Leo N. Tolstoi Volkserzählungen Inhalt Wieviel Erde braucht der Mensch? Die drei Tode Der Schneesturm Albert Luzern Polikei Der Morgen eines Gutsbesitzers Wieviel Erde braucht der Mensch? Übertragen von Alexander Eliasberg 1 Die ältere Schwester aus der Stadt besuchte ihre jüngere Schwester auf dem Dorfe. Die ältere war mit einem Kaufmann in der Stadt verheiratet und die jüngere mit einem Bauern im Dorfe. Die Schwestern tranken Tee und unterhielten sich. Die ältere Schwester begann zu prahlen und ihr Leben in der Stadt zu rühmen: wie geräumig und wie reinlich sie in der Stadt wohne, wie schön sie sich kleide und ihre Kinder putze, wie gut sie esse und trinke, und wie sie Spazierfahrten und Vergnügungen mitmache und Theatervorstellungen besuche. Die jüngere Schwester fühlte sich dadurch verletzt, und sie begann das Kaufmannsleben herabzusetzen und ihr eigenes Bauernleben zu rühmen. »Ich würde um nichts in der Welt«, so sagte sie, »mein Leben mit dem deinigen vertauschen. Es ist wahr, daß wir nicht besonders schön wohnen, dafür kennen wir auch keine Sorgen. Ihr lebt allerdings schöner und sauberer, dafür könnt ihr heute viel Geld verdienen, morgen aber alles verlieren. Es gibt auch ein Sprichwort: Der Verlust ist der ältere Bruder des Gewinns. Es kommt ja wirklich vor, daß jemand heute reich ist und morgen betteln geht. Unser Bauernleben ist viel sicherer: das Leben des Bauern ist karg, doch lang. Reich werden wir nie, dafür aber haben wir immer satt zu essen!« Darauf entgegnete die ältere Schwester: »Das ist mir ein schönes Essen: aus einem Trog mit den Schweinen und Kälbern! Ihr lebt im Schmutz und ohne Manieren. Wie sehr sich dein Bauer auch abmüht, ihr werdet doch nicht anders als auf dem Misthaufen leben und auch auf dem Misthaufen sterben. Und euren Kindern wird es nicht anders gehen.« »Was macht denn das?« erwiderte die Jüngere. »Unser Leben ist einmal so. Dafür leben wir sicher, brauchen uns vor niemand zu bücken und fürchten niemand. Ihr lebt aber in der Stadt in ständiger Anfechtung; heute lebt ihr gut, und morgen kommt der Böse und verführt deinen Mann zum Kartenspiel oder zum Trunk oder gar zu einer Liebschaft. Und dann ist alles hin. Kommt das etwa nicht vor?« Der Bauer Pachom lag auf dem Ofen und hörte dem Gespräch der beiden Frauen zu. ›Es ist ja alles wahr‹, sagte er sich. ›Unsereiner hat von Kind auf mit der Erde zu schaffen, und daher kommen ihm solche Narrheiten nie in den Sinn. Eines ist nur traurig: wir haben zu wenig Land! Wenn ich genug Land hätte, so fürchtete ich niemand, nicht einmal den Teufel!‹ Die Weiber tranken ihren Tee aus, schwatzten noch von Putz und Kleidern, räumten das Geschirr weg und legten sich schlafen. Der Teufel hatte aber hinter dem Ofen gesessen und alles gehört. Er freute sich, daß die Bäuerin ihren Mann zum Prahlen verleitet hatte: er prahlte ja, wenn er genug Land hätte, so würde ihn auch der Teufel nicht holen können. ›Es ist gut,‹ sagte sich der Teufel, ›wir wollen sehen: ich will dir viel Land geben und dich gerade damit fangen.‹ 2 In der Nachbarschaft wohnte eine Gutsbesitzerin. Sie war nicht sehr reich und besaß etwa hundertundzwanzig Dessjatinen Land. Anfangs vertrug sie sich mit den Bauern sehr gut und tat ihnen nie etwas zuleide. Nun stellte sie sich aber einen verabschiedeten Soldaten als Verwalter an, und dieser begann die Bauern mit Geldstrafen zu plagen. Wie sehr sich auch Pachom in acht nahm, kam es doch jeden Tag vor, daß entweder sein Pferd in den fremden Hafer ging oder seine Kuh sich in den Garten verirrte oder die Kälber auf der fremden Wiese weideten; jedesmal gab es Geldstrafen. Pachom zahlte die Strafen und ließ seinen Ärger an seinen Hausgenossen aus. Gar oft hatte sich Pachom im Laufe des Sommers um dieses Verwalters willen an den Seinen versündigt. Als das Vieh im Herbst in den Stall kam, war er froh: das Futter kostete zwar Geld, dafür aber hörte die ewige Angst auf. Im Winter hieß es plötzlich, daß die Gutsbesitzerin ihr Land verkaufen wolle und daß der Besitzer der Herberge an der Landstraße mit ihr darüber unterhandle. Als die Bauern davon hörten, begannen sie zu jammern und sagten: »Wenn der Wirt das Gut bekommt, wird er uns noch viel ärger zusetzen als die Gutsherrin. Wir können ohne dieses Land nicht auskommen, denn unser Besitz ist darin von allen Seiten eingeschlossen.« Die Bauern gingen nun alle zur Gutsherrin und baten, sie möchte das Land nicht dem Wirt, sondern ihnen verkaufen; sie versprachen auch einen höheren Preis zu zahlen. Die Gutsherrin ging darauf ein. Die Bauern wollten das Land als Gemeindegut erwerben; sie versammelten sich einige Male, um die Sache zu besprechen, konnten aber nicht einig werden. Jedesmal kam es zu Streitigkeiten, denn der Böse hatte seine Hand im Spiele. Darauf beschlossen die Bauern, daß ein jeder auf eigene Rechnung je nach seinem Vermögen kaufen solle. Auch darauf ging die Gutsherrin ein. Pachom hörte, daß sein Nachbar der Gutsherrin zwanzig Dessjatinen abgekauft habe, wobei er die Hälfte des Kaufpreises in jährlichen Raten bezahlen dürfe. Pachom wurde neidisch. ›Sie kaufen das ganze Land auf und lassen mir nichts übrig‹, dachte er. Und er beriet sich mit seiner Frau. »Da alle Leute kaufen,« sagte er zu ihr, »müssen auch wir an die zehn Dessjatinen kaufen. Sonst ist es ja wirklich kein Leben: der Verwalter hat uns mit seinen Geldstrafen beinahe zugrunde gerichtet.« Und sie überlegten sich, wie sie es anstellen sollten. Sie hatten hundert Rubel erspart; nun verkauften sie ein Füllen und die Hälfte der Bienenstöcke, verdingten den Sohn als Arbeiter, borgten sich noch etwas beim Schwager und brachten auf diese Weise die Hälfte der Kaufsumme auf. Als Pachom das Geld beisammen hatte, suchte er sich ein Stück Land nach seinem Geschmack aus – es waren fünfzehn Dessjatinen mit einem kleinen Wald – und begab sich zur Gutsherrin, um über den Kauf zu verhandeln. Sie wurden handelseinig, und er gab ihr eine Anzahlung auf die fünfzehn Dessjatinen. Dann fuhren sie in die Stadt und schlossen den Kaufvertrag ab; Pachom zahlte die Hälfte des Preises und verpflichtete sich, den Rest innerhalb zweier Jahre abzuzahlen. Nun hatte Pachom ein ordentliches Stück Land. Er verschaffte sich Saat auf Borg und besäte den gekauften Grund. Schon die erste Ernte war so gut, daß er gleich im ersten Jahre sowohl der Gutsherrin wie auch dem Schwager die Schuld bezahlen konnte. So wurde Pachom Gutsbesitzer: der Boden, den er bebaute, auf dem er mähte, sein Holz fällte und sein Vieh weidete, gehörte nun ihm. Sooft Pachom auf sein eigenes Land hinausfuhr, um zu pflügen oder um die Saat und das Gras anzusehen, war er stolz und glücklich. Es schien ihm, daß auf seinem Grund und Boden ganz anderes Gras wachse und andere Blumen blühten als sonst überall. Wenn er früher an diesem Stück Land vorbeigefahren war, schien ihm das Land ganz gewöhnlich; jetzt war es aber ein gesegnetes Land. 3 So lebte Pachom in Freuden. Er wäre wohl ganz zufrieden gewesen, wenn ihm die Bauern nicht ständig mit den vielen Flurschäden zugesetzt hätten. Er stellte sie freundlich zur Rede, aber es half alles nichts: bald ließen die Hirten die Kühe auf seinen Wiesen grasen, bald verirrten sich nachts die Pferde in sein Korn. Pachom trieb das fremde Vieh weg, verzieh den Bauern und beschwerte sich nicht; auf die Dauer wurde es ihm aber doch zu dumm, und er zeigte die Schuldigen bei der Dorfpolizei an. Er wußte zwar, daß die Bauern es nicht mit böser Absicht taten und daß es nur daher kam, weil sie so dicht beieinander wohnten; und doch mußte er sich sagen: ›Ich kann es ihnen doch nicht immer nachsehen! Sie ruinieren mir schließlich mein ganzes Land. Ich muß ihnen doch einmal eine Lehre geben!‹ Er zeigte einen Bauern an, dann einen andern, und beiden wurden Geldstrafen zudiktiert. Das ärgerte die Nachbarn, und von nun an kam es vor, daß sie ihn mit Absicht schädigten. Jemand kam nachts in sein Wäldchen und fällte zehn junge Linden, um sich aus ihrer Rinde Bast zu machen. Als Pachom am nächsten Tage an dieser Stelle vorbeifuhr, sah er etwas weiß schimmern. Wie er näher kam, sah er die abgeschälten Stämme auf der Erde liegen, nur die Stümpfe ragten noch aus dem Boden. Wenn der Dieb wenigstens die äußersten Stämme vom Gebüsch gefällt und die mittleren stehen gelassen hätte! Aber nein: er hatte alle der Reihe nach abgehauen. Pachom wurde wütend. ›Wenn ich nur wüßte, wer es war! Dem möchte ich einen ordentlichen Denkzettel geben!‹ Er überlegte lange hin und her und sagte sich schließlich: ›Es kann niemand anders als Semjon gewesen sein.‹ Er ging zu Semjon, durchsuchte seinen Hof, fand aber nichts; es kam nur zu einem Streit. Pachom war nun erst recht davon überzeugt, daß Semjon der Täter war. Er reichte eine Klage ein. Es kam zur Verhandlung, und die Richter mußten Semjon freisprechen, da jeglicher Beweis für seine Schuld fehlte. Darob geriet Pachom noch mehr in Zorn, und er fing einen Streit mit dem Schulzen und den Richtern an. Er sagte zu ihnen: »Ihr steckt unter einer Decke mit den Dieben. Wenn ihr anständig wäret, würdet ihr den Dieb nicht freisprechen!« Nun war Pachom mit den Richtern und den Nachbarn verzankt. Die Bauern drohten ihm mit dem roten Hahn. So hatte Pachom zwar auf seinem Grund und Boden genügend Raum, doch in der Gemeinde wurde es ihm zu eng. Um jene Zeit kam das Gerücht auf, daß viele Bauern weiter nach Osten auswanderten. Und Pachom sagte sich: ›Ich selbst brauche ja nicht auszuwandern, denn ich habe auch hier genügend Land; wenn aber jemand von den Nachbarn auswandern wollte, würde es hier geräumiger werden. Ich würde das Land der Auswandernden aufkaufen und damit meinen Besitz abrunden; ich würde es dann viel bequemer haben, denn jetzt ist es wirklich zu eng!‹ Als Pachom einmal zu Hause saß, klopfte bei ihm ein durchreisender Bauer an. Pachom gewährte ihm Nachtquartier, gab ihm zu essen und zu trinken und fragte ihn, woher er des Weges komme. Der Bauer sagte, daß er aus dem unteren Wolgagebiet komme, wo er auf Arbeit gewesen sei. Ein Wort gab das andere, und der Bauer erzählte von den Verhältnissen der Einwanderer in jener Gegend. Viele Leute aus seinem Dorf seien hingezogen; man habe sie ohne Schwierigkeiten in die Gemeinde aufgenommen und einem jeden zehn Dessjatinen Land zugeteilt. Der Boden sei dort sehr fruchtbar: zwischen den Kornähren könne sich ein Pferd verbergen, und fünf Handvoll Ähren gäben eine Garbe ab. Ein Bauer, der gänzlich verarmt und mit leeren Händen hingekommen sei, besitze jetzt sechs Pferde und zwei Kühe. Pachoms Herz entbrannte. Er sagte sich: ›Was soll ich mich hier in der Enge plagen, wenn ich anderswo viel besser leben kann? Ich will meinen hiesigen Besitz verkaufen und mich mit dem Erlös drüben einrichten. Denn hier in der Enge hat man nichts als Ärger. Nur muß ich zuerst selbst hin und mir die Sache näher anschauen.‹ Als die Sommerarbeiten zu Ende waren, machte sich Pachom auf den Weg. Er fuhr bis Samara die Wolga hinab und ging von dort etwa vierhundert Werst zu Fuß. Er kam in die Gegend. Alles stimmte. Die Bauern hatten dort viel Land. Einem jeden waren zehn Dessjatinen zugeteilt, und Fremde wurden ohne Schwierigkeiten in die Gemeinde aufgenommen. Wer aber auch noch Geld mitbrachte, durfte außer den angewiesenen zehn Dessjatinen noch so viel Land kaufen, wie er wollte; eine Dessjatine bester Erde kostete nur drei Rubel. Als Pachom alles an Ort und Stelle kennen gelernt hatte, kehrte er zum Herbst nach Hause zurück und begann seinen Besitz zu verkaufen. Er verkaufte sein Land mit Gewinn, verkaufte sein Gehöft, sein Vieh, trat aus der Gemeinde aus und zog im nächsten Frühjahr mit Weib und Kind in die neue Heimat. 4 Pachom kam mit seiner Familie ins neue Land und ließ sich in einem großen Dorfe in die Gemeinde aufnehmen. Er bewirtete die Gemeindeältesten mit Schnaps, und sie verschafften ihm alle notwendigen Papiere. Sie nahmen Pachom in die Gemeinde auf und teilten ihm, da seine Familie aus fünf Köpfen bestand, fünfzig Dessjatinen Land auf verschiedenen Feldern zu; außerdem bekam er einen Anteil am Weideland. Pachom baute sich an und kaufte Vieh. Nun besaß er allein an zugeteiltem Land dreimal mehr als früher; es war guter, fruchtbarer Boden. Er konnte daher zehnmal so gut leben wie früher. Er besaß genügend Ackergrund und Weideland und konnte sich so viel Vieh halten, wie er wollte. Anfangs, während er sich einrichtete, erschien ihm alles vortrefflich; nachdem er aber eine Zeitlang gewirtschaftet hatte, fand er es auch hier zu eng. Im ersten Jahre säte Pachom Weizen auf dem ihm zugeteilten Lande, und er gedieh sehr gut. Nun bekam er Lust, noch mehr Weizen zu bauen, doch das zugeteilte Land reichte nicht mehr aus. Auch war es nicht von der nötigen Beschaffenheit. In jener Gegend sät man den Weizen auf neuen Steppenboden oder Brachfeld. Man sät ihn nur ein oder zwei Jahre und läßt dann die Erde brach liegen, bis sie wieder mit Steppengras bewachsen ist. Solches Land fand viele Liebhaber, aber für alle konnte es nicht reichen. Das gab immer Grund zu Streitigkeiten; die reicheren Bauern bebauten ihr Land selbst, und die ärmeren verpachteten das ihrige an Kaufleute, um mit dem Pachtzins ihre Steuern zu bezahlen. Auch Pachom wollte mehr von diesem Lande haben. Er ging im nächsten Jahr in die Stadt und pachtete von einem Kaufmann Land auf ein Jahr. Er besäte es, der Weizen gedieh gut, doch das Feld lag zu weit vom Dorf entfernt: er mußte ganze fünfzehn Werst weit fahren. Er sah, daß die reicheren Bauern in der Umgegend wie Gutsbesitzer auf Einzelhöfen lebten und von Jahr zu Jahr reicher wurden. ›Wenn ich mir noch etwas Land zu Erb und Eigen kaufen könnte,‹ dachte er sich, ›würde ich mir auch so ein Gut bauen! Dann hätte ich alles beisammen.‹ Und Pachom sann nun darüber nach, wie er sich Erbland zulegen könnte. So vergingen drei Jahre. Pachom nahm Land in Pacht und baute Weizen. Die Jahre waren gut, der Weizen gedieh vortrefflich, und Pachom konnte sich etwas Geld zurücklegen. Eigentlich hätte er so sehr gut leben können, aber es ärgerte ihn, daß er jedes Jahr neue Pachtverträge abschließen mußte. Jedesmal gab es große Scherereien: wenn irgendwo besonders guter Boden zu verpachten war, stürzten sich die Bauern von der ganzen Gegend darauf und schnappten ihm alles vor der Nase weg, so daß er nichts säen konnte. Im dritten Jahre pachtete er zusammen mit einem Kaufmann von den Bauern Weideland; sie hatten es schon aufgepflügt, als die Bauern plötzlich einen Prozeß anfingen, und so war alle Mühe verloren. ›Wenn ich eigenes Land hätte,‹ dachte er, ›brauchte ich mich vor niemand zu bücken und hätte diesen Ärger nicht.‹ Nun begann Pachom Erkundigungen einzuziehen, wo er sich Land zu Erb und Eigen kaufen könnte. Er stieß auf einen Bauern, der erst vor kurzem fünfhundert Dessjatinen gekauft hatte, aber in Not geraten war und das Land billig verkaufen mußte. Pachom unterhandelte mit dem Bauern. Sie handelten lange hin und her und einigten sich schließlich auf die Summe von tausend Rubel, wobei die Hälfte des Betrages in Raten zu zahlen war. Das Geschäft war beinahe abgeschlossen, als bei Pachom eines Tages ein durchreisender Kaufmann einkehrte, um seinen Pferden Futter zu geben. Sie tranken Tee und kamen ins Gespräch. Der Kaufmann erzählte, daß er aus dem fernen Baschkirenland komme. Er hätte dort von den Baschkiren fünftausend Dessjatinen Land gekauft, das Ganze hätte nur tausend Rubel gekostet. Pachom begann ihn auszufragen. Der Kaufmann erzählte: »Ich habe das Land so billig bekommen, weil ich zuvor die Gemeindeältesten beschenkt habe: sie bekamen von mir Teppiche und Kaftane für etwa hundert Rubel, eine Kiste Tee, und solche, die Branntwein trinken, bewirtete ich mit Branntwein. Auf diese Weise bekam ich die Dessjatine zu zwanzig Kopeken.« Er zeigte ihm den Kaufvertrag und sagte noch: »Das Land liegt an einem Fluß und ist gutes Steppenland.« Pachom fragte ihn weiter aus, und der Kaufmann sagte: »Es gibt dort so viel Land, daß man es auch in einem Jahre nicht umgehen kann. Alles gehört den Baschkiren. Die Leute sind stumpfsinnig wie die Hammel. Man kann das Land von ihnen beinahe umsonst haben.« ›Nun,‹ denkt sich Pachom, ›warum soll ich für meine tausend Rubel fünfhundert Dessjatinen kaufen und mir dabei noch eine Schuld auf den Hals laden, wenn ich dort für das gleiche Geld viel mehr bekommen kann?‹ 5 Pachom erkundigte sich, wie man zu den Baschkiren käme; kaum war der Kaufmann fort, als er sich zur Reise zu rüsten begann. Er vertraute die ganze Wirtschaft seiner Frau an und nahm einen seiner Knechte auf die Reise mit. Sie fuhren zuerst in die Stadt und kauften eine Kiste Tee, Geschenke und Branntwein – alles, wie der Kaufmann gesagt hatte. Sie fuhren und fuhren und legten an die fünfhundert Werst zurück. Am siebenten Tage kamen sie in das Zeltlager der Baschkiren. Alles war wirklich so, wie der Kaufmann erzählt hatte. Die Baschkiren wohnen in der Steppe, am Flusse, in Zelten aus Filz. Sie treiben keinen Ackerbau und essen kein Brot. In der Steppe weiden ihre Vieh- und Pferdeherden. Hinter den Zelten sind die Füllen angebunden, und zweimal am Tage treibt man die Stuten zu ihnen hin. Die Stuten werden gemolken, und aus der Milch wird Kumys bereitet. Die Weiber rühren den Kumys und machen daraus Käse; die Männer tun aber nichts als Kumys und Tee trinken, Hammelfleisch essen und Flöte blasen. Es sind lauter gesunde, lustige Leute, die den ganzen Sommer lang feiern. Das Volk ist ganz ungebildet, versteht kein Russisch, ist aber sehr freundlich. Kaum hatten die Baschkiren Pachom erblickt, als sie alle aus ihren Zelten herauskamen und den Gast umringten. Unter ihnen fand sich auch ein Dolmetsch. Pachom ließ ihn den Leuten sagen, daß er des Landes wegen gekommen sei. Darob freuten sich die Baschkiren sehr; sie nahmen ihn bei den Händen, führten ihn in ein schönes Zelt, setzten ihn auf Teppiche und Daunenkissen, ließen sich dann alle um ihn im Kreise nieder und bewirteten ihn mit Kumys und Tee. Sie schlachteten auch einen Hammel und gaben ihm das Fleisch zu essen. Pachom holte aus seinem Wagen die mitgebrachten Geschenke hervor und verteilte sie unter die Baschkiren. Ein jeder bekam ein Geschenk und etwas Tee. Da freuten sich die Baschkiren. Sie sprachen lange miteinander in ihrem Kauderwelsch und ließen dann den Dolmetsch sprechen. »Sie lassen dir sagen,« sagte der Dolmetsch, »daß sie dich liebgewonnen haben und daß es bei uns Sitte ist, jedem Gast jeden Gefallen zu erweisen und ihm für seine Geschenke Gegengeschenke zu machen. Du hast uns beschenkt; sage uns nun, was dir von unserem Besitz am besten gefällt, damit wir es dir geben.« »Am besten gefällt mir euer Land,« entgegnete Pachom. »Bei uns zu Hause ist es eng, und der Boden ist erschöpft; bei euch gibt es aber viel Land, und der Boden ist so gut, wie ich noch keinen gesehen habe.« Der Dolmetsch übersetzte es. Die Baschkiren sprachen wieder lange miteinander. Pachom verstand davon kein Wort, sah aber, daß sie sehr lustig waren: sie schrien und lachten. Dann wurden sie wieder still, blickten alle auf Pachom, und der Dolmetsch sagte: »Sie lassen dir sagen, daß sie bereit sind, dir für deine Freundlichkeit so viel Land zu geben, wie du magst. Zeige nur mit der Hand, welches Land dir am besten gefällt, und es ist dein.« Sie sprachen noch eine Weile und schienen in Streit geraten zu sein. Pachom fragte, worüber sie stritten. Und der Dolmetsch sagte: »Die einen sagen, daß man erst den Ältesten fragen müsse und ohne seine Erlaubnis nichts hergeben dürfe; die andern meinen aber, man könne es auch ohne ihn entscheiden.« 6 Während die Baschkiren so stritten, kam plötzlich ein Mann in einer Fuchsfellmütze ins Zelt. Alle verstummten und erhoben sich. Und der Dolmetsch sagte: »Es ist der Älteste selbst!« Pachom holte gleich den schönsten Kaftan hervor und überreichte ihn dem Ältesten; auch fünf Pfund Tee gab er ihm. Der Älteste nahm die Geschenke an und setzte sich auf den Ehrenplatz. Die Baschkiren begannen ihm sofort etwas zu erzählen. Der Älteste hörte sie an, nickte mit dem Kopfe, daß sie schweigen sollten, und sagte zu Pachom russisch: »Nun, ich habe nichts dagegen. Nimm dir Land, wo es dir beliebt; wir haben genügend da.« Pachom dachte: ›Was heißt das, daß ich mir so viel nehmen darf, wie ich mag? Man muß es doch irgendwie schriftlich abmachen. Sonst können sie heute sagen, daß es mir gehört, und es mir morgen wieder abnehmen.‹ »Ich danke euch für die freundlichen Worte,« sagte er. »Ihr habt ja viel Land, und ich brauche nur wenig. Ich muß aber genau wissen, welches Stück mir gehört. Man muß es irgendwie abgrenzen und auf meinen Namen einschreiben. Gott ist ja Herr über Leben und Tod. Ihr seid gute Leute und gebt mir das Land; vielleicht kommen aber einmal eure Kinder und nehmen es mir wieder weg.« »Du hast recht,« entgegnete der Älteste, »man kann es ja auch schriftlich abmachen.« Pachom sagte weiter: »Ich habe gehört, daß euch neulich ein Kaufmann besucht hat. Ihr habt ihm gleichfalls etwas Land geschenkt und einen Vertrag darüber abgeschlossen; ich möchte es gern auch so machen.« Der Älteste begriff alles. »Das kann man wohl machen,« sagte er, »wir haben auch einen Schreiber; wir wollen in die Stadt fahren und alles besiegeln.« »Und welchen Preis verlangt ihr dafür?« fragte Pachom. »Wir haben nur einen Preis: tausend Rubel für den Tag.« Pachom verstand es nicht. »Was ist denn der Tag für ein Maß? Wieviel Dessjatinen sind es?« »Wir verstehen so nicht zu rechnen,« erwiderte der Älteste. »Wir verkaufen so: Wieviel Land du an einem Tage umgehen kannst, soviel gehört dir. Und ein Tag kostet tausend Rubel.« Pachom wunderte sich. »In einem Tage,« sagte er, »kann man ja ein sehr großes Stück Land umgehen.« Der Älteste lachte: »Ja, und alles soll dir gehören! Wir machen aber noch eine Bedingung aus: Wenn du am gleichen Tage nicht auf die Stelle zurückkommst, von der du ausgegangen bist, so ist dein Geld verfallen.« »Wie wollt ihr euch den Weg merken, den ich gegangen bin?« sagte Pachom. »Sehr einfach: Wir werden uns auf dem Fleck,den du wählst, aufstellen und warten, bis du ein Stück Land umgangen hast. Du nimmst eine Hacke mit und bringst, wo es nötig ist, Grenzmarken an: an den Ecken gräbst du den Rasen auf, und wir werden hinterdrein mit dem Pfluge von Marke zu Marke Furchen ziehen. Du kannst einen beliebig großen Kreis machen, doch mußt du vor Sonnenuntergang an den gleichen Ort zurückkommen, von dem du ausgegangen bist. Alles, was du umgangen hast, ist dein!« Pachom freute sich. Sie beschlossen, früh am Morgen hinauszugehen. Sie sprachen noch eine Zeitlang miteinander, tranken Kumys, aßen Hammelfleisch und tranken Tee. So wurde es Nacht. Die Baschkiren bereiteten Pachom ein Lager auf einem Daunenpfühl und gingen auseinander. Man verabredete, am nächsten Morgen zeitig aufzubrechen, um den Ort noch vor Sonnenaufgang zu erreichen. 7 Pachom legte sich auf sein Lager, konnte aber keinen Schlaf finden. Er mußte immer an sein Land denken: ›Ich werde mir ein gehöriges Stück Land einheimsen. An einem Tage kann ich ja leicht fünfzig Werst machen. Die Tage sind jetzt so lang wie Jahre; und in einem Kreise von fünfzig Werst ist viel Land enthalten! Das schlechtere Land will ich verkaufen ober an Bauern verpachten, das bessere behalte ich für mich. Ich schaffe mir zwei Gespann Ochsen an und halte mir noch zwei Knechte; an die fünfzig Dessjatinen will ich bebauen und auf dem übrigen Lande mein Vieh weiden lassen.‹ Erst kurz vor Tag schlummerte Pachom ein. Und er hatte einen Traum. Er lag, so träumte ihm, in diesem selben Zelt und hörte draußen jemand laut lachen. Er wollte sehen, wer es sei, stand auf, ging hinaus und sah den Ältesten der Baschkiren vor dem Zelt sitzen. Er hielt sich mit beiden Händen den Bauch und schüttelte sich vor Lachen. Pachom ging auf ihn zu und fragte: »Worüber lachst du denn?« Es war aber gar nicht der Älteste, sondern jener Kaufmann, der ihn kürzlich besucht und ihm vom Baschkirenland erzählt hatte. Er fragte den Kaufmann: »Bist du lange hier?« Nun war es gar nicht der Kaufmann, sondern jener Bauer aus dem Wolgagebiet, der noch in der alten Heimat zu ihm gekommen war. Und plötzlich sah Pachom, daß es auch gar nicht der Bauer war, sondern der Teufel selbst, mit Hörnern und Hufen. Der Teufel lachte, und vor ihm lag ein Mann, barfuß, nur mit Hemd und Hose bekleidet. Pachom sah genauer hin: Was mochte es für ein Mensch sein? Und er sah – der Mann war tot und war niemand anders als er selbst. Pachom erschrak und erwachte. Als er ganz wach war, sagte er sich: ›Was es doch nicht alles für Träume gibt!‹ Er blickte sich um und sah durch die offene Tür, daß es schon tage. ›Ich muß die Leute wecken,‹ dachte er, ›denn es ist Zeit, aufzubrechen.‹ Pachom stand auf, weckte seinen Knecht, der im Wagen schlief, befahl ihm einzuspannen, und ging, die Baschkiren zu wecken. »Es ist Zeit,« sagte er, »in die Steppe hinauszufahren, um mein Land abzumessen.« Die Baschkiren standen auf und versammelten sich vor dem Zelt; auch der Älteste kam herbei. Sie begannen wieder Kumys zu trinken und boten Pachom Tee an; er wollte aber keine Zeit verlieren. »Wenn wir hinausfahren wollen, müssen wir es gleich tun,« sagte er, »denn es ist höchste Zeit!« 8 Die Baschkiren machten sich fertig, brachen auf und fuhren teils im Wagen, teils ritten sie nebenher. Pachom fuhr mit dem Knecht in seinem Wagen; sie nahmen auch Hacken mit. Wie sie in die Steppe kamen, rötete sich eben der Osten. Sie fuhren einen Hügel, einen ›Schichan‹, wie es in der Baschkirensprache heißt, hinauf, stiegen von den Pferden und Wagen und kamen an einem Platze zusammen. Der Älteste ging auf Pachom zu, zeigte mit der Hand und sagte: »Dieses ganze Land, so weit dein Blick reicht, gehört uns. Wähle dir nun ein Stück nach deinem Geschmack.« Pachoms Augen brannten vor Verlangen; es war lauter gutes Steppenland, glatt wie eine Handfläche, schwarz wie Mohnkörner; in den Vertiefungen wuchsen Gräser verschiedener Art, die einem bis an die Brust reichten. Der Älteste nahm seine Fuchsfellmütze ab und legte sie auf den Boden. »Das soll unser Merkzeichen sein,« sagte er. »Von hier sollst du ausgehen und hierher wieder zurückkommen. Was du umgehst, gehört dir.« Pachom holte sein Geld aus der Tasche, legte es auf die Mütze, zog den Kaftan aus und behielt nur sein Unterkleid an. Er schnallte den Gürtel fester um den Leib, steckte sich ein Säckchen mit Brot in den Busen, band sich eine Kürbisflasche mit Wasser an den Gürtel, zog die Stiefelschäfte höher hinauf, reckte sich, nahm aus den Händen des Knechtes die Hacke und stand so marschbereit da. Er überlegte sich noch, welche Richtung er einschlagen sollte – denn das Land war überall von gleicher Güte. Er sagte sich schließlich: ›Es ist ja wirklich einerlei; ich gehe dem Sonnenaufgang zu.‹ Er stellte sich mit dem Gesicht nach Osten, reckte sich und wartete, daß ein Rand der Sonnenscheibe zum Vorschein käme. ›Ich will keine Zeit verlieren‹, sagte er sich; ›solange es noch kühl ist, geht es sich viel leichter.‹ Kaum schossen die ersten Sonnenstrahlen am Himmelsrande hervor, als Pachom die Hacke auf die Schulter nahm und in die Steppe ging. Pachom ging nicht zu schnell und nicht zu langsam. Als er eine Werst weit gegangen war, grub er ein Loch und schichtete einige Rasenstücke übereinander auf, damit das Zeichen von weitem sichtbar sei. Dann ging er weiter. Seine Glieder waren durch die Bewegung gelenkiger geworden. Er war allmählich in Schwung gekommen und beschleunigte seine Schritte. Er ging noch eine Strecke weiter und grub dann das zweite Loch. Pachom blickte sich um. Er konnte im Sonnenlichte gut den Hügel sehen, auch die Leute und selbst das Funkeln der eisenbeschlagenen Räder. Pachom schätzte die Strecke, die er zurückgelegt, auf fünf Werst. Es war ihm wärmer geworden; er zog daher auch das Unterkleid aus, warf es über die Schulter und ging weiter. Nun wurde es heiß. Er blickte auf die Sonne – es war gerade die Stunde, Brotzeit zu machen. ›Nun ist gerade ein Viertel des Arbeitstages verstrichen‹, dachte Pachom. ›Es ist noch zu früh, einzubiegen. Ich will mir nur die Stiefel ausziehen.‹ Er setzte sich, zog sich die Stiefel aus, befestigte sie am Gürtel und ging weiter. ›Ich will noch an die fünf Werst gehen und dann links einbiegen. Hier ist der Boden gar zu gut; es wäre schade, wenn ich schon hier einbiegen wollte. Je weiter ich gehe, um so besser scheint das Land.‹ Er ging noch eine Strecke geradeaus und blickte sich um: der Hügel war kaum noch zu sehen; die Leute darauf erschienen wie Ameisen, und die Wagenräder glänzten kaum merklich in der Sonne. ›In dieser Richtung‹, sagte sich Pachom, ›habe ich genug; jetzt heißt es einbiegen! Ich bin ganz in Schweiß gebadet. Ich will etwas Wasser trinken.‹ Er blieb stehen, grub ein etwas größeres Loch, schichtete die Rasenstücke übereinander, band die Kürbisflasche vom Gürtel, trank und bog dann scharf nach links ein. Er ging und ging, geriet in hohes Gras; es wurde aber immer heißer. Pachom begann Müdigkeit zu spüren; er blickte auf die Sonne und sah, daß es just die Mittagstunde war. ›Nun, jetzt darf ich wirklich etwas ausruhen!‹ Pachom blieb stehen und setzte sich. Er aß Brot, trank Wasser, legte sich aber nicht hin, denn er sagte sich: ›Wenn ich mich hinlege, kann ich unversehens einschlafen.‹ Er saß eine Weile und ging dann weiter. Anfangs fiel ihm das Gehen leicht, denn das Mittagbrot hatte ihn gestärkt. Es war ihm aber sehr heiß, auch wurde er nach und nach schläfrig. Er ging aber rüstig vorwärts und dachte: ›Die Mühe ist kurz, doch das Leben lang.‹ Nachdem er auch in dieser Richtung eine weite Strecke zurückgelegt hatte, wollte er wieder nach links einbiegen; da stieß er aber auf eine feuchte Talsenke; es war schade, sie aufzugeben. Er dachte sich: ›Hier muß Flachs gut gedeihen.‹ Und er ging noch weiter in der gleichen Richtung. Er nahm also auch noch die feuchte Stelle in seinen Kreis auf, grub wieder ein Loch und machte den zweiten Winkel. Pachom blickte zu dem Hügel zurück: es war dunstig geworden, die Luft schien in der Sonnenglut zu zittern, und durch den Dunst hindurch konnte man die Leute auf dem Hügel kaum sehen. ›Ich habe die ersten beiden Seiten zu lang gemacht,‹ sagte sich Pachom, ›die dritte Seite muß kürzer werden.‹ Er ging nun schneller, um noch die dritte Seite des Vierecks abzuschreiten. Er sah auf die Sonne: sie neigte sich der Vesperzeit zu. Auf der dritten Seite hatte er aber erst kaum zwei Werst zurückgelegt, und bis zum Ausgangspunkt blieben noch immer fünfzehn Werst. ›Nein,‹ sagte er sich, ›so geht es nicht: wenn es auch ein schiefes Stück wird, ich muß jetzt geradeaus aufs Ziel zugehen. Daß es nur nicht zuviel wird! Ich habe ja auch schon jetzt genug.‹ Pachom grub schnell ein Loch und ging geradeswegs auf den Hügel zu. 9 Pachom geht also auf den Hügel zu, und das Gehen fällt ihm immer schwerer: er schwitzt, die bloßen Füße sind zerschunden und wollen ihm nicht mehr gehorchen. Er will gern ein wenig ausruhen, darf es aber nicht mehr, sonst kann er vor Sonnenuntergang nicht zurück sein. Die Sonne wartet nicht und sinkt immer tiefer. ›Habe ich nicht doch einen Fehler gemacht und mir zuviel Land genommen? Wenn ich nur nicht zu spät komme!‹ Er blickt bald auf den Hügel, bald auf die Sonne: bis zum Ziel ist es noch weit, die Sonne steht aber schon dicht über dem Steppenrand. Pachom geht mit großer Mühe und beschleunigt dennoch immer seine Schritte. Er geht und geht, die Entfernung bleibt aber immer die gleiche; nun fängt er an zu laufen. Er wirft das Unterkleid, die Stiefel, die Kürbisflasche und die Mütze weg und behält nur die Hacke, um sich auf sie zu stützen. ›O weh,‹ sagt er sich, ›ich war zu gierig, habe die ganze Sache verdorben, werde vor Sonnenuntergang nicht hinkommen.‹ Die Angst benimmt ihm den Atem. Er rennt, was er rennen kann; Hemd und Hose kleben ihm am Leibe, sein Mund ist wie ausgetrocknet, die Brust arbeitet wie ein Schmiedebalg, das Herz hämmert, und die Beine wollen ihn nicht tragen und knicken ein. ›Daß ich nur vor Anstrengung nicht noch sterbe!‹ denkt er voller Angst. Er fürchtet zu sterben, kann aber nicht mehr stehen bleiben. ›Ich bin schon so weit gelaufen,‹ denkt er, ›und wenn ich jetzt stehen bleibe, werden mich die Leute einen Narren nennen!‹ Er läuft und läuft, erreicht beinahe den Hügel und hört, wie ihn die Baschkiren mit Kreischen und Schreien antreiben. Von diesem Geschrei brennt sein Herz noch mehr. Pachom läuft mit den letzten Kräften, die Sonne erreicht aber schon den Steppenrand, sieht durch den Dunst ganz groß und blutrot aus. Jeden Augenblick kann sie untergehen. Er hat aber nicht mehr weit zu laufen. Pachom sieht die Leute auf dem Hügel stehen; sie winken ihm und treiben ihn an. Er sieht auch die Fuchsfellmütze auf der Erde, sieht sein Geld auf ihr liegen, sieht den Ältesten auf der Erde sitzen und sich mit beiden Händen den Bauch halten. Pachom muß an seinen Traum denken. Er sagt sich: ›Nun habe ich viel Land; ob es mir aber von Gott beschieden ist, darauf zu leben? Wehe! Ich habe mich zugrunde gerichtet, erreiche den Hügel nicht mehr...‹ Pachom blickt wieder auf die Sonne: sie berührt schon die Erde, und ein Stück an ihrem Rande ist bereits abgeschnitten. Pachom nimmt seine letzten Kräfte zusammen, beugt sich mit dem ganzen Körper vor, so daß seine Beine kaum mitkommen können. Wie Pachom den Hügel erreicht, wird es plötzlich dunkel. Er blickt zurück – die Sonne ist schon untergegangen. Pachom stöhnt auf: »Umsonst war meine ganze Mühe!« Er will stehen bleiben, hört aber die Baschkiren noch immer schreien. Es fällt ihm ein, daß es ihm nur unten so scheint, als sei die Sonne schon untergegangen; vom Hügel kann man sie noch sehen. Pachom holt Atem und läuft den Hügel hinauf. Oben ist es noch hell. Er erreicht den Gipfel und sieht die Mütze. Vor der Mütze sitzt der Älteste, schüttelt sich vor Lachen und hält sich mit den Händen den Bauch. Wieber muß Pachom an seinen Traum denken. Er stöhnt auf, die Beine knicken ihm ein, und er fällt hin, berührt aber mit den beiden Händen gerade noch die Mütze. »Gut gemacht!« schreit der Älteste. »Viel Land hast du gewonnen.« Pachoms Knecht kam gelaufen, wollte ihn aufheben, aber Pachom lag tot da, und aus seinem Munde rann Blut. Die Baschkiren schnalzten mit den Zungen und sprachen ihr Bedauern aus. Der Knecht nahm die Hacke, grub Pachom ein Grab, genau so lang wie das Stück Erde, das er mit seinem Körper, von den Füßen bis zum Kopf, bedeckte – sechs Ellen –, und scharrte ihn ein. Die drei Tode Übertragen von Alexander Eliasberg 1 Es war Herbst. Auf der Landstraße fuhren in schnellem Trab zwei Equipagen. In der vorderen Kutsche saßen zwei Frauen: die eine, die Dame, war hager und bleich, die andere, das Dienstmädchen, hatte glänzende rote Wangen und eine volle Figur. Ihre kurzen trockenen Haare drängten sich unter dem verschossenen Hute hervor, und die rote Hand im zerrissenen Handschuh brachte sie immer wieder hastig in Ordnung. Die hohe, mit einem bunten Tuch bedeckte Brust atmete Gesundheit; die flinken schwarzen Augen verfolgten bald durch das Wagenfenster die dahinschwindenden Felder, bald blickten sie scheu auf die Herrin, bald schweiften sie unruhig über die Ecken der Kutsche. Vor der Nase des Dienstmädchens schaukelte der ans Gepäcknetz gebundene Hut der Herrin, auf ihren Knien lag ein Hündchen, ihre Füße standen auf einem Berg von Schachteln und trommelten kaum hörbar im gleichen Takte mit dem Rütteln der Federn und dem Klirren der Fensterscheiben. Die Dame hielt die Hände im Schoß gefaltet, hatte die Augen geschlossen und wiegte sich schwach in den Kissen, die man ihr hinter den Rücken geschoben hatte; sie hüstelte hohl mit geschlossenem Mund, wobei sie jedesmal das Gesicht verzog. Auf dem Kopfe trug sie ein weißes Nachthäubchen und darüber ein leichtes hellblaues Tuch, dessen Enden um ihren zarten blassen Hals geschlungen waren. Ein gerader Scheitel, der unter dem Häubchen verschwand, teilte das blonde, ungewöhnlich dünne, pomadisierte Haar; die weiße Haut dieses breiten Scheitels schien eigentümlich trocken und leblos. Die gelbliche Haut lag schlaff auf den feinen und schönen Umrissen des Gesichts und hatte an den Wangen und Backenknochen rote Flecken. Die Lippen waren trocken und unruhig, die dünnen Wimpern waren seltsam gerade, und der Reisemantel fiel auf der eingefallenen Brust in geraden Falten herab. Obwohl die Augen geschlossen waren, drückte das Gesicht der Dame Müdigkeit, Gereiztheit und gewohntes Leid aus. Der Lakai saß zurückgelehnt auf dem Bock und schlummerte; der Postillion trieb mit kurzen Schreien das stattliche, schweißtriefende Viergespann an und blickte sich ab und zu nach dem andern Kutscher um, der auf dem Bocke des zweiten Wagens saß und seine Pferde mit den gleichen Schreien antrieb. Auf dem kalkigen Straßenschmutz liefen gleichmäßig und schnell die parallelen breiten Spuren der Wagenräder. Der Himmel war grau und kalt, feuchter Nebel lagerte auf den Feldern und Wegen. Im Innern der Kutsche war es dumpf und roch nach Kölnischem Wasser und Staub. Die Kranke warf ihren Kopf in den Nacken und öffnete langsam die Augen. Die großen Augen waren glänzend und von einer schönen, dunklen Farbe. »Schon wieder!« sagte sie, indem sie nervös mit ihrer schönen hageren Hand einen Mantelzipfel des Dienstmädchens wegschob, der kaum ihren Fuß berührt hatte; ihr Mund zuckte dabei schmerzvoll zusammen. Matrjoscha raffte mit beiden Händen die Schöße ihres Mantels auf, erhob sich auf ihren kräftigen Beinen und rückte etwas weiter. Ihr frisches Gesicht errötete. Die schönen dunklen Augen der Kranken verfolgten gespannt alle Bewegungen des Mädchens. Die Dame stemmte sich mit beiden Händen gegen den Sitz und wollte gleichfalls etwas hinaufrücken, doch ihre Kräfte versagten. Ihr Mund krümmte sich, und ihr ganzes Gesicht wurde durch den Ausdruck ohnmächtiger, gehässiger Ironie verzerrt. »Wenn du mir wenigstens helfen wolltest!... Ach, jetzt ist es nicht mehr nötig! Ich kann schon selbst; leg mir aber um Gottes willen nicht immer deine Päckchen hinter den Rücken!... Laß es sein, wenn du es nicht verstehst!« Die Dame schloß die Augen, hob dann wieder die Lider und warf dem Dienstmädchen einen schnellen Blick zu. Matrjoscha starrte sie an und biß sich in die rote Unterlippe. Ein schwerer Seufzer drang aus der Brust der Kranken und ging in einen Hustenanfall über. Sie wandte sich ab, verzog das Gesicht und griff mit beiden Händen an die Brust. Als der Anfall vorüber war, schloß sie wieder die Augen und saß unbeweglich da. Beide Equipagen fuhren durch ein Dorf. Matrjoscha steckte ihre volle Hand unter dem Tuche hervor und bekreuzigte sich. »Was gibts?« fragte die Herrin. »Eine Station, gnädige Frau.« »Ich frage dich, warum du dich bekreuzigst!« »Es ist eine Kirche, gnädige Frau.« Die Kranke wandte sich zum Fenster und begann sich langsam zu bekreuzigen, mit weit geöffneten Augen auf die große hölzerne Kirche starrend, um die die Kutsche herumfuhr. Die Kutsche und die Kalesche hielten gleichzeitig vor der Station. Aus der Kalesche stieg der Gatte der kranken Dame und der Arzt. Sie traten an die Kutsche heran. »Wie fühlen Sie sich?« fragte derArzt,ihren Puls befühlend. »Nun, meine Liebe, bist du nicht müde?« fragte der Gatte französisch. »Willst du nicht aussteigen?« Matrjoscha nahm alle Päckchen zusammen und drückte sich in eine Ecke,um die Herrschaften in ihrem Gespräch nicht zu stören. »Immer dasselbe,« antwortete die Kranke. »Ich möchte nicht aussteigen.« Der Gatte stand noch eine Weile da und ging dann in das Stationsgebäude. Matrjoscha sprang aus der Kutsche und lief auf den Fußspitzen durch den Schmutz zum Tor. »Daß es mir schlecht geht, ist noch kein Grund für Sie, nicht zu frühstücken,« sagte die Kranke mit einem schwachen Lächeln zum Arzt, der vor dem Wagenfenster stand. ›Niemand kümmert sich um mich‹, fügte sie in Gedanken hinzu, als der Arzt sich mit leisen Schritten vom Wagen entfernte und dann in großer Hast die Stufen des Stationshauses hinauslief. ›Ihnen geht es gut, und um alles übrige kümmern sie sich nicht. O mein Gott!‹ »Nun, Eduard Iwanowitsch,« sagte der Gatte oben im Stationsgebäude zu dem Arzt, sich mit vergnügtem Lächeln die Hände reibend, »ich habe den Eßkorb heraufbringen lassen. Was halten Sie davon?« »Ich bin dabei,« antwortete der Arzt. »Wie geht es ihr eigentlich?« fragte der Gatte seufzend, indem er die Stimme senkte und die Augenbrauen hochzog. »Ich habe Ihnen ja schon gesagt: sie wird unmöglich bis nach Italien kommen; ich zweifle sogar, daß sie Moskau noch erreicht. Besonders bei diesem Wetter.« »Was soll ich tun? Ach mein Gott! Mein Gott!« Der Gatte bedeckte die Augen mit der Hand. »Gib her!« wandte er sich zum Diener, der mit dem Eßkorb hereinkam. »Sie hätten eben zu Hause bleiben müssen,« entgegnete der Arzt und zuckte die Achseln. »Sagen Sie mir doch, was konnte ich tun?« entgegnete der Gatte. »Ich habe doch alles versucht, um sie von der Reise abzuhalten; ich habe ihr die Kosten vorgehalten, ich habe von den Kindern, die wir allein zurücklassen mußten, und von meinen Geschäften gesprochen – sie will nichts hören. Sie malt sich das Leben im Ausland aus, als ob sie gesund wäre. Und ihr die Wahrheit über ihren Zustand sagen hieße sie töten.« »Sie ist ja schon so gut wie tot, das müssen Sie selbst wissen, Wassili Dmitritsch. Der Mensch kann nicht ohne Lungen leben, und neue Lungen wachsen nicht nach. Es ist ja wirklich sehr traurig und schwer, was kann man aber tun? Unsere Aufgabe kann nur darin bestehen, daß wir ihr das Ende möglichst leicht gestalten. Hier ist viel eher ein Seelsorger am Platze.« »Ach mein Gott! Versetzen Sie sich doch in meine Lage; Wie kann ich mit ihr von ihrer letzten Stunde sprechen? Mag kommen, was will, ich kann es ihr nicht sagen. Sie wissen ja selbst, wie gut sie ist ...« »Versuchen Sie doch, sie zu überreden, noch bis zum Winter, bis wir Schlittenbahn haben, zu warten,« sagte der Arzt und schüttelte bedeutungsvoll den Kopf. »Unterwegs kann ja leicht eine Verschlimmerung eintreten ...« »Aksjuscha, he, Aksjuscha!« schrie auf der schmutzigen Hintertreppe die Tochter des Stationsaufsehers, indem sie sich eine Jacke über den Kopf warf. »Wir wollen uns die Gutsherrin von Schirkino ansehen; man sagt, sie werde wegen ihrer Brustkrankheit ins Ausland geführt. Ich habe noch nie eine Schwindsüchtige gesehen.« Aksjuscha sprang herbei, und beide Mädchen liefen Hand in Hand vor das Tor. Als sie an der Kutsche vorbeigingen, verlangsamten sie die Schritte und blickten durch das herabgelassene Fenster hinein. Die Kranke wandte den Kopf nach ihnen um; als sie aber ihre Neugier bemerkte, runzelte sie die Stirn und wandte sich wieder ab. »Gott der Gerechte!« sagte die Tochter des Stationsaufsehers, hastig den Kopf wegwendend. »Was war sie doch für eine Schönheit, und was ist aus ihr geworden! Es ist sogar entsetzlich! Hast du sie gesehen, Aksjuscha, hast du sie gesehen?« »Ja, so mager ist sie!« bestätigte Aksjuscha. »Wir wollen noch einmal vorübergehen, als ob wir zum Brunnen gingen. Siehst du, sie hat sich weggewandt, aber ich konnte sie noch sehen. Sie tut mir so leid, Mascha!« »Und wie schmutzig es ist!« entgegnete Mascha, und beide liefen zum Tore zurück. Die Kranke dachte: ›Ich muß wohl wirklich grauenhaft aussehen! Wenn ich nur so schnell wie möglich ins Ausland kommen könnte! Dort werde ich mich bald erholen.‹ »Nun, wie geht es dir, meine Liebe?« fragte der Gatte, der wieder zur Kutsche kam. Er hatte noch einen Bissen im Munde. ›Immer dieselbe Frage!‹ dachte die Kranke; ›und er selbst ißt!‹ »Es geht,« murmelte sie durch die Zähne. »Weißt du, meine Liebe, ich fürchte, die Reise wird dir bei diesem Wetter nicht gut tun; auch Eduard Iwanowitsch ist derselben Ansicht. Wollen wir nicht lieber umkehren?« Sie schwieg ärgerlich. »Das Wetter wird ja einmal besser werden, wir werden Schlittenbahn bekommen; inzwischen kannst du dich ja auch erholen, dann könnten wir alle zusammen fahren.« »Verzeih! Hätte ich auf dich schon früher nicht gehört, so wäre ich jetzt längst in Berlin und ganz gesund.« »Was soll man tun, mein Engel? Du weißt ja selbst, daß es unmöglich war. Wenn du jetzt noch einen Monat warten wolltest, könntest du dich bedeutend erholen, ich würde auch mit meinen Geschäften fertig werden, und wir könnten auch die Kinder mitnehmen ...« »Die Kinder sind gesund, und ich nicht.« »Begreife doch, meine Liebe, bei diesem Wetter! Wenn unterwegs eine Verschlimmerung eintritt ... so ist man wenigstens zu Hause ...« »Warum ists zu Hause besser? ... Meinst du, ich soll lieber zu Hause sterben?« antwortete die Kranke gereizt. Doch das Wort ›sterben‹ hatte sie offenbar erschreckt, und sie warf dem Gatten einen stehenden und fragenden Blick zu. Er schlug die Augen nieder und schwieg. Der Mund der Kranken verzerrte sich plötzlich wie bei einem Kinde, und Tränen stürzten ihr aus den Augen. Der Gatte bedeckte sein Gesicht mit dem Taschentuch und trat schweigend beiseite. »Nein, ich will doch fahren!« sagte die Kranke, die Augen gen Himmel richtend. Sie faltete die Hände und begann unzusammenhängende Worte zu flüstern. »Mein Gott! Wofür?« murmelte sie, und die Tränen flossen noch unaufhaltsamer. Sie betete lange und inbrünstig, doch der Schmerz und das Gefühl von Beklemmung in ihrer Brust blieben unverändert, der Himmel, die Felder und die Straße blieben ebenso grau und trüb, und der herbstliche Nebel senkte sich immerzu gleichmäßig, ohne dichter oder durchsichtiger zu werden, auf den Straßenschmutz, auf die Dächer, die Kutsche und die Schafpelze der Kutscher, die unter lautem, vergnügtem Geplauder die Räder schmierten und die Pferde vorspannten... 2 Die Kutsche war angespannt, aber der Postillion ließ noch auf sich warten. Er war in die Kutscherstube gegangen. In der Stube war es heiß, dumpf, finster und schwül, es roch nach Ausdünstungen vieler Menschen, frisch gebackenem Brot, Kohl und Schafpelzen. Einige Fuhrknechte standen in der Stube herum, am Ofen machte sich die Köchin zu schaffen, und auf dem Ofen lag auf mehreren Schaffellen ein Kranker. »Onkel Fjodor! He, Onkel Fjodor!« sagte der junge Postillion, der im Schafpelz, mit der Peitsche im Gürtel in die Stube trat und sich dem Kranken zuwendete. »Was willst du vom Fjodor, du Taugenichts?« rief einer der Fuhrknechte. »Du weißt ja, daß man auf dich dort bei der Kutsche wartet.« »Ich will ihn um seine Stiefel bitten; meine sind zerrissen«, erwiderte der Bursche, indem er das Haar zurückwarf und an den Handschuhen, die im Gürtel steckten, nestelte. »Schläft er gar? He, Onkel Fjodor!« wiederholte er, zum Ofen tretend. »Was gibts? « fragte eine schwache Stimme, und ein ausgemergeltes, rotbärtiges Gesicht beugte sich über den Ofenrand. Eine große, hagere, bleiche, behaarte Hand bemühte sich, den Pelz über die eckige Schulter zu ziehen, die von einem schmutzigen Hemd bedeckt war. »Gib mir zu trinken, Bruder ... Was willst du?« Der Bursche reichte ihm den Wasserkrug. »Weißt du, Fedja,« sagte er verlegen, »weißt du, du brauchst wohl deine neuen Stiefel nicht mehr; gib sie mir, du wirst sie doch wohl nie tragen.« Der Kranke senkte den müden Kopf zum glasierten Tonkruge, tauchte den dünnen herabhängenden Schnurrbart in das dunkle Wasser und trank in schwachen, doch gierigen Zügen. Sein wirrer Bart war unsauber, und die eingefallenen trüben Augen blickten mit Mühe auf den Burschen. Nachdem er getrunken hatte, wollte er die Hand heben, um die feuchten Lippen abzuwischen, doch er hatte nicht die Kraft dazu und wischte sich den Mund am Ärmel seines Filzmantels ab. Er blickte schweigend und schwer durch die Nase atmend dem Burschen in die Augen und schien alle seine Kräfte zu sammeln. »Hast du sie vielleicht schon jemand versprochen?« fuhr der Postillion fort. »Das wäre schade. Denn siehst du: draußen ist es naß, und ich muß fahren. Da dachte ich mir: ich will halt den Fedja um seine Stiefel bitten, er braucht sie wohl nicht mehr. Vielleicht brauchst du sie doch, sag es nur...« In der Brust des Kranken begann es zu kollern und zu röcheln; er beugte sich vor, ein dumpfer Hustenanfall, der nicht recht zum Ausbruch kommen wollte, würgte ihn. »Wozu soll er denn noch die Stiefel brauchen?« begann plötzlich die Köchin mit keifender Stimme durch das ganze Zimmer zu schnattern. »Schon den zweiten Monat kommt er nicht vom Ofen herunter. Du hörst doch, wie er hustet! Es tut mir auch selbst in der Lunge weh, wenn ich es nur mit anhöre. Was soll er noch mit den Stiefeln anfangen? In neuen Stiefeln wird man ihn doch nicht begraben! Es wäre aber schon längst Zeit, Gott verzeihe mir die Sünde! Du hörst doch, wie er sich quält! Man sollte ihn in eine andere Stube bringen oder sonstwohin! In der Stadt soll es Krankenhäuser für solche Leute geben. Hier hat er aber eine ganze Ecke eingenommen und rührt sich nicht vom Fleck; darf denn das sein? Er nimmt nur den andern den ganzen Raum weg. Und da verlangt man von mir auch noch Sauberkeit!« »He, Serjoga! Geh auf deinen Posten, die Herrschaften warten!« rief der Oberpostillion durch die Tür herein. Serjoga wollte schon gehen, ohne die Antwort abzuwarten, doch der Kranke gab ihm während des Hustenanfalls mit den Augen zu verstehen, daß er antworten wolle. »Nimm dir die Stiefel, Serjoga«, sagte er, als er den Husten unterdrückt und ein wenig ausgeruht hatte. »Doch hör, einen Stein sollst du mir kaufen, wenn ich einmal tot bin,« fügte er heiser hinzu. »Danke, Onkel, ich nehme also die Stiefel, und den Stein werde ich dir, so wahr Gott lebt, kaufen.« »Ihr habt es gehört, Kinder,« konnte der Kranke noch sagen. Dann beugte er sich wieder zurück und bekam einen neuen Hustenanfall. »Ist schon recht, wir haben es gehört,« bestätigte einer von den Kutschern. »Geh doch hin, Serjoga, auf deinen Bock, da kommt schon wieder der Ober gelaufen. Du hast doch die kranke Gutsfrau von Schirkino zu fahren.« Serjoga warf schnell seine zerrissenen, ihm viel zu großen Stiefel ab und schleuderte sie unter die Bank. Die neuen Stiefel Fjodors paßten ihm ausgezeichnet. Während er zur Kutsche ging, bewunderte er sie an seinen Beinen. »Das nenn ich Stiefel! Komm, ich will sie dir schmieren,« sagte ein Kutscher, der mit dem Teerpinsel in derHand vor der Kutsche stand, während Serjoga auf den Bock kletterte und die Zügel in die Hand nahm. »Hat er sie dir umsonst gegeben? « »Bist du vielleicht neidisch?« entgegnete Serjoga,indem er sich erhob und die Schöße des Mantels an den Beinen zurücklegte. »Laß mich in Ruhe! Los, meine Lieben!« rief er den Pferden zu, holte mit der Peitsche aus, und beide Wagen mit ihren Insassen, Koffern und Reisetaschen rollten schnell über die nasse Landstraße dahin und verschwanden im grauen Herbstnebel. Der kranke Kutscher war in der dumpfen Stube auf dem Ofen liegen geblieben. Es gelang ihm nicht, sich ordentlich auszuhusten; schließlich drehte er sich mit großer Mühe auf die andere Seite und wurde still. In der Kutscherstube war bis zum Abend ein Kommen und Gehen, man aß zu Mittag – den Kranken hörte man nicht. Vor Nacht kroch die Köchin auf den Ofen, beugte sich über seine Füße hinüber und holte sich einen Schafpelz. »Sei mir nicht böse, Nastassja!« sagte der Kranke. »Ich werde dir bald deinen Ofen räumen.« »Es ist schon gut, ich hab ja nichts gesagt,« murmelte Nastassja. »Was tut dir weh, Onkel? Sags doch!« »Das ganze Innere tut mir weh. Gott weiß, was das ist!« »Dir tut wohl auch die Kehle weh, wenn du hustest?« »Alles tut mir weh. Mein Tod ist gekommen, das ist es. Ach, ach, ach!« stöhnte der Kranke. »Du mußt dir die Beine so zudecken,« sagte Nastassja, indem sie vom Ofen kletterte und dabei dem Kranken den Mantel über die Beine zog. Nachts brannte in der Stube ein schwaches Nachtlicht. Nastassja und etwa zehn Fuhrknechte schnarchten auf dem Fußboden und auf den Bänken. Der Kranke allein schlief nicht: er röchelte schwach, hustete und wälzte sich hin und her. Gegen Morgen wurde er ganz still. »Einen merkwürdigen Traum habe ich heute nacht gehabt«, sagte die Köchin, als sie sich in der Morgendämmerung aus dem Schlafe reckte. »Mir träumte, Onkel Fjodor stieg vom Ofen herunter und ging hinaus, um Holz zu hacken. ›Laß mich, Nastassja,‹ sagte er, ›ich will dir helfen.‹ Und ich sagte zu ihm: ›Du willst Holz hacken, wo du so krank bist?‹ Er nimmt aber die Axt und hackt so schnell, daß die Späne nur so fliegen. ›Was,‹ sage ich zu ihm, ›du bist doch krank gewesen?‹ ›Nein,‹ sagt er, ›ich bin gesund.‹ Und wie er mit der Axt ausholt, wird mir ganz angst und bange. Ich schreie auf und erwache. Ist er am Ende gestorben? Onkel Fjodor! He, Onkel!« Fjodor gab keine Antwort. »Ist er vielleicht doch tot? Man muß einmal nachsehen«, sagte einer von den Kutschern, die eben erwachten. Die magere, mit rötlichen Haaren bedeckte Hand hing kalt und bleich vom Ofen herunter. »Man muß es dem Aufseher melden. Er scheint wirklich tot zu sein«, sagte der Kutscher. Fjodor hatte weder Verwandte noch sonst jemand: er stammte aus einer fernen Gegend. Man begrub ihn am nächsten Tage auf dem neuen Kirchhof hinter dem Wäldchen, und Nastassja erzählte noch mehrere Tage nacheinander allen, die es hören wollten, den Traum, den sie gehabt, und daß sie die erste gewesen, der es am Morgen eingefallen war, nach Fjodor zu sehen. 3 Der Frühling war gekommen. In den nassen Straßen der Stadt rieselten zwischen den kotdurchsetzten Eisklumpen hurtige Bächlein; die Farben der Kleider und die Stimmen der Leute auf den Straßen schienen ungewöhnlich hell. In den Gärtchen hinter den Zäunen schwollen die Knospen der Bäume, und die Zweige wiegten sich kaum hörbar im frischen Winde. Überall flossen und tropften durchsichtige helle Tropfen ... Die Spatzen piepsten und flatterten mit ihren kleinen Flügeln. Auf der Sonnenseite, auf Zäunen, Häusern und Bäumen war alles voller Bewegung und Licht. Der Himmel, die Erde und die Herzen der Menschen waren von einer fröhlichen, jugendfrischen Stimmung erfüllt. In einer der Hauptstraßen war vor einem großen herrschaftlichen Hause auf dem Fahrdamm frisches Stroh ausgebreitet; im Hause lag dieselbe Kranke, die ins Ausland reisen wollte, im Sterben. Vor der geschlossenen Tür des Krankenzimmers standen der Gatte und eine ältere Dame. Auf dem Sofa saß ein Geistlicher; er hatte die Augen gesenkt und hielt in den Händen das Beichttuch, in das etwas eingewickelt war. In einer Ecke lag in einem großen Lehnstuhl eine Greisin, die Mutter der Kranken, und weinte bitterlich. Neben ihr hielt ein Dienstmädchen ein sauberes Taschentuch bereit, um es ihr zu geben, wenn sie danach verlangte; ein zweites Dienstmädchen rieb der Alten die Schläfen und blies ihr unter die Haube auf dem greisen Kopf. »Nun, der Heiland helfe Ihnen, liebe Freundin!« sagte der Gatte zu der älteren Dame, mit der er vor der Tür stand. »Sie hat ja solches Vertrauen zu Ihnen; Sie verstehen es so gut, mit ihr zu sprechen: versuchen Sie doch, es ihr zu sagen, meine Liebe, gehen Sie doch zu ihr hinein!« Er wollte ihr schon die Tür öffnen, die Cousine hielt ihn aber noch zurück, drückte das Tuch einigemal an die Augen und schüttelte den Kopf. »So, jetzt sieht man wohl nicht, daß ich geweint habe?« fragte sie. Dann öffnete sie selbst die Tür und trat ins Krankenzimmer. Der Gatte war stark erregt und schien gänzlich verstört. Er wollte zuerst auf die Greisin zugehen; als ihn aber nur noch wenige Schritte von ihr trennten, kehrte er um, ging durch das Zimmer und näherte sich dem Geistlichen. Der Geistliche blickte ihn an, hob die Augenbrauen und seufzte. Auch sein dichtes, leicht ergrautes Bärtchen hob und senkte sich. »Mein Gott! Mein Gott!« sagte der Gatte. »Was soll man machen?« sagte seufzend der Geistliche, und seine Augenbrauen und das Bärtchen hoben und senkten sich wieder. »Auch Mamachen ist hier!« sagte der Gatte fast verzweifelt. »Sie wird es nicht überwinden. Denn wie sie sie liebt und wie sie an ihr hängt ... ich weiß wirklich nicht. Hochwürden, wenn Sie wenigstens versuchen wollten, sie zu beruhigen und ihr zuzureden, daß sie von hier fortgehe.« Der Geistliche erhob sich vom Sofa und ging auf die Greisin zu. »Ein Mutterherz kann wahrlich niemand ergründen,« sagte er, »doch Gott ist barmherzig.« Über das Gesicht der Greisin ging plötzlich ein Zucken, und sie bekam einen Anfall von hysterischem Schluchzen. »Gott ist barmherzig,« fuhr der Geistliche fort, als sie sich etwas beruhigt hatte. »Ich will Ihnen sagen: in meiner Gemeinde war ein Kranker, mit dem es noch viel schlimmer stand als mit Maria Dmitrijewna; und was glauben Sie? Ein einfacher Kleinbürger hat ihn in kürzester Zeit mit Kräutern gesund gemacht. Und dieser selbe Kleinbürger hält sich jetzt zufällig in Moskau auf. Ich habe schon mit Wassili Dmitrijewitsch davon gesprochen, man könnte doch versuchen ... Das wäre immerhin ein Trost für die Kranke. Bei Gott ist alles möglich.« »Nein, sie wird nicht am Leben bleiben,« sagte die Greisin. »Statt mich zu sich zu nehmen, läßt Gott sie sterben.« Das hysterische Schluchzen wurde so stark, daß sie das Bewußtsein verlor. Der Gatte der Kranken bedeckte das Gesicht mit den Händen und lief aus dem Zimmer. Im Korridor stieß er auf seinen sechsjährigen Jungen, der im Galopp dem jüngeren Schwesterchen nachlief. »Befehlen Sie nicht, daß ich die Kinder zur Mama führe?« fragte die Kinderfrau. »Nein, sie will sie nicht sehen. Es wird sie zu sehr aufregen.« Der Knabe blieb einen Augenblick stehen, musterte aufmerksam das Gesicht des Vaters, schlug dann mit dem Fuße aus und lief lustig weiter. »Sie ist der Rappe, Papachen!« rief der Knabe, auf die Schwester zeigend. Die Cousine saß unterdessen im andern Zimmer neben der Kranken und suchte sie durch klug berechnete Worte auf den Tod vorzubereiten. Der Arzt stand am Fenster und mischte einen Trank. Die Kranke saß in weißem Morgenkleid, ganz von Kissen umgeben, im Bett und blickte die Cousine schweigend an. »Ach, meine Liebe,« unterbrach sie sie plötzlich, »Sie brauchen mich gar nicht vorzubereiten. Halten Sie mich doch nicht für ein Kind. Ich bin eine Christin. Ich weiß alles. Ich weiß, daß ich nicht mehr lange zu leben habe, und ich weiß, daß ich jetzt in Italien wäre, wenn mein Mann früher auf mich gehört hätte; dann wäre ich vielleicht, oder sogar bestimmt, gesund. Das haben ihm alle gesagt. Jetzt ist aber nichts zu machen. Gott hat es offenbar so gewollt. Wir alle haben viele Sünden, ich weiß es; ich hoffe aber auf Gottes Barmherzigkeit: es wird allen verziehen werden, ja, ich bin davon überzeugt. Ich bemühe mich jetzt, mein Innerstes zu erforschen. Auch ich hatte viele Sünden auf dem Gewissen, meine Liebe. Doch wieviel habe ich dafür gelitten! Ich war immer bestrebt, meine Leiden geduldig zu ertragen...« »Soll ich also den Geistlichen hereinrufen, meine Liebe? Wenn Sie die heiligen Sakramente empfangen, wird es Ihnen sicherlich leichter werden,« sagte die Cousine. Die Kranke neigte zustimmend den Kopf. »Gott sei mir Sünderin gnädig!« flüsterte sie. Die Cousine ging hinaus und winkte dem Geistlichen. »Sie ist ein wahrer Engel!«sagte sie mit Tränen in den Augen zu dem Gatten. Der Gatte begann zu weinen, der Geistliche ging ins Krankenzimmer, die Greisin war noch immer bewußtlos, und im ersten Zimmer wurde es vollkommen still. Nach fünf Minuten kam der Geistliche zurück, nahm sich das Beichttuch von der Schulter und strich sich mit der Hand das Haar zurück. »Gott sei Dank, sie ist jetzt ruhiger,« sagte er, »sie wünscht Sie zu sehen.« Die Cousine und der Gatte gingen hinein. Die Kranke weinte still in sich hinein, die Augen auf das Heiligenbild gerichtet. »Gratuliere zum Empfang der heiligen Sakramente, meine Liebe!« sagte der Gatte. »Hab Dank! Wie wohl ich mich jetzt fühle, welch unbegreifliche Süße ich empfinde!« sagte die Kranke, und ein leises Lächeln spielte um ihre seinen Lippen. »Wie Gott barmherzig ist! Nicht wahr? Er ist barmherzig und allmächtig!« Sie richtete ihre tränenvollen Augen wieder mit heißem Flehen auf das Heiligenbild. Dann schien sie sich auf etwas zu besinnen. Sie winkte den Gatten näher zu sich heran. »Du willst niemals tun, worum ich dich bitte«, sagte sie mit schwacher Stimme. Der Mann reckte den Hals und hörte ihr gespannt zu. »Was denn, meine Liebe?« »Wie oft habe ich dir gesagt, daß die Ärzte alle miteinander nichts verstehen; es gibt aber einfache Frauen aus dem Volke, die die schwersten Krankheiten heilen ... Hochwürden hat mir eben von einem Kleinbürger erzählt ... laß ihn holen.« »Wen, meine Liebe?« »Mein Gott, er will mich nicht verstehen! ...« Die Kranke verzog das Gesicht und schloß die Augen. Der Arzt trat an sie heran und ergriff ihre Hand. Der Puls wurde merklich schwächer und schwächer. Er winkte dem Gatten mit den Augen. Die Kranke bemerkte es und sah erschrocken auf. Die Cousine wandte sich weg und begann zu weinen. »Weine nicht, quäle nicht dich selbst und mich,« sprach die Kranke, »das nimmt mir meine letzte Ruhe.« »Du bist ein Engel!« sagte die Cousine, ihr die Hand küssend. »Nein, küsse mich hier, nur den Toten küßt man die Hand. Mein Gott! Mein Gott!« Am selben Abend war die Kranke eine Leiche, und die Leiche lag im Sarg im Saal des großen Hauses. Im großen Zimmer saß hinter verschlossenen Türen ganz allein der Küster und las näselnd und eintönig die Psalmen Davids. Das helle Licht der Wachskerzen in den hohen silbernen Leuchtern fiel auf die bleiche Stirn der Entschlafenen, auf ihre schweren wächsernen Hände und auf die gleichsam versteinerten Falten des Bahrtuches, unter dem sich die Kniee und die Fußspitzen unheimlich abzeichneten. Der Küster las eintönig, ohne ein Wort zu verstehen, und die Worte hallten seltsam durch den stillen Raum und erstarben. Ab und zu klangen aus einem entfernten Zimmer Kinderstimmen und Kinderschritte herüber. »›Verbirgest du dein Angesicht, so erschrecken sie‹«, lautete der Psalm. »›Du nimmst weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder zu Staub. Du lassest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und erneuerst die Gestalt der Erde. Die Ehre des Herrn ist ewig‹« Das Antlitz der Verstorbenen war streng und majestätisch. Weder auf der klaren kalten Stirn noch auf den fest geschlossenen Lippen regte sich etwas. Sie war ganz Spannung. Aber verstand sie wenigstens jetzt diese erhabenen Worte? 4 Einen Monat später ragte auf dem Grabe der Entschlafenen eine steinerne Kapelle. Auf dem Grabe des Kutschers war aber noch immer kein Stein, und nur hellgrünes Gras sproß aus demHügel, dem einzigen Merkzeichen eines vergangenen Menschenlebens. »Du begehst eine Sünde, Serjoga,« sagte einmal die Stationsköchin, «wenn du dem Fjodor den Stein nicht kaufst. Du sagtest immer, es ist Winter. Warum hältst du aber jetzt nicht dein Wort? Ich war ja dabei und habe es gehört. Er ist dir schon einmal im Schlafe erschienen; wenn du den Stein nicht kaufst, so kommt er wieder und würgt dich.« »Ich weigere mich ja nicht«, entgegnete Serjoga. »Ich werde den Stein kaufen, wie ich es gesagt habe; ich werde einen für anderthalb Rubel kaufen. Ich habe es nicht vergessen, aber man muß ihn auch hertransportieren. Sobald wieder eine Gelegenheit in die Stadt ist, will ich ihn kaufen.« »Du sollst ihm wenigstens ein Kreuz setzen. Hör auf mich!« mischte sich ein alter Kutscher ins Gespräch. »Es ist wirklich nicht schön. Seine Stiefel trägst du doch!« »Wo soll ich denn ein Kreuz hernehmen? Aus einem Holzscheit kann ich es doch nicht zimmern!« »Was redest du von einem Holzscheit? Nimm die Axt, geh am frühen Morgen in den Wald, hau eine kleine Esche um, und da hast du das Kreuz. Sonst müßtest du dem Waldhüter einen Schnaps geben; doch wo soll das hinaus, wenn man ihm wegen jeder Kleinigkeit Schnaps geben wollte? ... Neulich hab ich eine Deichsel zerbrochen, hab mir eine ausgezeichnete neue gemacht, kein Mensch hat es gesehen.« Am frühen Morgen vor Sonnenaufgang nahm Serjoga die Axt und ging in den Wald. Auf Bäumen und Gräsern lag die kalte matte Decke des noch immer fallenden, von der Sonne beleuchteten Taues. Im Osten wurde es ganz allmählich hell, und das schwache Licht spiegelte sich in den leichten Wölkchen, die das Himmelsgewölbe umlagerten. Kein Grashälmchen unten am Boden, kein Blättchen in den höchsten Wipfeln der Bäume regte sich. Die Stille des Waldes wurde nur zuweilen von einem Flügelschlag im Dickicht oder von einem Rascheln am Boden gestört. Ein seltsamer, der Natur fremder Ton erklang plötzlich am Waldessaum und erstarb gleich darauf. Und wieder wurde der Ton vernehmbar, und er wiederholte sich gleichmäßig unten am Stamme eines der unbeweglichen Bäume. Einer der Wipfel erbebte ganz ungewöhnlich, seine saftigen Blätter flüsterten etwas, und eine Grasmücke, die auf einem der Zweige gesessen hatte, flatterte pfeifend zweimal auf und setzte sich, mit dem Schwanze wippend, auf einen anderen Baum. Die Axt tönte unten dumpfer und dumpfer, saftige weiße Späne flogen auf das taubedeckte Gras, und durch die Schläge ließ sich ein leises Knarren vernehmen. Der Baum erzitterte am ganzen Körper, beugte sich nieder, richtete sich gleich wieder auf und schwankte erschrocken auf seinen Wurzeln. Für einen Augenblick wurde alles still, doch der Baum neigte sich wieder, in seinem Stamm krachte es, und er stürzte, die Äste brechend und die Zweige senkend, mit dem Wipfel auf die feuchte Erde. Die Axthiebe und die Schritte verstummten. Die Grasmücke flog pfeifend einige Zweige höher hinauf. Ein Zweig, den sie mit ihren Flügeln gestreift hatte, wiegte sich eine Weile hin und her und erstarb dann wie die anderen mit allen seinen Blättern. Die Bäume ragten nun schöner und freudiger mit ihren regungslosen Zweigen in den neuen Raum. Die ersten Sonnenstrahlen schossen durch die leichten Wolken und durcheilten Himmel und Erde. In den Talgründen braute der Nebel, im Grase blinkte diamanten der Tau, durchsichtige weiße Wölkchen eilten über den immer blauer werdenden Himmel und verzogen sich. Im Dickicht regten sich Vögel, und sie zwitscherten wie weltvergessen etwas Seliges; saftige Blätter flüsterten freudig und ruhig in den Wipfeln, und die Zweige der lebendigen Bäume rauschten langsam und majestätisch über dem toten gesunkenen Baume. Der Schneesturm Übertragen von Alexander Eliasberg 1 Gegen sieben Uhr abends verließ ich, nachdem ich Tee getrunken, die Poststation, deren Name mir entfallen ist; ich weiß nur, daß es im Gebiete der Donkosaken, irgendwo in der Nähe von Nowotscherkask war. Als ich mich, in Pelz und Wagendecke gehüllt, neben Aljoschka in den Schlitten setzte, war es schon dunkel. Hinter dem Stationsgebäude schien es warm und windstill. Obwohl es gar nicht schneite, war kein einziger Stern zu sehen, und der Himmel schien im Vergleich mit der weißen Schneefläche, die vor uns lag, ungewöhnlich tief und schwarz. Als wir die dunklen Silhouetten der Windmühlen, von denen die eine unbeholfen ihre großen Flügel bewegte, und das Dorf hinter uns hatten, bemerkte ich, daß der Weg beschwerlicher und schneereicher wurde; der Wind begann mir heftiger in die linke Seite zu blasen, die Mähnen und die Schweife der Pferde auf die Seite zu wehen und den von den Kufen und Hufen aufgewühlten Schnee trotzig emporzuwirbeln und davonzutragen. Das Schellengeläute klang leiser, ein kalter Luftstrom drang mir durch irgendeine Öffnung im Ärmel in den Rücken, und ich mußte an den Rat des Stationsaufsehers denken, die Reise lieber aufzugeben, um nicht die ganze Nacht ohne Weg umherzuirren und vielleicht noch zu erfrieren. »Daß wir uns nur nicht verirren!« sagte ich zum Fuhrknecht. Da er mir aber keine Antwort gab, stellte ich meine Frage deutlicher: »Werden wir die Station erreichen, Kutscher? Werden wir uns nicht verirren?« »Gott weiß!« gab er mir zur Antwort, ohne den Kopf zu wenden. »Sie sehen ja selbst, was für ein Gestöber aufsteigt: vom Wege ist nichts zu sehen. Herrgott!« »Sage mir doch lieber, ob du mich zur nächsten Station zu bringen hoffst oder nicht«, fragte ich weiter. »Werden wir hinkommen?« »Wir werden wohl hinkommen müssen«, sagte der Fuhrknecht; er sprach noch weiter, ich konnte ihn aber im Winde nicht verstehen. Ich hatte keine Lust, umzukehren; doch auch die Aussicht, die ganze Nacht bei Frost und Schneesturm in diesem Teil des Donkosakenlandes, einer völlig nackten Steppe, umherzuirren, schien mir wenig verlockend. Außerdem gefiel mir mein Kutscher nicht recht, obwohl ich ihn im Finstern nicht genau sehen konnte, und ich hatte zu ihm kein Vertrauen. Er saß genau in der Mitte des Bockes und nicht seitwärts, wie Kutscher sonst zu sitzen pflegen; er war von übermäßigem Wuchs, seine Stimme klang träge, und auf dem Kopfe hatte er keine richtige Kutschermütze, sondern eine ihm viel zu große, die immer hin und her rutschte; auch kutschierte er nicht auf die richtige Art: er hielt die Zügel mit beiden Händen wie ein Lakai, der aushilfsweise die Stelle des Kutschers vertritt; doch der Hauptgrund meines Mißtrauens war, daß er sich ein Tuch um die Ohren gebunden hatte. Mit einem Worte: der ernste, gekrümmte Rücken, der vor mir ragte, wollte mir nicht gefallen und verhieß mir nichts Gutes. »Ich bin dafür, daß wir umkehren,« sagte Aljoschka, »es ist gar nicht so lustig, sich in der Steppe zu verirren!« »Gott im Himmel! Dieses Schneegestöber! Ich kann den Weg nicht sehen, der Schnee hat mir die Augen verklebt... Gott im Himmel!« brummte der Fuhrknecht. Wir waren noch keine Viertelstunde gefahren, als der Fuhrknecht die Pferde halten ließ, die Zügel Aljoschka übergab, die Beine mit großer Mühe aus dem Schlitten herauszog und sich auf die Suche nach dem Weg machte; unter seinen schweren Stiefeln knirschte der Schnee. »Was gibts? Wo gehst du hin? Haben wir etwa den Weg verloren?« fragte ich; der Fuhrknecht gab mir aber keine Antwort: er hielt den Kopf vom Winde, der ihm in die Augen peitschte, weggewandt und entfernte sich vom Schlitten. »Nun, hast du den Weg gefunden?« fragte ich, als er zurückgekehrt war. »Nein, nichts«, sagte er unwirsch und ärgerlich, als ob ich schuld daran wäre, daß er den Weg verloren hatte; er steckte die Beine wieder langsam in den Vorderteil des Schlittens und ergriff mit seinen hartgefrorenen Handschuhen die Zügel. »Was werden wir nun tun?« fragte ich, als der Schlitten sich wieder in Bewegung gesetzt hatte. »Was sollen wir tun? Wir werden aufs Geratewohl weiterfahren.« Nun fuhren wir in kurzem Trab weiter, offenbar ganz ohne Weg, bald durch tiefen Pulverschnee, in dem der Schlitten zu einem Viertel versank, bald über eine spröde nackte Eisdecke. Obwohl es recht kalt war, schmolz der Schnee auf meinem Mantelkragen sehr rasch; das Gestöber über der Erde wurde immer stärker, und von oben begann es einzelne trockene Flocken zu schneien. Es war klar, daß wir Gott weiß wohin fuhren; denn als wir auch noch eine weitere Viertelstunde gefahren waren, hatten wir keinen einzigen Werstpfahl gesehen. »Nun, was glaubst du,« fragte ich wieder den Kutscher, »werden wir die Station erreichen?« »Welche Station? Zurück werden wir wohl kommen können, wenn wir die Pferde frei laufen lassen: sie werden uns schon zurückbringen; doch auf die nächste Station werden wir kaum kommen ... Wir werden dabei höchstens den Tod finden.« »Wir wollen dann doch lieber umkehren«, sagte ich. »Was sollen wir auch riskieren ...« »Soll ich umkehren?« wiederholte der Kutscher. »Ja, gewiß, kehre nur um!« Der Kutscher ließ die Zügel los. Die Pferde begannen schneller zu laufen. Obwohl ich gar nicht gesehen hatte, wie wir umgekehrt waren, merkte ich doch, daß der Wind auf einmal von einer andern Seite blies; bald konnte ich schon durch das Schneegestöber hindurch die Windmühlen erkennen. Der Kutscher faßte neuen Mut und wurde gesprächig. »Neulich fuhren sie mit Retourschlitten von der andern Station in solchem Schneesturm heim; sie mußten in Heuschobern übernachten und kamen erst am Morgen nach Hause. Es war noch ein Glück, daß sie auf die Heuschober stießen, denn sonst wären sie wohl alle erfroren – der Frost war stark. Der eine hat sich auch wirklich die Beine erfroren; nach drei Wochen ist er daran gestorben.« »Jetzt ist es aber gar nicht so kalt, auch der Sturm hat sich etwas gelegt«, sagte ich. »Werden wir vielleicht doch weiterfahren?« »Warm ists schon, doch der Schneesturm! Weil wir jetzt zurück fahren, scheints uns nicht so arg; es stürmt aber ordentlich! Ich würde schon weiterfahren, wenn ich einen Kurier zu fahren hätte, oder auf eigene Gefahr ... So kann mir aber der Fahrgast erfrieren, und das ist beileibe kein Spaß! Wie kann ich für Euer Gnaden die Verantworwng tragen?« 2 In diesem Augenblick erklang hinter uns das Schellengeläute mehrerer Troikas, die uns rasch einholten. »Es ist die Glocke der Kuriertroika,« sagte mein Kutscher, »es gibt auf der ganzen Station nur ein solches Geläute.« Das Geläute der vorderen Troika, das im Winde deutlich wahrnehmbar war, klang wirklich außerordentlich schön: es war ein reiner, tiefer, etwas klirrender Ton. Wie ich später erfuhr, war dieses Geläute eine besondere Liebhaberei des Posthalters: es waren im ganzen drei Glocken – die größte in der Mitte mit dem sogenannten tiefroten Ton, und zwei kleinere, die auf eine Terz abgestimmt waren. Der Klang dieser Terz und der klirrenden Quinte klang in der wüsten, leeren Steppe wunderbar schön. »Es ist die Post«, sagte mein Kutscher, als die erste der drei Troikas uns eingeholt hatte. »Wie ist der Weg? Kann man fahren?« rief er dem Fuhrknecht in der letzten Troika zu; jener schrie aber nur auf seine Pferde ein und gab meinem Kutscher keine Antwort. Kaum hatte uns die Post überholt, als auch schon das Schellengeläute schnell im Winde verhallte. Mein Kutscher schämte sich wohl ein wenig. »Wollen wir doch weiterfahren, Herr!« sagte er. »Die Leute sind eben vorbeigefahren, und ihre Spur ist noch frisch.« Ich stimmte zu; wir wendeten wieder gegen den Wind und schleppten uns durch den tiefen Schnee weiter. Ich blickte immer von der Seite auf den Weg, um die Spuren der Troikas nicht zu verlieren. Etwa zwei Werst waren die Spuren gut sichtbar; dann konnte ich nur eine leichte Unebenheit unter den Kufen wahrnehmen; schließlich konnte ich nicht mehr unterscheiden, ob ich die Spur oder eine vom Wind aufgewühlte Schneefurche vor mir hatte. Die Augen wurden bald so müde, daß sie die unaufhörlich unter den Kufen dahingleitende Schneefläche nicht weiter verfolgen konnten,und ich begann geradeaus zu schauen. Den dritten Werstpfahl sahen wir noch, doch den vierten konnten wir unmöglich finden; wir fuhren wie vorhin bald mit dem Wind, bald gegen den Wind, bald nach rechts, bald nach links, und waren endlich so weit, daß der Kutscher behauptete, wir seien vom richtigen Wege nach rechts abgeschweift, ich erklärte, nach links, und Aljoschka meinte, daß wir überhaupt zurück führen. Wir blieben wieder einigemal stehen, der Kutscher sireckte seine großen Beine aus dem Schlitten heraus und machte sich auf die Suche nach dem Wege; doch alles war umsonst. Ich stieg auch einmal aus, um festzustellen, ob dort, wo es mir schien, nicht doch der Weg liege; aber kaum war ich mit großer Mühe etwa sechs Schritt gegen den Wind gegangen und hatte mich überzeugt, daß überall die gleiche eintönige weiße Schneefläche lag und daß der Weg nur in meiner Einbildung existierte, als ich plötzlich den Schlitten aus den Augen verlor. Ich schrie: »Kutscher! Aljoschka!«, doch ich fühlte, wie der Wind mir meine Stimme direkt vom Munde wegriß und sie in einem Augenblick weit von mir davontrug. Ich ging zu der Stelle, wo eben erst der Schlitten gestanden hatte, doch der Schlitten stand nicht mehr da; ich ging nach rechts und fand ihn wieder nicht. Ich schäme mich noch heute, wenn ich daran denke, wie durchdringend, laut, beinahe verzweifelt ich dann geschrien habe: »Kutscher!«, während er zwei Schritt vor mir stand. Seine dunkle Gestalt mit der Peitsche in der Hand und der auf die Seite gerutschten großen Mütze war ganz plötzlich vor mir aufgetaucht. Er geleitete mich zum Schlitten. »Es ist noch ein Glück, daß es warm ist«, sagte er zu mir. »Wenn ein richtiger Frost kommt, sind wir verloren! ... Gütiger Gott im Himmel!« »Laß die Zügel los, mögen uns die Pferde wieder zurückführen«, sagte ich, nachdem ich wieder im Schlitten Platz genommen. »Werden sie uns auch zurückführen? Was meinst du, Kutscher?« »Sie müssen es wohl.« Er ließ die Zügel locker, hieb das Gabelpferd einige Male mit der Peitsche auf den Rücken, und wir fuhren wieder irgendwohin. Wir fuhren etwa eine halbe Stunde. Plötzlich erklang vor uns wieder das mir bekannte Liebhabergeläute, daneben bimmelten noch zwei andere Glocken; jetzt kamen sie uns aber entgegen. Es waren die gleichen drei Troikas, die ihre Post bereits abgeliefert hatten und nun mit den Retourpferden, die hinten angebunden waren, auf ihre Station zurückkehrten. Die mit kräftigen großen Pferden bespannte Kuriertroika mit dem Liebhabergeläute fuhr schnell vor den andern her. Auf dem Bocke saß ein Fuhrknecht und trieb die Pferde mit lauten Schreien an. In den beiden andern Schlitten saßen je zwei Fuhrknechte; ich hörte sie laut und lustig miteinander sprechen. Einer von ihnen rauchte eine Pfeife; ein Funke, der im Winde aufflog, beleuchtete einen Teil seines Gesichts. Als ich sie sah, schämte ich mich, daß ich mich vorhin gefürchtet hatte, weiterzufahren; auch mein Kutscher empfand wohl das gleiche Gefühl. Daher sagten wir wie aus einem Munde: »Wir wollen ihnen nachfahren!« 3 Bevor noch die letzte Troika an uns vorbeigefahren war, begann mein Kutscher seinen Schlitten umzuwenden; er machte es sehr ungeschickt und geriet mit der Femerstange mitten in die hinter den Troikas angebundenen Pferde. Ein Dreigespann scheute, riß sich los und lief davon. »Du schieläugiger Teufel! siehst gar nicht, wohin du wendest: mitten in die Leute hinein! Daß dich der Henker!« schimpfte mit heiserer, zitternder Stimme einer der Fuhrknechte, ein kleiner alter Mann, soviel ich nach seiner Stimme und Gestalt schließen konnte, der in der letzten Troika saß; er sprang rasch aus seinem Schlitten und lief den Pferden nach, wobei er fortfuhr, roh und derb auf meinen Kutscher zu schimpfen. Die Pferde ließen sich aber nicht einfangen. Der Fuhrknecht lief ihnen nach, und in einem Augenblick waren Pferde und Fuhrknecht im weißen Nebel des Schneesturms verschwunden. »Wassili, bring den Falben her! Ich kann sie sonst gar nicht einfangen«, hörte man seine Stimme. Einer von den Fuhrknechten, ein auffallend großer Kerl, sprang aus seinem Schlitten, band schweigend sein Dreigespann los, stieg, sich am Geschirr festhaltend, auf eines der Pferde, sprengte über den knirschenden Schnee in kurzem Galopp davon und verschwand in der gleichen Richtung. Wir fuhren aber mit den beiden andern Troikas dem Kurierschlitten nach, der mit Schellengeläute in vollem Trab vorauslief. »Der glaubt wohl, daß er sie einfängt!« sagte mein Kutscher von dem, der den Pferden nachgeeilt war. »Wenn das Pferd nicht sofort zu den andern Pferden gegangen ist, so ist es ein übermütiges Pferd; es kann den Mann so weit forttragen, daß er keinen Weg mehr zurückfindet.« Als mein Fuhrknecht nun hinter den andern fuhr, schien er auf einmal lustiger und gesprächiger, was ich, da ich noch nicht schlafen wollte, selbstverständlich gehörig ausnützte. Ich begann ihn auszufragen, woher er stamme und wer er sei. Ich erfuhr von ihm, daß er mein Landsmann aus der Gegend von Tula wäre, ein leibeigener Bauer aus dem Kirchdorfe Kirpitschnoje; sie hätten dort wenig Land, und die Ernte sei seit der Cholera fortwährend schlecht; sie seien zwei Brüder zu Hause, während der dritte beim Militär diene; sie könnten heuer mit dem Brot bis Weihnachten nicht mehr auskommen und müßten sich daher nach Verdienst umsehen; der jüngere Bruder sei der Herr im Hause, weil er Familie habe; er selbst sei Witwer; aus seinem Dorfe ginge jeden Winter eine Artel von Fuhrknechten in diese Gegend; er selbst sei zwar noch nie Fuhrknecht gewesen, habe aber doch den Dienst bei der Post angenommen, um den Bruder unterstützen zu können; hier bekomme er, Gott sei Dank, hundertzwanzig Rubel jährlich, von denen er hundert nach Hause schicke; das Leben hier sei sonst ganz gut, »wenn die Kuriere nur nicht so wild wären und das Volk nicht so fürchterlich fluchte«. »Warum hat nur dieser Fuhrknecht so furchtbar geflucht? Mein Gott! Habe ich denn absichtlich die Pferde losgerissen? Will ich denn jemand etwas Böses? Und warum ist er ihnen nachgesprungen? Sie wären auch von selbst zurückgekommen; so wird er umsonst die Pferde abhetzen und auch selbst zugrunde gehen«, sagte der gottesfürchtige Bauer. »Was ist das Schwarze dort?« fragte ich, als ich einige dunkle Silhouetten vor uns sah. »Es ist ein Zug von Lastwagen. – Das ist wirklich ein angenehmes Fahren!« fügte er hinzu, als wir die riesengroßen, mit Bastmatten bedeckten Wagen, die einer hinter dem andern daherrollten, eingeholt hatten. »Schauen Sie nur hin, kein Mensch ist zu sehen, alle schlafen. Die klugen Pferde kennen selbst den Weg und lassen sich davon nicht abbringen ... Auch ich bin früher einmal mit solchen Lastfuhren gefahren,« sagte er nach einer Pause, »daher kenne ich es.« Die riesengroßen Wagen, die von den Rädern bis zu den Bastmatten hinauf mit Schnee bedeckt waren und sich ganz von selbst fortzubewegen schienen, boten wirklich einen seltsamen Anblick. Erst als unsere Schellen dicht neben den Wagen erklangen, hob sich im vordersten Winkel etwa zwei Finger hoch die schneeverwehte Matte, und eine Mütze lugte für einen Augenblick heraus. Ein großer scheckiger Gaul mit gestrecktem Hals und gespanntem Rücken schritt gleichmäßig über den gänzlich verwehten Weg; er schaukelte im Takt seinen zottigen Kopf unter dem schneebedeckten Krummholz und spitzte, als wir ihn einholten, das eine verschneite Ohr. Nach einer weiteren halben Stunde wandte sich der Fuhrknecht wieder zu mir: »Was glauben Sie, Herr, fahren wir recht?« »Ich weiß es nicht«, antwortete ich. »Der Wind kam früher von dort her, und jetzt fahren wir mit dem Wind. Nein, wir fahren sicher falsch. Wir haben uns wieder verirrt«, schloß er mit großer Ruhe. Obwohl er eigentlich recht feige war, hatte er sich, wie ich sah, vollkommen beruhigt, seit wir in Gesellschaft fuhren und er nicht mehr die Führung und die Verantwortung hatte: gemeinsames Unglück läßt sich eben leichter ertragen. Er machte kaltblütig Bemerkungen über die Fehler des Fuhrknechtes, der vorn fuhr, als ob ihn das Ganze nicht im geringsten anginge. Ich merkte auch wirklich, daß die vordere Troika uns bald die linke und bald die rechte Seite zukehrte; ich hatte den Eindruck, als ob wir auf einer sehr kleinen Fläche immer im Kreise herumführen. Es konnte übrigens auch eine Sinnestäuschung sein, wie es mir zuweilen auch vorkam, daß die erste Troika bald bergauf und bald bergab fahre, während die Steppe nach allen Seiten vollkommen eben war. Nachdem wir noch einige Zeit so gefahren waren, glaubte ich fern am Horizont einen langen, schwarzen, beweglichen Streifen zu sehen; doch schon im nächsten Augenblick wurde es mir klar, daß es dieselben Lastfuhren waren, die wir schon einmal überholt.hatten. Die knarrenden Räder, von denen sich einige gar nicht mehr drehten, waren ganz wie vorhin von Schnee bedeckt; die Leute schliefen noch immer unter den Bastmatten, und das scheckige Pferd vor der ersten Fuhre blähte wie vorhin die Nüstern, beschnüffelte den Weg und spitzte die Ohren. »Nun sehen Sie es selbst: wir haben uns so lange gedreht, bis wir wieder zu denselben Lastfuhren zurückgekommen sind!« sagte mein Fuhrknecht ärgerlich. »Die Kurierpferde sind kräftig und können etwas vertragen; daher kann er sie auch so abhetzen; wenn wir aber auch so die ganze Nacht herumfahren wollten, würden unsere Pferde bald stehen bleiben.« Er hüstelte. »Wollen wir doch lieber umkehren, Herr, damit es kein Unglück gibt?« »Warum? Wir werden doch irgendwohin kommen.« »Wohin können wir kommen? Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als in der Steppe zu übernachten. Wie es nur stürmt ... Herrgott im Himmel!« Obwohl ich mich wunderte, daß der Fuhrknecht in der ersten Troika, der offenbar Weg und Richtung verloren hatte, gar nicht versuchte, den Weg zu finden, sondern unter lustigem Geschrei in vollem Trabe weiterfuhr, wollte ich doch nicht mehr hinter den andern Schlitten zurückbleiben. »Fahr ihnen nach!« sagte ich. Der Fuhrknecht tat, was ich ihn geheißen, trieb aber die Pferde noch mißmutiger an als vorhin und sprach nicht mehr mit mir. 4 Der Schneesturm wütete immer schlimmer, und von oben fiel feiner trockener Schnee; es begann anscheinend zu frieren: Nase und Wangen schmerzten mir immer mehr vor Kälte, und immer öfter kam mir ein kalter Luftstrom unter den Pelz, den ich vorn fest zusammenhalten mußte. Zuweilen klapperten die Kufen auf dem nackten, hartgefrorenen Boden, von dem der Schnee weggeweht war. Da ich schon beinahe sechshundert Werst zurückgelegt hatte, ohne irgendwo Nachtquartier zu nehmen, schloß ich, obwohl mich der Ausgang unserer Irrfahrt aufs höchste interessierte, zeitweise die Augen und schlummerte ein. Als ich einmal wieder die Augen öffnete, war ich ganz erstaunt: die weiße Ebene war, wie es mir im ersten Augenblick schien, von einem grellen Licht überflutet; der Horizont hatte sich bedeutend erweitert, der niedrige schwarze Himmel war verschwunden, von allen Seiten sah man die weißen schrägen Linien des fallenden Schnees, die Umrisse der vorderen Troikas waren deutlicher sichtbar, und als ich die Augen hob, schien mir im ersten Augenblick, daß die Wolken sich verzogen hätten und der Himmel nur vom fallenden Schnee verdeckt sei. Während ich geschlafen hatte, war der Mond aufgegangen; nun warf er sein kaltes, grelles Licht durch die undichten Wolken auf den fallenden Schnee. Alles, was ich deutlich sehen konnte, war mein Schlitten mit den Pferden und dem Fuhrknecht und die drei Troikas vor uns: zuerst kam der Kurierschlitten, auf dessen Bock noch immer der eine Kutscher saß, der die Pferde zu scharfem Trab antrieb; im zweiten Schlitten saßen zwei Fuhrknechte, die die Zügel locker gelassen, sich aus einem Mantel einen Windschutz gemacht hatten und unaufhörlich ihre Pfeifchen rauchten, was man an den Funken, die ab und zu aufflackerten, erkennen konnte; im dritten Schlitten war aber niemand zu sehen: der Fuhrknecht schlief wohl mitten im Schlitten. Seitdem ich wach war, hielt der erste Fuhrknecht ab und zu seine Pferde an und sah sich nach dem Wege um. Wenn wir stehen blieben, hörten wir deutlicher den Wind heulen und sahen die erstaunlichen Schneemassen, die durch die Luft wirbelten. Ich konnte im Mondlichte, das vom Schneegestöber getrübt war, sehen, wie der kleine Fuhrknecht sich im Lichtnebel hin und her bewegte, mit dem Peitschenstiel den Schnee vor sich betastete, dann wieder zum Schlitten zurückkehrte und von der Seite auf den Bock sprang; ich hörte durch das eintönige Pfeifen des Windes das helle und laute Klingen und Bimmeln der Schellen. Sooft der erste Fuhrknecht aus dem Schlitten stieg, um sich nach dem Wege oder nach Heuschobern umzuschauen, hörte ich aus dem zweiten Schlitten die muntere und selbstbewußte Stimme eines der Fuhrknechte, der dem vorderen zurief: »Hör doch, Ignaschka! Wir sind ja zu weit nach links abgekommen! Such doch mehr nach rechts, mit dem Winde zu kommen!« – Oder: »Was drehst du dich so dumm im Kreise herum? Richte dich nach dem Schnee, wie er gerade liegt, dann kommst du sicher auf den Weg!« – Oder: »Nach rechts, nach rechts, Bruder! Siehst du, dort steht etwas Schwarzes, ich glaube, es ist ein Pfahl.« – Oder: »Was drehst du dich wieder im Kreise? Um Gottes willen! Spann doch den Schecken aus und laß ihn vorauslaufen: er wird dich schnell und sicher auf den Weg bringen. So muß es besser gehen!« Der Mann, der diese Ratschläge erteilte, war nicht nur zu faul, das Nebenpferd auszuspannen oder den Weg im Schnee zu suchen, sondern auch, die Nase aus seinem Mantelkragen herauszustecken: Ignaschka rief ihm auf einen seiner Ratschläge zu, er möchte doch selbst vorausfahren, wenn er so gut wisse, wohin man fahren solle; der Ratgeber gab zur Antwort, daß er gern vorausfahren und leicht den richtigen Weg finden würde, wenn er nur die Kurierpferde hätte. »Meine Pferde werden bei diesem Sturm nicht vorauslaufen wollen,« schrie er, »denn es sind nicht solche Pferde.« »Dann rede auch nichts drein!« antwortete ihm Ignaschka und pfiff munter seinen Pferden zu. Der andere Fuhrknecht, der mit dem Ratgeber im gleichen Schlitten saß, sagte nichts zu Ignaschka und mischte sich überhaupt nicht in diese Sache, obgleich er gar nicht schlief: sein Pfeifchen glomm ununterbrochen, und sooft wir hielten, hörte ich seine eintönige Stimme. Er erzählte ein Märchen. Einmal nur, als Ignaschka zum sechsten oder siebenten Male hielt, ärgerte er sich wohl darüber, daß die Fahrt, die ihm solches Vergnügen machte, unterbrochen wurde, und schrie ihm zu: »Nun, was stehst du schon wieder? Er will, scheint es, wirklich den Weg finden! Man sagt dir ja: es ist der Schneesturm! Selbst der Feldmesser würde jetzt den Weg nicht finden; du solltest lieber vorwärtsfahren, solange die Pferde noch ziehen. So Gott will, werden wir wohl nicht erfrieren ... Vorwärts!« »Warum nicht gar! Im vorigen Jahre ist ja ein Postillion erfroren!« mischte sich mein Kutscher ein. Der Fuhrknecht in der dritten Troika hatte die ganze Zeit über geschlafen. Als wir einmal hielten, rief ihm der Ratgeber zu: »Philipp! He, Philipp!« Und als er keine Antwort bekam, bemerkteer: »Ob er nicht erfroren ist? Geh doch hin, Ignaschka, und schau nach!« Ignaschka, der alles tun mußte, ging auf den Hinteren Schlitten zu und begann den Schlafenden zu rütteln. »Sieh einer, von einem Viertel Schnaps ist er schon umgefallen! Wenn du erfroren bist, so sags!« redete er auf ihn ein, indem er ihn hin und her rüttelte. Der Schläfer brummte etwas in den Bart und begann zu schimpfen. »Er lebt noch, Brüder!« sagte Ignaschka und lief wieder voraus. Wir fuhren weiter und sogar so schnell, daß das kleine braune Nebenpferd, das mein Kutscher ununterbrochen mit der Peitsche schlug, zuweilen in einen ungeschickten Galopp verfiel. 5 Es wird Mitternacht gewesen sein, als der alte Fuhrknecht und Wassili, die den davongelaufenen Pferden nachgeeilt waren, zu uns zurückkamen. Sie hatten die Pferde eingefangen und uns eingeholt; wie sie uns aber im finstern, blinden Schneesturm in der kahlen Steppe gefunden hatten, blieb mir für immer ein Rätsel. Der Alte ritt, mit den Ellbogen und Beinen schlenkernd, auf dem Gabelpferde (die beiden andern Pferde waren an dem Kummet angebunden: im Schneesturm darf man die Pferde nicht frei laufen lassen). Als er meinen Schlitten erreichte, begann er von neuem auf meinen Kutscher zu schimpfen: »Das nenn ich einen schieläugigen Teufel! Wirklich...« »Seht doch: da ist ja Onkel Mitritsch!« rief der Märchenerzähler aus dem zweiten Schlitten. »Lebst du noch? Komm zu uns herein!« Der Alte gab ihm aber keine Antwort und fuhr fort zu fluchen. Als er glaubte, es sei genug, ritt er an den zweiten Schlitten heran. »Hast du alle eingefangen?« fragte man ihn aus dem Schlitten. »Was denn sonst?« Und seine gedrungene Gestalt legte sich während des Trabes auf den Rücken des Pferdes, sprang dann in den Schnee, lief, ohne auch nur einen Augenblick stehen zu bleiben, um den Schlitten herum und schwang sich von hinten hinein, wobei die Beine über den hintern Schlittenrand hoch in die Luft ragten. Der große Wassili setzte sich schweigend auf seinen früheren Platz im vorderen Schlitten zu Ignaschka und begann mit ihm zusammen den Weg zu suchen. »Wie er nur so fluchen kann ... Herrgott im Himmel!« murmelte mein Kutscher vor sich hin. Dann fuhren wir lange, ohne Halt zu machen, über die weiße Wüste im kalten, durchsichtigen und schwankenden Lichtschein des Schneesturmes. Wenn ich die Augen öffne, sehe ich immer dieselbe plumpe Mütze und denselben beschneiten Rücken vor mir ragen, denselben Kopf des Gabelpferdes mit der schwarzen, vom Winde gleichmäßig zur Seite gewehten Mähne unter dem niedrigen Krummholz zwischen den straff gespannten Zugriemen auf und nieder wippen; hinter dem Kutscherrücken sehe ich dasselbe braune rechte Nebenpferd mit dem kurz aufgebundenen Schweif und dem Strangholz, das ab und zu gegen die Vorderwand des Schlittens klopft. Blicke ich nach unten, so sehe ich denselben Pulverschnee; die Kufen wühlen ihn auf, und der Wind wirbelt ihn unaufhörlich empor und trägt ihn immer in der gleichen Richtung fort. Vor mir gleiten immer im gleichen Abstand voneinander die drei andern Troikas; rechts und links flimmert es weiß. Vergeblich sucht das Auge nach einem neuen Gegenstand: weder Pfahl, noch Heuschober, noch Zaun – nichts ist zu sehen. Ringsum ist alles weiß, weiß und beweglich: bald erscheint der Horizont unendlich weit, bald von allen Seiten eingeengt und kaum zwei Schritt breit; bald türmt sich zur Rechten eine hohe weiße Mauer auf und läuft mit uns mit, dann verschwindet sie und taucht nach einer Weile vor uns auf, um eine Zeitlang vor uns herzulaufen und dann wieder zu verschwinden. Wenn ich hinaufschaue, erscheint mir der Himmel im ersten Augenblick ganz hell, und ich sehe durch den Nebel die Sterne; die Sterne fliehen aber vor meinem Blick in die Höhe und entschwinden, und ich sehe nichts als den Schnee, der an meinen Augen vorüber auf mein Gesicht und meinen Pelzkragen fällt; der Himmel ist überall gleichmäßig hell, gleichmäßig weiß, farblos, eintönig und in steter Bewegung. Der Wind scheint jeden Augenblick seine Richtung zu wechseln: bald bläst er mir ins Gesicht und verklebt mir die Augen mit Schnee, bald wirft er mir, um mich zu ärgern, den Pelzkragen von der Seite über den Kopf und tätschelt mir mit ihm neckisch das Gesicht, bald brummt er von hinten durch irgendein Loch. Ich höre das leise, doch unaufhörliche Knirschen der Kufen und Hufe im Schnee und das Klingen der Schellen; es verhallt, sooft wir in tiefen Schnee geraten. Nur ganz selten, wenn wir über Eiskrusten und gegen den Wind fahren, dringt das energische Pfeifen Ignats und das muntere Läuten des Glöckchens mit der widerhallenden zitternden Quinte an mein Ohr; diese Töne stören so unerwartet und so angenehm die düstere Stimmung der Wüste; dann klingt wieder eintönig, mit unerträglicher Genauigkeit immer dieselbe Weise, die ich in das Schellengeläute hineinlege. Mir beginnt der eine Fuß zu frieren, und wenn ich mich umwende, um mich besser einzuhüllen, gleitet mir der Schnee, der sich auf Kragen und Mütze angesammelt hat, in den Hals und läßt mich erschauern; im allgemeinen aber fühle ich mich in meinem erwärmten Pelz recht wohlig, und mich überkommt der Schlummer. 6 Erinnerungen und Vorstellungen ziehen in raschem Wechsel an meinem Geiste vorüber. ›Was mag wohl der Ratgeber, der immer aus dem zweiten Schlitten herüberschreit, für ein Mann sein? Wahrscheinlich ist er rothaarig, stämmig und kurzbeinig,‹ denke ich mir, ›vom selben Schlage wie unser früherer Küchenmeister Fjodor Filipytsch.‹ Und da sehe ich plötzlich die Treppe unseres großen Hauses und fünf Mann von der leibeigenen Dienerschaft, die, schwer einhertappend, auf Handtüchern ein Klavier aus dem Seitengebäude hinüberschleppen; ich sehe auch Fjodor Filipytsch, wie er die Ärmel seines Nankingrocks aufgekrempelt hat, mit einem Pedal in der Hand vorausläuft, die Riegel öffnet, hier an einem der Handtücher zieht, dort etwas nachschiebt, zwischen den Beinen der Träger durchkriecht, allen im Wege ist und mit besorgter Stimme kommandiert: »Ihr Vorderen dort, nehmt die Last mehr auf euch! So, mit dem Schwanzende hinauf, noch mehr hinauf! In die Türe hinein! So ists recht!« »Erlauben Sie doch, Fjodor Filipytsch! Wir werden schon allein fertig,« wendet schüchtern der Gärtner ein, der, an das Treppengeländer gedrückt, über und über rot vor Anstrengung, mit den letzten Kräften das eine Ende des Klaviers festhält. Aber Fjodor Filipytsch will sich nicht beruhigen. ›Was hat er eigentlich?‹ frage ich mich. ›Hält er sich wirklich für so nützlich und unentbehrlich, oder freut er sich einfach darüber, daß Gott ihm diese selbstbewußte und überzeugende Beredsamkeit gegeben hat, die er nun mit solchem Genuß verschwendet? Es wird wohl wirklich so sein.‹ Und ich sehe ganz unvermittelt einen Teich, das ermüdete Hofgesinde, das, bis an die Kniee im Wasser watend, ein Netz herauszieht, während Fjodor Filipytsch mit einer Gießkanne in der Hand am Ufer hin und her rennt, alle anschreit und sich nur von Zeit zu Zeit dem Wasser nähert, um das trübe Wasser aus der Kanne herauszulassen und frisches nachzufüllen, wobei er die golden schimmernden Karauschen mit der einen Hand festhält. – Und dann ist es ein Julimittag. Ich gehe irgendwohin über das frisch gemähte Gras des Gartens unter den brennenden senkrechten Sonnenstrahlen; ich bin noch sehr jung, mir fehlt etwas, ich will etwas. Ich gehe zum Teich, an meine Lieblingsstelle zwischen den Heckenrosen und der Birkenallee, und lege mich schlafen. Ich kann mich noch gut an das Gefühl erinnern, mit dem ich im Liegen durch die roten, stachelbesetzten Stämme der Heckenrosen auf das schwarze, trockene, körnige Erdreich und den hindurchschimmernden grellblauen Spiegel des Teiches blickte. Es war das Gefühl einer naiven Selbstzufriedenheit und Trauer. Alles um mich her war so schön, und diese Schönheit wirkte auf mich so stark ein, daß es mir schien, ich sei auch selbst schön und gut; das einzige, was mich ärgerte, war, daß mich niemand bewunderte. – Es ist heiß. Ich will einschlafen, um mich zu trösten; doch die Fliegen, die unausstehlichen Fliegen lassen mich auch hier nicht in Ruhe: sie sammeln sich um mich und hüpfen unaufhörlich, hart wie Kirschkerne, von meiner Stirn auf die Hände. In meiner Nähe summt in der Sonnenglut eine Biene; gelbbeschwingte Schmetterlinge flattern träge von Halm zu Halm. Ich blicke hinauf, die Augen schmerzen mir – die Sonne scheint zu grell durch das hellgrüne Laub der lockigen Birke, die hoch über mir ganz leise ihre Zweige bewegt; und die Sonnenglut scheint mir noch unerträglicher. Ich bedecke mir das Gesicht mit einem Tuche; nun wird es mir schwül, und die Fliegen kleben mir förmlich an den schwitzenden Händen. Im Dickicht der Heckenrosen machen sich Sperlinge zu schaffen. Einer von ihnen springt einen Schritt von mir entfernt auf die Erde, tut einigemal so, als picke er ernergisch die Erde, und fliegt lustig zwitschernd und in den Zweigen raschelnd aus dem Gebüsch; dann springt ein zweiter Sperling herab, bewegt das Schwänzchen, schaut sich um und fliegt wie ein Pfeil unter lebhaftem Gezwitscher dem ersten nach. Vom Teiche her höre ich die Schläge des Waschholzes auf die nasse Wäsche; diese Schläge hallen tief unten über dem Wasserspiegel nach. Ich höre das Lachen, Sprechen und Plätschern von Badenden. Ein Windstoß rauscht in den Wipfeln der Birken, zuerst fern von mir, kommt dann immer näher; ich höre, wie er das Gras bewegt; nun sehe ich, wie die Blätter der Heckenrosenbüsche sich auf ihren Zweigen hin und her wiegen; nun lüftet ein frischer Windhauch einen Zipfel des Tuches, mit dem ich mich bedeckt habe, und kitzelt mein schweißbedecktes Gesicht. Eine Fliege schlüpft unter das Tuch, wo es der Wind gelüftet hat, und schwirrt erschrocken um meine feuchten Lippen herum. Ein trockener Ast drückt mich in den Rücken. Nein, ich will nicht länger liegen, ich will baden gehen. Da höre ich ganz nahe an der Hecke eilende Schritte und erschrockene Frauenstimmen: »Ach Gott! Was soll man nur tun? Und kein Mann in der Nähe!« »Was ist denn los?« frage ich, in die Sonne hinaustretend, eine Dienstmagd, die jammernd an mir vorüberläuft. Sie blickt sich nur um, fuchtelt mit den Händen und rennt weiter. Da läuft auch schon die siebzigjährige Matrjona; sie hält mit der einen Hand das Tuch fest, das ihr immer vom Kopfe rutscht, und humpelt, den einen Fuß im wollenen Strumpf mühselig nachschleppend, zum Teich. Zwei kleine Mädchen laufen Hand in Hand; ein zehnjähriger Junge im Rocke seines Vaters folgt ihnen im Laufschritt, sich am hanfleinenen Kleide eines der Mädchen festhaltend. »Was ist geschehen?« frage ich sie. »Ein Bauer ist ertrunken.« »Wo?« »Im Teich.« »Wer ists? Einer von den unsrigen?« »Nein, ein Fremder.« Der Kutscher Iwan rennt, mit seinen großen Stiefeln beständig im gemähten Gras ausrutschend, zum Teich; auch der dicke Verwalter Jakow läuft ganz außer Atem, und ich laufe mit. Ich kann mich noch an das Gefühl erinnern, das mir sagte: »Spring ins Wasser, zieh den Bauern heraus, und alle werden dich bewundern‹, und danach ging ja mein ganzes Streben. »Wo ist es denn, wo?« frage ich die Leute, die sich am Ufer drängen. »Dort an der tiefsten Stelle, mehr am andern Ufer, beinahe an der Badehütte,« sagt die Wäscherin, indem sie die nasse Wäsche auf das Tragholz auflädt. Ich sehe, wie ein Mensch immer untertaucht; bald zeigt er sich, bald taucht er wieder unter. Dann zeigt er sich wieder und schreit: »Mein Gott, ich ertrinke!« und dann taucht er wieder unter, nur Luftblasen sieigen auf. Da begreife ich erst, daß der Mann ertrinkt. Und ich schreie, was ich schreien kann: »Leute, ein Mann ertrinkt!« Die Wäscherin legt sich das Tragholz auf die Schulter und geht, sich in den Hüften wiegend, über den Fußpfad vom Teiche weg. »Dieses Pech!« sagt der Verwalter Jakow Iwanow ganz verzweifelt. »Was das jetzt für Scherereien mit dem Gericht geben wird! Das wird kein Ende nehmen!« Ein Bauer mit einer Sense drängt sich durch die Menge der Weiber, Kinder und Greise, die auf dem andern Ufer stehen, vor, hängt die Sense an einen Weidenast und zieht sich langsam die Bastschuhe aus. »Wo ist es denn? Wo ist er ertrunken?« frage ich in einem fort, vom Wunsche beseelt, ins Wasser zu springen und irgend etwas Außergewöhnliches zu vollbringen. Man zeigt mir nur die glatte Wasserfläche, die sich ab und zu im leisen Winde kräuselt. Ich kann unmöglich begreifen, daß er ertrunken ist; das Wasser steht so glatt, schön und gleichgültig über ihm und schimmert golden in der Mittagssonne, und ich muß einsehen, daß ich nichts tun kann und niemand in Erstaunen versetzen werde, besonders da ich nicht gut schwimme; der Bauer hat sich aber schon das Hemd über den Kopf gezogen und ist bereit, ins Wasser zu springen. Alle blicken auf ihn mit verhaltenem Atem und voller Hoffnung; doch als der Bauer so weit gelangt ist, daß das Wasser ihm bis an die Schultern reicht, kehrt er langsam zurück und zieht sein Hemd wieder an: er kann nämlich gar nicht schwimmen. Es kommen immer mehr Leute herbei, die Menge wächst an, die Weiber klammern sich aneinander, doch niemand bringt Hilfe. Die Neuankommenden geben Ratschläge, jammern, und ihre Blicke drücken Entsetzen und Verzweiflung aus; einige von denen, die schon früher da waren, sind vom Stehen müde und setzen sich ins Gras, andere gehen nach Hause. Die alte Matrjona fragt ihre Tochter, ob sie nicht vergessen habe, daheim den Ofen zu schließen; der Junge mit dem Rocke seines Vaters wirft eifrig Steine ins Wasser. Da läuft vom Hause her, bellend und sich verständnislos umschauend, Fjodor Filipytschs Hund Tresor; dann kommt hinter der Rosenhecke auch Fjodor Filipytsch selbst zum Vorschein; er rennt den Abhang herunter und schreit. »Was steht ihr so herum?« schreit er, sich im Laufen seinen Rock anziehend. »Ein Mensch ist ertrunken, und sie stehen so da! Einen Strick her!« Alle blicken mit banger Hoffnung auf Fjodor Filipytsch, während er, sich mit der Hand auf die Schulter eines dienstfertig herbeigesprungenen Knechtes stützend, mit der Spitze des linken Stiefels den rechten herunterzerrt. »Es ist dort, wo die Leute stehen, rechts von der Weide, Fjodor Filipytsch, dort ist es!« sagt ihm jemand. »Ich weiß schon,« antwortet er. Er zieht die Brauen zusammen – wohl als Antwort auf die Zeichen von Schamhaftigkeit, die die Weiber äußern –, zieht sich das Hemd aus, nimmt sich das Kreuz vom Hals, übergibt es dem Gärtnerjungen, der ehrerbietig vor ihm steht, und nähert sich, energisch über das gemähte Gras schreitend, dem Teiche. Tresor, der gar nicht begreifen kann, was diese ungewöhnlich schnellen Bewegungen seines Herrn bedeuten, bleibt vor dem Menschenhaufen stehen, rupft sich einige Hälmchen am Ufer, wirft einen fragenden Blick auf seinen Herrn und springt plötzlich, vergnügt winselnd, mit dem Herrn ins Wasser. Im ersten Augenblick sieht man nichts als Schaum und Wasserstaub, der bis zu uns herüberspritzt; da sieht man aber schon Fjodor Filipytsch in kräftigen Zügen zum andern Ufer schwimmen; er rudert graziös mit den Armen und hebt und senkt gleichmäßig den Rücken. Tresor, der etwas Wasser geschluckt hat, kehrt rasch um, schüttelt sich in der Nähe des Menschenhaufens das Wasser aus dem Fell und wälzt sich am Ufer auf dem Rücken. In dem Augenblick, als Fjodor Filipytsch das andere Ufer erreicht, erscheinen bei der Weide zwei Kutscher mit einem zusammengerollten Fischernetz. Fjodor Filipytsch wirft, man weiß nicht, warum, die Arme in die Höhe, taucht unter, einmal, zweimal, dreimal, wobei er jedesmal einen Wasserstrahl aus dem Munde bläst, schüttelt anmutig die Haare und gibt auf keine der Fragen, mit denen man ihn von allen Seiten bestürmt, Antwort. Endlich steigt er ans Ufer und übernimmt, soviel ich sehe, nur die Oberleitung beim Auswerfen des Netzes. Das Netz wird herausgezogen, doch es enthält nichts als Schlamm, in dem einige kleinere Karauschen zappeln. Während das Netz von neuem ausgeworfen wird, gehe ich an das andere Ufer hinüber. Man hört nur die Kommandorufe Fjodor Filipytschs, das Plätschern des feuchten Strickes im Wasser und Seufzer des Entsetzens. Der nasse Strick, der an den rechten Flügel des Netzes gebunden ist, kommt, immer mehr mit Wasserpflanzen bedeckt, weiter und weiter aus dem Wasser hervor. »So, jetzt! Zieht alle zusammen, auf Kommando!« dröhnt Fjodor Filipytschs Stimme. »Es ist etwas drin! Es geht so schwer, Brüder!« sagt eine Stimme. Nun kommen auch beide Flügel des Netzes, in denen zwei, drei kleine Karauschen zappeln, das Gras niederdrückend und befeuchtend, an das Ufer. Durch die dünne, schwankende Schicht des getrübten Wassers schimmert im gespannten Netz etwas Weißes. In der Menge ertönt ein leiser, doch in der Totenstille erstaunlich deutlich wahrnehmbarer Seufzer des Entsetzens. »Zieht heraus, alle auf einmal! Aufs Trockene!« hört man Fjodor Filipytschs energische Stimme, und der Ertrunkene wird über die Stoppeln der abgemähten Kletten und Lattiche zur Weide gezogen. Und ich sehe meine gute alte Tante in ihrem seidenen Kleid, ich sehe ihren lila Sonnenschirm, der unten eine Franse hat und so wenig zu diesem in seiner Einfachheit schrecklichen Bilde des Todes paßt, und ihr Gesicht, das in Tränen ausbrechen möchte. Ich erinnere mich noch an den Ausdruck von Enttäuschung auf diesem Gesicht, daß man in diesem Falle kein Arnika anwenden kann, und an das schmerzvolle Gefühl, das mich überkam, als sie mit ihrem naiven Egoismus der Liebe zu mir sagte: »Komm, mein Kind! Ach, es ist so schrecklich! Und du badest und schwimmst immer allein!« Ich weiß noch, wie grell und glühend die Sonne auf die trockene, lockere Erde brannte; wie sie auf dem Spiegel des Teiches spielte; wie munter am Ufer große Karpfen umherschwammen, während in der Mitte des Teiches Schwärme winziger Fische den glatten Wasserspiegel kräuselten; wie hoch am Himmel ein Habicht seine Kreise zog, über den jungen Entchen schwebend, die plätschernd und lärmend durch das Schilf in die Mitte des Teiches hinausschwammen; wie sich weiße, flockige Gewitterwolken am Horizont ansammelten; wie der vom Netz ans Ufer gebrachte Schlamm sich allmählich wieder im Wasser verlor, und wie ich, auf dem Damm vorübergehend, wieder die über den Teich dahinhallenden Schläge des Waschholzes hörte. Doch das Waschholz klingt so, als ob zwei Waschhölzer in einer Terz zusammenklängen, und dieser Klang quält und peinigt mich, um so mehr, als ich weiß, daß das Waschholz eigentlich eine Glocke ist, die Fjodor Filipytsch nicht zum Schweigen bringen will. Und dieses Waschholz preßt mir wie ein Folterwerkzeug meinen frierenden Fuß zusammen –, und ich schlafe ein. Ich erwachte, weil wir, wie mir schien, sehr schnell fuhren und weil zwei Stimmen dicht neben mir sprachen: »Ignat! Hör, Ignat!« sagt die Stimme meines Fuhrknechts: »Nimm meinen Fahrgast zu dir hinüber – du mußt ja sowieso fahren, was soll ich aber umsonst meine Pferde abhetzen? Nimm ihn doch!« Ignats Stimme antwortet dicht neben mir: »Glaubst du, daß es mir ein Vergnügen ist, die Verantwortung für deinen Fahrgast zu tragen? ... Willst du mir dafür eine Halbe Schnaps geben?« »Was, eine Halbe!... Wenn es schon sein muß – ein Viertel ...« »Was du nicht sagst – ein Viertel!« ruft eine andere Stimme dazwischen: »Für ein Viertel soll man die Pferde abhetzen!« Ich öffne die Augen. Vor meinen Augen flimmert noch immer derselbe unerträgliche wirbelnde Schnee, ich sehe dieselben Fuhrknechte und Pferde, doch neben mir fährt ein fremder Schlitten. Mein Kutscher hat Ignat eingeholt, und wir fahren längere Zeit nebeneinander. Obgleich die Stimme aus dem hinter uns fahrenden Schlitten empfiehlt, es nicht billiger als für eine Halbe zu tun, hält Ignat doch plötzlich seine Troika an. »Lade ihn um, in Gottes Namen! Du hast Glück. Das Viertel wirst du mir morgen, wenn wir ankommen, spendieren. Ist viel Gepäck dabei, he?« Mein Kutscher springt mit einer ihm gar nicht eigenen Behendigkeit in den Schnee und bittet mich unter Verbeugungen, zu Ignat umzusteigen. Ich bin damit vollkommen einverstanden; der gottesfürchtige Bauer ist offenbar außer sich vor Glück und muß seine Freude und Dankbarkeit durchaus in Worte ergießen: unter fortwährenden Verbeugungen bedankt er sich bei mir, Aljoschka und Ignat. »Nun, Gott sei Dank! Wie wäre es denn sonst, du lieber Gott! Die halbe Nacht fahren wir schon und wissen selbst nicht, wohin. Er wird Sie schon hinbringen, Väterchen; meine Pferde können nicht mehr.« Und er beginnt mit großem Eifer mein Gepäck abzuladen. Während sie das Gepäck umluden, ging ich mit dem Wind, der mich förmlich trug, zum zweiten Schlitten. Er war – besonders von der Seite, wo sich die beiden Fuhrknechte zum Schutze gegen den Wind über ihren Köpfen den Mantel aufgespannt hatten, zu einem Viertel verschneit; hinter dem Mantel war es aber windstill und behaglich. Der Alte lag noch immer mit hinausgehängten Beinen, und der Märchenerzähler fuhr in seiner Erzählung fort: »Zu derselben Zeit, als der General also im Namen des Königs zu Maria ins Gefängnis kommt, zu derselben Zeit sagt also Maria zu ihm: ›General! Ich bedarf deiner nicht und kann dich nicht lieben, du bist also nicht mein Geliebter; denn mein Geliebter ist der nämliche Prinz ...‹« »Zu derselben Zeit ...« fuhr er fort; doch als er mich sah, hielt er inne und begann sein Pfeischen anzublasen. »Nun, Herr, sind Sie auch hergekommen, um das Märchen mit anzuhören?« sagte der andere, den ich den Ratgeber genannt habe. »Bei euch ist es ja so gemütlich und lustig!« sagte ich. »Was fängt man nicht alles aus Langerweile an! So macht man sich wenigstens keine Gedanken.« »Wißt ihr vielleicht, wo wir jetzt sind?« Diese Frage schien den Fuhrknechten nicht zu gefallen. »Wer soll sich da auskennen, wo wir sind! Vielleicht sind wir gar zu den Kalmücken geraten«, antwortete der Ratgeber. »Was werden wir denn anfangen?« »Was wir anfangen werden? Wir fahren ja, vielleicht kommen wir noch irgendwo heraus,« sagte er mit verdrießlicher Stimme. »Und wenn wir nicht herauskommen und die Pferde im Schnee stecken bleiben, was dann?« »Was soll dann sein?! Nichts.« »Wir können ja erfrieren.« »Gewiß können wir das: es sind ja weit und breit keine Heuschober zu sehen – folglich sind wir wirklich zu den Kalmücken geraten. Wir müssen uns vor allen Dingen nach dem Schnee richten.« »Du fürchtest gar zu erfrieren, Herr? « fragte mit zitterndem Stimme der Alte. Obwohl er sich wohl über meine Angst lustig machte, konnte ich ihm ansehen, daß er bis auf die Knochen durchfroren war. »Ja, es wird bitter kalt,« sagte ich. »Ach Herr! Du solltest es machen wie ich: von Zeit zu Zeit aus dem Schlitten steigen und eine Strecke laufen – so wirst du dich erwärmen.« »Am besten läufst du hinter dem Schlitten her,« sagte der Ratgeber. 7 Jetzt können Sie kommen: alles fertig!« rief mir Aljoschka aus dem vorderen Schlitten zu. Der Sturm war so stark, daß ich nur mit großer Mühe, ganz vornübergebeugt und mit beiden Händen die Schöße des Pelzmantels festhaltend, über den lockeren Schnee, den der Wind unter meinen Füßen aufwirbelte, die wenigen Schritte, die mich vom Schlitten trennten, zurücklegen konnte. Mein früherer Kutscher kniete bereits in der Mitte des leeren Schlittens; als er mich sah, zog er seine große Mütze, wobei der Wind wütend seine Haare packte und nach oben richtete, und bat mich um ein Trinkgeld. Er hatte wohl auch gar nicht erwartet, daß ich ihm eins geben würde, denn meine abschlägige Antwort betrübte ihn nicht im geringsten. Er dankte mir auch dafür, setzte seine Mütze wieder auf und sagte: »Vergelts Gott, Herr ...« Dann zog er die Zügel an, schmatzte mit den Lippen und fuhr an uns vorbei. Gleich darauf gab sich auch Ignaschka einen Ruck und rief die Pferde an. Wieder wurde das Heulen des Windes, das besonders laut zu hören war, wenn wir hielten, vom Knirschen des Schnees unter den Hufen, den Zurufen der Fuhrknechte und dem Schellengeläute abgelöst. Nach dem Umsteigen blieb ich etwa eine Viertelstunde wach und vertrieb mir die Zeit damit, daß ich die Gestalt meines neuen Kutschers und seine Pferde studierte. Ignaschka saß auf dem Bock wie ein Held, hüpfte immer auf und nieder, schwang die Hand mit der herabhängenden Peitsche über den Pferden, stieß kurze Schreie aus, schlug einen Fuß an den andern und beugte sich jeden Augenblick vor, um den Schwanzriemen des Gabelpferdes geradezurichten, der immer nach rechts hinüberrutschte. Ignaschka war nicht sehr groß, schien aber gut gebaut. Über dem kurzen Pelzrock trug er einen weiten kamelhaarenen Mantel ohne Gürtel; der Mantelkragen war fast ganz zurückgeschlagen und ließ den Hals frei; er trug keine Filz-, sondern Lederstiefel und eine kleine Mütze, die er jeden Augenblick abnahm und geraderückte. Die Ohren waren nur durch die Haare geschützt. Alle seine Bewegungen zeugten weniger von Energie als von dem Bestreben, sich zur Energie anzuspornen. Doch je länger wir fuhren, um so öfter sprang er empor, rückte auf dem Bock hin und her, schlug einen Fuß an den andern und zog mich oder Aljoschka ins Gespräch: ich hatte den Eindruck, daß er fürchtete, den Mut zu verlieren. Er hatte auch allen Grund dazu: seine Pferde waren zwar gut, doch der Weg wurde mit jedem Schritt beschwerlicher, und man sah, daß die Pferde immer weniger Lust zum Laufen hatten: er mußte sie schon ab und zu mit Peitschenhieben ermuntern, und das Gabelpferd, ein kräftiges, großes, zottiges Pferd, war schon einigemal gestolpert; es zog aber jedesmal vor Schreck mit starkem Ruck wieder an und warf den zottigen Kopf so hoch empor, daß er beinahe die Schellen berührte. Das rechte Nebenpferd, das ich unwillkürlich beobachtete, ließ zugleich mit der langen Quaste des Schwanzriemens, die an der Feldseite baumelte und hin und her sprang, merklich die Stränge herabhängen und verlangte nach der Peitsche; da es aber doch ein gutes, sogar feuriges Pferd war, ärgerte es sich, wie es schien, über seine eigene Schwäche und hob und senkte unwillig den Kopf, als wolle es, daß man die Zügel fester anziehe. Es war wirklich unheimlich anzusehen, wie Schneesturm und Frost immer stärker, die Pferde immer schwächer, der Weg immer schlechter wurde und wir gar nicht wußten, wo wir uns befanden und wie wir fahren sollten, um, wenn auch nicht zur Station, doch wenigstens zu irgendeinem Obdach zu gelangen; es war komisch und befremdend, anzuhören, wie trotzdem unentwegt und heiter die Schellen klangen, wie munter und keck Ignaschka die Pferde anschrie, als ob wir an einem Feiertag, bei frostklarem, sonnigem Wetter auf der Dorfstraße spazieren führen; am seltsamsten war aber dabei der Gedanke, daß wir ununterbrochen und in schnellster Fahrt von der Stelle kamen. Ignaschka stimmte irgendein Lied an; er sang zwar mit ziemlich widerwärtiger Fistelstimme, aber so laut und mit so häufigen Pausen, die er mit Pfeifen ausfüllte, daß es beinahe unmöglich war, ängstlich zu werden, wenn man ihm zuhörte. »He! He! Was brüllst du so, Ignat?« erklang die Stimme des Ratgebers. »Halt eine Weile!« »Was?« »Haaalt!« Ignat hielt an. Wieder begann der Wind zu heulen und zu pfeifen, während die andern Laute verstummten und der Schnee in größeren Mengen in den Schlitten wirbelte. Der Ratgeber kam zu uns heran. »Was gibts denn?« »Was es gibt? Wohin fahren wir?« »Wer weiß wohin!« »Sind dir die Beine erfroren, baß du so trampelst?« »Sie sind ganz steif.« »Du solltest ein wenig gehen; dort sehe ich etwas wie ein Kalmückenlager. Geh hin, wirst dir dabei die Beine erwärmen.« »Gut. Halt inzwischen die Pferde, hier sind die Zügel...« Und Ignat lief in der angegebenen Richtung fort. »Man muß immer aufpassen und ab und zu auch ein wenig gehen; dann findet man auch was. Was soll man auch so ohne Weg und Steg fahren?« wandte sich der Ratgeber an mich. »Sieh nur, wie er die Pferde in Schweiß gejagt hat!« Während Ignat auf der Suche war – und das dauerte so lange, daß ich sogar schon fürchtete, er habe sich verirrt –, trug mir der Ratgeber in selbstbewußtem, ruhigem Tone vor, wie man sich bei einem Schneesturm zu verhalten habe: wie man am besten das Pferd ausspannen und frei laufen lassen solle – es werde schon, so wahr Gott lebt, den richtigen Weg finden –, wie man sich auch nach den Sternen richten könne und wie gewiß wir schon auf der Station wären, wenn er und nicht Ignat die Führung hätte. »Nun, hast du was gefunden?« fragte er Ignat, als dieser, mit Mühe im beinahe kniehohen Schnee watend, zurückkam. »Es ist wirklich etwas wie ein Kalmückenlager zu sehen«, antwortete Ignat ganz atemlos; »man weiß aber nicht, was für eines es ist. Ich glaube, wir sind gar in die Nähe des Pargolowschen Gutes geraten. Wir müssen mehr nach links fahren...« »Was redest du für Unsinn! Das sind ja die Kalmückenlager, die hinter unserm Dorfe liegen«, entgegnete der Ratgeber. »Ich sage nein!« »Mir genügt ein Blick. Ich weiß schon, daß es doch so ist; und wenn nicht, so ist es Tamyschewskoje. Wir müssen mehr nach rechts halten, wir kommen dann gerade an der großen Brücke bei der achten Werst heraus.« »Aber ich sage nein! Ich habs ja gesehen!« erwiderte Ignat ärgerlich. »Ei, Bruder! Und du willst Fuhrmann sein!« »Gewiß will ich einer sein! Geh mal selbst hin!« »Was soll ich gehen? Ich weiß es auch so.« Ignat wurde offenbar böse; ohne zu antworten, sprang er auf den Bock und trieb die Pferde an. »Sieh mal an, die Füße sind mir so steif geworden, daß ich sie gar nicht mehr erwärmen kann«, sagte er zu Aljoschka, wobei er immer öfter die Beine aneinanderschlug und den Schnee, der sich in seinen Stiefelschäften angesammelt hatte, herausholte und abschüttelte. Mich überkam furchtbare Schläfrigkeit. Erfriere ich denn schon?‹ dachte ich im Einschlafen. ›Es heißt, das Erfrieren beginne immer damit, daß man einschläft. Ich möchte schon lieber ertrinken als erfrieren – mag man mich dann mit dem Netz herausziehen; übrigens ist es mir einerlei, ob ich erfriere oder ertrinke, wenn mich nur nicht dieser Stock, oder was es ist, im Rücken drückte, und wenn ich sanft einschlummern könnte.‹ Ich schlummere für einen Augenblick ein. ›Doch wie wird das alles enden?‹ sage ich mir plötzlich, für eine Minute die Augen öffnend und in den weißen Raum hinausblickend. ›Wie wird das alles enden? Wenn wir keine Heuschober finden und wenn die Pferde stehen bleiben, was anscheinend bald geschehen wird, werden wir wohl alle erfrieren.‹ Ich muß gestehen, obgleich ich mich auch etwas fürchtete, war doch der Wunsch, etwas Außergewöhnliches und einigermaßen Tragisches zu erleben, in mir noch stärker als die nicht allzu große Furcht. Es schien mir gar nicht so übel, wenn die Pferde uns erst gegen Morgen von selbst in irgendein fernes, unbekanntes Dorf in halberfrorenem Zustand hinbrächten und wenn einige von uns sogar gänzlich erfroren wären. Ähnliche Gedanken gingen mir mit ungewöhnlicher Klarheit und Schnelligkeit durch den Kopf. Die Pferde bleiben stehen, der Wind häuft immer mehr und mehr Schnee an, und nun kann man von den Pferden nur die Ohren und die Krummhölzer sehen. Plötzlich erscheint irgendwo oben Ignaschka mit seiner Troika und fährt an uns vorüber. Wir flehen ihn an und schreien, daß er uns mitnehmen möchte, doch der Wind trägt unsere Stimmen fort, und sie verhallen ungehört. Ignaschka lacht, schreit etwas seinen Pferden zu, pfeift und entschwindet unseren Blicken in einem tiefen, schneeverwehten Graben. Der Alte springt auf ein Pferd, schlenkert mit den Ellenbogen und will davonsprengen, kann sich aber nicht von der Stelle rühren; mein früherer Fuhrknecht mit der großen Mütze fällt über ihn her, zerrt ihn vom Pferde herunter und tritt ihn in den Schnee. »Du bist ein Hexenmeister!« schreit er ihm zu: »Du kannst gotteslästerlich fluchen! Laß uns zusammen herumirren!« Doch der Alte arbeitet sich mit dem Kopfe aus dem Schneehaufen heraus; es ist nun aber nicht mehr der Alte, sondern ein Hase, und er rennt von uns weg. Alle Hunde rennen ihm nach. Der Ratgeber, der eigentlich Fjodor Filipytsch ist, sagt, wir möchten uns alle im Kreise herumsetzen; es mache nichts, wenn wir vom Schnee verweht würden: wir würden es dann wärmer haben. Es ist uns wirklich warm und gemütlich, nur haben wir Durst. Ich hole meine Reisetasche hervor, gebe allen Rum mit Zucker zu trinken und trinke auch selbst mit großem Behagen. Der Märchenerzähler erzählt irgendein Märchen vom Regenbogen, und da wölbt sich schon über uns eine Decke aus Schnee und ein Regenbogen. »Jetzt soll sich ein jeder im Schnee eine Kammer bauen, und dann wollen wir schlafen!« sage ich. Der Schnee ist weich und warm wie Pelzwerk. Ich baue mir eine Kammer und will hineingehen; doch Fjodor Filipytsch, der in der Reisetasche mein Geld bemerkt hat, sagt: »Wart! Gib dein Geld her! Mußt ja sowieso sterben!« und mit diesen Worten packt er mich am Bein. Ich gebe ihm mein ganzes Geld und bitte nur, man möchte mich loslassen; sie glauben mir aber nicht, daß dies mein ganzes Geld sei, und wollen mich töten. Ich ergreife die Hand des Alten und beginne sie mit unsagbarer Wonne zu küssen: die Hand ist zart und süß. Er will sie mir zuerst entreißen, überläßt sie mir aber dann und beginnt mich sogar mit der andern Hand zu liebkosen. Doch da naht schon Fjodor Filipytsch und droht mir. Ich laufe in mein Zimmer; es ist aber kein Zimmer, sondern ein langer, weißer Korridor, und jemand hält mich an den Beinen fest. Ich reiße mich los. In der Hand dessen, der mich festhält, bleibt meine Kleidung und ein Teil meiner Haut zurück; doch ich empfinde nur Kälte und Scham – ich schäme mich um so mehr, als mir meine Tante mit dem Sonnenschirm und ihrer homöopathischen Apotheke, Arm in Arm mit dem Ertrunkenen, entgegenkommt. Sie lachen und verstehen die Zeichen nicht, die ich ihnen mache. Ich werfe mich in den Schlitten, meine Beine schleifen im Schnee nach, doch der Alte rennt, mit den Ellenbogen schlenkernd, hinterher. Er hat mich schon beinahe erreicht; da höre ich aber vor mir zwei Glocken läuten, und ich weiß, daß ich gerettet bin, wenn ich sie erreiche. Die Glocken tönen immer lauter und lauter; doch der Alte hat mich bereits eingeholt und ist mit dem Bauch über mein Gesicht gefallen, so daß ich das Glockengeläut kaum noch hören kann. Ich ergreife wieder seine Hand und beginne sie zu küssen; doch der Alte ist nicht mehr der Alte, sondern der Ertrunkene, und er schreit: »Ignaschka! Halt! Da sind schon, scheint mir, die Heuschober von Achmetka! Geh mal hin und schau nach!« Das ist schon zu schrecklich. Nein, ich will lieber erwachen... Ich öffne die Augen. Der Wind hat mir den Schoß von Aljoschkas Mantel übers Gesicht geworfen, und eines meiner Kniee ist unbedeckt; wir fahren über eine nackte Eiskruste, und die Terz der Schellen mit der klirrenden Quinte tönt ungemein hell durch die Luft. Ich schaue nach den Heuschobern; doch statt ihrer sehe ich, schon im Wachen, ein Haus mit einem Balkon und eine zackige Festungsmauer. Das Haus und die Festung interessieren mich recht wenig: ich möchte viel lieber wieder den weißen Korridor, durch den ich gelaufen bin, sehen, die Kirchenglocken hören und die Hand des Alten küssen. Ich schließe wieder die Augen und schlafe ein. 9 Ich schlief fest; doch ich hörte die ganze Zeit hindurch die Terz der Schellen, und sie erschien mir im Schlafe bald als ein Hund, der sich bellend auf mich stürzte, bald als eine Orgel, in der ich eine der Pfeifen war, bald als ein französisches Gedicht, das ich verfaßte. Bald erschien sie mir als ein Marterwerkzeug, mit dem mir jemand unaufhörlich die rechte Ferse zusammenpreßte. Der Schmerz war so stark, daß ich erwachte, die Augen öffnete und mir den Fuß rieb. Er begann bereits zu erfrieren. Um mich her war noch immer dieselbe helle, trübe, weiße Nacht. Der Schlitten rüttelte noch immer im selben Takt; derselbe Ignaschka saß seitwärts auf dem Bock und schlug die Beine aneinander; dasselbe Nebenpferd lief mit gestrecktem Hals, mit Mühe die Beine hebend, im Trabe durch den tiefen Schnee; die Quaste am Schwanzriemen sprang auf und nieder und schlug an den Bauch des Pferdes. Der Kopf des Gabelpferdes mit der im Winde flatternden Mähne wippte gleichmäßig auf und nieder, die an das Krummholz gebundenen Zügel bald spannend und bald locker lassend. Doch alles das war noch mehr als früher vom Schnee verweht. Der Schnee wirbelte vorn, verschüttete rechts und links die Schlittenkufen und die Pferdebeine bis an die Kniee und fiel von oben auf unsere Kragen und Mützen. Der Wind kam bald von rechts, bald von links, spielte mit meinem Kragen, mit den Schößen von Ignaschkas Mantel, mit der Mähne des Nebenpferdes und fuhr heulend durch das Krummholz und zwischen die Femerstangen. Es war entsetzlich kalt geworden; kaum steckte ich den Kopf aus dem Mantelkragen hervor, als der trockene, eisige Schnee mir wirbelnd auf Augenwimpern, Mund und Nase fiel und hinter den Kragen drang; ringsumher war alles weiß, hell und schneeig, nichts als nebeliges Licht und Schnee. Ich bekam ernstlich Angst. Aljoschka schlief zu meinen Füßen auf dem Boden des Schlittens; sein ganzer Rücken war von einer dicken Schneeschicht bedeckt. Ignaschka ließ den Mut nicht sinken: er zog jeden Augenblick die Zügel an, stieß kurze Schreie aus und schlug die Beine aneinander. Die Schellen klangen noch immer wundervoll. Die Pferde schnaubten; sie stolperten immer öfter, liefen aber weiter, wenn auch etwas langsamer. Ignaschka sprang wieder auf, fuchtelte mit einem Handschuh herum und stimmte mit seiner dünnen Fistelstimme ein Lied an. Ohne das Lied zu Ende zu singen, hielt er plötzlich die Troika an, warf die Zügel über den Vorderteil des Schlittens und stieg aus. Der Wind heulte wütend; der Schnee fiel in unglaublichen Mengen auf unsere Mäntel. Ich blickte zurück: die dritte Troika war nicht mehr hinter uns (sie war irgendwo zurückgeblieben). Ich konnte durch den Schneenebel sehen, wie der Alte am zweiten Schlitten von einem Fuß auf den andern hüpfte. Ignaschka ging etwa drei Schritt zur Seite, setzte sich in den Schnee, löste seinen Gürtel und begann sich die Stiefel auszuziehen. »Was machst du da?« fragte ich ihn. »Ich muß die Fußlappen wechseln, denn mir sind beinahe die Füße abgefroren«, antwortete er mir, in seiner Beschäftigung fortfahrend. Es war mir zu kalt, den Hals aus dem Kragen hervorzustecken, um zu sehen, wie er das machte. Ich saß gerade da und sah auf das Seitenpferd, das, ein Bein zurückgesetzt, müde den aufgebundenen schneebedeckten Schweif bewegte. Der Stoß, den Ignat dem Schlitten versetzte, als er auf den Bock sprang, weckte mich. »Was gibts, wo sind wir jetzt?« fragte ich; »werden wir noch vor Tagesanbruch am Ziel sein?« »Machen Sie sich keine Sorgen, wir werden Sie schon hinbringen«, gab er mir zur Antwort. »Jetzt, da ich die Fußlappen gewechselt habe, habe ich wunderbar warme Füße bekommen.« Er fuhr los, die Schellen erklangen, der Schlitten begann wieder zu schwanken, und der Wind pfiff unter den Kufen hin. Und wir segelten weiter über das endlose Schneemeer. 10 Ich war fest eingeschlafen. Als Aljoschka mich weckte, indem er mich mit dem Fuße anstieß, und ich die Augen öffnete, war es schon Morgen. Der Frost schien noch stärker als in der Nacht. Von oben schneite es nicht mehr, doch der heftige trockene Wind wirbelte noch immer den Schneestaub im Felde empor, besonders aber unter den Hufen der Pferde und den Schlittenkufen. Der Himmel war rechts im Osten von einer bleiernen graublauen Farbe; doch immer heller und heller traten auf ihm grelle, rotgelbe schräge Streifen hervor. Über dem Kopfe sah ich hinter den dahineilenden weißen, von der Morgenröte kaum gefärbten Wolken ein blasses Blau hervorschimmern; links waren die Wolken hell,leicht und beweglich. Ringsumher, so weit das Auge reichte, lag in der Steppe weißer, in scharf begrenzten Schichten aufgewehter, tiefer Schnee. Hier und da ragte ein grauer Erdhügel, über den unaufhörlich seiner trockener Schneestaub dahinwirbelte. Nirgends war eine Spur zu sehen, weder die eines Schlittens, noch eines Menschen, noch eines Tieres. Die Umrisse und die Farben des Kutscherrückens und der Pferde waren selbst auf weißem Hintergrund deutlich zu sehen... Der Rand von Ignaschkas dunkelblauer Mütze, sein Kragen, seine Haare und sogar seine Stiefel waren weiß. Der Schlitten war gänzlich verweht. Beim grauen Gabelpferd war die ganze rechte Hälfte des Kopfes und der Mähne mit einer Schneekruste bedeckt; bei meinem Nebenpferd waren die Füße bis an die Kniee verschneit und das ganze schweißige Hinterteil zottig geworden und rechts mit Schnee beklebt. Die Quaste hüpfte auf und nieder im Takte jeder Melodie, die mir gerade einfiel, und auch das Nebenpferd lief im gleichen Takt; man konnte nur an seinem eingefallenen Bauch, der sich oft hob und senkte, und an den herabhängenden Ohren erkennen, wie sehr es abgehetzt war. Ein einziger neuer Gegenstand lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich: ein Werstpfahl, von dem der Schnee auf die Erde herabfiel; der Wind hatte an seiner rechten Seite einen ganzen Berg angehäuft und warf noch immer den Pulverschnee von der einen Seite auf die andere. Es wunderte mich sehr, daß wir eine ganze Nacht, volle Zwölf Stunden lang, mit denselben Pferden gefahren waren, ohne zu wissen, wohin, mit mehrmaligen Pausen, und schließlich doch irgendwo angelangt waren. Unsere Schellen schienen lustiger zu klingen. Ignat schlug jeden Augenblick seinen Mantel vorn zusammen und schrie die Pferde an; hinter uns schnaubten die Pferde und tönten die Schellen der Troika des Alten und des Ratgebers; doch den Fuhrknecht, der geschlafen hatte, hatten wir endgültig hinter uns verloren. Nachdem wir noch eine halbe Werst weitergefahren waren, gerieten wir auf eine frische, noch kaum verwehte Spur einer Troika; hier und da waren auf dem Schnee hellrote Blutflecken zu sehen, wahrscheinlich von einem Pferde, das sich in die Eisen gehauen hatte. »Das muß Philipp sein! Sieh mal an, er ist doch noch früher angekommen als wir!« sagte Ignaschka. Da steht auch schon am Wege mitten im Schnee ein einsames Häuschen mit einem Schilde; es ist fast bis an das Dach und an die Fenster verweht. Vor der Schenke steht ein Dreigespann von Grauschimmeln; sie sind von Schweiß zottig geworden und stehen mit gespreizten Beinen und traurig gesenkten Köpfen da. Vor der Tür ist gefegt; auch eine Schaufel steht da; doch der heulende Wind weht und wirbelt vom Dach immer neuen Schnee herab. Auf unser Schellengeläut erscheint vor der Tür ein großer, rothaariger Fuhrknecht mit einem Glas Branntwein in der Hand und ruft uns etwas entgegen. Ignaschka wendet sich zu mir um und bittet um Erlaubnis, zu halten. Da sehe ich zum ersten Male seine gutmütige Fratze. 11 Sein Gesicht war gar nicht dunkel, trocken und gradnasig, wie ich es nach seinem Haar und seiner Figur erwartet hatte. Es war eine runde, lustige, stumpfnasige Fratze mit großem Mund und hellblauen, runden Augen. Die Wangen und der Hals waren rot, wie mit einem Tuchlappen abgerieben; die Augenbrauen, die langen Wimpern und der Flaum, der gleichmäßig den unteren Teil seines Gesichts bedeckte, waren mit Schnee verklebt und über und über weiß. Wir hatten bis zur Station nur noch eine halbe Werst zu fahren; wir hielten an. »Mach es schnell ab!« sagte ich. »In einer Minute«, antwortete Ignaschka, vom Bocke springend und auf Philipp zugehend. »Gib her, Bruder!« sagte er, den rechten Handschuh und die Peitsche in den Schnee werfend. Dann warf er den Kopf zurück und stürzte in einem Zuge das Glas Schnaps hinunter, das ihm Philipp gereicht hatte. Aus der Tür trat der Schankwirt, anscheinend ein gedienter Kosak, mit einer Schnapsflasche in der Hand. »Wem soll ich einschenken?« fragte er. Der lange Wassili, ein hagerer, blonder Kerl mit einem Ziegenbart, und der Ratgeber, ein dicker, mit weißen Wimpern und Augenbrauen und dichtem weißem Vollbart, der sein rotes Gesicht umrahmte, traten vor und tranken jeder ein Glas. Auch der Alte ging auf die Trinkenden zu, man schenkte ihm aber nicht ein; er ging zu seinen hinter dem Schlitten angebundenen Pferden und streichelte eines von ihnen über Rücken und Hinterteil. Der Alte sah genau so aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte: klein, hager, mit einem zusammengeschrumpften, blau angelaufenen Gesicht, einem dünnen Bärtchen, einer spitzen Nase und stumpfen gelben Zähnen. Er trug eine nagelneue Kutschermütze und dabei einen abgeschabten, mit Teer beschmierten und auf den Schultern und in den Schößen zerrissenen Halbpelz, der nicht einmal seine Kniee und die hanfleinenen Unterhosen bedeckte, die in den riesengroßen Filzstiefeln steckten. Er war ganz zusammengeschrumpft, hielt sich gekrümmt und machte sich, an allen Gliedern zitternd, am Schlitten zu schaffen, anscheinend, um sich zu erwärmen. »Nun, Mitritsch, kauf dir doch ein Viertel! Das wird dich ordentlich erwärmen«, sagte der Ratgeber zu ihm. Mitritsch zuckte zusammen. Er rückte den Schwanzriemen seines Pferdes und das Krummholz zurecht und ging auf mich zu. »Nun, wie war es, Herr?« sagte er zu mir, die Mütze von seinem grauen Haar ziehend und sich verbeugend. »Wir sind ja die ganze Nacht zusammen umhergeirrt, haben den Weg gesucht – ein Viertel könnten Sie schon spendieren. Wirklich, Väterchen, Durchlaucht! Ich habe ja nichts, um mich zu erwärmen«, fügte er mit sklavischem Lächeln hinzu. Ich schenkte ihm fünfundzwanzig Kopeken. Der Wirt brachte ein Viertel Schnaps und reichte es dem Alten. Er zog sich einen Handschuh aus, legte die Peitsche weg und streckte seine kleine dunkle, rauhe, etwas blau angelaufene Hand nach dem Glase aus; doch sein Daumen wollte ihm nicht gehorchen: er konnte das Glas nicht halten, ließ es in den Schnee fallen und verschüttete den ganzen Schnaps. Alle Fuhrknechte brachen in schallendes Lachen aus. »Seht doch, der Mitritsch ist so erfroren, daß er nicht einmal den Schnaps halten kann!« Mitritsch war aber sehr traurig darüber, daß er den Schnaps verschüttet hatte. Man schenkte ihm jedoch ein zweites Glas ein und goß es ihm in den Mund. Er wurde sofort lustig, machte einen Sprung in die Schenke, zündete sich die Pfeife an und begann mit seinen gelben stumpfen Zähnen zu grinsen und bei jedem Wort, das er sprach, unflätig zu schimpfen. Nachdem das letzte Viertel Schnaps ausgetrunken war, gingen die Fuhrknechte zu ihren Troikas, und wir fuhren weiter. Der Schnee wurde immer weißer und blendender, so daß es den Augen weh tat, ihn anzusehen. Die orangefarbenen und roten Streifen am Himmel zogen immer höher und höher und wurden immer greller und greller; da kam auch schon am Horizont hinter den graublauen Wolken die rote Sonnenscheibe zum Vorschein, und das Blau wurde leuchtender und dunkler. Vor dem Dorfe waren auf der Landstraße deutliche, gelbliche Schlittenspuren zu sehen; stellenweise war der Weg ausgefahren und schlecht. In der frostigen herben Luft spürte ich eine eigentümliche angenehme Leichtigkeit und Frische. Meine Troika lief sehr schnell. Der Kopf und der Hals des Gabelpferdes mit der um das Krummholz flatternden Mähne wippte schnell, fast immer genau an der gleichen Stelle, unterhalb der Liebhaberschellen, deren Zünglein an den Wandungen nicht mehr anschlugen, sondern nur schabten. Die kräftigen Nebenpferde hatten die hartgefrorenen schiefen Stränge angezogen und liefen energisch vorwärts; die Riemenquaste schlug gegen Bauch und Schwanzriemen. Zuweilen geriet eines der Nebenpferde von der eingefahrenen Straße in einen Schneehaufen und arbeitete sich geschickt heraus, uns die Augen mit Schnee verschüttend. Ignaschka schrie mit seiner lustigen Tenorstimme die Pferde an; der trockene Frost knirschte unter den Kufen; hinter uns klangen hell und festlich die Schellen und die trunkenen Rufe der Fuhrknechte der beiden anderen Schlitten. Ich blickte mich um: die grauen, zottigen Nebenpferde sprangen mit gestrecktem Halse, den Atem gleichmäßig verhaltend, mit verhängten Zügeln durch den Schnee. Philipp schwang die Peitsche und rückte seine Mütze zurecht; der Alte lag noch immer mit hochgezogenen Beinen mitten im Schlitten. Nach zwei Minuten knirschte der Schlitten über die vom Schnee gesäuberten Bretter der Stationsauffahrt; Ignaschka wandte mir sein schneeverwehtes, frostatmendes, lustiges Gesicht zu und sagte: »Nun haben wir Sie doch an Ort und Stelle gebracht, Herr!« Albert Übertragen von Alexander Eliasberg 1 Fünf reiche, junge Herren kamen einmal gegen drei Uhr nachts in ein Petersburger Ballokal, um sich etwas zu zerstreuen. Es wurde viel Champagner getrunken, die Herren waren zum größten Teil sehr jung, die Mädchen waren hübsch, Klavier und Geige spielten unermüdlich eine Polka nach der anderen, Tanz und Lärm hörten gar nicht auf, und doch war es langweilig und ungemütlich, und jeder der Beteiligten hatte den Eindruck (wie es ja oft vorkommt), das Ganze sei nicht das Richtige und eigentlich überflüssig. Einigemal machten sie krampfhafte Versuche, die Stimmung zu heben, aber die erkünstelte Ausgelassenheit war noch schlimmer als Langeweile. Einer von den fünfen, der mehr als die anderen mit sich, mit den anderen und mit dem Abend unzufrieden war, stand angeekelt auf, nahm seinen Hut und verließ den Saal in der Absicht, sich unbemerkt davonzumachen. Im Vorzimmer war niemand, doch aus einem Nebenzimmer hörte man durch die Tür zwei Stimmen, die miteinander stritten. Der junge Mann blieb stehen und horchte. »Sie dürfen nicht hinein, es sind Gäste da«, sagte eine weibliche Stimme. »Lassen Sie mich doch, bitte, ich tu ja nichts!« flehte eine schwache männliche Stimme. »Nein, ich kann Sie ohne Erlaubnis von Madame nicht hineinlassen!« sagte die Frau. »Wo wollen Sie denn hin? Sie sind aber einer!... .« Die Tür ging auf, und auf der Schwelle erschien eine seltsame männliche Gestalt. Als das Dienstmädchen den Gast erblickte, hielt es den Mann nicht länger zurück; die seltsame Gestalt machte eine schüchterne Verbeugung und trat schwankend, mit schlotternden Knien, ins Vorzimmer. Es war ein Mann von mittlerem Wuchse mit einem schmalen, gekrümmten Rücken und langem, zerzaustem Haar. Er trug einen kurzen Überzieher, ausgefranste enge Beinkleider und grobe ungewichste Stiefel. Um den schlanken weißen Hals trug er eine zu einem Strick zusammengedrehte Halsbinde. Die Ärmel waren zu kurz und ließen das schmutzige Hemd sehen. Trotz der auffallenden Magerkeit des Körpers war das Gesicht von einer zarten, frischen Farbe, und die von einem dünnen schwarzen Backenbart eingefaßten Wangen waren sogar rosig.Das ungekämmte Haar fiel nach hinten und ließ die nicht sehr hohe, doch außerordentlich reine Stirn frei. Die dunklen müden Augen blickten weich, suchend und zugleich selbstbewußt. Ihr Ausdruck wurde durch den der frischen, in den Mundwinkeln etwas gekrümmten Lippen, die von dem spärlichen Schnurrbart kaum verdeckt waren, wunderbar ergänzt. Er machte einige Schritte, blieb dann stehen und lächelte dem jungen Mann zu. Das Lächeln schien ihn einige Mühe zu kosten, doch sein Gesicht erstrahlte dabei so anmutig, daß der junge Mann ihm gleichfalls, ohne selbst zu wissen, warum, zulächelte. »Wer ist das?« fragte er leise das Dienstmädchen, als die seltsame Gestalt im Tanzsaal verschwunden war. »Ein verrückter Musiker vom Theater,« antwortete das Dienstmädchen, »er kommt manchmal zur Wirtin.« »Delessow, wo steckst du denn?« rief man aus dem Saal. Der junge Mann, der Delessow hieß, kehrte in den Saal zurück. Der Musiker stand an der Tür und sah den Tanzenden zu. Er lächelte, schlug mit der Fußspitze den Takt und hatte offenbar an diesem Schauspiel große Freude. »Tanzen Sie doch mit!« sagte einer der Gäste zu ihm. Der Musiker verbeugte sich und warf der Wirtin einen fragenden Blick zu. »Tanzen Sie doch, wenn die Herren Sie auffordern... .« ermunterte ihn die Wirtin. In die mageren und kraftlosen Glieder des Musikers kam auf einmal lebhafte Bewegung; er begann lächelnd, mit den Augen zwinkernd und am ganzen Leibe zuckend, schwerfällig durch den Saal zu hüpfen. Ein lustiger Offizier, der sehr schön und temperamentvoll tanzte, stieß ihn mitten in der Quadrille aus Versehen in den Rücken. Die schwachen, dünnen Beine des Musikers konnten das Gleichgewicht nicht bewahren, er machte einige schwankende Bewegungen zur Seite und fiel seiner ganzen Länge nach zu Boden. Trotz des harten, trockenen Lautes, mit dem sein Körper am Boden aufschlug, lachten fast alle Gäste im ersten Augenblick darüber. Doch der Musiker blieb liegen. Die Gäste verstummten, selbst das Klavier hörte auf zu spielen; Delessow und die Wirtin eilten zuerst zu dem Gestürzten. Er lag auf einem Ellbogen und blickte trüb zu Boden. Als man ihn aufgehoben und auf einen Stuhl gesetzt hatte, strich er sich mit einer raschen Bewegung seiner knochigen Hand das Haar aus der Stirn und begann wieder zu lächeln, ohne auf die an ihn gerichteten Fragen zu antworten. »Herr Albert! Herr Albert!« sagte die Wirtin. »Haben Sie sich weh getan? Wo denn? Ich habe ja gesagt. Sie sollten nicht tanzen. Er ist ja zu schwach!« fuhr sie fort, sich an die Gäste wendend. »Er hält sich kaum auf den Beinen! Wie soll er da noch tanzen können? « »Wer ist er denn?« fragte man die Wirtin. »Ein armer Mensch, ein Künstler. Ein braver Bursche, aber sehr heruntergekommen, wie Sie sehen.« Sie sagte das, ohne auf die Anwesenheit des Musikers irgendwelche Rücksicht zu nehmen. Dieser kam inzwischen zu sich, krümmte sich, wie erschreckend, zusammen und stieß alle von sich weg. »Macht nichts!« sagte er plötzlich, sich mit sichtbarer Anstrengung vom Stuhl erhebend. Um zu zeigen, daß er sich nicht weh getan habe, trat er mitten in den Saal und schickte sich an, in seinem Hüpfen fortzufahren. Er verlor aber wieder das Gleichgewicht und wäre wohl wieder gestürzt, wenn man ihn nicht rechtzeitig aufgehalten hätte. Alle wurden verlegen und schwiegen bei diesem Anblick. Die Augen des Musikers wurden wieder leblos, er schien die Leute nicht mehr zu beachten und rieb sich mit der Hand das Knie. Dann warf er plötzlich den Kopf zurück, setzte seinen zitternden Fuß vor, strich sich mit der gleichen banalen Bewegung das Haar aus der Stirn, ging auf den Geiger zu und nahm ihm sein Instrument aus der Hand. »Macht nichts!« wiederholte er noch einmal, die Geige hin und her schwingend. »Wollen ein wenig musizieren, meine Herren!« »Ein merkwürdiges Gesicht hat er!« bemerkten die Gäste. »Vielleicht geht in diesem unglücklichen Geschöpf ein großer Künstler zugrunde!« sagte einer. »Aber so elend und heruntergekommen!« meinte ein anderer. »Welch ein schönes Gesicht! Es steckt wohl sicher etwas Außergewöhnliches in ihm,« sagte Delessow, »wir werden es ja gleich sehen... .« 2 Albert ging inzwischen, ohne jemand weiter zu beachten, langsam vor dem Klavier auf und ab und stimmte die Geige, die er an die Schulter gelegt hatte. Seine Lippen schienen nun leidenschaftslos, seine Augen konnte man nicht sehen, aber sein schmaler hagerer Rücken, der schlanke weiße Hals, die krummen Beine und das zerzauste schwarze Haar gewährten einen eigenartigen, doch unbegreiflicherweise keineswegs komischen Anblick. Als er die Geige gestimmt hatte, gab er einen eleganten Akkord an, warf den Kopf zurück und wandte sich zum Klavierspieler, der sich anschickte, ihn zu begleiten. »Mélancolie, G-Dur!« sagte er mit einer befehlenden Gebärde zu ihm. Als ob er wegen dieser Gebärde um Entschuldigung bitten wollte, lächelte er dem Publikum ungewöhnlich sanft zu. Mit der Hand, in der er den Bogen hielt, fuhr er sich noch einmal durch das Haar, stellte sich an einer Ecke des Klaviers auf und strich langsam und weich über die Saiten. Ein reiner, jubelnder Ton zog durch den Saal. Alle verstummten. Das Thema entwickelte sich frei und leicht, das Seeleninnerste der Zuhörer mit einem unerwartet reinen, beruhigenden Lichte erhellend. Kein falscher oder übermäßig lauter Ton störte die Andacht der Zuhörer; alle Töne waren gleich klar, rein, schön und bedeutungsvoll. Alle folgten stumm, vor Hoffnung zitternd, der Entwicklung der Melodie. Aus dem Zustand der Langenweile, der lärmenden Ausgelassenheit und des seelischen Schlafes, in dem sich alle diese Menschen noch eben befunden hatten, waren sie plötzlich unbemerkt in eine ganz andere, längst vergessene Welt versetzt. Bald versank man in eine stille, beschauliche Betrachtung des Vergangenen, bald gab man sich der leidenschaftlichen Erinnerung an ein entschwundenes Glück hin, bald spürte man ein grenzenloses Verlangen nach Macht und Glanz, bald ein Gefühl von Demut, Trauer und unerwiderter Liebe. Die bald zärtlich-traurigen, bald ungestüm-kühnen Töne vermengten sich miteinander und flössen so schön, so stark und so unbewußt dahin, daß man sie nicht mehr als Töne, sondern als einen in die Seelen dringenden herrlichen Strom einer längst bekannten, doch zum ersten Male ausgesprochenen Poesie empfand. Mit jeder Note schien Albert höher zu steigen. Er schien jetzt weder grotesk noch sonderbar. Er drückte sein Kinn hart an die Geige, lauschte mit dem Ausdruck leidenschaftlicher Aufmerksamkeit seinen eigenen Tönen und bewegte krampfartig die Beine. Bald reckte er sich in die Höhe, bald krümmte er wie vor Anstrengung den Rücken. Die gespannte Linke schien in ihrer gekrümmten Lage erstarrt zu sein, und nur ihre knochigen Finger griffen zitternd in die Saiten. Die Rechte bewegte sich elegant, fließend und kaum merklich. Das Gesicht strahlte in ununterbrochener Begeisterung und Freude. In den Augen brannte ein helles trockenes Feuer, die Nüstern blähten sich, die roten Lippen waren wollüstig geöffnet. Zuweilen neigte sich der Kopf tiefer über die Geige, die Augen schlossen sich, und das vom langen Haar halb verdeckte Gesicht strahlte in einem milden und glückseligen Lächeln. Zuweilen reckte er sich empor, stellte einen Fuß vor, und dann leuchtete seine reine Stirn und sein strahlender Blick, den er im Saale umherschweifen ließ, stolz, majestätisch und machtbewußt. An einer Stelle machte der Klavierspieler einen Fehler. Das Gesicht und die ganze Gestalt des Musikers verzerrten sich in unsagbarer Qual. Er hielt eine Sekunde inne, stampfte mit dem Fuß und rief mit dem Ausdruck eines beleidigten Kindes: »Moll, C-Moll!« Der Klavierspieler verbesserte sich. Albert schloß die Augen, lächelte, vergaß sich, seine Zuhörer und die ganze Welt und gab sich wieder ganz seinem Spiele hin. Alle, die im Saal waren, schwiegen, solange Albert spielte, in tiefer Ehrfurcht; alle schienen nur in diesen Tönen zu leben und zu atmen. Der lustige Offizier saß unbeweglich, den leblosen Blick zu Boden gesenkt, auf einem Stuhl am Fenster und atmete schwer und langsam. Die Mädchen saßen stumm an den Wänden und warfen einander entzückte, sogar bestürzte Blicke zu. Das dicke, volle, lachende Gesicht der Wirtin schwamm in höchster Wonne. Der Klavierspieler hatte seinen Blick in das Gesicht Alberts gebohrt, und sein ganzes Wesen drückte die fieberhafte Angst aus, wieder vorbeizugreifen. Einer der Gäste, der mehr als die übrigen getrunken hatte, lag ausgestreckt auf dem Sofa und gab sich die größte Mühe, seine Erregung nicht zu verraten. Delessow hatte ein ganz ungewöhnliches Gefühl. Ein kalter Reifen, der bald enger, bald weiter wurde, umklammerte seinen Kopf. Die Haarwurzeln wurden empfindlich, oben am Rücken überlief es ihn kalt, die Kälte stieg immer höher und höher zum Halse empor und stach wie mit seinen Nadeln Nase und Gaumen; Tränen, die er gar nicht merkte, liefen ihm die Wangen hinunter. Er schüttelte sich, suchte die Tränen gleichsam wieder in die Augen einzuziehen, trocknete sie, aber immer neue traten hervor und flössen ihm über die Wangen. Durch eine seltsame Verkettung der Eindrücke fühlte sich Delessow gleich bei den ersten Tönen, die Albert seiner Geige entlockte, in seine früheste Jugend zurückversetzt. Er, der jetzt gealtert, müde und abgelebt war, fühlte sich plötzlich als ein siebzehnjähriges selbstbewußt-schönes, selig-dummes und unbewußt-glückliches Wesen. Seine erste Liebe fiel ihm ein – eine rosa gekleidete Cousine, sein erstes Liebesgeständnis in einer Lindenallee, das Feuer und das unergründliche Geheimnis der Natur, die ihn damals umgab. Er sah mit seinen in die Vergangenheit versenkten Blicken sie in einem Nebel unbestimmter Hoffnungen, unverstandener Gelüste und eines unerschütterlichen Glaubens an die Möglichkeit eines unmöglichen Glückes schweben. Alle Minuten, die damals so wenig Wert hatten, lebten wieder auf, aber nicht mehr als bedeutungslose Augenblicke einer entrinnenden Gegenwart, sondern als unvergeßliche, sich dehnende, vorwurfsvolle Bilder der Vergangenheit. Er betrachtete sie mit Entzücken und weinte, weinte nicht um die entschwundene Zeit, die er besser hätte verwenden können (denn wäre ihm jene Zeit zurückgegeben worden, so hätte er sie gar nicht besser verwenden können); er weinte nur, weil die Zeit entschwunden war und nie wiederkehren würde. Die Erinnerungen kamen ihm eine nach der anderen, ungerufen, während Alberts Geige immer dasselbe sagte. Sie sagte: ›Die Zeit der Kraft, der Liebe und des Glücks ist für dich vergangen und kehrt nie, nie wieder. Weine um sie, weine alle deine Tränen aus, stirb in Tränen um jene Zeit – das ist das einzige Glück, das dir noch geblieben ist.‹ Am Schluß der letzten Variation wurde Alberts Gesicht rot, die Augen glühten, und große Schweißtropfen flossen ihm die Wangen hinunter. Die Adern an seiner Stirn schwollen an, sein ganzer Körper geriet immer mehr in Bewegung, die blassen Lippen schlossen sich nicht mehr, und seine ganze Gestalt drückte Gier und Genuß aus. Plötzlich ging durch seinen ganzen Körper ein heftiges Beben, er schüttelte seine Haarmähne, senkte die Geige und musterte mit einem stolzen und glücklichen Lächeln seine Zuhörer. Dann krümmte sich sein Rücken wieder, der Kopf sank, die Lippen schlössen sich, die Augen erloschen, und er ging, verschämt und scheu um sich blickend, mit schwankenden Schritten ins andere Zimmer. 3 Etwas Sonderbares war mit allen Zuhörern vorgegangen, etwas Sonderbares lag in dem tiefen Schweigen, das dem Spiel Alberts folgte. Als hätte jeder das Verlangen, den Sinn des Ganzen auszusprechen, und fände die Worte nicht. Was hatte denn das Ganze zu bedeuten: ein heißer, hell erleuchteter Saal, schöne Frauen, Morgendämmerung in den Fenstern, erhitztes Blut und der reine Einbruck verklungener Töne? Niemand aber versuchte zu erklären, was es bedeutete; im Gegenteil, fast alle fühlten ihre Unfähigkeit, sich ganz der neuen Stimmung hinzugeben, und lehnten sich daher gegen sie auf. »Er spielt wirklich gut!« sagte der Offizier. »Wunderbar!« sagte Delessow, indem er verstohlen mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen wischte. »Es ist übrigens Zeit zum Aufbrechen«, meinte der Herr, der auf dem Sofa lag und sich inzwischen etwas erholt hatte. »Wir sollten ihm etwas geben, meine Herren. Machen wir gleich eine Kollekte!« Albert saß indessen im Nebenzimmer auf einem Sofa. Die Ellbogen auf die knochigen Kniee gestützt, fuhr er sich mit den schmutzigen Händen über Gesicht und Haar und lächelte selig vor sich hin. Die Kollekte ergab sehr viel. Delessow sollte ihm das Geld übergeben. Delessow, auf den das Geigenspiel einen so starken und ungewohnten Eindruck gemacht hatte, wollte sich diesem Menschen noch besonders erkenntlich zeigen. Er wollte ihn zu sich nehmen, ihn neu kleiden und ihm zu irgendeiner Existenz verhelfen, mit einem Worte: ihn aus seiner jämmerlichen Lage herausreißen. »Nun, sind Sie müde? « fragte Delessow, sich ihm nähernd. Albert lächelte nur. »Sie haben entschieden Talent, Sie sollten sich ernsthaft mit Musik beschäftigen und auch öffentlich auftreten.« »Ich will etwas trinken«, sagte Albert, wie aus einem Traume erwachend. Delessow brachte Wein, und der Musiker stürzte gierig zwei Glas hinunter. »Der Wein ist gut!« sagte er. »Wie schön ist doch diese Mélancolie!« bemerkte Delessow. »Ja, ja, gewiß,« antwortete Albert lächelnd, »aber entschuldigen Sie, ich weiß nicht, mit wem ich die Ehre habe; vielleicht sind Sie Graf, ober gar Fürst: könnten Sie mir nicht etwas Geld borgen?« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Ich habe nichts, ich bin arm. Ich werde es Ihnen nie zurückgeben können.« Delessow errötete. Er hatte ein peinliches Gefühl und beeilte sich, dem Musiker das eingesammelte Geld zu übergeben. »Ich danke bestens«, sagte Albert, indem er das Geld einsteckte. »Wir wollen jetzt wieder musizieren. Ich will Ihnen vorspielen, soviel Sie wollen. Zuerst muß ich noch etwas trinken.« Er erhob sich. Delessow brachte ihm noch Wein und bat ihn, neben ihm Platz zu nehmen. »Entschuldigen Sie, wenn ich aufrichtig werde«, sagte Delessow. »Ihr Talent hat mich in Erstaunen versetzt. Ich glaube, Sie befinden sich in einer mißlichen Lage?« Albert blickte abwechselnd auf Delessow und auf die Wirtin, die soeben ins Zimmer getreten war. »Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Dienste anbiete«, fuhr Delessow fort. »Wenn es Ihnen schlecht geht, so nehmen Sie doch eine Zeitlang bei mir Wohnung. Es wird mich sehr freuen. Ich wohne ganz allein und kann Ihnen vielleicht irgendwie nützlich sein.« Albert lächelte und sagte nichts. »Warum bedanken Sie sich nicht? « sagte die Wirtin. »Es istja für Sie selbstverständlich eine große Wohltat. – Ich möchte Ihnen aber davon abraten«, wandte sie sich kopfschüttelnd an Delessow. »Ich danke Ihnen ergebenst!« sagte Albert, die Hand Delessows mit seinen feuchten Händen drückend. »Jetzt wollen wir aber musizieren. Bitte!« Doch die übrigen Gäste kamen aus dem Saal ins Vorzimmer und wollten, trotz Alberts Zureden, aufbrechen. Albert nahm von der Wirtin Abschied, setzte sich einen abgeschabten, breitkrempigen Hut auf, warf sich seinen alten leichten Almaviva, der seine ganze Wintergarderobe ausmachte, um die Schultern und trat zugleich mit Delessow in den Flur. Als Delessow mit seinem neuen Bekannten im Wagen Platz genommen hatte und den unangenehmen Geruch von Schnaps und Schmutz, den der Musiker ausströmte, spürte, begann er sein Vorhaben zu bereuen und sich seine kindliche Weichherzigkeit und seinen Leichtsinn vorzuwerfen. Alles, was Albert sprach, war so albern und abgeschmackt, und seine Trunkenheit äußerte sich in der frischen Luft so widerlich, daß Delessow ein Gefühl von Ekel verspürte. ›Was werde ich nun mit ihm anfangen?‹ fragte er sich. Nach einer Viertelstunde wurde Albert plötzlich ruhig, sein Hut fiel ihm vom Kopf, er selbst rutschte in eine Ecke des Wagens und schlief ein. Die Wagenräder knirschten eintönig auf dem hartgefrorenen Schnee. Durch die beschlagenen Wagenfenster drang das fahle, schwache Morgenlicht. Delessow betrachtete seinen Gefährten. Der hagere Körper lag, vom leichten Mantel kaum verhüllt, zu seinen Füßen. Der spitze Kopf mit der großen dunklen Nase schien hin und her zu pendeln; als er genauer hinsah, merkte er, daß das, was er für Gesicht und Nase hielt, nur das Haar war; das wirkliche Gesicht lag viel tiefer. Er neigte sich vor und musterte Alberts Züge. Da wurde er wieder von der Schönheit der Stirn und der friedlich gefalteten Lippen ergriffen. Unter dem Einfluß der abgespannten Nerven, der ungewohnt frühen Morgenstunde, der in ihm noch nachklingenden Musik und des Anblicks von Alberts Gesichtszügen fühlte er sich plötzlich wieder in jene selige Welt versetzt, in die er heute nacht hineingeblickt hatte; er mußte wieder an das Glück und die Großmut semer Jugendzeit denken, und da bereute er sein Vorhaben nicht mehr. In diesem Augenblick liebte er Albert heiß und innig, und er faßte den festen Entschluß, ihm zu helfen. 4 Als Delessow am nächsten Morgen geweckt wurde, um in den Dienst zu gehen, war er durch den Anblick seiner alten spanischen Wand, seines alten Dieners und der Uhr auf dem Nachttisch unangenehm überrascht. ›Was wünschte ich mir denn beim Aufwachen zu sehen, wenn nicht das, was mich immer umgibt?‹ fragte er sich. Da fielen ihm die schwarzen Augen und das selige Lächeln des Musikers ein; die Töne der Mélancolie und alle Eindrücke der seltsamen Nacht gingen ihm wieder durch den Kopf. Er hatte aber keine Zeit, zu überlegen, ob er vernünftig oder unvernünftig gehandelt hatte, als er den Musiker nach Hause mitnahm. Während des Ankleidens setzte er sich seine Tagesordnung fest, nahm dann seine Aktentasche, gab dem Diener die nötigen Anweisungen und zog rasch Mantel und Galoschen an. Im Vorbeigehen schaute er noch in das Speisezimmer hinein. Albert lag in einem zerrissenen, schmutzigen Hemd, das Gesicht in das Kissen gedrückt, auf dem Ledersofa, auf das man ihn gestern, als er sinnlos berauscht war, hingelegt hatte. Delessow überkam ein peinliches Gefühl. »Geh später zu Borjusowski hinüber«, sagte er zu dem Diener, »und bitte ihn, er möchte mir seine Geige für zwei, drei Tage hergeben. Wenn der Herr da erwacht, bring ihm Kaffee und gib ihm etwas von meiner Wäsche und einen alten Anzug. Und sieh, bitte, daß ihm nichts fehlt.« Als er spät abends heimkam, fand er zu seiner Verwunderung Albert nicht mehr vor. »Wo ist er denn?« fragte er den Diener. »Gleich nach dem Mittagessen ist der Herr fortgegangen«, gab dieser zur Antwort. »Er nahm die Geige mit und versprach, in einer Stunde zurückzukommen. Nun ist er doch nicht zurückgekommen.« »Hm, hm, schade!« sagte Delessow. »Warum hast du ihn fortgehen lassen, Sachar? « Sachar war ein echter Petersburger Lakai und seit acht Jahren in Delessows Diensten. Delessow, ein alleinstehender Junggeselle, machte ihn, wie es so geht, zum Vertrauten seiner Absichten und erkundigte sich immer nach seiner Meinung über alles, was er unternahm. »Wie hätte ich ihn nicht fortgehen lassen sollen?« antwortete Sachar, mit dem an seiner Uhrkette baumelnden Petschaft spielend. »Hätten Sie es mir, Dmitri Iwanowitsch, gesagt, daß ich ihn zurückhalten soll, so wäre er noch da. Sie haben mir aber nur den Auftrag wegen der Kleidung gegeben.« »Hm, schade! Was hat er hier allein getrieben?« Sachar schmunzelte. »Das nenne ich einen wirklichen Künstler, Dmitri Iwanowitsch! Gleich als er erwachte, verlangte er Madeira, dann unterhielt er sich mit unserer Köchin und mit einem Diener aus der Nachbarschaft. So komisch ist der Herr ... Hat aber einen guten Charakter. Ich brachte ihm Tee und dann das Mittagessen; er wollte nicht allein essen, forderte mich immer auf, mitzuessen. Wie er aber Geige spielt! Solche Künstler hat selbst Isler nicht. So einen Menschen kann man schon wirklich bei sich behalten. Wie er uns das Lied vom Mütterchen Wolga spielte! Das klang wie Weinen. Es war sogar zu schön! Aus allen Stockwerken kamen die Leute zu uns in den Flur, um ihn zu hören.« »Nun, hast du ihn irgendwie bekleidet?« unterbrach ihn Delessow. »Freilich, ich gab ihm Ihr Nachthemd und meinen Mantel. Einem solchen Menschen soll man wirklich helfen. Es ist ein wirklich lieber Mensch!« Sachar lächelte. »Er fragte mich immer aus, was für einen Rang Sie haben, ob Sie vornehme Bekannte haben und wieviel Leibeigene Sie besitzen.« »Gut. Jetzt muß man ihn suchen gehen. In Zukunft sollst du ihm aber nichts zu trinken geben, sonst schadest du ihm noch mehr.« »Es ist ja wahr,« sagte Sachar, »er scheint von schwacher Gesundheit zu sein. Mein früherer Herr hatte einen Verwalter, der auch so war... .« Delessow kannte längst die Geschichte von diesem Verwalter. Er ließ daher Sachar nicht zu Ende sprechen und befahl ihm, sofort das Schlafzimmer in Ordnung zu bringen und dann auf die Suche nach Albert zu gehen. Er ging zu Bett, löschte das Licht aus, konnte aber lange Zeit nicht einschlafen: er mußte immer an Albert denken. ›Das Ganze wird zwar meinen Bekannten etwas sonderbar erscheinen,‹ dachte Delessow, ›doch wir tun so selten etwas für einen andern, daß man wirklich Gott danken muß, wenn man einmal Gelegenheit dazu hat. Ich will wirklich alles, alles tun, um ihm zu helfen. Vielleicht ist er gar nicht verrückt, sondern nur versoffen. Es wird mich auch nicht viel kosten: wo ein Mensch genug hat, da werden auch zwei satt. Er wird vorläufig bei mir wohnen, dann will ich ihm eine Stelle verschaffen oder für ihn ein Konzert veranstalten; wenn er einmal auf den Damm kommt, werden wir das Weitere schon sehen.‹ Diese Gedanken verschafften ihm ein angenehmes Gefühl von Befriedigung. ›Ich bin wirklich kein schlechter Mensch,‹ dachte er weiter, ›ich bin sogar ein guter Mensch, wenn ich mich mit den andern vergleiche... .‹ Er war bereits im Einschlafen, als er das Knarren einer Tür und Schritte im Vorzimmer hörte. ›Jetzt will ich einmal mit ihm streng sein,‹ sagte er sich, ›so wird es auch für ihn besser sein.‹ Er schellte. Sachar kam ins Schlafzimmer. »Nun, hast du ihn gebracht?« »Ein elender Mensch ist er, Dmitri Iwanowitsch«, sagte Sachar mit bedeutungsvollem Kopfschütteln. »Ist er betrunken?« »Ganz schwach ist er.« »Hat er die Geige bei sich?« »Ich hab sie mitgebracht, die Wirtin hat sie mir gegeben.« »Laß ihn jetzt, bitte, nicht zu mir herein; bring ihn zu Bett und laß ihn morgen nicht aus dem Hause.« In diesem Augenblick aber trat Albert ins Zimmer. 5 »Wie, Sie wollen schon schlafen?« sagte Albert lächelnd. »Ich war heute wieder bei Anna Iwanowna; ich habe mich da gut unterhalten: es wurde Musik gemacht und viel gelacht, eine sehr angenehme Gesellschaft war da. Geben Sie mir, bitte, etwas zu trinken,« sagte er, die auf dem Nachttisch stehende Wasserkaraffe ergreifend, »nur kein Wasser.« Albert sah genau so aus wie gestern: das gleiche schöne Lächeln der Augen und der Lippen, dieselbe klare, geniale Stirn und die zarten, schwachen Glieder. Sachars Mantel paßte ihm vorzüglich. Der weite, weiche Kragen des Nachthemdes stand wunderschön zu seinem seinen, weißen Hals und verlieh ihm etwas Knabenhaftes, Unschuldiges. Er setzte sich auf den Bettrand zu Delessow und blickte ihn freudig und dankbar an. Delessow erwiderte diesen Blick und fühlte sich sofort in der Gewalt der strahlenden, lächelnden Augen. Er hatte keine Lust mehr zu schlafen und vergaß sein Vorhaben, streng zu sein; er wollte vielmehr lustig sein, Musik hören und die ganze Nacht mit Albert plaudern. Er ließ Sachar eine Flasche Wein, Zigaretten und die Geige bringen. »So ist es schön,« sagte Albert, »es ist noch früh: wir wollen musizieren, ich werde Ihnen vorspielen, soviel Sie wollen.« Mit sichtbarer Freude brachte Sachar eine Flasche Lafitte mit zwei Gläsern, eine Schachtel leichter Zigaretten, die Albert rauchte, und die Geige. Statt zu Bett zu gehen, wie ihm Delessow befahl, steckte er sich eine Zigarette an und ging ins Nebenzimmer. »Wir wollen lieber plaudern«, sagte Delessow zu dem Musiker, der bereits die Geige ergriffen hatte. Albert setzte sich gehorsam auf den Bettrand und lächelte Delessow wieder freudig zu. »Ach ja!« sagte er plötzlich, sich an die Stirn schlagend und einen neugierigen und bekümmerten Gesichtsausdruck annehmend. (Sein Gesicht drückte immer schon vorher aus, was er zu sagen sich anschickte.) »Gestatten Sie die Frage ...« Er machte eine Pause. »Ist der Herr N. von gestern abend ... Ich hörte, wie Sie ihn N. nannten, ist er nicht der Sohn des berühmten N.?« »Ja, er ist sein Sohn«, erwiderte Delessow, der nicht begreifen konnte, warum dies Albert so sehr interessierte. »Ich hab es mir gleich gedacht«, sagte Albert mit einem selbstzufriedenen Lächeln. »Ich habe aus seinen Manieren geschlossen, daß er Aristokrat ist. Ich schwärme für Aristokraten: sie haben immer etwas Schönes, Elegantes in ihrem Wesen. Der Offizier, der so gut tanzte, hat mir auch so gut gefallen; er ist so lustig und vornehm. Ist er nicht der Adjutant N.N.?« »Welchen meinen Sie?« fragte Delessow. »Den Offizier, der mich beim Tanzen gestoßen hatte. Er scheint ein außerordentlich lieber Mensch zu sein.« »Im Gegenteil, ein ganz unbedeutender Bursche.« »Ach nein!« Albert trat warm für den Offizier ein. »Er hat etwas Angenehmes in seinem Wesen. Auch ist er sehr musikalisch: er hat dort etwas aus einer Oper vorgespielt. Seit langer Zeit hat mir niemand so gut gefallen wie er.« »Ja, er spielt recht gut, aber sein Spiel ist nicht nach meinem Geschmack«, sagte Delessow, in der Absicht, Albert in ein Gespräch über Musik zu verwickeln. »Er versteht von der klassischen Musik rein nichts. Donizetti und Bellini – das ist doch keine Musik! Sie sind gewiß der gleichen Meinung?« »O nein, durchaus nicht. Sie müssen mir schon verzeihen«, begann Albert sanft und verteidigend: »Die alte Musik – ist Musik, und auch die neue Musik – ist Musik. Auch in der neuen gibt es große Schönheiten: Ist die ›Somnambule‹ etwa nicht herrlich? Und das Finale von ›Lucia‹? und Chopin? und ›Robert?‹ Ich denke mir oft ...« hier machte er eine Pause, um seine Gedanken zu sammeln, »wenn Beethoven heute lebte und die ›Somnambule‹ hören könnte, so würde er vor Freude weinen. Überall gibt es herrliche Stellen. Ich habe die ›Somnambule‹ zum ersten Male gehört, als die Viardot und Rubini hier waren, das war einfach ...« rief er mit leuchtenden Augen und machte mit beiden Händen eine Bewegung, als ob er etwas aus seiner Brust herausreißen wollte. »Es hat wenig gefehlt, ich hätte es einfach nicht ausgehalten.« »Nun, und wie finden Sie die Oper jetzt?« fragte Delessow. »Die Bozio ist gut, sie ist ungewöhnlich gut, aber hier fehlt es«, er zeigte auf seine eingefallene Brust. »Sie rührt einen nicht. Eine Sängerin muß leidenschaftlich sein, sie hat aber kein Temperament. Sie erfreut einen, aber sie rührt nicht.« »Nun, und Lablache?« »Ich habe ihn einmal in Paris im ›Barbier von Sevilla‹ gehört, damals war er einzig in seiner Art... . Heute ist er zu alt. Er sollte nicht mehr auftreten, er ist zu alt.« »Was macht es, daß er alt ist? In den Morceaux d'ensemble ist er noch immer vorzüglich«, sagte Delessow, der stets diese Ansicht äußerte, wenn die Rede auf Lablache kam. »Sie finden, daß es nichts ausmacht?« entgegnete Albert mit strenger Miene. »Er darf nicht alt sein. Ein Künstler darf nicht alt sein. Um Künstler zu sein, bedarf man allerlei, vor allen Dingen aber – des Feuers!« Er sagte dies mit leuchtenden Augen und emporgehobenen Armen. Sein ganzes Wesen schien wirklich von einem unheimlichen inneren Feuer zu glühen. »Mein Gott!« sagte er ganz unvermittelt. »Kennen Sie den Maler Petrow?« »Nein, ich kenne ihn nicht«, erwiderte Delessow lächelnd. »Ich möchte gar zu gern, daß Sie ihn kennen lernen! Es wird Ihnen ein großer Genuß sein, sich mit ihm zu unterhalten! Wie er das Wesen der Kunst versteht! Ich traf ihn früher oft bei Anna Iwanowna, aber jetzt ist sie ihm aus irgendeinem Grunde böse. Ich möchte wirklich, daß Sie ihn kennen lernen. Er ist hervorragend talentiert.« »Malt er Bilder?« fragte Delessow. »Ich weiß es nicht. Ich glaube, nein. Aber er war einmal an der Akademie. Was er für Gedanken hat! Manchmal sagt er ganz ungewöhnliche Dinge. Ja, dieser Petrow ist außerordentlich talentiert, aber er führt ein gar zu lustiges Leben ... Es ist schade um ihn«, fügte Albert lächelnd hinzu. Gleich darauf erhob er sich vom Bettrand, nahm die Geige und begann sie zu stimmen. »Wann waren Sie zuletzt in der Oper? « fragte Delessow. Albert blickte verlegen auf und seufzte. »Ach, ich kann nicht mehr!« rief er aus, sich an den Kopf greifend. Er setzte sich wieder zu Delessow. »Ich will es Ihnen sagen,« flüsterte er, »ich kann nicht mehr in die Oper gehen, ich kann dort nicht mehr spielen, ich habe nichts, gar nichts! Ich habe keine Kleider, keine Wohnung, keine Geige! Ein elendes Leben! Ein elendes Leben! Wozu sollte ich auch in die Oper gehen? Wozu? Nein!« sagte er lächelnd. »Doch dieser ›Don Juan‹!« Er schlug sich an den Kopf. »Wir wollen doch einmal zusammen hingehen«, schlug Delessow vor. Albert gab keine Antwort. Er sprang auf, ergriff die Geige und begann das Finale des ersten Aktes von ›Don Juan‹ zu spielen. Gleichzeitig erklärte er die Handlung der Oper. Delessow standen die Haare zu Berge, als Albert auf seiner Geige die Stimme des sterbenden Komturs spielte. »Nein, heute kann ich nicht spielen«, sagte er, die Geige weglegend; »ich habe zuviel getrunken.« Und gleich darauf ging er zum Tisch und schenkte sich ein Glas Wein ein. Er stürzte es hinunter und setzte sich wieder zu Delessow. Delessow sah ihn die ganze Zeit unverwandt an; Albert lächelte ab und zu, und dann lächelte auch Delessow. Beide schwiegen, doch die Blicke und das Lächeln brachten die beiden Menschen immer näher aneinander. Delessow fühlte, wie er diesen Menschen mehr und mehr lieb gewann, und das machte ihn glücklich. »Waren Sie schon einmal verliebt? « fragte er ihn plötzlich. Albert wurde für einige Augenblicke nachdenklich. Dann erstrahlte sein Gesicht in einem traurigen Lächeln. Er neigte sich zu Delessow und blickte ihm aufmerksam in die Augen. »Warum fragen Sie mich danach?« flüsterte er. »Doch ich will Ihnen alles erzählen, denn Sie gefallen mir.« Hier machte er eine Pause. »Ich will Sie nicht anlügen, ich will Ihnen alles von Anfang an erzählen.« Er hielt wieder inne. Seine Augen nahmen einen seltsamen, wilden Ausdruck an. »Sie wissen, daß ich hier«, er zeigte auf seine Stirn, »etwas schwach bin. Anna Iwanowna hat es Ihnen gewiß erzählt. Sie erzählt allen, ich sei verrückt! Das ist nicht wahr. Sie sagt es ja nur im Scherz, sie ist eine gute Frau. Aber seit einiger Zeit bin ich wirklich etwas krank.« Er machte wieder eine Pause und starrte mit unbeweglichen, weit aufgerissenen Augen auf die finstere Tür. »Sie fragten, ob ich je verliebt war. Ja, ich war verliebt!« Er hob die Brauen und flüsterte: »Das war, als ich noch die Stelle am Theater hatte. Ich spielte die zweite Violine im Opernorchester, und sie hatte eine Parterreloge links.« Albert stand auf und neigte sich zu Delessows Ohr. »Nein, ich will ihren Namen nicht nennen«, sagte er. »Sie kennen sie gewiß, alle kennen sie. Ich sah sie nur schweigend an, ich wußte, daß ich nur ein armer Musiker und sie eine vornehme Dame war. Ich wußte es ganz genau. Ich sah sie nur an und machte mir keine Gedanken.« Er schwieg, in Erinnerungen versunken. Dann fuhr er fort: »Ich weiß nicht mehr, wie es kam. Einmal wurde ich zu ihr eingeladen, um sie auf der Geige zu begleiten... . Aber was, ich bin ja nur ein armer Künstler!« er schüttelte den Kopf und lächelte. »Ich habe kein Talent zum Erzählen, ich kann es nicht... .« Er griff sich an den Kopf. »Wie glücklich war ich!« »Nun, waren Sie oft bei ihr?« fragte Delessow. »Einmal, nur ein einziges Mal... . Ich war selbst schuld, ich war verrückt. Ich war ein armer Musiker und sie eine Aristokratin. Ich hätte ihr nichts sagen sollen. Aber ich war verrückt, ich habe Dummheiten gemacht. Seit jenem Tag ist für mich alles vorbei. Petrow hat recht: es wäre besser, wenn ich sie nur im Theater gesehen hätte...« »Was haben Sie denn eigentlich angestellt?« fragte Delessow. »Ach, lassen Sie, lassen Sie, ich kann es Ihnen nicht erzählen.« Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Nach einer Pause fuhr er fort: »Ich kam sehr spät ins Orchester. Ich hatte an jenem Abend mit Petrow gezecht und war etwas aufgeregt. Sie saß in ihrer Loge und unterhielt sich mit einem General. Ich weiß nicht, wer dieser General war. Sie saß ganz vorn, und ihre Hand lag auf der Brüstung; sie hatte ein weißes Kleid an und Perlen um den Hals. Sie sprach mit ihm und sah auf mich. Zweimal blickte sie mich an. Sie hatte so eine Frisur«, er machte eine Handbewegung. »Ich stand bei den Bässen und spielte nicht; ich sah sie nur immer an. Da hatte ich zum ersten Mal das seltsame Gefühl. Sie lächelte dem General zu und blickte mich wieder an. Ich fühlte, daß sie von mir sprach, und ich gewahrte plötzlich, daß ich mich nicht mehr im Orchester befand, sondern in ihrer Loge stand und ihre Hand, hier an dieser Stelle, hielt. – Was war nun das?« fragte Albert nach einer Pause. »Starke Einbildungskraft«, versetzte Delessow. »Nein, nein... . Ich habe ja kein Talent zum Erzählen«, sagte Albert mit gequältem Gesichtsausdruck. »Ich war auch damals arm, hatte keine Wohnung und blieb oft im Theater über Nacht.« »Wie! Im Theater? Im leeren, finstern Saal?« »Ach, ich fürchte mich nicht vor solchen Dummheiten. Ja, hören Sie. Sobald das Theater leer wurde, ging ich in die Parterreloge, wo sie zu sitzen pflegte, um dort zu schlafen. Das war meine einzige Freude. Was für Nächte habe ich da verlebt! Einmal ging es mit mir wieder los. In einer Nacht habe ich im Geiste vieles durchgemacht, ich kann Ihnen aber nicht viel davon erzählen.« Albert senkte die Augen und blickte Delessow an. »Was war nun das?« fragte er. »Seltsam!« sagte Delessow. »Nein, nein, hören Sie weiter!« Er flüsterte Delessow ins Ohr. »Ich küßte ihre Hand, weinte an ihrer Seite und sprach viel mit ihr. Ich spürte den Duft ihres Parfüms, ich hörte ihre Stimme. Sie hat mir in dieser einen Nacht so vieles erzählt. Dann nahm ich die Geige und begann leise zu spielen. Ich spielte gut. Doch ich bekam Angst. Ich fürchte mich nicht vor solchen Dummheiten und glaube an nichts; aber ich bekam Angst um meinen Kopf,« er lächelte und berührte seine Stirn, »um meinen armen Verstand; mir schien, in meinem Kopfe wäre plötzlich etwas vorgegangen. Vielleicht hat das alles nichts zu bedeuten? Was glauben Sie?« Beide schwiegen. Dann sang Albert mit stillem Lächeln: »Und ob die Wolke sie verhülle, Die Sonne bleibt am Himmelszelt... Nicht wahr? Ich auch habe gelebt und genossen... Ja, der alte Petrow hätte Ihnen alles so gut erklärt!« Delessow betrachtete entsetzt das erregte und blasse Gesicht Alberts. »Kennen Sie den Juristenwalzer? « rief Albert ganz unvermittelt. Ohne die Antwort abzuwarten, ergriff er die Geige und spielte den lustigen Walzer. Er vergaß alles, stellte sich wohl vor, ein ganzes Orchester spiele mit ihm mit; er lachte und bewegte die Beine im Walzertakt. Er spielte vorzüglich. »Jetzt ists genug!« sagte er, das Spiel abbrechend und die Geige schwenkend. Er saß eine Weile ruhig und sagte dann: »Ich geh hin! Und Sie?« »Wohin denn? « fragte Delessow verwundert. »Gehen wir doch zu Anna Iwanowna! Dort ist es lustig: Musik, Lärm, viele Leute.« Im ersten Augenblick wollte Delessow darauf eingehen. Doch er besann sich und riet auch Albert ab, heute noch auszugehen. »Ich will ja nur hineinschauen.« »Nein, bitte, gehen Sie nicht!« Albert seufzte und legte die Geige weg. »Soll ich also bleiben?« Er schielte auf den Tisch: die Weinflasche war leer. Dann wünschte er gute Nacht und verließ das Zimmer. Delessow schellte. Als Sachar kam, sagte er zu ihm: »Laß Herrn Albert nicht aus dem Hause, ohne mich zu fragen.« 6 Der nächste Tag war ein Feiertag. Delessow saß im Gastzimmer beim Morgenkaffee und las ein Buch. Im Speisezimmer, wo Albert schlief, regte sich noch nichts. Sachar öffnete vorsichtig die Tür und schaute ins Speisezimmer hinein. »Hätten Sie es für möglich gehalten, Dmitri Iwanowitsch: er schläft auf dem bloßen Sofa! Wollte kein Bettzeug haben, bei Gott! Wie ein kleines Kind. Ein echter Künstler!« Erst gegen zwölf Uhr hörte man ihn ächzen und husten. Sachar ging wieder ins Speisezimmer; Delessow hörte sein freundliches Zureden und die schwache, flehende Stimme Alberts. »Nun?« fragte Delessow Sachar, als dieser wiederkam. »Er ist so traurig, Dmitri Iwanowitsch; will sich nicht waschen und verlangt nur etwas zu trinken.« ›Nein,‹ sagte sich Delessow, ›ich muß schon Charakter zeigen, wenn ich es mir einmal vorgenommen habe.‹ Er schärfte Sachar noch einmal ein, Albert ja keinen Wein zu geben, und nahm sein Buch wieder vor. Unwillkürlich horchte er immer zum Speisezimmer hinüber. Dort war alles still, nur ab und zu hörte er Albert schwer husten und spucken. Nach zwei Stunden, als Delessow angekleidet und zum Ausgehen bereit war, schaute er bei Albert nach. Dieser saß unbeweglich am Fenster, den Kopf in die Hände gestützt. Er wandte sich um. Sein Gesicht war gelb, runzelig und nicht nur traurig, sondern tief unglücklich. Er versuchte Delessow mit einem Lächeln zu begrüßen, aber sein Gesichtsausdruck wurde dadurch noch trister. Es schien, er könnte weinen. Er stand mit Mühe auf und machte eine Verbeugung. »Wenn ich nur ein Gläschen gewöhnlichen Schnaps haben könnte... .« sagte er bettelnd. »Ich bitte! Ich bin so schwach...« »Kaffee wird Ihnen besser tun. Hören Sie doch meinen Rat!« Der kindliche Ausdruck verschwand plötzlich aus Alberts Gesicht. Sein Blick wurde kalt und trüb. Er wandte sich wieder zum Fenster und ließ sich auf den Stuhl fallen. »Wollen Sie denn nicht frühstücken?« »Nein, danke, ich habe keinen Appetit.« »Wenn Sie Geige spielen wollen, so spielen Sie nur: Sie stören mich nicht im geringsten.« Delessow legte die Geige vor ihn auf den Tisch. Albert sah die Geige verächtlich an. »Nein, ich bin zu schwach. Ich kann nicht spielen«, sagte er, die Geige wegschiebend. Was ihm Delessow auch sagen mochte – er schlug ihm vor, zusammen auszugehen oder abends das Theater zu besuchen –, Albert lehnte alles schweigend ab. Delessow ging allein aus, er machte einige Besuche, speiste bei Bekannten zu Mittag und kam noch abends vor dem Theater heim, um sich umzukleiden und nach Albert zu sehen. Albert saß im finsteren Vorzimmer, den Kopf in die Hände gestützt, und starrte in den brennenden Ofen. Er war sauber gekleidet, gewaschen und gekämmt. Aber seine Augen waren trüb und leblos, und sein ganzes Wesen drückte eine noch größere Schwäche und Niedergeschlagenheit aus als am Morgen. »Nun, haben Sie zu Mittag gegessen, Herr Albert?« fragte Delessow. Albert nickte bejahend. Er blickte erschrocken auf und schlug sofort die Augen nieder. Delessow wurde verlegen. »Ich habe heute den Direktor gesprochen«, sagte er, indem er gleichfalls die Augen niederschlug. »Er will Sie gern empfangen, wenn Sie ihm etwas vorspielen wollen.« »Ich danke, ich kann nicht spielen«, murmelte Albert vor sich hin. Er stand auf, ging in sein Zimmer und schloß ganz leise die Tür. Nach einigen Minuten ging die Tür ebenso leise auf, und Albert kam mit der Geige. Er warf Delessow einen raschen, bösen Blick zu, legte die Geige auf einen Stuhl hin und verschwand wieder. Delessow zuckte die Achseln und lächelte. ›Was kann ich denn noch tun? Was habe ich verbrochen?‹ fragte er sich. »Nun, wie stehts mit dem Musiker?« war seine erste Frage, als er spät abends heimkehrte. »Schlimm!« gab Sachar kurz und laut zur Antwort. »Er seufzt immer, hustet und spricht kein Wort; nur um Schnaps hat er mich fünfmal gebeten. Ein Gläschen habe ich ihm auch geben müssen. Daß wir ihn nur nicht umbringen, Dmitri Iwanowitsch! Denn der Verwalter...« »Hat er gespielt?« »Nicht angerührt hat er die Geige. Ich habe sie ihm zweimal gebracht, aber er trug sie immer wieder aus dem Zimmer.« Sachar lächelte. »Soll ich ihm also wirklich nichts zu trinken geben?« »Nein, wir wollen noch einen Tag warten und sehen, was geschieht. Was treibt er jetzt?« »Er hat sich ins Gastzimmer eingeschlossen.« Delessow holte aus seinem Arbeitszimmer einige französische Romane und ein deutsches Neues Testament. Er gab die Bücher Sachar mit dem Auftrag: »Bring sie ihm morgen früh ins Zimmer und schau, daß er nicht fortgeht.« Sachar meldete am nächsten Morgen seinem Herrn, der Musiker habe die ganze Nacht nicht geschlafen: er irrte durch die Zimmer, ging immer zur Kredenz, versuchte den Schrank und die Tür zu öffnen. Aber Sachar hatte vorgesorgt und alles sorgfältig abgesperrt. Er erzählte noch, er hätte sich schlafend gestellt und gehört, wie Albert mit sich selbst redete. Albert wurde von Tag zu Tag finsterer und schweigsamer. Delessow schien er zu fürchten, und sein Gesicht zuckte ängstlich zusammen, sooft sich ihre Blicke trafen. Er rührte weder die Bücher noch die Geige an und beantwortete keine Fragen. Am dritten Abend kam Delessow sehr spät heim. Er war den ganzen Tag in einer Angelegenheit herumgerannt, die höchst einfach schien und doch, wie es so oft vorkommt, trotz allen Bemühungen nicht um einen Schritt vorwärts kommen wollte. Er war daher müde und abgespannt. Auch war er noch im Klub gewesen und hatte im Whist etwas verloren. Dies verschlimmerte noch seine Laune. »Nun habe ich ihn ordentlich satt!« sagte er zu Sachar, der ihm wieder über Alberts traurigen Zustand berichtete. »Morgen muß er sich entscheiden, ob er dableiben und meinen Ratschlägen folgen will ober nicht. Wenn es ihm nicht paßt, mag er gehen. Ich glaube, ich habe alles getan, was ich nur tun kann.« ›Da soll man noch einem Menschen eine Wohltat erweisen!‹ dachte er für sich. ›Ich opfere meine Ruhe, halte bei mir im Hause dieses verwahrloste, schmutzige Geschöpf, das ich keinem Besucher zeigen kann, renne herum auf der Suche nach einer Stelle für ihn, und er sieht in mir einen Bösewicht, der ihn zu seinem Vergnügen in einen Käfig gesperrt hat. Er selbst will für sich keinen Finger rühren. So sind sie alle! (›Alle‹ bezog sich auf die Menschen im allgemeinen und besonders auf diejenigen, mit denen er heute zu tun gehabt hatte.) Was ist jetzt mit ihm? Warum ist er traurig, woran denkt er? Sehnt er sich in den Sumpf zurück, aus dem ich ihn herausgerissen habe? Nach der Erniedrigung, in der er war? Nach der Armut, aus der ich ihn befreit habe? Er ist wohl schon so tief gesunken, daß er ein anständiges Leben nicht mehr ertragen kann... .‹ Schließlich sagte er sich: ›Das war wirklich unvernünftig gehandelt. Wie konnte ich mir vornehmen, einen andern zu bessern, wenn ich sogar mit mir selbst kaum fertig werden kann?‹ Er wollte Albert gleich gehen lassen, bedachte sich aber und verschob die Aussprache bis morgen. Nachts wurde Delessow durch einen Lärm im Vorzimmer aufgeweckt: ein Tisch wurde umgestürzt, man schrie und lief hin und her. Er machte Licht und horchte hinaus. »Warten Sie nur, ich werde es Dmitri Iwanowitsch sagen!« sprach Sachar; Albert entgegnete ihm etwas erregt und zusammenhanglos. Delessow sprang auf und lief mit der Kerze in der Hand ins Vorzimmer. Sachar stand im Nachtgewand vor der Haustür; Albert, in Hut und Almaviva, suchte ihn von der Tür wegzustoßen und schrie mit weinerlicher Stimme: »Ihr dürft mich nicht festhalten! Ich habe meinen Paß und habe nichts gestohlen! Sie können meine Kleider durchsuchen. Ich werde zum Polizeimeister gehen!« »Bitte, Dmitri Iwanowitsch!« sagte Sachar, seinen Posten an der Tür behaltend. »Der Herr ist nachts aufgestanden, hat aus meiner Manteltasche den Schlüssel genommen und eine ganze Flasche süßen Schnaps ausgetrunken. Ist das etwa schön? Und jetzt will der Herr fort. Sie haben mir ja gesagt, daß er bleiben muß, also darf ich ihn nicht fortlassen.« Als Albert Delessow gewahrte, griff er Sachar noch heftiger an: »Nein, niemand darf mich hier zurückhalten! Niemand hat das Recht dazu!« Er schrie immer lauter. »Laß ihn, Sachar!« sagte Delessow. »Ich will und darf Sie nicht zurückhalten, aber ich rate Ihnen, noch bis morgen zu bleiben«, wandte er sich an Albert. »Niemand darf mich zurückhalten! Ich werde zum Polizeimeister gehen!« schrie Albert immer lauter und lauter; er sprach nur zu Sachar und sah Delessow gar nicht an. »Zu Hilfe!« schrie er plötzlich mit gellender Stimme. »Warum schreien Sie denn so? Niemand hält Sie zurück«, sagte Sachar, die Haustür öffnend. Albert hörte auf zu schreien. Er murmelte noch: »Was? Es ist euch nicht gelungen! Ihr wolltet mich umbringen!« Er zog seine Galoschen an und verließ, ohne Abschied zu nehmen, immer etwas vor sich hinmurmelnd, das Haus. Sachar leuchtete ihm bis zum Tor und kam zurück. »Gott sei Dank, Dmitri Iwanowitsch!« sagte er. »Es ist noch gut abgelaufen! Das Silber muß ich doch noch nachzählen.« Delessow schüttelte nur den Kopf und erwiderte nichts. Er mußte an die ersten beiden Abende denken, die er mit dem Musiker verbracht hatte, und an die letzten traurigen Tage, die Albert durch seine Schuld hier verbringen mußte. Er dachte wieder an das süße, aus Liebe, Bewunderung und Mitleid gemischte Gefühl, das dieser seltsame Mensch in ihm beim ersten Anblick geweckt hatte, und er tat ihm wieder leid. ›Was wird jetzt aus ihm werden?‹ fragte er sich. ›Er hat kein Geld, keine warme Kleidung und ist nun ganz allein in der Nacht... .‹ Er wollte ihm Sachar nachschicken, doch es war zu spät. »Ist es draußen kalt?« fragte Delessow. »Ein starker Frost, Dmitri Iwanowitsch«, antwortete Sachar. »Ich wollte Ihnen noch sagen, daß wir wieder Holz kaufen müssen.« »So? Und du sagtest, wir würden noch bis zum Frühjahr auskommen!« 7 Draußen war es wirklich sehr kalt; aber Albert spürte die Kälte nicht: der Schnaps und der Streit hatten ihn so sehr erhitzt. Als er auf die Straße hinaustrat, rieb er sich zufrieden die Hände und schaute sich um. Die Straße war leer. Eine lange Reihe Laternen leuchtete noch mit rötlichem Schein; der Himmel war klar und sternhell. »Was!« sagte er, sich zum erleuchteten Fenster in Delessows Wohnung wendend. Er steckte die Hände unter den Mantel in die Hosentaschen und schlug mit unsicheren, schweren Schritten den Weg nach rechts ein. In den Beinen und im Magen fühlte er eine drückende Schwere, in seinen Ohren sauste es, eine unsichtbare Kraft wollte ihn zu Boden werfen, und doch bewegte er sich immer vorwärts, in der Richtung zu Anna Iwanownas Wohnung. Sonderbare, zerrissene Gedanken gingen ihm durch den Kopf: er dachte an seinen letzten Wortwechsel mit Sachar, dann an das Meer und seine erste Dampferfahrt nach Rußland, an eine glückliche Nacht, die er mit einem Freund in einer Bierhalle verbracht hatte, an der er soeben vorbeiging; dann fiel ihm wieder eine Melodie ein, das Bild der Geliebten tauchte vor ihm auf und die schreckliche Nacht im Theater. Trotz dieser Buntheit nahmen alle Erinnerungen so bestimmte greifbare Formen an, daß, wenn er die Augen schloß, er nicht mehr unterscheiden konnte, ob das, was er dachte, oder ob das, was er tat, die Wirklichkeit war. Er wußte nicht, wie sich seine Beine bewegten, wie er an den Wänden entlang schwankte, wie er eine Straße nach der anderen kreuzte. Er fühlte und wußte nur das, was ihm in buntem Reigen durch den Kopf zog. Auf der Kleinen Morskaja rutschte er aus und fiel hin. Er kam für einen Augenblick zur Besinnung und sah vor sich ein großes prunkvolles Gebäude; er ging weiter. Die Sterne und der Mond waren verschwunden, auch die Laternen brannten nicht mehr, und doch waren alle Dinge deutlich sichtbar. Die Fenster in dem großen Gebäude, das sich am Ende der Straße erhob, waren erleuchtet, aber das Licht flackerte in den Fenstern wie eine Spiegelung. Das Gebäude wuchs vor Alberts Blicken immer näher und deutlicher aus der Erde hervor. Als er in die weite Tür eintrat, waren alle Lichter auf einmal verschwunden. Innen war es dunkel. Seine einsamen Schritte hallten laut unter den gewölbten Decken, Schatten huschten an ihm vorbei und verschwanden, sobald er sich ihnen näherte. ›Wozu bin ich hergekommen?‹ fragte sich Albert. Eine Kraft, der er nicht widerstehen konnte, zog ihn vorwärts zum Eingang in einen großen Saal. Im Saale war ein Podium, vor dem einige kleine Gestalten standen. »Wer wird da sprechen? « fragte Albert. Niemand antwortete, nur einer wies auf das Podium. Dort stand ein langer, hagerer Mann mit struppigem Haar, meinem bunten Schlafrock. Albert erkannte sofort seinen Freund Petrow. ›Wie sonderbar, daß er hier ist!‹ dachte Albert. »Nein, Brüder!« sagte Petrow, auf jemand hinweisend: »Ihr habt den Menschen, der unter euch lebte, nicht verstanden! Er ist kein feiler Komödiant, kein mechanischer Spielautomat, kein Verrückter, kein Verlorener. Er ist ein Genie, ein großes musikalisches Genie, das nun unbemerkt und ungeschätzt zugrunde geht.« Jetzt begriff Albert, von wem sein Freund sprach. Doch er wollte ihn nicht stören und senkte bescheiden seinen Kopf. »Er verbrannte wie ein Strohhalm in der heiligen Flamme, der wir alle dienen,« fuhr Petrow fort, »er hat alles vollbracht, was Gott ihm eingegeben hat. Darum muß er ein Großer genannt werden. Ihr konntet ihn verachten, quälen, erniedrigen,« fuhr die Stimme immer lauter fort, »er war, ist und bleibt unermeßlich größer als ihr alle. Er ist selig, er ist gut. Er liebt oder er verachtet – was doch dasselbe ist – alle gleich; aber er dient nur dem einen, was ihm der Himmel eingegeben hat: er liebt nur die Schönheit, das einzige unzweifelhafte Gut in der Welt. So ein Mensch ist er! Kniet vor ihm alle nieder!« schrie er laut. Eine andere Stimme entgegnete aus der entgegengesetzten Ecke des Saales: »Ich will nicht vor ihm niederknien«, sagte die Stimme, in der Albert sofort die von Delessow erkannte. »Worin ist er groß? Und warum sollen wir uns vor ihm beugen? War er denn ehrlich und edel? Hat er der Gesellschaft irgendwie genützt? Wissen wir denn nicht alle, daß er immer Geld borgte, das er nie zurückzahlte; daß er einem Kollegen die Geige entwendete, um sie zu versetzen? ... (›Mein Gott! Woher weiß er denn alles?‹ dachte Albert und ließ den Kopf noch tiefer sinken.) Wissen wir denn nicht, wie er sich bei den unbedeutendsten Leuten einschmeichelte, um von ihnen Geld zu bekommen? Wissen wir denn nicht, daß man ihn vom Theater weggejagt hat, daß ihn Anna Iwanowna der Polizei übergeben wollte?« (›Mein Gott! Es ist ja alles wahr,‹ sagte Albert, ›aber verteidige mich, du allein weißt, warum ich das getan habe!‹) »Genug! Schämt euch!« sprach wieder Petrows Stimme. »Welches Recht habt ihr, ihn anzuklagen? Habt ihr denn sein Leben gelebt? Habt ihr seine Ekstasen gekannt? (›Es ist wahr, es ist wahr!‹ flüsterte Albert.) Die Kunst ist die höchste Offenbarung der menschlichen Macht. Sie wird nur wenigen Auserwählten gegeben, und sie erhebt den Auserwählten auf eine solche schwindelnde Höhe, daß es schwer ist, gesunden Geistes zu bleiben. An der Kunst gibt es, wie in jedem Kampfe, Helden, die sich ganz ihrem Dienst opfern und zugrunde gehen, ohne ihr Ziel erreicht zu haben.« Petrow schwieg, Albert hob den Kopf und schrie: »Ja, so ist es!« Aber seine Stimme erstarb lautlos in der Kehle. »Sie werden nicht gefragt!« sagte der Maler streng zu ihm. »Ja, verhöhnt ihn, verachtet ihn, er bleibt immer der Beste und Seligste von uns allen!« Albert war ganz glücklich, als er diese Worte hörte. Er konnte sich nicht länger beherrschen, trat an den Freund heran und wollte ihn umarmen. »Mach, daß du weiterkommst,« sagte Petrow, »ich kenne dich nicht! Geh nur deinen Weg, sonst kommst du nie vorwärts... .« »Du bist ja ganz voll! Kommst gar nicht vorwärts!« schrie ihm ein Schutzmann zu, der an einer Straßenkreuzung stand. Albert blieb stehen und sammelte seine Kräfte. Er gab sich die größte Mühe, nicht zu schwanken, und bog in eine Seitengasse ein. Bis zu Anna Iwanowna waren noch wenige Schritte. Aus der Haustür drang Licht, und vor dem Tore standen Schlitten und Wagen. Er klammerte sich mit erstarrten Händen an das Treppengeländer, ging hinauf und zog die Glocke. In der Tür erschien das verschlafene Dienstmädchen, das ihm einen bösen Blick zuwarf. »Nein!« schrie sie ihn an, »ich darf Sie nicht hereinlassen.« Dann schlug sie die Tür zu. Aus der Wohnung drangen zu ihm viele Frauenstimmen und Töne der Tanzmusik. Er setzte sich auf einen Treppenabsatz, lehnte den Kopf an die Wand und schloß die Augen. Sofort sah er sich wieder von zusammenhanglosen, doch ihm wohlvertrauten Visionen umgeben; ihre Wellen trugen ihn weit fort, wieder in das freie und herrliche Land der Träume. »Ja, er ist der Beste und Seligste!« klang es wieder in seinen Ohren. Drinnen bei Anna Iwanowna wurde Polka gespielt, auch die Polkatöne sagten dasselbe: »Er istder Beste und Seligste!« Von einer nahen Kirche erklang Glockengeläut, und die Glocken bestätigten: »Ja, er ist der Beste und Seligste!« – ›Ich will wieder in den Saal,‹ sagte sich Albert, ›Petrow hat mir noch vieles zu sagen.‹ Der Saal war aber leer, und auf dem Podium stand jetzt nicht Petrow, sondern Albert selbst, und er spielte auf der Geige alles, was die Stimme früher gesprochen hatte. Es war eine gar sonderbare Geige: sie war ganz aus Glas, und man mußte sie mit beiden Händen an die Brust drücken, um ihr Töne zu entlocken. Die Töne waren aber so zart und schön, wie sie Albert noch niemals gehört hatte. Je fester er die Geige an seine Brust drückte, um so süßer und wonniger empfand er die Töne. Je lauter die Geige tönte, um so rascher verschwanden alle Schatten und um so heller erstrahlten die Wände des Saales in einem durchsichtigen Licht. Er mußte sehr vorsichtig spielen, um die Geige nicht zu zerdrücken. Er spielte auf dem Glasinstrument sehr schön und sehr vorsichtig. Er spielte Stücke, von denen er wußte, daß sie kein Mensch je wieder hören würde. Er spürte bereits eine leichte Ermüdung, als er plötzlich von einem dumpfen Ton abgelenkt wurde. Das war ein Glockenton, und er sprach irgendwo in weiter Ferne: »Ja, er scheint euch elend, ihr verachtet ihn, und doch ist er der Beste und Seligste! Kein Mensch wird je wieder auf diesem Instrument spielen!« Diese ihm schon bekannten Worte erschienen Albert plötzlich so weise, so neu und so gerecht, daß er sein Spiel abbrach und Arme und Augen zum Himmel hob. Er kam sich selig und herrlich vor. Obwohl der Saal leer war, reckte er sich und hob stolz den Kopf, damit ihn alle sehen konnten. Plötzlich berührte eine Hand ganz leise seine Schulter; er wandte sich um und erblickte im Halbdunkel eine weibliche Gestalt. Sie sah ihn mit traurigen Augen an und schüttelte verneinend den Kopf. Er begriff sofort, daß das, was er eben getan hatte, häßlich war, und er schämte sich. »Wohin denn?« fragte er sie. Sie blickte ihn noch einmal durchbringend an und senkte traurig den Kopf. Es war sie, die er geliebt hatte; sie war auch ganz so wie damals gekleidet; den vollen weißen Hals schmückte eine Perlenschnur, und die schönen weißen Arme waren bis über die Ellbogen entblößt. Sie nahm ihn bei den Händen und führte ihn fort. »Der Ausgang ist auf der andern Seite«, sagte Albert; aber sie lächelte nur und führte ihn aus dem Saal hinaus. An der Schwelle der Ausgangstür sah Albert Wasser und den Mond. Das Wasser war aber nicht unten und der Mond nicht oben, auch war der Mond nicht der weiße Kreis. Mond und Wasser waren miteinander vermengt, sie waren oben und unten und auf allen Seiten um sie herum. Albert stürzte mit ihr in den Mond und in das Wasser, und er begriff, daß er sie, die er über alles in der Welt liebte, umarmen durfte; er umarmte sie und zitterte in einem Glück, das er gar nicht ertragen konnte. »Ist es nicht ein Traum?« fragte er sich. Nein, es war die Wirklichkeit, es war mehr als die Wirklichkeit: Wirklichkeit und Erinnerung. Er fühlte, daß dieses unaussprechliche Glück, das er jetzt genoß, verschwinden und nie wiederkehren würde. »Warum weine ich denn?« fragte er sie. Sie sah ihn wieder schweigend und traurig an. Albert verstand, was sie damit sagen wollte. »Ich lebe ja noch!« sagte er zu ihr. Sie antwortete nicht und blickte unverwandt vor sich hin. »Es ist entsetzlich! Wie erkläre ich ihr, daß ich noch lebe?« fragte er sich ganz erschrocken. Er flüsterte: »Mein Gott, ich lebe ja noch, begreift es doch!« »Er ist der Beste und der Seligste!« sagte eine Stimme. Aber etwas bedrückte Albert immer schwerer und schwerer. Er wußte nicht, ob es der Mond war oder das Wasser, ob ihre Umarmungen oder seine Tränen; aber er wußte, daß er nicht die Kraft hatte, alles, was gesagt werden mußte, auszusprechen, und daß bald alles vorbei sein würde. Zwei Gäste, die die Wohnung von Anna Iwanowna verließen, stießen auf Albert, der vor der Schwelle lag. Der eine kehrte um und rief die Wirtin. »Es ist unmenschlich,« sagte er, »der Mann konnte ja erfrieren!« »Ach, diesen Albert habe ich aber wirklich satt!« erwiderte die Wirtin. Dann sagte sie zu dem Dienstmädchen: »Anna, legen Sie ihn in irgendeinem Zimmer hin.« »Ich lebe ja, warum wollt ihr mich begraben? « murmelte Albert, während man ihn bewußtlos aufhob und in die Wohnung trug. Luzern Aus den Aufzeichnungen des Fürsten D. Nechljudow Übertragen von Alexander Eliasberg den 8. Juli Gestern abend bin ich in Luzern angekommen und im besten hiesigen Hotel, dem Schweizerhof, abgestiegen. ›Luzern ist eine alte Kantonsstadt, am Ufer des Vierwaldstätter Sees gelegen‹ sagt Murray, ›einer der romantischsten Orte der Schweiz; in dieser Stadt kreuzen sich drei wichtige Straßen; nur eine Stunde Dampferfahrt entfernt liegt der Berg Rigi, dessen Gipfel eine der herrlichsten Aussichten der Welt bietet.‹ Ich weiß nicht, ob das richtig ist oder nicht, doch auch die andern Reiseführer behaupten dasselbe; aus diesem Grunde gibt es hier eine Menge von Touristen aller Nationen, besonders aber Engländer. Das prunkvolle fünfstöckige Haus des Schweizerhofes ist erst vor kurzem am Kai, unmittelbar am See, erbaut worden, und zwar an derselben Stelle, wo sich in alten Zeiten eine hölzerne, krumme, überdachte Brücke mit Kapellen an den Ecken und Heiligenbildern an den Pfeilern befand. Nun hat man dank dem ungeheuren Andrang der Engländer und aus Rücksicht auf ihre Bedürfnisse, ihren Geschmack und ihr Geld die alte Brücke abgebrochen und an ihrer Stelle einen schnurgeraden Sockeldamm angelegt, auf dem Damm mehrere geradlinige viereckige, fünfstöckige Häuser erbaut, vor den Häusern aber zwei Reihen Linden gepflanzt und diese mit Pfählen gestützt. Zwischen den Linden hat man, wie es überall üblich ist, grün angestrichene Bänke verteilt. Das ist die Promenade; hier ergehen sich die Engländerinnen mit schweizerischen Strohhüten und die Engländer in ihren praktischen und bequemen Anzügen, und sie freuen sich alle ihrer Schöpfung. Es ist ja möglich, daß diese Kais und Häuser, Linden und Engländer sich irgendwoanders ganz hübsch machen würden, jedenfalls aber nicht hier, inmitten dieser seltsam majestätischen und zugleich unbeschreiblich harmonischen und weichen Landschaft. Als ich in mein Zimmer hinaufkam und das auf den See gehende Fenster öffnete, wurde ich im ersten Augenblick von der Schönheit dieses Wassers, dieser Berge und dieses Himmels buchstäblich geblendet und erschüttert. Mich überkam eine innere Unruhe und das Bedürfnis, dem Überfluß dessen, was meine Seele erfüllte, irgendwie Ausdruck zu verleihen. Ich hatte in diesem Augenblick das Verlangen, irgend jemand zu umarmen, fest zu umhalsen, zu kitzeln und sogar zu zwicken und überhaupt mit ihm oder mit mir selbst irgend etwas ganz Ungewöhnliches anzufangen. Es war in der siebenten Abendstunde. Den ganzen Tag hindurch hatte es geregnet, doch jetzt heiterte sich das Wetter auf. Vor meinem Fenster breitete sich zwischen den abwechslungsreichen grünen Ufern der See, blau wie brennender Schwefel, von zahllosen, als kleine Punkte erscheinenden Booten und ihren sich verziehenden Spuren belebt, unbeweglich, glatt, gleichsam erhaben; er zog sich, zwischen zwei ungeheuren Bergvorsprüngen eingeengt, in die Ferne, schmiegte sich dunkelnd an die übereinandergetürmten Berge, Wolken und Gletscher und verlor sich zwischen ihnen. Im Vordergrunde lagen feuchte, hellgrüne, geschwungene Ufer mit Schilf, Wiesen, Gärten und Villen; weiter kamen dunkelgrüne, bewaldete Anhöhen mit Schloßruinen; den Hintergrund bildete die zusammengeballte, weiße und lilafarbene Gebirgskette mit seltsamen felsigen und mattweißen schneebedeckten Gipfeln; und alles war übergössen von einer zarten, durchsichtig blauen Luft und beleuchtet von den durch die zerfetzten Wolken hervorschießenden warmen Strahlen der untergehenden Sonne. Weder auf dem See, noch in den Bergen, noch am Himmel gab es eine einzige ununterbrochene Linie, eine einzige ungemischte Farbe, einen einzigen ruhigen Punkt: überall war Bewegung, Asymmetrie, Phantastik, eine unaufhörliche Vermengung und Verschiedenheit der Schatten und Linien, und zugleich die Ruhe, Milde, Einheit und Notwendigkeit des Schönen. Und mitten in dieser unbestimmten, verworrenen und freien Schönheit lag unmittelbar vor meinem Fenster der dumme, künstliche weiße Kai mit den gestützten Lindenbäumchen und den grünen Bänken; alle diese armseligen und banalen Werke von Menschenhand waren nicht wie die fernen Villen und Ruinen in der allgemeinen Harmonie und Schönheit aufgegangen, sondern widersprachen ihr auf die gröblichste Weise. Mein Blick stieß sich immer unwillkürlich an der gräßlichen geraden Linie des Dammes,und ich wollte sie zurückstoßen und vernichten wie einen schwarzen Fleck, der einem auf der Nase unter dem Auge sitzt; doch der Kai mit den lustwandelnden Engländern blieb immer an seinem Platz, und ich begann mir unwillkürlich einen Gesichtspunkt zu suchen, von dem aus ich ihn nicht zu sehen brauchte. Es gelang mir auch, meine Augen derart einzustellen, und so genoß ich bis zur Mahlzeit ganz allein jenes unvollständige, doch um so süßere Gefühl, das der Mensch empfindet, wenn er sich ganz allein dem Naturgenuß ergibt. Um halb acht rief man mich zum Essen. Im großen, prächtig ausgestatteten Parterresaal waren zwei lange Tafeln für mindestens hundert Personen gedeckt. Etwa drei Minuten dauerte das stumme Erscheinen der Gäste, das Rauschen der Damenkleider, die leichten Schritte und die leisen Unterredungen mit den ungemein höflichen und eleganten Kellnern; vor allen Gedecken saßen bald Herren und Damen, die alle sehr elegant, sogar kostbar und überhaupt ungemein sorgfältig gekleidet waren. Wie überall in der Schweiz bestand der größte Teil der Tischgesellschaft aus Engländern; daher bestimmten den allgemeinen Ton der Table d'hote eine strenge Beachtung der gesetzlich anerkannten Anstandsregeln, eine Verschlossenheit, die nicht auf dem Stolz der Gäste, sondern auf dem Mangel eines Bedürfnisses, sich einander zu nähern, beruhte, und das Behagen, das jeder für sich in der bequemen und angenehmen Befriedigung seiner Bedürfnisse fand. Überall schimmerten schneeweiße Spitzen, schneeweiße Kragen, schneeweiße echte und falsche Zähne und schneeweiße Gesichter und Hände. Doch die Gesichter, von denen viele auffallend schön sind, drücken nur das Bewußtsein des eigenen Wohlbehagens aus und einen vollständigen Mangel an Interesse für alles, was sie umgibt und sie nicht unmittelbar berührt; die schneeweißen Hände mit den kostbaren Ringen und Mitaines bewegen sich nur, um den Kragen geradezurichten, den Braten zu zerschneiden und Wein einzuschenken: alle diese Bewegungen drücken keine Spur von Seele aus. Die Angehörigen einzelner Familien tauschen nur ab und zu leise Bemerkungen aus über den angenehmen Geschmack einer Speise oder eines Weines und über die schöne Aussicht vom Rigi. Die alleinstehenden Herren und Damen sitzen schweigsam nebeneinander, ohne einander anzublicken. Wenn von diesen hundert Personen zwei zusammen reden, so kann man wetten, daß das Gespräch entweder vom Wetter oder von der Besteigung des Rigi handelt. Messer und Gabel bewegen sich kaum hörbar auf den Tellern, man nimmt sich höchst bescheidene Portionen und ißt Erbsen und andere Gemüse ausschließlich mit der Gabel; die Kellner, die sich unwillkürlich der allgemeinen Schweigsamkeit unterordnen, fragen im Flüsterton, welchen Wein man haben möchte. Bei solchen Mahlzeiten empfinde ich stets ein schweres und unangenehmes und, gegen das Ende, trauriges Gefühl. Ich habe immer den Eindruck, als ob ich etwas verbrochen hätte und dafür gestraft werden müßte, wie in meiner Kindheit, wo man mich für irgendeinen Streich auf einen Stuhl setzte und ironisch sagte: »So, jetzt ruhe dich aus, mein Lieber!«, während in meinen Adern junges, wildes Blut pochte und aus dem Nebenzimmer die ausgelassenen Schreie meiner Brüder klangen. Früher versuchte ich immer, mich gegen das drückende Gefühl, das ich bei solchen Mahlzeiten empfand, aufzulehnen, doch vergeblich: alle diese leblosen Gesichter haben auf mich einen unwiderstehlichen Einfluß, und ich werde ebenso leblos wie sie. Ich will nichts, ich denke an nichts, ich beobachte sogar nicht. Anfangs machte ich noch Versuche, meine Tischnachbarn ins Gespräch zu ziehen; zur Antwort bekam ich aber nur die gleichen Phrasen, die wohl zum hunderttausendsten Mal auf der gleichen Stelle und zum hunderttausendsten Mal vom gleichen Menschen wiederholt wurden. Dabei sind sie alle doch sicherlich nicht dumm und nicht gefühllos; viele von diesen erfrorenen Menschen haben wohl das gleiche Innenleben wie ich, und manche ein viel interessanteres und komplizierteres. Warum verzichten sie dann auf einen der größten Genüsse im Leben, auf den Genuß aneinander, den Genuß am Menschen? Wie anders war es doch in unserer Pariser Pension, wo wir etwa zwanzig Personen von den verschiedensten Nationen, Berufen und Eigenschaften uns unter dem Einflusse der französischen Geselligkeit an der Table d'hote wie zu einem Vergnügen zusammenfanden! Dort wurde jedes, an irgendeinem Tischende begonnenes, mit Scherzen und Wortspielen gewürztes Gespräch, wenn auch in gebrochener Sprache geführt, sofort zu einem allgemeinen. Ein jeder redete, was ihm gerade in den Kopf kam, ohne sich um die Richtigkeit der Sprache zu kümmern; wir hatten dort unsern Philosophen, unsern Streithahn, unsern bel esprit und unsern Narren, eine ständige Zielscheibe für spöttische Bemerkungen; alles hatten wir gemeinsam. Gleich nach dem Essen rückten wir den Tisch beiseite und tanzten im Takt und auch nicht im Takt bis zum Abend Polka. Wir gaben uns dort zwar etwas kokett, nicht sehr klug und würdevoll, aber immerhin menschlich. Die spanische Gräfin mit ihren romantischen Abenteuern, der italienische Abbate, der nach dem Essen Stellen aus der Göttlichen Komödie zu deklamieren pflegte, der amerikanische Doktor, der Zutritt zu den Tuilerien hatte, der junge Dramatiker mit der langen Mähne, die Pianistin, die nach ihrer eigenen Behauptung die schönste Polka der Welt komponiert hatte, und die unglückliche schöne Witwe, die an jedem Finger drei Ringe trug – wir alle unterhielten zueinander durchaus menschliche, wenn auch etwas oberflächliche, doch freundschaftliche Beziehungen und haben teils flüchtige, teils aufrichtig herzliche Erinnerungen aneinander bewahrt. Wenn ich aber bei einer englischen Table d'hote auf alle diese Spitzen, Bänder, Ringe, pomadisierten Haare und seidenen Kleider sehe, denke ich immer daran, wie vielen lebenden Frauen dieser Schmuck und Tand Glück geben würde und die Fähigkeit, auch andere zu beglücken. So seltsam ist der Gedanke, daß hier so viele Freunde und Liebende, glückliche Freunde und glücklich Liebende, ohne es selbst zu wissen, vielleicht dicht beisammen sitzen. Und sie werden es, Gott weiß warum, nie erfahren und werden nie einander das Glück schenken, das sie so leicht schenken könnten und nach dem sie alle so sehr dürsten. Am Ende der Mahlzeit überkam mich wie immer eine traurige Stimmung; ich ließ das Dessert stehen, verließ die Tafel und begab mich in ziemlich schlechter Laune in die Stadt. Die engen, schmutzigen, unbeleuchteten Gassen, die Läden, die eben geschlossen wurden, die Begegnungen mit betrunkenen Arbeitern und mit Frauen, die Wasser holten, und anderen Frauen, die bessere Hüte aufhatten und, sich fortwährend umblickend, an den Mauern entlang durch die Gassen huschten,vermochten meine düstere Stimmung nicht zu verscheuchen, ja, sie verstärkten sie nur. Es war schon ganz finster, als ich, ohne mich umzublicken und ohne an etwas zu denken, nach Hause ging, in der Hoffnung, mich durch den Schlaf von der düsteren Stimmung zu befreien. Ich empfand eine schreckliche innere Kälte, jenes drückende Gefühl von Einsamkeit, wie es uns oft ohne jeden ersichtlichen Grund überfällt, wenn wir auf einer Reise nach einem neuen Ort kommen. Als ich, ohne nach rechts und links zu schauen, über den Kai zum Schweizerhof schritt, wurde ich plötzlich von den Tönen einer seltsamen, doch angenehmen und reizvollen Musik überrascht. Diese Töne übten auf mich eine augenblickliche, belebende Wirkung aus. Es war, als ob ein Helles, heiteres Licht in meine Seele dränge. Mir ward so lustig und so angenehm zumute. Mein bereits eingeschlummertes Interesse erwachte und richtete sich von neuem auf alle mich umgebenden Gegenstände und Erscheinungen. Die Schönheit der Nacht und des Sees, gegen die ich eben erst gleichgültig gewesen, überraschte mich ganz plötzlich, wie etwas ganz Neues. Unwillkürlich erfaßte ich in einem Augenblick alles: den regnerischen Himmel mit den grauen Wolkenfetzen auf dem dunklen Blau, vom aufgehenden Mond beleuchtet; den dunkelgrünen spiegelglatten See mit den sich in ihm spiegelnden Lichtern; die fernen nebelgrauen Berge; das Quaken der Frösche aus Fröschenburg und die taufrischen Schreie der Wachteln am anderen Ufer. Doch unmittelbar vor mir, dort, wo die Töne erklangen, an der Stelle, auf die sich mein Interesse hauptsächlich richtete, bemerkte ich im Halbdunkel mitten auf der Straße ein Häuflein von Menschen, die sich im Halbkreise drängten, und in einiger Entfernung vor ihnen ein kleines, schwarzgekleidetes Männchen. Hinter diesen Menschen hoben sich gegen den dunklen, grauen und blauen zerrissenen Himmel einige schwarze Pappeln des Gartens und die zu beiden Seiten des alten Domes ragenden strengen Türme ab. Ich kam näher, und die Töne wurden deutlicher. Ich konnte ganz klar die fernen Akkorde einer Gitarre unterscheiden, die lieblich in der abendlichen Luft nachzitterten, und einige Stimmen, die, einander ablösend, nicht das Thema sangen, sondern nur die Hauptstellen des Themas unterstrichen und hervorhoben. Das Thema war eine Art anmutige, graziöse Masurka. Die Stimmen klangen bald in der Nähe, bald schienen sie aus der Ferne zu kommen; bald hörte ich einen Tenor, bald einen Baß und bald eine Fistelstimme mit gurrenden Tiroler Jodlern. Es war kein Lied, sondern die meisterhafte Skizze zu einem solchen. Ich konnte gar nicht verstehen, was es war; doch es war schön. Die wollüstigen, leisen Akkorde der Gitarre, die anmutige, leichte Melodie und die einsame Figur des schwarzen Männchens inmitten der phantastischen Szenerie des dunkelnden Sees, des durch die Wolken hindurchschimmernden Mondes, der beiden schweigsam in die Luft ragenden Türme und der schwarzen Pappeln des Gartens – all dies war seltsam, doch unaussprechlich schön, oder es schien mir wenigstens so. Alle die verworrenen zufälligen Eindrücke des Lebens gewannen für mich plötzlich Bedeutung und Reiz. In meiner Seele war gleichsam eine frische, duftende Blume aufgegangen. An Stelle der Müdigkeit, der Zerstreutheit und der Gleichgültigkeit gegen alle Dinge in der Welt, die ich noch vor einer Minute empfunden hatte, spürte ich plötzlich ein Bedürfnis nach Liebe, eine Fülle der Hoffnung und eine grundlose Lebensfreude. »Was soll ich mir noch wünschen, was soll ich noch verlangen?« sagte ich mir unwillkürlich. »Da ist sie ja, die Schönheit und die Poesie, und sie tritt dir von allen Seiten entgegen. Atme sie mit vollen Zügen ein, genieße sie, soviel dir nur deine Kraft erlaubt. Was willst du noch mehr? Alles ist dein, alles ist herrlich... .« Ich trat näher heran. Das kleine Männchen schien ein fahrender Tiroler zu sein. Er stand vor den Fenstern des Hotels, ein Bein vorgestreckt, den Kopf zurückgeworfen, und sang zur Gitarre, beständig die Stimme wechselnd, ein graziöses Lied. Ich empfand sofort Sympathie mit diesem Menschen und Dankbarkeit für die innere Wandlung, die er in mir hervorgerufen hatte. Der Sänger war, soviel ich bemerken konnte, mit einem abgetragenen schwarzen Rock bekleidet, hatte kurzgeschorenes Haar und eine einfache Mütze, wie sie die Handwerker tragen. In seiner Kleidung war nichts Künstlerisches, doch seine ungezwungene, kindlich ausgelassene Haltung und sein Gebärdenspiel boten bei seinem kleinen Wuchs einen rührenden und zugleich drolligen Anblick. In der Einfahrt, an den Fenstern und auf den Balkonen des glänzend erleuchteten Hotels standen die Damen in prächtigen Toiletten, mit bauschigen Röcken, die Herren mit ihren blendend weißen Kragen, der Portier und die Lakaien in goldgestickten Livreen; auf der Straße, im Halbkreis der Menge und etwas weiter zwischen den Linden der Kaianlagen, hatten sich die elegant gekleideten Kellner, die Küche mit ihren weißen Mützen und Jacken, junge Mädchen, die sich umschlungen hielten, und viele Spaziergänger versammelt. Sie alle schienen dasselbe Gefühl zu empfinden, das auch ich hatte. Sie standen schweigend um den Sänger herum und hörten ihm andächtig zu. Alles war still, und nur in den Pausen zwischen den einzelnen Strophen kamen aus der Ferne über den See her Hammerschläge und die Triller der Frösche von Fröschenburg, von den feuchten eintönigen Schreien der Wachteln übertönt. Der kleine Mann mitten auf der dunklen Straße schmetterte wie eine Nachtigall Strophe um Strophe, Lied um Lied. Obwohl ich nun dicht an seiner Seite stand, gewährte mir sein Gesang nach wie vor großen Genuß. Seine Stimme war nicht groß, doch ungemein angenehm; der seine Geschmack, die Anmut und das Gefühl für Rhythmus, womit er seine Stimme beherrschte, waren durchaus ungewöhnlich und zeugten von einer großen natürlichen Begabung. Den Refrain zu jedem Couplet sang er immer anders, und es war offenbar, daß er alle diese graziösen Variationen ganz frei und aus dem Stegreif brachte. Durch die Menge – wie oben im Schweizerhof, so auch unten in den Anlagen – ging oft ein beifälliges Flüstern; sonst herrschte andächtiges Schweigen. Auf den Balkonen und an den Fenstern erschienen immer neue schön gekleidete Herren und Damen, die im Glanze der Lichter in malerischen Posen an den Brüstungen lehnten. Die Spaziergänger blieben stehen, und im Schatten, auf dem Kai, hatten sich unter den Linden überall Gruppen von Herren und Damen gebildet. In meiner Nähe standen, etwas abseits von der großen Menge, ein Lakai und ein Koch; beide sahen wie Aristokraten aus und rauchten Zigarren. Der Koch gab sich ganz der Wirkung der Musik hin und nickte bei jedem hohen Fistelton begeistert und fragend dem Lakaien zu; er stieß ihn ab und zu mit dem Ellbogen an, als hätte er sagen wollen: ›Nun, was sagst du zu diesem Gesang, he?‹ Der Lakai, dessen breites Lächeln davon zeugte, daß auch er den großen Genuß empfand, antwortete auf die Püffe des Kochs mit einem Achselzucken, das besagen sollte, daß es gar nicht so leicht sei, ihn in Erstaunen zu setzen, und daß er in seinem Leben schon manches Schönere gehört habe. In einer Pause, als der Sänger sich räusperte, fragte ich den Lakaien, wer der Sänger sei und ob er oft hierher käme. »So an die zwei Mal im Sommer«, erwiderte der Lakai. »Er ist aus dem Kanton Aargau, er zieht so bettelnd umher.« »Gibt es viele Leute von dieser Art? « fragte ich. »Ja, ja«, antwortete der Lakai, der meine Frage nicht sofort begriffen hatte. Nach einigen Augenblicken begriff er sie erst und fügte hinzu: »Nein, er ist hier der einzige, andere gibt es nicht.« Das Männchen hatte eben sein Lied beendet; es drehte geschickt die Gitarre um und machte irgendeine Bemerkung in seinem Schweizerdeutsch, die ich nicht verstehen konnte, die aber im Publikum Lachen hervorrief. »Was hat er eben gesagt?« fragte ich. »Er sagt, daß ihm die Kehle ausgetrocknet sei und daß er gern einen Schluck Wein getrunken hätte«, übersetzte mir der Lakai. »Er trinkt wohl gern über den Durst?« »Alle diese Leute sind ja vom gleichen Schlag«, erwiderte der Lakai lächelnd und mit der Hand auf den Sänger zeigend. Der Sänger nahm die Mütze ab und ging, die Gitarre schwingend, auf das Haus zu. Er warf den Kopf zurück und wandte sich an die Herrschaften, die an den Fenstern und auf dem Balkon standen. » Messieurs et mesdames ,« sagte er mit halb italienischem und halb deutschem Akzent und in dem Tone, in dem sich Gaukler gewöhnlich an ihr Publikum wenden, » si vouz croyex, que je gagne quelque chose, vous vous trompez: je ne suis qu'un pauvre tiaple. « Er hielt inne und wartete; da ihm aber niemand etwas gab, schwang er wieder die Gitarre und fuhr fort: » À present, messieurs et mesdames, je vous chanterai L'air du Righi. « Das Publikum oben verhielt sich schweigend, blieb aber in Erwartung des neuen Liedes stehen; und das Publikum unten lachte, wohl aus dem Grunde, weil er sich so sonderbar ausgedrückt hatte und weil man ihm nichts gegeben hatte. Ich schenkte ihm einige Centimes. Er warf die Münzen geschickt aus der einen Hand in die andere, steckte sie in die Westentasche, setzte seine Mütze wieder auf und stimmte jenes graziöse Liedchen an, das er L'air du Righi genannt hatte. Dieses Lied, das er für den Schluß aufgespart hatte, war noch schöner als alle die vorhergehenden; das Publikum, das inzwischen bedeutend angewachsen war, äußerte großen Beifall. Der Sänger war zu Ende. Wieder schwang er die Gitarre, nahm die Mütze ab, hielt sie vor sich hin, näherte sich auf zwei Schritte den Fenstern und sagte wieder den unverständlichen Satz: » Messieurs et mesdames, si vous croyez, que je gagne quelque chose «, den er offenbar für sehr geistreich und fein ersonnen hielt. Ich merkte aber in seiner Stimme und seinen Bewegungen eine gewisse Unsicherheit und kindliche Scheu, die bei seinem kleinen Wuchs einen besonders starken Eindruck machten. Das elegante Publikum lehnte noch immer im Glanze der Lampen malerisch an den Fenstern und Balkonen; die einen unterhielten sich artig mit gedämpfter Stimme, offenbar über den Sänger, der mit ausgestreckter Hand vor ihnen stand; andere musterten aufmerksam und interessiert seine kleine dunkle Gestalt; auf einem der Balkone klang das helle und lustige Lachen eines jungen Mädchens. In der Menge auf dem Kai wurde immer mehr und lauter gesprochen und gelacht. Der Sänger wiederholte seinen Satz zum dritten Male, doch mit noch schwächerer Stimme; er sprach ihn sogar nicht zu Ende und streckte wieder seine Hand mit der Mütze aus, ließ sie aber sofort sinken. Und wieder fand sich unter diesen hundert glänzend gekleideten Menschen, die sich versammelt hatten, um ihm zu lauschen, niemand, der ihm auch nur einen Heller zugeworfen hätte. Die Menge unten brach in ein grausames Lachen aus. Der kleine Sänger schrumpfte gleichsam zusammen, nahm seine Gitarre in die linke Hand, lüftete mit der rechten die Mütze und sagte: » Messieurs et mesdames, je vous remercie et je vous souhaite une bonne nuit! « Dann setzte er die Mütze wieder auf. Die Menge lachte wie besessen. Die schönen Herren und Damen zogen sich allmählich in ruhigem Gespräch von den Balkonen und Fenstern zurück. In den Anlagen begann man wieder zu promenieren. Die Straße, die während des Gesanges verstummt war, belebte sich wieder; nur einige Menschen beobachteten noch aus der Entfernung den Sänger und lachten. Ich hörte, wie das Männchen etwas in den Bart brummte; dann wandte er sich um, wurde noch kleiner und entfernte sich mit schnellen Schritten in der Richtung zur Stadt. Die lustigen Spaziergänger, die ihn aus der Ferne beobachtet hatten, folgten ihm lachend in einiger Entfernung... . Ich wurde ganz verlegen. Ich begriff nicht, was das Ganze zu bedeuten hatte, und starrte, immer auf demselben Fleck stehend, in die Finsternis, auf den kleinen Mann, der mit großen Schritten auf die Stadt zuging, und auf die lachenden Spaziergänger, die ihm folgten. Ich empfand ein schmerzvolles Gefühl von Erbitterung und Scham für diesen kleinen Mann, diese Menge und für mich selbst, als ob ich es wäre, der um Geld gebettelt und nichts bekommen hatte, den man ausgelacht hatte. Ich ging mit beklommenem Herzen, ohne mich umzublicken, schnell nach Hause, auf den Schweizerhof zu. Ich gab mir noch keine Rechenschaft über die Gefühle, die mich bewegten; etwas Schweres erfüllte und bedrückte meine Seele und fand keinen Ausfluß. In der prachtvoll erleuchteten Einfahrt begegnete ich dem Portier, der höflich beiseitetrat, und einer englischen Familie. Der starke, wohlgestaltete, hochgewachsene Mann mit dem schwarzen, englischen Backenbart, mit schwarzem Hut, ein Plaid über dem Arm und einen wertvollen Spazierstock in der Hand, führte träge und selbstbewußt eine Dame; in einem grauen seidenen Kleid mit kostbaren Spitzen und einem Häubchen mit leuchtenden Bändern, am Arm. An ihrer Seite ging ein hübsches, frisches junges Mädchen in einem graziösen Schweizer Hut mit einer Feder à la mousquetaire , unter dem weiche, lange, hellblonde Locken hervorquollen, die ihr weißes Gesicht umrahmten. Voraus hüpfte ein zehnjähriges rotwangiges Mädchen mit vollen weißen Knien, die unter den seinen Spitzenhöschen hervorschimmerten. »Welch eine herrliche Nacht!« sagte die Dame mit süßer, glücklicher Stimme, als ich an ihr vorüberging. »Hm!« brummte der träge Engländer, dem das Leben offenbar so sehr behagte, daß er sogar zum Sprechen zu faul war. Sie alle hatten, so schien es, ein so ruhiges, bequemes, reinliches und leichtes Leben; ihre Bewegungen und Gesichter drückten eine solche Gleichgültigkeit gegen jedes fremde Leben aus und eine so unerschütterliche Überzeugung davon, daß der Portier vor ihnen beiseitetreten und sich verbeugen würde, daß sie auf ihren Zimmern saubere und bequeme Betten finden würden, daß all dies so sein müsse und daß sie auf all dies ein Recht hätten – daß ich ihnen im Geiste unwillkürlich den fahrenden Sänger gegenüberstellte, der nun müde und vielleicht auch hungrig, beschämt vor der lachenden Menge floh; nun begriff ich, was mir so schwer auf dem Herzen lastete, und mich packte unbeschreiblicher Zorn gegen alle diese Menschen. Ich ging zweimal an dem Engländer vorbei, ohne ihm auszuweichen, und stieß ihn beidemal mit großem Genuß mit dem Ellbogen an. Dann verließ ich den Schweizerhof und lief in der Dunkelheit in der Richtung nach der Stadt zu, in der der kleine Mann verschwunden war. Ich holte drei Männer ein, die zusammen gingen, und fragte sie, ob sie nicht den Sänger gesehen hätten; sie zeigten ihn mir lachend: er ging vor ihnen, ganz allein, mit schnellen Schritten; niemand näherte sich ihm, und mir schien, daß er noch immer erregt etwas vor sich hin murmelte. Ich holte ihn ein und schlug ihm vor, mit mir irgendwo einzukehren und eine Flasche Wein zu trinken. Er ging noch immer schnell weiter und blickte mich unzufrieden an; als er endlich begriffen hatte, was ich von ihm wollte, blieb er stehen. »Nun, wenn Sie so freundlich sind, nehme ich die Einladung an«, sagte er. »Gleich hier in der Nähe gibt es ein kleines Café; es ist recht einfach, da könnten wir einkehren«, fügte er hinzu, auf einen Weinschank zeigend, der noch offen war. Seine Worte vom ›einfachen‹ Café brachten mich unwillkürlich auf den Gedanken, mit ihm nicht in das einfache Café, sondern ins Hotel Schweizerhof zu gehen, wo sich alle die Leute befanden, die ihm zugehört hatten. Obwohl er einigemal scheu und schüchtern ablehnte, in den Schweizerhof zu gehen, weil es dort zu elegant sei, setzte ich meinen Willen doch durch. Er stellte sich so, als ob er in keiner Weise verlegen sei, schwang lustig die Gitarre und ging mit mir über den Kai zurück. Kaum hatte ich mich dem Sänger angeschlossen, als einige müßige Spaziergänger näher heranrückten, um zu horchen, was ich mit ihm sprach; nun folgten sie uns, den Fall miteinander besprechend, bis zur Hoteleinfahrt, da sie offenbar vom Tiroler noch irgendeinen lustigen Auftritt erwarteten. Ich bestellte beim ersten Kellner, dem ich im Flur begegnete, eine Flasche Wein. Der Kellner blickte uns lächelnd an und lief vorüber, ohne zu antworten. Der Oberkellner, an den ich mich mit der gleichen Bitte wandte, hörte mich aufmerksam an, musterte die kleine schüchterne Gestalt des Sängers vom Kopf bis zu den Füßen und sagte dann mit strenger Miene dem Portier, er möchte uns in den Saal links geleiten Dieser Saal war die Schwemme für gewöhnliches Volk. In der Ecke war eine bucklige Magd mit dem Aufwaschen von Geschirr beschäftigt, und die ganze Einrichtung bestand hier aus einfachen hölzernen Tischen ohne Tischdecken und einfachen Bänken. Der Kellner, der uns bedienen sollte, betrachtete uns mit nachsichtigem, höhnischem Lächeln und unterhielt sich, die Hände in den Taschen, mit der buckligen Küchenmagd. Er wollte uns offenbar zu verstehen geben, daß er sich in bezug auf seine gesellschaftliche Stellung und seine sonstigen Eigenschaften so unendlich erhaben über dem Sänger schätzte, daß es für ihn nicht nur nicht verletzend, sondern auch wirklich amüsant sei, uns zu bedienen. »Befehlen der Herr gewöhnlichen Wein?« fragte er mich verständnisvoll, mit einem Seitenblick auf meinen Begleiter, die Serviette aus einer Hand in die andere werfend. »Nein, Champagner, und vom besten«, sagte ich, indem ich mich bemühte, eine möglichst stolze und majestätische Haltung anzunehmen. Doch weder der Champagner noch meine stolze, majestätische Haltung machten auf den Kellner Eindruck: er lächelte, blieb noch eine Weile stehen, betrachtete uns, sah ruhig auf seine goldene Uhr und ging mit langsamen Schritten, als ob er spazieren ginge, aus dem Zimmer. Nach einer Weile kam er mit dem bestellten Champagner und brachte einige Lakaien mit. Zwei von ihnen setzten sich in die Ecke zur Küchenmagd und sahen uns vergnügt und belustigt, mit mildem Lächeln in den Zügen zu, wie Eltern, die den niedlichen Spielen ihrer niedlichen Kinder zusehen. Nur die bucklige Küchenmagd schien uns nicht höhnisch, sondern teilnahmsvoll zu betrachten. Obgleich es mir recht schwer und unangenehm war, mich mit dem Sänger unter dem Kreuzfeuer der Lakaienblicke zu unterhalten und ihn zu bewirten, gab ich mir doch Mühe, meine Sache möglichst unbefangen zu tun. Bei Licht konnte ich ihn besser sehen. Er war ein sehr kleiner, doch proportioniert gebauter, muskulöser Mann, beinahe ein Zwerg, mit borstigen schwarzen Haaren, immer feuchten, wimperlosen, großen, schwarzen Augen und einem winzigen Mund mit rührendem Ausdruck. Er hatte einen kurzen Backenbart, kurzes Haar, und seine Kleidung war höchst einfach und dürftig. Er war unsauber, zerlumpt, wettergebräunt und sah überhaupt wie ein schwer arbeitende[r?] Mensch aus. Man konnte ihn viel eher für einen armen Hausierer als für einen Künstler halten. Nur in seinen feuchten, glänzenden Augen und seltsam gefalteten Lippen lag etwas Originelles und Rührendes. Sein Alter konnte man auf dreißig bis vierzig Jahre schätzen; in Wirklichkeit war er achtunddreißig Jahre alt. Er berichtete mir gutmütig und bereitwillig, offenbar auch aufrichtig, folgendes von seinem Leben: Er stammte aus dem Aargau und hatte noch in früher Kindheit Vater und Mutter verloren; andere Verwandte hatte er nicht. Ein Vermögen hatte er nie besessen. Er war anfangs bei einem Schreiner in der Lehre gewesen, aber vor zweiundzwanzig Jahren hatte er den Knochenfraß in der Hand bekommen, was die Ausübung des Schreinerhandwerks unmöglich machte. Von Kind auf hatte er Neigung zum Gesang gehabt, und nun begann er zu singen. Die Fremden gaben ihm zuweilen ein paar Rappen. Er machte sich einen Beruf daraus, kaufte sich eine Gitarre, und so wandert er seit achtzehn Jahren durch die Schweiz und Italien und singt vor den Hotels. Sein ganzes Gepäck besteht aus der Gitarre und einem Beutel; in diesem hat er augenblicklich nur anderthalb Franken, die er heute noch für sein Nachtquartier und Abendessen ausgeben wird. Alljährlich, also bereits zum achtzehnten Male, durchwandert er alle besseren und von den Fremden bevorzugten Orte der Schweiz: Zürich, Luzern, Interlaken, Chamonix usw.; er geht über den St. Bernhard nach Italien und kehrt über den St. Gotthard und durch Savoyen zurück. In der letzten Zeit fällt ihm das Herumziehen schwer, denn der Schmerz in den Beinen, der von einer Erkältung herrührt und den er Gliedersucht nennt, wird von Jahr zu Jahr unerträglicher; auch seine Augen und seine Stimme werden schwächer. Trotzdem begibt er sich jetzt nach Interlaken, Aix-les-Bains und über den Kleinen St. Bernhard nach Italien, das er ganz besonders liebt; im allgemeinen scheint er mit seinem Leben recht zufrieden zu sein. Als ich ihn fragte, warum er immer in seine Heimat zurückkehre, ob er dort Verwandte oder ein eigenes Stück Land und ein Haus habe, faltete sich sein winziges Mündchen zu einem schelmischen Lächeln, und er sagte: » Oui, le sucre est bon, il est doux pour les enfants! « und dabei blinzelte er den Lakaien zu. Ich verstand nicht, was er damit sagen wollte, doch in der Gruppe der Lakaien begann man zu lachen. »Ich habe ja nichts; würde ich denn sonst so umherziehen?« suchte er es mir zu erklären. »Ich gehe alljährlich nach Hause, weil es jeden Menschen doch immer nach der Heimat zieht.« Und er wiederholte noch einmal mit schlauer und selbstzufriedener Miene den Satz: » Oui, le sucre est bon «, und begann gutmütig zu lachen. Die Lakaien waren sehr belustigt und lachten; nur die bucklige Magd blickte mit ihren großen gutmütigen Augen ernst auf den Sänger und hob ihm die Mütze auf, die er während des Gesprächs fallen lassen hatte. Ich habe bemerkt, daß die fahrenden Sänger, Akrobaten und sogar Schwarzkünstler sich gern Künstler nennen, und darum ließ ich einige Male im Gespräch mit dem Sänger die Bemerkung fallen, daß er eigentlich ein Künstler sei. Er wollte aber diesen Ehrentitel auf sich gar nicht beziehen, denn er betrachtete seine Tätigkeit einfach als ein Erwerbsmittel. Als ich ihn fragte, ob er selbst der Verfasser der Lieder sei, die er singe, wunderte er sich über die sonderbare Frage und antwortete, daß er nicht das Zeug dazu habe und daß es lauter alte Tiroler Lieder seien. »Wie ist es denn mit dem Rigi-Lied? Das kann doch unmöglich alt sein«, sagte ich. »Das Rigi-Lied ist vor etwa fünfzehn Jahren verfaßt worden. In Basel lebte ein Deutscher, ein sehr kluger Mann, und er hat das Lied gemacht. Es ist ein ausgezeichnetes Lied! Er hat es, müssen Sie wissen, für die Fremden verfaßt.« Und er begann mir den Text des Liedes, das mir so gut gefallen hatte, ins Französische zu übersetzen. »Willst du auf den Rigi steigen. So brauchst du bis Weggis keine Schuhe (Denn man fährt mit dem Dampfschiff); Von Weggis nimm dir einen großen Stock, Nimm dir auch ein Gläschen, Nimm dir auch ein Mädchen untern Arm, Trinke noch ein Gläschen Wein, Sollst aber nicht zuviel trinken. Denn wenn du Wein trinken willst. Mußt du ihn dir zuvor verdienen... Oh, es ist ein ausgezeichnetes Lied!« schloß er. Auch die Lakaien fanden wohl das Lied sehr schön, denn sie kamen alle näher heran. »Und wer hat die Musik gemacht?« fragte ich. »Niemand! Wissen Sie, um vor den Fremden zu singen, braucht man immer etwas Neues.« Als man uns Eis brachte und ich meinem Gast ein Glas Champagner einschenkte, wurde er auf einmal verlegen und begann, auf die Lakaien schielend, unruhig auf seiner Bank hin und her zu rücken. Wir stießen auf das Wohl der Künstler an; er trank ein halbes Glas und hielt es für notwendig, nachdenklich zu werden und tiefsinnig die Augenbrauen zu heben. »Schon lange habe ich keinen so guten Wein getrunken, je ne vous dis que ça . Der Asti in Italien ist ja auch sehr gut, doch dieser ist noch viel besser. Ach ja, Italien! Schön ist es dort!« fügte er hinzu. »Ja, dort versteht man die Musik und die Künstler zu schätzen«, sagte ich mit der Absicht, das Gespräch auf seinen Mißerfolg vor dem Schweizerhof zu bringen. »Nein,« erwiderte er, »dort kann ich mit meiner Musik niemand erfreuen. Die Italiener sind ja selbst Musiker, wie es keine ähnlichen in der Welt gibt; meine Spezialität sind aber die Tiroler Lieder, und die sind auch in Italien etwas Neues.« »Sind dort die Herrschaften freigebiger?« fuhr ich fort, denn ich wollte ihn zwingen, meinen Groll gegen die Bewohner des Schweizerhofs zu teilen. »Dort kann es wohl nie vorkommen, daß unter hundert reichen Leuten, die in einem teuren Hotel wohnen, sich niemand findet, der einem Künstler, dem sie alle gelauscht haben, etwas gibt?« Meine Frage wirkte ganz anders, als ich es erwartet hatte. Es fiel ihm gar nicht ein, sich gegen die Leute zu empören; im Gegenteil: in meiner Bemerkung sah er nur einen Vorwurf gegen seine Begabung, die es nicht vermocht hatte, die Leute zu einer Belohnung hinzureißen; und er begann sich vor mir zu rechtfertigen. »Nicht immer bekommt man viel«, sagte er. »Zuweilen,wenn man müde ist, hat man gar keine Stimme; so war ich auch heute neun Stunden unterwegs und habe fast den ganzen Tag gesungen; das ist wirklich nicht leicht! Und die vornehmen Herren haben manchmal auch gar keine Lust, Tiroler Lieder zu hören.« »Aber trotzdem, wie kann man einem nichts geben?« wiederholte ich. Er verstand meine Frage nicht. »Ich meine nicht das«, sagte er. »Die Hauptsache ist, on est très serré pour la police , das meine ich. Nach den hiesigen republikanischen Gesetzen ist es uns verboten zu singen; in Italien dürfen wir aber singen, soviel wir wollen, niemand wird auch nur ein Wort sagen. Hier können sie es einem erlauben und verbieten; und wenn sie wollen, können sie einen auch ins Gefängnis sperren.« »Ist es denn möglich?« »Gewiß. Wenn man Sie einmal gewarnt hat und Sie trotzdem fortfahren zu singen, darf man Sie ins Gefängnis sperren. Ich hab schon einmal drei Monate gesessen«, sagte er lächelnd, als ob es eine seiner angenehmsten Erinnerungen wäre. »Das ist ja schrecklich!« sagte ich. »Wofür denn?« »Das ist hier so nach den neuen republikanischen Gesetzen«, fuhr er fort, immer mehr in Schwung kommend. »Sie wollen es gar nicht begreifen, daß auch der arme Mann irgendwie leben muß. Wenn ich kein Krüppel wäre, so würde ich gewiß arbeiten. So aber muß ich singen; schade ich denn jemand damit? Was soll das heißen? Der Reiche darf leben, wie er will; doch ein pauvre tiaple , wie ich, soll gar nicht mehr leben dürfen? Was sind denn das für republikanische Gesetze? Wenn so, will ich nichts von der Republik wissen. Ich habe doch recht, Herr? Wir wollen keine Republik, wir wollen ... wir wollen einfach ... wir wollen ...« Er wurde etwas verlegen. »Wir wollen natürliche Gesetze.« Ich schenkte ihm sein Glas voll. »Sie trinken ja gar nicht«, sagte ich zu ihm. Er ergriff das Glas und verneigte sich gegen mich. »Ich weiß, was Sie wollen«, sagte er, ein Auge zusammenkneifend und mit dem Finger drohend. »Sie wollen mich betrunken machen und dann sehen, was ich anfangen werde; es wird Ihnen aber nicht gelingen.« »Warum sollte ich Sie betrunken machen wollen?« sagte ich; »ich will Ihnen nur ein Vergnügen bereiten.« Es tat ihm offenbar leid, daß er mich eben beleidigt hatte, indem er meine Absichten falsch deutete; er wurde verlegen, richtete sich halb auf und ergriff mich am Ellbogen. »Nein, nein,« sagte er, mich flehend mit seinen glänzenden Augen anblickend, »ich habe nur gescherzt!« Dann ließ er einen furchtbar komplizierten und verworrenen Satz los, den ich nicht verstehen konnte, der aber wohl besagen sollte, daß ich im Grunde doch ein guter Kerl sei. » Je ne vous diz que ça! « schloß er. In dieser Weise fuhr ich fort, mit dem Sänger zu trinken und zu plaudern; und die Lakaien fuhren fort, uns ungeniert zu beobachten und sich, wie es mir vorkam, über uns lustig zu machen. Obwohl mich die Unterhaltung mit dem Sänger sehr interessierte, konnte ich doch für keinen Augenblick die Anwesenheit der Lakaien vergessen, und ich muß gestehen, daß ich mich darüber immer mehr ärgerte. Einer der Lakaien stand auf, kam näher und begann lächelnd von oben herab den Scheitel des kleinen Sängers zu fixieren. In mir war schon ohnehin ein großer Vorrat von Haß gegen die Bewohner des Schweizerhofs aufgespeichert, und nun stachelte mich diese Lakaiengesellschaft noch mehr auf. Der Portier kam, ohne die Mütze abzunehmen, ins Zimmer, setzte sich neben mich und stemmte die Ellbogen auf den Tisch. Dieser letztere Umstand reizte im höchsten Maße meinen Stolz und meinen Ehrgeiz und brachte den Zorn, der sich in mir während des Abends angesammelt hatte, zum Ausbruch. Warum grüßt mich der Portier so demütig vor der Einfahrt, wenn ich allein bin, und setzt sich jetzt so ungezwungen an meine Seite, da ich mit dem fahrenden Sänger sitze? Ich brannte vor heißem Zorn der Entrüstung, den ich bei mir so gern sehe und den ich zuweilen sogar anfache, weil er beruhigend auf mich wirkt und mir, wenn auch für kurze Zeit, eine ungewöhnliche Elastizität, Energie und Kraft aller meiner physischen und moralischen Fähigkeiten verleiht. Ich sprang auf. »Worüber lachen Sie?« schrie ich den Lakaien an, und ich fühlte mein Gesicht erblassen und meine Lippen wie im Krämpfe zucken. »Ich lache ja gar nicht«, antwortete der Lakai, vor mir zurückweichend. »Nein, Sie lachen über diesen Herrn! Wie unterstehen Sie sich überhaupt, hier zu sitzen, wenn Gäste im Lokal sind? Sofort aufstehen!« herrschte ich ihn an. Der Portier brummte etwas in den Bart, stand auf und ging zur Tür. »Wie unterstehen Sie sich, über diesen Herrn zu lachen und neben ihm zu sitzen, wo er der Gast ist und Sie der Lakai sind? Warum haben Sie heute bei der Table d'hote nicht über mich gelacht und sich nicht neben mich gesetzt? Weil er schlecht gekleidet ist und auf der Straße singt, nicht wahr? und weil ich gut gekleidet bin! Er ist zwar arm, doch tausendmal besser als Sie, davon bin ich überzeugt, denn er beleidigt niemand, und Sie beleidigen ihn.« »Ich habe ihm ja gar nichts getan, was fällt Ihnen ein!« erwiderte schüchtern mein Feind, der Lakai. »Hindere ich ihn denn, hier zu sitzen?« Der Lakai verstand mich nicht, und mein schönstes Deutsch machte auf ihn nicht den geringsten Eindruck. Der grobe Portier versuchte den Lakaien in Schutz zu nehmen, doch ich fiel mit solcher Wut über ihn her, daß auch der Portier sich so stellte, als ob er mich nicht verstünde, und nur mit der Hand abwinkte. Aber die bucklige Magd – ich weiß nicht, ob sie meine Ansicht teilte oder nur meinen gereizten Zustand bemerkt hatte und einen Skandal befürchtete – nahm für mich Partei und versuchte, sich zwischen mich und den Portier zu drängen; sie redete ihm zu, er möchte doch schweigen, weil ich recht hätte, und bat mich, mich zu beruhigen. »Der Herr hat recht! Sie haben recht!« sagte sie in einem fort. Der Sänger machte ein unglückliches, erschrecktes Gesicht, begriff anscheinend nicht, warum ich so wütete und was ich wollte, und bat mich, möglichst gleich von hier fortzugehen. Doch der Haß und die Beredsamkeit loderten in mir immer stärker. Alles kam mir wieder in den Sinn: die Menge, die über ihn gelacht hatte, die Zuhörer, die ihm nichts gegeben hatten, und ich wollte mich um nichts in der Welt beruhigen. Ich glaube sogar, wenn die Kellner und der Portier nicht so nachgiebig gewesen wären, so hätte ich mit Hochgenuß mit ihnen zu raufen begonnen oder irgendein wehrloses englisches Fräulein mit meinem Stock über den Kopf geschlagen. Wäre ich in diesem Augenblick in Sewastopol gewesen, so hätte ich mich voll Ingrimm mit Säbel und Bajonett gegen die englischen Laufgräben gestürzt. »Und warum haben Sie mich und den Herrn in diesen und nicht in jenen Saal geführt? « fragte ich den Portier, indem ich ihn bei der Hand festhielt, damit er mir nicht entrinne. »Was für ein Recht hatten Sie, nach dem Äußeren des Herrn zu schließen, daß er in diesem und nicht in jenem Saal sitzen muß? Sind nicht im Hotel alle Leute, die ihre Zeche bezahlen, gleich? Und zwar nicht nur in einer Republik, sondern in der ganzen Welt? Eure lausige Republik! ... So sieht eure Gleichheit aus! Sie würden sich ja nie unterstehen, einen Engländer in dieses Zimmer zu führen, einen von jenen, die diesem Herrn umsonst zugehört haben, das heißt ihm jeder einige Centimes gestohlen haben, die sie ihm hätten geben müssen. Wie haben Sie sich unterstehen können, uns diesen Saal anzuweisen?« »Der andere Saal ist jetzt geschlossen«, antwortete der Portier. »Nein,« fuhr ich ihn an, »es ist nicht wahr, der Saal ist gar nicht geschlossen.« »Dann wissen Sie es besser.« »Ich weiß nur, daß Sie lügen.« Der Portier wandte sich halb weg. »Was ist da noch viel zu reden!« brummte er. »Nein, nicht reden will ich,« schrie ich wieder, »ich will, daß Sie mich sofort in den andern Saal führen!« Trotz dem Zureden der Buckligen und allen Bitten des Sängers, lieber nach Hause zu gehen, ließ ich den Oberkellner kommen und begab mich mit meinem Gast in den andern Saal. Als der Oberkellner meine zornige Stimme hörte und mein erregtes Gesicht sah, wagte er mir nicht zu widersprechen und sagte mit verächtlicher Höflichkeit, ich möchte gehen, wohin es mir beliebt. Ich konnte dem Portier seine Lüge nicht beweisen, denn er hatte sich zurückgezogen, noch ehe ich den andern Saal betrat. Der Saal war tatsächlich offen und erleuchtet, und an einem der Tische saß ein englisches Paar beim Abendessen. Obwohl man uns einen besonderen Tisch angewiesen hatte, setzte ich mich mit dem schmierigen Sänger an den Tisch der Engländer und befahl, uns die noch nicht ganz geleerte Flasche herzubringen. Die Engländer blickten den kleinen Sänger, der mehr tot als lebendig neben mir saß, erst verwundert und dann gehässig an; dann tuschelten sie miteinander, die Dame stieß ihren Teller zurück, rauschte mit ihrem Seidenkleid, und beide verließen den Saal. Durch die Glastür konnte ich sehen, wie der Engländer, aufs höchste erbost, auf den Kellner einsprach, fortwährend mit der Hand auf uns zeigend. Der Kellner steckte den Kopf durch die Tür und blickte in den Saal. Ich erwartete mit Wonne, daß man kommen würde, um uns hinauszuwerfen, und daß ich dann Gelegenheit haben würbe, meinen ganzen Zorn an ihnen auszulassen. Doch zum Glück ließ man uns, wie unangenehm es mir auch war, in Ruhe. Der Sänger, der vorhin nicht trinken wollte, trank jetzt eilig den ganzen Wein aus, der noch in der Flasche geblieben war, um so schnell wie möglich fortgehen zu dürfen. Doch er bedankte sich, wie es mir schien, aufrichtig für die Bewirtung. Seine feuchten Augen wurden noch feuchter und glänzender, und er drückte mir seinen Dank in einem höchst seltsamen und verworrenen Satze aus. Seine Worte, mit denen er beiläufig sagen wollte, daß, wenn alle Leute die Künstler ebenso verehren würden wie ich, er es viel besser haben würde, und daß er mir alles Glück wünsche, gefielen mir trotzdem sehr gut. Wir traten zusammen in den Flur hinaus. Da standen die Lakaien und mein Feind, der Portier, der sich über mich zu beschweren schien. Sie alle sahen auf mich wie auf einen Verrückten. Ich ließ den kleinen Sänger ganz nahe an allen diesen Leuten vorbeikommen, zog dann, mit aller Ehrfurcht und Hochachtung, die ich nur auszudrücken vermochte, den Hut und drückte ihm die Hand mit dem steifen Finger. Die Lakaien taten so, als ob sie mir nicht die geringste Beachtung schenkten. Nur einer von ihnen brach in ein hämisches Lachen aus. Als der Sänger unter vielen Verbeugungen Abschied genommen hatte und in der Dunkelheit verschwunden war, begab ich mich auf mein Zimmer: ich wollte alle diese Eindrücke und die dumme kindliche Wut, die mich so unerwartet überkommen hatte, im Schlafe vergessen. Da ich mich doch zu sehr erregt fühlte, um einzuschlafen, begab ich mich wieder auf die Straße, um so lange spazieren zu gehen, bis ich mich beruhigt haben würde; ich hatte dabei, offen gesagt, noch die unklare Hoffnung, noch einmal mit dem Portier, den Lakaien oder dem Engländer zusammenzustoßen und ihnen die ganze Grausamkeit und besonders die Ungerechtigkeit ihres Gebarens zu beweisen. Doch außer dem Portier, der sich von mir sofort wegwandte, begegnete ich niemand, und so begann ich ganz allein auf dem Kai auf und ab zu gehen. ›Das ist also das sonderbare Schicksal der Poesie!‹ sagte ich mir, als ich mich einigermaßen beruhigt hatte. ›Alle lieben sie, alle suchen sie, alle streben nach ihr im Leben, und doch will niemand ihre Macht anerkennen, sie als das höchste Gut dieser Welt würdigen. Niemand schätzt diejenigen, die dieses Gut den Menschen vermitteln, und niemand weiß ihnen Dank. Fragt doch einmal, wen ihr wollt, fragt alle Bewohner des Schweizerhofs, welches das höchste Gut in der Welt ist, und alle oder mindestens neunundneunzig von hundert werden euch mit einem sardonischen Lächeln sagen, daß das höchste Gut auf Erden das Geld sei. Man wird euch sagen: ›Vielleicht gefällt Ihnen dieser Gedanke nicht, vielleicht stimmt er mit Ihren erhabenen Idealen nicht überein; was soll man aber tun, wenn das Menschenleben schon einmal so eingerichtet ist, daß nur das Geld den Menschen glücklich machen kann? Wir können ja unseren Geist nicht hindern, die Welt so zu sehen, wie sie ist,‹ wird man noch hinzufügen, ›das heißt: die Wahrheit zu sehen.‹Wie armselig ist das Glück, das ihr euch wünscht; wie unglücklich seid ihr, die ihr nicht wißt, was euch not tut... . Warum habt ihr alle eure Heimat, eure Familien, eure Geldgeschäfte und Berufe verlassen und euch in diesem kleinen schweizerischen Städtchen Luzern zusammengedrängt? Warum seid ihr heute abend alle auf die Balkone hinausgeeilt und habt mit andächtigem Schweigen dem Gesang des kleinen Bettlers gelauscht? Wenn er noch mehr hätte singen wollen, so hättet ihr auch noch weiter geschwiegen und gelauscht. Sagt, hätte man euch für Geld, selbst für Millionen, veranlassen können, eure Heimat zu verlassen und in dieses Städtchen Luzern zusammenzuströmen? Hätte man euch für Geld zwingen können, auf die Balkone hinauszueilen und eine halbe Stunde lang schweigend und unbeweglich zu stehen? Doch nein! Denn das einzige, was euch zu all dem zwingt und was euch ewig stärker als alle andern Triebfedern des Lebens bewegen wird, ist das Bedürfnis nach Poesie, dessen ihr euch zwar nicht bewußt seid, das ihr aber empfindet und ewig empfinden werdet, solange an euch noch irgend etwas Menschliches ist. Das Wort Poesie erscheint euch lächerlich, ihr gebraucht es nur als einen spöttischen Vorwurf, ihr laßt euch die Liebe zur Poesie höchstens noch bei Kindern und naiven jungen Mädchen gefallen, und auch diese lacht ihr aus; denn ihr braucht das Positive. Doch die Kinder haben ein gesundes Verhältnis zum Leben; sie lieben und wissen, was der Mensch lieben muß und was ihm Glück verleiht; euch hat aber das Leben so verwirrt und verdorben, daß ihr das, was ihr einzig und allein liebt, verlacht, und das, was ihr haßt und was euch unglücklich macht, sucht. Ihr habt euch so verirrt, daß ihr euch gar nicht eurer Pflicht gegen den armen Tiroler, der euch einen ungetrübten Genuß verschafft hat, bewußt seid und es zugleich für eure Pflicht haltet, euch umsonst, ohne Nutzen und Freude, vor irgendeinem Lord zu beugen und ihm ohne jeden Grund eure Ruhe und Bequemlichkeit zu opfern. Welch ein Unsinn, welch ein unlösbarer Widerspruch! Doch nicht das allein ist es, was mich heute abend so sehr in Erstaunen versetzt und erschüttert hat. Denn die Unkenntnis dessen, was Glück verschafft, die Unbewußtheit der poetischen Genüsse kann ich noch beinahe begreifen: ich bin ihnen so oft im Leben begegnet, daß ich mich an sie gewöhnt habe. Auch die unbewußte Roheit und Grausamkeit der Menge war mir nichts Neues; was auch die Verteidiger des gesunden Sinnes des Volkes sagen mögen, die Menge ist doch nur eine Vereinigung von Menschen, die einzeln vielleicht recht gut sind, die sich aber in ihrer Gesamtheit nur mit ihren schlechtesten und häßlichsten Eigenschaften und Trieben berühren; eine Vereinigung, die nur die Schwäche und Grausamkeit der menschlichen Natur ausdrückt. Doch wie habt ihr, Kinder eines freien und humanen Volkes, ihr, Christen, ihr, einfach Menschen – auf den reinen Genuß, den euch dieser unglückliche, um eine Gabe stehende Mensch verschafft hat, mit Kälte und Hohn antworten können? Ihr werdet sagen, daß es in eurem Lande Armenasyle gibt. – Es gibt einfach keine Bettler, es darf keine geben, es darf auch kein Mitleid geben, das die Grundlage des Bettelns ist. – Er hat aber gearbeitet, er hat euch erfreut, er hat euch angefleht, ihm etwas von eurem Überfluß für seine Arbeit, die euch zugute kam, zu geben. Und ihr habt ihn mit kühlem Lächeln von euren prunkvollen hohen Sälen herab wie eine Rarität angesehen, und unter den hundert Glücklichen und Reichen hat sich nicht ein einziger Mann, nicht eine einzige Frau gefunden, die ihm etwas zugeworfen hätten! Beschämt ging er von bannen, und die törichte Menge verlachte, verfolgte und beleidigte nicht euch, sondern ihn, weil ihr kalt, grausam und ehrlos waret; weil ihr ihm den Genuß, den er euch verschafft, gestohlen habt; dafür hat die Menge ihn beleidigt. Am 7. Juli 1857 sang in Luzern vor dem Hotel Schweizerhof, in dem die reichen Leute absteigen, während einer halben Stunde ein armer fahrender Sänger seine Lieder zur Gitarre. Etwa hundert Menschen hörten ihm zu. Der Sänger bat sie dreimal um eine Gabe. Kein Mensch gab ihm etwas, und viele lachten über ihn. ‹ Dies ist keine Erfindung, sondern eine positive Tatsache, die jeder, dem es beliebt, nachprüfen kann: man braucht nur die Stammgäste des Hotels Schweizerhof zu befragen; aus den Zeitungen kann man leicht feststellen, wer die Ausländer waren, die am 7. Juli 1857 im Hotel Schweizerhof gewohnt haben. Hier ist ein Ereignis, das die Geschichtschreiber unserer Zeit mit unauslöschlichen Flammenbuchstaben in ihre Chronik eintragen müssen. Dieses Ereignis ist viel bedeutsamer, ernsthafter und hat einen tieferen Sinn als alle die Tatsachen, von denen die Geschichtsbücher und die Zeitungen berichten. Daß die Engländer weitere tausend Chinesen getötet haben, weil die Chinesen nichts gegen bar kaufen, während ihr Land die klingende Münze verschlingt; daß die Franzosen weitere tausend Kabylen getötet haben, weil in Afrika das Getreide gut gedeiht und weil ein permanenter Krieg für die Ausbildung des Heeres sehr nützlich ist; daß ein Jude den Posten eines türkischen Botschafters in Neapel nicht bekleiden darf; daß Kaiser Napoleon in Plombières zu Fuß spazieren geht und durch die Presse das Volk zu überzeugen sucht, er habe den Thron nur nach dem Willen des Volkes bestiegen: – alle diese Worte verkündigen oder verschleiern lauter längst bekannte Sachen. Doch das Ereignis, das sich in Luzern am 7. Juli abgespielt hat, erscheint mir durchaus neu und höchst seltsam; es gehört nicht zu den ewig schlechten Seiten des Menschengeschlechts, sondern zu einer bestimmten Etappe in der Entwicklungsgeschichte der Gesellschaft. Diese Tatsache gehört nicht in die Geschichte der menschlichen Taten, sondern in die des Fortschritts und der Zivilisation. Warum ist diese unmenschliche Tatsache, die in keinem deutschen, französischen oder italienischen Dorfe möglich wäre, hier, wo Zivilisation, Freiheit und Gleichheit ihre höchste Blüte erreicht haben, wo sich die zivilisiertesten Vertreter der zivilisiertesten Völker treffen, möglich? Warum fehlt allen diesen hochentwickelten humanen Menschen, die in ihrer Gesamtheit zu jedem ehrenvollen humanen Werk fähig sind, das gewöhnliche menschliche Gefühl für ein persönliches gutes Werk? Warum finden alle diese Menschen, die in ihren Parlamenten, Meetings und Vereinen mit solchem Eifer für die Lage der ehelosen Chinesen in Indien, für die Verbreitung des Christentums und der Zivilisation in Afrika und für die Gründung von Vereinen zur Besserung der gesamten Menschheit sorgen, in ihren Herzen nicht die einfachen, ursprünglichen Gefühle des Menschen für den Menschen? Ist denn dieses Gefühl gänzlich ausgestorben, und ist an seine Stelle der Ehrgeiz und der Eigennutz getreten, von denen sich diese Leute in ihren Parlamenten, Meetings und Vereinen leiten lassen? Widerspricht denn die Verbreitung des Prinzips eines vernünftigen und egoistischen Zusammenwirkens von Menschen, das man Zivilisation nennt, dem Bedürfnis eines instinktiven und selbstlosen Zusammenwirkens? Ist dies wirklich jene Gleichheit, für die so viel unschuldiges Blut vergossen wurde, für die so viele Verbrechen begangen wurden? Können sich denn die Völker wie die kleinen Kinder am bloßen Klang des Wortes ›Gleichheit‹ berauschen? Die Gleichheit vor dem Gesetz? Wickelt sich denn das ganze Leben des Menschen im Bereich der Gesetze ab? Nur ein Tausendstel des Lebens unterliegt dem Gesetz; der Rest liegt außerhalb des Gesetzes, im Bereich der gesellschaftlichen Sitten und der Anschauungen. Und in der Gesellschaft ist der Lakai besser gekleidet als der Sänger und darf ihn daher ungestraft beleidigen. Ich bin wiederum besser gekleidet als der Lakai und beleidige ungestraft den Lakaien. Der Portier schätzt mich höher und den Sänger niedriger ein als sich; als ich mich zum Sänger gesellte, hielt der Portier sich für unsersgleichen und wurde grob. Ich wurde frech gegen den Portier, und der Portier betrachtete mich wieder als höher stehend. Der Lakai wurde frech gegen den Sänger, und der Sänger hielt sich für niedriger stehend. Ist das ein freier Staat, ein Staat, den die Menschen für einen absolut freien halten, wo es auch nur einen Bürger gibt, den man ins Gefängnis sperren darf, weil er, ohne jemand zu schaden, die einzige Arbeit verrichtet, die er überhaupt kann, um nicht vor Hunger zu sterben? Welch ein unglückliches, elendes Geschöpf ist doch der Mensch, der mit seinem Bedürfnis nach positiven Lösungen in diesen ewig wogenden, uferlosen Ozean von Gut und Böse, von Tatsachen, Erwägungen und Widersprüchen hineingeworfen ist! Die Menschen mühen sich seit Jahrhunderten ab, um Gut und Böse voneinander zu scheiden. Die Jahrhunderte kommen und gehen, und was auch ein vorurteilsloser Geist auf die Waage von Gut und Böse werfen mag, die Waagschalen schwanken nie, und auf jeder Seite bleibt ebensoviel Gutes wie Böses. Wenn der Mensch nur endlich gelernt hätte, nicht so scharf und entscheidend zu urteilen und zu denken und nicht immer Antworten auf Fragen zu geben, die ihm nur darum gegeben sind, damit sie ewig Fragen bleiben! Wollte er doch begreifen, daß jeder Gedanke zugleich falsch und richtig ist! Er ist falsch, weil der Mensch einseitig ist und unmöglich die ganze Wahrheit in ihrer Gesamtheit erfassen kann; er ist richtig, weil durch ihn immer eine Seite des menschlichen Strebens ausgedrückt wird. Die Menschen haben sich in diesem ewig wogenden, uferlosen, unendlich durcheinander gemischten Chaos von Gut und Böse Fächer geschaffen, haben in diesem Meer imaginäre Grenzlinien gezogen, und sie erwarten, daß das Meer sich nach diesen Linien teile. Als ob es nicht Millionen anderer Einteilungen von ganz andern Gesichtspunkten aus und in andern Ebenen gäbe! Allerdings werden solche neuen Einteilungen im Laufe von Jahrhunderten ausgearbeitet; es sind aber schon Millionen von Jahrhunderten vergangen, und Millionen werden noch vergehen. Die Zivilisation ist das Gute, die Barbarei das Böse; die Freiheit ist das Gute, die Unfreiheit das Böse. Dieses imaginäre Wissen vernichtet in der menschlichen Natur das instinktive, selige, ursprüngliche Streben nach dem Guten. Wer kann definieren, was Freiheit, was Despotismus, was Zivilisation und was Barbarei ist? Wo sind die Grenzen zwischen diesen Begriffen? Wer hat in seiner Seele einen so unfehlbaren Maßstab für Gut und Böse, daß er mit ihm alle die flüchtigen und verworrenen Tatsachen zu messen vermöchte? Wessen Verstand ist so groß, daß er auch nur die Tatsachen der starren Vergangenheit umfassen und wägen könnte? Und wer hat schon je einen Zustand gesehen, wo Gut und Böse nicht miteinander vermengt wären? Und wenn ich mehr von dem einen als von dem andern sehe, woher weiß ich denn, daß ich die Dinge vom richtigen Gesichtspunkte aus betrachte? Wer ist imstande, sich im Geiste, wenn auch nur für einen ganz kurzen Augenblick, so vollkommen vom Leben loszulösen, daß er es ganz objektiv von oben herab betrachten könnte? Wir haben nur einen unfehlbaren Führer: den Weltgeist, der uns alle und jeden einzelnen wie eine Einheit durchdringt, der einem jeden das Streben nach dem, was notwendig ist, eingegeben hat. Es ist der gleiche Geist, der dem Baume befiehlt, der Sonne entgegenzuwachsen, der der Blume befiehlt, im Herbste ihre Samen auszustreuen, und der uns befiehlt, uns unwillkürlich aneinanderzuschmiegen. Diese einzige unfehlbare, himmlische Stimme übertönt die lärmende und hastige Entwicklung der Zivilisation. Wer ist mehr Mensch und wer mehr Barbar: jener Lord, der beim Anblick der schäbigen Kleidung des Sängers wütend vom Tische fortlief, der ihm für seine Mühe auch nicht den millionsten Teil seines Vermögens gab und der jetzt in seinem bequemen, hell erleuchteten Zimmer ruhig über die Ereignisse in China spricht und die dort geschehenden Mordtaten gutheißt – oder der kleine Sänger, der, in ständiger Gefahr, ins Gefängnis gesperrt zu werden, mit einem Franken in der Tasche seit zwanzig Jahren, ohne jemand zu schaden, Berge und Täler durchwandert, mit seinem Gesänge Menschen erfreut, den man heute beleidigt und beinahe hinausgeworfen hat und der nun müde, hungrig und beschämt irgendeiner Herberge mit faulendem Strohlager zustrebt? In diesem Augenblick vernahm ich von der Stadt her durch die Totenstille der Nacht aus weiter Ferne die Gitarre des kleinen Sängers und seine Stimme. ›Nein,‹ sagte ich mir unwillkürlich, ›du hast nicht das Recht, ihn zu bemitleiden und den Lord wegen seines Wohlstandes anzuklagen. Wer hat das innere Glück abgewogen, das in der Seele eines jeden dieser Menschen ruht? Der Sänger sitzt jetzt wohl irgendwo auf einer schmutzigen Schwelle, blickt zum strahlenden Himmel empor und singt freudig in die stille, duftende Mondnacht hinaus; sein Herz kennt keine Anklage, keinen Groll, keine Reue. Und wer weiß, was jetzt in der Seele jener Menschen, die hinter den hohen, reichen Mauern wohnen, vorgeht! Wer weiß, ob in ihnen allen so viel sorglose, milde Lebensfreude und Lebensbejahung ist wie in der Seele des kleinen Männleins! Unendlich ist die Güte und die Weisheit dessen, der alle diese Widersprüche gestattet und befohlen hat. Nur dir, du elender Wurm, der du frech und verwegen seine Gesetze und seine Ratschläge zu durchdringen suchst, nur dir erscheinen sie als Widersprüche. Er schaut mild von seiner strahlenden unermeßlichen Höhe herab und freut sich der unendlichen Harmonie, in der ihr euch alle in ewigem Widerspruch bewegt. In deinem Stolze wolltest du dich von den Gesetzen der Allgemeinheit losreißen. Nein, auch du mit deinem kleinlichen, lächerlichen Zorn gegen die Lakaien, auch du hast im Einklang mit den Harmoniegesetzen des Ewigen und Unendlichen gehandelt! ...‹ Polikei Übertragen von Hermann Röhl 1 Wie Sie befehlen, gnädigeFrau! Nur schade um die Dutlows. Sie sind sämtlich prächtige Burschen, einer wie der andere; aber wenn wir nicht wenigstens einen vom Gutsgesinde hingeben, so wird einer von den Dutlows dran glauben müssen«, sagte der Verwalter. »Es deuten so schon alle Leute im Dorfe auf sie hin. Indessen, ganz wie Sie belieben.« Er legte die rechte Hand auf die linke, hielt beide Hände vor den Bauch, bog den Kopf auf die Seite, zog, beinah schmatzend, die schmalen Lippen ein, verdrehte die Augen und verstummte nun mit der offenbaren Absicht, lange zu schweigen und ohne Erwiderung all den Unsinn anzuhören, den ihm die gnädige Frau darauf entgegnen würde. Der Redende war ein aus dem Gutsgesinde hervorgegangener Verwalter mit glattrasiertem Gesicht, in einem langen Rocke von der besonderen Fasson, wie die Verwalter sie zu tragen pflegen, und er stand an einem Herbstabend vor seiner Gutsherrin und erstattete ihr Bericht. Der Bericht bestand nach der Auffassung der gnädigen Frau darin, daß sie Meldungen über das in der Wirtschaft bereits Vorgenommene entgegennahm und Anordnungen für die Zukunft traf. Aber nach der Auffassung des Verwalters Jegor Michailowitsch war der Bericht eine Zeremonie, die darin bestand, gleichmäßig auf beiden nach außen gekehrten Füßen in einer Ecke zu stehen, das Gesicht nach dem Sofa hinzuwenden, allerlei unverständiges Geschwätz anzuhören und die gnädige Frau durch verschiedene Mittel dahin zu bringen, daß sie zu all seinen Vorschlägen schnell und ungeduldig »Gut, gut!« sagte. Diesmal handelte es sich um die Rekrutierung. Das Dorf Pokrowskoje hatte drei Mann zu stellen. Zwei von ihnen waren durch das Zusammentreffen der Familienverhältnisse sowie der sittlichen und wirtschaftlichen Umstände in zweifelloser Weise vom Schicksal selbst dazu bestimmt. In bezug auf diese beiden war kein Schwanken und kein Streit denkbar, weder von seiten der Gemeinde, noch von seiten der Gutsherrin, noch von seiten der öffentlichen Meinung. Der dritte jedoch war strittig. Der Verwalter wollte von den drei Dutlows absehen und als Rekruten einen von den Gutsleuten, Polikei, einen verheirateten Mann, stellen, der in sehr schlechtem Rufe stand und schon mehrmals beim Diebstahl von Säcken, Zaumzeug und Heu betroffen worden war; aber die gnädige Frau, die Polikeis zerlumpte Kinder oft liebkoste und seine Moral durch christliche Ermahnungen zu bessern suchte, wollte ihn nicht hergeben. Gleichzeitig aber wünschte sie auch den Dutlows, die sie nicht kannte und nie gesehen hatte, nichts Übles. Merkwürdigerweise vermochte sie schlechterdings nicht zu begreifen (und der Verwalter konnte sich nicht dazu entschließen, ihr das geradeheraus zu sagen), daß, wenn Polikei nicht Soldat werde, dies notwendig einen Dutlow treffen müsse. »Aber ich will ja nicht das Unglück der Dutlows!« sagte sie gefühlvoll. – ›Wenn Sie das nicht wollen, so bezahlen Sie doch dreihundert Rubel für einen Stellvertreter!‹ das hätte die Antwort darauf sein müssen. Aber diese Antwort war durch die Klugheit ausgeschlossen. So blieb denn also Jegor Michailowitsch ruhig stehen, lehnte sich sogar unmerklich an den Türpfosten, ohne daß jedoch sein Gesicht den Ausdruck unterwürfiger Ergebenheit verloren hätte, und begann zu betrachten, wie sich die Lippen der gnädigen Frau bewegten und wie die Rüsche ihrer Haube, und gleichzeitig deren Schatten an der Wand unter dem Bilde, auf und ab hüpfte. Aber in den Sinn ihrer Worte einzudringen, das hielt er für völlig unnötig. Die gnädige Frau sprach lange und viel. Er bekam einen Gähnkrampf hinter den Ohren; aber er verwandelte dieses Zittern geschickt in einen Husten, indem er den Mund mit der Hand bedeckte und ein Räuspern fingierte. Vor kurzem habe ich gesehen, wie Lord Palmerston mit dem Hute auf dem Kopfe dasaß, während ein Mitglied der Opposition gegen das Ministerium losdonnerte, und wie dann der Lord auf einmal aufstand und in einer dreistündigen Rede auf alle Punkte seines Gegners antwortete; ich habe das ohne Verwunderung gesehen, weil ich Ähnliches schon unzählige Male in dem Verkehr zwischen Jegor Michailowitsch und seiner gnädigen Frau gesehen hatte. Ob er nun einzuschlafen fürchtete oder der Meinung war, daß sie doch gar zu sehr ins Reden hineinkomme, genug, er übertrug das Gewicht seines Oberkörpers vom linken Bein auf das rechte und begann mit der feststehenden Eingangsformel, deren er sich immer bediente: »Ganz wie Sie belieben, gnädige Frau... aber die Gemeindeversammlung steht jetzt bei mir vor dem Kontor, und wir müssen mit der Sache zum Ende kommen. In der Verfügung der Behörde heißt es, daß die Rekruten bis Mariä Fürbitte nach der Stadt gebracht werden müssen. Unter den Bauern weist die Gemeinde nur auf die Dutlows hin und sonst auf niemand. Aber die Gemeinde nimmt das Interesse der Gutsherrschaft nicht wahr; der ist es ganz egal, ob wir die Dutlows ruinieren. Ich weiß ja, wie diese Leute sich gequält haben. Die ganze Zeit über, seit ich Verwalter bin, haben sie ein ärmliches Leben geführt. Endlich ist nun ein Neffe des Alten herangewachsen, worauf der Alte mit Sehnsucht gewartet hatte: nun sollen wir sie wieder zugrunde richten. Ich aber, wie gnädige Frau wissen, sorge für Ihr Eigentum, als ob es das meinige wäre. Es ist jammerschade, gnädige Frau; aber wie es Ihnen belieben wird. Die Dutlows sind mit mir weder verwandt noch verschwägert, und Geld habe ich auch nicht von ihnen bekommen...« »Das habe ich auch nicht gedacht, Jegor«, unterbrach ihn die gnädige Frau, dachte aber im stillen sofort, daß er von den Dutlows bestochen sei. »...aber es ist das beste Hauswesen in ganz Pokrowskoje. Es sind gottesfürchtige, arbeitsame Bauern. Der Alte ist seit dreißig Jahren Kirchenältester, trinkt keinen Branntwein, gebraucht kein häßliches Schimpfwort, geht regelmäßig in die Kirche.« (Der Verwalter wußte schon, was auf die Gutsherrin einen günstigen Eindruck machte.) »Und was die Hauptsache ist, so erlaube ich mir darauf hinzuweisen, daß er nur zwei Söhne hat; das andere sind Neffen. Die Gemeinde ist der Ansicht, daß es ihm zukomme, einen Rekruten zu stellen; aber eigentlich brauchte er nur mit den Zweisöhnigen zu losen. Andere, die sogar drei Söhne hatten, haben aus Unverträglichkeit den Besitz unter sie geteilt und haben jetzt bei der Rekrutierung Vorteil davon; diese aber müssen für ihre Bravheit leiden.« Hier verstand nun die Gutsherrin gar nichts mehr: sie verstand nicht, was das bedeutete, mit den Zweisöhnigen losen und von was für einer Bravheit die Rede war; sie hörte nur Laute und betrachtete die Nankingknöpfe an dem Rocke des Verwalters: den obersten knöpfte er gewiß nur selten zu, daher saß er auch noch fest; aber der mittlere hatte sich schon ganz losgezogen und hing nur locker, so daß er schon längst hätte angenäht werden müssen. Aber wie jedermann weiß, braucht man bei einem Gespräch, und besonders bei einem geschäftlichen, gar nicht zu verstehen, was einem gesagt wird, sondern nur an das zu denken, was man selbst sagen will. So verfuhr auch die gnädige Frau. »Daß du mich gar nicht verstehen willst, Jegor Michailowitsch!« sagte sie. »Ich wünsche durchaus nicht, daß ein Dutlow Soldat werde. Ich meine, du kennst mich soweit, um zu wissen, daß ich alles tue, was in meiner Macht steht, um meinen Bauern zu helfen, und daß ich nicht ihr Unglück will. Du weißt, daß ich bereit bin, alles zum Opfer zu bringen, um dieser traurigen Notwendigkeit überhoben zu sein und weder einen Dutlow noch Chorjuschkin hingeben zu müssen.« (Ich weiß nicht, ob dem Verwalter der Gedanke durch den Kopf ging, daß, um dieser traurigen Notwendigkeit überhoben zu sein, es nicht erforderlich war, ,alles' zum Opfer zu bringen, sondern daß dazu dreihundert Rubel genügten; aber dieser Gedanke konnte ihm allerdings leicht kommen.) »Ich will dir nur das eine sagen, daß ich Polikei unter keinen Umständen hingebe. Als er nach der Geschichte mit der Uhr mir selbst ein Geständnis ablegte und weinte und schwur, daß er sich bessern werde, da habe ich lange mit ihm geredet und gesehen, daß er gerührt war und aufrichtig bereute.« (›Na, nun ist sie in ihr richtiges Fahrwasser gekommen!‹ dachte Jegor Michailowitsch und betrachtete das Gelee in dem vor ihr stehenden Glase Wasser, ob es wohl Apfelsinengelee oder Zitronengelee war. »Wahrscheinlich etwas Herbes', dachte er.) »Das ist nun schon sieben Monate her, und er ist nicht ein einziges Mal betrunken gewesen und führt sich vortrefflich. Seine Frau hat mir gesagt, er sei ein ganz anderer Mensch geworden. Wie kannst du da verlangen, baß ich ihn jetzt bestrafen soll, wo er sich gebessert hat? Und wäre es nicht unmenschlich, einen Menschen unter die Soldaten zu geben, der fünf Kinder hat, für die er allein sorgen muß? Nein, davon rede mir nur lieber gar nicht, Jegor...« Die gnädige Frau trank aus ihrem Glase. Jegor Michailowitsch verfolgte mit den Augen, wie das Wasser durch die Kehle lief, und sagte dann kurz und trocken: »Also befehlen Sie, daß ein Dutlow zum Rekruten bestimmt werdensoll?« Die gnädige Frau schlug die Hände zusammen. »Daß du mich gar nicht verstehen kannst! Will ich denn das Unglück eines der Dutlows, habe ich denn etwas gegen einen von ihnen? Gott ist mein Zeuge, daß ich bereit bin, alles für sie zu tun.« (Sie blickte nach dem Bilde in der Ecke, wurde sich aber bewußt, daß es nicht Gott darstellte. ›Nun, ganz egal; darauf kommt es nicht an‹, dachte sie. Es war wieder merkwürdig, daß sie nicht auf den Gedanken an die dreihundert Rubel kam.) »Aber was soll ich tun? Weiß ich etwa, was ich machen muß und wie ich es machen muß? Ich kann das unmöglich wissen. Nun, ich verlasse mich auf dich; du weißt, was ich will. Mach es so, daß alle zufrieden sind und es dem Gesetze entspricht! Was soll man machen? Sie sind nicht die einzigen auf der Welt, die ihren Kummer haben. Für jeden Menschen kommen schwere Augenblicke. Nur diesen Polikei kann ich nicht hingeben. Du mußt doch begreifen, daß das von mir grausam wäre.« Sie hätte, da sie so in Eifer gekommen war, noch länger geredet, aber da trat das Stubenmädchen ins Zimmer. »Was willst du, Dunjascha?« »Es ist ein Bauer gekommen und läßt Jegor Michailowitsch fragen, ob die Gemeindeversammlung noch länger warten soll«, sagte Dunjascha und warf dem Verwalter einen ärgerlichen Blick zu. (›Nein, dieser Verwalter!‹ dachte sie; ›er hat die gnädige Frau aufgeregt; nun wird sie mich wieder vor zwei Uhr nicht schlafen lassen!‹) »Nun, dann geh hin, Jegor,« sagte die Gutsherrin, »und mach alles recht gut!« »Zu Befehl.« (Von den Dutlows sagte er kein Wort mehr.) »Und wen befehlen Sie mir zum Gärtner zu schicken, um das Geld zu holen?« »Peter ist wohl noch nicht aus der Stadt zurückgekommen?« »Nein, gnädige Frau.« »Kann Nikolai nicht hinfahren?« »Mein Vater hat Kreuzschmerzen und liegt im Bett,« sagte Dunjascha. »Befehlen Sie nicht, daß ich selbst morgen hinfahre?« fragte der Verwalter. »Nein, du bist hier nötig, Jegor.« (Die gnädige Frau dachte nach.) »Wie groß ist denn die Summe?« »Sechzehnhundertsiebzehn Rubel.« »Schicke Polikei!« sagte die Gutsherrin und blickte dem Verwalter mit entschlossener Miene ins Gesicht. Jegor Michailowitsch zog, ohne die Zähne sichtbar werden zu lassen und ohne seinen Gesichtsausdruck zu ändern, die Lippen auseinander, als ob er lächeln wollte. »Zu Befehl.« » Schick ihn zu mir!« »Zu Befehl.« Und Jegor Michailowitsch ging zum Kontor. 2 Polikei, als ein unbedeutender, übel beleumundeter Mensch, der noch dazu aus einem anderen Dorfe stammte, genoß keinerlei Protektion, weder von seiten der Haushälterin, noch von seiten des Büfettdieners, noch von seiten des Verwalters oder des Stubenmädchens, und sein ›Winkel‹ war der schlechteste, obgleich er mit Frau und Kindern zu siebent darin hauste. Diese ›Winkel‹ waren noch von dem seligen Gutsherrn eingerichtet, und zwar folgendermaßen: in einem steinernen Häuschen von zehn Ellen im Quadrat stand in der Mitte ein russischer Ofen, um diesen herum ging ein ›Kolidor‹, wie ihn die Gutsleute nannten, und in jeder Ecke war durch Bretter ein ›Winkel‹ abgebuchtet. Raum war also nicht viel vorhanden, namentlich nicht in Polikeis Winkel, der dicht an der Tür lag. Das Ehebett und darin eine Steppdecke und Kopfkissen mit baumwollenen Bezügen, die Wiege mit dem kleinsten Kinde, ein dreibeiniges Tischchen, auf dem die Speisen zubereitet wurden, gewaschen wurde, allerlei Hausrat lag und an dem Polikei selbst arbeitete (er war Roßarzt), ferner ein paar Zuber, Kleidungsstücke, Hühner, ein Kalb und die sieben Menschen selbst füllten den ganzen Winkel aus und hätten sich nicht rühren können, wenn ihnen nicht noch ein Viertel des gemeinsamen Ofens zur Verfügung gestanden hätte, auf dem sowohl Sachen wie auch Menschen lagen, und wenn es nicht möglich gewesen wäre, auf die Freitreppe hinauszutreten. Letzteres war allerdings nicht immer möglich: im Oktober war es schon kalt, und an warmer Kleidung war für alle sieben nur ein einziger Schafpelz vorhanden; aber dafür konnten sich die Kinder durch Umherlaufen und die Erwachsenen durch Arbeit erwärmen; auch konnten die einen wie die andern auf den Ofen steigen, wo eine Wärme bis zu vierzig Grad war. Man könnte meinen, unter solchen Umständen zu leben sei schrecklich; aber all das machte ihnen nichts aus: sie konnten leben. Akulina wusch und nähte für die Kinder und den Mann, spann und webte und bleichte ihre Leinwand, kochte und buk in dem gemeinsamen Ofen und zankte sich und klatschte mit den Nachbarn. Ihr monatliches Deputat an Lebensmitteln reichte nicht nur für die Kinder, sondern auch die Kuh bekam davon ab. Holz hatten sie frei und Viehfutter ebenfalls. Auch ein bißchen Heu fiel aus dem herrschaftlichen Pferdestall ab. Ferner hatten sie einen Streifen Gemüseland. Die Kuh hatte gekalbt; sie hielten sich Hühner. Polikei war beim Pferdestall angestellt; er hatte die beiden Hengste zu besorgen und ließ den Pferden und dem Rindvieh zur Ader; auch reinigte er die Hufe, schnitt Gaumengeschwülste auf und rieb Salben eigener Komposition ein, was ihm etwas Geld und Viktualien einbrachte. Von dem herrschaftlichen Hafer blieb auch etwas übrig. Im Dorfe war ein Bauer, der regelmäßig allmonatlich für zwei Maß Hafer zwanzig Pfund Hammelfleisch gab. Sie hätten leben können, wenn sie nicht seeliches Leid gehabt hätten. An solchem aber fehlte es der Familie nicht. Polikei war in seiner Jugend in einem andern Dorfe bei einem Gestüt gewesen. Der Stallmeister, zu dem er gekommen, war der größte Spitzbube in der ganzen Umgegend; er wurde dann zur Ansiedlung nach Sibirien verschickt. Bei diesem Stallmeister ging Polikei in die Lehre und gewöhnte sich bei seiner Jugendlichkeit dermaßen an ›diese Kleinigkeiten‹, baß er später gern wieder davon gelassen hätte, es aber nicht konnte. Er war ein junger Mensch von schwachem Charakter und hatte weder Vater noch Mutter noch sonst jemand, der ihn Gutes gelehrt hätte. Polikei trank gern und konnte es nicht leiden, daß etwas irgendwo umherlag. Ob es nun ein Kumtriemen war oder ein Sattel ober ein Schloß oder ein Deichselnagel oder etwas Wertvolleres, alles fand bei Polikei Iljitsch seinen Platz. Überall fanden sich Leute, die solche Dinge annahmen und dafür, je nach Übereinkunft, mit Branntwein oder mit Geld bezahlten. Diese Art von Verdienst ist, wie das Volk sagt, die leichteste: weder Lehrzeit noch Arbeit ist dazu erforderlich, und wenn man das einmal kennen gelernt hat, hat man zu anderer Arbeit keine Lust mehr. Nur eines ist bei diesem Verdienste nicht gut: man erlangt zwar alles billig und ohne Mühe und kann angenehm leben; aber auf einmal wird einem von schlechten Menschen dieses Handwerk gelegt, und dann muß man für alles mit einemmal büßen und wird seines Lebens nicht mehr froh. So ging es auch Poikeil. Er heiratete, und Gott gab ihm Glück: die Frau, die ihm zuteil geworden war, die Tochter eines Viehknechtes, war ein gesundes, verständiges, arbeitsames Weib; sie gebar ihm Kinder, von denen immer eines besser war als das andere. Polikei gab sein Gewerbe immer noch nicht auf, und es ging immer noch alles gut. Auf einmal traf ihn ein Unglück, und er wurde ertappt, und zwar bei einer Kleinigkeit: er hatte einem Bauern einen ledernen Zügel weggenommen und bei sich versteckt. Man fand den Zügel bei ihm, prügelte ihn durch, führte ihn zur Gutsherrin und paßte seitdem auf ihn auf. Ein zweites, ein drittes Mal wurde er ertappt. Die Leute schimpften auf ihn; der Verwalter drohte, ihn unter die Soldaten zu stecken; die Gutsherrin erteilte ihm einen Verweis; seine Frau weinte und härmte sich; es ging alles verquer. Er war ein guter Mensch, gar nicht schlecht, nur schwach, zum Trinken geneigt, und diese Gewohnheit war bei ihm so stark geworden, daß er schlechterdings nicht davon lassen konnte. Manchmal schalt ihn seine Frau und schlug ihn sogar, wenn er betrunken nach Hause kam; er aber brach in Tränen aus. »Ach bin ein unglücklicher Mensch«, sagte er; »was soll ich nur anfangen? Und wenn mir die Zunge verdorrt, ich werde es lassen, ich werde es nicht mehr tun.« Aber siehe da, nach einem Monat ging er wieder von Hause fort, betrank sich und war ein paar Tage lang verschwunden. »Von irgendwoher muß er doch das Geld zum Trinken nehmen,« sagten sich die Leute. Seine letzte Affäre war die mit der Kontoruhr gewesen. Im Kontor war eine alte Wanduhr, die schon längst nicht mehr ging. Es traf sich, daß er einmal allein in das unverschlossene Kontor kam; die Uhr verlockte ihn, er nahm sie weg und machte sie schleunigst in der Stadt zu Gelde. Der Zufall wollte es, daß der Händler, dem er die Uhr verkauft hatte, mit einer Frau aus dem Gutsgesinde verschwägert war und an einem Feiertag auf das Dorf hinauskam und von der Uhr erzählte. Man ging der Sache nach, als ob irgend jemand ein Interesse daran gehabt hätte. Namentlich konnte der Verwalter unsern Polikei nicht leiden. Die Sache wurde klargelegt und der Gutsherrin berichtet. Diese ließ Polikei zu sich rufen. Er fiel ihr sofort zu Füßen und bekannte in gefühlvollen, rührenden Ausdrücken alles, so wie es ihn seine Frau gelehrt hatte. Er führte das alles sehr gut aus. Die gnädige Frau fing an, ihn zu ermahnen; sie redete und redete, predigte und predigte, von Gott und von der Tugend und vom zukünftigen Leben und von seiner Frau und von seinen Kindern, und brachte ihn dahin, daß er Tränen vergoß. Die gnädige Frau sagte: »Ich verzeihe dir; nur versprich mir, es in Zukunft nie wieder zu tun!« »Mein Lebenlang nicht! Möge ich in die Erde versinken, möge mein Leib bersten!« rief Polikei und weinte dabei rührend. Polikei kam nach Hause, brüllte dort eine ganze Stunde lang wie ein Kalb und lag auf dem Ofen. Seitdem war an ihm kein einziges Mal etwas zu tadeln gewesen. Aber sein Leben war unfroh geworden: die Leute betrachteten ihn als einen Dieb, und als die Zeit der Rekrutierung kam, wiesen alle auf ihn als auf einen Auszuhebenden hin. Polikei war, wie schon gesagt, Roßarzt. Wie er auf einmal Roßarzt geworden war, das wußte niemand und er selbst am wenigsten. Auf dem Gestüt, bei dem Stallmeister, der dann nach Sibirien zur Ansiedelung, verschickt wurde, hatte er keine anderen Obliegenheiten zu erfüllen gehabt, als den Mist aus den Pferdeständen zu entfernen, manchmal die Pferde selbst zu reinigen und Wasser zu holen. Dort konnte er die Roßarzneikunde nicht gelernt haben. Dann war er Weber gewesen; dann hatte er im Garten gearbeitet, die Steige gereinigt; dann hatte er zur Strafe Ziegel schlagen müssen; dann war er vom Gute auf Jahresabgabe beurlaubt worden und hatte sich bei einem Kaufmann als Hausknecht verdingt. Also auch dort hatte er keine medizinischen Kenntnisse erwerben können. Aber bei seiner letzten Anwesenheit zu Hause hatte sich merkwürdigerweise allmählich der Ruf von seiner außerordentlichen, ja sogar etwas übernatürlichen roßärztlichen Kunst verbreitet. Er ließ zur Ader, einmal und ein zweites Mal; dann warf er das Pferd zu Boden und stocherte ihm in der Lende herum; dann forderte er, daß das Pferd in das Zwangsgestell geführt werde, und schnitt ihm den Strahl bis aufs Blut, obwohl das Pferd um sich schlug und sogar winselte; er sagte dabei, dies bedeute ›das unter dem Huf steckende Blut entfernen‹. Dann erklärte er dem Bauern, es sei notwendig, ›zur größeren Erleichterung‹aus beiden Adern Blut abzulassen, und begann mit einem hölzernen Hammer auf eine stumpfe Lanzette zu schlagen; dann zog er unter dem Bauche eines dem Hausmeister gehörenden Pferdes die Kante von einem Frauenkopftuche hindurch. Endlich bestreute er jeden Schorf mit Vitriol, befeuchtete ihn aus einem Fläschchen und gab auch innerlich ein, was ihm gerade in den Sinn kam. Und je mehr er die Pferde quälte und zu Tode brachte, um so mehr Vertrauen schenkte man ihm und um so mehr Pferde führte man ihm zu. Ich fühle, daß es uns Angehörigen der höheren Stände nicht wohl ansteht, uns über Polikei lustig zu machen. Die Manieren, deren er sich bediente, um Vertrauen zu erwecken, sind dieselben, die auf unsere Väter gewirkt haben, auf uns wirken und auf unsere Kinder wirken werden. Der Bauer, der sich mit dem Leibe auf den Kopf seiner einzigen Stute wirft, die nicht nur seinen ganzen Reichtum ausmacht, sondern beinahe ein Mitglied seiner Familie bildet, und der vertrauensvoll und ängstlich auf eines Polikei bedeutsam finstere Miene, auf seine aufgekrempelten Ärmel und auf seine schmalen Hände blickt, mit denen er absichtlich gerade die schmerzende Stelle drückt und dreist in den lebendigen Körper hineinschneidet, während er im geheimen denkt: ›Das Biest wirds schon aushalten!‹ und ein Gesicht macht, als wisse er, wo das Blut und der Eiter und die Sehnen und die Adern seien, und das heilbringende Pflaster oder das Fläschchen mit Vitriol zwischen den Zähnen hält – dieser Bauer kann sich nicht vorstellen, daß ein solcher Mann die Hand zum Schneiden ansetzen würde, wenn er die Sache nicht verstände. Er selbst wäre dazu nicht imstande. Und wenn der Schnitt ausgeführt ist, so macht er sich keine Vorwürfe darüber, daß er falsch daran getan habe, die Erlaubnis zum Schneiden zu geben. Ich weiß nicht, wie es in dieser Hinsicht anderen geht; aber ich habe bei einem Arzte, der auf meine Bitte liebe Angehörige von mir marterte, ganz genau dieselbe Empfindung gehabt. Polikeis Lanzette und sein geheimnisvolles weißliches Fläschchen mit ätzendem Sublimat und seine Ausdrücke: »Beulenkrankheit, Hämorrhoiden, zur Ader lassen, Eiter abziehen« usw., ist das nicht ganz dasselbe wie des Arztes »Nerven, Rheumatismus, Organismus« usw.? Der deutsche Vers: ›Wage du zu irren und zu träumen‹ paßt auf die Ärzte und Roßärzte mindestens ebensogut wie auf die Dichter. 3 An jenem selben Abend, an dem die zur Auswahl der Rekruten veranstaltete Gemeindeversammlung beim Kontor in der kalten Dunkelheit der Oktobernacht lärmte, saß Polikei auf dem Bettrand am Tische und mischte auf diesem in einer Flasche eine Pferdearznei, die er selbst nicht kannte. Da war Sublimat, Schwefel, Glaubersalz und ein Kraut, das Polikei einmal gesammelt, weil er sich eingebildet hatte, es sei sehr nützlich gegen die Dämpfigkeit; und nun hielt er für zweckmäßig, es auch gegen andre Krankheiten zu geben. Die Kinder lagen bereits: zwei auf dem Ofen, zwei im Bett, eines in der Wiege, bei der Akulina saß und spann. Ein Lichtstümpfchen, das von herrschaftlichen ›umherliegenden‹ Kerzen übrig geblieben war, stand in einem Holzleuchter auf dem Fensterbrett; und damit ihr Mann sich nicht in seiner wichtigen Beschäftigung zu unterbrechen brauchte, stand Akulina von Zeit zu Zeit auf und brachte den Docht mit den Fingern in Ordnung. Es gab respektlose Menschen, die Polikei für einen schlechten Roßarzt und für einen schlechten Menschen hielten. Andere, und zwar die Mehrzahl, hielten ihn für einen schlechten Menschen, aber für einen bedeutenden Meister in seinem Fache. Akulina aber, obwohl sie ihren Mann häufig ausschimpfte und sogar manchmal schlug, hielt ihn doch ohne jeden Zweifel für den besten Roßarzt und für den besten Menschen auf der Welt. Polikei schüttete sich irgendwelche Substanz in die hohle Hand. (Einer Waage bediente er sich nicht und äußerte sich ironisch über die Deutschen, die eine solche verwendeten. »Bei mir hier,« sagte er, »ist keine Apotheke!«) Polikei wog seine Substanz auf der Hand und schüttelte sie; aber es schien ihm zu wenig zu sein, und er schüttete das Zehnfache hinzu. »Ich werde sie ganz hineintun; dann wird es besser wirken,« sagte er vor sich hin. Akulina blickte sich auf die Stimme ihres Herrn und Gebieters schnell um, da sie einen Befehl erwartete; aber als sie sah, daß die Sache sie nichts anging, zog sie bewundernd die Achseln in die Höhe: ›Nein, was für ein kluger Mensch er ist! Wo er das nur her hat!‹ dachte sie und spann wieder weiter. Das Papierchen, aus dem Polikei die Substanz ausgeschüttet hatte, war unter den Tisch gefallen. Akulina hatte dies bemerkt. »Anjutka,« rief sie, »sieh mal, da hat der Vater etwas hinfallen lassen; heb es doch auf!« Anjutka steckte die dünnen, nackten Beinchen unter dem Mantel hervor, unter dem sie lag, kroch wie ein Kätzchen unter den Tisch und holte das Papierchen. »Da, Väterchen!« sagte sie und schlüpfte wieder mit den frierenden Beinchen ins Bett. »Was s-töstu mich denn?« schalt ihre jüngere Schwester, die lispelte, mit weinerlicher, verschlafener Stimme. »Wart, ich will euch ...« sagte Akulina, und die beiden Köpfe verschwanden unter dem Mantel. »Wenn er drei Rubel gibt,« sagte Polikei, indem er die Flasche zukorkte, »dann will ich ihm das Pferd kurieren. Und das ist noch billig,« fügte er hinzu. »Da mag sich mal einer den Kopf zerbrechen! Akulina, geh doch mal zu Nikita und bitte ihn um ein bißchen Tabak! Morgen werde ich es ihm wiedergeben.« Er zog aus der Hosentasche eine kleine Pfeife aus Lindenholz, die ehemals angestrichen war und deren Mundstück jetzt aus Siegellack bestand, und begann sie zurechtzumachen. Akulina verließ ihre Spindel und ging hinaus, ohne irgendwo anzustoßen, was ein großes Kunststück war. Polikei öffnete ein Schränkchen, stellte die Flasche hinein und setzte eine leere Branntweinflasche an den Mund; aber es war kein Tropfen mehr darin. Er runzelte die Stirn; aber als seine Frau ihm etwas Tabak brachte und er seine Pfeife gestopft, angeraucht und sich auf das Bett gesetzt hatte, da strahlte sein Gesicht in der Zufriedenheit und dem Stolz eines Mannes, der sein Tagewerk beendet hat. Ob er nun daran dachte, wie er am folgenden Tage die Zunge des Pferdes fassen und ihm diese wundervolle Mixtur ins Maul gießen werde, oder ob er darüber nachsann, daß einem Menschen, den man notwendig brauche, doch niemand eine abschlägige Antwort gebe und auch Nikita ihm soeben den Tabak geschickt habe: jedenfalls war ihm wohl zumute. Auf einmal wurde die Tür, die nur in einer Angel hing, zurückgeschlagen, und ein Mädchen von ›oben‹ trat in den Winkel, nicht das zweite, sondern das dritte, das kleine, das als Laufmädchen verwendet wurde. ›Oben‹ bedeutet, wie allgemein bekannt ist, das herrschaftliche Haus, auch wenn es unten gelegen ist. Axjutka (so hieß das Mädchen) flog immer wie eine Kanonenkugel, und dabei bogen sich ihre Arme nicht, sondern schaukelten wie ein Perpendikel, entsprechend der Geschwindigkeit ihrer Bewegung, und zwar nicht an den Seiten hin, sondern vorn vor dem Körper; ihre Backen waren stets röter als ihr rosa Kleid, ihre Zunge bewegte sich immer ebenso schnell wie ihre Füße. Sie kam ins Zimmer hereingeflogen, hielt sich aus nicht recht verständlichem Grunde am Ofen fest, schaukelte sich hin und her und stieß dann, sich zu Akulina wendend, atemlos folgendes heraus, wobei sie wie mit Absicht immer nur zwei, drei Worte hintereinander sprach: »Die gnädige Frau hat befohlen, Polikei Iljitsch soll sofort nach oben kommen; so hat sie befohlen...« (Sie hielt inne und holte tief Atem.) »Jegor Michailowitsch war bei der gnädigen Frau; sie haben miteinander über die Rekruten gesprochen; dabei wurde Polikei Iljitsch erwähnt... Awdotja Von Awdotja ist Dunjascha, wie das Stubenmädchen oben genannt wurde, eine Koseform. Anmerkung des Übersetzers. Nikolajewna hat befohlen, er soll sofort kommen. Awdotja Nikolajewna hat befohlen...« (wieder ein Seufzer) »er soll sofort kommen.« Dann blickte Arjutka eine kleine Weile Polikei und Akulina und die Kinder an, die unter ihrer Decke hervorschauten, ergriff eine Nußschale, die auf dem Ofen lag, warf damit nach Anjutka, und nachdem sie noch einmal gesagt hatte: »Er soll sofort kommen,« flog sie wie ein Wirbelwind aus dem Zimmer, und die Pendel bewegten sich mit der gewöhnlichen Geschwindigkeit quer zu der Richtung, in der sie lief. Akulina stand wieder auf und reichte ihrem Manne die Stiefel. Es waren häßliche, zerrissene Soldatenstiefel. Sie nahm seinen Rock vom Ofen und gab ihn ihm; aber sie sah ihren Mann dabei nicht an. »Polikei, willst du nicht das Hemd wechseln?« »Nein«, antwortete Polikei. Akulina blickte ihm kein einziges Mal ins Gesicht, während er sich die Stiefel und den Rock anzog, und sie tat gut daran, daß sie das vermied. Polikeis Gesicht war blaß; der Unterkiefer zitterte, und in seinen Augen lag jener weinerliche, ergebungsvolle, tief unglückliche Ausdruck, der nur bei gutmütigen, schwachen, schuldbewußten Menschen vorkommt. Er kämmte sich und wollte hinausgehen, aber seine Frau hielt ihn noch an und brachte ihm das Hemdbändchen in Ordnung, das auf den Rock hinaushing, auch setzte sie ihm seine Mütze auf. »Nun, Polikei Iljitsch? Die gnädige Frau läßt Sie rufen? « ließ sich die Stimme der Tischlerfrau von der andern Seite her vernehmen. Die Tischlerfrau hatte erst am Vormittag dieses selben Tages mit Akulina einen hitzigen Streit wegen eines Topfes mit Lauge gehabt, den Polikeis Kinder bei ihr umgestoßen hatten, und hatte nun sofort eine angenehme Empfindung, als sie hörte, baß Polikei zur gnädigen Frau gerufen wurde; denn etwas Gutes hatte das wahrscheinlich nicht zu bedeuten. Dabei war sie eine schlaue, gewandte, boshafte Dame. Niemand verstand es besser als sie, das Wort als Waffe zu verwenden; wenigstens glaubte sie das selbst von sich. »Wahrscheinlich soll jemand zur Stadt geschickt werden, um Einkäufe zu machen,« fuhr sie fort. »Ich denke mir, die gnädige Frau sucht sich dazu einen zuverlässigen Menschen aus und schickt darum Sie hin. Da könnten Sie mir ein Viertelpfund Tee mitbringen, Polikei Iljitsch!« Akulina hielt die Tränen zurück, und ihre Lippen zogen sich zu einem ingrimmigen Ausdruck zusammen. Wie gern hätte sie sich in die garstigen Haare dieser Kanaille von Tischlerfrau eingekrallt! Aber als sie einen Blick auf ihre Kinder warf und sich sagte, daß sie vaterlos zurückbleiben würden und sie selbst als Frau eines fernen Soldaten, sozusagen als Witwe, da dachte sie nicht mehr an die boshafte Tischlerfrau, bedeckte das Gesicht mit den Händen, setzte sich auf das Bett, und ihr Kopf sank auf die Kissen. »Mamaßen, du drücks mich so!« murmelte das lispelnde kleine Mädchen und zog seinen Mantel unter dem Ellbogen der Mutter hervor. »Wenn ihr doch alle tot wäret! Ich habe euch nur zu Kummer und Leid geboren!« rief Akulina und begann laut zu schluchzen, zur Freude der Tischlerfrau, die die Lauge vom Vormittage noch nicht vergessen hatte. 4 Eine halbe Stunde war vergangen. Das kleinste Kind fing an zu schreien; Akulina stand auf und gab ihm die Brust. Sie weinte nicht mehr; aber ihr immer noch hübsches, mageres Gesicht in die Hand stützend, starrte sie nach der heruntergebrannten Kerze und dachte darüber nach, warum sie geheiratet habe, und wozu so viele Soldaten nötig seien, und dann noch darüber, wie sie es der Tischlerfrau heimzahlen könne. Die Schritte ihres Mannes ließen sich vernehmen; sie wischte die Tränenspuren weg und stand auf, um ihm Platz zu machen. Polikei trat in stolzer Haltung ein, warf die Mütze auf das Bett, atmete tief auf und band sich den Gürtel ab. »Nun, wie ists? Warum hat sie dich rufen lassen?« »Hm, man kennt das schon! Polikei ist der geringste, niedrigste Mensch; aber wenn ein wichtiges Geschäft besorgt werden muß, an wen wendet man sich da? An ihn.« »Was denn für ein Geschäft?« Polikei beeilte sich nicht mit der Antwort; er zündete sich die Pfeife an und spuckte aus. »Sie hat mir befohlen, ich soll zum Kaufmann fahren und Geld holen.« »Geld holen? « fragte Akulina. Polikei wiegte lächelnd den Kopf hin und her. »Wie geschickt sie zu reden versteht! ›Du standest in dem Rufe,‹ sagte sie, ›ein unzuverlässiger Mensch zu sein; aber ich habe zu dir mehr Vertrauen als zu allen andern,‹« (Polikei sprach laut, damit es die Nachbarn hören möchten.) »›Du hast mir versprochen, dich zu bessern‹, sagte sie; ›da will ich dir nun den ersten Beweis meines Vertrauens geben: fahre hin zum Kaufmann,‹ sagte sie, ›nimm das Geld in Empfang und bring es her!‹- ›Ich,‹ sagte ich, ›gnädige Frau, wir alle‹, sagte ich, ›sind Ihre Diener und müssen Ihnen ebenso gehorchen wie dem lieben Gott; darum fühle ich, daß ich imstande bin, für Ihr Wohl alles zu tun, und daß ich mich keines Dienstes weigern darf; was Sie befehlen, das werde ich ausführen, denn ich bin Ihr Sklave.‹« (Er lächelte wieder in jener besonderen Art eines schwachen, gutmütigen, schuldbewußten Menschen.) »›Also wirst du es getreulich ausführen?‹ sagte sie. ›Du verstehst doch,‹ sagte sie, ›daß dein Schicksal davon abhängt?‹ – ›Ich weiß bestimmt,‹ sagte ich, ›daß ich alles ausführen kann. Wenn man mich verleumdet hat, so kann man Beschuldigungen gegen jeden vorbringen; aber niemals, meine ich, ist mir der Gedanke gekommen, irgend etwas gegen Ihr Wohl zu unternehmen.‹ Ich redete so geschickt zu ihr, daß die gnädige Frau ganz weich wurde. ›Du wirst noch mein vertrautester Diener werden‹, sagte sie.« (Er schwieg ein Weilchen, und wieder erschien dasselbe Lächeln auf seinem Gesicht.) »Ich verstehe sehr gut, mit den Herrschaften zu reden. Als ich noch auf Jahresabgabe beurlaubt war, wie hat mich da mancher angefahren! Aber sobald ich nur mit ihm reden konnte, schmierte ich ihn so ein, daß er wie um den Finger zu wickeln wurde.« »Ist es denn viel Geld?« fragte Akulina. »Etwa fünfzehnhundert Rubel«, antwortete Polikei nachlässig. Sie wiegte den Kopf hin und her. »Wann sollst du fahren?« »Morgen, hat sie befohlen. ›Nimm, welches Pferd du willst‹, sagte sie; ›geh aufs Kontor, und dann fahre mit Gott!‹« »Gott sei Dank!« sagte Akulina, indem sie aufstand und sich bekreuzigte. »Gott steh dir bei, Polikei!« fügte sie flüsternd hinzu, damit es niemand hinter der Halbwand höre, und faßte ihren Mann am Hemdärmel. »Polikei, höre mich; um Christi willen bitte ich dich: wenn du fährst, so küsse das Kreuz, daß du keinen Tropfen Branntwein in den Mund nehmen wirst!« »Wie werde ich denn trinken, wenn ich mit so viel Geld fahre!« schnaubte er sie an. »Nein, wie da jemand Klavier spielte, so geschickt, zum Erstaunen!« fügte er nach einer kleinen Pause lächelnd hinzu. »Gewiß war es das Fräulein. Ich stand so vor ihr, vor der gnädigen Frau, beim Glasschrank, und da, im andern Zimmer, spielte das Fräulein. Das ging mal flink, ganz flink, und es klang so gut und klappte alles, das muss ich sagen! Ich würde auch gern Klavier spielen. Ich würde es schon lernen. Sicherlich würde ich es lernen. In solchen Dingen bin ich geschickt. Gib mir doch morgen ein reines Hemd.« Sie legten sich in glücklichster Stimmung zu Bett. 5 Inzwischen lärmte die Gemeindeversammlung beim Kontor. Es handelte sich um eine sehr ernste Sache. Die Bauern waren fast alle in der Gemeindeversammlung anwesend, und während Jegor Michailowitsch zu der gnädigen Frau gegangen war, hatten sie die Mützen aufgesetzt; es ließen sich mehr Stimmen in buntem Durcheinanderreden vernehmen, und die Stimmen wurden lauter. Das Gebrause der dumpfen Stimmen, mitunter von einer keuchenden, heiseren, schreienden Rede unterbrochen, erfüllte die Luft, und dieses Gebrause drang wie der Lärm eines rauschenden Meeres zu dem Fenster der gnädigen Frau, die dabei eine nervöse Unruhe empfand, ähnlich dem Gefühle, das durch ein starkes Gewitter hervorgerufen wirb. Es war ihr teils ängstlich, teils unbehaglich zumute. Immer schien es ihr, die Stimmen würden im nächsten Augenblicke noch lauter und zahlreicher werden und es werde sich etwas Schreckliches ereignen. ›Als ließe sich das alles nicht still und friedlich, ohne Streit und Geschrei erledigen,‹ dachte sie, ›in christlicher Bruderliebe und Sanftmut!‹ Es redeten viele Stimmen, aber am lautesten von allen schrie der Zimmermann Fjodor Rjesun. Er war ein Zweisöhniger und fiel nun über die Dutlows her. Der alte Dutlow verteidigte sich; er war ein wenig aus dem Haufen vorgetreten, während er ursprünglich hinten gestanden hatte; beim Reden verschluckte er die Endsilben, gestikulierte lebhaft mit den Armen, fasste mitunter an sein dünnes Bärtchen und näselte oft so stark, daß er selbst kaum verstehen konnte, was er sagte. Seine Söhne und Neffen, lauter stattliche Burschen, standen dicht gedrängt hinter ihm, und der alte Dutlow erinnerte an die Henne in dem Spiele ›Geier und Henne‹. Der Geier war dabei Rjesun und nicht Rjesun allein, sondern alle Zweisöhnigen und alle Einsöhnigen, fast die ganze Versammlung; alle traten sie gegen Dutlow auf. Die Sache war die, daß Dutlows Bruder vor ungefähr dreißig Jahren zu den Soldaten gegeben war; deshalb wollte Dutlow nicht mit den Dreisöhnigen auf eine Stufe gestellt werden, sondern wollte, daß man ihm den Militärdienst seines Bruders anrechne und ihn mit den Zweisöhnigen rangieren lasse, und daß dann aus diesen durch gemeinsames Losen der dritte Rekrut genommen werde. Dreisöhnige waren außer Dutlow noch vier vorhanden; aber einer war der Schulze, und den hatte die Gutsherrin von der Gestellungspflicht befreit; eine andere Familie hatte bei der vorigen Aushebung einen Rekruten abgeben müssen. Aus den übrigen beiden Familien waren zwei junge Leute in Aussicht genommen; einer von ihnen war gar nicht zur Gemeindeversammlung gekommen, nur seine Frau stand traurig hinter allen, in der unklaren Erwartung, daß sich das Rad irgendwie zu ihren Gunsten drehen werde; der Vater des andern der beiden in Aussicht genommenen, der rotküpfige Roman, stand in einem zerrissenen Kittel (obgleich er nicht arm war) an die Freitreppe gelehnt da, hielt den Kopf gesenkt und schwieg die ganze Zeit über; nur mitunter, wenn jemand besonders laut sprach, blickte er diesen aufmerksam an und ließ dann den Kopf wieder sinken. Seine ganze Gestalt machte einen höchst unglücklichen Eindruck. Der alte Semjon Dutlow war ein solcher Mensch, daß jeder, der ihn nur ein wenig kannte, ihm ohne weiteres Hunderte und Tausende von Rubeln zur Aufbewahrung anvertraut hätte. Er war ein solider, gottesfürchtiger, vermögender Mann, dazu noch Kirchenältester. Um so auffälliger war die starke Aufregung, in der er sich jetzt befand. Dagegen war der Zimmermann Rjesun ein hochgewachsener, schwarzhaariger Mann, trunksüchtig, kühn und verwegen und besonders geschickt im Reden und Streiten, bei den Gemeindeversammlungen und auf den Märkten, mit Arbeitern, Kaufleuten, Bauern und Herrschaften. Jetzt war er ruhig und giftig und erdrückte mit der ganzen Höhe seiner Gestalt und mit der ganzen Kraft seiner voll tönenden Stimme und seines rednerischen Talentes den sich verschluckenden und völlig aus seinem ruhigen Geleise herausgeworfenen Kirchenältesten. Außerdem beteiligten sich an dem Streite noch: der jugendliche, stämmige Gerasim Kopylow, mit rundem Gesicht, viereckigem Kopf und krausem Bärtchen, einer der Redner der sich an Rjesun anschließenden jüngeren Generation, der sich stets durch seine scharfe Ausdrucksweise auszeichnete und sich schon ein gewisses Ansehen in der Gemeindeversammlung erworben hatte. Ferner Fjodor Melnitschny, ein gelber, hagerer, langer, sich gebückt haltender Bauer, ebenfalls noch jung, mit spärlichem Bartwuchs und kleinen Augen; er hatte immer etwas Galliges, Finsteres, fand bei allen Dingen die schlechte Seite heraus und verblüffte die Gemeindeversammlung oft durch seine unerwarteten, kurz hingeworfenen Fragen und Bemerkungen. Diese beiden Redner waren auf Rjesuns Seite. Außerdem mischten sich mitunter noch zwei Schwätzer hinein, erstens ein gewisser Chrapkow, der eine gutmütige Visage und einen breiten, dunkelblonden Bart hatte und immer die Anrede ›du mein lieber Freund‹ einschaltete, und zweitens ein Bauer von kleiner Statur, mit einem Vogelgesicht, namens Schidkow, der zu allem, was er sagte, hinzufügte: »Das ist klar, ihr Brüder«, wobei er sich an alle wandte, aber nie etwas Vernünftiges vorbrachte. Beide waren bald für diese, bald für jene Partei, aber niemand hörte auf sie. Es waren auch noch andere von derselben Sorte da; aber diese beiden entwickelten unter der Menge die größte Geschäftigkeit, schrien zum Schrecken der gnädigen Frau mehr als die andern, wurden aber weniger als andere beachtet und überließen sich, von dem Lärm und Geschrei halb närrisch geworden, nach Herzenslust dem Vergnügen, die Zunge zu rühren. Es waren auch sonst noch vielerlei Typen unter den Mitgliedern der Gemeindeversammlung vertreten: finstere, anständige, gleichmütige, ängstliche; auch Weiber standen hinter den Bauern, aber von allen diesen werde ich, so Gott will, nachher erzählen. Die große Masse der Bauern aber stand in der Gemeindeversammlung da wie in der Kirche, und die hinten Stehenben unterhielten sich flüsternd über häusliche Angelegenheiten, etwa darüber, wann man im Walde das herausgehauene Holz aufladen müsse, oder warteten schweigend, ob das Gezänk nicht bald aufhören werde. Es waren auch einige Reiche darunter, denen die Gemeindeversammlung nichts zu ihrem Wohlstande hinzufügen oder davon abnehmen konnte. Von der Art war Jermil, mit breitem, glänzendem Gesicht, den die Bauern wegen seines Reichtums »Dickbauch« nannten. Von der Art war auch Starostin, auf dessen Gesicht sich ein selbstzufriedenes Machtbewußtsein ausprägte: »Redet, was ihr wollt; aber an mich wird sich memand wagen. Ich habe vier Söhne, gebe aber keinen von ihnen her.« Mitunter suchten respektlose Menschen wie Kopylow und Rjesun auch mit ihnen anzubinden, und sie antworteten darauf, aber ruhig und fest, im Gefühl ihrer Unantastbarkeit. Wenn Dutlow der Henne in dem Geier-und-Henne-Spiele glich, so erinnerten doch seine jungen Burschen nicht sehr an Küchlein: sie liefen nicht ängstlich hin und her und piepten nicht, sondern standen ruhig hinter ihm. Der älteste, Ignat, war schon dreißig Jahre alt; der zweite, Wassili, war verheiratet und zum Rekruten nicht tauglich; der dritte, Ilja, der Neffe, der sich eben erst verheiratet hatte, mit einem Gesicht wie Milch und Blut, in einem eleganten Schafpelz (er fuhr als Postkutscher), stand da, sah die Volksmenge an und kratzte sich ab und zu unter dem Hute am Hinterkopf, als ob ihn die Sache gar nichts anginge; und doch wollten gerade ihn die Geier packen und wegführen. »Na ja, dann werde ich mich auch weigern, mit zu losen, weil mein Großvater Soldat war«, sagte einer. »Nein, Bruder, so ein Gesetz gibt es nicht. Bei der vorigen Aushebung ist Micheitschew genommen worden, obwohl sein Oheim noch nicht wieber nach Hause gekommen war.« »Weder dein Vater noch dein Oheim hat dem Zaren gedient«, sagte Dutlow gleichzeitig; »und auch du hast weder der Herrschaft noch der Gemeinde gedient, sondern immer nur gebummelt und gezecht, und deine Kinder haben sich von dir ihren Anteil herausgeben lassen. Weil niemand mit dir leben kann, möchtest du anderen Leuten schaden; aber mich hat die Gemeinde zehn Jahre lang zum Polizeikommissar gewählt, und auch Schulze bin ich gewesen, und zweimal bin ich abgebrannt, und kein Mensch hat mir geholfen; und dafür, daß es bei mir im Hause friedlich und ehrlich zugeht, dafür soll ich nun ruiniert werden? Gebt mir doch meinen Bruder zurück! Der ist gewiß dort schon gestorben. Rechtgläubige Gemeindeversammlung, entscheide nach Recht und Gerechtigkeit und nach Gottes Willen; aber höre nicht auf das, was ein Betrunkener zusammenschwatzt!« Gleichzeitig sagte Gerasim zu Dutlow: »Du berufst dich darauf, daß dein Bruder Soldat geworden ist; aber den hat nicht die Gemeinde dazu gemacht, sondern die Herrschaft, und zwar wegen seines liederlichen Lebenswandels. Also kannst du dich darauf nicht berufen.« Noch hatte Gerasim nicht zu Ende gesprochen, als der gelbe, lange Fjodor Melnitschny vortrat und finster begann: »Das ist es eben: die Herrschaft gibt zu den Soldaten, wen es ihr beliebt, und dann mag die Gemeinde sehen, wie sie zurechtkommt. Die Gemeinde hat bestimmt, daß dein Sohn gehen soll; wenn du das nicht willst, dann bitte die gnädige Frau; vielleicht wird sie mir, einem einzigen Sohne, befehlen, Soldat zu werden. Ein schönes Gesetz!« sagte er gallig und trat mit einer wegwerfenden Handbewegung wieder auf seinen früheren Platz. Der rothaarige Roman, dessen Sohn in Aussicht genommen war, hob den Kopf in die Höhe und sagte: »Ja, ja, so ist es!« und setzte sich vor Ärger sogar auf eine Stufe der Freitreppe. Aber das waren noch nicht alle Stimmen,die auf einmal losredeten. Außer den hinten Stehenden, die von ihren Geschäften sprachen, vergaßen auch die Schwätzer ihre Pflicht und Schuldigkeit nicht. »Ja, wirklich, rechtgläubige Gemeindeversammlung,« sagte der kleine Schidkow, Dutlows Worte wiederholend, »ihr müßt nach den Geboten des Christentums entscheiden. Nach den Geboten des Christentums müßt ihr entscheiden, liebe Brüder!« »Man muß nach seinem Gewissen entscheiden, du mein lieber Freund«, sagte der gutmütige Chrapkow und zupfte den alten Dutlow am Schafpelz. Und das von Gerasim Kopylow Gesagte wiederholend, fuhr er fort: »Es war der Wille der Herrschaft und nicht ein Beschluß der Gemeindeversammlung.« »Das ist richtig; so war es!« sagten andere. »Wo ist hier ein Betrunkener, der etwas zusammenschwatzt?« erwiderte Rjesun. »Hast du mir vielleicht etwas zu trinken gegeben, oder will dein Sohn, den man betrunken auf der Landstraße aufgelesen hat, mir Trunksucht vorwerfen? Nun, Brüder, wir müssen zu einer Entscheidung kommen. Wenn ihr Dutlow verschonen wollt, so greift nicht nur auf die Zweisöhnigen, sondern auch auf die Einsöhnigen zurück; dann kann er uns auslachen.« »Ein Dutlow muß Soldat werden; was ist da viel zu reden!« »Selbstverständlich müssen zuerst die Dreisöhnigen losen«, riefen mehrere Stimmen. »Wir müssen noch abwarten, was die gnädige Frau befiehlt; Jegor Michailowitsch hat gesagt, sie wolle einen vom Hofgesinde als Rekruten geben«, sagte jemand. Diese Bemerkung hemmte den Streit eine kleine Weile; aber bald entbrannte er von neuem und ging wieder in persönliche Angriffe über. Ignat, von dem Rjesun gesagt hatte, man habe ihn betrunken auf der Landstraße aufgelesen, suchte seinem Gegner nachzuweisen, daß dieser durchreisenden Zimmerleuten eine Säge gestohlen und sein Weib in betrunkenem Zustande beinah zu Tode geprügelt habe. Rjesun erwiderte, er prügle sein Weib, wenn er nüchtern und wenn er betrunken sei, aber immer noch zu wenig, und brachte durch diese Bemerkung alle zum Lachen. Aber durch die Beschuldigung wegen der Säge fühlte er sich auf einmal beleidigt, ging näher auf Ignat zu und fragte ihn: »Wer hat gestohlen?« »Du hast gestohlen«, antwortete der kräftige Ignat dreist und trat seinerseits noch näher an ihn heran. »Wer hat gestohlen? Ich meine, du!« schrie Rjesun. »Nein, du!« schrie Ignat. Nach der Säge kam die Rede auf ein gestohlenes Pferd, auf einen Sack Hafer, auf einen Streifen Gemüseland bei der Viehweide und auf einen Leichnam. Und die beiden Bauern warfen einander so schreckliche Dinge vor, daß, wenn auch nur der hundertste Teil dieser Beschuldigungen wahr war, sie nach dem Gesetze beide sofort hätten nach Sibirien verschickt werden müssen, wenigstens als Ansiedler. Inzwischen hatte der alte Dutlow sich eine andere Methode der Verteidigung erwählt. Das Zanken und Schreien seines Sohnes mißfiel ihm; er hielt ihn zurück mit den Worten: »Schäme dich; hör auf, sag ich dir!« und suchte selbst zu beweisen, daß Dreisöhnige nicht nur diejenigen seien, bei denen drei Söhne zusammen lebten, sondern auch diejenigen, die schon die Besitzteilung vorgenommen hätten. Und er deutete dabei geradezu auf Starostin hin. Starostin lächelte leise, räusperte sich, strich sich in der Manier eines reichen Bauern über den Bart und antwortete, daß das vom Willen der Herrschaft abhänge. Sein Sohn müsse es doch wohl verdient haben, wenn Befehl gegeben sei, von ihm abzusehen. Hinsichtlich der geteilten Familien aber entkräftete auch Gerasim Dutlows Schlußfolgerungen, indem er bemerkte, die Teilung hätte verboten werden müssen, wie es unter dem alten Herrn gewesen sei; jetzt sei es zu spät, jetzt könne man nicht anfangen, Einzelstehende zum Militär zu geben. »Haben sie die Besitzteilung etwa aus Übermut vorgenommen? Womit verdienen sie es, jetzt zugrunde gerichtet zu werden?« ließen sich mehrere solche Söhne vernehmen, die ihre Anteile bereits erhalten hatten, und die Schwätzer standen ihnen bei. »Kauf dir doch einen Rekruten als Stellvertreter, wenn es dir nicht paßt, einen von deinen Angehörigen zu geben. Du kannst dir das ja leisten!« sagte Rjesun zu Dutlow. Dutlow schlug ärgerlich seinen Rock zusammen und trat hinter die Bauern zurück. »Du hast offenbar mein Geld nachgezählt«, sagte er ingrimmig. »Da ist Jegor Michailowitsch; wir wollen hören, was er uns von der gnädigen Frau bringt.« 6 In der Tat trat Jegor Michailowitsch in diesem Augenblicke aus dem Hause. Die Mützen hoben sich eine nach der andern von den Köpfen in die Höhe, und in dem Maße, in dem der Verwalter näher kam, entblößten sich einer nach dem andern graue, halb ergraute, rote, schwarze und blonde Köpfe sowie solche mit einer Glatze in der Mitte und vorn, und allmählich, ganz allmählich wurden die Stimmen stiller und schwiegen endlich ganz. Jegor Michailowitsch stand auf der Freitreppe und gab zu erkennen, daß er reden wolle. Wie Jegor Michailowitsch so mit gespreizten Beinen fest dastand, in seinem langen Rocke, die Hände etwas unbequem in dessen vordere Taschen gesteckt, die uniformartige Mütze nach vorn gerückt, und von seinem hohen Standpunkt aus auf diese zu ihm hingewandten, in die Höhe gehobenen, großenteils alten und großenteils hübschen bärtigen Köpfe hinblickte, hatte er ein ganz anderes Aussehen als vor der Gutsherrin. Er sah majestätisch aus. »Also, Kinder, die gnädige Frau hat folgendermaßen entschieden: sie wünscht nicht, einen von den Gutsleuten hinzugeben, sondern wen ihr von euch dazu bestimmt, der soll Soldat werden. Wir müssen diesmal drei Rekruten stellen. Eigentlich nur zweieinhalb; aber den andern halben geben wir im voraus. Es ist ja ganz gleich: tun wirs jetzt nicht, so müssen wir es das nächste Mal tun.« »Gewiß! So ist es!« sagten mehrere. »Meiner Ansicht nach«, fuhr Jegor Michailowitsch fort, »müssen Chorjuschkin und Wassili Mitjuchin gehen; das hat schon Gott selbst so bestimmt.« »Ganz richtig, gewiß!« wurde wieder gerufen. »Als dritter muß entweder ein Dutlow gehen oder einer von den Zweisöhnigen. Wie denkt ihr darüber?« »Ein Dutlow!« wurde geantwortet. »Die Dutlows sind Dreisöhnige.« Und wieder erhob sich allmählich Zank und Geschrei, und wieder kam die Rede auf den Streifen Land an der Viehweide und auf gewisse vom herrschaftlichen Hofe gestohlene Säcke. Jegor Michailowitsch verwaltete das Gut schon seit zwanzig Jahren und war ein kluger, erfahrener Mann. Er blieb etwa eine Viertelstunde lang stehen und hörte zu; dann befahl er auf einmal, alle sollten schweigen und die Dutlows sollten losen, wer von ihnen dreien Rekrut werden müsse. Die Lose wurden aus einem Stöckchen geschnitten und in einem Hute geschüttelt; Chrapkow griff hinein und zog Iljas Los heraus. Alle wurden still. »Ist es meins? Zeig mal her!« sagte Ilja mit stockender Stimme. Alle schwiegen. Jegor Michailowitsch befahl, am folgenden Tage das Rekrutengeld zu bringen, sieben Kopeken von jeder Familie, erklärte, daß alles beendet sei, und entließ die Gemeindeversammlung. Die Menge setzte sich in Bewegung. Sobald die Leute um die Ecke herum waren, setzten sie die Mützen auf, und man hörte noch eine Weile das dumpfe Geräusch ihrer Stimmen und Schritte. Der Verwalter stand auf der Freitreppe und blickte den Fortgehenden nach. Als die jungen Dutlows hinter der Ecke verschwunden waren, rief er den Alten zu sich heran, der von selbst zurückgeblieben war, und ging mit ihm ins Kontor. »Du tust mir leid, Alter,« sagte Jegor Michailowitsch, indem er sich in seinen Lehnstuhl am Tische setzte, »aber die Reihe war an dir. Wirst du einen Ersatzmann für deinen Neffen kaufen?« Der Alte blickte, ohne zu antworten, Jegor Michailowitsch bedeutsam an. »Es ist nicht zu ändern«, erwiderte der Verwalter auf diesen Blick. »Ich würde gern einen kaufen, aber ich habe kein Geld dazu, Jegor Michailowitsch. Im Sommer habe ich zwei Pferde verloren. Meinen Neffen habe ich verheiratet. Es ist offenbar unser Schicksal so, zum Lohn dafür, daß wir ehrlich leben. Er hat gut reden.« (Er dachte an Rjesun.) Jegor Michailowitsch wischte sich mit der Hand über das Gesicht und gähnte. Die Sache wurde ihm augenscheinlich bereits langweilig, auch war es Zeit zum Teetrinken. »Ach, Alter, versündige dich nicht!« sagte er. »Sieh mal ein bißchen unter den Dielen nach; vielleicht findest du da so ein vierhundert alte Rubelchen. Ich werde dir einen wundervollen Vertreter kaufen. Es hat sich neulich einer gemeldet.« »Im Gouvernement?« fragte Dutlow, wobei er unter »Gouvernement« die Hauptstadt des Gouvernements verstand. »Nun, wie ists? Wirst du ihn kaufen?« »Ich täte es gern, weiß Gott, aber...« Iegor Michailowitsch unterbrach ihn in strengem Tone: »Nun, dann höre, Alter, was ich dir sagen will: daß Ilja sich nur ja kein Leid antut! Sobald ich schicke, sei es heute, sei es morgen, bringst du ihn sofort hin. Du bringst ihn hin, und du haftest für ihn; und wenn ihm, was Gott verhüte, etwas passieren sollte, so gebe ich deinen ältesten Sohn zu den Soldaten. Hast du verstanden?« »Aber kann nicht einer von den Zweisöhnigen genommen werden, Jegor Michailowitsch? Das ist doch unrecht«, sagte Dutlow nach kurzem Stillschweigen. »Nachdem mein Bruder bei den Soldaten gestorben ist, soll mir auch noch der Sohn genommen werden; womit habe ich soviel Leid verdient?« Er weinte beinah und machte Miene, dem Verwalter zu Füßen zu fallen. »Na, nun geh, geh!« sagte Iegor Michailowitsch. »Es geht nun einmal nicht anders; die Ordnung verlangt es so. Auf Ilja paß auf; du haftest für ihn.« Dutlow ging nach Hause und stieß dabei mit seinem Gehstocke, der aus einer geschälten jungen Linde gemacht nachdenklich auf die Höcker des Weges. 7 Am andern Tage frühmorgens stand vor der Freitreppe des Gesindehauses ein Reisewägelchen (in dem auch der Verwalter zu fahren pflegte), bespannt mit einem starkknochigen braunen Wallach, der aus irgendwelchem Grunde Baraban Baraban: Trommel. Anmerkung des Übersetzers. hieß. Anjutka, Polikeis älteste Tochter, stand trotz dem mit Schnee gemischten Regen und dem kalten Winde barfuß vor dem Kopfe des Wallachs und hielt, sichtlich in großer Angst, mit der einen Hand das Pferd von weitem am Zügel, während sie mit der andern auf ihrem Kopfe die grüngelbe Jacke festhielt, die in der Familie die Obliegenheit einer Bettdecke, eines Pelzes, einer Kopfbedeckung, eines Teppichs, eines Überziehers für Polikei und noch viele andere Obliegenheiten versah. Im »Winkel« herrschte lebhafte Tätigkeit. Es war noch dunkel; das Morgenlicht des regnerischen Tages drang erst ganz schwach durch das stellenweise mit Papier verklebte Fenster. Akulina hatte für eine Weile das Kochen im Ofen und die Wartung der Kinder unterbrochen (von denen die kleineren noch nicht aufgestanden waren und froren, da ihnen ihre Decke genommen war, um als Kleidungsstück zu dienen, und sie dafür nur das Kopftuch der Mutter bekommen hatten) und war damit beschäftigt, ihren Mann zur Reise auszurüsten. Er bekam ein reines Hemd. Die Stiefel, die, wie man sich ausdrückt, hungrig die Mäuler aufsperrten, machten ihr besondere Sorge. Zuerst zog sie sich ihre dicken, wollenen Strümpfe aus, das einzige Paar, das sie besaß, und gab sie ihrem Manne, und dann verfertigte sie aus einer Filzdecke, die im Pferdestall »umhergelegen« hatte und von Polikei vor zwei Tagen nach Hause gebracht worden war, geschickt ein Paar Einlegesohlen, um die Löcher zu verstopfen und Polikeis Füße vor der Nässe zu schützen. Polikei selbst saß mit den Beinen auf dem Bett und war damit beschäftigt, seine Leibbinde so zurechtzudrehen, daß sie nicht mehr das Aussehen eines schmutzigen Strickes hatte. Dem lispelnden Mädchen hatte die Mutter den Pelz angezogen, in dem es sich, obwohl er ihm hoch über den Kopf reichte, doch mit den Füßen verwickelte, und es so zu Nikita geschickt, mit der Bitte, er möchte doch Polikei seine Mütze leihen. Zur Vergrößerung der Unruhe trugen noch die Gutsleute bei, die herbeikamen und Polikei baten, ihnen in der Stadt dies und jenes zu kaufen: die eine wollte Nadeln, eine andere Tee, eine andere Baumöl, ein anderer ein bißchen Tabak und die Tischlerfrau Zucker. Diese hatte schon den Samowar aufgestellt und brachte, um Polikei freundlich zu stimmen, ihm in einem kleinen Krug ein Getränk, das sie Tee nannte. Obgleich Nikita seine Mütze nicht hergab und Polikei sich genötigt sah, seine eigene in Ordnung zu bringen, das heißt die hervorgedrungene, heraushängende Watte hineinzustopfen und das Loch mit der roßärztlichen Nadel zuzunähen, und obgleich die Stiefel mit den aus der Filzdecke hergestellten Einlegesohlen zuerst nicht an die Füße gehen wollten, und obgleich Anjutka ganz erfroren war und Baraban nicht mehr halten konnte und Maschka im Pelz an ihre Stelle treten mußte und dann Maschka den Pelz ausziehen und Akulina selbst hingehen und das Pferd halten mußte: so endete doch alles damit, daß Polikei die ganze Garderobe seiner Familie angezogen hatte und nur die Jacke und die Pantoffeln daließ. So ausgerüstet, stieg er auf den Wagen, schlug die Rockflügel übereinander, schob das Heu zurecht, schlug noch einmal die Rockftügel übereinander, brachte die Zügel in Ordnung, schlug die Rockflügel noch fester übereinander, wie das sehr solide Leute tun, und trieb das Pferd an. Sein kleiner Sohn Michail kam auf die Freitreppe herausgelaufen und bat, ein Stückchen mitfahren zu dürfen. Auch die lispelnde Maschka wollte gern mit: es sei ihr auch ohne Pelz warm. So hielt denn Polikei den Wallach wieder an, lächelte in seiner schwächlichen Weise, und Akulina setzte ihm die Kinder hinauf. Dann bog sie sich zu ihm und flüsterte ihm zu, er solle an seinen Eid denken und unterwegs nichts trinken. Polikei nahm die Kinder bis zur Schmiede mit; dort setzte er sie ab, wickelte sich wieder ein, rückte sich die Mütze wieder zurecht und fuhr allein in einem kleinen, ruhigen Trabe weiter; bei jedem Stoße des Wagens zitterten seine Backen und klapperten seine Füße gegen den Wagenkasten. Maschka und Michail liefen mit solcher Schnelligkeit und mit solchem Gekreisch barfuß den glitschrigen Berg hinab nach Hause, daß ein Hund, der sich vom Dorfe nach dem Wirtschaftshofe verlaufen hatte, bei ihrem Anblick plötzlich den Schwanz zwischen die Beine nahm und mit Gebell nach Hause rannte, wodurch das Gekreisch der Sprößlinge Polikeis noch erheblich gesteigert wurde. Das Wetter war garstig; der Wind schnitt ins Gesicht, und durcheinander peitschten Schnee und Regen und Graupeln Polikeis Gesicht und seine nackten Hände, die er mit den kalten Zügeln in den Ärmeln seines Rockes verbarg, und den Lederbezug des Kumtes und den alten Kopf Barabans, der die Ohren andrückte und mit den Augen blinzelte. Dann hörte das schlechte Wetter auf einmal auf, und es wurde für eine Weile hell; die bläulichen Schneewolken wurden deutlich sichtbar, und es schien, als wolle die Sonne hindurchblicken, aber unschlüssig und unfroh wie Polikeis eigenes Lächeln. Trotzdem war Polikei in angenehme Gedanken versunken. Er, den man zur Ansiedlung hatte nach Sibirien verschicken wollen, er, den man unter die Soldaten zu stecken gedroht hatte, er, den jedermann schimpfte und schlug, wer nicht gerade zu faul dazu war, er, den man immer dahin stieß, wo es am schlechtesten war, er fuhr jetzt hin, um eine Geldsumme in Empfang zu nehmen, eine große Geldsumme, und die gnädige Frau schenkte ihm Vertrauen, und er fuhr mit dem Wägelchen des Verwalters und mit Baraban, mit dem die gnädige Frau selbst manchmal fuhr; und er fuhr wie so ein Hausmeister mit ledernen Kumtriemen und Zügeln. Und Polikei setzte sich gerader zurecht, brachte die Watte in seiner Mütze in Ordnung und schlug noch einmal seine Rockflügel übereinander. Wenn er übrigens dachte, daß er vollständig einem wohlhabenden Hausmeister gliche, so irrte er sich. Allerdings weiß jeder, daß auch Händler, die zehntausend Rubel schwer sind, in einem solchen Wägelchen mit ledernem Geschirr fahren; aber es ist dasselbe und doch auch etwas anderes. Da fährt so ein Mann mit großem Barte, in einem langen blauen oder schwarzen Rock, mit einem wohlgenährten Pferde und sitzt allein in seinem Wagen: man braucht nur einen Blick hinzuwerfen, ob das Pferd und er selbst wohlgenährt sind, und wie er dasitzt, und wie das Pferd angespannt und der Wagen beschient ist, und was er selbst für einen Gurt um hat, dann weiß man auch sofort, ob es sich bei seinen Geschäften um Tausende oder um Hunderte von Rubeln handelt. Sobald ein erfahrener Mann Polikei und seine Hände und sein Gesicht und den Bart, den er sich erst seit kurzem hatte stehen lassen, und seine Leibbinde und das ohne Sorgfalt in den Wagenkasten geworfene Heu und den mageren Baraban und die abgescheuerten Radschienen aus der Nähe betrachtete, mußte er sofort erkennen, daß da ein geringer Knecht fuhr und kein Kaufmann, kein Viehhändler, kein Hausmeister, niemand, der tausend oder hundert oder auch nur zehn Rubel hinter sich hatte. Aber Polikei war anderer Meinung; er war in einem Irrtum befangen, in einem angenehmen Irrtum. Er sagte sich: ›Bald werde ich anderthalbtausend Rubel an meiner Brust stecken haben. Wenn ich will, kann ich Baraban, statt nach Hause, nach Odessa zu wenden und fahren, wohin mich Gott führt. Aber ich werde das nicht tun, sondern das Geld getreulich der gnädigen Frau überbringen und dazu sagen, daß ich schon ganz andere Geldsummen transportiert habe.‹ Als er zu einem Wirtshause kam, zog Baraban den linken Zügel an und wollte anhalten und einkehren; aber obgleich Polikei Geld bei sich hatte, das nämlich, das ihm zu den Einkäufen mitgegeben war, versetzte er dem Pferde einen klatschenden Hieb mit der Peitsche und fuhr vorbei. Dasselbe tat er auch beim zweiten Wirtshause, und um Mittag stieg er von seinem Wagen, öffnete das Tor des Kaufmannshauses, wo alle Leute der gnädigen Frau einzukehren pflegten, führte den Wagen hinein, spannte aus, brachte das Pferd an die Krippe mit Heu, aß mit den Leuten des Kaufmanns zu Mittag, wobei er nicht unterließ zu erzählen, in welch einer wichtigen Angelegenheit er gekommen sei, und ging dann, mit dem Brief in der Mütze, zum Gärtner. Der Gärtner, der Polikei kannte, las den Brief und fragte mit sichtlichem Zweifel, ob ihm wirklich befohlen sei, das Geld zu holen. Polikei wollte den Beleidigten spielen, brachte es aber nicht fertig, sondern lächelte nur in der ihm eigenen Art. Der Gärtner las den Brief noch einmal durch und händigte ihm das Geld ein. Nachdem Polikei das Geld empfangen hatte, steckte er es sich vorn an der Brust unter das Hemd und begab sich wieder nach seinem Ausspann. Kein Bierhaus und keine Branntweinschänke, nichts konnte ihn verführen. Er empfand in seinem ganzen Leibe eine angenehme Aufregung und blieb mehr als einmal vor den Läden mit verlockenden Waren, Stiefeln, Rücken, Mützen, Kattun und Viktualien, stehen. Und wenn er so ein Weilchen gestanden hatte, so ging er weiter mit dem angenehmen Gefühl: ich kann das alles kaufen; aber ich tue es nicht. Er ging auf den Basar, um einzukaufen, wozu er Aufträge hatte, brachte alles zusammen und handelte nun um einen gegerbten Pelz, für den der Kaufmann fünfundzwanzig Rubel verlangte. Der Verkäufer, der seinen Kunden musterte, glaubte nicht recht, daß dieser imstande sei, den Pelz zu kaufen; aber Polikei deutete auf seine Brust und sagte, er könne seinen ganzen Laden kaufen, wenn er wolle; er verlangte, den Pelz anzuprobieren, drückte und streichelte ihn, blies in das Fell hinein und nahm sogar schon dessen Geruch an; endlich aber zog er ihn mit einem Seufzer wieder aus. »Der Preis sagt mir nicht zu; wenn Sie ihn für fünfzehn Rubel ließen...« sagte er. Der Kaufmann warf den Pelz ärgerlich über den Tisch, Polikei aber ging hinaus und begab sich in vergnügter Stimmung nach seinem Quartier. Nachdem er zu Abend gegessen, Baraban getränkt und mit Hafer versorgt hatte, stieg er auf den Ofen, zog den Brief heraus, betrachtete ihn lange und bat den des Lesens kundigen Hausknecht, ihm die Adresse und die Worte: ›Einliegend eintausendsechshundertundsiebzehn Rubel in Banknoten‹ vorzulesen. Der Umschlag war aus gewöhnlichem Papier gemacht; die Siegel waren von braunem Siegellack und zeigten einen Anker, ein großes in der Mitte und vier an den Ecken; an der einen Seite war etwas Siegellack verträufelt. Polikei besah und studierte das alles und befühlte sogar die scharfen Kanten der Banknoten. Er empfand eine Art von kindlichem Vergnügen in dem Bewußtsein, daß er eine solche Geldsumme in den Händen habe. Er schob den Brief in das Loch seiner Mütze, legte die Mütze unter seinen Kopf und schlief ein; aber in der Nacht erwachte er mehrmals und fühlte nach dem Briefe. Und jedesmal, wenn er den Brief an seinem Platze fand, hatte er eine angenehme Empfindung bei dem Bewußtsein, daß er, der vielgeschmähte, vielgekränkte Polikei, da nun eine solche Geldsumme bringe und getreulich abliefern werde, so getreulich wie nicht einmal der Verwalter selbst. 8 Um Mitternacht wurden die Leute des Kaufmanns und Polikei durch ein Klopfen am Tore und durch das Geschrei von Bauern geweckt. Es waren die Rekruten, die aus Pokrowskoje gebracht wurden. Die Ankömmlinge waren im ganzen zehn: Chorjuschkin, Mitjuchin und Ilja (Dutlows Neffe), zwei Ersatzmänner, der Schulze, der alte Dutlow und drei andere Begleiter. In der Stube brannte ein Nachtlicht; die Köchin schlief auf der Bank unter den Heiligenbildern. Sie sprang auf und zündete eine Kerze an. Polikei war ebenfalls aufgewacht, beugte sich über den Rand des Ofens und betrachtete die eingetretenen Bauern. Alle bekreuzigten sich beim Eintreten und setzten sich dann auf die Bänke. Alle waren ganz ruhig, so daß es unmöglich war, zu erkennen, welches die Rekruten und welches die Begleiter waren. Sie begrüßten die Anwesenden, fingen an zu plaudern und verlangten etwas zu essen. Manche allerdings waren schweigsam und traurig; dafür waren andere außerordentlich heiter; sie hatten offenbar getrunken. Zu diesen gehörte auch Ilja, der bisher nie getrunken hatte. »Nun, Kinder, wollt ihr noch Abendbrot essen oder euch gleich schlafen legen?« fragte der Schulze. »Abendbrot essen«, antwortete Ilja, schlug seinen Pelz auseinander und setzte sich auf eine Bank. »Laß Branntwein holen!« »Branntwein ist schon genug getrunken«, erwiderte der Schulze in leichtem Tone und wandte sich von neuem den andern zu. »Nun, dann eßt doch euer Brot, Kinder! Wozu sollen wir die Leute hier wecken?« »Branntwein her!« sagte Ilja noch einmal, ohne jemand anzusehen, und in einem Tone, an dem man merken konnte, daß er von seinem Verlangen nicht so bald Abstand nehmen werde. Die Bauern befolgten den Rat des Schulzen, holten sich Brot aus den Wagen, aßen, ließen sich Kwas dazu geben und legten sich hin, die einen auf den Fußboden, die andern auf den Ofen. Ilja wiederholte immer noch von Zeit zu Zeit: »Branntwein her! Ich sage: Branntwein her!« Auf einmal erblickte er Polikei. »Polikei Iljitsch, ah! du bist hier, lieber Freund? Siehst du, ich muß Soldat werden; ich habe von meiner Mutter und von meinem Weibe für immer Abschied genommen... Wie sie heulten! Unter die Soldaten steckt man mich. Laß doch Branntwein holen!« »Ich habe kein Geld«, erwiderte Polikei. »Nun, so Gott will, wirst du noch für untauglich befunden,« fügte er tröstend hinzu. »Nein, Bruder, ich bin so rein wie eine Birke; niemals habe ich eine Krankheit gehabt. Wie könnte ich untauglich sein? Einen bessern Soldaten kann der Zar gar nicht bekommen.« Polikei erzählte ihm eine Geschichte, wie ein Bauer dem Arzte einen Fünfrubelschein gegeben hatte und dadurch freigekommen war. Ilja rückte näher an den Ofen heran und wurde gesprächig. »Nein, Polikei Iljitsch, jetzt ist alles zu Ende, und ich will auch selbst nicht mehr hierbleiben. Mein Onkel hat mich unter die Soldaten gesteckt. Hätte er nicht einen Ersatzmann für mich kaufen können? Aber nein, seinen Sohn mochte er nicht missen, und das Geld mochte er auch nicht missen. Da gibt er denn mich hin... Jetzt will ich selbst nicht hierbleiben.« (Er sprach leise, vertraulich, unter der Einwirkung eines stillen Grames.) »Mir tut nur meine Mutter leid; wie hat die Gute gejammert! Und auch meine Frau tut mir leid; der haben sie nun um nichts und wieder nichts ihr Leben zerstört; jetzt wird sie zugrunde gehen: eine Soldatenfrau, das Wort sagt genug. Hätten sie mich lieber nicht verheiratet! Warum haben sie es getan? Morgen kommen meine Mutter und meine Frau her.« »Warum hat man euch denn so früh hergebracht?« fragte Polikei. »Erst war nichts davon zu hören und nun auf einmal...« »Siehst du, sie fürchten, daß ich mir ein Leid antue,« antwortete Ilja lächelnd. »Sie können unbesorgt sein; ich werde nichts Derartiges tun. Ich werde auch bei den Soldaten nicht zugrunde gehen; mir tut nur meine Mutter leid. Warum haben sie mir eine Frau gegeben?« sagte er leise und traurig. Die Tür öffnete sich und wurde dann kräftig zugeschlagen; der alte Dutlow war hereingekommen und schüttelte die Feuchtigkeit von seiner Mütze. Er trug, wie immer, so große Bastschuhe, als ob er Kähne an den Füßen hätte. »Afanasi,« sagte er, sich bekreuzigend und sich an den Hausknecht wendend, »ist nicht eine Laterne da, damit ich den Pferden Hafer aufschütten kann?« Dutlow sah nicht nach Ilja hin und zündete ruhig das Lichtstümpfchen an. Seine Fausthandschuhe und seine Peitsche steckten in seinem Gürtel, und dieser war sorgfältig um den Kittel herumgelegt: es machte ganz den Eindruck, als sei er mit einer Frachtfuhre gekommen; so schlicht und gewöhnlich, friedlich und mit wirtschaftlichen Dingen beschäftigt sah sein von langjähriger Arbeit zeugendes Gesicht aus. Als Ilja seinen Onkel erblickte, verstummte er, richtete wieder die niedergeschlagenen Augen auf irgendeine Stelle der Bank und sagte, zu dem Schulzen gewendet: »Gib mir Branntwein, Jermil! Ich will Schnaps trinken.« Seine Stimme klang ingrimmig und düster. »Wie kannst du jetzt Schnaps wollen!« antwortete der Schulze, aus einer Schüssel löffelnd. »Du siehst doch, daß die Leute gegessen und sich hingelegt haben; was tobst du noch?« Das Wort »toben« brachte den jungen Menschen offenbar auf den Gedanken, zu toben. »Schulze, es gibt ein Unglück, wenn ich keinen Schnaps kriege!« »Versuche du ihn doch zur Vernunft zu bringen!« wandte sich der Schulze an Dutlow, der bereits die Laterne angezündet hatte, aber noch stehen geblieben war, offenbar um zu hören, was noch weiter geschehen werde, und von der Seite mitleidig nach seinem Neffen hinblickte, als wenn er über dessen kindisches Benehmen erstaunt wäre. Ilja sagte wieder mit gesenktem Kopfe: »Gib Schnaps her, oder es gibt ein Unglück!« »Laß das doch sein, Ilja!« sagte der Schulze in mildem Tone. »Wirklich, laß das sein! Es ist besser so!« Aber kaum hatte er diese Worte gesprochen, als Ilja aufsprang, mit der Faust eine Fensterscheibe zerschlug und aus vollem Halse schrie: »Ihr wollt nicht hören; da habt ihrs!« Und er stürzte zum andern Fenster hin, um es ebenfalls zu zerschlagen. Polikei drehte sich in einem Augenblicke zweimal um sich selbst und verbarg sich in der hintersten Ecke des Ofens, so daß er dort alle Schaben aufstörte. Der Schulze warf seinen Löffel aus der Hand und lief auf Ilja zu. Dutlow stellte langsam die Laterne hin, band seinen Gurt ab, schnalzte mit der Zunge, wiegte den Kopf hin und her und trat zu Ilja, der sich bereits mit dem Schulzen und dem Hausknecht herumbalgte, die ihn nicht an das Fenster ließen. Sie hatten ihn an den Armen gepackt und schienen ihn in ihrer Gewalt zu haben, aber sowie Ilja seinen Onkel mit dem Gurt sah, verdoppelten sich seine Kräfte; er riß sich los und trat mit rollenden Augen und geballter Faust auf Dutlow zu. »Ich schlage dich tot; komm mir nicht zunah, du Barbar! Du hast mich zugrunde gerichtet, du und deine räuberischen Söhne; du hast mich zugrunde gerichtet! Warum hast du mir eine Frau gegeben? Komm mir nicht zu nah; ich schlage dich tot!« Ilja war schrecklich anzusehen. Sein Gesicht war dunkelrot; die Augen fuhren wild nach allen Seiten umher; sein ganzer gesunder, jugendlicher Körper zitterte wie im Fieber. Wie es schien, war er willens und imstande, die Männer, die auf ihn zukamen, alle drei totzuschlagen. »Deines Bruders Blut trinkst du, du Blutsauger!« In Dutlows sonst stets so ruhigem Gesicht blitzte etwas auf. Er trat einen Schritt vorwärts. »In Gutem hast du nicht gewollt,« sagte er plötzlich, und mit einer schnellen Bewegung (wo er nur die Energie dazu hernahm?) ergriff er seinen Neffen, warf sich mit ihm auf die Erde und begann ihm mit Hilfe des Schulzen die Arme zusammenzuschnüren. Etwa fünf Minuten lang rangen sie miteinander; endlich stand Dutlow mit Hilfe der andern auf und riß Ilias Hände von seinem Pelze los, in dem dieser sich festgekrallt hatte; nachdem er selbst aufgestanden war, hob er Ilja auf, dem die Hände auf dem Rücken zusammengebunden waren, und setzte ihn auf eine Bank in die Ecke. »Ich habe es dir ja gesagt, daß es dir schlecht bekommen werde,« sagte er, noch atemlos von dem Ringen, und rückte sich das Hemd in der Hüfte zurecht. »Warum versündigst du dich? Wir müssen alle sterben. Schieb ihm einen Kittel unter den Kopf,« fügte er, zum Hausknecht gewendet, hinzu, »sonst wird ihm der Kopf schwellen.« Dann nahm er die Laterne, band sich statt des Gurtes einen Strick um den Leib und ging wieder hinaus zu den Pferden. Mit zerzaustem Haar, blassem Gesicht und hochgeschobenem Hemd sah sich Ilja nach allen Seiten im Zimmer um, als wenn er sich zu besinnen suchte, wo er eigentlich sei. Der Hausknecht sammelte die Glasscherben auf und stopfte eine Pelzjacke ins Fenster, damit es nicht ziehe. Der Schulze setzte sich wieder zu seiner Schüssel. »Ach, lieber Ilja, lieber Ilja, du tust mir leid, wirklich. Aber was ist zu machen? Sieh mal Chorjuschkin an; der ist auch verheiratet. Es ist eben nicht zu ändern.« »Wegen meines Onkels, des Bösewichtes, gehe ich zugrunde,« wiederholte Ilja mit verbissener Wut. »Ihm tuts um sein Geld leid. Meine Mutter hat gesagt, der Verwalter habe ihn aufgefordert, einen Rekruten als Stellvertreter zu kaufen. Aber er will nicht; er sagt, das könne er nicht leisten. Und dabei haben mein Bruder und ich ihm eine Menge Geld ins Haus gebracht. Ein Bösewicht ist er!« Dutlow trat wieder ins Zimmer, betete vor den Heiligenbildern, zog sich aus und setzte sich zu dem Schulzen. Eine Magd brachte ihm Kwas und einen Löffel. Ilja schwieg und lehnte sich mit geschlossenen Augen gegen den Kittel. Der Schulze wies schweigend auf ihn hin und schüttelte den Kopf. Dutlow machte eine bedauernde Bewegung mit der Hand. »Tut er mir denn nicht leid? Er ist ja doch der Sohn meines leiblichen Bruders. Und nicht genug, daß er mir leid tut, hat man mich ihm auch noch als einen Bösewicht dargestellt. Seine Frau, die trotz ihrer Jugend ein listiges Weib ist, hat ihm die Vorstellung in den Kopf gesetzt, wir hätten so viel Geld, daß wir einen Ersatzmann kaufen könnten. Und da macht er mir nun Vorwürfe. Aber wie leid mir der Junge tut!...« »Ach ja, er ist ein braver Bursche!« sagte der Schulze. »Aber ich vermag nichts über ihn. Morgen werde ich Ignat herschicken, und seine Frau wollte auch mit herkommen.« »Schicke sie nur her; das ist gut,« erwiderte der Schulze, stand auf und stieg auf den Ofen. »Was ist das Geld? Das Geld ist Staub.« »Wenn unsereiner nur Geld hätte, dann würde man es gern ausgeben,« sagte ein Knecht des Kaufmanns, indem er den Kopf in die Höhe hob. »Ach, das Geld, das Geld! Von dem kommt viele Sünde her,« sagte Dutlow. »Von nichts in der Welt kommt so viel Sünde her wie vom Gelde; das steht schon in der Bibel.« »Ja, es steht alles geschrieben,« stimmte der Hausknecht bei. »So erzählte mir einmal einer: Es war ein Kaufmann, der hatte viel Geld zusammengescharrt und wollte nichts zurücklassen; er liebte sein Geld so, daß er es mit in den Sarg nehmen wollte. Kurz vor seinem Tode befahl er, ihm sein Kopfkissen mit in den Sarg zu legen. Man ahnte nichts und tat es. Nachher suchten die Söhne nach dem Gelde, aber es war nichts zu finden. Da kam der eine Sohn auf den Gedanken, daß das Geld gewiß in dem Kissen gewesen sei. Die Sache kam vor den Zaren, und er erlaubte, den Sarg auszugraben. Und was glaubt ihr? Man öffnete den Sarg: in dem Kissen war nichts darin, aber der Sarg war voll Schlangen; da gruben sie ihn denn wieder ein. Da sieht man, was das Geld anrichtet.« »Ja, das ist sicher, es ist an vieler Sünde schuld,« sagte Dutlow, stand auf und betete. Als er gebetet hatte, betrachtete er seinen Neffen. Dieser schlief. Dutlow trat zu ihm, löste ihm den Gurt, mit dem seine Arme gebunden waren, und legte sich hin. Ein anderer Bauer ging in den Stall zu den Pferden, um dort zu schlafen. 9 Sobald es still geworden war, stieg Polikei verstohlen, als ob er etwas Schlimmes begangen hätte, vom Ofen herunter und machte sich reisefertig. Es war ihm aus einem unklaren Grunde peinlich, hier mit den Rekruten zusammen zu übernachten. Die Hähne fingen schon an häufiger zu krähen. Baraban hatte seinen ganzen Hafer verzehrt und streckte den Hals begierig nach dem Tränkeimer aus. Polikei spannte ihn an und führte ihn, an den Bauernwagen vorbei, hinaus. Die Mütze mit ihrem Inhalte war unversehrt, und die Räder des Wägelchens klapperten von neuem auf der ein wenig überfrorenen Landstraße nach Pokrowskoje. Polikei fühlte sich erst dann leichter, als er aus der Stadt heraus war. Bis dahin schien es ihm immer, als werde er im nächsten Augenblicke Verfolger hinter sich hören, die ihn anhalten, ihm an Iljas Stelle die Arme auf den Rücken binden und ihn am nächsten Tage zur Gestellung bringen würden. Halb vor Kälte, halb vor Angst lief ihm ein Frostschauer über den Rücken, und er trieb fortwährend Baraban zu schärferem Laufe an. Der erste Mensch, der ihm begegnete, war ein Pope Eine solche Begegnung gilt als übles Vorzeichen. Anmerkung des Übersetzers. mit einem gebückt gehenden Knechte. Es wurde ihm noch unbehaglicher zumute. Aber als er vor die Stadt gekommen war, verging diese Angst allmählich. Baraban ging nun im Schritt; der vor ihnen liegende Weg war jetzt besser zu sehen; Polikei nahm die Mütze ab und fühlte nach dem Gelde. ›Ob ich es vorn in die Brust stecke?‹ dachte er; ›dazu müßte ich mir erst den Gurt aufmachen. Ich will noch den Abhang hinunterfahren; da will ich absteigen und mich zurechtmachen. Die Mütze ist oben fest zugenäht, und unten kann aus dem Futter nichts herausfallen. Und bis ich zu Hause bin, nehme ich dann die Mütze nicht mehr ab.« Als sie an die Senkung des Weges gekommen waren, jagte Baraban aus eigenem Antriebe schnell bergab, und Polikei, der, ebenso wie Baraban, so schnell wie möglich zu Hause zu sein wünschte, hinderte ihn daran nicht. Alles war in Ordnung; wenigstens meinte er es, und gab sich angenehmen Träumereien hin über die Dankbarkeit der Gutsherrin, über die fünf Rubel, die sie ihm geben werde, und über die Freude seiner Angehörigen. Er nahm die Mütze ab, fühlte noch einmal nach dem Briefe, zog sich die Mütze tiefer auf den Kopf und lächelte. Der Plüsch an der Mütze war mürbe, und gerade dadurch, daß Akulina ihn tags zuvor an der zerrissenen Stelle sorgsam zusammengenäht hatte, war er am andern Ende locker geworden, und gerade die Bewegung, durch die Polikei in der Dunkelheit, nachdem er die Mütze abgenommen hatte, den Brief tiefer unter die Watte zu schieben glaubte, gerade diese Bewegung brachte die Mütze zum Aufreißen und schob den Brief mit der einen Ecke aus dem Plüsch heraus. Es begann hell zu werden, und Polikei, der die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, schlummerte ein. Nachdem er die Mütze tief auf den Kopf gezogen und dadurch den Brief noch mehr herausgedrückt hatte, begann er im Schlafe mit dem Kopfe gegen die Seitenstange zu schlagen. Er erwachte erst, als er schon beinah zu Hause war. Seine erste Bewegung war, nach der Mütze zu greifen; sie saß fest auf dem Kopfe, und er nahm sie gar nicht ab, überzeugt, daß der Brief darin war. Er trieb Baraban an, brachte das Heu in Ordnung, nahm wieder das Aussehen eines Hausmeisters an und rasselte, mit wichtiger Miene um sich blickend, auf das Gutsgebäude zu. Da war die Küche; da war das Gesindehaus; da trug die Tischlerfrau Leinwand; da war das Kontor; da war das herrschaftliche Haus. »Dort,« sagte er zu sich, »wird in wenigen Augenblicken Polikei zeigen, daß er ein zuverlässiger, ehrlicher Mensch ist, daß ungerechten Verleumdungen schließlich ein jeder ausgesetzt ist; und die gnädige Frau wird sagen: »Ich danke dir, Polikei; hier hast du drei...« vielleicht werden es auch fünf, vielleicht auch zehn Rubel, und sie läßt mir auch noch Tee bringen und vielleicht auch ein Schnäpschen. Das würde bei der Kälte nichts schaden. Für die zehn Rubel wollen wir uns morgen am Festtag etwas zugute tun, und Stiefel wollen wir kaufen, und meinetwegen will ich auch diesem Nikita seine fünftehalb Rubel zurückgeben; er fängt schon an sehr dringlich zu werden...« Als er nur noch hundert Schritte vom Hause entfernt war, schlug er noch einmal die Rockflügel übereinander, brachte seinen Gürtel und sein Halstuch in Ordnung, nahm die Mütze ab, strich sich das Haar zurecht und steckte ohne Eile die Hand unter das Futter. Die Hand bewegte sich in der Mütze hin und her, schneller, noch schneller; die andere schob sich ebenfalls hinein; das Gesicht wurde blaß, ganz blaß; die eine Hand war quer hindurchgefahren ... Polikei warf sich auf die Kniee, hielt das Pferd an, blickte im Wagen umher, in das Heu, zwischen die eingekauften Gegenstände; er befühlte seine Brust, seine Hosen: das Geld war nirgends zu finden. »Gott im Himmel! Was ist das? Was wird daraus werden?« schrie er und griff sich in die Haare. Aber sogleich fiel ihm ein, daß man ihn sehen könne; er wendete Baraban um, setzte die Mütze auf und jagte den erstaunten und unzufriedenen Wallach auf der Landstraße zurück. »Nein, mit diesem Polikei zu fahren, das ist nicht zum Aushalten!« dachte Baraban jedenfalls. »Nun hat er mich ein einziges Mal im Leben rechtzeitig gefüttert und getränkt, nur um mich so unangenehm zu enttäuschen. Was habe ich mir bei der Rückfahrt nach Hause für Mühe gegeben und mich beeilt! Ich bin ganz müde geworden; aber kaum rieche ich unser Heu, da treibt er mich wieder zurück!« »Zu, zu, du Satansvieh!« schrie Polikei unter Tränen, während er auf dem Wagen stand und Baraban mit den Zügeln im Maule riß und ihn mit der Peitsche schlug. 10 Diesen ganzen Tag über bekam niemand in Pokrowskoje Polikei zu sehen. Die Gutsherrin fragte nach dem Mittagessen mehrere Male nach ihm, und Arjutka lief zu Akulina. Aber Akulina erwiderte, er sei noch nicht gekommen; offenbar habe ihn der Kaufmann aufgehalten, oder es sei dem Pferde etwas passiert. »Es wird doch nicht lahm geworden sein?« sagte sie; »voriges Mal hat Maxim volle vierundzwanzig Stunden zur Rückfahrt gebraucht und ist den ganzen Weg zu Fuß gegangen!« Arjutka setzte sich mit pendelnden Armen wieder nach dem Hause zu in Bewegung; Akulina aber ersann immer neue Gründe für das Ausbleiben ihres Mannes und suchte sich zu beruhigen – aber es gelang ihr nicht! Es war ihr schwer ums Herz, und keine Arbeit für den morgigen Festtag ging ihr recht von der Hand. Sie ängstigte sich um so mehr, da die Tischlerfrau versicherte, sie habe selbst gesehen, daß ein Mann, der gerade wie Polikei ausgesehen habe, bis nahe an das Gutshaus herangefahren sei und dann wieder umgewendet habe. Auch die Kinder warteten voll Unruhe und Ungeduld auf ihren Vater, aber aus anderen Gründen. Anjutka und Maschka waren ohne den Pelz und den Kittel zurückgeblieben, die ihnen sonst die Möglichkeit gewährt hatten, wenigstens abwechselnd auf die Straße hinauszugehen, und sahen sich daher genötigt, nur um das Haus herum bloß in ihren dünnen Kleidern mit gesteigerter Geschwindigkeit Rundläufe zu veranstalten, wodurch sie alle seine Bewohner, die hereinkamen oder hinausgingen, nicht wenig belästigten. Einmal rannte Maschka der Tischlerfrau, die Wasser trug, gegen die Beine, und obgleich sie schon im voraus losheulte, als sie an deren Knie anstieß, wurde sie doch tüchtig an den Haaren gerissen und weinte nun noch stärker. War sie aber auf ihrem Rundlauf mit niemand zusammengestoßen, so lief sie geradeswegs wieder in die Tür herein und kletterte mit Benutzung eines Zubers auf den Ofen. Nur die Gutsherrin und Akulina beunruhigten sich wirklich um Polikei selbst, die Kinder nur um das, was er auf dem Leibe hatte. Jegor Michailowitsch aber antwortete, als ihn die Gutsherrin fragte, ob Polikei noch nicht zurück sei und wo er wohl sein könne, lächelnd: »Ich weiß es nicht,« und war offenbar zufrieden damit, daß seine Vermutungen sich bestätigt hatten. »Er hätte schon zum Mittagessen wieder hier sein müssen,« fügte er bedeutsam hinzu. Diesen ganzen Tag über wußte in Pokrowskoje kein Mensch etwas von Polikei; erst später erfuhr man, daß ihn Bauern aus der Nachbarschaft gesehen hatten, wie er ohne Mütze auf der Landstraße dahinlief und jeden fragte, ob er nicht einen Brief gefunden habe. Ein anderer hatte ihn am Rande des Weges schlafend getroffen, neben dem angebundenen Pferde mit dem Wagen. »Ich dachte noch,« erzählte dieser, »es müsse wohl ein Betrunkener sein, und das Pferd müsse wohl zwei Tage lang nichts zu fressen und zu saufen bekommen haben; so eingefallen sahen seine Flanken aus.« Akulina schlief die ganze Nacht nicht, sondern horchte fortwährend; aber auch in der Nacht kam Polikei nicht. Wenn sie nicht allein gewesen wäre, sondern einen Koch und ein Dienstmädchen gehabt hätte, so würde sie noch unglücklicher gewesen sein; aber als die Hähne zum dritten Mal krähten und die Tischlerfrau sich erhoben hatte, da mußte auch Akulina aufstehen und sich an den Ofen machen. Es war Feiertag: ehe es Tag wurde, mußte sie das Brot herausnehmen, Kwas machen, Plätzchen backen, die Kuh melken, die Kleider und Hemden plätten, die Kinder waschen, Wasser holen und die Nachbarin hindern, den ganzen Ofen mit Beschlag zu belegen. Akulina nahm, ununterbrochen dazwischen horchend, diese Arbeiten in Angriff. Schon wurde es hell, schon läutete es von der Kirche, schon standen die Kinder auf, aber Polikei war immer noch nicht da. Am Abend vorher hatte der Winter seinen Einzug gehalten und die Felder, die Landstraße und die Dächer ungleichmäßig mit Schnee bedeckt; und heute war, gleichsam dem Festtage zu Ehren, schönes, sonniges, kaltes Wetter, so daß man weit sehen und hören konnte. Aber Akulina, die am Ofen stand und den Kopf in die Öffnung hineingesteckt hatte, war so mit dem Backen der Plätzchen beschäftigt, daß sie nicht hörte, wie Polikei angefahren kam, und erst durch das Geschrei der Kinder erfuhr, daß ihr Mann wieder da war. Anjutka, als die älteste, hatte sich selbst den Kopf mit Talg pomadisiert und sich selbst angezogen. Sie hatte ein neues, rosa, noch nicht zerknittertes Kattunkleid an, ein Geschenk der gnädigen Frau, das ihr wie Baumrinde vom Leibe abstand und den Nachbarn in die Augen stach; ihr Haar glänzte, sie hatte ein halbes Lichtstümpfchen daraufgeschmiert; die Schuhe waren zwar nicht neu, aber fein. Maschka steckte noch in der alten Jacke und im Schmutz, und Anjutka ließ sie nicht nahe an sich heran, um von ihr nicht beschmutzt zu werden. Maschka war draußen, als der Vater, mit einem kleinen Mattensack auf dem Wagen, angefahren kam. »Vater is sekommen!« kreischte sie und stürzte Hals über Kopf durch die Tür herein an Anjutka vorbei und beschmutzte diese. Anjutka begann sogleich, ohne sich vor weiterer Beschmutzung zu scheuen, Maschka zu prügeln, Akulina aber konnte im Augenblick nicht von ihrer Arbeit abkommen. Sie rief nur den Kindern zu: »Na wartet! Ich werde euch alle beide durchhauen!« und richtete die Augen nach der Tür hin. Polikei trat mit dem Mattensack in den Flur und ging sofort hindurch in seinen Winkel. Es kam seiner Frau so vor, als ob er blaß sei und sein Gesicht einen halb weinerlichen, halb lächelnden Ausdruck zeigte; aber sie hatte keine Zeit, das genauer festzustellen. »Nun, Polikei, hast du alles glücklich erledigt?« fragte sie vom Ofen her. Polikei murmelte etwas, was sie nicht verstand. »Was sagst du?« rief sie. »Bist du schon bei der gnädigen Frau gewesen?« Polikei saß in seinem Winkel auf dem Bette, blickte scheu rings um sich und lächelte in seiner schuldbewußten, tieftraurigen Art. Lange Zeit gab er keine Antwort. »Nun, Polikei? Warum antwortest du nicht?« rief Akulina. »Ich habe der gnädigen Frau das Geld eingehändigt, Akulina. Sie hat sich sehr bedankt,« erwiderte er nun schnell und begann sich noch unruhiger umzusehen und zu lächeln. Zwei Gegenstände zogen seine unruhigen, fieberhaft geöffneten Augen besonders auf sich: der an die Wiege gebundene Strick und das kleinste Kind. Er trat an die Wiege und band mit seinen schlanken Fingern hastig den Knoten des Strickes auf. Dann hafteten seine Augen auf dem Kinde; aber in diesem Augenblicke trat Akulina mit den Plätzchen auf einem Brett in den Winkel. Polikei verbarg den Strick schnell an der Brust unter dem Hemd und setzte sich auf das Bett. »Was ist dir, Polikei? Du bist ja ganz verstört?« sagte Akulina. »Ich habe nicht geschlafen,« antwortete er. Auf einmal huschte etwas draußen vor dem Fenster vorbei, und einen Augenblick darauf kam Arjutka, das Mädchen von oben, wie ein Pfeil hereingeflogen. »Die gnädige Frau hat befohlen, Polikei Iljitsch soll augenblicklich zu ihr kommen,« bestellte sie. »Augenblicklich, hat Awdotja Nikolajewna befohlen... augenblicklich.« Polikei sah zuerst Akulina und dann das Mädchen an. »Ich komme sofort! Was will sie denn noch?« sagte er in so harmlosem Tone, daß Akulina sich in dem Gedanken beruhigte: ›Vielleicht will sie ihn belohnen.‹ »Bestell nur, ich komme sofort.« Er stand auf und ging hinaus; Akulina aber nahm eine Wanne, stellte sie auf die Bank, goß Wasser aus den an der Tür stehenden Eimer und aus dem im Ofen siedenden Kessel hinein, streifte die Ärmel auf und probierte das Wasser. »Komm, Maschka, ich will dich baden!« Das lispelnde Mädchen fing störrisch an zu brüllen. »Komm her, du Schmutzliese, ich werde dir ein reines Hemd anziehen. Na, sträube dich nicht erst lange! Komm, ich muß deine Schwester auch noch baden.« Unterdessen ging Polikei nicht hinter dem Mädchen von oben zur gnädigen Frau, sondern ganz woanders hin. Im Flur an der Wand war eine steile Leiter, die auf den Boden führte. Als Polikei auf den Flur hinauskam, sah er sich um, und als er niemand erblickte, stieg er, sich duckend und beinah laufend, behend und schnell diese Leiter hinauf. »Was hat das nur zu bedeuten, daß Polikei nicht erscheint?« sagte die gnädige Frau ungeduldig zu Dunjascha, die ihr das Haar kämmte. »Wo bleibt er nur? Warum kommt er nicht?« Arjutka flog wieder auf den Wirtschaftshof, stürmte wieder auf den Flur und bestellte, Polikei solle zur gnädigen Frau kommen. »Er ist ja schon längst hingegangen,« antwortete Akulina, die inzwischen Maschka gebadet hatte und in diesem Augenblick gerade den Säugling, einen Knaben, in die Wanne setzte und ihm trotz seinem Schreien seine spärlichen Härchen benetzte. Der Knabe schrie, schnitt ein Gesicht und suchte mit seinen kraftlosen Ärmchen irgend etwas zu greifen. Akulina stützte mit der einen gespreizten Hand seinen rundlichen, ganz mit Grübchen übersäten, weichen Rücken und wusch das Kind mit der andern. »Sieh doch mal zu, ob er nicht irgendwo eingeschlafen ist,« sagte sie, unruhig umherblickend. Unterdessen stieg die Tischlerfrau ungekämmt, mit offenstehender Brust, ihre Röcke anhebend, auf den Boden hinauf, um ein ihr gehörendes, dort zum Trocknen aufgehängtes Kleidungsstück zu holen. Plötzlich erscholl auf dem Boden ein Schreckensschrei, und die Tischlerfrau kletterte wie eine Wahnsinnige mit geschlossenen Augen auf allen vieren rückwärts, schnell wie eine Katze, die Leiter hinab. »Polikei!« schrie sie. Akulina ließ das Kind aus den Händen fallen. »Er hat sich aufgehängt!« heulte die Tischlerfrau. Akulina lief auf den Flur hinaus, ohne zu beachten, daß das Kind wie ein kleines Knäuel hintenüber rollte und, die Beinchen in die Höhe streckend, mit dem Kopfe unter das Wasser tauchte. »An einem Balken ... hängt er ...« schrie die Tischlerfrau, hielt aber inne, als sie Akulina erblickte. Akulina stürzte zur Leiter, lief, ehe sie jemand zurückhalten konnte, hinauf, stürzte mit einem furchtbaren Aufschrei wie tot auf die Leiter und hätte sich zu Tode gefallen, wenn nicht die von allen Seiten herausstürzenden Leute sie noch rechtzeitig aufgefangen hätten. 11 Einige Minuten lang war es unmöglich, in dem allgemeinen Wirrwarr etwas zu verstehen. Eine Menge Menschen war zusammengelaufen; alle schrien, alle redeten, die Kinder und die alten Frauen weinten. Akulina lag ohne Bewußtsein. Endlich stiegen zwei Männer, der Tischler und der Verwalter, der herbeigelaufen war, hinauf, und die Tischlerfrau erzählte zum zwanzigsten Male: »Ohne an irgend etwas zu denken, ging ich hinauf, um meine Pelerine zu holen; da sehe ich mich so um und erblicke einen Mann; ich sehe näher hin: neben ihm liegt eine Mütze mit herausgestülptem Futter. Da sehe ich: seine Beine baumeln. Mich überlief es ganz kalt. Das ist ja doch keine Kleinigkeit: ein Mensch hat sich erhängt, und gerade ich muß das zuerst sehen! Wie ich wieder nach unten gekommen bin, dafür habe ich selbst keine Erinnerung. Es ist geradezu ein Wunder, wie mich Gott gerettet hat. Wirklich, Gott hat sich meiner erbarmt. Das ist ja doch keine Kleinigkeit! Eine so steile Leiter, und diese Höhe! Ich hätte mich können zu Tode fallen!« Die Männer, die hinaufgestiegen waren, erzählten dasselbe. Polikei hing an einem Balken, nur in Hemd und Hosen, an demselben Strick, den er von der Wiege abgebunden hatte. Seine Mütze lag umgestülpt ebendort. Den Pelz und den Kittel hatte er ausgezogen und in guter Ordnung daneben zusammengelegt. Die Beine reichten bis zum Fußboden, Anzeichen des Lebens waren nicht mehr vorhanden. Akulina kam wieder zu sich und wollte wieder nach der Leiter hinstürzen, aber man ließ sie nicht hin. »Mamaßen, uns tleiner Semjon hat sich versluckt!« rief auf einmal das lispelnde Mädchen aus dem Winkel mit ihrer kreischenden Stimme. Akulina riß sich wieder los und lief in den Winkel hinein. Das Kind lag, ohne sich zu rühren, rücklings in der Wanne, und seine Beinchen bewegten sich nicht. Akulina nahm es heraus; aber es atmete nicht und rührte sich nicht. Akulina warf es auf das Bett, stützte sich mit den Armen auf und brach in ein so lautes, Helles, furchtbares Gelächter aus, daß Maschka, die zunächst ebenfalls losgelacht hatte, sich die Ohren zuhielt und weinend auf den Flur hinauslief. Die Leute drängten sich mit Geschrei und Geheul in den Winkel hinein. Sie trugen das Kind hinaus und begannen es zu reiben, aber alles war vergeblich. Akulina wälzte sich auf dem Bette umher und lachte, lachte so, daß es allen, die dieses Lachen hörten, unheimlich wurde. Erst jetzt, wenn man diesen buntscheckigen Haufen von Männern und Frauen, alten Leuten und Kindern sah, die sich im Flur drängten, konnte man sich eine Vorstellung davon machen, wie viele und wie vielerlei Leute in diesem Gesindehause wohnten. Alle waren in hastiger Bewegung, alle redeten, viele weinten, und niemand tat etwas. Die Tischlerfrau fand immer noch Leute, die ihre Geschichte noch nicht gehört hatten, und erzählte immer von neuem, wie ihr weiches Herz durch den unerwarteten Anblick erschüttert worden sei und wie Gott sie vor dem Fall die Leiter hinunter gerettet habe. Der alte Büfettdiener, der in einer Frauenjacke erschienen war, erzählte, wie zu Lebzeiten des seligen Herrn eine Frau sich im Teiche ertränkt hatte. Der Verwalter schickte Boten zum Landkommissar und zum Geistlichen und stellte eine Wache hin. Arjutka, das Mädchen von oben, blickte mit weit aufgerissenen Augen immer nach der Öffnung, die zum Boden führte, und konnte, obwohl sie da nichts sah, sich doch nicht davon losreißen und zur gnädigen Frau gehen. Agafja Michailowna, die bei der alten gnädigen Frau Stubenmädchen gewesen war, bat um Tee zur Beruhigung ihrer Nerven und weinte. Die alte Anna legte mit ihren erfahrenen, dicken, mit Baumöl befeuchteten Händen den kleinen Toten auf das Tischchen. Die Frauen standen um Akulina herum und sahen sie schweigend an. Die Kinder drückten sich in die Ecken, blickten nach ihrer Mutter hin und begannen zu heulen; dann verstummten sie, schauten sie wieder an und drückten sich noch tiefer hinein. Knaben und Männer drängten sich an der Freitreppe umher und blickten mit erschrockenen Gesichtern durch die Tür und das Fenster, ohne etwas zu sehen und zu verstehen, und fragten einander, was denn eigentlich los sei. Einer sagte, der Tischler habe seiner Frau mit dem Beil ein Bein abgehauen. Ein anderer erzählte, die Waschfrau habe Drillinge geboren. Ein dritter berichtete, die Katze des Kochs sei toll geworden und habe die Leute gebissen. Aber allmählich sickerte die Wahrheit durch und gelangte endlich auch zu den Ohren der gnädigen Frau. Und es scheint, daß man nicht einmal verstand, sie angemessen vorzubereiten: der gefühllose Jegor meldete es ihr geradezu und erschütterte das Nervensystem der gnädigen Frau dermaßen, daß sie sich lange Zeit nicht erholen konnte. Die Menge hatte schon begonnen sich zu beruhigen; die Tischlerfrau hatte den Samowar aufgestellt und kochte Tee; infolgedessen hielten die Hinzugekommenen, da sie keine Einladung erhielten, es für unpassend, länger dazubleiben. Die Jungen begannen sich an der Freitreppe zu balgen; alle Leute wußten schon, was vorgefallen war, und fingen schon an, sich zu bekreuzigen und auseinanderzugehen, als es auf einmal hieß: »Die gnädige Frau, die gnädige Frau!« und alle sich wieder zusammendrängten, um ihr Platz zu machen; zugleich aber wollten sie alle sehen, was sie tun werde. Blaß und verweint trat die gnädige Frau über die Schwelle in den Flur und ging in Akulinas Winkel. Kopf an Kopf drängte sich die Menge an der Tür zusammen und blickte herein. Eine schwangere Frau quetschten sie dabei so, daß sie aufkreischte; aber sogleich benutzte sie eben diesen Umstand dazu, einen Platz ganz vorn zu ergattern. Und wie hätte sich auch jemand das Vergnügen versagen können, die gnädige Frau in Akulinas Winkel zu beobachten? Das war für die Gutsleute ganz dasselbe wie das bengalische Feuer am Schluß einer Vorstellung. Ein schöner Anblick ist es, wenn das bengalische Feuer angezündet wird, und ein schöner Anblick war es auch, als die gnädige Frau in Seide und Spitzen in Akulinas Winkel kam. Sie trat zu Akulina heran und ergriff sie bei der Hand, aber Akulina entriß sie ihr. Die bejahrten Gutsleute schüttelten mißbilligend die Köpfe. »Akulina!« sagte die gnädige Frau, »du hast Kinder; schone dich für sie!« Akulina lachte und stand auf. »Meine Kinder sind ganz von Silber, ganz von Silber... Papiergeld nehme ich nicht«, murmelte sie hastig. »Ich habe zu Polikei gesagt: ›Nimm kein Papiergeld; sie schmieren dich damit an‹; mit Teer haben sie ihn beschmiert. Mit Teer und Seife, gnädige Frau. Jede Art Krätze wird dadurch sofort beseitigt.« Und sie lachte wieder, noch ärger als vorher. Die gnädige Frau wandte sich um und befahl, den Heilgehilfen mit einem Senfpflaster zu rufen. »Gebt kaltes Wasser her!« sagte sie und sah sich selbst nach Wasser um; aber als sie das tote Kind erblickte, vor dem die alte Anna stand, wandte sich die gnädige Frau ab, und alle sahen, wie sie ihr Gesicht mit dem Taschentuch verhüllte und weinte. Die alte Anna aber (leider sah es die gnädige Frau nicht; sie hätte es zu schätzen gewußt, und für sie wurde das ja auch alles veranstaltet) bedeckte das Kind mit einem Stück Leinwand, legte ihm die Händchen mit ihrer dicken, geschickten Hand zurecht und schüttelte so mit dem Kopf, zog so die Lippen auseinander, kniff so gefühlvoll die Augen zusammen und seufzte so tief, daß jedermann sehen konnte, was sie für ein gutes Herz hatte. Aber die gnädige Frau sah das nicht und konnte überhaupt nichts sehen. Sie schluchzte, bekam einen nervösen Anfall, und man mußte sie unter die Arme fassen und auf den Flur und in derselben Weise nach Hause führen. »Viel haben wir von ihr nicht zu sehen bekommen«, dachten viele und begannen auseinanderzugehen. Akulina lachte immer noch und redete Unsinn. Man brachte sie in ein anderes Zimmer, ließ ihr zur Ader, legte ihr mehrere Senfpflaster auf und machte ihr Eisumschläge auf den Kopf; aber sie blieb in gleicher Weise verständnislos und weinte nicht, sondern lachte; und sie redete und tat dabei solche Dinge, daß die gutherzigen Menschen, die sie pflegten, sich nicht halten konnten und ebenfalls lachten. 12 Das war kein vergnügter Festtag auf dem Gute von Pokrowskoje. Trotz dem schönen Wetter gingen die Leute nicht spazieren; die Mädchen versammelten sich nicht, um Lieder zu singen; die jungen Fabrikarbeiter, die aus der Stadt gekommen waren, ließen weder die Harmonika noch die Balalaika erklingen und spielten keine Spiele mit den Mädchen. Alle saßen in ihren Wohnungen, und wenn sie miteinander redeten, so redeten sie leise, als wenn ein böser Geist zugegen wäre und sie hören könnte. Bei Tage ging das alles noch an; aber am Abend, als es dunkel wurde, fingen die Hunde an zu heulen, und zum Unglück erhob sich auch noch ein Wind und heulte in den Schornsteinen, und alle Insassen der Gesindewohnungen befiel eine solche Furcht, daß jeder, der Kerzen in seinem Besitz hatte, sie vor dem Heiligenbilde anzündete. Wer allein in seinem ›Winkel‹ war, ging zu den Nachbarn und bat, bei ihnen in Gesellschaft von mehr Menschen die Nacht zubringen zu dürfen; wer aber hinausgehen mußte in den Viehstall, der tat das nicht und hatte kein Mitleid mit dem Vieh, das er diese Nacht ohne Futter ließ. Und das geweihte Wasser, das ein jeder in einem Arzneifläschchen aufbewahrte, wurde in dieser Nacht ganz und gar aufgebraucht. Viele hörten sogar, wie in dieser Nacht jemand immer mit schweren Schritten auf dem Dachboden umherging, und der Schmied sah, wie eine geflügelte Schlange geradeswegs auf den Dachboden flog. In Polikeis ›Winkel‹ war niemand; die Kinder und die Irrsinnige waren in andere Wohnungen umquartiert worden. Dort lag nur das tote kleine Kind, und es saßen da zwei alte Frauen und eine Pilgerin, die mit gewohnter Inbrunst laut den Psalter las, nicht um des kleinen Kindes willen, sondern so im allgemeinen wegen dieses ganzen Unglücks. So hatte es die gnädige Frau gewünscht. Diese alten Frauen und die Pilgerin hörten mit eigenen Ohren, wie jedesmal, wenn die Vorlesung eines neuen Abschnittes begann, da oben ein Balken knisterte und jemand stöhnte. Wenn sie dann die Gebetsworte sprachen: »Christus möge auferstehen!«, dann wurde es wieder still. Die Tischlerfrau hatte ihre Gevatterin zu sich geladen und trank mit ihr in dieser Nacht, ohne zu schlafen, den ganzen Tee aus, mit dem sie eine ganze Woche hatte ausreichen wollen. Auch diese beiden Frauen hörten, wie da oben die Balken knisterten und als ob Säcke von oben herabfielen. Die wachehaltenden Bauern machten den Gutsleuten noch einigermaßen Mut, sonst wären diese in dieser Nacht vor Angst gestorben. Die Bauern lagen im Flur auf Heu und versicherten später, sie hätten ebenfalls wunderbare Dinge auf dem Dachboden gehört, obgleich sie während dieser Nacht selbst sehr ruhig miteinander über die Rekrutierung geredet, ihr Brot gekaut, sich gekratzt und namentlich den Flur dermaßen mit einem besonderen Bauerngeruch erfüllt hatten, daß die Tischlerfrau, als sie an ihnen vorbeiging, ausspuckte und sie »Bauernpack« schimpfte. Wie dem nun auch sein mochte, jedenfalls hing der Selbstmörder immer noch auf dem Boden, und es schien, als ob in dieser Nacht der böse Geist in eigener Person das Gesindehaus mit seinen gewaltigen Flügeln beschatte, seine Macht zeige und diesen Leuten näher trete als sonst jemals. Wenigstens hatten sie alle diese Empfindung. Ich weiß nicht, ob das richtig war. Ich glaube sogar, es war ganz unrichtig. Ich glaube, wenn ein beherzter Mann in dieser furchtbaren Nacht eine Kerze oder Laterne genommen, sich bekreuzigt ober auch nicht bekreuzigt hätte, auf den Boden gestiegen wäre, langsam vor sich her mit dem Lichte der Kerze die Schrecken der Nacht zerstreut, die Balken, den Sand, den mit Spinnweben bedeckten Querschornstein und die vergessene Pelerine der Tischlerfrau beleuchtet hätte und so bis zu Polikei vorgedrungen wäre; und wenn er, ohne sich von dem Gefühl der Angst überwältigen zu lassen, die Laterne bis zur Höhe des Gesichtes emporgehoben hätte, dann würde er den wohlbekannten, hageren Körper mit den auf der Erde stehenden Füßen (der Strick hatte sich langgezogen) gesehen haben, wie er sich leblos zur Seite neigte, und den aufgeknöpften Hemdkragen, unter dem kein Taufkreuz sichtbar war, den auf die Brust gesunkenen Kopf und das gutmütige Gesicht mit den offenstehenden, nichts mehr sehenden Augen und das sanfte, schuldbewußte Lächeln und die über alledem schwebende ernste Ruhe und Stille. Wahrlich, die Tischlerfrau, die sich mit zerzaustem Haar und angstvollen Augen in die Ecke ihres Bettes drückte und erzählte, daß sie gehört habe, wie Säcke heruntergefallen seien, bot einen weit schrecklicheren und furchtbareren Anblick als Polikei, obwohl dieser sein Kreuz abgenommen und auf den Balken gelegt hatte. ›Oben‹, das heißt bei der Gutsherrin, herrschte dasselbe Entsetzen wie im Gesindehause. Im Zimmer der gnädigen Frau roch es nach Eau de Cologne und Arznei. Dunjascha wärmte gelbes Wachs und bereitete eine Salbe. Wozu die Salbe eigentlich diente, das weiß ich nicht; aber ich weiß, daß die Salbe immer hergestellt wurde, wenn die gnädige Frau krank war. Jetzt aber war sie so angegriffen, daß ihr Zustand einer wirklichen Krankheit nahe kam. Zu Dunjascha war, um ihr Mut zu machen, ihre Tante gekommen und wollte bei ihr übernachten. So saßen sie mit dem zweiten Stubenmädchen und mit Arjutka zu vieren im Mädchenzimmer zusammen und redeten leise miteinander. »Wer wird denn Öl holen gehen?« fragte Dunjascha. »Ich gehe um keinen Preis, Awdotja Nikolajewna!« erklärte das zweite Stubenmädchen in entschiedenem Tone. »Nun gut, dann geh mit Arjutka zusammen!« »Ich will allein hinlaufen; ich fürchte mich vor nichts,« sagte Arjutka, bekam es aber in demselben Augenblick mit der Angst. »Na, dann geh hin, du bist ein verständiges Mädchen, und bitte die alte Anna, dir Öl in einem Glase zu geben, und brings her; aber schülpere nicht über!« sagte Dunjascha zu ihr. Arjutka nahm mit der einen Hand den Saum ihres Kleides in die Höhe; und obgleich sie infolgedessen nicht mehr mit beiden Armen schlenkern konnte, schlenkerte sie mit dem einen um so stärker quer zur Richtung ihres Laufes und eilte davon. Sie hatte Furcht und fühlte, daß, wenn sie jetzt etwas sähe oder hörte, und wenn es selbst ihre eigene lebende Mutter wäre, sie vor Angst umkommen würde. Die Augen zukneifend, flog sie auf dem wohlbekannten Wege dahin. 13 Schläft die gnädige Frau, oder ist sie noch auf?« fragte plötzlich neben Arjutka eine tiefe Bauernstimme. Sie öffnete die Augen, die sie vorher zugekniffen hatte, und erblickte eine Gestalt, die, wie es ihr vorkam, höher war als das Gesinde-Haus; sie kreischte auf und rannte so schnell zurück, daß ihr Rock Mühe hatte, ihr nachzuflattern. Mit einem Sprunge war sie auf der Freitreppe, mit dem zweiten im Mädchenzimmer und warf sich mit wildem Geheul aufs Bett. Dunjascha, ihre Tante und das andere Stubenmädchen waren starr vor Schreck; aber noch ehe sie hatten wieder zu sich kommen können, ließen sich schwere, langsame, unentschlossene Schritte im Flur und an der Tür vernehmen. Dunjascha ließ die Salbe hinfallen und stürzte zur gnädigen Frau; das zweite Stubenmädchen versteckte sich hinter den an der Wand hängenden Frauenkleidern; die Tante, die mutiger war, wollte die Tür zuhalten; aber die Tür öffnete sich schon, und ein Bauer trat ins Zimmer. Es war Dutlow in seinen Kähnen. Ohne auf die Angst der Frauenzimmer zu achten, suchte er mit den Augen das Heiligenbild, und da er das kleine in der linken Ecke hängende Bildchen nicht fand, so bekreuzigte er sich nach dem Tassenschrank hin, legte seine Mütze auf das Fensterbrett, steckte die Hand tief in seinen Halbpelz hinein, als wenn er sich in der Achselhöhle kratzen wollte, und holte einen Brief mit fünf braunen Siegeln hervor, die einen Anker darstellten. Dunjaschas Tante griff sich nach der Brust. Sie konnte nur mit Mühe sprechen. »Nein, wie du mich erschreckt hast, Semjon Naumowitsch! Ich kann wirklich... kein Wort herausbringen. Ich dachte schon, mein Ende wäre da.« »Wie kann man sich nur so benehmen!« sagte das zweite Stubenmädchen, hinter den Röcken hervorkommend. »Auch der gnädigen Frau hast du einen Schreck eingejagt,« bemerkte Dunjascha, die wieder in die Tür trat. »Wie kannst du unaufgefordert ins Mädchenzimmer kommen! Der richtige Bauer!« Ohne sich zu entschuldigen, wiederholte Dutlow, daß er die gnädige Frau sprechen müsse. »Sie ist krank« erwiderte Dunjascha. In diesem Augenblick prustete Axjutka mit einem so unanständigen, lauten Lachen heraus, daß sie ihren Kopf wieder in den Kissen des Bettes verbergen mußte, aus denen sie ihn trotz den Drohungen Dunjaschas und der Tante noch lange Zeit nicht herausziehen konnte, ohne von neuem loszuplatzen, gerade als ob in ihrer rosigen Brust und in ihren roten Backen etwas zersprungen wäre. Es kam ihr gar zu komisch vor, daß sie sich alle so geängstigt hatten, und sie versteckte wieder ihren Kopf, zuckte wie in Krämpfen mit dem Schuh und hüpfte mit dem ganzen Körper auf und ab. Dutlow hielt inne, betrachtete sie aufmerksam, als wolle er darüber ins klare kommen, was eigentlich mit ihr vorgehe; aber als er nicht daraus klug wurde, wandte er sich ab und sprach weiter. »Nämlich es ist wirklich eine sehr wichtige Sache,« sagte er. »Melden Sie nur, ein Bauer habe einen Brief mit Geld gefunden.« »Was ist das für Geld?« Ehe Dunjascha hinging, um es der gnädigen Frau zu melden, las sie die Adresse und fragte Dutlow, wo und wie er dieses Geld gefunden habe, das Polikei aus der Stadt habe holen sollen. Nachdem sie alles genau in Erfahrung gebracht und das Laufmädchen, das immer noch nicht aufhörte zu prusten, auf den Flur hinausgetrieben hatte, begab sich Dunjascha zur gnädigen Frau; aber zu Dutlows Erstaunen wollte diese ihn dennoch nicht empfangen und hatte auch zu Dunjascha nichts gesagt, womit etwas anzufangen war. »Ich weiß nicht und will nicht wissen,« hatte die gnädige Frau gesagt, »was das für ein Bauer und was das für Geld ist. Ich kann und will niemand sehen. Er soll mich in Ruhe lassen.« »Was soll ich tun?« sagte Dutlow, den Brief hin und her drehend. »Es ist eine bedeutende Geldsumme. Steht auch wirklich darauf, daß es an die gnädige Frau ist?« fragte er Dunjascha, die ihm nun noch einmal die Adresse vorlas. Er hatte es vorher noch immer nicht recht geglaubt, sondern gedacht, das Geld gehöre der gnädigen Frau vielleicht nicht und man habe ihm die Adresse falsch vorgelesen. Aber nun bestätigte es ihm Dunjascha. Er seufzte, schob den Brief in die Brust und schickte sich an, fortzugehen. »Dann muß ich ihn wohl beim Landkommissar abgeben,« sagte er. »Warte, ich will es noch einmal versuchen und der gnädigen Frau alles sagen,« hielt ihn Dunjascha zurück, die aufmerksam das Verschwinden des Briefes an der Brust des Bauern verfolgte. »Gib den Brief her!« Dutlow holte ihn wieder hervor, legte ihn aber nicht sogleich in Dunjaschas ausgestreckte Hand. »Sagen Sie nur, Semjon Dutlow habe ihn auf der Landstraße gefunden.« »So gib ihn doch her!« »Ich dachte zuerst, es wäre nur so ein gewöhnlicher Brief; aber ein Soldat las mir vor, daß es ein Brief mit Geld sei.« »Aber nun gib ihn doch her!« »Ich habe darum gar nicht gewagt, erst zu mir nach Hause zu gehen...« sagte Dutlow wieder, ohne sich von dem kostbaren Briefe trennen zu können. »Melden Sie das nur so!« Dunjascha nahm den Brief und ging noch einmal zur gnädigen Frau. »Ach, mein Gott, Dunjascha,« sagte die gnädige Frau in vorwurfsvollem Ton, »rede mir doch nicht von diesem Gelde! Wenn ich nur an den kleinen Knaben denke...« »Gnädige Frau, der Bauer weiß nicht, an wen Sie es abzugeben befehlen,« sagte Dunjascha wieder. Die gnädige Frau öffnete den Brief, fuhr, sobald sie das Geld erblickte, zusammen und versank in Gedanken. »Das schreckliche Geld! Wieviel Unheil es anrichtet!« sagte sie. »Es ist Dutlow, der es gebracht hat, gnädige Frau. Befehlen Sie, daß er weggehen soll, oder belieben Sie, zu ihm ins Empfangszimmer zu kommen? Ist das Geld noch vollzählig?« fragte Dunjascha. »Ich will dieses Geld nicht. Es ist screckliches Geld. Was hat es angerichtet! Sag ihm, er soll es für sich behalten, wenn er will«, sagte die gnädige Frau plötzlich und suchte dabei nach Dunjaschas Hand. »Ja, ja, ja,« wiederholte sie, als das Mädchen sie erstaunt ansah; »mag er es ganz für sich nehmen und damit tun, was er will!« »Anderthalbtausend Rubel,« bemerkte Dunjascha, leise lächelnd, als ob sie ein Kind vor sich hätte. »Mag er es ganz nehmen!« wiederholte die gnädige Frau ungeduldig. »Verstehst du mich denn nicht? Dieses Geld ist Unglücksgeld; rede nie wieder mit mir davon! Mag dieser Bauer das, was er gefunden hat, für sich behalten! Geh; so geh doch!« Dunjascha ging wieder in das Mädchenzimmer. »Ist es vollzählig?« fragte Dutlow. »Zähle es doch selbst nach!« erwiderte Dunjascha und übergab ihm den Brief. »Ich soll es dir zurückgeben.« Dutlow nahm seine Mütze unter den Arm und begann in gebückter Haltung das Geld durchzuzählen. »Ist kein Rechenbrett da?« Er meinte, die gnädige Frau verstehe in ihrer Dummheit nicht zu zählen und habe es ihm daher aufgetragen. »Das Nachzählen kannst du zu Hause besorgen! Das Geld gehört dir!« sagte Dunjascha ärgerlich. »Die gnädige Frau sagt: ›Ich will es nicht mehr sehen; gib es dem wieder, der es gebracht hat.‹« Dutlow blickte, ohne sich aufzurichten, Dunjascha starr an. Dunjaschas Tante schlug vor Erstaunen die Hände zusammen. »All ihr liebenHeiligen! Dem hat Gott einmal Glück gegeben! All ihr lieben Heiligen!« Das zweite Stubenmädchen konnte es nicht glauben. »Was reden Sie, Awdotja Nikolajewna? Sie machen wohl Scherz?« »Wieso Scherz? Sie hat mir befohlen, das Geld dem Bauern zurückzugeben .... Na, nun nimm dein Geld und mach, daß du fortkommst!« sagte Dunjascha, ohne ihren Ärger zu verbergen. »Des einen Leid ist des andern Freud.« »Das ist kein Spaß, anderthalbtausend Rubel!« sagte die Tante. »Noch mehr!« bestätigte Dunjascha. »Na, nun wirst du wohl dem heiligen Nikolaus eine Kerze für zehn Kopeken aufstellen,« fuhr sie spöttisch fort. »Du kannst wohl gar nicht zu dir kommen? Und wenn es noch einem Armen zugefallen wäre; aber der hat so schon genug.« Dutlow begriff endlich, daß es kein Scherz war, und begann das Geld, das er, um es zu zählen, auseinandergelegt hatte, zusammenzunehmen und in den Umschlag zu stecken; aber die Hände zitterten ihm, und er sah immer die Mädchen an, um sich zu vergewissern, daß es keine Neckerei sei. »Seht nur, er kann gar nicht zu sich kommen, so freut er sich,« sagte Dunjascha, die zu verstehen geben wollte, daß sie sowohl den Bauern wie auch das Geld verachte. »Zeig her, ich werde es dir hineintun!« Sie wollte das Geld nehmen; aber Dutlow gab es nicht her; er knitterte die Banknoten zusammen, schob sie noch tiefer hinein und griff nach seiner Mütze. »Freust du dich?« »Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das ist ja gerade, als ob ....« Er sprach den Satz nicht zu Ende, sondern machte nur mit der Hand eine Bewegung des Staunens, schmunzelte, weinte beinahe und ging hinaus. Die Klingel im Zimmer der gnädigen Frau ertönte. »Nun, hast du es ihm zurückgegeben?« »Jawohl.« »Wie ists? Hat er sich sehr gefreut?« »Er war ganz wie ein Irrsinniger.« »Ach, rufe ihn doch einmal her! Ich möchte ihn fragen, wie er es gefunden hat. Rufe ihn hierher; ich kann dieses Zimmer nicht verlassen.« Dunjascha lief und traf den Bauer noch auf dem Flur. Er hatte, ohne die Mütze aufzusetzen, seinen Beutel herausgezogen und band ihn, gebückt dastehend, auf; das Geld hielt er zwischen den Zähnen. Er schien die Vorstellung zu haben, solange das Geld nicht in seinem Beutel sei, gehöre es ihm nicht. Als Dunjascha ihn rief, erschrak er. »Was ist, Awdotja ... Awdotja Nikolajewna? Will sie es zurück haben? Legen Sie doch für mich ein gutes Wort ein; ich bringe Ihnen auch Honig, wahrhaftig!« »Ja, du bist mir der Rechte!« Sie machte die Tür wieder auf und führte den Bauern zur gnädigen Frau. Es war ihm trüb zumute. »O weh, sie nimmt ihr Geschenk zurück!« dachte er, während er, die Beine wie in hohem Grase hoch aufhebend und bemüht, mit seinen Bastschuhen nicht zu poltern, durch die Zimmer ging. Er begriff nichts und sah nichts von dem, was ihn umgab. Er kam an einem Spiegel vorbei; er sah: da waren irgendwelche Blumen, ein Bauer in Bastschuhen, der die Beine sehr hoch hob, das Porträt eines Herrn mit einem Augenglase, ein grüner Kübel und etwas Weißes .... Und siehe da, dieses Weiße fing an zu sprechen; es war die gnädige Frau. Er verstand nichts; er machte nur die Augen weit auf. Er wußte nicht, wo er war; alles lag wie in einem Nebel vor ihm. »Du bist es, Dutlow?« »Jawohl, gnädige Frau. So, wie es war, habe ich es unangerührt gelassen,« sagte er. »Ich will meines Lebens nie wieder froh werden; ich schwöre es bei Gott! Ich habe das Pferd zuschanden gejagt, um schnell herzukommen ....« »Nun, da hast du Glück gehabt,« sagte sie mit einem geringschätzigen, aber gutmütigen Lächeln. »Behalte es für dich!« Er konnte nur die Augen noch weiter aufreißen. »Ich freue mich, daß es dir zugefallen ist; gebe Gott, daß es dir zum Segen gereicht! Nun, freust du dich?« »Wie sollte ich mich nicht freuen? So sehr freue ich mich, Mütterchen! Ich werde auch immer für Sie beten. Ich bin so froh darüber, daß unsere gnädige Frau Gott sei Dank am Leben ist. Aber ich habe auch das meinige dazu getan.« »Wie hast du es denn gefunden?« »Ich meine, ich habe mir zum Vorteil der gnädigen Frau immer ehrlich alle Mühe gegeben, geschweige denn, daß ich ....« »Er ist ganz wirr im Kopfe geworden, gnädige Frau,« sagte Dunjascha. »Ich hatte meinen Neffen als Rekruten weggebracht, und als ich zurückfuhr, da fand ich es auf der Landstraße. Polikei muß es zufällig verloren haben.« »Nun, dann geh, geh, lieber Mann! Ich freue mich.« »Ich freue mich so, Mütterchen...!« sagte der Bauer. Dann fiel ihm ein, daß er sich noch nicht bedankt und sich nicht so zu benehmen verstanden hatte, wie es schicklich gewesen wäre. Die gnädige Frau und Dunjascha lächelten; er aber ging wieder wie in hohem Grase und mußte sich Gewalt antun, um nicht Trab zu laufen. Denn er hatte immer noch die Vorstellung, man werde ihn im nächsten Augenblick noch einmal anhalten und ihm das Geld wieder abnehmen. 14 Als Dutlow ins Freie gekommen war, ging er von dem Wege ab nach den Linden hin, band sich sogar den Gurt ab, um bequemer zu seinem Geldbeutel kommen zu können, und begann das Geld hineinzustecken. Seine Lippen bewegten sich lebhaft, indem sie sich in die Breite und auseinander zogen, obgleich er nicht den geringsten Laut von sich gab. Nachdem er das Geld hineingetan und sich wieder umgürtet hatte, bekreuzigte er sich und ging wie ein Betrunkener hin und her taumelnd auf dem Wege dahin, so sehr war er mit den Gedanken beschäftigt, die plötzlich seinen Kopf erfüllten. Auf einmal erblickte er vor sich die Gestalt eines Bauern, der ihm entgegenkam. Er rief ihn an; es war Jesim, der mit einem Knüttel als Wächter beim Gesindehause auf und ab ging. »Ah, Onkel Semjon,« rief Jesim erfreut und trat näher; es war ihm unheimlich so allein. »Nun, habt ihr die Rekruten hingebracht, Onkelchen?« »Ja. Was machst du denn hier?« »Ich bin hier als Wächter für Polikei aufgestellt, der sich erhängt hat.« »Wo ist er denn?« »Da, auf dem Boden soll er hängen,« antwortete Jesim und zeigte mit seinem Knüttel im Dunkeln nach dem Dache des Gesindehauses. Dutlow blickte in die Richtung, die Jesims Arm wies, und obgleich er nichts sah, runzelte er doch die Stirn, kniff die Augen zusammen und wiegte den Kopf hin und her. »Der Landkommissar ist gekommen,« fuhr Jesim fort, »der Kutscher hat es gesagt. Gleich werden sie ihn abnehmen. Angst und bange wird einem bei Nacht, Onkelchen. Um keinen Preis gehe ich in der Nacht hinauf, wenn sie es mir befehlen sollten. Und wenn mich Iegor Michailowitsch zu Tode prügelt, ich gehe nicht hin.« »So eine Sünde, so eine Sünde!« erwiderte Dutlow, offenbar nur anstandshalber; in Wirklichkeit dachte er gar nicht an das, was er sagte, und wollte seines Weges weitergehen. Aber die Stimme Jegor Michailowitschs hielt ihn zurück. »Heda, Wächter, komm mal her!« rief Jegor Michailowitsch von der Freitreppe des Kontors aus. Jesim antwortete. »Was stand denn da bei dir noch für ein Bauer?« »Dutlow.« »Komm du auch mal her, Semjon!« Als Dutlow näher gekommen war, erblickte er beim Scheine einer Laterne, die der Kutscher trug, Jegor Michailowitsch und einen Beamten von kleiner Statur, in einem Mantel, auf dem Kopfe eine Uniformmütze mit einer Kokarde: das war der Landkommissar. »Der Alte hier kann auch mit uns gehen,« sagte Jegor Michailowitsch, als er ihn sah. Der Alte ließ den Kopf hängen, aber es war nichts dagegen zu machen. »Und du, Jesim, junger Kerl, lauf mal auf den Boden, wo der sich aufgehängt hat, und bring die Leiter in Ordnung, damit Seine Wohlgeboren hinaufsteigen können.« Jesim, der um keinen Preis hatte hinaufgehen wollen, lief eilig nach dem Gesindehause hin, wobei er mit seinen Bastschuhen polterte, als ob es Holzklötze wären. Der Landkommissar schlug Feuer und rauchte seine Pfeife an. Er wohnte zwei Werst entfernt, hatte eben erst vom Bezirkshauptmann einen gehörigen Rüffel wegen Trunkenheit bekommen und befand sich daher jetzt in einem Anfall von Diensteifer: nachdem er um zehn Uhr abends angekommen war, wollte er sofort den Selbstmörder besichtigen. Der Verwalter fragte Dutlow, warum er hier sei. Am Gehen erzählte ihm Dutlow von dem gefundenen Gelde und was die gnädige Frau getan habe, und sagte, er sei gekommen, um Jegor Michailowitsch um Erlaubnis zu bitten. Zu Dutlows Schrecken ließ sich der Verwalter von ihm den Geldbrief geben und besah ihn sich. Der Landkommissar nahm den Brief ebenfalls in die Hände und fragte kurz und in trockenem Tone nach den Einzelheiten des Vorfalls. ›Nun ist das Geld für mich verloren!‹ dachte Dutlow und wollte schon Entschuldigungen vorbringen. Aber der Landkommissar gab ihm das Geld zurück. »Was hat der Tölpel für ein Glück gehabt!« bemerkte er dabei. »Es kommt ihm gut zupaß,« erwiderte Jegor Michailowitsch; »er hat soeben seinen Neffen zur Gestellung gebracht; jetzt kann er ihn loskaufen.« »Soso!« sagte der Landkommissar und ging voran. »Wirst du nun deinen Ilja loskaufen?« fragte Jegor Michailowitsch. »Werde ich ihn auch loskaufen können? Wird das Geld auch reichen? Vielleicht ist es auch schon zu spät dazu.« »Wie du willst,« erwiderte der Verwalter, und beide gingen hinter dem Landkommissar her. Sie gelangten zu dem Gesindehause, in dessen Flur die übelriechenden Wächter mit einer Laterne warteten. Dutlow ging hinter den übrigen. Die Wächter hatten eine schuldbewußte Miene, die sich höchstens auf den von ihnen ausströmenden Geruch beziehen konnte, da sie sonst nichts Übles getan hatten. Alle schwiegen. »Wo ist er?« fragte der Landkommissar. »Hier!« erwiderte Jegor Michailowitsch flüsternd. »Jefim,« fügte er hinzu, »du bist ein junger Bursche, geh mit der Laterne voraus!« Jefim hatte schon oben ein verschobenes Dielenbrett zurechtgelegt und, wie es schien, alle Furcht verloren. Immer ein paar Sprossen auslassend, stieg er mit heiterem Gesicht allen voran hinauf und wandte sich nur um, um dem Landkommissar mit der Laterne zu leuchten. Hinter dem Landkommissar stieg Jegor Michailowitsch hinauf. Als sie verschwunden waren, setzte Dutlow schon den einen Fuß auf die unterste Sprosse, hielt dann aber seufzend inne. Es vergingen etwa zwei Minuten; die Schritte auf dem Dachboden waren still geworden; offenbar waren die Männer an den Leichnam herangetreten. »Onkel, du möchtest heraufkommen!« rief Jefim durch die Öffnung. Dutlow stieg hinauf. Der Landkommissar und Jegor Michailowitsch waren bei dem Lichte der Laterne nur mit ihrem Oberkörper hinter einem Balken sichtbar; hinter ihnen stand noch jemand, der ihnen den Rücken zuwendete. Das war Polikei. Dutlow stieg über den Balken hinüber, bekreuzigte sich und blieb stehen. »Dreht ihn mal um, Kinder!« befahl der Landkommissar. Niemand rührte sich. »Jefim, du bist ein junger Bursche,« sagte Jegor Michailowitsch. Der junge Bursche stieg über den Balken, drehte Polikei um, stellte sich neben ihn und sah mit dem vergnügtesten Gesichte bald den Toten, bald den Beamten an, wie der Besitzer einer Schaubude mit einem Albino oder einer Julia Pastrana bald das Publikum, bald sein Schaustück ansteht und bereit ist, alle Wünsche seiner Zuschauer zu erfüllen. »Dreh ihn noch einmal um!« Polikei wurde noch einmal umgedreht, schlenkerte dabei leise mit den Armen und schleifte mit dem einen Fuße im Sande. »Nun zu! Nimm ihn ab!« »Befehlen Sie, ihn abzuschneiden, Wassili Borisowitsch?« fragte Jegor Michailowitsch. »Gebt ein Beil her, Leute!« Den Wächtern und dem alten Dutlow mußte zweimal befohlen werden, heranzutreten, ehe sie es wirklich taten. Der ›junge Bursche‹ Jefim aber ging mit Polikei um wie mit einem geschlachteten Hammel. Endlich war der Strick durchhauen, und der Leichnam wurde abgenommen und zugedeckt. Der Landkommissar sagte, morgen werde der Arzt kommen, und entließ die Leute. 15 Dutlow ging, eifrig die Lippen bewegend, nach Hause. Anfangs war ihm noch unheimlich zumute, aber je näher er dem Dorfe kam, um so mehr verschwand dieses Gefühl und um so mächtiger wurde in seiner Seele das Gefühl der Freude. Im Dorfe hörte man Lieder singen und das Gerede Betrunkener. Dutlow trank niemals und ging auch jetzt geradeswegs heim. Es war schon spät, als er in sein Haus trat. Seine bejahrte Frau schlief. Der älteste Sohn und die Enkelkinder schliefen auf dem Ofen, der zweite Sohn in der Kammer. Nur Iljas Frau schlief nicht, sondern saß in einem schmutzigen, nicht festtäglichen Hemd mit aufgelöstem Haar auf der Bank und heulte. Sie ging nicht hinaus, um dem Onkel aufzumachen, sondern begann, als er in die Stube trat, nur noch ärger zu heulen und dazu zu reden. Nach dem Urteil der alten Frau vollführte sie diese Klagelieder sehr geschickt und gut, obgleich sie bei ihrer Jugend darin noch keine Übung haben konnte. Die Alte war aufgestanden und machte ihrem Manne das Abendessen zurecht. Dutlow jagte Iljas Frau vom Tische weg. »Nun ists genug, nun ists genug!« sagte er. Axinja stand auf und legte sich auf die Bank, heulte aber weiter. Die Alte trug schweigend das Essen auf und räumte, nachdem ihr Mann gegessen hatte, wieder ab. Der Alte sagte ebenfalls keine Silbe. Nachdem er gebetet hatte, rülpste er, wusch sich die Hände, nahm das Rechenbrett vom Nagel und ging damit in die Kammer. Dort flüsterte er zuerst mit der Alten; dann ging die Alte hinaus, und er begann mit dem Rechenbrett zu klappern; zuletzt klappte er den Deckel eines Kastens zu und stieg in den Keller hinunter. Seine geschäftige Tätigkeit in der Kammer und im Keller dauerte lange. Als er wieder in die Stube kam, war es dort bereits dunkel; der Leuchtspan brannte nicht mehr. Die Alte, die bei Tage gewöhnlich so still war, daß man sie gar nicht hörte, hatte sich schon auf die Pritsche gelegt und schnarchte laut. Iljas Frau, die vorher soviel Lärm gemacht hatte, schlief ebenfalls und atmete ganz leise. Sie schlief auf der Bank, unausgekleidet, wie sie gewesen war, und ohne sich etwas unter den Kopf gelegt zu haben. Dutlow betete, dann betrachtete er Iljas Frau, wiegte den Kopf hin und her, löschte den Leuchtspan, den er wieder angezündet gehabt hatte, aus, rülpste noch einmal, stieg auf den Ofen und legte sich neben einen seiner Enkel. Im Dunkeln warf er von oben seine Bastschuhe hinunter, legte sich auf den Rücken, blickte nach der Querstange über dem Ofen, die über seinem Kopfe kaum sichtbar war, und horchte auf die an der Wand raschelnden Schaben, auf das Geräusch der Schlafenden, wenn sie seufzten, schnarchten und ein Bein am andern rieben, und auf die Laute des Viehs auf dem Hofe. Er konnte lange nicht einschlafen; der Mond ging auf; es wurde heller im Zimmer; er konnte in der Ecke Axinja sehen sowie etwas, was er nicht recht erkennen konnte: hatte einer der Söhne da einen Kittel vergessen, oder hatten die Weiber da einen Zuber stehen lassen, oder stand da jemand? In seinem Zustande des Halbschlafs blickte er immer wieder hin. Es war offenbar: jener finstere Geist, der Polikei zu seiner furchtbaren Tat getrieben hatte und dessen Nähe die Gutsleute in dieser Nacht empfunden hatten, dieser furchtbare Geist reichte mit seinen Schwingen auch bis zum Dorfe, bis zu Dutlows Hause, wo das Geld lag, dessen ›er‹ sich zu Polikeis Verderben bedient hatte. Wenigstens glaubte Dutlow seine Anwesenheit zu empfinden und hatte ein unheimliches Gefühl. Er konnte nicht schlafen und vermochte doch auch nicht aufzustehen. Bei dem Anblick des Gegenstandes, über den er nicht ins klare kommen konnte, dachte er unwillkürlich an Ilja mit den gebundenen Armen und an Axinjas Gesicht und ihr geschicktes Wehklagen und an Polikei mit den schlenkernden Händen. Auf einmal schien es dem Alten, als gehe jemand am Fenster vorbei. ›Was ist das? Geht etwa schon der Schulze umher, um etwas anzukündigen?‹ dachte er. ›Und wie hat er denn die Haustür aufbekommen?‹ dachte er weiter, als er Schritte auf dem Flur hörte; ›hat etwa die Alte nicht zugemacht, als sie ins Vorhaus ging?‹ Der Hund heulte auf dem Hinterhofe; ›er‹ aber ging über den Flur (so erzählte der Alte später), wie wenn er die Tür suchte, ging daran vorbei, begann wieder an der Wand umherzutasten und stieß an einen Zuber, so daß dieser dröhnte. Und wieder fing ›er‹ an umherzutasten, als ob er die Klinke suchte. Und jetzt, jetzt faßte er die Klinke an. Dem Alten lief ein Zittern über den Leib. Jetzt machte ›er‹ die Klinke auf und trat in menschlicher Gestalt ein. Dutlow wußte schon, daß ›er‹ es war. Er wollte das Zeichen des Kreuzes machen, war aber nicht dazu imstande. ›Er‹ trat an den Tisch, auf dem eine Decke lag, zog sie herunter, warf sie auf den Fußboden und machte sich daran, auf den Ofen zu steigen. Der Alte erkannte, daß ›er‹ Polikeis Gestalt hatte. ›Er‹ fletschte die Zähne und schlenkerte mit den Armen. Nun war ›er‹ auf den Ofen heraufgestiegen und legte sich gerade auf den Alten, als wenn er ihn ersticken wollte. »Mein Geld!« sagte Polikei. »Laß mich los; ich will es nicht behalten...,« wollte Semjon sagen, vermochte es aber nicht. Polikei lastete auf seiner Brust mit dem Gewicht eines steinernen Berges. Dutlow wußte, daß, wenn er ein Gebet sprechen würde, ›er‹ von ihm ablassen werde, und wußte auch, welches Gebet er sprechen mußte; aber dieses Gebet zu sprechen, war er nicht imstande. Einer der Enkel schlief neben ihm. Der Knabe schrie laut auf und fing an zu weinen: der Großvater hatte ihn gegen die Wand gedrückt. Das Geschrei des Kindes löste den Bann von den Lippen des alten Mannes. »Christus möge auferstehen!« sprach Dutlow. ›Er‹ ließ ihm ein wenig Luft. »Und die Feinde mögen zerstreuet werden ...« stammelte Dutlow. ›Er‹ stieg vom Ofen hinab. Dutlow hörte, wie er mit beiden Füßen auf den Fußboden aufstieß. Dutlow sprach immer noch Gebete, alle, die er nur kannte, der Reihe nach. ›Er‹ ging zur Tür, am Tisch vorbei, und schlug die Tür so heftig zu, daß das Haus zitterte. Jedoch schliefen alle weiter, außer dem Großvater und dem Enkel. Der Großvater sagte laut seine Gebete her und zitterte am ganzen Leibe; der Enkel weinte, während er wieder einschlief, und schmiegte sich an den Großvater. Alles war wieder still geworden. Der Großvater lag da, ohne sich zu rühren. Der Hahn krähte auf der anderen Seite der Wand dicht an Dutlows Ohr. Er hörte, wie die Hühner munter wurden und wie ein junges Hähnchen dem alten das Krähen nachzumachen versuchte, es aber nicht vermochte. Bei den Füßen des alten Mannes bewegte sich etwas. Es war die Katze: sie sprang vom Ofen auf den Fußboden auf ihre weichen Pfoten und begann an der Tür zu miauen. Der Großvater stand auf und schob das Fenster in die Höhe; auf der Straße war es dunkel und schmutzig; unmittelbar unter dem Fenster stand das Vorderteil eines Wagens. Sich bekreuzigend, ging er barfuß auf den Hof zu den Pferden; und da konnte man sehen, daß der Hausherr wieder angekommen war. Die Stute, die unter dem Schuppendach am Mauerabsatz stand, hatte sich mit dem einen Fuß in den Zügel verwickelt, den Häcksel verschüttet und wartete nun mit aufgehobenem Fuß und seitwärts gewendetem Kopf auf den Hausherrn. Das Füllen war in die Düngergrube gefallen. Der alte Dutlow brachte es wieder auf die Beine, machte die Stute von der Verschlingung frei, schüttete Futter auf und ging wieder in die Stube zurück. Die Alte war aufgestanden und hatte den Leuchtspan angezündet. »Wecke die Kinder auf; ich will in die Stadt fahren,« sagte er, und nachdem er vor den Heiligenbildern eine Wachskerze angezündet hatte, stieg er mit seiner Frau in den Keller hinunter. Als er von dort wieder heraufkam, war bereits nicht nur bei ihm, sondern auch bei allen Nachbarn Licht angezündet. Die Söhne Dutlows waren aufgestanden und schon in eifriger Tätigkeit. Die Frauen gingen mit Eimern und Milchkannen ein und aus. Ignat spannte den einen Wagen an; der zweite Sohn schmierte den andern. Die junge Frau heulte nicht mehr; sie hatte sich geputzt, sich ein Tuch um den Kopf gebunden, saß in der Stube auf der Bank und wartete auf den Zeitpunkt, wo sie nach der Stadt fahren würde, um von ihrem Manne Abschied zu nehmen. Der Alte schien heute besonders ernst und streng zu sein. Zu niemandem sprach er auch nur ein Wort; er zog seinen neuen Rock an, band sich den Gurt um und begab sich, mit Polikeis ganzem Gelde auf der Brust unter dem Hemd, zu Jegor Michailowitsch. »Spute dich mal ein bißchen!« rief er seinem zweiten Sohne zu, der die eine Achse nach dem Schmieren angehoben hatte und die Räder an ihr drehte. »Ich komme gleich wieder. Daß dann alles fertig ist!« Der Verwalter war soeben aufgestanden, trank seinen Tee und machte sich selbst zur Fahrt nach der Stadt fertig, um die Rekruten zu übergeben. »Was willst du?« fragte er. »Ich will den Jungen loskaufen, Jegor Michailowitsch. Sie sagten neulich, Sie wüßten in der Stadt einen Freiwilligen; haben Sie schon die Güte und belehren Sie mich! Unsereiner versteht davon nichts.« »Also bist du anderen Sinnes geworden?« »Ja, Jegor Michailowitsch; er tut mir leid; er ist doch der Sohn meines Bruders. Mag er auch sein, wie er will; er tut mir doch leid. Es kommt doch gar zuviel Sünde davon her, von diesem Gelde. Haben Sie schon die Güte und belehren Sie mich!« sagte er und verbeugte sich dabei tief. Wie immer in solchen Fällen schmatzte Jegor Michailowitsch lange tiefsinnig und schweigend mit den Lippen; nachdem er sich die Sache überlegt hatte, schrieb er zwei Briefe und setzte dem alten Dutlow auseinander, was er in der Stadt tun müsse. Als Dutlow nach Hause zurückkam, war die junge Frau schon mit Ignat abgefahren, und die grauscheckige, dickbäuchige Stute stand, fertig angespannt, im Tor. Er brach sich eine Rute aus der Hecke, schlug seinen Rock übereinander, setzte sich auf den Wagen und trieb das Pferd an. Er trieb die Stute so stark, daß ihr ganzer Bauch sofort einfiel und er sie nicht ohne Mitleid ansehen konnte. Ihn quälte der Gedanke, er könne bei der Gestellung zu spät kommen, Ilja müsse Soldat werden, und das Teufelsgeld werde in seinen Händen bleiben. Ich will nicht im einzelnen alle Erlebnisse Dutlows an diesem Morgen vortragen; ich sage nur, daß es ihm besonders gut glückte. Bei dem Wirte, für den Jegor Michailowitsch ihm einen Brief mitgegeben hatte, stand ein Freiwilliger vollständig bereit, der schon dreiundzwanzig Rubel verpraßt hatte und von der Militärbehörde bereits als tauglich befunden war. Der Wirt wollte vierhundert Rubel für ihn haben, und ein Reflektant, ein Kleinbürger, der schon seit drei Wochen um ihn handelte, bot immer noch nur dreihundert. Dutlow erledigte das Handelsgeschäft mit wenigen Worten. »Nimm dreihundertfünfundzwanzig!« sagte er, die Hand ausstreckend; aber in solchem Ton, daß man sogleich merkte, er sei bereit, noch etwas zuzulegen. Der Wirt zog seine Hand zurück und verharrte bei seiner Forderung von vierhundert Rubeln. »Na, willst du nicht dreihundertfünfundzwanzig nehmen?« fragte Dutlow wieder, indem er mit seiner linken Hand die rechte des Wirtes ergriff und Miene machte, mit seiner rechten in sie einzuschlagen. »Willst du nicht? Na, in Gottes Namen!« sagte er plötzlich, indem er mit seiner Hand in die des Wirtes schlug und mit einem Schwünge sich von ihm mit dem ganzen Leibe abwandte. »Dann muß es wohl sein! Nimm dreihundertfünfzig! Stell mir eine Quittung aus! Bring den Burschen her! Und jetzt eine Anzahlung. Zwanzig Rubel werden wohl genug sein, wie?« Und Dutlow band sich den Gurt ab und holte das Geld hervor. Der Wirt hatte zwar seine Hand nicht weggezogen, schien aber immer noch nicht ganz einverstanden zu sein und redete, ohne die Anzahlung anzunehmen, von einem Douceur für den Freiwilligen und von dessen Bewirtung. »Versündige dich nicht, versündige dich nicht!« sagte Dutlow und schob ihm das Geld hin. »Wir müssen alle sterben, wir müssen alle sterben,« fuhr er in so sanftem, belehrendem, überzeugtem Tone fort, daß der Wirt sagte: »Na, wenns nicht anders ist,« noch einmal einschlug und betete. »Gott möge es zum Besten wenden!« sagte er. Der Freiwillige, der noch von dem gestrigen Trinkgelage her schlief, wurde geweckt; Dutlow besah ihn sich, und alle zusammen begaben sich zur Rekrutierungskommission. Der Freiwillige war vergnügt; er verlangte Rum, um sich den Katzenjammer zu vertreiben, wozu ihm Dutlow auch Geld gab, und wurde erst in dem Augenblick kleinmütig, als sie in den Flur des Amtsgebäudes eintraten. Lange standen sie dort im Flur, der alte Wirt im blauen Kaftan und der Freiwillige im kurzen Halbpelz, mit heraufgezogenen Augenbrauen und weit aufgerissenen Augen; lange flüsterten sie dort miteinander, fragten, wohin sie sich zu wenden hätten, suchten jemand, nahmen vor jedem Schreiber mit tiefen Verbeugungen die Mützen ab und hörten andächtig die Mitteilungen an, die ihnen ein dem Wirte bekannter Schreiber aus dem Amtslokal herausbrachte. Schon hatten sie alle Hoffnung verloren, daß die Sache sich noch an diesem Tage werde erledigen lassen, und der Freiwillige wurde schon wieder munterer und vergnügter, als Dutlow den Verwalter Jegor Michailowitsch erblickte, sich sogleich an diesen klammerte und ihn demütig um seinen Beistand bat. Und Jegor Michailowitsch half ihnen so gut, daß zwischen zwei und drei Uhr nachmittags der Freiwillige zu seinem großen Erstaunen und Mißvergnügen in das Amtslokal hineingeführt und vor die Kommission hingestellt wurde. Unter allgemeiner Heiterkeit, die sein Benehmen bei den Amtspersonen vom Amtsdiener bis zum Vorsitzenden hervorrief, mußte er sich entkleiden, wurde kurz geschoren, eingekleidet und wieder zur Tür hinausgeschickt. Fünf Minuten darauf bezahlte Dutlow das Geld, empfing die Quittung und begab sich, nachdem er sich von dem Wirt und dem Freiwilligen verabschiedet hatte, nach der Wohnung des Kaufmanns, wo die Rekruten aus Pokrowskoje abgestiegen waren. Ilja saß mit seiner jungen Frau in der Küche in einer Ecke; beim Eintritt des Alten hörten sie auf zu sprechen und blickten ihn ergebungsvoll, aber unfreundlich an. Wie immer verrichtete der Alte zunächst ein Gebet; dann band er sich den Gurt auf, holte ein Blatt Papier hervor und rief seinen ältesten Sohn Ignat und Alias Mutter, die auf dem Hofe war, ins Zimmer. »Versündige dich nicht, Ilja!« sagte er, indem er an seinen Neffen herantrat. »Du hast gestern zu mir ein arges Wort gesagt. Glaubst du denn, daß du mir nicht leid tatest? Ich denke daran, wie mein Bruder dich mir ans Herz legte. Wenn es in meiner Macht gestanden hätte, es zu ändern, würde ich dich dann wohl hingegeben haben? Aber nun hat mir Gott Glück gegeben, und ich habe mir das Geld nicht leid sein lassen. Hier, sieh dieses Papier!« sagte er, legte die Quittung auf den Tisch und faltete sie behutsam mit seinen krummen, steifen Fingern auseinander. Von draußen kamen alle Bauern aus Pokrowskoje, die Leute des Kaufmanns und sogar fremdes Volk ins Zimmer herein. Alle errieten, worum es sich handelte, aber keiner unterbrach die feierliche Rede des Alten. »Da ist das Papier! Vierhundert Rubel habe ich dafür gegeben. Nun mache deinem Onkel aber auch keine Vorwürfe mehr!« Ilja stand auf; aber er schwieg, da er nicht wußte, was er sagen sollte. Seine Lippen zitterten vor Aufregung; seine alte Mutter wollte schluchzend zu ihm treten und ihm um den Hals fallen, aber der Alte führte sie langsam und gebieterisch zurück und redete weiter. »Du hast gestern zu mir ein arges Wort gesagt,« entgegnete der Alte noch einmal; »du hast mich mit diesem Wort wie mit einem Messer ins Herz gestochen. Dein Vater hat dich mir sterbend anempfohlen; du bist von mir wie ein leiblicher Sohn behandelt worden, und wenn ich dich mit irgend etwas gekränkt habe, so muß man bedenken, daß wir allzumal Sünder sind. Nicht wahr, ihr rechtgläubigen Leute?« wandte er sich an die herumstehenden Bauern. »Da ist auch deine leibliche Mutter und deine junge Frau, und da ist die Quittung. Mag das Geld dahinfahren, in Gottes Namen! Mir aber verzeiht um Christi willen!« Er schlug die Rockflügel zurück, ließ sich langsam auf die Kniee nieder und verbeugte sich tief vor Ilja und seiner Frau. Vergeblich suchten die jungen Eheleute ihn zurückzuhalten; er stand nicht eher auf, als bis er mit dem Kopfe die Erde berührt hatte; dann schüttelte er den Staub ab und setzte sich auf die Bank. Iljas Mutter und seine junge Frau heulten vor Freude; in der Menge wurden Äußerungen des Beifalls laut. »Das heißt nach der Gerechtigkeit und nach Gottes Willen handeln, ja wirklich!« sagte einer. – »Was liegt am Gelde? Für Geld kann man einen solchen Burschen nicht kaufen,« bemerkte ein anderer. – »Nein, die Freude!« sagte ein dritter. »Ein rechtschaffener Mensch, das muß man sagen!« Nur die Bauern, die zu Rekruten bestimmt waren, sagten nichts und gingen leise auf den Hof hinaus. Zwei Stunden darauf fuhren die beiden Wagen Dutlows aus der Vorstadt hinaus. In dem ersten, vor den die grauscheckige Stute mit dem eingesunkenen Bauche und dem schweißbedeckten Halse gespannt war, saßen der Alte und Ignat. Im Hinterteil des Wagens wurden einige Bunde Kringel und Brezeln hin und her geschüttelt. In dem zweiten Wagen, den niemand lenkte, saßen ehrbar und glücklich die junge Frau und ihre Schwiegermutter, beide mit Kopftüchern. Die junge Frau hielt eine Branntweinflasche unter der Schürze. Ilja saß gebückt auf dem rüttelnden Vorderteil, den Pferden den Rücken zuwendend, mit gerötetem Gesicht, aß eine Brezel und redete unaufhörlich. Die Stimmen und das Rasseln der Wagen auf dem Pflaster und das Schnauben der Pferde, alles floß zu einem einzigen heiteren Tone zusammen. Die Pferde, die merkten, daß es nach Hause ging, schlugen mit den Schwänzen und verstärkten ihren Trab. Die Vorübergehenden und Vorüberfahrenden sahen sich unwillkürlich nach der vergnügten Familie um. Gerade am Rande der Stadt kam die Familie Dutlow an einer Gruppe von Rekruten vorbei. Diese standen vor einer Schenke im Kreise umher. Ein Rekrut mit jenem unnatürlichen Ausdruck, den ein kahlgeschorener Schädel dem Menschen verleiht, hatte sich die graue Uniformmütze in den Nacken zurückgeschoben und spielte flott die Balalaika; ein anderer, ohne Mütze, mit einer Branntweinflasche in der einen Hand, tanzte in der Mitte des Kreises. Ignat hielt das Pferd an und stieg ab, um die Femerstränge festzubinden. Alle Dutlows schauten mit lebhaftem Interesse, beifällig und vergnügt, dem Tänzer zu. Der Rekrut sah, wie es schien, niemand, fühlte aber, daß das ihn bewundernde Publikum immer zahlreicher wurde, und das verlieh ihm noch mehr Kraft und Geschicklichkeit. Er tanzte sehr gewandt. Seine Augenbrauen waren zusammengezogen, sein gerötetes Gesicht unbeweglich; auf seinen Lippen war ein Lächeln zurückgeblieben, das schon längst jede Bedeutung verloren hatte. Alle Kräfte seiner Seele schienen darauf gerichtet zu sein, möglichst schnell einen Fuß nach dem andern bald auf den Hacken, bald auf die Spitze zu stellen. Manchmal hielt er plötzlich inne, gab dem Balalaikaspieler mit den Augen einen Wink, und dieser ließ dann alle Saiten noch flinker erklirren und klopfte sogar mit den Knöcheln auf die Decke des Instrumentes. Der Rekrut hielt inne; aber auch wenn er regungslos dastand, schien er doch zu tanzen. Auf einmal begann er sich langsam zu bewegen, indem er mit den Schultern zuckte, und schnellte sich dann plötzlich in die Höhe, kauerte beim Herunterfallen nieder und stieß in dieser Haltung mit wildem Kreischen die Beine abwechselnd nach vorn. Die Knaben lachten; die Frauen wiegten die Köpfe hin und her; die Männer lächelten beifällig. Ein alter Unteroffizier stand ruhig neben dem Tänzer, mit einer Miene, die besagte: »Euch kommt das wunderlich vor; aber unsereiner kennt das alles schon ganz genau.« Der Balalaikaspieler war sichtlich müde geworden, blickte träge um sich, griff einen falschen Akkord und klopfte auf einmal mit den Fingern auf die Decke des Instruments. Der Tanz war zu Ende. »Sieh mal, Alexei!« sagte der Balalaikaspieler zu dem Tänzer, indem er auf Dutlow zeigte: »Da ist dein Pate!« »Wo? Ah, du mein lieber Freund!« rief Alexei, eben jener Rekrut, den Dutlow gekauft hatte, und mit müden Beinen vorwärts taumelnd und die Branntweinflasche über den Kopf hebend, kam er auf den Wagen zu. »Michail! Ein Glas!« schrie er. »Du mein lieber Freund! Das ist einmal eine Freude, wirklich! ...« rief er, sank mit seinem benommenen Kopfe in den Wagen und wollte die Bauern und die Frauen mit Schnaps traktieren. Die Bauern tranken; die Frauen lehnten ab. »Ihr lieben Leute, womit kann ich euch beschenken?« schrie Alexei und umarmte die Alten. In dem Menschenschwarm stand eine Händlerin mit Eßwaren; Alexei erblickte sie, nahm ihr ihre Mulde aus den Händen und schüttete den ganzen Inhalt in den Wagen. »Sei unbesorgt; ich bezahle alles; hols der Teufel!« rief er mit weinerlicher Stimme, zog sogleich einen Tabaksbeutel mit Geld aus der Hose und warf ihn dem Schankwirte zu. Er stand da, mit den Ellbogen auf den Wagen gestützt, und blickte die Darinsitzenden mit feuchten Augen an. »Welche ist die Mutter?« fragte er. »Du doch wohl? Der muß ich auch etwas schenken.« Er überlegte einen Augenblick, griff dann in die Tasche, holte ein neues, zusammengefaltetes Taschentuch heraus, band sich das Handtuch ab, das er unter dem Mantel als Gurt trug, löste hastig das rote Tuch von seinem Halse, ballte alles zusammen und legte es der alten Frau auf die Kniee. »Da! Das schenke ich dir!« sagte er mit immer leiser werdender Stimme. »Aber warum denn? Ich danke dir, mein Lieber! Sieh mal, was ist das für ein netter junger Mensch!« sagte die alte Frau, sich zu dem alten Dutlow wendend, der zu ihrem Wagen herantrat. Alexei war verstummt und ließ ganz betäubt, als wenn er einschlafen wollte, den Kopf immer tiefer sinken. »Für euch werde ich Soldat, für euch gehe ich zugrunde!« sagte er. »Darum beschenke ich euch auch.« »Er hat gewiß ebenfalls eine Mutter,« sagte einer aus der Menge. »Was für ein gutherziger Bursche! Schade um ihn!« Alexei hob den Kopf in die Höhe. »Eine Mutter habe ich,« sagte er. »Auch einen Vater. Alle haben sie sich von mir losgesagt. Höre, Alte,« fuhr er fort und faßte Iljas Mutter bei der Hand, »ich habe dich beschenkt. So höre denn um Christi willen, was ich dir sagen will. Geh in das Dorf Wodnoje und frage da nach der alten Nikonowa; das ist meine Mutter, weißt du, und sage dieser alten Frau, der alten Frau Nikonowa... es ist das dritte Haus vom Rande des Dorfes, und es ist da ein neuer Ziehbrunnen ... sage ihr, daß ihr Sohn Alexei... das heißt... Musikant, spiele!« schrie er. Und er begann wieder zu tanzen und dabei zu reden und schleuderte die Flasche mit dem darin übriggebliebenen Branntwein auf die Erde. Ignat stieg auf den Wagen und wollte weiterfahren. »Leb wohl! Gott lasse es dir gut gehen!« sagte die alte Frau und schlug ihren Pelz zusammen. Alexei hielt plötzlich inne. »Fahrt zum Teufel!« schrie er und drohte mit den geballten Fäusten. »Die Pest über deine Mutter!« »O Gott!« sagte Iljas Mutter und bekreuzigte sich. Ignat trieb die Stute an, und die Wagen rasselten wieder weiter. Der Rekrut Alexei stand mitten auf der Landstraße und schimpfte mit geballten Fäusten und mit dem Ausdruck der ärgsten Wut im Gesicht aus Leibeskräften auf die Bauern. »Warum habt ihr angehalten? Macht, daß ihr fortkommt! Ihr Teufel, ihr Menschenfresser!« schrie er. »Ihr sollt mir nicht entgehen! Ihr Kanaillen! Ihr elenden Lümmel!« Hier versagte ihm die Stimme, und er fiel, so wie er dastand, lang zu Boden. Die Dutlows gelangten bald ins freie Feld und konnten, als sie sich umblickten, den Rekrutenhaufen nicht mehr sehen. Nachdem sie etwa fünf Werst im Schritt gefahren waren, stieg Ignat vom Wagen seines Vaters, der eingeschlafen war, ab und ging neben Iljas Wagen her. Sie tranken zu zweit die aus der Stadt mitgenommene Flasche Branntwein aus. Nach einem kleinen Weilchen stimmte Ilja ein Lied an, und die Frauen sangen mit. Ignat schrie vergnügt dazu im Takte des Liedes. In schneller Fahrt kam ihnen eine lustige Postkutsche entgegen. Der Postknecht schrie, als sie an den beiden vergnügten Bauernwagen vorbeikamen, munter auf seine Pferde ein; der Kondukteur sah sich um und deutete durch Blinzeln mit den Augen nach den roten Gesichtern der Bauern und der Weiber, die mit fröhlichem Gesänge auf ihrem stoßenden Wagen dahinfuhren. Der Morgen eines Gutsbesitzers Bruchstücke aus eimem unvollendeten Roman ›Ein russischer Gutsbesitzer‹ Übertragen von Karl Nötzel 1 Fürst Rechljubow war neunzehn Jahre alt und besuchte den dritten Universitätskursus, als er für die Sommerferien auf sein Dorf zog und dort den ganzen Sommer allein verbrachte. Im Herbste schrieb er dann mit seiner noch nicht fest gewordenen, kindlichen Handschrift seiner Tante, der Gräfin Bjelorjezki, die, wie er glaubte, sein bester Freund und die genialste Frau auf der ganzen Welt sei, folgenden, hier in der Übersetzung wiedergegebenen französischen Brief: ›Mein liebes Tantchen! Ich habe einen Entschluß gefaßt, von dem das Schicksal meines ganzen Lebens abhängen muß. Ich will die Universität verlassen, um mich dem Leben auf dem Dorfe zu widmen, weil ich fühle, daß ich dazu geboren bin. Um Gottes willen, liebe Tante, lachen Sie nicht über mich! Sie werden sagen, ich sei jung; vielleicht ist das auch so, ich bin noch ein Kind. Das hindert mich jedoch keineswegs, zu wünschen, das Gute zu tun und zu lieben. Wie ich Ihnen bereits schrieb, fand ich meine Angelegenheiten in unbeschreiblicher Verwirrung vor. Als ich sie in Ordnung zu bringen gedachte und mich hinein vertiefte, entdeckte ich, daß das Hauptübel in der über alle Begriffe erbärmlichen ärmlichen Lage der Bauern beruht und daß das ein solches Übel ist, daß man es nur durch Arbeit und Geduld zu beseitigen vermag. Wenn Sie nur zwei von meinen Bauern sehen könnten, David und Iwan, und wüßten, was für ein Leben sie mit ihren Familien führen, so bin ich überzeugt, daß schon allein der Anblick dieser beiden Unglücklichen Ihnen mehr als alles das, was ich Ihnen sagen kann, meinen Entschluß erklären würde. Ist es denn nicht meine heilige und unmittelbare Verpflichtung, mich um das Schicksal dieser siebenhundert Menschen zu kümmern, für die ich Gott werde Rechenschaft ablegen müssen? Ist es denn nicht Sünde, sie der Willkür der rohen Ältesten und Verwalter zu überlassen und selber dem Genuß oder dem Ehrgeiz zu frönen? Und warum soll ich denn in einer anderen Sphäre die Möglichkeit suchen, nützlich zu sein und Gutes zu tun, wenn sich mir eine so vornehme, glänzende und naheliegende Pflicht eröffnet? Ich fühle mich imstande, ein guter Landwirt zu sein; um aber das zu sein, was ich unter diesem Worte verstehe, dafür bedarf ich weder des Kandidatendiploms noch eines Dienstranges, die Sie so für mich wünschen. Liebes Tantchen, schmieden Sie keine ehrgeizigen Pläne für mich. Gewöhnen Sie sich an den Gedanken, daß ich einen ganz besonderen Weg gehe, der aber schön ist und – ich fühle das – mich zum Glücke führen wird. Ich habe sehr viel nachgedacht über meine zukünftigen Pflichten, ich habe mir Regeln zum Handeln aufgeschrieben; und wenn mir nur Gott Leben und Kräfte geben wird, so werde ich in meinem Unternehmen Erfolg haben. Zeigen Sie diesen Brief nicht meinem Bruder Wassja: ich fürchte seinen Spott; er ist gewohnt, mich zu beherrschen, und ich gewöhnte mich, mich ihm zu fügen. Was Wanja anbetrifft, so wird er meinen Entschluß begreifen, wenn er ihn auch nicht billigen wird.‹ Die Gräfin sandte ihm folgendes Antwortschreiben, das hier ebenfalls aus dem Französischen übersetzt ist: ›Dein Brief, lieber Dmitri, hat mir nichts bewiesen, als daß Du ein gutes Herz hast, woran ich niemals zweifelte. Indes, lieber Freund: unsere guten Eigenschaften schaden uns mehr im Leben als unsere schlechten. Ich werde nicht sagen, daß Du eine Dummheit machst, daß Dein Betragen mich bekümmert, ich will Dich vielmehr nur zu überzeugen suchen. Laß uns einmal überlegen, mein Freund! Du sagst, Du fühlest Dich zum Landleben berufen. Du wollest Deine Bauern glücklich machen, und Du hoffest, ein guter Landwirt zu sein. Erstens muß ich Dir sagen, daß wir unsere Berufung erst dann fühlen, wenn wir uns schon einmal in ihr irrten. Zweitens, daß es leichter ist, sich selber glücklich zu machen, als andere zu beglücken, und drittens, daß, um ein guter Landwirt zu sein, man ein kalter und strenger Mensch sein muß, was Du kaum jemals werden wirst, wenn Du Dir auch alle Mühe gibst. Dich für einen solchen auszugeben. Du hältst Deine Erwägungen für unerschütterlich und sogar für Regeln im Leben; in meinem Alter aber, mein Freund, glaubt man nicht an Erwägungen und Regeln, vielmehr nur an die Erfahrung; die aber sagt mir, daß Deine Pläne – Kinderei sind. Ich bin schon fast fünfzig Jahre alt, und ich habe viele würdige Menschen gekannt, niemals habe ich aber gehört, daß ein junger Mann mit Namen und Fähigkeiten sich unter dem Vorwand, Gutes zu tun, auf dem Lande vergraben habe. Du wolltest immer als ein Original erscheinen. Deine Originalität ist aber gar nichts anderes als übermäßige Selbstliebe. Und, mein Freund, wähle lieber geebnete Pfade: sie führen leichter zum Erfolg; wenn Du den aber auch schon nicht für Dich selber nötig hast, so ist er doch unerläßlich dafür, das Gute tun zu können, das Du liebst. Die Armut einiger Bauern – ist entweder ein unvermeidliches Übel oder ein solches, dem man abhelfen kann, ohne alle seine Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft, seinen Verwandten und sich selber zu vergessen. Bei Deinem Verstand, Deinem Herzen und Deiner Liebe zur Tugend gibt es gar keine Karriere, in der Du nicht Erfolg hättest; wähle aber wenigstens eine solche, die Deiner würdig ist und Dir Ehre einträgt. Ich glaube an Deine Aufrichtigkeit, wenn Du sagst, Du habest keinen Ehrgeiz; Du betrügst Dich aber selber. Ehrgeiz ist eine Tugend in Deinen Jahren und bei Deinen Mitteln; sie wird erst zu einem Mangel und einer Gemeinheit, wenn der Mensch schon nicht mehr imstande ist, diese Leidenschaft zu befriedigen. Auch Du wirst das erfahren, wenn Du Deinen Entschluß nicht änderst. Leb wohl, lieber Mitja! Mir scheint es, ich liebe Dich noch mehr wegen Deines albernen, aber edlen und großherzigen Planes. Handle so, wie Du willst; ich gestehe aber, ich kann nicht einverstanden sein mit Dir.‹ Als der junge Mann diesen Brief erhielt, hatte er lange Zeit über ihn nachgedacht, endlich aber entschieden, daß auch eine geniale Frau sich irren könne. Darauf hatte er dann sein Entlassungsgesuch bei der Universität eingereicht und war – für immer – auf dem Lande geblieben. 2 Wie er seiner Tante mitgeteilt, hatte sich der junge Mann Verhaltungsmaßregeln für sein Wirtschaften aufgeschrieben, und sein ganzes Leben und alle seine Beschäftigungen waren eingeteilt nach Stunden, Tagen und Monaten. Der Sonntag war bestimmt zum Empfang von Bittstellern, Hofleibeigenen und Bauern, zum Besuch der Wirtschaften armer Bauern und zur Gewährung von Hilfe mit Zustimmung der Bauerngemeinde, die sich jeden Sonntag abends versammelte und entscheiden mußte, wem Hilfe zu erweisen nötig sei und was für eine. Unter solchen Beschäftigungen war schon ein Jahr vergangen, und der junge Mann war schon nicht mehr völlig Neuling, weder in praktischer noch in theoretischer Kenntnis der Landwirtschaft. Es war an einem klaren Junisonntag; Rechljudow hatte eben Kaffee getrunken und ein Kapitel des › Maison rustique ‹ durchlaufen. Nunmehr verließ er, sein Notizbuch und einen Packen Banknoten in der Tasche seines leichten Mantels, das große Landhaus mit seinen Terrassen und Säulenhallen, in dessen Erdgeschoß er ein einziges kleines Zimmerchen bewohnte, und wandelte auf den ungepflegten, verwachsenen Wegen des alten englischen Gartens dem Dorfe zu, das zu beiden Seiten der Chaussee lag. Nechljudow war ein hochgewachsener, gutgebauter junger Mann mit langem, dichtem, lockigem, dunkelrotbraunem Haar, mit lichtem Glanz in den schwarzen Augen, mit frischen Backen und roten Lippen, über denen sich eben der erste Flaum der Jugend zeigte. In allen seinen Bewegungen wie auch in seinem Gange offenbarten sich Kraft, Energie und die gutmütige Selbstzufriedenheit der Jugend. Das Bauernvolk kehrte gerade in bunten Haufen aus der Kirche zurück; Greise, junge Mädchen, Kinder, Weiber mit Brustkindern schritten in Feiertagskleidern ihren Hütten zu. Alle verneigten sich tief vor dem gnädigen Herrn und machten ihm ehrerbietig Platz. Auf der Chaussee blieb Nechljudow stehen, nahm sein Notizbüchelchen aus der Tasche und las auf der letzten mit kindlicher Handschrift beschriebenen Seite einige Bauernnamen, denen Bemerkungen beigefügt waren. ›Iwan Tschurisenok – bat um Stangen‹, las er und ging zum Tore der zweiten Hütte rechts. Das Wohnhaus von Tschurisenok bestand aus einem halb verfaulten, sehr feuchten Blockhaus, das sich schon auf die Seite neigte und derart in die Erde eingewachsen war, daß gerade noch über der aus Mist bestehenden Ausschüttung ein einziges zerbrochenes rotes Schiebefensterchen zu sehen war; auch war noch ein anderes Fensterchen da, das jedoch mit Hanf zugestopft war. Der aus Balken gezimmerte Vorraum mit verfaulter Schwelle und niedriger Tür, ein anderer kleiner Balkenbau, noch älter und noch niedriger als der Vorraum, ein Tor und ein Speicher aus Flechtwerk klebten an der Haupthütte. Alles dies war einstmals mit einem Dach von ungleicher Höhe bedeckt gewesen; jetzt aber hing nur noch auf dem Schirmdach dichtes, schwarzes, faulendes Stroh; oben waren dagegen an einzelnen Stellen das Dachgerüst und einige Dachsparren zu sehen. Vor dem Hofe stand ein Brunnen mit einem zusammengefallenen Brunnenkasten, mit dem Rest eines Holzstammes und eines Rades und mit einer schmutzigen, vom Vieh ausgetretenen Pfütze, in der Enten herumplätscherten. Bei dem Brunnen standen zwei alte, gesprungene und geknickte Weidenbäume mit wenigen blaßgrünen Zweigen. Unter einem von ihnen, die Zeugnis davon ablegten, daß sich einst irgendwer um die Ausschmückung dieses Ortes bekümmert hatte, saß ein achtjähriges blondes Mädchen und ließ ein anderes, zweijähriges Mädchen um sich herumkriechen. Als der Hofhund, der bei ihnen herumwedelte, den gnädigen Herrn erschaut hatte, stürzte er sofort unter das Tor und begann von dort aus sein erschrecktes heiseres Bellen. »Ist Iwan zu Hause?« fragte Nechljudow. Es schien, als ob das ältere Mädchen bei dieser Frage erstarrt wäre. Es machte immer größere Augen, ohne irgend etwas zu antworten; das kleinere Mädchen öffnete schon den Mund und wollte zu weinen anfangen. Ein kleines altes Weibchen in einem durchlöcherten, karierten Rock, der tief umgürtet war mit einem rötlichen Gurt, schaute aus der Tür heraus und antwortete gleichfalls gar nichts. Nechljudow schritt zum Vorraum und wiederholte eine Frage. »Zu Hause, Ernährer«, sprach mit zittriger Stimme das alte Weibchen, indem es sich tief verneigte und ganz in Schrecken und Verwirrung geriet. Als Nechljudow sie begrüßt hatte und durch den Vorraum den engen Hof betrat, stützte die Alte das Gesicht in die Hand, ging zur Tür hin und begann, ohne den gnädigen Herrn aus den Augen zu lassen, den Kopf hin und her zu bewegen. Auf dem Hofe war es ärmlich, an einzelnen Stellen lag alter nicht ausgefahrener, schwarz gewordener Mist; darauf lagen ein verfaulter Futterkasten, Heugabeln und zwei Eggen unordentlich herum. Die Schirmdächer um den Hof, unter denen auf der einen Seite ein Hakenpflug stand und ein Wagen mit drei Rädern sowie ein Haufen leerer, aufeinandergehäufter unbrauchbarer Bienenkörbe, waren fast ganz unbedeckt, und die eine Seite war derart eingestürzt, daß vorn die Dachstangen schon nicht auf den Stützen, vielmehr auf dem Misthaufen lagen. Tschurisenok zerschlug eben mit dem Beil, dessen Schneide und dessen Rückseite gebrauchend, den Zaun, den das Dach niederdrückte. Iwan Tschuris war ein Bauer von fünfzig Jahren, weniger als mittelgroß. Die Züge seines gebräunten, länglichen Gesichtes, das von einem dunkelrotbraunen, schon grau durchsetzten Bart und von ebensolchen dichten Haaren umrahmt war, waren schön und ausdrucksvoll. Seine dunkelblauen, halbgeschlossenen Augen schauten klug und gutmütig sorglos drein. Ein nicht großer, regelmäßiger Mund, der sich, wenn er lächelte, scharf unter einem rotbraunen, spärlichen Schnurrbart abhob, drückte ruhiges Selbstvertrauen aus und eine etwas spöttische Gleichgültigkeit gegenüber der ganzen Umgebung. An der Rauheit der Haut, den tiefen Runzeln, den scharf hervortretenden Adern an Hals, Gesicht und Händen, an seiner unnatürlich gebeugten Haltung und der krummen, bogenartigen Stellung der Füße war zu ersehen, daß sein ganzes Leben in unerträglicher, allzu schwerer Arbeit verflossen war. Seine Kleidung bestand aus weißen, hanfenen Hosen mit blauen Flicken an den Knien und einem ebensolchen, schmutzigen, auf dem Rücken und an den Armen auseinandergehenden Hemd. Er trug es tief gegürtet mit einem Zwirnband, an dem ein kleines kupfernes Schlüsselchen hing. »Gott helfe dir!« sprach der gnädige Herr; als er den Hof betrat. Tschurisenok schaute sich um und machte sich von neuem an seine Arbeit. Er holte gewaltig aus, riß den Zaun unter dem Schirmdach hervor, und dann erst, nachdem er das Beil in den Holzstock gesteckt und seinen Gürtel zurechtgerückt hatte, trat er in die Mitte des Hofes. »Zum Feiertage, Euer Erlaucht!« sprach er, indem er sich tief neigte und dann mit einer raschen Kopfbewegung seine Haare zurückwarf. »Danke, Bester! Siehst du, ich kam, mir deine Wirtschaft anzusehen«, sprach mit kindlicher Freundlichkeit und Schüchternheit Nechljudow, wobei er die Kleidung des Bauern musterte.– »So zeige mir denn, wozu du Stangen brauchst, um die du mich auf der Bauernversammlung batest.« »Die Stangen? Es ist bekannt, wozu man die braucht, Väterchen, Euer Erlaucht. Ich wollte, wenn auch nur ein ganz klein wenig, stützen. Sie selber geruhen zu sehen: sehen Sie, unlängst ist die Ecke da eingefallen; Gott war noch gnädig, daß um diese Zeit das Vieh nicht dort stand. Gleichwohl hängt sie eben grade noch so,« sprach Tschuris, indem er verächtlich seinen dachlosen, krummen und zusammengestürzten Schuppen betrachtete, »jetzt braucht man auch die Dachsparren und die Seitenwände und die Dachstangen nur zu berühren – brauchbares Holz wird da wohl kaum herauskommen. Woher wird man aber jetzt Holz nehmen? Sie selber geruhen es zu wissen.« »Wozu brauchst du dann aber fünf Stangen, wenn der eine Schuppen schon eingestürzt ist und der andere bald einstürzen wird? Du brauchst nicht Stützen, vielmehr Dachsparren, Dachstangen und Balken – alles brauchst du neu«, sagte der gnädige Herr, augenscheinlich großtuend mit seiner Sachkenntnis. Tschurisenok schwieg. »Du brauchst demnach Holz, nicht aber Stangen. So hättest du auch sagen sollen.« »Zweifellos ist es nötig, ja, aber von wo soll man es nehmen? Man kann doch nicht immer auf den Herrenhof laufen. Wenn man unseren Bruder daran gewöhnt, wegen jeder Kleinigkeit zu Euer Erlaucht auf den Herrenhof zu kommen und zu betteln, was werden wir dann schon für Bauern sein? Wenn aber Euer Gnaden dafür sein wird, hinsichtlich des eichenen Gipfelholzes, das da auf der Herrschaftstenne ohne jede Verwendung herumliegt,« sprach er, indem er sich verneigte und verlegen von einem Fuß auf den anderen trat, »dann werde ich vielleicht die einen auswechseln, andere kürzer machen und irgendwie aus dem Alten aufbauen.« »Wie denn aus dem Alten? Du sagst ja selber, alles sei bei dir alt und faul: heute ist dieser Winkel eingestürzt, morgen wird jener einstürzen, übermorgen ein dritter; wenn man es schon einmal macht, so soll man auch alles neu machen, damit die Arbeit nicht umsonst ist. Sage mir, ob du glaubst, daß dein Hof noch diesen Winter über stehen wird oder nicht.« »Wer weiß das denn!« »Nein, wie du glaubst; wird er einstürzen oder nicht?« Tschuris dachte eine Minute nach. »Er muß wohl völlig einstürzen...« sprach er plötzlich. »Nun, siehst du wohl! Du hättest besser so auch auf der Bauernversammlung sagen sollen, daß du den ganzen Hof umbauen mußt, und nicht nur einzig und allein um Stangen bitten. Ich bin ja froh, dir zu helfen ...« »Sehr zufrieden mit Euer Gnaden!« antwortete mißtrauisch und ohne den gnädigen Herrn anzuschauen Tschurisenok. – »Wenn Sie mir nur vier Balken, ja, und die Stangen schenken würden, so werde ich vielleicht selber damit fertig; was sich aber darüber hinaus noch unbrauchbares Holz finden wird, so wird das für die Hütte auf die Stützen draufgehen.« »Ist denn bei dir auch die Hütte schlecht?« »Das erwarten wir ja grade jeden Augenblick, ich und mein Weib, daß sie irgendwen erschlägt,« sprach Tschuris, »unlängst hat so schon eine Latte von der Decke mein Weib erschlagen!« »Wie denn erschlagen?« »Ja, so, erschlagen, Euer Erlaucht: wie es ihr nur so über den Rücken fährt, so hat sie auch bis zur Nacht wie tot gelegen.« »Wie denn, ist es vorübergegangen?« »Vorübergegangen ist es schon, ja, sie kränkelt aber immer noch. Sie kränkelt eigentlich ihr ganzes Leben lang.« »Wie denn, bist du krank?« fragte Rechljudow das Weib, das die ganze Zeit über in der Tür gestanden und sogleich zu stöhnen begonnen hatte, als nur eben ihr Mann von ihr zu sprechen anfing. »Immer läßt es mich dort nicht los, ja, und damit Schluß«, antwortete sie, indem sie auf ihre schmutzige, hagere Brust wies. »Immer das gleiche!« sprach mit Verdruß der junge gnädige Herr, und er zuckte die Achseln.– »Weshalb bist du denn krank und bist doch nicht ins Krankenhaus gekommen, dich untersuchen zu lassen? Siehst du, dafür habe ich doch das Krankenhaus eingerichtet. Hat man euch das denn nicht gesagt?« »Man hat es uns gesagt, Ernährer, ja, aber nie habe ich Zeit dazu: der Herrendienst, die eigene Wirtschaft und dann die Kinderchen – immer allein! Unsere Sache ist einsam...« 3 Nechljudow betrat die Hütte. Die ungleichen, verräucherten Wände waren in der ›schwarzen‹ Ecke mit verschiedenen Lappen und Kleidungsstücken behängt, in der ›roten‹ Ecke aber wörtlich bedeckt mit rötlichen Küchenschaben, die sich bei den Heiligenbildern und der Bank besonders dicht drängten. In der Mitte dieses schwarzen, stinkenden, sechs Arschin Ehemaliges russisches Längenmaß = 0,71 m. großen Hüttchens war in der Decke ein großer Spalt, und obgleich an zwei Stellen Stützen standen, hatte sich die Decke so geneigt, daß sie jeden Augenblick einzustürzen drohte. »Ja, die Hütte ist sehr schlecht«, sprach der gnädige Herr, indem er Tschurisenok anschaute, der, so schien es, gar nicht die Absicht hatte, über diesen Gegenstand zu sprechen. »Sie wird uns totschlagen, uns und die Kinderchen wird sie totdrücken«, begann mit weinerlicher Stimme das Weib, das sich unter dem Schlafgerüst an den Ofen gelehnt hatte. »Du, schwatze nicht!« sprach Tschuris streng, und mit seinem, kaum wahrnehmbarem Lächeln, das sich unter seinem Schnurrbart abzeichnete, wandte er sich an den gnädigen Herrn, »ich kann mir gar nicht klar werden, was ich mit ihr tun soll. Euer Erlaucht, mit der Hütte meine ich, ich habe sowohl Stützen wie auch Unterlagen gelegt, nichts kann man erreichen.« »Wie soll man hier den Winter zubringen? Ach, ach, ach!« sprach das Weib. »Das ist es eben, wenn man noch Stützen aufstellt, eine neue Deckenlatte anschlägt,« unterbrach sie ihr Mann mit ruhigem, geschäftigem Ausdruck, »ja, eine Dachstange auswechselt, so werden wir vielleicht irgendwie den Winter zubringen. Leben kann man dann, nur wird man die ganze Hütte mit Stützen versperren, das ist es; rührt man sie aber auch nur an, so wird kein lebendes Spänchen bleiben; nur solange sie steht, hält sie«, schloß er, augenscheinlich äußerst zufrieden damit, daß er auf diesen Gedanken gekommen war. Nechljudow verdroß und schmerzte es, daß Tschuris es bis dahin hatte kommen lassen und sich nicht schon früher an ihn gewendet hatte, da er ja gleich von seiner Ankunft an den Bauern niemals irgend etwas abgeschlagen und eben erst durchgesetzt hatte, daß sich alle mit allen ihren Nöten unmittelbar an ihn wendeten. Er fühlte sogar eine gewisse Erbitterung gegen den Bauern, er zuckte erzürnt die Achseln und runzelte die Stirn, aber der Anblick der ihn umgebenden Armut und inmitten ihrer der ruhige und selbstzufriedene Ausdruck des Tschuris verwandelten seinen Verdruß in ein ganz trauriges, hoffnungsloses Gefühl. »Nun, Iwan, warum hast du mir denn das nicht früher gesagt?« bemerkte er vorwurfsvoll, indem er sich auf die schmutzige schiefe Bank setzte. »Ich wagte es nicht, Euer Erlaucht«, antwortete Tschuris mit ganz dem gleichen, kaum merkbaren Lächeln, indem er auf dem holprigen Boden von einem seiner schwarzen nackten Füße auf den anderen trat; er sagte das aber so kühn und ruhig, daß es schwer war zu glauben, er habe nicht gewagt, zum gnädigen Herrn zu kommen. »Unsere Sache ist eine bäuerliche Angelegenheit, wie sollten wir es wagen?« begann schluchzend das Weib. »Schwatze doch nicht!« wandte sich Tschuris von neuem an sie. »In dieser Hütte kannst du nicht leben, das ist Unsinn!« sprach Nechljudow, nachdem er einige Zeit geschwiegen hatte. – »Nun sieh, was wir tun werden, Brüderchen...« »Ich höre«, ließ sich Tschuris vernehmen. »Hast du die steinernen Gerardowschen Hütten gesehen, die ich auf dem neuen Hofe erbaut habe, die mit den hohlen Mauern?« »Wie sollte ich sie nicht gesehen haben!« antwortete Tschuris und ließ in einem Lächeln seine noch vollzähligen weißen Zähne sehen; »wir waren nicht wenig erstaunt, als man sie baute – schlaue Hütten sind es! Die Burschen lachten: ob das wohl ein Getreidespeicher werden soll, um vor den Ratten das Korn in die Mauern einzuschütten? Die Hütten sind trefflich!« schloß er mit dem Ausdruck spöttischen Nichtverstehens, wobei er den Kopf schüttelte, »gradeso wie ein Gefängnis.« »Ja, die Hütten sind ausgezeichnet, trocken und warm und nicht so feuergefährlich«, bemerkte der gnädige Herr, und er verzog dabei sein junges Gesicht, offenbar unzufrieden mit dem Spott des Bauern. »Es ist nicht zu bestreiten. Euer Erlaucht, die Hütten sind trefflich.« »Nun, siehst du, eine Hütte ist schon ganz fertig. Sie ist zehn Arschin groß mit Vorraum und einem Speicher und vollkommen fertig. Ich werde sie dir am Ende gar abgeben, auf Vorschuß, zum Selbstkostenpreis; du wirst es irgendwann zurückzahlen«, sprach der gnädige Herr mit selbstzufriedenem Lächeln, das er nicht zurückhalten konnte in dem Gedanken, daß er eine Wohltat übe. »Du kannst deine alte Hütte abbrechen,« fuhr er fort, »sie wird zum Speicher dienen; den Hof werden wir gleichfalls überführen. Wasser ist dort vorzüglich. Einen Gemüseacker werde ich aus Neuland schneiden lassen. Dein Land werde ich in allen drei Feldern dir gleichfalls dort an Ort und Stelle anweisen. Trefflich wirst du dort leben.– Wie denn, gefällt dir das denn nicht?« fragte Nechljudow, da er bemerkt hatte, daß, sobald er nur angefangen hatte, von Übersiedlung zu sprechen, Tschuris in völlige Unbeweglichkeit verfallen war und ohne zu lächeln auf die Erde blickte. »Das ist der Wille Euer Erlaucht«, antwortete er, ohne seine Augen zu erheben. Das alte Frauchen beugte sich nach vorn, als ob man sie an der verwundbarsten Stelle getroffen habe, und machte Miene, etwas zu sagen, ihr Mann kam ihr aber zuvor. »Wie Euer Erlaucht will,« sprach er entschlossen und dabei doch unterwürfig, indem er den gnädigen Herrn anschaute und mit einem Ruck seine Haare in Ordnung brachte, »aber auf dem neuen Hof ist uns nicht beschieden zu leben.« »Weshalb denn?« »Nein, Euer Erlaucht, wenn Sie uns dahin übersiedeln – um uns ist es auch hier schon schlecht bestellt, dort aber werden wir Ihnen nie ordentliche Bauern sein – was werden wir dort schon für Bauern sein? Ja, dort ist es auch nicht einmal möglich, zu leben, wie Sie wollen!« »Ja, aber weshalb denn nur?« »Bis zum letzten werden wir uns dort zugrunde richten, Euer Erlaucht.« »Weshalb kann man denn dort nicht leben?« »Was ist das denn dort für ein Leben? Urteile doch selber: der Ort ist unbewohnt, das Wasser unbekannt, Weide gibt es keine. Die Hanffelder sind hier bei uns von alters her fettes Land, aber dort? Ja, und was ist denn dort? Nackt und kahl! Weder Zäune, noch Getreidedarren, noch Scheunen, gar nichts ist dort. Wir werden zugrunde gehen. Euer Erlaucht, wenn du uns dahin jagen wirst, endgültig werden wir zugrunde gehen! Der Ort ist neu, unbekannt...« wiederholte er nachdenklich, wobei er aber entschieden den Kopf schüttelte. Nechljubow wollte dem Bauern beweisen, daß die Übersiedlung im Gegenteil sehr vorteilhaft für ihn sei, daß man Zäune und Scheunen dort bauen werde, daß das Wasser dort gut sei usw., aber das starre Schweigen des Tschuris verwirrte ihn, und er fühlte aus irgendeinem Grunde, daß er nicht so spreche, wie es sich gehöre. Tschurisenok entgegnete ihm nicht; als aber der gnädige Herr verstummte, bemerkte er mit einem leichten Lächeln, es sei am allerbesten, auf jenem Hofe die greisen Hofleibeigenen anzusiedeln und Alescha, das Dummköpfchen, damit sie dort das Brot bewachten... »Das wäre großartig!« bemerkte er und lächelte von neuem. – »Das andere aber ist ein Unsinn, Euer Erlaucht!« »Was macht das denn aus, daß der Ort unbewohnt ist?« suchte Nechljudow geduldig von neuem zu überzeugen. »Siehst du, auch hier war irgendwann die Gegend unbewohnt, jetzt aber leben ja Leute hier, auch dort, siehst du, sobald du nur als erster übersiedelst mit leichter Hand... Zieh du nur unbedingt hinüber...« »Väterchen, Euer Erlaucht, wie kann man das nur vergleichen!« antwortete Tschuris mit Lebhaftigkeit, als ob er fürchtete, der gnädige Herr möchte eine endgültige Entscheidung treffen. »Hier mit allen zusammen ist unser Platz, ein lustiger, gewohnter Platz: auch der Weg und der Teich ist da – hat das Weib Wäsche zu waschen oder das Vieh zu tränken. Ja, und unsere ganze Bauernwirtschaft ist hier von alters her eingerichtet, die Tenne und das Gemüsegärtchen und die Weiden, die meine Väter pflanzten; mein Großvater und mein Väterchen haben hier Gott ihre Seele zurückgegeben, und ich möchte nur, daß ich mein Leben hier beschließen kann. Euer Erlaucht, weiter bitte ich um gar nichts. Wenn Euer Gnaden mir behilflich ist, die Hütte auszubessern, werden wir sehr zufrieden bleiben mit Euer Gnaden; wenn aber nicht, so werden wir irgendwie in der alten unser Leben verbringen. Laß uns doch ewig zu Gott für dich beten,« fuhr er fort, indem er sich tief verneigte, »verjage uns nicht aus unserm Nest, Väterchen...« Während Tschuris so sprach, wurde unter dem Schlafgerüst, dort, wo sein Weib stand, immer lauteres Schluchzen vernehmbar, und als ihr Mann sagte ›Väterchen‹, sprang sein Weib plötzlich hervor und stürzte sich in Tränen dem gnädigen Herrn zu Füßen: »Richte uns nicht zugrunde, Ernährer! Du bist unser Vater, du bist unsere Mutter! Wo sollen wir uns denn hinwenden? Wir sind alte, alleinstehende Leute. Wie Gott, so auch du...« brüllte sie los. Nechljudow sprang von der Bank auf und wollte die Alte aufheben, sie aber schlug wie in einer Art Wollust der Verzweiflung mit dem Kopfe auf den Erdboden und stieß die Hand des gnädigen Herrn zurück. »Was machst du denn! Steh doch auf, ich bitte dich! Wenn ihr nicht wollt, so ist es ja nicht nötig; ich werde euch doch nicht zwingen,« sprach er, indem er eine abwehrende Handbewegung machte und zur Tür zurücktrat. Als sich Nechljudow wieder auf die Bank gesetzt hatte und in der Hütte Schweigen eingetreten war, nur unterbrochen von dem Schluchzen des Weibes, das sich wiederum unter das Schlafgerüst zurückgezogen hatte und sich dort die Tränen mit ihrem Hemdärmel abwischte, da begriff der junge Gutsbesitzer, was für den Tschuris und sein Weib das zerfallende Hüttchen bedeutete, der zusammengestürzte Brunnen mit der schmutzigen Pfütze, die faulenden Ställchen, Speicherchen und die gesprungenen Weiden, die vor dem schiefen Fensterchen zu sehen waren, und ihm ward es seltsam schwer und traurig zumute, und er schämte sich über irgend etwas. »Wie, Iwan, hast du denn aber nicht am letzten Sonntag in der Bauernversammlung gesagt, daß du eine Hütte nötig hast? Ich weiß jetzt nicht, wie ich dir helfen soll. Ich habe euch allen auf der ersten Versammlung gesagt, daß ich mich im Dorfe niedergelassen und mein Leben euch gewidmet habe, daß ich bereit bin, selber allem zu entsagen, wenn ihr nur zufrieden und glücklich seid – und ich schwöre vor Gott, daß ich mein Wort halten werde,« sprach der junge Gutsbesitzer, ohne zu ahnen, daß derartige Ergüsse völlig ungeeignet sind, in irgendwem Vertrauen zu erregen, und besonders in einem russischen Menschen, der nicht Worte liebt, sondern Taten, und ungern seine Gefühle ausdrückt, wie schön sie auch sein mögen. Der naive junge Mann war aber so glücklich über das Gefühl, das er empfand, daß er es unbedingt ausströmen lassen mußte. Tschuris hatte den Kopf zur Seite geneigt, und langsam blinzelnd hörte er seinem gnädigen Herrn mit gezwungener Aufmerksamkeit zu, wie jemandem, dem man nun einmal zuhören muß, wenn er auch Dinge spricht, die nicht ganz schön sind und uns auch gar nichts angehen. »Ich kann aber doch nicht allen alles geben, worum sie mich bitten. Wenn ich es niemandem abschlagen würde, der mich um Holz bittet, so würde mir selber bald gar nichts mehr bleiben, und ich könnte dann nicht dem geben, der in Wahrheit Not leidet. Deshalb habe ich ja auch einen Teil meines Waldes abgetreten, ihn zur Ausbesserung der Bauernbauten bestimmt und ihn völlig der Bauerngemeinschaft übergeben. Dieser Wald gehört jetzt schon nicht mehr mir, vielmehr euch Bauern, und ich kann schon nicht mehr über ihn verfügen, es verfügt vielmehr die Bauerngemeinde, wie sie es versteht. Komme heute in die Versammlung, ich will da deine Bitte vorbringen. Wenn die Gemeinde bestimmt, dir eine Hütte zu geben, so ist das gut, ich habe jetzt keinen Wald mehr. Ich wünsche dir von ganzer Seele Hilfe; wenn du aber nicht übersiedeln willst, so ist das nicht meine Sache, sondern die der Gemeinde. Verstehst du mich?« »Sehr zufrieden mit Euer Gnaden,« antwortete verlegen Tschuris; »wenn Sie für den Hof Hölzerchen gütig ablassen, so werden wir uns auch so behelfen. Was denn die Gemeinde? Die Sache ist bekannt...« »Nein, komm nur hin...« »Ich gehorche. Ich werde kommen. Weshalb nicht? Nur werde ich die Gemeinde wohl nicht bitten.« 4 Der junge Gutsbesitzer wollte augenscheinlich noch etwas fragen, er erhob sich wenigstens nicht von seinem Sitze und blickte unentschlossen bald auf Tschuris, bald auf den leeren, ungeheizten Ofen. »Wie, habt ihr schon zu Mittag gegessen?« fragte er endlich. Unter dem Schnauzbart von Tschuris zuckte es wie ein spöttisches Lächeln, als ob es ihm komisch vorkomme, daß der gnädige Herr so dumme Fragen stellte. Er antwortete gar nicht. »Was für ein Mittagessen denn, Ernährer?« stieß schwer seufzend Tschuris' Weib hervor. »Brot haben wir gegessen, das ist unser Mittagessen. Kohlsuppe zu bereiten, war nichts da, und was wir an Kwaß hatten, haben wir den Kindern gegeben...« »Heute sind ›hungrige Fasten‹, Euer Erlaucht!« mischte sich Tschuris selber ein, die Worte seines Weibes deutend. »Brot und Zwiebeln, das ist unser Bauernessen. Noch hat – Gott sei Ruhm dafür – das Brötchen bei uns bis jetzt gereicht – durch Eure Gnade. Aber sonst – dicht nebenan bei unseren Nachbarn, da ist auch kein Brot mehr da... Zwiebeln hat es dieses Jahr überhaupt nicht gegeben. Bei dem Gemüsebauer Michael – unlängst haben wir dahin geschickt – verlangt man für ein Bündel einen Groschen, aber zu kaufen haben wir doch nichts... Von Ostern an gehen wir auch nicht mehr zur Kirche und haben nicht einmal ein Lichtchen dem Nikolai aufzustellen!« Nechljudow kannte lange schon und nicht nur vom Hörensagen, vielmehr aus eigenster Anschauung, jenes äußerste Maß von Armut, in dem seine Bauern lebten. Diese ganze Wirklichkeit stand aber in einem solchen Gegensatz zu seiner Erziehung, zu seiner Denkweise und Lebensführung, daß er wider Willen immer wieder diese Wahrheit vergaß. Und jedesmal, wenn man ihn, wie jetzt, lebhaft und greifbar an sie erinnerte, ward es ihm unerträglich schwer und traurig im Herzen, als quäle ihn die Erinnerung an irgendein von ihm begangenes und nie mehr zu sühnendes Verbrechen. »Weshalb seid ihr denn so arm?« rief er aus, unwillkürlich seinen Gedanken Ausdruck verleihend. »Ja, wie sollen wir denn sein, Väterchen, Euer Erlaucht, wenn nicht arm? Unser Boden ist so – Sie selber geruhen es zu wissen: Lehm, Hügelland; ja, und dann, augenscheinlich haben wir Gottes Zorn erregt. Schon von der Cholerazeit an wächst kein Brot mehr. Wiesen und Weideland ist wiederum weniger geworden; einiges wurde von der Gutsverwaltung in Bebauung genommen, anderes hat man einfach der Herrschaft zugeteilt... Meine Sache ist langsam alt geworden... Wenn ich auch froh wäre, mich zu regen – ich habe keine Kräfte mehr. Meine Alte ist krank, jedes Jahr gebiert sie Mädchen, und alle müssen doch gefüttert werden... Siehst du, ich allein rühre mich, zu Hause aber sind sieben Seelen. Ich bin wohl sündig vor Gott, dem Herrn! Oft denke ich mir: Würde Gott nur eines oder das andere der Kinderchen rascher zu sich nehmen! Mir wäre es leichter, ja, und auch ihnen wäre es besser, als hier Elend zu leiden...« »Oh, oh!« seufzte laut das Weib, wie zur Bestätigung der Worte ihres Mannes. »Siehst du, meine ganze Hilfe ist hier,« fuhr Tschuris fort, indem er auf einen dickbäuchigen, weißhaarigen, zerzausten Knaben von etwa sieben Jahren wies, der eben schüchtern und leise die Tür aufklinkte, in die Hütte trat und, indem er von unten her die erstaunten Augen auf den gnädigen Herrn richtete, sich mit beiden Händen am Hemd des Tschuris festhielt. »Siehst du, das ist meine ganze Hilfe,« sprach mit klangvoller Stimme Tschuris und fuhr mit seiner rauhen Hand über die weißen Haare des Knaben. »Werde ich es wohl noch erleben, daß er mir wird helfen können? ... Mir aber geht schon die Arbeit über die Kräfte. Das Alter wäre noch nichts, aber ein Leistenbruch hat mich überwältigt. Bei schlechtem Wetter möchte ich schreien, und es ist ja auch schon Zeit für mich, den Herrendienst aufzugeben und mich zu den Greisen zurückzuziehen. Da haben Dutlow, Dunkin, Sjabrjew – alle jünger als ich – längst ihr Land abgegeben. Nun, ich habe es niemandem abzugeben – das ist mein ganzes Unglück. Man muß sich füttern: und da schlage ich mich denn so herum, Euer Erlaucht.« »Ich möchte dir gern Erleichterung schaffen, wirklich; aber wie soll ich das machen?« sprach der junge gnädige Herr mit Teilnahme, indem er auf den Bauern blickte. »Ja, wie denn Erleichterung schaffen? Es ist doch eine bekannte Sache, wenn man Land besitzen will, so muß man auch Herrendienst leisten – das sind schon bekannte Einrichtungen. Irgendwie werde ich den Kleinen schon erwarten. Nur mögen Sie so gnädig sein – wegen der Schule, geben Sie ihn frei; unlängst ist der Gemeindeschreiber gekommen und sagte, auch ihn verlange Euer Erlaucht in die Schule. Ihn lassen Sie mir schon frei! Was hat er denn für einen Verstand, Euer Erlaucht! Er ist noch jung, er denkt noch gar nichts.« »Nein, Bruder, das geht nicht so, wie du willst,« sagte der gnädige Herr, »dein Knabe kann schon begreifen, es ist Zeit für ihn zu lernen. Ich spreche doch zu deinem eigenen Besten. Urteile doch selber: Wenn er bei dir heranwachsen wird, wird er Hauswirt werden, ja, und wird zu lesen und zu schreiben verstehen, auch in der Kirche zu lesen – es wird ja alles bei dir zu Haufe mit Gottes Hilfe gut gehen,« sprach Nechljudow, indem er sich bemühte, sich möglichst verständlich auszudrücken, dabei aber doch aus irgendeinem Grunde errötete und stotterte. »Es ist nicht zu bestreiten, Euer Erlaucht, Sie wünschen uns nichts Böses. Ich und meine Frau sind beim Herrendienst; er aber, wenn er auch noch ein kleiner Kerl ist, hilft uns gleichwohl – das Vieh auf die Weide zu treiben und die Pferde zu tränken. Was für einer er auch ist, er ist aber gleichwohl ein Bauer,« und Tschurisenok faßte lächelnd den Knaben mit seinen dicken Fingern bei der Nase und schneuzte ihn. »Gleichwohl schicke du ihn, wenn du selber zu Hause bist und er Zeit hat – hörst du? Unbedingt!« Tschurisenok seufzte schwer und antwortete gar nichts. 5 »Ja, was ich noch sagen wollte ...« sagte Nechljudow, »weshalb ist denn bei dir der Mist nicht ausgefahren?« »Was ist denn bei mir für ein Mist, Väterchen, Euer Erlaucht? Es ist auch gar nichts da, auszufahren. Mein Vieh, was ist es denn? Ein einziges Stutchen, ja, und ein Füllen; das Kühchen habe ich im vergangenen Herbst dem Verwalter kurz vor dem Kalben abgegeben – das ist mein ganzes Vieh!« »Wie denn das, du hast wenig Vieh, und dabei hast du noch eine tragende Kuh abgegeben?« fragte mit Staunen der gnädige Herr. »Womit soll man sie denn füttern?« »Reicht denn dein Heu nicht aus, um eine Kuh zu füttern? Bei den anderen reicht es doch!« »Die anderen haben fettes Land, mein Land ist aber Lehmboden, da ist nichts zu machen.« »Nun, so dünge es doch, damit es nicht nur Lehm ist, und der Boden wird Brot geben, und du wirst genug haben, um das Vieh zu füttern.« »Ja – aber Vieh habe ich nicht, woher soll denn der Mist kommen?« ›Das ist ja ein furchtbarer cercle vicieux !‹ dachte Nechljudow. Er vermochte aber entschieden nichts auszudenken, was er dem Bauern raten könne. »Wiederum muß man auch das sagen. Euer Erlaucht, nicht der Mist gibt Brot, vielmehr alles gibt Gott,« fuhr Tschuris fort. »Sehen Sie, ich hatte voriges Jahr auf dem Brachfeld sechs Heuhaufen, auf dem gedüngten Feld hat man aber nicht einmal einen Garbenhaufen gesammelt. Niemand anders als Gott!« fügte er mit einem Seufzer hinzu. – »Ja, und das Vieh bleibt nicht in unserem Hof. Sehen Sie, das sechste Jahr lebt es nicht. Vergangenes Jahr ist ein Kälbchen krepiert, ein anderes habe ich verkauft: ich hatte nichts, um es zu füttern; im vorletzten Jahr ist eine tüchtige Kuh gefallen: sie kam von der Weide – gar nichts fehlte ihr, plötzlich schwankte sie, und der Atem verging ihr. Alles mein Unglück!« »Nun, mein Brüderchen, damit du nicht sagst, du habest deshalb kein Vieh, weil du kein Futter hast, und kein Futter deshalb, weil du kein Vieh hast, da hast du genug für eine Kuh«, sprach Nechljubow, indem er errötend aus der Hosentasche ein zusammengedrücktes Bündel Geldscheine hervorholte und es auseinandernahm. »Kaufe dir auf mein Glück eine Kuh, Futter nimm aber von meiner Tenne – ich werde es ansagen. Sieh aber zu, daß du am kommenden Sonntag eine Kuh hast: ich werde nachschauen.« Da aber Tschuris lange Zeit hindurch, verlegen lächelnd, seine Hand nicht nach dem Gelde ausstreckte, legte es Nechljudow auf das Tischende und errötete noch mehr. »Sehr zufrieden mit Euer Gnaden,« sprach Tschupis mit seinem gewöhnlichen, ein wenig spöttischen Lächeln. Die Alte unter dem Schlafgerüst seufzte einige Male schwer, und es war, als ob sie ein Gebet murmele. Dem jungen gnädigen Herrn ward es peinlich; er erhob sich eilig von der Bank, ging zum Vorraum und rief Tschuris zu sich hinaus. Der Anblick des Menschen, dem er eine Wohltat erwiesen hatte, war ihm so angenehm, daß er sich nicht so rasch von ihm zu trennen wünschte. »Ich bin froh, dir helfen zu können«, sprach er, indem er beim Brunnen stehen blieb. »Man kann dir helfen, weil ich weiß, daß du nicht faul sein wirst. Du wirst dich bemühen und ich werde helfen. Mit Gottes Hilfe wirst du auch wieder gesund werden.« »Es handelt sich schon nicht darum, gesund zu werden, Euer Erlaucht,« sprach Tschuris, wobei er plötzlich einen ernsten, sogar strengen Gesichtsausdruck annahm, gerade so, als ob er sehr unzufrieden sei mit der Annahme des gnädigen Herrn, daß er überhaupt gesund werden könne. »Wir lebten unter dem Väterchen mit meinen Brüdern und sahen in nichts Not; als er aber eben gestorben war, ja, als wir uns getrennt hatten, da ist alles schlechter und schlechter gegangen. Alles ist die Einsamkeit!« »Weshalb habt ihr euch bann aber getrennt?« »Alles ist wegen der Weiber so gekommen, Euer Erlaucht. Damals war schon Ihr Großväterchen nicht mehr am Leben, denn bei ihm hätten sie es nicht gewagt – da herrschte noch wirkliche Ordnung; er ging ebenso wie auch Sie auf alles selber ein – und wir hätten nicht einmal gewagt, daran zu denken, uns zu trennen. Aber der Verstorbene liebte es nicht, den Bauern nachzugeben. Nach Ihrem Großväterchen hatte die Verwaltung Andrej Iljitsch übernommen – Friede seiner Asche! –, er war ein Trunkenbold und unzuverlässiger Mensch. Wir kamen mit der Bitte zu ihm, einmal, ein zweites Mal: ›Es ist sozusagen kein Leben wegen der Weiber; erlaube, daß wir uns trennen!‹ Nun, er prügelte, er prügelte; aber endlich kam es doch dazu, daß die Weiber gleichwohl ihren Willen durchsetzten; wir begannen getrennt zu leben; es ist aber bekannt, was der alleinstehende Bauer ist! Nun ja, auch Ordnung gab es damals gar keine; Andrei Iljitsch ging mit uns um, wie er wollte: ›Du mußt alles haben.‹ Woher es aber der Bauer nehmen soll, danach fragte er gar nicht. Damals wurden die Kopfabgaben erhöht, Tischvorräte wurden mehr eingesammelt, der Boden wurde weniger, und das Korn hörte auf, sich zu vermehren. Als aber die Vermessung kam, ja, und er unsere fetten Länder seinem eigenen Land zuschnitt, der Übeltäter, da richtete er uns völlig zugrunde: ›Stirb nur!‹ Ihr Väterchen – das Himmelreich ihm! – war ein guter, gnädiger Herr, ja, wir sahen ihn auch kaum: immer lebte er in Moskau; nun, es ist bekannt, auch Fuhren begann man häufiger dahin zu treiben. Ein andermal ist die Zeit der schlechten Wege, es gibt kein Futter, aber fahre nur! Es kann aber ja auch der gnädige Herr nicht ohne das auskommen. Wir wagen nicht darüber gekränkt zu sein; ja, es war aber keine Ordnung. Wie jetzt Euer Gnaden jedes Bäuerlein vor Ihr Gesicht lassen, so sind auch wir andere geworden, und auch der Verwalter wurde ein anderer Mensch. Wir wissen jetzt wenigstens, daß wir einen gnädigen Herrn haben. Und man kann auch schon sagen, daß die Bäuerlein Euer Gnaden dankbar sind. Sonst aber gab es unter der Vormundschaft keinen wirklichen gnädigen Herrn; jeder war da gnädiger Herr: sowohl der Vormund ist ein gnädiger Herr, und Iljitsch ist ein gnädiger Herr, und seine Frau ist gnädige Frau, und der Schreiber von der Polizei ist auch ein gnädiger Herr. Da litten viel, ja sehr viel Kummer die Bäuerlein!« Wiederum empfand Nechljudow ein Gefühl, das der Scham ähnlich war oder Gewissensbissen. Er lüftete seinen Hut und ging weiter. 6 »Juchwanka Mudreny will ein Pferd verkaufen,« las Nechljudow in seinem Notizbüchlein und ging über die Straße hinüber zum Hofe von Juchwanka Mudreny. Dessen Hütte war sorgfältig bedeckt mit Stroh aus dem Herrnhofe und gefügt aus frischem, hellgrauem Espenholz (ebenfalls aus dem vom gnädigen Herrn abgetretenen Walde); sie hatte zwei rot gestrichene Läden an den Fenstern und ein Aufgangstreppchen mit einem Schirmdach und mit phantastisch ausgeschnittenen, glatt gehobelten Geländerchen. Der Vorraum und die ›kalte Hütte‹ waren gleichfalls so, wie sichs gehört; aber der allgemeine Eindruck der Zufriedenheit und Genügsamkeit, den dieser Bau hervorrief, wurde ein wenig getrübt durch die Kornkammer, die an das Tor angebaut war und einen nicht fertigen Zaun und ein ungedecktes Schirmdach hatte, das hinter ihr zum Vorschein kam. Zu der Zeit, als Nechljudow von der einen Seite her sich dem Eingang näherte, schritten von der anderen zwei Bauernweiber zu ihm hin, die einen vollen Bottich trugen. Eine von ihnen war die Frau, die andere die Mutter des Juchwanka Mudreny. Jene war ein stämmiges, rotbäckiges Weib mit ungewöhnlich entwickelter Brust und breiten Backenknochen. Sie trug ein reines, an den Ärmeln und am Kragen gesticktes Hemd, auch der Brustlatz war gestickt, einen neuen Rock, Schuhe, Glasperlenkette und einen viereckigen schmucken Kopfputz, der ausgestickt war mit rotem Garn und kleinen Metallplättchen. Das Ende des Tragbalkens schaukelte nicht, lag vielmehr ruhig auf ihrer breiten und festen Schulter. Die leichte Anspannung, die in ihrem roten Gesicht und in der Krümmung des Rückens und der gemessenen Bewegung der Hände und Füße zu bemerken war, verriet in ihr eine außerordentliche Gesundheit und männliche Kraft. Die Mutter des Juchwanka, die das andere Ende des Tragbalkens trug, war im Gegensatz dazu eine von jenen Greisinnen, die bei lebendigem Leibe an der Grenze des Alters und des Zerfalls angelangt zu sein scheinen. Ihr knochiger Körper – sie trug ein schwarzes, zerrissenes Hemd und einen ausgeblichenen Rock – war gebeugt, so daß der Tragbalken mehr auf ihrem Rücken als auf ihrer Schulter lag. Ihre Hände mit den gekrümmten Fingern, in denen sie den Tragbalken so hielt, als ob sie sich an ihm festhalten wolle, waren von einer ganz dunklen Farbe und konnten sich, so schien es, schon gar nicht mehr auseinanderbiegen; der herabhängende Kopf, der mit irgendeinem Lappen umwunden war, zeigte in höchstem Maße die entstellenden Züge der Armut und des hohen Alters. Unter ihrer niedrigen Stirn hervor, die nach allen Richtungen von tiefen Furchen durchzogen war, blickten glanzlos zwei gerötete Augen zur Erde, die keine Wimpern mehr hatten. Ein einziger gelber Zahn schaute aus der eingefallenen Oberlippe hervor, und in unaufhörlicher Bewegung berührte er sich bisweilen mit dem spitzen Kinn. Die Runzeln auf dem unteren Teil ihres Gesichtes und ihres Halses sahen wie Säckchen aus, die bei jeder Bewegung schaukelten. Sie atmete schwer und röchelnd; aber wenn es auch so schien, als ob ihre nackten, gekrümmten Füße sich über ihre Kraft über die Erde hinschleppten, so bewegten sie sich doch gleichmäßig, einer hinter dem anderen. 7 Als das junge Weib mit dem gnädigen Herrn fast zusammengestoßen war, stellte es flink den Bottich hin, senkte die Augen zu Boden, verbeugte sich und schaute dann erst mit leuchtendem Blick von unten her zu dem gnädigen Herrn auf, und indem sie sich bemühte, mit dem Ärmel des gestickten Hemdes ein leichtes Lächeln zu verbergen, lief sie mit den Schuhen klappernd zur Treppe. »Du, Mütterchen, bring den Tragbalken zur Tante Nastassja zurück,« sagte sie, indem sie in der Tür stehen blieb und sich an die Alte wandte. Der züchtige junge Gutsbesitzer blickte streng, aber aufmerksam auf das rotbäckige Weib, verzog seine Stirn und wandte sich an die Greisin, die mit ihren krummen Fingern den Tragbalken losmachte, ihn auf die Schultern nahm und sich soeben gehorsam der Nachbarshütte zuwandte. »Ist dein Sohn zu Hause?« fragte der gnädige Herr. Die Greisin bückte ihren gebeugten Körper noch mehr, verneigte sich und wollte etwas sagen; indem sie aber die Hände an den Mund legte, fing sie derart zu husten an, daß Nechljudow, ohne abzuwarten, in die Hütte trat. Als Juchwanka, der in der ›roten‹ Ecke auf der Bank saß, den gnädigen Herrn erblickte, stürzte er zum Ofen hin, als ob er sich vor ihm verbergen wolle, legte eiligst irgendein Ding auf das Schlafgerüst, und mit Mund und Augen zwinkernd, drückte er sich an die Wand hin, als wolle er dem gnädigen Herrn Platz machen. Juchwanka war ein rotblonder Bursche von dreißig Jahren, hager, gut gewachsen, mit einem jungen, spitzen Kinn, ziemlich hübsch, wenn nicht seine unruhigen grauen Augen gewesen wären, die aus seinen verzogenen Brauen unangenehm hervorschauten, und wenn ihm nicht zwei Vorderzähne gefehlt hätten, was sogleich in die Augen fiel, weil seine Lippen kurz waren und sich unaufhörlich bewegten. Er trug ein Feiertagshemd mit grellroten Achselzwickeln, gestreifte Kattunhosen und schwere Stiefel mit gefalteten Schäften. Das Innere der Hütte Juchwankas war nicht so eng und finster wie das Innere der Hütte von Tschuris, obgleich es auch in ihr schwül war, nach Rauch und Schafpelz roch und ebenso unordentlich Männerkleider und Hausgeräte umherlagen. Zwei Dinge zogen die Aufmerksamkeit besonders auf sich: ein nicht großer, krummer Samowar, der auf dem Wandbrett stand, und ein schwarzer Rahmen mit dem Rest eines schmutzigen Glases und dem Bild irgendeines Archimandriten mit krummer Nase und sechs Fingern, das bei dem in Kupfer gefaßten Heiligenbild hing. Nechljubow schaute nicht gerade wohlwollend auf den Samowar, das Porträt des Archimandriten und das Schlafgerüst, an dem, aus irgendeinem alten Lumpen hervor, das Ende einer Pfeife mit Kupferbeschlag hing, und wandte sich an den Bauern. »Guten Tag, Epiphan,« sagte er, wobei er ihm in die Augen schaute. Epiphan verneigte sich und murmelte: »Gesundheit wünschen wir Euer Gnaden,« wobei er das letzte Wort besonders zärtlich aussprach, und seine Augen umliefen dabei augenblicklich die ganze Gestalt des gnädigen Herrn, die Hütte, den Fußboden und die Decke, ohne bei irgend etwas stehen zu bleiben. Dann ging er eilig zu dem Schlafgerüst, zog dort seinen Rock hervor und begann ihn anzuziehen. »Weshalb ziehst du dich denn an?« sprach Nechljudow, während er sich auf die Bank setzte und sich augenscheinlich bemühte, den Epiphan möglichst streng anzublicken. »Wie denn, erbarmen Sie sich doch. Euer Gnaden, kann man denn ...? Wir, scheint es, können verstehen ...« »Ich bin zu dir gekommen, um zu erfahren, weshalb du es nötig hast, ein Pferd zu verkaufen, ob du viele Pferde hast und welches Pferd du verkaufen willst,« sprach trocken der gnädige Herr, augenscheinlich vorbereitete Fragen wiederholend. »Wir sind hoch zufrieden mit Euer Gnaden, daß Sie sich nicht ekelten, zu uns zu kommen, zu einem Bauern,« antwortete Juchwanka, und er warf rasche Blicke auf das Bild des Archimandriten, auf den Ofen, auf die Stiefel des gnädigen Herrn und überhaupt auf alle Gegenstände, ausgenommen das Gesicht Nechljudows. »Wir beten immer für Euer Gnaden zu Gott...« »Weshalb mußt du ein Pferd verkaufen?« wiederholte Nechljudow, wobei er seine Stimme erhöhte und sich räusperte. Juchwanka seufzte, strich sein Haar zurecht (sein Blick umlief wiederum die Hütte), und als er eine Katze bemerkt hatte, die friedlich auf der Bank liegend schnurrte, schrie er sie an: »Fort, Luder!« und wandte sich eiligst an den gnädigen Herrn. »Das Pferd, welches, Euer Gnaden, nichts taugt... Wenn es ein gutes Tier wäre, würde ich es nicht verkaufen. Euer Gnaden...« »Wieviel Pferde hast du denn überhaupt?« »Drei, Euer Gnaden.« »Sind keine Füllen darunter?« »Wie ist das denn möglich. Euer Gnaden! Auch ein Füllen ist dabei.« 8 »Komm, zeig mir deine Pferde! Sind sie bei dir auf dem Hofe?« »Genau so. Euer Gnaden, wie es mir befohlen ist, so ward es auch getan, Euer Gnaden. Können wir denn ungehorsam sein. Euer Gnaden? Mir befahl Jakow Alpatitsch, die Pferde morgen nicht aufs Feld zu lassen, der Fürst werde sie anschauen; wir haben sie auch nicht fortgelassen. Wir wagen schon nicht, Euer Gnaden ungehorsam zu sein.« Während Nechljudow zur Tür schritt, nahm Juchwanka die Pfeife vom Schlafgerüst und warf sie hinter den Ofen; seine Lippen bewegten sich ganz ebenso unruhig auch zu der Zeit, als der gnädige Herr nicht auf ihn schaute. Eine magere graue Stute wühlte unter dem Schirmdach in faulem Stroh, ein zweimonatiges langbeiniges Füllen von einer ganz unbestimmten Farbe, mit bläulichen Füßen und bläulichem Maul, ging nicht von ihrem hageren Schwanz weg, in dem Kletten hingen. Inmitten des Hofes stand, die Augen geschlossen und nachdenklich das Haupt geneigt, ein dickbäuchiger brauner Wallach, augenscheinlich ein gutes Bauernpferd. »So, sind das hier alle deine Pferde?« »Keineswegs, Euer Gnaden, da ist noch eine kleine Stute, ja, und da noch ein kleines Füllchen,« antwortete Juchwanka, indem er auf die Pferde zeigte, die sein Herr gar nicht übersehen konnte. »Ich sehe schon. Welches willst du denn verkaufen?« »Aber da gerade dieses da. Euer Gnaden,« antwortete er, und er wies mit seinem Rockschoß auf den verschlafenen Wallach, wobei er unaufhörlich mit den Augen zwinkerte und seine Lippen bewegte. Der Wallach öffnete die Augen und drehte ihm faul seine Rückseite zu. »Er ist dem Augenschein nach nicht alt und an sich ein stämmiges Pferdchen,« sprach Nechljudow. »Fasse es und zeige mir die Zähne! Ich erkenne, ob es alt ist.« »Ich kann es auf keine Weise allein festkriegen. Euer Gnaden. Das ganze Vieh ist keinen Groschen wert, es hat Mucken, beißt und schlägt mit den Vorderfüßen aus. Euer Gnaden,« antwortete Juchwanka. Er lachte dabei sehr vergnügt und wandte die Augen nach verschiedenen Seiten hin. »Was für ein Unsinn! Faß es, sag ich dir!« Juchwanka lächelte lange, indem er von einem Fuß auf den andern trat, und erst als Nechljudow zornig schrie: »Nun, wirds bald?« stürzte er hinter das Schirmdach, brachte ein Halfter hervor und begann hinter dem Pferde herzujagen, wobei er es erschreckte und von hinten, nicht von vorn, auf dieses zukam. Dem jungen gnädigen Herrn war es offenbar langweilig geworden, dem zuzuschauen, ja, und vielleicht wollte er auch seine Geschicklichkeit zeigen. »Gib mir das Halfter!« sprach er. »Erbarmen Sie sich! Wie ist das möglich für Euer Gnaden? Geruhen Sie doch nicht...« Nechljudow schritt aber gerade von vorn auf das Pferd zu, und es unversehens an den Ohren fassend, beugte er es mit einer solchen Kraft zur Erde nieder, daß der Wallach, der, wie es sich erwies, ein sehr frommes Bauernpferdchen war, schwankte und zu röcheln begann, wobei er sich bemühte, sich loszureißen. Als Nechljudow gemerkt hatte, daß es völlig unnötig war, solche Gewalt anzuwenden, und er auf Juchwanla schaute, der gar nicht aufhörte zu lächeln, kam ihm der in seinem Alter allerbeleidigendste Gedanke in den Kopf, daß Juchwanka über ihn lache und ihn im stillen für ein Kind halte. Er errötete, ließ die Ohren des Pferdes los, öffnete ihm ohne die Hilfe des Halfters das Maul und betrachtete die Zähne: die Eckzähne waren heil, die Kronen der Vorderzähne noch ausgefüllt, was der junge Landwirt schon gelernt hatte; es war also ein junges Pferd. Juchwanka ging währenddessen zum Schirmdach hin, und als er gemerkt hatte, daß eine Egge nicht am rechten Platz lag, hob er sie auf, lehnte sie an den Zaun und stellte sie aufrecht hin. »Komm hierher!« rief der gnädige Herr mit einem kindlich betrübten Gesichtsausdruck und fast mit Tränen des Verdrusses und des Ärgers in der Stimme. »Wie alt ist dieses Pferd?« »Erbarmen Sie sich. Euer Gnaden, sehr alt, zwanzig Jahre wird es alt sein... ein solches Pferd...« »Schweig! Du bist ein Lügner und ein Taugenichts, weil ein ehrlicher Bauer nicht lügen wird; er hat es nicht nötig!« sprach Nechljudow. Er keuchte, weil Tränen des Zornes ihm in der Kehle aufstiegen. Um sich nicht bloßzustellen, indem er vor dem Bauern in Tränen ausbreche, verstummte er. Juchwanka schwieg gleichfalls; mit der Miene eines Menschen, der sogleich in Tränen ausbrechen wird, zog er ein paarmal die Luft durch die Nase und zuckte leicht mit dem Kopf. »Nun, womit wirst du denn pflügen gehen, wenn du dieses Pferd verkauft hast?« fuhr Nechljudow fort, als er sich hinlänglich beruhigt hatte, um mit seiner gewöhnlichen Stimme zu sprechen. »Man sendet dich absichtlich ohne Pferd zur Arbeit, damit deine Pferde zum Pflügen Kraft haben, und du willst dein letztes Pferd verkaufen? Aber die Hauptsache, weshalb lügst du?« Als sich der gnädige Herr nur eben beruhigt hatte, hatte sich auch Juchwanka beruhigt. Er stand aufgerichtet da, und während er noch immer ebenso seine Lippen bewegte, liefen seine Augen von einem Gegenstand zum andern. »Wir werden für Euer Gnaden«, antwortete er, »nicht schlechter als die anderen zur Arbeit fahren.« »Ja, womit wirst du denn fahren? « »Seien Sie nur unbesorgt, wir werden mit der Arbeit für Euer Gnaden schon fertig werden!« antwortete er und schrie dann den Wallach an und jagte ihn weg. »Wenn ich nicht Geld nötig hätte, würde ich ihn dann wohl verkaufen?« »Wozu hast du denn Geld nötig?« »Brot habe ich keines. Euer Gnaden; ja, und dem Bäuerlein muß ich auch meine Schuld abzahlen. Euer Gnaden.« »Wie, hast du denn kein Brot? Weshalb haben es denn noch die andern, die Kinder haben, und du, der du kinderlos bist, hast keines? Wo ist es denn hingekommen?« »Gegessen haben wir es. Euer Gnaden, und jetzt ist kein Krümel mehr da. Ein Pferd kaufe ich mir im Herbst, Euer Gnaden.« »Wage nicht noch einmal daran zu denken, das Pferd zu verkaufen!« »Wie denn, Euer Gnaden, wenn dem so ist, wie soll dann unser Leben sein? Brot gibt es nicht, und zu verkaufen wage ich nichts«, antwortete er völlig zur Seite, indem er die Lippen bewegte und plötzlich einen frechen Blick dem gnädigen Herrn grade ins Gesicht richtete. »Das heißt also, man muß Hungers sterben.« »Nimm dich in acht, Bruder!« schrie Nechljudow erbleichend, und er empfand ein böses persönliches Gefühl gegen den Bauern; »solche Bauern wie du werde ich nicht halten. Dir wird es noch einmal schlecht gehen.« »Das ist der Wille Euer Gnaden,« antwortete Juchwanka, indem er die Augen schloß, mit geheuchelt ergebenem Ausdruck, »wenn ich es Ihnen nicht rechtmachte. Es scheint aber, man hat keine Laster an mir bemerkt. Ich weiß, daß, wenn ich schon Euer Erlaucht nicht gefallen habe, alles in Ihrem Willen steht; nur weiß ich nicht, wofür ich leiden muß.« »Aber, siehst du, dafür: daß bei dir der Hof kein Schirmdach hat, der Mist nicht untergepflügt, der Zaun zerbrochen ist und du zu Hause sitzt, ja, und eine Pfeife rauchst, aber nicht arbeitest; dafür, daß du deiner Mutter, die dir die ganze Wirtschaft abgab, kein Stück Brot gibst, deiner Frau erlaubst, sie zu schlagen, und sie dahin brachtest, daß sie kam, sich bei mir zu beklagen.« »Erbarmen Sie sich. Euer Erlaucht; ich weiß nicht einmal, was es da für Pfeifen gibt«, antwortete verwirrt Juchwanka, dem augenscheinlich vor allem die Beschuldigung, eine Pfeife zu rauchen, kränkend war. »Von einem Menschen kann man alles sagen.« »Da lügst du wiederum! Ich habe es selbst gesehen!« »Wie wage ich denn, Euer Erlaucht zu belügen!« Nechljudow schwieg. Er biß sich die Lippen und begann im Hofe auf und ab zu gehen. Juchwanka rührte sich nicht vom Fleck und verfolgte, ohne die Augen aufzuheben, mit den Blicken die Füße des gnädigen Herrn. »Höre, Epiphan,« sprach Nechljudow mit kindlich sanfter Stimme, indem er vor dem Bauern stehen blieb und sich bemühte, seine Aufregung zu verbergen, »so zu leben ist unmöglich, und du wirst dich zugrunde richten. Denk einmal schön nach! Wenn du ein guter Bauer sein willst, so ändere du dein Leben, gib deine schlechten Gewohnheiten auf: lüge nicht, trinke nicht, achte deine Mutter. Ich weiß ja alles über dich. Beschäftige dich mit deiner Wirtschaft, nicht aber damit, Kronsholz zu stehlen, ja, und ins Wirtshaus zu gehen. Was ist da Schönes dran? Wenn du an irgend etwas Mangel leidest, so komm zu mir; erbitte ganz offen, was nötig ist und wofür, und lüge nicht, sage vielmehr die ganze Wahrheit; dann werde ich dir nichts abschlagen.« »Erbarmen Sie sich. Euer Gnaden; wir können, scheint es, Euer Erlaucht verstehen!« antwortete Juchwanka, indem er so lächelte, als ob er durchaus den vollen Reiz des Scherzes seines Herrn zu würdigen verstehe. Dieses Lächeln und diese Antwort enttäuschten Nechljudow völlig in seiner Hoffnung, den Bauern zu rühren und ihn durch Ermahnung auf den richtigen Weg zu bringen. Auch schien es ihm immer so, als ob es unziemlich für ihn sei, der die Macht habe, seinen Bauern zu ermahnen, und als ob alles, was er ihm gesagt habe, durchaus nicht das sei, was sich zu sagen gehöre. Er senkte traurig den Kopf und trat in den Vorraum. Auf der Schwelle saß die Greisin und stöhnte laut, wie es schien, zum Zeichen des Einverständnisses mit den Worten des gnädigen Herrn, die sie gehört hatte. »Da hast du etwas für Brot!« sagte ihr Nechljudow ins Ohr, indem er ihr einen Geldschein in die Hand drückte; »kaufe nur selber und gib es nicht dem Juchwanka, der wird es nur vertrinken.« Die Greisin griff mit ihrer knochigen Hand an den Türrahmen, um aufzustehen, und wollte dem gnädigen Herrn danken; ihr Kopf wackelte. Nechljudow war aber schon auf der andern Seite der Straße, als sie sich endlich erhoben hatte. 9 ›Dawidka Bjely bat um Brot und Zaunpfähle‹, stand im Notizbüchelchen geschrieben, nach Juchwanka. Als Nechljudow an einigen Höfen vorübergegangen war, begegnete er beim Einbiegen in eine Seitengasse seinem Verwalter Jakow Alpatitsch, der von weitem seinen Herrn erschaut hatte, seine Wachstuchmütze abnahm, sein seidenes Taschentuch herauszog und sich damit sein dickes rotes Gesicht abzutrocknen begann. »Bedeck dich, Jakow! Jakow, bedeck dich doch; ich sag es dir doch...« »Wo geruhten Sie gewesen zu sein, Euer Erlaucht?« fragte Jakow, indem er sich mit der Mütze vor der Sonne schützte, sie aber nicht aufsetzte. »Ich war bei Mudreny. Sage mir, bitte, warum ist der so geworden?« sprach der gnädige Herr im Weitergehen. »Was denn, Euer Erlaucht?« fragte der Verwalter, der in respektvoller Entfernung seinem Herrn folgte und, nachdem er seine Mütze aufgesetzt hatte, seinen Schnurrbart zupfte. »Wie, was denn? Er ist ein völliger Taugenichts, ein Faulpelz, ein Dieb, ein Lügner; er quält seine Mutter und ist offenbar ein so eingefleischter Schuft, daß er sich niemals bessern wird!« »Ich weiß nicht. Euer Erlaucht, weshalb er Ihnen so mißfällt.« »Und seine Frau«, unterbrach der gnädige Herr den Verwalter, »ist, scheint es, ein sehr übles Weib. Die Alte ist schlechter angezogen als irgendeine Bettlerin, hat nichts zu essen; sie selber dagegen ist herausgeputzt, und er ebenso. Was soll man mit ihm anfangen? Ich weiß es wirklich nicht.« Jakow war merklich verlegen geworden, als Nechljudow von Juchwankas Frau sprach. »Was ist da zu machen? Wenn er sich so gehen ließ. Euer Erlaucht,« begann er, »so muß man eben Maßregeln ausfindig machen. Er ist wirklich in Armut, wie alle einzeln wohnenden Bauern; aber er sieht gleichwohl irgendwie auf sich, anders als die andern. Er ist ein gescheiter Bauer, versteht zu lesen und zu schreiben, und da ist nichts zu sagen: es scheint, er ist ein ehrlicher Bauer. Zum Einsammeln der Kopfgelder geht er immer. Auch Ältester ist er, während ich Verwalter bin, schon drei Jahre gewesen; gleichfalls in nichts ertappt. Vor zwei Jahren beliebte es dem Vormund, ihn aufs Land zurückzunehmen, er war auch im Herrendienst ordentlich. Es mag sein, als er in der Stadt bei der Post angestellt war, daß er hier und da ein wenig trank; dagegen muß man eben Maßregeln ausfindig machen. Es kam vor, er trieb Unfug, man strafte ihn – er kam wieder zur Vernunft: es geht ihm gut, und in der Familie herrscht Eintracht. Wenn es Ihnen aber nicht gefällig ist, das heißt eben, diese Maßnahmen zu treffen, so weiß ich schon nicht, was mit ihm anzufangen. Er hat sich also wirklich sehr gehen lassen? Zu den Soldaten taugt er nicht, weil, wie Sie zu bemerken geruhten, ihm zwei Zähne, fehlen. Er hat sie sich längst schon absichtlich ausgeschlagen. Ja, ich erkühne mich mitzuteilen, er ist es nicht allein, der keine Furcht hat...« »Das laß schon sein, Jakow«, antwortete Nechljudow mit leichtem Lächeln; »darüber haben wir beide schon genug gesprochen. Du weißt, wie ich darüber denke, und was du mir auch sagen wirst, ich werde gleichwohl so denken.« »Natürlich, Euer Erlaucht, dies alles ist Ihnen bekannt«, sprach Jakow, indem er die Achseln zuckte und von hinten so auf den gnädigen Herrn schaute, als habe das, was er gesehen hatte, nichts Gutes versprochen. »Daß Sie sich aber hinsichtlich der Greisin zu beunruhigen geruhten, ist umsonst«, fuhr er fort. Es ist natürlich wahr, daß sie die Waisen erzog und nährte und Juchwanka verheiratete und alles dergleichen; aber das ist doch überhaupt so bei den Bauern, wenn die Mutter oder der Vater dem Sohne die Wirtschaft übergibt, dann ist dieser Hauswirt – der Sohn und die Schwiegertochter; die Alte muß dann schon ihr Brot nach ihren Kräften, soweit die reichen, erarbeiten. Sie haben natürlich nicht zärtliche Gefühle, aber bei den Bauern geht es schon überhaupt so zu. Darum erkühne ich mich auch, Ihnen mitzuteilen, daß die Alte Sie umsonst bemühte. Sie ist doch eine kluge Greisin und eine Hausfrau: ja, wozu denn den gnädigen Herrn wegen diesem allem beunruhigen? Nun, sie hat mit der Schwiegertochter gezankt, die hat sie vielleicht auch gestoßen – das ist Weibersache! – und sie hätten sich lieber wieder versöhnen sollen, statt Sie zu beunruhigen. Schon so geruhen Sie sich alles zu sehr zu Herzen zu nehmen«, sprach der Verwalter, wobei er mit väterlicher Zärtlichkeit und Nachsicht auf den gnädigen Herrn schaute, der schweigend mit großen Schritten vor ihm her die Straße hinaufschritt. »Geruhen Sie nach Hause zu gehen?« fragte er. »Nein, zu Dawidka Bjely oder ›Geisbock‹... was hat er für einen Spitznamen?« »Sehen Sie, das ist auch so ein Unglück, ich sage es Ihnen. Schon dies ganze Geschlecht der Koslows ist solches. Was ich auch mit ihm tat, nichts führt zum Ziele. Gestern fuhr ich am Bauernfeld vorüber, bei ihm ist der Buchweizen nicht ausgesät. Was werden Sie befehlen, mit einem solchen Völkchen anzufangen? Wenn wenigstens der Alte den Sohn lehren würde, aber der ist ebenso ein Taugenichts, weder für sich noch zum Herrendienst taugt er; überall erweist er sich als ein Tölpel. Was haben nicht schon alles der Vormund und ich mit ihm angefangen: zur Polizei geschickt und bei uns gestraft – das ist es aber, was Sie nicht zu lieben geruhen...« »Wen meinst du denn, doch nicht den Alten?« »Gerade ihn. Der Vormund hat ihn so oft schon selbst vor der ganzen Bauernversammlung gestraft; glauben Sie, Euer Erlaucht, daß das nur irgend etwas genützt hätte? Er schüttelt sich nur und geht, und immer das gleiche. Und sehen Sie, Dawidka, ich sage es Ihnen, ist ein friedfertiger Bauer und auch nicht dumm, das heißt, er raucht nicht und trinkt nicht,« erklärte Jakow, »aber dabei ist er schlechter als ein andrer, der trinkt. Es bleibt nur das eine: daß er zu den Soldaten kommt oder zur Ansiedlung geschickt wird; weiter bleibt gar nichts zu tun. Das ganze Geschlecht der Koslows ist schon ein solches Unglück: auch Matrjuschka, der in der schwarzen Hütte wohnt, ist ein ebensolches verfluchtes Unglück... So haben Sie mich also nicht nötig, Euer Erlaucht?« fügte der Verwalter hinzu, da er bemerkt hatte, daß der Herr ihm gar nicht zuhörte. »Nein, geh nur deiner Wege«, antwortete Nechljudow zerstreut und wandte sich zu Dawidka Bjely. Dessen Hütte stand schief und einsam am Rande des Dorfes. Bei ihr war weder ein Hof, noch eine Getreidedarre, noch eine Scheune, nur irgendwelche schmutzige Ställchen für das Vieh klebten auf der einen Seite; auf der anderen Seite lagen, auf einen Haufen zusammengelegt, für den Bau des Hofes vorbereitetes Strauchholz und Balken. Hohes grünes Unkraut wuchs an der Stelle, wo einstmals der Hof gewesen war. Niemand war bei der Hütte außer einem Schwein, das an der Schwelle im Schmutz lag und grunzte. Nechljudow pochte an das zerbrochene Fenster; da ihm aber niemand antwortete, ging er zum Vorraum und rief: »Hausleute!« Aber auch darauf erfolgte keine Entgegnung. Er durchschritt den Vorraum, blickte in die leeren Ställchen und betrat die offen stehende Hütte. Ein alter roter Hahn und zwei Hühner gingen, den Hals hin und her bewegend und mit ihren Zehen aufklopfend, auf dem Fußboden und den Bänken hin und her. Als sie den Fremden gewahrten, breiteten sie mit verzweifeltem Gackern die Flügel aus, stießen sich an den Wänden, und eines von ihnen flog auf den Ofen. Das sechs Arschin große Hüttchen war völlig ausgefüllt durch einen Ofen mit zerbrochener Ofenröhre, einen Webstuhl, der ungeachtet der Sommerzeit noch nicht hinausgetragen war, und einen schwarz gewordenen Tisch mit verbogener und gesprungener Tischplatte. Obgleich es draußen trocken war, stand doch an der Schwelle eine schmutzige Pfütze, die von einem früheren Regen her durch ein Loch in der Decke und im Dach entstanden war. Schlafgerüste gab es nicht. Schwerlich konnte man dies für einen Wohnraum halten – einen so entschiedenen Anblick von Verödung und Unordnung bot die Hütte von außen und von innen; gleichwohl wohnte in dieser Hütte Dawidka Bjely mit seiner ganzen Familie. Augenblicklich schlief Dawidka einen festen Schlaf. Er hatte sich trotz der Hitze des Junitages mit dem Kopf in seinen Schafpelz gewickelt und in die Ofenecke verkrochen. Das erschreckte Huhn, das auf den Ofen geflogen war, sich noch nicht von seiner Aufregung erholt hatte und auf dem Rücken Dawidkas hin und her lief, weckte ihn nicht einmal auf. Da Nechljudow in der Hütte niemand sah, wollte er schon hinausgehen, als ein langgezogener Seufzer den Hausherrn verriet. »Ei! wer ist denn da?« rief der gnädige Herr. Vom Ofen her war noch ein gedehnter Seufzer zu vernehmen. »Wer da? Kommt doch herunter!« Noch ein Seufzer, ein Brüllen und ein lautes Gähnen antworteten auf den Anruf des gnädigen Herrn. »Nun, wo bleibst du denn?« Auf dem Ofen rührte es sich langsam: es zeigten sich die Schöße eines abgetragenen Schafpelzes; ein großer Fuß ließ sich herab in zerrissenem Bastschuh, dann ein anderer, und endlich zeigte sich die ganze Figur Dawidka Bjelys, der auf dem Ofen saß und sich langsam und unzufrieden mit seiner großen Faust die Augen rieb. Er erhob langsam den Kopf, schaute gähnend in die Hütte, und als er den gnädigen Herrn erblickt hatte, begann er sich ein wenig rascher zu bewegen als vordem, aber gleichwohl noch so langsam, daß Nechljudow es fertigbrachte, dreimal von der Pfütze zum Webstuhl und zurück zu gehen, während Dawidka immer noch vom Ofen herabstieg. Dawidka ›der Weiße‹ war wirklich weiß: seine Haare, sein Körper, sein Gesicht – alles war außerordentlich weiß. Er war von hohem Wuchs und sehr dick, aber so, wie das die Bauern sind, das heißt, nicht dick am Bauch, vielmehr am ganzen Körper. Seine Dicke war aber ganz weich und ungesund. Sein ziemlich hübsches Gesicht mit hellblauen, ruhigen Augen und einem breiten, großen Bart trug den Stempel der Kränklichkeit. An ihm war weder Bräunung von der Sonne noch Backenröte zu bemerken; es war gleichmäßig von einer ganz blassen, gelblichen Farbe, mit leichtem lilafarbigem Schatten um die Augen, und es sah aus, als sei es völlig von Fett aufgeschwemmt oder aufgeschwollen. Seine Hände waren sehr dick, gelblich wie die Hände Wassersüchtiger und bedeckt mit dünnen weißen Haaren. Er war so verschlafen, daß er durchaus nicht die Augen öffnen konnte und auch nicht zu stehen vermochte, ohne zu wanken und zu gähnen. »Nun, wie, schämst du dich denn nicht,« begann Nechljudow, »am hellen, lichten Tag zu schlafen, wenn du den Hof bauen mußt, weil du kein Brot hast?« Als Dawidka nur eben vom Schlafe zu sich gekommen war und zu begreifen begann, daß der gnädige Herr vor ihm stehe, faltete er die Hände unter dem Bauch, senkte den Kopf, neigte ihn ein wenig zur Seite und rührte kein Glied mehr. Er schwieg; aber der Ausdruck seines Gesichtes und die Haltung seines ganzen Körpers sagte: ›Ich weiß, ich weiß; ich muß das nicht zum ersten Male hören. Nun, schlagen Sie mich doch, wenn es so nötig ist – ich werde es schon ertragen.‹ Es schien, als wünschte er, der gnädige Herr möchte aufhören zu sprechen und ihn lieber schlagen, ihn sogar so, daß es weh täte, auf die dicken Backen schlagen, ihn aber nur möglichst bald wieder in Ruhe lassen. Da Nechljudow merkte, daß ihn Dawidka gar nicht verstand, bemühte er sich, durch verschiedene Fragen den Bauern aus seinem ergeben-geduldigen Schweigen aufzurütteln. »Weshalb hast du mich denn eigentlich um Holz gebeten, da doch solches schon einen ganzen Monat bei dir liegt und die allerfreieste Zeit über so liegt, wie?« Dawidka schwieg hartnäckig und rührte sich nicht. »Nun, so antworte doch!« Dawidka murmelte irgend etwas und zuckte mit seinen weißen Wimpern. »Man muß aber doch arbeiten, Brüderlein; ohne Arbeit, was wird denn da sein? Siehst du, jetzt hast du kein Brot; aber weshalb das alles? Weil bei dir der Boden schlecht gepflügt ist; ja, gar nicht zum zweiten Male, ja, nicht zur Zeit besät – alles aus Faulheit. Du bittest mich um Brot: nun, nehmen wir an, ich würde dir etwas geben, weil es nicht angeht, daß du Hungers stirbst; ja aber, siehst du, so zu tun taugt doch nichts. Wessen Brot werde ich dir denn geben? Wessen glaubst du wohl? Antworte doch, wessen Brot werde ich dir geben?« fragte Nechljudow hartnäckig. »Herrenbrot ...« murmelte Tawidka, indem er schüchtern und bittend die Augen erhob. »Aber das Herrenbrot, woher kommt es denn? Urteile doch selber. Wer hat es gepflügt? Wer hat es geeggt? Wer hat es gesät? Wer hat es geerntet? Die Bäuerlein? Ist es so? Du siehst also: wenn man schon den Bauern Herrenbrot austeilen muß, so muß man denen mehr davon zuteilen, die mehr dafür gearbeitet haben; du aber hast weniger als alle andern gearbeitet – über dich beklagt man sich auch beim Dienst für die Herrschaft –, weniger als alle andern hast du gearbeitet, und mehr als alle bettelst du um Herrenbrot. Wofür soll man denn dir geben und den andern nicht? Siehst du, wenn alle wie du auf der Seite lägen, so wären wir alle auf der Welt längst schon Hungers gestorben. Man muß sich mühen, Brüderchen, dies aber ist schlecht – hörst du, Dawid?« »Ich höre«, sprach er langsam durch die Zähne. 10 Um diese Zeit huschte am Fenster der Kopf einer Bauernfrau vorüber, die Leinwand auf einem Tragejoch trug, und einen Augenblick später trat Dawidkas Mutter in die Hütte, ein hochgewachsenes Weib von fünfzig Jahren, sehr frisch und lebhaft. Ihr von Pockennarben und Runzeln durchfurchtes Gesicht war nicht hübsch, aber die gerade, feste Nase, die zusammengepreßten dünnen Lippen und die flinken grauen Augen drückten Verstand und Willenskraft aus. Ihre eckigen Schultern, ihre flache Brust, ihre trockenen Hände und die entwickelten Muskeln an ihren schwarzen nackten Füßen zeugten davon, daß dies Weib längst schon aufgehört hatte, Frau zu sein und nur noch Arbeiter war. Sie kam flink in die Hütte, schloß die Tür, zog ihren Rock zurecht und blickte erzürnt auf den Sohn. Nechljudow wollte ihr irgend etwas sagen, sie wandte sich aber von ihm weg und begann sich zu bekreuzigen nach dem hinter dem Webstuhl hervorschauenden schwarzen hölzernen Heiligenbild zu. Als sie damit fertig war, rückte sie das schmutzige karierte Tuch zurecht, mit dem ihr Kopf umwunden war, und verneigte sich tief vor dem gnädigen Herrn. »Zum Feiertage des Herrn, Euer Erlaucht,« sprach sie, »errette dich Gott, du unser Vater ...« Kaum hatte Dawidka die Mutter erblickt, so wurde er merklich verlegen, beugte ein wenig den Rücken und ließ seinen Kopf noch tiefer hängen. »Danke, Arina!« antwortete Nechljudow. »Siehst du, ich habe eben mit deinem Sohn über eure Wirtschaft gesprochen.« Arina, oder, wie man die Bäuerin schon von ihrer Mädchenzeit an nannte, Arischka Burlak, legte das Kinn auf die Faust der rechten Hand, während der Ellenbogen sich auf die linke Handfläche stützte, und begann, ohne den gnädigen Herrn ausreden zu lassen, so scharf und klangvoll zu sprechen, daß die ganze Hütte erfüllt war von dem Schall ihrer Stimme und es von draußen scheinen konnte, als sprächen plötzlich mehrere Weiberstimmen. »Wozu denn, du mein Vater, wozu denn mit ihm sprechen! Er kann ja nicht einmal sprechen wie ein Mensch. Er steht ja da ... Tölpel!« fuhr sie fort, indem sie mit dem Kopfe verächtlich auf die jämmerliche massige Figur Dawidkas hinwies. »Wie meine Wirtschaft ist, Väterchen, Euer Erlaucht? Wir sind bettelarm! Schlechteres als uns gibt es im ganzen Dorfe bei dir nicht: weder für uns selber noch für den Herrendienst – Schmach! Aber alles hat er dahin gebracht! Wir gebaren ihn, nährten ihn, tränkten ihn, wir hofften gar nicht den Burschen zu erwarten. Nun, da haben wir ihn denn erwartet: Brot frißt er, Arbeit aber leistet er wie dieser faulende Holzklotz hier. Er weiß nur auf dem Ofen zu liegen, oder er steht gerade wie jetzt und kratzt sich seinen dummen Schädel«, sprach sie, indem sie ihn nachäffte. »Wenn du, Vater, ihn wenigstens durchprügeln würdest! Ich selber bitte schon darum: strafe du ihn um des Herrgotts willen, oder zu den Soldaten mit ihm! – Das kommt auf dasselbe heraus. Ich habe mit ihm alle Kräfte verloren – das ist es.« »Nun, wie, ist es dir denn nicht sündhaft, Dawidka, deine Mutter soweit zu bringen?« sprach Nechljudow, indem er sich vorwurfsvoll an den Bauern wandte. Dawidka rührte sich nicht. »Ja, ein kränklicher Bauer ginge noch an,« fuhr Arina fort, mit derselben Lebhaftigkeit und denselben Bewegungen, »aber da braucht man ja nur auf ihn hinzublicken, er ist ja aufgebläht wie eine Müllersau. Er ist, scheint es, um zu arbeiten – ein zu großer Fettkloß! Nein, da wird er auf dem Ofen als Taugenichts zugrunde gehen. Macht er sich hinter etwas, so kann ich es kaum mit ansehen: bis er sich erhebt, bis er sich vorwärts bewegt, bis er etwas anfaßt ...« sprach sie, indem sie die Wörter hinzog und sich ungeschickt mit ihren eckigen Schultern von einer Seite zur anderen drehte. »Gerade heute ist der Greis selber nach Reisig in den Wald gefahren, ich aber habe ihm befohlen, einen Graben zu graben. Damit ist es also wieder nichts, er hat nicht einmal die Schaufel in die Hand genommen.« (Einen Augenblick schwieg sie.) »Zugrunde gerichtet hat er mich Waise«, kreischte sie plötzlich auf, indem sie die Arme schwang und mit drohender Miene auf den Sohn zuschritt. »Dein glattes Maul, dein nichtsnutziges, verzeih mir Gott!« (Sie wandte sich verächtlich und dabei verzweifelt von ihm ab.) Sie spuckte aus, drehte sich wiederum dem gnädigen Herrn zu und fuhr fort, mit derselben Lebhaftigkeit und unter Tränen die Arme zu schwingen. »Ich bin ja immer allein, Ernährer! Mein Alter ist ja krank, ja, und auch von ihm hat man nichts, ich aber habe immer alles allein zu tun, ja ganz allein. Ein Stein – und der wird noch zerspringen. Wenn ich doch sterben könnte, es wäre mir leichter; es kommt auf dasselbe heraus. Er hat mich zu Tode gequält, der Schuft! Du, unser Vater! Ich habe schon keine Kraft mehr! Unsere Schwiegertochter hat sich zu Tode gearbeitet – auch mit mir wird dasselbe sein.« 11 Wie denn zu Tode gearbeitet?« fragte ungläubig Nechljudow. »Vor Überanstrengung ist sie gestorben, Ernährer; so wahr Gott heilig ist, sie hat sich zu Tode gearbeitet. Wir nahmen sie vorvoriges Jahr aus Baburino«, fuhr sie fort, wobei sich plötzlich ihr erzürnter Ausdruck in einen weinerlichen und traurigen verwandelte. »Nun, das Weib war jung, frisch, friedfertig, mein Lieber! Bei ihrem Vater zu Hause als Mädchen hatte sie es gut gehabt, keine Not gesehen, und als sie zu uns kam, als sie erfahren hatte, was unsere Arbeit ist – für den Herrn und zu Hause und überall. Sie, ja, und ich – weiter war niemand da. Mir macht das nichts! Ich bin an das alles gewöhnt, sie aber war in Umständen, du mein Vater, ja, Kummer begann sie zu erdulden, sie arbeitete aber über ihre Kräfte – nun, und überanstrengte sich, die Liebe. Vergangenen Sommer zur Peter-Pauls-Zeit hat sie auch noch zum Unglück einen Knaben geboren; Brot gab es aber nicht, wir aßen irgend etwas, du mein Vater, die Arbeit war aber eilig, bei ihr ist denn auch die Brust vertrocknet. Das Kindchen war das erste, eine Kuh hatten wir nicht, ja, und unsere Sache ist eine bäuerliche: wie hätten wir schon aus der Flasche nähren können; nun, Weiberdummheit ist bekannt, sie begann damit, sich noch mehr zu grämen. Als aber das Kindchen gestorben war, da hat sie schon aus Gram geheult, geheult, geschrien, geschrien, ja die Not, ja die Arbeit, immer schlechter und schlechter ging es mit ihr: so erschöpfte sie ihre Kraft im Sommer, die Liebe, daß sie am Pokrowtag auch selber starb. Er hat sie zugrunde gerichtet, du, Bestie!« wandte sie sich von neuem mit verzweifelter Wut an den Sohn. »Um was ich dich bitten wollte, Euer Erlaucht«, fuhr sie fort nach einem kurzen Schweigen, indem sie leiser sprach und sich verneigte. »Was denn?« fragte Nechljudow zerstreut, noch ganz aufgeregt von ihrer Erzählung. »Er ist ja noch ein junger Bauer! Von mir, was kann man da noch für Arbeit erwarten: heute lebe ich, morgen bin ich tot. Warum soll er ohne Frau sein? Er wird dir ja dann kein Bauer sein. Hilf du uns ein wenig, du unser Vater.« »Das heißt, du willst ihn verheiraten? Wie denn, das ist noch eine Sache!« »Übe du göttliche Gnade! Ihr seid unser Vater und unsere Mutter!« Und nachdem sie ihrem Sohn ein Zeichen gegeben hatte, fiel sie mit ihm gemeinsam dem gnädigen Herrn krachend zu Füßen. »Weshalb fällst du mir denn zu Füßen?« sprach Nechljudow, indem er sie verdrießlich an den Schultern aufhob, »kann man das denn nicht so sagen? Du weißt, daß ich das nicht liebe. Verheirate deinen Sohn, bitte; ich bin sehr froh, wenn du eine Braut für ihn in Aussicht hast.« Die Alte erhob sich und begann mit dem Ärmel ihre trockenen Augen zu reiben. Dawidka folgte ihrem Beispiel, und nachdem er sich mit seiner dicken Faust die Augen gerieben hatte, fuhr er in ganz derselben geduldig ergebenen Haltung fort, zu stehen und zu hören, was Anna sprach. »Eine Braut ist da, wie sollte es keine geben! Da ist Wassjutka Micheikina, es ist nichts gegen das Mädchen zu sagen; ja, aber ohne deinen Willen wird sie ihn nicht nehmen.« »Ist sie denn nicht einverstanden?« »Nein, Ernährer, wenn sie nach eigenem Willen gehen darf, nicht.« »Nun, was soll man da machen? Ich kann sie doch nicht zwingen; sucht eine andere, wenn nicht bei euch, so bei Fremden; ich werde sie loskaufen, wenn sie nur aus freiem Willen geht, gewaltsam verheiraten geht nicht an. Es gibt kein solches Gesetz, ja, und das ist auch große Sünde.« »Eeech! Ernährer! Ist das denn möglich, wenn man auf unser Leben blickt, ja, auf unsere Armut, daß sie gern käme? Selbst eine Soldatenfrau – sogar sie wird nicht eine solche Not auf sich nehmen wollen. Welcher Bauer wird denn sein Mädchen zu uns auf den Hof geben? Wir sind ja bettelarm. ›Eine‹, wird man sagen, ›haben sie durch Hunger zum Tode gebracht, so wird es auch der meinigen gehen.‹ Wer wird seine Tochter geben?« fügte sie hinzu, indem sie ungläubig den Kopf schüttelte. »Überlege doch, Euer Erlaucht!« »Was kann ich dann aber machen?« »Hilf du uns irgendwie, Vater!« wiederholte mit Überzeugung Arina. »Was sollen wir denn anfangen?« »Ja, was kann ich denn da helfen? Auch ich kann in diesem Falle nichts für euch tun.« »Wer wird uns denn dann helfen, wenn nicht du?« sprach Arina. Sie hatte den Kopf gesenkt und rang die Hände mit dem Ausdruck ratloser Trauer. »Ihr habt um Brot gebeten; ich werde also befehlen, euch welches abzulassen«, sprach der gnädige Herr nach einigem Schweigen, während Arina seufzte und Dawidka ihrem Beispiel folgte. »Weiter kann ich aber nichts tun.« Nechljudow trat in den Vorraum, Mutter und Sohn folgten unter Verbeugungen dem gnädigen Herrn. 12 »Oh, meine Verwaistheit!« sprach Arina mit schwerem Seufzer. Sie blieb stehen und schaute zornig auf den Sohn. Dawidka kehrte sich sogleich um, und nachdem er seinen dicken Fuß in dem gewaltigen schmutzigen Bastschuh schwer über die Schwelle gewälzt hatte, verschwand er durch die entgegengesetzte Tür. »Was soll ich denn mit ihm anfangen, Vater?« fuhr Arina fort, indem sie sich zum gnädigen Herrn wandte. – »Du siehst ja selber, was er für einer ist! Er ist ja kein schlechter Bauer, ein nüchterner und friedfertiger Bauer, er tut keinem kleinen Kinde etwas zuleide – es ist Sünde, anders zu sagen; Schlechtes ist gar nichts an ihm, aber Gott allein weiß, was sich mit ihm zutrug, daß er sich selber zu einem Übeltäter wurde. Er ist ja auch selber nicht froh darüber. Glaubst du es wohl, Väterchen, das Herz blutet mir, wenn ich auf ihn schaue, was für eine Qual er auf sich nimmt. Was er auch immer für einer ist, mein Leib hat ihn doch getragen; ich bemitleide ihn, und er tut mir leid! Es ist ja nicht so, als ob er gegen mich oder den Vater oder gegen die Obrigkeit wäre oder auch nur irgend etwas täte; er ist ein furchtsamer Bauer, man möchte sagen, er ist wie ein kleines Kind. Warum soll er Witwer sein? Hilf du uns, Ernährer!« wiederholte sie, indem sie augenscheinlich den schlechten Eindruck wieder gutmachen wollte, den ihr Schimpfen auf den gnädigen Herrn hervorgerufen haben konnte. – »Ich, Väterchen, Euer Erlaucht,« fuhr sie in zutraulichem Geflüster fort, »ich habe auch so hin und her gedacht: ich kann nicht daraus klug werden, weshalb er so ist. Es ist nicht anders, als ob ihn böse Leute verdorben hätten!« Sie schwieg ein wenig. »Wenn man nur einen Menschen finden könnte! Man kann ihn heilen.« »Was du da für einen Unsinn sprichst, Anna! Wie kann man denn einen Menschen verderben?« »So sehr kann man jemand verderben, du mein Vater, daß er in Ewigkeit kein Mensch mehr ist! Gibt es wohl wenig schlechte Menschen auf der Welt? Aus Bosheit nimmt einer Erde aus der Fußstapfe oder sonst was ... und auf ewig wird er kein Mensch mehr sein. Ist es weit bis zur Sünde? Ich denke nur so bei mir: soll ich nicht zu dem alten Dunduk gehen, der in Worobjewka wohnt? er weiß allerart Worte, auch die Kräuter kennt er, auch die Besessenheit zu heilen versteht er und vom Kreuz das Wasser herabfallen zu lassen; wird er denn nicht helfen?« sprach das Weib. »Vielleicht wird er ihn heilen.« ›So ist sie, die Armut und die Unbildung!‹ dachte der junge gnädige Herr, als er, traurig das Haupt geneigt, mit großen Schritten die Dorfstraße hinabschritt. ›Was soll ich mit ihm machen? Ihn in dieser Lage lassen ist unmöglich, sowohl für mich wie auch als Beispiel für die anderen und für ihn selber‹, sprach er bei sich selbst, wobei er diese Gründe an den Fingern herzählte. ›Ich kann ihn nicht in solcher Lage sehen; aber wodurch soll ich ihn da herausführen? Er zerstört alle meine besten Pläne hinsichtlich meiner Landwirtschaft. Wenn solche Bauern bleiben, werden meine Träume niemals erfüllt werden‹, dachte er, und er empfand Zorn und Verdruß gegen den Bauern, weil der seine Pläne zerstört habe. ›Soll ich ihn zur Ansiedlung schicken, wie Iakow sagt, wenn er schon selber nicht will, daß es ihm wohl sei, oder soll ich ihn unter die Soldaten stecken? So soll es werden; dadurch befreie ich mich wenigstens von ihm und erhalte noch einen guten Bauern dafür‹, überlegte er. Er dachte mit Vergnügen daran; dabei sagte ihm aber irgendein unklares Bewußtsein, daß er hier nur mit einer Seite seines Verstandes denke und daß da irgend etwas nicht recht sei. Er blieb stehen. ›Halt, woran denke ich?‹ sprach er zu sich selber. ›Ja, unter die Soldaten, zur Ansiedlung. Wozu? Er ist ein guter Mensch, besser als viele andere, ja, und woher weiß ich denn ... Ihn freilassen?‹ dachte er, wobei er die Frage nicht mehr nur mit einer Seite seines Verstandes erörterte wie vordem. ›Ungerecht wäre das, ja, und auch unmöglich!‹ Plötzlich kam ihm ein Gedanke, der ihn sehr erfreute; er lächelte mit dem Ausdruck eines Menschen, der eine schwere Aufgabe gelöst hat. ›Ihn zu mir auf den Hof nehmen,‹ sagte er sich, ›selber auf ihn achtgeben und ihn durch Sanftmut und Ermahnungen, durch die Auswahl seiner Beschäftigung an die Arbeit gewöhnen und ihn bessern.‹ 13 ›So werde ich es auch machen!‹ sprach Nechljudow zu sich selber in froher Selbstzufriedenheit; und da er sich erinnerte, daß er noch zu dem reichen Bauern Dutlow gehen müsse, wandte er sich einem hohen und geräumigen Bau mit zwei Schornsteinen zu, der in der Mitte des Dorfes stand. Auf dem Wege dahin begegnete er bei der Nachbarhütte einem hochgewachsenen, einfach gekleideten Weibe von vierzig Jahren, das ihm entgegenkam. »Zum Feiertag, Väterchen!« sagte, nicht im geringsten schüchtern, das Weib, indem es neben ihm stehen blieb, froh lächelte und sich verneigte. »Guten Tag, Amme!« antwortete er, »wie geht es dir? Ich gehe gerade zu deinem Nachbar.« »So, Väterchen, Euer Erlaucht. Das ist eine gute Sache. Wie aber, werden Sie nicht auch zu uns kommen? Wie würde sich mein Alter freuen!« »Natürlich werde ich kommen; wir wollen miteinander plaudern, Amme. Ist das deine Hütte?« »Gerade diese, Väterchen.« Und die Amme lief voraus. Nechljudow folgte ihr in den Vorraum, setzte sich auf ein Wasserfaß, nahm eine Zigarette heraus und zündete sie an. »Dort ist es heiß, besser werden wir schon hier sitzen und plaudern«, antwortete er auf die Aufforderung der Amme, in die Hütte zu treten. Die Amme war ein noch frisches und hübsches Weib. In den Zügen ihres Gesichtes und besonders in ihren großen schwarzen Augen war eine große Ähnlichkeit mit dem Gesicht des gnädigen Herrn. Sie faltete die Hände unter ihrem Brustlatz, und indem sie keck dem gnädigen Herrn ins Gesicht schaute und unaufhörlich den Kopf bewegte, begann sie mit ihm zu sprechen. »Was ist denn das, Väterchen, weshalb geruhen Sie zu Dutlow zu gehen? « »Ja, ich will, daß er bei mir Land pachten soll, dreißig Dessjatinen, und seine eigene Wirtschaft einrichte, ja auch noch, daß er einen Wald mit mir gemeinsam kaufen soll. Geld hat er ja, was soll es denn bei ihm umsonst liegen? Wie denkst du darüber, Amme?« »Ja, wie denn? Es ist bekannt, Väterchen, die Dutlows sind starke Leute, im ganzen Dorfe beinahe der erste Bauer«, antwortete die Amme, ihren Kopf hin und her bewegend. »Vergangenen Sommer hat er einen neuen Bau aus eigenem Holz errichtet, die Herrschaft hat er nicht bemüht. Pferde wird er außer den Füllen, ja, und den Halbgroßen, sechs Dreigespanne zusammenbringen. Sein Vieh aber, Kühe und Schafe, wenn man sie vom Felde treibt, ja, und die Weiber auf die Straße herauskommen, sie einzutreiben, dann drängen sie sich im Tor, daß es eine Not ist; ja, und auch Bienen hat er zweihundert Stöcke, wenn nicht mehr. Ein sehr starker Bauer, und Geld muß er auch haben.« »Aber wie denkst du, hat er viel Geld?« fragte der gnädige Herr. »Die Leute sagen, natürlich aus Ärger, der Greis habe nicht wenig Geld; nun ja, darüber wird er nicht sprechen, auch den Söhnen eröffnet er das nicht, es muß aber wohl welches da sein. Weshalb sollte er sich nicht mit dem Wald befassen? Er fürchtet wohl, das Gerücht von seinem Gelds zu verbreiten. Er wollte sich auch, es ist fünf Jahre her, mit dem Schkalik, dem Verwalter, mit einem kleinen Anteil an Wiesen beteiligen; ja, der hat ihn aber betrogen, der Schkalik, meine ich, so daß der Greis dreihundert Rubel verlor. Von da an hat er das aufgegeben. Ja, wie soll es ihm denn nicht ordentlich gehen, Väterchen, Euer Erlaucht?« fuhr die Amme fort. »Bei drei Landanteilen leben sie, eine große Familie, alles Arbeiter, ja, und von dem Greis – was ist da Schlechtes zu sagen? – sagt man, er sei der richtige Hauswirt. In allem, was er tut, ist Segen, so daß sogar das Volk sich wundert, sowohl in Hinsicht auf Brot wie Pferde, Vieh und Bienen. Auch mit seinen Kindern hat er Glück. Jetzt hat er alle verheiratet. Vorher hat er aus unserem Dorfe Mädchen genommen, jetzt aber hat er den Iljuschka an eine Freie verheiratet, selber hat er sie losgekauft. Und auch die wurde ein gutes Weib.« »Und leben sie in Eintracht?« fragte der gnädige Herr. »Wo im Hause ein wirkliches Haupt ist, da wird auch Eintracht sein. Wenn auch bei den Dutlows die Schwiegertöchter – das ist nun einmal so bei Weibern – sich schelten, sich hinter dem Ofen zanken, so leben aber gleichwohl unter dem Greise auch die Söhne in Eintracht.« Die Amme schwieg ein wenig. »Nun will der Greis seinen ältesten Sohn, Karp, so hört man, zum Herrn im Hause machen. Alt sei er schon geworden, so sagt er. ›Meine Sache‹, spricht er, ›ist bei den Bienen.‹ Nun, auch Karp ist ein guter Bauer, ein ordentlicher Bauer, aber gleichwohl, gegen den Greis kommt er als Hauswirt nicht auf. Den Verstand hat er schon nicht!« »So wird vielleicht Karp den Wunsch haben, sich mit Ackerland und Wäldern zu beschäftigen; was meinst du?« sprach der gnädige Herr, der von der Amme alles herausbekommen wollte, was sie von ihren Nachbarn wußte. »Wohl kaum, Väterchen«, fuhr die Amme fort; »der Greis hat dem Sohne nichts von seinem Gelde gesagt. Solange er selber lebt, ja, und das Geld bei ihm im Hause ist, so bedeutet das, alles leitet der Verstand des Greises, ja, und sie beschäftigen sich auch mehr mit Fuhrgeschäft.« »Wird der Greis aber nicht einverstanden sein?« »Er wird Bedenken haben.« »Was für Bedenken denn?« »Ja, Väterchen, wie ist es denn einem Herrschaftsbauern möglich, einzugestehen, daß er Geld hat? Es kann so kommen, er wird alles Geld verlieren. Er hat sich ja schon einmal mit dem Verwalter in Geschäfte eingelassen, ja, und sich geirrt. Wo soll er denn mit ihm prozessieren! So ist denn auch das Geld verloren gegangen: mit dem Gutsbesitzer aber wird man schon überhaupt auf einmal quitt sein.« »Ja, davor ...« sprach Nechljudow, indem er errötete. »Leb wohl, Amme!« »Leben Sie wohl, Väterchen, Euer Erlaucht! Wir danken ergebenst.« 14 ›Soll ich nicht lieber nach Hause gehen?‹ dachte Nechljudow, während er dem Tor der Dutlows zuschritt und irgendeine unbestimmte Betrübnis und ein moralisches Müdesein fühlte. Da öffnete sich aber gerade vor ihm knarrend das neue Brettertor, und im Tore zeigte sich ein hübscher, rotbäckiger blonder Bursche von achtzehn Jahren in Fuhrmannstracht, der hinter sich ein Dreigespann starkfüßiger, noch schweißbedeckter, struppiger Pferde führte und, indem er mit kecker Bewegung sein weißblondes Haar zurechtrückte, sich vor dem gnädigen Herrn verneigte. »Wie, ist der Vater zu Hause, Ilja?« fragte Nechljudow. »Beim Bienenstand, hinter dem Hofe«, antwortete der Bursche, während er die Pferde, eines nach dem anderen, durch das halb geöffnete Tor führte. ›Nein, ich werde Charakter beweisen, ich werde ihm den Vorschlag machen und tun, was von mir abhängt‹, dachte Nechljudow, und nachdem er die Pferde vorbeigelassen hatte, betrat er den geräumigen Hof Dutlows. Man sah, daß eben erst Mist aus dem Hofe herausgefahren worden war: die Erde war noch schwarz, feucht, und an manchen Stellen, besonders in den Toren, lagen Spuren davon. Auf dem Hofe und hinter hohen Schirmdächern standen in guter Ordnung viele Karren, Pflüge, Schlitten, Holzstöcke, Kufen und jederart Bauerngut; Tauben flatterten umher und girrten im Schatten unter hohen, festen Dachsparren; es roch nach Mist und Teer. In einer Ecke legten Karp und Ignaz ein neues Kissen auf einen großen, mit Eisen beschlagenen, für ein Dreigespann eingerichteten Wagen. Alle drei Söhne Dutlows hatten fast dasselbe Gesicht. Der jüngste, Ilja, der Nechljubow im Toreingang begegnete, war fast bartlos, kleiner von Wuchs, rotbäckiger und schmucker angezogen als die älteren; der zweite, Ignaz, war etwas höher gewachsen, brünetter, trug ein Stutzbärtchen, und wenn er auch gleichfalls in Stiefeln,Fuhrmannshemd und Lammfellmütze war, so hatte er doch nicht das feiertägliche, sorglose Aussehen wie der jüngere Bruder. Der älteste, Karp, war noch höher von Wuchs, trug Bastschuhe, einen grauen Kaftan und ein Hemd ohne Achselzwickel. Er hatte einen breiten roten Bart und zeigte eine nicht nur ernste, sondern fast finstere Miene. »Befehlen Sie, nach dem Väterchen zu schicken. Euer Erlaucht?« sprach er, indem er zum gnädigen Herrn heranschritt und sich ungeschickt ein wenig verneigte. »Nein, ich werde selber zu ihm in den Bienenstand gehen – ich will mir seine Einrichtung dort anschauen; ich habe aber mit dir zu sprechen«, sagte Nechljudow, während er nach der andern Seite des Hofes schritt, damit Ignaz nicht hören könne, was er mit Karp zu reden beabsichtigte. Die Selbstsicherheit und ein gewisser Stolz, der in allen Äußerungen dieser beiden Bauern bemerkbar war, und das, was ihm die Amme gesagt hatte, verwirrten den jungen gnädigen Herrn derart, daß ihm der Entschluß schwer fiel, mit ihnen über die beabsichtigte Sache zu sprechen. Er kam sich wie schuldig vor, und es schien ihm leichter, mit dem einen Bruder so zu sprechen, daß der andere es nicht höre. Es schien, als sei Karp darüber erstaunt, daß ihn der gnädige Herr zur Seite führte, er folgte ihm aber. »Darum handelt es sich,« begann Nechljudow stotternd, »ich wollte dich fragen: habt ihr viele Pferde?« »Fünf Dreigespanne wird man zusammenbringen. Füllen sind gleichfalls da«, antwortete Karp ungezwungen, indem er sich den Rücken kratzte. »Deine Brüder fahren für die Post?« »Wir fahren für die Post nur mit drei Dreigespannen, sonst ist Iljuschka als Fuhrmann gegangen; er ist eben erst zurückgekehrt.« »Ist denn das auch vorteilhaft? Wieviel verdient ihr damit?« »Ja, was für ein Verdienst denn, Euer Erlaucht? Wenigstens füttern wir uns und die Pferde – auch dafür sei Gott gedankt.« »Weshalb beschäftigt ihr euch denn dann nicht mit irgend etwas anderem? Ihr könntet ja Wälder kaufen oder Land pachten.« »Es ist natürlich, Euer Erlaucht; Land pachten kann man, wenn irgendwo welches zur Hand wäre.« »Siehst du, das ist es, was ich euch vorschlagen will: Warum wollt ihr euch mit Fuhrgeschäft abgeben, um euch nur zu nähren? Pachtet lieber dreißig Dessjatinen Land bei mir. Den ganzen Streifen, der hinter den Sapows liegt, werde ich euch abgeben, ja, und führt eure eigene große Wirtschaft!« Und Nechljudow, begeistert von seinem Plan eines Pachtgutes, den er mehr als einmal selber für sich wiederholt und überdacht hatte, begann, schon nicht mehr stotternd, dem Bauern seinen Vorschlag hinsichtlich dieses Pachtgutes auseinanderzusetzen. Karp lauschte sehr aufmerksam den Worten des gnädigen Herrn. »Wir sind sehr zufrieden mit Euer Gnaden«, sprach er, als Nechljudow verstummt war und eine Antwort erwartend ihn anschaute. »Es ist bekannt, daß dabei nichts Schlechtes ist. Mit der Erde sich zu beschäftigen, ist für den Bauern besser, als mit der Knute zu fahren. Zu fremden Leuten zu gehen, jeder Art Volk zu sehen – dabei wird unser Bruder verwöhnt. Die allerbeste Sache ist es, daß der Bauer sich mit der Erde beschäftigen muß.« »Wie denkst du also?« »Solange das Väterchen am Leben ist, was kann ich da denken. Euer Erlaucht? Dafür ist sein Wille da.« »So geleite mich denn zum Bienenstand, ich werde mit ihm sprechen.« »Bemühen Sie sich hierher!« sprach Karp, indem er sich langsam zum hinteren Schuppen bewegte. Er öffnete die niedrige Pforte, die in den Bienenstand führte, ließ den gnädigen Herrn ein, schloß sie, ging dann zu Ignaz und machte sich wiederum schweigend an die unterbrochene Arbeit. 15 Nechljubow schritt gebückt durch die niedrige Pforte unter dem schattigen Schirmdach hervor zu dem hinter dem Hofe befindlichen Bienenstand. Der mäßig große Raum, umgeben von Stroh und einem Zaun, durch den das Licht schimmerte und in dem in symmetrischer Ordnung mit Brettabfällen bedeckte Bienenstöcke standen, um die goldfarbige Bienen summend schwärmten, war ganz überströmt von den heißen, leuchtenden Strahlen der Junisonne. Von der Pforte aus führte ein gestampfter kleiner Pfad nach der Mitte, zu einem hölzernen Kreuz mit einem auf ihm stehenden metallenen Heiligenbild, das grell in der Sonne leuchtete. Einige junge Linden, die stattlichen Wuchses ihre krausen Wipfel über das Strohdach des Nachbarhofes erhoben hatten, bewegten kaum hörbar, unter dem Summen der Bienen, ihre dunkelgrünen frischen Blätter. Alle Schatten – von dem gedeckten Zaun, von den Linden und den mit Brettern bedeckten Bienenständen – fielen schwarz und kurz auf das niedrige krause Gras, das zwischen den Bienenstücken kümmerlich gedieh. Eine gebeugte, nicht große Greisengestalt, mit in der Sonne glänzendem weißem Haupte und einer Glatze zeigte sich bei der Tür einer aus Balken gezimmerten, mit frischem Stroh bedeckten und mit Moos ausgelegten Hütte, die zwischen den Linden stand. Als der Greis das Knarren der Tür hörte, ging er dem gnädigen Herrn entgegen, wobei er sich mit den Schößen seines Hemdes das schwitzende, gebräunte Gesicht abtrocknete und sanft und freudig lächelte. Im Bienenstand war es so gemütlich, froh, still, sonnenhell, die Gestalt des grauhaarigen alten Männchens mit den vielen strahlenförmigen Runzeln um die Augen, der, die nackten Füße in eine Art weiter Schuhe gesteckt, watschelnd und gutmütig selbstzufrieden lächelnd den gnädigen Herrn in seinen ausschließlichen Besitztümern begrüßte, war so aufrichtig freundlich, daß Nechljudow augenblicklich die schweren Eindrücke des heutigen Morgens vergaß und ihm sein Lieblingsgedanke lebhaft vor die Augen trat. Er sah bereits alle seine Bauern ebenso reich und gutmütig, wie der Greis Dutlow war, und alle lächelten ihm freundlich und freudig zu, weil sie ihm allein ihren Reichtum und ihr Glück verdankten. »Würden Sie nicht ein Netz befehlen, Euer Erlaucht? Jetzt ist die Biene böse, sie sticht«, sprach der Greis, wobei er einen nach Honig riechenden schmutzigen Leinwandsack, der an eine Rute genäht war, vom Zaune nahm und ihn dem gnädigen Herrn anbot. »Mich kennt die Biene, mich sticht sie nicht«, fügte er mit sanftem Lächeln hinzu, das fast gar nicht von seinem hübschen, gebräunten Gesicht wich. »So ist es auch für mich nicht nötig. Wie, schwärmt sie schon?« sprach Nechljudow, und ohne selber zu wissen, weshalb, lächelte auch er. »Ja, sie schwärmt, Väterchen, Dmitri Nikolajewitsch,« antwortete der Greis, indem er eine ganz besondere Freundlichkeit ausdrückte in dieser Benennung des gnädigen Herrn nach Namen und Vatersnamen, »nur eben, eben erst hat sie damit begonnen. Dies Jahr war das Frühjahr kalt, geruhen Sie zu wissen.« »Ich habe aber in einem Buch gelesen,« begann Nechljudow, indem er sich der Bienen erwehrte, die sich in seine Haare verkrochen und ihm grade unter der Nase summten, »daß, wenn die Wabe gerade steht an den dünnen Stangen, dann die Biene früher schwärmt. Darum macht man auch solche Bienenstöcke aus Brettern ... mit Querhölzern ...« »Geruhen Sie nicht die Bienen abzuwehren, das macht es schlimmer«, sprach das alte Männchen; »oder befehlen Sie nicht doch, Ihnen das Netz zu geben?« Nechljudow war es unbehaglich, aber aus irgendeiner kindlichen Selbstliebe wollte er das nicht eingestehen; er schlug noch einmal das Netz aus und fuhr fort, dem alten Männchen von der Einrichtung der Bienenstöcke zu erzählen, von der er im › Maison rustique ‹ gelesen hatte und bei der seiner Meinung nach die Biene öfters zweimal schwärmen mußte. Eine Biene stach ihn aber in den Hals, und er verlor den Faden und begann zu stottern inmitten der Erörterung. »Das ist richtig, Väterchen, Dmitri Nikolajewitsch,« sprach der Greis, indem er mit väterlicher Protektion auf den gnädigen Herrn schaute, »genau so schreibt man im Buch. Ja, vielleicht ist das so ... schlecht geschrieben, daß man es, so heißt das wohl, machen soll, wie wir schreiben, und wir lachen dann später darüber. Auch das kommt vor! Wie kann man aber die Biene lehren, woran sie ihre Wabe befestigen soll! Sie macht es so, wie es ihr im Stocke paßt, bald quer, bald gerade. Geruhen Sie hier zuzuschauen«, fügte er hinzu, indem er einen von den nächsten Stöcken aufmachte und in die Öffnung schaute, die in der Richtung der krummen Waben mit lärmenden und kriechenden Bienen bedeckt war. »Sehen Sie, das sind junge Bienen; sie sehen, daß die Königin über ihnen sitzt; so führen sie die Wabe gerade aus oder schräg, wie es ihnen im Bienenstock besser paßt«, sprach der Greis, der sich augenscheinlich an seinem Lieblingsgegenstand begeisterte und die Lage des gnädigen Herrn gar nicht bemerkte. »Sehen Sie, heute geht sie in ›Höschen‹, heute ist ein warmer Tag, alles kann man sehen«, fügte er hinzu, indem er den Bienenstock wieder zustopfte und mit einem Tuch die kriechenden Bienen andrückte und dann mit seiner rauhen Handfläche einige Bienen von seinem runzligen Nacken wegschob. Die Bienen stachen ihn nicht, dafür konnte aber Nechljudow schon kaum mehr den Wunsch unterdrücken, aus dem Bienenstand davonzulaufen. Die Bienen hatten ihn an drei Stellen gestochen und summten von allen Seiten um seinen Kopf und seinen Hals. »Hast du denn viele Stöcke? « fragte er, während er zur Pforte zurückwich. »Was Gott gab,« antwortete lächelnd Dutlow, »zählen soll man nicht, Väterchen, die Bienen lieben das nicht. Sehen Sie, Euer Erlaucht, ich wollte Euer Gnaden bitten,« fuhr er fort, auf die schmalen Bienenstöcke hinweisend, die beim Zaune standen, »wegen Ossip, dem Mann Ihrer Amme; wenn Sie ihm nur sagten: es sei nicht schön, sich so schlecht zu seinem Dorfnachbar zu benehmen.« »Wie denn das? – Au, sie stechen doch!« antwortete der gnädige Herr, der schon die Klinke der Pforte erfaßt hatte. »Ja, sehen Sie, es gibt kein Jahr, wo er nicht seine Bienen auf meine jungen Bienen losläßt. Sie sollen sich erholen; die fremden Bienen ziehen aber bei ihnen die Wabe heraus, ja, und das verdirbt den ganzen Bienenstock«, sprach der Greis, ohne die Grimassen des gnädigen Herrn zu bemerken. »Schön, nachher, sogleich ...« murmelte Nechljudow, und außerstande, weiter auszuhalten, und mit beiden Händen abwehrend, lief er im Trab durch die Pforte hinaus. »Man muß mit Erde reiben. Das macht nichts«, meinte der Greis, als er hinter dem gnädigen Herrn her den Hof betrat. Der rieb mit Erde die Stellen, wo er gestochen worden war; errötend schaute er sich dabei rasch nach Karp und Ignaz um, die gar nicht auf ihn hinsahen, und verzog zornig sein Gesicht. 16 »Worum ich hinsichtlich meiner Kinder Euer Erlaucht bitten wollte ...« sprach der Greis, wobei er entweder so tat, als ob er die drohende Miene des gnädigen Herrn gar nicht wahrnehme, oder sie tatsächlich nicht bemerkte. »Worum denn?« »Ja, sehen Sie, mit den Pferdchen sind wir, Gott sei Dank, in der Reihe, auch einen Knecht haben wir, so daß der Herrendienst von uns nicht versäumt wird.« »Was denn dann?« »Wenn Euer Erlaucht meine Kinder gegen Pachtzins frei lassen würde, so würden Iljuschka und Ignaz mit drei Dreigespannen für den ganzen Sommer fahren gehen; vielleicht, daß sie dann auch etwas erarbeiten würden.« »Wohin werden sie denn gehen?« »Ja, wie es gerade kommt«, mischte sich Iljuschka ein, der währenddessen die Pferde unter dem Schirmdach festgebunden hatte und zum Vater getreten war. »Die Kadminskischen Burschen sind mit acht Dreigespannen, so sagt man, nach Romen gefahren, haben sich selbst ernährt, ja, und bis zu drei Zehnrubelscheinen für jedes Dreigespann nach Hause gebracht; sonst aber auch nach Odest – man sagt, dort ist das Futter billiger.« »Siehst du, gerade darüber wollte ich auch mit dir sprechen«, bemerkte der gnädige Herr, indem er sich an den Greis wandte und ihn möglichst geschickt auf das Gespräch über den Pachthof bringen wollte. »Sag mir bitte, ist es vorteilhafter, Fuhrgeschäft zu betreiben, als sich zu Hause mit Ackerbau zu beschäftigen?« »Was heißt vorteilhafter, Euer Erlaucht!« mischte sich wiederum Ilja ein, indem er keck sein Haar zurückwarf. »Zu Hause ist ja nicht einmal Futter für die Pferde da!« »Nun, wieviel erarbeitest du denn im Sommer?« »Ja, sehen Sie, vom Frühjahr an, obwohl das Futter teuer war, fuhr ich mit Waren nach Kiew, von Kursk wiederum bis Moskau fuhr ich Graupen, so daß wir uns selber nährten und die Pferde satt waren, ja, und fünfzehn Rubel Geld habe ich mitgebracht.« »Es ist kein Unglück, sich mit einem ehrlichen Gewerbe zu beschäftigen, was es auch sei«, sprach der gnädige Herr, indem er sich von neuem an den Greis wandte; »mir scheint aber, daß man eine andere Beschäftigung finden könnte; ja, und die Arbeit ist auch so, daß der junge Bursche überall hinfährt, jederart Volk sieht, verwöhnt werden kann«, fügte er hinzu, die Worte Karps wiederholend. »Womit soll sich denn unser Bruder, der Bauer, beschäftigen, wenn nicht mit Fuhrgeschäft?« entgegnete der Greis mit seinem sanften Lächeln. »Fährst du gut, so bist du selber satt, und die Pferde sind gesättigt; was aber das Verwöhnen anbetrifft, so fahren sie bei mir, Gott sei Dank, nicht das erste Jahr; ich selber bin auch gefahren, und Schlechtes habe ich von niemand gesehen, sondern nur Gutes.« »Ist es denn zu wenig, womit ihr euch zu Hause beschäftigen könntet: mit Äckern, mit Wiesen...« »Wie kann man das denn. Euer Erlaucht?« mischte sich Iljuschka mit Begeisterung ein. »Wir sind schon damit auf die Welt gekommen, alle diese Ordnungen sind uns bekannt, eine uns genehme Sache; die allerliebste Sache, Euer Erlaucht, ist es für unsereinen, Lasten zu fahren.« »Wie aber. Euer Erlaucht, wir bitten um die Ehre, wollen Sie nicht in die Stube eintreten? In unserem neuen Hause sind Sie noch gar nicht gewesen«, sagte der Greis, indem er sich tief verneigte und dem Sohn winkte. Iljuschka lief im Trab in die Hütte, ihm folgte zugleich mit dem Greis auch Nechljudow. 17 Als er in die Hütte trat, verneigte sich der Greis nochmals, fegte mit seinem Rockschoß von der vorderen Ecke der Bank den Staub ab und fragte lächelnd: »Was soll ich Ihnen anbieten. Euer Erlaucht?« Die Hütte war geräumig, sie hatte einen Schornstein, Schlafgerüste und Schlafbänke. Die frischen Espenstämme, zwischen denen kaum verwelktes Moos herausschaute, waren noch nicht schwarz geworden; die neuen Bänke und Schlafstätten waren noch nicht glatt, und der Boden war noch nicht festgetreten. Ein junges, hageres Bauernweib mit länglichem, nachdenklichem Gesicht, die Frau Iljas, saß auf einer Pritsche und schaukelte mit dem Fuß eine Wiege, die an einer langen Stange an der Decke befestigt war. In der Wiege schlief kaum merklich atmend und die Äuglein geschlossen, lang ausgestreckt ein Brustkind; ein anderes, stämmiges, rotbäckiges Weib, Karps Frau, die Ärmel aufgeschlagen an ihren bis zum Ellenbogen gebräunten Armen, schnitt Zwiebeln in einer hölzernen Schüssel. Ein drittes, pockennarbiges, schwangeres Weib, das sich ihren Ärmel vor das Gesicht hielt, stand beim Ofen. In der Hütte war es außer von der Sommerhitze auch noch heiß vom Ofen, und es roch stark nach eben erst ausgebackenem Brot. Von der Schlafstätte her schauten neugierig auf den gnädigen Herrn die blonden Köpfchen von zwei Burschen und einem Mädchen herab, die in Erwartung des Mittagessens da hinaufgeklettert waren. Nechljudow tat es gut, diesen Wohlstand zu sehen, und dabei war es ihm doch aus irgendeinem Grunde peinlich vor den Weibern und Kindern, die alle auf ihn hinschauten. Er setzte sich errötend auf die Bank. »Gib mir ein Stückchen heißes Brot, ich liebe es...« sprach er und errötete noch mehr. Karps Frau schnitt ein großes Stück Brot ab und reichte es auf einem Teller dem gnädigen Herrn. Nechljudow schwieg und wußte nicht, was er sagen sollte; die Weiber schwiegen ebenfalls; der Greis lächelte freundlich. ›Weshalb schäme ich mich denn eigentlich? Gleich als ob ich in irgend etwas schuldig wäre?‹ dachte Nechljudow. ›Weshalb soll ich denn nicht den Vorschlag wegen des Pachthofes machen? Was für eine Dummheit!‹ Aber gleichwohl schwieg er immer noch. »Wie denn, Väterchen, Dmitri Nikolajewitsch, wie werden Sie hinsichtlich der Kinder befehlen?« fragte der Greis. »Ja, ich würde dir raten, sie überhaupt nicht ziehen zu lassen, ihnen vielmehr hier Arbeit zu suchen«, sagte plötzlich Nechljudow, Mut fassend. »Ich, weißt du, was ich mir für dich ausdachte: Kaufe du mit mir zur Hälfte einen Wald im Staatsforst, ja, und auch noch Land...« »Wie denn. Euer Erlaucht, mit welchem Gelde sollen wir denn kaufen?« unterbrach der Greis den gnädigen Herrn. »Ja, siehst du, einen nicht eben großen Wald, für zweihundert Rubel...« bemerkte Nechljudow. Der Greis lächelte grimmig. »Schön, wenn Geld da wäre, weshalb nicht kaufen?« sagte er. »Hast du denn dieses Geld schon nicht mehr?« fragte vorwurfsvoll der gnädige Herr. »Ach, Väterchen, Euer Erlaucht!« antwortete mit kummervoller Stimme der Greis, indem er zur Tür schaute, »wenn es nur für die Familie ausreichte, so denken wir gar nicht daran, Wald zu kaufen.« »Ja, aber du hast ja doch Geld; was soll es denn so liegen?« Der Greis kam plötzlich in heftige Erregung, seine Augen funkelten, seine Schultern begannen zu zittern. »Vielleicht haben böse Leute das von mir gesagt«, begann er mit zitternder Stimme. »So, glauben Sie Gott,« sprach er, indem er sich mehr und mehr erregte und die Augen auf das Heiligenbild richtete, »mögen jetzt gleich meine Augen platzen, möge ich auf der Stelle in die Erde versinken, wenn ich etwas habe außer den fünfzehn Rubeln, die Iljuschka brachte, und dann muß man doch Kopfsteuer zahlen. Sie selber geruhen zu wissen, eine Hütte haben wir gebaut...« »Nun schön, schön!« sprach der gnädige Herr, indem er sich von der Bank erhob. »Lebt wohl, Wirte!« 18 ›Mein Gott! Mein Gott!‹ dachte Nechljudow, während er mit großen Schritten durch die schattigen Alleen des verwilderten Gartens seinem Hause zueilte und zerstreut Blätter und Zweige abbrach, die ihm unterwegs gerade unter die Hand kamen. ›Waren denn wirklich alle meine Gedanken über den Zweck und die Verpflichtungen meines Lebens Unsinn? Weshalb ist es mir denn so schwer, so kummervoll zumute, gleich als ob ich mit mir unzufrieden sei, während ich mir doch vorstellte, daß ich, einmal auf diesem Wege, beständig jene Fülle des sittlich befriedigten Gefühles empfinden werde, die ich zu der Zeit empfand, als mir zum ersten Male diese Gedanken kamen.‹ Und er versetzte sich mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit und Klarheit in der Vorstellung um ein Jahr zurück, in eben jenen glücklichen Augenblick. Früh am Morgen war er aufgestanden, vor allen anderen im Hause. Und qualvoll erregt von einem geheimnisvollen, nicht mit Worten zu nennenden Drängen seiner Jugend, war er ohne Ziel in den Garten gegangen, von dort in den Wald, und inmitten der maienhaften, starken, saftigen, aber ruhigen Natur schweifte er lange umher, allein, ohne irgendwelchen Gedanken, und er litt dabei an dem Übermaß eines Gefühls, für das er keinen Ausdruck zu finden vermochte. Bald wies ihm seine junge Vorstellungskraft im vollen Glänze des noch Unbekannten das wollüstige Bild des Weibes, und es schien ihm: ›Das ist es, das Verlangen, das ich nicht deuten kann!‹ Aber irgendein anderes höchstes Gefühl sprach: ›Das ist es nicht!‹ und zwang ihn, weiterzusuchen. Bald erhob sich sein unerfahrener, feuriger Geist höher und höher in die Sphären des Wesenlosen und eröffnete ihm, so kam es ihm vor, neue Gesetze des Seins. Und er verharrte in feurigem Entzücken bei diesen Gedanken. Wiederum aber sprach das höchste Gefühl: ›Das ist es nicht!‹ Und wiederum zwang es ihn, zu suchen und unruhig zu sein. Ohne Gedanken und ohne Wünsche, wie es immer so ist nach übergroßer Anstrengung, legte er sich endlich auf den Rücken unter einen Baum und blickte auf die durchsichtigen Morgenwölkchen, die über ihm herliefen am tiefen, unendlichen Himmel. Plötzlich, ohne jede Ursache, traten ihm Tränen in die Augen und, Gott weiß auf welchem Wege, kam ihm ein klarer Gedanke und erfüllte seine ganze Seele, und er hielt sich mit Entzücken fest an ihm: der Gedanke, daß die Liebe und das Gute die Wahrheit ist und das Glück, und die einzige Wahrheit und das einzig mögliche Glück auf der Welt. Das höchste Gefühl sprach diesmal nicht mehr: ›Das ist es nicht!‹ Er erhob sich und begann seinen Gedanken zu prüfen: ›Das ist es, das ist es!‹ sprach er zu sich selber mit Begeisterung, indem er alle seine früheren Überzeugungen, alle ihm geworbenen Offenbarungen des Lebens auf diese neu entdeckte, wie es ihm schien, völlig neue Wahrheit hin prüfte. ›Was für eine Dummheit war doch alles, was ich wußte, woran ich glaubte und was ich liebte!‹ sprach er zu sich selber. ›Die Liebe, die Aufopferung – das ist das einzig wahre, vom Zufall unabhängige Glück!‹ wiederholte er, und er lachte dabei und vermochte sich nicht ruhig zu halten. Indem er diesen Gedanken an allen Offenbarungen des Lebens nachprüfte und ihm eine Bestätigung fand sowohl im Leben wie in jener inneren Stimme, die ihm gesagt hatte, daß dies es sei, erlebte er ein neues Gefühl freudiger Erregung und Entzückung. ›Also muß ich das Gute tun, um glücklich zu sein‹, dachte er, und seine ganze Zukunft trat lebhaft vor ihn hin, schon nicht mehr nur in Gedanken, vielmehr in Bildern. Die wiesen ihm ein Leben als Gutsherr. Er sah vor sich ein gewaltiges Arbeitsfeld für ein ganzes Leben, das er dem Guten widmete und in dem er folglich glücklich sein werde. Er braucht sich nicht eine Sphäre der Tätigkeit auszusuchen: sie liegt bereit, er hat eine unmittelbare Verpflichtung – er hat Bauern... Und was für eine erfreuliche und dankbare Tätigkeit stellt sich ihm vor: ›Einzuwirken auf diese einfache, empfängliche, unverdorbene Volksklasse, sie von der Armut zu befreien, ihnen Wohlstand zu geben, ihnen die Bildung zu übermitteln, die ich selber durch Glücksfall genieße, sie von ihren Lastern zu heilen, die geboren sind aus Unbildung und Aberglauben; ihre Sittlichkeit zu entwickeln, sie das Gute lieben zu lehren... Was für eine glänzende, glückliche Zukunft! Und für dies alles werde ich, der ich dies für mein eigenes Glück tun werde, mich an ihrer Dankbarkeit erquicken, werde ich sehen, wie ich mit jedem Tag weiter und weiter gehen werde, dem erstrebten Ziele zu. Eine wundervolle Zukunft! Wie konnte ich das denn nicht vorher sehen?‹ ›Und außerdem,‹ dachte er zu jener Zeit, ›was hindert mich denn daran, selber glücklich zu sein in der Liebe zu einem Weibe, im Glück des Familienlebens?‹ Und seine junge Phantasie zeichnete ihm eine noch bezauberndere Zukunft. ›Ich und meine Frau, die ich so liebe, wie noch niemand irgendwen auf der Welt liebte, wir werden immer leben inmitten dieser ruhigen, poetischen, ländlichen Natur, mit den Kindern, vielleicht mit der alten Tante; wir haben unsere Liebe zueinander, die Liebe zu den Kindern, und wir beide wissen, daß unsere Berufung das Gute ist. Wir werden einander beistehen im Streben nach diesem Ziele. Ich treffe die allgemeinen Anordnungen, gebe allgemeine, gerechte Hilfen, führe das Pachtgut ein, Sparkassen, Werkstätten; sie aber, mit ihrem hübschen Köpfchen, in einfachem weißem Kleide, es leicht aufhebend über ihren wohlgestalteten Füßchen, geht durch den Schmutz in die Bauernstube, ins Lazarett, zu dem unglücklichen Bauern, der eigentlich keine Hilfe verdient, überall tröstet sie, hilft sie... Die Kinder, Greise, Weiber vergöttern sie und blicken auf sie wie auf einen Engel, wie auf die Vorsehung. Dann kehrt sie zurück und verheimlicht mir, daß sie zum unglücklichen Bauern ging und ihm Geld gab, ich aber weiß es und umarme sie fest und küsse fest und zärtlich ihre reizenden Augen, ihre schamhaft errötenden Wangen und lachenden roten Lippen...‹ 19 ›Wo sind diese Träume?‹ dachte jetzt der Jüngling, als er nach seinen Besuchen dem Hause zuschritt. ›Es ist nun schon mehr als ein Jahr her, daß ich Glück suche auf diesem Wege, und was habe ich denn gefunden? Freilich, bisweilen fühlte ich, daß ich mit mir zufrieden sein könne, das ist aber so eine trockene, vernünftige Zufriedenheit. Ja und nein, ich bin einfach unzufrieden, weil ich hier kein Glück kenne, das Glück aber ersehne, leidenschaftlich ersehne. Ich habe noch keine Genüsse der Welt erlebt, und schon habe ich mich von allem losgerissen, was sie gewährt. Weshalb? Wofür? Wem ward es dadurch leichter? Die Wahrheit schrieb mein Tantchen, als sie meinte, daß es leichter sei, für sich selber Glück zu finden, als es anderen zu geben. Sind denn meine Bauern etwa reicher geworden? Haben sie sich gebildet oder sittlich entwickelt? Nicht im geringsten! Mit ihnen wurde nichts besser, mir aber wird es mit jedem Tage schwerer. Wenn ich wenigstens einen Erfolg in meinem Unternehmen erschaut, wenn ich Dankbarkeit gesehen hätte!... Aber nein, ich sehe verlogene Gewohnheit, Laster, Mißtrauen, Hilflosigkeit! Ich verbrauche umsonst die besten Jahre meines Lebens‹, dachte er, und ihm kam es irgendwie in Erinnerung, daß ihn die Nachbarn, wie er von seiner Wärterin gehört hatte, ›Grünspecht‹ nannten, daß bei ihm im Kontor schon gar kein Geld mehr geblieben war, daß die von ihm ausgedachte neue Dreschmaschine zum allgemeinen Gelächter der Bauern nur gepfiffen, aber nicht gedroschen habe, als man sie zum ersten Male vor zahlreichem Publikum auf der Dreschtenne in Gang gesetzt hatte; daß man jeden Tag die Ankunft des Kreisrichters erwarten müsse zur Aufnahme des Gutes, da er den Zinszahlungstermin versäumt hatte, indem er sich von verschiedenen wirtschaftlichen Unternehmungen hatte fortreißen lassen. Und plötzlich trat ihm ebenso lebhaft wie vorher sein ländlicher Spaziergang im Walde und der Gedanke an das Gutsbesitzerleben, sein Moskauer Studentenzimmerchen vor den inneren Blick, wie er da spät in der Nacht saß bei einer Kerze mit seinem Kameraden und vergötterten sechzehnjährigen Freund. Sie hatten ununterbrochen fünf Stunden gelesen und wiederholten irgendwelche langweilige Paragraphen des bürgerlichen Rechts, und nachdem sie sie beendet hatten, hatten sie nach Abendessen geschickt, zu einer Flasche Sekt Geld zusammengelegt und von der Zukunft gesprochen, die sie erwarte. Wie völlig anders hatte sich der junge Student seine Zukunft vorgestellt! Damals war die Zukunft voll von Entzückungen, mannigfaltiger Tätigkeit, Glanz der Erfolge, und führte sie beide, wie es ihnen schien, zweifellos zum besten Gute der Welt – zum Ruhm. ›Er schreitet schon und schreitet rasch auf diesem Pfade‹ dachte Nechljudow von seinem Freunde, ›aber ich...‹ Währenddessen war er zum Eingang des Hauses gelangt, wo zehn Bauern und Hofleibeigene standen, die mit verschiedenen Bitten den gnädigen Herrn erwartet hatten, und von Träumen mußte er sich der Wirklichkeit zuwenden. Da war das abgerissene, zerzauste und blutende Bauernweib, das sich weinend beklagte über ihren Schwiegervater, der sie töten wolle. Da waren zwei Brüder, die schon vor Jahresfrist ihren Bauernhof unter sich geteilt hatten und nun mit mißtrauischer Wut aufeinander blickten. Da war auch der unrasierte, ergraute Hofleibeigene mit vor Trunkenheit zitternden Händen, den sein eigener Sohn, der Gärtner, zum gnädigen Herrn führte, um Klage zu führen über des Vaters haltloses Betragen. Da war der Bauer, der sein Weib aus dem Hause gejagt hatte, weil sie das ganze Frühjahr über nicht gearbeitet hatte. Und da war auch jenes kranke Weib selber: schluchzend und ohne ein Wort zu äußern saß sie auf dem Grase beim Eingang des Hauses und ließ ihr entzündetes, nachlässig mit irgendeinem schmutzigen Lappen verbundenes geschwollenes Bein sehen. Nechljudow hörte alle Bitten und Beschwerden an, riet den einen, versöhnte die anderen, versprach dem Dritten – und empfand bei alledem ein seltsames Gefühl, das gemischt war aus Müdigkeit, Scham, Machtlosigkeit und Reue, und ging in sein Zimmer. 20 In dem mäßig großen Zimmer, das Nechljudow bewohnte, stand ein altes, mit kupfernen Nägeln beschlagenes Ledersofa, einige ebensolche Sessel, ein aufgeschlagener altertümlicher Bostontisch mit Inkrustationen, Vertiefungen und mit einem kupfernen Beschlag, auf dem Papiere lagen, und ein altes, gelbliches, geöffnetes englisches Klavier mit abgegriffenen, krumm gewordenen, schmalen Tasten. Zwischen den Fenstern hing ein großer Spiegel in einem alten, vergoldeten, geschnitzten Rahmen. Auf dem Boden neben dem Tisch lagen Haufen von Papieren, Büchern und Rechnungen, überhaupt hatte das ganze Zimmer ein charakterloses und unordentliches Aussehen; und diese lebendige Unordnung stand in scharfem Gegensatz zu der gezierten, altmodisch herrschaftlichen Einrichtung der übrigen Zimmer des großen Hauses. Als Nechljudow das Zimmer betrat, warf er zornig seinen Hut auf den Tisch, setzte sich auf den Stuhl, der vor dem Klavier stand, legte die Beine übereinander und ließ den Kopf hängen. »Nun, werden Sie frühstücken, Euer Erlaucht? sagte, eben hereintretend, eine hohe, magere, rüstige Greisin, die ein Zitzkleid und eine Haube trug und ein großes Tuch umhatte. Nechljudow sah sich nach ihr um und schwieg ein wenig, als ob er sich besinne. »Nein, ich habe keine Lust, Wärterin«, sagte er und versank von neuem in Gedanken. Die Wärterin schüttelte mißmutig den Kopf und seufzte. »Ach, Väterchen, Dmitri Nikolajewitsch, was grämen Sie sich? Es gibt größeren Kummer als das – alles wird vorübergehen, bei Gott...« »Ja, und ich gräme mich doch gar nicht. Woraus schlossest du das denn, Mütterchen, Malanja Phinogenowna?« antwortete Nechljudow, und er bemühte sich zu lachen. »Ja, wie sollten Sie nicht traurig sein? Sehe ich es denn nicht selber?« begann die Wärterin mit Eifer. »Tag für Tag mutterseelenallein, und alles nehmen Sie sich so zu Herzen, zu allen gehen Sie selber! Schon haben Sie fast ganz aufgehört zu essen. Ist das Vernunft? Wenn Sie wenigstens in die Stadt fahren würden oder zu den Nachbarn!... Ihre Jahre sind junge Jahre! Und so über alles sich grämen! Du verzeihst mir, Väterchen, aber ich setze mich«, fuhr die Wärterin fort, indem sie sich neben der Tür niederließ. »Siehst du, du hast eine solche Nachsicht an den Tag gelegt, daß schon niemand mehr dich fürchtet. Ist das gehandelt wie ein Herr? Da ist auch gar nichts Gutes daran. Nur dich selber richtest du zugrunde, ja, und das Volk verwöhnst du nur. Du weißt ja, unser Volk ist so. Es empfindet das nicht. So ist es nun einmal. Wenn du zur Tante fahren würdest – sie hat die Wahrheit geschrieben...« So beriet ihn die Wärterin. Nechljudow wurde es immer trauriger zumute. Seine rechte Hand, die sich auf sein Knie stützte, berührte schlaff die Tasten. Es erklang ein Akkord, ein zweiter, ein dritter... Nechljudow rückte näher heran, nahm seine andere Hand aus der Tasche und begann zu spielen. Die Akkorde, die er griff, waren bisweilen nicht vorbereitet, sogar nicht einmal durchaus richtig, häufig waren sie gewöhnlich bis zur Banalität und bewiesen, daß er keinerlei musikalisches Talent besaß, ihm bereitete aber diese Beschäftigung ein gewisses unbestimmtes, melancholisches Vergnügen. Bei jeder Veränderung der Harmonie erwartete er bebenden Herzens, was aus ihr herauskommen werde, und wenn irgend etwas herauskam, so ergänzte er verworren in der Vorstellung das, was fehlte. Es schien ihm, als höre er tausend Melodien, Chor und Orchester, entsprechend seiner Harmonie. Den Hauptgenuß bereitete ihm dabei die erhöhte Tätigkeit seiner Einbildungskraft, die ihm zusammenhanglos und abgerissen, aber mit erschütternder Deutlichkeit die allerverschiedensten, durcheinander geworfenen und albernen Symbole und Bilder aus Vergangenheit und Zukunft darbot. Bald stellte sich ihm die aufgeschwollene Gestalt des Dawidka Bjely vor, wie er erschreckt mit seinen weißen Wimpern zuckte beim Anblick der schwarzen sehnigen Faust seiner Mutter, und sein runder Rücken und die gewaltigen, mit weißen Haaren bedeckten Hände, die nur mit Geduld und Ergebenheit in das Schicksal auf alle Mißhandlungen und Entbehrungen antworteten. Bald sieht er die lebhafte, im Hofdienst kühn gewordene Amme und stellte sich aus irgendeinem Grunde vor, wie sie durch die Dörfer gehe und den Bauern predige, man müsse sein Geld vor den Gutsbesitzern verstecken, und er wiederholte unbewußt sich selber: ›Ja, vor den Gutsbesitzern muß man sein Geld verstecken‹... Bald stellt sich ihm plötzlich das dunkelblonde Köpfchen seiner zukünftigen Gattin vor, die aus irgendeinem Grunde in Tränen ist und sich in tiefem Kummer ihm auf die Schulter neigt. Bald sieht er die guten blauen Augen von Tschuris, die mit Zärtlichkeit auf das einzige, dickbäuchige Söhnchen schauen. Ja, und er sieht in ihm außer dem Sohn den Gehilfen und Retter. »Siehst du, da ist einmal Liebe!« flüsterte er. Hierauf erinnert er sich an die Mutter des Juchwanka, an den Ausdruck der Geduld und des Allesverzeihens, den er, ungeachtet ihres hängenden Zahnes und ihrer verwitterten Züge, in ihrem Greisinnengesicht wahrgenommen hatte. ›Es muß wohl so sein: in den siebzig Jahren ihres Lebens habe ich als erster das wahrgenommen‹, dachte er und flüstert: »Seltsam!« wobei er unbewußt fortfährt, auf den Tasten herumzufahren und auf die Töne zu hören. Dann erinnert er sich lebhaft an seine Flucht aus dem Bienenstand und den Gesichtsausdruck von Ignaz und Karp, die augenscheinlich lachen wollten, aber so taten, als ob sie ihn gar nicht anschauten. Er errötet und schaut sich unwillkürlich nach seiner Wärterin um, die immer noch an der Tür sitzt und schweigend, durchdringend auf ihn blickt, wobei sie von Zeit zu Zeit ihr weißes Haupt schüttelt. Plötzlich tritt vor Nechljudows inneren Blick ein Dreigespann schweißtriefender Pferde und die kräftig schöne Gestalt Aljuschkas mit seinen blonden Locken, seinen froh glänzenden blauen Augen, seinem frisch geröteten Gesicht und dem Flaum, der kaum anfing, ihm Lippen und Kinn zu bedecken. Nechljudow denkt daran, wie Iljuschka in Angst geriet, man werde ihn nicht mehr zu den Fuhrleuten lassen, und wie feurig er eintrat für diese seine Lieblingstätigkeit. Und Nechljudow sieht: ein grauer, früher, nebliger Morgen, eine nasse, schlüpfrige Chaussee, eine lange Reihe hoch beladener Fuhren, mit Bastdecken bedeckt, denen große schwarze Buchstaben aufgedruckt sind. Die starkbeinigen, satten Pferde rasseln mit ihren Schellen und ziehen, den Rücken krümmend und die Zugriemen anspannend, mutig die Fuhre die Anhöhe hinauf, indem sie sich mit ihren mächtigen Hufeisen anklammern an den glatten, festen Boden. Dem Wagenzug entgegen, den Berg herunter, läuft rasch die Post, unter dem Läuten der kleinen Glöckchen, die von weit her zu vernehmen sind durch den dichten Wald, der sich zu beiden Seiten des Weges hinzieht. ›Ah, ah, ai!‹ ruft laut mit kindlicher Stimme der vordere Fuhrmann – er trägt ein Blechschild an der Lammfellmütze –, indem er die Peitsche über den Kopf erhebt. Beim Vorderrad der ersten Fuhre schreitet schwer in gewaltigen Stiefeln Karp einher mit seinem roten Bart und seinem mürrischen Blick. Auf der zweiten Fuhre streckt seinen hübschen Kopf Iljuschka heraus, der sich unter der Bastdecke des vorderen Wagens schön erwärmt hat bei der Kühle des Morgens. Drei Dreigespanne, hoch mit Koffern beladen, fahren vorüber unter Räderknarren, Schellengeläut und lautem Rufen. Iljuschka verbirgt seinen Lockenkopf wieder unter der Bastdecke und schlummert ein... Da, ein klarer, warmer Abend! Vor den ermüdeten, beim Gasthof sich drängenden Gespannen öffnet sich knirschend das schwere Brettertor, und eine nach der anderen, über die Schwelle hüpfend, verschwinden die hohen, mit Bastdecken bedeckten Fuhren unter dem weiten Wetterdach. Iljuschka begrüßt lustig die weißgesichtige, breitbrüstige Wirtin. Diese fragt: ›Woher kommt ihr, und werdet ihr viel zu Abend essen?‹ und dabei blickt sie mit ihren glänzenden, freundlichen Augen voll Vergnügen auf den hübschen Burschen. Dann geht Iljuschka, nachdem er die Pferde versorgt hat, in die heiße, von Volk erfüllte Stube, bekreuzigt sich, setzt sich hinter die volle hölzerne Tasse und beginnt eine lustige Unterhaltung mit der Wirtin und den Kameraden. Und da ist auch sein Nachtlager unter dem freien Sternenhimmel, der unter das Schutzdach herabschaut, sein Nachtlager im duftenden Heu bei seinen Pferden, die stampfend und schnaufend das Futter in den hölzernen Krippen herumwühlen. Iljuschka schreitet zu seiner Schlafstätte, wendet sich nach Osten, und nachdem er wohl dreißigmal seine breite, starke Brust bekreuzigt hat, betet er das Vaterunser und wohl zwanzigmal ›Herr, erbarme dich!‹, hüllt sich dann mit dem Kopfe in die langen Schöße seines Rockes und schlummert den gesunden, sorglosen Schlaf des starken, frischen Menschen. Und da sieht er im Traume Städte, Kiew mit seinen Heiligen und Massen von Wallfahrern, Romen mit Kaufleuten und Waren, er erblickt Odest und das weite blaue Meer mit weißen Segeln; er erblickt mit goldenen Häusern und weißbrüstigen, schwarzbewimperten Türkinnen die Stadt Zaregrad, wohin er flog auf unsichtbaren Flügeln. Frei und leicht fliegt er dahin, immer weiter und weiter, und sieht unter sich goldene Städte, umgössen von strahlendem Sonnenglanz, und den blauen Himmel mit vielen, vielen Sternen und das azurne Meer mit weißen Segeln – und es ist ihm froh und lustig zu stiegen, weiter und weiter! »Herrlich!« murmelt Nechljudow für sich, und ihm kommt der Gedanke: ›Weshalb bin ich nicht Iljuschka?‹