzeugte Deisten, selbst Renan und Strauß begnügten sich süßsauer mit blinzelndem Augenzwinkern, den großen Bruch und Abfall vom Unsichtbaren vollzog man erst unter Darwins Devise. Nach so leichtem Triumph über allzu Sichtbares der Götzenkirchen schleuderte man Gasgranaten ins Unsichtbare. Diese verflüchtigten sich ziellos: weil sie auf nichts Greifbares prallten, so gibt es dort nur Nichts? Die Geschosse hinterließen einen übeln Gestank von Geistlosigkeit: weil diese Fehdebriefe, »die ihn nicht erreichten«, ihren Beruf verfehlten, darum sind nicht sie anrüchig, sondern das Nichtsein Gottes? Weil der Professor geistlos ist, gibt's keinen Weltgeist? Solche Schuljungenlogik äfft die Kirchenmethode nach: Jene behauptet ein für sie passendes Unsichtbares beweislos, diese wirft beweislos ein ihr nicht passendes Transzendentes weg, weil es sich ihr nicht sichtbar vorstellen will. Mit dummen Hypothesen eine große Wahrscheinlichkeit oder mit schlauen Hypothesen eine noch größere Unwahrscheinlichkeit verfechten – wer hier unwissenschaftlicher oder verderblicher, Priester oder Professor, bleibt eine wahrhaft akademische Doktorfrage! Oft grausam enttäuscht und unruhig geworden, glättet Rationalismus wieder griesgrämige Falten und nimmt wieder einen sanguinischen Anlauf, indem er sich heiter auf Hygiene wirft wie in des Amerikaners Fisher »Making life worth while« 1910. Darüber ließe sich viel Erheiterndes sagen. Schon der unglückliche Georg Förster trug eine dilettantische Ernährungstheorie vor, Buckle baute sie salbungsvoll weiter aus; doch obwohl wir mit Fisher ganz übereinstimmen, in falscher Ernährung das Grundübel für bisheriges Versagen sonstiger hygienischer »Fortschritte« zu suchen, widersprechen unwiderlegliche Tatsachen dem vegetarisch-antialkoholischen Fanatismus. Diesem huldigt Fisher nicht einmal, sondern wirft seinen Haupthaß auf die unmäßige Proteinzufuhr, wie sich schon ein deutscher Arzt gegen den Eiweißkult landläufiger Mediziner empörte. So Vernünftiges er hierin sagt, so lächerlich sind seine Yankeespäße, gute Hygiene veredle den Charakter und stärke die geistige Gesundheit. »Macht mich unfehlbar in Ernährung, so stelle ich mich an die Spitze jeder Unternehmung«, solche Yankeeflausen stimmen zur Legende eines »heitern« Hellenismus und griechischer Idealstatuen, als ob Klingers Imperator den physischen Beethoven wiedergäbe. Silentyp, Sokratesbüste, Äskulapanbetung: Häßlichkeit und Krankheit so verbreitet wie heut! Daß der Mann sich nicht selber auslacht! Walt Witman ein biologischer Mustermensch? Warum dann homosexuell und hinterwäldlerisch formloser Nachtöner V. Hugoscher Tiraden, während der schwächliche Poe wenigstens ein glänzender Raffineur wurde? Ja, so müßte es sein, wenn banausischer Rationalismus Recht behielte, doch dies berührt nie den Kardinalpunkt der Lebenskraft. Der Italiener Cornaro, mit 40 Jahren ein Wrack, brachte es durch Diät auf 100 Jahre, stellte aber Weintrinken nie ein, arges Rauchen narkotisierte nicht die deutsche Energie, die Briten wären längst ausgestorben, wenn Fleischgenuß, Alkohol und Tee im Überfluß den vernichtenden Wirkungen entsprächen, wie wissenschaftliche Messungen sie ausklügelten. Vielmehr tritt durch Gewohnheit Immunisierung ein, wir erachten Reizmittel als Gegengifte gegen Zersetzungsstoffe der Mundhöhle und Speiseröhre. Uns scheint schädlicher, daß man nicht eigenem chemischem Instinkt gehorcht und sich stereotyper Beköstigung unterwirft. Im übrigen warfen Smiles und seine Gemeinde »Wie werde ich energisch« ein falsches Pathos in den öden Erwerbskampf, doch selbst füchsisch-wölfische Schläue eines Rockefeller paart sich mit kränkstem Magen, die meisten höheren Energetiker haben schlechte physische Ausstattung, schon dem alten Voltaire entging nicht die Logik, daß ein guter Magen keinen guten Intellekt bedinge. Ein »schlechtes« Herz müßte dies Prädikat sowohl als Blutpumpe wie als Gesinnung verdienen, doch die genialen Ethiker Paulus und Franz v. Assisi waren herzkrank, Plato und Leonardo, die ethisch Genialen, so stattlich und gesund, wie jene kränklich und unansehnlich. Darwin konnte mit Pope »that long disease my life« beklagen; der Tapferste der Tapfern, dem es nur unter Kanonenkugeln wohl war, Wilhelm III., gab sozusagen täglich den Geist auf und sein feldherrlicher Gegner Duc de Luxembourg war ein buckliger Zwerg. Überall zwingt starke Psyche den Leib in ihre Gewalt, deshalb ist alles Geniale abnorme Lebenskraft, der nervöse Boxer Byron war im Grunde auch physisch ein Gigant neben Preisboxer Jackson. Geistige Arbeit verbraucht unendlich mehr Blut als körperliche, kann nur von riesiger Energetik geleitet werden. Körperliche niedere Bewegung nutzt die Organe ab und unterbindet durch geistige Trägheit die wahre Lebensbewegung, deren Rhythmus lebenserhaltend wirkt. Freude am Schönen und Edeln, Begeisterung, Gottvertrauen sind gewaltige Heilmittel, ohne sie alles widerliche Bemühen um den Kadaver nur Anlaß zu Blutstockung. Krankheiten entstehen durch die Unfähigkeit, das Blut durch psychische Gegengifte zu purgieren, der miesepetrige Malade imaginaire des Körpers ist ein Geisteskranker, der seine werte Nasenspitze nicht über eigenen Dunst erhebt. Alle niedrigen Regungen sind gründliche Selbstvergifter und entbehren jener unsichtbaren Heilmittel, die dem Körper von der Psyche gespendet wurden. Viele Funktionen bleiben einem Verworn, Kronzeugen und Nothelfer Haeckels, durchaus verborgen: Blutbefehle des Unbewußten an die Nerven, deren Willenswirkung der ganze Organismus spürt. Fisher schwärmt von Zukunftsriesen, gleichgestellt mit »Shakespeare, Homer, Phidias, Michelangelo, Beethoven, Bach« durch prächtige Verdauung und mächtigen Brustkasten! Das sind Haeckels echte Kinder, echtes Haeckelichenblut... nur Heines Ironie könnte Pfeile schnitzen und vergiften, um die ewig neuwachsenden Köpfe der Aufklärungshydra abzuschießen... doch ein Feuerbrand wäre besser, mit denen ein Herkules sie ausbrennt. Der Prozeß war stets der gleiche: sobald die Kirche jede innere Verbindung mit dem Unsichtbaren verlor und nur Sichtbares ihrer Formeln aufdrängte, verlor sie sich ins Reich der Lüge; sobald Wissenschaft die Psyche abschwor und das Sichtbare als Götzenbild errichtete, verfiel ihr ursprünglicher Wahrheitseifer in Unwahrhaftigkeit. Tridentiner Dogmen sind harmlos neben materialistischen, erstere mirakeln nur ins Sichtbare, letztere möchten das Unsichtbare vergewaltigen, das stumm und stolz auf den Narrenversuch herabschaut, es mit Wespenstichen zu vergiften. Kirchliches ist nur Angelegenheit der Staatspolitik und des geistigen Pöbels, heute geht der Kampf gegen alles Religiöse, wie ja der Antichrist keineswegs vor andern Religionsorganisierungen haltmacht, und selbst damit gibt man sich nicht zufrieden, sondern der Angriff richtet sich gegen jeden Idealismus. Doch Miasmen dieser Ansteckung einer seelischen Malaria betäuben nur die Schwachen, denen früher ihr »Herr Jesus Christus« allzu sichtbar im »Himmel« schwebte. Wer sich von leiblichem »Glauben« nicht freimacht – »Pistis« im Urtext heißt richtig übersetzt »Vertrauen« –, versteckt sich in die muffige Sakristei abgestandener Phrasen oder flüchtet, aus dem Christenhimmel vertrieben, in Theodemokratie verdrehter Menschenvergötterung und Verbrüderung. Gehirnphysiologie aber will nie recht mit der Sprache heraus, daß sie das letzte Wort des antipsychisch Mechanischen gesprochen wähnt. Foreis »Gehirn und Seele« 1910 ist ein verzweifelter Versuch, das Psychische mechanistisch zu erklären, ohne zu begreifen, daß es hierdurch noch verwickelter wird. Semon erfand zwei Fremdwörter »Engramm«, Eckphorie«, ersteres soll die Reizwirkungen der Außenwelt bedeuten, letzteres den komplizierten Vorgang, daß Auftauchen irgendeines Teils eines früher angeschauten Objekts zugleich das Ganze wieder wachruft. Erinnere ich mich z.B. an eine bestimmte Uniform, so denke ich dabei zugleich an den Träger und bei diesem möglichenfalls an einen größeren Komplex, die Armee. Dies von mir gewählte Beispiel, beliebig tausendfach zu ergänzen, zeigt schon die Lückenhaftigkeit dieser »Eckphorie«. Denn ebensogut erinnere ich mich zuerst an den Träger und dann an die Uniform d.h. zuerst ans Ganze, dann erst die Teile, auch ist keineswegs sicher, daß ich mich dann an das größere Ganze der Armee erinnere. Warum ich mich plötzlich an die Uniform oder ihren Träger erinnere, bleibt völlig dunkel. Oft tauchen plötzlich Erinnerungen auf ohne jeden Zusammenhang mit vorherigem Denken. So lange diese Frage nicht gelöst – sie ist unlösbar außer durch Annahme eines Doppelbewußtseins, indem das Unbewußte aus unbekannten Gründen Bilder heraufbeschwört, die das kontinuierliche Bewußtsein unterbrechen – bleibt es aussichtslos, die »Mneme« – ein höchst unnötiges Fremdwort für Erinnerungsvermögen als Summe aller Engramme – für Inbegriff alles Seelenlebens auszugeben und sie in erbliche und individuelle Mnemen zu teilen, dies aber auch auf Wiederhervorrufung latenter unbewußter Reizwirkungen der Artbildung auszudehnen. Also stete Erschaffung des Schmetterlings aus der Raupe ist erbliche Eckphorie? Steckt hier ein tiefer Sinn, so ist er so antimechanisch wie möglich. Denn entsteht der Schmetterling, weil die Raupe gedenkt, daß sie unter bestimmten Bedingungen so werden müsse, so ist dies ein rein psychischer Akt, sintemal nicht die Eckphorie selber etwas schaffen kann, sondern der sie selbst erzeugende Kraftgrund. Ferner scheint Unterscheiden von erblich und individuell hier ebenso verfehlt wie Trennung ererbter und erworbener Eigenschaften. Erinnert man sich z.B. an verstorbene Freunde oder Feinde liebe- oder haßvoll, so bezieht sich dies nur scheinbar individuell auf zufällige Objekte, die ebensogut andere sein könnten, sondern auf erbliche Gemütsanlage. Der eine erinnert sich vorzugsweise seiner Feinde, der andere seiner Freunde, der dritte an keins von beiden, weil nur Augenblicksreize ihn berühren. Naive Unlogik ist es für Monisten und Deterministen, erblich und individuell zu trennen, man darf den Begriff der Erblichkeit, um den man nicht herumkommt, nur nicht zoologisch-darwinisch auffassen. Für karmische Psyche und ihre »Mnemen« sind erblich und individuell das Nämliche, Byrons tiefes Wort »Poesie ist Erinnerung vergangener und Ahnung künftiger Welten« deutet über persönliche Erinnerung hinaus und es erscheint oberflächlicher Leichtsinn, jede Erinnerungsart aus Außeneindrücken zu erklären. Welches Engramm soll eine Eckphorie auslösen, die sich der äußerlich nie geschauten Bilder einer Präexistenz erinnert oder, wenn man dies Phänomen nicht Wort haben will, Phantasiebilder aus dem Nichts formt? »Einbildungskraft« kann teilweise Kombination aus Erinnerungen sein, doch webt in nie Dagewesenem, also nicht Erinnertem. Veränderung aller Außenwelt um uns her bedeutet uns Zeit, Nebeneinander der Bewegungen Raum. Auf dieser Vorspiegelung falscher Tatsachen durch Introspektion, die den eigenen Körper als Außenwelt im Vergleich zu sich selber fühlt und alle Wahrnehmung zu Lust und Unlust umbildet, beruht auch jede Wissenschaft, die nur mit Zeit und Raum operieren kann. Daher tut Forel unrecht, zwar den Mechanismus als »verfrüht«, den Vitalismus aber als unwissenschaftlich zu bezeichnen; denn daß die Möglichkeit besteht, wissenschaftlich Organisches aus angeblich Unorganischem zu entwickeln, beweist an und für sich gar nichts, da der wahre Monist eine leblose Substanz nicht anerkennt, daher Leben sich nur aus abermals Leben entwickeln kann. Das große Logoswort heißt weder Mechanismus noch Vitalismus, sondern Psyche schlechtweg. Gelänge ein Homunkulus, so hätte ihn ja nicht die Materie, sondern deren Anordnung durch experimentierende Psyche ins Leben gerufen. Wie darf man aber mit Forel Experimente der üblichen Forschermethode als »einzige Mittel für wahre Erkenntnis« preisen, wenn er zugibt: »Was wir objektiv nennen, ist nur Resultat verglichener subjektiver Bilder«. Dann liegt doch klar, daß solche Bilder sich nur relativ von introspektiven Phantasiebildern unterscheiden, über die Forel hochmütig wegsieht. Uns scheint ferner bemerkenswert, daß im Zentralnervensystem keine neuen Elemente, keine neuen Neuronen entstehen, »nicht ihre Zahl sich vermehrt, sondern nur ihre Markhülle, ihre Länge und Verästelung wachsen«. Der Gewichtsunterschied zwischen Kindes- und Manneshirn besteht ausschließlich in Vergrößerung der Isoliermasse, das Wesentliche bleibt unverändert. Was beweist dies? daß psychisches Wachstum nicht das Psycheinstrument Hirn berührt, es also gleichsam einer andern Sphäre angehört. Solche Konstanz des Neuronensystems im Gegensatz zum steten Zellenwechsel des physischen Organismus beweist die Konstanz der Psyche (sonst müßte das von ihr geschaffene Denkinstrument sich notwendig verändern) und damit ihre primäre Ursprünglichkeit vor dem Körperzuwachs. Wir erkennen hierin Unabhängigkeit vom physikalischen Kausalitätsgesetz, auf welches Mach den Satz »der Erhaltung der Arbeit« zurückführen möchte. Forel verweist darauf, daß schon »der Philosoph Spiniza erkannte, wodurch Illusion der Willensfreiheit entsteht«, nämlich Unbekanntschaft mit unsern (zwingenden) Motiven, anerkennt aber seinerseits relative Willensfreiheit in zweckmäßiger Anpassung des Willens an den Daseinskampf durch schlaue Berechnung (wir umschreiben, was er meint). Selbst solche Relativität bestreiten wir durchaus, auch sie entspringt nur gegebenen Determinanten der natürlichen Anlage. Willen zur Anpassung, d. h. Selbsterhaltung hat jedes Lebewesen und folgt ihm eben gemäß seinen Bedingungen; ob mit oder ohne Erfolg, gilt gleich. Willensunfreiheit wird aber fälschlich für Mechanismus in Anspruch genommen, sie ist nur logischer Bestandteil der Kausalität, denn da es keine Wirkung ohne Ursache gibt, so unterliegt alles notwendigem Zwang. Damit ist aber keineswegs gesagt, daß das Geschehen selber mechanisch sein müsse, da alles Sichtbare eben aus Unsichtbarem herrührt. Bewußtsein »innerer Reflex« äußerer Hirntätigkeit? Grober Illogismus, denn woher Inneres, wenn nur Äußeres wirken soll? Nicht mal graue Hirnmasse ist nötig, Bräunlichkeit des Negerhirns wegen anderem Blutpigment erweist Hirn nur wie jedes andere Organ als Gehäuse des Blutstroms ohne eigenen Einfluß auf unsichtbare Bestimmung. Forel denkt sehr hoch von Genialität, deren Kombinationen intuitiv und unbewußt »wie Blitze im Bewußtsein erscheinen« im Gegensatz zum nur reproduktiven Talent, doch wäre »Vernunft« identisch mit »gesunder Menschenverstand« wie Forel behauptet, so könnten Vernunft und Genie nicht »durchaus keine Gegensätze« sein, sondern diese Art Vernunft, die sich kritisch-analytisch dem Bekannten anpaßt, hat keine Brücke zur komplizierten Genialität. Diese spottet jeder Mechanistik sogenannter Gehirntätigkeit, denn hierbei wäre ausgeschlossen, daß Genialität den ganzen Engramminhalt der Mnemen original d. h. abweichend vom Reproduktiven verarbeitet und oft geradezu umstößt. Solche schöpferische Gabe unterscheidet sich völlig von der gewöhnlichen Vernunft, die höchstens je nach Stärke oder Schwäche der Neuronen graduell verschieden sein kann, nie aber absolut. Wäre der Geniale eine sonst physisch andre Spezies, so wäre auch dann unerklärlich, wie man mit dem immerhin gleich oder ähnlich aufgebauten Gehirninstrument intuitiv und inspiriert, original und produktiv denken könne. Da aber der Geniale physisch ein Mensch wie andere, so muß man sich schon mit der Ansicht befreunden, daß es eine selbständige Psyche gibt, die sich wenigstens transzendentaler Freiheit erfreut, indem sie zwar irdisch determiniert will und handelt, aber sich selber vorbehält, ihr Erdenwerk in ungleichsten Formen zu verrichten. Physikalische Untersuchungen des Gehirns bedeutender Geister sind nicht nur dürftig und ungenügend, sondern in der äußerst beschränkten Zahl der Beobachteten gröblich widerspruchsvoll bezüglich Schädelumfang und Gewicht, wobei obendrein fraglich, ob die Untersuchten überhaupt als eigentlich genial gelten dürfen. Harden spricht nur von Bismarcks »majestätischem Menschenverstand«, Kant würde sich selber nicht den Titel Genie zusprechen, welche beiden aber die einzigen sind, deren Gehirnumfang einen hohen Rekord schlägt unter allerlei reproduktiven Gelehrtentalenten, von denen freilich Leibniz schon eher dem Gebiet des Genialen angehört, und gerade er hatte niedriges Volumen. Damit sind solche äußerliche Gehirnmaßstäbe überhaupt nicht von Belang, und solange man geniale Gehirnarbeit nicht lebend bei der Arbeit beobachten kann, weiß man schlechterdings nichts davon. Es scheint sicher, daß die Anordnung der Neuronen und Fibrillen dort geradeso verschieden vom »Normalen« wie die weißen Markfasern der Gehirnsubstanz. Nun wohl, solange nicht die entfernteste Erklärung vorliegt, wieso ein Mensch unter gleichen organischen Verhältnissen ein durchaus verschiedenes Gehirnsystem besitzt, d. h. mit gleicher Lunge, Leber, Milz, zwei Beinen, Armen, Augen ein normwidriges Hirnleben gestaltet mit durchaus von Vernunftmenschen verschiedenen Funktionen, solange wird man kühnlich eine besondere unsichtbare Psyche als alleinmögliche Ursache ansprechen können. Selbst als das Hirninstrument sich selbst ein nötiges Instrument schuf, die Sprache, unterlag sie gleichem Gesetz der Ungleichheit: Dichtung »Sprache der Götter« unterscheidet sich völlig von der bräuchlichen Umgangssprache. Mit der Hypothese »Gehirn gleich Seele« geht es so wie mit dem Materialismus überhaupt. Forel gesteht, daß bislang keinerlei Beweis für mechanistische Lebensentstehung vorliege, doch sie sei eben das Wahrscheinlichste. Wieso? Da er selbst voraussetzt, es gebe keine tote Materie, könnte man ebensogut fordern, eine so vervollkommnete Maschine wie ein Auto müsse sich von selbst in Bewegung setzen. Selbst wenn wir aber Benzinfüllung mit irgendeinem Materiefaktor wie Sonnenbestrahlung vergleichen – natürlich ein schlechter Vergleich, da das Benzin ja nicht aus den Wolken fällt –, so muß doch jemand erst die Kurbel drehen. Gut, dann rast das Auto ins Blinde drauf los, um zu zerschellen, es bedarf des leitenden Chauffeurs, im Vergleichsfalle also der Psyche. Wendet man ein, daß hier der Chauffeur aus der Menschenmaschine selber herauswachse? Geschähe dies mechanisch, so müßte nach gleichem Naturgesetz eine benzinhaltige d. h. lebende Maschine sich selber kurbeln, das Hirn entspricht aber hier höchstens der Kurbel. Naiver Protest, ein Auto sei ja vom Menschen gemacht, ist haltlos, denn der Mensch soll ja selbst Maschine sein, also gilt für ihn und das Auto das gleiche Gesetz, ebensogut wie ein Auto könnte Technik den Homunkulus schaffen. Es bleibt also schlechterdings bei der Tatsache, daß ein Auto, selbst wenn es sich selber kurbeln könnte, immer noch den Chauffeur braucht, der sich auf die Maschine setzt, sonst gibt es lauter »Pannen«. Forel behauptet, die beispiellos feine Komplikation des Hirnapparates entstehe durch unendlich kleine unwahrnehmbare Vorgänge der Keimzellen, jawohl, durch unsichtbare . Blickt man aber auf den Embryo, so geschieht der Hirnaufbau aus der Haut vielmehr ungeheuer schnell. Nehmen wir die Unglaublichkeit an, ein so gewaltiges Phänomen käme durch lauter niedrige Automatismen zustande, was gewinnt der Materialismus damit? Man verschiebt nur die Chauffeurfrage, denn nach Menschenbegriffen ist mechanisches Hinarbeiten auf solch zweckmäßiges Kunstwerk undenkbar. Hinter dieser durchdachten Arbeit muß ein Ingenieur stecken. Wir begrüßen Forel als Mystiker, weil er der »blinden« Materie sinnvolle Zauberei zumutet. Ja, unsichtbare Zauberei von solcher Feinheit, wie man sie bisher kaum ahnt. Als Buddha die Ethik eudämonistisch-physikalisch begründete, wußte er doch nicht, daß »unendliches Wohlwollen« unendliches physisches Wohlsein verbürgen würde. »Sehr gesund, ein gutes Herz!« ruft Bulwers weiser Homöopath. Es ist so. Güte und Mut schmieren die Lebensmaschinerie, Bosheit und Feigheit bringen sie physisch in Unordnung! Kleinlicher Haß vergiftet die Säfte, während ein Ausbruch gerechten Zorns nur als leichtes Fieber den Grollstoff ausscheidet. So arbeiten Ethik und organische Physis stets Hand in Hand. Alle alten Denker verlegten den Sitz der Seele ins Blut, bis der Mediziner Hippokrates die Hirnpsychologie gründete, die bis heute eiligst alle Mediziner bearbeiteten. Was dabei herauskommt, wenn Leute, die berufsmäßig nur Körperliches studieren, in Seelisches hineindoktern, liegt auf der Hand. Die Experimente von Flechsig, Hitzig, His, Eichet, Langley berechtigen keineswegs, mit Verworn eine »Mechanik des Geisteslebens« zu konstruieren. Daß er Dualismus befehdet, dies Streben teilen wir ja in ganz anderm Sinne. Natürlich können Geist und Leib nicht Verschiedenes sein als gleiche Emanationen eines einheitlichen Dritten. Wir sehen nicht ein, wieso die Hirnphysiologie ihre Unwissenschaftlichkeit nicht einsieht, wenn sie Galls Phrenologie in den Papierkorb wirft. Verworn vollzieht an ihm die Ehrenrettung in der Hauptsache, Entdeckung des Großhirns als Sitz des höhern Bewußtseins, doch verwirft er in gewohntem Stil Galls Funktionsbezirke, obschon doch Hirnphysiologie selber eine genaue Topographie des Hirnbodens aufzeichnet. Das hat nicht mehr Wert als jede andere anatomische Landkarte des Körpers, instruktiv als bildliche Beschreibung, doch ohne jede Bedeutung für lebendige Bewegungen in dieser Landschaft. Abgesehen davon, daß Galls »Bumps«, die kleinen Schädelerhöhungen als Merkmale verschiedenster Eigenschaften, oft die empirische Probe bestehen,, wäre nur wunderbar, wenn es anders wäre, d. h. der Hirnapparat nicht äußere Abdrücke spezifisch entwickelter Funktionen hervorbrächte, vollends wenn er allein den Geist repräsentierte. Denn da tatsächlich die Sinnesgebiete Sehen, Hören usw. bestimmte Merkmale zeigen, so wäre unnatürlich, wenn intellektuelle und ethische Eigenschaften nicht ebenso sich kennzeichneten. Wie die Hand ihre bedeutsamen Linien muß bei Einheit von Geist und Körper das Hirn sichtbar seine Regungen auf der Schädeldecke hinterlassen. Nun ist aber das Hirn kein unabhängiges Organ, sondern unterworfen der Machtvollkommenheit des Bluts, ohne das sich keine Hirnmasse bildet und das allein deren Beschaffenheit bestimmt. Zu diesem Behuf bedient es sich der Nervenfasern, eines Zwischenapparats unterhalb der Schädeldecke. Was aber diesen Drähten analog läuft, das allbelebende Fluidum, ohne daß auch das Nervensystem nicht wirken könnte, bleibt außerhalb jeder physiologischen Betrachtung. Fiel Verworn nicht ein, daß das Subliminale sich schlechterdings nicht körperlich bestimmen läßt? Ach nein, er vermeidet sorgfältig die unheimlichen Begriffe unbewußt, Unterbewußtsein, sie sind für ihn nicht da, das ist das Bequemste. Die Frage läßt sich durch einen einzigen Vergleich entscheiden: reißt man dem Menschen die Zunge aus, so entzieht man ihm Möglichkeit des Redelauts, doch nicht den Besitz der Sprachworte; amputiert man beide Beine, so kann der Mensch nicht mehr gehen, doch der Bewegungstrieb an sich erlischt keineswegs. So, entfernt man das Großhirn, verliert er Ichbewußtsein und Mitteilungsfähigkeit, nicht die unbewußte Grundlage seiner psychischen Natur. Das unantastbare Fluidum des Nervensystems wirkt auch nach Aufhebung des Bewußtseins fort, das Gleichgewicht des Stoffwechsels als sogenannte Selbststeuerung durch Assimilierungsersatz aus Blut und Lymphe erfolgt ohne Zutun des Hirns durch eben dies Fluidum, das über dem Blutstrom schwebt. Gedächtnisverlust durch Zerstörungen der Großhirnrinde zeugt nicht von Lokalisierung allgemeiner Gebiete, sondern Gedächtnis als Zentralgehalt des Ichs, das nur von seinen Gnaden besteht, vermindert sich eben in gleichem Grade wie das Bewußtsein, also ist Fehlschluß, Gedächtnisschwund als etwas Besonderes zu registrieren, da dies identisch mit Gehirnschwund überhaupt. Dubois-Reymond erläuterte treffend, daß wir bei genaustem Sehen der Gehirnvorgänge doch nie deren Empfindung sehen könnten, und Empfindung ist immer Dasjenige, wodurch sich die Psyche bemerkbar macht. Chemische Gleichgewichtsstände bezeugen, daß bei Verbindung zweier Stoffe nicht die ganze Masse ein Neuprodukt wird, sondern Reste des Ursprünglichen zurückbleiben. Indem sich Körperliches und Gehirnmasse verbinden, bleibt ein drittes übrig, kein schäbiger Rest, sondern ein regulierendes Prinzip, Wenn die Ganglienzellen ohne Sauerstoffzufuhr aus Erschöpfung ermüden und sich dabei Milchsäure bildet, so beweist dies weiter nichts, als daß der Hirnapparat an sich als körperlicher Faktor arbeitet. Erregung, Lähmung, Assimilierung, Dissimilierung im Hirn, Zellulareinheit von Ganglienzellen und Nervenfasern als Leitungsorgane sind an sich Vorgänge wie bei jedem andern Körperorgan. Besorgen da aber Lunge, Magen, Leber ihre Arbeit selbständig? Natürlich nicht, sondern als dienstbarer Apparat des allgemeinen Organismus, genau so das Hirn, das ohne Blut und Nerven überhaupt nicht funktionieren könnte. Wir gehen so weit, Empfinden mit Nahrungsaufnahme und Wahrnehmen mit Verdauen zu vergleichen, doch das Geschenk können wir den Naturalisten nicht machen, den Vergleich aufs Denken auszudehnen. Verdauen und Atmen sind konstante immer wiederkehrende Automatismen, Denken aber bewegt sich in fortwährender beispielloser Progression, selbst Lichtgeschwindigkeit verläuft nicht schneller als blitzartiges Auftauchen und Fortsetzen von Gedankenreihen, die einen unendlichen Kreis neuer Vorstellungen durchlaufen. Wie ist das möglich? Nur wenn ein unbekanntes Drittes mitspielt. Da sich bei den Neuronen »elektrische Vorgänge nachweisen lassen«, da ferner die Ganglienzellen nicht wie die meisten andern Körperzellen sich nach der Geburt quantitativ vermehren, wohl aber qualitativ ihre Masse entwickeln, so stehen wir vor einem verwickelten Naturprozeß, der aber in keiner Weise dartut, wieso eine unsichtbare rastlose Bewegung aus ihm entsteht, während doch sichtbare körperliche Bewegungsfähigkeit recht beschränkte Grenzen hat. Die Schlaferklärungen von Pflüger, Preyer, Strümpell laufen auf das hinaus, was schon der Urmensch wußte, daß Schlaf durch Ausschluß der Sinnesreize eintritt und natürliche Erholung des überangestrengten Bewußtseins bedeutet. Das Träumen erörterten wir ja ausführlich, hier gibt es zuwidere Kindereien so gut beim Rationalisten wie beim Abergläubischen. Wenn äußere Anreize dem Schlafenden Traumbilder wecken, so tun es erst recht innere Erregungen bei Krankheit und Leidenschaft, somit ist falsch dies richtige Bewußtseinsvorgänge partiellen Wachzustands zu nennen, denn diese sind ja von vielfältigen Sinneseindrücken untrennbar. Wenn ein einzelner schwacher Ton- oder Lichtreiz große dimensionale Übertreibungen von Hör- und Sichtbarem als Traum weckt, so ist dies schon recht wunderbar, doch meist wirken solche äußern Reize gar nicht in der betreffenden Richtung, sondern es werden unbegreifliche Trugbilder an ferne Personen und Lokalitäten wachgerufen, die sich nicht mit Ton und Licht berühren. Nur Leute ohne eigene Traumerfahrung geben sich mit mechanistischer Deutung zufrieden, gleiches gilt von der Hypnose, die laut Verworn ein gewöhnlicher Wachzustand sein soll, bei dem nur kritische Selbstkontrolle eingeschläfert wird, jede Erhöhung seelischer Fähigkeiten sei Täuschung oder Selbsttäuschung. Das sind leere Behauptungen, da bei hochgradigen Somnambulen ein kataleptischer Zustand ohne fremdes Zutun erfolgen kann und Umwandlung oder Erhöhung seelischer Eigenart sehr oft beobachtete Tatsache ist. Telepathie wird natürlich einfach totgeschwiegen, am Schluß aber vorsichtshalber versichert, dies sei kein materialistisches Unternehmen. Was ist's dann? Gelehrte Täuschung oder Selbsttäuschung, den Hirnapparat mit dessen Beweger zu verwechseln, als ob durch ein Seziermesser die Person des Chirurgen erklärt würde. II Sich selbst verstehen gewinnt Zutritt zum »Sinn aller Dinge« (Kayserling), doch Tatsachenerweiterung okkulter Erfahrung schenkt auch nur eine neue Außenansicht, Erkenntnistheorie führt gründlicher zu Sinnvertiefung und Selbstverwirklichung. Sobald man sich in eine neue okkulte Tatsachenwelt verliert, veräußerlicht man einen neuen Materieschein. Dem nicht sinnlich gefesselten Denken sind alle Phänomene vertraut, die durch die Sinne kanalisiert werden, während das universale Sammelbecken überfließt. Sich durch äußerliche Wunder hochbeglückt fühlen, verrät nur die Schwäche, durch Sichtbares verdeutlichen zu wollen, was nur unsichtbar zu Unsichtbarem spricht. Psychomotorische Metapsychie gibt die Gewißheit, daß Überindividuelles schon das Diesseits imprägniert, telepathischer Konnex bedeutet allgemeine Seelenassoziation, Daseinsbeeinflussung durch verborgene Kraftströme. Materialismus und Okkultismus halten sich für unvereinbar, weil der eine nur Wahrnehmung, der andere nur Vorstellung für maßgebend hält, doch jede Wahrnehmung stellt sich etwas vor, jede Vorstellung nimmt etwas wahr. Auch Hellgesicht ist ein Sehen sinnesmäßiger Dinge. Jeder Okkultismus beweist nichts weiter als Mitteilhaberschaft aller Psychen, G. m. b. H. am riesigen Stammkapital und Fundus. Der Psychologe Buddha würde über das Ansinnen lachen, daß man messend und seigend studieren könne, wozu nur beflügelte Intuition den Eingang findet. Dogmatischer Glaube an astronomische Mathematik, die ihrem Ursprung nach zur deduktiven Metaphysik gehört, und Ausmerzung der Astrologie, die sich induktiv auf Ephemeridentafeln stützt, als Ammenglaube scheint eine unangenehme Entgleisung praktischer Vernunft. Stand vermutlich nicht schon in Keplers Horoskop, daß ihm Brahe seine Beobachtungsnotizen für die Ellipsenbahnen hinterlassen werde? Ewige Vorbestimmung arbeitet mit allen Elementen gemeinsam, kosmische Erdbestrahlung durch die Planeten ist nichts Okkultes, sondern höchst Natürliches. Es wäre unnatürlich, wenn nicht bestimmte Aspekten die Elektronenenergetik der Lebensbeseelung leiteten, dagegen betrachtet Wissenschaft ein unnatürliches Wunder als natürlich, daß nämlich mathematische Himmelsmessungen zu stimmen scheinen. Kann man gelassen hinnehmen, daß das Säugetier homo sapiens über Planetenbahnen richtig aussagt? »Höhere Mathematik« wuchs wie ein Turmbau zu Babel, als Bausteine nur lauter Definitionen, die im Unsichtbaren Fuß fassen und so Sichtbares bestimmen sollen, also rein deduktives Verfahren statt experimenteller Induktion. Da Physik ohne Mathematik hilflos wäre, setzt sie Allmacht des Menschengeistes voraus, leugnet also Allmacht der Natur, welche sie doch materialistisch verfechten möchte. Astronomik ist ihr eherne Tatsache, Astrologie höherer Blödsinn, während diese doch eigentlich mechanistisch Abhängigkeit des Lebens vom kosmischen Zwang induktiv studiert. Absolute Richtigkeit astronomischer Berechnung ist erkenntnistheoretisch ein Unding, heute kam man schon durch Relativitätstheorie so weit, kopernikanischem Weltbild keinen Vorzug mehr vor dem ptolemäischen zu geben. Erddrehung um die Sonne fängt an vielen, wohl mit Unrecht, illusorisch zu werden. Was soll man also davon halten, wenn trotzdem bei astronomischer Rechnungsart objektive Richtigkeit herauszuschauen scheint? Das kann wieder nur auf freundlichem Entgegenkommen der Weltseele beruhen, die offenbar wünscht, der Mensch soll sich ein für ihn logisch begründetes Weltbild machen. Dies Entgegenkommen täuscht aber darüber, daß der Mensch innerhalb eigener Materialbegrenzung unmöglich die Allwirklichkeit erfassen kann. Anthroposophische Einbildung, der Menschengeist sei ein plötzlich der Natur entstiegener Gott und daher wohl befugt, das Ding-an-sich anzuschauen, ist gar zu grotesk; solchem Größenwahn entspricht aber, daß man dies unmögliche Wunder als wissenschaftliche Tatsache erträumt, während man die gar nicht wunderbare Astrologie verlacht. Warum hauptsächlich? Weil Vorbestimmung die famose Willensfreiheit beleidigt, ohne welche auch wissenschaftlicher Größenwahn nicht gut auskommen kann. Hier hat man wieder die Konfusion menschlichen Denkens, die das nämliche leugnet oder bejaht, je nachdem es in den Kram paßt. Determinimus wird bejaht, um Ethik und Idealismus zu verneinen, und im gleichen Atem verneint, um Freiheit materialistischen Denkens zu bejahen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: wäre der Mensch frei, dann dürfte er nach sich seine Weltanschauung wählen und seine Ethik dazu; ist er aber unfrei, so folgen Idealisten und Materialisten beide einer Zwangsvorstellung ihres besonderen Ich. Dem ist auch so, wie das Wesen der Sittlichkeit lehrt. Wenn der polnische Reichstag der Niezkyschen Konfusionslehre, die ihr Nomadenzelt rein ins Blaue aufschlägt und unter tuberkulöser Wangenröte des Übermenschenwahns an moralischer Schwindsucht hinsiecht, bei Todesstrafe den Antialtruismus zum Gesetz erhöbe, so würde der Gutartige sich dawider auflehnen oder höchst widerwillig das Bösartige tun. Dem Schlechtartigen dagegen sind schon die konventionellen Gesetze zu viel, er tut Böses »mit Lust und Selbstgenügen«, wie schon die Bagghavad weiß. Wenn sämtliche Spirits ihn versicherten, er werde sich damit große Unannehmlichkeiten im Jenseits schaffen, so ändert dies sein Treiben nicht im geringsten, auch hilft er sich eiligst damit, als gebildeter Tropf ein Jenseits zu leugnen. Sind also Fühlen und Denken determiniert, dann notwendiglogisch jedes Leben überhaupt, es ist rein aberwitzig, Vorbestimmung zu bestreiten. Denn gerade vom materialistischen Standpunkt aus würde sie sich ja natürlicher Mechanistik bedienen, dann aber auch gewiß kosmischen Einflusses der Planeten. Wie die ewige Wahrheit, so hängt auch zeitliche Geistesstörung als unlösliche Kette aneinander. Telepathische Prophetie muß alimine geleugnet werden trotz alles gepredigten Determinismus, denn sonst muß man höhere Kausalität als die des Stoffes begrüßen, da nichts vorhergesagt werden kann, wenn nicht alles vorbestimmt, jeder bestimmt prophezeite Vorgang bedingt Vorbestimmung aller andern Vorgänge, die kausal damit zusammenhängen. So bedeutet Hellgesicht einen »Riß durchs Fundament der Naturforschung« (Joel), darum muß man sich gewaltsam die Ohren gegen solche Sirenenlieder verstopfen. Man kann der Wissenschaft nur dringend raten im Interesse aller Pfaffengebühren ihres Pfaffenkults, bei bisheriger Haltung zu verharren: ich glaube an die alleinseligmachende Messung, ans unfehlbare physiologische Experiment und an mechanisches Leben, Amen. Diejenigen neusten Wissenschaftler, die sich belehren lassen wollen, ziehen umsonst das sogenannte Okkulte in den Kreis ihrer Betrachtung, sofern sie nicht a priori erkenntnistheoretische Grundlage finden. Denn Verschiedenheit aller Telepathiker, Medien und Spirits schließt klare bindende Aussagen über Okkultes aus. Nimmt man persönliche Fortdauer der Iche an, wie müßte Brunos Spirit sich abwenden von all dem Kroppzeug, das der Weltkrieg hinüberlieferte! Da die ungeheure Mehrzahl nur von selbstischen Affekten bewegt wird, darf man nicht erwarten, daß sie jenseits irdischer Bewußtseinsschwelle etwas wesentlich anderes kennt, denn bei persönlicher Fortdauer hört ja Ichbewußtsein nicht auf. Wenn Kriegsfreiwillige bei Ypern mit »Deutschland über alles« in den Tod gingen, so mögen sie nach japanischer Vorstellung sich dadurch ein günstiges Karma erworben haben, doch die braven Jungen erwarben sicher nicht damit klarere Anschauung ihrer neuen Astralebene. Was helfen ungenügende Geisterbotschaften, was unvollständige Hellgesichte, solange man nur fragmentarisches Stückwerk erhält! Die Überzeugung von Tatsächlichkeit der Spiritwelt hat philosophisch nur den negativen Wert, plumpen Materialismus zu entwurzeln. Dagegen hat rein spekulative Überzeugung von Karmavorbestimmung und Wiedergeburt bei der Mehrzahl der asiatischen Menschheit positiv gewirkt, Brahmanisten und Buddhisten bedürfen keiner Spirits dafür, so wenig wie die Weisen des Altertums, auch verläßt man sich nicht auf Magie als etwas für sich Bestehendes, sondern als Ausfluß höherer Mächte. Die Semitenreligionen konnten ihren sinnlichen Anthropomorphismus und eudämonistischen Egoismus nicht voll bewahren, denn die christliche Mystik mündete alsbald in die neuplatonische über und arabische Philosophie kehrte zu indischer Anschauung zurück wie die platonische, Buddhas Wandelwerden setzte sich in Heraklit, Ägyptisches in Pythagoras fort, Neoplatonik in Bruno, Calvins Prädestination ist theologisch verdorbener Karmaglaube. Denn wahres Denken läuft stets in gleicher Linie, unabweisliche Fluiden sprangen sowohl auf Kant wie auf Swedenborg über. Daß das Denkergebnis jeder echten Physik metaphysisch wird, läßt sich, da Kopfabschlagen das sicherste Mittel gegen Zahnweh, am besten durch Totsagen der Metaphysik heilen, doch es heißt den Teufel mit Beizebub vertreiben, wenn falschem Objektivismus maßloser Subjektivismus entgegentritt. Weil die ihm sichtbare Welt nur des Menschen Vorstellung ist, was übrigens zuerst Descartes' »Betrachtungen« festlegten, braucht sie noch lange nicht Werk seines Willens zu sein, dieses illusorischen Amphibiums Schopenhauers, das in lauter Vorstellungen zerfließt. Für die Ameise ist Gott eine große Ameise, ihr Lebenswille hat sicher auch Weltvorstellungen, man kann aber aus einem Tropfen wohl die Beschaffenheit des Meerwassers, nicht aber das Wesen des Weltmeers konstruieren, das Unendlich-Große hat unbekannte Eigenschaften, nicht abgezogene Menschenbegriffe. Der selige Gottlieb Schulze, der »im Nebel« haust, vertröstet auf »Gebet und Christus«, wie seine Familienangehörigen sein Gestammel haben möchten. Doch stammelt nicht auch Hegel über Unerkennbares? »Alles Vernünftige ist wirklich, alles Wirkliche vernünftig« heißt antithetisch Unvereinbares verquicken. Was man das Wirkliche nennt, ist kausal geworden und wird so fortwährend, das daraus abstrahierte Vernünftige ist nur ein nicht mal konstantes Werturteil, an dem kein Wirklichkeitssinn unbedingte Kausalnotwendigkeit nachweisen kann. Viel wird wirklich, was der Menschenvernunft widerstrebt, Hegel glorifizierte erst Napoleon und ebenso bereitwillig den preußischen Polizeistaat als vernünftig, also waren Greuel und Torheiten der französischen Revolution so vernünftig wie ihre bessern Elemente, ein Massenmörder hat als wirklich gleiches Vernunftrecht wie Jesus. Phänomenologie hat einen Knacks in der Denkweise, für Menschenurteil ist Wirkliches nicht immer vernünftig, Vernünftiges nicht wirklich, weil es nicht sichtbar ist! Nur was »höher als alle Vernunft« kann leiden als sinnvoll ertragen, Urchristentum hat vielleicht mehr Verständnis als Buddha, der gewaltsam das Wirkliche bezwingen und künstlich ausrotten will. Denn die Weltökonomie kennt notwendig kein Übel; was der Mensch so empfindet, ist trotzdem notwendig, also heilsam. Der Held, der für seine Ideale kämpft, ist unvernünftig in Hegels wie Buddhas Sinne, doch die Weltvernunft, nach ihrem Größenmaßstab unfaßlich für Menschenverstand, bestimmte ja deterministisch die Heldenpsyche, die ihren notwendigen Idealismus als ihr alleingültige Wirklichkeit entfaltet. Religion und Philosophie gehen darin einig, daß sie beschränkten Menschenverstand zum Maß aller Dinge machen, schon Magister Sokrates bekannte weise, das All außerhalb des Menschen sei ihm schnuppe. Kants Imperativ schleppt theologische Eierschalen mit, dem natürlichen Menschen befiehlt kategorisch nur sein heiliger Egoismus, für ihn büßt jede »Tatsache« gerade durch ihr Sichtbarwerden psychische Wahrheit ein. Der seltsame Feldherr Wellington, in dessen diplomatischer Nüchternheit manchmal etwas Intuitives aufblitzte, äußerte zu Lady Saislbury: »Betrachtet man einen Gegenstand, taucht plötzlich eine ganze Kette von Urteilen auf wie ein Lichtstrahl, man sieht alles zugleich und doch braucht man zwei Stunden, um niederzuschreiben, was in einem einzigen Augenblick im Geiste vorfiel, jeder Teil des Gegenstandes, die Beziehungen aller Teile aufeinander, alle Folgen davon stehen da vor Augen«. Dies beschreibt, bei ihm auf niedere Ebene der Wirklichkeit beschränkt, das Telepathische jeder genialen Anlage, den Zustand der Illumination, wo er sehr richtig den Augenblick viel höher einstellt als die nachhinkende Zeit der Auseinandersetzung bei Zerlegung des Gegenstands. So wird für Verstehen des Unsichtbaren spontane Theorie immer praktischer sein als Praxis, tausend Geistererscheinungen sagen nicht so viel als erkenntnistheoretisches Erfassen der Geisterwelt. »Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft!« ruft nicht der Theosoph Goethe, sondern sein Mephisto der Materie, Goethe selber erklärte jeden inspirierten Gedanken für freies Geschenk der Götter, das man passiv in sich aufnehme. Diese fälschlich Vernunft betitelte Empfangsstelle für ätherische Telefunken schafft Wissen auf höchst unwissenschaftlichem Wege, spintisierende Denksysteme schwanken hin und her wie Luthers betrunkener Bauer. Luther selbst war ein handfester Anthroposoph, der Gott Ohrfeigen anbot, wenn er dem religiösen Größenwahn nicht zu Willen sein will: Gott als Wille und Vorstellung des Menschen! Der Polpunkt Gott, der auch die Erdachse beliebig verändern kann, ist aber ein springender Punkt, wie Pascal frei nach Montaigne und Cusa sagte »le Centre nulle part«. Ständige Formeln wie »Gaswirbel«, »Ätherschwingung« sind bloße Worte, Sprachdenkbegriffe, durch neue unsichtbare Potenzen könnten alle Säulen der Naturforschung einstürzen. Die Erscheinungswelt wird uns in winzigen Bruchstücken sichtbar wie die Sternschnuppe durch athmosphärische Reibung: uns unsichtbar werdend ist sie immer noch da. Wenn der Magnet ein Staklstüchchen anzieht, folgert man daraus Magnetismus, ähnlich steht's mit den Strahlen: Zufällig lernt man eine Kraft dadurch kennen, daß sie eine uns zufällig sichtbar werdende Nebenerscheinung hervorruft. Von Tönen hören wir eine bestimmte Luftschwingungsanzahl, alles was darüber oder darunter ist, bleibt unhörbar. Wenn um uns herum Millionen Spirit's Gespräche führten, würden wir keinen Ton vernehmen, Spukgeister müssen durch Stöhnen, Scharren, Klopfen menschliche Illusion erwecken, um sich hörbar zu machen. »Auch nicht der kleinste Stern, den du da siehst, der nicht im Umschwung wie ein Engel singt«, doch solche Sphärenklänge vernimmt nur Shakespeares inneres Gehör, »solche Harmonie ist in unsterblichen Seelen, doch wir können sie nicht hören.« Beethoven und Wagner hören, was sinnliches Empfindungsvermögen vermittelt; hörten sie mehr, durch welche Instrumente sollten sie es verständlich machen? Das Unhörbare ist der Urquell alles Tönens. Licht und Farbe als Ätherschwingung sind uns nur ein Regenbogen, außerhalb dieser schmalen Grenze empfinden wir nichts. Erstaunliche Verknüpfung von Hören und Sehen, wodurch ein Sensitiver Töne bei Farbe und Farbe bei Tönen empfinden kann, beweist daher Einheit der Sinne als einheitlichen psychischen Vorgang. Materie stellt sich den Facettenaugen der Insekten völlig anders, doch ebenso relativ wahr dar, Wärme hängt lediglich von Blutwärme des Bestrahlten ab. Man redet von Dampfkraft, als ob es sich dabei um Pferdekräfte handle, doch wir nehmen nichts wahr als eine Eigenschaft des allgemeinen Wasserstoffs, dessen Aggregat- oder Auflösungszustände uns nur teilweise bekannt werden und die im Wasserstoff des menschlichen Körpers gleiche Verwandlungsfähigkeit durchmachen. Ihre Verbindung mit Sauer- und Stickstoff aus dem Äther ergibt wiederum einen Verbrennungsprozeß, so daß sich wässeriges und feuriges Element im Endergebnis nicht scheiden lassen. Erhaltung der Kraft beweist man aus Wärmesummen, ebensogut könnte man sie aus einem beliebigen andern Phänomen beweisen, wenn man die nötigen Handhaben dafür hätte. Jedes Ganze gleicht jedem Teile, doch hier sind der Teile so viele, daß der verwirrte Menschengeist nichts überschauen kann in dieser einen unteilbaren Republik (une et indivisible) des Weltorganismus, den Fechner vollkommen logisch als ein einziges psychodynamisches Wesen auffaßt. Wenn Darwin aus völliger Verschiedenheit seines Bruders von ihm sehr richtig schloß, er halte mit Galton alle psychischen Neigungen für angeboren und durch Milieu unveränderlich, so hätte er aus solcher Ungleichheit der Artung bei gleichem Ursprung lieber das Psychische des Weltbilds und aller Varianten folgern sollen. Er entdeckte kurz vor seinem Tode 1880 »die Macht der Bewegung in den Pflanzen«, darin steckt kein Evolutionsprinzip, sondern nur Identität von Bewegung und Leben, das immer psychische Dynamik ist, im Individuellen nur Spiegelung des supraindividuellen Weltvorgangs. Sein Mitstreiter Wallace, der zuerst 1858 die Phrase »strugle for life« als Evolutionshebel aufdrehte, war ebenso fanatischer Spiritist wie Crookes, aus dessen Intuitionsblitzen erst Maxwells Elektronen und die Röntgenstrahlen entsprangen. Spezialisten, die jenen nicht die Schuhriemen lösen können, bedauern herablassend solche Verirrungen wie auch von Du Prel, Sciaparelli, Flammarion, Lombroso oder Newtons Bemühung um die Offenbarung Johanni. Wir selbst stehen der Auslegung des Spiritismus skeptisch gegenüber, wie sie heute Lodge und der literarische Detektiv Doyle unterschreiben, uneingedenk des eigenen Detektivgrundsatzes, daß Indizientatsachen nur dann zur Wahrheit führen, wenn sie sich mit logischer Theorie decken. Doch nur ein verbohrter Narr verkennt, daß uns hier einzelne neue Eigenschaften des psychischen Weltprozesses wahrnehmbar werden und auch Telepathie einfach ein anderes Bruchstück jener zeit- und raumlosen Kraft bedeutet, die wir seit ältesten Zeiten als schöpferisches Genie kennen. Das Sichtbare läßt sich nur aus dem Unsichtbaren ableiten, das Unsichtbare nie aus dem Sichtbaren. Das darf aber nicht dualistisch verstanden werden, denn wenn wir zu lesen verständen, wäre uns jedes Sichtbare ein Hieroglyph für unsichtbare Zweckgedanken, jede Materie gleicht jedem okkulten Phänomen, Natur ist ein einziges Naturwunder. Sie lüftet manchmal den Vorhang, denn in Attraktion des Magnetismus, in positiver und negativer Einschaltung der Elektrizität, in Durchleuchtung der X-Strahlen, in stoffloser Fernwirkung drahtloser Telegraphie empfängt der aufmerkende Mensch sichtbare Sicherheitspfänder, daß das Unsichtbare in sich alles das trägt, was wir Leben und Materie nennen. Die Elektronen stellen den Vitalismus auf festere Grundlage, Entdeckung der Zerspaltbarkeit von Atomen gibt der alten abstrusen Atomistik den Abschied. Fern sei uns, das in Technik umgewandelte Naturforschen an sich schmälern und verkleinern zu wollen, in ihm aber hat der Materialismus ungewollten Selbstmord verübt, er zwang sich selber, Experimentalphysik zum Werkzeug des Transzendentalidealismus zu machen. Selbst praktischer Spezialismus wie Helmholtz' Optik wurzelt in abstrakten Voraussetzungen, die auf Entgegenkommen zwischen innerer und äußerer Materie subjektivobjektiv fußen. Wenn Gehrke »Physik und Erkenntnistheorie« 1921 die kausale über die konditioneile Naturbetrachtung stellt, weshalb er gegen Einstein Front macht, so mag man zwar mathematische Denkweise als teils scholastische, teils phantastische Verstandesausschweifung ablehnen, sofern sie sich souverän in die Allordnung einsetzen will, doch ist Selbsttäuschung menschlichen Kausalitätsbedürfnisses, eine realistische Wirklichkeitswelt nur aus äußerm Naturwirken aufzubauen. Kausalität (vgl. Mach) ist bloße Denkfunktion, die dem beschränkten Menschen jede Wirkung erklären soll. Aber Gott, Ewigkeit, Unendlichkeit, diese Dreieinigkeit der Allunsterblichkeit, haben notwendig keine Ursache, sind es sich selber, so daß der Kausalitätsbegriff schon in seiner Urwurzel abgeschnitten wird. Die letzten Ursachen der kleinsten Wirkung sind so unzählbar, daß dem ins Sichtbare gebannten Physikverstand unmöglich wird, den Kreislauf des Geschehens kausal zu verfolgen. Wer von A bis Z buchstabiert, folgert gewiß nicht, daß A die Ursache von Z und Z die Wirkung von A sei, sondern das ganze Weltalphabet steht gleichzeitig da. III Auch der englische Neospiritismus erweckt Mißtrauen, sobald er von Theologen ausgeht wie dem Reverend Owen in vielen Nummern des Weekley Despatch 1920. Hier erhalten wir wieder Jesus als Alleinherrn der Geisterwelt, als ob ein Buddhist so etwas mitmachen würde. Andererseits wird die von Wilberforce verpönte Hölle als »Land der Finsternis« ausgemalt. Warum besuchen Spirits nicht geschulte Denker, die sich nicht nach dem Herrn Jesus, sondern nach dem lebendigen Gott erkundigen? Und wenn ihm sein gefallener Sohn eine Reisebeschreibung des Jenseits lieferte, erwies sich Lodge früher in »Man and Universe« solcher Bevorzugung würdig? Vorsichtige Weltklugheit möchte hier voll unebener unbeholfener Schiefheit die Theologie mit jener Wissenschaft versöhnen, die er »orthodox«, d. h. unbelehrbar nennt. Beide bauten Halbwahres zu Systemen der Unwahrheit aus, wo der Buchstabe tötet und nie der Geist lebendig macht, Kompromiß zwischen ihnen kann nur die Wahrheit verschleiern. Weil Lodge sich noch mit Hirngespinsten progressiver Evolution herumschlägt, fühlt er »den Affen und Tiger in uns aussterben«! O si tacuisses, Sancta Simplicitas! hat ihn der Weltkrieg belehrt? Ei ei, da stimmte er ja selber ins Geheul der Affen und Tiger ein! Sein Evolutionswahn setzt sich in Selbstwiderspruch: Wissenschaft wisse rein nichts vom »letzten Ursprung« der Spezies, die günstigen Variationen zur Evolution seien höchstens durch » künstliche Selektion« zu erklären, also ein Unding. Blinder Zufall könne nicht lauter Günstiges gestattet haben, kein Überleben im Kampf ums Dasein könne Weisheit von Biene und Biber oder Genie erzeugen, Shakespeare entstehe nicht durch Anpassung an Daseinsmethoden. Gut! Da aber Gottes Methoden sich unserem Urteil entziehen, so können weder Wissenschaft noch Theologie etwas über Evolution aussagen. Beide lehnen Entwicklung über den Menschen hinaus ab, als ob ein Naturgesetz aussetzen und stillstehen könnte, man träumt gar den Menschen als nächste Stufe zu Gott! Dagegen erachtet Lodge die Folgerung höherer Lebensformen, sei es als Geisterkorps, sei es auf andern Planeten, mit Recht als allein logisch. Dies und anderes ist nichts Neues und Besonderes, nur ein paarmal hat er Geistesblitze, die er nicht scharf genug leuchten läßt. Vergrößerung sei zugleich Veränderung: aus dem Wassertropfen kann sich Newton Umfang und Wesen des Ozeans konstruieren, nicht aber Brandung, Ebbe, Flut, Sturm. Erst durch Vergrößerung erhalte die Erde ihre Atmosphäre und hierdurch organisches Leben, die Sonne ihre planetenwärmende Energie. Also dürfen wir Gott als ungeheure Vermehrung unserer eigenen Psyche denken, doch gerade seine unmeßbare Größe verleiht ihm bestimmte neue Attribute, von deren unheimlicher Erhabenheit unsere Kleinheit keine Vorstellung hat. Ferner: Wir wissen nicht, was für uns »Wunder« bedeutet. Denn spürt man die Erdschwingung, deren furchtbare Eile in jeder Minute uns fortreißt? Während die Wissenschaft nach soliden Unterlagen sucht, ermöglicht gerade immaterielle Basislosigkeit das Bestehen der Erde, deren unablässiges Raumdurchkreuzen jeden Augenblick durch Kollision sie vernichten könnte. Daß sie unangefochten und dabei stets unter Sonnenbestrahlung bleibt, ist ein ungeheuerliches Wunder, dessen vorbestimmte Notwendigkeit nur auf supranaturelle Leitung verweist. Biblische Wunder, heute als Hypnose oder sonstwie kommentiert (in Corellis »Zwei Welten« wandelt Jesus auf dem See durch akkumulierte elektrische Kraft), sind daneben so unbedeutend, daß es nicht darauf ankommt, ob man auch die sichtbare Himmelfahrt wörtlich glaubt. Man muß sich bescheiden und Ausdrücke besser wählen. »Auferstehung der Toten«? Was starb, nämlich Zusammenfügung von Erdatomen, aufersteht nicht; was aufersteht, starb nie. Jedenfalls, wie Lodge zugibt, behält Psychoenergie ewig die ihr natürliche Fähigkeit, sich eine Hülle zu schaffen, daher als Astralkörper zu manifestieren. Das Reichenbachsche Od, wie wir ergänzen, eine auf die Nerven reagierende Kraft, die wohl mit Erdmagnetismus in Beziehung steht, bildet eine Aura um den Menschen, durchdringt die Materie mit gewissen Wellen. Diese Strahlenemanation, zu der wohl auch die Radioaktivität gehört, beeinflußt möglichenfalls das »Tischrücken« und jede Fernwirkung. Nur Aura spiritueller Kräfte sei der Körper, behauptet Stevensens Jeckyl. Übersinnliches ragt stets in Physikalisches hinein, kein physisches, wo kein metaphysisches Gesetz. Wohl sind wir über die Zeit hinaus, wo Feuerbach dekretierte, Psychologie sei nur ein Kapitel der Physiologie. Doch mit Wundts Dualismus befreunden wir uns nicht, da er sich hütet, einen beherzten Strich unter sämtliche mechanistischen Lebensauffassungen zu setzen. Gerade der wahre Transzendentalist denkt monistisch, indem er Körperliches nicht als Parallele, sondern subordinierte Erscheinung der Spiritmagie erkennt. Daher bleibt auch der »Klarismus« unklar, den E. v. Kupfer als »Urzweiheit« aufstellt, Gottes Klarwelt und des »Naturchaos Wirrwelt«. Dies wirre Chaos besteht ja gar nicht, und daß Organisches das Primäre und Unorganisches nur dessen Schlacke sei, ist zwar eine Absage an die Evolutionsphrase, aber die »Eigenwesen« als Träger alles Werdens einsetzen, dem Individuellen selbstgestaltende Umarbeitung der Materie zusprechen ist nur eine andere Wendung von »Welt als Wille und Vorstellung«. Das führt dazu, auch die Unwirklichkeit der Zeit zu bestreiten und einen freien Willen als Gebieter vorzuschützen, denn Kausalität sei nur Summe von Vorwirkungen, bei denen jedes Eigenwesen freihandelnd mitschaffe mit einem »Rhythmus«, dessen Wirkung das zweite Gesicht vorausberechnen könne! Doch wer außer verbohrten Materieanhängern hielt denn je Kausalität für reine Mechanik ohne Einwirkung von Psychodynamik, deren Rhythmus aber kausal und Befreiung des Wülens unmöglich ist, jeder Entschluß von Eigenwesen schon selber determiniert. Auch wollte Kant den Zeitbegriff ja nicht empirisch antasten, da man sich den allem Denken nötigen Kausalnexus nur als zeitliches Nacheinander vorstellen kann. Vor dem höchsten Denken, wie es weder Kant noch Buddha allseitig vertraten, sind allerdings Sein und Werden, Ruhe und Bewegung eins, wodurch Kausalität, Zeit, Raum von selber aufhören. Doch innerhalb des Materiescheins bleiben diese Illusionen für uns empirisch wahr. Selbst hier gibt es nicht unterschiedliche Zweiheit, denn Eigenwesen sind in gleichem Grade Illusionen wie Zeit, Raum, Kausalität, innerhalb welcher sie ja allein Wirksamkeit besitzen. Wohl differenziert sich das Weltreich in zahllose individuelle Vielheiten, diese stellen aber die Welteinheit so dar, wie Atome und Zellen ein einheitliches Individuum. Wer Zeitlosigkeit nicht anerkennt, müßte dann auch bloß zeitliche Energie annehmen. Doch solcher Halbmaterialismus zieht geradezu wilde Mystik mit den Haaren herbei, wenn er unliebsamen Phänomenen begegnet. So erklärt Bohne den Geisterspuk für restierenden Niederschlag potenzieller Energien, die selbständig weiter rumoren und bei großer Anhäufung sogar Völkerkatastrophen herbeiführen! Spukende Energie, losgelöst von jedem materiellen Beisatz, heißt die Selbständigkeit des Immateriellen auf die Spitze treiben als unfreiwillige Selbstzerstörung der Mechanik! So wird dem Psychischen als Weltspuk gehuldigt, bloß um die Psyche selber wegzuschaffen! Schlauere Materiesophisten fürchten eben Verworns treuherzige »Mechanik des Geisteslebens« als gefährliche Entgleisung, denn es mißlingt ja immer, Hirn und »Seele« als identisch in Einklang zu bringen. Prüfung von Rinde und Ganglienzellen als Telephonapparate neben Fibrillen als Drähten läßt kein mechanisches Zusammenspiel zu, erst unfindbare Um- und Einschalter, Bearbeiter und Benutzer – beides in einer Person – geben die Möglichkeit. Bei soviel Absicht und Zweckmäßigkeit fällt Gehirnautomatik in sich zusammen. Ist dieser Telephonleiter nur ein Bauchredner des Unbewußten? Oder ist's Schopenhauers blinder Naturwille, im Grunde kein Wille, sondern animalischer Drang? Dieser kommt sich bei Nietzsche plötzlich autonom vor, sein eigener Gesetzgeber gegen jeden außer und über ihm stehenden Willen. Alles wüste Romantik. Blinder Naturwille kann sich weder bejahen noch verneinen, d.h. durchschauen, kein Blinder die schärfsten Augen haben. Wie belustigt ein sich selbst freibejahender Wille, mit dem Nietzsche sich zum Gotte träumte, denn dieser unmoralische sieht dem moralisch freien Willen der Theologen so ähnlich! Nietzsche selbst war gänzlich unfrei determiniert, reine Kausalerscheinung des Milieu, das gebieterisch solch kreischende Diesseitsorientierung verlangte. Erkenntnisbejahung kann nie Lebensbejahung des Ichwillens sein, wenn die von Nietzsche so hoch gelobte intellektuelle Sauberkeit bestehen soll. Denn Diesseitserkenntnis gibt es überhaupt nicht, da es weder isoliertes Diesseits ohne ergänzendes Jenseits noch Eigenwillen ohne Kausalbeschränkung geben kann. Man kennt nicht alle Logarithmen bloß durch den pythagoräischen Lehrsatz, freilich auch nicht erstere ohne letzteren. Stirners »Ich habe meine Sach auf nichts gestellt« hat einen gewissen Sinn, keinen aber das Versteifen auf ein kurzlebiges Etwas von Gegenwartskunde, dessen ohnmächtiger Schein nie von Allem zu trennen ist. Ein auf sich Gestelltes würde zu seiner Betätigung immer einer Umwelt bedürfen. Nietzsches Anarchismus widersetzt sich gleichmäßig dem Deismus, Pantheismus, Mechanismus, romantikt eine schwarze Magie des bösen Willens, der sich wie ein Besessener allmächtig dünkt, weil ihn karmamäßig zubestimmte Gehirnsyphilis reizte. Auch selbstbestimmender »Klarismus« und Wilberfordes göttliche Immanenzerklärung beeinträchtigen die herbe Demut, ohne welche das allein mögliche Erkennen, nämlich das Intuitive, sich nicht hernieder senkt. IV Nur ein törichter Naturalist belächelt als weitgehende Mystik, daß nur das Unsichtbare das Sichtbare geschaffen haben kann. Und doch weiß man schon heute, daß es keinen starren Stoff gibt, sondern jeder Steinwall durchstrahlt und in steter Bewegung seiner Atome vibriert wird. Solange man aber das Ichpersönliche als Willensmacht bestehen läßt, was dem Menschenegoismus schmeichelt, liefert man dem Materialismus polemische Handhaben. Buddha, obwohl er zu radikal verfährt im Abscheu vor vedantischer Seelenvergötterung, versetzt in Wahrheit dem Mechanismus gerade durch Ausmerzung des gewöhnlichen Seelenbegriffs einen tödlichen Schlag, denn seine Naturforschung ist ganz ins Unsichtbare verlegt und zieht dem Materialismus den Boden unter den Füßen weg, was ein vager Spiritismus nie vermag. Owens christlich orientierte Spirits benachrichtigen uns, daß der liebe Gott das Leid der Kreaturen als höchst wohltätig einführte. Es mag so sein, doch so Schweres darf nicht leichtfertig hingesprochen werden. Denn warum läßt Gott außerdem noch eine Hölle zu, ein »Land der Finsternis«, das die Bösen erwartet, aus dem sie erst allmählich erlöst werden? Owens Geister äußern sich zwar konfus, doch geben sie Unfreiheit des Willens indirekt zu, sintemal sogar ihr Jenseitsleben nur wohltätigem Zwang gehorche. Wenn sie aber ihren erfreulichen Zustand und die Hölle daneben ausdrücklich als Kausalfolge erklären, wieso verdient unfreier Wille der Bösen so grausame Strafe? Gewiß halten wir dies für logischer als Wilberforces Liebesgezeter gegen den Höllenbegriff, aber ohne Karmagesetz verwickeln diese persönlichen Geister ihren persönlichen Gott nur in Widersprüche. So bleibt leider bestehen, daß sie dem mit Kirchenvorstellungen gefülltem Hirn des Referenten nur eröffnen, was er schon selber glaubt: ein erkenntniskritisch begreiflicher Vorgang, der aber die Wahrheitsautorität seiner Besucher sehr schmälert. Wohlgemerkt schließen wir jeden Schwindel aus, wenn sie ihrem Medium die Hand führen, die im Trance ihr Diktat schreibt, zumal es ja auch Bemerkenswertes enthält, wofür wir freilich gern Owens eigenen Intellekt prüfen möchten. Übrigens wird zufriedenstellend beschrieben, welche Methode bei den Besuchen befolgt wird, welche Schwierigkeiten die Astralen zu überwinden haben, um durch den »Schleier« oder »Wall« in die Erdatmosphäre unterzutauchen, just wie man Taucher von oben her durch Helfer ihrer eigenen Sphäre mit Luft versorgt. Verwandte und Freunde ihrer ersten Sphäre stellen fest, daß diese nur eine verbesserte leidfremde Erde voll ewigem nachtlosen Sommer sei, und da können sie sich mit Raymond Lodge und andern Spirits die Hand schütteln, denn die erzählen Ähnliches. Aber daß Gewaltige der zehnten Sphäre, die Fürsten Astriel, Sobdiel und »Führer«, sich zu diesem jungen Vikar herablassen, wodurch gewann er solchen Vorzug, während der weltberühmte Oliver Lodge so viel mindere Erleuchtung genoß? Lodge glaubte schon früher an die Geisterwelt, Owen bekundet, er sei oft von Zweifeln geplagt, ob alles nicht Selbstsuggestion sei. Die Geister sagen, sie hätten es auf ihn abgesehen, weil sie ihn schon lange beobachtet und vorbereitet haben, doch ohne Angabe der Gründe für ihre Wahl. Die Danteske Phantastik vieler Ausmalungen spiegelt nur menschliche Handlungs- und Gefühlsimpulse in vergrößertem Format wider, doch das unverkennbare dichterische Talent und gar die bedeutenden Ideen, welche die Herren aus der zehnten Sphäre vortragen, entspringt dies nicht vielleicht nur Owens eigenem Unbewußten unter Geisterberührung? Daß er kein Honorar für Abdruck seiner Botschaften nimmt, bedarf er dessen, den jene hohen Herren ihrer Freundschaft würdigen, neben denen Shakespeare und Napoleon nur armselige Schlucker wären! Von Rechts wegen sollte man einen so Begnadeten zum Erzbischof ernennen! Scherz beiseite, als Literatur vom Schlage Defoes oder Wells wäre die Leistung sehr ansehnlich. Viele Gründe sprechen gegen Schwindel, wenige aber dafür, daß trotz wirklichem Kontakt mit Übernatürlichem hier Selbsthypnose ausscheidet. Denn der Anschauungskreis bleibt immer der eines englischen Pfarrers. Warum berühren die Geister nicht Weltkrieg und Weltrevolution? Weil jene Rolle, die Christentum und England dabei spielten, das Hirn des Pfarrers in Bedrängnis brächten! Keine Wahrheit, die er nicht in sich selber spürt, erschließen ihm die himmlischen Besucher. Diese »freuen« sich über göttliche Weisheit, wenn sie von ihrer höheren Zinne bestialen Lebenskampf beschauen? Krebs, Syphilis, Lungenpest, Hungertyphus, alle Hospitäler voll gräßlich Verwundeter, Erblindeter, Wahnsinniger, Not und Elend im Übermaß, Seelenleid jeder Art, Sieg grausamer Wildheit – sind dies Liebestaten des Herrn Jesus für seine verirrten Schäflein? Nein, meine Herren Geister, so geht das nicht. Wäre die Menschheit nicht böse von Jugend auf, so wäre Gottes Verhalten ungerecht und auch so lieblos. Ein Büttel, der seine ungeratenen Kinder maßlos quält, erzieht nicht zum Guten. Um dies zu verschleiern, borgt sich die Theologie von ihren Feinden die Evolutionsphrase und hantiert lustig weiter mit freiem Willen, wobei das Böse auch hienieden bestraft wird! Oho! »Malheurs de la vertu«, »Delices du vice« lauten Sades famose Romantitel, auf diesem Wege gibt es keine moralische Weltordnung. Kehrseite der Medaille: Der Mensch ist unfrei von Geburt, Gott kann ihn nicht lieben, darf ihn aber nicht hassen, weil er doch selbst die Unfreiheit veranlaßt, statt dessen bereitet er noch besondere Schwierigkeiten, das Gute zu wählen und an seine Gerechtigkeit zu glauben. Und was treibt seine Allmacht, da er als persönlicher Gott doch alles bessern könnte? Diesen gordischen Knoten durchhaut nur das blitzende Schwert der Karmaerkenntnis: der Mensch kann gut oder schlecht sein nur durch Präexistenz, nur steigen oder sinken durch künftige Existenz, nur deshalb kann ihm das kausal überkommene Leiden der Gegenwart durch ausgleichende Transformation vergütet werden. Das Erbübel ist des Menschen eigenes Werk und Abbild, Gott kennt weder Liebe noch Haß, seine Weltethik wirkt nur gesetzmäßig: wer sein Ich liebt, wird es verlieren, wer es haßt, wird das ewige Leben erhalten, wer das Unsichtbare anruft gegen das Sichtbare, wird gekräftigt gegen den Schein, wer sich ans Sichtbare klammert, versinkt im Schein. Die Geisterwelt verfolgt aufmerksam die Mimikry der Widergeburten und kann als Medium der Vorbestimmung psychisch eingreifen, ohne daß Gott als persönliche Vorsehung sich bemühen muß. Owens Geister behaupten: »Bewegung ist abhängig von Wille, Wille von Persönlichkeit, Materieform nur Manifestierung von Persönlichkeit, wechselt in Bildung und Dichtigkeit gemäß Wesen des Handelnden«. So rücken theologische Geisterseher, ob mit oder ohne Spirits, immer mit Persönlichkeit an, um Immanenz Gottes an das Ich zu binden. Bewegungsatome seien dichter als der Äther, aus dem sie sich absondern? Ja, doch ist vermessen zu lehren, daß persönlicher Wille, auf den Äther konzentriert, aus diesem Atome herabziehe, so daß zuerst der Erdball selber Produkt persönlicher Willensmächte wäre. Alle Planeten seien durch spirituelle Energie entstanden, ferner bilden bei Attraktion von Sonne und Erde zwei Linien eine Kreiskurve, Harmonie durch Antagonismus, Abbild der Lebensreibung, deren Weisheit wir nicht verstünden? Außerdem sagt ein Herr aus der 10. Sphäre: Wohl sei der Höchste-Eine das Zentrum aller Unendlichkeitskreise, doch nirgendwo sichtbar, welches Geheimnis man menschlichem Begriffsvermögen nicht klar machen könne. Uns ist's klar genug, der alte Satz »Wer Gott schaut, stirbt« bedeutet wohl auch »Wer stirbt, schaut Gott«, wie es Benetts seltsamer Roman »A glimpse« veranschaulichen will. Doch selbst für erlauchteste Geistesaugen kann Gott in keiner denkbaren Erscheinung sichtbar sein, da er zugleich das All ist und ein ewig verhüllter Punkt wie der Pol auf der Erdachse. Das kann aber kein lieber Vater im Himmel sein, zu dem Kinderaugen aus Veilchenbeeten emporlächeln. So empfand auch Reverend Chambers in »Der Mensch und die Geisterwelt« 1906, der seinen Amtsbrüdern vorwirft, sie fälschten ihre Süßlichkeit in die Bibel hinein. Laut seinem Hinduspirit regiert in der Geisterwelt eben der Geist und eine seiner Fähigkeiten sei »Form«, ein beiläufig aus Aristoteles entlehnter Begriff. Erscheinen in früherer bekannter Körperlichkeit sei nur Gedankenform. Das stimmt zu unserer eigenen Überzeugung. Auch daß die englische Hochkirche einen »Zwischenzustand« nach dem Tode in ihr Kredo aufnimmt, nicht aber, daß der Geist schon im Leben teilweise außerhalb des Körpers weile – als Insasse der Geisterwelt, die »überall« ist? Auch hier bestreiten wir jeden Dualismus, denn es ist kein Doppelleben, wenn das Unbewußte in Trance oder Traum sich vom Ich abmeldet, für waches Bewußtsein gibt es nur einheitlichen Lebensprozeß ohne Ausflüge ins Unirdische. Daß ein Hinduspirit sich als »Kontroller« eines schwachen jungen Engländers bemächtigt und aus ihm im Trance redet, dabei aber Christliches denkt wie sein Befrager, zeigt das Subjektive aller Geisterbesprechungen. Hier hören wir nichts von göttlicher Immanenz, von Gleichheit jenseitigen Zustands, aber auch nichts von getrenntem Licht- und Nachtreich mit grob-menschlicher Ausmalung, wie denn jede dualistische Vorstellung nur Vermenschlichung bedeutet. Auch von Engeln und Sphären (Paulus will im Trance bis in die 3. Sphäre vorgedrungen sein) weiß der Hindu nichts. Geister können laut ihm so wenig die Zukunft vorhersehen wie Menschen, während doch telepathische Prophetie das Gegenteil beweist. Daß das Böse allmählich vom Guten aufgezehrt werde, ist eine dem Evolutionswahn schmeichelnde Einbildung. Der gute Hindu täuschte sich gewaltig, als er 1906 besondere Energiewellen guter Geister sich vorbereiten sah, statt dessen wurden alle bösen Geister losgelassen. Denn das Böse als natürliches Mitelement der Bewegung, da es ohne Reibung weder Gut noch Bös gibt, könnte erst ganz aufhören, wenn das Weltbild zur ewigen Ruhe Gottes zurückkehrt. Nicht dulden dürfen wir ein christlich gefärbtes Geistreich mit Christus als König, oder paßt sich der Hindu dem redseligen Pfarrer absichtlich an? Erfreulicherweise bricht er mit dem Wahn eines Geisterlandes in weiter Sonnenferne statt »überall« und erklärt bestimmt, der Mensch gehe genau so ins Jenseits über, wie er im Leben war. Nur die Wenigen, die sich geistig vorbereiteten, seien drüben sofort glücklich, der einzige Gewinn des »Zwischenstands« ist das Wegfallen der Materiesperre. Davon profitieren die mit »fleischlichem Geist« Gestorbenen wenig, müssen sich mit peinvoller Mühe in entfleischlichte Verhältnisse einleben. Hierzu werfen wir die Frage auf, wer denn die unzähligen Neugeborenen mit individuellem Spirit versorge, was sich im bloßen Mutterleib so wenig vererben kann, wie die Astralaura. Nun, da ein Überfluß von Geistern besteht, d. h. von Energien mit dem Zwang zur Verstofflichung, so muß jede Neugeburt eine Wiedergeburt sein. Dieser Schuß ins Schwarze, dessen zwingende Logik noch niemandem einfiel, trifft jene Kindsköpfe, die aus jedem Embryo ein unsterbliches Ich aufsteigen lassen. In der Weltökonomie entspricht die Menge der Gestorbenen ziemlich genau den Neugeborenen, deshalb wird oft nach besonderem Massensterben besondere Fruchtbarkeit beobachtet. Eine nichtreinkarnierte Geisterwelt würde ihren Beruf verfehlen. Naturgesetzlich verkörpern sich mehr Spirits höheren Grades bei Spannungsaufschwung (Reformation, Renaissance, Revolution). Eine Welle steigt, die andere sinkt, das Wasser ist immer gleich. Symbolisch betrachtet ist Menschheitsgeschichte nichts als Wiedergeburt, Symbol und Wirklichkeit sind nicht zu trennen: was symbolisch richtig, muß auch verwirklicht sein. »Wir sind hier zu lernen, was Leben ist« (G. Moore), doch Leben ist unendlich vielfältiger als Erdleben, Menschenleben nicht bloß das von Professor Altklug und Rentier Schulze. Bischof Trenchs »Study of words« beweist ethymologisch, die Sprache der Wilden Afrikas und Australiens bedeute nicht Primitivstand, sondern Entartung, gewisse Wilde hätten das Wort Gott verloren, je vertierter sie wurden. Wenn aber ein deutscher Priester zu drucken wagt: »Buddha war nur ein elender Sünder, Jesus Gottes Sohn«, also den Genius der Menschheit auf eine Person beschränken will, so heißt dies die Allmacht lächerlich machen und zum Fetischkult herabsinken. Nur der Karmagläubige demütigt die angeborene Unverschämtheit des Hiobmenschen und verschont mit empirisch scheinbar berechtigtem Zweifel vor Gottes Gewitterantwort: »Wer verdunkelt meinen Ratschluß durch Worte ohne Verstand?« Jesus gab zu wie Buddha, daß nur Erkenntnis seine Lehre beweisen könne, »der wird bald inne werden, ob sie von Gott ist«. Sein Lieblingsjünger bewies tatsächlich, daß die Psyche von Gott sei, er schlug die Bücher des Schicksals auf. Werden dessen Siegel gelöst und unerhörtes Ferngesicht der Prophetie als wahr erkannt, dann ist dies wirklich Offenbarung. Die Apokalypse prophezeit, daß »Berge, Hügel, Inseln« verschwinden, d. h. alles Überragende und vornehm Isolierte eingeebnet werden, auf welche Gleichmacherei sofort die letzte Ausgießung des Unheils folgt, das Signal der siebenten Trompete. In diese Katastrophe treten wir ein und ob dann wirklich die Geisthelden (Heiligen des Herrn) siegen? Nie fühlte das Papsttum sich sicherer als im März 1517, wo ein lateranisches Konzil sich zur Ausrottung aller Ketzerei beglückwünschte: im Oktober schlug Luther seine Thesen an und der Petersdom wankte. So schien die Allmacht der Cäsaren fester begründet als je zur unbeachteten Stunde, wo von Golgatha das Erdbeben sich näherte. Niemand zweifelte an Unerschütterlichkeit napoleonischer Tyrannis und endgültigem Untergang deutscher Nation, als Napoleon nach Rußland zog. Sechs Monate später lag er am Boden und das verachtete Preußen stieg empor. Könnten so die unerforschlichen Mächte nicht auch heute einen Sieg des Heils vorbereiten? »Materie ist kein Produkt des Geistes« (Engels), Denken »nicht Ursache, sondern Folge und Eigenschaft« (Feuerbach), »ein Spezialfall« (Lange)? Vielmehr ist es kein Spezialprädikat, Wahrnehmung selbst nur Gedachtes, wie Atmen nicht Folge der Atmungsorgane, sondern letztere nur Folge der Atmungsnötigung, Eigenschaft hat nicht Ursache aus dem Ding, denn das Ding könnte ohne Eigenschaft gar nicht dasselbe sein. Feuerbachs Humanismus fiel sich oft selbst in die Flanke, Bewußtsein des Unendlichen sei Unendlichkeit des Bewußtseins? Das ist gar nicht der Kardinalpunkt, sondern woher kam dies Brunonische Dell' infinito in endliche Hirne? Das Gefühl ist atheistisch, »leugnet gegenständlichen Gott«? Der Mensch bedarf Gott als Ergänzungsideal seiner Bedürftigkeit: Evangelienharmonie malt Heliand als Siegfried mit zwölf Apostelrecken, doch als Baldurgegensatz zum heimischen Berserker. Mit so muffiger Spekulation lockt man keinen faulen Hund vom Ofen, »wie sollt' ich, was ich glaub', mir erst beweisen lassen?« (Rückert). »Psychologisches Objekt bin ich mir selbst, physiologisches den anderen«? Also nur ich selbst bin für mich abgesondertes Leben, Einsamkeit ist Unabhängigkeit. Unsichtbare Größen kann man so wenig messen wie die Ameise den Menschen, dessen Stiefel sie abtastet. Die Biene erkennt wenigstens ihren Imker, da erdreistet sich der Mensch, seinen Imker zubestreiten, weil er ihn nicht sieht! Die Biene wählt Tod durch eigenen Stich zur Verteidigung des Kollektivstaats: Tod, wo ist dein Stachel? Wenn Maschine ohne Ingenieur den Jahve ablöst, so schlägt Evolutionstheologie in gleiche Bande. Dreifaltigkeit Larve, Puppe, Käfer bildet ein Ich, eins von Licht, Wärme, Elektrizität spüren wir falsch als drei, Stoffwechsel ergänzt sich täglich durch Luft, Licht, Wärme, so muß sich Heimliches in ihm ablagern, wie ein von Pflanzen absorbiertes Licht zum Steinkohlenlager wird. Während gelehrte Fakultäten über stets veränderte Tiefe hüpfen wie Irrlichter, steht Psyche in hellen Flammen, sobald man Bodenschätze des Unbewußten entdeckt. 13. Die wahre Relativitätstheorie. I Daß menschliches Denken von jeher eine Doppelwelt des Sichtbaren und Unsichtbaren annahm, zeigt die frühe Entstehung der Mathematik. Aus einfacher Raummessung stieg sie zu metaphysischer Betrachtungsweise auf, indem sie sich immer mehr von Raum, Zeit, Bewegung ablösen, selbständig operieren, sogar euklidische Geometrie durch neuartige Größenauffassung ersetzen will. Sie geriet aber durch ihr Schwanken zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem auf bedenklichen Doppelweg, der sich in keinen Scheideweg spaltete und auf dessen doppelgabeligem Geleise es keine Rückkehr gibt. Man vergegenwärtige sich, daß der pythagorische Lehrsatz nur eine mit dem Zirkel demonstrierte Idee und keine irgendwo in der Außenwelt gefundene Tatsache ist. Von diesem Ausgang reiner Vorstellung verirrte sich das Messungsdenken unaufhaltsam ins dämonische Reich der Zahl, welche sich, obschon selber der Vorstellung entsprungen, an sichtbare Materie festsaugte und hier eine wachsend verhängnisvolle Praxis übte. Aus ihr entstammt die Messung des Eigentums und hiermit der gesamte Kapitalismus, der den Menschen von der Zahl abhängig macht, Zins und Wucher beruhen auf Rechnen. Obschon Mathematik diese niederen Formen vornehm hinter sich ließ, bedient sie sich doch gleicher Mittel, ihr Wesen ist Rechnen, die mechanischste Verstandesübung. Mögen Logarithmen sich noch so abstrakt gebärden, es bleibt halt Zahlenaddition wie im Geschäftsbuch eines Finanziers. Vergleicht man damit den hochgeistigen Ursprung, so wirkt es, als hätten die Veden sich in jüdische Kabbala verwandelt, die dem Weltgeheimnis mit dem Spinnennetz der Zahl auflauert, uneingedenk der Unwahrscheinlichkeit, daß ein Adler sich um Spinnengewebe kümmern werde, die er mit leichter Berührung seines Flügelschwungs von der Wand streifen kann. Das ist Abstraktion im übelsten Sinne und Goethes Wort berechtigt, daß Mathematik die Anschauung töte, was Schopenhauer erst recht unterschreibt. Abstraktes Denken steht hoch im Preise, doch wenn zwei dasselbe tun, ist's nicht dasselbe, so verwandelte Spinoza die gewaltig anschauliche Metaphysik Brunos in Substanzrechnerei. Im eigentlichen Sinne ist intuitives Denken niemals abstrakt, alle Ideen treten wie die platonischen plastisch auf, ähnlich Kunstgestalten. So war Schopenhauer, obschon ein schiefer Denker, ein Künstler. Wenn er den deutschen Musikrausch hätschelte – Leibphilosoph Richard Wagners – und hörbare Tonkunst, die ganz in Sinnlichkeit wurzelt, für leibhaftige Weltidee erklärte, dabei aber Rossinis Rosinen für schmackhafter hielt als Beethovens Nektar, so ist dies eben sein künstlerisches Eigenwesen, sein ganzes Denken ästhetisch. Goethe schrieb seine Farbenlehre nach gleichem Maßstab wie seine Dichtung. Sobald man bei Zunftphilosophen ein Schwelgen in Formeltrockenheit bemerkt wie bei Herbarths Apperzeptionen oder englischen Utilitariern, ist's mit dem Denken nicht weit her. »Wahre Liebe denkt in Tönen, denn Gedanken stehn zu fern«, singt Tieck so hübsch, doch wahres Denken denkt in Büdern, denn Gedanken stehn zu nah, blasse Formeln bleiben leblos, bis sie in Gleichnissen plastisch vom Denkenden ferngerückt und so vor ihm lebendig veranschaulicht werden. Weil Gott sich anschauen, deshalb das Weltbild materialisieren muß, muß auch die Psyche die Idee als Bild vor sich sehen. Höhere Mathematik nimmt als bewiesen an, was sie voraussetzt. Alle Achtung! So und nicht anders entstanden alle Kirchendogmen, dann geht alles wie geschmiert. Man sollte endlich lernen, auf welcher Basis die Wissenschaft beruht, sobald sie die Aufgabe äußeren Registrierens verläßt und in die Ferne schweift, wo ihr das Gute so nahe liegt, nämlich nur Ausdeutung und Ausbeutung äußerlicher Materiebeziehungen als praktische Milchkuh zu weiden. Ein glücklicher Spezialist wie Pasteur starb als braver Katholik, weil Wissenschaft und Religion zwei ganz getrennte Gebiete seien; das spricht Bände für die geistige Unreife solcher Materieexperten. Da scheint die Haltung Darwins, Haeckels usw. achtungswerter, weil sie wenigstens mutig sich zu ihrer Göttin der Vernunft bekannten, denn wer sich nur mit Materie befaßt, darf auch nur an Materie glauben. Den wenigen Naturforschern, denen gerade ihr Forschen den Ausblick ins Transzendente öffnete, sei Preis und Ehre, doch überzeugte Deisten sind keine Kirchenchristen, ein Gelehrter, der katholische Sterbesakramente empfängt, bezeugt nur seine Ungelehrsamkeit in allem Hochgeistigen und die Richtigkeit von Chamberlains Urteil, daß der mittelmäßigste Mensch heut ein berühmter Spezialist werden könne. Verbannte doch selbst Descartes gleichsam Gott auf den Isolierschemel einer unbewohnten Wüste analytischer Geometrie! Wenn E. v. Mayer ihn sinnlos »Mönch« schimpft, so war seine »Methode« jedenfalls nicht radikal genug für heutige Materialisten, weil seine weise Zurückhaltung die Unmöglichkeit von Nur-Mathematik erkannte. Den ethisch überlegenen Pascal führte Mathematik aus fanatischer Frömmelei zu einer Mystik, deren katholischer Anhauch den erstrebten Horizont umnebelte. Beide Begründer der hohen Mathematik beweisen nur, daß kalte Nüchternheit der Zahlenrechnung einer reinen Erkenntnisfreiheit widerstrebt und in Halbheit ideologischer Mechanik oder mechanischer Ideologie steckenbleibt. Doch diese schemenhafte Schematik hat wenigstens das Gute, Unendlichkeit des Geschehens vorauszusetzen, wie es im All nicht anders sein kann. Demgegenüber heischt die Eindeutigkeit der experimentellen Physik Unterordnung der ihr so nötigen Mathematik unter sogenannte Wirklichkeit. Unterscheidung beider Disziplinen in »konditioneil« und »kausal« (Gehrke) erscheint müßig. Mathematik verlegt das Kausale in Logik der Denkschlüsse, Physik aber müßte konditionell arbeiten, wenn sie logisch dächte und nicht Kausalität mit äußerlicher Empirie verwechselte. Sobald sie nur strenge Beobachtung des Sichtbaren will, müßte sie alle kombinierten Naturgesetze fallen lassen, die als bloße Vernunftschlüsse nur konditionell sein können. Das tut sie aber wohlweislich nicht, weil sonst ihr Experimentieren in lauter Mosaik auseinander fiele, das man nur künstlich zusammensetzen kann und das gleichfalls nur konditioneile Bedeutung hätte. Was die Physik kausal nennt, geht aus Voraussetzung bindender Naturgesetze hervor. Diese Prämissen als Gegebenes, Unbedingtes vorschützen und in Rechnung setzen, vergewaltigt den reinen Kausalbegriff. Das Unsichtbare als unwirklich ausschalten und dennoch mit unsichtbaren Gesetzen hantieren müssen, so blamiert der Realismus sich selbst. »Exakte« Wissenschaft kam gerade durch willkürliche Selbstherrlichkeit rein spekulativer Hypothesen zustande. Über der höheren Mathematik prangt, wie schon erwähnt, Descartes' ungeheuerliche Prämisse: »Ich nehme an, daß alles Gesuchte schon gefunden sei« und Kopernikus nannte bescheiden seine Heliozentrik nur »eine mögliche Hypothese«. Wenn das schwindelnd hohe Logarithmengebäude sich ins All projiziert und die Astronomie daran hinaufklettert, so scheint die Übereinstimmung der Berechnung mit planetarischen Vorgängen ein viel größeres Wunder als die verpönte Astrologie. Denn kosmische Einflüsse (Mond auf Ebbe und Flut) sind etwas Gegebenes und Gestirnbestrahlung kann im Augenblick, wo ein Wesen »das Licht der Welt erblickt«, recht wohl ein Medium der Vorbestimmung sein. Nur denkfaulem Materialismus scheint dies undenkbar, zumal die von jedermann einzusehenden Ephemeridentafeln (vgl. Trent »Die Seele und die Sterne«) die gesetzmäßige Übereinstimmung der Horoskope zu beweisen scheinen. Der kindische Abscheu aller Materieanbeter vor »Mystik« leugnet also plötzlich die Naturmacht, ihnen dünkt alles supernaturell, was nicht auf plumpste Mechanik hinausläuft, als ob Planetenstrahlung nicht gerade so mechano-dynamisch verfahren könnte wie beliebige X-Strahlen. Dagegen müßten alle, die sich als Sklaven der Materie proklamieren, über das Märchen lachen, daß gelehrte Rechenexempel mit unbekannten Größen glatt aufgehen und »der Natur Gesetze vorschreiben«, wie Kant sich lustig ausdrückt: Man müsse den Weltstoff »so annehmen wie er sein muß, wenn wir von ihm durch Erfahrung belehrt sein wollen «. Dieser Rattenkönig geistiger Vergewaltigungen enthält das Eingeständnis, daß »Vernunft und Wissenschaft« nur ein Zauberstück des Subjektivismus aufführen, der will, daß die Welt sein muß, wie es seinem Bedürfnis paßt. Es erschüttert das Zwerchfell, wenn der Materialismus jeden Okkultismus als widersinnig verfolgt, selbst aber in widersinnig Okkultes verfällt. Er schwört auf das an sich (wie Chamberlain zugibt) abstruse Gravitationsgesetz und höhere Mathematik, weil Erfahrung ihr recht zu geben scheint, die nämliche Erfahrung, deren objektive Unhaltbarkeit klar vor Augen steht. Die Pseudo Wissenschaft entbehrt jener Skepsis, die der Allzermalmer Hune auf jeden Glauben anwendete, doch bezeichnenderweise nur vor der »Metempsychose«, d. h. dem Wiedergeburts- und Karmagesetz haltmachte, weil dies logisch unwiderlegbar eine gewisse Wahrscheinlichkeit in sich trage. Was aber der Materialist wörtlich nimmt, hat vielleicht Kants obige Formulierung ahnungsvoll viel tiefer fassen wollen? Denn solche scheinbare Übereinstimmung der Dinge mit hypothetischen Ideen ist nur möglich durch innere Einheit des Geschauten mit dem Schauenden , wodurch die »Natur« das Vernunftdenken gleichsam willig entgegennimmt und das unbewußt Schöpferische der Ideen mit der allgemeinen Weltseele zusammenfällt, indem Gott im Sinne der Mystiker des Menschen gleichsam an sich zieht. Und siehe da, schon anerkennen die Briten bereitwülig mit bewundernswertem Freimut, daß ein deutscher Hunne ihren Naturgesetzpapst entthront: Einstein kontra Newton behält recht, wie Lodge obenan offen erklärt. Einsteins Relativitätstheorie stößt Grundbegriffe mathematischer Anschauung um und empirische Prüfung gibt ihm Gewährleistung seiner theoretischen Entdeckung. Aber schien dies früher nicht ebenso bei Newtons Hypothesen? Statt also zu schreien: Eureka, jetzt fanden wir die Wahrheit, sollte man sich bescheiden: jede Korrektur eines gültig scheinenden »Naturgesetzes« beweist nur immer wieder das Relative, keineswegs das Absolute. Unter höherer Bestrahlung des Naturschauens haben Einstein und Newton alle beide recht, beiden kommt das sichtbare All wohlwollend entgegen und paßt sich ihnen scheinbar an. Denn es scheint ein metaphysisches Allgesetz, daß die menschliche Vernunft, solange sie im Verstandesbewußtsein ohne innere »Schauung« des Subliminalen verharrt, stets die Erscheinungen der Natur so findet, wie sie es wünscht und es ihr zuträglich ist. Natürlich nur, weil sie wirklich Erscheinungen widerspiegelt, die sich in unendlich verschiedener Form mal so mal so dem Forscher vorstellen. Daß sie alle innerlich eins und das Nämliche, daß ihr Wesen jenseits jeder Verstandeswahrnehmung liegt, daß dem Objekt gegenüber immer nur Ignorabinus gilt, solange man mit Verstandeswerkzeugen arbeitet, daß innerhalb der Bewußtseinsmaterie stets nur Erscheinungsspiegelungen bemerkbar werden und jede Betastung des wahren Objekts sich ausschließt, das stempelt jede Verstandeswissenschaft zu anthropomorphischem Kinderspiel, das sich am eigenen Subjektivismus ergötzt. Man entrüstete sich einst über Swifts Gelehrtenrepublik von Laputa, doch seine Weltsatire des »Gulliver« erweist sich dauerhafter als Dekrete der Royal Society, freies Schauen dichterischer Symbolik wahrhafter, als Einbildung des Rechenverstandes. Einstein fußte hauptsächlich auf Mißlingen des Michelsonschen Versuchs, Raumachsen eines Lichtäthers zu ermitteln, doch gerade Michelson verwahrt sich gegen ihn noch stärker als Starck und Denard, der die neue Atomlehre von Rutherford und Bohr weiterführte. Hiernach bildet das vorgestellte Atom ein Sonnensystem für sich, um das Elektronen in elliptischen Bahnen kreisen, positiv und negativ, radioaktiv umwandelbar wie Radium in Blei, Quecksilber in Gold. Konstanz im Makround Mikrokosmos wird aufgehoben, Gravitation ein elektromagnetischer Vorgang, wobei die Masse ebensoviel Energie erhält wie abführt. Durch Elektronen sind wir dem ewigen Licht verbunden, doch wenn so ewige Versorgung mit Wärme gewährleistet, warum durchreißen Erdzertrümmerungen und Kometen die stabile Konstanz? Da muß was in Unordnung sein, krankt das Lebewesen Erde an Stauung schlechter Säfte, tritt ihm Gehässigkeit seiner Bewohner in die Galle, so daß Astraldruck Störung der Schwerkraft hervorruft? Warum zieht man nicht den todbringenden Schluß, daß Verallgemeinern einseitiger Beobachtungen unnatürlich und Naturgesetze so relativ sind wie Einsteins eigene Theorie? II Lord Kelvin erklärte den Weltäther für die einzige Materieform, von der wir etwas Bestimmtes wüßten, wirklich? Dies Wissen führt zu seltsamen Widersprüchen. Einerseits soll der Äther die Transversalschwingung des Lichts und die Gravitation bewirken, was elastischen Körper voraussetzt, andererseits muß er ein Gaszustand sein, da er gravitierenden Planeten keine Reibung entgegenstellt. Fricke verglich ihn daher mit flüssigem Wasser, das sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt und dessen Energie zuerst als Gravitation einen Druck und dann als Wärme ein Einströmen in die Materiekörper ausübt. Lenards Hypothese von den in Licht umgesetzten Ätherschichten soll der Kritik Einsteins ein Bein stellen, hat aber wenig Überzeugendes, denn sie teilt diese Grundlage aller Materie überflüssig in Einzelschichten und den außerhalb zwischen den Sternen ruhenden Uräther. Dagegen steht Wienharts Frontmachen gegen Einsteins Ätherwegleugnung auf metaphysischem Untergrund, der sympathisch berührt: auch Schwerkraft gehöre zur Elektrodynamik, die aus Verkettung von Äther und Materie entspringe, Wahrnehmung unzähliger selbständiger Körper täusche, alles sei ineinander verflochten, und zwar durch die Beschaffenheit des Äthers, der allein Verbindung zwischen Molekülen herstellt. Das leuchtet ein, indessen ist Physik nicht imstande, diese Verbindung irgendwie zu beobachten. Wohl aber läßt sich feststellen, daß selbst eine so gewaltige Molekularmasse wie die Sonne die an ihrer Oberfläche tanzende Richtgeschwindigkeit des Äthers nur um ein winziges Quantum ändert. Die Materie ist so locker und materiell wesenlos, daß ihre Bewegung durch den Äther hindurch von diesem sogar nicht empfunden wird, sie scheint so fein ätherisch wie der Äther selbst. Der Gravitation werden durch riesigste Weltkörper keine Schienen angelegt, sie überspringt diese, als wären sie nicht da! Von Struktur des Äthers oder gar von Raumstruktur statt Äther (Einstein) möchten wir aber absehen, beides setzt solche Materiequalitäten voraus, die das Unsichtbare seinem Wesen nach nicht haben kann. Struktur soll ihm angedichtet werden, um die Atomistik zu stützen, die in Bälde als überwundener Standpunkt gelten wird. Raum ist ein Menschenbegriff und Raumstruktur eine jener Abstraktionen, die man einschiebt, wo Begriffe fehlen, denn wie kann es Struktur in der Unendlichkeit geben! Wer verfolgt denn eine strukturelle Raumeinteilung, etwa die Planeten unter sich? Deren innere Wärme sowie die Radioaktivität lassen dagegen darauf schließen, daß Ätherlicht und Materiemasse sich in einer Art Austausch zueinander befinden. Letztere entsteht aus Äther oder löst sich in ihm auf, jedenfalls ist der Weltäther als Ursprung aller sichtbaren Dinge, als Verleiher aller Körperlichkeit, als alleinige Allmacht der Materialisierung zu schätzen. Daß die Bedingungen unbekannt bleiben müssen, gibt Nölke zu, will aber dabei mit Campbell an der kausalen Erhaltung der Materiemasse festhalten. Das ist sicher falsch in solchem Sinn, Masse ist steten Zufall ausgesetzt, und was in ihren Transformierungen erhalten bleibt, ist eben nur die Kraft, nämlich der Äther. Dies Unsichtbare kann auch allein den Vermittler zwischen dem molekularen Zellenkörper und dem anti-atomistisch einheitlich wirkenden Bewußtsein abgeben. Übrigens entschied sich die Physik bereits in obigem Sinne, indem sie die Masse des Atoms von dessen Energie abhängig macht, für deren Erhaltung sich die der Materie unterzuordnen hat. Tausend Sonnen brauchen nicht »erhalten« zu werden, wohl aber ist die Kraft, aus der sie stammen, unvergänglich. Ändern Sonnen das Postulat Unendlichkeit? Nicht nur fürs Auge, sondern auch fürs Teleskop enthalt das mächtige Himmelsgewölbe leere Räume? Das ist wahrscheinlich ein Irrtum, der ganze Äther dürfte mit Dichtkörpern durchsetzt sein. Die Unendlichkeit hat vielleicht den gleichen Horror Vacui, den das menschliche Bewußtsein empfindet. Man darf ruhig folgern, daß das Element der Unendlichkeit, nämlich der Äther, mit der Stoffrealisierung identisch und das Unsichtbare nicht rundweg das Unstoffliche sei. Man muß sich nur von allen bisherigen Stoffbegriffen frei machen und das Psychische, dies Äquivalent des Unsichtbaren, von jeder Abstraktion befreien, es vielmehr als die gleiche Trägerin aller Weltkräfte auffassen wie den Äther. Dieser macht sich ja in größerer oder kleinerer Dimension dem bewaffneten oder unbewaffneten Auge sichtbar als ein bläulich erscheinender Himmelsstoff. Was aber irgendwie sichtbar wird, ist schon deshalb nicht das wahre Wesen einer Kraft, sondern nur ihr Sinnbild. Seit den ältesten Zeiten hat man hinter diesem »Himmel« die Unendlichkeit und in ihr den Sitz der unsichtbaren Weltpsyche geahnt, ehe man noch im entferntesten die physikalische Allmacht dieser anscheinend stofflosen Erscheinung kannte. Man vergleiche die wundersame Intuition Napoleons über den Äther als allgemeines Psychenreservoir. Indem wir aber dem Äther wie der Psyche die gleiche Notwendigkeit steter stofflicher Emanation zuschreiben, erkennen wir sie als eins und den Begriff »Geiststoff« (Mind-stuff) als einen Schuß ins Schwarze. Daß die Sonne vermöge ihrer Schwerkraft das Licht der ihrem Rande nahen Fixsterne von ihrer geradlinigen Bahn ablenke und daher Lichtkrümmungen stattfinden, diese Stütze der Relativitätstheorie und ihre astronomische Bestätigung erweist sich nach Lenards Feldzug gegen Einstein als Schein? Denn der alte Mathematiker Soldener behauptete schon 1801 Gleiches, obschon er von den durch Einstein umgestürzten alten Raum- und Zeitbegriffen ausging, so daß Einsteins neue Formeln teüs überflüssig, teüs auf die gleichlautende Berechnung aus ganz andern Voraussetzungen nicht anwendbar erscheinen. Daß ein Kathodenstrahlenforscher wie Lenard den durch Hertz und Maxwells Elektrizitätslehre geheiligten Äther pietätvoll verteidigt, könnte man ja nur als erfreulich billigen. Doch solange die Physiker selbst den letzten zureichenden Grund ihrer Materie mit empirischem Rüstzeug behandeln, wo doch jede Möglichkeit des Experiments fehlt, und die sinnbildliche Bedeutung ihres Uräthers ihnen sozusagen ein kauderwelsches Fremdwort bleibt, werden sie die Klippe physikalischer Widersprüche in ihrer Ätherlehre nicht umschiffen. Die Relativitätstheorie mag physikalisch wenig bedeuten, das ändert nicht ihre erkenntnistheoretische Bedeutung, indem sie in die chinesische Mauer der Naturgesetze ein breites Loch schlug. Nicht als ob Einsteins mathematischer Scharfsinn selber philosophisch etwas Höheres beabsichtigte als den üblichen Gelehrtenkrakeel über Formeln, wodurch man im Konversationslexikon die Unsterblichkeit gewinnt, etwa so: »Der geniale Urheber der heute freilich überlebten Nullstrahlentheorie ...«, man begackert feierlich den Stuhlgang der Natur wie ein frisch gelegtes Ei, verliert sie aber aus dem Auge, denn selbst mikroskopische Untersuchung ihrer Eingeweide erriete nicht, wie sich ihr Weltenblut durch den Allkörper verteilt. Wissenschaft denkt durch und durch materialistisch, benimmt sich aber wie ein Ideologe, der Schatten nachrennt. Ihre Hypothesen gleichen Rousseaus Gesellschaftsvertrag mit der Prämisse »der Mensch ist freigeboren«, während die Abhängigkeit des Säuglings sich endlos fortsetzt und seine Ketten von ihm selber geschmiedet werden, von der Feigheit seines jedem Zwang gehorchenden Ich. Wenn die Gelehrten prahlen, sie suchten freigeborene Wahrheit ohne Rücksicht auf materiellen Erfolg, so wäre dies ein Idealismus, der wenig zu materialistischer Anschauung paßt. Der kundige Thebaner weiß es besser und würdigt die Amtsinteressen, die jedes Eingehen auf Unsichtbares verbieten. Wahrheit im Sichtbaren suchen und daraus trotzdem einen unsichtbaren Endfaktor in blauer Ätherferne ableiten, von dem ziellos magnetische Ströme ausgehen, ist belächelnswerter Selbstwiderspruch. Denn solange man diesen unsichtbaren Raum- oder Äthergrund nicht greifbar wahrnimmt, ist ja das alles nur Glaube, unangekränkelt von Wissen, nichts wird damit erreicht, daß man Uräther als Schoß aller Dinge lehrt, solange man ihn wieder nur als sublimierte Materie auffaßt. Ruckweise fielen die Schuppen von den Augen, daß auch die Molekularmasse als Geschöpf des Äthers genau wie er jeder Körperlichkeit nach Menschenbegriff entbehrt. Die Vorstellung, Atome seien »bevorzugte Stellen« im Äther, ist gottvoll, durch wen bevorzugt? durch den Äther selber, dessen immer gleiche Lichtgeschwindigkeit nirgendwo auf Widerstand stößt und daher auch nicht durch Hemmungsreibung konkrete Massen bilden könnte? Welchen Anlaß hätte er zu künstlicher elektrischer Spannung, um dadurch Materie zu erzeugen? Das wäre sinnlos, da der Äther an sich verdichteter Stellen nicht bedarf. Inwiefern sind sie bevorzugt? Verdichtung eines Gases ist Benachteiligung seiner schrankenlosen Alldurchsichtigkeit und Alldurchdringung, solche Inseln eines Äthermeers nimmt man nur an, weil die gewöhnliche Wahrnehmung keine materielle Vollbesetzung des unendlichen Raums erkennt. Jede Stelle des Äthers mag von Lebensgewalt wimmeln, nur gibt es kein Teleskop für das uns Unsichtbare. Lauter Ausflüchte, um sich an der Tatsache vorbeizudrücken, daß auch der Äther nur eine für Menschenverstand letzte feinste Form bedeutet, hinter welcher aber noch viel Feineres verborgen sein mag. Dem Unsichtbaren, das seine Verstofflichung reihenweise wie Blätter einer Artischocke ausbreitet, vermag man eben nicht auf den Leib zu rücken, bei so subtilen Wechselbeziehungen würden selbst dem denkbar größten Verstand und sogar jenseits der Bewußtseinsschwelle viele Einschläge entgehen. Das einzige Wissen von den letzten Dingen kommt nur dem intuitiven Denken, das sich bescheidet, nicht als Topfgucker der Natur herumriecht, doch die Maske des Sichtbaren durchschaut und von vornherein dem Unsichtbaren als dem Alleinigen huldigt. Wissenschaft fängt endlich zu begreifen an, daß ihre Gesetze stets einer Relativität unterliegen, insofern sprach Einstein ein erlösendes Wort, obschon er nur die Materieträumerei an anderm Webstuhl fortspinnen will. Im Grunde hieb Herbert Spencer in unsere Kerbe, wenn er meinte, jede Evolution müsse mit Gleichgewicht enden, daher Evolution und Auflösung aufeinanderfolgen. Damit wird aber dem Begriff Evolution die Spitze abgebrochen, denn was notwendig zu einem Ende kommt, ist kein ständiges Aufwärts, jedenfalls macht man so Entfaltung zu etwas Relativem, während wir wohl Gleichgewicht, doch keine Auflösung anerkennen, denn wir sehen durch die Zauberformel des Unsichtbaren klar das einzige Nichtrelative. Erhitzte Psychen wirken suggestiv, wie heiße Eisenstangen ihr Vibrieren kälteren Metallen mitteilen, doch »Molekularbewegung« von Hirn zu Hirn verträgt als unsichtbarer Akt kein Umhängen mechanistischer Mäntelchen, denn Übertragung kann hier nur durch Äthervermittelung im Zwischenraum der Atome geschehen, auch hypnotische Berührung erfolgt durch unstoffliche Brücke mit elekronischen Faktoren, wir sind selbst mit der Sprache als Vermittler unsichtbarer Denkbewegung so im Reich des Geheimnisvollen, daß Nordaus »Paradoxe« Unnötigwerden der Sprache durch unstoffliche Verbreitung von Vorstellungen zulassen. Überall waltet psychisches Relativitätsgesetz. Nietzsches Ankündigung vor versammeltem Kriegsvolk »Gott ist tot« fälscht, wie Salmoneus' Nachahmung des Zeusdonners, die Relativität: jedes Erleben hat die Weltregierung, die es verdient. Horneffers Apotheose zeigt uns nur, daß dieser Seiltänzer, während er vor gaffender Menge den Niagara zu überschreiten versprach, sich uralte Schwimmgürtel anschnallte. Überwundenwerden im Selbstüberwinden, wie ist uns denn, klingt das nicht gnostisch? Ewige Veränderung läßt sich nicht dinglich fassen, kein Entweder-Oder, sondern lauter Oder, Ja und Nein. Hartmanns Kulturethik und Tolstois Kulturekel stehen auf gleichem Illusionsschlamm. Solche Kurpfuscher fördern nur »Selbstzersetzung moderner Kultur« (Rosener, »Propheten«). Turgenieffs »Erinnerungen« fühlten sich von Tolstois Verbrecherphysiognomie eines lasterhaften arroganten Grandseigneur-Offiziers abgestoßen. Wie bekehrte sich solch Puschkinscher Onegin oder krummbeiniger Salonhusar Lermontow zum Muschikheiland? Nur er selbst erfand angebliche Volksbewegung als Baldriantropfen für die eigene Selbstverdammnis, so wie der epileptische Spieler Dostojewski mystische Neumoskowiter nur zu eigener Selbstbefreiung schuf. Nur Personalismus ist Historismus. Alles zu fett mit sozialem öl gesalbte Denken vergißt, daß Plutus I. sich ebenso ein hilfreicher Helfrich dünkt wie Rathenaus schmalziger Edelmut, im »historischen Materialismus« des Sozialismus treiben Hegels Gesetz des Widerspruchs und dialektische Spitzfindigkeit durchaus Subjektives. »In der Produktion versachlicht sich die Person, in der Konsumtion subjektiviert sich die Sache«, doch der Bann, in den die Objekte das Subjekt schlagen, waltete allzeit auch in der Agrargesellschaft, die Bodenscholle legt das gleiche unerbittliche Lohngesetz auf wie die Maschine. Grundlegender Irrtum des Marxismus, ewigen Wechsel der Produktionsbedingungen vorauszusetzen und sich doch auf die Leibgarde der Fabrikarbeiter zu beschränken! Sozialismus ist so wenig »Wesenswissenschaft« (Fries) wie »Evidenz immanenter Sachlichkeit« (Windelband), aus Marx' Synthese ergibt sich die Analyse, daß Abkehr vom Sozialismus in späterer Phase ebenso vernünftig wäre. Daß wir durch eigene Einwirkung auf die Außennatur unsre eigene verändern (»Kapital«), ist verschroben. Verschaffe ich mir viele Nahrungsmittel, ändere ich damit meine gute oder schlechte Verdauung? Jeder Wirtschaftszwang bleibt relativ. Wie bezeichnend, daß Adam Smith als Adam der Nationalökonomie in einem Buch Gemeinsinn, im andern Selbstsucht zur alleinigen Triebfeder macht! Sobald Gorter »lebendigen, nicht mechanischen Prozeß« anerkennt, macht er seinen »Historischen Materialismus« zunichte. Plechanow »Grundprobleme« 1910 verachtet »vulgäre Evolutionstheorie«, findet Haeckel so unklar wie Hegel, doch denkt Marx klarer, im Kunstwerk kämen allgemeine Sitten der Umwelt zum Ausdruck? Mona Lisas Lächeln drückt nur Leonardo aus, gemalte und gemeißelte Metaphysik nur den Michelangelo. Und Marck 1922, Lasson usw. oder Simmler, Sombart usw. oder Stammler als Marxkritiker, üben für Gehör des reinen Sozialismus vielleicht nur Stammeleien, doch wir müssen auch abwinken, wenn Eleuteropolos Philosophensysteme als bloße Ausflüsse des Klassenkampfs ausgibt. »Die Menschen machen ihre Geschichte selber, ihre Bestrebungen durchkreuzen sich« (Engels), holla, das ist glatte Ableugnung einer nur wirtschaftlichen Basis, wie die Altmeister sozialistischer Theorie ja auch den »Zufall« großer Männer einbeziehen. Damit fällt aber die Möglichkeit, ökonomisches Bedürfnis als unvermeidlich ausschlaggebend vorzuschützen. Keynes' »Wirtschaftliche Folgen des Friedensvertrags« enthüllen Vergewaltigung durch niedrigste Parteipolitik, doch sie genügte, das Rad rückwärts zu drehen. Den Weltkrieg schuf eine Summe seelischer Gebresten, deren Symptom der »historische Materialismus« selber. Luthers »Von weltlicher Überkeit« nennt Fürsten »die ärgsten Narren und Buben«, doch solchen »Henkern Gottes« müsse man demütig zu Füßen fallen! Alte Produktionsverhältnisse forderten Bauern- und Bürgerrevolution, doch weil er bremste, blitzte das verpönte »Schwert« als verschärfte Obrigkeit. Man nehme gängelnde Personen weg, und es gibt weder diese noch von Dittrichs »Reden an die deutsche Nation« fälschlich gepriesene Reformation noch Loyolas unnatürliche Gegenreformation. Ohne lebendige Einzelmotoren bleibt die träge Masse tot. Relativität ist auch Merkmal des Spiritismus, dessen Verneiner das Kind mit dem Bade ausschütten. Astralleiber als leere Schalen würden vom Medium angezogen, durch ihn zu Scheinleben galvanisiert, so daß sie sinnloses Zeug schwatzen? Nun, nicht immer ist es sinnlos, nicht immer nur dem Medium angepaßt. Wohl soll man jeder Erscheinung mißtrauen, weil alles körperlich Erscheinende nach Erdenton schmeckt, wie steht es aber mit Tischrücken, wo außer physischen Handlungen des Tisches nichts sichtbar erscheint und redet, sondern Unsichtbares sich in kontrollierbarer Zeichensprache meldet? Raymond, der seinem Vater über das Heerlager des Geisterreichs rapportiert, gleicht völlig dem lebenden Leutnant Lodge, dies hätte rückwirkende Kraft für Möglichkeit persönlicher Fortdauer. Man gewöhnte sich, da moderne Psychologie ins selbe Hörn Buddhas stößt, das Ich höchstens als Präsidenten einer Zellenrepublik aufzufassen, dessen Wahl durch Zellenauflösung ungültig wird, jedenfalls hat es als Vizestellvertreter des transzendentalen Ego nur Existenz auf Kündigung. Doch man kommt an der Tatsache nicht vorbei, daß das anstößige Allzumenschliche der Spirits mit ihrer den Menschenichen analogen Ungleichheit eher für ihre Richtigkeit spricht. Die Schattenhaftigkeit der Geisterwelt behält die gleichen Triebmotive mit Unebenheiten und Unstimmigkeiten psychischer Verschiedenheit. Metempsychose der Pflanzen beobachtet man in ihrer sichtbaren Metamorphose, Transformation zersprengter Körperzellen beeinträchtigt nicht mal die Unsterblichkeit in materialistischem Sinne, denn ob sie als Grashalm oder Wurm weiterleben, kommt für das entschlafene Ich auf eins heraus. Was ist das für eine Materie, die selber nicht weiß, wohin sie gehört und die ein gelehrtes Phantasma wird? Sie muß sich über Gaswirbel lustig machen, mit denen man sich den Kopf des Weltalls zerbricht, sie zu messen ist aussichtsloses Unterfangen, man kann Wärme messen, doch nicht den unsichtbaren Ursprung subjektiven Wärmebegriffs. Biologie bekennt zwar selber ihr Ignorabimus, warum der Keim sich zum Organismus entfaltet und dieser sich zweckmäßig behauptet, doch das Problem ist ohnehin falsch gefaßt. Wäre Leben eine Reihe zufälliger Erscheinungen beliebiger chemisch-physikalischer. Kausalitäten, so könnte allgemeine Zweckmäßigkeit nirgends stattfinden, man wirft nicht dauernd Treffer, wenn man nicht mit falschen Würfeln spielt. Mechanismus widerlegt sich selbst, wenn er nicht ehrlich-radikal Leben und Welt für ein Zufallchaos hält. Deshalb hilft sich der Vitalismus damit, daß er Leben als unphysikalischen Begriff einführt; daß aber Energetik nur rein Psychisches als Welthebel voraussetzt, wollen Oberflächentänzer nicht einsehen und verdrehen auf Grund grobkörnigen Materials das Eigenwesen zu Lebemaschinerie. Das umgeht die Frage, was diese Mechanik aufdrehe, Leben als sein eigener Deus ex machina agiert im Grunde wie Schopenhauers Wille, obwohl supraindividuell. »Kraft ist Beschleunigung der Masse« bedeutet nur, daß man Beziehungen der Dinge untereinander messen kann, läßt aber die Frage unbeantwortet, woher die Beziehung stamme, und versinkt in achselzuckende Hilflosigkeit, wenn man solche Formel beim Worte nimmt und zur Rede stellt. Sobald man es irgendwie naturwissenschaftlich faßt, zerflattert Leben zwischen den Fingern. Zuletzt wird offen ausgesprochen, Wissenschaft sträube sich gegen etwas so Unnatürliches wie das Leben, sintemal nur Mechanik natürlich sei! Dies Aufdenkopfstellen unbefangener Naturbetrachttung macht die Biologie als Lebenslehre verdächtig und anrüchig, indem sie eine Gruppe sichtbarer Erscheinungen von »totem« Stoff absondert, ohne diesen Unterschied irgendwie erklären zu können. Organisches Leben ist keine organische Chemie, tatsächlich wissen wir aber von ihm weit mehr als von einem toten Stoff. Wenn ein Gelehrter naiv verlangt, Metaphysik dürfe nur Analogien zur Materie aufstellen, so liegt umgekehrt der Analogieschluß nahe, daß wir aus dem wenigstens äußerlich bekannten Leben folgern müssen, der uns psychologisch ganz unbekannte tote Stoff sei eben nicht tot, sondern lebendig in anderer Art. Eine Luftwelle, ein elektrisches Fluidum sind geradeso Lebensäußerung wie Atmen, ein Lichtstrahl wie Hellgesicht, ein majestätisches Gewitter wie Entladung genialer Gedanken, nur die Ebenen dieser Vorgänge sind verschieden. Telephonischer Anschluß an die Zentrale der Weltkraftquelle hat die verschiedensten Drähte und bedient sich ihrer mit ungleicher Geschäftigkeit. Sie sorgt für Sicherungen der elektrischen Maschinerie: versinkt ein Erdteil, taucht ein anderer auf, erblindet ein Stern, erstrahlt ein anderer, stirbt ein Genie, flugs wird ein anderes materialisiert. »Denn die Erde zeugt sie wieder wie von je sie sie gezeugt« (Goethes Euphoxienklage). Auch hierin herrscht transzendentaler Monismus, daß Ibsens Julian umsonst nach einem dritten Reich sucht, sondern nur ein Reich Gottes »inwendig« ist. Dies ewige Leben, ja auch nur äußeres organisches Leben als Sonderform einer Zufallsmaterie auslegen ist die unnatürlichste Ausgeburt einer Geisteskrankheit. Jede bloß intellektualistische Phüosophie, welcher das intuitive Empfinden abhanden kam, gelangt immer auf einen toten Punkt, solche Verstandesgymnastik quält sich mit Neukanteanismus. In der Schopenhauergesellschaft sprach man von der »durch Kant entgötterten Welt«, Th. Lessing erkannte im historisch gewordenen Gott nur den nach Naturherrschaft lüsternen Menschen! Doch wenn alle Erlösungslehren den Aufstand des Geistes gegen Erdenleben bedeuten, so soll dieser Geist sich eben zur Wahrheit durchringen, daß er selber Leben ist, also seine subjektiv berechtigte Unzufriedenheit gegen Materieeinkerkerung mit sich selbst in Zwiespalt gerät. Sobald er seine Materialisierung als notwendige Phase des ewigen Lebens erkennt, die zur Abschleifung seiner Bedürfnisse dient, und in der Menschheitsgeschichte Selbstbestrafung und Selbstbelohnung unter supranaturellem Antrieb entdeckt, läßt sich die Karmafrohn gelassener ertragen. Alles Erleben auf allen Ebenen bleibt nun einmal ein unsichtbarer Prozeß, nur inneres Erlebnis macht den Geist lebendig. »Poeta nascitur, non fit« gilt auch für Anlage zum Materialismus und Idealismus. Jeder, der auf Pseudorealismus schwört, verfährt unselbständig determiniert, Evolutionsgeschwafel enthüllt am klarsten, daß nicht Tatsachen heiliggehalten werden, sondern deren hypothetische Vergewaltigung, die eigene antiideale Nüchternheit führt charaktereologisch den Schulgelehrten wie den Krämer zur Leugnung des Idealen, so wie früher Theologieprofessoren den Geist in ihre anthropomorphisch materialistischen Glaubensartikel einschmieren wollten. Wissenschaftskirche ist nur Auferstehung geisttötender Pfaffen. Der ganze Schwarm von Darwins Nachfolgern und Anhängern begrüßt im Mechanismus nur eigene Verstandesöde und Charakterschwäche, deren deterministisch böser Wille es sich mit Ausstreichung des Transzendentalen bequem macht. Wir dürfen spotten: Ist Geist nur Ausscheidung wie Urin und Galle, und ist der Mensch, was er ißt, dann darf man doch von Darwins chronischer Verdauungsstörung nur insana mens in insano corpore erwarten, und sein Verstandesurin wäre ein Symptom physischer Unzulänglichkeit gestörter psychischer Maschinerie! Haeckel war freilich ein sehr gesunder Mensch; falls man nicht seine Ansteckung durch Darwins Hirnbazillen annimmt, bewiese ihre Übereinstimmung, daß der Geist unabhängig vom Körper arbeitet, Physisches darauf nicht den geringsten Einfluß hat. Wenn wir uns von banausischen Scherzen der Kraftstoffelei abwenden, bleibt jedenfalls bestehen, daß jede Weltanschauung menschlich-subjektiv denkt, entsprechend dem eigenen individuellen Trieb. Unwissenschaftliche oder wissenschaftliche Krämerseelen müssen Materialisten sein, Pseudodemokratie geistiger Pöbelmajorität muß antiheroisch und antiidealistisch handeln, sonst verurteilte sie ihr eigenes niedriges Fühlen, dagegen muß ein Geistesaristokrat das Leben heroisch idealistisch, das All transzendental auffassen. Da es sich also nur um subjektive Machtfrage handelt, so wird man wohl Buddha, Jesus, Plato, Bruno, Leonardo, Goethe mehr Verständnis für das Wesen der Dinge zutrauen als einer Rotte von Mittelmäßigkeiten. Diese wird freilich jeden Tag unverschämter, ein solcher Kathederschmarotzer (wie Chamberlain in seinem Kantbuch zitiert) rieb sich herablassend an Goethe, weil dessen Naturanschauung nicht mit nachgeschmierten Kollegienheften in Einklang steht. Das ärgste Versehen, Vergehen, Verbrechen einer als gewissenhafte Registrierung von Beobachtungen und Messungen verdienstvollen Wissenschaft besteht in der Verstocktheit, womit sie aus ihren eigenen jüngsten Entdeckungen nicht die natürliche Folgerung ziehen will: Hinfälligkeit sichtbaren Stoffes, Alleinherrschaft unsichtbarer Kräfte. Alle wahren Grundsätze des Materialismus fußen auf Annahme undurchsichtiger Materie, beweglich durchsichtige Stofflichkeit wird durch Strahlung zum gleichen Vorgang wie Beseelung im Organischen, alle okkulten Phänomene sind natürliche Analogien der elektrischen und Strahlenvorgänge. Wäre der Mensch nicht selber Psyche, würde sein Denken als bloße Ausscheidung des Stoffes sich nicht stets in gleicher automatischer Linie bewegen? Die ungeheure Ungleichheit der Iche, obwohl alle auf gleicher stofflicher Grundlage, verweist eben auf unsichtbar Psychisches als einzig mögliche Ursache karmamäßiger Unterschiede. Wer materialistisch oder idealistisch fühlt, der denkt auch so, handelt danach und sieht die Dinge, wie er fühlt, denkt, handelt. So irrt einseitig überspannter Spiritualismus ebenso wie Materievergötzung, denn das Sichtbare ist an und für sich da als Koeffizient menschlicher Vorstellung und kann nur insofern als Schein gelten, als es für subjektive Wahrnehmung nur ein Sinnbild wird ähnlich wie Götterbilder. Wer eine Zeusstatue anbetete, meinte ja nicht, dies sei Zeus selber, sondern glaubte nur vermöge des Sinnbilds die Nähe des Gottes zu spüren. Die Griechen dachten vielleicht weise, wenn sie für die Menschen nur den Olymp der Naturgewalten brauchten, darüber aber den unbekannten Gott der Notwendigkeit hängen ließen, der logisch Parzen und Erynnien entsendet Alles Geschehen ist die Ethik selber , so wenig Vernunft und Wirklichkeit nach Menschenbegriff sich decken. Pan flötet wie der Rattenfänger von Hameln, der Mensch scheint äußerlich dualistisch wie die Zentauren, doch die Natur ist monistisch beseelt, jede Woge eine Nymphe, jeder Baum eine Dryade. In indischen Walddörfern, wo Hellgesicht so wohlfeil wie Brombeeren (vgl. ruhige Aufzeichnung eines englischen Forstmeisters), sieht man einen Spirit in jedem Baum. Nicht als ob wir an Baum- oder Windgeister wörtlich glauben sollen, wohl aber an das Grundprinzip, daß die Psyche in Verbindung mit allem Unsichtbaren steht. Wer über indischen Okkultismus die Nase rümpft, der lese den Bericht eines kühlen Briten über den »Tigerzauber«, wie ein kleiner fröhlicher Greis mit einem Glöckchen alle Tiger in weitem Dschungelumkreis psychisch morphinisiert, so daß man sie gefahrlos abschießt. Danach erscheint das Erlebnis der Blavatzky, wie ein Chela durch Aussprechen eines Wortes einen springenden Tiger tötet, nicht mehr so ungeheuerlich. Wirklichkeit hat Sinn und Würde nur, wenn man sie als gegenseitige Ausgleichung von Stoff und Kraft würdigt. Wenn Materialismus einen Pseudomonismus als Grundpfeüer trägt, so darf Idealismus in viel höherem Sinn monistisch denken. Alles greifbare Sichtbarwerden des ewig Verborgenen und ewig Offenbarten verlockt dazu, die aus irdischem Verhältnis von Subjekt und Objekt entspringenden Zwangsvorstellungen für selbständige Erscheinungen zu halten, doch jede Glasscherbe, jeder Wassertropfen spiegelt die gleiche Sonne. Jedes Phantasiebüd lebt als anschauliche Spiegelung, »ich weiß, sie sind unsterblich, denn sie sind«, rühmt Goethe von seinen Frauengestalten, jede Vorstellung ist Schöpfung, jeder Gedanke wirkliche Tat. Hegels Dekret: »Was wirklich, ist vernünftig, was vernünftig, wirklich«, klingt als Gemeinplatz sehr unvernünftig. Beide Menschenbegriffe könnten nur Attribute einer höheren Einheit sein, nämlich des Notwendigen, das allein Wirklichkeit und Vernunft für sich beanspruchen darf, ohne diesen Sein-Sinn könnten all die Scheinattribute, die er in sich schließt, gar nicht bestehen. Hegels Satz müßte lauten: »Was vernünftig scheint, ist notwendig, was notwendig ist, scheint vernünftig.« Doch auch damit kann man nicht zurecht kommen, der Syllogismus ist falsch, denn während Vernünftiges notwendig sein muß, braucht Notwendiges nicht vernünftig nach Menschenmaßstab zu sein. Was ein Herr namens Hegel als vernünftig anspricht, deckt sich schwerlich mit dem Ungeheuer Notwendigkeit. Der Hinkefuß seiner Lehre lugte bald hervor, indem er das Konservative damit schirmte, weil das Bestehende allein vernünftig sei. Natürlich haben Revolutionsgreuel das gleiche Wirklichkeitsrecht: weil sie entstehen, sind sie notwendig. Und deshalb vernünftig? Keiner Phänomenologie kommt volle Wirklichkeit zu, Notwendigkeit ist geradeso transzendental wie Freiheit, steht daher nicht in Beziehung zu unserer Erfahrung sichtbarer Materie. Der Raubmörderfrieden von Versailles war sehr wirklich, obendrein kausal bedingt durch notwendige Bosheit und Dummheit der Urheber, doch Keynes plauderte das Geheimnis von jedermann aus, daß dies höchst unvernünftig sei. Empirisch darf man nicht mit der Zuversicht schmeicheln: Was Gott tut, das ist wohlgetan. Menschenurteil soll sich größerer Zurückhaltung befleißigen. So sah Hegel den Napoleon als wirklich werdende Weltvernunft, aber was war vernünftig-notwendig, sein Aufstrahlen oder Verlöschen? Eins oder das andere beurteilte Parteistandpunkt als vernünftig, der Parteilose wird sogar das gepriesene »Waterloo« als unvernünftigste Begebenheit auffassen, konterrevolutionäres Zurückschrauben um 50 Jahre Reaktion zum Schaden Europas. Warum war notwendig, diesen Sturz zu veranlassen? Der Mechanist begnügt sich mit grundlosem Kräftespiel, doch der Kenner weiß, daß nicht mal gewöhnliche Kausalität Waterloo ergab. Eine Reihe unberechenbarer Faktoren mußte schon 1812 und 1813 zusammenwirken, 1815 mischten sich erneut Naturelemente ein und ertränkten im Wolkenbruch des 17. Juni alle Siegeschancen Napoleons, die am 16. 18. sich schicksalmäßig ins Gegenteil verkehrten. Napoleons Geniewille selber sah seinen Untergang voraus, Hugos Phrase »er genierte Gott« gibt nur wieder, was der von »Schicksal« Verlassene selber fühlte. Dies alles war aber weder materiell notwendig noch vernünftig, die Notwendigkeit hat also andere Zwecke supranatureller Art, wofür sie plötzliche Ursachen und Wirkungen anhäuft. Für uns aber bleibt Alles nur relativ. Um vom Großen und Ganzen aufs Teilchen und Kleine zu schließen, was ist wirklich an einer Persönlichkeit? Marmonts Memoiren schildern Napoleon als Doppelich, welches von beiden war das Wirkliche? Jeder denkt sich »Miß« Tennyson den Lovelypoet als Ladiesman, in Wahrheit war er ein ungehobelter Gesellschafthasser, dessen wahres Wesen nur das byronische »Locksley Hall« einmal ausstöhnte. Bei Byrons Tod schrieb der Jüngling auf alle Dünen: »Byron starb, die Welt ist zu Ende«, ahnten das Carlyle und Thackeray, als ihre Poesiefremdheit den sittigen Tennyson gegen den bösen Byron ausspielte? Welcher Kausalvernünftigkeit entsprach es, daß seine poetische Wirksamkeit sich so entgegengesetzt entwickelte? Horace Smith, der 1814 Jung-Byron witzig parodierte, erzählt mit bitterm Ernst ehrfurchtsvoll, »der Außerordentliche« habe seine Rippen befühlen lassen, um seine trainierte Magerkeit festzustellen: »Selbst die kleinste Äußerung des illustren Dichters muß interessieren.« Wer wird aber solche Scherze für vernünftige Wirklichkeit Byrons halten? Es gab eine Zeit, wo ein Vater sein Söhnchen begeisterte: »Der Lahme dort ist Byron«, als ob er vom Herrgott spräche. Vgl. »Byron et le romantisme Français« 1902 mit neuester Literarhistorie von Macwilliam 1905, Kathedereinseifung für Studenten. Auch jedes Geschichtsurteil ist relativ, die einzige Rienziquelle (Sammlung Muratori) notorisch von Jesuiten gefälscht, und wie widersprechend malen Kavalier Porter und Puritaner Hutchinson die Cromwellzeit in Privaterinnerung ihrer Parteiinteressen. Auch politische Begriffe sind relativ. Internationale? Isolierte Nationalitätsinseln gibt's nicht mehr, man beschenkt sich gegenseitig, mit Recht stellt Nölting der Pflanzenanalogie Spenglers entgegen, daß Pflanzenschicksal auf Wechselseitigkeit beruht, doch andererseits bewahrt jede Pflanzengattung ihre Eigenart, internationale Verflachungsüberschwemmung verschlingt keine Rasseninsel. Auch »Recht« bleibt relativ. Die einen schnitzen Pfeile der Rache, andere spannen den Bogen, der Gläubige wartet ab, ob Donnerkeile vom Himmel fallen, doch »welcher recht hat, weiß ich nicht«. Was war vernünftig, die lange Byronschwärmerei Europas oder heutige Nichtbeachtung, was ist Wirklichkeit in ewig schwankenden Werturteilen? Früher pries man Raphael auf Kosten Michelangelos, heute diesen auf Kosten Raphaels. Bei Dickens und Thackeray zweifelt heute niemand, wer der Echtere war, doch bei Lebzeiten verdiente Dickens jährlich 10+000 Pfund, sein größerer Rivale sah sich 1849 nach einem Staatspöstchen um, damit er ohne Not schaffen könne. Nur Dickens selber kannte die Wirklichkeit, haßte, beneidete, verfolgte hinterhältig trotz eigenen Riesenerfolgs den Überlegenen, dessen neidlose Großmut mit rührender Selbstblasphemie den Kitsch »Dombey« über sein unsterbliches »Vanity fair« und den sentimentalen Copperfield über seinen genialen Pendennis stellte. Nur einmal riß ihm die Geduld: »Meine Bücher sind ein Protest gegen die seinen, sind die seinen wahr, dann sind die andern falsch«. Der schauspielerische Effekthascher, hinreißendes Darstellungstalent zu lauter Mätzchen mißbrauchend, und sein eitler, unwahrer Charakter waren aber nicht minder wirklich als sein bedeutendes Gesicht, während Thackeray wie ein gutmütiger John Bull aussah. Was war nun wirklich an solcher unvernünftigen physiognomischen Täuschung? Und nun Thackerays Urteile: Hoods »Sang vom Hemde« die feinste Lyrik, die je geschrieben«, Dumas »wunderbar, besser als Scott«! Urteile und Wertabmessungen sind aber psychische Faktoren und Tatsachen, falsche Kunsterfolge erst recht, ihr Unwirkliches und Unvernünftiges klingt wahrlich nicht als Vernunftharmonie. Wie kann sich das äußerlich Materielle mit Hegels Satz decken, wenn das Psychische, dem er doch den Begriff »vernünftig« entnimmt, hier überall versagt? Ein schottischer Hausierer fand auf der Landstraße ein liegengelassenes Buch, Murrays Byron-Gesamtausgabe 1837, diesen Funken blies er in sich zu einem Poetenlichtchen an. War dies notwendig, da er schon mit 30 Jahren starb? Wenn Tyche de Brahe von Schweden ausgerechnet nach Böhmen ins Exil ging, war wohl kausal, daß er dort Kepler zum Assistenten nahm. Wenn er dort plötzlich starb, hinterließ er ziemlich notwendig Kepler seine astronomischen Notizen, mit denen er als bloßer Beobachter nichts anzufangen wußte. Dies alles mag man noch kausal nennen bis zum entscheidenden Punkt, daß Kepler daraus die Ellipsentheorie fand. Oder ist inspirierte Intuition auch notwendig? Dann wird dieser allmächtige Grundbegriff sofort der Materie enthoben und ins Immaterielle verschoben. Zufall gibt es nicht innerhalb Notwendigkeit, ihr Wesen aber bleibt geradeso verhüllt und unsichtbar wie die Weltvernunft, wir erfahren nur einen Schein davon. Jeder Menschenbegriff braucht ein unbekanntes Supplement, das über Supranaturelles verfügt und sich nicht dem anpaßt, was ein Hegel wirklich oder vernünftig findet. Dies ist leichter gesagt als verstanden. Fand der Urmensch die Einsicht seiner Nichtigkeit im unbegreiflichen All, so war dies gewiß notwendig auf Grund psychischer Wirklichkeit. Denn sich dem Religiösen widersetzen heißt das Psychisch-Notwendige unwirklich und die sicherste aller Wahrnehmungen, die eigene Kleinheit, vernunftwidrig schelten. Zu welcher Logik als zur Gottheit soll denn der Naturmensch gelangen, wenn er sich Wurm unter den Gestirnen sieht? Dagegen sind Gebete zu einem Gottbegriff »Liebe« Versuche an untauglichem Objekt. Nur in der Karmaauffassung wird alles gleichzeitig vernünftig und notwendig. Überall ist etwas am Werke, was Napoleon Schicksal nannte, absichtlich bestimmende Leitung höherer Kausalität, die sich nicht begrifflich mit dem strikt Notwendigen deckt, sie ist keine Formel »Wenn's regnet, wird's naß«. Nicht »zwei mal zwei ist vier« regiert, sondern ein unbekanntes X. Warum der Hausierer Macferlane das Byronbuch fand und deshalb dichtete, scheint objektiv zwecklos, aber nicht subjektiv, ihm war es notwendig durch vernünftigen Beschluß seines Karma. Wenn einseitiges Anschauen des Kausalnexus zu Mechanismus verführte, so stimmt dies höchstens zum Sichtbaren, zerfällt sofort, sobald man das Unsichtbare als das Wirkliche erkennt. Jeder antimetaphysische Monismus verdient nicht seinen Namen, blöde Einseitigkeit verleugnet hier die wahre Einheit und zwingt Nachdenkliche so förmlich zum Dualismus. Indem sie aber das Sichtbare vom Unsichtbaren trennen, begehen sie gleichen Denkfehler. Sie beten einerseits gläubig den Evolutionsschwindel nach, den ein Fußtritt des Alls ebenso leicht zerstören kann wie Nietzsches Übermenschenwahn, erkennen andererseits ein höheres Prinzip und folgern daraus dessen Absonderung vom »Naturchaos«. Doch so wenig hienieden Geist und Stoff zu trennen, so wenig Immanenz und Transzendenz, Allmanifestierung und Weltseele, eins ohne das andere ist begrifflich ein Unding. Es gibt weder Materiemonismus noch Dualismus, sondern nur das eine, wofür wir das Wort transzendentaler Monismus fanden. Selbst die Sprache bedarf der Säuberung von dualistischen Elementen. In Sinnumbildung vieler Worte im Laufe der Zeit darf man keine seelische Umwandlung suchen. Einbürgerung und Festpflanzung englischer Worte hielt nicht Schritt mit äußerer geschichtlicher Entwicklung. »Church«, »Monastery« mag man aufs Griechische zurückführen, Monk aber ist lautlich Mönch, Cloyster und schottisch Kirke blieben während Normannenzeit als Sachsenworte für Kloster und Kirche. Für Abstrakta fehlen die richtigen Worte. So hat Deutsch nicht zwei verschiedene Ausdrücke für »Geist«, wie englisch mind (Verstand) und Spirit (höherer Manas). Geist als Logos darf nicht mind heißen, dennoch umstellt Wilberforce beide Begriffe, macht aus mind Gott und Seele, aus Spirit ein verstohlenes Ich. Byron vereint beides: »Eternal Spirit of the boundless mind«, spricht aber im Unsterblichkeitsgedicht der »Hebräischen Melodien« von mind, offenbar um das kirchenverdächtige soul zu vermeiden. Ebenso wird unterschieden Ghost (Gespenst) von Spirits. Das gibt lauter Wirrwarr. Gott kann unmöglich den gleichen Namen Geist führen wie der Menschengeist, Holy Spirit oder deutsch Heiliger Geist nicht von Gott verschieden, Weltspirit aber nicht mit Spirits gleich benannt sein. Im Deutschen übersetzt man Geist für Logos, obwohl man gleiches Wort für Menschenverstand anwendet, was griechisch keineswegs Logos heißt. »Geist Gottes« ist ein übertragener Ausdruck, als sagte man Geist Goethes, Gott hat weder Geist noch Seele, sondern ist alles zugleich. Das geheimnisvolle Logos verwirrt durch falsche Interpretierung; das italienische Spirito ist annähernd richtiger, zumal anima als Seele davon unterschieden wird, im Englischen etymologisch sogar ins Tierische animal degradiert: Seele also gleich organisches Leben. So wirbeln Begriffe durcheinander, ihres ursprünglichen Sinnes entkleidet. Denn philosophisch ist Seele wirklich gleich Leben, die Religionen machen aber daraus persönliche Ichseele, so daß das Wort denkerisch in Verruf kam. Für »im Anfang war der Logos« genügen »mind« und »spirit« so wenig wie »Geist«. »Der Logos war bei Gott und Gott war der Logos« soll vielleicht heißen » wurde «, der Logos verschmilzt sich mit Gott. Der Sinn ist wohl: im Anfang war das Unnennbare, das »Wort«, oberstes Weltgesetz als Gottesemanation. Dies Wort sie sollen lassen stahn. Der Blitz erlischt, die aufblitzende Kraft besteht fort. Der Begriff Seele scheint junger und kirchlich dunkler Herkunft, die Evangelien kennen nur Logos, verwandt mit Genie, wie das Wort Genius besagt, Geist (mind) nur sein Ausdrucksmittel. Deshalb ein Genieblitz Byrons, wenn er Freiheit als Genius des grenzenlosen Geistes anruft, der in Ketten am hellsten leuchte: transzendentale Freiheit von Materieketten. »Evidenz von Güte und Weisheit in der Außenwelt ist sehr fragwürdig«, meint der Aufklärungstheologe F. W. Robertson (»Leben und Briefe« von Brooke). Ihn lasse Gott als Schöpfer und erste Ursache kalt, und wo Laplace und Hume dies nirgendwo demonstriert sehen, genüge kein bloßer Glaube. Wir lassen dies nicht gelten, geben dem Unglauben kein Recht zu denken: »Gott scheint ein boshaftes Vergnügen darin zu finden, daß er beim Leid verweilt, das er verursacht«. Dieser Freund Lady Byrons, dem sie ihr ganzes Leben erzählt haben soll (man begegnet bei Robertson keinem Tadel gegen Byron), möchte Gott nur durch Jesu Leben und Lehre offenbart finden, wohlgemerkt durch einen vermenschlichten Erlöser, von dem er meint, niemand wisse, was Jesus wirklich wollte. Derlei ist doch nur unbrauchbarer Kantismus: Gott als Produkt menschlicher Seele. Welcher Seele, von Jesus oder Kant? Gewiß anerkennt Larochefaucould nur deshalb Eitelkeit und Selbstsucht als einzige Triebfeder, weil er selber eitel und selbstsüchtig war, doch für den Durchschnittsmenschen trifft es zu und dessen Seele soll Gott schaffen? Vor dem Gerichtshof des Verstandes stellt Berufung auf Gott in Leben und Natur keinen juristisch haltbaren Beweisantrag, keine Offenbarung Gottes bloß von Gnaden menschlicher Vermittler ist zulässig, er offenbart sich nur dem eigenen innern Erkennen. In Balfours Biographie Stevensons erscheint dieser tragisch angehauchte Liebhaber des Unheimlichen und seltsame Schöpfer brutaler Gestalten, der in lebenslangem Siechtum energische Mannheit bewies, als demütiger Gottgläubiger. Ihm aber strahlt Offenbarung nur in Schönheit und Erhabenheit der Natur, was dem Philister mehr oder minder fremd bleibt, unter 100 Alpinisten folgt kaum einer andern Reizen als denen »mannhafter« Muskelbetätigung. Und die großen Massen? – »Ich ahnte nicht, wie ganz unzugänglich sie sind für Beweggründe, die den bürgerlichen Durchschnitt regieren, wie ganz versunken in Selbstsucht infolge unablässigen Kampfes gegen die Gesellschaft, düstere undurchdringliche unterirdische Schufterei brütet im Proletariat der Weltstädte« (»Rutherfords Deliwerance«). Und das soll unsere Zukunft bestimmen! Im Stadtleben offenbart die Natur wenig von ihrer Eigenschaft, organisch Wunden zu heilen. Findet zwischen Erwerbsphilister und Hungerkandidat der Geistarbeit innerer Ausgleich statt? Endet der Idealist nicht stets in schleichendem Ekel-Ärger und Lebensüberdruß? »Müd' alles dessen schreie ich nach ruhevollem Tod«, beichten Shakespeares Sonette. Nichts trauriger als Anklammern verzweifelnder Geistmenschen an ein Diesseits, das ihnen nur Unlust bereiten muß. Wer sich heroisch aufschwingt, wie oft erlahmt sein Fittich! der Materie eintöniges Tropfen höhlt den Stein. In solchem Gedankenkreis bewegt sich jeder Gottsucher, den christliche Schönrederei nicht blendet, doch allzumenschliche Stimmung muß überwunden werden. Des Waldes geheimnisvolle Heilgymnastik für Pflanzen und Tiere waltet auch in der Menschenwildnis, schafft Raum und Licht, daß hohe Wipfel die Sonne schauen, Singvögel ihre Nester bauen und Eichhörnchen nach droben turnen. Der Adler, den Johannes schaute, wird ewig am Himmel schweben. Beliebige Molekülen im Äther können keine Psyche ausmachen, bloßer Lebensodem des Äthers nicht einer Neugeburt Individualität verleihen, sonst würde man dazu kommen, jedes Atom für einen besondern Spirit zu halten. Daß die Individualpsychen immer wieder zurückkehren, zeigt die Unzerstörbarkeit jeder Rassenpsyche. So erbte die Romkirche genau den herrschsüchtigen Imperialgeist der Römer, die griechische mit Systemen und Sekten alle Vorzüge und Fehler der Hellenen. Die Patmosschauung als beweisbare Voraussicht des unsichtbar Werdenden muß uns Mut machen, kein zeitlicher Tod ist möglich in zeitloser Zukunft, das Geistige kann sich vom Stoffe lösen. Gott aber ist nicht Stoff, also nicht Person, nicht Einzelwesen, also nicht Persönlichkeit, nicht Geist, also nicht bloß Immanenz der Menschenpsyche, nicht alliebende Allseele, also kein dem Lebensjammer gelassen zuschauender »Vater«, sondern ein mit sich selbst ringendes Unvorstellbares, in dem Stoff, Kraft, Geist, Seele sich zu unbegreiflicher Einheit verknüpfen. Sein Name ist: Ich bin, der Ich bin, Ich war, der Ich war, Ich werde, der Ich werde. Das allein ist nicht relativ. »Plötzlich stößt Mathematik auf eine Grenze ... daß Probleme, die in der Natur liegen und von ihr selbst gelöst werden, dem Menschen unlösbar bleiben, so führt Mathematik mathematischen Beweis für Existenz der Gottheit« (Prinz Hohenlohe: »Aus meinem Leben«). Schellings »Natur in Gott«, Goethes »Gott und Natur sind eins nur« degradieren das Selbst aller Selbste zum Naturwesen, »Gott mag unser so wenig entbehren wie wir sein« (Tauber), man setzt ihn trotzdem außer sich, Gott bleibt immer Du, sein »Selbstbewußtsein« (Hegel) stößt als Überpersönlichkeit sein Werk von sich ab. 14. Unnatur der Naturforscher, Unbelehrbarkeit der Verlehrten. I Da systematische Durcharbeitung, wobei Arbeitskraft und Arbeitsteilung in genauem Verhältnis stehen, sich in der sichtbaren Materie nicht verkennen läßt, so schwächt Vorwitz dies ab: Die bewußtlose Natur tue nur so, als seien ihre Werke und Wirkungen bewußt. Doch kraft welcher Messung will man bewußt und unbewußt in der Natur unterscheiden! Man operiert hier einfach wie mit Kirchendogmen, schließt eine Menge Dinge aus eingebildeter Voraussetzung. Bei Todesstrafe, für unwissenschaftlich zu gelten, darf man aus der Planmäßigkeit des Naturbetriebes, die sich trotz einzelner scheinbarer Abirrungen dem Augenschein aufdrängt, beileibe nicht auf hier waltende Bewußtheit schließen. Warum darf man nicht natürliche Logik ziehen? Einfach weil Mechanik Trumpf sein soll und diese sich mit Bewußtheit nicht verträgt. Vollbringt das Genie seine Schöpfung ohne Bewußtsein? Seine Schöpferin Natur hat sich aber wohl bei ihren unbegreiflich hohen Werken bis zur Bewußtlosigkeit überarbeitet, so daß sie fortan im unbewußten Dämmerzustand duselnd weiterproduziert! Unwissenschaftlicher als solche Gewaltsamkeit verfährt kein Tridentiner Konzil. Es wäre schon Willkürdiktat, wenn das, was man Bewußtsein nennt, sich nirgends in der Materie nachweisen ließe, denn ein Fehlen sichtbarer Beweise würde für voraussetzungsloses Denken noch gar nichts beweisen. Doch der einzige uns wirklich bekannte Bestandteil der Natur, das organische Leben, ist Bewußtsein vom Genie bis zur Pflanze. Da liegt vielmehr die Folgerung nahe, daß alle Planeten, wie die Inder und Fechner annehmen, und sogar alle Elementargebilde (siehe Shelleys Personifizierungen »die Wolke«, »der Westwind«) bewußte Lebewesen seien, deren Handlungen zwar einem noch höheren Wesen der Allnotwendigkeit gehorchen, aber von sich aus sich gerade so individuell betätigen wie irgendein Menschenich. Das deterministische Gebundensein jedes sichtbar agierenden Bewußtseins bedeutet mit nichten Mechanistik, denn das Unsichtbare dahinter, versinnbildlicht als Äther, erfüllt den unendlichen Raum und seine Wirksamkeit läßt sich sogar physikalisch nachweisen, nur stumpfe Gedankenlosigkeit verkennt im Sichtbaren einen psychophysikalischen Doppelprozeß. Daß dieser aber auf Anordnung des Unsichtbaren erfolgt, diese nicht anerzogene, sondern angeborene Selbstverständlichkeit natürlichen Denkens muß künstlich umgebracht werden, damit nicht die Katheder wanken und die vom Geiste freien Freigeister wieder mal umlernen müssen, daß die Freiheit ganz wo anders zu suchen sei. Der Materialismus fragt spöttisch, da er wie die Kirche nur auf faustdicke Buchstaben pocht, wie sich das Unsichtbare beweisen lasse. Nun, Napoleon sagte auf der Sternwarte zu Laplace, der ihm »die Hypothese Gott« verekeln wollte: »Sie zeigen das unendlich Große, mir scheint das unendlich Kleine, das uns unsichtbar ist, viel wichtiger«. Darüber lächelten damals Laplace und Monge mit gleicher Superklugheit, wie sie den Erfinder des Dampfschiffs dem Irrenhaus empfahlen. (Beiläufig blamierte sich später auch Cuvier mit diktatorischer Bestreitung unmittelbar darauf erwiesener Tatsachen). Heute sehen wir in jedem Tropfen oder Staubklümpchen neue Lebewelten. Als man den Einfluß wohltätiger oder gemeinschädlicher Bakterien entdeckte, hätte man sich über den Analogieschluß Rechenschaft geben sollen, daß ähnlich unzählbare psychische Bazillen wirken, sinnlich unerkennbar, doch gewaltige Wirklichkeiten. Heutige Katastrophenatmosphäre ist wohl bis zum Rande damit geschwängert und nichts verbietet, daß ein erleuchtetes Geisterauge sie wahrnimmt. Laut Paracelsus herrscht in jedem Menschen diejenige Tiernatur, die in ihm meistausgebildet. Er meinte es figürlich, doch wirklich zeigt manches Menschengesicht tierähnliche Züge, wie die Griechen es im Faun ausdrückten. Sind das nun Affengesichter, wie es Darwinisch sein müßte? Weit gefehlt, meist Schaf-, Ziegen-, Pferd-, Hund-, Fuchs-, Katze-, Vogelgesichter sogar Löwen-Falken-Adlertyps kommen vor. Atavistischer Rückfall? Nein, Tierähnlichkeit offenbart sich weniger in Physiognomie als Ausdruck, psychisches Zurücksehen nach dem Tierreich schafft Faungedanken, die vielleicht als Astrallarven sich beim Reinkarnierten eindrängen. Nichts bezeichnender für die verstimmende Absicht, als daß Evolutionsgläubige ihren Traum am Grabe abbrechen und ihn um Himmelswillen nicht auf ein Jenseits übertragen. Doch ein Naturgesetz müßte universal gelten und Aufwärtsentwicklung vom Fisch zum Menschen wäre ein solches Wunder, daß es Fortsetzungswunder für Übermenschen bereithalten müßte, deren Existenz sich unmöglich mit bloß irdischer Bewußtseinssphäre vertrüge. Oliver Lodge wundert sich über Engherzigkeit der Evolutionisten, die keine Jenseitsevolution anerkennen, harmlos begreift er nicht, daß das zweckstreberische Märchen nur dem Spießeraufkläricht huldigt und sein Salz verlöre, wenn man es mit Idealzucker bestreut. Ohne es zu wollen, sagte schon Helmholtz die ganze Theorie tot, indem er die Arbeitssumme im All für eine Konstante erklärt, was kann sich also darin evolutionieren? Nun geht ja jede Welterklärung des Menschen von seinem Bewußtsein aus, in diesem aber bilden Lust und Unlust gleichfalls eine sich gegenseitig aufhebende Konstante, Empfindungs- und Denkweise bleiben als »Temperament«, »Charakter« unveränderlich, jeder angebliche Fortschritt unterläge immer dem Relativitätsgesetz. Der Bewußtseinsstand der heutigen Eidechse ist kein anderer als der des Dinosauriers gemäß seiner damaligen Umgebung. Da der Durchschnittsmensch nichts als sein Futtersuchen versteht, so bleibt ihm der Fisch relativ gleichwertig, der eigentliche Bewußtseinsstand unterscheidet sich nicht merklich, nur das Milieu wechselt. Bemerkenswerte Winke gibt die Gleichgültigkeit zoologischer Stufenleiter für geistige Wertbestände. Papageien, Raben, Krähen stehen intellektuell fast über allen Säugetieren, sogar physisch durch Langlebigkeit über allen mit Ausnahme des Elefanten, die Ameisen und Bienen sogar in mancher Hinsicht über dem Durchschnittsmenschen; unstreitig zeigen Elefant, Hund, Pferd, Biber höhere geistige und ethische Eigenschaften als der anthropoide Affe. Schlammabdruck des Archäopterix, das einzige magere Beweisstück für Umwandlung irgendeiner Reptil- in eine Vogelart, scheint nur für menschliche Auffassung das Merkzeichen einer Verbesserung. Die Schlange fühlt sich in ihrer Haut so wohl wie die Amsel, möchte sicher nicht mit ihr tauschen, übrigens hat sie musikalische Instinkte und galt bei Naturvölkern für weise. Nur der aus ihr angeblich evolutionierte Condor wetteifert mit ihr in Grausamkeit, die Aviatik muß aber ein schlechtes Handwerk sein, das seinen Mann nicht ernährt, denn die Vögel siedelten sich angeblich als seßhafte Erdbürger an und näherten sich als Säugetiere dem Menschen? Welche Ehre! Nashorn und Flußpferd und andere ungeschlachte Vorweltler schritten fort über Schwalbe und Storch? Gefräßige Dummheit der einen und bedächtige Klugheit der andern blieben bis heute unverändert. Die Konstruktion des Vogelleibs ist feiner als der reichlichere Knochenbau der Säugetiere, die oft auch größere Ernährungsschwierigkeiten und mehr Feinde und Krankheiten haben, daher sicher nicht das bessere Teil erwählten. Deshalb plumpsten sie manchmal ins Wasser, wo sie sich aber so wenig anpaßten, daß sie warmes Blut behielten und Junge säugten. Die kluge (wenn gezähmt, anhängliche) Fischotter ist eine Art Katze, das Walroß nach dem Schädelbau eine Art Hund, weder der Sturzbach noch das wilde Meer änderten ihr wahres Wesen. Das Mammut wanderte in den Ozean aus oder wohl richtiger der Elefant, dessen Rüssel der Fontäne gleicht, die der Wal aus seinen Nüstern schießt. Der sanfte nachdenkliche Großwal gleicht dem indischen, der kleinere bösartige Schwertwal dem afrikanischen Elefanten, so blieb bis in jede Eigenheit die Konstante des Wesens. Bei der Eidergans erinnert nur ihr Trangeruch an ihren Meeraufenthalt, der Albatros lebt fast beständig auf den Wogen, ohne je seine Vogelnatur zu ändern. Wie viel wahrscheinlicher, daß Wasservögel aus Futtergründen sich zu halben Amphibien machten, als daß sie sich vom Amphibienreich zu Fliegern aufschwangen! Daß ungebrauchte Organe ihre Gebrauchsfähigkeit verlieren, einseitig ausgebildete den Vorrang gewinnen, ist wieder eine Selbstverständlichkeit: Ein Mensch, der nie seine Beine bewegt, würde das Gehen verlernen. Aus solchen einfachsten Kausalitäten macht man Evolutionsprinzipe. Alle Arten sind derart beständig, daß Verpflanzung einer Fauna in andere Weltteile nur ganz unerhebliche äußere Merkmale ändert, Gleiches trifft für jede Flora zu. Aufwärtszüchtung des Hundebegriffs? Mancher ruppige Affenpinscher steht psychisch höher als reinrassige Doggen, dem Windhund (siehe Friedrich d. Gr.) werden gleich hohe Eigenschaften zugesprochen wie dem Spitz, dessen gewölbter Schädel so sehr vom flachen Reptilkopf des Windhunds absticht. Überhaupt spottet das Psychische meist äußerer Merkmale, niemand würde aus dem Pferdeschädel auf die von Anatomen bewunderte Gehirnstruktur schließen, während die Elefantenstirn schon mehr zu bedeutender Sagazität zu passen scheint, die Natur bindet sich an keine Regel. Auf menschliche Wahrnehmung darf man sich so wenig verlassen, daß die »falsche Katz« sich im deutschen Volksmund umtreibt, doch selbst die Großkatzen sind, wenn gezähmt, ohne Falsch und Arg, dem Menschenfreund treu ergeben, bei Hauskatzen wechseln schöne Wölbung oder zurückfliehende Flachheit der Stirn, was sich stets mit dem Ausdruck treuherziger Freundlichkeit oder scheuer Bösartigkeit deckt gemäß der erfahrenen Behandlung. Eine Katze mit Verbrecherphysiognomie trägt meist ihre Leidensgeschichte auf der Stirn, eine andere gutbehandelte blickt mit treuen offenen Augen. Das radikal Böse ist im Tierreich viel seltener als beim Menschen, doch psychische Individualisierung bei höheren Tieren nicht geringer. Überall beobachten wir nur Konstante der Art, dagegen Variabilität des Individuellen, was sich beides mit darwinistischer Mechanistik nicht verträgt. Im »Lehrbuch der Zoologie« von O. Schmid 1906 werden Schimpanse und Gorilla mit wenigen Worten abgetan, der Orang hingegen ausführlich geschildert, vielleicht aus Ehrfurcht vor dem Duboisaffen, da dies Lehrbuch natürlich biologisch arbeitet. Dies Ungeheuer, vor dessen Gebrüll der Tiger ausreißt, soll laut Wallace Krokodile und Tigerschlangen zerreißen und totbeißen, wenn sie ihn belästigen, scheint aber an seiner angeblichen Menschwerdung kein Gefallen gefunden zu haben, es blieb allzeit ein richtiggehender Affe. Wir fanden allerdings in Trelawneys Borneostreifereien eine Begegnung mit solchem bejahrten Einsiedler, als Verbrecher oder Rebell von seiner Herde ausgestoßen, der sich eine Hütte aus Ästen und Blättern gemacht habe. Da der Orang sonst immer ein Baumnest hat, wird die bekannte lebhafte Phantasie des Erzählers wohl übertrieben haben, und soll man etwa aus dem Einzelfall folgern, sein Sprößling Mensch habe von ihm Hüttenbauen gelernt? Die Malaien wissen sogar, der Waldmensch rede nur deshalb nicht, weil er fürchte, sonst arbeiten zu müssen, nach malaiischer Anschauung der schlimmste Fluch des vom Naturleben Abtrünnigen. Solcher kindlichen Volkssage entspricht die Vorstellung, der Mensch stamme von diesem inartikulierten Baumkletterer ab, dieser vom Halbaffen, der nicht mal Ähnlichkeit mit dem Affen hat, welches dumme, niedrige Geschöpf dann wieder von viel höheren Säugetieren und diese in bunter Reihe von Vogel, Insekt, Reptil abstammen. Natürlich müßte der Fisch als unterste animalische Stufe dann wieder von der Pflanze herrühren! Eher ließe sich hören, daß Insekten direkt aus den Pflanzen aufsteigen, siehe Verhältnis der Wespe zum Gallapfel, doch auch damit wäre ja die famose Stufenleiter unterbrochen. Und das alles nur wegen ähnlicher Knochen oder Gewebestruktur? Haben denn Pflanzen und Kristalle den gleichen Bau? Nicht daß wir wüßten! Sie haben zwar gleiches Bewegungsstreben, vollbringen damit sogar wahre Wunder, aber da ihr Los das Beharren der Wurzel im Boden bleibt, hat ihr Bau eine vertikale Richtung, verschieden vom animalischen, und ihre Ernährungswerkzeuge sind andere. Warum? Weil eben ihr Ernährungsprozeß ein anderer, viel reinlicherer ist. Kam die zufrieden gedeihende Flora etwa gemäß dem Kriechen der Orchideenschmarotzer, ihrer schlechtesten Auswürflinge, zur Faunabewegung und verwandelte sich so selbstmörderisch zu eigenen Pflanzenfressern? Solcher Absurdität begegnen vernünftige Evolutionisten mit Fallenlassen der einen Urzelle und Annahme verschiedener Urzellen, zerbrechen aber damit schon die darwinistische Gesetztafel, denn genau mit gleichem Recht darf man dann unzählige Urzellen für jede beliebige Art voraussetzen. Schon am Eingang der Entwicklungslehre steht nicht etwa ein Fragezeichen, sondern ein hahnebüchener Schlagbaum. Denn da nachweislich jede Zelle erst aus einer andern entsteht, spottet eine Generatio æquivoca der Urzelle jeder empirischen Erfahrung und theoretischen Möglichkeit, gerade dann, wenn man Mechanistik zugrunde legt. Um mechanische Evolution zu dekretieren, setzt man umgekehrt Selbsturzeugung voraus, ein Wunder aller Wunder, das von vornherein Mechanistik niederschlägt. Durch Sonne und Wasserschleim werden Bedingungen des Lebens geschaffen, gleichsam seine Wiege, doch keine kosmische Befruchtung könnte aus Materieklümpchen lieben erwecken, falls nicht ein Eikeim schon vorhanden war, d. h. eine aus früherer Zelle stammende Zelle. Früher woher? Jedenfalls aus unsichtbaren Ursachen. Wären Wissenschaftsmechaniker nicht so bar denkerischer Logik, müßte ihnen aufgehen, daß einerseits ex nihilo nil fit, andererseits Etwas immer dem Etwas gleicht, aus dem es hervorging, also die Schöpfung in ihrem Wesen nur einem unsichtbaren Ursprung gleichen kann. Generatio spontanea muß tatsächlich stattgefunden haben, wenn wir bis zum letzten zureichenden Grund zurückgehen. Wie man aber einer spontanen Zeugung eine Zielstrebigkeit absprechen kann, erklärt sich nur durch Vernunftlosigkeit der Vernunftpächter. Wir gehen nicht so weit wie v. Rechenberg im Aufsatz »Die Ursache der Ähnlichkeit menschlichen und tierischen Körperbaus« 1915, daß »plötzlich ohne verbindendes Zwischenglied ganz unvermittelt die Säugetiere nach den Sauriern auftreten«, denn Archäopterix und Schnabeltier sollen doch eben angebliche Zwischenglieder bedeuten. Wichtiger ist, daß die Fossilien ganz und gar nicht die chronologische Reihenfolge des Darwinismus zulassen, daß vielmehr in gewissen alten Schichten weder Säugetiere noch Vögel, wohl aber Menschen und Saurier nicht einträchtig nebeneinander wohnten und um die Oberherrschaft kämpften. Daß hierbei der kleine schwache Mensch (der Urmensch glich meist keineswegs dem Orang und Gorilla an Kraft) der überlebende Sieger blieb, ist ein deutlicher Fingerzeig eines antimechanischen Naturkampfs. Allerdings finden sich schon in der Jurakreide Vogelspuren neben Reptilien und Fischen, die ältesten Säugetiere aber, die Riesenkänguruhs, waren Zeitgenossen der Saurier und damit des Menschen. So liegt theoretisch kein stichhaltiger Grund vor, dem Urmenschen ein ungemein ehrwürdiges Alter zu verweigern; darüber handelten wir in früherem Abschnitt. Wäre Darwins Theorie richtig, so müßten alle bekannten Tatsachen sie eindeutig stützen; statt dessen widersprechen sie alle, besonders innerhalb der allein beobachtungsreifen historischen Zeitalter, selbst wenn wir diese bis zum Aurignacier ausdehnen. Bleibt also nichts als die Ähnlichkeit morphologischen Baus, wobei aber auch gar nichts für wechselseitige Abstammung folgert. Stammt ein Arier etwa deshalb von einem Neger ab, weil beide die gleichen Halswirbel und Schlüsselbeine haben, oder der Neger vom Gorilla, weil beide Hände haben, d. h. Greifwerkzeuge, was an sich nichts Besonderes ist, wenn man die Pfoten der Mieze und des Eichhörnchens und anderer Nager vergleicht, die ganz wie Hände verwendet werden? Dann wäre auch der Elefant ein naher Verwandter des Menschen, denn er braucht seinen Nasenrüssel als feinfühligste Hand, ein Triumph des Individuellen in der Natur. Der Gorilla hat sogar eine besser gebildete Hand als der Neger, man müßte ihn also an die Spitze der andern Anthropoiden stellen, die aber intellektuell über ihm stehen. Die Tragweite hiervon wird nicht begriffen: bei mechanischer Entwicklung wäre unmöglich, daß Hirn und Hand, dies bedeutungsvolle Organ, sich nicht gleichmäßig ausbilden. Um so seltsamer, daß der Gorilla mit seiner bessern Hand noch weniger anzufangen weiß als der Orang, und gar der Neger mit seinen ungelenken Fingern sich Waffen und Werkzeuge schafft. »Schottische Vettern« zeigen, wie weit man den Begriff Verwandtschaft ausdehnen darf. Nun fällt uns ja nicht ein, die Verwandtschaft aller Organismen als einer einzigen großen Empfindungsgemeinschaft zu leugnen. Theologischer Widerstand gegen biologische Zoologie ist lächerlich, menschlicher Größenwahn in Ablehnung körperlicher Tierverwandtschaft trifft gar nicht den Kern der Frage. Wenn Rechenberg »nach jahrelangem Suchen« eine glückliche Erklärung für die Identität animalischer Struktur gefunden zu haben sich freut, so ist dies wahrlich das Ei des Kolumbus, denn die Antwort lag ja stets für jeden Denkenden in den Dogmen der Naturwissenschaft selber, im richtig verstandenen Begriff der Anpassung. Da alle animalischen Wesen sich unter gleichen chemophysikalischen Bedingungen der Atmung, Ernährung, Bewegung in Kraft umsetzten, können selbstverständlich ihre Organe und ihr Knochenbau nur identisch oder wenigstens höchst ähnlich sein. Jedes Tier muß Blutkreislauf und Nervenstränge, sogar der Fisch Leber und Kiemenlunge haben, um leben zu können. Hätte daher der auf gleicher Erde unter gleicher Luft lebende Körpermensch eine andere Struktur als das Säugetier, so müßte er als Fabelwesen außerhalb der Erde existieren. Dieser natürliche Vorgang ist keineswegs mechanisch, vielmehr widerspricht solche Auslegung sogar den falschen Prämissen der Anpassung, die ja an und für sich nur ein psychischer Willensakt ist. Das Psychische als bloße Begleiterscheinung molekularer Schwingungen und chemischer Umsetzung der Gehirnzellen, welch naiver Spaß! Denn wäre es nur wie das Chemische und Physikalische eine äußere Potenz des Stoffes, so würde chemisch-physikalische Rotation als Lebensursache gleich nichtsbedeutend sein wie die geistige und dann gibt es auch keine mechanische Erklärung der Stoffbildung, denn was ist Stoff an sich? Wohl das Ding-ansich, empirisch ein unbekanntes X! Ob sich das fingierte Atom, selber eine Hypothese, physikalisch bewegt, entzieht sich jeder Betrachtung, und von blinden Naturgesetzen zu schwafeln, ist Art von Blinden, die von der Farbe reden. Alles Denken seit Urzeit ergibt, daß das psychologische Element im Leben das Primäre und der physische Eindruck das Sekundäre bedeutet. Rechenberg verbreitet sich weitläufig über Uraltgewußtes, daß nämlich unmittelbares Ichbewußtsein das erste Wahrgenommene sei, wobei vorerst der eigene Körper und die Außenwelt gar nicht in Frage kommen. Das ist gewißlich wahr, niemand darf leugnen, daß vor aller äußern Erfahrung die Lebensempfindung besteht. Daß in uns die Anschauung der Zeit und »vermittels der Zeit« die Erinnerung unmittelbar gegeben sei, diese fragwürdige Kategorie hätte er sich ebenso sparen können, wie den schopenhauerisch mißverständlichen Willen zum Sein. Denn wenn der Säugling schreiend und wimmernd das Sein begrüßt, so deutet dies nicht auf Daseinswunsch, der alles organisch durchziehende Trieb ist mehr Selbsterhaltungsnotwehr ; Descartes' Cogito ergo sum, worauf solche Darlegung hinausliefe, ist nicht das wahre Primäre, sondern die Empfindung »ich bin«, vermöge deren man das eigene Körperliche und nach und nach die Außenwelt als außer uns liegend empfindet. Man identifiziert sich nicht damit, fühlt sich, wie R. richtig sagt, als »etwas prinzipiell Verschiedenes«, das sich unabhängig halten möchte. »Wir alle wollen leben, uns ernähren, bewegen und fortpflanzen«, Menschen, Tiere, Pflanzen, und da alle physisch das gleiche wollen in der gleichen Außenwelt, müssen alle physisch gleich konstruiert sein. »Tische, Stühle, Bänke haben nicht deshalb eine gleiche Konstruktion, weil sie voneinander abstammen«, sondern weil sie als Stützapparate dem Gesetz der Schwere entgegenwirken sollen. Dies hinkende Gleichnis erfüllt trotzdem seinen Zweck, indessen werden Tische und Stühle vom Menschen zweckmäßig konstruiert, hingegen bleibt eben ungewiß, ob Lebewesen sich selber konstruieren oder die Natur dies besorgt. Ersteres Abstrusere lehrt die Wissenschaft, hier unbewußt metaphysisch, nach unserer Erkenntnislehre trifft beides in sich zusammen. Wir möchten daher nicht R. beipflichten, daß der menschliche Wille genüge, um formbildend und organisierend den Stoff zu gestalten, wobei er sich zur Unzeit auf das »Stigma« religiöser Ekstase und die »ideoplastischen« Spiritmedien beruft. Denn ohne geheime Beihilfe unsichtbarer Kräfte käme auch derlei nie zustande, Du Prel folgert vorschnell, daß die dem Medium innewohnende Kraft, Phantomkörper zu bilden, »offenbar dieselbe« sei, die auch den Körper des Mediums bildete. Das ist keineswegs offenbar, und R. muß hier dem Einwand begegnen, daß der Menschenkörper zum Ausreifen 20 Jahre fordere, während die Phantome oft nur minutenrasch gebildet würden. Das komme von der komplizierten Aufgabe eines Dauerkörpers, während Phantomkörper für kurze Augenblickswirkung berechnet seien. Wer sagt ihm, daß dies Phantome seien? Keiner; stoffliche Astralkörper sind als »mindstuff« genau so real wie der Materieleib, doch die Form, die sie für unser Auge annehmen, hängt von unserer subjektiven Schaukraft ab, beides läßt sich nicht vergleichen, weil verschiedenen Sphären angehörig. Es geht zu weit, nur den Eigenwillen als Körperschöpfer zu erachten, dazu bedarf es der Beihilfe unsichtbarer Allgewalt. So beruht Farbenanpassung auf natürlicher Zwangsfärbung durch Umgebung und Bestrahlung, der bunte Dschungel färbt den Tiger bunt unter gleicher Sonne, nicht diese »lebendige Falle« sich selbst. Komischerweise sehen die Evolutionsfanatiker nicht, daß sie mit ihrer Eigenanpassung schlechterdings einen psychischen Willensakt betonen, und einem solchen schon materielle Wirkung zuschreiben, also den Begriff »mechanisch« ins Psychische umdeuten. Wir denken hier sozusagen mechanischer als sie, indem wir Anpassung und Natureingriff für etwas spontan Zusammenfallendes halten. Gleichwohl bleibt bestehen, daß selbstherrliche Psyche allein die Erscheinungen erklärt, freilich nicht die einer irdischen, sondern transzendenten, nach Karmabeschluß handelnden. Da die erste Empfindung des Lebens nicht das Körperliche, sondern das Lebensgefühl selber betrifft, so ist nur dieses das Unbedingte, das Körperliche Bedingende. Überhaupt verirrt man sich immer, wenn man bei Biologischem den Begriff »mechanisch« falsch buchstabiert. Jemand will neuerdings den Ursprung der Sprache aus unwillkürlichen Naturlauten herleiten, andere halten Sprechen für Nachahmung der Vogelstimmen. Das möchte angehen, zumal Volkssagen stets von Menschen reden, die eine Vogelsprache verstehen, hiernach wären Rabe und Papagei des Menschen Sprachlehrer! Aber war deren Plappern das Primäre? Der fabelhafte Vogel Greif oder Phönix, der die Menschen belehrt haben soll, ist nur Phantasiegeschöpf, dessen Skelett im Illusionsreich gefunden werden könnte. Doch bezweifeln wir nicht, daß körperliche Anstöße wie Töne beim Essen, Laufen, Springen, Schmerz- und Lustschreie den Menschen aufmerksam machten, daß er redend sich mitteilen solle, weil dies zweckmäßig sei, wie auch für die Vögel. Doch was ist dies als Willens- und Denkakt beobachtenden Nachsinnens? Warum erwies sich nur die Menschenstimme, ursprünglich Lallen des Säuglings, so modulationsfähig, daß sie immer mehr bestimmte Laute zu Worten formte? Was sind Worte? Formeln für Begriffe. Je mehr Begriffe und Gegenstände in den Kreis der Betrachtung traten, desto mehr Worte entstanden und so zuletzt umfangreiche Sprache als Zwecktätigkeit unermüdlichen Wollens und Denkens. Wollen und Denken sind das nämliche selbst bei untersten Lebeformen, Wollen ist nichts als empfundenes Denken. Daß aber Sprechen ein unabhängiger Akt, zeigt schon die Entdeckung, daß Sprachfähigkeit einer bestimmten Gehirnwindung entspricht, die sich immer feiner ausbildet, je mehr das Rede bedürfnis steigt. Reden selber ist das Sekundäre, die Stimme ein Handwerkszeug. Bisher fehlt es jammervoll an genügender Hirnsezierung vieler bedeutenden Schädel, wir stellen als sichere Wahrscheinlichkeit auf, daß die Brocasche Windung, bei Polyglotten nie besonders entwickelt, keineswegs nur bei Rhetoren, sondern bei allen Schriftstellern und besonders Dichtern sehr entwickelt sei, obschon diese ihr eigentliches Reden lautlos am Schreibtisch vollziehen, also unhörbar im Reich des Unsichtbaren. Somit bedarf es keines Beweises mehr, daß das Reden sich nach psychischer Regsamkeit richtet. Ziel- und zweckloses Entstehen aus zufälligen Änderungen der Umwelt wäre Selbstwiderspruch, weil jedes Wesen ins Leben tritt mit Zweckwillen eines bestimmten eigenen Lebens. Was den Einzelnen absondert von den andern Ichen, ist die Einzelart als Individualtyp inmitten anderer Gattungen, aus denen sie weder entstand noch von ihnen abhängig ist. Wenn Rechenberg schließt, der gegebene Wille habe sich eben den Körper gebaut, den er zur Ausführung seiner »ihm vorschwebenden oder ihm vorgezeichneten Zwecke bedurfte«, so ist das »oder« in ein »und« zu verwandeln, denn das transzendente Ego unterwirft sich Karmabestimmung und ist zugleich mit ihr eins. Plötzliches Entstehen neuer Formen, wie Fossilfunde es nahelegen, wäre mechanisch unerklärlich, dagegen verständlich als spontaner Willensakt. Übrigens kommt nicht viel darauf an, ob Mensch oder Art sich selbst ihren konstanten Körper verabreichen – was man als hypermetaphysisch verwerfen mag –, sondern darauf, daß jedes Bewußtsein sich nur als Lebensempfindung meldet und weiter nichts. Mit den Unterscheidungen »mechanisch« und »geistig« wird von der Wissenschaft Schindluder getrieben, denn Kampf ums Dasein, Anpassung, Selektion sind ja lauter Willensakte, also nicht automatisch, und wenn das Geistige wohl oder übel als Tatsache anerkannt wird, so wäre es selber eine Anomalie in materieller Mechanik. Ebenso wirr schließt man aus Kontinuität äußern und innern Geschehens auf steigende Evolution. Die Sprache z. B. bereichert sich fortwährend, indem sie für neugefundene Gegenstände neue Worte findet. Das Altenglische besaß wohl nur 2–5000 Worte, Shakespeare hat 15+000. Glaubt man aber, diese 15+000 würden sonst von irgendwem angewendet? Der englische Volksmensch besitzt auch heute schwerlich mehr als 2000 Worte. Auch ist der Unterschied der englischen Welt- oder der Hottentottensprache nur relativ, beide dem Milieu angemessen; das allein Wesentliche ist die Mitteilungsfähigkeit selbst, und die besaß sicher schon der Urmensch am La Plata, es deckt sich mit Menschwerdung überhaupt. Sumero-Akkader, Altägypter, Inder besaßen schon eine so reich ausgebildete Sprache, daß ihre Ahnen bis zum Neandertaler schon sehr sprachkundig gewesen sein müssen. Und was zeigt die Kontinuität eines Menschenichs? Eine Konstante, wenn nicht eher absteigende Linie. Im Kindeskörper der ersten sieben Jahre zeigt Geistiges sich regsamer als je nachher, beim Tier fällt dies so auf, daß die Anthropoiden nur jung sogenannte Menschenähnlichkeit dartun und um so dümmer und boshafter werden, je mehr ihr Alter fortschreitet, während der gutartige Mensch gerade im Alter abgeklärtes Wohlwollen erwirbt. Wenn laut Schopenhauer »das Genie« (richtiger allgemein: Geniale und Idealisten) zeitlebens ein »Kind bleibt«, d. h. die frische geistige Empfänglichkeit der ersten Lebensjahre bewahrt, so kehrt dies gründlich die seelische Verfassung des Orang um! Im ganzen aber bleibt nicht nur der Durchschnitts-, sondern auch auch der große Geistmensch unverändert. Daß sein Charakter sich in äußerer Betätigung durch Lebenserfahrung abschleift und unablässig geistiger Stoffwechsel durch immer neue Nahrungszufuhr das Wissen vermehrt und formale Abrundung fördert, diesen natürlichen Prozeß darf man nicht mit wirklicher Vergrößerung und Verbesserung verwechseln. Lear, Hamlet, Macbeth sind umfassendere Visionen als Romeo, das Genie aber ist nicht mal relativ verschieden, der ältere, gereiftere Shakespeare hätte vieles in diesen Jugendwerken nicht mehr schreiben können. Huxley feiert beredsam, wie sich der Embryo aus sich selbst entwickelt, doch tut er dies wirklich? Er selbst gibt zu, es sei als ob die Striche eines Zeichners sich zu einem Konterfei zusammenfügten. Ganz recht, übergeordnete Psyche zeichnet dem Embryo die Gestalt vor. Täglich erweckt jedes Zeichen der Natur gleiches Staunen, die mit Pflanzen angestellten Experimente beweisen deren eigenen Energiewillen, verbunden mit ungemeiner Verständigkeit, Samenkeime bewegen sich selbsttätig im Wasser wie Insekten. Allgegenwärtiger Wille bringt notwendig Veränderungen mit sich, was man ohne weiteres Entwicklung nennt, als ob Verwandlung der Kohle in Diamanten eine Verbesserung wäre. Wie man den künstlichen Begriff »Nichts« gar nicht plastisch fassen kann, so führt das ewige Etwas, in dem kein Nichts möglich ist, durch ewige Bewegung sowohl zu Veränderung als Vermehrung. Das Moneron reproduziert seine Einzelle sofort durch Teilung, Amöben wechseln beständig die Gestalt, sogenannte Cilia der Schwämme sind ehrwürdige Verwandte ähnlicher Cilia in tierischen Eingeweiden, Polypen können sich in eine Fischgattung verwandeln. So wird Transformierung das gleiche Naturbedürfnis wie Atmung, Ernährung, Zeugung, denn jede Arbeit verändert und vermehrt, fügt etwas hinzu, was noch nicht da war, deshalb muß ständige Arbeit der Zellen neue Organe und die der Organe neue Gebilde schaffen. Solche natürliche Erkenntnis kann unmöglich etwas Neues sein, obschon wir unsern obigen Satz in so knapper Klarheit noch nirgends formuliert fanden. Die ältesten Yogi übernahmen ihre »Darwinische« Weisheit aus viel älteren Quellen, als der Mensch noch inniger im Naturganzen lebte, mit leiblichen und Geistesaugen mehr sah als der bebrillte Gelehrte. Nach indischer Art paukte man den Asiaten diese Lehre durch unablässige Wiederholung so ein, daß sie sich baß verwunderten, als Europa im 19. Jahrh. so Uraltes als Neuentdeckung begrüßte. Doch die Yogi nannten diesen ewigen Wechsel »Entfaltung«, was ganz anders lautet als »Entwicklung«; erst heute adoptierte ihre europäische Propaganda sehr zu ihrem Schaden das Schlagwort Evolution im Sinne eines Aufwärts. Wir sind nur einverstanden mit »Entfaltung«, wie die Urweisheit es nur verstanden wissen wollte, denn ihr Grundgesetz ist Gleichmäßigkeit in Einheit alles Seins. Veranschaulicht sich aber das Unsichtbare gleichmäßig in allen Wechselformen, so sind diese alle gleichwertig ohne Auf- und Abwärts. Des Menschen innere Organe Leber, Magen, Herz arbeiten unsichtbar ihm unbewußt, ohne sie wäre aber seine physische Existenz unmöglich. Wie darf also sein Bewußtsein sich einbilden, daß es über sein unbewußtes Doppelleben etwas aussagen könne! Alles, was wirklich wirkt, vollzieht sich unsichtbar, der Pflanze Entfaltung erscheint hier bewunderungswürdiger als die des Homo sapiens, der als Durchschnittsmensch sich fälschlich dies Prädikat beilegt. Physische Verkettung der Lebewelt leugnet niemand. Sucher nach Missing links empfehlen die Teufelsnase in Nikaragua als Übergang vom Pflanzen- zum Tierleben, der landbereisende Schlammfisch in Südamerika soll Mittelglied zum Reptil, die Monotremen als Schnabeltier (Entenschnabel) und Echdina (Ameisenfresser) vom Vogel oder Reptil zum Mammal bilden. Als ob solche ganz vereinzelten Exemplare als Ausnahme eine Regel wären! Wenige wissen, daß manchmal ein guter Kater in Abwesenheit der Frau Gemahlin die Kleinen an sich saugen läßt, wofür ihm täuschende Illusion erwächst. Das Hermaphroditische steckt so tief in der Natureinheit, daß auch der Mann vertrocknete Milchdrüsen an der Brust hat, woraus man seit Carus Sterne den Urmenschen als Hermaphroditen folgert. Daß Geschlechtsteilung ein sogenanntes Evolutionsprodukt bedeutet, scheint sicher, ist sie aber Verbesserung? Das ganze Elend physischer Geburt der Säugetiere entstand so, steigende Trennung und Absonderung des Individuellen kann als Folge eigenen unlautern Willens gedeutet werden, d. h. als ein durchaus psychischer Akt. Die seltene Ausnahme eines mitleidigen Katers, dem vermutlich diese psychische Regung Milchdrüsen verschafft, beweist keineswegs, daß alle Kater ihre Sprößlinge gelegentlich säugen können! Milchdrüsen des Schnabeltiers als vereinzelte Spielart bezeugen nicht, daß andere Vögel je ein solches Bedürfnis spürten und aus dem Schnabel- das Säugetier entstand. Lemuren sollen Bindeglied zum Affen sein, doch scheinen ebenso verwandt den Nagern, Insektenfressern, Känguruhs, die einst so groß waren wie ein Elefant. Innere Einheit wird nicht aufgehoben durch natürliche Veränderungen vermittels Arbeitsreibung der Lebensenergie. »Entfaltung« ist natürliche Bedingung ständigen Arbeitswechsels, doch »Entwicklung« im Sinn von Verbesserung hat in ewiger Einheit keinen Platz, das sind Menschenbegriffe, im physisch Sichtbaren gibt es nur Relativität. Unsichtbaren Ahnherrn alles Sichtbaren erkennen wir, einen physischen nicht. Das Protoplasma mochte noch so lange von der Sonne im Wasserschleim bebrütet werden, das wäre nur der gleiche chemische Vorgang, mit dem die Chemie so gern einen Homunkulus erzeugen möchte, doch nicht kann. Derlei ergibt irgendwelche Materieverbindung, nie aber, was man organisches Leben nennt, das kommt nur zustande durch Bewegung unsichtbarer Energie. Sobald diese aber am Werke war, muß allgemeiner Lebensursprung sich durch Arbeitsteilung, dies Grundgesetz des Sichtbaren, gleichzeitig in die verschiedensten Formen umsetzen. Embryologie braucht keineswegs Rekapitulierung vorausgegangener Entwicklung vorauszusetzen. Jeder Embryo hat naturgemäß gleichen physischen Grundstoff, im ersten Stadium der Keimzelle gleichen sich deshalb Mensch und Hund, Kiemen als erste Entfaltung des Atmungsorgans dürfen auch beim Menschenembryo nicht fehlen, spätere Veränderung ist natürliche Milieufolge, der Hundeembryo paßt sich eben dem Hunde, der Menschenembryo dem Menschenleib an. Im physischen Grundtrieb der Ernährung und Fortpflanzung haben Hund und Mensch den gleichen Wert, gerade physische Maßstäbe aber bleiben bei Evolutionsbegriffen lächerlich, weil jeder physische Wert relativ, der Korallenbaum ist fürs physische Dasein so vollendet ausgerüstet wie der Mensch. Man wird den Gorilla schwerlich überzeugen, daß der auf zwei Beinen gehende schwache Vetter, der nicht mal ein schirmendes Fell am Leibe trägt, etwas Besseres sei, weil er mit vergifteten Pfeilen oder blitzendem Rohr hinterlistig schießt. Mit unbewußter Komik verlegt sich daher die Mechanistik auf Evolution des Geistigen, dessen Für-sich-Bestehen als Unsichtbares sie doch leugnen muß. Wir unterstreichen immer wieder, daß der geistige Fortschritt des Durchschnittsmenschen über Elefant und Pferd höchst relativ ist: Was er an Verstandesbewußtsein gewann, verlor er in Einwirkung des Unbewußten, noch abgesehen von Abschwächung der Sinneswahrnehmung, auf die sich doch der Materialismus stützen will. Pflanzen, geschweige denn Insekten und sogar Fische, vollbringen psychische Energieakte, die mindestens den Masseninstinkten der Menschheit gleichstehen. Warum sind nur bestimmte Pflanzen Insektenfresser, warum atmen nur bestimmte Fische und Wassermolche auch am Lande, jener landbereisende Schlammfisch nach wie vor durch Kiemen? Warum lebt nur eine bestimmte giftige Seeschlange im englischen Küstenwasser, während jede andere Schlange, die man ins Meer wirft, ertrinken würde? Warum wählten nur wenige bestimmte Säugetiere (Wal, Robbe, Biber, Otter) das Wasser als Aufenthalt? Bei jeder Variante waltet kein Entwicklungsübergang, sondern individueller Antrieb als psychischer Wille mit Unterstützung einer Energie, die dem Verlangen geheimnisvoll entgegenkommt. In jedem Lebewesen bis zum Mineral liegen alle Möglichkeiten psychischer Entfaltung, was gar nicht anders denkbar, weil die Zellenbestandteile überall gleich. Dieselbe »allmächtige Liebe, die alles bildet, alles trägt«, wirkt in jeder Zellenzusammenfügung nach ihrem Bedarf? Diese Liebe, ein anthropomorphischer Begriff, ist vielmehr die allmächtige Psyche, deren weltweite Energie sich in unendlicher Vielseitigkeit und daher Ungleichheit gefällt, weil sie dies als Allökonomie wünscht. Die berühmte Stufenleiter der Wesen besteht nur für Menschenaugen, im Grunde ist alles eins, wie der Giebel des Palastes aus Stein gebaut gleich dem Fundament. Dies Gleichnis deckt sich nicht voll mit der Wahrheit, denn ein Palast wird eben Stück für Stück bis zum Giebel von außen her gebaut, während das sichtbare All vielleicht so plötzlich aus dem Äther aufsteigt, wie Byron Venedigs Paläste aus den Wogen sich erheben sieht »unter dem Schlag eines Zaubererstabs«. Daß die unendliche Vorstellungskraft der Weltpsyche unendlich langsamer Arbeit bedürfe, um sich zu veranschaulichen, ist nur Vorstellung menschlicher Ohnmacht. Die Weltordnung hat mehr zu besorgen und zu bemuttern als das bißchen Erde, dankt aber nicht einen Augenblick ab, um statt ihrer ein beliebiges Entwicklungsgesetz mechanisch laufen zu lassen. Da Geist und Energie in allen Lebeformen – und alles ist Leben – gleichmäßig wirken, so wäre wahrlich kein Grund vorhanden, auf künstlichem Wege in unendlichen Zeiträumen die dem Erdleben nötige Vollständigkeit aller Formen herzustellen. Wann, wie, wodurch der erste Mensch entstand, darüber zu grübeln entbehrt jeder Wichtigkeit. Genug, daß er war und ist als diejenige Form, in welcher die Erdpsyche sich am stärksten bewußt wird und Individualverlangen jedes Lebewesens sich am schärfsten ausdrückt. Physisch hat er nur Relativitätswert im Vergleich zu andern Formen, psychisch überragt er die Ameise nicht, die in ihrer besondern Weise gleichfalls die physische Natur zu meistern sucht. Denn warum beißt sie sich die Flügel ab und läßt nur einzelne Beschwingte zu Botenzwecken bestehen? Das ist auch eine Variante, doch ohne jede Beziehung zu organischer Entwicklung, sondern als Willensakt der Ameisenvernunft. Wie sie die organisch verliehenen Flügel abstreift, weil sie es für ihr Staatswesen zweckmäßig erachtet, so hat der Urmensch – wenn er je affenähnlich lebte – lediglich durch eigenen Willen das Tierische abgestreift, das ihm für sein Fortkommen hinderlich schien, ohne seine Grundnatur physisch zu ändern, die sich nach wie vor um Ernährung und Fortpflanzung dreht (Hunger und Liebe). Was darüber hinausragt, erschien freilich nach unserer Meinung schon seit Anbeginn als Ahnen und Nachdenken. Das hat aber nichts mit angeblicher Verbesserung des Hirns gemein, denn das dort tätige Verstandesbewußtsein ist so unreif, daß die Staatsweisheit der hirnlosen Ameise sich über menschlichen Unverstand wundern würde. Er hat nicht die Fähigkeit, sich unnütz gewordene Flügel abzubeißen, eine für alle Mitglieder zuträgliche Gesellschaft zu bilden wie sie. Sein Vorzug liegt also nicht im Verstande, worin ihm genau betrachtet jedes Lebewesen ebenbürtig, so weit es sich um Erfüllung des Struggle for life handelt. Was ihn auszeichnet, ist besondere Bosheit des Willens, der das naive Naturfressen aus reinem Hungerzwang in Raffiniertheit unheilbarer Selbstsucht »Stirb du, damit ich lebe« steigerte, er bezeichnet die äußerste Spitze des Individuellen in üblem Sinne, unter welchem Gesichtspunkt Buddha jedem Ich Tod und Verderben schwor. Sich als Krone der Schöpfung anzupreisen entspricht seinem Größenwahn, denn der von »Tamas« oder »Rayas« gegängelte Schulze ist eher ein Schandfleck der Weltpsyche, ethisch niedriger als Schlange und Schwein, sein Individuelles stellt nicht eine höhere Entwicklungsstufe dar, sondern das Gesetz unendlicher Ungleichheit, das in allem Sichtbaren wirkt und ein Nebeneinander unzähliger Formen fordert. Die Menschheit besteht aus lauter Varianten trotz ermüdender Einförmigkeit der Masseninstinkte. Regungen von Fuchs, Schlange, Marder, Schwein, Schaf, Rindvieh wechseln in Millionen menschlicher Individualitäten. Aus rätselhafter Neigung bestimmter Frauen für die Schlange folgert aber gewiß nicht, daß sie sich aus der Schlange entwickelten und alte Verwandtschaft spüren. Nur individuell Schlangenhaftes seelischer Triebe fühlt sich angezogen. Nur das Streben nach Variation, das die ganze Natur durchzieht, brachte im Menschen ein Phänomen hervor, das er mit gewohntem Erwerbssinn für sich stiehlt, wie der Rabe etwas Glitzerndes, für das er doch persönlich keine Verwendung hat. Die Weltpsyche hielt für angemessen, gewisse Emanationen höherer Äthersphären als Menschen zu individualisieren, bei denen das Psychische derart überwiegt, daß ihr Bewußtsein weit über das Menschliche hinausstrebt und sich mit dem schöpferischen Willen des Unsichtbaren vermählt. Es ist das Phänomen des Genialen und Idealisten, das schon den Urmenschen antrieb, sich in der Materie umzusehen. »Das Licht, das selbst Natur sich angezündet in seinem Hirn«, singt Grisebach von Schopenhauer. Statt aber dies Wunder demütig anzustaunen, denkt Schulze: anch io sono pittore, auch ich bin ein Naturlicht vermöge wundertätiger Evolution! II Bezeichnenderweise kann sich der Mensch nur dem Anthropoiden gegenüber, da die andern Tiere keinen faßbaren Vergleichspunkt bieten, geistiger Überlegenheit rühmen, selbst hier darf man Zweifel hegen, da wir vom innersten Seelenleben des Schimpansen nichts wissen, seine Gedanken sind zollfrei, und ob nicht auch er aus dem Unbewußten und geweckteren Sinnen eine uns fremde Nahrung zieht, ahnen wir nicht, ermessen nur unüberbrückbaren Verstandesabstand. Alles aber, was bei Geburt eine höhere geistige Anlage mitbringt und so den vollendeten Embryo plötzlich von dem des Hundes unterscheidet, vollzieht sich durch unsichtbare kosmische Einwirkung. Evolution ist schon an und für sich ein geistiger Begriff, klammert sich daher unwillkürlich ans Unsichtbare und kann als abstrakt nur von Oberflächlichkeit aufs Sichtbare angewendet werden. Ein physisches Aufwärts kann es hier nicht geben, nur Relativität in Transformierung. Kompliziertheit menschlicher Organe ist nicht Modifizierung zum Vollkommeneren, das in der Natur waltende Sparsamkeitsgesetz schafft viel erstaunlichere Wunder der Einfachheit. So des Vogels Flugfähigkeit mit dazu gehörigem Atmungsapparat, wie auch der des Fisches besser zum Aufenthalt im Wasser geeignet als die stärkste Lunge des Schwimmers. Deshalb erkannte Lamark, alle Evolutionskraft sei geistiges Streben, es ist so, sobald man dafür das richtige Wort Entfaltung setzt. Veränderungen entstehen nicht mechanisch, sondern durch individuelle Regung der Lebensenergie. Entfaltung ist ein Willensakt, der aber ohnmächtig bliebe, wenn nicht geheimnisvoller Allwille ihm wohlwollend unter die Arme griffe, das ist das große Geheimnis. Wenn bestimmte Fische über Land wandern, so bringen sie solch achtungswerte Anstrengung nur fertig vermöge der nämlichen Willenskraft, die ihnen diesen widernatürlichen Plan eingab. Das Sexuelle des Tiermännchens ändert sich organisch nie, dagegen entspringt jede Abänderung weiblicher Sexualorgane vom Laichen zum Gebären dem gewaltigen Muttertrieb, besser für die Brut zu sorgen, sei es auch mit eigenem Unbehagen. Diesen hohen Willensakt der Selbstaufopferung könnte aber das Weibchen nicht verwirklichen ohne Beistand der gleichen Weltpsyche, die ihm dies heroische Streben einflößte. Das Verlangen wird Mutter besonderer Lebensenergie, die den Wunsch zur Erfüllung bringt. Daß diese Wechselwirkung beim Menschen immer mehr aussetzte, je weiter er sich vom Unsichtbaren entfernte, je weniger er die schöpferische Einbildungskraft und dafür den nüchternen Rechenverstand ausbildete, ist natürliche Folge seelischer Schwächung. Der Urmensch, der alles dem Menschen Nötige schuf, schuf sich gleichsam neue Organe wie das Tier, das Meerfloß des Tasmaniers entspringt dem gleichen Willensakt wie das erste Gebären des Mammals. Beanstandung des Darwinismus summiert sich so: 1. Entfaltung ist kein mechanischer, sondern psychischer Prozeß, sie offenbart nicht den Stoff, sondern die Energie. 2. Veränderlichkeit des Stoffes ändert nicht Beharrlichkeit des Typs, d. h. der Idee einer Art. 3. Variation als Produkt der Allenergie ist nur Transformierung, direkte Abstammung einer Art aus der andern unbeweisbar; unwahrscheinlich, unmöglich. 4. Evolution im Sinn von Aufstieg ist Täuschung ohne Relativitätsperspektive, das einzige uns wirklich zugängliche Material, die Menschheitsgeschichte, beweist das Gegenteil. Nehmen wir gemeinsam gleichzeitigen Ursprung des Erdlebens an, so sind wir so weit wie zuvor bei der biblischen Schöpfungsmythe. Denn wie und wann sich die zahllosen Varianten ableiten, bleibt verhüllt. Da steht nichts im Wege, daß Saurier und Urmensch gleichzeitig auftraten. Aus welcher Tierform der Affe sich entwickelt habe, dafür zeugt keinerlei Mittelglied, die Lemurentheorie ist mehr als wackelig. Darwinismus hat ein Interesse daran, den Menschen als späten Erdbewohner auszugeben, doch er war sicher ein Zeitgenosse der Megalosaurier und des Riesenkänguruh, das in Nähe der Saurier siedelte. In welcher Urgestalt der Mensch sich darstellte, ist völlig ungewiß, wohl aber sicher, daß er mit Waffen auf die Saurier Jagd machte. Sigurd und Siegfried Drachentöter sind historische Überlieferungen wie alle Sagen, auch Appolon tötet mit Pfeilen die Riesenpython und Herkules die lernäische Hydra. Dazu wäre der Riesenschimpanse, dessen altertümliches Dasein neuerdings behauptet wird, nie fähig gewesen, es scheint bedeutungsvoll, daß kein Anthropoide den geringsten aggressiven Jagdtrieb zeigt, wie ja auch die Zahnform sich schon bei ältesten menschlichen Überresten unterscheidet. Man hat auch kein Recht, die paar Beispiele anscheinender Mittelglieder als Beweis für Übergehen einer Spezies in die andere aufzufassen. Der Wechselbalg mit dem Entenschnabel, der ein Ei legt und das Junge dann an Milchdrüsen säugt, ist viel wahrscheinlicher ein Bastard von Vogel und Säugetier. Wenn solche Begattung heute unmöglich, mochte sie in Urzeiten vorkommen. Jedenfalls blieb auch diese Spielart konstant, nicht das kleinste Anzeichen liegt vor, daß die benutzten Milchdrüsen sich in folgenden Sprößlingen zu wirklichem Gebären umsetzten, hier fehlt wieder jedes Mittelglied zwischen diesem Wechselbalg und dem ersten wirklichen Säugetier. Bloße Vermutungen stützen nicht eine so weitgehende Hypothese. Ist wahrscheinlich, daß der Landbereisende Schlammfisch als Ahnherr der Reptile in Betracht kommt? Denn wohlgemerkt beachtet man dies Phänomen noch heute, ohne daß dieser Fisch aus solcher vielleicht Jahrmillionen andauernden Praxis je die ihm zugemutete Folgerung zöge, er ist und bleibt Fisch. Daß die Vögel ganz gleichzeitig mit den Reptilien auftraten, scheint nicht unbedingt erwiesen, aber daß Extremitäten als Flügel auswachsen, dafür bietet schon das Insektenreich, das sich dieses Vorzugs erfreute, den Analogieschluß. Entstand die Fledermaus aus dem Vogel? Sie ist eine Maus, die aus unbekannten Gründen das Bedürfnis befriedigte, fliegen zu können. Von den angeblich fliegenden Drachen blieb nichts übrig als das Duodezexemplar eines harmlosen Insektenfressers, und die kleine »fliegende« Schlange in Brasilien fliegt überhaupt nicht, sondern schießt als Baumbewohner aus der Höhe herab wie andere Schlangen am Boden hinschießen. Daß im Laufe ungezählter Jahrmillionen Varianten entstehen, kann durch alle möglichen Milieuumstände und auch durch Bastardisierung in grauer Vorzeit verursacht sein. Doch ist bezeichnend, daß man sich über Insektenfresser im Pflanzenreich wundert, weil man nicht begreift, daß gieriger Lebenswille in der Pflanze lodert wie in jedem Animalischen, und große Pilze von unten her mächtige Steine wegwälzen, Kartoffeln im dunkeln Keller mit verständiger Beharrlichkeit nach Licht schnappen wie ein gefangenes Tier. Daß aber deshalb aus der Kartoffel sich nach Jahrbillionen ein Säugetier entwickelte, klingt phantastischer als die unbefleckte Empfängnis der Päpste! Das alles wird heute frischweg geglaubt, weil solche Phantastik sich vorlautem Klugschwätzen anpaßt, das auf subtilste Fragen nüchterne Antwort weiß. Evolution dient als Sesam, Tischleindeckdich; wo Verstand der Verständigen halt macht, begnügt sich in Einfalt ein kindlich Gemüt: Evolution, basta. Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort und kaum flügge Biologie fix und fertig, mit vollen Segeln ins Unendliche hinaus zu gondeln. Die Wellen verschlingen am Ende noch Schiffer und Kahn durch gespenstig lockende Loreley-Mechanistik, die gestiefelt und gespornt zur Attacke aus dem gesegneten Schädel der Gelahrtheit aufstieg. Daß Uranfängliche Arbeitsteilung herrschen muß, für welche der Fisch so wichtig wie der Mensch, daher Gleichzeitigkeit aller Arten nötig scheint, daß jede scheinbar launenhafte Variante betriebsamem Individualwillen entspringt, doch ohne billigende Mitwirkung wohlwollender Weltpsyche unmöglich wäre, solche schlichte Vorstellung des Alleinen ist nicht verzwickt genug! Haeckel, den seine radikalen Bölschejünger ebenso verwirrt vorwärts trieben, wie er sie selber wirr gemacht hatte, betrat mit seiner »Parigenesis der Plastitule« 1873–77 und »Zellenseelen und Seelenzellen« unwillkürlich die Bahn eines reinen Psychismus. Sind selbst die kleinsten Zellenteile (Plastidulen) seelische Einheiten, die »sich erinnern und lernen«, d. h. ihre Vererbung und Anpassung auf den Zellenstaat Mensch übertragen, so bildet sich aus vielen Seelchen eine einheitliche Individualseele, d. h. erstere treten ihre Rechte an einen Generalbevollmächtigten ab. Das wäre eine vollbewußte zwecksetzende Tat und H. kann dies nie als stofflichen Vorgang erklären, mag seine Anthropogenie noch so viel neue Namen für seine Phantasievorstellungen erfinden. Radiolarien der Tiefe schießen also zusammen wie Zellen des Korallenbaums? Dann folgen also auch letztere einem psychischen Prozeß? Wir haben gewiß nichts dagegen, doch wo bleibt in so beseelter Mechanistik das materialistische Prinzip? Die Popularisierung seiner »generellen Morphologie« und »systematischen Phylogenie« wie seine Propaganda für »Welträtsel, Lebenswunder« (1904) der »Schöpfungsgeschichte« nahm seinem schweren Wissenschaftsgeschütz die äußere Tragweite, womit er sonst die schlechte Beschaffenheit seiner Zünder und den mangelnden Durchschlag seiner Geschosse verhüllte, bei dieser Propaganda für Halbgebildete kamen Ecken und Härten noch schroffer heraus. Noch unglücklicher verlief sein früherer Vortrag »Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft«, wo er zu krebsen anfing und aus der Kampfstellung zurückhufte, als seien er und Darwin nicht positive Materialisten. Ihre Anhänger vom Wissenschafter bis zum Arbeiter blieben es aber bis heute, außer einigen wenigen, die auf einmal Natur und Psychologie völlig trennen, also vom Monismus abfallen. Richtiger Naturalismus läßt aber keinen Dualismus zu, hier gibt es nur Entweder Oder. Virchows Zellular-Biologie würde logisch auch dazu führen, was er aus diplomatischen Gründen so mutlos bestritt, als er gegen »Herrn Haeckel« (früher, ›Freund H.‹) neidisch Front machte. Haeckels wahre Widerlegung lieferte Haeckel selber durch obigen Panpsychismus der Zellen, dessen Eigentümlichkeit wir ernst zu erwägen geneigt sind. Vielleicht würde die Karmalehre dadurch eine subtile Modifizierung erfahren, insofern die Verschiedenheiten bei Fortsetzung der Wiedergeburt so oft bei Karmaanzweiflern Anstoß erregten. Daß sich das ephemere Ich fortsetzen könne, gewinnt hier neue Auslegung der Transformierung: Während das Ich zerfällt, schießen seine Zellenteile, die »sich erinnern und lernen«, in neuer Form korallenmäßig zusammen, behalten nur allgemeinen Grundriß des verflossenen Zellenstaats, ohne ihm im einzelnen gleichen zu können. Natürlich lag Haeckel solche Gedanklichkeit ganz fern, er brauchte kein Senkblei für seine eigenen Untiefen. Der hochgemute Mann, von dessen blondem Reckentum man mit Stolz wie von Bismarck rühmen darf »made in Germany« gegenüber dem Shakespearischen »these limbs were made in England«, verdankte seinen Weltruhm nicht seinem Wahrheitsdrang, sondern dem Flachen und Großschnäuzigen, in dem seine Proselitenmacherei sich gehen ließ. »Das walte Gott, der Gott des Wahren, Guten, Schönen!« rief er begeistert. Träumen wir? Ahnte er nicht, wie sehr er diesem Gott zuwider handelte? Nein, er begriff nicht mal seine eigene Lehre, aus welcher der um ihn gescharte Janhagel von Doktoren und Massenmenschen wahrlich nichts Wahres, Gutes und Schönes, am wenigsten irgendeine Gottheitform entnahm und damit logischer dachte als er selber. Sie ficht es nicht an, daß sein Bathylius sich als Niederschlag von schwefelsaurem Kali entpuppte, denn hinter dem Schaugerüst Spezialgelehrsamkeit darf man nie einen Tempel ernsten Denkens suchen; die ungeheure Mehrzahl der Spezialisten sind hilflose Flachköpfe, wenn man sie aus dem Entenpfuhl ihres Fakultätsbetriebs auf festes Land lockt. Nur Universalwissen hat Wert, die dem Mittelmäßigen eigene Verbohrung auf sein sogenanntes Gebiet bereichert nicht mal die Ertragsfähigkeit des kleinen Ackerstücks, in dem man hin und her schaufelt und etwas Ersprießliches zu pflanzen meint, wenn man Engerlinge an einem Orte aufspießt, die am andern wieder lustig weiter kriechen. So betont Ostwalds »Grundriß der Naturphilosophie« die alte Formel, daß alle Vorstellungen und Begriffe aus Erfahrung und Vergleichung hervorgehen. Nun, die wichtigsten Begriffe Unsichtbar und Unendlich lassen sich weder erfahren noch vergleichen, nicht mal der Kausalbegriff. Ostwald gesteht, daß hier »einem Apriori nichts im Wege stehe«, ja daß dies sogar mit dem Leben identisch sein könne. Ohne uns hier näher damit zu beschäftigen, betonen wir um so deutlicher, daß Wissenschaft dann notwendig nur auf subjektiven Vergleichen fußt. O. gesteht offen, daß es keine absolut richtige Behauptung gibt, nur größere und geringere Wahrscheinlichkeit, aller Fortschritt gehe nur dahin, den Wahrscheinlichkeitsgrad erfahrungsmäßiger Naturgesetze zu erhöhen. Das wäre alles schön und gut, doch diese wohlangebrachte Bescheidenheit wird nie ehrlich angewendet, denn es ist mindestens übertrieben und gewagt, daß Wissenschaft heute ihre Gesetze »immer wahrscheinlicher« machte außer für Strohköpfe. Sie bewegt sich von Anbeginn wie jede anthropomorphische Religion in einseitiger Voraussetzung, es werde ihr irgendwas Sichtbares induktiv offenbart, während sie gleichzeitig deduktiv mit unsichtbaren Abstraktionen spielt. Leben, diese höchste Formel, hat weit mehr Sinn als die Abstraktion Materie, sie demonstriert drastisch und symbolisch das wahre Geheimnis des Weltgeschehens darin, daß man alle organischen Existenzen neben uns nur als Körper erkennt, nichts von ihrem wahren, d. h. psychischen Wesen. Wenn man X als einen mit Beruf, Einkommen, Titel behangenen Körper schätzt, bleibt man völlig im unklaren über das, was er fühlt, glaubt, denkt, d. h. wirklich ist, da helfen höchstens Analogieschlüsse, die wahr oder falsch sein können. Selbst die wenigen, die sichtbare Merkmale ihres Innenlebens zur Schau tragen und als Künstler oder Denker von sich geben, gelten oft als problematische Naturen, enthüllen keineswegs Ursprung und Modus ihrer geistigen Bewegung. Physiognomik hat nur den Wert einer Eselsbrücke; gewiß trägt jeder seinen Steckbrief im Gesicht, doch nur wenige verstehen zu lesen; dies leibliche Schriftstück bleibt so unvollständig wie Objekte der Graphologie, die sich hundertmal blamiert neben manchen Treffern. In W. Blos »Gesch. D. Revol.« findet man ein Bild Robespierres voll Feinheit und Idealität: Es widerspricht gänzlich dem Bild, das Zeitgenossen von ihm entwarfen. Eine Rohan zeigte uns mal einen Kupferstich von Cagliostro, der sehr begreiflich macht, warum Lavater ihm die »erhabenste Physiognomie« zusprach, auf andern Bildern scheint er ein feister frecher Kerl. Wie stellt man sich zu solchen Widersprüchen? Man gewöhnte sich, Schädel und Stirn als Merkzeichen des Intellekts anzusehen, meist trifft es zu, keineswegs immer, es gibt Leute mit hohen und breiten Stirnen, deren Geistesmaß nicht den Durchschnitt übersteigt, Leute mit gedrückten Stirnen, die große Intelligenz besitzen. Unberechtigt ist bloße Messung des Schädelumfangs, Byron hatte einen abnorm kleinen Kopf, der aber doppeltes Hirngewicht trug, Leibniz hingegen ein minimales Volumen bei so unbestrittener Größe des Intellekts. Auch Hirnwindungen geben keinen Maßstab, alles hängt ab vom Blut, das die Hirnmasse speist, also von etwas gänzlich Unsichtbarem, das sich der Sezierungsobduktion entzieht. Bismarcks Schädel und Gesicht verraten nichts als harte Energie und starke Klugheit und doch war er sicher ungewöhnlich. Porträts vieler Genies erster Ordnung entsprechen nicht so abnorm großer Geistesstellung. Will man ehrlich sein, so sind in Friedrichs d. Gr. spitzigem Gesicht nur die Augen Genieblitzer, Napoleons Physiognomie wird von verschiedenen Beurteilern verschieden aufgefaßt, ein englischer Elbabesucher fand seinen Ausdruck »dumm«, erst bei lebhaftem Gespräch habe er sich geistreich belebt. Ganz recht, nur beim Mienenspiel darf man das Antlitz eines Genialen beurteilen, d. h. unterm Einfluß unsichtbarer Bewegung. Söhne erben den Geist der Mütter, diese müßten aber ziemliche Idiotinnen sein nach ihren schmalen niedern Stirnen zu schließen, während sie oft tieferer Intuition und Idealität fähig als die Männer und an Lebensklugheit ihnen meist voranstehen. Das geringe Volumen des weiblichen Schädels bestätigt selten den Männerverdacht »lange Haare kurzer Verstand«, denn was in der weiblichen Psyche vorgeht, bleibt dem Mann verschlossen. Kurz und gut, das Lebensprinzip, das nicht die es leugnenden Gelehrten um Erlaubnis fragt, hat alles Wesentliche des Menschen ins Unsichtbare verlegt, und wenn Gedankenlesung, Gedankenübertragung, Hypnose hier walten, so geschieht es auf unsichtbaren Wegen, die von Erfahrung und Vergleichung des Sichtbaren fern abliegen. Was also beobachtet die Wissenschaft? Just die Haut der Dinge! – Schon die Ägypter kannten Entwickeln des Frosches aus der Kaulquappe, des Käfers aus dem Ei, der Schmeisfliege aus der Larve, ihre Astronomie und Geometrie 52+000 Jahre vor Alexander übertraf die Arithmetik der Chaldäer. Doch daß diese erst 3700 v. Chr. den sodiakalen Tierkreis berechneten, ist offenbar falsch, da schon die Sumerer ihre Monate danach benannten. Prähistorische Chemie legierte Kupfer und Zinn zu Bronze, 4000 v. Chr. betätigte sich, was man später Alchemie nannte. Laut Jamblichus bewahrten die Assyrer Denkmale von 27000 Jahren, übliche Schätzung von 6000 »historischen« ist daher lächerlich. Die Chinesen legierten Schwefel und Quecksilber zu Salpeter, schufen Porzellan, ihre Astronomen wurden von Staats wegen gefördert, sie verwendeten Kohle mit Feuer, kannten Elektrizität als »den Hauch, der alles durchdringt«. Die Inder hätten außer Beobachtung der Himmelskörper keine Naturforschung gekannt, sagt S. Günther »Gesch. d. Naturw.« Das wäre begreiflich, da für ihre Weltanschauung das Physikalische gleichgültig sein mußte, es stimmt aber nicht, sie hatten genug botanische und zoologische Kenntnisse. Das von J. Müller und Baveri begutachtete Lanzettfischchen, der berühmte Amphioxus, war anscheinend den Alten wohlbekannt, nicht Priestley entdeckte den Sauerstoff, alle Stoffe waren den Alten vertraut unter anderer Benennung. Da sie auch lange zuvor Geologie kannten, was berechtigt die moderne Wissenschaft dünkelvoll auf sie herabzublicken? Ihre Methoden? Diese verbieten ihr z. B. den »Aberglauben« der Horoskope, obschon sich jeder aus den Tafeln überzeugen kann, daß die urältesten chaldäischen Auffassungen noch heute passen. Ein Sonnengünstling wie Goethe, geboren beim Zenitstand, wird es gut haben, der Mond stets das Wappen düsterer Genialer sein, verschiedene Konjunktur von Mond und Merkur entweder Genie oder Verrücktheit bestimmen, Saturn über Kräklern und Unheilbringern scheinen. Wenn der überzählige Uranus ein Planet der Revolution sei (Wiebener »Lehrb. d. Astrol.«), so verloren die Alten wenig damit, daß sie ihn noch nicht entdeckten. Er steht so ungeheuer fern vom Rande des Sonnensystems, ebenso Neptun, daß höchst fraglich, ob sie nicht bloß Asteroiden sind. So bleibt es wohl bei den sieben Planeten der Alten. Ob man heute die Schnelligkeit des Lichts oder einer Kometenbahn sicherer berechnet, bedeutet wenig, die alten Methoden waren ziemlich ebensoweit. Die Alten anerkannten alle die Heliozentrik, auch wenn sie wie Pythagoras es nur im engeren Kreise lehrten, selbst Keplers Elliptik scheint durchaus nichts Neues, die Neuzeit hat uralte Einsichten nur künstlicher ausgebaut, alles weist auf allgemeines Urwissen hin. Von K. Günther »Darwinismus und Probleme des Lebens« wird »Naturzüchtung« fanatisch gepriesen, Lamark und de Vries abgelehnt. Wenn man sich aber zugunsten mechanischer Selektion für physisches Körperleben entscheiden soll, warum beobachtet man seit den historischen 6000 Jahren nicht die geringste physische Veränderung aller damals festgelegten Organismen? Wird außerdem anerkannt, Körperwelt sei nur Bewußtseinsinhalt, mit Psychischem habe Naturwissenschaft nichts zu tun, »Empfindungen entziehen sich der Beobachtung«, Hirnuntersuchung zeige nur Bewegungen, nicht deren Ursache, versteigt sich gar zur Frage: » besteht die Körperwelt eigentlich nicht aus psychischen Vorgängen ?«, so wird dem wirklichen Darwinismus die Spitze abgebrochen zum Entsetzen der Materialisten. Denn ihr Dogma muß bleiben: Seelisches ist Objekt der Körperwissenschaft. Denkt man wie Günther, der sorgfältig alle »Autoritäten« zu Rate zog, so gibts auch keine mechanische Evolution, wie er gern möchte. Denn zoologische Verbesserungen, selbst wenn sie wahr wären, bleiben dann äußerlich und von »psychischen Vorgängen« getrennt. Unser Monismus verabscheut freilich so willkürliche Scheidung, sie verrät aber den plötzlich eingerissenen Kleinmut der Neodarwinisten: Sie möchten retten, was noch zu retten ist, hiermit sinkt Naturzüchtung auf Nebensächliches herab. Soll Selektion sich von allem Teleologischen fernhalten, wie darf man dann Evolution echt teleologisch als Verbesserung auffassen? Spencers »survival of the fittest« (von ihm stammt diese Phrase) verneint sich selbst, wenn blinder Zufall regiert, weil zufällige Katastrophen gerade die »Geeignetsten« wegputzen. Sind aber Minderwertige die Geeignetsten zu irdischem Überleben, sintemal die niedrigsten Lebensformen (Einzeller) sich am besten erhalten, was bleibt noch von Verbesserung übrig, da dann nicht mal Gleichwertigkeit konstant bleibt? Gottlob ist das ein Irrtum, aber daß er es ist, kann man nur dem Regulativ psychischer Kräfte verdanken, die blinde Mechanik verhindern. Da man von Unendlichkeit weder vorn noch hinten etwas abknapsen kann, so ist im Vergleich zum Weltganzen »das Resultat der Wissenschaft gleich Null und wird es immer bleiben«? Donner und Doria! auf einmal so bescheiden, wozu dann der Lärm, was steht den Herren zu Diensten? »Die Gelehrten werden uns nie sagen, wie aus Reptilien Vögel wurden.« Ja freilich, und wurden sie es wirklich? Natur – ist weder Erfahrungswissenschaft noch voraussetzungslos, sondern Produkt des Intellekts, der das Wirkliche erkennbar machen möchte. »Daher« hat sie kein Recht, anderes Wissen zu verneinen, das »die Wirklichkeit zu andern Zwecken umformen möchte«. Woher denn? Erst müßte man über den Begriff Wirklichkeit klar werden, hat der großmütige Naturalist nicht selber vorher die Körperwelt als bloßen Bewußtseinsgehalt verneint? Psyche haftet am Unorganischen und schafft sich ihre Ausdrucksweise von der Amöbe bis zum Gorilla? Das von ihr erzeugte Bewußtsein schafft sich allerdings die Gegenstände des Erkennens als fortwährende Tätigkeitsbewegung, man kann aber nicht sagen, daß sie am Unorganischen hafte. Denn erstens gibt es in strengem Sinne nur Organisches, zweitens erkennt das, was der Mensch Bewußtsein nennt, die Gegenstände gerade gemäß wechselnden Formen des Organischen. Die Amöbe erkennt anders und andere Gegenstände als der Gorilla gerade vermöge ihrer speziellen organischen Psyche. So sucht der Mensch äußerlich das Gemeinsame nur in Begriffen, spricht von Masse und Menschheit, als ob die Individuen gleich wären, womit auch der Sozialismus sich lächerlich macht. Infolge schiefen naturalistischen Denkens werden sogenannte Monisten oft ärgste Dualisten. Unorganische Psyche! und was ist dualistischer als Haeckels Versuch, menschliche Vervollkommnungswerte in die Natur einzuschmuggeln! Die Natur kennt keine »Werte« im Sinne Rickerts, auch Günther weist Unmöglichkeit naturwissenschaftlicher Ethik trefflich nach. (Vgl. Schallmeyer »Vererbung und Auslese« 1903). Von Möbius »Biozonöse« bis zur Halbheit des Jesuiten Wasmann, der die Deszendenztheorie verschnörkelt anerkennt, gehen gegensätzlichste Auffassungen doch alle nur um den heißen Brei herum, daß Leben überhaupt nicht körperlich erfaßt werden kann. Für Weismanns ziemlich glückliche Instinkttheorie ist Instinkt natürliche Tradition, so hat auch der Mensch vererbte Instinkte. Daß aber zunehmender Verstand als Gegensatz wirke, scheint fraglich, eher als Regulativ und kein sicheres. Gewiß sind nicht nur alle Vorurteile, sondern auch Gemeinsinnmoral traditionell; was aber der Verstand gegen sie vorbringt, ist rationalistische Selbsttäuschung, da der das Individuum lenkende Gemütsinstinkt sich vom Verstand abkehrt und an Tradition festhält, weil sie befriedigt. Alles Unbewußte ist Instinktleben wie der Dämon des Sokrates. Auch Weismann frönt sonderbaren darwinistischen Einfällen. Löwenmähne als Schutz gegen Bisse? Warum hat der kanadische Wolf Mähnen, obschon er keinen fremden Biß zu fürchten hat? Edelhirsche beißen sich untereinander, warum wuchs ihnen kein Mähnenschutz? Warum bildete der Tiger seinen Mähnenansatz nicht aus, den er gegen Elefantenrüssel nötig hätte? Warum tragen der Mann und nur einige Affen Bärte? Mähne und Bart sind rein individuell (auch bei Männern und Rassen verschieden), an und für sich aber nur Attribute der Mannbarkeit; wenn sich bei Frauen Flaum auf der Oberlippe zeigt, sind sie Mannweiber. Statt so natürlicher biologischer Symbolik braucht Darwinismus weit Hergeholtes wie »Abschreckungsmittel«, die sich meist nur als sexuale Erregungs- oder Erkennungsformen herausstellen. Allem liegt die Annahme zugrunde, das Tier sei fähig, organische Veränderungen mit sich vorzunehmen. Warum fehlt dies dem Menschen, dessen Skelett seit Urzeit nur unbedeutende Veränderungen der Kniescheibe und Kinnlade aufweist? Begabungen wie den Vogelsang möchte man wie Grillenzirpen bloß vom Liebeswerben abhängig machen, mit gleicher Verwechslung pflegt man zu sagen, Dichten komme vom Minnen, weil junge Dichter unterm Liebeseinfluß zu singen pflegen. Doch sexualer Anreiz fällt hier einfach mit dem Stadium reifrer Tätigkeit zusammen, diese braucht aber durchaus nicht Gesang hervorzurufen, sondern Waffenklirren wie bei Bonapartes italienischem Feldzug unter Furor aphrodisiacus für Josephine. Aber nicht bloß deshalb kam sein Genie zum Vorschein, es war ebenso zuvor vorhanden wie bei Dichtern, deren Liebesgedichte oft den schwächsten Teil ihrer Leistungen ausmachen. Nun wohl, Häher und Neuntöter ahmen Tierstimmen nach und bilden eklektisch eigenen Gesang daraus, dies erweist spezifisch musikalischen Sinn, angeborene intellektuelle Gabe. Vogelflug variiert zwischen 76 und 300 km pro Stunde, Blaukehlchen fliegen angeblich 357 km pro Stunde in einer Frühlingsnacht von Afrika bis Helgoland, ein gezähmter Falke flog von Fontainebleau bis Malta in 24 Stunden, wobei er unterwegs gejagt und gefressen haben muß. Trainierte Brieftauben erzielen nur 117 km pro Stunde, manche ist feig und träg, manche eine Heldennatur. Kurz, Heimat- und Orientierungstrieb beim Vogelflug ist ebenso individuell psychisch wie Paarungspoesie beim Nachtigallsang. Auch Trutzfarben der Tiere, die jeder Evolutionist mit besonderem Stolze malt, gewähren keine mechanische Erklärung. Materie gestatte Selbstveränderung der Haut? Jawohl, Erröten und Erbleichen des Menschen schenkt uns die richtige Analogie, nämlich Bluterregung durch unsichtbaren psychischen Reiz. Warum nur das Chamäleon in Gefahr und Angst so rapide die Farbe wechselt und sonst Trutzfarben sich so sehr verschieden gestalten, bleibt eben Individualitäts-Geheimnis. Graefes These, alle Vögel seien ursprünglich Zug- nicht Standvögel gewesen, geht wohl zu weit; das Gegenteil aber, sie hätten erst spät größere Flüge gewagt, weil sie ursprünglich aus dem Reptil krochen, ist leichtfertige Chimäre, weil für dies Weil jede Beweisunterlage fehlt. Vögel gab es schon zur Jurazeit, am Ende der Kreidezeit riesige Haifische als Feinde der Ichthyosaurier, also erstand aus der angeblich überholten Fischrasse ein den schon bestehenden Amphibien überlegenes Ungeheuer als »geeigneter« im Fraßkampf. Merkwürdig bildsame Saurierwelt, wo Stego-Zephalen und Megalosaurier als Karnivoren die harmlosen Pflanzenfresser Dinosaurier verfolgten! Was war hier Evolution, Pflanzen- oder Fleischfressen? Die Pflanze bot das Nahrungsfundament, indem ihr Naturlaboratorium aus Amorphischem (Wasser, Erde, Luft) lebende Eiweissubstanz fertig herstellte? Heute überwiegen bei ihr völlig die Kohlenhydrate, alle Gras-, Heu-, Kraut-, Reisfresser zeigen zur Genüge, daß große starke und meist intelligente Tiere bei dieser unscheinbaren Nahrung (nur Hafer fürs Pferd steht »höher«) trefflich gedeihen. Den medizinischen Eiweisgötzen beiseite lassend, fragen wir: Waren die Dinosaurier, denen die Pflanzenkost so gut anschlug, Ahnen des Elefas, Flußpferds, Elenns, Auers, Steinbocks, Urpferds, Riesenwidders? Gewiß nicht, was trieb sie aber alle zum Vegetarismus wie auch die ganze Affenbande? Ihr unmöglicher Ahnherr auf tausend Umwegen, das Beuteltier, war wehrlos, sie aber hatten schon starke Schutzwaffen, mit denen sie schwächere Tiere erlegen könnten. Naiv verweist man auf die Zähne, die aber des Menschen Malmer nicht am Fleischessen verhinderten und die, wenn Anpassung gelten soll, sich umgekehrt erst der Pflanzennahrung angepaßt haben müßten. Indessen zeigen schon die ältesten Fossilien Malmzähne, sie und der vegetarische Trieb bestanden seit Anbeginn als individuelle Nahrungswahl ganzer Gattungen. Dagegen sind fast alle Vögel Insekten-, Frosch-, Fischfresser oder karnivores Raubzeug, doch der weise Papagei bekehrte sich trotz scharfem Schnabel und Krallen zur Fruchtkost wie viele Tropenvögel, war vielmehr Nußknacker seit Anbeginn. Alle Varianten der Nahrungswahl sind individuell. All solche Erwägungen legen nahe, daß jede größere Gattung ihr eigenes Protoplasma hatte, von dem sie ohne krumme Wege in grader Linie abstammt. Daher ist selbst vorsichtigere Fassung »der Mensch stammt von einem Lebewesen, das wohl dem Affen ähnlicher sah als dem Menschen« immer noch so vorwitzig wie Haeckels Stammbaum. Manche moderne Gelehrte (Prayer usw.) halten an Urzeugung fest; daß lebende Substanz durch Meteoriten zur Erde kam, ist nur Verlegenheitseinfall, denn das Anorganische enthält schon selber Lebensmöglichkeit, die Dreiheit Licht, Wärme, Feuchtigkeit kann aber kein Leben hervorbringen ohne schon vorhandenem Keim, und wer ermißt, wie weit kosmische Zeugungskraft unsichtbarer Bestrahlung reicht! Deuten Weismanns »Beiträge zur Deszendenztheorie« nicht Embryologie ins Okkulte: Keimzellen hätten geistigen Ursprung? Laut Geheimlehre keimt der Same nur durch Emanation des »himmlischen Menschen«, d. h. durch Wiedergeburt des transzendentalen Ego. III Für morphologischen Standpunkt wird Urzeugung stets ins Reich der Mystik gehören, die »Märchen« indischer Geheimlehre darf man aber höchstens in ihrem allegorischen, nicht ihrem astronomischen Gehalt verwerfen. Wird der an Bibelgläubigen verhöhnte Wahn, Leben sei aus nichts geschaffen, minder lächerlich in gelehrter Umkleidung? Wir wissen vom Leben so wenig, daß wir Einführung des Todes als Übergang und Zwischenspiel gar nicht lebend empfinden, obschon unser Körper stetig zerfällt, diesen immerwährenden Sterbezustand ahnen wir nicht, solange Stoffwechsel sich vollzieht und Kontinuität des Lebens auf Nachkommen überträgt. Wissenschaft baut auf »Substanz«, die sich doch sinnlicher Beobachtung entzieht (Dubois-Reymond), auf »bewegender Kraft«, die Huxley »leeren Schatten einer Einbildung« nennt, nichtsdestoweniger sind Ursubstanz und sie bewegende Kraft zwei Selbstverständlichkeiten, ohne die kein Weltbild möglich. Wenn man nicht mal sie annähernd definieren kann, wie soll man Leben-im-Tod und Tod-im-Leben verstehen, deren verwirrende Lebendigkeit sich mit uns im Kreise dreht! Den letzten Grund und das Ding an sich kann man abstrakt sich vorstellen, nicht aber das Leben, das ist zu geheimnisvoll und spottet als sichtbare Tatsache jeder Abstraktion. Sobald in einer von der Blavatzky prophezeiten 6. Rasse sich telepathische Schauung allgemeiner verbreitet wie wahrscheinlich schon in der Urzeit, wird man auf moderne Wissenschaft mit gleichem Mitleid zurückschauen wie auf Bibeltheologie, denn erst jenseits so naiver Anthropomorphismen beginnt der Erkenntnis schauerlicher erhabener Ernst. Vielleicht seufzen dann manche nach jenen Kindereien, die sich an materialistischen Märchen ergötzten und mit harmloser Unschuld an Abgründe rührten, wenn sie das Wort Leben aussprachen für etwas viel Verwickelteres und Großartigeres, als äußerlich sichtbar wird. Da hört freilich auf: »Befriedigung der Neugierde ist für Menschen das Ende der Erkenntnis«, denn hier ist kein Ende. Daß die Natur eines Tages ablaufe wie eine Maschine, diese grotesk anthropomorphische Vorstellung rechnet wieder nur mit dem Sichtbaren. Okkulte Dynamik ist aber stärker als körperliche, und daß »die Kräfte, die auf unsere Erde einwirken, allzeit dieselben bleiben« (Burmeister), höchst fraglich. Locke irrt ja auch, wenn er den Raum keines Widerstandes und keiner Bewegung fähig hielt. Raum ist konkret nicht Leere, sondern Fülle, abstrakt aber als absolute Substanz dem Denken unerkennbar, daher seine Eigenschaften unbekannt. Newton sprach öffentlich von Vakuum, glaubte aber heimlich an intrakosmischen Mittelstoff zwischen den Planeten und einem »feinen Geist« darin als Kontrolleur, während Carlyle auf Thomsons phantastische Wirbelatome schwor und Cuviers Skepsis sogar die »Natur-Agenzien« als ohnmächtige Agenten anzweifelte. Wenn Hegel das Absolute in vier verschiedene Logosarten zerlegt oder Spencers »Erste Prinzipien« neben evolutionierenden Atomen auch »Dissolution« anerkennen, so läßt sich bei solchen Kunststücken wenig denken. Einfach und klar ist okkulte Auffassung: Die Existenz des uns dualistisch offenbarten Alls scheint zu bestehen aus Geist und Stoff, doch beide sind nur Aspekte der großen Einheit (Fohat), damit ist vorausgesagt, was wir vertreten. Mill behauptete von einer Theorie, an ihr sei »nichts hypothetisch, ein Beispiel für Berechtigung des Schlußfolgerns« und doch blieben von der nämlichen Theorie heute nur allgemeine Umrisse. Was einigermaßen richtig, ist immer uralt deduktiv, wie die Nebeltheorie von Anaxagoras und Anaximines, der einst Verdichtung einer prägenetischen Materie lehrte. Eine ätherische selbstlenkende Substanz anerkannten Kepler, Brahe, Halley, doch Äthertheorie erklärt nur Fortpflanzung des Lichts, Nebeltheorie nur Ursprung des Sonnensystems, beide widersprechen sich und sind doch gleich notwendig, beide aber sagen nichts aus über eigenen Ursprung von Äther und Nebel, dahin reicht nur deduktiv beflügeltes Denken. »Die in die Lichtwelt erhobene Seele besitzt Sehergabe« sagt Böhme, sein »ich war, ehe ich wurde« ist gerade das beste »Beispiel für Berechtigung des Schlußfolgerns«. Das Gesetz periodischer Wiederkehr (Geheimlehre) wäre auch dann eine einleuchtende Deduktion, wenn nicht bestimmte Tatsachen der Überlieferung dafür sprächen. »Was nach eigener Erfahrung und Untersuchung mit deiner Vernunft übereinstimmt, was zu deinem und aller Lebewesen Wohl dient, nimm als Wahrheit an und lebe danach« (Angukara-Nikaya). Können Materialismus und Theologie so viel für sich sagen? Spencer ging aus wie Saul, um den Esel der Naturforschung zu fangen und auf ihm zu reiten, und fand ohne Wunsch und Willen ein unbekanntes Königreich der »unbekannten Kraft«. Natur als erste Ursache sei wesentlich das gleiche wie Bewußtsein, Gedanke das Ding an sich der Realität! Das mußte seine darwinistischen Freunde schmerzen, denn was hilft Anerkennung ihrer Evolution, wenn diese keine Realität hat! Weil bilderschaffender Künstlergeist in allem lebt, gibt es nichts Totes. Holz, Stein, Mineral befinden sich in unaufhörlicher Schwingung ihrer Teilchen, so rasch, daß keine Bewegung wahrnehmbar: so vollzieht sich auch Umbewegung des Todes so schnell, daß nichts von ihr zeugt als Stillstehen des Herzschlages, so unsichtbar wie alles Feinstoffliche um uns her bewegt. Indem Faraday die nur ideell vorgestellten Atome »Kraftzentren« nennt, begibt er sich von vornherein des Wissens, was Materie sei. Elektrizität immaterielles Fluidum? Man akkumiliert sie beliebig, zieht sie auf Leydener Flaschen wie Blavatzky spöttisch bemerkt, wir fragen nicht minder ironisch: ist auch Wasser ein immaterielles Fluidum? Zieht man nicht aus ihm Elektrizität und stellenweise Radium? Die elektrische Vorratskammer ist sicher Materie, doch so fein, daß der Stoffler vor ihr ratlos steht, wer hörte je von unsichtbarer Materie, nicht wahr? Licht ist nur Bewegung? Nach einem bestimmten Experiment wird ein polierter Stock binnen 15 Stunden so damit imprägniert, daß er nach 24 Stunden im Dunkeln auf lichtempfängliches Papier ein genaues Abbild seiner Form abdruckt. Also ist Licht selber eine Kraft, die ein Residuum von sich auf Gegenständen zurückläßt, bei Brenngläsern und Sonnenbädern könnte bloße Bewegung nicht so lokale Wirkung ausüben, hinterläßt etwa der Wind auf Haut oder Gegenstand Abdrücke von sich? Metcalf stellte fest, »Wärmestoff« sei nicht Bewegung und Schwingung wägbaren Stoffes, sondern selbst Kraftsubstanz. Das ist sonnenklar: Wäre Wärme nur Qualität, könnte sie nicht das Volumen anderer Körper vermehren, sie hat also selber ein Volumen im Raum als eine für sich bestehende Substanz. Schon Leslie erkannte aber, daß Wärme und Licht nur Metamorphose des andern sind. Nun wohl, so kann auch psychische Bewegung nicht bloße Sekretion und der Mensch, ihre Ursache, nur ihr Konduktor sein. Alle Bewegungen sind nur Kraftphänomene unbekannter Wirklichkeit, während der berühmte Stoff selber so unbekannt ist, daß Tyndall bestätigt, was Faraday bekannte: man wisse nicht, was Materie sei. Schellings »Ideen« nennen es »Phantasietäuschung, daß von Kraft etwas bleibe, wenn man sie ihrer Prädikate entkleidet«. Das ist selber Täuschung, Kraft besteht nicht aus Eigenschaften, ihre Wirkungen sind nicht sie selber, Homer bliebe Homer, wenn man ihm seine Werke entzöge. Die uns bekannteste Kraft, der Mensch, kann von ihren Prädikaten nur durch Vernichtung entblößt werden, Naturkräfte aber sind unzerstörbar, in Wundts »Theorie der Materie« werden die Atome als gänzlich qualitätlos bezeichnet! So hebt immer eine Theorie die andere auf. Es sei unmöglich, Materie als Synthese von Kräften aufzufassen? Vielmehr ist unmöglich, irgendeinen Stoff ohne seine wechselnden Beziehungen zu andern Stoffen abzusondern, der Sammelname Materie kann nur als Summe von Kräften und Stoffen gedacht werden, ihre angebliche »Trägheit« anerkennt so Newton als ruhende Kraft. Indessen ist Schwerkraft außerhalb der Körperformen im offenen Raum, so daß man Kraft nicht im Atom, sondern im Zwischenraum der Atome suchen muß. Ist das Atom unteilbar und doch elastisch? Seine Teilbarkeit anzunehmen »bedeutet Zweifel an Existenz der Materie selbst« (Büchner)? Dann steht es schlimm, denn seine Zerlegbarkeit ward jüngst experimentell nachgewiesen, alles Elastische ist aber veränderlich, ein Todesurteil für Mechanistik. Denn Teilbarkeit der Atome löst die Materie in lauter Einzelheiten auf. Sagt es nicht zu Askalon auf den Gassen, wir Philister bleiben immer Goliaths! »Heute sind Gelehrte dünkelhafter und bigotter als die Klerisei« klagt Blavatzky, das weiß sie erst heute? Mit Recht zitiert sie Montaignes Weisheitsspruch: »Es ist alberner Dünkel, das zu mißachten und als falsch anzunehmen, was uns nicht wahrscheinlich dünkt. Die Vernunft lehrt, daß ein Ding als unmöglich zu verdammen beansprucht, Macht und Grenzen unserer Mutternatur im Ärmel zu halten, daß es keine größere Torheit gibt als sie aufs Maß unserer Fähigkeit zu beschränken, daß es mehr Gewohnheit als Wissen ist, was diesen täglichen Wundern ihre Fremdheit für uns benimmt und wir sie, wenn sie uns neu vorgestellt würden, für unglaubwürdig halten würden«. Wie überstrahlt aber solchen bon sens der alte alte Talmudsatz: »Willst du Unsichtbares kennenlernen, öffne die Augen für Sichtbares.« Im Staub der Studierstuben sieht man nicht mal das Sichtbare, wie sollte man Unsichtbares geistig schauen! Haeckels Plastidulseelen mit »Besitz des Gedächtnisses« kommen wir gern entgegen, denn Lebensatome können auch in bezug auf ihre Nachbarn nicht verlorengehen und drängen nach Reinkarnierung mit kosmischer Verwandtschaft. Doch, o Haeckel, ist das nicht Okkultismus? Wie, nur Bewegungsart und Aggregat der Atome vererben sich? Aha, also ist Atom nur Erscheinung, hinter ihr steht ein Prinzip und das ist wieder Okkultismus des Paracelsus. Wie, jedes kleinste Materieteilchen hat eine »konstante Seele«, jedes Atom »besondere Empfindung und Bewegung?« Um Gottes Willen, das ist ja schon die Monade von Leibniz! Mit wilder Unklarheit hält man trotzdem daran fest, daß die Zellenseele untrennbar an ihrem Protoplasmaleib gebunden sei, wie die Menschenseele an Hirn und Rückenmark. Ein Hirn, das vermöge des Rückenmarks sich eine Seele beilegt, ist spaßhafte Aufmachung. Wir als Monist anderer Färbung sagen ernsthafter, daß Seelisches nicht »gebunden«, doch allerdings nur durch physische Instrumente manifestierbar sei, weshalb bei unablässigen Inkarnationen die physischen Atome so unzerstörbar wie ihre psychischen Beleber. Wenn laut Tyndall der Übergang des Psychischen zu entsprechenden äußern Tatsachen des Hirns »undenkbar«, die Kluft zwischen beiden Erscheinungen »unüberschreitbar« ist, so würde auch selbst bei strikter Beobachtung der Vorgänge das Rätsel bleiben, wie sichtbare Hirnmaschinerie lauter Unsichtbares produziert, und die Frage, warum das Hirn als Gedankenbehälter konstruiert werden konnte. Da außerdem der Blutkreislauf dazu gehört, scheint der ganze Organismus nur zu dem Zwecke da, dies Gehirnphänomen auszulösen, d. h. unter elektromagnetischer Spannung Unsichtbares in Sichtbares zu entsenden. Psyche als Frucht von Körperbewegung ist unvorstellbar, sintemal letztere unermeßlich geringer und langsamer als geistige Bewegung, die mit der Schnelle eines Sonnenstrahls arbeitet, wie denn konkrete Beziehung zwischen Gedanken- und Lichtwelle zu bestehen scheint. Man braucht am ganzen Tag kein Glied zu rühren, doch das Hirn steht keinen Augenblick still, es denkt jede Sekunde, sei es auch nur als Selbstgefühl der Unterscheidung von Umwelt. Solche äußere Reibung des Sichtbaren möchte noch angehen, doch das Bewußtsein wird selber Welt, behandelt den Körper als Sklaven. Daß ein Unsichtbares stetig das Sichtbare imprägniert, jede Hirnbewegung nur ein Registrieren unsichtbarer telegraphischer Befehle vorstellt, ist das vereinbar mit mechanistischen Begriffen? Es käme darauf hinaus, daß der Morseapparat die Elektrizität sei, worüber doch jeder Schuljunge lachen müßte. Sie wird durchs Telegraphennetz herbeigezogen? Ja, doch abgesehen davon, daß der Mensch dies Netz erfand, was er für sein Hirn nicht beanspruchen darf, beweist ja drahtlose Telegraphie, daß die alldurchdringende Kraft sich auch auf beliebige andere Weise mitteilen kann. Vielleicht telegraphierten sich die Atlantier nur durch Gedankenübertragung und wer weiß, ob Telepathie nicht künftig ähnlich geregelt werden kann. Die Wichtigtuerei der Psychologen (Lucus à non lucendo) verwechselt tatsächlich die Registrierakte des tickenden Apparats mit dem elektrischen Strom. Dies Gleichnis deckt sich um so glücklicher mit der Wahrheit, als es veranschaulicht, wie wir an diesem Beispiel den Beweis in Händen haben, daß Unsichtbares alle sichtbaren Phänomene veranlaßt. Wer sich um universales Wissen bemüht, belächelt den Krimskrams der Hosenknopfspezialisten, die geistig oft noch weniger bedeuten, als Mitglieder praktischer Berufe. Diese Mittelmäßigkeitsassekuranz drängt ihre Kleinkrämerei als Wissenschaft auf und befindet sich wohl dabei in einer Gesellschaft, die alles Geniale verfolgt und das Professorentum als Geist von ihrem Geist päppelt. Auch jener Holländer, der als »Multatuli« künstlerisch Hilfloses, doch tiefe Lebenserkenntnis schrieb, verhöhnt treffend diesen Spezialismus als »Straßenkehrer« mit dem wichtigen Zusatz, daß berufliche Straßenkehrer obendrein ihre Arbeit, der sie Wichtigkeit beimessen, nachlässig und unvollkommen besorgen, also nicht mal ihrer eigenen Nichtigkeit gerecht werden. Wenn man über Philologen spottet, die würdevolle Dissertationen über einen hohlen Zahn von Sesostris oder des Kaisers Bart ausschleimen, wenn Goethes vernichtendes Urteil paßt, den Wissenschaftlern sei es nicht um Wahrheit, sondern um Rechthaberei zu tun, ist es in der Naturwissenschaft besser bestellt? Kratzendes Stimmen blinder Musikanten, Taktstock unbekannten Kapellmeisters, unsichtbarer Komponist, Incognito-Regisseur! Selbst grammophonisches Orchester, wer stellt Walzen ein, wo der Tonsetzer? Grault man Schimpansen aus Proszeniumslogen fort, gebührt dem Menschen Zuschauerbillett I. Klasse? Er bleibt Selbstakteur im Kasperletheater. Selbst wenn sich einige Größen wie Newton, Herschel, Arhenius, Hertz einiger Bescheidenheit vor dem Unsichtbaren befleißigen, so können sie unmöglich ein Weltbild gewinnen wegen ihrer Unbildung auf allen andern Gebieten. Von Newtons Werk wird wenig übrigbleiben, insofern Attraktion (laut Leibniz »unerklärlich«) allein keineswegs die kosmischen Bewegungsmoden erschöpft, da Kepler und Brahe wie Pythagoras die Planeten für rationale Intelligenzen hielten. Von Kant aber, um den andern Pol zu nennen, bleiben nur seine späten Lichtblicke, wo Verleugnung dessen, was für seine Bahnbrechung gilt, die Grenzen rationalistischen Erkennens zu überspringen hofft, denn diese Grenzen bestehen nicht in dem Grade, wie man es gern von Kant ableitet, während man es törichterweise für unbegrenzt im Sichtbaren hält. Erweckung des Unbewußten erweitert diese Grenzgebiete, in die auch das begrenzste Sichtbare hinüberschimmert. »Kann die Materie zur Erde fallen, ihr wißt nicht warum, so kann sie auch denken, ihr wißt nicht warum«, spotten Schopenhauers »Parerga«. Und wenn der Mensch denkt, er weiß nicht warum, so denkt er Gott, er weiß warum. 15. Immanente Gerechtigkeit und kein Untergang. I Nur von einer Lichtwelle der Ideenelektronen läßt sich Scheidung der heute wogenden geistigen Nebelgase in neue Gebilde erwarten. Nur Ideenerkenntnis kann über dem sozialen Chaos tagen: Es werde Licht! Chamberlain empört sich in seinem Kantbuch über »geistigen Verfall, beschränkte Empirie« der Naturwissenschaft, von der unserer gesamten Kultur die schwerste Gefahr drohe, zeigt sich aber in seiner Bekrittelung indischer Denkart und seiner Abneigung gegen Giordano ganz im Banne der »Exaktheit«, wobei er schwere Entstellung nicht scheut. Es erheitert, wie er innern Zusammenhang von Kant und Plato herstellt, sich aber an Platos »Erinnerung« vorbeidrückt, statt den Satz »das frühere lieben, wo wir Gott nachwandelnd Wahrheit erblicken« einfach als Reinkarnations- und Karmalehre zu lesen, wie denn Emerson richtig Platos Berührung mit indischem Denken erkannte. Da Brunos Verwandtschaft mit Plato, gegen dessen Antipoden Aristoteles er sich ja hauptsächlich richtet, auch im Umweg über die Neuplatoniker offenkundig ist, so darf man sein Innen Schauen gewiß nicht in Gegensatz zu Plato und Kant stellen. Gerade Plato ahnte zuerst, daß der Sehnerv im Hirn und nicht im Auge liegt. Der Durchschnittsmensch, dessen Blick oberflächlich an den Erscheinungen haftet, »schaut« nichts, er »sieht« nur, was der Sprachgebrauch unterscheidet. Alles wirklich Geschaute wird von innen heraus betrachtet und das Betonen des »Schauens« schielt zweideutig, wenn man dabei das leibliche Auge nach außen strahlen läßt. Buddha nannte seine transzendenten Tiefblicke sehr richtig Schauungen. Goethe verfuhr auch als Naturforscher wesentlich ideenbildend, nicht experimentell. Der zuletzt in theosophischer Mystik Gelandete wußte nur noch von innerm Schauen, »jedoch im Innern leuchtet helles Licht« und Sätze Brunos werden wörtlich kopiert: »Das Zentrum suche du da innen!« »Was wäre ein Gott, der nur von außen stieße!« Denn daß Gott in der Welt sein muß, zugleich immanent und transzendent, darüber sind alle wahren Schauer mit der indischen Urweisheit und den christlichen Mystikern einig. Den Verborgenen kann man aber nicht mit Materiefernrohren erblicken. Kant und Klopstock begrüßten treuherzig den Pariser Feuerschein als Morgenrot, doch deutscher Brennstoff lodert anderswo. Als die Vernunftelei mit den Weimarern einen »Spaziergang« durch die Allee der »Ideale« machte und klassizistisches Techtelmechtel mit Messinabräuten, Jungfrauen von Orleans, natürlichen Töchtern den guten Ruf der Dame Muse mit Geheimnissen einer alten Mamsell befleckte, da hob ein neues Götzgeschlecht die eiserne Hand und erschreckte das Firmament mit Lanzensplittern vor der künstlichen Burg des bösen Zauberers Klingsor. So schimpfte Goethen der Ritter Novalis-Ofterdingen, der freilich nie ein Nibelungenlied aus des Lebens bitterm Born geschöpft hätte. Seine lyrische Silberader wird sehr überschätzt, in Tiecks mondbeglänzter Zaubernacht geisterte es feiner von magnetischen Perllichtern, Wolkenphysiognomien, verwunschenen Bergnasen, als in Novalis' Leichenliebe. Doch als Bergwerksassessor des Subliminalen fuhr der Moriturus in tiefe Schächte, förderte okkulte Erze und blaue Blumen. Das ungebärdige Zurückwerfen der Kant-Goethischen Vernunftmajestät entsprach »immanenter Gerechtigkeit« (Gambettas glücklicher Ausdruck), weü der Altmeister vielen Idealen seiner Jugend untreu wurde, Shakespeare an Voltaire verriet, abtrünnig ein unechtes Land der Griechen mit der Seele suchend, um Frau v. Stein oder Frl. v. Imhof antikeren Faltenwurf oder Leonorenmieder auf den Leib zu probieren. »Sie saßen und tranken am Teetisch und sprachen von Liebe viel.« Heute macht man den Geheimrat der Poesie, die durch den alten Herrn aufs Glatteis, wie durch Kotzebue auf den Hund kam, zum Nationalgötzen, wie schon Schlosser grimmig fauchte, die Goethereifen sind aber zu unreif, um sich seine beißenden Maximen über Wissenschaftler und Naturforscher hinters Ohr zu schreiben. Nicht der gezierte Steifbold mit dem Ministerstern auf der Brust, dessen feierlicher Grandezza sein jovialer Herzog zurief: »Kerl, mach' kein dummes Zeug!« und dem der tiefe Denker und geniale Plauderer Grillparzer so bitterböse gram wurde, sondern der einsame Gewaltige, dessen geheime Tragödie wir ahnen, verdiente nicht, daß sein glorreiches Andenken von einer Kaste bebuhlt wird, die seine philiströsen Schwächen und den heidnischen Hosenlatz beweihräuchert, doch von seiner heimlichen Dämonie nicht einen Hauch verspürt. Er wäre der Allerletzte, den die Schulmeistersippe als Kollegen verehren sollte. Der Amerikaner Ticknor schüdert 1815 Goethes düstre Abgeschlossenheit und Menschenscheu, der Engländer Crabb Robinson rief der Staël zu: »Sie werden Goethe nie verstehen«, doch wie wenig er Goethe begriff, zeigt sein Triumph, 1851 in Berlin Rankes englische Gattin von Byron bekehrt zu haben, zu dem Goethe allein als wahlverwandt sich hingezogen fühlte. Laut Lourier soll er kurz vor seinem Tode ein Schriftstück vergraben haben, das er laut Brief an Humboldt in halb bewußtloser telepathischer Verzückung verfaßte. »Dämonie«, »Magie« sind die Gaben immanenter Gerechtigkeit an jene, die sonst in der Alltagswüste verdorren müßten. Doch aller Selbstvergottung vergeht der Übermut, Luther sagt bündig: »Der Name Freier Wille ist ein Titel, den Niemand führt als Göttliche Majestät.« Gottes »mütterliche«(!) Liebe wird von Wilberforces duftiger Unschuld plötzlich gerettet durch Bekenntnis zur Willensunfreiheit, während der Indologe Schröder »Willensfreiheit zum Glauben« ins Treffen führt, Deussen sekundiert, Determinismus sei Anarchismus, später sagt er genau das Gegenteil: sie und ihr Gott scheinen schwach in der Logik. Bayles böser Demiurgos und die Teufelsanbeter in Mosul stimmen zur Apokalypse, daß Gott auf lange die Erde dem Drachen überlieferte. Gott will und kann die Kausalität des Bösen nicht ändern, gestundete Schuld wird plötzlich einkassiert, der Verbrennungsprozeß geht seinen Gang, jedes Häuflein Asche wird zur Wiedergeburt zusammengefegt. (Beiläufig erbost sich Orthodoxie über Reinkarnierung, obschon Ev. Matthäi sie ausdrücklich anerkennt, Johannes sei einst Elias gewesen.) Ist das Böse das Nichtseinsollende, warum behält es seine dämonische Macht? Als Welt- und Nachkrieg vom radikal Bösen die Maske abrissen, wo waren die Reverends, die dem Lügenfeldzug ihr Ohr erschlossen? Die Harmageddonschlacht der Apokalypse atmet Zoroasters Kampfzorn, wo bleibt der christliche Eros, den Philo aus dem Griechischen ins Hebräische übersetzte? Im Weltkrieg blieb christliche Liebe hübsch neutral, die Christensekten verspeisten schmunzelnd den Blutdreck, ließen überm Gemetzel der Brüder in Christo den Opferrauch für Jehova aufsteigen. Überm heute so beliebten neckischen Vexirspiel: wo ist die Katz, wo jeder dem andern eine Schuldlüge aufhalst, dröhnt Calderons Vers: »Denn die wahre Schuld des Menschen ist, daß er geboren ward«, doch es ziemt sich, zu prüfen, ob nicht alle materiellen Reibungen ein ethisches Gleichgewicht unterhalten. Wer sich zur Allseele aufrafft und ›ganz in der Idee lebt‹ (Goethe), ist nicht nur religiöser als sämtliche Kirchengänger, sondern auch freier und glücklicher als alle Materiesklaven. Wenden wir uns von den chemischen Experimenten ab, die man wie den Kot des Dalai-Lama anbeten soll und wo die Zerfallsprodukte des Naturstoffwechsels zur Ergründungsrekonstruierung des Lebens herhalten müssen, so stößt man in allem, was man Natur nennt, auf raffiniertesten »Geist«. Wir erachten telepathische und spiritistische Manifestationen als etwas vollkommen Natürliches, wie denn das Wort Okkultismus nur besagen kann, daß nichts in widernatürlichem Sinne okkult bleiben solle. Denn alle von gewöhnlicher Erdschwere entbundenen Erscheinungen bewegen sich doch noch im Kreis des Sichtbarwerdens, daher gehört alles der gewöhnlichen Materiebindung Entzogene noch mit zum Naturwesen, dessen Wesenheit sich hiermit als wesentlich psychisch offenbart. Man darf sagen: kein Spirit ohne Mensch, kein Mensch ohne Spirit, d. h. nichts Spirituelles wird dem Menschen sichtbar ohne individuelle menschliche Beziehung, nichts Menschliches aber bleibt ohne spirituelle Beziehung zum Unsichtbaren. Aus dieser Wechselbeziehung folgert Beständigkeit der Vorgänge: Jenseits ist objektiv schon im Diesseits da, es wird nur immer mehr Unsichtbares subjektiv enthüllt. Mit gleicher Schärfe, mit der Buddha alles Sein ewigem Werden unterwarf, kann man das Werden als Wechsel illusorisch erachten. Die buddhistische Parabel »Du kannst nie in gleichem Fluß baden«, ist schief gefaßt, denn das Flußwasser als Element bleibt immer das gleiche, sowie zerschellte Brandungswogen stets am gleichen Fleck zu gleicher Salzwassermenge sich ballen. So allein darf man auch Geschichte lesen, an der Steiners Schule jetzt herumdilettiert oder die Spengler in starres System bringen möchte. Schon Herders Anregungen waren vom Fortschrittswahn beherrscht. Tritt man mit solchen Hypothesen an die Menschheitsüberlieferung heran, so findet man eben, was man sucht, wie Goethe teils spöttisch, teils tiefsinnig ausspricht. Voraussetzungslose Betrachter finden dort weder Untergang noch Fortschritt, doch viel Großartigeres und Geheimnisvolleres. Jede bluttriefende Geschichtsseite gleicht einem für barbarischen Hausgebrauch überkritzelten Palimpsest, worunter Geheimschrift in geisterhafter Tinte sich verbirgt: Wunderbare Gerechtigkeit einer göttlichen Notwendigkeit, untrüglich weise. Karthagos grausame Vernichtung war notwendiggerecht, sonst wäre Europa dem zermürbenden Semitismus noch früher anheimgefallen und die Welteroberung der gräcolateinischen Zivilisation verhindert worden, doch die eigene Selbstsucht Roms wurde ihm gleichfalls heimgezahlt. Unterwerfung der echtdeutschen Angelsachsen (Völlerei, träumerischer Pseudoidealismus, Scheelsucht und Hader bis zum Landesverrat) durch die nüchtern harten Normannen war voll verdient und wohltätig, sonst hätte England sich nie aus insularer Isoliertheit losgerissen, doch die Tyrannei des Normannenadels beging später verdienten Selbstmord, der emporgezüchtete Imperialismus haftet noch heute an ihrem Erbe als unkündbare Hypothek des Karmafluchs. Über den Konzentrationslagern des Burenkriegs schwebte Astralrache des Buschmännervölkchens, gewissenlos gemeuchelt durch diese benedeiten Burenohme, doch die eigennützige britische Raubgier machte politisch das schlechteste Geschäft dabei und es wird noch alles mit Zinseszins der Schuldtilgung eingetrieben werden. Schändliche Hinschlachtung der Azteken und Inkas erzwang Einbeziehung Amerikas in europäischen Völkerkreis, doch Spanien erstickte an seinem Raub wie Crassus, dem man Gold in den Schlund goß, indessen waren auch die Azteken mit ihrem Vizlipuzli keine Unschuldsengel. Der Sieg des Unrechts sieht fast immer so aus, daß Energie und Klugheit über feige Faulheit und Dummheit Herr werden, ohne daß zwischen Siegern und Besiegten ein ethischer Unterschied obwaltet. Geschähe jedem nach Recht, wer wäre vor Prügeln sicher! sagt Hamlet. Deutschland erlitt im Dreißigjährigen Krieg die verdiente Strafe, weil es die großgeistige Reformationsbewegung zu Fürsten- und Pfaffenzank erniederte und seit Arminius' Ermordung durch neidische Verwandte allzeit rheinbundschwanger den Nationalsinn verleugnete. Da aber andererseits ungewöhnliche Tüchtigkeit und Begabung den Deutschen auszeichnen, trat ein anderes ehernes Gesetz in Kraft, das wiederum wohlwollendes Entgegenkommen unsichtbarer Mächte verbürgt. Beim Westfälischen Frieden sank die Bevölkerungsziffer angeblich auf 4 Millionen, was freilich statistisch so wenig sicher wie die frühere Einwohnerzahl, die möglichenfalls 12 Millionen betrug. Daß Übertreibung vorherrscht, lehrt die neueste Kunde, wonach die Steuerkraft nach dem Unheilkrieg sich hob, auch darf man nicht, wie die Deutschen dies weinerlich tun, die Heimsuchung für abnorm halten, denn der 100 jährige Hugenottenkampf oder englische Bürgerkriege von Simon de Montfort bis Heinrich VII. richteten noch größere Verheerungen an, laut Gibbon raffte die große Hungersnot vor Untergang des römischen Reichs die Hälfte der Bevölkerung weg, was für verjüngenden Ersatz durch einströmende Germanen Raum schaffte. Wir finden nun 150 Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg die Deutschen wieder auf 24 Millionen gewachsen, und war auch ihr Renaissancereichtum dahin, so breitete sich doch gleichmäßig bescheidene Wohlhabenheit aus, die nur im Vergleich zum prunkenden Reichtum des englischen und französischen Adels ärmlich schien, dagegen nicht das grenzenlose Elend des Volkes unter den Bourbons und dem britischen Merkantil-Imperium kannte. Ähnlich finden wir Frankreich nach den Todeswehen der Revolution blühender und kräftiger als vorher, den Aderlaß Napoleonischer Kriege ersetzte überall steigende Geburtenziffer. Wenn in Frankreich bei steigendem Reichtum die Menschenzahl sich geringer vermehrte und zuletzt stationär blieb, so lag hierin gerechte Vergeltung begangener Frevel, zugleich Vorbeugung, daß unruhiger Ehrgeiz und gewalttätige Eroberungsgier, vom gallischen Charakter untrennbar, nicht dauernd Europa schädige. Condes zynischer Ausruf nach schwerem Schlachtverlust »Das ersetzt eine Nacht von Paris«, konnte jetzt nicht mehr trösten. Man schwatzt immer von Zweikindersystem als Grund dieses Übels, vergißt aber, daß es nur bei der Bourgeoisie herrschte, der fromme Adel erfreute sich oft zahlreicher Kinder und beim Volke, das in solcher Frage einzig den Ausschlag gibt, blieb das System unbekannt. Daß nationalökonomische Gründe, von Gelehrten mit beneidenswerter Sicherheit vorgetragen, an und für sich Bevölkerungszuwachs nicht beeinflussen, lehrt die Verschiedenheit dieses Phänomens. Das bettelarme Russenvolk bei frugalster Ernährung wuchs von 35 Millionen um 1812 in 100 Jahren auf das Fünffache, das arme Italien vermehrte seine Rasse seither ums Vierfache, das reiche England freilich ums Achtfache, ohne Irland zu rechnen, dessen Bevölkerung durch Hungersnöte zwar auf 5 Millionen sank, doch 12 Millionen nach Amerika abgab. Vom Stillstand der armen irischen Rasse als solcher kann also gar keine Rede sein, während die reichen Franzosen auch in den Kolonien sich äußerst spärlich vermehren. Während das an Lebensmitteln reiche Frankreich im Gegensatz zum lebensmittelarmen England sich kraß rückständig in Volkszunahme erwies, folgte Spanien, einst ein volkreiches Land, nicht dem Beispiel Italiens. Bei der Bedürfnislosigkeit des Spaniers und der Ertragfähigkeit des Bodens außerhalb der Gebirgsgegenden gibt es keine nationalökonomische Erklärung dafür, zumal die spanische Rasse auch in Amerika sich wenig vermehrte. Mit Dänemarks glücklichen Bedingungen hielt Volksvermehrung nie gleichen Schritt, in Belgien und Holland nur scheinbar, denn prozentual im Vergleich zum übrigen Europa nahmen die volkreichen Niederlande früher eine weit höhere Rangstufe ein als heute. Warum die Türken unter dafür günstigen Verhältnissen von Vielweiberei und Agrikultur so geringe Vermehrung aufweisen, verglichen mit stetem Anwachsen der Slawen? Über die verbreitete Annahme, Fortpflanzung beruhe auf physischer Kraft und Gesundheit, sollten Sexualforscher nur lachen. Schon im Tierreich steht kaninchenhafte Fruchtbarkeit aller niederen Organismen in Widerspruch zum nur einmal jährlich erfolgenden Wurf der stärksten und höchsten Arten. Schlechtgenährte und geplagte Frauen des Volkes gebären am leichtesten und meisten Kinder. Der Theologenscherz, die Antike sei an ihren Fleischessünden verdorrt, geht fehl: Italien war übermäßig bevölkert, die Griechen vermehrten sich dauernd in Asien und Afrika, auch die Homosexualität tat hier keinen Eintrag. Die besondere germanische Keuschheit ist taciteischer Mythus. Jedenfalls vermehrten sich die Reichsdeutschen seit 1870 unter günstigen Bedingungen von 40 auf fast 70 Millionen, wobei annektierte Elsässer sich durch abgewanderte Auslanddeutsche mehr als ausgleichen. Aber unter ungünstigsten Bedingungen fortwährender Kriege auf deutschem Boden vermehrte sich deutsche Volkszahl seit dem dreißigjährigen Krieg bis dahin sogar ums Zehnfache. Die Rassenpsyche ging den ihr vorgeschriebenen gleichen Weg durch Glück und Unglück, sie sollte ihre organisierte Arbeitskraft vermehren durch geheimen Impuls. II Was ist der langen Rede kurzer Sinn? Zunächst daß Naturökonomie für ausreichenden Ersatz sorgt nach dem Grundsatz: Auf Schlachtfeldern doppelte Ernte. Unheilvolle Kriege brachen nie das Mark einer Nation, hielten nie ihr Anwachsen auf, man darf sie von höherer Rotunde nie als unbedingtes Übel betrachten, sondern als Transformationsmittel, wie Orkane zwar Einzelunheil anrichten, doch zur Reinigung der Atmosphäre zweckmäßig sind. Den Franzosen kamen ihre verbrecherischen Eroberungskriege teuer zu stehen, doch man vergleiche das gehobene literarische Niveau im 19. Jahrhundert mit ihrer klassischen Pose und Espritnüchternheit früherer Zeit. Gewiß ist solcher Fortschritt nur relativ, doch wenigstens war Transformation durch Aufrütteln bisher schlummernder Seelentriebe nicht nachteilig. Selbst die schlimmste Kriegsform, der Bürgerkrieg, schadet nur vorübergehend, auf den Peloponnesischen folgte größte Expansion des Griechentums unter Alexander. Die amerikanische Union zählte beim Sezessionskrieg 24 Millionen, verlor dabei viel wertvolle Menschen nebst finanziellem Staatsruin, heute nach 60 Jahren hat sie über 100 Millionen Einwohner und den größten Nationalreichtum auf Erden. Von Frankreichs Armut vor der Revolution entwirft der Zeitgenosse Young ein erschreckendes Bild, erst die Gewaltzeit 1792–1815 begründete den nationalen Wohlstand, Sedan und die Kommune wurden ein Anreiz zu Wiederaufbau, wie ihn Mrs. Edwards »Frankreich von heute« schilderte. Italiens unablässige Leiden durch Fremdherrschaft förderten nationalen Aufschwung. Nicht durch einschneidende Kriege siechten die Großmächte Spanien, Türkei, Venedig dahin, um ihr militärisches Prestige gebracht durch innere Fäulnis. Gleiches gilt für Schweden, das sich von Carls XII. Abenteuern nie erholte, doch sehr zu seinem Heile, weil unnatürliche Machtstellung doch nie behauptet werden konnte, Fehrbellin war gerechte Vergeltung für Gustav Adolfs scheinheiligen Wikingzug auf Deutschlands Kosten. Daß dies physisch kräftige Volk sich so wenig vermehrte, wodurch die Natur ihm alle Großmachtsgelüste austrieb, bleibt an und für sich unerklärlich. Denn wir kommen nun zu dem andern Ergebnis, daß Bevölkerungszunahme vom Rapiden bis zum Stationären sich weder durch physische noch wirtschaftliche Gründe erklären läßt bei so erstaunlicher Ungleichheit. Ein Volk vermehrt sich unter günstigen Bedingungen, das andere nicht, ungünstige Bedingungen halten Vermehrung nicht auf, siehe die konstante Zuwachstendenz der Inder, Chinesen, Japaner unter großer Armut, während Perser, Araber, Türken unter günstigeren Bedingungen ins Entgegengesetzte verfallen. Als die Araber kühn auf schwachen Booten das Rote und Indische Meer berühren, auf den Sundainseln Sultanate errichteten, wie Marco Polo ausführlich beschreibt, und, an Afrikas Ostküste Fuß fassend, längs der Nordküste bis Mittelspanien sich ausbreiteten, hätte man denken sollen, sie müßten sich unaufhaltsam vermehren. Nichts davon! Bagdad, Ispahan, Grenada verödeten, während Mongolen und Spanier in Wüste und Gebirge anschwollen. Wie alle andern Darwinischen Phrasen erweist sich auch auf diesem Gebiet Überleben der Auslese durch Anpassung als Strohdreschen. Vielmehr dämmert die gewaltige Tatsache, daß es sich wiederum um Eingriff unsichtbarer Mächte handelt, die nach vorbestimmter Notwendigkeit die Dinge so regeln, wie es nicht physischen, sondern psychischen Gesetzen gefällt. Man denke an Buddhas Spruch: »Sind Vater und Mutter bereit, doch der Genius nicht, so erfolgt keine Geburt«, die also unsichtbarem Gebot oder Verbot gehorcht. Nationalökonomie überträgt umsonst nur Lokalgesetze auf Bevölkerungsbewegung, unbekannte psychische Faktoren außer acht lassend. Vermehren sich also Völker nicht, wie sie sollten – Spanien, Schweden, alle Mohammedaner, Franzosen, die früher 30 Prozent von Europas Einwohnern ausmachten –, so gibt es dafür nur transzendentale Erklärung. Bedenkt man, daß in jedem dieser Fälle eine Stärkung durch expansionsbedürftige Volkszunahme ein Unglück für die übrigen Völker und zuletzt auch für die Gestärkten selber bedeutet hätte, während rapide Zunahme der Deutschen und Engländer das notwendige Gleichgewicht gegen Slawen, Magyaren, Rumänen herstellt und heute 40 Millionen Italiener als dritter Faktor hinzutreten, so erkennt man tiefen Sinn der Völkerzahlgruppierung. 1914 umfaßte Rußland angeblich noch 170 Millionen, heute 130, womit seine panslawistische Stoßkraft verringert. So dämmen Kriege, Revolutionen, Epidemien die Übervölkerung ein, wo sie anfängt, lästig zu werden. So regeln kirchliche Reformationen die Übervölkerung mit Phantasmen. Indem Buddha den Weltfluch unterdrücken wollte, übte er dabei eigenen Machtwillen. Kann sich Einzelwesen vom All-Leben loslösen, da doch nichts aus dem All herausfallen kann? Daher gegen mönchisches Mißverstehen seiner Nachfolger der Gegenstoß des Brahmanismus. Christenkirche hatte nichts voraus vor Seneca, der auf Menschenwürde der Sklaven hielt (der Sklave Epiktet durfte als Professor dozieren), vor Antonin und Marc Aurel, die Feindesliebe predigten; Jesuitismus machte Gott zu einem streitbaren Papst Julius, der Ordensgeneral fordert Kadavergehorsam: daher Protest des Protestantismus. Da er aber von sich selber abfiel und nur die Staatsgewalt stützte, ward geschichtlicher Hintertreppenwitz, neues non possumus im Konklave »reformierter« Päpstlein habe Geistesfreiheit gefördert (vgl. Buckle über grausame Pfaffereien der Presbyterianer). Wer am Ruhmportal frommer Reformer eine Stufe tiefer steigt, stößt auf blöde Intoleranz des Methodistenheilands Wesley (Fähnrich Wesley änderte seinen Namen in Wellesley, um als späterer Wellington für »Kirche und König« zu streiten!), Miltons eklige Haustyrannei verriet in lateinischen Privatgedichten unsittliche Anlage, seine mannhafte politische Haltung entbehrte nicht der Streberei, während der Materialist Hobbes das ihm von Cromwell angetragene Staatssekretariat aus philosophischem Ehrgefühl ablehnte. Ihre Bibelfrommheit schützte Luther und Calvin nicht vor Charakterfehlern, Heinrich VIII. und Elisabeth simulierten gleisnerisch Theologeneifer für ihre »geheiligte Majestät«. Daher Rückstoß des Rationalismus. »Beten und arbeiten« nannte Rochester Selbstbetäubung, Carlyles Arbeitsverhimmelung vergißt, daß der Yankee Longfellows »Lebenspsalm« als Aufforderung zum Dollarismus betrachtet, Tolstoi höhnt, die größten Schufte seien die emsigsten Arbeiter. Arbeits pflicht ? Erst anerkennt das Arbeits recht des freien Geistes statt professoraler Brotfresserei, nur freie Idealität, die selber in sich Religion ist, befriedigt religiöses Bedürfnis. Das Beten warf man über Bord, das Arbeiten entsprach nur noch merkantilem Geldkult. Der Rationalismus vergaß nur: wer aus Naturbehagen heraustritt, muß Anlehnung an höhere Welt suchen, Eudämonismus mußte das Spiel verlorengeben, da er mit dem Tier nicht konkurrieren kann. Überlebensgroße Steinachverjüngung künstlichen Pubertätskitzels bei sozialer Verkalkung will vom Leben, was es animalisch nicht bietet. Daher der Gegenstoß des Anti-Rationalismus, bei dem auch die Kirche wieder gute Geschäfte macht. Ein sonderbarer Priesterroman »Jim B« nennt Oxfordtheologie »eine große Lüge«, ihre »Evidences« Humbug, wie ihn z. B. Dechant Pierson in »unumstößlichen Beweisen« für jede Bibelzeile zusammenschaufelt. Natürlich erbaut es den ungesunden Menschenverstand, Gott habe persönlich stenographisch diktiert, copyright reserved and registered, wie er ja auch jenem Kameltreiber den Koran persönlich überreichte als Versicherungsprämie für Hurihimmel. Las vielleicht Shakespeare im Astrallicht Gottes Tagebuch? Fromme Einschläferung (»Der Herr siehet«, »When it was light«) erhebt fleißig Beten sogar zur sichersten Kapitalanlage: Christus erhört jedes Gebet, vergilt jede Guttat materiell dreifach, der Herr gibt's den Seinen im Schlafe. Wenn wir uns von solcher Selbstbeschwindelung finster abwenden, verleugnet immanente Gerechtigkeit sich dennoch nicht in jedem Stoß und Gegenstoß religiöser Vorstellung. Wird nun der Futterkampf nach unsichtbarer Weltökonomie geregelt, so bedürfen die wellenförmigen Biegungen der Kulturströmung erst recht unsichtbarer Nachhilfe. Wie physische Fruchtbarkeit ein psychischer Impuls, so ordnet Vorbestimmung auch geistige Fruchtbarkeit. Deshalb verteilt sie seit Anbeginn unter belanglose Massen jene winzige Überrasse prozentual wohl immer gleichmäßig, nur bei besonderen Elektronenergüssen stärker sichtbar, die Aurignacier hatten sicher ihren Leonardo in anderer Form. Meist aus unscheinbarem Milieu ohne Familienbeziehung spottet das Genie jeder Evolutionserklärung und evolutioniert auch nicht die Menschheit, deren Totem-Totenkult sich mit Festessen genug tut, nachdem sie die Hohen möglichst verhungern ließ. Man wundert sich, daß Karthago just bei seinem Untergang Hannibal hervorbrachte, schroffsten Gegensatz semitischen Krämergeistes, noch merkwürdiger Louvertures Erscheinung in so verachteter Menschengattung oder des Nationaldichters Petöfi aus slowakischen Rastelbindern, Auftauchen des Genialen an allen beliebigen Orten in Palast oder Hütte, Psychisches also völlig unabhängig von Milieubedingung. Natürlich setzt sich aber Ungleichheit aller Iche im Jenseits fort, und auch drüben darf keine Evolution der Massenspirits erwartet werden, die steter Wiedergeburt bedürfen. Wohl gibt es plötzliche geniale Wallungen wie ein Meerbeben in weitem Umkreis einer Zeitaufwühlung. So war eine deutsche Revolution jene Romantik, wo Weihe der Kraft Kleists männermordende Penthesileamuse übergoldete, wo Werners Wolfsgeheul »Blutiger, sei uns willkommen!« Kleists Amphytriospruch nachstöhnte: »Steigst du nicht in des Herzens Schacht hinab und betest deinen Götzen an?« Feudalreaktion war nur Beigabe, man kokettierte mit ihr wie die Krüdener mit Gott, die doch später als Pietistin echte Selbstaufopferung bewies. So konnte, während Görres und Menzel als politische Hyänen die stinkende Leiche Rationalismus benagten, die Romantik leicht aus Auersbergs »Schutt« in demokratische Freischützen übergehen. Heine im Hörselberg war freilich ein schmerzlicher Epilog der Überschwenglichkeit Schellings, der »Freiheit zum Ein und Alles machen« wollte, eine Freiheit, die nach Canossa hinkte. Man suchte wie Ibsens Frau vom Meere das Wunderbare in gar zu wunderlichen Glotzaugen, Impressionismus ließ Farben musizieren, Töne strahlen, physiologisch nicht unwahr, doch hier unangenehm nur – ästhetisch empfunden. Doch Helmholtz stimmt ja mit Steffens überein, daß Goethe sein Naturerkennen seinem Dichtertum verdanke. Im eigenen Wesensgrund einer Dichterseele schlummere die Ahnung als Fackelträger, Natur sei nur Umformung der Phantasie, inneres Wissen die Urfunktion, Naturweisheit sei Poesie, Natur sichtbarer Geist, Geist sichtbare Natur? Solche Weltästhetik wird Phrase, denn der Geist ist eben nicht sichtbar, Naturgeist erst recht nicht, man kann nicht sichtbare Kunst auf unsichtbare Drähte spannen. Die Genielehre vergöttlichte ja auch den Dichter als Befreier von Natur, ihr gibt's der Herr im Schlafe. Natur als bewußtlose Poesie sei dem Kunstwerk Untertan, letzteres das einzige Erkenntnisorgan, Wissenschaft münde nur im Ozean der Poesie. Der Ozean ließ sich aber nicht blicken, nur lyrischer Honigseim sickerte aus allen Röhren, die Natur rächte sich an ihren Verächtern, denn gerade ihnen, die für den Poeten göttliche Ehren verlangten, versagte sie die Magie naturvollen Schaffens. Wohl erblindete Goethe-Faust (nach Türks trefflicher Auslegung) an Alltagssorge, doch sein unsterblich Teil strahlt immer noch, er stieg ehrerbietig zu den Müttern herab und verlangte vom Kunstwerk nicht mehr, als es leisten kann, oft sogar weniger. Denn nicht Kunst an sich ist das Befreiende, sondern Schauen ins schweigend allwirkende Unbekannte. Vergleicht man aber alle Schwächen der Romantik mit den Todsünden des Klassizismus, so erfährt man, wo fruchtbares Seelenleben, wo unfruchtbarer Tod. Wohl erfüllte die Paradiesschlange der neuen Poesiephilosophie nicht ihre Verheißung, doch stellte den Individualstolz dem Prosakult der Gleichmacherei entgegen, d. h. eine Tatsache dem leeren Voraussetzen, daß Vernunft – »bei wenigen nur zu finden« – Allgemeingut jedes Pöbelmenschen und die Menschheit eine gleichmäßig aufzudrehende Normaluhr sei. Der Gegenstoß in Gervinus' lederner Naturgeschichte der Literatur entsprach einem dringenden Bedürfnis. Der Professor, diese deutsche Krankheit, schwatzt eben unfehlbar über Kunst, von der er nichts verstehen kann, deutsche Disziplin und Organisation machten aus Kunstbestrebung stets Kathederbelehrung, weshalb man an Maler und Musiker den »Charakter Professor« verleiht! In Gervinus, der im Grunde ein wackerer Mann von der Art Schlossers war, dessen Literaturabschnitte in streng pragmatischer Weltgeschichte manch gutes Wort enthalten, wechselte Rationalismus sonderbar die Farbe. Sein Haß gegen romantisches Geniegepupe wäre wohltuend, sein Standpunkt sogar richtig, daß Dichtung nichts mit Ästhetik, sondern mit Leben zu tun hat. Den Deutschen sei nur wohl, wenn sie Abstraktes an der Muse aufstöbern, das wußte schon Goethe, während Taine es übertrieben den Franzosen zuschreibt und Schulmeistern wohl überall die moderne Kunst zur Fron einer poesielosen Gelehrtenkultur anhält. In der Form aber, wie Gervinus seine Lehre vom praktischen Leben vortrug, das mehr bedeute als Schöngeisterei, führte es notwendig zum jungen Deutschland, das er haßte, zum Tagesliteratentum seit 1850, das er, der Shakespearekorybant und Byronverherrlicher, wahrlich nicht wünschte. Wir haben heute eine ähnliche Erscheinung in Spengler, dessen umfassendes Wissen, Feinheit des Kunstgefühls, geniale Selbständigkeit gegenüber den Halbwerten der Wissenschaft wir ehren, doch seiner Prophetie vom Untergang des Abendlands geistigen Untergang bereiten möchten. III Er will Herders bescheidene »Ideen z. Philosophie d. Geschichte« in ziemlich unbescheidenes starres System bringen, was er mit Entdeckung des heliozentrischen Systems vergleicht. Stolz will ich den Spanier! Doch sein »Blühen, Reifen, Welken, Altern, Sterben« von Kulturen und Staaten machten ihm schon die ältesten Autoren vor, auch Unterscheiden von Kultur und Zivilisation. Daß letztere als Alterssymptom die Kultur ablöse, läßt sich nicht so scharf auseinanderhalten. Schminke und Puder konventioneller Gesittung hält man für Farbe eines Kulturgemäldes, doch was früher da sei, Schminktopf oder Künstlerpalette, bestimmt keine Regel. Cheopspyramide und Nebukadnezars Babelpracht waren beide Kulturdenkmale, doch erstere entstand am Morgen Altägyptens, letztere vor Babels Abendröte. Rassenblut untergegangener Rassen bleibt so unversehrt, daß Fellachen heute noch altägyptischen Typ zeigen. Verlor das staatlich untergehende Hellenentum seine Kultur, die man mit der Perikleszeit entblättert wähnt? Ihr »Verfall« krönte Alexanders Weltreich mit Kraftmenschen, neben denen die üblichen Schulhelden erblassen, Alkibiades ein Tropf neben Demetrios Poliorketes. Von Empedokles bis Archimedes, von den Gnostikern bis Hypatia strotzte dies untergegangene Volkstum immer noch von Kulturkraft, übernahm auch im Christentum die geistige Führerrolle. Die untergetauchten Perser lebten als Parther wieder auf und gewannen nach arabischer Überrennung die ghaznavidische Hochkultur, die durch Firdusi alte arische Sagen zur Nationaldichtung erhob. Ein Volk, das erst nach staatlicher Auslöschung sein wahres Völkisches entfaltet, kommentiert ergötzlich Spenglers Verwelkungstheorie. In seinem Register fehlt Bearbeitung sumerobabylonischer und mykenokretischer Kultur, wobei Kretas Gewerbefleiß einfach nach Ionien übersiedelte, nachdem auch die barbarischen Achäer von Resten der Mykener zehrten. Übergang von einer Form in die andere ist nicht Untergang. Ein Schutzgeist der Arier warf das semitische Kaufmannswesen nieder, doch die Semiten gingen damit nicht unter, syrische Rasse zersetzte das Römerreich durch Mythraskult, die Juden drängten sich in die Peterskirche herrschend ein. Auch römisches Imperium setzte die Weltherrschaft im Papsttum fort, während Araber erst wieder äußern Zivilisationsschliff nach Europa brachten. Selbst chinesische angebliche Stagnation hat ein zähes Leben und erzwingt vielleicht völkische Neugeburt. Indien erreichte zwar seine Blüte unter Asoka, doch seine Literatur ging weiter bis heute, Tagore knüpft an brahmanische Überlieferung an, Neuerhebung steht bevor. Peruanische Kultur – richtiger aztekische – starb keines natürlichen, sondern gewaltsamen Todes, dagegen darf man nicht sagen, daß Gallierart unterging, weil Cäsar die Druidenbibliothek in Bibrakte verbrannte, oder Angelsachsen starben, weil Normannen ihre Sprache verpönten. Statt dessen eroberten sie eine Welt und gründeten eine Weltsprache, 550 Jahre trennen die Hastingsschlacht von Skakespeare und Fortschreiten der Ausmerzung welscher Bestandteile. Wie will man hier Blüte und Altern zeitlich ansetzen? Die von Römern und Franken unterworfenen Gallier brachten den Esprit Gaulois immer schärfer zum Ausdruck, ihr Volkstyp allein gibt dem Franzosentum den Stempel. Nichts vergeht als vorübergehende Machtverhältnisse, das Eigentümliche jeder Rasse und jeder Kultur lebt unzerstörbar fort. Die größten Staatsmächte der Renaissance, Spanien und Türkei, sanken gänzlich von ihrer Machthöhe, doch die Türken zeigen gerade jetzt bei ihrem Untergang neues Kulturstreben. Nach Spenglers Schema müßte in Spanien nach Verwelken seiner künstlerischen Hochkultur müde Zivilisation gefolgt sein, die aber lange ausblieb und selbst heute ins Hintertreffen geriet. Der Kulturglanz unter den ersten Philippen flimmerte bereits von Fäulnissymptomen, denn Spaniens wahre Blüte liegt viel früher zurück, ehe der Imperialismus einzog, in Bürgerfreiheit wohlhabender fleißiger Städte. Denn Blüte läßt sich so wenig nach Äußerm beurteilen wie Altern. Wie paßt Spenglers Geschichtsrezept zu Deutschland? Engländer und Franzosen stellen sich an, als hätte 1870 ein junges Volk neue Großmacht gegründet, tatsächlich blieben aber Deutsche und Italiener bestimmend bis ins 17. Jahrhundert. Bis ins 16. waren die Deutschländer (les Allemagnes) die von Montaigne bewunderte Vormacht auch nach Verwelken des Kaiseransehens. Deutsche Blüte reifte so schnell, daß sie lange vor Dante eine Nationalliteratur schuf, was England und Frankreich erst 400 Jahre später vermochten. Dies alte Kultur- und Herrenvolk wurde aus seiner Bahn geworfen durch eigene arische Verschuldung, Griechen und Inder trieben es ja ebenso, auch die Angelsachsen vor normannischer Imperialbefruchtung. Doch wo nacheinander Dürer, Kepler, Leibniz, Friedrich d.Gr., Goethe und so viele andere Kulturträger erstanden, da soll man Verfall sehen? Waren Bismarck und Richard Wagner Alterssymptome? Wenn politische Katastrophe materielles Wohlsein zerstört (England bis Elisabeth, Frankreich bis Richelieu gingen durch Krisen der Verelendung), so verliert die Rassenseele nicht die Fähigkeit, einem sozial veränderten Milieu neue Kulturschätze einzufügen. Verfallzeichen treten auch im jungen Amerika hervor, wenn man darunter Überwiegen materialistischer Zivilisierung und Versiegen schöpferischer Seelenkraft versteht. Im 17., 18. Jahrhundert gewann in England merkantile Scheinzivilisierung die Oberhand, stieg damit die englische Hochkultur zu Grabe? Um so kräftiger der neue Seelenschwung zur Revolutions- und Napoleonszeit; für Frankreich läßt sich Gleiches bejahen. Spengler schulmeistert am Geschichtsbild herum, vergewaltigt es mit »Blüte, Verfall, Kultur, Zivilisation«, die sich nie sauber ablösen. Da die Schlußperiode der Antike sich christlich gestaltete, merkt man auch keinen neuen Einschnitt christlich abendländischer Kultur. Selbst das Bolschewistentum hatte seelische Keimzellen von Iwan dem Schrecklichen bis Tolstoi, möchte nicht Untergang des Abendlands, sondern Verjüngung bezwecken. In Stammlers anregender Studie »Berkeleys Philosophie der Mathematik«, 1922, finden wir das Urteil: »Spengler übersieht, daß jeder Stil des Erkennens nur Mittel zur erstrebten Einheit der Gedankenführung ist, also das Problem der Geschichte darin besteht, dies einigende Band zu finden. Unsere Greisenkultur bedürfe Preußentum und Sozialismus, d. h. Nivelierung der Persönlichkeit durch Massenorganisierung? Welches »alternde« Zeitalter wies solche Züge auf? Massendisziplin der Hunnen- und Mongolenhorden oder Türken, die sich dem Islam aufzwangen und ihr Nomadenzelt als Waffenlager in Europa aufschlugen, ohne je über primitive tartarische Staatsauffassung hinauszukommen, haben weder mit Kultur noch Altern etwas gemein, sie waren geschichtlich so jugendlich wie die blonden Bestien des Nordens. Sozialistik war allen Morgenländern, zu denen auch die Griechen gehörten, und den Römern fremd im Sinn von Gleichheit der Lebensansprüche, Kaste und Sklaventum schienen ihnen natürlich geboten, wo tritt also soziale Bestrebung beim Altern vergangener Kulturen auf? Mit köstlichem Selbstwiderspruch betont er ja auch: » Alle Weltverbesserer sind Sozialisten, also gibt es keine antiken Weltverbesserer«, worüber sich die Gracchen, Catilina, Spartakus wundern werden, aber auch Buddha, Mohammed, Jesus, die ihre Weltverbesserung wahrlich nicht auf materiellen Sozialismus stützten. Nur in babylonischer und von ihr durchtränkter mosaischer Gesetzgebung trifft man soziales Einlenken gegenüber dem Sklaventum, aber keineswegs in Verfallzeit. Obiger Satz liefert ein Musterbeispiel für Spenglers Voreiligkeit. War die große frühreformatorische Kommunistenrevolution Wat Tylers vielleicht auch ein Symptom, daß ein alterndes England sozialistischer Massendisziplin bedurfte? Oder die Jaquerie und der deutsche Bauernkrieg? Die damalige Gesellschaft war dafür so wenig reif, daß sie genau entgegengesetzte Bahn ging und, altersschwach wie sie war, jetzt erst recht nach Kräften »blühte«. Homologie und Analogie der Organismen sind freilich auch im Völkerleben zu erkennen, und »Morphologie der Weltgesetze wird notwendig zu universeller Symbolik« (I 63), welche übliche Phrasensprache Spenglers man eigentlich erst ins Deutsche übersetzen müßte, »Weltgesetze« und »universell« klingt wirklich gar zu »morphologisch« für die kleine Menschengeschichte. Vielleicht ist fein bemerkt, daß dem modernen Naturforscher Hertz wie dem alten Spinoza der faustische Kraftbegriff fehlt (I 537), weil beide als Juden noch dem »magischen« Denken der Semitenkultur angehören. Doch warum schworen dann die Juden Marx und Lassalle auf Hegels arischfaustische Kraftphänomenologie? Daß 1758 der Jesuit Boskowich auf Newton Prinzipien der Dynamik aufbaute, hat wohl noch tiefere Bedeutung, insofern Jesuitismus kirchlichen Rationalismus vorstellt. Spengler gibt zu, daß alle physischen Naturgesetze heute relativ und nachgebetete Formeln werden (I 543–45). Doch so anregend seine Entdeckung, daß Antike und Morgenland notwendig das Naturbild anders schauten, moderne Wissenschaft daher nur zeitlich abendländische Spezialität bedeutet, so zog er daraus nicht die letzten Konsequenzen. Wir erinnern daran, daß die Jesuiten den Stammbaum lieferten, »Augustin zeugte Calvin, Calvin den Jansen«, weil ihnen alle mystische Tiefe wie im Jansenisten Pascal in der Seele zuwider war. Die Bedeutsamkeit solcher Verwandtschaft von Loyola mit Locke, von kirchlicher mit wissenschaftlicher Dogmendisziplin begriff und vertiefte Spengler nicht. Noch heute beschuldigen sich Freimaurer und Orden Jesu unlautern Wettbewerbs im Verfolgen gleich rationalistischer Machtziele. Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort, der Untergangsprophet verrät kein Alterszeichen, sondern ungestüme Jugendlichkeit, die mit Wortschwall betäubt und Tabellen aufrichtet wie mosaische Gesetztafeln. Die ägyptische Kultur, deren Bildkunst von ernster strenger Kolossalerhabenheit bis zu feinster technischer Vielseitigkeit, doch noch lange nicht plastische Veranschaulichung einer ungeheuren Geistoffenbarung von Jahrhunderttausenden vorgeschichtlicher Überlieferung darstellt, sei 3000 v. Chr. entstanden unter Ramses II. ins Greisenalter getreten? Der Scherz, daß in der Hyksoszeit »Wirtschaftskomplexe« den alten Kulturstaat aufsaugten, würde die räuberischen »Wüstenkönige« belustigen, die unter Wirtschaft nichts verstanden, als sich plündernd im Niltal niederzulassen. Bei Beleuchtung des Tutanch-amon-Grabs setzte man sogar den Höchstpunkt auf 1800 v. Chr., als »Amon« (Sonne) der Ketzerdynastie bis Echetnon siegte. Höchste Kultur blühte aber im Schatten von Pyramide und Wüstensphinx schon 6000 v. Chr. gerade unter den ersten Memphisdynastien, alles Spätere war nur Renaissance, so sehr sich noch im 2. Jahrtausend Porträtskulptur und Kleinkunst üppiger Zivilisation in Theben und Luksor verfeinerten, doch von Altern so wenig unter den Ramses zu merken, daß noch viel später die Hyksos mit jugendlicher Kraft hinausgejagt wurden. Thutmosis III. verfolgte sie nach Asien, doch ist unbegreiflich, daß dies die einzige kriegerische Tat der ägyptischen Geschichte genannt wird, als habe Sesostris nie gelebt. Nubische, persische, griechische Invasion veränderte nicht das typisch Pharaonische, ägyptischer Geheimkult beeinflußte noch das Römerreich. Aus obigen Daten wird klar, wie die Fachgelehrten sich über »Blütezeit« in den Haaren liegen! Auf gleicher Höhe steht die Entdeckung, indische Kultur altere als Buddhismus. Indiens Vorgeschichte gehört der Urrasse an, die Arier aber befanden sich zu Buddhas Zeit gerade in voller Blüte, der Indusfürst Porus imponierte noch Alexander, mit den Diadochen trat Asoka in Verbindung, unter dem sich Buddhismus auch künstlerisch als Kulturfaktor ersten Ranges erwies. Dies als müdes Altern zu beschimpfen, ist empörend, auch in nachbuddhistischer Zeit schuf Indien reiche Architektur und Skulptur. Entweder ist die eine kecke Behauptung falsch, daß nur junge Kulturen Kunst erzeugen, oder die andere, Buddha sei ein Alterssymptom, natürlich sind beide falsch. Der Islam fand seine Architektur erst spät (Alhambra, Tadsch in Agra), die Abendländer formten ihre schönsten Kunstbauten im Spätmittelalter, die Malerei erst in der Renaissance, die meiste Poesie und ganze Musik in solcher Altersperiode, daß Goethe, Byron, Beethoven, Wagner fast in die Jetztzeit hineinragen. Buddhismus aber wollte mit jugendfrischer Männlichkeit die Materie überwinden, verlangte seelische Größe. Wieder ein Pröbchen dieses Geschichtsdilettantismus, der hochtrabend doziert: Christentum sei im Gegensatz zum senilen Buddhismus das Produkt junger Kultur, nämlich der arabischen! Das wird Juden und Griechen lebhaft überraschen! Daß er dies Semitische »magisch« nennt, können nur Unkundige hinunterschlucken. Magisch dachten Ägypter, Perser, Spätgriechen. Hält er vielleicht die Kabbala für autochton? Eine neue »magische Kultur« der Araber gab es nie. Arabischer Islam ohne Kultur begann 600 Jahre n. Chr., der Koran enthält kein Körnchen christlicher Ethik, die nur mit Urreligion sich berührte, sonst gealterter mosaischer Umwelt entsprang. Betrachtet man Jesus als Juden, so wäre er Alterserscheinung kurz vor völkischem Untergang; hält man die Galliläer für versprengte Gallier, so wäre er auch nur letztes Aufflammen der Südarier, ehe sie an die Nordarier ihr Zepter abtraten. Doch Genius hat nichts mit Welken und Altern der Rasse gemein, die Altsemiten erzeugten ihre mächtigste Erscheinung Hannibal bei ihrem Untergang, so wie die Juden ihre stärksten intellektualen Kräfte erst in ihrer Rassezerstreuung gewannen. Daß jede Kultur ihre eigene Seele habe, ist Binsenwahrheit; daß dieser Geschichtsklügler sie aber nicht versteht, zeigt seine Auffassung apollinisch-euklidisch eng umgrenzter Griechenseele, als ob dionysische Ekstase des Orpheuskult Plato und mystische Telepathiker nie existiert hätten, neben dem goldigen Apollo steht Apollonius. Daß Lebensablauf von Kulturen abwechselt, dafür braucht man kein sensationelles Buch zu machen nach Vorbild des Rembrandtdeutschen und anderer rhetorisch schillernden Eintagsfliegen. Daß er indirekt jede Evolution ausschließt, würden wir begrüßen, doch was hilft ein unfreiwilliger Bundesgenosse, der selber höchst gefährliche Altersstimmung verbreitet! Nur unpsychische Anschauung glaubt an Altern und Sterben psychischer Werte, deren Blüte oder Welken keiner äußerlichen Zeitbestimmung unterliegt. Ebensowenig wie Evolution gibt es Dekadenz, da körperliche Erschlaffung und Einschrumpfung kein Spiegelbild seelischer Entartung zu sein braucht, oft das Umgekehrte. Soweit wir die Spur der Erdentage verfolgen, geht nichts wirklich unter, verbessert und verschlechtert sich nicht, sondern im äußern Wechsel bleibt stets das gleiche Gewoge psychischer Regungen, deren Ausleben andern unsichtbaren Ursachen entspringt als materiellem Kraftzuwachs oder Machtverfall. Großartig wirft Spengler der Jetztzeit die Altersbrandmarkung ins Gesicht, daß sie deshalb keine großen Dichter hervorbringe. Seine Weltfremdheit ahnt nicht, daß im kommerziellen Zeitalter der Technik und alexandrinischen Wissenschaftsklauberei selbst zehn Shakespeares nicht gehört würden unterm Modetamtam des Massengeschmacks, der auch Kunst zum Handwerk mit goldenem Boden und Kulturgeschäft machte. Solch äußere Erstickung bedeutet gar nichts für inneres Altern, denn werte Zeitgenossen wie Spengler pflegen nie zu wissen, wann Kleist oder Grillparzer lebten. Nichts läßt sich in Formeln einschachteln. Ob Färber Kleon oder Klodiusbanden heut in Deutschland ihr Unwesen trieben, darum braucht es nicht entfernt den Gang zu gehen wie antike Demagogie, vielleicht eher des Mönchleins Luther schweren Gang und Scharnhorsts bedächtigen Schritt. Wer Chamberlains Scherz mitmacht, Religion mache Rasse, statt umgekehrt, mag allgemeine christliche Europäernation der Gotik dekretieren, obschon Germanisch und Romanisch sich in gleicher Kirche bald rassig trennten. Jedenfalls wäre dies aber nicht »faustisch«, sondern ein »magischer« Consensus. »Faustisch« seefahrteten Phöniker so gut wie Normannen, die Griechen kann man faustisch, magisch ebenso nennen wie euklidisch, da eigentlich nur ihr Theaterszenarium den Ödipus auf Kolonos vom Todesvorhang abgrenzend abschloß. Auch ist Zivilisation nicht »Geist«, sondern geisttötend, Kultur aber stets städtisch, »Blut« des Landes stockt träge, in Stadt wie Land drückt hindämmernde Masse Kultur nieder, deren Bestand jedoch in wenigen Mehr-als- Menschen nie ausstirbt. Indem Spengler Erfolglosigkeit alles Geistigen versichert, schmeichelt er den Ewiggemeinen, die ihn instinktiv als Apologeten ihrer Nichtigkeit begrüßen, verkennt aber den trotzdem »magischen« Einfluß »faustischer« Individualitäten. Ist Faustidee so willensmörderisch, warum war der politische Bannerlöser des geographischen Begriffs Deutschland ursprünglich eine Faustnatur? Wer den Spießer noch aufhetzt, Unpraktisches zu lynchen, plaudert nur verspätet das Geheimnis von jedermann der Vorkriegszeit aus und »deklamiert, jetzt sei nicht Zeit zum Deklamieren«. Spengler stieß das nämliche zu wie dem jungen Weininger bei »Geschlecht und Charakter«: alles, was sich auf ihre Buchtitel bezieht und den Augenblickserfolg sicherte, ist anfechtbar, oft geradezu falsch, alles aber, was zu philosophischer Begründung dienen soll, ist nicht nur kühn, sondern oft groß gedacht, nur hat es zum Grundthema nichts zu besagen. Dies gilt besonders für Spenglers Handhabung der Begriffe Zeit, Raum, Schicksal, Zufall. Seine Auffassung der Zeit als einer nur qualitativen Größe macht Aristoteles und Kant zu Zeitgenossen, läßt gleiche Geschichtsperiode vor 5000 Jahren wie heute sich abspielen. Dieser Gedanke ist nicht neu, lange vor ihm hat ein bayrischer Freiherr alle Geschichtsabschnitte mit einer Art Zahlenkabbalistik eingeteilt, auch Kemmerich hat neuerdings auf Grund solcher Zahlenberechnung prophezeien wollen. Goethe war mathematisch-geometrisches Denken verhaßt als Tötung lebendiger Anschauung, die seit Pythagoras so oft gepredigte Wichtigkeit der Zahl ist Nichtmathematikern verschlossen, indessen erhebt sich der Mathematiker Spengler insofern über Zahlengläubigkeit, als er mit Schicksal und Zufall rechnet. Was er über Schicksal äußert, ist im ganzen tief, doch verwirrt er alles durch Glauben an planlosen Zufall. Solche Vermischung zwei einander ausschließender Begriffe ist ebenso furchtsam wie konfus. Mechanistik ist nicht furchtsam, indem sie nur Zufall anerkennt, wohl aber konfus, denn gerade in ihr kann es nichts geben als Kausalität, ihrem Wesen nach nie zufallmäßig. Wer aber auf Fatum und Kismet schwört, rechnet mit unberechenbaren Faktoren neidischer Götter oder eines launischen Allah. Beides zugleich kann es nicht geben, für Geschichtsgesetze kommen nur zwei verschiedene Möglichkeiten in Betracht. Entweder Mechanistik, selber Schicksal, die mit logischer Kausalität Geschichtsepochen abschnurren läßt wie Grammophonstücke in immer gleicher Abwechslung. Oder eine vom Schicksal gehäufte Tatsachenmenge, die jederzeit durch zufällig scheinende Eingriffe andere Richtung und Form bekommen könnte. Erstere Annahme setzt unmögliche Automatik voraus, als ob Geschichtsvorgänge sich mit gleicher Regelmäßigkeit abspielten wie Verdauungsprozesse. Die zweite aber macht jede Gesetzmäßigkeit unmöglich, obschon doch Spengler gerade darauf hinaus will, denn Zufall könnte jedes Schicksalsgesetz zerstören. Als Karthago zum Falle reif, gebar es zufällig seinen einzigen großen Mann: hätte Hannibal zufällig Rom erstürmt oder auch nur Hastrubal am Metaurus gesiegt, wäre also Europa nicht für die Arier gerettet worden. Daß der Zufall umgekehrt handelte, war von ihm merkwürdig weise berechnet! Spengler scheint zu unterscheiden, obschon er es nirgends klar sagt: Schicksal ist das durch Natur und Psyche Gegebene, was zwar allgemeinen Gang vorausbestimmt, nicht aber Herr ist über tausend Zufälle der Materiereibung. Doch sind scheinbare Zufälle nicht gesetzmäßig? Da gilt z. B. das von ihm nirgends beachtete Reaktionsgesetz. Die Dominante, wie wir es nennen wollen, einer Epoche, z. B. der Rationalismus des 18. Jahrhunderts, hat die lasterhafte Neigung, ein ganzes Milieu einseitig zu erdrücken, doch als er seinen Gipfel fand, klappte er ganz von selber in Romantik um, d. h. Belebung vertrockneter Verstandesbildung, Selbstheilkräfte im physischen Organismus wiederholen sich also im psychischen, Rückschläge erhalten das Gleichgewicht. So kann man heute bei Zertrümmerung mechanistischer Genügsamkeit einen Rückschlag des Metaphysischen erwarten, das magischen und faustischen Drang in sich vereint mit neuem Kräftezuwachs für angeblich sterbende faustische Kultur. Dies sieht aber alles eher als danach aus, daß Menschheitsschicksale Zufälligkeiten untertan seien. Spenglers Geschichtstafeln sind im einzelnen unsicher und oft unmöglich, so verlockend es scheint, bestimmte Grundlinien festzulegen. Man hat schon einst in einem Essay Gesetze der Weltliteratur aufstellen wollen, doch mancherlei bestehende Analogien lassen sich dabei wieder nicht mit auffälligen Verschiedenheiten verknüpfen. So scheint auch gewaltsam lächerlich, daß französische und englische Geschichte um 100 bis 200 Jahre der deutschen voraus sein sollen, Bismarck als Zeitgenosse Richelieus und Cromwells hätte doch wesentlich andere Aufgaben, Goethe entsprang nicht Shakespeares Renaissancemilieu. Entstehen eines Cäsar und Alexander mag man vorausahnen, doch nicht voraus berechnen, wann sie Rubikon und Hellespont überschreiten. Kepler las Wallensteins Tod in den Sternen, doch keineswegs die Begleitumstände. Der entscheidende »Zufall« war immer, ob Genies geboren werden, doch wie kann man sie Zufälle nennen, da sie doch selber sich als Schicksal fühlen! Daß nicht Konstanz geistiger Formen, sondern deren Verschiedenheit das Tiefste erschließen, würden wir Spengler (S. 84–88) zugeben, wenn er nicht als deren Ursache organische Periodizität annähme statt davon unabhängiges Erstehen großer Einzelpsychen. Der »Weltschmerz« wurde nur periodisch, weil ausgerechnet ein Lord im wenigst weltschmerzlichen England ihm Worte lieh. So ist auch Ethik nie zufallmäßig. Sobald das Leben ihm die Spielsachen abstrakter Ethikbegriffe zerschlagen vor die Füße wirft, windet sich der kirchliche wie der rationalistische Moralist in Verzicht und Verzweiflung. Der wahre Idealist steht dem Leben und seinem Anprall, weil er moralisches Übel als jenseits irdischer Remedur betrachtet und sich nicht einbildet, wechselnde Notwendigkeiten von Gut und Böse in gleiches Schmetterlingsnetz ethischer Regel einzufangen. Der sozusagen mit Dramaturgie in der Hand geborene Lessing wußte dem Lebensdrama nur den bittern Schutz des Stoizismus zu entnehmen. Wer aber geheimnisvolle Beziehung von Personen und Dingen in jedem Einzelleben betrachtet, der verkennt weder seltsam genaue Gerechtigkeit, noch leugnet er Gut und Böse an sich, erhebt sie nur ins Reich notwendiger Impulse, wo unter Umständen ein Verbrechen sittlicher sein kann als laue Biederkeit. Die ziemlich abstruse Abhandlung Spenglers über morphologisch in jeder Kultur verschiedene Moral dürfte wohl auf obige Sätze hinauslaufen, wie denn mehrfach eine gewisse innere Übereinstimmung mit unsern Ansichten überrascht, doch ließe sich noch vieles dazu erinnern, man kann unmöglich eine dunkle Unklarheit im Spengler-Orakel verkennen. Seiner anthroposophischen Nörgelei stellen wir klar gegenüber nur Schicksalsordnung in Zeit und Raum. Zu behaupten, des Abendlands Afterkultur habe nun für immer tiefere Quellen der Höhergesittung verschüttet, heißt quirlenden Schaum der Oberfläche mit unergründlichem Meer verwechseln, Schaum versprüht, die Welle rollt weiter um die Erde. Unbeirrt von öder Zeitlichkeit geht der Psyche ewiges Leben seinen Gang, das Meer unsichtbarer Psychewelten flutet ineinander ohne Ebbe. Ob jemand unter Sesostris oder den Majestäten Wilhelm, Lloyd George, Poincaré »blühte«, ist ohne Belang für sein wahres Wesen, die Psyche der Kultur kennt nicht Welken, Altern, Sterben, denn sie setzt sich zusammen aus Myriaden immer neuinkarnierter Psychen. Vielleicht trug schon ein Neanderthaler den Shakespeare in sich, der später zum Vorschein kam durch Karmafügung. »Piatonismus ist Vater des Christentums, Judentum die Mutter«, orakelte Napoleon vorschnell. Es gibt nicht allgemeine Gesetzgebung für Aufgang und Untergang von Religionen so wenig wie von Kulturen. Indische Mythologie unterschied vom Brahma ihrer Trinität den Brinaha-Brahm, dem man tiefsinnig keine Tempel baute, weil über menschliche Verehrung erhaben. In dem einzigen ihm geweihten Tempel gab es kein Bildnis, weil der höchste Eine nicht verbildlicht werden darf. Monotheistischer Monismus ist so alt wie die Welt. Auch das ältere Christentum rang nach intellektueller Sauberkeit. Bei Justin und Theophil findet man erhebliche Argumente für Nebenzeichen der Auferstehung: »Beständige Auferstehung geht in dir selber vor, dein Körper wechselt, Teile verschwinden, andere ersetzen sie.« Clemens sucht Jesus schon bei Plato und Plotin, Origenes lehrt Bestehen früherer Welten, Wiedergeburt, kausales Jenseits. Wer gegen solche Auferstehung griechischen Denkens den Streit aufnimmt, trifft nicht Kirche, sondern Theosophie, wie heute ungescheut beabsichtigt. Doch sobald Wahrheiten großer Seelen zum Massendogma erniedrigt, verwandeln sie sich notwendig ins Gegenteil. Die Seelenrevolution, den Händen von Jesus und Johannes entglitten, mußte Reaktion einer Kirche werden, die bezeichnenderweise eher die Apokalypse als apokryph fallen ließ, doch die weltliche Tendenzpropaganda hebräischer Messiaspropheten schlau zum obersten kanonischen Rang erhob. Sie weiß also wie die Wissenschaft nichts mit Offenbarung wirklicher seherischer Verzückung anzufangen, versteht sich nur auf Talmimirakel. Für diese disziplinierten Judenchristen waren die Gnostiker Faselanten, weil sie zyklische Sphären, Überchristos der Weltseele, Erlösung nur durch eigene Läuterung in Wiedergeburten lehrten und erbittert den persönlichen Jahve als Demiurgos verwarfen, den bösen Feind als Materie, ohne in Dualismus eines positiven und negativen Prinzips zu verfallen wie Lotze der Jüngere. Auch mit den Manichäern läßt sich reden, die sich an Zoroaster anlehnten, obschon ihre wilde Verdammung alles Körperlichen zu verdummender Askese beitrug. Ursprünglich Manichäer, überlieferte Augustin die Gnadenwahl an Calvin, seine 18 Bände zeigen die Verheerung, die verbissener Priesterwahn in einer groß angelegten Natur anrichtet, seine »Bekenntnisse« lesen sich wie die Rousseaus als Gewissensschreie innerer Unruhe, seine Gottliebe malt er mit Schönheitsumarmungen und Blumendüften! Das ist die große Konterrevolution, die immer unvermeidliche, wo Jesus auf Athanasius herabsinkt. Als 600 Bischöfe auf 6 Konzilen sich um Dogmen balgten, wie Athanasier und Arianer Mönche handgreiflich auf dem Byzanzmarkt, war dies »Wachstum des Christentums«, wie Vincentius frohlockte, ein schlechtes Beispiel für »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen«. Gleichwohl ist niederschmetternd für Evolutionsträumer, daß die ganze Fehde moderner Bibelexegeten längst schon bei Beginn der Kirche entbrannte, wo Arius sich gegen Christi Gottheit sträubte und der britische Mönch Pelagius einige Weizenkörner unter die Spreu mischte, sogar in Augustins Chaos der Lichtblick glomm, daß er Erlösung durch bloße Taufe verwarf. Immerhin sehen wir in allem Religiösen sich das Gute zum Schlechten wenden, das Schlechte sich verschlechtern. Wie bei Alimentklagen viel tüchtige Zeugen in Reih und Glied die Schwurhand erheben und das schlichte Volkslied ertönt »Geld kost's auf alle Fälle«, so muß der Bastard des Jetztgeschlechts doch 'nen Vater haben, wir werden's Kind schon schaukeln, doch die Namenstaufe macht Schwierigkeiten. »Persönlichkeit und Schönheit«, ruft Ellen Key in hohen Tönen an, vermengt »Evolutionismus, Individualismus, Solidarität« als unauflöslich verbunden, wie ja schon Krapotkin Egoismus und Altruismus beide für naturgesetzlich erklärte. Was sie als Selbstverzicht des Philisters betrauert, ist gerade Selbstfrönen der Profitwut, die für Gendarmen der Schweinemast und Bewachungshunde für Schafe schwärmt. Ist Schafen nicht gesund, daß der Spitz sie in Ordnung hält und in die Hürde einpfercht, die als freie Schweifer sich verirren würden? Allerdings betreut man Schafe nur, um sie zu scheren, doch wonach strebt die Schafseele, als nach gesichertem Futter und Obdach! Das ist der wahre Individualismus der Masse, ihre Solidarität heißt Feigheit, falls nicht ein starker Hammel für sich allein mehr Futter beansprucht! Die tapfere Ellen brandmarkt sogenannte Pflichterfüllung im bürgerlichen und Staatsleben, doch »Freiheit« und »Pazifismus« sind geradeso verdächtige Masken. Hohe Seelen sind nur sich selbst verantwortlich, Beethovens Satz: »Echte Kunst ist eigensinnig«, bedeutet, daß Kunst ihren eigenen Sinn hat. Ist »der Mensch selbst ein Teil des Schicksals« (Emerson), so denke man daran, daß ein Tiger weniger schadet als eine Horde weißer Ameisen (Multatuli) oder Doggenhunde (Kipling), Napoleon harmlos dasteht neben unzähligen kleinen Verbrechern des Alltagslebens. »Da unsere eigene Autorität unsere Handlungen entscheidet, können nur wir selbst sie richtig beurteilen«, sagt die Key brav, doch solche Selbstherrlichkeit schließt jeden Ausgleich zwischen Individualismus und Sozialismus aus. Heidentümer unterscheiden sich nur in der Formsprache, kein »drittes Reich« des Joachim von Florio kann die ewigen zwei Reiche des Geist- und Sinnenmenschen verschmelzen. Auch die schwächste Psyche hat Tiefen, die sie selbst nicht kennt, doch wenn der Massenmensch immer vor der Weltlüge kapituliert, so murre er nicht über Selbstbestrafung seiner Halbheit. Der Graphologe Langenbruch spottet in seinem Handschriftenbuch, daß die Deutschen sich kritisch dünken und doch kritiklosen Autoritätsrespekt vor Titeln und Orden behalten. Womit soll aber eine Null sich sonst einen Einerzähler beschaffen? Persönlichkeiten lassen sich nicht züchten, und eine als Pazifistin herumkutschierende und das Leben bemutternde Damenseele naht sich nie dem Abgrund, wo der gefesselte Prometheus auf keinen sozialen Herkules und Hiobs »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt« auf nichts Irdisches wartet. Und »Schönheit«? Im Warenumtausch geistiger Güter kann kein krampfhafter Massenaufstand der Talente den durchlöcherten Eappen der alten Ästhetik flicken. Balzacs »Prolegomena der eleganten Welt« nennt die Gesellschaft Versicherung der Reichen gegen die Armen, jawohl, sie weiß am besten, womit sie ihre Räder schmiert. Steigt mal ein Genialer in die Tagesarena, so scheint das ungesetzlicher Raid über ein Grenzgebiet, Einbruch in verbrieftes Besitzrecht der Ungeistigkeit. Doch der Rest ist nicht Schweigen, sondern ewig tönende Ordnung, denn nur Vermenschlichung Gottes beraubt ihn seiner natürlichsten Eigenschaft haarscharfer Gerechtigkeit: nur wer diese nicht brauchen kann, wünscht von ihm Affenliebe, himmlische Buchführung fälschend. Alle Natur ist – natürlich. Ossendowski meint, im Ussuriland, wo Tropisches und Arktisches durcheinandertaumeln, mache die Natur »einen dummen Witz«, sie setzt aber nur die Idee einer vermittelnden Wetterscheide in Form um. Der nämliche Lebenserfahrene sagt: »Das Leben verknüpft Menschenschicksale auf sonderbare Weise, Endergebnis von Zufälligkeiten mutet oft sehr geheimnisvoll an.« Zufälligkeiten? Nur unsere trüben Augen sehen nicht den Blitz der Planmäßigkeit. Wer aus schaukelnder Hängematte unsanft herunterpurzelt, dessen Klage auf Schadenersatz lehnt der Weltgerichtshof ab: Stellt eure Forderung billiger! »Blessings in disguise« nennt man englisch Unfälle, die sich nachher als heilsamer Erziehungswert erweisen. Die Natur selbst sagt dem Materialismus ab, geniale Magen gibt's nur bei Rabelais, Gram vergiftet tödlicher als Arterie-Bluthunde der Eiweißüberfütterung. Wer »Hygiene des Geschlechtslebens« (Gruber) als Siamesischen Zwilling mit kühler Erotik verkuppelt, dem ist das ewige Weh und Ach aus keinem Punkte zu kurieren. »Minne« als Doppelsinn von »Liebe« und »Gedächtnis« schwand aus der Sprache, weil Treufähigkeit erlosch. Nichts Psychisches hat physische Basis. Aus gleicher Globetrotterei schöpft der gesunde Weltmann Loti Pessimismus, der schwindsüchtige Stevenson Optimismus, Samuel Johnson schimpfte bei sechzehn Tassen Tee genau wie beim gewohnten Grog, Falstaff und Hamlet sind beide »fett«. Maupassant spottet: »Ein Porträt zeigt nicht unser Skelett«, doch er selbst trug bald sein Skelett-im-Haus zur Schau, der »Horla« packte ihn am Kragen, die gewollte Allsinnlichkeit strafte sich im Übersinnlichen. Überall gerechte Immanenz: wer sich in Gefahr des Sinnlichen begibt, kommt drin um. Lafarge »Höheres lieben in Kunst« belegt Mißtrauen und Mißgunst der Kunstakademien gegen alles Lebensfähige (vgl. Shaws Vorrede zu »Frau Warrens Beruf«). Bolschewismus bescheinigt nur in breiterem Maßstab den Haß gegen Geistmenschen. Gorki trampelt auf Tolstois und Dostojewskis Gräbern, doch als den Zarismus verdientermaßen der Teufel holte, hörte man nicht die Warnung der eingestampften Bibel »Die Rache ist mein.« Wilhelm der Nichtschweiger wollte »den Russen den Demokratenstaub aus der Weste klopfen«, dafür klopfte das Schicksal ihm die Hosen voll. Im »Dunkeln Wald«, Weltkriegsroman von Walpole, blitzt seelische Erleuchtung durch Todesgrauen, doch wertloser Tod sühnt kein wertloses Leben, Kampf von Unrecht gegen Unrecht wie im amerikanischen Bürgerkrieg, vollzieht wechselseitige Vergeltung, stets tönt von höherer Warte ein Hoheslied der Nemesis. Straßenverkäufer Britton (1659–1714) versammelte wöchentlich um sich vornehme Lords und Ladies zur Kunstpflege, doch welcher Adel und welcher Proletarier begünstigte sonst solche Gleichstellung von Rang und Geist! Die Armen-im-Geist – Butter statt Luther – trieben stets Bilderstürmerei. »Welch ein Verschwender ist die Natur«, seufzt M. Arnold über Heines Matratzengruft, doch ändert dies die Sichtung, daß in Völker- und Einzelleben mehr Gerechtigkeit herrscht, als uns lieb ist? Seit Hesiod hofft man umsonst auf Verbesserung, aus Pest und Aussatz werden Tuberkeln und Syphilis, aus Inquisitions-Jakobinertribunale, aus Hexentorturen hochnotpeinliche Kniffe von Versailler Friedensengeln. Schopenhauer als »Buddha der Table d'hote« (Bourreau) lebt in ständiger Todesangst, Condorcets »Atlantis«, Cheniers »Hermes« hecken mitten unter Guillotinebeilen für ihre Unglaubensgenossen den Glauben an irdische Unsterblichkeit aus, de Maistre verheißt Katholiken Gleiches. Überall Vogelstraußpolitik schmutziger Verschlammung. Mill fiel in die Verelendung, ob Gott Macht über seine Schöpfung habe, solche vorlaute Beckmesserei vergißt, daß Gott nicht verantwortlich sein kann für die Bête humaine, die gebundener Marschroute ihres Verschuldens folgt und, vorm eigenen Basiliskenblick erstarrend, um Hilfe gegen sich selber schreit. Ein witziger Roman »Lebenskomödie« schildert Oxforder Studentenbengel, nie wachsen sie heraus aus ihrer Philisterhaut, ihr Jugendtollen juckt wie Krätze, im Alter verlieren sie nur physische Gaben ihrer akademischen Narrheit. Solche Typen soll Gott »lieben«? Christliche Sündenmohrenwäsche verquickt sich mit Tetzels Ablaßzetteln, der Karmagott aber bedingt sich aus: »Ich will vergelten«, denn Sein ist die Herrlichkeit der unbedingten Gerechtigkeit. Wer mit dem »liebenden Vater« Schluß macht als einer entgleisten Persiflage der Notwendigkeit, dem tagt der Wahlspruch der Selbstverantwortung: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. In der großen Puppenallee werden theologische und soziologische Versprechen gespendet als Pralinés für naschgierige Kinder, was kann Gott dafür, daß sie sich den Magen verderben! Ein düsteres Buch »Jim Street 5« stöhnt Gewissensbisse der Anständigen, die sich durch Volksausbeutung gemästet fühlen. Gewissen? Was Gewisses weiß man nicht. Doch daß eine Moral von der Geschicht' da sein müsse, dafür gibt sich Ahnung das Jawort. Fichtes Abhandlung »Über den Grund des Glaubens an moralische Weltordnung« bleibt leere Gemütsübung, solange man nicht die Menschheit offenkundig ihr Selbstgericht vollstrecken sieht. Hegel tadelt Kant, daß er Gott für unbeweisbar halte, doch Kant stand fest auf viel Unbeweisbarerem, nämlich demütigendem Sittengesetz, das der Mensch aus sich selbst herausholt. Ein schottischer Rationalist folgerte vorschnell daraus moralische Anlage des Menschen, Massenvielheit spottet des Alleinseligmachens theosophischer Rezepte, immerhin rüttelt der vom Materiegeier zerhackte Prometheus der geschändeten Psyche an seinen Ketten und »macht den Tod zum Sieg« (Byrons Prometheus). Der Mensch ist gerichtet, doch gerettet sein Bedürfnis sittlicher Forderung. Entsprechen sich Tätigkeit und Mitgefühl (Raid), so hätte ein unendlich tätiger Gott unendliches Mitgefühl, doch ohne Karmalehre müßte man meutern, er verlange mehr Duldermut, als selbst große Seelen leisten können (vgl. Rollands traurige Enthüllungen über Michel Angelo). Doch das scheint gerade der Zweck der Übung. »O Mensch mit deinem Palmenzweige«, keines Jahrhunderts Neige lehrt dich mehr, als daß der Karmagläubiger nicht deinen Fallit will und dir überweltliche Wächter als Konkursverwalter einsetzt. Gott arbeitet selber mit, Allfürsorge erstreckt sich gerade in Notwendigkeitswelt. Da jede Maschine ab- und ausläuft, so könnten Störungen der Planetenordnung nie vermieden werden ohne höhere Eingriffe, Unregelmäßigkeit kann auf Erden so wenig walten wie am Sterngewölbe, nichts kann allem Geschehen immanent sein als lautere Gerechtigkeit. Doch wenn wir das Leben als Karmamanifestierung verehren und ihm das Heroische entgegensetzen, so schmeckt dies nicht nach Schlagsahne und Süßholzraspelei liebestrunkener Weltschönheitfreude des großen Lyrikers Tagore. Sein Interpret Engelhardt (1922) täuscht nicht über denkerische Unbestimmtheit solcher Verinnerlichung, die vor Übel und Leid als nur episodisch die Augen schließt und doch Buddha als Bundesbruder anzurufen wagt, während er es über sich gewinnt, in nietzscheanischer Lebensrhapsodie zu schwelgen. Was nur für Indien Möglichkeit hat, predigt er als eitel gefeierter Gast im abendländischen Staatsgefängnis mit törichter Unterstellung, daß jeder voll gleicher »göttlicher« Kräfte stecke und sich nach Gottliebe sehne. Doch »die Menschen sind nicht gut«, klagt der gütige Philanthrop Fénelon, Brunos heroische All-Liebe verachtet sowohl wehleidige wie wonnige Sentimentalität. Ein hoher Herr nannte sich treuherzig »überzeugter Optimist«, er meinte »verwöhnter Egoist«. Von so verächtlicher Gemütlosigkeit bekehrt uns schon das Leiden harmloser Tiere. Wem eine treue Mieze aus Kummer starb, eine andre im Kindbett an tückischer Seuche, eine dritte wochenlang um ihr Kindchen klagen hörte, das qualvoll verendete, der hatte gerade genug, und fragt, warum die lieben Geschöpfe erst nach so zwecklosem Schmerz in die Astralebene zurückkehren dürfen. Doch vielleicht ist auch dies karmisch begründet, und wir ahnen wie in der Geschichte so auch im Privatleben immanente Gerechtigkeit, sobald wir uns von kleinlichen Menschenbegriffen losmachen, die immer Glück und Unglück nur materiell werten. Eine von sich selbst zehrende Vernunft kredenzt als Marketenderin »zwischen den Schlachten« allerlei Begriffsschnäpse mit der Flaschenetikette: Patentiert, Achtung, zerbrechlich! Nur ab und zu sprudelt natürliches Mineralwasser. So im »Phädon« Mendelsohns: plötzliches Absterben (»Untergang des Abendlands«) widerspreche der Natur, deren Umkleidungen nur Stetigkeit ohne jähes Abreißen zulassen. Ja, Goethe mutet ihr nicht zuviel zu: »Natur muß mir ein neues Kleid geben«. Cherbury lehrte 1645, Bös und Gut würden schon im Diesseits vergolten. Rochester verneinte es fürs Jenseits, weil ja mit Vernichtung des Hirns jedes Gedächtnis der Diesseitstaten schwinde. Freigeisterei setzt eben alles Mögliche voraus, während sie gegen theologische Voraussetzungen ficht. Auslöschen der Erinnerung im Tode wäre unnatürlich – falls man nicht überhaupt Vernichtung voraussetzt –, erst Wiedergeburt vertreibt sie, wo sie als Karmabestandteil ins Unbewußte versinkt. Da aber Dies- und Jenseits kausal zusammenhängen, so dürfte man fragen: Wenn nicht im Diesseits, warum im Jenseits, haben nicht beide Systeme das gleiche Leitmotiv? Nun, vorurteilsvolle Betrachtung für uns geistig ungeordneter Stoffmassen berührt nicht die zahllosen individuellen Bewußtseinsstände, alles innere Leben bleibt ein unbekanntes Y, selbst wenn es sich mechanisch abrollte. Daß die Weltordnung nicht aufdringlich Moral einpaukt und äußerlich oft das Böse zeitlichen Sieg hat, beeinträchtigt noch lange nicht angemessenes Ausleben der Persönlichkeit, dies höchste Glück der Erdenkinder. Addison, der glattgebürstete Staatssekretär der Moral, die er wie heimisches Mehl und Laster als unerlaubten Einfuhrartikel überwachte, verschied: »Seht, wie ein Christ stirbt!« Das rührt uns nicht, wir denken an Swifts schauriges Ende, der kein glückverwöhnter nobler Gentleman, sondern ein von Bosheit Tollwütiger war, dem dauernde Verbitterung jede Milch in Drachengift verwandelte mit der Leiderfahrung: »Ein Genie erkennt man daran, daß alle Toren sich dagegen verbünden.« Doch ohne sein wildes Dunkel von Grimm und Leidenschaft wären die Blitze seiner Weltsatire nie emporgezuckt, er wäre ein gemeiner Streber geworden, ohne seine Bestimmung zu erfüllen. Solch Manko als Selbstwiderspruch hätte ihn zehnmal unglücklicher gemacht, seine Größe war so gerechte Vergeltung wie sein zerrissener Lebenslauf, der im Grunde doch auch seiner Überhebung schmeichelte. Umgekehrt hätte Addison seine milde Bonhomie nie ins Publikum getragen ohne ein so wolkenloses Dasein. Da drängt sich Gewißheit auf, daß jedem wird, wodurch seine Persönlichkeit sich am richtigsten entfaltet. War der kluge Kritiker Addison zufrieden mit sich selbst und seiner weltberühmten Stümperei »Cato«, war die glatte Ebenheit seiner sonnigen Lebenschaussee nicht ein Danaergeschenk? Hätte Swift je mit Philisterglück ohne Größe getauscht? Lieber Verzweiflung und Wahnsinn, als Verfertiger des Cato und nicht Schöpfer des Gulliver sein, wodurch er der Menschheit mit vergifteten Dolchstößen heimzahlte, was sie stets an Genialen verbricht, und sich ins Buch der Unsterblichkeit einschrieb! Je genauer man den Lebenslauf aller Bedeutenden auf allen Gebieten verfolgt, staunt man über Schicksalsschiebung für Individualrechte. Die Ursprungslage isolierter Geistmenschen wäre aussichtslos ohne ungewöhnliche Eingriffe ihres »Wächters«, alles spricht dafür, daß gerechte Vorbestimmung auch den Milliarden, deren Leben unbekannt bleibt, die Bahn vorzeichnet. Weltordnung ist ein weiter Begriff, doch es wäre zu sonderbar, wenn sonst im All harmonisches Gleichgewicht herrschte, nur für Erdbewohner nicht, so unharmonisch ihr Streben. Würde ein Geistmensch gern in die Schuhe eines Finanzers überspringen? Dann wäre er keiner, obendrein ein Narr, keine Speise nährt, wenn die Psyche verhungert. Materie müßte aber alles Geistige erdrücken, nur durch unberechenbare Gewalten wird der einzige menschliche Lebenszweck, Ausbildung des Individuellen, ermöglicht. Bulwer protestiert mal gegen »poetische Gerechtigkeit«, bestrafte aber seine Bösewichte so aufdringlich wie Dickens. Wer viel erfuhr, entsetzt sich geradezu, wie prompt Vergeltung arbeitet und wie raffiniert, es gibt nicht immanente Ungerechtigkeit für Mit- und Nachwelt. Lord Bulwer, dem und Disraeli nur Byron einen Ständer abgab, an dem sie den Talar ihrer weltlichen Streberei und Anmaßung aufhingen, schmeckte des Sängers Selbstfluch, ungerecht von der Nachwelt geohrfeigt, wo er als Muschel vergessen fault am Strand der Literatur, und doch menschlich verdientermaßen. Als fälschender Ideologe läßt er den gewissenlosen Warwick, den fetten Advokaten Rienzi, der gackerte wie die Gänse am Kapitol, schuldlos untergehen, doch Charakterbilder schwanken nur in der Geschichte, die sich nicht auskennt. Die großen Vergrämten in Sanssouci, St. Helena, Sachsenwald wußten vermutlich sehr gut, wofür das Schicksal sie belohnte und bestrafte. Ein Buch »Taten und Worte« von Zeidler schmeichelt neudeutschem Antiidealismus mit der Vorstellung eines literarisch entseelten Goethe als »Herzog von Frankfurt«, Tasso Goethe fühlte freilich gelegentlich Neigungen zum Antonio, doch hätte mephistophelisch beifällig gekichert zu Bismarcks Zorn: »Es wird nicht besser, bis nicht alle Geheimräte ausgerottet«, er wußte am besten, wo ihn der Schuh drückte und daß sein Leben genau so verlief, um ihn zum heimlichen Kaiser und nicht zum Rheinbundssatrapen zu machen. Bentham schäkerte »für die größte Masse das größte Glück«, Helvetius definierte Tugend als Streben fürs allgemeine Beste, doch der Racker Staat trägt einen Geßlerhut, dem wir nit Reverenz erweisen, das Futter der Masse ist Gift für Eigenbewußtsein, »souvent de tous les meaux la raison est le pire« bekannte sogar der Pedant Boileau. Wo die Menge vor Vogelscheuche Vernunft und dem das Beste beschneidenden Staat kniet, betet der Denker zum großen Gesetz des innern Ausgleichs, wichtiger als jede äußere Experimentalbetrachtung zum Verständnis der »Natur« als rein psychischer Bewegung. Nirgends Untergang, überall Übergang der Werte ineinander. Der Starblinde sieht im Leben ein Rübenfeld, der Kurzsichtige ein Moderfeld der Verwesung, der Sehende ein Schlachtfeld, über dem die Sonne immanenter Gerechtigkeit tagt. Dies Karmalicht der Urweisheit entschleiert zu schauen, das würde und das wird der neue Aufgang des Abendlands sein. 16. Der transzendentale Monismus und das Gesetz des Entgegenkommens. I Wer zum Mount Everest aufklimmt, vor dem taucht immer neu eine höhere Spitze auf. Doch stieg unsre Bergfahrt schon so hoch über die Wolken, daß wir ausruhen und überschauen dürfen. Alles Errungene läßt sich zusammenfassen: Idealismus, was man so nennt, hängt irrig transzendentalem Dualismus an, Materialismus irrig mechanischem Monismus, Transzendental ist Eigenschaft des wahren Monismus, Monismus Eigenschaft des wahren Transzendenten. Von diesem Allbegriff strahlt dreifache Erkenntnisreihe aus. Solches All ist notwendig unendlich-ewig, Unendlich-Ewiges an sich selbst transzendental, daher sein Ein-Urgrund nicht nur immanent im All, sondern transzendent in der Unendlichkeit mit völlig unbegrenzter Macht, das Alleben ewig aufrechtzuerhalten. Obwohl nun Kausalität, Wirklichkeit, Vernünftigkeit im Menschensinn nur relative Vorstellungen sind, ist dagegen Notwendigkeit ein Absolutes im Monistischen und Transzendenten, ohne das beide nicht bestehen könnten, ist aber notwendig identisch mit Gerechtigkeit. Von diesem transzendent-monistischen, notwendig-gerechten All geht als Teilmanifestierung aus, was man organisches Leben nennt und was daher gleichfalls monistisch arbeitet, transcendental fühlt, der Notwendigkeit gehorcht, von Gerechtigkeit regiert wird, mag sie uns sichtbar werden oder nicht. Was aber dies alles ist, nimmt notwendig an den Eigenschaften der All-Stoff-Kraft teil, als da sind Göttlichkeit, Ewigkeit, Unendlichkeit, Notwendigkeit, ist daher sowohl als monistisch wie als transzendental notwendig unzerstörbar. Allerdings ist Körper mit Ich verbunden wie Ich mit Transzendentalpsyche, doch dieser Monismus überdauert notwendig die Zellenzusammensetzung, nur diese unterliegt dem Gesetz ewiger Transformierung, das alles Sichtbar-Manifestierte beherrscht! Dagegen wechselt nie der wahre Lebensodem, nämlich die unsichtbare Luft mit ihren Wasser-, Sauer-, Stickstoffen, ein physikalisches Sinnbild der Psyche, die einer beliebigen Ausdehnung im Äther fähig ist. Da der Körper seit Geburt ständig stirbt und zerfällt, ohne daß dies vom Bewußtsein gespürt wird, so bedeutet er nur eine Art Nothütte oder Straßenherberge für zeitweilige Unterkunft des Unsichtbaren, das sich auf der Erdebene manifestieren will und muß. Oder,um den Vergleich richtiger zu machen, unstreitig gehört die Haut zur Schlange, doch wenn die Schlangenhaut im Frühjahr sich abstreift, so wird eben eine neue Haut umgeworfen. Ob die Persönlichkeit mit durchaus veränderter Ich-Haut sich in Wiedergeburten fortsetzt oder die Person-Maske als Ich-Spirit mindestens ein längeres Ubergangsstadium durchläuft, jedenfalls gleicht Folgern von Lebenstod aus Körpertod dem Ausruf eines Kindes, wenn ein Blitzschlag zeitweilig die Leitung in Unordnung bringt: Die Elektrizität ist tot. Das Gesetz aber, was allein »wunderbare Gerechtigkeit göttlicher Notwendigkeit« mit Leben und Psyche monistisch und transzendent vereint, ist einzig die Karmalehre. Und glaubt der Mensch im Innersten denn wirklich an seine Nichtfortdauer? Goethe meint, kein rechter Kerl zweifle je an seiner Fortdauer: wenn er sich immer strebend bemühte, müsse ihm die Natur für das Verbrauchte ein anderes Leben anweisen. Nun lebt der sinnlich rohe Mensch so in den Tag hinein, als ob es keinen Tod gebe, obwohl jeder schlichte Verstand ihm sagt, daß alle irdische Begierde auf Sand baut wie ein Kind am Strande, dessen Sandburg jeden Augenblick die Flut wegspülen kann. Das gilt auch hier für »höhere« Berufe, für wissenschaftlichen oder technischen Spezialismus, für Realpolitik (ergötzlicher Briefwechsel von Willy und Nicky), für Pläne und Taten der praktischen Weltumwälzer, wie denn Napoleon auf St. Helena Christus für den einzig wahren Eroberer erklärte. Der Seifenblase Ruhm wird nachgejagt wie im Kinderspiel und Schiller singt, daß der Ruhm das höchste doch, weil der große Name fortlebe. Nun wird zwar der einzige wahre Ruhm geistiger Schöpfung nie um seiner selbst willen erworben, sondern nur als Selbstveranschaulichung des Schaffenden von ihm abgezwungen, aber auch hier enthüllt sich der innerste Wunsch des Menschen, wenigstens als Name das ewige Vergessen zu überdauern, das Zeitliche abzustreifen. Und da Ruhmwürdiges sich nur selten in äußere Macht ausmünzt und stets nur auf Kosten sinnlichen Behagens erreicht wird, so erkennen wir auch hierin einen sozusagen antimateriellen Trieb. Der mißbräuchliche Ausdruck des Philisters, dies oder das sei sein »Ideal« z. B. Geld verdienen, besagt naiv, daß er bewußt etwas Abstraktem nachrennt, für das er im Notfall die Grundlagen des Sinnenlebens (Essen, Trinken, Erotik) verleugnet. Der nur von Milch lebende Rockefeller achtet sein Magenleiden gering, wenn er nur weiter Milliarden anhäufen kann. In stillen Stunden naht wohl jedem Schuft die Einsicht, daß seine Intrigen, Schwindeleien und Verbrechen nur ein Satyrspiel des Selbstbetrugs aufführen, daß seinen Mammon oder sonstigen »Erfolg« die Motten fressen, dennoch geht er unbeirrt seinen Gang. Leute wie Cesare Borgia oder der anachronistische Condottiere Karl XII., den Friedrich d. Gr. so bitter verurteilt, halten ihren ruhelosen selbstverzehrenden Machtwillen um jeden Preis für berechtigt und zürnen höchstens der launischen Fortuna, wenn eine verirrte »Zufallkugel« sie verdientermaßen ausmerzt. »Das Leben ist nur ein flüchtiger Traum« murmelte Napoleon beim Glockengeläut, doch er träumte trotzdem seine Seifenblasen fort, nur daß er sie zu Wolken aufblies. Selbst die wenigen, die den kindischen Schein durchschauen und sich für die Ewigkeit vorbereiten, verfallen oft dem Zauber der Sansara. Liegt aber in solch leichtsinnigem Drauflosleben, als ob man inmitten alles Sterbens die Möglichkeit des eigenen Todes nicht in ernste Berechnung ziehe, nicht vielleicht etwas unheimlich metaphysisches, ein Wissen im Unbewußten, daß Tod als bloßer Übergangsprozeß das Dasein nicht aufhebe? Fühlte etwa der Borgia sich nur als Verkörperung eines Dämons, der nach frühem irdischen Ende unverändert weiterrasen und bald sich ebenso bösartig reinkarnieren wird? Beruht die gleichgültige Todesverachtung aller Verbrecherhelden auf diesem Sicherheitsinstinkt, daß ihnen der Tod nichts anhaben könne? Entspricht dies der gefaßten Ruhe des Weibes, wenn es beim Gebären von Leben mit dem eigenen Sterben spielt und sich durch diese Gefahr nie von Erfüllung ihrer Mutterschaft abhalten läßt? Hier sei die wichtige Anmerkung nachgeholt, daß der Mann erfahrungsgemäß alle Fragen nur vom männlichen Standpunkt behandelt, daher unsere Geringschätzung des Menschen sich wesentlich nur auf den Mann bezieht und die Frau vielleicht Altruismus um seiner selbst willen für möglicher hält. Jedenfalls lebt Religionstrieb (Ethik um Gottes willen) stärker in der Frau als im Mann und alles kommt für die Zukunft darauf an, ob die bisher geringere Fähigkeit der Frau zu abstraktem Denken organische Schwäche oder bloß ein durch Emanzipation zu beseitigender Erziehungsmangel sei. Solange sie sich in dumpfkirchlichen Vorstellungen bewegt, wobei süßliche Inbrunst für den Bräutigam Jesus sogar in hysterische Erotik überschlägt, wirkt sie so wenig zur Befreiung der Menschheit, wie durch törichte Selbstprostitution an atheistisch-materialistische Wahngebilde, wobei überschwengliche Begeisterung ihres empfänglichen Gemütes für falsche Propheten verlogener Menschheitsvergötterung sie erst recht in die Irre führt. Gleiches gilt aber auch für die christliche Kirche, besonders die katholische, deren unsterbliches Kulturverdienst im Mittelalter ihr als günstiges Karmaerbe anhaftet und der wir daher trotz unserer Verdammung ihrer schweren Sünden, die sie aus seelischer Förderung zu seelischer Hemmung machten, ein ernstes Gewicht zuerkennen. Doch wenn sie, wie es leider den Anschein hat, allein den Kampf gegen den Materialismus aufnehmen und vom Zorn aller andern Stände gegen die Arbeiterdiktatur nur für ihre eigenen Machtzwecke profitieren will, so stellt sie »gottlosen« Proletarierinstinkten nur ein gleiches Gottfremdes gegenüber. Wenn sie aber sich all ihrer Formeln des »non possumus« entledigt und die unter Dogmen vergrabene Wahrheit vom Wust der Vernunftwidrigkeit reinigt, dann könnte man sich nichts Besseres wünschen als auf ihrem vorhandenen Gerüst nach Abtragung der verwitterten Fassade weiterzubauen. Doch leider sind keine Anzeichen dafür vorhanden und die göttliche Weltordnung dürfte wohl andere Mittel finden, um erneut »Religion«, wie sie für Heutige paßt, dem entarteten Europa einzuflößen. Die Materiereibung im Wirbel feindlicher Iche macht aus moderner Pseudokultur eine Schreckenskammer, wo die Vernunft zu Tode gefoltert wird, während nur noch Sinnlichkeit und Verstand miteinander Cancan tanzen. Wenn die Ideenwelt stets Gott wiederspiegelt und ohne seine alldurchdringende Existenz gar nicht bestehen könnte, so spottet ein materialistischer Sozialismus seiner selbst, wenn er sich auf die göttliche Vernunftidee des Altruismus beruft. »Ich bin Du« bedeutet nicht Gewaltpöbelei von »Sklavenbefreiern«, die alles in Unnatur der Gleichmacherei versklaven möchten und selbst nur Sklaven ihrer eigenen Gelüste und Wahnvorstellungen bleiben. Altruismns ist weder aus der Materie zu begründen, noch sein Fühlen, sofern es nicht heuchelnde Interessenpolitik, zu erklären. Sklavenaufstand der Vielzuvielen kann überhaupt nie altruistisch d. h. sozialistisch denken. Nur wo erleuchtete Vernunft heranreifte, da keimt aus seelischem Überfluß das Mitgefühl. Nur radikal mit allem Materialismus brechen kann vernunftgläubigem Altruismus die Bahn bereiten. So gewiß der Abfall von Gott die Vernunftverwirrung des Weltkriegs erzeugte, so gewiß kann wahrer Sozialismus nur durch Einheitsgefühl der Menschheit siegen im Einsfühlen mit dem Gott des »immateriellen« ewigen Lebens. Vor des Gottalls ungeheurer Wirklichkeit ist Sozialismus nur ein Gesellschaftsspiel für große Kinder, Imperialismus ein Matsch ungezogener Rangen. Die alle Ungleichheiten und äußerlichen Ungerechtigkeiten überbrückende Karmalehre vom ewigen Ausgleich der Wiedergeburten ist die einzige wahre Demokratie, da widernatürliche Mehrheitsbeschlüsse sonst der natürlichen Ungleichheit sowohl in der Materie als der Ideenwelt ein Schnippchen schlagen. Sozialismus und Altruismus sind unauffindbar in der Natur, sie entdeckt man nur als Recht und Wahrheit jenseits der Menschenvernunft, im Erkennen des transzendentalen Monismus. Die Geheimlehre erkennt den »Sündenfall« in immer gröberer Materialisierung des Selbst durch hochmütige Selbstsucht (Luzifer), die sich auf eigene Füße stellen wollte, losgelöst vom Allsein, und so das Karmaverhängnis herbeirief. Die heraufbeschworene »Erbsünde« kann nur langsam getilgt werden durch steigende Erkenntnis des Ich als einer Illusion, um so allmählich in den Schoß der Allheit heimzukehren, was keineswegs Erlöschen des Lebens, sondern nur Umwandlung der Materialisierung bedeutet. Sobald das Unbewußte völlig das bloße Ichbewußtsein verdrängt, würde der »Übermensch« zustande kommen. Herr der Materie jenseits von Leben und Tod. »Wir gehen an den Examen zugrunde« (Busch, Bismarckerinnerungen). Der durchs Staatsexamen gefallene Staatslenker meinte damit nicht nur Beamtengeheimräte, sondern auch die damals fortschrittlichen, heute alldeutschen Geheimräte der Professorei, den ganzen geistigen Dressurdrill. Selbst wenn ein Unzünftiger wie der bedeutende Schönredner Rathenau von kommenden Dingen redet, verfällt er in hochtrabenden Schulmeisterton, der stolz gedankentönende Redensarten verzapft. Seine Ästhetik nennt Kunst »unbewußte Wahrnehmung« – er meint Empfindung, denn der Künstler nimmt wahr mit verschärfter Bewußtheit – »zweckfrei«, »gesetzmäßig« – redet aber dabei von Spiel. Nachahmung, Schmucksucht, Zauberei als Urzwecken des Kunsttriebs, das Überintellektuelle der Intuition will durchaus nichts Gesetzmäßiges, sondern davon Losgelöstes. Er begreift, daß die Gewerbefreiheit der Ästhetenkaste mechanische Beckmesserei betreibt, daß wahre Kunst nur individuell spontan ausströmt, doch haspelt selber nur am Äußerlichen herum. Bildnerei und erst recht Dichtung schafft als transzendente Funktion aus unbezwinglich dunkelm Drang, dessen Ursachen sich selber schufen als eine Art Selbsterkenntnis des Unbewußten. Solange das Bewußtsein nur sinnlich auf sich wirken läßt, versinkt es wehrlos in Schein; wer nur »Natur« empfindet, verknäuelt sich in ihr; erst wer eigene Innenkraft hervorholt, entreißt sich dem Schein auf höhere Worte! »Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren«, ist ein Jesuswort von unendlicher Tragweite. Im Unendlichen sind unendliche Möglichkeiten der Fortbildung für fragmentarisch Unausgeglichenes, divergierende Linien müssen sich mathematisch am letzten Ende schneiden, im Transzendentalen wird immer alles eins. Eine Tatsache beweist sich nicht durch vorausgesetzte Ursachen, sondern durch Wirkungen, aus denen Eigenschaften sich festlegen. Die Ur- und Tatsache des transzendentalen Monismus wurzelt in ihrer empfundenen Wirkung, dem zugleich monistisch dargestellten und transzendental ausgedehnten Individualleben der Psyche. Wissenschaft füllte nur unterirdische Keller, bis zum Plafond blieb das Bildungsgebäude leer von großen Gegenständen, nur ein paar gute Gemälde hingen darin. Nicht mal die hat heut die englische Zivilisation, sie gleicht einem komfortablen Klub mit reicher Bibliothek im Rauchzimmer, die niemand liest, die deutsche einem vollgepfropften Warenhaus, wo man in jedem Spezialressort prompt bedient wird. »Schirp macht alles«, Bildung zu Schleuderpreisen, die Masse muß es bringen, das Ganze ein Konzern für geistigen Mittelstand mit Shoddyluxus zwischen Theater- und Universitätshumbug. »Man besitzt keine größere Herrlichkeit als die seiner selbst«, dies große Leonardowort gilt nicht mehr, denn wer hat noch ein Selbst, das ihm abhanden kam? Selbst heißt Herz: Die englische Sprache hat für Auswendiglernen den wundersamen Ausdruck »learning by heart «, das ist nach neuster Forschung physikalisch richtiger als rationalistische Auffassung der »Blutpumpe«, Gehirntätigkeit identisch mit Blutzufuhr, Blut als Lebenssaft symbolisiert die Beschaffenheit psychischer Anreize. Das Auswendiglernen des Herzens ist die Sprache des Unbewußten; was die deutsche Sprache unübersetzbar »Gemüt« nennt, ist der Ausgang schöpferischer Einbildungskraft ins Unsichtbare, dies bedingt im Ätherall ein gleiches höchstes Gottgemüt. Von ihm erwartet der Mensch Erfüllung der sittlichen Forderung, ihn nicht als Spielball zwecklos hin und her zu rollen, sondern ihm weitere Möglichkeit zu leihen für Ausfüllung des zersplitterten Torsos, den selbst das reichste Erdenleben immer vorstellt. Ein Gott, der wie ein unmündiges Kind zum Spaß Fliegen rupft, könnte auch das All beliebig zerzupfen. Denkt man ihn aber als unerbittlich gleichgültige Anangke, so kann man davon nicht den Begriff Allweisheit trennen, jeder Ausblick ins All bestätigt dies. Denn wo man die Natur auf scheinbarer Willkür plötzlicher Grausamkeiten ertappt, wissen wir nie, ob diese scheinbare Inkonsequenz nicht tiefer Berechnung der Weltökonomie entspringt oder geheimer Notwendigkeit der Weltethik wie der Schwefelregen auf Sodom. II Ein mechanisch erzeugtes All aus zufälligem Zusammenstoß der Atome bedeutet: Aus absoluter Unvernunft ging absolute Vernunft der Planetenordnung hervor. Wenn jemand beim Kegeln immer alle neune wirft und beim Würfeln immer nur Treffer erzielt – was niemals vorkommt, es sei denn durch Betrug – so sagt sich der Dümmste, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugehen kann, daß es Glück des Zufalls nicht dauernd gibt. Der Natur aber mutet man das Unnatürlichste zu, daß ihre Gesetze lauter Zufallstreffer waren und sind, daß zufällig entstandene Mechanik sich mit launischem Glück in unaufhörlich treuer Ehe verschmilzt, daß die Welt täglich ins Chaos auseinanderfiele, wenn nicht die Zufallsordnung dauernd aus sich selbst unbegreiflich begünstigt würde. Materialismus ist die Lehre der Weltunvernunft. Sie hatte aber dabei den köstlichen Einfall, den armen Menschen mit Vernunft zu begaben! Rückzugskanonaden wie Boules »progressive Modifizierung« der Hirnsubstanz sind hohle Böllerschüsse, denn das wäre wieder wunderbare Zweckmäßigkeit. Uns verwirrt die unabsehbare Reihe von Beziehungen. So begleichnist Mill den Tau, warum er kälter sei als das von ihm berostete Eisen, doch jede Wärmetheorie führt wieder in unendliche Bewegungsferne unerkannter Beziehung. Wenn man z.+B. aus Loch im Helm auf Kugeldurchschlag schließt, kann man allenfalls aus Einschlagwinkel die Tragweite des Geschosses vermuten und die Distanz berechnen, aus dem es abgefeuert, was schon erhebliche Forschung wäre. Doch vom Schützen und seinen Motiven wissen wir gar nichts, so auch nichts von letzten Ursachen eines Naturvorgangs. Geschossen wird ja viel, z.+B. unter patriotischer Janitscharenmusik, doch »nicht jeder, der bei Waterloo focht, ist ein Held« (Wellington an Scott), auch Carlyles Heldenverehrung verengt moralinsauer unklar den Begriff, denn Held ist jeder, der des Geistes Befreiungskrieg gegen die Menschheit mitmacht, Cervantes braucht nicht bei Lepanto zu fechten, erst sein Don Quixote macht ihn zum Helden. Von unbekannten Schützen der Weltordnung spüren wir nur hier und da eine Kugel, die ins Schwarze trifft. Newton erkannte, daß Gesetze in der Natur nur Formeln für unser Begriffsvermögen seien, Philosophenformeln sind so wenig gesetzmäßig, daß von Descartes so grundverschiedene Systeme ausgingen wie das von Leibniz und Locke. Für die Substanz, die er nur als unsichtbaren Begriff seines eigenen Intellekts kennt, und die Natur, von der er nur die Außenseite im Sichtbaren kennt, kann der Mensch keine passende Formel finden. Pantheismus ist entweder verschleierter Deismus, so daß man keine neue Formel dafür braucht, oder verschleierter Atheismus, wonach man auch ein Krokodü als Naturgott anbeten könnte. Kant, der im Grunde zu Augustins »de libero arbitrio« zurückkehrte, wurde von Fichtes Wissenschaftslehre fortgesetzt: »Die lebendige und wirkende moralische Ordnung ist selbst Gott, wir bedürfen keines andern und können keinen andern erfassen.« Da Existenz ein sinnlicher Begriff, so existiert Gott nicht? Wer sagt denn, daß für Transzendentales der Existenzbegriff sinnlich zu fassen sei? Der moralischen Ordnung läßt sich gleichfalls sinnlich nicht beikommen, denn ihre praktische Auswirkung im Materieleben scheint äußerlich so fragwürdig, wie es Fichtes verzweifelter Brief vom 22. Mai 1799 dartut. Daß sie trotzdem auch im Einzelleben waltet, sofern man geduldig aufpaßt, mußte Fichte später selber freudig gewahr werden und Anweisung zum »seligen Leben« erteilen. Schelling sprang 1802 von Spinoza zu Giordano über, womit der eigentliche Pantheismus sich schon verabschiedete. Denn wo ausgleichende Gerechtigkeit in ewiger Transformation der Seelenmonade gelehrt wird, hat Pan keine Macht mehr, das Seelische mit seinem Bocksfuß zu zertreten. Schellings Sehnen, das Absolute intellektueller anzuschauen, verfing ihn bald in solche Schlingen, daß er bußfertig zum Katholizismus abschwenkte. Auch Kants kritischer Terror und Fichtes napoleonisches Ich sänftigten sich. Identitäts- und Naturphilosophie läßt sich praktisch auslegen, wie man will, sie wurden in Oken freiheitlich, in Adam Müller und Görres ultrareaktionär. Dann spielte Hegel den Ödipus, indem er sich selber selbstkonstruierte Rätsel mit der dazu gehörigen Lösung aufgab, ohne die wahre Sphinx zu fragen, was sie dazu meine, zu seiner Vernunftharmonie sagt die äußere Wirklichkeit nein. Die Sphinx der Einheit des Transzendentalen mit dem scheinbar zerklüfteten Individualismus stürzt sich nicht in den Abgrund der Abstraktion, weil man ihr Sprüchel aufsagt. Die Kirche schmeichelt sich, die Zunftphilosophie überlebt zu haben, heute aber wird angeborener Materialismus dem Durchschnittsmenschen obendrein noch anerzogen, nur neue Erkenntnis kann dies Ungeheuer in seinem eigenen Lager anfallen und mit dem Strahlenpfeil der Intuition erlegen wie Phöbus die Pyton. Die Naturwissenschaft gibt sich selber Blößen, wo wie in Schillers Ballade die Rüden des Logos sie in die Weiche packen, ihre eigenen Entdeckungen sind die schneidigsten Lanzen, die man ihrer bösen Absicht in den Rachen stoßen kann. Feine Ironie könnte sogar bemerken, daß der Materialist sich doch eigentlich nur mit einer sinnfälligen Materialisierung Gottes befreunden und mit einem Abstraktum »Naturgesetz« (Schöpfung seines eigenen Verlehrtenhirns) nicht begnügen dürfte. Denn einem Materiegläubigen liegt es doch besser, sich ein sinnlich greifbares Ungeheuer vorzustellen als eine »Idee«, was sein Materiebegriff nur sein kann! Es ist ja wahr, daß selbst das semitische »Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen« sich würdiger zu Allah verhielt als das Kirchenchristentum mit seiner Götzenbilderei. Der Inder vollends schaudert vor der Vermessenheit, sich vom höchsten Wesen überhaupt eine Vorstellung zu machen. Gott als Person anbeten ist Blasphemie, »höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit«, aber je höher ein Mahatma wie Prospero-Shakespeare steigt, desto unpersönlicher fühlt er! Immerhin wird man gerade dem Übermenschen (Genie) Persönlichkeit nicht absprechen und in einem über Menschenbegriff erhabenen Sinn muß man den Inbegriff von Allmacht und Allweisheit wohl als Persönlichkeit (nur nicht Person) auffassen, All-Persönlichkeit, welche alles Nieder-Persönliche des organischen Lebens gleichzeitig umfaßt. Das theosophische Mysterium (lange vor »Christus« entstanden) von Menschwerdung und Kreuzigung läßt sich nur mit dieser Auffassung vereinen: Gott-im-Menschen muß durch Selbstentäußerung und Opfer die angehäufte Karmaschuld entsühnen. Denn da die Weltseele sich materialisierte und ihr Licht in zahllosen Lebensspiegeln brach, muß erneut diese scheinbare Vielheit in Einheit zusammengefaßt werden, indem »des Menschen Sohn« den göttlichen Lichtursprung in sich zum Ausdruck und den umdunkelten Ichen zum Bewußtsein bringt, daß sie »Söhne des Lichts«, »Gottes Kinder« sein sollten. Die unsinnige und geradezu blasphemisch anmutende Vorstellung, daß Gott sich buchstäblich in einen Menschen verwandeln und durch dessen Blut die gesamte Erbsünde abwaschen könne – der atheistische Pfarrer Roß-Saladin schoß mit schweren Kanonen gegen solche Spatzen des Aberglaubens –, verzerrt nur eine tiefe Symbolistik, deren letzter Grund sich menschlichem Begriffsvermögen verhüllt. Denn wie könnten wir begreifen, warum die unendliche Schöpferkraft zum Schaffen, d.+h. Materialisieren gezwungen ist, in ihren Selbst-Werken sich aber unter das Karma der Notwendigkeit beugen, daher den Sündenfall an sich selber vollstrecken, in den Geschöpfen mitleiden muß? Gott stirbt und wird wiedergeboren in jeder Kreatur, kreuzigt sich selbst und tilgt die Erbschuld seiner Lebensgebilde in eigener Erlebung. Daß man Priester und Opfer zugleich sein könne, scheint ekstatischem Fühlen so wenig fremd, daß Orpheus- und Bacchuskult es voraussetzten. Einerseits erweist sich so der Christenmythos als bloße Fortführung uralter Vorstellungen (Übertragung des Isaakopfers auf Übermenschliches), andererseits liegt ihm gerade deshalb unheimliche Wahrheitsahnung zugrunde. Wir schätzen zwar Mark Twain nur als literarischen Rooseveld, doch seine Hinterwäldlerhumore verulken in »Stomfields Himmelfahrt« nicht übel des Christenhimmels Unzulänglichkeit, holen aus dem Himmel den Gedanken: irdisch Unerfülltes geht jenseits in Erfüllung. Ein Schneider wird als Ebenbürtiger Shakespeares empfangen, weü er etwas Dichterisches in sich als verhöhnter Verkannter nicht zum Vorschein bringen durfte, jetzt darf er dichten nach Herzenslust. In so paradoxer Übertreibung wird die Einheit aller geistiger Bewegung veranschaulicht. Laut Poincaré trachtet alle Wissenschaft nach Einheit. Dann ist müßige Spielerei, Eigenschaften eines unbekannten Agens getrennt untersuchen zu wollen. Eis, Wasser, Dampf oder Licht, Wärme, Elektrizität sind nur jeweüige Formen des Gleichen. Richtig verstanden, hat freilich ein letzter zureichender Grund so wenig wie Zeit, Raum, Ursache, Wirkung in der Gottwelt Platz. Sie ist , das ist ihr einziger Inbegriff, »Naturgesetze« erscheinen nur als gleichmäßiges Ein- und Ausatmen des göttlichen Odems, unveränderlich, unverbindlich für Zwecke! Nun ist aber Kausalität nicht nur ein Vernunftregulativ, ohne das wir nicht denken könnten, sondern empirisch beweisbar innerhalb aller Materie, auch als Determiniertheit im Menschen- und Völkerleben, wobei sogar Vorbestimmung alles Psychischen unumstößlich erscheint. Ichvernunft kann nichts innerlich anschauen, was nicht irgendwie im Weltganzen steckt, ihre Ideen entstehen in Wechselwirkung aus einer transzendenten Ursache, die sich ihnen anschmiegt und auf welche sich die menschlichen Vorstellungen Kausalität und Zweckmäßigkeit übertragen. So wird Gott, selber allem Kausalen entrückt, Leiter einer zielsetzenden Kausalität, die sich, obschon nur ein menschlicher Vernunftbegriff, offenkundig im Weltbild gestaltet, nicht nur im Sichtbaren der Begebnisse, sondern auch im Unsichtbaren der Transzendentalevolution. Für Menschenerkenntnis gibt es nur einen Gott der Kausalität, der sich herabläßt, unserem Verständnis entgegen zu kommen und als »Vorsehung« eine moralische Ordnung mit Gut und Böse, Lohn und Strafe im Erdenleben zu veranschaulichen. Solche an sich naive Anschauung zur Würde einer transzendenten Wahrheit erhoben zu haben, bei welcher Vergeltung, alles beschränkt menschliche Urteil abstreifend, als einfache Kausalfolge erscheint, dies leistet eben das Indische Karmagesetz. Die Unfreiheit alles irdischen Willens erniedrigt hier nicht zum blinden Sklaven der Materie, denn das unentrinnbare »Karma«, die jedem Ich anhaftende Urschuld (Erbsünde) stellt in steten Wiedergeburten das Ich so lange auf die Probe, bis zunehmende Erfahrung ihm das Tor zur transzendentalen Freiheit öffnet. Dagegen ist Freiheit des kategorischen Imperativs als sittliche Autonomie allgemeiner Menschenvernunft ein zauberkünstlerisches Taschenspiel Kants. »Persönlichkeit ist die Freiheit vom Mechanismus der ganzen Natur«? Man kann also aus seiner werten Haut springen? »Die Wirklichkeit der (sittlichen) Freiheit beweist die Möglichkeit Gottes«? Die Gottesidee habe nur deshalb »die größte praktische Realität«, weil der angeblich selbstbestimmte Wille der freien Vernunft eine Ethik vorschreibt, die sich am praktischsten auf Gott beruft? Bei diesem Saltomortale macht Kant den weiteren Sprung: Die Ethik handle so, als ob sie göttlichen Geboten gehorche, während Goethe schon weiter erkennt, daß wir dafür den Unsterblichkeitsglauben »nicht entbehren können«. Das heißt: Weil sonst Wert jeder Persönlichkeit hinfällig, jede Ethik zwecklos wäre. III In der Tat atmet jeder Versuch des Materialismus, bei mechanischem Walten von Naturprozessen dem Menschenleben irgendwelche Würde zu wahren, so verzwickte Scheinheiligkeit, daß wir jeden Offenherzigen mehr achten, der nichts als herzlose Gemeinheit des Daseinskampfes und keinerlei höheres Seelenleben anerkennt. Das deckt sich gründlich mit Schopenhauers Verneinung und nur phantastische Verschrobenheit kann hieraus lebensfreudige Bejahung predigen (Nietzsche). Denn die nichtige Vergänglichkeit wüsten Ringens um Sinnengüter verdammt, ob es will oder nicht, das Menschenleben zur innern Verzweiflung, so daß scheinbare Stachelung der Kampflust nur einem Delirium gleicht, in Wahrheit aber dauernde Lähmung der Lebenskraft vorwaltet. Um sich darüber wegzutäuschen, erfand man den Evolutionswahn, der sich vom »Jenseitswahn« freilich dadurch unterscheidet, daß letzterer sich experimentell nie widerlegen läßt, ersterer aber durch jede vorurteilslose Prüfung sich in Rauch auflöst. Sehr komisch mutet vollends an, daß heroische Persönlichkeiten (Dühring usw.) dem Menschen zumuten (im Grunde tut dies auch Nietzsche), er solle trotz Verzichtleistung auf jede moralische Weltordnung und eigene Fortdauer das Leben als Schule heroischer Ethik auffassen und seine Persönlichkeit großartig aufwärts entwickeln. Wozu denn, da blindes Walten der »Natur« ihn jeden Augenblick wegraffen kann, und vermöge welcher eigenen Triebe und Kräfte? Doch nur durch ein zu heroischer Ethik fähiges gewaltiges Seelenleben? Da dies aber innerhalb mechanistischer Auffassung keinen Platz hat, jeder wirkliche Seelenbegriff etwas Immateriell-Antimechanisches und Unzerstörbares bedingt, so verpufft jede materialistische »Moral« im leeren Raum. Vielmehr gründen sich Brunos Eroici Furori als Proklamierung heroischer Weltanschauung auf festes Gottes- und Unsterblichkeitserkennen. Immer haben ziemlich viele diese rein seelischen Triebe geteilt, obendrein hängt die menschliche Psyche nicht bloß am Sinnlichen, sondern, vom Ethischen abgesehen, auch am Ästhetischen, also hat sie angeborene Neigungen zu Immateriellem. Wie kommt Saul unter die Propheten, ein so für sich bestehendes Seelenleben in die Mechanik? Und wenn es sich dabei noch um raffinierte Kulturblüte handelte! Aber wir finden den Kunsttrieb schon bei Urmenschen und oft bei schlichten Volksleuten ehrlicher als bei Pseudogebildeten. Der Materialismus kann also die Würde des Menschen nur retten, wenn er eine Position nach der andern verläßt und ein angeborenes Seelenleben zugibt, wie es sich schlechterdings nicht mit bloßem Sinnenleben verträgt. Denn auf letzterer Grundlage wäre jede, nicht nur die heroische, Persönlichkeit ungeheuerliche Selbsttäuschung. Eine nur auf kürzeste Kündigungsfrist gestattete Persönlichkeitsbildung besäße höchstens für den zeitweiligen Inhaber relativen Wert, objektiv gar keinen, sie wäre ironisch flüchtige Einbildung. Nun pflegen aber alle Natur- und Lebenserscheinungen irgendwelchen Sinn zu haben, zumal bestrebt sich die Naturwissenschaft, einen solchen zu entdecken, und der Mensch kann sich wirklich nicht anders helfen als je nach seiner größeren oder kleineren Anlage eine Persönlichkeit zu bilden. Der Bolschewismus, diese äußerste Entgleisung des Materialismus, ist damit nicht einverstanden, sondern möchte durch erlogene »Gleichheit« jeden Persönlichkeitswert vernichten. Daß er schon daran scheitern wird und muß, erscheint minder wichtig, als sein durchaus logischer Haß, der im Individuellen die Wurzel alles Kultur-Differenzierens fürchtet. Er sollte auch offen bekennen, was er aus geistiger Verworrenheit weder darf noch will, daß er jede Ethik, also auch sozialistisch-kommunistische verfolgen muß, womit das Chaos wiederkehrt. Denn wenn der radikalste linke Flügel der Materialisten schlankweg behauptet, Leben habe überhaupt keinen Sinn und höchstens Wert in grobsinnlicher Befriedigung der Triebe, so geben wir unsererseits gerne zu: ohne den Unsterblichkeits- und Gottesgedanken wäre alles, was wir Psyche nennen, nur unnützer Ballast. Für etwas so Ephemeres, wie dies klägliche »Diesseits« sich um Ethik zu bemühen, wäre vergeudete Anstrengung. Ergötzlicherweise trägt aber die Amoralität ihre Remedur in sich selbst, insofern die zügellosen Egoismen sich untereinander totschlagen und das Dasein vollends unerträglich machen würden. (Der Bolschewismus verbürgt nicht mal die erlogene Gleichheit, die Ungleichheit der Muskelstärke entschiede, und das roheste Vieh würde am längsten übrig bleiben.) Ethik ist also notwendig , wie schon die ältesten Menschenarten ruckweise einsahen oder sich vielmehr unbewußt dazu genötigt fühlten, ist aber unmöglich ohne Wechselspiel der Persönlichkeiten, ist außer bloßer Polizeiaufsicht zum Schutz der Ichegoismen unsinnig ohne Beziehung auf Gott und Unsterblichkeit. Und da Persönlichkeit für so kurzes kümmerliches Dasein unbrauchbar wäre, so rennt Skepsis umsonst gegen die Wand der Wirklichkeit, daß Persönlichkeit und Ethik uraltbekannte Notwendigkeitstatsachen sind. Sinnloses und logisch Unmögliches als Allparole auszugeben ist einfach Dummenjungenstreich, metaphysische Aufklärung nur deshalb verlachend, weil sie statt grausamer Sinnlosigkeit erhabene Weisheit aus dem Allphänomen abliest. Den klarsten Denkbeweisen tönt immer nur Geschrei einer Kleinkinderbewahranstalt entgegen: auf den Tisch legen, sonst glauben wir nicht! Nitschewo! Vom notwendig Unsichtbaren Handgreiflichkeit verlangen ist um so kindischer, als der Materiegläubige selber keine Spur materieller Beweise aufbringt, sobald er für seine Zwecke abstrakt definieren will. Tatsächlich stellt sich Kants Lehre genau auf den Kopf: Die Wirklichkeit Gottes beweist die Möglichkeit der Ethik, beileibe nicht der »Freiheit«, die nur ein scholastischer Wahn. Historisch beweisbar ist nur die Gottesidee das primär Gegebene, sie geht dem Glauben an jenseitige Fortdauer vorher , erst aus beiden stellt sich die Notwendigkeit einer Sittlichkeit ein. »Selbständiges Gewissen« war noch nie »Sonne einem Sittentag« (Goethe), sintemal es so Selbständiges nicht geben kann und das »Gewissen« sich individuell bei jedem differenziert. Nietzsche verlegt den Ursprung der Religion ins schlechte Gewissen, was wie gewöhnlich falsch bei ihm gesehen, denn der Wilde hat amoralische Gewissenlosigkeit ohne »schlechtes Gewissen«, kam umgekehrt erst durch Anerkennung eines notwendigen höchsten Wesens zu Moralbegriffen. Das darf man eher Erweckung eines guten Gewissens nennen durch Gewinnung eines Verhältnisses zu »Gott«. Kants Beweis Gottes aus menschlicher Ethik hantiert aber geradeso konfus wie die Wissenschaft, die sich als erleuchtete Lehrmeisterin einer blinden seelenlosen Materie aufbläst, deren stumpfe Indifferenz sie als Produkt dieser »Natur« doch selber teilen müßte. Kant schiebt nämlich dem Übersinnlichen menschliche Funktionen unter. Wollen und Sollen (Vernunftethik), Gott aber ist »höher denn alle Vernunft« und wäre als Vereinspräsident für Ethische Kultur eine sehr komische Person. Nur eine »reine Vernunft«, die Kant doch als unmöglich im Menschen ablehnt, könnte reines Wollen und Sollen kennen. Beim Menschen geraten schon Sinnlichkeit und Verstand in Zwiespalt, daraus entsteht organisch die »Pflicht«, zwischen niedern und höhern Interessen zu wählen. Wer mag aus solchem Zwang innere Freiheit folgern, zumal fast immer die niedern Interessen obsiegen? Ein utilitarisches Rindvieh aus Herbert Spencers Schule stochert mit seinen Hörnern im leeren Raum herum, hier aber darf man den Stier bei den Hörnern packen und Pflicht für einen bloßen praktischen Zweckbegriff erklären, derart, daß er seine staatliche Stütze durch Berufung auf einen Kirchengott erhält, der angeblich Pflichten kommandiert habe. Solche Pflichten werden, des sonstigen religiösen Brimboriums entkleidet, bald demaskiert als Ausführung verkappter Frongebote, obenan steht: »Seid untertan der Obrigkeit, denn solche ist von Gott!« (Was der Apostel natürlich nur ähnlich meinte wie Jesu vornehme Abfertigung: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist!« – nämlich daß man die Herren dieser Welt schalten lasse, weil alles irdisch Gegebene notwendig und vorbestimmt, das Reich Gottes aber inwendig und außerhalb solcher Schranken sei.) Daß diese Scherze nichts mit Ethik gemein haben, versteht sich von selbst. Die Scheinmoral, die auch sexuelle »Sittlichkeit« nur im Machtinteresse der staatlich-kirchlichen Mittelmäßigkeitsnivellierung auslegt, stützt sich notwendig auf einen beschränkten Scheingott im Jehovastil, um ihre pfiffige Pflichtpredigt im Sklavenkatechismus mundgerecht zu machen. Doch wahre Ethik kann sich nur aus einem wahren erkannten Gott ableiten. Nicht weil sie sklavisch dessen Geboten gehorchen will, denn alles echte Ethische glaubt freiwillig aus sich selbst heraus zu handeln. Es gibt hier aber so wenig ein Wollen als ein Sollen, sondern nur ein Müssen, weil jeder nur nach dem Maßstab seiner eigenen Karma-Persönlichkeit ethisch handeln kann, nach seinem besonderen Imperativ der Pflicht gegen sich selbst. So verführerisch Kants These (Hieb gegen den Pfaffengott) sich einschmeichelt, der Mensch habe aus seiner eigenen sittlichen Erhabenheit gleichsam Gott geschaffen, d. h. die Gottesidee entwickelt, so darf man wehmütig lächeln, wie hier ein Großer und Edler sich mit der Allgemeinheit verwechselt. Von diesem kostbaren Schatz »Sittengebot im eigenen Busen« hat der Durchschnittsmensch kaum einen Pfennig, und so hoch wir von unsern Urahnen denken, so verzichtet wohl selbst Kant darauf, ihnen eingeborene Sittlichkeitswürde von solcher Tragweite zuzutrauen. Dagegen wird ihnen »die Erhabenheit des Sternenhimmels über mir«, das wirkliche von Kant bestaunte Wunder, neben dem nur eingebildeten des »Sittengesetzes in mir«, sofort so eingeleuchtet haben, daß sie sehr bald auf »Gott« schlossen, was Chaldäer und Ägypter später als Sternenkunde fortsetzten. Das Trachten des menschlichen Herzens sei böse von Jugend auf, mag Jehova von seinen Hebräern übertrieben verallgemeinern, aber sicher brachte Moses die Gesetzestafel erst vom Sinai, d. h. nicht der Mensch gebar das Licht der Ethik, sondern es blitzte ihm von den Sternen herab, in deren Diamantschrift er Unsterblichkeit las. Da erkannte er, daß er nackt war, und raffte sich nun zu sittlicherer Waffnung auf. »Berauscht von Ewigkeit« rief er mit Byrons Kain: »Mein Gedanke ist dieses Alls nicht unwert, bin ich auch nur Staub«, somit ahnte er sein innerstes Wesen als ewig wie das All und die anstaunende »Furcht Gottes« zwang ihn aus Ehrfurcht zu gottesfürchtiger Sehnsucht nach Besserung, je nachdem er sie verstand. Der kindlichste Ammenglaube ist vernünftiger als der Unglaube, der, wenn er überhaupt etwas denkt, die einzige positive Tatsache leugnet, auf der selbst die unreifste Frömmelei fußt: nämlich die Unendlichkeit und hiermit das für uns Transzendentale. Metaphysik beiseite schieben heißt den einfachsten Phänomenen den Rücken kehren, daß wir von Gnaden des Äthers und der Sonne atmen und »leben«. Alle irdische Materie (andere kennen wir nicht) wird überhaupt erst bedingt durch alles für uns Transzendentale und alle »Ideen«, die der Materialist ablehnt, steigen so unabweisbar aus dem Schoß der Unendlichkeit auf, deren notwendige Attribute sie sind, daß der Unglaube einem Schwimmer gleicht, der lieber ertrinken als schwimmen will. Das unendliche Weltenmeer verlangt, daß wir schwimmen und jeder für sich den Glaubenshafen erreiche. Denn dies eine unzweifelbare Wissen der Unendlichkeit ist gerade die freundliche Strömung, die unsere Vernunft sicher durch alle Klippen zum Hafen trägt. Wenn Weininger spottet, mit Chemie könne man nur Exkrementen des Lebens beikommen, so befaßt sich jede rationalistische Ethik auch nur mit Exkrementen der Vernunft. Der zum Denken Erwachte findet in sich nicht den kategorischen Imperativ – wie soll er etwas entdecken, was nicht da ist! –, sondern »Gott«, die große Wirklichkeit. Die moderne Europäervernunft steht freilich so tief, teils durch semitische Mythologie verdorben, teils durch verzwickte Wissenschaftsallegorie entkräftet, daß sie die sogenannte Mystik, den Todfeind kirchlichen oder gelehrten Aberglaubens, als Aberglauben verspottet. Aber der als Rationalist beginnende Kant geriet bei zunehmender Denkreife so sicher in sein Corpus mysticum hinein, daß er neben der rein subjektiven Erscheinung nur der »intelligibeln Welt« Objektivität zuerkannte und sich zu dem denkwürdigen Satze aufschwang: könnte man Welt und Ich auf den Grund gehen, so würde man sich unter lauter »geistigen Naturen« sehen, mit denen unsere wahre Gemeinschaft »weder durch Geburt anfing noch durch den Lebenstod endet!« Er predigt also unbewußt aus eigener Erkenntniskritik die Karmalehre! Diese aber widerspricht durchaus der Priorität eines ethischen Sollens, da sie gerade kausales Müssen bedingt, und sie konnte nur entstehen, nachdem die Wahrheiten Allkraft (Gott) und Erhaltung der Kraft (Unsterblichkeit) unerschütterlich Wurzel faßten. Wie man sich dieser Wahrheiten würdig erweise, danach fragt dann erst die sekundäre Ethik, für die Gott ein »Ziel« wird, dem sie durch Ableitung des Ichwillens entgegenschreitet. »Selbst ist der Herr von Selbst«, doch »viele sind berufen, wenige auserwählt«, das Reich Gottes kann nicht beim ersten Sturm erobert werden, sondern erst durch viele Stufen von Wiedergeburten, denn »der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach«, und die Erkenntnis, der einzige Weg zum Heil, erfolgt nicht durch bloße Gnadenwahl, sondern als Lohn vieler Leiden und Mühen, der Befähigungsnachweis für endliche transzendentale Freiheit (Nirvana, Heimkehr zu Gott) muß selber erworben werden. Ohne solche Vorbereitung zappelt man sich umsonst ab, aus seiner schlechten Haut zu fahren. Doch steht geschrieben: »Suchet, so werdet ihr finden!« In wem einmal Erkenntnis entzündet, auf den bricht nie wieder die Nacht des Wahns herein, so oft er noch straucheln mag. Wer sich das Karmagesetz zu eigen machte, auf den strömen neue Erkenntnisse der Wesenheit Gottes hernieder. Er begreift die Weisheit der determinierten Vorbestimmung, allen Buddhisten-Brahmanisten und Islamiten selbstverständlich, nur dem bornierten Christeneuropäer mit seiner Vernarrung in lächerliche Willensfreiheit zuwider. Er ahnt unendliche Kräfte am Werke einer persönlichen Vorsehung für jedes Lebewesen in unendlicher Wechselbeziehung. Goethe gesteht: daß der Mensch »voraussetzt, was er findet, und findet, was er voraussetzte«, Plato sagt bündig: »wir finden nur die Idee, die wir voraussetzten«. Hier ahnt sich geheimnisvoller Tiefsinn wie im Paulinischen Spruch: »Der Glaube kann Berge versetzen.« Eine große Erkenntnisidee kann noch mehr, sie zwingt gleichsam die Weltordnung, die volle Einheit des Alls mit dem Leben herzustellen. Aus dem Karmaglauben öffnet sich der Blick in unendliche Weiten immer lichterer Klarheit, erfüllt von demütiger Begeisterung für den unerbittlichen, aber allweisen und in seiner Strenge allgerechten Gott der Kausalität. Kann solche Gewißheit reifsten Denkens trügen? Wenn laut Cuvier jeder Teil eines Organismus genau seinen andern Teilen gleicht, so muß dies für den ganzen Weltorganismus gelten. Dann aber ist die indische Urweisheit, die reiner und inniger Gott suchte als je ein Europäer (nur die deutschen Mystiker ausgenommen), selber ein Teil der Weltseele, der ewigen Wahrheit. Daher die unverrückbare Sicherheit dieser ältesten und bis heute unverändert die ältesten Kulturvölker beherrschenden Weltanschauung. Welche Unsicherheit meldet sich dagegen in Hertz' kleinlautem Bekenntnis vom »freiwilligen Standpunkt der Wissenschaft« und »unfreiwilliger Beschränkung« der Kenntnisse! Den Begriff Logos entlehnte Ev. Joh. aus dem Indischen, wo es gleichfalls zugleich »Geist« und »Wort« bedeutet und ursprünglich auch Brahma, d. h. der Gott der sichtbaren Materie diese Bedeutung hatte. »Auferstehung des Fleisches« dehnt sich aus: »Der Geist ward Fleisch«, der reinkarnierte Buddha begreift das letzte Wort (Gott) und tritt in das dritte »leuchtende Dasein« ein jenseits von Materie und Geist, durch das er Brahma verschwinden macht. Denn das letzte Wort der Intuition lautet: weder erzeugt der Geist die Gottesidee noch Gott den Geist, sondern beide sind untrennbar eins, wie das Ganze und sein Teil. Die transzendente Identität des Ganzen (Gott) mit den immanenten Teilen (Welt und Ich), Einheit des Seins in Schein-Vielheit der Erscheinung, bildet den transzendentalen Monismus. Das »biogenetische Gesetz« bewiese höchstens äußerliche zoologische Symbolik einer zusammenfassenden Einheit des Lebensprinzips, dessen äußere Gewandung die Biologie mit Schneiderellen mißt. Da immer wieder Leben aus Leben stammt, kann der Tod als Konsequenz der Geburt nur eine Übergangsform des Lebens sein. Der gott- und vernunftlose Materialismus aber ist der geistige Tod. Laut Einstein kann Materie aufhören, sich in Leuchtenergie auflösen. Sollte man für möglich halten, daß diese mathematische Fixierung des Unsichtbaren als Ursprungselement noch nicht von Mechanistik als Todesstoß empfunden wird? »Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte!« Wie jede Rotations- ist auch jede Lichttheorie einseitig, Newtons Lichtkorpuskeln stellt man beiseite für Huygens' Ätherwellen im Strahl, doch beides bleibt relativ. So ist auch Newtonsche Farbendeutung als Lichtschwingungsdauer zwecklos außerhalb des menschlichen Augenmaßes, das bei einiger Veränderung überhaupt keine Farben unterscheiden würde. Der Blinde hat bei Musik koloristische Reize, der Taubgeborene musikalische bei Farbenanschauen, ein Beweis für die psychische Einheit sogar der Sinnesorgane. Überall tastet die Wissenschaft nur an gedeuteten Scheinobjekten herum, das Grundwesen entzieht sich ihr, ihre Errungenschaften gleichen den von Kant so geliebten Reisebeschreibungen. Wir erfahren irgendein Was von Einzelheiten, deren Allerlei wir nur durch Verständnis des Ganzen begreifen könnten, also nie ein wirkliches Wie, noch weniger ein Warum. Mechanik oder Dynamik sind nur Teileindrücke der nämlichen Weltbewegung, Bewegung und Ruhe aber sind auch nur eins (»der fliegende Pfeil ruht« der Eleaten), das in sich beruhende Sein (Plato) und das gleichzeitige ewige Werden (Heraklit) sind beide nur Funktionen des unabänderlichen Gleichen, die aufgespeicherte Arbeitskraftsumme des Alls vermehrt und vermindert sich nie (Helmholtz). Jede logische Physik mündet in Metaphysik; gegen den blöden »Despotismus des Empirismus« und »anarchischen Unfug« (Kant) sowohl der Theologen als der Sophisten gibt es nur »Transzendentalphilosophie«. Auch der Evolutionsbegriff kann nur transzendental gedacht werden, in der Materie gibt es nur Transformation, da die »untersten« Einzeller genau so vielseitig gebaut sind wie die »obersten« Vielzeller. Der komplizierte Assoziationsbegriff des Ich, dieser Wahlpräsident einer Zellenrepublik, verschwindet sofort bei Auflösung des Zellenbaus. Also könnte Transformation der Seelenmonade auch bei der Wiedergeburt nur das alte Spiel eines Zellen-Ich beginnen, wenn wir nicht, denkerisch und sogar »wissenschaftlich« beweisbar, unter dem Ichbewußtsein das Unbewußte als Tatsache entdeckt hätten. In diesem wurzelt nach indischer Urweisheit das transzendentale Ego, das ewig Unzerstörbare. In seiner unsterblichen Selbstveranschaulichung in Wiedergeburten kann eine transzendentale Evolution obwalten, in welcher die Seelenmonade ihre Erfahrungen im Leiden beherzigt und ihre Irrtümer berichtigt, bis die Karmaschuld des Ichwahns ausgetilgt und Faustens unsterblich Teil sich ins Allgefühl (Nirvana) löst. Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis ... des Gleichen, die »ewige Wiederkehr des Gleichen« innerhalb der Materialisierung wird aus dem Unzulänglichen des Allzumenschlichen zuletzt Ereignis, »das Heil ist gefunden, die (wahre) Unsterblichkeit gewonnen« (Buddha). IV Wer die Vererbungstheorie von Mädel bis Bateson richtig kennt, weiß, daß jeder ehrliche Forscher sich bescheiden muß vor Unbegreiflichem bei Zellenuntersuchung. Gewisse Formen werden ständig übermittelt, das allgemeine Wesen der Materiezeugung jedoch, wo es wie eine Gasmaschine in chemischem Wirbel brodelt, als intermolekulare Beziehung der Atome, unterliegt notwendig der Veränderlichkeit. Denn die chemische Substanz ist abhängig von Temperatur und Konzentrierung des Augenblicks, weshalb beim menschlichen Zeugungsakt der momentane psychische Zustand von besonderer Wichtigkeit. Chemische Einheiten könnten sich durch steten Zufluß von Stoff und Energie selber behaupten, doch nur in einem Durchschnittsstand, der nicht zur Verwandlung führt. Variation ist Störung der genetischen Symmetrie, doch sie wird nicht nur durch Kreuzung ungleicher Keimzellen, sondern erstaunlicherweise auch durch längere Abwesenheit solcher Kreuzung veranlaßt. Die Dauerhaftigkeit des Vererbungstyps, der Form, wird nämlich geschwächt durch herabgestimmte Vitalität, so daß gerade Inzucht individuelle und Rassenabnormität verursacht. Menschliche Logik wird also auch hier genasführt. Was man Vererbungsgesetz nennt, ist etwas rein Formales, ohne das Ding-an-sich von Zeugung und Vererbung zu erraten. Denn der durch Woodsworths Paramözia-Experimente belegten Tatsache, daß Herabstimmung der Vitalität die Vererbungsstetigkeit aufhebt, steht die andere gegenüber, daß die größte Abnormität, nämlich die unvererbte Erscheinung des unvererbbaren Genies, gewiß nicht durch Sinken der Vitalität, aber auch nicht durch deren abnorme Steigerung eintritt. Mit Ausnahme des illegitimen Leonardo (Sohn einer Dienstmagd mit erbärmlichen legitimen Geschwistern) läßt sich nicht mal behaupten, daß Geniale als »Kinder der Liebe« das Licht erblicken. Der eine ist ein Erstgeborner, wie Friedrich, der andere ein Drittgeborener, wie Napoleon. Für jede Veränderung der Spezies – und dieses ist die denkbar größte – sind also Kräfte wirksam, die sich jeder Wahrnehmung entziehen. Beobachtung der Amöben enthüllt die ungeheuerliche Fruchtbarkeit des lebendigen Stoffes, dessen Eigentümlichkeit im Gegensatz zu allen chemischen Substanzen darin besteht, daß er wächst und sich vermehrt. Tolstois Abstinenzpropaganda rechnet nicht damit, daß Zeugung, Wachstum, Vermehrung mit dem Lebensprinzip identisch sind, weshalb Umwertung nur möglich wäre, wenn diese Grundgesetze aus dem Sinnlichen ins rein Psychische übertragen würden. Das setzt freilich voraus, daß dem sonst unvermeidlichen Aussterben des Homo sapiens eine Wiederverjüngung entgegenarbeitet, die den spiritualisierten Menschen, ohne daß er sich fortpflanzt, irdisch unsterblich macht, solange er dies wünscht. So behauptet ja Indien für seine Mahatmas. Für solche Möglichkeit liegen experimentelle Analogien vor, insofern man niedere Lebewesen, als sie zu vergreisen und sterben begannen – Selbstreparatur der Lebensmaschine ist nur zeitweilig – durch Salz, Alkohol, Fleischsaft, Amputierung tatsächlich verjüngte. Menschenverjüngungsversuch ist theoretisch nichts neues, indessen könnte physische Verjüngung nur temporär sein. Die indische Trainierung psychischer Kräfte, wozu auch geschlechtliche Abstinenz gehört, bezweckt dagegen dauerndes Fernhalten von Alter und Tod und es ist viel wahrscheinlicher, daß auf diesem Wege etwas erreicht werden kann. Was bei niedern Lebestufen wirksam, kann die psychisch orientiertere Menschenform wenig beeinflussen. Monotonie scheint Ursache des Verfalls, Stimulanzien tun Wunder, wodurch sich das hohe Alter vieler Genialen und ihre unermüdliche Jugendlichkeit erklärt, die sich fortwährend durch ihr Schaffen stimulieren. Roher Materialismus, der psychischer Stimulanzen entbehrt, ist früher Greisenhaftigkeit verfallen. Die rastlose Aufbietung von Energie in unablässiger Bewegung, wie man sie bei allen Amöben beobachtet, ist an sich noch keine Verschwendung, sondern Stärkung der Lebenskraft, doch sie bedarf der Auffrischung, wie sie das materielle Dasein in ewiger Einförmigkeit dem Menschen nicht gewährt. Deshalb verteidigten sich schon die prähistorischen Menschen gegen die Depression durch erstaunlich heftigen Kunsttrieb. Die Oberflächenatmosphäre, die jede Materiemasse von der andern trennt, enthält und verbraucht, wie physikalisch festgestellt, den Hauptteil der molekularen Energie. Dem entspricht das Od oder die Astralathmosphäre um den Menschen, welche Strahlenkräfte anhäuft, um das Leben zu schützen und ihm eine individuelle Färbung zu geben. (Vgl. die photographischen Experimente des Colonel de Rochas.) Daraus folgert, daß wir die von uns ausgestrahlte Kraft weder selber wahrnehmen noch im Bewußtsein tragen. All dies vollzieht sich mit kausaler Notwendigkeit, gleichwie die scheinbar freie Wahl und Absicht, wenn eine Amöbe gute und unnütze Nahrung unterscheidet oder eine Infusorie auf Hemmungsreize beweglich reagiert. Acht Jahre nach Darwins »Origin of species« theoretisierte Huxley über physische Lebensbasis, daß jede Handlung nur eine Folge von Molekularbewegungen des Protoplasmas sei, »auch die Gedanken, die ich äußere, und eure Gedanken dazu«. Daß Huxley sich einbildet, Moleküle seien verantwortlich für Gedanken, ist bemitleidenswürdig, weil er damit die allgemeinen kosmischen Einflüsse ausschließt, welche die sichtbare Mechanik berichtigen und sie der unbewußten Vorbestimmung anpassend unterwerfen. Moleküle sind nichts Stabiles, sondern nur ein gegebener Ausgangspunkt für eine durch viele andere Eingriffe bestimmte Bewegung. Was ist Augenschein? Die Erde ist flach, die Sonne geht am Horizont auf und unter! Warnt dies Trugbild umsonst? Aber zweifelt man heute nicht auch an wirklicher Kugelform der Erde? Man glaubt sich der Sonne verpflichtet, doch die Erde erzeugt selbst ihre Wärme durch magnetische Reibung. Gas verdichtet sich, das nennt man Körper, doch Gas bleibt eben Gas und jeder Körperbegriff daher mehr oder minder relative Illusion. Laut Flammarions Urania haben Planeten pro Stunde 7 Millionen Meilen Geschwindigkeit, keine Sonne ist also ein ruhendes Zentrum, ihre rasende Auswirkung reißt den Erdball mit sich fort, ohne ihm geschlossene Eigenbahn zu gestatten. Mit Heliozentrik ist nichts getan, jedes Geschöpf ist sich geozentrischer Mittelpunkt, erst wenn es durch Theozentrik aus sich heraustritt, gewinnt es erleichterte Ruhe. Anthropozentrisch sich anbiedern, ob in Christo oder Mechanistik oder Steiners Geistmenschen, bereitet immer nur das vereitelte Mahl des Äneas, das die Harpyen beschmutzen, gesegnete Mahlzeit! Was Poincaré, G. Russel, Jeans über Entstehung, über Bewohnbarkeit der Planeten spekulierten und analysierten, bleibt widerspruchsvoll, dagegen bedeutungsvoll Eddingtons neuste Entdeckung, daß zwischen Sternmasse und deren spezifischer Leuchtkraft direkte Beziehung besteht. Jeans und Macmillan vermuten, daß die Sternmasse sich fortwährend vermindert (die Sonne um 4 Millionen Tonnen pro Sekunde), in dem Maße, wie sie Strahlenenergie in den Raum ergießt? Nun damit wäre Helmholtz' nie verminderte Arbeitskonstanz nicht aufgehoben, denn dauernde Verminderung der Masse vermindert nicht die Arbeit ewiger Transformierung, Schwinden der Masse bedeutet nur Umsetzung in vermehrte stofflose Energie. Ein richtiggehender Materialismus muß aber an Konstanz der Masse festhalten, d. h. dessen, was er Materie nennt, d. h. des stofflich Körperlichem bei gleichem, stetem Atomgewicht. Nun fanden aber Ramsay und Rayleigh verschiedenes Atomgewicht des Nitrogens, Ashtons »Itopes« bauten dies später aus, auf diesem Weg entdeckte man ein neues chemisches Element, Argon. Dieser Zwiespalt zwischen chemischer Atomlehre und wissenschaftlicher Beobachtung, daß verschiedene Methoden verschiedene Atomgewichte theoretisch hervorbringen, macht eben sowohl Atome als Gewichte relativ. Wir stehen heute, Mitte 1925, schon in neuer Epoche einer Überintellektualität, darin sich einst vielleicht die Atlantier erfreuten und aus der sich eine Art Übermetaphysik herauswickelt. In diesem Sinne wird die Losung »Relativ«, die Einstein in die aufhorchende Welt schleuderte, in denkerischer Ausdeutung vielleicht zur Grenzscheide neuer Weltbetrachtung. Selbst die Sinne erweisen sich heute als ganz und gar relativ. Riechen gilt als schärfster Sinn der Tierwelt, äußerliches Hören mit Ohren ist dort nicht viel besser als unsere Taubheit für alle nicht aufdringlich lauten Töne. Doch dem 5., 6. oder 8. Sinn einer 4. Dimension am verwandtesten ist das psychische Hören. Das Insekt ohne zentrales Nervensystem empfängt Sensation von seinen »Ganglienzentren« im ganzen Körper, durch sphärische Schwingung oder elektronische Wellen hört es drahtlose Botschaften aus erster Hand, während wir derlei erst in Worte übersetzen müßten. Was man Instinkt nennt, ist ein elektrischer Sinn, hat nichts gemein mit Sehen, Hören, Riechen. So tritt das Unsichtbare, Unhörbare wiederum glänzend als das Primäre auf, unsere Altvordern besaßen es sicher als elektromagnetische hypnotische Geheimkraft, ehe sie sich zum historischen Adam erniedrigten. Darum verzeichnet man heute die bisher belächelten Rezepte uralter Magie als praktische Fingerzeige, magische Psychebehandlung erscheint immer klarer als okkulte Weisheit, zu der sich wahre Heilkunde zurückfinden muß. Man staunt über rastlose Betriebsamkeit naturwissenschaftlicher Einzelbetriebe in Verknüpfung modernster Medizin, Biologie, Physik, Chemie. Doch aufrichtige Achtung vor so viel Fleiß und Scharfsinn, die sich sogar in Nägelis »oligodynamischer Wirkung« ins Unsichtbare erstrecken und durch dies Übergreifen erst Lebenschemie auf richtige Basis stellen, schmälert nicht das Ergebnis, daß auch hier jeder Antipsychismus sich am Ende seiner Leistung erkennt, wie ein lesenswerter Aufsatz im »Atlantic Monthly« Juni 1925 zugibt. Nämlich daß »psychische Medizin« viel erfolgreicher sein würde als die mit chemischer Arznei und Chirurgenmesser, und daß man wohl 1950 mitleidig auf heutige Bemühung zurückblicke, Krankheit durch äußere Mittel zu heilen. Auf psychische Naturheilkunde verstanden sich aber die Urmenschen natürlich unendlich besser, da ihnen alle uns erloschenen elektrischen unbewußten Kräfte zu Gebote standen. Bestreiten kann man ja alles, so jüngst auch das Sargassomeer trotz zahlloser Zeugnisse. Entspricht aber Platos seltsame Kunde, an der Untergangsstelle von Poseidonis tue sich undurchdringlicher Schlammabgrund auf, nicht genau jenen Tangmassen? Viele ältere biologische Funde wirkten ja damals auch umstürzlerisch, warum sollte nicht ein einziger Fund in Jukatans Urwald jede bisherige Meinung umstürzen? Indessen lebt im jüngsten Gelehrtengeschlecht plötzliche Selbsterkenntnis, so heißt's im absonderlichen »Kulturreich des Meeres« von Broeckman 1024: »Wenn noch der Bestätigung bedürfte, daß Wissenschaft und Handel Kinder gleichen Geistes sind ... Gesichtspunkte der Utilität rücken an die Spitze, andere, nicht so mechanischer Art, werden schroff unterdrückt.« Man braucht nur Keith »Religion eines Darwinisten«, Russel »Was ich glaube« zu prüfen. Leider spenglert auch B. brüchiges Klempnermaterial im echten Spenglerstil. Polynesische Meersagen, als ob nicht »terrestrische« Völker genau so »solarisch« ins Weite dächten, verführen hier nur Täuschung eines neuen Forster, Selbsterfahrung von Stevenson und J. London stärkte keineswegs diese falsche Insulanerromantik. Selbst heute noch vollzieht sich Auf- und Abbau des lebendigen Körperlaboratoriums mit lauter unbekannten Stoffen, die jeder menschlichen Chemiebehandlung spotten, und zwar mit unerhört geschmeidiger Geschwindigkeit. Lehrt die auch von Materialisten seit Brewster verfochtene Lebensfähigkeit auf allen Planeten (Graphit in Meteoriten, Erdtageslänge auf Mars, Venus, Jupiter) nicht indirekt, daß eine Idee Mensch sich überall organisch offenbaren kann unter verschiedensten Bedingungen? Kein Erdteil läßt sich als Urheimat begutachten. Arlt schwärmt, in Atlantis seien die ersten gefiederten Wesen aufgestiegen, doch der Archäopterix fand sich ja nur im silurischen Schiefer des Schwäbischen Meeres, der Dinosaurier auch in Ostasien und Ostafrika. Anthropologen sind ein fideles Korps, wenn sie das Problem am falschen Ende anfassen: so begegnet man in Rohrbachs Weltgeschichte der Marotte Richthofens, Turan sei Wiege der Menschheit, weil ihm das Auffällige fünf ähnlicher Kulturzentren zwischen China und Hellas nicht entging und auch Osborne deshalb Ostasien als Ausgangspunkt dekretierte, als ob Atlantis und Lemurien nie gewesen wären. Das alles ist nur künstlicher Kausalitätsschluß, der Akzent darf nur liegen auf Gleichförmigkeit des Kulturfundamentes, d. h. der Idee Mensch, doch das beweist nichts für gemeinsamen Ursprung von bestimmter Stelle, Völkerströme konnten sich beliebig aus und nach jeder Richtung ergießen. Der 1913 entdeckte Ostafrikaner (schon früh von Rider Haggard poetisch eingesegnet) stand gewiß in keiner Wanderbeziehung zu Ostasien, glich aber Aurignaciern »von großem Hirn, heutigen Rassen überlegen« (Laing »Modern Science«). Evolutionswahn streckt noch immer nicht die Waffen, trotzdem alle bisherigen Zeitfixierungen sich als kindisch erwiesen. Eine naive Doktorschrift steckt menschliches Bewußtsein auf »höchstens 100+000 Jahre« zurück, heutige Ausgrabung verweist aber mexikanische Stadtkultur schon auf 500+000, in Jukatan wird man noch tertiäre Mayakunst entdecken, jüngste Funde in Wüste Gobi zeigen menschliche Zeitgenossen der Dinosaurier. Einst schienen Bouchers' und Bourgeois' Funde schon völlig umstürzend, Jollys Rennthierjäger von Perigord samt Elefas Meridionalis und Mastodon von Chartres gehört mindestens gleicher Schicht wie der Affenüberrest von Orleans, nach Lyell darf man keine Schicht als abschließend betrachten, der Mensch überlebte viele Tiergeschlechter (Gundry), Quatrefages verneint Lemuren als Halbaffen, jedenfalls fehlen uns vier ganze Zwischengruppen. »Je kürzer man das Intervall zurückschiebt, desto verhängnisvoller für allmähliche Entwicklung« (Pfaff), so daß Huxley plötzlich den Menschen ins Vortertiär versetzte: die Natur mache plötzliche Sprünge. Damit sägt er doch nur den Ast ab, auf dem seine geschwänzte Evolution hockt, denn Plötzlichkeit der Naturprozesse herrscht völlig antidarwinistisch. Schon Ratzel meinte, daß große Weise die junge Menschheit leiteten. E. Dacquet, »Umwelt, Sage, Menschheit« 1925 versteht Urweltsagen als historische Dokumente. Solchen Tiefschürfern scheint der Schimpanse nur so des Menschen Vetter wie jedes andere Tier, da der Mensch als Wurzelnorm potentiell alles enthält, was in Tierwelt »auseinandergelegt«. Dies nicht Neue (schon Paracelsus dachte so) gewinnt Neubeleuchtung durch Urformen. Der Tyrannosaurus der Kreidezeit zeigt mit verlängerten Hinterbeinen einen ganz oder halb aufrechten Gang, fünffingrige Extremitäten von Triasreptilien ähneln Kinderhänden, schon haben sie mehrfach Säugetiergebiß. Trug der Adamit vielleicht Panzerhaut? Siehe unseren früheren Hinweis auf hörnernen Siegfried und Drachensymbol. Für solche Analogien findet D. die Formel »Zeitsignatur«, Bedingungen der Lebensanpassung liegen sozusagen in der Luft, Riesenvögel machen Federkleider zur Zeitmode, wobei Reptilhinterbeine sich in Flügelansätze umwandelten. Indessen erinnern wir ans Hieroglyphenbild im Mayamanuskript, wo ein Vogel ein Reptil begattet: Gleichzeitigkeit beider Gattungen und Promiskuität, also nichts wirklich Evolutionäres, sondern gleichsam allegorische Verknüpfung. So konnte laut D. der Mensch das Reptilische aus sich »entlassen« und schon in prämordialer Fischzeit lebten »dämonische« Menschen mit Fischschwanz. Schon im Gondwanaland, Lemuriens Vorbildung, vermutet D. Kulturfähigkeit (Geheimlehre schreibt ja der 3. Rasse der Ritas sogar das Sanskrit zu), treffend wies Frobenius schon Spenglers Flachheit zurecht, die Steinzeit sei ohne Stil und Physiognomie, das gilt natürlich auch für noch frühere Epochen. Wenn der Urmensch »natursüchtig« mit unbewußtem Wissen begabt, dessen Abbild das Scheitelauge, so kann nicht erst in der noachitischen Rasse, die auch D. als gerettete Atlantier erkennt, das Großhirn sich gebildet haben, falls man dies als Sitz (richtiger Begleiterscheinung) bewußter Vernunft auffaßt. Denn der Bruch zwischen Bewußt und Unbewußt vollzog sich offenbar schon in der atlantischen »Zeitsignatur«. Obschon D. der Gelehrtenverstocktheit Zorniges sagt, huscht auch bei ihm Banal-Evolutionismus hinein, ein Allegoriker sollte sich doppelt vor Ausfällen gegen Okkultismus hüten. Freudig begrüßt er das »assyrische« (summerische) Gilgamesch-Epos, doch seine These vom ursprünglich fast körperlosen Menschen könnte er viel kräftiger aus der Geheimlehre stützen. Daß die Katze ohne erkennbare Herkunft plötzlich im Tertiär auftritt, erkennt die Sage als Gottgeschenk gegen Mäuseplage: all solche plötzlichen Heilsamkeiten in Erfüllung eines Bedürfnisses sind eben undenkbar ohne Entgegenkommen höherer Mächte, wobei D. planetarischen Umgebungseinfluß ganz außer acht läßt. Daß dem dämonischen Urmenschen alles innen Geschaute sogleich plastisch werde, würde Entstehen aller Tierformen, auch der Anthropoiden, metaphysisch erklären, doch ohne Beihilfe eines Weltpsycheäthers bleibt es undenkbar und würde erneut auf anmaßliche Vergöttlichung des Menschen hinauslaufen. Und doch bleibt das Phänomen selber unbestreitbar, denn von dämonischer Innenplastik blieben uns heute noch Kunstvision und Hellgesicht, also ist das unsichtbare Band noch unzerschnitten. Der »Eiserne Mann«, wie eine Londoner Schrift die Zeitsignatur der Technik bezeichnet, verlor scheinbar alles Dämonische, doch indem Dacquets Tiefgang aller Mechanik entschlossen den Rücken wendet, wird auch sein Protest zur Zeitsignatur für plötzlichen metaphysischen Aufgang des Abendlandes. V Ein Elefant würde Gott einen weltumspannenden Rüssel verleihen, Plato prophezeite einen Menschen, in dem die Idee sich leibhaftig mache, Kingsley meinte, Gott habe sich mal als Christos internieren müssen: so einseitig bleibt jede Dogmatik des Religiösen, wenig verändert bei Christ und Nichtchrist. Die Diana der Epheser war so wundertätig wie ein Lorettobild, Kybele-Korybanten entmannten sich so brünstig wie Herrnhuterekstase, Pilgern zu Buddhas Fußspuren gleicht Wallfahrt zum heiligen Rock von Trier. Kardinal Newman »Apologie« verzweifelt: die Schlechtigkeit der Welt strafe Gott Lügen, dessen er doch so sicher sei wie seines eigenen Ichs! Bist du dessen so sicher? Solche Identifizierung möchte Gott als Hausknecht der kleinen Erde anstellen und gibt den Herren von der Wissenschaftscouleur noch einige Points der Selbstanbetung vor. Denn so wenig Professorenweisheit Weltwirklichkeit, so noch weniger die Menschheit schon »die Welt«, ihr kann die Kirche nicht Gewalt antun. Strauß rühmte 1839 Schleiermachers »Freihalten des Ichs«, als ob ein kirchlich gebundenes Ich frei sein könnte. Vom Leipziger Allerlei, Mixed Pickles und Hors d'œuvres moderner »liberaler« Theologie behält man erst recht einen leeren Magen, heute unterhält sie sich nur historisch, wie dies oder das Konzil den Heiligen Geist auffaßte, was bei solcher Geistverlassenheit seine Schwierigkeit hatte. Als Absud dieser ollen Kamellen bekommen wir, daß Pelagius sich »von Gott zu befreien« hoffte! Alles Kampf um den grauen Bart eines amtlich beglaubigten Gottvaters. Gerade der Schulzeglaube erzeugt als natürlichen Sohn den Atheismus. Jesus als Pater profundus lehrte gemeinsames Vaterland der Allethik, doch »Handel folgt der Flagge«, jede Staatskirche dem Rassebedürfnis, Zeus war nur griechische Ästhetik, der kapitolinische Jupiter nur Romimperium, das die Peterskirche in internationale Theokratie verschleppte, all solche »Religion« ist nur Soziologie. Weil heute Schulze über einmaliges Sichtbarwerden des Göttlichen am See Tiberias lachen muß, so ist ihm die »Religion« erledigt, denn tausendfältige göttliche Spannung in so viel anderen Genien ist ihm keine Offenbarung! Alles zieht er in den Staub, wo seine Schuhe waten, heute legt Professor Nebelstreif wie früher der Papst dem störrigen Pöbel die Trense an, Strohfeuer aus falschen Akten und Fakten soll und muß ihm als Sonnenschisma des Unglaubens leuchten. Doch auch hier noch Nebeldunkel. Denn man ist kein Apostata, wenn Julians Sterberede einem regelrechten Glaubensgebot gleicht, man ist kein Antichrist, wenn Oberkonfusionsrat Nietzsche mit Oberkonsistorialrat Feuerbach bekennt, das Leben sei »durchaus göttlicher Natur«! Amenhotep sang seine Sonnenhymne aus so freier Seele wie San Franziskus, umsonst möchte man Gott diktieren, wie man zu ihm eingeht, Wahrheit ist ein aalglatter Proteus, der dem Ketzer so leicht entschlüpft wie dem Pfaffen. An passiver Ergebung kann Gott so wenig liegen wie am »eitlen Wahn der Eigenart« (Thomas a Kempis), gegen geopfertes Lamm als Christsymbol sträubt sich alles Vornehme, Heldenlöwen lassen sich nicht damit über einen Leisten schlagen. »Wer nichts begehrt, nichts hat, nichts weiß, nichts liebt, nichts will«, gleiche Gott, der »nichts sucht und will«? Solch Cherubinische Dynamitverpackung machte Silesius oft verletzend. Gott sucht und will Selbstveranschaulichung, sein Beruf ist ewige Schaffenstat, kann also hinüberfliehende Ohnmacht des Tatverzichts das »höchste Gute« sein? Einfache Kosmosharmonie der Vorsokratiker bestritt Parmenides, doch Heraklits Identität von Harmonie und Disharmonie (Houwald 1925) fügt sich schon wahrem Monismus ein. »Schwinden der Erscheinungswelt ist transzendent Aufrichtung der Welt der Dinge in sich und ihrer Harmonie« urteilt Berndl über die Samkhyalehre, deren dualistische Verfälschung durch vedantistische Umbildung er gegen Garbe verficht. Doch das Wesentlichste bleibt hier, daß kein Stoff-Praktiri ohne Geist-Puruscha überhaupt bestehen könne, daß »Urmaterie« nur immaterielle Grundform bedeutet, daß unendlich viele Geister die wahren Weltkonstituenten sind. Selbst wenn man alle vedantistischen Seelenbegriffe hinauswirft, bleibt dieser Vor-Buddhismus streng antimaterialistisch, weil er nur den Grundcharakter der Dinge-an-sich als real, frei, ewig anerkennt, diese Ethik unterscheidet sich nicht vom allgemeinen indischen Grundsatz: »Der Seele Taten im früheren Dasein müssen gesühnt werden, Stätte der Sühne zu sein ist die einzige Bedeutung der Welt« (Deussen). Berndl meint, Notwendigkeit gehöre nur der Erscheinung an, doch da diese nur Ausdruck des Unsichtbaren, herrscht gerade jenseits von ihr erst recht das Ewig-Notwendige. So führt gerade unbedingter Monismus zu unbedingter Transzendentalität, jede Abweichung davon entgleist entweder im unverständigen Dualismus oder in noch unverständigerem Materialismus, der im Sichtbarkeitsstoff eine Einheit hineindichtet, deren Vorhandensein alle psychischen Phänomene ausschließen. »Für das Gemüt ist Phantasie die Haupttätigkeit« (Feuerbach), doch wie phantastisch denkt sich Haeckels Verstand »blinde zweck- und planlose Naturkräfte«, die durch »Willkür« den großen Haeckel schufen! Wenn Darwins Abhandlung über Regenwürmer permanente Charakterisierung des unscheinbarsten Geschöpfs für besondere Aufgabe festlegt, so ist dies nur krauser Umweg zur Teleologie sorgsamer Zwecke und Endzwecke. Jeder Sterbliche muß eben die ihm lebensnötigen Kausalfunktionen Zeit und Raum erst selber wieder erwerben (ein geheimnisvoller mechanisch unklärbarer Vorgang), der Lebensprozeß rückt also nie von der Stelle, beginnt immer von vorn am gleichen Fleck ! Laut Lodge ist Leben ein ganz anderes Prinzip als Kraft und Stoff, laut Arrhenius hatte es keinen Ursprung in der Zeit. Es muß also mit einem andern Weltprinzip in Verbindung stehen als der sogenannten Materie, nämlich einer hoch über Kraft und Stoff thronenden Ordnung. Die Schwangerschaft der »Ideen« kann nur indisch durch »Gottesatem« (Atman) erklärt werden. Eine ausgeschiedene Gehirnsekretion (Büchner, Moleschott) ist ebenso kraftstofflich phantastisch wie ein anatomischer Sitz der Seele (Descartes' kostbare Zirbeldrüse), und die Psycho-Physiologie (Mach, Wundt) verneint kleinlaut jeden Zentralnexus der Hirnganglien, die »Seele« flüchtet neckisch vor Naseweisen, verflüchtigt sich durchs ganze Nervensystem (richtiger gesagt: durch die organische Lebensgestalt), wie es ja bei Elektronen nicht anders sein kann. »Der Wind weht, man weiß nicht, von wo er kommt und wohin er geht.« (Auch dies christliche Gleichnis für den heiligen Geist der Ideenschauung stammt wörtlich aus den Upanischaden.) Diese physikalisch erkannte und mathematisch bewiesene stofflose Elektronenseele kommt aus dem Äther und kehrt dahin zurück, um sich erneut einer andern Lebensgestalt anzupassen. Das ist notwendig ihr Wesen, eins folgt aus dem andern. So drängt sie sich jedem auf, der indische Weisheit fortsetzt. Doch das Gesetz der Anpassung »des immateriellen Lebensprinzips« (Kant) an die »Natur« legt noch feinere Rätsel vor. Wir wählen dafür ein von uns gefundenes Beispiel. Bekanntlich ist Begrünen der Wälder und Wiesen nur Aufspeicherung von Sonnenlichtern, dies wirkt wohltätig auf Sehkraft und Nerven! Wer schuf dies Phänomen zugunsten des Menschen? Er selbst durch Anpassung, da selbstredend das Grün nur von ihm als Grün gesehen wird, oder die Natur aus Wohlwollen? Wohl wird der Evolutionist frischfröhlich schwärmen, der Mensch besitze die Macht, seine Augenlinse so einzustellen wie ihm beliebt. Das führt logisch zur »Welt als Vorstellung des Ich« und macht jedes objektive Naturforschen illlusorisch, da dann das Naturbild nur vom Menschenwillen abhinge. Diesen Größenwahn verbittet sich der Transzendentalist genau so wie der Materialist. Hält hingegen der Deist alten Stils dies wohltätige Grün für freie Schenkung der Natur, so stecken wir in schönster Theologie, wo Gott sich höchst persönlich ums Wohlsein seiner Menschenkinder müht! Das Naturerscheinungen expreß für uns erfunden und zugestutzt werden, gehört zu anthropomorphischem Wahnwitz, der Jehova für Josua die Sonne stillstehen läßt. Die Lösung kann also nur sein, daß Ich und Natur sich in die Hände arbeiten, beide gleichzeitig das Grün als passend wollen. Logik: die innere Einheit alles Seins. Haeckel erklärt das Grün vieler kleiner Vögel, Insekten, Strandfische auf Ceylon mit der Mimicry, diese Geschöpfchen befehlen wohl auch das abnorme Floragrün der Insel für ihre Selbsterhaltung gegen etwaige Feinde? Abgesehen davon, daß dortige schwarze Affen, die doch auch zum Verstecken Anlaß hätten, nicht grün anlaufen, hat die Sonne auf Ceylon abnorme Lichtfülle, selbst das Strandwasser abnorme Wärme. Da Grün aufgefangenes Licht ist, zeigt also Ceylon selbstverständlich abnormes Begrünen, was sowohl die Flora als die im Licht badende kleinere Fauna grün färbte. Die Anpassung erfolgt nur von außen, das Licht paßt sich dieser Färbung an, nicht die Geschöpfe sich der Naturerscheinung. Indessen drängt sich sofort jene andere Betrachtung auf. Sobald man sich vom ungebildeten Mechanismus lossagt, erkennt man sinnvollen Zusammenhang bei individueller Willkür psychischer Emanation. Das Schauen des Grün als Grün ist subjektiver Akt bestimmten Sehvermögens, bei dessen Verschiebung die Farbe anders ausfallen könnte. Nun tut Grünsehen der Bäume und Wiesen den Augen und Nerven wohl, der wahre Sehnerv arbeitet aber unsichtbar im Hirn und muß daher erst den Wunsch des Grünsehens hegen. Bei solcher Zwecksetzung fragt sich, wie oben gesagt, wer uns die Wohltat verschafft, die Natur oder wir uns selber. Daß die angeblich mütterlich besorgte Natur, bloß um dem Menschen zu dienen, die Lichtumsetzung in Grün schuf, wäre um so unverständlicher, als es ein objektives Grün gar nicht gibt. Daß aber umgekehrt die subjektive Farbenempfindung von sich aus die Macht hätte, die ihm subjektiv zuträglichste Farbenskala auszusuchen und der Natur aufzuzwingen, glaubt wohl kaum der radikalste Anpassungsgläubige, der ja doch sonst objektive Allmacht der Natur voraussetzt. Dieser Widerspruch zweier gleich unmöglicher Annahmen reizt zur metaphysischen Deutung, daß auch hier kein dualistischer, sondern einheitlicher Prozeß vorliegt. Die Natur muß etwas in sich bergen, was wir als Gesetz des Entgegenkommens formulieren wollen. Die Selbstheilungskräfte des Körpers fallen unter gleiche Kategorie. Im Physikalischen nachweisbar, regiert dies auch auf der psychischen Ebene, sonst könnte kein Weltbild von anscheinender Richtigkeit zustande kommen. Naturforscher denken ja so naiv, daß Francé in seinen reizvollen Waldbildern den Baum lobt, weil er sich für sein Grün rote und gelbe Bestrahlung aussuche – ohne zu bedenken, daß es weder Grün, Rot, Gelb, noch Strahlen an sich gibt, sondern nur unsere Nervenschwingung, auf die der gute Baum wohl kaum Rücksicht nähme! Oder doch durch supramaturelle Mitarbeit bei feinen Pflanzenpraktiken? Aus diesem entgegenkommenden Wohlwollen und gegenseitiger Deckung psychischer Vorstellung und Materiebedingtheit keimt subjektiv-objektive Übereinstimmung. Die Darwinische »Anpassung« deutet dies Urgesetz nur mit anthropomorphischem Trugschluß aus. Besondere Grünfärbung der Fauna auf Ceylon dem besonderen Grün der Flora angepaßt? Gibt es dort nicht auch genug Tiere anderer Färbung, überhaupt grüne Vögel, Fische, Insekten ähnlich oft auf Erden? Wo sie vorkommen, hat Lichtreichtum sich gesetzmäßig in Massengrün für unser Auge umgesetzt. Selbst Ceylons Küstenwasser blitzt von scharfen Sonnenstrahlen, so daß Fische wie Waldvögel und Insekten ganz natürlich für unsere Sehnerven Grün ansetzen. Somit liegt keine eigene Anpassung der Fauna vor, sondern nur Anpassung der dortigen Natur an unser Auge, das die sonst unerträgliche Lichtbrechung als Grün empfindet. Ähnlich steht es offenbar bei jeder Tierfärbung, die anscheinend ins Kolorit von Wald oder Steppe übergeht und sich so dem Blick des Jägers verbirgt. Daraus auf absichtliche Verwandlung zum Zweck des Verbergens von Seiten des Tieres zu schließen, ist lächerlich, denn es kommt ja dabei gar nicht auf das Tier, sondern auf das menschliche Auge an, dessen Farbenillusionen doch wahrhaftig das Tier nicht kennen kann. Will man also in dieser Sinnestäuschung einen vorbedachten Zweck suchen, so könnte nur die »Natur« selber wohlwollend den Tierschutz besorgen als persönliche Vorsehung, etwa mit der Absicht, eine Tierspezies vor unzweckmäßiger Ausrottung zu behüten. Die abstruse Vorstellung eines bewußten Tierstrategems bei Farbenanpassung entstand nur durch Mangel philosophischen Denkens, das kindlich übersieht, daß die von uns gesehenen oder nichtgesehenen Farben ja an und für sich gar nicht da sind, sondern nur von uns subjektiv empfunden werden. Jedes Sichausleben-im-Geist bedingt Entgegenkommen der Ätherquelle, jeder Psychevorgang wird sich Endzweck im Vertrauensverhältnis zum Unsichtbaren, Gebetskontakt schafft Krafterhöhung, die eigenen ausgesendeten Strahlen rufen Zuströmen sittlicher Beruhigung hervor, Gott hebt so seine Außerweltlichkeit auf, wenn man »an seiner Sphäre lang gesogen ...« Berufstheologie verhunzte Luthers Denken, das so viel verdarb, doch seine ursprüngliche Tiefe verraten die Sätze: »Wie du dich kehrst und wendest, also wendet und kehrt sich Gott.« »Wie du ihn glaubst, also hast du ihn.« Die innere Einheit der äußern Zweiheit Subjekt und Objekt hat aber nichts mit Haeckel-Monismus gemein, der nur noch ein Objekt gelten läßt, erkenntnistheoretisch geradeso ein Unding wie der umgekehrte Subjektivismus. Als ob ein Spiegel an und für sich nicht da sei, sondern Glasform und Lichtbrechung erst vom Ding empfinge, das sich in ihm spiegelt! Der Spiegel ohne gespiegeltes Ding ist immer noch da, wäre freilich blind und zwecklos, das Ding aber umgekehrt desgleichen Null ohne Selbstspiegelung. In solchem Sinne wären, transzendental betrachtet, Spiegel und Ding beide nicht mehr da, weil ohne Bewußtsein. Indessen ist das Ding (All) auch dann unzweifelhaft da, selbst wenn alle Spiegel zertrümmert würden, und der Spiegel (Ich) wäre immer noch vorhanden, selbst wenn alles zu Spiegelnde vor ihm verlöschte. Letzteres bestreitet der Materialist, weil das Bewußtsein nur durch Apperzeption der Alleindrücke bestehe, doch gilt dies etwa fürs Unbewußte, für die Energetik der stofflosen Elektronen des Lebensprinzips? Auch gleichen solche Spitzfindigkeiten der Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Denn da das Lebensbewußtsein ein Teil des Alls, so hat es das gleiche dauerhafte Dasein wie das All. Deshalb schafft das Leben, wenn Milliarden Einzelspiegel verdunkeln, wieder neue Milliarden Spiegel. Denn Gesetz und Ursprung der Spiegelung ist das unsterbliche Licht, das sich einfach andere Formen der Lichtbrechung (siehe als Gleichnis den Wasserspiegel) schüfe, wenn die bewußte Spiegelform nicht da wäre. Sie würde sich statt des animalischen Ichs einem andern, vielleicht der Pflanzenpsyche verwandten Lichtreflex öffnen. Ding und Spiegelung sind also untrennbar eins, beide nur Teilerscheinungen der ewigen Notwendigkeit, in welcher sich das Ganze verbirgt. Genau so wie das Ding (All) ist, muß auch sein Spiegelteil (alles bewußte Leben) sein. Dies erhebt Sinn und Wert des Lebens ins Unzerstörbare, verleiht ihm eine unverkennbar ewige Aufgabe und unsterbliche Bestimmung. »Wir schauen hier im Spiegel in einem dunkeln Wort, einst aber von Angesicht zu Angesicht.« Beide, das Bewußtsein des organischen Lebens und das All, dienen sich gegenseitig als Spiegel, um sich anzuschauen, »Gott« stellt sich als »Welt« dar, um seiner selbst bewußt zu werden. Diese unheimliche Wahrheit einer absoluten Allverknüpfung durch ständige Wechselbeziehung innerhalb der Allseele begründeten transzendentalen Monismus. Reflex des Alls, die Verschiedenheit der Iche im Schauen, ist nur verschiedene Lichtbrechung der Beziehungen, relativ und karmisch bestimmt, je näher oder je ferner wir dem Zentrallicht rücken. Fort mit dem mechanistischen Spuk vom Untergang des Abendlands, als ob geist- und herzlose Zahlenperioden den Faden der Geschichte an der Spule abschnurren ließen und nicht unerschöpfliche Kräfte eines lebendigen Gottes den Teppich der Wiedergeburt webten! Sprach man von Untergang des Morgenlands, weil in Volneys »Ruinen« die Kanonen Bonapartes und Clives hineinbrüllten? Über den Sonnentempeln von Palmyra und Heliopolis, über den Grotten von Ellore und Chinas Pagoden strahlt die alte Sonne und weckt den schläfrigen, doch nie entschlafenen Riesen Asien zu neuem Anfang. Wenn die Sonne der Urweisheit im Osten aufgeht und das erkaltete Gemüt des Westens wärmt, kann jederzeit ein Anfang des Abendlandes neu beginnen. Pflanzenwelten? Als ob Fortpflanzungs- nicht auch Verpflanzungsfähigkeit zuließe! Kultur ist Assimilierung, ihre Todesstunde schlägt nie. Den Zynismus von W. James: »Wahr ist, was befriedigt«, darf man umbiegen: Nur was wahr ist, befriedigt – am wenigsten das Schreckgespenst des Untergangs. Nichts, was einmal war, sinkt in die Tiefe, astrales Abbild leuchtet für immer, Trümmer sind nur Bausteine, und wo Kärrner sie zusammenscharrten, können Könige bauen. Mancher möchte Untergang für Zwangsleid des Sichtbaren eintauschen, doch es ist ja nur Modalität des Unsichtbaren, das niemals untergeht. Ins Sondersein getreten, kreuzigt und entsühnt sich die Weltpsyche in jeder Kreatur; je schwerer der Fels von ihrem Scheintodgrabe rollt, desto freier die erlöste Himmelfahrt. Für ihr Ringen und Leiden müssen Tatverstrickung und Schaffen oft wohlgefälliger und ehrwürdiger sein als Yogigymnastik, Abseitgehen, Sichaufgeben. »Brahma selbst ist das Opfer, Opferfeuer und dessen Nahrung, er opfert sich selbst« (Baggawed), »Verlange das Feuer, wirf Körper, Geist, Seele ins Feuer, so wirst du's lebend oder tot besitzen« (Rosenkreuzerspruch), solchem Feuersturm gilt das Dichterwort vom Immer-strebend-sich-Bemühen. So nur naht »der Geist der Wahrheit«, den »die Welt nicht kann empfangen«. Auch geistige Bewegung dreht sich in endlosen Kurven, jenseits Materie und Geist rollt der transzendentale Monismus in ewiger Rotation um die Achse der Ruhe-in-Gott. Wer sich zum letzten Rand der Wahrheit gekommen wähnt, vor dem reißen neue leuchtende Abgründe sich auf, Geheimnisse, die sich nicht in Worte fassen lassen. Jeder im »Trance« scheinsichtbar werdende »Spirit« ist genau so subjektiv-objektiv lebendig wie das »Wirkliche«, beides ist Schein und beides ist Wahrheit. Vergangenheit und Zukunft sind immer gegenwärtig, unheimlich groß erhebt die Ewigkeit als immergleiche Gegenwart das Zeitliche ins Unzeitliche hervor. Will das Geschlecht des Weltkriegs, zur Salzsäule erstarrt, auf das brennende Sodom rückwärtsstarren? Wasser der Sintflut verlaufen, doch nur die Arche religiöser Wiedergeburt kann Faustens unsterblich Teil auf dem Gipfel des Ararat ins Feste hinübertragen: Es kann die Spur von allen Erdentagen nie in Äonen untergehn.