Berthold Auerbach Schwarzwälder Dorfgeschichten – Vierter Band. Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg. (1852.) Erstes Kapitel. In dem freundlichen Städtchen G. war lebhaftes Marktgewühl, und mitten durch das auf und ab wogende Menschengedränge bewegte sich von zwei fetten, tief eingekreuzten Rappen gezogen, ein Bernerwägelein, auf dessen niedergelassener Halbkutsche ein breitschulteriger Mann saß. Der breitkrempige schwarze Hut mit handhoher Silberschnalle im Samtbande, der kragenlose, einreihige schwarze Samtrock mit den nahe zusammengerückten flachen silbernen Knöpfen, die rote Scharlachweste mit den kugelförmig silbernen Knöpfen zeigten den reichen oberländischen Bauer. Er hielt mit beiden Händen die Pferde straff im Zügel, die Peitsche stak neben ihm, und er rief nur manchmal den zögernd Ausweichenden ein Aufg'schaut! oder einfach Hoho! zu. Die Pferde trugen die Köpfe mit dem messingbeschlagenen Riemenzeug so stolz, als wüßten sie, welch ein Aufsehen sie erregten. Neben dem Manne saß ein junges Mädchen, ebenfalls in oberländischer Tracht, die sich aber mehr im Schnitt als im Stoff zeigte; denn der braune Spenzer und die schwarze Schürze waren von Seide, nur die Haube war noch in der landesüblichen Weise, und aus den schwarzen, am Kinn geknüpften Bändern sah ein blasses längliches Gesicht mit dunklen Augen. Die Leute im Gedränge gafften alle nach dem Gefährte und dessen überaus stattlichen Insassen. Manche vergaßen darüber, auszuweichen, und mußten von Nachbarn angerufen werden, und bald da bald dort gab es ein heftigeres Gedränge, aber die Rappen standen jedesmal auf einen Pfiff ihres Herrn stille. Oftmals auch grüßte dieser einen Bekannten und rief ihm zu: »Weißt schon, im Hirsch.« In dem Marktgewühl stachen besonders die Schäfer hervor in ihren weißen, rotausgeschlagenen und mit roten Einnähten versehenen Zwillichröcken, auf denen noch, über die rechte Schulter gelegt, schärpenartig der lederne Gurt mit glänzenden Messingringen prangte; ihre Hunde liefen hart neben ihnen, denn sie hatten sie an die vielgelenkige Kette angekoppelt. Ueber das bartlose, runde Antlitz des Fahrenden zuckte oft ein Lächeln, denn er hörte die Staunenden am Wege fragen: »Wer ist das?« worauf die Antwortenden immer ihre Verwunderung ausdrückten, daß man den nicht kenne: »Das ist ja der Diethelm von Buchenberg.« hieß es dann, »der hat mehr Kronenthaler, als die zwei Gäul' ziehen können,« und ein andrer sagte wieder: »Ich wollt', du und ich, wir hätten das miteinander im Vermögen, was der heut für Woll' und Schafe einnimmt.«  »Wenn der Diethelm da ist, geht der Markt erst an,« sagte ein dritter. »Die Engländer warten alle auf ihn,« rief ein vierter. Ein Mann, der mit mehreren andern eine gute Strecke neben dem Wagen herging, berichtete: »Ich bin von Letzweiler, und der Diethelm ist auch von da gebürtig. Er hat einen grausam mächtigen Familienanhang. Vor zwanzig Jahren sind das lauter Krattenmacher (Korbmacher) und Bettelleut' gewesen, und der Diethelm hat sie hingestellt, daß sie kapitalfest sind. Ja, ja, so ein Mann in der Freundschaft, und sie ist glücklich.« Der Fahrende stieß manchmal die neben ihm Sitzende an, daß sie auch hinhorche auf das, was man sage; die üble Nachrede im eigentlichsten Sinn des Wortes schien der Fahrende nicht zu vernehmen, denn es gab auch manche, die über die Ungebühr schimpften, mit Roß und Wagen mitten durch das Menschengedräng' zu fahren; andre machten darob Witze, und einige gehobene Heldenseelen fluchten hinter dem Wagen drein und schalten auf die Polizei, die so etwas dulde. Ein Brezelverkäufer, der seinen Kram auf einen langen Stock aufgereiht trug, sagte geradezu: es sei nichts schlimmer, als wenn der Bauer auf den Gaul käme, der mache es ärger als die Herren. Der Vielberufene fuhr aber strahlenden Antlitzes wie ein Triumphierender dahin, und endlich war man beim Wirtshaus zum Hirsch, das eine ganze Wagenburg umstellte, angelangt. Eine mächtige Glocke erschallte im Hausflur, die Frau Hirschwirtin oder, wie sie lieber genannt war, die Frau Postmeisterin, erschien selber, reichte Diethelm die Hand, hieß die »Jungfer Tochter«, die als schlanke, biegsame Gestalt auf dem Wagen stand, willkommen, half ihr absteigen und nahm ihr eine bunt gestickte Reisetasche ab. Der Hausknecht, der heute seinen großen Tag hatte, war doch bei der Hand, und während er die Aufhaltketten der Pferde löste, half ihm ein Schäfer dieselben aussträngen. »Ist alles in Ordnung, Medard?« fragte Diethelm den Schäfer, indem er sich neben die Pferde stellte; der Schäfer bejahte, eilte dem Mädchen nach und raunte ihm schnell zu: »Mein Munde (Raimund) ist auf Urlaub auch hier.« Das Mädchen errötete und antwortete nichts, es band sich die Haube fester, indem es in das Wirtshaus trat. Der Schäfer Medard eilte zu seinem Herrn zurück und sagte, daß er schon beim Einfahren von einem Händler darum angehalten worden sei, wie teuer er verkaufe. »Wie ich dir gesagt habe,« erwiderte Diethelm ruhig, »siebzehn Gulden das Paar und keinen roten Heller weniger. Sag nur, dein Herr sei der Diethelm, und der laß nicht mit sich handeln. Wir nehmen unser Vieh wieder heim, es ist mir so lieb wie bar Geld.« Der Schäfer nickte, in seinem geröteten Antlitze, das von einem langen zottigen Backenbarte eingefaßt war, zuckte es; er ging davon, wobei man ein Hinken am rechten Fuße bemerkte. Diethelm streichelte die Rappen und lobte sie, daß ihnen trotz des scharfen Fahrens kein Haar krumm geworden sei; er ließ sie deshalb nicht sogleich nach dem Stall bringen, sondern hielt sie noch auf, bis sich immer mehr Bekannte sammelten, die sein »Baronenfuhrwerk« lobten und teils geradezu, teils auf Umwegen seinen Reichtum hervorhoben. Diethelm hielt die Hand auf den Sattelgaul gelegt, er war im Stehen kleiner, als er auf dem Wagen erschienen war, er maß kaum etwas mehr als sechzehn Faust, wie die Rappen, und war auch so wohlgenährt und breit wie sie. Er vernahm nun, wie das immer geht, von schlechten Marktaussichten, das Aufgebot sei groß und die Nachfrage gering, daß Händler und Fabrikanten den Preis sehr drückten und überhaupt bar Geld sehr knapp sei, weil alles auf Zeit kaufen wolle. »Dann verkauf' ich gar nicht und kauf' selber,« erwiderte Diethelm und schlug sich dabei auf den Bauch, um den er eine umfangreiche leere Geldgurt geschnallt hatte. Mehrere boten ihm nun sogleich Wolle und Schafe an, aber er lehnte für jetzt noch ab, und als man ihn aufforderte, mit in die Stube zu gehen, schien er sich schwer von seinem Gefährte zu trennen, und aus seinen Mienen sprach nur halb der ihn bewegende Gedanke: »So wie man geht und steht, herumlaufen, das hat kein Ansehen, da ist man wie jeder Hergelaufene; ich wollt', ich könnt' mit meinen Rappen und meinem Kütschle in den Stuben herumfahren, da zeigt sich doch auch gleich, wer man ist.« Es war ein seltsames Lächeln, mit dem endlich Diethelm die Rappen in den Stall schickte. Die stattliche Rotte, die ihn umgab, konnte er mit Fug als sein Geleite betrachten, und waren auch verkommene Leute darunter, ehemalige Schafhalter, die jetzt als Unterhändler dienten, Schmarotzer, deren ganzes Marktgeschäft im Erhaschen eines Freitrunks bestand: bah! große Männer haben immer auch solche in ihrem Geleite, und Diethelm schritt an der Spitze seines Trosses breitspurig einher. Der Reppenherger, ein hagerer Bauer im zertragenen, blauen Kittel, mit einem schmutzigen Wochenbarte auf dem listigen Gesichte, war ehemals selbst wohlhabend gewesen, hatte sich im Schafhandel »verspekuliert« und war jetzt der gewandteste Unterhändler. Dieser wollte sich an die Seite Diethelms drängen; er bot ihm eine Prise aus seiner großen birkenrindenen Dose und wollte ihm allerlei mitteilen, aber Diethelm vertröstete ihn mit herrischer Miene auf später und zog den Schultheiß von Rettinghausen, einen mehr ebenbürtigen Genossen an sich, und so trat er in die Wirtsstube, wo jetzt im halben Morgen schon voller Mittag gehalten wurde; denn an langer Tafel und an Seitentischen saßen Männer und Frauen und erlabten sich an Sauerkraut und Speck und gedeihlichem Unterländer Wein, und was sie nicht aufspeisten; wickelten sie in ein daneben gelegtes Papier und steckten es zu sich. Da und dort war auch der Tisch zu einer Rechentafel geworden, und mit Kreide wurde der Erlös zusammengerechnet, denn es war schon mehreres verkauft. Mancher vollgestopfte Mund nickte Diethelm zu, und manche Hand legte die Gabel weg und streckte sie ihm entgegen. »Je später der Markt, je schöner die Leut',« rief ein Weißkopf Diethelm zu. »Kommst spät.« »Bist alleine, oder hast die Frau bei dir?« »Ist das zimpfere Mädle dein' Fränz?« (Franziska). Solche und viele andre Anreden bestürmten Diethelm von allen Seiten, und manche Gabel deutete nach ihm, und mancher Kopf drehte sich um, denn die, die ihn kannten, zeigten ihn den Fremden, und eine Weile war alle Aufmerksamkeit nach ihm gerichtet. Erregte der Duft der Speisen einen ungeahnten Hunger, so gab dieses allgemeine Ansehen eine andre Sättigung. Eine Kellnerin fragte Diethelm nach altem Brauch, was er befehle; aber die Wirtin, die eben durch die Stube ging, schnitt ihr das Wort ab und sagte: »Der Herr Diethelm sitzt in die Herrenstube, der Advokat Rothmann sind auch schon drüben und unterhalten sich mit der Fränz.« »Die Fränz soll da herein kommen,« entgegnete Diethelm und so laut, daß es alle hören konnten, »wenn der Advokat Rothmann was von mir will, kann er zu mir kommen; ich lauf' ihm nicht nach, ich hab', gottlob! nichts mit ihm. Ich bleib' da unter meinesgleichen.« Man sprach davon, daß es einen harten Wahlkampf geben werde, wenn Diethelm gegen den Rothmann als Mitbewerber um die Abgeordnetenstelle auftrete; Diethelm lehnte mit halber Miene jede Bewerbung ab und stimmte selber in das Lob Rothmanns ein, der als »fadengrader« Ehrenmann gepriesen und oft bei seinem Beinamen »der Schweizertell« genannt wurde, denn er hatte nicht nur zweimal auf den eidgenössischen Freischießen den Preis gewonnen, sondern stand überhaupt in vielfachem Verkehr mit dem benachbarten Freistaate und war selber ein Charakter, als wäre er in der Republik aufgewachsen, schlicht, derb und unverbogen bei aller gelehrten Bildung. Als er jetzt in die äußere Stube trat und seine hagere hohe Figur alle überragte, ging ihm Diethelm zuerst entgegen und reichte ihm die Hand, worauf fast alle Anwesenden nacheinander ihm zutranken. Der Reppenberger kam hastig, klopfte Diethelm auf die Schulter und sagte ihm ins Ohr: man rede schon überall davon, daß der Diethelm einkaufen wolle, und just heute ließe sich ein gutes Geschäft machen. Der Krebssteinbauer da hinten aus dem Lenninger Thal, der dort an der Ecke sitze, den müsse man zuerst einfangen; er mache die andern kopfscheu und sprenge aus, der Diethelm thäte nur so, als wenn er einkaufen wolle, der habe gewiß schon verkauft und stecke mit den Händlern unter einer Decke, und man könne überhaupt nicht wissen, was der vorhabe; der Steinbauer werde aber schon einen geringeren Preis angeben, als wofür man abgekauft habe, wenn er nur bar Geld kriege, dafür wolle er schon als Unterhändler sorgen. Diethelm sah dem Reppenberger steif ins Gesicht, als müßte er herausgraben, was er von ihm denke; schnell sagte er aber ganz laut: »Es ist nur Spaß, daß ich einkaufen will, das Futter ist klemm, und ich brauch' Geld, ich hab's nicht in Säcken stehen, wie ihr meint.« Alles widersprach und schalt zutraulich auf ihn, daß so ein Mann sage, er brauche Geld; man wisse ja, daß er Kapitale ausstehen habe, mehr als seinen Schuldnern lieb sei. Zweites Kapitel. Diethelm ging lächelnd die Stube auf und ab, sein Kleinthun hatte mehr genützt als alle Prahlerei; er blieb bei dem Steinbauer stehen, gab ihm einen derben Schlag auf den Buckel und sagte: »Wie Steinbauer, kennst mich noch?« »Freilich, grüß Gott. Ich hab' nur warten wollen, bis ich gessen hab'« »Ruck ein bißle zusammen, ich will mich zu dir setzen. Fränz, da komm her.« »Ist das die Tochter?« fragte der Steinbauer, etwas verwirrt an die Seite rückend; er erinnerte sich nicht, daß er sich mit Diethelm duzte. »Wenn du nicht so altbacken wärst, könntest sie heiraten,« entgegnete Diethelm. Der Krebssteinbauer grinste nun gar seltsam und schwieg, er war überhaupt kein Freund vom vielen Reden und vorab beim Essen. Nur einmal wendete er sich um, und auf das Haupt Diethelms deutend, sagte er: »Auch grau geworden seit dem letzten Jahr.« »Ja, der Esel kommt heraus,« sagte Diethelm lachend, der Steinbauer ließ sich nicht zu der doch rechtmäßig erwarteten höflichen Entgegnung herbei; er aß ruhig weiter, als hätte er nichts gesagt und nichts gehört. Diethelm kannte die hinterhältige und selbst mit Worten karge Weise dieses Mannes wohl, und doch klammerte er sich an ihn und that gar zutraulich. Der Steinbauer ließ sich das gefallen, aber mit einer Miene, in der der Ausdruck lag: mein Geldbeutel ist fest zu, mir schwätzt keiner einen Kreuzer heraus, wenn ich nicht mag. Als Diethelm sich einen Schoppen Batzenwein bestellte, schaute der Steinbauer nur flüchtig nach ihm um, aber er sprach kein Wort der Verwunderung und des Lobes über die Sparsamkeit Diethelms, und diesem erschien solch ein Benehmen noch saurer als der ungewohnte Halskratzer. Diese in sich vermauerte Natur des Steinbauern, der über Thun und Lassen andrer kein Wort verlor und selber that, was ihm gutdünkte, ohne umzuschauen, was man dazu denke oder sage; diese verschlossene Sicherheit, die ihr Benehmen nicht änderte und, von hundert Augen bemerkt, dieselbe blieb, wie daheim auf dem einödigen Hofe, – alles das erkannte Diethelm als Gegensatz, und es reizte notwendig sein herausforderndes Gebaren zum Kampfe. Er mochte aber den Steinbauern anzapfen, wie er wollte, höchstens ein »Freilich«, ein »Jawohl« oder ein kopfschüttelndes Verneinen war aus ihm heraus zu bringen. Als Diethelm fragte, ob er auf des Steinbauern Stimme zählen könne, wenn er sich um die Abgeordnetenstelle bewerbe, ließ sich der Steinbauer endlich zu den vielen Worten herbei: »Ich wüßt' nicht, warum nicht.« Nun lachte Diethelm über das ausgesprengte Gerücht, daß er Landstand werden wolle; er denke nicht daran, bei diesen schlechten Zeiten könne man ein großes Anwesen nicht verlassen, da müsse man jede Stunde und jeden Kreuzer sparen, wenn man der rechte Mann bleiben wolle, es mögen andere Leute den Staat regieren, das gehe ihn nichts an. Der Steinbauer wickelte gelassen das übrig gebliebene Fleisch in ein Papier und steckte es zu sich, er hob und senkte nun mehrmals seine geschlossenen Lippen, sei es zum Nachkosten des Genossenen oder dem Gehörten beistimmend. Diethelm setzte nun noch weiter auseinander, daß er sich nichts um die öffentlichen Angelegenheiten kümmern möge, und das gilt jetzt wieder unter vielen Menschen, besonders aber bei den Bauern, als großer Ruhm. Als er aber darauf hinwies, daß er in seinem Hauswesen vielerlei zu sorgen habe, sagte der Schultheiß von Rettinghausen: »Die Kläger haben kein' Not und die Prahler kein Brot.« Der Steinbauer erhielt sich noch immer in seiner unerschütterlichen Teilnahmlosigkeit, methodisch und langsam stopfte er seine Pfeife, schlug Feuer, öffnete den Deckel und verschloß den Zündschwamm und wollte nun aufstehen. Diethelm aber hielt ihn noch fest und fragte zuerst, ob er nicht seinen Hof verkaufen wolle, sein Schwager, der Schäuflerdavid, suche so einen herrenmäßig gelegenen für einen Ausländer. Der Steinbauer sagte, daß er zwar nicht verkaufen wolle, aber wenn er ein rechtes Anbot bekäme, ließe sich davon reden. Nun hatte ihn Diethelm doch flüssiger, und indem er noch mehrmals von seinem Schwager, dem Schäuflerdavid, und ihren gemeinsamen Geschäften sprach, kam er endlich ans Ziel, zu erklären, daß er allerdings willens sei, wenn die fremden Händler nicht höher hinausgehen, selber einzukaufen. Der Steinbauer, dem es ersichtlich Mühe machte, sein saures Dreinsehen aufzugeben, ward plötzlich freundlicher, nahm ohne Widerrede das Glas an, das ihm Diethelm einschenkte. und erklärte nun mit erstaunlicher Redseligkeit, welch einen Ausbund von Wolle und Schafen er habe, wie die alle so wolltreu seien, ein Haar dem andern gleiche und der Stapel vom besten Fluß und gleich rund sei, wie »viel Leib« seine Schafe hätten, daß er aber doch um einen annehmbaren Preis alles verkaufe, weil er kein Geld in der Schafhalterei habe. Er legte das Zeugnis seines Schultheißen vor, darin nach einem Formular bekundet war, wo seine Schafe geweidet, und daß keine Krankheit dort und auch keine kranken darunter waren, und schloß endlich: »Neunundneunzig Schäfer, hundert Betrüger, sagt man im Sprichwort, und es ist noch mehr als wahr. Drum will ich nichts mehr davon.« Die Umsitzenden stimmten auch in die Klagen über die Schäfer ein, und jeder hatte zu erzählen, wie man seit des Erzvaters Jakob Zeiten, um ihrer sicher zu sein, ihnen einige Schafe als Eigentum bei der Herde halten muß, wie sie diese aber zu gewöhnen wissen, daß sie den andern stets das beste Futter wegfressen, wie sie den Hund abrichten, daß er nie ein Schäferschaf beißt, wie sie immer die besten und schönsten Lämmer haben und den Mutterschafen ihre nichtsnutzigen unterschieben; kommt dann der Herr dazu, so heißt es, wie das auch bei der natürlichen Mutter sein kann: es will noch nicht recht annehmen. Allerlei Schelmenstreiche von Schäfern wurden erzählt, und das Gespräch schien sich fast ganz hierin zu verlieren, bis es Diethelm wieder auf den Handel brachte, aber er zuckte zusammen, als der Steinbauer, nachdem er das eingeschenkte Glas ausgetrunken halte, ruhig sagte, er handle nur um bar Geld. »Bin ich dir nicht gut?« fragte Diethelm trotzig. »Du bist mir gut, und daß du mir's bleibst, ist bar Geld das beste,« sagte der Steinbauer und schob seine Tabakspfeife in den linken Mundwinkel, während er aus dem rechten den Rauch blies. Er sah dabei nochmal so listig aus. »Ist dir mein Schwager, der Schäuflerdavid, auch nicht gut?« fragte Diethelm. »Der Schäuflerdavid? freilich, der ist auch gut; wenn er sich verbürgt, kann ich bis Fastnacht mit dem Geld warten.« Diethelm hob hastig beide Achseln, wie wenn er etwas abschütteln müsse, dann lachte er laut und sagte: »Komm jetzt, wir wollen 'naus auf den Markt.« Der Steinbauer zog einen ledernen Geldbeutel, der dreifach verknüpft war, bezahlte, nahm seinen hohen Schwarzdornstock, der in der Ecke lehnte, und ging mit Diethelm. Auf dem Schafmarkt stand in einer Doppelreihe Hurde an Hurde, darin die Schafe eng zusammengedrängt teils lagen, teils standen und wiederkäuten, alle aber waren lautlos, und das allezeit blöde Dreinsehen der Schafe hatte fast noch etwas Gesteigertes. Knaben mit flüssigem Zinnober in offenen Schüsseln liefen umher und gesellten sich zu Gruppen, wo mit lautem Geschrei und heftigen Gebärden gehandelt wurde. Händler stiegen in die Hurden, zogen den Schafen die Augenlider auf und schauten nach den Zähnen, andre bezeichneten mit einer in Zinnober eingetauchten Schablone die eingekauften und zählten dabei; dort sprang eine Herde lustig aus der geöffneten Hurde, sich in der wiedergewonnenen Freiheit überstürzend, überall war buntes, lebendiges Treiben. Der Schäfer Medard kam Diethelm entgegen und sagte, daß er noch nicht verkauft, aber sichere Hoffnung habe. Nun einigte sich Diethelm schnell mit dem Steinbauer, kaufte ihm seine Zeithämmel (jährige) ab und nahm auch die Bracken dazu. Er eilte mit dem Steinbauer in das Kaufhaus, ihnen vorauf lief das Gerücht, daß Diethelm bereits Schafe eingekauft habe und auch für die Wolle die besten Preise bezahle. Diethelm war aber noch nicht zum Wolleinkauf entschlossen, er hatte diesen Gedanken nur so in leichtfertiger Prahlerei hingeworfen, um zu verdecken, wie sehr es ihm zum Verkaufen auf den Nägeln brenne; jetzt wurde ihm das Vorhaben immer genehmer, und mit seltsamem Blicke betrachtete er seinen Genossen mit dem mehr als mannsgroßen Stocke, mit dem schlichten Anzuge und der selbstzufriedenen Miene; der wünschte wohl nicht wie er, mit Wagen und Pferd in den Stuben umherzufahren; wie weit zurück lag ihm jetzt die Zeit, wo auch er stolz sein konnte, statt daß er jetzt, um sich nicht zu verraten, stolz thun mußte. »Hast kein Fuhrwerk bei dir?« fragte Diethelm, worauf der Steinbauer erwiderte: »Nein, ich bin noch gut zuweg, mit dem Fahren hat's Zeit, bis ich alt bin.« Im Kaufhause sah Diethelm, daß die verpflichteten Wollsetzer seine Schepper (Vließe) gut aufgesetzt hatten, sie standen an guter Stelle, nicht zu hell und nicht zu dunkel; seine spanische und seine Bastardwolle durfte sich sehen lassen. Sein nächster Nachbar war der Steinbauer, der sich darüber beklagte, daß er einen schlechten Platz habe; gerade neben der Feuerspritze und dem großen Wasserfasse, die unter der Treppe standen. Diethelm stand mit übereinandergeschlagenen Armen ruhig neben seiner Lammwolle, als hastigen Schrittes der Reppenberger kam. Alles Blut schoß Diethelm zu Kopfe, indem er dachte, daß er vielleicht auch einst als Unterhändler hier sich tummeln, sich abweisen und anfahren lassen müsse, während alles jetzt seine Nähe suchte und um seine Freundschaft buhlte. Diethelm war entschlossen, mindestens vom Steinbauern noch die Wolle einzukaufen. Zwar hatte er die Bürgschaft des Schwagers zu leichtfertig versprochen, aber der Steinbauer muß ihm vorderhand glauben, und dann will er noch heute all das Mitgebrachte und das Erkaufte in der Stille versilbern, es sind dann drei Monate Zeit gewonnen, es gilt Luck auf und Luck zu zu machen, bis man den rechten Schick trifft, und der kann doch nicht ewig ausbleiben. Diethelm wurde auch hier schnell handelseins mit dem Steinbauer, und als nun andre sahen, daß dieser ihm das Seinige übergab, bestürmten sie ihn ebenfalls mit Anerbietungen. Er wehrte anfangs ab; er wollte nicht weiter gehen. Aber vielleicht läßt sich gerade jetzt der rechte Schick machen, man darf ihn nicht aus der Hand lassen, mit so viel Ware läßt sich was Großes versuchen – die Hand Diethelms wurde brennend von dem öfteren Handschlag, er wußte fast gar nicht mehr, wie viel er eingekauft hatte, und der Reppenberger brachte neue und immer bessere Gelegenheiten mit Zahlungsterminen auf Ostern oder noch weiter hinaus. Wie berauscht ging Diethelm von Stapel zu Stapel und wiederum hinaus auf den Schafmarkt von Hurde zu Hurde; ihm war's, als hätte alles Besitztum der Welt gesagt: ich will dein sein, du mußt mich nehmen. Das Lärmen und Rennen um ihn her, das ferne verworrene Brausen des städtischen Marktgewühls, aus dem bisweilen einzelne Akkorde der Musik, die jetzt zum Tanze aufspielte, wie aus dem Stimmengedränge herausschlüpften, alles das machte einen sinnverwirrenden Eindruck auf Diethelm; bald lächelte er jedem, und sein Antlitz war hochgerötet, bald wurde er schlaff und verdrossen, und alles Blut wich daraus zurück. Auf einem Wollsacke, nicht weit von der großen Feuerspritze, die im Hofe stand, saß er mit entblößtem Haupte und gekreuzten Beinen, und sein Auge schaute hinein in die rote Schreibtafel, in die er sich seine Einkäufe nach Sorte u. s. w. eingezeichnet hatte, um ihn her lagen in verschiedenen Papieren Wollproben. Diethelm fuhr sich mit der Hand über das Haupt, und er meinte, er spüre es, wie ihm die Haare jetzt plötzlich grauer werden. Eben kam der Reppenberger wieder und brachte einen Mann, der eine überaus feine und haartreue Wolle habe, da sei jedes Härchen von unten bis oben gleich und alles im Vließ gewaschen. Diethelm nebelte es vor den Augen, und er ersuchte den Reppenherger, vor allem einen guten Trunk Wein herbeizuschaffen: er fühlte sich so matt, daß er auf keinem Beine mehr stehen konnte, und besonders in den Knieen spürte er eine unerhörte Müdigkeit. Er gab den Umstehenden wenig Bescheid und starrte hinein in seine Schreibtafel und sprach mit den Lippen lautlos die Zahlen vor sich hin. Vom Hauptturm der Stadtkirche bliesen eben die Stadtzinkenisten den althergebrachten Mittagschoral; sie standen eben auf der Westseite der Turmgalerie, und diese Posaunen und Trompeten strömten ihre langgezogenen Töne gerade zu Häupten Diethelms nieder. Er zuckte zusammen und schaute auf, als hörte er die Posaune des jüngsten Gerichtes vom Himmel herab; er fuhr sich mit der breiten Hand langsam über das ganze Gesicht, dann schaute er hell auf, der Reppenberger rief ihm. Der herbeigebrachte Wein richtete ihn bald wieder auf, und nun galt es, die begonnene Rolle mutig fortzusetzen. Die Stadtzinkenisten bliesen eben nach einer andern Himmelsgegend, und die Klänge schwebten wie verloren über dem lauten Marktgewühle. Einmal sprach er eifrig und ganz allein mit einem fremden Händler, und es verbreitete sich rasch die Sage, daß er im Auftrage dieses, der noch gar nichts eingekauft hatte, die Händel abschließe. Diethelm merkte bald, daß sein Auftreten dem Markt eine ganz andere Wendung gegeben hatte; es kamen schon Unterhändler, die sich im Auftrage Ungenannter nach dem Wiederverkaufe erkundigten. Eine Weile stockte er und gedachte, mit mäßigem Gewinn darauf einzugehen, aber der Reppenberger hatte recht; jetzt, im hohen Verkehr, wo alles im Trab geht, kann man nicht hufen und rückwärts fahren; wenn alles vorbei ist, dann läßt sich ein guter Treffer machen, dann hat man die ganze Geschichte allein in der Hand, drum jetzt nur mutig vorwärts. Und immer neue Zahlen stellten sich in die Schreibtafel Diethelms, er hatte schon dreimal die Schreibtafel in die Tasche gesteckt und die Hand darauf gelegt mit der Versicherung, daß er sie nicht mehr herausthue, und wenn er die Sachen halb geschenkt bekäme, er gehe nicht weiter ins Wasser, als er Boden habe; aber alles schrie über seine Bescheidenheit, so ein Mann wie er könne dreimal den Markt aufkaufen. Dieser Ruhm stachelte ihn immer wieder aufs neue, denn er sah, wie seine prahlerische Bescheidenheit ihm immer mehr Vertrauen an den Hals warf. Der Gedanke, wie sehr er dieses Zutrauen täuschte und vielleicht ganz betrüge, zuckte ihm wieder durch die Seele, aber jetzt fand er eine rasche Aushilfe: da ist der Steinbauer, der so heilig thut, wie ein frisch vom Himmel geflogener Engel, und ohne Widerrede gibt er einen geringeren Preis an, als er bekommt, und betrügt damit alle anderen. Aller Handel und Wandel ist auf Lug und Trug gestellt, ein bißchen mehr, ein bißchen weniger; und es kann ja wohl sein, es ist so viel als sicher, daß kein Mensch einen Heller verliert. – Die Leute zeigten einander, wie zuversichtlich und froh der Diethelm dreinsah, und beneideten ihn um den Haupttreffer, den er heute mache. Drittes Kapitel. Wieder kehrte Diethelm mit großem Geleite in das Wirtshaus zurück. Es waren nun wirklich seine Vasallen, denn ihn umgaben alle die, denen er abgekauft hatte. Unter dem Thore begegnete er seiner Tochter, die mit einigen Mädchen dort seiner harrte; sie fragte ihn, ob er nun mitgehe, ihr, wie er versprochen, einen Marktkram zu kaufen. Diethelm sagte, er habe keine Zeit, und gab ihr zwei Kronenthaler, daß sie sich selber etwas kaufe. Mit dem Steinbauer mußte nun vor allem glatte Rechnung gemacht werden. Diethelm nahm ihn zuerst allein vor, aber er mochte reden, was er wollte, der Steinbauer blieb bei seiner Aussage, er verlangte ein Vierteil des Kaufpreises als Anzahlung und binnen acht Tagen die Unterschrift des Schäuflerdavid als Bürgen. Diethelm suchte das Ungerechte dieser Bedingungen, die gar nicht festgestellt waren, darzuthun; der Steinbauer verzog keine Miene und blieb dabei; selbst als Diethelm laut lachte und die Sache ins Scherzhafte ziehen wollte, blieb sein Widerpart ohne Teilnahme und war, was man so nennt, ein bestandener Bauer, der sich nicht so leicht aus seinem Schritt bringen ließ. Schnell in Zorn überspringend, schalt ihn Diethelm einen Betrüger, da er einen geringeren Kaufpreis angegeben habe, um die andern zu hintergehen. Der Steinbauer leugnete dies und behauptete, er habe zur Angabe Diethelms nur geschwiegen, er könne aber jetzt auch reden und vielleicht mehr, als lieb sei. »Was meinst? was?« fragte Diethelm hastig. »Ich mein' gar nichts, ich will mein Geld, und da bleibt ein jeder, wer er ist.« »Hältst mich für ein Schuldenbäuerle?« fragte Diethelm halbzornig. »Nein, b'hüt Gott, ich könnt' mit dir tauschen, wenn's drauf ankäm'; aber weißt: zahlen mit bar Geld, das zwingt die Welt. Du brauchst ja nur pfeifen, da hast's, und wenn ich mein' Sach' wieder an mich zieh', und das thu' ich, wenn du mich nicht bar bezahlst, ich ließ' es aber nicht dabei, ich müßt' vor's Amt damit, so hart es mich ankommt.« Diethelm fühlte, was es heißt, sich in schwankender oder gar in verzweifelter Lage zu befinden, da muß man sich so zu sagen übers Ohr hauen lassen und thun, als ob nichts geschehen wäre, nur um Aufsehen und genauere Nachforschung zu vermeiden. »In einer Stunde hast all dein Geld,« rief Diethelm den ihn ungerecht Bedrängenden überbietend. »So recht,« sagte der Steinbauer, »wie viel Uhr ist jetzt? Drei. Um viere bin ich wieder da. B'hüt dich Gott und zürn' nicht.« Die übrigen, die den zähen Steinbauer so zufrieden davon gehen sahen, waren schnell befriedigt, und Diethelm drang selber drauf, daß sie wegen »Leben und Sterben« eine Handschrift von ihm nehmen mußten. Nun eilte er zu dem Advokat Rothmann und verlangte von ihm ein Darlehen für den Steinbauer; der Advokat beglückwünschte Diethelm zu seinen guten Einkäufen und schloß eine eiserne Geldkiste, indem er sagte: »Das sind Pfleggelder, Ihr seid ja selber Waisenpfleger und wißt, daß ich solches Geld nicht ohne gerichtliche Bürgschaft verleihen darf.« Diethelm ging um die Kiste herum wie die Katze um einen Wursthäckler und sah mit Schmerzen das alles verschließen, ohne Miau zu machen; er blieb noch eine Weile harmlos plaudernd bei dem Advokaten und that, als ob er nie ein Anliegen gehabt hätte, mit dem er abgewiesen worden war. Er versicherte Rothmann, daß er weit davon entfernt sei, ihn aus der Abgeordnetenstelle verdrängen zu wollen, der Advokat entgegnete, daß er Diethelm Glück wünsche, wenn er als Kandidat der sich so nennenden Konservativ-Liberalen durchdringe, die Herren möchten dann einmal ihre sogenannte Möglichkeitspolitik versuchen, um zu erfahren, daß das Schlechte leichter möglich sei, als das einfach rechte. Diethelm zeigte sich eifrig in Darlegung seiner Gesinnungen, und doch dachte er jetzt an nichts weniger, als an dies. Offen und versteckt laufen überall und allzeit die verschiedensten Interessen durcheinander. Als Diethelm das Haus verließ, traf er glücklich den Reppenberger vor demselben; durch diesen ließ er nun ein gut Teil des Eingekauften unter der Hand zu bar Geld machen, mit der Bedingung, daß nicht hier unter den Augen der Marktaufseher, sondern morgen auf dem eine Stunde entlegenen Dorfe oder, noch besser, in seiner eigenen Heimat abgeliefert werde. Bis dieses Geschäft abgemacht war, wollte sich Diethelm verborgen halten, und dazu gab es kein besseres Versteck, als der Tanzboden im Stern, wo eben die Musik aufspielte; dort würde ihn gewiß niemand suchen, und dorthin sollte Reppenberger mit dem fremden Händler kommen. Es war, als ob doch etwas von dem Wunsche Diethelms, mit seinen zwei Wappen in den Stuben herum zu kutschieren, erfüllt wäre; denn kaum war er auf dem Tanzboden, wo sich eben in lärmender Pause die erhitzten Paare verliefen, als alles ehrerbietig vor ihm auswich, und da und dort hörte er seinen Namen pispern. Einige ältere Leute, die ihm zutranken und stolz darauf schienen, daß er das Glas annahm, fragte er nach dem Reppenberger, den er zu suchen vorgab; sogleich erboten sich mehrere Trinkgeldsbedürftige, den Reppenberger aufzusuchen. Diethelm hatte abzuwehren, so gut er konnte, und glücklicherweise erlöste ihn ein junger, modisch gekleideter Mann, der mit vielen Bücklingen auf ihn zukam, sich als ältesten Sohn des Sternwirts vorstellte und Diethelm bat, in die Herrenstube zu kommen. Die Welt duldete es gar nicht mehr, auch wenn er es selbst gewollt hätte, daß er in niederem Bereiche verweilte. Diethelm betrachtete sich selbst, um zu erkunden, was denn an ihm sei, daß ihm jeder ungefragt eine höhere Stufe anwies. Er folgte dem jungen Manne, der äußerst ehrerbietig war, die Treppe hinab, und als er eben die Klinke zur Herrenstube in der Hand hatte, hörte er einen Soldaten unter der Hausthüre sagen: »Komm nur.« Diethelm drehte sich um, die Stimme war ihm bekannt, und der Soldat fuhr fort: »Tanz du nur einmal, während der Zeit wird dein Vater um ein paar tausend Gulden reicher, und ich krieg' dich immer weniger.« »Ich weiß nicht, ob's recht ist,« sagte eine Mädchenstimme, und halb gezogen erschien Fränz auf der Schwelle mit hochglühendem Antlitze. »Soll ich euch aufspielen?« rief Diethelm, sich umwendend. Der Soldat und Fränz ließen vor Schreck die Hände los. Der Soldat faßte sich schnell wieder und grüßte Diethelm, dieser aber sagte: »Du bist's? wie kommst du daher, Munde?« »Ich hab' Urlaub genommen, und es freut mich, daß ich auch meinen alten Herrn seh'.« »So? Willst eine Halbe trinken?« »Freilich.« »Säh, da hast Geld, trink eine,« und Diethelm reichte mit diesen Worten dem über und über errötenden Soldaten einen Sechsbätzner. Der Soldat, der nicht anders erwartet zu haben schien, als Diethelm würde ihn mit zum Wein nehmen, wußte nicht, sollte er die Hand zum Faustschlag ballen oder zum Empfang der Gabe darreichen. Beides schien gleich mißlich, offene Feindseligkeit wie die beabsichtigte Demütigung vor den Augen der Geliebten; es fand sich aber noch ein Ausweg, und lächelnd sagte der Soldat: »Dank' gehorsamst, ich will warten, bis ich einmal ein' Halbe mit Euch trink'; vorderhand hab' ich schon noch, um von meinem Geld ein Glas auf Euer Wohlsein zu trinken.« Mit einem Gemisch seltsamer Empfindungen reichte Diethelm dem Soldaten die Hand und stand von dem Vorhaben ab, dem Burschen auf strenge Weise zu zeigen, an welchen Platz er gehöre; diese geschickte höfliche Wendung und der Stolz, der darin lag, gefiel ihm. Das gestand sich Diethelm, aber nicht, daß er sich in diesem Augenblicke selber zu sehr gedemütigt fühlte, um die Unterwürfigkeit andrer herauszufordern. Er sagte daher nichts weiter, winkte dem Soldaten einen Abschied zu und verschwand mit Fränz hinter der Thür der Herrenstube. Der Soldat ging im Hausflur auf und ab wie ein Wachtposten, und seine Gedanken gingen mit ihm hin und her: sollte er auch hinein in die Herrenstube und sich auftischen lassen? Aber wer weiß, wozu das führt? Es sind viele Fälle möglich. Der Schluß blieb jenes letzte Mittel, das Gelehrten und Ungelehrten gleich genehm ist, nämlich: vor allem und vorderhand nichts thun – da macht man nichts gut und nichts böse und kann getrosten Mutes und ruhigen Gewissens die kommenden Ereignisse abwarten. Viertes Kapitel. Der Soldat ging nach dem Schafmarkt. Viele Hurden waren bereits leer, die noch zurückgebliebenen Schäfer hatten ihre Mäntel bereits lose zusammengerollt auf der Schulter hängen. Das Marktgewühl brauste und toste in der Ferne, hier aber war alles so still wie auf einsamer Höhe, an deren Fuß ein wildrauschender Bach über Felsen braust; nur bisweilen hörte man das klagende Blöken eines Schafes, dem ein Metzger durch einen Schnitt ins Ohr das Kennzeichen seines Eigentums gab. Die also bezeichneten Schafe duckten die Köpfe und sahen traurig und dumpf nieder, als wüßten sie, daß die Tage ihres Weidganges gezählt sind. Von einer Herde führte ein Metzger eben einen Hammel weg, und das sonst so geduldige Tier war störrig und mußte mehr gezogen und geschoben werden, als daß es ging; es kümmerte sich wenig um Bellen und Beißen des Hundes und blökte nur kläglich. Der Soldat schaute dem allem mit dumpfer Verwunderung zu; er war selber Schäfer gewesen, und doch war ihm alles das wieder neu und fast seltsam. Er sah die Hurde seines Bruders, des Schäfers Medard, den wir beim Ausspannen gesehen haben, und schon von fern zerrte der falbe Hund an der Kette, die am Gurte seines Herrn befestigt war, und weckte diesen aus stillem Niederschauen, so daß er aufblickend rief: »Hast sie gefunden?« Der Soldat nickte mit dem Kopfe, und erst als er bei seinem Bruder war und den Hund gestreichelt hatte, erzählte er, wie er die Fränz allein auf dem Markte getroffen, wie sie miteinander umhergeschlendert und eben zum Tanze gehen wollten, als Diethelm dazwischen kam und ihn so sonderbar davonschickte. Der Schäfer dagegen berichtete, wie es ihm sei, als ob die ganze Welt aus dem Leim ginge: daheim habe der Meister so nötlich gethan, wie wenn alles bei ihm auf Spitz und Knopf stehe, und kaum auf den Markt gekommen, kaufe er wie besessen ein und thue, wie wenn er fragen möchte, was kostet das Schwabenländle? Er habe die Hammel verkauft und könne den Herrn nirgends finden, um ihm das Geld zu geben. Ueberhaupt, erzählte er, sei der Meister seit fast einem Jahr zweierlei Menschen: bald streichle er einen wie mit Samtpfoten, bald sei er ein borstiger Igel, bald lobe er alles, bald mache man ihm gar nichts recht. Die Brüder besprachen sich noch lange über das seltsame Wesen des Meisters, denn auch der Soldat hatte ehemals bei Diethelm als Schäfer gedient. Als der Schäfer äußerte, daß Diethelm vielleicht um so größer thue, je kleiner er geworden sei, und vielleicht noch einen tüchtigen Raps mache, solang man ihm traue, fuhr der Soldat dagegen los, als ob er selber beleidigt wäre, und es war noch mehr als das: denn da gilt ja gar nichts mehr, wenn man gegen solch einen Mann nur so was denken darf; worauf der andre lächelnd erwiderte: »Büble, Büble, du wirst dein Lebtag nicht gescheit; du glaubst den Leuten, was sie dir vormachen. Laß sehen, was du für Tubak hast,« schloß er und nahm dem Soldaten die Pfeife aus dem Mund und rauchte sie weiter; der Soldat sagte kein Wort dazu. Es war ein seltsames Brüderpaar, das da bei einander saß. Medard hätte dem Alter nach der Vater Mundes sein können, aber ähnlich sahen sich die Brüder nicht. Medard hatte ein langes dürres Gesicht, das durch den zottigen Backenbart und die aufgesträubten rötlichen Augenbrauen Aehnlichkeit mit dem Schäferhunde hatte, während Munde kugelrund aussah und Angesicht und Hals von dunkelbrauner Farbe war; er hatte kohlschwarzes Haar und kleine, in fetten Augenlidern versteckte braune Augen, aus denen ein stilles sanftes Gemüt sprach. Medard sah auf, als könnte er nie lachen, und Munde sah noch jetzt in seiner Betrübnis aus, als könnte Schmerz und Zorn keine Heimat in seinem Gesichtsausdruck finden. Medard war gerade um fünfundzwanzig Jahre älter als sein Bruder, und diese beiden und noch eine Schwester, die dem alten Vater in Buchenberg haushielt, waren von neun Kindern am Leben geblieben. Als der kleine Munde so verspätet und plötzlich geboren wurde, verließ Medard unter Verwünschungen das väterliche Hans und betrat sechs volle Jahre dessen Schwelle nicht mehr. Es war nicht Aerger wegen des Erbes – da war ja nichts zu teilen – aber Medard schämte und ärgerte sich über den nachgebornen Bruder, daß er von seinen Eltern gar nichts mehr wissen wollte; er verdingte sich weit weg und kam erst nach sechs Jahren wieder, als er aus dem Zuchthause entlassen wurde, wo er wegen einer Rauferei, in der er einen Nebenbuhler erschlagen, fünf Jahre gebüßt hatte. Es war ihm nun doch nichts übrig geblieben, als in das elterliche Haus zurückzukehren. Als er zum erstenmal wieder in des Vaters Stube trat – die Mutter war schon seit sechs Jahren gestorben, und wie der Vater sagte, an den Folgen der Verheimlichung ihrer Schwangerschaft, die sie vor dem erwachsenen Sohne verbergen wollte –, da war's, als ob der kleine Munde es dem Bruder wie mit Zauber angethan hätte; er umklammerte gleich beim Eintreten seine Füße, und Medard ließ den schon ziemlich großen Bengel oft stundenlang nicht vom Arm herunter und tollte mit ihm wie närrisch umher, die ganze verhaltene Bruderliebe schien auf einmal sich zu entfalten und eine Sühne für seine früher verübte Härte zu Tage zu fördern. Diethelm that gerade um diese Zeit eine großartige Schäferei auf, und auf die Bitten des alten Schäferle und die Zureden seiner Frau nahm er den Medard in Dienst, der nun von Georgi bis Michaeli im freien Felde war und stets den Munde bei sich hatte und ihn mit einer Sorgfalt ohne Grenzen wartete und pflegte. Der alte Schäferle überließ ihm gern das Kind; er war mit allem zufrieden, wenn er nur hinlänglich Tabak hatte, um seine Holzpfeife in beständigem Brand zu erhalten. Medard versorgte ihn jetzt mit Tabak, während er sonst oft hatte dürre Nußblätter rauchen müssen. Wenn Medard manchmal dachte, daß ihm das Kind sterben könnte, fühlte er alle Haare zu Berge stehen. Stundenlang konnte er in das braune Antlitz und in die dunkeln Augen des Knaben schauen und sich nur ärgern, daß dieser ihn gewiß nicht so lieb habe, wie er ihn, es wenigstens nicht darthun konnte; dann konnte er aber auch stundenlang vor sich hin lächeln über eine einfältige oder kluge Bemerkung des Munde. Auf den falben Schäferhund, den Paßauf, war Medard oft eifersüchtig, denn der Knabe war mit dem Hunde so zutraulich und verschwendete an ihn so viel Liebe, die doch ihm gebührte. An einer Sache hatte aber Medard stets seine ungetrübte Freude. Munde war nämlich äußerst gelehrig in der Musik. Vielleicht ist es noch ein Ueberbleibsel aus den verklungenen Schalmeienzeiten, daß die Schäfer in der Regel kunstfertige Pfeifer sind, und Medard war hierin noch ein besonderer Meister. Er verstand nicht nur den notwendigen Signalpfiff, der dem Paßauf als Kommando galt, er konnte auch alle Vögel des Waldes nachahmen und hatte noch dazu eine unerschöpfliche Quelle von Lieder und Tanzweisen, in denen er trillern konnte wie ein Kanarienvogel. Er lehrte nun den Munde diese Fertigkeit, und wenn der Knabe dann vor ihm stand und den Mund spitzte und hellauf pfiff, umfaßte Medard mit beiden Händen seine Schäferschippe und bohrte sie tief in den Boden vor Freude. Im Herbst lockte Medard andre Knaben zu sich aufs Feld, damit sie mit dem Munde spielen, denn dieser kam ihm manchmal so traurig und nachsinnend vor, so verlassen wie ein Schäfchen, das von der Herde genommen ist und das einsam in sich hinein jammert. Da deuchte es dann Medard, als ob sein Munde über alle herrsche, sie beugten sich ihm ungeheißen, und alte Sagen kamen ihm in den Sinn, wie ein Schäferknabe plötzlich zu einem König geworden und eine schöne Prinzessin im diamantenen Palaste zum Ehegemahl erhielt. Er lächelte wohl über diese Sagen, er wußte ja, daß daran kein wahres Wort sei, aber Munde war gewiß zu etwas Großem geboren, wenn auch just nicht zu einem König; und dann wollte sich Medard in seinen alten Tagen das Gnadenbrot bei ihm ausbitten und unter der Stallthür stehend glücklich sein, wenn sein Bruder in der Kutsche dahinfuhr oder auf einem schönen Apfelschimmel daherritt. Was läßt sich nicht alles denken draußen bei den still weidenden Tieren! Medard erschien sich oft ganze Wochen wie verzaubert; alles, was er that, kam ihm so vor, als wäre das nur für einstweilen, nur noch jetzt, in einer Stunde wird's anders: da kommt auf einmal ein groß Glück. Und manchmal konnte er es gar nicht fassen, daß der Munde noch so klein und jung sei und noch so lange zu wachsen habe, bis er ein großer Mann, mindestens ein reicher Graf sei. Natürlich fehlte es auch nicht an Zeiten, wo sich Medard vor die Stirn schlug und sich selber auslachte über all die Narreteien, die er im Kopfe herumtrage; er war dann froh, daß niemand davon wußte, und schlug sich alles aus dem Sinn; aber innerlich verborgen konnte er doch eine gewisse Hoffnung des Unerwarteten nicht ertöten, er wußte nicht was und wie, aber doch blieb's. Als dem Diethelm seine Fränz geboren war, hatte Medard dieser schon einen Ehemann bestimmt, lange bevor sie ein Wort sprechen konnte. Munde war acht Jahre alt geworden. Es war im hohen Sommer, im Thale war abgeweidet, und der Pferch begann noch nicht, Medard hatte seinen sämtlichen Schafen Schellen umgehängt, und es ging nun auf den Trieb ins hohe Waldgebirge. Das Schellengeläute währte unaufhörlich vom Morgen bis zum Abend, denn die Schafe auf der Weide fressen beständig im Gehen und stehen meist kaum so lange still, um das Gras abzuraufen; Medard war immer in wundersamer Aufregung, und er dachte mit schweren Sinnen, daß dies der letzte Sommer sei, in dem er den Munde bei sich hatte; zu Ostern mußte dieser bei Strafe endlich in die Schule. »Es ist vorher gegangen, es muß nachher auch gehen,« tröstete sich Medard, wenn er überlegte, wie er diese Trennung ertragen werde. An einem Mittag, an dem die Nebel nicht von Berg und Thal wichen, saß Medard am Waldrande. an dem ein schmaler Holzweg sich hinzog, und vor ihm, den jähen Berghang hinab, weideten die Schafe; Munde stand weiter unten, just in der Biegung des Weges in einer Brombeerhecke und erlabte sich an der saftigen Frucht. Vom Walde oben vernahm man Hacken und Knacken der Holzhauer, und das Schellengeläute war so summend, daß Medard fast in Schlaf versinken wollte. Da hörte er über sich etwas poltern, er schaute rückwärts – hat sich ein Felsen aus seiner uralten Ruhe losgelöst? Da kommt es den Weg herab, ein in Schuß geratener lediger zweirädriger Karren; Medard ist ganz erstarrt, er schaut auf und schaut hinab und ruft schnell: »Munde, geh beiseite, Munde, um Gottes willen lug auf!« Aber das Kind hörte nicht, und der Wagen ist schon so nahe; kommt er bei Munde an, stürzt er die Halde hinab und zerschmettert das Kind, es ist kein Stein am Wege, nichts, womit man einhalten kann. All dies Schauen, Denken, Rufen war das Werk eines Augenblickes, schon ist das zermalmende Rad nahe, Medard kann sich retten – aber das Kind! Schnell streckt Medard halb träumend, halb wissend, was er thut, den rechten Fuß weit vor, es knackt, der Karren steht still . . . Die Leute, denen der Karren entronnen war, kamen mit Geschrei hinterdrein, sie fanden Medard mit zerknicktem Fuße, leblos, sie warfen schnell das Holz ab und luden Medard auf den Karren und führten ihn nach dem Dorf, wo er monatelang eingeschindelt lag. Um so lustiger aber sprang Munde um ihn her, und das erquickte den Leidenden mehr, als all die guten Tränkchen, die der alte Schäfer bereitete, und mehr als die sorgsame Abwartung der Meistersfrau. Medard war nicht so großmütig, seinem Bruder nie zu sagen, was für ein Opfer er ihm gebracht. Das Kind verstand dessen Bedeutung noch nicht, und als er in spätern Jahren es erkannte, war die That eine längst gewohnte, wenig beherzigte, wenngleich Munde dem älteren Bruder mit kindlicher Hingebung zugethan war und es ihm nie in den Sinn kam, eine Einsprache dagegen zu erheben, daß ihn Medard stets »Büble« hieß. Medard konnte, wenn auch mit einem lahmen Fuß, seinem Geschäfte nachgehen; die Ruhe, die es mit sich brachte, war ihm nun besonders genehm. Munde war in der Schule, und Medard blickte auf die Tage, da es ihm das Kind wie mit einem Zauber angethan hatte, mit verwundertem Lächeln zurück; und doch war etwas eingetroffen, und wer wußte, was noch daraus wird. Munde lebte im Hause Diethelms wie das eigene Kind, und es war nicht anders zu vermuten, als Diethelm würde dem Munde gern seine Fränz zur Frau geben, denn Diethelm war wegen seiner Gutherzigkeit berühmt, die er allerdings zumeist nur auf seine Freundschaft (Verwandtschaft) anwendete. Munde war und blieb eben der Schäferprinz, wie ihn Medard oft im stillen nannte. Bei all seiner Zärtlichkeit für das kleine Brüderchen und dessen große Hoffnungen versäumte indessen Medard doch seinen einstweiligen Vorteil nicht, er wollte für alle Fälle geborgen sein, er verstand es, wie man hier erst recht sagen kann, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen und zwar mit so verschlagener List, daß Diethelm das unbedingteste Vertrauen in ihn setzte, obgleich er es ihm noch manchmal vorrückte, daß er ein Sträfling sei. Medard machte sich nicht im entferntesten ein Gewissen daraus, das Vertrauen Diethelms zu mißbrauchen; denn das ist das Unergründliche in des Menschen Brust, daß oft Betrügerei neben Treuherzigkeit, Verstocktheit neben Zartsinn friedlich zu wohnen vermag. Als Munde konfirmiert war, wurde er Schäfer, aber der ältere Bruder gab seine Hoffnung noch nicht auf: Munde mußte einst die Fränz heiraten; und je mehr das Mädchen heranwuchs, um so größer wurde auch seine Liebe zu dem jungen Schäfer, immer hütete Medard den Bruder wie seinen Augapfel und diente ihm, als wäre er sein angeborener Herr. Erst als Munde Soldat werden mußte und der Diethelm ihn nicht loskaufte, faßte Medard einen tiefen Haß gegen seinen Meister; es genügte ihm nicht mehr an den gewohnten kleinen Veruntreuungen, er wünschte sich eine gewaltige That, um Zorn und Rache loszulassen; nur die Meisterin that ihm leid dabei, und wenn sie nicht wäre, sagte er oft, hätte er den Meister schon im Stall erwürgt. Als Medard jetzt den Bericht seines Bruders hörte, sagte er nichts, sondern stieß nur den Rauch der Pfeife immer rascher heraus. »Ich wollt',« schloß der Soldat, »der Diethelm würde über Nacht ein armer Mann, nachher könnt' ich die Fränz heiraten ungefragt.« »Büble, du bist ein Narr,« rief Medard, »du mußt sie haben mitsamt ihrem Geld, und mag sie noch so hoffärtig sein, und ein Nückel ist und bleibt sie; aber freilich da drüber darf man mit dir nicht reden. Wenn ich nur wüßt', wie's mit dem Meister steht; sauber ist's nicht, das glaub mir.« Nun besprachen die Brüder das Leben des Meisters. Diethelm war ehedem ein wohlhäbiger, still arbeitsamer Bauer gewesen, er war als Knecht nach Buchenberg gekommen und hatte die reiche Witwe, die Schwester des Schäuflerdavids, gegen den Willen ihres Bruders und ihrer ganzen Familie geheiratet. Stolz war er von je, und selbst seine vorherrschende Tugend, die ihm einen großen Namen machte, schien davon nicht frei. Damals, als Diethelm die reiche Witwe heiratete, lebten seine Eltern noch, aber sie, wie ihre andern sechs Kinder, die teils dienten, teils selber Familien gegründet hatten, lebten in äußerster Dürftigkeit. Das nahm nun schnell ein Ende, denn mit reicher Hand setzte Diethelm alle seine Angehörigen in Wohlhabenheit und alles, was Diethelmisch hieß, stand plötzlich in Ehre und Ansehen. Hatte Diethelm im allgemeinen eine freigebige Hand, so war sie es noch besonders für einen auffälligen Zweck. Er kleidete nämlich gern die Armen, und es war seine besondere Lust, daß alles stattlich daher käme; und wurde er auch oft von solchen mißbraucht, die fremder Gabe gar nicht bedurften, immer wieder fand ihn jeder bereitwillig und hilfreich. Wenn unser Meister nach Letzweiler kam, stand alles still, als erschiene ein höheres Wesen, und die Lippen bewegten sich wie zu Segenssprüchen, denn solch einen Wohlthäter hatte man noch nie gesehen, und Diethelm hatte nur abzuwehren, daß ihm nicht Kinder und Greise die Hände küßten. Seine hinreiche Mildthätigkeit war aber auch ohne Grenzen, und man fabelte allerlei über seine unermeßlichen Reichtümer: er habe ein großes Los in einer fremden Lotterie gewonnen, er habe einen Schatz gefunden und dergleichen mehr. Diethelm gefiel sich in dem Ruhm seines Reichtums und seiner Wohlthätigkeit. In den besten, manneskräftigen Jahren, als er Schultheiß geworden war, fiel es ihm auf einmal ein, daß er genug gearbeitet habe. Er verpachtete daher seine Aecker und lief müßig und mit eingebildeten Krankheiten im Dorf umher; aber auch dies Leben verleidete ihm nach wenigen Jahren, zumal er mit den Pachtbeständern vielerlei Quengeleien hatte. Er wollte ändern, mochte aber nicht mehr zurück, verkaufte nun trotz heftigen Widerspruchs seiner Frau alle seine Aecker, nur die Wiesen behielt er und lebte von Zinsen. Bald aber fing er einen kleinen Kornhandel an, der nicht ohne Gewinn war, und nun ging er Tag und Nacht auf sogenannte Spekulationen aus, die ihm auch meist glückten. Dieses Verwenden der ganzen Lebensarbeit seiner Dorfbewohner als bloßen Wertgegenstandes hatte schon in sich etwas Herausforderndes, Feindseliges. Der ewige Kampf zwischen den Hervorbringenden und denen, die solches mühsame Händewerk mit Reden und Schreiben zu eigenem Vorteil verwenden, ist auf dem Lande naturgemäß ein Widerstreit gegen die Kornhändler, der sich je nach den Zeitläuften zu ausgesprochenem Hasse entwickelt. Das Vorhalten des Gedankens von dem großen Weltverkehre und daß die Thätigkeitsergebnisse der ganzen Menschheit einander angehören, will bei dem, dessen Auge auf der beschränkten Stätte seiner Arbeit haften muß, nicht Eingang finden; in dieser wie in mancher andern Beziehung arbeitet die Zeit noch überall an der Erhebung zum Gedanken der großen Weltgehörigkeit. Auch Diethelm erfuhr in seinem Thun mancherlei Haß, und statt ihn zu versöhnen, reizte er ihn noch, indem er oft laut sagte: »Ihr arbeitet euch krumm und lahm, und ich schau' zum Fenster hinaus und hab' meine grünen Saffianpantöffele an, und verdien' dabei in einer Stunde mehr als ihr in drei Monaten.« Das war aber nicht immer der Fall, und in demselben Jahre, als Diethelm in seinem Handel eine große Schlappe erlitt, wurde er auch nicht mehr zum Schultheiß gewählt, und er begann nun das Schafhalten und den Wollhandel. Die Umgegend von Buchenberg eignete sich allerdings dazu, die Schafe ihre sieben Monate auf dem Weidgang zu erhalten, aber auch Seuchen blieben nicht aus, die empfindliche Verluste mit sich führten. Medard war gegen seinen Herrn voll Zorn und Haß und wieder voll ergebener Abhängigkeit. Wenn er auch nun schon so viele Jahre bei ihm diente, ließ es ihn Diethelm gelegentlich doch noch immer fühlen, daß er ihn als Sträfling zu sich genommen, und behandelte ihn oft mit tyrannischer Willkür, gegen die auch nicht der leiseste Widerspruch sich erheben durfte. In der Seele des Schäfers setzte sich daher eine Bitterkeit fest, die ihn wünschen ließ, daß sein Herr einmal zu Falle kommen oder in seine Hand geraten möge. Munde dagegen war voll aufrichtiger Liebe gegen Diethelm, der ihm dafür auch mit besonderer Freundlichkeit zugethan blieb. Fünftes Kapitel. Während die Brüder draußen vor dem Thor sich über das Leben ihres Meisters besprachen, saß dieser drin beim Sternenwirt im hintern Stübchen vor einer Flasche vom Besten, die der Sternenwirt zu Ehren seines Gastes auftischte und dabei seine Familienverhältnisse darlegte. Halb klagend, halb ruhmredig erzählte er, wie sich die Zeiten ändern: er selber sei noch Metzger gewesen und habe dabei gewirtet, jetzt aber müsse ein Wirt alle Sprachen kennen, und ein Handwerk daneben zu treiben sei gar nicht denkbar; sein Wilhelm sei aber auch in Genf und »auf der Universität von allen Kellnern, im Schwan in Frankfurt gewesen«. Diethelm zeigte sich diesen Mitteilungen besonders teilnehmend und aufmerksam, denn es ist dem bangenden Herzen oft nichts erwünschter, als durch Aufnahme fremden Schicksals sein selbst zu vergessen. Während der Sternenwirt erzählte, hatte sich eine von dessen Töchtern und der Sohn angelegentlich mit Fränz beschäftigt und waren oft in lauten Scherz ausgebrochen. Der Sternenwirt rückte nun, von der Teilnahme seines Zuhörers ermutigt, weiter heraus: wie glücklich ein vermögliches Mädchen mit seinem Wilhelm werden könne, er wolle den Engel in der obern Stadt kaufen und ausbauen und sei ohne Rühmens der geschickteste Wirt. Diethelm nickte einverständlich und bemerkte nur, daß der Wilhelm noch jung sei und wohl noch ein paar Jährchen warten müsse, und der Wirt stieß eben mit ihm an, als der Reppenberger eintrat. Diethelm nahm ihn beiseite und vernahm, daß nichts zu verkaufen sei und höchstens ums halbe Geld. »Sag nur, ich behalt' den Posten auch noch,« rief Diethelm plötzlich laut und sagte dann, daß es alle hören konnten, leichthin zu dem Wirt: »Kannst mir nicht auf eine Stunde fünfhundert Gulden geben?« »Auf eine Stunde kann's schon sein,« erwiderte der Wirt, »es hat mir ein Händler tausend Gulden aufzubewahren gegeben. Nicht wahr, du bringst mir's gleich wieder? Von wegen, wenn's mein wär', könntest's behalten, so lang du willst, wär' mir sicherer als im Kasten. Es ist halb Silber und halb Papier. Was willst?« »Die Thaler, der Steinbauer hört das Geld gern klappern, er traut ihm eher.« Diethelm empfing ein graues Säckchen mit den Geldrollen, er übergab die kleine Last dem Reppenberger zum Tragen, befahl der Fränz, ihn hier zu erwarten, und ging mit seinem Geleite stolz durch das Marktgewühl. In der Post brach er alle Rollen auf und zählte und klimperte mit dem Gelde, das er dem Steinbauer einhändigte; das graue Säckchen betrachtete er dann eine Weile still und steckte es endlich zu sich, wobei er es an Spottreden auf den Steinbauer nicht fehlen ließ; dieser zählte aber- und abermals die Häufchen ab und hörte auf nichts. Vor dem Hause atmete Diethelm tief auf und sagte dem Reppenberger, daß er tausend Gulden haben müsse, und wenn er sie aus dem Heiligenkasten stehlen sollte. »In dem Nest muß Geld sein, hilf's holen,« ermahnte er den Reppenberger. Dieser wußte auch Rat: der Kastenverwalter hatte einen großen Posten bereit, aber nur auf Hypothek oder Wechsel. Von ersterer konnte bei Diethelm keine Rede mehr sein, er hatte nichts Unbewegliches als sein Haus und die Wiesen, und das war die letzte Sicherheit der Frau; und hätte er auch diese, wie er wohl wußte, zu einer Unterschrift bewegen können, er durfte es für sich selbst nicht thun, denn mit Ausnahme einer Hypothek wäre all' sein Ansehen vernichtet; vor dem Wechsel aber hatte Diethelm eine Höllenscheu, der Reppenberger mochte das einen albernen Bauernaberglauben schelten und darüber spötteln, wie er wollte. Vor der Thüre des Kastenverwalters stand Diethelm mit Reppenberger wie angewurzelt; er lachte zwar, wenn Reppenberger das »Haus Diethelm« aufforderte, zu verfahren, wie ihm zukam, aber innerlich bebte ihm das Herz; endlich mußte doch ein Entschluß gefaßt werden, und weil denn einmal das Unvermeidliche zu vollziehen war, entlehnte Diethelm gleich noch ein zweites Tausend. Dennoch erhielt er nur mit großer Mühe sechshundert Gulden bar, das übrige mußte er in fremden Staatspapieren zu hohen Tagespreisen annehmen. Noch nie zitterte die Hand Diethelms so sehr, als da er den Wechsel unterschrieb. Auf der Straße war's ihm, als sähe es ihm jedermann an, daß er sich dazu verpflichtet hatte, nach drei Monaten in schmähliche Gefangenschaft zu gehen; aber die Leute waren so ehrerbietig wie je, im Stern fand man es nicht im entfernteren verwunderlich, daß Diethelm auf die Minute sein Wort hielt; und als dieser dem Wirte die Staatspapiere aufzubewahren gab, kam ein neuer Stolz über ihn: »Tausende handeln ja nur mit Kredit, warum soll ich es nicht auch? Ich kann auch mit einem Federstrich Summen hin- und herschieben.« Die Furcht vor einer Wechselschuld erschien ihm jetzt in der That nur als ein Aberglaube, und der Wein erfrischte ihm das Herz wie noch nie. Auf die Bitten der Wirtsleute und der Fränz versprach er, über Nacht zu bleiben und den Honoratiorenball zu besuchen. »Das Haus Diethelm bleibt,« sagte er halb selbstspöttisch; es wußte niemand, was er damit meinte. Er ging nun hinaus vor das Thor, um seinen Schäfern Bescheid zu sagen und der Mutter Nachricht zu gehen. So traf Diethelm die beiden Brüder mitten im Gespräch über ihn; er war voll guter Laune, als ihm Medard das Geld für die verkauften siebzig Paar Hammel übergab, händigte ihm ein namhaftes Trinkgeld ein und befahl ihm, ein Fuhrwerk zu nehmen und rasch nach Buchenberg zu fahren, dort der Meisterin Bescheid zu bringen und alles herzurichten zur Aufnahme der neuen Waren und Schafe. Bald fuhr Medard mit seinem Bruder in die linde Nacht hinein, Buchenberg zu. Sechstes Kapitel. Diethelm wollte nun sogleich von dem Kastenverwalter den Wechsel auslösen, aber er überlegte, daß er dann ohne bar Geld sei, und noch nie hatte er solche Freude an diesem gehabt wie heute. Das Marktgewühl verlief sich allmählich: die großen Leiterwagen, mit lustigen Bauern und Bäuerinnen voll besetzt, konnten schon in ungehemmtem Schritte durch die Straßen heimwärts fahren, in den Krämerbuden wurde bereits eingepackt und gehämmert, und die Pferde der Uebernachtenden wurden zur Abendtränke an den Marktbrunnen geführt. Es war Diethelm, der in Gedanken verloren allem zuschaute, als bliebe er zum erstenmale in seinem Leben in einem fremden Orte über Nacht, und als sei er fern in der weiten Welt und diese Stadt ihm nicht wohlbekannt und heimisch. Er wartete noch, bis auch seine Rappen zur Tränke geführt wurden, dann ging er abermals nach dem Kaufhause, um die Beorderung der eingekauften Vorräte nach seinem Heimatsort anzuordnen. Als begänne das eben am Himmel aufflammende Abendrot zu tönen, so war's, als jetzt die Stadtzinkenisten den feierlichen Abendchoral vom Turme erschallen ließen. Diethelm achtete nicht lange darauf, und die Oedigkeit und Kühle, die jetzt in dem vor Stunden so menschenvollen Kaufhause herrschte, machte ihn eine Weile frösteln; aber er ließ es dennoch nicht an Umsicht fehlen, und der Reppenberger versah sein Aufseheramt meisterlich. Fünf große Wagen fuhren nach Buchenberg, als Diethelm wieder in den Stern zu seiner Fränz zurückkehrte und zu neuem Aufsehen eine weitere Summe zum Aufbewahren übergab. Das Innere des Hauses hatte in wenigen Stunden ein ganz andres Ansehen gewonnen, und in der Stube lachte ein Mädchen Diethelm aus, weil er es lange anstarrte und nicht erkennen wollte: es war Fränz, die in dem weißen Kleide der Wirtstochter mit veränderter Haartracht in der That ganz unkenntlich war. Diethelm schalt offen über diese Vermummung, denn teils regte sich der Bauernstolz in ihm, teils fühlte er auch wohl, wie ungemäß diese Erscheinungsart für die Fränz war. Der Wirt suchte ihn zu beschwichtigen, aber eine Stimme aus der Ecke rief: »Der Herr Diethelm hat ganz recht; die gewohnte Tracht ziert den Bauersmann am besten und ist auch die nützlichste, weil sie nicht aus der Mode kommt.« Zu seinem Schreck erkannte Diethelm den Kastenverwalter, und doch trat er rasch freundlich zu ihm und rühmte sich beim Glase sehr viel, wie stolz er darauf halte, ein schlichter, echter Bauersmann zu sein. »Dreieckiger Hut, dreifache Versicherung hat ehemals bei uns gegolten,« sagte ein hagerer Stammgast mit langer Pfeife, der neben dem Kastenverwalter saß und sich als Kaufmann Gäbler aus der Stadt zu erkennen gab. Und wo drei im Vaterlande heutigestags beisammen sitzen, sprechen sie über die fortschreitende Not und Verarmung des mittleren Bürger- und Bauernstandes. So auch hier. Leicht aber nehmen solche Gespräche eine selbstische Wendung, die mehr oder minder ausdrücklich darauf hinausläuft, sich am eigenen Wohlgefühl zu erquicken. Diethelm verstand es dabei meisterlich, eine bescheidene Großthuerei an den Tag zu legen; und als der Kastenverwalter die sicheren Hypotheken lobte, gab Diethelm zu verstehen, daß er deren auch manche habe, daß er sie aber für den Handel nicht angreife. »Das wäre ja,« sagte er, »wie wenn man einen Balken aus dem Hause nähme, um damit Feuer auf dem Herde zu machen.« Der Kastenverwalter fand das klug und lobte das Haus Diethelm, und dieser fand ein eigenes Wohlgefühl darin, mit Prahlereien um sich zu werfen, und sie dünkten ihn bald nichts als reine Wahrheit; denn es ist ja gleich, was man besitzen mag, wenn nur die Menschen daran glauben: der Glaube macht selig, und der Glaube macht reich. Endlich rückte der Kaufmann Gäbler mit seinem eigentlichen Vorsatze heraus, er war Agent einer Brandversicherungsgesellschaft, und Diethelm sollte die eingekaufte Ware und all seinen Hausrat versichern. Mit überlautem Widerspruch verneinte Diethelm diese Zumutung und hatte dafür allerlei unhaltbare Gründe vorzubringen, die der Kastenverwalter mit Siegesstolz widerlegte, wobei er mit besonderem Nachdruck wiederholte: daß nicht der Bauer Diethelm, sondern das Handlungshaus Diethelm versichern müsse. Als endlich auch der Sternenwirt beistimmte, gab Diethelm nach, aber unweigerlich beharrte er gegen den neuen Vorschlag: auch sein Leben zu versichern; ja, es wäre vielleicht darob zu einem heftigen Streite mit dem Kastenverwalter gekommen, wenn nicht plötzlich ein Zwischenfall eingetreten wäre, der Diethelm im hellsten Glanze strahlen machte. Ein junger Mann trat ein und fragte nach Diethelm; dieser ging auf ihn zu und begrüßte ihn mit hoher Freude und zwang ihn, mit an den Herrentisch zu sitzen. Nach vielem Widerstreben willfahrte der junge Mann, der ein Zeugweber aus der Stadt war, und soviel auch Diethelm abwehrte, bald sprach alles am Tisch nur Lob und Preis über ihn, denn der junge Handwerker, Kübler mit Namen, war Bräutigam mit der Bruderstochter Diethelms aus Letzweiler, und Diethelm allein war es, der das Mädchen ausstattete, so daß zu Neujahr die Hochzeit sein sollte. Diethelm nickte bejahend, als der Kaufmann Gäbler sagte: »Wenn der Vetter Diethelm für Euch gutsagt, Kübler, könnt Ihr bei mir holen, was Ihr wollt.« Immer aufs neue erhob sich das Lob Diethelms, der mit fürstlicher Freigebigkeit seinen Verwandten aufhelfe, und der Sternenwirt nannte ihn sogar einen Napoleon. Anfangs war Diethelm dieser Ruhm im Beisein seines Gläubigers peinlich gewesen; als aber auch der Kastenverwalter einstimmte, war es ihm, als wachse er immer. Und als endlich der Beginn des Honoratiorenballes in der Post angekündigt war, trat Diethelm so breit in den Saal, daß die beiden Flügelthüren nicht vergebens aufgemacht waren. Diethelm fühlte sich bei all seinem Stolz doch bald nicht recht wohl bei dieser Lustbarkeit. So genehm es ihm auch war, mit Beamten an einem Tisch zu sitzen, er machte sich doch bald zu dem alten Sternenwirt, der daheim in der untern Stube geblieben war, und hier ging ihm eine neue Hoffnung auf. Der Sternenwirt sagte offen, daß er und Diethelm keine Unterhändler brauchten, und erklärte geradezu, daß sein Wilhelm und die Fränz wohl für einander paßten; er verbreitete sich sehr über die wirkliche Tüchtigkeit eines klugen Bauernmädchens, und wie wohl angelegt hier eine reiche Mitgift sei. Diethelm gab nur abgebrochene Antworten und hielt dabei immer derart inne, daß der Sternenwirt etwas einschieben mußte. Immer wohlgemuter und zutraulicher wurden die beiden Genossen, denn der Sternenwirt bewährte heute an sich seine alte wirtliche Ermahnung: »Der Wein hängt an einander.« Mit diesem Worte brachte er immer wieder volle Flaschen auf den Tisch. Spät in der Nacht, als die Gäste sich bereits entfernt hatten, saßen Diethelm und Fränz noch bei den Wirtsleuten, und es war ihnen allen so vertraut zu Mute, daß man sich gar nicht trennen mochte; und doch sprach man nichts von der neuen Familieneinigung, aber diese schien allen in der Seele zu leben. Um dieselbe Zeit saß in Buchenberg noch die Frau Diethelms harrend bei der einsamen Lampe. Es war eine Frau von großer hagerer Gestalt und feinem, fast vogelartigem Gesichte, sie war ersichtlich älter als Diethelm; und wie sie jetzt tief Atem holend vom Spinnen aufschaute und in die Lampe hineinstarrte, sah man, daß ein schwerer Kummer sich in diesem Antlitze heimisch angesiedelt hatte. Sie hatte heute alle heimkehrenden Marktgänger nach ihrem Manne ausgefragt; die einen gaben nur halben Bescheid, die andern verkündeten Dinge, die unglaublich waren. Freilich hielt Diethelm streng darauf, daß sie keine volle Einsicht in seine Handelschaft hatte, so viel aber wußte sie doch, daß er jetzt bar Geld brauchte, er konnte also unmöglich eingekauft haben. Mit den heimkehrenden Marktgängern, ihren mitgebrachten Lederspangen, Gewandstoffen, Kinderpfeifen und Kindertrompeten, mit der Musterung der eingekauften Pferde und Kühe, vor allem aber mit der lärmenden Laune der Angetrunkenen war etwas von dem geräuschvollen Marktgewühl in das stille Dorf gedrungen, und die Heimgebliebenen sahen dem verwunderlich zu; vor allen aber betrachtete die Grobbäuerin – wie Martha Diethelm noch immer nach ihrem ersten Manne genannt wurde – das alles, als wäre es etwas Unerhörtes. Da zeigten die einen die neuen Schuhe und Stiefel, die sie in der Hand trugen, und ließen um den Preis raten, oder sie übergaben den Kindern die für sie eingekauften, die damit davon rannten; andere ließen ihre neuen Hüte mustern, die sie auf dem Kopfe trugen, während sie die alten in der Hand hielten, und mancher Spaßvogel stülpte den neuen Hut über den alten auf den Kopf. Der Schmied hatte seinen Weißdornstock quer über den Rücken gelegt und die Arme als Haken darüber geschlungen, Martha wußte nicht, war es die Weinlaune oder Ernst, als er ihr berichtete: der Diethelm käme zehnmal so reich wieder heim. Als es wieder still im Dorfe wurde, in den Häusern die Lichter erflammten und ein jedes im Kreise der Seinen erzählte, was ihm am heutigen wichtigen Tage begegnet war, saß Martha noch immer im Dunkeln in ihrer Stube; ihr war so bang, sie war wie festgezaubert, daß sie der Magd nicht nach Licht rufen konnte; und als diese endlich von selbst damit kam, heiterte sie sich wieder auf: es war ja nichts geschehen, worüber sie zu bangen ein Recht hatte, und sie ließ sich gern von der Magd berichten, welche neue Kleider u. dgl. in das Dorf gekommen waren. Als endlich Schlafenszeit und noch immer kein Diethelm und keine ausdrückliche Nachricht von ihm kommen wollte, schickte sie die Magd zu Bett und setzte sich an ihren Spinnrocken, um sich wach zu halten. Die Wanduhr schlug neun, die an Ketten hängenden Gewichte rasselten nieder und pochten an den Uhrenkasten. Martha erhob sich und zog die Uhr auf, sie erinnerte sich, wie in der ersten Zeit ihrer Ehe, als Diethelm noch »hauslich« war, er jeden Abend selbst zur bestimmten Stunde die Uhr aufgezogen; sie betrachtete das Zifferblatt: da stand mit großer Schrift ihr Name und der Diethelms, sowie die Jahreszahl ihrer Hochzeit in einem Blumenkranze. Damals als die Uhr zum erstenmal hier hing, war große Freude, und wie viel schwere Stunden hat sie seitdem geschlagen, und wie ist sie selbst ein Erinnerungszeichen des Zerfalls geworden, denn diese einfache Uhr kostete dreitausend Gulden; Diethelm hatte für seinen Schwager, der sich mit dem Uhrenhandel beschäftigte, um diese Summe Bürgschaft geleistet, der Schwager war in der Fremde geblieben, und man konnte noch von Glück sagen, daß er seine Familie nachkommen ließ, nachdem man sie mehrere Jahre ernähren mußte. Ach! An alles knüpften sich traurige Erinnerungen. Es war still ringsum, denn das Haus Diethelms lag weitab vom Dorf auf einer Anhöhe. Martha öffnete das Fenster, horchte hinab und schaute hinein in die sternglitzernde Nacht, dann setzte sie sich wieder zur wachhaltenden Arbeit, und ihr ganzes Leben zog an ihrem Sinnen vorüber. Jung verheiratet an einen grämlichen, bis zum Hungerleiden geizigen Mann, der nicht umsonst der Grobbauer hieß, hatte sie ein schweres Los; sie gebar drei Kinder, von denen sie zwei begrub, und nur das älteste, eine Tochter, war ihr geblieben, als auch ihr Mann starb. Sie verfeindete sich mit ihrer ganzen Familie, besonders aber mit ihrem Bruder, dem Schäuflerdavid, als sie ihren überaus schmucken Knecht, den Diethelm heiratete. Die Leute sagten, der Diethelm habe um die Tochter Marthas gefreit, die Mutter aber habe ihn für sich behalten. Bald nachdem die Tochter auf den Kohlenhof, zwei Stunden von Buchenberg, verheiratet war, feierte Martha ihre Hochzeit mit Diethelm. Dieser, obgleich zwölf Jahr jünger, schien überaus glücklich mit seiner rüstigen wohlhäbigen Frau, er ehrte und erfreute sie, wo er es nur immer vermochte, und schien sich noch immer fast als Knecht zu betrachten, denn er verfügte über nichts in Haus und Feld, ohne vorher die Frau darum zu befragen. Buchenberg gehört noch zu jenen Dörfern, wo alles miteinander verwandt ist, weil die großen Bauern nur unter sich heiraten. Um so glücklicher durfte sich Diethelm schätzen, vom fremden Knechte zum reich angesessenen Hofbauern erhoben zu sein. Er schien das auch zu erkennen. Bald aber erhielt Martha die Kunde, wie er hinter ihrem Rücken über Großes verfügte und namhafte Summen seinen Verwandten schenkte. In seltsamer und doch so häufig vorkommender Verkehrtheit ging sie tage-, ja wochenlang mit tiefem, immer sich steigerndem Zorn in der Seele umher, und unversehens, bei den geringsten Anlässen, brach sie in Verwünschungen, in Schelten und Weinen aus, daß alles zu Grunde gerichtet werde. Die Erwartung, daß Diethelm endlich selber seine geheime Schuld bekennen würde, konnte immer schwerer in Erfüllung gehen, denn Diethelm sah nun auf einmal in seiner Frau ein verändertes zänkisches Wesen, sah sich für sein ganzes Leben ans Unglück geschmiedet und freute sich im stillen doppelt, daß er in der Aufhilfe seiner Familie doch noch eine Freude habe, während ihm sonst nur Leid bevorstand. Er wußte doch jetzt, wofür er das zu erdulden habe. Dem allzeit keifenden Wesen seiner Frau setzte er unverbrüchliches Stillschweigen gegenüber; und als er dies endlich brach, da die Frau ihn im Beisein des Metzgers über den eigenmächtigen Verkauf eines Kälbchens hart anließ, erfuhr er endlich die lang verhaltene Ursache vom Zorn seiner Frau. Jetzt aber war der gerechte Grund ihres Unwillens längst in ihm vernichtet und abgebüßt, und mit schneidendem Spott erklärte er seiner Frau, daß er nicht, wie sie, kein Herz für die ihm angehörige Familie habe. So verkehrt es auch war, daß Diethelm seiner Frau ein Verhältnis zum Vorwurf machte, das doch nur um seinetwillen eingetreten war, so wirkte dies doch so erbitternd auf Martha, daß sie, ohne ein Wort zu sagen, mit hervorgequollenen Augen, mit knirschenden Zähnen und zitternd gekrallten Fingern auf Diethelm eindrang, als wollte sie ihn in Stücke zerreißen. Diethelm stand starr und regungslos bei diesem Anblicke. So hatte er sich nie gedacht, daß seine Frau werden könne. Als sie nun ihm ganz nahe war, verzerrten sich ihre Mienen zur grimmigsten Fratze; aber sie legte nicht Hand an ihn, sondern stieß nur einen unartikulierten Schrei höchster Verachtung aus und verließ die Stube. Von jenem Tage an und gerade aus dem Ausbruch von so mächtigen Zorn- und Haßgedanken war eine seltsame und doch wieder so leicht erklärliche Einkehr in den Gemütern der beiden Ehegatten vorgegangen. Diethelm erkannte und sprach es aus, daß er seiner Frau unrecht gethan, daß sie vollberechtigt sei, in der Verwendung ihres Besitztumes darein zu reden. Er erklärte ihr nun die Hilflosigkeit seiner Angehörigen, und wie er sich schämen müßte, selber im Ueberflusse zu leben, während seine Nächsten darbten. Auch Martha erkannte dies, und daß sie ungerecht gegen ihren Mann gewesen, aber ausdrücklich bekennen konnte sie das nicht, obgleich sie oftmals auf Diethelms Gutherzigkeit zu sprechen kam und dabei das zum Verzweifeln karge Wesen ihres verstorbenen Mannes erwähnte. Sie schickte nun selbst, so oft sich Gelegenheit gab, allerlei nach Letzweiler, und Diethelm, nun vollkommen gedeckt, wollte allen seinen Angehörigen gründlich aufhelfen. Ein wirklich ungewöhnlich mächtiger Familiensinn, dabei aber auch die Lust, frei und offen über ein großes Besitztum zu verfügen, und vor allem die Ehre und der Ruhm, der ihm dadurch ward, ließen ihn fast keine Grenzen mehr kennen. Das Haus des Grobbauern, das ehedem von den Bettlern gemieden war, zeigte sich seit Diethelms Zeiten als die reichste Quelle der Wohlthaten, und es wurde viel gerühmt. daß Martha nie einem Armen eine abgerahmte Milch gab. Eine Eigenschaft zeigte sich bei Diethelm in allem: es war eine unersättliche Ehrbegierde; er hätte lieber das tiefste häusliche Elend ertragen, ehe er davon etwas in der Welt verlauten und so seine Ehre bloßstellen ließ. Als nun nach fünf Jahren kinderloser Ehe die kleine Fränz geboren wurde, war er voll steten Jubels, und an dem Kinde schien immerwährend sein ganzes Leben zu hängen. Aus dem Gespräche der beiden Schäfer ist uns noch erinnerlich, welch eine seltsame Lebenswendung Diethelm einschlug und wie bald keine Spur mehr davon übrig war, daß er einst das Besitztum seiner Frau wie ein Dienstbote betrachtet hatte. Er schien fortan keine Ruhe mehr in seinem Hause und in seinem ganzen Leben zu haben; es kam hierüber zu heftigen Erörterungen, und Diethelm behauptete ein für allemal, er habe es versäumt, seine jungen Jahre zu genießen, und müsse das jetzt nachholen. Von jener Zeit an sah Martha, welch ein Leben ihr geworden war, sie ließ alles ohne Widerrede geschehen, den Güterverkauf, den Fruchthandel, die Schafhalterei; sie hatte einen Mann, der sie des Reichtums wegen geheiratet und der nun, dessen gewohnt, ihrer kaum mehr achtete und seine Freude außer dem Hause suchte. Das war aber nicht immer der Fall, denn Diethelm hatte Zeiten, da er voll Ehrerbietung gegen seine Frau war und sie scherzweise Meisterin nannte, und die Frau hatte bei all ihrem vergrämten Wesen doch oft Mitleiden mit dem Mann, der vielleicht mit einer jungen, minder begüterten Frau glücklicher geworden wäre. So lebten diese Leute schon zweiundzwanzig Jahre in der Ehe und hatten noch ihre Einigung nicht gefunden, und doch strebte eigentlich im innersten ein jedes, dem andern zu Gefallen zu leben; und war auch viel Streit und Zank zwischen ihnen: war das eine vom andern entfernt, gedachten sie mit inniger Sehnsucht einander, und die Frau besonders war dann bestrebt, gegen jedermann ihren Diethelm zu preisen. An Fränz, wenn sie zu Haus war und nicht nach ihrer Gewohnheit den Vater überall geleitete, hatte sie keine Stütze; denn das Mädchen hatte das hoffärtige Wesen ihres Vaters geerbt; Großthun, die Welt in Neid von sich reden machen, war ihr ewiges Dichten und Trachten, und sie schalt wie Diethelm die Grämlichkeit und das Schwarzsehen der Mutter eine Alterskrankheit, die sie höchstens bemitleidete. Martha saß jetzt allein, rückwärts schauend in die Vergangenheit und vorwärts nach ihrer einzigen Sehnsucht: dem Tod. Da hörte sie einen Wagen die Straße daherfahren, eine Männerstimme rufen, und mit der Freude eines Mädchens, das den Bräutigam erwartet, rief sie zum Fenster hinaus in die Nacht: »Willkommen, Diethelm!« Es antwortete niemand, sie steckte schnell die Ampel in die Laterne, eilte hinab, und als sie die Ankommenden sah, schrie sie jammernd laut auf. »Was habt Ihr, Meisterin?« fragte der Schäfer, dem sein Bruder vorausgegangen war. »Was will der Landjäger?« fragte die Frau. »Das ist kein Landjäger, das ist ja mein Munde,« antwortete der Schäfer, und Munde faßte die Hand der Frau, die zitternd und kalt war. Als Medard in der Stube die Vorgänge in der Stadt erzählte, preßte die Frau die Lippen, und ihre vogelartige Nase wurde kreideweiß; sie sprach kein Wort und schüttelte nur mehrmals mit dem Kopf. Als sie endlich in ihrer Kammer allein war, warf sie sich auf die Kissen und weinte hinein und schrie die Worte: »Ausborger! Vergantet! Letzweiler Lump.« Dann richtete sie sich wieder schnell auf, riß die Kissen vom Bett und schrie wie rasend: »Das alles wird versteigert, alles. Aufs Stroh, aufs Stroh bringst du mich.« Sie warf sich auf das Stroh und weinte lange, bis sie endlich einschlief. Siebentes Kapitel. Von Trompeten- und Posaunenschall erweckt, schlug Diethelm am Morgen die Augen auf; es schien ihm fast, als ob es die Stadtzinkenisten gerade auf ihn abgesehen hätten, und ihm war jetzt so schwer, als ob die ganze Last des Erkauften leibhaftig auf ihm läge: er überschaute jetzt nochmals die Zahlen in seiner roten Schreibtafel und erkannte, daß er mehr eingethan, als ins Mäß will. Jetzt galt es aber mutig einzustehen. Fränz war sehr mißlaunisch, sie hatte sich in den vornehmen Kleidern doch ausnehmend gefallen und kam sich wie erniedrigt vor in der gewohnten Tracht. Sie mußte nun den Vater zu dem Kaufmann Gäbler begleiten, wo man feines blaues Tuch zu einem Mantel für die Mutter einkaufte, und von den Zureden Gäblers unterstützt, ließ sie nicht ab, bis auch für sie mehrere städtische Kleider eingekauft wurden. Gäbler war überaus freundlich und sagte, Diethelm habe mit Recht den Ruhm, daß gut mit ihm handeln sei und er etwas an sich verdienen lasse. Als Diethelm die Ware bezahlen wollte, lehnte Gäbler dies mit dem höflichen Beisatz ab, solche Kunden müsse man festhalten, denen stelle man Jahresrechnung, und Diethelm lächelte in sich hinein; so klein auch diese Summe war, es zeigte sich doch wieder, wie die ganze Welt ihm ihr Besitztum aufdrang und Vertrauen in ihn hatte. Warum sollte er das selbst nicht haben? Gäbler rief Diethelm noch auf der Straße nach, daß er in den nächsten Tagen mit dem Brandschatzungskommissär nach Buchenberg käme, um alles aufzunehmen und zu versichern, und er hoffe, daß das Beispiel ihm mehr Kunden im Oberlande verschaffen solle. Diethelm hatte das eingekaufte Manteltuch im Arm, jetzt ließ er es plötzlich fallen, und als er sich danach bückte, stürzte er nach der ganzen Körperlänge auf den Boden. Fränz und der herzugeeilte Gäbler hoben ihn rasch auf, und Diethelm behauptete mit schmerzverbissenem Antlitze, daß er über einen Pflasterstein gestrauchelt sei. Der Abschied von den Wirtsleuten im Stern hatte etwas erzwungen Heiteres, der Sternenwirt sagte noch bei der letzten Handreichung: »Es bleibt also, wie wir abgeredet.« Diethelm nickte bejahend. Mit einem besondern Behagen legte er dann das Manteltuch in die Kutschentruhe, er konnte seiner Frau damit doch beweisen, wie er ihrer gedacht; und erst, als er schon fuhrfertig oben saß, kam Fränz mit hochglühenden Wangen und verweinten Augen. Die beiden Wegfahrenden sprachen kein Wort miteinander, und Diethelm schaute immer rechts und links nach den Häusern; sein Blick haftete besonders auf jenem Täfelchen, darauf im schwarzen Felde zwei rote Hände ineinander verschlungen waren. Erst vor der Stadt nahm Diethelm die Peitsche auf und schlug fluchend und im heftigsten Zorn auf die beiden Rappen, daß sie in wildem Trab dahin rannten. Es war ein schöner heller Augustmorgen, die Leute am Wege arbeiteten, als wäre nicht gestern Markttag gewesen, und mancher schwere Garbenwagen, der langsam des Weges daherkam, hatte kaum Zeit, dem pfeilschnellen Gefährte auszuweichen, und mancher im Felde drohte mit dem Garbenknebel, mancher Bauer fluchte mit geballter Faust hinter Diethelm drein, denn er war beim raschen Ausweichen in einen aufgeschichteten Steinhaufen am Wege oder gar in den Weggraben gefahren und konnte nun lange nicht mehr vom Fleck, während Diethelm rasch aus den Augen verschwand. An der ersten Anhöhe begegnete Diethelm einem leeren Wagen; er hielt an und erfuhr auf die Frage: woher? daß dies der Knecht des Steinbauern war, der ihm Wolle zugeführt hatte. »Hast ein Trinkgeld bekommen?« fragte Diethelm. »Wüßt' nicht von wem. Die Frau hat sich gar nicht sehen lassen, ein Schäfer und ein Soldat haben die Ballen abgenommen.« In einem Gemisch von Demut und Stolz sagte Diethelm, in die Tasche greifend: »Ich bin der Diethelm, bin selber Knecht gewesen und weiß, was ein Trinkgeld ist. Mein' Frau ist krank. Säh« (da), und er warf buchstäblich das Geld auf die Straße und fuhr davon. Diethelm schimpfte gegen Fränz über die Mutter, die ihn gewiß wieder »mit ihrem Gruchzen in der ganzen Welt verbrüllt habe«, und Fränz hatte darauf nichts zu erwidern, als daß das Verbleiben in der Stadt ja so schön gewesen sei. Trotz der Erwähnung dieses Säumnisses dachte keines von beiden daran, wie es Pflicht gewesen wäre, alsbald selbst heim zu eilen und die Uebernahme und Einräumung selbst anzuordnen, statt sie der Mutter über den Hals zu schicken. Fränz und Diethelm waren wie zwei Menschen, die, ohne es sich offen zu gestehen, daß sie ein Unrecht begangen, und doch dessen bewußt, gegen den losfahren, dessen Leiden ihnen den Spiegel ihres Thuns vorhält. Diethelm schwur, daß er nun der Mutter das Manteltuch gar nicht gebe, sie habe es nicht verdient, und nur hierin beschwichtigte Fränz und deutete auf die Kränklichkeit und daraus folgendes grämliches Wesen der Mutter hin. Nun waren sie wieder beide wohlgemut, denn sie konnten jeden vorkommenden Vorwurf mit mitleidigem Achselzucken von sich weisen. Am Waldrande in der Mitte des Weges erhob sich eine Staubwolke, und als die Fahrenden näher kamen, zeigte sich eine große Herde Schafe. Der Schäfer kannte Diethelm und sagte, daß er am Abend in Buchenberg sein werde, und lobte überaus die eingekaufte Herde. Diethelm empfahl ihm, ruhigen Trieb zu halten, und warf auch ihm ein Geldstück zu. »Das ist alles unser,« sagte Diethelm dann mit triumphierender Miene zu Fränz, und mit Stolz wies er weiter hinaus, wo wieder eine Herde in einer Staubwolke sich zeigte, und es war ihm, als ob nirgends Raum genug wäre und auf allen Wegen sich sein Reichtum ausbreitete, mit dem er Hohes, Unübersehbares erobern wollte. Mit Behagen erzählte er zum hundertstenmal der Fränz, wie er vor dreißig Jahren mit dem Stab in der Hand und neun Kreuzer in der Tasche nach Buchenberg gekommen sei, und wie er jetzt auftrete und noch höher hinaus müsse. »Und alles nur für dich und für die Meinigen in Letzweiler,« schloß er und redete nun Fränz ins Gewissen, daß sie den Schäfer Munde, der jetzt daheim gewiß auf sie warte, ein- für allemal aufgeben müsse. Fränz erklärte sich hiezu bereitwillig, sie spottete über die Liebschaft mit Munde als über ein Kinderspiel, nannte ihn ein an Pfennigwirtschaft gewöhntes Schäferle und sagte geradezu, daß sie nur noch in reichen Verhältnissen leben und sich nicht abplagen möge, wie eine Viehmagd. An der sogenannten kalten Herberge auf der Anhöhe standen noch drei beladene Wollwagen. Diethelm stieg ab und hörte, daß diese Fuhren für ihn seien; er ließ nun den Fuhrleuten auftischen nach Herzenslust, beschenkte die Armen und Wanderburschen, die sich wie gerufen eingestellt hatten, und gebärdete sich überhaupt, als ob er einen großen Schatz gefunden und Geld für ihn gar keinen Wert habe. Er freute sich des dankenden Lobes von den Fuhrleuten und horchte aus dem Verschlage hinaus nach der großen Stube, denn er wußte wohl, daß die Leute dort den Ruf im Lande machen. Es war aber nicht allein dieser Ruhm, der ihn erfreute: er hatte seine Lust an der Freigebigkeit selbst; dieses Aufleben der Beschenkten durch die Gabe, dieses Erleuchten des Antlitzes gleich dem glänzenden Aufsprossen einer Pflanze nach erfrischendem Regen, das that ihm im Innersten wohl. Sinnliche Naturen, das heißt solche, die mit mächtigen Trieben ausgestattet sind, neigen auch leicht zu Freigebigkeit und Wohlthätigkeit: das Mitgefühl ist rasch erregbar, und jener dunkle Zusammenhang mit der Außenwelt offenbart sich in Leid und Lust. Was man die Gutherzigkeit nennt und mit Recht hoch hält, wird durch solchen Ursprung nicht aufgelöst, die Sonne freier Erkenntnis färbt die Frucht, der aus dunklem Grunde der Saft zuströmt. Diethelm empfand eine wahre Glückseligkeit in der Anschauung und in dem Gedanken, wie viele er labte und erquickte. Der Wein mundete vortrefflich, und da einmal aus Versehen ausgespannt war und die Frau zu Hause gewiß kein Essen bereitet hatte, ließ es sich Diethelm, trotzdem es noch so früh am Tag war, trefflich schmecken; zankte nun die Frau daheim, so hatte er doch vorgesorgt, und der Wein gab Mut zu allem. Der Wirt äußerte in redseliger Weise seine Freude über die Einkehr Diethelms und erzählte, wie es ihn schon lang verdrossen habe, daß er immer ohne anzukehren vorbeigefahren sei. »Freilich,« setzte er hinzu, »früher hat das Haus kein Ansehen gehabt, aber jetzt, seitdem ich neu gebaut habe, besuchen mich die Herrschaften aus der Stadt.« »Hast deswegen neugebaut?« »Nein, ich hab' müssen, ich bin ja abgebrannt.« »So?« sagte Diethelm und stürzte ein volles Glas hinab. »Bist versichert gewesen?« »Darüber könnt' ich nicht klagen, der Kaufmann Gäbler auf dem Markt hat mir den Schemel unterm Tisch vergütet.« Diethelm schwieg während der weitläufigen Erzählung von dem Brand und dem Neubau. Er hörte mißtrauisch die ganze Darlegung von der Anklage auf Brandstiftung und der vollkommenen Freisprechung von derselben, und so heiter er in das Wirtshaus eingetreten war, ebenso mißmutig verließ er dasselbe: der Mann und all seine Habe, alle die Tische, Stühle, Thüren erschienen ihm so verbrecherisch, das ganze Hans so unheimlich, als spräche aus jedem Stein und Balken das Verbrechen, das es gegründet haben sollte. Als flöhe er vor einer verzauberten Behausung, die ihn festbannen wollte, machte sich Diethelm davon, und die Leute schauten ihm verwundert nach, als er in gestrecktem Galopp über die Hochebene davonjagte. Als es wieder bergab ging, hemmte Diethelm kein Rad, und die Rappen stemmten sich rechts und links, und Diethelm fuhr immer hin und her, um dadurch eine Schlängelung des Wagens zu gewinnen; da krachte es plötzlich, der Sattelgaul stürzte und riß Diethelm mit sich vom Wagen herab, daß Fränz laut aufschrie. Herbeieilende Wegknechte halfen bald wieder auf, Diethelm hatte sich nicht beschädigt, nur hinkte er am linken Fuß. Die zerbrochene Deichsel wurde zusammengebunden, und die wild gewordenen Pferde an der Hand führend, ging Diethelm mit der Fränz neben ihnen her. Eine gute Strecke gingen sie lautlos dahin, jetzt hielt Diethelm an, nahm seufzend den Hut ab, seine Haare schienen in der That seit zwei Tagen sehr gebleicht zu haben, und an das staubbedeckte Pferd gelehnt, sagte er mit zitternder Stimme: »Fränz, ich thät sterben, ich thät mir selber den Tod an, wenn ich auf meine alten Tage in Not käm'; wenn ich laufen müßt' und nicht mehr fahren könnt'. Guck, ich mein', ich geh knietief im Boden, so schwer wird mir's. Wenn ich soweit 'runterkäme – nein, es darf nicht sein. Ich bin nicht allein, ein ganzes Dorf stürzt mit mir. Wenn ich niemand mehr was schenken könnt' – lieber möcht' ich gestorben sein.« Fränz tröstete, so gut sie konnte, und nannte diese Schwermut nur eine Folge des Schreckens. In Unterthailfingen, kaum noch eine Stunde von Buchenberg, war Diethelm eigentlich schon zu Hause, denn hier hatte er einen Weidgang für vierhundert Schafe gepachtet. An der Schmiede wurde nun die zerbrochene Deichsel wieder festgenietet, und der Wein im Wirtshaus festigte fast ebenso das geknickte Gemüt Diethelms, ja, er fühlte sich so frisch gestimmt, als ginge es zu einer besonderen Festlichkeit, und in seltsamer Laune schickte er nach dem Bader und ließ sich von ihm mitten in der Woche die Bartstoppeln abnehmen. Achtes Kapitel. Mit Aufsehen erregendem Wagengerassel fuhr Diethelm in Buchenberg ein; aber es schaute niemand nach ihm, denn eben läutete die große Glocke, die sogenannte alte Kathrin', die nur bei Sterbefällen und in Feuersgefahr allein angezogen wurde. Diethelm fühlte, wie dieser Klang ihm den Atem stellte. War's möglich, daß seine Frau sich ein Leid angethan? Er mußte die Leute auf der Straße für die arme Seele beten lassen und konnte nicht fragen. »Wer ist gestorben?« fragte er, beim Wirtshause zum Waldhorn anhaltend, und erhielt zur Antwort, daß man dem alten Küfermichel zum Verscheiden läute. Diethelm knallte mit der Peitsche. Es war nicht der Mühe wert, um den alten Mann so viel Aufhebens zu machen. Heitern Sinnes fuhr er das Dorf hinaus nach seinem Gehöfte. Im hellen Mittagsglanze lagen Haus und Scheuer und Ställe stattlich da. Das Haus, mit der Giebelseite nach der Straße gekehrt, von den Grundmauern bis zum Dach um und um mit graugewordenen Schindeln vertäfelt, die als Wetterpanzer dienten, öffnete jetzt sozusagen seinen Mund und erhielt große Brocken; denn in dem Vorbaue am Dache standen zwei Männer und zogen an der Radwinde die Wollballen herein, die von unten hinaufgeschrotet wurden. Aus dem Schornstein stieg kein mittäglicher Rauch auf, und es war nun doppelt gut, daß in der kalten Herberge vorgesorgt war. Während er den kleinen Hügel hinanfuhr, überlegte Diethelm, wie er dem keifenden Wesen der Frau begegnen solle, und es blieb schließlich dabei, daß er zu allem lächeln und geheimnisvoll thun müsse, als ob er einen großen Gewinn in der Tasche und einen noch größern in Aussicht habe. Als er anhielt und abstieg, ließ sich niemand sehen. Diethelm führte selbst die Pferde in den Stall und schickte durch Fränz das Manteltuch der Mutter; dann ging er an der Stubenthür vorbei, drin er laut weinen hörte, hinauf auf den Speicher, und als er hier mit Medard zankte, weil er die verschiedenen Sorten untereinander gelegt, erwiderte dieser trotzig, das ganze Geschäft sei eigentlich nicht seine Sache, er sei Schäfer und nicht Kaufmannsdiener. Zu jeder andern Zeit hätte Diethelm auf solche trotzige Art tapfer ausgeschirrt, heute aber brummte er nur vor sich hin: »Wart' nur, krummer Spitzbub'«, und sprach kein lautes Wort. Er wollte es vor allem vermeiden, vor den vielen ein- und ausgehenden Fremden im Hause irgend Zank laut werden zu lassen; denn es konnte dabei manches zu Tage kommen, was besser verborgen blieb, auch wußte er, wie große Stücke seine Frau auf den Schäfer und dessen ganze Sippschaft hielt. Als er wieder die Stiege herab kam, stand die Frau am Herd und zündete ein Feuer an. Er reichte ihr die Hand und fragte: »Warum hast denn bis jetzt kein Feuer angemacht?« »Ich hab' warten wollen, bis du's selber anzündest,« erwiderte die Frau in schmollendem Tone. Diethelm stand erstarrt und biß auf die Lippen. Was meinte die Frau mit diesen Worten? Wie konnte sie ahnen, daß heute schon zum zweitenmal ein solcher Gedanke ihm wie ein brennender Funke in die Seele fiel? Die Frau aber schien diese Worte nur unbedacht als scharfe Widerrede gesprochen zu haben; denn, ohne weiter darauf einzugehen, schalt sie die Fränz: »Was laufst so 'rum wie ein Schlittengaul? Zieh deine Sonntagskleider aus. Es ist ja Sünd' und Schad. Wirst doch nicht so daheim 'rumlaufen wollen? Bei rechtschaffenen Bauersleuten ist's immer so gewesen: wenn man heimkommt, zieht man seine Werktagskleider an und legt die guten ordentlich in den Schrank. Aus dem Weg! Darfst mir nichts anrühren. Fahr in der Welt herum oder zum Teufel, wohin du magst.« Der Zorn gegen den Vater ging wie schon so oft auch diesmal an dem Kind aus; denn einerseits hatte Martha nicht den vollen Mut gegen ihren Mann, anderseits wußte sie, daß eine Kränkung der Fränz ihm doppelt weh thue. Fränz wollte laut aufweinen, aber Diethelm beschwichtigte sie und sagte: »Die Mutter hat recht, ganz recht hat sie, aber heut ist eine Ausnahme, heut kommen noch viele Leut', und da darf man nicht so verhudelt 'rumlaufen.« »Und ich? ich kann das Aschenputtel sein? frug die Mutter. »Du mußt dich auch besser anthun. Wie gefällt dir das Manteltuch? Frau, du wirst dein' Freud' haben an dem Marktgang,« sagte Diethelm mit zutraulicher Stimme, während er klein Holz häckelte, eine Aufmerksamkeit, die er seit den ersten Jahren der Ehe nicht mehr gehabt hatte. Der Hausfriede war nun notdürftig hergestellt, und Diethelm mußte bei Tische thun, als ob er noch nirgends gespeist habe; er würgte jeden Bissen mit Mühe hinab, und sein ganzes Heimwesen erschien ihm auf einmal so düster: wie war's draußen in der Welt so hell und freundlich und alles so zuvorkommend, und hier mußte er immer thun, als ob er das Gnadenbrot esse. Die freie Stimmung, die er aus der Ferne mitgebracht, war plötzlich gefängnisdumpf, und als er wieder hinabkam und seine Halbkutsche sah, meinte er, er müsse gleich wieder anspannen und fort, immer weiter: auf der kalten Herberge, im Stern, in der Post, überall war's viel besser, sonniger und luftiger. Wagen an Wagen kamen angefahren, Herden hielten unten am Wege und blökten so kläglich, und Diethelm war's wieder, als ob ihn all das neue Besitztum erdrücke; er hatte außer Medard noch zwei Schäfer in Dienst genommen, und noch hatte jeder mehr als die gewohnte Zahl vierhundert zu hüten. Aber er that freundlich und wohlgemut, er half selber die Ballen oben in der Luke einziehen, und einmal schrie alles laut auf, denn Diethelm hatte sich zu weit hinausgewagt, er hing frei in der Luft am Seil, es war ihm, als schwebte er über dem Abgrund: er wußte nicht, sollte er festhalten oder freiwillig hinabstürzen, daß er zerschmettere und alles auf einmal aus sei; aber unwillkürlich hielt er fest, und besonders der Geistesgegenwart und dem entschiedenen Kommando des Schäfersoldaten Munde war es zu danken, daß vor lauter Staunen über den möglichen Unfall derselbe nicht in der That eintraf. Die Männer unten ließen leise die Last wieder herabgleiten, und Diethelm stand schwankend auf dem Boden und fühlte, wie er aus Not und Tod plötzlich wieder ins Leben gestellt war. Die Gefahr, in der Diethelm geschwebt, hatte plötzlich wieder all' die Liebe Marthas zu ihm geweckt, sie umhalste ihn laut weinend und dankte Gott für seine Rettung. Vor einer Stunde noch voll Jähzorn und giftiger Verwünschungen, verfiel sie jetzt in die ganz entgegengesetzte Stimmung, daß sie ihren Diethelm »verkindelte«, so daß dieser einst von solcher altmütterlichen Behandlungsart gesagt hatte: »es fehle weiter nichts, als daß ihm seine Frau noch Kindchensbrei koche.« Martha duldete es nicht mehr, daß Diethelm irgend Hand anlege; sie besorgte selber die Empfangnahme alles Eingekauften, Diethelm mußte in der Stube sitzen, und wie er draußen lärmen und rufen hörte, kam er sich vor, als wäre er im Fieber gefangen und alles stürmte auf ihn ein, und er konnte sich nicht wehren und mußte still alles mit sich geschehen lassen. Endlich waren die leeren Wagen abgefahren, die Herden in den weitläufigen, an das Haus angebauten Ställen untergebracht, es war Abend, und Diethelm fühlte sich so wohl daheim, daß ihm die vergangenen Tage und das Hinaussehnen wie ein Traum erschienen. Hier allein war Friede und Glückseligkeit. Er ließ den Munde in die Stube rufen, dankte ihm für seine entschiedene Hilfe und schenkte ihm einen Kronenthaler. Munde nahm zaghaft das dargebotene Geld, aber er nahm es doch, und fast stolperte er über Fränz, die am Spinnrocken saß, und verließ ohne ein Wort die Stube. Diethelm war so hingegeben, daß er fast geneigt war, seiner Frau die ganze Lage seiner Verhältnisse zu offenbaren; aber er hielt noch zeitig genug an sich und erklärte ihr nur, daß er entschlossen sei, nur noch diesmal die Handelschaft zu treiben, dann wolle er wieder hier oder anderswo sich Aecker kaufen und ruhig bauern, wie ehedem. Diese tröstliche Aussicht, die das Antlitz der Frau fast verjüngte, erfüllte Diethelm selbst mit einer heitern Gemütsruhe, und in ihm sprach's: es muß alles wieder gut werden, Gott darf eine so schöne Zukunft nicht zu Schanden werden lassen . . . Eine andächtige Stille herrschte in der Stube, und Diethelm zog die Uhr auf, das war das Zeichen, daß es Zeit zum Schlafengehen sei. Neuntes Kapitel. Fränz allein war voll Unruhe und Widerstreit. Es war ein seltsam geartetes Kind, wie es in einer Ehe, die so oft von Zwietracht zerstört war, kaum anders erwachsen konnte. Als sie noch Kind war, scheuten sich die Eltern anfangs noch, irgend einen Zerfall vor ihr laut werden zu lassen; nach und nach aber verlor sich diese Zurückhaltung, ja, die hässigen Reden des einen und des andern wurden immer an das Kind gerichtet, da hieß es oft: »Das Vermögen kommt alles von deinem Vater her, darum darf er's verlumpen«, und anderseits: »Dein' Mutter kann in ihren jungen Tagen nichts als gruchzen und flennen.« Es fielen aber auch noch unumwundenere und viel derbere Reden, und das Kind stand dazwischen, wie wenn wilde Vögel ihm ums Haupt schwirrten, und wußte nicht, wie ihm geschah. Wenn der Zwiespalt aufs äußerste gediehen war, und doch wieder ein jedes innerlich fühlte, wie sehr es an das andre gebunden war, und nur den Weg zu dieser Aeußerung nicht finden konnte, dann haschte ein jedes nach dem Kind und schwur auf sein Haupt: »Wenn du nicht wärst, dann wäre ich schon lang ins Wasser gesprungen, oder ich hätte mich an einen Baum gehängt,« u. dgl. Bei diesen Reden stand das Kind wie ein Lamm da, und wie es die großen braunen Augen aufschlug, sprachen Worte und Gedanken daraus, die niemand verstehen konnte und wollte. Bisweilen wurde auch Fränz zum Friedensboten gemacht und von der Mutter nach dem Wirtshaus zum Waldhorn oder in den Stall geschickt, dem Vater leise zu sagen, wenn er alles wolle aus sein lassen, möge er zum Essen kommen; oder auch umgekehrt: der Vater schickte Fränz nach der Mutter, die sich in der Regel in das Haus des alten Schäferle, zum Vater von Medard und Munde, flüchtete. Natürlich konnte hierbei von Kinderzucht gar keine Rede sein, und es war nur dem guten Naturell des Mädchens zu danken, daß es nicht widerspenstig und höhnisch gegen die Eltern war. Die Kameradschaft mit Munde, der ein aufgeweckter und äußerst zartsinniger Knabe war, trug viel dazu bei, eine gewisse Milde in das herrische und heftige Wesen des Mädchens zu bringen. Als Fränz zur Jungfrau zu reifen begann, war sie oft unbegreiflich schwermütig und still. In jener Zeit begann aber der Fruchthandel und bald darauf die Schafhalterei Diethelms; er nahm nun das Kind so oft als möglich mit auf seine Fahrten, und von da an lernte Fränz das Leben außer dem Hause als das allein schöne ansehen und wurde Meisterin einer weltläufigen Verstellungskunst; denn wenn man den Diethelm erinnerte, zu welcher Stellung er, der frühere Knecht, gekommen war, verfehlte er nicht, sein häusliches Glück zu preisen. Schon mit ihrem fünfzehnten Jahre merkte Fränz die bald offenen, bald versteckteren Werbungen um sie, und sie verstand es, dieselben hinzuhalten, während sie daheim den getreuen Munde am Bändel führte und ihn in der That von Herzen lieb hatte. Denn Fränz war bei alledem doch kein durchaus verdorbenes Wesen, sie war gutherzig und arbeitsam, nach Laune oft bis zum Uebermaß, sie hatte die Lust, zu schenken, wie ihr Vater; nur erschien ihr das, was man als Liebe pries, oft wie ein Possenspiel, sie sah es ja so vor sich bei ihren Eltern; sie glaubte nicht an einen Frieden, und alles war nur der Welt wegen, damit die draußen nichts merken. Wenn Zank und Hader zwischen den Eltern war, erging es ihr fast noch am besten, da wurde sie von jedem gehätschelt und durfte thun, was sie wollte; und wenn dann eine Versöhnung stattgefunden hatte, in der sich jedes bestrebte, dem andern besonders liebreich zu sein, hätte sie gerne vor Verachtung die Zunge gegen beide herausgestreckt: sie wußte ja wohl, daß keine Friedsamkeit von Dauer war. Fränz war in der That, wie sie schon Medard auf dem Markt genannt hatte, ein Nuckel. Ein Oberdeutscher weiß gleich, was es heißen will, und es wird ihm doch schwer, dies zu erklären; denn damit, daß es ein Wesen voll Tücken und Nücken bezeichnet, ist noch nicht alles erschöpft, ist ja damit noch nicht dargethan, daß man dem Nückel auch gut sein muß, man mag wollen oder nicht. Der Nückel kann bis zu einem gewissen Grad aufrichtig treuherzig sein, er kann es manchen Menschen anthun, daß sie ihm zu Willen leben müssen, und wenn sie sich tausendmal darüber ärgern, und dann hat der Nückel seine besondere Freude, mit den Menschen zu spielen, sie gegeneinander zu hetzen, und wenn die Händel ausgebrochen sind, daneben zu stehen, als ob er kein Wässerlein trüben könne. Das einzige Bestreben der Fränz war nur, recht bald aus dem Haus und in recht schöne reiche Verhältnisse hinein zu kommen. Von den ländlichen Bewerbern, die sie ehedem kaum angesehen hatte, zeigte sich auffallenderweise seit einem Jahre keiner mehr, und Fränz, die vielgewanderte, sagte sich auch, daß sie keine Lust habe, auf einem einsamen Bauernhof ihr Leben zu verbringen, wo man froh ist, wenn eine Samenhändlerin kommt und einem von der Welt berichtet. »Engelwirtin! das ist das Rechte, aber nur bald, nur fort aus dem Haus,« sagte sich Fränz, während sie still spann. So verließ Fränz auch jetzt wieder die Stube, und ohne sich deutlich zu machen, was sie wollte, ging sie vor das Haus, um vielleicht noch Munde zu sehen, der fast über sie gestolpert war, als er den Kronenthaler empfing. Die Liebe des schönen jungen Burschen, der sie mit den Augen verschlingen wollte, that ihr wohl; sie zeigte doch, was sie noch vermöge, und wie sie, wenn sie nur wollte, an jedem Finger einen nach sich ziehen könnte. Am Stall hörte sie drin sprechen, das war die Stimme Mundes, der in Verwünschungen seinem Bruder klagte, daß er nicht den Mut gehabt habe, dem Meister das Geldgeschenk vor die Füße zu werfen; er betrachte ihn noch immer als Meister und wolle es auch wegen der Fränz nicht mit ihm verderben. Medard tröstete, so gut er konnte, und schalt über die Meistersleute, die zu Grunde gehen müßten, und eben zog er über Fränz los und sagte, daß in ihr keine getreue Ader sei; da trat Fränz unter die Stallthür, und als hätte sie nichts gehört, rief sie dem Munde zu, sie wolle ihm noch »b'hüts Gott« sagen, weil er wohl morgen früh abreise. Rasch trat Munde heraus und hielt zitternd die Hand der Fränz in seinen beiden Händen, er wollte eben sprechen, als man vom Hause her Schritte vernahm, und halb widerwillig zog er die Fränz mit sich fort in den Grasgarten hinter den Schafstall. Richtig kam Diethelm nochmals und schärfte dem Medard ein, ja niemals bei Licht Heu vom Boden herabzuholen, es läge jetzt ein ganzes Vermögen auf dem ersten Speicher. Medard mußte ihm noch die Laternen zeigen, damit er wisse, daß keine beschädigt sei, und er befahl ihm, sie morgenden Tages mit Drahtgitter überziehen zu lassen; dann kehrte Diethelm wieder ins Haus zurück. Unterdessen war Munde in seliger Liebe bei Fränz, sie neckte ihn damit, daß sie wahrscheinlich Engelwirtin in G. werde, aber Munde schalt sie über diese Neckerei und glaubte nicht daran. Als sie ihm sagte, daß sie ganz gewiß nach der Hauptstadt käme, um dort das Kochen und Nähen zu lernen, war Munde voll Jubels und gab Fränz genau an, wo sie ihm Nachricht geben könne, und Fränz neckte ihn nicht mehr mit der Engelwirtin. Als sie ihm endlich den letzten Kuß gab und verschwand, rief ihr noch Munde nach »aber nur für heut.« Fränz kehrte wohlgemut ins Haus zurück. Wenn alle Stränge reißen, bleibt ihr noch der Munde, dessen war sie gewiß. Als Munde neben seinem Bruder in der Stallkammer lag, sagte dieser: »Und ich wette meinen Kopf, der Diethelm will das Haus anstecken, um wieder reich zu werden, drum ist er so ein Laternenvisitator; aber mich betrügt er nicht.« »Sei still, das darfst nicht reden, oder ich muß dir aufs Maul schlagen,« rief Munde in größter Heftigkeit. »Du mir? Büble, wer bist denn du?« rief Medard und paff! hatte der Bruder einen Schlag weg, aber er steckte ihn ruhig ein, und ohne ein Wort zu sagen, stand er auf und machte sich mitten in der Nacht auf den Weg nach der Garnison. Zehntes Kapitel. Eine feste Friedsamkeit lag in dem Wesen Diethelms, als er am andern Morgen in seinen berühmten grünen Saffianpantoffeln im sonnigen Hofraum umherspazierte. Die Nacht, vor der es ihm so seltsam bange war, ist glücklich vorüber, und so wird auch alles Sorgen und Zagen ein heiteres Ende nehmen, es gilt nur ruhig stillhalten und die günstige Gelegenheit erfassen. Ein bedeutungsvolles Anzeichen kündigte sich eben jetzt an. Der Metzger, mit dem Diethelm vorgestern nicht handelseins werden konnte, kam gerade den Hügel heran, hatte allerlei Ausreden, wie er zufällig daher komme, und begann nochmals einen geringen Kaufpreis anzubieten, aber Diethelm war klug genug, die Kauflust des Metzgers zu ersehen, und sagte stolz und fest: wenn nichts mehr geredet werde, halte er sein Wort und bleibe es bei dem auf dem Markte Besprochenen, wo nicht, wenn er nicht, bevor die Herde den Berg hinab ist, in die Hand einschlage, verlange er für jeden Hammel einen Gulden mehr. Der Metzger schlug ein, und Diethelm hatte schon am frühen Morgen dreihundert Hammel verkauft und dabei eine namhafte Summe gewonnen. Diethelm ging mit dem Metzger ins Feld und übergab ihm die gesondert gehaltene Herde, die sogleich nach der Hauptstadt getrieben wurde, und eben als er noch im Wirtshaus saß und dort die bare Bezahlung empfing, kam ein Wagen angefahren, und in die Stube trat bald darauf der Kaufmann Gäbler mit noch zwei Männern, die Diethelm als Oberfeuerschau vorgestellt wurden. Diethelm war sichtlich betroffen, aber schnell sagte er mit Entschiedenheit: daß er es mit dem Versichern nicht so ernst gemeint habe, sein Haus läge so einödig, und er könne schon selber jede Feuersgefahr abwenden und sei überhaupt entschlossen, die erworbenen Vorräte bald wieder loszuschlagen. Der Kaufmann Gäbler widersprach heftig, und die Feuerschaumänner, der Metzger und selbst der Waldhornwirt redeten Diethelm zu, er möge doch versichern, da sei man für alle Gefahren geborgen, und der Zins sei so gering. Gäbler faßte schnell den Waldhornwirt beim Wort und hatte ihn bald gewonnen. Während nun die Fahrnis im Wirtshaus aufgenommen wurde, eilte Diethelm heim, um seine Frau gütlich vorzubereiten. Er übergab ihr zuerst das eingenommene Geld für die Hammel und zeigte ihr zum erstenmal in seiner roten Schreibtafel den Einkaufpreis und ließ sie den Gewinst selber ausrechnen. Die Frau nickte zufrieden und verschloß eben das Geld in ihren Schrank, als Diethelm von der bald ankommenden Feuerschau und der Fahrnisversicherung sprach. Wie gewaltsam gepackt, kehrte sich Martha um und sah ihrem Manne, der am Fenster stand, starr ins Gesicht, dann setzte sie sich rasch auf einen Stuhl, legte die Hände gefaltet in den Schoß und jammerte vor sich nieder: »Ist's soweit?« »Was meinst? Was hast?« fragte Diethelm. »Mußt du anzünden?« fragte Martha, ohne aufzuschauen, und wild auffahrend erwiderte Diethelm: »Weib, daß du mich für so schlecht hältst, hätt' ich doch nie geglaubt. Guck, aber nein, du traust mir ja nicht aufs Wort. Guck, mich soll die Sonn', wie sie jetzt am Himmel steht, nie mehr bescheinen, nie mehr warm machen, wenn ich nur einen Gedanken an so was hab'.« Und plötzlich fühlte Diethelm, wie es ihm frostig den Rücken hinablief, als wären die Sonnenstrahlen auf einmal eiskalt, er schaute sich um und verschloß lächelnd das Fenster, das er in der Heftigkeit aufgestoßen hatte, so daß durch die offen stehende Thür ein Luftzug strömte. »Verzeih mir, was ich gesagt hab', und glaub mir, ich hab's nie gedacht,« sagte die Frau aufstehend, »ich will nur ein bißle Ordnung machen, daß nicht alles so unters über sich aussieht, wenn die Herren kommen.« Rasch veränderte sich der leidmütige Ausdruck ihres Gesichts, und es war leicht zu erkennen, daß sie mit Stolz daran dachte, welche Augen die fremden Herren machen würden, wenn sie über Kisten und Kasten kämen. Festen Schrittes verließ Martha die Stube. Diethelm stand wie gebannt an das Fenstersims gelehnt, er rieb sich die plötzlich so trocken und kalt gewordenen Hände und fühlte mit Behagen, wie die Sonne ihm den Rücken durchwärmte. Durch seinen Sinn zog die gräßliche Anmutung, die ihn auf dem Marktplatze in G. zum erstenmale getroffen und niedergeworfen hatte, dann auf der kalten Herberge so verlockend und doch widerlich und jetzt daheim so vorwurfsvoll an ihn gekommen war. Wie kann nur ein Mensch daran denken und gar ihm solches zumuten? Und doch – drängt ihn nicht alles mit Gewalt dazu, und ist das nicht die letzte Rettung, wenn er sich in seinen Aussichten betrogen und die Ware ihm auf dem Halse liegen bleibt? Diethelm war's, als ob die Mauer, daran er sich lehnte, plötzlich morsch würde und zurückwiche, und ein Schwindel erfaßte ihn wie gestern, als er oben in freier Luft zwischen Himmel und Erde schwebte. Diethelm schob die Ursache hiervon auf die brennenden Sonnenstrahlen, die, wie zu Zeugen angerufen, ihm heiß auf Haupt und Rücken brannten. Wie mit traulichem Gruß an alle seine Habe ging er durch Stube und Kammern, durch Ställe und Scheunen; er gedachte der Zeiten, wie er als armer Bursch hierher gekommen war und nichts sein genannt, als was er auf dem Leibe trug, und wie er so glücklich war, als das ganze Haus mit allem, was darin war, sein Besitztum wurde; jedes Messer, jede Sense, jedes Feldgerät bewillkommte er damals mit freudigem Blick, das war jetzt alles sein eigen. Das ist doch ein ander Leben, in der Welt zu Haus zu sein, teil zu haben an ihr. Es war ihm damals, als hätte er an dem Hause und dem, was es erfüllte, einen neuen Leib gewonnen. Wer darf daran denken, das alles in Staub zu verwandeln? Ist das nicht wie ein Selbstmord? Freilich sind das nur leblose Dinge, die man neu viel schöner und besser haben kann; aber es sind doch nicht die alten, treu gewohnten . . . Und wenn man sich nicht anders helfen kann und alles verbrennen muß, dann ist's noch Zeit genug, daran zu denken, dann drückt man die Augen zu und thut's – aber jetzt, jetzt darf man nicht daran denken . . . So ging Diethelm in Gedanken hin und her und mußte gerufen werden, denn er hatte nichts davon gemerkt, daß die Feuerbeschau schon in der Wohnstube versammelt war. Nochmals lehnte er die Versicherung ab und sagte: auch seine Frau wünsche sie nicht; aber Martha widersprach, und nun ging's im Geleite nochmals treppauf und treppab, und alles wurde aufgezeichnet und gewertet. Diethelm that oft Einspruch, daß man ihn zu hoch einschätze, und ließ sich nur von dem Waldhornwirt beschwichtigen, der ihm die Nützlichkeit hiervon immer mehr darlegte; Diethelm sah schnell, daß die Unbefangenheit, mit der er Einsprache erhoben, ihm für jetzt und später sehr gut zu statten käme, und als es nun endlich an die Wollvorräte und die Zahl der Herde kam, gab er selbst einen hohen Wert an, der in Betracht seines früheren Widerstrebens ohne Einspruch angenommen. wurde. Die Versicherungssumme belief sich gegen zwanzigtausend Gulden, und Diethelm schmunzelte, als die Feuerbeschauer rühmend sagten: man sehe es einem bescheidenen Bauernhause gar nicht an, was darin stecke, besonders die Aussteuer der Fränz dürfe sich sehen lassen. Staunend gab man Diethelm verneinende Antwort, als er zuletzt einen großen Pack Papiere holte, mehrere davon vorzeigte und die prahlerische Frage stellte, ob man auch Staatspapiere und Unterpfandsscheine nach dem vollen Wert versichere. Für so reich hatte den Diethelm doch niemand gehalten. Scherzhaft fragte er noch zuletzt: »Wie hoch habt ihr die Wanduhr dort angeschlagen? die kostet mich keinen Heller mehr und keinen weniger als achttausend Gulden.« Er erzählte nun unter Lachen, wie ihn sein Schwager betrogen, und da er die Summe fast um das Dreifache zu hoch angegeben, vermied er es, dem Blicke seiner Frau zu begegnen, der, wie er zu spüren glaubte, zurechtweisend auf ihm ruhte. Endlich wurde das Täfelchen mit den zwei roten Händen in Ermangelung eines Fensterladens auf die Hausthür genagelt. Martha saß daneben auf der steinernen Hausbank. Diethelm stand bei ihr. Als der erste Hammerschlag geführt wurde, sagte sie leise vor sich hin: »Mir ist's, wie wenn ich den Nagel in meinen Sarg schlagen hörte.« Diethelm blickte sie nur scharf an, und ob dieser Rede erzürnt, blieb er nicht zu Hause, sondern ging mit den Männern hinab in das Waldhorn und blieb dort den ganzen Tag bis tief in die Nacht. Als die feinwolligen Schafe, die man nicht im Pferch übernachten ließ, am Abend heimkamen, schauten sie, den Blicken ihres Führers folgend, verwundert nach dem hellfarbigen Täfelchen über der Hausthür. Heute kam Diethelm nicht zur Laternenvisitation, und noch spät in der Nacht trug Medard seine geringe Habe zu seinem Vater in das Dorf und übergab ihm noch ein Päcklein Tabak und einen Teil des Trinkgeldes, das er auf dem Kirchheimer Wollmarkt erhalten hatte. Der alte Schäferle, ein schweigsames, dürres Männchen, nickte froh, er bedurfte zu seinem Lebensunterhalt fast nichts als ein paar Kreuzer zu Tabak, und ein Trinkgeld ließ er nicht gern altbacken werden. Vom Waldhorn herab tönte durch das stille Dorf Lachen und lautes Hin- und Herreden. Als der alte Schäferle in die Wirtsstube trat, wurde er mit großem Hallo empfangen, und Diethelm ließ ihm sogleich einen Schoppen einschenken, denn alles um ihn her sollte lustig sein, wie er's selber war. Er hatte heute wieder seinen Hauptspaß, er gab dem Lehrer und vielen andern schwere Rechenexempel auf, Rätselrechnungen, die niemand herausbrachte; und wenn alles ringsum ihn lobte und ihm huldigte, rühmte er den alten Kopfrechner in Letzweiler, von dem er das gelernt, und die Bewunderung und die Schmeichelreden aller gingen Diethelm mit dem Weine leicht ein. Als man spät in der Nacht, nicht eben sicher auf den Beinen, aufstand, machte ein Witzwort des alten Schäferle noch auf der Straße viel Gelächter, denn er hatte gesagt: »Diethelm, dir schadet ein Brand (Rausch) nichts, du bist ja in der Brandversicherung.« Diethelm lachte laut und wurde auf einmal nüchtern, und auf dem ganzen Heimweg verließ ihn das Wort nicht. Es war nun so hellgemut daheim, daß Diethelm nur mit Schmerz daran dachte, auf Geschäftsreisen in der Ferne sich tummeln zu müssen. In der Thal kamen jetzt auch, von Reppenberger und andern angewiesen, mehrere Händler, besahen die Vorräte Diethelms, konnten aber nicht handelseins mit ihm werden; und die Mahnung, wie sehr die Wolle durch langes Lagern an Aussehen und Gewicht verliere, wies Diethelm leicht von sich, es war ihm zur Gewißheit geworden, daß der gute Schick, auf den er harrte und hoffte, nicht ausbleibe; er glaubte an ihn wie an eine Verheißung und fast noch mehr als an eine solche. Es fiel ihm dabei gar nicht ein, rückwärts dem Urgrund dieser Zuversicht nachzuspüren, und mit einem allgemeinen Trost beschwichtigte er das Grübeln, wenn er sich ausdenken wollte, in welcher Weise denn sein zukünftiges Glück eintreten solle. Diethelm war jetzt auffallend weichmütig und gutherzig gegen jedermann und faßte auch immer bessere Vorsätze für kommende Tage; und solch ein Mann, sagte er sich dann oft, solch ein Mann darf nicht untergehen, wenn noch Gerechtigkeit bei Gott und im Himmel ist. Ohne es auffällig zu machen, ging Diethelm öfters in die Kirche, und im Wirtshaus zum Waldhorn unterhielt er sich viel mit dem Pfarrer, und dieser sagte oft zu den Wirtsleuten und zu andern: er habe den Diethelm gar nicht so gekannt, unter seinem starkthuerischen Gebaren ruhe ein demutsvolles und gläubiges Gemüt, und dabei sei er ein guter politischer Kopf. Diethelm war kein Liberaler, er war zu sehr monarchischer Natur und dünkte sich zu erhaben über alle unter sich, als daß er eine Gleichberechtigung anerkannt hätte; nur in Sachen der Wahlen wich er davon ab: die Ehre, von so vielen erwählt zu werden, dünkte ihn fast noch größer, als von der hohen Regierung ernannt zu werden. Manche schalten jetzt sogar auf Martha, die mit ihrem zänkischen und schwermütigen Wesen den braven Mann oft aus dem Hause treibe; es muß aber zur Ehre Diethelms gesagt werden, daß er immer entschiedene Einsprache that, wenn er Derartiges merkte. Er hielt es für eine Versündigung, durch Ungerechtigkeit gegen andre erhoben zu werden; aber so sehr war er bereits in inneren Wirrwarr geraten, daß er diese einfache Ehrlichkeit für ein besonderes Opfer hielt, wofür ihm der Gotteslohn nicht ausbleiben dürfe. Diethelm hielt sich überhaupt viel im Waldhorn auf und kartelte. Hier war gewissermaßen sein zweites Heimwesen und ein noch viel willfährigeres als das eigentliche. Diethelm hatte eine Hypothek auf dem Wirtshause, und der ohnedies geschmeidige und schmeichlerische Wirt war sein Neffe, dem er zum Ankauf dieses Hauses verholfen hatte; natürlich also, daß Diethelm hier unbedingte Botmäßigkeit fand, wie sonst nirgends; und er ließ sich diese gern gefallen. Im Waldhorn wartete er nun jedesmal den Postboten ab; die Quittung für eine drängende Schuld, die er mit der erworbenen baren Summe getilgt hatte, blieb nicht aus, aber auch andre Briefe kamen, in die er nur kurze Blicke warf und die er auf dem Heimwege in kleinen Stückchen verzettelte, welche der Herbstwind lustig davon trug. Ganz buchstäblich schlug er alle Sorgen in den Wind, und wenn die Frau, die wohl tiefer sah, mit ihm alles besprechen wollte, hatte er hunderterlei Ausreden und versicherte Martha, sie solle nur auf ihre Sache sehen, er werde die seinige schon auseinanderhaspeln. Martha war, wie alle Frauen, vornehmlich aufs Erhalten bedacht, und diese durch die kleinlichen Hantierungen des Lebens bedingte Tugend erschien Diethelm in seinen weit ausgreifenden erobernden Plänen als engherzig. Martha war schon zufrieden, daß er ihrem Drängen nachgab, sich nicht zum Abgeordneten wählen zu lassen, was er eigentlich nie recht im Sinn gehabt; nur that er jetzt, als ob er damit seinen liebsten Wunsch opfere. Fränz bestürmte den Vater, sie, wie er versprochen, nach der Stadt zu bringen; die Mutter aber widersetzte sich unnachgiebig diesem Vorhaben. Fränz schwieg und that, als ob sie nicht mehr daran dächte; je mehr es aber Herbst wurde, im Dorf die Dreschzeit begann und die Wege so grundlos wurden, daß man oft ganze Wochen kaum ins Dorf hinabkam, um so mächtiger wurde die Sehnsucht der Fränz nach dem Stadtleben; sie war wie ein Wandervogel, der gewaltsam zurückgehalten wird vom Zuge. Trotz des Widerspruchs der Mutter wußte sie es dahin zu bringen, daß sie den Vater auf einer Fahrt nach der Amtsstadt begleiten durfte, und als Diethelm hier nicht, wie er gehofft hatte, Kauflustige für seine Vorräte fand, ward es ihr nicht schwer, ihn zu bestimmen, mit ihr nach der Hauptstadt zu fahren. Wie ein Vogel, der angstvoll von Zweig zu Zweig hüpft, bald ausschaut, bald ruft: so wanderte hier Diethelm hin und her und verstand sich endlich zu dem schweren Entschluß, selber Anerbietungen zu machen und durch Zwischenhändler verbreiten zu lassen. Der Erfolg war aber ein geringer. Diethelm brachte nichts mit nach Hause als Aussichten auf den Verkauf der Staatspapiere, die er zu einem sehr niedrigen Tagespreis abgeben sollte; Fränz aber brachte er nicht wieder, denn sie blieb im Rautenkranz, in dem Wirtshause, wo Diethelm stets seine Einkehr hatte, um hier die Koch- und größere Wirtschaftskunst zu erlernen. In Buchenberg ging es nun gar still her, wenn nicht dann und wann Fuhren mit Heu ankamen, von dem immer neue Vorräte zur Ueberwinterung der Schafe gekauft werden mußten. Diethelm hatte eine wahre Kaufwut; wo nur irgend etwas zu haben war, eignete er sich's an, bezahlte anfangs bar, geriet aber auch nach und nach ins Borgen und behaftete sich mit einer Unzahl sogenannter kleiner Klettenschulden, so daß das einsame Haus von Drängern aller Art überlaufen wurde, die besonders die bekümmerte Frau peinigten; denn Diethelm blieb jetzt mehr als je und ganz ohne Grund tagelang aus dem Hause, nur um der Anschauung des auf ihn hereinbrechenden großen Unglücks und den kleinen Bedrängnissen zu entgehen. Er ärgerte sich jetzt über viele Menschen und sah erst jetzt, wie er es hatte geschehen lassen, daß er von jedem ausgeraubt wurde, der etwas an ihn zu fordern hatte. Menschen, die ihm sonst brav und rechtschaffen erschienen waren, erkannte er nun in ihrer offenkundigen Schlechtigkeit und hatte vielerlei Streit und Gerichtsgänge. Noch böser hatte es Martha daheim. Leute, die sie sonst nicht lang bei sich geduldet hätte, saßen jetzt oft tagelang auf der Ofenbank, denn sie ließen sich nicht damit abweisen, daß Diethelm nicht zu Hause sei; sie wollten seine Rückkunft abwarten, und Martha, die vor Zorn und Kummer fast vergehen wollte, mußte noch freundlich thun, mußte diesen Leuten zu essen und zu trinken geben und sich fast entschuldigen, wenn sie etwas für sich bereitete, denn sie sah nicht undeutlich die höhnisch-frechen Blicke, als ob sie vom Eigentum fremder Menschen lebte. Sie fürchtete sich, die Stube zu verlassen, denn sie wußte, wie hinter ihrem Rücken über den Verfall dieses Hauses gesprochen wurde und wie bald die Kunde hiervon landauf und landab sich ausbreiten würde. Oft war es Martha, als sollte sie das ganze Haus mit allem, was darin ist, verlassen und davonrennen; es war ja himmelschreiend, wie ihr einziges Kind sie so heimtückisch verlassen hatte und wie ihr Mann sie dem Elende und der Schande preisgab, während er lustig lebte. Dennoch war sie wie festgebannt an das Haus, und endlich griff sie ihren letzten Hort an: es war dies eine nicht unbeträchtliche Summe, die sie verborgen hatte und die man erst nach ihrem Tode hatte finden sollen. Mit dieser erledigte sie sich nun der Klettenschulden, und Diethelm war bei seiner Heimkehr überaus wohlgemut, als er solches vernahm. Als sie ihm den Rest übergab, sagte sie: »Nur um Gottes willen keine Schulden. Schau, wenn so Gläubiger über einen kommen, ist's grad wie beim Dreschen. Anfangs, wenn die Dreschflegel auf die volle Spreite fallen, da geht's langsam, und man hört's nur wenig, je leerer aber das Korn wird, da geht's immer lauter und schneller. Verstehst mich?« »Wohl, du bist gescheit. Aber hast nicht noch mehr so geheime Bündel?« Martha verneinte, Diethelm aber glaubte es ihr nicht und war wieder voll Liebe gegen sie, wie in der ersten Zeit ihrer Ehe, so daß sie gar nicht dazu kam, gegen ihn den Gram und Zorn über seine Fahrlässigkeit auszulassen. Er vertröstete sie auf den großen Schick, der unfehlbar nächstens eintreffe, und half nun selber für die laufenden Ausgaben Leinwandballen verkaufen, von denen Martha aus Zorn gegen Fränz schon mehrere versilbert hatte. Eines Tages kehrte Diethelm nach einer vergeblichen Umfahrt von mehreren Tagen wieder heimwärts, da sah er am Wege im Wald an einem ausgehauenen Baumstumpf eine große Schichte von Kienholz. Rasch, ohne sich klar zu machen, was er wollte, hielt er an, sprang ab, raffte einen Arm voll auf, riß den Sitz ab, öffnete das Kutschentruckle, verschloß das Kienholz in dasselbe und fuhr rasch davon; bald aber stieg er wieder ab und wusch sich die harzigen Hände im Schnee. Seltsam! Als er heute heimkam, fragte ihn Martha: »Hast nichts im Kutschentruckle?« »Warum fragst?« erwiderte Diethelm erschreckt. »Ich weiß nicht, warum, ich mein' nur so.« »Es ist nichts darin,« schloß Diethelm fest. Spät in der Nacht, als alles im Hause schlief, schlich Diethelm noch einmal hinab, lauschte, ob Medard in seiner Stallkammer schlief, ging dann nach der Scheune, öffnete den Kutschensitz, nahm das Kienholz heraus, trug es die Leiter hinauf nach dem Heuboden und versteckte es unter einem Dachstuhlbalken. Aber kaum war er wieder die Hälfte der Leiter herab, als ihm gerade dieses Versteck besonders gefährlich erschien; er kehrte wieder um und fand am Ende nichts Besseres, als das Kienholz wieder in den Kutschensitz zu verschließen, er faßte dabei den Vorsatz: bei der nächsten Ausfahrt dieses willfährige Brennmaterial wieder auf die Straße zu schleudern. Er schauderte vor sich selber, indem er dachte, was ihm durch den Sinn gegangen war, und die Hand auf das Kienholz legend, schwur er vor sich hin, in stiller verborgener Nacht, jede Versuchung von sich abzuthun, und wie aus einem wüsten Traume erwacht, froh, daß es nur ein Traum war, schlief er ruhig und fest. Am andern Tag, es lag ein leichter Schnee auf dem Felde, fuhr Diethelm in Angelegenheit seines Waisenpflegeramtes wieder nach der Stadt. Er wollte unterwegs das Kienholz wieder wegwerfen, und zweimal hielt er an und öffnete den Kutschersitz, als jedesmal Leute daherkamen, so daß er in seinem seltsamen Thun gestört wurde und wieder davonfuhr. Es war ihm, als ob er auf lauter Feuer sitze, aber bald lachte er über diese alberne Furcht und wollte sich nun gerade zwingen, sie zu überwinden, und heiteren Blickes fuhr er in die Stadt ein. Am Stern wußte er nicht, sollte er besondere Achtsamkeit empfehlen, da er etwas im Kutschensitze habe; aber das konnte aufmerksam machen, er müßte Red' und Antwort darüber geben, darum war's besser, er schwieg ganz, und so blieb's dabei. Als er auf dem Waisenamte war, fühlte er mitten in den Verhandlungen plötzlich einen jähen heißen Schreck; er glaubte, er habe den Kutschensitz nicht recht verschlossen, es war ihm fast sicher, daß er offen war: wenn nun jemand darüber kam und den wunderlichen Schatz fand, was konnte das für Gerede geben, welche Ahnungen mußten in den Menschen aufsteigen. Ohne nachzusehen, unterschrieb Diethelm alles, was man ihm vorlegte, und eilte nach dem Wirtshaus; seine Vermutung hatte ihn betrogen, der Kutschensitz war wohl verschlossen, aber er wagte es nicht, ihn jetzt zu öffnen und nach dem verräterischen Inhalt zu schauen. Als Diethelm hierauf an dem Kaufladen Gäblers vorüberkam, rief ihm dieser zu und übergab ihm mit einigen halb höflichen Worten die Rechnung für die eigenen Einkäufe und für die des Zeugwebers Kübler. Diethelm versprach, zu Neujahr zu bezahlen, und Gäbler sagte, er verlasse sich darauf. Ueberhaupt schien es Diethelm, als ob alle Menschen ein verändertes Benehmen gegen ihn hätten, selbst der Sternenwirt war wortkarg und ging seinem Geschäfte nach, während er sonst unzertrennlich bei Diethelm saß und mit ihm über allerlei aus Gegenwart und Zukunft plauderte. Was hatten denn die Menschen, daß sie auf einmal so ganz anders waren? War denn Diethelm nicht noch immer derselbe, der er von je gewesen? Damals am Markttag erglänzte ihm jedes Angesicht und streckte sich ihm jede Hand entgegen. Was ging denn jetzt vor? Der Zeugweber Kübler, der »den Herrn Vetter und Familienfürsten« aufsuchte und sich ihm zu Besorgungen erbot, konnte nicht begreifen, warum Diethelm über die ganze Welt fluchte und immer sagte, der sei ein Narr, der nur eine Stunde einem Menschen glaube. Woher es kam, das wußte Diethelm nicht, aber offenbar schien es ihm, daß man Schlimmes von ihm dachte und seine Ehre angegriffen sei, daß etwas wie eine Verschwörung aller Menschen gegen ihn in der Luft schwebe. Das von Zweifel und Bangen gepeinigte Herz verlangt besonders huldreiche Zuneigung der Welt, und gerade da bleibt sie aus, und das düster blickende Auge des Bedrängten sah Unfreundlichkeit der Menschen, wo sonst gar nichts gesehen wurde. Diethelm beauftragte Kübler, eine geweihte Kerze, ein vierundzwanzig Stunden haltiges sogenanntes Taglicht, zu kaufen für den verstorbenen Vater des Waisenkindes, in dessen Angelegenheiten er eben in der Stadt war. Kaum war Kübler weggegangen, als ein Briefchen vom Kastenverwalter kam, der Diethelm daran erinnerte, daß er das Geld, das in sechs Wochen fällig war, bereits anderweit versagt hätte. »Der hat auch was,« knirschte Diethelm, den Brief in die Tasche steckend, und hätte er in diesem Augenblicke ein Verbrechen an der ganzen Welt begehen können – es wäre ihm eine Lust gewesen. Er hielt noch die Hand auf dem Briefe des Kastenverwalters, als Kübler kam, aber er brachte statt einer Kerze ein Gebund, das vier solcher enthielt. »Ich hab nur eine gewollt, aber es ist so auch recht,« sagte Diethelm und hielt in zitternder Hand die Kerzen. Es war ihm, als müßte er damit sengen und brennen. Elftes Kapitel. Der Schnee wirbelte um ihn her, und Diethelm fuhr durch die Nacht dahin heimwärts, seine Wangen glühten, und die Schneeflocken, die darauf fielen, konnten die Glut nicht löschen. Am ersten Berg hielt er an, öffnete den Kutschensitz, aber nicht um seinen Inhalt, verborgen vor jedem Späherauge, zu zerstreuen; er legte drei der geweihten Kerzen noch zu dem Kienholz. Er fühlte einen Stich durchs Herz, und doch bewegte ihn ein freudiger, erfindungsreicher Gedanke: diese Kerzen brennen eine volle Tag- und Nachtlänge, mit ihnen läßt sich verdachtlos etwas bewirken. Im Schritt den Berg hinanfahrend, überdachte Diethelm sein ganzes vergangenes Leben. Er spürte ein Jucken in den Augen, als er der unsäglich vielen Freuden gedachte, die er seinen Eltern und allen seinen Angehörigen bereitet hatte; und plötzlich stand es vor ihm, daß sein Bruderskind in Elend verkomme, wenn er nicht dem Kübler zur Ansässigmachung verhelfe. Alles, was er thue, sei ja zum Guten. Und jetzt war es, als sähe er seine Fränz, wie sie unter den Menschen herumgestoßen würde, die kein Erbarmen haben, und sich selber sah er sterbenskrank und in Not und verlassen. Es muß sein . . . Heute kehrte Diethelm freiwillig auf der kalten Herberge ein. Es war ihm hier nicht mehr wie in einem verzauberten Hause zu Mute: alles hatte einen freundlichen Anschein, und das behäbige und wohlgemute Wesen des Wirtes sprach es deutlich aus, daß man nach einer solchen That wieder frischauf leben kann. Diethelm suchte sich immer mehr einzureden, daß der böse Leumund die Wahrheit verkünde und dieser Wirt ein Brandstifter sei. So saß Diethelm in sich gekehrt und mit glänzenden Augen umschauend, als ein alter Bekannter, der Reppenberger, eintrat und seinen Glücksstern pries, daß er ihm einen Weg erspare, den er eben zu Diethelm machen wollte. Er berichtete, wie er endlich einen willigen Käufer gefunden, der den gesamten Wollvorrat zu einem Preise übernehme, bei dem für Diethelm noch ein mäßiger Gewinn sich ergab. Reppenberger hatte ein so lebendiges Mundstück und wußte es durch Weinzufuhr immer neu zu beleben, daß er gar nicht merkte, wie zerstreut und stotternd Diethelm stets antwortete, wenn er nicht lautlos darein starrte, als hätte er gar nichts gehört. Denn Diethelm war es in der That, als treibe der Teufel sein Spiel mit ihm. Kaum gibt er ihm die Kerzen in die Hand und erregt in ihm die erfindungsreichen Gedanken: da kommt die Versuchung und will alles zum leeren Possenspiel und zu nichte machen. Ist darum alles Bedenken und alles innere Zagen überwunden, damit alles ein eitles Spiel um nichts sei? Das Herz, das einmal den festen Willen zur bösen That gefaßt, sieht leicht diese schon als in sich vollbracht an, und wie mit dämonischer Gewalt wird es immer wieder dazu gedrängt, und alle Ablenkungen erscheinen nicht als das, was sie sind, sondern als Hindernisse, die übersprungen und besiegt werden müssen. Denn das ist das unergründliche Dunkel, daß das innere Sinnen, sei es gut oder böse, alle Vorkommnisse wie eine leibliche Speise verwandelt und sich gleich macht. Was vor kurzem noch in Kämpfen und Bedenken als freier Entschluß sich darstellte, verkehrt sich in unabänderliche Notwendigkeit, und wie in einen Zauberkreis gebannt, aus dem nichts mehr zu wecken vermag, erfüllt sich das Geschick. Darum mutete diese sonst frohe Kunde Diethelm jetzt mit Betrübnis an, und er knirschte innerlich vor Zorn, wie ihm die Rechtfertigung vor sich genommen war, da sonst kein andrer Ausweg blieb. Wie zum Hohn öffnete ihm jetzt die schlechte Welt einen Ausweg, den er doch nicht mehr einschlagen konnte. Einen großen Schick wollte er machen, und was soll jetzt ein kleiner Gewinn? Der spielte ihm die Möglichkeit einer völligen Rettung aus der Hand und überließ ihn fort und fort den tausend kleinen Plackereien, deren Ende gar nicht abzusehen war. Darum muß geschehen, was beschlossen ist . . . Als erriete er Diethelms Gedanken, sagte der Reppenberger jetzt: »Guck einmal den Wirt an. Sitzt er nicht da so unschuldig und fromm wie der heilig Feierabend, und doch weiß er, was er gethan hat, und hat sein Haus angezündet und beim Brandlöschen sich einen nassen Finger gemacht und alles abgewischt, was angekreidet gewesen ist. Jetzt hat er ein neues Haus und bar Geld statt Schulden.« »Wer weiß, wie es ihm zu Mut ist,« sagte Diethelm, sich mit der Hand hin und her durch das Halstuch streifend, als wollten die Worte nicht heraus. Der Reppenberger lachte laut und sagte: »Hab' schon gehört, das du fromm geworden seist, aber glaub mir, wenn alle Leute, die was Ungrades gethan haben, krumm gingen, da könnt' sich ein Aufrechter ums Geld sehen lassen.« »Ich will nichts mehr davon hören,« sagte Diethelm streng verweisend und sprach nun von dem Verkauf, zu dem er sich willfährig zeigte. Er wußte nicht recht, warum er das that, aber so viel war ihm klar, er mußte scheinbar darauf eingehen, um nicht Verdacht auf sich zu lenken. Auf diese Rücksicht wollte er fortan alle Klugheit verwenden, und er war im Innern stolz darauf, wie weit er es bereits in der Verstellungskunst gebracht hatte. Diethelm nahm den Reppenberger mit nach Buchenberg, und da der abgehauste Mann keinen Mantel hatte, gab er ihm eine Pferdedecke, in die sich derselbe behaglich wickelte. Diethelm aber fröstelte es bei dem Gedanken, daß auch er einst wie dieser einer geliehenen Pferdedecke sich freuen könne, und wie er Peitsche und Leitseil in die Hand nahm, sprach es in ihm: darum muß geholfen werden, so lang ich das noch festhalte. Der Reppenberger entschlief bald, aber Diethelm wurde von mühsamen Gedanken wach gehalten. Zum Scheine verkaufen und vor den Leuten sich höchlich darob freuen, aber vor der Ablieferung noch alles in die Luft sprengen und mit der hohen Versicherungssumme sich wieder frisch flott machen – das war die Bestimmung, die endlich so fest stand, als wäre sie gar nicht die Geburt seines eigenen Entschlusses; und so ruhig ward er dabei, daß er die Peitsche neben sich steckte und die des Weges gewohnten Pferde laufen ließ und in Schlaf versank wie ein Kind nach dem Nachtgebet. In Unterthailfingen vor dem Wirtshaus hielten die Pferde an, und Diethelm erwachte; taumelnd schaute er auf und mußte sich besinnen, wo er war, und im ersten Augenblick erschien die weißverhüllte Gestalt neben ihm wie ein Gespenst. Im Dorfe schlief alles, und niemand bemerkte das Anhalten eines Fuhrwerks, nur Reppenberger erwachte, als Diethelm mit einem plötzlichen Ruck im gestreckten Trab davonfuhr. »Wenn ich nur so ein Kutschle hätt' wie du,« sagte der Reppenberger, »wenn ich meine siebzig Jahre da hüben so 'rumfahren könnt', könnten sie meinetwegen in der andern Welt mit mir machen, was sie wollen.« Und wie nun Diethelm immer weiter sein Glück preisen hörte, und wie der Reppenherger erzählte, welch ein elendes Leben er führe, empfand Diethelm immer mehr ein Wohlgefühl, daß er den Mut und den rechten Weg gefunden habe, sich eine heitere, sorgenfreie Zukunft zu sichern. Als der Reppenberger seine Pfeife gestopft hatte und jetzt Feuer schlug, fiel Diethelm im Anschauen der springenden Funken der Traum ein, den er soeben gehabt: er ging über eine große weite Heide, und es regnete Funken, sie flogen ihm ins Gesicht und auf den blauen Mantel, aber sie zündeten nicht, und er ging darunter hinweg, als wären es Schneeflocken, und weiter hinaus in der Ebene standen Funkensäulen und strömten auf und nieder, und plötzlich stand sein Vater vor ihm und sagte lächelnd: es regnet Gold – da hielten die Pferde an, dahin war das Traumgesicht. Träume gelten zwar nichts, sagte sich Diethelm, aber dieser hat doch eine gute Vorbedeutung. Am Waldhorn in Buchenberg stieg der Reppenberger ab, und lustig knallend fuhr Diethelm nach seinem Haus und erzählte der Frau, daß der gute Schick nun in diesen Tagen eintrete und alle Wolle so viel als verkauft sei. »Gott Lob und Dank!« rief die Frau die Hände ineinanderschlagend, »ich hab' dir's nicht sagen wollen, daß mir's immer gewesen ist, wie wenn die Deck' und alles, was darauf ist, mir auf dem Kopf liege. »Mir auch,« sagte Diethelm zutraulich, und schnell dachte er jetzt in dieser heiteren, arglosen Stimmung Vorsorge zu treffen und er fuhr fort: »Ich hab' immer Bangen gehabt, es geht einmal ein Feuer aus, und der Teufel hat doch sein Spiel, und wenn auch das Sach versichert ist, was nutzt das, wenn eins von uns umkäm', und da hab' ich mir schon oft gedacht, da zu dem Fenster 'nausspringen thut man sich keinen Schaden, weil der Dunghaufen da ist.« »Red so was nicht; das heißt Gott versuchen,« wehrte die Frau ab, und Diethelm erklärte, daß das nur ein vorübergehender Gedanke war; innerlich aber fühlte er sich erleichtert, seiner Frau den Weg gezeigt zu haben, wenn er sie nicht vorher aus dem Hause bringen konnte; denn durch ihn allein, von keiner andern Menschenseele gekannt, sollte die That geschehen. Heute machte Diethelm keinen Versuch mehr, den Inhalt des Kutschensitzes zu verstreuen, er freute sich des fallenden Schnees, der die Halbkutsche in der Scheune ließ und den Schlitten zur Verwendung brachte. Am Morgen fühlte Diethelm noch einmal ein Bangen über seinen Vorsatz, und doch war's ihm, als hätte er jemand das Versprechen gegeben, ihn zu vollführen. Eben wollte er die geweihte Kerze in das Pfarrhaus schicken, als seine Bruderstochter aus Letzweiler ankam. Noch bevor sie ein Wort reden konnte, weinte sie laut und erklärte endlich, daß man in G. sage, Diethelm werde ihr keine Aussteuer geben, die Hochzeit nicht stattfinden, und sie im Elend bleiben. Man konnte nicht herausbringen, woher das Gerücht gekommen war, und das Mädchen, das immer auf der Bank sitzen blieb und nicht aufstand, schwur, daß sie sich ein Leid anthue, wenn das Gerücht wahr sei. Diethelm stand lange still vor dem Mädchen, betrachtete es scharf, so daß es die Augen niederschlug, und sich auf die Brust schlagend, daß es dröhnte, schwur Diethelm: »Guck, mir soll die Kerze da auf der Seele verbrennen, wenn du nicht alles von mir bekommst, wie ich's versprochen habe.« Er ging mehrmals mit schweren Schritten die Stube auf und ab und stand wieder vor dem Mädchen still und sagte: »Warum hast du denn ein so schlechtes Kleid an? Hast keine besseren?« »Freilich, ich hab' ja die zwei, die Ihr mir geschenkt habt, aber ich will sie sparen.« »Du weißt ja,« fuhr Diethelm auf, »ich kann nicht leiden, wenn eins von den Meinigen so verlumpt daherkommt. Mein' Frau muß dir von der Fränz ein andres Kleid geben. So darfst du nicht durch das Dorf. Ich will der Welt zeigen, wer ich bin.« Wut gegen die Welt, die seinen Ehrennamen so grundlos angriff, und ein freudiger Hohn, daß er es in der Gewalt habe, Rache zu nehmen, alle bösen Nachreden zu Schanden zu machen, kochten in seinem Herzen. Er stand gerechtfertigt vor sich da, das Schlechteste zu thun; traute man ihm ja das Schlechteste zu, und niemand hatte ein Recht oder einen Grund dafür. Das Mädchen, das sich wohl auf einen scharfen Zank gefaßt gemacht hatte, schaute mit gefalteten Händen wie anbetend zu Diethelm auf, der ihm liebreich die Wangen streichelte, denn ein freudiger Gedanke erhob ihn; sichtbarlich zeigte es sich ihm: er mußte die That thun, um die Stütze seiner Familie zu retten. Die ganze Macht seiner Familienliebe erwachte in ihm: nicht für sich, für alle seine Angehörigen mußte er der bleiben, der er war, alles Verdammungswürdige in seiner That war nur verkannte Tugend. Medard kam in die Stube und berichtete die Zahl der Lämmer, die in diesen Tagen sich zahlreich eingestellt hatten, indem er dabei bemerkte, der Meister möge doch auch wieder einmal in den Stall kommen und nachschauen. Diethelm wies den Medard mit strengem Blick ab und sagte, er habe jetzt andres zu thun; als er aber dem stechenden Blick Medards begegnete, fügte er hinzu: Ich komme gleich. Er überdachte schnell, daß er nichts auf sich kommen lassen dürfe, was als Fahrlässigkeit gegen sein Eigentum erscheinen könne. Sonst hatte er im Winter immer seine besondere Freude an den Schafen gehabt; im Sommer sind sie auf der Weide, dem Auge entrückt, im Winter aber gibt es oft täglich Junge, und stundenlang hatte Diethelm im warmen Schafstalle gesessen. Als er jetzt dahin kam, drängten sich alle Schafe auf ihn zu, so daß ihm ganz ängstlich zu Mut wurde, er zählte die Lämmer kaum und machte sich wieder davon. Zwölftes Kapitel. Auch im Schicksal der Menschen gibt es veränderliches Aprilwetter, wenn neue Keime aufgehen. Ein Brief des von Reppenberger bestellten Käufers meldete einen Verschub seiner Ankunft auf mehrere Wochen und ersuchte Diethelm, wenn er früher verkaufen wolle, mit Proben nach der Hauptstadt zu kommen. Diethelm ließ sich aber dadurch nicht abhalten, im Waldhorn prahlerisch seine günstigen Aussichten zu verkünden. Er lief dann hin und her und hatte für alles die genaueste Fürsorge, und doch war ihm jedes Thun nur wie ein Nebengeschäft, wie ein gewaltsamer Zeitvertreib, bis es an die einzige wirkliche That ging. Als ihn der Waldhornwirt aufforderte, mit auf die Jagd zu gehen, schlug er es ab, und doch war sein Antlitz froh gespannt, denn er erinnerte sich des bedeutenden Pulvervorrates, den er im Hause hatte und der sich nun auch zu schicklicher Verwendung eignete. Als Diethelm beim Nachhausegehen in der Nacht an der Kirche vorüberkam, erschrak er plötzlich, da er hellen Schein durch die hohen Kirchenfenster blinken sah. Hat das eine Vorbedeutung, daß die Kirche brennt? Schon wollte Diethelm laut rufen, als es ihm einfiel, daß das ja die Weihkerze war, die er selbst aus der Stadt mitgebracht; auf die Minute hin ist berechnet, wie lang dieses Licht brennt, und ist es nieder und findet keine Nahrung seiner Flamme mehr, dann erlischt es, findet es aber neue weithinziehende, dann . . . Als Diethelm sich endlich von den Knieen aufrichtete, sah er wie verwirrt an sich herab, er konnte sich nicht erinnern, wie er niedergekniet war, es mußte das gegen seinen Willen geschehen sein. Hastig verscharrte er die Spuren seiner Kniee im Schnee, und wie er weiter schritt, verscharrte er jede Fußstapfe zur Unkenntlichkeit, und doch wagte er es nicht, geradeswegs heimzugehen; bald ängstigte ihn der Gedanke, daß er entdeckt und verraten sei, bald hatte er eine Angst vor seinem eigenen Hause, als ob die toten Wände wüßten, daß er sie in Asche verwandeln wolle, und vorzeitig zusammenstürzen und ihn unter ihrem Schutte begraben. Eine ruhelose Gewalt trieb Diethelm immer weiter, als müßte er entfliehen und hinter sich lassen alles, was ihn kennt und nennt; die Verwandten werden sich schon der Martha und der Fränz annehmen, wenn nur er nicht mehr da war, nur wehe that es ihm, daß er ihnen nicht Lebewohl gesagt, und Thränen traten ihm in die Augen über seinen eigenen so jähen Tod, den er doch suchen mußte. In dieser Nacht kämpfte zum letztenmal der gute Geist Diethelms mit seinen schlimmen Vorsätzen in gewaltigem Ringen, und eine überraschende Wendung seines Denkens löste auf einmal allen Hader; dir bleibt nichts, als dich selbst umbringen, das ist eine schwere Sünde – oder Brandstiften, das ist auch ein Verbrechen, aber minder, und du hast schon genug gelitten für das, was du thun wolltest, du hast deine Strafe vorweg empfangen, jetzt mußt du's auch thun, und du rettest dich und all die Deinen. An der Gemarkung von Unterthailfingen kehrte Diethelm um und kam, man kann fast sagen, als hartgefrorener Missethäter heim. Drei Tage ging Diethelm einsam und in sich gekehrt umher; er verstopfte jede Luke und jeden Spalt auf dem Speicher und sagte sich innerlich Wort für Wort alles vor, was er zur gefahrlosen Vollbringung zu thun habe; denn er gewahrte, wie sein Atem schneller ging bei dem Gedanken an die endliche Ausführung, er wollte sich vor sich selbst sicherstellen, um mit Umsicht und ohne Leidenschaft und Hast, die leicht das Wichtigste übersieht, zu Werke zu gehen. Am dritten Abend kam ein Bote vom Kohlenhof mit der Nachricht, daß die Kohlenhofbäuerin, die Tochter Marthas erster Ehe, krank sei und nach der Mutter verlange. Diethelm erfaßte dies schnell als eine erwünschte Wendung und drang in seine Frau, daß sie sogleich abreise; er wußte aber allerlei Ausreden, daß er sie nicht selbst führte, er wollte dem Medard den Schlitten mit den beiden Wappen übergeben, aber dieser klagte über Schmerzen in seinem gebrochenen Bein. und der Waldhornwirt war gern bereit, die Base zu führen. Diethelm empfahl ihm, bald zurückzukehren, da er morgen auch verreisen müsse. Als das Fuhrwerk mit Schellengeklingel davonrollte, hob Diethelm die Arme hoch empor und reckte sich wie zum Ausholen für eine schwere Arbeit. Spät in der Nacht, als alles schlief, ging Diethelm ohne Licht hinab in die Scheune, öffnete den Kutschensitz, nahm die Kerzen sorgfältig heraus, that das Kienholz in einen Sack, den er sich über den Rücken band, und stieg auf der Scheunenleiter hinauf nach dem Speicher. In der Mitte der gradaufstehenden Leiter, die er doch tausendmal auf und ab gestiegen war, überkam ihn plötzlich ein Schwindel, daß er nicht vor und nicht rückwärts konnte; er hing wieder wie über einem Abgrund zwischen Leben und Tod, und fast schrie er laut auf nach Hilfe, aber noch hatte er Besinnung genug, zu überlegen, daß er sich damit ins Elend stürze, und mit letzter Kraft in sich hineinfluchend, stemmte er sich an und kletterte behend von Sprosse zu Sprosse und stand endlich keuchend auf dem oberen Boden. Er legte jetzt alles nieder, wo er stand, ja, selbst die Pulversäckchen that er aus der Tasche. Er öffnete einen Laden, um das Mondlicht hereindringen zu lassen, und saß lange ausruhend auf einem Wollballen. Endlich verteilte er das Kienholz in einzelne Schichten, die er zwischen die Ballen legte, dabei sprach er fast laut vor sich hin: »Dorthin die eine, dort die andre Kerze und die dritte zwischen die aufgehobenen Bretter, daß kein Licht nach außen scheint. Ich muß sie kürzen, sie dürfen nur zwölf Stunden brennen.« – Jetzt hatte er Kienholz zwischen zwei Ballen geworfen, aber es fiel so dumpf, er griff hinab, und ein Schrei des Entsetzens ertönte, Diethelm hatte einen haarigen Kopf erfaßt; er zitterte, daß die Bretter unter ihm dröhnten, eine krallige Hand faßte nach seinem Munde; »Der Teufel, der Teufel!« schrie Diethelm und sank lautlos zu Boden. »Meister, Meister, ich bin's,« rief jetzt eine Stimme, und Diethelm setzte sich auf. War das nicht die Stimme des Schäfers Medard? Wunderbar schnell war Diethelm gefaßt. »Was thust du da? du hast stehlen wollen, du Zuchthäusler?« rief Diethelm. »Und wenn auch, was danach?« erwiderte Medard spöttisch, »die Brandkasse bezahlt's doch.« Rasch schnellte Diethelm empor, und mit den Worten: »Ich erwürge dich, du krummer Halunk,« warf er sich auf Medard, schleuderte ihn nieder und kniete ihm auf die Brust. »Ich will ja nichts sagen, lasset nur los,« rief Medard mit halberstickter Stimme, und Diethelm gewahrte plötzlich, daß er zum Mörder hatte werden wollen, und ließ ab. Wie anders war plötzlich alles geworden, er hatte einen Mitwisser seiner That und war allezeit in der Hand eines Fremden. »Guck,« sagte er, und ihn selber schauderte vor dem, was er sagte, »ich bin einmal so weit, zurück kann ich nicht mehr, aber ich kann weiter gehen, ich muß es, wenn du mir nicht eine Sicherheit gibst, daß du nie – nie was redest.« »Es gibt nur eine Sicherheit, nur eine einzige,« erwiderte Medard, »und die ist fester als tausend Eide.« »Heraus, Heraus! Was ist's?« sagte Diethelm, die Hände des am Boden Liegenden festhaltend, und dieser erwiderte: »Der Munde heiratet Eure Fränz, und wenn mein Bruder all' das Sach kriegt, da ist die beste Sicherheit, daß ich nie was red'.« Diethelm preßte vor Zorn die Hände des Medard zusammen, daß dieser laut aufschrie, aber allmählich ließ er doch lockerer und sagte endlich: »Meinetwegen, ja, ja, es soll so sein; aber du mußt mitthun und du mußt anzünden, wenn ich nicht da bin.« »Das nicht,« erwiderte Medard, »aber mit thu' ich, und wir schaffen noch ein gut Teil fort, eh' es losgeht.« »Hast denn gestohlen?« »Was fragt Ihr jetzt danach? das ist jetzt alles lauter Schwefelhölzle, und ich weiß noch was, was Ihr vergessen habt; ich komm' morgen ins Spritzenhäusle, ich will helfen die Spritze vom Rädergestell auf den Schlitten bringen, und da will ich nur zwei Schrauben an der Spritze losmachen, dann mag man löschen.« »Du bist nicht dumm, du bist gescheit,« sagte Diethelm, und mit diesen Worten war der Friede zwischen den beiden geschlossen. Diethelm führte den Knecht, den in der That sein kranker Fuß von dem Falle sehr schmerzte, sorglich die Treppe hinab und gab ihm Branntwein zum Einreiben. Medard sprach viel davon, wie albern es wäre, wenn man nicht noch soviel als möglich beiseite schaffe, aber Diethelm wehrte streng ab, er hatte das Wort auf der Zunge, aber er schämte sich, es zu bekennen, daß er nicht auch noch zum gemeinen Dieb werden wolle; er fühlte voraus den höhnischen Spott seines Genossen und wies nur auf die Gefahr hin, die solches Beiseiteschleppen, ohne daß man's ahne, mit sich führt. Medard hatte wohl zu verteidigende Einwände und Diethelm fühlte sich geneigt, streng zu befehlen, daß alles nach seiner wohlbedachten Anordnung ausgeführt werde; aber indem er den Befehl aussprach, verwandelte er ihn in eine Bitte, und es klang fast wehmütig, wie er den Medard bat, um seiner Beruhigung willen nichts hinterrücks zu thun und alle sein Anordnungen auszuführen. Medard hatte sich währenddessen gemächlich Knie und Wade eingerieben, und als jetzt Diethelm schloß: »Wir sind doch eigentlich ganz gleich, ich thu' alles wegen meinen Verwandten, und du thust alles wegen deinem Bruder,« da schaute Medard grinsend auf und sagte: »Aber mein Bruder ist jetzt Euer einziger und nächster Verwandter; Eure Letzweiler Krattenmacher haben schon genug gekriegt, und für den Munde thun wir alles, und ihm muß alles bleiben.« Diethelm biß sich die Lippe blutig über diese freche Rede, die ihm ins innerste Herz griff, aber er schwieg; er sah, wie der kecke Bursche ihn jetzt schon zu meistern begann, und schaute mit Grauen in die Zukunft. Er faßte einen tödlichen Haß gegen den Gesellen und stampfte auf den Boden vor Zorn und Reue, daß er ihn nicht erdrosselt hatte. Jetzt war das nicht mehr möglich, von der Stube aus hätten die Dienstleute im Nebenbau den Hilferuf gehört. Welch ein ausgespitzter Bösewicht war es, an den er zeitlebens gefesselt war, auch nicht einen Augenblick hatte der sich besonnen, die That zu vollführen, während er selbst doch so gräßlich mit sich gerungen hatte. Diethelm knirschte in sich hinein, da er die Untertänigkeit gewahr wurde, in die sein immer noch weichmütiges Naturell gegenüber diesem versteiften, hartgesottenen Bösewicht geriet; äußerlich aber war er freundlich und zuthulich und nickte zu dem Vorschlage Medards, man müsse vom obern und zweiten Boden Bretter ausheben, daß die Flamme rasch einen Durchzug fände, bevor sie hinausschlage. Schwer ist oft die Verzweiflung, die einen Menschen heimsucht, der einsam den Weg des Verbrechens wandelt; aber einen Genossen haben ist höhere Pein; man kann den eignen Mund hüten, daß er nicht rede, die eignen Mienen, daß sie nicht zucken, und es kann Tage geben, wo man alles vergißt und sich ausredet, was geschehen ist; in einem Genossen aber spricht bei jeder Begegnung die That sich aus, ohne Wort, ohne Wink; und weilt er fern, wer behütet den Mund, wer wahrt die Mienen, daß sie nicht den Ahnungslosen ins Verderben reißen? Das erkannte Diethelm, da er wieder allein war und es ihm vorkam, als knistere es schon in den Wänden. Als der Hahn krähte, erwachte Diethelm und ballte die Fäuste; der Gedanke schnellte ihn empor, daß nichts übrig bleibe, als den verräterischen Genossen aus dem Wege zu schaffen, der ihn gewiß schon seit Jahren betrogen und mit zu seinem Elend verholfen, aber er bezwang sich und – so seltsam geartet ist das Menschenherz – daß Diethelm aus dieser Selbstbeherrschung einen friedlichen Trost schöpfte: die That, die er begehen wollte, erschien unschuldvoll, fast ein Kinderspiel, da er das schwere Verbrechen, den Mord, von sich wies. Mit ruhigem Gewissen schlief Diethelm abermals ein. Dreizehntes Kapitel. Es läßt sich kaum sagen, was in dem beiderseitigen Blicke lag, als sich Diethelm und Medard am Morgen zum erstenmal im Tageslicht begegneten, nur mit Blitzesschnelle streiften sich ihre Blicke, dann schaute jeder vor sich nieder. Medard aber war wieder schnell gefaßt, griff in die Tasche und sagte, die Messingschrauben zeigend, mit triumphierender Miene: »Da, die hab' ich heut schon geholt.« »Vergrab sie,« sagte Diethelm und winkte dem Medard nach dem Stalle und fuhr hier fort: »Du sagst doch deinem Vater nichts?« »Nein, das ist nichts für einen Sympathiedoktor. Der Ofen muß aber heut geheizt werden, denn brennt's an einem andern Ort, da merken sie, daß die Schrauben und Kloben fehlen. Das Flugfeuer kann nicht zünden, die Dächer sind mit Schnee bedeckt. Aber Meister,« fuhr Medard fort, das Wort ging ihm schwer heraus, »wie ist's denn? wollen wir die Schaf' nicht an einen Ort thun? Ihr wisset ja wohl, die sind blitzdumm und können das Funkeln nicht leiden und laufen grad drein 'nein!« »Das geht nicht, das könnt' den Leuten verdächtig vorkommen, es muß alles bleiben, wie es ist. Ich sag' dir's noch einmal, es muß alles bleiben, wie es ist.« So schloß Diethelm und ging nach dem Hause. Hinter ihm drein aber streckte Medard die Zunge heraus und fluchte vor sich hin: »Du verdammter Scheinheiliger, wart', du Waisenpflegerle, popple du nur die ganze Welt an und thu', wie wenn du kein Tierle beleidigen könntest, dich hab' ich; ich halt' dich am Strick um den Hals, du sollst mir's teuer bezahlen, daß du die unschuldigen Schafe verbrennst, du sollst mir nimmer Mäh machen und nicht mucksen, wenn ich dich anguck'.« In der Seele dieses Menschen, bereit zum Verbrechen, empörte sich noch das Mitgefühl für die Tiere, die er jahraus, jahrein hütete, und dieses Mitgefühl verwandelte sich in neuen giftigen Haß gegen Diethelm, und dieser war ihm so erlabend, daß er sich auf die Vollführung der That wie auf eine Lustbarkeit freute. Diethelm aber, der nach dem Hause ging, lächelte vor sich hin; die Messingschrauben wurden zu sicheren Handhaben gegen Medard. Die Zerstörung der Feuerspritze, das war eine That, mit der er Medard gefangen halten konnte, er selber konnte jede Beteiligung leugnen, er konnte mindestens damit drohen, und wenn die Sache herauskam, so wälzte dieser Vorgang allen Verdacht auf Medard. Es galt nun behutsam in dem Mitwissen des Waldhornwirts und vielleicht bei einem andern festzustellen, daß und wie Medard beim Ueberheben der Spritze auf den Schlitten geholfen habe, und dann mußte Diethelm unter der Hand merken lassen, daß er mit Medard unzufrieden sei und ihn aus dem Haus thun wolle. Aber alles nur fein behutsam. »Du meinst, du hast mich, und ich hab' dich im Sack,« sprach Diethelm in sich hinein und freute sich seiner klugen Benutzung der Umstände. So hegten diese beiden Menschen, die so einig schienen, im Innersten den tiefsten Haß gegeneinander, und während sie noch gemeinsam die That zu vollbringen hatten und noch nicht der Beute habhaft waren, dachte ein jeder schon daran, wie er dem andern den Genuß verkümmere und ihn gefangen halte. Unter der Thür traf Diethelm einen Boten vom Kohlenhof mit der Nachricht von Martha, daß ihr noch mancherlei geschickt werden solle, da sie die Kranke noch mehrere Tage nicht verlassen könne. Der Bote sah verwundert auf Diethelm, dem die Krankheit seiner Stieftochter gar nicht zu Herzen zu gehen schien, ja in seinem Gesichte drückte sich sogar eine Freude aus, und der Bote, ein armer alter Häusler, dachte darüber nach, wie hart der Reichtum die Menschen mache, denn die Freude in dem Gesichte Diethelms konnte gewiß nur von der Aussicht auf die Erbschaft herrühren. Diethelm dachte aber an nichts weniger als an die Erbschaft, er war froh, daß seine Frau noch länger wegblieb; in der nächsten Nacht mußte die unterbrochene Vorbereitung vollführt und alles rasch zu Ende gebracht werden. Er ließ daher seiner Frau sagen, sie möge ruhig bei ihrer Tochter bleiben, da er ohnedies morgen verreise. Im Waldhorn war heute Diethelm besonders aufgeräumt, und als der Wirt sein Geschick lobte, das ihn immer mit unverhofftem und neuem Glück überhäufe, nickte Diethelm still. Er freute sich, daß man an den großen Gewinn glaubte, den er aus dem Verkauf seiner Vorräte mache. Das ließ gewiß nie einen Verdacht aufkommen, geschehe, was da wolle. Dennoch erzitterte Diethelm innerlich, als der Vetter Waldhornwirt erzählte: »Denk' nur, was heut geschehen ist. Wie wir heute die Spritze abheben, ist ein Rudel Schulbuben drum 'rum, der Schmied jagt sie fort, aber die sind wieder da wie Bienen auf einem blühenden Repsfeld. Und wie jetzt der Schmied eine Peitsche nimmt und unter die Buben einhauen will, da ruft der alt Schäferle: ›Laß sein, bei so etwas darf man sich nicht versündigen, und die Kinder können nichts dafür; sie hören immer davon und sehen das ganze Jahr die Spritze nicht, und da sind sie gewunderig froh, wenn sie das einmal am hellen Tag und in der Ruhe sehen.‹ Könnet Euch denken, Vetter, was auf die Red' für ein Geschnatter und Getrappel ist, und wo man hinguckt, hängt so ein junger Malefizbub, und mit Müh und Not werden wir fertig, ohne so einem die Finger abzutreten. Wie wir eben fortwollen und der Schmied das Thor in der Hand hat, um zuzuschließen, da hören wir, wie die Spritze von selber zweimal pumpt, grad, als ob man's hüben und drüben heben thät. Da ruft der alt Schäferle: ›Höret ihr? Eh' drei Tage vergehen, brennt's im Ort.‹ Der Schmied ist so bös, daß er die Thür zuschlägt und fast den alten Schäferle dazwischen klemmt. Dein Knecht, des Schäferles Medard, hat sich geschämt, daß sein alter Vater so dummes Zeug schwätzt, und ist davon, und die Schulbuben rennen durchs Dorf und schreien überall: ›In drei Tagen brennt's.‹ Dem alten Schäferle sollte man seine dummen Prophezeiungen verbieten, aber hier fürchtet sich alles vor ihm und – sollt' man's meinen, wo man hört, glauben die Leut' alle an die Prophezeiungen, und da sind die Leut' hier noch stolz auf ihren Ort. Bei uns daheim in Letzweiler fände man keine zwei alten Weiber, die so was glauben thäten, und der Ort liegt doch nicht an der Landstraß' wie Buchenberg.« Diethelm griff aus dieser langen Mitteilung gern den letztangeregten Gegenstand auf; der alte Wettkampf, der in Spott und Neckerei überall zwischen einem Dorf und dem andern rege ist, hatte ihn schon viel erlustigt, aber keiner der anwesenden Buchenberger ging heute darauf ein, und Diethelm schien es fast, als ob er Mißtrauen errege, weil er von dem Schreckgespenst gar nicht rede, er sagte daher überlenkend: »Der alt Schäferle hat nichts Besonderes prophezeit. Jedesmal, wenn man was an den Spritzen zu thun hat, hält man das für ein Wahrzeichen, daß eine Feuersbrunst auskommt, und da ist's am gescheitesten, man macht den Aberglauben zu Schanden und gibt doppelt acht, daß kein Unglück auskommt.« Alles schwieg. Nur ein fremder Mann, der auf der Ofenbank saß, sagte halblaut vor sich hin: »Abbrennen ist nicht immer ein Unglück, im Gegenteil –« »Wer ist der Lump?« fragte Diethelm seinen Vetter, und dieser erwiderte: »Ein fremder Spindelnhändler. Ich hätt' gute Lust und thät den Kerl die Stiege 'nabwerfen.« »Thu's nicht,« beschwichtigte Diethelm, »das gibt ein unnötiges Geschrei in die Welt.« Er beredete nun seinen Vetter, am morgenden Tage mit ihm nach der Hauptstadt zu reisen, wohin er mit Proben seiner Wollvorräte gehen und dann seine Fränz abholen wolle, die ihm geschrieben habe, daß sie nicht mehr in der Stadt bleibe. Gerade der Waldhornwirt war ihm stets der liebste Genosse, er war halb Kamerad, halb abhängiger Untergebener, und draußen, wo man dieses letzte Verhältnis nicht kannte, war Diethelm immer besonders hoch angesehen, wenn der stattliche Waldhornwirt ihn überall mit unterwürfiger Ehrerbietung behandelte und hinter seinem Rücken sein Lob verkündete. Der Waldhornwirt war schlau genug, diese unausgesprochene Vasallenlast zu erkennen; er that oft, als ob er sich davon losmachen wolle, um den Vetter zu allerlei Nachgiebigkeiten und Vorteilen zu bewegen. Dies gelang ihm auch heute, denn Diethelm versprach eine Entschädigung für jegliche Versäumnis. In neuer verzweiflungsvoller Pein ging Diethelm wieder heimwärts. War es denn nicht, als ob plötzlich seine innersten geheim gehaltenen Gedanken sich von unsichtbarem Munde verbreitet hätten, so daß jetzt alles im Dorfe von einer Feuersbrunst sprach, an die man sonst das ganze Jahr nicht dachte? Wäre es nicht das Beste, alles zu verschieben und zu hintertreiben, bis die Prophezeiung vergessen ist? Aber wer weiß, wann die Frau wieder aus dem Hause sein wird? Im Stall traf Diethelm den Medard, der ein großes Seil mit Karrensalbe einschmierte, und auf seine verwunderte Frage erhielt er die Antwort, daß dieses das Seil aus der Radwinde sei, das, mit Fett getränkt, als Lunte dienen müsse, um das Feuer blitzschnell in den Neubau auf den Heuboden zu leiten. Diethelm konnte nicht umhin, auch diese erfinderische Klugheit zu loben; dennoch sprach er davon, die Sache noch zu verschieben, da man an die dumme Prophezeiung glaube; Medard aber erwiderte: »Just deswegen müssen wir gleich losschießen. Weil alle davon schwätzen, ist jeder vorsorglich und glaubt niemand dran, und geschieht jetzt was, da heißt's: das hat sein müssen, das hat kein Mensch gethan, es hat sein müssen, weil's prophezeit gewesen ist.« Wie doch alles auch seine Kehrseite hat, das erfuhr jetzt Diethelm; die Wendung, die Medard der Sache gab, war doch überaus sinnreich und fein berechnet, und doch war Diethelm schwer beklommen, schwerer als je; ihm war's, als wäre die That nicht mehr sein, sie war in fremde Hand gegeben und mußte geschehen, sei er nun willfährig oder nicht. Fast die ganze Nacht hindurch war Diethelm mit Medard beschäftigt, alles herzurichten. Die Mäuse liefen ohne Scheu wie toll hin und her, als ahnten sie den Untergang des Hauses. Diethelm zitterten oft die Hände, aber Medard war voll heiterer Laune, und wenn es Diethelm versäumte, lobte er sich selbst über hundert kleine Erfindungen, die er noch machte und kneifte sich selbst in die Wangen. Diethelm schauderte, als Medard über die geweihten Kerzen im Kirchentone einen wild närrischen Feuersegen sprach. Als der Morgen graute und ein lustiger Wind pfiff, entzündeten sie die Kerzen und verschlossen alles sorgfältig, daß kein Lichtschein nach außen dringe. Diethelm sagte nun, daß er verreise. »Bis wann kommst du wieder?« fragte Medard. Betroffen sah Diethelm drein, daß ihn sein Knecht duzte, aber er hielt an sich und erwiderte: »Bis gegen Abend.« »Drum,« erwiderte Medard, »wenn du nicht auch da bist, wenn es losgeht, zeig' ich dich an, so wahr die Lichter da brennen; oder nimm mich mit, ich will nicht allein da sein, daß alles auf mich kommt.« Diethelm bebte vor Wut, er sah, in welche Hände er gegeben war, er griff sich hin und her am Hals, denn er fühlte, wie es ihm die Kehle zuschnürte; endlich brachte er unter Zähneklappern die Worte hervor: »Kannst dich drauf verlassen, daß ich abends wieder da bin, da hast mein' Hand drauf.« Kaum hatte Diethelm die Hand Medards gefaßt, als er ihm einen Stoß vor die Brust gab, daß er niederfiel, und jetzt kniete er auf ihn und band ihm mit dem Halstuch die Hände zusammen, aber Medard biß ihm in den Arm, schnell raufte Diethelm eine Hand voll Wolle aus einem daneben stehenden Sack, stopfte sie Medard in den Mund, band ihm die Füße mit Stricken zusammen, betrachtete ihn einen Augenblick mit gehobenem Fuß, als wollte er ihn vertreten, und eilte hinab, alles sorgfältig hinter sich verschließend. Vor dem Hause rief er absichtlich laut nach Medard, aber die Magd kam und half ihm die Pferde einschirren; und so schnell als der Wind, der den Schnee aufwirbelte, jagte Diethelm davon. Vierzehntes Kapitel. Im Rautenkranz in der Hauptstadt lebte indes Fränz auch nicht so vergnügt, wie sie es gehofft hatte. Das Wirtshaus war fast wie eine kleine Stadt für sich; der gepflasterte Hof war so groß wie der Marktplatz eines kleinen Städtchen, bequem konnten zwei Frachtfuhren darin wenden, und in den Scheunen und Ställen war allzeit ein reges Leben; Frachtfuhren, Stellwagen, Botenwagen, Reiter und Fußgänger von allen Gegenden des Landes gingen hier ab und zu, und jeder wußte so vollkommen Bescheid im Hause, daß das rührig bunte Treiben sich doch wieder wie eine stille Regelmäßigkeit darstellte. Wären nicht Gasröhren durch das Haus geleitet gewesen, man hätte in ihm nicht geglaubt, daß man sich mitten in der Hauptstadt befinde. Die weite, offenstehende Küche mit ihrem zahlreichen glänzenden Kupfergeschirre an den Wänden und dem übermäßig breiten Herde in der Mitte, die steinernen Treppen mit ausgelaufenen Geleisen zeigten, daß hier alles von altem Bestand war, und gleicherweise zeigte sich's in der weitläufigen Wirtsstube, wo nicht weit von dem mächtigen Kachelofen an der großen, mit neubackenem Brot überschütteten Anrichte die Herrin des Hauses, eine stattliche Witwe, saß, nähte und sich von den Ankommenden erzählen ließ und ihnen Bescheid gab, ohne sich zu irgend jemand zu drängen. Es gab vielleicht keinen zweiten Menschen im Lande, der dessen innerste Verhältnisse so genau kannte, als die Frau Rautenwirtin, sie machte aber von ihrer Wissenschaft keinen Gebrauch, außer in seltenen Fällen, wenn sie von alten Hausfreunden um eine Nachricht angegangen wurde; sie wendete vielmehr ihre ganze Macht auf die Regierung ihres Hauses, und diese gelang ihr vollkommen, denn sie herrschte unbedingt. Von ihren drei Töchtern hatte eine die Aufsicht in der Küche, während zwei die Gäste bedienten, die beiden Söhne versahen die Bäckerei und Metzgerei, und alle gehorchten der Mutter mit unbedingter Unterwürfigkeit; ja, die Söhne bekamen Sonntags von der Mutter ein Taschengeld ausbezahlt und fanden diese Abhängigkeit vollkommen in der Ordnung. Und wenn die Rautenwirtin zwei- oder dreimal des Tages durch das Haus ging, konnte man sich darauf verlassen, daß alles vom Morgen bis zum Abend in fester Ordnung sich hielt; denn die Knechte und Mägde, durch das Beispiel der Kinder belehrt, waren ebenfalls voll Gehorsam und Pflichterfüllung, und wer aus dem Rautenkranz sich anderswohin verdingte, konnte bei gutem Lobe zehn Dienste in einer Stunde haben. Nie hörte man einen Zank im Hause, willfährig geschah die Handreichung von einem zum andern, der Pflichtenkreis eines jeden war fest abgemessen, es konnte niemand aus seiner Bahn abirren; auch wenn noch so viele Gäste da waren, bemerkte man nie eine Hast, nie aber auch war Unthätigkeit. Fränz hätte wohl kein besseres Haus finden können, um die Wirtschaftlichkeit im größern Maßstab zu erlernen, und so erschien es ihr auch anfangs; der gediegene Halt und die stetige Ordnung des Hauses nötigte ihr da eine hohe Achtung und willfährige Unterordnung ab; ja, sie griff um so freudiger zu, wenn sie daran dachte, wie daheim bei den wenigen Menschen alles so kunterbunt durcheinander ging, daß man oft nicht wußte, wann Mittag und wann Abend ist. Nach und nach fühlte sich aber Fränz wiederum beängstigt und gefesselt von dieser Hausordnung; spät schlafen gehen und früh aufstehen, den ganzen Tag arbeiten und nie eine Lustbarkeit, ja kaum vor die Thüre kommen, dazu war sie nicht nach der Stadt gegangen; sie lebte ja hier fast wie eine Magd. Sie versuchte es, die Tochter und die Mägde zur Widerspenstigkeit anfzuhetzen, aber sie fand kein Gehör, und die Rautenwirtin hatte ein scharfes Auge auf sie. Fränz hatte dem Sohne des Sternwirts von G. bald zu wissen gethan, daß sie hier sei; er kam auch mehrmals in der Dämmerung, wenn im Erbprinzen abgespeist war, aber mit Schrecken und Ingrimm sah Fränz, daß er fast nur Augen für die älteste Tochter der Rautenwirtin hatte und sich oft stundenlang zu der Mutter setzte, die großen Gefallen an ihm zu haben schien. Nun behandelte ihn Fränz mit auffälliger Mißachtung, und sie verstand es bald, mit dem ältesten Haussohn, dem Metzger, einen kleinen Liebeshandel anzuzetteln. Das dauerte aber auch nicht lang, und mit einemmal war aller Verkehr abgebrochen, und Fränz erfuhr von einer vertrauten Magd, die gelauscht hatte, daß die Wirtin ihrem Sohn jede Hinneigung zu Fränz ernstlich verboten und dieser fast ohne Widerspruch nachgegeben habe. Fränz sah von da an in dem Hause nur noch ein Sklavenhaus und verwünschte alles, was darin war, den Sohn, der sich von dem Herrschteufel, der Mutter, befehlen lasse, und vor allem diese selbst; wenn sie sie hätte vergiften können, es wäre ihre erwünscht gewesen. Nun aber blieb ihr nichts, als, wo sie konnte, Unordnung und Unfrieden im Hause stiften und alle ihre Obliegenheiten zu vernachlässigen. Als die Wirtin sie über letzteres zur Rede stellte, erklärte Fränz voll Heftigkeit: sie sei keine Magd und noch viel weniger ein Sklav, sie thue, was sie wolle, dafür bezahle ihr Vater Kostgeld. Ohne ein Wort zu erwidern, ordnete die Wirtin an, daß Fränz nichts mehr im Hause zu thun habe und daß sie nur noch eine Kostgängerin sei, bis ihr Vater sie abhole, und das je eher, je lieber. Darum schrieb Fränz den Brief an ihren Vater und wollte nun nach Laune frei und ledig in der Stadt umherlaufen; die Wirtin aber erklärte, daß das nicht angehe, so lange sie bei ihr im Hause sei; sei ihr Vater da, könne sie machen, was sie wolle. Munde hatte, ohne daß es ihm Fränz zu wissen that, doch bald erfahren, wo sie war; er kam nun auch oft in den Rautenkranz und blieb übermäßig lang bei seinem Schoppen sitzen, meist schweigsam und wenig teilnehmend an den Gesprächen um ihn her, nur seine Blicke folgten Fränz, wenn sie durch die Stube ging, und er trommelte mit den Fingern auf dem Tisch, wenn sie mit einem Gaste freundlich that. Fränz aber lächelte ihm nur manchmal schelmisch zu, und wenn er sie heimlich auf einen sogenannten »Ständerling« vor dem Hause bestellte, oder gar mit ihr zum Tanze gehen wollte. wehrte sie strenge ab, da die Wirtin sie bei dergleichen mit Schimpf und Schande aus dem Hause jagen würde. Während sie auf Habhaftwerdung des Sternenwirtssohnes und dann des Haussohnes ausging, verstand sie es, Munde doch so hinzuhalten, daß er treulich wiederkam, und diese ausdauernde Liebe that ihr einerseits wohl, andrerseits hoffte sie dadurch besonders bei dem Haussohne eine Eifersucht und eine raschere Entscheidung herbeizuführen. In der Küche und bei dem Wirtssohne scherzte sie oft über Munde und seine närrische Verliebtheit, wobei sie ihn stets ihren Knecht nannte. Schon seit mehreren Tagen erwartete Fränz ihren Vater, und als sie von allen ankommenden Fuhrleuten vernahm, welch eine unerhörte Kälte draußen sei, beklagte sie, daß ihr Vater dadurch abgehalten werden könne, sie zu holen. Gegen Abend kam Munde mit noch einem Soldaten und dessen Vater, einem Bauer aus Unterthailfingen, der seinen Sohn besucht hatte. Fränz that heute besonders freundlich gegen Munde, bat ihn um Aufträge an die Seinigen, da sie bald die Stadt verlasse. »Und du wirst jetzt noch einmal so reich,« sagte Munde. »Wie so? Hast du was gehört? Hat mein Vater verkauft?« »Das auch, aber dein' Stiefschwester, die Kohlenhofbäuerin, liegt im Sterben, und da kriegst du alles.« »Woher weißt das?« fragte Fränz. »Da der Peter von Unterthailfingen erzählt's, dein' Schwester wird schon gestorben sein.« Während Fränz sich noch mit der Schürze die Augen abrieb, trat ein Postschaffner vor Kälte heftig trappend ein. Es war ein ehemaliger Unteroffizier, den Munde kannte; er bot ihm nun das Glas zum Trinken an, und der Schaffner sagte, sich den Bart wischend: »Weißt auch schon, des Diethelms Haus in Buchenberg ist abgebrannt?« »Herr Gott, unser Haus?« schrie Fränz in lauter Wehklage und stieß im Umsichschlagen die Flasche vom Tisch, die klirrend auf den Boden fiel, so daß alles im Zimmer sich nach ihr wendete. Munde sprang schnell auf und setzte die zitternde Fränz auf seinen Stuhl. Der Schaffner bedauerte seine Unvorsichtigkeit. daß er nicht gewußt habe, daß das Diethelms Tochter sei. Fränz aber, leichenblaß und mit stierem Blick, wollte Näheres wissen. Der Schaffner hatte dies nur von einem andern gehört, der am Morgen durch Buchenberg gefahren war, und wußte weiter nichts, als daß kein Mensch dabei verunglückt sei, nur einen Knecht, der das Haus angezündet habe, suche man noch vergebens. Alles versammelte sich nun um Fränz und tröstete sie; ja, man wollte ihr sogar die ganze Sache ausreden, es sei vielleicht gar nicht wahr und dergleichen mehr. Fränz aber war rasch entschlossen, sie wollte augenblicklich heim; sie faßte beide Hände des Munde und bat ihn, ihr zu helfen, daß sie fortkäme, sie jammerte um ihren Vater und ihre Mutter und klagte sich selber an, daß sie von ihnen fortgegangen sei, es seien gewiß alle verbrannt, und man sage es ihr nicht. Die Wirtin wollte sie beruhigen und ihr solch wildes Rasen ausreden, aber Fränz stieß sie heftig von sich. »Munde, du bist dein Lebtag gut zu mir gewesen, ich bitt' dich, Munde, guter Munde, hilf mir, daß ich fortkomm',« rief sie immer laut weinend, und Munde selber weinte mit und versprach, alles zu thun. Der Schaffner sah auf seine Uhr und sagte: durch Buchenberg gehe erst morgen wieder ein Eilwagen, in einer Stunde aber gehe ein andrer nach G. ab, und von dort aus könne Fränz leicht nach Buchenberg kommen. Fränz eilte schnell auf ihre Kammer, holte ihre Kleider, und trotz aller Einrede, daß sie doch den Abgang des Wagens im Haus abwarten möge, blieb sie nicht und ging, von Munde allein begleitet, nach dem Posthofe. Wie träge schlug hier die Uhr; Fränz wollte fast vergehen vor Hast und Verzweiflung, und Munde, der sie gar nicht beruhigen konnte, sagte fast unwillkürlich: »Wenn ich nur den bösen Gedanken aus dem Kopf bringen könnt'!« »Was? Was hast du?« fragte Fränz, ihn am Arme fassend. Munde sagte, daß es nichts sei, und er könne es nicht sagen, es sei schlecht, und sie solle es ja nicht glauben, aber er sag's ihr nicht. Nun drang Fränz immer heftiger in ihn und schwur, ihr Leben lang ihn nicht mehr anzusehen, wenn er nicht mitteile, was er im Sinne habe. Da sagte Munde: »Es ist einfältig, es wäre besser gewesen, ich hätt' dir gar nicht gesagt, daß ich was weiß. Aber ich seh' schon, ich komm' so nicht mehr los. Schwörst du mir, es nicht zu glauben und keinen Haß auf mich zu werfen und mich gern zu haben, wenn ich dir's sag'? Nein, nein, ich kann auch so nicht, ich bring's nicht auf die Zung', nie.« »Ich schwör' dir alles, ich bitt' dich, lieber, lieber Munde, ich hab' dich so lieb, ich bitt' dich, sag' mir's, was ist? Was weißt?« »Es ist eigentlich dumm, und du könntest meinen, Wunder was es wär', drum will ich's sagen, aber du darfst's nicht glauben.« »Nein; aber sag's.« »Mein Medard hat einmal im Rausch gesagt, dein Vater woll' das Haus anzünden. Das ist alles. Nicht wahr, du glaubst's nichts Ich bitt' dich nur, gib mir gleich Nachricht, wie es den Meinigen geht. Wenn ich Urlaub bekomm', komm' ich morgen nach. Was hast? Warum redest denn nicht? Steh doch auf.« »Ja, ja,« sagte Fränz wie träumend und erhob sich von der eisbedeckten Staffel, auf die sie sich gesetzt hatte. »So, jetzt kommen die Pferde, aber wie langsam die machen. Gott im Himmel! Ich sterb', wenn das nicht schneller geht. Munde, was hab' ich sagen wollen? Ich weiß nicht mehr. Ja, sei mir nicht bös. Wenn nur meine Eltern noch leben, dann ist alles gut. Ich hätt's nie glaubt, daß ich so aus der Stadt weggeh', und da, Munde, da hast du auch noch Geld; das, was du gesagt hast, ist nicht gesagt und wird nie mehr gesagt. So, gottlob, nun ade,« schloß Fränz, als der Schaffner »Eingesetzt« rief. Der Postillon blies lustig, der Wagen fuhr ab, und Munde schlug sich davongehend auf die Stirn; es kränkte ihn, daß er so unbesonnen herausgeredet und den Schmerz des Mädchens noch grausam vermehrt hatte, und jetzt merkte er erst, wie er so unbewußt Geld angenommen. Er kehrte in den Rautenkranz zurück, um noch einiges zu besorgen, das Fränz in der Eile vergessen hatte. Fünfzehntes Kapitel. Unter klingendem Schlittenschellen fuhr Diethelm nach dem Dorfe hinab, er atmete tief auf in der scharfen Morgenkälte und starrte fast bewußtlos vor sich hin, beobachtend, wie die Rappen so rasch und gleichmäßig die Füße hoben, und wie sie so mutig die schellenumwundenen Köpfe warfen. Während im Herzen ein jäher Schreck ausklingt oder wilder Schmerz rast, ist oft der äußere Sinn verloren und gefangen in der Betrachtung eines Farbenspiels, eines alltäglichen Ereignisses, und verfolgt seine Wandlungen mit einer Stetigkeit und gesammelten Kraft, als wäre sonst nichts auf der Welt, und als müßte gerade dieser Vorgang in seinem innersten Wesen erforscht werden. Erwacht dann das innere Bewußtsein aus solcher träumerischen Versenkung, so fährt der Gedanke an das erlittene Unheil wie mit tausend schneidenden Waffen aufs neue durch alle Lebensnerven, durchzuckt das ganze Wesen, und ein lauter Aufschrei spricht es aus, was über das selbstvergessene Menschenherz gekommen. Diethelm fuhr so heftig auf, daß er mit dem Leitseile die Rappen herumriß, so daß sie sich nur mühsam auf den Beinen hielten, während der Schlitten in den Graben abrutschte. Diethelm sprang heraus, und es gelang ihm bald, das Fuhrwerk wieder flott zu machen; er stieg aber nicht mehr ein, sondern ging heftig trappend neben den Pferden her bis zur Schmiede im Dorfe, wo er die Pferde frisch griffen ließ, während er nach dem Waldhorn ging. Der Waldhornwirt war noch nicht zuweg, und als er kam, war er überaus übellaunisch über die heutige Ausfahrt. »Wir sollten heut lieber daheim bleiben,« sagte er, »alle Wege sind verschneit; der Wind treibt allen Schnee auf den Straßen zusammen, und es ist heute so sträflich kalt, daß der Hungerbrunnen zugefroren ist; das erinnern sich die ältesten Leute nicht.« Diethelm sah den Vetter starr an, preßte die Lippen und sagte endlich: »Wir müssen fort, da ist nichts mehr zu reden.« Der Waldhornwirt holte sich eine große Schale Kaffee aus der Ofenröhre, und während er auf das Erkalten wartete, dem Diethelm mit schnaubender Ungeduld zusah, sagte er: »Wenn heute das Unglück wollte, daß ein Feuer auskäme, man hätt' keinen Tropfen Wasser zum Löschen, das ganze Dorf wär' verloren.« Diethelm kam es vor, daß der Vetter ihn bei diesen Worten so seltsam anstierte, und er verfiel plötzlich in ein grinsendes Lächeln; er überlegte rasch, ob er auf das Gehörte antworten sollte, aber Schweigen konnte Mißtrauen erregen; darum sagte er aufstehend: »Glaubst du auch an die Prophezeiung?« »Nein, aber möglich könnt' es doch sein.« Das Zaudern und Trödeln des Waldhornwirts machte Diethelm alle Eingeweide kochen, er hielt es in der Stube nicht mehr aus, sagte, er wolle nach der Schmiede gehen, und bis er zurück käme, müsse der Vetter reisefertig sein. Diethelm war entschlossen, wenn das Zögern noch länger dauerte, lieber allein abzureisen, ohnehin war ja der Zweck erreicht, daß das ganze Dorf um seine Abreise wußte. Als er aber vor die Thür kam, wo ihm ein Wind so stark entgegenwehte, daß es ihm den Atem benahm und er sich umwenden mußte, spürte er plötzlich einen heftigen Schmerz im Oberarm von dem Bisse Medards, den er fast ganz vergessen hatte. Mit Mühe arbeitete er sich sturmentgegen nach der Schmiede, und als er dort ankam, rief er dem Schmied zu: »Nimm dich in acht vor dem zuderhändigen Rappen, der beißt. Weißt kein Mittel gegen einen Pferdebiß?« »Laß einmal sehen,« erwiderte der Schmied. »Es ist jetzt schon heil,« beschwichtigte Diethelm in Furcht, sich zu verraten, »aber fürs Zukünftige könntest du mir ein Mittel geben.« »Da wendest du dich am besten an den alten Schäferle, der hilft dir, daß es in einer Stunde vorbei ist.« Diethelm versprach, dies vorkommenden Falles zu thun. Während er am Feuer stehend den Schmerz verbiß, kam ein Trupp Männer und Burschen wild lärmend nach der Schmiede, so daß Diethelm erbebte. »Komm, Schmied,« hieß es nun, »es ist Befehl vom Amt da, daß wir mit dem Bahnschlitten 'naus müssen, der Postwagen kann nicht durch. Sollen wir gleich die Rappen da einspannen?« Diethelm wehrte ab, und es gelang ihm, seine halb gegrifften Pferde zu behalten. Der Trupp eilte nach dem Spritzenhäuschen, wo der Bahnschlitten stand. Im ganzen Dorfe war jetzt eine wunderliche Aufregung. Die Nachricht, daß man von aller Welt abgeschnitten sei, durchdrang alle Häuser, und die Menschen, die sonst nie daran dachten, daß anderswo auch noch Leute wohnen, thaten auf einmal, als ob sie allstündliche Verbindungen nach außen hätten und gar nicht leben könnten ohne deren ungestörten Bestand. Ueberall in den verschneiten Gassen sah man mit dem Winde kämpfende Menschen hin- und herrennen, Weiber grillten, wie sie unversehens in eine tiefe Schneewehe traten, Kinder jauchzten, Männer schrieen; man lief nach den Nachbarhäusern zu Vettern und Verwandten, als müßte man sich vergewissern, daß der Weg dahin noch offen sei, und Vorsorgliche eilten zum Krämer, um sich Salz zu holen; denn es hatte sich das Gerücht verbreitet, daß der Salzvorrat bald erschöpft sei und man lange keines von außen bekommen könne. Vor allen Häusern wurde geschaufelt und Eis gehackt und mancher Scherz dabei verübt, und die Kinder thaten überall mit, denn in der allgemeinen Aufregung war ein glücklicher schulfreier Tag. In das verschlossene lautlose Winterleben des Dorfes war plötzlich ein buntes lärmendes Straßentreiben gekommen, in dem das damit verbundene Ungemach fast vergessen schien, der Wirrwarr hatte seinen eigenen Reiz, und die Erwachsenen sind auch oft wie die Kinder. denen nichts lieber ist, als eine tummelfreie Umkehr der gewohnten Ordnung. Das meiste Leben war bei dem Bahnschlitten. Dieses noch auf dem Urzustande herstammende Fahrzeug, aus starken in einen spitzen Winkel gefugten Borden bestehend, einem in der Mitte zerteilten Schiffe gleichend, dessen Kiel mit Eisen beschlagen, wurde mit sechs Pferden bespannt, und mindestens dreißig Mann stellten sich als Beschwerungslast auf denselben, johlten und schrieen. Diethelm sah all dem Treiben mit unnennbarer Seelenangst zu. Das Herz im Leibe drückte ihn wie ein Stein, bald schlug es ihm wie Flammen zum Gesicht heraus, bald überrieselte es ihn eiskalt; den Schmerz am Arme spürte er kaum mehr. Am Bahnschlitten hörte er mehrmals den Namen Medards nennen, der sonst immer bei dieser Ausfuhr gewesen war und sich heute nicht sehen ließ. Diethelm sagte, der Medard müsse daheim bleiben, da er verreise. Endlich fuhr das schwere Gefährt das Dorf hinaus, und es trat eine Weile Stille ein. Diethelm kehrte in das Waldhorn zurück. Der Vetter war froh, daß sich die Reise noch verzögerte, während Diethelm vor Verzweiflung fast vergehen wollte. Er stellte die Rappen im Waldhorn ein und wollte bis zur Abreise nur die Rückkunft des Bahnschlittens abwarten, einstweilen ging er wieder – nach Hause. Es schauderte ihn innerlich, da er dieses Wort aussprach, er hatte ja kein Haus mehr, es sollte nicht mehr sein. Dennoch ging er den Weg dahin, aber an der Anhöhe hielt er an und konnte sich nicht dazu bringen, hinauf zu steigen. Es kam ihm der Gedanke, Medard zu befreien, und wie von einem Bann erlöst, rannte er mehrere Schritt hinan; aber plötzlich hielt er wieder inne: wenn er nun Medard befreite, muß dieser ihn nicht auf den Tod hassen und ins Elend bringen? . . . Diethelm kehrte rasch wieder um. Aber noch einmal und noch einmal stieg er fast dieselbe Höhe des Berges hinan, und wieder stand er still und fuhr sich mit totenkalter Hand über die heiße Stirn, denn er dachte: Medard ist schon erstickt, er muß schon erstickt sein. Was willst du dir noch den grausenvollen Anblick machen, der dich nie verlassen wird, so lang dir ein Aug' offen steht? . . . Der Wind im Rücken half Diethelm rasch den Berg hinabspringen, und er kam eben ins Dorf, als der Eilwagen glücklich durchfuhr. Nun war die Bahn offen, es galt, keine Zeit mehr zu versäumen. Mit erheitertem Antlitz kam Diethelm ins Waldhorn zurück, aber er mußte doch noch dem Vetter nachgeben, daß man daheim Mittag machte. Diethelm trank zwei Flaschen von seinem Leibwein und war überaus wohlgemut, als man über alle Hindernisse hinweg endlich davonfuhr. Der alte Schäferle mit seiner dampfenden Pfeife stand am Wege, nickte Diethelm und seinem Trompeter zu und winkte mit der Hand, zeigend, daß er nach Diethelms Haus zu seinem Medard gehen wolle. Diethelm wollte dies abwehren, aber die Pferde waren so rasch im Zuge, daß man unversehens weit vom Schäferle weg war, und als Diethelm den Vetter zwang, anzuhalten, und sich umwendete, war der Schäferle verschwunden. Diethelm ließ ihm nun durch ein Kind am Wege sagen, daß er den Medard über Feld geschickt habe; er hatte nicht mehr Zeit, dies bereuend, und eingedenk seiner widersprechenden Aussage beim Bahnschlitten, zu widerrufen, denn der Vetter fuhr heute im vollen Trab. Dieser Widerspruch ist auch gewiß ganz bedeutungslos, sagte sich Diethelm und nahm sich vor, fortan recht genau auf alles zu achten, was er sage. Noch einmal wendete sich Diethelm nach seinem Hause um, es tanzte ihm vor den Augen, als käme das Haus den Berg herab. Er nahm dem Vetter die Peitsche ab und hieb selber auf die Pferde ein, daß sie in gestrecktem Galopp davonrannten. Man begegnete vor Unterthailfingen dem Bahnschlitten, und der darauf stehende Trupp, der sich im Nachbardorfe erlustigt hatte, brachte Diethelm in wildem Schreien ein Hoch aus. Dem Trompeter schien heute sein Mundstück eingefroren, er redete kein Wort; die Kälte war aber auch zu schneidend, wie scharfe Messer fuhr sie ins Gesicht und schlupfte unter dicken Schafpelzen durch, auf alles Eisenwerk am Schlitten und Geschirr setzte sich immer ein haarigkrauser Schneereif. Die Sonne war heute gar nicht erschienen. Schneewolken jagten sich am Himmel, aber es war zu kalt, als daß sie niederfielen. An der kalten Herberge öffnete endlich der Vetter seinen Mund und sprach von Einkehr, auch die Pferde schienen mit dem Vetter einverstanden und wendeten sich ab des Weges; aber Diethelm peitschte sie ingrimmig durch und jagte vorbei, es war ihm unmöglich, jetzt in dieses Hans einzutreten, ja schon dessen Anblick sträubte ihm die Haare empor. Der Vetter ward nun noch verschlossener und letzte sich nur bisweilen an dem mitgenommenen Kirschengeist. Es war schon lange Nacht geworden, als man steif und starr in G. im Stern ankam. Mit gekrümmten Fingern griff sich Diethelm in die Tasche, um nach seinen Papieren zu sehen. Plötzlich schrie er laut auf und schlug sich auf die Stirn, er hatte die Staatspapiere vergessen, die er in der Hauptstadt zu Geld machen wollte. Der Vetter, seines Amtes eingedenk, tröstete ihn in seiner unfaßlichen Verzweiflung. »Die Staatspapiere verschimmeln Euch ja nicht, und Ihr habt ja noch Geld genug.« Diethelm konnte es sonst nie leiden, daß der Trompeter solche Reden an ihn allein verschwendete, ohne daß sie sonst jemand hörte; heute aber nickte er ihm schnell gefaßt zu, denn er überlegte rasch, daß das Aufgeben dieser Wertpapiere, deren Besitz er nachweisen konnte, bei etwaiger Untersuchung entschieden zu seinen Gunsten sprechen müsse. Er rieb sich gewaltig die Hände und setzte sich behaglich an den Tisch. »Ihr habt's gut,« sagte der Vetter, dessen Register einmal aufgezogen war, »Euch fliegt der Reichtum nur zu, wo man gar nicht dran denkt.« Diethelm bestätigte den Gewinst, den er durch Verkauf der Wolle mache, und erholte sich immer mehr an dem Zutrauen, das seine Vorkehrungen einflößten. »Das mein' ich ja gar nicht, Ihr machet ja die große Erbschaft,« entgegnete der Vetter. »Red' nicht so. Von wem soll ich erben? Von den Unsrigen in Letzweiler?« »Stellet Euch nur nicht so. Ihr wisset's wohl, und ich weiß nicht, warum Ihr so thut, als ob Ihr's nicht wüßtet; Eure Stieftochter auf dem Kohlenhof, die kommt nicht mehr auf, sie sagen ja, sie sei schon tot: Kinder hat sie nicht, und da fällt wieder alles an die Mutter zurück.« Gläsernen Blickes, mit offenem Munde und ausgespreizten Händen hörte Diethelm diese Worte. »Dann ist ja alles umsonst!« schrie er laut auf und faßte den Vetter an der Brust und schüttelte ihn, als wollte er ihn erdrosseln. Der Vetter wehrte ab und sagte: »Was habt Ihr denn? Ihr thut ja wie von Sinnen.« »Ich bin's, komm, komm da fort,« stöhnte Diethelm, »nein, ich bin nicht närrisch, aber komm, einspannen, schnell, heim, in mein Haus, mein Haus . . .« Er richtete sich auf, sank aber wieder zurück auf den Stuhl und schlägelte mit den Händen, als hätte ihn der Schlag gerührt. Der Vetter schüttete ihm schnell Wein hinab, und Diethelm erholte sich bald wieder, dann bat er mit weinender Stimme, daß sie schnell wieder heimkehren sollten, er müsse zu seiner Frau. Der Vetter war gerührt, daß Diethelm der Tod seiner Stieftochter so nahe ging, er versprach, alles zu besorgen, und eilte hinaus. Diethelm faltete die Hände vor dem Mund und sprach etwas wie ein Gebet, und so zutraulich auch heute wieder der Sternenwirt war, er gab ihm keine Antwort und eilte hinaus in den Stall und weinte dort so laut, daß man meinte, es müsse ihm das Herz abstoßen. Er hatte den Arm auf den Hals des Handpferdes gelegt und weinte so heftig auf die Mähne und sprach unverständliche und doch flehend klingende Worte, als wollte er die Pferde bitten, ihn mit schnellster Macht heim zu bringen. Er hatte Verbrechen auf Verbrechen gehäuft, um seine Ehre zu retten, und nun war alles unnötig, die Erbschaft von seiner Stieftochter stellte ihn ja hin, glänzender als je. Er zitterte am ganzen Leibe, und nur ein Gedanke hielt ihn noch fest, daß daheim die grause That noch gut zu machen sei, und er faßte die besten Vorsätze, die sollten das Schicksal zwingen, daß die böse That ungeschehen sei. Gewaltsam ballte er die Fäuste und preßte die Lippen, um sich nicht zu verraten. wenn es doch zu spät wäre, aber nein, das darf nicht sein, das kann nicht sein. – Jede Minute, die mit Festschnallen eines Riemens, mit Anlegen eines Stranges verging, deuchte Diethelm eine Ewigkeit; er wollte Vorspann, er wollte frische Pferde nehmen, um mit Windesschnelle heim zu eilen, aber er fürchtete wieder, daß ihn jedes Wort verrate, und wagte nicht einmal mehr, die Einspannenden zur Eile zu drängen. Als der Vetter vorsorglich eine Laterne mitnahm und sogar nach einem zweiten Licht als Ersatz schielte, erschrak Diethelm, aber er hatte gelernt, zu schweigen. Er mußte vor dem Vetter alles verbergen, er hatte ihn ja mitgenommen, um ihn zum Zeugen seiner Unschuld zu gebrauchen. Man fuhr wieder heimwärts, und Diethelm mußte davon sprechen, daß er seine Frau in dem Schmerz um den Tod ihres Kindes nicht allein lassen wolle. »Warum hast mir denn nicht früher gesagt,« fragte er, »daß es so mit der Kohlenhofbäuerin steht?« »Ich hab' gemeint, Ihr wisset's und wollet nicht davon reden; ich hab' Euch ja oft darauf angespielt, daß Ihr wieder doppelt reich werdet.« »Ja wohl, ja wohl, fahr nur schärfer, noch schärfer, und wenn die Gäul' morgen auch hin sind,« drängte Diethelm. In dem Bannkreis des Verbrechens, in den er eingeschlossen war, hatte er nichts gemerkt von dem, was vielleicht alle Leute wußten und einander sagten; mit ihm sprach niemand davon, und mitten in der Qual, die ihm die Brust zusammen preßte, dachte er immer wieder, wie schlecht die Menschen sind, sie gönnten ihm sein unverhofftes Glück nicht und redeten darum kein bestimmtes Wort davon. Der Wind hatte sich gelegt, die Schneewolken entluden sich, und Diethelm sah nach den halb verschneiten Bäumen am Wege und streckte den Arm aus nach jedem, an dem man vorüber war, als schiebe er ihn damit zurück; war man ja der Heimat immer wieder um eine Strecke näher, aber es dauerte doch lang, und ein tiefer Frost schlich Diethelm durch Mark und Bein. Er glaubte, das Herz im Leibe gefriere ihm zu Eis, während der Vetter doch sagte, die Kälte sei gebrochen. Diethelm dachte sich die Pein Medards aus, der gefesselt am Boden liegt, die Flamme immer näher knistern, die Schafe in der Ferne blöken hört, und wie die Flamme immer näher heranschleicht, von allen Seiten nach ihm züngelt und ihn still umfängt . . . wenn sie zuerst seine Bande versengt – er hebt die gefesselten Hände den Flammen entgegen, er macht sich frei . . . »Du lebst,« schrie er auf einmal unwillkürlich laut auf, und der Vetter wunderte sich wieder über die so innige Liebe Diethelms zu seiner Stieftochter; nicht umsonst hieß er der Familienfürst. »Wir kriegen wieder kalt, der Mond geht heute rot auf,« sagte der Vetter, als man auf der kalten Herberge angekommen war, »seht, dort, Buchenberg zu.« Diethelm spie das Blut aus, das er sich aus den Lippen gebissen. »Was ist denn das?« fuhr der Vetter nach einer Weile fort, »ich höre die alt' Kathrin' brummen, und es riecht in der Luft so greulich.« Diethelm erwiderte nichts. Als man Buchenberg nahe war, schrie der Vetter: »Herr im Himmel, Euer Haus brennt,« aber Diethelm hörte es nicht, und mit Mühe erweckte ihn der Vetter mit Schneereiben aus dem Schlage, der ihn getroffen zu haben schien. Sechzehntes Kapitel. Lautlos und regungslos, weiß überschneit, stand die Menschenmasse am Berge versammelt, und wie sie vom roten Glutschein übergossen war, erschien sie wie von einem Zauber festgebannt. Keine Menschenstimme ward hörbar, nur vom Turme dröhnte die Sturm- und Sterbeglocke, die sogenannte alte Kathrin', und aus der Flamme, die breit und still, von keinem Winde bewegt, hochauf schlug, tönte ein tausendstimmiges Wehklagen, so dumpf und tief und wiederum so gräßlich röchelnd, als hätten die auflodernden Flammenzungen markerschütternde Stimmen gewonnen, und über der Flamme glitzerte der fallende Schnee und verdampfte in seltsame Luftgebilde. »Zu Hilfe! Rettet! Rettet!« schrie Diethelm vom Schlitten springend, »was steht ihr so müßig da? Rettet!« Wie aus dem Zauberbann erlöst, wendeten sich alle plötzlich nach ihm und umringten ihn. »Es ist nichts zu helfen,« sagte der Schmied, »dein Haus ist an allen vier Ecken angegangen, eh' man's gewußt hat, und kein Mensch als dein Medard hat die Kloben aus der Spritze da 'rausgenommen. Wir können nichts machen.« »Wo ist der Medard?« fragte Diethelm. »Das weiß kein Mensch, er hat sich heut vor niemand sehen lassen, der hat gewiß angezündet und ist vielleicht im Haus verbrannt; die wo zuerst kommen sind, sagen, sie hätten ihn schreien gehört.« »Rettet! Rettet!« schrie Diethelm und eilte nach dem Hause, aber von dorther kam eine Rachegestalt mit weißen Locken und zerfetzten Kleidern und warf sich auf Diethelm und wollte ihn erdrosseln. »Mordbrenner! Mordbrenner!« kreischte der alte Schäferle mit schäumendem Munde, »wo hast du mein Kind? Wo? Gib mir mein Kind. Mordbrenner! Mein Kind! Mein gutes, braves Kind!« Mit Gewalt wurde der rasende alte Mann von Diethelm losgerissen, er hatte mehr als jugendliche Manneskraft und hielt Diethelm wie mit eisernen Banden umklammert, und Diethelm ächzte laut auf, denn der Schäferle hatte ihn gerade an der Armwunde gefaßt, und als fräßen sich tausend schneidende Spitzen durch Mark und Knochen ein, so schmerzte bei der Berührung der Vaterhand der vom Sohne eingepreßte Biß. Das Blut rann Diethelm von der Hand herab, als er losgemacht war, er taumelte halb besinnungslos umher, aber der Vetter stand ihm getreulich bei. Jetzt hörte man deutlich, woher das Wehklagen kam: die Schafe im Stall, dessen Eingangswand bereits in Flammen stand, blökten so schmerzvoll klagend, daß es das Herz im Leibe erschütterte, es war nicht anzuhören. Diethelm brachte es mit dem Vetter und dem Schmiede dahin, daß sie eine Feuerwand einbrachen, um durch die Oeffnung die Schafe zu retten, und so viel auch die Umstehenden abwehrten, Diethelm konnte es nicht ertragen, daß auf einmal so viel Leben, und sei es auch nur das der Tiere, draufging. Er drang selber durch die eingerissene Wand ein: wie in einen Knollen zusammengepreßt, standen die Tiere, und von denen, die der Flamme nahe waren, sprang bald eines, bald das andere wie aufgeschnellt mitten in die Flamme hinein, that noch einen jämmerlichen Schrei, und die unversehrten blökten vor sich nieder. Mit Gewalt drängte sich Diethelm in die Mitte der Tiere und suchte sie hinauszutreiben, aber sie preßten sich immer wieder zusammen, und plötzlich fiel er nieder, und die Tiere standen auf ihm und um ihn, und mit halb ersticktem Schrei konnte er nur noch um Hilfe rufen. Es gelang dem Vetter, ihn zu retten, und bewußtlos, aus unsichtbaren Wunden blutend, wurde Diethelm nach dem Dorfe in das Waldhorn getragen, während gerade das Haus zusammenkrachte und der Dachstuhl in die Umfassungsmauern stürzte. Ein unerträglicher Geruch benahm allen Menschen fast den Atem, so daß keiner ein Wort sprach. Nur der alte Schäferle rief dem Davongetragenen nach: »Mordbrenner! du darfst nicht sterben. Du mußt noch am Galgen verfaulen.« Er wurde erst ruhiger, als eben Frau Martha kam . . . . Es war Tag, als Diethelm erwachte, und vor ihm stand seine Frau und hob die gefalteten Hände zum Himmel, als er die Augen aufschlug. »Du da?« fragte Diethelm, »ist sie tot?« »Ach Gott, ja, und sie hat noch im Sterben das Unglück gesehen.« »Wer hat mir meinen Arm verbunden? Bist du schon lang da? Hab' ich im Schlaf was geredet?« fragte Diethelm wieder in fast zornigem Tone. »Der Doktor ist mit mir herüber vom Kohlenhof, und der hat dir deinen Arm verbunden. Du bist von einem Schaf gebissen, ich bin grad kommen, wie sie dich fortgetragen haben. Du hast nicht im Schlaf geredet, als ein paarmal Medard gerufen.« »Weiß man nichts von Medard?« »Ach, lieber Gott, nein, der ist gewiß verbrannt.« Diethelm schloß noch einmal die Augen und schärfte still die Lippen, dann begehrte er aufzustehen, er sei wohl und müsse nach dem Schutthaufen sehen. Die Frau suchte ihm einzureden, daß er noch krank sei, und als er dies streng abwehrte, erklärte sie ihm, daß er dann vielleicht verhaftet und nach der Stadt abgeführt würde. »Ist mir recht,« sagte Diethelm trotzig, »dann nimmt die Geschichte bald ein Ende. Sie können mir nichts thun. Wer klagt mich an?« »Der alt' Schäferle.« »Da hilft kein' Sympathie.« »Wie ich hör',« sagte die Frau zögernd, »will auch die Brandversicherung dich anklagen.« »Hoho!« lachte Diethelm, »denen will ich's schon zeigen, die müssen mir blechen. Ich steh' auf, ich bin hechtgesund.« Trotz aller Widerrede vollführte Diethelm seinen Ausspruch und zankte mit seiner Frau, daß sie so eine herzbrechende Miene mache. Erst als sie mit halbunterdrücktem Weinen sagte, sie habe ja auch gestern ihr Kind verloren, erwiderte er: »Ja ja, das ist wahr. Zum Teufel, daß ich das auch immer vergeß. Ich will gleich einen Boten an die Fränz schicken, sie muß heimkommen.« Martha stand am Fenster und weinte in den schneeigen Tag hinaus. Erst als Diethelm leise vor sich hinpfiff, wendete sie sich um und sagte: »Um Gotteswillen, Diethelm, was machst? Wie kannst du nur auch so sein? Was müssen die Menschen von dir denken, wenn du nach so einem Fall jetzt gar noch lustig thust?« »Hast recht, hast recht, red' weiter nichts, hast recht,« sagte Diethelm hastig. Er erkannte schnell, daß seine Frau ihn auf das Entsprechende hinwies; allzuviel Gleichmut war wiederum verdächtig. Eine gewaltige Veränderung war in Diethelm vorgegangen. Nun die That geschehen war mit all' ihrem Schrecken, galt es, mit gefestetem Mute ihr standzuhalten. Er verbannte alle Weichherzigkeit, und als er vor dem kleinen Spiegel stand und sein flockseidenes Halstuch umthat, hielt er die Zipfel desselben eine Weile ruhig in der Hand und betrachtete die stolzsichere Miene, die er allen Vorkommnissen gegenüber bewahren wollte. In der Wirtsstube, wo der junge Amtsverweser mit seinem Aktuar und zwei Landjägern und noch viele aus dem Dorf sich befanden, schaute alles verwundert auf, als Diethelm freundlich grüßend und mit dem Ausspruche eines schmerzlichen Bedauerns eintrat. Diethelm wollte dem Amtmann, mit dem er am Markttag an einem Tische gesessen, die Hand reichen, aber der Amtmann wußte gewandt seine Hände mit einem großen vor ihm liegenden Bogen zu beschäftigen, und Diethelm zuckte mit den Achseln, als er die dargebotene Hand leer wieder zurückziehen mußte. »Ihr seid gekommen,« nahm Diethelm das Wort, »um mein Unglück in gerichtlichen Augenschein zu nehmen. Helfet nur auch untersuchen, wie das Feuer ausgekommen. Es ist leider nichts gerettet.« Der Amtmann erklärte, daß alles das späteren Verhandlungen vorbehalten bleibe; er schickte einen Landjäger nach dem alten Schäferle und ersuchte die Anwesenden, außer dem Schultheißen, das Zimmer zu verlassen. »Ich hätt' eine Bitt', die Ihr mir wohl willfahren könnet, wenn's nicht gegen das Recht ist,« sagte Diethelm mit ruhiger und doch weicher Stimme, »ich möcht', daß meine Mitbürger mit anhören dürften, worauf ich angeklagt bin. Das öffentliche Gericht, das uns versprochen worden, ist noch nicht eingesetzt; drum möcht' ich bitten, wenn's möglich wär', daß alle da blieben.« Der Amtmann willfahrte mit der Bemerkung, daß nur ein vorläufiges Protokoll aufgenommen werde. Ein jeder suchte sich nun einen guten Platz, und mancher sagte leise zu seinem Nachbar, wie der und jener sich ärgern werde, daß er nicht auch dabei sei und das mit anhören könne. Der alte Schäferle trat ein, bleich, mit weißen Haaren und eingefallenen Wangen, eine bejammernswerte Gestalt. Alle Blicke waren auf Diethelm gerichtet, und dieser wußte, daß dies geschah; mit ruhigem Auge betrachtete er den Mann, in der Wunde am Arme zuckten Pulse, als spürten sie die Nähe des Rächers; in dem Gesichte Diethelms wollte sich's regen, aber er beherrschte seine Züge, er sah gewaltsam starr drein, und kein Nerv bebte. »Sagt, was Ihr habt?« ließ sich Diethelm nach einer lautlosen Pause vernehmen, in der man nichts als das Winseln von Medards Schäferhund vor der Thüre vernahm. »Das ist meine Sache,« fiel der Amtmann ein, und oft von Weinen und Schluchzen unterbrochen, erklärte der alte Schäferle, wie sein Medard ihm schon im Herbst gesagt habe, der Diethelm habe nur eingekauft und versichert, um anzuzünden, er habe sichere Anzeichen davon; wie der alte Mann jetzt klagte, daß er nicht einmal die Leiche seines Sohnes habe, um sie zu bestatten, fuhr sich mancher mit der Hand über das Gesicht; auch Diethelm wischte sich die Augen. Als aber der alte Schäferle schloß: »Wenn der Hund da draußen reden könnte, der wüßte mehr, was vorgegangen ist,« da spielte ein Lächeln auf dem Antlitze Diethelms. Wieder entstand eine Pause, in der man nichts als das Federkritzeln des Protokollanten und das Winseln des Hundes hörte. »Soll ich was drauf antworten?« fragte Diethelm in höflich stolzer Weise den Amtmann, und dieser erklärte, daß er vorerst gar nichts zu sagen habe. Der Schäferle erwähnte nun noch, daß ihm Diethelm beim Wegfahren einen Knaben geschickt habe, mit der Weisung, er habe Medard über Feld geschickt, und der Vater möge ihn nicht besuchen, während Diethelm doch beim Bahnschlitten gesagt habe, Medard müsse zu Hause bleiben. Alle Zuhörer in der Stube nickten einander zu und deuteten sich mit den Fingern, wie wichtig das sei. »Soll ich darauf auch nichts sagen?« fragte Diethelm, den Kopf zurückwerfend, »man soll den Buben holen lassen, er soll sagen, was ich ihm aufgetragen hab', und da mein Vetter war bei mir im Schlitten, der hat alles gehört.« »Ich hab' nichts gehört,« platzte der Vetter heraus. »Ruhe!« gebot der Amtmann, »ich weiß schon selbst, wen ich zu verhören habe.« Er verkündete nun Diethelm, daß er verhaftet sei und nach der Stadt abgeführt werde. »Gut,« sagte Diethelm aufstehend, »darf ich in meinem Fuhrwerk fahren? Ich hab' einen bösen Arm.« Der Amtmann bewilligte dieses, und jetzt trat Martha vor, die allem still zugehört hatte, und sagte: »Ich weiß von allem so gut wie mein Mann, ich will mit in den Turm, ich bleib' bei dir, Diethelm. Wir sind von Gott zusammen gegeben, kein Mensch kann dich von mir trennen.« Jetzt erst sah Diethelm tief traurig drein, wie seine Frau seine Hand faßte. Eine tiefe Bewegung bemächtigte sich aller, und der Amtmann erklärte, daß Martha nicht bei ihrem Manne bleiben, daß sie aber mit ihm selbst nachfahren könne, da man ihrer nur als Zeugin bedürfe. Als Diethelm von dem Landjäger abgeführt wurde, legte er an der Thüre die Hand auf die Schulter des Schäferle, sah ihn durchbohrend an und sagte: »Du bist ein Vater, ich nehm' dir's nicht übel, was du thust, aber du wirst's bereuen, was du an mir gethan. Wenn ich mit meinem halben Leben deinen Medard wieder aufwecken könnte, ich thät's; und da schwör' ich's vor allen Leuten, ich laß dir's nicht entgelten, ich will dir helfen, wo ich kann, du hast ja deinen Sohn verloren, und du könntest ja mein Vater sein; ich will mich dünken lassen, mein Vater lebt noch einmal.« »Friedle, was hast du an uns than?« klagte die Frau, und der Schäferle weinte, man sah es ihm an, wie weh es ihm that ob dem, was er angerichtet, zumal um den Schmerz der Frau Martha. Selbst der Landjäger behandelte Diethelm mit Freundlichkeit und redete ihm Trost zu, daß alles bald wieder aus sei. Als Diethelm an dem Berg vorüberfuhr, auf dem nur noch ein Schutthaufen rauchte, stieß er einen Schmerzensschrei aus; dann schloß er die Augen wie zum Schlafe, aber seine Lippen bewegten sich stets, als spräche er; in der That stand er auch in Gedanken dem Untersuchungsrichter Red' und Antwort, und manchmal zuckte etwas wie ein Lächeln um seine Mundwinkel, wenn ihm eines der Beweismittel einfiel, das jeden Verdacht abwälzen mußte. Der Landjäger schaute oft verwundert in das Antlitz des Schlafenden, der nach so grauenvollen Ereignissen unter peinlicher Anklage so ruhig träumte. Als man der Stadt nahe war, schlug der Landjäger den Mantelkragen Diethelms höher hinauf, setzte ihm die Pelzmütze tiefer ins Gesicht, und Diethelm dankte herzlich für die gutmütige Vorsorge des gegen Mitleid abgehärteten Landjägers. Erst am Gefängnisthor öffnete er die Augen, und jetzt erst merkte er, daß der Paßauf, Medards Schäferhund, ihm gefolgt war; der Landjäger scheuchte den Hund zurück, der Diethelm in die Stube des Gefangenwärters folgen wollte. Zwei Stunden nach ihm fuhr der Amtmann mit Martha im verschlossenen Wagen nach der Amtsstadt. Siebzehntes Kapitel. Die Sage vom Löwen und der Maus schien sich wieder zu erneuern; das erste fremde Menschenbild, das Diethelm sah, war der Zeugmacher Kübler, und jetzt erinnerte er sich, daß dieser ja der Sohn des Amtsdiener sei. Mit welch hochmütiger Gönnerschaft hatte Diethelm immer diesen armen Teufel betrachtet, und jetzt überdachte er schnell, daß er ihm alles verdanken könnte und, wenn alle Mittel zu Schanden werden – die Flucht. Daran aber war noch lange nicht zu denken. Diethelm hob den Mantel von den Schultern in die Höhe und wartete ruhig, bis der dienstbeflissene junge Kübler ihm denselben ehrerbietig abnahm; er streckte nun dem Amtsdiener die Hand entgegen und sagte mit heller Stimme in herablassender Höflichkeit: »Guten Morgen, lieber Amtsdiener. Wollt Ihr einen abgebrannten armen Verwandten nicht ein paar Tage bei Euch wohnen lassen? Habt Ihr kein Zimmer frei? Ich nehme mit einem kleinen vorlieb.« Diethelm glaubte zu bemerken, daß diese Anrede den verkehrten Eindruck machte; alles, was mit dem Kriminalgericht zusammenhängt, schien keinen Spaß zu verstehen. Wie ein gefangener Ritter empfahl nun Diethelm seine Rosse der sorgsamen Wartung. Waffen hatte er nicht abzuliefern, aber gewiß konnte Diethelm besser schreiben und lesen und war mindestens so verschlagen und ehrgeizig als je ein Mann, der im Harnisch rasselte; daß man aber in anderen Zeiten war, zeigte besonders der Ofen, der war so winzig und windig, und ein Ritter, wenn er von einem Raubzuge in eine Herberge kam, fand einen Baumstamm im breiten Ofen prasseln. Wäre nicht eine abgestumpfte Sandsteinkugel auf dem Ofen gelegen, Diethelm hätte sich nicht einmal die Hände wärmen können, und doch fühlte er von innen heraus eine unbezwingliche Kälte, als ob nicht Blut, sondern Eiswasser ihm durch die Adern rinne. Er bat nun mit einer gewissen Demut, in der Stube bleiben zu dürfen, bis seine Zelle geheizt war. Der alte Gefangenwärter ging weg und ließ Diethelm mit dem Landjäger und seinem Sohn allein. Diesem empfahl nun Diethelm nochmals seine Pferde und trug ihm auf, nach dem Waldhornwirt in Buchenberg zu schielen, damit er Roß und Schlitten abhole und gut imstand halte. »Soll ich den Hund hier behalten?« fragte der junge Kühler den abgewendet Sprechenden. Diethelm schüttelte den Kopf verneinend, dann wendete er sich um und sagte in heiterem Tone: »Dein' Braut ist vor ein paar Tagen noch bei mir gewesen, ihr könnt euch drauf verlassen, daß ich euch auf den Tag hin, wie's versprochen ist, Hochzeit mache, und Gevatter bin ich auch; dann wollen wir lustig sein, daß die Stern' am Himmel zittern; der Vergeltstag bleibt nicht lang aus.« Der Landjäger verbot eben Diethelm jedes weitere Reden, als der Gefangenwärter eintrat mit der Kunde, daß alles bereit sei. Diethelm erzitterte jetzt vor Wut, als man ihm alles aus den Taschen nahm, als man ihm das Halstuch abnahm und sogar die Hosenträger abnestelte; dieses letzte geschah aus dem doppelten Grunde, damit der Gefangene nichts habe, um sich dran zu erhängen, und bei einem etwaigen Fluchtversuch durch die Nötigung, die Hosen in der Hand aufzuhalten, gehindert sei. Eine Minute lächelte Diethelm über diese Vorkehrungen, bald aber ward er des grausamen Ernstes bewußt, und mühsam schleppte er sich die Treppe hinan nach seiner Zelle; der junge Kübler trug ihm noch mitleidig seinen Mantel nach. Erst als ihn der Landjäger verließ, sagte er: »Ihr kennt mich wohl nicht. Ich bin von Grubenau bei Letzweiler gebürtig. Meinen Vater hat man den Schreinerhannesle geheißen, er ist ein guter Freund von Eurem Vater gewesen. Ich hab' viel von Euch und Euren Gutthaten gehört, wie ich noch klein gewesen bin. Nun b'hüt Gott. Ich wünsch' alles Gute.« Diese Mitteilung des Landjägers machte einen eigenen Eindruck auf Diethelm; daß der Mensch sich gedrungen fühlte, sich ihm zu erkennen zu geben, und daß er von seinem Ruhme sprach, wie traf das jetzt das Herz des Gefangenen. Diethelm war nun allein. Er hatte sich vor niemand mehr zu verstellen. Auf dem Stuhl vor dem Ofen saß er, und es war ihm, als müßte sein Körper in Stücke zerfallen. In dem Ofen brummte das Feuer, manchmal knallte ein Fichtenast und zischte langsam ein grünes Scheit. Diethelm fühlte, wie ihm alles Blut im Herzen zusammen gerann, aber Wärme verspürte er nicht, kalt, unendlich kalt war es ihm; er hüllte sich in seinen Mantel und wickelte sich in die wollene Decke, die auf der Pritsche lag, immer war es ihm, als ob er in der so wohl verschlossenen Zelle mitten in einem Luftzuge stehe, und plötzlich fuhr er wie emporgeschnellt auf, die Wände dröhnten und schmetterten, zitternder Drommetenklang umrauschte ihn von allen Seiten. Erst nach geraumer Weile besann er sich, daß die Stadtzinkenisten den Abendchoral bliesen, die Trompeten und Posaunen schienen gerade nach seiner Zelle gerichtet, so unmittelbar, so gradaus strömten die Töne in dieselbe, und vor allem stand jener Tag wieder vor Diethelm, an dem er sich zum unmäßigen Einkauf verleiten ließ. Was war seitdem aus ihm geworden! Ein Mordbrenner! Diethelm hielt sich die zitternde Hand vor den schnell atmenden Mund, daß er das Wort nicht laut ausrufe. Er warf sich auf die Kniee, und ein heftiger Thränenstrom entlud sich aus seinen Augen, er fühlte seine Wangen glühen, und plötzlich wurde es ihm warm. Mit dem Antlitz auf dem Boden liegend, sprach es in ihm, daß er alles bekennen müsse, und er streckte sich weit aus, bereit, den Todesstreich zu empfangen, zu sterben . . . Er weinte aufs neue um sein verlorenes Leben; über ihm tönte der wehklagende Grabgesang, ein schriller Drommetenton verwandelte sich in die Klagestimme seiner Martha und ein andrer in die seiner Fränz . . . Und die sind verloren auf ewig, und du wirst nicht gleich getötet, du mußt wochen- und monatelang, ja vielleicht deine ganze Lebenszeit auf deinen schandvollen Tod warten. Mußt du das ertragen in Gefangenschaft und Elend, warum kannst du es nicht auch in Freiheit und Ehre? . . . Diethelm richtete sich auf, und als jetzt von einer andern Turmseite der Choral erscholl, sang er die Töne laut mit, und seine Stimme tönte so voll, fast wie Posaunenschall. Er sang so laut am Fenster, daß er nicht hörte, wie das Schloß hinter ihm knarrte, die Thüre sich öffnete und der Gefangenwärter eintrat, ihn zum Verhör abzuholen. Um dieselbe Zeit war Martha in der Stadt angekommen; sie ging mit fest zusammengepreßtem Munde und thränenlosem Auge umher, das Schicksal ihres Mannes, der Tod ihrer Tochter, der sie nun nicht einmal eine eisige Scholle auf die Bahre werfen konnte, der gräßliche Tod des treuen Knechtes, das Verbrennen des Hauses, in dem sie so viele Jahre Freud und Leid verlebt, alles das bestürmte ihr Herz und machte sie dumpf und verwirrt. Ihrer Bitte, auch eingesperrt zu werden, hatte man nicht willfahrt, und sie lief wie ein verirrtes verstoßenes Bettelkind in den Straßen umher, als müßte sie jemand finden, der ihr den Weg aus dem Wirrwarr heimwärts zeigte. Es dämmerte, in den Häusern wurden da und dort Lichter entzündet. Ach! Da wohnen überall Menschen, die daheim sind und wissen, wen sie haben. Martha fuhr vor Schreck zusammen, denn es sprang etwas an ihr herauf, sie erkannte bald den vor Freude bellenden Paßauf. »Ach, du bist's,« sagte sie, den Hund streichelnd, »gelt, armes Tierle, es geht dir auch wie mir, du weißt auch nimmer, wo du hin gehörst. Bleib nur bei mir, komm mit, wir gehen zum Meister.« Eben als Martha an der Post vorüberging, kam der Eilwagen unter hellen Posthorntönen angefahren. Was hat nur der Hund, daß er eine ansteigende verhüllte Gestalt anspringt und dann mit Freudenbellen zwischen der Gestalt und Martha hin und wider rennt? Wäre dort vielleicht der tot geglaubte Medard, der von seiner Flucht zurückkehrt? Martha fühlte, wie ihr die Haare sich emporsträubten, und wie ihr die Kniee fast brechen wollten. Mit wankenden Schritten ging sie auf den Posthof zu, sie hörte den Schaffner sagen: »Ich will Ihnen gleich ein Fuhrwerk nach Buchenberg verschaffen.« Sie näherte sich der verhüllten Gestalt. »Mutter!« rief es ihr entgegen. »Du bist's, Fränz?« Und mit wehklagendem und doch freudigem Schmerzensausruf lagen Mutter und Tochter sich in den Armen. Jetzt erst konnte Martha weinen. Fränz erholte sich rasch wieder, und wenn auch schmerzvollen Klanges, sagte sie doch mit fester Stimme: »Mutter! Gottlob, gottlob und Dank, daß ich Euch hab'. Mutter, ich möcht' Euch Abbitte thun für alles; ich hab' erfahren, was fremde Menschen sind, und da schwör' ich's unter freiem Himmel, nie, nie, so lang Euch ein Aug' offen steht, verlass' ich Euch. Jetzt lasset mich nur Eure Hand küssen. Ich kann alles wieder gut machen an Euch und am Vater. Ach Gott, wie geht's ihm denn?« Martha schwieg. »Ist er verbrannt?« schrie Fränz so grell, daß selbst ein losgespanntes Pferd, das an ihr vorbeiwollte, rückwärts wich. Martha schüttelte den Kopf, und erst mit schwerem Atem konnte sie die Worte hervorbringen: »Er sitzt im Kriminal.« Die Postmeisterin, die Fränz noch vom Markte her kannte, zog dieselbe in das Haus, und hier erfuhr sie nun alles. Fränz küßte aber- und abermals die Hände der Mutter, dann legte sie ihre heiße Wange an die eingefallene kalte Wange der Mutter und sagte: »Ach Gott, wenn ich nur mein warmes, junges Blut da in Euch hinübergießen könnt'. Kommet nur jetzt gleich, wir müssen sehen, daß wir den Vater sprechen können.« Martha erklärte, daß sie nicht mehr gehen könne, ihr seien die Beine wie abgehackt, vom Totenbette des Kindes weg in solch ein Elend hinein, das sei zu viel. Fränz befahl schnell einen warmen Wein für die Mutter, sie lief in raschen Schritten im Zimmer hin und her, das dauerte ihr viel zu lang, bis das Befohlene kam; sie wollte selber hinab und das Angeordnete bereiten, sie verstünden das hier nicht; aber die Mutter bat, sie nicht zu verlassen, sie könne nicht mehr allein sein. Plötzlich kniete Fränz vor der Mutter nieder und sah nach, ob sie warme Füße habe; sie sprang rasch auf, als sie fühlte, wie dieselben eisstarr waren, sie klingelte nach Branntwein, »aber rasch, rasch!« befahl sie, und es war ihr eine innige Buße, als sie nun der Mutter die Füße wusch und rieb. Die Mutter ließ alles mit sich geschehen wie ein Kind; sie schlürfte dann den warmen Wein, den ihr Fränz an den Mund hielt, und mit schmerzlichem Lächeln sagte sie nach jedem Schluck: »Ah, das thut gut. Versuch's nur auch, Fränz.« Fränz nippte, und die Mutter sagte wie halb träumend: »Du bist so schön geworden, Fränz, und siehst mich so getreu an, so . . . so . . . so hab' ich dich lieb. Wenn nur der Vater auch so was Gutes hätt', und wenn er dich nur auch sehen könnt'. Sein Herz hängt an dir, ach, und du bist jetzt auch mein einzig Kind. Komm, leg deinen Backen wieder an meinen Backen. So. Jetzt sag, wie kommst denn du daher? Wie ist dir's denn 'gangen?« Fränz schluckte die Thränen hinab, da sie die Mutter so beruhigt sah und dieselbe nicht wieder neu aufregen wollte. Sie erzählte mit möglichster Umgehung alles Erschütternden, wie sie das Brandunglück erfahren, und sagte zuletzt: »Den heutigen Tag, Mutter, den werde ich nie vergessen. Was ich da alles gedenkt und erfahren hab'. O Mutter! und die Menschen sind so gut, wenn sie einen im Unglück sehen; alle, wo mitgefahren sind, und in allen Wirtshäusern haben sie mir beigestanden und haben mich getröstet und hätten mir gern in allem geholfen. Kommet, legt Euch ein bißle aufs Bett, ich will Euch erzählen.« Fränz trug in starken Armen die Mutter auf das Bett, dann setzte sie sich daneben, und ihre Hand haltend, begann sie zu erzählen; aber bald merkte sie, daß die Mutter schlief. Sie hielt noch lange still die Hand der Schlafenden und wagte es nicht, sich zu bewegen; endlich legte sie die Hand auf das Kissen, und leise auf den Zehen schleichend, hatte sie sich der Thüre genähert, als die Mutter rief: »Kind, wohin willst?« »Zum Vater.« »Da muß ich auch mit, ich bin ganz wohlauf.« Es half kein Abwehren, und nachdem Fränz die Mutter wohl eingemummt, verließ sie mit ihr die Post. Achtzehntes Kapitel. Die Wintertage waren so kurz, und der junge Amtsverweser, der bald seinen Fehler erkannte, daß er die erste Anklage gegen Diethelm in dessen Beisein vernommen, wollte ihm nicht Zeit lassen, sich ein Gewebe von Aussagen zu knüpfen. Er nahm den Gefangenen daher noch am Abend ins Verhör, und Diethelm war es allerdings schauerlich, als er durch matterleuchtete schallende Gänge nach der Verhörstube geführt wurde. Hier war es noch leer. Diethelm erhielt vom Landjäger den Befehl, sich auf einen Stuhl an der Wand zu setzen, wo gerade hüben und drüben Wandleuchter mit brennenden Kerzen ihren Lichtschein ihm ins Gesicht warfen; er wollte wegrücken, erhielt aber die Weisung, just hier sitzen zu bleiben. In der Stube waren nur noch zwei Lichter, am Sitze des Aktuars hinter dem Aktengestelle. an dem langen grünen Tische, und der Schatten des Gestelles breitete sich weithin in die Stube. Diethelm wollte dem Landjäger neben ihm sagen, daß er seinen Vater wohl gekannt habe, aber der Landjäger wendete sich ab und winkte ihm mit der Hand, nichts zu reden. So saß denn der Angeklagte, die Hände gefaltet, stumm vor sich niederschauend. Endlich näherten sich Schritte aus der Nebenstube, der Amtsverweser und der Aktuar traten ein, ihnen folgten die beiden Gerichtsschöppen, und diese waren niemand anders, als der alte Sternenwirt und der pensionierte Kastenverwalter. Diethelm war aufgestanden und sagte, mit dem Kopfe nickend: »Guten Abend.« Er erhielt keine Antwort; krampfhaft faßte er die Stuhllehne, und seine Zähne klapperten, aber er biß sie aufeinander, und als der Amtsverweser ihm mit den Worten zuwinkte: »Setzt Euch,« that er dieses, räusperte sich und rieb sich hastig die Hände. Nun begann ein kluges Verhör von Kreuz- und Querfragen, und Diethelm war es, als umgäben ihn von allen Seiten scharfe Schwertspitzen; aber er hielt sich ruhig, er antwortete ohne Hast, aber auch ohne Zögern, es war fast, als ob er dem schreibenden Aktuar Zeit lassen wolle, genau seine Worte aufzuzeichnen. Auf manche Fragen antwortete er sogar mit spaßigem und herausforderndem Lächeln, und die Anwesenheit des Kastenverwalters gab ihm den glücklichsten unvorhergesehenen Entlastungsbeweis an die Hand. Alles, was er so klug vorher bedacht hatte, war minder durchschlagend als das, was ihm eine unbedachte Vergeßlichkeit in die Hand spielte; der Kastenverwalter mußte bezeugen, daß er Diethelm für sechshundert Gulden inländische Staatspapiere geliehen habe; diese nun nebst einem Hypothekenschein auf das Wirtshaus zum Waldhorn waren verbrannt. »Ich weiß wohl,« schloß Diethelm, »daß das Verbrennen der Hypotheke nichts schadet, sie ist im Hypothekenbuch eingetragen; aber die Staatspapiere sind verloren, und diese hätte ich doch gewiß leicht gerettet, wenn ich den schlechten Gedanken an Anzünden nur eine Minute gehabt hätte.« Als der Amtsverweser erklärte, daß man die Nummern der Staatspapiere, die der Kastenverwalter noch in seinem Buche verzeichnet hatte, in den Zeitungen bekannt machen und die etwaigen Besitzer bei Vermeidung der Amortisation auffordern werde, da sagte Diethelm: »Was das ist, ich weiß es nicht, ich frag' auch nicht darnach, es wird sich alles zeigen; wie es scheint, glaubt man mir ja nicht mehr.« Und das, daß man ihm das Wahrhafte an seinen Angaben bezweifelte, gab ihm immer mehr den Mut, mit kecker, herausfordernder Zuversicht aufzutreten. Zuletzt faßte er seine Aussagen dahin zusammen, daß er mindestens zehn Stunden abwesend war, als der Brand ausbrach, daß er gerade jetzt in der besten Lage war, da er nicht nur einen schicklichen Verkauf machen konnte, sondern auch durch den Tod seiner Stieftochter ihm eine reiche Erbschaft ins Haus kam, er habe daher nach der Hauptstadt reisen wollen, um den Handel abzuschließen und seine Fränz heimzubringen, damit die Mutter in ihrem Schmerz doch auch ein Kind um sich habe. Dem Vorhalt, daß er über den Aufenthalt Medards widersprechende Aussagen gemacht und wohl mit ihm im Einverstande gewesen sei, setzte Diethelm die Beteuerung entgegen, daß er im Gegenteil dem Knaben gesagt habe, der alt' Schäferle möge zu seinem Sohn hinaufgehen, da er daheim bleiben müsse und an seinem Beinbruche leide. An dieser letzten neuen Zuthat fand der Richter eine Handhabe, um Diethelm noch eine geraume Weile hin und her zu zerren, aber Diethelm riß sich endlich gewaltsam los und sagte aufstehend mit mächtiger Zornesstimme: »Ein Ehrenmann wie ich braucht sich eigentlich gar nicht zu verteidigen. Ich bin seit fünfzehn Jahren Waisenpfleger und habe für die Waisen gesorgt wie ein Vater und nie auf meinen Vorteil gesehen –« Diethelm hielt plötzlich mit einem Schrei inne, denn von der Höhe senkte sich eine Flamme und brannte ihm ins Gesicht. »Was macht Ihr?« schrie er plötzlich laut auf und fuhr weit zurück, sank auf den Boden und starrte drein, als sähe er ein Gespenst. »Was macht Ihr?« schrie er nochmals. Der Richter sprang schnell von seinem Stuhl auf, faßte Diethelm an der Schulter und fragte mit gebieterischem Tone: »Habt Ihr mit solch einer Kerze das Haus angezündet?« »Ich weiß nicht, was Ihr wollt. Ist das erlaubt? Ich will das zu Protokoll genommen. Darf man mich brennen?« schrie Diethelm sich aufrichtend. Der Richter befahl dem Kanzleidiener, die Kerze, die Diethelm beim raschen Aufstehen von dem Wandleuchter gestoßen, wieder aufzustecken, und gebot Diethelm, ruhig auf seinem Stuhl zu bleiben und sein Handfuchteln zu lassen. Sich am Stuhle aufrichtend, setzte sich Diethelm auf denselben und atmete laut. »Warum seid Ihr wegen der Kerze so erschrocken?« fragte der Richter nochmals, rasch und nahe auf Diethelm zutretend und die Hand gegen ihn ausstreckend. »Nur gemach, nur gemach,« wehrte Diethelm ab, »sind Sie vielleicht feuerfest, Herr Amtsverweser? Thut's Ihnen nicht weh, wenn Ihnen ein Licht ins Gesicht brennt und noch dazu den Tag, nachdem so ein Unglück über Sie kommen ist und man jedem Licht bös ist, weil es so was anrichten kann? Sie können, nein, beim Teufel, Sie müssen mich freisprechen, Herr Amtsverweser, aber die Schande, daß ich eingesperrt gewesen bin, ich, der Diethelm von Buchenberg, und die Qualen, die man mir anthut, die könnet Ihr mir nicht wieder gut machen. Mich tröstet nur eins: ich bin zu stolz gewesen, ich hab' mir auf meinen Ehrennamen vielleicht zu viel eingebildet, ich hab' gedemütigt werden müssen; aber so viel weiß ich, so gut gegen die Menschen bin ich nicht mehr, wie ich gewesen bin. Fraget in Letzweiler nach mir, fraget überall nach mir, und man wird Euch sagen, wer der Diethelm ist. Ich soll geholfen haben anzünden? Ja, das Beste vergess' ich ja. Der Kastenverwalter da, und der Sonnenwirt und der Kaufmann Gäbler, die können mir alle bezeugen, daß sie mich überredet haben, zu versichern, ich hab' nicht gewollt. Thut das ein Brandstifter? Thut das ein Mordbrenner?« »Sprecht nur leiser,« ermahnte der Richter, und Diethelm fuhr fort: »Sie haben recht, ja, aber ich möcht laut' schreien, daß es die ganze Welt hört, was man mir anthut. Jetzt will ich aber nicht mehr reden. Fragen Sie noch, was Sie zu fragen haben.« Der Richter stellte fast nur noch der Form wegen einige Nachforschungen an, dann fragte er Diethelm zuletzt, ob er in Bezug auf seine Haft noch etwas zu wünschen oder zu klagen habe. Diethelm erwiderte, daß er den Advokat Rothmann sich zum Rechtsbeistand nehmen wolle. Als der Richter hierauf entgegnete, daß dieser im Auftrage der Fahrnisversicherung sein Ankläger sei, schloß Diethelm: »Dann will ich gar keinen Advokaten. Ich hab' aber noch eine Bitt', ich schäm' mich fast, sie zu sagen; man hat mir die Hosenträger genommen, damit ich mich nicht dran aufhänge, und ohne die Hosenträger ist mir's immer, als ob mir der Leib auseinanderfallen thät.« Der Richter klingelte dem Amtsdiener und befahl ihm, das Gewünschte Diethelm wieder zurück zu geben. Der Amtsdiener meldete leise etwas, und der Richter sagte: »Diethelm, Ihr könnt Eure Frau und Eure Tochter sehen, wenn Ihr versprecht, nichts von Eurer Anklage mit ihnen zu reden.« Diethelm versprach und blieb auf dem Stuhl sitzen. Mit scheuen Bücklingen trat Martha ein, Fränz aber drang ihr vorauf und streckte dem Vater beide Hände entgegen. Diethelm schüttelte sie wacker und reichte dann die andre Hand seiner Frau, die er aber bald zurückzog. um sich eine Thräne abzutrocknen. Fränz berichtete, daß sie mit der Mutter in der Post wohne. Der Richter befahl, daß Diethelm abgeführt werde. Er sprach kein Wort mit den Seinigen und ging von dannen. Der Richter sagte nun Martha, daß er sie auch gleich verhören wolle, da sie nun da sei; er bot ihr den Stuhl an, den Diethelm soeben verlassen, sie setzte sich und legte die Hände in einander. Sie bat, ob nicht ihre Fränz bei ihr bleiben dürfe, der Richter verneinte dies mit Bedauern, Fränz könne indes im Vorzimmer warten. Martha preßte die gefalteten Hände wie zu einem Dankgebet zusammen, als ihr der Amtmann die schönmenschliche Gesetzesbestimmung erklärte, daß ein Angehöriger keinen Zeugeneid zu leisten habe und es überhaupt seinem Belieben anheimgestellt sei, Zeugnis abzulegen oder zu verweigern. Martha erklärte sich für ersteres, teils in der Hoffnung, ihrem Manne zu nützen, teils auch, weil sie den Mut nicht hatte, ohne Red' und Antwort das bestellte Gericht zu verlassen. Martha war so offenbar ein Bild des aufrichtigen Jammers, daß der Richter sie nicht mit verwickelten Fragen quälen wollte. Sie konnte mit Fug beteuern, daß sie von der Handelschaft ihres Mannes fast gar keine Einsicht hatte, und als auf ihren Ehezwist wegen der Großthuerei und Verschwendung Diethelms die Rede kam, glaubte sie, daß Gott es ihr verzeihen müsse, wenn sie das nicht unter die Welt kommen lasse; sie bestritt daher jeden ehelichen Zwist und lobte ihren Mann aus Herzensgrund. Der Richter ging bald hiervon ab und fragte: »Ist nie zwischen Euch und Eurem Manne davon die Rede gewesen, daß er brandstiften will?« Martha war's, als schlügen ihr Flammen ins Gesicht. Was sollte sie darauf antworten? Zwar hatte damals am Versicherungstage Diethelm die Sonne zum Zeugen angerufen, daß sie ihn nie mehr erwärmen solle, wenn er einen solchen Gedanken habe, aber wenn sie das bekannte, wer weiß, was daraus gemacht wird? Aber sie hat doch versprochen, die Wahrheit zu bekennen. Zweimal ließ sich Martha die Frage wiederholen, und schon stand ihr das Bekenntnis auf der Zunge, aber sie schluckte die Worte hinab, und matt die Hände in den Schoß sinken lassend, sagte sie: »Nein, nie, niemals.« Ueber Medard befragt, erklärte sie, daß er ihrem Mann schon lange gram war, weil er ihm manchmal im Zorn das Zuchthaus vorgeworfen, und der Medard sei ohnedies aufsätzig gegen den Meister gewesen, weil er seinen Bruder, den er lieb hatte, wie sein eigen Kind, nicht vom Militär losgekauft habe; gegen sie aber sei er immer gut gewesen, er habe zwar manchmal Veruntreuungen gemacht, aber die könnten einmal die Schäfer nicht lassen. Martha unterschrieb das Protokoll und wankte hinaus zu ihrer Tochter. Im Amthause sprach sie kein Wort mehr, auf der Straße aber sagte sie: »Das sind Seelenverderber, die Amtleute, da droben haben sie mir das Herz ausgeschnitten.« Fränz suchte die ungemein erregte Mutter zu beruhigen, so gut sie konnte, aber noch im Schlafe schrie Martha oft wild auf und warf sich im Bette hin und her. Diethelm war indes mit triumphierendem Stolz in sein Gefängnis zurückgekehrt. Von aller Unthat war keine Erinnerung in ihm; er gedachte nur seines Sieges, wie es ihm gelungen war, sich so hinzustellen, daß der Richter ihm fast Abbitte thun mußte. Seine Verteidigung war nun festgegründet, dort stand sie verzeichnet und konnte nicht mehr ausgelöscht werden. Diethelm freute sich über sich selbst, er hatte gar nicht gewußt und erst jetzt erfahren, welch eine Macht ihm innewohnte. Du wärst ein großer Mann geworden, sagte er sich, wenn du auf dem rechten Platz stündest, es haben andre schon viel Aergeres gethan und sind doch ruhmvoll durch die Welt gegangen. Jetzt fang' ich das Leben von vorn an. Ich will ihnen zeigen, wer der Diethelm ist. Der Amtsdiener, der das Gewünschte Diethelm übergab, freute sich ob seines Frohmutes und erklärte schlau: »Ich hab' Euch nur wie einen gemeinen Verbrecher behandelt, damit man kein Mißtrauen in mich haben soll, weil wir so nah verwandt werden. Ich hab's wohl gewußt, daß Ihr ein unschuldiger Ehrenmann seid, auf den wir stolz sein können. Im Gesicht vom Amtsrichter ist deutlich geschrieben gestanden: der ist freigesprochen. Es kann noch ein paar Tag dauern, aber gewiß ist's, da verlaßt Euch drauf. Ich versteh' das.« Wie nach einer vollbrachten Großthat streckte sich Diethelm auf die Pritsche, er befahl noch, tüchtig einzuheizen, denn es fror ihn noch immer so mörderlich; wollte ihm auch manchmal ein Gedanke dessen kommen, was er gethan, er verscheuchte ihn und schlief ruhig ein. Tief in der Nacht aber wurde er aufgeweckt, und im Scheine einer Blendlaterne standen zwei Männer vor ihm. Neunzehntes Kapitel. Diethelm hatte dem jungen Kühler gesagt, er möge den Vetter Waldhornwirt nach der Stadt entbieten, damit er die Pferde hole. Das konnte offenbar nichts als ein versteckter Auftrag sein, der eigentlich hieß: mach, daß ich den Vetter so bald als möglich hier habe und spreche. Mit fröhlicher Eilfertigkeit – denn es liegt im Hilfebringen für einen Leidenden oft eine Fröhlichkeit – eilte der junge Kübler selbst nach Buchenberg, und unterwegs lächelte er oft vor sich hin, indem er überdachte, wie klug er doch sei, daß er solche vermummte Gedanken erkenne, und wie ihn Diethelm darob loben müsse. Natürlich vergaß er dabei auch nicht, wie vielen Dank ihm Diethelm dadurch schuldig werde, und das war ein Kapital, das gute Zinsen trägt. In Buchenberg war schon alles zur Ruhe gegangen; nur bei der Brandstätte, von der noch immer ein zum Ersticken übelriechender Rauch aufstieg, wandelten einige Wachthabende hin und her. Der Vetter Waldhornwirt mußte aus dem Schlaf geweckt werden, und unter Verwünschungen machte er sich endlich bereit, mit Kübler nach der Stadt zu fahren. Erst draußen vor dem Dorfe hängten sie dem Pferde das Rollengeschirr um und fuhren dann mühselig und verdrossen nach der Stadt, wo sie erst gegen Morgen ankamen. Der junge Kübler zog seinem Vater die Gefängnisschlüssel unter dem Kopfkissen weg, führte den Waldhornwirt die Treppe hinauf, öffnete die Zelle Diethelms, und jetzt standen beide vor dem grimmig Fluchenden, der sie nicht alsbald erkannte. Als sie sich zu erkennen gaben und Kübler triumphierend berichtete, daß er nach den Andeutungen Diethelms den Vetter geholt habe, rieb sich Diethelm mehrmals die Stirn und fuhr dann zornig auf: »Verfluchtes, blitzdummes Gethue! Kübler, was habt Ihr gemacht? Ihr bringt mich nur in neue Ungelegenheit. Ich bin freigesprochen, alles liegt sonnenklar am Tag, und jetzt, wenn's herauskommt, und es kommt gewiß heraus, daß Ihr meinen Vetter zu mir gebracht habt, wird das wieder einen Verdacht auf mich werfen, und es geht neu ans Protokollieren, und ich kann noch Tage und Wochen da hocken müssen, und Euer Vater kann seinen Dienst verlieren. Aber mich geht's nichts an, und wenn's darauf ankommt, ich kann's nicht anders machen, ich kann's beschwören, und ich thu's, daß ich Euch das nicht angelernt und nichts davon gewollt hab'.« Der junge Kübler stand wie vom Blitz getroffen, er hatte mit Klugheit Dank und Lohn zu erwerben geglaubt und mußte sich nun ausschelten lassen und fast noch bitten, daß man ihn nicht verrate. Diethelm rieb sich vergnügt die Hände, er war stolz auf sich, mitten aus dem Schlaf geweckt, hatte er seine Besinnung behalten und gegen zwei Menschen, deren er bedurfte, sich so gestellt, daß sie ihm dienen mußten, ohne ihn dafür irgendwie in der Hand zu haben. Es durfte niemand geben, der nicht an seine Unschuld glaubte, oder gar Grund und Beweis gegen ihn habe; dürfte das sein, so wäre ja alles mit Medard umsonst . . . Einlenkend reichte er nun dem Vetter die Hand und sagte: »Thut mir leid, daß du dir so viel unnötigen Brast machst, und Ihr habt's auch gut gemeint, Kübler, das weiß ich wohl, und ich bin auch erkenntlich dafür, wenn ich's auch nicht brauch'. Ich mein', Vetter, es wär' am besten, wir reden gar nichts, ich hab' dir ja nichts zu sagen und du kannst ruhig vor Gericht auslegen, was du weißt.« Der junge Kübler beteuerte wiederholt seine Wohlmeinenheit, und der Vetter sagte: »Ja, ich kann mich mit Teufels Gewalt aber nicht mehr besinnen, was Ihr zu dem Buben gesagt habt.« »Kann mir's denken,« lachte Diethelm, »wenn du von deinem Uhlbacher ferndigen trinkst, vergißt du leicht, daß du Frau und Kinder daheim hast, geschweige was andres, und dann hast noch Kirschengeist darauf gesetzt, das thut nie gut. Laß mir aber von deinem Uhlbacher noch was übrig, bis ich heimkomm', und da der Kübler muß in Buchenberg Hochzeit machen, ich zahl' alles, und da trinken wir das Faß voll aus. Ja, was hab' ich sagen wollen? Ich hab's ganz vergessen.« »Von wegen dem Buben,« bedeutete der Vetter. »Richtig,« nahm Diethelm unbefangen auf, »besinn dich nur, du mußt noch wissen, daß ich dem Buben deutlich gesagt hab', der alt' Schäferle soll zu seinem Medard 'naufgehen. er müss' daheim bleiben und leide an seinem Beinbruch.« »Vom Beinbruch, ja, da erinner' ich mich, das hab' ich deutlich gehört, guck, das fällt mir jetzt ein, das ist das Wahrzeichen,« frohlockte der Vetter und rieb sich immer die linke Seite der Stirne, als weckte er ein Organ der Erinnerung. Diethelm lächelte in sich hinein, daß der Vetter gerade dessen sich erinnerte, was er erst vor Gericht zu seinem eigenen Schrecken noch hinzugesetzt; er fuhr aber leichthin fort: »Dann wirst dich auch an alles andre erinnern und daß ich mein' Fränz hab' holen wollen, damit mein' Frau nicht so allein ist, wenn ihre Stieftochter stirbt; aber ich brauch' dir ja nichts sagen, du weißt alles allein und sag du's nur frei.« So fuhr Diethelm fort und wußte nach und nach in der harmlosesten Weise dem Trompeter sein Stücklein auf Noten zu setzen, daß es eine Art hatte. Der junge Kübler drängte zur Trennung, da es Tag zu werden begann. Diethelm reichte beiden wohlgemut die Hand, und der Vetter entschuldigte sich noch, daß er sich nicht gleich auf alles besonnen habe; der Schrecken beim Brand habe ihm alles weggescheucht, aber jetzt wisse er jedes Wort. Diethelm sah dem Vetter scharf ins Gesicht, um zu erkunden, ob ihn der ausgefeimte Schelm nicht verhöhne, aber der Vetter sah in der That mitleidig und treuherzig drein. Als die beiden fort waren, streckte Diethelm die Zunge hinter ihnen heraus und sprach dann in sich hinein: Neun Zehntel der Menschen sind nichts als Hunde und Papageien, sie reden und thun, wie man sie's anlernt, und schwören dann Stein und Bein, daß das aus ihnen selber käm'. Alle, die oben dran sind und über andre herrschen, verstehen nur die Kunst, die Menschen glauben zu machen, was ihnen gut dünkt, und je mehr das einer vermag, um so größer ist er und führt die Welt am Narrenseil herum. Mit einem erhabenen Heldengefühle legte sich Diethelm abermals zum Morgenschlafe nieder. Als die Stadtzinkenisten wieder bliesen, suchte er sich zu bereden, daß das eine Musik zu seiner Unterhaltung sei, und pfiff unausgesetzt seine Melodien nach. Diethelm glaubte schon am heutigen Tag freigelassen zu werden, aber vergebens. Er wurde nachmittags noch einmal zum Verhör geführt, der Trompeter hatte richtig sein Stücklein getreu abgespielt, aber es war doch ein Ton darin, der Diethelm noch viel zu schaffen machte, nämlich die Kunde von seinem heftigen Weinen bei der Nachricht vom Tode der Stieftochter und seine rasche, unmotivierte Umkehr. Diethelm hatte hieran wohl gedacht und hätte dem Vetter gern Weisung gegeben, aber er wußte nicht, wie er das verdachtlos bewerkstelligen sollte, und hoffte auch, daß davon gar keine Rede sein würde. Anfangs schwankend, dann aber immer sicherer erklärte Diethelm, daß er den Tod seiner Stieftochter nicht so bald erwartet habe und nun heimgeeilt sei, um seine Frau nicht ganz allein zu lassen und die Fränz später holen zu lassen. Befragt, warum er dann nicht nach dem Kohlenhof gefahren sei, erklärte er zuerst: er habe sich das nicht so klar gemacht, er sei vom Schreck zu sehr ergriffen gewesen; dann aber setzte er hinzu, er habe erwartet, seine Frau sei gleich nach dem Tode heimgekehrt, und er habe sie dort trösten wollen. Weiter befragt, wie es komme, daß der Tod seiner Stieftochter ihn so furchtbar ergreife, sah er eine Weile scheu vor sich nieder, dann erhob er sein Antlitz und sagte: »Ich hätt' nicht geglaubt, daß man mich das fragen darf, aber ich seh' schon, wer einmal, und sei er noch so unschuldig, in Verdacht steht, muß auf alles antworten. Nun denn, so sei's,« er atmete tief auf und fuhr dann fort: »So wisset denn . . . ich hab' vor zweiundzwanzig Jahren mein' Stieftochter gern gehabt und hab' sie heiraten wollen, aber mein' Frau hat's nicht zugeben und hat mich lieber selbst genommen.« Eine Pause entstand, der Aktuar schrieb, und der Richter, betroffen von dem schmerzvollen Ton Diethelms, hielt eine Weile mit Fragen inne. Diethelm aber fühlte einen innern Schreck, als ob man ihm ein Stück aus dem Herzen reiße, es deuchte ihn, als schände er seine Hausehre und alle Schamhaftigkeit, da er auch dies dem Protokolle anvertraute; er hatte so sorglich seine Hausehre gewahrt, und jetzt hatte er sie preisgegeben und noch dazu mit einer gräßlichen Lüge, denn die Kohlenbäurin war schon seit Jahren nicht mehr für ihn auf der Welt. Diethelm fühlte jetzt zum erstenmal, wie das Verbrechen keinen reinen Fleck an dem Menschen läßt, wie es alles mit sich hinabzerrt; er erhob den Blick lange nicht, es war ihm, als stände seine Frau vor ihm, und er könnte sie nicht anschauen. Hätte er erst gewußt, daß er sie auf demselben Stuhle verriet, auf dem sie ihm zuliebe ihr Gewissen geopfert! »Das thut mir am wehesten, daß ich das hab' sagen müssen,« rief er endlich mit tiefschmerzlichem Tone. Der Richter beruhigte ihn, daß das niemand erführe, er war aber Inquirent genug, die weiche Stimmung Diethelms zu benutzen, und mit veränderten Fragen noch einmal das ganze Verhör von vorn zu beginnen. Schlag auf Schlag gingen die Fragen. Der alte Schäferle war diesen Vormittag auch wieder im Verhör gewesen, und im Schmerz um den Tod seines Sohnes, den er rächen zu müssen glaubte, hatte er sich kein Gewissen daraus gemacht, seinen Aussagen eine noch entschiedenere Fassung zu geben, und daß Medard geradezu die Woche bezeichnet, die Diethelm ausdrücklich zur Brandstiftung festgesetzt habe, wenn es ihm gelänge, seine Frau aus dem Hause zu bringen. Der alte Schäferle hoffte, daß es vielleicht gelingen werde, Diethelm zu einem Geständnis zu überrumpeln, wenn man ihm bestimmte Thatsachen vorhielt, und gleiches erwartete auch der Richter. Diethelm merkte bald, was vorging und war wiederum schnell gewaffnet und berief sich in den meisten Antworten einfach auf seine gestrigen Aussagen. Nicht mehr stolz, innerlich geknickt, saß Diethelm in seinem Gefängnis; er merkte wohl, daß sich ein Punkt aufgethan, von dem er in den Grund gestürzt werden konnte. Jetzt bat er den jungen Kübler, der in der Wartung der Gefangenen seinem Vater beistand, ihm noch eine Unterredung mit dem Waldhornwirt zu verschaffen; aber der junge Kübler war dessen eingedenk, wie Diethelm ihn mit Undank angefahren und sogar gedroht hatte, ihn zu verraten; er blieb trotz aller Schmeichelworte unerbittlich, und Diethelm, dessen Furcht vor einem Mitwisser noch größer war, als die vor dem Gericht, fand sich endlich drein, alles geschehen zu lassen, wie es sich von selbst machte, ja, es gab Zeiten, in denen er so zerknirscht war, daß er die Entdeckung wünschte, nur um dieser schwebenden Qual enthoben zu werden. So zerknirscht er aber auch in der Einsamkeit des Gefängnisses war, so kampfgerüstet und fest erschien er jedesmal vor dem Richter; schon die Stimme desselben erweckte ihn zu Mut und Trotz, und bald zeigte sich, daß die ursächlichen Verbindungen zwischen allem Geschehenen nur ihm klar waren, den andern zerfiel alles zusammenhanglos. Dies stellte sich besonders heraus, als der Amtsverweser die Fortführung der Untersuchung dem neu bestallten Richter übergab. Man hatte geglaubt, daß ein neuer, in Kriminalsachen gewiegter Mann Diethelm verblüffen und verwirren würde; aber gerade das Gegenteil war eingetreten: dem fremden Manne gegenüber, der ihn nie weich gesehen hatte, fühlte sich Diethelm doppelt stark, und bei manchen Fragen zeigte Diethelm sein Uebergewicht, indem er sagte: das hab' ich im Protokoll von dem und dem Datum schon angegeben; seine Gewandtheit im Kopfrechnen kam ihm jetzt in andrer Weise zu statten. Diethelm dachte gar nichts mehr als sein Verhör, er wendete es nach allen Seiten, und wenn er antwortete, sprudelte er die Worte so sicher hervor, als stünden sie vor ihm geschrieben. Zwanzigstes Kapitel. In der Post lebte Fränz mit ihrer Mutter still und einsam. Frühmorgens gingen sie täglich nach der Kirche, wo die Mutter immer so zerknirscht betete, dann ging es jedesmal hinaus nach dem Gefängnis, um von dem alten Kübler zu erfahren, wie sich der Vater befinde; er gab in der Regel einförmig guten Bescheid, nahm bisweilen auch Geschenke an, ließ sich aber nicht herbei, Diethelm irgend eine Nachricht zu bringen, und so waren Mutter und Tochter von ihm wie durch Meere geschieden. Von dem einzigen Ausgange abgesehen, lebten sie selber wie in Gefangenschaft, die Mutter saß in der Mitte der Stube und spann, obgleich sie immer klagte, daß ihre Spinnfinger wie abgestorben seien. Sie hatte nicht Lust, bei der Arbeit manchmal hinauszusehen nach den Vorübergehenden, sie kannte niemand und wollte niemand kennen, und oft, wenn sie eine volle Spindel abstellte, klagte sie über die schöne Aussteuer der Fränz und über die Tausende von selbstgesponnenen Spindeln, die da mit verbrannt seien. Fränz saß am Fenster und stickte für den Vater sehr bunte Pantoffeln, sie hatte das in der Hauptstadt trefflich gelernt; oft schaute sie aber auch hinaus auf die Straße und machte allerlei Bemerkungen über die Vorübergehenden. Die Mutter verwies ihr das immer mit steter Wiederholung: »Wir haben gar nichts zu spötteln über andere Menschen, wir müssen froh sein, wenn man nicht mit Fingern auf uns weist.« Nun verschwieg Fränz meistens ihre Bemerkungen, sie hatte, wie sie glaubte, die unsäglichste Geduld mit ihrer Mutter, die gar keine Zerstreuung wollte und so gewiß als das Tischgebet jedesmal, wenn man sich zum Essen setzte, sagte: »Ach Gott, jetzt muß der Vater allein essen, ich weiß, daß ihm kein Bissen schmeckt, er hat nie was allein essen mögen, ohne dabei zu reden, und wenn er heim kommen ist und ich ihm Essen hingestellt hab', hab' ich mich immer zu ihm setzen müssen, und beim Tisch hab' ich nie aufstehen dürfen, und wenn was gefehlt hat, hat er immer gesagt: lieber kein Salz auf dem Tisch, als daß du mir fehlst. Ach Gott! Wir haben doch so gut mit einander gelebt, und wenn's auch manchmal ein bißle uneben gangen ist, es gibt doch kein' bessere Ehe auf der Welt, und alle Adern hätt' sich eins fürs andere aufschneiden lassen.« Fränz hörte das immer geduldig an, und ermahnte nur die Mutter, das Essen nicht kalt werden zu lassen. Fränz trauerte auch aufrichtig um das Schicksal des Vaters, aber sie konnte diese immerwährende Trauer nicht aushalten und sehnte sich nach Zerstreuung, sie wollte von keinem Zweifel mehr wissen, daß dem Vater etwas geschehen könne, und sprach oft davon, daß sie gar nicht mehr in das Dorf zurückkehren wollten; wenn der Vater frei sei, müsse er mit ihnen in der Stadt bleiben. Martha wollte nichts davon hören, und Fränz suchte ihr alle Schauer zu erregen, die man erleben müsse, wenn man in einem Hause wohne, wo früher ein Mensch verbrannt sei. »Wo nur der Paßauf hin ist?« fragte Martha ablenkend, und Fränz erwiderte: »Ihr könnet Euch darauf verlassen, der ist mit dem alten Schäferle, wie er zum Verhör in der Stadt gewesen ist.« »Hast du den Munde in der Hauptstadt nicht gesehen?« fragte die Mutter wieder. »Freilich,« erzählte Fränz, »er ist, wenn er nicht auf die Wacht gemußt hat, jeden Tag und jeden Tag in den Rautenkranz kommen, er thut noch immer so narret mit mir.« Martha erzählte nun, daß der Vater ihr den Munde zum Mann bestimmt habe, aber Fränz wehrte sich dagegen, daß sie das »Opferlamm« sein solle; wenn sie einen Mann nehme, so nehme sie ihn für sich und für niemand anders. Sie ließ sich nicht dazu herbei, zu erklären, was sie mit dem Opferlamm gemeint habe, sie behauptete, das sei nur Redensart, in ihr aber erwachte wieder der Gedanke, den sie auf der ganzen Herreise gehabt, daß ihr Vater doch schuldig sei und daß es nur gelte, sich hinaus zu reden. An jenem letzten Tage in der Stadt hatte die Eröffnung Mundes, obgleich er sie so klug zu verhüllen trachtete, einen gewaltigen Eindruck auf Fränz gemacht. Sie kannte durch ihre öftere Begleitung die Verhältnisse des Vaters besser als irgend jemand, sie wußte, daß er tief in Verlegenheiten steckte, auch klagte ihr der Vater öfters; sie gedachte während der Fahrt jenes Augenblickes, da der Vater auf dem Markte niedergefallen war, als ihm der Kaufmann Gäbler sagte, daß er mit der Feuerschau käme, sie hatte den Vater dann auf der kalten Herberge beobachtet, wie er mehrmals die Farbe wechselte und dann wie besessen davon jagte, und jetzt war es ihr deutlich, warum der Vater so klagend davon sprach, daß er Armut nicht überleben würde, als die Deichsel gebrochen war; und als der Vater sie zum letztenmal in der Hauptstadt besucht, war er wieder voll Jammer und Klage gewesen. Darum glaubte Fränz schon auf dem Wege an die Schuld des Vaters, und als sie nachträglich erfuhr, daß er ihr den Munde zum Manne bestimmt hatte, kam kein Zweifel mehr auf. An einen vom Vater begangenen Mord dachte sie nicht, wohl aber, daß er mit Medard gemeinsam Feuer angelegt und daß Medard dabei verunglückt war. Von allen Menschen auf Erden hatte Diethelms einziges Kind allein eine gegründete Ueberzeugung von dessen Schuld und erklärte sich ihren Zusammenhang, und Fränz allein war als durchaus unbeteiligt nie verhört worden. Auf jener Nacht und Tag währenden Heimfahrt war eine große Wandlung mit Fränz vorgegangen, sie sah sich schon verstoßen und verhöhnt von aller Welt und war tief traurig und voll Demut gegen jedermann und empfing darum überall eine Behandlung voll Teilnahme und Rücksicht, die sie wieder mild stimmte. Als sie die Mutter sah, warf sie sich ihr mit Inbrunst entgegen, das war das einzige Herz auf der Welt, das sie nicht von sich stieß, und die in Trotz und Rechthaberei verhüllte Kindesliebe brach gleichzeitig mit der demütigen Milde gegen alle Menschen auf, zwei Lilien gleich, in einer Wetternacht aufgebrochen. Als sie nun aber hörte, daß der Vater für unschuldig galt, und daß es nur darauf ankam, diese Geltung aufrecht zu erhalten, verwelkten die in Schmerz erblühten Blumenkelche wieder. Wer weiß, in Schmach und Not wäre Fränz vielleicht eine Heldin an Duldung geworden; jetzt war sie wieder in der Welt voll Lug und Trug, wo alles darauf ankam, sich in seiner Rolle zu behaupten, und Fränz wurde wieder die hoffärtige, alle Welt verhöhnende Tochter Diethelms; nur eine gewisse Umflorung, die aus dem Kummer um das noch nicht entschiedene Schicksal des Vaters entsprang, dazu eine Nachwirkung von jener immer mehr verklingenden Trauerstimmung, verhinderte, daß nicht mit einem Wort der leibhafte Nückel wieder da war. Fränz ertrug den Schmerz um die sich in die Länge ziehende Gefangenschaft des Vaters leichter als die Mutter, weil sie ihn für schuldig hielt; von einem Morde an Medard ahnte sie nichts, und für einen Brandstifter gehalten worden zu sein, dachte sie, ist am Ende keine Schande, wenn man nur freigesprochen ist. Seit mehreren Tagen hatte Fränz jedesmal um Mittag gesagt: »Jetzt ist halb eins,« und wenn die Mutter fragte: »Warum?« antwortete sie lächelnd: »Weil der Amtsverweser da über den Markt herkommt, er ist ein saubers Bürschle, er speist unten an der Tafel.« Die Mutter ermahnte sie, vom Fenster wegzugehen, sie müsse sich ja schämen, wenn er sie sähe; Fränz aber behauptete, daß das gar nicht der Fall sei, und bald bemerkte der Amtsverweser, welche Augen nach ihm ausschauten, und es entstand ein regelmäßiges und immer entschiedeneres Grüßen herauf und herab am Mittag. Die Mutter ward auch bald neugierig, den Mann zu sehen, den sie seit jenem schrecklichen Abend nicht mehr erblickt hatte, und von da an hatte Fränz gewonnen Spiel; sie ließ nicht ab und hatte dabei willfährige Hilfe an der Frau Postmeisterin, bis die Mutter sich entschloß, mit ihr an der Tafel zu speisen. Martha gab endlich nach, besonders als ihr Fränz immer eindringlicher vorhielt, wie gut das für den Vater wäre, wenn man mit dem Amtsverweser bekannt sei, und wie man auch gesprächlich manches von ihm erfahren könne über den Stand der Untersuchung. Das leuchtete ein. Anfangs stand Martha oft viele Tage mit trockenem Munde auf, sie konnte keinen Bissen hinabbringen, wenn sie den »Herrn« ansah, der ihr so schweres Herzeleid angethan und der ihren Mann auf zeitlebens ins Zuchthaus bringen konnte. Es war ihr immer, als säße sie mit einem Henker am Tisch, und sie begriff gar nicht, wie er so ruhig Speise und Trank zum Mund führte, während er auf die Fragen seiner Tischnachbarn erzählte, daß heute der und jener eingebracht oder daß dieser und jener ins Zuchthaus abgeführt worden sei. Martha sah dann oft nach seinen Händen, ob die nicht vom Blute rauchten. Nach solchen Tagen hatte Fränz immer einen schweren Stand, denn die Mutter wollte durchaus nicht mehr an die öffentliche Tafel. Nun aber hieß es, das könnte dem Vater schaden, wenn man jetzt zeige, daß man sich schäme, die Mutter verstand sich mit schwerem Herzen dazu, und Fränz hatte oft aufrichtiges Mitleid mit ihr, wenn ihr der Gang zu Tisch so peinvoll wurde; aber sie beredete sich, es sei nötig, daß sich die Mutter wieder an die Menschen gewöhne, und sie vermochte die Postmeisterin, sich mit an den Tisch zu setzen und die Mutter beständig im Gespräch zu erhalten. Der Amtsverweser lehnte auch fortan jede bezügliche Frage seiner Nachbarn ab, und man war fast heiter. Die Mutter lebte sichtlich wieder auf. Fränz war in der Wohnstube der Postmeisterin bald mit dem Amtsverweser bekannt geworden, und dieser teilte ihr freiwillig, aber unter dem Siegel der Verschwiegenheit, frohe Kunde über den Vater mit. Martha fand ihn nun gar nicht mehr henkergleich, sondern grundmäßig gut, man sähe es ihm ja an den Augen an; sie segnete ihm jeden Bissen und jeden Trunk, den er zum Mund führte. Von nun an kam der Amtsverweser jeden Tag später als gewöhnlich in die Kanzlei, denn er trank seinen Kaffee und rauchte seine Cigarre in der Wohnstube der Postmeisterin und unterhielt sich eifrig mit Fränz, die redegewandt und schelmisch war und der die verhüllende Trauer noch einen besonderen Reiz verlieh. Dennoch kam es nicht weiter als zu einer gewissen gefallsamen Annäherung zwischen Fränz und dem Amtsverweser, denn beide hüteten sich in Betracht der Umstände vor jeder ausgesprochenen Zuneigung. Was Wunder, daß unter solchen Verhältnissen die Untersuchung gegen Diethelm nur mangelhaft geführt wurde, zumal keine rechten Beweise vorlagen. Der Verweis, den der Amtsverweser darob von dem neubestallten Richter erhielt, nützte nicht mehr viel, und der Richter versuchte nun selbst, den rechten Haken zu finden. In der Wohnstube der Postmeisterin war große Trauer, als der Amtsverweser seine Versetzung nach einem vielbesuchten Badeort ankündigte. Als er bald Abschied nahm, reichte ihm Fränz mit einem vielsagenden Blick die Hand; der Amtsverweser bot nun auch Martha die Abschiedshand, sie reichte sie und spürte dabei mächtig ein Jucken in der Hand, über das sie seit Wochen schon oft geklagt hatte. Fränz war nun selbst damit einverstanden, daß man von der Gasttafel wegblieb, sie war ungewöhnlich viel still und sinnend; sie sang oft still vor sich hin und unterbrach sich dann plötzlich, wenn sie dachte, in welcher Lage sie war. Die Mutter ermahnte sie nun selbst oft, zur Wirtin hinabzugehen, während sie einsam spann. Eines Tages kam Fränz atemlos in das Zimmer gestürzt. »Mutter,« schrie sie, »Mutter, er ist da!« »Wer? Um Gottes willen, der Vater?« »Ja, der Vater,« keuchte Fränz und wollte sich eben wieder umwenden, um dem Kommenden entgegen zu gehen, als die Mutter mit einem Schrei vom Stuhl auf den Boden fiel. Sie beugte sich über sie, als Diethelm eintrat, und kaum hatte er mit seiner klangvollen Stimme die Worte gesprochen: »Was ist der Mutter?« als die Ohnmächtige die Augen aufschlug und in ein krampfhaftes Weinen und Lachen ausbrach, daß Diethelm mit zitternden Händen dastand und gar nicht wußte, was er thun sollte; er fuhr seiner Frau mit der Hand über das Gesicht, und sie faßte seine Hand und hielt sie fest an den Mund und konnte noch immer nicht sprechen. »Martha, ich bin frei,« sagte Diethelm, sie aufrichtend, »nimm dich zusammen und sei froh. Es ist ja alles wieder gut.« Martha hielt immer noch seine Hand fest, und das erste Wort. das sie sprach, war: »Alles, was ich auf dem Leib trage, schenke ich einer armen Frau, und meinen Mantel auch, und ich will Gutes thun an der ganzen Welt. Komm, Diethelm, komm, weißt, was wir thun wollen? Wir wollen jetzt gleich in die Kirch' gehen, komm, Fränz, komm.« »Du bist jetzt so schwach, laß es auf ein andermal.« »Nein, nein, jetzt gleich, ich bin nicht schwach, es hat mich nur so angewandelt. Ich bitt' dich, folg' mir jetzt, ich will dir auch in allem folgen, was du willst.« Diethelm mußte willfahren und mit seiner Frau in die Kirche gehen. Es schauerte ihn und durchfuhr ihn eiskalt, als er in die hohe Halle eintrat; er warf sich mit seiner Frau vor dem Altar nieder und bat Gott, ihn auf dieser Welt um seiner Frau und seines Kindes willen zu verschonen. Als sie aus der Kirche traten, wo sich viel Menschen versammelt hatten, schenkte Martha sogleich einer armen alten Frau ihren Mantel und gab nicht nach, daß sie den Mantel nur noch bis zur Post behalten möge. Diese Schenkung, sowie der auffallende Kirchgang überhaupt, verbreitete sich schnell und Diethelm hörte schon auf seinem Heimweg davon reden; viele Menschen, die er starr ansah, zogen den Hut vor ihm ab, und er sah, daß er neue Ehre gewonnen habe, er war entschlossen, sie zu behaupten. Als sie aus der Kirche zurückgekehrt waren und die Glückwünschenden sich entfernt hatten, saß Diethelm lange am Tisch, auf den er die Arme gestemmt und den Kopf in die Hände gedrückt hatte, und als ihn Martha bei der Hand faßte, schaute er zu ihr auf, und große Thränen rollten über seine Backen. Zum erstenmal in ihrem Leben sah Martha ihren Diethelm weinen, sie schrie laut auf, er aber beruhigte sie, und es war die volle Wahrheit, als er ihr sagte, daß diese Thränen ihn erfrischt und ihm hellen Mut gegeben hätten. Martha drängte, daß man noch heute heim nach Buchenberg zurückkehre; Diethelm sah sie traurig an, da sie vom Heimkehren sprach, wo waren sie daheim? Er fragte nach seinen Rappen, und als er hörte, daß sie in Buchenberg stünden, blieb er fest dabei, erst morgen abzureisen; er schickte sogleich einen Boten nach seinen Pferden, das war das einzige, was ihm lebendig von seiner früheren Habe verblieben war, und mit ihnen wollte er stolz in Buchenberg einziehen. Einundzwanzigstes Kapitel. Nahezu zwei Monate hatte Diethelm im Gefängnisse gesessen, es hatte mehrmals getaut, aber auch immer wieder frischen Schnee gelegt, und heute war ein heller, mäßig kalter, echter Schlittentag. Diethelm hatte sich gewundert, daß nicht der Vetter selber das Fuhrwerk gebracht, sondern einen Knecht mit demselben geschickt hatte. Die Rappen schienen ihren Herrn nicht mehr zu kennen, sie senkten die Köpfe, so sehr auch Diethelm sie klatschte, mit ihnen sprach und ihnen salzbestreutes Brot vorhielt, sie hatten eben jenen gejagten Brandabend noch nicht vergessen und spürten ihn noch immer. Diethelm dachte, daß alle Welt verändert sei, und gewiß waren alle Häuser verschlossen, und niemand drängte sich zu ihm und reichte ihm die Hand, nicht einmal der Vetter war gekommen, ihn abzuholen. Die Menschen sind alle falsch wie Galgenholz, sie klagen und krächzen um einen Toten, und wenn er plötzlich wiederkäme, sie wären voll Zorn auf ihn, weil er sie um ihr Mitleid betrogen. So dachte Diethelm, als er mit der Wolfsschur angethan auf dem Vordersitze saß und die Pferde lenkte, hinter ihm saßen die Mutter und Fränz. Diethelm nahm sich vor, nur noch einmal nach Buchenberg zurückzukehren, allen seine Verachtung zu zeigen und sie dadurch zu züchtigen, daß er den Ort auf ewig verließ, sie waren es nicht wert, einen Mitbürger zu haben wie er. Er überlegte plötzlich, daß eigentlich niemand in Buchenberg sei, bei dem es ihm der Mühe wert war, was er von ihm denke; sie sollten aber einsehen, wer er war, wenn er nicht mehr in ihrer Mitte sei. Es that ihm nur leid, daß er nicht eine wirkliche Rache an ihnen nehmen könne, der Vetter vor allem aber sollte es büßen, seine Hypothek war gekündigt. Während er aber noch den Rachegedanken nachhing, erhob sich in ihm plötzlich der Zweifel, ob er ihnen Folge leisten dürfe. Wohl war die ganze Welt sein Feind, aber er durfte ihr nicht zeigen, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen sei, und wenn alles stechende Blicke auf ihn richtete, so war es doch klüger, zu thun, als ob man das nicht bemerke – falsch sein gegen die falschen Menschen, das ist das Beste, um unversehens ihnen die Gurgel zuzudrücken; aber auch das muß vorsichtig und schlau geschehen. Hin und her warf es Diethelm in Gedanken, denn so argwöhnisch gegen sich und gegen die Welt ist ein Herz, das Arges in sich verborgen hegt. Eine Strecke ab von der kalten Herberge, Unterthailfingen zu, sagte Fränz: »Vater, ich hör' Musik den Berg herauf, horchet, sie kommt näher. Was ist das?« Auch Diethelm hörte es, das Leitseil schwankte hin und her, so zitterten seine Hände, er faßte es straff. »Ich mein' immer,« sagte die Mutter mit verklärtem Antlitz, »es sei alles nur ein Traum gewesen. O, das wär' doch prächtig, wenn unser Haus noch stünde, und alles wär' nicht wahr.« »Weibergeschwätz, es ist alles wahr, still!« sagte Diethelm zornig; die Kälte, die er immer innerlich spürte, fast wie einen gefrornen Punkt, so sehr er sich äußerlich erwärmte, rann ihm jetzt wieder durch Mark und Bein. Er hielt an und trank einen mächtigen Zug Heidelbeergeist. Die Musik kam immer näher. Man sah jetzt einen großen Trupp Reiter, und einer ritt im Galopp vorauf nach Diethelm zu, kehrte aber bald wieder um und ordnete die Zurückgebliebenen hüben und drüben an der Straße zu Spalier. Was sollte das sein? Sollte Diethelm wieder gefangen genommen werden? Aber wozu war dann die Musik? Die Rappen, von den Klängen erweckt, hoben die Köpfe hoch und rannten wiehernd davon. Fränz hatte das beste weitsichtige Auge, sie erkannte bald den Vetter Waldhornwirt, der nun ein wirklicher Trompeter war; auch andere Buchenberger erkannte sie, und Diethelm übergoß es wieder abwechselnd flammend heiß und schauerlich kalt. Dort, genau an der Stelle, wo im Sommer die Deichsel gebrochen war, dort scholl Diethelm ein Trompetentusch und hundertstimmiges Hoch entgegen. Alles, was in Buchenberg beritten war, und eine große Anzahl von Unterthailfingen, die sich dazu gesellt hatten, hielt Diethelm einen feierlichen sogenannten Gegenritt und holte ihn im Triumphe ein. Diethelm fand nicht Worte, seiner Empfindung Luft zu machen; es bedurfte dessen aber auch nicht, denn unter beständigem Hochrufen und Trompetenblasen und Peitschenknallen setzte sich der Zug alsbald in Bewegung. Die Mutter weinte, und Fränz sah mit frohlockenden Augen drein, während Diethelm mit besonderer Sorgfalt die Rappen lenkte; es war sein einziges Denken, daß in dem Wirrwarr kein Unglück geschehe, das alle Freude in Leid verkehrte. Wie war Diethelm plötzlich so verändert; er, der noch vor wenigen Stunden bittern Groll und Haß gegen seine Mitbürger in sich erweckt hatte. In Unterthailfingen standen alle Leute am Fenster und auf den Straßen und grüßten. An der Gemarkung von Buchenberg hielt neben einem Schlitten der Gemeinderat und Bürgerausschuß und begrüßte Diethelm. »Wo ist der Schultheiß?« fragte Diethelm. Der Obmann des Bürgerausschusses erwiderte, daß der Schultheiß schon vor vier Wochen gestorben sei. Der Gemeinderatsschlitten fuhr hinter dem Diethelms drein. An der Anhöhe, wo einst Diethelms Haus gestanden und jetzt nur noch verschneite Trümmer sich zeigten, bogen die Rappen plötzlich um, und Diethelm wurde an den straffen Zügeln fast vom Schlitten gerissen, aber der Vetter hatte dies wohl vorausgesehen; er war zur Seite der Rappen geritten und drängte sie auf den Dorfweg. Nun erst im Dorfe ging das Hochrufen von neuem an, die Kinder schrieen mit, und die Weiber schlugen vor Freude weinend die Hände zusammen. Am Hause des alten Schäferle wurde plötzlich der Schlitten Diethelms gestellt, der Paßauf war wie wütend an die Köpfe der Pferde hinaufgesprungen und ließ sie nicht vom Platze, bis ihm ein Reiter mit der Peitsche eines überhieb, daß er winselnd davonjagte. Drinnen in der niedern Stube, die Stirne an die Fensterscheiben gedrückt, stand der alte Schäferle und aus seinem zerfallenen Antlitze sprach Kummer und Klage, daß man einen Mann wie Diethelm wie einen alles beglückenden Helden einholte. Diethelm sah nur einen Augenblick unwillkürlich hinüber, und Martha grüßte den so schwer betroffenen Trauernden, dieser aber blieb starr und bewegungslos. Weiter ging der Zug und ordnete sich noch einmal unter Trompeten und Jubelschall. Als Diethelm am Waldhorn absteigen wollte, stellte sich der Wirt neben ihn und hielt ihn auf dem Schlitten. Er hatte als diensteifriger Marschall diese Huldigungen angeordnet und verlangte nun auch deren richtigen Verlauf. »Ihr müsset ein paar Worte reden,« lispelte er Diethelm zu und rief dann laut: »Ruhe! Stille! Der Herr Diethelm will reden.« »Liebe Freunde und Mitbürger!« begann Diethelm, und nochmals wurde Ruhe geboten, worauf er wiederholte: »Liebe Freunde und Mitbürger! Ich danke euch von ganzem Herzen für die Ehre und Liebe, die ihr mir erweist, ich werde sie euch nie vergessen, obzwar ich sie nicht verdiene. Was hab' ich denn Großes gethan? Ich bin kein Brandstifter, kein Mordbrenner, das ist alles. Mein Ehrenname steht wieder rein da. Ich will hoffen, daß ihr mich einstmals ebenso mit Ehren hinaustraget, wenn man mir ein eigen Haus anmißt. Haltet fest.« Dieser Gedanke schien Diethelm so zu übermannen, daß seine Stimme zitterte, der Vetter aber neben ihm brummte: »Wie kommen die Rüben in den Sack?« und Diethelm setzte noch hinzu: »Ich dank' euch, ich dank' euch viel tausendmal.« Diethelm hielt inne, aber der Vetter drängte wieder: »Noch was, so kann's nicht aus sein, saget noch was,« und Diethelm fuhr fort: »Viele von euch haben gehört, was man mich angeklagt hat, aber meine Freisprechung ist hinter verschlossenen Thüren vor sich gegangen. Freut euch, daß das bald ein Ende hat, wir bekommen das Schwurgericht, wo wir selber richten und alles öffentlich.« Diethelm hielt wieder inne und wollte absteigen, aber der Vetter ließ ihn nicht vom Platze und drängte: »Das ist nicht genug, ladet sie wenigstens zu einem Trunk ein.« Diethelm fühlte, daß er jetzt keine Schmauserei halten konnte, es war schon zu erdrückend viel an dem Geschehenen, er schloß daher: »In vier Wochen halt' ich meiner Bruderstochter hier Hochzeit, ich lad' euch heute alle dazu ein auf meine Kosten. Nochmals sage ich euch meinen herzlichen Dank.« Diethelm drängte den Vetter fast zu Boden, als er abstieg. Unter den Reitern zeigte sich aber eine offenbare Mißstimmung. Es geht im großen wie im kleinen so, ein versprochener Zukunftstrunk macht eher verdrossen als lustig, wer weiß, was dann ist, wenn die versprochene Zeit kommt; man will eben trinken, wenn Gemüt und Zunge einmal dazu vorbereitet sind, heute, eben jetzt, und da hilft eine noch so sichere Vertröstung auf kommende Tage nichts. Der Vetter sah schon, daß er etwas auf seine Kappe nehmen mußte, er war der nachträglichen Betätigung sicher; er sagte daher jedem einzelnen, daß es bei der Hochzeitseinladung verbleibe, daß aber heute jeder ein Halbmaß Wein auf Diethelms Kosten trinken könne, er habe das nur nicht laut sagen wollen, weil er glaube, es schickt sich nicht. Nun war doch eine mäßige Beruhigung hergestellt. und im Waldhorn ging's hoch her im Schmausen und Unterredungen. Die eine Halbmaß zog Kameraden nach, und der Vetter hätte nichts dabei verloren, wenn er die Schenkung wirklich auf seine Kappe genommen hätte. Diethelm saß indessen in der obern Stube und hielt beide Hände vors Gesicht, die Augen brannten ihm, aber weinen konnte er nicht. Mitten unter dem Ehrenjubel, der ihn neu ins Leben zurückführte, konnte er den Gedanken nicht los werden, daß das ein Leichenbegängnis wäre, sein eigenes, er war scheintot, und er konnte nicht aufschreien: ihr begrabt einen Mann, der lebt, nein, ihr begrüßt unter den Lebenden einen Toten. Hirnverwirrend drang es auf ihn ein, und er meinte, er sei wahnsinnig, er hätte gerne gesprochen, um vor sich selber sicher zu werden, wie er sei, aber der Lärm war so groß und Fahren und Reiten so wild. Darum freute er sich anfangs, als er seine eigene Rede vernahm, die so klug war, aber mitten in dieselbe sprang ihm unversehens der Todesgedanke, und wie ein fester Stern, der aus der Irre führt, erschien plötzlich die Anrufung des Schwurgerichtes. Und doch war Diethelm eigentlich froh, daß dies noch nicht eingerichtet war. Jetzt zum erstenmal fühlte Diethelm ganz deutlich, wie ein Scheinleben gewiß nicht minder gräßlich ist, als ein Scheintod, aber er war entschlossen, ihm mit starkem Willensmut zu trotzen. Die ganze Gemeindevertretung trat bald bei ihm ein, und der Obmann frug Diethelm geradezu, ob es wahr sei, daß er, wie der Waldhornwirt gesagt, vom Dorfe wegziehen wolle. Diethelm gab ausweichenden Bescheid, denn er erkannte plötzlich, daß die Ehrenbezeigung nicht pure Huldigung war; man wollte ihn mit seinem Vermögen im Dorfe fesseln. Der Obmann erklärte, daß man mit der Schultheißenwahl auf ihn gewartet habe, er werde einstimmig gewählt, wenn er willfahre. Diethelm machte noch einige scheinbare Widersprüche, daß er jetzt zu viel mit Ordnung seiner Angelegenheiten zu thun habe u. dgl.; auf vieles Zureden gab er indes nach, er fühlte doch erst im Dorfe und sozusagen in den niederen Stuben recht deutlich das Maß seiner Größe, und ihn erquickte der Gedanke, nun ein festes Ehrenamt zu bekleiden, bei dessen jedesmaliger Benennung ihm stets klar vor Augen liegen mußte, in welchem Ansehen er stand und wie kein Makel an ihm hafte. Er bedurfte dessen jetzt doppelt, denn seitdem er wieder ins Dorf zurückgekehrt war, fühlte er sich so bang, als ob ein Gespenst ihm auf dem Nacken sitze und ihn bei allen Ehrenbezeigungen auslache und heimlich zwicke und quäle. Und doch wollte er erst, wenn alles vergessen war und seine Fränz sich verheiratet hatte, das Dorf verlassen; vorher schien es ihm verdächtig. Ein großer Haufe Geld, wie ihn bar das Dorf noch nie gesehen hatte, kam andern Tages an, es war die volle Versicherungssumme für die Fahrnis. Der überbringende Kaufmann Gäbler war voll Unterwürfigkeit gegen Diethelm und empfahl sich ihm zu jeglicher Vermittlung. Nun ging es an ein Abwickeln der Schulden und zwischen hinein an Uebernahme der Erbschaft vom Kohlenhof, und im Waldhorn war allzeit ein reges Leben. Das Haus selbst, das in der Staatsbrandkasse versichert war, wurde erst zur Hälfte bei Beginn und zur andern Hälfte bei Vollendung des Wiederaufbaues bezahlt. Diethelm ließ schon im Winter Steine brechen und fahren und verschaffte dem Dorf und der ganzen Umgegend gesegneten Verdienst in einer sonst kahlen Zeit; aber weder er selbst noch Martha besuchten je die Brandstätte, nur Fränz war mehrmals dort gewesen. Es schien alles wohl zu gehen, nur Martha klagte viel über das Leiden in ihrer rechten Hand; die Mittel des oft herbeigerufenen Arztes verschlugen nicht, der Daumen, Zeige- und Mittelfinger waren wie abgestorben, leichenhaften Ansehens. Der Arzt behauptete, diese Finger seien durch zu eifriges Spinnen mit der Spindel abgetötet, und Diethelm bestätigte, daß ihm seine Mutter oft erzählt habe, Spindeln seien giftig; aber seine Frau habe nie nachgegeben und am Rädchen spinnen lernen wollen. Er klagte nun auch, nachdem er Frau und Tochter fortgeschickt, sein eigen Leid, wie es ihm stets mitten im Körper so kalt sei und es ihn innerlich stets friere, wenn er am Ofen sitze und fast verbrate. Der Arzt bedeutete, daß das vielleicht ein innerlicher Rheumatismus sei und daß es sich gerade schicke, Frau Martha müsse im nächsten Sommer nach einem warmen Bade und der Herr Diethelm auch. Als Diethelm diese Botschaft seiner Frau verkündete, sagte sie: »Der Doktor versteht mein Uebel nicht, aber ich versteh's. Sei nur nicht bös, ich muß es aber doch zu einem Menschen sagen; guck, mir sind just die drei Finger abgestorben, mit denen ich einen falschen Eid geschworen hätt', wenn ich hätt' schwören müssen.« »Du? Wo denn?« »Ich hätt' vor Gericht geschworen, daß nie vom Anzünden zwischen uns die Rede gewesen ist, ich hab' gemeint, ich bring' dich damit in Ungelegenheiten, wenn ich's sag.« »Dummes Zeug, das hättst du wohl auch mit einem Eid sagen können, ich hab' noch ganz andre Sachen zu Boden geschlagen,« polterte Diethelm; als er aber das schmerzzuckende Antlitz seiner Frau sah, setzte er begütigend hinzu: »Red dir nur nichts ein von einem falschen Eid, du hast ja gar nicht geschworen, und hättest du auch, wär's auch nicht falsch gewesen, du hast ja bloß etwas verschwiegen, und wenn alle Menschen, die falsche Eide geschworen haben, tote Finger bekämen, es gäb' wenige, die eine Prise nehmen könnten.« Martha schwieg, ein schwerer Gedanke stieg in ihr auf, den sie aber mit aller Macht bannte. Wie verwildert, wie jähzornig und bald wieder so viel alleinredend war ihr Mann! Mehr als je standen diese Menschen in Reichtum und Ueberfluß, aber Kummer und Schmerz verließ sie nie – Martha konnte nichts mehr arbeiten und wurde immer trübsinniger, tagelang saß sie in sich zusammengekauert und betrachtete stieren Blickes die toten Finger an ihrer rechten Hand; nur Fränz war glücklich, zumal da sie hörte, daß man im Sommer nach dem Bade reiste, und zwar gerade nach dem Orte, wohin der Amtsverweser versetzt war. Martha hatte insgeheim und durch dritte Hand dem alten Schäferle manche Gabe zukommen lassen, aber er wies alles zurück; er war den ganzen Tag beim Abräumen des Schuttes und suchte nach den Gebeinen seines Sohnes, von denen er nichts fand, als den halbverbrannten Schädel und ein Stück des Oberarmes. Martha wagte es eines Abends, den verlassenen Mann aufzusuchen. »Ich will nichts von Euch,« rief der alte Schäferle der Eintretenden entgegen. »Aber ich will was von dir,« entgegnete Martha, »da sieh, was ich für tote Finger hab'. Du mußt mir helfen.« Der alte Schäferle, dessen geheime Kunst aufgefordert war, die er an seinem Vater, an Freund und Feind zu üben versprochen hatte, näherte sich, wenn auch langsam, betrachtete die Hand lange, hauchte dreimal darauf und murmelte dabei unverständliche Worte. Martha bewegte schon die Finger besser auf und zu, und der Schäferle sagte: »Der Hund da, der Paßauf, kann Euch helfen. Lasset ihn nur bei Euch im Bett schlafen.« Martha wehrte sich gegen dieses Mittel, gerade der Hund des verbrannten Medard war ihr ein Schrecken, und sie dachte nicht, daß ein andrer kurzhaariger ebenso dienlich gewesen wäre; sie verstand sich eher zu den andern Mitteln, die darin bestanden, Turteltauben im Zimmer zu halten und im Neumond drei Blutstropfen aus den drei Fingern auf Baumwolle aufzufangen und solche in eine junge ab dem Wege stehende Weide einzuspunden. In der That wurde Martha von nun an viel belebter und heiterer, und sie riet oft ihrem Manne, wegen seines Fröstelns den alten Schäferle zu befragen, ja, sie befragte diesen von selbst über den Fall; aber der alte Schäferle, der wußte, wem es galt, behauptete, nicht helfen zu können, bevor der Mann selber zu ihm käme. Diethelm aber wollte sich nicht dazu verstehen, und wenn ihn seine Frau über seine unruhigen Nächte ausfragte, redete er ihr ein, das viele Geld im Hause mache ihm bange; er durfte ihr ja nicht sagen, wie nicht die Sicherung seines Geldes, sondern die Wahrung seines Geheimnisses ihn oft in der Nacht aufschreckte, und wie es ihm oft war, als hörte er Peitschenknallen, Wagenrasseln, und als kämen plötzlich die Häscher, um ihn aufs neue einzufangen. Jedesmal in der Nacht, wenn der Eilwagen durch das Dorf fuhr, erwachte er; er hoffte, wieder Ruhe zu finden, wenn er aus dem lärmenden Dorfe weg sei und wieder auf seinem stillen Berge wohnte. Zweiundzwanzigstes Kapitel. An der Hochzeit des jungen Kühler mit der Bruderstochter Diethelms, die dieser reichlich ausstattete, zeigte sich, was die berittene Mannschaft zweier Dörfer verprassen kann, und noch dazu, wenn es auf fremde Kosten geht; dem Diethelm war nichts zu viel, und er ermunterte noch jeglichen zu Essen und Trinken. Das Faß Uhlbacher wurde richtig ausgetrunken, und Diethelm, dem der Arzt seinen Leibwein verboten hatte, machte heute eine Ausnahme und half wacker mit, denn er verband mit diesem Tage noch ein zweites Fest. Seit acht Tagen war Munde vom Militär heimgekehrt, er war frei und hatte nur noch drei Jahre die gewöhnlichen Herbstübungen mitzumachen. Da Diethelm Schultheiß geworden war, mußte ihm Munde seinen Urlaubspaß übergeben; er wartete ab, bis Diethelm mit dem Gemeinderat auf dem Rathaus war, übergab dort das Schriftliche, ohne aufzuschauen, und nannte ihn stets »Herr Schultheiß«. Diethelm hielt gerade ein Anschreiben vom Amte in der Hand, als Munde eintrat und sprach. Von heftigem Schreck erfaßt, starrte er eine Weile hinein in das Papier auf dem die Buchstaben seltsam ineinander krochen. Der Klang der Bruderstimme hatte Diethelm mächtig erschüttert. Die Einbildungskraft kann sich zu Leid und Freud das ganze Wesen und Gehaben eines Verstorbenen in die lebendige Erinnerung stellen, eines aber vermag sie nicht aus sich zu erwecken: es ist der Klang der Stimme des Abgeschiedenen, nur ein Ton von außen ruft ihn wach. Und wie jetzt Diethelm die Bruderstimme hörte, drang sie ihm ins Herz, so daß plötzlich alles Verborgene und gewaltsam Zurückgedrängte vor ihm stand. Diethelm faßte sich und sprach endlich, das Papier niederlegend und sich zurücklehnend: »Was willst du jetzt anfangen, Munde?« »Ich werd' schon sehen,« antwortete Munde und grüßte soldatenmäßig. Diethelm aber rief ihm noch nach: »Komm zu mir ins Waldhorn, Munde, ich hab' dir was Gutes zu sagen.« »Das Gescheiteste wär', du gäbst ihm dein' Fränz,« sagte der Schmied hinter dem Weggegangenen, »sie haben sich von je gern gehabt, und es schickt sich grad für dich, einem, der nichts hat, deine Tochter zu geben, und einen braveren und schöneren Tochtermann kannst du nicht kriegen.« Diethelm schwieg und nahm die Gemeindeverhandlungen wieder auf. Am Mittage erzählte er seiner Frau, daß er den Munde herbestellt habe, und es sei wohl möglich, daß er seinen Vorsatz ausführe und ihm die Fränz gebe. Martha war glückselig mit diesem Vorhaben und sagte, daß dann gewiß wieder alles gut werde und daß auch die Seele des verstorbenen Medard Ruhe haben werde, wenn sein liebster Wunsch erfüllt sei. Diethelm nickte zufrieden, aber drei Tage lang ließ sich Munde nicht sehen, und Diethelm war voll Zorn gegen ihn und verbot Frau und Tochter, ein Wort »mit dem Bettelbuben« zu reden. In sich aber überdachte er, daß es wohl klüger sei, dem Munde die Fränz nicht zu geben, diese Großmut konnte leicht verdächtig erscheinen und als Gewissensangst gedeutet werden; dennoch mutete ihn der Gedanke einer Sühne in Erfüllung des Versprechens gegen den Toten tröstlich an. »Dann ist ja nichts geschehen,« sagte er sich, »als ein paar Jahre verkürzt, und das hätte sich der Medard gern gefallen lassen für das, was seinem Bruder zukommt, er hat ihn ja immer so gern gehabt.« Ueberdem war es Diethelm unerträglich, daß noch irgend ein Mensch außer dem altersschwachen Mann an seine Schuld glaubte. Solange noch ein solcher Mensch auf der Welt lebte, meinte er keine Ruhe zu finden. Munde hatte seinem Vater erzählt, wie zutraulich Diethelm gegen ihn auf dem Rathaus gewesen. »Ich weiß, was er vorhat,« sagte der alte Schäferle, »er will dir seine Fränz geben.« »Vater, was machet Ihr?« rief Munde hochentflammt. »Kannst dich drauf verlassen,« fuhr der alte Schäferle gelassen fort, »er will sich loskaufen.« Munde mußte aber und abermals hören, wie unerschüttert der Vater an die Schuld Diethelms glaubte, er wehrte sich mit aller Macht dagegen, aber der Vater blieb standhaft und sagte: »Ob er Blutschuld auf sich hat, weiß ich nicht gewiß, aber so gewiß, als der Himmel über uns ist und nichts auf der Welt verborgen bleibt, hat er mit angezündet. In alten Zeiten hat ein Bruder nicht geruht, bis er für das Blut seines Bruders Rache genommen hat. Kannst du hingehen und die Tochter von dem heiraten? Nein. Weißt was, komm her,« sagte der alte Schäferle aufstehend, und holte einen Rock aus dem Schranke, von jenen Kleidern, die ihm Medard zur Herbstzeit in der ersten Furcht übergeben hatte, »da, komm her, zieh den Rock an und setz den Hut auf und geh hin zum Diethelm und betracht dir ihn genau, was er macht. Du siehst dem Medard gleich, wie er vor Jahren ausgesehen hat, geh, mach's.« Munde ließ sich nicht dazu bewegen, er faßte den weißen, rotausgeschlagenen Rock des Bruders und weinte bittere Thränen darauf, indem er dem Vater erzählte, daß auch gegen ihn Medard den Verdacht ausgesprochen und daß er mit einem Schlag ins Gesicht von ihm geschieden sei. Dieses letzte besonders that ihm so weh, daß er so grimmzornig von seinem Bruder auf ewig geschieden sei. Munde hatte sein weiches sanftes Gemüt bewahrt, und er streichelte den Rock, als deckte er noch den, der ihn einst trug. Drei Tage kämpfte Munde einen schweren Kampf mit sich und mit dem Vater. Der Gedanke, Fränz zu besitzen, entflammte ihn; und wenn er wieder dachte, daß er ewig um den Mann sein und ihn Vater nennen solle, der vielleicht am Tode seines Bruders schuld war – die Asche des Bruders lag auf all dem großen Besitztum. Aber was kann Fränz dafür? Es ist nur eine alte Dorfgewohnheit, daß das Kind die Schande erdulden muß, die auf dem Vater ruht, und ist nicht Diethelm freigesprochen und hochgeehrt? Am dritten Abend, als Munde das Dorf hinaufging, begegnete er Fränz, sie reichte ihm froh und innig die Willkommshand, aber es mochte seine ganze Gemütsverfassung zeigen, daß das erste, was Munde sprach, dahin lautete, er müsse ihr das Geld wieder geben, das er, ohne zu wissen, bei ihrer Abreise aus der Hauptstadt von ihr genommen habe. Er überreichte ihr das Geld, das er in einem Papiere wohl verwahrt hatte, sie empfing es mit den Worten: »Sonst hast du gar nichts zu sagen?« Die trotz aller Tändeleien und Anknüpfungen nie völlig erstorbene Liebe zu Munde erwachte in ihr, dabei die Erinnerung an jenen Schreckensabend und etwas von der Milde und Demut, die damals in ihr aufgesproßt war. Nach einer stummen Pause setzte sie daher hinzu: »Kannst dir denken, wie hart es uns allen zu Herzen geht, daß dein Medard dabei verunglückt ist. Wir sind ja alle zu ihm gewesen, als wenn er das Kind vom Haus wär', und dein Vater hat schweres Herzeleid über uns gebracht.« »Mein Medard hat ihm das Gleiche gesagt, wie mir. Weißt wohl?« »Und du denkst noch daran?« sagte Fränz schaudernd. In ihrem Wissen um das Geschehene fühlte sie, daß noch nicht alles gesühnt war, und auch in ihrem Herzen kämpfte nun Liebe zu Munde und Furcht vor ihm; sie setzte aber schnell hinzu: »Mein Vater ist freigesprochen, und es darf niemand mehr so was reden und denken. Sag das deinem Vater. Es steht Zuchthaus drauf.« »Auch aufs Denken?« fragte Munde, und Fränz erwiderte unwillig: »Ich hab' nichts mehr mit dir zu reden, wenn du so bist. Ich glaub' an keinen Menschen mehr, weil auch du schlechte Gedanken hast. O Munde, ich könnt' mir die Augen ausweinen über dich. Ich hab' dich so gern gehabt. Jetzt darf ich's sagen, es ist ja vorbei.« »Nein, es ist nicht vorbei,« rief Munde aufflammend, »ja, du hast recht, es ist schlecht, so was zu denken. Gib mir dein' Hand, komm, wir gehen zu deinem Vater, er hat mich kommen heißen. Fränz, hast mich denn wirklich noch so gern?« »Es kommt darauf an, wie du bist. Allem Anschein nach hast du dich verändert. Du hast doch immer so ein gutes Gemüt gehabt.« »Und ich hab's noch, wenn du mich lieb hast, komm, Fränz, komm.« Hand in Hand gingen beide in das Waldhorn zu Diethelm. Jede andre Empfindung wurde bei Fränz von dem Triumphe überragt, daß sie den Munde hinter sich drein ziehen könne, wohin sie wolle. »Hast dich besonnen?« fragte Diethelm nach den ersten Begrüßungen. »Auf was?« erwiderte Munde stotternd, indem er schnell umherschaute und vor sich niederblickte. Diethelm ertrug jetzt seine Stimme schon gleichmütiger und sagte daher achselzuckend: »Das ist dein' Sach. Ich will dir nur sagen, daß dein . . . dein Medard noch vierzig Gulden Lohn bei mir stehen hat. Kannst sie jeden Tag holen, wenn du was damit anfangen willst.« »Damit kann ich nicht weit springen. Der Herr Schultheiß hat mir ja aber auf dem Rathaus gesagt, daß er mir was Gutes mitzuteilen hat.« »Nun? Ist denn vierzig Gulden nichts? Und zwei Jahr Zins ist auch dabei. Ich will dir's aber nur sagen, ich hab' was anders mit dir vorgehabt, aber du hast dich drei Tage besonnen, bis du zu mir kommen bist, und derweil sich der Gescheite besinnt, besinnt sich der Narr auch.« Munde sah wohl, daß ihn Diethelm schrauben wollte; daran, daß er ihn tief zu demütigen suchte, um ihn dann vielleicht großmütig zu sich zu erheben, dachte er nicht, er sagte daher: »Ihr wisset, was ich denk', Ihr kennet mich ja.« »Ich kenn' dich nimmer. Du bist zwei Jahre Soldat gewesen, da wird der Mensch ein andrer.« »Wen ich damals gern gehabt, hab' ich noch gern.« »Das ist brav. Du hast immer ein gut Herz gehabt. Jetzt muß ich aber da Schreibereien machen. Komm morgen wieder, Munde.« Schon beim Eintritte Mundes hatte sich Fränz entfernt, und als dieser jetzt auch wegging, begleitete ihn die Mutter und sagte ihm noch auf der Treppe: »Munde, sei nur heiter. Ich darf nichts sagen, aber glaub mir, er hat's gut mit dir vor. Komm nur morgen wieder. Es fällt kein Baum auf einen Schlag. Grüß mir deinen Vater und sag ihm, es ging' mir viel besser, aber spinnen kann ich noch nicht. Und sieh, daß du von deinem Vater ein Mittel kriegst gegen böse Träume und gegen das Frieren; darfst aber nicht sagen, für wen es ist.« »Für wen ist's denn?« »Es ist besser, wenn du's nicht weißt, dann brauchst du es nicht zu sagen.« Munde wußte es aber jetzt, und die anfangs tröstliche Zusicherung der Frau Martha hatte einen bittern Nachgeschmack. Diethelm hatte diese Träume und fror, er war also doch schuldig; er durfte es aber jetzt nicht mehr sein, gewiß nicht am Tode Medards. Munde hatte Lust, jeden zu Boden zu schlagen, der so etwas dachte, und protzte mit seinem Vater, der immer darauf zurückkam. Der alte Schäferle hatte bald heraus, wo sein Munde trotz des Verbots gewesen war, und blieb dabei, daß Diethelm ihm die Fränz geben wolle und ihn nur zappeln lasse, um jeden Anschein von sich zu entfernen. Als Munde wie zufällig um ein Mittel gegen böse Träume und Frost fragte, frohlockte der alte Schäferle: »So? Hat er auch böse Träume? So ist er doch nicht los, wenn er auch freigesprochen ist.« Der Stolz auf seine sympathetische Heilkunst verleitete ihn aber doch zu dem Zusatze: »Gegen böse Träume gibt es ein altes untrügliches Mittel: man muß auf einem Schaffell schlafen und vor Schlafengehen Thee von Brennesselwurzel trinken, und gegen Frost gibt es nichts Besseres, als morgens vor Tag sich in Wasser waschen, das man vom Menschenblut abgenommen hat, dann drei Stunden, vor die Sonne im Mittag steht, und drei Stunden nachher ohne Ausschnaufen Erlenholz sägen, das man im Vollmond geschlagen hat.« Diethelm war andern Tages viel zuthätiger und herablassender gegen Munde, er saß in seine Wolfsschur gehüllt am Ofen und fror heftiger, als je. Er hatte mit Fränz gesprochen, und in der Art, wie sie einwilligte, den Munde zu heiraten, und dabei das unerhörte Verlangen stellte, daß der Vater bei Lebzeiten sein Besitztum ihr abtreten müsse, erkannte er nicht undeutlich, daß sie an seine Schuld glaubte. Er that, als ob er das nicht merkte, und doch fraß es ihm das Herz ab, daß sein einziges Kind das Schlimmste von ihm dachte. Beim Eintritte Mundes war er rasch aufgestanden und schritt stolz die Stube auf und ab, dann hieß er Munde sich neben ihn setzen und fragte ihn, wie er ein großes Vermögen umwenden und zusammenhalten wollte. Munde gab fröhlichen und zufriedenstellenden Bescheid. Als Diethelm jetzt plötzlich wieder fror, gab er ihm das Mittel an, das er vom Vater erfahren; Diethelm aber fuhr stolz auf: »Ich bin der Diethelm, ich hab' mein Bauerngeschäft nicht aufgegeben, um Holzhacker zu werden. Ich brauch' kein Mittel.« Munde beging den Unschick, mindestens die Anwendung des Mittels gegen böse Träume anzuraten, aber kaum hatte er das Wort Schaffell gesagt, als Diethelm laut aufschrie: »Ein Hund und ein Fuchs ist dein Vater, ratet der mir das, weil er weiß, daß mir so viel hundert Schafe jämmerlich verbrannt sind. Aber wer hat dir gesagt, daß ich bös träume?« »Niemand, ich hab' nur so davon gesprochen, weil das beim Frieren ist.« »Bei mir nicht. Ich schlaf' wie ein neugeborenes Kind. Aber, Munde, ich will dir auch gut betten, sag's frei, was du willst,« wendete Diethelm, um alles andre vergessen zu machen. Munde brachte nun im glückseligen Ueberströmen seine Bitte um Fränz vor. Diethelm solle freier Herr bleiben, solang er lebe, er wolle nur die Fränz. Diethelm nickte zufrieden, aber plötzlich sagte er: »Ich nehm' gar nichts an, du hast nichts gesagt, es muß beim alten Brauch bleiben; dein Vater muß für dich freiwerben, eher geb' ich kein Jawort. Verlaß dich drauf.« Das war nun aber ein schwer Stück Arbeit, den alten Schäferle zu diesem Gange zu bewegen, er ließ sich nicht erbitten, weder durch Munde, noch als Frau Martha ihn selber darum anging; er wiederholte stets: Munde könne thun, was er wolle, er selber aber bleibe davon, er thue dem zulieb nicht die Pfeife aus dem Maul und gehe auch nicht mit zur Hochzeit. So kam in betrübter Unentschiedenheit die Hochzeit des jungen Kübler heran, aber mitten im Schmausen und Lärmen faßte Diethelm einen andern Gedanken, er überrumpelte Fränz mit ihrem unkindlichen Verlangen nach Güterabtretung, und Munde war ihm nicht nur eine Sühne für das Vergangene, sondern auch der bequemste willfährige Tochtermann, der ihn frei schalten ließ. Er verkündete daher plötzlich die Verlobung von Fränz und Munde, und alles war voll Jubel und Lobpreis über Diethelm. Darum half er heute trotz ärztlichen Verbotes den Uhlbacher Ferndigen rein austrinken. Als man davon sprach, daß Munde noch drei Jahre Soldat sein müsse, beklagte Diethelm, daß er nicht Landtagsabgeordneter geworden sei, er hätte nicht geruht, bis die verdammte allgemeine Wehrpflicht wieder aufgehoben und das Einsteherwesen hergestellt sei. Wer nichts habe, solle Soldat sein. Die fetten Bauern stimmten mit ein, schimpften und klagten, wie sehr sie ihre Söhne vermißten, und mitten unter Schmausen und Zechen wurde eine Eingabe an die versammelten Stände um Wiederherstellung des Einsteherwesens aufgesetzt und unterzeichnet. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Diethelm hatte auf den Abend die Stadtzinkenisten zur Tanzmusik bestellt. Diese Menschen mit ihren Trompeten und Posaunen hatten ihn so oft erschüttert, und nun sah er, daß es keine Engel vom Himmel, sondern nur arme Schlucker mit langgestrecktem und gewundenem Messingblech waren. Wußte er das auch schon vordem, so that es ihm doch wohl, es so deutlich vor sich zu haben und die Zinkenisten nach seinem Gelust aufspielen zu lassen, was er ihnen angab und manchmal sogar vorpfiff. Mitten zwischen den Tänzen mußten sie ihm sogar einmal einen Choral blasen, worüber viele Leute den Kopf schüttelten und sich entsetzten; Diethelm aber ließ an den Schlußton schnell einen Tanz heften und tanzte mit seiner Martha den Siebensprung wie ein junger Bursch. Es war spät in der Nacht, und Diethelm ließ allen Gästen warmen Gewürzwein auftischen, er selber aber stand bald auf, es fehlte ihm noch jemand, und der mußte herbei; alle Welt sollte seiner Ehre voll sein, keiner ausgenommen. Es war mondhell. In seine Wolfsschur gehüllt, ging Diethelm das Dorf hinaus nach dem Hause des alten Schäferle. Vom Waldhorn herab, das glänzend in die Nacht hineinschimmerte, klangen bisweilen noch verlorene Töne; hier war alles einsam und dunkel. Das Haus des alten Schäferle stand am Ende der sogenannten Lustgasse, die heute mit doppeltem Recht so hieß, denn der Wirbelwind tanzte gar lustig mit dem Schnee und machte sich selbst Musik dazu. Die Hausthür war offen, Diethelm schritt durch den Hausflur, der zugleich Küche war, in die Stube, auch hier öffnete sich die Thüre, aber niemand regte sich, nur der Paßauf kam still herangeschlichen, und Diethelm fühlte erschreckt die kalte Schnauze an seiner Hand. »Ist niemand daheim?« rief Diethelm jetzt laut. »Ja freilich,« ertönte eine dumpfe Stimme. Der alte Schäferle auf der Bank hinter dem Tische rauchte einsam, und die Pfeife im Mund haltend fuhr er fort: »Ich weiß, warum der Diethelm kommt, aber er kann unverrichteter Sache wieder fortgehen.« Diethelm setzte sich auf die Bank und redete dem alten Manne zu, seinen einfältigen Haß fahren zu lassen und glücklich zu sein mit den Glücklichen. Der alte Schäferle antwortete nichts, legte die Pfeife auf den Tisch, ging nach dem Schranke, brachte einen weißeingebundenen Pack und legte ihn auf den Tisch, auf den ein schräger Mondstreif fiel. »Wenn du das nimmst, geh' ich mit,« sagte er. »Was ist's denn?« fragte Diethelm. »Mach's auf.« Diethelm öffnete und schrie laut auf, daß der Hund bellte. Er hatte einen Schädel mit halbverbrannten Haaren gefaßt. Der alte Schäferle packte ihn am Arme und rief: »Da, da leg deine Hand drauf, das ist mein Medard, da leg deine Hand drauf und schwör, daß du unschuldig bist an seinem Tode. Schwöre, schwöre, so wahr dir Gott in deiner letzten Stunde beistehen mag. Schwöre, und ich will dir Abbitte thun. Red! Jede Minute, die du schweigst, schreit, daß du doch ein Mordbrenner bist. Medard, sprich du! da ist dein Mund. Schwöre, Diethelm, schwöre!« Diethelm war's, als ob alle Höllengeister ihn umzingelten, seine Hand war wie gelähmt, er konnte sich nicht zurückziehen von dem Totenschädel des Ermordeten, aber plötzlich stieß er auf, daß der Schädel die Stube hinabkollerte. »Du bist ein liederlicher Lump. Mich verhexest du nicht,« schrie er, und seine ganze Kraft kehrte wieder. »Woher hast du diese Sachen? Die Ueberreste Medards müssen ehrlich begraben werden.« »Nimm sie mit, nimm sie mit, wenn du kannst,« knirschte der alte Schäferle. Diethelm stand auf und sagte mit fester Stimme: »Ich hab' dir schon einmal gesagt, ich verzeihe dir, du hast deinen ältesten Sohn verloren, ich mache deinen jüngsten glücklich. Ich verzeihe dir. Morgen ordne ich an, daß alles begraben wird; gib acht, daß sich alles wiederfindet, oder du sollst spüren, wer ich bin.« Stark auftretend, schritt er hinaus auf die Straße, und als er sich mit der Hand über das Gesicht fuhr, merkte er einen Modergeruch. Er wusch sich die Hände lange im Schnee. Im Waldhorn wunderten sich die Leute, wie blaß Diethelm aussah, und wie er große Gläser warmen Weines hinabstürzte, als wäre es kühles Quellwasser. Freude und Trauer folgten sich auf dem Fuße. Am andern Tage ließ Diethelm die Ueberreste des Entseelten, die der Vater willig hergab, feierlich begraben, und die Menschen, die Diethelm immer als harten Mann gekannt hatten, lobten ihn sehr, weil er bei dem Begräbnisse so heftig weinte. Die volle Kraft war wieder über Diethelm gekommen, er besuchte die Brandstätte und ordnete den Bau und fuhr oft mit seinen Rappen über Land. Draußen fühlte er sich erst recht wohl. Zwar blieb es eine Widrigkeit, daß er von jedem neu Begegnenden eine Beileidsbezeugung anhören und darauf mit einer schmerzvollen Miene, oder auch mit einem Ausruf der Trauer dankend erwidern mußte; war aber dies vorüber, hatte man hin und her den Heuchlerzoll bezahlt, dann überließ man sich ohne Scheu der Freude und dem Glückwunsche. Diese immer wiederkehrende Wahrnehmung, wie lügnerisch die ganze Welt sei, da man Mitleid darlegte, wo man keines hatte und im Gegenteil fast Neid empfand, da man Klagen auspreßte, wo man Freude vermuten mußte, dieses ganze jämmerliche Possenspiel war für Diethelm fast ein Labsal. Es war ihm recht, daß die ganze Welt schlecht war und es keinen ehrlichen Menschen gibt. Die ganze Welt verachten, das ist im Bauernrock wie in der Galauniform das beste Mittel, um nicht zur richtigen Schätzung seines eigenen Wertes zu gelangen. Diethelm gewöhnte sich an das Bewußtsein seines Verbrechens, wie man sich an ein untilgbares körperliches Leiden gewöhnt; anfangs will sich die gesunde Kraft nicht drein fügen, immerdar eine Behinderung zu finden, nach und nach aber setzt sie sich damit zurecht. Wir sind allzumal gebrechlich und sündhaft, das lernt der Stolz der übermütigen Kraft einsehen, und es fragt sich nur noch um das Maß des notwendigen Mangels. Während Diethelm sich draußen tummelte, war Munde daheim viel beschäftigt und viel bewegt. Er war gerade in entgegengesetzter und doch nicht unähnlicher Lage wie Diethelm. Jedermann glückwünschte ihm zu seiner so überaus günstigen Lebenswendung, und er wollte diese gutherzige Freude der Menschen nicht dadurch stören, daß er ihnen sagte, wie tief er den gräßlichen Tod seines Bruders betraure, und daß ein so schwarzer Fleck auf seinem Andenken ruhe; er glaubte, das nicht aussprechen zu dürfen, daß er, wie der Vater ihm täglich vorhielt, auf der Asche seines Bruders sich sein Glück erbaue. Munde war ein seltsamer Bräutigam: es freute ihn, daß Diethelm wieder von Auswanderern ein stattliches Bauerngut zusammenkaufte, aber wenn er Diethelm dann so im Gelde wühlen sah, war es ihm oft, als müsse er aus einer Bezauberung über alle Berge entfliehen, und ihm schauderte vor jedem Kreuzer, den er davon in die Hand nahm, als könnte er sich plötzlich in brennende Kohle verwandeln. Er half den Bau leiten. Im Frühlingstauen, das jetzt begann, wurden die Grundmauern gegraben, und es schien in der That, daß Diethelm nicht prahlte, wenn er sagte, daß er ein kleines Schloß baue. Wenn Diethelm über Land fuhr, spannte ihm Munde ein, hielt ihm oft eine Stunde lang die Pferde vor dem Hause und benahm sich überhaupt wie ein Knecht, nicht aber wie der Sohn des Hauses. Darüber hatte er viel bei Fränz auszustehen, die jetzt die ganze Schärfe ihres Wesens offenbarte; sie verlangte, daß er sich gegen den Vater ganz anders stelle, der müsse unterducken und dürfe nicht mehr den Herrn spielen, das Sach' gehöre jetzt den jungen Leuten und nicht mehr den alten; wenn Munde nicht den Mut und das Geschick habe, solch ein großes Anwesen in die Hand zu bekommen, hätte er davon bleiben sollen. Es gab oft die ärgerlichsten Auftritte zwischen Munde und Fränz, und wenn dann Munde das Wasser in den Augen stand, lachte ihn Fränz schelmisch auf, faßte ihn am Kopfe, küßte ihn wacker ab und sagte: »Munde, du hättest sollen ein Klosterfräulein werden, du bist so windelweich; fluch einmal recht wetterlich, ich glaub's gar nicht, daß du's kannst. Sei froh, daß du nicht in Krieg kommen bist, du hättest keinen erschossen. Mach, fluch einmal so recht mörderlich. Ich hab' dich nachher noch einmal so lieb.« In solcher Weise zerrte Fränz ihren Munde hin und her und machte aus ihm, was sie wollte. Diethelm war oft jähzornig gegen ihn, weil er die Arbeitsleute beim Baue nicht scharf genug anhielt; nur die Mutter war stets liebreich und mild gegen ihn und erfreute ihn oft durch Vorzeigung der schönen Aussteuer, die sie für ihn und Fränz bereiten ließ. Fränz hatte nicht nachgelassen, bis Munde einmal das Fuhrwerk für sich nahm und mit ihr eine Lustfahrt nach der Stadt machte. Munde hatte sich nie dazu verstehen wollen. Jetzt aber ergab sich eine besondere Veranlassung; nicht Diethelm, sondern das junge Brautpaar stand Gevatter bei dem Erstgebornen des Zeugmachers Kübler in G. Es war ein linder Morgen des ersten Frühlings, als Munde mit seiner Braut dahinfuhr, er hatte an die schwanke Spitze der Peitsche und die Messingrosen der Pferdezäume rote Bänder geheftet als bescheidene und doch kenntliche Fahnen ihres bräutlichen Glückes. An seinem väterlichen Hause wollte ihm der Paßauf folgen, aber der alte Schäferle pfiff ihm zornig, und er kehrte zu ihm zurück. Munde wußte, daß sein Vater niemand mehr um sich haben wollte, als den Hund des verstorbenen Medard, mit dem er oft stundenlang sprach. Munde kümmerte sich des nicht mehr und fuhr wohlgemut hinaus in den frühlingsjungen Tag. Die Sonne stand nicht am Himmel, nebelhaft verschwommene Wolken umzogen ihn, und ein leiser Duft wob über den kaum ergrünenden Feldern, daraus sich einzelne Lerchen noch zaghaft zwitschernd emporhoben, um bald wieder niederzusinken. »Fränz, ich freu' mich doch, aber lach mich nicht aus,« sagte Munde. »Warum?« »Guck, ich kann mir's gar nicht denken, daß das Fuhrwerk mein eigen sein soll und daheim noch so viel, ich mein' immer, es sei nur geliehen, ich bin bei euch zu Gast, und ihr könnet mich morgen fortschicken.« »Du bist ein schrecklich guter, aber auch zum Verzweifeln weichmütiger Mensch. Du bist ein gutes Schaf, aber du mußt anders werden. Wir zwei haben unsern Alten am Bändel, er merkt wohl, was wir zwei von ihm wissen.« »Meinst du, er hab's wirklich than?« »Es ist brav von dir, daß du mir's jetzt ausreden willst,« sagte Fränz; »aber ich weiß es nicht von dir allein. Ich könnt' auftreten, wenn ich wollt'. Das weiß er. Und so wirst du doch nicht auf den Kopf gefallen sein, daß du nicht merkst, er hätt' uns nicht zusammen geben, wenn ihm nicht das Gewissen schlagen thät. Wir zwei sind unschuldig. Uns geht's nichts an. Drum mußt du dabei bleiben, daß er vor der Hochzeit alles Vermögen an uns abtreten muß. Es soll ihm nichts abgehen, er ist ja der Vater, aber wir sind die Meisterleut', so muß es sein. Kinder haben nichts danach zu fragen, woher die Eltern das Sach haben, in zweiter Hand ist es redlich Gut, und es muß ihm auch recht sein, daß er nichts mehr damit zu thun hat.« Die Raben, die im ersten Frühling immer so laut krächzen, flogen über den Weg hin und her, und Munde war's plötzlich, als schrien sie Rache und wäre die ganze Welt um ihn verkehrt. Er faßte sich aber und sagte endlich, nachdem er Fränz lange an sich hatte hinreden lassen: »Du willst mir nur die Zunge heben. Es kann nicht sein, daß du das glaubst.« »Ich erkenn' deine Gutheit wohl,« erwiderte Fränz, »aber wir zwei brauchen uns nichts voreinander zu verhehlen. Es hat schon mancher Aergeres gethan, als mein Vater, und daß dein Medard verunglückt ist, dafür kann er nicht. Aber dabei bleiben mußt, daß wir die Meisterleut' sind, er ist mit seinem Großthun im stand und ladet den Wagen noch einmal zu hoch, daß er umschmeißen muß.« Munde hieb gewaltig auf die Pferde ein, als müßten sie ihn schnell an dem Abgrunde vorüberführen, in den er plötzlich hinein sah. So hatte der alte Schäferle recht, und war vielleicht das Gräßlichste wahr? Hätten sie nicht zu Gevatter stehen müssen, Munde wäre vielleicht gleich umgekehrt. Aus allem dem nahm seine Gemütsart eine unberechenbare Wendung. Die Scheidekünstler wissen zu bestimmen, welche Wirkung ein Stoff auf den andern hervorbringt; welche Wirkung aber ein Wort in fremdem Gemüte verursacht, ist nicht so leicht in ein Gesetz zu fassen. »Das freut mich, du bist nicht so stolz, wie ich glaubt hab',« sagte Munde endlich. »Warum? Wie meinst?« fragte Fränz endlich. »Wenn du stolz wärst, hättest du mir das nicht gesagt und hättest mich auf dem Glauben gelassen, daß mir eine besondere Gnade damit geschieht, des Diethelms Tochtermann zu werden. Aber jetzt ist mir's fast lieb, daß du mir's gesagt hast. Ich seh', ich geh' dir über Vater und Mutter, und du hast mich an mir selber gern und willst nichts vor mir voraus.« Fränz rieb sich anfangs betroffen die Stirne. Sie hatte mit ihrem losen Herausplaudern, statt dem Vater einen Fallstrick zu legen, sich selber gefesselt. Sie hatte nicht den Mut, zu thun, als ob sie alles nur im Spaß geredet, und als sie zuletzt hörte, wie gut der Munde ihre Rede auslegte, bewältigte sie diese Macht der harmlosen Treuherzigkeit. Der Munde war doch so ohne Falsch und so seelengut, daß sie ihn in diesem Augenblicke mehr liebte als je, und sie gab ihm von selber einen Kuß. Munde war ein finsterer Gevatter von gar nicht bräutlicher Laune, und als ihn der Geistliche um den Namen des Täuflings fragte, gab er nicht, wie verabredet, den Diethelms an, sondern rief zitternd: »Medard!« Er bebte in der Kirche, denn er dachte, daß einst seine eigenen Kinder einen Großvater liebkosen sollten, der so Arges gethan. Beim Taufschmause schnitt es ihm anfangs in die Seele, da man ihn als glücklichen Schwiegersohn Diethelms laut pries und der junge Kübler ihm ein Hoch ausbrachte, daß er ebenfalls ein Familienfürst werden möge, wie sein Schwäher. Nach und nach – die Huldigung hat allezeit ihren verführerischen Reiz – beschwichtigte Munde die Gewissensschreie in seinem Innern; zumal er Fränz so überaus glücklich sah. Fränz war es gewohnt, sich in den Familien der von ihrem Vater Beglückten preisen und erheben zu lassen, und wie sie Geschenke ausbreitete und alles voll Dank und Lob war, zeigte sie wirklich eine hohe Freude und Gutherzigkeit; sie suchte an sich herum, ob sie nichts mehr zum Verschenken habe, und löste ihre Korallenschnur ab. Unter all dem verworrenen Gestrüppe blühte doch in ihr die Blume wirklicher Milde und Freigebigkeit. Im Nachhausefahren umarmte Munde seine Fränz voll Glückseligkeit, da sie sagte, wie gut sie es doch hätten, da sie so vielen Menschen Gutes thun könnten. Das war jetzt auch für Munde ein Trost, in dem er zu vergessen suchte, wie schreckenvoll alles um ihn sei. Es sollte ihm aber nicht ganz gelingen. Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Landstände hatten glücklich das alte Einsteherwesen wieder hergestellt. Zum großen Pferdemarkte, der alljährlich in der Hauptstadt abgehalten wurde, schnallte sich Diethelm eine vollgestopfte Geldgurte um, er wollte sich ein neues Gespann und einen modischen sogenannten Charaban kaufen und dann seinen Schwiegersohn vom Militär losmachen. Munde verließ nur ungern jetzt seinen Vater, der fast nicht mehr vom Bette herunter kam und zusehends abfiel; der alte Schäferle wollte aber nichts von ihm wissen und sagte immer: »Laß du uns beide« – er meinte sich und den Paßauf – »nur allein, geh du deiner Wege, sei glücklich, so gut du's kannst. Du bist jung, bei dir verlohnt sich's noch, der Diebshehler zu sein, ich bin schon zu alt, ich wär' ein Narr, wenn ich erst so spät anfangen thät.« Martha versprach, des kranken Mannes zu warten, Fränz ließ sich nicht davon abbringen, mit nach der Hauptstadt zu reisen; was sie einmal wollte, das mußte auch geschehen. Am Morgen, als Munde kam, schickte sie ihn noch einmal nach Hause, er mußte die neuen Kleider anziehen, die sie nach städtischer Tracht für ihn bestellt hatte. Als er wieder kam, knüpfte sie ihm das Halstuch nochmals anders und sagte dann frohlockend, sich vor ihn hinstellend: »So. Siehst du? so, jetzt bist ein Mann, der sich sehen lassen darf.« Schon beim Einsteigen gab es Streit. Fränz behauptete, ein Brautpaar gehöre zusammen und der Vater solle auf den Vordersitz und kutschieren; aber Munde willfahrte ihr nicht, und Fränz beruhigte sich erst, als ihr Munde sagte, daß die Herren in der Stadt oft selbst fahren. Draußen vor dem Dorfe gab es abermals Händel. Diethelm wollte, daß Munde die Geldgurte umschnalle, und setzte selbstverräterisch hinzu: »In der Stadt kannst mir sie wieder geben.« »Das leid' ich nicht,« schrie Fränz, »entweder – oder, entweder behaltet Ihr die ganze Zeit die Geldgurte, oder mein Munde behält sie; er ist nicht Euer Knecht, er ist wenigstens grad so viel wie Ihr. Ihr könnet ja das Geld ins Kutschentruckle thun.« Das wollte aber Diethelm nicht, sei es, daß er das Kutschentruckle noch scheute, oder daß er das Geld auch zeigen wollte. Wo man einkehrte, hatte Fränz bei der Ankunft und bei der Abfahrt noch manchen Zank mit dem Vater und mit Munde. Sie wollte es nicht dulden, daß dieser sich als Knecht benahm, ja, sie weinte vor Zorn, als Munde ihr nicht nachgab, und sprach oft stundenlang kein Wort mit ihm. Im Oberland war es noch ziemlich rauh und kalt, je mehr man aber nach dem Unterlande kam, zeigte sich der wonnige Frühling; man fuhr durch Buchenwälder, die in dem ersten so zarten knospenfeuchten Grün prangten, und bald fuhr man zwischen blühenden Obstbäumen, die hüben und drüben am Wege standen; aber in den Herzen der drei Menschen, die da hinfuhren, war Widerstreit und Trübsinn mancher Art. Dazu kam noch, daß es Diethelm nicht lassen konnte, Munde über die Art, wie er die Pferde führte, zurechtzuweisen, und es gibt vielleicht nichts, was leichter zu Zorn aufreizt, als ein Dreinsprechen beim Pferdelenken. Wenn es einen kleinen »Stich« hinabging, rief Diethelm jedesmal: »Sperr die Mick Mick nennt man den neuen Ersatz des Radschuhs, wo man vermittelst einer zugedrehten Walze die Räder hemmt. Es ist erfreulich, daß das Volk die durch das Maschienenwesen eingeschleppten Benennungen sich erfinderisch mundgerecht macht. Das Wort Mick ist eine Zusammenziehung von Mechanique. Wäre es aus der Analogie von Bremse entstanden, müßte es im Oberdeutschen wenigstens Muck heißen. und fahr Trab, dreh noch besser.« Munde ließ es an heftiger Widerrede nicht fehlen, peitschte oft geflissentlich die Pferde und fuhr im Zorne in der That ungeschickt, besonders beim Ausweichen, so daß es mehrmals ein Unglück gegeben hätte, wenn ihm Diethelm nicht in die Zügel gefahren wäre. Fränz wartete immer darauf, daß Munde einmal tapfer aufbegehren und die ganze Geschichte hinwerfen werde; als es aber immer nicht geschah, biß sie sich auf die Lippen und murmelte still vor sich hin Schimpfworte auf Munde, die sie hinter seinem Rücken sprach. Man kehrte in der Hauptstadt im Rautenkranz ein, und Fränz war wenigstens einigermaßen zufriedengestellt. als Munde beim Absteigen sagte: »So, jetzt beim Heimfahren könnet Ihr kutschieren, Schwäher, nicht um ein Königreich fahr' ich noch einmal so. Komm, Fränz, wir zwei wollen zusammenhalten. Weißt noch, wie oft ich da bei dir gewesen bin? Ich freu' mich, grad hier zu zeigen, daß wir doch noch ein Paar geworden sind.« »Siehst jetzt, daß ich recht hab'?« entgegnete Fränz, als sie mit ihrem Bräutigam allein war, »mit meinem Vater kommt kein Tochtermann aus, der ihm nicht den Meister zeigt.« Sie blieb stets bei diesem Gedanken. Im Rautenkranz war schon heute ein buntes Gedränge von Menschen in Trachten aus allen Landesgegenden, und dazwischen sah man Soldaten von allen Waffengattungen, die sich hier bei Angehörigen und Verwandten gütlich thaten; aber mitten im Gewoge beharrte die stattliche Rautenwirtin an der Anrichte, wie ein Fels im Strome, und je lärmender und unruhiger es um sie her wurde, um so bedachtsamer und gemessener erteilte sie ihre Befehle und zählte alles genau nach, was ausgetragen wurde. Dazwischen fand sie immer noch Zeit, auf Nachfragen der Gäste bündigen Bescheid zu geben. Als sich Fränz mit Munde zu ihr hindurchgedrängt hatte, wurde erstere mit besonderer Freundlichkeit bewillkommt. Die Rautenwirtin sagte, daß der Schaffner, mit dem sie damals gefahren sei, Fränz nicht genug habe rühmen können, und wie man ihr überhaupt viel Gutes nachsage, daß sie Vater und Mutter so getreulich pflege. Fränz war stolz und hochfahrend, und doch war's ihr beim Lob der Frau Rautenwirtin, als setzte man ihr eine Krone auf. Diese Frau hatte es durch Schweigsamkeit und Zurückhaltung dahin gebracht, daß schon eine freie Anrede, um wie viel mehr ein Lob von ihr als Ehrenschmuck galt, und sammelte sich hier gute Nachrede, so war man deren im ganzen Lande gewiß. Mit seltsamer Befangenheit sagte nun Fränz, daß sie mit Munde verlobt sei. Die Rautenwirtin zog nur ein wenig die Brauen ein und sagte: »Das ist schnell gangen. Ich wünsch' Glück.« Dann wendete sie sich um und gab andern Gästen Bescheid. Munde saß verdrossen bei Fränz, die Eifersucht hat einen raschen Scharfblick, er behauptete, Fränz schäme sich seiner, und durch diesen offenen Ausspruch wurde die noch halb schlummernde Empfindung der Fränz plötzlich geweckt. »Und wenn's wär',« sagte sie aufbegehrend, »wenn ich ein Mann wär', ich thät mir eher die Zung' abbeißen, ehe ich einem Mädle sagen thät, es kann sich meiner schämen. Aber du, freilich, du bist dagestanden wie der Bub, der die Milch verschüttet hat. Ich sag' dir's noch einmal, du mußt ganz anders werden, oder du bringst's dahin, daß ich mich deiner schäm', ja, dahin bringst's, ja, daß du's nur weißt.« Munde behielt nur die ersten Worte der Fränz, und er fühlte, daß sie recht habe. Die gereizte Seelenstimmung hat aber etwas wahrhaft Ansteckendes. Munde war von Fränz gedemütigt worden, und nun mußte er ihr Gleiches entgelten; mit fast schadenfroher Miene sagte er: »Mir hat's für dich einen Stich ins Herz geben, wie die Rautenwirtin dich gelobt hat, daß du so ein gutes Kind gegen deinen Vater bist. Wenn die Leute wüßten, wie's eigentlich ist . . .« Fränz knirschte die Zähne übereinander und sah Munde mit einem zermalmenden Blicke an; hätte sie ihn damit in Stücke zerreißen können, sie hätte es gethan. Sie wollte aufstehen, aber Munde hielt sie fest und sagte begütigend: »Die Fahrt mit dem ewigen Gezerr hat uns alle miteinander dumm gemacht. Wir wollen gar nichts mehr reden. Ich geh' jetzt noch vor dem Appell ein bißle in die Kasern' zu meinen Kameraden. Vergiß alles und denk gut an mich. Gib mir ein' Hand. So, b'hüt dich Gott.« Munde ging nach der Kaserne. Er war jetzt ein ganz andrer Mensch als vor wenigen Monaten, da er diesen Weg so oft abgeschritten. Zuerst, als ihm der Vater das Erbe der Rache aufdrängen wollte, und dann, als er von Diethelm das Erbe des Verbrechens überkam, war in sein träumerisches, still umfriedetes Wesen eine gewaltige Gärung gekommen, er war zaghafter und kraftloser als je. Er war überhaupt nicht geschaffen, sich mit fester Hand ein Schicksal zu bereiten: von Kindheit auf war Medard sein Führer und Ratgeber in allem, als Hirte führte er ein fast gedankenloses Leben, pfeifend und rauchend, und als er Soldat wurde, brachte auch dies keine bedeutsame Wandlung in ihm hervor; er war anstellig und pünktlich, als stiller, allzeit wohlgemuter Bursch beliebt, aber ohne sich irgend eine besondere Geltung zu verschaffen; nur mit seiner Kunstfertigkeit im Pfeifen hatte er sich bei der Kompanie beliebt gemacht und davon den Beinamen Pfifferling erhalten. Jetzt, so plötzlich in die Erfüllung seines einzigen und höchsten Wunsches eingesetzt, ging er oft wie traumwandlerisch umher, und nur der Gedanke an das geschehene noch so dunkle Verbrechen schreckte ihn oft auf. Er freute sich, daß er Fränz gewonnen und all' das große Gut dazu, er wäre aber am liebsten Hirte gewesen, träumend wie in alten Tagen bei seiner Herde. Das viele Gut und die tausend Tätigkeiten dafür, die er übernehmen sollte, erdrückten ihn fast. Darum konnte er dem Wunsch der Fränz nicht nachgeben, ihm war es ja lieb, wenn Diethelm so lang als möglich alles unter seiner Obhut behielt. Jetzt, auf dem Wege nach der Kaserne, sagte er sich, daß Fränz doch recht habe, er müsse anders auftreten, kecker und umsichtiger. Nicht nur seine Liebe zu Fränz stieg aufs neue in ihm auf, er empfand auch eine große Hochachtung vor ihrem energischen Wesen, das, allzeit geweckt, den Dingen scharf ins Auge sah und sie frei beherrschte. So kam er zu den Kameraden und erzählte ihnen, daß er sich andern Tages vom Militär loskaufe, und was aus ihm geworden sei; er wußte seine künftige Tätigkeit bereits so lebendig als wirkliche darzustellen, daß alle staunten, wie sich der Pfifferling, der stille Munde, dem man das gar nicht zugetraut, verändert hatte. Als er zuletzt sagte, daß er morgen auf dem Markt vier Pferde einkaufe, beschlossen unter Jubel der Feldwebel und einige Kameraden, auch auf den Markt zu kommen, um zu sehen, wie der Pfifferling das mache. Stolz aufgerichtet, mit gespanntem Selbstgefühle kehrte Munde in den Rautenkranz zurück, er wollte seiner Fränz Abbitte thun, daß er so bös gegen sie gewesen sei, und ihr sagen, wie er sich nun wacker ins Geschirr legen wolle, daß es ihm landauf, landab keiner voraus thun könne. Als er in den Rautenkranz trat, hörte er in der Küche die Stimme der Fränz, die sagte: »Das ist ja prächtig, daß Sie Kellner im Wildbad geworden sind. Ich komme diesen Sommer mit meinen Eltern auch dahin.« »Aber Sie sind Braut,« sagte eine Männerstimme. »Ja, mit mir,« sagte Munde eintretend; er sah einen Mann – es war der älteste Haussohn aus dem Rautenkranz – der die Hand der Fränz hielt. »Ich gratuliere,« sagte der Nebenbuhler, schnell die Hand loslassend, und Munde erwiderte: »Dank schön. Komm mit, Fränz, in die Stube.« Er faßte sie nicht eben zart am Arm, und Fränz machte große Augen, als er ihr allein sagte, daß das Scharmutzieren ein Ende habe, und ob sie mit den Eltern ins Wildbad gehe, darein habe er auch noch ein Wort zu reden. Fränz widersprach heftig, und Munde erklärte, daß er von dieser Stunde zu regieren anfange über alles, was ihm gehört, und das sei vor allem seine Frau, es müsse ja Fränz recht sein, daß er sich als Mann zeige. »Zeig's zuerst beim Vater. Bei mir brauchst nicht anfangen,« stachelte Fränz, der diese Wendung gar nicht lieb war. Munde sprach wiederholt und in verstärkter Weise seinen Herrscherplan aus, und der Abend dieses unruhvollen verhetzten Tages schien doch noch erwünscht auszuklingen. Schon am frühen Morgen jedoch hatte Munde einen gewaltigen Zank mit seinem Schwäher, er wollte sich die Geldgurte umschnallen, Diethelm aber lachte ihm ins Gesicht. »Dann reiß' ich sie Euch auf öffentlichem Markt vom Leib herunter, wenn Ihr mich so gehen lasset und ich Euch damit seh',« drohte Munde und ging hinab in die Wirtsstube. Diethelm schaute hoch verwundert dem so plötzlich Veränderten nach, und Fränz sah mit Schrecken die böse Saat aufgehen, die sie gesäet; sie wußte aber den Vater doch dahin zu beschwichtigen, kein Geld mit auf den Markt zu nehmen, die Leute könnten es für Prahlerei ansehen, und das müsse man vermeiden nach so einem Unglück. In der Wirtsstube übergab hierauf Diethelm der Rautenwirtin die Geldgurte zum Aufbewahren, und Munde lächelte vergnügt zu seinem Siege. Diethelm traf hier viele Bekannte, unter denselben auch den Reppenberger und den Steinbauer. Reppenberger war ebenso zuthulich und redselig, als der Steinbauer unachtsam und maulfaul; er erzählte, daß er einen umfangreichen Branntweinhandel betreibe, er habe den Vertrieb übernommen und fahre mit seinem Einspänner im Lande umher, während sein Geschäftsgenosse das Brennen aus dem Grunde verstehe. Munde trat auf Diethelm zu und wiederholte in entschiedener Weise einen früher gemachten Vorschlag. daß man die Rappen gegen gute Ackerpferde vertausche, sie brauchten ja keine Kutschenpferde mehr. Diethelm widersprach heftig, und der Steinbauer, der sich sonst nicht in fremder Leute Sachen mischte, ließ sich doch zu den Worten herbei: »Dein Tochtermann hat recht, Gäule, die gewohnt sind, in der Kutsch' zu laufen, gehen zu Grund, wenn sie wieder Zacker fahren müssen.« Der Steinbauer sagte das mit so schelmisch zwinkernden Augen, daß eine Bezüglichkeit seiner Worte auf die Lebensweise Diethelms kaum zu verkennen war. Diethelm merkte das auch, aber er that, als ob er's nicht verstände; ihm war das versessene Wesen des Steinbauern in der Seele zuwider, aber er vermied doch jede offene Feindschaft mit ihm. Er schüttelte lächelnd den Kopf und gab lange keine Antwort, bis er endlich zu Munde gewendet sagte: »Das ist mein' Sach', Punktum.« Der große Umzug der Marktpferde, der eben an dem Rautenkranz vorüberkam und alles an die Fenster und auf die Straße lockte, unterbrach den Streit, Munde folgte seinem Schwäher auf den Markt. Mitten im Gewühle wurde er von seinem Feldwebel und mehreren Kameraden angehalten, die, wie versprochen, gekommen waren und nun aufs neue ihr Verlangen aussprachen, den Pfifferling einkaufen zu sehen. »Ist der bärenmäßige Bauer dein Schwäher?« fragte der Feldwebel. »Ja, der ist's.« Aber Diethelm war verschwunden. Munde suchte ihn mit seinem Geleite hin und her, ohne ihn finden zu können, und mußte manchen Spott darüber hören, daß er sich nicht getraue, einen Pferdeschwanz allein einzukaufen. Munde ließ sich diese Neckereien gefallen und schwieg, er wollte nicht weitergehen, als ihm eigentlich zustand; etwas von der alten Zaghaftigkeit seines Wesens kam wieder über ihn. Er verwünschte es, daß er sich im Uebermut Wächter seiner Ehrenstellung zugesellt hatte, und hoffte, sie in guter Weise wieder los zu werden. Der Feldwebel war ein Pferdeverständiger und that sich was darauf zu gute, er suchte ein Viergespann gleichgezeichneter Braunen aus, Munde ließ sie sich hin und her vorführen, holte die Rappen aus dem Rautenkranz zum Vertauschen und war eben daran, unter Bedrängen des Feldwebels und der Kameraden in die dargebotene Hand einzuschlagen, als Diethelm herzutrat. Munde hielt ein und rief ihm zu: »Schwäher, ich hab' einen Handel gemacht.« »Du? Hast ein' Geiß gekauft?« Munde schoß alles Blut zu Kopf, und Diethelm fragte wieder: »Wie kommen die Rappen daher?« »Ich hab' unsre Rappen vertauscht,« berichtete Munde. »Unsre?« lachte Diethelm. »Vorderhand sind sie noch mein und ist keine Red' von unsern, was hast du von unsern zu sagen?« »Schwäher, was machet Ihr? Jeder Knecht sagt zu seines Herrn Sach' ›unser‹, und ich bin kein Knecht. Sehet nur das Viergespann an. Ich bin so viel als handelseins.« »Du? Was nimmst denn du dir 'raus? Wenn man dich auf den Kopf stellt, und es fällt dir ein Guldenstückle 'raus, soll man mir die Augen mit ausstechen. Und du willst vier Ross' kaufen?« »Schwäher, das geht über den Spaß, redet nicht so. Ich hol' gleich unsre Geldgurt aus dem Rautenkranz. Besehet Euch nur die vier Ross'.« »Daß ich ein Narr wär'. Wenn du allein Meister bist, so bezahl's auch.« »Schwäher, ich weiß nimmer, was ich thu, wenn Ihr so fort machet.« »Das glaub' ich. Du hast keinen Groschen zum Einkaufen. Ich will dir zeigen, wer die Geißel in der Hand hat.« »Schwäher,« kreischte Munde heiser vor Wut und ballte beide Fäuste, »Schwäher, redet anders, oder ich . . .« »Weg da, führ die Rappen in den Stall und red kein Wort mehr.« »Ich will nichts von deinem Brandgeld, nichts von deinen Sachen, du bist unterm Galgen weggelaufen, aber du bleibst doch noch einmal dran hängen. Lasset mich los,« schrie Munde, den seine Kameraden festhielten, daß er nicht auf Diethelm eindrang. Eine große Menge Menschen hatte sich um die Streitenden versammelt, Diethelm hatte sich rasch entfernt, Munde riß sich von seinen Kameraden los und mit geballten Fäusten und schäumendem Munde eilte er nach dem Rautenkranz: Fränz mußte ihm Genugtuung verschaffen für die unerhörte Schmach, die ihm der Vater angethan, und dann mußte sie noch zur Strafe ihren Vater verlassen, nichts von seinem Sündengute annehmen, er wollte Tag und Nacht arbeiten, um sein Brot in Ehren zu verdienen. – Als er in die Wirtsstube trat, sah er Fränz, die Hand in Hand neben dem Rautenwirtssohne am Tische saß. Sie heftig schüttelnd, fuhr er auf: »Lumpenpack! Hundebagage seid ihr alle. Da sitzst du bei einem andern, derweil dein Vater mich vor aller Welt beschimpft.« Der Zorn gab ihm plötzlich höllische Gedanken ein, und er fuhr fort: »Du hast mich angestiftet, ich soll deinem Brandstifter-Vater Widerpart thun, und ihn hast du angestiftet, daß er mich beschimpfen soll, damit du mich los wirst. Du hast schon einen andern. Jetzt seh' ich, du bist das schlechteste – ich kann's gar nicht sagen, was. Aber warte nur, du hast mir selber gesagt, was du von deinem Vater weißt. Verflucht ist dein ganzes Haus. Ich will nur so lange leben, bis du mit deinen Kindern vor meiner Thür um Brot bettelst. Ich bin froh, daß ich nimmer so schlecht bin und von eurem Sündengut was mag. Fresset's allein und ersticket dran.« Fränz stieß den Munde weit von sich, und er stürmte fort, die Stadt hinaus, der Heimat zu. – So unverhofft als die Verlobung geknüpft war, ebenso sollte sie auch zerrissen werden. Mit dem Abschied vom Militär hatte Munde heimkehren wollen, jetzt rannte er dahin, wie aus der Welt verstoßen, er wußte gar nicht, wohin er sich wenden sollte. Die blütenduftigen Bäume standen so still selig im Sonnenschein und ließen die Bienen in ihren Blütenkelchen sich erlaben, die Vögel sangen so wonnig, und alles freute sich des Daseins, nur sein Herz war zum Tode betrübt. Stundenlang war er unaufhaltsam gerannt, immer vor sich hin fluchend und alles verwünschend; als er jetzt durch das Dorf Breitlingen schritt, stand er vor dem Wirtshaus still, suchte in allen Taschen nach Geld und fand in der That keinen Heller; mit einem selbstverachtenden Lachen schritt er weiter und legte sich draußen vor dem Dorf unter einen blühenden Birnbaum am Wegrain. Beim Niederlegen gedachte er der schönen Kleider, die er anhatte, und er schämte sich derselben, sie waren von Diethelms Geld, und Fränz hatte sie ihm gegeben. Er wollte nur noch heim, den Brandstiftern die Kleider mitsamt der Trau (Verlobungsgeschenk) schicken und dann fort, weit fort. Die Bienen summten und schwirrten im Baume, und Munde spielte mit dem Brautring, den er vom Finger gezogen, und ein abgerissener Klang aus dem alten Liede vom Teufel, der die untreue Braut holt, zog Munde durch den Sinn: So komm nur her, du schöne Braut, Du hast deinen Himmel in die Hölle gebaut. Er nahm sie bei der linken Hand Und führte sie in den feurigen Tanz . . . Bald aber hörte Munde weder eine Stimme im Innern noch etwas um sich her. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die beiden Rappen waren zu großer Verwirrung los und ledig auf dem Markt umhergelaufen, der Schmied von Buchenberg, der ein Pferd eingekauft hatte und eben davonreiten wollte, fing sie ein und brachte sie dem Diethelm, der darob ganz verwundert schien; er übergab dem Reppenberger die Pferde, um sie nachzubringen, und eilte voraus durch Nebengäßchen und Durchhäuser nach dem Rautenkranz. Als er hier von Fränz hörte, was geschehen war, erschrak er anfangs, so weit hatte er's mit Munde nicht treiben, er hatte ihm nur den Daumen aufs Auge halten wollen. Bald aber sagte er: »Es hat sein müssen, drum ist's besser heut als morgen.« Fränz war nicht so leicht zu beruhigen, sie nahm den Vater aus der Wirtsstube fort nach dem stillen Zimmer und sagte hier, daß man nicht wissen könne, was Munde vorhabe, er wisse alles, Medard habe ihm das Gleiche gesagt, wie dem alten Schäferle. »Das ist vorbei,« beruhigte Diethelm, »davon hin ich freigesprochen; was gemäht ist, ist gemäht. Red mir heut nichts mehr von der Geschichte.« »Ja, Vater, aber er wird mich deswegen vor Gericht fordern.« »Dich? Warum? Was hast denn du dabei?« »Ich hab' ihm alles gesagt,« erwiderte Fränz mit niedergeschlagenem Blicke. »Was? Was hast ihm gesagt? Was weißt denn du? Ich versteh' den Teufel von all deinem Geschwätz.« »Vater, ich hab' gemeint, er sei mein Mann und ihm darf ich alles sagen, und da hab' ich ihm erzählt, wie Ihr damals auf der kalten Herberge die Farb' gewechselt habt, wie der Wirt erzählt hat, und wie Ihr mir hier in diesem Zimmer vier Wochen vor dem Brand gesagt habt, Ihr wisset nicht mehr, wo aus noch ein. Vater, ich hab's ja nicht bös gemeint, ich hab' ja nie daran denken können, daß uns der Munde verraten könnt'.« Diethelm schnaubte wild vor Zorn und Schreck, er ballte die Faust, als wollte er Fränz zu Boden schlagen: sein eigen Kind wußte um seine Schuld und hatte sie preisgegeben; aber schnell entballte er seine Faust wieder, spielte in der Luft mit den Fingern wie auf Klaviertasten und sagte bitter lächelnd: »So? Also du bist so gescheit und willst deinem Vater was zusammenzwirnen? Aber du bist zu dumm, daß dich die Gäns' beißen. Ich sollt' eigentlich kein Wort mehr mit dir reden und dir die Peitsche anmessen. So denkst du von deinem Vater? Du bist's nicht wert, daß ich dir einen Groschen hinterlasse. Geh nur vor Gericht. Kannst alles sagen, alles. Aber gedenken will ich dir's, was du gethan hast. Jetzt weiß ich, warum der Lump so frech gegen mich gewesen ist. Mein eigen Kind, mein einzig Kind hat's ihm eingeben. Ich will hinaus und will die ganze Welt fragen, ob das noch einmal vorkommt, soweit der Himmel über der Erde steht.« »Vater, verzeihet mir. Ich denk's ja gewiß nicht mehr,« bat Fränz weinend. »Schlecht genug, daß du's einmal gedacht hast. Wenn du von heut an, hör zu, was ich sag', und guck nicht unter sich, sieh mir ins Gesicht, sag' ich,« knirschte Diethelm, seine Tochter schüttelnd, »wenn du von heut an nicht demütig und gehorsam bist, wie's einem Kind zukommt, nein, ich will dir nicht sagen, was ich thu, ich behalt's bei mir, aber vergessen werd' ich's nicht, verlaß dich drauf. Jetzt komm, hinter mir drein gehst und machst ein heiter Gesicht, das sag' ich dir, und red mir kein Wort mehr davon.« Diethelm war es gelungen, den schlimmen Sinn seiner Tochter zu bezwingen, sie ging hinter ihm drein wie ein Lamm und erschrak bei jedem seiner Blicke, wenn er sich umwendete. Was war aber damit gewonnen? Handhaben für erneute Anklagen waren in fremde Gewalt gegeben, und noch dazu in die eines aufs äußerste Erbitterten. Soll denn die That nie ruhen? Brennt das Feuer immer wieder auf? Nur eines tröstete Diethelm, und dies war der weichmütige Charakter Mundes. Aber hatte er sich nicht seit gestern so auffallend verändert? Nein, er ist noch derselbe, sonst wäre er ja nicht davongelaufen, statt Diethelm und Fränz sogleich den Gerichten zu überliefern. Dennoch schickte Diethelm sogleich den Reppenberger nach Buchenberg, teilte ihm oberflächlich mit, was geschehen war, und gab ihm den dringenden Auftrag, zu erforschen, was Munde vorhabe, und es ihm durch einen Eilboten nach der Stadt mitzuteilen. Der Reppenberger verstand den Vorgang, wenn auch nur halb, und sagte: »Ich hab's bald gemerkt, das thut kein gut. Man kann ein Roß und ein Schaf nicht zusammenspannen.« Diethelm lachte über diesen Vergleich und gab dem Reppenberger ein gutes Zehrgeld mit auf den Weg. – Beim Namen angerufen, erwachte Munde unter dem Birnbaum bei Breitlingen, der Schmied von Buchenberg hielt mit seinem Pferd neben ihm und hieß ihn aufsitzen, wenn er müd sei. Munde nahm das gern an. Der Schmied wußte nur von Händeln, die Munde mit seinem Schwäher gehabt, und Munde war nicht geneigt, viel zu sprechen. Nur als der Schmied sein Glück rühmte und ihm anriet, klug zu sein, die paar Jahre noch den Diethelm den Herrn spielen zu lassen, sagte er: »Ich bin nicht klug und will nicht reich sein.« Die ganze Nacht hindurch rastete man nicht und bald saß der eine, bald der andre zu Pferde. Es war bald Mittag, als man sich Buchenberg näherte. Es hatte hier im Oberlande geregnet, und Blüten und Blätter waren an den Bäumen hervorgebrochen, so plötzlich wie ein bereit gehaltenes Feuerwerk, das nur des zündenden Funkens wartet. Munde war ganz ausgehungert, denn er hatte sich geschämt, dem Schmied zu bekennen, daß er keinen Heller Geld bei sich habe. Als er in die väterliche Stube eintrat, rief ihm der alte Schäferle, die Pfeife im Mund haltend, vom Bett herab zu: »Grüß Gott, Munde, ich weiß, wie's dir gangen ist. Komm her, gib mir die Hand.« So zutraulich war der Vater seit lange nicht gewesen, und die Hand reichend, sagte Munde: »Was wisset Ihr? Von wem? Sind schon Marktleute vor uns angekommen?« »Kein Mensch. Ich weiß es von mir. Du hast mit dem Mordbrenner Händel gehabt. Ich weiß das so gewiß, als wenn ich dabei gewesen wär'.« Munde starrte drein vor dieser prophetischen Sehergabe des Vaters, und dieser fuhr fort: »Ich hab's schon lang kommen sehen. Es ist mir aber lieb, daß ich's noch erlebt hab'. Ich treib's nimmer lang. Von heut in sieben Tagen seh' ich meinen Medard, und der muß mir sagen, wie er so schnell von der Welt kommen ist, und wenn ich dir' s berichten kann, thu' ich's. Setz dich zu mir aufs Bett. Jetzt bist du wieder mein. Gelt, jetzt bist wieder mein? Gehst nicht mehr zu dem Mordbrenner? Ich kann dir auch was geben, daß du nicht mehr an die Fränz denkst. Und ich sag' dir all meine Mittel. Ich hab' dem Medard schon viele gesagt gehabt und ihm gehören sie auch, aber du bist jetzt mein Einziger.« Munde weinte laut und erzählte dann alles, wie es ihm ergangen. Der alte Schäferle richtete sich auf, nahm die Pfeife in die linke Hand, hob die rechte in die Höhe und rief: »Ich schwöre, so wahr ich bald vor Gott komm', der Diethelm ist nicht unschuldig an dem Tod deines Bruders, wie, das weiß ich nicht, das weiß Gott allein. Munde, leg deine Hand auf meine Herzgrube, dir vererb' ich's, daß du nicht ruhst, bis der Diethelm seine Strafe hat. Willst du mir schwören, nicht zu ruhen und nicht zu rasten, bis der Tod deines Bruders gerächt ist?« »Ich kann's nicht, Vater, ich kann's nicht, ich thät Euch ja alles so gern,« rief Munde, dem plötzlich davor graute, diese schwere Last auf sich zu nehmen, »aber das sag' ich, ich will dem Diethelm, solang ich lebe, zeigen, daß ich ihn für einen schlechten Menschen halte.« »Gut, das ist mir genug, du hast ein weiches Herz, du kannst nicht mehr.« Der alte Schäferle begann nun, Munde alle seine sympathetischen Mittel zu sagen, wie er sie vom Vater ererbt; er wollte es anfangs nicht dulden, daß Munde sie aufschrieb, das sei gegen das Herkommen und töte vielleicht ihre geheime Kraft, aber Munde behauptete, nicht alles so schnell behalten zu können. Das Zaubermittel gegen angethane Liebe schrieb Munde nicht auf. Er saß nun bei seinem Vater wie in einem Zauberberg, umgeben von geheimnisvollen Mächten, und wußte nichts mehr von der Welt, bis Martha mit dem Reppenberger kam. Munde that es wehe, auch gegen die Meisterin feindselig zu sein, der Reppenberger sprach von einer Abstandssumme, die Diethelm dem Munde bezahlen wolle, wenn er sich zur Auswanderung entschließe, aber Munde wies alle Anerbietungen von sich, und der alte Schäferle war glücklich, als er hörte, daß sein Sohn die erledigte Stelle als Gemeindeschäfer in Unterthailfingen annehmen wolle. Auf den Tag hin, wie er es vorausgesagt, starb der alte Schäferle. Als ihm Munde noch am Morgen die gestopfte Pfeife übergeben wollte, schüttelte er den Kopf verneinend und sagte: »Es ist vorbei.« Munde überließ alles seiner Schwester und nahm sich nur die Kleider des Medard. Er saß am Weg und hütete die Schafe, als Diethelm vierspännig mit seiner neuen Kalesche daherfuhr, er schaute auf, und blitzschnell durchzuckte ihn der Gedanke, welch ein großes Leben er hätte führen können; aber er drückte den Hut ins Gesicht und pfiff dem Paßauf, während Diethelm und Fränz rasch vorbeirollten. Nicht ohne Befriedigung hörte Diethelm. daß der alte Schäferle gestorben und begraben sei, und daß der Geistliche an dessen Grabe sagte, Gott möge ihm vergeben, wie ihm der vergeben habe, dem er so schweres Leid angethan. Den Munde fürchtete Diethelm nicht mehr, weil er nicht im ersten Zorn gehandelt hatte, in diesem war er des Schlimmsten von ihm gewärtig, jetzt in Ruhe, dachte er, wird die Schafseele es nie dazu bringen, als Ankläger aufzutreten. So fühlte sich Diethelm von dieser Seite gedeckt, aber der Geist der Widerspenstigkeit und Aufsätzigkeit, den er in Fränz niedergerungen hatte, schien in Martha jetzt neu zu erwachen, wenngleich gemildert von ihrem an Ergebung gewohnten Wesen. Mit Ruhe ertrug es Diethelm, daß sie ihm heftige Vorwürfe machte, weil er mit Fränz in der Welt umherfuhr und seine Frau daheim vergaß, »wie ein im Stall angebundenes Stückle Vieh«. Er versprach, sie nie mehr allein zu lassen. Eines Tages ging er mit ihr nach dem Bau, der staunenswert rasch vorrückte, die Sonne brannte stechend und gewitterverkündend nieder, und Diethelm sagte: »Ich weiß nicht, wie mir's ist, seitdem ich im Gefängnis gewesen, bring' ich eine Kellerkälte nicht aus mir heraus; es ist mir, wie wenn ich einen Eisklumpen im Herzen hätt'. Ich hab' gemeint, im Sommer wird's besser, aber es ist nicht. Du sagst jetzt, dir sei heiß, und ich werde die Gänshaut nicht los.« »Herr Gott! das sind meine toten Schwurfinger!« schrie Martha gellend und streckte die leichenhaften Finger Diethelm ins Gesicht. »Was hast? Was machst?« fragte Diethelm erschrocken, und Martha erklärte, indem sie sich auf einen Steinhaufen am Wege setzte: »Diethelm, was hast du gemacht? Weißt du's denn nicht mehr? Du hast ja geschworen, die Sonne soll dich nicht mehr erwärmen, wenn du auf Brandstiften denkst, dort am Fenstersims hast's geschworen, und jetzt ist's ja wahr geworden, die Sonne wärmt dich nicht, und ich hab' einen falschen Eid auf mich nehmen wollen, und meine Finger sterben mir ab. O gerechter Gott, was machst du aus uns? Gerechter Gott, was soll aus uns werden?« Diethelm suchte zu trösten, soviel er vermochte, er wollte jetzt leugnen, daß ihn friere, und behauptete, die Wunde an seinem Arm sei noch nicht völlig geheilt; da faßte ihn Martha gerade an der wunden Stelle, daß er laut aufschrie, sie aber sagte: »Gesteh ehrlich, beichte, nur mir sag's, nur mir, woher du das hast. Der Doktor hat immer gesagt, das säh' aus, wie ein Biß von einem Menschen. Wer hat dich gebissen?« Diethelm hatte Geistesgegenwart genug, seine Frau tapfer auszuzanken mit dem Zusatz, daß, wenn sie noch ein einzig Mal von toten Schwurfingern rede, er sie auf immer verlasse, möge daraus werden, was da wolle. Martha schwieg, aber ihre schweigend trauervollen Mienen, ihr stilles, stundenlanges Betrachten der abgestorbenen Finger sagte Diethelm, was sie für sich sinne und was sie von ihm denken möge. Als das Haus gerichtet war und der bänderverzierte Maien vom Giebel prangte, machte sich Diethelm mit den Seinen auf nach dem Wildbad, die warme Quelle sollte Diethelm von seinem Frost und der Wunde heilen und sollte die tote Hand Marthas neu beleben. Am hoffnungsreichsten aber war Fränz, sie bedurfte der warmen Quelle nicht: ihrer harrte dort der Rautenkranzsohn und, nicht zu vergessen, auch der Amtsverweser. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Der stattliche reiche Bauer von Buchenberg mit seiner Familie und seinem eigenen Gefährte war wochenlang eine der bemerktesten Erscheinungen in Wildbad. Schon der frappante Gegensatz, den man sich von ihm erzählte, daß er sich beim Brande eine schwer zu heilende Erkältung zugezogen, machte ihn zum Gegenstand des Gespräches, dazu sein gemessenes Benehmen, weder zudringlich noch schüchtern, machte ihn zu einem Urbild jenes stolzen, selbstbewußten Bauerntums, das man sogar in der sogenannten guten Gesellschaft anziehend findet, so lange es in ästhetischer Buchferne verharrt und der eigenen Ueberhebung nicht zu nahe tritt. Martha und Fränz waren weniger bemerkt. Martha hielt sich vorzugsweise zu einigen alten Frauen, die im Armenbad eine Freistelle genossen, und ließ sich von ihnen ihre Leiden und ihre Schicksale erzählen, Fränz aber war seltsam verscheucht und zurückgezogen. Wir werden bald erfahren, warum. Wir müssen nur noch erzählen, daß Diethelm die Spitze seines Ruhmes erreichte, als eine regierende Fürstin in der Allee durch den ersten Kammerherrn ihn sich vorstellen ließ. Diethelm war beseligt durch diese Auszeichnung, er gab auf alle Fragen bescheidene, und, wie es schien, genehme Antworten; er widersprach nicht, als man ihn für einen großen Hofbesitzer hielt, und nahm sich nur vor, diese Voraussetzung zu einer Wahrheit zu machen; dabei schaute er oft wie verlegen um, er wollte sehen, ob niemand bemerke, welche Ehre ihm zu teil wurde. Es gingen aber Menschen vorüber, die ihn nicht kannten. Dennoch sah er wohl, daß sie in der Ferne stehen blieben. Als er entlassen wurde, ging er aufgerichtet durch die Alleen heimwärts, die Bäume waren noch einmal so grün, der Himmel noch einmal so blau, und die Vögel sangen so lustig, wie noch nie. Zum erstenmal spürte er die Wirkung des Bades, eine wohlthätige Wärme überströmte sein ganzes Wesen, und als er zu Frau und Tochter kam, war er glückselig und wiederholte immer und immer, daß dieser Tag sein höchstes Glück sei. Er mußte sich niedersetzen, so hatte ihm die Freude, fast wie ein Schreck, die Knie angegriffen, diese Ehre schien zu schwer für ihn, und als jetzt ein erwünschter Besuch, der Vetter Waldhornwirt eintrat, blieb Diethelm auf seinem Stuhle sitzen und sagte mit verklärtem Lächeln: »Wärst du nur um eine Stunde früher gekommen, da hättest du sehen können, wie die Fürstin von ** mit mir gesprochen hat, grad' so, wie ich jetzt mit dir, so freundschaftlich, so herztreu. Ich hätt' einen Finger von der Hand drum geben, wenn ich ganz Buchenberg hätt' daneben stellen können. Aber erzählen mußt's. Sie müssen's alle wissen.« Der Vetter versprach, zu erzählen, andern Tages aber wurde er auch von der Wahrheit überführt, denn vor dem Kurhause, vor allen Leuten, winkte die Fürstin den Diethelm zu sich und unterhielt sich lange mit ihm. Sie fragte nach seiner Untersuchungshaft, und Diethelm, der anfangs erschrak, richtete sich an einer alten Erinnerung auf und beteuerte, wie er ein treuer Unterthan sei und nichts von den Grundrechten wolle, aber das Schwurgericht, das sei doch gut, da werde man auch öffentlich freigesprochen. Mit einem freundlichen Lächeln entließ ihn die Fürstin, und der Vetter Trompeter, der von ferne zugesehen, faßte seine Hand, als er zu ihm trat, und rief: »Was meinet Ihr, Vetter, wenn das Euer Vater gesehen hätt', der Krattenmacher von Letzweiler?« Diethelm schien diese Erinnerung nicht genehm, denn er erwiderte: »Was redest du wie ein Mann ohne Kopf?« Der Vetter verstand und fuhr fort: »Ich hab's nicht allein gesehen, dort steht der Kastenverwalter von G. Gucket, er kommt schon her und will Euch Glück wünschen.« In der That geschah dies auch, und nicht nur der abgestellte Kastenverwalter, viele andre hohe und niedere Beamte, ja sogar Adelige behandelten Diethelm mit Auszeichnung, und zum darauffolgenden Ball im Kurhause erhielt Diethelm mit seiner Familie eine Einladung. Martha sagte sogleich, daß sie daheim bleibe, sie sei krank und nicht zum Tanzen da, Fränz aber hüpfte vor Freude, als hörte sie schon die lustigen Tanzweisen. Fränz war, wie gesagt, während des Badeaufenthaltes noch nie zu rechter Freude gekommen, sie fühlte sich nicht recht heimisch in diesen Umgebungen, sie hatte zwar die Bauernhaube abgelegt, die kaum zu bewältigenden Haarflechten aufgenestelt und sich einen farbenschillernden Sonnenschirm angeschafft, aber erst durch einen Geistlichen erhielt sie eine gesellschaftliche Firmelung. Ein junger Missionär aus der Schweiz, der in einem zierlichen Rollwagen umhergeführt wurde, war bald der Schützling aller Frauen und Mädchen, auch Fränz wurde durch eine priesterlich zuvorkommende Ansprache in seinen Kreis gezogen und verlor bald jede äußere Schüchternheit, indem sie gleich den übrigen dem Kranken, der noch dazu ein geweihter Priester war, sich dienstgefällig erwies. Die Hilflosigkeit des Kranken ließ jede Scheu verschwinden, man durfte ihm die Hand reichen und gefällig sein wie einem Kinde. Der junge Mann, ein wirklich eifervoller Priester, mit seinem blassen Antlitze, das durch die beständige weiße Halsbinde noch gehoben wurde, war eine anziehende Erscheinung, und sein brennendes Auge, das er wundersam zu heben und zu senken verstand, zeugte von innerem Feuer, das auch hervorbrach, wenn er an stillen, schattigen Plätzen dem Frauenkreise vorlas. Er hatte eine wohltönende, ins Herz dringende Stimme. Fränz hatte in der Stadt die Kunst gelernt, Pantöffelchen zu brodieren, und sie saß nun mit den andern Frauen mit ihrer Arbeit um den heiligen Mann und hörte die ergreifenden Vorlesungen und eifervollen Vorträge; sie verstand es, wie die andern, mitunter aufzuschauen, einen verständnisreichen Blick zu thun, bedeutsam mit dem Kopf zu nicken oder gar die Hände ineinander zu legen und unverwandt auf den Redner zu schauen. Mitunter war sie auch wirklich ergriffen, und der Spruch: Rette deine Seele! schauerte ihr durch Mark und Bein. Sie erkannte mit Schrecken, wie sie ihr Seelenheil bisher verwahrlost und war geneigt, dem Jungfrauenbunde, für den schließlich geworben wurde, beizutreten, aber ein äußerlicher Grund half ihr, sich von den schweren Opfern zu befreien. Sie glaubte zu bemerken, daß einige, und zwar die Vornehmsten und Manierlichsten, von dem weihevollen Manne vorgezogen wurden, die Eitelkeit regte sich, und gewohnt, daß alles in der Welt nur zum Schein geschehe, forschte sie auch hier den Täuschungen nach und glaubte solche immer mehr zu finden. Dennoch war sie bereits so sehr im Bannkreise des jungen Priesters, daß sie ihm reuig und zerknirscht diese ihre Sünde offen beichtete, aber die Mahnung, ihre Eitelkeit zu besiegen, machte sie stumm und im Innersten widerspenstig, zumal diese Anforderung gerade mit der Ehre zusammentraf, die ihrem Vater durch die Fürstin von ** geworden war. Die Leichtigkeit, mit der sich ein Verhältnis im Badeleben knüpft, zeigt sich auch im Lösen desselben. Fränz hatte immer mehr Abhaltungen, im Schatten der wilden Kastanien unter dem andächtigen Zuhörerkreise des Missionärs zu erscheinen. Wenn sie dorthin ging, hatte sie den stillen, bescheidenen Gang und den niedergeschlagenen Blick, wenn sie aber bei den Musiken im Freien erschien, hatte sie, man kann fast sagen, etwas schäckernd Hüpfendes, wobei sie den Kopf in den Nacken warf. Und diese letzte Haltung gewann die Oberhand, als der Priester, bald geheilt, im blumenbekränzten Wagen abreiste. Fränz wollte, rund heraus gesagt, sich hier einen Mann erobern.. Den Munde bei seinen Schafen hatte sie längst vergessen, ja, sie sah jetzt, daß er nie zu ihr gepaßt habe; aber hier that ihr die Wahl weh zwischen dem Rautenkranzsohn, der hier Kellner war, und dem Amtsverweser. Der Kellner war eine gutartige und heitere Erscheinung, aber es hatte doch etwas Abstoßendes, daß er hier jedermann bediente und gegen alle Welt freundlich und unterwürfig sein mußte. Das behagte dem hoffärtigen Wesen der Fränz durchaus nicht. Wenn er ihr bei Tafel eine Schüssel reichte und dabei einige freundliche Worte sprach, schämte sie sich fast, ihm zu antworten; zwar erinnerte sie sich wieder, was er daheim zu bedeuten habe, und wie er mehr sei, als viele, die er hier bediente; aber eben dieses Bedienen gefiel ihr nicht, und dann konnte der Kellner nie einen Spaziergang, viel weniger eine Ausfahrt mitmachen, er mußte froh sein, wenn er eine Stunde von fünf bis sechs Uhr nachmittags erübrigte, um, an den Hauspfosten gelehnt, eine Cigarre zu rauchen, die er schnell verbarg, wenn ein Gast kam. Dennoch hatte Fränz nicht recht den Mut, sich von ihm abzuwenden, ja sie dachte sich aus, wie alles schon anders würde, wenn sie einmal ein eigenes Wirtshaus hätten. Der Amtsverweser war äußerst zurückhaltend, obgleich er mit an derselben Tafel speiste; er schien mehreren Damen den Hof zu machen, die er oft auf Spaziergängen begleitete. Glücklicherweise aber – man konnte nun nicht sagen, daß die Ansprache der Fürstin von ** daran schuld sei – hatte der Amtsverweser sie und den Vater just den Tag vorher begleitet und viel mit Fränz gelacht; er setzte nun diese Annäherung mit großer Beständigkeit fort, überbrachte selbst die Einladung zum Kurhausball und schickte am Abend desselben den erlesensten Blumenstrauß, eine Aufmerksamkeit, mit der ihm jedoch der Rautenkranzsohn zuvorgekommen war. Es waren beide wohl zu beachtende Bewerber. Der Rautenkranzsohn war jünger und farbiger, in seinem vollen, wohlgekämmten braunen Haar sah man stets die frischen Furchen der Bürste und den weißen Scheitel; der Amtsverweser war blasser und mit einer avancierenden Glatze versehen. Fränz hielt die beiden Sträuße der Bewerber in der Hand und betrachtete sie lang, sie überlegte, welchem Strauß und welchem Geber sie den Vorzug gönnen solle, ihre Wangen glühten, sie war nicht dem Zufall ergeben genug, um eine Blume mit »Liebt mich« und »Liebt mich nicht« zu zerzupfen, sie bedachte, daß der Rautenkranzsohn allerdings seine Vorzüge hatte, er stand ihr näher, sie kannte seinen Lebenskreis genau und konnte sich frei darin bewegen, auch war er gut geartet und leicht zu beherrschen, nicht so sehr wie Munde, aber doch lenksam genug, und sie hatte sich's ja einst als schönstes Ziel gedacht, Frau Rautenwirtin zu werden; aber Frau Amtmännin und in Zukunft Frau Regierungsrätin – das ist doch schöner, und ein Narr ist, wer das Höhere erreichen kann und sich mit Geringerem begnügt. Fränz war entschlossen, den Blumenstrauß des Amtsverwesers zu nehmen; aber während des langen Besinnens hatte sie vergessen, ob der in der Rechten oder in der Linken von ihm kam, sie waren so ähnlich. Jetzt erinnerte sie sich, daß der in der Rechten der gültige war, aber in der Verwirrung hatte sie die Sträuße niedergelegt und dieses Merkmal zerstört. Wenn aber kein rechtes Kennzeichen war, so konnte ja der Amtsverweser nichts merken? Wer weiß indes, ob er nicht doch ein geheimes Kennzeichen hat. Fränz war ganz berauscht von der blumenduftigen Werbung, sie eilte die Treppe hinab und wollte den Kellner fragen, welcher Strauß von ihm sei, aber nicht der Gedanke, welch eine tückische Härte hierin lag, hielt sie plötzlich fest, sondern die Erinnerung, daß sie ja dann eine offenbare Entscheidung machen müsse und einen Freier aus der Hand gebe, bevor sie des andern gewiß sei, und jetzt that sich ein neuer und glücklicher Ausweg auf, sie wollte gar keine Blumen mitnehmen und dem Amtsverweser sagen, sie habe deren so viele von unbekannten Verehrern bekommen, daß sie alle daheim gelassen. Das wird ihn kirren und rasch zugreifen machen, und dann ist die Entscheidung da. Und so geschah es auch. Wieder unter rauschender Musik wurde Fränz zum zweitenmal verlobt. Der Amtsverweser hatte in unerklärlicher Zaghaftigkeit gewünscht, daß die Verlobung noch einige Zeit geheimgehalten werde, mindestens bis er seine täglich erwartete Bestallung als stellvertretender Staatsanwalt erhalten habe, aber Diethelm war nicht gewillt, nur einen Tag der Ehre verlustig zu gehen, die ihm aus dieser Verlobung seiner Tochter entsprang; er faßte den Einwand seines Schwiegersohns, daß er wegen des neu zu übernehmenden Amtes vor kommendem Frühling nicht heiraten könne, dahin fest, daß Fränz während dieser Zeit noch in ein Erziehungsinstitut, eine »Schnellbleiche«, wie er es spöttisch bezeichnete, gethan werde, um ihrer neuen Stellung gerecht zu werden. Bis dahin wollte er auch sein neues Anwesen in Buchenberg verkaufen und, wie er doch schon lange vorhatte, nach der Kreisstadt ziehen. Die warme Quelle hatte weder Diethelm von seinem Froste; noch seine Frau von der Abgestorbenheit ihrer Finger befreit, man getröstete sich der Nachwirkung. Nur Fränz hatte erreicht, was sie wollte, und die Eltern erfreuten sich bei der Heimfahrt im Sprechen über das Glück ihres Kindes und vergaßen darüber alle Körperleiden und alles Leid in der Seele. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Wie ein Mensch aus höheren Regionen, der sich bescheidentlich herabläßt, mit niederen Erdgeborenen zu verkehren, so ging Diethelm durch Buchenberg; er hatte mit fürstlichen Personen, mit hohen Staatsmännern verkehrt, und ein Staatsanwalt – denn das war er geworden – war sein Schwiegersohn! Es dünkte ihn wie ein Traum, daß er sein einziges Kind einst einem armen Schäfer hatte geben wollen. Wenn er seiner That gedachte, war sie ihm wie längst abgethan, und die Gunst der Großen, denen er so nahe gestanden, erschien ihm als Schild und Schirm, daß nie mehr auch der leiseste Verdacht sich gegen ihn erheben dürfte. Wenn der Eilwagen durch das Dorf fuhr und bald darauf Briefe kamen, sah Diethelm immer, ob keiner mit einem großen Siegel darunter sei, der ihm einen Orden zubrächte oder irgend eine andre unverhoffte Auszeichnung. Es kamen aber meist Bettelbriefe von allen Orten, von den entferntesten Verwandten, von Schulmeistern geschrieben, die in hochtrabendem Tone den hochverehrten Herrn Vetter um Gaben und Darleihen baten. Diethelm glaubte genug gethan zu haben und ließ sie unbeantwortet. Am erfreulichsten waren noch die Briefe von Fränz; zwar waren sie in steifer ungelenker Redeweise, aber diese erschien Diethelm gerade recht schön und erbaulich, und von Brief zu Brief ward die Schrift zierlicher und geläufiger. Diethelm konnte nicht umhin, manche davon, besonders aber auch die Briefe des Staatsanwalts, durch den Vetter im Waldhorn vorlesen zu lassen. Die Verehrung im Dorfe schien ihm indes doch minder bedeutend, als die in der Stadt sich darthat. Mit Martha, die er nun nicht mehr allein ließ, fuhr er oft dahin, um allerlei Hausrat zu kaufen. Er richtete sich nur notdürftig ein, da er ja bald wieder verkaufen wollte. Alles ließ sich zu größter Beruhigung an, nur Martha war nicht aus ihrer beständigen Trauer und Kümmernis zu reißen, und wenn Diethelm sie damit abwies, sagte sie klagend: »Ich hab' ja sonst niemand, dem ich mein Herz ausschütten kann, und mir bangt vor dem neuen Haus, wo der Medard verbrannt ist.« Diethelm hörte sie geduldig an, aber dieses ewige Klagen machte ihn stumpf gegen die Vorhersagung der Frau, daß sie den Einzug ins Haus nicht erleben werde. »Nur nicht prophezeien,« war seine beständige Rede, »das ist das Schlechteste, was man thun kann. Ich hab' dir versprochen, daß ich dich nie mehr allein lasse, aber du treibst mich aus dem Haus, wenn du so fort machst.« Martha hatte in der That falsch prophezeit: der Sommer ging zur Rüste, und im Herbste zog sie, abgesehen von ihrem beständigen Leid, wohlbehalten in das wochenlang durchheizte neue Haus ein, und nachdem das erste Mißbehagen überwunden, schien sie sich dessen zu freuen; zumal da Diethelm die junge Frau Kübler mit ihrem Kinde während der Abwesenheit der Fränz zu sich ins Haus genommen hatte. Nun erlaubte er sich auch allmählich, seinem Versprechen untreu zu werden, und buchstäblich hielt er es doch, wenn er wieder Tage und Nächte über Land blieb: Martha war ja nicht allein, die junge Frau mit dem Kinde war bei ihr. Wenn Martha ihn dennoch an sein Versprechen gemahnte, war er ungehalten und voll Jähzorn über diese unerträgliche Sklaverei und über dieses ewige Erinnern an ein Versprechen, das er schon von selbst halte und viel lieber, wenn er nicht daran gemahnt werde. Er blieb nun mehr als gewöhnlich zu Hause, und jetzt erkannte er deutlich, was er schon oft flüchtig wahrgenommen: wenn er im lebhaften Verkehr mit Menschen, und zwar mit recht vielen war, wich das Frösteln von ihm, in der Einsamkeit aber war es immer wieder da, unabwendbar. Diethelm knirschte über die neue Gefangenschaft, in der er sich befand, und jetzt fiel ihm das Mittel des alten Schäferle ein. Er kaufte Erlenholz und sägte tagelang, als müßte er sein Brot damit verdienen. Der stolze, in grünen Saffianpantoffeln stolzierende und alle schwere Arbeit verhöhnende Diethelm war in das Los eines armen Taglöhners verfallen, aber er war dabei doch froh, denn er fühlte in der That eine lange nicht empfundene Wärme; das Holz, das, haufenweise in den Ofen gesteckt, ihn nicht von seinem Frösteln befreit hätte, erwärmte ihn jetzt bei dessen Verarbeitung. Vom Morgen bis zum Abend arbeitete er im Schuppen und lauschte dann oft selbstvergessen den wunderlichen Tönen der Säge; wie das klingt und schrillt beim ersten Einschnitt und dann zum Kern des Scheites gelangend so dumpf tönt und wieder ins Schrille, Kurzatmige übergeht beim Ende des Durchschnittes. Mochte es aber klingen, wie es wollte, wohlige Wärme durchströmte den Körper. Die Leute sagten, der Diethelm sei geizig geworden, seitdem sein Reichtum gestiegen sei; er ließ sich diese Nachrede, die ihm wieder zukam, gern gefallen, denn auch im Geiz liegt ein gewisser Ruhm, da seine unbezweifelte Voraussetzung der Reichtum ist. Wenn er manchmal einen Tag in seiner mühseligen Arbeit aussetzen wollte, kam wiederum das Frösteln über ihn, als wollte sich alles Zurückgedrängte auf einmal geltend machen: er mußte aufs neue wider Willen an die unscheinbare und doch so mühselige Arbeit, als hätte ein Zauber ihn darin festgebannt. Es half nichts andres. Da kam ein neues Ereignis, das ihn von dieser Arbeit und seiner häuslichen Gefangenschaft befreite, ohne daß Martha zu einer Einsprache berechtigt war. Das Schwurgericht, das man in stürmischen Zeiten verheißen hatte, wurde jetzt nach Herstellung der nötigen Bauten in der That eingesetzt. Der veränderten Zeitrechnung zufolge wurden aber die Geschworenen nicht nach allgemeinem Wahlrechte frei gewählt, sondern die Amtsversammlung, bestehend aus den meist gefügigen Schultheißen und einem Teil der Obmänner des Gemeindeausschusses, wählte einen sogenannten Siebenerausschuß, und dieser ernannte die Geschworenen aus der Zahl der Höchstbesteuerten und Nichtdemokraten. Eines Tages kam der Vetter Waldhornwirt hastig mit der Landeszeitung in der Hand und sagte zu Diethelm: »Da kommet Ihr in der Zeitung, Vetter.« »Ich? Wie?« erwiderte Diethelm, sich verfärbend, und nahm mit Zittern das Blatt in die Hand. Er las die Liste der Geschworenen, und als dritter stand sein Name. Lange starrte er darauf hin und rieb sich mehrmals die Stirn, er wollte den Schreck vergessen, den er gehabt hatte, und jetzt war es ihm doch eine Freude, sich gedruckt zu lesen; er äußerte dies aber nicht, sondern sagte nur, daß er um Dispensation bitten werde, da er in seinem Anwesen noch viel zu thun habe, und daß er auch seine Frau nicht verlassen dürfe. Martha entgegnete rasch: »Meinetwegen kannst du's schon annehmen, im Gegenteil, mir ist's lieb, wenn du ein paar Wochen fortgehst, lieber, als wenn du so all Ritt verschwindest, wie in den Boden gesunken.« Der Vetter sagte, daß Diethelm gar nicht ablehnen dürfe; man wisse nicht, was die Menschen denken könnten, wenn er sich davon losangle; das ginge ihn zwar nichts an, aber er dürfe es auch ohnedies nicht, er habe das Schwurgericht zu allen Zeiten gepriesen, und jetzt müsse er auch dabei sein. Diethelm schäumte innerlich vor Wut. So hatte seine Freisprechung, hatten alle die hohen Ehren, die er genossen, nichts genützt; die Menschen, die so unterwürfig waren, hegten noch immer Verdacht gegen ihn, der allzeit bereit war, loszubrechen. Der erstickte Argwohn in den Gemütern glich der Flamme in einem niedergebrannten Hause, die immer wieder aufschlägt, sobald man einen Balken weghebt. Diethelm verfluchte die ganze Welt und zankte mit dem Vetter, als dieser entschuldigend sagte: er habe noch nichts gehört, von niemand, er habe nur so gemeint. »Was hast du vorzudenken, was andre Leute denken können? Oder bist du schlecht genug und blasest den Leuten selber ein, daß sie mich verunehren?« »Ihr wisset ja, wie ich zu Euch bin,« sagte der Vetter mit schelmisch bedeutungsvollem Blick. Diethelm sah das, und wieder kam ihm die Vermutung, daß der, den er sich am nächsten glaubte, schlimmen Verdacht gegen ihn hegte; aber das Klügste war doch, immer zu thun, als ob er das nicht glaube; er sagte daher: »Wenn's nicht anders ist, nehm' ich's an. Hast recht, Vetter, es kann mir eins sein, was die Leut' denken, und ich freu mich auch, bei meinem Schwiegersohn zu sein. Weißt was, Frau? Geh mit.« Martha verneinte, und Diethelm wiederholte seinen Vorschlag nicht. Denn wie alles in der Welt seine vielfachen Gründe hat, so ging es auch hier. Diethelm wollte nicht nur zeigen, daß er keinen Gerichtshof scheue, er wurde auch von der Oede im Hause und den ewigen Klagen seiner Frau erlöst, wenn er sich davon machte. Diethelm hatte bei der bald darauf folgenden Amtsversammlung die Genugtuung, vom Amtmann Niagara – der so genannt wurde, weil er im Gespräche immer ein mächtig schetterndes Gelächter erhob – mit besonderem Ruhme erwähnt zu werden, während den andern mit Recht vorgehalten wurde, daß sie gern freie Staatseinrichtungen hätten, aber dafür keinen Tag aufwenden wollten, so daß ihnen schon jedes Wählen zu viel Mühe sei. Diethelm sah stolz und selbstbewußt drein, und bei dem gemeinsamen Mahle, das nach der Amtsversammlung gehalten wurde, erhielt Diethelm den Ehrenplatz neben dem Amtmann Niagara und half ihm tapfer lachen. Es gab besonders viel Witzreden über diejenigen, die da gehofft hatten, daß den Geschworenen reiche Taggelder aus der Staatskasse ausgesetzt würden; der Steinbauer vor allem mußte sich viele Neckereien gefallen lassen, weil er auf sein Dispensationsgesuch einen abschlägigen Bescheid erhalten hatte. Der Angegriffene wagte es nicht, den Späßen des freundlichen Amtmanns entsprechenden Widerstand zu leisten, und ohne sich auf eine nähere Erklärung einzulassen, behauptete er, daß er doch noch frei werde. Noch nie kam Diethelm frohgemuter nach Hause, als von der heutigen Amtsversammlung, und er wünschte sich, daß die Gerichtssitzungen nur bald beginnen möchten. Die Ehrenbezeigungen von den Beamten thaten ihm gar wohl. Als der Tag der Abreise kam, wollte es Diethelm wiederum bange werden, es erschien ihm als ein gefährliches Spiel, das er mit sich treibe. Er nahm sein Gefährte nur bis G. mit, dort gesellten sich im Eilwagen die andern Geschworenen zu ihm, der Sternwirt und der Steinbauer waren auch dabei. Es war das erste Schwurgerichtstagen seit undenklichen Zeiten, und alle Mitwirkenden waren in feierlich gehobener Stimmung, der der Vorsitzende des Gerichtshofes und der Staatsanwalt wie der Altmeister der Rechtsanwälte beredte Worte gaben. Besonders ein Wort des Vorsitzenden drang Diethelm ins Herz, denn er hatte gesagt: Ein Verbrechen, das ungesühnt in der Seele ruht, gleicht dem Brand in einem Sohlenbergwerke; man stopft es zu und will das Feuer ersticken, aber es brennt weiter, unterirdisch, ungesehen, und eine Oeffnung, die sich aufthut, läßt die Flamme emporschlagen. Diethelm fühlte bei diesen Worten, wie es wirklich in seinen Eingeweiden brannte, er hätte laut aufschreien mögen vor Schmerz, aber er bezwang sich. Als jetzt die Rechtsgelehrten der verschiedenen Stellungen gesprochen hatten, trat eine Pause ein. Man erwartete eine Ansprache aus der Mitte der Geschworenen. Einer stieß den andern an, er möge reden, und doch hätte jeder gern selbst gesprochen, die Pause dauerte peinlich lange, da erhob sich Diethelm. Er glaubte gerade besonders zeigen zu müssen, wie sehr er die Bedeutsamkeit der neuen Einrichtung erkenne, die Worte des Amtmanns bei der Wahlversammlung kamen ihm wohl zu statten, und hatte er sich vordem nicht gescheut, mit fremdem Geld und Gut groß zu thun, so hatte es mit einem fremden Gedanken gewiß viel weniger auf sich. Anfangs bebend, dann aber mit fester Stimme wiederholte er, in seine Weise übertragen, jene Worte; und alle standen auf, als er plötzlich stotternd abbrach und die Hände faltend mit gehaltenem Tone das Vaterunser sprach. Bevor die Namen der Geschworenen verlesen wurden, ließ der Vorsitzende durch den Gerichtsschreiber ein ärztliches Zeugnis vortragen, das der Steinbauer beigebracht hatte und das ihn befreien sollte. Nach kurzer leiser Beratung erklärte der Schwurgerichtshof, daß die Befreiungsgründe nicht zureichend seien. Diethelm schaute mit triumphierendem Lächeln auf den Steinbauer, der aber keine Miene zuckte. Nun ging es an das Verlesen der Namen. Der Vorsitzende nahm bald rechts, bald links die Zettel auf, die ihm die beiden Schwurrichter reichten, und warf sie in die Urne. Dieses Aufraffen, Ausrufen und Versenken der Namen hatte für Diethelm etwas Eigentümliches, bang Rätselvolles, es war ihm, als wäre er wie sein Name in fremde Gewalt gegeben. Als jetzt die Namen aus der Urne gezogen wurden, ballte Diethelm bei jedem, der ausgerufen wurde, die Fäuste, um keinen Schrecken zu zeigen, wenn er den seinigen hörte, aber er kam nicht. Beim Namen des Steinbauern sprachen Staatsanwalt und Verteidiger zugleich: Abgelehnt! worüber ein Lächeln in der Versammlung entstand, und der Verteidiger mit höflicher Handbewegung die Ablehnung dem Staatsanwalt überließ. Der Steinbauer schaute herausfordernd auf Diethelm, seine Mienen sagten: ich hab's gewußt, daß ich frei werde. Die zwölf Männer waren ernannt, Diethelm war nicht unter ihnen; er atmete frei auf. Nun aber erklärte der Vorsitzende, daß er noch zwei Ersatzgeschworene auslose, und der erste Name, der jetzt erschien, war der Diethelms. Als er mit schweren Schritten nach der Geschworenenbank an dem dichtgefüllten Zuhörerraume vorüberging, hörte er dort sagen: Schade, daß der nur Ersatzgeschworener ist, das wäre ein tüchtiger Obmann geworden. Diethelm schloß die Augen, als er in seinem Armstuhl saß: der Ehrenzuruf aus den Zuhörern hatte ihm sein fast stillstehendes Herz freudig bewegt. Durch ein Geräusch wurde Diethelm auf seiner inneren Versunkenheit erweckt, die Stühle rutschten und brummten, die ganze ruhige Versammlung kam plötzlich in Bewegung, dort auf der Erhöhung, wo das Gericht saß, war es dunkel geworden, denn die Mitglieder des Gerichtshofes, hinter deren Lücken die Fenster waren, hatten sich erhoben, und nun sprach der Vorsitzende den Geschworenen mit feierlicher Stimme ihren Eid vor, und einer nach dem andern erhob die Hand und sprach: »Ich schwör' es, so wahr mit Gott helfe.« Es waren ruhige, überzeugungsfeste Stimmen, und jeder, der es hörte, wie hier die innere Wahrhaftigkeit sich laut beteuerte, mußte ergriffen und erschüttert werden; es war eine rechtsprechende Gemeinde, darin ein jeder aus Herzensgrund sein Bekenntnis aussprach, und über der ganzen Versammlung ruhte eine ernste Gehobenheit, denn die Heiligkeit des Beginnens, der Geist der Wahrhaftigkeit schwebte darüber. Diethelm sprach den Eid, und wie er die Hand emporhob, fühlte er's, wie wenn eine unsichtbare Macht seine Hand faßte, er senkte sie nicht, bis er sich niedersetzte und jetzt erst eine Müdigkeit fühlte, als wären ihm die Knie zerbrochen. Auf der Anklagebank saßen zwei junge Männer, des Komplott-Diebstahls beschuldigt. Der verlesenen Anklage gemäß erschien dennoch der eine mehr als Verführer. Der Staatsanwalt begründete in scharfsinniger Weise die Anklage, seine Stimme hatte etwas zitternd Melancholisches, und dieses sowohl wie seine Beweisführungen hatten so viel Bestimmendes, daß der Nachbar Diethelms, der Schultheiß von Rettinghausen, ihm zuraunte: Die sind schuldig. Diethelm antwortete nicht. Mit eingekniffenen Lippen und weit aufgesperrten Augen betrachtete er die Angeklagten: diese finster blickenden Augen, die nur bisweilen zuckten, diese starren Züge, diese ineinander gelegten Hände, diese Gestalten mit ihrem ganzen Leben sind in fremde Gewalt gegeben. Dort hinter den Angeklagten sitzt der Landjäger, das gezückte Schwert in Händen. Wie es so gierig blinkt! Das ist das Schwert der Gerechtigkeit über den Angeklagten schwebend. Immer und immer mußte Diethelm denken, wie es diesen Menschen zu Mute sei, wie die Blicke der Anwesenden sie treffen müssen wie scharfe Schwerter; er konnte diese Gedanken nicht los werden, bis er endlich die Hände zusammenpreßte, ein Schauer durchrieselte ihn, und zum erstenmal betete er in innerster Seele voll Reue über das Geschehene. Vor seinen dreinstarrenden Augen verschwammen die Menschengestalten, nur das blanke Schwert dort an der Wand blinkte, und die Stimme des Staatsanwalts tönte. Da erklärte der Vorsitzende die Verhandlung für diesen Morgen geschlossen und beraumte eine zweite Sitzung auf Nachmittag. Als jetzt alles sich erhob, rieb Diethelm sich lange die Stirn, und wie taumelnd verließ er den Saal und drängte sich dann hinaus, als würde er festgehalten. Erst in freier Luft fand er sich selber wieder, er trat fest auf und schaute zurück nach dem Gerichtssaal, wie ein Angelandeter dem schwankenden Schiffe nachschaut, das er eben verlassen. Die Mehrzahl der Geschworenen hatte sich einen gemeinsamen Mittagstisch in einem ihnen genehmen Wirtshause angeordnet, und wie von selbst war Diethelm hier der Vorsitzende, zumal da die wenigen »Herren« unter den Geschworenen sich in einen vornehmeren Gasthof begeben hatten. Diethelm fühlte sich ganz wohlgemut: er war fest überzeugt, daß er heute alles Peinliche seiner Lage überwunden habe und daß nichts mehr über ihn kommen könne. Es waren hier die gewichtigsten Bauern eines ganzen Kreises versammelt, die sich zum Teil noch nicht persönlich kannten, sie fanden aber schnell eine Einigung und sogar ein allgemeines Gespräch; denn nichts vereinigt die Menschen so leicht als eine Anhänglichkeit oder ein Widerspruch gegen eine Persönlichkeit. Gegen den Steinbauern, der sich bald nach seiner Erledigung heim gemacht hatte, brannte wie beim Scheibenschießen ein jeder seine Kugel los. Man erzählte sich, daß der Steinbauer das Gerücht verbreitet habe, er werde jeden unbedingt für schuldig erklären, und darum werde er stets abgelehnt werden und könne daheim ausdreschen. Diethelm fand in dem Schultheiß von Rettinghausen und in einem jungen Manne zierlichen Angesichtes, es war der Gemeindeschreiber von Reindorf, fertige Beihilfe, die mit ihm die Gewissenlosigkeit und Niedrigkeit eines solchen Gebarens brandmarkten, und schon jetzt zeigte sich die unverwüstliche Ehrenhaftigkeit des Volkscharakters, die nur der rechten Erweckung bedarf: ein jeder beteuerte mit aufrichtigen Worten, daß er sich nicht um vieles von einer so schönen Ehrensache losmachen möchte, und wenn nur die Schwurgerichte besonders zur Winterszeit wären, möchten sie immer dabei sein. Das Gespräch verlief sich nach allen Seiten, und Diethelm ärgerte sich, daß seiner Rede bei der Eröffnung des Schwurgerichtes gar keine Erwähnung geschah; er war nicht der Mann, der eine glorreich vollbrachte That gern unbeachtet sah. Nach Tische hatte er indes die Genugthuung, daß sein Schwiegersohn, der als Assessor bei dem Gerichtshof war, zu ihm kam und sich zu ihm setzte; bald drängte sich eine große Menschenmenge aus allen Gegenden zu ihm, teils alte Bekannte, teils neue, die ihn wegen seiner ergreifenden Rede kennen lernen wollten. Diethelm klagte indes seinem Schwiegersohn, daß ihn die Sache doch mehr angreife, als er erwartet habe, besonders das lange ruhige Sitzen werde ihm peinlich; der Assessor getröstete ihn aus eigener Erfahrung, daß er sich schon daran gewöhnen werde, und Diethelm lächelte, als er hörte, daß er als Ersatzgeschworener nicht mit zu urteilen habe. »So bin ich nur Vorspann für die Gefahr,« sagte Diethelm, und dieses Wort setzte sich fest, und seit jener Zeit nennen die Geschworenen die Ersatzgeschworenen »den Vorspann«. Als man am Nachmittag wieder in den Gerichtssaal kam, war die Weihe des ersten Eindrucks zwar verschwunden, aber der Ernst des Unternehmens blieb. Diethelm fühlte sich noch besonders beruhigt, da er nicht zu urteilen hatte; er lehnte sich bequem in seinem Stuhle zurück, er betrachtete sich den Saal, der sich in einem alten Deutschmeisterhause befand, aber aus den übereinanderpurzelnden Genien und halbnackten Kriegern an dem Deckengemälde, sowie aus den Stuckarbeiten an den Wänden konnte man nicht klug werden. So oft ein neuer Zeuge beeidigt wurde, schreckte Diethelm zusammen, dieses plötzliche geräuschvolle Sicherheben der ganzen Versammlung machte immer von neuem einen gewaltigen Eindruck. Ueber die Zeugen aber war Diethelm meist sehr ungehalten; das war ein unbehilfliches Hinstellen und ein Stottern, als ob sie nicht drei Worte zusammenhängend sprechen könnten. Diethelm fühlte, daß er mit Recht eine bevorzugte Stellung in Anspruch nahm. Hätte der Vorsitzende nicht mit Milde und Klugheit und unverwüstlicher Geduld, sowie besonders durch Erfragen unverfänglicher Gegenstände, die Zeugen zum Sprechen und zur Sicherheit des Sprechens gebracht, man hätte kaum etwas erfahren. Dem Benehmen der Angeklagten widmete Diethelm dabei eine besondere Aufmerksamkeit; bald der eine, bald der andre vergaß sich und schaute sorglos und keck darein, bis er sich oft plötzlich besann und sich faßte, und während des Zeugenverhörs schärfte sich oft der Hauptangeklagte die Lippen, indem er mit der Zunge dazwischen hin und her fuhr; dann stemmte er die Hand in die Seite, raffte sich zusammen und richtete sich auf. Was geht in diesen Menschen vor? Mitten durchs Herz fühlte Diethelm einen Stich, als er hörte, wie die beiden Angeklagten, die doch Genossen bei der That gewesen, jetzt vor Gericht als die bittersten Feinde einander gegenüberstanden und sich wechselseitig anklagten. So wären Diethelm und Medard einander gegenüber gestanden. Diethelm zuckte zusammen und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Er schaute frei umher und auf seine Mitgeschworenen; er erinnerte sich, wo er saß. Drei volle Tage mit doppelten Sitzungen dauerte die erste Verhandlung, und bei aller ehrenhaften Anhänglichkeit an das Gerichtsverfahren klagten die Mitgeschworenen doch auch manchmal über das fremde Leben in fremder Stadt. Sie fühlten sich unbehaglich, beständig in Sonntagskleidern und der Handarbeit ledig umher zu gehen; dennoch beteuerte jeder, daß er nicht davon sein möchte, und Diethelm hatte nur gegen die Behauptung Einsprache zu erheben, daß man die Sache zu weitläufig behandle. Der Schultheiß von Rettinghausen, der gleich anfangs sich für ein Schuldig entschieden hatte, erklärte jetzt, daß dieses genaue Erörtern doch einem erst die Augen öffne, und jene seltsame Seelenstimmung trat in vielen zu Tage, wo man bald mit Bestimmtheit ein Schuldig aussprechen möchte, bald zweifelvoll ist und wiederum ein Nichtschuldig sich herausstellen will. Der Schultheiß erwarb sich das Lob eines gutherzigen Menschen, da er darlegte, daß man sich nicht, um zeitig zu seinem Mittagessen oder zu seinem Schoppen zu kommen, verleiten lassen dürfe, über das ganze Lebensschicksal eines Menschen rasch den Stab zu brechen. Diethelm wurde staunend angesehen, als er sagte, ihm gehe es jetzt, wie ihm der Doktor von G. einmal erzählt habe. Als dieser zum erstenmal von der Anatomie kam, sah er immer nichts als aufgeschnittene Menschen vor sich, und so gehe es ihm jetzt auch. Als endlich am dritten Abend die Verhandlung geschlossen wurde und die Geschworenen sich mit den Fragen zurückzogen, war Diethelm froh, daß er nur Vorspann gewesen war und zurückbleiben durfte. Die Geschworenen kamen bald zurück. Der Schultheiß von Rettinghausen war Obmann, er erklärte die beiden Angeklagten für schuldig. Als die Verbrecher abgeführt wurden, machte sich Diethelm rasch davon; aber unversehens war er an den unrechten Ausgang gekommen und sah plötzlich den Landjäger mit bloßem Schwerte hinter sich. Glücklicherweise klopfte ihm sein Schwiegersohn auf die Schulter und nahm ihn mit durch die Gerichtsstube. Am andern Tage bei einer neuen Verhandlung blieb der Name Diethelm in der Urne, und der Steinbauer wurde richtig wiederum abgelehnt. Diethelm wußte zwar nicht, was er zu Hause beginnen sollte, aber weil er auf mehrere Tage frei war, kehrte er doch heim. Verwundert sah er auf dem Wege, wie das Leben der Menschen draußen, die das nicht miterlebt haben, seinen geregelten Gang fortgeht; sie alle dachten nicht an die drohenden Gerichtsverhandlungen und wie jetzt zwei Männer auf Jahrzehnte aus der Mitte der Menschen gerissen waren. Still und in sich gekehrt weilte Diethelm daheim, und nur abends beim Spiel war er lebendig. Die Leute wunderten sich, warum er so wenig vom Schwurgericht erzählte, er aber wollte es sich aus dem Sinne schlagen und kehrte mißmutig wiederum am zweiten Dienstag nach der Kreisstadt zurück. Achtundzwanzigstes Kapitel. Der erste Mann, der Diethelm begegnete, war der Steinbauer, er schien ihn nicht mehr zu kennen, und in der That hatte sich die Erscheinung Diethelms auffallend verändert. Er trug jetzt einen dunkelblauen Rock mit Kummetkragen, Batten und dunklen seidenbesponnenen Knöpfen, dazu eine schwarze, bis an den Hals geschlossene Atlasweste und lange dunkelblaue Hosen, nur der Hut war der alte geblieben. Teils um selber die kennzeichnende Bauerntracht los zu sein, teils auch um, wie er hoffte, sich seinem Schwiegersohn genehmer darzustellen, hatte Diethelm seine Erscheinung verändert; überhaupt aber wollte er in jeder Weise ein andrer Mensch sein, er hatte sich genugsam über die Weichmütigkeit geärgert, die ihn an dem Schicksal der abgeurteilten Diebe so besonderen Anteil nehmen ließ, daß er noch tagelang dachte, wie sie auf den Schub gebracht, im Zuchthaus eingekleidet und in ein fremdes Dasein gebracht werden. Er suchte gewaltsam seinen alten Stolz wieder hervor und stellte sich hoch über »das Lumpenpack, das nichts hat und nichts vermag«. Als er zu seinem Schwiegersohn kam, bedauerte dieser, daß Diethelm seine ihm wohl anstehende Tracht abgelegt habe. Er ging aber bald davon ab und berichtete mit dem freudigen Bangen, das ein Offizier vor der ersten Schlacht empfinden mag, daß er andern Tags stellvertretender Staatsanwalt sein werde, und zwar in der Angelegenheit Reppenbergers, der erst vor kurzem eingebracht, aber noch in dieser Gerichtsperiode abgeurteilt werde, sowohl um ihn nicht noch auf ein Vierteljahr im Salz liegen zu lassen, als auch um rasch ein abschreckendes Beispiel gegen das überhandnehmende Verbrechen zu geben. »Ich kenn' den Reppenberger, was hat er denn? Ich hab' noch gar nichts davon gehört,« sagte Diethelm. »Die Sache war schlau angelegt,« erwiderte der stellvertretende Staatsanwalt, »er hat eine Branntweinbrennerei, hat sie hoch versichert, angezündet und sich davon gemacht; er hat aber nicht an den Zugwind gedacht, und das Feuer ist zu früh ausgebrochen, am hellen Tag, man hat gelöscht und gefunden, daß die Fässer, in denen Branntwein sein sollte, nichts als Wasser enthielten. Zwölf Jahre Zuchthaus sind ihm gewiß. Es ist Brandstiftung und Betrug.« »Das ist ein schöner Spaß.« »Wieso Spaß?« »Ich hätt' nicht glaubt, daß Sie mit mir so einen Spaß machen. Das lassen Sie sich gesagt sein, das ist ein Punkt, wo man mich nicht anfassen darf, da bin ich kitzlig und hau' um mich, sei es, wer es wolle, da versteh' ich keinen Spaß.« Der Schwiegersohn beteuerte, daß er nur ernste, wirkliche Thatsachen berichtet habe, und sah Diethelm verwundert an; dieser erkannte schnell, daß er sich anders gebaren müsse, und seine geübte Verstellungskunst kam ihm zu statten, er that, als ob er den Vorgang mit Reppenberger schon längst kenne und nur darüber gescherzt habe, da der Schwiegersohn voraussetzen könne, daß er sich von dieser Sache dispensieren lasse; denn diese Verhandlungen griffen ihn überhaupt zu sehr an und zumal die bevorstehende gegen den Reppenberger, der ein alter Bekannter von ihm sei. Der Schwiegersohn bemerkte, daß es Aufsehen machen werde, wenn sich Diethelm gerade hiervon dispensieren lasse, er solle vielmehr ihm zulieb dabei sein. »Warum Euch zulieb? Habt Ihr auch noch was im Hinterling gegen mich?« fragte Diethelm, und seine Augen rollten. »Ich meine: mir zulieb, weil ich gern möcht', daß mein Schwiegervater dabei wär', wenn ich zum erstenmal im Feuer stehe.« »Ich kann ja auch als Zuhörer dabei sein,« schloß Diethelm, brach ab und plauderte mit seinem Schwiegersohn über allerlei voll heiterer Laune. Am Abend machte sich Diethelm auf zu dem Rechtsanwalt Rothmann, der der bestellte Verteidiger Reppenbergers war; dieser mußte ihm den Gefallen thun und von seinem Rechte Gebrauch machen, die ihm nicht genehmen Geschwornen abzulehnen und dafür aus der Ueberzahl einen andern zu nehmen. Erst im Zimmer Rothmanns fiel ihm ein, daß solch eine Bitte gefährlich und nutzlos sei. Gerade weil er ein alter Freund Reppenbergers war, mußte dessen Verteidiger ihn festhalten. Er sprach daher auch mit Rothmann allerlei, aber nichts eigentlich über die Angelegenheit Reppenbergers. Nur beiläufig bemerkte er, daß die Geschwornen bös gestimmt werden, wenn man Sachen, die nicht daher gehören, anbringe. Er hoffte, daß ihn Rothmann verstanden habe und von dem ihm betroffenen Fall nichts erwähnen werde. Rothmann nickte still. Es kam Diethelm der Gedanke, zu dem Vorsitzenden zu gehen und ihm zu sagen, daß er heim müsse, seine Frau sei todkrank, aber er wagte es doch nicht, dies auszuführen. Er ging noch in das Wirtshaus, wo sich in der Regel die Geschwornen versammelten, und hier kam es endlich zu heftigem Streit zwischen ihm und dem Steinbauer, dessen sicherer, aber auch boshafter und verurteilungssüchtiger Charakter ihm stets zuwider gewesen war. Mit besonderem Behagen und listigem Augenzwinkern spielte der Steinbauer wiederholt darauf an, daß sie morgen einen Schwarzkünstler (so nannte er stets spöttisch die Brandstifter) einthun wollten, damit die Brandsteuer nicht immer wachse. Anfangs hörte Diethelm ruhig zu, bis er glaubte, daß Stillschweigen ihm mißdeutet würde, und bald war er mit dem Steinbauer im heftigsten Streit. Der Steinbauer, der stets so kaltblütig und wortkarg war, zeigte sich unbändig wild, wenn er in Zorn gebracht wurde. Er ließ es an gedeckten und doch bitter hässigen Reden gegen Diethelm nicht fehlen, und nur dem Schultheiß von Rettinghausen gelang es, Tätlichkeiten zu vermeiden. Als trüge er noch all das Lärmen und Schreien im Kopf, so wirr kam endlich Diethelm in seinem Quartier an und faßte den festen Vorsatz, noch das letzte zu thun, und ohne ein Zeichen der Betroffenheit den morgigen Verhandlungen beizuwohnen. Mitten in der Nacht erwachte er, er war an einem Schrei aufgeschreckt, den er noch wachend zu vernehmen glaubte. Er hatte im Traume seine Frau krank gesehen, und sie rief ihm mit so jammervoller Stimme, daß sein Herz noch laut pochte. Er machte sich rasch auf, verließ das Haus und die Stadt und eilte heimwärts. Immer fester glaubte er daran, daß seine Frau mit dem Tode ringe und nicht sterben könne, bis er bei ihr sei, und daß sie noch im Tode ihn so sehr liebe, daß sie ihn wegrief von all den Schrecken, die seiner harrten und denen er vielleicht doch nicht Trotz bieten könne. Die nie ganz erloschene Zuneigung zu seiner Frau flammte in ihm auf, und weinend wie ein Kind rannte er dahin. Am Herbsthimmel schossen Sternschnuppen in weitem Bogen hin und her, mit vertrauender Innigkeit sprach Diethelm beim Aufblicke den Wunsch aus, daß seine Frau leben bleiben und alles mit ihnen gut sein möge. Kaum eine Stunde war Diethelm gegangen, als er vor einem Berge wie festgewurzelt stand! Wehe! Von der Bergesspitze herunter kam wie aus dem Himmel heraus eine Herde Schafe, die blökten so jämmerlich, wie damals in den Flammen. Diethelm setzte sich nieder und wusch sich die Augen mit dem Tau, der auf dem Grase lag, er wollte gewiß sein, daß er nicht träume. Er schlug die Augen auf, aber immer näher, immer näher kam es wie ein Hirt und eine Herde, und aus der Brust Diethelms rang sich der Schrei los: »Was willst du?« Keine Antwort. Im Laub auf dem Wege raschelten Schritte. Ist das der Gang des Geistes? Es nahte sich, und jetzt stand es vor ihm. »Seid Ihr's, Diethelm?« sprach eine Stimme. »Bist du's, Munde?« rang Diethelm heraus. »Ja. Wie kommt Ihr daher? Was habt Ihr? Aber das geht mich nichts an. Eure Frau schickt mich zu Euch, Ihr sollet gleich heimkommen, sie liegt schwer krank. Jetzt hab' ich's ausgerichtet, und nun red' ich kein Wort mehr mit dem Diethelm, so lang er lebt.« »O Himmel! O Himmel! Ich hab's geahnt, daß meine Frau todkrank ist,« schrie Diethelm. »Hilf mir auf, Munde, ich kann ja nicht aufstehen.« »Meinetwegen. So,« sagte Munde, ihn aufrichtend, »Ihr seid mein Feind, aber ich will's doch thun.« »Ich bin nicht dein Feind, gewiß nicht, gewiß nicht, Munde, glaub' mir. Meine Frau weiß das auch. Warum hat sie just dich geschickt?« »Sie hat mich grad in der Stunde, wo ich zum Manöver fortgewollt hab', rufen lassen und hat mich noch gebeten, Euch gut Freund zu sein, ich hab's ihr aber nicht versprechen können. Nie, nie werd' ich Euch gut Freund, so gern ich auch Eurer Frau noch was Gutes gethan hätt'. Ich muß meinem Vater vor allem Wort halten, und lügen kann ich nicht, auch nicht zu einem, das stirbt. Ich hab' Eurer Frau versprochen, Euch gleich zu melden, daß Ihr heimkommen sollet. Ich hab' mein Versprechen gehalten und will nicht danach forschen, warum Ihr in einsamer Nacht da umherlauft. Daneben leg' ich Euch nichts in den Weg, vor mir kann der Diethelm ruhig sein, wenn er's vor sich auch kann.« Schnell eilte Munde davon und hörte nicht darauf, daß ihm Diethelm noch nachrief, er möge ihn begleiten. Wie traumwandelnd ging Diethelm in die Stadt zurück. Im Umschauen gewahrte er wieder die zerstreuten weißen Punkte auf dem Berge, und jetzt erinnerte er sich, daß das ja nur Kreidefelsen waren, die hierzulande auf den Bergen liegen gelassen werden, um die Dammerde vor Abschwemmungen zu wahren. Im Wirtshaus schrieb er einen Brief an den Vorsitzenden und schickte ihn doch nicht ab; er wartete mit Ungeduld auf den Morgen und eilte in aller Frühe zu dem Vorsitzenden, ihm ankündigend, welche Botschaft ihm ein Soldat gebracht, den er genau bezeichnete. Der Vorsitzende entließ ihn, und Diethelm hörte kaum, daß heute ohnedies keine Sitzung sei. Noch einen Augenblick sah er seinen Schwiegersohn und bat ihn, Fränz von dem Geschehenen zu benachrichtigen, dann fuhr er mit Extrapost heimwärts, er fand aber seine Frau nicht mehr am Leben und hörte nur von der Frau Kübler, wie innig sie seiner gedacht und immer gerufen habe: »Du bist unschuldig. Du bist mein braver Diethelm.« In seinem aufrichtigen Schmerze tröstete ihn der Gedanke, daß sie in diesem Glauben gestorben war. Er machte eine namhafte Stiftung zu ihrem Andenken und war überaus mild und freigebig. Neunundzwanzigstes Kapitel. Von Fränz war ein Brief aus der Kreisstadt gekommen; sie hielt sich dort bei den Eltern ihres Bräutigams auf, hatte die Todesnachricht erfahren und fragte, ob sie nun dennoch heimkommen solle, und wenn dies der Vater wünsche, möge er ihr jemand zum Geleite schicken, da es nicht mehr für sie passe, allein zu reisen. Dieser Brief war für Diethelm voll Betrübnis, er sah darin aufs neue die Herzlosigkeit seines Kindes, das nicht über alles hinweg zu ihm eilte, um ihn nicht allein seinem Schmerze zu überlassen und am Grabe der Mutter mit ihm zu weinen. Ja, Diethelm fühlte, daß er in seiner Frau nicht nur eine treue Ehegenossin, sondern auch eine mütterliche Sorgfalt verloren, die alleweil fest und unbeirrt ihm sich zuwendete. Er ging im Dorfe mitten unter den Menschen umher wie ein in Waldesdunkel verirrtes Kind, so verlassen, so hilflos erschien er sich. Was nützte ihm all die Ehrerbietung und zuthunliche Teilnahme der Menschen? Das waren doch nur Bettelpfennige, die man dem Hilflosen am Wege zuwirft, und ein jedes ging schließlich doch seiner eigenen Lebensweise und seiner Lustbarkeit nach und ließ ihn mit sich allein. Mit der jungen Frau Kübler zankte Diethelm stets, sie machte ihm nichts recht, das war alles anders gewesen zu Lebzeiten der Meisterin. Der Vetter Waldhornwirt hatte ihn gar noch gekränkt, denn als ihm Diethelm über das herzlose Wesen der Fränz Klage führte, hatte er gesagt: »Ich wüßt', was ich thät', das hoffärtige Mädchen bekäme mir eine junge Mutter. Ihr seid ein Mann in den besten Jahren, und ich will für Euch freiwerben, ich weiß, wo ich anklopfe, wird mir aufgemacht, ein neues Haus und eine neue Frau.« Diethelm schrieb der Fränz, sie solle an einem bestimmten Tag in der Kreisstadt seiner warten, und er bereitete nun alles vor, um Buchenberg auf ewig zu verlassen; einstweilen, bis er einen schicklichen Käufer gefunden, übergab er dem Vetter Waldhornwirt alles zur Ueberwachung. Es gingen aber doch noch Tage darauf, bevor er fortkam, da waren noch hunderterlei Sachen abzuwickeln, und diese Tage wurden ihm zur höchsten Pein; der Geist, der aller gewohnten Umgebung bereits Ade gesagt und doch noch mitten in ihr steht, erschien wie ein ruheloses Gespenst, das noch umwandeln muß. Endlich am zehnten Tage nach seiner Rückkehr fuhr Diethelm allein mit seinen Rappen davon. Er drückte den Hut tief in die Stirn und schaute nicht rechts und nicht links, und erst als er die kalte Herberge hinter sich hatte, atmete er frei auf. Das Reisen im frischen Herbsttage, das Fahren im eigenen Gefährte belebte ihn wieder neu, und am zweiten Mittage kam er wohl gekräftigt in der Kreisstadt an. Fränz, die er bei den Schwiegereltern traf, klagte und weinte viel, und doch schien es Diethelm, als ob sie manches nur erkünstle, um vor den Schwiegereltern als gute Tochter zu erscheinen; sie ging so straff und aufrecht umher, ihre Trauerkleidung war so wohlgeordnet, sie erschien daher schöner als je und trug gekräuselte Scheitelhaare. Diethelm betrachtete sie oft still forschend, als wäre sie gar nicht seine Tochter, und in der That war Fränz eine zierlich schlanke Dame geworden; nur die breiten Hände, die sich noch durch Flormanschetten besonders hervorhoben, zeigten die ehemalige Bäuerin. Als sie einen Augenblick mit dem Vater allein war, sagte sie schnell: »Der Munde ist auch in der Stadt, er ist beim Manöver, ich hab' ihn gesehen.« »Was geht dich der Munde an?« entgegnete Diethelm zornig, und noch ehe etwas erwidert werden konnte, trat der Schwiegersohn ein; er trug einen Flor um den Hut und sprach aufrichtige Worte des Mitgefühls um den Tod der Schwiegermutter. Diethelm schwieg, und lange redete keines der Anwesenden ein Wort. Der Staatsanwalt hielt still die Hand der Fränz, die auf dem Tritt am Fenster saß. Diethelm fragte endlich nach den Gerichtsverhandlungen, von denen er gar nichts mehr gehört, und wie die Sache Reppenbergers ausgegangen sei. »Die ist noch nicht aus,« erhielt er zur Antwort, »sie ist die letzte Tagesordnung für morgen. Der Schelm hat sich krank gemacht, er hat den Kalk von seinen Gefängniswänden abgefressen, so daß er ganz schwarz wurde; es ist möglich, daß er sich töten wollte, es kann aber auch sein, daß er nur seine Untersuchungshaft noch um ein Vierteljahr hinauszuziehen hoffte; aber wir haben ihn so hergestellt, daß er morgen vor die Bank der zwölf Männer kommt, und Sie müssen dabei sein, Schwäher, Sie müssen.« Diethelm preßte die Lippen fest zusammen und trappelte mit den Füßen rasch auf dem Boden. Hatte denn der Teufel sein Spiel mit ihm, daß er ihm diese Geschichte aufbewahrte und sie ihm wie einen Fallstrick abermals vor die Füße warf. »Ich muß? Warum muß ich? Wer kann mich zwingen? Ich bin dispensiert. Wer will mich zwingen?« sagte er endlich und bebte in allen Gliedern. Der Staatsanwalt erwiderte, es sei gut, daß das niemand anders gehört als er; er ließ die Hand der Fränz los und fuhr fort zu berichten, daß der Advokat Rothmann, der Verteidiger Reppenbergers, darauf bestehen werde, Diethelm auf der Schwurbank zu sehen; lasse er es darauf ankommen, daß der Gerichtshof darüber entscheide, so mache das großes Aufsehen und rühre Altes, Eingeschlummertes wieder auf, das ohnehin sich schon wieder geregt habe, drum sei es am besten: Diethelm melde sich freiwillig. »Das thu ich aber nicht,« sagte Diethelm aufstehend, »ich nehm' meine Fränz mit und reise noch in dieser Stunde nach Buchenberg. Was redet man von mir? Sagt's frei heraus.« Mit der größten Behutsamkeit erzählte der Staatsanwalt, daß, schon als Diethelm so rasch abgereist war, sich von Böswilligen ein verdächtiges Gerede über ihn kundgegeben habe, für dessen ersten Urheber er den Steinbauer halte. Als sich nun herausgestellt, daß die Schwiegermutter wirklich gestorben sei, habe alles geschwiegen. Wenn er aber jetzt abreise, gerade bevor man die Thüre zu dieser Verhandlung öffne, werde sich der Verdacht wieder regen, und er sei es sich und seinen Kindern schuldig, gerade zu zeigen, daß er jeder Oeffentlichkeit sich mit freier Stirn bloßstellen könne. Diethelm weigerte sich noch immer, und Fränz stellte sich auf seine Seite, indem sie zu ihrem Bräutigam sagte: »Gustav, du bist sonst so lieb und gut und bist ein Herzenkenner, aber du kannst nicht ermessen, wie schwer das Gerichthalten dem Vater ankommt. Du bist es das ganze Jahr gewöhnt.« »Ja, ihr seid Menschenmetzger und habt kein Mitleid mehr,« fuhr Diethelm auf. Der Staatsanwalt schluckte den Aerger über diesen Vorwurf hinab und sagte, die Hand Diethelms fassend: »Jetzt sag' ich wirklich, thun Sie es mir zulieb, ich kann es um Ihrer und meiner Ehre willen nicht dulden, daß nur ein Augenblinzeln meiner Kollegen den beleidige, den ich Vater nenne. Thun Sie es, so hart es Sie auch ankommt, um unsrer Ehre willen. Ich bitte dringend.« »Brauchet nicht so bitten,« sagte Diethelm mit gepreßter Stimme, denn es wollte ihn bedünken, daß sein Schwiegersohn auch nicht frei von Verdacht war, »brauchet nicht so bitten. Ich thu's, ich thu's.« Der Staatsanwalt wollte ihn umarmen, aber Diethelm wehrte ab. Alles war nun so heiter, als es die Trauerpflicht zuließ, und ohne noch irgend ein Bedenken in sich aufkommen zu lassen, ging Diethelm zu dem Vorsitzenden und meldete sich freiwillig. Es wird ja noch immer gelost, und er kann frei werden, und ist es nicht, so wollte er sich als Mann zeigen, beschwichtigte er sich. Seine ganze trotzige Kraft war wieder in ihn zurückgekehrt. Am Morgen, als die Gerichtsverhandlungen begannen, wurde Diethelm von seinen Schwurgenossen herzlich bewillkommt; nur der Steinbauer blickte vor sich nieder, und Diethelm heftete seinen Blick so lang auf ihn, bis er aufschaute und dann wie getroffen das Haupt wieder senkte. Das war ein Triumph, der schon viele Beschwerden aufwog. Auch der Rechtsanwalt Rothmann bewillkommte Diethelm herzlich und lobte ihn wegen seines Wiederkommens. Bei jedem Namen, der aus der Urne gezogen wurde, war Diethelm voll Spannung, und er hatte wirklich die Freude, daß schon die Zahl elf voll und er noch nicht unter den Gezogenen war; aber nun machte Rothmann von seinem Ablehnungsrecht Gebrauch und verwarf sechs der Ausgelosten, bis Diethelm endlich als letzter doch noch unter die Zahl der Geschwornen kam. Er nickte ruhig und setzte sich auf seinen Platz. Im Gerichtssaal war der Zuhörerraum, der nur durch ein Gitter abgeschieden war, gedrängt voll, und in der Loge der Schwurbank gegenüber saß ein Mädchen in Trauerkleidern: es war Fränz, die mit doppelt bangen Gefühlen Vater und Bräutigam in öffentlicher Wirksamkeit sah. Sie hatte sich kindisch gefreut, als dieser am Morgen bei ihr eingetreten war in der schönen Uniform, sie hatte den blauen Militärfrack mit amarantrotem Kragen, das Bandelier mit dem goldgefäßigen Degen und den Treffenhut mit wahrem Jubel bewundert. Die Anklageschrift wurde verlesen, und der Staatsanwalt schilderte mit hinreißender Beredsamkeit die Verruchtheit eines Verbrechens, das immer mehr überhand zu nehmen drohe, Eigentum, öffentliches Vertrauen und öffentliche Moral zerstöre; und beschwor die zwölf Männer aus dem Volke, durch ihr Schuldig dieser alles verheerenden Ruchlosigkeit einen Damm zu setzen. Fränz beugte sich weit heraus, die glänzende Rede ihres Bräutigams sowie seine Erscheinung mußten ihr sehr gefallen. Reppenberger benahm sich klug und gewandt mitten in allem Kreuzverhör und wußte alles auf die unschuldigste Weise zu erklären, ja, er verstand es sogar, mehrere Zeugen durch Fragen, die er an sie stellte, zu verblüffen. Den Betrug schob er auf seinen Geschäftsgenossen, der, vor kurzem entflohen, ihn betrogen habe, und nun hätten schlechte Menschen ihm Feuer angelegt. Gegen Diethelm und die Geschwornen überhaupt schaute der Reppenberger kaum auf, er hielt den Blick fast ausschließlich auf die Richter gewendet, und nur manchmal beugte er sich hinter die Brüstung nieder und nahm eine Prise aus seiner bekannten birkenrindenen Dose. Eine große Zahl von Belastungs- und Entlastungszeugen wurde verhört, und Diethelm stellte an diese selbst einige sachgemäße und entscheidende Fragen. Mittag war längst vorüber, als das sogenannte Plaidoyer begann. Rothmann schilderte in ergreifender Rede das Los des Angeklagten, der sich redlich wieder emporgearbeitet habe und nun, weil er einmal in Elend versunken gewesen war, dem lauernden Verdacht und der boshaften Schadenfreude nicht entgehe. So eifrig auch Rothmann seinen Schützling verteidigte, er ließ sich doch nie zu jener heillosen, alle Sittlichkeit verkehrenden Weise verleiten, wo es immer heißt: »Es ist meine heiligste innigste Ueberzeugung,« während dies keineswegs immer der Fall ist. Er verhielt sich ganz gegenständlich und suchte nur die Möglichkeit eines andern als verbrecherischen Vorganges ins Licht zu setzen. Es war nicht minder klug als ehrenhaft, daß er die überhand nehmende allgemeine Entsittlichung durch die mutwilligen Brandlegungen schilderte: wie der erste Gedanke beim Vernehmen der Sturmglocke nicht mehr Mitleid, sondern im besten Falle Zorn sei, in der Regel aber ein teuflisches Frohlocken, daß es gelinge, den Staat zu Gunsten eines Schurken zu betrügen, wie das alles müßig umherstehe und oft die Zimmerleute noch in Hoffnung auf Verdienst durch den Neubau und den Dank des Abgebrannten dem Feuer Luft machen. Vom aufrichtigen Beklagen dieser Entsittlichung ging er auf die Unschuld seines Schützlings über, und jetzt wendete er sich an die Schwurbank und rief den Ehrenmann dort, der selbst einmal unter so nichtiger Anklage gestanden, auf, bei seinen Mitgeschwornen auf eine leidenschaftslose Prüfung der vorliegenden Umstände hinzuwirken. Der Staatsanwalt unterbrach den Verteidiger und verlangte von dem Gerichtshof solche unangemessene Anrufung als unerlaubt zurückzuweisen und dem Verteidiger eine Rüge zu erteilen. Rothmann widersprach, und der Gerichtshof zog sich zurück; es entstand eine Pause, in der Diethelm starr dreinschaute, keine Miene zuckte. Der Gerichtshof trat bald wieder ein und erklärte, daß dem Verteidiger für das Gesagte keine Rüge zukäme, daß er aber solche persönliche Anrufung fortan unterlassen müsse. Rothmann fuhr nun fort, mit großem Geschick die Schuld von dem Angeklagten zurückzuweisen. Der Staatsanwalt entgegnete mit gesteigertem Eifer, und besonders eine Hinweisung machte Diethelm den Kopf schütteln, da der Staatsgewalt sagte: der Angeklagte hat gleichsam als Sühne für sein Verbrechen an einer Menschenwohnung sich aus den Kerkerwänden den Tod geben wollen. Der Vorsitzende faßte endlich alles klar und übersichtlich zusammen, worauf er die Fragen stellte. Rothmann griff die Fassung derselben an, und es begann bereits zu dämmern, als die zwölf Männer sich in ihr Beratungszimmer zurückzogen. Einstimmig und vom Steinbauer zuerst vorgeschlagen, wurde Diethelm zum Obmann gewählt. Er widersprach und verlangte, daß ein andrer für ihn einstehe, da er selbst in die Verhandlung gezogen sei; aber der Steinbauer widersprach mit lauernd frohlockendem Blick. Diethelm wollte den Gerichtshof entscheiden lassen, er wollte hinaus, er hatte vergessen, daß die Thüre hinter ihnen geschlossen blieb, bis sie den Wahrspruch gefällt hatten, wenn sie nicht über die Fragestellung sich eine Erklärung holen wollten. Plötzlich war es ihm, als wäre er mit wilden Tieren eingesperrt, die ihn zerfleischen wollten. Er verlangte nach einem Schluck Wein, nach einem Bissen Brot, aber dies war den Schwurrichtern versagt, bevor sie ihr Amt vollendet. Diethelm fühlte seine Wangen brennen, ein Hungerfieber machte ihn zittern. Sich aufrichtend und mit gewaltiger Stimme las er die aufliegenden Anweisungen für die Geschworenen vor und leitete die Verhandlung. Auf dem Tische lagen die Akten des Verweisungserkenntnisses. Der Steinbauer sagte, man möge doch wenigstens die Aktenschnur aufmachen, damit es nicht den Anschein habe, als ob man sich gar nichts um die Akten gekümmert habe. Es war Diethelm gelegen, diese kindisch heuchlerische Anforderung zu züchtigen, er erklärte, daß man nur nach dem zu urteilen habe, was man selbst gehört. Die Verhandlung war bald geendet, und Diethelm sammelte die Stimmen; er selber sprach: Schuldig. Nach einer gräßlichen halben Stunde trat er an der Spitze der Geschworenen in den Gerichtssaal. Er war erleuchtet, und alles sah doppelt feierlich aus; ein Zischeln ging durch die Zuhörer, der Gerichtshof trat von der andern Seite ein, und der Angeklagte wurde wieder vorgeführt; hinter ihm blitzte das blanke Schwert. Totenstille herrschte, Diethelm stand, die rechte Hand auf das Herz gelegt, und wollte eben den Wahrspruch verlesen. Da drängte sich ein Schäfer im weißen, rot ausgeschlagenen Zwillichrock an das Gitter der Zuhörer; er erhob den Arm weit hinüber über das Gitter, und auf Diethelm deutend, hörte man ihn laut sagen: »Ich will sehen, wie der Diethelm einen Brandstifter verurteilt.« Mit einem Schrei des Entsetzens rief Diethelm: »Du da? Du da? Medard? Ja, ja, ich;« er schlug sich auf die Brust, daß es dröhnte. »Ich, ich, ich bin schuldig, hab' dich verbrannt, alles verbrannt. Ich, ich, ich bin schuldig.« Er brach in die Kniee, die Schwurgenossen wichen von ihm zurück; von oben hörte man einen Hilfeschrei, eine Frauengestalt in Trauerkleidern wurde ohnmächtig weggetragen. Die Schwurbank wurde zur Bank der Angeklagten. Der Vorsitzende erklärte die Verhandlung aufgelöst, zwei Angeklagte wurden abgeführt, es waren der Reppenberger und Diethelm. Dreißigstes Kapitel. Das Herbstmanöver war zu Ende, und Munde hatte seinen Schäferrock angezogen, ohne daran zu denken, daß ihm sein Vater einst befohlen, in diesen Kleidern des ermordeten Bruders vor Diethelm hinzutreten und ihm das Geständnis abzupressen. Er hatte gehört, daß eben die letzte Gerichtsverhandlung stattfinde, und sich zu derselben gedrängt. Fast unwillkürlich hatte sich sein lang verhaltenes feindliches Grollen in jenen Worten Luft gemacht, die Diethelm so plötzlich zum Geständnis seiner Schuld brachten. Er mußte nun in der Stadt bleiben, um bei der wieder aufgenommenen Untersuchung gegen Diethelm als Zeuge zu dienen. Er machte nun die Angabe von dem, was ihm sein verstorbener Bruder gesagt, von den Mitteilungen der Fränz schwieg er; denn er hatte trotz des sympathetischen Gegenmittels noch Liebe genug zu ihr, um nicht auch sie ins Elend zu stürzen und sie zu zwingen, gegen den Vater Zeugnis abzulegen. Fränz erhielt noch am Abend einen Besuch von ihrer Schwiegermutter, ihr Bräutigam ließ ihr auf die schonendste Weise, die aber doch nicht minder schmerzte, lebewohl sagen. Der in Diethelm ertötete Haß gegen die Welt setzte sich nun in Fränz fest. Diethelm gestand im ersten Verhör seine ganze That mit allen ihren wechselnden Stimmungen bis in die Einzelumstände hinein, aber manchmal sprach er doch verworrene Worte, über die er jedoch bald wieder hinweg kam. Er klagte jämmerlich über die unvertilgbare Kellerkälte, die ihn so sehr plage, und verlangte den rotausgeschlagenen Rock Medards, der ihm allein warm machen könne und in dem er zum Richtplatze gehen wolle. Die scheinbare Geistesverwirrung Diethelms löste sich wieder. Er verzichtete ausdrücklich auf die Verhandlung vor dem Schwurgericht, wurde aber, da diese Bestimmung der Grundrechte noch galt, nicht zum Tode, sondern zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Im Zuchthause zu M. saß drei Jahre ein zusammengeschnurrtes Männchen, dürr und gebeugt, das immer fror und sich die Hände rieb und mit den Zähnen klapperte; es war schwer, in diesem Männchen den einst so stattlichen Diethelm wieder zu erkennen. Dumpf und lautlos verhielt sich der Sträfling, und nur manchmal bat er mit aufgehobenen Händen um die Gnade, Holz hacken zu dürfen, da diese Arbeit allein ihn vom Froste erlöse. Erst nach drei Jahren des Wohlverhaltens wurde ihm diese Gnade gewährt, und nachdem er die ersten Splitter von den zähen Baumstümpfen gelöst und die Keile eingetrieben hatte, fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und betrachtete frohlockend die Schweißtropfen, die er abgewischt hatte. Aufs neue erhob er mit Macht die Axt, und die zusammengeschrumpfte Gestalt wurde bei jedem Schlage größer und gewaltiger. Das war wieder der Diethelm von Buchenberg. Plötzlich schrie er laut auf: »Heraus, heraus will ich!« und zerschmetterte sich mit dem Beile das Hirn. Eine Leiche sank unter die Splitter der Baumstümpfe. Der anfängliche Wahnsinn Diethelms gab dem Advokaten der Fränz Gelegenheit, die Ansprüche der Feuerversicherungsgesellschaft in Frage zu stellen, und ein langwieriger Rechtshandel schien sich daran zu knüpfen, den Fränz mit eiserner Unbeugsamkeit und mit Dransetzung eines großen Teils ihres Muttergutes fortführte. Sie wohnte allein mit einer Magd in dem großen neuen Hause in Buchenberg, kleidete sich wieder in Landestracht und that lustig; sie behielt die Rappen ihres Vaters und fuhr oft damit nach der Stadt zur Betreibung ihres Rechtshandels. Rothmann brachte noch vor der Wiederherstellung Diethelms einen Vergleich zustande, der Fränz noch immer zu einer der reichsten Erbinnen im Oberlande machte. Man sagte, daß sie doch noch den Munde heirate. Dies trat aber nicht ein. Die Missionen kamen in das Oberland und wühlten alle Herzen auf. Ergreifend vor allen wirkte jener Missionär, den Fränz im Wildbade kennen gelernt hatte. Fränz war die Stifterin eines Jungfrauenbundes in Buchenberg und die erste Schwester desselben. Auf den Bahnhof in Friedrichshafen am Bodensee kam eines Tages ein großer Zug von jungen Burschen und Mädchen, sie weinten alle beim Abschiede von einer abgehärmten Mädchengestalt, die eine Nonne geleitete, und schaute ihr noch lange traurig nach, als sie mit dem Dampfschiff nach der Schweiz fuhr. Das schöne Haus in Buchenberg gehört jetzt dem Kloster Einsiedel in der Schweiz. Wer weiß, welche Bestimmung es haben soll. Hopfen und Gerste. 1. Der Faulenzer. Auf der Schnitzelbank vor seinem Hause saß rittlings ein junger Bursch und hob von Zeit zu Zeit aus einer großen Schichte zu seiner Rechten einen langen Tannenzweig auf, preßte ihn zwischen den Kloben und drehte ihn zu leichter Biegsamkeit, schnitzelte das dicke Ende und flocht einen Strohzopf daran; was zubereitet war, legte er sorgfältig zu seiner Linken nieder, wo bereits mehrere solcher Garbenbänder, sogenannter Wieden, wohlgeordnet lagen. Trotz des lustigen Parademarsches, den der Bursche pfiff, hatten seine Mienen doch etwas Verdrossenes, und er warf oft wie unwillig das Haupt zurück, auf dem eine Soldatenmütze mit rotem Vorstoß prangte. Der Dorfschütz, ein alter Soldat, der ein kupfernes Ehrenzeichen auf seinem blauen Rock trug, kam vom Rathaus herunter; er hielt bei dem Arbeitenden still und sagte: »Buschur, Kamerad.« Der Angeredete dankte stumm, und der Schütz fuhr fort: »Warum bist du nicht bei der Zehntversteigerung gewesen?« »Ich bin noch nicht Bürger,« erwiderte der junge Soldat, »das Sach gehört noch meiner Mutter und meinen Geschwistern.« Der Schütz setzte sich auf die fertigen Wieden und berichtete: »Es ist ein Generalspaß gewesen. Seit Jahren haben die drei fetten Schwäger den Zehnt gepachtet, sie mögen's nicht leiden, daß der Zehntknecht auf ihre Aecker kommt, und wollen da freie Herren sein. Aber diesmal hat der Wasserstiefel immer höher geboten, und zuletzt ist ihm der Zehntbestand zugeschlagen worden. Dein Schwäher, der Schlägelbauer, der hat seinen Koller kriegt vor Zorn und Gift, daß man gemeint hat, er erstickt, und mit Fluchen und Schelten sind sie alle davon. Das führt noch einmal zu bösen Häusern, du wirst sehen, Franzseph.« Franz Joseph oder, wie er in der Abkürzung hieß, Franzseph nahm eine neue Wiede auf und entgegnete: »Es ist und bleibt nicht recht, daß das ganze Dorf und vorab der Schlägelbauer so einen hirnwütigen Haß auf den Faber geworfen hat, und weiß kein Mensch recht, warum. Der Faber ist hier fremd, er hat des Luzians Gut um sein ehrlich Geld gekauft und thut niemand was zu leid; daß er sich herrisch kleidet, geht ja niemand was an, und er kann darüber lachen, daß sie ihn den Wasserstiefel heißen. Der Schlägelbauer ist auch schon an mir gewesen, ich soll' nichts mit dem Faber reden: aber ich weiß selber, was ich zu thun hab', und ließ' mir von meinem eigenen Vater, wenn er noch leben thät', nichts drein reden, mit wem ich Freundschaft haben darf oder nicht. Und gerade weil sie ihn alle den Wasserstiefel heißen und niemand gut gegen ihn ist –« »Du bist halt ein guter, guter Kerle, das sagen alle Leut'!« unterbrach der Schütz. Dem jungen Mann schoß bei dieser Anrede alles Blut zu Kopfe, er würgte eine Wiede ganz ab, warf die Stücke weit weg und rief voll verbissenen Ingrimms: »Sag das nicht. Ich bin kein guter Kerl, ich will nicht. Fahnenmalefitzdonner! Ich möcht' euch zeigen, daß ich ein guter Tralle bin. Sag das nicht noch einmal, oder ich vergreif' mich an dir zuerst.« »Das wär' am unrechtesten Orte angefaßt. Du bist ja wie ausgewechselt. Was hast denn? Gibt des Schlägelbauern Madlene nach, und heiratet das bildsaubere Mädle des Schultheißen Klaus?« »Wenn die Kuh einen Batzen gilt,« entgegnete Franzseph plötzlich lachend, und über sein Antlitz zog eine Besänftigung des Friedens, daß es zu leuchten schien. »Du bist aber doch seit Ostern,« fuhr der Schütz fort, »seit du mit dem Abschied vom Regiment heimkommen hist, wie verhext. Was hast denn? Freilich, kann mir's denken, du kannst dich nicht wieder ins Bauernleben gewöhnen; mußt den Paradeschritt verlernen und den Ochsenschritt einexerzieren. Hab' ich recht? Ist's das, warum du immer so maßleidig aussiehst?« »Kann sein,« erwiderte Franzseph nach langer Pause und fuhr dann sich aufrichtend fort: »Ja, du hast mit meinem Vater in einer Kompanie gestanden und bist sein bester Kamerad gewesen; ich will mich dünken lassen, ich red' zu meinem Vater. Guck, wie ich mit dem Abschied heim bin, da hab' ich gemeint, ich könnt' es gar nicht erwarten, und das ganze Dorf muß grad so sein wie ich, und jedes muß weiter nichts denken und sagen als wie: der Franzseph ist da. Ich hab' mir oft denkt, daheim da ist das helle Paradies, und ich hab mir mit Gewalt wieder vorrechnen müssen, wie viel Feindschaft und Hajard auch da ist und wie eines ein Auge drum gäb', wenns andre keins hätt'. Ich bin freilich nie gern Soldat gewesen, aber es ist doch eigentlich das schönste Leben, und jetzt wünsch' ich mir des Tags tausendmal, daß ich's noch wär'.« »Ja, es ist jetzt schlimmer hier als je. Denk daran, was ich sag': es thut kein gut, bis die Hopfenstangen draußen an der Geißhalde noch zu einer Generalsprügelei verwendet sind.« »Wegen dem Hopfengarten,« nahm Franzseph wieder auf, »haben meine ersten Händel mit dem Schlägelbauer angefangen. Ich hab' mich gefreut, daß der Faber den verrutschten Berg so gut ausnutzt, und der Schlägelbauer hat grad darüber losgezogen; er versteckt seinen einfältigen Haß hinter der Gemeindeehre. Früher, sagt er, sei unser Dorf berühmt gewesen, daß wir den besten Spelz bauen, jetzt werde sich's umkehren, und man wird sagen: die Weißenbacher bauen den schlechtesten fuchsigen Hopfen. Und wenn ich meine Aecker krieg', bau' ich selber auf dem Buckel im Speckfeld auch Hopfen; es ist dort gerade der rechte warme Lehmboden und liegt prächtig gegen Mittag. Die alten Bauern, die nie über ihres Vaters Miste 'nauskommen sind, die meinen: schaffen wie ein Vieh, damit sei alles gethan; man muß schaffen wie ein Mensch, mit Verstand und Bedacht. Ich bin nicht umsonst beim Regiment gewesen und weiß von der Welt. Der Schlägelbauer giftet auch darüber, weil ich den Knecht nicht aus dem Haus thue, den meine Mutter für meine Soldatenzeit genommen hat; ich kann ihn nicht so von heut auf morgen fortschicken, und ich muß mich auch erst wieder ins Feldgeschäft gewöhnen, und ich bin ein Kerl, der Ehre im Leibe hat, und wenn mich einer zum Schaffen ermahnt, da thu' ich grad nichts; ich weiß selber, was ich zu thun hab', und es soll keiner meinen, ich hätt' darauf gewartet, bis er mich richtig anstellt, und das Lob gehört ihm.« Unter diesem Gespräch war die Herrichtung der Wieden vollendet. Franzseph rief seinem Knecht, der auf der Hausschwelle die Sense dengelte, und befahl ihm, die Wieden nach dem Bach zu tragen; er selber folgte mit der Hakengabel, und die Art, wie er diese nicht auf die Schulter nahm, sondern als Spazierstock gebrauchte, zeigte die seltsame Stimmung des sich stolz tragenden stattlichen jungen Mannes. Viele Menschen, wenn sie zu einem Rechtsanwalt kommen und ihren Streit vortragen, wollen von den Gegengründen ihrer Widersacher fast gar keine Kunde oder doch nur augenscheinlich unhaltbare mitteilen; sie meinen dadurch ihren Streit bereits gewonnen zu haben. Aehnlich erging es dem Franzseph bei seinen Mitteilungen an den Dorfschützen. Aus dem Soldatenleben zurückgekehrt und nicht unter der Botmäßigkeit eines Vaters stehend, fand der junge Mann sich nur schwer in die Obliegenheiten der mühseligen Arbeit. Er schloß sich um so lieber an Faber, den sogenannten Wasserstiefel, an. Faber war weder ein bloßer Gutsbesitzer noch ein Bauer, und schon seine Kleidung zeigte seine Stellung zwischen beiden. In der Ackerbauschule gebildet, mit mäßigem Vermögen ausgerüstet, das sich durch die Heirat einer Wirtstochter aus der Hauptstadt noch beträchtlich vermehrte, gehörte Faber zu jenen Männern, denen keine sogenannte niedere Arbeit zu gering ist, die aber auch mit überschauendem, offenem Geist ihre Thätigkeit erweitern und wohl mit der Zeit die Erneuerung des starken in sich gefesteten Bauerntums darstellen. Faber sah es gern, daß Franzseph an seinen Versuchen und Studien zur bessern Ausnutzung der vorhandenen Bodenkräfte teilnahm, und Franzseph war gern mit ihm, teils um der besondern Ehre willen, teils auch weil Faber mit einer noch immer fremd bleibenden Zurückhaltung nie ermahnend in seine Angelegenheiten eingriff, während er sonst überall mehr oder minder grobe Stichelreden über seinen halben Müßiggang hören mußte. Lässige Menschen – und ein solcher war Franzseph – suchen vornehmlich Umgang mit Halbfremden oder unterthänig Schmeichlerischen; für Franzseph gehörte Faber zu den ersteren und der Dorfschütz zu den letzteren. Darum schloß er sich fast nur diesen an und schien heiter und wohlgemut. Dennoch fehlte ihm die rechte Herzensfreudigkeit, alles war ihm wie mit einem trägen Nebel verdeckt, durch den nur die Liebe zu des Schlägelbauers Madlene zuweilen wie ein heller Stern hindurch schimmerte; manchmal fürchtete er aber fast die Vereinigung mit Madlene und sah sich einer Sklaverei entgegengehen, in der er über jede Stunde und ihre Arbeitspflicht Rechenschaft geben müsse, manchmal hoffte er auch wieder, wenn er erst Madlene ganz sein nennen werde, müsse wieder frische Regsamkeit in ihn kommen und die oft unerklärliche Trübsinnigkeit schwinden. Diese Hoffnung stand nun aufs neue im weiten Feld, denn der Schlägelbauer wurde von Tag zu Tag unwirscher, wollte von Verspruch nichts wissen und verlangte vor allem ein Aufgeben der Kameradschaft mit Faber. Franzseph sah darin nur eine Beschönigung der Feindseligkeit, da der Schlägelbauer behauptete, ein Bauersmann, der keine Kapitalien habe und von der Ernte leben müsse, könne sich nicht in solche Sachen einlassen wie der Wasserstiefel. Franzseph antwortete hierauf kaum, er wußte es ja besser, daß er mit seinem jetzigen scheinbaren Nichtsthun mehr gewinne, als wenn er sich Schwielen an die Hände und Schweiß auf die Stirn arbeite. In lässigem Trotz ritt und fuhr er um jede Kleinigkeit in die Stadt und machte daheim immer ein saures Gesicht, als suche er etwas oder als plage ihn ein geheimes Leiden. In der That hatte er immer einen so roten Kopf, daß man meinte, das Blut würde ihm zu den Adern herausspritzen. Die Mutter wollte den Arzt darüber befragen, und als sie dies einst ihrem Vetter Schlägelbauer klagte, hörte Franzseph, der in der Kammer seine Cigarre rauchte, diesen sagen: »Schneid ihm die Pulsadern aus seiner Soldatenmütze heraus, dann ist dein Franzseph gesund. Leid's nicht, daß er Cigarren raucht; dazu braucht man eine dritte Hand und kann nichts dabei schaffen. Aber da ist alles kurz bei einander, dein Franzseph ist halt ein Faulenzer, der kehrt sich morgens siebenmal im Bett: und wendet dem Teufel den Braten.« Schnell riß Franzseph die Kammerthüre auf und rief: »Saget mir das noch einmal ins Gesicht hinein, frei heraus.« »Kannst's haben; ja, du bist ein Faulenzer.« »Wenn Ihr nicht der Vater von der Madlene wäret, läget Ihr jetzt am Boden.« »Da müßt' ich auch dabei sein. Freilich, du hast deine Kräfte gespart, du bist ausgeruht; aber wegen meiner Madlene, da thu dir keinen Zwang an, auf die Art ist's mit euch aus, daß du's nur weißt.« Der Schlägelbauer begann wieder seinen schweren Husten, und die Mutter beschwichtigte den Streit und hieß Franzseph wieder in die Kammer gehen; sie geleitete dann den Vetter bis vor das Haus, und Franzseph hörte noch, wie sie sagte: »Mein Franzseph ist ja der beste Mensch von der Welt.« »Das ist wahr,« erwiderte der Schlägelbauer, »er wär' mir lieber ein bißle schlimm. Ich brauch' keinen so Gutedel.« »Ich bin ein Faulenzer!« rief noch Franzseph zum Fenster hinaus und hoffte mit diesem Selbstbekenntnis einen großen Sieg gewonnen zu haben, und die ganze Welt sollte es hören, welch ein himmelschreiend Unrecht ihm geschah, und alles, vorab der Schlägelbauer, sollte ihm Abbitte thun. Aber der Schlägelbauer schaute sich nicht um, und Franzseph betrat die Schwelle seines Vetters nicht mehr; er sah nur noch verstohlen seine Madlene, die aber meist schweigsam und betrübt war. Was sollte aus der Feindseligkeit Franzsephs mit dem Vater werden? und wenn ihr jener klagte, daß ihm alles so schwarz vorkäme und er keine rechte Lustbarkeit in sich spüre, mußte sie die wahre Tröstung verschweigen, denn sie hatte einst gesagt: »Ich mein' auch, du schaffst nicht genug.« »Ich bin halt ein Faulenzer,« knirschte Franzseph. »Das sag' ich nicht,« entgegnete Madlene, »aber« – »Genug,« unterbrach Franzseph, »da drüben wohnt die Vroni, frag deinen Vater, woher sie Witwe ist. Ihr Mann liegt in der Ernte krank im Bett, da geht sie zu ihrem Vater und sagt: ›In der harten Arbeitszeit will er jetzt ins Bett liegen.‹ – ›Da will ich schon helfen,‹ sagte der Alte, nimmt seine Peitsche und haut auf den kranken Mann los, bis er zum Bett herausspringt – und zwei Tage darauf hat man ihn begraben. Wie meinst, Madlene, sollt' ich mir's auch so machen lassen?« »Du bist ja nicht krank,« entgegnete Madlene. »Das ist all eins, es darf mir niemand sagen, ob ich schaffen soll.« Von jener Zeit an hatte Madlene hierüber kein Wort mehr gesprochen, und Franzseph fühlte wohl selber, wie er sich anders rühren müsse, aber konnte sich nicht dazu bringen, daß er den Schein auf sich lade, auf fremde Ermahnung arbeitsam zu sein; fast nie ging er mit dem Geschirr ins Feld, trug nie etwas über die Straße, ging immer los und ledig einher und gebarte sich überhaupt, als wäre er nur auf Urlaub daheim und als sei jede Arbeit, die er verrichte, besondern Dankes wert. Ein geheimer Segen der Arbeit ist allerdings zerstört, wenn sie nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf fremde Ermahnung erfolgt; aber Franzseph konnte nicht über den kindischen Stolz hinauskommen, der ihn eben darum auch gegen seine Pflicht widerspenstig machte. – Wie er eben jetzt wieder nicht selber die Wieden nach dem Bach trug, sondern mit der Hakengabel spazierend daherschritt, kam ihm der oft unterdrückte Gedanke, geradeswegs zu dem Schlägelbauer zu gehen und ihm zu sagen: »Vetter, Ihr habt recht, und Ihr werdet sehen, ich bin fleißig . . .« Aber sein Atmen ging schneller schon vor Zorn über diesen Gedanken, den er doch nicht bannen konnte, und heftig schlug er mit der Hakengabel auf, denn es wurde ihm klar, daß seine bisherige Lässigkeit ihn in eine verkehrte Lage gebracht: wie tapfer er auch künftig sich rühren möge, der Schlägelbauer wird ihm immer mißtrauisch aufpassen, und er gerät dadurch in eine unerträgliche Botmäßigkeit, über die alle Menschen spotten müssen; hätte er nie den Namen eines Müßiggängers auf sich geladen, da stünde er ganz anders da. Der Schlußpunkt dieser Wahrnehmung waren folgerecht immer Zorn und Reue über die vergangenen und schlaffer Mißmut, ja Verwünschungen über die kommenden Tage, wobei er sich jedesmal wünschte, wieder unter den Soldaten zu sein; da steht man doch unter einem festen Kommando, dem folgt man und hat sich nicht von dem Blick eines jeden befehlen zu lassen. Diesmal aber konnte er nicht hierbei beharren: am Montag begann die Ernte, und die verschlossene Trutzigkeit, der Hader mit sich und der Welt mußte auf eine oder andere Weise geändert werden. Franzseph schickte den Knecht nach Haus und weichte mit der Hakengabel die Wieden im Bach ein. Er hatte sich hierzu eine recht bequeme Stelle ausgesucht, da, wo auf eingerammtem Balken ein Brett befestigt war und eine Art Landungsbrücke bildete. Von hier aus konnte man auch ungesehen beobachten, wer beim Schlägelbauern aus- und einging. Jetzt sah Franzseph Madlene mit dem Vater daher kommen, sie konnten ihn nicht bemerkt haben, er hatte sich schnell hinter den Weiden versteckt; dennoch hörte er, wie der Schlägelbauer über den Bachsteg gehend und oft vom Husten unterbrochen sagte: »Ein gesunder Mensch, der faul sein kann, ist der liederlichste. So ein lotteriger Tagdieb meint wunder, wie gut er sei, weil er niemand was stiehlt, er legt sich auf die faule Haut und schreit immer: Ich bin ja so gutmütig, ich bin ja so brav.« Franzseph ballte beide Fäuste und wollte schreien und fluchen, aber der Laut erstickte ihm in der Kehle und drohte, ihn fast zu erwürgen. Er starrte in den Bach hinein und wußte nicht, wie ihm geschehen, ihm war so dumpf, als hätte plötzlich ein schwerer Hammerschlag ihn auf den Kopf getroffen. Endlich raffte er sich auf, und nur der eine Gedanke lebte in ihm, wie er Rache nehmen könne für die erlittene Unbill; er konnte nichts finden, und doch wollte er durch eine gewaltige That zeigen, wie himmelschreiend unrecht ihm geschehen sei. Noch einmal durchblitzte ihn der Gedanke, durch rastlose Emsigkeit darzuthun, wie sehr man ihn verkannt habe; aber schnell verwarf er diese Demut wieder. Sollte er jeden zum Zeugen seiner Rührigkeit aufrufen und sich von ihm den Stempel seiner Geltung aufprägen lassen? – Franzseph war ein Soldat, dürfen diese versessenen Bauerntölpel über seine Ehre richten? Freilich mußte er unter diesen Menschen leben, aber sie mußten einsehen lernen, daß er etwas Besseres sei als sie. Darum erschien es ihm zuletzt am genehmsten, in trotziger Verachtung den Unverstand herauszufordern. Mitten in der Ernte, die übermorgen beginnen sollte, wollte er, sonntäglich geschmückt, müßig und Cigarren rauchend, auf den Feldern und im Dorf umherschlendern, bis alle ihm Abbitte thun, daß sie das ihm inwohnende Streben nach Arbeitsamkeit so grausam verkannt hatten. Aber woher sollten die Menschen an eine Tugend glauben, von der sich ihnen gerade das Gegenteil unter die Augen stellte? Sie müssen es dennoch, denn was ist das für eine Achtung und Liehe, die erst Beweise verlangt, daß man sie verdiene? In der Seele dieses jungen Mannes erhob sich ein Widerstreit, den er in Worten nicht hätte darlegen können, und doch bewegte sich's in ihm, und die Leidenschaft erschloß ungeahnte Quellen. Weit hinein stieß Franzseph die Wieden, daß sie den Bach hinabschwammen, als stieße er damit jeden Gedanken an Arbeit von sich, und er freute sich seines Nichtsthuns auch für die kommenden Tage wie einer Lustbarkeit. Es liegt in der Trägheit eine eigene Wollust, ja man möchte sagen, eine Art Leidenschaft voll unergründlicher Macht; wie im halbwachen Schlummer überstürzen sich in ihr Gestalten und Empfindungen und begraben in ihren Wellen das selbstmörderisch hingegebene Leben. Auch von Madlene wollte Franzseph nichts mehr wissen, wie von sich selbst nichts mehr. Eben wollte er auch die Gabel den davonschwimmenden Wieden nachwerfen, da rief eine Stimme: »Franzseph, was machst?« und Madlene stand vor ihm. »Ich faulenze,« entgegnete der Angeredete trotzig; das Mädchen aber faßte seine Hand und wehrte ab: »Sag' das nicht, du thust dir unrecht.« »Ich? wer thut mir unrecht? Ich heiß' das Liederlichste auf Gottes Erdboden und will's auch sein. Glaubst du nicht auch, daß ich faul bin?« »Nein, Gott ist mein Zeuge, daß ich das nicht glaube. Laß du die Leut' sagen, was sie wollen, ein Wort beißt nicht. Ich weiß besser, wie du bist. Du kannst dich nur vom Soldatenleben her noch nicht wieder ins Bauerngeschäft finden. Ich seh' dir's schon seit ein paar Tagen an, du willst jetzt in der Ernt' zeigen, was du vermagst; aber ich bitt' dich, überschaff' dich nicht, du bist's ungewohnt, und man hat eine Krankheit weg, man weiß nicht wie, thu's mir zulieb und schon' dich.« Im Innersten betroffen und erschreckt schaute Franzseph auf. Noch vor wenigen Augenblicken hatte er in selbstzerstörendem Unmut diese Liebe verleugnet, und ihre Zuversicht richtete ihn jetzt straff auf; er blinzelte mehrmals rasch mit den Augen, und wie angerufen sprang er dann plötzlich den davon geschwommenen Wieden nach, watete in den Bach und holte sie auch richtig ein. Jetzt konnte er sich das Angesicht von den aufgespritzten Tropfen abwischen, und alle Düsterheit war plötzlich davon weggenommen. Madlene hatte diesem verwunderlichen Thun betroffen zugesehen; sie litt unsäglich unter der Feindseligkeit zwischen Franzseph und ihrem Vater. Sie verkannte das herrschsüchtige und geizige Wesen ihres Vaters nicht, aber auch das müßige Gehenlassen Franzsephs war ihr klar, und so sehr auch Feindschaft zwischen den beiden waltete, sie wußte doch, daß sie in Gedanken nicht voneinander lassen, denn beide waren stolz, und das verband sie doch. Der Vater verbot ihr nie ausdrücklich den Umgang mit Franzseph und that, als ob er von den heimlichen Zusammenkünften nichts wüßte, und Franzseph suchte trotz allen Tobens doch bloß nach einer Gelegenheit, um in Lob und Ehre vor dem Vater dazustehen. Lachend stand Franzseph bald wieder bei seiner Madlene, und sie sprachen traulich, wie in vergangenen Tagen, miteinander. Sie mußte ihm, obgleich widerstrebend, jedes harte Wort berichten, das der Vater über ihn gesagt, und diese Vorwürfe, die ihn sonst zum Toben und Rasen gebracht hätten, hörte er jetzt so heiter lächelnd an, als wären es lauter Lobeserhebungen. Nur als das Mädchen berichtete, daß ihr Vater nichts von ihm wissen wolle, solange er die Soldatenmütze auf dem Kopf habe, da preßte er die Lippen zusammen, nahm die Mütze ab, betrachtete sie eine Weile und setzte sie wieder keck auf. Madlene erzählte hierauf, daß des Schultheißen Klaus, der sie immer von ihm abspenstig machen wollte, sich bei ihrem Vater gut Kind mache, besonders dadurch, daß er dem Wasserstiefel, wo er nur könne, eine Tücke anthue, und daß der Vater sie immer bereden wolle, der Werbung des Klaus nachzugeben. Selbst das hörte Franzseph mit unveränderter Miene an und sagte endlich, er wolle den Schlägelbauer auf einmal zu ganz anderer Meinung über ihn bringen. Er ließ sich aber nicht bewegen, zu erklären, wodurch er dies bewirken wolle. »Wohin ist dein Vater gegangen?« fragte Franzseph zuletzt. »Auf das Speckfeld, dort wollen wir am Montag – will's Gott – anfangen Wintergerste zu schneiden.« Die Sonne stand eben im Scheiden, und ihr roter Widerschein glänzte im Bach und im Antlitz der Liebenden, die Hand in Hand dastanden. Die Lippen Franzsephs zitterten, es lagen Worte darauf, die er nicht aussprechen durfte, und ehe ers gekonnt hätte, schied er schnell von Madlene, denn sie sahen den Schlägelbauer von der Höhe jenseits herabkommen. Franzseph nahm die Wieden auf und trug sie nun selbst nach Haus; dennoch machte er einen Umweg, um dem Schlägelbauer nicht zu begegnen. 2. Ein Sommernachtswerk. Zu Hause war Franzseph voll Unruhe, die Mutter überraschte ihn, als er sich eben ein großes Stück Brot abschnitt und in die Tasche steckte; er erwiderte auf ihre Frage, was er damit wolle, daß ihn oft in der Nacht ein Jähhunger plage, dem er vorsorgen müsse. Die Mutter schüttelte den Kopf über das so auffällig veränderte Wesen ihres Sohnes und sprach wieder vom Arzt, aber Franzseph hörte nicht darauf und hatte noch allerlei in der Scheune herzurichten, als ob es früher Morgen wäre und nicht einbrechende Nacht. Er wich den Fragen hierüber aus und bat um die Kappe des verstorbenen Vaters, die er zum Andenken in seiner Kammer haben wolle; die Mutter brachte sie schnell, setzte sie ihrem Sohn aufs Haupt und beteuerte, daß sie ihm viel besser stehe, als die steife Soldatenmütze, der sie höchst unehrerbietige Namen gab. Franzseph riß hierauf rasch die Kappe ab und setzte seine gewohnte auf, aber er gab die alte doch nicht wieder zurück. Er ging mehrmals durch das ganze Dorf, und es kam ihm wunderlich vor, daß die Leute noch immer zögerten, zur Ruhe zu gehen. Wie gern hätte er den Zapfenstreich schlagen lassen und den Leuten kommandiert: »Licht aus! ins Bett!« Aber hier führte jeder sein eigen Regiment und kannte kein allgemeines Gebot. Jedem, der noch eine Weile vor dem Hause gesessen und sich dann hinein unter Dach begab, wünschte Franzseph in besonders nachdrücklicher Weise eine gute Nacht. Es war, als ob er jedem besonders dankte, der nur die Augen schloß, um sein Vorhaben nicht zu sehen. Endlich war Stille im Dorf, über dem eine sternglitzernde Nacht stand, der Mond kam heute erst um Mitternacht herauf. Die Thüre an Franzsephs Hause, die nach dem Garten ging, öffnete sich unhörbar, aber es trat niemand heraus, nur eine tuchumwickelte Sense wurde behutsam und geräuschlos auf den Boden gelegt; erst nach geraumer Weile kam ein Mann zum Vorschein, schloß die Thüre, stand eine Weile still horchend, nahm die Sense auf und schlich durch den Garten hinaus ins freie Feld. Es war Franzseph; er hatte aber, wohl um sich nicht so rasch kenntlich zu machen, eine andere Kopfbedeckung, als gewöhnlich, und zwar die pelzverbrämte Pudelkappe seines Vaters. Er atmete laut und hielt auf seinem raschen Gang oft an, hinaus lauschend, oh er nicht fremde Schritte höre; aber es ließ sich nichts erkunden, nur Heimchen und Heuschrecken in Busch und Gras hörten in der milden Nacht nicht auf zu zirpen. Gegen Norden stand die Nachtdämmerung, deren lichter Schein von der Mitte Mai bis Mitte August am Himmel nicht verschwindet. Franzseph ging nach dieser Seite hin, und es war ihm, als schritte er hinein in den Tag, und nur wenn er sich umkehrte, sah er die volle Nacht. Franzseph nahm die Sense, die er bisher in der Hand tief am Boden gehalten hatte, frei auf die Schulter und schritt mutig vorwärts. Wie leise flüsternd wiegte sich das Korn am Weg und sog den Nachttau ein, der ihm nur auf kurze Zeit noch beschieden war; das wächst und gedeiht still, während die Menschenhände ruhen, die es gesäet und bald wieder einsammeln. Was raschelt dort in den Halmen und kollert jetzt den Wegrain hinab? Es ist wohl ein Igel, der nächtig auf seine Nahrung ausgeht. Dort im Gebüsch winselt und klagt es, das sind Stimmen verscheuchter Vögel, denen ein Marder, ein Wiesel Eier oder Junge geraubt. Das ganze Leben der Tiere ist Suchen nach Nahrung, der Mensch aber bereitet sich diese durch Arbeit. Franzseph faßte seine Sense fester. Jetzt ging der Weg eine Strecke über die Landstraße, wo hüben und drüben reichgestützte Obstbäume standen, und wie von unsichtbarer Hand gepflückt, fiel bald da, bald dort ein frühreifer oder wurmstichiger Apfel nieder, kollerte auf der harten Straße oder fiel dumpf in das weiche Gras. Die Obstbäume, deren fester Stamm das Menschenleben überdauert, bedürfen nur Schutz und Stütze von Menschenhand und erzeugen von selbst die Frucht; das Brot aber, des Menschen vielbereitete Speise, reift nur auf mühsam bearbeitetem Boden am alljährlich sich erneuenden Stengel. Wie war's jetzt in einsam stiller Nacht, als ob alles Gewohnte rings umher seltsame Worte spreche, und eine Offenbarung ging aus von Halm und Zweig, die das Herz erbeben machte. Denn des Menschen Sinn fühlt ein Beben beim Nahen des Allgeistes. Worte und Gedanken, die Franzseph ehedem wie halb träumend von Faber vernommen hatte, erwachten jetzt wie mit heller Stimme und klaren Augen. Franzseph pfiff nur sich selber hörbar vor sich hin. Endlich führte der schmale Fußweg mitten durch die Kornfelder. Franzseph kühlte bald die eine, bald die andere Hand im Tau, der auf den Halmen lag; er sah hinüber nach dem Hopfenacker, dessen lange Stangen wie ein getöteter Wald mitten im Felde standen. Er mußte lächeln bei der Erinnerung an die Prophezeiung des Dorfschützen, daß diese Stangen noch zu einer Generalprügelei verwendet würden – aber plötzlich hielt er an, er hörte in der That Schritte, die hinter ihm drein kamen; schnell sprang er in das Kornfeld, kauerte in den hohen Halmen nieder und hielt den Atem an. Die Schritte kamen immer näher, und jetzt hielt der unsichtbare Wanderer an der Stelle, wo Franzseph verschwunden war, und dieser überlegte rasch, wie er sich verhalten müsse, wenn er entdeckt würde; aber der Suchende ging vorüber, und der Versteckte atmete frei. Der Flurschütz hatte wohl noch seinen nächtlichen Rundgang gehalten; es war nun sicher, daß er in der heutigen Nacht nicht mehr in diese Gemarkung käme. Noch eine Weile verharrte Franzseph in seinem Versteck, dann wendete er sich sorglos rechts nach dem Speckfeld. Im Umschauen deuchte es ihn einmal, als ob die Stangen im Hopfengarten sich bewegten und ein Knistern und Knarren von dorther dringe; aber das war gewiß nur Täuschung, wie sollten die festen Pfähle sich jetzt beugen, da ein leiser Windhauch kaum die Spitzen der Halme bewegte. Franzseph schritt fürbaß und gelangte endlich zu seinem Ziel, er nickte mehrmals, denn er fand die Merkzeichen, daß er am Gerstenacker des Schlägelbauern war. Er nahm die Einhüllung von der Sense und strich mit dem Wetzstein so leise als möglich über die Schneide. Als aber jetzt die Turmuhr im Dorfe zehn zu schlagen begann, wagte er es, gedeckt von diesem Klange, kecker die Sense zu wetzen, und nun ging's frischer ans Mähen, daß die Halme rauschend zu Boden fielen; dabei war er aber noch so hastig, daß er mehrmals die Sensenspitze in den Boden bohrte, er zwang sich nun zu gemäßigter Thätigkeit, und ruhig vorwärts schreitend, legte er die Halme nieder. Die Schwingung hin und her ging so geruhig und fast mühelos, es war, als ob in die Sense ein eigen Leben gefahren wäre, sie bewegte sich wie von selbst in seiner Hand, mähte die Halme und zog ihn allmählich nach. Vom Wald herüber hörte man das Krächzen und Winseln junger Eulen, die sich wohl um eine Beute balgten. Was kümmert den Thätigen all' das Geschrei um ihn her? Nur der Arbeitsledige horcht überall hin und findet darin willkommene Zerstreuung. Erst als Franzseph die volle Ackerlänge durchgemäht hatte, gönnte er sich ein Aufatmen, und die Art, wie er sich reckte, zeigte jetzt, daß nicht Müdigkeit ihn lähmte, sondern neue Lebenskraft seine Glieder durchströmte. Es duldete kein langes Ausruhen, und rückwärts ging's in gleicher Thätigkeit, die so gleichmäßig im Takt fortschritt, daß sich Franzseph eine Art Melodie dazu dachte. All das Denken, das am Tage und jetzt in der Nacht durch seinen Sinn gezogen, ruhte nun im tiefsten Grunde seiner Seele wie ein verborgenes Labsal. Wie bald aber ändert sich Denken und Thun. Wieder auf dem ersten Ausgangspunkt angekommen, fühlte Franzseph einen Hunger, wie er ihn seit lange nicht gekannt hatte, aber er blieb bei seinem Vorsatz, erst nach drei vollen Mahden sich eine Erholung zu gönnen, und nun dünkte ihn nicht mehr, daß die Sense sich von selbst bewege, und pfiff er auch keine Melodie mehr zur Arbeit; als gälte es, einen Widersacher zu legen, so ernst und mit angespannter Kraft schritt er mähend vorwärts. Die Aehren rauschten nieder, und es sumste und schwirrte gar seltsam am Boden. Franzseph hatte gegen seine Mutter mit dem Jähhunger gespaßt, jetzt schien er ihn wirklich zu überkommen, jedes Ausholen mit der Sense ward zur Beschwerde, aber er ließ nicht ab und langte endlich, von Schweiß triefend, zum drittenmal an seinem Ziel an. Er setzte sich auf den Markstein nieder und wischte den Schweiß von der Stirn. Das ist ein Tau, der die Menschenkraft gedeihen macht, und das Brot, das der Einsame jetzt zum Munde führte, war nährenden Segens voll. So hatte noch nie ein Bissen geschmeckt. »Fleiß ist Tugend,« hat Faber einmal gesagt, und jetzt tönte das Wort wie ein Segensspruch von unsichtbaren Lippen um den jungen Mann, der allein in stiller Nacht sein Brot verzehrte. Wohl gibt es einen Fleiß, der der Habgier und allen schlechten Trieben dienen muß, und doch ist Fleiß, die lebendige Betätigung der Kraft, Grundlage alles echten Thuenden, aller Tugend. Vom Dorf herüber schlug es zwölf Uhr, und der Nachtwächter rief die Stunde. Franzseph konnte es kaum glauben, daß er schon so lange gearbeitet habe, er hatte ja keinen Glockenschlag gehört; aber hört denn der Emsige die Stunde schlagen, und rinnt ihm die Zeit nicht ungezählt dahin? Franzseph kam sich wie verzaubert vor. Das war ein Klingen und Singen und Summen in der Luft und auf den Feldern, wie von zahllosen unsichtbaren Wesen. Franzseph fühlte eine unwiderstehliche Schlafsucht, aber er bewältigte sie doch; umherschauend zwang er sich, die ganze Umgebung im lichten Sonnenschein zu denken, und jetzt kam der Mond rund und groß hinter dem Wald heraus und übergoß alles mit mildem Schein. Feld und Wald und Dorf lag im weichen Dämmerlicht ausgebreitet, und aus dem Bach blinkte es da und dort hell herauf. Franzseph richtete sich rasch auf, und die Sense glitzerte im Mondschein, wie er sie aufhob und untersuchte, er verbarg das verräterische Blinken schnell unter den Halmen, und mit neuem Mut ging's an die Vollführung des Werkes. Er gedachte, wie der Schlägelbauer und mit ihm das ganze Dorf staunen werde, wenn es sich zeigt, daß der Faulenzer, während alles ruhte, einen Morgen Gerste niedergemäht, und wie freudig Madlene jauchzen müsse, daß ihre Zuversicht sich so bestätigte. Er bedurfte dieser Aufmunterung sehr, denn immer mühsamer wurde ihm diese Arbeit und solch einsame Verkehrung der Nacht in Tag. Er wetzte die Sense öfter als sonst und nicht mehr so behutsam. Der Nachtwächter, dachte er, glaubt freilich nicht mehr an den Dengligeist, aber er wird doch morgen allen berichten, daß er ganz gewiß in vergangener Nacht den verschollenen Erntegeist im Felde habe die Sense wetzen hören. Er wird dann dem Orte nachforschen, von wo er den Klang vernommen, und dadurch wird die Sache am schnellsten offenbar, denn selbst kann ich sie doch nicht verraten, und bis zum Montag warten könnte ich auch nicht. Wieder wetzte Franzseph die Sense anhaltender als je und ließ sie dann noch fast geflissentlich im Mondschein blinken, er fürchtete nicht mehr, vom Flurschützen überrascht und gestört zu werden, dies wäre ihm wohl eher erwünscht gewesen. Er hatte ein gut Teil des Ackers gemäht und war so überaus müde, aufhören konnte er aber nicht, denn was sollte die halbe Arbeit? Wurde er aber verscheucht, so war es ja nicht seine Schuld, daß noch etwas rückständig blieb, auch dieses mußte ihm als vollbracht angerechnet werden, er hätte es ja ohne die Störung gewiß vollendet. So sehr auch Franzseph wetzte und endlich sogar zu dengeln anfing, es ließ sich niemand sehen noch hören, der ihn stören wollte, und eine Zeitlang mähte er im Zorne fort und horchte auf jede Viertelstunde, die es im Dorfe schlug. Endlich aber wurde er auch dieser Mißstimmung Meister, und je mehr es gegen Morgen ging, desto mehr erfreute er sich seines Thuns. Mit dem ersten lichten Grau, das im Osten aufdämmerte, belebte ihn ein neuer Gedanke, der sich immer mehr geltend machte: nicht das Staunen und die Bewunderung des ganzen Dorfes erquickte ihn, er freute sich über sich selber, er hatte vor sich bewiesen, daß er einen schweren Vorsatz vollführen könne. Jetzt war er auch des Zweifels ledig, ob er in den Tag hinein arbeiten wolle, bis man ihn bemerke, er war entschlossen, sich davon zu machen, ehe man ihn sah. Die Morgenwolken, die sich immer mehr lichteten, warfen ihre Strahlen hinein in den Mond, und es war, als ob zu diesem Sonntag eine doppelte Sonne über der Welt aufgehe. Hier und da zwitscherte eine Lerche am Boden, und ein Rabe flog krächzend waldaus, als wäre er der Bote der Nacht, der ihren Rückzug verkünde. Jetzt schwang sich dort aus der Ferne eine Lerche keck empor, und aus den taufeuchten Halmen schwirrten ihr andere nach, vom Walde her und in den Hecken begann es zu zwitschern und zu singen, die Sonne stieg in voller Pracht empor, und mit freudigem Siegesgefühle schaute Franzseph zu ihr auf. Er hatte in stiller Nacht ein frisches Herz gewonnen. Er mähte noch den Acker bis zu Ende. Nur noch eine Spreite stand. Sollte er sein Werk im Tageslicht vollenden? Er hob die Sense hoch hinauf ins Sonnenlicht, und in ihm sprach der Vorsatz, daß die Sonne immerdar seine emsige Arbeit erschauen und sie segnen möge; dann verbarg er die Sense in einem noch hell grünenden Haberfelde und eilte davon; aber er kehrte nicht ins Dorf zurück, er schritt nach dem Walde, er suchte nicht lange und hatte den Schlaf nicht anzurufen, bald war er auf dem Moose unter einer mächtigen Tanne eingeschlummert. 3. Ein Feldfrevel. Im Hause des Landwirts Emil Faber, genannt der Wasserstiefel, war noch alles in lautloser Ruhe, nur die Tauben in ihrem Schlage gurrten nach Freiheit, und der Hahn krähte aus seiner Verborgenheit immer anhaltender. Mit Ausnahme des offenen Schuppens war das Haus noch ganz dasselbe, wie es Luzian verlassen; nur hatte alles eine frischere Farbe, und hieländisch fremde Pflüge und eine große Häckselmaschine zeigten, daß eine junge Kraft hier walte. Das Schlafzimmer der jungen Eheleute war nach dem ruhigen Grasgarten gelegen, wo ein Apfelbaum mit seinen rotbackigen Früchten fast in die Fenster hineinragte. Der lustige Pfiff einer Grasmücke hatte von dort aus den jungen Mann geweckt, der eben im Ankleiden begriffen war, als er das Erwachen seiner Frau wahrnahm. »Guten Morgen, Pauline,« rief der junge Mann, »es ist noch früh, schlaf noch einmal und freue dich mit mir, heut ist Sonntag.« »Ja, guter Emil, und heut gehst du mit mir in die Kirche?« »Auch, aber ich freue mich auch mit dem Sonntag, weil es an diesem schönen Tag neugebackene Bretzeln gibt,« erwiderte der Mann mit kindischem Humor. Die Frau erzählte, daß sie einen ängstlichen Traum gehabt: die wegen des Zehntpachtes aufrührerischen Bauern hätten das Haus angezündet, und niemand hätte retten und löschen wollen als der Franzseph, der endlich in den Flammen verschwunden sei. »Ach,« schloß sie klagend, »ich habe mir das Landleben doch anders gedacht, und du bist auch so unnachgiebig und forderst durch den Zehntpacht noch die Tücke dieser rohen Menschen heraus. Du wirst sehen, sie bereiten uns irgendwo ein Verderben.« »Das ist auch meine Ansicht, und eben darum hab' ich den Zehnt gepachtet. Man muß den Menschen einmal Gelegenheit geben, allen versteckten Groll, den sie in der Seele hegen, loszulassen. Ich bin der kleinen Plänkeleien, Tücken und Beinstellereien müde, sie müssen mir eine offene Schlacht liefern, ich bin darauf gefaßt. Wegen Brandstifterei sei ruhig, sie wagen nichts so Keckes und wissen auch, daß ich gut versichert habe und gern neu bauen möchte. Mit dem Franzseph werde ich aber in diesen Tagen ein ernstes Wort reden; er muß seinen dummen Soldatenstolz abthun.« Der junge Mann, eine ungewöhnlich große Gestalt mit flachsblondem Haar, trat an das Bett seiner Frau, strich ihr mit der Hand über die Stirn und beruhigte sie durch trauliches Zureden, dann verließ er das Zimmer, ging hinab nach dem Hof, wo ihn der große Kettenhund mit Winseln und Sprüngen begrüßte, er band ihn los und sah nach dem Treiben der Knechte und Mägde, die sich mittlerweile auch aufgemacht hatten und sich zwischen den Tauben hin und her bewegten, die gurrend auf- und niederflatterten. Eben stand Faber bei einem neu eingetretenen Knechte und lehrte ihn die Häckselmaschine besser handhaben, als der Dorfschütz militärisch grüßend in den Hof trat. »Was gibt's schon so früh?« fragte Faber. »Euer Hopfenacker ist verruiniert. Soeben berichtet's der Flurwächter. Es steht kein' Stang mehr, und alle Ranken sind zerschnitten.« Obschon der junge Landwirt soeben noch sich auf Tückisches gefaßt erklärt hatte, so verfinsterten sich dennoch plötzlich seine Mienen; er hätte vielleicht einen persönlichen Angriff leichter ertragen, als diese ruchlose Zerstörung einer mit besonderer Liebe gehegten Pflanzung. Der Hund schaute bald in das Antlitz seines Herrn, bald in das des Botschafters, gewärtig, den Befehl zum Angriff zu vollziehen; brummend und mit aufgesträubten Rückenhaaren umkreiste er den Dorfschütz, bis ihn sein Herr zur Ruhe verwies. Nachdem Faber auf die Frage, ob die Sache bereits amtlich angezeigt sei, bejahende Antwort erhalten, kehrte er zu seiner Frau ins Haus zurück, und bald sah man ihn, mit den hohen Wasserstiefeln angethan, der Hund vorauf, hinaus auf das Feld wandern. Die Kunde von dem Geschehenen hatte sich rasch verbreitet und das Dorf frühzeitig geweckt, denn überall an den Fenstern und vor den Häusern machten Männer und Frauen Zeichen des Mitleides und bezeigten bedauernd ihre Schuldlosigkeit gegen Faber, der ohne Anhalt mit großen Schritten fürbaß ging. Bald sammelten sich Gruppen Lautredender auf den Straßen, und alle schimpften auf den Feldfrevler, den man entdecken müsse, damit er für den Schaden einstehe und nicht die Gemeinde dafür büßen müsse. Eine lärmende Gruppe hatte sich nicht weit von des Franzsephens Haus bei dem Brunnen gebildet, und hier hörte man vor allem die Stimme des Schultheißen, der unnachsichtliche Strenge verkündigte und alles aufbieten wollte, um den Missethäter zu entdecken. Der Schlägelbauer, der daneben stand, suchte ihn zu beruhigen und die Sache ins Spaßhafte zu ziehen, indem er schadenfroh lächelte; der Schultheiß aber rief: »Und wenn du's selber than hast, lass' ich dich gleich einsperren.« Die Mutter Franzsephs, von dem frühen Lärm erschreckt, kam herbei, ging auf die heftig Redenden zu und fragte, was geschehen sei, ob man von ihrem Franzseph etwas wisse, der heute die ganze Nacht nicht heimgekommen sei. Der Schlägelbauer winkte, aber die Mutter verstand ihn nicht, und jetzt schrie alles über den versteckten Faulenzer, an dem nun das Unglück hinausgehen werde, das er über das ganze Dorf bringen wollte. Während noch so alles untereinander tobte, sah man den Franzseph, mit der ungewohnten Pudelkappe auf dem Haupt, vom Berge herabkommen. Der Schultheiß befahl schnell dem Dorfschützen, ihm entgegen zu gehen und ihn gefangen zu nehmen, aber ein Kamerad Franzsephs war rascher als der nur langsam schlendernde alte Soldat, er sprang vorauf und rief Franzseph zu: »Lauf davon, du wirst eingesperrt.« Franzseph aber schien diesen Zuruf nicht als ihm geltend zu betrachten, er schritt ruhig weiter, und als ihm der Dorfschütz, der jetzt bei ihm angelangt war, seine Verhaftung verkündigte, fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und lächelte ungläubig. Der Schlägelbauer hatte die Mutter überreden wollen, nach Hause zu gehen und sich auf ihn zu verlassen, aber die Mutter ließ nicht von der Rotte, die sich auf jedem Schritt vergrößerte, den sie dem Franzseph entgegenging. Als sie ihn endlich vor sich hatten, wollte der Schultheiß in laute Schmähungen ausbrechen, aber der Schlägelbauer unterbrach ihn, bat ums Wort, ging auf Franzseph zu, faßte seine Hand, daß er in sich erbebte, und sagte fast ganz ohne Husten: »Franzseph, ich hab' dir unrecht than, ich schäm' mich nichts und sag's frei vor allen Leuten. Ich hab' gemeint, du seist bloß ein so guter Tralle, der kein' Schneid' hat; jetzt hast du zeigt, daß du die rechte Schneid' hast. Dein' Sach' mag jetzt ausgehen, wie sie will, wenn du wiederkommst, weißt du, wo ich wohn'! Verstanden? Jetzt fürcht' dich nichts und sei standhaft.« Die Mutter stand weinend neben ihrem Sohn und hielt ihre Hand auf seine Schulter gelegt. Franzseph wußte nicht, wie ihm geschah, ein Frösteln überkam ihn, daß er am ganzen Leib zitterte. »Gestehst du, was du gethan hast?« fragte der Schultheiß. »Ich weiß nicht, was es Euch angeht,« entgegnete Franzseph, und der Schlägelbauer trat wieder vor und sagte: »Mein Franzseph leugnet nichts. Er ist ein Mann, der Courage hat, und versteckt sich nicht hinter der Heck. Gesteh du's nur. Ja, ich sag's für ihn, ja, mein Franzseph hat heut nacht des Wasserstiefels Hopfenacker abgeschnitten und umgestürzt und hat rechtschaffen recht daran gethan. Wir sind Manns genug, für den Schaden aufzukommen, wir brauchen den Gemeindebettel nicht, und die paar Wochen Straf' bringen ihn auch nicht um. Mein Franzseph hat Schneid' und ist kein guter Tralle. Jetzt laß ihn frei, Schultheiß, er entlauft dir nicht.« Die Brust Franzsephs hob und senkte sich mit schwerem Atem, er drückte sich mit der Hand die Augen zu, als müsse er sich besinnen, ob er nicht träume. »Du kannst nicht für ihn reden,« entgegnete der Schultheiß, »er wird selber das Maul bei sich haben; red' du selber, Franzseph, du bist immer ein guter Kerle gewesen, ich kann's noch nicht recht glauben.« »Er ist kein guter Kerle,« unterbrach der Schlägelbauer. »Ins Teufels Namen, laß ihn selber reden,« kreischte der Schultheiß, »ich will kein Wort mehr von dir.« Franzseph schaute jetzt mit zusammengepreßten Lippen starren Blickes auf den Schlägelbauer; offenbar hat dieser in seinem Haß den Feldfrevel begangen und verlangt nun, daß sein Schwiegersohn für ihn einstehe. Franzseph war bereit dazu, obgleich er nicht recht wußte, was daraus werden solle, und es ihm tief wehe that, daß er, der allein Fabers Freund war, in dessen Augen als hinterlistiger Heuchler erscheinen müsse. Als aber jetzt auch der Schultheiß auf die Gutmütigkeit anspielte, regte sich ein seltsamer Stolz in Franzseph, und er rief laut: »Ich bin kein guter Kerle, ja, ja, ich hab alles than, was der Vetter Schlägelbauer sagt.« Alles war stumm vor Entsetzen, nur des Schultheißen Klaus, der eben mit einem Landjäger herzugetreten war, lachte laut auf. Franzseph wurde dem Landjäger übergeben und nach der Amtsstadt abgeführt, der Schlägelbauer geleitete die weinende Mutter tröstend nach Hause. 4. Fremde That. Als der Landwirt Faber nach Hause kam, hörte er zu seinem Entsetzen, wer die ruchlose That vollbracht habe, und die neubackenen Bretzeln, auf die er sich so kindisch gefreut hatte, wollten ihm gar nicht munden. Die Frau, die sich dem heißblütigen Manne gegenüber auf ihre ruhige Menschenkenntnis viel zu gute that, behauptete, daß sie schon lang etwas Heimtückisches und Hinterlistiges an Franzseph bemerkt habe, daß sie aber geschwiegen hätte, um nicht wieder für mißtrauisch zu gelten. Faber bestritt das Vorhandensein dieser Weltklugheit, und wie das so leicht geschieht, eine Unbill von außen erzeugt leicht Mißstimmung und Streit zwischen den Betroffenen; das gekränkte Herz heischt oft, ohne es gestehen zu wollen, eine Tröstung, und jede ungeschickte oder unerwartete Berührung wird zu einer Mißstimmung. Faber behauptete streng verweisend, daß niemand dies habe von Franzseph voraussetzen können, und die Frau suchte versöhnend abzuschließen, indem sie die Furcht vor neuer, nicht so leicht zu verschmerzender Unbill darlegte und ihren Mann bat, die Beschädigung ungesühnt zu erleiden, den Franzseph frei zu machen und durch diese Hochherzigkeit das ganze Dorf zu beschämen und zur Freundschaft zu zwingen. Das war aber gerade ein neu aufreizender Vorschlag, und Faber schwur und beteuerte, daß er unnachgiebig den strengen Rechtsweg in dieser Sache verfolge, von dem ihn nichts abbringe. Er setzte eilig eine Klagschrift an das Amt auf, in der er genauen Augenschein forderte. Er schrieb noch mit fliegender Feder, als Madlene mit verweinten Augen eintrat. Faber kannte das Mädchen wohl, dennoch fragte er nach Namen und Begehr, und ohne ein Wort zu erwidern, schüttelte er auf die Bitte, »Gnade für Recht ergehen zu lassen,« verneinend den Kopf, siegelte die Schrift, verließ die Frau, die Madlene zu trösten suchte, ging nach dem Hof und schickte sogleich einen reitenden Boten mit der Schrift nach der Stadt. Bald kehrte er wieder in die Stube zurück und fragte Madlene, seit wann der Franzseph Nägelschuhe trage. Das Mädchen behauptete, daß er nur Stiefel mit eisenbeschlagenen Absätzen habe, und sprach, ermutigt durch diese Mitteilung, daß man die Spuren von Nägelschuhen im Hopfenacker gefunden habe, die Ueberzeugung aus, daß Franzseph unschuldig sei; zwar habe er selbst gestanden, aber wer wisse, was ihn dazu veranlaßt habe. »Dann hat er fremde Schuhe geborgt oder Helfer gehabt, es muß sich alles erweisen,« entgegnete Faber, verließ abermals in Unruhe das Zimmer und schickte einen zweiten Knecht als Wache nach dem verwüsteten Hopfengarten, damit niemand hineintrete und die ganz deutlichen Fußstapfen verwische. Während er dem Knecht noch sein Verhalten genau vorschrieb, sah er Madlene das Haus verlassen; sie ging zu der Mutter Franzsephs, die wegen des Geschehenen ganz untröstlich war und immer behauptete, ihr guter Franzseph müsse zu dem Schelmenstreiche verführt worden sein, denn so etwas käme nicht aus seinem braven Herzen, und zu einem solchen Streiche könne er nicht des Vaters Pudelkappe aufgesetzt haben. Sie hatte die Soldatenmütze ihres Sohnes auf den Tisch gestellt und sah immer weinend und händeringend darauf, als würde sie nie mehr das Haupt sehen, das damit bedeckt war . . . Unterdes schritt Franzseph, von dem Landjäger gefolgt, lautlos die Straße dahin. Als sie an der Anhöhe vorüber kamen, wo das abgemähte Gerstenfeld war, deuchte ihn, es müsse sich von dort irgend ein Zeichen für ihn erheben; aber wer konnte sprechen, wer Zeugnis ablegen für ihn? Ueber den Spitzen der Kornfelder wob sich schwebend ein funkelnder Duft, und aus dem Thal und von der Höhe klangen die Morgenglocken. Franzseph schritt ruhig weiter und gedachte der hellen Stunde, da er froh begrüßt und geehrt diesen Weg heimwärts ziehen werde. Mit wachen Augen ging er halb träumend hin und konnte sich nicht klar machen, was geschehen war und noch geschehen sollte. Als man endlich in der Amtsstadt angekommen war und alle Leute nach dem jungen Verbrecher ausschauten und der Hausknecht des Greifenwirts, ein ehemaliger Kamerad, ihn mit seltsamem Lächeln bei Namen rief und grüßte, da fing es ihm an, doch bange zu werden; aber immer noch deuchte ihn alles nicht wahr, und erst als er allein im Gefängnis stand, erwachte er plötzlich und ballte beide Fäuste und schlug gegen die ungerechten Mauern und schrie laut auf. Die Mauern wichen nicht, und der Schrei verhallte von niemand gehört. – Was nützte jetzt alles Besinnen und Ueberdenken? Es ließ sich nichts herauspressen. Endlich legte sich Franzseph beruhigt nieder, mit der festen Zuversicht, daß der Schlägelbauer der Sache bald ein Ende machen werde. Man brachte ihm Essen, er ließ es unberührt stehen. Die gebrochene Nachtruhe, die ungewohnte Arbeit, die Gemütsbewegungen und der Weg, alles machte sich geltend, um Franzseph in einen bleiernen Schlaf zu versenken. Als er erwachte, mußte er sich besinnen, wo er war; dunkle Nacht und Einsamkeit umher. Das ganze Leben war verändert, die Nacht war zum Tage, der Tag zur Nacht geworden. Ein zerschnittener Lichtstreif des Mondes fiel in seinen Kerker und leuchtete Franzseph beim Verzehren des kalt gewordenen Mahles, über das er sich rasch hermachte. Er fühlte sich neugestärkt und meinte, er müsse jetzt gleich erlöst werden; es war genug des schlimmen Scherzes. An dem hohen Fenstergitter sich mit beiden Händen anhaltend, schaute Franzseph hinein in die Mondnacht. Plötzlich war's ihm, als ob er einen Schlag an den Kopf bekäme, so nahe dröhnte die Turmuhr der Stadt, die in gleicher Höhe mit der Gefängniszelle war. Es schlug eins. Das war ein andres Warten auf den Tag als in vergangener Nacht im freien Feld. Jede Viertelstunde, die es schlug, klopfte mit leibhaftigem Pochen an das Haupt Franzsephs und durchdröhnte seinen ganzen Körper, und selbst als er sich wieder auf die Pritsche legte, hörte das nicht auf, und durchbebt von diesen Klängen mußte er der vielen Stunden gedenken, die er in halb stolzer, halb feiger Lässigkeit verträumt und vertrödelt hatte; er sprang oft auf und streckte die Hände empor voll heißen Verlangens nach Arbeit. Heute wollte er ja rüstig ans Werk und nimmer lässig werden, warum war er gefangen? Ein bläulicher Schimmer zeigte sich am Himmel, kein Lerchenton war vernehmbar, nur der ächzende Pendelschlag der Turmuhr hin und her. Ein heller Tag brach an, ein echter gesegneter Erntetag. Je weiter die Stunden vorrückten, um so lebhafter dachte sich Franzseph, wie jetzt alles daheim sich zur Arbeit rüstet; nur er allein mußte träge ruhen, und als eine Seligkeit erschien es ihm jetzt, die Sense zu handhaben, er sehnte sich nach dem Griff der Sense wie nach der Hand eines Freundes; weinend vor Zorn und Wehmut wälzte er sich auf seinem Lager, da öffnete sich endlich die Thüre, und der Gefangenwärter trat mit dem Landwirt Faber ein. Der erste Anblick erschreckte Franzseph so, daß er starr da stand, aber rasch streckte er dem Faber die Hand entgegen, die dieser indes abwies, indem er mit ruhigem Ton erklärte: er habe sich von dem Untersuchungsrichter eine Unterredung erbeten, bevor das Verhör beginne, es sei ihm noch unfaßlich, daß gerade der einzige, der sich ihm vertraulich angeschlossen, den Frevel ausgeführt habe; Franzseph sollte daher bekennen, wer ihn dazu verleitet und wer ihm dabei geholfen habe. Franzseph starrte lautlos drein und ließ sich trotz alles Drängens zu keiner Antwort herbei. Als indes Faber auf die Stiefel deutend sagte: »Solch eine Fußspur findet sich gar nicht in meinem Hopfenacker, Ihr müßt also bloß Wache gestanden und andre müssen Euch geholfen haben,« da zuckte Franzseph zusammen und sagte endlich: »Lieber Herr Faber, wenn ich sagen könnte, wem die andern Fußspuren gehören, versprecht Ihr mir, die Sache aus und vorbei sein zu lassen um eine billige Entschädigung?« »Nein, und wenn ich den Menschen an den Galgen brächte, ich könnte ihn mit Lust baumeln sehen.« »Dann hab' ich's gethan und sonst niemand,« fiel Franzseph ein. »Das geht nicht mehr, wir haben das Bekenntnis, daß Ihr anders aussagen könnt, wenn Ihr wollt.« »Ja, wenn ich will,« entgegnete Franzseph halb trotzig, halb wehmütig. Faber suchte ihn nun mit aller Güte zu bereden, den wahren Sachverhalt zu bekennen, er werde als Verführter nur eine geringe Strafe bekommen, und beschwor ihn zuletzt aus Achtung vor ihrer ehemaligen Freundschaft, ihm nicht das Leid anzuthun, daß er nun an keinen guten Menschen mehr glauben dürfe. Dieses Wort »gut« machte aber wieder die verkehrte Wirkung auf Franzseph, und er verfiel in erzwungenen Trotz und Starrsinn, der sich nur zu den Worten verstand, daß er dem Untersuchungsrichter allein Antwort schuldig sei. Faber mußte sich zwingen, noch weiter zu sprechen, und in den Mienen Franzsephs zuckte es, als er hörte, daß im Dorfe gestern jeder dem andern auf die Schuhe gesehen habe, daß man am Abend an des Schultheißen Haus einen brenzlichen Geruch wahrgenommen habe, der vielleicht davon herkäme, daß des Schultheißen Klaus seine Schuhe verbrannt habe. Auch hierauf schwieg Franzseph, lachte aber in sich hinein. Eben wollte Faber weggehen, als Madlene eintrat, sie konnte vor Weinen erst gar nicht reden, dann klagte sie durcheinander über das Zuchthaus, dem Franzseph entgegen gehe, und dann wieder über ihren Vater, der sie nun doch zwingen wolle, des Schultheißen Klaus zu heiraten, der ihn ganz umgarnt habe und durch einen Streich, den man nie von ihm geglaubt hätte, den Vater ganz gewonnen habe. »Was sagt denn dein Vater über mich?« fragte Franzseph. »Ja, ich sag' dir's frei,« erwiderte Madlene, »er schimpft auf dich und sagt, du habest den Hopfenacker nur verwüstet, damit man dich einsperrt und du in der Ernte faulenzen kannst.« »Da thut er nur so, er weiß besser, wie's steht,« entgegnete Franzseph lächelnd, aber diese versteckte Bosheit that ihm doch weh und war unbegreiflich. »Warum ist denn der Klaus so wohl dran? Was hat er denn gethan?« fragte er dann wieder. »Denk nur, der hat, um zu zeigen, was er vermag, Samstag nacht einen ganzen Morgen Gerste im Speckfeld abgemäht.« »Das hat der Klaus gethan?« »Ja, er hat meinem Vater bewiesen, daß er die ganze Nacht nicht daheim gewesen ist, und jetzt möcht' der ihn auf Händen tragen.« Franzseph jauchzte laut auf, die Umstehenden sahen ihn betroffen an, als wäre er plötzlich wahnsinnig geworden, denn Franzseph schnalzte mit beiden Händen und tanzte im Gefängnis umher. Auf die ängstlichen Bitten Madlenes beruhigte er sich wieder und fragte: »Paß auf, was ich sag': war dein Vater Samstag nacht daheim?« »Ja, er hat einen bösen Husten gehabt und hat fast kein Aug' zuthan.« Wieder jauchzte Franzseph hell auf und umarmte seine Madlene und den widerwilligen Faber und erzählte endlich den ganzen Hergang: wie seine Sense noch im Haberfeld liegen müsse, und wie er die That nur für den Schlägelbauer übernommen habe. Er bat dann vor allem den Faber, ihm wieder gut Freund zu sein, was dieser auch gewährte. – Vor dem Richter wurde nun nochmals alles klar dargelegt und Franzseph auf die Bitten Fabers entlassen. Franzseph und Madlene fuhren mit Faber in dessen Kütschle nach dem Dorf zurück, aber unweit des Dorfes beim Speckfeld stieg Franzseph ab, und Madlene folgte ihm. Sie fanden bald die Sense im Haberfelde, und Franzseph mähte jetzt noch schnell unter dem Blicke der Geliebten die noch stehende Spreite des Gerstenfeldes nieder. Mit der Sense auf der linken Schulter und seine Madlene an der rechten Hand führend, kehrte Franzseph wieder in das Dorf zurück . . . Es ist nicht mehr viel zu erzählen. Die Nägel von den verbrannten Schuhen des Klaus fanden sich richtig in der Asche; im Zuchthaus trägt der Klaus jetzt Holzschuhe. Wer weiß, ob der tückische Schlägelbauer den Franzseph nicht lieber ins Unglück getrieben hätte, als daß er ihm, wie jetzt geschah, seine Tochter geben mußte. Freilich ein volles Glück war das, trotz der Liebe Madlenes, doch nicht. Schwäher und Tochtermann lebten nicht gütlich miteinander. Franzseph arbeitete für zwei, und doch mußte er fast täglich von seinem Schwäher hören, daß er ein Faulenzer sei; jetzt aber lächelte er darüber, es machte ihn nur zornig, so lange es eine Wahrheit gewesen, den ungerechten Schimpf hörte er ruhig an, und das verdroß den Schlägelbauer so sehr, daß er sich ein Leibgedinghaus baute. Aber er bezog es nicht mehr, und Franzseph ist Schlägelbauer. Die Soldatenmütze hängt über dem eingerahmten Abschied als Andenken, Franzseph und seine Buben tragen Pudelkappen. Fabers Hopfenacker ist wieder im besten Gedeihen, und Franzseph hat richtig einen eigenen ergiebigen im Speckfeld angelegt. Kein Weg ist betretener als der Gartenweg von des Schlägelbauern Haus zu dem Fabers, und wenn Pauline Faber von ihrer raschen Menschenkenntnis spricht, sagt ihr Mann neckend: Denk an Franzseph. An des Schlägelbauern Haus aber sind zum ewigen Gedenken Hopfen und Gerste angemalt.