Berthold Auerbach Drei einzige Töchter   Der Fels der Ehrenlegion. (Frühling 1870.) 1. Maskerade auf der Eisenbahn. Im Schatten einer großen, mit frischem Frühlingsgrün belaubten Buche, unweit eines mitteldeutschen Bahnhofes, hielt ein mit zwei Schimmeln bespannter offener Wagen; darin saß in die gelblichen damastenen Kissen zurückgelehnt eine jugendliche, in Grau gekleidete Frauengestalt; sie hatte die Arme übereinander gelegt, und hielt ihre großen dunklen Augen nach dem Gebirge gerichtet, das in schön geschwungener Wellenlinie vor ihr lag. Jetzt warf sie den Kopf zurück, auf dem eine Art modischen Tirolerhutes mit durcheinander wehenden grünen Hahnenfedern saß; sie erhob sich, nahm eine in grau Leinen gebundene Mappe aus der Seitentasche des Wagens und begann zu zeichnen, bald rasch in die Landschaft hinausschauend, bald den Blick streng auf das Papier geheftet. Ihre Züge nahmen einen tiefernsten Ausdruck an, das längliche Gesicht, etwas bräunlich angehaucht, von nicht mehr erster Jugendfrische, durchzog sich mit einer leichten Röthe. Sie preßte den schöngeschnittenen Mund, auf dessen Oberlippe sich ein leichter Flaum zeigte, wie in Aerger zusammen; ihre Arbeit schien sie nicht zu befriedigen; sie setzte mehrmals ab, schüttelte den Kopf, ja sie schlug sogar einmal das Buch zu. Vor sich hinnickend, wie sich selber Muth zusprechend, öffnete sie es wieder und arbeitete weiter; allgemach gewannen ihre Mienen einen beruhigten, ja fast zufriedenen Ausdruck. Durch Anlage der Eisenbahn war ein neuer Standpunkt zur Betrachtung der landschaftlichen Schönheit gewonnen, dessen man vielleicht nie inne geworden wäre; denn das ist nach allen Seiten hin ein auszeichnender Charakter unserer Zeit, daß uns Alles in neue Gesichtswinkel gerückt wird. Die Zeichnerin wurde immer heftiger in ihrer Arbeit. Trotz des nur mildwarmen Frühlingstages schien es ihr heiß zu werden. Sie nahm rasch den Hut vom Kopfe und legte ihn neben sich. Das dunkle Haar, über der Stirn schlicht angelegt, war in zwei starken Flechten im Nacken aufgesteckt, die Stirn, nicht besonders hoch, ließ zumal beim Ernste eine durch die Mitte sich hinziehende Falte wahrnehmen, deren Spur auch bei ruhigem Verhalten noch zu erkennen war. Das ganze Antlitz zeigte deutlich, daß der Ernst des Lebens seine Merkmale darauf eingeprägt. Durch den Lerchensang in der Luft und Finkenschlag auf dem Baume tönte aus der Ferne ein langgezogener, schriller Ton der Locomotive. Die Zeichnerin machte noch rasch einige Striche, schlug das Buch zu, verbarg es wieder, setzte den Hut auf, und die Arme übereinander schlagend, schien sie wieder ruhig warten zu wollen. Ein Diener in brauner Livree trat zu dem Kutscher, der die Pferde am Lenkriemen hielt; er lupfte den Hut mit der schwarzen Cocarde und sagte zu der Dame – er nannte sie »Fräulein« – der Zug sei bereits signalisirt. Er öffnete den Schlag und machte eine Bewegung, als wollte er der Dame aus dem Wagen helfen. Diese aber sagte, ohne den Diener anzusehen, in die Luft hineinstarrend: »Ich steige nicht aus, bringen Sie Fräulein von Korneck hierher.« Im Ton ihrer Stimme lag ein herrischer, vielleicht auch verdrossener Ausdruck. Luise Merz, dies ist der Name der Wartenden, erwartete eine Jugendfreundin, zu der sie jene Intimität des Pensionats hatte, die sich nur selten fortführt, hier aber mit Beflissenheit erhalten wurde. Es war, als ob die Erwartete bereits die Unruhe verursachte, die sie immer mit sich brachte; denn Luise stand auf und setzte sich wieder, sie schien zu überlegen, ob sie nicht doch die Freundin beim Aussteigen begrüßen solle; aber als sie jetzt bemerkte, daß die Beamten des Bahnhofes, die auf die Anlände getreten waren, nach ihr schauten, ja sogar Anderen sie zeigten und nach ihr hindeuteten, hielt sie sich wieder ruhig. Die Leute sollten nicht sehen, daß sie eine Freundin von so beweglichem Wesen hatte, die sich gewiß sehr erregt benehmen und Aufsehen erregen wird. Die ganze Umgegend sollte wissen, daß Luise Merz mit dem Leben abgeschlossen und eine matronenhafte Haltung habe. Die Pferde mußten im Zügel gehalten werden, da jetzt der Zug heranbrauste. Ein weißes Tuch wehte aus einem Wagen zweiter Classe. Jetzt hielt der Zug an. Eine Frauengestalt reichte dem Diener behutsam ein Wickelkind aus dem Wagen, dann stieg sie aus; sie war von schlanker Gestalt, hellfarbig gekleidet; sie grüßte nochmals in den Wagen zurück und dann nach der wartenden Freundin unter dem Baume. In ihren Bewegungen war eine behende Lebhaftigkeit, und sie schaute in die Luft, in die Gesichter der Menschen, als wollte sie ständig fragen, ob es nichts zu lachen gebe. Schachteln und Handtaschen wurden schnell auf den Boden gestellt. Die Angekommene nahm dem Diener das Eingewickelte ab, es schien ein junges Kind zu sein; sie hielt es behutsam und eilte damit zu der Freundin. Die Diener gingen mit dem Gepäck hinterdrein, auch der Bahnhofs-Inspector trug eine Tasche, er kannte die Angekommene, deren Vater einst sein Hauptmann gewesen war. Als sie bei der Freundin am Wagen stand, rief sie mit heller Stimme: »Luise, was sagst Du dazu, daß ich ein Kind mitbringe?« Noch ehe die Staunende antworten konnte, wickelte sie die Kissen auseinander, und aus denselben sprang ein braun und weißgefleckter Wachtelhund, schüttelte die langen Ohren, wie wenn er aus dem Wasser käme, sprang hin und her und schaute auf seine Herrin, die ihn aber keines Blickes würdigte, sondern unter dem Gelächter der Umstehenden, bald zu dem Inspector, bald zu Luise gewendet, rief: »Ist dies nicht ein artiges Kind unter zehn Jahren? Die reglementstarren Herren Bahnbeamten wollten mir nicht erlauben, meinen wohlerzogenen Freund Scheck mit in den Wagen zu nehmen. Nun denn! Die Tyrannei macht die Menschen klug! Ich habe Scheck als Kind maskirt, und habe damit die lustigsten Abenteuer erlebt. Die Mode, daß man jetzt nur kinderlose Miether in den Häusern haben will, dehnt sich auch auf die Eisenbahnen aus. An mehreren Wagen, wo ich mit dem vermeintlichen Kinde einsteigen wollte, hat man mir sehr menschenfreundlich zugerufen: Hier ist kein Platz mehr! und als ich endlich zornig eingestiegen war, wollten die Frauen das verschleierte Kind sehen, und ein noch sehr acceptabler Wittwer, dem ich gestehen mußte, daß ich keinen Mann hätte, machte mir einen halben Heirathsantrag. Herr Inspector,« wendete sie sich zu diesem, der übermäßig lachte, »Herr Inspector, ich hoffe, Sie sind kein Philister, daß ich Strafe zu zahlen habe.« Und als jetzt der Hund, der wissen mochte, daß von ihm die Rede sei, an seiner Herrin emporsprang, sagte sie zu ihm gewendet: »Ja, du warst sehr artig; du hast Menschenverstand.« Die Bahnbeamten und alle Reisenden, die hier ausgestiegen waren, standen umher und lachten, ja die Kellner aus der Restauration kamen herbei und die Köchin erschien unter der Küchenthür, blickte nach der Gruppe und betrachtete ihren Anzug, der ihr nicht erlaubte, sich von ihrem Reiche zu entfernen. Der Hund schien etwas davon zu ahnen, daß dort ein gutes Herz für ihn sei, denn er verschwand plötzlich. Mitten in der Heiterkeit der Umstehenden schaute Luise verdrossen drein. Sie bat, daß man fortzukommen eile. Dieser übermüthige Scherz der Freundin war ihr unbehaglich. Kisten, Schachteln und Handtaschen wurden ausgepackt, und als man eben abfahren wollte, fehlte Scheck. Auf wiederholtes Rufen kam er aus der Küche, er leckte sich noch die Lefzen ab, schaute noch einmal zurück zu seiner Wohlthäterin und wurde in den Wagen zu seiner Herrin gesetzt. Die Diener mußten sich offenbar Mühe geben, um nicht fort und fort zu lachen. Der Wagen rollte auf der Landstraße dahin, die auf dem Bahnhofe Zurückbleibenden schauten ihm lange nach. Der Inspector erzählte den mit den Menschen in der Umgegend minder Bekannten, wer die beiden Damen seien. Der Wirth und die Wirthin gaben Ergänzungen, aber sie wußten doch nicht Alles. 2. Die Tochter des Parlaments. Die Meinungen sind getheilt, die Einen behaupten, Luise sei erst fünfzehn, die Anderen, sie sei schon achtzehn Jahre alt gewesen, als ihr Vater, der reiche Fabrikant Merz, vor zehn Jahren zum ersten Mal zum Abgeordneten gewählt, mit seinem einzigen Kinde nach der Hauptstadt übersiedelte. Als unabhängiger, erfahrungsreicher und gebildeter Mann war Herr Merz ein angesehenes Mitglied der freisinnigen Mehrheit, die ein Ministerium ihres Charakters hatte. Dieses Ministerium war freilich noch nicht streng verfassungsmäßig aus der Mehrheit des Hauses hervorgegangen, vielmehr aus der Wahl des Fürsten, aber es herrschte doch eine eigenthümlich gehobene Stimmung, da man sich einer Regierung erfreute, die mit der allgemeinen Richtung wesentlich übereinstimmte. Herr Merz hatte kaum mit einer nennenswerthen Gegnerschaft zu kämpfen gehabt, und er nahm das Mandat um so lieber an, als er seinem Naturell nach nicht gerne zur Opposition gehörte, sondern sich freute, seinen Grundsätzen getreu, loyal sein zu können. Freilich wurde es ihm schwer, seinen großen Fabrikbetrieb einem wenn auch vertrauenswürdigen Geschäftsführer zu überlassen, aber er hoffte auch durch Ortsveränderung und neue Thätigkeit seinen tiefen Lebensschmerz zu verwinden oder doch zeitweise zu vergessen; denn er hatte vor Kurzem seine Gattin, mit der er in glücklicher Ehe gelebt, verloren. In der Miethswohnung, die man in der Residenz bezogen hatte, gestaltete sich bald eine anmuthende Häuslichkeit, der die Schwiegermutter, die den Sohn und die Enkelin begleitete, vorstand. Die öffentlichen Kammerverhandlungen brachten keine Rede des Herrn Merz, um so wirksamer arbeitete er aber in den Abtheilungen, sogenannten Commissionen; er vollführte mit Eifer jene Arbeiten, die wie die Grundmauern eines Gebäudes nicht zu Tage treten, aber den Bau tragen. Die Großmutter und Luise saßen halbe Tage lang auf der für die Angehörigen der Abgeordneten aufbehaltenen Gallerie. Die Herren unten im Saale blickten oft hinauf nach der würdigen Matrone und dem schönen Mädchen an ihrer Seite, das im Trauerkleide um so anmuthiger erschien. Oft auch kam in Pausen oder langwierigen Abzählungen dieser und jener von den näheren Bekannten aus den Abgeordnetenkreisen auf die Gallerie zu den Damen und unterhielt sich mit ihnen. Luise war meist schweigsam, aber die vielen Dinge, die sie hörte, bildeten eigenthümliche Elemente ihres innern Lebens. Der Frühling, das Ende der Tagsatzung, wurde wie eine Befreiung begrüßt. Als man auf die Fabrik zurückkehrte, war es Allen, als ob man jetzt erst ins Freie käme aus der schwülen Luft des Abgeordnetenhauses. Luise zumal schien neu aufzuleben. Als sie mit Vater und Großmutter im Herbste wieder in die Residenz kam und jetzt nicht mehr in Trauerkleidern, wurde sie von einem großen Kreise als traute Bekannte begrüßt. Auch andere Abgeordnete hatten Frauen und Töchter mitgebracht, es bildete sich ein eigner Kreis, der seinen besonderen Reiz darin hatte, daß nicht nur eigenthümliche Naturen aus allen Theilen des Landes sich zusammenfanden, sondern auch, daß man monatelang in der Fremde mit einer besonders gearteten Häuslichkeit lebte. Im dritten Jahre fand sich eine belebende Neuerung. Eine Pensionsfreundin Luisens, Marie von Korneck, war mit ihrem Vater nach der Residenz versetzt worden. Die beiden Mädchen waren wohl Freundinnen in der Pension gewesen, ohne sich derart zu verbinden, daß sie diese Beziehung über die Trennung hinaus aufrecht erhielten. Jetzt aber war es, als ob man in der innigsten Freundschaft gestanden hätte: man hatte gemeinsame Jugenderinnerungen, man hatte einander viel zu erzählen von den in alle Welt zerstreuten Genossinnen, von den Pedanterien der Erzieherinnen und einzelner Lehrer, aber auch von jenem Geschichtslehrer, in welchen alle Schülerinnen verliebt waren. Gerade die Gegensätzlichkeit, die in dem Wesen der beiden Mädchen bestand, schien eine neue Anziehungskraft zu üben. Marie hatte etwas soldatisch Entschlossenes, sie war fertig im Wort und sah das Leben als heiteres Spiel an; Luise dagegen hatte etwas Bedachtsames, sie hatte keine raschen Einwürfe und Zwischenreden, sie hörte aufmerksam und ruhig zu, und wenn sie dann sich äußerte, so geschah es in wohlgeordneter geschlossener Rede. Auch die Väter fanden freundlichen Anschluß, und da eben ein liberales Ministerium obenauf war, als dessen Stütze die Partei des Herrn Merz erschien, hatte der Major Korneck keinerlei Hinderung, mit einem politischen Manne von entschieden liberaler Richtung freundschaftlich zu verkehren. Marie von Korneck war rasch in die gesellschaftlichen Vergnügungen der Residenz eingetreten, sie kannte die besten Tänzer, die amüsantesten alten Herren, und der junge Fähnrich von Birkenstock, der ein weitläufiger Verwandter von ihr war und sie Cousine nennen durfte, war ihr dienstwilliger Verehrer, der sich auch der Freundin ergeben zeigte. Luise wurde bald in den Strudel der Wintervergnügungen gezogen. Den Abgeordneten und ihren Angehörigen waren die Salons der Minister und die ersten gesellschaftlichen Kreise geöffnet. Durch manchen Ballsaal gingen Luise und Marie Arm in Arm, und viele bewaffnete und unbewaffnete Augen richteten sich auf sie. Man sprach auch von Bewerbern um Luise, aber diese war gleichmäßig freundlich gegen Jedermann und bevorzugte Niemand. Sie war ein belebendes Element in den Männerkreisen, schlagfertig und entschieden in den Antworten; sie hatte nicht umsonst mehrere Tagsatzungen mit angehört, sich bei der Debatte bald für diesen, bald für jenen Redner entschieden, um zu erkennen, daß es ihr an Selbständigkeit des Urtheils fehlte, bis sich diese herausbildete. Ein ganz neues Leben that sich ihr auf, als sie mit Marie in die Malerschule eintrat, die ein namhafter Künstler ausschließlich für Mädchen errichtet hatte. Marie verstand gut, menschliche Figuren zu zeichnen, aber sie liebte es noch weit mehr, Carricaturen zu fertigen; Louise hatte Neigung und Talent für die Landschafterei. Im Atelier führte Marie das große Wort, sie wußte von Allem, was in der Residenz, besonders aber in militärischen Kreisen vorging. Wie von selbst aber machte es sich, daß Luise als die Urtheilsvollste angesehen wurde, und wenn sie um eine Meinung gefragt, gab sie dieselbe mit solcher Begründung und Erwägung etwaiger Einwendungen, daß sie, wie von selbst, den Namen erhielt: »Tochter des Parlaments«. Marie war überaus lustig und besonders neckisch gegen den Vater Merz. Dieser hatte sich gelobt, nach dem Tode seiner Frau ausschließlich seinem Kinde und den allgemeinen Anliegen des Vaterlandes zu leben, aber schon im ersten Winter, als Marie täglich im Hause verkehrte, fand er eine Anmuthung im Umgange mit ihr, daß er in seinem Vorsatze schwankend wurde. Marie, der diese Neigung nicht entging, hatte nichts Ablehnendes; ja, sie war besonders zutraulich gegen ihn, und selbst der Major hatte ein Benehmen gegen Herrn Merz, als wollte er beständig sagen: Warum bist Du denn so zaghaft, alter Knabe? Die Sache wäre ja mit zwei Worten abgemacht. . . . Wochenlang hörte Herr Merz nichts von den Debatten, die um ihn her im Abgeordnetenhause gehalten wurden; denn er hörte nur die Debatten in seinem Innern, und diese waren so stürmisch, die Parteien kämpften so unparlamentarisch, daß der Vorsitzende, als ruhiger Verstand, sie oft zur Ordnung rufen mußte. Herr Merz verschloß jede Kundgebung seiner Herzensbewegung, aber diese entging doch seiner Schwiegermutter nicht. Wenn Alles von dem muntern Wesen Mariens entzückt war, Vater und Tochter in ihrem Lobe mit einander wetteiferten, und man sich nach ihrem Weggange so öde und leer vorkam – da schüttelte die alte Dame oft verweisend ihr graues Haupt und löste die seine Hand von dem Strickzeuge, indem sie sagte: »Schade, schade! Fräulein von Korneck wäre eine vortreffliche Schauspielerin!« Herr Merz bezwang sich und wiederholte mit Geflissentlichkeit, sowohl vor Marie wie vor ihrem Vater, daß er auf jede eigne Lebenserneuerung unbedingt verzichtet habe und Alles nur noch von Luise erwarte. Er hoffte immer, daß sein Kind doch bald den Mann finden würde, der diese Fülle von Herz und Geist und diese tiefe Begabung zu würdigen wisse. Auch Luise war frei genug zu gestehen, daß sie sich zu verheirathen wünsche; aber Jahr um Jahr verstrich, Luise stand mit den besten Männern des Landes in freundlicher Beziehung, anfangs scherzend, dann immer ernster sagte sie, es scheine, daß nur verheirathete Männer sich ihr als tüchtig und gradezu darstellten; die Ledigen wollte sie immer geckenhaft oder sentimental finden, und bald auch glaubte sie, daß dieser und jener nur ihres zu erwartenden bedeutenden Reichthums wegen sich ihr nähere. Im Sommer kam ein Brief von Marie, worin sie anzeigte, daß ihr Vater gestorben sei und sie nun allein und verlassen dastehe. Luise wünschte, daß der Vater Marie zu sich ins Haus nehme; aber dieser, der sonst seinem Kinde keinen Wunsch versagte, lehnte es auf das Entschiedenste ab. Er behauptete, daß Luise durch den Anschluß an die Freundin dann ganz sicher kein eignes Leben gewinnen werde; sie sollte eine gewisse Sehnsucht nicht loswerden, um doch noch zu einem eigenen Hausstande zu kommen; insgeheim aber hatte er einen Widerwillen gegen Marie, der seltsamer Weise aus der bezwungenen Neigung stammte. Marie schrieb bald darauf, daß sie sich entschlossen habe, mit einer alten Dame auf Reisen zu gehen. Herr Merz, der sich immer mehr nur dem politischen Leben widmen wollte und es für Pflicht hielt, daß Männer von unabhängiger Stellung sich solchem ausschließlich hingäben, verkaufte seine Fabrik. Er wollte ganz in der Residenz bleiben, nur auf Andringen Luisens zog er nach dem Landgute, das er im Gebirge besaß. Aber eben das Jahr darauf, als er sich völlig frei gemacht hatte, um sich nur dem staatlichen Leben zu widmen, wurde er nicht wiedergewählt. Nach dem ersten Schmerze der Zurücksetzung getröstete er sich aufrichtig – es war nicht bloße Redensart – daß es so viele tüchtige Menschen gebe, welche die Angelegenheiten des Vaterlandes vertreten können. Er sagte oft: man muß dem Rufe folgen, muß aber auch still abwarten können, wenn man nicht gerufen wird, bis wieder die Zeit kommt. Daneben war ein Umschwung in den Verhältnissen eingetreten, der es ihm seiner Gemüthsart nach erwünscht machte, nun nicht zur strengen Opposition gehören zu müssen. Er war keine kämpfende Natur, die sich in schroffem Widerstreit wohl fühlt; er liebte die Verträglichkeit, natürlich nur so weit sie mit seinen Grundsätzen vereinbar. Jetzt konnte er die Sündfluth, die das Chaos zu bringen schien, in seiner behaglichen Arche abwarten. Die Tauben, die ihm die Nachrichten vom Wasserstande draußen brachten, waren die Zeitungen. Er las die Kammerverhandlungen mit großem Eifer; er hatte treffende und auch rednerisch wohlgeordnete Entgegnungen im Kopfe, die er nun leider nicht mehr anbringen konnte. Er widmete sich den Angelegenheiten der Gemeinde und der Landschaft, aber er empfand doch immer eine Leere und hoffte eine Erfrischung seines Lebens nur noch von der Verheirathung Luisens. Aber diese hatte das Vierteljahrhundert überschritten und bekannte nun offen, sie habe endgültig mit dem Leben abgeschlossen und wolle sich ganz ihrem kleinen Talente widmen. Marie war von ihrer zweijährigen Reise zurückgekehrt und wohnte mit der alten Dame in der Garnisonstadt. Als sie zum Besuche auf das Landhaus des Herrn Merz kam und mit ihm allein war, erkannte sie schnell dessen Befangenheit und sagte im heitersten Tone: »Ach, Herr Merz, warum haben Sie mich nicht vor Jahren geheirathet? Jetzt ist es zu spät, ich bin verlobt.« »Darf man wissen, mit wem?« fragte Herr Merz. »Nein, das darf man noch nicht wissen.« Seit jenem ersten Besuche hatte man sich nicht wiedergesehen. Jetzt war Marie eingeladen worden, da man noch einige Tage zusammen sein wollte, bevor Herr Merz und seine Tochter nach Italien reisten. 3. Auf eigenem Boden. In raschem Trabe fuhr der Wagen mit den beiden Mädchen die Landstraße entlang. »Ach, wie glücklich bist Du, solchen Wagen Dein eigen zu nennen!« rief Marie. »Man sollte gar nicht glauben, daß man so finster drein schauen kann, wenn man im eigenen Wagen dahinfährt.« Luise kannte das beständige Hadern der Freundin mit ihren ökonomischen Verhältnissen und sie entgegnete nichts, da Marie durch allerlei Scherz sich die abhängige und eigentlich traurige Lage befreite und erheiterte. Marie mochte den Gedankengang der Freundin ahnen; sie erklärte, daß das Leben eitel Possenspiel sei, und das Beste wäre, man spiele frischweg mit. Sie erzählte mit großer Lustigkeit, welche Abenteuer sie unterwegs gehabt. Luise lenkte sie hievon ab und fragte, wie es ihr bei der Dame ergehe, deren Gesellschafterin sie war. »Ach!« rief Marie, »sie klagt immer über ihre früheren Gesellschafterinnen und klagt zu Anderen gewiß auch über mich. Die edle Dame will immer sehr geliebt sein und dabei sehr wenig Honorar geben! Kehrbesen und Staubwedel sollten sich auf ihrem Wappen kreuzen, denn Auskehren und Abstäuben sind ihre beiden Lebensziele. Jeden Abend muß ihr das Dienstmädchen eine alte Zeitung in kleine Schnitzel zerreißen, diese zerstreut sie dann in den Stuben in alle Ecken, um andern Tages sicher zu sein, daß überall gekehrt worden ist.« »Du mußt doch aber froh sein, einen Beruf zu haben,« suchte Luise abzulenken. »Beruf? Ich sage wie Rückert – oder ist es nicht von Rückert? – ›Hätt' ich hunderttausend Thaler Renten, ich hätte mich Euch niemals aufgetischt.‹ Beruf? Sag' mir doch das Wort nicht mehr. Wenn ich reich wäre, ich heirathete einen Mann, der mir gefällt, und ließe Anderen den Beruf.« Ein ernster Ton wurde nun von Marie angeschlagen, da sie die Freundin ermahnte, doch nicht fort und fort die Spröde zu bleiben und alle Bewerber abzulehnen. Luise entgegnete, daß sie mit dem Leben abgeschlossen habe. »Abgeschlossen?« lachte Marie. »Warum sagst Du nicht auch: Ich habe ausgerungen, überwunden? Du bist ja ein Jahr jünger als ich. Ach, wenn nur Jemand käme, der Dich einmal bändigte!« »Bändigte? Bin ich denn wild?« »Nein, nimm mir's nicht übel, im Gegentheil, Du bist zu zahm, ich meine zu gebildet.« »Zu gebildet?« »Ja, Du hast zu viel gesehen, zu viel gedacht. Du erkennst an Jedem sofort die Mängel und daneben denkst Du: der will nicht mich, der will mein Geld. Bei jeder Erscheinung eröffnet sich in Dir eine parlamentarische Debatte. Du bist die Tochter des Parlaments.« »Gut! Nun hast Du Alles gesagt, nun, bitte, sprich hierüber nichts mehr.« Luise sagte dies in entschiedenem Tone, und man fuhr geraume Zeit still dahin. Man näherte sich den landwirthschaftlichen Gebäuden, die eine kleine Strecke von dem Herrenhause entfernt waren. Die Hofhunde bellten, sie merkten wol den neuen Ankömmling, und Scheck war, wie seine Herrin, schnell zur Antwort bereit. Aber Marie befahl ihm, nicht das letzte Wort zu behalten, er gehorchte und schwieg. Der Wagen hielt vor der Freitreppe des Herrenhauses. Herr Merz hieß Marie willkommen. In das Antlitz des älteren Mannes, das glatt rasirt war, trat eine leichte Röthe; er hatte es vielleicht doch noch nicht ganz verwunden, daß er einstmals zur Freundin seiner Tochter eine Neigung empfunden hatte. Marie schlug sofort den neckischen Ton gegen Herrn Merz an und dieser erwiderte ihn mit Freundlichkeit. Marie wurde auf ihre Zimmer geführt, sie kam aber bald wieder herab und ging mit Herrn Merz vor dem Hause auf und ab. An einem neuen, noch nicht fertigen Anbau, der ein großes Fenster mit einer einzigen Scheibe hatte, fragte sie, was das sei. Herr Merz erwiderte, daß er für Luise ein Atelier gebaut habe, es solle während der Reise nach Italien, die man vorhatte, fertig gemacht werden, da Luise sich ganz ihrem künstlerischen Talente widmen wollte. »Das ist sehr unrecht von Ihnen. Das durften Sie nicht thun!« rief Marie trotzig. Auf die verwunderte Frage des Herr Merz erklärte sie, er hätte nicht willfahren dürfen, daß Luise ihren Vorsatz, mit dem Leben abzuschließen, zur Ausführung bringe. Jetzt habe ein Freier eine neue Concurrenz zu bestehen. »Ich bleibe dabei,« rief sie, »Luise muß heirathen. Und wenn ich den Schwanenritter her beschwören muß, sie soll heirathen. Abgeschlossen haben mit dem Leben! Fertig sein! Hat man je so etwas gehört von einem schönen, reichen Mädchen, das – nun ja – das sechsundzwanzig Jahre alt ist! Geben Sie mir Vollmacht, was ich will in Bewegung zu setzen?« »Und wenn ich sie Ihnen nicht gebe?« »Da haben Sie Recht, dann thue ich's doch. Aber es ist besser, daß ich's gesagt habe. Diese Urlaubstage sind mein, ich will sie nützen,« recitirte sie mit Pathos. Luise kam herab und der Vater entfernte sich bald. Die beiden Mädchen hielten sich umschlungen und gingen miteinander in den Park. Plötzlich hielt Marie an und rief: »Ach, ich möchte wissen, wie man auf eigenem Grund und Boden spazieren geht. Also so tritt man auf!« Sie hob ihr Kleid etwas in die Höhe, ein feiner Fuß in braunen Stiefeletten zeigte sich und sie setzte ihn mit Nachdruck auf den Boden. In überschwänglichen Ausdrücken führte sie dann weiter aus, wie glücklich doch Menschen sein müßten, die ein Stück Erde ihr eigen nennen und eine feste Heimath haben. Luise widersprach nicht, denn sie war von tiefem Mitgefühl beherrscht für ein Mädchen, das, aus der höheren Gesellschaftsschichte stammend, heimathlos in der Welt war und das Brod der Dienstbarkeit essen mußte, einer Dienstbarkeit, die sich noch mit einem Scheine der Freiwilligkeit umgab. Sie entgegnete nur endlich, daß Marie reich genug sei, denn sie besitze einen unerschöpflichen Schatz von Humor. »Berufe mir das nicht!« rief Marie mit Aengstlichkeit. »Wenn man so etwas beruft, ist es vorbei.« Die beiden Mädchen waren in ein Dickicht eingetreten, wo die Vögel lustig sangen. Luise stand still und fragte die Freundin, ob sie ihr nicht endlich Näheres sagen wolle zu Andeutungen in einem Briefe, daß sie auf ihrer Reise ein Herz gewonnen habe. »Jetzt noch nicht,« fiel Marie rasch ein, »aber bald werde ich es Dir sagen. Bitte, frage mich nicht weiter. Wenn es Zeit ist, werde ich Dir Alles erklären und Du sollst mir helfen.« Sie sprachen nun von der beabsichtigten Reise nach Italien. Luise bedauerte, daß Marie sie nicht begleiten konnte; sie wäre eine gute Führerin gewesen, denn sie kannte bereits Alles. Marie wußte es und Luise ahnte etwas davon, warum der Vater, der sonst seinem Kinde keinen Wunsch versagte, entschieden ablehnte, daß Marie sie begleite. Schweigsam gingen sie durch den Garten und den Park und kehrten endlich in das Haus zurück. Die Großmutter, die den Tag über unwohl gewesen, hatte sich am Abend erholt. Man saß wohlgemuth beisammen, und nach dem Abendessen begann Marie noch eine Schachpartie mit Herrn Merz. Sie war eine sehr gewandte Schachspielerin, die Partie dauerte sehr lange, die Großmutter und Luise zogen sich zurück und Marie saß allein mit Herr Merz. Kaum aber waren sie allein, als Marie die Figuren zusammenwarf und sagte, sie müsse nochmals von Luise sprechen. Herr Merz solle ihr doch die Männer der Umgegend bezeichnen, die morgen zu Gaste kommen sollten, welche darunter seien, die sich um Luise bewerben und welchen der Vater am meisten wünsche; denn es sei von großer Bedeutung, wenn eine Freundin ihr Wohlgefallen an einem Bewerber kundgebe, und sie hoffe damit einen Entschluß Luisens zu Stande zu bringen. Der Vater nannte mehrere, ein Gutsbesitzer und ein junger Beamter aus der nahen Kreisstadt waren ihm gleich werth, aber Luise schien gegen beide Bewerber gleichgültig. Marie blieb dabei, daß sie die Freundin doch zu einem Entschluß bringe. 4. Eine Revue. Am andern Mittag, er war hell und frisch, kamen Wagen und Reiter aus der Nachbarschaft, Männer und Frauen wurden bewillkommt. Marie hatte es durchgesetzt, Luise hatte eine neue Frisur annehmen, auch ihre Lieblingsfarbe – das elegische Grau, wie Marie es nannte – ablegen und sich hellfarbig kleiden müssen. Die Nachbarn und Nachbarinnen sahen sie beim ersten Begegnen staunend und befremdet an. Marie freute sich dessen, denn sie wußte, daß Luise nunmehr viel jugendlicher und lebhafter aussah. Als der benachbarte Gutsbesitzer und der junge Beamte Marie vorgestellt wurden, machte sie eine Verbeugung, wobei sie jedoch die Augen nicht niederschlug, sondern fast gewaltsam aufriß. Sie musterte Beide und fand, daß dem äußern Anscheine nach die Wahl allerdings schwer sei. Marie hatte das Glück, daß der angesehenste Mann des Freundeskreises ein ehemaliger Kamerad ihres Vaters gewesen. Sie trat dadurch sofort in eine bevorzugte Ehrenstellung, der ganze Kreis gruppirte sich um sie, und Luise that Alles, um sie zum Mittelpunkte des heutigen Tages zu machen. Der junge Beamte, der sofort erkannte, daß Marie bei Luise von entscheidender Bedeutung war, zeigte sich überaus zuvorkommend gegen sie. Er wußte sich ihr zuzugesellen, als man einen Gang durch den Garten machte. Im Laufe des Gesprächs sagte er leichthin, daß er auch Landwehr-Officier sei; er durfte voraussetzen, daß dies bei Marie einen besonders günstigen Eindruck hervorbringe. Marie fand Erscheinung und Benehmen des Mannes sehr ansprechend, aber – war es Wirklichkeit oder spielte er's nur? – er that schmachtend, er war nicht kühn und selbstbewußt genug. Marie sagte sich innerlich, daß dies nicht der Rechte sei; denn wer Luise gewinnen wollte, mußte sie eigentlich dahin bringen, daß sie nach ihm verlangte. Der junge Beamte schien sich nicht nur auf die Bedeutung von Baumschlag und Vordergrund eingeübt zu haben, er sprach sogar sehr eifrig von dem Glücke des künstlerisch bewußten Schauens und wie die heutige Blüthe der Landschaftsmalerei dem naturforschenden Charakter unserer Zeit entspreche; er deutete auf eine Baumgruppe, auf den Himmel und pries das Glück, in der Wiedergabe von Licht und Luft schwelgen zu können. – Er setzte Alles dies Marie auseinander und gab es doch, wie man sagt, nur zur Post; Marie sollte es der Freundin berichten. Marie lächelte vor sich hin. »Der ist abgethan. Laß sehen, was der spröde Gutsbesitzer für ein Menschenkind ist!« Der Gutsbesitzer hielt sich vorzugsweise zu Vater Merz. »Gute Manier, und nicht übel gewählt,« dachte Marie. »Er hat wahrscheinlich hohe Achtung vor dem Manne, oder auch er heuchelt sie in diesem hohen Grade. Immerhin! Das wirkt gut auf Luise, denn sie liebt ihren Vater schwärmerisch, und wer diese Liebe mit ihr theilt, hat viel gewonnen.« Im Gegensatz zu dem jungen Beamten sah der Gutsbesitzer in Marie ein Hinderniß. Er war eine ernste, neben seinem Berufe vorzugsweise der Politik zugewandte Natur. Ein Wesen wie Marie, das er schnell erkannt hatte, lenke den Sinn der Freundin auf das Leichte, Flatterhafte. Er glaubte sogar zu bemerken, daß in dem Benehmen Luisens gegen Marie etwas Gezwungenes sei, er wollte daher mit dieser nicht gemeinsame Sache machen. Ja, als ihn Luise fragte, wie Marie ihm gefalle, sagte er gradezu: »Sie gefällt mir wie Ihnen. Ich glaube, daß Sie nur zeitweise mit einem solchen gewaltsam moussirenden neckischen Wesen leben können.« Luise suchte ihn in seinem Urtheile zu berichtigen, aber sie that es doch in einer Art, die ihm nicht ganz Unrecht gab, und zum ersten Male schien der Gutsbesitzer seine Hoffnungen für berechtigt halten zu dürfen. Bei Tische ging es heiter zu, der alte Herr von Beuthen, der Marie zu Tisch geführt, hatte das Vorrecht, rücksichtslos sein zu dürfen. Man sprach von der Reise nach Italien, die Herr Merz und seine Tochter unternehmen wollten, und der alte Beuthen rief: »Sie haben ein Unrecht begangen! Warum bauten Sie für unsere liebe Luise ein Atelier? Eine Kinderstube wäre besser.« Man lachte. Die Augen Mariens gingen funkelnd am Tische hin und her. Sie sah, wie der junge Beamte erröthete; der Gutsbesitzer aber lachte mit. Aller Blicke waren auf Luise gerichtet. Diese aber sah drein, als ob der Scherz sie gar nichts anginge. Mit haltungsvoller, unbewegter Stimme sagte sie endlich – sie fühlte, daß sie etwas sagen müsse –: »Ich freue mich, daß ich Herrn von Beuthen zu einem so anmuthigen Scherz Veranlassung gab.« Sie unterhielt sich sehr eifrig mit einem stattlichen Manne, der neben ihr saß, so daß dessen Frau, die der junge Beamte zu Tische geführt, immer röther im Gesicht wurde, und diese Röthe wurde nicht vermindert, da sie auf Zureden des Beamten von den verschiedenen starken Weinen trank, die nach einander auf den Tisch kamen. Man stand endlich von Tische auf; die älteren Herren blieben auf der Terrasse bei der Cigarre sitzen. und Herr von Beuthen sagte mit gewaltiger Stimme ganz laut: »Es ist eine Schande für das ganze ledige Männergeschlecht, daß Fräulein Luise noch unverheirathet ist.« Die jungen Leute erlustigten sich im Garten. Luise stand noch eine gute Weile bei ihrem Tischnachbar in eifrigem Gespräch, aber Marie rief immer dringlicher, und sie gesellte sich endlich in den jugendlichen Kreis. Scherz und Munterkeit herrschte, und aus einem Dickicht hörte man helles Jodeln, wie von einem jungen Gebirgsbewohner. Marie hatte es dahin gebracht, daß Luise, die nicht eigentlich singen konnte, aber eine besondere Meisterschaft im Jodeln hatte, diese ihre Kunst preisgab. Sie hatte dabei die Gewohnheit, daß man sie nicht ansehen durfte, sie wendete sich ab, legte die feine linke Hand an die Wange und jodelte mit einer Kraft, als ob der Widerhall von Felsenbergen zurücktönte. Die Alten und die Jungen mischten sich unter einander und es herrschte Heiterkeit, bis der Abend hereinbrach und die Gäste davonfuhren. Als Luise wieder mit der Freundin allein war, sagte sie – und ihr Angesicht wurde flammroth –: »Ach, Marie, es ist doch gräßlich, und ich begreife es nicht. Ich bin doch . . .« »Was denn?« »Nein, es ist besser, ich sag's nicht!« »Auch mir nicht? Sprich doch!« »Sieh, da waren so tüchtige, gediegene Männer« – sie nannte diesen und jenen – »aber die mir ein Gefallen erwecken und die ich gescheit und anmuthend finde, sind . . .« »Verheirathet,« fiel Marie ein. »Ja,« bestätigte Luise und bedeckte das Gesicht mit der Hand, »warum gefallen mir nur solche? warum kann ich nur zu ihnen frei reden?« »Und das weißt Du nicht? Du, die Tochter des Parlaments? Freilich, es ist zu einfach. Du läßt Dich solchen gegenüber frei gehen und sie können auch zu Dir unbefangen sein. Bei einem Ledigen aber, da glaubst Du immer, er habe Absichten auf Dich und nun gar auf Deinen Reichthum; da kommst Du natürlich nie dazu, harmlos zu sein und Andere unbefangen kennen zu lernen!« »O, wie recht hast Du, wie recht!« Lange gingen die beiden Freundinnen still neben einander her, plötzlich trat ein schelmisch triumphirender Zug in die Mienen Mariens und sie sagte: »Komm, setz' Dich hier zu mir, ich will Dir auch mein Geheimniß sagen.« Sie faßte die Hand Luisens, ihre Stimme stockte; Luise sah darin eine tiefe Herzensbewegung, aber es war doch etwas Anderes. Marie erzählte, ganz gegen ihre sonstige geläufige Redeweise, öfter innehaltend, sie habe sich heimlich soviel als verlobt mit dem Rittmeister v. Birkenstock in der nahen Garnisonstadt, der, obgleich ein entfernter Verwandter von ihr, doch immer nur auf kurze Stunden und in Gesellschaft mit ihr zusammengewesen. Sie habe nun den Wunsch – denn es sei ihr wichtig, daß sie sich nun näher kennen lernten – Herr Merz möge den Rittmeister zu Besuch einladen, er könne auf dem nahen Gute bei dem Pächter wohnen; es sei ohnedies seine Absicht, den Abschied zu fordern und eine Gutspachtung zu übernehmen, denn er sei der Sohn eines Landwirthes. Luise versprach das zu bewirken; Marie ging allein auf ihr Zimmer und bald brachte ihr Luise einen offenen Einladungsbrief ihres Vaters. Marie schrieb noch lange in der Nacht einen Brief, den ein Bote noch spät nach dem Bahnhofe trug. 5. Schachzug. Luise wollte ihre Freundin begleiten, die am zweiten Abend nach der Bahnstation fuhr, um den Rittmeister abzuholen. Luise nannte ihn den Verlobten, die Freundin bestritt diese Bezeichnung, denn sie sei noch keineswegs verlobt; sie wünschte indeß den Ankommenden ohne Zeugen zu begrüßen, und so fuhr sie allein nach dem Bahnhof, sie blieb aber nicht, wie wenige Tage vorher ihre Freundin, im Wagen sitzen; sie ging unruhig auf der Anlände und in den neuen, sich erst kümmerlich entfaltenden Gartenanlagen einher, sie sah oft nach der Uhr, die sie in den Gürtel gesteckt hatte. Der Zug brauste heran, ein junger Mann stieg aus. Er hatte ein gedrungenes, frisches Antlitz, das durch den mächtigen, langgezogenen Schnurrbart noch etwas besonders Kenntliches hatte; er trug ein hellfarbiges, kleidsames Bürgergewand, aber schon auf den ersten Blick ließ sich der Soldat erkennen. Mit behender Gewandtheit begrüßte er Marie und sagte: »Du sollst den Husarengeist nicht umsonst angerufen haben. Da bin ich! Ich folge Deiner geheimnißvollen Botschaft. Ich habe genügenden Urlaub. Nun sprich: wo ist das Abenteuer? wo ist der Unhold, der Drache?« Marie bat ihn, jetzt nichts zu fragen und überhaupt nicht deutsch zu sprechen. Sie gingen nach dem Wagen, setzten sich ein und der Rittmeister fragte: »Es werden mir doch nicht die Augen verbunden?« Marie lächelte verneinend. Er fragte weiter, ob es ihm, als modernem Ritter, erlaubt sei zu rauchen. Es wurde gewährt. »Was würdest Du dazu sagen,« begann Marie endlich, »wenn dieser Wagen, diese Pferde, dazu ein schönes Rittergut und einige Hunderttausende im feuerfesten Schranke Dein Eigen würden?« »Mit oder ohne Frau?« »Mit.« »Mit Dir?« »Scherze nicht!« Hastig athmend fuhr Marie fort: »Ach, wir sind doch Alle Philister, ich auch. Warum wird mir jetzt auf einmal so bange?« »Dir bange? Steht dies Wort auch in Deinem Wörterbuche?« »Du hast Recht! Es ist doch eine so schöne und nützliche, ja sogar moralische Intrigue, die Du mit mir unternehmen sollst.« »Du siehst mich als romantischen Märchenheld zu Allem gerüstet, vornehmlich mit der Tugend des schweigenden Gehorsams. Ich höre Dein Orakel so geduldig wie Tamino in der Zauberflöte.« »Es wird Dir bald Alles offenbar sein. Erinnerst Du Dich noch an Luise Merz?« »Wer könnte sie vergessen! Soll ich sie heirathen?« »Ja.« »Ich bin sofort bereit. – Laß die Kirchenglocken läuten! Ich bin volljährig . . . es ist Frühling . . . und frische Handschuhe habe ich bei mir.« . . . »Vetter, es ist Ernst.« »Man lebt doch im Traume. Hat sie sich also meiner noch erinnert, wie ich damals beim Minister mit ihr tanzte? Erinnert sich der Vater meiner auch noch? Er hat eine besonders rühmenswerthe Eigenschaft – er raucht die beste Cigarre.« »Albrecht, scherze nicht über den ehrenwerthen Mann. Schon um Luise zu gewinnen, mußt Du ihn verehren.« »Ich finde ihn bereits hochehrwürdig.« »Albrecht, sage mir vor Allem, würdest Du Luise auch heirathen, wenn sie nichts besäße?« »Nein.« »Das ist doch wenigstens ehrlich.« »Bitte, liebe Cousine, laß mich meinen Satz vollenden. Ich könnte sie nicht heirathen, wenn sie arm wäre; aber wenn sie arm wäre und ich reich, dann –« »Dann würdest Du sie heirathen.« »Nein, dann würde ich Dich heirathen.« Marie erröthete, verbot aber dem Vetter fernerhin jeden derartigen Scherz, sonst sei er nicht tauglich zu dem, was er unternehmen solle; denn er müsse eine Zeitlang als ihr Geliebter, ja als ihr Verlobter gelten. Luise verlange das. »Ich verstehe nicht,« lachte der Rittmeister. »Etwas Binde um die Augen muß sich der Herr Rittmeister schon gefallen lassen,« erwiderte Marie. Sie gewann ihre heitere Laune wieder und sagte, daß Luise sich keinem Manne unbefangen nähere, der nicht bereits gebunden sei. Gegen Verheirathete und Verlobte zeige sie sich in ihrer ganzen liebenswürdigen Natur und erkenne auch die schönen Eigenschaften solcher Männer vollkommen. Darum solle der Vetter Rittmeister eine Zeitlang als ihr Verlobter gelten. »Aber Marie, mit was spielst Du? Du weißt ja, daß Du mir –« »Bitte, laß das. Du weißt ja –« »Freilich, freilich,« entgegnete der Rittmeister und machte mit der Hand eine Bewegung durch die Luft, wie wenn man einen Pinsel führt. Marie durchzuckte es, sie legte sich in den Wagen zurück, dann aber sich rasch erhebend, rief sie wieder mit hellem Tone: »Mach' mich nicht zur Pedantin! Ich erlaube Dir Aufmerksamkeiten, die Du ja schon als Vetter gegen mich haben darfst.« »So bitte ich vor Allem um einen Kuß.« »Schäme Dich! Und Du verscherzest Dir Dein Glück. Wenn es denn durchaus sein muß, hier! küsse mir die Hand.« »Bitte, zieh' den Handschuh ab!« »Nein. Und noch Eins, sei recht freundlich gegen Scheck. Wenn Du durchaus Zärtlichkeiten üben mußt, übertrage sie auf Scheck. Nicht wahr, Du spielst auch Schach?« »Mein Ruhm ist groß! Wer ertrüge die Qualen der Vorwerkswachen ohne Tabak und Schach?« »Und Du verstehst auch zu zeichnen?« »Beleidige die Cadettenschule nicht!« »Du verstehst also Landschaften aufzunehmen und über Baumschlag, Vordergrund und Perspective gut zu reden?« »Mein gnädiges Fräulein! Betrachten Sie sich diesen Baum mit seinem melodischen Gezweige, diesen Rhythmus, diese Symphonie –« »Schon gut!« »Nein, es geht doch nicht,« sagte der Rittmeister ernsthaft, »wir machen uns nur lächerlich und Deine Freundin zum Feind. Kann es die spröde Luise uns je vergeben, daß wir mit ihr gespielt haben? »So? Also das ist der frische Husarenmuth, der ein schönes Abenteuer welk spricht? Sei ohne Sorge. Nach einigen Tagen müssen wir in Streit gerathen und es muß sich einrichten, daß uns Luise unwillkürlich belauscht. Dann gebe ich Dir den Abschied und Du dankst mir – ich erlaube Dir sogar mir knieend den Dank auszusprechen – Du preisest mich hoch und bekennst ehrlich, daß Du Luisen – wie sagt man doch? – rasend, schwärmerisch, titanenhaft liebst. Und glaube mir, Du wirst nicht zu lügen haben, es wird in Wirklichkeit so sein.« Die Beiden sprachen lange nichts mehr. Der Rittmeister schien sich in seine Rolle zu finden. Aus langem Hinbrüten lächelte er auf, erhob sich und reichte dem Kutscher und dem Diener seine Cigarrentasche hin; sie nahmen dankend die Cigarren, sie waren beide Soldaten gewesen und wußten diese Höflichkeit eines Officiers zu schätzen. Marie nickte triumphirend. Der Rittmeister hatte von Jugend an eine gute Gewohnheit. Er führte in kurzen Sätzen regelmäßig ein Tagebuch. Das hatte er glücklicher Weise bei sich. Er fand die Zeit verzeichnet, da er Luisen begegnet war, und gute Anhaltspunkte, die seine Erinnerung auffrischten. Marie fand Alles sehr einnehmend und sie konnte aus dem Gedächtniß noch Manches hinzufügen. Man war wohlgerüstet, und mit froher Laune fuhr man in das Landgut ein. 6. Ein künstliches Manöver. Wie einen Angehörigen, in herzlicher Zutraulichkeit, hieß Luise den Bräutigam ihrer Freundin willkommen. Sie hatte auf dem nahen Gutshause die Zimmer freundlich für ihn herrichten lassen, und wie er ihr nun dankte, wie der Mann so jugendlich straffen Ansehens mit bewegter Stimme sprach und scheu, ja fast furchtsam erschien, wie er sie groß anschaute und dann die Augen niederschlug, als sie ihn bat, auch ihre Freundschaft anzunehmen – in allem dem lag ein seltsames Widerspiel. Er erinnerte Luise an die Begegnung in der Residenz, und sie fand es sehr aufmerksam, daß er noch wußte, welches Kleid, welchen Kranz sie trug und was sie damals mit einander gesprochen. »Wie gefällt er Dir?« fragte Marie, als sie mit Luise allein war. »Ich begreife nicht,« erwiderte Luise, »wie man fragen kann, wie einer Andern der gefällt, dem man sein ganzes Leben widmet!« Marie schien betroffen von diesem Ernste; sie entschuldigte sich, und ihre sonst so behende Redeweise hatte etwas Stockendes und Stotterndes, da sie hinzufügte, ihre Verlobung mit dem Rittmeister sei noch nicht so entschieden. Mit dem Vater stand der Rittmeister schnell in gutem Vernehmen, er erklärte zwar alsbald, daß er nur wenig Theilnahme für die politischen Tagesbewegungen habe, aber die Art, wie er das Gut besichtigte, die sachgemäßen kurzen Bemerkungen, die er doch wiederum gewandt und bescheiden in die Form von Fragen überleitete, gewannen ihm bald Achtung und Neigung des Vaters, der dies auch gegen seine Tochter ausdrückte. Der Rittmeister erklärte gegen Marie, daß er sich weniger befangen gegen Luise als gegen deren Vater fühle. Er wollte wissen, ob der Vater vom Stande der Sache unterrichtet sei; aber Marie verbot ihm, weiter danach zu forschen. Sie fand eine angenehme Reizung darin, daß auch der Vetter Rittmeister sich noch in einem Geheimniß bewege. Das gab seinem Benehmen jene weichen Töne, die ihr wirksam erschienen, und schließlich war sie sich selbst noch nicht klar, ob man den Vater in das Geheimniß ziehen dürfe. Einstweilen verschob sie die Entscheidung bis zu einem gelegenen Moment. Die Großmutter hatte die Mutter des Rittmeisters gekannt, und es eröffnete sich nach dieser Seite hin eine unvermuthete, freundliche Beziehung. Die Großmutter, die sonst immer schweigsam in ihrem Lehnstuhle am Fenster saß, sprach öfter mit dem jungen Manne, in dessen Erscheinung nicht nur, sondern auch in dessen ganzem Behaben sie eine Aehnlichkeit mit seiner Mutter fand. So waren die Tage auf dem Landgute schön und anmuthig belebt. Man ritt, man fuhr in der Gegend umher, man wandelte nach Aussichtspunkten im nahen Gebirge, und Luise konnte nicht umhin, wiederholt die Freundin glücklich zu preisen, solch einen Mann gefunden zu haben. Es erschien ihr gerade angemessen, daß die flatterhafte, immer zum Scherzen aufgelegte Marie einem Manne sich anschloß, der, zumal in Betracht seiner Jugend, einen haltungsvollen Ernst zeigte. Es fügte sich oft, daß Marie mit dem Vater und Luise mit dem Rittmeister ging, und ein besonders ergiebiges Verständniß erschloß sich daraus, daß auch der Rittmeister im landschaftlichen Zeichnen geübt war. Man arbeitete gemeinsam, man verglich die Aufnahmen, und Luise konnte in der That dem jungen Manne, der, wie er sagte, sein Zeichentalent nur wenig geübt hatte, mancherlei Anweisung geben. Der Rittmeister war sehr gelehrig und überraschte sie oft, wie schnell er ihren Anleitungen nachzukommen verstand. Marie zog sich oft zurück, wenn Luise mit dem Rittmeister zusammen war. Der Vater äußerte zu seiner Tochter, wie seltsam kalt und fremd ihm das Benehmen der beiden Brautleute vorkäme. Luise fand dies gerade höchst angemessen, und sie schilderte den Charakter des Rittmeisters in theilnahmvoller, ja in inniger Weise. Als der Vater Marien dies wiedererzählte, bat sie ihn, mit ihr in den Garten zu gehen, und hier erklärte sie offen den ganzen Stand der Dinge. Der Vater war im Innersten betroffen, er erinnerte sich, wie oft die Schwiegermutter gesagt hatte, Marie hätte Schauspielerin werden sollen. Wie ist es nur möglich, solche Dinge ins Leben hineinzuspielen, die eigentlich nur aufs Theater gehören und die man dort gelten lassen mag? Er konnte lange kein Wort finden, und endlich erklärte er, daß das Verfahren Mariens, gelinde gesagt, ein verkehrtes sei; denn sie werde den beabsichtigten Zweck nicht erreichen. Von dieser Stunde an mußte er sich zwingen, sein Benehmen gegen den Rittmeister in der begonnenen Weise fortzuerhalten. Was ist dies für ein Mann, der sich zu einer solchen Intrigue hergiebt? . . . Luise und der Rittmeister hatten begonnen, die Burgruine in der Nähe zu zeichnen, ja sie wollten sie sofort nach der Natur malen, der Rittmeister in Wasserfarben, Luise in Oel. Sie arbeiteten emsig den ganzen Tag. Marie und der Vater wollten sie am Abend abholen. Der Vater äußerte unterwegs schwere Besorgniß über diesen Vorgang, der zu nichts führe und nur eine herbe Stimmung hinterlasse. Marie wußte aber mit ihrer übermüthigen, sprudelnden Laune darzulegen, daß diese kleine Hinterhaltigkeit viel zu schwer aufgenommen werde; Luise werde anfangs betroffen, ja ärgerlich sein, dann aber glücklich aufjubeln, daß man ihr einmal Gelegenheit gegeben, einen so tüchtigen Mann in unbefangener Weise kennen zu lernen. Sie wiederholte, wie Luise ihr immer gesagt, sie habe das Unglück, daß sie nur Verheirathete und Verlobte in gerechter Weise erkenne. Nun solle das Unglück zum Glück werden. Marie sprach lebhaft und so geschickt, daß der Vater nur noch die Achseln zuckte. Er kam mit Marien bei dem Standpunkte an, wo die Bilder aufgenommen wurden. Ein guter Imbiß wurde aus dem Wagen genommen, man saß wohlgemuth beisammen. Luise war indeß sehr ernst, sie sah oft träumerisch verloren vor sich hin und sagte, sie sei sehr unzufrieden mit ihrer Arbeit. Der Rittmeister gestand, er habe Besseres von Luise erwartet; es sei eine reinliche Sorgfalt in ihrem Bilde, aber es sei zu ängstlich, zu sehr mit sclavischer Treue ausgeführt, es fehle an Kühnheit. Marie sah ihn betroffen an über diese Aussprüche, aber sie lächelte schnell wieder: gerade diese Offenheit, dieser ehrliche Tadel, dachte sie, gewinnt Luisen um so entschiedener. 7. Flucht vor sich selbst. Die Vier wandelten nach der Ruine, und erst als der Mond heraufgestiegen war, gingen sie nach dem Wagen und fuhren heimwärts. Es wurde wenig mehr gesprochen, der Vater schlief, und auch Marie schien zu schlafen, nur der Rittmeister und Luise wachten. Die Sterne leuchteten am Himmel, die Nachtigallen schlugen in den Büschen, und ein würziger Frühlingshauch erfüllte die Luft. Da faßte der Rittmeister die Hand Luisens. Er hielt sie fest, sie wollte ihm ihre Hand entziehen, sie konnte nicht, – sie zitterte. Er drückte ihre Hand, und sie? Drückte sie sie wieder? Sie wußte es nicht. Eiskalt überlief sie's. Ist es doch so? Du liebst einen Mann, der einer Andern angehört? Nein, nein! knirschte sie vor sich hin und ballte die Hände, und unwillkürlich rief sie plötzlich laut: »Vater!« »Was willst Du?« fragte der Vater, aus dem Schlafe sich erhebend. »Ach! Habe ich Dich gerufen?« »Ja!« »Ich wußte es nicht! Ja! Ich möchte jetzt aussteigen.« Sie rief den Kutscher an, er hielt, sie öffnete schnell den Schlag, stieg aus und bat den Vater, mit ihr auszusteigen. Sie duldete nicht, daß das Brautpaar ebenfalls ausstieg, sie befahl rasch dem Kutscher davonzufahren, und als der Wagen dahinrollte, fiel sie dem Vater um den Hals und rief: »Wehe, wehe! Ich bin schlecht, grundschlecht, ein elendes Wesen! Vater, hilf mir!« Der Vater konnte kaum ein Wort der Beruhigung hervorbringen, und mit herzerschütternder Stimme rief Luise: »Ach, Vater, ich fürchte, es kann kommen, es will kommen, daß ich den Bräutigam Mariens liebe und er mich.« »Wenn er aber frei wäre!« »Ach, bitte, Vater, sprich nicht so. Ach, bitte, laß uns kein Wort sprechen.« Der Vater wußte selbst nicht, wie er das seltsame Verhältniß erklären sollte. Er konnte nicht sagen, daß er von der Intrigue wußte; denn er mußte sich gestehen, daß er dann allen Einfluß auf sein Kind verlieren würde, und je länger er schweigsam neben seiner Tochter einherging, um so besser erschien es ihm, daß sein Kind selber sich aufraffte und den ersten Keim einer Neigung gegen einen Mann unterdrückte, der sich zu solchem Spiele hergab. Schweigsam kamen sie bei dem Hause an. Luise eilte auf ihr Zimmer und ließ sagen, daß sie heute Niemand mehr sprechen wolle. Sie saß auf dem Sopha und rang mit sich in tief peinigender Selbstanklage. Mitternacht war vorüber, als sie sich endlich zur Ruhe begab; aber sie fand den Schlaf nicht, sie stand wieder auf und ließ den Vater wecken und ihn bitten, zu ihr zu kommen. Als er kam, drang sie in ihn, daß er sie befreie; noch sei es Zeit, noch gebe es ein einziges Mittel. Der Vater wollte wieder erklären, daß der Rittmeister vielleicht doch – aber Luise ließ ihn nicht ausreden; sie rief: »Nein, nie! Ich wäre ehrlos vor mir selbst!« – Sie bat den Vater, daß man jetzt, sofort, noch in der Nacht die beabsichtigte Reise antrete; sie könne jetzt Marie und ihren Bräutigam nicht wieder sehen. Nochmals suchte der Vater sie zu beschwichtigen; aber Luise schwor, daß sie in der Nacht das Haus verlasse und in die Welt hinaus wandere, wenn der Vater ihr nicht willfahre. Noch nie hatte dieser sein Kind so leidenschaftlich überwältigt gesehen, so entschieden und entschlossen, alle Bande zu zerreißen. Er willfahrte. Luise schrieb noch einen Brief, worin sie der Freundin mittheilte, daß in den nächsten Monaten keine Nachricht sie treffe, – auch an die Großmutter schrieb sie, und im Morgendämmer, als Marie noch schlief, fuhr der Wagen ab. Der Rittmeister, der in der Gutswohnung auch keinen Schlaf gefunden hatte und im Morgendämmer am Fenster stand, glaubte zu träumen, da er den mit vielen Koffern bepackten Wagen vorüberfahren sah, in welchem Luise und ihr Vater saßen. 8. Mit Feuer spielen. Vater und Tochter waren schon weit weg, Luise war in einer Ecke des Bahnwagens eingeschlafen – wenigstens hatte sie die Augen geschlossen und hielt sich regungslos – als Marie in den Gartensaal zum gemeinsamen Frühstück ging. Sie war betroffen, daß sich noch Niemand zeigte, Herr Merz war immer früh auf. Da brachte ihr die Wirthschafterin zwei Briefe. Der eine war aus Paris, der andere hatte gar keine Adresse. Marie erröthete, als sie den ersten sah, sie öffnete aber doch schnell den zweiten. Er enthielt die hinterlassenen Zeilen Luisens. Marie konnte nicht fassen, was da geschehen war; sie öffnete den zweiten Brief, sie schien ihn nicht gut lesen zu können, sie faßte sich mehrmals mit der Hand an die Stirn, dann saß sie, lange vor sich hinstarrend, den Brief in der schlaff herabhängenden Hand haltend. Der Rittmeister wurde gemeldet; Marie versteckte schnell beide Briefe. Der Rittmeister sah überwacht aus. Er sagte Marie, er sehe, wie er doch nicht zu solchen abenteuerlichen Unternehmungen geeignet sei; er trug es scherzhaft vor, aber im Tone seiner Rede lag doch ein Ernst, wie er darlegte, daß dies eine höchst peinliche Lage sei. Er stehe zwischen zwei begehrenswerthen Mädchen; das eine solle als seine Braut gelten, das andere seine Gattin werden; er habe zu keinem ein wahres Verhältniß; er halte das nicht länger aus. Marie hörte ihn geduldig an, sie preßte die Lippen zusammen; und als der Rittmeister endlich fragte, ob er geträumt habe oder ob es wirklich so sei, er glaube heute in der Morgendämmerung Luise und ihren Vater im Wagen davonfahren gesehen zu haben, da reichte ihm Marie den hinterlassenen Brief der Freundin. Sie war aber nicht wenig erstaunt, als der Rittmeister in fröhlichem Tone rief: »Das ist mir eigentlich lieb! Ich bin sie nun los mit sammt ihrem Gelde. Ich hätte mich vielleicht in eine Empfindung hineingelogen, ich war auf dem besten Wege dazu, und doch taugen wir nicht für einander, und ich glaube auch, daß auf ein solches Verhältniß, wie wir es hier anlegten, sich keine wirklich dauernde Lebensbeziehung aufbauen läßt. Das mag in der Komödie hingehen, wo man nicht fragt: wie ist es denn nun, nachdem der Vorhang gefallen? Wie wirkt es denn nach, daß sie Versteckens gespielt?« Er hielt plötzlich inne, und Marie sagte: »Sie wollten uns nicht ausweisen und sind darum aus ihrem eigenen Hause weggegangen.« Der Rittmeister nickte und Marie fuhr fort: »Ich hätte Herrn Merz nichts davon sagen sollen.« »Das hast du gethan?« rief der Rittmeister. Alles Blut schoß ihm durch die Stirn, seine Augen glänzten, und er fuhr fort: »Nun ist Alles gut! Ich bin frei und froh. Ich bin den Geldteufel los und habe dafür den Anmuthsengel. Mir ist wohl, daß die Komödie vorbei ist. Wir wollen den Geldprotzen zeigen, daß wir sie zu Narren gehabt. Bist Du einverstanden?« »Einverstanden? Ich verstehe nicht!« »Marie, ich habe eingesehen, daß nur Du zu mir passest. Nun sage mir ohne Zagen frisch weg: findest Du nicht auch, daß ich allein zu Dir tauge? Wir besitzen freilich beide nichts, aber wenn wir einander haben, sind wir reich, und wir sind keine Philister, die sich viel Sorge machen. Ich bin gesund und muthig, ich werde schon mein Leben erobern. Nun sage mir nur ein einziges Wort. Habe ich nicht schon ein Leben erobert? Habe ich nicht Dich? Sprich nur ein einzig Wort!« Marie griff in die Tasche, sie wollte den andern Brief herausnehmen, den sie aus Paris erhalten, aber sie brachte die Hand wieder leer aus der Tasche. Sie reichte die Hand dem Vetter dar und begann: »Laß mich jetzt nicht reden. Ich habe auch nicht gewußt, daß etwas in mir ist – man nennt es Eifersucht, aber – bitte, laß mich jetzt nichts reden. Vertraue mir, daß ich Alles ernstlich überlege – Du und ich, wir sind keine Kinder mehr. Ja, wir sind keine Kinder – wir haben beide Niemand, der für uns überlegt. Ich bitte Dich, reise Du jetzt zurück, aber gieb Dich keinen Hoffnungen hin – halte fest, ich habe Dir durchaus nichts gesagt. Leb' wohl! Wenn es Zeit ist, wirst Du von mir hören. Aber nochmals – halte fest, ich habe Dir nichts zugesagt.« »Und ich lasse Dich nicht,« rief der Rittmeister, »ich versiegle Dir den Mund!« Er umarmte und küßte die Erbebende, die sich wehrte, dann aber auch ihn heftig umarmte und küßte. Plötzlich rang sie sich los und verließ das Zimmer. Der Rittmeister starrte ihr nach; dann ging er nach der Gutswohnung, legte das Bürgergewand ab und in Uniform gekleidet kehrte er wieder nach der Garnisonstadt zurück. Auch Marie reiste am Abend ab; auf der Heimkehr verbarg sie den kleinen Scheck nicht mehr in so übermüthiger Weise, der Inspector erlaubte ihr, ihn offen in dem Wagen mitzunehmen; sie saß lange still und Scheck schaute verwundert nach ihr, so hatte er seine Herrin noch nie gesehen, sie widmete ihm keinen Blick, viel weniger ein Wort. Nach einiger Zeit nahm sie den Brief Luisens aus der Tasche, durchlas ihn rasch und zerriß ihn dann in vielfältig kleine Schnitzel, die sie in kurzen Pausen immer wieder aus dem Fenster des Eisenbahnwagens in die Luftströmung hinausflattern ließ. Auf weite Wegstunden hin waren die Papierstückchen zerstreut, Niemand hätte sie wieder zusammenfinden können. Sie nahm auch den andern Brief heraus, betrachtete kopfschüttelnd die darin liegende Photographie, dann las sie: »Wessen ist dieses Bild? Nein, so wirst Du nicht fragen, wenn Dein warm und hell strahlendes Auge auf diesem Lichtbilde ruht. Ich habe mich äußerlich wohl verändert, aber könnte man von der Seele ein Lichtbild aufnehmen, Du würdest keinen fremden Zug darin finden. Und nun – wo bist Du? Wie lebst Du? Habe ich noch ein Recht, Dich ›Du‹ zu nennen? Bist Du noch frei? Bist Du noch Dein, um mein zu sein? Ach, verzeihe die krümmenden Fragezeichen. Ich habe Dir Positives zu sagen. Was ich damals auf dem schnell dahin gleitenden Schiffe Dir gelobt, ist nun Erfüllung. Ich bin zu schönen Ehren gekommen und in der Lage, Dir – uns – eine heitere, vor Noth und Sorge geschützte Häuslichkeit aufzubauen. Ich komme zu Dir, wohin Du mich rufst. Nur noch Eins in Treue und Wahrhaftigkeit. Sollte ich Dir nicht mehr so erscheinen wie ehedem, so bist Du frei. Wir wollen uns dann friedlich die Hände reichen und sagen: es sollte nicht sein! Ich überlese den Brief. Ich habe Dir verwirrt geschrieben; ich bin aber klar und weiß mich nur nicht anders zu fassen. Mein Herz pocht wie damals, als ich Dich rheinabwärts fahren sah. Ich bin voll Muth und Zuversicht und möchte, so lange ich athme, sein Dein . . . .« Marie that einen Riß in den Namen, sie wollte auch diesen Brief zerreißen, aber sie hielt an und vor sich hin sagte sie: »Er spricht dich frei, um selbst frei zu sein und auch neu prüfen zu dürfen. Nein! nein! Er ist eine gerade offene Seele ohne Hinterhalt! Ja, das war er! Ist er's aber noch?« Sie starrte lange auf die Photographie, dann steckte sie Brief und Bild wieder in die Tasche. Als sie heim kam, fand sie die alte Dame eben damit beschäftigt, in gewohnter Weise die Papierschnitzel in allen Zimmer-Ecken zu zerstreuen. 9. Ein ruhsamer Ort. Monate sind vorüber. Das Dampfschiff hält in Flüelen am Vierwaldstätter See. Aus einem Wagen, dessen italienische Herkunft unverkennbar war, stiegen Herr Merz und seine Tochter, beide sahen gebräunt und frisch aus. Viel Gepäck wurde auf das Dampfschiff gebracht, und der italienische Kutscher dankte dem Herrn und der Dame mit großer Redseligkeit. Noch als das Schiff abgestoßen war, rief er ihnen mit südländisch heftigem Geberdenspiel Lebewohl nach. Auf dem Dampfschiffe, das über den Vierwaldstätter See fuhr, war eine bunte Gesellschaft und alle Sprachen der gebildeten Welt tönten durcheinander; aber eine gemeinsame Empfindung beherrschte doch die Gemüther Aller: die Schönheit des Ausblicks über den See, nach den hellen Wohnorten an den Ufern und den hochragenden Bergen. Diesen Eindruck übersetzte sich Jeder in seine eigene Weise, und die Gespräche erhielten jene seltsame Art, die sich in den Unterredungen der Menschen bildet, wenn Musik sie umtönt. Wie man da innerlich unbewußt hinhorcht auf das melodische Klingen, so sprach man hier von Allerlei, aber die begleitende Empfindung vom Ausblick in die großartige Naturumgebung durchzog alle Wechselrede und ließ sie oft plötzlich verstummen. Unweit des Steuermanns saß Luise allein und schaute hinaus in die Landschaft. Sie kümmerte sich nicht darum, daß mancher Blick sich nach ihr richtete, ja sie vermochte es zu überhören, daß man über sie räthselte. Die Einen hielten sie für eine dem Leben sich wieder zuwendende Wittwe, die Anderen für die an den begleitenden alten Herrn verheirathete junge Frau. Der Vater hatte einen ehemaligen Parteigenossen aus dem Abgeordnetenhause getroffen, der Mann hatte Luise geneckt, daß sie seinen Erwartungen nicht entsprochen, denn er habe sie längst verheirathet geglaubt. Jetzt stand der Vater auf der andern Seite des Schiffes bei dem Manne, und die Beiden unterhielten sich natürlich zunächst über die allgemeinen Verhältnisse; sie waren beide nicht mehr in der unmittelbaren Bethätigung, aber ihre Theilnahme war doch lebendig. Der Parteigenosse erzählte, daß seine Tochter, die sich damals in jener ersten lebhaften Wintersitzung verlobte, ihm bereits drei Enkel geschenkt habe und er werde in den nächsten Tagen in Luzern seine jüngst verheirathete Tochter treffen, die mit ihrem Manne von der Hochzeitsreise aus Italien zurückkehre. Der Mann hatte fünf Töchter, sie waren an Beamte und Officiere und die jüngste an einen Fabrikanten verheirathet. Er erging sich, ganz im Gegensatze zu vielen Anderen, im Lobe der heutigen jungen Männerwelt; sie sei nicht mehr so romantisch, wie wir Alten gewesen, aber sie sei bedachtsamer und energischer. Mit behutsamen, aber dennoch unausweichlichen Fragen erkundigte er sich, woher es käme, daß Luise noch ledig sei. Herr Merz konnte nicht umhin zu erzählen, daß dieß, abgesehen von dem Kummer um den Verlust seiner Frau, die einzige Beschwerniß seines Lebens sei; er suche sich drein zu finden, für sein Kind auf das Glück eigner Häuslichkeit zu verzichten. Der Parteigenosse hatte einen Bruder seines jüngsten Schwiegersohnes, einen Officier, auf dem Dampfschiffe gefunden, er rief ihn herbei und stellte ihn Herrn Merz und Luisen vor. Luise empfand ein Bangen, daß man nun heute Abend und vielleicht noch länger mit einer zufälligen Begegnung verbringen müsse, der man danklos die so sehr ersehnte Einsamkeit opfert. Als man in eine Bucht des Sees einfuhr, sah man ein helles Haus mit einem neuangelegten Garten, das einladend erschien. Luise hörte, daß hier ein Landungsplatz sei, sie bat den Vater, daß man hier aussteige. Der Ort erschien so heiter, so lockend, – es galt kein Besinnen, – die Glocke läutete, – Luise nahm rasch ihr Handgepäck, sie bestimmte auch den Vater, daß er das seine erfasse, – das Landungsbrett wurde angelegt – Luise und ihr Vater stiegen aus, das Gepäck wurde nachgebracht. Vom Ufer aus rief der Vater und winkte Luise dem Parteigenossen und seinem jungen Freunde Lebewohl zu, die ihnen verwundert nachschauten, dann aber sich rasch umdrehten. »Ich danke Dir, Vater,« rief Luise aufathmend, »ich weiß nicht woher, aber ich meine, ich habe diesen Ort einmal geträumt, – ganz so wie er ist: so glänzte der See, – so sprang der Springbrunnen, – so wie mit einem Schuppenpanzer bekleidet war das Haus und so klang die Glocke, wie jetzt da drüben aus dem Dorfe. Ach, Vater, wie viel schöne, ruhige Plätze giebt es auf der Welt!« Die Wirthin war herbeigekommen und hieß die Fremden in französischer Sprache willkommen. Nach dem Hause deutend, sagte sie, daß die beiden Balconzimmer an der Ecke mit der schönsten Aussicht eben heute frei geworden seien. Caspar, das Factotum des Hauses, der mit Stolz die hohe Mütze trug, auf deren Rundung der Name der Pension gestickt war, nickte der Wirthin zu, sein Blick sagte: »Das sind vornehme Leute, ein Mann auf dem Schiffe, der drei Orden im Knopfloch trug, hat ihnen noch nachgewinkt.« Auch der Hund des Hauses schien es für Pflicht zu halten, die Fremden zu begrüßen; er sah Luisen augenzwinkernd an und setzte sich vor ihr nieder. Die Wirthin winkte ihm da wegzugehen, aber Luise sagte, sie sei eine Freundin der Thiere. Sie lockte den Hund, der munter an ihr empor sprang und dann wieder zu seiner Herrin lief, als wollte er sagen: Siehst Du? Die Fremden haben mich schnell gern; sie wissen bald, daß ich ein guter Kerl bin! Luise ging am Arme ihres Vaters nach dem Hause. Vor demselben spielten zwei Kinder auf einem Brette. Der Knabe in einer rothen Blouse mit kurzen Beinkleidern und nackten Waden, in feinen, bis an die Knöchel reichenden Strümpfen und naturellfarbenen, gelben Schuhen, stand am oberen Ende des Brettes und stemmte einen Stock in den Sand, als ruderte er einen Kahn; ein kleines Mädchen, in die künstlerisch geordnete hierländische Tracht gekleidet, saß am anderen Ende des Brettes auf einem Schemel und bat den Schiffer, er möge erlauben, daß sie einmal aus dem See trinke. Der Knabe gestattete es mit huldreicher Handbewegung, das Mädchen beugte sich tief hinab auf den Sand und that, als ob es Wasser trinke. Luise hielt ihren Vater an und sagte leise: »O! Wie herrlich!« Sie grüßte die Kinder in französischer Sprache, sie antworteten in der gleichen, der Knabe in einer Art herablassender Höflichkeit, das Mädchen sehr zierlich. Vater und Tochter gingen nach ihren Zimmern, sie fanden sie genehm. Luise überließ dem Vater alle Verhandlungen, er fragte, wer die Nachbarn seien, und erhielt zur Antwort, daß davon keinerlei Unruhe zu gefährden; denn es seien Maler, die den ganzen Tag draußen in den Bergen sich umhertrieben. Luise stand auf dem Balcon, sie preßte beide Hände auf die Brust. Jetzt breitete sie die Arme aus, als müßte sie fliegen. Als der Vater zu ihr kam, rief sie: »O Vater, ich meine, es strömt lauter Glückseligkeit auf mich herab. Ich habe gar nicht gewußt, daß es noch so viel Ruhe, solch eine thauige Luft zum Athmen in der Welt giebt.« »Ja,« ergänzte der Vater, »Du kannst hier viel Annehmlichkeiten finden, – es wohnen fünf französische Maler mit Frauen und Kindern hier im Hause.« 10. Ein jubelnd Begrüßter. Wenn man tagelang nur vom bewegten Wagen, vom Dampfschiff aus in die schnell vorbeifliegende Naturumgebung geschaut hat, dann ist ein ruhiger Ausblick vom festen Wohnsitze neue Labung. So saßen nun Vater und Tochter wohlig beisammen auf dem Balcon und schauten hinaus über den See und nach den Bergen. Kein Laut war vernehmbar als das Plätschern des Springbrunnens im Garten und dazwischen manchmal ein helles Jauchzen der Kinder, die sich am Uferweg entlang zu haschen suchten. Das Abendroth brach herein, Himmel und Erde erglühten in immer wechselnden Farbentönen und der See spiegelte sie wieder. Die Nacht kam, die Glocke im Dorfe läutete, die Kinder eilten nach dem Hause; der Knabe mit der rothen Blouse ließ es sich nicht entgehen, die Klingel im Gasthause zu läuten, die die gesammten Einwohner zur gemeinsamen Abendmahlzeit rief. Als Vater und Tochter in den Saal traten, wendeten sich die Blicke Aller kurz nach ihnen, aber schnell setzte sich das Gespräch wieder fort, das ausschließlich in französischer Sprache geführt wurde. Vater und Tochter saßen, der allgemeinen Regel gemäß, am untern Ende des Tisches. Der Präsident schien ein alter Soldat zu sein, er hatte einen weißen Schnurrbart und schneeweißes, kurzgehaltenes Haar. Er wendete sich rechts und links zu zwei Frauen, die neben ihm saßen; sein Blick schien zufrieden mit der Betrachtung der neu Angekommenen, denn er nickte den Nachbarinnen zu. Die Fremden fühlten, daß sie in eine in sich abgeschlossene Gesellschaft eingetreten waren und ruhig abwarten mußten, welche Beziehung sich ihnen ergab. Luisen gegenüber saß ein junger Mann, der mit Niemand sprach. War er ein Ausgeschlossener oder hielt er sich selbst zurück? Es ließ sich nicht entscheiden. Noch ehe vollständig abgespeist war, verließ der junge Mann, ohne Jemand zu grüßen, wie unwillig den Saal. Als man aufstand, begrüßte Luise die beiden Kinder, die ihr bei der Ankunft einen so freundlichen Anblick dargeboten hatten. In leichter Weise und guter Form näherte sich die Mutter der Kinder Luisen und fragte bald, ob Luise wohl auch Familie zu Hause zurückgelassen habe, da sie sich so sehr an den Kindern erfreue. Luisens Antlitz durchschoß eine Röthe, da sie verneinte. Die Gesellschaft ging nun in den Lese- und Musiksaal, auch Luise begab sich dahin. Einige Männer aber wanderten nach der Veranda und steckten sich Cigarren an; auch Herr Merz ging dorthin, er fand indeß keinerlei Ansprache und ging allein in den Garten, am Ufer entlang, bis sich der Präsident zu ihm gesellte, der sich bald als Officier aus der französischen Schweiz kund gab. Er war der älteste Stammgast des Hauses und lobte die glückliche Art, wie man hier lebe; man sei nur immer im Zwiespalt, ob man den braven Besitzern zu lieb den behaglichen Ort Anderen empfehlen solle, während doch zu fürchten sei, daß man durch Ueberfülle die hier herrschende Behaglichkeit zerstreue. Luise, die sich nicht lange im Unterhaltungssaale aufhielt, kam zu ihrem Vater, der seine Tochter dem Oberst vorstellte. Luise fragte, was mit dem Manne vorginge, der so verdrossen ihr gegenüber gesessen habe. Der Oberst erklärte, daß dies ein deutscher Arzt sei; er begleite einen bis zur Schwermuth gesteigerten Nervenkranken, der beständig auf seinem Zimmer bleibe. Der junge Mann sei natürlich von der Gesellschaft seines Patienten, der ihn keinen Augenblick von sich lassen wolle, etwas angegriffen; übrigens beruhe seine Verdrossenheit vornehmlich darauf, daß er nicht französisch spreche und sich nun in der Gesellschaft wie ausgestoßen vorkommen müsse. Die Wirthin hatte Luisen gesagt, daß nach elf Uhr der Vollmond über den Bergen heraufsteige; sie solle den wunderbaren Anblick nicht versäumen. Luise wollte den Mond-Aufgang abwarten, aber sie und der Vater waren so müde, daß sie sich zur Ruhe begaben und bald einschliefen. Plötzlich aber wurde Luise geweckt, der Vollmond strahlte so hell, daß sie die Augen aufschlug. Sie stieg aus dem Bette, sie stand am Fenster und schaute hinaus in die wundersame, wie traumhaft erleuchtete Landschaft und in den See, darin der Mond in breitem, glitzerndem Strahle sich wiederspiegelte. Da kam vom obern See herab ein Kahn geschwommen, er glitt in der silbernen Strömung dahin; in dem Kahn saß ein Mann, der jodelte hell in die mondbeglänzte Nacht hinein. Der Kahn kam immer näher, das Jodeln wurde immer deutlicher, immer lebendiger und gewaltiger; die Fenster im Hause öffneten sich, Männer- und Frauenstimmen riefen: »Monsieur Edgar!« Ein Jauchzen, das wie eine Rakete emporstieg, antwortete vom See herauf, und immer lustiger und übermüthiger jodelte der Mann im Kahne. Der Wirth und die Wirthin, der Allversorger Caspar eilten nach dem Ufer, riefen einander an: »Herr Edgar kommt!« und der Hund bellte. Der Kahn landete. Ein hochgewachsener Mann, mit einem spitzen Hut auf dem Kopfe, den er jetzt lüftete, begrüßte die Wirthsleute und die am Fenster Rufenden und stieg aus. Er erzählte laut, daß kein Dampfschiff mehr in der Nacht hierher ging, er aber habe nicht in der Nähe übernachten wollen und sich darum einen Kahn genommen und hierher gerudert. Luise hörte noch, wie die Wirthin sagte, sein Eckzimmer sei nicht mehr frei, eine junge Frau und ein alter Herr hätten es erst heut' genommen, sie würden aber wol nicht lange dableiben. Der Fremde ging ins Haus, das Gepäck war ihm nachgebracht worden. Wieder war Alles still, der Mond schien über die Berge, über den See; Alles war so in sich ruhig, aber Luise fühlte ihr Herz klopfen. Was ist denn das? Ja, wir erleben noch wundersame Begegnisse, wie sie uns in Märchen und Sagen berichtet werden. Ist das nicht ein solches Ereigniß, wie da ein Mann über den mondbeglänzten See daher geschwommen kommt und freudiges Willkommen begrüßt ihn? Wie wird aber dies Alles am Tage aussehen – mitten in der Prosa unserer Welt mit festen Pensionspreisen? Der Springbrunnen vor dem Hause plätscherte und quallte und es klang, als ob er auch den Ruf: »Monsieur Edgar! Monsieur Edgar!« gelernt hätte. So klang es immerfort, bis Luise einschlief. 11. Der neue Nachbar. Am Morgen wurde Luise erst von der Hausglocke geweckt, die zum gemeinsamen Frühstück rief. Der Vater stand vor ihr und sagte, er habe schon einen weiten Weg in der Umgebung gemacht und bereits, wie Luise gewünscht hatte, ein Telegramm nach Luzern aufgegeben, damit man ihm Briefe und Zeitungen hierher sende. Luise wußte nicht mehr, was sie gewünscht hatte, sie saß aufrecht und besann sich, ob sie in der vergangenen Nacht geträumt oder ein Wirkliches erlebt habe. Sie bat den Vater, im andern Zimmer zu warten, bis sie sich angekleidet habe, aber sofort fragte sie durch die angelegte Thür, ob der Vater nichts von einem Monsieur Edgar gehört habe, der heut Nacht angekommen sei. »Ja freilich,« erwiderte der Vater, »und Alles im Hause strahlt vor Freude, die Wirthsleute, die Gäste, die Kellnerinnen, und vor Allem Caspar, er hat dem Kuhhirten gesagt: Jetzt wird's erst recht lustig! Monsieur Edgar ist da! – Und ich hörte ihn mit dem Wirthe davon reden, daß man ihm heute wieder die Brücke bauen müsse.« Luise wollte dem Vater sagen, daß sie die Ankunft des Mannes mit angesehen, sie wollte ihn fragen, ob er den Freudenbringer auch schon gesehen, aber sie hielt sich zurück. Bald ging sie mit dem Vater in den Saal, wo an kleinen Tischen das Frühstück eingenommen wurde. Um einen runden Tisch saßen Männer und Frauen, Alle hatten Blick und Wort an einen Einzigen gerichtet, der den Knaben mit der rothen Blouse und das kleine Mädchen, das heut ein weißes Kleid trug, auf seinen Knien hielt. Es war ein hochgewachsener Mann, bräunlichen Antlitzes, mit dichtem, schwerem Haupthaar und kurz gehaltenem schwarzen Vollbart. Seine Stimme war wohltönend und der Ausdruck seiner Miene freundlich; jetzt setzte er eine auf dem Tische vor ihm liegende Brille auf und fragte leise die Mutter der beiden Kinder etwas. Offenbar hatte er nach Luisen und deren Vater gefragt, denn die Antwort wurde ihm ebenfalls leise gegeben und Aller Blicke richteten sich nach dem Vater und der Tochter, die indeß bald allein im Saale waren; denn die Gesellschaft ging nach dem Garten, wo der Neuangekommene – es war Monsieur Edgar – hüben und drüben die beiden Kinder an der Hand führte. »Wunderlicher Widerspruch!« sagte der Vater zu Luisen, »die Franzosen, die weit weniger Gefühl für Freiheit als für Gleichheit haben, sind eitle Ordensgecken; sie tragen auf Reisen ihre rothen Bändchen und sogar hier in der schweizerischen Republik, wo es keine Ordensbänder gibt.« – »Es mag Eitelkeit darin liegen,« entgegnete Luise, »aber es giebt ihnen doch auch eine Verpflichtung, sich als nicht gewöhnliche Menschen zu zeigen, und ein ungewöhnlicher Mensch scheint er.« »Wer?« »Der Herr Edgar. Als ich ihn in der vergangenen Nacht sah, hätte ich freilich nicht geglaubt, daß er am Tage einen Orden trägt im Angesicht dieser Gebirge, wo Alles das so kleinlich erscheint.« Sie erzählte dem Vater das Erlebniß der vergangenen Nacht und es lag ein schmerzlicher Ton darin, wie sie hinzufügte, daß im Lichte des Alltags kein ungewöhnliches Ereigniß bestehen bleibe. Die Wirthin, die herzugetreten war, sagte unaufgefordert den beiden Fremden, daß Monsieur Edgar der Beliebteste von Allen sei. Er sei von Rom aus schon mehrere Sommer hier gewesen und das letztemal fünf Monate; er habe ein prächtiges Bild hier aus der Gegend gemalt. Der Vater fragte, ob die Frau und die beiden Kinder ihm gehörten; die Wirthin verneinte und setzte hinzu, so lustig sei kein verheiratheter Mann, und er mache sich auch nichts aus den Frauenzimmern, aber die Kinder habe er gern, er sei ein wahrer Kindernarr. Luise fragte, ob man nicht die Punkte sehen könne, welche die hier angesiedelten Künstler jetzt malten. Die Wirthin zuckte die Achseln, die Maler hielten es wie die Vögel, die auf Umwegen zu ihrem Nest fliegen, um es nicht zu verrathen; sie sorgten ängstlich dafür, daß man sie in ihrer Arbeit nicht störe, wenn aber Jemand die versteckten Orte finde, wo sie arbeiteten, dann könnten sie es nicht hindern. Die Männer waren alle fortgegangen, auch der Wirth und Caspar waren nicht zu sehen. Die Mutter der beiden Kinder saß mit anderen Frauen an der Schattenseite des Hauses mit einer Handarbeit beschäftigt. Luise hätte sich gern ihnen zugesellt, aber da sie nicht aufgefordert wurde, ging sie vorüber. Es war still im Hause und im Garten; nur die beiden Kinder spielten am Ufer mit dem Hunde, der, seiner Pflicht bewußt, sich zur Unterhaltung der Gäste herzugeben schien. Jetzt kam der Nervenkranke mit seinem Begleiter des Wegs daher, Luise und der Vater grüßten, aber der Kranke machte eine abwehrende Bewegung, und so wandelten sie ohne weitere Anknüpfung vorüber. Luise ging nach ihrer Stube, sie wollte ihren Malkasten mitnehmen und sich einen guten Punkt suchen, aber eine eigene Scheu hielt sie zurück. Wie sollte sie in der Umgebung von Künstlern von Fach sich mit ihren dilettantischen Versuchen hervorwagen? Sie ging mit ihrem Vater nach dem Dorfe, sie bestiegen eine kleine Anhöhe, die als besonderer Aussichtspunkt gerühmt war. Der Vater hatte das Glück, hier einen Mann zu finden, der seine Sommerfrische im Dorfe hielt und einen Pack der neuesten Zeitungen vor sich liegen hatte. Es ergab sich leichte Anknüpfung, und der Mann erbot sich, dem Fremden täglich die ihm zukommenden Zeitungen zu überlassen. Er war ein ehemals hoch angesehenes Mitglied des schweizerischen Bundesrathes, und bald war Herr Merz mit ihm im eifrigsten politischen Gespräch, so daß er und seine Tochter eingeladen wurden, in das kleine Bauernhaus zu kommen, das der alte Herr sich behaglich eingerichtet hatte und, nachdem alle seine Kinder verheirathet waren, nun mit seiner Frau allein bewohnte. Es war ein erquicklicher Einblick in ein stilles, abgeschlossenes Leben. Als man am Mittag das Haus verließ, sagte Herr Merz: »Man vergißt ganz, mit wie Wenigem man glücklich sein kann.« »Lieber Vater, das ist nicht wenig, was die Leute haben; sie haben unbeschränkte Ruhe und ein sorgloses Auskommen, das ist nicht wenig.« »Ja, ja,« ergänzte der Vater, »wenn Deine Mutter noch lebte und wenn Du Dich verheirathet hättest, ich glaube, die Mutter und ich, wir hätten uns auch ein solches Häuschen auf diesem schönen Fleck Erde gewählt, aber wenn – wenn – das soll man eigentlich nicht sagen.« Als die Beiden in den Gasthof zurückkamen, wollte sich die Gesellschaft eben zu Tisch setzen; lärmendes Durcheinanderreden wurde laut, weil Monsieur Edgar keine Ausnahme gestatten und nicht von der alten Ordnung abgehen wollte. Er widersprach dem allgemeinen Wunsche, sich oben an den Tisch in die Mitte seiner Freunde zu setzen; nur der Präsident gab ihm Recht, und so setzte er sich als der letzte der Gäste und saß Luisen gerade gegenüber neben dem Arzte, der ihn immer grimmig ansah. Es wurde kein Wort hier am Tische gesprochen und nach aufgehobener Tafel waren die Künstler bald alle wieder verschwunden. Am Mittag gesellte sich Luise zu den zurückgebliebenen Frauen, während der Vater mit dem Bundesrath eine in der Nähe liegende Seidenfabrik besuchte. Als am Abend die Maler zurückkehrten, wurde Luise Allen vorgestellt und auch Herrn Edgar. Nach der Abendtafel versammelte man sich wieder im Musiksaale, die Mutter der beiden Kinder sang anmuthige französische Lieder; ihre Schwester, ein schlankes junges Mädchen mit blonden Locken, ließ sich erbitten und spielte die Geige, sie selbst übernahm die Clavierbegleitung. Der Anblick des Mädchens und der eigenthümlich schönen Bewegungen beim Geigenspiel war anmuthig. Das Auge Edgars haftete unverrückt auf ihr. Luise saß neben ihrem Vater und sagte leise: »Findest Du nicht auch, daß die Geigenspielerin Marien ähnlich sieht?« Der Vater nickte. Nun setzte sich Herr Edgar auf den leeren Platz neben Luise und forderte sie auf, auch zu singen oder Clavier zu spielen. Sie betheuerte, daß sie kein musikalisches Talent habe, und im Tone ihrer Worte lag eine Wahrhaftigkeit, daß Herr Edgar sagte, er glaube ihr vollkommen, er sei überzeugt, daß sie nicht aus Ziererei eine unwahre Bescheidenheit kundgebe. Luise dankte, aber es traf sie doch seltsam, daß der Mann, der noch so wenig mit ihr gesprochen, so auf den Grund ihrer Seele sah. Sie wollte fragen, woher er diese gute Meinung von ihr habe, aber sie unterdrückte es, vielleicht auch – suchte sie sich einzureden – ist dies eine neue Art französischer Höflichkeit. Als nun Herr Edgar bemerkte, er hätte ihrer Sprechstimme nach geglaubt, daß sie singen könne, erwiderte sie, früher habe sie allerdings etwas Singstimme gehabt, aber so gering, daß sie die weitere Uebung aufgegeben habe. Herr Edgar fuhr in gewandter Redeweise fort zu erklären, wie doch die Musik allein die einigende Kunst sei. Menschen aus verschiedenen Nationen und Gesellschaftskreisen fänden im Reich der Töne, das über alle Nationalsprachen hinausrage und etwas Kosmisches habe, eine Einigung. Scherzhaft setzte er hinzu: »Wenn die Werkleute beim babylonischen Thurmbau hätten singen können, es wäre wol nie die Sprachverwirrung eingetreten.« Die Art, wie er sprach, hatte etwas einfach Bewegendes und in Scherz und Ernst etwas so Bestimmtes und Sicheres, daß sich nicht nur gesellschaftliche Gewandtheit, sondern auch vielfältiges, einsames Denken daraus erkennen ließ. Luise, die sich daran gewöhnt hatte, von einzelnen Aussprüchen aus den Hintergrund der Seele, die Gesammtheit des Denkens und Empfindens aufzubauen, sah den Sprecher freudigen Blickes an; dieser aber erhob sich bald wieder, setzte sich zur Geigenspielerin und ging dann mit seinen Freunden in den Garten. Luise folgte bald mit den Frauen. Scherz und Lachen herrschte in der linden Mondnacht am Ufer entlang, und die klatschenden Strandwellen tönten darein. Luise fühlte sich in der Gesellschaft heimisch, und wieder, als sie mit dem Vater allein war, pries sie das Glück, daß sie hierher gekommen seien. Am andern Morgen kam der Bundesrath mit seinem Kahne vor dem Hause angefahren, er schickte den Fährmann zu Herrn Merz, daß er mit ihm komme, um weit in den See hinauszufahren und dort zu fischen. Auch der Pfarrer des Dorfes, ein lustiger Kamerad, der sich auf seine Angelkunst viel zu Gute that, war mit von der Gesellschaft. Luise wagte ihr kleines Skizzenbuch, unter der Mantille verborgen, mitzunehmen, sie ging hinaus, die Uferstraße entlang, dann einen Berg hinan, sie fand einen guten Punkt mit weiter Aussicht, und als sie sich versichert hatte, daß Niemand sie sehe, begann sie zu zeichnen. Am Mittag kam sie von der Arbeit gestärkt fröhlich zurück, und es herrschte viel Heiterkeit; denn die drei Männer hatten einen großen Fischzug gethan und die Beute wurde am Mittag verspeist. Der Himmel bewölkte sich, aber die Maler ließen sich nicht abhalten, zu ihrer Arbeit zu gehen. Caspar, der neben seinen anderen Berufsarten sich die eines untrüglichen Wetterpropheten angeeignet hatte, prophezeite ein schweres Gewitter zum Abend, und kaum saß man bei Tische, als es zu donnern und zu blitzen begann. Nur die Frauen gingen nach dem Musiksaal, aber sie wagten nicht, eine Saite tönen zu lassen, jetzt, wo es draußen so stürmte. Die Künstler waren hinausgegangen, um die Blitzesbeleuchtungen zu sehen; sie kamen erst zurück, als ein ergiebiger Regen hernieder rauschte. 12. Ein Jodelruf und ein Schmerzensschrei. Ein heller Morgen brach an, Baum und Gras glitzerte und die Linien der Berge setzten sich scharf ab von dem blauen wolkenlosen Himmel. Luise wagte es, ihren Malkasten herauszunehmen, ein Knabe trug ihr denselben nach, und den Bergstock in der Hand, stieg sie nicht weit von dem Gasthause einen Vorhügel hinan. An der Seite hörte man den Bach rauschen, der durch das Gewitter viel lebendiger war als bisher. Sie suchte das Bett des Baches höher oben, und je weiter sie schritt, um so muthiger wurde es ihr im Herzen; sie wendete sich oft um und schaute hinaus über den See und war voll Glückseligkeit. Jetzt stand sie auf einem vorspringenden Felsen, wo man den Bach drunten rauschen sah. Sie hielt an, stemmte den Stock in den moosbewachsenen Grund, legte die linke Hand an die Wange und jodelte lustig in die Welt hinaus. Horch! Unten aus der Schlucht tönt eine Jodel-Antwort zurück. War das nicht die Stimme des Herrn Edgar, wie er in der Mondnacht auf dem See gejodelt hatte? Abermals ließ Luise einen jauchzenden Ton in die Luft schallen, und abermals erhielt sie gleiche Antwort aus der Schlucht drunten. Dann aber rief eine Stimme: »Komm hierher zu mir, Du lustiger Bub'! Wo bist Du?« Wie? Ist dies auch Herr Edgar? Spricht er deutsch? Luise ging vorwärts; sie stand am Felsenrande, wo es jäh hinabging, da rief Herr Edgar von unten, aber jetzt in französischer Sprache, sie möge einhalten, sie stehe auf einem gefährlichen Punkte, wo sie herabstürzen könne. Sie grub die Spitze des Stockes in einen Felsenspalt, beugte sich weiter vor, und jetzt sah sie über dem Bach drunten, wo eine leichte Bretterbrücke gebaut war, Herrn Edgar in einen Plaid gehüllt, mit großen Holzschuhen an den Füßen und vor ihm die Staffelei. »Gehen Sie zurück,« rief er in ängstlichem Tone, »links zwischen den beiden Tannen durch! Wollen Sie zu mir kommen? Ich will Sie holen! Haben Sie nur Geduld, bis ich mich etwas enthülst habe. Sind Sie denn ganz allein?« »Nein, ich bin auch da,« rief der kleine Führer; er war schnell bei Luise und geleitete sie hinab. Sie mußte rechts und links sich mit den Händen an Gesträuch und Bäumen halten um nicht auszugleiten, und endlich stand sie an der Brücke. Aber noch konnte sie nicht hinüber, denn hier war ein Arm des Baches, durch den sie hätte waten müssen. Herr Edgar bat um Entschuldigung, daß er nicht schnell entgegengekommen sei, aber sein Costüm habe ihn gehindert. Er zeigte auf eine Leiter, die am Ufer lag; der Knabe legte sie schnell über die Strömung des Baches nach dem Felsen, worauf die leichte Brücke ruhte; er bat Luise, rückwärts hinab zu steigen, – sie that es und stand jetzt auf der schwankenden Bretterbrücke. »Gehen Sie nicht weiter, denn die Brücke trägt nicht zwei Menschen,« rief Herr Edgar und fügte in scherzendem Tone hinzu: »Die Brücke, die ich mir über den wilden Strom des Lebens gebaut, trägt nur mich allein!« Luise konnte kein Wort erwidern. Der Maler sagte, daß er sein Waldheiligthum eigentlich vor jedem Andern verborgen halte, aber da sie es gefunden, solle sie es nun auch ruhig betrachten. In lustigem Tone fügte er hinzu, sie möge seinen Ueberrock annehmen, denn es sei hier sehr kühl, er möchte diesen Ort eigentlich die Rhenmatismus-Grotte taufen, denn er habe viel anwenden müssen, um einen Rheumatismus los zu werden, den er sich im vergangenen Jahre hier geholt. Er vermummte sich auch schnell wieder, und nun fragte er: »Also Sie sind auch eine Deutsche, und Sie waren es, die so gejodelt hat? Wunderlich! Also auch Sie können jodeln und nicht singen. Ich hatte Sie für einen Knaben hier aus den Bergen gehalten.« Er trat scharf auf die Bretterbrücke auf, sie schwankte: aber jetzt fügte er hinzu: »Ich glaube, die Brücke trägt Sie und mich. Kommen Sie herab!« Der Maler reichte Luisen die Hand, sie stand neben ihm, und bald betrachtete sie das Bild auf der Staffelei, bald den Felsen, den Sturzbach und die Umgebung. Was war anziehender, die Wirklichkeit oder deren Wiedergabe durch die Kunst? Der Bach stürzte über einen Felsen, wurde aber sofort in zwei Strömungen zertheilt von einem Trümmerstück, auf dem sich eine junge Tanne mühsam hielt. Rechts war eine kleine Schlucht, in der sich das Laub vieler Jahre gesammelt hatte, welches nun in wunderbaren Farben glänzte. Hoch oben durch das Tannengezweig schaute ein kleiner Fleck blauen Himmels hinein. »Und Sie sagen nichts?« fragte der Maler, als Luise noch immer stumm dreinschaute. »Ich möchte am liebsten schweigen. Ich kann nur sagen: das thut wohl; man sieht dem Bilde an, wie wohl es Ihnen bei der Arbeit ist, Licht und Luft und Farben sprechen das in die Seele.« »Danke. Ich freue mich, daß Sie nicht, wie so manche, namentlich deutsche Dame von besserer Bildung, sofort eine parlamentarische Debatte über ein Kunstwerk eröffnen. Zuerst wird eine Interpellation an den Künstler als verantwortlichen Minister der Natur gestellt: Wie meinen Sie das? Woher haben Sie das? Vor Allem aber, wie decken Sie Ihr Deficit, das die Kunst gegenüber dem Leben doch nie begleichen kann?« Luise erbebte. Warum wählt der Künstler gerade diese Vergleiche von der ehemaligen Tochter des Parlaments? Herr Edgar aber fuhr heiter fort: »Ach Fräulein, nichts Aergeres, als ein Kunstwerk abdebattiren. Wenn man das, was solch ein Bild sagen will, in Worten sagen könnte, wäre das Malen höchst überflüssig.« Luise erbebte aufs Neue. Der Künstler sagte ihr das, was sie in Italien in sich erlebt und sich abgerungen hatte. »Ich glaube jetzt zu sehen,« sagte sie, »was die Kunst kann und soll. Die weite Bergeskette erquickt das Auge des Naturfreundes, aber –« »Nun, aber? –« »Ach, verzeihen Sie, daß ich mich jetzt doch in Worten ergehe und es mir zu erklären suche.« »Nein, Sie sind auf dem vollkommen richtigen Wege. Sie zeichnen auch?« »Ja, ich malte sogar, aber von jetzt an nicht mehr!« »Ja, so ist's!« nahm Edgar auf. »Die Kunst bedarf nicht der überwältigenden Massenhaftigkeit der Berge und der weiten Aussicht. Ein paar Bäume, eine Erhöhung und der Himmel darüber, das genügt.« Luise setzte das Gespräch nicht fort; sie bat nur Herr Edgar, sich in seiner Arbeit nicht unterbrechen zu lassen, sondern fortzufahren. Es sei ihr von größtem Interesse, so hineinzuschauen in das Entstehen eines Kunstwerkes. Sofort willfahrte Herr Edgar und malte weiter an dem falben Laube, indem er dabei erzählte, daß er diesem Stück Welt sein Lebensglück verdanke; er bat Luise, sich etwas nach der Seite zu biegen; dort an einer nicht leicht zu entdeckenden Stelle hatte er den Orden der Ehrenlegion mit grellen Farben angemalt, und nun erzählte er, daß er dieses Bild zum zweitenmale ausführe, er habe dem Steine da den Namen »Der Fels der Ehrenlegion« gegeben; denn dem Bilde, das er im vorigen Jahre vollendet, verdanke er seinen Ruf und die äußerliche Auszeichnung, die, wie es nun einmal in der Welt sei, ihre Bedeutung habe. Es war ein eigenthümlich zutraulicher Ton, in dem er sprach; er sah Luise nicht an, er sah nur immer nach dem Felsen und dann wieder auf die Staffelei. Jetzt wendete er sich und fragte, aus welcher Gegend Deutschlands Luise sei. Sie nannte ihre Heimath, und der Künstler sagte, daß er dort auch manche gute Studie gemacht und noch manches Bild dort auszuführen hoffe. Jetzt malte er weiter und fragte, ob Luise die Garnisonstadt kenne. Sie bejahte. »Kennen Sie vielleicht auch die hinterlassene Tochter eines ehemaligen Majors, Marie von Korneck?« »O gewiß! Das ist meine Jugendfreundin. Sie war vor Kurzem auf unserm Gute mit ihrem Bräutigam.« Die Brücke krachte, der Maler stürzte, Luise schrie auf, aber schnell hob sie das Bild von der Staffelei hoch in der Hand empor; da glitt auch sie aus, aber sie hielt das Bild hoch. Triefend erhob sich der Maler wieder, er sah Luise, die krampfhaft das Bild hoch hielt. »Nehmen Sie mir es ab, ich kann nicht mehr,« rief sie. Er nahm ihr rasch das Bild aus der Hand und hing es glücklich an einen aus dem Wasser hervorragenden Brückenstamm; er umfaßte Luise und trug sie mehr, als er sie führte, nach dem Ufer. »Haben Sie sich Schaden gethan?« fragte er. »Ich glaube, es ist ohne Bedeutung, ich kann nur nicht auf den linken Fuß auftreten.« Der Knabe war schnell bei der Hand, er eilte hinab nach dem Gasthause, der Vater Luisens kam und mit ihm zwei Träger mit einem Tragsessel. Luise wurde hinabgetragen, neben ihr ging Herr Edgar, er hatte das Bild in der Hand. 13. Liebe mit Manschetten. Der Unfall Luisens brachte das ganze Haus in neue Bewegung. Zunächst war man froh, einen Arzt unter sich zu haben, und der junge Mann, der bisher so verdrossen und schweigsam auch von allen Anderen übersehen war, wurde nun in den Mittelpunkt des Interesses versetzt. Er untersuchte den Fuß und fand eine starke Anschwellung des Knöchels. Caspar, der Allesversorger, hatte auch für solche Fälle Hülfe bereit. Er kam mit einem Topf Salbe, die er noch aus seinem Dienst im päpstlichen Heere als überaus heilsam für solche Fälle pries. Er war nicht wenig stolz, als der Arzt vorläufig diese Salbe annahm. Als Luise verbunden war, bat sie, daß man sie allein lasse. Sie grübelte über die Erschütterung, welche die Erwähnung von Mariens Verlobung bei Herrn Edgar hervorgebracht: sie konnte die Lösung nicht finden. Dann suchte sie sich hineinzudenken, was die Mitbewohner jetzt über das Begegniß sprechen möchten. Aber auch dies gelang ihr nicht, und ein beglückender Schlaf befreite sie von allem Sinnen und Grübeln. Als sie erwachte, war es noch heller Tag, und sie sah zu ihrer Freude das Bild auf einer Staffelei vor sich aufgestellt. Sie ließ den Vater und Herr Edgar rufen und in ruhigem Tone berichtete sie, daß sie natürlich keine Ahnung davon gehabt, in welchem Verhältniß Herr Edgar zu Marie von Korneck gestanden habe. Jetzt zum erstenmale hörte Luise ausdrücklich, daß der Rittmeister nur zum Schein als Bräutigam auf dem Gute zum Besuch war, damit sie ihn um so unbefangener kennen lerne. Sie bedeckte sich das Gesicht mit einem Taschentuche; der Maler aber rief: »Das ist einer ihrer tollen Streiche, aber er ist doch zu frei. Das darf kein Mädchen und am wenigsten ein Mädchen, das durch ein persönliches Gelöbniß mit einem Andern verbunden ist.« Luise gewann Fassung und Ruhe genug, Marien zu vertheidigen, und sie konnte nicht umhin, auch des Ausspruches der Großmutter zu erwähnen, daß Marie Neigung und Beruf zum Theaterspielen habe. Der Maler sah Luisen ernst an und bat, daß er erzählen dürfe, wie er mit Marie bekannt geworden und welcher Art ihre Verbindung sei. Luise richtete sich auf und athmete tief. Der Vater legte ihr die Hand auf die Stirn und ersuchte den Maler, die Erzählung auf den andern Tag zu verschieben. Luise wagte nicht zu widersprechen, der Maler zog sich zurück und Luise saß allein beim Vater. Sie forschte nochmals nach, ob es in der That ganz so sei, daß der Rittmeister nur als Scheinbräutigam auf dem Gute erschienen war. Herr Merz mußte es wiederholt bestätigen. Der Abend brach herein, Luise fieberte, der Arzt gab ihr ein beruhigendes Mittel. Vor dem Hause hörte man keinen Laut, und Conrad verstopfte auch den Springbrunnen, damit man sein geschwätziges Plätschern nicht höre. Am Morgen erwachte Luise neubelebt. Herr Edgar ließ fragen, ob er sie besuchen dürfe. Luise bejahte, er kam, und vor Vater und Tochter begann er zu erzählen: »Wie Sie, Herr Merz, mir gestern Abend berichteten, haben Sie mit lebhafter Theilnahme sich den allgemeinen Angelegenheiten des Vaterlandes gewidmet, und ich kann Ihnen nur beistimmen, daß die Art, wie die ganze jugendliche Männerwelt heute in Waffen steht, etwas Barbarisches hat. Gewiß! diese Verschwendung von Lebenskraft und Besitz ist ein tiefer Widerspruch mit dem humanen Charakter unserer Zeit; aber vielleicht haben auch Sie weniger ins Auge gefaßt, wie viele aufgeputzte vornehme Scheinexistenzen ohne gesunde feste Widerlehne sich aus diesen Verhältnissen gestalten. Ich weiß das. Ich bin ein Soldatenkind, ein früh vaterlos gewordenes. Von meinem siebenten Jahre an trug ich die Uniform. Meine Mutter lebte kümmerlich und sie entschloß sich sogar in Dienst zu treten. Sie war vierzehn Jahre lang Wirthschafterin auf einem Landgute, nicht weit von Ihrer Heimath. Ich machte ihr vielen Kummer; denn statt, wie es sich gehörte, zum Officier befördert zu werden, verließ ich mit dem Scheine großer Undankbarkeit den Soldatenstand und folgte meiner Neigung zur Kunst. Sie mögen sich den Kummer meiner guten Mutter denken, und in ihre Klagen, daß ich ein Vagabund werde, mischte sich oft und oft der seltsame Ausdruck ihres Schmerzes, daß ich nie wie der Vater einen Orden auf der Brust tragen werde. Sie sehen, daß es nicht Eitelkeit ist, sondern eine Befriedigung des seltsamen Mutterwunsches, daß ich den Orden trage. Doch, entschuldigen Sie, ich erzähle verwirrt. – Ich habe vielerlei Lebensnoth durchgemacht; aber das ist ein Glück unserer Natur, daß wir Schmerz und Noth in nachfolgender Zeit vergessen. Mir ist jetzt, als hätte das ein Anderer erlebt, nicht ich selbst. Es sind jetzt vier Jahre her, da ward mir ein großes Glück zu Theil. Ein deutscher Kaufmann, der sich in Schottland bedeutendes Vermögen erworben hatte und sich nun ein schönes Landhaus in der Nähe von Biberich erbaute, wollte den großen Gesellschaftssaal mit Bildern aus Schottland schmücken. Er hatte bei einem Kunsthändler ein von mir zum Kaufe ausgestelltes Landschaftsbild gesehen, und nun erhielt ich den überraschenden Auftrag, den Gesellschaftssaal zu schmücken. Ich empfing Reisegeld, um mich einen ganzen Sommer in Schottland umherzutreiben. Ich kam zurück und nahm mit frischer Lust meine Arbeit auf. Eine ältere Schwester der Frau des reichen Kaufherrn, eine Dame des edelsten und durchgeklärtesten Wesens, nahm mich in ihren besonderen Schutz, und ich kann sagen, nächst meiner Mutter hat mir nie im Leben irgend ein Mensch das Herz so tief erquickt, wie Frau Amalie. Was kann es Schöneres geben? Ich hatte wohlwollende, mich freundlich hegende und fördernde Menschen; ich konnte meine Mutter bestimmen, daß sie ihren Dienst aufgab und zu einer Schwester zog, die an den Förster in N. verheirathet ist, und dazu hatte ich große Wandflächen und das beste Licht, um meine Bilder zu malen. In mir sang und jubelte es beständig. Da siedelte sich im Hochsommer eine Freundin meiner Gönnerin in Biberich an, und bei ihr war Fräulein Marie von Korneck. Sie kamen öfter zu uns ins Haus; die alte Dame hatte keinen Sinn für Malerei und war stolz und ehrlich genug, ihn nicht zu heucheln. Marie dagegen verfolgte meine Arbeiten mit großer Theilnahme. So saß ich einst, es war in der Dämmerung, im Garten und träumte so hinein in die Zukunft und in die weite schöne Landschaft. Da hörte ich, wie meine Gönnerin, die mit ihrer Schwester lustwandelte, sagte: ›Ja, wenn ich mir eine Frau für Edgar wünschen könnte – es wäre Marie Korneck.‹ Mich erschütterte es. Auch ich hatte tiefes Wohlgefallen an dem allezeit frischen Naturell Mariens gefunden, aber sie zu erringen, sie mein zu nennen, war mir nie in den Sinn gekommen. Ich gestehe ganz offen, ich habe eine tiefe Furcht vor der Armuth; ich habe sie kennen gelernt in ihren bittersten Folgen. Oft in stillen Stunden, wenn ich an die Zukunft dachte, sagte ich mir: du darfst dir nie eine Häuslichkeit gründen, die auf einen fraglichen Erwerb gestellt ist. Ich wies jede Anmuthung zurück, und so war ich dreißig Jahre alt geworden, und immer mehr befestigte sich in mir der Vorsatz, auf Familienglück zu verzichten, wenn ich es nicht auf eine gesicherte Existenz bauen könnte. Man mag dieses philisterhaft finden – zaghaft – muthlos . . .« Herr Merz schüttelte den Kopf verneinend und Edgar fuhr fort: »Ich machte mir selbst oft Vorwürfe wie diese und mit noch strengeren Ausdrücken; aber meine Entsagung auf Liebesglück und Familienglück stellte sich auf die vielbedachte Erwägung: ich war aus der gewöhnlichen bürgerlichen Ordnung, aus dem Streben nach bloßer Versorgung ausgetreten, – ich war meiner Neigung gefolgt in meinem Berufe und war dafür entschlossen, jede andere Neigung nach häuslicher Seßhaftigkeit zu unterdrücken. Ich sagte mir, daß ich das Opfer schuldig sei, und ich sah so viele meiner Berufsgenossen verkommen, weil sie nicht mehr den Eingebungen ihres Genius folgen durften, sondern für Frau und Kind gut verkäufliche Arbeiten ausführen mußten. Ich hatte einen Freund, der auf jedem Bilde, mochte es passen oder nicht, zwei Mädchen anbrachte, ein blondes und ein braunes; das eine wo möglich in Sammet, das andere in der Regel in Seide – das sind Bilder, die sich gut verkaufen, aber sie verunstalten die reine Kunst. So war ich also entschlossen, für mich allein und, so weit es möglich war, für meine Mutter mein Leben frei in meiner Kunst zu erhalten. Eine Familie mit mir in diese Fraglichkeit hineinzuziehen, dazu hielt ich mich nicht für berechtigt. Jetzt wurde das auf einmal anders, es sprach etwas in mir, daß ich nicht entsagen dürfe. Ich verspottete meine Furcht vor Armuth und sagte mir, es sei Feigheit, man müsse eine Lebensstellung erobern und in bescheidenen Verhältnissen glücklich sein können. Ich näherte mich Marie nun immer mehr, und ihr Frohsinn und ihre Frische belebten mich auf's Neue. Oft wollte mich wieder die Furcht beschleichen, daß ich es wage, ein anderes Leben an das meinige zu knüpfen, das doch selbst noch so fraglich war; aber wenn ich Marie sah, wenn ich ihre Stimme hörte, waren alle Bedenken verflogen. Wir waren Beide Soldatenkinder, wir hatten Beide jene Bitterkeit der Scheinexistenz kennen gelernt, von der ich Ihnen früher sprach – ich konnte mich noch glücklich nennen im Vergleich zu Marie; denn sie mußte dienen, ihren Jugendmuth den Launen einer zwar nicht unedlen, aber pedantischen und kleinlichen Frau unterordnen, und ich bewundere ihre Spannkraft, mit der sie doch ihr freies Naturell bewahrte. Aber bei alledem – ich mache mich nicht besser, als ich bin – ich hatte den Muth nicht, ihr meine Liebe einzugestehen, und sagte mir oft: hätte Frau Amalie das Wort nicht hingeworfen, du hättest dir nie ein ernstliches Hinwenden zu Marie gestattet. So kam der Herbst heran, es war und blieb eine unausgesprochene, halbunterdrückte Beziehung zwischen Marie und mir. Der Tag der Abreise kam, ich begleitete Frau Amalie nach Biberich, um den Freundinnen noch einmal Lebewohl zu sagen. Die Koffer waren gepackt; Marie sah sehr erregt aus; wir standen an einem Fenster und schauten hinaus über den Strom; da sagte ich: ›Es ist gut, daß Sie reisen, so weh es mir auch thut.‹ – Sie sah mich groß an und erwiderte nichts. Mir ward klar, daß ich den Widerspruch, der in mir lebte, unwillkürlich kundgegeben, und ich sagte nur: ›Geben Sie mir Ihre Hand und lassen Sie mich hier Lebewohl sagen; ich möchte nicht drunten beim Dampfschiffe an der Landungsbrücke . . . und so lassen Sie mich Ihnen sagen: Freuen wir uns dessen und betrachten wir es als ein Lebensgeschenk, daß wir einander begegnet und unvergeßliche Erinnerungsbilder in der Seele bewahren. Wenn Einem von uns ein Lebensglück beschieden, dann wissen wir, daß das Andere sich in der Ferne dessen erquickt. Ich habe lange darüber gesonnen, ob ich Ihnen nicht ein äußerliches Andenken geben soll; ich finde nichts, und es ist auch besser, Sie haben nichts als einfach die Erinnerung einer Begegnung auf der Lebensreise, und ich wünsche Ihnen von Herzen glückliche Fahrt.‹ –« Edgar hielt inne. Nach einer längeren Pause fuhr er fort: »Entschuldigen Sie, daß ich das Alles so ausführlich wiederhole; ich weiß nicht, wie es kam, ich werde mich fortan kürzer fassen. ›Das Dampfschiff kommt!‹ wurde plötzlich gerufen. Koffer und Kasten wurden nach der Landungsbrücke gebracht; ich blieb dabei, nicht, wie meine Gönnerin that, die Freundin noch eine Strecke Wegs zu begleiten; ich sagte der älteren Dame und Marien Lebewohl; wir sprachen kein Wort mehr; ich sah Thränen in ihrem Auge, ich sah sie zittern durch die Thränen in den meinen. Die Koffer wurden hinabgebracht, Alles war leer. Ich ging, den Schmerz verbeißend, in den wie ausgeraubten Zimmern umher und sagte mir: Es ist gut, daß es vorbei ist. Du hast kein Recht, ein anderes Schicksal an das deine zu binden. Da sah ich auf dem Nähtischchen Mariens ein Paar gestickte Manschetten liegen – sie waren vergessen worden. – Ich kann nicht sagen, wie es kam – ich nahm die Manschetten in die Hand, ich eilte die Treppe hinab, ich kam noch glücklich bei der Landungsbrücke an, wo das Schiff eben abstoßen wollte. Ich wollte Marien die Manschetten hinüberreichen, aber der Capitain, der glaubte, daß ich noch mitfahren wollte, faßte mich an der Hand, riß mich auf das Schiff, und fort ging's. Die alte Frau sah mich verwundert an, aber Frau Amalie reichte mir die Hand und ich sah, wie Marie zitterte. Wir fuhren eine Weile still dahin. ›Wir haben nur wenige Minuten,‹ sagte ich endlich, ›denn in Walluf müssen wir aussteigen.‹ ›Es ist lieb von Ihnen, daß Sie noch gekommen sind,‹ sagte Marie. In ihrem Tone lag etwas so Bewältigendes, daß alle Bedenken verschwanden und jeder Blutstropfen in mir aufwallte. ›Marie,‹ sagte ich ihr, ›nur wenige Minuten. Nun höre, was ich Dir sage. Ich habe kein Recht, Dein Schicksal an das meine zu binden, und so halte fest; ich will Dein Lebensglück nicht hindern, das Du finden magst. Nur drei Jahre schenke mir, das heißt, ich lasse Dich frei, wenn ich Dir in drei Jahren nicht schreibe. Ich will suchen eine gesicherte Existenz für uns zu finden. Gelingt mir das nicht, so bist Du frei. Ich bitte Dich, binde Dein Leben nicht unauflöslich an mich. Willst Du mir das versprechen?‹ – Sie bejahte. – Ich kann nicht mehr Alles erzählen – ich habe vergessen zu sagen, daß wir uns unsere Liebe gestanden hatten. Die Glocke läutete, vor den Augen meiner Gönnerin und der alten Dame küßten wir uns zum erstenmale.« Wieder machte Edgar eine Pause. Er wagte nicht Luisen anzuschauen, er senkte den Blick zur Erde und doch hätte er gern gewußt, wie Luise ihn jetzt betrachtete. Endlich fuhr er fort: »Ich war ein seltsamer Mensch voll Widersprüche, bald betrachtete ich mich als verlobt, bald als vollkommen frei. Es ist ja auch nichts geschehen, nichts Bindendes. Meine Arbeit im Hause des Kaufherrn war zu Ende. Ich hatte so viel erworben, um meine Mutter für Jahre sorglos zu stellen, und jetzt wanderte ich frisch und frei in die Welt hinaus. Ich war in Italien und wunderbarer Weise zur selben Zeit, wo auch Marie da war; ich hörte aber erst davon, als sie wieder nach Deutschland zurückgekehrt war. Ich kam hierher. Ich malte das Bild, bei dessen Wiederholung wir uns gefunden haben. Ich habe in Paris die Auszeichnung erhalten – ich darf sagen, daß mir die äußere nur meiner Mutter zu lieb von Werth war, und in der That war ihr Brief auf meine Anzeige der Ordensverleihung hin ein überaus glücklicher. Ich habe einen guten Namen und Bestellungen auf viele Jahre hinaus. Jetzt war die Zeit da, wo ich Marien ein auskömmliches Leben bieten konnte. Ich schrieb ihr. Ich bin noch einmal hierher gereist, um auf Bestellung das Bild noch einmal in kleinerem Maßstabe zu wiederholen; – ich erwarte Nachricht von Marie, ja vielleicht sie selbst.« Edgar hielt inne. »Was nun ist, was geworden ist,« schloß er, »das wissen Sie.« Geraume Zeit saßen die Drei stumm neben einander, endlich sagte Luise: »Ich danke Ihnen, Herr Edgar.« Edgar stand auf und ging davon; der Vater blieb noch bei seiner Tochter, aber bald kam er Edgar nach und wußte nichts weiter zu sagen als: »Ich bitte, wollen Sie nicht eine Cigarre mit mir rauchen?« Rauchend und schweigend saßen die beiden Männer beisammen, bis der Vater wieder zu Luisen ging. 14. Auf dem wogenden See und im Hause. Tage vergingen, Luise konnte wieder ins Freie gebracht werden, sie lag auf einem Ruhebett im Garten. Die Kinder spielten um sie her, die Frauen saßen bei ihr, auch der Arzt, der nun wie erlöst erschien, da auch Edgar ein Deutscher war und sich ihm freundlich anschloß, wie der Vater Luisens. Er erwies sich als gediegener und hochgebildeter Mann. Ja, selbst der Schwermüthige, in dessen Begleitung er war, verließ sein einsames Zimmer und kam zu Luisen. Er war der Erste, der das Wort aussprach: »Sie sollten Herrn Edgar heirathen! Sie Beide wären ein schönes Paar.« Luise erbebte, und alle Umstehenden sahen einander erstaunt an und blickten dann zur Erde. Der Verstörte, der sich zu erholen schien, sprach aus, was Alle dachten. Man wartete auf Briefe. So oft Caspar den Briefbeutel brachte, war Luise voll Aufregung. Welch eine Nachricht wird von Marie kommen, und wie, wenn gar kein Brief kommt, sondern sie selbst? Sie bat ihren Vater, doch mit ihr abzureisen, aber der Arzt wollte das nicht gestatten, und so blieb sie. Tagtäglich im Verkehr mit Herrn Edgar lernte sie dessen gediegene frische Natur und seine offene, freie Seele immer neu erkennen, aber es lag ein Schleier auf ihren beiderseitigen Beziehungen, den sie nicht zu lüften wagten. Wieder und wieder empfand Luise schmerzlich, daß sie ihr Herz einem Manne geoffenbart hatte, der einer Andern angehörte. – Endlich am zweiten Sonntage kam ein Brief an Edgar mit der Handschrift Mariens. Luise sah, wie Caspar die Briefe vertheilte – sie sah, wie Edgar erblaßte, da er die Aufschrift las. Er hielt den Brief in der Hand, er öffnete ihn nicht. Die Versammelten hatten Briefe erhalten und gingen damit nach einsamen Bänken, um sie zu lesen. Auch Herr Merz hatte Briefe und Zeitungen erhalten und entschuldigte sich bei seiner Tochter, daß er damit ins Haus gehe. Noch immer stand Edgar mit dem unerbrochenen Briefe regungslos da, der Blick Luisens war auf ihn gerichtet, endlich trat er zu ihr, legte den Brief auf die Decke und sagte: »Fräulein Merz, was der Brief auch enthält, ich muß Ihnen vorher sagen, wie ich entschieden habe. Ich kann Marien nicht mehr die Meine nennen, denn mein Herz gehört einer Andern. Ich glaube, daß es minder schlimm ist, einmal die Treue zu brechen, als ein ganzes Leben in innerer Untreue zu führen. Wie ich jetzt bin, kann ich Marien nicht mehr glücklich machen. Ich fragte mich, ob es nicht das Beste wäre, wenn ich den unentsiegelten Brief hier in den See werfe. Ihr Blick sagt mir, das darf ich nicht. Gut denn! So öffnen Sie den Brief!« »Ich?« »Ja, Sie! Nichts, was mich angeht und in mir lebt, ist ein Geheimniß für Sie und darf Ihnen fremd sein.« Luise öffnete rasch den Brief. Sie war betroffen, nicht geschriebene, sondern gedruckte Worte darin zu finden. Auf gelbem, pergamentähnlichem Papier stand mit gedruckten Worten: »Marie von Korneck, Albrecht von Birkenstock, Rittmeister A. D., Amtsrath auf der königlichen Domaine R., Verlobte .« Edgar empfing das gedruckte Blatt, er schlug die Seiten um, es mußte sich doch noch ein Wort von Marie finden, – aber es fand sich keins. Edgar faßte die Hand Luisens und rief: »Nun darf ich's sagen! Darf ich's? – Ich bin Dein. Willst Du mein bescheidenes Loos mit mir theilen?« »Nicht jetzt, nicht jetzt, nicht hier,« rief Luise, sie wußte, wie sich von den Fenstern, vom Balcon her die Blicke auf sie richteten. »Ich will ins Haus zurück.« Caspar war schnell bei der Hand, ein zweiter Mann fand sich nicht; Caspar und Edgar trugen Luisen im Tragsessel nach dem Hause zurück. Sie trafen den Vater in seine Zeitungen vertieft, und er rief: »Luise, sie schlagen mich wieder zum Candidaten vor. Nächsten Winter sind wir wieder in der Residenz.« Luise schüttelte den Kopf. »Du glaubst nicht, daß sie mich wieder wählen?« rief der Vater. »Das nicht, aber ich bin gewählt! Und ich wähle, – hier. Nun bitte, sprich Du!« wendete sie sich zu Edgar. Dieser konnte kaum das Wort hervorbringen; der Vater umarmte ihn und umarmte sein Kind. Man saß wohlgemuth beisammen, da erklärte Edgar, daß er Luisen ein bescheidenes, aber auskömmliches Leben bieten könne. Der Vater lächelte und schilderte das schöne Atelier auf dem Landgute, das einem wirklichen Künstler und nicht bloß einem Dilettanten zustehe. Luise war aufgestanden und sie konnte jetzt ganz schmerzlos auftreten. Der Arzt bat, nur noch einen einzigen Verband anlegen zu dürfen, dann wäre Alles vorbei. Der alte Bundesrath hielt seit Jahren streng darauf, keinerlei Beziehung zu den Fremden im Gasthause einzugehen; er wollte seine Ruhe nicht stören lassen, und er und seine Frau genügten sich vollauf an der Friedsamkeit ihres Hauses und dem erquicklichen Athem der weiten Naturumgebungen. Mit Herrn Merz war er nun in ein so freundliches Verhältniß getreten, daß er seine alte Regel verließ. Die Wirthsleute begrüßten ihn mit großer Ehrerbietung, er dankte in landsmännischer Vertraulichkeit, lobte den Wirth und die Wirthin, auch Caspar bekam ein gutes Wort. Er ging nach den Zimmern des Herr Merz und nach einem herzlichen Glückwunsche sagte er: »Sie sind ein so rechter Bürgersmann, daß es sich für Sie und Ihr Kind nicht schickt, eine Verlobung hier, so halb auf der Straße, im Wirthshause, zu feiern. Meine Frau läßt Ihnen auch sagen, Sie sollen zu uns kommen.« Man nahm das freundliche Erbieten gern an. Im Hause des Bundesrathes unter den theilnahmvollen Blicken der Frau und herzlichen Worten des alten Herrn wurde die Verlobung gefeiert. Luise trug den Verlobungsring an der Hand, und das Erste, was sie mit dieser Hand unternahm, war, daß sie einen Brief an die Mutter Edgars schrieb; dann wanderte sie an seinem Arme durch das Dorf zurück nach dem Gasthause. Die Verlobung Luisens versetzte die ganze Gesellschaft in neuen Aufruhr, und wieder kam der Schwermüthige zuerst und brachte seinen Glückwunsch dar. Die Bedrückung, die auf seinem Gemüthe lastete, schien inmitten der heiteren Menschen immer mehr zu schwinden. – Dann kamen die Kinder mit Blumen, die Frauen der Maler, die Männer, – Alles war voll Jubel. Caspar aber schleppte einen Böller hinauf nach dem Berge, oberhalb des Felsens der Ehrenlegion; er ließ durch die Wirthin sagen, man möge nicht erschrecken, wenn man schießen höre, – und jetzt krachte es vom Felsen, und der Widerhall tönte weit hinaus über den See von den jenseitigen Bergen. Luise ging mit ihrem Bräutigam nach dem Garten, sie riefen sich alle Augenblicke zurück von der ersten Begegnung bis jetzt. Am Abend, als der Mond hell auf dem See glänzte, stiegen sie in den Kahn und ruderten hinaus, und draußen jodelten sie miteinander in die linde Nacht hinein, daß es Allen, die es hörten, das Herz erquickte. Wie glücklich aber mochten die da draußen allein sein – – *           * * Auf dem Bahnhofe der mitteldeutschen Gebirgslandschaft hielt wieder ein Fuhrwerk, aber jetzt ein fest verschlossener Wagen. Die Blätter vom Buchenbaume wirbelten durch die Luft, ein naßkalter Strichregen schien sich den Spaß zu machen, bald nach dem Gebirge hin zu ziehen, bald unversehens wieder Kehrum zu machen. Auf der Aulände zeigte sich kein Mensch, und jetzt, als es pfiff, kam der Kutscher des Wagens eilig heraus, hielt sich den Cocardenhut mit beiden Händen und kaute noch an einem Bissen, den er im Munde hatte. Der Zug rollte in den Bahnhof, der Inspector begab sich an die erste Wagenclasse, öffnete, hieß Herrn Merz willkommen und gratulirte ihm zur Wiederwahl. Schnell aber setzte er hinzu: »Entschuldigen Sie, man hat ja noch zur Verheirathung des Fräulein Luise zu gratuliren. Darf man fragen, ob sie mit ihrem Gatten zu uns zurückkehrt?« »Gewiß! Zum Frühling. Jetzt sind die jungen Leute in Paris.« Herr Merz stand fröstelnd und den Mantel fest zusammenziehend auf dem Bahnhofe. Der eintretende nordische Winter schien ihm, der aus dem Süden kam, um so schärfer und heftiger. Das Gepäck war ausgeladen, der Zug rollte davon; Herr Merz wollte selber nach seinen Effecten sehen, der Bahnmeister widerrieth ihm das wegen des scharfen Windes, auch der Diener sagte, er werde schon Alles richtig besorgen; aber Herr Merz blieb dabei, er müsse selber nachsehen, es sei da eine Kiste, die besonders behutsam behandelt werden müsse. »Sie haben doch nicht auch einen Streich gemacht wie damals die Freundin Ihrer Tochter, Fräulein von Korneck, die einen Hund als Wickelkind mitnahm?« »Nein, nichts dergleichen! Es ist ein Bild, von meinem Schwiegersohne gemalt. Besuchen Sie mich einmal, Sie sollen es sehen.« »Was stellt es denn dar? den Monte Rosa, den Rigi oder die Jungfrau?« »Nichts von dem. Eine ganz unbekannte Felsenanhöhe am Vierwaldstätter See, es kennt sie Niemand als wir; sie hieß früher der Fels der Ehrenlegion und heißt jetzt der Fels der Liebe.« Auf Wache. Erstes Kapitel. »Auf wann werden die Wagen bestellt?« wurde der Diener in Gala gefragt, der den Kutschenschlag öffnete. »Auf ein Uhr,« lautete die Antwort. Unterdeß gingen die Frauen, in Mäntel gehüllt, das blumengeschmückte Haupt freitragend oder mit einem leichten Schleier überworfen, mit den atlasbeschuhten Füßchen über den Teppich, der weit hinaus über die Straße gelegt war. Der Festungsgouverneur, General von Kronwächter, gab heute den ersten Ball, und der erste Ball der Saison hat immer etwas frisch Belebendes wie der erste Frühlingsregen; die Gesichter sind noch frisch und die Toiletten auch. Die Stirnseite des ernsten, großen Gouvernementsgebäudes war hell erleuchtet, auf der Straße brannten Pechfackeln, zwei Polizeidiener hielten die Gaffenden auseinander, damit die Gäste ungestört durch das offene Thor eintreten konnten, vor welchem zwei Grenadiere Wache hielten, die je nach Rang der Ankommenden Gewehr in Arm nahmen oder präsentirten. Wagen auf Wagen rollte heran; auch viele Fußgänger erschienen, fast ausschließlich in Uniform. In dem weiten Treppenhause gaben die jungen Officiere ihren Burschen die Mäntel ab und bestellten sie zur festgesetzten Stunde. Man stieg die teppichbelegte, blumenbestellte breite Treppe hinan; droben vor den großen Spiegeln wurde die Gewandung noch einmal gemustert, und dann schritt man in strammer Haltung, den Helm unter dem linken Arm tragend, voran. Die Flügelthüren öffneten sich, man trat ein. Im ersten Gemach, wo sich rechts und links die hell erleuchteten Gemächer aufthaten, stand der Gouverneur, ein hochgebauter, stattlicher Mann, mit vollem grauem kurzgehaltenem Haupthaar und blondem Barte. Auf seiner Brust flimmerten zahlreiche hohe Orden; er begrüßte die Gäste überaus freundlich. Jeder Einzelne mochte glauben, er ganz besonders sei eingeladen und er ganz besonders oder fast allein sei willkommen; ja manchmal schien es, als ob der alte Herr höchlichst überrascht sei von dem Glück, diesen oder jenen Mann, diese oder jene Frau bei sich zu begrüßen. Indeß gab es doch Unterschiede, bald wurde nur die eine Hand gereicht, manchmal wurde die dargebotene zwischen beide Hände genommen, ein bedeutsamer Blick, ein rasches Kopfnicken war vielsagend. Der sonst gestrenge Herr war immer in leutseliger und gehobener Stimmung, wenn er Gesellschaft gab, und die übermäßige Freundlichkeit war durchaus nicht Schein oder Täuschung; daneben hatte er das Gefühl, die höchste Person zu repräsentiren, und demgemäß die Verpflichtung, gnadenreich zu sein. Auch hatte er, wie viele ältere Officiere, große Aehnlichkeit mit dem regierenden Fürsten, und er hob diese Aehnlichkeit noch hervor durch genau nachgeahmte Barttracht. Neben dem Gouverneur stand seine einzige Tochter Gabriele, und sie grüßte mit ebensoviel Anstand als Würde, was bei ihrer Jugend um so bemerkenswerther erschien. Hätten die Griechen des Alterthums die Soldatentochter gekannt, sie hätten einen Typus dafür geschaffen; denn es giebt eine Besonderheit der Soldatentochter, die nicht so leicht zu bezeichnen ist. Sie besteht nicht nur in strammer Haltung und leichter Beweglichkeit, auch eine gewisse Sicherheit in Ausdruck und Benehmen, eine Formenfestigkeit, die doch wieder etwas von läßlicher Kameradschaftlichkeit und selbstverständlicher Zugehörigkeit hat, Alles das erscheint dem Mann im Bürgerkleide neu und eigenthümlich. Offenbar beruhen diese Besonderheiten in der socialen Sicherheit und Bestimmtheit, sich in einem begrenzten und nach Rangstufen geordneten Kreise zu bewegen, in einem Stande, der wie kein anderer sich schon äußerlich erkennbar in gegliederter Ordnung darstellt. Dazu hatte Gabriele nun bereits den dritten Winter, seitdem sie aus dem Fräuleinstift zurückgekehrt war, die Ehren des Hauses zu vertreten. Das blonde Köpfchen mit den blonden Locken, den blauen Augen, feinen Lippen und dem wie sorgsam gemeißelten Antlitze ruhte auf einem in schöner Form ausgeprägten Halse und Nacken; sie trug keinerlei Schmuck, sie war einfach weiß gekleidet mit einer rothen Schärpe, und die Gestalt bewegte sich geschmeidig und fein. »Gnädiges Fräulein, habe ich den Vorzug, für einen Tanz bemerkt zu sein?« fragte ein junger Lieutenant mit braunem Haupthaar und glänzenden braunen Augen. »Allerdings. Wollen Sie den Namen einzeichnen? Cotillon, wenn's Ihnen recht ist.« Nur ein leiser Augenaufschlag des jungen Mannes schien zu erwidern, wie bedachtsam diese Hin- und Widerrede gestellt war. Er schrieb seinen Namen, einfach »Hauenstein«, denn daß er Premier-Lieutenant war, wußte man ja eben so gut, wie daß er Baron von Hauenstein war. Hauenstein zog sich zurück, ein Freudenstrahl war über sein jugendlich helles Antlitz gegangen, der aber bald wieder einem nachdenklichen Ernst wich. Er hörte hier und dort davon sprechen, wie sehr zu bedauern sei, daß dies wol auf lauge Zeit der letzte Ball sei, den die anmuthige Tochter des Gouverneurs schmücke; denn es war ja bestimmt, daß sie als Hofdame bei der regierenden Fürstin eintreten sollte, deren erste Palastdame, Gräfin Truben, die Schwester ihrer verstorbenen Mutter war. Der Tanz begann, der Saal mit den fröhlichen geschmückten Menschen bot einen schönen Anblick. Es war ein Gemach aus der guten Renaissance-Zeit mit wohlgegliederten Stuccaturarbeiten und einem farbenfrischen Deckengemälde mythologischen Inhaltes; denn das Gouvernementsgebäude war eine ehemalige fürstliche Residenz. Die Musikbande saß hinter einem mit Epheu übersponnenen Gitter in einem Nebengemach; man sah nicht, wie die Musikanten sich abmühten, man vernahm nur die lustigen Tanzweisen. Hauenstein ging an den bekanntesten Schönheiten vorüber, die gleichsam ein Bienenschwarm von Bewerbern umgab, ohne weiter sein Glück zu versuchen. Er steckte die Tanzkarte in die Brusttasche, er hatte sich ja weiter nichts mehr zu merken. Er ging in den Sälen umher und blieb da und dort vor einem Gemälde, einer Statuette oder einem andern Kunstwerke stehen. Endlich setzte er sich in den runden Saal und blätterte in einem vor ihm liegenden Album. »So müßig?« wurde er angesprochen. Er stand behend auf und begrüßte entsprechend seinen Major, indem er erklärte, daß ihm heute eigentlich gar nicht tanzlustig zu Muthe sei. »Ach ja. Kann mir's denken,« erwiderte der Major. »Hab's auch heute in der Zeitung gelesen. Es ist doch peinlich, grausam. Es war freilich ein hartgesottener Revolutionär, aber bei alledem hatte er doch eine gewisse Noblesse, etwas Distinguirtes. Wissen Sie nicht, ob er noch Eltern oder Geschwister hat?« »Nur eine Schwester, aber so viel ich weiß, lebt sie in Frankreich.« »Hat er Ihnen das selbst erzählt?« »Ja.« »Er wollte wol auch nach Frankreich?« »Davon hat er mir nichts gesagt, und ich habe nie nach Dingen gefragt, die er mir nicht selbst mittheilte.« Der Major legte die Hand auf die Schulter Hauensteins und sagte: »Es ist nicht gut, oder es ist eigentlich gut, daß es außer der Linie liegt, sich um die Gefangenen zu bekümmern und irgend eine Beziehung mit ihnen einzugehen. Der wachhabende Officier ist nur zur Unterstützung des Gefangenwärters da. Wir haben nicht daran zu denken, welches Material in den Gebäuden aufbewahrt wird, ob Munition oder lebendige Menschen. Und nun – kommen Sie mit ins Rauchzimmer, es giebt dort Sect.« Die Beiden gingen ein Stockwerk höher, und da droben war ein ganz anderes Leben. Im Billardzimmer, wo eifrig gespielt wurde, saßen Gruppen, theils an den Wänden entlang, theils an runden Tischen. Es wurde geraucht und getrunken, und der Major lud Hauenstein ein, sich mit ihm an einen Tisch zu setzen, wo bereits mehrere Officiere saßen, darunter auch der Oberst seines Regiments. Man sprach von Avancements, von Versetzungen, von den neuen Schießübungen und wer dazu commandirt sei, und zwischen hinein auch von Liebesabeuteuern. Da rief ein Officier: »Ah, Hauenstein! Sie kannten ja den Polen, von dem heut in den Zeitungen steht. Ich erinnere mich, daß Sie einmal von ihm erzählten . . .« »Der Herr Major kannte ihn auch.« »Aber Sie haben ihn ja ausgeliefert,« drängte der Erste wieder. »So?« rief der Oberst. »Wie war es? Erzählen Sie, und recht ausführlich.« Hauenstein begann: »Sie wissen, daß der Mann – er war erst ein und zwanzig Jahre alt – sich bei der Revolution in der Hauptstadt betheiligt hatte und deshalb zur Festungshaft verurtheilt wurde. Er hatte eine ungewöhnlich schöne Stimme, aber er sang in der ersten Zeit nur in der Nacht, als ihm noch kein Licht verstattet war. Es wurde ihm gestattet auf eine Verwendung, die ich nicht kenne.« »Ja,« fiel der Major ein, »ich erhielt den Auftrag und ich kam damals mit dem Gefangenen in Beziehung. Aber bitte, erzählen Sie weiter.« »Es war ihm gewährt,« fuhr er dann fort, »militärische Fachwerke zu studiren, und als ich eines Tags auf Wache war, kam ich mit ihm in ein Gespräch und fand einen hochgebildeten, schwärmerischen, aber leider in fixe Ideen verrannten jungen Mann. Ich gab natürlich sehr bald die Versuche auf ihn zu bekehren; denn das war weder meines Amtes, noch war ich dessen fähig. Er gestand mir offen, daß er sich in der Einsamkeit zum Heerführer ausbilden wolle; denn er sei entschlossen, wenn das, was er Freiheit nannte, ihn wieder rufe, sich an die Spitze des revolutionären Heeres zu stellen. Ich ersuchte ihn, davon nicht zu sprechen, und er bat in liebenswürdiger Weise um Entschuldigung. Ich verschaffte ihm noch Musikalien, nachdem ich zuvor angefragt hatte. Er las gerne Noten in Partituren. Ein Instrument, um welches er vielfach petitionirt hatte, wurde ihm nicht gewährt, aber die Musik als ein gemeinsames neutrales Gebiet bot uns viele anmuthige Beziehungen und Debatten, denn er behauptete, die Deutschen und die Italiener seien nicht zum Staatsleben geeignet, weil sie vorherrschend musikalisch seien.« »Seltsam!« warf der Oberst ein, »aber bitte, fahren Sie fort. Er interessirt mich sehr.« Hauenstein fuhr fort: »Und so bildete sich allmälig im Laufe dieser Jahre ein freundliches Verhältniß zwischen uns, so daß mir der junge Mann in überschwänglichen Ausdrücken versicherte, wie viel er mir danke, und gelobte, in der ersten Stunde, wenn er seine Freiheit wieder erlangt habe, mich zu besuchen. Ich erwiderte nichts darauf, gab aber den Auftrag, daß, wenn er sich anmelden ließe, man ihm sagen solle, ich sei nicht zu Hause. Der junge Mann machte sich nun in den letzten sechs Wochen Striche an die Mauer und löschte jeden Tag einen aus; jeder ausgelöschte Strich brachte ihm den Zeitpunkt näher, wo sein Kerker sich ihm öffnen sollte. Ich hatte die Wache auf der Citadelle, als der junge Pole um acht Uhr entlassen werden sollte. Da kam früh vor Tag der Polizeidirector unserer Stadt, mit ihm zwei fremde Männer. Er übergab mir einen Befehl aus dem Ministerium, daß ich den jungen Gefangenen den beiden Männern ausliefern sollte. Ich wußte nicht, was es zu bedeuten habe, aber ich muß sagen, es war eine bittere Aufgabe. Ich führte indessen die beiden Männer zu ihm in die Zelle. Als der Pole ihrer ansichtig wurde, rief er mit herzdurchbohrender Stimme: Das sind meine Henker! Und daß gerade Sie mich ihnen ausliefern müssen! Aber es trifft Sie kein Vorwurf. Verzeihen Sie mir. – Ich wandte mich ab und die beiden Männer gingen hinterdrein, während zwei Soldaten hüben und drüben mit geladenem Gewehr den Gefangenen in der Mitte führten. Er wandte den Blick nicht mehr und . . .« Hauenstein hielt inne und athmete schwer; er fühlte, daß er sich nicht in der militärisch knappen Weise gehalten, die auch auf einem Balle und in gesellschaftlicher Anregung dem Vorgesetzten gegenüber nicht vergessen werden darf. Er fuhr daher fort: »Das Weitere haben Sie in der heutigen Zeitung gelesen. Als der junge Mann über die russische Grenze gebracht wurde, wollte er entfliehen und wurde niedergehauen.« »Es ist doch Schad' um ihn,« fuhr der Major fort, »es war, wie gesagt, eine noble Natur trotz . . .« »Herr von Hauenstein,« rief ein rasch hinzutretender Fähnrich, »Fräulein von Kronwächter läßt Ihnen sagen, daß der Cotillon beginnt.« Schnell erhob sich Hauenstein und ging hinab in den Saal. Er kam noch glücklich zurecht, da eben erst die Vorbereitungen getroffen wurden. »Warum haben Sie so lange nicht getanzt?« fragte Gabriele. »Ich pausirte, um jetzt desto frischer zu sein,« entgegnete Hauenstein mit gesammelter Kraft und führte mit Gabriele den Cotillon aus. Es war offenbar, daß scherzhafte und anmuthige Touren von den Beiden genau verabredet waren. Aeltere Damen, die längs den Wänden auf einer Erhöhung in Lehnstühlen saßen, sprachen mit einander und waren einig, daß Hauenstein eine besondere Gunst zu Theil geworden; er war allerdings aus guter Familie, aber blutarm, Gabriele scheine ihn zu bevorzugen, es wäre aber überaus lächerlich, wenn er sich einbilde, dieses Kind dereinst heimzuführen, weil der Gouverneur gestatte, daß er mit ihr vierhändig spiele. Die Eine der Frauen, in deren stark ausgeprägtem Antlitz die ehemalige Schönheit und die jetzige Herrschsucht unverkennbar waren, sagte mit einem Lächeln, das zu weitergehenden gesprächsamen Verunglimpfungen herausforderte: »Es wird sich für Fräulein Gabriele sehr zweckentsprechend erweisen, eine Zeit lang am Hofe zu leben, um sich subordiniren zu lernen. Denn es ist für ein so junges Kind sehr gefährlich, seinen eigenen Willen ohne Widerspruch in einem so großen Hause durchzuführen, und Gabriele hat von Natur ihr gehöriges Theil Willensstärke, die vielleicht an Eigensinn grenzt.« Es erwiderte ihr Niemand. Die jungen Leute fragten inzwischen Beide nichts nach der Zukunft, sie schienen glückselig in der Gegenwart; aber in einer Pause fragte Gabriele doch: »Mir scheint, es liegt heute eine untilgbare Schwermuth in Ihrem Gesicht. Können Sie mir nicht sagen, was Sie bedrückt?« »Hier nicht, jetzt nicht! Aber so viel kann ich Ihnen sagen, es betrifft nicht mich persönlich.« »Nun denn, so schlagen Sie es sich aus dem Sinn.« Es schien dem jungen Mann zu gelingen. Die älteren Herren aus den Spielsälen und aus den Rauchzimmern waren herbeigekommen, um die sinnreichen, neuen Ueberraschungen mit anzusehen, und Alle stimmten überein, daß heute eine Sammlung auserlesener Schönheiten auf dem Balle zu sehen war, aber eine der anmuthigsten war und blieb doch Gabriele. Hauenstein hatte als letzter Tänzer die Gunst, Gabriele zu Tische zu führen. Wie durch einen Zauber waren nach dem letzten Tanze im Saale und in den Nebengemächern die Tafeln aufgestellt. Hauenstein saß neben Gabriele. Sie entschuldigte sich auf einen Augenblick, legte ihren großen Blumenstrauß auf den Stuhl und sagte: »Ich muß als Wirthin doch auch noch nachsehen. ob Alles in Ordnung ist.« Sie ging, und Hauenstein starrte nachdenklich auf den leeren Platz und auf den großen Blumenstrauß. Gabriele kam zurück und sagte: »Sie haben wieder die Schwermuthsmiene. Können Sie mir nicht sagen, was Sie bedrückt?« »Es paßt nicht hier herein. Wir sind so fröhlich, daß man gar nicht glauben mag, es gebe irgend Trauriges auf der Welt. Und warum sollen wir es herein bannen? Ich bedarf überdies aller Energie. Ich muß morgen früh sechs Uhr auf die Citadelle auf Wache ziehen.« »Ist das so beschwerlich?« »Das nicht.« »Also bedrückt Sie etwas Anderes. Sagen Sie mir gradezu: kann ich vielleicht etwas zur Aufhellung Ihrer trüben Stimmung beitragen? Kann ich helfen, dann bitte, erzählen Sie, wo nicht, so vergessen Sie es jetzt und erzählen es mir ein andermal.« »Sie können nichts helfen. Ich kann Ihnen nichts sagen. Doch, Sie haben Recht. Fort mit aller Trauer! Das Leben ist so schön. Stoßen wir an auf die Hoffnung, daß wir das Leben immer so schön finden mögen wie jetzt.« Die Beiden stießen an. – Der Ball war zu Ende. Während man die Mäntel umthat, sagte Eines zum Andern, daß selten ein so schöner Abend gewesen sei, und bei dem Danke, den man dem Gouverneur und seiner Tochter aussprach, wurde das noch im Tone der Wahrhaftigkeit hervorgehoben. Es erregte viel Heiterkeit, da Gabriele einmal erwiderte, sie fühle auch, daß es selten so schön gewesen sei, wie heute. Als Hauenstein sich verabschiedete, wurde kein Wort mehr zwischen ihm und Gabriele gewechselt. Er legte nur, indem er sich wandte, die Hand auf eine Maiblume, die in seiner Uniform steckte. Sie hatte dieselbe aus ihrem Strauße genommen und ihm gegeben. Auf der Straße riefen Kameraden: »Hauenstein! Komm' mit, wir gehen nach dem Casino. Nordeck hat drei Pullen Sect in einer Wette verloren. Komm' mit!« Hauenstein entschuldigte sich, er sei müde und müsse morgen auf Wache. Einige Kameraden riefen ihm noch nach: »Wir kommen morgen Abend zu Dir zu einer Whistpartie. Sorge für eine Punschbowle.« Zweites Kapitel. Es war ein naßkalter Herbstmorgen, als Hauenstein mit seiner Compagnie den Berg hinan marschirte, denn die Citadelle lag auf einem Berge inmitten der Stadt. Die Mauerwerke und Casematten ließen nicht erkennen, wie groß die Hochebene und welche Gebäude auf derselben errichtet waren. Eine beträchtliche Anzahl Gefangener war hier eingeschlossen, nur wenige wegen Duell, denn das Jahr, in dem diese kleine Geschichte sich ereignete, war das Jahr 1850; die meisten waren wegen politischer Vergehen verurtheilt. Man überblickte von hier aus die ganze Stadt mit ihrem Häusergewirre, die vorgeschobenen Befestigungen und darüber hinaus die Dörfer der Umgegend. Hauenstein löste seinen Kameraden mit seiner Compagnie ab, ließ sich die Liste der Gefangenen geben und starrte lange auf einen Namen, der durchstrichen war, aber den Kopf zurückwerfend, sagte er vor sich hin: »Der Major hat Recht, wir haben nicht nach dem Material zu fragen, ob Munition oder Menschenleben zu bewachen sind.« Hauenstein war müde und legte sich, nachdem er die Wache visitirt hatte, auf die Pritsche. Kaum aber hatte er sich niedergelegt, als der Gefängnißwärter vor ihm stand und um Beistand bat. »Was giebt's? Ist ein Gefangener durchgebrochen?« »O nein. Ich weiß mir nur nicht mehr zu helfen und habe dem Gefangenen versprochen, Sie zu ihm zu bringen.« »Ich habe nichts mit ihm zu thun.« »Das habe ich auch gesagt, aber der Mann thut sich ein Leid an, wenn wir ihn nicht beruhigen, und sein Schicksal ist so traurig.« »Wer ist es?« »Nummer fünf.« Hauenstein sah nach, es war ein ehemaliger Advocatenschreiber aus einem benachbarten Dorfe. Hauenstein ging zu dem Manne in die Zelle. »Herr Lieutenant,« rief da ein Mann grauen Bartes und herben Antlitzes. »ich werde wahnsinnig oder ich sterbe, wenn Sie mir nicht helfen.« »Was ist, was giebt's?« »Ich habe einen Brief, meine Frau liegt im Sterben. Sie ruft mit letzter Kraft ständig nach mir. Herr Lieutenant! Bei dem Letzten, was mir verblieben ist, bei dem Heiligsten, bei der Achtung vor mir selbst und vor der Wahrheit schwöre ich Ihnen: ich bin bis zehn Uhr wieder hier; lassen Sie mich heraus, lassen Sie mich meiner schwergeprüften Frau den letzten Trost bringen!« »Sie wissen, was mir bevorsteht, wenn ich Sie entlasse.« »Ich weiß es! Und darum gelobe ich Ihnen, ich will schuld sein an dem Schwersten auf der Welt – und das Schwerste ist, daß Sie keinen Glauben mehr haben sollen an irgend einen Menschen auf der Welt – ich will nicht schuld daran sein, und wenn ich zusammenbreche. Und darum beschwöre ich Sie, lassen Sie mich auf wenige Stunden frei, ich bin zur gesetzten Minute wieder da. Herr Lieutenant, Sie sind mein Herr, aber Sie sind auch Sohn! Sie haben einen Vater, Sie haben eine Mutter. Dort steigt der Rauch auf – da drüben, Sie können ihn sehen. Könnten Sie auch den Jammerschrei hören, den eine Sterbende dort ausruft, eine liebende Gattin! Möge dereinst, wenn Sie eine liebende Gattin Ihr Eigen nennen, sich Ihnen das tausendfach vergelten! Wenn Sie am Altar stehen, wird ein unsichtbarer Segen auf Sie herniedersinken. Und denken Sie jetzt an nichts Anderes, als daß Sie ein Herz haben. Ich beschwöre Sie, eine Sterbende ruft mit mir.« »Ich will dem Commandanten sofort Bericht erstatten.« »Das würde zu spät. O, Herr Lieutenant, Sie fühlen meine grausame Lage, haben Sie den Muth, an einen Menschen zu glauben, Ihr Glaube soll gerechtfertigt werden. Ein Verzweifelnder ruft, eine Sterbende ruft mit ihm. Lassen Sie mich auf wenige Stunden frei!« »Gut, es sei! Vergeuden Sie keine weitere Kraft mit Reden. Geben Sie mir Ihre Hand.« »Hier, meine Hand. Jedes Wort, das ich nun noch schwören würde, wäre eine Sünde. Meine Hand sagt Ihnen Alles, und nun bitte, keine Minute mehr, jede Minute kann die letzte sein!« Der Mann wurde entlassen und Hauenstein kehrte in die Wachtstube zurück. Er überlegte das Geschehene nicht mehr lange; er war Soldat genug, um über einen gethanen Schritt nicht zu grübeln. Er hatte im momentanen Impulse gehandelt, die Thatsache ist vollbracht, jedes fernere Bedenken überflüssig. Die Stunden vergingen langsam. Es schlug zehn Uhr. »Ist der Mann auf Nummer fünf bereits wieder da?« »Nein.« »Geh' hinaus und sieh', ob er nicht des Weges herankommt. Komm aber sofort wieder.« Die Ordonnanz ging hinaus, kam aber sofort wieder und meldete, daß man nichts sehe. »So geh' nur wieder hinaus und schau' dich um, ich komme bald nach.« Hauenstein ging auf die Zugbrücke. Man konnte ringsum ins Land hinein schauen, er hatte seinen Tubus, allein er sah nichts. – Aber doch jetzt, jetzt sieht er etwas! Da kommt der Oberst auf seinem Schimmel herangeritten und hinter ihm drein die Ordonnanz. Der Sturm wehte in das heiße Antlitz des jungen Mannes und er sagte sich: jetzt ist's um dich geschehen. Der Oberst kommt näher und immer näher, er hält auf der Brücke und fragt: »Warum sind Sie hier?« »Herr Oberst, ich habe einen Fehl begangen, einen schweren.« Mit kurzen Worten berichtete Hauenstein, was er gethan hatte. »Wie kommen Sie dazu, einen so schweren Fehl zu begehen? Sie wissen ja, was darauf steht. Ich kann Sie nicht schonen. Ich habe schon gestern bemerkt, Sie sind nicht ohne Sympathie für gewisse Verbrecher. Gehen Sie voran! Hören Sie nicht? Gehen Sie voran, ich folge hinterdrein.« Hauenstein ging voran, gesenkten Hauptes, die Soldaten traten unter Gewehr, der Oberst stieg ab, Hauenstein wurde abgelöst und ihm Stubenarrest auferlegt. Dumpf und schwer saß Hauenstein in Einsamkeit und sein erster Gedanke war nicht sein eignes Leid, sondern das Gabrielens. Wie wird es ihr das Herz zerreißen. Aber es muß getragen werden! Welch eine unendliche Kluft liegt zwischen heut und gestern! Und wie ist es nur möglich, daß der Mann, der so beweglich gesprochen, so treulos sein kann. O freilich, die Menschen, die die Staatsgewalt umstürzen wollen, denen kein Eid heilig, die dem Großen und Ganzen nicht Treu' und Glauben halten, wie sollten sie das dem Einzelnen? Und der Mann hat gesagt: Ich will die Schuld auf mich nehmen, daß Sie keinem Menschen mehr glauben sollen. Lächerlich! das kann er leicht tragen . . . Mit der Bitterniß legte sich auf die Brust des jungen Mannes auch Reue und Schuldbewußtsein. Und plötzlich rief er laut: Du bist auch ein Revolutionär, du hast das Gesetz gebeugt und gebrochen, weil du dich dazu berechtigt glaubtest. Du hast am Fels der Ordnung gerüttelt, nun rollt er zermalmend auf dich nieder. Und das wird nun durch die ganze Garnison von Mund zu Mund gehen, und das Beste, was sie sagen werden, wird heißen: Schade um Hauenstein, daß er cassirt wird. Er war ein guter Soldat und hatte alle Anwartschaft, in den Generalstab zu kommen. Aber freilich, er hat es im Innern mit den Revolutionären gehalten. Drittes Kapitel. Zur selben Stunde war im Hause des Gouverneurs eine fröhliche Stimmung; denn der Morgen nach einem wohlgelungenen Feste hat immer eine besondere Lust, und bei der zahlreichen und wohlgeübten Dienerschaft merkte man in den Wohnräumen nichts von der Festlichkeit der vergangenen Nacht. Das Frühstückszimmer war behaglich und bekundete den Schönheitssinn der Tochter des Hauses. Im Kamin brannte ein offenes helles Feuer, und auf dem Tische standen in zwei mattgrünen Vasen von venetianischem Glas aufgelöste Blumensträuße von gestern. Als der Vater eingetreten war und Gabriele herzlich begrüßt hatte, sagte sie: »Es muß Dich doch auch recht glücklich machen, wie schön und harmonisch der Abend verlaufen ist. Ich glaube den Menschen, die uns sagten, daß sie glückliche Stunden verlebt haben. Aber, warum siehst Du so finster drein?« »Ich meine, du hättest mir doch sagen müssen, daß Du den Cotillon mit dem Lieutenant Hauenstein tanzest. Es war mir auffällig, und wie mir scheint, auch vielen Anderen. Warum hast Du das gethan?« »Warum? Er ist der beste Tänzer der Garnison, und Du hältst ja auch viel auf ihn. Du hast mir oft erzählt, ein wie guter Kamerad sein Vater gewesen sei.« »Ja, das ist Alles ganz schön und nichts Ungebührliches dabei, aber, wie gesagt, es ist auffällig.« »Auffällig?« »Ja. Du bist mein gutes und kluges Kind und ich bin kein Tyrannenvater. Ich will Dir nur sagen: Du trittst jetzt in die große Welt, und es wäre mir schmerzlich, wenn Du Dich in etwas einließest, das Du nachher vielleicht bereuen müßtest. Ich wünsche, daß kein Gedanke von Dir vorher einem Andern zugewendet war, vielmehr sollst Du Deine ganze, volle Seele dem zubringen, dem Du einst angehören wirst. Also um Deiner selbst willen wünsche ich, daß Du, bevor Du die Welt kennen gelernt und die Welt Dich kennt, Niemand eine Hoffnung machst. Unter diesem Niemand, mein Kind – gieb Acht – unter diesem Niemand verstehe ich auch Dich selbst. Nicht wahr, Du begreifst das?« Gabriele nickte stumm, der Gouverneur drängte auch zu keiner Antwort. Er wußte, wie treu sein Kind jede Mahnung aufnahm. Der Diener brachte auf einem Brette mehrere Briefe. Der Gouverneur nahm einen heraus und sagte: »Der ist von der Tante Truben, er ist für Dich, Gabriele.« Er übergab ihr den Brief, Gabriele erbrach ihn und las, während der Vater die an ihn gerichteten schnell durchsah. Er legte die Briefe zurück und fragte: »Was schreibt die Tante? Sage mir nur die Hauptsache.« »Sie schreibt,« entgegnete Gabriele, »›die Fürstin hat sehr viel Wohlgefallen an Deiner Photographie gefunden, sie findet Dich Deiner seligen Mutter sehr ähnlich. Sie wünscht nur noch einen Brief von Dir zu lesen, um auch eine Photographie Deines Innern zu haben. Ich besitze aber keinen, den ich ihr zeigen kann. Schreibe mir also einen ostensiblen Brief, der ganz an mich gerichtet ist, aber nichts enthält, was für die Fürstin unnöthig ist.‹« »Was soll ich schreiben?« fragte Gabriele. »Schildere den gestrigen Ball. Gieb Dich nur ganz unbefangen. Das ist immer das Beste.« Während der Gouverneur sich eine Cigarre anzündete, wurde der Oberst gemeldet. Gabriele entfernte sich rasch. Der Oberst trat ein und berichtete das Geschehene. »Unbegreiflich! Die Sache liegt ja gar nicht in seiner Competenz!« rief der Gouverneur. Auch der Oberst fand die Sache so auffällig als traurig. Er entfernte sich indeß wiederum bald und der Gouverneur befahl, daß man sein Pferd sattele. Der Gouverneur besann sich nicht lange, ob er Gabrielen Mittheilung machen solle. Er ließ sie rufen und sagte: »Der Oberlieutnant von Hauenstein hat die Dienstordnung in flagrantester Weise verletzt. Er kommt vor ein Kriegsgericht.« Er hielt inne. Gabriele wankte nicht, sie fragte mit fester Stimme: »Was hat er gethan?« Der Gouverneur berichtete kurz und fügte hinzu: »Er wird zum Tode verurtheilt, aber er wird nicht erschossen.« »Also das hatte er vor und darum war er so traurig!« rief sie, »und wie konnte er sagen, daß ich nichts helfen kann? Ich konnte ihn hindern, er mußte mir's mittheilen. Wie konnte er nur unser Leben so zerstören, so muthwillig, so um nichts?« Der Gouverneur wollte sagen: Ich fürchte, meine Mahnung kommt bereits zu spät, aber er unterdrückte es und sagte nur: »Es ist gut, Gabriele, daß ich allein das von Dir höre, und ich hoffe, daß auch ich nichts mehr der Art von Dir hören muß. Beruhige Dich mit dem Gedanken, daß Du noch zur rechten Zeit vor einer Verirrung bewahrt wurdest.« »Aber, Du hattest ihn ja auch lieb, schätztest ihn ja auch.« »Ich leugne das nicht, aber jetzt ist er verloren. Schade! Es ist nur ein Glück, daß sein Vater das nicht mehr erlebt. O, die Welt, die Welt, die Jugend!« Der Gouverneur ritt selbst nach der Citadelle. Als er den Berg hinanritt, sah er einen Mann keuchend und die Hände erhebend ihm nachkommen. Er hielt an und der Mann verstörten Antlitzes rief: »O, welch ein Glück, daß ich Sie treffe!« Es war der Entlassene. Er erzählte, daß Hauenstein ihm die Freiheit gegeben, daß er versprochen hatte, wieder zu kommen, bevor die Ronde eintreffe, daß er es aber nicht habe halten können, denn als er heimkam, lag seine Frau in tiefem Schlummer, sie hatte seit drei Tagen kein Auge geschlossen, sondern stets nach ihm gerufen; da saß er nun an ihrem Bette, Stunde auf Stunde verrann, er wollte davon, sein Wort einlösen, aber er konnte nicht davon. Die Kranke erwachte und starb in seinen Armen. Er bat dringend, daß man es dem Lieutenant nicht möge entgelten lassen, wenn er auf eine Stunde das Herz unter der Uniform habe sprechen lassen. Der Gouverneur sagte nur: »Es ist gut. Melden Sie sich wieder.« Er kehrte um und überlegte, ob er Gabriele mittheilen solle, daß der Mann sich freiwillig gestellt habe. Theilte er Gabriele das mit, so war es wie ein Einverständniß. Darum ist es besser, sie leidet, dann reißt sie ihn in ihrem Leide ganz aus ihrer Seele; eine Strafe wird Hauenstein doch bekommen müssen und er ist Zeit seines Lebens verdächtig. Der Gouverneur ritt heim und fragte nach seiner Tochter. Es hieß, sie sei ausgefahren. Wohin? Das Dorf ward genannt, in welchem die Familie des Advocatenschreibers wohnte. Das Pferd war noch gesattelt, der Gouverneur ritt seiner Tochter nach und traf sie im Trauerhause bei der Tochter des Gefangenen. Gabriele kam ihm entgegen und rief: »Der Mann hat Wort gehalten und unser Freund wird frei.« Der Gouverneur setzte sich zu Gabriele in den Wagen und sagte: »Wie konntest Du als meine Tochter Dich so weit vergessen, hierher zu gehen?« »O, Vater, gerade weil ich das Glück habe, daß Du mein Vater, gerade weil wir in geschützten Verhältnissen erwachsen und leben, darum haben wir die Pflicht, die Verirrten zu stützen und zu leiten.« Der Gouverneur sah staunend auf sein Kind, es schien an diesem einen Tage zum freieren Leben gereift. Gabriele schloß sich zu Hause in ihr Zimmer ein und schrieb den ganzen Tag und fast die ganze Nacht. *           * * Es war am Abend. Im fürstlichen Schlosse saß man beim Thee. Die Fürstin sagte: »Liebe Gräfin Truben, haben Sie noch keinen Brief von Ihrer Nichte?« »Allerdings.« Sie überreichte den Brief Gabrielens und die Fürstin sagte: »Der ist sehr groß. Wollen Sie ihn nicht vorlesen?« Und die Gräfin las den beweglichen Brief ihrer Nichte von dem Tode des jungen Polen und der Rückkehr des Advocatenschreibers, und ohne Absicht stand dabei Hauenstein im vollen Glanze. Tief erschütternd war die Familie und das Haus und jener herbe Moment geschildert, da der Gefangene sich von der Leiche losriß. Eine Briefstelle aber mußte zweimal gelesen werden. Sie lautete: »Ich habe in eine ganz fremde Welt hineingesehen. Das sind Menschen von einer anderen Religion, sie nennen sie politische Freiheit, und sind zu jedem Martyrium bereit. Ist da nicht Liebe und Duldung auch geboten? Sie haben den festen Glauben an ihre Religion. Wie ich neben dem Mädchen stand, dessen Vater im Gefängnisse ist, während die Mutter todt – o, da rief ich, ja von Gott begnadigt ist, wer auf dem Thron sitzend hier verzeihen und Gnade spenden kann . . . .« Wenige Tage darauf wurde der Advocatenschreiber begnadigt; er wanderte mit seiner Tochter aus. Hauenstein mußte eine längere Festungshaft abbüßen, es gelang ihm erst bei der Erstürmung der Düppeler Schanzen die volle Soldatenehre mit Ruhm zugleich wieder zu erringen. Die Treue der Liebenden bewährte sich siegreich über alle Hindernisse und Widersprüche. In dem Briefe des Ausgewanderten zur Hochzeit hieß es: Sie hat an Ihnen und mir viel Gutes und Schönes gethan; ihr wird der Segen sein, noch viel Gutes und Schönes durch ein langes Leben zu vollführen.« Nannchen von Mainz. Eine rheinische Geschichte.   Erstes Kapitel. Nannchen heißt sie, und ihre Geschichte erzähle ich gern. Nannchen ist eigentlich kein besonderer Name in Mainz, es heißen gar viele Mädchen so. Aber Nannchen Becker ist ein besonderes Mädchen. Nicht wegen ihrer Schönheit und ihrer vollen, kräftigen Gestalt – es gibt gar viel schöne Mädchen in Mainz, zumal da draußen im Gartenfeld, wo auch unser Nannchen wohnt – aber sie hat ein besonders herzhaftes Wesen, und vor Allem kann sie lachen, daß einem dabei das Herz im Leibe vor Freude aufgeht, und wenn sie lacht, bekommt ihr Gesicht so viel kleine Drucker, besonders bei den braunen Augen, daß es eine wahre Lust ist, das zu sehen. Die mächtige Gestalt hat sie vom Vater, dem Stoßkarrcher Becker, der draußen am Rhein beim Verladen der Schiffe arbeitet und eine angesehene Figur ist; er handhabt den breiten kurzrädrigen Stoßkarren und so heißt er Stoßkarrcher. Er trägt einen langen, kragenlosen getheerten leinenen Rock, und das Schild an seiner Mütze ist immer nach der linken Seite gerückt; das gibt ihm fast etwas Verwogenes, ist aber doch nur dazu, damit die rechte Schulter immer bereit sei, Lasten aufzunehmen. Er wäre noch viel größer, wenn er nicht etwas vorgebeugt ginge von dem vielen Lastentragen; denn wo es etwas den Anderen zu Schweres zu heben gibt, heißt es: Laßt den Becker kommen! und er ist immer bei der Hand, und wo er anfaßt, ist's, als ob seine Finger Kneipzangen wären, und wehe dem, der den Becker neckt, daß er ihm einen Fünfthalerschein auszahlt mit seiner breiten Hand. Das thut er indeß äußerst selten, denn sein Ruf flößt den Genossen schon Furcht genug ein. Dabei ist er aber gutmüthig wie ein Kind und weiß an sich zu halten wie ein Mann, denn er hat vor sich selber Furcht, vor seiner eigenen Stärke; er weiß, er kann sie nicht meistern, wenn er sie losläßt. Da draußen am Rhein ist ein seltsames Leben unter den Stoßkarrchern, auch Rheinschnacken genannt. Stundenlang liegen sie oft umher auf Waarenballen, auf Handkarren oder auch an einen Schuppen gelehnt und haben, wie man sagt, Maulaffen feil, und wenn ein Vorübergehender sie hänselt oder durch sein Aussehen zu Spott Veranlassung gibt, da hagelt's von allen Seiten spitze und klobige Redensarten. Der breite Becker that aber selten mit, nur wenn – denn wir sind in den sechziger Jahren – auf die Preußen losgezogen wird, steuert er Kraftworte bei, sonst aber nickt er nur mit seinem mächtigen, von dichten, buschigen Haaren bewaldeten Kopfe den Kameraden zu; er ist kein Freund von vielem Reden und er weiß auch, daß er etwas ungelenk darin ist. Sein besondrer Ruhm besteht darin, daß man ihm nacherzählt, er habe einmal eine Wette gewonnen. Es hieß, Niemand sei im Stande, einen Kanonenlauf auf der Schulter davon zu tragen. Der Stoßkarrcher Becker hat gewettet, daß er das vermag, und er hat die Wette gewonnen. Aber er hört auch von diesem Ruhme nicht gern reden und leugnet ihn fast gar ab, denn die Zeugen, die dabei waren, sind bereits gestorben. Der Stoßkarren, den Becker hat, ist ganz von Eisen, und er hat nicht nöthig, ein Kennzeichen daran zu machen, daß das der seinige ist, denn für jeden Anderen ist, ohne daß etwas aufgeladen wäre, der Karren an sich schon Last genug. Wie gesagt, das Leben und Treiben der Stoßkarrcher ist ein seltsames. Oft stundenlanges Nichtsthun und dann binnen zehn, fünfzehn Minuten, so lange ein Dampfschiff anhält, das zu Berg oder zu Thal geht, eine Anstrengung, und zwar in Eile, so daß man sich nur wundern muß, wenn das Schiff wieder davon dampft, was hinein- und was herausgebracht wurde. Wenn Wein zu verladen ist, ist Becker selbstverständlich dabei, und er ist eben so behutsam als stark. Er behandelt den Wein bei aller kräftigen Handhabung mit einer gewissen Zärtlichkeit; denn was ist Leder und Getreide und Hausrath und was sonst die Menschen einander zusenden gegen den Wein! Das ist Alles gut, aber der Wein allein macht lustig, da steckt Musik drin, wie sie hier zu Lande sagen. Dann fährt er auch oft mit dem niederen, aus mächtigen Stämmen gezimmerten Verladungswagen, daran die breiten Burgunderbraunen der Direction gespannt sind, durch die Stadt und hat seine große lederne Schürze über die ganze Vorderseite des Körpers gespannt, und wenn er so auf der Deichsel steht, da passen Pferde, Wagen und Führer zusammen wie aus Einem Guß, Alles mächtig und gewaltig. Er lacht und nickt – und das Lachen und Nicken dieses Arbeitsriesen hat etwas gar Seltsames – wenn man ihm sagt, daß er in seinem ganzen Leben noch keinen Tropfen Wasser getrunken habe. Denn es ist wahr. Und hat der Sohn des Rheines nicht Recht, daß er nur Wein trinkt, wenn er's aufwenden kann? Er hält das Sprichwort der Rheinländer: Wasser ist nicht gut in den Schuhen, wie viel weniger im Magen! Dabei ist er ein besonderer Feind des Cigarrenrauchens, er behauptet, das Cigarrenrauchen verderbe den Weingeschmack, eine gute Pfeife schade weniger. Der Stoßkarrcher Becker hat schon vor zehn Jahren seine Frau verloren. Sein einziger Sohn Nicola ist Küfer in der Weinhandlung auf der hinteren Bleich und hat sich vor einem Jahr verheirathet. Und Nannchen – sie ist nur ein Jahr jünger als Nicola – führt draußen im Gartenfeld das Geschäft, und das ist ziemlich bedeutend und einträglich, denn sie hat die große Wäschanstalt, die die Mutter geführt, beibehalten. Man sagt, daß Becker ein vermöglicher Mann sei und sich Häuser kaufen könne; aber er legt sein Geld lieber auf Hypotheken an – da merkt die Welt nichts davon und es ist doch sicher. Am Mittag – es wird aber der Mittag schon auf elf Uhr gesetzt, denn man muß vorher gegessen haben, ehe um halb Zwölf ein Schiff zu Thal kommt – am Mittag erhält Becker sein Essen immer von Nannchen; sie bringt es aber selten selber, sie schickt meist ein jüngeres Mädchen, aber auch ein Kind aus der Nachbarschaft. Wenn Nannchen aber einmal selber kommt, muß sie nach allen Seiten hin mit Antworten gerüstet sein; denn sie wird von älteren und jüngeren Kameraden des Vaters aufgezogen – das ist einmal so die Art der Rheinländer, immer soll es etwas zum Lachen geben. Nannchen weiß Jeden baar auszubezahlen, und der Vater, der dabei ißt und trinkt – er ißt eigentlich wenig, das Trinken ist die Hauptsache – nickt manchmal, während er ißt, und wenn er trinkt, winkt er mit der Hand, sie solle stillhalten, damit ihm vor Lachen der Wein nicht in die unrechte Kehle kommt. Im vorletzten Sommer ging's aber seltsam her an einem hellen Morgen. Der Rhein wallte mit seinen grünen Wellen so still dahin und blitzte und funkelte, und drüben standen die Berge des Taunus wie hohe, stehen gebliebene grünblaue Wellen. Nannchen stand beim Vater, der auf seinem Karren saß und seine Lieblingsspeise – ein fettes Stück Rindfleisch in dicker Meerrettigsauce, oder eigentlich in Meerrettiggemüse – aß. Da sagte der faule Wendel – ein Kamerad und weitläufiger Verwandter Beckers: »Du – ist's wahr, daß du das Sprüchwort ändern willst?« Becker antwortete nicht mit Worten, sondern richtete nur den Kopf auf und seine Mienen fragten: Was meinst du? »Sonst hat man gesagt: Man bringt seine Tochter unter die Haube – du aber willst sie unter die Pickelhaube bringen?« Im selben Augenblick pfiffen drei Eisenbahnen auf einmal: drüben die Taunusbahn, hüben die nach Darmstadt und die nach Worms führende. Man konnte vor Lärm nicht antworten. Nannchen wendete sich ab und sah nach dem Rhein, und Becker, der eben noch einen guten Bissen hatte zum Munde führen wollen, steckte den Bissen mitsammt dem Löffel wieder in den Topf, stieß Nannchen an, übergab ihr den Topf und wischte sich den Mund ab. »Hast du nicht verstanden?« fragte der faule Wendel, als die schrillen Pfiffe vorüber waren. »Jawohl haben wir dich verstanden,« antwortete Nannchen. »Aber gib Acht, an den Pickelhauben sticht man sich.« »Geh' du jetzt heim, Nannchen,« sagte Becker, hob ein Polster, das er zum Kohlentragen auf den Rücken geschnallt hatte, in die Höhe und legte den Kopf sammt Polster auf den Karren. Er hat nicht nöthig, dem Vetter viele Antworten zu geben; er braucht keinen Beistand, er wird mit der Sache schon allein fertig. Nannchen ging davon und der Vater wendete sich nicht um, ihr nachzuschauen. Becker seufzte in sich hinein und betrachtete eine kurze Weile seine Hände. Er hatte sie gestern aufgehoben, um seine Tochter zu schlagen, und er war doch froh, daß es nicht geschehen war, und er gelobte sich, daß es nie geschehen solle; aber eine böse Sache ist's und wieder brav ist's doch auch von Nannchen, daß sie heute am großen Bügeltage das Essen selbst gebracht hat. Sie sieht's ein, daß das eine Albernheit und eine Unmöglichkeit ist; sie ist immer ein gutes Kind gewesen, sie wird es bleiben – die Sache ist vorbei. Hätte er zwei Blicke sehen und wenige Worte hören können, die da drüben nicht weit vom Dom zwischen einem Soldaten, der auf Posten stand, und Nannchen gewechselt wurden – er hätte anders gedacht. Denn der Soldat, ein baumlanger Mann mit gekrausten, dichten blonden Haaren, sagte zu Nannchen, als sie vorüberschritt: »Wie steht's, lieber Schatz?« »So gewiß du deinen Fahneneid hältst, so gewiß halte ich meinen Schwur,« erwiderte Nannchen rasch, kaum aufsehend, und schritt vorüber. Draußen aber am Rhein dachte der Vater an das, was gestern geschehen war. Schon vor Wochen hatte ihm Nicola hinterbracht, daß Nannchen einen Preußen zum Geliebten habe. Becker lachte darüber. »Kann sein, daß sie einen zum Narren hat. Das schadet nichts, sie ist gescheit und brav – da müssen ganz Andere kommen, um der den Kopf zu verdrehen.« Gestern Abend aber war's geschehen. Als er heimkam, war Nannchen nicht da, sie war auf dem großen Trockenplatz. Er geht ihr nach, und wer steht bei ihr und hilft ihr die Wäsche einthun? und wer faßt den großen Korb an der einen Seite an, während sie die andere nimmt? Ein Preuße. Wie er ausgesehen hat, weiß er eigentlich nicht – er sah nur die preußische Uniform. Er ging auf die Beiden zu und schrie laut – er hatte eigentlich nicht so laut schreien wollen, aber er konnte nichts dafür: »Wir brauchen keine Hülfe! Der Preuße kann gehen und du, Nannchen, gehst voraus!« Er nahm den schweren Korb in beide Hände und trug ihn, als wär's ein Strickbeutel, ins Haus. Nur einmal schaute er um – der Preuße setzte seine Pickelhaube auf und schnallte den Säbel um, dann ging er nach der andern Seite davon. Drin im Hause fragte Becker: »Was treibst Du da für Narrenspossen?« »Ich weiß nichts.« »Was ist denn das mit dem Preußen da?« »Er heißt auch Becker, Wilhelm Becker.« »Geht mich aber nichts an, wie er heißt, ich hab' nichts mit den Preußen zu thun.« »Ich auch nicht, aber mit dem Wilhelm.« »So?« Lange Zeit war Alles still. Nannchen stellte dem Vater das Essen hin, aber er aß nicht, sondern stopfte sich eine Pfeife und setzte sich auf die Bank vor dem Hause. Nannchen ging ab und zu und gab Anordnungen wegen der Wäsche; in der großen hintern Stube sangen die Mädchen beim Bügeln, aber die Stimme Nannchens war nicht dabei. Nach einer Weile – auch die Abendpfeife schmeckte ihm heute nicht – kehrte Becker in die Stube zurück und sagte vor sich hin: »Der Preuße soll mir nicht auch noch das Essen verderben.« Er begann zu essen. Nannchen kam herein und fragte: »Vater, soll ich Euch das Essen nicht noch ein wenig wärmen?« »Nein, es kann kalt sein, kannst mich auch bald kalt haben.« Nannchen stand dabei und hielt die Thränen gewaltsam zurück. Der Vater aß Alles auf bis auf den letzten Bissen. »Darf ich Euch jetzt berichten?« fragte Nannchen, nachdem Becker die still ineinander gefalteten Hände auseinander gethan. »Bring' ein Licht,« erwiderte Becker. Nannchen brachte ein Licht. »Kannst Du mir noch mit gutem Gewissen ins Auge sehen?« fragte der Vater. »Ja.« »So erzähle!« »Vater – ich hab' nicht viel zu erzählen.« »Je weniger, desto besser.« »Vater – es sind jetzt drei Wochen, da bin ich bei der Tante in Kostheim gewesen.« »Hab' mir's denken können! Aber weiter! weiter!« »Der Ohm hat damals seine erste Fahrt als Steuermann auf dem »Schiller« unternommen, und wie wir da so sitzen, kommt ein Preuße herein und sagt, er habe einen Gruß auszurichten von seinem Onkel, der Hüttenmeister auf dem Hüttenwerk da drunten bei Neuwied ist, bei dem die Tante früher gedient hat. Die Tante kennt den Soldaten noch, sie hat ihn früher gesehen, wie er noch ein kleiner Junge gewesen ist. Die Tante geht in den Keller, um Wein zu holen –« »Den Wein will ich ihr schon bezahlen,« unterbrach Becker, und Nannchen fuhr fort: »Wie wir nun so allein in der Stube sind, sagt der Soldat, und seine Stimme hat dabei gezittert: »Das ist ein Glück vom Himmel, daß ich Sie hier treffe, Fräulein Nannchen!« Woher kennen Sie mich? frag' ich ihn. Und er sagt ganz manierlich: »Erlauben Sie, daß ich ablege,« und er thut die Mütze ab und er hat ein Gesicht so schön und so gut und getreu – Ihr habt ihn ja auch gesehen, Vater –« »Ich hab' ihn nicht gesehen.« »So seht ihn Euch morgen einmal ordentlich an.« »Wird sich zeigen. Erzähl' weiter.« »Und da erzählt er mir, daß er schon lange ein Auge auf mich hat, aber er ist nicht so keck gewesen, mich anzureden. Und da sag' ich ihm, da hat er recht daran gethan, denn er wäre bös weggekommen. Und da haben wir Beide gelacht, ich weiß nicht warum, aber wir haben mit Lachen nicht aufhören können. Jetzt kommt die Tante mit dem Wein, wir stoßen mit einander an und er erzählt mir, daß er ausgekundet habe, wo wir wohnen und wie ich heiße, und daß er auch Euch kennt, Vater, so von Ansehen –.« »Er soll mich schon noch anders kennen lernen! Aber erzähl' weiter.« »Ja, ich bin eigentlich fertig. Die Tante hat immer zugeredet, wir sollen doch auch trinken, aber Wilhelm hat kaum ein halbes Glas getrunken und hat immer gesagt: er meine, er brauche jetzt sein Leben lang nicht mehr essen und nicht mehr trinken, und gut und ordentlich und brav hat er gesprochen und hat auch erzählt, daß er ein Schreiner ist – sie heißen's aber Tischler – und wie ich fortgegangen bin, hat er um die Erlaubniß gefragt, ob er mich begleiten darf. Und so sind wir mit einander gegangen. Wir haben einander nicht geführt, und was er gesagt hat, war rechtschaffen und schön, und wie wir hinauskommen an den Main, da hat er mich gefragt: »Erlauben Sie, daß ich einen Kahn nehme?« Ich habe nichts dagegen, und wie wir einstiegen, sagt der Fährmann: »Ich wünsch' Glück und Segen! Das ist einmal ein Paar, das zusammen paßt.« Wir sind Beide so erschrocken, daß der Kahn geschwankt hat, und wie wir in den Rhein hinaus kommen, geht die Sonne unter und wir fahren auf lauter goldenen Wellen dahin und er sagt: »Wenn Alles das lauter Gold wäre und Alles das wär' mein, möcht' ich doch keine Andere auf der Welt haben, als die da neben mir sitzt,« und da hat er zum erstenmal meine Hand angerührt und ich hab' sie ihm gelassen, und so sind wir dahin gefahren und haben kein Wort gesprochen, und so sind wir ausgestiegen und sind durch die Stadt gegangen und ich hab' ihn am Arme gefaßt und da draußen am Gartenzaun hab' ich ihm den ersten Kuß gegeben, und nie in meinem Leben geb' ich einem andern Mann einen Kuß, als Euch, Vater, wenn Ihr Ja und Amen sagt!« »Weißt Du, was ich für ein Amen sage?« schrie da der Vater, richtete sich auf und hob beide Fäuste über das Haupt des Kindes empor. »Damit sag' ich Dir Amen, Dir –« »Vater, das thut Ihr nicht, Ihr thätet es Euer Leben lang bereuen, wenn Ihr mich geschlagen hättet,« entgegnete Nannchen. Becker ließ die Hände sinken, ging wieder still hinaus vor das Haus, setzte sich auf die Bank und rauchte bis Mitternacht. Die Sterne funkelten über ihm, die Nachtigall sang im Busch, fern vom Rhein herauf hörte man das Stampfen eines Schleppschiffes, als ob ein Ungeheuer herankäme, und von den Festungswällen her den Ruf der Wachen von Posten zu Posten. Er ärgerte sich, daß er so lange hier saß, während er doch schon um drei Uhr im Freihafen am Rhein zum Verladen eines Niederländer Schiffes sein mußte. Er legte sich nicht mehr zu Bette, sondern ging gerades Wegs nach dem Rhein und schlief noch ein Paar Stunden auf Kaffeesäcken im Schuppen. An Alles das dachte Becker, bevor er einschlief, und es war ihm bang, was dadraus werden soll. Mit Gewalt ist da nichts zu zwingen, und andere Mittel kennt er nicht, wenn nicht Nannchen von selbst zur Einsicht kommt. Heute, zum erstenmal, überhörte er die Anlandungsglocke, man mußte ihn wecken, da eben das Schiff jene schöne, zierliche Drehung machte, um an der Landungsbrücke anzulegen. Becker war schnell auf seinem Posten. Zweites Kapitel. Als wieder Zeit zum Ausruhen war und unser Stoßkarrcher wieder müßig dasaß, wälzte sich eine Last auf ihn, die viel schwerer war, als alle, die er da aus- und eingeschleppt hatte. Ja, die Frau, dachte er vor sich hin und betrachtete seine breiten, starken Hände – ja, die Frau, wenn die Einem wegstirbt, von Mann und Kindern weg, da ist's doch, wie wenn Einem ein Auge ausgeschlagen und eine Hand abgehackt würde. Er drückte sich mit der Hand eine Weile die Augen zu, und weiter gingen seine Gedanken und sprachen: Wenn sie noch lebte, wäre das nicht geschehen und Du säßest nicht da draußen und müßtest sorgen und denken, was daheim vorgeht. Ein Mädchen hüten! Ja, wenn es sich nicht selbst hütet, nützen alle Wächter, Schloß und Riegel nichts. Kannst ohne Sorge sein, Nannchen ist brav und stolz, sie vergibt sich nichts. Aber wer weiß, was so ein pfiffiger Preuße – denn pfiffig sind sie – – Lange saß der Stoßkarrcher Becker da, machte bald die Augen auf, bald schloß er sie gewaltsam: wenn er die Welt umher sah, war's ihm nicht recht, und wenn er die Augen schloß und nichts sah, wurde er immer so ängstlich. Er war ärgerlich auf sich, denn er mußte sich bekennen, daß er zu solchen Sachen nicht gemacht sei. Plötzlich stand er auf, ging auf einen Bettler zu, der nicht weit von der Anlände auf der Brücke saß und seine Krücke neben sich gelegt hatte. Becker schaute sich rasch um und gab dem Bettler eine Gabe. Schon viele Jahre saß der Bettler da, Becker hatte ihn gesehen und kaum beachtet, wie viel weniger wär's ihm je eingefallen, ihm eine Gabe zu schenken. Heute that er's. Und ich kann sagen, warum, denn Becker hat es selbst erzählt: er war ärgerlich auf sich. Er hatte sich beim Ausschauen einmal plötzlich gewünscht, wenn er nur der lahme Bettler wäre, der Niemand auf der Welt hat, aber auch keine Sorgen. Und im schnellen Besinnen, daß das doch eine Versündigung sei, ging er auf den Bettler zu und schenkte ihm unversehens eine Gabe, als hätte er damit den sündhaften Wunsch abgekauft und gesühnt. Später als sonst kehrte Becker am Abend heim, er aß und trank aber wohlweislich vorher in der »Schippe« zu Nacht. Denn erstens wollte er's Nannchen nicht gönnen, daß sie ihm das Nachtessen herrichte, und dann fühlte er auch, daß es etwas geben könne, wodurch er gar nicht zu seinem Nachtessen komme. Denn wenn der Preuße wieder da ist – er weiß nicht, was er thut, er schlägt ihm »ein Gefach Rippen« ein. Tief verschlossen ging er seines Weges. Er ärgerte sich, daß daheim etwas kocht, das ausgegessen werden muß, wenn er auch keinen Hunger und keinen Durst mehr hat. Als er an der Hauptwache beim Dom vorüberkam, stand ein großer, krausköpfiger Soldat ledig an einer Säule. Es mußte etwas sein, was den Blick dahin gezogen hatte, und der Soldat that die Cigarre aus dem Munde, grüßte militärisch und sagte: »Schönen guten Abend, Herr Becker!« Becker zuckte zusammen, schaute grimmig auf, ballte die Faust und ging weiter. »Schönen guten Abend!« sagte er immer auf dem Wege vor sich hin. »Schönen guten Abend! Krieg' die Kränk' mit dem schönen guten Abend! Was ist das für eine Sprach!« Jetzt hatte er etwas Bestimmtes, worauf sich sein Zorn richten konnte: er kann die hochdeutsche Sprache der Preußen nicht leiden! Aber ein hübscher Bursch' ist es doch gewesen. Läßt sich denken, daß er einem Mädchen in die Augen sticht, und ein Maulwerk hat er gewiß auch wie ein Advokat, das haben alle Preußen, sie können Einen niederschwätzen, daß man meint, man wäre der dümmste Kerl von der Welt und sie hätten alle Weisheit mit Löffeln gegessen. Wart', ich will Dir! Und die Frechheit, mich auf dem Domplatz anzureden, wie wenn wir von Altersher Brüderschaft mit einander hätten. Eine Beruhigung nahm indeß Becker mit nach Hause: der Preuße war heute auf Wache und für vierundzwanzig Stunden war das Haus im Gartenfeld sicher vor ihm, und derweil wird sich's schon fest machen lassen. Als Becker heimkam, traf er seinen Sohn Nicola und seine Schwiegertochter im Hause. Er sagte mit milderem Ton, als ihm im Sinne lag, zu Nannchen, die ihm das Essen aufstellte: sie solle nur wieder abräumen, er habe schon gegessen. Die Schwiegertochter sollte nichts davon sehen und merken, was hier im Hause vorgeht. Er setzte sich vor das Haus auf die Bank, Nicola gesellte sich zu ihm und sagte, er habe schon gehört, was hier vorgehe, und der Vater werde ihm nun wol glauben. »Ich will Dir etwas sagen,« erwiderte der Vater und rieb sich dabei mit beiden Händen die Kniee, in denen eine ungewöhnliche Müdigkeit saß – »mische Du Dich gar nicht in die Sache; das Nannchen und ich werden schon allein mit einander fertig!« Und so ging der Abend still vorüber. Als sich der Vater niedergelegt hatte, kam Nannchen noch einmal in sein Zimmer und sagte: »Vater, ich will, daß Ihr um meinetwillen gut schlafen sollet. Und so sag' ich Euch, daß ich mit dem Wilhelm kein Wort mehr rede, bis Ihr mit ihm geredet habt. Gute Nacht.« »Schönen guten Abend!« erwiderte Becker und legte sich auf die andere Seite, indem er in sich hineindachte: Da kannst Du lange warten! Am Morgen, als er vor Tag aufstand, war Nannchen, wie immer, zu Wege; die Beiden sprachen kein Wort mit einander von der Hauptsache und Becker ging an seine Arbeit. Tag um Tag verging, als wäre nichts geschehen. Endlich am zweiten Sonntag sagte Nannchen: »Vater, den Brief hat mir der Wilhelm geschrieben.« »So? Also schreiben kann er auch?« »Ja und prächtig, er ist gut geschult.« »Ja ja, die Preußen können schreiben und schwätzen! Was schreibt er denn?« »Leset selber.« »Nein, Du weißt, ich bin mit dem Geschriebenen – lies Du vor!« Nannchen las: »Herzinnig Geliebte!« Becker nickte – das fängt gut an! »Ich vergehe vor Kummer, da ich Dich nicht mehr sehen und hören und Deine liebe Hand halten soll. Ich bin heute aus dem Arrest gekommen, wo ich bei Wasser und Brod habe vierundzwanzig Stunden sitzen müssen, weil ich's versäumt habe, vor dem visitirenden Major heraus zu rufen. Ich sehe und höre gar nichts mehr recht, ich bin wie vor den Kopf geschlagen. Wenn Du nicht willst und Du willst das gewiß nicht, daß ich mir eine Kugel durch den Kopf schieße –« »Pfui Teufel!« warf Becker ein und spie weit aus. »– so veranlasse, daß ich Deinen Vater endlich spreche. Ich gehe heute Mittag zur Tante nach Kostheim. Dort kann er mich treffen, wenn Du mich nicht zu Euch ins Haus rufen lassen willst. Ich beschwöre Dich bei dem Andenken an Deine Mutter und bei Deiner Liebe zu mir, laß nicht länger verschmachten »Deinen Dich bis in den Tod liebenden Wilhelm Becker.« Nannchen hatte gelesen. Der Vater saß lange stumm, die geballte Faust auf den Tisch gelegt, und sprach kein Wort. »Was wollet Ihr thun?« fragte Nannchen endlich. »Dunnerkeil! Der Preuße soll mich kennen lernen und die Tante auch!« erwiderte der Vater. »Ihr werdet nichts thun, was nicht recht ist,« erwiderte Nannchen. »Ich kann mich auf Euch verlassen, wie Ihr auf mich. Und Vater, bringet die Sache in Ordnung! Ihr könnet ja nicht wollen, daß ich ungetreu an Euch bin.« »So? Also daraus machst Du Dir nun eine Ehre, daß Du nicht ungetreu an mir bist? Ich hab' Dir zu lieb nicht wieder geheirathet, und jetzt seh' ich, es wär' besser, ich hätt's doch gethan, da hätt' ich doch eine Menschenseele auf der Welt, die bei mir bleibt.« »Vater, ich verlaß Euch nicht.« »Schon gut.« Becker ging nach seinem Geschäfte an den Rhein, nahm aber in einem Bündel bessere Kleider mit, um sich draußen in einem Schuppen, wenn die Arbeit vorüber, sonntagsmäßig anzuziehen. Nannchen saß zu Hause und ordnete die Bücher, aber oft gingen ihr die Augen über; doch sie duldete keine Weichlichkeit an sich, und nachdem sie ihre Arbeit vollendet hatte, ging sie noch einmal in ihre Kammer und wusch sich, als wäre sie eben erst vom Bett aufgestanden. Dann ging sie hinaus in den Garten. Die beiden Wächterhunde kamen zu ihr und schmiegten sich an sie; sie aber las den Brief Wilhelms aber- und abermals. Dann kehrte sie in die Stube zurück und betrachtete die guten Hemden, die sie für Wilhelm gewaschen hatte. Er ist aus einem rechtschaffenen Hause, das sieht man den Hemden an, dachte sie vor sich hin, und als die Schwägerin zu Besuch kam, war sie so heiter mit ihr wie je. Drittes Kapitel. Spazierengehen hatte Becker sein Leben lang nicht geübt, und als er heute über die Brücke ging, war seine Haltung auch derart, als ob er einen unsichtbaren Karren vor sich her schöbe; und schwer geladen war er, und dabei meinte er noch, alle Leute müßten ihn fragen, oder sie hätten ihn eigentlich gar nicht zu fragen, sie hätten es ihm am Gesicht ablesen können, warum er heute die Festung verläßt. Staunend betrachtete er die Gebäude in Kastell, die abseits der Eisenbahn neu gebaut waren; denn seit Jahren war er, Frachtgüter führend, nur bis zur Eisenbahn gekommen, weiter nicht. Eine eigenthümliche Sonntag-Nachmittags-Freude lag auf dem Dorfe Kostheim. Die Kirche war vorbei, zu Mittag gegessen hatte man auch, und jetzt liegen da Stunden, die gar nichts wollen, als was man selbst will. In den Gärten saßen die Männer hemdärmelig und rauchten, die Frauen standen an den Zäunen und plauderten, Lustwandelnde aus der Stadt zogen fröhlich dahin, und im großen Wirthsgarten spielte eine Blechmusik, daß es weithin schallte. Becker wurde von manchen lustwandelnden Familien, die ihn kannten, freundlich bewillkommt, und sein erster Gedanke war: Du bist eigentlich selber schuld, daß Dein Kind auf die Dummheit verfallen ist; du hast sie immer allein umhergehen lassen, besonders daherüber zu der Tante. Er nahm sich vor, wenn Nannchen von dem Preußen läßt, sie künftighin alle Sonntag zu begleiten, wohin sie will, und da wird man schon rechtschaffene Bürgerssöhne antreffen, und wer weiß, was daraus wird. Als er am Hause des Schwagers ankam, schaute er durch die Fenster zu ebener Erde hinein und sah zwei Männer am Tische sitzen. Vor ihnen stand ein blauer Steinkrug und zwei große gerippte Schoppengläser. Vergnüglicher ist nicht leicht ein Mensch als ein Rheinschiffer am Sonntag Nachmittag daheim. Vielleicht ist der Rheinschiffer von Allen, die auf Strömen und auf dem Meere arbeiten, der Einzige, der Wein trinkt. Ein volles Bild des Behagens war der Steuermann. Da sitzt er in seiner Stube, hat die bequeme Kattunjacke an, wo auf grünem Grund sich rothe Blumen hin und her in einander schlingen, hat die blaugestickten Pantoffeln an, sie sind ein Geschenk von Nannchen. Der Vogel auf dem blühenden Birnbaum, dessen Gesang man durch das offene Fenster herein vernimmt, kann nicht so fröhlich sein als der Mann; denn er kann nur pfeifen und nicht auch Wein trinken, und noch dazu mit einem Andern, mit dem man anstoßen kann. Der Steuermann trank nicht gern allein. Um so willkommener war ihm der Gast, der gut zu sprechen verstand. Der Steuermann antwortete ihm kaum, er pfiff nur unhörbar vor sich hin, wie er das gewohnt ist, wenn er hoch oben auf dem Hinterdeck des Schiffes das Steuerrad dreht. Ist der Mann, der beim Schwager dasitzt, vielleicht der Preuße? Was ist da lang zu besinnen! Becker trat ein und der junge Mann im schwarzen Tuchrock und weißer Weste, der beim Schwager gesessen hatte und nun aufgestanden war, wurde flammroth im Gesichte. Auch Becker spürte etwas derart, aber er nahm, wie das so seine Gewohnheit war, seine große Nase in die Hand, als wollte er sich selber zurechtführen. »Grüß Gott, Schwager!« sagte der Steuermann. »Du wirst wol den Herr Becker schon kennen,« fügte er bei, den jungen Mann vorstellend. Der Stoßkarrcher Becker blinzelte, während er seine Nase in der Hand hielt, zu dem jungen Manne auf, denn der war gut um einen halben Fuß höher als er, freilich nur, weil er sich so gerade hielt. Also das ist er? zuckte es ihm durch den Sinn. Er nickte und sagte: »Ich habe nur im Vorbeigehen mit Deiner Frau ein Paar Worte reden wollen.« »Sie kommt gleich, setz' Dich.« »Ich habe Sie auch schon oft gesehen,« sagte der junge Mann, »erst gestern, als ich auf Posten stand.« Der Stoßkarrcher fand es sehr bequem, nichts darauf zu antworten, und das sagt auch am meisten, das sagt am besten: wir haben nichts mit einander zu reden. Nur war's ihm höchst unlieb, daß der Schwager Steuermann zu Hause war. Er hatte sich arge Worte, wie Faustschläge, zurechtgelegt und wollte dem Preußen sagen, daß er ihm das Genick breche, wenn er noch ein Wort oder einen Blick zu Nannchen richte. Jetzt war auf Einmal Alles anders. »Ich hab' da mit dem Herr Becker überlegt,« sagte der Schwager Steuermann, »und Du kannst dabei am besten helfen.« »Es wird mir eine große Ehre sein, wenn Sie so freundlich wären und es thun möchten,« fügte der junge Mann ein. Er hat eine gute Stimme, aber er spricht so verteufelt preußisch Deutsch, daß der Stoßkarrcher seinen ganzen rechtschaffenen Zorn wiederbekam. »Möchten! Möchten! Wart': ich will Dir möchten.« Er schwieg indeß und der Schwager fuhr fort: »Ja, also die Sache ist die: der Herr Becker hat auf drei Wochen Urlaub genommen und da will er gern auf seinem Handwerk arbeiten.« »Ja,« setzte der junge Mann hinzu, »ich muß allerdings wahrheitsgemäß bekennen, daß ich gern Soldat bin, aber noch lieber bin ich in meinem Handwerk. Ich habe allerdings Heimweh nach meiner Mutter und meinen Verwandten, aber noch mehr nach meinem Handwerk, und so will ich nun die Urlaubswochen in meinem Handwerk daheim sein und Hobel und Säge und Meißel in die Hand nehmen.« Ja, Maulwerk haben die Preußen, dachte der Stoßkarrcher, aber er sagte es nicht, sondern brummte nur: »Was geht das Alles mich an? Allerdings! Allerdings! Was für einfältige Worte haben die Preußen,« brummte er in sich hinein. »Ich habe dem Herr Becker gerathen,« fuhr der Schwager wieder fort, »beim alten Knußmann Arbeit zu nehmen, da giebt's schöne Arbeit. Du bist ja ein Schulkamerad vom Knußmann und fährst ihm oft Hölzer zu. Jetzt, da sollst Du den Herr Becker empfehlen.« »Der Preuße ist noch nicht bei Mir empfohlen und ich glaub' nicht, daß er's wird; ich kann nichts weiter geben, was ich nicht hab'! Wo ist Deine Frau?« »Ich weiß nicht, sie steht wahrscheinlich irgendwo an einem Gartenzaun und hält eine Schwätzete. Kannst Du mir nicht sagen, was Du hast?« »Meinetwegen. Ich will dem Preußen nur sagen, daß ich nichts von ihm will, und mein Nannchen will auch nichts von ihm.« »Ich müßte denn doch verlangen, daß mir Nannchen selber das sagt.« »Ich wüßte nicht, daß Er – daß Er –« sagte Becker zum Schwager über die Achsel sprechend – »von irgendwoher ein Recht hätte, irgend etwas zu verlangen. Denn doch! Denn doch,« spottete er nach. Glücklicherweise trat in diesem Augenblick die Frau Schwägerin herein und war überaus glücklich, die Drei so gut beisammen sitzen zu sehen. »Ich geh' schon,« erwiderte der Stoßkarrcher, »wir sind fertig. Und Dir hab' ich nur noch sagen wollen, daß Du Dich schämen solltest, so etwas anzubandeln. Weil Dein Mann da ist, sag' ich nicht noch mehr.« »Und das ist schon zuviel!« rief der Schwager. Er stand auf, sein Gesicht wurde roth und die rothen Blumen an seiner Jacke schienen röther zu werden und sich wie im Zorne in einander zu schlingen, als er die Arme in einander legte und fort fuhr: »Ja, schau' mich nur an, ich fürchte mich nicht vor Deinen breiten Händen. Du dauerst mich, daß Du so im Unverstand dastehst. Du fangst's gescheit an, Dein Kind ungetreu an Dir zu machen! Hast denn Du Deine Eltern vorher gefragt, wie Du mit Deiner Frau angefangen hast?« »Ich bitt' Euch, schreit nicht so, sprecht leise!« sagte die Frau. »Jawohl, Alles recht heimlich, recht still!« spottete der Stoßkarrcher. »Ich bitte um's Wort,« bat der Soldat. »Ich bin nicht dazu da, um Uneinigkeit in eine Familie und Schimpfereien über die gute Frau hier zu bringen. Ich verlasse das Haus und komme nie mehr hierher.« »Sie bleiben!« rief der Steuermann, »in meinem Hause bin Ich Herr!« »So kann ich gehen,« erwiderte der Stoßkarrcher mit großer Mäßigung. »Was gesagt ist, ist gesagt. Adjes beisammen.« Er öffnete die Thüre, aber in der Thüre traf er auf Nannchen. »Was? Du da?« schrie der Vater. »Hast Du mir nicht versprochen, daß Du ohne mein Wissen nicht mehr mit ihm zusammen kommen willst?« »Ich thu's ja nicht ohne Euer Wissen,« erwiderte Nannchen, »Ihr seid ja dabei.« Alles lachte und auch der Vater mußte lachen, obgleich er lieber geflucht hätte. Nannchen zog ihn wieder in die Stube und er mußte sich setzen. Geraume Weile war Alles still. Endlich begann Nannchen: »Vater, ich weiß, was Ihr gegen Wilhelm habt. Ihr wollt nichts von ihm wissen, weil er ein Preuße ist.« »Natürlich!« »Und wenn nun Jemand von Euch nichts wissen will, weil Ihr ein Hessen-Darmstädter seid?« »Ich bin kein Hessen-Darmstädter, ich bin ein Mainzer.« »Recht so, aber ein Deutscher dazu! Ich werde Euer Gesicht nie vergessen, wie Ihr damals ausgesehen habt, wie Ihr Anno 48 die große Deutsche Fahne vorgetragen habt.« »Ja, und wer hat die Deutsche Kokarde herunter gerissen und mit Füßen getreten? Das haben die Preußen gethan!« schrie Becker und schlug mit der Faust auf den Tisch – er war froh, seinen Zorn einmal los werden zu können. »Ich nicht,« sagte der junge Mann, »ich war noch nicht dabei, und wer weiß, ob's Andere gethan haben.« »Ja,« schrie Becker und seine Lippen bebten, »ein Preuße ist's gewesen, der auf der Brücke meinem Sohn, dem Nicola, er war damals ein Schuljunge, die schwarzrothgoldne Mütze vom Kopfe gerissen und in den Rhein geworfen hat! Wär' ich dabei gewesen, der Preuße wäre nachgeschwommen! Und eh' soll man mir den Kopf herunter reißen, eh' ich –« »Laß gut sein,« hielt der Steuermann den Schwager an, »es ist seitdem viel Wasser den Rhein hinunter gelaufen. Sind wir nicht Alle miteinander Narren!« lachte er dann. »Was geht das uns jetzt an? Da steht der Herr Becker und hat seinen bürgerlichen Rock an und morgen zieht er wieder den Soldatenrock an, wie Jeder muß. Du bist Dein Lebtag da am Ufer gewesen, Schwager, und weißt nicht, daß hinter dem Berg auch noch Leute wohnen.« »Du bist just mein Lehrmeister nicht! Das ist wahrscheinlich die neue Mode, daß der Vater nichts gelten soll bei dem, der um seine Tochter freit!« »Er gilt soviel, als er werth ist und aus sich macht,« erwiderte der Schwager. Der Soldat streckte die Hand aus und rief: »Ich habe allen Respekt vor Ihnen, Herr Becker, Sie sind ein Ehrenmann.« »Bedank mich schön, Herr Allerdings!« Die beiden Frauen verließen die Stube, aber sie standen draußen wie eine Schutzwache, daß keine Heftigkeit mehr aufkommen konnte. Kaum war eine Viertel Stunde vorüber, als der Schwager sie wieder hereinrief. Nannchen suchte den Blick des Vaters; er richtete das Auge nicht auf, auch Wilhelm hatte den Blick zu Boden gerichtet. Der Onkel Steuermann war allein guter Dinge und sagte: »Ja, da haben wir wieder alte Geschichten aufgerührt. Ich werde es auch nie vergessen – ich habe das Schiff gesteuert, das damals die Abgesandten des Deutschen Reichstages von Frankfurt nach Köln brachte, von wo sie dann nach Berlin sind, um dem König von Preußen die Kaiserkrone zu geben. O, was für prächtige Männer waren da beisammen! Wo sind sie jetzt? Größtentheils unter der Erde und über die weite Welt zerstreut. Man meint doch oft, man wär' schon hundert Jahre alt, und wenn ich hundert Jahre alt werde, nie kann ich's vergessen, was für eine Fahrt das damals war; so kommt keine mehr. Hüben und drüben hat Alles gejubelt und man hat gemeint, jetzt ist alles Elend vorbei. Und da sitzen wir nun und zanken uns um des Kaisers Bart und haben nicht einmal einen Kaiser, viel weniger, daß er einen Bart hat.« Alles lachte und der Steuermann, der sich auf seine Politik was zu Gute that, fuhr fort: »Was thut's? Es ist anders geworden, als wir's gewollt haben, aber was thut's? Es wird Alles noch gut. Nannchen, sei auch Du ruhig, es wird auch mit Dir noch gut.« Es schien in der That der Fall zu sein. Es wurde kein lautes Wort mehr gesprochen, und der Stoßkarrcher trank von dem vorgesetzten Wein, aber mit dem Preußen stieß er nicht an; er zog sich in den passiven Widerstand zurück, denn er sah wohl, daß er jetzt und hier nicht durchgreifen kann, es waren zu Viele gegen ihn; er war freilich stärker, als die da Alle mit einander, aber hier hilft die Körperstärke nichts. Einstweilen that er also gar nichts und ließ sich den Wein schmecken. Der Schwager hatte eine eigene Gondel und er schlug, da noch gute Zeit war, eine Fahrt nach der Rheinau bei Biberich vor. Der Vorschlag wurde mit Freuden angenommen; der Stoßkarrcher zuckte mit den Achseln, aber er ging doch auch mit. Man stieg ein. Nannchen setzte sich zum Vater, Wilhelm zur Tante ihm gegenüber, und der Onkel saß am Steuer. Leicht und behend schwamm die Gondel den Main hinab in den Rhein. Ringsum schwammen Gondeln mit hell gekleideten, fröhlich singenden Menschen und die Sonne schien so klar hernieder, die Wellen im Strome blitzten, die Ufer glänzten und der Stoßkarrcher Becker athmete tief auf und schaute strahlenden Antlitzes drein; es war ihm auf Einmal so frei und leicht zu Muthe, es faßte ihn etwas an, als ob es gar keine Lasten auf Erden zu schleppen und zu tragen gebe, Alles auf der Welt geht so leicht und schwimmt dahin, wie der Kahn hier auf den Wellen. »O wie schön ist das, Vater,« sagte Nannchen, ihm ins Antlitz schauend. »Ja,« sagte er, »und Du hast nur eine Minute dran denken können, von da fort zu gehen?« Sie hatte nicht Zeit, etwas zu erwidern, denn Wilhelm stand auf und bat den Steuermann, ihn steuern zu lassen; er zog den Rock aus, that die Mütze ab und sagte, er habe in seiner Heimath auf der Havel auch viel gesteuert und gerudert und er pries die Schönheit seines heimathlichen Flusses mit beredten Worten. »Pfui!« sagte der Stoßkarrcher vor sich hin und spie in den Rhein. Zu Nannchen gewendet sagte er leise: »Da siehst Du, wie eingebildet und unverschämt die Preußen sind! Hat der die Keckheit, auf dem Rhein von der Havel zu reden, von seinem Sumpfwasser, mit dem man schreiben kann, wenn man die Feder eintunkt. Da siehst Du, in welch eine Patsche Du kommst, wenn ich Dich nicht herausziehe.« »Ja, Vater,« erwiderte Nannchen, »das ist nichts Unrechtes. Jeder lobt sein Land, wo er daheim ist, und findet es schön, wo er jung gewesen ist, und das ist gut.« Der Vater blickte nur mit einer bösen Wendung die Tochter an und schaute dann stumm in das Wasser. Es ist doch arg, wie ihm das Kind alle seine guten Gedanken umstößt, als wenn sie gar nie richtig gestanden hätten. Er sah auf seine Tochter, aber sie sah ihn nicht, denn ihr Blick haftete an Wilhelm und der Vater selber mußte gestehen, daß das ein schöner Bursch war. Stramm, wie die Preußen sagen, und dazu gewandt und biegsam, die weiße Weste legt sich über einen festen Brustkasten, die Arme treten sehnig aus den aufgestreiften Hemdärmeln hervor, der Hals ist ein wenig lang, aber kräftig im Nacken, die blonden Haare sind dicht, darunter eine schneeweiße Stirne, helle, blaue Augen und wie abgezirkelt sind die rothen Backen gebräunt, und der Mund mit dem braunen Schnurrbart hat frische, rothe Lippen; das Glück, daß diese Lippen Nannchen geküßt haben, schien noch fröhlich auf ihnen zu schweben. Man landete an der Rheinau. Die Insel lag still und menschenleer; nur ein einzelnes Gehöfte befindet sich darauf und es war Niemand daheim, als ein alter Knecht, der im Stall seinen Mittagsschlaf hielt. Der Onkel hatte aber mehrere Flaschen Wein mitgenommen, und man war bald fröhlich und guter Dinge im Grase sitzend, nur der Stoßkarrcher spottete die ganze Gesellschaft aus, die ihren Wein auf dem Boden sitzend trinkt und damit hinausfährt auf eine Insel, was man doch Alles viel bequemer in einer Wirthsstube haben kann. Am meisten ärgerte ihn dann noch, daß Nannchen und Wilhelm so gut mit einander singen konnten. Als der Abend hereinbrach, fuhr man wieder heimwärts. Jetzt bei der Bergfahrt zeigte Wilhelm, daß er in der That gut rudern kann, und er sah schön aus, wie er so tapfer und wie spielend das Ruder regierte. Der Steuermann nickte ihm fröhlich zu, aber der Vater würdigte ihn kaum eines Blickes. Man landete, der Vater nahm Nannchen bei der Hand, sagte »Adjes beisammen!« ließ die Anderen stehen und ging mit ihr heimwärts. Am Abend daheim war der Vater brummig; denn es ärgerte ihn, daß die Sache nicht abgethan, ja vielleicht jetzt erst recht angefangen war. Er wußte nicht mehr, ob man ihn nicht überrumpelt habe: hat er nicht versprochen, mit Meister Knußmann zu sprechen? Noch am Abend kam ein Brief von Wilhelm, worin dieser ankündigte: er danke sehr, daß der Vater sich erboten habe, mit Meister Knußmann zu sprechen, es sei nicht mehr nöthig; er habe durch einen glücklichen Zufall mit dem Ohm dem Meister am Ufer begegnet und er trete sofort morgen früh in Arbeit bei ihm. »Diese schnabelschnellen Preußen haben Glück,« sagte der Vater, als er sich zu Bett legte. Mehrere Tage war Vater Becker sehr verdrossen, und besonders ärgerlich war's, daß er in der Schippe, wo er seinen Zehn-Uhr-Schoppen trank, nicht mehr mit den Anderen auf die Preußen schimpfen konnte; er blieb dabei still, denn er wußte nicht, ob er nicht etwa doch in den sauren Apfel beißen und einen Preußen zum Schwiegersohn nehmen müßte. Hätte er gewußt, wie viel schöne Stunden Nannchen und Wilhelm mit einander hatten am Feierabend, wie doppelt glücklich sie war, ihn nun in seiner wirklichen Lebensthätigkeit als Tischler zu sehen und wie wohlgemuth sich Wilhelm durch die Arbeit fühlte und er das Höchste hatte, was der Mensch sich wünschen kann, Arbeit und Liebe – und er wußte das ganz gut auszulegen – wie gesagt, hätte der Vater das wissen dürfen – er ahnte es vielleicht, wollte es aber nicht wissen – er wäre noch viel ärgerlicher gewesen. Schon fing Becker an, darüber zu grübeln, wie er sich am nächsten Sonntag verhalten solle; er wollte sich nicht mehr zum Spott der Menschen und seiner selbst so im Freien herumführen lassen, wo er eigentlich gar nicht dabei sein will, und doch wußte er nicht, wie er das anstelle. Da kam am Sonntag früh, als er eben das Haus verlassen wollte, der Soldat Wilhelm Becker schön aufgeputzt, aber jetzt im bunten Rock, daher. Er grüßte soldatisch und sagte: »Erlauben Sie, daß ich ein wenig mit Ihnen gehe? Ich habe Ihnen etwas zu sagen.« »Ich mache aber große Schritte,« erwiderte Becker. »Das kann ich auch,« entgegnete Wilhelm. Und nun mußte der Stoßkarrcher mit dem Soldaten, der sich sehr manierlich auf die linke Seite hielt, am hellen Tage durch die Stadt gehen. Wilhelm erzählte, daß gestern Marsch-Ordre eingetroffen sei und zwar plötzlich; sein Regiment käme nach Magdeburg, es heiße, daß es Krieg gäbe in Schleswig-Holstein. Becker sah spöttisch lächelnd auf den Soldaten. »Die Preußen Krieg führen! Unsinn! Es ist nichts als Maulwerk. Die Preußen schlagen nie los –« Er hielt sich indeß nicht verpflichtet, seine Meinung zu sagen, stumm ging er neben dem Soldaten her, und als dieser sagte, er werde sich erlauben, noch bei Nannchen Abschied zu nehmen, nickte er – er kann's nicht wehren, ein Mädchen, das sich nicht selbst hütet, kann kein Vater hüten. Zum erstenmal in seinem Leben stolperte heute Becker beim Ausladen und fiel platt auf den Boden. »Das kommt davon,« sagte er, sich Kniee und Ellbogen reibend, »wenn man anderswohin denkt, als wo man ist.« Draußen war indeß Wilhelm bei Nannchen. Sie saßen nicht müßig bei einander, Nannchen raffte dabei die Wäsche von den ausgespannten Leinen zusammen und vor Allem nahm sie die Hemden Wilhelms vor und bügelte sie dann außer der Reihe. Nannchen nahm die Trennung mit Ruhe auf, nicht so Wilhelm. Sie versprach, zur Abfahrt mit an die Eisenbahn zu kommen; sie wollte dem Vater und aller Welt zeigen, daß sie Wilhelm zugehöre. Dieser mußte jetzt bald wieder fort, konnte aber am Abend noch auf eine Stunde kommen. Der Vater, der Steuermann und die Tante saßen in der Stube beisammen; als es Nacht geworden war, kam Nannchen und führte Wilhelm an der Hand. Sie verlangte, daß man jetzt kurz die Verlobung feiere; aber zum erstenmal fehlte ihr der Beistand des Oheims, der, bevor noch der Vater sprach, sich dagegen erklärte: »Wenn Ihr einig seid, ist's nicht nöthig, und wenn doch vielleicht Eines vom Andern läßt, ist es besser, Ihr seid nicht verlobt gewesen.« Dabei blieb's. Trotz Zuredens der Tante – auch sie schien sie zu verlassen – ließ sich Nannchen nicht abhalten, noch in der Nacht zur Eisenbahn zu gehen. Der Vater sagte, er bliebe zu Hause, er schlich ihr aber doch nach. Abseits bei einem Schuppen steckte Wilhelm seinem Nannchen einen Ring an den Finger, sie küßten einander und als sie aufschauten, flog oben am Himmel eine Sternschnuppe in weitem Bogen dahin. Die Regimentsmusik spielte lustig auf, Hurrahrufe erschallten und Nannchen sagte: »Ich glaub' Dir und Du glaubst mir, daß wir treu zusammenhalten, und jetzt leb' wohl und halt' Dich brav und grüß' mir Deine Mutter und schreib' mir.« Die Wagen rollten davon, das Hurrahrufen der Soldaten übertönte das Wagengerassel; dann war es plötzlich still und man hörte nichts als das Rauschen des Stromes in der Nacht, das man im Lärm des Tages nicht vernimmt. Jetzt erst weinte Nannchen, und sie wußte, daß auch Wilhelm dort im Wagen weine, aber sie wußte auch, daß er sich ebenso schnell wieder faßte, wie sie. Sie ging heimwärts. Am Gauthor, wo nur der kleine Ausgang geöffnet wurde, begegnete ihr der Vater. Er tröstete sie und behauptete steif und fest, daß es keinen Krieg gäbe, und doch wünschte er eigentlich im Herzen, daß er Unrecht habe, und er war fast bös auf sich, daß er wünschte, der Preuße möge erschossen werden; er hatte sonst nie im Leben einem Menschen etwas Böses gewünscht. »Aber so wird man,« sagte er vor sich und knöpfte dabei seinen Rock zu, »so wird man, wenn man in unnöthige Dummheiten geräth.« Von Magdeburg aus kam ein Brief Wilhelms mit der Nachricht, daß sie einstweilen hier in Garnison lägen, vom Kriege sei es wieder still. Als aber die Blätter von den Bäumen fielen, kam ein Brief, worin es hieß: Morgen marschiren wir! – Nannchen ging arbeitsam umher und unwillkürlich sang sie leise das Lied: Morgen marschiren wir, ade, ade, ade. Viertes Kapitel. Der Winterfeldzug war hart, aber viele warmherzige Briefe gingen hin und her zwischen Altona und Mainz. Nannchen war voll Kummer über den harten Winter, in ihren Träumen sah sie oft Wilhelm erfroren im Schnee liegen, immer aber kamen aufs Neue tröstliche Briefe; sie wollte dem Vater solche zu lesen geben, er aber wollte nichts davon wissen, er war ärgerlich auf die Preußen, die so gut schreiben können. Vom Tage vor der Erstürmung der Düppeler Schanzen kam ein Brief in das Gartenfeld bei Mainz, darin hieß es am Schlusse: »Ich gedenke Deines Wortes »halte Dich brav« – darauf kannst Du Dich verlassen. Im Kugelregen werde ich das Wort immer im Herzen sprechen, und wenn ich falle, so grüß' ich Dich im Tode viel tausendmal, und ich will nicht, daß Du Dein Leben dann wegen meiner vergrämen sollest; mache dann einen andern Mann glücklich, aber so glücklich wie mit mir wirst Du doch mit keinem, und wenn ich sterbe, so wirf den Ring, den ich Dir gegeben, in den Rhein, an dem Tag, an dem wir Alle zusammen nach der Rheinau gefahren sind. Jetzt und hier meine ich, es sei ein Traum; daß je so ein Tag über der Welt war, so herrlich und so glückselig. Ich vertraue dem Himmel, daß solch ein Tag wieder und wieder kommt. Und nun leb' wohl und gräme Dich nicht zu sehr, es kann ja, will's Gott, noch Alles gut werden. Manchem Mann geht manche Kugel vorbei, haben wir ja oft gesungen. Leb' tausendmal wohl, und wenn ich sterbe, sag' auch Deinem Vater, er soll mir verzeihen, wenn ich ihn je beleidigt habe. Leb' tausendmal wohl.« Diesmal mußte Vater Becker den Brief auch anhören. Er sagte lange nichts, und als ihn Nannchen mit thränenvollem Auge anstarrte, brummte er endlich: »Ich hätt's nicht geglaubt, daß ein Preuße so viel Herz hat.« Tage und Nächte vergingen, es kam keine Nachricht. Die Siegesbotschaft war in Aller Munde, aber von Wilhelm war nichts zu erfahren. Nannchen wagte es, auf die Commandantur zu gehen; sie erbebte innerlich, als der Fourier die Liste der Verwundeten und Gefangenen vor sich hin murmelte und dabei manchmal über das Blatt weg auf die Harrende sah. Einer Namens Becker war gefallen, aber er hieß nicht Wilhelm und war nicht von der Havel. Weiter wußte man ihr keinen Bescheid zu geben. Sie schrieb nun an die Mutter Wilhelms nach der Havelstadt, aber auch diese erwiderte, daß sie ohne Nachricht und voll Sorge sei. Auf dem vom Eis befreiten Rhein ging wieder das erste Dampfschiff. Wenn die Schiffsglocke wieder zum erstenmal klingt, ist Alles voll Fröhlichkeit; alles Leben ist wieder aufgethaut, die Welt ist wieder offen. Der Frühling war so schön, die Bäume blühten, die Vögel sangen – nichts konnte Nannchen trösten, und sie war dem Ohm bös, da er behauptete, Wilhelm sei gewiß gefangen, er habe es gescheit gemacht, sich lieber gefangen zu geben, als sich erschießen zu lassen. »Das thut er nicht,« rief Nannchen, »lieber stirbt er.« Endlich am Sonntag nach Ostern kam ein Brief aus Flensburg. Er war von fremder Hand und lautete: »Liebes Nannchen! Verzeihe, daß ich Dir nicht schreiben kann. Ich habe Dir keine Nachricht geben wollen, bis es so weit vorbei ist.« Nannchen legte es sich wie Spinnweb vor die Augen, als sie das las, aber sie wischte sich mit der Hand über die Augen und las weiter: »Dir zu lieb habe ich lieber sterben wollen, als ein Krüppel sein. Ich weiß, Du hättest auch nicht von mir gelassen, wenn ich ein Krüppel wäre. Gott wird's mir verzeihen, ich habe weniger an meine Mutter als an Dich gedacht. Also die Sache ist so. Ich habe einen Schuß in den rechten Arm bekommen. Und es war so, daß sie mir den Arm haben abnehmen wollen. Ich habe aber fest darauf bestanden: lieber sterben, als ein Krüppel sein. Heute haben nun die Doctoren gesagt, mein Arm sei gerettet. Ob ich ihn wieder gehörig brauchen kann, das weiß man noch nicht. Liebes Nannchen, betrübe Dich nicht zu sehr, denke daran, daß ich hätte sterben können. Sei auch ohne Sorge, ich werde gut verpflegt. Die Dir diesen Brief schreibt, ist eine Frau von einem Doctor. Sie ist aus Berlin und ist eine Jüdin. Aber im Kriege sind alle Menschen gleich, sie sollten es auch im Frieden sein. Sie sieht ganz aus, wie Deine gute Freundin, die Fränz von der Gaugasse; sie hat auch kurze schwarze Locken und auch so ein gutes Herz. Und sie nimmt mir's ab, wenn ich von Dir erzähle. Sie kann aber nicht lange bei mir bleiben. Also in acht Tagen, sagen die Doctoren, kann ich von hier fortgebracht werden. Ich habe gebeten, daß man mich zu meiner Mutter bringt. Schreib' mir gleich hierher und heute über acht Tage an meine Mutter. Ich hoffe, daß Du keinen Krüppel zum Manne haben sollst. Aber es kann sein, daß ich nicht mehr auf meinem Handwerk arbeiten kann. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Sag' Du mir, was Du dazu denkst und auch Dein Vater.« Als Nannchen diesen Brief gelesen hatte, saß sie nicht still, sie ging schnell in den Garten an die Arbeit; aber kaum war sie ins Haus zurückgekehrt, als sie den Brief wieder und wieder las. Es kam ihr Alles wie ein Traum vor, und doch mußte sie sich endlich drein finden, daß es Wahrheit sei. Als am Abend der Vater kam und Nannchen ihm den Brief vorgelesen, sagte er wiederum lange nichts, bis er sich endlich zu den Worten verstand: »Der Preuße versorgt seine Invaliden gut. Jetzt kann der Wilhelm Amtsdiener oder Chausseegeldeinnehmer in der Wasserpolackei werden, wo die Menschen zehn Monate des Jahres in Schafpelzen herumlaufen. Hast Du auch Lust dazu, Frau Amtsdienerin oder Chausseegeldeinnehmerin zu werden, wo man das ganze Jahr nichts hört als das Pfeifen des Windes und nichts sieht als einmal ein Fuhrwerk mit einem ausgehungerten Rößlein? Daß es Wein auf der Welt giebt, das ist da hinten in der Polackei ein Aberglaube.« Nannchen betrachtete staunend den Vater, wie er so hartherzig sein kann. Sie ging aber, bevor die Festung geschlossen wurde, zur Tante nach Kostheim, übernachtete bei ihr und weinte sich aus. Fünftes Kapitel. Es vergingen stille Tage, Nannchen sprach kein Wort mehr von Wilhelm. Der Vater sah sie manchmal staunend an und freute und ärgerte sich über ihre Verschlossenheit. Aber sein Hauptgedanke war doch: »Es ist doch ein Kernmädel, sie läßt sich in Nichts helfen.« Er sollte auch erfahren, daß sie sich in Nichts widerstreiten läßt. Denn eines Tages, als ein Brief aus der Havelstadt gekommen war, worin es hieß, daß Wilhelm sich bei seiner Mutter befand, sagte Nannchen: »Vater, ich habe Alles eingerichtet, das Geschäft kann fortgehen ohne mich; morgen reise ich zu Wilhelm.« »So? Du reisest zu ihm und fragst mich gar nicht?« »Lieber Vater, was soll ich fragen, wo ich mir doch nicht abrathen lasse?« »Sag' nicht: lieber Vater! Wenn man das sagt, braucht man nicht mit lieber Vater anfangen. Hast Du mich verstanden? Was ist jetzt Dein Schneppepperles-Mäulchen so still? Ist denn das, was ich gesagt habe, so einfältig? So red' doch. Was weinst Du? Weinen ist keine Antwort.« »Vater, ich möcht' nicht in Streit von Euch gehen,« brachte endlich Nannchen hervor. »Und ich leid's nicht, daß Du so mir nichts dir nichts von mir gehst.« »Dann muß ich's heimlich thun.« »Heimlich?« Er stand auf und stemmte beide Hände in die Seiten. Es kämpfte seltsam in seinem Gesichte, und endlich sagte er: »Du gehst nicht heimlich und gehst nicht allein! Du gehst mit mir, ich geh' mit Dir. So lang meine Augen offen stehen, will ich sehen, wo Du hingehst und wo Du bist und wo Du bleibst. Sei ruhig. Laß meine Hand. Was brauchst Du meine Hand zu küssen? Das ist dummes Zeug. Ich bin Dein Vater, ich geh' mit Dir. Aber red' nichts vorher davon; laß die Leute schwätzen, wenn wir fort sind. Pack' Du mir still ein, was ich brauch', morgen früh mit dem ersten Schiff gehen wir den Rhein hinab. Ich will doch auch einmal sehen, wie dort um die Ecke herum bei Bingen der Rhein aussieht. – So, jetzt ist's gut, jetzt hast Du wieder Dein gutes Gesicht. So war's bei Deiner Mutter auch. Ich hab' sie nur zweimal weinen sehen, und nachher war's so schön, wie nach einem Gewitter. So, jetzt ist aber genug geschwätzt, und wir haben ja unterwegs noch Zeit zu Allem.« Nannchen ordnete Alles bedachtsam in Haus und Garten. Und einmal erschrak sie vor sich selber, als sie merkte, daß sie sang. Sie singt, während Wilhelm so schwer darniederliegt! Aber sie hatte ein Gefühl der Zuversicht, daß nun Alles gut werde, es kann nicht anders sein, und das Glück, daß sie mit ihrem Vater so wunderbar wieder eins und einig geworden, strahlte von ihrem Antlitze, so daß die Tante von Kostheim, die sie zu trösten gekommen war, sie staunend betrachtete. Sie wollte kaum glauben, daß der Stoßkarrcher so gut sein könne; aber sie war auch klug und sagte sofort, die Rheinreise solle wenig kosten, sie gebe dem Schwager die Freikarte ihres Mannes, der als Steuermann gar nichts für die Fahrt auf dem Schiffe zu zahlen habe. Am frühen Morgen waren Vater und Tochter draußen am Rhein und schauten über den Strom und in die helle Landschaft. Der Vater bekam leicht Urlaub; denn er hatte ihn eigentlich noch nie in Anspruch genommen. Es waren viele Kameraden da und Becker nahm nur eine Fahrkarte bis Bingen; das war doppelt gut. Denn erstens merkten die Kameraden nicht, wohin es geht, und dann – er erklärte das Nannchen auf dem Schiff – wollte er in Bingen, wo man ihn nicht kennt, die Weiterfahrt unter dem Namen des Schwagers Steuermann machen. »Ja Vater, könnt Ihr denn das? unter fremdem Namen reisen, und die Menschen –« »Sag' das Wort nicht, Du hast recht, ich hab' mir auch nur eingeredet, daß ich's könnte, es ist wahr. Mag's jetzt kosten, was es will, ich bezahl' meine Personenfracht. Und die wird nicht nach dem Gewicht gerechnet,« setzte er lächelnd hinzu. »So, jetzt ist's gut. Steck' Du die Karte vom Ohm Steuermann zu Dir, damit ich sie nicht verliere.« Und weiter ging's den Rhein hinab. Bis nach Bingen stand Becker oben beim Steuermann und half ihm das Rad drehen. Er ist froh, daß er was thun kann. Nannchen saß still auf der Vorkajüte. Sie las aber und abermals den Brief, dann wischte sie sich mit dem unentfalteten weißen Tuch scharf über das ganze Gesicht, als müßte sie alle Trauer daraus weg wischen, und schaute frei um. »Wie ist die Welt so schön und weit, und da droben liegt ein guter Mensch in einer stillen Kammer und hat Schmerzen ohne Ende. Aber jetzt muß er auch schon Alles leicht verwinden. Denn heute, just um diese Zeit – Nannchen hat genau auf der Post nachgefragt – erhält er den Brief mit der Nachricht, daß wir kommen. O wie schön ist es doch, daß man einander schreiben kann.« Von Bingen an setzte sich der Vater zu seiner Tochter und sagte: »Willst Du nicht auch ein gut Glas Wein trinken? Der Capitän hat einen guten Tropfen. Er hat mich nur die Hälfte des Fahrgeldes zahlen lassen, und ich bin dabei ein ehrlicher Mann geblieben. Jetzt bin ich einmal auch ein Engländer und sehe mir unsern Rhein an.« Der Vater war überaus lustig und ließ sich von einem jungen Mann, der ein rothes Buch aufgeschlagen in der Hand hatte, die Städte und Burgen hüben und drüben benamsen. Nannchen war ganz glücklich, daß der Vater so munter war. Und der Tag war so schön, kein Wölkchen stand am Himmel, und der Vater rief einmal: »Riechst du nicht auch was? Ich mein', ich rieche die Weinberge, die jetzt in Blüthe stehen. Jetzt gerade vor dreißig Jahren hat's auch einen Prachtwein gegeben, damals haben wir geheirathet.« Es lag ein feuchter Glanz in seinem Auge und er blinzelte mit den Wimpern. Denn der starke derbe Mann dachte innig an die verstorbene Frau. Als das Schiff bei Neuwied anlegte, sagte Nannchen: »Da im Thal wohnt der Vetter Wilhelms.« Sonst sprach sie nicht von ihm; sie wollte dem Vater, der überaus heiter war, die Stimmung nicht stören. So lustig er auf dem Rhein gewesen war, so unlustig und ärgerlich war er während der Eisenbahnfahrt. »Da hast Du es,« sagte er zu Nannchen. »Da siehst Du, wo wir hinkommen. Und in solch einem Land willst Du bleiben?« »Ja, was ist denn, Vater?« »Du kannst ja lesen. Lies doch.« Nannchen las auf dem Bahnhofe die Aufschrift: »Vor Taschendieben wird gewarnt!« und sie lachte. »Da lachst Du?« rief der Vater, »und ich komme mir vor, wie wenn immer fremde Hände in meinen Taschen wären, und wie wenn sie mir das Herz aus dem Leibe stehlen wollten. Dunnerkeil! – das war sein Lieblingsausruf – wo sind wir hingerathen!« Er knöpfte seinen Rock fest zu, aber ihn wieder aufreißend, rief er: »Sie haben mir schon Alles genommen, meine Brieftasche mit dem Geld ist fort!« »Vater, was seid Ihr so aus dem Häuschen? Ihr habt sie ja mir gegeben.« »So? ja. Du hast sie doch noch? Aber guck', ich bin Dir ganz verwirrt. Da laufen die Menschen herum, und Jeder kann ein Taschendieb sein.« »Das kann daheim auch sein.« Der Vater war eine Zeit lang still, dann aber schimpfte er wieder beständig auf die Preußen, die immer so eilig thun, als ob in der nächsten Minute die Welt unterginge. Nannchen hörte ihn geduldig an und bat nur, nicht so laut zu sprechen. Ein Mann aber, der im Wagen saß, hatte doch gehört, was der Rheinländer vorgebracht hatte. Der sagte ihm: »Ihr Rheinländer kommt uns fahrig vor, wie wir Euch als zu herb und streng erscheinen. Wenn wir Euch so am Rhein da draußen stehen sehen mit den Händen in den Hosentaschen, so meinen wir, in diesem etwas französisch angehauchten, leichtlebigen Wesen wäre keine rechte Arbeitslust, und doch seid Ihr in Eurer Art auch fleißig.« »Dank' schön,« erwiderte Becker. »Ja, Sie kommen zum erstenmal nach Norddeutschland, und ich sehe es wieder, wir Norddeutsche haben nur einen einzigen Freund.« »So? Und wer ist das?« »Unsere Arbeit. Die ist unser einziger Freund. Geben Sie Acht, und Sie werden sehen, wie Alles emsig ist. Man hat nicht Zeit und nicht Lust zu gutmüthigen Lässigkeiten. Wir sind hart gegen Andere, aber auch hart gegen uns.« Der Mann stieg unterwegs aus, aber das Wort, das er gesagt hatte, blieb bei dem Rheinländer im Wagen. Die Norddeutschen haben keinen andern Freund als ihre Arbeit! Da ist doch was drin! Als der Vater darüber loszog, daß man nirgends mehr einen guten Tropfen Wein bekäme – sie hätten nichts als Schnaps und fabricirten Wein, den sie spanischen nennen, und der französische Rothwein sei eigentlich Medicin und gar kein Wein; zudem ließen sie Einem kaum Zeit, das gebrannte Zeug zu trinken – nahm Nannchen eine große Flasche aus ihrem Handkorb und ein Glas dazu. »Der ist noch von Daheim,« sagte der Vater. »Und Du hast doch viel von der Art Deiner Mutter. Ich weiß nicht, mir ist's, wie wenn ich jetzt den weiten Weg zu ihr reiste in die andere Welt.« Zum erstenmal erzählte er nun der Tochter, wie er die Mutter kennen gelernt. Sie war mit dem Marktschiff angekommen, das damals noch den Main herunterkam. Er trug ihr ihre Kiste, und unterwegs sprachen sie gut mit einander. Und als sie ihm den Trägerlohn geben wollte, weigerte er die Annahme und sagte: »Nun bist Du mir was schuldig, bist Du mir gern was schuldig?« Sie nickte. Als sich Beide was erspart hatten, kauften sie das Häuschen im Gartenfeld. Es steht freilich nur auf Zeit da; denn wenn Krieg kommt, müssen diese Häuser abgebrochen werden. »Aber es ist ja Alles in der Welt nur auf Zeit da,« schloß der Vater, und war dann lange still. Vater und Tochter, die immer so gut mit einander gelebt hatten, meinten, daß sie erst jetzt auf dieser Reise einander recht im Herzen hegten. Der Vater sprach das einmal aus, indem er sagte: »Es ist doppelt hart, daß wir gerade jetzt, wo wir einander so haben, von einander lassen sollen. Sag', bin ich ein hartherziger Vater?« »Nein, gewiß nicht.« »So versprich mir, wenn er ein Krüppel bleibt, daß Du von ihm lässest.« »Vater, das kann ich nicht versprechen.« Von da an war der Vater wiederum still. Als sie nicht weit von der Havelstadt waren, sagte der Vater, sich mit dem Aermel den Schweiß von der Stirn wischend: »Als was kommen wir denn eigentlich da her?« »Vater, ich versteh' Euch nicht.« »Die verdammten preußischen Eisenbahnen machen einen Lärm, daß man sein eigen Wort nicht hört. Nannchen, jetzt was sagen wir denn, warum wir da sind?« »Um den Wilhelm zu besuchen.« »Und als was?« »Ich bin seine Braut.« »Und was bin denn ich?« »Sein Schwiegervater.« »Also Du bleibst fest, auch wenn er ein Krüppel ist und den einzigen Preußenfreund nicht mehr hat? Du hast ja gehört, sie haben keinen andern Freund als die Arbeit.« »Dann hat er mich und wir wollen schon was umtreiben. Wenn's nicht anders ist, pachten wir ein Wirthshaus.« Als sie der weiten breiten Havel ansichtig wurden, rief Nannchen: »Vater, seht die vielen schönen weißen Schwäne!« Der Vater nickte und Nannchen fuhr fort: »Sie sind gar nicht schwarz.« »Warum sollten sie denn schwarz sein?« »Weil ja die Havel so schwarz ist, daß man die Feder eintunken und damit schreiben kann.« »Du machst Dich lustig,« sagte der Vater. Er wollte sagen, Du machst Dich über Deinen Vater lustig, aber er freute sich eigentlich, daß sein Kind so gut aufgelegt sei, und er neckte sie, indem er sagte: »Die Preußen machen das Alles aus Blech, das sind blecherne Schwäne.« Sie trafen Wilhelm schon im Stuhle sitzend an. Er rief: »Ich kann Dich nur mit Einem Arm um den Hals nehmen, aber warte nur, der andere kommt schon wieder.« Der Vater freute sich doch über das stattliche Haus und über die gute Art der Leute und besonders über die Mutter. Ein Hauptspaß war es, als sie ihm Bierkaltschale auftischte. Einen ganzen Tag hatte er seine Lust daran, über die Ungeheuerlichkeit, daß man Biersuppe esse, zu spotten; aber er sah doch, daß es den Leuten wohlschmeckte, und es war ihm nur lieb, daß sie ihn nicht durch Zureden zwangen, das auch zu genießen. Ueberhaupt fand er, daß die Leute hier zu Lande Einem gar nicht so zum Essen und Trinken zureden. Sie stellen's hin, sagen ein kurzes Wort oder auch gar nichts; und wenn man's nicht genießt, ist's ihnen auch recht. Sie machen da nicht viel Worte: »Versuchen Sie's einmal! Sie werden sehen, es wird Ihnen schmecken,« und wie die Zuthulichkeiten heißen. Eines Morgens sagte der Vater zu seiner Tochter: »Da, jetzt hab' ich's heraus, Du kannst nicht hier bleiben; hier gedeiht kein Rebstock.« »Ich bin kein Rebstock.« »Du weißt schon, was ich meine. Aber gieb Acht! Die beiden besten Dinge auf der Welt haben sie hier nicht und kennen sie nicht. Weißt Du, was ich meine?« »Nein.« »So gieb Acht! Sie haben keinen Wein und können nicht lachen.« »Es freut mich, Vater, daß Ihr so lustig seid.« »Lustig? Ich bin gar nicht lustig.« Das war volle Wahrheit. Denn er ging im Städtchen und am Ufer der Havel umher, wie wenn ihm jeder Mensch danken müßte, daß er vom schönen Rhein dahergekommen sei; aber es dankte ihm kein Mensch, im Gegentheil, er wurde gar nicht beachtet. Als er längere Zeit dabei stand und zuschaute, wie ein größerer Kahn, hier Schuite genannt, am Ufer gezimmert wurde, und er seine Bemerkungen machte, wie man das am Rheine ganz anders herrichte, sahen die Schiffszimmerer kaum auf den Mann und arbeiteten weiter; er glaubte sogar, daß sie höhnisch über ihn sprachen. Wenn er dann nicht umhin konnte, Nannchen zu klagen, daß die Menschen hier gar unzutraulich seien, stutzte er, wie Nannchen ihm darlegte, daß er jetzt selber sehe, wie es Einem zu Muthe sein müsse, wenn man als Fremder betrachtet werde. Er habe daheim es den Preußen ja auch nicht anders gemacht. Wilhelm war in den wenigen Tagen der Anwesenheit Nannchens wunderbar schnell in der Genesung vorgeschritten. Der Vater sah, daß da nichts mehr zu ändern war, und er ging nun mit der Sprache heraus: Er habe nichts mehr gegen die Sache, aber Wilhelm solle zu ihm nach Mainz ziehen. Die Mutter aber erklärte, daß Wilhelm ihr einziges Kind sei, und sie könne ihn nicht auswandern lassen. »Wenn er aber im Krieg gefallen wäre?« entgegnete der Vater, »dann hätten Sie ihn doch auch lassen müssen.« »Das ist was Anderes, da kann man nichts für und wider. Der König hat ihn verlangt und unser Herrgott hat über ihn verfügt, das ist ganz anders.« Der Vater sah die Frau verwundert an. Sie bittet ihn gar nicht, sie redet so feldwebelmäßig mit ihm. Auch in den Weibsleuten hier oben steckt was vom Soldaten. Aergerlich ging er hinaus an das Werft, wo heute der Kahn vom Stapel gelassen werden sollte. Wunderlich! Hier ist gar keine Lustbarkeit bei solcher Sache; sie vollführen Alles so still und trocken. Der Stoßkarrcher trat näher. »Gehen Sie hier weg, Männeken, Sie gehören nicht hierher,« sagte ihm einer der Arbeiter. Der Stoßkarrcher sah ihn groß an. Soll er den Menschen in Grundsboden hineinschlagen? Aber das wollte er seiner Tochter nicht anthun. Er that nur, als ob er's nicht verstanden habe, und blieb ruhig stehen. Der Mann geht auf die andere Seite. Jetzt kommt ein Bursch, der eine Stütze anhakt. Becker findet, daß der Mann zu nahe kommt und schreit mit mächtiger Stimme: »Geh' davon, Du! Dunnerkeil!« Der Mann wendet sich auf den Schrei des gewaltigen Rufers, und im selbigen Augenblick bricht die Stütze, er liegt unter dem Kahn. Ein Schreien durchdringt die Luft. Aber Becker ist schnell bei der Hand, hebt den Kahn mit übermächtiger Kraft in die Höhe, und der Eingeklemmte steht auf. Becker hält noch den Kahn eine Minute frei auf der Schulter, dann giebt er ihm einen Stoß, daß er ins Wasser rollt, das spritzend aufschäumt. Der Rock ist Becker von oben bis unten in Stücke gerissen. Da steht er nun verschnaufend und schaut sich um. Jetzt kommt der Mann, der ihn vorhin weggewiesen, auf ihn zu und sagt: »Männeken, was haben Sie hier zu thun? Sie gehören nicht hierher.« »Männeken! Dunnerkeil! Ist das mein Dank?« Er wettert und flucht und schimpft auf die Preußen, was er nur auf der Seele hat. Da kommt der Hafenmeister, legt ihm die Hand auf die Schulter und sagt: »Seien Sie ruhig, Herr Becker, ich kenne Sie noch von Mainz her, wo ich als Feldwebel in Garnison war. Es ist richtig, Sie haben den Mann angerufen, und vor Schreck ist er unter den Kahn gekommen. Aber Sie haben sich auch wieder tapfer gehalten, aller Ehre werth. Sie haben eine Kraft bewiesen, wie sie nicht leicht zu finden ist. Kommen Sie mit in mein Büreau. Ich schicke ins Haus Ihres Schwiegersohns und lasse Ihnen einen andern Rock holen.« Als der Stoßkarrcher im Büreau saß, kam der Mann, den er gerettet hatte, und dankte ihm. Er sagte, zum Hafenmeister gewendet: »Ich glaube, der Herr verdient die Rettungsmedaille.« Der Stoßkarrcher wußte nicht, war das Spott oder Ernst? Aber der Hafenmeister fuhr fort: »Allerdings. Und wenn Herr Becker es wünscht, so mache ich darüber Bericht an die Regierung.« »Ist schon gut, brauch' weiter nichts.« Und als der Stoßkarrcher in seinem andern Rock in das Städtchen ging, war er ein anderer Mensch, und alle Menschen waren anders. Die Leute nickten ihm zu. Im Hause seines Schwiegersohnes, wohin die Nachricht bereits gedrungen war, wurde er mit Jubel bewillkommt. Der Hafenmeister kam und mit ihm noch mehrere Männer; sie luden Becker und die ganze Familie ein, da noch heller Mittag war, die erste Lustfahrt in dem neuen Kahn nach der Insel Werder zu machen. Der Arzt des Städtchens kam auch hinzu und gestattete Wilhelm bei der Fahrt zu sein. Und Nannchen rief: »Vater, seht, heut' trägt Wilhelm zum erstenmal sein Ehrenzeichen auf der Brust in die freie Luft hinaus.« Der Vater nickte zufrieden. Man ging wie im Triumphe nach dem Werft. Die schwarzweiße Fahne war auf dem neuen Schiff aufgezogen, und die Gesellschaft fuhr fröhlich von dannen. »Das Wasser ist schön blau,« sagte Becker, mit der Hand hineinlangend, »ich hab' mir's gar nicht so gedacht.« Nannchen und Wilhelm nickten einander zu. Jetzt wurde auch gesungen, aber eigentlich nur Soldatenlieder, denn andere kannte die Mannschaft nicht; aber Wilhelm und Nannchen sangen mit. Vom Wasser aus schien die neunthürmige Kirche des Städtchens hoch zu liegen, aber der Hafenmeister erklärte, daß man sich auf dem Wasser immer leicht täusche. Viele Schiffe, die ihnen begegneten, führten die rothen Backsteine, die in den überall sichtbaren hochschlotigen Ringöfen gebrannt worden. Ein Schleppdampfer kam von Hamburg her, und Becker ließ sich die Tiefe der Havel erklären. Auf der Insel staunte er nicht wenig, hier so fruchtbares Land zu finden. Der Hafenmeister legte ihm gut aus, wie das ringsum wol ehedem nichts als See und Sumpf gewesen, und daß vor Zeiten viele Holländer hier eingewandert seien, und wie man noch heute mit Fleiß und Zähigkeit Alles bebaue. Becker mußte gestehen, daß selbst am Rhein nicht schönere und reicher tragende Obstbäume seien als hier. »Und du bist auch da?« sagte er zum Weinstock, der an den Hügeln empor kräftig stand. »Das habe ich bei uns daheim noch nie gesehen,« sagte Becker sogar einmal, als er inmitten des Städtchens die schöne Reihe der Obstbäume sah und dahinter die wohlgepflegten reinlichen Häuser. Mau saß unter den Linden am Marktplatz wohlgemuth beisammen. Es wurde vom heimischen Biere getrunken und Becker zu liebe, da ihm das gute, aber etwas süßliche Gebräu nicht recht munden wollte, schließlich noch Wein. Und Becker bekam nochmals ein gutes Wort, das zu dem auf der Eisenbahn sich paßte. Denn der Hafenmeister sagte: »Merken Sie sich's, Herr Becker, es ist auch ein Gleichniß. Bei Euch am Rhein wird der Wein aus offenen Fässern, bei uns nur aus verkorkten und versiegelten Flaschen getrunken. Aber der Wein ist derselbe. Und das Menschenherz, das er erfreut, ist auch dasselbe.« Becker stieß fröhlich mit dem Manne an.     Daheim erzählte Becker, daß da droben im Preußenland auch ganz ordentliche Menschen seien. »Und auf der Havel gehen auch gute, rechte Schiffe. Aber freilich, so lustig wie am Rhein ist es doch nicht.« Die Reben, die schön abgeblüht hatten, gaben im Herbste wieder einen guten Wein. In Kostheim bei der Tante wurde die Hochzeit gefeiert; die Fränz von der Gaugasse war Brautjungfer. Kurz vor der Abreise des jungen Paares erlebte der Vater nochmals einen Aerger, der sich indeß schnell wieder in das Gegentheil verwandelte. »Wilhelm,« sagte er zu seinem Schwiegersohn. »Eins ist doch wenigstens gut, Du brauchst nun nicht mehr Soldat zu sein.« »Ich bin Gottlob nicht invalid,« entgegnete Wilhelm, »ich stehe noch bei der Landwehr. Und das soll so sein.« Wie gesagt, das verdroß anfangs den Vater, dann aber sagte er wie umgedreht zum Schwager Steuermann: »Es ist doch eine hartkernige und gute feste Art in den Preußen.« *           * * So ist diese Geschichte geschehen und aufgeschrieben vor zehn Jahren. Man könnte auch sagen, vor hundert Jahren; denn haben wir seit 1864 nicht ein Jahrhundert erlebt?