Berthold Auerbach Landolin von Reutershöfen Erstes Kapitel. Der Frühling ist wieder gekommen über Berg und Thal unserer Heimat. Der Tag erwacht, ein Luftstrom zieht herbkräftig über die Wälder, als müßte er die widerwillige Nacht mit fortnehmen; die Vögel beginnen zu zwitschern, und da und dort wagt ein Buchfink bereits seinen vollen Schlag. Durch die Tannen mit ihren frischgrünen Jahresschossen säuselt und flüstert es. Der Sonnenball ist über den Bergeskamm heraufgekommen und leuchtet in das Thal; die Wiesen und Saatfelder glitzern im Thau, die Kirschbäume strömen ihren Duft aus und Schwarzdornhecken, die in der Nacht aufgebrochen sind, freuen sich des ersten Sonnenstrahls, der bis in den Grund der Blüthenkelche dringt. Drunten im Thal, wo die Flöße aus geschälten Stämmen und gesägten Brettern rasch dahingleiten, dort bei der Sägemühle, wo das Wehr braust, das Wasser über das Rad spritzt und die Säge schrill tönt, steht ein junger Mann mit weißer Stirn und braunen Wangen an dem oben geöffneten Kammerfenster und schaut hinaus und nickt froh, als grüßte er den erwachenden Tag. Bald tritt der junge Mann ins Freie, er breitet die Arme aus, als müßte er etwas umfangen; er lächelt, als schaute er in ein freudiges liebendes Antlitz. Er nimmt die Soldatenmütze vom Kopf und hält sie weiter schreitend in der Hand; sein Gang ist fest, seine Haltung stramm, und die lautere Redlichkeit und Gradheit schaut aus seinem Gesichte. Er geht durch die Wiesen bergauf die Waldeshöhe hinan, erst hoch oben am Bergeskamm steht er still und schaut weit hinaus; sein Blick haftet an einer Rauchsäule, die in weiter Ferne gradauf zum wolkenlosen Himmel aufsteigt. »Guten Morgen, Thoma! Du schläfst wohl noch? Wach auf! Unser Tag ist da!« sagte er laut vor sich hin, er hatte eine tief anmuthende, männlich volle Stimme. Jetzt sprang er in übermüthigen Sätzen wieder bergab, er mäßigte aber bald seinen Schritt und jodelte in die Welt hinein, daß das Echo widertönte, die Vögel rings umher sangen mit. Er war wieder beim elterlichen Hause angelangt, unter der Hausthüre stand der Vater und brockelte den Hühnern Brot vor. »Guten Morgen, Vater!« rief der junge Mann. Der Alte, ein langgestreckter, hagerer Mann, schaute verwundert auf und erwiderte: »Ei, Du bist schon auf, Anton? Wo bist denn schon gewesen?« »Ich? Wo? Ueberall. Im Himmel und auf der schönen Welt hier unten. Vater! Es ist mir oft im Sinn gelegen, als erlebte ich den Tag nicht, als müßte ich vorher sterben oder es geschieht sonst was. Jetzt ist der Tag da!« Der Alte wischte sich mit der flachen Hand über den Mund zweimal, dreimal, denn er hatte sagen wollen: so ist deine Mutter auch gewesen, so zaghaft und wieder so herzfrisch. Aber er schob die Worte weg, er wollte die Glückseligkeit seines Sohnes nicht stören, und endlich sagte er: »Ja, ja, so ist's, so ist Jungsein. Sag Anton, bist denn im Krieg auch so gewesen, so unruhig und so . . .« »Nein, Vater, da ist's ganz anders hergegangen . . . Vater, ich meine immer, Ihr hättet nicht die volle Freude an der Thoma.« »Ich bin eben nicht verliebt wie Du.« »Nein, ihr habt was.« »Ich hab' just nichts, aber sie ist mir fast zu –« »Zu reich, meinet Ihr?« »Das hab' ich nicht gemeint. Es giebt kein Mädchen, das zu reich ist für einen rechten Bursch. Ich hab' nur gemeint, sie ist zu schön. Ja. lach nur, eine gar so schöne Frau ist eine mühsame Sach. Aber ich glaub', Du kommst damit zurecht, und sie scheint mir der Mutter nachzuarten und nicht dem Landolin in seiner Gewalttätigkeit. Freilich, etwas von seinem Hochmuth hat sie auch, aber ich hoffe, nichts von seinem Unband. In alten Geschichten berichten sie von grimmbösen Riesen, so einer hätt' der Landolin werden können. Es ist nur gut, daß wir in anderen Zeiten leben.« »Aber Vater! Ihr machet's zu arg, und meine Thoma –« »Ja, ja, sie hat eine gute Art von der Mutter her. Ich hab' drüber gedacht, ich bin doch, genau gerechnet, fünfzehn Mal in Rotterdam gewesen; in Holland drunten giebt's gar keine so unbändige Menschen, wie der Landolin.« »Vater, kann sein, weil sie auch in Holland keine Bergbäche haben, lauter ruhige Kanäle.« »Schau, schau, was die heutigen jungen Leute nicht Alles wissen! Ich hab' nichts Böses über die Thoma sagen wollen.« »Das werdet Ihr nie können, Vater. Sie hat eins, was Euch besonders freuen wird; es ist noch nie ein unwahres Wort über ihre Lippen gekommen und wird nie.« »Das sollte eigentlich wenig sein, ist aber viel in der Welt. Aber genug jetzt, Du bist der Mann dazu, der schon Meister werden kann. Ich hab' Dir das Alles nur gesagt, damit Du recht gefaßt bist. Jetzt aber genug! Es giebt Gottlob heut' einen prächtigen Tag.« »Ja gewiß, prächtig,« entgegnete Anton, er meinte aber nicht das Wetter. Heute sollte auf dem Frühjahrsmarkt in der Amtsstadt der Verspruch des Sägemüllers Anton mit Thoma (Thomasia), der Tochter des Altschultheißen und Großbauern Landolin von Reutershöfen gehalten werden. Zweites Kapitel. Droben auf der Hochebene steht der Bauernhof Landolins stattlich und breit. Er steht einsam, denn die Bauernhöfe der Gemeinde ziehen sich stundenweit über den Bergrücken hin. Nur das Wohnhaus, in seiner Schindelbekleidung, ist nach der Straße zugekehrt; die im Viereck gebauten Wirthschaftsgebäude liegen rückwärts, wo den steilen Berg hinan noch Wiesen und Ackerfelder weit hinauf reichen bis zu dem Buchenwald, an dem sich erst die im Morgenthau glitzernden braunen Knospen zeigen. Es ist früh am Tag, im Umkreis des Hofes ist es noch lautlos, nur der Röhrbrunnen mit seinem breiten Strahl plätschert laut; das Freidach ragt weit über den Brunnen weg, denn so kann man im Winter das Stallvieh im Trockenen zur Tränke bringen. In der Nähe des Brunnens liegen Pflastersteine aufgeschichtet, denn man will eine neue Rinne durch den Hof ziehen. Die Lerchen beginnen allmälig hoch in den Lüften ihren Sang, die Sperlinge auf dem Dache zwitschern, die Kühe brummen, die Pferde klirren mit ihren Ketten, die Tauben im Schlage gurren, die Hühner im Gitter und die Schweine an ihren Koben, ein jegliches beginnt laut zu werden und Lust und Leid kund zu geben. Der große Kettenhund, der seinen Kopf auf die Schwelle seiner Hütte gelegt hat, blinzelt manchmal auf, dann schließt er die Augen wieder, wie wenn er sagen wollte: was für ein wunderliches Getön, was will das Alles sich aber hören lassen neben einem gesunden Bellen? Das ist doch das einzig Schöne und Vernünftige, denn unsereins bellt nie ohne Grund. Die erste Gestalt, die über den Hof ging, war eine stattliche Bäuerin, wohlbeleibt und noch in den besten Jahren. Es ist gewiß ein rechtes Haus, wo der Meister oder die Meisterin zuerst wach ist. Die Bäuerin war eine stille, ehrbare Frau, so was man kurzweg eine aufrechte Bäuerin nennt; weiter ließ sich nicht viel von ihr sagen. Sie war arbeitsam und auf ihren Vortheil bedacht und hielt auch Andere in strengster Aufsicht. Sie hielt den Mann in Ehren, wie sich's gebührt, von Liebe war nie die Rede, weder in den jungen Jahren noch jetzt. Sie war eine Großbauerntochter aus der Nachbargemeinde und hatte standesgemäß geheirathet, wie das nicht anders zu denken war. Zur Zeit, als Landolin Schultheiß gewesen, hatte sie die Ehre des Hauses würdig vertreten; sie hatte unbedingtes Vertrauen zu ihrem Mann, und wenn Leute kamen, die bei ihr zuerst ihre Klage vorbrachten, war ihr gewöhnliches Wort: »seid nur ruhig, mein Mann macht schon Alles richtig.« Sie war ohne Falsch, was sie sprach, das meinte sie auch; sie sprach aber wenig, denn viel reden schickt sich nicht für eine Bäuerin, und nun gar viel denken – dazu war keine Veranlassung, man hält das Haus in Ordnung, man spart, man hält auf Ehre, wie es der Brauch ist, zu denken hat man über Nichts. Der Oberknecht Tobias trat unter die Stallthür, die Beiden nickten einander zu, ohne Wort, und doch hatten Beide den gebührenden Respekt vor einander; denn der Oberknecht stand in seiner Art ebenso für die Ehre des Hauses ein, dafür steht er auch als erster nach dem Bauer und kommt vor dem einzigen Sohn, der freilich auch noch zu jung ist, um zu gelten. Tobias hatte es bereits fünfzehn Jahre hier im Hause ausgehalten, denn hier bleiben heißt aushalten, und Tobias hatte während dieser langen Zeit noch nie den Beistand der Bäuerin angerufen gegen die Gewaltsamkeiten des Meisters. Er achtete im Stillen die Meisterin, die gar nie etwas für sich verlangte, sondern ständig sich nur dafür auf der Welt hielt, um dem Bauer unterwürfig zu sein. Wenn der Bauer mit seiner schönen und stolzen Tochter über Land und zu Lustbarkeiten fuhr, fand es die Frau selbstverständlich, daß sie nicht mitgenommen wurde, und sie hatte durchaus kein Verlangen nach der Welt draußen; sie war auf einem einsamen Bauernhof aufgewachsen, wo das Hauptvergnügen darin bestand, daß man am Sonntag Nachmittag, während die Sonne schien, schlafen konnte. »Meisterin,« begann der Oberknecht Tobias, »Meisterin, darf ich was fragen?« »Ja wohl! Frag' Du nur.« »Also unsere Haustochter –« »Wird heute Braut.« »Gott Lob und Dank,« rief der Oberknecht, »Gott verzeih mir's, ich hab gemeint, er (der Bauer) giebt sie Keinem, Jeder sei ihm zu gering für seine Thoma. Ein feiner, ein rechtschaffener Bursche ist der Anton Armbruster und hat sich ja auch im Krieg so tapfer gehalten, das wird ein rechter Mann –« Die Bäuerin unterbrach die Darlegung, es konnte Unliebsames gegen Thoma sich anfügen, sie sagte daher nur: »Die Verlobung wird nicht hier im Haus, sie wird heute in der Stadt bei der Schwertwirthin gehalten. Ich gehe auch mit«, schloß sie im Tone bescheidener Dankbarkeit dafür, daß man ihr die Ehre anthue, sie mitzunehmen. Sie ging rascher als sonst in ihrer Art nach dem Hause, weckte die Mägde und stieg dann die obere Treppe hinauf in die große Staatsstube. Da standen zwei hochaufgerichtete Betten, sie enthielten aber Bettzeug für sechs Lagerstätten, denn aus diesem Hause verkaufte man nie Federn und Linnengespinnst. Das zeigte sich auch, als die Bäuerin einen großen blumenbemalten Schrank mit Doppelthüren öffnete. Sie weidete ihr Auge an dem massenhaften Linnen, das hier aufgeschichtet war, und das, was auf der linken Seite des Schrankes mit blauen Bändern zusammen gebunden lag, war die längst vorbereitete Aussteuer Thoma's. Die Mutter legte ihre Hand wie segnend darauf, ihre Lippen bewegten sich. Jetzt hörte sie, wie es lebhaft in der Wohnstube drunten wurde, sie ging hinab. Drittes Kapitel. In der Stube, wo durch die eng an einander gereihten Fenster das helle Morgenlicht hereindrang und der allzeit geheizte breite Kachelofen eine behagliche Wärme verbreitete, ging der Bauer auf und ab. Er war ein breiter und stattlicher Mann, sein volles Haupthaar war kurz geschoren und die Stoppeln standen aufrecht, was dem mächtigen Kopfe noch einen besondern Ausdruck des Stierhaften gab, und aus feinem glattrasirten Gesichte schaute Selbstgefühl, Trotz und Verachtung gegen die Welt. Der Bauer, der noch in Hemdärmeln war, hatte übrigens bereits seinen Sonntagsstaat an, nur der kragenlose, einreihige schwarze Sammetrock hing noch am Nagel. Er trug hohe Stiefel, deren Schäfte in Falten herabfielen und noch den weißen Strumpf aus den Kniehosen hervorscheinen ließen, dazu eine buntseidene bis an den Hals zugeknöpfte Weste. Als die Bäuerin eintrat, nickte er ihr still zu; hinter der Bäuerin drein kam der Sohn Peter, ein verdrossen dreinschauender, vollbackiger junger Bursche, und dann die Knechte und Mägde. Man setzte sich nach dem Gebete zum Morgenimbiß nieder, es wurde Nichts gesprochen, ja, Niemand sagte ein Wort darüber, daß ein Platz leer blieb, nämlich der für Thoma. Nach dem Schlußgebet sagte der Bauer zu dem Oberknecht, er solle nun mit den fetten Ochsen zu Markt fahren und gemach thun. Er setzte sich in den großen Lehnstuhl nicht weit vom Ofen und schaute nach der Thüre. Thoma darf freilich heute eine Ausnahme machen, denn sonst hat sie den rechten Stolz, daß Niemand in Arbeit früh und spät es ihr zuvorthun darf. Plötzlich stand der Bauer auf, trat auf den nach dem Hof führenden Söller und rief dem Oberknecht zu, er solle auch die Preiskuh zum Markt herrichten. »Vater,« rief eine kräftige Mädchenstimme aus dem Kammerfenster, das nach dem Söller ging, »Vater, wollt Ihr denn die Preiskuh auch verkaufen?« Mit halber Wendung des Kopfes schaute Landolin nach dem Fenster, er hielt es aber nicht für nöthig, etwas zu erwidern; er rief vielmehr dem Knechte zu, nicht zu vergessen, daß man im »Schwert« einstelle. Die Ochsen wurden herausgeführt, sie gingen wie halbverschlafen, standen still und schauten um, wie wenn sie vom Hofe Abschied nehmen wollten. Ein Musterstück von einer Kuh kam hinterdrein, es war echter Simmenthaler Schlag, aber hier im Hause auferzogen. Die Augen der Kuh funkelten, als wüßte sie, daß sie beim letzten landwirtschaftlichen Feste den ersten Preis bekommen habe. Landolin ging die steinerne Freitreppe in den Hof hinab, und jetzt stand er da mit ausgespreizten Beinen, sich manchmal auf den Beinen wiegend, und betrachtete die Thiere und sein ganzes stattliches Heimwesen mit vollem Behagen. »Guten Morgen, Vater!« rief jetzt die kräftige Mädchenstimme vom Söller, »ich bin erst gegen Morgen eingeschlafen. Vater, wollt Ihr denn wirklich die Preiskuh verkaufen?« »Du bist doch nicht so gescheidt, wie man meinen sollte,« entgegnete Landolin lachend, »man will just nicht Alles verkaufen, was man zu Markte bringt; man zeigt sich doch auch gern.« »Ihr habt recht,« entgegnete das Mädchen und schüttelte die aufgelösten langen blonden Haare in den Nacken zurück, während sie einen Blick auf die in der Nacht aufgebrochenen Nelken warf; ihre Wangen waren fast so roth wie die frischen Nelken. Der Sägemüller da drunten hatte recht, das Mädchen war fast zu schön, das sich jetzt auf dem Söller niedersetzte, die Haare zöpfte und leise dabei sang. Oftmals hörte sie plötzlich auf zu singen und schaute mit ihren großen blauen Augen wie traumverloren ins Weite hinein, sie dachte wol an Anton drunten im Thale an der Sägemühle. Viertes Kapitel. Mit dem Sammetrock bekleidet, den breiten Hut mit der hohen silbernen Schnalle auf dem Kopfe und den Dornstock in der Hand kam Landolin auf den Söller und sagte: »Thoma, ich geh voraus, komm mit der Mutter bald nach.« Er ging davon, wartete indeß noch eine Weile unter dem Hofthore und ließ die zuvorkommend grüßenden kleinen Leute vorüberziehen; es schickt sich nicht für ihn, sich solchen anzuschließen, die eine armselige Kuh, ein Rind oder Ziege zu Markte treiben oder auch leer gehen, um Dies oder Jenes einzukaufen. Der Galopp-Kübler grüßte in raschem Lauf, es war ein hagerer Mann, seines Handwerks ein Kübler, der immer eilig ging und daher den Namen hatte. Der Bannwart (Wildschütz) grüßte, die Hand an die Mütze legend. Landolin dankte herablassend, diesen Mann hat er ja selber angestellt zur Zeit, als er Schultheiß war. Die Schaubkäther, eine alte Frau bräunlichen Antlitzes, mit rothem Kopftuch, die eine Menge vielfarbiger Polster zum Tragen der Kopflasten, sogenannte Schaube, trug, grüßte nicht; sie war bös auf Landolin und konnte ihren Zorn nicht anders auslassen, als indem sie nicht grüßte. Endlich als der Oberbauer daher kam und rief: »Gehst mit, Landolin?« nickte Landolin und schloß sich dem Ebenbürtigen an. Wir sind hier in der Gegend, wo noch die großen geschlossenen Bauernhöfe bestehen, und wie diese von Geschlecht zu Geschlecht vererbt werden, so erbt sich auch eine Ausschließlichkeit gegen diejenigen, die man hier zu Lande mindere Leute nennt; selbst im Wirthshause gilt es als unverbrüchliches Gesetz, daß die Großbauern an besonderem Tische sitzen, und Häusler und Handwerker für sich. Das Dorf, zu dem der Hof Landolins gehört, besteht aus zweiunddreißig großen Bauernhöfen, die zerstreut inmitten ihrer Feldgebreiten liegen, nur bei der Kirche, der Schule und dem Wirthshause haben sich mehrere kleine Häuser angesammelt. »Wo ist denn Dein Weibervolk?« fragte der Oberbauer, nachdem man eine Strecke schweigend nebeneinander gegangen war. »Sie kommen nach, sie fahren,« antwortete Landolin. Der Oberbauer hatte auch gehört, daß heute am Markttage in der Stadt noch etwas anderes vor sich gehen solle, als der Verkauf des Viehes, aber als echter verhaltener Bauer, der sich auch nichts drein reden läßt und unnöthiges Fragen verschmäht, unterließ er jedes weitere Wort. Wieder gingen die Beiden eine große Strecke dahin, stumm und stolz, denn sie hatten beide das Gefühl: da gehen zwei Männer, die zusammen dreihundert Morgen Feld und Wiese und nahezu ebensoviel Wald bedeuten. Als der jüngere und der noch dazu jetzt Bürgermeister war, begann indeß der Oberbauer wieder: »Hast Du noch altes Heu?« »Nein, hab's verkauft.« »Zu gutem Preis?« »Ja. Du auch?« »Freilich.« Die Beiden thaten mit einander so harmlos, als hätte keiner von ihnen je über das Erträgniß seines Ackers hinausgedacht, und doch war der Zauberdrache, genannt Aktie, auch über dieses Thal geflogen und hatte hier gewürgt und dort Federn ausgerupft. Diese beiden Männer hatten ein namhaftes Stück Geld in einer zu Grunde gegangenen Landesbank und in amerikanischen Eisenbahnaktien verloren, aber keiner wollte es dem andern gestehen oder gar klagen; jeder dachte für sich: ich kann's schon eher ertragen. Der eine meinte: ich bin jünger, und der andere: ich bin älter, und der eine meinte: wie konnte der junge Mann so was wagen, und der andere wieder: wie konnte der alte so unerfahren sein? Nur in Einem dachten sie beide gleich, sie wollten sich von keiner Verführung mehr verleiten lassen, sondern beim festen und langsamen Erträgniß ihrer Feldarbeit sich begnügen. »Wir sind ein bisle spät dran,« sagte der Oberbauer wieder. »O,« entgegnete Landolin und stand still – er stand immer still, wenn er sprach – »was ich zu kaufen habe, das wartet auf mich. Ich hab' mein Vieh nur hingeschickt, damit der Markt auch nach was aussieht. Wie ich höre, sollen viel Händler aus dem Elsaß 'rüber kommen.« Der Oberbauer sah Landolin von der Seite an, er hätte ihm gern gesagt: ich weiß, Du willst, daß der Sägemüller mit seinem Sohn zuerst da sei und auf Dich warte; aber ich thue Dir den Gefallen nicht, Dir zu zeigen, daß ich Deinen pfiffigen Stolz verstehe. Das Fuhrwerk Landolins mit den beiden Rappen kam bei den Wandelnden an. Droben saßen, sonntäglich geschmückt, Mutter und Tochter. Der Oberbauer nickte mehrmals schnell und schmunzelte, als er Thoma sah: es ist wahr, sie ist die schönste und mächtigste landauf und landab. Thoma fragte, ob die Männer nicht mitfahren wollten, denn es war noch ein zweiter Sitz auf der Schaarenbank – so nennt man hier zu Lande die char à banc , die nun das Bernerwägelein verdrängt. Die Männer lehnten ab, und das Fuhrwerk rollte weiter. Fünftes Kapitel. Berg und Thal kommen zusammen! Drunten am Strom entlang wandert Anton mit seinem Vater und droben von dem Berge kam Thoma mit den Ihren. Es sind erst wenige Wochen, seit Anton und Thoma sich für einander erschlossen; hat's aber im Frühling erst einmal zu grünen begonnen, dann geht's mächtig und unaufhaltsam fort. Der Schnee lag noch schwer auf den Bergen und in den Schluchten, auf den Feldgebreiten begann er indeß bereits zu schmelzen, da kamen eines Sonntags drei Bursche, die Soldatenmützen trugen, in Landolins Hof an. Sie begrüßten kameradschaftlich den Knecht Fidelis, der im Hofe die Pferde striegelte und ebenfalls eine Soldatenmütze trug. »So?« fragte Fidelis, »Ihr wollt es also wagen, unsere Haustochter aufzufordern?« »Ja freilich.« »Ich glaub' nicht, daß sie mitthut – oder eigentlich, daß der Bauer einwilligt, aber es wird ihnen recht sein, daß man ihnen die Ehre angeboten hat.« »Komm mit, Fidelis,« sagte Anton, »Du gehörst ja auch zu uns.« Die beiden anderen Burschen, Söhne von Großbauern, sahen verwundert drein, sagten aber nichts. »Wie Du meinst,« entgegnete Fidelis, »wartet nur, ich will meinen Sonntagsrock anziehen.« Er begleitete die Drei in das Haus, aber in der Stube blieb er an der Thür stehen und ließ die Bauernsöhne sich dem Meister nähern, der sie willkommen hieß, sich aber rasch wieder setzte und fragte: »Was ist Euer Begehr?« Der Sohn des Großbauern Titus von der jenseitigen Hochebene – der Gäukönig genannt – ein hochgewachsener Bursch mit breiter Brust und einem kindlichen Ausdrucke im Gesicht, meldete wie einen Rapport, den er offenbar sich vorher zurecht gelegt hatte, daß man die Jungfrau Thoma ehrerbietigst einlade, als Ehrenjungfrau bei Uebergabe der Fahne an den Krieger-Verein zu erscheinen. »Wer soll denn außerdem noch zu den Ehrenjungfrauen gehören?« fragte Landolin. »Meine Schwester und die Tochter des Bezirksförsters.« Landolin schmunzelte, dann fragte er, auf welchen Tag die Feier anberaumt sei. Jetzt nahm Anton das Wort und sagte, daß man den 15. Juli, als Tag der Kriegserklärung, dazu bestimmt habe, und der falle just geschickt auf einen Sonntag. Er fügte hinzu, daß man den Schreckenstag zum Freudentag machen wolle. Landolin schaute verwundert auf bei der sichern und festen Vortragsweise Antons, dann heftete er sein Auge auf den Gäuprinz, der, statt selber das Wort zu behalten, den Sohn des Sägemüllers reden ließ. »Ihr denkt weit hinaus, von heut bis Mitte Juli ist noch lang. Aber sei's! Wir können nicht mitthun, wir danken für die Ehre,« sagte Landolin entschieden. »Dann sagen wir: Nichts für ungut! und gehen um ein Haus weiter,« sprach hoch erröthend der Gäuprinz und wendete sich um. »Mit Verlaub,« fiel Anton ein, »wenn ich den Herrn Altschultheiß recht verstanden habe, so will er auch seine Tochter uns das Wort gönnen lassen.« Der Bauer preßte die Lippen schelmisch zusammen, dann sagte er: »Ja, ja, hast recht. Schaut! Ich sag' ihr kein Wort vorher, aber gebt Acht, sie sagt wie ich.« »Darf man fragen warum?« warf der Gäuprinz ein. »Fragen darf man,« schloß der Bauer, ging nach der Thüre, öffnete sie und rief Thoma, sie solle Wein und einen Imbiß bringen. Thoma schien das vorbereitet zu haben, denn sie kam sofort, und die drei Burschen sahen sie mit großen Augen an; sie schenkte ein, man stieß an, und kaum hatte Anton begonnen, nochmals den Wunsch vorzutragen, als sie ihn unterbrach: »Du kannst Deine Reden sparen.« Anton erblaßte und Thoma erröthete, die Blicke Beider begegneten sich, Thoma schlug die Wimpern nieder, dann schaute sie frei auf und fuhr fort: »Ich hab' Alles gehört, was gesprochen worden ist.« »Das ist brav!« rief Anton, »ich glaube, daß Wenige Dir das nachthun und ehrlich eingestehen, wenn sie gehorcht haben. Allen Respekt!« Thoma sah den Sprechenden verwundert an. Wie kommt er dazu, sie zu loben und für etwas derart? Mit fester Stimme erwiderte sie: »Ich dank Dir für Dein Lob, aber ich meine, ehrlich sein verdient kein Lob.« Der Bauer öffnete den Mund weit und hob vor Freude die Schultern. Der hat's! dachte er, die zahlt baar aus. Zum Vater gewendet, fuhr Thoma fort: »Vater! Ihr wollet gewiß auch aufrichtig, daß ich meine Meinung sagen soll.« »Gewiß. Was Du sagst, ist recht.« »So sag' ich Ja. Ich nehme die Ehre mit Dank an.« Fidelis an der Thüre biß sich in die Lippen, um nicht laut aufzulachen, die drei Burschen und der Vater sahen betroffen drein. Der Gäuprinz und der andere Bauernsohn gaben Thoma dankend die Hand; als aber Anton ihr die Hand darbot, machte sie sich schnell mit den Tellern und Gläsern zu schaffen. Die Bäuerin war, ohne daß man's merkte, auch hereingekommen, und als man sich jetzt an Speise und Trank gütlich that, sprach sie mit Allen, sie kannte ja deren Mütter. Zu Anton gewendet, sprach sie ihr Beileid über den Tod seiner Mutter aus und sagte, was für eine grundbrave Frau sie gewesen und wie sie doch noch das Glück gehabt habe, ihren einzigen Sohn gesund und geehrt aus dem Kriege heimgekehrt zu sehen. Als die drei Burschen weggegangen waren, sagte die Bäuerin: »Der Anton ist ein Prachtbursch, der gefällt mir doch am besten.« Dir auch? wollte der Bauer seine Tochter fragen, aber er hielt an sich und sagte nur: »Er hat ein Maulwerk wie ein Advokat, ein echter bestandener Bauer ist doch nur der Hoferbe vom Titus da drüben.« Thoma verließ ohne ein Wort zu sagen die Stube, und was Landolin mit Schreck geahnt hatte, traf ein. Thoma und Anton sahen sich von da an heimlich und offen, am hellen Tage und in stiller Nacht, und als endlich Thoma dem Vater ihre Liebe gestand, hielt ihr dieser ruhig vor, daß das keine ebenbürtige Ehe sei, und er zu ihr das Vertrauen habe, sie sei zu stolz, um herunter zu steigen. Als er aber merkte, daß der Beschluß in ihr feststand, bezwang er seinen Widerstand und war klug genug, seine Einwilligung zu geben, wobei er Dank erntete, statt daß er unter Verdruß und Aerger hätte nachgeben müssen; denn die Liebe und Ehre, die ihm Thoma widmete, ging ihm über Alles. So kam es, daß heute die Verlobung der stolzen Tochter des hochmüthigen Landolin mit dem ehrenhaften aber, wie gesagt, nicht eigentlich ebenbürtigen Anton stattfinden sollte. Sechstes Kapitel. »Mutter,« sagte Thoma im Weiterfahren, »der Vater muß doch auch als junger Bursch der prächtigste gewesen sein.« »Freilich, aber wild und unbändig, gar wild; Du kriegst einen viel sanfteren Mann, bei Euch ist's umgekehrt wie bei uns.« Thoma sah erstaunt auf ihre Mutter, sie war's nicht gewöhnt, daß die Mutter so viel dachte und so viel sprach; ihr Staunen wuchs aber noch, als die Mutter hinzufügte: »Wenn Dein Vater auch Soldat gewesen wär', wie der Anton, dann hätt' er eben auch gelernt, sich in andere Menschen zu schicken und nicht immer zu meinen, er sei allein auf der Welt. Unser Herrgott soll mir's verzeihen, ich hab' eigentlich nicht von Deinem Vater reden, ich hab' nur Dir sagen wollen, Du mußt eben jetzt auch lernen, Dich in andere Menschen zu schicken; wenn man verheirathet ist, ist's aus und vorbei mit dem Eigenwillen.« Die Hochachtung, die Thoma bei der ersten Rede der Mutter empfand, verschwand wieder, da der Schluß Mahnung und Tadel für sie enthielt; sie bewegte trotzig die Lippen, sprach aber nichts. Vom Thale herauf vernahm man bereits den Lärm des Jahrmarkts, Trommeln und Trompeten der Musikbanden ans den Schaubuden, Brüllen der Kühe und Ochsen und Wiehern der Pferde von der großen Wiese am Fluß. Am Fuße des Berges, wo der Radschuh ausgehenkt wird, winkte Thoma einem Bettler, der am Wege saß und seinen Armstumpf ausstreckte. Sie gab ihm ein nagelneues Markstück. »Das freut mich,« sagte die Mutter, als man weiter fuhr, und Thoma entgegnete, ihre Stimme war hell wie der Morgen: »Ja Mutter, heute, an meinem Freudentag darf ich an dem ersten Bettler nicht ohne Gabe vorüber. Und schauet,« rief sie, sich zurückwendend, »schauet, wie er uns nachwinkt; ersieht erst jetzt, was er bekommen hat und zeigt es den Anderen. Wenn ich nur die ganze Welt glücklich machen könnte. so glücklich wie ich bin. O Mutter! Es muß doch schrecklich sein! Da sitzt ein Mensch am Weg und schickt seinen um Erbarmen bittenden Blick hin und her, die Menschen gehen vorüber, der giebt nichts, und der auch nichts, es ist ihnen zuviel, in die Tasche zu langen und den Beutel aufzumachen, und der Arme jammert mit trockenem Munde.« Die Mutter nickte glückseligen Antlitzes, sie hätte gern gesagt: Du hast doch nicht Alles von Deinem Vater, Du hast doch auch was von mir. Aber sie unterdrückte die Worte, sie ärgerte sich noch über sich selber, daß sie ganz gegen Gebühr und Gewohnheit etwas gegen den Bauer gesagt hatte. »Grüß Dich Gott, Thoma, und grüß Gott, Mutter!« tönte plötzlich die helle Stimme Antons. Er reichte die Hand und fuhr fort: »Komm, richt' Dich auf, steig ab.« »Nein, sitz' Du herauf.« »Ich gehe schon nebenher,« entgegnete Anton und schritt, die Hand auf das Geländer gehalten, neben dem Wagen. Die Mutter entschuldigte, daß man habe warten lassen und der Bauer käme zu Fuß nach. Siebentes Kapitel. Als Landolin auf die Marktwiese kam, wurde er zuerst von dem Großbauer Titus, dem sogenannten Gäukönig von der jenseitigen Hochebene, begrüßt. Der Gäukönig bot eine namhafte Summe für die Preiskuh, Landolin lehnte schelmisch ab. Bald war er von einer großen Schaar Bauern umringt, die theils im Ernst, theils im Scherz ihn schalten, daß er durch Aufstellung der Preiskuh den Markt verderbe, denn neben dieser erschienen alle anderen armselig. Landolin lächelte, er hatte eigentlich nur für sich selber stolz sein wollen, aber daß er den Anderen den Markt verdarb, das schmeckte ihm wie der beste Schoppen, und besonders behagte ihm der Aerger des Gäukönigs. Denn Landolin und der Gäukönig standen im Wettbewerb um die oberste Geltung im Bezirk. Die anderen Großbauern hatten eigentlich keinen Ehrgeiz, ihr Sinnen und Treiben war auf Erwerb gerichtet; das war bei den Wettbewerbern nun wol auch der Fall, aber sie wollten dazu noch besonderes Ansehen haben. Der Gäukönig Titus war besser dran, er verachtete die Welt und gab das überall zu verstehen, und wer das thut, dem läuft die Welt nach. Er that so, als ob er von Niemand auf der Welt etwas verlange, und vielleicht war's auch so; er hatte eine bäuerisch vornehme Gleichgiltigkeit, er konnte siebenmal seinen Namen hinter sich nennen hören, er wendete den Kopf nicht, um zu sehen und zu hören. wer und was man von ihm spreche. Er sprach selten mit Jemand, aber wenn er's that, war der Angeredete glücklich: der Gäukönig hat eben mit mir gesprochen und so lang und so manierlich; – wer das erzählen konnte, war stolz und bevorzugt. Landolin dagegen verachtete die Welt nicht minder wie der Gäukönig, aber er war gierig nach Lob und Anerkennung und suchte sie aus den Menschen heraus zu hören, wenn sie ihm nicht entgegengebracht wurden; er war prahlerisch und zeigte sich gern herablassend oder ließ merken, daß ihm an der Wohlmeinung Dieses oder Jenes gelegen sei, und damit verscherzte er die gewünschte Geltung. Landolin und der Gäukönig thaten biederherzig mit einander, während sie sich tief haßten. Jetzt standen sie aber vor einem Dritten, der Jedem von ihnen Ehre zu geben hatte. Der Kreisgerichtsrath, mit Namen Pfann, ein Mann feinen Antlitzes, der eine goldene Brille trug, ging mit seiner Frau am Arm durch das Marktgewühl, bald da, bald dort grüßend; Jetzt trat er auf die Beiden zu und sagte ihnen, daß sie morgen beide das Ausschreiben erhalten würden, das sie zu Geschworenen beruft: »Es läßt sich leider nicht anders machen,« fügte er hinzu, »die nächste Schwurgerichtssitzung fällt in die Erntezeit.« »Es ist einmal so,« rief Landolin, »dafür, daß man hohe Steuern bezahlt, darf man auch wochenlang wie angenagelt sitzen.« Er glaubte so stolz als allgemein wohlgefällig gesprochen zu haben und schaute beifallsammelnd um, aber Niemand nickte ihm zu. »Euch darf man ja gratuliren,« sagte die Kreisgerichtsräthin zu Landolin, »wie ich höre, wird Eure Tochter Braut mit des Sägemüllers Anton von Rothenkirchen. Das ist ein prächtiger junger Mann, so hellauf und so gut geschult und tapfer.« Landolin schien an diesem Lobe nicht genug zu haben, und selbst auf Kosten seines künftigen Schwiegersohnes konnte er es nicht lassen, ruhmredig zu erwidern: »Die jungen Leute haben einander so arg gern, daß ich die Einwilligung gegeben hab'! Ich kann mir's Gottlob schon erlauben, einen Minderen zum Schwiegersohn zu nehmen. Und es ist ein Mensch, der Offizier hätt' werden können. Aber ich muß jetzt Ade sagen. Ich hab' mich versäumt. Sie warten im Schwert auf mich.« Er ging rasch davon. Als der Kreisgerichtsrath sich durch das Gewühl in eine stille Ecke gefunden hatte. sagte er: »Da hast Du nun wieder Deine gradsinnigen Volksfiguren! Gedankenlosigkeit oder pfiffige Rohheit ist ihr Entweder – Oder. Die Rohheit schlägt drauf los, ohne sich je zu besinnen, wie der Getroffene den Schlag empfindet. Verschmäht es der Landolin nicht, seinen braven künftigen Schwiegersohn klein zu machen, nur um selber um so größer daneben zu erscheinen!« »Und doch halte ich dran fest,« entgegnete die Frau, »daß das Herz dieser Menschen unverfälscht ist und oft besser als ihr Reden und Thun. Der Landolin wollte eigentlich nichts gegen Anton sagen; er wollte nur seinem alten Widerpart, dem Titus, eins versetzen, denn Titus hätte den Anton auch gern zum Schwiegersohn gehabt.« Der Kreisgerichtsrath lächelte über die neue Kunde seiner Frau; daß sie sich in ihrem Wohlmeinen durch Nichts erschüttern ließ, darüber staunte er nicht mehr. Die Beiden gingen weiter, und fast noch ehrerbietiger als der Kreisgerichtsrath wurde die Frau begrüßt; sie nickte Diesem und Jenem besonders freundlich zu und für Manchen hatte sie auch ein flüchtiges gutes Wort. Achtes Kapitel. Jenseits des Flusses brauste und tobte das Marktgewühl, und hier unter den Weiden und Erlen saßen Anton und Thoma vor aller Welt verborgen auf einer Bank und herzten und küßten einander. »Jetzt sei gescheidt und red' auch was,« sagte endlich Thoma. »Ich mein', ich kann gar nichts mehr reden und brauch' gar nichts mehr zu reden, Alles, was ich sagen will, weißt Du schon,« entgegnete Anton, und doch erzählte er jetzt von seinem Erwachen vor Tag und von seinem Morgengang und wie er Thoma ins Weite hinein gegrüßt habe. Sie lächelte glückselig und senkte die Augen; sie hatte Anton gewiß auch von Herzen gern, aber daß er solche tiefquellende Liebe habe, wie sie jetzt aus ihm sprudelte, hatte sie doch kaum geahnt. »Da drüben ist der Markt,« nahm er wieder auf, »da kann man Alles haben, ich möcht' Dir auch was kaufen, aber ich mein', Dir kann man gar nichts geben, Dein ist schon Alles.« »Just doch nicht Alles,« lächelte sie, »aber Du hast recht, kauf' mir nichts; ich will nichts als Dein Herz, und so eins kann man nicht kaufen für alles Geld in der Welt. Und weißt Du, was das Beste ist an Allem, was Du sagst?« »Was?« »Ich glaub' Dir jedes Wort. Ich glaub' nicht, daß aus Deinem Mund heraus je ein unwahres Wort kommen kann.« Sie saßen wieder still, Hand in Hand, ein wonniges Lächeln zog über das Antlitz Antons, und Thoma sagte: »Worüber lachst Du jetzt? Sag', was ist's?« »Ja, lieber Schatz, mir ist's, wie wenn auch unser Strom da heut besonders lustig wäre. Schau, an dem bin ich aufgewachsen und wie ich im Kriege war, hab' ich oft in der Nacht gemeint, ich hör' ihn rauschen und hab' Heimweh gehabt. Und jetzt denk' ich, lieber Schatz, es wird Dir auch fischleswohl sein da am Wasser« »Nein, Anton, ich werde mich schwer dran gewöhnen, ich hab' eigentlich Angst vor dem Wasser. Wie ich ein ganz klein' Kind gewesen bin, ist ein Knecht von uns ertrunken, und da hab' ich gehört, der Strom muß jedes Jahr sein Opfer haben, und nach drei Tagen speit er den Todten aus. Ich hab' einen Haß auf den Strom gehabt. Ach was! Was reden wir für närrisches Zeug! Schau! Da drüben kommt das Fuhrwerk vom Titus mit dem Sohn und der Tochter, der Sohn hat mich haben wollen und die Tochter Dich.« Sie stand auf und grüßte die Ankommenden mit der Hand winkend, und sie rief in die Ferne, wo sie nicht gehört werden konnte: »Kauft Euch Puppen auf dem Markt!« Anton aber blieb sitzen, es that ihm wehe, daß Thoma die Verschmähten so schadenfroh grüßte . . . Konnte sie denn auch anders sein? . . . Sie kam ihm jetzt so fremd vor. Die Verdüsterung, die über sein Antlitz gezogen war, schwand aber bald wieder, und langsam gingen die Beiden der Stadt zu nach dem Wirthshaus. Unter dem Hofthor kam ihnen die Schwertwirthin entgegen und sagte: »Die Eurigen sind alle droben in der Erkerstube. Glückauf!« Neuntes Kapitel. Die Schwertwirthin – es ist einmal so, man redet nicht von ihm, sondern von ihr, und er läßt sich das auch ganz gern gefallen – die kluge Frau hat den guten Plan gehabt, das alte Wirthshaus zu einem fast neuen zu machen, ja eigentlich zu einem doppelten, denn sobald der Platz für den Bahnhof bestimmt war. wurde auf der flußwärts gekehrten Seite des Hauses ein neues Gebäude aufgeführt mit einer weiten Sommerhalle und bedeckten Söllern, so daß die Honoratioren des Städtchens ihr Kasino im Sommer ins Freie verlegen konnten. Daneben hatte sie das Erkerzimmer des Hauses nach der Stadtseite eigens für Feierlichkeiten hergerichtet. Da war ein großer Spiegel, in welchem man sich in Lebensgröße beschauen konnte, was freilich nicht immer vortheilhaft ist, da hingen Farbendruck-Bilder von jungen Liebespaaren, von Trauungen, Taufen und goldenen Hochzeiten. Dort am Tische saß der Sägemüller und die Frau Landolins und warteten lange vergebens auf den Bauer. Der Sägemüller war ärgerlich, und die Frau wußte nicht, was sie sagen sollte, denn sie konnte doch nicht bekennen, daß ihr Mann gewiß absichtlich den Sägemüller warten lasse, um ihm zu zeigen, wer der Fürnehmere sei. Der Sägemüller hatte ein ernsthaftes, gleichmütiges Gesicht und in Wort und Bewegung etwas Bedächtiges. Er hatte volle Achtung vor der Bäuerin und sprach diese auch aus, die Bäuerin schaute verschämt nieder, sie war's nicht gewohnt, daß man sie lobte. Sie schwieg, und auch der Müller schwieg und pfiff nur unhörbar vor sich hin. Endlich hörte man den Schritt Landolins und hinter ihm drein kamen Thoma und Anton. Landolin reichte dem Müller still die Hand. »Ich hab' lang gewartet,« sagte der Müller, Landolin hielt es nicht für nöthig, hierauf ein Wort der Entschuldigung vorzubringen; die Menschen müssen zufrieden sein mit Allem, was er thut und wie er's thut. Der Müller schenkte von dem Weine ein, der auf dem Tische stand, und Landolin stieß mit ihm an und sagte. »Eigentlich auszumachen haben wir nichts mehr, Du weißt, was der Peter herausgeben muß, wenn er den Hof übernimmt. Das baare Geld, was sie von mir bekommt, leg' ich am Tage vor der Hochzeit auf den Tisch. Die fünf Morgen Wald in Eurer Gemarkung, die ich zugekauft habe und die nicht zu meinem Hof gehören, gebe ich jetzt schon der Thoma, und sie bleiben ihr eigen. Du hast nur noch den Sohn, und da ist nichts weiter zu reden. Heirathen wirst Du nicht mehr.« Der Sägemüller lächelte schmerzlich und sagte endlich: »So gebt Euch in Gottes Namen die Hand! Und Glück und Segen auf allen Seiten!« Die Verlobten gaben sich mit einem festen Schlag die Hand und ebenso die Väter und die Mutter. Dann tranken die beiden Verlobten aus einem Glase, und es war ein gutes Zeichen, daß Thoma das dargereichte Glas Anton nicht aus der Hand nahm, sondern trank, während er das Glas hielt. Landolin hätte wol noch ein Wort sagen können, aber er schwieg, er hat nicht nöthig zu reden, er ist der Landolin; ja, er sah mißtrauisch auf den Müller, er hielt nicht viel von ihm, weil alle Welt sagte, wie gutmüthig er sei, und Landolin war geneigt, die Gutmüthigkeit für eine Art von Schelmerei zu halten. »Schwiegervater,« sagte Anton, »Ihr sollet immer Freude haben, wenn Ihr zu uns kommt, und so wenig unser Bach den Berg aufwärts lauft, so wenig soll je ein Gedanke der Thoma aus Unzufriedenheit heimwärts gehen in ihr Elternhaus.« Landolin machte große Augen, da Anton so sprach, er antwortete nichts, er klopfte ihm nur auf die Schulter, und der Müller nahm das Wort in bewegtem Ton: »Ja ja, es wird schön sein, wenn wieder ein junges Weibsvolk in unserm Hause ist.« »Und die Thoma,« setzte die Bäuerin hinzu, »wird Euch in Ehren halten; sie ist ehrbar gegen ihre Eltern das giebt brave Hausfrauen.« Landolin zuckte die Achseln kaum merkbar, da der Müller hinzufügte: »Ich glaub's auch, Landolin, Deine Tochter ist nicht so gewaltthätig wie Du und Deine Sippe von jeher.« Landolin lächelte, es erschien ihm als bestes Lob, daß man ihn für gewaltthätig ansah; das hält die Menschen in Furcht und Ehrerbietung. Da Landolin noch immer schwieg, glaubte der Müller abermals das Wort nehmen zu müssen, und er sagte: »Kann mir's denken, daß es Euch hart ankommen wird, die Tochter aus dem Haus zu geben. Wir haben's auch gespürt, wie wir unsere einzige Tochter verheirathet haben. Meine Frau selig – von ihr hat's der Anton, daß er so gut im Wort ist – hat gesagt, wenn die Tochter aus dem Haus ist, die Trepp' auf Trepp' ab gesungen hat, da ist's, als ob alle Lustbarkeit wie ein Vogel davongeflogen wäre.« Landolin sah verächtlich bei Seite über solche alberne, weichmüthige Reden. Der Müller aber, der nichts davon merkte, fuhr leise fort, so daß die Verlobten es nicht hörten: »Ich brauch' den Anton vor Euch nicht mehr zu berühmen, er ist jetzt Euer so gut als mein. Er ist gar gut geschult, sie haben ihn beim Militär behalten wollen, sie sagen, er hätt' Offizier werden können, aber das ist nichts für unsereins, und es wird nicht lauge dauern, da wird Eure Tochter Frau Schultheiß heißen. Meine Frau hat's Gottlob noch erlebt, daß er heim kommen ist mit dem großen Ehrenzeichen; Ihr freut Euch gewiß auch damit. Ein Mann mit diesem Zeichen ist viel werth, das heißt, nicht im Geld, aber er ist werth und angesehen, wohin er kommt, und hat sich vor Niemand, wer er sei, zurück zu stellen.« »Das brauchen wir auch für uns nicht,« sagte Landolin endlich mit hochmüthig mitleidiger Miene gegen den Müller, und er lachte laut, als der Müller hinzufügte: »Die Frau Kreisgerichtsräthin hat das schön ausgelegt. Wohin der Anton kommt, hat er das Ehrengeleit von dem Obersten im ganzen Reich.« »Hoho!« schrie Landolin so laut, daß selbst die Verlobten aufschraken. Es kam aber zu keiner weiteren Erklärung, denn da jetzt der Markt zu Ende war, traten die Verwandten des Müllers und auch der Bruder von Landolins Frau ein. Die Bäuerin begrüßte den Bruder herzlich, auch Landolin reichte ihm die Hand und hieß ihn willkommen. Er war sonst verfeindet mit seinem Schwager, der eigentlich zum Titus hielt, heute aber mochte er doch, wie sich's gebührt, bei dem Familienfeste sein. Man trank, man schmauste, aber das Gesicht Landolins röthete sich bis in die Stirnhaare hinein, da der Müller sagte, er begleite nächsten Sonntag die Verlobten, die dem Wälderjörgli. dem Einungsmeister, droben im Walde sich als Verbundene vorstellen sollen. »Mich geht der Einungsmeister nichts an,« rief Landolin, »ich frag' nichts nach den alten Bräuchen, und bei mir ist der Wälderjörgli mit seinem langen Bart kein Heiliger; in meinem Kalender steht er nicht.« »Er ist ein Verwandter von meiner Frau selig,« schaltete der Müller ein, »und Du weißt ja, was er zu bedeuten hat.« »Just soviel, als in meinem Glas ist,« entgegnete Landolin, nachdem er ausgetrunken hatte. Die Frau, die einen Zank befürchtete, betheuerte ihre Ehrerbietung gegen den Wälderjörgli und bat ihren Mann, nichts weiter gegen ihn zu sagen; Thoma half ihr und legte ihre Hand auf die Schulter des Vaters mit der Bitte, sich nicht unnöthig in Jast zu bringen. Landolin lächelte seinem Kinde zu, schenkte frisch ein und trank auf das Wohl der Verlobten. Diese wollten nun davon gehen, aber Landolin rief mit erregter Stimme. »Halt! Stillgestanden! Anton! Vor Lichtmeß darfst Du bei mir nicht um die Hochzeit anfragen. Gieb mir Dein Wort drauf!« »Ich hab' heut keins mehr, ich hab' mein Wort heut schon hergegeben,« entgegnete Anton lachend und ging mit seiner Braut davon. Zehntes Kapitel. »Du hast gar viel Duzkameraden«, sagte Thoma, da sie im Marktgewühl oft angehalten wurden, zumal von den Kriegsgefährten Antons. »Ich wollt', wir wären allein,« setzte sie verdrossen hinzu. »Ja, lieber Schatz,« entgegnete Anton, »wenn man sich am Markttag verlobt und sich zum ersten Male selbander zeigt, muß man das schon hinnehmen, und ich nehm's gut und gern hin. Es ist schön, daß sich so viele Menschen mit unserm Glück freuen, sie haben Freude von uns, und unsere Freude bleibt uns doch.« »Glaubst Du, daß sie wirklich Freude haben?« fragte Thoma. Anton konnte nicht antworten, denn der Bettler mit dem Armstumpf kam auf sie zu, dankte Thoma nochmals und sagte, es sei wunderlich, daß sie ihm so Gutes gethan, er sei der Einsteher für ihren Vater gewesen, denn zu damaligen Zeiten hat man noch seinen Mann gekauft. Anton ließ sich erzählen, wo der Mann seine Hand verloren, es war an einer Kreissäge in einer Mühle im jenseitigen Thal geschehen, und Anton sagte, er solle in nächsten Tagen zu ihm kommen, er wisse ihm vielleicht einen guten Verdienst anzuweisen. Während er noch sprach, kam die Kreisräthin herzu und brachte ihren herzlichen Glückwunsch, Thoma sah verwundert drein, da die Frau hiuzufügte: »Ihr seid das neue Geschlecht, bewahrt die Ehrenhaftigkeit der Alten und nehmt den neuen Gemeinsinn hinzu. Ich werde Ihre Verlobung meinem Sohne schreiben.« Anton schüttelte der Kreisräthin die Hand und sagte: »Dann bitte ich meinem Herrn Oberstlieutenant meinen gehorsamen Gruß dazu zu melden.« Die beiden Brautleute kamen aber noch immer nicht aus dem Gewühl heraus, denn jetzt kam ein Trupp Kameraden und umringte sie und allgemein hieß es: »Auf Eurer Hochzeit marschiren wir mit der Vereinsfahne voran, und die Regimentsmusik muß herbei.« Anton erklärte sich dankbar einverstanden, aber kaum war er aus dem Ringe los, da rief ein Fuhrmann in blauem Kittel, der neben einer vierspännigen Frachtfuhre ging: »Rottenmeister Anton Armbruster! Halt!« Der Fuhrmann kam auf Anton zu und sagte: »Grüß Gott! So? hast Du sie? Ist sie das? Ist das die Thoma?« »Ja.« »So sage ich Glück und Segen! Ei, die ist groß und stolz! Gieb mir die Hand!« Thoma reichte unwillig die Hand, und der Fuhrknecht ergänzte lachend: »Laß Dir's von ihm erzählen, wie wir vor Paris Nachts am Lagerfeuer gelegen haben, auf der einen Seite halb gebraten, auf der andern Seite halb erfroren. Da hat er aus dem Schlaf gerufen: Thoma! Thoma. Er hat's nachher nicht bekennen wollen, aber ich hab's ganz deutlich gehört. Nun, b'hüt' Euch Gott beieinander. Hü!« rief er seinen Gäulen und fuhr voran. Die beiden Verlobten kamen endlich aus dem Gewühl auf den stillen Wiesenweg, sie gingen Hand in Hand, bald aber standen sie still. Wer sie so beisammen sah, mußte denken, welche Liebesworte sie sprachen, und in Ton und Geberde des Jünglings war so viel bewegte Innigkeit, aber er sprach nicht von Liebe oder doch nicht von Liebe zu seiner Braut, denn er begann stockend: »Nimm mir's ab, herzlieber Schatz.« »Was denn? Was hast denn?« »Schau, da bin ich jetzt und da bist Du und wir haben einander und halten einander und ich bin doch einmal so weit weg gewesen, in Frankreich und in allerlei Gedanken. Schau, Thoma, da sind wir im Feld gestanden, auf dem Marsch und im Lager, tausend und tausend, und Alle doch nur wie ein einziger Mensch, keiner mehr für sich, und da denkt man nicht mehr dran, was man daheim gewesen ist, eine Brüderschaft ist Alles, und jetzt lebt Jeder für sich allein.« »Du bist nicht allein, wir sind selbander.« »Hast recht. Du hast mich was fragen wollen.« »Ja. Wie ist denn das gewesen, daß Du aus dem Schlaf meinen Namen gerufen hast?« »Ja. Denkst Du noch dran, wie ich damals nach der Kriegserklärung als Einberufener an Eurem Haus vorbeigekommen bin?« »Freilich denk' ich noch dran.« »Hast Du was gemerkt, daß ich den Umweg gemacht hab' über den Berg an Eurem Haus vorbei?« »Damals nicht, nachher ist mir's doch durch den Sinn gegangen. Wie Du mir die Hand zum Abschied gegeben hast, hast Du mich so angesehen, da mit Deinen feurigen Augen, die so gradaus gucken.« »Ja, ich hätt' Dir damals schon gern gesagt, wie lieb ich Dich hab', aber ich hab's niedergedrückt, Dir zu lieb'; ich hab' mir's überlegt, es ist besser, du sagst nichts, da ersparst du ihr das Herzeleid, daß sie um dich bangt und sorgt, derweil du im Krieg bist, und wenn du den Tod erleiden mußt, dann muß sie lebenslang dran tragen. Es ist mir schwer geworden, Dir nichts zu sagen, aber wie ich fort gewesen bin, hat's mich doch gefreut, daß ich mich hab' bezwingen können. Und weißt noch? Du hast eine wilde Rose am Stil im Munde gehabt, und das Rosenblatt hat sich auf Deine Lippen gelegt, da, wo ich gern einen Kuß hingegeben hätt'; und an Deiner Brust hat eine Kornblume gesteckt, die war so blau wie Deine Augen. –« »O Du Schmeichler! Aber weiter, wie ist's denn weiter gewesen?« Anton umhalste sie und küßte sie, dann fuhr er fort. »So. Also weiter? Ja, Du hast die beiden Blumen in die Hand genommen, und ich hab' Dir angesehen, Du hättest mir sie gern gegeben und ich hätte sie auch so gern gehabt. Ich hab' aber auch das niedergedrückt. Oft und oft aber hab' ich bei Tag und bei Nacht im Feld und auf der Wacht an Dich gedacht, wie es im Lied heißt, und einmal hab' ich mich im Schlaf verrathen und Deinen Namen genannt, wie der Xaver neben mir gelegen hat.« »O, was bist Du so lieb und so fein,« rief Thoma. »Ich fürchte nur, ich bin zu grob für Dich; es geht rauh her bei uns im Haus, wir sind nicht so . . . Aber wirst schon sehen, ich werde auch noch anders.« Ihre Augen waren feucht, als sie so sprach, und ihr ganzes Antlitz veränderte sich zu Milde und Demuth. »Du sollst nicht anders werden,« rief Anton, »Du sollst bleiben wie Du bist; grad so bist Du mir recht. O Himmel, kein Mensch auf der Welt wird's glauben, daß des Landolins Thoma von Reutershöfen so sanft sein kann wie eine Taube.« »Ich sanft?« jauchzte sie schelmisch, »Juhu! fang' mich!« rief sie in die Hände klatschend und lief behend in den Wald. Anton jagte ihr nach. Elftes Kapitel. Die Brautleute kamen in den Wald, der Landolin gehörte; am Rande desselben, dort wo die Sonne kräftiger eindringen kann, war den mächtigen Tannen die Rinde aufgerissen, und rings umher standen Kufen, in welche das Harz aus den Bäumen tropfte. »Schad' um die schönen Stämme,« sagte Anton, »Dein Vater muß künftighin solche sägbare Stämme nicht mehr anreißen, sondern mir überlassen.« Thoma bat, ja recht behutsam mit ihrem Vater umzugehen, denn er lasse sich nicht gern etwas drein reden. »Ich weiß nicht . . .« fügte sie hinzu, »ich mein', mein Vater ist heut so . . . so aufbrausig. Ich weiß nicht warum?« »Aber ich weiß. Er ist ärgerlich, daß er Dich hergeben muß. Gieb acht, denk' dran, in tausend Wochen bin ich auch so. Aber zum Großvater werden muß man –« »O, Du!« unterbrach ihn Thoma, und hell leuchtete ihr Antlitz. Sie gingen tiefer in den Wald, und vom Wege ab, unter einer breitästigen Tanne setzten sie sich nieder ins weiche schwellende Moos. »Jetzt ist genug geküßt, jetzt laß mich ein wenig ausruhen, ich bin müde,« sagte Thoma, sich an den Stamm lehnend, und sie lächelte, da Anton schnell seine Jacke zusammenrollte und ihr ein Rückenkissen daraus bereitete. Zu ihren Füßen blühten Maiblumen, Anton brach eine ab und streichelte Thoma damit Stirn und Wange, indem er dabei leise allerlei Kinderlieder und Heilsprüche sang: »Ich wünsch' Dir eine ruhsame Nacht, Von Rosen das Dach, Von Maiblumen das Nest, Schlaf' wohl, schlaf' wohl und fest.« Wo zwei Liebende im Waldesgrunde beisammen sitzen, da tönt und klingt aus dem Brodem, der der Erde entsteigt, und in dem Säuseln und Rauschen, das durch die Wipfel zieht, all jener Zauber von Wonne und Kindlichkeit, der im Liede klingt und im Märchen hin und her huscht und Baum und Gras und Waldgethier reden macht. »Horch! Der Fink!« sagte Anton. »Kennst Du die Geschichte vom Fink?« »Nein, erzähl'.« »Es geht einmal ein Bursch über Feld, um seinen Schatz zu besuchen, da ruft der Fink: »Wip! Wip!« (weib'! weib'!) Das will ich ja, sagt der Bursch, und wie er wieder heimkehrt, ruft der Fink: »Besinn' Di' wohl! Besinn' Di' wohl!« – Jetzt wir, liebe Thoma, haben uns besonnen. Flieg' weiter, Fink, wir sind schon im Reinen. Wip! Wip!« Thoma lächelte, dann schloß sie die Augen und war bald entschlummert. Anton betrachtete die Schlafende, sie war neu schön, aber sie mußte mit einem trotzigen Gedanken eingeschlafen sein, denn ihre Mienen hatten einen herben Ausdruck. Von einem Findlingsfelsen in der Nähe schauten Eidechsen mit klugen hellen Augen auf die Schlummernde und ihren Hüter, sie huschten leise davon, und bald kamen andere, sich auch das Wunder zu betrachten, goldgrüne Libellen flogen durch die Luft, stießen einander an und wischten davon, ein bunter Schmetterling setzte sich auf das Haupthaar Thoma's, just inmitten der Stirn und haftete da lange wie ein Diadem; ein Grünspecht klopfte oben am Wipfel der Tanne aufkletternd, jetzt drehte er den Kopf, sah die Schlummernde und flog rasch davon. Ein Kukuk kam geflogen und schon im Niederlassen ließ er seinen Ruf erschallen, Thoma erwachte und sah staunend um. »Guten Morgen, Schatz!« rief Anton, »jetzt bist Du schon meine Braut von gestern.« »Hab' ich lang geschlafen?« fragte sie. »Nein, Du mußt aber 'was Besonderes geträumt haben. Was war's?« »Ich erzähl' keinen Traum, ich halt' nichts drauf. Komm, jetzt wollen wir heim.« Sie gingen weiter, waldaus. Zwölftes Kapitel. Droben, wo der Wald endete und das Ackerland begann, sahen sie die Schaubkäther mit ihrem rothen Kopftuch vor einem jungen Manne stehen, der am Wegraine saß, sie reichte ihm eine Bretzel dar, er aber lehnte sie ab. »Schau,« sagte Thoma, »das ist die Schaubkäther mit ihrem Vetturi, sie verkindelt den nichtsnutzigen Bursch; er ist Knecht bei uns gewesen, wir sind aber dahinter gekommen, daß er, wer weiß wie lang, Hafer gestohlen hat, und da hat ihn mein Vater natürlich fortgejagt.« »Der arme Kerl sieht arg verkommen aus.« »Er ist nicht nur arm, er ist auch schlecht. Quält der Bursch meinen Vater, der die Sache nicht bei Gericht angeben mag, er solle ihm noch Lohn herausgeben.« Die Verlobten kamen bei dem am Wege Sitzenden an; der Bursch stand plötzlich auf, er war hager von Gestalt, schwarz bläuliche Haare fielen ihm wild in die Stirne, die dunkeln, müde dreinschauenden Augen hatten einen menschenscheuen Blick. Er zog einen zerrissenen Strohhut ab und verbeugte sich mehrmals vor Anton; ein Wort schien er nicht hervorbringen zu können. »Nicht wahr, Vetturi heißt Du?« sagte Anton. »Komm her! Willst was haben?« »Ich nehm keine Bettelgabe, lieber schlag' ich meinen Mund auf einen Stein auf,« erwiderte Vetturi mit heiserer Stimme, und wie einem Widerspruch sich entgegenstellend, rief er, zur Schaubkäther gewendet: »Mutter! Ich leid's nicht, daß Ihr was annehmt.« Mit ganz veränderter Stimme sagte er dann zu Thoma: »Darf ich Dir Glück wünschen?« »Nein, das darfst Du nicht. Wer überall herum so unehrerbietig von meinem Vater redet, der darf mir nicht Glück wünschen. Gesteh' ein, daß Du gestohlen hast, und wenn Du's eingestehst, dann will ich selber bei meinem Vater gut für Dich reden.« »Ich gesteh' nichts ein.« »Dann schimpf auf mich und nicht auf meinen Vater. Mein Vater hätte Dir vielleicht nachgegeben, aber ich leid's nicht, so lang Du lügst.« »Aber ich wünsch' Dir Glück, Anton,« rief die Schaubkäther. »Ich wünsch', daß Deine Frau werde wie Deine Mutter gewesen. Das war eine Gutthäterin, wie keine mehr in der ganzen Gegend. Ich bin in Deinem Haus gewesen, wie Du auf die Welt gekommen bist, Du bist grad acht Tage älter, als meine älteste Tochter jetzt wär'! Jetzt mach', daß Dein Schwiegervater meinen Vetturi wieder annimmt und Alles ausebnet. Wir sind arme Leut', wir wollen keine Händel mit so einem mächtigen Bauern, er soll uns aber auch nicht drücken, daß das Blut unter den Nägeln hervorquillt.« »Komm mit fort,« rief Thoma, Anton am Arm fassend, »laß die da nicht so an Dich hinreden.« Sie ging voran, Anton folgte ihr nicht, sondern sagte zu Vetturi, er wolle ihn als Holzschläger droben im Walde annehmen. »Das kann mein Vetturi nicht,« fiel die Mutter ein, »er kann nicht so vom Montag früh bis Samstag Abend da droben schaffen und kein rechtes Essen und kein rechtes Lager haben. »Komm, komm doch!« drängte Thoma von ferne. Anton ging, und hinter ihnen rief Vetturi noch allerlei Verwünschungen gegen Landolin. Die Brauen tief hereinziehend und mit vorwurfsvollem Tone sagte Thoma: »Der Vetturi ist doch kein Kamerad von Dir, und Du hältst Dich doch bei ihm auf? Das will mir nicht von Dir gefallen. Du bist nicht stolz genug. Solche Menschen dürfen mit unser einem gar nicht reden, ehe man sie fragt.« Anton sah sie betroffen an, sie hatte eine Herbheit in Wort und Stimme, die ihn überraschte; sie mochte das merken, denn mit entzückendem Lächeln fuhr sie fort: »Schau, ich bin stolz auf Dich, und Du mußt selber auch stolz auf Dich sein; so ein Mensch wie Du, mit dem dürfen die Leute nur mit dem Hut in der Hand reden. Ich sag' einem schlechten Menschen nicht guten Tag, und Du sollst es auch nicht. Du meinst vielleicht, ich sei bös? Denk' das nur keinen Augenblick. Ich hab' nur kein Mitleid mit einem Lügner. Mag einer gethan haben, was es sei, wenn er eingesteht, kann man ihm helfen, aber einem Lügner, einem Heuchler –« »Ja, liebe Thoma,« unterbrach Anton, »zum Schlechtsein gehört eben auch, daß man lügt; wer stehlen kann, muß auch lügen können und –« »Ich versteh' Alles schon zum ersten Male, brauchst mir nicht Alles zwei Mal erklären. Ich bleib' dabei, einen Lügner und Heuchler könnt' ich vor meinen Augen verschmachten sehen, und thät ihm nicht helfen, bis er –« »Oho! Du bist wild.« »Ja, wenn ich auf den Punkt komme, bin ich's. Aber genug! Was gehen uns die Häuslersleute an? Schau, da ist's gewesen, da bei dem Birnbaum, wo Du damals Abschied genommen hast, wie Du in den Krieg gezogen bist. Schau, es ist der bestgewachsene Baum, und jetzt sieht er aus wie ein Blumenstrauß am Stiel.« »Und eh' die Blüthen Birnen sind, bist Du mein.« Dreizehntes Kapitel. Anton fragte nach dem Gespiel, der Tochter des Oberbauern, die damals bei Thoma gewesen war. Mit schmerzlichem Ausdrucke erzählte Thoma, daß sie mit dieser einzigen Freundin zerfallen sei; Zorn und Scham rötheten ihre Wangen, indem sie berichtete, daß des Oberbauern Tochter an ihrem Hochzeitstage einen Kranz getragen habe, den sie nicht verdiente. Die Lippen Thoma's bebten, da sie sagte: »Man spricht noch davon, wie die Mutter der Schaubkäther hat vor der Kirchenthüre stehen müssen mit einem Strohkranz auf dem Kopf und einem Strohgürtel um den Leib. Das war hart, aber gerecht. Jetzt aber des Oberbauern Tochter! Vor Gott und den Menschen lügen, sich eine Ehre nehmen, die einem nicht gebührt, das bei sich wissen und doch so keck sein – da hast Du wieder ein Beispiel, grad wie bei dem Vetturi. Mit einem Lugenbeutel, reich oder arm, Mann oder Frau, habe ich keine Gutheit und keine Freundschaft. Wer die rechte Ehre und den rechten Stolz hat, der giebt sich nicht so herunter, daß er leugnet, was auch geschehen sein mag. Wer nicht für das einsteht, was er gethan hat, der soll zum Teufel gehen, oder eigentlich man braucht's ihn nicht mehr zu heißen, er ist schon zum Teufel gegangen. Du lachst? Hast recht! Einem so fürnehmen Ehrenmenschen wie Du, braucht man so was nicht predigen. Und jetzt brauch' ich kein Gespiel und nichts mehr. Ich hab' Dich und meinen Vater, ich hab' die alte und junge Ehrenhaftigkeit bei einander, keine Prinzessin kann sie besser und schöner haben.« Sie gingen Hand in Hand weiter. Als sie an den Hof kamen, rief die Mutter, die rasch heimgekehrt war, zum Fenster heraus, sie sollten nur noch draußen bleiben, es werde schon Alles gerichtet für die Glückwünschenden, die nun kommen. Die Beiden saßen im Berggarten hinter dem Hause auf der Bank unter dem Kirschbaum, und reicher waren nicht die Blüthen an dem Baum, als die glückseligen Empfindungen der Verlobten. – Derweil die Verlobten hier unter dem Kirschbaum waren, saß die Schaubkäther bei ihrem Sohne, und dieser sagte. »Mutter, ich muß fort von hier, ich geh' ins Elsaß in eine Fabrik.« »Und mich willst allein lassen?« klagte die Mutter wol zum hundertsten Male, und auch zum hundertsten Male erzählte sie – als wär' das ein Trost – daß der Großvater Vetturi's auch ein Sohn vom Reutershof gewesen sei, der abgefunden wurde, und wie dessen Nachkommenschaft es nie mehr zu etwas brachte. Vetturi ließ die Mutter reden, blieb aber dabei, er wolle fort. »Mutter, ich lieg' Euch auf dem Hals, ich schäm' mich.« »Du liegst mir nicht auf dem Hals und hast Dich nicht zu schämen, daß Du bei Deiner Mutter bleibst. Was hab' ich denn noch auf der Welt, wenn Du fort bist? Ich stehe dann nicht mehr gern auf und mach' nicht mehr gern Feuer an. Wenn Du fortgehst, mußt mich mitnehmen.« »Wollen sehen, Mutter. Jetzt muß ich einmal meinen Lohn haben vom Landolin, heut am Tag muß ich ihn haben.« Er riß sich von seiner Mutter los und eilte nach dem Hofe. Vierzehntes Kapitel. Die Bäuerin hatte das Rechte vorausgesehen Von den heimkehrenden Marktgängern, wie von den daheim Verbliebenen, kamen viele Männer und Frauen, um zur Verlobung Thoma's Glück zu wünschen. Die Bäuerin hieß sie willkommen und stellte Speise und Trank aus. Als Landolin heimkam, dankte er den Leuten in der Stube nur unwirsch; er sah gar nicht aus wie ein Brautvater, und als der Galoppkübler ihn lobte, daß er seinen Stolz bezwungen und seine Tochter dem Anton gegeben, sah ihn Landolin mit einem stummen verächtlichen Blick au: wie kommt der Mensch dazu ihn zu loben und dazu über eine Sache, die ihn doch noch wurmt? »Bauer, wie siehst Du denn aus?« fragte die Frau. »Ja, wie seh' ich denn aus?« »Wie wenn Du nicht eine Freude erlebt, im Gegentheil, wie wenn Du einen Verdruß gehabt hättest.« »So?« entgegnete Landolin und wendete sich ab, er hielt es nicht für nöthig, seiner Frau zu berichten, daß er noch ärgerlich sei über die Verlobung und daß er einen häßlichen Auftritt mit dem Einhändigen gehabt, der sich ihm zutraulich genähert hatte. »Bäuerin,« sagte er nach einer Weile insgeheim, »Stell' nichts mehr auf und mach', daß die Leut' fortkommen. Sei nicht so freundlich und red' nicht so viel mit dem Pack. Es ist eine Frechheit, daß sie kommen, mir Glück zu wünschen; ich brauch' ihre Glückwünsche nicht.« Er ging in den Hof hinab und stand eine Weile bei dem Hunde, ja er sprach mit ihm: »Hast recht, hätt' Dich bei mir haben sollen, solche Gesellen soll man nicht mit einem Wort anrühren; nur den Hund auf sie hetzen.« Da kam Vetturi barhaupt in den Hof gestürmt und rief: »Bauer! Ich sag's zum letzten Male, meinen Lohn will ich, mein Geld!« »Was? Du willst was von mir? Augenblicklich marschirst Du Dich aus dem Hof. Fort! Wie? Du bleibst noch stehen? Zum letzten Male sag' ich: geh' gutwillig.« »Ich geh' nicht.« »Soll ich den Hund loslassen und auf Dich hetzen?« »Brauchst den Hund nicht loslassen, bist selber ein Hund.« »Was bin ich?« »Was ich gesagt hab'.« »Vetturi, Du weißt, ich hab' eine eisenfeste Hand. Geh'! Geh' oder ich schlag' Dich nieder, daß Du nicht mehr zuckst.« »Thu's, schlag' mich todt, Du Menschenschinder, Du –« Ein Stein war geworfen, ein Schrei war gerufen, ein Winseln wurde laut, daß selbst der Hund zu bellen aufhörte. Vetturi stürzte nieder, stöhnte laut auf, dann lag er regungslos. Anton und Thoma waren eben beim offenen Hofthor angekommen, sie standen wie festgebannt. »Um Gotteswillen! Was ist da geschehen?« rief Anton und eilte auf den Niedergestürzten zu. Thoma aber stand eine Sekunde starr und heftete den Blick auf ihren Vater, der sich die Weste aufriß und das Halstuch lockerte, dann stürmte sie auf ihn zu, legte beide Hände auf seine Schultern und rief: »Um Gottes willen Vater! lieber Vater! Was habt Ihr gethan!« Er schaute sie an mit einem grausenhaft verwandelten Antlitze. Ist das der Blick eines Menschen in der Minute, da er einen andern getödtet hat? Er schüttelte ihre Hände ab und sagte: »Laß mich!« Er war vor ihr, sie war vor ihm erschrocken. »Laß mich,« fuhr er mit stierem Blick seine inneren Handflächen betrachtend fort, »ich hab' nichts gethan! gar nichts.« Ein Schauer durchfröstelte Thoma: Der Vater lügt! Wie war die stolze Liebe zum Vater noch einmal zu Tage getreten, und nun? In diesem Augenblicke geschah es, Vater und Tochter verloren einander. »Er ist todt! Die Hirnschale ist ihm zerschmettert,« rief der Pferdeknecht Fidelis, der mit Anton den niedergesunkenen Vetturi aufgenommen hatte. Gesenkten Blickes ging Thoma nach dem Hause; Landolin verließ den Hof und ging nach dem Brunnen jenseits der Straße. Die im Hause versammelten Glückwünschenden kamen herbei, man klagte und jammerte und trug den Vetturi heim zu seiner Mutter. Im Hofe Landolins war es plötzlich leer und still, nur eine Blutlache bei den aufgehäuften Pflastersteinen zeigte noch, was geschehen war. Die Hühner und Sperlinge waren herbeigekommen, der Oberknecht Tobias verjagte sie und kehrte schnell Alles weg, dann warf er den Stein und den Besen mitsammt dem Stiel in die Jauchengrube. Fünfzehntes Kapitel. Als Anton vom Hause der Schaubkäther zurückkehrte, stand Landolin am Brunnen und hielt die Hände noch immer unter dem breiten Wasserstrahl. »Wie ist's?« fragte er jetzt sich umdrehend. »Er ist todt, kein Lebenszeichen mehr,« entgegnete Anton. Landolin schüttelte heftig die nassen Hände ab und nickte mehrmals mit dem Kopfe, bis er das Wort nahm: »Du hast's gesehen, Anton, Du bist just dazu gekommen, der Stein hat ihn nicht getroffen, er ist von meiner Stimme umgefallen.« Bevor Anton erwidern konnte, fragte Landolin: »Ist seine Mutter daheim gewesen?« »Ja, sie ist grad heimkommen, und es ist schauerlich gewesen, wie sie sich auf ihren Sohn niedergeworfen und gerufen hat: Vetturi! Schlag' die Augen auf, Vetturi! Mach' den Mund auf! Da ist Wachholdergeist, trink' nur, trink'!« »Ich muß auch was trinken,« entgegnete Landolin, legte den Mund an den Röhrbrunnen und trank lang; ja, er ließ sich offenbar absichtlich das Wasser über das Gesicht spritzen und während er sich langsam abtrocknete, sagte er: »Geh' Du jetzt zur Thoma, ich komme bald nach.« Anton ging, er traf Thoma auf dem Söller bei den Blumen, sie zupfte welke Blätter ab von Rosmarin, Gelbveigelein und Nelken, sie schaute nicht um.« »Thoma! Ich bin da. Siehst Du mich denn nicht?« rief Anton. »Ich sehe Dich,« erwiderte Thoma, ihre Stimme war anders und ihr Gesicht, das sie jetzt Anton zuwendete, war anders, ihr sonst so stetiges Auge ging unruhig hin und her. »Ich sehe Dich,« fuhr sie fort, »ich sehe die Blumen, ich sehe die Bäume und den Himmel, und Alles thut nur so lebig, Alles ist todt.« »Thoma, Du bist sonst so stark und fest. Faß' Dich! Es ist freilich traurig und hart.« »Es ist nicht nur Ein Mensch getödtet; er, Du, ich, mein Vater, Alle, Alle sind zum Tod getroffen.« »Thoma! Uebernimm Dich nicht so. Du bist doch sonst so gescheidt und fest.« »Ja, ja, wie er noch gelebt hat, bist Du so weichmüthig gegen ihn gewesen und jetzt, wo er erschlagen ist, bist Du so hart. Sag', bin ich noch bei Verstand?« »Das bist Du, wenn Du Dich nicht mit Fleiß verrückt machen willst.« »Glaubst Du, daß mein Vater, daß eins von uns je noch eine Minute glücklich –« »Dein Vater hat nichts gethan –« »Wer denn? Und ist denn der Vetturi nicht todt?« »Er ist todt, aber er ist gegen die Pflastersteine gefallen.« »Anton!« schrie Thoma mit machtvoller Stimme, »Anton, das sagst Du nicht selber aus Dir. Hat Dir das mein Vater gesagt?« Anton erbebte, und Thoma fuhr fort: »Anton! Du willst falsch Zeugniß ablegen, um meinetwillen. Du lügst! Da steht er und hat so getreue Augen, so ehrliche, und will lügen. Und da soll ich noch Deinem Ja glauben vor dem Altar? Anton, Du lügst!« Mit zitternd gepreßter Stimme antwortete Anton: »Thoma, ich bin . . . ich bin Soldat.« Seine Hand legte sich auf das Ehrenzeichen an seiner Brust. »Reiß das herunter!« schrie Thoma. »Geh! geh! Du kannst auch lügen. Geh!« »Thoma! Ich verzeih' Dir, im Elend vergreift man sich grad an seinem Nächsten.« »Du bist nicht mehr mein Nächster und ich will Deine Verzeihung nicht. Geh! Auf immer und ewig! Ich hab' kein Theil an Dir und Du sollst auch kein Theil an mir haben.« Sie stürmte rasch davon und verschloß sich in ihre Kammer, Anton stand eine Weile wie erstarrt, dann klopfte er an ihre Thüre und sprach die innigsten Worte, sie antwortete nicht; er drohte, daß er die Kammerthür eintrete, wenn sie nicht laut gebe, da klirrte der Riegel, ein Spalt öffnete sich, vor seine Füße fiel der Verlobungsring, die Thüre wurde rasch wieder geschlossen. Anton hob den Ring auf und ging. Sechzehntes Kapitel. Landolin ging vom Brunnen am Wege nach dem Hofe, dort stand er wieder eine Weile an der Hundehütte und sagte fast laut: »an der Kett'! an der Kett'!« Er nestelte den Hund los, der ihm in die Stube folgte. Niemand war da. Landolin setzte sich in den Lehnstuhl, griff ängstlich tastend nach den Armlehnen und strich daran hin und her, wie sich beruhigend, daß die Armlehnen noch da sind; dann zog er die lockeren Stiefelschäfte herauf, als müßte er sich zu einem Gange rüsten. Er erhob sich, ging aber nur bis an den Tisch, er strich wiederholt mit der Hand über den Tisch, als wollte er etwas wegwischen. Mit befehlender Stimme rief er nun, man solle das Essen bringen. Das Essen kam, die Frau setzte sich zu ihm, sie redete kein Wort, sie schien beruhigt, ja fast erfreut, daß ihr Mann essen wolle, und sie zwang sich, selber zu essen. Landolin befahl der Magd, sie solle Thoma und Anton zum Essen rufen. Die Magd kam mit dem Bescheid, Anton sei fort und Thoma ließe sagen, sie käme nicht. Da faßte Landolin die Gabel, und stieß sie durch das Linnen in den harten Tisch, daß sie fest stecken blieb. Die Lippen zusammenpressend, stand die Frau auf und schaute scheu auf den Tisch, ob nicht Blut herausfließe, da ihr Mann so Entsetzliches an dem Familientisch gethan. Die Gabel steckte noch im Tische, als ein Fuhrwerk vor dem Hause hielt, und bald traten der Kreisgerichtsrath und der Aktuar ein. Die Bäuerin hatte Fassung genug, rasch die Gabel aus dem Tische zu ziehen. Landolin wollte die Hand zum Willkomm reichen, der Kreisgerichtsrath schien es nicht zu bemerken und keine Hand frei zu haben. Landolin dankte nun mit fester Stimme dem Richter, daß er so rasch gekommen sei, um den Thatbestand der unglücklichen Geschichte gleich ins Reine zu bringen. »Setzen Sie sich, Herr Kreisgerichtsrath, und Sie auch, Herr Aktuar,« sagte er zuvorkommend, schenkte von dem Weine, der auf dem Tische stand, drei Gläser ein, faßte das eine und stieß die anderen an, zum Zeichen, daß die Herren trinken sollten. Der Kreisgerichtsrath aber sagte kurz: »Danke,« faßte das Glas nicht an und lehnte sich zurück, während der Aktuar ein Papier auf den Tisch breitete. »Setzen Sie sich,« sagte er zu Landolin, dieser aber erwiderte: »Ich stehe schon gut,« und faßte die Lehne des Stuhles vor ihm; er trommelte mit den Fingern auf die Stuhllehne und sah gewaltsam ruhig drein. »Wollen Sie mich fragen, oder soll ich reden?« »Reden Sie vorerst.« »Herr Kreisgerichtsrath! Der Wein da ist sauber, ich hab' ihn selber vom Kaiserstuhl geholt, von der Kufe weg, aber ich meine, des Schwertwirths Wein ist nicht ganz sauber, und wenn ich am Tag trinke und viel schwätze dabei, das bringt mich ganz außer mir; der Schreck über das Unglück hat mich aber wieder zu mir gebracht.« »Sie waren also bei dem . . . bei dem Unglück betrunken?« fragte der Kreisgerichtsrath. Landolin erschrak. Das ist kein Mann, mit dem man sich unterhält, das ist ein Richter, und jetzt ein Richter über dich. Halt! Was kann das Betrunkensein helfen? Schnell besonnen und fast lächelnd sagte Landolin: »So betrunken, daß ich nicht weiß, was ich thue, das kommt bei mir nicht vor; ich kann Gottlob was vertragen.« Er unterbrach sich mit einem zutraulichen Lächeln gegen den Richter. Als aber die Mienen des Richters unverändert ernst blieben, zuckte Landolin die Achseln über den Mann, der seine Zutraulichkeit nicht achtete, und er fuhr mit trotziger Bestimmtheit fort: »Ich kann's beweisen. daß dem armseligen Bursch von mir aus kein Schade geschehen ist.« »Haben Sie?« wendete sich der Oberamtsrichter zum Aktuar, und dieser erwiderte: »Ich stenographire.« Der Stuhl in der Hand Landolins rückte, denn Landolin erschrak doch, daß seine schwankenden Aussagen bereits protokollirt waren. Er wartete nun die Fragen ab, und der Richter begann nach einer Weile: »Sie hatten heute auch bereits einen heftigen Streit mit dem einhändigen Wenzel von Altenkirchen?« »Das wissen Sie auch schon?« »Ja. Wollen Sie mir den Hergang erzählen?« »Hergang? Die Sache ist kurz bei einander. Der Wenzel ist vor mehr als dreißig Jahren für mich als Soldat eingestanden. Mein Vater selig, man hat ihn gekannt, er ist Redmeister gewesen, fragen Sie nur den Wälderjörgli, was er war, wir sind das älteste Ehrengeschlecht in der Gegend –« »Bitte, wie ist das mit dem Wenzel?« »Ja so! Ja. Mein Vater hat dem Wenzel viel Geld gegeben und Kleider, und seiner Mutter auch, und jetzt will der Wenzel immer noch Blutegel an mir sein.« »Haben Sie gedroht, daß Sie ihn kalt machen, wenn er Sie nochmals vor Leuten anspricht?« »Kann sein, kann auch nicht sein, daß ich das gesagt hab'. Man kann so was im Zorn sagen, aber ernst ist es mir nicht gewesen. Bin ich denn jetzt auf einmal der Mann, der Jeden todtschlägt, der mir in den Weg kommt? Bin ich denn ein Hergelaufner, den man nicht kennt?« Landolin wartete vergebens auf Antwort, denn der Richter ging auf die Hauptsache zurück und fragte: »Haben Sie Zeugen über den Vorgang mit Vetturi?« »Ja wohl, mein zukünftiger Schwiegersohn, Sie kennen ihn ja, der Anton Armbruster und meine Tochter.« Der Kreisgerichtsrath wünschte, daß Beide hereingerufen werden; es wurde ihm gesagt, daß Anton nicht mehr da sei, aber bald trat Thoma ein. Der Kreisgerichtsrath stand auf, rückte ihr einen Stuhl, damit sie sich ihm gegenüber setze. Siebzehntes Kapitel. Thoma setzte sich und legte die Hände in den Schooß, sie schaute nicht auf. »Sie können als Kind jedes Zeugniß verweigern,« belehrte Sie der Richter in freundlichem Tone. Jetzt erhob Thoma das Haupt so mühsam, als wäre es zentnerschwer. »Vater! Was kann ich sagen?« »Was Du gesehen hast.« Sie starrte in das Antlitz ihres Vaters, sie sah, wie er gewaltsam die Augen offen hielt, und doch zuckten die Augenlider, als müßten sie sich schließen vor ihrem Blick. Mit einer harten Kopfbewegung sich abwendend und die Faust auf den Tisch stemmend, sagte Thoma: »Herr Kreisgerichtsrath, . . . ich sag' . . . ich . . . ich verweigere jede Aussage.« Landolin stöhnte leise, er ahnte, was in der Seele seiner Tochter vorging. Sie erhob sich und verließ die Stube, ohne noch einen Blick oder ein Wort an Jemand zu richten. Lautlos schauten ihr Alle nach. Der Richter fragte nun Landolin, ob Niemand von den Knechten im Hof das Ereigniß mit angesehen. Nur zögernd antwortete Landolin, daß er das nicht wissen könne; er habe sich weiter nicht umgesehen, aber Tobias und Fidelis seien daheim gewesen. Mit Schrecken gewahrte er, daß sein Schicksal von Anderen abhängig war. Der Richter fragte auch nach dem Sohne Peter; Landolin zuckte die Achseln. Ob Peter daheim war oder nicht, darum kümmerte man sich nicht; er war ein verstockter, gering angesehener Bursch. Und doch war Peter, ohne daß man's wußte, in dieser Stunde wichtig geworden. Niemand ahnte, daß das Schiebfensterchen, das von der Stube in die Küche ging, halb geöffnet war, und hinter demselben hatte Peter lauernd gestanden. Als er die Aussage des Vaters gehört hatte, zog er rasch die Stiefel aus und huschte ungehört die Treppe hinab in den Stall zu Tobias und sagte: »Jetzt wissen wir, wie es gewesen ist; der Vetturi ist nicht vom Stein getroffen umgefallen. Hörst Du es auch, Du?« wendete er sich zu dem Pferdeknecht Fidelis. Tobias hatte einverständlich genickt, Fidelis dagegen hatte keinerlei Zeichen gegeben, und es konnte nichts weiter verhandelt werden, da die beiden Knechte in die Stube gerufen wurden. Bevor Tobias den Hof verließ, schleuderte er einen Stein in die Nähe des Hofthores. Tobias erhielt zuerst einen Verweis, weil er die Blutspuren weggekehrt hatte; er ließ sich das still gefallen und sagte nun mit fester Stimme, wie er deutlich gesehen habe, daß Vetturi, der immer zitterig gewesen sei, vom Steine nicht getroffen, sondern von selber umgefallen sei auf die Pflastersteine. Landolin hatte, als der Oberknecht zu reden anfing, zuerst die Augen niedergeschlagen, jetzt schaute er triumphirend auf. Er stützte die Ellbogen auf die Stuhllehne, er hielt aber die Hand vor den Mund und preßte unter der vorgehaltenen Hand die Lippen zusammen, da Tobias weiter aussagte: »Der Stein, den Vetturi geworfen hat, liegt noch drunten, kaum ein Schritt davon, wo der Meister gestanden.« Landolin richtete sich hoch auf. Das ist das rechte! Nothwehr! Darauf hin richtest du deine Vertheidigung. Wie ein mit den Wellen Ringender, dem ein Rettungsseil zugeworfen worden, so umklammerte Landolin die Stuhllehne, und wenn es in der Seele Etwas geben könnte, das so umfaßte, wie die Hand, so hielt er in Gedanken das Wort Nothwehr fest. Fidelis sagte eben so bestimmt, daß er gesehen habe, wie der Meister mit beiden Händen einen Pflasterstein aufgenommen, sich zum Ausholen ein wenig rückwärts gelegt und geworfen habe, der Stein sei dem Vetturi an den Kopf gefahren, von einem Wurfe Vetturi's sei nichts zu sehen gewesen. Landolin schrie empört dazwischen; er wurde zur Ruhe verwiesen, und der Richter sagte aufstehend, offenbar mit erzwungener Ruhe, es thäte ihm leid, aber er sehe sich genöthigt, um jede Verdunkelung des Thatbestandes zu vermeiden, Landolin in vorläufige Haft nehmen zu müssen. Der Stuhl rückte und polterte wieder, und Landolin rief: »Herr Kreisgerichtsrath, ich bin der Landolin von Reutershöfen, das da ist mein Haus, da draußen sind meine Aecker, meine Wiesen, mein Wald; ich bin kein Hergelaufener und werde doch wegen so einem Bettel, der mich nichts angeht, nicht davonlaufen.« Der Richter zuckte die Achseln und fügte hinzu, man werde ihn wol nach wenigen Tagen entlassen können. Der Aktuar legte die Papiere zusammen, er warf einen begehrlichen Blick auf den eingeschenkten Wein, es blieb ihm aber nichts, als einige Dintenflecke von den Fingern abzulecken. »Darf ich meinem Manne nicht ein Bett mitgeben?« fragte die Bäuerin; es war das erste Wort, das sie sprach, und mitleidig lächelnd erwiderte der Richter, daß das nicht nöthig sei. Landolin faßte nach ihrer Hand, und seit vielen Jahren zum ersten Male sagte er in herzlich bewegtem Tone: »Liebe Johanne!« Das Gesicht der Bäuerin wurde verklärt, wie wenn ein Wunder an ihr geschehe, und Landolin fuhr fort: »Sei nur ruhig, es geschieht mir nichts.« »Darf er mich nicht mitnehmen?« fragte die Bäuerin den Richter. »Thut mir leid.« Die Bäuerin schickte schnell eine Magd nach Thoma, aber Landolin wehrte ab und sagte zum Richter: »Ich gehe ohne Widerrede mit.« Als Landolin eingestiegen war, setzte sich ein Landjäger, der vor dem Hause Wache gehalten hatte, auf den Bock zum Kutscher. Die Bäuerin brachte noch den Mantel ihres Mannes herbei, er hüllte sich drein, ihn fröstelte, und die Luft war doch so lind, er drückte den Hut tief in die Stirn und es war doch Nacht. Der Wagen rollte davon, der Hund bellte hinterdrein, man hörte noch lange das Bellen des Hundes, das Rollen des Wagens auf der Hochebene, bis Alles verklungen und ringsum Stille war. Achtzehntes Kapitel. Stille war's auf dem Hofe, der Mond flimmerte am Röhrbrunnen, den man jetzt sprudeln hörte, und überglänzte das Haus, die Ställe und Scheunen. Unter dem breiten Vordach saß der Oberknecht Tobias mit Peter und klatschte oft vor Freude in die Hände und streichelte sich dann wieder die Kniee; er hatte nicht nur so ausgesagt, daß er seinem Meister heraushalf, er konnte auch die Beamten betrügen und zum Narren haben, und das freute ihn fast noch mehr; das galt ihm als ein leckerer Schmaus. Leise flüsternd, sagte er zu Peter: »Sei gescheidt, Du bist ja gescheidt, durchtriebener, als die Welt weiß. Geh nicht mit Geschrei und Gepolter gegen den Fidelis los, Du machst's nur ärger damit. Das ist ein bocksteifer Soldat von der neuen preußischen Mode! Sei gescheidt! Dem muß man nach und nach eingeben, was er gesehen hat. Wenn Du ihn jetzt aus dem Dienst jagst, dann – halt! Paß auf! Ich hab's.« Er hielt inne und legte beide Hände hohl auf einander, wie wenn er einen Vogel gefangen hätte; er kicherte in sich hinein, und erst auf die Frage Peters erklärte er: »Paß auf! Vor dem Eid wird man gefragt: Sind Sie bei dem Angeklagten in Dienst? Und wenn man Ja sagen muß, dann gilt die Aussage, gut oder schlimm, nicht viel. Drum halten wir den Fidelis fest. Verstehst? Still! Wer klopft da noch?« Tobias öffnete das Hofthor und begrüßte den Pfarrer, dem er mittheilte, daß der Bauer bereits abgeführt worden sei, die Bäuerin aber sei noch oben. Der Pfarrer ging nach der Stube, er traf die Bäuerin vor dem offenen Gebetbuch, er lobte das und entschuldigte sich, daß er so spät komme. er sei auch auf dem Markte gewesen, erst vor einer Stunde heimgekehrt und sei zuerst bei der Schaubkäther gewesen. Der Pfarrer tröstete, daß man sich in die Fügungen des Himmels schicken müsse. Der Pfarrer, ein hochgewachsener Mann von harten Mienen, war der jüngere Sohn eines Großbauern, er ging mit den Leuten derb um, meist aber kümmerte er sich – die Zeit der Wahlen ausgenommen – gar nicht um sie, denn er wußte, das ist den Großbauern am liebsten. Im Sommer war der Pfarrer Tage lang drunten im Thal bei dem Strom und angelte, im Winter blieb er zu Hause und Niemand wußte, was er trieb. »O Herr Pfarrer!« klagte die Bäuerin, »bei so was merkt man doch erst, wie lieb man einander hat,« sie erröthete wie ein junges Mädchen und fuhr fort, »Kinder leben doch für sich, aber Eheleut' . . . ich meine, ich hab' mich auch versündigt und dem Bauer nicht genug gezeigt –« Sie konnte vor Herzbewegung nicht weiter reden, und der Pfarrer sprach ihr Trost ein, sie sei immer eine rechtschaffene Bäuerin und brave Ehefrau gewesen, und Gott werde das Leid von ihr wenden und das Unglück sei dann zum Heil und zum Guten geworden. Er war selber erstaunt, daß die Frau, die für einfältig galt, soviel Herzlichkeit kund geben konnte. »Wie trägt's die Thoma?« fragte er. »Ich will sie holen,« sagte die Bäuerin, ging davon und kam bald wieder, Thoma folgte ihr nach, sie sah so verstört aus, daß der Pfarrer vor Schreck kein Wort fassen konnte, bald aber tröstete er auch sie. »Herr Pfarrer!« begann Thoma, »was meinen Sie? Ich weiß nicht . . . – ich meine, ich muß zur Schaubkäther.« »Geh morgen in der Früh,« schaltete die Mutter ein. »Ich meine, ich muß heut noch.« »Ja, thu' das,« bestätigte der Pfarrer, »ich komme eben von der Schaubkäther, sie hat mir durch kein Wort und kein Zeichen kund gegeben, daß sie mich hört; sie sitzt auf dem Boden bei dem Todten und rührt und regt sich nicht. Komm! Du kannst ein Stück Wegs mit mir gehen.« Thoma ging mit dem Pfarrer, sie schritten schweigend dahin. Der Pfarrer sprach nicht von Anton, denn jetzt war nicht Zeit zum Glückwünschen. Der Mond war verschwunden, dunkle Wolken standen am Himmel ringsum. »Wir bekommen Gottlob morgen einen Regen; das wird gut sein,« das war Alles, was der Pfarrer unterwegs sprach und da, wo der Wiesenweg nach dem Häuschen der Schaubkäther geht, fragte er, ob er Thoma begleiten solle, sie dankte und ging allein. Sie mußte am Hause des Galoppküblers vorüber, und dort im Schatten einer hohen Schichte von Faßdauben hörte sie, wie der alte Jochem zu Leuten, die mit ihm auf der Hausbank saßen, sagte: »Ja der Landolin! Jetzt hat's ihn einmal und da kommt er nicht mehr los. Jetzt muß er Alles bezahlen, aber anders wie sein Vater für seine Gewaltstreiche bezahlt hat. Da an meinem rechten Daumen ist noch die Wunde, wo mich der Landolin gebissen hat bei Raufhändeln. Sein Vater hat die Schmerzensgelder bezahlt. Ja, vor Zeiten haben die minderen Leute nur Knochen gehabt, damit die Großbauern-Söhne sie zerschlagen. Wo der Landolin auf den Tanzboden gekommen ist, hat der Boden gezittert, und das Herz im Leib einem Jeden auch. Jetzt kriegt er's einmal.« »Wird er geköpft?« fragte eine Kinderstimme. »Verdient hätt' er's, aber es wird ja Niemand mehr geköpft.« Wie ein Blitz fuhr es auf Thoma nieder, sie stand in Flammen und all ihr blühendes Leben war verbrannt und verkohlt. Mit kalten Händen fuhr sie sich über das brennende Gesicht, und ungesehen huschte sie davon und heimwärts. Nicht weit vom Hause erschrak sie, als ob ein Gespenst sie überfallen hätte, und doch war es nur der Hund, der keuchend sich an sie schmiegte. Thoma war zornig auf sich, daß sie so schreckhaft war; das darf nicht sein, und jetzt besonders nicht. Der Hund bellte vor und rückwärts springend, er war offenbar heimgejagt worden. In der Stube fragte die Mutter, die Hand auf das offene Gebetbuch legend, wie die Schaubkäther sich verhalte. Thoma sagte, daß sie gar nicht bei ihr gewesen; den Grund verschwieg sie. Die Mutter bat, daß Thoma heute Nacht bei ihr bleibe. Thoma blieb am Bette der Mutter sitzen, bis sie schlief, dann ging sie in ihre Kammer; sie wußte, daß sie die Mutter in ihrem Schlafe stören würde. Neunzehntes Kapitel. Noch spät in der Nacht öffnete sich das Fenster der Kammer, in welcher Thoma schlafen sollte; ihre Wangen glühten, aber es kam nicht der Geliebte, mit dem sie in linder Frühlingsnacht plaudern, küssen und herzen sollte. Vom Walde herauf schallte der Sang der Nachtigall, und vom Berge hinter dem Hause suchte eine andere sie zu übertönen; Thoma hörte sie nicht, sie sprach, sie rang mit einem Dämon in der Nacht. Thoma war eine wohlerzogene Großbauerntochter, sie war in der Volksschule eine der ersten gewesen, und daheim lernte sie, daß man fleißig und ehrenhaft sein müsse, und das war sie geworden. Sie war stolz und herrschsüchtig wie ihr Vater, der sie schon von früh an bevorzugte und, da die Mutter gar nichts von der Welt draußen wollte, sie auf allerlei Lustfahrten mitnahm und seine Freude an ihrer Entschlossenheit hatte und vor Allem ihren Stolz nährte. Thoma hatte an des Oberbauern Tochter eine Gespiele gehabt, aber eigentlich war ihr Vater ihr einziger Vertrauter. Als Großbauerntochter wollte Thoma nichts von einer Liebschaft wissen, das schickt sich für die minderen Leute, sie aber muß einen Großbauern heirathen, der reich und angesehen ist. Nun war Anton freilich nicht ganz ebenbürtig, aber er war doch ein Bauernprinz, wenn auch von einem kleineren Hofe; er wurde begehrt von allen Töchtern der Landschaft, und es ist doch auch schön, wenn eine Prinzessin geliebt wird, und gewiß ist keine je höher geliebt worden, als Thoma von Anton. Wie war das nun geworden? Der Stolz, den Landolin in seinem Kinde übermächtig groß gezogen, wendete sich nun gegen ihn und gegen Alles. Die Fäuste Thomas ballten sich, sie will sich von Niemand begnadigen und beschenken lassen, auch vom Verlobten nicht, er darf nicht kommen und sagen, ja, nur merken lassen, Du hast nun Deine Familienehre verloren, Du bist die Tochter eines Mörders, aber ich bin doch gut und treu an Dir . . . Nein . . . vorbei. Die Fäuste Thoma's krampften sich noch schärfer zusammen, da sie an ihren Vater dachte. Wie konnte er sich zu solcher That hinreißen lassen? Kleine Leute, Dienstleute, Bettelleute dürfen nun hineinsehen in das Leben hier, darüber sprechen und aburtheilen, und es steht in ihrem Belieben, wie viel Ehrerbietung sie erweisen wollen, sie werden thun, als ob man sich besonders zu bedanken habe, wenn sie noch grüßen. Mit einer Schnelligkeit, die Alles auf Einmal vergegenwärtigt, eilten die Gedanken Thoma's von Hof zu Hof, die Töchter höhnten oder bemitleideten sie, bevor sie einschliefen; sie konnten ruhig schlafen, nicht aber die Thoma . . . Wie wenn das Gift von einem Natternbisse einen vollsaftigen Körper durchdringt, in den Adern gerinnt, rasend macht, aufbäumen macht, niederwirft, nach Ausgängen drängt, wo keine sind, den Hilferuf erstickt und alles Leben bannt – so war's, da Thoma in der Nacht still ingrimmig die Fäuste ballte. Ein Denken, ein Grübeln war über sie gekommen, von dem sie bisher keine Ahnung gehabt, sie wollte es verscheuchen wie einen bösen Feind; es wich nicht. Gefängniß, Zuchthaus, Todesstrafe, das sind Dinge, die arme Leute was angehen, aber Reiche, Angesehene, für solche ist Derartiges nicht da, hatte Thoma bisher gedacht, oder eigentlich kaum klar gedacht, denn es verstand sich von selbst. Nun aber – bekennt der Vater, was er gethan, so bricht ewige Schande herein; bekennt er nicht, ewiger Fluch, Lüge, Heucheln, Zittern vor jeder Stunde, scheues Abwenden vor jedem Blick, gewaltsames Lächeln, wenn von Verbrechern die Rede ist. Thoma stöhnte auf, wie wenn ein Schlag sie aufs Hirn getroffen. Und jetzt wendeten sich ihre Gedanken zu Mitleid: O der Vater! Er sitzt im Gefängnisse, und kein Schlaf erbarmt sich seiner. Dieser einzige Tag muß ihm wie viele Jahre, wie ein ganzes Leben erscheinen. Wer kann helfen? Wer? Wer kann Todte lebendig machen, die Sündenschuld aus der Seele tilgen? Thoma schaute auf zu den Sternen, sie stehen still und glitzern und flimmern über Millionen Schlafenden, über Millionen Wachenden in Krankheit und Kummer und Noth, und keines ist elender als du . . . Thränen drangen Thoma ins Auge, sie zerdrückte sie unwillig. Nur nicht schwachmütig werden, nicht jammern, nur kein Mitleid, von Niemand, . . . stolz, stolz. Ja wohin ist Euer Stolz? Verflogen. Dort drüben liegt ein Todter, ein Getödteter. Thoma sah den Vetturi ganz deutlich, wie wenn er mit blutendem Haupte vor ihr stände; sie schrie laut auf, das Schreckensbild wich nicht. Sie warf sich auf die Kissen, aber lauschend erhob sie den Kopf wieder. Der Hahn krähte. Im beginnenden Halbschlaf, während ihre Augen sich zitternd schlossen, verwandelte sich ihr noch der Bibelspruch: wenn der Hahn kräht, wirst Du verleugnen . . . im Gefängniß kräht kein Hahn . . . Thoma hüllte sich tief in die Kissen, ein Regen rauschte nieder, sie schlief ein. Die Thoma, die heute erwachte, war eine andere, als die gestern am Brautmorgen, und bald hörte sie das von Fremden; denn die ehemalige Gespiele, mit der sie sich entzweit hatte, kam und sagte, wie verändert sie aussehe; sie müßten aber jetzt wieder gut mit einander sein. Thoma zeigte sofort, daß sie nicht weichmüthig geworden und kein Mitleid annehme; sie wies die Unehrbare schroff ab. Zwanzigstes Kapitel. Das Gefängniß der Amtsstadt steht hoch am Berge, man hört dort das Glockengeläute vom Dorfe auf der Hochebene. Landolin wußte, daß dies ein Grabgeläute. Er dachte heim, wo sie jetzt den Vetturi begraben, er wollte sich vorstellen, wie Alles sei, aber er konnte es doch nicht ganz. Beim Häuschen der Schaubkäther standen Viele, es waren aber meist Frauen, denn die Männer wollten doch keinen Arbeitstag dran geben für einen so geringen Menschen wie Vetturi gewesen. Der Kreisarzt verließ das Häuschen, hinter ihm folgten der Schultheiß und der Gemeindeschreiber, die im Freien den Hut aufsetzten. Jetzt kam der Pfarrer, Klagen und Weinen wurde laut und immer lauter und übertönte fast das Glockengeläute. Der Zug ordnete sich, die Schaubkäther ging hinter der Bahre, das rothe, unter'm Kinn gebundene Kopftuch war tief über die Stirn hereingeschoben, so daß ihr Antlitz kaum zu sehen war, und ihre Gestalt war, vom Hals bis zu den Füßen, in einen weitfaltigen schwarzwollenen Mantel gehüllt, wie ihn die Gemeinde für die Leidtragenden bereit hält; sie ging gesenkten Blickes. Der Zug kam am Hause Landolins vorüber, die Schaubkäther streckte unter dem schwarzen Mantel hervor ihre knöcherne Faust gegen das Haus. Das Haus war verschlossen, kein Fenster öffnete sich. Anton, der neben dem Gemeindeschreiber im Zuge ging, konnte nicht sehen, daß Thoma hinten in einiger Entfernung vom Todtengeleite nachkam und dann auf dem Kirchhofe verborgen hinter einer Hecke kniete. Der Pfarrer sprach kurze eindringliche Trostesworte und ermahnte die arme verlassene Mutter, keinen Haß in ihrer Seele zu hegen und die Sühne Gott zu überlassen. Er wiederholte mehrmals, wer auf Rache, auf Vergeltung sinnt, der thut der eigenen Seele mehr Schaden und mehr Leid an, als den Bestraften. Das Stöhnen der Schaubkäther ward zu einem Murren, das wie Widerspruch klang. Fast noch mehr aber als auf die Schaubkäther waren die Blicke auf Anton gerichtet, der von tiefer Herzbewegung ergriffen, plötzlich laut aufweinte. Das Grabgefolge zerstreute sich, auch Anton machte sich auf den Weg, er ging zaudernd, er schien unschlüssig, was er nun beginnen sollte, und wie von einer Ahnung ergriffen, wendete er sich plötzlich um und sah Thoma, die sich von den Knien erhob; sie blieb stehen, sie schien betroffen, daß er sie nun doch sah. Er kehrte um und sagte, ihr die Hand reichend: »Man darf auf dem Kirchhof einander nicht guten Tag sagen, oder hast Du den Aberglauben nicht?« Sie antwortete nicht und reichte keine Hand. »Darf ich neben Dir gehen?« fragte er. »Schau, sie sehen dort nach uns um. Halt' Dich recht ruhig.« Sie ging neben ihm, sie schaute nicht auf. »Ich wart' geduldig, bis Du redest,« sagte Anton leise; ihr großer Blick ruhte auf ihm, aber er war ganz anders als vordem; das strahlende Blau war wie von dunkeln Wolken verschattet. »Ist Dein Vater auch hier?« fragte sie endlich, auch ihre Stimme war verändert. »Nein, er ist daheim,« entgegnete Anton. »Soll er zu Dir kommen?« Sie schüttelte stumm den Kopf, und Anton fuhr fort: »Dein Vater hat leider Gottes gestern mit aller Welt Händel gehabt, auch mit dem Einarmigen und mit meinem Vater. Mein Vater hat gemeint, Dein Vater sei schon wieder aus der Stadt daheim und ist darum nicht gekommen!« Wieder warf Thoma einen bittern schweren Blick auf Anton, der in gemäßigtem Tone, aber fast heiter erklärte, der Vater Thoma's sei auf die ganze Welt so ingrimmig gewesen, weil er seine Tochter hergeben müsse. Ein schmerzliches Lächeln zog über das Antlitz Thomas. »Ich darf doch wieder mit Dir heimgehen?« fragte Anton, Thoma stand still, sie legte die Hand aufs Herz und sagte: »Da drin ist's fertig. Sag' nicht, daß es Stolz sei und sag' nicht, daß ich Dich nicht lieb gehabt hab', oder, wenn es Dir ein Trost ist, so denk' auch das. Anton, ich geh' zum letzten Male mit Dir und red' zum letzten Mal mit Dir. Anton, es muß und muß mit uns vorbei sein, ich kann nicht und ich will nicht . . . ich komme in kein Haus, wo ich nicht Ehre bringe; ich werde mein einsam Leben schon ertragen. Such' Du Dir ein ander' Glück. Leb' wohl!« »Thoma, Du stoßest den von Dir, auf den Du Dich stützen solltest.« »Ich stoße Niemand von mir, und ich stütze mich auf Niemand.« Sie waren bei dem Hause angekommen, sie ging rasch hinein, Anton stand draußen, einsam; aber er blieb nicht lange allein, denn Tobias und Peter kamen und hießen ihn hoch willkommen, da er ja mit ihnen bezeugen könne, daß nicht der Stein Vetturi getroffen, sondern daß dieser vor Schreck von der starken Stimme Landolins umgefallen sei auf die scharfkantigen Pflastersteine. Daß auch Vetturi und zwar zuerst einen Stein geworfen, davon sagten sie wohlweislich nichts. Sie priesen es nur als ein Glück, daß ein so hoch angesehener Mann wie Anton das Alles so genau gesehen habe, und Tobias setzte noch hinzu und schmunzelte, wie gut es sei, daß die Brautschaft einstweilen ein Ende habe, denn als Schwiegersohn hätte Anton kein vollgiltiges Zeugniß ablegen können. Tobias bat nur noch, Anton solle seinen Kameraden, den Fidelis, auch recht belehren. »Hol' den Fidelis,« drängte Tobias den Haussohn Peter, und dieser kam bald mit Fidelis herbei. Der Oberknecht und der Sohn redeten nun in Fidelis hinein, er solle sich an Anton überzeugen, daß er sich geirrt habe; aber Fidelis blieb unerschütterlich und wiederholte, es sei kein Zweifel, wenn der Anton anders aussage, so meine er's eben so ehrlich wie er selber, aber er könne und werde nicht anders aussagen, als was er gesehen, und vor Gericht werde sich's ausweisen, wer recht gesehen. Anton kehrte verstört heim. So viel hatte er noch nie mit sich selber gesprochen, wie jetzt auf diesem Wege: Du weißt nicht, wie es eigentlich geschehen ist. Du hast Dir von Landolin einreden lassen, was Du gesehen. Sollst Du Dein Herz an die Tochter und Dein Gewissen an den Vater verlieren? Das Beste wäre, wenn die Verlobung noch feststände, dann könntest Du auch jede Aussage verweigern. Einundzwanzigstes Kapitel. Die Bäuerin hatte im Beisein des Untersuchungsrichters ihren Mann oft besucht, auch Peter hatte die Mutter mehrmals begleitet, nur Thoma kam nicht, und der Vater war stolz genug, nicht nach ihr zu fragen und nach dem Grund ihres Ausbleibens. Vielleicht mißbilligte Thoma den Eigensinn des Vaters, der im Gefängniß blieb, vielleicht auch billigte sie seinen Stolz. Denn Landolin hatte dem Richter erklärt: »Ich will nicht vorläufig mit dem Strick um den Hals herum laufen, und der Eine kann zu seinem Spaß zuziehen und ein bisle würgen; und der Andere gnädig aufnesteln. Ganz frei will ich sein, und Sie sagen ja, daß ich schon in den Julitagen vors Schwurgericht komme.« So blieb er im Gefängniß und brauchte Niemand zu sehen, als seine Frau und seinen Sohn und den Untersuchungsrichter und den Rechtsanwalt. Aber noch in ein Augenpaar sah er, das ihn freundlicher anblickte, als das Auge eines Kindes oder einer Schwester. Der Frau des Kreisgerichtsraths war es verstattet, die Gefangenen zu besuchen, und es mußten hart verstockte Herzen sein, die nicht eine Erquickung empfanden, wenn die Frau in die Zelle eintrat. Frau Pfann – so ließ sich die Kreisgerichtsräthin kurzweg nennen – lebte in einer überaus glücklichen Ehe; wenn auch ihr Mann nicht unterließ, von Zeit zu Zeit über ihren Missionseifer zu scherzen, ließ er sie im Uebrigen doch frei gewähren; er freute sich über manchen Erfolg, den sie erzielte, vor Allem aber über die unerschütterliche Treue, mit welcher sie die einmal übernommene Pflicht vollführte. Sie hatten einen wohlgediehenen einzigen Sohn, der im Juli 1870 sofort als Freiwilliger ins Heer eingetreten, vor dem Feinde zum Lieutenant ernannt, Soldat verblieben war. Frau Pfann hatte nicht auf die große Zeit gewartet, um sich zu bethätigen – und sie that das mit einem allgemein anerkannten Eifer – sie hatte schon vor Jahren in der Arbeit der Menschenliebe begonnen. Sie war die Tochter eines Gymnasial-Professors der Hauptstadt, und wiederholte gern, sie verdanke die Fähigkeit zu ihren Leistungen dem einfach edlen Wesen ihres Vaters. Sie wußte, daß man ihr Thun überspannt und sentimental nannte; sie kümmerte sich nicht darum. Aus alten Zeiten berichtet die Sage, daß man auf dem Wege zu Heldenthaten mit Riesen und Unholden zu kämpfen habe. Frau Pfann hatte mit einem edelsten Geiste zu kämpfen gehabt, denn sie erinnerte sich des spöttischen Ausspruches von Goethe, daß die Welt aller Schönheit bar werde und zuletzt nur noch Einer des Andern barmherziger Bruder sei. Die Verehrung gegen unsern großen Dichter war ein Familienerbe ihres elterlichen Hauses gewesen, Frau Pfann gelangte aber zu jener Freiheit, die sich durch keine absolute Verehrung binden läßt; sie war der Ueberzeugung, daß auch ein Goethe nicht für alle Zeiten Lehren geben kann; unsere Zeit hat die Solidarität Aller zu ihrem Gesetze gemacht und duldet kein blos ästhetisches Selbstleben mehr, ja aus diesem Leben für das Allgemeine wird eine neue Schönheit des Daseins emporwachsen. Frau Pfann hatte harte Proben zu bestehen, denn sie begegnete oft einer Rohheit der Gesinnung, die sich gar nicht vorahnen ließ; aber sie blieb standhaft. Bei ihren Besuchen in dem Gefängnisse lehnte sie jedes Eingreifen in den Gang der gerichtlichen Untersuchung ab; sie wollte nur den Gefangenen in sich zu beruhigen oder zu klären suchen, vor Allem aber wollte sie den Angehörigen der Angeklagten helfen, die daheim in Kummer lebten. Auch hierbei machte sie traurige Erfahrungen; es gab Schelme, die sie zum Narren hatten und sich daran erlustigten, sie vergebliche Wege zu schicken. Sie kannte die Gemeinheit und den Schmutz und hielt den Glauben an die Hoheit und Reinheit dennoch fest. Mit der Zeit hatte sich eine Methode bei ihren Besuchen herausgebildet. Sie forschte zuerst nach dem Jugendleben der Gefangenen, sie mußte das Mißtrauen überwinden, daß daraus eine Schuld entnommen werden könnte, auch die Schelmerei, daß man ihr Lügnerisches vorbrachte, mußte sie beseitigen; oft aber brachte sie auch die Verhärmtesten zur innern Einkehr, so daß sie mit bewegter Stimme von dem Paradies der Jugendunschuld berichteten. Als Frau Pfann den gefangenen Landolin besuchte, hatte sie es leichter als sonst; sie kannte diesen Mann und sein Haus von lange her. Landolin gab indeß sofort zu verstehen, er schlage diesen Besuch nicht hoch an, da die Frau ja auch den niedrigsten damit beehre. Er lauerte, was sie darauf sagen würde, er war nicht überrascht, da sie lächelnd erwiderte: »Ich kann zu Euch nicht doppelt kommen, aber öfter, wenn's Euch recht ist.« Nun geschah, was oft schon erfolgt war; die Gefangenen sahen den Besuch wenigstens als Zeitvertreib an, und das war ein guter erster Schritt. »Ist der Titus auch schon dagewesen und hat sich den Thurm betrachtet, wo ich sitze, und hat er vielleicht gar mich auch besuchen wollen? Ich nehm' ihn nicht an. Das sag' ich im Voraus,« polterte Landolin ärgerlich. Frau Pfann erkannte, wie sich das Denken des Gefangenen besonders eifrig auf seinen Wettbewerber in der allgemeinen Geltung richtete. Sie ließ sich darüber aus, daß Niemand schadenfroh über das Geschick des Andern sein dürfe, denn jeder Mensch habe seinen geheimen Schaden. Landolin bezog diese Worte auf Titus. »Hat er was? Ist was auf ihn auskommen?« fragte er gierig. Die Frau verneinte und lenkte ihn nun auch auf seine Jugendzeit. Er erzählte von seinen lustigen Streichen, freute sich derselben und doch klagte er seinen Vater an, der ihm Alles nachgegeben habe, nur eins nicht, daß er die Schwester des Galoppküblers heirathe, die er gern gehabt. Er klagte sogar, daß seine Frau ihm in Allem nachgegeben habe; er sei der dankbarste Mensch, wenn man ihn von gewalttätigen Streichen abhalte, wenn er sich auch Anfangs wild dagegen wehre. Er hielt an, weil er fürchtete, sich verrathen zu haben, und betheuerte hoch und heilig, daß er am Tode Vetturi's unschuldig sei. »Ich möchte nichts bei mir haben als meinen Hund,« sagte Landolin. Die Frau versprach dafür Sorge zu tragen, erkannte aber bald, daß der eigentliche tiefste Kummer und Aerger Landolins darüber war, daß Thoma nicht zu ihm kam. Sie ging daher nach Reutershöfen und ließ sich von der Bäuerin darüber vorklagen, wie ganz anders das Leben sei, wenn der Hut des Mannes nicht mehr am Nagel in der Stube hängt; sie mußte lange warten, bis Thoma kam. Die menschenfreundliche Frau war betroffen von ihrem Anblicke und sagte, sie begreife ihren Kummer, da sie in Einem Tage aus dem höchsten Glück in tiefe Trauer versetzt wurde. Thoma erzitterte. So nahe hatte sie sich die Ereignisse noch nie zusammen gerückt. Frau Pfann fühlte, daß ihre erste Anfassung ungeschickt gewesen, und suchte allmälig beruhigend einzulenken, indem sie ihre Zuversicht aussprach, den zeitweiligen Zerfall mit Anton wieder ausgleichen zu können, da Anton besonderes Vertrauen zu ihr habe. Die Mienen Thoma's wurden ruhiger, aber sie verhielt sich schweigend. Frau Pfann redete ihr innig zu, dem Vater die Gefangenschaft zu erleichtern, indem sie ihn besuche. »Sie meinen's gut«, erwiderte Thoma, »Sie sind so gut, aber ich kann nicht; ich kann nicht die Straße hinab und die Gefängnißtreppe hinauf gehen, und ich wäre meinem Vater auch kein Trost, im Gegentheil. Es ist besser so.« »Es ist nicht besser, nur bequemer, nur leichter für Dich, Du willst Dich nicht bezwingen.« Thoma schwieg, und Frau Pfann bewirkte nur, daß Tobias seinem Herrn einmal den Hund brachte. Frau Pfann suchte nun auch die Schaubkäther auf, diese aber verriegelte die Thür und Frau Pfann ging still heimwärts. Zweiundzwanzigstes Kapitel. »Das Haus ist ein anderes, wenn der Hut des Mannes nicht mehr am Nagel in der Stube hängt,« wiederholte die Bäuerin oft; sie hat nicht viele Gedanken, aber einen den sie hat, wiederholt sie gern wie ein Vaterunser. Als sie am Morgen nach der Verhaftung ihres Mannes jenen Spruch zuerst laut gab und dann die Schlüssel Thoma übergeben wollte, rief Peter: »Mutter, gebet die Schlüssel mir, ich bin der Haussohn, und ich muß jetzt auf den Gaul.« Wenn der Ofen plötzlich zu sprechen angefangen hätte, man hätte sich nicht mehr verwundern können. Peter, der als verschlafener und niemals aufwachender Bursch im Hause angesehen wurde, der nur eben that, was man ihm anwies, aber nie einen Selbstwillen zeigte – Peter gab auf einmal kund, was er war, was er wollte, und sogar seine sonst schwerfällige, träge Stimme hatte etwas Behendes gewonnen. In der That hatte in Peter eine Umwandlung begonnen, die seine Verschlossenheit fast in Redseligkeit verwandelte. Zuerst in dem natürlichen Bestreben, dem Vater heraus zu helfen, erwachten Kräfte in ihm und spannten sich immer mächtiger, die Niemand und er selber am wenigsten geahnt hatte. Dann aber gesellten sich noch ganz andere Erweckungen hinzu, die ihm die Noth zu einem freudigen Gefühle des Muthes, ja fast des Uebermuthes verwandelten. Nicht nur im Hause, sondern auch in der ganzen Gegend sah man staunend, was durch die Abwesenheit des Vaters aus Peter geworden war. Der Oberknecht Tobias lächelte, wo er ging und stand, denn er konnte sich rühmen, dem Peter auf den Gaul geholfen zu haben, und Peter saß viel zu Pferde, denn er ritt auf der Fuchsstute überall umher, um denen, die Glück wünschend im Hause gewesen waren, als das Unglück geschah, zu erklären, was sie gesehen hatten. Manche wollten sich dessen erinnern, Andere aber behaupteten, sie hätten gar nichts gesehen; denn es macht nur Mühe, Zeugniß vor Gericht abzulegen. Wo Peter hinkam, hieß es: man hat gar nicht gewußt, was für ein gewitzter Bursch Du bist; immer hat man nur von der Thoma geredet, wie wenn Du gar nicht da wärst. Peter lächelte schelmisch, wenn er das hörte; er machte aber schnell eine betrübte Miene und wehrte ab, obgleich er's gern hörte, wenn man da und dort hinzusetzte: »Du bist von Deinem Vater unterdrückt gewesen.« Peter war gar nicht bescheiden, im Gegentheil, er betrachtete alle Menschen als seine Schuldner; sie hatten ihn als einfältigen und ehrlichen Menschen dreiundzwanzig Jahre alt werden lassen, ohne ihm zu verrathen, wie köstlich die Schelmerei mundet. Jetzt nahm er sich auch sein Theil heraus. Schau, schau! Da kommt der Peter von Reutershöfen, hieß es bergaus und bergein. Was für ein Peter? Des Landolins Peter. Ja man hat gar nicht gewußt, was das für ein Bursch ist; hat man gemeint, er kann nicht drei zählen und jetzt zeigt sich's, er ist ein gescheiter, mit allen Hunden gehetzter Bursch. Ja, so war's. Peter war nicht grade ein Dummkopf, aber stumpf, theilnahmlos, und was war er nun geworden? Es scheint kaum glaublich, ist aber durchaus folgerecht, er war ein ausgefeimter Heuchler geworden. Auf dem Jahrmarkt hatte sich Peter einmal elektrisiren lassen, da fuhr etwas durch den ganzen Körper, das so seltsam durchrieselte, und fast ebenso war's, als ihm Tobias zum ersten Male sagte: man müsse jetzt thun, als ob man Alles so gesehen habe und grundehrlich dafür eintrete, dann gewinne man auch andere Menschen. Das Heucheln schmeckte Peter nun wie ein Leckerbissen, und er sah bald, alle Menschen schmausen schon lange daran. Wo er hinkam, bedauerten die Leute, daß er so ins Ungemach gerathen war, und er glaubte doch zu wissen, sie gönnen es ihm. Er bezahlte nun mit gleicher Münze und that überaus gutmüthig, und dabei war er in der That aufgeweckt, denn die Freude und geheime Lust, die Menschen zum Narren zu haben, ermunterte ihn jeden Morgen beim Erwachen, er und Tobias erlustigten einander, wie sie die Menschen hänselten, Einfältige und Schelme dazu brachten, Aussagen zu machen, die sie ihnen auf die Zunge legten. Tobias gab seinem Zögling die weise Lehre: »Jetzt siehst's. Am besten auf der Welt haben's die Falschen, die werden nicht betrogen und nicht gekränkt; wenn man bei ihnen anklopft und was von ihnen will, thun sie, als ob sie nicht daheim wären. Es ist Niemand daheim, und ich schlaf' – hat jene Bauernfrau einem Bettler zugerufen, der am Sonntag Nachmittag angeklopft hat.« Nur einmal kam Peter schlimm an. Er suchte Anton auf und sagte ihm, wie gescheidt es sei, daß er Thoma vorerst aufgegeben habe, denn dadurch sei er nicht mehr verwandt und könne eidliches Zeugniß für den Vater ablegen. Peter war nicht wenig erstaunt, daß Anton entgegnete, Thoma habe ihn aufgegeben und es sei wol nicht mehr möglich, daß sie sich wieder vereinigten. Wie? Will ihm Anton die Wahrheit nicht sagen? Ist er so verschlagen, daß er selbst gegen den Bruder einen falschen Schein wahrt? Das schöne Antlitz Antons verzerrte sich, da Peter ihm sagte, er durchschaue ihn, und Peter war betroffen, da Anton erklärte, er sage Niemand, welches Zeugniß er ablegen werde; er sei mit seinem Gewissen zu Rathe gegangen, und dabei bleibe er. Dennoch vertraute Peter bald da, bald dort mit treuherziger Miene, wobei er nur um strenge Geheimhaltung bat, welches Zeugniß Anton ablegen werde, und Manche wurden damit gewonnen; denn was Anton Armbruster aussagt, ist sicher wahr und dem kann man beistimmen. Thoma gewahrte mit Entsetzen – denn Peter machte kein Hehl aus seinen Vorbereitungen – welch ein Verderbniß über die ganze Gegend gebracht wurde; aber sie konnte nichts dagegen thun und mußte still sein, wenn die Mutter die hülfreichen, guten Menschen lobte. So kam die Zeit heran, daß Landolin vor das Schwurgericht gestellt werden sollte, zu dessen Geschwornen er vordem ernannt war. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Tage, die Wochen kamen und gingen, das Wachsthum des Feldes gedieh stetig, und die Arbeit ging unter der Leitung von Tobias und Peter in guter Ordnung weiter; man hatte einen neuen Knecht angenommen, denn Fidelis hatte selber den Dienst aufgesagt und war bei Titus eingetreten. Die Jahresschosse an den Tannen waren gestreckt, Roggen und Frühgerste wurden schnittreif, das Heu ward eingethan, und Thoma war in jeglicher Arbeit die fleißigste gewesen, nur sprach sie mit Niemand ein Wort und schaute verwundert auf, wenn Knechte und Mägde sangen; ihre Mienen sagten: die können singen, sie haben keinen Vater im Gefängniß. Es war an einem hellen Sommermorgen, die Bäuerin war schon vor Tag aufgewesen, denn sie wollte Tobias und Peter sehen, die nach der Kreisstadt fuhren. Als die daheim verbliebenen Knechte und Mägde gegessen hatten und abgeräumt war, saß die Bäuerin noch hinter dem Tische in der sogenannten Herrgottsecke, sie hatte die Hände auf dem Tische ineinander gefaltet und starrte müd und traurig drein. Auf der Bank am großen Ofen, der heute ausnahmsweise nicht geheizt war, saß Thoma und spann an einem Spinnrad; man hörte nichts, als das leise Rollen des Rades und das Ticken der Wanduhr. »Thoma,« begann die Mutter endlich, »ist recht, daß Du heute nicht ins Feld bist; ich mein', die Füße seien mir gebrochen. Sag', ist heut' Mittwoch oder Donnerstag? Ich weiß gar nicht mehr –« »Mutter, heute ist Donnerstag, der zehnte Juli.« »Und da steht er vor Gericht, auf Tod und Leben angeklagt. Sieh einmal nach, was ist denn heut für ein Heiliger?« »Der Kalender hängt hinter Euch.« Die Bäuerin schien aber nicht sich umwenden und nachsehen zu wollen, sie strich hastig mit beiden Händen über den Kopf, daß sich die Haare nicht aufsträuben mögen, und fast nur vor sich hin sagte sie. »O, so viel Menschen! Ich sehe sie alle, Kopf an Kopf. wie damals, ich bin noch ein klein' Kind gewesen, wo sie drunten bei der Stadt auf der Maiwiese den Laurian geköpft haben.« »Mutter! Redet doch nicht so. Wir müssen uns fassen, mag's werden, wie es will, so oder so.« »Was wird? kann's denn auch anders werden?« »Wer weiß, dafür ist Schwurgericht.« »Es sind auch mitleidige und gerechte Menschen dabei, die ein Einsehen haben. Es giebt freilich Viele . . .die sich über unser Unglück freuen, aber auch Andere, die es gut meinen und die sind mehr, und Dein Anton sagt gut aus für den Vater und setzt sein Ehrenzeichen für ihn zum Pfand ein.« »Noch mehr,« fügte Thoma hinzu, sie erklärte aber nicht, was sie meine. Wird Anton dabei bleiben, daß er das gesehen, was der Vater ihm vorgesagt? Glaubt er wirklich, daß er das gesehen, oder verdirbt er sein Leben, um ein anderes zu retten? Sie preßte die Lippen zusammen, sie meinte, sie müsse aufschreien vor Wehe. Die Mutter aber mußte ihre Gedanken laut werden lassen, und halb vor sich hin murmelte sie wieder: »Was nur die Dienstboten heut untereinander reden mögen? Man schämt sich vor ihnen und wagt nicht, einem ein Wort zu sagen, es kann Schimpf und Schand' drauf heraus geben. Hab's gehört, aus dem ganzen Thal sind heut die Menschen nach der Kreisstadt, sie wollen sehen, wie der Landolin auf der Armesünderbank sitzt; ja, da sitzt er jetzt und muß sich ins Gesicht hinein sagen lassen, Alles was die Herren vom Gericht aufstöbern, und Alle da freuen sich und sind doch selber . . . O, lieber Gott, verzeih' mir! Ja, so ist's, wenn man selber was an sich hat, muß man an Anderen auch was suchen. Da steht Dein Armstuhl, wer weiß, ob Du noch je wieder drin sitzen wirst und Deine braven Arme aufstützen und Deine guten Händ'! Wann geht die Thüre wieder auf und Du kommst herein? Still! Horch, Thoma! Hörst Du nichts? Es ist Jemand an der Thür, ich höre schnaufen, es kann die Schaubkäther sein, oder wär's gar . . . Mach' auf!« Auch Thoma konnte sich der Furcht nicht erwehren, aber entschlossen öffnete sie und rief erleichtert: »So? Du bist's, Racker?« »Komm' her zu mir,« lockte die Mutter den Hund, »spürst Du's auch, was heut mit Deinem Herrn ist und ob er Dich noch je sehen und seine Hand auf Deinen Kopf legen wird? Ja, ja, sieh mich nur so barmherzig an, ja, wenn die Menschen so barmherzig wären wie Du –« »Da habt Ihr recht, Mutter,« preßte endlich Thoma hervor. »Seht, Mutter! Alle, die ins Feld gehen, füllen heute ihre Krüge an unserem Brunnen da drüben, wie wenn sonst nirgends Wasser wäre; sie schauen so schadenfroh nach dem Haus. Ich möcht' den Brunnen vergiften, daß sie Alle dran sterben; die ganze Welt möcht' ich vergiften.« Die Mutter hätte ihre Tochter gern beruhigt, aber sie wagte es nicht; sie war schon dankbar, daß Thoma wenigstens sprach und nicht so stumm und starr drein sah. Und da Thoma einmal zu reden begonnen hatte, sagte sie: »Mutter! Ich möcht' gern nach der Stadt.« »Du willst auch fort von mir?« Thoma erklärte, daß sie bald wiederkommen werde, sie wolle nur ein Telegramm an Peter senden, daß er das Erkenntniß sofort berichte, und auf dem Amte angeben, daß man die Antwort dem Telegraphenboten, dem Bruder des Galloppküblers, einhändigen solle, der heute die ganze Nacht drauf warten müsse. Die Mutter willigte ein, holte ihr Gebetbuch und sagte: »Geh nur und übereil' Dich nicht.« »Komm mit!« rief Thoma dem Hunde zu und eilte mit ihm ins Freie. Vierundzwanzigstes Kapitel. Es steht eine Tanne am Waldesrand, ihre Krone ist gebeugt; die Einen sagen, von einem Blitzschlag getroffen, die Anderen, es habe sich der Rabe so oft auf die Spitze gesetzt und mit seiner Wucht und seinen umklammernden Fängen den graden Aufwuchs gebrochen; die Tanne aber auf ihrem festen Wurzelgrunde wächst weiter. Ist das Haus Landolins solch ein Baum, vom Blitz getroffen und von der schwarzen Sorge gebeugt und wird es doch weiter gedeihen? Thoma stand auf der Straße und schaute sich um, wie wenn sie zum ersten Male sehe, daß der Himmel blau und die Bäume und Felder grün; sie mußte sich besinnen, was und wohin sie eigentlich wollte. »Ach ja,« seufzte sie und ging fürbaß. Es führt ein näherer Fußweg über den Hügel und dann steil bergab nach der Stadt; man muß freilich am Hause der Schaubkäther vorüber; aber warum soll man das meiden? Dennoch konnte die vordem so starke und muthige Thoma sich eines Bangens nicht erwehren, als ob sie, wie die Kinder im Märchen, an einem Drachen und Ungeheuer, der vor seiner Felsenhöhle kauert, vorüber müsse. Thoma ist freilich viel stärker, als das alte dürftige Weiblein, aber es wäre schon hart genug, die Lauernde besiegen zu müssen. Oder ist es vielleicht möglich, der Armen beizustehen, die doch noch mehr leiden muß als wir? Läßt sich ihr vielleicht abnehmen, daß sie bei ihrem bittern Harme nicht auch noch für das tägliche Brot zu sorgen hat? Richtig! Da sitzt die Schaubkäther auf der Steinschwelle vor ihrem Häuschen, sie hält beide Fäuste an die Schläfen gedrückt und ist ganz in sich zusammen gekrümmt, das rothe Kopftuch ruht fast auf den Knieen. Wußte diese Arme auch, daß heute der Tag des Gerichts? Sie schien zu schlafen und Thoma ging leise, den Athem anhaltend, weiter. Als sie aber ganz nahe gekommen war, erhob die Alte plötzlich ihren Kopf, ihre Augen flimmerten und sie rief: »Du, Du, heut ist der Zahltag.« »Darf man gut mit Euch reden?« »Gut? Mit mir? Du? Geh, oder –« Sie zog ein Taschenmesser hervor, öffnete es und schrie: »Ich kann auch morden. Du bist sein Kind, und er war meines. Geh.« Thoma ging zitternd davon, und neben ihr nieder fiel das offene Messer, das ihr die Alte nachgeworfen hatte. Wie? Wenn die Alte in dieser Stunde dasselbe begangen hätte, wie der Vater damals? Thoma eilte bergab, und hinter sich drein hörte sie jämmerliches Klagen und Schreien, bis sie in den Wald kam. Die Schaubkäther war von Haus aus ein lustiges Weiblein gewesen, eines Flickschneiders Tochter, eines Flickschneiders Frau, man könnte fast sagen, ihr Leben setzte sich aus lauter kleinen bunten Lappen zusammen, wie ihre Schauben; jedenfalls war sie eines jener still dankbaren Gemüther gewesen, die, für jede Gabe des Schicksals besonders erkenntlich, nie daran denken, warum sie nicht auch so aus dem Vollen leben können, wie die Großbauern; wenn sie ihren Cichorienkaffee getrunken hatte, sang sie bei der Arbeit so still vor sich hin wie eine Amsel, und es schien beinahe als ob von ihrer Leichtigkeit, die Last des Lebens zu tragen, auch etwas in ihre Schauben übergegangen wäre, wenigstens galt in der Gegend als ausgemacht, daß ihre Arbeit die lindeste war. Die Schaubkäther schien ihre traurige Herkunft ganz vergessen zu haben. Nun war über dieses Weiblein ein schweres Schicksal hereingebrochen, das Letzte und Einzige war ihr genommen, und Angst, Bitterkeit, Haß, und alle bösen Geister erwachten in ihr; sie ward ihres elenden Lebens inne, und sie haßte Alle, die in Wohlstand lebten und sich ihrer Kinder erfreuten, vor Allem haßte sie den Mörder ihres Sohnes und die Seinen; ihr einziges Denken und Sinnen war, wie der Mörder und die Seinen leiden und zu Grunde gehen müßten. Das arme Weiblein trug schwer an der Last des Lebens und des Hasses, das Dasein war ihr verleidet und sie wollte nur noch bleiben, bis sie die Rache aufgehen sah am Hause Landolins. Darum war sie so stumm und scheu seit dem Tode ihres Sohnes, Haß und Zorn und Elend wuchsen still in ihr und verwandelten ihr heiteres, gutmüthiges Herz in ein trauriges und böses. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Im Sommergarten des Wirthshauses zum Schwert blühten die Linden, die Bienen kamen, tranken und flogen davon und fragten nicht nach der Zeche, dafür sangen auch die Finken ohne Bezahlung, und die Schwalben schwirrten darüber wie tanzend in der Luft und haschten nur manchmal eine Biene mitsammt ihrem Honig; Alles erlustigt sich eben, wie es mag und kann. Es war ein Morgen so voll Frische, voll satter Lebenslust und Fülle, daß man gar nicht dran denken mochte, es gäbe auch Elend in der Welt. Ein Reiter kam im Trab an den Gartenzaun geritten, hielt an, stieg ab, übergab sein Pferd dem Hausknecht, sagte ihm, er solle es heimführen und der Frau sagen, sie möge hierher schicken, wenn man nach ihm frage, er käme indeß bald. »Guten Morgen, Herr Kreisphysikus,« rief die Schwertwirthin vom Balkon, »Sie kommen grade geschickt, es wird eben frisch angestochen.« Der Arzt vernahm bereits jene erquicklichen Locktöne, jenen tiefen, wie der Hahn ins Faß eingetrieben und den hellen, wie der Spunden oben gelockert wird. Die Wirthin brachte das erste Glas, und der Arzt ließ die Sonne leuchten durch das emporgehobene braune Getränk und trank mit Behagen. »Ich mußte heute vor Tag heraus und komme schon von Höchenbrand,« sagte der Doctor, trank den Rest aus und bat. »Noch eins! Für meinen Zwilling.« Als das zweite Glas gekommen war, erzählte er, er habe heute schon ein Zwillingspaar, zwei stramme Bursche, zur Welt befördert, und es sei wunderlich, dem Wälderjörgli geschehe immer 'was Besonderes, sein erstes Urenkelchen sei gleich ein Zwilling; es sei indeß eine Freude, daß das starke und ehrenfeste Geschlecht sich so fortpflanze, die Menschen da oben seien Gestalten wie aus der urgermanischen Zeit, so biederherzig. »Sie sind aber auch pfiffig,« schaltete die Wirthin ein, und der Arzt legte in guter Laune dar, welche durchtriebene Schelme gewiß auch die Urgermanen waren, denn alles Wilde sei zugleich schlau. »Uebrigens, wo ist der Schwertwirth?« schloß er. »Natürlich auch beim Schwurgericht. Heute ist eine wahre Wallfahrt. Schon um halb vier Morgens haben wir ein ganzes Faß Bier ausgeschenkt; die Zeugen sind mit dem Eilzug davongefahren. Von Berstingen, von Bieringen, von Zusmarsleiten, von überall her sind Männer und Frauen dabei gewesen, die die Sache gar nichts angeht, aber sie sind neugierig und wollen den Landolin vor Gericht sehen. Der Bahnmeister meint, wenn man die Todesstrafe abschafft, da drängen sich die Leute dazu, einen Nebenmenschen in Angst und abgeurtheilt zu sehen; um Schadenfreude zu genießen, sei den Menschen weder Geld noch Mühe zu viel; der Herr Bezirksförster aber meint, die Menschen gingen mehr, um einmal 'was zu erleben und den langweiligen Alltag los zu werden.« Als behutsame Wirthin gab sie mehr Bericht und keinen Entscheid, erst als der Arzt sagte: »Es ist Beides zugleich,« rief sie: »Das freut mich. Wenn unser eins ein Hausmittel anwendet und der Doctor kommt und sagt, das war das Beste, das hätt' ich auch verordnet, das thut wohl. Ich möchte Sie aber noch fragen –« »Was?« »Halten Sie es auch für möglich, daß der Landolin freigesprochen wird?« »Bei Gott und den Geschworenen ist Alles möglich.« »Ja, wer hat aber dann den Vetturi getödtet? Er ist doch todt!« »Diese Frage steht nicht auf dem Fragebogen.« Die Wirthin erzählte weiter, wie Tobias, der Oberknecht Landolins, heut in der Frühe das große Wort geführt und die Leute schlau unterwiesen habe, daneben habe er auch unter Lachen vorgebracht, das Leben eines solchen Menschen wie der Vetturi sei nicht so viel werth, daß ein Mann wie der Altschultheiß eine Stunde dafür im Gefängniß sitze; Tobias habe auch für Alle die Zeche bezahlen wollen, aber – und noch im Erzählen wurde die Wirthin flammroth – sie habe erklärt, jeder Einzelne müsse ihr befehlen, daß sie von Tobias Bezahlung für ihn annehme, dann wisse man auch, was man von ihm zu halten habe und was später wol folge. Mancher sei doch erschrocken über diese Hindeutung. Lächelnd entgegnete der Arzt, wie der reiche Bauer auch bei ihm geglaubt habe, mit Geld ließe sich Alles machen, der Sohn Peter habe – gewiß auf Anstiften des Vaters – den schönen Rappen um ein Drittel des Werthes verkaufen wollen, als Trinkgeld sollte nur ein Zeugniß gegeben werden, daß der Vetturi, der freilich von Kindheit an an schweren Krankheiten litt, hinfällig und verletzlich gewesen sei, so daß er durch einen Sturz auf ebenem Boden todt sein konnte. »Mich dauert nur die Thoma,« nahm die Wirthin auf, »das war ein so stattliches kernfrisches Mädchen, und wie schön paßte sie zusammen mit dem Müller-Anton. Der war heut in der Frühe auch da, er ist ja auch Zeuge, aber er blieb im Garten und schaute oft auf das Ehrenzeichen an seiner Brust. Glauben Sie, daß die Verhandlung an Einem Tage zu Ende geht?« Der Arzt konnte keine Muthmaßung äußern, und die Schwertwirthin fuhr fort: »Unsere seelengute Frau Räthin hat heute auf Landolins Hof gehen und an dem schweren Tag bei der Frau und Thoma sein wollen. Ich habe ihr abgerathen. Man wird sie schon noch nöthig haben. Ja, solch eine reine Seele giebt's vielleicht nicht zum zweitenmal auf der Welt; in einem Menschen wie Landolin sieht sie noch ein verborgenes Reines. Unsere Frau Räthin ist ein Menschenkind wie aus den Apostelzeiten.« »Bravo!« rief der Arzt, »nun habe ich einmal das Seltenste gehört: eine Frau, die eine andere ohne Abzug lobt.« »Ja, wer kann die Frau Räthin kennen und sie nicht loben? Sie verlangt aber kein Lob und keinen Dank von den Menschen.« »Das braucht sie nicht. Wer von Natur das Glück solcher Gutherzigkeit hat, der hat damit schon alles Beste.« Der Telegraphenbote kam in den Garten und ging auf den Arzt zu. »Da haben wir's,« rief der Arzt, nachdem er die Botschaft gelesen. »Bis wann geht der nächste Eilzug?« »In sieben Minuten.« Der Arzt erzählte schnell, daß der Vertheidiger nun doch noch mündliches Gutachten von ihm verlange. Er ließ seiner Frau Bescheid sagen, daß er abreise und eilte davon. Auf dem Bahnhofe traf er die eben herbei kommende Thoma. »Willst Du auch noch mit?« fragte er. »Nein, ich will nur meinem Bruder zu wissen thun, er solle den Richterspruch gleich telegraphiren.« »Das will ich ausrichten.« Der Zug eilte davon. Thoma gab dem Telegraphenboten, den Auftrag, die ganze Nacht zu warten und das ankommende Telegramm ihr gleich zu bringen. Thoma ging heimwärts. Vom Berge aus sah sie noch einmal den Bahnzug in der Ferne. Der Bahnzug, in dem der Arzt saß, brauste an Dörfern und kleinen Städten vorüber, an den Wiesen, in denen gemäht, an den Kartoffelfeldern, in denen gehäufelt wurde. Die Reisenden sprachen von den Ueberschwemmungen, die in der Schweiz so viel Schaden angerichtet, dann von den Welthändeln, vom Kampfe mit Rom; der Arzt hörte Alles wie im Traum. Es war ihm peinlich, daß er nun doch noch über Landolin und seine Sache zu sprechen hatte. Wie konnte der Vertheidiger noch hiervon etwas hoffen? Der Zug hielt an der Kreisstadt, ein Gerichtsbote stand mit einem Wagen im Bahnhof, der Arzt fuhr nach dem Gerichtsgebäude, er kam in eine schwüle, dumpfe Luft. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Früh vor Tag hatte es aus der Gefängnißzelle des Altschultheißen Landolin heftig geklingelt. Der Gefängnißwärter, der das hörte, beeilte sich aber keineswegs. »Du kannst warten,« sagte er vor sich hin und kleidete sich in Ruhe vollständig an. Er war ein großer breitschulteriger Mann von überaus stattlichem und achtunggebietendem Ansehen; er hatte den guten Posten als Lohn für Auszeichnung im Kriege erhalten, und er vertrat die ganze Würde des öffentlichen Gerichts; er war barsch, konnte aber auch höflich und herablassend sein, wenn er wollte, und gegen Landolin war er höflich, er wußte warum. Er fragte nun, seine starke Stimme möglichst abmildernd, was denn Landolin schon so früh wünsche; es sei ja kaum Tag. Landolin sah ihn wirren Blickes an und sagte: »Ich habe den Frühzug pfeifen gehört. Jetzt sind die Leute aus meinem Dorf da. Geh ins Ritter-Wirthshaus, bring' mir meinen Oberknecht den Tobias her. Es soll Dein Schade nicht sein.« »Thut mir leid, darf das nicht, seid ja selber Schultheiß gewesen, wißt, was Rechtens ist.« »So ruf' meinen Vertheidiger!« »Es ist noch so früh.« »Es ist nicht zu früh. Ich habe das Recht, zu jeder Stunde meinen Vertheidiger zu verlangen.« »Gut, werde ihn holen, rathe Euch aber, heute ruhiger zu sein, mit solchem Aufbegehren seid Ihr selber Belastungszeuge gegen Euch.« Landolin sah den Gerichtsboten an, wie wenn er ihn niederwerfen wollte, aber er blieb ruhig und der ganze Kampf, der in dem einst so eigenmächtigen Manne seit Wochen, vor Allem aber in der letzten Nacht, gerast hatte, prägte sich in seinen Mienen aus. Er hatte sich noch gestern den Vollbart abnehmen lassen, der im Gefängnisse gewachsen war, und es zeigte sich, daß er im Gefängnisse sehr gealtert hatte; die Spannkraft war wie weggeschält zugleich mit der braunen kräftigen Farbe, die Züge waren welk und schlaff. Vor dem vergitterten Fenster flogen Schwalben aus und ein und zwitscherten, Landolin pfiff auch ein lustiges Lied, und er pfiff fort, als sich bereits der Schlüssel in der Thüre drehte und der Vertheidiger eintrat. »Schon so lustig!« rief der Vertheidiger. »Aber ich kenne Euch ja kaum mehr. Warum habt Ihr Euch den Bart abnehmen lassen?« »Warum? Damit mich die Geschworenen wieder erkennen.« »Gut, ist recht. Was wünscht Ihr nun?« Der Vertheidiger hatte mit keiner Silbe der so frühen Stunde erwähnt, er verhielt sich zu einem Angeklagten wie ein Arzt zu einem Kranken. Landolin fühlte aber doch, daß er sich vor seinem Beistande entschuldigen müsse und er that's, indem er bat, daß ihm die Liste der Geschworenen vorgelegt werde, damit er sehe, wen er ablehnen und wen er festhalten wolle. Gleich, dem Alphabet nach, war der Sägmüller Armbruster, der als Ersatz-Geschworener für Landolin einberufen war, der Erste. Der Vertheidiger sagte, der Mann habe gebeten, abgelehnt zu werden. »Hoho!« rief Landolin. »just den halte ich fest; er soll schuldig über mich sagen, wenn er kann; verwandt sind wir nicht, und unsere Kinder sind nicht mehr verlobt.« Der Zweite war der Holzhändler Dietler. »Der möchte auch frei sein,« erklärte der Vertheidiger. »Er möchte frei sein? Ich will auch frei sein.« »Er wird aber grimmzornig über uns werden.« »So machen Sie, daß der Staatsanwalt ihn nicht freigiebt, dann haben wir ihn und gegen den Staatsanwalt; er kennt mich von lang, hätte fast gesagt, von Langholz her –« Landolin lachte, und auch der Vertheidiger lächelte und sah verwundert in die schlaue Miene Landolins, der nach und nach alle Städter und höher Gebildeten ablehnte, denn er wollte von Bauern abgeurtheilt werden; nur den Ritterwirth aus der Stadt, einen redegewandten Mann, ließ er sich gern gefallen. »Den Baron Discher lehn' ich ab.« »Warum? Er ist ein gerechter Mann.« »Kann sein, aber er ist mir feind, weil ich ihn bei der Waldversteigerung überboten hab'. Geben Sie acht,« schloß Landolin, »der Titus wird Obmann, er ist erst recht mein Feind, aber ich kenn' ihn doch, um dem Dienstboten-Pack den Daumen aufs Aug' zu setzen und um seinen Stolz an mir auslassen und mir zeigen zu können, wie groß er dasteht, wird er nichtschuldig sagen und die Anderen auch herumbringen.« Der Vertheidiger hütete sich wohl, Landolins Zuversicht irgend zu erschüttern, und er selber gewann neues Vertrauen zu günstigem Ausgang. Als er sich nun verabschieden wollte, fragte Landolin und fuhr sich dabei mit der flachen Hand über Stirn und Augen: »Ist die da . . . die Mutter von Dem auch geladen?« »Der Staatsanwalt hat auf ihr Zeugniß verzichtet. Das wundert mich, ist mir aber ein gutes Zeichen, daß er Euch nicht hineinreiten will; denn so ein armseliges, verlassenes Mütterlein macht immer schlimmen Eindruck auf die Geschworenen. Der Staatsanwalt ist kein böser Mann, er ist ja, wie Sie wissen, ein Bruder Ihrer Kreisräthin.« »Das hilft mir nichts.« »Ich glaub',« nahm der Vertheidiger wieder auf, »ich glaub', der Staatsanwalt wird selber auf mildernde Umstände antragen.« »Ich will aber keine mildernden Umstände,« rief Landolin, sein ganzes Gesicht röthete sich. »Verwerfen Sie in meinem Namen, in meinem Auftrag mildernde Umstände. Ich kenne das. Die Geschworenen sagen leicht schuldig, wenn sie mildernde Umstände anhängen dürfen; aber wenn's an Kopf und Kragen geht, da besinnen sie sich zweimal und dreimal.« »Landolin! Wir spielen ein hohes Spiel!« »Sei es.« »Wollen Sie selber am Schlusse noch das Wort nehmen?« »Ich weiß noch nicht. Ich fürcht', ich verderb' 'was.« »Sie können mir Ihren Entschluß noch im Saal mittheilen. Sie haben Redegabe.« »Hab's früher nie gewußt, ist vielleicht im Gefängniß so bei mir gewachsen. Wenn ich wieder auf die Welt käm', möcht' ich auch Advokat werden.« Der Vertheidiger ermahnte Landolin schließlich, er solle suchen, noch etwas zu schlafen, es sei heute ein schwerer Tag und da müsse man ausgeruhte Kraft haben; er wolle selber trachten, daß er frisch und stark sei. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Landolin suchte in der That noch zu ruhen, aber er sprang bald wieder vom Lager auf; daheim kann man noch ruhen, so viel man will, jetzt darf man keine Minute versäumen. Er klingelte wieder und sagte sehr unterwürfig dem Gerichtsboten, er möge seinen Sohn Peter aufsuchen, um von ihm zu erfahren, ob die Mutter mitgekommen sei. »Welche Mutter?« »O Du! Da die Mutter von . . . von . . . von dem armen Schelm. Frag' geradezu, ob die Schaubkäther da sei. Und sag' meinem Sohn, er soll Dir die zwanzig Mark geben für den Heiligenpfleger.« »Für den Heiligenpfleger? Wo ist der?« »Bist Du so einfältig oder stellst Du Dich nur so? Der Heiligenpfleger steckt da in Deinem Rock.« Der strenge Gerichtsbote schmunzelte und dachte in sich hinein: Da sagt man, die Bauern seien einfältig! Der Gerichtsbote kam bald wieder und sagte: »Die Mutter des Verunglückten ist nicht da, aber –« »Was aber? Doch nicht meine Frau und meine Tochter? Ich hab's ja ausdrücklich verboten.« »Nein, nicht die; aber sonst das halbe Dorf.« »Hat der Heiligenpfleger was bekommen?« »Ja,« schmunzelte der Gerichtsbote; er hatte heute gute Ernte, nicht nur von denen, die sich durch seine Vermittlung bei Vertheidiger und Staatsanwalt aus der Geschworenenliste abweisen lassen, sondern auch von den Leuten aus den Dörfern, denen er versprochen hatte, sie zuerst einzulassen. Landolin war wieder allein; er dachte hinaus in die Wirthshäuser der Stadt, in den Wirthsgarten beim Bahnhof und er meinte zu hören, wie dort alle reden und es nicht erwarten können, bis sie ihn auf der Armesünderbank sehen; die ganze Welt hat heute nichts Anderes im Sinne, als das, ob der Landolin zum Tode, zu vieljährigem Zuchthaus verurtheilt oder freigesprochen wird. Etwas wie ein Gebet ging ihm durch die Seele, aber er kam nicht dazu, er mußte denken, wie die Schaubkäther heute um gerechte Strafe zu Gott betet; er stürzte zurück, es war ihm, wie wenn er leibhaftig auf die Schaubkäther aufrannte. Das Gefängniß wurde aufgeschlossen, Landolin wurde durch einen langen Flur nach dem Zimmer der Angeklagten gebracht; die Thüre des weiten Gerichtssaales, die Fenster waren offen, heller Sonnenschein drang herein, der Saal war leer, bald wird er sich füllen, Kopf an Kopf. Die beiden Gerichtsboten gingen hüben und drüben neben Landolin, drunten vor dem Hause hörte man lautes Durcheinanderreden und auch Lachen. Wer weiß, was für einen Scherz sie gemacht. Die Menschen können lachen, wenn hier oben Einer ist, dem das Herz still stehen will. Landolins Auge funkelte, er sagte sich: ich habe doch recht gehabt, daß ich die ganze Welt verachtete. In dem Zimmer, in das er nun eingeschlossen war, lauschte er an der Thüre, er hörte Getrappel von Schritten auf dem langen Flur, er hätte gern aus den Schritten erkundet, wer denn Alles da sei; Stimmen wirrten durcheinander, und jetzt hörte er laut sagen: »Mein Vater!« Das war die Stimme Peters, offenbar hat er so laut gesprochen, damit der Vater es höre; diesem aber war's, als wäre er lebendig begraben, hörte Stimmen und könnte nicht antworten. Ihm wurde so schwindlig, daß er sich an die Thürpfoste lehnen mußte. Die Thüre wurde aufgeschlossen, Landolin wurde in den Gerichtssaal geführt. Achtundzwanzigstes Kapitel. Den Blick zu Boden gewendet und bedächtig schreitend, kam Landolin in den Saal, er schien nach der Geschworenenbank gehen zu wollen, aber der Gerichtsbote faßte ihn am Arm und bedeutete ihn nach der Bank der Angeklagten. Als Landolin oben stand. richtete er sich gewaltsam auf und schaute frei umher; er mochte es aber doch wie einen Schleier vor seinen Augen fühlen, denn er fuhr wiederholt mit der Hand über die Augen. Er sah seinen Sohn Peter, der ihm zunickte, nur mit einer leisen Kopfbewegung gab Landolin zu verstehen, daß er ihn gesehen habe. Er erkannte die Männer und Frauen aus seinem Dorfe und aus den Nachbardörfern, das rothe Kopftuch der Schaubkäther war nicht zu sehen. Mit scharfem Blick musterte Landolin nun die Geschworenen; er kannte sie alle, sie sahen ihn starr an, keiner gab ihm auch nur mit einem Augenzwinkern zu verstehen: ich kenne Dich und werde gut gegen Dich sein. Der Sägmüller war nicht unter den Geschworenen. Wer ist Obmann? Titus. Er hat eine weiß und roth gesprenkelte Nelke vor sich auf dem Pulte liegen, jetzt nimmt er sie auf und drückt sie an seine große Nase; der Tollhofbauer, genannt der Scheckennarr, der neben ihm sitzt, hält ihm die offene Dose hin und sagt etwas, offenbar: der Landolin sieht verändert aus – Titus nickt scharf, schnupft und niest laut; der Ritterwirth in der vordern Bank wendet sich und sagt wol: zur Gesundheit, und flüstert dem Holzhändler Dietler etwas ins Ohr. Wer weiß, ob der geschmeidige Wirth jetzt nicht dem Titus hofirt und den Landolin als todten Mann aufgiebt. Die anderen Geschworenen, meist behäbige Bauern, darunter auch der Sohn des Wälderjörgli in der alten Tracht mit der rothen Weste, haben die schweren Hände auf die Pulte gelegt und schauen vor sich nieder. Die immer ergreifende feierliche Beeidigung ist vorüber, die Zeugen werden aus dem Saale geschickt, die Anklage wird verlesen. Während der Verlesung trommelt der Staatsanwalt mit einem großen Bleistift auf die Akten, wahrscheinlich spielt sich ihm leise eine Melodie, denn es geht ganz im Takte. Der Staatsanwalt war ein junger Mann mit mächtigem Schnurr- und Knebelbart, die er zur Abwechslung glättet und ein uneingerahmtes Glas, das an einem breiten schwarzen Halsbande hängt, in das linke Auge kneift. Es ist etwas soldatisch Angriffslustiges im Wesen des Staatsanwalts, der in der That auch Landwehr-Offizier ist. Der Blick aus dem Einglas, das seltsam funkelt, ist oft auf Landolin gerichtet, und Landolin ist es unheimlich dabei, er möchte gern sagen: bitte, thun Sie das Glas weg – aber er darf nicht. Der vor Landolin sitzende Vertheidiger hatte sich aufgestellt und lehnte sich, die Hände in beiden Hosentaschen, an die Brüstung der Angeklagten-Bank, manchmal den Kopf wendend und rasche Worte an Landolin richtend. Die Anklage lautete auf Körperverletzung mit tödtlichem Ausgang. Die Zeugen wurden eingerufen, und bevor der erste erschien, erklärte der Vertheidiger, daß er den Kreisphysikus zu sachverständlichem Gutachten über die Hinfälligkeit Vetturi's telegraphisch berufen habe. Neunundzwanzigstes Kapitel. Landolin saß still und betrachtete seine Hände, sie waren weich und weiß geworden im Gefängniß. Nur wenn ein neuer Zeuge aufgerufen wurde, erhob er den Blick und starrte den Aussagenden an. Die Entlastungszeugen sprachen unsicher, sie hatten den Vetturi auf den Haufen der Pflastersteine fallen sehen, aber ob der geworfene Stein über ihn weggeflogen war, konnten sie nicht mit Bestimmtheit behaupten, nur der Schmied vom obern Dorfe wollte das ganz deutlich wahrgenommen haben. »Nehmt Euch in Acht vor dem Meineid!« rief der Staatsanwalt, und der Vertheidiger erhob heftig und entschieden Einsprache gegen diese Einschüchterung des Zeugen; auch die Geschworenen steckten die Köpfe zusammen und sprachen leise mit einander. Der Vorsitzende ersuchte in höflicher Redewendung, aber in sachlicher Strenge den jugendlichen Staatsanwalt, derartiges ihm zu überlassen. Der Vertheidiger ließ sich aber diesen Zwischenfall nicht entgehen und setzte einen großen Trumpf drauf. Es dauerte eine Weile, bis die Verhandlung wieder in ruhigen Gang kam, und als eben Anton vorgerufen wurde, bat der Vertheidiger, den angekommenen Kreisarzt, der wieder abreisen müsse, zuerst zu vernehmen. Die Aussage des Arztes war indeß ganz ohne Belang. Nun wurde Anton vorgerufen. Die Blicke Aller spannten sich. Das eiserne Kreuz auf der Brust Antons hob und senkte sich, denn er athmete tief und schnell. Bei der Vorfrage nach der Verwandtschaft sagte Anton mit bewegter Stimme, er sei damals, als das Unglück sich ereignete, der Bräutigam von der Tochter des Angeklagten gewesen. Der Staatsanwalt beantragte hierauf, daß Anton nicht vereidigt werde, der Vertheidiger aber bestand darauf. Der Gerichtshof zog sich zur Entscheidung zurück, kam indeß bald wieder, und der Vorsitzende verkündete, daß Anton Armbruster nicht zu vereidigen sei; der Vorsitzende fügte indeß mit eindringlichen Worten hinzu, daß man von Anton mit Zuversicht erwarte, er werde, seiner besondern Ehre eingedenk, mit reinem Gewissen die volle und ganze Wahrheit sagen. »Das werde ich,« sagte Anton. Alles hielt den Athem an, und Landolin klammerte seine beiden Hände fest um die Brüstung vor seinem Sitze. Schlicht und geläufig sagte nun Anton, daß es seine Ueberzeugung sei, Landolin habe den Vetturi nicht tödten wollen; er könne indeß nicht sagen, daß er den Vorgang deutlich gesehen, er sei mit seiner Braut an der Hand unter das Hofthor getreten und habe für nichts anderes ein Auge gehabt. Er hielt schwer aufathmend inne, und der Vertheidiger fragte, ob er sich nicht erinnere, was er bei der Rückkehr aus dem Hause des Verunglückten am Brunnen zu Landolin gesagt. Anton entgegnete, er habe nicht gesprochen, sondern Landolin. Mit soldatischer Bestimmtheit gab Anton auf jede Frage die Antwort und schloß, es sei nicht denkbar, daß ein Mann wie Landolin, daß ein Vater am Verlobungstage seiner Tochter einen Menschen tödten wollte. Ohne nach Landolin aufzuschauen, kehrte Anton auf seinen Platz zurück, und auch dort sah er nicht auf, seine Wangen glühten und sein Auge glänzte. Als Tobias aufgerufen wurde, ging er breitspurigen Schrittes dahin, grüßte den Gerichtshof, die Geschworenen und am längsten seinen Herrn. Mit großer Sicherheit legte er nun dar, daß er nie geglaubt hätte, der armselige Vetturi, der zu faul gewesen sei, eine Garbe zu lupfen, hätte einen solchen Stein werfen können; zum Glück sei der Stein just vor den Füßen des Meisters niedergefallen, sonst säße Vetturi da oben und der Meister liege im Grab. Der Staatsanwalt suchte Tobias durch Fragen in die Enge zu treiben, aber dieser schien auf Alles gefaßt und gab lächelnd Antwort, ja, er sagte zuletzt keck, wer dabei gewesen sei, müsse es doch besser wissen, als der Herr Staatsanwalt. Fidelis wurde aufgerufen, es gab eine Vorverhandlung, ob er vereidigt werden könne, weil er zur Zeit Knecht Landolins gewesen war. Es machte einen guten Eindruck, als Landolin sagte, Fidelis sei ein ordentlicher Mensch gewesen und werde nichts aus Haß gegen ihn aussagen. Von diesen Worten des Meisters war Fidelis einen Augenblick verwirrt, dann aber gab er rund und bündig seine Aussage: Vetturi habe sich nicht gebückt und keinen Stein aufgehoben, aber der Meister habe geworfen, und es sei ihm gewesen, wie wenn der Stein ihm selber an den Kopf fliege. Der Vertheidiger fragte, ob Niemand mit dem Zeugen über das, was er gesehen haben wolle, gesprochen habe, worauf der Staatsanwalt erwiderte, wenn solche Fragen aufs neue gestellt würden, so werde er fragen, ob nicht Tobias dem Fidelis habe einreden wollen, er habe Anderes gesehen. »Muß ich darauf antworten?« fragte Fidelis. Der Vorsitzende entgegnete, er habe weder auf dieses noch auf jenes zu antworten. Die Zeugenverhöre waren geschlossen, es trat eine Pause ein, und es war wie letztes Waffenrüsten im Heerlager der Anklage und Verteidigung. Es war dunkel geworden, die Lichter wurden angezündet im Saale, zuerst erschien die Richterbank erkennbar, dann die Geschworenen, der Vertheidiger und Landolin, zuletzt die Zuhörer, es schien keiner zu fehlen, ja ihre Zahl schien sich noch vermehrt zu haben. Es war dumpf und schwül im Saal. Der Kampf begann. Dreißigstes Kapitel. Das Einglas des Staatsanwalts glänzte und flimmerte unruhig, aber seine Rede war ruhig und schlicht, er schien jede Heftigkeit nieder zu halten. Er begann mit einer scharfen Darlegung von der Ungeberdigkeit und Anmaßung der heutigen Dienstboten, zu der oft auch wie im vorliegenden Fall Untreue hinzukäme. Die Geschworenen nickten einverständlich. Nun aber fügte er hinzu, daß leider die Schuld des Angeklagten mit Händen zu greifen sei; den Einwand der Nothwehr entkräftete er, indem er so behutsam als bestimmt aufzeigte, daß man diesen Ausweg erst nach Umhertasten nach anderen ausgemacht habe; es bleibe mehr als auffällig, daß man den von Landolin geworfenen Stein, der blutig und kenntlich war, alsbald beseitigt hatte, den vermeintlich von Vetturi geworfenen habe man freilich gefunden, weil er offenbar absichtlich hingelegt war. Landolin schüttelte heftig den Kopf bei diesen Worten. Der Staatsanwalt machte eine Pause, dann fuhr er ruhig fort, und da nur Gerechtigkeit walten solle, beantragte er: Schuldig des Todtschlags mit mildernden Umständen. Als er geendet, wollte Landolin seinem Vertheidiger etwas sagen, dieser aber erwiderte, er möge warten, und begann mit hinreißender Beredsamkeit die volle Unschuld des Angeklagten darzulegen, und wie er nun die Bedeutung und Ehrenhaftigkeit Landolins schilderte, schlug dieser selber die Augen nieder. Einen mächtigen Eindruck machte es, da der Vertheidiger mit erhobener Stimme rief. »Meine Herren Geschworenen! Der Angeklagte war selber zum Geschworenen ernannt für diese Gerichtssitzung; er sollte unter Ihnen sitzen und nicht hier, und ich erwarte von Ihrer schlichten Geradheit, daß er bald wieder Schulter an Schulter bei Ihnen, er gehört zu Ihnen. Wer von Ihnen sich frei fühlt von jeder Zorneswallung, die ohne sein Zuthun einem unglücklichen Zufall begegnen konnte, wer sich frei fühlt von jedem natürlichen Fehltritt, der hebe den Stein auf, das steinigende Wort Schuldig. Im Einverständniß mit dem Angeklagten verwerfe ich die mildernden Umstände, denn das ist nur eine Umwickelung des tödtlichen Steinwurfs. Ich verlange den Wahrspruch: Unschuldig!« Eine murmelnde Bewegung ging durch die Zuhörerschaft, so daß der Vorsitzende drohte, er werde den Zuhörerraum schließen lassen, wenn noch einmal solche Unruhe sich laut mache. Unter allgemeiner Stille faßte nun der Vorsitzende das Für und Wider zusammen und legte es in die Wagschalen. Als er geschlossen hatte, fragte er Landolin, ob er noch etwas zu sagen habe. Landolin erhob sich und nickte, er schärfte sich die trockenen Lippen und begann: »Meine Herren Richter! Meine Herren Geschworenen! Ich . . . ich bin schuldig . . .« Wieder toste ein Murmeln durch den Saal, aber der Vorsitzende wiederholte seine Drohung nicht, er war selber zu sehr ergriffen von diesem Worte, und selbst der Vertheidiger konnte nicht umhin, die Arme wie verzweifelnd auszustrecken; das Einglas des Staatsanwalts schien höher zu glänzen, und sein Gesicht hatte einen frohlockenden Ausdruck. Als wieder Ruhe eingetreten war, fuhr Landolin fort: »Ja, ich bin schuldig, ich verdiene Strafe, gerechte Strafe, aber nicht für das, worauf ich hier angeklagt bin, mir gehört eine Strafe, weil ich so weichmüthig, so mitleidig gewesen bin und den elenden Burschen nicht bei Gericht angezeigt wegen seines erwiesenen Diebstahls. Meine Herren Geschworenen! Ihr zwölf Männer! Es ist grausam hart, daß solche Männer wie Ihr mitten aus der Ernte heraus hier einen ganzen heißen Tag sitzen müssen, und warum? Wegen eines elenden Knechtes, dessen Leben nicht solche zwölf Stunden von zwölf Ehrenmännern werth gewesen ist. Ich will von mir nicht reden, daß ich so dastehen muß; ich sage nur, ich hätte nicht so weichherzig sein sollen, ich bin dadurch mit daran schuld, daß es mit den Dienstleuten nicht mehr auszuhalten ist. Dafür verdiene ich Strafe, für sonst aber nichts. Hätt' ich mich von ihm auch noch sollen umbringen lassen? Und ich, der ihn so geschont hat, ich soll ihn getödtet haben? Ich soll mich und meine Frau und meine Kinder, meine Ehre, Haus und Hof auf's Spiel gesetzt haben für so einen, ich will ihn nicht schimpfen, er ist todt.« Die Stimme Landolins bebte, er schien nicht weiter reden zu können; der Verteidiger raunte ihm leise zu: »Schließt nicht damit! Wiederholt noch einmal, daß ihr schuldig seid,« und Landolin rief nochmals: »Ich bin schuldig, den Dieb nicht angegeben zu haben. Dafür bin ich schuldig. Weiter nicht.« Landolin setzte sich und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen, er schien zu weinen. Der Vorsitzende übergab dem Obmann der Geschworenen den Fragebogen, Alles erhob sich, Landolin wurde in das Zimmer der Angeklagten geführt. Unterwegs drückte ihm sein Sohn die Hand, sie konnten beide kaum ein Wort hervorbringen. »Herr Gerichtsbote,« fragte Peter, »darf ich jetzt zu meinem Vater?« »Ja wohl!« »Aber ich will allein sein!« entgegnete Landolin herb. Die Thüre schloß sich hinter ihm. Die Thoma hätt' er zu sich gelassen, mich will er nicht dachte Peter und schlimme Gedanken ketteten sich daran und machten seine Zähne knirschen. Einunddreißigstes Kapitel. Im Zuschauerraum und auf dem langen Flur wurde von Städtern und Landleuten hin und her gesprochen, welch ein Wahrspruch geschöpft werden würde; die Einen fanden es angemessen, die Anderen waghalsig, daß Vertheidiger und Angeklagter mildernde Umstände verworfen hätten. Alle waren aber einig, daß die letzte Rede Landolins eine Ueberraschung war, wie man wol lange keine mehr erleben würde; Niemand hätte je geahnt, daß solch ein Redner und Schauspieler in dem Landolin steckte. Unterdeß stand Landolin am offenen Fenster des Angeklagtenzimmers und umklammerte mit beiden Händen das eiserne Gitter. Der Gerichtsbote brachte Wein, Landolin trank nicht, er schüttete den Wein in die hohle Hand und wusch sich beide Hände damit, dann starrte er wieder hinaus in die sternhelle Nacht. Landolin fühlte den Triumph, den er mit seinen letzten Worten errungen, dennoch bebte er, er spürte eine Müdigkeit in den Knieen, wie wenn er über einen hohen Berg gegangen wäre, und jetzt war's ihm, als müsse er über einen Grabhügel schreiten dort oben bei seiner Heimat . . . Eine Sternschnuppe flog am Himmelsbogen hin. Ja, wenn man nur noch dran glauben könnte, daß das ein Glückszeichen ist! Das Zimmer des Angeklagten war nur durch eine dicke Mauer von dem getrennt, in welches die Geschworenen eingeschlossen sind, bis sie den Wahrspruch geschöpft haben. Ist das schon lange oder erst kurz? Von den Thürmen der Stadt schlägt es zwölf Uhr. Zwölf Glockenschläge! Zwölf Männerstimmen! sagte Landolin vor sich hin. Dort in der schwarzen Nacht kommt ein Ungeheuer heran mit zwei rothen Augen, immer näher und näher. Landolin weiß, daß das der Bahnzug ist, dennoch weicht er erschreckt vom Fenster zurück und setzt sich auf einen Stuhl. Horch! Jetzt tönt eine Klingel, sie ist nicht draußen, sie ist hier. Die Geschworenen sind fertig. Auf dem Flur schallt wieder mächtiges Getrappel, dann herrscht lautlose Stille. Landolin wird abgeholt. Festen Schrittes steigt er die Stufen zur Bank der Angeklagten hinan, er steht ruhig, denn er sagt sich: das sollen sie nicht noch haben, daß sie mich zusammenbrechen sehen. Er sieht die Köpfe der zwölf Männer, es ist, als schwämmen sie auf einer Fluth. Jetzt erheben sie sich wie auftauchend, der Obmann Titus legt die rechte Hand auf's Herz, in seiner Linken zittert und knittert das Blatt. Titus verliest zuerst die gestellten Fragen. O wie lang dauert das! Wozu diese Wiederholung? Warum nicht gleich: schuldig oder nichtschuldig? Jetzt faßt Titus frischen Athem und spricht: »Der Angeklagte ist nicht schuldig, mit sechs gegen sechs Stimmen.« Ein Schlag auf die Akten tönt vom Tische des Staatsanwalts, sein Einglas fällt glitzernd herunter und dreht sich wie verwundert an dem breiten schwarzen Bande. Der Gerichtshof hält leise Rücksprache, der Vorsitzende erhebt sich und nach Verlesung des bezüglichen Gesetzesparagraphen spricht er: »Der Angeklagte ist nicht schuldig. Landolin! Sie sind frei.« Landolin sieht sich vom Vertheidiger, von seinem Sohne, von Tobias und mehreren Geschworenen und Heimatsgenossen umgeben, er sitzt auf der Bank und nickt stumm, und Thränen rollen ihm über die Wangen, denen er nicht wehrt. »Vater! Weinet nicht, freut Euch!« rief Peter, aber gleich darauf hörte man einen andern Ruf. Die Zuschauer hatten sich lärmend hinausgedrängt, sie verkündeten den Vielen, die auf Flur und Treppe und vor dem Gerichtshofe warteten, den Wahrspruch, und laut hörte man: »der Mörder ist freigesprochen,« dann Johlen und Pfeifen und drohende Rufe der Landjäger und Gerichtsboten. »Wart' bis sich das Gesindel verlaufen hat,« beschwichtigte der Ritterwirth, der auch Geschworener war, »Du wohnst bei mir und ich habe ein gutes Essen herrichten lassen für Dich und Deine Gäste.« Landolin gewann wieder seine Fassung und entgegnete mit heller Stimme. »Ja, laß auftischen, was Du vermagst, und lade mir alle Geschworenen ein, die anderen sechs sind auch nicht meine Feinde, ich . . . ich will keinen Feind auf der Welt haben.« »Vater! Ich möcht' den Titus noch besonders einladen.« »Thu' das. Hab's ja gesagt, ich will mit Niemand auf der Welt feind sein, für die paar Jahre noch.« »Ich will auch schnell ein Telegramm au die Mutter aufgeben.« »Thu' das und sag', ich sei gesund und wohlauf. –« Der elektrische Funke blitzt durch den Draht, klopft an in dem Bahnhof des Städtchens, wo der Bahnmeister noch wacht, bald wandert der Bruder des Galloppküblers bergan. Zweiunddreißigstes Kapitel. Durch das Thal und über die Höhen zieht in stiller Sommernacht ein frischer Luftstrom, die Bäume des Waldes säuseln, die reifen Halme des Kornfeldes wiegen sich hin und her und saugen den letzten Athem ein. Stille ringsum, nur der Fluß im Thale rauscht; die Menschen alle ruhen im Schlafe aus von der schweren Erntearbeit, um beim ersten Sonnenstrahl wieder frisch gestärkt zu beginnen. Die weiße Straße am Berge hinan wandert ein Mann und drückt manchmal die Hand an die Brusttasche, sich aufs Neue versichernd, daß er die Botschaft noch bei sich habe. Droben im Hause Landolins brennt noch ein Licht. Thoma sitzt hinter dem Tische und starrt in das Licht, ihre Züge haben sich verändert in Bitterkeit und Schmerz; sie preßt die Lippen zusammen, die einst so hold gelächelt, so warm geküßt; werden diese Lippen je noch lächeln, je noch küssen können? Die Mutter liegt am offenen Fenster und starrt hinaus in die Nacht. »Mutter,« sagte Thoma, »Ihr solltet schlafen gehen. Mitternacht ist vorüber und der Bahnmeister hat gemeint, daß die Sache nicht an Einem Tag zu Ende geht.« Die Mutter wendete nur den Kopf zurück, dann schaute sie wieder hinaus. Ob wol die Schaubkäther auch wacht? dachte sie. Ja, sie wachte, sie konnte sich aber kein Licht erhalten und vielleicht im selben Augenblick dachte sie an die Bäuerin: sie hat das Elend nicht verdient, ich aber auch nicht, und ich hab' sonst Niemand und hab' nichts als an meinem Kummer zu nagen. Plötzlich richtete sich die Schaubkäther auf, sie hörte Schritte. »Bringst Du mir was?« fragte sie den erschreckten Boten. »Nein, nichts für Euch.« »Für wen denn?« »Für des Landolins Thoma,« und er zog den blauen Brief heraus. »Weißt Du, was da drin steht?« fragte die Schaubkäther. »Ich soll's eigentlich nicht wissen.« »Aber Du weißt's. Sag', ist der Landolin zum Tod verurtheilt?« »Ich komm' aus meinem Dienst, wenn Ihr's weiter saget.« »Ich schwör' Dir bei allen Sternen, ich sag's Niemand, ich hab' ja Niemand. Ich bitt' Dich, hab' Erbarmen!« »Der Landolin ist freigesprochen.« »Frei? Und mein Sohn ist todt! Ihr Sterne da oben fallt herunter und erschlaget die ganze Welt. Aber nein, Du hast mich zum Narren. Thu' das nicht.« »Ihr habt mir geschworen, daß Ihr mich nicht verrathet,« rief der Bote und eilte davon. Die Schaubkäther aber warf sich auf den Boden und wimmerte in die Erde hinein. Der Bote war indeß zum Hause Landolins gekommen. »Bringst Du Gutes?« fragte die Frau aus dem Fenster. »Ich glaub.« Thoma eilte mit dem Lichte die Treppe hinab, sie kam mit dem offenen Briefe rasch wieder herauf und rief: »Der Vater ist freigesprochen. Nichtschuldig vom Gericht.« Die Mutter sank in die Kniee, sie konnte lange kein Wort reden, endlich sagte sie, bald lächelnd, bald weinend: »Da an dem Tisch, da auf der Bank wird er wieder sitzen, da wird er wieder essen und trinken. Wart Kübler, ich hol' Dir, Du wirst müd' sein.« Thoma setzte die Mutter auf einen Stuhl und holte Speise und Trank. »Ja, iß und trink nur,« sagte die Mutter. »Warum bist Du so stumm, Thoma? Warum bist Du nicht auch glückselig? So, iß nur, Kübler, und das nimm noch mit. O! Wenn ich nur die ganze Welt tränken und speisen könnte. O! Wenn ich nur den Todten wieder auferwecken könnte, ich wollte mich mein Leben lang nur halb satt essen, und er sollte das Beste haben. Aber Gott sei Lob und Dank! Mein Mann ist frei, und so gut läßt er noch sagen, daß er gesund sei. Ja, sein gutes Herz kennt doch Niemand so . . . Kübler, geh' zur Schaubkäther, sag' ihr, ich komm' morgen am Tag zu ihr, ich will mit ihr theilen, so lang sie lebt, als wäre ich ihre Schwester; sie soll nur ruhig sein und mit mir Gott danken; es hätt' ihr ja auch nichts geholfen, wenn es anders geworden wär'. Geh, Kübler, geh jetzt.« Der Kübler ging zur Schaubkäther, ihr Haus war offen, aber sie war nicht zu finden. Im Hause Landolins aber sagte die Mutter: »So, jetzt wollen wir noch schlafen. Gottlob, jetzt schlaft der Bauer auch wieder einmal ruhig. Wirst sehen, er bringt morgen den Anton mit; jetzt wird Alles wieder gut. Der herzgute Anton hat dem Vater gewiß viel geholfen durch seine Aussage, er ist gar so gutthätig und brav. Gott sei Lob und Dank, jetzt wird Alles wieder gut.« »Alles wieder gut?« sagte Thoma, die Mutter hörte den fragenden Ton nicht, mit welchem Thoma das Wort sprach. Dreiunddreißigstes Kapitel. Die Schaubkäther war durch das Dorf geeilt bis hinauf zum Pfarrhaus an der Kirche. Dort klingelte sie heftig, der Pfarrer schaute heraus und fragte: »Wer klingelt? Verlangt ein Sterbendes die letzte Wegzehrung?« »Du Pfarrer!« kreischte die Schaubkäther, »Du, sag', giebt's einen Gott im Himmel? Giebt's eine Gerechtigkeit?« »Wer bist Du, der Du so lästerst? Alle guten Geister loben Gott den Herrn! Wer bist Du?« »Die Mutter, die Mutter, der man den Sohn getödtet, und der Mörder ist freigesprochen.« »Ihr seid's, Schaubkäther? Wartet, ich öffne.« Der Pfarrer öffnete, die Schaubkäther war nicht mehr da. Der Pfarrer ging nach dem Kirchhof, nach dem Grabe Vetturi's, dort fand er das rothe Kopftuch der Schaubkäther, sie selber aber war verschwunden.« Mit rasender Eile, wie von unsichtbaren Geistern gejagt, rannte die Schaubkäther durch Feld und Wald hinab bis zum Strom. Dort stand sie auf dem Felsenvorsprung, wo drunten das Wasser wie eingeschlossen brodelt, man nennt den Strudel den Teufelskessel. Die Schaubkäther beugte sich vor, sie wollte sich hinabstürzen, aber indem sie sich an den Kopf faßte und gewahr wurde, daß ihr das Kopftuch fehle, trat ein Besinnen ein und sie setzte sich nieder und zum Himmel hinauf sprach sie: »Mutter! Ich spür's wieder. Ich unter Deinem Herzen und Du den Strohkranz auf dem Kopf und den Strohgürtel um den Leib! Das war Gerechtigkeit, damals, an armen Verfehlten, an Armen! Mutter, Du bist nun bei der ewigen Gerechtigkeit! Laß Dich nicht abweisen! Laß nicht nach! Und du, auf deinem Himmelsthron, gieb mir Antwort, sag', warum ist mein Sohn todt? Warum lässest du den, der ihn getödtet hat, frei ausgehen und sich gütlich thun? Du hast mir nichts gegeben auf der Welt, ich verlange nichts, nur das, züchtigen mußt du ihn und Alle, die ihn freigesprochen. Laß ihnen keinen Baum mehr wachsen im Wald, keine Frucht im Feld. Peinige sie. Oder, wenn du da droben mir nicht hilfst, dann muß mir der Andere da drunten helfen. Ja, komm' aus dem Wasser, komm' aus dem Fels, komm' Teufel und hilf mir. Mach' mich zur Hexe! Ich will eine Hexe sein. Nimm meine arme Seele, nur hilf mir.« Eine Nachteule flog in leisem Fluge herauf, die Schaubkäther winkte ihr, als wäre das ein Bote dessen, den sie gerufen; die Eule flog vorüber; ein Bahnzug brauste jenseits des Stromes heran, die Schaubkäther schrie gellend auf, ihr Schrei wurde von dem Gerassel verschlungen, sie sank um, sie schlief. Als der Tag erwachte und ihr ins Angesicht schien, wendete sie sich ächzend um und schlief weiter mit dem Angesicht auf der Erde. »Wachet auf! Wie kommt Ihr daher?« weckte sie eine Männerstimme. Die Schaubkäther schlug die Augen auf und sich mit der Hand über die Stirne fahrend, stöhnte sie: »Vetturi!« »Nein, ich bin's, der Anton Armbruster. Gottlob, ich hab' da etwas Wachholder-Branntwein bei mir. Trinket!« Die Schaubkäther trank gierig, dann fragte sie: »Weißt auch schon, daß er freigesprochen ist?« »Ja, ich komme ja selbst vom Gericht.« »Ja,« rief die Schaubkäther und stieß mit ihrer knöchernen Faust dem Anton vor die Brust. »Ja, Du bist ja auch . . . sie sagen ja, Du legst Zeugniß ab, daß er's nicht gethan hat.« »Käther, Ihr habt noch eine starke Faust, Ihr habt mir weh gethan, aber Käther, ich hab' kein falsch Zeugniß abgelegt, ich hab' ehrlich gesagt, daß ich nichts deutlich gesehen hab'.« »Und warum ist er freigesprochen?« »Weil sechs Männer nichtschuldig gesagt haben. Kommet, richtet Euch auf. So.« Die Alte stand aufrecht und hielt sich die linke Hand auf den Kopf, dessen wilde graue Haare im Morgenwinde flatterten. Sie schaute wirr um, sie schien sich besinnen zu müssen. »Es hat mir Einer mein Tuch vom Kopfe gestohlen,« sagte sie endlich. »Halt! Es muß auf seinem Grab liegen, ja, er ist begraben, und der ihn todt gemacht hat, ist frei . . . ich versteh' schon, ich bin nicht verrückt. Ich kenn' Dich, Du bist der Anton und Deine Mutter im Himmel hat Dich davor bewahrt, daß Dir die Zunge entzwei bricht. Dank' Gott, daß Du nicht mehr in die Familie gehörst; die muß zu Grund gehen, Alle, die hoffärtige Thoma auch. Herr Gott!« rief sie, die Hände faltend, »verzeih' mir. Du bist ein langer Borger, aber ein guter Zahler. Brauchst mich nicht zu führen, Anton, ich kann schon allein gehen, allein.« Sie wehrte Anton ab, der sie begleiten wollte, und ging, dürre Reiser vom Boden aufsammelnd, durch den Wald den Berg hinan nach dem Dorfe. Anton schaute ihr lange nach, er wäre so gern jetzt zu Thoma geeilt, aber er bezwang sich und wanderte heimwärts. Vierunddreißigstes Kapitel. Hoch oben im Walde hatte Anton wochenlang bei den Holzhauern gelebt, vom frühen Morgen bis zur sinkenden Nacht hatte er gearbeitet als der fleißigsten einer, dafür hatte er auch in der Blockhütte den guten Schlaf, den er drunten im Thal im väterlichen Hause nicht hatte finden können. Die Holzhauer fanden es freilich seltsam, daß der einzige Sohn des Sägemüllers sich zu der entbehrungsvollen harten Arbeit hergab; sie fragten ihn aber nicht, und Anton sprach oft tagelang kein lautes Wort, desto mehr aber sprach er in sich hinein: Wie lebt Thoma? Sie kann sich nicht wie du einen andern Ort suchen, sie muß daheim bleiben, wo Alles ihr so bittere Erinnerungen erweckt. Wird sie auch wie du von allen Begegnenden gefragt werden, warum wir auseinander sind, und auch keine Antwort zu geben wissen? Es geht nicht die kleinste Lüge über ihre Lippen, denn ehrlich und wahrhaftig ist sie und verlangt auch von ihrem Vater, daß er gradaus bekenne und sich der Strafe unterwerfe. Weiß ich aber gewiß, daß er es gethan hat? Das war Anton klar und deutlich, er konnte kein genaues Zeugniß abgeben, und als ihm die Vorladung vor Gericht zukam, machte er seine Aussage wahrheitsgemäß, denn daß der Stein Vetturi nicht getroffen, hatte ihm nur Landolin damals am Brunnen gesagt. Er wollte vom Gericht weg zu Thoma und ihr das gestehen, aber sie hatte ihn so unbarmherzig und lieblos von sich gestoßen . . . Liebte sie ihn nicht? Hatte sie ihn nie geliebt? Der Duft der Maiblumen, die hier oben jetzt erst blühten, erinnerte ihn an eine selige Stunde. Vom Hochwalde herab war Anton zum Schwurgerichte gezogen und verstört war er auf dem Heimweg, nachdem er die Schaubkäther aufgerichtet hatte. Er sagte sich, daß er nicht mehr im Hochwald sich verberge, denn das war doch feige Flucht. Das Ehrenzeichen auf seiner Brust zitterte, da er sich dies bekannte. Anton Armbruster soll vor etwas fliehen? Er sah kühn und beherzt in die Welt hinein. Er hatte sich selbst wieder gefunden. »Wie viel Jahre hat er bekommen?« fragte der Vater daheim. Anton mußte berichten, daß Landolin vollkommen freigesprochen sei. Der gelassene bedächtige Sägemüller schlug mit der Faust auf den Tisch und rief. »Da sollt' man doch –« Plötzlich brach er ab, ging an's Fenster und schaute hinaus, er wollte nicht abermals mit seinem Sohne in Streiterei kommen, und die gefaßte Miene Antons schien ihm zu sagen, daß sein Sohn sich dieses Urtheils freue und neue Hoffnungen darauf baue. »Vater, ich bleib' jetzt wieder daheim,« sagte Anton. »Ist recht,« sagte der Vater ohne sich umzuwenden, »geh an die Einbindstätte, wir müssen heute einen Floß ablassen.« »Vater! Was saget Ihr zu der Freisprechung?« »Was liegt dran, was ich sage?« »Viel, Vater, es liegt viel dran.« »Nun meinetwegen. So sag' ich Dir, es wäre besser gewesen, für die Gerechtigkeit und auch für den gewaltthätigen Landolin selber, wenn er ein paar Jahre Strafe hätt' absitzen müssen. Jetzt, gieb Acht, jetzt muß er ärger büßen; er muß sich von Jedem, dem er begegnet, frei sprechen lassen. Wenn er dagegen seine Strafe abgemacht hätt', stünd' er besser da, er wär' wieder ehrlich und Alles glatt und eben, und nach zwei Jahren bekäme er seine Ehrenrechte wieder vom Staat und von uns. Es war eben ein Fehltritt. Aber jetzt und so? Und ich glaub', der Landolin ist nicht hartgesotten genug, wie soll ich sagen . . . ich meine, er ist doch nicht Manns genug, um vor den Leuten und vor sich selber sich Alles aus dem Sinn zu schlagen. Aber Anton, laß es jetzt zum letzten Male sein, daß wir uns über den da streiten. Ich leugne nicht, ich hab' nichts in meinem Herzen für ihn, deswegen brauchen wir zwei aber nicht in Unfrieden leben. So, jetzt geh', es ist Zeit.« Anton ging stromauf und half emsig mit arbeiten, die Stämme und die Bretter zu einem Floß zusammen zu fügen. Wer den wohlgebauten jungen Mann so mit Ruder und Hakenstange hantiren sah, wie er sich anstemmend wechselnde anmuthende Erscheinungen kraftvoller Männlichkeit darbot, der hätte nicht geahnt, daß in dem Herzen dieses Mannes bitteres Leid lebt. Fünfunddreißigstes Kapitel. In Saus und Braus sollte die Nacht nach dem Schluß des Gerichtes in der Kreisstadt verbracht werden. Als Landolin in das Zimmer des Wirthshauses zum Ritter kam, zog er den Rock aus, schleuderte ihn weg und rief: »So! Los und ledig! Ich hab' die ganze Zeit gemeint, ich hätte einen eisernen Rock an.« Hemdärmlig ging er hinab in die große Wirthsstube, wo ein langer Tisch gedeckt war, und der Ritterwirth sagte schmunzelnd, daß man bald auftragen könne. »Kommen die zwölf Männer alle?« fragte Landolin. »Eingeladen sind sie, aber es ist, wie wenn sie in den Boden geschlüpft und verschwunden wären.« Der erste, der sich einstellte, war der Vertheidiger. Er schien sich seines Sieges doch nicht recht freuen zu können und Landolin verhielt sich durchaus nicht mehr so abhängig und hülfsbedürftig gegen ihn, wie die ganze Zeit her; denn da war Landolin zu ihm gewesen wie ein schwer Kranker zum Arzt, jedes Wort, jeder Blick wurde wie heilbringend empfangen, jetzt war Landolin eben ein undankbarer Genesender, der eigentlich, wenn er's recht betrachtete, gar nicht krank gewesen war, und schließlich hatte nicht der Arzt, sondern die eigene gute Natur geholfen. »Sie haben recht,« sagte der Vertheidiger, »Sie hätten sollen Advokat werden. Ihre letzten Worte haben den Ausschlag gegeben. Das war ein Meisterstreich!« Landolin strich das Lob ohne Abzug einer bescheidenen Erwiderung ein. »Ruf mir den Anton! Wo ist der Anton?« wendete sich Landolin zu seinem Sohne. »Ich hab' ihn, wie ich das Telegramm aufgegeben habe, draußen auf dem Bahnhofe getroffen; er ist mit dem Güterzug, der eigentlich keine Personen mitnimmt, heimwärts gefahren, der Zugmeister ist ein Kriegskamerad von ihm und hat ihn heimlich mitgenommen.« Landolin schärfte sich die Lippen und ging hastig um den Tisch herum, auf welchen jetzt die Weinflaschen aufgesetzt wurden. »Ritterwirth! Laß auftragen!« rief Landolin, »Herr Prokurator setzen Sie sich zu mir. So, jetzt sitzen wir doch anders beisammen. Ich hab' alle Geschworenen einladen lassen, alle, ich will nicht wissen, wer schuldig gesagt hat und wer unschuldig; ich will keinen Feind auf der Welt wissen und Niemand feind sein. Kommen sie nicht – auch gut, ich hab' gezeigt, wie ich's meine, und das ist genug. Ritterwirth, laß die Zeugen sich dahersetzen, wer noch da ist, und vor Allem ruf' mir den Tobias.« Dieser war schnell bei der Hand, er hatte zwar in der Fuhrmannsstube schon gegessen, aber er wischte sich den Mund, wie wenn er sagen wollte: ich kann's, wenn's nöthig ist, noch einmal. Er setzte sich neben Peter und hieb tapfer ein. Bald kamen auch die sogenannten minderen Leute, die Zeugniß abgelegt hatten; es ist zwar keine Gesellschaft, die sich für Landolin schickt, aber man muß den armen Schelmen doch auch einen guten Bissen und einen guten Trunk geben. Landolin fragte, was die Zeugengebühren betragen, und als er deren Geringfügigkeit hörte, sagte er, er würde gern Jedem das Doppelte zulegen, aber er dürfe nicht, sonst würde man sagen, er habe bestochen. Diese Rede sollte ihn bei den Menschen beliebt machen und kostet dabei nichts. Tobias stieß mit dem Ellbogen den Peter in die Seite, aß und trank, aber Peter warf einen Blick auf ihn, wie wenn er ihn in Stücke reißen wollte, dann aber faßte er sich schnell und lachte auch; ein junges Füchslein, das zum erstenmal ein Häslein gefangen hat und nun verspeist, muß ein ähnliches Gesicht dazu machen. Unter den Gästen waren auch Jugendgenossen Landolins, und sie erlustigten ihn damit, daß sie ihn an seine tollen Jugendstreiche erinnerten. Landolin lachte und trank übermäßig. Dem Vertheidiger wurde es nicht geheuer, er schlich still davon. Landolin schaute oft nach dem leeren Stuhl neben sich, dann wendete er den Blick wieder gewaltsam nach der anderen Seite. Plötzlich rief er: »Thut den leeren Stuhl weg! In Teufels Namen, wer soll da sitzen? Weg! fort!« Er stand rasch auf und stieß den leeren Stuhl mit solcher Macht auf den Boden, daß alle vier Beine knackten. »Das ist nicht gut, Vater. Haltet Euch ruhig,« sagte Peter leise und streng, indem er Landolin nicht eben sanft am Arme faßte. »Laß los! Ist gut,«sagte Landolin ruhig. »Komm, Tobias! Geh mit. So! Ich hab' nicht zu viel getrunken, aber ich hab' heut schon zu viel durchgemacht, und da wirft's mich gleich um. So, Tobias, ich will mich nur ein wenig auf Dich stützen. Gut' Nacht, Ihr Männer! Kommet gut heim, ich komm' auch bald nach.« Er ging mit Tobias in die Schlafstube, und dort faßte er die beiden Arme des Tobias, umklammerte sie und rief: »Sei ruhig! Ich thu' Dir nichts, Dir nicht, Du hast's nicht verdient, aber weißt, was mein einzig Verlangen ist? Weißt was ich mir wünsch'?« »Wie kann ich das wissen?« »Zwischen den Fingen möcht' ich einen haben. So! Hutadi! Arm und Bein zerknacken und zerkrachen möcht' ich einem, am liebsten dem Titus . . . oder all' die sechs . . . einstimmig hätten sie sein müssen . . . Ihr verfluchten –« »Lasset los, Meister!« wehrte Tobias ab, denn die umklammernden Hände drückten nicht sanft, »und ich rath' Euch, verhaltet Euch ruhiger. Zu mir könnt Ihr Alles sagen. Was wir Zwei mit einander fertig gebracht haben, das hält zusammen. Ich will kein Lob, ich hab's gern gethan.« In Landolin dämmerte es. Das ist sein Knecht, und er ist der Bauer, und der Knecht giebt ihm Ermahnungen? »Ist recht, ist richtig,« murmelte er, und bald lag er in festem Schlaf. Sechsunddreißigstes Kapitel. Es war nahezu Mittag als Landolin erwachte. Er rüstete sich zur Heimkehr und bezahlte dem Ritterwirth die Zeche. Es war offen und nachweisbar, daß der Ritterwirth ihn betrog; es wurmte ihn, sich von dem redefertigen Schelm übervortheilen zu lassen, aber er wollte keinen Streit, und nicht minder als das Geld ärgerte ihn der Gedanke, daß er sich, für die nächste Zeit wenigstens, müsse betrügen lassen und still dabei sein. Er wollte sofort heimfahren, im Triumph ins Dorf zurückkehren; aber Peter zögerte bis gegen Abend, er wollte, daß der Vater erst in der Nacht heimkehre, und als Landolin über das unnöthige Warten fluchte, sagte Peter mit schelmischer Miene und in gelassenem Tone: »Vater! Ihr müsset jetzt alles Gelärm und Gescheuch aufgeben. Ich mein', Ihr solltet doch jetzt gelernt haben, still und geduldig sein. Ja, gucket mich nur an! Das ist nicht mehr der einfältige Peter von vordem, über den man weg gesehen hat, wie wenn er gar nicht da wär'. Ich bin da, und wir Zwei haben kein Hehl vor einander. Nothwehr ist eine schöne Sache, aber – Ihr versteht mich schon. Ich hab' allen Respekt vor Euch, Ihr habt das da schön hinaus geführt, und ich und der Tobias, wir haben an den Hinterrädern gedrückt; der Karren ist heraus, und jetzt waschen wir uns die Hände.« Landolin schaute auf seinen Sohn, wie wenn da ein anderer Mensch stände, Peter merkte das wohl und fuhr zutraulich fort: »Ja Vater! Ich bin jetzt auch dahinter gekommen, was die Hauptsache ist in der Welt; ich weiß jetzt auch: Alles ist eins, was man thut, man kann, was man will, nur muß man den Leuten nicht die Mäuler aufreißen. Hab' ich recht oder nicht?« Landolin konnte vor Erstaunen kein Wort hervorbringen. Wer darf so mit ihm sprechen? Ist das noch der Peter? Es kam aber noch schlimmer, denn Peter nahm wieder auf: »Ja Vater, eh' wir heimkommen, machen wir's jetzt aus. Ihr seid der Bauer, Ihr seid der Meister, als das könnt Ihr vor der Welt gelten wie vordem, aber daheim in Haus und Feld gilt nur, was Ich sag'. Es soll Euch an nichts fehlen, darauf könnt Ihr Euch verlassen.« »Wo ist der Tobias?« fragte Landolin knirschend. »Ich hör' schon gut, Ihr brauchet nicht so schreien. Den Tobias hab' ich voraus heim geschickt, und ich sag's gleich, ich schicke ihn bald ganz fort; der weiß zu viel und nimmt sich zu viel heraus. Ueberhaupt schicke ich alle Dienstleute fort, ich leg' neuen Boden.« Landolin schwieg lächelnd, es kämpfte in ihm, daß der Sohn so keck war, und doch freute er sich fast, daß der Sohn auf einmal so muthig und entschlossen geworden war. »Ich könnte fast gar stolz sein, was Du für ein Bursch geworden bist,« sagte er endlich, und Peter rief frohlockend: »So ist's recht. Ihr sollet schon sehen, daß ich Alles recht mach', auch an Euch. Ich hab' auch gesehen, daß wir einen schönen Klumpen Geld verloren haben an den Actien. Das ist nun vorbei und verjährt, und ich sag' nichts weiter darüber.« Landolin schluckte den Aerger hinab und dachte: wart' nur bis daheim, da will ich schon anders mit Dir reden. Vater und Sohn redeten kaum ein Wort unterwegs. Am Bahnhof der Amtsstadt wartete das Fuhrwerk, und als Landolin seine Frau, die ihm weinend entgegen kam, fragte: »Wo ist denn die Thoma?« hörte er, daß sie nicht habe kommen wollen. Du bist freigesprochen, mußte Landolin denken, aber deine Kinder . . . der Sohn will dich absetzen und die Tochter geht dir nicht einmal entgegen. Auf der Maiwiese in der Nähe des Bahnhofes wurde ein Gerüst errichtet, noch jetzt in der Dämmerung wurde emsig gehämmert. »Was machen sie da?« fragte Landolin, und noch ehe man antworten konnte, fuhr er fort: »ich erinnere mich aus meiner Kindheit, daß da ein Gerüst aufgerichtet und einer geköpft worden ist. Köpfen ist nicht das Schlimmste.« »Aber Mann!« entgegnete die Frau. »Was sind das für Gedanken! Peter, weißt Du nicht, was sie da machen?« »Freilich, freilich. Am nächsten Sonntag ist da ja die Fahnenweihe für den Kriegerverein.« Als der Wagen an der Sommerseite des Schwertwirthshauses vorüber fuhr, schauten viele Männer und Frauen vom Söller des Casino-Zimmers herab. Landolin lüftete den Hut und grüßte hinauf, aber Niemand erwiderte den Gruß, und zum ersten Male beschlich Landolin die bittere Empfindung, daß er die Hand ausstreckt zum Gruß und es bietet sich keine dar, die seine Hand empfängt. Siebenunddreißigstes Kapitel. Vom Söller des Sommer-Casino's hatte Niemand dem Gruße Landolins gedankt. Die Kreisräthin, die vorn an der Brüstung saß, hatte freilich mit den Augen gewinkt, aber das war so weit hin nicht bemerkbar, und mehr wagte sie nicht zu zeigen, da heute fast vollzählige Versammlung der Casino-Mitglieder war, wie fast immer am Hauptversammlungstage an jedem ersten Mittwoch des Vollmondes; auch die auswärtigen Mitglieder, die katholischen Geistlichen und der einzige evangelische Pfarrer des Amtsbezirks mit seiner Frau hatten sich eingefunden. Natürlich sprach man vor Allem von dem ungeheuerlichen Wahrspruch der gestrigen Schwurgerichtssitzung. Der Advokat des Städtchens sagte, er sei froh, daß er die Vertheidigung Landolins abgelehnt habe; er könne sich vollauf den Schreck des Vertheidigers denken, als sein Client freigesprochen wurde; man müsse freilich alle Listen und Täuschungen der Dialektik in Bewegung setzen, aber man spüre es doch wie einen abprallenden Schuß auf der Brust, wenn solche Künste gelingen. Der Reallehrer, der auch ungenannter Redacteur des Wochenblättchens »der Waldbote« war, beklagte mit ergriffenem Tone, daß dieser Wahrspruch der Bauernprotzen den Klassenhaß schüre; der arme Mann käme sich als rechtlos vor und es sei höchste Zeit, daß die Wahl der Geschworenen nicht mehr nach dem Steuerzettel vorgenommen werde. Der Advokat stimmte ihm bei, ging aber weiter, indem er behauptete, daß es ein altes Vorurtheil des Liberalismus sei, daß der einfache Menschenverstand einen gesunden Wahrspruch schöpfen könne, und da ihm der Kreisrath zuwinkte, fuhr der heftige Mann fort: »Das ist wie die Sage von der Medusa. Wenn das ungebildete Volk in Einem Haupte sich darstellte und man in dieses Antlitz schaute, man würde versteinert vor diesen entsetzlichen Zügen, so verwahrlost, so boshaft, so lügnerisch, so gewaltthätig. Unser viel gerühmtes deutsches Volk ist noch nicht reif, nicht zur allgemeinen Wahl, nicht zur Rechtsschöpfung. Ja, seitdem wir erreicht haben, was wir so lange ersehnten, ist im Strom der Sittlichkeit die deutsche Volkswelle im Niedergang. Unser deutsches Volk ist weit weniger, als wir von ihm glaubten und hofften.« Der Kreisrath legte hiergegen entschiedene Einsprache ein und behauptete, daß, wenn auch viele traurige Erscheinungen unleugbar seien, doch die Welle bereits wieder im Steigen wäre. Der Arzt, der als alter Burschenschafter seine Idealität – immer gemischt mit einem tiefen Haß auf Metternich – bewahrt hatte, stand dem Kreisrath tapfer bei, indem er ausführte, daß »die ruchlose Metternich'sche Zeit« noch immer nachwirke, indem unser Volk noch immer glaube, Alles, was Staat und Regierung wolle, sei schlecht und tyrannisch, und ein Gesetz umgehen oder einen Gesetzesübertreter durchschlüpfen lassen, erscheine rühmenswerth. Der Arzt konnte es am Schlusse doch nicht lassen, dem Advokaten, der ein Volksverächter und doch ein sogenannter radikaler Freiheitsmann war, zu verstehen zu geben, daß seine Partei an der Verwirrung des Volksgeistes viel schuld sei, indem sie das Große und Schöne, was doch auch wirklich geworden, verlästere. Die Geistlichen sprachen unter einander, daß der Grund alles Unheils in der Lockerung des religiösen Glaubens liege, aber der Reallehrer war kühn genug, zu behaupten, daß in den gerühmten Zeiten des unerschütterten Glaubens weit mehr Schlechtigkeit in der Welt gewesen sei. Das Gespräch schien sich in das religiöse Gebiet zu verlieren, das eigentlich im Casino verboten war. Die schüchterne und sonst so schweigsame Frau des evangelischen Pfarrers lenkte das Gespräch glücklich ab, indem sie in einer Pause fragte: »Bleiben nicht mehr Verbrechen unentdeckt, als vor Gericht kommen?« Niemand schien auf diese Frage antworten zu wollen; die junge Frau erröthete über und über, weil Alles so still war, da erbarmte sich der Reallehrer ihrer und sagte lächelnd: »Genauer Entscheid läßt sich wol auf Ihre Frage nicht geben; aber es kann doch so sein wie bei den Meteorsteinen. Zwei Dritttheile unseres Planeten bestehen aus Wasser, zwei Dritttheile der Meteorsteine fallen also unbemerkt ins Wasser, und auch von dem letzten Drittel, das auf festes Land fällt, werden nicht alle gefunden.« Mit diesem heiter und schicklich vorgebrachtem Vergleiche schien die Gesellschaft wieder in ansprechende Verfassung zurück geführt. Der Reallehrer, der immer Alles ins Allgemeine zu wenden trachtete, fuhr fort: »Ich möchte ein Anderes zur Erwägung bringen. Es wäre ergiebig, zu untersuchen, in welchem Grade bei verschiedenen Völkern von Natur und durch Erziehung sich der Wahrheitssinn constatirt. Diese Rubrik der Statistik wäre freilich die schwierigste.« Das Problem wurde nicht aufgenommen, denn eben trat der Bahnmeister ein und berichtete, die Frau Landolins sei mit dem Fuhrwerk da, Landolin werde mit dem nächsten Abendzuge kommen. Und wieder wendete sich das Gespräch auf Landolin. Der alte Bezirksförster, der bisher gar nicht gesprochen, aber desto eifriger aus seiner langen Pfeife geraucht hatte, sagte mit seiner mächtigen, tiefernsten Stimme: »Es kann doch nichts Schlimmeres geben, als wenn der beste und allgemeine Glaube, und das ist der Glaube an die Gerechtigkeit, erschüttert oder gar aufgelöst wird. Die öffentliche Meinung muß den Wahrspruch über Landolin kassiren, und es ist ein Trost, daß sich dies wie auf stille Verabredung bereits vollzieht. Keiner der Geschworenen ist zu dem Schmause gekommen, den Landolin nach seiner Freisprechung herrichten ließ.« »Die That Landolins,« schaltete der Arzt ein, »war traurig, konnte ein Unglück sein; seine Lüge ist ein Verbrechen und hat noch die Geschworenen zur Lüge verführt.« Der Bezirksförster nickte beifällig und schloß: »Ja, das Volksgewissen ist doch noch stärker und reiner; aber eben das, daß das Volksgewissen ihn und die Geschworenen obendrein verurtheilt, das lockert allen festen Bestand.« Der Bezirksförster hatte kaum gesprochen, als der Bahnzug einfuhr. Man schaute aus nach den Ankommenden und bald fuhr Landolin in seinem mit den Rappen bespannten Wagen an dem Söller vorüber. Man war von den Tischen aufgestanden und jetzt saß der Arzt wieder neben der Kreisräthin. Diese Beiden hatten die edelste Beziehung gefunden, denn sie fanden sich Beide oft in gemeinsamer Arbeit für Unglückliche. »Glauben Sie,« fragte die Räthin, »daß die unschuldigen jungen Leute, Thoma und Anton, nun doch glücklich vereinigt werden können?« Der Arzt zuckte die Achseln, und die Räthin fuhr fort. »Ich wollte schon heute in das Haus Landolins gehen zu den Frauen, ich unterließ es, nun aber glaube ich doch bald da einwirken zu müssen und gut einwirken zu können.« »Warten Sie jedenfalls noch einige Tage,« rieth der Arzt. »Sie wissen ja, man muß eine Wunde ausbluten lassen, ehe man sie schließt. Uebrigens glaube ich, daß jetzt die Stellung sich verändert hat; vordem hat der Landolin nur schwer seine Einwilligung gegeben, jetzt wird der Sägemüller dickköpfig sein und schließlich meine ich, daß die beiden jungen Leute selber –« »Ich glaube, daß ich da helfe.« Höflich sich neigend, antwortete der Arzt: »Der Glaube soll Berge versetzen können. Ich traue das Ihrem Glauben zu. Aber still jetzt!« Das Klavier im Nebensaale ertönte, ein wohlbeleibter, überaus heiterer katholischer Pfarrer sang mit mächtiger Tenorstimme ein Lied, und bald wurde auch die junge Pfarrerin dazu gebracht, mit ihm ein Duett zu singen. Heitere Lieder von schönen Stimmen klangen hinaus in die mondhelle Sommernacht, aller Zwiespalt und alles Elend schien vergessen. Achtunddreißigstes Kapitel. Es wurmte Landolin tief, daß die Herrenleute vom Casino herab gar kein Zeichen gegeben hatten, und als das Fuhrwerk im Schritt den Berg hinanging, sagte er mit ungewohnter Zärtlichkeit zu seiner Frau: »Wir wollen uns gar nichts aus der Welt machen und nur froh sein, daß wir einander wieder haben und beisammen sind. Es meint's doch Niemand auf der Welt gut mit Einem als eben die Eigenen.« Die Frau sah ihn verwundert an, und ihr schmerzdurchfurchtes Antlitz leuchtete im hellen Mondenschein; sie war solche Innigkeit bei Landolin nicht gewohnt, sie hatte nicht gewußt, daß er menschenbedürftig war. »Ist die Thoma krank?« fragte er nach einer Weile. »Nein, nur verscheucht und grimmzornig . . . wegen des Anton; sie kann tagelang herumgehen und spricht kein Wort, aber sie schafft fleißig und ißt und trinkt, wie sich's gehört. Mit dem Schlaf ist es freilich nicht in Ordnung gewesen; ich hab' sie gezwungen, daß sie bei mir schläft, sie hat sich aber nicht in Dein Bett gelegt, ich hab' ihr das meinige geben müssen.« »Es wird schon Alles wieder in Ordnung kommen,« fiel Landolin ein, denn seinerseits fand er es verwunderlich, daß die Frau gegen alle frühere Gewohnheit jetzt so viel sprach. Er schien indeß Anderes hören zu wollen, denn er fragte: »Ist das Kalb von der Preiskuh ein Stierkalb?« »Ja, kohlschwarz mit einem weißen Stern und mächtigen Stotzen (Füßen), hat Dir das der Peter nicht gesagt und daß wir's aufziehen?« Bei Peter, der auf dem Vordersitz die Pferde lenkte, ging der Rücken auf und ab, Peter lachte offenbar, und Landolin, der von Anderem hatte reden wollen, verfiel doch wieder zurück, indem er fragte: »Was macht die Schaubkäther?« Die Frau gab keine Antwort, und polternd fuhr Landolin fort: »Hörst Du mich denn nicht? Hast nicht gehört, was ich gefragt hab'? Was die Schaubkäther macht, hab' ich gefragt.« »Schrei' doch nicht so! Du hast Dich arg verändert.« »Ich nicht, aber Du. Warum giebst Du mir keine Antwort?« »Weil ich keine weiß. Vergangene Nacht ist die Schaubkäther nicht daheim gewesen, heute in aller Frühe ist sie heimkommen und hat seit Langem zum erstenmal Feuer angemacht. Sie muß gestern auf dem Grab gewesen sein, der Pfarrer hat dort ihr rothes Tuch gefunden und ihr zugeschickt. Seitdem ist sie wieder verschwunden, und ihre Ziege hat entsetzlich gejammert, sie hat kein Futter bekommen. Das arme Thier –« »Was geht mich die Ziege an? Ich weiß nicht, Alles ist verrückt. Ist das mein Wald, sind das meine Aecker? Wem gehört der Wagen und die Roff'? Sag', bin ich verrückt?« »Auf diese Art könntest Du Dich und mich dazu machen. Um Gotteswillen, plag' doch nicht Dich und mich. Was willst Du jetzt von der Schaubkäther?« Kaum hatte die Frau das gesagt, als die Schaubkäther aus dem Walde hervorstürzte und den Pferden in die Zügel fiel. »Fort!« rief Peter, »fort! Oder ich fahr' über Euch weg.« »Halt still,« sagte Landolin. »Käther! Ich mein's gut mit Dir.« »Aber ich nicht mit Dir! Sie haben Dich nicht geköpft, sie haben Dich nicht gehenkt, Du mußt Dich selber aufhängen. Da ist Dein Wald mit tausend und tausend Bäumen, die warten alle, bis Du Dich dran aufhängst.« »Käther! Komm her zu mir!« bat die Frau, aber die Käther fuhr fort in entsetzlichen Flüchen. »Gieb ihr einen Peitschenhieb!« rief Landolin, »gieb mir die Peitsche, laß mich hauen.« »Nein, Vater, ich mach' schon.« Peter sprang rasch ab, schob die Käther bei Seite, sprang behend wieder auf und fuhr im Trab den Berg hinan. Die Frau Landolins schaute zurück und aufathmend sagte sie: »Gottlob, sie setzt sich dort auf die Steine, und jetzt kommt Jemand den Berg herauf und spricht mit ihr.« Neununddreißigstes Kapitel. Vor dem Hause knallte Peter mit der Peitsche hin und her, das Hofthor war offen, er fuhr hinein, ein fremder Knecht brachte einen Stuhl, Peter half zuerst der Mutter absteigen, er wollte auch dem Vater helfen, dieser aber sagte. »Laß nur, ich kann schon noch allein –« Er stand wieder auf seinem eigenen Grund und Boden, kein Willkommsruf wurde laut, nur der Hund bellte an seiner Kette. Der helle Mond beleuchtete den geschlossenen viereckigen Hofraum, der sauber gepflastert, aber auch ganz verändert war. »Wer hat da die Aenderungen gemacht?« fragte Landolin. »Das hat die Thoma so angeordnet,« erwiderte die Mutter. Landolin verstand: der Ort, wo der Todtschlag begangen war, sollte nicht mehr zu erkennen sein, für sie nicht, vielleicht auch für den Vater nicht. »Jetzt sag' ich Dir nochmal von Herzen grüß Gott und Willkommen,« sagte die Bäuerin mit bewegtem Tone, »jetzt laß Dir die Jahre, die Dir noch beschieden sind, in Ruhe bekommen.« »Ja, ja, ist schon gut,« entgegnete Landolin, ging auf den Hund zu und löste ihm die Kette; der Hund sprang an seinem alten Herrn empor und rings um ihn her und schien ausgelassen vor Freude. »Ist schon recht,« sagte Landolin, den Hund streichelnd, »gieb nur Ruhe, weiß schon, nicht wahr, du riechst mir nichts an, daß sie gesagt haben, meine Hände seien voll Blut? Das einzig Treue auf der Welt ist ein Hund.« Thränen auf den Wangen der Frau glitzerten im Mondenschein, und Landolin wendete sich jetzt zu ihr: »Geh' voran!« »Nein, Du, Du zuerst, Du bist der Meister. Damals, es war grad so eine Nacht wie heute, wie wir von der Hochzeit zum ersten Mal heimkommen sind, bist Du auch voraus ins Haus. Jetzt ist wieder wie Hochzeit.« Sie faßte nach seiner Hand, er ließ sie ihr, und Hand in Hand gingen sie die Freitreppe hinan; in der Stube bespritzte die Frau ihren Mann aus dem Weihkessel an der Thüre. Niemand als eine alte Magd war in der Stube. »Wo ist die Thoma?« fragte Landolin. »Sie ist in ihrer Kammer.« »Sag' ihr, ich sei wieder daheim, und sie solle kommen.« »Ich hab's ihr durch die verschlossene Thüre hinein gerufen, sie giebt aber keine Antwort.« Landolin setzte sich in den großen Stuhl und die Frau dankte Gott, daß ihr Mann wieder da sitze, sie habe oft verzweifelt, ob das je wieder sein werde. Landolin sah seine Frau an, und es war ihm, als wankte ihre Gestalt auf und ab und als bewegte sich die Stube und der Hausrath hin und her; er richtete sich gewaltsam straff auf, ging nach dem Söller und klopfte an die Kammer Thoma's. Nichts regte sich. »Thoma! Ich bin da, Dein Vater.« Die Thüre wurde entriegelt, Thoma stand vor ihm. Mit gepreßter Stimme sagte sie: »Willkommen, Vater!« »Weiter hast Du mir nichts zu sagen?« »Ihr habt's ja nicht gern, wenn man viel redet.« Landolin faßte nach der Hand seiner Tochter, die sie ihm nicht dargeboten hatte. »Kind, hast Du mich denn nicht mehr lieb?« »So etwas thäte ich nie ein Kind fragen.« »Kind, ich bin ein armer Mann, bettelarm. Verstehst Du das?« Thoma schüttelte den Kopf, und der Vater fuhr fort: »Ich hab' schwer an Euch gethan, besonders an Dir. Jetzt bitt' ich Dich, sei gut, laß mich nicht verschmachten. Er konnte vor Herzstößen nicht weiter sprechen, und als Thoma beharrlich schwieg, wendete er sich rasch und ging schwankenden Schrittes nach der Stube, er horchte, ob Thoma ihm folge, er hörte nichts. In der Stube betrachtete er den Tisch und fragte: »Ist das ein neuer Tisch?« »Nein, die Thoma hat ihn nur abhobeln lassen, weil da die Löcher waren.« Landolin erinnerte sich, daß er damals die Gabel durch das Tischtuch in den Tisch gestoßen. Jetzt hörte man Schritte, aber nicht Thoma kam, sondern der Pfarrer. Er sprach gute, tröstliche Worte, Landolin starrte ihn an, er sah ihn wohl, aber er hörte ihn nicht, denn seine Gedanken waren bei seiner Tochter, die sich arg verwandelt hatte. Erst als der Pfarrer von der Schaubkäther sprach, welche gotteslästerliche Reden sie führe und wie toll und unbändig sie sei, wurde Landolin aufmerksam, und als der Pfarrer sagte, es scheine, die Schaubkäther sei närrisch geworden, rief er: »Dafür giebt's Narrenhäuser. Man läßt sie ins Irrenhaus bringen. Die Gemeinde kann's noch bezahlen.« »Das geht nicht so schnell, da müßte der Kreisphysikus entscheiden.« Thoma war unversehens da und trug das Essen auf, das sie hatte herrichten lassen. Der Pfarrer wollte sich entfernen, aber auf die Bitten der Frau und Thoma's blieb er da; man bedurfte eines Friedensmannes, der Zusammenhalt bot und Ruhe. Man saß wohlgemuth bei Tische, Landolin aß gierig und fragte dazwischen: »Herr Pfarrer! Ist denn der junge Schultheiß nicht daheim und Niemand vom Gemeinderath? Es hätt' sich doch wol geschickt, daß sie da wären, sie haben's doch gewußt, daß ich komme.« Der Pfarrer schien um eine Antwort verlegen, und die Frau ersparte ihm eine solche, da sie ihren Mann an sein Wort erinnerte, daß er sich gar nicht um die Menschen kümmern wolle. Der Pfarrer ging, Landolin gab ihm ehrerbietig das Geleite. Dann ging er nach dem Röhrbrunnen und trank aus der mächtig sprudelnden Röhre, und sich den Mund abwischend sagte er zu der Frau, die aus dem Fenster sah: »Nichts auf der Welt löscht mir so den Durst und thut mir so wohl und macht mich so frisch wie das Wasser von unserem Brunnen.« »Komm herauf, es ist Schlafenszeit.« Vierzigstes Kapitel. Landolin, der Anderes denken wollte, als das, was sich ihm unwillkürlich aufdrängte, fragte die Frau in der Kammer: »Giebt's denn gar nichts Neues? Ist denn gar nichts vorgefallen in der langen Zeit?« »Nein, oder doch nicht viel. Daß der alte Dobelbauer beim Verladen von Stammholz verunglückt und gestorben ist, wirst Du wol gehört haben. Den Deislingerhof hat der Staat gekauft und macht Wald draus. Der Kandelhofbauer hat wieder geheirathet, in Neidlingen ist ein neuer Pfarrer, der frühere hat die Gemeinde altkatholisch, wie sie ihm sagen, machen wollen, und der Verschönerungsverein, wie sie ihm sagen, hat hart an unserm Wald vorbei einen neuen Weg machen lassen, der Vorstand, der gute alte General, hat oftmals bei uns eingekehrt und nach Dir gefragt.« Solcherlei erzählte die Frau. »Wer ist am meisten bei Dir gewesen, derweil ich fort gewesen bin?« »Mein Bruder, aber auch sonst Leut', sie haben mich bemitleiden wollen, aber ich hab's ihnen nicht abgenommen, und da sind sie fort geblieben.« »Ist der Sägemüller nie bei Dir gewesen?« »Nein, mit keinem Schritt.« »Er ist eben der Holländer, den muß man schieben. Morgen am Tag bringe ich die Sache mit dem Anton und der Thoma wieder in die Richte. Ich gehe zum Sägemüller.« »Thu das nicht. Will nicht Alles jetzt so hurtig wieder aufgeschirren. Du verstehst doch, Du weißt, wenn man einen Wagen umkehren und ein Pferd zurückhufen will, kann man das nicht im Trab thun.« Hui! dachte Landolin, die will jetzt auch gescheit sein? Alles will gescheiter sein als ich. Da ihr Mann schwieg, fuhr die Frau fort: »Jetzt schlaf' und ich möcht' auch schlafen.« Die Stille und Ruhe dauerte nicht lange, denn Landolin wendete sich im Bette hin und her und stöhnte und ächzte. »Was ist denn? Du mußt doch auch müde sein.« »O Frau, ich kann's noch gar nicht fassen, daß da jetzt wieder Jemand bei mir ist und von der Decke herunter hängt nicht mehr das Richtschwert. Und dann sehe ich immer das blinkende Einglas vom Staatsanwalt am schwarzen Band. Ja, Du hast Deinen alten Mann nicht mehr, Du hast einen andern; ich kann den Kerl selber nicht leiden, er ist so weichherzig. Ich bitte Dich, ermahn' mich oft, daß ich mir aus den Menschen nichts mache; sie haben mich vergessen, und ich will's schon dahin bringen, daß ich sie auch vergesse. Hab' nur Du recht viel Geduld mit mir, aber gieb mir nichts nach, leid's nicht, daß ich so weichherzig bin –« Der starke Mann weinte mitten in der Nacht bittere Thränen, aber wie fluchend rief er: »Mir sollen die Augen auslaufen, wenn ich noch jemals weine, so lange wir bei einander sind. Das verspreche ich Dir und mir. Die Menschen können mir mein Leben nicht abkränken, wenn ich mir's nicht selber abkränke. Ja, ja Nothwehr! Nothwehr!« Die Frau machte nochmals Licht, tröstete den sich Abhärmenden, der endlich sagte: »Nur noch das. Die Schaubkäther hat mir zugerufen, ich müsse mich selber umbringen – das thue ich nicht, Dir zu lieb –« Die Frau streichelte ihm die Hand, auf der noch die nicht abgewischten Thränen lagen. »Ich thue den Menschen nicht den Gefallen,« fuhr Landolin fort, »daß sie Schadenfreude an uns haben sollen. Laß das Licht brennen, dann weiß ich gleich, wenn ich wieder aufwache, daß ich nicht mehr im Gefängniß. Gute Nacht! Wir wollen jetzt schlafen.« Landolin schlief lange in den Tag hinein und die Frau erhob sich leise und ging an ihre Arbeit, sie vermied es behutsam, ihren Mann durch ein Geräusch zu wecken; sie segnete jede Minute, die ihm Schlaf und neue Kraft zu Heiterkeit und Gesundheit gab. Einundvierzigstes Kapitel Thoma war im Felde bei der Ernte, als Landolin in der Stube saß, die Frau setzte sich zu ihm und er sagte: »Kannst Dir gar nicht denken, wie Einem das Essen ist, wenn man so allein essen muß im Gefängniß.« »Denk' jetzt nicht immer so zurück.« »Ist Niemand da gewesen, der mich hat besuchen wollen?« »Nein. Denk' dran, was Du vergangene Nacht gesagt hast.« Ja, das war leicht gesagt, aber Landolin konnte es eben nicht lassen, an die Menschen draußen zu denken, und wie war's denn möglich, daß die Menschen nicht wenigstens neugierig waren, ihn wieder zu sehen? Er schaute zum Fenster hinaus: hochbeladene Garbenwagen kamen vorüber, aber kein Bauer, kein Knecht wendete den Blick nach seinem Hause. Der neue Schultheiß kam, die Gabel in den Garbenwagen stemmend, die Straße daher; er hatte offenbar Landolin von fern gesehen, denn nicht weit vom Hause Landolins ging er auf die andere Seite des Wagens, von wo er nicht gesehen werden konnte. Landolin zog sich ins Zimmer zurück und setzte sich in den großen Lehnstuhl, trommelte eine Weile auf die Armlehnen, dann ging er in die Kammer und zog seine hohen Stiefel an. »Du willst doch nicht ausgehen?« fragte die Frau; er sah sie verwundert an, dieses Fragen, dieses Aufmerken auf sein Thun und Lassen war ihm überlästig; er wollte der Frau das sagen, aber schnell sich bezwingend erklärte er, er habe im Gefängniß immer Pantoffeln getragen und jetzt wolle er wieder in seinen Stiefeln stehen und gehen. Im Hofe tönte Peitschenknallen, Peter fuhr auf dem Sattelgaul sitzend mit einem vierspännigen Garbenwagen ein. Landolin ging hinab und traf auch Thoma, die hochgerötheten Antlitzes hinter dem Wagen drein kam. Sie schaute den Vater eine Weile stumm an, wie wenn sie das Wort nicht finden könnte; ihr Blick war herb und finster. »Guten Morgen, Thoma!« sagte Landolin zuerst. »Guten Morgen, Vater!« erwiderte sie, eine mildere Stimmung schien die Oberhand in ihr zu bekommen, da sie in das vergrämte Antlitz des Vaters sah, aber wie wenn sie den milden Gedanken abschüttelte, warf sie den Kopf zurück. Vater und Tochter waren sich jetzt im hellen Tag neue, ja fast fremde Erscheinungen geworden; der Vater erschien Thoma kleiner von Gestalt, als sie ihn in Erinnerung hatte, und der trotzige und zuversichtliche Ausdruck seines Gesichtes war nun zaghaft und unsicher. Thoma dagegen war mächtiger geworden, stolz aufrechter in der Haltung, die Augenbrauen indeß schienen sich tiefer gesenkt zu haben und zwischen denselben hatten sich schmale scharfe Falten eingegraben, das sind Furchen, in denen bittere Saat aufgeht. »Guten Morgen, Meister,« grüßte in besonders vertraulichem Tone der Oberknecht Tobias, »Ihr werdet Alles in gutem Stand finden, Vieh und Feld.« Landolin nickte nur still. Also hatte Peter dem Oberknecht noch nicht gekündigt, und er wird es wol unterlassen. Landolin sprach mit dem an Fidelis' Stelle angenommenen neuen Knechte und fragte ihn leutselig, woher er sei und wo er früher in Dienst gestanden. Der Knecht antwortete ehrerbietig, und Landolin war beruhigter. Peter hat also noch nichts davon verlautbart, daß er selber Meister sei; Landolin war fast dankbar für das ihm doch naturgemäß Gebührende. Landolin ging durch die Ställe, er fand Alles wohlgediehen. Eine Magd, die eben den Kühen frischen Klee in die Raufe steckte, sang dazu und unterbrach ihren Gesang nicht, da sie den Meister gewahrte. Dieser sah sie starr an und fragte endlich: »Warum grüßest Du nicht?« »Ich hab' mich zum Gerlachbauer verdingt und der Kühbub und die anderen zwei Mägde gehen auch.« »Warum?« »Der Peter hat uns gekündigt, wir wären aber auch so gegangen.« Landolin ging wieder nach dem Hofe, und während er den Hund von der Kette löste und ihn streichelte, sagte er: »Nicht wahr, Du verlässest mich nicht?« und dem Hunde die Lefzen auseinander ziehend, fuhr er fort: »Du hast's gut, aber mir haben sie die Zähne ausgebrochen, ich kann nicht mehr beißen; sie fürchten mich nicht mehr. Komm, halt still, ich thu Dir das Stachelhalsband um; ich muß mir auch so was anschaffen.« Landolin saß in seinem Lehnstuhl, der Hund lag vor ihm auf dem Boden. Seltsam! Der Stuhl ist nicht mehr so bequem wie sonst, der Sitz so hart, die Lehne so steil; dennoch zwang sich Landolin, ruhig daheim zu bleiben, der und jener mußte doch kommen, ihn, wenn auch nur im Vorübergehen, zu begrüßen. Er schaute oft nach der Thüre, sie öffnete sich nicht, es kam Niemand. Als es Abend wurde, ging er endlich aus dem Hause. Zweiundvierzigstes Kapitel. Vor wenig Monaten war ein fester Bauer über diese Schwelle geschritten, jetzt war er ein Anderer geworden, aber auch die Welt war anders; vor Allem das Haus. Draußen hatte sich Landolin immer vorgestellt, wie fröhlich es zu Hause hergehe, und doch war da eigentlich von je nichts als stilles, unablässiges Arbeiten gewesen und er selber von je ein sauersichtiger Mann, vor dem Alles im Hause, Thoma ausgenommen, zitterte. Freilich, Thoma war damals noch lustig. und das war's wol, warum ihm das ganze Hans als lustig in der Erinnerung war. Mit niedergeschlagenem Blick ging Landolin die Straße dahin. Er war das ärgste geworden, was ein Mensch werden kann und was sich für einen Bauer nun gar nicht schickt; er war reizbar geworden, und was immer dabei ist, schwach und hülfsbedürftig; er erwartete von außen neue Belebung und Auffrischung. Als er den Blick erhob, sah er von fern eine Frau mit rothem Kopftuch des Weges kommen. Ist das die Schaubkäther? Soll er umkehren? Er rief den Hund näher an sich heran, die Begegnende aber war nicht die Schaubkäther, sondern eine unbekannte Frau. Schau, da kommt der Galopp-Kübler, er geht noch eiliger als immer, und im Vorbeisausen sagt er kurz und schroff guten Abend, ohne eine Erwiderung abzuwarten. Landolin stand still, schaute zurück und zuckte die Achseln verächtlich über den abgehausten Mann, der sonst nicht unterwürfige Worte genug hatte, wenn er einen Stamm Holz zu Faßdauben auf Borg haben wollte. »Du kriegst keinen Span mehr von mir,« sagte Landolin vor sich hin und schritt weiter. Er kam an den Hof des neuen Schultheißen, der Hofhund stürzte hervor und auf Racker los, aber er floh schnell wieder, da er das Stachelhalsband gewahrte. Racker wollte den Feigen verfolgen, aber Landolin rief ihn zurück. Das mußte doch der Schultheiß dort, der rittlings auf einem Blocke saß und eine Sense dengelte, gewiß gehört haben, aber er schaute nicht auf, und erst als Landolin vor ihm stand und grüßte, hielt er den Hammer in der Rechten aufrecht, fuhr mit den Fingern der Linken über die Schneide, um die Scharten zu gewahren, und sagte: »Auch wieder hier?« »Wie Du siehst. Ruhig Racker!« rief er dem Hunde, der ganz still neben ihm gestanden hatte; aber das kam heraus wie ein schnell gewendeter Zornesausbruch. So unpersönlich angesprochen zu werden, so ohne Handreichung, ohne Aufstehen, das empörte Landolin tief, aber mit erzwungenem Lächeln sagte er: »Ich hab' Dir nur sagen wollen und verkünde Du es in der Gemeinde, ich nehme keine Wahl mehr an zum Bezirksrath und ich lege auch das Amt als Waisenrichter nieder.« »So? Will's ausrichten.« Landolin starrte den jungen Schultheiß an. Spricht man so mit ihm? Muß er das hinnehmen und darf nicht zornig werden und drein schlagen? Ja, Landolin, Du bist nicht mehr gefürchtet, halt' dich im Zaum und lerne dich selbst beherrschen. Nach geraumer Weile, in welcher Landolin mit Macht seine Aufwallung niederkämpfte, sagte er kurz: »Behüt' Dich Gott.« »Behüt' Dich Gott« wurde trocken erwidert. Landolin ging davon und der neue Schultheiß dengelte weiter, aber die Hammerschläge gingen schneller, denn der Schultheiß dachte triumphirend, wie er's dem Landolin vergolten habe, daß die ganze Gemeinde durch ihn ins Gerede und in Unehre gerathen sei; und hat sich nicht Landolin hingestellt, als ob er noch was herauszufordern hätte? Jetzt weiß er, wie er dran ist. Landolin wußte aber nur, daß alle Welt schlecht und aufsässig sei und ihm sein gerettetes Leben nicht gönne. »Guten Abend, Herr Altschultheiß,« wurde er plötzlich angesprochen, er sah auf, ein verwahrloster junger Mann von kräftigem Körperbau stand vor ihm und zog den Hut ab, wilde struppige Haare fielen ihm über die Stirne bis zu den unruhig hin und her rollenden schwarzen Augen. »Wer bist Du?« »Der Herr Altschultheiß kennt mich nicht mehr? Bin der Engelbert Schäfer von Gerlachseck. Ich hab' auf Euch gewartet.« »Auf mich?« »Ihr nehmt mich jetzt gewiß in Dienst.« »Woher kommst denn?« »Von dort her.« Der Verwahrloste machte ein Zeichen gegen das Unterland, »hab' drei Jahre gehabt. Wäre mein Meister gut gegen mich gewesen und hätt' mich auch nicht angezeigt –« »Du kommst aus dem Zuchthaus?« Der Angeredete nickte und lächelte dabei zutraulich. »Warum soll just ich Dich nehmen?« »Ja, weil's eben so ist. Die Dienstleute haben's jetzt gewiß gut bei Euch. Ihr nehmt ja lauter neue, und ich kann gut aufpassen auf die anderen.« Die Zornesader schwoll auf der Stirne Landolins, aber er drückte seine Empörung nieder, lachte laut auf und rief dann befehlerisch: »Marschir' Dich! Wie kannst Du auf der Straße mich so anreden? Fort oder –« »Ho ho! Ihr werdet doch nicht noch einmal einen Knecht todt schlagen wollen? Mit mir werdet Ihr nicht so schnell fertig, wie mit dem Vetturi.« Er setzte den Hut auf und ballte die Fäuste. Ohne weiter ein Wort zu sagen, ging Landolin seines Weges, der Verwahrloste schimpfte und drohte hinter ihm drein. Die Abendglocke läutete, Landolin nickte den Tönen zu, wie wenn sie ihn riefen. Er machte einen Umweg, um nicht über den Kirchhof gehen zu müssen, wo das Grab Vetturi's. Die Kirche stand offen. Landolin zog den Hut ab, befahl dem Hunde, sich nieder zu legen und hier auf ihn zu warten, und eben als er den Fuß auf die Schwelle setzen wollte, kam die Schaubkäther heraus; sie sah ihn mit einem Blicke an, vor dem er die Augen niederschlagen mußte, dann faßte sie die schwere Kirchenthüre und schlug sie zu, daß es dröhnte, aber noch lauter rief die Entsetzliche: »Für Dich ist die Kirche verschlossen. Heb' Deine Faust! Da unter der Kirchenthür tödte mich, Du kannst jetzt Alles thun. Du bist verworfen von Gott und ausgeworfen von den Menschen, Du –« Der Hund hatte sich aufgerichtet, Landolin beschwichtigte ihn, die Alte ging davon. Landolin öffnete die Kirche und ging hinein. Stille war ringsum, nur droben im Thurme tickte der Pendel hin und her, ein Vogel war durch das offene Fenster hereingeflogen, er flatterte ängstlich, bis er wieder den Ausgang fand. Landolin war allein in dem weiten Raum, wo nur das ewige Licht brannte. Kein Gebet kam ihm über die Lippen, er sammelte vielmehr in Gedanken die ganze Gemeinde hier herein, Mann für Mann, Frau für Frau; er nahm im Geiste jeden Einzelnen vor, schaute ihm ins Gesicht, schüttelte ihn – aber was nützt es? Sie bleiben gehässig. Ausgeworfen, wie eine Leiche vom Strome, ausgeworfen – das Wort der Schaubkäther sprach sich von all den leeren Bänken. Ein Groll stieg in ihm auf gegen das, was man ihn in seiner Kindheit als barmherzigen Gott gelehrt hatte. Es ist Alles nicht wahr! Und wenn es wäre, was nützt es, wenn Gott barmherzig ist und er zwingt die Menschen nicht, daß sie es auch sind? Wie wenn die Decke einstürze, so empfand er plötzlich eine Beängstigung, er verließ die Kirche und ging heim. »Ist Jemand da gewesen?« fragte er daheim die Frau, er jedoch gab keine Antwort auf die Frage, wo er gewesen sei und wen er gesprochen habe; ja diese Neugierde der Frau, dieses müßige Gefrage war ihm lästig. Die Frau hielt sich in Geduld zurück, sie sah, ihre Liebe und Sorgfalt war ihm nichts. Sie dachte, daß sie nicht gescheit und geschickt genug für ihn wäre, und nahm sich vor, recht behutsam zu sein; aber im nächsten Augenblick suchte sie aus Herzensgüte ihm wieder zuzureden und ihn aufzuheitern, und das ärgerte ihn, denn es zeigte ja, daß noch immer an das Vergangene gedacht wird, und das sollte nicht mehr sein. Sie trug ihm besonderes Essen auf und sagte: »Laß Dir's nur recht gut schmecken wieder daheim.« Barsch erwiderte er: »Das kann man Einem nicht wünschen, wenn's nicht von selber schmeckt.« Er wartete immer und immer auf ein gutes Wort von Thoma, aber diese konnte in ihrer bitter strengen Wahrhaftigkeit kein gutes Wort hervorbringen, und was der Vater in gewaltsam errungener Demuth und Lässigkeit gewähren ließ, empörte sie. Sie sah Tag für Tag, wie sich Peter die alleinige Herrschaft herausnahm und der Vater das gewähren ließ, ja, er arbeitete wie ein Knecht und schien Gefallen daran zu finden, sich von seinem Sohne unterdrücken zu lassen. Alles verwandelte und verkehrte sich. Dreiundvierzigstes Kapitel. Der sichere, feste Landolin war ein Angstmann geworden, er spottete sich darüber aus, aber das half nicht. Er ging mit geschlossenen Lippen umher und diese Lippen bekamen einen bittern Ausdruck. Oft hielt er in seinem Gange inne, er mußte aufathmen von den schweren Gedanken, die auf ihm lagen, dann schaute er wie erbarmungsvoll um und ging seines Weges weiter. Wie reich war er vordem gewesen, bei jedem Menschen hatte er ein Ehrenkapital ausstehen, und nun, da er's einkassiren wollte, war es nicht mehr da. Er hatte, genau genommen, nicht gut und nicht bös über die Menschen gedacht, sie waren ihm nur gleichgiltig, jetzt war das anders; seine Denkkraft hatte brach gelegen, und nun schoß auf diesem Brachacker allerlei wildes herbes Kraut auf, dessen Keime unfindbar im Grunde gelegen hatten. Er hatte doch auch gelebt, war hellen Sinnes gewesen, zumal wo es einen Vortheil betraf, aber jetzt war's doch, als ob man ständig halb geschlafen hätte. Laß ab! Was gehen dich die Menschen an? Was ist der und jener? Und was hat man eigentlich vom Leben? Ackern, säen, ernten. Die Wiesen werden grünen, die Aecker Früchte tragen, die Waldbäume wachsen, wenn der Mensch da in den Kleidern ein Stück Erde geworden. Und für das soll man sich so viel plagen und Gedanken machen? Ja, Gedanken machen, das ist eben das Harte für den, der bisher nichts davon gewollt. Wenn die Seele auf einen Weg gekommen ist, der die Herbheiten und Eigensüchtigkeiten auf Schritt und Tritt vor Augen führt, dann ist es schwer, umzukehren und einen andern Weg einzuschlagen; es ist, als ob unwiderstehliche Gewalten immer auf die Pfade der Trauer und Bitterniß drängten, und ein Verlangen nach zuvorkommender Güte, nach entgegenkommender Liebe wird immer heißer und mächtiger. Landolin spürte von alledem etwas, sagen hätte er es freilich nicht gekonnt, aber es ist Vieles in der Seele, was sich nicht sagen läßt, auch von einem andern nicht, der weit mehr gesonnen und gedacht hat als Landolin. Der eisenfeste Mann von ehedem war eben zermürbt, und es war nicht abzusehen, was da kommen konnte, um ihn wieder standhaft zu machen. Vielleicht hätte es die Liebe Thoma's gekonnt, vielleicht – er sagte sich: Gewiß! Es gab sogar Stunden, in denen er nicht nur darüber traurig war, daß ihm diese Liebe versagt blieb, ja, wo es ihn noch mehr schmerzte, daß sein Kind, sein stolzes, schönes Kind, so gebeugt, so leer und kalt war. Er hatte einen Stolz, eine Herbheit in diesem Kinde groß gezogen, die ihr nun den Untergang brachten. Er stöhnte im Jammer auf und er beugte sich wie zur Buße unter die Botmäßigkeit Peters, ja die Kühnheit Peters, der doch so schwer an ihm sündigte, nöthigte ihm oft Beifall ab: Das wird einmal ein Mann, der die ganze Welt unter den Fuß tritt und dabei lacht; der wird noch mächtiger als der Titus dachte er. Landolin nahm sich vor, auch zu heucheln und sich zu verstellen und so zu thun, als ob er die Bosheit der Menschen für Gutheit ansehe, und es ihnen heimlich bezahlen; aber sein Stolz ließ ihn nicht zu solcher Heuchelei gelangen. Er schalt sich selber über seinen Kleinmuth, er nannte ihn ganz ehrlich Feigheit; aber das half ihm doch nicht, die alte Rücksichtslosigkeit, den alten Hochmnth wieder zu gewinnen. Ja, er war empfindlich geworden. Er ging durch den Laubwald. Was kümmerte ihn vor Zeiten das Ungeziefer in den Wäldern, wenn es nicht so überhand genommen hatte, daß es die Bäume schädigte? Jetzt erschreckte es ihn, daß in der Luft an dünnen Fäden überall Raupen hingen und, als ob sie auf ihn gewartet hätten, sich auf ihn niederließen. Diese Raupen sind abzuschütteln, aber die bösen Gedanken der Menschen, die auch wie Raupen an unsichtbaren Fäden überall hängen, die lassen sich nicht abschütteln. Landolin saß auf einem Baumstumpf im Walde, da kam der Bannwart daher und grüßte freundlich, ihn bedauernd, daß er so viel habe ausstehen müssen, und Landolin klagte, daß er in der kurzen Zeit um zwanzig Jahre älter geworden sei und stets Herzklopfen habe. Plötzlich hielt er inne, er merkte, daß er um Mitleid bettelte, und bei wem? Der Waldhüter aber entgegnete: »Weiß ja selber, wie das ist in der Viertelstunde, wo die Geschworenen eingeschlossen sind und man wartet, ob Leben oder Tod.« »Woher weißt Du das?« »Habt Ihr's denn vergessen? Es ist mir grad so gewesen wie damals, wo der Wilddieb, den ich erschossen hab', hinter dem Baum den Flintenlauf auf mich richtete. Knack! Krach! Nothwehr ist's! Da liegst Du,« so schloß der Waldhüter schelmisch lachend. Landolin ging gestärkt heimwärts. Nothwehr ist's! Die Gerichte haben das ja erkannt, und es ist auch so gewesen, du mußt dir's wenigstens einreden lernen, du mußt. Vierundvierzigstes Kapitel. Die Sommernacht war mild und lind, und ein Samstag Abend in der Erntezeit hat ein besonders Ruhsames, eine Vorempfindung des vollen Ruhetages nach sechstägiger rastloser Arbeit. Auf den Gehöften weit umher saßen die Menschen auf der Sommerbank, sprachen von dem, was man eingeheimst und was noch draußen stand, dann aber auch von Nachbarn nah und fern, und natürlich auch von Landolin. Man sprach Bedauern mit dem Mißgeschick aus, aber doch mit einem stillen Wohlgefühl, selber frei und froh sein zu dürfen; es war fast wie das Einathmen der Luft, die von einem argen Gewitter im Unterlande hier oben nur gereinigt und frisch war. Man suchte indeß müden Schrittes bald das Lager auf, denn Jung und Alt wollte morgen zum Feste in der Amtsstadt. Auf der Hausbank vor dem Hause saß Landolin mit seiner Frau, Thoma saß abseits auf dem Baumstumpf, auf dem man sonst die Sensen dengelte. Die drei Menschen hatten so viel zu reden und sprachen so wenig. »Morgen ist also der fünfzehnte Juli,« sagte Landolin, Thoma schaute um, rasch aber wendete sie sich und saß wieder in sich zusammen gekauert. Morgen sollte das Fest der Fahnenweihe gefeiert werden. Man meint doch, es seien schon Jahre vergangen seit jenem Tage, da Anton mit den beiden Genossen gekommen war, um Thoma als Festjungfrau einzuladen. Thoma war indeß geläutert genug, daß sie nicht zuerst an die ihr verloren gegangene Freude und Ehre dachte; sie seufzte schmerzlich, da sie denken mußte, wie trüb und traurig dieser Tag für Anton werden mußte. »Was meinst, Thoma?« fragte Landolin, »soll ich zu der Fahnenweihe gehen oder nicht?« »Ich hab' kein' Meinung über das, was Ihr thun oder nicht thun sollet.« »Gehst Du mit mir?« wendete sich Landolin zu seiner Frau. »Ich ging' gern mit, aber ich bin nicht wohl, es friert mich so, ich will jetzt gleich schlafen gehen.« Thoma wollte die Mutter ins Haus begleiten, aber die Mutter wehrte ab und bestand darauf, daß Thoma noch beim Vater bleibe. Die Mutter ging, und Thoma fühlte wohl, daß sie jetzt zum Vater reden sollte, aber sie konnte das Wort nicht finden, jedes gute Wort däuchte ihr eine Lüge, und ihr ganzes bitteres Geschick lag ja darin, daß sie mit der Lüge kämpfte. Es that ihr wehe, daß sie so wortlos oder nur mit kaltem Gruße an dem Vater vorüber ging in Haus und Feld,. und daß sie jetzt so stumm dasaß und ihn damit auch zwang, über das Elend zu denken; aber sie konnte nicht anders. Landolin sagte, die Mutter sei kränker, als sie gestehen wolle, sie halte sich offenbar nur mühsam aufrecht. Thoma suchte ihn zu beruhigen, aber es klang wiederum steinhart, als sie schloß: »Das ist ja aber eine Sache, wo der Doctor helfen kann.« »Und ich wüßte, was die Mutter gesund und frischauf machen könnte, was kein Doctor verschreiben kann.« Landolin mußte lange warten, bis Thoma fragte, was denn das sei; und als er erklärte, die Freude über die Hochzeit mit Anton wäre das Heilmittel, da sagte Thoma dumpf: »Das kann nicht sein, so wenig als –« Sie brach plötzlich ab. »Nun? So wenig als was?« Thoma gab keine Antwort und Landolin wußte, daß Thoma hatte sagen wollen: So wenig als der Vetturi wieder lebendig wird. Wieder herrschte Stille, da sagte plötzlich eine wohlbekannte Stimme: »Guten Abend beisammen.« Anton stand vor ihnen, Landolin erhob sich und reichte ihm die Hand, Thoma blieb sitzen und hielt die beiden Arme in ihre Schürze gewickelt; sie sagte nur auch »Guten Abend«. Landolin hieß Anton sich zu ihm setzen und sagte auch Thoma, sie solle auf die Bank rücken; sie erwiderte indeß: »Ich sitz' da schon gut und ich muß zur Mutter, sie ist nicht ganz wohl.« »Du bleibst!« sagte Landolin in seinem alten befehlenden Tone, dann erklärte er Anton, er wäre gern schon zu seinem Vater gekommen aber – er brachte das Wort schwer hervor – er wolle nicht aufdringlich sein, er wolle warten, bis man ihn aufsuche. Er dankte dann noch Anton für seine gute Aussage vor Gericht und freute sich, wie er seine Ehrenhaltung bewahrt habe. »Wie ich Dich da so fest habe stehen sehen und reden hören, hab' ich Dich noch einmal so lieb bekommen,« fügte er hinzu. Anton fühlte, was es heißt, daß der so stolze, hochmüthige Landolin so sprach. Im Beginne stockend, dann aber in wohlbedachter Rede erklärte nun Anton, daß er gekommen sei, um Vater und Tochter zu bitten, morgen mit ihm zum Fest der Fahnenweihe zu gehen; da werde mit Einem Schlage und vor aller Welt gezeigt, daß Alles wieder in guter Ordnung sei, und alle Menschen werden aufs neue Glück wünschen. Da Thoma durch keinen Laut, durch keine Regung ein Zeichen gab, fuhr Anton mit bewegter Stimme fort. »Thoma! Liebe Thoma! Du sitzest jetzt da, wie wenn Du erstarrt wärst, und ich weiß doch, tief im Herzen brennt die Liebe für mich. Thoma, sei jetzt nur das einzige Mal nicht stolz.« »Stolz?« sagte Thoma leise, Anton hörte es nicht, denn seine Rede ging fort: »Thoma, Du hast mich von Dir gewiesen; ich hab' auch meinen Stolz, aber vor Dir nicht. Da bin ich wieder. Sei jetzt so gut und so lieb, wie Du bist. Sag' doch ein Wort, ein gutes.« Thoma erhob sich: »Ich dank' Dir, Anton, ich dank' Dir tausendmal, aber ich kann nicht. Gute Nacht, ich dank' Dir.« »Nein, Du bleibst und ich geh',« rief Landolin, da Thoma sich nach dem Hause wendete; »Anton, von mir aus, ich bin bei Allem . . . Machet Ihr jetzt allein mit einander aus.« Er ging rasch ins Haus, Anton und Thoma waren allein. »Red' nichts, Thoma, gieb mir einen Kuß und laß Alles damit gesagt sein.« »Ich kann nicht. Anton, das Reden wird mir schwer, ich möcht' am liebsten stumm sein und gar nicht reden können. Anton, es ist schön und lieb von Dir, daß Du gekommen bist. Aber sag' mir, Du bist ehrlich, sag' mir, ist Dein Vater auch so wie Du gegen meinen Vater gesinnt? Gelt, Du kannst nicht Ja sagen? Du bist gegen seinen Willen da, Dein Vater –« »Mein Vater ehrt und liebt Dich.« »Das glaub' ich, aber, Anton, ich kann kein Glück mehr haben und kein Glück mehr bringen. Ich bitt' Dich, schlag' Dir unser Haus aus dem Sinn, von dem einen Schlag bricht da Alles zusammen.« »Oho! Es steht noch fest. Thoma, Du hast an jenem Tage Recht gehabt. Ich hab' nicht gewußt, was ich gesehen oder was ich gehört hab'. Aber jetzt ist Alles vorbei. Thoma, ich kenn' Dich, Du bist ein ehrliches Herz, ich kann Dich drum nicht schelten, so viel Elend Du deswegen auch hast. Thoma, Du kannst nicht lustig thun vor der Welt, weil Du nicht lustig bist. Sag', kenn' ich Dich?« Sie nickte, ein unterdrücktes Schluchzen wurde vernehmbar, und Anton fuhr fort: »Herzliebe Thoma, ich sag' Dir aber, Du sollst und Du kannst lustig sein und brauchst nicht zu lügen.« »Ich kann mich an gestohlenem Gut nicht freuen,« preßte Thoma heraus. »Ich verstehe Dich, ich weiß, was Du meinst, aber Deine Ehre und meine Ehre sind nicht gestohlen. Ich bitte Dich, fasse Dich in Gutem. Ich möcht' die böse Thoma bitten, daß sie meine gute Thoma nicht so plagen soll. Du übertreibst –« »Kann sein. Da hast Du meine Hand, zum letzten Mal –« »Zum letzten Male nehme ich sie nicht.« »Dann sag' ich Dir so gute Nacht und tausend Dank.« Anton wollte sie umfassen, sie riß sich mit Heftigkeit los und stürmte ins Haus. Anton wartete noch eine Weile, ob sie nicht doch noch Reue bekäme; als aber Alles stille blieb, erwachte auch in ihm ein Trotz, er ging davon und schaute nicht um, manchmal blieb er nur stehen und horchte, ob Niemand ihm folge, ihn riefe, und endlich ging er den Wald hinab. Fünfundvierzigstes Kapitel. Es giebt auch noch Fröhlichkeit in der Welt, Gesang, Musik, Lachen. Da fahren singende, lachende, jauchzende Menschen auf blumengeschmückten, mit grünen Kränzen überzogenen Wagen auf der Hochebene dahin. Man sieht sie, man hört sie im Hause Landolins, und dieser winkt ihnen zu aus dem offenen Fenster; er ist im Sonntagsstaat und ist entschlossen, auch zum Feste der Fahnenweihe zu gehen, er will wieder Theil haben an der Fröhlichkeit der Welt. In die Stube gewendet, sagt er zu seiner Frau: »Hanne, die Thoma geht nicht mit, geh Du mit mir.« »Lieber wär's mir, Du ließest mich daheim, Du weißt ja, ich bin am liebsten daheim.« Landolin hätte gern gesagt: wenn Du bei mir bist, müssen sie mir alle Ehre geben, aber er brachte es nicht heraus; er hat sich vor dem Geringsten gedemüthigt, aber vor seiner Frau kann er's nicht, sie war ihm ja von je unterwürfig. Er schaute oft nach Thoma, ob sie ihm nicht sage, was gestern noch zwischen ihr und Anton vorgegangen, und ob sie ihn nicht doch noch zu dem Feste begleite; aber Thoma blieb starr und stumm. Er befahl, daß man ihm sofort den Scharenbank einspanne; aber Peter sagte, die Rappen hätten so viel gearbeitet in der Erntewoche, daß man sie heute ausruhen lassen müsse, höchstens könne man die Fuchsstute satteln, aber das thäte ihr auch nicht gut. Landolin sah den Peter grimmig an, aber er wollte keinen Streit. So lange er nicht offen widerstreitet, ist es auch nicht offenbar, daß er die Herrschaft verloren hat; er willigte daher ein, daß er reite, bald aber bestellte er's wieder ab und sagte, er gehe zu Fuß. Als es zur Kirche läutete, machte er sich auf, um nach der Amtsstadt zu gehen. »Gehst Du nicht mit mir in die Kirche?« fragte die Frau zaghaft, und unwirsch polterte Landolin: »Nein. Sie haben ohne mich so lange gebetet und gesungen, sie sollen's weiter so halten.« Das sagte er, aber er dachte noch dazu: sie müßten zuerst zu mir kommen und gut gegen mich sein, dann erst könnten sie wirklich von Herzen beten. »Willst Du nicht warten bis Nachmittag? Ich hab' Dir ein gutes Essen,« sagte die Frau. »Du redest immer vom Essen, schon am Morgen vom Mittag! Ich hab' Geld im Sack und dafür krieg' ich in der Stadt auch was.« Die Frau schwieg und drückte ihr Gebetbuch an die Brust, in dem Buche sind nicht mehr gute Gedanken als in ihrem Herzen, aber beide sind jetzt stumm. Als es zum dritten Male zusammen läutete, ging Landolin die Straße hinab nach der Stadt. Ein Reiter trabte hinter ihm drein, er kam näher. Landolin lüpfte den Hut und sagte: »Guten Morgen, Herr Baron Discher. Ich bin Ihnen noch eine Erklärung schuldig.« »Wüßte nicht.« »Ich habe Sie als Geschworenen durch meinen Anwalt abgelehnt. Ich weiß, Sie sind ein gerechter Mann.« »Danke.« »Ich habe Sie nur abweisen lassen, weil es Ihnen doch lieber ist, an einem so heißen Tage nicht als Geschworener sitzen zu müssen.« Der Baron lächelte und hielt sich den Knopf seiner Reitpeitsche an den Mund, dann sagte er Guten Morgen, gab dem Pferd die Sporen und ritt davon. Eine Ahnung überfiel Landolin, welchen Begegnungen er sich heute aussetze; er wollte umkehren, es ist ja nicht nöthig, daß er bei dem Fest anwesend; aber er schämte sich vor den Seinen, daß er so unschlüssig sei, und dann hat ja Peter recht, daß er ihm das Heft aus der Hand genommen. Mit mächtigen Schritten ging er stadtwärts. Böllerschüsse widerhallten, sich vervielfältigend im Walde, durch welchen er dahinschritt, denn eben jetzt wurde die Fahnenweihe in der Stadtkirche vollzogen. Landolin mäßigte seinen Schritt, ja, er setzte sich an den Wegrain, die Hauptfeierlichkeit hat er nun doch versäumt und kann sich nun Ruhe gönnen. Der Stellwagen kam vom Bahnhof herauf, der Kutscher fragte Landolin, ob er mitfahren wolle. Landolin war müde und da war gute Gelegenheit zum Umkehren, aber er verneinte, als zwänge ihn etwas nach der Stadt. Er schlug es sich aus dem Sinn, da ihm die Erinnerung wieder aufging, wie in seiner Kindheit die Maiwiese ein Richtplatz gewesen. Was kann ihm denn geschehen? Er ist freigesprochen, frei und in allen Ehren. Jetzt tönte helle Trompetenmusik von der obern Stadt her. Landolin beeilte seine Schritte, um den Zug nicht zu versäumen. Sechsundvierzigstes Kapitel. Thalauf und thalab, in allen Dörfern des Amtsbezirks war an diesem Sonntagsmorgen reges Leben. Die Kinder auf der Straße verkündeten einander, sie dürften auch mit, und manche waren überaus stolz, denn sie hatten Soldatenmützen bekommen, und mancher Vater mußte seinem Sohne versprechen, daß er ihm heute auch eine kaufe; die Lust am Soldatenwesen schien die ganze Jugend ergriffen zu haben. Vor den Rathhäusern versammelten sich die Männer der Feuerwehr in blinkenden Helmen, grauleinenen Jacken und rothen Leibgurten. Sie standen bald in Reih und Glied, die Signalisten bliesen, man marschirte aus, unter Geleit von Männern, Frauen und Kindern. Am Walde wurde angehalten, man steckte grüne Reiser auf die Mützen. Die Kinder jauchzten, die Alten gingen bedächtig, und die Frauen und Mädchen in ihren Sonntagsgewändern hatten einander zuzuflüstern. Wie die Bächlein der Bergwasser zum Thalfluß strömten, so quoll und sickerte es heute von Menschenströmen auf Straßen und Fußwegen nach der Maiwiese bei der Amtsstadt. Man sah wenig mehr von der alten Volkstracht bei den Männern; Soldatendienst und Eisenbahn heben die Volkstracht auf und verwischen die erkennbaren Unterschiede von Dorf und Stadt. Aber auch in anderer Weise bildet sich eine neue Gleichheit. Dieses Einherschreiten in gleichem Schritt und Tritt, vor Allem aber die Wahl der Oberen in den Kriegervereinen und Feuerwehren bewirkt einen Ausgleich der früheren Trennungen. Der Obere des Gauverbandes war allerdings der Bezirksförster, aber als Lieutenant war einstimmig Anton Armbruster gewählt; der Sohn des Bezirksarztes, der Kaufmann war und mit in den Wurf gebracht wurde, hatte selber für Anton gesprochen. Landolin kam noch rechtzeitig im Thale an. Die Maiwiese, auf welcher der Zug sich auflösen sollte und wo Tische eingerammt waren und eine grüne Rednerbühne errichtet, wurde von den jungen Turnschülern der Stadt für Jeden abgesperrt. Auf der Bergwiese bis zum Walde hinan saßen die Mädchen und Frauen mit ihren weißen Schürzen und bunten Hauben in Reihen und Gruppen und übermüthige Knaben saßen in den Lindenbäumen, die heute mächtig dufteten. »Sie kommen! Sie kommen!« hieß es unter den Wartenden, und Hochrufe von den Gruppen im Thal, von der Bergwiese und von den Bäumen übertönten die voranschreitende Trompeten-Musik. Landolin stand am vordern Rande bei den kleinen Turnern, um ihn her eine Gruppe von Menschen, die ihn nicht kannten. Der Zug kam naher, die Musik spielte die Weise des Vaterlandsliedes, und Alles sang mit. »Wer trägt die Fahne? Das ist ja nicht des Sägmüllers Anton! Wo ist er? Ich seh' ihn nicht. Er ist gar nicht dabei!« So hörte Landolin von verschiedenen Menschen hinter sich reden und ein Bangen überfiel ihn; an der Seite Antons hatte er einhergehen und der Welt zeigen wollen, wie einig er mit dem Geehrten sei; ja, Landolin fühlte etwas, als ob ihm sein Schutz fehle. Er strengte die Augen an, ob er nicht doch noch Anton ersehe, er war nicht da. »Schau', der Lieutenant dort, das ist der Sohn des Kreisraths. . . . Ist doch brav, daß er auf Urlaub zu dem Fest gekommen ist. . . . Ja.. der hat die gute Art von seinen Eltern, . . . besonders von der Mutter.« So sprach man wieder um Landolin her. Jetzt hörte er, wie ein neu Hinzutretender sagte: »Wißt Ihr auch schon, warum der Anton Armbruster nicht gekommen ist? Er schämt sich und hat doch selber nichts gethan, nur sein vormaliger Schwiegervater, den sie, es ist himmelschreiend, freigesprochen haben . . . Halt, da steht ja der Landolin selber! Der da mit dem breiten Rücken, der ist's.« Der breite Rücken Landolins bewegte sich, die absperrende Kette der Turner war durchbrochen, Landolin war im Festgetümmel. Siebenundvierzigstes Kapitel. Droben im Hochwalde, bei der Blockhütte, wo vom Montag früh bis Samstag Abend die Holzspälter hausten, saß Anton an diesem Sonntagsmorgen, um ihn her lagen die Aexte, die eisernen und eschenen Keile, wie ausruhend, denn die sie handhabten, waren allesammt zu »Thale« gegangen, waren über den Sonntag daheim bei den Ihren oder wol auch beim Feste in der Amtsstadt. Kein Laut war vernehmbar, nur bisweilen trillerte der Zaunkönig, der jetzt erst brütet, alle andern Vögel waren stumm, und stumm kreiste der Habicht über den Wipfeln der Bäume. Ein einschläfernder Harzduft von den gefällten Stämmen und dem geschichteten Brennholz stieg vom Boden auf, auf welchem der ermüdete, übernächtige junge Mann eingeschlafen war. Jetzt dröhnte Kanonenschall, Anton erwachte und griff zur Seite nach seiner Waffe. Im ersten Augenblick hatte es ihm gedäucht, er liege im Felde, dem Feinde gegenüber; schmerzlich lächelnd besann er sich, daß er keinem sichtbaren Feinde gegenüber stand, den man tödtlich treffen konnte; nicht Kanonenschall hatte ihn geweckt, sondern der Böllerknall von der Stadt, wo jetzt die Fahnenweihe vollzogen wird. Anton athmete tief auf und sein Antlitz leuchtete, als grüßten ihn die hundert und hundert Blicke der Kameraden, als faßte er die vielen treuen Hände, die sich ihm entgegen streckten. Bald aber sah er schmerzlich vor sich nieder, er hat nicht nur sich selber das Fest zerstört, er hat auch den Genossen ein schön Theil der Freude geraubt, da er ihnen noch früh am Morgen einen Boten schickte, mit der Nachricht, er könne nicht kommen. Was nützte ihm all die Liebe der Genossen, wo die Liebe der Einen fehlte, für die sein Herz schlug? Was sollte ihm eine Freude, eine Ehre, die Thoma nicht mit ihm theilte? Er stand auf. Noch ist es Zeit, noch kann er zum Feste der Genossen eilen, und ein Jubelruf tönt Willkomm dem Verspäteten. Er verwarf den Gedanken und gab sich dem schmerzlichen Fragen und Grübeln hin, ob er denn nie mehr Freude empfangen werde. Er hat sich gedemüthigt vor Thoma und sie hat ihn verschmäht, er hat gethan, was er vermochte, um die Sache wieder zum Guten zu wenden; vielleicht wird Thoma nun damit bekehrt, daß sie sieht, wie er um ihretwillen die schönste Lustbarkeit meidet; sie weiß, wie er leidet, aber was muß sie leiden? . . . Thoma war nicht in der Einsamkeit des Waldes, sie war einsam und verlassen im Elternhause. Auch sie hörte den Knall der Böllerschüsse, sie fragte sich, ob Anton dort bei dem Feste, geehrt und glücklich; nein, er kann es nicht sein. Sie trauerte tief, daß sie ihm diesen Tag und alle kommenden Tage des Lebens zerstören und mit Trauer erfüllen müsse. Mit Schreck erinnerte sie sich, daß sie gestern zu Anton gesagt hatte: »Ich kann mich nicht an gestohlenem Gute freuen.« Ist es denn so arg? Ist das nicht so ohne Bedacht aus langem Schmerze heraus so zu Worte gekommen? Sie beneidete fast die Mutter, die Tag über schlafen konnte, sie selber mußte wachen und schwere bittere Gedanken in der Seele hegen. Was wird der Vater heute auf dem Festplatze erleben? Wird er, von allen Seiten zurückgewiesen, sich nicht zu einer neuen Unthat hinreißen lassen? Mit gefalteten Händen, stier dreinblickend, saß Thoma in ihrer Kammer, und endlich erleichterte sich ihr schweres Gemüth in einem Thränenstrom. Achtundvierzigstes Kapitel. Thoma war nicht neugierig, was Peter so lang mit der Mutter zu reden hatte, es hätte sie auch nicht gefreut, denn Peter zischelte: »Mutter! das müsset Ihr ins künftige nicht mehr leiden, daß der Vater so in der Welt herumfährt, und ich will Euch da schon helfen. Wir haben ihm geholfen abladen, jetzt ist's genug, er soll Ruh halten und den Leuten nicht die Mäuler aufreißen.« Die Mutter sah den Peter betrübt an und dann wie einen fremden Menschen. Peter deutete diesen Blick ganz anders und fuhr zutraulich fort: »Jetzt sind wir oben dran, Mutter. Wir machen aber kein Geschrei davon. Vordem habt Ihr nichts gegolten, Mutter, und ich auch nicht, da hat's immer nur geheißen: der Bauer und die Thoma, von uns Zwei keine Red'. Jetzt helfet mir, Ihr könnt's im Guten, wie es bei Eheleuten ist, ich thu's ja auch im Guten, kein Mensch soll's merken, daß ich den Hof regiere; aber zum Andern, daß er nicht mehr so herumläuft, dafür müsset Ihr sorgen, Mutter. Daß er mit den Papieren viel Geld verspielt hat, das hat er Euch gewiß gesagt; das ist vorbei und darüber machen wir ihm keinen Vorwurf, mit keinem Wort. Daß er nichts mehr verschleudern kann, da sorg' ich schon vor.« »Ist denn unser ganzes Haus verhext?« fragte die Mutter in die Luft hinaus. »Ist denn unser Haus kein' Heimat mehr? Wo soll ich denn hin?« »Mutter, müsset nicht so reden, nicht so drein schauen, ich bin da und Ihr sollet sehen, wer ich bin. Und Euch zu lieb ist es uns gut gegangen. Wo ich hinkommen bin, hat's geheißen: Ja freilich, ja, dem Landolin muß man heraushelfen, der Bäuerin zu lieb.« »Nicht mir zu lieb!« wehrte die Mutter ab, »Dein Vater ist unschuldig, und es hat sich erwiesen; auf mir liegt nichts.« »Gewiß nicht, und es ist schon recht so. Und daß Ihr's nur wisset: der Tobias ist ein Schelm, ein ungetreuer. Ich behalt' ihn noch bis über die Ernt', dann schicke ich ihn fort. Er mag sich berühmen, daß er es gewesen sei, der den Vater herausgelogen hat, es hilft ihm nichts, im Gegentheil, und er soll schon erfahren, daß wir ihn nicht zu fürchten haben. Der Vater ist freigesprochen vom Schwurgericht. und dagegen giebt's keine Apellation mehr. Ich hab' den Advokaten gefragt.« Nach langem Staunen fragte die Mutter: »Was hast Du gesagt? Der Vater ist nicht mehr Meister?« »Nicht wahr, Mutter, ich mach's geschickt? Nicht einmal Ihr habt's gemerkt. Er hat auch gemeint, ich soll den Tobias noch behalten, aber ich verstehe das besser.« Lange saßen Mutter und Sohn still beisammen. Endlich sagte die Mutter: »Geh Deinem Vater entgegen oder nimm das Fuhrwerk. Ich meine immer, es geschieht ihm was, ich hab' so arg Angst.« »Ja Mutter, Euch folg' ich, ich geh'! ich kann aber nicht wissen, ob ich ihn find'.« »Ja, geh in Gottes Namen und sei gut. Ich will sehen, daß ich ein bisle schlafen kann.« Peter ging, aber er schwenkte bald seitab nach einer Gassenwirthschaft, wo gekegelt wurde, und er freute sich, den Holzmachern aus dem obern Wald und auch halbwüchsigen Burschen ein gut Stück Geld abzugewinnen, denn Peter war Meister im Kegeln. Neunundvierzigstes Kapitel. Landolin war unversehens mitten im Getümmel des Festplatzes, und der erste, auf den er stieß, war der Einhändige, der vor Zeiten für ihn beim Militär eingestanden war. »Komm her! Sollst was haben,« sagte Landolin in die Tasche greifend. Der Einhändige zögerte, seine Linke auszustrecken, endlich aber bot er sie doch dar, er mochte eine Gabe nicht von sich weisen, obgleich er einen guten Verdienst hat, zumal heute, denn Anton hat ihm einen Hausirhandel mit den Bildern der Helden unserer Tage eingerichtet, und der Einhändige verstand es, seine Waare anzupreisen. Titus sah zu, wie Landolin dem Einhändigen etwas gab; jetzt begegneten sich die Blicke Beider, aber keiner grüßte den Andern. Titus war der Meinung, Landolin müsse ihn zuerst demüthig grüßen, und Landolin erwartete, daß der in seiner Ehre Unbehelligte zuvorkommend gegen ihn sein müsse. Landolin sah den Fidelis. Der Knecht, der ehemals bei ihm gedient hatte, ging an ihm vorüber, wie wenn er ihn nicht kenne; er war wol betroffen, weil der Meister trotz seiner schweren Aussage frei gesprochen war. Landolin hatte Lust, ihn anzurufen und freundlich zu sein, aber da hörte er, wie Titus zu dem nun bei ihm dienenden Fidelis sagte: »Sei nur recht lustig heut', Du stehst in allen Ehren, und was Du verzehrst, bezahl' ich.« Da gingen die Festjungfrauen mit Kränzen auf dem Haupte Arm in Arm; man hatte ihre Zahl offenbar noch vermehrt. Da war die Tochter des Bezirksförsters, die Tochter des Titus und des Oberbauern – was wären sie aber alle gegen Thoma, wenn sie erschienen wäre! Da schüttelten sich Männer die Hände, lobten den schönen Tag und das schöne Fest. Landolin rieb sich die kalten Hände, Niemand hatte seine Hand noch berührt. Klebte denn Blut daran? Er ist ja frei gesprochen. »Was nur mit dem Anton Armbruster sein mag, daß er nicht gekommen ist . . . Es fehlt ein Bestes, weil er fehlt . . . Die Thoma hat ihm das Fest verboten . . . Nein, die Verlobung ist ja auseinander . . . Und ich sag' Euch, der Anton schämt sich für den Landolin, den sie, es ist himmelschreiend, frei gesprochen haben . . . Schau, da geht er ja.« Solches und mit noch gesalzeneren Worten hörte Landolin aus allen Gruppen, und er ging umher wie ein aus dem Grabe Erstandener, den Niemand mehr gewahren wollte. Das hab' ich nicht verdient, das nicht – sagte sich Landolin ingrimmig und traurig zugleich, und die Augen, die einen freundlichen Blick suchten, brannten ihm. Er fühlte, daß ihm alle Festgenossen nicht nur über das, was er gethan, gram waren, und sich damit gütlich thaten, ihn durch Nichtbeachtung zu kränken, er merkte auch ganz deutlich, daß sie ihm noch besonders zürnten, weil seinethalben Anton nicht da war. Hier auf der Stelle, wo er am Markttage sich ruhmredig ausgelassen hatte, wie er eigentlich Anton als geringer betrachte, hier mußte er hören, wie allgemein beliebt und geehrt der war, den er Sohn hätte nennen dürfen. Landolin wollte davon gehen. Was soll er auf dem Festplatze? Aber ruhig! Stillgestanden! rief jetzt Alles, denn eine Trompetenfanfare erscholl, und der Bezirksförster bestieg die Rednerbühne. Er sagte, daß eigentlich Anton Armbruster dazu bestimmt gewesen sei, die Freunde und Festgenossen zu bewillkommen. Hoch Anton! riefen Einige unterbrechend von da und dort, es wurde Stille geboten, und der Förster sprach nun in schlichten Worten den Festgruß und die Bedeutung des Tages. Er sagte, er wolle kurz sein, denn hungrige Magen verschlucken nicht gern Worte. Er schloß mit einem Hoch auf das Vaterland. Zum Essen! Zum Essen! hieß es nun, und bald waren die Tische besetzt, und die Musik spielte lustige Weisen. An einem Tische saß Titus mit den anderen Großbauern, Landolin nahm einen Stuhl, sagte »mit Verlaub« und setzte sich auch dazu. »So, Herr Altschultheiß? Auch hier?« wurde Landolin angesprochen, er wendete sich um, er sah den Engelbert Schäfer von Gerlachseck, der sich bei ihm hatte verdingen wollen, und der nun eine große weiße Schürze anhatte, denn die Schwertwirthin hatte ihn für heute als Aushülfsdiener angenommen. Landolin gab ihm keine Antwort. Die Tischgenossen aßen und tranken tapfer und sprachen laut, aber Niemand redete mit Landolin ein Wort. Endlich sagte Titus. »Ja, wie ist's denn, Landolin? Wie ich höre, willst Du Deinen Hof verkaufen. Wenn Du das willst, ich bin Liebhaber; ich bezahle Dir den höchsten Preis, kannst abschätzen lassen.« »Wer hat denn gesagt, daß ich verkaufen will?« »Es heißt so, man sagt's allgemein, Du wollest aus der Gegend fort.« »Wenn ich den wüßt', der Das ausgesprengt hat, ich thät' ihm die Zung' aus dem Rachen reißen!« »Thu' das nicht,« lachte Titus, »Du solltest doch wissen, so was thut nicht gut.« »Du bist's!« rief Landolin, »der das ausgesprengt hat. Ja Du!« Titus gab keine Antwort, er stand auf und ging davon, und bald standen auch alle Anderen auf. Landolin saß allein am Tische. Ringsumher tönte die Musik, es wurde getanzt und in den Pausen wurde gesungen, gelacht, gejohlt, in Landolin kämpfte Wuth und Jammer. Sind das lauter schneeweiß Unschuldige, die da umherwandern? Sind da nicht Dutzende, die noch viel Aergeres auf dem Gewissen haben, oder denen man's doch nachsagt? Er wünschte sich eine Macht, daß er da hinein rasen und Alles zertreten und zerstampfen könnte. Und wieder überfiel ihn Trauer, er mußte denken: wärst Du nur noch im Gefängniß, oder besser, gar nicht auf der Welt. Um aber nicht zu zeigen, was ihm so nahe geht, lehnte er sich, trotzig dreinschauend, zurück, steckte sich seine Pfeife an und paffte in die Welt hinein. Sie sollen's nicht fertig kriegen, daß Du demüthig herum laufst. Da erscholl helles Lachen vom Honoratiorentisch in der Nähe. Was ist das? Sind die Feinhändigen auch schadenfroh? Nein, es kann nicht sein, denn dort sitzt ja die Kreisräthin neben ihrem Sohn, dem Lieutenant. Funfzigstes Kapitel. Am Honoratiorentische, der mit weißem Linnen gedeckt war und auf welchem Blumensträuße in Vasen standen, sagte eben der Reallehrer: »Ja, Frau Räthin, das ist eben das harte Räthsel, das die ganze Geschichte der Menschheit in sich birgt: warum kann nur ein Mythus oder ein Volkskrieg die Seelen der großen Masse bewegen? In einem Kriege erscheinen die Volksseelen, man darf sagen, von Angesicht zu Angesicht.« So sprach er und hielt mitten in seiner Darlegung inne, denn der Lieutenant sagte mit hellem Tone: »Die Franzosen hielten uns für Menschenfresser, buchstäblich. Es war in einem Dorfe bei Orleans, ich komme in ein Haus, ich rufe, keine Antwort, da sehe ich eine Frau, die auf dem Backofen sitzt; ich spreche ihr freundlich zu, sie bleibt stumm; endlich frage ich, wo denn die Kinder seien, sie sieht mich mit grauenhaftem Entsetzen an, und ich sage lachend: Holen Sie mir eins und braten Sie mir's gut, ich will es fressen – da lacht die Frau auch und läßt die Kinder aus dem Backofen heraus, wo sie sie wirklich versteckt hatte.« Darüber also war am Honoratiorentisch laut gelacht worden, und Alles freute sich an dem Lieutenant, dessen ehemalige unbändige Burschikosität sich in haltungsvolle Gemessenheit verwandelt hatte. Das Auge der Kreisräthin leuchtete im Mutterglück, und war sie immerdar bedacht, andere Menschen zu erquicken und zu trösten, so hätte sie gern heute Alle rings umher mit Freuden überströmt; die Menschen bedurften aber heute ihrer nicht, denn Jubel und Glück herrschte überall. Jetzt sah sie Landolin und sie sagte: »Da drüben sitzt der Bauer von Reutershöfen so einsam.« »Es ist gut,« sagte der Bezirksförster, »daß das Volk noch starkherzig und gradsinnig genug ist, um auch einen Freigesprochenen auszustoßen.« »Wolfgang, begleite mich,« sagte die Kreisräthin aufstehend und ging am Arme ihres Sohnes nach dem Tische Landolins, sie wurde oft angehalten, denn der Lieutenant und sie mußten Vielen Rede stehen und freundliche Worte tauschen. Am Tische Landolins sagte die Mutter ihrem Sohne, er solle nun zu seinen Kameraden gehen, sie wolle hier bleiben. Sie reichte Landolin die Hand, sie setzte sich zu ihm, fragte nach Frau und Tochter – nach Peter fragt man nicht – und versprach, bald auf Besuch zu kommen; sie deutete auch an, daß sie den Zerfall mit Anton ausgleichen zu können hoffe. Landolin berichtete mit sicherer Stimme, daß Anton gestern Abend bei ihm gewesen, daß aber Thoma ihn abgelehnt habe, und das sei gewiß der Grund, warum Anton heute vom Feste wegblieb. »Hätt' ich das gewußt, wär' ich auch nicht gekommen,« schloß Landolin, und die Frau erkannte, welches Herzeleid er heute erfahren hatte. Mit dem innigsten Ausdruck, der in ihrem Ton und in ihrem Antlitze lag, sagte sie nun: »Herr Altschultheiß, ich wüßte einen guten Rath für Sie.« »Ein guter Rath – den kann man immer brauchen.« »Ich meine, Sie sollten mit Thoma auf einige Wochen verreisen, in ein Bad, das wird Ihnen gut thun.« »Ich bin nicht krank, mir fehlt nichts; hab' nicht gewußt, daß unsere Frau Räthin auch ein Doctor ist.« »Ihr versteht mich schon.« »Ich bin doch zu dumm, ich verstehe nicht, was Sie meinen.« »So muß ich's Ihnen deutlich sagen. Glauben Sie, daß ich's gut mit Ihnen meine?« »Ja wohl. Warum nicht?« »Sie sollten also auf einige Wochen verreisen, und wenn Sie dann wiederkommen, dann steht Alles viel besser, es ist unterdeß Anderes geschehen und . . . Sie können mir's glauben, es wäre gut.« Landolin schüttelte den Kopf und sagte endlich: »Sie meinen's rechtschaffen gut, gewiß, ja, aber ich geh' nicht vom Fleck, da bleib' ich, jetzt den Anderen zum Possen. Hat ja der . . . der ehrenwerthe Titus, der Scheinheilige, aussprengen wollen, ich verkaufe meinen Hof. Da bleib' ich und mache ein Pfui über die ganze Gegend. Auf hundert und hundert Jahre zurück sitzen wir auf unserm Hof. Sie können den Wälderjörgli fragen, der wird's bezeugen.« »Ich glaube Ihnen allein aufs Wort,« sagte die Räthin, und Landolin nickte fröhlich, es that ihm wohl, daß man ihm so gradaus vertraute, und er fuhr mit hellem Tone fort: »Ja, Frau Räthin, wir Bauersleute sind nicht so leicht zu versetzen, wie die . . . wie die Vornehmen. Wir da auf Reutershöfen, wir sind ein fester Stamm, da können die Leute drum herum graben, so viel sie wollen, sie kriegen ihn nicht zu Boden.« Sein ganzer Stolz erhob sich in ihm, sein verfallenes Antlitz wurde stramm, die Gestalt schien größer zu werden. Die Kreisräthin wußte nichts mehr zu sagen, sie wäre auch nicht mehr gehört worden, denn von tausend Stimmen rief es: »Der Wälderjörgli! Der Wälderjörgli ist da! Der Einungsmeister! Der Wälderjörgli!« Der Schrei wälzte sich bis zu der Bergwiese hinan, und die Kinder und Mädchen riefen auch dort: »Der Wälderjörgli!« Ein Mann, der um Haupteslänge über Alle, die ihn umringten, hervorragte, ward sichtbar, das Haupt war von langen schlichten schneeweißen Haaren bedeckt, und der schneeweiße Bart reichte tief auf die Brust hinab, das Antlitz mit den dichten aufgesträubten Brauen und der großen Nase schien wie mit der Axt gezimmert. »Hutadi! Hutadi!« schrie Landolin, wie mit einer Tollwuth aufspringend und sich in den Menschenknäuel stürzend. »Hutadi!« schrie er, die Arme ausstreckend und die Fäuste ballend, als er vor Titus stand, diesem in's Gesicht. Einundfunfzigstes Kapitel. »Halt Dich ruhig, Landolin! Das gilt heut' nicht mehr,« sagte der Wälderjörgli mit machtvoller Stimme und legte seine breite Hand zwischen die beiden Ergrimmten; sie standen ruhig, nur ihre Brust hob und senkte sich, und sie schauten zu Boden wie beschämte Knaben. Der alte Raufschrei »Hutadi« – Niemand weiß genau, was er bedeutet, wahrscheinlich: Hüte dich! oder auch: Haut an dich gewagt – galt vor Zeiten als eine Anforderung, der sich Niemand entziehen durfte; wo der Ruf aus dem Wald oder von einer Wiese schallte. mußte der Hörer sich dem Rufer zum Ringkampf stellen, und der Wälderjörgli hatte vor Zeiten in seinen Jugendjahren als der Rauflustigste und Mächtigste gegolten. Mit den gereiften Mannesjahren aber war er einer der Gemäßigtsten und Besonnensten geworden, so daß er zum Einungsmeister gekürt wurde für die Wälder-Republik da oben, die als freie Bauernschaft nur den Kaiser als Oberherrn anerkannte. Jörgli schlichtete die Rechtsstreite, verhängte Strafen, schrieb in Gemeinschaft mit dem Rathe die Steuern aus, und da gab es keinen Widerspruch. Jörgli war auch der einzige noch übrig Verbliebene von jener letzten Gesandtschaft, die die Wälderbauern an den Kaiser nach Wien geschickt hatten, um Einspruch zu erheben, daß sie einem Landesfürsten unterthan werden sollten; sie wollten eine reichsfreie Bauernschaft bleiben. Jörgli behauptet, er sei dreiundneunzig Jahre alt, man glaubt aber allgemein, daß er schon mehr als hundert Jahre alt sei; es ist nicht zu ermitteln, denn die Kirchenbücher sind mit Kirche und Pfarrhaus in der Napoleonischen Zeit verbrannt. In rascher Gedankenfolge erkannte Landolin, daß der Wälderjörgli ihn mit einem Schlage wieder in alle Ehren einsetzen könne; er sagte daher: »Von Euch, Einungsmeister, lasse ich mir gern befehlen; Euch gehört alle Ehrerbietung, und Ihr seid ja der Herzbruder von meinem Großvater gewesen.« Er legte die Hand aufs Herz, er hoffte, daß der Wälderjörgli sie da fasse; der Alte aber sah ihn unter den schneeweißen buschigen Brauen streng an, dann sagte er: »Wie geht's Deiner Frau?« Landolin konnte kaum antworten. Was ist denn das? Nach seinem Ergehen fragt man nicht, und ist denn die Frau plötzlich so was Besonderes? Fragt der Alte nur nach ihr, um nicht nach ihm selber zu fragen? Er stotterte eine Antwort, und der Alte trug ihm einen Gruß an die Frau auf, die »eine ehrenfeste Bäuerin« sei. Landolin schmunzelte doch; kriegt er selber nichts, so ist's doch schön, daß eines der Seinen was kriegt und er hat doch Theil daran. Landolin berichtete den Umstehenden, daß das Geschlecht des Wälderjörgli und das seine die ältesten in der Gegend seien; nach dem Schwedenkrieg seien nur noch die zwei Bauernhöfe gestanden. Er merkte noch während des Redens, daß ihm Niemand zuhörte, und den Blick zu Boden gerichtet, beendigte er seine Rede. Die Kreisräthin war näher getreten und Titus gewann die Oberhand, indem er sie vorstellte und sagte. »Das ist die Wohlthäterin der ganzen Gegend.« Jörgli faßte mit seiner großen Hand die feine der Frau und sagte: »Hab' schon von Dir gehört. Bist brav, ist recht. In alten Zeiten hat das Weibsvolk nicht so viel gegolten, wie jetzund; aber ist schon recht. Und das da ist Dein Sohn? Bist Du nicht einmal bei mir gewesen in Deiner Studentenzeit? Hast Dich brav gehalten.« Er schlug dem Lieutenant auf die Schulter und Alles staunte, wie der Wälderjörgli noch so reden könne und Alles wisse; daß er Ehre auszutheilen hat, das verstand sich von selbst. Mit großem Geschick sagte Titus, welch eine Ehre es sei, daß der Jörgli zu dem Feste gekommen; er bat nun, er möge die Rednerbühne besteigen und ein paar saftige Worte an die Versammelten richten; die Kreisräthin fügte hinzu, es werde für Alt und Jung, für Kind und Kindeskind ein Andenken wie ein Kleinod sein, wenn sie sagen könnten: wir haben den letzten Einungsmeister gehört. Der Wälderjörgli sah den Titus und die Kreisräthin mit durchbohrenden, fast verächtlichen Blicken an, denn er war weder eitel, noch wollte er weise sein und den Prophet spielen; er schüttelte sein großes Haupt und stemmte die beiden Daumen in die Armlöcher seiner langschoßigen rothen Weste; er richtete sich aber hoch auf und sein Auge funkelte, da der Bezirksförster, der den Jörgli genau kannte, hinzufügte: es wäre gut, wenn man nicht den Geistlichen allein überließe, nun auch die Kriegervereine für sich einzuheimsen und der Fahne die Weihe zu geben; das schicke sich besonders für einen Mann wie Jörgli, er solle den Nagel einschlagen, der die Fahne an die Stange hefte, und das hätte gewiß auch Kaiser Joseph gebilligt. Wenn man Kaiser Joseph sagte, war's, wie wenn Jörgli zu neuem Leben erweckt würde; an Kaiser Joseph, der wie ein heiliger Märtyrer verehrt wurde, knüpften sich noch Erinnerungen vom Vater Jörgli's, die er nahezu für eigene Erlebnisse hielt. Jörgli hob die Arme mit den geballten Fäusten empor und sagte: »Gut denn! So sei's.« Er wurde auf die Rednerbühne geführt, und endloser Jubel erscholl, als er oben sichtbar wurde, ihn stützend stand zu seiner Rechten Titus, zu seiner Linken der Lieutenant. Es trat eine Stille ein, daß man den Flügelschlag des Taubenpaares vernahm, das über die Rednerbühne dahin flog. Auf die Tauben zeigend, rief Jörgli: »Da fliegen sie! Keines sagt dem Andern, jetzt biegen wir so herum und jetzt so herum; sie fliegen von selber einig. So ist's. Von selber einig.« Er hielt inne und schien nicht weiter zu können, die Anknüpfung hatte ihn offenbar von dem abgelenkt, was er sagen wollte; er schaute verwirrt um und schien kein Wort mehr finden zu können, ja vergessen zu haben, daß er auf der Rednerbühne stand. In peinlicher Verlegenheit standen die beiden Geleitsmänner oben und die Versammelten unten; es war doch nicht recht gewesen, den hundertjährigen Greis auf die Rednerbühne bewegt zu haben, da sagte der Bezirksförster, der ganz nahe stand, vernehmlich: »Kaiser Joseph!« Jörgli öffnete den Mund weit und nickte, ja, jetzt hat er seinen Leitstern wieder, und, wenig vernehmlich, noch weniger klar, sprach er von Kaiser Joseph und vom neuen Kaiser. Nur so viel war deutlich, er hielt diesen für den geraden Nachkommen und Fortsetzer in dem Kampfe Kaiser Josephs gegen den Papst. Titus reichte dem Jörgli einen Nagel und der Lieutenant einen Hammer, Jörgli nagelte die Fahne an die Stange und diese weithin sichtbare Handlung war mehr als die beste Rede; unter Hochrufen und Trompetenfanfaren verließ der Jörgli die Rednerbühne. Er rief sofort nach seinem Fuhrwerk, er wolle heim, und Niemand wagte, ihn zum Dableiben zuzureden. Der vierspännige Wagen kam auf die Festwiese. Landolin drängte sich zu dem Wagen heran und sagte: »Jörgli! Ich will Euch heim begleiten, nehmt mich mit.« »Grüß' mir Deine Frau,« entgegnete Jörgli abwehrend, ließ sich auf den Wagen helfen und fuhr davon, die Räder wurden auf der Wiese kaum gehört, zu beiden Seiten wich Alles zurück und grüßte ehrerbietig. Wie schön wär's gewesen, wenn du oben neben dem Mann hättest sitzen können! dachte Landolin. Kindlicher hat noch kein Betender einen Engel, einen Heiligen angefleht: nimm mich mit, erlöse mich aus dem Elend – als jetzt diese Worte auf den Lippen Landolins schwebten. Aber die Besten sind heute nicht mehr gut und haben kein Erbarmen. Als der Jörgli weggefahren war, ging die Lustbarkeit von Neuem los; Eins rief dem Andern, man wolle noch gemeinsam trinken, und bald hatten sich neue Gruppen gebildet. Nur Landolin war nicht angerufen worden, er stand allein, aber halt! Landolin schlug auf seine Tasche, darin es klimperte; damit kann man einen Kameraden rufen, der am besten zu reden und Alles vergessen machen kann. Landolin ging vom Festplatze weg nach der Stadtseite des Schwertwirthshauses. Dort war heute kein Gast, eine alte Kellnerin brachte ihm Wein, und er trank allein; er ließ wiederholt frisch einschenken, und da er noch immer der war, der von Jedem recht angesehen sein wollte, erklärte er der Kellnerin, er gehe nächster Tage in ein Curbad. da dürfe man nichts trinken als Sauerwasser, drum wolle er jetzt im Voraus seinen Wein trinken. Die Kellnerin fand das wohl vorbedacht, dann las sie weiter in der Bilderzeitung, die sie sich aus dem Casino herabgeholt hatte. Es war still in der kühlen Stube, nur ein Canarienvogel in seinem Käfig schmetterte seinen Naturschlag und pfiff dann die halbe Melodie des Liedes: Wer niemals einen Rausch gehabt u. s. w. Landolin schaute manchmal nach dem Vogel hinauf und schmunzelte; in Erinnerung an den Wälderjörgli murmelte er dann auch vor sich hin: »Grüß' mir Deine Frau.« Zweiundfunfzigstes Kapitel. Die Mutter schlief in der Kammer, Thoma saß in der Stube am Tische vor einem großen schönen Buche mit vielen schönen Bildern, es war eine illustrirte Geschichte des letzten Krieges, die ihr Anton einmal gebracht hatte; viele Zeichen lagen darin an den Stellen, wo die Schlachten geschildert waren, die Anton mitgekämpft hatte; da waren wol viele Soldaten zu sehen, aber das Bild Antons war nicht erkennbar. Sie hatte gehört, daß Anton heute nicht bei der Fahnenweihe gewesen; das war um ihretwillen geschehen. Was konnte sie ihm dafür leisten? Es schien keinen Ausweg mehr zu geben. Thoma hatte lesen wollen, aber sie kam nicht dazu, und heute graute ihr sogar davor, wie da die Menschen einander morden und wie Granaten sie in Stücke reißen. Thoma starrte lange in die leere Luft hinein, und sie spürte auch die Müdigkeit von der Ernte Arbeit, ihr Kopf senkte sich und sie schlief auf dem offenen Kriegsbuche ein. Schreien der Mutter weckte sie auf, denn die Mutter rief: »Landolin! Um Gotteswillen! Thu's nicht! Laß ab!« Thoma eilte zur Mutter und diese sah sie verworren an, wie wenn sie sich schwer befinden müsse, wer und wo sie sei. »Du bist's?« sagte sie endlich. »Wo ist der Vater?« »Bei der Fahnenweihe.« »Er soll heimkommen! Hat ihn der Peter noch nicht gefunden? Wo bleibt er denn so lang? O Thoma! An dem schwarzen Bändel das Glas! Er ist auf den Titus gekniet und hat ihn erwürgen wollen. Der Bauer soll heimkommen, heim!« rief die Mutter weinend. Es gelang Thoma, die Fiebernde zu beruhigen und sie zu entkleiden. Mit Zähneklappern bat die Mutter nochmals, daß man Boten nach dem Vater schicke. Thoma willfahrte ihr. Singende Burschen und Mädchen kamen auf geschmückten Wagen am Hause vorüber, auch einige Johlende, die zu Fuß daher kamen, machten ihrer Lustigkeit Luft, und drin im Hause fieberte die Bäuerin, sie schlief endlich mit glühenden Wangen wieder ein. Thoma hatte dem zum Vater geschickten Boten auch aufgetragen, den Kreisarzt herzubitten. Der Bote fand den Arzt, aber nicht den Bauer. Es war spät in der Nacht als Landolin über die Brücke heimwärts ging, er stieß ans Brückengeländer und sagte. hoho! wie wenn ihm Jemand nicht ausgewichen wäre. »Bist Du betrunken?« fragte er, den Finger an die Nase legend; er lachte und ging weiter. Der Festplatz war leer, keine Menschenseele ringsum. Landolin ging festen Schrittes nochmals auf die Maiwiese, bestieg die Rednerbühne und rief: »Ihr alle miteinander, alle, Euch soll alle der Teufel holen. Hutadi! Hutadi!« schrie er mit urgewaltiger Stimme, er schien zu warten, daß Jemand käme und mit ihm raufe, da aber Niemand kam, stieg er herab und ging die Bergstraße hinan. »Pfui, schäme Dich, Landolin,« redete er mit sich selber, »Du bist ja ein Kerl . . . pfui! Ein Mann wie Du, betrunken, auf der Straße vor allen Menschen . . . Laß mich in Ruh' Titus, ich will nichts von Dir . . . Ich bin nicht betrunken. Und wenn ich's bin . . . nein . . . Verfluchter Schwertwirthswein . . . Damals . . . weg! fort . . . Wenn Du nicht gehst, Vetturi, da soll . . . da, da liegst . . .« Er bückte sich nach einem Steine, stürzte nieder und richtete sich wieder auf. »Halt Dich ruhig. ruhig, so, so,« redete er zu sich, wie zu einem wilden Pferde, und dann knirschte er: »Hätte ich nur einen Gaul zwischen den Schenkeln! Daheim stehen zwölf, sechzehn Pferdebeine und das Fohlen . . . Wer geht hinter mir? wer? Wenn Du Courage hast, komm vor, hinten anpacken gilt nicht . . . komm . . . komm vor, komm und ich will mit Dir raufen . . .« Von der steilen Geröllhalde rollten Steine auf die Straße, wer weiß, von welchem flüchtigen Fuße eines Wildes gelockert. Sich mit beiden Händen in die aufsträubenden Haare seines Kopfes fassend, rief Landolin: »Du wirfst mit Steinen? Da ist's! Nothwehr! Nothwehr, wart'.« Er hielt an und sagte zu sich selber: »Mach' Dich nicht verrückt, sie sperren Dich ins Narrenhaus.« Im Thale brauste der Bahnzug daher. Die rothen Lichter der Locomotive erschienen wie die brennenden Augen eines schnaubenden Ungeheuers. Landolin starrte darauf hin und fand dabei eine Beruhigung: wo die Lokomotive geht, können keine Gespenster umwandeln. Der Angstschweiß rann ihm herunter, und mit laut pochendem Herzen stieg er immer rascher die Bergstraße hinan; er athmete freier, er that den Hut ab, ein kühlender Luftstrom zog über die Hochebene, er sah sein Haus und sagte: »Sie haben noch Licht. Sie warten auf mich. Es steht Essen auf dem Tisch. Fass' Dich, Du bist der Landolin von Reutershöfen, hast eine Frau, die heißt Johanne, und eine Tochter, die heißt Thoma, und einen Sohn, der heißt Peter . . . Das Hämmern in meinen Schläfen geht mich nichts an. Ich bin nicht betrunken, . . . katzennüchtern. Dreimal drei ist neun und eins dazu ist zehn. Du lügst, daß ich getrunken hätt', ich kann noch schrittlich gehen. So, da ist der Brunnen, Du hast's gut, Du Brunnen Du, Du kannst daheim bleiben und bist alleweil voll. Ha, ha! Still! Mach keine Possen! Still!« Er stand wieder am Röhrbrunnen, kühlte sich Hände und Gesicht, dann ging er in den Hof und ohne sich beim Hunde aufzuhalten, die Treppe hinan und in die Stube. Er sah den Arzt am Tische sitzen und schreiben. »Was ist? Es ist doch nichts?« »Eure Frau ist krank.« »Es wird doch nicht arg sein?« »Ich weiß noch nicht. Jedenfalls haltet Ruhe. Ihr könnt hinein gehen, aber redet nicht viel und gehet gleich wieder fort.« Die Wände, der Tisch, die Stühle schienen zu wanken, und doch ging Landolin festen Schrittes zu seiner Frau und sagte. »Ich soll Dir einen Gruß ausrichten vom Wälderjörgli, er hat mir's zweimal aufgetragen.« Er hatte die Kraft, Alles mit ruhigem Tone zu sagen, und die Frau erwiderte: »Hab' schon gehört, der Doctor hat's gesagt, der Wälderjörgli ist da gewesen; wo der ist, ist Alles gut. Sag' ihm Dank. Gute Nacht!« Draußen in der Stube warf sich Landolin in den großen Stuhl und rief: »O, was ist das für ein Elend, so heimkommen und die Frau ist krank und keine Freud' und kein Willkomm und nichts!« Er starrte auf Thoma, die, an die Kammerpfoste gelehnt, dastand, sich nicht regte und keinen Laut von sich gab. Wie weit, wie weit ist's gekommen, der Vater denkt in solchem Elend nur an sich! Landolin erhob sich mühselig und sagte leise zu Thoma: »Du hast's gemerkt, daß ich einen Rausch hab', ja ich hab' einen, und wenn Du nicht wieder brav gegen mich wirst, hab' ich jeden Tag einen; nachher könnt Ihr sehen, was daraus wird.« »Ich kann Euch nicht wehren, was Ihr an Euch und an uns thun wollt.« »Hol' mir was zu trinken, ich hab' solchen Durst,« befahl Landolin, Thoma ging und kam mit einer Flasche wieder. »Das ist ja Wasser! Du hast aber recht, Du bist gescheit.« Zum ersten Mal seit langer Zeit lächelten Vater und Tochter mit einander, schnell aber war's wieder verschwunden. Dreiundfunfzigstes Kapitel. Der Bauer schafft wie ein Knecht, sagten die Dienstleute und Taglöhner auf dem Hofe Landolins. In der That war Landolin der erste am Morgen und der späteste am Abend und griff bei der Feldarbeit zu, wie noch nie. Das Essen schmeckte ihm und er schlief bis zum Morgen an der Stelle, wo er sich nieder gelegt hatte, ohne sich hin und her zu wälzen. Er verließ das Haus nicht mehr, nicht an Wochentagen, nicht an Sonntagen, und er that ein Großes, er sagte vor den Leuten, Peter solle Alles regieren, denn er sehe noch gerne die paar Jahre mit offenen Augen, wie es Peter einstmals halten werde, wenn sein Auge geschlossen; es war ein milder Ton in jedem seiner Worte und ein ruhiger Ausdruck in jeder seiner Mienen. Landolin schien dankbar, daß ein schweres Gewitter über sein Hans weggezogen, da die Frau aus aller Gefahr gerettet war, freilich kränkelte sie noch und mußte in der Stube bleiben; aber sie schien doch neu zu gedeihen, da sie merkte, daß der Bauer das Beste wiedergefunden hatte, und das ist: sich nicht um die Welt kümmern, sein eigen Anwesen gut in Stand halten. Daß Landolin erkannt hatte, was er an seiner Frau hatte, daran dachte sie nicht, und er sagte ihr auch nichts davon; das war und blieb einmal so, daß er sich darüber nicht auslassen konnte. Nur zwei Menschen im Hause mied er, eins merkte es, das andere nicht. Landolin vermied es, auf demselben Acker oder sonst bei einer Arbeit mit Thoma zu sein. Er fühlte sich wie unter einem Bann, wenn Thoma ihn ansah und er glaubte es zu spüren, daß sie in jeder seiner Mienen forschte, auch wenn er ihren Blick nicht sah. Er konnte sich nicht erklären, was die Thoma noch von ihm wolle, seitdem sie ihm verboten hatte, seinerseits die Sache mit Anton wieder in Ordnung zu bringen. Seit seiner Heimkehr aus dem Gefängnisse, besonders aber seit der Fahnenweihe, schloß Landolin oft, wenn er sich unbeachtet glaubte, die Augenlider und auch im Anschauen eines andern blinzelte er oft, als wären ihm die Augenlider vom gewaltsamen Aufreißen müde. Der Andere, den Landolin gerne mied, war Tobias, denn Peter beharrte dabei, daß Tobias aus dem Hause müsse, und obgleich Landolin sonst gar nicht weichherzig war, zumal nicht gegen Dienstboten, denn er hielt die besten für Schelme, that ihm diese Entlassung doch wehe, und er konnte doch auch nicht vergessen, wie viel Tobias zu seiner Freisprechung geholfen hatte. Zwei Menschen außerhalb des Hauses hätte man am liebsten ganz vergessen. Der eine war Anton. Er selbst ließ nichts von sich hören, er war mit einem großen Floß rheinabwärts nach Holland gefahren, aber alle Menschen, die ins Haus kamen – und es kamen allmälig wieder viele – bedauerten, daß Anton nicht wieder der Sohn des Hauses, und ließen nicht ab in Fragen, warum denn Alles so sei. Wer es genau hätte sehen können, hätte bemerken müssen, daß die Augenbrauen der Thoma sich noch um eine Linie tiefer senkten. Anton hatte ihr vormals erzählt, daß sein Vater ihn oftmals bedrängt habe, er solle einmal mit einem Floß nach Rotterdam fahren und dort die Töchter seines Geschäftsfreundes kennen lernen oder sonst sich nach einer Frau umschauen. Es wohnte auch schon eine Holländerin in der hiesigen Gegend, eine behäbige hellfarbige gute Frau, sie war auch an einen Sägmüller verheirathet, und Thoma konnte sich's recht gut vorstellen, wie Anton mit einer solchen ehrsamen wohlbedächtigen Frau glücklich sein könnte. Der zweite Mensch, den man gern hier im Hause vergessen hätte, war die Schaubkäther. Sie lebte still, sprach kaum mit Jemand, aber jeden Abend sah man sie mit ihrer Laterne auf dem Grabe ihres Sohnes. Wenn sie Einem aus dem Hause Landolins begegnete, stand sie still, blickte das Vorübergehende starr an und dankte keinem Gruße, vor Landolin selber aber spie sie jedesmal aus. Die Bäuerin und Thoma hatten sich viel Mühe gegeben, selber und durch Befreundete, der Schaubkäther Gutes zukommen zu lassen, aber sie wies Alles ab. »Ich laß mir den Mörder Landolin nicht abkaufen,« war ihre ständige Rede. Sie sammelte überall Aehren, aber die Aecker Landolins mied sie. Sie trug ihr Korn zur Mühle, und auf der Brücke begegnete sie Landolin, der zu Pferde war, sie warf sich vor das Pferd und rief. »Steig' ab und ersäuf' Dich, Du Mörder! Reit' nur, fahr' nur, Du trägst Deine Hölle doch mit Dir herum. Steig' ab und ersäuf' Dich.« »Bist Du fertig? So geh' jetzt aus dem Weg,« sagte Landolin ruhig, als aber die Alte die Zügel des Pferdes nicht ließ, rief er zornig: »Laß los, oder Du spürst meine Peitsche oder ich hetze den Racker auf Dich.« Der Hund hatte die Worte seines Herrn verstanden, er setzte die beiden Vorderpfoten auf die Schultern der Frau und schnappte ihr rothes Kopftuch, die Frau wich zurück. Landolin befahl noch dem Hunde, das Kopftuch fallen zu lassen, er gehorchte. Landolin ritt davon, er schaute nicht zurück nach der Frau, die ihren Kornsack wieder aufnahm, und er erzählte daheim nichts von dem Begegnisse. Vierundfunfzigstes Kapitel. Wenn zwei Pferde, die zusammen eingesträngt sind, nicht mit einander ziehen, ist das bekanntlich schlimm. Niemand aber kann behaupten, es sei böser Wille dabei und der Sattelgaul könnte dem Handgaul vorwerfen, oder auch umgekehrt, er nehme keinen Verstand an, es sei eitel Freude an der Widerspenstigkeit, daß er sich nicht gleichzeitig ins Geschirr lege und so das Fuhrwerk vorwärts bringe. Anders ist es bei zwei Menschen, und nun gar bei solchen, die ehedem so gut mit einander eingefahren waren, wie Peter und Tobias. Dieser sah wohl die Herrschsucht und die Giftigkeit Peters, er begriff sie nicht, aber er fragte nicht nach dem Grunde, ja er sann nicht einmal lang darüber nach, denn jetzt ist keine Zeit zum Händel haben und zum Streit über den Vorrang. In sich hinein dachte Tobias: Wart' nur, bis die Ernte vorbei ist, dann wollen wir schon ausdreschen. Ebenso dachte Peter: Wart' nur, bis die Ernte vorbei ist, dann wird übers Maß gestrichen und ausgeschüttet. Lächelnd ließ Tobias den Peter in seiner Oberbefehlshaberei gewähren, ja er schaute kaum um, wenn Peter bei Knechten und Taglöhnern ihm seine Anordnungen durchkreuzte. Es ist Erntezeit, da ist ein Gewitter vom Himmel schlimm und ein Gewitter zwischen gemeinsam Arbeitenden noch schlimmer. Tobias that vor den Dienstleuten, als ließe er den kleinen Jungen Peter gern auf dem Gaul sitzen und die Peitsche regieren, während das Fuhrwerk ja doch durch seine Maßnahmen von selber ging. So war es und so blieb es während der ganzen Erntezeit. Peter und Tobias standen einander gegenüber wie Zwei, die mit erhobener Axt gegen einander ausholen. Wann wird der Schlag fallen? Landolin that, als ob er nicht sehe und nicht merke, was zwischen Oberknecht und Sohn vorging. Seit jenem Abend nach dem Schwurgericht hatte er noch kein vertrauliches Wort mit Tobias gesprochen, und dieser fand es nicht auffällig, man sagt ja auch nicht zum Wald hinter dem Hause: ist recht, daß Du da bist und weiter wachsest wie sich's gehört. Und so wenig der Berg mit dem Wald da fort kann, so wenig war's denkbar, daß Tobias nicht zum Hofe gehörte, und nun gar seitdem er so klug und stark zur Freisprechung des Meisters verholfen. Oftmals sah aber Tobias doch auf den Meister, ob er denn gar kein Wort zu sagen habe gegen die Befehlshaberei Peters. Wenn Landolin nicht anders konnte, sagte er kurz weg mit Hand und Augen zutraulich winkend: »Laß ihn machen. Ein Gaul, der beim ersten Anziehen so zappelig thut, der läßt bald nach.« Peter ließ aber nicht nach. Die Haupternte war vorüber, man wollte Alles, was man in unterbrechenden Regentagen ausgedroschen hatte, zu Markte bringen. Seit Jahren war es das unbestrittene Recht des Tobias, daß er den ersten Ausdrusch zu Markte führte; jetzt erklärte Peter, daß er Alles selber und allein übernehme. »Ich hab' nicht nöthig, Dir eine Antwort zu geben,« entgegnete Tobias, »Du bist nicht der Meister; der Bauer und ich wollen Dir den Meister zeigen.« Er rief Landolin herbei und trug den Klagepunkt vor. Landolin nahm von dem eben gefüllten Sack ein Korn heraus, zerbiß es, und das weiße Mehl betrachtend, nickte er ohne Antwort zu geben. Tobias aber drängte auf eine solche und fragte, ob er beim Bauer oder bei Peter im Dienst stehe. »Der Peter und ich, das ist jetzt eins«, brachte Landolin hervor und zerkaute das Korn, das erste, was seit dem Frühling gereift war. Er fühlte, es ist doch klüger, sich mit dem Sohne zu verhalten, der Tobias kann ihm nichts mehr schaden, und man braucht nicht besser zu sein als die Welt. Undank ist einmal der Welt Lohn. Uebrigens wollte er nicht undankbar sein und sagte daher, nachdem er das Korn hinabgeschluckt hatte: »Sei gescheit, Tobias.« »Was gescheit? Wer ist der Meister? Ihr oder der Peter?« »Der Peter,« brachte Landolin hervor und wendete sich. Kann sein, daß dem Tobias unrecht geschieht, mag sein. Landolin ist sich selber der nächste, er hat genug zu tragen und will jetzt nicht auch noch für einen Andern leiden. Er ging, ohne umzuschauen, die Freitreppe hinan und stand oben auf dem Söller. Drunten aber triumphirte Peter: »Hast Du's nun gehört? So hör' gleich weiter. Du kannst gehen, heut', morgen, in dieser Stunde, je bälder Du gehst, um so besser.« Tobias schaute nach den Ställen, nach den Scheunen, nach dem Waldberge, ob denn die nicht wanken. »Also fortgeschickt? Aufgekündigt? Ich? Von Dir?« »Ja ja, von dem Bürschle, das Du zum Spaß hast auf dem Sattelgaul sitzen lassen. Ich hab' schon Alles ausgerechnet, was Du noch zu bekommen hast.« »Was ich zu bekommen hab'? Und wie hoch ist angesetzt, was ich für Euch eingelegt hab'? Für Dich, Du Freigesprochener da oben und für Dich Du –« »Wenn Du Zeugengebühr haben willst, lege ich noch die vier Mark drauf,« höhnte Peter. »Wir fürchten Dich nicht. Geh' hin und sag', Du habest falsch Zeugniß abgelegt; wirst sehen, was dafür kriegst. Vater! redet nichts. Kein Wort. Der da hat's mit mir zu thun.« »So? Geschieht mir recht. So muß es sein. Ja wohl! Die Steine von damals sind jetzt fest eingepflastert, aber Peter, merk' Dir, für Dich fliegen Steine in der Luft herum, bis man Dich einscharrt. Ein unschuldig Kind bin ich gegen Dich. Du wirst aber büßen –« »Prophezei', so lang Du magst, Du bist ein Zeuge gewesen, wie Du ein Prophet bist; weißt wie?« Tobias stöhnte auf wie ein getroffener Stier, er riß an sich herum, er wollte offenbar auf Peter los, dieser aber stand ruhig und zündete sich seine Pfeife frisch an. Tobias hielt sich die beiden geballten Fäuste auf die Brust, und ohne weiter ein Wort zu sagen, ging er nach seiner Kammer. Fünfundfunfzigstes Kapitel. Der Wind pfiff über die Stoppeln, als man am Morgen erwachte, lag der erste Schnee hoch oben auf der Kuppe der Waldberge, aber die kräftige Herbstsonne schmolz ihn bald, und lustige Bächlein rannten in allen Rinnsen zu Thal nach dem Strom. Es war am Sonntag Aegidi, kurz vor der Kirche, da kam Tobias zu der Bäuerin in die Stube und sagte: »Bäuerin, Euch will ich Ade sagen und für alles Gute danken, die vielen Jahre herein. Ihr wisset doch, daß ich fortgeschickt bin?« Die Bäuerin nickte. »Vom Peter,« fuhr Tobias fort, »vom Peter, nicht vom Bauer; das sehe ich wohl, wenn er auch sein Wort dazu gegeben hat. Er gilt eben nichts mehr. Euch zu lieb, Bäuerin, wünsch' ich dem Haus' nichts Böses, so lang Ihr lebet. Ich hab's verdient, daß mir's so geht, geschieht mir ganz recht; warum hab' ich gelogen und vor Gericht gesagt, der Vetturi hab' auch einen Stein nach dem Meister geworfen? Der zitterige Kerl hätt' ja keinen Pflasterstein heben können. Geschieht mir recht, und gescheit ist der Peter, der bringt's weit, er weiß, ich kann das zu Niemand sagen, als zu Euch, und Ihr wisset's ja schon; wo ich's aber sonst sagen möcht', werden sie mich auslachen und verachten dazu. Jetzt sag' ich also Ade und wünsche Euch noch viele gesunde Jahre.« Ein kalter Schauer hatte die Bäuerin durchrieselt, ihre Hände zitterten, und ihr Kopf bewegte sich hin und her in dem großen Stuhl. Sie faßte sich aber und sagte endlich: »Thu's mir zu lieb' und sag' so was zu keinem Menschen mehr. Gieb mir die Hand drauf.« Tobias zögerte, er konnte aber doch ihrem bittenden Blicke nicht widerstehen und faßte die kalte Hand. »Wohin gehst Du von uns weg?«. fragte die Bäuerin. »Ihr seid die erste, die mich das fragt; was ist den Anderen ein abgelohnter Knecht von so vielen Jahren? Ich geh' zu meinem Bruder, dem Wagner.« »Grüß mir ihn. Und Du kommst bald wieder; da laß mich machen.« »Ich glaub' nicht. Ich komm' nicht wieder. Ich hab' mir schon was erspart, und ich krieg' vielleicht auch noch einen Dienst. Zum Titus geh' ich nicht, vielleicht nimmt mich der Anton, wenn er heimkommt. Also nochmals: Lebet wohl!« »Leb' wohl und halt' Dich brav.« Die Bäuerin sah durch das Fenster. Der Hund Racker drängte sich an Tobias, er schien zu ahnen, daß mit dem alten Knechte etwas vorgehe; dieser aber jagte den Hund nicht eben sanft von sich und hob seine große Truhe auf den Wagen, sein Bruder war bei ihm und half ihm; die Truhe sah fast aus wie ein Sarg. Die Bäuerin trat vom Fenster zurück und rief eine Magd, sie solle ihr helfen, sich ins Bett zu legen. Landolin und Thoma waren erschreckt, als sie zu der Bäuerin gerufen wurden. Die Bäuerin lag abgewendet, und ohne sich umzukehren, rief sie: »Es wird schon wieder gut, habt nur keine Angst.« Landolin erkannte schnell, daß Tobias hier Böses angestiftet haben mußte, er sagte daher: »Ich hätt' den schlechten Menschen nicht sollen allein zu Dir herauf gehen lassen. Vor meinen Augen hätt' er's nicht gewagt, seine dumme Bosheit in Dein . . . in Dein gutes Herz auszuschütten.« Solch ein trauliches Wort machte, daß die Bäuerin sich umwendete und nach der Hand ihres Mannes faßte. Ihre Hand in der seinen haltend und mit der andern streichelnd, fuhr Landolin fort: »Ja, man sieht erst zu spät, was ein ungetreuer Mensch ist, und bei einem entlassenen Dienstboten kommt die versteckte Bosheit heraus. Hat der Tobias die Frechheit, zu sagen, er habe damals eine Lüge ausgeheckt, mir zu lieb. Es ist himmelschreiend, wie der Einfältigste noch bösartig sein kann. Aber Gott lob bei Dir kann das nichts anrichten.« Die Frau sah ihn leuchtenden Auges an und nicht ohne Seitenblick auf Thoma, fuhr Landolin fort: »Ich muß dem Peter Abbitte thun, ich hab' ihn gar nicht gekannt; er ist gescheit, gescheiter als . . . als ich gewußt hab'. Wir schicken den Tobias fort, das ist der beste Beweis, daß wir Gottlob nichts zu vertuschen haben. Jetzt aber genug geredet, es soll kein böses Wort über meinen Mund kommen; Du weißt ja, ich geh' heut' zur Beichte.« Die Bäuerin lag ruhig, es fröstelte sie nur, und sie bat die Ihrigen, zur Kirche zu gehen, da es eben zusammen läutete. Landolin ging und nicht ohne Selbstzufriedenheit. Es ist freilich kein großes Kunststück, die vertrauende Bäuerin zu täuschen; aber Thoma hat doch auch ihren Treff dabei bekommen, er gebührt ihr für die verstockte Hartherzigkeit; sie hat gewiß verstanden, wohin das Lob Peters zielte. Thoma blieb bei der Mutter, die still vor sich hin betete. Sechsundfunfzigstes Kapitel. Dieselbe Straße, die Landolin in der Nacht nach der Fahnenweihe gewandelt war, ging jetzt am hellen Herbstsonntag die Frau Kreisräthin dahin, und ein Spötter, der ihre Gedanken kannte, hätte ihr sagen können: es giebt nicht blos eine Trunkenheit durch den Wein, die mit sich selber reden macht und alle Begegnisse verwandelt – und was das Schlimmste ist, die Ernüchterung aus dem Uebergenuß der Gedanken ist vielleicht noch bitterer. Das hätte man der Frau sagen können, und sie hätte doch ihren Schritt nicht gehemmt. Nicht von außen angerufen, sondern einer innern Berufung folgend, glaubte sie nicht länger sich dem entziehen zu dürfen, daß sie Friede und Ruhe im Hause Landolins und Friede zwischen diesem und der Schaubkäther stiftete. Sie wußte recht wohl, denn sie hatte es ja genugsam erfahren, daß man ungebetene Hülfe nicht werth hält, ja leicht von sich weist; aber sie wußte auch, daß trotz der Abweisung ihre Ermahnungen doch oft nachgewirkt und zum Guten gewendet hatten, und vor Allem, sie fühlte in sich die solidarische Verpflichtung von Mensch zu Mensch. Heißt es im Kriege: der Verwundete ist kein Feind, so heißt es im Frieden: der Leidende ist kein Fremder. Und so ging die Frau den Berg hinan, die Glocken läuteten zur Mittagskirche, der Wandernden aber erklang ein Ton von einer Glocke, deren Metall noch nicht geschmolzen und für welche, wer weiß wann, ein Thurm errichtet wird. Das Sinnen der Frau schwebte indeß durchaus nicht in dem, was man höhere Regionen nennt, im Gegentheil, das Nächste und Alltägliche erfaßte sie. Sie stand am Wege und sah, wie der vierspännige Stellwagen in raschem Trabe den Berg herabgefahren kam; ein am Wegrain grasendes Rind sprang aufgescheucht in die Mitte der Straße und rannte nun ängstlich und mühsam vor dem Wagen einher, bis der Kutscher sich von seinem Sitze erhob und mit der langen Peitsche das Rind traf, daß es seitwärts wich, eine Weile dem staubwirbelnden Ungeheuer mit vier Rossen nachstarrte und dann wieder am Wegrain graste. Das Hausthier, das schwerfällig geworden und seines behenden Naturtriebes beraubt ist, wird durch einen Peitschenhieb bei Seite getrieben . . . In mancherlei seltsam durcheinander kreisenden Gedanken war Frau Pfann auf die Hochebene gekommen und sah das Haus Landolins, die Schindelbekleidung glitzerte in der Mittagssonne, der Nußbaum an der Morgenseite stand voll Früchte. Landolin, der auf der Hausbank saß, sah die Frau kommen, aber er stand nicht auf, sondern fuhr fort, mit der Hand Nüsse zu zerdrücken und den Kern zu schälen; erst als sie ganz nahe war, stand er auf und sagte: »Guten Tag, Frau Räthin. Wollen Sie da ein wenig ausruhen?« »Ja wohl. Zu Euch hab' ich gewollt.« »Und darf ich fragen, was Sie mir bringen?« »Eigentlich nichts oder vielleicht doch, ich hoffe –« »Nun was ist's?« »Ich möchte im Hause mit Euch reden, nicht hier.« »Meine Frau ist leider Gottes unwohl, es hat nicht viel zu sagen, aber sie könnt' aufwachen.« »So führt mich in Eure obere Stube.« »Wenn Sie wollen, warum nicht? Fürchten Sie sich aber nicht, mit einem Mörder allein?« Er wollte das eigentlich im Spaß sagen, aber es kam doch herb heraus. »Das Wort dürfen Sie nicht mehr sagen und Niemand,« entgegnete Frau Pfann. »Ich hoffe, auch den Gedanken daran in einem Jeden mit der Wurzel auszureißen.« Du mußt hexen können, dachte Landolin, aber er war doch begierig, was die Frau bringe. Als die Beiden aufstanden, kam Peter hinter dem Nußbaum hervor. Es war wunderlich, überall begegnete man Peter, als ob er aus der Wand, aus der Treppe hervorkomme. Er that, als wisse er nicht, daß sein plötzliches Erscheinen befremden müsse, und sagte sehr unterwürfig: »Es ist uns eine große Ehre, daß die Frau Kreisräthin zu uns kommt. Die Vornehmen wissen, was sich schickt, und sind noch die besten.« Landolin riß die Augen weit auf, da Peter so redete; wo hat nur der Bursch das Alles her und die Keckheit noch dazu? Auch die Frau sah ihn verwundert an, aber Peter fuhr ruhig fort: »Frau Kreisräthin, mein Vater hat in nichts ein Hehl vor mir; darf ich nicht auch wissen, was Sie uns bringen?« Peter sah bei diesen Worten seinen Vater scharf und unverwandt an, er sollte nicht mit einem Augenwinken der Frau ein Zeichen geben können. Die Kreisräthin half, denn sie erwiderte: »Was ich will oder bringe ist nur für Ihren Vater allein. Es freut mich aber, daß Sie und Ihr Vater so einig mit einander. Es geht keinem Kinde gut in der Welt, das nicht gut gegen seine Eltern gewesen.« Peter schmunzelte: es ist doch prächtig, wie alle Menschen heucheln können; die Frau weiß doch sicherlich, wie er mit seinem Vater steht und thut so scheinheilig! Er lachte fort und fort, bis der Vater ihm sagte: »Schick einen Imbiß und was zu trinken in die obere Stube für die Frau Räthin, weck' aber die Mutter nicht.« Landolin und Frau Pfann gingen von der Freitreppe die andere hinan, Landolin trat fast so leise auf, wie die Frau. In der obern Stube, wo die Aussteuer für Thoma aufbewahrt wurde, war eine dumpfe Luft. Die Kreisräthin öffnete schnell ein Fenster, dann wendete sie sich zu Landolin und schaute ihn mit dem klaren freundlichen Blicke an, vor welchem es keine Härte und Verstocktheit zu geben schien; ja, wohin sie kam, verbreitete sie Ruhe, Gelassenheit und edle Anmuth. Eine Magd brachte Speise und Trank. Landolin ging an die Thüren und schaute nach, ob Niemand horche, dann sagte er mit einer gegen seine sonstige Art ganz fremden bescheidenen Höflichkeit: »Setzen Sie sich da aufs Sopha, und darf ich nun bitten, was haben Sie mir zu sagen?« Siebenundfunfzigstes Kapitel. »Herr Altschultheiß,« begann die Kreisräthin. »Sagen Sie nur einfach Landolin, ohne Herr und ohne Altschultheiß.« »Also Landolin, Ihr habt da vorhin ein Wort gesagt, ich wiederhole es nicht. Ihr habt es in Spott gesagt, in Zorn und Aerger. Landolin! Ihr seid vom Gericht freigesprochen, aber ich möchte, daß Ihr Euch selber freisprechen möget.« »Frau Räthin, ich bin heute zur Beichte gewesen in der Kirche beim Pfarrer.« »Gut . . . Ihr habt ein Gefühl, wie einer, der einen geheimen Kummer still verbeißt und meint, man sieht's ihm nicht an; Ihr fühlt Euch doch nicht frei und los und leicht.« Die Zornesader schwoll auf der Stirn Landolins. die alte Wildheit schien in ihm hervorbrechen zu wollen, da man ihm so tief in die Seele griff; seine Wimper ging rasch auf und nieder. die zusammengepreßten Lippen quollen auf und die Faust auf dem Tische ballte sich krampfhaft. Er that sich offenbar Gewalt an, um seine Zornesaufwallung nieder zu kämpfen. »Ich weiß, was Ihr sagen wollt,« fiel die Frau mit einem gutmüthigen Blicke ein, »und Ihr habt ein Recht dazu. Sagt nur gradaus, ich soll Euer Haus verlassen, ich hätte kein Recht in Euer Haus und Euere Gedanken mich einzudrängen. Sagt's nur und ich geh'.« »Nein, bleiben Sie. Muß sagen, so was hätt' ich nicht für möglich gehalten, nie . . . eine Frau! Jetzt reden Sie nur ohne Scheu, von so einer Frau lasse ich mir Alles sagen.« Die Frau erröthete und Landolin lächelte triumphirend: es ist halt doch eine Frau und wie jede Frau mit Putz und Lob zu fangen. Schnell begann aber die Frau mit einem aus tiefster Seele quellenden Tone: »Landolin! Wir Menschen sind darum mit einander auf die Welt gesetzt, damit einer dem andern helfe –« »Ich weiß nichts davon. Kein Mensch kümmert sich um den andern!« unterbrach Landolin. Hast Du es denn anders gehalten? Hast Du denn früher Dich um Andere bekümmert? wollte die Frau erwidern, aber sie hatte rasche Besinnung genug, das zu unterdrücken, und entgegnete vielmehr: »Sie haben die Bitterniß des Lebens durchkosten müssen.« Landolin sah sie fragend an. Er spürte etwas von jener milden Heilkraft, die den Schmerz nicht dadurch zu lindern sucht, daß sie ihn ableugnet und vertuscht, sondern indem sie ihn in seiner Wirklichkeit und Berechtigung anerkennt. »Ja, bis auf den Grund,« sagte Landolin, »aber ich hab's fertig gebracht; die Welt geht mich nichts an und ich gehe die Welt nichts an.« »Ist mir eine Frage erlaubt?« »Ihnen jede.« »So sagt mir: wenn das Unglück oder Ungeschick mit dem armen Menschen nicht Euch, sondern dem Titus, dem Oberbauer oder dem Tobelurban geschehen wäre, wäre der Landolin von Reutershöfen anders wie sie gegen ihn?« Landolin zuckte mit den Achseln und pfiff mit gespitztem Munde unhörbar; er ging mit durch zwei auch durch drei an einander gereihte Gedanken, beim vierten aber hielt er an und war nicht vom Fleck zu bringen wie ein störrisches Pferd. Mit einem tief anmuthenden Lächeln sagte die Frau: »Ich will für Euch antworten: Ja, Frau Pfann, ich wäre gradso gegen die Anderen, wie sie jetzt gegen mich sind.« Landolin nickte: »Wahr ist's.« »Gut denn. So befreit Euch doch von dem, daß Ihr immer so zaghaft und so schreckhaft seid.« »Ich schreckhaft? vor was?« »Vor Euren eigenen Gedanken. Laßt Euch helfen.« »Mir kann Niemand helfen.« »Doch, doch, es giebt einen und das ist ein starker Mann, er weiß es nur jetzt nicht, und wisset Ihr, wie er heißt? Landolin von Reutershöfen. Ihr allein könnt Euch helfen, und wenn Ihr es thut, dann habt Ihr auch Niemand zu danken, als Euch.« »Ja, wie denn?« »Trinkt einmal und laßt mich auch trinken und dann hört.« Achtundfunfzigstes Kapitel. »Landolin!« begann die Kreisräthin aufs Neue. »Wenn man sich drauf verlassen könnte, daß die Menschen sich selbst Buße auferlegen und Gutes thun, wo sie Böses gethan oder auch, wo ihnen ein böses Ungeschick geschehen; wenn man das sicher wüßte, brauchte man auf der Welt keine Gerichte und keine Strafen. Landolin, es giebt ein Mittel, womit Ihr Euch und Euer ganzes Haus vom Unglück befreien könnt.« »Sieht denn das Haus wie ein Haus voll Unglück aus?« »Es sieht nicht so aus und ist doch so. Landolin! Da draußen sitzt eine arme Frau, deren einziger Sohn verunglückt ist. Von Feld und Wald weitum hat die Frau nur den kleinen Fleck Erde, darin ihr Sohn ruht und da wächst –« »Die Frau geht mich nichts an.« »Das sagt nur Euer Mund, Ihr denkt doch ganz anders. Landolin! Wenn Ihr verurtheilt worden wäret, hättet Ihr der verlassenen Wittwe den Ernährer ersetzen müssen.« Sie erschrak, da sie plötzlich durch ein Lachen Landolins unterbrochen wurde; es war freilich ein gezwungenes Lachen, aber doch eben Lachen. Sie sah ihn fragend an, und er rief: »Hui! Sie verstehen ja die Rechtssachen ganz genau.« »Es ist jetzt von Recht keine Rede. Die arme Frau hat kein Recht. Was Ihr thut, thut Ihr freiwillig, und das ist eben das Schöne. Landolin! Ihr werdet das Geld geben, das ich verlange, aber das ist mir nicht genug, Ihr müßt auch noch die rechten Gedanken dazu geben.« »Ich hab' kein Geld und keine rechten Gedanken.« »Doch, Ihr habt beides, Ihr wollt es haben, und je mehr Ihr hergebt, um so mehr werdet Ihr haben. Ich bürge für Euch, Ihr macht der armen Frau ihre Tage noch gut und friedlich.« »Hoho!« rief Landolin, »damit dann die Welt sagt, er giebt zu, daß er schuldig ist, er will's zuschmieren mit Wohlthätigkeit!« »Was liegt Euch am Gerede der Welt?« In der Seele Landolins mußte ein heftiger Kampf vorgehen und es zeigte sich in seinen Mienen, in seinem ganzen Wesen, er ging unruhig in der Stube umher, ballte die Fäuste, er löste sie auf; endlich blieb er vor der Kreisräthin stehen und sagte: »Frau Kreisräthin, und wenn Sie's auch mit mir fertig brächten, eine böse Frau bringen sieben Engel nicht aus der Bosheit heraus, eher fängt man mit der bloßen Hand einen Fuchs aus seinem Bau und Sie wissen's vielleicht noch nicht, Frau Kreisräthin, die Schaubkäther hat von je eigentlich ein verhärtetes Gemüth gehabt. Mag sein, daß sie nichts dafür kann; ihre Mutter ist mit dem Strohkranz auf dem Kopf vor der Kirchenthür gestanden, eh' die Schaubkäther geboren worden ist. Nein, Frau Kreisräthin, mit mir . . . Sie haben's ja gesehen . . . ich lass' mir zureden . . . wer weiß aber –« »Da vertrauen Sie mir. O lieber Landolin! Wenn Ihr mir folgt, wird Euch jeder Bissen und jeder Schlaf doppelt gesegnet sein. Kommet nur jetzt gleich mit zur Schaubkäther.« »Ich zur Schaubkäther? Wenn sie etwas von mir will, soll sie zu mir kommen; ich mag Ihnen gar nicht sagen, was sie mir auf Weg und Steg anthut.« »Drum geht jetzt mit mir zu ihr. Ich weiß recht wohl, was das ist: der Landolin zur Schaubkäther – aber fragt Euch jetzt nicht, ob Ihr nicht zu viel thut, ob Ihr Euch nicht herunter gebt. Kommet mit! Gebt mir die Hand. Kommet!« »Es sei! Ich geh' mit Ihnen!« Auf der Straße war es still, kein Mensch war sichtbar, als Landolin mit der Kreisräthin dahin ging; sie schaute mehrmals nach ihrem Begleiter, ob er nicht plötzlich davon laufe, aber er ging im gleichen Schritt; nur da, wo die Straße von dem Wiesenweg berührt wird, stand er noch einmal still und sagte: »Ich hätt's nie geglaubt, wenn mir Eins gesagt hätte, daß ich das thue; aber Ihnen zu lieb thu' ich's und die Schaubkäther mag schimpfen und fluchen, wie sie will, ich thue nichts dagegen.« »Sie wird sich bekehren lassen,« schloß die Kreisräthin zuversichtlich. Neunundfunfzigstes Kapitel. In dem kleinen Häuschen, an dem der Wiesenweg vorüber führt, saß an diesem Sonntag Mittag die Schaubkäther an ihrem Tische, vor ihr lag das Gesangbuch, aber es war nicht geöffnet; die alte Frau hatte den Ellbogen auf den Tisch gestemmt und die linke Wange auf die knöcherne Hand gelegt. So starrte sie hinaus durch das offene Fenster, vor dem die schwarzen Beeren des Hollunders glänzten und ein junger Staar sang. Lange sah die Alte so drein und rührte sich nicht, endlich schüttelte sie den Kopf, und ein bitteres Lächeln ging über ihre harten Züge, als sie vor sich hin murmelte: »Er hat es gewagt, vor der ganzen Gemeinde zu Gottes Tisch zu gehen. O du da droben, verzeih' mir, daß ich so mit dir hadere, aber du bist auch nicht mehr wie in alten Zeiten. Vor der Kirchenthür müßte der Landolin stehen im Bußgewand . . . Ja, Mutter, du hast da stehen müssen mit dem Strohkranz auf dem Kopf und hast gemeint, du mußt vor Schande in den Boden sinken und hast die ganze Welt verflucht, und ich unter deinem Herzen hab's von damals an bekommen, es liegt mir im Blut, nichts als Elend und Jammer. O, lieber Gott, ich bitt' dich nur um Eins, laß mich nicht sterben, ehe ich gesehen hab', wie es an dem Landolin ausgeht. Ich kann nicht warten, bis in die andere Welt; ich will nicht . . .« Sie that die Hand von der Wange und horchte auf; Stimmen, Tritte kamen näher, jetzt wurde der Holzriegel an der Hausthüre zurückgeschoben, die Stubenthüre öffnet sich. »Bleibet nur sitzen, Käther,« sagte die Kreisräthin, und hinter ihr stand der Landolin. Die Alte öffnete den Mund, sie konnte aber kein Wort hervorbringen. Die Kreisräthin legte die Hand auf ihre Schulter und sagte: »Käther! Da ist der Altschultheiß, er will Euch Ruhe und Güte bringen und Alles, was gut und rechtschaffen ist. Jetzt bitte ich, faßt ein Herz und erleichtert Eure Seele und versöhnt Euch; er will für Euch sorgen, als wäret Ihr seine Mutter.« »Seine Mutter? Bin eine Mutter gewesen, Mutter heiß' ich nicht mehr . . . Wären nicht zwölf Männer, wären zwölf Mütter bei Gericht gesessen, sie hätten den da hängen lassen und seine dicken Backen da und seine Augen hätten die Raben gefressen.« Die Kreisräthin war starr vor dieser Raserei, die Schaubkäther aber wendete sich nun an Landolin: »Sie sagen ja, Du habest vor Gericht für Dich gesprochen, brauchst Du jetzt ein Anderes, das für Dich spricht?« Landolin sagte mit gewaltsamer Fassung, es thue ihm im Herzen leid, daß so Schweres über die Schaubkäther gekommen sei; den Todten könne er nicht mehr lebendig machen, aber er verspreche, ihr zu leben zu geben, als wäre sie eine reiche Bäuerin. Mit gellendem Schrei rief die Schaubkäther: »Und ich sag' Dir Pfui auf all Dein Geld und Gut. Nur weil die gute Frau da ist, spei' ich Dir nicht ins Gesicht. Ich hab's gefunden, in schweren Nächten, ja ich. So ist's. Allen Sündern kann vergeben werden, nur Einem nicht, dem Lügner nicht, und das bist Du. Zu Grunde gehen mußt Du, keine Ruhe haben Tag und Nacht, und Alles, was Dein ist, muß zu Grunde gehen. Komm mit! Komm auf das Grab von meinem Vetturi, knie' da nieder, ruf' die Gemeinde und bekenne . . . Gelt. Du gehst nicht über den Kirchhof? Aber gieb Acht, Du mußt doch bald gehen, wenn eines von den Deinen stirbt –« »Jetzt ist's genug!« rief Landolin, »kommen Sie mit, Frau Räthin, oder ich geh' allein; ich kann mich nicht länger halten.« Er wendete sich, die Kreisräthin warf noch einen bittenden Blick auf die Schaubkäther, diese aber lachte höhnisch . . . Lautlos gingen Landolin und die Kreisräthin wieder mit einander bis da, wo der Fußweg in die Straße einmündet; dort standen sie still, die Kreisräthin faßte seine Hand und sagte: »Lebt wohl! Wir haben nicht zu bereuen, daß wir den Weg gegangen; es wird Euch doch gut thun, gewiß, Ihr habt alles Menschenmögliche gethan und könnt ruhig sein. Wir haben nicht erreicht, was ich hoffte, aber es muß Euch doch leichter und freier sein –« »Freilich, freilich,« entgegnete Landolin und schärfte die Lippen mit den Zähnen, denn er war keineswegs beruhigt oder gar zufrieden; es wurmte ihn, daß er sich so herabgelassen hatte und sich so zahm von Weibern hin und her führen ließ, statt drein zu schlagen. Er murmelte Flüche vor sich hin, daß die Schaubkäther, die unzweifelhaft die Diebshehlerin ihres Sohnes gewesen war, nun so ehrbar dastehen sollte. Er that mehrmals den Hut ab und setzte ihn wieder auf. »Meinetwegen!« sagte er endlich. »Sprecht nur,« ermunterte die Kreisräthin, da Landolin zögernd inne hielt. »Ja, Frau Kreisräthin, wenn ich's recht überleg', kann ich's der Schaubkäther nicht so arg verübeln, daß sie so toll ist und gegen mich rast; ich bin freilich unschuldig, aber es ist doch geschehen. Ich glaub' nicht an Hexerei und Prophezeiung, aber es hat mich doch erschreckt, wie sie vom Tode der Meinigen gesprochen hat. Ja, was hab' ich sagen wollen? Ich weiß nicht mehr. Ja doch, das. Die Schaubkäther kann sich einen Haß gegen mich erhalten, aber meine Tochter . . . Ja, Ihnen sag' ich's, wie stumm und taub ist sie gegen mich.« Die Stimme stockte ihm und die Frau half: »Braucht nichts weiter zu sagen. Könnt Euch drauf verlassen, ich werde der Thoma zu Gemüthe reden und da wird's besser gehen als da drüben. Ich werde die Thoma bitten lassen, daß sie zu mir kommt.« Mit einem Händedruck schieden Landolin und die Kreisräthin. Diese ging eine Weile wie verloren und vergessen des Weges dahin, bald aber pflückte sie nach ihrer gewohnten Art Blumen und Gräser und schöne Zweige am Wege und ordnete sie nach Farbe und Form zu einem Strauß, warf aber den Strauß wieder weg. Am Wirthsgarten des Schwertwirthshauses kam ihr Mann ihr entgegen und führte sie zu den Freunden; sie saß aber heute stumm und in Gedanken verloren in ihrer Mitte. Sechzigstes Kapitel. Die Mitglieder des Casinos hielten unverbrüchlich fest, daß sie die Kreisräthin nie nach den Ergebnissen ihrer Bemühungen fragten, und sie selber sprach nicht davon, wenn sie nicht der Hülfe des Einen oder Andern bedurfte. Wohl sah man ihr an, daß sie heute Schweres versucht haben mußte; es spannten sich aber ihre Mienen wieder, da der Reallehrer begann: »Die Herren erlauben wohl, daß ich der Frau Kreisräthin über Ausgangspunkt und Stand unseres Gespräches berichte. Der Herr Kreisarzt hatte erzählt, daß der Wälderjörgli seit jenem Tage der Fahnenweihe, da er die Rednerbühne bestiegen hatte, seiner Auflösung entgegen gehe. Hieran knüpfte sich die Behauptung, daß der Nutzen der Bildung für das Volk in jedem Betracht fraglich sei; die Derbheit erhalte das Volk auch physisch kräftiger als die Bildung. Der Herr Kreisrath entgegnete, ein Kind müsse Jüngling und Mann werden; die Frage sei müßig, ob es nicht, Kind verblieben, glücklicher gewesen wäre. Der Herr Kreisarzt wollte eben etwas darüber sagen, um uns über die Wirkungen der Bildung in Bezug auf Krankheiten zu unterrichten.« »Nicht so genau,« nahm der Kreisarzt auf, »aber ich wollte sagen, das Einhalten der Diät, die beim Bauer das Schwerste ist, bemißt sich nach seinem Bildungsgrade und wiederum bei ausgebrochener Krankheit wird der acute Charakter durch rechtzeitige Vorbeugungen oft gebrochen.« »Das beanspruche ich auch für die geistigen und sittlichen Disziplinen,« rief der Reallehrer, »die mäßigende Kraft der Bildung wird der acuten Kraft der Leidenschaften vorbeugen und den tragischen Untergang abwenden. Die Starrköpfigkeit, die stiere Unbeugsamkeit ist nicht gerade wirkliche Kraft –« »Ein Streit um des Volkes Bart,« sagte ein Geistlicher lächelnd zu seinem Amtsbruder und reichte ihm die offene Dose hin. Der Reallehrer hatte etwas flüstern gehört, aber nichts deutlich vernommen; mit einem scharfen Seitenblick auf den Störer fuhr er fort: »So gewiß in Krankheitsfällen die Arzneimittel die arbeitende Natur unterstützen oder eine Hinderung der Naturarbeit beseitigen, eben so gewiß werden die seit Jahrtausenden angesammelten Bildungsmittel bei sittlichen Gebrechen, beim Ausbruch einer Leidenschaft, die zu Verbrechen führt, ja bei geschehenem Verbrechen lindern und heilen.« Zu dem Geistlichen gewendet fuhr er fort: »Auch die Religion ist ein heilvolles Bildungsmittel, nur ist sie es nicht allein.« »Dank!« entgegnete der Geistliche mit der Hand gestikulirend, die eine Prise zwischen Daumen und Zeigefinger hielt. »Aber verehrter Herr Doctor, Ihre Bildungs-Heilkraft ist ein Gebräu von klassischer und naturwissenschaftlicher Bildung, jede Stunde einen Eßlöffel, vor dem Einnehmen durch einander zu schütteln. Probatum est. Unter allgemeinem Lachen fügte er hinzu: »Ihre Bildung kann dem Volke nicht einmal neue Vergnügungen schaffen. Was wollen Sie ihm geben? Sie haben nicht das Derbe, das es braucht. Da sehen Sie! Die Burschen, die sich in der Ernte die ganze Woche müde gearbeitet haben, kegeln am Sonntag und schleudern die schweren Kugeln.« Das Kegelspiel wurde eben unterbrochen, denn der Bahnzug brauste heran, und die Kegelnden, die offenbar Ankommende erwartet hatten, zeigten nach dem Bahnhofe, der von der Casino-Laube zu übersehen war und dort hieß es: »Die Hollandfahrer! Dort kommt der Anton Armbruster mit den Flötzern.« Mächtige Männer stiegen aus, sie trugen zusammengerollte Mäntel und hohe Wasserstiefel an den Aexten über der Schulter. Sie kamen in den Wirthsgarten und saßen bald, von Gruppen der Angehörigen und Fremden umringt, beim schäumenden Biere. Die Flötzerstimmen waren laut und alles Lachen klang, wie wenn Balken über einander rollen. Anton saß bei seinem Vater, der ihn hier erwartet hatte. Er hatte wieder sein altes frisches Ansehen, aber auf seinen Mienen wie auf denen des Sägmüllers war leicht zu erkennen, daß etwas nicht nach dem Sinne des Alten geschehen war; er stieß wohl mit seinem Sohn an, aber er stellte, ohne zu trinken, das volle Glas wieder auf den Tisch. Die Kreisräthin ging mit der Schwertwirthin im Garten auf und ab, bald trat die Wirthin zu Anton, der sich erhob und zur Kreisräthin ging, sie höflich begrüßend. Sie reichte ihm die Hand, ging mit ihm nach dem leeren Schattengang am Ufer, dort richtete sie zuerst den Gruß des Lieutenants aus, und erzählte dann, wo sie heute gewesen und was sie erlebt. Sie schaute ihn scharf an, da sie zuletzt sagte: »Die Thoma kommt nächstens zu mir, darf ich ihr von Ihnen sprechen?« »O gewiß, gern.« »Sie sind also in Holland nicht Bräutigam geworden?« »Kein Gedanke. So lang wie Thoma sich nicht verheirathet, bleib' ich auch ledig. Es ist schön gewesen in Holland, recht schön, herzliche Menschen, und sie haben die Dummheit nicht mehr, daß sie glauben, wir Deutschen wollten Holland nehmen. Sie haben mir gut zugehört, wie ich vom Krieg erzählt hab', und die älteste Tochter von unserm Geschäftsfreund hat mir gesagt, sie könnte drei Tage lang zuhören, wie ich so erzähle.« »Hat sie Ihnen auch gefallen?« »Freilich, ein schönes Mädchen, und die Gutherzigkeit sieht ihr aus dem Gesicht, aber eben doch keine Thoma. Wie gesagt, so bleibt's. Schau, da kommt der Peter von Reutershöfen mit dem Fuhrwerk. Peter! Was giebt's?« »Mein' Mutter ist krank, und da soll ich den Doctor holen. Es hat nicht viel zu bedeuten, aber der Vater ist so ängstlich.« »Ist sonst Alles wohl bei Euch?« »Freilich.« Der Arzt fuhr mit Peter davon, die Kreisräthin beauftragte ihn, Thoma zu ihr zu schicken, wenn sie die Mutter verlassen könne. Bald ging auch Anton mit seinem Vater heimwärts. Der Arzt auf der Hochebene und die Flötzer im Thale wurden von einem mächtigen Gewitter überrascht, das mit Sturm und Hagel losbrach. Einundsechzigstes Kapitel. Zwei Tage und zwei Nächte gewitterte es mit nur kurzen Unterbrechungen fort und fort im Thale und auf der Hochebene. Wenn Gewitterwolken sich in den dichtbestandenen Waldbergen und an den zackigen Felsen verfangen haben, so finden sie keinen Ausweg mehr, sie wogen hin, sie wogen her, zerreißen und sammeln sich wieder, es blitzt und donnert, es strömt und hagelt, bis Alles sich entladen hat. Man könnte fast sagen, es ist mit den Menschen hier auch so; wenn sich an diesen harten scharfkantigen Naturen böse Stimmungen angeheftet haben, dann grollt und hadert es fort und fort. Landolin und Thoma saßen am Krankenbette der Mutter, bald zusammen, bald allein, aus ihren Augen blitzte es, aber es kam zu keinem Ausspruche. Die Mutter war immer beklommen, denn die Luft kühlte sich die beiden Tage und Nächte nicht ab. Am dritten Tage aber, da die Sonne hell hernieder schien und eine balsamisch frische Luft Alles neu belebte, sagte die Mutter: »Mir wohlet wieder. Thoma, es wird Dir gut thun, und die gute Frau Kreisräthin hat Dir gewiß Gutes zu sagen. Geh zu ihr, sie hat Dir ja durch den Doctor Botschaft sagen lassen. Thu's mir zu lieb und geh' und bring' mir Gutes heim. Du kannst schon gehen, Du hast mich gepflegt, wie ich Dir wünsch', daß Dein Kind Dich einstmals pflege.« Peter hatte berichtet, daß er den aus Holland zurückgekehrten Anton gesehen habe, in den die Kreisräthin emsig hineingesprochen, und die Mutter sagte es zwar nicht, aber sie hoffte im Stillen, den Ausgleich mit Anton noch zu erleben. Thoma rüstete sich zum Gange nach der Stadt, obgleich es ihr zuwider war, daß da ein Fremdes eingreifen wollte; sie braucht keine fremde Hülfe und die nützt auch nichts. Als sie sonntäglich gekleidet zur Mutter kam, sagte diese, ihre Hand fassend: »Kind, Du siehst gleich wieder ganz anders aus, wenn Du Dich ein bisle herausmachst. Nimm's mit auf den Weg, Du bist so lind und so brav gegen mich, jetzt sei's auch gegen die Anderen. Mach' nicht gleich wieder ein finster Gesicht. So, so ist's schön. Wenn Du lachst, bist Du ganz anders. Sag' auch dem Vater Ade, er ist im Stall, die Fuchsstute hat ein Füllen kriegt. Das ist ein gutes Zeichen. Geh' in Gottes Namen und Du wirst erst wieder recht heiter heim kommen. Behüt' Dich Gott!« Thoma ging, sie rief in den Stall nur rasch Ade hinein und wartete keine Antwort ab. Auf der Straße war's ihr, als müsse sie wieder umkehren, als dürfe sie die Mutter nicht Fremden zur Wartung überlassen; aber sie ging doch fürbaß, in Gedanken überlegend, was sie der Frau Kreisräthin erwidern würde. Oftmals hob auch Thoma die Hände voll Jammer und sah mit traurigem Blick, welche Verwüstungen das Hagelwetter in den Feldern angerichtet hatte; sie beruhigte sich indeß wieder, da sie wußte, daß der Vater in die Hagelversicherung eingeschrieben ist; jetzt hat man doch auch einmal etwas davon, daß man so viel Jahre herein die Beisteuer bezahlte. An dem schönen Birnbaum, der damals wie ein Blumenstrauß ausgesehen hatte, stand Thoma still, der Sturm hatte fast alle Birnen abgeschüttelt, sie lagen ringsumher. Thoma rief eine Magd, die im Kartoffelfelde arbeitete, sie solle die Birnen einsammeln, dann ging sie wieder ihres Weges. Alles erinnerte sie an ihren ersten und einzigen Brautgang mit Anton, sie hatte seitdem diesen Weg nicht betreten. Sie mied den Platz, wo damals Vetturi sie angesprochen, aber dort, wo sie geruht hatte und Anton mit einer Maiblume ihr übers Gesicht strich, dort stand sie doch eine Weile still. Es war lautlos im Walde, kein Vogel sang, eine schwüle Stille brütete über Moos und Gras, darauf die Sonnenstrahlen zitterten, im Wege lagen dürre und grüne Zweige, und die zu Harz angerissenen Bäume waren geknickt. Erst auf dem Wiesenwege war es wieder hell und frei, die Maiwiese war noch zerstampft vom Fest der Fahnenweihe her, das Wasser des Stromes war gelb und zog in hohen brausenden Wellen fast bis an die obere Wölbung der Brücke. Die Schwertwirthin grüßte Thoma vom Fenster. Thoma dankte und ging rasch vorüber. Zweiundsechzigstes Kapitel. Die Kreisräthin war nicht zu Hause, aber die Magd sagte, sie sei nur auf den Bahnhof gegangen, da man den Herrn Bruder erwarte, der vielleicht schon mit dem ersten Zug einträfe, sie käme bald wieder; die Magd öffnete das Eckzimmer, wo Thoma warten sollte. Eine Luft voll Ruhe und Behagen, voll erfrischenden Wohlgeruchs von blühenden Blumen auf Tischen und Säulen umfing Thoma, und ihr Auge schweifte umher auf die schönen Bilder und Statuetten, die die Sonne hell beleuchtete. Alles war so still wie die Blumen, wie die Bilder, selbst die Standuhr über dem Schreibtische mit den Familienbildern bewegte den Pendel nur, ließ aber kein Geräusch vernehmen. Thoma setzte sich in den Erker, und fremd erschien ihr der Fluß, die Berge ihrer Heimat; das sah Alles von hier durch die großen Scheiben so ganz anders aus. Mit einem Strauß von Feldblumen in der Hand trat die Kreisräthin ein, sie hieß Thoma herzlich willkommen, der Ton ihrer Stimme klang weich und doch auch fest. »Wie schön ist's bei Ihnen, wie wunderschön!« brachte Thoma zuerst hervor, ihre Stimme bebte. »Freut mich, daß es Dir bei mir gefällt.« »O lieber Gott,« nahm Thoma wieder auf, »und diese Frau, die es daheim so schön hat, die geht in die Stuben der Armen, die geht zur Schaubkäther!« »Setz' Dich und laß Dir's bei mir wohl sein. Wie geht's Deiner Mutter?« »Besser, aber noch nicht ganz gut.« »Bringst Du mir Gutes von Deinem Vater?« »Mein Vater sagt mir nichts, ich hab' von Fremden erfahren, daß er mit Ihnen bei der Schaubkäther gewesen ist. Ja, Sie können mehr als alle Menschen, daß Sie ihn dahin gebracht. Darf ich nun fragen?« »Frag' nur.« »Hat mein Vater die Schaubkäther um Verzeihung gebeten und hat er gestanden?« »Gestanden? Dein Vater ist ja freigesprochen.« »So? Dann hab' ich nichts mehr zu sagen. Ich bitte, was ich gesagt hab', ungehört sein zu lassen.« »Liebe Thoma, laß Dich dünken, ich sei Deiner Mutter Schwester. Hab' Vertrauen zu mir, ich sehe Dir an, es drückt Dir etwas das Herz ab. Ich bitt' Dich, erleichtere Deine Seele.« »Ja, ich will, und wenn's auch nichts hilft, einmal heraus muß es. Liebe Frau! ich . . . ich hab's gesehen, mit meinen eigenen Augen hab' ich's gesehen, wie der Wurf von meines Vaters Hand den Vetturi getroffen hat, und der Vetturi hat so wenig einen Stein aufgehoben als das Bild an der Wand da einen aufhebt. Und doch ist mein Vater hingegangen und hat Alles abgeleugnet, und hat das ganze Gericht und alle Zeugen zur Lüge gebracht . . . O lieber Gott! Was hab' ich da gesagt?« »Sei ruhig! Du meinst also, Dein Vater hätte eingestehen müssen?« »Sicher, gradaus, und ich wär' zu unserm Großherzog gegangen und hätt' einen Fußfall gethan, aber Gerechtigkeit wär' geschehen. Ich hab's nicht so bös gemeint und ich hab's im Zorn gethan, – das ist ehrlich und bringt wieder zu Ehren. Wie oft hat mein Vater Zorn und Spott ausgelassen über den und den, der sich für reicher ausgiebt, als er ist, und die Menschen um Geld betrügt, um Geld . . . Und was hat's meinem Vater genützt? Betteln gehen muß er beim Geringsten um ein gutes Wort oder auch um Stillsein. Frau Räthin! Ich bin voriges Jahr am Pfingstsonntag drüben gewesen in Sanct Blasien; da war eine Frau, die sich rothe Backen angeschminkt gehabt und Mehl am Hals und auf der Stirn; am hellen Tage hat sie da gesessen und alle Menschen keck angesehen, ob sie auch ihre schönen rothen Backen sehen und ihren weißen Hals, und sie selber hat doch gewußt, daß sie nicht jung ist, im Gegentheil, alt und verschrumpft »Ich verstehe, Du findest es Deines Vaters unwürdig.« »Unwürdig?« wiederholte Thoma, dies Wort aus höherer Sphäre berührte sie seltsam, und die Kreisräthin fuhr fort: »Kind, Du hast am Anfang nicht so hart gedacht, aber nach und nach hat sich's in Dir verschärft, ist immer bitterer, immer spitzer geworden, und was Dich hätte abmildern sollen, hat Dich nur noch mehr verherbt. Wenn Dein Vater demüthig gewesen ist, hat's Dich verdrossen, und wenn er stolz gewesen ist, auch.« Die Augen Thoma's wurden immer größer, sie war wie ein Kranker, dem der Arzt genau sagt, was er leidet, und diese Verwunderung über das Wissen des Andern wird zur Bereitschaft, zum Beginn der Heilung. Die Kreisräthin legte die Hand auf ihre Schulter: »Ja, liebe Thoma, in der Gefangenschaft kann man nur nichts Böses thun, in der Freiheit aber kann man Gutes thun. Kind, Deine Wahrheitsliebe ist gut und brav, aber wie soll ich doch sagen? . . . Jetzt nicht mehr am Ort . . .« Die gute Frau empfand eine tiefe Verwirrung und ihr Antlitz erröthete wie in Scham. Sie, die immerdar auf das Gerade drang, sie sollte nun eine in sich feste Wahrhaftigkeit erschüttern? Dennoch faßte sie sich wieder und fuhr fort: »Ja, und wenn auch Dein Vater die Wahrheit verleugnet hat, er büßt hart, weil Du ihn verleugnest.« »Ich?« »Ja, Du bist sein Kind und Du darfst nicht über ihn richten. Du sollst mir jetzt nichts versprechen, als daß Du Dich nochmals ernst und gewissenhaft prüfen willst, und das soll sich zeigen bei der Sache, wegen deren ich Dich eigentlich zu mir rufen ließ. Mein Bruder wird bald kommen und ich muß das schnell mit Dir ordnen.« Die Kreisräthin erzählte nun von Anton, wie ihn Jedermann hochschätze und liebe und wie ehrlich und schön er sich bei seiner Heimkehr aus Holland ausgesprochen. Sie zeigte Thoma, wie sie, wenn auch aus redlichem und ehrenhaftem Sinn doch gegen ihre Eltern und gegen den Geliebten unrecht thue. »Du meinst,« fügte sie hinzu, »Du kannst Deinen Bräutigam nicht wieder Dein nennen, weil Du ihm nicht die gleiche Ehre bringst, wie er Dir.« »So ist es.« »Ja, aber Du weißt nicht, oder hast vergessen, daß die Liebe nicht abrechnet und aufzählt: so viel hast Du und so viel hab' ich. Fasse Dich und erbaue Dein Glück für Dich und den Geliebten und für Deine Eltern und Alle, die es gut und treu mit Dir meinen, wie ich. Schau, da ist die Schaubkäther, es ist ihr schweres, bitteres Leid geschehen, und sei es, daß es von Deinem Vater geschehen. Und Du. Es ist gut und bleib' dabei, daß Du Lüge und Unrecht gradaus siehst und verdammst, dabei bleib', nur sei auch mild und gut gegen die, die in Unrecht verfallen. Du aber, Du bist eine Helferin der Schaubkäther, bist hart, unbarmherzig, wie sie –« »Ich? ich?« rief Thoma. »Ja,« erwiderte die Kreisräthin mit ungewohntem scharfen Ton. »Ja, Du. Fasse Dein Kindesherz! Tödte nicht Tag für Tag Dein Kindesherz und das Herz der Deinen –« »Es ist! Es ist!« rief Thoma, die Hände emporhebend, ihre Wangen glühten, ihre Augen strahlten, ihre Gestalt schien höher zu wachsen. Als wären alle Menschen da, rief ihnen Thoma zu: »Verzeih' mir, Vater, ich hab' schwer gegen Dich gefehlt, verzeih' mir, Anton, ich hab' Dich schwer gekränkt, verzeih' mir, Mutter, o, liebe Mutter, ich bin so herb gewesen, so hoffärtig.« Als ob Jemand sie festhielte und sie sich losmachen müsse, bewegte sie die Hände und rief: »Ich will heim, heim zu den Eltern, zu Anton, ich will ihnen die Hände unter die Füße legen, weil ich so bös, so stolz gegen sie war; ich hätt' ihnen helfen sollen in dem schweren Leid, und hab' es ihnen noch schwerer gemacht.« Es giebt Knospen, die nicht vom weichen Regen aufgelöst, sondern nur von harten Hagelkörnern gesprengt werden. Die Seele Thoma's hatte sich geöffnet, und Worte, Gedanken drangen aus ihr hervor mit einer Macht und Größe, wie die Kreisräthin nicht erwartet hatte. Da hörte man Tritte auf der Treppe. »Mein Bruder kommt!« rief die Kreisräthin. Die Thüre öffnete sich, der Staatsanwalt trat ein und die Kreisräthin umarmte ihn: »Lieber Julius! Sei willkommen!« Thoma stand abseit und die Kreisräthin stellte den Staatsanwalt vor. Thoma konnte kaum den Blick erheben, kein Wort erwidern. Ein Staatsanwalt ist Bruder und wird lieber Julius genannt? Ein Staatsanwalt war ihr eine Art Scharfrichter, der die Menschen ans Messer liefert; und als jetzt der manierliche Mann sein Einglas in die Braue kniff, fiel ihr ein, daß das ja der Mann gewesen war, der ihren Vater angeklagt hatte. Trotz und Lächeln wechselten rasch in ihren Mienen. Der Staatsanwalt öffnete das Klavier, fuhr über die Tasten und sagte zu seiner Schwester: »Ich freue mich, wieder vierhändig mit Dir zu spielen.« Thoma schickte sich zum Fortgehen an, die Kreisräthin begleitete sie auf die Treppe und sagte, sie wolle sie nicht mehr zum Dableiben auffordern, zumal da die Mutter krank sei. Thoma überfiel plötzlich eine Angst, als ob sie schon zu lang hier geblieben wäre, sie eilte heimwärts; unterwegs am Waldesrande stand sie einmal still und breitete die Arme aus, als könnte sie alle so lang Entbehrten umarmen. Bei dem Birnbaum begegnete ihr der Galloppkübler und sagte, er sei als Bote zu ihr geschickt, sie solle schnell heimkommen, die Krankheit der Mutter habe sich verschlimmert. Dreiundsechzigstes Kapitel. Nicht lange, nachdem Thoma weggegangen war, rief die Frau ihren Mann zu sich und sagte: »Setz' Dich in Ruh und sei heiter. Kannst Dich darauf verlassen, die Thoma kommt heim mit lauter Glück und Segen, Alles wird wieder gut, sie kommt und hat den Anton an der Hand.« Landolin schwieg, er war betroffen von dem verklärten Blick und der wunderbaren Stimme seiner Frau. Sie schloß die Augen, nach einer Weile aber sagte sie lachend: »Der Wälderjörgli! Es hat mich lang nichts so gefreut, wie sein Gruß. Wenn ich wieder gesund bin, mußt Du mit mir hinüberfahren zum Wälderjörgli.« Landolin nickte, er konnte ja seiner Frau nicht sagen, daß der Wälderjörgli im Sterben liege. Landolin ging in die andere Stube und schaute zum Fenster hinaus, er sah den Agenten der Hagelversicherungsgesellschaft mit dem Schultheiß und mehreren Gemeinderäthen aus dem Felde kommen, der Agent steckte seine Schreibtafel in die Tasche. Die Männer hatten offenbar den Hagelschaden beschaut und abgeschätzt. Sie kamen näher zum Hause Landolins und dieser grüßte zuvorkommend, der Agent dankte und wollte vorübergehen. »Ja, wie ist's denn?« fragte Landolin, »habt Ihr denn meinen Hagelschaden nicht auch beschaut und abgeschätzt, und warum ohne mein Dabeisein?« Der Agent entgegnete, daß Landolin nicht mehr versichert sei, sein Sohn Peter habe schon im Frühjahr aufgekündigt. Landolin zog sich vom Fenster zurück und schloß dasselbe, er wollte den Leuten nicht zeigen, wie ihn die Eigenmächtigkeit und der Unverstand seines Sohnes betroffen hatte. Er saß auf der Bank, und die Hände zwischen die Knie klemmend und die Lippen beißend, dachte er: Jetzt lachen sie über mich, jetzt können sie schadenfroh sein und noch dazu, daß offenbar wird, wie ich in meinem Haus nichts mehr gelte. Er ging nach dem Hof, fragte nach Peter, er hörte, daß Peter mit den Rappen im Walde sei. Er sagte sich, es ist gut, daß dein Zorn verraucht, es soll keine Händel geben, sie sollen nicht auch noch das haben, daß sie sich über den Unfrieden bei uns freuen; aber dem Peter muß eingetränkt werden, was er so keck verunschickt hat. Landolin schien seine Unruhe bekämpft zu haben, und wieder sah er zum Fenster hinaus und sah Peter mit einer großen Fuhre Holz daherkommen. Er rief ihm zu, er möge, wenn er abgeschirrt und abgeladen habe, in die Stube kommen, er habe ihm was zu sagen. Es dauerte lange, bis Peter kam, und Landolin, in dem es wieder aufkochen wollte, redete sich Ruhe ein. Endlich kam Peter und fragte, was der Vater zu sagen habe. Landolin setzte sich und sagte: »Setz' Dich.« »Ich kann schon stehen.« »Sprich nicht so laut, die Mutter liegt krank in der Kammer.« »Ich sprech' nicht laut.« »Gut, so komm mit von da fort auf den Altan.« Sie gingen mit einander und Landolin sagte, daß er Alles im Guten sagen wolle und Peter solle es auch so aufnehmen; er habe einen Unschick begangen mit Aufkündigung der Hagelversicherung, es solle ihm das nur zur Warnung dienen, daß er einsehe, der Vater habe doch Manches besser gemacht und er solle seinen Unschick zugestehen. »Von Eingestehen ist bei Uns keine Rede!« entgegnete Peter trotzig. Landolin spürte den Stich in der Brust, wie wenn da ein Dolch sich einbohrte, er stöhnte auf und sagte. »Denk' nur, wie die Leute über uns spotten.« »Es wäre gut, wenn sie nur das hätten; sie thun's noch über manches Andere. Und genug, ich laß mir keine Vorwürfe machen.« »Ich hab' Dir keine gemacht.« »Schön. Ihr könnt das auch wieder ableugnen, es ist kein Zeuge.« »Peter, reize mich nicht, ich hab' gut mit Dir reden wollen.« »Ich merke nichts davon.« »Peter, zwing' mich nicht, daß ich mich an Dir vergreife.« »Thut's, schlaget mich auch todt wie den Vetturi und leugnet's nachher ab.« Ein Schrei ertönte auf dem Altane, aber ein Schrei tönte aus der Stube, der noch viel gellender war. Landolin eilte hinein, auf der Schwelle der Kammerthür lag die Frau, todt. Sie hatte offenbar den Streit gehört, hatte schlichten wollen und war todt niedergesunken. Auch Peter war in die Stube gekommen, Landolin winkte ihm, daß er fortgehe; er schlich erschreckt davon. Man hatte die Todte aufs Bett gelegt, Landolin saß neben ihr, bis Thoma athemlos in die Stube kam und mit Einem Blicke sah, was geschehen war; sie sank an der Leiche nieder und rief: »O Mutter! Mutter! Nun bin ich ganz allein auf der Welt, ganz allein.« Mit einem Herzen voll Liebe, voll Demuth war Thoma heimgekehrt und nun hatte sich dieser Ausruf der Verzweiflung aus der alten Stimmung herausgerungen. Als Thoma nach dem Vater umschaute, war er nicht mehr da. Vierundsechzigstes Kapitel. Thoma hatte schon oft ins kalte starre Antlitz des Todes geschaut, sie drängte sich nicht herzu, wo Elend und Krankheit war, aber sie hatte sich nie einem Anruf versagt. Wie anders war's aber jetzt, da sie an der Leiche der Mutter kniete; es schien unfaßlich, daß die Treue, Gute, die auf jeden Anruf so schnell bereit war, keinem Jammerschrei – keinem Hülferuf antwortete. Das ist der bittere Tod. Thoma hatte erst, seit das Ungemach in das Haus eingebrochen war, ihre Mutter ganz kennen gelernt; in den Tagen vordem hatte sie, gleich dem Vater, das wortlose, bescheiden thätige Wesen der Mutter wenig geachtet, wenn sie auch die kindliche Ehrerbietung ihr nie versagt hatte. »Mutter, liebe herzensgute Mutter, höre mich!« schrie Thoma. Aber das ist der bittere Tod, er giebt keine Antwort mehr. Im Wirrwarr schwirrte Alles durcheinander in der Seele Thoma's; das längst Erlebte und das Heute. Da drunten lebt die Kreisräthin in der schönen Stube bei ihren Bildern und Blumen, und sie spielt jetzt wol vierhändig mit ihrem Bruder; da draußen aber sitzt die Schaubkäther, wird sie frohlocken, daß der Tod eingezogen in das Haus Landolins? Nein, das kann sie doch nicht. Da drunten bei der Sägmühle sitzt Anton und denkt der Geliebten . . . Diese neigte jetzt den Kopf, als wäre ihre Sehnsucht erfüllt, als wäre Anton da und sie könnte ihr schweres Haupt an seine Brust legen. Mit welchem Alles versöhnenden, Alles beglückenden Gedanken war Thoma heimgekehrt. Und nun? Wo ist Peter? Wo ist der Vater? Warum ist er fort? Wie ist denn Alles so plötzlich geschehen? Thoma erinnerte sich nicht mehr, was sie in Gegenwart des Vaters ausgerufen. Jetzt hörte sie Schritte in der oberen Kammer, das ist der Schritt des Vaters. Warum kommt er nicht? Warum ist er nicht da? Jetzt hörte sie einen Fall. Es erschien Thoma wie eine Lieblosigkeit, die Todte zu verlassen, aber sie ging doch; sie wollte dem Lebenden Trost zusprechen und ihm künden, was in ihrer Seele aufgegangen war. Sie ging die Treppe hinan, die Thüre war verschlossen, sie klopfte, Niemand antwortete. Sie rief laut: »Vater! Vater!« Seit langer Zeit rief das Wort zum erstenmal wieder. Drinnen in der Stube richtete sich Landolin vom Boden auf und horchte. Dieser Ruf seines Kindes schien ihn neu aufzuwecken, dennoch rief er: »Du hast gesagt, Du bist allein, ich will auch allein sein, ich bin allein, für Dich nicht mehr auf der Welt.« »Vater, machet auf, das Herz zerspringt mir.« Die Thüre öffnete sich, und Thoma fiel dem Vater um den Hals und konnte vor Schluchzen nicht reden, endlich sagte sie: »Vater, ich hab' Euch um Verzeihung bitten wollen.« »Nicht Du, ich, ich habe zu Dir kommen wollen. Red' nicht, laß mich reden. Thoma, Du hast recht gehabt, ich hab's gethan, ich hab's, ich hab' den Vetturi getödtet und hab's abgeleugnet.« Thoma sank vor dem Vater auf die Kniee und bedeckte seine harten, rauhen Hände mit Küssen und Thränen. Der Mond leuchtete in die Stube, und als Thoma aufschaute und das Antlitz ihres Vaters sah, erschien es ihr wie verklärt; das war nicht mehr das Antlitz des harten unbändigen Mannes. »Niemand als Dir sag' ich's, und Niemand als Du hat ein Recht, es von mir zu hören, Niemand als Du hat mir zu verzeihen, und Niemand als Du kann mir helfen, das Schwere zu tragen, die paar Jahre noch, bis ich bei der Mutter bin.« So rief Landolin. Der starke Mann schluchzte und weinte, daß es ihm das Herz abzustoßen schien. »Thoma! Du hast's gedacht und hast mir's nie gesagt und hast nie schön gegen mich und vor der Welt gethan, er aber, er hat mir's ins Gesicht geschleudert; und ich bin am Leben geblieben und die Mutter ist davon gestorben.« Er erzählte den Streit mit Peter und dessen Folgen. »Vater!« begann Thoma, »Ihr könnet nicht wollen, daß der Peter zu Grunde geht; er ist Euer Kind. Die einzige Hülfe ist, wenn wir ihm verzeihen, wir zwei, die es getroffen hat.« »Du hast recht, Kind, ja, Du bist brav. So wollen wir's halten und uns dagegen stemmen, daß nicht Alles einbricht. Wir wollen den Peter halten, er soll nicht versinken, ich weiß, wie man versinkt. Komm', wir gehen zu ihm.« Hand in Hand gingen Vater und Tochter nach der Kammer Peters, er war nicht dort, sie gingen nach dem Stalle, dort saß er auf dem Futtertrog bei dem neugeborenen Füllen. Wenn die todte Mutter auferstanden und dahergekommen wäre, Peter hätte nicht mehr erstaunen können, als da er jetzt den Vater und Thoma Hand in Hand vor sich sah. »Peter,« sagte der Vater, »ich verzeih' Dir Alles, wie ich zu Gott bitte, daß er mir verzeihen soll. Und kränke Dir Dein Herz nicht ab, Du bist nicht schuld am Tod der Mutter, sie ist schwer krank gewesen, der Doctor hat mir's gestanden. So red' doch, so sag' doch ein Wort.« »Ist recht,« sagte Peter, »ist recht. Ich danke.« »Willst Du nicht mit uns gehen?« »Nein, ich will dableiben, ich bin am besten da, ich wollt', ich wär' so ein Roß; so ein Stückle Vieh, das hat's doch am besten auf der Welt.« »Komm mit, lieber Bruder.« »Ich bin Dein lieber Bruder nicht, laß mich in Ruh'.« Vater und Tochter gingen in die Stube und dort erzählte der Vater, was die Selige – er schluchzte laut, als er das Wort sagte – gesprochen habe, als Thoma weggegangen war, und Thoma erzählte von der Kreisräthin und von Anton. Die ganze Nacht saßen Vater und Tochter bei der Leiche. Als es tagte, sagte Landolin: »Die Mutter sieht den Tag nicht mehr.« Der Vater suchte jetzt Ruhe und auch Thoma ging in ihre Kammer, sie fand aber keinen Schlaf. Fünfundsechzigstes Kapitel. Der Regen war fortgezogen und wieder gekommen und schien sich jetzt erst recht heimisch zu machen im Thal und auf den Höhen. Als Landolin hinter dem Sarge seiner Frau die Freitreppe hinabstieg, griff er von Stufe zu Stufe mit der linken Hand an die Mauer des Hauses, wie der Stützung bedürfend. Die Schulkinder, die im Hofe das Grablied sangen, schauten auf zu dem verstörten Manne. Das Begräbniß der Frau, bei dem man die Worte des Pfarrers kaum hörte vor dem Prasseln des Regens auf die ausgespannten Schirme, hatte nur ein geringes Grabgefolge, obgleich sie geehrt und geliebt war in der ganzen Gegend. Denn zur selben Stunde, da hier die Glocken läuteten, läuteten sie auch drüben auf dem Berge in Höchenbrand, dem höchsten Dorfe der Landschaft, wo der Wälderjörgli begraben wurde. Darum war auch Anton nicht hier, er mußte den Kriegerverein anführen, der in seiner Gesammtheit beschlossen hatte, dem letzten Einungsmeister die letzte Ehre zu erweisen. Unter den Männern mit langen schwarzen Mänteln, die den Sarg der Frau Landolins trugen und von Zeit zu Zeit abwechselten, war einer gewesen, der vom Hause weg bis zum offenen Grab nicht von der Stelle wich; es war Tobias. In der kurzen Zeit, seit er vom Hofe entlassen wurde, hatte er schnell gealtert, von der ehemaligen Pfiffigkeit in seinem Antlitze war nichts mehr zu sehen. Als das Grabgefolge den Kirchhof verließ, sah man die Schaubkäther am Grabe ihres Sohnes knieen, sie hatte keinen Schirm, den doch auch der Aermste besitzt, sie kniete auf dem Boden und ließ den Regen sich auf ihr rothes Kopftuch und ihr Gewand ergießen und schaute nicht um. »Ich möcht' zu ihr gehen,« sagte Thoma, »ich mein', jetzt in unserer Trauer geht ihr ein gutes Wort von uns vielleicht eher ein; aber ich fürchte, sie schimpft und rast jetzt beim frischen Grabe der Mutter.« Landolin und Thoma gingen vorüber, und ihnen nach wendete sich der Blick der Schaubkäther und ihre Faust ballte sich. Hatte sie doch erwartet, daß die Trauernden sich zu ihr wendeten? Ein Mensch, mit den todbringenden Wellen des Stromes kämpfend, schreit unwillkürlich auf nach Hülfe, auch wenn er des Lebens überdrüssig ist. So auch, umfluthet von Schmerz und Gram, von Haß und Rache, lauscht die trauernde dumpfe Seele nach einer befreienden Rettung, nach einem beschwichtigenden Wort. Warum hilft mir Niemand? hatte Landolin so oft gedacht, vielleicht fragt jetzt auch die Verlassene und Verbitterte dort: Warum hilft mir Niemand? In Landolins tiefe düstere Trauer um den Tod der Frau leuchtete es wie ein Stern, daß er die Liebe seines Kindes wieder gewonnen. Er schaute auf Thoma, die neben ihm ging und über sein gramdurchfurchtes Antlitz blitzte es wie ein schneller Freudenstrahl. Er hörte wohl, was Thoma gesagt hatte, aber er konnte jetzt an keinen fremden Menschen denken. Daheim im Hof, in der Stube, in der Kammer, da war's, als ob all den leblosen Dingen etwas geraubt wäre, das sich nicht nennen ließ, und als ob Alles darauf warte, daß die Todte wiederkäme. um mit ihrem warmen Blicke zu grüßen. Wortlos, mit dem Blick zum Boden gesenkt, saß Landolin in seinem Stuhle, als der Pfarrer sich im Trauerhaus einstellte. Der Pfarrer sprach tröstliche Worte, und als er weggegangen war, sagte Landolin hinter ihm drein: »Er geht wieder. Er ist für sich und Niemand ist mehr für mich.« Der Taktschlag der Drescher weckte ihn aus seinen Träumereien. Diese Töne waren ihm doch nichts Fremdes, aber sie schreckten ihn aus dem Stuhle auf. Heute am Begräbnißtage der Bäuerin drischt man weiter? Aber freilich, man kann bei dem ständig strömenden Regen den Dienstboten und Taglöhnern nichts Anderes zu thun geben. Der Bruder der verstorbenen Frau kam, er zeigte sich seit der Verlobung Thoma's zum ersten Male wieder; er sprach nicht viel, und erst als Thoma kam, die in gefaßter Selbstverleugnung Alles aufrichtete, kam es zu guten Worten. Es wurde ausgemacht, daß für die Verstorbene auch in ihrem Geburtsdorfe eine sogenannte schwarze Messe gelesen werde. Der Ohm fragte nach Peter, dieser wurde herbeigerufen, man setzte sich zu Tische, man aß, und als der Ohm ging, begleitete ihn Peter, der kaum ein Wort gesprochen hatte. »Komm dann wieder herauf, Peter,« rief ihm der Vater nach, Peter antwortete nicht und kam auch nicht wieder. Die frühere wortkarge Verschlossenheit Peters war von diesem Tage an noch viel strenger wiedergekehrt. Als Licht angezündet wurde, sagte Landolin: »Das ist ihre erste Nacht im Grabe, ich wollt', ich läge neben ihr in der Erde.« Thoma suchte den Vater zu trösten und er sagte, ins Licht schauend: »Wirst sehen, der Anton kommt noch heute, wenn er von Höchenbrand zurück ist. Und wenn er nicht kommt, weißt Du, was ich thu'? Ich geh' morgen zu ihm, ich hab' keinen Tag mehr zu verlieren. Besser wär's, ich ging' gleich heut, jetzt.« »Vater! Es regnet, was vom Himmel herunter kann, und heut' an dem Tag, da dürfet Ihr nicht; Ihr seid doch auch schon bei Jahren und dürft Euch keinen Schaden thun.« »Hast recht, ich folg' Dir. Sag' dem Peter gut' Nacht von mir.« Lautlos war's im ganzen Hause, Landolin und Thoma schliefen, von der Ermüdung des Schmerzes überwältigt. Peter wälzte sich lange in seinem Bette umher, er fand erst den Schlaf, als er sich vorgesetzt hatte, er wolle dem Vater wieder alle Ehre und Macht geben. Das wollte er thun, sagen wollte er's aber nicht, denn er war wieder, und mehr als je, der wortkarge Peter geworden. Sechsundsechzigstes Kapitel. Der Tag erwachte, aber es schien kein Tag, der Regen hatte aufgehört, aber dichte Wolken hüllten noch Berg und Thal in tiefe Schatten. Als Landolin mit Thoma wieder allein war, sagte er: »Ich bleib' nicht auf dem Hof, ich zieh' zu Dir auf die Sägmühle und Du wirst mich gut halten, und ich bin jetzt so, daß der Holländer der richtige Kamerad für mich ist, und unnütz oder gar überlästig werde ich Euch nicht sein. Der Peter kann den Hof übernehmen und Dir herauszahlen. Ich glaub', er hat's auf eine Tochter vom Titus abgesehen. Meinetwegen! Ich will nichts dagegen haben, aber ich will die paar Jahre noch bei Dir bleiben; und wenn ich sterb', begrabet mich neben der Mutter.« Thoma nickte still, dann sagte sie: »Ich möcht' der Frau Kreisräthin Bescheid sagen lassen, wie es jetzt bei uns ist; sie hat Gutes an uns Beiden gethan.« »Rechtschaffen, und zur Hochzeit laden wir sie und sie muß Brautführerin sein an der Mutter Stelle. Die Mutter in der Ewigkeit wird sich mit Eurem Glück freuen; sie hat's voraus gesagt, sie hat nur gemeint, Du bringst den Anton gleich mit.« Es läutete und Thoma sagte, es sei Zeit zur Kirche zu gehen, wo die Seelenmesse für die Mutter gelesen wird. Landolin und seine beiden Kinder gingen zur Kirche. Die Schweigsamkeit Peters konnte nicht auffallen, denn Niemand sprach ein Wort. Als man die Kirche wieder verließ, waren die Wolken verflogen, nur noch da und dort kroch eine Flocke, immer mehr zerfetzt, die Waldberge hinan. Gottlob! Die Sonne ist wieder da, empfand Jegliches, und die gramvollen Gesichter erhellten sich. Peter trennte sich sofort im Hofe von Vater und Schwester und befahl mit kurzen Worten, daß Alles sich aufs Feld mache, wo man geschnittenen Hafer liegen hatte, um ihn zu binden und in Garben zum Austrocknen aufzustellen; dann ging er nach dem Stall, und bald kam Landolin und sagte, man solle ihm ein Pferd satteln, er wolle in die Sägmühle zu Anton und seinem Vater reiten. »Ja, Vater, die Fuchsstute könnt Ihr nicht nehmen, die hat erst vor ein paar Tagen gefohlt.« »So laß mir den Rapp-Hengst satteln.« »Ja, Vater, ich brauch' ihn eigentlich ins Feld und –« »Was und?« Ein erschreckter, vielleicht aber auch ein böser Blick Peters traf den Vater, da er diese Worte so scharf aussprach, er wiederholte sie aber noch schärfer: »Was und? So red' doch! Du hast doch sonst reden können und wie!« Peter rang offenbar mit seinem Zorn, da er mit gehaltenem Tone erwiderte: »Der Rapp-Hengst ist nicht mehr gut zum Reiten, ich weiß nicht, wie es kommt; Ihr könnet ihn nicht reiten.« »Ich kann nicht? Ich kann den bösesten Gaul reiten,« rief Landolin, die Faust erhebend, indem er nach dem Stall ging und den Rappen loskettete. Landolin hatte diese Worte ganz einfach gesagt, da sein Stolz beleidigt war, daß es ein Pferd geben solle, das er nicht reiten könne. Peter aber deutete diese Worte ganz anders, der Vater hatte offenbar sagen wollen, daß er auch ihn wieder unterkriegen könne. Der Rappe war gesattelt, Landolin nestelte den Hund los, dann stieg er auf. Thoma war in den Hof herabgekommen, der Vater reichte ihr die Hand und sagte: »Wenn wir nicht in Trauer wären, müßtest Du mir einen Rosmarinzweig mit rothem Band an den Rock stecken.« Die Kühe wurden eben zur Tränke herausgelassen, und Landolin rief: »Thoma! Die Preiskuh, die kriegst Du im Voraus. Nun behüt' Euch Gott. Peter, gieb mir auch eine Hand. Ich komm' noch manchmal zu Dir von der Sägmühle herauf.« Er trieb das Pferd an, daß es sich hoch aufbäumte und Funken aus dem Pflaster aufsprühten, just dort an der Stelle, wo damals Vetturi niedergestürzt war. Landolin bemeisterte das Pferd mit starker Kraft. Die Tochter und der Sohn schauten unter dem Hofthore ihm nach, wie er auf der Straße dahin den Rappen tänzeln ließ; der Vater erschien wieder in seiner ganzen Stattlichkeit, und dort, wo der Weg thalwärts in den Wald einbiegt, grüßte Landolin, nach rückwärts gewendet, den Hut lüpfend. Als Thoma sich wieder nach dem Hause wendete, kam von der andern Seite eine offene Kutsche angefahren, und drin saß die Kreisräthin mit ihrem Bruder, dem Staatsanwalt. Sie hielt vor dem Hause an, der Staatsanwalt fuhr weiter ins Land hinein, die Kreisräthin stieg ab; sie war gekommen, um die Trauernden zu trösten, und hörte zu ihrer großen Freude, auf welchem Wege jetzt Landolin war. Siebenundsechzigstes Kapitel. Während Landolin zu Thal ritt, hatte sich Peter den andern Rappen gesattelt, kleidete sich dann sonntäglich an und ritt, in den Mantel gehüllt, von Niemand beachtet, die Straße entlang zur Amtsstadt hinab über die Brücke, die noch kaum freistand von den Wassern, die gewaltig rauschten und brausten und losgerissene Stämme an die Brückenpfeiler schwemmten, daß die Brücke schwankte. Am Wirthshaus zur Krone ließ sich Peter einen Schoppen auf den Gaul geben; dann trabte er den jenseitigen Weg hinan zur Hochebene, wo Titus wohnte. Peter schaute nicht viel um, nur einmal hielt er an und betrachtete sich die seltsame Erscheinung, denn auf den Felsen am Wege waren Hühnergeier in großer Zahl, und es waren offenbar Junge dabei, denen die Alten zuredeten und sie zum Fliegen ermunterten; sie wagten es auch und in dem Jauchzen, das sie ausstießen, mußte eine Fülle stolzen Glückes liegen; das Nest war so eng und die Luft ist so weit und überall fliegt Beute, die zu haschen und zu würgen ist, . . . wenn die Jungen ihre Flugkraft kennen, fragen sie nichts mehr nach den Alten. »Wohin schon?« wurde Peter gefragt, der Fragende war sein ehemaliger Knecht Fidelis, der jetzt beim Titus in Dienst war. »Gut, daß ich Dich treffe. Ist der Titus daheim und –« er wollte gewiß sagen: und die Tochter auch? aber er hielt es zurück. Fidelis bejahte, und ohne weiter ein Wort an den Knecht zu verschwenden, ritt Peter fürbaß. Der Hof des Titus stand nicht so einsam, wie der Landolins; es waren mehrere Häuslerwohnungen in der Nähe, Titus hatte Häuser und Felder von Auswanderern angekauft und zu seinem Gute geschlagen. Das Hofthor war weit offen, und drin ging's lustig her, man hatte eben ein großes Schwein geschlachtet, und die Tochter des Titus stand mit aufgestreiften Hemdärmeln dabei. »Da kommt ja der Peter von Reutershöfen,« sagte der Metzger, das Messer zwischen den Zähnen herausnehmend, »was will der heut schon? Gestern hat man ja erst seine Mutter begraben. Mariann', der wird doch nicht Dich heirathen wollen? Wer Dich heirathet, der kriegt den alten Glauben wieder.« »Was für einen?« entgegnete Marianne. »Der lernt wieder an Hexen und Drachen glauben.« Das Mädchen lachte hellauf. Peter grüßte vom Pferde herab die Haustochter, behend absteigend wollte er ihr die Hand reichen, sie aber sagte, sie habe nasse Hände und könne ihm keine reichen, und verschwand. Peter ging in die Stube. Titus saß hinter einem großen Tisch und rechnete aus mehreren vor ihm liegenden Papieren. »Ei Du bist's!« rief er Peter entgegen, »kommst just geschickt zur Metzelsuppe. Hast also doch noch über die Brücke gekonnt. Unsere Feuerwehr ist ausgerückt zur Hülfe in der Wassersnoth im Thal. Setz' Dich. Was bringst Du Gutes?« Peter machte nicht viel Umstände und erzählte sein Begehr. Die Mutter ist todt, der Vater ist heute zu Anton geritten und bringt die Sache mit Thoma wieder in die Reihe, er giebt das Gut ab, und zieht zur Tochter auf die Sägmühle. »Also,« schloß Peter, »Ihr wisset schon, was ich mein', ich brauch' eine Frau.« »Du gehst schnell voran,« entgegnete Titus, »ich für mich habe nichts dagegen; hast Du schon mit der Mariann' gesprochen?« »Nicht so ganz, aber es wird nicht fehlen.« »Denk' auch. Soll ich die Mariann' rufen?« »Ja!« Titus schickte eine Magd nach der Tochter, sie ließ sagen, der Vater möge zuerst ein wenig zu ihr kommen. »Was ist das?« sagte Titus; er war es nicht gewohnt, daß ein Kind einem Befehl von ihm Widerstand entgegensetzte. »Mit Verlaub,« fügte er gegen Peter hinzu und verließ die Stube. Peter wurde es ganz eng, wie wäre es, wenn er abgewiesen heimreiten müßte? Er hatte vielleicht eine Ahnung davon, was jetzt zwischen Titus und seiner Tochter gesprochen wurde, denn diese sagte: »Vater, wollet denn Ihr, daß ich den Peter nehme? Gestern hat man seine Mutter begraben und heute reitet er auf die Freierei.« Titus erklärte, daß das nichts zu bedeuten habe, und als Marianne einen Abscheu gegen Peter aussprechen wollte, fuhr er entschieden drein: »Der Peter ist ein rechter Bauer und da fragt sich weiter nichts, Du nimmst ihn. Zieh Dich besser an und komm bald nach.« Er kehrte zu Peter zurück und sagte: »Die Sache ist in Ordnung.« In ihrer Kammer aber sagte Marianne zu der alten Magd: »Ich nehm' ihn und ich muß ihn nehmen, aber er soll es büßen, er soll spüren, wer ich bin.« Sie kam in die Stube. Ohne weiteres Wort reichte ihr Peter die Hand und sagte, das sei nur für einstweilen, denn morgen oder am Sonntag werde sein Vater kommen und, wie es der Brauch, um sie anhalten. »Ja, Dein Vater!« unterbrach Titus, »weiß er denn, daß Du hierher bist?« »Mein Vater braucht nichts mehr zu wissen, ich habe den Hof schon lang in der Hand und habe ihn nur noch vor der Welt was gelten lassen.« »Ja, weiß denn Dein Vater auch, daß ich zu denen gehört habe, die Schuldig gesagt haben?« »Das weiß er nicht und braucht es auch nicht zu wissen.« Während man noch so sprach, kam Fidelis herein und erzählte, er sei einem Boten begegnet, der zum Arzte geschickt worden sei, denn Landolin sei ins Wasser gestürzt, man habe ihn herausgezogen, er sei aber noch in Lebensgefahr. Peter konnte nun nicht bleiben und während die Metzelsuppe angerichtet wurde und ihm der Mund danach wässerte, mußte er davon reiten. Von allen Kirchthürmen auf den Bergen und im Thale läutete es Sturm; man rief um Hülfe in der Wassernoth. Achtundsechzigstes Kapitel. Die wilden Wasser rauschen von Berg zu Thal, in allen Rinnsen quillt's und plätschert's, selbst durch die Mitte der Straße hat sich ein kleiner Bach den Weg gerissen; das thut Alles so lustig, und morgen ist's nicht mehr da. In den Feldern arbeiten die Menschen emsig, man schneidet alljährlich das Gras, das Getreide, die Waldbäume wachsen Jahre lang, dann fällt sie die Axt, dann entwurzelt sie der Sturm, nur die Erde bleibt, darin man den Menschen begräbt. . . . Dort im Tobel unweit des Teufelskessels liegt eine entwurzelte Tanne, Niemand kann sie herausholen, im Sommer bröckelt sich der Grund, im Winter läßt das Eis nicht Fuß fassen. So viele, viele Jahre hat der Baum am Abgrunde gestanden und sich mit der Wurzel in den Felsgrund eingekrallt; das vom Bachsturz verspritzte Wasser hat ihn so reich genährt, und jetzt vorbei, todt, zum Vermodern . . . Schad' um den schönen, werthvollen Stamm, das war der eigentliche Schlußgedanke Landolins. Der Rapp-Hengst wieherte lustig, dann schaute er zurück zu seinem Herrn, der die Zügel so schlaff hielt. Landolin raffte sich zusammen und faßte die Zügel stramm. Schau, dort kommt die Schaubkäther mit einem Bündel dürren Reisigs. »Wart', ich komm',« rief Landolin der Schaubkäther zu, sie hielt still und warf das Holzbündel ab. Landolin stieg vom Pferde, und die Zügel haltend, sagte er: »Käther, meine Frau ist todt.« »Muß so sein. Man hat sie ja begraben.« »Ich möcht' gut mit Dir reden. Wer weiß, wie lang Du noch lebst und wie lang' ich.« Mit tiefer Zerknirschung setzte er leise hinzu: »Du hast Deinen Sohn verloren und ich werde von meinem Sohn fast zu Tode gemartert. Ich büße –« Ein teuflisches Lachen unterbrach ihn, der Hund umschnupperte die Alte, Landolin rief ihn zu sich und fuhr fort: »Ich möcht' Dir Gutes thun.« »So häng' Dich,« rief die Schaubkäther, eilte nach ihrem Reisigbündel und löste den Strick ab, »da, da hast Du, häng' Dich an den Baum da, das ist das Einzige. Ich will Dich zappeln sehen.« Landolin bestieg wiederum das Pferd und ritt davon, er schaute nicht um, er sah nicht, wie die Schaubkäther mit dem Strick in der Hand abseits der Straße durch den Wald ihm nacheilte. Landolin kam ins Thal. Das ist jetzt eine ganz fremde Landschaft; das ganze Thal war überfluthet und die Sturmglocken läuteten drüber hin. Ein Geierpaar flog von der jenseitigen Höhe und kreiste und kreischte über dem Wasser, wer weiß, ob es nicht von jenen war, die Peter beobachtet hatte. Und jetzt kam eine Schaar Raben dahergeflogen und wiegte sich krächzend hin und her. Landolin schaute in die Landschaft, schaute in die Luft, dann schüttelte er den Kopf. Dort ragt noch die Brücke aus dem Wasser und jenseits ist die Sägmühle Antons. Landolin spornte den Rappen, er stampfte ins Wasser; der Hund watete daneben und jetzt schwamm er und schaute nach seinem Herrn, wie wenn er ihn bitten wollte, doch umzukehren. Aber Landolin ritt immer weiter und weiter. Neunundsechzigstes Kapitel. Drunten im Thal war die Sägmühle Armbrusters gestellt, denn die wilden Wasser rauschten durch die eine Thüröffnung herein und aus der andern heraus, und man hatte nur ständig zu arbeiten und zu wehren, die vom Oberlande herströmenden Anfluthungen, die bald lebendige Waldbäume, bald gefällte Stämme und Bruchstücke von Häusern brachten, von dem Gebäude abzustoßen, damit es nicht umgerissen und fortgeschwemmt werde. Rings um die Sägmühle bis hinaus zur Einbindstätte und bis hinab zu den hochaufgeschichteten gesägten Brettern herrschte Treiben und Schreien und Stampfen von Menschen und Pferden, denn gute Gesellen Antons waren gekommen, ihm in der Gefahr beizustehen. Sie wateten mit ihren hohen, bis an die Hüften reichenden Stiefeln in den Fluß und schrieen einander zu, das Rauschen und Brausen des Stromes übertönend. Man trug die Bretter höher hinauf bis an den Waldrand, und es klappte und schallte weithin, wenn man die Bretter auf die Schichten fallen ließ. Anton war bald hier bald dort und legte selbst emsig Hand an. Alte Leute, die zu Hülfe gekommen waren, sagten: »Solch eine Ueberschwemmung haben wir noch nie erlebt, und sie muß im Oberland noch viel schlimmer sein.« Denn immer mehr Trümmer wälzten die braunen Wellen heran, und manchmal sah man auch eine Kuh oder ein Rind daherschwimmen, die laut aufschrien und dann versanken. »Die Brücke steht noch,« sagte ein Kamerad zu Anton, der eben half, die Haken aus den in die Höhe geschleppten Stämmen herauszuziehen und die Pferde abzuschirren. »Was ist denn das da? Dort reitet ein Mann über die Brücke. Herrgott, ist das nicht der Landolin?« Anton durchschauerte es; der Schweiß, den er sich eben von der Stirn trocknen wollte, war plötzlich kalt geworden. »Schau!« fuhr der Kamerad fort. »Was ist denn das? Jetzt drängt sich Etwas an ihn mit einem rothen Tuch auf dem Kopf; ist das nicht die Schaubkäther, Anton? Siehst Du es auch, oder sehe nur ich's?« »Ja, ja!« preßte Anton hervor. »Ich sehe es auch. Der will zu mir. Komm', komm' schnell!« Sie ließen die Pferde stehen, sie warfen die Haken auf den Boden und eilten hinab ans Ufer. Dort schwamm eben der Hund Racker heran und sprang ans Ufer; er schüttelte den Kopf, wendete sich und bellte nach dem Wasser hinab. Schnell lösten die Beiden einen Kahn vom Ufer, der Hund sprang hinein, und sie steuerten hinaus, von den Wellen fortgetrieben. Da zeigte sich der Zipfel eines Gewandes, der Hund sprang aus dem Kahn, faßte den Zipfel, und die beiden Männer legten Haken an und zogen den schweren Landolin herauf. Sie legten ihn in den Kahn, fuhren mächtig rudernd ans Ufer, andere Männer kamen herbei, man trug Landolin ins Haus und machte Belebungsversuche. Anton schickte sofort seinen Kameraden hinauf zu Thoma. Siebzigstes Kapitel. Die Kreisräthin war wieder heimgekehrt, da kam der Bote von Anton, Thoma und Peter sollten sofort nach der Mühle kommen; Anton habe mit Lebensgefahr den Altschultheiß aus dem Wasser gezogen, das Pferd sei ertrunken. »Aber mein Vater? Lebt er?« rief Thoma. Der Bote berichtete, daß man bei seinem Weggang noch Belebungsversuche gemacht, Landolin scheine wieder zu sich zu kommen. So eilig, als der von den wilden Wassern zerrissene Weg gestattete, stürmte nun Thoma ins Thal, am Ufer des Flusses lag ein Kahn und Anton rief aus demselben: »Er lebt!« Der Kahn mußte erst weit hinauf fahren, um sich dann von der Strömung ans andere Ufer treiben zu lassen, heranbrausende zerrissene Flöße und Waldbäume mit Wurzel und Gezweige machten die Ueberfahrt beschwerlich und lang. »Gieb mir auch eine Ruderstange, ich hab' schon gesehen, wie man's macht,« bat Thoma, Anton willfahrte ihr, aber das Ruder entglitt der Hand Thoma's und schwamm davon. »Halt' Dich stark und gut wie immer,« das war das Einzige, was Anton zu Thoma sagte. Man kam ans Ufer. Thoma eilte zu ihrem Vater, der alte Sägmüller war bei ihm und auch der Arzt. Landolin hatte die Hand auf den Kopf des Hundes gelegt, der neben dem Lager stand, der Sägmüller nestelte das Stachelhalsband los, damit sich Landolin nicht steche. Der Arzt winkte Thoma, sich noch ruhig und entfernt zu halten, und sie hörte, wie der Vater stöhnend rief: »Wo ist sie? Die Käther? Die Käther! Strick um den Hals!« Thoma ließ sich nicht mehr halten und drang vor, kniete am Lager des Vaters und faßte seine Hand. »Ist schön, daß Du da bist. So ist's recht,« sagte Landolin, »komm' her, Anton, ich hab' sie für Dich . . . der Wald ist vor Allem Dein und die Preiskuh und –« Er hauchte seinen letzten Athem aus. Als Peter kam, fand er nur noch die Leiche seines Vaters. Am Tage, an dem man Landolin begrub, wurde die Leiche der Schaubkäther ans Land geschwemmt, sie hatte einen Strick krampfhaft in der Hand. *           * * Wir begegnen dem Peter vielleicht ein andermal. Heute ist er Meister auf dem Hofe, er heißt aber nur so, denn er ist, wie man sagt, nicht Meister über einen Pfennig; er hat die Tochter des Titus geheirathet, und die soll gar scharf sein, Manche sagen sogar bös. Anton Armbruster ist Bürgermeister in Rothenkirch und Thoma weiß die Würde, die ihr davon zukommt, gebührlich zu tragen.   Ende .