Marcel Prévost Der jungfräuliche Mann Ins Deutsche übertragen von Franz Blei Deutsches Verlagshaus Bong \& Co. Berlin   Leipzig   Einband- und Umschlagzeichnung von Kurt Werth, Berlin Alle Rechte, auch das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten   Copyright 1929 by Deutsches Verlagshaus Bong \& Co., Berlin   Druck von Julius Brandstätter in Leipzig Erstes Buch: Der Schuldige An den Pastor Desartiguer Engelberg, Oberrhein Mein lieber Samuel, ich wähle die Briefform, aber nicht um mit Dir eine seit so langer Zeit unterbrochene Korrespondenz wieder anzuknüpfen. Als Schüler und Studenten verlebten wir unsere Jugend wie zwei Brüder; vom Leben getrennt wechselten wir Briefe, erst häufig, dann seltener, und schließlich hörte   durch meine Schuld, wie ich zugebe   auch dieser magere Verkehr auf. Was denkst Du über mich an diesem Sommerende des Jahres 1927? Wahrscheinlich nichts besonders Schmeichelhaftes, und vielleicht bin ich noch weniger wert, als Du denkst. Trotzdem bin ich Deines Herzens sicher. Du hast für mich nicht aufgehört, den stärksten sittlichen Wert in Deiner Person zu verkörpern, und ich kann Dir versichern, daß in angsterfüllten Stunden Dein Wort und Dein Beispiel in mir immer lebendig werden. Das besagt leider Gottes nicht, daß ich mein Leben danach gerichtet hätte! Aber so seltsam Dir das auch erscheinen mag nach so vielen Jahren des Schweigens und der Trennung, kann ich Dir doch ohne Übertreibung sagen: Ich habe keinen andern Freund als Dich. Beweis dafür ist das Testament, das ich Dir hier mit der Bitte schicke, sein Vollstrecker zu sein. Es ist, wie Du siehst, 1925 datiert, aber keineswegs vordatiert. Ich habe es wirklich im Jahre 1925 vom Notar Capot in Boursès aufsetzen lassen. Ich fühlte mich damals und zum erstenmal in meinem Leben recht krank, und es schien mir klug, das Schlimmste zu bedenken. Aber ich wurde wieder gesund. Meine Krankheit ließ mich bloß einige Jahre einholen, die ich mit meinem Aussehen im Rückstand war. Heute fühle ich mich körperlich wohl, stehe aber in einer moralischen Krise, ernster als jede Krankheit. Und so bitte ich Dich, das beiliegende Schriftstück günstig aufzunehmen, an dem ich keine Änderung nötig finde, und bitte Dich ferner, das bescheidene Vermächtnis anzunehmen, sei es zur Bestreitung der nicht unbeträchtlichen Kosten Deiner durch mich verursachten Reisen, sei es für Dein christliches Liebeswerk. Im voraus danke ich Dir herzlich. Und jetzt hör' mich an: Dieses Testament hier betrifft nur die Zukunft meiner Habe. Aber es gibt etwas, woran mir weit mehr liegt, und das ist die Zukunft meines Namens, den ich so unversehrt hinterlassen möchte, wie ich ihn empfangen habe. Und mehr als das: es betrifft die Zukunft meines Andenkens bei dem einzigen Menschen, an dessen Urteil mir gelegen ist, und der bist Du. Lies also dieses andere Testament, das ich hier niederschreibe, und in dem ich mich Dir vermache. In der kleinen Kirche von Boursès, nackt und ernst, die erfüllt ist von der Erinnerung an die Verfolgungen, die zu Zeiten des Montluc unsere Glaubensbrüder erfahren haben, da sollst Du, so wünsche ich, die letzten Worte über meinem Leichnam sprechen. Ich bin sicher, Du wirst mein Geheimnis nicht verraten. Aber ich will, daß Du vor unsern Brüdern offen sagst, was Du über mich denkst. Denn wenn ich mich auch schuldig weiß, so schäme ich mich doch meiner nicht. * Wie weit liegt das alles zurück, dessen ich jetzt gedenken und wohin ich Dich mitnehmen muß! Aber einige Worte werden genügen, Dir wenigstens die örtlichen Umstände deutlich zu machen. Ich schreibe Dir an dem alten Eichentisch mit den gedrehten Füßen in dem Zimmer, das wir immer »das Bureau« genannt haben. Damals hast Du meinen Vater in diesem Raum gesehen, angezogen wie einen Bauer, Mütze auf dem Kopf, Pfeife zwischen den Zähnen, wie er an diesem Tisch mit wütenden Augen die Abrechnungen seiner Pächter prüfte und zerpflückte. Vieles hat sich in unserm Hause La Gatère geändert; es hat sich Stück um Stück modernisiert. Aber dieses Bureau habe ich unberührt gelassen, wie ich's vom Ahn überkam: den Gewehrschrank, die drei Gestelle mit landwirtschaftlichen Büchern und dem Lexikon, die lithographierten Rennbilder von Alfred de Dreux, die imitierte Ledertapete, den Lehnstuhl mit den Ohrenklappen (das Grün und das Rot seiner Handstickerei ist ein unnennbares Bräunlich geworden), die Glyzine vorm Fenster, die von oben her das Tageslicht frißt, aber einen so schönen Lilaton ins Zimmer bringt, wenn die Sonne voll darauf scheint ... Du hast das zuerst bemerkt, und wir andern sagten es Dir nach; denn Vater, Mutter und ich, bevor ich unter Deinen Einfluß kam, wir waren nichts weniger als künstlerisch oder sonst empfindsam für schöne Eindrücke. Nichts also hat sich da geändert. Bis auf eines: die Petroleumlampe, deren sich mein Vater bediente, hat einer elektrischen Ampel Platz gemacht, unter deren opalisierendem Glase, dessen gelbliches Rund auf das Papier fällt, ich sitze und schreibe. Ich selber habe mit Hilfe meines kleinen Dieners Cyrill die elektrische Beleuchtung im Hause gelegt, und sie funktioniert sehr gut. Ich war damit beschäftigt, mit Cyrill eine Zentralheizung einzurichten, als die Ereignisse mich hierin unterbrachen ... In solche handwerkliche Tätigkeiten, für die ich ein gewisses Geschick besitze, habe ich mich in Stunden moralischer Krisen geflüchtet, um nicht denken zu müssen. Da hat man nur mit Kabeln, mit Litzen, mit Löcherbohren zu tun und fällt des Abends, von Müdigkeit gebrochen, ins Bett zu einem tiefen Schlaf von acht Stunden. Aber zuweilen ist das Denken stärker. Und anstatt daß es sich von der Hände Arbeit aufhalten läßt, hält es sie auf. Außer dem Licht bin ich es, der sich geändert hat. Nicht der Körperfülle nach, wenn ich auch wie Du die Fünfzig ziemlich überschritten habe. Natürlich bin ich nicht mehr der Hervé von der juristischen Fakultät, der Student ... Erinnerst Du Dich der kleinen Wäscherin aus Toulouse und ihres »Herrgott nein, ist er hübsch, der braune Kerl!« ... Will ich den Unterschied zwischen meinen neunzehn Jahren damals in Toulouse und meinen heutigen Jahren messen, brauch' ich mich nur neben meinen Sohn Arnal vor den Spiegel zu stellen. Nach langer Abwesenheit lebt Arnal jetzt hier im Schloß seit sechs Monaten. Er ist dreißig. Er ist mein »jüngeres Ich«, ein bißchen kleiner, aber immerhin einen Meter zweiundsiebzig; hat den gleichen bräunlichen Teint, dieselben regelmäßigen Züge. Seine Augen sind größer, ein bläuliches Braun. Sein Mund hat bessere Linien, nicht diese häßliche Schwellung, die meine Oberlippe rechts verunstaltet. Aber ohne Anmaßung glaube ich, ich war in seinem Alter hübscher. Die Leute hier sagen nicht »der schöne Arnal«, wie sie einst sagten »der schöne Hervé«. Sie sagen: »Herr Arnal ist gut gewachsen und hat ein nettes Gesicht.« Was nicht hindert, daß ich beim Vergleich im Spiegel feststelle, was der schöne Hervé verloren hat. Die Haare halten ja noch, sind eisengrau und hart wie die unseres Terriers Muche. Arnals zurückgekämmte Haare sind sicher weniger dicht. Aber mein Gesicht ist dicker geworden, die Figur auch. Seit meinem Sturz vom Pferde 1904, der mir das linke Knie ausgerenkt hat, hinke ich zwar nicht, aber ich trainiere doch weit weniger, gehe wenig zu Fuß, gar nicht auf die Jagd. Begnüge mich mit meinem kleinen Zehnpferder, den ich auf den schlimmsten Waldwegen selbst steuere. Also der schöne Hervé hat den Jahren seinen Tribut bezahlt, während sein Sohn den Höhepunkt seiner Entwicklung erreicht hat. Was nicht hindert, daß meine Neunundfünfzig lebendiger, heißer und alles in allem jünger sind als seine Dreißig. Ich werde Dir das noch zu erklären versuchen. Wenn ich nämlich jetzt schon von Arnal spräche, brächte ich meine ganze Geschichte durcheinander und würde mich nicht mehr herausfinden. Ganz unverändert und gerade um das alte Haus und seinen Herrn herum blieb die Landschaft, die Du, wild wie sie war und blieb, ja so sehr liebtest. Da kam nicht Feld, nicht Siedlung. Die Städte vergrößern sich, verschönern sich oder verfallen; auf bestellbarem Boden gedeiht die Rebe oder verkommt, wechselt Weide mit Ackerland; aber wo nichts ist als armseliges hartes Gras und braunes oder schwarzes Gestein, da bleibt die Natur unverändert. Das ist der Fall bei diesem breiten und tiefen felsigen Bruche, den der Wildbach Cayrou so bizarr in eine fruchtbare Hochebene reißt, so daß man um La Gatère, mitten im lachenden Albret, durch ein Stück des schwarzen Périgord zu kommen glaubt. Wir haben das miteinander genossen, diesen Gegensatz eines unfruchtbaren und wilden Winkels zu der Üppigkeit seiner Umgebung. Zu diesem Winkel zieht es mich immer, wenn ich in Gedanken mit Dir beisammen sein will, mit Dir sprechen, Dir zuhören. Mit Dir   nicht wie Du jetzt bist in der Heiligkeit Deines Amtes, sondern wie Du als Schüler warst, der Zukunft unsicher wie ich und voll wirrer Leidenschaften. Ohne uns zu kennen, haben wir uns doch gleich erkannt, damals im Hof des kleinen protestantischen Pensionates von Montauban! Ich kam aus England, wo ich, der Tradition unserer Familie folgend, ein Jahr im College von Salisbury verbracht hatte: die erste Schulpause brachte uns einander nah, und wir trennten uns nicht mehr. In den großen Ferien verließest Du für einen ganzen Monat Deine alte Mama, um mich in La Gatère zu besuchen ... Es kommt mir vor, als hätten dieser und spätere gemeinsame Ferienmonate mehr leibliches und seelisches Leben enthalten als mein ganzes übriges Leben. Unermüdlich war damals unser Körper und unser Geist. Wir fuhren auf dem Hochrad, von dem man so hart fällt. Wir ritten die kleinen Landklepper lahm, die das Stück dreihundert Franken kosteten. Aber ganz besonders wanderten wir nicht endende Wege, schweigend oder so von Gedanken bedrängt, daß wir beide gleichzeitig sprachen. Kamen wir durch ein Dorf, schauten mir die Mädchen, die Weiber nach. Du bemerktest das, Dein Gesicht bekam einen strengen Ernst, und mir wurde unbehaglich vor Deinem Gesicht. Alle beide dachten wir damals an die Frau, aber jeder auf seine eigene Weise: Du fromm und tugendhaft, wie an eine Gefahr; ich ohne wahre Frömmigkeit, an die Religion nur gebunden durch ererbten Stolz, nicht durch den Glauben,  wie an eine köstliche, noch nicht zugängliche Eroberung ... Die Einführung in die Liebe erfolgte für mich sehr frühzeitig; eine Freundin meiner Eltern gab sich dazu her, und ich machte Dich sofort zum Vertrauten in dieser Sache. ... Ich sehe noch, wie Du bleich wurdest, verwirrt, fast traurig. Mit welch ängstlicher Neugierde Du mich ausfragtest! Meine lustige Ruhe reizte Dich ... »Du bist ein abscheulicher Sünder!« sagtest Du ... »Und nicht einmal das Bewußtsein einer Sünde hast Du! Hast Du denn nicht auch nur für eine Minute Gewissensbisse?« Und ich war ganz ehrlich in meiner Antwort, daß ganz im Gegenteil mein sittliches Gleichgewicht nach diesem Sturz sich plötzlich wie von selber herstellte, während ich vor ihm nervös, unruhig und geplagt von unbefriedigten Begierden gewesen war ... So war es auch in der Folge, besonders damals, als wir in Toulouse uns auf das Lizentiat vorbereiteten. Du auf das philosophische, ich auf das juristische. Je lebendiger meine Verliebtheit war, um so leistungsfähiger wurde auch mein Geist, um so besser studierte ich, um so glücklicher liefen die Examina ab ... Währenddem wurde Deine lange Silhouette immer magerer durch Selbstkasteiung, und ich erriet, daß auch Dir das Ewig-Weibliche nicht gleichgültig war. Um unsere Jünglingsgemeinschaft noch besser wiederaufstehen zu lassen, bevor ich Dir von neuem mein Herz ausschütte, will ich Dich an eine einzigartige Szene erinnern: sie spielte sich nur ein paar Monate vor unserer endgültigen Trennung ab. Trotz ihrer fast nackten Einfachheit zählt sie zu den stärksten Erinnerungen meines Lebens. Es war gegen das Ende unserer Lizentiatenzeit. Du warst für vier Pfingstfeiertage nach La Gatère herübergekommen. Vater und Mutter lebten noch: sie dem Aussehn nach noch sehr jung, er schon schwerfällig, aufgedunsen, verkalkt. Es waren Tage lebhaftesten Gespräches über das Leben und seinen Sinn, über Gott, die Hölle, die Frauen, die Liebe ... Wir nannten das anmaßend »Ideenaustausch« ... An einem dieser nicht endenden Maiabende kamen wir zu Fuß über die Höhe von Le Lot nach La Gatère zurück. Ich war hinter meinem Hund her, der einer Spur nach in die Eichen gelaufen war. Als ich mit dem Tier zu Dir zurückkam, standest Du wie gebannt, die Augen dorthin gerichtet, wo eben die Sonne unterging. Ich mußte Dich an der Schulter berühren, damit Du wieder zu Dir kämest. Da sagtest Du: »Ich habe meine Zukunft gesehen. Ich werde ein Diener des göttlichen Meisters werden. Ich werde fern von Dir leben. Eine Frau wird mich lieben. Ich werde Kinder haben.« Du warfst Dich mir in die Arme, und wir küßten uns. Dann gingen wir ins Haus, sprachen kein Wort mehr. Ich war geängstet. Egoistisch dachte ich: »Und ich? Was wird aus mir? Dasselbe wie mein Vater? Wie mein Großvater? Die Erde Frucht und Wert tragen lassen und gleichzeitig sie beschimpfen? Jagen? Essen und mächtig trinken? Bald sein Weib vernachlässigen, um mit den Pächterinnen schön zu tun? Die Aussicht auf eine solche Zukunft drehte mir den Magen um ... Aber da tauchte vor mir das Bild eines jungen Mädchens auf, das ich übermorgen wiedersehen würde, wie sie mich ängstlich voll Verlangen am Bahnsteig in Toulouse erwartete. Das war sichere Beruhigung, wenigstens für den Augenblick, Erlösung von den quälenden Aussichten auf die Zukunft. Schon gab ich diesem mysteriösen Trunk einen Namen: das weibliche Opium.   Wir hatten beide das Schlußexamen glänzend bestanden. Drei Wochen der großen Ferien, die ihm folgten, wohntest Du in La Gatère. Am Ende dieser drei Wochen zogst Du mit Deiner Mutter, die Deine Wirtschaft führen sollte, nach Paris, um Theologie zu studieren. Ich diente mein Einjährigenjahr in Montauban ab. In der wilden Schlucht des Cayrou, deren Verlassenheit wir so gern aufsuchten, versuchtest Du zum letztenmal mit der Autorität, die Du durch Deinen erwählten Beruf über mich erlangt hattest, mich zur Enthaltsamkeit zu bekehren. Wir saßen jeder auf einem Felsblock, und ich bewunderte die apostolische Kraft Deines Wortes; mein Herz war ganz mit Dir, meine Vernunft und meine Sinne leisteten Widerstand. Vielleicht haben Deine Beschwörungen mir sogar die Sinne warm gemacht. Du begannst mit den Worten der Schrift: »Wer sich mit einem Weibe vereinigt, der macht sich ihm gleich ...« Und fügtest hinzu: »Sieh, wie du einen Leib erniedrigst, den der Herr erlöst hat!« Und ich, der Ungläubige, antwortete: »Aber auch das Weib macht sich mir gleich. Warum also sagen, daß ich mich erniedrige, und nicht, daß das Weib sich erhöht?« Meine übermütige Bemerkung machte Dich traurig, wie ich merkte. Ich stand auf, setzte mich neben Dich, nahm Deine Hände. »Es ist nicht alles Ironie in meiner Antwort, Samuel. Ich glaube, nicht ein einziges meiner Abenteuer   und es waren viele bloße Gefälligkeiten darunter   hat sich vollendet, ohne daß nicht ein bißchen Freude oder Hoffnung oder ein Geschmack am Guten in der Seele meiner Gefährtin zurückgeblieben wäre, wenn auch nur für eine ganz kurze Weile.« Du stießest meine Hände von Dir und riefst: »Das heißt die Tugend lästern und das Böse verherrlichen!« Aber Du faßtest Dich gleich wieder, sahst mich voll Mitleid an und sagtest leise: »Aber Du bist wenigstens ehrlich ...« Ein paar Tage darauf trennten wir uns, für ein Jahr, wie wir glaubten. Und die Trennung währt noch.   Ich schäme mich, Dir nach solchen Gesprächen zu bekennen, daß ich ein Einjähriger war wie alle andern. Der Dienst, ein bißchen Sport, die Karten, Trinken, die Weiber ... Selbst die Bücher vergaß ich. Meine Briefe an Dich wurden seltener, durch meine Schuld. Du schriebst mir schöne lange Seiten voll moralischen Inhaltes; ich antwortete mit kurzen Karten. In dem derben Milieu schlief mein Gefühl fürs Schickliche ein. Als das Jahr um war, hatte unsere Korrespondenz fast aufgehört. Ich nahm mir vor, sie in La Gatère wieder lebhafter zu machen. Heimgekehrt bedauerte ich fast, die Kaserne verlassen zu haben. Diese hatte mich bloß fühllos und stumpf gemacht. Das väterliche Haus warf mich wieder in den Zustand unklarer Angst, schmerzlicher Unentschiedenheit und chronischer Verstimmtheit, wozu ich von Natur aus neige und den Deine Anwesenheit während unserer Schul- und Studienjahre so gut zu vertreiben verstand. Du kannst Dir sie nicht vorstellen, diese Kraft des Versinkens, die in der Provinz die »Schloßkinder« belauert und umfängt, sowie sie nach beendigten Studien wieder heimkommen. Seit ich das menschliche Wort verstehen konnte, habe ich von Pächtern und den Dienern des Hauses hören müssen, was sie uns allen sagen: »Herr Hervé, der braucht nicht zu arbeiten, denn er ist reich und kann leben, ohne was zu tun. Er wäre schön dumm, wenn er arbeitete.« Ich kam zurück in ein Heim, wo   nicht durch ihre Schuld, sondern durch die einer Verfassung, die sie ausschloß von öffentlichen Aufgaben   weder mein Vater noch mein Großvater, noch dessen Vater und dessen Großvater je irgendwas anderes getan haben, als gut und behaglich von ihren Einkünften leben und sich mit ihrem Grundbesitz beschäftigen, das heißt zuschauen, wie man pflügt, sät, erntet, die Rebe bindet   außerdem jagen, fischen, Karten spielen, sich zu Hause oder bei Freunden den Wanst vollschlagen, seiner Frau oder manchmal der Frau des Nachbarn Kinder machen. Das war das Schicksal, das mich erwartete. Mir schauderte. Stell' Dir danach Deinen Jugendgefährten vor, wie ihn mit einundzwanzig Jahren das Haus wieder bei sich aufnahm. Es ist November. Noch ist das Wetter schön, aber der Hochwald beginnt sich zu entlauben; schon bedrängt uns die Lethargie des nahenden Winters in langen Morgennebeln. In Montauban hörte vor der Roheit der Menschen und ihres Handwerks jedes Denken auf; hier fühlte ich, kaum daß ich mich eingelebt hatte, wie der Sauerteig der Traurigkeit wieder in mir gärte, dem nichts entgegenwirken konnte als Deine Gegenwart oder das weibliche Opium. Ich versuchte zu lesen. Seit einem Jahr hatte ich es nicht mehr getan. Die Bücher stießen mich ab. Ich hatte also nur gelesen, um mit Dir über das Gelesene zu sprechen. Mein Vater? Meine Mutter? ... Ihre Gesellschaft langweilt mich, bedrückt mich. Ich halte sie für minderwertig. Jede Gewohnheit und jede Geste meines Vaters reizt mich. Auch seine politischen Meinungen. Seine Art der Gutsverwaltung. Ich schäme mich seiner. Meine Mutter ist entzückend; ich sehe sie gern an, ich mag ihre Zärtlichkeit; die Bewunderung, die sie mir widmet, gereicht mir zur Genugtuung; aber wie unwissend ist sie, ganz eingezwängt in die Vorurteile der Kaste, abergläubisch und zuweilen völlig leer und nichtig. Gesellschaftlich kommt man zu dieser Jahreszeit selten zusammen. Außerdem hat mich nie eine Gesellschaft unterhalten, wo ich nicht das verfolgte, was Du ein sündiges Unternehmen nennst. Was also tun? Ich kehre zu meiner Sünde zurück, zu meiner chronischen Trunkenheit, zum weiblichen Opium! Ich suche nicht einmal die Gelegenheit. Sie sucht mich. Ich nehme, was genommen zu werden wünscht. Weder aus Sentimentalität, noch aus Zynismus. Wie man eben Opium nimmt. Genau so. Und wieder einmal stelle ich fest: Meine eingeborene Übellaunigkeit, Verstimmtheit, Gelangweiltheit, die weder durch Körperübung noch Gesellschaft, weder durch Bücher noch Studium besiegt wird   im Verkehr mit der Frau werde ich ihrer Herr. Jeder Frau? Nein. Aber die Auswahl ist zu reichlich und zu unbeschränkt, als daß ich lange zu zaudern brauchte. Sie schließt häßliche und alternde Frauen von vornherein aus. Aber kommt mir ein junges Verlangen entgegen, berauscht es mich, und nur in dieser Trunkenheit vermag ich die öde Gleichgültigkeit zu ertränken, die mein Leben so fade macht. Immerhin lehrte mich eine allzu frühe Erfahrung bereits, daß bei diesen so leicht zu bestehenden Abenteuern das heutige Erlebnis das gestrige nachäfft, und daß das morgige wieder das heutige nachäffen wird. Aber die Pfeife Opium gleicht ja auch allen andern, die man geraucht hat, und es hindert das doch den Raucher nicht, immer wieder und mit der gleichen fiebrigen Ungeduld die schwarze geknetete Kugel in die Pfeife zu stopfen. Doch ich will nicht doktrinär werden. Ich lasse mich gehen ... Wie ist es doch schwer, seine Gedanken zu zügeln! Ich will mich kurz fassen, will Zahlen und Tatsachen bringen. Die Geschichte vier leerer und feiger Jahre ist nicht ein Blatt Papier wert. Aber mußte ich Dir nicht diesen versumpfenden und elenden Hervé vorstellen, den Du nie gekannt hast? Februar 1892 starb mein Vater. Meine Mutter, die diesen armen Mann anbetete, bekam bald danach ein Leberleiden und überlebte ihn nicht lange. Schreckliche Öde im Hause. Neurasthenie. Krankhafte Angstzustände. Es endet damit, daß ich mich wie einst auf der Schule (Du protestiertest dagegen!) fragte: »Bin ich einfach ein Degenerierter, einer, der sein Gleichgewicht verloren hat?« Kann mich Deine Strenge für schuldig halten, wenn ich in meinen Ängsten eine vorübergehende Beruhigung dort suche, wo ich sie zu finden sicher bin? Endlich ein Blitz in dieser trostlosen und schwer drückenden Dunkelheit. Schließ mir Dein Herz auf, Samuel, und so weit, als ob ich mich Deiner Freundschaft würdiger gezeigt hätte, als es der Fall war. Hör', was mit mir am 23. September 1896 geschah. An dem Tage verließ ich, es war etwas vor sechs, plötzlich das Haus, als ob mich ein Stelldichein riefe. Ich begab mich an jene Stelle am Cayrou, wo ich Dich sieben Jahre zuvor getroffen hatte, gebannt im Angesicht Deines künftigen Schicksals. Ich rief Dich an. Ich sprach mit Dir. Ich flehte Dich an. Ganz laut rief ich: »Rette mich, Samuel! Gib mir einen Rat! Ich stürze in etwas Schreckliches! Was soll ich tun?« Ich hatte die kindliche Vorstellung, daß Du mich hören müßtest und ein Brief von Dir mir bald Antwort bringen würde. Natürlich kam kein Brief. Das dunkle Bedürfnis nach Wundern bleibt aber auch dem Ungläubigen. Ich bildete mir ein, Du ständest hinter der Antwort, die ich meinen verzweifelten Fragen gab; ich hörte Dich sagen: »Heirate!« Am 16. Dezember 1896 heiratete ich Marie Angelika von Lagueyse: neunzehn Jahre, unregelmäßiges, frisches Gesicht, reizend ohne Schönheit, Leib einer Nymphe.   Ein Wunder! (Mein Aberglaube schrieb es Dir zu.) Ein Wunder! Heilung! Wiederherstellung meiner moralischen Gesundheit, meines sittlichen Gleichgewichts. Das weibliche Opium hab' ich nun ganz nah und künftig nach meinem Belieben, aber selbst aus dieser Leichtigkeit kommt keine Übersättigung. Der Trunk behält seine Kraft der Besänftigung, des Wohlbehagens. Keine Angst, die mich schon im voraus packte. Keine Melancholie, wenn der Trunk getan ist. Ich komme mir vor wie die Vergifteten, die man mit Tabak ohne Nikotin oder mit koffeinfreiem Kaffee geheilt hat. Und siehe: sechzehn Monate des Friedens ... nein, das ist nicht genug gesagt   sechzehn Monate des Glücks. Ja, Glück! Das Glück ist ja kein Ereignis, kein Gewinn, keine Eroberung, keine Würde. Am Tage nach dem glücklichen Ereignis beginnt die stumpfsinnige Alltäglichkeit des Lebens wieder von neuem. Das wahre Glück hat eine intensive Stetigkeit, eine heitere stille Dauer. Nichts Verblüffendes oder Ungewöhnliches, Einzigartiges erwarten, nicht sein Leben fühlen; mehr oder minder jeden Wechsel fürchten, denn in jedem Fall bedeutet Wechseln ein Wagnis. Den Kopf an die Brust der treuen Geliebten betten; Hände, die man im gemeinsamen Bette sucht, an die man sich klammert, um sich daran aus dem Abgrund der Sorgen zu ziehen ... einen Namen rufen ... und die leise Stimme hören, die neues Leben schenkt. Ich habe sechzehn Monate dieses dauernden Glückes genossen. Im fünfzehnten Monat brachte Angelika einen Sohn zur Welt, den wir Jean-Marie-Arnal nannten: Arnal ist wie Hervé ein Name unserer Familie. Die Geburt ging nicht glatt, und eine Bauchfellentzündung war die Folge. Aber dieses Mal erfüllte sich das Geschick noch nicht. Angelika erholte sich. Sie behielt wohl empfindliche Bronchien und mußte sehr vorsichtig leben   Gegenstand meiner beständigen Sorgen  , aber sie lebte. Sie fuhr fort, über die Klugheit hinaus mir jenen berauschenden Trunk der Liebe zu reichen, der mich in einer Weise beglückte, daß mich die Zerbrechlichkeit dieses Glückes in keiner Weise beunruhigte ... Aber ein solches Glück läßt sich nicht erzählen; das Unveränderliche hat weder Maß noch Geschichte. Zudem hat es nichts mit der gegenwärtigen Krise zu tun. Nicht die geringsten Geschehnisse dieser Zeit sind meiner Erinnerung entschwunden. Ich hab' es nicht nötig gehabt, wie mein Sohn seit seiner Kindheit, jeden Tag die Seiten eines gebundenen Heftes mit Buchstaben zu bedecken, eine Schreibmanie für uninteressante Dinge, die periodisch in unserer Familie auftritt. Seit 1621 (das Jahr, in dem sich mein Urgroßvater in La Gatère niederließ) füllte sich das Schloßarchiv mit faden Bekenntnissen verliebter Frauen und anspruchsvollen Erinnerungen schreibbeflissener Herren der Familie. Die Gedichte gar nicht zu zählen! Schwülstiger, nichtiger Plunder! Gott sei Dank, weder mein Vater noch ich haben diesem Laster gehuldigt, das in meinem Sohn wieder aufblühte. Meine Vergangenheit ist in meinem Kopf niedergeschrieben und lastet dort schwer genug. Auf der Schule behauptetest Du einmal, ich würde eines Tages schreiben. Ich wurde auch für Schulaufsätze belobt, die mir leicht von der Hand gingen. Zusammen mit einigen anderen Begabungen hat die ländliche Faulheit das alles verschlungen. Ich schreibe wenig. Meine persönlichen Erinnerungen sind die Wirtschaftsbücher meiner Einnahmen und Ausgaben, kurze Notizen über den Wechsel von Dienstleuten und Pächtern. Gräbt das einer einmal aus unserm Archiv aus, so erfährt er daraus nichts weiter als die Preise für Lebensmittel, Pachtsummen und Löhne für Dienstboten zu Beginn des 20. Jahrhunderts und das sparsame Leben eines bescheidenen Schloßverwalters von Albret. Aber wenn ich so darin blättere, kann mich ein Datum, eine Ziffer nicht minder rühren als meinen Sohn, den »Denker«, die Vernünfteleien seiner Tagebücher aufregen. Auf Seite 143 lese ich: »23. April 1898. Ließ das Häuschen unten am Hügel ausbessern und bewohnbar machen.« Nicht in fünfzig und nicht einmal in zehn Jahren wird das irgendeinem, der es liest, etwas bedeuten. Für mich ist's wie das gedehnte ferne Heulen einer Schiffssirene, die man nächtlicherweile an den Ufern des Meeres hört. Oder Seite 154: »Diener und Pächter im Schlosse versammelt und Lagueyse vorgestellt.« Seite 157. »Einzug von Lagueyse unten am Fuße des Hügels. Er beginnt morgen seine Tätigkeit.« Es gibt Augenblicke (es ist vielleicht krankhaft, ja es ist bestimmt krankhaft), wo es mich lüstet, meinem Herzen wehe zu tun ... Dann such' ich diese Daten in dem Tagesregister des Jahres 1898 auf und lese sie mit größter Aufmerksamkeit. Es ergibt sich daraus ein so scharfer Querschnitt durch Gegenwart und Vergangenheit, daß es schmerzt bis zur Wollust. Sich zu sagen, daß man das ruhig und gleichgültig hingeschrieben hat, und daß sich in diesem Geschriebenen die erste Ankündigung einer vom Schicksal gestellten tödlichen Falle verbarg! ... Man verschafft sich so, gebannt über das Blatt gebeugt, die Sensation, in der Vergangenheit die Zukunft vorauszusehen, vor der man erschrickt. * Dabei war Jean-Louis de Lagueyse der harmloseste Mensch. Bruder oder vielmehr Halbbruder meiner Frau, hatte er, selber ohne Vermögen, ein Mädchen ohne Vermögen und ohne gesellschaftliche Stellung geheiratet. Das Pech verfolgte ihn. Guter Landwirt, durchaus nicht dumm, nüchtern, anständig und sogar tugendhaft, hatte er sein mageres Erbe auf einem ungünstigen Boden des Abhanges aufgebraucht. Dann verlor er, nach dreijähriger Ehe und beim zweiten Kindbett die Frau, die er trotz aller Widerstände geheiratet und angebetet hatte. Nun war er mit vierunddreißig Jahren Witwer mit einem Knaben von zwei Jahren und einem kaum der Brust entwöhnten kleinen Mädchen. Auf Veranlassung von Angelika kam ihm die Familie zu Hilfe. Ein Bruder nahm den Jungen, der übrigens jung sterben sollte, zu sich und ließ ihn mit seinen eigenen Kindern aufziehen. Die Tochter Sidonie wurde von einer Tante adoptiert, einer alten Jungfer, Fräulein von Anglésis, die ein kleines Herrenhaus etwa zwölf Kilometer weit von La Gatère bewohnte (Aubiac, wie Du Dich vielleicht erinnerst; wir gaben unsern Spaziergängen zuweilen dieses Ziel). Meine Frau und ich, wir schlugen Jean vor, unter unserm Dach zu wohnen, und sagten ihm, um seine Eigenliebe zu schonen, seine Ratschläge hinsichtlich der Bewirtschaftung unseres Gutes seien uns wertvoll. Er lehnte ab, erklärte, er wolle sich sein Brot selber verdienen. Man mußte also eine andere Form finden. Er solle Wirtschaftsleiter auf unsern Gütern zu den üblichen Bedingungen unserer Gegend werden; er würde nicht bei uns, sondern unten in dem kleinen Haus am Fuße des Hügels wohnen, das seit langem unbewohnt sei, aber leicht wieder bewohnbar gemacht werden könne, und das für seine Aufsehertätigkeit mitten in der Domäne sehr bequem liege. Während der sieben Jahre, die Jean da wohnte, also bis zu seinem Tode, hielt sich dieser wertvolle, vortreffliche Mensch uns gegenüber stolz in den Grenzen eines Angestellten, stolz, aber ohne dies zu übertreiben. Sonntags und Donnerstags aß er zu Mittag bei uns. Sonst nahm er seine frugalen Mahlzeiten zu Hause bei sich, von einem alten Weib bedient. Einfache Mahlzeiten! Er war von Natur aus ein nüchterner Mensch, aber auch aus Gesundheitsrücksichten, denn die Nieren machten ihm grausam zu schaffen. Nach dem Abendbrot erwarteten wir ihn immer im Schlosse, doch kam er nie öfter als zweimal in der Woche. In Gegenwart von Angelika, die eine gute Beraterin war, gingen wir die Gutsrechnungen durch, stellten die Arbeitspläne auf; und blieb dann noch Zeit übrig, spielten wir zu Dritt einige Partien eines heute längst vergessenen Kartenspiels, das jetzt selbst in Albret durch das aufregendere Bridge verdrängt ist. Mein Schwager billigte eine Unterbrechung dieser Lebensweise nur, wenn unsere Tante, Fräulein d'Anglésis, mit ihrem Mündel Sidonie zu kurzem Besuch nach La Gatère kam. Dann war er einverstanden, alle Mahlzeiten bei uns einzunehmen. Aber die Besuche der Tante hörten bald auf. Sie war eine hochbetagte Dame und blieb ans Haus gefesselt. Von da ab fuhr Jean zu seiner Tochter. Einen Gutsverwalter von seinen Qualitäten hab' ich nie mehr wieder gefunden. Er leitete die Bewirtschaftung der Domäne mit einer allen Möglichkeiten Rechnung tragenden Intelligenz und einem die Kräfte seiner schwachen Gesundheit sicher überschreitenden Tätigkeitsdrang. Zudem war er mir ein ergebener Genosse, erkenntlich ohne Servilität, von immer gleichbleibender Laune trotz seiner unaufhörlichen körperlichen Leiden. Schließlich starb er an dem Nierenabszeß, der lange schon seine zerstörende Arbeit begonnen hatte. Zwischen ihm und meiner Frau, für die er eine tiefe Verehrung hegte, bestand während dieser sieben Jahre eine vollkommene Harmonie. Heute bin ich der Meinung, daß jene Krisen der Angst und Niedergeschlagenheit, die Du ehemals bei mir beobachtetest und zu bekämpfen suchtest, viel mehr den Umständen als meiner Natur zuzuschreiben sind. »Du hast gar nichts an Dir von einem, der das innere Gleichgewicht verloren hätte«, sagtest Du mir ... Und das stimmte. Die Feindseligkeit der Umstände wirkte stark auf mich, viel stärker vielleicht als auf den Durchschnitt der Menschen. Aber zweimal in meinem Leben gelang es treuer Liebe, meiner Sinnlichkeit zu gebieten; und treulich bedient nahm ich, ohne die Nerven zu verlieren, es mit den häuslichen Verdrießlichkeiten auf. Der arme Jean! Als er in dem kleinen Hause am Fuße des Hügels starb und Angelika und ich jeder eine seiner Hände hielten, da ahnten weder sie noch ich, daß mit seinem Kommen in unser Haus er mein eigenes Schicksal dem Abgrund nahe gebracht hatte, in den ich jetzt gestürzt bin. * Wenn ich, um eine Erklärung für das Vergangene zu finden oder aus bloßer Untätigkeit, in dem, was ich den Wust nenne, diesen Familienaufzeichnungen, blättere, die ich geerbt habe; so erstaunt mich die merkwürdige Tatsache, daß die aufrichtigsten und objektivsten Eintragungen häufig etwas von einer Sterbechronik haben. Es ist wahr, daß alle wichtigeren Sterbefälle der Gegend und des Hofes außer denen von Herrschaft und Dienstleuten im Hause selber hier aufgezeichnet sind. Aber man möchte meinen, daß der Chronist ein sadistisches Vergnügen dabei empfand, die Worte aufzuzeichnen, denen gewöhnlich ein Kreuz vorgesetzt wurde. »Heute verstarb ...« Man möchte glauben, er denkt dabei erleichterten Herzens: »Alle diese Leute sind tot, und ich lebe. Ich befinde mich wohl und ich stelle fest, daß jene tot sind.« Wie sich ein robuster Totengräber am Spiel seiner strotzenden Muskeln freut, während seine Schaufel die Erdbrocken in die Grube wirft. Jetzt, wo ich selber zum erstenmal den Chronisten spiele, entschlossen übrigens, nur die Geschichte meiner selbst aufzuschreiben, beurteile ich mit weniger Ironie diese düsteren Chronisten. Ich stelle fest: wenn man in sich selbst hinabsteigt, um sich zu verstehen und von sich zu berichten, so steigen eine Menge Tote aus ihren Gräbern und umkreisen einen, wie es geschehen sein mochte im Augenblick, als der Heiland seinen Geist aufgab. Kaum hab' ich zwanzig Seiten geschrieben, so glitten schon in das Halbdunkel dieses trüben Zimmers die Schatten meines Vaters, meiner Mutter und der Jeans. Ein vierter: Jeans Sohn, der kurze Zeit nach seinem Vater durch einen Unfall ums Leben kam. Und noch einer: die alte Gelähmte, das Fräulein von Anglésis. Sie »ging hin«, wie unsere Bauern sagen, dreißig Monate nach meinem Schwager. Sie hinterließ ihrem Mündelkinde Sidonie als ein bescheidenes Erbe die Domäne von Aubiac, Schloß und zwei Meierhöfe im Werte von etwa hunderttausend Vorkriegsfranken. Man bot mir bis zur Großjährigkeit von Sidonie die Nutznießung daraus an unter der Bedingung, Sidonie bei mir aufzunehmen und sie zu erziehen. Meine Frau, die all meine Liebe nicht ein zweites Mal zur Mutter hatte machen können und die Jean-Louis ein liebevolles Andenken bewahrte, wünschte, daß ich einwilligte. Ohne ihr Zureden hätte ich vielleicht eine andere Regelung getroffen, um die Erziehung der Waise sicherzustellen. Aber ich konnte Angelika nichts abschlagen. Außerdem erwuchs mir daraus nicht mehr Arbeit als die Verwaltung von einigen weiteren Hektar Land; denn ich war entschlossen, mich um mein Mündel nicht mehr zu kümmern als um meinen Sohn. Nun, nachdem ich diese Worte geschrieben habe, kann ich es nicht mehr hinausschieben, von diesem Sohne zu sprechen, trotz des Unbehagens, das mich dabei überkommt.   Bin ich ein schlechter Vater? Nein, Samuel! Aber, wenn man so sagen kann, ich bin nicht »sehr Vater«. So wie ich nicht »sehr Sohn« meinem Vater gegenüber gewesen war. Ich spüre nicht diesen Zwang einer Blutsbindung. Und um aufrichtig bis zum letzten zu sein: ich spüre nicht die innerliche Notwendigkeit, Wirklichkeit. Als meine Mutter, die ich lange bei mir behalten durfte, nur mehr noch ein Schatten des Lebens war, fühlte ich doch oftmals am Tage das Bedürfnis, sie auf ihrem Zimmer aufzusuchen, ihr zärtlich in die verblassenden Augen zu blicken, ihre eiskalten Finger zwischen meinen Händen zu wärmen. Meine Mutter: das bedeutet für mich immer tausendfache Erinnerung an Zärtlichkeit, Sorge, Lieder, Lachen, Liebkosungen, Nachsicht, Erraten, kurz Liebe und ausgetauschte menschliche Wärme. Bis in den letzten Nerv fühlte ich mein Teilnehmen an diesem unfaßbaren Geschehen ihres Alterns und Hinschwindens. Auch heute ist der Scherenschnitt der Hebamme gleich nach meiner Geburt noch nicht völlig vernarbt! Ganz anders mit meinem Vater! Es bedurfte immer einer Überlegung, einer Willensanstrengung, um ihm gegenüber so zu handeln und mich so zu verhalten, als ob das Kindesband zwischen ihm und mir mehr wäre als eine Einbildung. Und mehr denn je erschien mir dieses Band wesenlos, als ich selbst Vater war. Als ich Arnal zeugte, bestand der Wunsch zu zeugen kaum bei mir. Ich umarmte eine Frau, die ich anbetete; sie war gleichsam Ursache und Gegenstand meines Tuns. Als mein Vater mich zeugte, war es sicher nicht anders, und ich schulde ihm dafür keinerlei Dankbarkeit. Während meine Mutter (sie hat es mir gesagt) in diesem Augenblick der Hingabe an mich dachte. Und Angelika (sie mußte es mir zugeben) empfand eine Steigerung ihres Liebesempfindens bei der Hoffnung auf ein Kind. Wenn die Pflanze gekommen ist, stirbt das Korn, sagt die Schrift. Aber solange die Pflanze lebt, bleibt sie unlösbar ihrem Schoße verbunden. Arnal ist mir keinerlei Dank dafür schuldig, daß ich ihm zum Leben geholfen habe. Aber ich, was schuldete ich ihm? Genau das, was ich ihm mit peinlicher Rechtlichkeit gegeben habe: Leben, Unterhalt, Umsorgung, Erziehung des Leibes und des Geistes, einen gutbemessenen Betrag aus meinen Einkünften für sein Wohlbefinden, in unserm Verkehr Gerechtigkeit und Höflichkeit. Alles das hat er von mir erhalten. Ich könnte ihm nicht mehr geben, wenn dieses »Mehr« besagen will: irgendwelchen Einfluß auf ihn auszuüben, mich ihm anzuvertrauen und von ihm Vertrauen zu fordern. Dazu halte ich mich nicht für verpflichtet. Ich habe keinerlei Bedürfnis danach, ganz abgesehen davon, daß die völlige Verschiedenheit unserer Charaktere mir jede solche Annäherung ganz unmöglich erscheinen ließe. Warum aber: Ich bin mit Vertraulichkeiten nicht verschwenderisch. Ich gebe mein seelisches Leben nicht allen Winden preis, wie es mein Vater tat. Hatte der ein Glas Schnaps zuviel getrunken oder geriet er wegen irgend etwas in Wut, so entblößte er sich vor dem ersten besten. Ich bin eher verschlossen. Aber ich habe mein Herz dem Deinen geöffnet; Frauen, die mir ihre Liebe bewiesen, ließ ich es verstehen oder ahnen, was an mir Schlechtes oder Besseres ist. Solange Angelika für mich das ganze Geschlecht bedeutete, war unsere moralische Gemeinschaft ohne Geheimnis, und ich verbarg ihr nichts. Ich glaube nicht, daß mein Sohn Arnal, seit er denkt und spricht, jemals jemandem sein Vertrauen geschenkt hat, nicht einmal seiner Mutter, die er verehrte, und auch nicht Sidonie, der Gefährtin seiner Kindheit. Je älter er wurde, um so betonter wurde auch seine zurückhaltende, ja verschlossene Haltung. Als er noch ein Kind war, hätten mich die Anmut seines Körpers und seine frühe Intelligenz anziehen, ihm näher bringen können; aber sein passiver Gehorsam, der ihn nie etwas fragen oder einen Einwand machen ließ, seine Art, mich wie einen unbeugsamen Herrn zu behandeln, wo ich doch gegen alle, denen ich zu befehlen habe, von größtem Entgegenkommen bin, sein genaues Sich-Halten an die Vorschriften der Erziehung, wie: daß ein Kind, bevor es spricht, warten soll, bis man es fragt (was absurd ist, denn der Charme eines Kindes liegt in seiner Unmittelbarkeit), und dann dieses Überlegen der Antwort, wenn ich ihn gefragt hatte   als ob es ein Examen gälte  , und diese Antworten selber mit geradem Blick mir in die Augen, sicher und selbstbewußt ... das alles war mir auf eine Weise ungemütlich, daß mir nicht einmal der bloße Anblick des Kindes Vergnügen machte. Mir bestätigte sich nun aus meiner Vatererfahrung, was ich aus meiner Sohneserfahrung wußte: welch künstliches Gefühl diese Vaterliebe ist, wenn schon ein bloßer Gegensatz der Temperamente sie aufhebt. Ich machte in keiner Weise Angelika Konkurrenz, das Herz meines Sohnes zu gewinnen: sie betete ihn an, so wie er war, warf ihm höchstens seine außerordentliche Zurückhaltung vor. Aber da wurde das Kind traurig, und sie mußte es um Verzeihung für den Vorwurf bitten ... Bis zur Ankunft von Jeans Tochter wurde Arnal nur von seiner Mutter erzogen, unterstützt von Alicia, der ergebenen und beschränkten Kammerfrau, deren schwabblige und in lebhafte Farben gekleidete Figur Du damals bestauntest. Als Sidonie in unser Haus kam, schloß sie sich natürlich an den um sechs Monate älteren Arnal an. Ich sehe noch, ziemlich undeutlich, irgendein kleines Mädchen, das ein bißchen fett ist, zerzauste Haare hat, mit den braunen und lebhaften Augen unserer Gegend, nur größer und hübscher als die meisten von diesen, ein rundliches Gesicht, feine Gelenke: sie kam mir furchtsam und verschüchtert vor bis zum Stumpfsinn. Ich kümmerte mich um die Kleine so wenig wie um meinen Sohn. Das ging so zwei Jahre lang, also bis zum Jahre 1910. Da stellte mir meine Frau vor, daß für Arnal ein Erzieher nötig sei. Zwei Kilometer weit von La Gatère lebte ein alter pensionierter Lehrer mit einigen Universitätsjahren Theologie. Er nahm den Vorschlag an, jeden Tag mit den beiden Kindern zwischen drei und fünf Uhr Schule abzuhalten. So zottelte der gute Ricquier jeden Tag am Schlosse vor in seinem kleinen niederen Wägelchen, das ein nicht viel größerer Klepper zog, den er lenkte. Er zäumte die Mähre Pompon selber ab, führte sie in den Stall, zäumte sie nach den Schulstunden wieder selber auf. Mit dem Unterricht fand er sich recht und schlecht ab wie eine alte Unterrichtsmaschine, die er war. Arnal machte gute Fortschritte, und Sidonie folgte in einigem Abstand, von Arnal unterstützt. Meine Ruhe wurde nicht gestört: das war das Wichtigste. Und glückgewohnt, wie ich war, kam ich zu der Meinung, daß es sich für immer bei mir niedergelassen hätte, dieses Glück, als sich das Schicksal oder die Vorsehung oder der Zufall erinnerten, daß es Zeit sei, mich wieder zu meinem harten Menschenlose zurückzurufen, zu diesem aus wechselnden Stücken gewobenen Leben, in dem die Stücke des Elends und Jammers zahlreicher und größer sind als die des Glückes. Da kam zunächst die Reblaus über unsere Weinberge und unser Land; in einer gewissen Üppigkeit zu leben gewohnt, bekamen unsere Leute den scharfen Wind der Not zu spüren, als es nichts mehr zu herbsten gab in den Reben. Februar 1910 machte Angelika eine doppelseitige Lungenentzündung durch, die ihr Leben in noch größere Gefahr brachte als damals die Geburt Arnals. Nach drei Monaten der Angst und Sorge war das Leben gerettet. Aber die Ärzte schrieben eine gleich lange oder noch längere Zeit äußerster Schonung und größter Aufmerksamkeit vor. Sie nahmen mich beiseite: und was sie mir sagten, traf mich besonders hart, denn die Kranke, die sich wieder ganz hergestellt glaubte, verlangte meine Liebe mit einer durch die Enthaltsamkeit gesteigerten Leidenschaft ... Trotz unserer relativen Vorsicht kam die völlige Gesundung nicht. Die Kräfte ließen immer mehr nach. Unsere Spaziergänge beschränkten sich bei trockenem Wetter auf die paar Schritte ums Schloß, und die Nächte brachten Anfälle angstvoller Beklemmungen. Da war es die arme Liebende, die untröstlich um Gnade bat vor Erschöpfung durch die Liebe. Stell' Dir meine Not vor: nichts gab es mehr gegen meine Mutlosigkeit, meinen Widerwillen gegen alles. Ich stellte meine Unfähigkeit fest, mich für irgend etwas zu interessieren, außer für dieses eine, das mich ans Kreuz schlug: Angelikas Krankheit. Jede Zeit, die ich nicht bei ihr verbrachte, haderte ich, eingeschlossen in meinem Zimmer, mit der ungerechten Härte meines Geschickes. Sie merkte es; sie vergaß ihr Elend, um sich mit zärtlichem Trost über das meine zu beugen; sie tat, was in ihrer Kraft stand, mich zu den heilwirkenden Verrichtungen des Lebens zurückzubringen. Sprach von der Wirtschaft, von dem bösen Übel, das unsere Reben auffraß, sprach mit mir über alles mit ihrer armen, oft verlöschenden Stimme. Und sie fand noch anderes. Sie sagte: »Ich bitte dich, Hervé, kümmere dich ein bißchen um die Erziehung der Kinder! Seit Monaten sind sie Alicia und dem alten Ricquier überlassen, also sich selber. Das macht mich oft so unruhig, daß ich davon fiebere. Tu's meinetwegen, um mich zu beruhigen, daß du dich um die Kinder kümmerst ... wenigstens bis ich wieder gesund bin.« Gott ist mein Zeuge, es war der Wille, einer teuren Kranken zu gefallen, der mich zu den beiden jungen Wesen führte, für die ich zunächst nicht die moralische Verantwortung tragen wollte. Vorsichtig, langsam. Schritt um Schritt trat ich ihnen näher, denn ich ahnte ihr Mißtrauen mir gegenüber, fast ihre Furcht. Und ich tat, was ich nie zuvor getan hatte: ich beobachtete die beiden. Meine Frau hatte recht: seit ihrer Krankheit waren die Kinder sich selber überlassen und frei von jedem erzieherischen Einfluß. Alicia verstand sich ja auf nichts anderes, als ihre kleinen Körper und ihre Kleider zu pflegen, ihnen Lieblingsspeisen zu bereiten und ihnen zu sagen, sie sollten nur ja nicht zuviel arbeiten, denn sie seien ja reich. Ricquier war eine Maschine für Syntax, Jahreszahlen und die Funktionen des Einmaleins. Aber die Kinder waren weder faul noch unordentlich, und ich erkannte bald den Grund: Arnal beherrschte mit seinen dreizehn Jahren die um weniges jüngere Sidonie und sich selber. Diese Feststellung war mir gar nicht angenehm; aber ich schalt mich selbst: »Schließlich ist es am besten so. Immerhin will ich mich um sie kümmern.« Ich kümmerte mich zunächst um ihr Lernen, obzwar ich wußte, daß ich richtiger täte, mich an ihren Spielen zu beteiligen, um ihren jungen Seelen näherzukommen; aber das würde schon mit der Zeit kommen, und es kam auch. Ich nahm an dem Unterricht Ricquiers teil. Der Alte schien mir ein gewissenhafter Dummkopf zu sein, aber der genaue und fragsüchtige Kopf Arnals hielt ihn in Atem. Er ließ dem Lehrer nichts durchgehen, und dank dieser umgekehrten Disziplin waren die Kinder nicht dümmer, als es in ihrem Alter billig ist. Selbst Sidonie kam mir in dem Maße, wie meine Gegenwart ihr vertraut wurde, weniger beschränkt vor, als ich es geglaubt hatte. Die Langsamkeit ihres Geistes, der rasche Wechsel von Lebhaftigkeit und Dumpfheit bei ihr waren wohl nichts weiter als die Wirkung einer etwas frühen Reife. Sie ging aus der Breite in die Länge. Sie war etwas größer als Arnal, dessen Stimme gerade mit dem Wechsel fertig wurde. Ganz im Gegensatz zu ihm war Sidonie zu mir leicht und ohne merkbare Widerstände vertraut und zärtlich geworden. Ich begann zu verstehen, warum die Väter die Töchter den Söhnen vorziehen. Als ich unmerklich meinen Beobachterposten in ihre Spiele und Erholungspausen vorschob, sah ich zunächst nichts als zwei richtige Kinder. Ihr Ungestüm beim Spiel stach in gleicher Weise gegen den Ernst Arnals bei der Arbeit ab, wie gegen die Erscheinung Sidonies als »großes Mädchen«. Man hatte niemals ihre freischaltende Phantasie überwacht: ich hatte mir überhaupt keine Sorge darum gemacht, und meine Frau hatte nicht die Kraft dazu. Ich beobachtete sie: auch hier beim Spiel herrschte und leitete Arnal, Sidonie gehorchte und ahmte nach   man hätte sagen können, zwei Jungen spielen, denn sie spielten nur Knabenspiele: Laufen, Turnen an den Geräten, Bäumeklettern, Ringen. Irgend etwas daran stieß mich ab, ohne daß ich entscheiden konnte, was es war. Eifersucht auf die Herrschaft Arnals über Sidonie? Nein. Von keinem der beiden Kinder erwartete ich so etwas wie eine wirkliche Zuneigung. Viel eher war es eine Art Verstimmtheit oder Schmerz darüber, daß dieses kleine Paar sich völlig meinem Einfluß entzog und in meinem Hause glücklich ohne mich lebte, mit Arnal als frühreifem Führer. Das war der Grund meiner Unzufriedenheit. Und dann noch eine sittliche Beunruhigung. Arnal war dreizehn Jahre alt, also noch ein Kind. Ein Kind? Und ich in demselben Alter? Ich erinnerte mich, wie ich damals war. Du erinnerst Dich auch, Samuel, obzwar Dein früher Ernst, Deine Heiligkeit, wie wir es halb aus Spaß, halb aus Scheu nannten, aus Dir den Richter und nicht den Gefährten unserer Unterhaltungen und unserer Sitten machte. Es gibt Jungen von dreizehn, vierzehn oder fünfzehn Jahren, deren Gespräche und Sitten in ihrem jugendlichen Zynismus und ihrer naiven Perversität die von erwachsenen Wüstlingen übertreffen. Das Aussehen Arnals verriet zwar nichts derlei, obwohl von ihm nicht diese gewollte Strenge ausging, (wie von Dir auf der Schule) die uns, wenn sie auch nicht unversucht blieb, doch verblüffte und einschüchterte. Konnte ich trotzdem an die Unwissenheit dieses auf dem Lande aufgewachsenen Jungen glauben, der so ruhig und sicher stand, wenn das Spiel zu Ende war, und dessen ruhiger, scharfer Blick alles sah und alles in sich aufnahm? Nein. Arnal wußte sicher um das Spiel der Natur zur Weitererhaltung des Lebens; sein heller Kopf hatte sicher darüber nachgedacht. Nur behielt er, was er beobachtet und gedacht hatte, für sich, wie alles, was in seinem Hirn vorging. Und ich sagte mir: »Dieser gesunde, kräftige und intelligente Bursch, der weiß, was eine Frau ist, und was der Mann mit der Frau tut, lebt da in ständigem Zusammensein mit einem körperlich weit mehr als er entwickelten Mädchen, dessen Körper schon fast nichts Kindliches mehr besitzt. Dieses Paar, außer in den Unterrichtsstunden ohne jede Aufsicht, läuft davon, versteckt sich, ist allein, wie es ihm paßt. Warum sollte es den Gesetzen jedes gesunden und freien Menschenpaares entgehen? Seiner Jugend wegen? Kinderstreiche nennen es die gleichgültigen Eltern, die gern ihre eigene Kindheit vergessen und ihre Wachsamkeit betäuben mit: »Aber was denken Sie? Solche Kinder ...!« * Der Gedanke an eine Schuld solcher Art zwischen Arnal und Sidonie und an die Gefahren, die für sie daraus entstehen könnten, ließen mir keine Ruhe mehr. (Du mußt bei diesem Eigensinn auch die moralische Verwirrung in Rechnung stellen, in die mich die Umstände gebracht hatten.) Ich ließ meine Augen nicht mehr von ihnen, wenn ich sie zusammen sah. Und ich spitzte, aber selten mit Erfolg, meine Ohren, um zu hören, was und wovon sie sprachen. Wie oft glaubte ich, eine verdächtige Bewegung zu erspähen, ein verräterisches Wort zu hören! Welchen Stich fühlte ich dann im Herzen! Und wenn sie meinem Blick entschwanden, verfolgte mein Denken sie. Ich stellte mir vor, wie sie zusammen weilten in den buschigen Gehegen, die an das Haus grenzten und sich durch den Ahorn-, Eichen- und Fichtenwald bis zur Schlucht am Cayrou zogen. Gewiß wiederholten sie dort   aber jetzt ohne Zeugen   die Spiele, die ich gesehen hatte. Der eine von ihnen verbarg sich im Dickicht, der andere suchte ihn mit der Vorsicht und List der Mohikaner, entdeckte ihn, griff ihn an; und dann gab es diese brutalen Kämpfe, die mir so mißfallen hatten, bei denen der eine der Kämpfer sich für besiegt erklären mußte, damit der andere ihn frei ließ, und bei denen Arnal oft der Besiegte war, auf den Rücken geworfen, während Sidonie ihm ihr Knie auf die Brust drückte, die Hände Sidonies seine Schultern an die Erde preßten, ihre verbrannten, von Schweiß bedeckten Gesichter sich in die Augen schauten mit Drohen und Lachen ... Oder sie saßen   und auch so hatte ich sie überrascht   müde vom Tollen und vom Schreien, auf den ungefügen Felsstücken am Ufer des Cayrou (unseren Felsstücken, Samuel!) neben der Holzbrücke, die von unten gesehen Schwindel erregt. Sie saßen fast unbeweglich, verschnauften sich von der eben beendeten Raserei und plauderten vertraulich in leisem Gespräch. Wenn ich sie so sah, erregte mich das sinnloserweise noch weit mehr als ihr Raufen und Toben. Es kam mir vor, als ob sie sich absichtlich absonderten und von Dingen sprachen, die sie mir nie eingestanden und sicher nie anvertraut hätten. Vielleicht sprachen sie von mir. Vielleicht kritisierten sie mich oder machten sich über mich lustig. Das stand fest: sie tauschten Meinungen aus, sie faßten Entschlüsse, von denen sie mich ausschlossen, und die sich meiner Kontrolle entzogen. Damals habe ich, um sie besser kennenzulernen, mich ihnen genähert, nicht nur wenn sie arbeiteten, sondern auch in ihren Erholungsstunden. Schließlich waren sie so an meine Gegenwart gewöhnt, daß sie sich nicht mehr davor scheuten. Auch widersteht man mir, wie ich weiß, kaum, wenn mich ein frischer Wille beseelt. Du wirst dich erinnern, daß ich auf der Schule Tüchtiges im Sport leistete. Mein durch einen Sturz mitgenommenes Knie hatte mir darin zwar den Vorrang genommen, aber gerade diese Minderwertigkeit verringerte, wie die Dinge nun lagen, den Abstand zwischen mir und den beiden Kindern. Ich brachte Methode in ihre Spiele, wie jene alten Fechtmeister, welche gute Lehrer bleiben, auch dann, wenn sie selbst nur noch zur Hälfte fähig sind, die Waffen zu führen. Ich lehrte sie, ihre Kraft und ihre Geschicklichkeit zu nützen, jene nicht blind zu vergeuden, diese im rechten Augenblick anzuwenden. Arnal erwies sich auf diesem neuen Lerngebiet als ein ebenso guter Schüler wie vor dem Pult und der Wandtafel. Sidonie, weniger Herrin ihrer Leistungsfähigkeit, zeigte vor allem ein brennendes Verlangen, mich zufrieden zu stellen, und erschien darum in der Vollkraft einer Kämpferin. Ich selber vergaß zuweilen über dieser meiner Tätigkeit als Leibeserzieher die schwere eheliche Sorge, die auf meinen Schultern lastete. Andererseits zerstreute die vollkommene Natürlichkeit der Kinder rasch die übertriebenen Besorgnisse, die ich mir gemacht hatte. »Sidonie ist nicht einmal neugierig,« sagte ich mir; »und Arnal besitzt Samuels Reinheit ohne dessen Versuchungen. Ob er mit einem Mädchen oder einem Jungen spielt, ist ihm offenbar ganz gleich.« Aber die Unruhe meines Herzens erfand sich bald wieder andere Gründe der Besorgnis. Ohne jeden Hintergedanken freute sich Sidonie über meine Anwesenheit in ihrem Leben ganz einfach wie über die eines großen Kameraden. Es entging mir nicht, daß Arnal darüber erstaunt war. Beim Schulunterricht hatte er rasch die Überlegenheit seines Vaters über den Lehrer erkannt und gebilligt. Aber was das Spiel betraf, sah ich ihm bei all seiner äußern Ruhe an, wie er sich fragte: »Weshalb diese Änderung in der Haltung des Vaters uns gegenüber?« Ich versuchte, ihnen klar zu machen, daß die Krankheit meiner Frau mir ihnen gegenüber neue Pflichten auferlege. Aber mit so ungenügender Erklärung gab sich Arnal sicher nicht zufrieden. Es war mir ganz klar, daß er sich sagte: »Es ist nicht nur meinetwegen«, oder vielmehr: »Es ist überhaupt nicht meinetwegen.« Kinder haben für derlei Bevorzugungen eine unglaubliche Hellsichtigkeit, und Arnal besaß sie in höchstem Maße. Er glaubte zu merken, daß ich ihm weniger von mir gäbe als Sidonie, und daß ich ihm etwas von dem Mädchen wegnähme. Ich las das aus der unbeugsamen Aufmerksamkeit seines auf mich gerichteten Blickes, dieses von mir gezeugten und doch von mir so verschiedenen jungen Menschen. Dabei gab ich mir die größte Mühe zu völliger Unparteilichkeit. Aber ersichtlich arbeitete ich mehr an Sidonie als an Arnal. Ich hatte schließlich die Überzeugung, daß ich Arnal nichts weiter nützen könne, und daß es für Sidonie wertvoller sei, wenn ich allein auf sie Einfluß nehme. Ich sagte mir: »Es ist keine Frage, daß Arnal besser unter Jungen aufwüchse, wie es bei mir der Fall war, und wie es der Brauch ist.« Allerlei persönliche Erinnerungen befestigten in mir diese Meinung. Das Internat hatte mir eine Menge hassenswerter Eindrücke hinterlassen, aber ich dankte ihm doch Deine Bekanntschaft, Samuel, und welchen außerordentlichen Einfluß hatte Deine Gegenwart auf meine Jugend! Nützlich waren schließlich auch die bäurische Derbheit, die oft so unangenehme Offenheit unserer Kameraden, der Mangel an Umgangsformen und sozialem Abstandsgefühl, Dinge, welche die Jungen für den Kampf des Lebens hart machten, wie man ja auch den angehenden Reiter zunächst auf den nackten Rücken des Pferdes und erst später in den Sattel setzt. Unglücklicherweise existierte unser protestantisches Pensionat in Montauban nicht mehr. Und das Durcheinander eines Provinzlyzeums paßte mir für meinen Sohn nicht. Eines Nachmittags überraschte ich Sidonie, wie sie leise vor sich hinweinend allein auf einem Baumstumpf saß, hinter der Garage in einer verwahrlosten, nie begangenen Allee. »Du weinst, Sidonie?« »Nein, Onkel.« Die Antwort des überraschten Kindes widersprach seinem Gesicht. Sie weinte heftig, das ernste, schwere Jungmädchenweinen. Ich setzte mich neben sie. »Warum weinst du denn?« Da brach sie in hemmungsloses Schluchzen und Weinen aus, wie ein Kind. Ich nahm sie auf den Schoß. Ich fragte sie. Und ganz in der Art eines kleinen Mädchens kam es heraus: »Arnal liebt mich nicht.« »Woher weißt du denn das?« »Er zieht mich fortwährend auf. Er sagt immer, ich habe borstige Haare. Ich kann doch nichts dafür. Sie gehen immer gleich auf, wenn ich laufe, und stehen dann so weg. Er sagt, ich zeige immer meine Beine. Es ist doch nicht meine Schuld, daß ich so groß gewachsen bin. Er sagt, daß ich ihn herausfordere, wenn ich ihn immer küssen will.« Und zwischen Tränen und Aufschluchzen zählte sie weiter solche Kümmernisse und Schmerzen auf, und ich war erstaunt, in mir eine väterliche Seele zu entdecken, um sie zu trösten und zu beruhigen. Wahrhaftig, dachte ich, diese Kleine ist mir lieb. Arnal hatte gar keine Entschuldigung dafür, sie so zu betrüben. Als sie, den Kopf an meine Schulter gelegt, sich beruhigte, fragte ich sie weiter: »Aber Arnal hat dich doch trotz alledem lieb, Sidonie?« »Ich weiß nicht ... es gibt schon Augenblicke, wo ich ihn ärgere.« »Und du, du liebst ihn sehr?« »Ja. Ich möchte ihn nie ärgern.« Sie lächelte wieder. Und empfand nun, wo sie nicht mehr nötig hatte, getröstet zu werden, das Bedürfnis, mich zu verlassen, und wußte nicht, wie das anstellen. Sie war von meinem Schoß heruntergerutscht, trat von einem Fuß auf den andern. Dann beugte sie sich zu mir und sagte: »Aber du wirst Arnal nichts davon erzählen, Onkel?« »Nein«, sagte ich, ein bißchen grob. »Geh und bitt' ihn um Verzeihung, geh!« Sie lief davon, um Arnal zu suchen. »Was für ein dummes Mädel«, dachte ich. »Und doch schon Frau genug, um Gefallen daran zu finden, daß man ihr dient ... Und dieser dumme Junge, der sie tyrannisiert und zum Weinen bringt! Eine solche gemeinsame Erziehung taugt eben zu nichts. Sie erzieht den Jungen zum Egoisten; sie erstickt die Persönlichkeit des Mädchens. Man muß sich das merken. Finde ich in Toulouse oder Bordeaux eine ehrenwerte protestantische Familie, steck' ich da Arnal in Pension, und er besucht das Lyzeum.« Aber ich verschob es von Woche zu Woche, aus Faulheit. Oder weil ich unklar fühlte, daß es eine bessere Lösung geben müsse, die sich schon finden werde.   Als ich eines Morgens erwachte, warst Du in meinen Gedanken ganz gegenwärtig, Samuel. Ein Traum, dessen Spur ich nicht wiederfand, hatte mir unsere gemeinsame Jugend zurückgerufen. Ich erinnerte mich meines Empfanges durch Dich in der protestantischen Pension in Montauban. Du hattest schon zwei Jahre da verbracht, ich war ein Neuer, kam aus England. Du fragtest mich aus. Ich erzählte Dir von dem traditionellen Brauch in unserer Familie seit dem 17. Jahrhundert: der Älteste wurde immer für ein oder zwei Jahre im Laufe seiner Studien ins Ausland geschickt, nach England oder Deutschland, um dort die Sprache zu lernen und in einer großen protestantischen Gemeinde zu verkehren. Mein Ahn nannte das: das Gesetz der Angleichung an andere Länder. Da fiel mir plötzlich ein: »Arnal wird im Juli vierzehn.« So wenig hatte ich mich bisher um ihn gekümmert, daß mir die Anwendung des alten Familiengesetzes aus ihn nicht eingefallen war. Übrigens liebe ich es nicht, aus den Überlieferungen der Familie Vorschriften zu machen. Am gleichen Tage sprach ich mit Angelika über die Angelegenheit. Sie kannte diese Familienüberlieferung und gestand, daß sie schon lange die Anwendung dieser Tradition befürchtet habe. Lieb und ergeben, wie sie war, äußerte sie aber keinen Widerstand. Nur machte sie Einwendungen wegen ihrer Krankheit, obwohl es ihr gerade besser ging; sie meinte, daß sie, käme es zu einem Rückfall, darunter leiden würde, ihren Sohn nicht bei sich zu haben. Ich beruhigte sie mit der Versicherung, daß Arnal nur zu einer Zeit reisen würde, die sie selbst für geeignet hielte. Ich war sicher, daß sie sich mit dem Gedanken nach und nach vertraut machen und im Augenblick der Entscheidung nicht widersprechen würde. Für mich war es eine Erleichterung, daß dieser Entschluß gefaßt war, auch wenn seine Ausführung noch in ungewisser Ferne stand. Und mit noch größerer Sorgfalt übte ich mein Erzieheramt an beiden Kindern. In der Zwischenzeit bereitete ich die nutzbringende Verbannung meines Sohnes vor. Die deutsche Sprache zu lernen, empfahl sich seit unserer Niederlage 1870 noch mehr als die englische. Ich beschloß also, Arnal auf die Schule nach Behrenstein am Bodensee zu schicken. Von dort war die Rückreise im Notfalle kürzer als von Salisbury, und der Junge würde in dieser Anstalt um so bessere Aufnahme finden, als einige seiner Vorfahren sie besucht hatten, so insonders der Reverend Hervé de la Gatère, der, nach dem Revokationsedikt ausgewandert, als Superintendent seine Tage in Holland beschlossen hatte. Er war mir immer als eine Art Urbild meines Sohnes vorgekommen. Als ich Arnal von meiner Absicht Mitteilung machte, nahm er es mit der mir so auf die Nerven fallenden kühlen Ruhe und Unbewegtheit auf, die er nur im Verkehr mit seiner Mutter und Sidonie aufgab. Aber es kam mir trotzdem vor, als ob ihm der Gedanke, fremde Länder zu sehen, nicht mißfiel. Ich riet ihm, seiner kleinen Gefährtin nichts zu sagen, um sie nicht schon im voraus traurig zu machen. Sie erfuhr erst davon, als man die Vorbereitungen zur Reise vor ihr nicht mehr verbergen konnte. * Arnal reiste nach Behrenstein in den letzten Septembertagen in Begleitung eines jungen Pastors aus unserer Gegend   Eugen Marmier, vielleicht hast Du ihn gekannt  , der in jener Schule Lehrer für die französische Sprache war. Arnal verließ uns an einem Vormittag um zehn. Er hatte den ganzen Morgen bei seiner Mutter verbracht, die er aufs zärtlichste liebte; ich ließ sie absichtlich allein miteinander. Sidonie weinte in Alicias Armen. Ich gab dem jungen Pastor und dem Chauffeur eines Mietsautos, das die Reisenden zum Bahnhof bringen sollte, meine letzten Anweisungen. Ich bemühte mich, die Abschiedsszenen abzukürzen; aber es gelang mir nicht, Sidonie abzulenken, deren Nerven schließlich ganz nachgaben. Endlich ratterte das Auto mit Arnal und Marmier davon. Sehr schnell entzog die Ecke des großen Gehölzes es den Blicken. Alicia brachte Sidonie ins Haus. Ich ging, Angelika zu trösten, die meiner Zärtlichkeit gegenüber widerstandslos war. Dann lief ich in die Garage, holte meinen kleinen grauen Wagen heraus und fuhr nach einem Pachthof, wo die Weizenernte aufgeteilt werden sollte. Es war ein frischer, sonniger Tag, einer der Tage, an denen am frühen Morgen weißer Reif liegt, das Zeichen für reiche Traubenernten. Ich atmete tief. Der Winter ist noch weit, dachte ich. Mein Zustand war der eines Neuralgikers, den seine quälenden Kopfschmerzen endlich verlassen. Alles in der Natur tat mir wohl: der frische Geschmack der Luft, das bunte Farbenspiel der Wälder, der blaßblaue Himmel. »Angelika hat den Abschied gut überstanden«, sagte ich mir. »Und der Arzt ist voll Optimismus. Aber bei ihrer Jugend muß sie ja auch gesund werden.« In einem dieser seltenen Anfälle des Glaubens an die Vorsehung, die bei mir immer mit großen dunklen Hoffnungen zusammenfallen, sagte ich laut: »Herr Gott im Himmel, laß sie mir!« Und ich fuhr zu dieser sonst so langweiligen Getreideverteilung wie zu einer Unterhaltung.   Arnal war fort. Fort für zehn Monate wie alle aus der Familie vor ihm, die nach Behrenstein gegangen waren, wie ich selber, als ich ungefähr im gleichen Alter La Gatère verließ, um nach Salisbury zu gehen. Um mir für diese gerechtfertigte Entschließung die Verzeihung Angelikas und Sidonies zu erwerben, hatte ich Zeit von Anfang Oktober bis Ende Juli, zehn Monate. Guten Muts sah ich dieser Aufgabe entgegen; nun gab's nichts Widriges mehr, was ihrem Gelingen entgegenstand. Eine Art von Eingebung ließ mich immer ahnen, was ein weibliches Wesen von mir erwartete, oder womit ich es verletzen würde. Und ich finde ein gewisses Vergnügen daran, den Groll einer Frau, die ich liebe, zu entwaffnen. So gab Angelika zuerst nach und kam zu mir zurück! Kein Wunder! Denn sie liebte mich noch mehr als unsern Sohn. Wie hätte sie da einen Strom von Kälte zwischen uns lange ertragen können? Übrigens waren ja auch meine Gründe gar nicht bestreitbar: der Nutzen für das Kind; die Tradition der Familie! Darum begnügte sie sich auch nur mit der Einwendung: »Hätte man nicht noch warten können? Ich bin noch leidend. Wenn ich ihn nun nicht mehr wiedersehen sollte?« Ich schloß ihr den Mund mit Küssen. Die kurze aber heftige Krise, die Arnals Abreise hervorrief, ging vorüber, und das für einen Augenblick mitleidige Schicksal brachte die Krankheit zum Stillstand. Wir wagten es sogar einmal, wieder ehelich vereint zu sein, ohne daß Angelika darunter litt. Mit ihrem Sohn unterhielt sie einen lebhaften Briefwechsel, der ihre müßigen Stunden ausfüllte. Arnal beklagte sich in seinen Antworten nie über seinen neuen Zustand. Er war fleißig und ein guter Schüler, ohne als Musterschüler zu glänzen ... Von der ehelichen Seite her wurde mir also die Aufgabe verhältnismäßig leicht gemacht; befreit von der mich so drückenden Gegenwart Arnals hatte ich keine Mühe, durch größere Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit meiner Frau gegenüber diese über die Abwesenheit des Sohnes zu trösten. Nicht so einfach war es bei Sidonie. Ihr Widerstand machte meinen Willen hart und verstärkte meinen Wunsch, ihn zu brechen. Es war ihr sehr nahe gegangen, daß man ihr den Kameraden entrissen hatte. Sie empfand das auf eine ein bißchen tierische Art: Ich weiß, das Wort ist etwas hart und deshalb auch nicht ganz treffend, aber ich finde kein besseres. Ich will damit sagen: ihre Verwirrung, ihre Traurigkeit glich dem stumpfen Schmerz zweier Tiere, die unter dasselbe Joch gespannt, Krippennachbarn gewesen waren und plötzlich getrennt wurden. Stundenlang saß sie ohne ein Wort, ohne eine Bewegung, mit verlorenen Blicken. Ihr Appetit ließ nach wie ihre Lust am Spiel. Nur beim Lernen wurde sie eifriger. Suchte sie, nun ihr Herz verlassen war, in den Büchern, in den Unterrichtsstunden die Erinnerung an den Kameraden, der ihr früher geholfen hatte? Als der erste Brief für sie aus Deutschland kam, verschwand sie damit, um ihn wieder und wieder zu lesen, die Seiten zu küssen, zu weinen. Ich lächelte dazu. Ich wußte, das müsse seine Zeit währen und würde vorübergehen. Sidonie gehörte zu jenem gesunden und liebenden Frauentypus, der die wirkliche Gegenwart dessen, den sie lieben, nötig hat, und dem es bei aller ehrlichen Mühe nicht gegeben ist, sich von der Erinnerung zu nähren und sich an einem Bilde genügen zu lassen. Es fehlte ihr der Anblick ihres jungen Kameraden, und es fehlte ihr, von ihm angesehen zu werden, ihre jungen Kräfte im wilden Kampf mit ihm zu messen, kindliche Zärtlichkeiten mit ihm zu tauschen, die in ihr, wenn schon nicht in ihm, jenes wohlige Gefühl wachriefen, jene unbewußte Ahnung eines ungekannten Glückes, das ein Teil ist von der Hoffnung dieser Welt. Zudem war das Temperament dieses großen Mädchens zu ausgeglichen und zu gesund, um sich dieser Erschlaffung dauernd hinzugeben. Sie hatte Luft und Bewegung nötig; und von diesem Gesichtspunkt aus begann ich meine Kur. Zunächst ohne Erfolg: Sidonie blieb übellaunig und schmollte. Aber ich hatte eine neue Versuchung im Hintergrund. Nie hatte ich den Kindern erlaubt, die Finger an das Steuer meines kleinen grauen Autos zu bringen. Nun nahm ich Sidonie von Zeit zu Zeit mit mir auf meinen Fahrten zu den Pachthöfen und brachte ihr nach und nach das Chauffieren bei. Sie war sofort Feuer und Flamme für den neuen Sport. Als ich begann, mein Wild einzukreisen, amüsierte ich mich zuweilen damit, so zu tun, als hätte ich sie ganz vergessen. Ich stellte den Motor an und setzte mich am Steuer zurecht. Da sah ich auch schon an einem der Fenster ein ängstliches junges Gesicht auftauchen, dessen enttäuschter Blick meinem Tun folgte. Nie fiel ihr übrigens ein, mich zu rufen, mich zu bitten: ihre Unterwerfung war vollkommen,   Arnal hatte sie gut abgerichtet. Es kam vor, daß ich mich von Zeit zu Zeit selbst dazu verurteilte, allein fortzufahren, um einer besonderen Gunstbezeugung ihren Wert zu erhalten. Sie machte sehr rasche Fortschritte, und auf einmal waren alle kindlichen und jungenhaften Spiele vergessen, die ja auch gar nicht mehr zu ihrer Erscheinung einer »fast fertigen Frau« passen wollten. Bald lenkte sie den Wagen häufiger als ich; aber ich ließ sie nie ohne mich fahren. Nahegelegene Höfe in der Nachbarschaft suchten wir zu Fuß auf. Aber nie versäumte ich es, unseren Ausgängen und Fahrten ein praktisches Ziel zu geben: Überwachungen und sonstige Geschäfte auf dem Gute.   Sidonie lernte auf diese Weise ein Vergnügen kennen, das Arnal ihr nicht hatte verschaffen können: sich über unser ländliches Leben unterrichten, über den Wechsel im Anbau der Kulturen, über den Einkauf und Verkauf, über die Beziehungen zwischen dem Herrn und dem Personal, über Kosten und Erträgnis,   lauter Dinge, die Arnal gar nicht interessierten, und an denen sie sich, aus Nachahmungstrieb, ebenfalls uninteressiert gezeigt hatte. Nun aber zeigte sie einen ganz unmittelbaren Geschmack daran und sogar ein auffallend reifes Urteil. Mit einem Glücksgefühl sah ich die gute Hilfe voraus, die mir diese auserlesene Schülerin in einigen Jahren leisten würde. Für den Augenblick war es für sie ja nichts weiter als eine angenehme Unterhaltung und Tagesbeschäftigung, aber sie liebte diese Unterhaltung. Ich ermutigte sie darin, indem ich sie gelegentlich als Vermittlerin im Verkehr mit den Pächtern benutzte und ihr kleine Verantwortlichkeiten auftrug. Diese Lust an der »Erde«, die ich trotz aller Verdrießlichkeiten nie ganz verloren habe,   Sidonie fühlte sie mit dem ganzen jugendlichen Feuer des Neulings. Das aber war das erste feste Band zwischen uns. Ich wollte, es sollte nicht das einzige bleiben. Ich nahm mir vor, alle Bezirke dieses jungen Geistes lebendig zu machen, und unser häufiges Zusammensein war mir dazu sehr willkommen. Sidonie war zwar nicht dumm, gehörte jedoch zu den Wesen, die von sich aus keine geistige Arbeit vollenden können: schon die Anstrengung dazu erschöpft sie und alles zerstreut sie. Die Seite eines Buches war für Sidonie nichts Lebendiges. Nur das Leben selber kam ihr nah. Alles, was in der belebten Form des gesprochenen Wortes oder eines Gesehenen in ihr Gehirn eindrang, hinterließ Spuren. Durch diesen mündlichen Unterricht in freier Luft, ohne Zwang und ohne andere schriftliche Aufgaben als einige des Abends gemeinsam gemachte Notizen, bildete sich Sidonies Geist von Monat zu Monat in völliger Harmonie mit ihrem Körper, dessen Entwicklung allen in die Augen fiel. Der gute Ricquier mitsamt seiner ausgefallenen Pädagogik wurde entlassen. Ich hatte das Vergnügen ganz allein, einer Seele, die ich liebte, ihre Form zu geben ... Und in dem Maße, wie ich in diese gelehrige Schülerin meine Ideen, meine Neigungen, meine Kenntnisse und meine Anschauungen verpflanzte, im selben Maße fühlte ich, wie sich nach und nach nicht nur Arnals Einfluß verflüchtigte, sondern selbst die Erinnerung an ihn. Sie sprach kaum mehr von ihm, und nur zerstreut hörte sie von ihm sprechen. Auf seine Briefe gab sie nur verspätete und kurze Antwort. Arnal kränkte das wohl, denn er begnügte sich bald mit ein paar Sätzen für Sidonie, die er in die Briefe an seine Mutter einflocht. Es waren wohlgemessene, etwas gewundene Sätze, wie alles, was er schrieb. Weder Angelika noch Sidonie fiel es übrigens ein, aus diesen Wendungen einen tieferen Sinn herauszulesen. Angelika sagte nur: »Sidonie, du mußt deinem Vetter schreiben.« »Ja, Tante ... Heut abend ... spätestens morgen früh ...« Ich las aus Arnals Sätzen und ihren geschraubten Wendungen Unruhe, die sich zu verbergen suchte, und in der Rückwirkung etwas, das der Eifersucht glich, einer seltsamen Eifersucht, weder aus der Freundschaft noch aus der Liebe entstanden. Eine geschlechtslose Eifersucht.   An diese Stelle meines moralischen Testamentes gekommen, Samuel, beschwöre ich viel mehr noch Deine Rechtlichkeit als Deine christliche Nachsicht und Schonung. Ich spreche Dir von einer Zeit, wo ich weder Vorwurf noch Verdacht verdiente. Erlaube mir, mit Dir zu sprechen, der Du gerecht bist. Gewisse Zeiten unserer gemeinsamen Ferien, die ersten vier Jahre meines ehelichen Lebens, ehe die unerbittliche Krankheit der Seele Angelikas den Körper genommen hatte, war ich vollkommen glücklich. Unser menschliches Dasein gewährt uns ähnliches Glück nur selten, und doch erhebt nur ein solches Glücksgefühl uns über die stumpfe Gefühllosigkeit von Steinen und Pflanzen. In solchen Zeiten vergißt man, daß das Leben eine tödliche, jeden Tag schlimmer werdende Krankheit ist ... In der Zeit zwischen dem Dezember 1912 und dem April des darauffolgenden Jahres genoß ich diese glückliche Illusion. Kaum daß in dieser Zeit zwei oder drei Erlebnisse besonders hervortreten. Wie zum Beispiel der Tag, an dem ich zum erstenmal Sidonie in der Höchstgeschwindigkeit zu fahren erlaubte, ohne daß ich auch nur für einen Moment die Hand ans Steuer zu legen brauchte. Zu jener Zeit begegnete man nur wenigen Autos auf dem Lande, und es war fast ohne Beispiel, daß eine Frau den Wagen lenkte. Sidonie freute sich über die Überraschung, die sie auf den Straßen und beim Durchfahren der Dörfer hervorrief; wenn sie dann ohne Lärm und mit größter Präzision den Wagen vor La Gatère zum Stehen brachte, errötete sie vor Stolz. Sie gab mir einen stürmischen Kuß, und dieser jugendliche Überschwang schenkte mir ein Gefühl unsagbaren Friedens. Ich erinnere mich auch an unsern ersten gemeinsamen Besuch auf dem Schlößchen von Aubiac. Sidonie hatte hier bei ihrer alten Vormünderin acht Jahre ihrer Kindheit verbracht. Aubiac ist ein Edelsitz aus der Zeit Ludwigs XIII., ein zweistöckiges Gebäude, auf das abscheulichste möbliert im Stile von 1880, also aus der Zeit von Fräulein von Anglésis' Jugend. Seit dem Tode der Besitzerin schlief das alte Gebäude im Staube, gegen den Verfall nur geschützt durch das trockene Klima unserer Gegend, das eine langdauernde Feuchtigkeit nicht aufkommen läßt. »Nie wäre ich allein hierher gekommen«, sagte Sidonie. Mich dagegen rührte das »Zimmer des Fräuleins von Anglésis«, in das Sidonie, wie sie mir sagte, nie eingetreten war, ohne etwas verboten oder vorgehalten zu bekommen. Aber Sidonie wollte da nicht bleiben. Dafür führte sie Freudentänze auf den abgenützten, entfärbten Steinfliesen der hohen, gewölbten Küche auf, wo die ehemalige, heute verschwundene Dienerschaft ihr wie einer kleinen Königin gedient, sie mit Süßigkeiten vollgestopft und ihr schön getan hatte ... In den zwei benachbarten Meierhöfen erinnerte sich Sidonie an alles, und die Bilder ihrer Kinderzeit tauchten auf beim Anblick der Weinpressen, der Ställe, der Scheuern. Von dem Tag ab brachte ich sie häufiger nach Aubiac, mindestens jede Woche einmal, und ließ sie bis ins einzelne diese bescheidene Domäne studieren, die eines Tages ihr Eigentum sein sollte. Sie gewöhnte sich an das Haus, das das Aussehen und den Geruch eines unbewohnten Gebäudes behielt; so wie es war, entzückte es mich, so daß ich nicht daran dachte, es bewohnbar zu machen. An heißen Tagen   und es gab dieses Jahr schon im Februar heiße Tage   ruhten wir uns in diesem Schlößchen aus oder hielten ein Stündchen Siesta, wie wir sagten, nach einer rasch improvisierten Mahlzeit ... Nach La Gatère zurückgekehrt, erzählten wir Angelika an ihrem Bett sitzend von unsern ländlichen Ausflügen, und oft fragte sie uns voll Interesse aus, denn auch sie hatte den Boden, die Erde geliebt, auch sie. Zuweilen kam eine Traurigkeit in ihre Augen und sie seufzte: »Wann werde ich das alles wiedersehen? ...« Sie litt keine Schmerzen; die Krankheit, die nicht heilen konnte, verschlimmerte sich nicht. Aber die große Müdigkeit wich nicht von ihr. Und die Worte »Wie bin ich müde« tönten in meinen Ohren wie ein immer wiederkehrender Stundenschlag. Ich kann mir und auch Sidonie das Zeugnis ausstellen, daß wir sie bis ans Ende mit nie nachlassender Zärtlichkeit umgaben. Ich will noch einen kleinen Zwischenfall aufzeichnen, der Sidonie und mich lachen machte, aber von dem wir seitdem nie mehr gesprochen haben aus einer Art wechselseitiger Scham. Meine Frau, die vom Bette oder der Chaiselongue aus die häusliche Wirtschaft leitete, worin sie allmählich von Sidonie abgelöst wurde, hatte diese beauftragt, einige Toilettengegenstände einzukaufen. Alicias Tochter Irene sollte nämlich jetzt neben ihrer Mutter bei uns in Dienst treten. Das war nur im Hauptort des Kantons möglich, wohin ich mich mit Sidonie begab. Wir waren unterwegs durch eine Panne aufgehalten worden und kamen erst bei sinkendem Tag bei dem Tapezierer des Ortes an; das langgestreckte Magazin, in dem es nach Terpentin und Hanf roch, war angefüllt mit Stühlen, Schränken, Waschtischen, Betten und all solchen Heiratsmöbeln, von denen die bäuerlichen Brautpaare träumen. Es war niemand in dem Magazin als eine Magd, damit beschäftigt, vom Porzellan den Staub abzuwischen. Als ich mein Einkaufsprogramm vorbrachte, nahm sie sich erst gar nicht die Mühe, ihre Unzuständigkeit zu erklären, sondern lief in den Hintergrund des Raumes, wo man im Dunkel etwas wie eine kleine Stiege bemerkte, und rief hinaus: »Madame! He! Madame!« Eine Stimme von oben antwortete: »Was gibt's denn?« »Im Laden ist ein junges Brautpaar, das einkaufen will.« Wir brachen beide in Lachen aus, die Kleine und ich. Und Sidonie machte es Spaß, vor der Verkäuferin die ihr zugesprochene Rolle zu spielen; die Frau zuckte nicht mit der Wimper. Es wäre ja immerhin möglich gewesen. Denn ich war damals vierundvierzig Jahre alt, aber trotz der frühergrauten Schläfen konnte man mir dank meiner Schlankheit und meines faltenlosen Gesichtes zehn Jahre weniger geben. Und bei Sidonie verriet weder die Gestalt noch das Gesicht eine Vierzehnjährige; wer nicht auf die naive Unschuld ihrer Augen und die Mädchenfrische ihres Teints achtete, mußte sie für achtzehn halten ... Ich erinnere mich nicht mehr, ob dieses kleine Abenteuer meiner Eigenliebe schmeichelte oder wehtat: vielleicht beides. Was Sidonie betrifft, so schwätzte sie als »junge Braut« drauflos, aber fiel, sowie wir das Städtchen verlassen hatten, plötzlich in ein wie mir schien nachdenkliches Schweigen. Seitdem haben wir, wie gesagt, nie mehr von dieser Geschichte gesprochen.   Da hast Du, Samuel, die armseligen und die großartigen Ereignisse dieser unvergeßlichen Monate. Ich schwöre Dir, ich habe damals nicht ein einziges Mal etwas anderes verlangt als eine endlose Dauer dieser friedevollen Tage. Was hätte ich auch noch verlangen sollen? In mir herrschte eine wundervolle Ruhe. Ich, der ich die Vierzig überschritten hatte, entdeckte die durchdringende Süßigkeit eines väterlichen Gefühles, das die wirkliche Vaterschaft nie in mir erweckt hatte. Wie sollte ich auch diesen armseligen Zufall von Fleisch und Blut, durch den Arnal mein Sohn war, ein Sohn, der nichts von meinem Charakter und meiner Empfindungsart geerbt, und der sich abseits von mir ganz aus Eigenem gebildet hatte,   wie könnte ich diesen Zufall mit dem immer fortschreitenden und so rasch vollendeten Eindringen meines Geistes in einen weiblichen Geist vergleichen, der voller Grazie und Zärtlichkeit war, nach meiner Anwesenheit dürstete und, was ich sagte, mühelos auf eine Weise aufnahm, so daß ich in Sidoniens Worten, Wesen, ja selbst in ihrer Haltung eine Wiederholung meiner eigenen Persönlichkeit wiederfand? Diese geistige Schöpfung, ich muß es zugeben, erfüllte mich mit Stolz. Alle meine Wünsche würden erfüllt werden, wenn nichts die Entwicklung aufhielt oder änderte. Ich war glücklich und wollte dieses Glück auch um mich verbreiten. Nie habe ich mir größere Mühe gegeben, die von mir so geliebte, erwählte Frau zu entzücken, die die Krankheit unbeweglich machte und die, vom Sohne getrennt, keine anderen hatte als ihren Gatten und ihre Nichte, damit Leben um sie sei. Ich versichere Dir, es war keine Heuchelei dabei. Ich höre Dich einwenden, Samuel: »Gut, es war keine Heuchelei. Aber konnte sich denn ein so kluger Mensch wie du so täuschen? Du wolltest nicht sehen! Du wolltest nicht überlegen!« Und doch, so unglaublich es Dir auch scheinen mag, Samuel, ich sah nichts, ich merkte nichts. Kein frühes Zeichen schlug Alarm. Ich spürte keinerlei Unruhe, keine Erregung, sondern, wie ich Dir schon sagte, einen köstlichen, wundervollen Frieden. Wäre ich mir einer Gefahr bewußt gewesen, ich hätte Mittel gesucht, ihr zu begegnen ... Ein Beweis meiner Ahnungslosigkeit und meiner Aufrichtigkeit fällt mir im Augenblick des Schreibens ein. Ich erinnere mich eines melancholischen Gefühles, das mich überkam, als ich hörte, daß ein junges Mädchen aus unserer Bekanntschaft vor ihrer Verheiratung stände; sie war neunzehn Jahre alt. Ich mußte sofort an Sidonie denken, die gerade ihren fünfzehnten Geburtstag hatte. »In drei bis vier Jahren«, so sagte ich mir, »wird man sie vielleicht verheiraten müssen ...« Und ich stellte mir La Gatère ohne Sidonies blühende Jugend vor. Die Trauer, die meine Augen feucht machte, war die eines Vaters, dem man die reizende Gesellschaft seines Kindes wegnimmt ... Ja, es war möglich, es war nahe. Ein Tag würde kommen, an dem Sidonie Abschied nehmen und verheiratet einem neuen Schicksal entgegengehen würde. Ich werde dann allein in dem kleinen Auto sitzen, um zu einer Waldabholzung zu fahren oder auf den Märkten ein paar Ochsen zu kaufen, oder auf einem Pachthof über die Ausbesserung eines Daches zu entscheiden. Wie wird mir das alles langweilig und nichtig vorkommen, alle diese ewig wiederkehrenden Arbeiten und Tätigkeiten, die mich jetzt, belebt von der frischen und neugierigen Jugend an meiner Seite, selber wieder jung machten! Keine Mittagsmahlzeiten mehr mit der kleinen Gefährtin in dem Speisesaal in Aubiac, keine Trictrac-Partien mehr auf dem Mahagonitischchen im Salon des Fräuleins von Anglésis, in deren Verlauf wir unweigerlich immer so schläfrig wurden. Sidonie legte sich dann auf den alten Diwan, dessen Überzug verblichene Mohnblumen zeigte, um gleich in den tiefen Schlaf eines Kindes zu fallen. Und ich schlummerte ein bißchen in einem Fauteuil. Aber ich wachte immer bald wieder auf und sah ihr zu, wie sie schlief. Du bestehst nicht darauf, Samuel, daß ich mehr und weiter erzähle. Es ist nicht nötig. Schon lange errätst und fürchtest Du den Schluß ... Aber Du kennst auch die zärtliche Ehrfurcht, die ich vor der Liebe habe, und weißt, daß sie jeden Gedanken an Gewalt einem geliebten Wesen gegenüber ausschließt. Nichtsdestoweniger gibt es im Strafgesetzbuch den Paragraphen 331. Ich bitte Dich, ihn nachzulesen, mit den Kommentaren, die einen Vormund betreffen. Es leben in diesem Augenblick auf Guyana Menschen mit rasiertem Schädel, Eisen an den Füßen, und graben in der Erde oder schleppen Lasten unter einer glühenden Sonne,   als Strafe dafür, daß sie das taten, was ich getan habe. * Vierzehn Jahre! Mehr als vierzehn Jahre sind verflossen seit dem Tage, der dieses alles sah, und dem, an dem ich Dir schreibe! Richte mich. Sprich Dein Urteil. Es wird nicht strenger ausfallen als jenes, das ich selber über mich fälle. Ich führe keine mildernden Umstände ins Feld, wie etwa das Nichtvorhandensein bewußter Überlegung, vorübergehende geistige Störung oder   besonders   besonders die törichte europäische Übereinkunft, ein für die Mutterschaft reifes weibliches Wesen als ein Kind anzusehen. Nichts von alledem spricht mich frei, denn ich lebte durchaus nach dieser Übereinkunft; ich habe sie eindeutig anerkannt, als ich das gesetzliche Amt übernahm. Ich bin schuldig. Ich bin nach dem Gesetz meines Landes nur deshalb nicht bestraft worden, weil man mich nicht erwischt hat. Nicht um mich zu rechtfertigen, sondern um Dir mein Gewissen zu überantworten, füge ich noch hinzu, daß diese meine Verhaftung durch das Gewissen nichts zu tun hat mit der des Strafgesetzes. Ich habe ein allgemein gültiges Gesetz übertreten, aber ich habe dadurch niemandem Böses zugefügt. Nein, nein, Samuel! Du kannst im Namen des Strafgesetzes oder des christlichen Gesetzes protestieren, nicht aber im Namen der wirklichen Moral, welche besagt, daß man »nicht Schaden zufügen dürfe«. Ich habe niemanden geschädigt. Nicht meine Frau, denn meine Ergebenheit für sie vereinte sich mit der Sidonies, um ihr das Leben zu erleichtern, es ihr angenehmer zu machen, sie ihre Leiden vergessen zu lassen und sie möglichst glücklich zu machen bis ans Ende ihrer Tage; in Wirklichkeit nahmen wir ihr nichts und wollten ihr alles geben; auch meinen Sohn habe ich nicht geschädigt, der sein Leben so führte, wie er es wollte, wobei ich ihm nicht nur nicht widersprach, sondern ihm alle Mittel zur Verfügung stellte, so zu leben, wie er eben wollte. Und vor allem schädigte ich nicht Sidonie selber. Hätte ich nicht getan, was ich tat, was wäre ihr Schicksal gewesen? Mit irgendeinem unserer Nachbarn verheiratet, würde sie die trübe Existenz einer armen Schloßherrin (wir sind alle arm) geführt haben, geplagter von Sorgen als eine Pächtersfrau, und würde von ihrem Gatten nach zwei, drei Jahren nichts weiter haben als dessen Ausbrüche schlechter Laune in physischem und moralischem Sinne. Oder sie würde in Aubiac ein zweites Fräulein von Anglésis geworden sein. Durch mich aber hat sie ihre Persönlichkeit verzehnfacht, hat ihren Geist mit einem höheren, dem meinigen (Du weißt, daß es wahr ist!) verschmolzen, und hat die schwere Süße einer Leidenschaft kennen gelernt ... denn sie hat mich als eine leidenschaftliche Gefährtin und Frau geliebt ... Ich schwöre es Dir, Samuel: ich habe niemanden geschädigt, um mein Glück zu erreichen!   Und trotzdem fühle ich unauslöschbare Gewissensbisse. Ja, ich habe, um mein Glück zu erreichen, niemand Böses getan. Aber ich habe, und nicht ohne Absicht, die Schwäche und Unwissenheit eines andern Wesens ausgenützt. Weder in der Stunde selber noch jemals seither hat dieses Wesen mir je einen Vorwurf gemacht. Niemals im Laufe so vieler Jahre hat Sidonie aber das Wort ausgesprochen, das ich immer erwartete, und das ich ihr zuweilen einzugeben versuchte, ohne direkt zu wagen, es zu erbitten. Weder damals noch später, auch nicht in der Zeit unserer heißesten Leidenschaft, die nicht gleich meinem Verbrechen folgte, und die nun nicht mehr ist, sagte sie: »Dein Verbrechen ist meine Glückseligkeit gewesen. Du hast recht getan, es zu begehen, und ich danke dir dafür jetzt wie immer.« Sie sprach dieses Wort nicht und hat mich damit gerichtet, sie erspart mir den Vorwurf und kann mir doch nicht vergeben. Das hat mir langsam das Herz zerfressen, wie der Krebs. Aus diesem so schwerwiegenden Schweigen über einen wesentlichen Punkt habe ich immer eine Gefahr für die Zukunft gefürchtet. Du wirst sehen, wie recht ich hatte, und daß die Gegenwart das Schlimme zur Wirklichkeit macht, das ich in der Vergangenheit vorausfühlte ... Aber Du sollst ein klares und getreues Bild von mir als Vermächtnis bekommen, und ich will daher nichts vorwegnehmen. Du mußt mit mir alle Krümmungen des Weges gehen, den ich schritt.   Du darfst zum Beispiel nicht etwa glauben, daß ich sofort oder ohne Unterbrechungen mein heimliches Leiden gespürt habe. Keineswegs. Am Tage nach der Tat und lange nachher und viel später noch, ja bis zu den letzten Ereignissen, die mein Leben bis in die tiefsten Gründe aufwühlten, war ich, von gewissen vorübergehenden Ängsten abgesehen, durchaus ein glücklicher Schuldiger. Jene Anfälle von Angst verjagte ich, so wie ein Krebskranker sich sträubt, die Symptome seiner Krankheit zu erkennen, weil er Angst vor der Verzweiflung hat. Das erste, was mir unmittelbar nach dem Geschehen einfiel, war: »Arnal kommt in den ersten Augusttagen zurück.« Wir hatten Ende April. Drei Monate trennten mich also noch von dieser Rückkehr des Sohnes. Die Rückkehr eines Kindes von fünfzehneinhalb Jahren ... Rückkehr eines Schuljungen ...! Daran war nichts weiter zu fürchten, und der Charakter dieses Kindes, dieses Schuljungen gab mir die Sicherheit, daß zwischen mir und ihm nichts anderes sein oder geschehen würde, als wenn er vor meiner Tat zurückgekommen wäre. Aber was wird in ihm selber vor sich gehen? Was wird sein scharfer Blick merken? Was seine Scharfsinnigkeit ahnen und erraten? Ich kann mich gut verstellen und habe diese Kunst auch leichtlich meiner Mitschuldigen beigebracht. Während Arnals Abwesenheit war Sidonie ein gelehriges Werkzeug in meinen Händen. Aber ich wußte, wie tief seine Gegenwart auf sie einwirken mußte. Wird der heimgekehrte Arnal nicht allen oder einen großen Teil seines Einflusses auf Sidonie wiedergewinnen? Wenn er ihr auch nicht die ganze Wahrheit entreißt, wird sie sich nicht selbst, ohne es zu wollen, einen Teil davon aus Ungeschick, aus Unachtsamkeit entschlüpfen lassen? Ich konnte daran nicht ohne Schauder denken. Gewissensbisse? Nein. Ich hatte keine. Ich hatte auch keine Angst, daß sie mich befallen würden. Die Strafe, die ich befürchtete, war der Verlust meines Glückes, der Skandal, der durch das Bekanntwerden erfolgen würde. Wenn ich mir auch nichts aus Überlieferungen mache und sie verachte, liegt mir doch außerordentlich viel an der Ehre meines Namens. Aber stärker als meine Klugheit war mein Stolz, und er war es, der mich abhielt, Sidonie Vorsicht zu empfehlen. Arnal kam zurück. Er war noch zurückhaltender geworden, als er von Natur aus war, und sprach wenig über seinen Aufenthalt in Deutschland. Er sei von Lehrern wie von Schülern freundlich behandelt worden und bald einer der Besten gewesen. Aber irgend etwas, das er uns verschwieg, hatte ihn da verletzt, denn es war ersichtlich, daß er nicht mehr nach Behrenstein zurück wollte. Die zehn Monate hatten zudem genügt, daß er fließend deutsch sprach. Körperlich war er wenig verändert; etwas größer war er geworden, aber doch noch immer ein Junge, noch kein Jüngling. Als einzige Veränderung fiel mir trotz seiner Zurückhaltung eine gesteigerte Empfindlichkeit an ihm auf. Ich merkte ihm an, daß er eine starke innere Bewegung unterdrückte, wieder in La Gatère zu sein; er konnte, als ihn seine Mutter umarmte, die Tränen nicht zurückhalten; und als er Sidonie küßte, machte er verzweifelte Anstrengungen, seine tiefe Erregung zu verbergen. In dem Augenblick, da seine Lippen Sidonies Wange berührten, kreuzten sich unsere Blicke. Und der ihre, ganz schon der einer Frau, bedeutete mir: »Hab keine Angst! ...« In der Tat mußte ich im Lauf dieser beiden schrecklichen Monate es bewundern, wie sie von selbst aus sicherem Instinkt heraus es verstand, ohne daß wir je darüber gesprochen hatten, unser gemeinsames Geheimnis zu bewahren und zu schützen. So lehrt die Natur ganz plötzlich die junge Mutter die Verteidigung ihres Neugeborenen, das junge Mädchen die Verteidigung ihres Geliebten. Die beiden erneuerten ihre alte Vertrautheit ohne die heftigen Spiele von früher. Sie verbrachten lange Stunden miteinander; Arnal suchte Sidonies Gesellschaft jetzt häufiger als vor ihrer Trennung, während wir, Sidonie und ich, ohne uns erst darüber verständigt zu haben, ein Zusammensein möglichst vermieden. Aber ein Händedruck im Dunkel, eine rasche Umarmung in einem einsamen Korridor genügten, mich sicher zu machen: Sidonie blieb meine Verbündete. Auf die Dauer wäre dieser Zwang allerdings unerträglich geworden. Ich machte meine Pläne. Nach Ferienschluß wollte ich Arnal nach dem Lyzeum von Montauban bringen. Die Stadt besaß damals, wie Du Dich erinnern wirst, eine heute verschwundene protestantisch-theologische Fakultät. Durch gemeinsame Freunde setzte ich mich mit einem der Professoren, dem Pastor Pellerin, Vater von drei das Lyzeum besuchenden Jungen, in Verbindung; er war damit einverstanden, Arnal bei sich aufzunehmen und seine Studien zu überwachen ... Ich schwieg über diese Verhandlungen, und Arnal vermied es, mich zu fragen, was ich mit ihm vorhabe. Aber je mehr sich die Ferien ihrem Ende zuneigten, wurde er schweigsamer und verdüsterter. Sidonie warf mir im Vorbeigehen die Worte zu: »Ich finde Arnal verändert ...« Ich entschloß mich, meinen Sohn beiseite zu nehmen und ihm meine Absichten mitzuteilen. Er hörte mich mit unbewegtem Blick an. »Was sagst du dazu?« fragte ich ihn, da er schwieg. »Liegt dir viel an Montauban, Vater?« »Ich verfiel auf Montauban, weil es uns nah ist, und weil du da nicht in einem Internat sein wirst. Wärest du wo anders lieber?« »Ich möchte dorthin gehen, wo du und viele aus unserer Familie waren, Vater, nach Salisbury.« Ich fürchte, es gelang mir schlecht, die Erleichterung zu verbergen, die mir dieser ganz unerwartet kommende Vorschlag bereitete. Salisbury! Viel weiter noch weg als Behrenstein! Keine Möglichkeit, früher als zu den großen Ferien heimzukommen! Ich gewann rasch die Herrschaft über mich wieder, um ruhig antworten zu können: »Das ist nicht unmöglich. Ich werde mir's überlegen.« Aber mein Entschluß stand bereits fest. Oft hab' ich seitdem, zusammen mit Sidonie, nach dem geheimen Grund zu forschen gesucht, der Arnal veranlaßte, die Erneuerung seiner Verbannung zu verlangen. Er brachte damit tiefe Trauer über seine von ihm zärtlich geliebte Mutter; er verließ die von ihm geliebte heimatliche Gegend und eine junge Gefährtin, für die er, ich weiß es von ihr selber, eine Zuneigung gezeigt hatte, die weniger herrisch, viel zärtlicher war als ehedem. Der erste Gedanke, der mir kam, war: er hat etwas gemerkt. Aber das war unmöglich, denn es geschah nichts in diesen Monaten. Also Ahnung? Es ist auch heute noch für mich wie für Sidonie ein völliges Geheimnis, und es ist wahrscheinlich, daß ich sterben werde, ohne den Schleier gelüftet zu haben.   Eine dumpfe Traurigkeit lag über dem zweiten Abschied Arnals; nicht ohne Beschämung muß ich zugeben, daß von uns allen bloß dieses Kind von sechzehn Jahren die ernste Würde eines erwachsenen Menschen zeigte. Als er sich, bevor er in den Wagen stieg, von mir küssen ließ, fühlte ich zum erstenmal in meinem Leben den Schlag seines Herzens an meinem und den Schauer eines väterlichen Gefühles. Mir kam die Angst: »Tue ich ihm nicht etwas Böses?« Aber schon war er im Wagen, fuhr los, verschwand. Da suchte eine schwache, zitternde Frauenhand die meine. Von diesem Augenblicke meines Lebens ab beginnt, mein lieber Samuel, ein Zeitraum von dreizehn Jahren, dessen Schilderung ich abkürzen will bis auf einige chronologische Notizen. Erst wenn ich wieder ans Ende dieses Zeitabschnittes komme, an das Heute, werde ich ausführlicher sein müssen ... Warum? Nun, weil diese Zeit für mich einen Höhepunkt in meinem Gefühlsleben bildet. Diese dreizehn Jahre sind voller Ereignisse zu zweit, an die ich mich voll Inbrunst erinnere; aber ich fände es unschicklich, einen Mann Deines Charakters und Deines Amtes mit dieser Erzählung zu belästigen. Du könntest dieses Leben nur als das eines Sünders betrachten, und eines Sünders, der immer noch nicht bereut: denn ich war glücklich. Es war kein ganz reines und zuweilen ein bedrohtes Glück, aber ich war glücklich. Die teure Gegenwart meiner Frau blieb mir erhalten; ich hege den Aberglauben, daß ihre Gegenwart mich vor der Katastrophe schützte, und ich irrte mich nicht. Die Bande, die mich mit Sidonie verknüpften, wurden wieder fester; dem unbestimmten Morgendämmern folgte die Glut des Tages. Was ich am meisten fürchtete, blieb mir erspart: der skandalsüchtige Klatsch. Daß Sidonie bei ihrem Vormund wohnte, fand man nur natürlich, zumal doch meine Frau außerstande war, das Haus zu leiten. Und wir übertrieben die Vorsicht, unser Geheimnis nicht bekannt werden zu lassen. Ich habe niemals und selbst nicht bei unsern eigenen Leuten das geringste Zeichen eines Verdachtes bemerkt. Aber vielleicht haben sie sich auch ihrerseits verstellt. Und Arnal? Du wirst hören, wie die fürchterlichen Geschehnisse dieser stürmischen Jahre sich mit dem freiwilligen Entschlüsse meines Sohnes zusammentaten, um ihn fast ohne Unterbrechung von uns fernzuhalten. Er hatte seine Studien in Salisbury im Oktober 1913 begonnen und sollte erst zehn Monate später, in den großen Ferien, zu uns heimkommen. Das Schuljahr war im Juli zu Ende; aber praktisch schloß sich da immer noch eine Woche sportlicher Wettbewerbe an. Der Kriegslärm, von dem Europa damals widerhallte, brauchte einige Zeit, um das insulare Phlegma zu erschüttern, und so geschah es, daß am 2. August 1914, als Frankreich mobilisierte, Arnal England noch nicht verlassen hatte. Seine Mutter bat mich, da sie Gefahr in diesem kriegerischen Durcheinander für ihn fürchtete, ihn nicht zurückzurufen. Allgemein war man ja des Glaubens, der Krieg werde in wenigen Monaten zu Ende sein. Arnal war einverstanden, zu bleiben. Aber das erwartete rasche Ende kam nicht nur nicht, sondern der Krieg nahm ganz ungeheuerliche Formen an. Die deutschen Unterseeboote traten in Aktion und der Kanal, den man zu Beginn der Feindseligkeiten gefahrlos benutzen konnte, wurde gefährlich. Arnal, dessen Briefe immer noch mit größter Pünktlichkeit eintrafen, verlangte nicht heimzukehren. Und da er ja nun bald in das Alter kam, wo er eingezogen werden mußte, waren seine Mutter und ich uns einig, ihn möglichst von Frankreich fernzuhalten. So verging das Ende des Jahres 1914, das ganze Jahr 1915 und die erste Hälfte des Jahres 1916. Keiner dieser vielen einander folgenden Tage war ohne Grauen für mich; aber die menschliche Natur ist so sehr auf die eigene Verteidigung eingestellt, daß meine Angst eigentlich nur Egoismus war. Nicht als ob mir diese Katastrophe, die über die Welt gekommen war, gleichgültig gewesen wäre! Mit welcher Erleichterung hätte ich mich, halber Invalide der ich war, den Gefahren ausgesetzt und mich dem Befreier Tod in die Arme geworfen! Aber obwohl man es mir äußerlich nicht anmerkte, war ich doch unfähig, eine Stunde lang zu marschieren; und fünf Kilometer hinter der Front als Bureaumensch Dienst zu machen, daran lag mir gar nichts. Wie hätte ich auch die beiden Frauen verlassen können, die nur durch mich lebten, und die alle beide Rechte auf mich hatten? So blieb ich in meinem heimatlichen Winkel hocken, Fatalist, wie damals alle waren, darauf verzichtend, mich mit der Zukunft zu beschäftigen nach dem Worte der Schrift: Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Qual habe. * Der Ratschluß des Schicksals wurde mir kundgetan am 3. September 1916 durch einen Brief Arnals aus England. In Worten voller Hochachtung ließ der Brief doch durchaus die Sicherheit eines durchblicken, der den Gegner entwaffnet wußte! ... Arnal erbat oder forderte vielmehr entschieden zwei Dinge: innerhalb eines Monats nach Frankreich zurückzukehren, um im Oktober das Abitur in Bordeaux zu machen; und nach dem Examen (dessen Bestehen er als sicher annahm) bei den Fliegern einzutreten. »Ich bin achtzehn Jahre alt,« schrieb er, »man glaubt hier, der Krieg werde noch vier Jahre dauern. In den Schülerformationen, die man hier gebildet hat, habe ich mich hinreichend vorbereitet. Ich glaube, im März nächsten Jahres an die Front gehen zu können.« So hatte er im voraus seine Zukunft geordnet, während ich mich treiben, im voraus unterjochen ließ. Wie ich diese abgeklärte Bestimmtheit Arnals haßte! Es geschah übrigens alles so, wie er es angeordnet hatte: Angelika erlag wie ich der Entschiedenheit des Sohnes, und Ende September traf er bei uns ein. Weit mehr als Deutschland hatte ihn England verändert. Als er aus Behrenstein zurückkam, war uns nichts Deutsches an ihm aufgefallen, weder in seinem Äußeren noch in seinem Wesen. Nun traf er auf La Gatère als ein junger Engländer ein, als einer dieser scharmanten Jünglinge mit hellem Teint, kupferfarbenem Haar, kräftiger Muskulatur, wie sie zu Hunderten Eaton, Henley, Oxford oder Cambridge bevölkern. Er schien um mindestens zehn Zentimeter gewachsen; aber die auffallendste Veränderung war seine derbe Kraft, trotz seiner Schlankheit und Zierlichkeit; kein Fett, alles war Muskel. Er hatte einen leichten englischen Akzent, der übrigens in ein paar Tagen verschwunden war. Die Jugend, mit Schönheit geschmückt, zieht siegreich ein wie eine Verheißung von Glück. Ich beobachtete ein Strahlen von Freude in den Augen unserer Leute. Angelika warf für ein Weilchen die Bürde ihrer Krankheit ab und war der beglückte Widerschein ihres Sohnes. Sidonie blieb unbewegt völlig aus der Fassung gebracht; sie war lange Zeit der Sprache nicht mächtig und brachte nur ein kurzes Aufschluchzen hervor, das sie mit dem Taschentuch zu ersticken suchte. Und ich? Ich muß Dir die Niedrigkeit, die senile Entartung meines Charakters gestehen, Samuel. Sowie ich es, ohne aufzufallen, tun konnte, überließ ich Arnal den beiden Frauen; ich stürzte in mein Zimmer und pflanzte mich wie eine eifersüchtige Kokette vor dem Stehspiegel auf, den ich mir aus meinem Toilettenzimmer hatte hierher bringen lassen. Ich überzeugte mich von meinen grauen Haaren, den Säckchen unter den Augen, den verdächtigen Furchen in den Wangen, der verlorenen Schönheitslinie meiner verletzten Gestalt, und ich verlachte diesen »begehrlichen Verführer«. Da kam mir plötzlich der Gedanke: »Vielleicht ist er allein mit ihr ...« Ich lief hinunter. Sie saßen zusammen auf einer Fensterbank und plauderten. Sidonie hatte sich wieder in ihre Gewalt bekommen; ohne Verlegenheit hörte sie aufmerksam zu, was Arnal erzählte ... Ich kam leise und unbemerkt näher, um zu lauschen, und vernahm ..., wovon eben ein englischer Student reden konnte: »Begeisterte Meldung von Freiwilligen ... Bomben auf Kinder ... Regatta in Henley.« Weder jetzt noch später zeigte sich mir etwas, woraus ich schließen konnte, daß sich die Intimität ihrer gemeinsamen Jugend erneuert hätte. Mir kam es vor, als wäre es Arnal selber gewesen, der die Schranke zwischen sich und Sidonie errichtete. Weniger geschickt, sich zu verstellen, konnte mir Sidonie die Verwirrung nicht verbergen, welche die Rückkehr und die Anwesenheit Arnals bei ihr hervorriefen. Ich las in Sidonie wie in mir selber. Ich sah klar die Tiefe ihres Wesens, wie man den Sand auf dem Grunde einer klaren Quelle sieht. Sicher hatte Sidonie sich nicht sofort in Arnal verliebt. Aber etwas wie ein Verlust ihres Lebens, wofür ich die Verantwortung trug, wurde ihr durch die Gegenwart dieses schönen Durchreisenden bestätigt, den sie hätte lieben können, der sie hätte lieben können ... wie sie wenigstens glaubte. Sie war zu gerecht und zu zärtlich, um sich gegen mich zu wenden; aber sie wurde traurig. Ich zwang mich dazu, ihr Zusammensein nicht mehr zu stören, das häufiger zu machen sie übrigens nicht versuchten. Außerdem dauerte dieses gefährliche und trübe Zwischenspiel nicht lange. Arnal ging nach Bordeaux fünf Tage nach seiner Heimkehr und tat hier während der Vorbereitung zum Examen, ordentlich wie er war, alle nötigen Schritte für seinen Militärdienst. Nach dem bestandenen Abitur kam er noch für eine kurze Zeit nach La Gatère und ging dann auf die Fliegerstation von Avor.   Wieder einmal hatte er das kleine Schloß und sein Geheimnis verlassen!   Diesmal war der geheimnisvolle Waffenstillstand von Dauer; denn während der folgenden zehn Jahre sollte sich Arnals Entschluß, sein Leben unabhängig und fern von uns zu führen, nicht ändern. Hartnäckig vermied er häufigere Besuche auf La Gatère, und wenn er kam, konnte weder Sidonie noch ich daran zweifeln, daß seine Besuche Angelika galten, die er in der Zeit zwischen Ankunft und Abreise kaum verließ. Arnals Karriere in diesen zehn Jahren war, ganz kurz geschildert, folgende: 1917 eingezogen, kam er glücklicherweise erst kurz vor dem Waffenstillstand an die Front nach Lothringen. Er zog sich mit einem unbedeutenden Kopfschuß, dem Kriegskreuz und dem Leutnantsrang aus der Affäre. Bei der Demobilisierung nützte er den Erlaß aus, der den Reserveoffizieren erlaubte, im aktiven Heeresdienst zu bleiben. Zwischen 1920 und 1926 war er im Rheinland, dann in Syrien. Danach machte er den Feldzug in Marokko mit. Bei Ain-Kitra wurde er ernsthaft verwundet und kam zur Erholung im März 1927 nach La Gatère. Seine Mutter, mit der es sichtlich zu Ende ging, bat ihn, nicht mehr fortzugehen. Er gab nach und reichte seinen Abschied ein. Seitdem hat er La Gatère nicht mehr verlassen. Es sind fünf Wochen her, daß Angelika für immer von uns gegangen ist, und Arnal spricht von keinem Reiseplan. Ich bin dem Schicksal sicher dankbar für diese Jahre, in denen es mir in unvorhergesehener Nachsicht den ruhigen Besitz dessen zubilligte, was mir am meisten am Herzen liegt. Du wirst leicht erraten, Samuel, daß diese Ruhe nicht immer ohne Störung war. So selten und immer angemeldet auch Arnal nach La Gatère kam, ich fürchtete seine Besuche im voraus, und sie hinterließen mir immer eine nur langsam wieder weichende Angst ... Bei jedem neuen Kommen erschien der Jüngling ausgebildeter, immer betonter und männlicher in seiner Art. Weniger hübsch, als ich in seinem Alter war, ging von ihm eine Verführung ganz anderer Art aus: er zog die Frauen an, ließ sie schwach werden, bis sie schließlich, ein bißchen verärgert, fast feindlich, stets bereit waren, ihn zu verleumden. Ich konnte diese Wirkung nicht nur bei Sidonie beobachten, sondern auch bei dem kleinen weiblichen Kreis um Sidonie herum, der unser Haus besuchte. Arnal floh diese Gesellschaft nicht. Ich glaube sogar, daß er sie der Männergesellschaft vorzog. Aber ich verstand auch, warum er den Frauen unbehaglich war. Er erregte in ihnen das Verlangen; aber gleichzeitig lähmte er durch sein etwas herrisches, befehlerisches, ablehnendes Wesen alle diese tausend kleinen Zeichen, mit denen die Frauen einem bewunderten, begehrten Manne zu verstehen geben: »Da bin ich ... du gefällst mir ... auf was wartest du noch? ... Greif an! Ich verteidige mich, weil es Brauch ist ... und auch im Interesse des kommenden Glückes ... Aber greif an ... Ich kann dir wirklich nicht mehr entgegenkommen.« Nein! Nicht einmal diese sinnlichen Koketterien wagten sie vor dem kühlen Blick Arnals. Während er am Rhein in Garnison lag, brachte er öfter einen Kameraden aufs Schloß mit, den Artillerieleutnant Robert Fuchs. Er war Polytechniker und wie wir aus einer protestantisch-liberalen Familie, die in der Umgebung von Belfort zu Hause war. Die beiden kannten sich von der lothringischen Front her, und nach dem Waffenstillstand war es ihnen gelungen, zusammen ins besetzte Gebiet in Garnison zu kommen. Robert Fuchs gefiel mir vom ersten Moment an. Ohne jede Schönheit war er einer dieser lustigen, etwas vierschrötig derben Burschen, die ihrer Offenheit und Lustigkeit auf der Schule ihre Beliebtheit verdanken und später durch die Protektion der Frauen eine leichte Karriere machen, so daß die Mißgünstigen brummen: »Warum der und nicht ich?« Eine ganz simple Liebhaberei brachte uns einander nahe: beide liebten wir die Bastelei. Er selbst sagte lachend zu Arnal: »Dein Vater und ich, wir schlagen zu gerne Nägel ein.« Während der vierzehn Tage, die dieser Fuchs im Frühjahr 1923 bei uns weilte, brachten wir zusammen eine kleine Turbine im Cayrou an, die uns reichlich trinkbares Wasser ins Schloß schaffte. Mitteilsamen Wesens, aber nie indiskret, verbarg er mir nicht die Annehmlichkeiten der Rheinlandbesetzung. Als wir schon recht vertraut miteinander geworden waren und wieder einmal das Kapitel Frauen besprachen, wagte ich die Frage: »Und Arnal?« »Arnal und die Frauen?« »Ja, er und die Frauen.« Fuchs wurde ganz ernst, als er sagte: »Arnal liebt Frauengesellschaft, aber ich habe nie gehört, daß er eine Geliebte hat.« »Wie? ... Mit fünfundzwanzig Jahren?« »Er ist mit fünfundzwanzig in dem Zustand, in dem der Apostel Paulus war, als er mit eigener Hand und mit schwarzer Tinte den Brief an die Korinther schrieb.« »Und was sagen denn seine Kameraden dazu?« »Den meisten genügt als Erklärung, daß er Protestant ist, strenger Protestant, vielleicht verlobt ... Andere vermuten geheime Beziehungen. Auch das hörte ich: Er gehöre einem calvinistischen Orden an, in dem man ein Gelübde ablegt. Aber schließlich, mein lieber Herr de La Gatère, müssen Sie auch bedenken, daß unsere Generation sich weit weniger für Frauen interessiert als die unserer Eltern ... Ich nehme an, daß manche unserer Kameraden nicht anders sind als Arnal ... oder fast so, wenn ein ›fast‹ in dieser Beziehung nicht lächerlich ist.« »Aber ..., nicht aus anderen Gründen ..., die man nicht gern eingesteht?« »Sicher, aber selten. Immerhin ist der Gedanke, sich für die künftige Gattin rein zu erhalten, nicht selten unter den jungen katholischen Offizieren.« Unwillkürlich mußte ich ausrufen: »Was für eine Zeit!« »Für das weibliche Geschlecht sicher weniger günstig als die Ihre war. Selbst die unter uns, die nicht enthaltsam leben, tragen so etwas wie eine liebenswürdige Gleichgültigkeit zur Schau. Da überrascht sie Arnals Reserviertheit nicht weiter.« »Aber in Ihrer Unterhaltung dürften doch Anspielungen, Anekdoten und gewisse Scherze über das Ewig-Weibliche nicht fehlen, oder ...?« »Im Gegenteil! Sie sind vielleicht noch zynischer, noch verächtlicher, diese Scherze, als sie zu Ihrer Zeit waren.« »Und wie verhält sich Arnal dabei?« Fuchs dachte einen Augenblick nach und sagte dann lächelnd: »Arnal hat bei solchen Gesprächen das Wesen eines wortkargen und mäßigen Mannes, vor dem man lieber von Trunkenbolden und Saufgelagen spricht. Er lacht zwar mit. Aber seine Verachtung ist, ohne beleidigend zu sein, ganz deutlich. Es ist klar, daß er von den Frauen eine ganz unnachsichtige Meinung hat: die der Heiligen Schrift.« Und nach einem Moment des Schweigens fügte er hinzu: »Das Vernünftigste, das ich über Ihren Sohn habe sagen hören, war: Er muß noch sehr jung unter der Gemeinheit einer Frau gelitten haben.« Das Wort traf mich ein wenig. Ich verbarg meine Bewegung und sagte rasch: »Ist das auch Ihre Meinung?« »Ich habe da keinerlei Meinung«, antwortete Robert Fuchs. »Ich liebe Arnal viel zu sehr, um   es klingt zwar sinnlos, aber es ist doch richtig  , ich will sagen, ich stehe ihm viel zu nahe, als daß ich ihn über so etwas befragen könnte.« Dieses Gespräch und meine persönlichen Beobachtungen gaben mir die Sicherheit, daß Arnal es nie versuchen würde, Sidonie zu erobern. Trotzdem befand ich mich nach jeder Abreise Arnals einer immer mehr veränderten Sidonie gegenüber. War sie in Arnal verliebt? Nein. Und doch war es offensichtlich, daß die Gegenwart dieses Hippolyt, dieses Parzival die unschuldige Sünderin dazu reizte, über sich selbst nachzusinnen und in der Tiefe ihres Gewissens Skrupel zu spüren ... Wenn ich je bis zum äußersten meine Kenntnis der Frauen nützte, so war es dazu, Sidonie immer wieder zurückzuerobern: es glückte mir immer, aber nach jedem Besuche Arnals mußte ich es von neuem beginnen. Wie es mir immer wieder gelang, sie mir zurückzuerobern, das mitzuteilen ist hier nicht der Ort. Du wirst erraten, daß mir dabei das körperliche Temperament des zu erobernden Objektes ebenso zu Hilfe kam wie seine zarte Empfindsamkeit. Verhülle nicht Dein Antlitz, Samuel! Und rufe nicht, indem Du meinen Brief zerknüllst: »Welche Scheußlichkeiten! Fast unerträglich ist es, ihren Bericht zu lesen!« Ich liebte Sidonie über alles, und Sidonie liebte mich. Wo eine solche fast übermenschliche Glut strahlt, verschwindet jede Häßlichkeit. Und bedenke, daß fast fünfzehn Jahre unserem treuen Beisammensein das intime Gewebe einer Ehe gegeben hatten. Der Altersunterschied, diese dreißig Jahre zwischen ihr und mir, die anfangs so drückend für mich waren, die auf uns beiden lastende Zeit hatte ihn vermindert. Sidonie war neunundzwanzig. Ich zählte nun achtundfünfzig   wie viele legitime Ehen gibt es bei gleichen und größeren Altersunterschieden jenseits des Kanals und in den Vereinigten Staaten! Sidonie hatte mir, freiwillig, gewiß, aber doch von mir überrascht   die einzige Schuld, die ich zu bereuen habe  , die Blüte ihrer Jugend geschenkt; aber ich gab ihr dafür diese ununterbrochene Freude der Sinne, ohne die jedes Leben schal ist. Ihre Eroberung durch mich   mag sie nun schuldbeladen sein oder nicht   hatte sie vor einem schrecklichen Los bewahrt: einen Mann zu lieben, der nicht geliebt werden will. Sie dankte mir die Steigerung ihrer etwas trägen, etwas passiven Natur über sich selbst hinaus; sie dankte mir die sich offenbarende Liebe, nicht diese geschraubte oder sprunghafte Liebe der meisten Paare, sondern die bewußte, besonnene und überlegte Liebe unter der Führung eines Mannes, dessen wahre Berufung die Liebe war. Du bekreuzigst Dich, Samuel, wie vor dem Bösen? Ich habe nichts Satanisches in mir. Bin weder ein Lüstling, noch ein aus dem Gleichgewicht Geratener. Aber es handelt sich hier nicht um Rechtfertigungen; verzeih, wenn mich zuweilen das Bedürfnis danach packt und unterbricht. Ob verdient oder nicht, ich hatte doch zehn glückliche Jahre. 1924 brachte der heftige Anfall eines Leberleidens   ich sprach zu Anfang davon   mein Leben in Gefahr. Sidonie verstand es, mich mütterlich zu pflegen und gesund zu machen. Einmal genesen   und mein Testament gemacht   nahmen die Dinge wieder ihren gewohnten Lauf; vielleicht mit dem Unterschied, daß ich das nun als zerbrechlich erkannte Glück heftiger an mich reißen wollte, während sich meine beunruhigte Genossin bemühte, mich zu beruhigen oder wenigstens meine Leidenschaft zu dämpfen ... Die Dinge nahmen, wie gesagt, weiter ihren Lauf. Wenn Arnal   was nach allem Vorgefallenen möglich gewesen wäre   sein Geschick fern seiner Heimat verlegt hätte, wenn er, nachdem er die Augen seiner Mutter geschlossen, das unstete Leben eines Kolonialoffiziers fortgesetzt hätte, würden noch Jahre, anscheinend ruhige, in Wirklichkeit aber leidenschaftlich bewegte Jahre über unsere Häupter dahingerollt sein. Und unser Geheimnis wäre eines Tages mit uns ins Grab gesunken, verschwunden! Es wäre aufgezehrt worden mit unseren Leibern, unserer Sinnenlust und unseren Gewissensbissen. Durch den sich hinziehenden Todeskampf Angelikas verlängerte sich Arnals letzter Aufenthalt in La Gatère um mehr als vier Monate. Mehr als fünf Wochen brauchten alle die mit Todesfall und Erbschaft verbundenen Formalitäten zu ihrer Erledigung. So hatte ich fast ein halbes Jahr lang Arnals Anwesenheit im Hause, die mir sonst schon für ein paar Tage schwer zu ertragen gewesen war. Ich glaube nicht, daß ich es ausgehalten hätte ohne die grausame Ablenkung, die mir der Schmerz über Angelikas Hingang, wenigstens während der ersten Hälfte dieses halben Jahres, bereitete. Du wirst mich verstehen, Samuel, wenn ich hier von einer grausamen Ablenkung spreche ... Ich hätte Gewissensbisse gehabt, einem leidenden und sterbenden Wesen, das ich liebte, mich nicht ganz zuzuwenden; und die gleiche Empfindung hatte, ich bin dessen sicher, auch Sidonie. Es ergab sich daraus, was Dir mitzuteilen ich mich verpflichtet fühle: Sidonie und ich, wir lebten keusch seit dem 7. April dieses Jahres,   ein unvergeßliches Datum. Es war ein entscheidender Tag, und heute ahne ich noch nicht, welche Bedeutung er für die Zukunft in sich trägt. Arnal hatte noch nicht seinen Entschluß bekanntgegeben, bis zum Ende Angelikas in La Gatère zu bleiben. Aber schon verspürten wir, ich wie Sidonie, seine Gegenwart als drückend ... Aus Vorsicht und um keine Überraschung zu riskieren, kamen wir schließlich dazu, uns zu meiden. Als einmal in Angelikas Leiden eine Pause eintrat, beschloß ich, mit Sidonie außerhalb des Hauses allein zu sein, und nichts war da natürlicher, als uns nach Aubiac zu begeben zur ersten Schwefelung der Reben. Man probierte gerade zum erstenmal einen neuen Apparat dazu aus. Ich schlug meinem Sohn vor, uns zu begleiten; er lehnte unsere Einladung ab und gab als Vorwand an, bei der kranken Mutter wachen zu wollen. Wir fuhren also allein ab in dem grauen Auto, von dem ich mich nicht habe trennen können, war es doch die bescheidene Waffe, mit der ich den teuersten Sieg errungen hatte. Sidonie saß am Steuer. Die Dächer von La Gatère verschwanden im Laub des Hochwalds, und vor uns lag das weiße Band der Straße im blendenden Licht, wand sich in weiter Kurve um die weinbestandenen Hügel. Mir fiel eine schwere Last vom Herzen, die mich seit Tagen bedrückt hatte. Schweigend, in guter Haltung, fuhr Sidonie den Wagen. Unsere Körper berührten einander, und ich spürte den Sidonies durch das dünne blaue Linon ihres Kleides, wie ein feines Riechkissen einen köstlichen Duft ausströmt! Einen Duft stark und betörend! Meine Nüstern wußten wohl, wie er zusammengesetzt war: das köstliche Bitter ihres kastanienbraunen Haares, ihr Atem, säuerlich und süß zugleich, wie eine Mischung aus Honig und Zitrone; und da war auch jener verborgenste Duft des weiblichen Wesens, den die Frühlingsluft dahinträgt wie den Pollen der Blumen ... Das Profil Sidoniens war rein und so wahrhaft aristokratisch   in dem Sinne nämlich, der von jeder Übertreibung frei ist  , daß man bei seinem Anblick an die Frauen des XVIII. Jahrhunderts denken mußte (wie sie in der Bildfolge von Don Quichotte von Caypel erscheinen). Ich sah von der Seite seine festen, anmutigen Linien. Ihre nackten Arme, gebogen wie die Arme eines Ankers, schienen sich auf das Steuerrad zu stürzen und berührten es doch kaum mit den aufgelegten Händen. Ich hätte gewollt, die Fahrt hätte länger gedauert; aber je näher dem Ziele, um so mehr beschleunigte Sidonie das Tempo, schweigsam, unbewegten Blicks, mit zusammengebissenen Zähnen. Das Tal des Cayrou verschwand hinter uns, die Höhe war erreicht, und in der Tiefe der grünen, fruchtbaren Landschaft erkannte ich das hohe dunkle Grün der Bäume, das den uns so teuren einsamen Ort einschloß: das Schlößchen von Aubiac. Ohne es meiner Gefährtin zu sagen, hatte ich im voraus Auftrag gegeben, daß wir diesen Nachmittag ungestörter noch als sonst für uns hätten. Ich hatte das Pförtnerpaar auf einen weit entfernten Markt geschickt, um dort eine bretonische Milchkuh zu kaufen. Wie oft hatte uns das alte, wie verlassene Haus aufgenommen! Alles atmete Verlassenheit: diese mit Steinplatten belegten Flure, auf denen wochenlang kein Schritt des Herrn laut wird; der Geruch von Holz, Farben, Kalk   nur der Geruch von Menschen ist nicht zu spüren; Treppen, deren Stufen in der Dämmerung zusammenlaufen und sich im Dunkel verlieren; das spärliche Licht, das zwischen den kleinen Fugen der schiefgewordenen Fensterläden hindurchdringt; die beunruhigende Stille, die einen nötigt, nur leise zu sprechen und leise aufzutreten! Dieses Zusammenwirken von so vielen Erinnerungen, so vielen Dingen der Schläfrigkeit und Müdigkeit riefen in uns beiden so viel erlebten Liebeszauber wach, daß unsere Sinne zu lechzen begannen. Unsere Finger suchten sich, vereinten ihr Fieber, unsere Schritte stießen sich an den dunklen Stufen; wir durchliefen in Eile den Korridor der ersten Etage zwischen den Wänden, auf die die Scheiben der Stubentüren unklar beleuchtete Flecke warfen, bis zum hintersten Zimmer, das mit schon verfärbten roten Pfingstrosen auf dunkelblauem Tuch tapeziert war, wo der Alkoven sich zwischen zwei kleine gleiche Nebengemächer drängte   dort hatte Fräulein von Anglésis gewohnt. Von diesem Zimmer aus   wohlgemerkt, ehe ich schuldig wurde   hatte ich mit väterlichem Auge den noch kindlichen Schlummer Sidoniens bewacht, von ihm ging für sie ein Zauber aus, der ihr die Erinnerung an alle anderen Orte verwischte, in ihm hatte sie die Empfindung, als Eindringling zu leben, als Eindringling, der sich dort die Liebe stahl. Auf seiner Schwelle verweilten wir oft einen langen Augenblick, einer gegen den anderen gelehnt, unsere Brüste gegeneinander gepreßt, Mund aus Mund unseren schuldigen Odem atmend.   Aber was beschwöre ich herauf! ... Verzeihe mir, Samuel! Aber Du mußt mich doch kennen lernen! Ich habe es Dir schon gesagt: Sidonie war während der Fahrt wohl schweigsam und in sich versunken gewesen, aber keineswegs nervös. Ich bezweifelte nicht, daß der alte Zauber von Aubiac wieder Gewalt über sie bekommen würde. Sie erwachte aus ihrer Versunkenheit, als sie den leeren Schloßhof sah; sonst rief das Geräusch des einfahrenden Autos immer das Dienerpaar aus seinem Haus herbei. »Wie? Joachim und Yvonne sind nicht da?« fragte sie leise. Ihr eben noch ruhiges und rosiges Gesicht verdüsterte sich. Sidonie schien das Alleinsein mit mir zu fürchten. Ich hatte schon eine Antwort vorbereitet. »Sie sind heute morgen nach Rioux auf den Markt gegangen, um eine Bretonische zu kaufen. Sie werden wohl bald zurückkommen.« Sidonie gab keine Antwort und stieg als erste aus. Sie wartete auf mich, bis ich den Wagen in Ordnung gebracht hatte, und folgte mir dann. Ich schöpfte wieder Vertrauen zu ihrer Ergebenheit. Seit so vielen Jahren hatte ich ihr statt ihres Willens den meinen gegeben. Da war die kleine Halle ... der lange halbdunkle Korridor ... die Doppeltüre in das Zimmer ... in unser Zimmer. In der verschlafenen Trägheit des Hauses war dieses Zimmer, aufgeweckt von der Liebe eines Menschenpaares, immer das einzig Wache gewesen; hier lebte Sidonie für mich, auch wenn sie leiblich nicht anwesend war. Oft hatte ich, ohne sie in Aubiac, hier lange Stunden verträumt, unbeweglich auf einem dieser Ruhebetten mit den verbrauchten Bezügen gelegen und die von Sidonie erfüllte Luft geatmet. Als ich dieses Mal Sidonie an mich zog   diese Umarmung an der Schwelle war zu einem Ritus unserer Liebe geworden   fühlte ich sie zwar noch Sklavin, ihren Leib an meinen, ihren Mund auf meinen gepreßt, aber der Amazonenleib schien mir entkräftet und ihre Lippen antworteten nicht, ertrugen nur die meinen. Ich weiß wohl, was ein Liebhaber wagt, wenn er etwas derartiges bemerkt oder gar sich darüber beklagt: es heißt nur die Gefahr vergrößern und der Freundin ins Bewußtsein bringen, was ihr bisher noch unbewußt war. Ich löste meine Arme von ihr, ohne irgendeine Bemerkung zu machen ... Ich öffnete die beiden Oberfenster. Der fast in den Sommer übergegangene Frühling strömte seinen sonnigen, blütenduftenden und süßen Atem in das Zimmer. Ich führte Sidonie nicht in den Alkoven, sondern zu dem vergilbten Kanapee. Setzte mich neben sie, ergriff ihre Hände ... Ich vermied jede leidenschaftliche Zärtlichkeit, damit sie ihre Ruhe wiederfände. Sie war mir dankbar dafür, daß ich sie schonte. Und ganz plötzlich ließ sie ihren Kopf auf meine Schulter sinken. Ich brauchte alle Energie, um nicht meiner eigenen Angst zu erliegen und durch gewaltsame Fragen diese von Kummer belastete Seele zu quälen, einem Kummer, dessen Natur ich besser kannte als sie! Ich begnügte mich damit, sie zu liebkosen wie ein krankes Kind; dann setzte ich sie mir wie ein Kind auf die Knie, flüsterte ihr Worte reinster Zärtlichkeit zu. Da gaben ihre Tränen nach, sie weinte lange, schlang dann ihre Arme um mich und küßte mich fast schüchtern. Ich fühlte nun, daß ich diese flüchtige Möglichkeit, sie wiederzugewinnen, ausnützen müßte. Und schloß sie plötzlich, ohne daß sie sozusagen Zeit fand, zwischen Tröster und Liebhaber zu unterscheiden, in meine Arme. Ich trug sie in den Alkoven ... Nichts ähnelte weniger unserm sonstigen tiefen und langen Ineinanderaufgehen als diese Besitzergreifung einer Sklavin durch ihren Despoten, der zudem nicht einmal seine Lust suchte, sondern nur sich seine Herrschaft nicht entreißen lassen wollte. Der Stolz, trotz allem triumphiert zu haben, entschädigte mich aber nicht für die entsetzliche Gewißheit, daß an dieser Umschlingung die Zustimmung der andern einen weit geringeren Teil hatte als vierzehn Jahre früher, zur Zeit meines Verbrechens. Trauer begleitete uns, als wir dieses so oft gesegnete Zimmer verließen; fast war es eine Flucht, als wir uns ins Auto stürzten und im gelblichen Licht der untergehenden Sonne heimfuhren. Wir bemühten uns zu sprechen, wie um mit leeren Worten unsern inneren Aufruhr zu übertönen. Als wir in La Gatère ankamen, war es uns fast wie eine Erleichterung, als wir uns trennen konnten. Hör' zu, Samuel: dieser kühle Kuß war der letzte, den sie von mir empfing, ich sage nicht freiwillig, aber bewußt. Und seitdem verging fast die Hälfte eines Jahres bis zu dem heutigen Tage, an dem ich Dir schreibe. Dir von dieser gefahrvollen und schmerzlichen Zeit zu erzählen, dazu brauchte es die Seiten eines dicken Buches; ich will versuchen, das Wesentliche in wenige Sätze zu bringen. Es war der Kampf meines Begehrens, meines Willens, meines Wissens um Liebe gegen ein Wesen, das sich der körperlichen Gefangennahme entzog, ohne deswegen aufzuhören, seinen Herrn zu lieben. Ein innerer Einfluß, stärker als alles, verwandelte ihren ehemals spontanen, heißen und andauernden Willen, mir anzugehören, in Furcht. Ja, Seiten und Seiten brauchte es, um alle Einzelheiten dieses seltsamen Bruches anzuführen, der bestand trotz des Lebens unter einem Dach, trotz der Freude am Zusammensein und trotz des Verlangens, dem andern kein Leid zuzufügen. Ich glaubte zuerst an eine vorübergehende Krise, wie sie auch schon frühere Anwesenheiten Arnals hervorgerufen hatten. Und ich habe mich beherrscht; um Sidoniens Unruhe einzuschläfern, habe ich mein eigenes Verlangen abgetötet. Ich hoffte auf diese Weise, meinen armseligen Sieg von Aubiac zu erneuern. Aber Sidonie war auf der Hut. Sie entzog sich selbst rein väterlichen Liebkosungen. Und das war ja alles, was mir geblieben war. Und nie ein erklärendes Wort! Ich erkannte die Gefahr, die in meiner Abdankung lag; ich schien damit eine Niederlage hinzunehmen, die ich in Wirklichkeit nie hinnehmen würde, und gegen die ich um jeden Preis zu kämpfen bereit war, sei es auch um den unseres Unterganges. Aber eine dieser hartnäckigen Hoffnungen, die nichts weiter sind als Maske der Verzweiflung, lebte in mir weiter. Ich sagte mir: »Arnal ist ja nicht für immer da. Ist er fort, dann gehört Sidonie wieder mir.« Denn ich wußte wohl, welcher Gegner sie, ohne sie für sich zu wollen, von mir wegzog. Ich höre Dich antworten, Samuel. Du sagst mir: »Nütze diese kritische Stunde, um Deine Liebe zu Sidonie von ihrer fleischlichen Befleckung zu heilen. Alles hilft dir dabei: die Umstände, ihr Wunsch, dein Alter.« Nein, Samuel ... Liebe zwischen Mann und Weib nenne ich die Anziehung, die sie treibt, sich miteinander zu vereinen, ohne da kindisch zwischen geistiger Einung und leiblicher Einung zu unterscheiden. Was ist der Geist ganz allein? Was ist das Fleisch ganz allein? Das sind zwei ganz gleichwertige Ausdrücke für dasselbe: den Tod. Wenn Du Geist mit Geist vereinigst, Fleisch mit Fleisch, hast Du immer nur den Tod. Das Leben beginnt dort, wo die völlige Vereinigung des Geistes mit dem Fleische ist, also im Werke der Liebe. Ja, das Leben ist das Werk der Liebe. Trotzdem hatte ich für einige Stunden, die ich am Bette der sterbenden Angelika verbrachte, die Vorstellung, ich könnte wahr und wirklich das Opfer bringen, das mir Deine heilige gebietende Stimme empfiehlt. Es kam mir vor, als würde ich dadurch die Sühne vollziehen und entsühnt, würdiger werden, der immer geliebten Genossin meiner Jugend bis zum Grabe zu folgen. In der Beruhigung der Sinne, durch Ermüdung und Kummer hervorgerufen, hoffte ich, daß es nach der Trennung so kommen würde. Als Angelika mich nicht mehr hören konnte, flehte ich sie an, über ihr Dasein hinaus immer weiter die erlösende Kraft ihres Todeskampfes auf mich wirken zu lassen. Als aber alles vorüber war und ich mit Sidonie und Arnal vom Friedhof aufs Schloß zurückkehrte, nahm ich bald wahr, daß der alte Dämon mich besaß wie zuvor. Wir traten in eine Atmosphäre, welche das leise Atmen der Sterbenden nicht mehr heiligte. Kaum war die Tür geschlossen, fühlten wir: der Waffenstillstand ist zu Ende. Zu Ende, aber nicht aufgehoben. Während einiger Tage hielt sich das Trio, das wir bildeten, still, jeder beobachtete die beiden andern und tat sich Zwang an. Die Mahlzeiten vereinigten uns, und es war eine harte Prüfung, zweimal am Tage dieses Beieinandersein zweier Männer und einer Frau in Trauer in dem langen Speisesaal, vor kaum berührten Gerichten. Es wurden Worte gewechselt, die nichts weiter wollten, als unsere wirklichen Gedanken verbergen. Außer diesem erzwungenen Beisammensein bei den Mahlzeiten, suchte sich jeder vom andern abzusondern. Gern wäre ich zu Sidonie gegangen, um ihre Stimme zu hören, ihren Arm zu berühren, sie bloß zu sehen, ihr Dasein zu spüren. Aber Sidonie vermied es, mit mir allein zu sein. Was Arnal betrifft, so kam es mir vor   war es Einbildung?  , aber mir schien, als ob er, ohne es zu wollen, immer mehr Einfluß über Sidonie gewann; ich überraschte das Gesicht meiner Geliebten, wie sie es ihrem Vetter hinwandte genau mit jenem seltsamen Ausdruck der Unterwerfung, wie ich ihn nur zu gut kannte, da ich ihn selber ehemals hervorgerufen hatte. Verständigten sie sich, ohne daß ich es merken sollte? Ich beobachtete sie unablässig während einiger Tage. Belauschte auch kurze Gespräche ... Nichts Verdächtiges! Mein Scharfblick überraschte nichts. Es war ein Zufall, der mir die Augen öffnete. Immer waren Sidonies Zimmer den meinen benachbart gewesen; nur das Stiegenhaus trennte uns. Das erschien ganz natürlich, solange Sidonie noch ein Kind war und eine Dienerin in einem Nebengemach, das als Wäschekammer diente, über sie wachte. Mit den Jahren wurde diese Dienerin im Stockwerk überflüssig, und die Wäschekammer wurde zu einem kleinen Wohnzimmer umgewandelt. Niemand fand etwas daran, daß unsere Nachbarschaft weiter bestand. Sie wurde größer, ich wurde älter. Ich wiederhole Dir, man schöpfte keinerlei Verdacht. Ich mußte Dir die Räumlichkeiten erklären, bevor ich weiter erzähle. Am neunten Tage nach Angelikas Beerdigung verbrachte ich den ganzen Nachmittag mit Arnal und dem Notar Capot. Die Hinterlassenschaft der Verblichenen konnte zwischen mir und Arnal keinerlei Differenzen hervorrufen, denn es war immer so beschlossen und abgemacht gewesen, daß Arnal ihr ganzes Erbe zufiele, auch wenn sie vor mir stürbe. Doch wenn auch Arnal die ganze Hinterlassenschaft zufiel, blieb er, wenn er den Dienst quittierte, ein ziemlich armer Mann. Was wollte er anfangen? Nun Angelika nicht mehr unter uns weilte, hielt ihn eigentlich kein triftiger Grund mehr auf La Gatère zurück. Als Verwalter für mein und Sidonies Anwesen hatte ich ihn nicht nötig. Er hatte auch kaum stärker als ich das Bedürfnis nach einem gemeinsamen Leben. Ich wagte in Gegenwart des Notars, an den ich mich wandte, die Erklärung: sollte mein Sohn Geld bedürfen   sei es um seine Karriere fortzusetzen, sei es um irgend etwas Neues zu unternehmen, wäre ich bereit, ihm sofort den Teil seines Erbgutes aus meinem Vermögen auszuzahlen, den man den »Pflichtteil« nennt. Arnal hatte nicht nur kein Wort des Dankes dafür, sondern sah mich nur einen Augenblick scharf an und gab dem Gespräche eine andere Wendung. Ich merkte, wie der Notar sich darüber wunderte, und wir beeilten uns, mit unserer Unterredung zu Ende zu kommen. Diese traurige Sitzung hinterließ in meinem Herzen eine Wunde. Nach dem Abendessen zu dritt suchte ich sogleich meine Räume auf. Um weiteres Grübeln zu vermeiden, versenkte ich mich in die Lektüre einer Abhandlung, deren Verfasser eine neue Methode der Bewirtschaftung vorschlug, von der sich meine Nachbarn Wunder versprachen. Es war halb elf, als ich die Broschüre zu Ende gelesen hatte. Ich begann zu träumen. Der ganze Jammer der Stunde packte mich. Ohne mir Genaues vorstellen zu können, wurde ich den Gedanken nicht los, daß man gegen mich etwas anzettele. Wer arbeitete an dieser Intrige? Arnal? Sidonie? Beide zusammen? Ich konnte zu keiner Klarheit kommen. Das machte mich nervös. Es handelt sich darum, nicht den Mut zu verlieren, dachte ich. Mein Haus gehört mir, und mein Sohn hat kein Anrecht darauf, hier im Hause zu bleiben, wenn ich ihn bitte, es zu verlassen. Aber plötzlich sah ich wieder den sonderbaren, schwer erträglichen Blick, den er auf mich richtete, als ich eine Anspielung auf die Zukunft machte. Und wenn es mit Gewalt ist, er darf nicht hier bleiben. Ich erschrak über meine eigene Stimme in der Stille, denn ich hatte den letzten Satz laut herausgerufen. Ein zweites Mal versuchte ich, mich durch eine ganz mechanische Tätigkeit zu beruhigen. Ich schlug die Bücher der Domäne Aubiac auf und prüfte die Pächterabrechnungen für das erste Vierteljahr ... Aber die trockene Arbeit hinderte nicht, daß Gedanken und Erinnerungen um die Namen und Zahlen spielten ... Pachthof Aubiac ... Weinberg von Fréchon ... Meierhof von Bourdieu ... Beim Lesen dieser Namen tauchten vierzehn Jahre schuldigen, aber herrlichen Glückes aus der Vergangenheit auf und tanzten ihren Reigen um die Zeilen; an jeden dieser Namen knüpfte sich eine Erinnerung an einen Vorgang aus den Anfängen unserer Liebe, an eine unvorhergesehene heftige Szene aus der Zeit, wo wir noch miteinander im Kampf standen, oder an einen glücklichen Tag der langen Zeitspanne, in der voller Gleichklang aus uns beiden ein einziges Wesen gemacht hatte. Keinerlei Gewissensbisse brachte diese Erinnerung mit sich, Samuel! Sondern nur den starken Wunsch, daß diese Zeiten einer gewollten, freiwilligen, triumphierenden Sünde wiederkehren möchten. Als ich so dachte, ließ mich ein leichtes Geräusch, ein Rascheln oder ein leises Kratzen, ganz deutlich in der Stille des Hauses, den Kopf heben ... horchen ... Vielleicht war's ein Vorhang, den ein Luftzug bewegte. Oder eine Maus auf der Treppe. Oder es stöhnte ein Balken in dem alten Hause auf, es zerbröckelte etwas an einem seiner alten Bausteine ... geheimnisvolle Laute, wie man sie in alten Häusern öfters des Nachts hört. In La Gatère war bisher nichts davon zu mir gedrungen. Aber ich täuschte mich keinen Augenblick darüber; konnte mich nicht täuschen. Zu oft hatte ich im Lauf so vieler Jahre ein ganz gleiches hinstreichendes nächtliches Geräusch im Korridor vernommen und bis an mein bebendes Herz gespürt; zu oft hatte mich dieses Geräusch den halben Weg begleitet, wenn ich meine Zimmer wieder aufsuchte mitten in der Nacht. Es war das Geräusch eines leisen Schrittes, Sidonies ... Ich erhob mich. Ich zog meine Schuhe aus, ging bis zur äußeren Tür meines Zimmers und legte an sie mein Ohr. Langsamer, zögernder noch und vorsichtiger klang der Schritt an mein lauschendes Ohr, vorsichtiger als ehemals, da er mich suchte oder begleitete. Er hielt inne im Treppenflur meiner Tür gegenüber; und so vollkommen war nun die Stille, daß ich ein unterdrücktes, unregelmäßiges Atmen hörte, das sich vergeblich zu verhalten suchte. Ich widerstand dem Verlangen, rasch die Tür zu öffnen und das Gespenst zu greifen, das davor stand, sicher halb ohnmächtig an der Rampe lehnend, es in mein Zimmer zu ziehen und die Tür hinter meiner Beute zu schließen ... Warum tat ich es nicht? Die Scham, die Angst vor dem Skandal hätten Sidonies Widerstand gelähmt! ... Aber meine eifersüchtige Neugier war stärker als mein Verlangen. Ich beherrschte mich. Ich rührte mich nicht. Und das Gespenst nahm wieder sein gleitendes Gehen auf. Ganz deutlich hörte ich seine Schritte auf der Treppe. Eine Treppe aus Holz hätte geknackt; die harten Steinstufen waren stumme Helfer ... Die sonst so blinde Eifersucht wird zuweilen ganz hellsichtig: sie will wissen, was der andere plant. Und sofort stand in mir fest, was ich wollte: nicht meine Gegenwart verraten, nur zu erforschen suchen, was Sidonie auf diesen nächtlichen Weg trieb. Da sie sich in ein Stockwerk begab, in dem seit dem Tode seiner Mutter nur Arnal wohnte, war dieser sicher das Ziel ihrer leisen, zögernden Füße. Der stets und mühelos zurückgewiesene Gedanke, daß Arnal für Sidonie das geworden sei oder in diesem Augenblick werde, was ich für sie gewesen war, der Gegenstand ihrer Lust oder der Herr ihres Leibes, überfiel mich mit wilder Stärke. Was sollte sie im oberen Stockwerk tun in derselben Gangart und zur selben Stunde, in der sie so oft zu mir gekommen war, um sich mit mir in Liebe zu vereinen? Was anders, als nun ihn zu treffen und bei ihm die Liebe? Das Blut schlug mir in den Schläfen und in den Augen mit einer Stärke, daß ich seinen salzigen, heißen Geschmack in den Nüstern zu spüren meinte. Ich war für Momente ein wildes Tier, dessen Verlangen nicht der Besitz, sondern die Zerstörung war. Nur meine Betäubung bewahrte mich vor sinnlosem Tun; die Knie gaben mir nach, ich schwankte, und als das Blut wieder zu seiner Quelle zurückgekehrt war und das Denken freigab, war ich vor der Tür auf dem Boden zusammengesunken. Ich drückte das Ohr an die Tür. Nichts mehr war zu hören. Wo war sie? Wo waren sie? Hatten sie sich gefunden? Die Mordlust war einer nicht weniger mörderischen Neugier gewichen. Ich wollte Gewißheit haben um jeden Preis. Erst einmal wissen, dann würde sich die Entscheidung schon von selbst ergeben. Mit der Geschicklichkeit eines Diebes (erprobt in vierzehn Jahren) verließ ich mein Zimmer und stieg die Stufen hinauf, die eben vor mir Sidonie gegangen war. Ein außen von wildem Wein nur zur Hälfte verhängtes Rundfenster ließ in das Treppenhaus genügend Licht fallen; denn die Nacht war nicht sehr dunkel. Die Treppe schien mir leer bis zum nächsten Absatz. Also war Sidonie schon auf dem oberen Korridor, auf dem Weg zu Arnals Zimmer. Vielleicht war sie schon eingetreten! Plötzlich kam mir, woran ich vorher nicht gedacht hatte, so unmöglich war es mir erschienen, meinen Sohn mit einem Liebhaber zu identifizieren  , sein Zimmer und das Sidonies befanden sich genau übereinander. Nichts leichter also für sie, als sich durch Klopfen zu verständigen. »Sie sind im Einverständnis,« dachte ich; »wie konnte ich nur je daran zweifeln? Ist Sidonie eine Frau, die monatelang wie eine Nonne leben kann? ... Du Trottel!« In zehn Sekunden war ich trotz meines schmerzenden Knies auf der oberen Etage. Aber da mußte ich anhalten, ehe ich in den Korridor einbog, denn gerade auf den Boden dieser abbiegenden Ecke fiel ein schwacher Lichtschimmer; ich begriff, Arnal hatte Licht in seinem Zimmer, und unter der Tür fiel der schwache Schein bis zu mir. »Sie ist bei ihm, kein Zweifel«, sagte ich mir. Entschlossen bog ich um die Ecke in den Korridor, sicher, ihn leer zu finden. Ohne alle Vorsicht, ganz fortgerissen von Wahnsinn und innerem Aufruhr, schritt ich den Korridor entlang auf die Tür zu ... Aber ich war noch einige Meter von dem Lichtstreifen unter Arnals Tür entfernt, als ich an eine Gestalt stieß, die sich, um mich vorbeizulassen, an die Wand drückte. Es war Sidonie. So seltsam auch dieses Stehenbleiben bei Arnals Türe war, ich fühlte doch eine Erleichterung ... Sie waren nicht zusammen! Ich faßte sie beim Handgelenk, ohne daß sie sich wehrte. Ganz leise sagte ich: »Was machst du hier?« »Nichts«, sagte sie. Die Antwort war ganz sinnlos, aber mein Zorn mäßigte sich. Diese kraftlose, vergehende, unterwürfige Frau, das war keine Verliebte, die sich zum Rendezvous begibt. »Komm!« Widerstandslos folgte sie mir, stieg von mir gestützt die Treppe hinunter; sie widerstand auch nicht, als ich sie zu meinem Zimmer führte, in das sie mit mir eintrat, und das ich hinter uns abschloß. Sie sagte nichts, als ich sie in den weitläufigen Voltairesessel trug, ihren gewohnten Sitz, wenn sie mich ehemals besuchte. Schon begann die Hoffnung in meinen Nerven zu kreisen, ich könne sie wiedergewinnen. Sie lag fast in dem Fauteuil, mit herabhängenden Armen, das Gesicht ausdruckslos, ihr Denken schien mit einem Schleier umhüllt, und sie kam mir unendlich viel entwaffneter vor als das unwissende, aber starke und lebhafte Mädchen, das ehemals mein plötzlicher Angriff überwältigt hatte. Sie so schwach und vergehend zu sehen ergriff mich so sehr, daß all mein Groll verschwand und nichts blieb als eine inbrünstige Entschlossenheit. »Mein einziges Gut auf der Welt,« dachte ich, »und wenn es mir entschwindet, will ich nicht mehr weiter leben. Ihren Besitz will ich um den Preis meines oder ihres oder irgendeines andern Lebens verteidigen, so mir jemand sie rauben will. Das schwör' ich mir! Entweder wir beide, oder keiner.« Ich setzte mich neben sie auf einen niederen Stuhl, nahm ihre heißen Hände in meine; ich hatte Tränen in den Augen und konnte nur immer wiederholen: »Mein Liebes! ... Mein Liebes! ...« Ich fühlte es mit Entzücken, daß meine zaghafte Berührung und meine armen Worte ihr gut taten. Sie wandte mir ihre Augen zu, rührender noch als je in den Minuten der Leidenschaft, und eine schwache Bewegung ihrer Finger versuchte ein zärtliches Drücken. »Gewinne ich ihr Vertrauen wieder,« dachte ich, »dann wird sie nicht aus diesem Zimmer gehen, ohne sich mir hingegeben zu haben.« Denn dies blieb immer der innerste Wunsch meines Blutes und meines Hirns. Nichts brach ihn.   Ich bin wie ich bin, Samuel! Als sie mir etwas ruhiger schien, sagte ich: »Kann ich mit dir sprechen?« Sie zauderte. »Was kann das nützen«, sagte sie. Welche Mutlosigkeit drückten diese Worte aus! »Verdiene ich es nicht mehr, daß du mir antwortest? ... Daß du dich auf mich stützest?« »Oh! doch ...« »Sprich! Es wird dich erleichtern ...« Schweigen. »Hör' mich an, Sidonie. Ich finde dich allein, oben, im Dunkel ... an die Wand gelehnt und fiebernd ... Ist's nicht natürlich, daß ich dich frage, was du suchtest?« Schweigen. »Gingst du zu Arnal?« »Ich weiß nicht ... Ja, ich glaube ...« Ich war selber überrascht, daß ich mich beherrschte. Ganz ruhig fragte ich sie: »Und was hat dich auf deinem Weg aufgehalten?« »Ich hab' mich nicht getraut.« »Du kannst mir nicht sagen, was du von ihm wolltest?« »Doch!« »Nun?« »Ich wollte ihm sagen, daß ich künftig in Aubiac wohnen würde.« Ich verlor plötzlich meine erkünstelte Ruhe. Ich richtete mich auf. »Du willst fort von hier? Willst das Haus verlassen?« Sie nickte: Ja! Sie hatte die Augen aufgeschlagen und auf die meinen gerichtet. Es war kein Trotz in ihnen, aber sie glühten vor festem Willen.   Was weiter in dieser Nacht geschah, ist nicht nötig Dir im einzelnen zu berichten, Samuel. Ich wüßte es auch übrigens nicht. Man kann nicht leere Gesten wiedergeben   Stammeln, Beschwörungen, die zu Drohungen werden, Drohungen, die sogleich von Bitten und Gelöbnissen widerlegt werden, und dieses sinnlose Hin und Her von Worten, welche die Liebe ertöten und alles fälschen ... Nein, das ist nicht zu erzählen ... Ich fühlte nur, alle meine Anstrengung brachte Sidonie nicht ab von ihrem Entschluß. Sie wiederholte hartnäckig: »Ich werfe dir nichts vor. Ich weiß, du liebst mich, und ich bin untröstlich, dir Kummer zu bereiten. Aber ich will künftig für mich allein in Aubiac leben. Es muß sein.« Unmöglich, aus ihr den Grund dieses Entschlusses herauszubekommen; sie wiederholte mit einer aufreizenden Gleichförmigkeit, für die ich sie hätte schlagen mögen, nur immer wieder: »Weil es sein muß.« Bis zu welcher Erbärmlichkeit ließ ich mich nicht herab! Ich schlug vor, gemeinsam mit ihr La Gatère zu verlassen. Ich bot ihr an, sie zu heiraten, erinnerte, daß ich seit dem Tode meiner Frau frei sei. In diesem Augenblick tauchte etwas wie Grauen in den Augen Sidonies auf ... Welcher heimliche innere Zwang ließ mir den Vorwurf, daß sie Arnal liebe, nicht entschlüpfen, und daß sie zu ihm laufen wolle, um sein Weib oder seine Geliebte zu werden oder seine Genossin in einer abscheulichen Verschwörung zu meiner Beseitigung? Ich hielt mich zurück; ich fühlte, sagte ich diese Worte, es wäre nie mehr wieder gutzumachen gewesen. Alles, was ich erreichen konnte, war, daß sie nicht den unwiderruflichen Entschluß, aber den Zeitpunkt der Abreise aufschob ... wenigstens bis zu einer neuerlichen Besprechung am andern Tag; wir waren beide zu erschöpft ... Nachdem ich ihr dies Versprechen entrissen hatte, bildete ich mir in meiner Müdigkeit ein, daß die Drohung nun sicher nicht mehr verwirklicht werden würde. Als wir zu dieser Einigung gekommen waren, schlug die Uhr die vierte Morgenstunde. Sidonie lag jetzt unbeweglich in dem Fanteuil, und ich glaubte, sie sei ohnmächtig geworden. Aber sie war aus Erschöpfung eingeschlafen, und so tief war ihr Schlaf, daß ich sie, ohne daß sie die Augen öffnete oder ein Glied rührte, in meine Arme nehmen und in ihr Zimmer tragen konnte, wo ich sie aufs Bett legte. Ich konnte leidenschaftlich ihr Haar küssen, ihre Wangen, ihre Lippen, und sie wachte nicht auf davon ... Ihr ganzes kraftloses Wesen gehörte meiner Willkür, meiner Raserei, meiner Begierde ... Welches Ende der Nacht! Beim ersten Morgengrauen ging ich, ein gebrochener Mann, in mein Zimmer zurück; ich war voll Verzweiflung und voller Verachtung meiner selbst, aber vom Fieber der Rache geschüttelt, die ich genommen hatte. * Samuel, Du und Du allein kennst nun mein ganzes bisheriges Leben, sowohl das, was wir zusammen verlebt haben, als das, was ich fern von Dir erlebte. Dreimal vierundzwanzig Stunden hab' ich gebraucht, diese Beichte meines Lebens niederzuschreiben, und mir ist daraus eine große Erleichterung geworden. Von den ersten Zeilen an, die mich in unsere gemeinsame Jugend zurückführten, fühlte ich Dich neben mir. Die Schläge meines Herzens wurden davon ruhiger, meine Augen blickten klarer in mein Inneres, und die tiefen letzten Gründe der Dinge entschleierten sich mir; auch über die Zukunft bin ich mir klar geworden. Wenn ich Dir jetzt sagte: »Beeile Dich, mir zu Hilfe zu kommen!« so weiß ich, daß Du alles lassen und mir helfen würdest. Ich habe daran gedacht. Und habe darauf verzichtet. Warum? Ich weiß, was Du mir raten würdest, und was Dein Amt mir auferlegen müßte. Aber ich will nicht nachgeben. Ich kann nicht nachgeben. Nur dies will ich tun: nichts überstürzen; ich schiebe die äußersten Entschlüsse auf die letztmögliche Grenze. Am Tage nach dieser schrecklichen Nacht sagte ich Sidonie mit offensichtlicher Ruhe, daß ich überlegt hätte und mich ihrer Abfahrt, falls sie darauf bestände, nicht widersetzen wollte. Man könne sie mit Gründen der Schicklichkeit erklären, jetzt, wo ich Witwer geworden. Ich verlange von ihr nur, abzuwarten, bis Aubiac in bewohnbaren Stand gebracht sei, damit ihre Abreise nicht einer Flucht gliche und zu peinlichen Bemerkungen Anlaß gäbe. Wir, Arnal und ich, würden sie dorthin begleiten, um das Familieneinverständnis vor den Leuten aufrechtzuerhalten. Sie war sofort damit einverstanden; der gute Ruf des Hauses liegt ihr wie uns am Herzen. Also eine Ruhepause, ein Waffenstillstand ... Ich schwöre Dir, daß ich ihn nach meinen besten Kräften ausnützen werde, um jede Katastrophe zu vermeiden. Das ist nicht unmöglich. Einer steht zwischen mir und Sidonie, der seine Meinung noch nicht gesagt hat: Arnal. Sidonie täuscht sich über Arnals Absichten. Wird sie davon überzeugt, ist alles gerettet. Wenn nicht ... Du würdest mir Ergebung und Verzicht raten. Aber ich könnte Dir nicht gehorchen. Mein Entschluß ist in diesem Augenblick kein anderer als während des Chaos dieser schrecklichen Nacht. Aber er ist jetzt kalten Blutes gefaßt. Daher wird dies zwiefache Testament, in einen Umschlag versiegelt, so lange an Dich nicht abgehen, als dieser Waffenstillstand dauert. Aber wenn Du es erhältst, dann komme ohne weitere Benachrichtigung unverzüglich. Ich umarme Dich, mein einziger Freund! Hervé. Zweites Buch: Die Gefangene Hast Du, Arnal, heut nacht gegen elf Uhr nichts im Korridor vor Deiner Tür gehört? Ich stand davor, entschlossen, mit Dir zu reden: es mußte unbedingt sein. Licht kam aus Deinem Zimmer unter der Tür vor. In der Stille hörte ich das Kratzen Deines Federhalters auf dem Papier; Du schriebst, wie ich Dich oft bei Tag gesehen, in Dein ewiges weißes Heft. Dein Sessel krachte von Zeit zu Zeit. Ich glaubte, Deinen Atem zu hören. Weshalb trat ich nicht bei Dir ein? Ich hab' mich einfach nicht getraut. Wie schon alle die Tage über, so sehr es mich dazu drängte, mit Dir über Dinge zu sprechen, die mich peinigen. Unmöglich, Nal, daß Du dieses Bedürfnis nicht verstanden und gemerkt hast. Es war also nicht edel von Dir, daß Du mir dazu nicht Mut machtest. Oft fühle ich, wie Du mir fernstehst. Und dabei liebst Du mich doch, weniger gewiß, als ich Dich liebe, aber Du hast mich doch gern. Was hab' ich Dir getan, daß Du Dich von mir fernhältst? Als Du für dauernd nach La Gatère zurückkamst, verband ich damit so viel Hoffnung; es kam mir vor, als würde von nun ab mein Leben sich ändern, besser werden, neu werden. Und jetzt ist's, als ob ein ganz anderer Arnal sich bei uns niedergelassen hätte. Und Du willst so sein! Du zwingst Dich dazu, ich weiß es bestimmt; denn es gibt Augenblicke, da wirst Du wieder ganz gegen Deinen Willen mein Gefährte, mein »lieber Nal« wie damals, als wir Kinder waren. Aber gleich bist Du wieder anders, und ich komme mir verlassen vor. Darum hatte ich es mir gestern in den Kopf gesetzt, Dich aufzusuchen und Dir viel zu erzählen, mich mit Dir auszusprechen. Aber ich war nicht ruhig, wie ich es jetzt bin, und alles in allem war es besser, daß ich gestern nicht zu Dir ins Zimmer kam. Besser, ich schreibe Dir. Du hast ja auch verwirrtes Reden und heftige Gebärden nicht gern. Jetzt werd' ich bis zum Schluß meine Ruhe behalten. Gestern war ich so außer mir, daß ich minutenlang wie eine Bettlerin an die Wand gedrückt blieb und mich nicht entschließen konnte, zu klopfen. Du hättest mich aber doch wohl nicht weggeschickt, nicht wahr? Vielleicht hätte ich mich dann doch zusammengenommen und angeklopft. Da kam aber etwas dazwischen, was ich nicht vorausgesehen hatte; ich werde es Dir gleich erzählen. Ich muß aber mit meiner Erzählung weit ausholen, damit Du alles verstehst. Kurz, ich mußte den Korridor verlassen und wieder hinuntergehen ... Laß mich die Erzählung, wie diese Nacht endete, auch noch ein bißchen aufschieben. Als ich heute morgen in meinem Bett nach einem bleiernen Schlaf aufwachte, war ich gebrochen, als ob man mich geschlagen hätte; aber ich hatte einen ganz klaren Kopf und fühlte mich fest entschlossen. Jetzt, wo ich Dir schreibe, weiß ich, was ich tun will; aber ich brauche Dein Vertrauen, Deinen Rat und Deine Hilfe. Es wäre unnütz zu versuchen, Dir, statt zu schreiben, es ins Gesicht zu sagen, was ich Dir sagen muß. Entweder würde man mich daran hindern, oder ich hätte nicht den Mut, Dir alles zu sagen. Darum schreibe ich. Und beschwöre Dich, lies bis zum Schluß, trotz meines schlechten Stils und meiner orthographischen Fehler. Ich mache noch immer Fehler wie damals, als Du Dich darüber lustig machtest, in den Zeiten des alten Ricquier; trotzdem hast Du mir so manches Mal geholfen, damit ich keine schlechte Note bekomme. Du sagtest: »drei oder vier muß man stehen lassen, damit man auch glaubt, daß die Arbeit von dir ist«. Ja, das waren glückliche Zeiten! ... Lies bis zum Schluß, Arnal, ich bitte Dich darum, und lies mit ein bißchen Freundschaft und verachte mich nicht. Ich bin sehr elend, glaube es mir! Ich will Dir beichten, Arnal. Wie eine Katholikin ihrem Priester. Das fiel mir heute morgen ein, als ich aufwachte. Vielleicht erinnerst Du Dich an ein Gespräch, das wir vor langen Jahren hatten, vielleicht hast Du es, da Du ja alles in Deine weißen Hefte schreibst, darin aufgeschrieben und findest es da. Es war vor der Zeit, als man davon sprach, daß Du nach Deutschland gehen müßtest. Ich sehe alles vor mir, wie wenn's gestern gewesen wäre. Es war an einem Samstag so gegen vier Uhr, am Tage nach Himmelfahrt, auf dem Platz in Boursès, wo die katholische Kirche zum Heiligen Glauben steht ... Wir waren hingeradelt, um Besorgungen fürs Schloß zu machen. Ich sollte Blumenkohl kaufen und auch eine Kirschtorte für den Sonntag. Du hattest Dein Uhrglas zerbrochen und wolltest die Uhr zum Uhrmacher bringen. Es war sehr heiß. Wir verschnauften uns ein bißchen im Hausschatten und beguckten die Kirche vor uns. Leute gingen in die Kirche oder kamen aus ihr heraus, nachdem sie gebeichtet hatten, meist Frauen, aber auch Männer, und jeden Alters. Erinnerst Du Dich noch? Nein, Du erinnerst Dich nicht. Mir schien, als ob die Büßermiene vieler nicht natürlich wäre. Mir kam es vor, als übertrieben sie die Demut in ihrer Haltung, und ich sagte auch etwas Ähnliches zu Dir und machte diese gar so fromm tuenden Leute nach. Aber Du wolltest nicht mit mir lachen und sagtest: »Richte nicht deinen Nächsten, Sidonie. Diese Menschen haben es gut, und ich beneide sie.« »Warum?« »Hast du nicht gehört, was dazu der Pastor Obliau bei einer Feier im vergangenen Jahr sagte, ich meine über das Gewissen von uns Protestanten?« »Nein!« »Du hörtest ja auch nie zu. Er zog einen Vergleich zwischen dem Gewissen des Katholiken und dem des Protestanten. Er führte aus, daß dem Gewissen des Protestanten eine schwierigere, aber auch schönere Rolle zufalle.« »Ich verstehe nicht, was du meinst.« »Du mußt versuchen, es zu verstehen ... Sieh diese Menschen an, die in die schöne, kühle, weihrauchduftende Kirche treten. Was wollen sie drin tun? Sie werfen sich vor einen Beichtstuhl mit einem vergitterten Fensterchen auf die Kniee und beichten ihre Sünden,   kleine Vergehen oder große Verbrechen oder vielleicht nur Gewissensskrupel, beichten das einem, dessen Amt es ist, sie anzuhören ... Sie brauchen sich nicht einmal vor dem Gesehenwerden zu genieren. Sie sehen den Priester nicht, er sieht sie nicht, kennt sie meist gar nicht ... Und der Priester legt ihnen eine Buße auf, nicht viel schwieriger als die Aufgaben unseres guten Ricquier. Er spricht die gleichen lateinischen Worte für die großen wie für die kleinen Sünden. Die Bußen sind so gering, daß sie sie meist schon gleich in der Kirche erledigen. Dann verlassen sie die Kirche und stehen wieder auf dem Platz. Haben keine Gewissensbisse mehr; sie sind sicher, daß ihnen vergeben wurde, und daß sie nun unschuldig sind. Versuche, das zu verstehen, Sidonie! Unschuldig! So als ob sie nicht gesündigt hätten!« Ich mußte lachen und sagte: »Ja, unter der Bedingung, daß sie daran glauben.« Aber Du fuhrst mich an: »Wie dumm, Sidonie! Sei nicht pharisäerhaft! Pastor Obliau empfahl uns das in derselben Predigt. Glaubst du denn, alle diese Leute sind Heuchler und Lügner? Das sind sie gar nicht. Die allermeisten von ihnen haben den Glauben ... In jedem Fall ist es sehr tröstend zu glauben, daß man geheilt werden kann, zu glauben, daß man geheilt wird.« Du kannst Dir nicht vorstellen, Nal, wie tief mich damals Deine Worte ins Herz trafen. Du siehst, wie genau ich sie behalten habe. Und wie oft habe ich sie mir in schmerzlichen Augenblicken meines Lebens, wenn das Gewissen mich drückte, wiederholt! Besonders die, die Du zum Schlusse wie zu Dir selber sagtest, nämlich: »Sie sind glücklich dran. Wir Hugenotten haben jeden Tag das Gefühl, daß wir heute sündiger sind, als wir gestern waren. Aber diese dicke Frau da   schau sie dir an   oder dieser lange, magere Kerl mit den Schatten um die Augen, die haben wenigstens vierundzwanzig Stunden inneren Frieden vor sich ... Gehen wir weiter, ich will sie nicht mehr sehen!« Ich wußte Dir nichts zu antworten. Wir erledigten unsere Besorgungen. Dann radelten wir nach La Gatère zurück, ich mit meinem Blumenkohl, den ich in eine Zeitung gewickelt an die Lenkstange gebunden hatte. Was Du da gesagt hattest, ging mir im Kopf herum und quälte mich. Nachdenken liebte ich damals nicht sehr, und wenn ich eine Sorge hatte, lag mir daran, sie los zu werden und sie zu vergessen. »Wenn mich etwas drückt,« so sagte ich mir, »dann sag' ich es eben Arnal, alles, alles ... Er wird mir eine Buße auferlegen, und ich werde es los wie die dicke Frau oder der magere Bursch.« Und ich tat es lange so, nicht, Nal? Hatte ich gelogen oder einen Kuchen stibitzt, dann lief ich zu Dir beichten, und Du sagtest: »Ernster Fall.« Oder auch: »Bedeutet nichts! Tu das oder das Gute, und alles ist wieder in Ordnung.« Ich gehorchte Dir immer, ich fühlte mich erleichtert genau wie meine katholischen Freundinnen nach der Beichte ... So ging es immer weiter. Unglücklicherweise fuhrst Du dann weg. Und ich hatte zehn Monate lang keinen Beichtvater, und als er zurückkam, da konnte ich nicht mehr ... nein, da konnte und wollte ich Dir nicht mehr beichten. Heute, Nal, nach so vielen Jahren, muß ich wieder zu Dir kommen, als ob wir Seite an Seite lebten ... Ich kann das Gewicht meines vergangenen Lebens nicht mehr allein tragen ... Du wirst mich nicht lossprechen, aber ich werde einen Richter haben. Hör' mir zu! Es wird nicht lange dauern. Ich erzähle Dir alles, wie es vor sich gegangen ist, ohne die geringste Entschuldigung dafür zu suchen. Selbst wenn Du mich nachher hart behandelst, wird es mir weniger schmerzhaft sein, als wenn ich, wie Du sagtest, allein mit meinem Gewissen wäre. Zuerst sollst Du wissen, was ich Dir nie gesagt habe, und wovon Du keine Ahnung hast trotz Deiner Klugheit: Du bist nicht das einzige Wesen, das ich geliebt habe, nur habe ich niemanden in der gleichen Weise geliebt, wie ich Dich liebe. Ich mochte meine Tante Angelika sehr gern, weil sie sanft und leidend war, aber ich empfand kein rechtes Glück in ihrer Gegenwart; ich strengte mich an, sie zu trösten und zu erheitern; ich wußte, daß ich mich dabei anstrengen mußte. Was Onkel Hervé betrifft, werde ich gleich versuchen, Dir meine Gefühle ihm gegenüber zu erklären: sie waren sehr wechselnd je nach den Zeiten, nie gleichmäßig, nie ganz ruhig und, wie soll ich sagen? ... so ähnlich wie die Träume, die ich von dem Äther hatte, damals als man mir den Blinddarm operierte. Es war ein ständiger Wechsel von glücklichen Träumen und Alpdrücken. Was Dich betrifft, Nal, hatte ich immer den heimlichen Glauben, daß Du das Ziel meines Lebens seiest, daß ich für Dich geschaffen sei, und daß ich Dir folgen würde, wohin Du willst   daß ich Dir gehöre. Bitte, nimm nicht Dein gleichgültiges, zweiflerisches Wesen an, das mir so weh tut! ... Ja, ja, es ist wahr, ich übertreibe nichts! Wenn wir als Kinder spielten und ich Dich überwältigte, weil ich augenblicks gerade die Stärkere war, und selbst als ich mit meiner ganzen Kraft Deine Schultern auf die Erde drückte und meine Augen in die Deinen bohrte, hast Du da nicht gemerkt, daß ich Dir durchaus ergeben war und Du nur ein Wort hättest sagen brauchen, auf daß ich mich hätte von Dir zu Boden werfen und schlagen lassen, und daß mir das Vergnügen gemacht hätte? Wie oft war ich auf dem Sprung, das von Dir zu verlangen! Aber ich traute mich nicht. Du hast mir immer ein bißchen Angst gemacht. Du machtest mir immer ein bißchen Angst, und meine Lippen schlossen sich fest, während ich Dir ach so gern so vieles anvertraut hätte! Mir kam vor, als gefiele ich Dir nicht ganz; das demütigte mich und machte mich furchtsam. Zuweilen sahst Du mich mit einer so scharfen Aufmerksamkeit an, fast übelwollend, daß mir die Tränen in die Augen schossen. Ich dachte dann: »Ich habe ihm doch nichts Böses getan!« Nach und nach begriff ich, was Dich an mir so aufbrachte: ich wandelte mich unter Deinen Augen, ich wurde Frau, zu früh und zu rasch ... Das war nicht meine Schuld. Trotz all meiner Vorsicht, Dich nichts merken zu lassen   nicht mal, wenn ich Migräne hatte, traute ich mich, Dir etwas zu sagen, oder wenn mir sogar zum Umfallen war. Meine bloße Anwesenheit verursachte Dir ein unangenehmes Gefühl, dessen Grund Du Dir selber nicht erklären konntest; denn Du fuhrst mich oft erbarmungslos an oder machtest Dich über das, was Du meine »Zustände« nanntest, lustig. Nur wenn Du merktest, daß ich gleich in Tränen ausbrechen würde, wurdest Du wieder gut, nahmst mich in die Arme und küßtest mich. Siehst Du, Nal, von unsern ersten Jahren an und dann in allen unsern schönsten Zeiten, jenen, die Deiner Abreise nach Deutschland vorausgingen, gab es zwischen uns ein Mißverständnis, und mehr als das: einen ständigen Grund, einander nicht völlig zu vertrauen. Du zürntest mir damals, weil ich Weib wurde, bevor Du Mann warst. Und später wieder hast du mich gehaßt, weil ich, zur Frau erwachsen, die Dinge nicht mehr so ansah und empfand wie ein Kind; denn ich war eine Frau wie eben fast alle Frauen. Ich war nicht wie Du nur reine Intelligenz, sondern ein Wesen, allen Eindrücken der Augen, der Ohren, des Gesichts und überhaupt aller Sinne zugänglich; es war mir nicht wie Dir gegeben, zu vergessen, daß ich Sinne habe. Nun wohl, das war nicht recht und ist nicht recht! Aber ich bin nicht schuld daran, daß ich keine Ausnahme unter den Frauen bin. Ein höchst natürliches Los, ähnlich dem meiner oder Deiner Mutter, hätte mein Los sein können, wenn ich mich früh genug mit einem Mann verheiratet hätte, der mir nicht mißfallen hätte. Du siehst, ich war nicht sehr anspruchsvoll! Hätte ich mich mit Dir verheiratet, oh, mein Glück wäre vollkommen gewesen, und ich versichere Dir, keinerlei Versuchung hätte mich von meiner Treue abgebracht. Ach, ich fühle, wie Dir das, was ich Dir sage, mißfällt! Aber ich muß es Dir sagen, denn Du kennst mich nicht, und wenn Du mich nicht kennst, kannst Du mir nur ganz nutzlose Ratschläge geben. Darum will ich, daß Du weißt, wie ich wirklich bin. Dann steht es bei Dir, ob Du mich verwerfen oder erretten willst. Ich habe mich jetzt gezwungen, recht rasch den Namen von Onkel Hervé zu schreiben. Ich habe zuvor ein paar Minuten gezaudert und dann mit geschlossenen Augen den Namen geschrieben. (Du wirst mich recht töricht finden.) Nun will ich mich aber zusammennehmen und Dir gleich von ihm und mir sprechen; ohne das ginge ich endlos im Kreise um meinen Gegenstand herum und käme nicht weiter. Mir war Onkel Hervé niemals gleichgültig. Schon als ganz kleines Kind, als ich nach Fräulein von Anglésis' Tod in Euer Haus kam, hat er auf mich am meisten Eindruck gemacht, mehr als Tante Angelika. Mehr als Du. Du hast Dich ja auch damals nicht viel um mich gekümmert. Tante war immer lieb und freundlich zu mir. Aber   und nun beginne ich meine Beichte   schon in dem Alter, mit acht Jahren, interessierten mich die Frauen weniger als die Männer. Mach' nicht Dein verächtliches Gesicht: die meisten kleinen Mädchen, sehr unschuldige und gesunde, sind so. Ich liebte meinen Vater leidenschaftlich und Fräulein von Anglésis mit einer Kälte, die ich mir schon selber vorwarf. Ich litt unter der eisigen Berührung ihrer Hände und ihres Mundes; wenn sie mich auf den Schoß nahm, preßte ich die Zähne zusammen; ich konnte zu ihr nur sprechen, wenn sie mich nicht berührte. Am Tage, als ich nach La Gatère kam, blickte mich Onkel Hervé für einen Moment mit großer Aufmerksamkeit an. Er nahm mich nicht in die Arme, gab mir keinen Kuß. Er sagte nur: »Die Kleine steht auf ein bißchen zu kurzen Pfoten. Muß sich in die Länge strecken, dann wird sie eine.« Und dann kümmerte er sich nicht mehr weiter um meine Person. Ich war Luft für ihn. Ich habe ihm das schrecklich übel genommen, daß er so rücksichtslos und grob von mir gesprochen hatte. Des Nachts im Bette weinte ich vor Wut. Ich haßte ihn richtig und dachte: »O wie ich ihn hasse, wie ich ihn hasse, ich will nicht hier bei ihm bleiben!« Ich verstand nicht, was er damit meinte: »... dann wird sie eine!« Aber das Beleidigende der »kurzen Pfoten« begriff ich. Seitdem hab' ich mich immer vorm Spiegel auf diese kurzen Pfoten hin kontrolliert. Ich behielt sie leider in der Tat bis zu meinem zwölften Jahr, da erst ging ich in die Länge. Aber Du hast nichts davon gemerkt! Dich fand ich hübsch, aber ein bißchen mädchenhaft hübsch. Verblüfft war ich über Deine Eleganz. Ich schämte mich vor Dir über mein blaues Tuchkleid, das aus einem Mantel von Fräulein von Anglésis geschnitten und ziemlich abgetragen war, denn ich hielt die Sachen schlecht. Aber man widersteht nicht der Wirkung Deiner Persönlichkeit, dem Einfluß Deines Geistes, Nal; und Deinem frühreifen Selbstbewußtsein entzieht man sich nicht, selbst wenn man ein kleines dummes Landmädel ist, wie ich es damals war. Du brauchtest nicht lange, um mich zu beherrschen, obwohl Du körperlich lange Zeit weniger kräftig warst als ich. Und Du besaßest mich bald ganz, unendlich viel mehr als Tante Angelika. Was Deinen Vater betrifft, so hatte ich mir aus Trotz vorgenommen, ihn nie wieder zu beachten; ich hielt Wort, und gerade das zwang mich, an ihn zu denken. Ja, Du hast mich ganz gefangen genommen; alles, was damals meinen Kindergeist erfüllte, kam von Dir. Trotz Deiner Klugheit hast Du weder meine naive Bewunderung für Dich noch meine Unterwürfigkeit gemerkt. Hättest Du mir gesagt: »Komm, wir verlassen miteinander das Haus«   ich wäre Dir gefolgt, ohne jemandem Lebewohl zu sagen. Sehr rasch hatte ich meinen ersten Eindruck überwunden und verglich Dich nicht mehr mit einem Mädchen, trotz Deiner weichen Haut, deiner blonden Haare und zarten Glieder. Ich wußte, daß Du schwächer warst als ich, aber entschlossener: Du gabst nur nach, wenn es nicht mehr anders ging. Aber Deine Kraft wuchs von Monat zu Monat; und ich hatte bald Mühe, Dich im Lauf zu überholen oder Dich im Ringen unterzukriegen. Ah! wie das meine Freude vergrößerte! ... Erinnerst Du Dich an einen schönen sonnigen Morgen Ende Januar? Das Wetter war hell und fast lau. Unten in der Cayrouschlucht war es. Wir hatten gerungen wie sonst, und ich war zuerst überlegen; aber ich konnte Dich nicht mit beiden Schultern auf den Boden kriegen, immer wieder entschlüpfte mir eine Schulter. Und nach und nach merkte ich, daß ich's nicht würde schaffen können, daß Deine Arme stärker waren als die meinen. Ich rollte neben Dich auf den Boden, dann unter Dich. Ich war wütend. Aber doch durchdrang mich eine Art neuer Freude, gleich der, die mir der Glanz des Sommers, der Duft des Holunders oder ein Lied in den Feldern gibt, oder auch dem Wohlgefühl ähnlich, das ich hatte, wenn ich mir bei Frost in der Küche die Beine wärmte. Nur viel stärker war das Gefühl. Zugleich fühlte ich, wie ich immer weniger vermochte, Dir zu widerstehen, bis ich atemlos auf dem Rücken lag und Deine Hände mir beide Schultern auf den Boden drückten. Ich war wütend und ich versuchte Dich zu beißen, meine Zähne drangen in Deinen Daumen ... Dann habe ich mich lange Zeit nicht bewegt. Mir war, als wäre ich zerflossen: in die Erde, in die Luft, in die Bäume, in den Himmel, in den Schatten, in die Sonne ... und war so glücklich. So wäre ich dort eine Stunde und länger liegen geblieben, wenn Du nicht plötzlich von mir gelassen und Dich ein paar Schritte weiter auf einen Felsblock gesetzt hättest. Da sprang ich auf und setzte mich neben Dich. Wir sprachen kein Wort von unserm Kampf. Ich hätte es für nichts in der Welt gewagt. Dir zu sagen: Es hat mir so wohl getan, von Dir besiegt zu werden. Noch vieles andere traute ich mich nicht Dir zu sagen. Manches verheimlichte ich Dir wie einen Leibesschaden. Es gab wohl kein kleines Mädel, das weniger als ich von den Dingen wußte, die man den kleinen Mädchen zu verheimlichen pflegt. Ich bin sicher. Du warst von uns beiden der besser Unterrichtete. Ich habe einen etwas trägen Geist; Du sagtest es mir oft genug. Ich bin weder im Guten noch im Schlimmen neugierig. Als Kind lebte ich, mehr noch als jetzt wo ich eine Frau bin, mir selbst, auf eine vielleicht nicht sehr kluge, aber auch nicht untätige Art. Es genügte mir, mich in mein eigenes Sein hineinzudenken. Stell' Dir eine Pflanze vor, die ihr eigenes Wachsen fühlt, und der dieses Gefühl sowohl dauerndes Unbehagen schafft wie auch zeitweiliges Vergnügen, oh, oft ein großes Vergnügen ... ja, so etwa war es. Und siehst Du, von diesem eigentümlichen, tätigen und doch gleichsam betäubten Zustand Dir zu erzählen, hätte ich nie die Kühnheit aufgebracht. Denn meine körperliche Frühreife reizte Dich. Gewiß, Du hast mir keine Vorwürfe gemacht, dazu dachtest Du zu rechtlich. Du tatest, was Du konntest. Aber eines Tages wandtest Du Dich brüsk von mir ab, als die Bruno, unsere Wäscherin, die uns begegnete, mir zurief: »He, Fräulein Sidonie, unsere Luft bekommt Ihnen. Bald werden Sie eine Brust haben wie ich! Und was für Waden! ...« Du gingst von mir weg, als ob ich etwas Schlechtes angestellt hätte. Siehst Du, Nal, mit dieser Art hast Du mir viel Unrecht getan. Wenn Du mich unter Deinen Schutz genommen mich mit Nachsicht befragt hättest, und besonders wenn ich gemerkt hätte, daß Du in meiner Gesellschaft ein bißchen körperliches Vergnügen gefunden, ein Vergnügen, mich zu küssen, in die Arme zu drücken, auf die unschuldigste Weise natürlich   dann hätte ich Dir immer alles erzählt, und es wäre mir eine große Erleichterung gewesen. Statt dessen fühlte ich, daß ich Dir nur für zwei Sachen gut war: mit Dir zu spielen, als ob ich ein Junge wäre (innerlich grolltest Du mir, daß ich ein Mädchen war), und mit Dir zu schwätzen, das heißt, vor allem Dir zuzuhören und Dich zuweilen zu ärgern, weil Du mich beschränkt fandest. Aber, was willst Du? Zum guten Teile hatte ich, und nicht ohne Leid und Unruhe, ein Dir verborgenes Leben führen müssen; Gedanken kamen und besaßen mich, die ich ganz allein durcharbeiten mußte. Einer vor allen. Und zum erstenmal in meinem Leben, nach fünfzehn Jahren Schweigens, will ich Dir ihn enthüllen. Du warst nicht der einzige, der meine Wandlung und Entwicklung merkte. Onkel Hervé ging nicht mehr an mir vorüber, ohne mich zu beschauen, wie damals als ich ins Haus kam. Als er das erstemal so seinen Blick auf mich heftete (es war im Hof vor den Kellern, und man zog die Weinpressen heraus, um sie mit Wasser zu füllen, damit das Holz schwelle), war ich so verwirrt, daß ich davonrannte in den Stall, der ganz leer war, und da blieb ich auf einer Haferkiste sitzen. Mein Herz klopfte stürmisch. Ich war wütend auf Deinen Vater. Es nützte nichts, daß ich mir sagte: er darf dich doch anschauen! Die Erinnerung an den Blick erniedrigte mich, verletzte mich. Es war nur ein ganz kurzer Blick, aber so voller Erwartung, so einschneidend (kann man wohl so sagen?), voller Neugierde und Ironie, nicht nur aufs Gesicht gerichtet, sondern auf die Figur von oben bis unten; es war wie eine heiße Welle, die einen vom Kopf bis zu den Füßen in weniger als einer Sekunde durchläuft. Ich war gedemütigt, und die Tränen stiegen mir in die Augen. Ich haßte ihn wie am Tage meiner Ankunft, als er die Bemerkung von meinen »kurzen Pfoten« gemacht hatte. Endlich trocknete ich meine Augen. Nach einer ganzen Weile trat ich aus meinem Versteck und suchte Dich, fand Dich. Oh, hätte ich es doch gewagt, mich Dir anzuvertrauen. Ich machte mich ganz klein neben Dir, um nicht hart angelassen zu werden, wie Du's oft tatest, wenn ich mich zu nahe an Dich drängte. Ich will Dir alles bekennen, Nal. Hör' mir zu und versuche es, gerecht zu sein. Du warst es nicht immer mir gegenüber. Mein Zorn auf Onkel Hervé hörte nicht sofort auf. Aber am selben Abend, als ich in meinem Bett lag und das Licht ausgelöscht war, da mischte sich in diesen Zorn eine wunderliche Befriedigung. Mir wurde mit einem Schlag klar, daß diese Art mich anzuschauen die Genugtuung war für jenen andern Blick, damals bei meiner Ankunft, das mit den »kurzen Pfoten ...« Ganz leise stieg ich aus dem Bett und zündete zwei Kerzen an. Ich stellte mich vor den großen Spiegelschrank. Ganz keusch, ich versichere es Dir, zog ich mein langes Nachthemd hoch bis über die Knie. »Ja,« dachte ich, »ich gehe in die Länge«, wie er sagte. Wieder im Bett, dachte ich weiter an meine Beine: sie mißfielen mir nicht. Aber gleich fiel mir ein, daß sie anscheinend Dir nicht gefielen; nie hattest Du mich angeblickt wie Dein Vater an diesem Morgen. Wenn Du mich schon einmal eines Blickes würdigtest, dann war Unzufriedenheit darin. Da packte mich ein großer Kummer und über ihm zerging mir die ganze Freude daran, daß ich in die Länge ging. Ich schluchzte: »Er liebt mich nicht, er wird mich nie lieben. Er findet mich häßlich. Und es ist nicht wahr, ich bin nicht häßlich!« An der Verwirrung, die sich meiner damals zwischen meinem zwölften und dreizehnten Jahr bemächtigte, trugt ihr beide Schuld, Hervé und Du. Du durch Deinen Widerwillen und Groll gegen die Tatsache, daß ich ein Mädchen war (als ob ich etwas dazu hätte tun können), Hervé, indem er mir zu sehr ins Bewußtsein brachte, daß ich eins war. O, ich hatte auch Schuld: der Blick, der mich erniedrigt und verletzt hatte,   bald empfand ich Sehnsucht nach ihm, suchte ihn! Ich strich um die Wege des Onkels, entschlossen, seine Augen auf mich zu lenken. Wenn er sich mir dann näherte, verbarg ich mich oder floh. Aber wenn er mich einmal unvorhergesehen traf und meine Augen durch seinen Blick gefesselt wurden, konnte ich nicht davonlaufen; dann war ich wie mit Nägeln an den Boden geheftet. Das muß ihm wohl Vergnügen gemacht haben, denn diese Überraschungen wiederholten sich häufig. Mit meinem Kleinmädelverstand begriff ich, daß ich ihn interessiere. Aber versteh mich recht: für mich war keine Rede davon, daß ich verliebt in ihn gewesen wäre, wie viele meiner kleinen Freundinnen, die von Männern über fünfzig begeistert waren, weil die sie schön fanden. Auch bildete ich mir gar nicht ein, daß Dein Vater mich liebe. Aber ich habe die Dienstleute im Haus davon untereinander reden hören und kannte den Ruf Deines Vaters als Frauenliebhaber. Ich sagte mir ganz naiv: »Er kennt sich darin aus, und ich gefalle ihm.« Weißt Du, mit wem ich einmal von der Freude sprach, eine Frau zu werden, die gefallen würde? Mit Dir, Arnal! Alle meine kleinen Freuden der Koketterie bestanden in dem Verlangen, von Dir bemerkt, von Dir geschätzt zu werden. Unglücklicherweise zerbrach mein Eifer an der Kälte, die Du meinem Zärtlichkeitsbedürfnis und jeder Liebkosung entgegensetztest. Auf die Gefahr hin, Dich zu verletzen, muß ich Dir gestehen, daß ich von meinem zwölften Jahr ab, ja ich glaube schon früher, in mir nicht das Verlangen, wohl aber die Unruhe der Sinne lebendig werden spürte. Kann ich dafür? Hab' ich mein Blut, meine Nerven, meine Haut gemacht? Gegen das, was ich an Perversitäten bei meinen kleinen Altersgenossinnen sah, hatte ich einen instinktiven Widerwillen; ich wollte davon nichts kennen, nichts sehen und hören, ich hielt mir die Ohren zu und schloß die Augen. Aber wenn ich allein war in der Einsamkeit und dem Schweigen, das mich umgab, erlitt ich, ohne äußere Ursache, Zustände von Aufgeregtheit und Niedergedrücktsein, die aus der Tiefe meines Wesens kamen ... Ach, daß Du mich doch richtig verstehen könntest! Wirst Du dies alles auch lesen? Überschlag keine Zeilen, die Dir nicht gefallen, Nal, lies sie und stell' Dich nicht feindlich zu mir ein. Erinnere Dich an Dein letztes Jahr auf La Gatère vor Deutschland. Du warst nahezu fünfzehn, ich vierzehn alt. Du warst gut, diensteifrig, ritterlich zu mir, aber ohne Zärtlichkeit; ich liebte Dich, wie Du warst; ich war Deine Sache. Wärst Du unzüchtig gewesen, ich wäre es mit Dir gewesen. Da Du genau das Gegenteil warst, unterdrückte ich, solange Deine Gegenwart mich schützte, jede verdächtige Regung in mir ... Aber der Abend kam; kurz nach dem Abendessen trennten wir uns. Nachdem wir sanfte Küsse mit Deiner Mutter getauscht, begab sich jeder auf sein Zimmer. Ich betete, zog mich aus, legte mich nieder. Gern hätte ich meine Lampe brennen lassen, um den Tag so lang als möglich fortzusetzen, aber mein Fenster wurde wie das Deine beobachtet, und am andern Morgen hätte man Rechenschaft von mir gefordert. Also löschte ich das Licht. War's eine mondhelle Nacht, so daß man noch die Form aller Gegenstände im Zimmer unterschied, schlief ich sofort ein. Aber viele Nächte waren ganz dunkel und meine Augen sahen nichts, weder mein Bett, noch meine Hände, noch die Form meines Körpers unter der Decke ... Diese Dunkelheit ängstigte mich. Es war nicht Angst vor Dieben oder Gespenstern, es war die Angst   wie soll ich sagen?  , mir selber ohne Verteidigung ausgeliefert zu sein. Wenn ich da nicht gleich einschlief, war es schrecklich. Ich kämpfte eine Zeitlang im Dunkeln gegen jedes Denken; sagte Gebete auf, Gedichte. Und mitten in einem Gebet, einem Gedicht wurde ich auf einmal in eine ganz andere Welt verpflanzt; alle meine Glieder lebten ein unabhängiges, eigenes Leben; meine Füße krümmten sich unter der Decke, meine Hände suchten, ich weiß nicht was, in der Dunkelheit, meine Haut war wie elektrisiert. Es war mir, als ob irgendein Unsichtbarer mir das Haar löste, und oft fand ich es aufgelöst mir auf der Schulter liegen, und das gab ein köstliches Gefühl. Mein Busen dehnte sich und tat mir weh. Meine Zunge wurde trocken; ich zerbiß mir die Lippen. Mein Herz jagte in der Brust, als ob ich mit aller Kraft gelaufen wäre, und manchmal setzte es aus: ich hatte kein Herz mehr. Etwas, das sich in meinem Innersten vollzog, hielt mich und spannte mich in Erwartung, ich wußte nicht: von Schmerz oder Glück; das eine wie das andere war mir in gleicher Weise unheimlich. Um dem zu entgehen, dachte ich an Dich, Nal, bildete mir ein, Du lägest neben mir, nicht so abweisend oder unbeweglich wie immer dann, wenn ich Dir einen Kuß geben wollte, sondern zärtlich, liebevoll, wie ich es mir wünschte. Das schaffte mir ein so unaussprechliches Wohlgefühl, daß mir gleich Gewissensbisse kamen: »Wenn er's wüßte, er würde mir zürnen!« Dann stand ich auf und steckte Kopf und Hände ins kalte Wasser, setzte mich im Hemd auf meinen Lehnstuhl und versuchte, an nichts zu denken ... In solchen Momenten kam es vor, daß ein anderes Bild an die Stelle des Deinen glitt, als ob es den Augenblick benutzen wollte, in dem ich das Deine verjagt hatte. Ich dachte an Onkel Hervé, an die Art, wie er mich mit einem Blick wahrhaft überströmte, von oben bis unten, wenn er mich traf, und an eine gewisse Weichheit seiner Stimme, wenn er mit mir sprach. Und seltsamerweise beruhigte mich dieser Gedanke eher, als daß er mich erregte, so unfähig war ich damals, mir eine Liebe zwischen mir und Hervé vorzustellen. Meine Zufriedenheit war eine kindliche Koketterie, die nach und nach das Unbehagen von mir nahm. Weniger aufgeregt legte ich mich wieder zu Bett. Ich dachte darüber nach, mir das Haar kleidsamer zu stecken, wie die oder jene meiner Freundinnen; ich dachte an ein neues Kleid, einen neuen Hut, an elegante Strümpfe. Onkel Hervé bemerkte alle Veränderungen meiner Toilette, die Du nicht sehen wolltest. Er sagte mir: »Die Farbe steht dir gut,« oder: »die Locke fällt dir zu weit in die Stirn ...« Und wenn ich mitten drin war in diesen koketten Träumereien, schlief ich ohne Übergang ein. Verstehst Du nun, lieber Arnal, weshalb ich Dir einen Teil der Verantwortung für die Entgleisung meines Lebens auferlege? Das Schicksal schien Dich mir zum Ratgeber und natürlichen Vertrauten bestimmt zu haben; ich verlangte nichts sonst, als mich Dir in allem zu fügen und Dir zu gehorchen. Du hattest, wenn auch um so wenig älter als ich, alle Klugheit, alle Kenntnis, alle nötige Autorität, mich anzuhören und zu leiten: nie wieder habe ich einen Jungen Deines Alters gesehen, wie Du einer warst. Du hast mich geformt und geführt in vielen Dingen: Ordnung, gute Haltung, Abscheu vor der Lüge, Gefälligkeit, Kampf gegen meine geistige Trägheit, fast in allen Dingen, außer in dem Wichtigsten: in meinem Übergang vom Kind zum jungen Mädchen. Sag' nicht, das sei nicht Deine Aufgabe gewesen. Wessen Aufgabe denn? Der alten Alicia vielleicht, die mir Petersilie auf die Brüste legte, um sie am Runden zu hindern? Und mir beibrachte, das Hemd so zu wechseln, daß ich das alte zwischen den Zähnen festhielt, während ich das frische überzog? Oder Tante Angelika, die, verängstigter als ich, hundertmal verwirrte Erklärungen anfing, deren Gegenstand war, mich über das aufzuklären, was in mir vorging, und plötzlich zu reden aufhörte und mich viel bestürzter und viel verwirrter damit machte, als wenn sie gar nicht geredet hätte? Nein, der einzig mögliche Vertraute bist Du gewesen. Neben Dir sitzend, den Kopf an Deiner Schulter verborgen, ohne Dich anzusehen, hätte ich alles sagen können. Meine Nervosität, meine Gespenster, meine Nöte, meine Hoffnungen und meine Verzweiflungen, alles, alles das würde ich in Dich hineingegossen und Dir gesagt haben: »Erkläre mir. Sag's mir, wenn ich ein häßliches Mädel bin, ein kleines Ungeheuer, oder ob ich verantwortlicher bin für das, was mein Alter mir zu tun auferlegt, als dafür, daß ich im Sommer Schweiß auf den Gliedern oder im Winter erfrorene Finger habe.« In meinen schlaflosen Nächten stellte ich mir dieses Beichten oft so lebhaft vor, daß es mir fast wie wirklich und geschehen vorkam. Und ich fragte mich: »Was wird er mir tun, wenn ich fertig bin?« Und im Innersten hoffte ich, Du würdest mich zu Boden werfen, platt auf den Bauch, und mich mit den Fäusten prügeln und mit den Füßen treten. Aber nur einer nahm sich die Mühe, über mich nachzudenken und mich während dieser Krise zu beobachten: mein Onkel Hervé. Ich habe sie übrigens ganz allein bemerkt: jene heißen Blicke im Vorübergehen; einige Worte, im Grunde genommen ganz natürliche Worte für einen Onkel, wenn er ein kleines Mädchen, das sein Mündel ist, trifft   Worte, die an und für sich gar nichts Besonderes sind. Aber hast Du einmal aufmerksam auf die Stimme Deines Vaters gehört, wenn er zu einer Frau spricht? Ich, doch eigentlich ein sehr einfaches Kind, war manchmal ganz benommen von Hervés Stimme, die mir noch in den Ohren tönte, wenn er selbst schon lange wieder fort war. Versteh mich recht: ich war nicht verwirrt davon im Sinne einer Überreiztheit, sondern angenehm erschlafft und ein bißchen dankbar. Du hast davon nichts bemerkt und konntest nichts davon bemerken, weil das nur zufällig und ganz verstohlen geschah. Aber sicher ist es Dir aufgefallen, daß von einem gewissen Zeitpunkt ab Dein Vater sich uns näherte. Er schien sich für unser Leben zu interessieren, für Deines sowohl als für meines. Er nahm Teil an unsern Spielen und an unserm Unterricht. Das war für mich eine sehr gute Zeit. Nicht nur weil ich mich besser unterhielt, sondern weil ich nach und nach in diesem Zusammensein zu dritt die innere Ruhe wiederfand. Der mit uns so familiäre und herzliche Hervé beunruhigte mich nicht mehr; ich hatte nicht mehr das unbehagliche Gefühl und Gewissensbisse darüber, daß ich Dir etwas verbarg, zum Beispiel diese Blicke, die mir die Ruhe nahmen. Alles, was ich an Beziehungen zu meinem Onkel hatte, vollzog sich vor Dir; und fand ich mich zufällig einmal allein mit ihm, dann betrug er sich zu mir nicht anders als in Deiner Gegenwart. Unbekümmert um den tieferen Grund empfand ich großes Vergnügen dabei, Dich vor Hervé zu küssen. Dir zu sagen, daß ich, groß geworden, Deine Frau sein würde, Hand in Hand mit Dir zu spazieren! Zuweilen ergriff Hervé meine andere Hand, aber es war die Deine, bei deren Berührung mir war, als trete mein Empfinden aus mir heraus und in Dich hinein. Das war eine glückliche Zeit! Welcher Frohsinn am Tage! Und wie gut ich des Nachts schlief! Ich hätte naiv oder ganz dumm sein müssen, um nicht zu merken, wie nach und nach Hervé Einfluß auf mich gewann, auf mein Vertrauen, meine Gelehrigkeit und, ja, auch auf meine Neigung. Aber alles das war zu Dir hin gerichtet. Dich liebte ich immer tiefer, so kam's mir vor, und auf die Weise, die Du von mir wünschtest. Aber diese freudvolle innere Ruhe war zu beglückend, als daß sie hätte dauern können. An einem gewissen, schon ziemlich trüben, aber noch heißen Septembernachmittag saßen wir unter der alten Holzbrücke über dem Cayrou Seite an Seite. Ein kleiner Regenguß hatte uns dahin gejagt; nun war er vorüber, aber wir blieben sitzen und plauderten. Da nahmst Du plötzlich meine beiden Hände und schautest mir in die Augen ... Gott, wie liebte ich Deine Augen und Dein ganzes hübsches Gesicht! Ich hatte Lust, mich vor Dir auf die Knie zu werfen und Dir zu sagen: »Wie bin ich dir dankbar, daß du mich ansiehst! Immer sollst du mich so ansehen!« Und Du sagtest, Deinen Blick in dem meinen: »Sidonie, ich glaube nicht, daß wir dieses Jahr gemeinsam beschließen werden.« Als ich da ganz blaß wurde, zogst Du mich an Dich und sagtest ganz leise: »Papa schickt mich auf eine Schule außerhalb Frankreichs, nach Deutschland oder England, um die Sprache zu lernen. Mama macht es viel Kummer.« Was lag mir am Kummer von Tante Angelika! Nur mein Kummer hatte für mich Bedeutung. Dich fand ich nicht traurig, nicht empört genug; ich machte mich von Dir los und sagte etwas gekränkt: »Und du? Ist es dir gleichgültig?« »Nein,« sagtest Du. »Ich weiß, es ist so der Brauch in La Gatère für den ältesten Sohn. Aber es macht mir deinetwegen Kummer.« Dieses Wort: deinetwegen! Noch heute, wenn ich daran denke, gleitet mir sein Klang wohlig ins Ohr. Wie wohl mir das Wort tat! Ich deutete den Sinn des Wortes damals so: »Er empfindet wirklich Kummer, weil er mich verlassen muß, und er sagt es mir! Also ist er glücklich, wenn er mit mir zusammen ist ... Also liebt er mich und nur mich! Welch ein Glück!« Dank diesem Balsam tat die Ankündigung Deiner Abreise weniger weh. Heute (und oft seit langer Zeit) habe ich über dieses »Deinetwegen« nachgedacht und die Überzeugung gewonnen, daß ich es falsch verstanden habe. Du wolltest sagen: »Ich mag dich gern, aber ich würde dich ohne sonderlichen Schmerz verlassen, weil es eben sein muß, wenn ich nicht Angst um dich hätte für die Zeit meiner Abwesenheit.« Nicht wahr, das wolltest Du sagen? Jetzt beginnt meine Beichte peinlich zu werden. Lies sie mit etwas Erbarmen. Als man Dich mir entriß, hatte ich mein vierzehntes Jahr noch nicht vollendet und meine einzige sittliche Regel war: Versuche, möglichst so zu sein, wie Nal dich haben will. Die frommen Reden von Tante Angelika, die Bibelerklärungen von Pastor Obliau gingen an meinen Ohren ebenso vorbei wie Alicias abergläubischer Unsinn und Prüderie. Wirkliche moralische Grundsätze besaß ich gar keine. Es gab sicher niemals ein weniger moralisches Mädchen ohne den geringsten Schatten von Verderbtheit. Als Du weg warst, verfiel ich zunächst in eine Art Dumpfheit. Bei aller Mühe, die ich mir gab, verstand ich nichts vom Unterricht und konnte auf die einfachsten Fragen keine Antwort geben. Eines Abends hörte ich Ricquier zu Tante sagen: »Die Kleine wird von Tag zu Tag dümmer.« Kein Buch, kein Spiel machte mir mehr Spaß. Nur mit Dir hatte ich lesen und spielen gelernt. Meine Nächte wurden wieder unruhig. Fiel ich nicht gleich in schweren Schlaf, begann wieder dieses unheimliche Gären in mir, von dem ich mich befreit geglaubt, und ich hatte keinen Grund mehr, mich darin unglücklich zu fühlen, denn Du warst ja nicht mehr da! Ich wandte mein Denken nicht von Dir, ich wollte an Dich denken, sprach zu Dir, rief Dich. Aber ich empfand, daß Du mir keine Antwort gabst. Es kam mir vor, als ob Du Dich immer mehr von mir entferntest ... Wie nach dem Tode von Fräulein von Anglésis löschte die Zeit alle Eindrücke in meinem Gedächtnis aus. Ach, bin ich ein armseliges Wesen. Und ich zeige es Dir ganz offen. Eine Zeitlang erregten mich für einen Moment Deine Briefe heftig; die Erinnerungen wurden wieder lebendig; ich war bei Dir, aber nicht durch das, was in Deinen Briefen stand, sondern durch so Materielles wie das Papier, das Deine Hand berührt hatte, die Zeilen, die Dein Federhalter geschrieben ... Ich stellte mir vor, wie Du ihn über den Bogen führtest. Ich bin nicht einmal ganz sicher, ob ich Deine Briefe ganz verstanden habe. Dann enthielten sie auch nie das, was ich erwartete, ersehnte. Ich wollte in zehn Zeilen lesen, daß Du unglücklich ohne mich seiest, daß Du Eile hättest, zu mir zurückzukommen, mich zu fassen, zu umarmen. Davon stand nie ein Wort in Deinen Briefen. Aber dafür eine Menge Einzelheiten über Deine Schule, Deine Kameraden, und wie die Straßen in Deutschland angelegt und die Häuser gebaut sind. Wie konntest Du denken, daß mich das interessiere! Ich hatte einen Abscheu vor Deutschland, Deinen Lehrern, Deinen Kameraden, weil mir undeutlich vorkam, das alles gefalle Dir, und daß ich Dir nicht fehle. Ich hatte einigen Groll auf Dich und Wut, so glaubte ich, auf Deinen Vater, weil er uns getrennt hatte. Ich zeigte ihm das auf recht kindische Weise, so mit Schmollen und Gesichtverziehen. Er stellte sich, als merke er es nicht. Er tat weder väterlich noch sonst zärtlich zu mir; aber er blieb freundlich und geduldig, nannte mich nie dumm und warf mir meine Dummheiten nie vor. Er las meine Arbeiten und korrigierte sie ein bißchen, wie Du es früher getan hattest; es war, als ob er es mir ersparen wollte, gescholten und gedemütigt zu werden. Und ich war ein so schwaches, wankelmütiges Ding, daß mir bald sogar die Kraft, ihm feindlich gesinnt zu sein, schwand. Da Du weg warst, war es der Onkel Hervé, den ich mir am nächsten fühlte; nach und nach nistete er sich wieder in meine Gewohnheiten und Gedanken ein. Ich glaubte, noch mächtigen Groll gegen ihn zu haben, als dieser Groll nur mehr darin bestand, daß ich ihn anschaute, an ihn dachte und mir, ohne dabei recht an was zu denken, sagte: Das war recht schlecht, mir Arnal wegzunehmen. Alicia, meine einzige wirkliche Gefährtin, trug dazu bei, mich zu Hervé hinzustoßen. Unter dem Vorwand, ich sei nun ein junges Mädchen (in der Tat war ich's dem Körper, aber so wenig dem Geiste nach!), fing die ewig schwatzende Alicia an, mir die Liebesgeschichten der Gegend zu erzählen, ein bißchen die, die jetzt im Gange waren, meist aber die aus der Zeit ihrer eigenen Jugend. Sie erinnerte sich wunderbar der Zeiten, wo ihr jetziger Herr noch Junggeselle war; und obgleich sie sechzehn Jahre älter war als er, wußte sie genau Bescheid über die Abenteuer, die man ihm damals nachsagte ... »Alle Mädels der Gegend und alle Weiber waren ganz närrisch auf ihn, sowohl die von den Pachthöfen wie die von den Schlössern. Ah, der pfiff auf die Tugend! Er war aber auch ein schöner Mann! ... Ich hab' wahrhaftig nie einen schöneren gesehn! Der war dir gebaut,   man glaubte, man sehe seinen Körper durch die Kleider hindurch! Darum hab' ich selbst mich auch nie getraut, ihn anzuschaun. Die Haare fielen ihm so natürlich gewellt in die Stirn, wie es sich jetzt die Frauen vom Friseur machen lassen. Und was für einen Mund er hatte! Und die Augen,   das reine Feuer, sag' ich dir. Wenn er einen anschaute, glaubte man sich von einem Sonnenstrahl getroffen. Zu was für Sünden der mit seinen Augen verführte!« Hatte sie so geredet, bekam sie es mit der Angst, ich könnte den Onkel nicht genug respektieren. Und so fügte sie gleich hinzu: »Aber ich muß schon sagen, er wurde ein ganz Braver, nachdem er sich mit der Frau Gräfin verheiratet hat. Aber er ist noch immer ein schöner Mann. Und nicht wenige schlagen das Rad, wenn sie ihm begegnen.« Immer wieder und in allen Variationen erzählte sie mir diese Geschichten, mit genauen Namen und Daten, und machte mich so nach und nach vertraut mit Hervés Liebeslegende. So unwissend ich war, umgaben diese Geschichten mein Denken und meine Sinne mit einer recht aufregenden Atmosphäre. Aber sie führten meine Gedanken immer zu Dir hin, Arnal. Es konnte geschehen, daß ich Alicia widersprach: »Mein Onkel war trotzdem nicht schöner als Arnal. Ich finde, Arnal ist schöner als alle.« Darauf die Alte: »Herr Arnal wird sicher ein recht hübscher Herr werden wie sein Vater ... aber mit weniger Großartigkeit, weißt du ... Sieht Gesicht und Gang des Herrn Grafen, wenn er wo eintritt, nicht aus, als ob er sagen wollte: ›Das alles gehört mir, ihr Weiber so gut wie alles andere‹; Und man macht sich mit Vergnügen ganz klein, damit er nur zufrieden ist. Herr Arnal dagegen ... der ist so zurückhaltend, so verschlossen. O gewiß, ein reizender Junge, und sehr lieb, und alle haben ihn gern ... Aber wie ist er ernst für sein Alter, mein Gott! Und dann, weißt du, ich glaub' nicht, daß er sich einmal viel aus Frauen macht. Schade, daß er nicht eine andere Religion hat. Er hätte einen guten Pfarrer abgegeben!« Du kannst Dir nicht vorstellen, Nal, wie dieser Blödsinn mir durch den Kopf ging. Ich war ärgerlich auf Alicia, daß sie ihn erzählte und erdachte, am meisten aber, daß sie Dich mit hineinzog. Aber wenn ich mich unserer gemeinsamen Erziehung erinnere, finde ich trotz meiner Parteilichkeit eine Bestätigung in Alicias Worten: »Der wird sich nie viel aus Frauen machen.« Du behandeltest mich, als ob ich ein Junge wäre, nur mit dem Unterschied, daß es Dir zuweilen mißfiel, daß ich kein Junge war. Ich sagte einmal zu Alicia: »Vielleicht wird Arnal, wenn er groß ist, mit den Frauen umgehen wie sein Vater.« Sie schüttelte den Kopf. »Der? Niemals ... Bei Männern, die für die Frauen sind, fängt das schon zu einer Zeit an, wo sie noch gar keine Männer sind. Ich spreche zwar von etwas, das ich nicht weiß, denn ich war damals noch nicht auf dem Schloß in Dienst. Aber ich möchte die Hand da ins Feuer legen (und sie streckte ihre verrunzelte alte Hand aus), daß im Alter von Herrn Arnal sein Vater schon gewußt hat ...« Sie beendigte den Satz nicht, und ich verlangte keine Erklärung. Aber ich brütete lange über dem, was sie gesagt hatte. Besonders hatte mir Eindruck gemacht: »Es gibt Jungen in Arnals Alter, die sich für Frauen interessieren. Für mich interessiert sich Arnal nicht ...« War ich unfähig, die Jungen zu interessieren, oder warst Du unfähig, Dich für Mädchen zu interessieren? Ich begann, den Eindruck zu beobachten, den ich auf Jungen machte, wenn ich an ihnen vorbeiging, auf dem Lande, in den Straßen der Stadt, Sonntags in den Gottesdiensten, und auch bei den sehr seltenen Kränzchen, bei denen Mädchen und Jungen zusammenkamen. Ich bemerkte ein verschämt oder ungeschliffen geäußertes Interesse, eine gewisse Bewunderung, ein Bedürfnis, mir zu gefallen. Inzwischen schoß ich sehr rasch auf, und man gab mir sechzehn Jahre, wo ich noch nicht fünfzehn war. Ich hörte in meiner Nähe sagen (denn jetzt paßte ich auf): »Hübsche Kleine ...« oder »Sie ist famos gewachsen ... Ich war zufrieden. Aus diesen Huldigungen machte ich Huldigungen für Dich. Ich bildete mir ein, Du müßtest bei Deiner Rückkunft in die Ferien auch sehen, was die andern sahen, was alle Welt sah. Ich bekam wieder Vertrauen zu mir; und mein Onkel verstärkte es, indem er mich von Zeit zu Zeit auf die väterlichste Weise merken ließ, daß ich nicht häßlich war. Ich glaube, eine Frau ist nur dann im Gleichgewicht mit sich selber, wenn sie weiß, daß sie gefällt. Da ich in dieser Hinsicht Sicherheit erlangt hatte, verschwand meine Dumpfheit, und auch meine Denkweise wurde lebendiger. Ich lebte auf. Meine Verstimmung gegen Deinen Vater war vergessen. Er hatte mich von dem guten Ricquier befreit und unterrichtete mich selbst mit nie nachlassender Geduld. Nach dem Unterricht nahm er mich fast jeden Tag mit sich auf die Meierhöfe, in dem kleinen grauen Auto, und vertraute mir zuweilen das Steuer an. Dabei unterrichtete er mich in der Landwirtschaft, und ich war begeistert davon. So vergingen rasch meine Tage. Meine Nächte waren nicht mehr unruhig. Ich war zufrieden, daß ich gegen Deinen Vater nichts mehr hatte. Ich kann nicht Menschen hassen. Um die Wahrheit zu sagen: warum hätte ich ihn auch hassen sollen? Ich dachte nicht daran, ihn zu lieben, aber ich sagte mir: »Niemand außer der alten Alicia und ihm kümmert sich um mich.« Und er tat es immer mehr. Ach, er verstand es so gut, mein Vertrauen zu gewinnen! Bald war nur er es, den ich in das Wirrsal meines Jammers schauen ließ! Er besaß eine unglaubliche Geschicklichkeit, mir, ohne mich aufzuscheuchen, das zu sagen, was mir die Frauen im Hause nicht sagen wollten oder konnten, und er schuf damit für uns ich möchte sagen einen Winkel der Vertraulichkeit, in den niemand sonst herein durfte. Hervé ersetzte die Mutter und den Arzt. Folgte er damit seinem Naturell, seinem Mitleid mit mir, oder führte er einen überlegten Plan aus? Viel später hab' ich mich das gefragt. War es wirklich Geschicklichkeit und List, dann war er bei Gott sehr zäh und klug. Aber nein. Er folgte nur ganz instinktiv seiner Natur und die ist, die Frau in den Zustand einer freiwilligen Unterwerfung unter seine Herrschaft zu bringen. Darin ist er unfehlbar und unwiderstehlich. Hervé wurde mein Gefährte. Die Leute auf den Meierhöfen sagten, in allen Ehren natürlich, oft scherzend: »Der Herr Graf hat eine neue kleine Wirtschafterin gefunden. Sie ist ja ein bißchen jung, dafür wird aber auch der Herr Graf nie alt.« Kurz: wir trennten uns kaum mehr. Die Geschichts- und Rechenbücher, die Wörterbücher und Multiplikationstafeln wurden beiseite geworfen. Unter dem Vorwand, ich brauche Ruhe und Leben in der frischen Luft (was übrigens nicht falsch war), überwachte ich zusammen mit dem Herrn die landwirtschaftlichen Arbeiten. Ich hatte fürs Lernen aus den Büchern immer einen so schlechten Kopf, aber auf dem praktischen Wege lernte ich vorzüglich, sogar das Kopfrechnen. Orthographie und Syntax spielten in diesen Sachen keine Rolle; doch da ich eine schöne Handschrift habe, konnte ich dem Onkel als Sekretärin nützlich sein. Das Auto zu lenken hatte ich schnell gelernt, und bald war ich ein ebenso guter Chauffeur wie Hervé, vielleicht sogar weniger nervös. Endlich lebte ich dank ihm ein Leben, wie ich es liebte: keine Schulstunden mehr, frische Luft, weite Ausflüge, die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der Landwirtschaft, das Säen, der Kampf um die Ernte gegen die Unbilden der Witterung, die Ernte selbst, die das Gefühl des Überflusses spendet! Und mit welcher Sorge, mit welcher Zuvorkommenheit umgab mich mein Führer in diesem neuen Leben! Eine taktvolle Bewunderung, die nie nachließ, offenbarte mich mir selber, gab mir das Verlangen und die Hoffnung zu gefallen, und er hatte Aufmerksamkeiten für mich, die mich jedesmal überraschten und entzückten. Ich fand es köstlich, in meinem Alter ernst genommen zu werden und Gegenstand der Sorge einer erwachsenen Person zu sein. Und daß diese Person sich mit einem nicht langweilt, einen vielmehr jeder andern Gesellschaft vorzieht! Später traf ich manchmal solche Paare in den Familien der Nachbarschaft: den Vater und seine große Lieblingstochter. Es bestand für mich keinerlei Unterschied zwischen den Gefühlen einer solchen großen Tochter und denen, die ich für Hervé empfand: eine zärtliche Freundschaft, der gewiß nicht das fehlt, was Mütter und Söhne, Väter und Töchter einander nahebringt, aber doch in nichts von elterlichem oder kindlichem Gefühl abbiegt. Ich habe immer gesehen, wie dieses Verhältnis zwischen Vater und Tochter ganz plötzlich aufhörte, wenn sich die Tochter in einen jungen Mann verliebte. Wärest Du damals zurückgekommen, nicht zurückhaltend und gleichgültig, sondern zärtlich und mit dem Verlangen, mich an Dich zu nehmen, ich hätte Hervé ohne weiteres, ohne Gewissensbisse, verlassen, genau wie alle andern verliebten Mädchen es mit ihrem Vater tun, und ohne im geringsten daran zu denken, daß ich ihm damit weh tun könnte. Und ich hätte ihm damit weh getan! Aber Du warst nicht da! Er setzte seine Bemühungen, mir näherzukommen, fort. Denn er hatte sein Ziel: Das Geschehene hat es bewiesen, und er selber hat es mir seitdem zugegeben. Dieser einzigartige Mann,   er ist wirklich ein Mann, in dessen Seele nichts Niedriges Raum hat, und dessen Herz heiß ist   zeigte darin eine Geduld und eine Ausdauer, die ich nicht   nein, das gewiß nicht   auf die Rechnung bloßer Lasterhaftigkeit setzen kann. Hervé liebte mich. Was mich betrifft, will ich Dir die volle Wahrheit sagen: Von einem gewissen Augenblick an fühlte ich, daß mich der Gedanke an Dich nicht mehr beschützte. Ich ließ mich blindlings den Weg führen, auf den Hervé mich drängte. Die häufigeren Besuche von Aubiac, das gesäuberte, sonst im alten Zustand belassene Zimmer des Fräuleins von Anglésis, die gemeinsamen guten Mahlzeiten zu zweien, die Siesta im großen Salon an heißen Nachmittagen,   ich habe das alles zuerst ohne jeden Hintergedanken genossen und mit der ausgelassenen Freude eines kleinen Mädchens über ihre Ferien. Aber ich würde lügen, wenn ich sagte, daß ich völlig unbewußt gewesen sei und mich in dieser ein wenig trunken machenden Atmosphäre nicht wohl gefühlt hätte, wo gewisse Gelüste Gestalt annahmen, die mich zuvor in gegenstandslosen Träumen beunruhigt und gequält hatten. Ich empfand Furcht, und meine Furcht gefiel mir, reizte mich. Eine unklare Freude, deren wahrer Ursache ich nicht allzusehr nachforschen will, flößte mir das wechselnde Gefühl der Vernichtung und des Aufblühens ein. Es wurde mir deutlich, daß ich bereits Gefangene war und mein Wille keine Kraft mehr zur Befreiung besaß. Aber ich nahm die Kette an, folgte, wohin sie mich zog, nicht ohne Besorgnis, aber ohne Bedauern und ohne Skrupel. Ich ahne, Nal, das stößt Dich ab. Du sagst Dir: »Sicher war ihre Natur frühzeitig verdorben ... Sie ist ein Ausnahmefall.« Aber darin irrst Du Dich. Das Gegenteil ist die Ausnahme. Aber man ist übereingekommen, es nicht zu sagen, ja so zu tun, als merke man es nicht. Ich sehe darin klarer als Du, der Du die Frauen nicht kennst, weil sie Dir mißfallen und Du sie meidest. Von einem gewissen Alter ab hatte ich Gefährtinnen; und später haben junge Mädchen und Frauen mit mir über ihre Kindheit und ihre Entwicklung gesprochen. Hervé hat ganz recht, wenn er die als Narren betrachtet, welche glauben (und die als Lügner, welche es zu glauben vorgeben), daß die Natur, als sie die Entwicklung des Körpers schuf, gleichzeitig die Moral ins Leben rief. Ich habe ihn damals wohl empfunden, den Zusammenhang meiner Glieder, meines Blutes und meiner Nerven mit dem weniger Körperlichen, das sich deshalb so schwer definieren läßt, weil es eben nicht körperlich ist: das Bedürfnis, beschützt zu werden, und das Bedürfnis, Glück zu spenden. Das Besondere und Ergreifende meines Falles liegt darin, daß, obwohl ich bewußt auf ein Ziel losging, mir dieses doch völlig unbekannt war. Ja, Nal; im Gegensatz zu den meisten Mädchen meines Alters war ich in diesem Punkt völlig unschuldig. Hervé hatte niemals in seinen Beziehungen zu mir die Freiheit jener Liebkosungen überschritten, die sich die ehrbarsten Väter mit ihren Töchtern erlauben. Und was mich in einem Zustand von Überreizung und Angst leben ließ, das war keine unerlaubte Vertraulichkeit, es war die Fortsetzung der Zuvorkommenheit, taktvoller Belobungen, Worte, die ich zwar nicht immer verstand, die mich aber angenehm berührten. So lebte ich ständig in einem Zustand der Erwartung, aber ohne Furcht. Vielleicht hätte mich eine unüberlegte Bewegung, ein zu lang dauernder Kuß aufgeschreckt. Ich versuche es Dir, so gut es geht, mit einem Beispiel klar zu machen: Wenn eine Frucht nicht ganz reif ist, widersteht sie der Hand, die sie brechen will. Ist sie aber reif, dann löst sie sich im Augenblick, wo die Hand sie berührt, und man fragt sich, ob es nicht die Frucht war, die gepflückt sein wollte. Ich stelle bloß fest, Arnal, ich verteidige mich nicht. Es war an einem Märztag, daß ich mit Hervé das Haus in Aubiac betrat, nicht mehr oder weniger vergnügt als sonst, nicht mehr oder weniger unwissend als sonst. Wir frühstückten wie immer mit gutem Appetit und vergnügt in dem großen marmoriert tapezierten Speisesaal, wo es immer so angenehm kühl ist. Ich trank Wein gern; mein Onkel schenkte mir nicht ein Glas mehr ein als sonst. Vielleicht saßen wir länger als sonst bei Tisch, aber ich erinnere mich, daß ich es war, die nicht hinaufgehen wollte, um sich auszuruhen. Ich war ermüdet von den langen Wegen des Morgens (wir hatten drei Pachthöfe besucht) und etwas benommen von der trügerischen ersten Wärme des März. Ich wollte Trictrac spielen, und Hervé, höflich wie immer, war gleich dabei. Aber nach den ersten Würfen entfiel mir der Becher; ich war doch müde und ich schlief ein. Da nahm mich Hervé (es war nicht das erstemal) in seine Arme und stieg mit mir hinauf in das Zimmer von Fräulein von Anglésis. Ich erinnere mich, daß ich, während er mich so trug, den Kopf in das Rund seiner Schulter drückte, um weiterzuschlafen. Nun weißt Du's. Es war an diesem Tage ... ohne Herausforderung meinerseits, ohne Gewalt seinerseits. Ein Reifsein. Der Unterschied zwischen uns war, daß er wußte, wohin wir gehen würden, und ich nicht. Ich habe nicht die Erinnerung an ein großes Glück. Ich habe nicht die Erinnerung an einen Schmerz oder eine Verzweiflung, noch selbst an eine körperliche oder geistige Erschütterung. Als alles vorüber war, fühlte ich eher so etwas wie eine matte Ruhe, den Leib in einer wohltuenden Schlaffheit, das Denken angenehm ausgeschaltet. Das alles verflog allmählich, während ich das Auto nach La Gatère zurücklenkte, mein Onkel neben mir. Wir sprachen kaum; ich bemerkte, daß er blasser war als sonst. Ich war nicht böse auf ihn und empfand weder Gewissensbisse noch Scham: beides sollte erst später kommen. Mein einziges neues Gefühl war das einer gemeinsamen Schuld, eines Geheimnisses, das wir nicht bekennen durften; aber das brachte mich Hervé eher näher, als daß es mich von ihm entfernte. Du, Arnal, warst damals nicht in meinen Gedanken; aber als wir über die Brücke des Cayrou fuhren, da fiel mir plötzlich unser Gespräch vom letzten September ein. Doch stieß ich diese Erinnerung gleich von mir; denn in diesem Augenblick fühlte ich einen Groll auf Dich. An diesem Abend und an den drei folgenden Tagen nahm das gemeinsame Leben wieder seinen Lauf ohne Zwischenfälle, und ohne daß einer von uns auf das Vorgefallene eine Anspielung gemacht hätte. Am vierten Tage sagte Hervé, als er ins Auto stieg   ich saß schon am Steuer   ohne die geringste Erregung in der Stimme: »Wir fahren nach Aubiac.« Und ich fuhr los, ohne zu zögern, wie ich vier Tage zuvor ins Unbekannte losgefahren war. Aber diesmal: wußte ich ... * Ich habe Dir zu Anfang gesagt: »Solange ich neben Dir lebte, bestand meine ganze Moral darin, das zu tun, was Dir gefiel.« Als Du mich im Stich gelassen hattest (ja, in Wirklichkeit hast Du mich im Stich gelassen, Nal), verlor ich natürlich alles, was ich an Moral besaß, und das hat zur Katastrophe geführt. Aber heute, Nal, heute versichere ich Dir, ich bin nicht mehr ein Geschöpf ohne Moral. Du wirst bald den Beweis dafür bekommen. Mein sittliches Gefühl entwickelte sich zögernd und sehr langsam in mir. Es ist noch nicht lange her, daß es in mir so weit zur Reife gediehen ist, daß ich nun weiß, was ich zu tun habe. Zunächst gehörte ich einfach und ohne Vorbehalt dem, der mich genommen hatte: ein Zustand der Versklavung, wie ich ihn seitdem bei einigen jungen Frauen wahrgenommen habe, besonders bei solchen, die sehr jung einen schon reifen und erfahrenen Mann geheiratet hatten. Das stieß mich zunächst immer etwas ab. Dann dachte ich an mich selber und sagte mir: »Ich war auch so ... und schlimmer.« Je näher die Ferien kamen, um so mehr wurde ich aus meiner Ruhe aufgestört. Tante Angelika hatte kein anderes Gesprächsthema als Deine Rückkehr; sie markierte die Tage in ihrem Taschenkalender. Ich strengte mich an, nicht daran zu denken, aber von Zeit zu Zeit schüttelte mich die Angst: »In drei Monaten ... in zwei Monaten ... in vierzehn Tagen!« Ich bildete mir ein, ich würde Dich nicht anschauen können; und käme es dazu, würden Deine Augen sofort in meinen lesen können, was ich vor aller Welt verbarg, und eine Frage von Dir würde mir mein Geheimnis entreißen. Diese Angst vor Dir stieß und zerrte mich zu ihm, der allein mich verteidigen konnte, und der sich auch darauf verstand, denn er war geschickt und stark ... Das ist der Grund, Arnal, weshalb Du mich so auf meiner Hut fandest, so wenig mitteilsam und so gedrückt, als Du aus Behrenstein zurückkamst. Ich spürte solche Freude, als ich Dich wiedersah, als ich Dich wieder sprechen hörte. Aber das Grauen davor, erraten zu werden, lähmte mich, und die Augenblicke, wo wir miteinander allein waren, besonders anfangs, waren mir fast unerträglich; das ließ nur nach, wenn ich ein paar Momente mit Hervé allein war; da beruhigte er mich mit einem Wort, einer Zärtlichkeit. Aber ich war doch noch sehr Kind, und so beruhigte ich mich rascher, als ich zuerst gedacht hatte, als ich sah, daß nichts Schlimmes passierte und Du, weit entfernt, mich zu meiden, mich hart zu behandeln oder auszufragen, viel liebevoller zu mir warst als vor Behrenstein. Mir war das ganz unverständlich. Ich verstehe es auch heute noch nicht. Ich vermutete   ohne den geringsten Stolz, glaub' mir!  , daß Du mich wie alle Welt weniger linkisch fandest, mehr schon junges Mädchen und hübscher. Die zehn Monate unter Hervés Einfluß und dann das Ereignis, das Du nicht kanntest, hatten mich ja sehr zu meinem Vorteil verändert. Warst Du Dir eigentlich bewußt, daß Du damals manchmal fast zärtlich zu mir warst? Wärest Du ein Jahr zuvor, bevor Du nach Deutschland gingst, so zu mir gewesen, nichts hätte mich während Deiner Abwesenheit von Dir getrennt, und Du hättest mich nach Deiner Rückkehr nach Deinem Belieben erobern können. Nun war es leider zu spät. Du fandest eine neue Sidonie, die Dir vielleicht mehr gefiel; aber ich war gefangen. Der Fehltritt hatte mir die Kenntnis einer starken Mannesleidenschaft gegeben, die in ihrer Heftigkeit wissend und ihrer sicher war; meine Erfahrung vermochte schon Deine Unerfahrenheit zu beurteilen; irgend etwas Kraftloses, Unvollkommenes ärgerte mich an Dir, und ich konnte es nicht hindern, daß mir Alicias Worte einfielen. Außerdem fühlte ich, wenn auch verworren, so doch ganz stark, da ich nun einmal getan hatte, was ich tat, lag die einzig mögliche Moral in meiner Sünde selbst. Obgleich ich seither Frauen kennen lernte, die fähig waren, zwei aufrichtige Leidenschaften auf einmal zu nähren, bin ich doch sicher, daß mein Herz dessen nicht fähig ist. Das habe ich damals in Deiner Gegenwart empfunden. Du schienst mir wie durch eine unsichtbare und unüberwindbare Scheidewand von mir getrennt. Und so blieb es während all der Jahre meiner freiwilligen Gefangenschaft. Ich stelle das auch in diesem Augenblick, mehr als je, fest. Aufmerksam und rasch erfassend, wie Du bist, hast Du sicher trotz aller Unerfahrenheit und einer gewissen Unbeholfenheit in Dingen des Empfindens gemerkt, daß es ein neues Hindernis zwischen uns gab, denn die Zeichen Deiner zärtlichen Freundschaft für mich begannen allmählich seltener zu werden. Und gegen das Ende der Ferien kam ein Tag, da fand ich Dich von mir ganz fern und verschlossen. Hast Du etwas Verdächtiges gemerkt? Weder Dein Vater noch ich waren uns je darüber klar ... Aber Dein Entschluß, La Gatère für ein ganzes Jahr zu verlassen, wo es nur von Dir abhing, Deine Studien in keiner größeren Entfernung als hundert Kilometer weit zu beenden, war so fest und unumstößlich, daß ein Unbehagen auf dem ganzen Hause lastete und Deine Abreise nach England mir eine unaussprechliche Erleichterung schaffte. Ich muß Dir selbst dies gestehen: Hätte ich vorausgesehen, daß der Krieg Deine Abwesenheit noch verlängern und daß mehr als zwei Jahre vergehen würden, bis Du wieder nach La Gatère zurückkehrtest, ich hätte mit dem schrecklichen Egoismus einer in ihrer Liebe bedrohten Frau den Krieg herbeigewünscht. Diese zwei Jahre verlebten wir, Hervé und ich, in dem alten Hause wie abgetrennt von der übrigen Welt und fast ohne jede andere Gesellschaft als die der kranken Angelika und der Frauen unserer Leute; die meisten Männer waren im Felde. Ich flüchtete mich ganz in meine Sünde, vergaß alles sonst. Als Du aus England zurückkamst, um Dein Examen zu machen und Dich sofort anwerben zu lassen, und für einige Tage unter uns weiltest, hatte ich eine heftige Gemütserregung   Du erinnerst Dich sicher daran  , aber sie berührte nicht die Tiefen meines Herzens. Die beiden Jahre in England hatten Dich stark verändert. Du warst viel hübscher geworden, viel männlicher. Im Verkehr mit den Frauen hattest Du eine gewisse Leichtigkeit gewonnen, durch die man so etwas wie Verachtung spürte. Kurz, Du warst nicht mehr mein kleiner Kamerad von ehemals. Ich empfand die große Entfremdung. Warum hättest Du mir auch einen Blick, ein Wort schenken sollen. Du, den alle Frauen bewunderten und herausforderten? In meiner Demütigung hielt ich mich an den, für den ich alles war. »Sei es,« dachte ich, »es ist mein Los!« Ich fügte mich in eine Gefangenschaft, die mich nicht mehr bedrückte, denn trotz aller Geschehnisse war noch viel Kindhaftes in meiner Natur. Ich fand mich damit ab, daß ich mich nie frei machen würde, denn nur zu Dir hin hätte ich mich flüchten wollen, und davon konnte nicht mehr die Rede sein. Außerdem offenbarte die Art, wie Du Dir das Leben einrichten wolltest, ganz deutlich die Absicht, Dich von uns zu trennen. Während der zehn folgenden Jahre machte ich es mir zur Aufgabe, Dich zu vergessen, wenn Du fort warst, und mich so wenig als möglich um Dich zu kümmern, wenn Du Dich in La Gatère aufhieltest. Jede Frau, siehst Du, hat Schätze von Willen und Energie zur Verteidigung ihres Glückes, selbst wenn es getrübt und verbrecherisch ist. Was mich betrifft, so war ich fest entschlossen, mich für glücklich zu halten, und um aufrichtig bis zum letzten zu sein: in dem bescheidenen und ungewissen Sinn, den das Wort »Glück« für ein Frauenleben hat, war ich glücklich. * Und dennoch   auch wenn eine Frau von sich selbst sagt: »Ich war glücklich!«, so bedeutet das während einer so langen Zeitspanne nicht, daß ihr Leben keine Veränderung erlitten, keine Stunde seelischer Not durchgemacht hat. Ich habe mir geschworen. Dir nichts davon zu verbergen. Ich muß Dir jetzt von einer körperlichen Veränderung berichten, die in meinem neunzehnten Jahre stattfand, als Du am Rhein dientest. Das Geständnis wird Dir mißfallen, aber es ist notwendig. Es war eine Schwäche meines Körpers, die zur Wiedergeburt meines Gewissens führte. Bis zu meinem neunzehnten Jahre war ich im körperlichen Sinne wenig verliebt gewesen, wenn auch immer bereit, mich hinzugeben. Die Unruhe, die mich beherrscht und verwirrt hatte, bevor ich Frau wurde, war verschwunden; Hervés Zärtlichkeit, seine Bewunderung, sein Geist schafften mir körperlich wie seelisch ein unbeschwertes Wohlgefühl. Aber die sinnliche Raserei, die ihn in der Liebe packte, erstaunte und erschreckte mich; oft wäre es mir lieber gewesen, er hätte dieselbe heitere Ruhe besessen, die ich selber hatte, daß bei ihm das Sinnliche, wie bei mir, nichts weiter gewesen wäre als ein rasch befriedigtes Verlangen. Ich war zwei Monate über achtzehn, als wir uns eines Nachmittags nach Aubiac begeben hatten und unser Wagen versagte, als wir ihn zur Heimfahrt nach La Gatère ankurbeln wollten. Der Magnet funktionierte nicht. Es war sieben Uhr abends: in der Umgebung ein Gefährt aufzutreiben, wäre unmöglich gewesen. Du weißt ja, wie einsam das Haus liegt. Bloß ein Fahrrad stand zur Verfügung; Hervé konnte es wegen seines schlechten Knies nicht benutzen, und daß ich es nehme, wollte er nicht. Er schickte darauf einen Pächterjungen nach La Gatère, der dort ausrichten sollte, daß wir die Nacht in Aubiac bleiben würden; das war uns schon zweimal passiert, einmal wegen eines mächtigen Gewitters, das andere Mal wegen eines Sonnenstiches, den ich mir auf der Hinfahrt geholt hatte. Diese beiden Male hatte Hervé mir das große Zimmer von Fräulein von Anglésis überlassen, während er sich im Zwischenstock auf einem Diwan in einem kleinen Salon zum Schlafen einrichtete. Warum packte mich gerade diesmal, als wir uns entschlossen hatten zu bleiben, das Gefühl des Schuldbewußtseins? Weshalb konnte ich diese Nacht, allein in meinem Alkovenbett, den Schlaf nicht finden? Ich wartete ... ich ersehnte ... Und als sich die Tür gegen elf Uhr vor Mitternacht leise öffnete und mein Herr zu mir kam, da hatte ich ihn bereits mit aller Kraft meines ganzen Wesens herbeigewünscht, und zum erstenmal verstand ich, kannte ich diese Liebesraserei, gegen die ich mich früher so oft gesträubt hatte, wenn sie Hervé packte und so anders machte. Vielleicht, Arnal, denkst Du, wenn Du das liest: »Was soll diese Erzählung? Will sie mich versuchen?« Ach nein! Das arme zermürbte Geschöpf, das ich jetzt bin, ist keine Frau mehr,   höre nur weiter! ... Aber diese Nacht in Aubiac ist ein wichtiges Datum in meinem Leben. Sie hat ganz anderes in mir erweckt als die Liebe. Sie hat mein Gewissen lebendig gemacht, und deshalb muß ich Dir davon berichten. Bisher hatte eine Art sittlicher Schwäche, die sich mit meinen nur halb geweckten Sinnen verband, mich mit Vergnügen gehorchen heißen; nichts weiter. Aber von dieser Nacht an liebte ich meine Sünde, doch ich wußte auch, daß es Sünde war. Darum mußte ich Dir so genau berichten; sonst wäre Dir das, was geschah, wie auch das, was bald darauf geschehen sollte, ganz unerklärlich. Von nun ab wußte ich, was gut und was böse ist. Ja, ich war eine leidenschaftliche, glühende Geliebte, gierig, alles zu kennen, gelehrig und erfinderisch; ich lernte die Begierde kennen, die bis ans Ende der eigenen Kräfte und der des Gegners geht, und das Glücksgefühl der völligen Erschöpfung. Aber ich habe teuer dafür bezahlt ... Mein Gewissen und meine Sinne waren gleichzeitig erwacht, möchte ich sagen. Sicher, Du wirst mich verstehen, lieber Arnal. Trotz Deines frühreifen Verstandes warst Du noch ein Kind, als Du mir erklärtest, wie erbärmlich es mit unserm Gewissen als Protestanten bestellt ist; Du verstehst mich und wirst Mitleid mit mir haben, nicht wahr? Wem sollte ich das Geheimnis anvertrauen, das mich verzehrt? Wen sonst sollte ich fragen, in welchem Maße ich schuldig wurde? Wer könnte mich gleichzeitig von meiner Sinnlichkeit wie von meinem Gewissen heilen? Ja ... da war Hervé ... Das Bekenntnis, das ich Dir heute ablege,   ich wäre unfähig, es ihm zu machen. Aber er ist so geschickt im Erraten eines weiblichen Herzens, und er erriet mich. Klug und geduldig mühte er sich, in mir die geläufigen Anschauungen über gut und böse in der Liebe zu zerstören. Er sprach mit solcher Überzeugung und solcher Sachlichkeit, und ich war es so gewöhnt, meine Gedanken aus den seinen zu schöpfen, daß ich mich zuweilen gewonnen fühlte. Er sagte: »In den Dingen der sinnlichen Liebe und der Lust herrscht für alle sichtbar ein Naturgesetz, die kalte Vernunft hat nichts damit zu tun. Weit davon entfernt, dem Nächsten Böses zu tun, vereinigt dieses Gesetz zwei zum Glücke. Der einzige Vorbehalt, den das Gewissen hier macht, ist, daß dieses wechselseitige Glück einem Dritten nichts Böses tut.« Er sprach eindringlich und überzeugend; meine armseligen Einwendungen widerlegte er mit einem Wort. Aber mein heimlicher innerster Schmerz, das Gefühl meiner Verderbtheit, die Scham über die vergangene Nacht waren Tatsachen, die beiseitezuschieben die Vernunft kein Recht hatte. »Von den Ahnen Ererbtes!« nannte Hervé das und zuckte die Schultern ... Gereift, frage ich mich heute, ob das nicht der unklare Ausdruck für ein anderes und allen Rassen gemeinsames Naturgesetz ist. Erlaubt das Naturgesetz, sich zu betrinken oder bloß seinen Durst zu löschen? Weder mein Liebesfieber noch meine moralischen Qualen ließen nach, und ich suchte Zuflucht im Gebet. Da fielen mir die Worte ein, die Du über die dürre Kälte unserer Religion gesprochen hattest. Ich suchte die kleine verlassene, schmucklose Kirche von Boursès auf; die Heiligkeit des Ortes, der Ernst seiner nackten Mauern gefielen mir; sie erinnerten mich an so viele Jahre unschuldsvoller Kindheit. Ich vermißte wirklich nicht die Statuen und die Bilder der katholischen Kirchen. Aber mein Gewissen fand sich da so allein gegenüber dem unsichtbaren Angesicht Gottes. Und heftiger als draußen, wo mich das Leben oft davon ablenkte, stand vor mir das beängstigende Problem. Ich hätte mich ja an den Pastor wenden können, er hätte mir seine Tür nicht verschlossen. Unser Pastor war ein Mann von etlichen dreißig Jahren, Vater einiger Kinder; seine Predigten waren gelehrt und trocken. Ihm sollte ich mein Geheimnis anvertrauen? Nein. Es fehlte mir dafür die Übung der katholischen Frauen, die im Alter von sieben Jahren im Beichtstuhl ihre kleinen Verfehlungen stottern, auf die dann mit den Jahren die richtigen Sünden folgen. Es fehlte mir vor allem das, was den katholischen Sünder anzieht: die Sicherheit, nach der geringen Beschwerde des Bekenntnisses die Absolution zu erhalten und gereinigt, als ob er die Sünde nie begangen hätte, wieder ins Leben zurückzukehren. Ich verließ unsere kleine Kirche voller Verachtung meiner selbst   aber mit dem Verlangen, zur Sünde zurückzukehren. Wirst Du glauben, Arnal, daß ich in diesem Zustand meiner Verwirrung an den Übertritt zum katholischen Glauben gedacht habe? Es war da gerade, drei Jahre seit Friedensschluß, in Boursès an der Kirche zum Heiligen Glauben ein Vikar, der bei der katholischen Bevölkerung wegen seines erbaulichen Lebenswandels, seiner Kenntnis der reuigen Herzen und seiner Tätigkeit im Dienste der Sittlichkeit sehr angesehen war. Eine meiner Freundinnen, Louise d'Isaye, die Du als kleines Mädchen gekannt hast, und die sich noch ganz jung mit einem gewissen Doubant, einem reichen, schon etwas älteren bürgerlichen Grundbesitzer verheiratet hat,   Louise sprach mir viel und immer wieder von dem Abbé Faurie, der ihr Beichtvater war. Dabei hat Louise zwei Verhältnisse gehabt, und das zweite dauert noch jetzt; sie hat mir das selber anvertraut. Vergeblich versuchte ich mit Ausfragen, den Mechanismus dieser gar nicht heuchlerischen Seele zu verstehen. »Wenn dein Beichtvater, um dich zu absolvieren, von dir den festen Entschluß fordert, deinem Liebhaber nicht mehr nachzugeben, wie kannst du ein solches Versprechen geben, wo du doch sicher bist, es nicht zu halten?« Worauf sie antwortete: »Dessen sicher bin ich natürlich nicht, aber Gott kann mir jedesmal eine größere Widerstandskraft gewähren!« »Aber verlangst du auch wirklich ehrlich, daß er sie dir gebe?« »Es ist sehr schwierig, über sich selbst klar zu sehen. Aber wenn ich diese wachsende Kraft nicht verlangte, was täte ich da im Beichtstuhl des Abbé Faurie? Niemand zwingt mich doch dazu. Mein Mann ist nicht religiös, und ich habe, wie du weißt, nicht den geringsten religiösen Snobismus.« »Aber was ist der wirkliche Erfolg? Wie lange widerstehst du nach der Absolution?« »Zuweilen gar nicht ... die erste Gelegenheit bringt mich zu Fall. Zuweilen   besonders an den hohen Kirchenfesten zu Ostern und Weihnachten  , da gelingt's mir, unter Vorwänden, einmal, zweimal die Zusammenkünfte zu vermeiden.« Und sie schloß: »Das ist schon immer ein Gewinn.« Siehst Du, Arnal, ich frage mich, ob der Katholizismus mit seinen Nuancen, seiner Feinheit und seiner Anpassung an die durchschnittliche Natur des Menschen und mit seiner Nachsicht gegenüber dem Sünder nicht der Haltung Christi, als er noch auf Erden lehrte, näher kommt als unsere Religion. Aber das calvinistische Erbe liegt mir zu stark im Blute. Es kommt mir vor, als ob mir, an Stelle Louisens, die, gestern absolviert, heute aufs neue sündigt, die Feststellung dieser meiner Schwäche und Feigheit viel schmerzlicher wäre als das Verweigern der Absolution   ich wäre verzweifelt gewesen! Das also ist mein Los! Ich soll die zwiefache Last der Sünde und der Reue schleppen, bis mich das Alter bricht! Ach, wie mich manchmal nach dieser Befreiung verlangt! Ein einziges Mal, Nal   vielleicht erinnerst Du Dich  , ließ ich Dich gegen meinen Willen in dieses Drama meines Herzens blicken. Es war, glaub' ich, im Jahr 1922; Du kamst aus Wiesbaden für zwei Wochen nach La Gatère mit Deinem Freunde Robert Fuchs. Seine natürliche Heiterkeit belebte unsere Unterhaltung; er erzählte lebendig und scheute sich nicht vor Worten. Es war von den vorübergehenden Liebschaften zwischen verheirateten Männern und Frauen die Rede. Seinen Worten nach zeigten sich viele andere Gattinnen ohne Gewissensbisse bereit, ein Liebesabenteuer zu haben, ohne auch dafür das geringste ihrer ehelichen und häuslichen Aufgaben zu opfern. »Sie haben ein Kautschukgewissen«, sagte Fuchs. Da entschlüpfte mir die törichte und gefährliche Bemerkung: »Wie sind sie zu beneiden!« Glücklicherweise nahm es Fuchs für einen Scherz. Er bemerkte: »Glauben Sie das nicht, gnädiges Fräulein. Die Männer schätzen Tugenden nicht, die sich mit bürgerlicher Ruhe zum Opfer bringen.« Aber Du, Nal, hörtest aus meiner Bemerkung noch etwas anderes als den ironischen Ton heraus. Ich spürte Deinen Blick auf mir mit einer Art angeekeltem Mitleid, und er empörte mich. Später war ich Dir dafür dankbar. * Alles, was ich Dir geschrieben habe, hat mich viel gekostet. Aber ich bin mit dem Schwierigsten zu Ende. Was mir noch zu sagen bleibt, wird mich nur erleichtern. Zweieinhalb Jahre vor Deiner Rückkehr aus Syrien gab es nochmals eine Änderung in meinem elenden Leben; sie war so geringfügig, daß ich glaubte, nur ich würde sie merken. Hervè fiel in eine kurze Erkrankung, ich glaube, die erste in seinem Leben. Eine schmerzhafte und gefährliche Leberreizung fesselte ihn für zwei Wochen ans Bett und zwang ihn weitere zwei Wochen, das Zimmer zu hüten. Als die Krise vorüber war, schien er gealtert, war magerer und sehr reizbar geworden. Alle unsere Leute beklagten sich bei mir, ohne Bitterkeit natürlich, denn sie schrieben seine schlechte Laune seiner Krankheit zu. Ich für meinen Teil brauchte mich nicht zu beklagen; mehr als je suchte er meine Gesellschaft und überschüttete mich mit Aufmerksamkeiten; aber mehr als je war er auch ein fordernder Herr, ein unersättlicher Liebhaber. Man sollte meinen, daß diese unheilverkündende Mahnung (Deine Großmutter ist an dem gleichen Leiden gestorben) ihn nachdenklich gemacht und daß er erschreckt die kurze Zeitspanne gemessen hätte, die ihm das Leben vielleicht für das einzige gewährte, dem er Wert gab. In seinen Liebesbeweisen tauchte von da ab etwas Ängstliches, etwas Krankhaftes auf, das bei mir die sinnliche Spannung zu mindern anfing. Nicht als ob ich unempfindlich geworden wäre. Aber so etwas wie Nachsicht und Gefälligkeit ging meinen Erregungen voraus, und das genügte, ihre Natur zu ändern. Daraufhin wurde Hervés Leidenschaft weniger heftig, und das Leben nahm   außer daß ich meine innere Ruhe nicht mehr wiedergewinnen konnte   wie zuvor seinen Lauf, bis Du hier eintrafst und Tante Angelikas Bitten Dich veranlaßten, bei uns zu bleiben. * Dieser wichtige Entschluß war weder von Hervé noch von mir vorausgesehen worden, traf uns beide so heftig, daß wir uns endlich trauten, frei von Dir zu sprechen; ich will damit sagen: die Wirkung zu besprechen, die Deine Anwesenheit auf unser heimliches Leben haben könnte. Hervé kam mir sehr verstört vor; er verurteilte die Laune seiner Frau, die, wie er sagte, augenblicklich gar nicht in Gefahr war; er erklärte, Herr in seinem Hause zu sein, so daß nichts ihm einen ungelegenen Besuch aufzwingen könne, und daß er ihn vier Wochen, sechs Wochen ertragen würde, aber keineswegs länger. Andererseits merkte ich, daß dieses Hindernis sein Verlangen steigerte, wie es die Gesundung nach seiner Krankheit getan hatte. Seine Blicke, seine Worte, seine Bewegungen quälten mich. Er, der sich immer hatte beherrschen können, verlor die Herrschaft über sich. Ich konnte ihn ja nicht hindern, mich zu lieben und unter einem Versagen meinerseits ungeduldig zu leiden; aber wie konnte dieser Kenner der weiblichen Seele nicht merken, daß das Sinnenleben einer Frau meines Alters unter dem Einfluß der leisesten, geringsten Beunruhigung steht und daß es, um sich zu entfalten, der Sicherheit, der Freiheit bedarf? In seinen Umarmungen starb ich vor Angst, daß er mich da jedem zufälligen Überraschtwerden aussetzte; ich mußte ihn anflehen, mich nicht des Nachts in meinem Zimmer aufzusuchen, das genau über Deinem lag. Endlich begriff er und beherrschte sich. Wir kamen überein, daß wir, solange Du in La Gatère wärest, jede Unklugheit vermeiden wollten. Es blieb uns also nur Aubiac: Ich konnte es ihm zuerst nicht verweigern, daß wir uns von Zeit zu Zeit dahin flüchteten. Aber wir lebten immer in der Angst, daß über unsere Fahrten zu zweit dahin ein Geschwätz entstünde; wir fanden den Ausweg, daß wir uns einzeln dahin begaben. Nicht oft. Denn Aubiac machte mir schließlich Angst. Und wir verzichteten. Es blieb uns nichts als der Wald oder verlassene, einsame Gehöfte. Damit kam einige Ruhe in mich. Es ist mir unerträglich gewesen, mit Dir unter demselben Dach zu wohnen, Dich zu sehen, zu berühren, mit Dir zu sprechen, Deine Blicke auf mir zu fühlen, nachdem ich mich gerade hatte umarmen oder mir Worte sagen lassen, die mir noch in den Ohren brannten. Vielleicht bist Du Dir bei all Deiner Klugheit gar nicht des merkwürdigen und beunruhigenden Einflusses bewußt, der von einem Manne wie Dir ausgeht. Ich bin schließlich der Mensch, der Dich am besten kennen sollte, wo wir doch so viele Jahre miteinander gelebt hatten und in einer Zeit, in der man einander alles sagt, und doch weiß ich eigentlich nichts von Dir. Auch Deine Mutter wußte nichts von Dir. Ich habe mich ungezwungen mit Deinem Freunde Fuchs unterhalten, der mir von Deiner Art zu arbeiten erzählte, von Deiner Art der Kameradschaft, Deinem Benehmen in der Welt; aber trieb ich ihn weiter, mußte er auch gestehen, daß er eigentlich nichts von Dir wisse. Du sagtest mir unlängst einmal (jetzt, wo wir nach und nach dahin gekommen sind, ziemlich offen miteinander zu sprechen), Du seiest ein Mann wie jeder andere, einer aus dem Dutzend: so sagtest Du. Aber es ist nicht wahr! Du sprichst nur nicht über das, was Dich von der Masse unterscheidet, weigerst Dich zu antworten, wenn man Dich fragt. Seit ich erwachsen bin, also seit gut fünfzehn Jahren, schienen mir die Männer meiner Umgebung entweder von der Geldgier oder von der Sinnlichkeit geleitet, die sympathischeren unter ihnen waren jene, die über der Liebe das Geld vergaßen. Und das waren alles in allem die zahlreichsten. Ja, die zahlreichsten; nur verbergen die meisten ängstlich viel lieber ihre Sinnlichkeit als ihre Geldgier. Du aber, Dich bekümmerte weder das Geld noch die Liebe. Und doch bist Du weder ein Asket noch ein Mystiker. Auch als einen Reformator spielst Du Dich nicht auf. Deine Kameraden sprechen von Dir als einem verträglichen, toleranten, bei Gelegenheit lustigen und gar nicht prüden Genossen ... »Ich bin nicht der einzige«, wirst Du sagen ... Ja, es gibt die katholischen Geistlichen; aber sie leugnen nicht ihre Anfechtungen; und dann handelt es sich bei ihnen um die Kraft eines Gelöbnisses, den Ersatz einer irdischen durch eine überirdische Liebe. Dir aber ist keine Regel auferlegt; Du bist, ich weiß es, der zärtlichsten Hingabe fähig ... und Du verjagst die Liebe aus Deinem Leben! Du leugnest oder du kennst die Versuchung nicht. Durch Deine Natur selber stehst Du abseits. Wenn Du von diesen Dingen sprächest, würdest Du Dich, glaube ich, der gleichen Worte wie der Apostel Paulus bedienen: »Es ist gut für den Mann, daß er nicht am Weibe hanget.« Machst Du Dir die tiefe Wirkung klar, welche die fortwährende Anwesenheit eines solchen Mannes auf eine Frau in dem Zustand ausübt, in dem Du mich fandest, als Du Dich in La Gatère niederließest? Und dieser Mann war mein Kindheitsgespiele gewesen, der, dem meine erste Zärtlichkeit gegolten und den (ich wage es zu sagen, auf die Gefahr hin, Dir noch mehr zu mißfallen) mein erstes unbewußtes Verlangen gesucht hat. Eine Erfahrung, die mir teuer zu stehen kam, lehrte mich, was diese Unruhe meiner dreizehn Jahre bedeutete! Du erschienst in dem Augenblick, wo mehr als je zuvor der Ekel vor meinem Leben und vor mir selber mich vergiftete, und wo der Genosse meiner Schuld nicht mehr wie früher mein trotz allem unverhärtet gebliebenes Gewissen leitete. Als Du wieder da warst, fühlte ich, wie in mir die Zucht wieder wuchs, die Du mir in den Tagen unserer Kindheit auferlegt hattest. Etwas in mir sehnte sich danach, diese unschuldige Zeit wieder aufzunehmen, wo ich Dich ohne Skrupel liebte. Die Änderung ging langsam vor sich und war von Rückfällen aufgehalten ... Aber immer stärker und nur durch Deinen Einfluß allein bemächtigte sich meiner das Bedürfnis nach Ruhe, nach Beschwichtigung der verlangenden Sinne. Ich habe kein Verdienst daran, die ganze Ehre kommt Dir allein zu. Ich versuchte, ohne daß ich es wagte, es Dir zu sagen, mich Dir zu nähern, Deinem Beispiel zu folgen. Was nicht von Dir kam, das stieß mich ab. Unter diesem Einfluß, für den Hervé auch nicht unempfindlich blieb, hörten zunächst im Hause die nächtlichen Zusammenkünfte auf, wie ich Dir schon sagte. Dann wurden aus unsern Besuchen in Aubiac einfache Geschäftsbesuche, und schließlich hörten auch jene Stationen im Walde und in der Einsamkeit ganz auf. Hervé hatte endlich begriffen!   Er verstand es, sich zu bezwingen. Sicher sagte er sich, daß Dein Aufenthalt hier einmal sein Ende haben werde und dann sein Einfluß wieder alle seine Gewalt auf mich üben werde. Aber ich hatte meinen Frieden erobert. Und nun geschah es, daß ich, mich meiner weniger schämend, zu begreifen wagte, was ich mir bis zu diesem Tage nicht gestehen wollte, und was der Ernst dieser Stunde mich Dir zu bekennen zwingt. Ich begann, Dich zu lieben. Ich beschwöre Dich, nimm dieses Wort in dem einzigen Sinn, in dem ich es an Dich richten kann. Ich reinige es gern und aufrichtig von allem Materiellen, das es enthält. Gott bewahre mich vor einer Lästerung! Ich liebe Dich, Arnal, wie die Sünderinnen ihren Meister liebten. Sie waren seine Gefangenen, auch sie; aber diese köstliche Gefangenschaft befreite sie, ohne ihr Fleisch zu verderben. Auch Du hast, wie jener, den Magdalena ihren Meister nannte, aus mir die Dämonen vertrieben. Ich bin gebrochen davon, aber ich atme und fühle die Wiedergeburt. Ich liebe Dich, Arnal, und nichts wird mich hindern, Dich zu lieben. Solltest Du mir aber befehlen, Dich nicht zu lieben, wie könnte ich Dir gehorchen? Das hängt ja nicht von mir ab. Ich weiß, Du wirst mich nicht lieben; Du hast nie eine Frau geliebt, und wenn Du eine lieben solltest, wäre ich die letzte, an die Du dächtest. Ich verlange also nichts, absolut nichts von Dir als Gegengabe für meine Ergebenheit. Gern hätte ich Dir gedient, wie die Schwestern des Lazarus dem Meister dienten; ich wäre, nach Deinem Willen, Martha oder Maria gewesen; ich weiß, es ist unmöglich, und ich unterwerfe mich; ich nehme es hin, allein zu leben, aber befreit! ... Sei versichert: ich werde Dir nicht lästig fallen. Wenn ich die in meinem Leben noch nötigen Änderungen getroffen habe (Du wirst verstehen, daß die Dinge nicht bleiben können, wie sie sind), dann hast Du nichts weiter zu tun, als mich auszuschließen, und ich werde Dich nicht einmal mehr wiedersehen. Wenn ich mich heute an Dich wende, ist's auch nicht, um Deine Meinung über meinen Entschluß zu erfahren. Der ist gefaßt. Ich bleibe nicht in La Gatère. Ich werde nach Aubiac gehen und dort leben wie meine Tante von Anglésis. Aber um diesen Entschluß mit so wenig als möglich Aufsehen und Nachteil für irgend jemanden auszuführen, brauche ich, das wirst Du verstehen, Deinen Rat und Deine Hilfe. Darum wollte ich Dich gestern nacht bitten, als ich zu Dir hinaufstieg. Ich war bewegter, als ich es jetzt bin, denn ich trug noch das Gewicht meines Bekenntnisses in mir ... Ohne Kraft stand ich vor Deiner Tür, wagte nicht zu klopfen ... Die Vorsehung wollte es anders, da sie meinen Schritt aufhielt. Hervé, der mir immer nachspioniert, hatte mich wohl gehört und war mir nachgegangen. Er traf mich in Deinem Korridor in dem Augenblick, wo ich mich zögernd an die Wand stützte. Alle meine körperliche Kraft war gebrochen, und er hatte keine Mühe, mich in sein eigenes Zimmer zu bringen, wo er mich in einen Stuhl setzte. Ich sah nur sein bestürztes, verzerrtes Gesicht: er glaubte, daß ich Dich aufsuchte, wie ich ehemals ihn aufgesucht habe ... Er sah aber rasch seinen Irrtum ein; doch ich erklärte sogleich, daß ich La Gatère verlassen würde. Vier Stunden lang redeten wir hin und her, bis mich meine Kräfte verließen ... Hervé führte oder trug mich mehr in mein Zimmer aufs Bett und tat sorglich für mich, was er konnte   ich weiß nicht wie lange, denn mein Schlaf war wie eine tiefe Ohnmacht, aus der ich erst am hellen Tag erwachte. Ausgeschlafen, wurde es mir klar, daß es unnütz wäre, noch einmal ein mündliches Bekenntnis zu versuchen. Was ich Dir nicht sagen konnte, hier hast Du es nun aufgeschrieben. Gern möchte ich den ganzen Anfang ändern oder streichen; so wie er jetzt dasteht, würde ich ihn nicht mehr schreiben. Ich werfe Dir törichterweise vor, mich nicht mehr zu lieben, nicht mehr der gleiche für mich zu sein. Nimm's für nicht gesagt. Du bist so, wie Du sein mußt. Ich habe nur, was ich verdiente. Was mir jetzt nottut, ist nicht, mein Leben von neuem zu beginnen (nichts könnte es ungeschehen machen), sondern es in der Zurückgezogenheit und im Vergessen zu beschließen. Drittes Buch: Der Richter 19. September 1927 Ich fand auf meinem Tisch gestern abend einen Brief, den Sidonie während meiner Abwesenheit hier niedergelegt hat. Mehr als ein Brief: ein richtiges Memorandum, ein Bekenntnis von fünfzig Schreibseiten, in dem alles durcheinander steht. Schlimmes und Besseres, zarte Empfindung mit einem Anflug von Verderbtheit, Offenheit mit einem Körnchen List, gerade jene List und Verderbtheit, die für ihr Geschlecht so charakteristisch sind. Es war sehr rührend für mich, trotz allem, was mich darin ärgert und zurückstößt. Denn ich spiele in diesem Bekenntnis die Rolle des Angeklagten. Mit unbestimmten Anspielungen und halben Behauptungen beschuldigt mich Sidonie, die Ursache ihres zerstörten Lebens und ihrer gegenwärtigen Kümmernisse zu sein. Aber welche Frau wäre imstande, offen und ehrlich und ohne Streit zuzugeben, daß sie schuldig und dafür verantwortlich ist? Macht nichts. Sie ruft mich zu Hilfe, und ich werde folgen. Sie ist es, trotz allem, wenn auch noch so gedemütigt und beschmutzt durch das Schicksal! Wie einstmals die kleine Gefährtin meiner, unserer Kindertage verlangt sie weiter nichts, als sich auf mich stützen zu dürfen. Also möge sie sich heute auf mich stützen! Ich glaube übrigens nicht an eine augenblickliche Gefahr. Zuerst einmal als neue Tatsache, seitdem Sidonie dieses Schriftstück auf meinen Tisch gelegt hat: sie hat heute vormittag meinen Vater wiedergesehen. Mein Vater, wieder ganz im Besitz seiner Ruhe, erklärte sich bereit, der Abreise nach Aubiac kein Hindernis entgegenzustellen, unter der Bedingung, daß diese Abreise nicht überstürzt stattfände und wie ein gemeinsam gefaßter Entschluß aussähe. Mein Vater ist nicht fähig, sein Wort zu brechen oder zurückzunehmen. Zweitens: nichts was er tut, wird Aufsehen erregen; eine andere seiner wesentlichen Eigenschaften ist sein Gefühl für die Familienehre, das ihn nie verläßt, selbst nicht in Stunden, in denen ihn die Leidenschaft beherrscht. Er hat den Beweis dafür damit erbracht, daß ihm dieses Unerhörte gelang: dreizehn Jahre lang den geheimen Makel des Hauses zu verbergen. Er wachte darüber unermüdlich. Während ich Sidonies Ruf las, verspürte ich diesen nie täuschenden geheimnisvollen Widerstand, diesen inneren Mahnruf, der einen einmal ängstigt, dann wieder beruhigt und oft in offenem Widerspruch mit dem Gefühl der schreibenden Person steht. Sidonie fürchtete offensichtlich eine unmittelbar bevorstehende Krise, eine Art Katastrophe; ich hatte aus ihrem Briefe den Eindruck, daß die Krise zwar schwer ist, aber keine Katastrophe befürchten läßt. Ein Eindruck, den mir das Mittagessen bestätigte. Mein Vater versteht es vorzüglich, sich zu beherrschen, seine Launen zu kontrollieren; selten war er mehr Herr seiner selbst. Man spürte den Menschen, der nach einem wilden innern Kampf seinen Entschluß gefaßt hat, mindestens seinen vorläufigen. Ich werde Sidonie helfen, soweit es mir möglich ist, die Ehre des Hauses zu schützen. Aber zunächst folge ich einer Vorschrift, die nur für mich Sinn hat, die ich niemandem anvertraue und die ich oft wiederhole: Ich halte Rat mit mir selber. Hugenotte, der ich bin, brauche ich keinen andern Beichtvater. Ich fahre da fort, wo ich damals als Kind zu Sidonie vor der Kirche zum Heiligen Glauben beim Anblick der herausströmenden Gläubigen sagte: »Die da mit ihrer Beichte haben für alle Fälle eine Hoffnung. Wir andern aber, die wir nur mit unserm Gewissen belastet sind, wir haben die Qual.« Ich hatte die Szene vergessen; jetzt erinnere ich mich. Sie ist das belebte Symbol, naiv wie eine kindliche Malerei, meines ganzen Lebens. Trotz des Spottes meines Vaters, Sidonies und des alten Ricquier, ja selbst meiner wundervollen, wahrhaft evangelischen Mutter, habe ich immer an der Gewohnheit festgehalten, mich selbst zu befragen, in der Stille und angesichts dieser »lächerlichen« weißen Hefte mir selber Antwort zu geben und mich zu richten. Narrheit? Schrulle? Sei es. Ich danke dieser Gewohnheit, daß ich in den schwierigsten Situationen meines Mannesdaseins mich sauber, gesund und anerkennenswert erhalten habe. Ich werde heute nicht mit dieser Gewohnheit brechen. Sein Nachdenken und Überlegen mit der Spitze des Federstieles zu leiten, ist das richtige. Aber bei dieser Prüfung mit der Feder in der Hand gibt es dieses Mal etwas Neues. Heute bin ich nicht ein Sünder, sondern ein Angeklagter. Verantwortlich gemacht für ein verfehltes Leben! Verantwortlich für eine mögliche Katastrophe! Zumindest glaubt und sagt Sidonie es. Für eine Frau gibt es ja keine objektive Wahrheit. Sidonie ist immer ganz ernst und echt ehrlich, wenn sie verkündet: »Ich hab' nichts Schlechtes getan. Man veranlaßte mich, Schlechtes zu tun.« Ich bin das völlige Gegenteil, bin darin ganz Protestant, mit Eifer in mir selber zu forschen und mit einer Art feindlicher Haltung die geringsten Spuren meiner Verantwortlichkeit festzustellen. Grundlage der Anklage: »Hättest Du mich auch nur ein einziges Mal geküßt, wie andere Jungen andere Mädchen küssen. Du hättest mich gerettet!« Das heißt bei Gott, dem Kusse, den ein Junge einem Mädchen gibt, viel Wert beimessen! Aber bis auf weitere Prüfung angenommen, ist es denn wahr, daß ein anderer Junge an meiner Stelle diese seltsame Rettung vollbracht hätte? Mit andern Worten: war ich ein so anderer Junge als die andern? Ich könnte meiner Anklägerin antworten, daß man für sein Temperament nicht verantwortlich sei, und daß, wenn ich auch von einem Vater höchst verliebten Temperaments gezeugt bin, es doch unter meinen Voreltern einen Hervé gibt, der eine Art calvinistischen Mönches war, und den Konvertiten Gontran de Brune, der auf die Werke des heiligen Justin eine Lobeshymne verfaßte, die die Geschwisterehe empfahl ... Aber ich meine, diese mutmaßlichen Vererbungen beweisen nichts. In einer zahlreichen, jahrhundertealten Familie findet man Vertreter vieler Gestalten, Haarfarben, Schönheiten, Häßlichkeiten, physischen und moralischen. Jeder späte Erbe kann sich da aussuchen, was ihm gerade paßt. Aber damit ist gar nichts bewiesen. Einer Sache aber bin ich sicher: ich bin zwischen zehn und vierzehn Jahren nie so etwas wie ein Ungeheuer an Tugend oder Kälte gewesen. Ich war wie die meisten andern Jungen. Ich war nur   ein Einsamer. Mein Vater liebte mich nicht, kümmerte sich nicht um mich, gab mir keine Anleitung, kurz beschäftigte sich nicht mit mir. Meine Mutter war unfähig dazu, und, wie ich noch sagen muß, von einer solchen Unschuld, daß sie auf mich keinerlei erzieherischen Einfluß ausüben konnte. Ich hatte keine Jungen zu Kameraden. Ich war allein mit einem Mädchen meines Alters. Als ich in Deutschland und in England Kameraden hatte, habe ich beobachtet, daß ganz junge Knaben, die nur ihren Instinkten folgen, nicht von Mädchen angezogen werden. Es mißfällt ihnen, sie bei ihren Spielen dabei zu haben; sie sind ihnen eher feindlich als freundlich gesinnt; sie haben ein gemischtes Gefühl ihnen gegenüber: Verachtung für ihre körperliche Schwäche und Angst vor ihrer Ironie. Wenn Jungen untereinander in der Unterhaltung schmutzige Worte gebrauchen, so nie über Mädchen ihres Alters, sondern über Frauen, insbesondere reifere Frauen. Und sie beschäftigen sich mit diesen Frauen nicht aus einem sinnlichen Impuls, sondern aus dem Bedürfnis heraus, größer, erwachsener zu erscheinen als sie sind, um damit jungen Leuten oder fertigen Männern zu gleichen. Und das Ganze beschränkt sich gewöhnlich auf Gespräch und Lektüre. Kommt zufällig einer bis zur Erfahrung, so kommt er daraus immer (ich habe nie ein gegenteiliges Bekenntnis gehört) schrecklich enttäuscht, zuweilen auch direkt angeekelt zurück. Das ist die Wahrheit, wie sie auch erwachsene Männer zuweilen bestätigen. Die Jungen denken oder begehren die Liebe, wie sie an das Rauchen denken: um die Erwachsenen nachzuäffen. Anders ist's, wenn man nicht sehen will oder sich nicht zu reden traut: hierin sind die Mädchen den gleichaltrigen Jungen voraus. Kaum aus den Windeln, beschäftigt sie die Koketterie; sie machen sich schön, begucken sich im Spiegel, sie wollen gefallen. Die Natur bearbeitet, quält und formt sie viel rascher. Mit dreizehn und oft früher schon kann ein Mädchen voll entwickelt sein; ein Junge des gleichen Alters ist eine menschliche Larve. So unschuldig es auch sein mag, kann sich ein weiblich vollendetes Mädchen dem Zwang der Natur nicht mehr entziehen. Ist es sich dessen selber nicht bewußt, so sind es die fertigen Männer, die sich nicht genieren, das Mädchen darauf aufmerksam zu machen, oft durch nichts als den Blick, wie Sidonie es erzählt. Ein Junge von vierzehn dagegen geht seines Weges, mager, linkisch, unentwickelt: welche normale Frau würde auf ihn einen verlangenden Blick werfen? Und würde der Junge einen solchen Blick herausfordern, er würde ausgelacht werden, und auch die Mädchen gleichen Alters machten sich über ihn lustig. Ich habe das alles in meiner frühen Jugend mit Sidonie gefühlt, die doch unwissend war und nicht kokett und nicht verdorben, und die mich liebte. Es ist möglich, daß ihre körperliche Entwicklung mich gegen sie aufbrachte. Wenn ich in den oft naiven, zuweilen aber erstaunlich überlegten Blättern meiner »weißen Hefte« aus dieser Zeit blättere (ich begann sie mit neun Jahren, sie zeigen in dem Gestammel dieser ersten Bekenntnisse bereits den Hang zur Selbstprüfung und zum Geheimnis), so finde ich da und dort Zeichen meiner ungerechten Laune Sidonie und Personen ihres Geschlechtes gegenüber. So schrieb ich kurz vor meinem elften Jahr jenen sonderbaren Ausspruch in das Heft: »Ich weiß nicht, weshalb ich traurig bin. Ich möchte gern heiter sein wie Sidonie. Sie weint oft, ich kaum. Aber Sidonie ist im Grunde fröhlich, selbst wenn sie weint. Ihre grundlose Fröhlichkeit ärgert mich, und oft lasse ich sie für meinen Ärger büßen. Ich bin nicht gut zu Sidonie. Ich bin nicht sicher, ob ich sie lieb habe. Ich bin auch nicht sicher, ob ich meinen Vater liebe; aber er liebt mich bestimmt nicht. Mein großes Glück ist meine Mutter, die so krank ist. Wie gern küsse ich ihre Hände, berühre ich ihr Haar! Sie ist so groß in ihrem Bett. Sie ist voll Ruhe. Und blaß. Ich glaube, ich liebe sie um ihrer Krankheit willen, und doch gäbe ich alles dafür, damit sie gesund würde und in der Sonne spazieren gehen könnte. Ich hasse die Lebhaftigkeit der andern Frauen. Alicia ist unerträglich. Hört nicht auf zu schwätzen. Dabei ist sie ohne Verstand, versteht gar nichts. Und alle Weiber auf dem Schloß und den Höfen sind so. Sie schwätzen, drehen sich um sich selber, halten plötzlich in dem inne, was sie tun, und vergessen es. Sie tun nichts mit Ausdauer. Außer der alten Odette, die taub ist, und die sich mit der Wäsche beschäftigt, ohne zu rasten und ohne etwas zu reden. Sidonie für sich allein macht mehr Lärm und Bewegung als alle anderen Frauenzimmer zusammen; aber sie hat Angst vor mir, wenn ihre Kleider und Haare in wilder Unordnung sind. Wenn sie zuhört während ich ihr etwas sage, mag ich sie ganz gern, auch wenn wir Wettlaufen oder ringen. Sie war lange Zeit stärker als ich, aber jetzt besiege ich sie.« Ein wenig später: »Ich betrachte Sidonie, die allein auf einer Bank sitzt. Sie weiß nicht, daß ich sie sehe. Zu drei Vierteln kann ich sie sehen. Wie sie sich fortwährend bewegt. Nicht zehn Sekunden kann sie still sitzen. Sie fährt sich in den Haaren herum. Zieht ihren linken Schuh aus, schüttelt den Sand aus, der drin ist. Sie untersucht mit ernstem Gesicht ihr Bein, indem sie den Rock bis über die Strümpfe hinaus hochzieht, beguckt neugierig die Haut ihrer Schenkel, die rötlich ist und gar nichts Schönes an sich hat. Sie niest. Sie sucht ihr Taschentuch in ihren Taschen, in ihrer Bluse; sie findet es nicht; es liegt auf der Erde unter der Bank. Sie weiß nicht, soll sie aufstehen oder sitzenbleiben. Sie gähnt. Und plötzlich rührt sie sich nicht mehr, bleibt wie erstarrt, wie wenn sie im Sitzen eingeschlafen wäre. Sie wacht auf, steht auf, schaut nach rechts, nach links, nach rückwärts, mit lebhaften Kopfbewegungen wie ein Vogel. Das macht sie sehr graziös. Da hat sie mich erblickt. Instinktiv richtet sie sich die Haare, streift ihren Rock herunter, hebt ihr Taschentuch auf und kommt zu mir gelaufen. Gibt mir lachend einen Kuß. Ich muß auch lachen. Sie ist besser als ich.« Im selben Jahr: »Sidonie hat mich gefragt: ›Macht's dir Spaß, wenn ich dich küsse, oder wenn du mich küßt?‹ Ich war nicht gut aufgelegt. Ich antwortete ihr: nein. Dann fragte sie mich, ob ich es wohl gern hätte, nie einen Kuß zu bekommen. Ich zögerte mit einer Antwort. Ich sage nicht gern, so wie sie es tut, die Dinge, wie sie einem gerade einfallen. Während ich überlegte, glaubte ich, bei mir feststellen zu können, daß mir diese Küsse ein gewisses Vergnügen bereiteten, ähnlich (aber nur ganz entfernt ähnlich) wie bei Mama. Ich sagte das Sidonie. Sie wurde ganz rot und bedeckte mir Gesicht und Hals mit ihren Küssen und ärgerte mich damit so, daß ich ihr sagte, sie solle zum Teufel gehen.« Nach dem zwölften Jahr: »Sidonie ist mir oft lästig. Aber ich mag sie doch immer lieber. Sicher hab' ich sie nach meiner Mutter am liebsten. Sie behält nichts für sich allein; alle möchte sie beschenken. Sie ist nicht dumm. Ich war in diesem Punkt lange ungerecht gegen sie. Sie beginnt, sich geistig ganz gut zu entwickeln. Sie hört mir zu, hört Papa zu, der wundervoll unterrichtet, wenn er will. Sie macht orthographische Fehler, aber was sie schreibt, ist nicht dumm. Sie rechnet besser als ich. Nur eines entfernt mich ein bißchen von ihr, obwohl ich mich jetzt bemühe, ihr gerecht zu werden und ihr nichts vorzuwerfen, wofür sie nichts kann. Sie ist ein wenig »Tier«. Sie hat zuviel Gesundheit, zuviel Schlaf, zuviel Appetit und zuviel Lebhaftigkeit beim Spielen; und alles das ist dann wieder wie abgeschnitten von einer Art Mattigkeit; und das ist auch »Tier«. Sie ist wie eine fünfmonatige bretonische Färse, die man zu einer Milchkuh großzieht. Ich sagte ihr das. Sie war nicht beleidigt. Wenn man sich nur mit ihr beschäftigt, ist sie schon zufrieden. Sie hat gelacht ...« Indem ich in diesen seit zwanzig Jahren nicht mehr angesehenen Seiten blättere, finde ich nichts mehr, das charakteristisch wäre. Aber ich sehe mich wieder in dem Augenblick, als ich diese Zeilen schrieb, hinter der verschlossenen Tür meines Zimmers, um sofort, falls man klopfte oder mich rief, das Heft im vorbereiteten Versteck zu verbergen. Ich habe immer einen etwas krankhaften Geschmack an Geheimtuerei gehabt ... Dieser Geschmack untersagte mir, das, was ich empfand oder was ich wußte, in vollem Umfange niederzuschreiben. So ist in den Heften fast nie von meinem Vater die Rede, dessen geringe Aufmerksamkeit mich doch so leiden ließ. Und in ganz gleicher Weise hielt ich es nach meinem zwölften Jahr mit Sidonie: ich hatte bereits genug gehört, gelesen und nachgedacht, um zu wissen, was in ihr vorging. Aber ich wollte das nicht ins Heft schreiben. Über andere Frauen als Sidonie lese ich einiges hier, das bezeichnend ist, und das ich mit zehn Jahren geschrieben habe: »Ich möchte schon in dem Alter sein, wo die Damen, welche Mama besuchen, nicht mehr ein Recht zu haben glauben, mich auf ihren Schoß zu ziehen, mir ihren Atem ins Gesicht zu hauchen, mich abzutätscheln, zu küssen und zu verlangen, daß ich sie küsse. Keine ist so schön wie Mama. Mama sieht wie ein Engel aus in ihrem Bett. Ihre Haut ist so durchsichtig wie manche Visitenkarte, man sieht die Adern hindurch und ein wenig von der natürlichen Farbe ihrer Wangen. Die andern Damen haben Fett im Gesicht und falsches Rot ungeschickt rechts und links aufgepatzt. Fast alle haben gefärbte Haare. Sehr wenige sind ganz sauber. Ich erkenne sofort die falschen Zähne bei denen, die welche haben.« Ich habe mich gezwungen, diese Fragmente aus meiner Kinderzeit des langen und breiten wiederzugeben, um den Zustand meines Geistes in diesem Alter zu schildern ... Und tatsächlich scheint mir, während ich diese Fragmente aus den Heften kopiere, daß ich mich ziemlich genau im Gedächtnis habe, wie ich das letzte Jahr in La Gatère war, bevor man mich nach Deutschland schickte. Der Vater hatte sich uns genähert, mischte sich diskret in unsere Arbeit, zuweilen in unsere Spiele; ich verstand den Grund davon nicht ganz, aber ich zweifelte nicht, daß es mehr Sidonie galt als mir. Das erweckte in mir eine vage Eifersucht; man nahm mir da etwas weg, wofür ich törichterweise oft Verachtung zu haben vorgab, aber woran ich trotz alledem hing. Diese Eifersucht ließ mich überlegen: Liebe ich also Sidonie? ... So schlich sich die Möglichkeit der Liebe, fast die Versuchung zu lieben in mich Fünfzehnjährigen ein und auf einem Wege frei von allem sinnlichen Unkraut. Der gewöhnliche Schüler mag sich noch so sehr aufspielen, er mag von Frauen wie ein alter Haudegen und von seinen brutalen Begierden wie ein ausgepichter Fachmann sprechen,   die erste Gelegenheit, die sich ihm bietet, zeigt ihn fast immer als den romantischen Schwärmer, der er ist. Viel romantischer als das gleichaltrige klügere Mädchen hütet er seine Gefühlsschätze und hält sie in Reserve. Während dieser seltsamen Zeit, in der mich die Frühreife Sidonies abstieß, dieses »zu viel Frau«, das ihr Blick, ihre Bewegungen, sogar ihr Geruch offenbarten,   damals hätte ein bißchen Sentimentalität von ihrer Seite mich ihr zu Füßen geworfen. Die Sidonie von heute sagt mir in ihrem schrecklichen Brief: »Hättest Du mich geküßt, wie ein gewöhnlicher Junge ein Mädchen küßt, ich wäre gerettet gewesen ...« Ich könnte ihr antworten: »Hättest Du auch nur etwas vergeistigtere Liebe ausgestrahlt, so wäre ich das geworden, was Du einen gewöhnlichen Jungen nennst« ... Aus dieser vergeblichen Erwartung eines gesteigerten Gefühles, dem sich eine naiv körperliche Neigung entgegensetzte, ergab sich für mich eine instinktive Entfernung von allem Materiellen der Liebe. Ganz deutlich zeigt sich das in einer Aufzeichnung, die ich einige Monate vor meiner Reise nach Deutschland mit fünfzehn Jahren schrieb, und die mich jetzt noch, nach zwanzig Jahren, beim Wiederlesen vor Ekel schaudern läßt: »Ich habe heute etwas Schreckliches gesehen. Die dreizehnjährige Irene, die Tochter der Alicia, und Boudinots Diener, der als Soldat auf Urlaub ist, sah ich, wie sie lange einander küßten mit aufeinandergepreßten Lippen, zusammengeklebt wie die Schnecken, die man am Wege findet. Das Mädchen bemerkte, daß ich sie sah, und löste sich rasch los. Der Bursch war geniert und dann sagte er ganz laut, damit ich es höre: »Man wird sich doch wohl noch küssen dürfen ...!« Er nennt das Küssen! ... Er hat, ich hab' es gesehen, Furunkel am Halse. Und die Irene hat, so jung sie ist, Zähne wie ein altes Weib.« * Nachdem ich diese Zeilen niedergeschrieben habe, muß ich innehalten und meinen Federhalter hinzulegen. Die notwendige Aufmerksamkeit bei der Abfassung dieser Abschrift, die gleichen Bewegungen zur Erzeugung der gleichen Buchstaben für die gleichen Worte, läßt in mir das Kind von damals aufleben, das in demselben Zimmer über einem ähnlichen Heft saß und seine Gedanken in diese Worte, diese Buchstaben faßte. ... Ein Junge von fünfzehn Jahren! Dünne schlenkrige Glieder mit Muskeln, die vom Wachstum schmerzten. Die Geniertheit einer unüberwindlichen Ungeschicklichkeit; halbe Bewegungen, die aus Scheu abgebrochen werden, eine Stimme, die oft aus einer andern Kehle als der eignen zu kommen scheint; Tyrannei des Blutes, das einmal das Gesicht überflutet, dann wieder schwer ins Herz zurückfließt. Die dauernde Empfindung, von allem, was einen umgibt, eingeengt zu werden   daß keine Initiative möglich ist, so daß sich das Geschick über einen weg erfüllt, ohne daß man auch nur zu flüstern das Recht hätte: ich möchte ... ich möchte lieber ... Und die Überraschung, sowie man überlegt, daß man doch da ist, ein Mensch ist, denkt ... Der arme kleine fünfzehnjährige Arnal! Welche schwierige Verwicklung macht ihn nur so beklommen! Er weiß nicht mehr, ob ihm die Gefährtin seines augenblicklichen Lebens lieb oder lästig ist; ihm scheint, als liebe er in ihr ein Wesen, das sie sein könnte, aber das sie niemals sein wird! Diese Art mystischer Leidenschaft, die ihn für die Kranke im blauen Zimmer erhitzt, hat als schmerzliches Gegengewicht das Gefühl, nicht von dem Abgott dieses Hauses geliebt zu werden, dessen sittliche Kraft, Autorität, Klugheit das Kind dennoch verehrt ... Und zu dem allen schwebt über dem Hause etwas Undeutliches und Beunruhigendes, etwas, das er nicht begreift, aber instinktiv fühlt, und worin der feindliche Vater und die kleine Gefährtin vereinigt sind ... Das einzige Deutliche und Sichtbare ist, daß Sidonie die Aufmerksamkeit und die Freundschaft dieses Vaters gewonnen hat, der ihn mit Gleichgültigkeit behandelt, eine Bevorzugung, über die sie sich freut und die sie gern erwidert. So verrät ihn alles! Alles ist ihm entzogen, gestohlen! Es bleibt ihm nichts als die Kranke im blauen Zimmer; aber auch da wird sein Bedürfnis nach Liebe nur halb befriedigt. Die zärtliche Angelika zieht ihren Gatten ihrem Sohn vor. »Sollte einer von uns beiden sterben müssen, und sie könnte wählen, dann behielte Mama den Papa! Niemand liebt mich!« murmelt der kleine, einsame Tagebuchschreiber. Und schreit hinaus: »Ich will nicht mehr hier bleiben, ich will fort von La Gatère!« Dieser Wunsch, den der Knabe nie auszudrücken gewagt hätte, sollte sich ihm nicht ohne Schmerzen erfüllen. Sowie mein Vater meine Abfahrt nach Behrenstein entschieden hatte, kam meine ganze unbewußte Liebe für den Ort, wo ich geboren war, den ich noch nie verlassen hatte, und wo die Mutter und Sidonie weiter leben würden, über mich und preßte mir das Herz ab. Wie vorauszusehen, taten auch die andern das ihre, mir es noch schwerer zu machen. Meine Mutter wurde noch rührender und drückte mich weinend an ihre zarte Brust. Sidonie wurde wieder sie selber und »zog mich sichtlich vor«; die Leute vom Schloß und den Höfen bedauerten mich, denn ich wurde für sie durch meine baldige Abreise neu und interessant. Selbst mein Vater machte eine sichtbare Anstrengung, gerecht und väterlich zu mir zu sein. Ich fühlte ehrlich (und auch buchstäblich, hatte ich doch schon viel gelesen) die so oft beschriebene Trauer eines Abschiedes vom väterlichen Hause. Und dennoch schien etwas in mir das versteckte Drama zu ahnen, das über diesem Hause brütete, so daß ich mich nach der Abreise wie nach einer Befreiung sehnte. Als ich dann fortfuhr, liebte ich Sidonie; das Trennungsleid hatte ihr für einige Zeit ihre »Tierhaftigkeit« genommen, der Kummer, mich zu verlieren, hatte ihr fast etwas Romantisches verliehen. In solchem Zustand des Herzens und Geistes kam ich in Behrenstein an, einer ausschließlich protestantischen Anstalt; es gab da Engländer, Schweizer, Schweden, Norweger; aber die Deutschen waren in der Mehrzahl; außer mir kein französischer Schüler. Die große Neuheit der Umgebung war ein vortreffliches Mittel gegen meine Melancholie. Ich wurde wieder zum Kinde, das die Sprache seiner Umgebung nicht sprechen konnte. Ehrgeizig und arbeitsam wollte ich mich auszeichnen. Bei meinem gemeinsamen Leben mit Knaben in den Entwicklungsjahren stürmte das sexuelle Problem von allen Seiten auf mich ein. Besser als ich es damals konnte, will ich jetzt vor mir selber klären, was in diesen wichtigen Stunden meines Werdens dazu beitrug, das aus mir zu machen, was mir Sidonie heute vorwirft: einen von der großen Menge verschiedenen Jüngling. Ein Jahr vor dem großen Kriege kannten nur einige literarisch Gebildete und ein paar Neugierige in Frankreich den Namen Freud. In Deutschland hatte seine bereits populär gewordene Lehre die Universitäten erobert, von wo sie in die Schulen zu Knaben und Mädchen durchsickerte. Die Mehrzahl der Lehrer bekämpfte sie und bedauerte die Verwüstungen, die sie anrichtete; manche aber waren ihre heimlichen Anhänger und gewannen sich Schüler und Proselyten selbst unter uns Jungen. So fand die physiologische Unruhe ihres Alters unter meinen Mitschülern ein neues Nahrungsmittel: der eingeborne Geschmack der Deutschen für Theorien (der Literatur, der Soziologie, des Krieges) machte sie von vornherein einer Theorie gefügig, in der sich das sittliche und leibliche Leben auf der sexuellen Grundlage aufbaut. Auf diese Weise wurde ich nun in die Wirklichkeiten der Liebe eingeweiht; denn wenn mich Fünfzehnjährigen auch Überlegung und Beobachtung ländlichen Geschehens das System der Fortpflanzung gelehrt hatten, so hatte mir doch nie jemand gesagt: »So ist dies und so ist das.« In seinen Jugenderinnerungen sagt Gratry, als er von seiner eigenen Einweihung in diese Dinge spricht (auch ihm wurde sie auf der Schule), diese mir schrecklichen und großartigen Worte: »Das, was ich damals erfuhr, schien mir dasselbe zu sein wie der Tod.« Ich hätte dasselbe sagen können und Schlimmeres noch. Bis zu dem Augenblick, da mir diese brutale Erkenntnis wurde, war mir die körperliche Seite der Liebe gleichsam eingehüllt in ein Gefühl erschienen. (Ich spreche hier wie von einem unangenehmen Heilmittel.) Mein Herz, noch wund vom Abschiedsschmerz, war ganz erfüllt von meiner Mutter, mehr Engel als Frau, und von einer dichterisch verklärten Sidonie. Der gleichzeitig naive, plumpe und pedantische Freudismus meiner Mitschüler gab mir ein Gefühl des Todes, aber noch verstärkt von ich weiß nicht was Irrsinnigem und Düsterem. Auf viele dieser jungen Köpfe hatte das schreckliche Gift gewirkt wie ein aufpeitschendes Anregungsmittel; auf andere (und zwar die Mehrzahl) wie ein geistiger Zerstörer. Als der »Oedipuskomplex« auf meinen Kult für die Kranke im blauen Zimmer fiel, packte mich ein eisiges Grauen; und der Stoß war so heftig, traf so intensiv einen sich eben bildenden Organismus, daß er ihn für immer veränderte. Ich litt körperlich bei der leisesten unsauberen Anspielung im Gespräch meiner Kameraden. Aber ich muß den deutschen Knaben die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie mir das nicht weiter übelnahmen. Ich war ein vorzüglicher Schüler und ich war Franzose: zwei Gründe, die mir Rücksicht verschafften. Zudem stritt ich niemals über diese Ideen; auch stießen mich theoretische Streitigkeiten als zwecklos ab. Was Frauen und Vergnügungen betraf, sonderte ich mich von meinen Kameraden ab; mehr und mehr flüchtete ich mich in eine Art idealer Kapelle, in der zwei Bildwerke strahlten: meine kleine Gefährtin aus der Kindheit und meine leidende Mutter. Ein solches moralisches Abschließen und eine solche Abneigung gegen die Wirklichkeiten der Liebe haben natürlich mich so gemacht, wie ich in den Ferien nach La Gatère zurückkam: ich litt an einer Überempfindlichkeit des Gefühls. Nichts hatte sich im Hause geändert, und für das bis zur Zerbrechlichkeit empfindliche Herz, das ich mitbrachte, war die Heimkehr köstliche Erholung. Ich küßte in meiner Stube die Wände vor hingebendem Glück. Ich weinte vor Glück in die blutleeren Hände meiner geliebten Kranken. Der Empfang durch meinen Vater kühlte mich nicht ab, wie ich befürchtet hatte. Ich weiß nicht, ob meine Ankunft ihn freute, aber er suchte mir sichtlich (und mir kaum glaublich) den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Ich schrieb das meinen Erfolgen als Schüler zu; er war empfänglich dafür. Und Sidonie,   sie entzückte mich. Sie war ein bißchen größer geworden, und ihre früher wenigstens für mich etwas zu ausladenden Formen hatten sich gut ausgeglichen. Eine Änderung verriet sich besonders im Schwung des Körpers und im Ausdruck des Gesichts. Zum ersten Male sah ich eine Sidonie, deren Gesicht, Haltung und Stimme ein inneres Leben ausdrückten. Und wenn sie auch noch manchmal einem ausbrechenden Anfall von körperlichem Kraftüberschuß nachgab, dem Bedürfnis nach Lärm und Bewegung, so dauerte das nur ganz kurz, und schon war sie wieder ruhig, schweigsam, fast melancholisch. Wie mir meine Mutter erzählte, war Sidonie, als man ihr meine Rückkunft mitteilte, in einen Zustand geraten, der zwischen fiebriger Aufgeregtheit und müder Gleichgültigkeit wechselte. Als sie mich erblickte, wurde sie fast ohnmächtig, und als ich sie in die Arme schloß, da war es wie das Wiedersehen Renés und Amélies nach der Trennung. Mir fallen die Worte ein, die Chauteaubriand René da sagen läßt: »Ich umfing Amélie in einer Art Ekstase des Herzens.« Vielleicht   und ich denke jetzt gerade daran, wenn ich meine Erinnerungen mit den letzten Äußerungen Sidonies vergleiche   vielleicht habe ich die Rückkehr und die Wochen, die ihr folgten, mit dem sentimentalischen Glanze geschmückt, den ich als ein aus dem Exil Heimgekehrter in mir trug ... Es mag wohl so sein, daß die verführerische Verwirrung, die von Sidonie ausging, damals eine Mischung der verschiedensten erregenden Gefühle auslöste, die man nicht alle gestehen konnte. Aber sollte ich mich darin nicht täuschen? Ich hatte ein kleines frühreifes Mädchen verlassen, das von Scham noch keine Ahnung hatte und in aller Unschuld vor mir Stellungen einnahm, die man als aufreizend hätte bezeichnen können; dessen Körper nur vom Instinkt geleitet schien, und dessen ahnungslose passive Zärtlichkeit von vornherein zu einem Entgegenkommen bereit war, dessen Bedeutung sie nicht kannte. Nun sah ich dieses selbe Wesen wieder, aber nachdenklich, unruhig und in ein Geheimnis gehüllt, das ich gar nicht erst zu lösen suchte, weil es mich entzückte; auch voller Zurückhaltung war sie und in einer Form, daß die brüderlichsten Zärtlichkeitsbeweise bei ihr ein ganz unwillkürliches Zurückziehen hervorriefen, dem doch gleich wieder eine ganz freiwillige Hingabe folgte: aber sie bebte in meinem Arm wie ein gefangener Vogel in der Hand. Das alles machte sie mir um vieles köstlicher und lieber; ich hätte sie mir nicht anders wünschen mögen, denn so, gerade so hatte ich mir sie in Behrenstein gedacht, wenn über dem Sophokles oder dem Algebrabuch ihr Bild vor mir auftauchte. Wie naiv, wie unklug bin ich doch gewesen! Mit einem unbedingten Glauben hielt ich mich für Ursache und Anlaß dieses Schmachtens und dieser Scham! Diese unruhige und leidenschaftliche Sidonie begann mich allmählich zu erobern, und die Trostlosigkeit, der ich in Behrenstein erlegen war, löste sich allmählich. Ohne Zweifel hätte eine Fortsetzung dieser Beziehungen schließlich den Widerwillen, der mich in Deutschland gegen alles Körperliche erfaßt hatte, besiegt. Ja, ich glaube ... ich bin sogar ehrlich davon überzeugt, daß ich aus dieser unsinnlichen und ganz zarten Liebe nach und nach, wenn auch nicht bis zur Begierde, so doch in die Hinnahme einer völligen Vereinigung geglitten wäre. Diese Überzeugung drängt sich mir so stark auf und wird so Herr über mich, daß ich fast in Sidonies Zimmer gehen möchte oder sie in meines rufen, um ihr zu sagen: »Du beschuldigst mich, dich nicht so geliebt zu haben, wie ein Junge ein Mädchen liebt. Bist du dir über dein Teil Verantwortung an dieser Zurückhaltung klar geworden, die du für anormal erklärst? Während zweier Monate hatte ich mich moralisch einem weiblichen Wesen hingegeben, und das warst du. Ohne etwas zurückzuhalten, gab ich dir alle Gedanken meines Herzens; du konntest dich nicht irren, weder über das Gefühl, das ich für dich hatte, noch über mein Vertrauen, daß dieses Gefühl von dir erwidert würde. Nicht ein einziges Mal hat dir dein Gewissen die Lippen geöffnet. Nicht ein einziges Mal hast du, die Gefährtin meiner Kindheit, gesagt: ›Ich will dich nicht länger im Irrtum lassen. Ich gefalle dir, weil ich nicht mehr der Sidonie gleiche, die du gekannt hast. Aber diese Änderung vollzog sich nicht für, sondern gegen dich. Verlange keine weiteren Erklärungen. Verzichte. Verlaß mich und verlaß dieses Haus für immer ...‹ Statt dessen ließest du dich von mir liebkosen. Du hast mir nichts gestattet, das ist wahr; du hast mir nicht die Lippen gewährt, die sich über deinem Geheimnis schlossen. So nütztest du meine unendliche Achtung vor dir und meine Keuschheit aus ... Aber du ließest dich von mir lieben, ohne Gewissensbisse zu fühlen und ohne dich mit einem Worte zu widersetzen. Und mehr noch: in deiner ehrlichen Beichte von heute finde ich nicht eine Spur davon, daß du dich noch nachträglich schämtest. Du erklärst, daß es gut und recht so war, und daß du   Frauen entschuldigen sich immer so   es nicht anders hättest machen können. Versuch' wenigstens jetzt, da du die Wunden kennst, die das Leben schlägt, zu erkennen, was du mir angetan hast. Mein ganzes Leben lang seit einem Ereignis, das du nicht kennst, das ich Dir auch niemals erzählen werde, und das mir die Augen geöffnet hat, mein ganzes Leben lang weiß ich und durch deine Schuld, daß es möglich ist, daß eine kaum entwickelte Frau, deren Herz nicht verdorben ist, und die mehr taugt als die meisten, den Genossen ihrer Kinderzeit betrügen kann, dem sie Hunderte von Malen gesagt hat, daß sie ihn liebe, und der ihre Liebe erwiderte. Ich habe es erfahren, daß meine ersten Liebesworte sich in die Lüge, die Doppelzüngigkeit und den Verrat verloren. O ich errate deine Verteidigung: ›Auch ich war ehrlich und aufrichtig ...!‹ Nein, Sidonie. Du warst bereits die Frau, Gefangene dessen, der sie hält, eingebettet in die Gefangenschaft, in die Partei des Siegers eingereiht; und doch bereit, wenn es nötig wäre, ihn mit einem andern zu betrügen, vorausgesetzt, der wahre Herr erfährt nichts davon. Du sagst, daß du mir nicht angehört hättest? Das ist nicht wahr, und aus diesem Irrtum erfolgt dein Vorwurf: ›Wenn Du mich geküßt hättest, wie Jungen Mädchen küssen ...‹ Hätte ich nach meiner Rückkehr von Behrenstein dich geküßt, wie Jungen Mädchen küssen, du hättest dich mir mit dem sinnlichen Schicksalsglauben der Frauen gegeben, für die die Hingabe alles ist und die, wenn sie schon denken, was hierbei selten ist, sich sagen: ›Also ... nachher wird man sehen ...‹!« Aber ich werde Sidonie diese Rede nicht halten. Es liegt mir wenig daran, ob ich mich nun schon vor ihr verteidige oder nicht. Ich rechtfertige mich vor mir selber. Die Tatsache jedoch, auf die es ankommt, ist nicht zu leugnen: nicht weniger als der Schlag in Behrenstein hat die Täuschung dieser zwei Ferienmonate mir das Bild der Liebe beschmutzt und verdorben. Und ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß unter allen glücklichen Gefangenen und allen diesen unbewußten Betrügerinnen Sidonie noch die am wenigsten verächtliche ist. * Wie der Schleier der Lüge vor meinen Augen zerriß, wie ich mit einem Schlag aus zärtlichstem Liebesvertrauen in ein weibliches Wesen zu Widerwillen und Ekel kam, zu Furcht und Verabscheuung alles »Weiblichen«   bis auf die Ausnahme der unschuldigen Kranken  , davon findet sich keine Spur in den weißen Heften dieser Zeit verzeichnet. Es ist da eine leere Seite, die nie ausgefüllt wurde. Zunächst weil ich das einfach nicht niederschreiben konnte, obwohl mein Denken ganz davon besessen war. Ich hätte damals die Worte nicht gewagt. Und dann: ein Junge von sechzehn Jahren, der die Gewohnheit angenommen hat, sein Leben aufzuschreiben, und deswegen von seiner Umgebung ausgelacht wird, der fühlt seine niedergeschriebenen Geheimnisse nicht in Sicherheit, da sie ihm im Namen der väterlichen Autorität entrissen werden können, ohne daß es für ihn Schutz und Hilfe gäbe. Das entscheidendste Ereignis meines Lebens, das mich zu einem Charakter gemacht hat, der gewissen Menschen anormal und verdächtig erscheint, dieses Ereignis ist in kein Heft eingeschrieben. Anspielungen werden oft genug gemacht, aber auch diese sind nichts als ein Datum: 21. September ... Dieses Datum bedarf in der Geschichte meines Lebens keiner Jahreszahl, so wenig als der 9. Thermidor in der Geschichte meines Landes oder der 24. August in der Geschichte meiner Religion. Heute nun will ich versuchen, diese Lücke in meinen armseligen Aufzeichnungen auszufüllen. Da ich es hingenommen habe, vor mir selbst als Angeklagter zu stehen, werde ich nicht meinen stärksten Beweis mit Schweigen übergehen: das Ereignis, das meinen plötzlichen Bruch mit meiner Vergangenheit entschied, mich aus dem Hause jagte, in dem ich geboren war, und mich zwang, ja zwang, gerade die sich mit ihrem Schicksal zurechtfinden zu lassen, die mir heute vorwirft, ich hätte sie preisgegeben. Doch niemals war mir mein Recht, mich zurückzuziehen und fortzugehen, von dem ich damals Gebrauch machte, anfechtbar erschienen. Aber fechten wir es an, weil es mir von meinem angeblichen Opfer bestritten wird. Der 21. September ist ein für unsere ganze Gegend charakteristischer Tag, eröffnet er doch die Zeit der Weinlese. Die Lese selber hat noch nicht begonnen, aber die besondere Morgenfarbe dieses Tages verkündet, daß sie bevorsteht: der graue Himmel, das von leichtem Reif bepuderte Gras, die verziehenden Nebel an den steilen Abhängen des Cayrou,   ein Ortsfremder würde glauben, ein düsterer, trüber Novembertag bräche an. Wir aber wissen, in diesem verdrießlichen Aussehen liegt das Versprechen eines warmen Nachmittags und eines goldenen Sonnenunterganges. Es ist mir im Lauf meines Lebens zuweilen passiert, daß ich ein Ereignis vorausfühlte; ich will damit sagen, daß ich nach dem eingetroffenen Ereignis die Empfindung oder die Einbildung habe, als hätte das Bild dieses Ereignisses mein Denken schon mehr oder weniger lange beschäftigt. An diesem 21. September habe ich nichts geahnt. Ich war aufgestanden, froh und vergnügt, da zu sein, wo ich war, in La Gatère; ein bißchen traurig über den bevorstehenden Abschied, aber voll Tatkraft und Vertrauen zum Leben. Um halb acht wollte ich mich aufs Rad werfen, denn ich hatte abends zuvor einen wichtigen Auftrag übernommen. Eine ungeschickte Magd hatte ein Medikament, das meine Mutter morgens und abends gegen ihre Herzschwäche einnahm, fallen lassen, und das Fläschchen war zerbrochen. Der Ersatz war nicht schwierig zu beschaffen: vor kurzem hatte sich in einer Ortschaft fünf Kilometer entfernt von La Gatère ein Apotheker niedergelassen, aber wir blieben unserm alten Varnot treu, dem Apotheker von Tonneins; unser Haus versorgte sich in dieser Apotheke schon seit ungefähr einem Jahrhundert, und in all diesen Jahren wurde die Apotheke von den Varnots geführt, einer protestantischen Apothekerfamilie. Nur war Tonneins achtzehn Kilometer weit von La Gatère, und das graue Auto hatte eine Panne gehabt, die erst an diesem Morgen in Ordnung gebracht werden konnte. Ich hatte mich mit Freuden für die dringende Besorgung angeboten. Als ich nun nach meinem Fahrrad in die Garage ging, traf ich meinen Vater, der zu der frühen Stunde allein heruntergekommen und dabei war, die Panne zu reparieren. Er drückte mir die Hand; einen Kuß gab er mir nie; er schätzte mit mir die Zeit ab, die ich für meine Besorgung brauchen würde. »Fünfviertelstunden hin, ebensoviel zurück, eine halbe Stunde bei Varnot, der zwischen jedem Abwiegen eine Rede von zwei Minuten hält. Insgesamt also drei gute Stunden. Vor elf Uhr kannst du wieder zurück sein. Deine Mutter wird nicht zu ungeduldig werden ... Man hat dir doch das Rezept gegeben?« »Ich hab's in meiner Brieftasche.« Ich fuhr zehn Kilometer in einem ziemlichen Tempo. Und als ich mir gerade sagte, daß ich schon spätestens gegen halb elf wieder zurück sein würde oder noch früher, spürte ich, daß meine Pedale leer liefen: die Kette meiner Maschine war gerissen. Ich hatte einen Anfall gelinder Verzweiflung, daß meine geliebte Kranke nun durch meine Schuld würde auf das Medikament warten und vielleicht leiden müssen. Aber was war zu tun? Verlassen lag zu dieser frühen Stunde die Straße vor mir. Keine Aussicht, daß mich   die Autos waren damals noch selten   ein Fuhrwerk nach Tonneins bringen würde. Da kam mir ein kühner Gedanke   wahrhaft kühn, denn die Tradition der Treue zu den Lieferanten der Familie war bei uns tyrannisch. Ich erblickte in dem Tal, etwa zwei Kilometer weit zu meiner Rechten, den Kirchturm des Ortes, wo sich der neue Apotheker niedergelassen hatte (der katholische). In einer halben Stunde höchstens konnte ich, mein Rad schiebend, den Ort erreichen. Und außer der Apotheke wußte ich da einen Mechaniker, der, wenn er schon das Rad nicht in Ordnung bringen, mir wenigstens ein anderes leihen konnte; schlimmsten Falles würde ich La Gatère zu Fuß zur ausgemachten Zeit erreichen. Die Geschichte ordnete sich noch viel einfacher. Wenn das Geschick eine Absicht verfolgt, kennt es keine Hindernisse. Der katholische Apotheker war ein junger Schüler der Fakultät von Bordeaux und viel geschickter als mein alter Religionsgenosse in Tonneins. Er verlangte nur zwanzig Minuten, um das Rezept zu machen. Tatsächlich, als ich dreiviertel Stunden später mit meinem reparierten Rad in seinen Laden trat, erwartete mich die Flasche schön verpackt und verschnürt. Ich war dadurch eine Stunde früher in La Gatère, als wir angenommen hatten. Zu Hause begab ich mich in die Vorratsräume, um Alicia die Flasche zu geben, und da ich in Schweiß war, kam mir der Einfall, mich abzuduschen. Ich hatte mir das seit Behrenstein angewöhnt, wo es unter den Schülern Brauch war. In diesem Hause, in dem sich so wenig geändert hat, ist aber nichts übriggeblieben von der alten Badestube im Mittelgeschoß, die jetzt, höchster Komfort für diese Zeit und diese Gegend, nicht nur mit einem Duscheapparat, sondern auch mit laufendem warmen Wasser (aus der benachbarten Küche) ausgestattet worden war. Der mit rötlichen und gelblichen Sandsteinfliesen gepflasterte Raum wurde durch ein nur zur Hälfte abgeblendetes Fenster erhellt und ging auf einen recht dunklen Korridor, der sich gerade da in einer Krümmung um einen Grundpfeiler des Gebäudes biegt. Kurz vor dieser Krümmung geht eine Tür in eine Dunkelkammer, wo mein Vater seine photographischen Aufnahmen entwickelt. Wer immer ein Bad nehmen wollte, mußte die Treppe heruntersteigen, eine Treppe für meinen Vater und Sidonie, zwei Treppen für mich. Aber damals war man in der Gaskogne nicht empfindlich gegen Kälte. Im Winter nahm man seinen dicken Bademantel um und beeilte sich eben. Wie ich auf dem Weg vom Vorratsraum zur Badestube um jene Ecke biege, geht die Tür der Stube auf, und ich sehe Sidonie in ihren Bademantel gehüllt heraustreten. Sidonie konnte mich in dem dunklen Gangwinkel, wo ich zögernd stehengeblieben war, nicht bemerken. Aber ich sah sie dank des bißchen Lichts, das aus der offengelassenen Tür auf sie fiel. Mein jungenhaftes Schamgefühl war so stark, daß ich mich geschämt hätte, ihren Weg zu kreuzen und sie zu streifen, die nur mit einem Bademantel bekleidet war. Sidonie hätte es wahrscheinlich gar nicht geniert. Ich wollte weitergehn, als sich eine andere Tür öffnete, die schon vorher bloß angelehnt sein mußte, denn die Klinke gab keinerlei Geräusch, also wurde sie nicht gebraucht. Mein Vater glitt aus seiner Dunkelkammer und versperrte Sidonie den Korridor. Warum bin ich nicht davongelaufen? Weshalb blieb ich stehen wie in eine Statue verwandelt? Sidonie trat erst einen kleinen Schritt zurück, dann blieb sie stehen. Mein Vater kam auf sie zu; sie versuchte, sich an die Wand zu drücken. »Nein ... nicht ... nicht hier ...« Und sie zog den Bademantel fest an den Leib. Aber mein Vater nahm sie bei den Schultern, gab ihr eine halbe Drehung, zog sie an sich, so daß ich, ganz versteinert, mich nicht zu rühren wagte. Nun sah ich nichts mehr als den Rücken des weißen Mantels, überragt von der hohen Gestalt des »Herrn«, umschlungen von seinem dunklen Arm, über den das aufgelöste, schwere schwarze Haar fiel. Ich unterschied Vaters Gesicht nicht, denn die beiden Gesichter deckten sich nun ganz wie bei den Verliebten, die ich einmal in der Nachbarschaft des Hauses überrascht hatte. Sie hafteten aneinander und trennten sich nicht. Der schwarze linke Arm lag umgürtend auf dem weißen Bademantel; den rechten Arm sah ich nicht. Aber plötzlich bemerkte ich, wie auf der rechten Seite der untere Teil des weißen Linnens frei und ungehindert in seiner Bewegung flatterte, und ich glaubte mit leibhaften Augen zu sehen, was sich ihrem Liebhaber jetzt bot. Sie beeilten sich nicht: ich hatte Zeit, mein Bewußtsein wiederzufinden und lautlos mich davonzumachen. Ich ging auf mein Zimmer, schloß mich ein und warf mich aufstöhnend aufs Bett. Das Gesicht in die Kissen vergraben, mit brennenden Schläfen und einem Herzen, das bald wie tot lag, bald rasend aufzuckte, schluchzte ich fassungslos.   Ich verbrachte die beiden folgenden Tage im Zustand eines grauenvollen Fiebers, das zu verbergen oder zu leugnen ich den spartanischen Mut besaß. Ich habe von diesen gefährlichen Stunden keine andere Erinnerung als eine wütende Hitze in den Ohren und eine Art phantastischen Filmes, der vor meinen geschlossenen Augen ablief. Aber wohlgemerkt: der Film hatte keinerlei Beziehung zu der wirklichen Tatsache. Die Tatsache, das wahre Bild, versuchte erst wiederzukommen, als das Fieber nachließ. Ich strengte alle Kraft an, es zu verscheuchen, wegzudrängen, denn meine Entkräftung war über alles Maß, und jeder bestimmte Gedanke warf mich nieder. Als mir allmählich die Kräfte wiederkamen, zwang ich mich, zu sagen: »Was ich gesehen habe, war nicht. Ich will, daß es nicht war.« Ich wußte es ja anders, aber die Angst, durch die Erinnerung wieder einen Schlag zu bekommen, trieb mich dazu, meinem Gedanken eine andere Richtung zu geben. Ich verbrachte diese kurzen Stunden am Bett meiner Mutter. Dieser blasse Engel, an dem nichts Weibliches mehr war, das ich verabscheute, zog nun meine ganze Liebesfähigkeit an sich. Und doch war ich entschlossen, sie so rasch als möglich zu verlassen; der Wunsch, meine Abreise nach England zu beschleunigen, beherrschte mich. In Sidonie und meinem Vater sah ich nur mehr Schatten; ich wollte mein Denken nicht mehr der Tatsache zuwenden, daß sie eine wirkliche, mit mir verbundene Existenz hätten. Ich weiß nicht, ob mein Vater die Veränderung merkte: er kümmerte sich ja so wenig um mich. Sidonie stellte mir einige Fragen, so das leere und nichtssagende »Was hast du denn?« der Frauen;   banale Frage, die eine banale Antwort befriedigt. »...« Weder der Vater noch Sidonie ahnten etwas, weder sie noch er werden es je wissen. In Sidoniens Brief steht: »Je näher der Tag Deiner Abreise kam, um so mehr entferntest Du Dich von mir, anstatt mich zu trösten, mich, die ich Dich doch so nötig hatte. Vielleicht hätte ich mich Dir anvertraut, wenn Du mir geholfen hättest ... Aber Du ließest mich allein und verzweifelt in mein Elend sinken ...« Das ist die ganze Frau! Nie kommt aus ihrem Munde das Bekenntnis einer erkannten Verantwortung. Immer ist es der Fehler des andern. Sidonie, die zu den ehrlichsten gehört, schreibt ein paar Zeilen weiter: »Ich entschuldige mich nicht, ich verteidige mich nicht.« Aber ich verteidige mich, der ich gleichzeitig Angeklagter, Verteidiger und Zeuge bin. Ich verteidige mich vor dem höchsten Richterstuhl, vor dem ein Hugenott wie ich sich verteidigen kann: vor meinem Gewissen. Meine Zeugenaussage über das Ereignis des 21. September genügt und macht alle sonstigen und früheren Mitteilungen und Beweise überflüssig. Des ersten Klagepunktes erachte ich mich für freigesprochen: für meine kleine Kindheitsgefährtin nicht das gewesen zu sein, was sie von einem »normalen« Gefährten zu erwarten berechtigt war.         Bleibt der zweite Punkt der Klage: nach meiner Abreise nach England mutmaßt sie, daß ich »in das Geheimnis ihres Lebens eingedrungen« sei. Sie wirft mir vor, sie von da ab als »nicht mehr vorhanden« betrachtet zu haben. Ohne damit deutlich auszudrücken, daß ich mein Wort nicht gehalten   denn ich hatte mich ja in keiner Weise verpflichtet  , will sie sagen, daß ich mich nicht um sie gekümmert habe, ihr nicht zu Hilfe kam, nicht das Bedürfnis sie zu retten empfand. Dies ist wahr und berührt mich deshalb auch mehr als die erste Beschuldigung. Ein vollkommener Mensch hätte nicht darauf verzichtet, etwas für eine vom Wege Abgekommene zu tun. Wenn man nicht mehr nach Vollkommenheit strebt, läuft man Gefahr, schuldig zu werden, mindestens durch Unterlassung. Untersuchen wir diese neue Klage aufs genaueste. Und betrachten wir dazu die Ereignisse nach dem 21. September. Solange ich lebe, werde ich England verpflichtet bleiben. Ich kam dort in einem schrecklichen Zustand moralischer Erschütterung an; England hat mich beruhigt und dann geheilt. Wie? Durch seine Disziplin, die nicht aufgezwängt, sondern freiwillig angenommen wird, durch seine überlieferte, so anziehende Tradition, durch die beinahe kindliche Schlichtheit des Durchschnittsengländers, die mit der Geradheit des Charakters und seinem unerschütterlichen Selbstvertrauen zusammenhängt. Ein Franzose, der lange genug mit dem englischen Leben verbunden war, findet die Vormachtstellung dieses Volkes in der Geschichte nur gerecht und erklärlich. Das College von Buxton in Devonshire, wo ich zwei der fruchtbarsten Jahre meines Lebens verbrachte, hat mich, glaube ich, gerettet; richtiger, es hat meine Rettung begonnen, die dann der Krieg vollendete. Hätte man noch ein zweites Jahr Deutschland über mich verhängt, wovon die Rede war, wäre ich verloren gewesen. Die mich umgebende Überspanntheit hätte das zermürbte arme Geschöpf, das dieser 21. September aus mir gemacht hatte und das der Gedanke an Selbstmord beschäftigte, unweigerlich in Hysterie und Wahnsinn getrieben. Die gesunde Hygiene meiner englischen Mitschüler stellte nach und nach meine Gesundheit wieder her! Welcher Abgrund zwischen ihnen und denen von Behrenstein! Gewiß: hier in England gab es weit weniger intellektuelle Schärfe, geringere Lust an der Arbeit, weit weniger Geschmack und Liebe für die Welt der Ideen, weniger Begier nach dem Neuen. Aber dafür welch gutes moralisches Gleichgewicht! welch gesunder Widerstand normalen Denkens gegen die Lockpfeife naiv umstürzlerischer Ideen! Und insbesondere   und gerade das war so heilbringend für mich   welch ruhige und endgültige Lösung des sexuellen Problems! In einem gewöhnlichen jungen Engländer vereinigt sich eine robuste Männlichkeit mit einer ziemlichen Gleichgültigkeit dem weiblichen Geschlecht gegenüber. Im Laufe seines Lebens wird die Frau für ihn: entweder eine unter Sport, Reisen, Poker, Männertrinken gestellte Zerstreuung, der man sich mit Verachtung zuweilen hingibt, was bei Sport, Reisen, Poker und Whisky nie der Fall ist; oder sie wird Gegenstand einer ernsthaften ehelichen Verbindung ganz praktischen Charakters, vom ökonomischen und sozialen Standpunkt gesehen, einer Verbindung, von welcher der Engländer keinerlei Vergnügen erwartet, es seien denn im Anfang einige Ideale des bürgerlichen, gewissenhaft anerkannten Überkommens. Daher die Kälte aller Schilderungen ehelicher Liebe in der allgemeinen englischen Literatur. Die großartige moralische Gesundheit des erwachsenen Engländers kommt sicher daher, daß er es für unsauber, für unschicklich hält, einer Frau moralisch versklavt zu sein. Er gestattet ihr außerhalb ihrer ehelichen Rolle nur ein vorübergehendes körperliches Anziehungsvermögen. Ja, ich kenne den Einwand wohl: es gibt Oscar Wilde. Aber gibt es die Anhänger Wildes nicht auch in Ländern, wo die weibische Galanterie blüht. Ich, der ein Jahr lang unter jungen Deutschen, dann zwei Jahre unter britischen Jünglingen gelebt habe und den schließlich das militärische Leben während des Krieges und nach ihm mit Männern aller europäischen und außereuropäischen Länder zusammengeführt hat, werde vielleicht für sehr naiv gehalten werden, wenn ich hier eine Meinung äußere, die nur für mich selbst Geltung hat und daher ganz ehrlich gemeint ist: ich habe immer wieder festgestellt, daß die Beziehungen junger Engländer zueinander ganz platonisch waren, wie die Gefühle des Sokrates für Alkibiades, also eine Art zärtlicher Freundschaft, die man bei jungen Mädchen ganz natürlich findet. Notwendigerweise sind solche Beziehungen verdächtig; ich hörte welche verdächtigen, die ich für über jeden Verdacht erhaben hielt, und solche, von denen ich genau wußte, daß der Verdacht sinnlos war und zu Unrecht bestand. Ich bin der Meinung, wie der Apostel Paulus, daß die Enthaltung gegenüber dem Weibe der beste Schutz gegen alle Ausschweifungen, und daß der Verkehr mit der Frau, als einem Werkzeug der Lust, die beste Vorbereitung zu unnormalem, lasterhaftem Leben ist. Zwei Jahre dieser Disziplin und dieser Umgebung hatten aus mir einen jungen Menschen gemacht, der es nach der moralischen Katastrophe, die mich niedergeschlagen hatte, mit dem Leben wieder aufnehmen konnte. Zwei Jahre waren nötig, um mich zu überzeugen, daß ein Leben auf La Gatère für mich ganz unmöglich war, zwei Jahre aber auch hatte ich es entbehren müssen, die gebrechlichen Schultern meiner armen Mutter in die Arme zu schließen. Ich entschloß mich endlich zur Abreise, da mir der Krieg eine Gelegenheit bot, nach Frankreich zurückzukehren, ohne mich doch zu einem längeren Aufenthalt in dem befleckten Hause zu zwingen. Dann gab es Stunden, in denen das große allgemeine Leid des Krieges die Schmerzen des einzelnen in den Hintergrund drängte. Für die großen Schmerzen der Seele ward das Leben im Kriege eine Wohltat. So sah ich sie also wieder. Meine Mutter zuerst, um neben ihr den Mut zu schöpfen, einige notwendig gewordene Tage in diesem beschmutzten Hause zu verbringen. Und dann sie, die Schuldigen. Meine Mutter fand ich zu meiner Freude, wie ich sie verlassen hatte: ihr Leiden hatte sich nicht verschlimmert. Aber die beiden andern hatten diese zwei Jahre stark verändert. Mein Vater zeigte ja sein stattliches Aussehn wie immer; man hätte nicht sagen können, daß er älter geworden. Immer noch sagte die Dienerschaft von ihm: »Der Herr Graf ist ein sehr schöner Mann.« Etwas Siegesbewußtes im Blick, in der Geste, dem Ton seiner Stimme ließen ihn noch jünger aussehen. Ich habe immer diese Wirkung einer augenblicklichen Verjüngung bei Männern verliebten Charakters beobachtet, wenn sie eine neue Eroberung gemacht haben. Aber bei diesem war neben der Verjüngung eine merkwürdige Nervosität, die mit tiefen Depressionen wechselte. Ich war erstaunt, wie dieser Mann, ehemals so durchaus Herr über sich selbst, sich gegen die Dienerschaft benahm. Oft wegen nichts. Auch entfernte er sich plötzlich und ohne äußern Anlaß aus unserer Gesellschaft und fiel in ein trübes Sinnen. Seine prachtvollen Augen bekamen dann immer etwas Verschleiertes, wie ich das später auf Jagden in Asien im Blick wilder Tiere wiedersah, wenn sie sich umzingelt fühlten und stillstanden, wie vom Geschick betäubt. Bei meinem ersten Blick auf Sidonie fiel mir auf: sie war schön geworden, die bei meiner Abreise nur anmutig gewesen war. In ihrer Beichte erzählt sie, daß meine Rückkunft sie tief bewegt habe, aber daß sie aus einer Art Scham sich nicht zu mir erheben konnte. »Meine Demut«, sagt sie, »warf mich stärker als je dem zu, für den ich alles war.« Wieder die unbewußte Doppelzüngigkeit der Frauen! Sidonie hat diese Worte vor einigen Stunden in einer moralischen Krise geschrieben, die jede Heuchelei ausschließt. Und doch drücken ihre Worte nicht die Wahrheit aus oder nur zur Hälfte, so daß sie eben nicht mehr die Wahrheit sind. Die Wahrheit aber ist diese: Nach zwei Jahren Abwesenheit fürchtete ich, eine erbarmungswürdige, elende, reuige Sidonie wiederzufinden: dann hätte ich die Versuchung spüren müssen, etwas für sie zu tun, und ich fühlte meine Unfähigkeit dazu. Eitle Sorge! Sie schien durchaus nicht von ihrer Schuld verzehrt. Sie trug vielmehr diese Sünde mit einer naiven Frechheit. Ich spürte in der Art, wie sie mir gegenübertrat, ihren Groll; aber ich sah auch diese Gloriole der Sünde, mit der die Frau vor ihren eigenen Augen ihre Niederlage maskiert, besonders dann, wenn die Sünde auf der Höhe der Befriedigung steht, die von ihr ausgeht. Unter der Herrschaft der Sinne vergehen Nachdenken und Gewissensbisse; es ist die behagliche Ruhe eines guten Magens nach einem köstlichen Essen. Das ist es, was Sidonie aus der Ferne für Demut hält. Alles, was sie gleich darauf erzählt (es dringt da die Schamlosigkeit selbst der bereuenden Frau durch, wenn sie sich des Glückes ihrer Liebe erinnert), bestätigt meine Auslegung.   So war also der Stand der Dinge: von beiden Schuldigen hatte jeder in seiner Art sich mit seiner Schuld abgefunden, und jeder war auf seine Weise bereit, sie zu verteidigen. Ich kann mir denken, was ein Romanschriftsteller alles aus dem Eintreffen eines schwachen Richters von achtzehn Jahren in einem beschmutzten Hause herausholen könnte: Recht an Stelle des Unrechts setzen, die Atmosphäre säubern, die Ordnung wiederherstellen. Ein schönes Sujet! Es ist Kinderspiel, einer ausgedachten Persönlichkeit den Sieg zu verleihen, aber im Leben macht sich nicht alles wie im Roman. Heute bin ich von der Wunde meiner Jünglingszeit geheilt, aber wie ein Verwundeter in seinem Leib den Granatsplitter bewahrt, der ihm das Herz gestreift hat, so urteile ich heute mit gerechtem Gleichmut über mein damaliges Benehmen. Achtzehn Jahre war ich alt: das Leid hatte mich gereift, und die folgenden Jahre konnten zu meiner Entwicklung nicht mehr viel hinzufügen. Aber im Namen welcher Macht und mit welchem Rechte versehen sollte ich an das Werk der Reinigung gehen? Vergebens hätte ich einen Skandal entfesselt, Schmutz aufgewühlt und den Mut gehabt, meiner Mutter einen tödlichen Schlag zu versetzen. Darüber läßt sich überhaupt nicht streiten! Ich hätte mich allein an Sidonie wenden können ... Konnte ich auf sie wieder meinen alten Einfluß gewinnen, ihr predigen? Nach meiner Überzeugung: nein. Hätte ich es versucht, ich wäre sicher gescheitert, und Sidonie gibt das indirekt zu (wie immer), wenn sie diesen Zustand träger Liebesgefangenschaft mit rückschauender Lust beschreibt. Aber ich konnte es auch deshalb nicht versuchen, weil über meine Lippen nicht diese Worte kommen konnten: »Ich kenne deine Sünde, Sidonie, ich habe sie gesehen!« Diese Worte, glaube ich, hätte ich nicht über die Lippen gebracht. Und wäre es mir gelungen, hätte ich sie gesprochen, so wären sie auf Ableugnung, auf Ausflüchte, auf Lügen gestoßen. Ihre Beichte von gestern ist im großen und ganzen wahrhaft, weil sie, satt einer Liebe, die auf ihr zu lasten beginnt, sich jetzt von ihr befreien will. In der Hitze ihrer wollüstigen Niederlage hätte sie gelogen und mich dann ihrem Herrn verraten. Aber wagen wir selbst die unwahrscheinlichste Annahme: sie hätte sich erweichen lassen, hätte frei gesprochen, was sie nun geschrieben hat,   welcher Sohn von achtzehn Jahren kann ein solches Bekenntnis, das seinen Vater betrifft, anhören? Jetzt bin ich ein Mann und habe trotzdem beim Lesen des Abenteuers gezittert, habe zweimal dieses Schriftstück wegwerfen müssen. Und habe geweint. Ja, geweint wie damals, als ich sie mit fünfzehn Jahren überraschte. Vor mir selber und wissend, was ich damals nicht wußte, fälle ich das Urteil sicher und ruhig. Nur eines war damals möglich: schweigen und verschwinden. Und das tat ich. * Ich gebe zu, daß Sidonies Beichte oder vielmehr ihre Verteidigung mich in ihrem ganzen letzten Teil mehr als das übrige ergriffen hat: dort wo sie ihr Leben während der Nachkriegsjahre erzählt. Sie hat da einen bezwingenden, ganz echten und unmittelbaren Ausdruck für ihr erwachendes Gewissen und für sein Wachsen und Werden, und wie sie Trost im Gebet sucht. Als ich diese Seiten heute Nacht zum erstenmal las, haben sie mich verwirrt, und ich fühlte ein tiefes Mitleid. Ich lese sie jetzt wieder, etwas kälteren Blutes. Ergreifend und leidvoll, gewiß! Auch durchaus ehrlich! Aber von einer Art Ehrlichkeit, die nur dem weiblichen Geschlecht eigentümlich ist. Ich fordere einen Moralkritiker auf, nach dem Texte eine andere Ursache für ihre Gewissensbisse zu suchen als eben das Übermaß der erotischen Sensation. Sidonie hat die Größe ihrer Schuld ermessen, als diese Schuld sie mit Lust bis ins Innerste erschütterte. Zuvor war sie in einer Art sinnlichen Wohlbehagens halb unbewußt hingedämmert; als sie aufwachte, gab es jene starke schmerzhafte Glut, die ich, mit ein wenig Mitleid und viel Widerwillen, bei andern Frauen schon beobachtet habe, wenn sie, sich ihres Falles bewußt, in eine dumpfe Feindschaft gegen den Mann hinübergleiten, der sie zu Fall gebracht. Aber sie geben ihm immer wieder nach und erleiden immer wieder die ekstatischen Genüsse der Lust, die ihre Wünsche befriedigt und ihr Gewissen in Aufruhr bringt. Diese ganzen letzten Seiten in Sidonies Beichte bis zum Abbruch der körperlichen Beziehungen haben mich tief bewegt. Da ist bestimmt nichts Zurechtgemachtes. Das Gefühl der Schande, die Verzweiflung, sich verworfen zu wissen, der Wunsch, die Bande des Vergangenen zu zerschneiden, der Mut, diesen Wunsch auszuführen und alles dabei zu wagen: in alldem zeigt sich eine Stärke der Seele, wunderbar vereint mit christlicher demütiger Reue. Alles das ist wahr, wahr, wahr ... Keine Tatsache ist verborgen, kein Gefühl gefälscht. Sidonie drückt aus, was sie empfindet, und gibt für das, was sie empfindet, die von ihr für richtig gehaltene Erklärung. Sie täuscht sich aber in dieser Erklärung ihrer Gefühle. Die meisten Frauen hätten sich hier wie sie getäuscht, denn es gibt für das weibliche Gewissen in Liebessachen eine unumgängliche Einstellung. Die Frauen leugnen nicht die physische Anziehungskraft des Mannes; sie wollen auch mit seltenen Ausnahmen nicht, daß man ihnen das Temperament abspreche: aber sie werden nie zugeben, daß ihr Fall oder ihre Erhebung zutiefst im Sinnlichen begründet sei. Dies aber ist gewöhnlich der Fall, und die Natur hat es offenbar so gewollt. Der Fall Sidonie hat also nichts weiter Entehrendes: sie gehorchte dem Gesetz ihres Geschlechtes. Solange der Herr und Meister im Vollbesitz seiner Kräfte steht, ist sie Gefangene, mit mehr oder weniger Gewissensbissen, je nachdem die Sinne mehr oder weniger trunken sind. Eines Tages ist der Herr krank ans Bett gefesselt; die Gefangene stellt ihre Entzauberung fest; sie untersucht neugierig die Ausgänge aus ihrem Gefängnis. Der Kranke steht auf; die Gefangenschaft beginnt wieder; aber der Herr ist getroffen, sowohl in seinem Aussehen wie in seiner Lebenskraft; er besitzt nicht mehr seine unwiderstehliche Macht; er ist reizbar und fordert ungeschickt die Unterwerfung. Die Gefangene gehorcht wie immer, aber bereits ohne innere Zustimmung. Die Sinne verlangen ihre Unabhängigkeit. Sie setzt diese neue Tatsache auf Rechnung eines sittlichen Fortschritts, auf das Erwachen ihres Gewissens, auf die Wiedererlangung ihrer sittlichen Würde. Es ist noch nicht die völlige Befreiung, aber deren Morgenröte, obwohl die Gefangenschaft fortdauert. »Die Dinge nahmen«, schreibt Sidonie, »fast wieder ihren alten Lauf.« In diesem »fast« liegt die ganze Hinfälligkeit weiblicher Folgerungen. Aber die Stunde sollte für die gefangene Sidonie schlagen, wo es sich nicht mehr um ein »fast« handelte. Ich war aus Afrika zurückgekommen und hatte meinen Entschluß bekanntgegeben, das Haus nicht mehr zu verlassen, bis meine sterbende Mutter ihren letzten Seufzer getan hätte. Es war zweifellos, daß dieser Entschluß die Schuldigen aufs äußerste erregte, wie Sidonie schreibt. Aber was sie nicht sagt, und was doch augenscheinlich auf Wirklichkeit beruht, ist dieses: daß der Zwang, den meine Gegenwart auferlegte, dem Herrn verhaßt, aber der Gefangenen eine Erleichterung war. Was lag näher, um sich einen unerwünschten Liebhaber fernzuhalten, als die Abwehr: »Nein ... nicht ... man belauert uns.« Ich belauerte gar nichts, denn ich hatte keine Lust, den 21. September nochmals zu erleben. Aber ich war da, ging frei im Hause herum, hatte über mein Kommen und Gehen niemandem Rechenschaft zu geben, hätte also zufällig und ohne Absicht das Paar bei der Tat überraschen können. Der unruhig gewordene Herr ist gezwungen nachzugeben. Man bemerke noch die naive Formel, durch welche Sidonie die Freude über ihre Freilassung ausdrückt und dämpft: »Eine verhältnismäßige Ruhe kam dadurch über mich.« Sie hätte sagen müssen: »Endlich waren alle Ketten gefallen, und es blieb mir nichts mehr zu tun, als einen Ausweg zu finden, um zu fliehen.« Von da ab denkt sie nur mehr an Flucht. Sie ist großjährig, Herrin ihres kleinen Vermögens und braucht nur die Schwelle ihres Gefängnisses zu überschreiten; sie weiß, mein Vater hat viel zu großen Respekt vor der Ehre der Familie, um durch eine Verfolgung einen Skandal zu verursachen. Aber sie sieht diese Lösung nicht, die mir auch heute noch als die vernünftigste vorkommt. Sie plant nichts weiter, als das Haus zu verlassen und sich, nur siebzehn Kilometer entfernt von La Gatère, an einen Ort zu begeben, der für sie voll von verhaßten Erinnerungen ist. Wozu diese halbe Lösung, die sie zum Wiedersehn mit dem »Herrn« zwingt und nichts beendet? Ist Sidonie in Aubiac geschützt vor einem neuen Angriff? Sie weiß gut, daß dies nicht der Fall ist. Warum also nicht die endgültige Flucht von heute auf morgen, ohne Ankündigung und weit weg? Weil ihr Verlangen den Gegenstand gewechselt hat; weil sie wohl das alte Objekt ihres Verlangens verlassen hat, aber nicht das neue verlieren will. Ohne sich darüber klar zu sein, daß ihr ganzer Plan von dieser beträchtlichen Tatsache seinen Ausgang nimmt, leugnet sie sogar diese Tatsache nicht; sondern sie verkündet sie sogar mit Gefallen daran, mit Stolz, wie dies weibliche Art ist. Allerdings auch, indem sie, und ganz aufrichtig, von dieser ihrer neuen Liebe alles Sinnliche ausschließt. Sie gibt da ihrem Bedürfnis nach Sauberkeit (einem wirklichen nach so viel Abirrung) einen Ausdruck, der nicht ohne Adel ist: »Nichts kann mich daran hindern. Dich zu lieben. Wenn Du mir befählest, Dich nicht zu lieben, könnte ich Dir nicht gehorchen. Ich weiß, Du wirst mich nicht lieben. Du kannst mich nicht lieben. Du liebst keine Frau, und wenn Du eine lieben solltest, wäre ich die letzte, an die Du denken würdest ...« Nicht die Spur einer bewußten Lüge in all dem. Aber ihr eigenes Gewissen belügt sie.   Ich schreibe das hier für mich allein nieder. Ich will mich nicht hinter kindischer Bescheidenheit verkriechen, die sich einstellte, wenn ich für einen andern schriebe. Ich bin überzeugt, Sidonie liebt mich wirklich. Ganz kurze Zeit nach meiner Rückkehr kam diese Liebe wieder über sie. Erschöpft von einer Kette, die seit ihrem fünfzehnten Jahre sie reibt, müde eines Herrn, der nicht mehr der gebieterische, willensstarke Verführer von ehedem ist, steht sie bereit, den Gefährten ihrer Kindheit zu lieben, den der Zauber eines Lebens in der Fremde und eine Legende der Seltsamkeit umgibt. Es spielt hier keine Rolle, was dieser Mann körperlich Anziehendes haben könnte; übrigens bin ich, ohne Hippolyt zu sein, genug Phädren jedes Alters begegnet und stellte dabei kalten Blutes fest, daß es niemals gegenseitig war, wenn die Frauen nach mir Verlangen trugen. Ich brauchte Sidonies Geständnis nicht, um zu wissen, daß sie mich liebt. Und ich weiß besser als sie, wie sie mich liebt. Sie liebt mich wie eine Frau nahe den Dreißig, die voll Gesundheit die sinnliche Liebe in all ihren Stimmungen und Nuancen kennen gelernt hat und nun einen Mann von Dreißig liebt, der ihr immer gefiel. Sie liebt ihn, treu ihren Erinnerungen, mit einem zärtlichen Herzen; liebt ihn mit einem Verlangen nach neuem Leben, wie man etwa nach einem langen Aufenthalt in den Tropen nach einem gleichmäßigen Klima Verlangen hat; sie gibt sich das selber zu und ist stolz darauf. Aber was sie sich nicht selber zugibt, und was sie nicht glaubt, aber was trotzdem wahr ist: sie liebt ihn auch mit den Sinnen und möchte mit ihm als Herrn einen neuen Vertrag auf Gefangenschaft eingehen. Und das ist es, was mir die von ihr vorgeschlagene Aufgabe, sie von dem andern zu befreien, so schwierig macht. Ich sehe wohl das Mittel zu dieser Befreiung und nannte es schon: die nicht erst angekündigte Flucht, von mir überwacht, geordnet und vor allen gefährlichen Folgen bewahrt und geschützt. Aber das ist durchaus nicht das, was sie will; sonst wäre es ihr selber eingefallen und sie hätte die Ausführung versucht. Sie will mir gehören und will, daß ich sie liebe.   Und gerade das will ich nicht. Ich will es nicht »in dem vorliegenden Fall«, wie die Rechtsgelehrten sagen. Und welche Frau immer mir ähnliches vorschlüge, ich will es nicht. Wie ich das Leben ansehe, oder vielmehr mein Leben, so ist meine Ablehnung keineswegs die Wirkung einer Unfähigkeit oder eines Keuschheitsgelübdes. Die Erlebnisse meiner Jugend sind daran schuld, und die ruhige Betrachtung der Dinge im Verlauf meines Daseins haben meinen Entschluß bestätigt. Und jetzt, wo mir mein Gewissen diese Frage stellt: »Kannst du im Namen deiner persönlichen Anschauung die Liebe eines Geschöpfes zurückweisen, das durch deine Liebe gerettet würde?« antworte ich entschlossen: »Niemand hat das Recht, einem andern seine Liebe aufzuzwingen. Ich bin nicht der erste, der das Anerbieten zurückweist, das eine Frau ihm mit ihrer Person macht. Und es ist nicht das erstemal, daß ich ein solches Angebot zurückweise. Das hat mir Haß, Rachsucht, schmähliche Verdächtigungen und Hohn eingetragen, am häufigsten Erstaunen; zuweilen auch eine Art stummer Bewunderung, und fast immer Überlegenheit. * Ist es übrigens nicht sonderbar, daß die zivilisierte Menschheit immer und nicht nur als natürlich und legitim, sondern als ehrenwert und vortrefflich der Frau das Recht zugebilligt hat, sich dem männlichen Geschlecht zu weigern, und daß das Umgekehrte als eine Art Anomalie erscheint? Ich habe viel darüber nachgedacht und glaube, darin eine Spur primitiver Barbarei zu sehen, wo die Frau des Mannes Sklavin ist und weder ein Recht auf Weigerung noch ein Recht auf Wahl besitzt. Der primitive Mann fordert von der Frau die Liebe in derselben Art, wie er ihr eine Last auf den Rücken bürdet. Die Enthaltsamkeit ist also für sie keine Beraubung, sondern eine Befreiung. Als die Sitten sich verfeinerten, behielt die von der Frau gewünschte Enthaltsamkeit diesen Charakter der Befreiung gegenüber dem Mann und verlieh ihr das Zeichen des Besonderen. Aber das alte barbarische Dogma weigert sich, mit dem gleichen Zeichen die Enthaltsamkeit des Mannes zu adeln. Trotzdem erringt sie bleibendes Recht in der Geschichte und in der Dichtung: Hippolyt, Scipio Africanus, der Athlet bei Horaz, der sich gleichzeitig Venus und Bacchus entzieht ... Aber es bedurfte der Ankunft Christi, um diese alte barbarische Formel zu Boden zu werfen. Es hat mich immer gewundert, daß in den Worten Christi, wie sie das Evangelium berichtet, in außerordentlich bestimmten und scharfen Ausdrücken von der Enthaltsamkeit des Mannes die Rede ist, aber nie von der der Frau. Nachdem hervorgehoben war, daß gewisse Männer sich ewige Keuschheit auferlegt haben »um des Himmelreichs willen«, fügt Christus hinzu: »Wer Ohren hat zu hören, der höre!« ... möglicherweise eine Anspielung auf den geläufigen Irrtum, die männliche Keuschheit sei anormal. Der Apostel Paulus ging bald viel weiter und, über den Sinn der Enthaltsamkeit bei Männern und Frauen befragt, beginnt er mit den Männern und er sagt ganz schonungslos: »Es ist gut, wenn der Mann die Frau nicht berührt.« Darauf beschäftigt er sich in drei Zeilen mit der Enthaltsamkeit der Frau, die er vom väterlichen Willen abhängig erklärt, und empfiehlt in einem ziemlich uninteressierten Ton: »Wer seine Tochter verheiratet, tut recht; wer sie nicht verheiratet, tut besser.« Und schließlich rät er den Ehepaaren, so zu leben, als ob sie nicht verheiratet wären, indem er beide Arten der Enthaltsamkeit miteinander verbindet, aber dem Manne die Initiative läßt. Die späteren Kommentatoren haben den klaren apostolischen Text nur verdunkelt; wie es eben die Art von Leuten ist, die berufsmäßig denken und weise, abgemessene Vorschriften bis ins Absurde treiben. Immerhin verdient eine Beobachtung des Montanisten Tertullian Erwähnung, der zu einer Zeit, wo das Asketentum in hohen Ehren stand, die Jungfräulichkeit predigte. In den asketischen Zentren scheint die Zahl der enthaltsamen Frauen weit größer gewesen zu sein als die der Männer. Tertullian warnt vor dieser Auffassung. Er stellt fest, daß in den Gemeinden die Frauen sich dazu drängen, ihr freiwilliges Zölibat eintragen zu lassen, und in der Kirche eine gewissermaßen offizielle, anerkannte und privilegierte Gruppe bilden, während dasselbe Opfer, ebenso häufig von Männern gebracht, so gut wie unbekannt ist. Die jungfräulichen Männer bleiben trotzdem im Range einfacher Gläubiger, denn »ihre Lage verlangt nicht eine gleiche bischöfliche Sorgfalt wie die der Frauen, die von Natur aus schwach und den Gefahren des Lebens weit stärker ausgesetzt sind«. Also waren in diesen heroischen Zeiten die enthaltsamen Männer ebenso zahlreich wie die Frauen, und ihr Zustand wurde höher geschätzt, weil er der Vollendung näher kam. Der Glaube ließ nach; die Welt wurde christlich, aber der weltliche Geist durchdrang das Christentum; das Zölibat blieb den Priestern vorbehalten. Die männliche Enthaltsamkeit flüchtete in die Klöster. Und in ihnen gibt es zu Tausenden noch heute enthaltsame Männer. Wie könnte man sie der Anormalität bezichtigen? Aber die alte barbarische Idee über die Ungleichheit der Geschlechter in Sachen des Zölibats besteht weiter. Man verteidigt nicht die Enthaltsamkeit der alten Mädchen: man bedauert sie, man macht Witze über sie. Und der enthaltsame Junggeselle hat den Ruf, als wäre er eine Art Ungeheuer. Mein persönlicher Fall geht nur mich selber an. Nur vor mir selber und vor keinem andern beschwöre ich jenen 21. September und sein Geschehnis herauf, das in jenes hellsichtige und entscheidende Alter fiel, wo sich Leib, Geist und Empfindung im Körperlichen wie im Seelischen auf dem Punkte ihrer Entwicklung befinden. Ohne Zweifel habe ich damals den Schlag erhalten, von dem die Chirurgen sprechen, den Schlag, dessen Wirkung lebenslang dauert. Ich habe übrigens meine Enthaltsamkeit mit keinerlei Mystik umgeben, und auch jetzt noch beanspruche ich nicht, ein unmenschlicher Hippolyt zu sein, der Diana eine ewige Keuschheit gelobt. Wenn ich je einmal aufhöre, der Mann zu sein, qui mulierem non tangit , dann breche ich damit kein Gelöbnis und mein Gewissen wird mich nicht quälen. Aber, um aufrichtig zu sein: ich glaube nicht an diesen Fall. Ich bin über dreißig: ich habe während der tragischen Freiheit des Krieges und dann während der hysterischen Überfreiheit der Nachkriegszeit zu viel von jenen Beziehungen zwischen Männern und Frauen gesehen, die mit Liebe bezeichnet werden. Der Anblick hat den Ekel, den ich mit fünfzehn Jahren fühlte, nicht wesentlich geändert oder gemildert. Männer wie Frauen erschienen mir im Zustand der Liebe des Menschentums unwürdig. Man möchte glauben, die Natur rächt sich für die brutalen Freuden, die sie schenkt, dadurch, daß sie den Menschen ein Übermaß von Tierhaftigkeit aufzwängt. Und wenn ich die gesättigten Partner fragte, bekannten sie mir immer, daß sie etwas Bitteres würge. Andererseits: ich hatte Freundinnen. Die Schönheit eines Gesichts, die Eleganz einer Haltung und Gestalt, der Scharm und die Gesellschaft einer Frau zogen mich an. Aber selbst gegen meinen Willen blieb auch bei denen, die mir am besten gefielen, eine Neugierde nach ihrem wahren Wesen, nach ihrer Moral in mir lebendig: und immer kam überraschend der Augenblick, wo »das nicht ganz sichere Herz des Gefährten« sich verriet, »das kranke Kind«, wie es in dem Gedichte von Alfred de Vigny heißt. Ob Vigny sich über die Tiefe seiner Verse Rechenschaft abgelegt hat? Er wurde vom Genius gestreift, als er sie niederschrieb. Für diese beiden Verse gebe ich das ganze Tamtam ihrer Zeit, Hugo und Lamartine einbegriffen. Die Unsicherheit der Frau und ihr Mangel an Aufrichtigkeit, diese Unfähigkeit, die Anweisungen und Befehle des Gewissens wahrzunehmen, diese heimtückische Furcht vor der Verantwortung   wahrscheinlich die Folge ihrer schwachen Muskeln und das Erbe einer Jahrtausend alten Knechtschaft   haben mich immer gehindert, aus einer Frau »einen Kameraden« zu machen. Im Augenblick, wo die Zeit das kranke »Kind« heilt, bekommt der weibliche Charakter mehr Beständigkeit. Aber dann findet sie sich damit ab, außerhalb der Liebe zu stehen, oder es ist schlimmer als zuvor ... Fuchs machte mir eines Tages die Einwendung: »Ich sage nicht, daß du unrecht hast. Ich sage nur, daß ein Mann wie ich und wie wir alle der Wirkung eines innern Anstoßes erliegt, dem man nicht widerstehen kann. Da du widerstehen kannst, bist du körperlich anders als wir.« Ich stand mit Fuchs so intim, daß ich mich nicht zu zieren brauchte. Ich antwortete ihm lachend, denn ich habe in diesen Dingen nie eine feierlich-ernste Haltung eingenommen: »Ich bin genau wie du und ihr alle. Bildest du dir etwa ein, daß die ihrem Gelübde treu bleibenden katholischen Priester aufhören, Männer zu sein? Zwischen einem katholischen abstinenten Priester und dir besteht nur der Unterschied, daß er nicht so wie du einen gewissen körperlichen Trieb mit dem Verlangen nach dem Weibe identifiziert.« * Habe ich mir nicht selber etwas gefallen in diesem Bericht über mich selbst, meine Haltung in der Vergangenheit, meine Gründe künftigen Handelns? Möglich! Eine solche Neigung erfaßt mich zuweilen. Ja, ich liebe es, mir das Zeugnis auszustellen, mein Leben so geführt zu haben, wie ich es sollte. Vielleicht auf einem ungewöhnlichen Weg. Aber ich hatte keine Wahl. Nach jenem 21. September boten sich mir zwei Lösungen: allen Glauben an die menschliche sittliche Kraft aufzugeben, in moralische Abgründe zu fallen und mir zu sagen: »Es gibt eben nur Tierhaftigkeit. Also seien wir Tiere wie die andern!« Oder die Flucht in das echte Zölibat. Jede Liebesbewegung zu einer Frau hin wird mich immer an meinen Vater am 21. September erinnern. Jede Hingabe einer Frau wird mich immer an die unbekümmerte Schamlosigkeit Sidonies am 21. September erinnern. Ich werde also für Sidonie heute nicht das sein, was ich nach ihrem Wunsche sein sollte. Ich werde der Mann keiner Frau werden und der Sidonies weniger als irgendeiner andern. Da ich sie also in ihren Wünschen nicht zufriedenstellen kann, werde ich alles tun, um sie desto vollkommener zu befreien. Immer mehr bin ich für eine nicht erst angekündigte, im Geheimen aber vorbereitete Abreise. Und ich werde hierbleiben, um sie vor einer Verfolgung oder einem Angriff zu schützen, und auch um über das Los des Kerkermeisters zu wachen, der um seine Gefangene gebracht wird. Derselbe Tag. Am Abend. Es war gegen fünf Uhr, als ich die letzten oben stehenden Worte geschrieben hatte. Ich holte mir dann, wohl durch die niedergeschriebenen Gedanken angeregt, aus dem Bücherschrank in meinem Zimmer den »Hippolyt« des Euripides. Ein mittelmäßiges, aber kurioses Stück. Euripides faßt die männliche Enthaltung recht eng. Hippolyt ist keusch, weil er Sport treibt. Diana widersetzt sich der Venus. Das ist ein armseliges Ideal! Und Racine erniedrigt es noch mehr. Wie konnte der Dichter der Phädra so etwas Sinnloses erfinden wie den verliebten Hippolyt! Das beweist, daß er nicht imstande war, eine in sich selbst ruhende männliche Enthaltsamkeit zu erfassen; ein Mann sollte nur deshalb kein Verlangen nach einer bestimmten Frau tragen, weil er noch eine andere begehrt! Der Racine der Athalie hätte dieses Problem eher gelöst. Da klopfte es an meine Tür. Es war Sidonie; sie hatte einen Ausdruck belebter Zufriedenheit, das Wesen einer verliebten Frau, deren Liebessache »gut steht«. »Verzeih, daß ich bei dir eindringe, Nal, mein Onkel schickt mich.« Wie natürlich, wie leicht sie dieses »mein Onkel« aussprach! Ich bat sie Platz zu nehmen. Und sie erzählte mir das Folgende. Nach dem Frühstück hatte sie mein Vater unter den Arm genommen, war mit ihr hinter dem Schloß auf und ab gegangen und hatte ihr im Wesentlichen dies gesagt: »Ich habe zu dem, was wir gestern besprachen, noch einiges hinzuzufügen. Ich wiederhole dir, daß dein Verlangen, in Aubiac zu wohnen, vollkommen berechtigt ist und daß ich kein Recht habe, mich dem zu widersetzen. Wir müssen nur noch die richtige Form suchen. Darüber sind wir ja einig, das heißt: du mit mir. Das nächste, was zu tun ist: du mußt mit Arnal sprechen. Tu es heute nachmittag.« Darauf fuhr er im Auto mit dem Gärtner weg, um Lorbeerbäume zu kaufen; es ist da im Park etwas zu erneuern. Sidonie war wieder auf ihr Zimmer gegangen und war da bis fünf Uhr geblieben. Sie hatte sich, wie sie mir sagte, nicht getraut, gleich zu mir zu kommen: sie fürchtete die Wirkung ihrer Beichte auf mich. (Ich glaube gern, daß sie einige Verlegenheit verspürte; aber die war völlig aus ihrem Herzen geschwunden, als sie mit mir sprach; diese Verlegenheit lag nur in ihren Worten. Was in ihr vorherrschte, war die Befriedigung darüber, mich endlich von sich unterhalten zu können.) Als sie mich nicht herunterkommen sah und besorgte, der Vater würde vor unserer stattgehabten Besprechung zurückkehren, entschloß sie sich, zu mir heraufzukommen. »Ist es nicht erstaunlich,« schloß sie, »daß alles sich so leicht erledigt?« Ich selber fand die Abmachung so unglaublich, daß ich eifrig suchte, was sich in Wirklichkeit dahinter verbarg. So plötzliche und bestimmte Entscheidungen lagen in der Art meines Vaters; vielleicht war es auch die Sorge, die Nachbarn könnten Einblick in die Verhältnisse seines Hauses gewinnen. Aber daß dieser Herr kampflos auf seine Gefangene verzichtete: nein, das war nicht wahr . Die fieberhafte Leidenschaft, die ihn an sie band, konnte nicht vor so schwächlichen Zufälligkeiten den Platz räumen und verzichten. Ich wollte Sidonie nicht entmutigen. Ich warnte sie zwar vor einem allzu großen Optimismus, empfahl ihr aber, den Vater sprechen zu lassen und insbesondere ihm gegenüber jede Anspielung auf meine Person möglichst zu vermeiden. »Aber,« fragte sie da plötzlich (denn im Grunde dachte sie nur an die Liebe, an die , die sie fürchtete, und an die , die sie verlangte)   »aber wenn er noch will ...?« Ich antwortete ziemlich schroff: »Sei ganz beruhigt. In diesem Augenblick will er nichts.« Und ich fühlte, wie sie auf ihre Beichte kommen wollte, um den Eindruck zu erfahren, den sie mir gemacht habe, unsere Intimität zu erneuern durch das gemeinsame Bereden dieser ganzen Schande, deren sie sich kaum mehr schuldig glaubte, da alles vorbei war . Ich sprach ihr nicht einmal von meinem Plan, auf den ich noch nicht verzichte, weil er mir als die beste Lösung scheint; ich bin durchaus nicht sicher, ob sie dann nicht mit dem andern davon sprechen wird. Vor ihr selber muß ich sie schützen, da ihr Herz ganz schutzlos war! »Ich muß jetzt hinunter«, sagte sie schließlich. »Es wäre mir unangenehm, wenn er mich mit dir träfe.« Unsere Hände haben sich nicht berührt. Aber daß sie sich mir ganz schenkte, brach aus dem Blick ihrer Augen, als sie mir sagte: »Dann auf Wiedersehn ...« Bedauernswerte Gefangene! Kaum der Fesseln ledig, lebt sie in keiner andern Hoffnung, als sich anderwärts in Fesseln zu legen! 23. September. Was ich nicht für möglich gehalten hätte, fängt an, Wahrheit zu werden. Was ich noch vor ein paar Tagen als leeres Gerede ansah, als mir Sidonie sagte, daß er sie freigebe, sich der Abreise seiner Gefangenen nicht widersetze, nimmt Gestalt an, ist auf dem Wege, sich zu erfüllen. Wäre ich der Erfüllung völlig und ganz sicher,   welche Beruhigung! Aber selbst mit solchen Zweifeln beobachte ich die beiden Personen des Dramas mit leidenschaftlichem Interesse! Nicht die leiseste Unsicherheit über den Ausgang berührt Sidonie; mit der Leichtigkeit ihres Geschlechtes glaubt sie (weil sie es eben glauben will) fest daran, daß der Tyrann von gestern gezähmt ist und verzichtet hat. Für den Augenblick sieht sie nicht darüber hinaus. Ihr Ziel   nur mit Grauen würde sie sich es eingestehen   ist: den einen durch den andern zu ersetzen, von einem befreit zu sein, um dem andern zu gehören, wenn er nur wolle; sie würde sich ihm ergeben, sofort und bedingungslos, wenn er es wollte. Sie hat, um neues Vertrauen zu sich zu gewinnen, ihre Seele vor der Schändung wiedergefunden. Wenn das, was sie unbewußt sucht, Wirklichkeit wird, dann wird sie sich für gereinigt und wiedergeboren halten. Diese naiv-egoistische Auffassung der Moral, dieser Glaube an den Wert der Hingabe ihrer selbst, hat mich und wird mich immer hindern, von dem berührt und verwirrt zu sein, was die Frauen ihre Liebe nennen. Was den Vater betrifft, so sah ich zum ersten Male die außerordentliche Kompliziertheit seines Charakters und seiner Veranlagung. Das soll nicht heißen, daß ich ihn nun kenne oder verstehe. Nur das geschah, was zwischen uns nie möglich gewesen war: wir sprachen frei und, wie es schien, offen miteinander über den Mittelpunkt seines Lebens: Sidonie. Die unerläßliche Forderung zwischen uns war diese: daß ich nichts von der ganzen schuldigen Vergangenheit weiß. Ohne das hätten wir nicht drei Sätze wechseln können. Ich nahm diese Forderung schweigend hin und war an der ganzen Unterhaltung über die Zukunft der Gefangenen nur als Dritter beteiligt. Es war selbstverständlich eine rein geschäftliche Unterredung: wie man die junge Schloßherrin von Aubiac installieren wird, wer ihr dabei hilft, wer zu ihrer Dienerschaft gehören wird. Sidonies Vermögen ist bescheiden, aber in unserer glücklichen Gegend kann man, selbst heute noch, vom Erträgnis des Bodens leben und seinen Rang unter seinesgleichen behaupten, von denen nur sehr wenige wirklich reich sind. Ihm schien diese Unterhaltung über ländliche und häusliche Wirtschaft Vergnügen zu machen. Man konnte zuweilen den Eindruck haben, ein Vater verheirate seine Tochter und nehme tätigen Anteil an der Gründung eines neuen Herdes. Mindestens jeden dritten Tag fährt das Paar, Sidonie am Steuer, im Auto nach Aubiac. Es gibt Besprechungen mit Bauleuten in der Nachbarstadt. Man erzählt mir davon und verlangt, meine Meinung zu wissen, die ich gebe. Wen will man täuschen? Sidonie? Oder sie und mich? Oder täuscht sich mein Vater selber und läßt er, den Gedanken einer endgültigen Trennung nicht ertragend, die Dinge laufen und sagt sich, daß er die Entschlüpfte schon wieder heut oder morgen einfangen würde, wenn ich nicht mehr da sein werde ? Diese Annahme scheint mir im Augenblick die wahrscheinlichste. Hauptgrund: ich halte meinen Vater für zu scharfsichtig, um sich jetzt über die heimlichen Wünsche Sidonies etwas einreden zu können. Als ein Mann der Liebe hat er von den Frauen, insbesondere von dieser, eine Anschauung, die gleichzeitig zärtlich, tyrannisch und verächtlich ist, eine Anschauung, die sich fast mit der der freiwillig Enthaltsamen deckt. Ein für allemal ist er sich über das Wesen der Frau klar geworden. Sobald eine Frau ihr sehnliches Verlangen auf einen Mann eingestellt hat, beherrscht dieser Mann sie restlos. Mein Vater weiß das. Aber er fühlt auch, daß er nicht mehr das bevorzugte Wesen ist. Er kennt schließlich auch dieses absolute Gesetz: nie entscheidet sich eine Frau, eine alte und lustvolle Verbindung zu lösen, wenn nicht ein anderer Mann Ziel ihrer Sehnsucht geworden ist. Was Sidonie betrifft, so gab es außer ihm nur mich als Möglichkeit. Sidonies Wille zum Bruch traf zusammen mit meiner Rückkehr und meinem Bleiben in La Gatère. Mein Vater hat verstanden. Beim ersten Zusammenstoß (in der Nacht ihrer Unterredung) hat er sich gewehrt, gedroht und sie schließlich um einen Aufschub gebeten. Aber als er mit sich allein die Sache überlegte, wurde ihm klar, daß ihm Sidonies Plan die einzige Chance einer Rettung bot. Aubiac, das bedeutete Trennung von ihm, aber auch Trennung von mir. Wenn sie von mir getrennt in einem anderen Hause lebte, würde ich sie sicher nicht verfolgen; mit der Witterung des Verführers fühlt er ganz gut, daß ich wohl ein Ratgeber, nicht aber ein Verbündeter Sidonies sein könne. Wohnt Sidonie nicht mehr unter demselben Dach, dann würde mein Einfluß auf sie aufhören. Es blieb nichts weiter übrig, als mich aus dem Lande zu entfernen; er sah richtig, daß mich außer meiner Mutter hier nichts hielt. Diese ganze Annahme stand auf gesunden Füßen und entsprach der logischen, abwartenden und unbeugsamen Art meines Vaters. Es fiel mir aber noch eine andere Möglichkeit ein: vielleicht hatte er sich einen Rückzugsplan zurecht gemacht, im Falle der erste Plan keinen Erfolg haben sollte. In jener Nacht der Auseinandersetzung ging mein Vater so weit, Sidonie zu sagen: »Wenn du einverstanden bist, heirate ich dich.« Sidonie wies ihn ab, und diese Abweisung machte meinem Vater wohl deutlich, daß sich Sidonie völlig befreit hatte. In diesem Augenblick muß die Gewalttätigkeit in ihm aufgeschäumt sein, und ich bin selber erstaunt, daß er sich beherrschen konnte. Lebt Sidonie erst einmal in Aubiac und ist er mit mir allein auf La Gatère, halte ich es nicht für ausgeschlossen, daß er sich zu mir wendet und mir die Wahrheit enthüllt. Kurz, er riskiert nichts, denn er ahnt, daß ich ihn erraten habe. Die kleine Erniedrigung der Beichte wird er mit dem Ruhm des Verführers zu decken wissen. Wie viele andere Verführer habe ich nicht schon mit vor Befriedigung leuchtender Miene mir erzählen hören, wenn sie mir einen Verrat gegen einen Freund gestanden: »Ja, ich war ein Elender ...« Und wenn er mir erklärt: »Ich bin bereit, Sidonie zu heiraten, ich bitte dich, übe deinen Einfluß auf sie aus, daß sie zustimmt,«   mit welcher Begründung könnte ich ihn von diesem Plan abbringen oder ihm meine Unterstützung weigern? Etwas macht mich dieser zweiten Annahme geneigt: weit davon, uns noch mehr einander zu entfremden, haben die letzten Ereignisse meinen Vater und mich einander näher gebracht. Ich habe nichts dazu getan, aber ich habe weder Kälte noch Abneigung gezeigt, um Sidonie besser nützen zu können. Es ist deutlich, mein Vater will mich für seine Sache gewinnen. Er tut das geschickt und taktvoll. Seine Lage ist nichts weniger als bequem, und ich muß seine Selbstbeherrschung, seine Seelenstärke unter feindlichsten Umständen bewundern. Welche Karriere hätte dieser begabte, mit so seltenen Eigenschaften ausgerüstete Mann machen können ohne diesen heimlichen Makel, der ihm die Waffe aus der Hand schlug und ihn unbeweglich machte! Eine Frau, nur eine Frau wie alle andern, die er nicht gewählt, sondern nur genommen hat, weil sie in einer kritischen Stunde gerade in der Nähe war, eine Frau, die jede andere Frau hätte ersetzen können! Ein Augenblick lustvollen Verlangens: und ein ganzes zerstörtes, vernichtetes Leben ... Brauchte ich noch einen Beweis für die Richtigkeit meiner Enthaltsamkeit, hier hätte ich ihn, und welch einen Beweis!   Ich bewundere den Mann, dessen Lebensweise ich hasse. Und er, der für mein Leben nichts als spöttische Bemerkungen hat, er nähert sich mir gerade wegen meines freiwilligen Zölibates. Er zittert bei dem Gedanken, Sidonie hätte sich in einen anderen als mich verlieben können, der nicht solche Sicherheit böte. Er ahnt in mir einen sicheren Vertrauten, bei dem sein Geheimnis keine Gefahr läuft ... Ich fühle es, wie er zögert, bereit ist, mir zu beichten, mich um meinen Beistand zu bitten. Und ich gestehe, daß ich in solchen Augenblicken in ihm ein leichtes Zucken seines väterlichen Gefühles errate, und ich stelle in mir überrascht ein gleiches kindliches Beben fest, ein Sohnesgefühl. Aber das ist nur ein Waffenstillstand; die Zukunft ist dunkel ... 3. Oktober. Harter Tag für mich. Gegen elf Uhr vormittags klopft Sidonie bei mir und tritt ein. Seit ihrer Beichte verkehrt sie mit mir ganz ungeniert. Sie hat in ihrer Niederschrift ihre ganze Schande ausgeschüttet; sie hält sich für freigesprochen. Übrigens sprechen sich die Katholiken nicht selber frei; das denn doch nicht! »Ich muß dich um eine Gefälligkeit bitten, Nal, versprich mir, daß du es für mich tust.« Ich hasse diese Formel, mit der uns die Frauen mißbrauchen, wenn sie auf unsere männliche Gutmütigkeit rechnen. »Nein,« antwortete ich, »ich verspreche dir nichts, es sei denn etwas, womit ich dir nützen kann.« Sie tat, als merkte sie nichts. Sie ist schon zufrieden, wenn ich mit ihr spreche und besonders über das, was sie und ihren Wunsch nach Befreiung betrifft. »Es handelt sich darum: Mein Onkel und ich, wir haben uns mit den Handwerksmeistern für den Nachmittag in Aubiac verabredet. Mir war so, als ob es meinem Onkel sehr lieb wäre, wenn du mitkämest.« Das durfte wahr sein, öfters schon hatte mein Vater darauf angespielt, daß ich mit meinen Kenntnissen über Baumaterialien und was damit zusammenhängt, mich in Aubiac nützlich machen könnte. Es handelte sich im Grunde darum, öffentlich das Einverständnis des Sohnes mit der Niederlassung Sidonies zu zeigen. Die Unantastbarkeit der Familie, das ist ja die Religion dieses Verächters von Gesetz und Sitten ... Ich überlegte. »Du schweigst? Hast du etwas dagegen?« fragte Sidonie. Und sie entfaltete ohne besondere Absicht, nur aus ihrem Instinkt der Verführung heraus, den ganzen Reiz ihres Wesens in Haltung und Blick. Nichts stößt mich mehr ab. Sie muß es bemerkt haben, denn sie fügte rasch hinzu: »Nein, nein, wenn es dich langweilt ... verzeih.« »Wozu soll das denn dienen?« sagte ich. »Mein Gott, ich möchte eben gern, daß mein Haus dir nicht mißfällt! Und dein Vater hätte es wirklich gern, wenn du mitkämst.« Nach einigem Schweigen, mit gesenkten Augen: »Und dann, weißt du, allein mit ihm dort, ich versichere dir, es gibt Augenblicke, wo ich Angst habe. Er wird da plötzlich wie abwesend und ganz benommen. Wenn Du nun dabei wärst ... Wenn du bloß im Hause wärst ...« Das klang durchaus aufrichtig; sie war blaß geworden   zweifellos überwältigte sie eine Erinnerung   kein gewollter Ausdruck zeigte sich in ihrem Gesicht. Ganz leise setzte sie noch hinzu: »Ich möchte, daß du uns nicht verläßt.« »Ich werde mitkommen.« Sie machte eine Gebärde, als ob sie mich küssen wollte, traute sich aber nicht und streckte mir nur die Hände hin. »Du bist gut. Ich danke dir. Laß mich nicht im Stich.« Als sie weg war, kamen mir wieder Zweifel. Ist das wahr mit der Angst? Oder verlangt man meine Gegenwart, um sich in ihr zu gefallen? Ich bin doch nichts weniger als liebenswürdig. Bei Tisch konnte ich feststellen, daß Sidonie nicht gelogen noch sich etwas eingeredet hatte. Mein Vater sagte: »Wir brauchen deine Weisheit, Arnal. Du bist ein bißchen Ingenieur und ein bißchen Architekt.« »Wie eben fast alle Offiziere im Orient habe ich unter andern militärischen Metiers auch das eines Baumeisters ausgeübt, eines ganz mittelmäßigen, wie ihr euch denken könnt. Verfügt über mich.« Was für einen bohrenden, tiefen Blick er mir gibt, und wie er mir zuhört! Wie er meine geheimen Gedanken erforscht, ob ich nicht doch vielleicht ein möglicher Feind bin! Nein! Ich bin es nicht. Wie Sidonie habe ich, gegen meine Absicht, und wenn er sich nicht beobachtet glaubte, die Beklemmung seines ganzen Wesens bemerkt, wie sie sich einmal in stummer Erstarrung, dann wieder in unnatürlich lebhafter Rede zeigte; heimlich weinte er sicher, ohne Tränen und ohne Stimme. Nein, ich bin nicht der Feind dieses Unglücklichen und werde es nicht sein. Seine Heilung, im ganzen menschlichen Sinn dieses Wortes, beschäftigt mich ebenso wie die Sidonies. Gelingt es mir, Sidonie wirklich zur Flucht zu bringen, wird es meine Aufgabe sein, über den alten verlassenen Geliebten zu wachen, ihn an einem Akt der Verzweiflung zu hindern, ihn nach und nach zum Verzicht und zum moralischen Frieden zu bringen. In Anbetracht seiner seelischen Eigenschaften ist das durchaus kein Hirngespinst. Und ... dann werd' ich ihn vielleicht wirklich lieben. Schon jetzt fühl' ich mich ihm viel näher. Wie sehr unterscheidet er sich doch durch seinen grenzenlosen Schmerz, der von seinem unbeugsamen Entschluß beherrscht und mit soviel Würde verhüllt wird, von seiner einstigen Geliebten, die bereit ist, ihn zum Opfer zu bringen, um ein neues Glück zu erlangen. * Ich fuhr also mit ihnen nach Aubiac, Sidonie saß am Steuer wie immer. Ganz formell wurde mir von meinem Vater der Platz an ihrer Seite zugewiesen, er selber setzte sich in den Fond des Wagens. War ich nicht der »Eingeladene«? Ich habe nichts gegen die Bücherromantik; aber seit dem finsteren Zusammenbruch meiner Romantik auf der Schule ist mir die Romantik im praktischen Leben höchst zuwider. Ich werde grob, wo ich auf so etwas treffe. Vor der Abfahrt von La Gatère hatte ich mich also in die Schule genommen. Vorsicht vor traditioneller poetischer Gerührtheit! Vorsicht vor den Gemeinplätzen der Empfindelei: Landschaften der Kinderzeit, Kontrast zwischen der unwandelbaren Dekoration und dem Wandelbaren und Vergänglichen der menschlichen Bestimmung usw. Ich war gegen all das gerüstet. Aber warum hatte ich nicht geahnt, daß das Aubiac von heute mich gerade durch Erinnerungen an Dinge verletzen würde, von denen ich gar nicht Zeuge gewesen war und von denen ich beinahe bis gestern nichts gewußt hatte? Die Niederschrift Sidonies enthielt von dieser Vergangenheit eine fragmentarische, unvollkommene und unzusammenhängende Darstellung, die aber doch eindringlich wurde durch die Liebesgefühle, die sie da, ohne es zu wollen, einfließen ließ. In meiner eigenen Erinnerung und in meiner Phantasie nahm das, je mehr wir uns dem Ziele näherten, eine merkwürdige Wirklichkeit an ... Dieser selbe kleine Wagen umschloß sie; die beiden Leute im Hause waren weggeschickt worden, so daß es leer war ... Da ist der Hof ... Das Auto wird besorgt, wie Sidonie es erzählt hat ... Das Vestibül ... Der große Salon im Erdgeschoß ... Schon wird mir das Atmen schwer; schon ist es mir unmöglich, meinen Blick auf die beiden Schuldigen zu richten. Kostbare Ablenkung: die bestellten Handwerksmeister kommen, der Schreiner für das Dach   es gibt keine Dachdecker in unserer Gegend   der Ofensetzer für die Öfen und Kamine, der Installateur für die Wasserleitungen. Man beratschlagt; und unter dem Einfluß der nüchternen Wirklichkeit und der Handwerker und ihrer mir immer so sympathischen Schlichtheit gewinne ich meine Fassung zurück. Wie hat diese Leute doch ihr Leben, das ganz in geraden, nützlichen Linien verläuft, auf natürlichste Weise vor dem bewahrt, was zu verjagen mir so viel Mühe macht! Was bedeutet für sie die Frau? Was die Liebe? Wie leicht ertragen sie das Schicksal, das sie mit irgendeiner von dem andern Geschlecht verbunden hat! Wie wenig verlangen sie von der Liebe, wie wenig von der Ehe ...! Die Vorschläge der Leute sind besprochen. Der Bleigießer entwickelt seine Ansichten, wie die Zimmer am besten vor dem Eindringen des Regens zu schützen seien. Er schlägt die Erneuerung einer Dachtraufe vor. Angenommen! Gehen wir ins Innere des Hauses. Die Treppe ... Die Doppeltür des Zimmers von Fräulein von Anglésis ... Mein Vater ist verschwunden; ich höre ihn im Korridor mit dem Zimmermann reden. Sidonie, etwas bewegt, aber doch sichtlich zufrieden, ist mit mir und dem Installateur die Treppe hinaufgegangen. Wird man das Zimmer betreten? Glücklicherweise nicht. Sidonie öffnet eine Tür auf demselben Flur, geht hinein, vom Arbeiter gefolgt. Es ist ein ganz kleines Zimmer. Von der Schwelle aus höre ich sie erklären, mit der hohen Kopfstimme, die sie im Gespräch mit den Leuten und den Handwerkern annimmt, und die mich etwas nervös macht: »Das wird das Badezimmer.« Ich entferne mich schleunigst, laufe die Treppe hinunter und stoße da auf meinen Vater, der zu mir sagt: »Was sagst du zum Badezimmer?« Ich gab Antwort mit einer vagen Kopfbewegung. Ich kam aus den Hof, von da in den kleinen verlassenen Park, wo ich mir eine Zigarette anzündete. Es kostete mich einige Anstrengung und einige Minuten, mich zu beruhigen und wieder ins Haus zu gehen. Wir fuhren zu dritt wieder ab. Sidonie beschleunigte die Fahrt, wir sprachen kaum ein Wort. Augenscheinlich waren beide etwas beunruhigt und hielten mich für absonderlich. Wie hätten sie auch verstehen sollen? Ich selber machte mir innerlich Vorwürfe. Diese Anfälle von Schwäche verkleinern mich in meinen Augen. Sie erschweren mir das Werk der Heilung, das allein ich vollbringen kann. Ich schwur mir feierlich in die Hand, künftig mehr Festigkeit zu zeigen. Ich werde als erster wieder mit Sidonie über das geplante Badezimmer sprechen und ihr dabei helfen. 8. Oktober. Die Tage gehen vorüber. Ein unveränderlicher blauer Himmel verlängert hier wie immer in dieser Zeit den verschwundenen Sommer. Ich habe etwas Angst vor dem ersten starken Regen, dem ersten schwarzen Himmel ... so als ob der augenblickliche Friede der Düsterkeit dann erliegen müßte. Inzwischen gehen die Dinge ohne Hast ihren Gang weiter, entwickeln sich unter dem gemeinsamen Bemühen von Sidonie, meinem Vater und mir selber. Ein jeder der drei in diesem Bund verfolgt ein anderes Ziel, das er den andern verbirgt. Es ist seltsam: was die arme menschliche Kreatur Liebe nennt, kann nur leben und gedeihen in der Lüge; und die Lüge vergiftet alles, was sich in die Liebe mengt. 10. Oktober. Zum erstenmal wagte sich das Gespräch zwischen meinem Vater und mir vorsichtig über das Geschäftliche, Familieninteressen und Wohnungseinrichtungen hinaus. Von seinem unerbittlichen Gram gemartert wagte er, mir zu sagen: »Man spricht viel von uns dreien in der Umgebung von La Gatère. Ich bekomme es zu hören, obwohl uns die Trauer isoliert.« »Was sagt man denn?« »Vor allem, ob du wohl dein Nomadenleben wieder aufnehmen, oder ob du die Tradition von La Gatère aufrechterhalten willst, der Sohn nach dem Vater, im alten Hause.« »Glücklicherweise, Vater, ist das Haus zur Zeit in recht festen und jungen Händen, man braucht sich da keine Sorgen zu machen.« »Man weiß nie, Arnal.« Nichts bewegte sich in seinem Gesicht, nicht ein Schatten ging darüber, während er sprach. Ich weiß wohl, das Gespräch war von ihm zuvor überlegt, und er hatte sich daher in der Gewalt. Aber ich empfand doch eine Erleichterung. »Dieser Mann«, dachte ich, »flüchtet sich nicht in den Selbstmord eines enttäuschten Schülers ...« Das war es, was ich zuweilen befürchtet hatte. »Ich brauche dir nicht zu sagen,« nahm er mit einer Art Scherz das Gespräch wieder auf, »daß du der Zielpunkt aller heiratsfähigen Töchter der Umgebung und ihrer Mütter bist. Einziger Sohn ... Eskadronchef ... im Krieg ausgezeichnet, Vermögen und Namen ... gutes Aussehn ... es gibt bei uns nicht viele Partien, die verlockender wären. Man hat mir sogar schon von einem jungen Mädchen gesprochen, die in der Tat in jeder Beziehung vollkommen ist ... Ein einziges Hindernis ... Würdest du eine Katholikin heiraten?« »Weder eine Katholikin noch eine Hugenottin, Vater. Ich blieb Junggeselle bis zu meinem zweiunddreißigsten Jahr und hab' mich dabei immer wohlbefunden. Ich habe die feste Absicht, darin keine Änderung eintreten zu lassen.« »Ah?« Und Schweigen. Wir schritten in der Allee, die den Park umgibt, ganz nah' beim Hause, in gleichem Schritt. Da bleibt mein Vater stehn und schaut mir ins Gesicht. Wie famos sieht er aus, wie verführerisch trotz Zeichen des Alters! Man begreift die Hinneigung der Frauen zu einem solchen Mann. Aber die Maske dieses Gesichtes ist undurchdringlich, selbst für mich, der ich die tiefe Gleichgültigkeit dieses Mannes gegenüber allem kenne, was mich betrifft, außer in meiner Beziehung zu Sidonie. Er sagt: »Darf ich dich was fragen ... ganz unter uns?« Hier scheint mir Vorsicht geboten. »Du kannst mich fragen, was du willst, Vater ... um so mehr, als ich errate, was du willst. Die einzigen Fragen, die dich interessieren, betreffen nicht die Vergangenheit, nicht wahr? Sie können nur die Gegenwart und die Zukunft betreffen. Und darauf antworte ich dir im voraus und mit einem Wort: Es kommt augenblicklich für mein Leben keine Frau in Betracht, sei es für die Ehe oder sonst. Und alles läßt mich darauf schließen, daß es auch niemals sein wird ...« Nichts verriet an ihm die Wirkung meiner Erklärung. Er überlegte, ich bin sicher, er war beruhigter. »Du nimmst mir hoffentlich meine Neugier nicht übel?« sagte er endlich. »Nicht im geringsten, Vater.« »Ich weiß jetzt also, was ich den Plänemachern zu antworten habe.« »Sag' ihnen schlankweg: Nein.« Sidonie kam auf uns zu, ohne zu ahnen, daß sie uns ungelegen kam. So blieb das Gespräch da stehen. Ich glaube nicht, daß ihn, was ich sagte, überrascht hat. Aber was muß es seinem Stolz gekostet haben, sich so weit herbeizulassen, mich über meine Pläne auszuhorchen. Jetzt denkt er über meine Antwort nach. Er sagt sich: Arnal legt keinen Wert darauf, hierzubleiben. Er macht sich nichts aus Sidonie. Er will weder ihr Liebhaber noch ihr Gatte sein; und aus dieser doppelten Sicherheit wird ihm Erleichterung. Das ganze Ziel seines Lebens gipfelt darin: Sidonies Geliebter zu bleiben oder ihr Gatte zu werden. Wenn nun Sidonie sich hartnäckig sowohl gegen das eine wie das andere sträubt, wäre es ihm bei seiner Art und seinem Vermögen trotz seines Alters leicht, eine viel schönere und jüngere Frau als Sidonie zu finden, und eine, die ihn liebt! Warum also seine Hartnäckigkeit? Warum? Ich machte einmal Fuchs gegenüber eine ähnliche Bemerkung, und der sagte: »Davon verstehst du nichts, mein guter Arnal. Du glaubst, daß eine Frau, die einer andern weder an Schönheit, noch Geist, noch irgendwie nachsteht, ihr an Wert gleichkommen müsse. Keineswegs. Das Problem der Liebe liegt in der Wahl, und diese ist fast immer unerklärbar.« Fuchs konnte mich nicht belehren. Im Laufe meines Jünglings- und Mannesalters hat sich mir immer wieder mit grausamer Klarheit enthüllt, daß die Frauen sich sehr wenig unterscheiden und daß das, was sie unterscheidet, nur die Wirkung auf die verschiedenen Männer ist. Und meine Unfähigkeit zur Wahl, meine Gleichgültigkeit kam daher, daß ich in der Frühe meines Lebens eine Frau gewählt hatte, und daß ich, ob ich wollte oder nicht, feststellen mußte, daß sie wie alle andern war. 12. Oktober. Mechanisch überlese ich den letztgeschriebenen Satz. Ja, Sidonie ist eine Frau wie alle andern, weder schlimmer noch besser. Für sie wie für die andern haben die Worte Versprechen, Wahrheit keinen absoluten Sinn. Wie soll man auch mit Sicherheit versprechen, etwas zu halten, wie soll man nicht lügen, wenn man doch niemals das gleiche Wesen ist? Keine Frau hat Beständigkeit. Man verläßt sie in einem gewissen Zustand des Gleichgewichts; eine Viertelstunde später trifft man nicht mehr dieselbe Frau. Ihr Gleichgewicht schwankt, oder sie ist überhaupt aus dem Gleichgewicht ... Ein vernommenes Wort, der Anblick eines Gegenstands, eine auftauchende Erinnerung: der Stoß hat, da er ihr Wesen traf, genügt, um sie zu ändern. Wenn sie sagte: »Ich schwöre, ich werde das tun«, war sie ganz überzeugt davon. Und wenn sie das Gegenteil tut, übt sie keineswegs Verrat, denn sie ist nicht mehr dieselbe Person, die geschworen hat. Du hörst sie mit dem Brustton der Überzeugung sagen: »Das habe ich nicht getan, ich schwöre, daß ich es nicht war ...!« obgleich sie es getan hat. Sie lügt nicht in dem Sinne, in dem ein Mann lügt. Tatsächlich ist die Schuldige, welche leugnet, nicht sie selbst. Es ist eine ihrer früheren und jetzt verworfenen Formen, und die Frau, die jetzt spricht, täte niemals das, was die Verschwundene getan hat. Solche Wechsel der Persönlichkeit sind besonders dann zu beobachten, wenn die Frau in der Liebe wechselt; denn die Liebe vertieft ihr Wesen, übersteigert ihre Natur. Da treibt sie ihre Fähigkeit zu lügen auf das äußerste: Aber gleichzeitig entreißt ihr zuweilen auch die Leidenschaft Aufschreie echter Aufrichtigkeit, die sie plötzlich entschleiern. Nachher bedauert sie das und beeilt sich, wieder zu ihren gewöhnlichen Mitteln zu greifen, um die Wirkung auszulöschen. Ich hatte heute morgen ein schönes Beispiel für eine solche seltene absolute weibliche Ehrlichkeit. Eine unwillkürliche, grandiose Aufrichtigkeit, und zwar bei folgender Gelegenheit. Mein Plan bleibt nämlich unverändert: der einmal in Aubiac eingerichteten Sidonie zu einer peinlichst vorbereiteten Flucht zu raten, während ich den Vater nicht verlasse, um ihn von einer unwürdigen Verfolgung abzuhalten oder vor der Verzweiflung zu schützen. Aber ein Skrupel quälte mich. Mein Vater hat Sidonie die Ehe angeboten. Und er ist immer noch dazu bereit. Nähme sie an, so wäre das die vornehmste und anständigste Lösung. Nach einigen Ausflüchten fühlte ich, wie der unerbittliche Richter meines Tuns, dieses tyrannische hugenottische Gewissen, das mich beherrscht, von mir verlangt, mit Sidonie darüber zu sprechen. Ich benützte einen dieser Augenblicke, in denen ich sie völlig, geistig und körperlich, als die meine empfand: die Reize der Frauen werden in solchen Augenblicken greifbar, ihre Verachtung für Ruf, Sitte, Geld, Gesundheit, Gefahren für sich und andere wird da absolut. Hätte ich in einem solchen Moment von Sidonie ihr Leben verlangt, ihr gesagt: »Du wirst mein sein, und nachher wirst du dich töten«, sie wäre mit Freuden auf den Handel eingegangen. Ich dachte, in einem solchen Zustand würde sie meinem vernünftigen Rat zugänglicher sein. Ein schwerer Irrtum, den mein Vater sicher nicht begangen hätte. Ich brachte es fertig, ihr im Augenblick, als sie sich dem Gefühl ihrer Liebe ganz überließ, gegen diese Liebe zu sprechen. Ich sagte ihr alles, so gut ich konnte, stützte mich dabei auf die Meinung der Familie, Gründe der Schicklichkeit und auf die Gefahr eines verzweifelten Entschlusses meines Vaters, etwas durchaus Mögliches, allerdings nur unter dem Gesichtspunkt, daß jeglicher Skandal vermieden wird. Aber gleich ward mir die Unklugheit meines Vorgehens deutlich. Ich sah in Sidonie, ja, wahrhaftig, ich sah das Phantom einer andern Frau in Sidonie erscheinen: eine feindliche, drohende, eine, die nicht die geringste Rücksicht nimmt, und deren entfesselte Zunge gegen ihren Willen Wahrheiten ausspeit, die keinen andern Sinn haben, als den andern am allerempfindlichsten zu verletzen. Zuerst mit stockender Stimme und ziemlich leise, dann mit immer größerer Geläufigkeit und anwachsender Heftigkeit rief sie: »Also das hast du gefunden? Sicher gemeinsam mit ihm ... Denn du verstehst, ich bemerkte euer Zusammenstecken seit einiger Zeit sehr wohl ... Also, damit du es nur gleich weißt ... und berichte ihm das auch, da du ihm doch alles berichtest, sag' es ihm, nie, nie, nie werde ich auch nur irgend etwas für ihn sein! Weder seine Frau noch sonst etwas! Lieber ließe ich mich in Stücke hacken. Der bloße Gedanke daran ... grauenvoll! Ich sollte ihm das Recht, das offizielle Recht ...« (Und jetzt zeigte sich der wahre Grund ihres Wutanfalles. Sie fuhr fort:) »Und daß du ... du mir diese Schweinerei vorschlägst! Aber es ist ja ganz natürlich. Für dich ist ja eine Frau nichts. Ist wie ein Tier, wie eine Kuh, eine Hündin ... Man befiehlt ihr: ›Geh mit dem!‹ und sie geht ... Und du hältst dich für einen großen Helden, weil du über die Frauen diese Meinung hast, und weil du für dich die Frauen entbehren kannst! Aber das ist nichts, um darauf stolz zu sein, weißt du ...« Von da ab hatte sie alle Fassung verloren; kaum waren ihre Lippen und ihre Zunge imstande, die Silben zu artikulieren: »Darauf brauchst du dir bei Gott nichts einzubilden! ... Dein Ruf ist nicht sehr schön ... Wenn du die Vermutungen kennen würdest ... Aber das geht schließlich nur dich an. Nur dräng' mir nicht deine Ideen auf! Du weißt nicht, was das ist, eine Frau ... Wie solltest du auch ... Du kannst nicht ... du bist kein ...« Sie stotterte, und sie hatte etwas Traurigkomisches, diese ihre Unfähigkeit, das beleidigende Wort zu finden, das sie gegen mich schleudern wollte. »Du kannst das Herz einer Frau nicht kennen ... ihre Empfindung, ihre Würde. Ja, ja, ihre Würde! Halt' dich doch nicht für einen Gott, weil du niemals ein Weib berührt hast! Wer das, mein armer Arnal, das ist kein Leben, dein Leben ...! So lebt ein Stein. Da ist mir das meine lieber, wie es auch war. Ja, ich wurde unwürdig genommen. Ich bin widerrechtlich genommen worden, das weißt du wohl. Aber schließlich war ich keine Gefühllose, keine Egoistin ... Ich habe mich hingegeben. Ich habe jemand Glück gegeben. Ich habe sein Leben ausgefüllt. Alles besser als dein Egoismus. Selbst dein Vater ist besser, ja, ja! Er ist mehr wert als du. Er hat Rasse und ist wirklich ein Mann. Wenn ich an den Freund, den Beschützer denke, der er für mich war, verzeih' ich ihm alles. Und sein Leben, wie er es führt; in einem bestimmten Sinn finde ich es herrlich und großartig ... Er ist gut, in der Tiefe seines Herzens ist er wirklich gut und tapfer, tapfer ... Er ließe sich nicht solche Dinge ins Gesicht sagen, ohne sich zu rühren!« Und da ich tatsächlich mich weder rührte noch antwortete, brach sie in Tränen aus und lief fort. Ich machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Ich stand auf und wanderte langsam im Parke auf und ab und dachte über das nach, was sie mir eben gesagt hatte. Sie vermutete mich wohl im Hause; denn ganz plötzlich, als ich in eine Allee bog, stand sie vor mir. Eine ganz andere Sidonie, ruhig und bescheiden, ganz blaß und niedergeschlagen. Sie kam auf mich zu, nahm schüchtern meinen Arm und sagte: »Ich war vorhin verrückt. Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe. Aber es war nicht ich, die gesprochen hat. Ich fühlte mich, ich war eine andere. Du verstehst, ich bin augenblicklich sehr nervös ... Bist du mir böse? Sag'! Drück' mich ein bißchen an dich!« Ich gehorchte, aber sie sagte doch nicht das, worauf es mir allein ankam: »Ich will deinen Vater heiraten.« Ihr echter Zornausbruch bewies mir, daß sie nichts dazu bringen würde, weder jetzt noch je, was auch immer geschehen möchte. Also weiter und ohne Zaudern den einfachen Plan verfolgen! 15. Oktober. Nach drei Tagen Pause nehme ich meine Betrachtung über die unerwartete Szene wieder auf. Ich weiß wohl, als Sidonie mich beleidigte, gehorchte sie einem innern Dämon, der vorübergehend Besitz von ihr ergriffen und den sie gleich darauf vertrieben hatte. Was sie sagte, zählt nicht, außer daß sie nie meinen Vater heiraten würde, da seine bloße Erwähnung sie schon so außer sich gebracht hatte. Überdies sind die Worte, die sie aussprach, gar nicht Ausdruck ihrer Gedanken; sie nahm in ihrer Wut, was sie fand, fertige alberne Wendungen wie »Lieber ließe ich mich in Stücke hacken« oder »Dein Ruf ist nicht sehr schön«. »Du hast niemals eine Frau berührt«. Dann die hübsche Reihenfolge ... »Ich wurde widerrechtlich genommen ... Er ließe sich solche Dinge nicht ins Gesicht sagen« usw. In ihrem Zorn läßt sich auch die besterzogene Frau gehn. Ich nehme ihr alles das, was sie mir entgegen geschleudert hat, nicht übel. Das meiste will ich nicht einmal behalten. Von all dem Bösen, was über ihre Lippen brach, will ich nur zweierlei bewahren und erwägen, weil es mein Gewissen ein wenig beunruhigt. Sie hat mich ganz aufrichtig des Egoismus beschuldigt. Ganz ehrlich hat sie auch mein Leben als ein minderwertiges (als das eines Steines) angesehen und nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das des Mannes, der sie genommen hat, höher als das meine an Menschenliebe, also an Würde gewertet. Und: sie denkt das wirklich. Sie sagt es nicht nur. Auch wenn sie es jetzt leugnete: sie denkt noch jetzt so. Ist das gerecht? Hab' ich wirklich wie ein Stein gelebt? Stimmt das? Bin ich ein Egoist? Ich liebe diese Auseinandersetzungen mit mir selber. Vielleicht liebe ich sie zu sehr, gefalle ich mir zu sehr darin. Ich weiß übrigens, daß die Selbsterforschung verdächtig ist. Ist man selber sein Verteidiger und Richter, so besteht die Gefahr, daß der Verteidiger beredt und der Richter nachsichtig ist. Bemühen wir uns also, gerecht und aufrichtig zu sein. Wie ein Stein? Nein, mein inneres Leben mag wie immer gewertet werden, es war viel intensiver als das der meisten Männer der Liebe, die ich kannte. Zwischen Kindheit und Jünglingsalter verbrannte ich viel mehr sentimentales Unkraut, als die meisten Männer ihr Leben lang verbrennen (Das Bild ist nicht hübsch, aber was liegt daran?). Dieses Sittichweibchen Sidonie glaubt, ich schritt durch die Reihen der Frauen eisig, ungerührt! Ich bin der Meinung, daß das Drama meiner Beziehungen zu Frauen eine viel innerlichere Form gehabt hat als die Abenteuer der meisten meiner Kameraden. Wie soll ich es aber dieser Gefangenen   den kleinen Basarmädchen gleicht sie, die mit zehn Jahren an reiche Greise verkauft werden   wie soll ich es ihr begreiflich machen, was mehrere Male in mir vorgegangen ist? Die Schönheit, die Anmut der Frauen,   glaubt sie denn wirklich, mich hätte das alles, was mir eine Frau schamhaft oder leidenschaftlich bot, ganz gleichgültig gelassen? Gewiß, sehr oft fühlte ich zuerst den Widerstand, das Nichtwollen in mir, aber ich habe nicht mit Gleichgültigkeit oder Verachtung vergolten, wie das Brauch bei den Frauen in ähnlichen Fällen ist. Ich bemühte mich, die Kranke zu heilen, ohne ihr weh zu tun. Nur wenige wandelten sich in Feindinnen. Ich behielt zärtliche, treue Freundinnen unter diesen Liebenden (zum Beispiel Luise G ..., Mathilde S. S ..., I. von L ...). In andern Fällen war ich der erste, der der Anziehung einer Frau unterlag. Nie setzte ich dem ein absichtliches Nichtwollen entgegen. Ich habe nicht den Hippolyt gespielt. Ich ließ in mir die süße Freundschaft, die verliebte Freundschaft mit einer Art wohlwollender Neugier wachsen, zuweilen amüsiert, zuweilen beunruhigt. Ich war bereit, meine Männerrolle wie alle andern durchzuhalten, im Gefühl, daß ich sie durchhalten konnte, wenn ich wollte. Ist's mein Fehler, daß in dem Maße, als die entscheidende Stunde herankam, mich eine besondere Hellsicht, mit der mich der Schöpfer begnadete, den zunehmenden Wandel der verliebten Frau in ein leeres Gefäß für Liebkosungen entdecken ließ, in dem allmählich die Tierhaftigkeit jede Persönlichkeit auslöscht? Ich leugne nicht, daß hierin im Vergleich mit andern Männern eine Minderwertigkeit liegt, vielleicht aber auch eine Überlegenheit. Was konnte ich tun? Mich blind in die Probe stürzen,   ich zitterte vor Ekel. Ich muß ewig dafür leiden, daß mein erstes Verlangen mit einer häßlichen Enthüllung endigte, die jede Wiederholung unmöglich machte. Ich bin dafür nicht verantwortlich. Meine Gefühle sind nicht die aller andern. Aber mich gefühllos zu nennen, ist unrecht. Von der Enthaltsamkeit auf Gefühllosigkeit zu schließen, heißt nie darüber nachgedacht haben, was das eine und was das andere bedeutet. Unempfindlich also, wie ein Stein, das bin ich nicht. Egoist? Das ist eine scharfsinnigere Anklage. Trotzdem bin ich sicher, sie beruht auf einer falschen Annahme: nämlich daß ein Mann, der eine Frau durch die sinnliche Liebe glücklich macht, eine altruistische Tat vollführt. Nichts ist falscher. Das Gegenteil ist wahr. Nie habe ich einen Mann gesehen, der im Besitz einer Frau das Glück dieser Frau suchte (auch nicht das Umgekehrte übrigens!). Die sinnliche Liebe ist ihrer Natur nach wilder, grausamer Egoismus. Das Tier und der unzivilisierte Mann genießen das Weibchen wie einen Trunk oder ein Nahrungsmittel. Die Zivilisation verhüllt diese ursprüngliche Grausamkeit, aber sie zeigt sich wieder in den Übergangszeiten. Das Verbrechen aus Leidenschaft ist nichts anderes als der öffentliche, schändliche Ausbruch eines Gefühls, wie es allen Liebenden eigentümlich ist: »Du sollst mir gehören und mich lieben, denn meine Sinne begehren dich«,   das ist allerdings ein höchst seltsamer Altruismus! Das Leben meines Vaters liefert die Erläuterung dazu. Er hat das ihm vom Gesetz anvertraute Kind vergewaltigt und unterworfen. Er hat sein Vergnügen darin gefunden. Er gestattet nicht, daß der andere Teil sich von ihm entferne: sie soll ihre Kette so lange lieben, als es ihm gefällt, sie ihr aufzulegen. Und sie handelt nicht anders. Von dem Tage ab, wo ihr die Sklaverei keine Wollust mehr verschafft, liegt ihr nichts daran, ob der Herr darunter leidet oder daran stirbt! Jeder ist sich selbst der Nächste! Die körperliche Liebe ist die brutalste Form menschlicher Eigensucht. Ist Rückkehr zur anfänglichen Wildheit des homo animal . Am selben Tag abends. Seitdem sie mir meinen Egoismus und meine Unempfindlichkeit vorgeworfen hat, ist Sidonies Haltung mir gegenüber die Unterwerfung einer Sklavin. Arme, schwache Seele, für die Knechtschaft gemacht: sie muß einen Herrn haben. Mir standgehalten, mich beleidigt zu haben, davon ist sie noch verliebter geworden. Gefährlicher Fortschritt. Jede verliebte Frau empfindet das zwingende Bedürfnis nach Liebkosung und nach Anwesenheit des Geliebten. Aber es muß bei meinem Vater um jeden Preis die Überzeugung erhalten bleiben, daß Sidonie mir gleichgültig ist. Das ist übrigens nicht die genaue Wahrheit. Gleichgültig ist sie mir durchaus nicht. Ich empfinde für sie ein starkes Mitleid; ich habe mich entschlossen, ihr zu dienen und sie zu retten, ich würde sogar damit einverstanden sein, ihr Leben zu leiten, wie ein Bruder das seiner ins Unglück geratenen Schwester, aber unter der einzigen Bedingung, daß sie die Rolle der Schwester annimmt. Und wenn sie mich dann fragen wird: »Liebst du mich?« dann kann ich ihr aus ganzem Herzen antworten: »Ja, ich liebe dich.« Wenn sie mich jetzt so fragt   und sie tut es oft, ohne zu wissen, wie weh sie mir damit tut  , weiß ich, was diese Frage bedeutet, und kenne die Antwort, die sie befriedigen könnte. Ihre Frage will sagen: »Begreifst du nicht mein Verlangen?« und die erwartete Antwort soll lauten: »Ja, ich begreife und teile es ...« Werde ich ihr eines Tages sagen müssen, daß der bloße Gedanke, meinen Vater hierin zu beerben mich in meinem Junggesellentum bestärken würde, hätte ich mich nicht schon längst darauf eingestellt. Um nicht fortwährend der Aufmerksamkeit Sidonies ausgesetzt zu sein, muß ich vor allem wünschen, daß sich die Übersiedlung nach Aubiac so rasch als möglich erledige. Aber weder sie noch mein Vater haben Eile damit und jeder aus anderen Gründen. So ist das Haus hier weiter ganz vergiftet von Lüge, und auch ich habe mein Teil daran, mindestens durch mein zurückhaltendes Schweigen; weder der Vater noch Sidonie kennen meine wahren Absichten. Wenn ich aus dieser üblen Atmosphäre fliehen könnte, welche Erleichterung! Ich habe meine Ausflüge zu Rad wie ehemals wieder aufgenommen. Ich durcheile aufs neue die Landschaft meiner Kindheit. Damals fuhr Sidonie an meiner Seite, und ich lehrte sie, das Antlitz der Dinge verstehen, Geschmack finden an der bescheidenen Schönheit eines alten Herrensitzes, der sich in einen Meierhof verwandelt hat. Allein! Jetzt ganz allein! Und allein für den Rest meines Lebens ... Ja. Aus dieser Einsamkeit entwickelt sich vielleicht eine gewisse Dürre des Herzens. Aber ich habe wenigstens aus meiner Vergangenheit keinerlei erniedrigende Erinnerung. Ich habe niemals unter dem Vorwand, zu »leben« und zu »lieben«, einen Mann verraten oder eine Frau beschmutzt. 20. Oktober. Zum erstenmal seit ich auf der Welt bin, hat mich heute morgen mein Vater geküßt. Das will sagen, daß ich zum erstenmal durch diese Berührung das Bedürfnis nach einer innigen Vereinigung der Seelen verspürt habe, welche die gegenseitige Umarmung von Männern mit einem so rührenden Ungeschick ausdrückt. Wir hatten gegen elf Uhr im Schloß eine Besprechung mit dem Notar Capot   ohne Sidonie   wegen der Regelung der Erbschaft meiner lieben Mutter. Die paar wichtigen Punkte waren rasch erledigt, aber da hatte der Notar noch zehn völlige Bagatellen, über die er sich mit dem dunklen Wortschwall der Leute vom Gesetz endlos verbreitete. Mein Vater und ich, wir gaben beide unserm Widerwillen gegen das Geschwätz Ausdruck, in dem sich Geldsachen mit Erinnerungen an geliebte Tote widerlich mischten. Das brachte uns näher. Was alles der Notar vorschlug, wurde ohne Diskussion gebilligt, um nur endlich zum Schluß zu kommen, und wir setzten unsere Unterschrift unter die vorbereiteten Papiere. Ich war bewegt von der tiefen Andacht, mit der Vater von der Toten sprach. Also hatte er sie geliebt in den langen Jahren, in denen sie nur ein Schatten des Lebens war, obgleich er sein Leben einer andern Frau gewidmet hatte und leiblich und geistig dieser anderen gesunden und schönen Frau verbunden gewesen war. Das ist die menschliche Auffassung der Liebe seit Jahrtausenden. Ich ziehe meine Enthaltsamkeit vor. Als der Notar gegangen war, atmeten wir auf. Die Erinnerung an die Tote hatte uns beide erschüttert. Wir blickten uns an. Wie alt er geworden war und wie traurig, wie schrecklich traurig er aussah! Vielleicht war mir das tiefe Mitleid, das ich für ihn empfand, in die Augen getreten; er schloß mich in seine Arme. Wir sprachen kein Wort. Er löste sich als erster und verließ rasch das Zimmer. Vom offenen Fenster aus folgte mein Blick seiner hohen Gestalt. Er schritt dahin wie ein Jüngling, und als er sich halb umwandte (zum Zimmer Sidonies hin), stellte ich fest, daß er lächeln wollte. Bei Tisch war er ganz besonders gesprächig und geistreich. Als ob er den Augenblick des Selbstvergessens bedauerte. 25. Oktober. Ohne Zusammenstoß, ohne Lärm, ohne Zwischenfälle, wie dieser sich entblätternde Herbst, gleitet die kleine menschliche Gruppe unter dem Schutz unseres alten Hauses ihrem Schicksal zu. Sollte der blinde Optimismus Sidonies, dieser törichte und hochmütige Optimismus einer von der Hoffnung auf Liebe besessenen Frau recht behalten gegen meine Furcht vor Schlimmerem? Dem Anschein nach möchte man es glauben. Die modernisierenden Veränderungen in Aubiac sind bald fertig; das Datum des Einzuges der Befreiten ist noch nicht festgesetzt, aber wir sprechen zu dritt davon als nächstem Ereignis. Aubiac wird also bald bewohnbar sein. Eine Verzögerung verursacht noch die heute etwas schwieriger gewordene Suche nach jenem unentbehrlichen Menschenpaar, das früher in unserer Gegend noch recht verbreitet war: der verheiratete Mann für alles, vom Striegeln der Pferde bis zum Bedienen bei Tisch und seine Frau Köchin, Wäscherin, Kammerfrau und Näherin. Heute Morgen hat sich ein solches Paar vorgestellt. Sidonie war noch nicht heruntergekommen, so hat Vater die beiden Leute empfangen. Ich war dabei. Er fragte sie eingehend nach allen Einzelheiten, erklärte ihnen, was sie zu tun hätten, las aufmerksam ihre Zeugnisse: er hätte sich nicht mehr Mühe geben können, wenn es sich um eigene Leute gehandelt hätte. Die geringfügigsten Gewohnheiten Sidonies waren ihm gegenwärtig. Ich hörte ihm zu, beobachtete ihn. »Hat dieser klarsichtige und bestimmte Mensch also sein Los auf sich genommen?« fragte ich mich. »Die Ehre des Hauses ist also stärker gewesen als seine alte Leidenschaft? Wer er rechnet auch mit dem weiblichen Wankelmut, mit meiner Abreise, mit der Zeit ...« Er fuhr fort: »Das Fräulein nimmt ihre Kammerjungfer Irene mit, die hier im Hause geboren ist. Sie müssen sich gut mit ihr verhalten, denn meine Nichte wird sich nicht von ihr trennen. Irene hat übrigens einen vortrefflichen Charakter ... Haben Sie schon ein Auto gewaschen, Jean? Ja? Können Sie Pneus aufpumpen, einen Gummireifen wechseln?« Ich mußte mich fragen, ob diese übertriebene Genauigkeit nicht für mich bestimmt war. 28. Oktober. Ist es die Wirkung des gedämpften Lebens um mich, eines Lebens, in dem die Angst nicht mehr ununterbrochen droht? Obwohl ich mich instinktiv gegen die sentimentalen Ergüsse wehre, die wir den Dichtern entnehmen   die das, was in uns vorgeht, in unvergeßliche Worte zu kleiden wissen   lasse ich mich von dem Hause, von der Landschaft wieder einfangen. Alles trägt dazu bei, daß mir meine Kinderzeit wieder erwacht, diese unruhige und doch so fruchtbare und beglückte Zeit, die Besseres versprach, als mein späteres Leben hielt. Als ich hierher zurückkam, war mir das väterliche Haus fast verhaßt. Erleichtert fühlte ich mich nur im Krankenzimmer der Mutter. Nun schmelzen allmählich meine schmerzlichen Erinnerungen dahin in einen noch nicht ganz gefestigten Frieden, und ihre Bitterkeit bekommt einen Nachgeschmack, den ich zu genießen beginne, wenn ich sie freiwillig herbeirufe. Ich radle im Land umher. Ich begegne mir als Kind auf einem Dorfplatz, auf einer Fähre, bei einer Wegbiegung. An einem andern Tag, anstatt mich in meine Zimmer zu verschließen, gehe ich im alten Hause auf Entdeckungsreisen, als ob mich meine Kinderneugier riefe. Ich habe es gewagt. Ich zwang mich, den alten dunklen Korridor aufzusuchen, der in eine Obstkammer endigt. Der Geruch kürzlich gepflückter Äpfel umfing mich, und vielleicht war es ihr frischer Zauber, der genügt hat, das Auftauchen des bösen Bildes zu beschwören. Ich sah von dem Winkel des Ganges aus auf jene Türe; sie ist noch da wie damals ... Suche ich unbewußt das Verlangen wieder in mir zu wecken, das einzige meines Lebens, das so früh und für immer im Ekel unterging? Nein. Ich wollte mir vielmehr meine Standhaftigkeit beweisen. Sie hat nicht geschwankt. Ich stand da für ein paar Minuten; das verdrängte Bild tauchte auf; es brachte keine Fiber in mir zum Zittern, bewegte nicht einen Tropfen meines Blutes heftiger. Nur dieses fragte ich mich: ob die armselige Tierheit, welche die Menschen mit Gefühlen umkleiden, auch nur einen Hauch der Verachtung, einen Laut der Entrüstung wert ist. 14. November. Seit über 14 Tagen nichts geschrieben ... Wie an der lothringischen Front 1918. Aber damals war es ein Monat Unterbrechung. Es gibt Momente im Leben, wo man nur gerade so viel Kraft hat, um zu leben. Die Tat ist an den Gedanken gebunden, ohne daß man weiß, ob er ihr folgt oder vorausgeht. Man hätte natürlich schon Zeit, ein paar Zeilen auf eine Seite zu schreiben, um zu sagen: das und das ist passiert. Aber man kann es eben nicht. Heute, wo ein wenig Licht im Dunkel sich auftut, Hab' ich wieder die Kraft zu ein paar trockenen Notizen. Aber mein Kopf ist so leer, daß ich kaum die Worte finde. Als ich am 30. Oktober auf dem Rad von einem Ausflug nach La Gatère zurückkam, traf ich auf der Straße Cyrill, den kleinen Diener, der auf mich zulief, kaum daß er mich erblickte. Ich hatte sofort die Gewißheit, daß das Schicksal hereingebrochen war. Atemlos konnte er nur keuchen: »Der Herr Graf ... Fräulein Sidonie! ...« Ich ließ ihn stehen und raste wie ein Wilder auf meinem Rad nach dem Schloß. Eine Stunde zuvor hatte das Auto des Bäckers die Körper meines Vaters und Sidonies gebracht ... Er war schon tot. Sidonie atmete noch. Man hatte sie in der Schlucht des Cayrou aufgefunden, fest aneinander geklammert, Sidonie über meinem Vater; sie hielt noch ein Stück vom Steuer in der Hand. Das Auto war in zwei Hälften zerrissen; es war gegen die zermürbte, zerlöcherte Holzbarriere der hohen Brücke gefahren; die Karosserie war in den Abgrund gestürzt, das Chassis hielt sich an einem Pfosten der Barriere. Mein Vater wurde am 3. November begraben. Was ich empfand, vermag ich in Worten nicht auszudrücken. Vielleicht habe ich auch gar nichts empfunden. Die furchtbare Ungewißheit von etwas, das ich nicht weiß und vielleicht nie wissen werde, beherrscht alles in mir und lähmt mich. Ich war und bleibe empfindungslos. Sidonie lag neun Tage in voller Bewußtlosigkeit. Sie hat eine linksseitige Gehirnerschütterung und einen Bruch am Schienbein, der schon auf dem Wege der Heilung ist. Sie wird vielleicht ein bißchen hinken. Heute kam sie zum erstenmal zum Bewußtsein. Die Augen schienen einen Moment zu sehen und schlossen sich dann wieder. Es kam mir vor, als hätte sie mich erkannt. Professor Gorget aus Bordeaux, der Arzt, prophezeite mir ihre baldige Wiederherstellung. Die Krankenschwester war weniger optimistisch. 16. November. Es geht besser. Sidonie erkannte mich; ihre Finger versuchten, meine Hand zu drücken. Gorget sagt: »In zwei Tagen wird sie sprechen. Aber fragen Sie sie ja nichts über den Unfall. Das wäre gefährlich und wahrscheinlich auch ganz unnütz. Sie weiß wahrscheinlich weniger als Sie. Das Verlieren des Bewußtseins bei einer Erschütterung des Schädels tritt fast immer vor dem Unfall ein.« Ich notiere kurz einige gestern vergessene Tatsachen. Der Bäcker hat, als er mit seinem Wägelchen auf die Brücke zufuhr, den Unfall beobachtet; es war gegen fünf Uhr. Er war furchtbar erschrocken über das Bild, das sich ihm bot, und traute sich nicht weiter über die Brücke, die bis auf zwei Meter des Geländers zerstört war. Er kehrte um und fuhr in den Ort, wo er den Gendarmen und drei freiwillige Helfer holte. Es war nicht schwierig, die beiden Körper zu bergen. Gesetzliche Feststellung durch den Doktor Hubiaux. Sidonie ist auf den Körper meines Vaters gefallen, und das hat sie vor dem Tode bewahrt. Das Bein brach sie sich an einem Baumstumpf. In den wenigen Papieren, die mein Vater in größter Ordnung hinterlassen hat, fand ich den Pastor Désartigues von Engelberg als Testamentsvollstrecker genannt, der auch das zwei Jahre zuvor abgefaßte Testament in Verwahrung hat. Ich sollte ihm im Falle des Ablebens telegraphieren. (Diese Verfügungen wurden zu einer Zeit getroffen, als ich noch in Syrien war, also vor jeder inneren Krise.) Ich telegraphierte. Der Pastor traf in kürzester Zeit ein. Nach dem Wunsch meines Vaters hielt er die Leichenrede in der Kapelle von Boursès; er sprach beredt von dem Freunde seiner Kindheit, daß er ein vornehmer Edelmann gewesen, gut, wohltätig und noblen Geistes. Désartigues machte mir den Eindruck eines leuchtenden Geistes, einer herben Seele mit einer Neigung zur Mystik. Wenig zugänglich, hat er mir über meinen Vater nichts gesagt, was zur Aufklärung des Geschehenen etwa beitragen könnte. Er fuhr am Tage der Beerdigung wieder nach dem Elsaß zurück. Also bewahrt Sidonie allein das Geheimnis der Katastrophe, wenn es ein Geheimnis gibt. Nach und nach beruhigte ich mich etwas. Was ich anfangs zu glauben geneigt war, kann nicht stimmen: es besteht kein Zweifel darüber, daß Sidonie das Steuer hielt, als das Auto gegen die Barriere rannte. Dem Auto war etwa zweihundert Meter vom Cayrou ein benachbarter Radfahrer begegnet und er hatte Sidonie und den Vater begrüßt. Sidonie saß am Steuer, von dem ihr nach dem Sturz ein Stück in der linken Hand blieb. Am selben Tag. Welch entnervendes Gefühl, daß die Zukunft über ein so schweres ernstes Geschehnis niemals Gewißheit verschaffen wird. Ich spreche mir Vernunft zu. Heutzutage gehören die Autounfälle sicher nicht zu den ungewöhnlichen. Sogar die Provinzzeitungen haben da schon eine stehende Rubrik: ich las heute von zwei Unfällen, davon war der eine tödlich. Weshalb denke ich also, daß der menschliche Wille hier seine Hand im Spiel hatte? Die Stelle war gefährlich; ich fuhr nie mit dem Rad daran vorüber, ohne die Tiefe mit dem Auge zu messen. Und dann: wenn er es gewollt hat, dann war es schon vorher beschlossen; impulsiv zu handeln lag nicht in seiner Art. Er mußte es also überlegt und die Folgen erwogen haben. Was konnte er hoffen? Den gemeinsamen Tod? Er war gewiß möglich, aber doch nicht sicher. Bleibt er der Überlebende, ist das Weiterleben unerträglich. Überlebt sie, wie es nun der Fall ist, so ist sie frei. Entgehen sie beide dem Tode, beginnt das Martyrium seines Lebens von Neuem. 21. November. Irene, die Krankenschwester und ich, wir lösen uns bei Sidonie ab, die man nicht einen Augenblick allein lassen darf, denn der Schenkelbruch zwingt sie, sich nicht zu rühren. Sie spricht jetzt ein wenig, aber verfällt gleich wieder in Schweigen; ich habe aus ihrem fast unverständlichen Gestammel entnommen, wie ihr jedes Wort in ihrem kranken Kopfe weh tut. Dieses unausgesetzte Wachen bedeutet für uns, wenn wir uns auch ablösen, eine unglaubliche Anspannung und Erschöpfung der Nerven. Ich verlange übrigens, daß die beiden Frauen mehr ausruhen als ich. So liegt also meine kleine Gefährtin von ehemals, die ich so sehr geliebt habe, vor mir, durch die Notwendigkeit jeder Scham beraubt, liegt da in dem rührenden Elend ihres gebrochenen armen Leibes. Und dieses trostlose Bild genügte, um jenes andere, das mir der Korridor damals für einen Augenblick enthüllte, auszulöschen, als ob es nie gewesen wäre ... 23. November. Sie spricht; die Besserung zeigt sich. Sie möchte mich immer bei sich haben. Nicht ein einziges Mal fragt sie nach dem Vater. Über den Unfall selber soll sie zur Krankenschwester gesagt haben: »Ich hab' gar keine Angst gehabt. Ich hatte große Schmerzen ...« Aber die Frau ist schwatzhaft und kann etwas erfunden haben. Sie tut immer so, als ob die Kranke sie ganz besonders brauche und nur zu ihr Vertrauen habe usw. Alles Leben im Hause ist ausgeschaltet. Meine Manie, alles aufzuzeichnen, führt mich zu dieser nutzlosen Schreiberei. Wozu? Um das Erwarten und das Nichtwissen festzuhalten ... 26. November. Sie hat gesprochen. Ich meine, sie hat vom Unfall gesprochen. Seit vier Tagen ist die Zunge gelöst und gleichzeitig damit setzt wieder das geordnete Denken ein. Ich will ohne Aufschub diese für mich so wertvolle Unterredung niederschreiben, die ein Zeuge der Gerechtigkeit sein soll. Wir waren allein, ich saß am Bettrand. Sie kann sich jetzt schon im Bette bewegen, und sie hatte sich mir zugewandt. Wir sprachen von ihrem Zustand, von Professor Gorget, von der Schwester. Nach einem langen Schweigen sagte sie ganz leise, aber ruhig: »Hervé ist tot, nicht wahr?« Nie bisher hat sie ihn vor mir bei seinem Vornamen genannt, immer nur »mein Onkel« oder »dein Vater«. Doch war jetzt nicht die Stunde, ihr das vorzuwerfen. Aber es quälte mich doch, und ich nickte nur mit dem Kopf. Keinerlei sichtbare Bewegung bei ihr; als ob es sich für sie um ein altbekanntes Ereignis handelte. Aber ein langes Schweigen, das ich nicht störte. Dann fing sie wieder an: »Ich habe so bruchstückweise wieder angefangen, an alles das zu denken, aber ich weiß nicht wann. Die Zeit, du wirst verstehen, was ich meine, Nal,   die Folge in der sich die Dinge abspielten, verschwindet mir noch für Augenblicke. Aber ich fühle, daß ich gesund werde. Ich werde wieder wie früher werden.« Als ich sah, daß sie klar war und scheinbar gern sprechen wollte, wagte ich eine Frage, wie mir Gorget das an diesem Vormittage gestattet hatte: »Erinnerst du dich an etwas, was passiert ist, ehe man dich hierher brachte?« »O ja, an vieles ... nur ... es wird mir so schwer, die Dinge unterzubringen, ihre Ordnung macht mir solche Mühe ...« Ich sah ihr die Anstrengung an. Sie bekam zwei Längsfalten auf der Stirn über der Nase wie damals, als sie ein Kind war. »Ich erinnere mich genau, wie wir von hier abfuhren, nach Aubiac ... das Wetter war sehr schön. Ich erinnere mich auch genau an das, was in Aubiac zwischen Onkel und mir geschah. Aber es wäre für heute zu lang, es zu erzählen und würde mich ermüden. Ich erinnere mich, wie wir in dem kleinen Auto von Aubiac wegfuhren, die Straße dahin dreiviertel Stunden lang, die Kreuzung der Hauptstraße ... den Straßenwärter, der aus seiner Flasche trank ... Ich habe ununterbrochen den Wagen gelenkt. Der Onkel sprach kaum ein Wort; aber das wunderte mich nicht nach dem, was sich in Aubiac zugetragen hatte, und was ich dir später erzählen werde. Von da ab erinnere ich mich an nichts mehr   bis zur Brücke am Cayrou. Und auch an die Brücke erinnere ich mich erst seit vorgestern wieder! Ich hielt immer das Steuer ohne die geringste Besorgnis. Das Auto kam auf die Brücke. Und da ist wieder eine Lücke ... Mir kommt vor, aber ich bin dessen nicht sicher, daß ich Hervés Gesicht ganz nah vor meinen Augen sah ... Aber war das vor oder nach dem Unfall? Der Wagen fuhr plötzlich scharf nach links. Das weiß ich ganz sicher. Und dann nichts mehr ... Nein, nichts.« Ich ergriff ihre Hände. »Versuch' dich nicht zu erinnern. Streng' dich nicht an. Das kommt ganz von allein.« Gorget hatte recht, als er mir sagte: »Die Gehirnerschütterungen, die durch einen Stoß verursacht werden, haben fast immer eine unheilbare Gedächtnisschwäche für die Ereignisse, die sich unmittelbar vor und nach der Erschütterung abgespielt haben, zur Folge.« Im Fall Sidonies begann die Gedächtnisschwäche einen Kilometer vor der Brücke. Ein Aufblitzen der Erinnerung über den Moment, wo der Wagen seine Richtung verlor. Und dann wieder Dunkelheit. Das Bemerkenswerteste und für mich Wichtigste ist, daß scheinbar nichts in Sidonie den Gedanken aufkommen läßt, daß hier mein Vater eingegriffen haben könnte. Sie wiederholt, daß sie nicht aufgehört habe, den Wagen zu steuern. Sie weiß allerdings noch nicht, daß die Hand meines Vaters noch an ihren Arm geklammert war. Aber was beweist das schließlich? Es ist eine überaus natürliche Bewegung eines, der zu fahren versteht und der neben dem Fahrer sitzt, daß er sich möglichst einer Gefahr zu widersetzen sucht. 28. November. Als ich ihr diese Nacht, es war gegen drei Uhr, zu trinken gab, ergriff sie meine beiden Hände und küßte sie. Ich versuchte, mich sanft loszumachen. Aber sie sagte: »Laß mich. Laß mich. Es tut mir gut.« Ich fühlte ihre Tränen warm auf den Fingern. Und bevor sie noch meine Hände losgelassen hatte, hob sie den Blick zu mir, der noch etwas fiebrig ist, und bat: »Nal, verlaß mich nicht ... Auch nicht, wenn ich geheilt sein werde!« Ich erriet die Worte, die sie nicht gewagt hatte, über ihre Lippen schlüpfen zu lassen; es ist die ewige Bitte der Frau an den Mann, worauf sie die Antwort »Immer!« erwartet, und dieses »Immer!« soll seine Gültigkeit haben, während ihr »Immer!« die Unbeständigkeit der Seifenblase hat. 30. November. Endlich weiß ich, was sich in Aubiac an dem Tage des Unfalls zugetragen hat. Sidonie hat es mir ausführlich erzählt, ohne daß ich sie fragte. Damit ich nur ja bei ihr bleibe, kommt ihr die ganze List ihres Geschlechtes zu Hilfe, ganz von selbst und ohne daß sie sie suchte. Da werden »Elendsein« und »Nervosität« vorgeschoben, was »nur durch meine Gegenwart vertrieben werden kann«. Oder sie versucht es, mich bei der Neugierde zu fassen mit: »Da fällt mir etwas ein, was ich dir noch nicht erzählt habe ...« Sie ist also in voller Rekonvaleszenz, wird von Minute zu Minute mehr »sie selber« mit ihrem Charakter von ehemals. Nur die körperliche Eva schlummert noch. Also dies trug sich etwa um zwei Uhr nachmittags im Zimmer von Fräulein von Anglésis zwischen Sidonie und meinem Vater zu. Sidonie erzählte mir die Geschichte mit dem Ton der Wahrheit, aber auch mit einer rückschauenden Unempfindlichkeit, die fast beängstigend für mich war. Man könnte beinahe sagen, die Vergangenheit sei mit den beiden Mitspielenden des Dramas in den Cayrou gestürzt und mit dem einen versunken, der dabei den Tod fand. Sie erzählte mir: »Nichts Ungewöhnliches während der Fahrt nach Aubiac. Mein Onkel war wie die Tage zuvor, abwechselnd schweigsam, jedoch ohne Feindseligkeit und Groll, und dann wieder von zarter Zuvorkommenheit. Ich hatte aber doch den Eindruck, daß er sich zusammennahm. In Aubiac angekommen, doppelte Überraschung: die frisch gemalten Wände waren trocken und das Badezimmer fertig. Der Installateur erwartete uns, sehr stolz auf sein Werk, und erwartete unser Lob. Wir besichtigten das Haus. Es war alles fertig bis auf die Reinigung des Hauses. Ich verberge dir nichts, Nal: Statt der Freude darüber empfand ich Enttäuschung und Unbehagen. Der Augenblick war gekommen, La Gatère zu verlassen, wie ich es selber entschieden hatte und wie du es wolltest ... Allein leben ... dich verlassen! Und das Leben neben dir war, seitdem ich wieder meine Freiheit hatte, so süß gewesen ... Aber wie hätte ich dagestanden, wenn ich das deinem Vater gestanden hätte?« (Sehr wahr, ganz Frau ist das!) »Ich glaube, meine Eigenliebe ließ mich genau das Gegenteil von dem, was ich fühlte, sagen, nämlich: ›Nichts hindert mich also mehr, heute nacht hier zu schlafen!‹ Das war natürlich ganz sinnlos geredet, denn ich hatte in Aubiac weder Leute noch Kleider; es sollte auch weiter nichts sein als ein Scherz. Ich bedauerte ihn sofort, denn ich sah etwas, was ich bisher niemals gesehen hatte, auch nicht einmal in der Nacht unserer schrecklichen Auseinandersetzung: Hervé verlor alle Fassung und mußte sich setzen; er war so blaß geworden, daß ich erschreckt auf ihn zulief, mich auf den Boden kniete und ihn in meine Arme nahm, aus Angst, er würde ohnmächtig vom Stuhl fallen. Es dauerte nur einen Moment, und er gewann wieder die Herrschaft über sich, stand auf und ging zum Kamin, an den er sich lehnte. Er zwang sich zu einem Lächeln: ›Es ist nichts ... ängstige dich nicht ... Du hast nur das nur so unerwartet gesagt ...‹ ›Es war nur ein Scherz.‹ ›Gewiß, natürlich. Es braucht noch fünf, sechs Tage, bis man hier wohnen kann. Aber im Scherz hast du gesagt, was du denkst. Du bist also fest entschlossen, Arnal und mich zu verlassen?‹ Er blickte mir in die Augen, als er ›Arnal und mich‹ sagte. Und seine Art, mich so anzuschauen, hat mich immer etwas aus der Fassung gebracht. Ich stotterte: ›Mein Gott, wir sind doch, nicht wahr, alle einig darüber? Du hast doch selbst gesagt ...‹ ›Ja, schon gut. Du bist frei. Nur ... es wäre lächerlich, dir den Schmerz zu verbergen, den mir das bereitet. Ich will keine großen Worte machen ... ich würde ja doch das größte von allen nicht sagen ... ich habe den Eindruck, daß es dich in diesem Augenblick verletzen und kränken würde. Aber schließlich ... es sind so viele Jahre, daß ich dich bei mir hatte ... daß du alles für mich warst ... O ich weiß, was du mir vorwerfen kannst, was du bedauern kannst ... und daß du mich beschuldigst (zu Unrecht, glaub' ich) ... dich beraubt zu haben. Immerhin ... wir haben Stunden des Glückes gehabt ... sehr großen Glückes, für dich auch, sag' nicht nein! Eine Zeit herrlichsten, ... fast übermenschlichen Glückes ...!‹ Er schwieg eine Weile, und ich merkte seine Anstrengung, nicht traurig zu werden und auch seine Stimme nicht stärker werden zu lassen und nicht leidenschaftliche Worte zu sagen, die mich verletzen könnten. Aber tatsächlich betrübte er mich so viel mehr. Ganz leise sprach er wieder: ›Erinnere dich, Sidonie, was dein Leben in La Gatère gewesen ist und was es weiter bliebe, wenn du nicht fortgingest. Und du willst dieses Leben aufgeben?‹ Er sagte nichts weiter. Aber ich verstand, daß er so vieles unausgesprochen in sich verschlossen hielt! Ich muß zugeben, ich habe in diesem Augenblick gezaudert. Gewiß nicht, sicher nicht, um wieder anzuknüpfen ... Aber ich sah mich ganz allein in diesem tristen Aubiac, fern von dir. Und es kam mir vor, als würde ich am nächsten Morgen wieder zu dir zurückkehren. Und dann fiel mir ein, daß du mir zürnen würdest, wenn ich nachgäbe, dich vielleicht gar nicht mehr um mich kümmern würdest. Ich antwortete: ›Wir haben das doch gemeinsam entschieden und beschlossen.‹ (Ja, sicher hat sie diese Worte gebraucht, die der Verantwortung ausweichen und keine unmittelbar persönliche Verpflichtung aussprechen, sondern die Erwähnung eines Hindernisses: ›Wir‹ haben es entschieden.) Er ließ nicht den Blick von mir, er beobachtete mein Unbehagen, dann trat er vom Kamin weg und setzte sich neben mich, nahm meine Hand in die seinen, gar nicht ärgerlich; ich erriet, daß er sicher dieses Gespräch vorausgesehen und im voraus sich gegen jeden Anfall von Zorn oder Schwäche gewappnet hatte ... Er war so wie in den Augenblicken, wo ich ihn immer am liebsten hatte, aufmerksam, zärtlich und ohne die Drohung des Verlangens in seinem Gesicht, die ihn mir manchmal so schrecklich gemacht hat. ›Hör' mich an, Sidonie; ich will kein Urteil über dich fällen, will nicht mit dir streiten. Aber bevor du deinen Entschluß wahrmachst ... wenn ich dich nicht deiner Zukunft ins Gesicht blicken ließe, wäre das fast etwas wie ein Verbrechen. Deine Entscheidung ist schließlich nichts weiter als eine Zwischenstufe zu einem Ziel ... zu einer Hoffnung hin. Aber ich sage dir, du gehst der grausamsten Enttäuschung entgegen, einem Elend, das dein Leben zu einem Martyrium machen wird. Es ist deinetwegen, versteh mich recht, einzig deinetwegen, daß ich dich anflehe, das nicht zu erhoffen, was sich nie erfüllen kann. Wie kannst du denn nur nicht sehen, daß deine Wünsche keine Erwiderung finden und du immer alleinstehen wirst.‹ Nur du, Arnal, kannst mir erklären, warum diese mit größter Freundlichkeit gesprochenen Worte Hervés mich erstarren ließen. Aber als er sie sprach, schwand der letzte Rest Mitleid, den ich noch für ihn empfand. Ich wußte ja, daß er mit dem, was er sagte, recht hatte, aber ich verabscheute ihn dafür, daß er versuchte, mich gegen dich einzunehmen. Ich fühlte, wie ich innerlich hart und eisern wurde. Ich dachte: Arnal wird tun, was ihm gefällt; und wozu er ein Recht hat. Leide ich durch ihn, werde ich ihm das nicht vorwerfen. Lieber das, als ihm gar nichts bedeuten, wie früher ... Jedenfalls ist es nicht Sache Hervés, der an allem schuld ist, mir damit zu drohen. Während mir das alles durch den Kopf ging, zog ich, ohne zu antworten, meine Hand aus seinen Händen. ›Verstehst du, was ich meine?‹ fragte er. Ich nickte: Ja. ›Du willst nicht antworten ...? Ich sehe, es ist unnütz. Du bist von deinem Wahn besessen.‹ Nach dem letzten Wort schwieg er, wie wenn es an ein Hindernis gestoßen wäre. Und so etwas wie ein rauher Ton stieg ihm aus der Kehle ... Ein Wort, das er zurückhielt? Ein Aufschluchzen, das er nicht laut werden ließ? Es war mir gleich. Das war vielleicht schlecht von mir, aber ich sagte dir schon: nichts, was er äußerte, rührte mich mehr. Er trat ans Fenster; die Sonne war im Untergehen. ›Es ist Zeit heimzufahren‹, sagte er ganz ruhig, während er wieder zu mir trat. ›Die Tage sind kurz, und mir ist's lieber, wenn du ohne Scheinwerfer fahren kannst.‹ Wir wurden noch von dem Pächter aufgehalten, der uns eine endlose Geschichte von einer unfruchtbaren Kuh erzählte. Es war halb vier, als ich den Wagen anwarf. Er stand neben mir. Du weißt, das Auto macht mit seinem Blech einen großen Spektakel; man kann kaum ein Wort verstehen. Wir wechselten trotzdem während der Fahrt ein paar Worte, kaum weniger als sonst. Das weitere weißt du. Jetzt habe ich dir alles erzählt, was ich weiß.« Dies war Sidonies Erzählung: weniger zusammenhängend, weniger folgerichtig, als ich sie hier aus der Erinnerung wiedergebe. Der Wiedererzähler drückt ja immer ein wenig seine Art dem Erzählten auf, und dann ... man spricht nicht, wie man schreibt. Aber ich habe gewiß nichts Bedeutungsvolles ausgelassen. Was ich dabei noch besonders erwähnen will, Sidonie erzählte leicht und natürlich und mit einer auffallenden Unpersönlichkeit. Nur einmal wurde sie bewegter: als sie von der Möglichkeit sprach, ich könnte sie verlassen ... Da nahm sie meine Hände und behielt sie in den ihren, die noch heiß von Fieber sind. Aber ich war viel bewegter als sie. Als sie geendigt hatte, fragte ich: »Erinnerst du dich, ob du während der Fahrt, zum Beispiel als du die Staatsstraße kreuztest, in deiner gewöhnlichen Verfassung warst? Ich meine, hattest du alle deine Gedanken ruhig beisammen?« »Ich war ein wenig nervös.« »Und es wurde dunkel?« »Aber nein! Es war noch ziemlich hell. Es kam uns gar nicht der Gedanke, die Lampen einzuschalten.« »Du warst ein wenig nervös, sagst du. Hast du nicht, zerstreut oder vielleicht in Gedanken an das eben stattgehabte Gespräch, dem Steuer einen unglücklichen Druck gegeben?« »Das ist möglich. Aber wie soll ich das wissen? Ihr sagt doch alle, das Chassis war demoliert, der Wagen in zwei Stücke. Wie kann man wissen, ob die Ursache des plötzlichen Sprunges nach links von einem Druck aufs Steuer ausging? Nie ist mir was Ähnliches passiert in den fünfzehn Jahren, in denen ich fahre.« Offenbar! Offenbar gibt auch Sidonie nur dem die Schuld, was die Leute in ihrer Einfalt den Zufall nennen. Das Verhängnis. Das Erstaunliche dabei ist, daß dieses Rätsel, ob es nur Ungeschicklichkeit von ihr war, oder ob irgendeine andere Ursache den Unfall verursacht hat, sie gar nicht beschäftigt oder gar aufregt. Ich kann hier ja niederschreiben, was ich denke. Keine Rede, daß sie das Unglück vorausgesehen oder gewünscht hat. Aber da es nun geschehen ist, zerbricht sie sich nicht den Kopf, um festzustellen, wer die Verantwortung dafür trägt. Sie würde sie eventuell auf sich nehmen. Denn es beschäftigt sie nur ein Gedanke: ob sie hinken wird. Wäre sie sicher, daß sie nicht hinken wird ... mein Gott! Aber nein. Ich schreibe hier nicht hin, was ich mich kaum zu denken traue. 3. Dezember. Im ganzen hat mich Sidonies Erzählung etwas erleichtert. Ich versuche nicht zu erklären. Ich stelle nur fest und schreibe auf. Ich lasse die letzten Erinnerungen vorüberziehen. Nichts mehr über die Stunden nach der Katastrophe. Aber nach den ersten schrecklichen Tagen, als ich mich nach all den Besprechungen mit Amtspersonen, Arzt, Schwester, Kondolenzbesuchern allein im Schlosse wiederfand, mit der Schwester und der Verletzten, besonders des Nachts am Bett der bewegungslosen Sidonie und als der einzige Wachende unter dem Dache,   da versuchte ich, bei mir die Wirkung festzustellen, die der Tod meines Vaters auf mich hatte. Ich fand nichts als eine Art kalten Schauders, die mit der Trauer eines Sohnes nichts zu tun hatte. Aber wenn ich auch die lärmende Art, seinen Schmerz kundzutun, hasse, so hatte ich doch erst unlängst erfahren, daß der Tod eines nahestehenden Wesens mein Leben und meine Gesundheit umzuwerfen imstande ist! Meine Unempfindlichkeit jetzt bedrückte mich in einer Weise, daß ich in meinem Mißvergnügen sie festzustellen den Gedanken an Vaters Tod und die Erinnerung an sein Leben floh. Sidonies Erzählung hatte mich etwas erleichtert. O, ich sehe die Einwände ... fast die Unwahrscheinlichkeiten! Aber die Lösung, die ich fürchtete, ist weder sicher noch notwendig. Ohne daß sich mein Herz zusammenzieht, kann ich an den denken, der vor mir hier der Herr war. Großes Format, trotz allem, was mir gerade bei einem Mann so mißfällt. Jetzt ist es zu spät, aber ich habe ein bitteres Bedauern, mich niemals mit ihm Mann zu Mann ausgesprochen zu haben, wie ich es mit Freunden meines Alters oder mit Älteren getan hatte. Je mehr die Zeit seinen Tod in den Hintergrund drängt, vergrößert sich in meiner Erinnerung sein moralischer Umriß; noch immer hasse ich, was er tat, aber er erscheint mir trotz allem als Vertreter einer geheimnisvollen Macht, die ein Geschlecht zu dem andern sowohl in Liebe wie in Haß hintreibt. Man hat das Wort »verhängnisvolle Frau«, das nur mehr einen romantischen Sinn hat, mißbraucht und aller Wahrheit entkleidet. Aber für diesen Typ, zu dem Geschichte wie Leben trotz allem Beispiele liefern, scheint mir mein Vater so etwas wie das männliche Gegenstück darzustellen. Er ist eine kaum zur Verantwortung zu ziehende Kraft. Und da er so ein außergewöhnliches Werkzeug einer menschlichen Leidenschaft bedeutet, gibt ihm das in meinen Augen und trotz meiner persönlichen Einstellung eine Art Größe, die durch das Verhängnis seines Todes noch gesteigert wird. 4. Dezember. Der rasche Fortschritt von Sidonies Gesundung überrascht mich. Professor Gorget, der übermorgen kommt, wird seine Patientin gar nicht wiedererkennen. Das Fieber ist verschwunden. Der Appetit zurückgekehrt. Sidonie rührt und quält mich gleichzeitig. Sie bezeigt mir eine Dankbarkeit, eine Zärtlichkeit, die   lügen wir uns nicht an   um mich eine Atmosphäre der Entspannung schaffen, wie sie mir sehr not tat. Und der freiere, befreitere Ton, den sie mir gegenüber anschlägt, zeigt sie auch geistig viel lebhafter, als ich dachte. Eine heimliche Kraft, die sie mächtig belebt, wohnt in ihr ... Aber wie sehr ist sie Frau! Seit zwei, drei Tagen fragt sie mich ein ums andere Mal: »Glaubst du, daß ich hinken werde ...? Was sagt Gorget? Ich weiß bestimmt, du verbirgst mir die Wahrheit!« Die Wahrheit ist, daß möglicherweise eine kaum wahrnehmbare Spur ihres Bruches in ihrem Gange sichtbar bleiben wird. Eines Abends verlor ich die Geduld, und ich hab' sie ein bißchen angefahren. Seitdem spricht sie kein Wort mehr von ihrem Bein zu mir. Aber denkt ohne Zweifel fortwährend daran, denn sie scheint zerstreut. Oberflächlichkeit der Frau, wie entzückt sie die meisten Männer! Mein Vater, der doch einen starken Geist besaß, war trotzdem davon eingenommen. 10. Dezember. Wenn Gorget Sidonie untersucht, behorcht und ausfragt, veranlaßt mich mein Schamgefühl, das ich durchaus nicht für lächerlich halte, das Zimmer zu verlassen. Zwar habe ich diesen zerbrochenen, hilflosen Körper in den Tagen seines Jammers gepflegt! Aber jetzt ist Sidonie wieder Frau geworden, allzusehr Frau! Und es würde mich genieren, mich geradezu unangenehm berühren. Ich hab' da nichts zu suchen. Ich gehe hinaus und warte im Nachbarzimmer, das Vaters Zimmer war. Die Pflegerin, Frau Brulat, wird mich rufen, wenn die Visite vorbei ist. Morgen kommt Gorget. 11. Dezember. Diesen Morgen wartete ich im Raum nebenan, bis mich Gorget wie gewöhnlich rufen lassen würde. Diesmal kam er selber. »Nun?« fragte ich, seiner Antwort sicher. »Was die Frage der Gesundheit im allgemeinen betrifft, kann's nicht besser gehen.« Ich lächelte. »Das ist eine Prognose, die Sie ohne Bedenken auch vor der Patientin stellen können, Herr Professor. Also macht Ihnen etwas anderes Sorge.« »Das ist's ... ich bin nur ein bißchen verlegen, wie ...« Und nach kurzem Nachdenken: »Wissen Sie, es kommen in unserem Beruf ganz besonders delikate Fälle vor. Sie müssen doch über alles, was unsere Kranke betrifft, vollkommen unterrichtet werden, da Sie ja augenblicklich ihr einziger moralischer Halt sind. Nun hat sie mich aber über einen wichtigen Punkt zu schweigen gebeten.« Er schien wirklich sehr verlegen. Der Schatten eines Gedankens flog durch mein Hirn, ließ aber in der Erinnerung keinerlei Spur. Im selben Augenblick klopfte es an die Tür. Ich rief »Herein!« Es war die Pflegerin. Berufspflegerin, achtundvierzig Jahre alt, Schülerin von Gorget, der sie hergebracht hatte. Er fragte: »Was gibt's, Frau Brulat?« »Herr Professor, ich komme auf Wunsch von Fräulein von Lagueyse.« »Und was will sie?« Frau Brulat ließ sich nicht aus ihrer Ruhe bringen. »Das Fräulein hat überlegt. Sie läßt Herrn Professor sagen ... also er könne es dem Herrn Grafen von La Gatère sagen ... wenn er es für richtig halte.« »Das vereinfacht die Sache«, sagte Gorget. »Danke, Frau Brulat. Gehen Sie zu Ihrer Kranken zurück und sagen Sie ihr, sie möge sich nicht beunruhigen, alles werde sich aufs beste ordnen.« Während dieses Dialogs kam jener flüchtige Gedanke wieder, wurde deutlicher. Ich mußte mich setzen. »Also«, begann Gorget, immer noch verlegen und beschaute seine rechte Hand, die auf einem Leuchtertischchen Klavier spielte. »Also unsere Rekonvaleszentin ist ... sie ist auf dem Wege, Mutter zu werden.« Nachdem er das gesagt hatte, schwieg er einen Moment, wie um der Neuigkeit zu erlauben, sich in meinem Kopf niederzulassen, und meinem Kopf, diese Neuigkeit aufzunehmen. Wie kann man uns doch aus der Fassung bringen, auch wenn wir ein Leben lang die eigene Person beobachtet und kontrolliert haben! Die Mitteilung, vor einem Augenblick für einen Moment geahnt, jetzt aber volle Wirklichkeit geworden, verwirrte mich mehr als die Katastrophe auf der Brücke. Meine ganze Kaltblütigkeit war weg; ich hatte den Eindruck, es würde dunkel um mich. Einer der Zustände, die einen Menschen ohne jede Überlegung zum Selbstmord treiben können. Ich stotterte die blödsinnigen Worte: »Ist das möglich?« »Es ist sicher«, sagte Gorget und kam auf mich zu. »Und es ist ja allerdings recht wunderbar. Der schreckliche Unfall, den diese junge Dame erlitten, hätte genügen müssen, alle Hoffnung zu zerstören ... auf ...« Er suchte nach einem Wort und fand kein anderes als das von vorhin: »... jede Mutterschaft ... Aber wahrscheinlich fand die Empfängnis erst vor ganz kurzer Zeit statt, und das hat das Kind gerettet. Und dann, wenn ein Kind zur Welt kommen will ... Ich habe da die merkwürdigsten Fälle erlebt. Da war z. B. eine Kunstreiterin von einem Wanderzirkus in Bordeaux, vor zwei Jahren, die stürzte vom Trapez sechs Meter tief ...« Und er fuhr fort, Geschichten von ungewöhnlichen Schwangerschaften zu erzählen. Ich hörte nicht hin. Ich begann zu überlegen: »Schließlich geht mich das ja direkt gar nichts an. Ich kann da nichts dazu. Ja, ich könnte verhindern, daß dieses peinliche Geheimnis bekannt wird. Weder die Pflegerin noch auch der Arzt werden es unter die Leute bringen. Noch ich. Eine Mutterschaft, die man nicht bekennen will, kann man verbergen. In spätestens zehn Tagen ist Sidonie reisefähig, sagt Gorget ... Weder in Frankreich noch anderswo fehlt es an Sanatorien, die eigens für solche Fälle eingerichtet sind.« Die Pflegerin erschien: »Fräulein von Lagueyse verlangt nach dem Herrn Grafen.« »Gehen Sie hinein«, sagte Gorget. »Sie ist aufgeregt; man muß sie beruhigen. Ich muß Sie verlassen; ich werde in Villeneuve erwartet. Frau Brulat vertritt mich für jede Möglichkeit vorzüglich. Das ist gerade ihr Fach.« Er schien es eilig zu haben; ich hielt ihn mit einer Frage zurück: »Haben Sie es erst heute festgestellt?« »Unter uns kann ich es Ihnen ja sagen,   Frau Brulat hatte so ihren Verdacht seit einer Woche. Aber in diesen letzten Tagen mehrten sich die Anzeichen ... Außerdem traten Erscheinungen ein, die mit dem Unfall an sich nichts zu tun hatten.« »Und es ist sicher? Man täuscht sich da zuweilen mit Äußerlichkeiten.« »Ganz sicher! Die sogenannte mathematische Sicherheit werden wir natürlich erst in drei Monaten haben. Aber schlafen Sie über dieser Hoffnung nicht ein, Frau Brulat hat da einen erstaunlichen Blick. Und schließlich, lieber Herr, ist ein Kind niemals ein Unglück. Auf Samstag also, zur selben Stunde!«   Als ich bei der Kranken eintrat, fand ich sie aufgelöst in Tränen, das Gesicht unbeweglich in die Kissen gedrückt. Nichts mehr von der lebhaften, entschiedenen, alles vergessenden Haltung, die mich vor kurzem noch so erstaunte. Da lag eine hilflose Frau! Sidonie wagte nicht, die Augen zu mir aufzuschlagen; sie versuchte, ihren Kopf noch tiefer in das Kiffen zu vergraben. Ich empfand tiefes Mitleid. Ich neigte mich über sie; küßte ihr Haar. Setzte mich an den Bettrand, nahm ihre Hände. Die Worte, die man sagen sollte, laufen einem in solch unerwartetem Fall davon. Ich brachte nur hervor: »Mut!« Sie schluchzte: »Es ist nicht ... es ist nicht meine Schuld, wenn ich dir nichts gesagt habe ... ich wußte es nicht ... Ich hatte keine Ahnung!« Sie setzte sich auf, tränenübergossen: »Glaubst du mir? Glaubst du mir?« »Aber natürlich! Reg' dich nicht auf ... Ich nehm' es auf mich, alles zum besten zu ordnen. Aber jetzt denk' nicht daran. Und dann haben wir, wenn es wahr ist, noch Monate vor uns.« Ihr Gesicht wurde ruhiger. Sie schwieg. Dann kam sie auf das, was sie wirklich beschäftigte: sich vor mir zu rechtfertigen. »Weißt du, ich begreife gar nichts ... Aber nichts!« Ich begriff noch weniger, denn sie hatte doch nach ihrem langen Brief und den ihm folgenden Mitteilungen jede körperliche Beziehung zu ihrem Herrn kurze Zeit nach meiner Rückkehr aufgegeben. Die Befürchtung, daß sie hier gelogen hatte, erfaßte mich mit Widerwillen. »Wir sprechen darüber später, wenn du willst. Jetzt ruh' dich aus.« Frau Brulat trat leise ein. Ich verließ das Krankenzimmer und ging auf das meine. Und nun stehe ich mir gegenüber. Etwas, dem ich vorhin keine Aufmerksamkeit schenkte, tauchte vor mir auf: die Verlegenheit Gorgets mir gegenüber war stärker als der Anlaß dazu. Sidonie ist achtundzwanzig Jahre alt und vollkommen frei. Über ihre Sitten weiß Gorget, der nicht aus der Gegend ist, soviel wie nichts. Es ist nicht das erstemal, daß eine junge Schloßtochter so einen Unfall hat; außerdem hatte ihn Sidonie ermächtigt, mit mir darüber zu sprechen. Und trotzdem zauderte er, fand die Worte nicht, die er dann so herausstotterte. Jetzt ist mir der Grund klar. Gorget war überzeugt, daß er mit dem Vater spreche ... Das ist der blitzartige Gedanke, der mir durchs Hirn schoß, und der sich jetzt geformt und vervollständigt hat. Die Pflegerin und der Arzt hatten Sidonies Gefühle für mich festgestellt; sie versteht's nicht, sie zu verbergen, ist stolz darauf, ist im Grunde glücklich, sie erraten zu lassen. Wir lebten seit mehr als einem halben Jahr unter demselben Dach. Sie ist schwanger ... Ich hätte vermutet wie die beiden. Nichts Peinlicheres konnte mir passieren. Ich habe für die Frauen in meinem Leben einen sich immer gleich bleibenden, vielleicht übertriebenen Respekt gehabt; ich beurteile sie nach dem, was sie wert sind, und das ist wenig; aber ich habe ihnen nie das Recht gegeben, über mich zu denken: »Er ist nicht mehr wert als wir, weil er es ausnützt, daß wir so wenig wert sind.« Darum bäume ich mich auf gegen dieses ungerechte Schicksal: verantwortlich gemacht zu werden für eine Tat, gegen die ich mich mein ganzes Leben lang stemmte! Ich werde trotzdem tun, was ich versprochen habe, indem ich aus Mitleid dem Opfer (oder der Schuldigen) jede Erniedrigung erspare. Aber Sidonie wird La Gatère so bald als möglich verlassen. Und ich ... ich ziehe weiter. Ich setze mein Leben fort, ohne große Freuden, ohne ernste Entbehrungen. Bis zu dem Tage, wo mich das Alter hierher zurückbringt. Da wird vielleicht die gleichfalls alt gewordene Sidonie auf Aubiac wohnen. Sie wird, wie es ihr Schicksal ist, verheiratet sein. Sie ist eine jener Frauen, deren Leben nur in Verbindung mit dem eines Mannes Wert erhält. 6. Dezember. Die zerknirschte Unterwerfung Sidonies entwaffnet mich. Keines von uns hat sich getraut, an eine doch so nötige Erklärung heranzugehen. Ich will keine Doppelzüngigkeit und keine Lüge. Am selben Tag. Ich überlese den letzten Satz. Das ist doch nicht ganz gerecht. Sidonie hat möglicherweise die Wahrheit verkleidet, als sie vorgab, jede Beziehung einer Geliebten zu ihrem Liebhaber gleich nach meiner Ankunft abgebrochen zu haben. Aber das befreit mich doch ihr gegenüber nicht von jeder Verpflichtung. Denn ich konnte ja über die Person des Liebhabers nicht im Zweifel sein. Nun aber stehe ich nach dem Gesetz an seiner Stelle. Ich erbte seinen Besitz, seinen Namen. Das Kind meines Vaters ist für mich kein Fremder. Mein tyrannisches Gewissen kann mir vorläufig noch nicht genau sagen, wo dieses Kindes Rechte auf mich beginnen, und wo sie enden. 9. Dezember. Die unvermeidliche Aussprache hat stattgefunden. Ich hatte Sidonie gebeten, mir sagen zu lassen, wann sie sich wohl genug dazu fühle. Ich tat das, um ihr Zeit zu geben, die Wahrheit mit ihren Interessen und ihrem Schamgefühl etwas übereinzubringen. Aber ich schmeichle mir, die Wahrheit durch alle Hüllen hindurch zu erkennen. Sie empfing mich auf ihrem Ruhebett, den Kopf von Kissen gestützt. Und sie hat die höchste Geschicklichkeit gezeigt: sie hat nicht gelogen. Mehr noch: sie hat sich ganz ausgeliefert. Ein wundervoller Instinkt, ein Vorzug ihres Geschlechtes, hat ihr eingegeben, daß alles für sie verloren sein würde, wenn ich mich für getäuscht hielte. Sie schöpfte aus ihrem Entschluß zur Wahrhaftigkeit eine Ruhe, die sie höchst anziehend und sympathisch machte. Die Wahrheit floß deutlich von ihren Lippen, und weil es die Wahrheit war, löste sie die Einwendungen auf. »Nal, ich habe einen Monat nach deiner Ankunft jede Beziehung zu Hervé abgebrochen. Ich kann das genaue Datum nennen: am 7. April in Aubiac. Ich habe an diesem Tage von Mitleid überrascht nachgegeben   er schien mir so verzweifelt   auch hatte ich die törichte, sinnlose Angst, er könnte sich an dir rächen wollen: Er hatte mir nämlich zu verstehen gegeben, daß er die Gründe meiner Weigerung errate. Ich habe dann von ihm das Versprechen verlangt, nichts dergleichen mehr von mir zu fordern, solange du bei uns wohnst. Er gab es. Und er hielt es.« »Also dann?« Sie lächelte schwach. »Such' nicht einen andern Verantwortlichen. Ich bin ein elendes Ding, das du verachtest. Und du hast recht. Aber ich habe nie jemand anderem als ihm angehört ... und du weißt doch, als ... als ich einen andern als ihn liebte ... hab' ich mich von ihm ferngehalten.« »Ich verachte dich durchaus nicht, Sidonie. Du warst vom Schicksal gebunden. Ich glaube dir.« »Wirklich?« »Beim Andenken an meine teure Mutter, ich glaube dir. Aber die Tatsache besteht ...?« »Ja, und es gibt dafür nur eine Erklärung.« »Nämlich?« »In der Nacht, wo er mir in deinen Korridor gefolgt war und mich dann in sein Zimmer brachte, wo wir dann stritten, kämpften, stundenlang ...« »Und?« »Ich war am Ende so gebrochen, daß ich alles Gefühl verlor. Er mußte mich nehmen und auf mein Bett tragen. Er war es, der mich auszog ... Aber dir graut vor mir!« »Nein! Nein! Sprich weiter ...« »Er hat mich zu Bett gebracht wie ein Kind ... Ich war eine leblose Sache ...« Wir verharrten eine Weile in Schweigen und blickten uns an. »Und ... du glaubst?« »Ich bin dessen sicher, denn es gibt keine andere Möglichkeit. Auch das Datum ...« Ich dachte: Sie scheint ehrlich, aber wie das kontrollieren? Wie soll man den Grad der Bewußtlosigkeit einer Frau ermessen, die sich hingibt? Sie merkte, daß mein Glaube schwankte. »Ich schwöre dir, es ist wahr, Nal, bei deinem Kopf!« Ein Einwand fiel mir ein: »Habt ihr denn nie in all den Jahren eine gleiche Besorgnis gehabt?« »Niemals.« »Trotz ...?« Lebhaft und ohne einen Schatten von Scham sagte sie: »Er war nicht der Mann, der sich da überraschen ließ, du verstehst. Was er damals tat, das wollte er .« Sie sagte die letzten Worte nicht im selben Ton wie alles andere. Ich bemerkte so etwas wie eine dunkle Huldigung an den einstigen Herrn. Also hatte diese letzte Liebesgeste dieses Meisters einen Sinn, den er vorausgesehen hat: Auch über den Tod hinaus würde die Gefangene nie völlig befreit sein! Ich wagte sie kaum anzusehen, während sie sprach. O wie ist das alles schmutzig! dachte ich ... und zu wissen, daß fast keine einzige Verbindung von Mann und Frau davor geschützt ist! Welcher Vorzug, daß ich durch meine Jugend unbeschmutzt schreiten konnte! Sidonie sprach nicht mehr. Sie weinte vor sich hin, und ganz für sich und nicht, um mich zu rühren, sagte sie ganz leise: »Was wird aus mir werden?« Egoismus der Schwachen! Aber dieser ist entschuldbar. 12. Dezember. Ich verbrachte zwei Tage fiebrigen Elends, wie ich sie nur in Lothringen nach meiner Verwundung erlebte. Der Wille möchte Widerstand leisten, und dem Geschick standhalten; der Körper gibt nach. Da liege ich nun. Das Fieber ist fühlbar in meine Adern getreten. Es tobt in meinen Gedanken. Die ganze Zeit über schüttelte es mich in den warmen Decken, und es stand ein Bild vor mir, einmal klar und deutlich, dann wieder ganz formlos, verzerrt, absurd: das Bild, das mir nach Jahren des Vergessens die Niederschrift Sidonies wieder wachgerufen hatte: wir beide als Kinder vor der katholischen Kirche in Boursès. Und jene Worte, die ich damals sagte, brannten vor meinen geschlossenen Augen: »Wir Hugenotten, wir sind beschränkt auf die Zwiesprache mit unserm Gewissen.« Das ist wahr ... Wir geben keinem andern Gewissen das Recht, sich an die Stelle des unsern zu setzen. Das käme uns wie eine Abdankung vor und wäre im Grunde eine Feigheit. Denn wer vermag besser als wir selbst unsere Pflicht zu erkennen? Wenn ein anderer Mann, und stände er noch so hoch, mir sagte: »Folge deinem ersten Impuls. Du bist in keiner Weise verantwortlich für das, was diese Frau erlitt. Deine Pflicht ist nur, ihr zu helfen, eine öffentliche Schande von ihr abzuwehren, aber nur das ist deine Pflicht ...«   und wenn mir ein zweiter Mensch, und sei es der anständigste und intelligenteste, das bestätigte, wie könnte ich, wenn mein inneres Gefühl dagegen protestiert, wie könnte ich beruhigt und ohne Gewissensbisse solchem Rat eines andern folgen? Was mir Leib und Seele so im tiefsten aufgeregt hat seit meinem letzten Gespräch mit Sidonie, ist, daß dieses Gespräch das ganze zerbrechliche Gebäude zum Zusammenbruch gebracht hat, das ich mir instinktiv errichtet hatte, um mir das Leben nach so viel harten Schlägen erträglicher zu machen. Eine günstige Ungewißheit umgab und umgibt immer noch die Ursache des Unfalls. Das Andenken meines Vaters war mit einer frühen Schuld belastet, die ich schon zu seinen Lebzeiten kannte: nichts weiter. Nun fügt sich dem noch die Verzwiefachung des Mißbrauchs seines wehrlosen Opfers hinzu. Selbst wenn die Teilnahme des Opfers vielleicht halbbewußt war,   es bleibt eine heimliche Vergewaltigung, die er allein gewußt hat ... Manchmal glaube ich, an ihr den Beweis dafür zu erkennen, daß kein weiterer Gewaltakt geplant war: das Hindernis war geschaffen. Dann wieder erscheint mir das Bild der Persönlichkeit viel deutlicher, viel zusammenhängender, wenn sie   als unerbittliches Werkzeug des sexuellen Verhängnisses   das Opfer zunächst mit einem unauslöschlichen Merkmal versieht, das es auf ewig hindert, dem einzigen gefürchteten Rivalen anzugehören, um es dann   in der Erkenntnis, daß es sich ihm von nun an versagt   mit sich in den Tod zu reißen. Ich bin der Sohn dieses Mannes. Ich stehe in den Augen der Menschen für seinen Namen, für sein Vermögen, für seine sozialen Beziehungen, für die Weiterführung seiner moralischen Verpflichtungen, für die Gutmachung des Bösen, das er angerichtet hat, ein. Soll das Opfer ewig ein Opfer bleiben, ohne andere Hilfe als mein Mitleid und meinen praktischen Rat, um das Kind zur Welt zu bringen und es aufziehen zu lassen? Dies bedrückt mein Gewissen. Aber ich spüre, wie allmählich Erleuchtung und Kraft zunimmt. 27. Dezember. In einem von der Sonne durchgoldeten Nebel machte ich eine Fahrt von dreißig Kilometern auf dem Rad. Dieser wenig erschöpfende Sport ist mir ein Mittel, über meine Gedanken ins reine zu kommen, bevor ich wichtige Entscheidungen treffe. Nach meiner Rückkehr verlangte ich Sidonie zu sprechen. Irene meldete, das Fräulein würde mich in einer Viertelstunde empfangen, denn es sei ihr nicht ganz wohl. Ich fand sie wirklich müde und abgespannt. Ihr Zustand, der ganz natürlich und gefahrlos ist, macht sie zum Jammern geneigt; er nimmt ihr auch viel von ihrer Schönheit; sie mag sich mir darum nicht gern bei vollem Tageslicht zeigen. Ich habe einfach und schnell gesprochen. »Ich habe dir nur ganz wenig zu sagen, Sidonie. Ich bitte dich, mir auf gleiche Weise zu antworten. Was ich dir vorschlagen will, ich weiß, du wirst es annehmen und wirst damit zufrieden sein. Aber ich beschwöre dich, mir nicht dafür zu danken.« Etwas beunruhigt sagt sie: »Ich verspreche es dir ... Aber ...« Ich nahm ihre Hände. Die Zufriedenheit, die größte menschliche Zufriedenheit (die vielleicht ein Selbstbetrug ist), nämlich die: Glück auf seine eigenen Kosten zu schenken, machte mich fast zärtlich zu Sidonie. Aber im Grunde wurde ich um mich selbst traurig. »Sidonie, als du ganz klein in dieses Haus kamst, stand das Leben dir offen; es hätte glücklich werden können ... Aber weil du hierherkamst, bist du von Kindheit an auf dem falschen Weg gegangen; und jetzt, selbst nach dem Tode dessen, der die Verantwortung für dein Leben trug, ist deine Zukunft verdorben, gebrochen. Das ist ungerecht. Ich muß es gutmachen.« Ihre Hände bebten in den meinen. »Hör' mich an. Ich will dir und deinem Kinde den Namen geben, auf den ihr beide ein Recht habt. Ich werde neben dir leben, ich werde für dich die Zuneigung haben, die ich immer für dich fühlte, und die das gemeinsame Leben nur stärker machen wird. Aber für alles darüber hinaus ...« Sie unterbrach mich. »Ich verstehe. Sprich es nur nicht aus! ... Ach, neben dir leben wie damals, als wir klein waren! Ja, ja, nichts weiter!« Sie küßte hingebend meine Hände, als ob es Reliquien wären. Sie sah mich an. Die Freude hatte ihr für einen Augenblick ihre Schönheit wiedergegeben. Wir blickten uns lange an. Ich liebte sie mit der ganzen Kraft meines Opfers. Unser Leben könnte glücklich sein, dachte ich, wenn diese Frau da fähig ist, ihr Wort zu halten ... Und im gleichen Moment schien mir in ihren Augen etwas zu leuchten, das seit langem verschwunden war,   es war ein Leuchten weniger des Friedens als der Hoffnung. Die ewige, unbewußte Heuchlerin! Sagte sie sich nicht: »Wer weiß?«   Ende.