Maxim Gorki Die Kleinbürger Drama in vier Aufzügen Originaltitel: Merschtschanje Erstveröffentlichung: 1902 Übersetzung aus dem Russischen von August Scholz Personen   Bessemjónow, Wassílij Wassíljewitsch,   58 Jahre alt, wohlhabender Kleinbürger, Ältester der Malerzunft. Akulína Iwánowna,   seine Frau, 52 Jahre alt. Pjotr,   ehemaliger Student, 26 Jahre alt seine Kinder. Tatjána,   Lehrerin an einer Volksschule, 28 Jahre alt Nil,   Pflegesohn Bessemjónows, Lokomotivführer, 27 Jahre alt. Pertschíchin,   entfernter Verwandter Bessemjónows, Vogelhändler, 50 Jahre alt. Pólja,   seine Tochter, Näherin, arbeitet gegen Tagelohn im Hause, 21 Jahre alt. Jeléna Nikolájewna Kriwzówa,   Witwe eines Gefängnisinspektors, wohnt bei den Bessemjónows zur Miete, 24 Jahre alt. Téterew,   Kirchensänger Kostgänger der Bessemjonows. Schíschkin,   Student, Zwtájewa,   Lehrerin, Freundin Tatjanas, 25 Jahre alt. Stepanída,   Köchin Ein Arzt.     Ein Malerlehrling.     Ein Weib von der Straße.         Ort der Handlung: eine kleine Provinzstadt. Erster Aufzug Wohnzimmer in einem wohlhabenden kleinbürgerlichen Hause. Die rechte Ecke ist durch zwei blinde Scheidewände abgeschnitten; sie ragen unter einem rechten Winkel in das Zimmer hinein, und indem sie seinen Hintergrund verengern, bilden sie im Vordergrund ein zweites kleines Zimmer, das von dem großen Zimmer durch einen hölzernen Bogen abgeteilt ist. Durch den Bogen ist ein Draht gezogen, an dem ein bunter Vorhang hängt. In der hinteren Wand des großen Zimmers – eine Tür nach dem Hausflur und der anderen Hälfte des Hauses, in der sich die Küche und die Zimmer der Kostgänger befinden. Links von der Tür – ein großer, schwerer Geschirrschrank, in der Ecke eine Truhe, rechts eine altertümliche Wanduhr in einem Gehäuse. Der mondgroße Perpendikel pendelt hinter dem Glase langsam hin und her, und wenn es im Zimmer still ist, hört man sein seelenloses Ticktack! Ticktack! In der linken Wand – zwei Türen: die eine führt in das Zimmer der Alten, die andere zu Pjotr. Zwischen den Türen ein mit weißen Kacheln ausgelegter Ofen. Neben dem Ofen ein mit Wachstuch überzogenes Sofa, davor ein großer Tisch, auf dem zu Mittag gegessen und Tee getrunken wird. Billige Wiener Stühle sind in langweiliger Regelmäßigkeit an den Wänden aufgestellt. An der linken Wand, ganz am Rande der Szene, ein Glasspindchen, darin allerhand bunte Schächtelchen, Ostereier, ein Paar Bronzeleuchter, Tee- und Eßlöffel, eine Anzahl silberner Becher und Gläser. In dem Zimmer hinter dem Bogen, an der dem Zuschauer gegenüberliegenden Wand – ein Klavier, eine Etagere mit Noten, in der Ecke ein Philodendronkübel. In der rechten Wand – zwei Fenster, auf den Fensterbrettern Blumentöpfe, vor den Fenstern eine Chaiselongue, daneben, an der vorderen Wand – ein kleiner Tisch. Es ist Abend, gegen fünf Uhr. Herbstliche Dämmerung schaut durch die Fenster. In dem großen Zimmer ist es fast dunkel. Tatjana, halb liegend auf der Chaiselongue, liest in einem Buch; Polja am Tisch, näht. Tatjana   liest:   »Der Mond ging auf . Und es war seltsam zu schauen, wie von ihm, der so klein und so traurig war, auf die Erde so viel silberblaues, sanftes Licht niederfloß …« Wirft das Buch in ihren Schoß.   Es ist dunkel. Polja:   Soll ich die Lampe anzünden? Tatjana:   Nicht nötig. Ich bin müde vom Lesen. … Polja:   Wie schön das geschrieben ist! So einfach … und so wehmutsvoll … es greift einem ans Herz … Pause.   Ich möcht gar zu gern wissen, wie es endet!? Ob sie sich heiraten – oder nicht? Tatjana   ärgerlich:   Darauf kommt's doch nicht an … Polja:   Ich könnte mich in einen solchen Mann nicht verlieben – nein! Tatjana:   Weshalb nicht? Polja:   Er ist so langweilig … und er jammert in einem fort … weil er sich selbst nicht traut … Ein Mann muß wissen, was er im Leben zu tun hat. Tatjana   leise:   Und … Nil – weiß der es? Polja   zuversichtlich:   Gewiß weiß er's! Tatjana:   Nun – was will er denn? Polja:   Ich … kann Ihnen das nicht so auseinandersetzen … aber ich seh's aus der Art, wie er spricht … Die schlechten Menschen … die bösen, habgierigen – werden jedenfalls übel mit ihm fahren! Er liebt sie nicht. Tatjana:   Wer ist böse? Und wer – gut? Polja:   Er weiß es! Tatjana schweigt, ohne Polja anzusehen. Polja nimmt lächelnd das Buch von ihrem Schoß.   Wie schön das geschrieben ist! Sie ist wirklich gar zu reizend … so geradezu, so einfach und herzlich! Wenn man eine Frau so liebevoll geschildert sieht, kommt man sich selbst besser vor … Tatjana:   Wie naiv … Du bist wirklich spaßig, Polja! … Mich kann diese ganze Geschichte nur wütend machen. Es gab nie ein solches Mädchen! Und auch eine solche Meierei, einen solchen Fluß, einen solchen Mond und so weiter – hat es nie gegeben! Alles das ist erfunden. Niemals schildern sie das Leben in den Büchern so, wie es wirklich ist … Wir zum Beispiel … ich und du … Polja:   Sie schildern eben nur das Interessante. Und was ist an unserem Leben interessant? Tatjana   ohne auf sie zu hören, gereizt:   Ich habe oft den Eindruck, als ob die Bücher von Leuten geschrieben würden … die mich nicht lieben … und sich immer mit mir herumstreiten möchten. Als wollten sie zu mir sagen: das da ist besser, als du denkst, und jenes dort – schlechter … Polja:   Und ich meine wieder, daß alle Schriftsteller unbedingt gut sein müssen … Ich möcht gern mal einen Schriftsteller kennenlernen! Tatjana   wie im Selbstgespräch:   Das Böse und Abstoßende im Leben schildern sie nicht so, wie ich es sehe ... sondern auf ganz besondere Art … in größerem Maßstab … in tragischem Ton. Und das Gute erfinden sie einfach. Niemand macht eine Liebeserklärung so, wie es in den Büchern beschrieben wird! Und das Leben ist durchaus nicht tragisch … es fließt so ruhig, so einförmig hin … wie ein großer, trüber Strom. Und wenn du zusiehst, wie ein Strom dahinfließt, dann werden deine Augen müde, du fühlst Langeweile … und es wird dir so dumm im Kopf, daß du gar nicht darüber nachdenken magst, warum eigentlich dieser Strom dort fließt. Polja   schaut sinnend vor sich hin:   Nein, ich möcht wirklich mal einen Schriftsteller kennenlernen. Wie Sie vorhin vorlasen, dacht ich in einem fort – wie mag er nur aussehen? Ob er jung ist? Oder alt? Blond – oder brünett? … Tatjana:   Wer? Polja:   Na, der Schriftsteller … der das geschrieben hat … Tatjana:   Er ist tot … Polja:   Ach … wie schade! Schon lange? Ist er jung gestorben? Tatjana:   In mittleren Jahren. Er hat getrunken … Polja:   Der Ärmste … Pause.   Warum eigentlich gescheite Leute Branntwein trinken? Unser Kostgänger zum Beispiel, der Sänger … der ist doch ein kluger Mensch, und – er trinkt! Warum das? Tatjana:   Weil das Leben so langweilig ist! Pjotr   verschlafen, kommt aus seinem Zimmer:   Wie dunkel das ist! Wer sitzt denn da? Polja:   Ich … und Tatjana Wassiljewna … Pjotr:   Warum macht ihr kein Licht an? Polja:   Wir halten Dämmerstunde … Pjotr:   In meinem Zimmer riecht es so nach Baumöl – der Duft kommt von den Alten herüber … Davon hatt ich wohl auch die Träume – ich träumte, daß ich in einem Strome dahinschwimme, dessen Wasser so dick ist wie Birkenteer … So schwer ist's, darin zu schwimmen … und ich weiß nicht, wohin ich schwimmen soll, und sehe die Ufer nicht … Trümmer von irgendetwas schwimmen mir entgegen, aber wenn ich nach ihnen greife, zerfallen sie zu Staub … ganz morsch und faulig sind sie. Albernes Zeug. … Schreitet pfeifend im Zimmer auf und ab.   's ist Zeit, Tee zu trinken ... Polja   zündet die Lampe an:   Ich will gleich alles besorgen … Ab.   Pjotr:   Des Abends ist's hier bei uns ganz besonders eng … und so ungemütlich. Alle diese vorsintflutlichen Möbel wachsen gleichsam aus dem Boden, sie erscheinen noch größer, noch schwerfälliger … Sie nehmen die Luft weg, hindern einen am Atmen. Klopft gegen den Schrank.   Dieser Speiseschrank steht nun schon achtzehn Jahre auf einem Fleck … achtzehn Jahre … Man sagt, daß das Leben rasch dahinflute … nun, dieses Ungetüm hat es nicht um einen Zoll von der Stelle gebracht ...Wie oft hab ich mir als kleiner Junge an seiner Kante die Stirn wundgeschlagen … und auch jetzt steht es mir im Wege … Ein zu dummer Kasten … Das ist kein Schrank, sondern eine Art Symbol … der Teufel mag es holen! Tatjana:   Wie langweilig du bist, Pjotr, und deine Lebensweise … Das ist nicht gut für dich … Pjotr:   Was für eine Lebensweise? Tatjana:   Du gehst gar nicht aus … Abend für Abend sitzt du oben bei Lena … das beunruhigt die Alten … Pjotr geht pfeifend auf und ab, ohne ihr zu antworten.   Tatjana:   Ich weiß nicht – ich bin jetzt immer so matt … In der Schule ermüdet mich der Lärm und die Unordnung … und hier – die Stille und Ordnung. Seit Lena im Hause wohnt, geht es bei uns allerdings lustiger zu … Ja – ich bin wirklich sehr müde! Und bis zu den Feiertagen ist's noch so weit … November … Dezember … Die Uhr schlägt sechs.   Bessemjonow   steckt den Kopf durch die Tür seines Zimmers:   Die Eingabe hast du natürlich wieder nicht geschrieben? Pjotr:   Gewiß doch, gewiß – ich hab sie geschrieben … Bessemjonow:   So – hast du wirklich Zeit dafür gefunden? … He he! Verschwindet.   Tatjana:   Was für eine Eingabe? Pjotr:   Wegen Beitreibung von siebzehneinhalb Rubeln vom Kaufmann Sisow, für Anstreichen eines Schuppendachs … Akulina Iwanowna   kommt mit einer Lampe herein:   Es regnet schon wieder. Geht an den Schrank, nimmt Geschirr heraus und deckt den Tisch.   's ist so kalt bei uns. Man heizt und heizt – und es wird nicht warm. Ein altes Haus … da bläst der Wind durch … hu–u! Der Vater ist wieder so schlechtgelaunt, liebe Kinder … im Kreuz tut's ihm weh, sagt er. Wird auch schon alt. Und dabei die ewigen Mißerfolge … Ärger, große Ausgaben, Sorgen … Tatjana   zum Bruder:   Warst du gestern bei Lena? Pjotr:   Ja … Tatjana:   War's lustig? Pjotr:   Wie immer … Tee wurde getrunken, es wurde gesungen … disputiert. Tatjana:   Wer hat disputiert? Pjotr:   Ich mit Nil und Schischkin. Tatjana:   Wie gewöhnlich … Pjotr:   Ja. Nil war wieder der begeisterte Optimist … Ganz wütend hat er mich gemacht … wie er so lospredigte, vom Lebensmut, von der Liebe zum Dasein … Lächerlich! Wenn man ihn hört, bekommt man ein ganz sonderbares Bild von diesem Dasein, das kein Mensch näher kennt ...Wie eine amerikanische Tante stellt man sich's vor, die im nächsten Augenblick auftauchen und dich mit allen möglichen Glücksgütern überschütten wird … Und Schischkin hielt wieder einen Vortrag über den Nutzen der Milch und die Schädlichkeit des Tabaks … Außerdem wies er mir nach, ich hätte die Denkweise eines Bourgeois. Tatjana:   Immer dasselbe … Pjotr:   Ja, wie gewöhnlich … Tatjana:   Sag mal … gefällt dir Lena sehr? Pjotr:   Sie ist ganz nett … So lustig ... Akulina Iwanowna:   Eine windige Person ist's! Ein leichtsinniges Flittchen! Alle Tage hat sie Gäste, immer Tee und Zucker ...Tanzen und Singen … Und dabei kann sie sich nicht mal 'nen Waschtisch kaufen! Wäscht sich in einem blechernen Waschbecken und spritzt die Dielen voll … das Haus ruiniert sie uns … Tatjana   zu Pjotr:   Ich war gestern in Klub … zum Familienabend. Herr Stadtrat Somow, der Kurator meiner Schule, hat mir kaum mit dem Kopf zugenickt … ja! Und wie die Mätresse des Richters Romanow in den Saal trat, flog er ihr förmlich entgegen, verneigte sich so tief vor ihr, als ob sie die Frau des Gouverneurs wäre, und küßte ihr die Hand ... Akulina Iwanowna:   Der schamlose Kerl! Statt einem ehrbaren Mädchen den Arm zu geben und es respektvoll durch den Saal zu führen … So vor allen Leuten … Tatjana   zum Bruder:   Nein, denk doch mal! Eine Lehrerin verdient in den Augen dieser Leute weniger Achtung als solch ein lasterhaftes, geschminktes Weib … Pjotr:   Es lohnt sich nicht, auf solche … Gemeinheiten zu achten … Man muß über so etwas erhaben sein … Das heißt – geschminkt ist sie nicht, wenn sie auch lasterhaft sein mag … Akulina Iwanowna:   Woher weißt du denn das? Hast ihr vielleicht die Backen abgeleckt? Man hat seine Schwester beleidigt – und er verteidigt die Beleidigerin! Pjotr:   Mama! So misch dich doch nicht hinein … Tatjana:   Nein, wenn Mama dabei ist, kann man wirklich kein Wort reden … Hinter der Tür zum Hausflur lassen sich schwere Schritte vernehmen.   Akulina Iwanowna:   Nun, nun! Wie das gleich böse wird … Du, Pjotr, solltest lieber den Samowar holen, statt hier die Schritte abzuzählen … Stepanida beklagt sich immer, daß er ihr zu schwer ist ... Stepanida   bringt den Samowar herein, stellt ihn neben den Tisch auf den Fußboden und schnappt, während sie sich aufrichtet, nach Luft. Zur Hausfrau:   Na, wie's Ihnen beliebt, aber das kann ich nur immer wieder sagen – um so 'nen Satan zu schleppen, dazu reichen meine Kräfte nicht aus. Die Beine knicken einem ja ein! Akulina Iwanowna:   Soll ich vielleicht extra jemanden dazu halten – wie? Stepanida:   Wie Sie wollen. Mag doch der Sänger ihn reintragen, dem macht's nichts aus. Pjotr Wassilitsch, stellen Sie doch den Samowar auf den Tisch … ich bin zu schwach dazu! Pjotr:   Na, gib mal her … äh! Stepanida:   Dank auch schön. Ab.   Akulina Iwanowna:   Sie hat eigentlich recht, Petja – sag du es doch dem Sänger, er möcht immer den Samowar reinbringen! Tu's doch! Tatjana   seufzt schwermütig:   Ach, mein Gott … Pjotr:   Soll ich ihm nicht auch sagen, er soll Wasser vom Brunnen holen, die Dielen scheuern, den Schornstein fegen und womöglich die Wäsche waschen? Akulina Iwanowna   mit einer ärgerlichen Handbewegung nach Pjotr:   Rede doch keinen Unsinn! Das alles wird ja besorgt, auch ohne ihn … Aber den Samowar hereinbringen ... Pjotr:   Mama! Jeden Abend bringst du diese schicksalsschwere Frage aufs Tapet – die Frage, wer den Samowar hereinbringen soll. Und glaube mir, diese Frage wird nicht eher entschieden werden, als bis ihr euch einen Hausknecht mietet … Akulina Iwanowna:   Was, zum Kuckuck, soll uns ein Hausknecht? Der Vater macht doch alles selber, was im Haus nötig ist … Pjotr:   Das nennt man eben knauserig sein … Und knausern ist nicht hübsch von jemandem, der Geld auf der Bank liegen hat … Akulina Iwanowna:   Pst! Still doch! Wenn dich der Vater hört – der wird dir die Bank anstreichen! Hast du vielleicht das Geld auf die Bank getragen? Pjotr:   Hör mal, Mama! Tatjana   aufspringend:   Petja, hör du wenigstens auf … Die Geduld geht einem aus … Pjotr   tritt auf sie zu:   Na, so schrei doch nicht! Eh man sich's versieht, steckt man mittendrin in diesen Zänkereien ... Akulina Iwanowna:   Da, wie sie sich haben! Der eigenen Mutter erlauben sie nicht, ein Wort zu sagen … Pjotr:   Jeden Tag und jeden Tag – immer dasselbe … Wie Rost legt es sich einem von diesen Reibereien auf die Seele, wie eine Staubschicht … Akulina Iwanowna   ruft in die Tür ihres Zimmers hinein:   Vater! Komm Tee trinken ... Pjotr:   Sobald die Frist meiner Ausschließung von der Universität abgelaufen ist, geh ich wieder nach Moskau. Dann komm ich hierher immer nur höchstens auf eine Woche, wie früher. In den drei Jahren, die ich auf der Universität verbrachte, hab ich mich ganz entwöhnt von zu Hause … von dieser Knickerei, diesem kläglichen Spießbürgertum. Nichts Schöneres gibt's, als so für sich zu leben, fern von den sogenannten Annehmlichkeiten des Vaterhauses … Tatjana:   Ich kann leider nirgends hingehen … Pjotr:   Ich sage dir doch – besuch die Kurse ... Tatjana:   Ach, was sollen mir die Kurse? Ich will leben, leben, und nicht lernen … verstehst du? Akulina Iwanowna   nimmt die Teekanne vom Samowar, verbrennt sich dabei die Hand und schreit auf:   Ach, daß dich das Mäuschen beiße! Tatjana   zum Bruder:   Und dabei weiß ich gar nicht, was leben heißt – hab gar keine Vorstellung davon! Werde ich's überhaupt können? Pjotr:   Hm – ja, man muß es verstehen, zu leben … klug muß man's anfassen ... Bessemjonow   tritt aus seinem Zimmer, wirft einen Blick auf seine Kinder und nimmt am Tisch Platz:   Habt ihr die Kostgänger gerufen? Akulina Iwanowna:   Petja! Ruf sie doch … Pjotr ab; Tatjana tritt an den Tisch heran.   Bessemjonow:   Habt ihr wieder Würfelzucker gekauft? Wie oft hab ich euch gesagt … Tatjana:   Aber, Papa, ist denn das nicht ganz gleich? Bessemjonow:   Ich rede nicht mit dir, sondern mit der Mutter. Dir ist natürlich alles gleich, das weiß ich. Akulina Iwanowna:   Nur ein Pfund hab ich davon gekauft, Vater! 's ist noch ein ganzer Hut da, aber es war keine Zeit, welchen zu klopfen … Sei nicht böse! … Bessemjonow:   Ich bin durchaus nicht böse … Ich sage nur: gesägter Zucker zieht Feuchtigkeit an und ist nicht süß, also ist's unpraktisch, ihn zu kaufen. Zucker muß immer im Hut gekauft und zu Hause geklopft werden. Das gibt freilich Krümel … aber die kann man wieder beim Kochen verbrauchen. So bleibt der Zucker süß … und ist bekömmlich. Zu Tatjana.   Was ziehst du wieder die Stirn kraus und seufzest? Tatjana:   Nichts, nichts … nur so ... Bessemjonow:   Wenn dir nichts fehlt, dann laß gefälligst das Seufzen. Fällt's dir so schwer, zuzuhören, wenn dein Vater etwas sagt? Nicht meinetwegen rede ich, sondern um euretwillen, ihr junges Volk. Wir sind fertig mit dem Leben, ihr – sollt erst noch anfangen zu leben. Wenn man euch so ansieht, begreift man's wirklich nicht, wie ihr's eigentlich halten wollt mit eurem Leben. Was für Absichten habt ihr? Unsre Ordnung hier gefällt euch nicht, das sehen und fühlen wir … Was für eine Ordnung aber habt ihr euch ausgedacht? Das ist die Frage! Hm – ja … Tatjana:   Papa, sag doch – zum wievielten Mal hör ich das schon von dir? Bessemjonow:   Und ich werde es dir immer und immer wieder sagen, bis ans Grab! Denn ich fühle mich beunruhigt – beunruhigt durch die Sorge um euch … Es war unrecht von mir und unüberlegt, daß ich euch eine bessere Bildung habe geben lassen … Jetzt habe ich die Bescherung: Pjotr ist von der Universität weggejagt, und du – bist eine alte Jungfer geblieben … Tatjana:   Ich arbeite … ich … Bessemjonow:   Weiß ich, weiß ich. Aber wer hat Nutzen von deiner Arbeit? Deine fünfundzwanzig Rubel monatlich – kein Mensch braucht sie, auch du selbst nicht. Heirate, leb, wie es Sitte und Ordnung verlangt – und ich will dir selbst fünfzig Rubel monatlich zahlen … Akulina Iwanowna   rückt während des Gesprächs zwischen Vater und Tochter unruhig auf dem Stuhl hin und her, versucht ein paarmal etwas zu sagen, und fragt schließlich in schmeichelndem Tone:   Vater, möchtest du nicht … etwas Käsekuchen? Es ist noch etwas von Mittag da … hm? Bessemjonow   dreht sich nach ihr um, sieht sie erst ärgerlich an; dann, in den Bart hineinlächelnd:   Na, bring ihn mal her, deinen Käsekuchen … bring ihn, he he! Akulina Iwanowna   eilt geschäftig zum Schrank.   Bessemjonow   zu Tatjana:   Sieh doch, wie eure Mutter euch vor mir beschützt: wie 'ne Ente, die ihre Jungen gegen einen Hund verteidigt … Immerfort zittert und zagt sie, daß ich euch ja nicht mit einem Wort weh tue! … Ah, unser Vogelhändler! Na, bist du endlich da? Wir dachten schon, du wärst verlorengegangen! Pertschichin   erscheint in der Tür; hinter ihm Polja, mit leisem Schritt:   Friede diesem Hause, dem graubärtigen Hausherrn, der schönen Hausfrau, den lieben Kindern – von Ewigkeit zu Ewigkeit! Bessemjonow:   Hast wieder mal ein Gläschen Branntwein genehmigt? Pertschichin:   Aus Gram! Bessemjonow:   Worüber denn? Pertschichin   erzählt, während er die Anwesenden begrüßt:   Einen Finken hab ich heut verkauft … Drei Jahre lang hab ich ihn gehalten … getrillert hat er wie'n Tiroler – und jetzt hab ich ihn verschachert! Da kam ich mir so recht gemein vor – und fühlte Gewissensbisse. Der Vogel tat mir leid … ich hatte mich an ihn gewöhnt … ich liebte ihn … Polja nickt lächelnd dem Vater zu.   Bessemjonow:   Warum hast du ihn dann verkauft? Pertschichin   geht, sich an den Stuhllehnen festhaltend, um den Tisch herum:   Man hat mir einen guten Preis geboten … Akulina Iwanowna:   Wozu brauchst du denn das Geld? Verjubelst doch wieder alles … Pertschichin   lächelnd:   Stimmt, Mütterchen. Geld hält sich nicht lange bei mir … das stimmt! Bessemjonow:   Hattest also umso weniger Grund, ihn zu verkaufen ... Pertschichin:   Doch, doch … ich hatte 'nen Grund. Er war nämlich schon halb blind, der arme Vogel … wär also sicher bald draufgegangen … Bessemjonow   lachend:   Sieh mal an! So ganz dumm bist du doch nicht … Pertschichin:   Meinst, ich hätte es aus Klugheit getan? Nein, nur aus niedriger Gesinnung … Pjotr und Teterew treten ein.   Tatjana:   Und wo ist Nil? Pjotr:   Er ist mit Schischkin zur Probe gegangen. Bessemjonow:   Wo wollen sie denn spielen? Pjotr:   In der Reitbahn. Es ist eine Vorstellung für Soldaten. Pertschichin   zu Teterew:   Dem Sänger Gottes – meine Hochachtung! Wollen wir mal zusammen auf den Meisenfang gehen, Onkelchen? Teterew:   Meinetwegen. Aber wann? Pertschichin:   Morgen, wenn's sein muß. Teterew:   Morgen geht's nicht. Ich hab ein Begräbnis … Pertschichin:   Gleich früh? Vor dem Hochamt? Teterew:   Das ginge. Hol mich ab. Akulina Iwanowna, ist vielleicht etwas vom Mittagessen übrig? Etwas Grütze, oder sowas in der Art? Akulina Iwanowna:   Ja doch, mein Lieber, 's ist was da. Polja, hol's doch mal … Polja ab.   Teterew:   Danke verbindlichst. Hab nämlich, wie Sie wissen, heut nicht zu Mittag gegessen – hatte ein Begräbnis und 'ne Hochzeit … Akulina Iwanowna:   Ich weiß, ich weiß … Pjotr nimmt ein Glas Tee und geht damit in das Zimmer hinter dem Bogen. Bessemjonow blickt ihm forschend, Teterew feindselig nach. Ein paar Sekunden lang trinken und essen alle schweigend.   Bessemjonow:   Du verdienst ja in diesem Monat recht schön, Terentij Chrisanfowitsch! Fast jeden Tag ein Begräbnis! Teterew:   Es macht sich. Ich kann nicht klagen. Bessemjonow:   Auch die Hochzeiten sind häufig ... Teterew:   Ja, auch geheiratet wird flott ... Bessemjonow:   Spar dir 'nen Batzen Geld zusammen und heirate dann selber. Teterew:   Hab keine Lust dazu … Tatjana geht zu ihrem Bruder; sie unterhalten sich leise.   Pertschichin:   Heirate nicht, hat keinen Zweck! Für uns Sonderlinge taugt das Heiraten nicht. Wollen lieber Gimpel fangen gehen … Teterew:   Ganz meine Meinung … Pertschichin:   Gimpel fangen – das ist 'ne herrliche Sache! Eben ist frischer Schnee gefallen, die Erde prangt wie in einem österlichen Meßgewand … Ringsum ist alles so still, so rein, so strahlend. Wenn gar noch die Sonne scheint, dann singt die Seele vor Freude! An den Bäumen schillert noch goldig das herbstliche Laub, doch schon sind die Zweige bedeckt mit silbernem, weichem Schnee … Und mitten in diese anmutige Pracht flattert plötzlich gurly! Gurly! – vom Himmel ein Schwarm von roten Vögeln nieder – zwi! zwi! zwi! Wie wenn ein Mohnfeld erblühte! So niedliche kleine Vögelchen, so würdevoll – wie Generale! Sie hüpfen auf und ab, sie pfeifen und gurren – wirklich rührend ist's! Am liebsten möcht man selbst ein Gimpel werden und mit ihnen im Schnee scharren … Äh! … Bessemjonow:   Ein dumme Vogel, der Gimpel … Pertschichin:   ich bin doch auch dumm … Teterew:   Kannst aber hübsch erzählen … Akulina Iwanowna   zu Pertschichin: Ein richtiges Kind bist du … Pertschichin:   Gar zu gern fang ich die lieben Vögelchen! Was gibt's Schöneres auf der Welt als 'nen Singvogel? Bessemjonow:   Es ist aber Sünde, Vögel zu fangen. Weißt du das auch? Pertschichin:   Ich weiß es … Aber wenn ich sie so liebhabe! Und dann versteh ich doch sonst nichts. Ich meine, daß jede Beschäftigung durch die Liebe geheiligt wird … Bessemjonow:   Jede? Pertschichin:   Jede. Bessemjonow:   Und wenn zum Beispiel jemand es liebt, fremdes Eigentum in die Tasche zu stecken? Pertschichin:   Das ist keine Beschäftigung mehr, sondern Spitzbüberei. Bessemjonow:   Hm ... genau besehen … Akulina Iwanowna   gähnt:   O – ah! 's ist so langweilig … Hättest deine Gitarre mitbringe sollen, Terentij Chrisanfowitsch … hättest uns was vorgespielt … Teterew:   Wie ich hierher zog, verehrte Akulina Iwanowna, hab ich nicht die Verpflichtung übernommen, sie zu erheitern … Akulina Iwanowna   hat ihn nicht verstanden:   Wie sagtest du? Teterew:   Hab's doch deutlich genug gesagt! Bessemjonow   erstaunt und zugleich aufgebracht:   Ich kann mich nur wunden, Terentij Chrisanfowitsch, wenn ich dich so anseh. Du bist doch … nimm den Ausdruck nicht übel … ein ganz kläglicher Mensch … ein Habenichts sozusagen, aber einen Stolz hast du in dir – ganz wie ein Edelmann! Woher kommt das? Teterew   ruhig:   Das ist mir so angeboren. Bessemjonow:   Sag mir doch gefälligst einmal – worauf bist du so stolz? Akulina Iwanowna:   Er treibt doch nur Narrenspossen. Worauf könnt er wohl stolz sein? Tatjana:   Mama! Akulina Iwanowna   fährt zusammen: Was denn? Was willst du? Tatjana schüttelt vorwurfsvoll den Kopf.   Akulina Iwanowna:   Hab ich wieder was Unpassendes gesagt? Na, ich will schon still sein … Gott mit euch! Bessemjonow   gekränkt:   Du, Mutter, drück deine Gedanken vorsichtiger aus! Wir leben hier unter gebildeten Menschen. Sie sehen gleich alles – wie heißt es doch? – »kritisch« an, vom Standpunkt der Wissenschaft und der höheren Einsicht. Und wir beiden sind doch alte, dumme Leutchen ... Akulina Iwanowna   gutmütig:   Gewiß doch! Was soll man schon sagen … sie wissen ja alles besser! Pertschichin:   's ist richtig, Bruder, was du da sagtest. Hast zwar im Scherz gesprochen, aber 's ist doch richtig … Bessemjonow:   Ich hab nicht im Scherz gesprochen … Pertschichin:   Erlaub mal! Die alten Leute sind wirklich ein dummes Volk … Bessemjonow:   Wenn man dich so ansieht, könnte man's wohl glauben ... Pertschichin:   Ich komm hier nicht in Frage. Ich bin sogar der Meinung: wenn's keine alten Leute gäbe, so gäb's auch keine Dummheiten … Wenn ein alter Mensch denkt, ist's gerade, als ob feuchtes Holz brennen würde: es gibt mehr Qualm als Feuer … Teterew   lächelnd:   Ganz recht … Polja sieht schweigend den Vater an und streichelt mit der Hand seine Schulter. Bessemjonow   finster, zu Pertschichin:   So, so! Na, schwatz mal weiter … Pjotr und Tatjana brechen ihre Unterhaltung ab und schauen lächelnd auf Pertschichin.   Pertschichin   in lebhaftem Plauderton:   Alte Leute sind vor allem – Dickköpfe. So 'n alter Mann sieht, dass er unrecht hat, und fühlt, daß er nichts versteht, aber eingestehen wird er's nie. Sein Stolz erlaubt's nicht! Da hat er nun gelebt und gelebt, hat vielleicht vierzig Paar Hosen abgetragen – und mit einemmal soll er nichts mehr verstehen! Wie ist das möglich? Das kränkt ihn doch! Na, und so wiederholt er denn in einem fort: Ich bin alt, also hab ich recht. Und 's ist nicht wahr. Sein Kopf ist schwerfällig geworden … Bei den jungen Leuten aber sind die Köpfe klar und fassen leicht … Bessemjonow   grob:   Das ist ja Unsinn, was du da schwatzt … Sag mal: wenn wir schon so dumm sind, dann sollte man uns doch belehren?! Pertschichin:   Bewahre! Das wäre gerade so, als wollt man mit Pfeilen auf Steine schießen – nur die Pfeile gehen dabei zuschanden … Bessemjonow:   Wart, unterbrich mich nicht. Ich bin älter als du. Ich frag dich nur: warum verstecken sich die klaren Köpfe vor uns Alten in den Winkeln und schneiden uns von dort aus Grimassen, statt sich mit uns auszusprechen? Darüber denk mal nach … Und auch ich will darüber nachdenken … allein, in meiner Kammer … wenn ich schon für eure Gesellschaft zu dumm bin … Rückt geräuschvoll seinen Stuhl fort; in der Tür seines Zimmers.   … meine gebildeten Kinder! … Pause  . Pertschichin   zu Pjotr und Tatjana:   Kinderchen – warum habt ihr den Alten nur so gekränkt? Polja   lächelnd:   Du bist's doch, der ihn gekränkt hat! … Pertschichin:   Ich? In meinem ganzen Leben hab ich noch keinen Menschen gekränkt! Akulina Iwanowna:   Ach, meine Lieben! Nicht schön geht's bei uns zu! … Warum habt ihr den Vater nur beleidigt? Ihr seid alle so hochmütig, so mäkelig … und er ist alt, er braucht Ruhe … Ihr sollt ihn ehren … er ist doch der Vater! Ich will zu ihm gehen. Zu Polja.   Pelageja, wasch das Geschirr ab ... Tatjana   tritt an den Tisch heran:   Weshalb ist denn der Vater so aufgebracht über uns? Akulina Iwanowna   in der Tür:   Lauf nur immer vor ihm weg, du … kluge Tochter! Polja wäscht das Teegeschirr ab; Teterew sitzt, auf die Ellbogen gestützt am Tisch und schaut ihr düster ins Gesicht. Pertschichin geht zu Pjotr hin und setzt sich zu ihm; Tatjana geht langsam in ihr Zimmer.   Polja   zu Teterew:   Warum gucken Sie mich denn so an? Teterew:   Darum … Pertschichin   zu Pjotr:   Worüber denkst du nach, Petja? Pjotr:   Ich möchte fort von hier – irgendwohin ... Pertschichin:   Ich wollte dich schon lange mal fragen – sag mir doch, bitte: was versteht man unter Kanalisation? Pjotr:   Warum willst du es wissen? Dir das so klar zu machen, dass du es richtig begreifst – würde lange dauern … und recht langweilig sein … Pertschichin:   Weißt du es überhaupt? Pjotr:   Gewiß weiß ich's ... Pertschichin   sieht Pjotr ungläubig ins Gesicht:   Hm ... Polja:   Wie lange Nil Wassiljewitsch heut ausbleibt! Teterew:   Was für hübsche Augen Sie haben! Polja:   Das haben Sie auch gestern schon gesagt. Teterew:   Und ich werde es auch morgen wieder sagen … Polja:   Warum? Teterew:   Das weiß ich nicht … Sie denken vielleicht, ich bin verliebt in Sie? Polja:   Du mein Gott! Ich denke überhaupt nichts. Teterew:   Nichts? Das ist schade. Sie sollten doch auch mal nachdenken … Polja:   Worüber denn? Teterew:   Nun, vielleicht darüber, warum ich mich Ihnen so aufdränge. Denken Sie mal darüber nach, und sagen Sie es mir … Polja:   Was für ein Sonderling sind Sie doch! Teterew:   Das weiß ich. Sie haben mir das schon früher gesagt. Und ich sage Ihnen heut wieder, wie schon früher: gehen Sie fort von hier! Es ist für Sie nicht gut, daß Sie in diesem Hause bleiben … verlassen Sie es! Pjotr:   Sie machen eine Liebeserklärung? Soll ich vielleicht hinausgehen? Teterew:   Nein, bemühen Sie sich nicht! Ich betrachte Sie als einen leblosen Gegenstand … Pjotr:   Das war nicht sehr geistreich … Polja   zu Teterew:   Was für ein Händelsucher sind Sie doch! Teterew tritt zur Seite und lauscht aufmerksam auf die Unterhaltung, die Pjotr und Pertschichin miteinander führen.   Tatjana   kommt, während sie einen Schal umnimmt, aus ihrem Zimmer, setzt sich ans Klavier und blättert in den Noten:   Ist Nil noch nicht da? Polja:   Nein … Pertschichin:   's ist langweilig … Sag mal, Petja: ich hab da neulich im Blatt gelesen, daß man in England fliegende Schiffe gebaut hat. Ein Schiff, ganz wie sich's gehört – aber wenn man sich reinsetzt und auf 'nen Knopf drückt, dann fliegt's gleich – heidi! Wie 'n Vogel in die Luft, bis dicht an die Wolken, und trägt einen Gott weiß wohin … Viele Engländer sollen auf die Art schon spurlos verschwunden sein. Stimmt das, Petja? Pjotr:   Unsinn! Pertschichin:   Aber es war doch gedruckt zu lesen … Pjotr:   Wieviel Unsinn wird schon gedruckt! Pertschichin:   Wirklich so viel? Tatjana spielt leise eine traurige Melodie.   Pjotr   ärgerlich:   Natürlich! Sehr viel! Pertschichin:   So werde doch nicht gleich böse! Warum guckt ihr jungen Leute uns Alte nur immer so von oben herab an? Nicht mal reden wollt ihr mit uns. Das ist nicht schön! Pjotr:   Sprich weiter! Pertschichin:   Weiter seh ich … daß ich von hier fortgehen muß. Ich falle dir zur Last. Polja, kommst du bald nach Hause? Polja:   Ich räume nur noch auf … Verläßt das Zimmer; Teterew folgt ihr mit den Blicken.   Pertschichin:   Hm – ja. Hast wohl schon vergessen, Petja, wie wir zusammen Zeisige gefangen haben? Damals hast du mich gern gehabt … Pjotr:   Ich habe dich auch jetzt noch gern ... Pertschichin:   Ich seh's und fühl's … wie du mich gern hast! Pjotr:   Damals liebte ich auch Kandis und Pfefferkuchen – und jetzt nehm ich beides nicht in den Mund … Pertschichin:   Hab's verstanden … Onkel Terentij – gehen wir ein Glas Bier trinken? Teterew:   Bin nicht aufgelegt dazu … Pertschichin:   Dann geh ich allein. In der Schenke geht's wenigstens lustig zu, und ungeniert. Hier bei euch stirbt man ja vor lauter Langeweile – 's ist wirklich wahr! Ihr tut nichts … Ihr habt keine Passionen … Möchtet ihr nicht Karten spielen? Wir sind gerade zu vieren … Teterew sieht auf Pjotr und lächelt.   Pertschichin:   Habt keine Lust dazu? Na, wie ihr wollt … Lebt wohl! Gehen wir? Teterew:   Nein … Pertschichin ab, mit einer hoffnungslosen Handbewegung. Pause von einigen Sekunden. Man vernimmt deutlich die leisen Noten des Musikstückes, das Tatjana langsam durchübt. Pjotr liegt auf der Chaiselongue, hört zu und pfeift die Melodie mit. Teterew steht vom Stuhl auf und schreitet im Zimmer auf und ab. Im Hausflur, hinter der Tür, fällt ein metallener Gegenstand – ein Eimer, oder das Abzugsrohr des Samowars – mit Gepolter zu Boden. Man vernimmt Stepanidas Stimme: »Dich reitet wohl der Teufel ...«   Tatjana   ohne ihr Spiel zu unterbrechen:   Wie lange Nil heut ausbleibt … Pjotr:   Kein Mensch läßt sich sehen … Tatjana:   Du erwartest Lena? Pjotr:   Irgend jemanden … Teterew:   Kein Mensch wird zu euch kommen … Tatjana:   Wie mürrisch Sie immer sind … Teterew:   Kein Mensch wird zu euch kommen, weil bei euch nichts zu holen ist … Pjotr:   Also sprach Terentij, der Kirchsänger … Teterew   eigensinnig:   Habt ihr wohl bemerkt, daß selbst dieser alte Saufaus von Vogelhändler einen lebendigen Geist, eine lebendige Seele hat, während ihr beiden, die ihr an der Schwelle des Lebens steht, schon halbtot seid? Pjotr:   Und Sie? Wie denken Sie über sich selbst? Tatjana   erhebt sich vom Stuhl:   Hören Sie auf, meine Herren! Lassen Sie diese alten Geschichten! Sie haben schon so oft über dieses Thema gestritten … Pjotr:   Mir gefällt Ihr Stil, Terentij Chrisanfowitsch … Und auch Ihre Rolle gefällt mir … die Rolle eines Richters, der uns allen das Urteil spricht … Nur möcht ich gern wissen, warum Sie eigentlich diese Rolle spielen … Sie sprechen immer so, als trügen Sie uns einen Bittgesang für die Seele eines Verstorbenen vor … Teterew:   Einen solchen Bittgesang gibt es nicht … Pjotr:   Gleichviel. Ich will nur sagen, daß Sie uns beide nicht lieben … Teterew:   Da mögen Sie recht haben. Pjotr:   Danke für Ihre Offenherzigkeit. Polja tritt ein.   Teterew:   Wohl bekomm's! Polja:   Was geben Sie denn hier zum besten? Tatjana:   Grobheiten. Teterew:   Oder vielmehr Wahrheiten … Polja:   Und ich geh ins Theater … Wer kommt mit? Teterew:   Ich … Pjotr:   Was wird heut gegeben? Polja:   »Die zweite Jugend« … Kommen Sie mit, Tatjana Wassiljewna? Tatjana:   Nein … Ich werde in dieser Saison kaum ins Theater gehen. Es macht mir kein Vergnügen. Alle diese Dramen mit Pistolenschüssen, Wehgeschrei und Schluchzen ärgern mich nur. Teterew schlägt mit dem Finder eine Klaviertaste an, ein tiefer, melancholischer Ton klingt durchs Zimmer.   Das alles ist so unwahr. Das Leben zerbricht die Menschen geräuschlos, ohne Geschrei … ohne Tränen … ganz unmerklich … Pjotr   finster:   Immer nur die Leiden der Liebe wissen sie in ihren Stücken darzustellen. Die Dramen jener Unglücklichen aber, deren Seelen sich im Kampf zwischen Wollen und Müssen aufreiben – die sehen sie nicht. … Teterew fährt lächelnd fort, auf den Baßstasten zu trommeln.   Polja   verlegen lächelnd:   Und mir gefällt's im Theater … sehr! Zum Beispiel »Don Cesar de Bazan, der spanische Edelmann« … wie wunderbar schön ist das! Ein wahrer Held … Teterew:   Bin ich ihm ähnlich? Polja:   I, wo denken Sie hin! Nicht ein bißchen … Teterew   lächelt:   So? Das tut mir leid! Tatjana:   Wenn ich höre, wie ein Schauspieler auf der Bühne eine Liebeserklärung macht, kann ich wütend werden … So was gibt's doch in Wirklichkeit nicht, gibt's doch nicht! Polja:   Nun, ich gehe … Terentij Chrisanfowitsch, kommen Sie? Teterew   hört auf zu klimpern:   Nein. Ich geh nicht mit Ihnen, wenn Sie an mir gar keine Ähnlichkeit mit dem spanischen Edelmann finden … Polja lachend ab.   Pjotr   sieht ihr nach:   Was will sie mit diesem spanischen Edelmann? Teterew:   Ihr gefällt jedenfalls das Kernige, Gesunde in ihm … Tatjana:   Und dann trägt er auch ein schönes Kostüm ... Teterew:   Und ist ein lustiger Kumpan … Ein lustiger Mensch ist meist auch ein guter Charakter … Schurken pflegen selten lustig zu sein. Pjotr:   Danach müssten Sie der größte Halunke der Welt sein … Teterew   läßt wieder tiefe, leise Töne auf dem Klavier erklingen:   Ich bin einfach – ein Säufer. Wissen Sie, warum es bei uns zu Lande so viele Säufer gibt? Weil's bequem ist, ein Säufer zu sein. In unserm lieben Rußland liebt man die Säufer. Die kühnen Menschen, die nach Neuem streben, sind bei uns verhaßt – die Schnapsbrüder aber liebt man. Weil's nämlich immer bequemer ist, das Kleine, Erbärmliche zu lieben, als das Große und Schöne … Pjotr   schreitet im Zimmer auf und ab:   In unserm Rußland … in unserm Rußland … Wie sonderbar das klingt! Gehört denn Rußland uns? Mir? Ihnen? Was sind wir überhaupt? Wer sind wir? Teterew   klimpert und singt:   Wir sind fra-eie Vögel ... Tatjana:   Terentij Chrisanfowitsch, hören Sie doch auf mit dem Geklimper … Das ist ja das reine Grabgeläut … Teterew   trommelt weiter auf den Tasten herum:   Ich mache nur die Begleitmusik zu unserer Stimmung … Tatjana ärgerlich ab nach dem Hausflur.   Pjotr   nachdenklich:   N–ja … Sie … Aber wirklich, hören Sie auf mit dem Gebimmel, es fällt einem auf die Nerven … Ich glaube, wenn ein Franzose oder Engländer sagt, Frankreich oder England – dann versteht er sicherlich unter diesen Worten etwas Reelles, sinnenmäßig Faßbares … etwas, das er deutlich begreift … Wenn ich dagegen »Rußland« sage, so habe ich das Gefühl, daß das für mich nur ein leerer Schall ist. Ich bin nicht imstande, in dieses Wort irgendeinen klaren Inhalt hineinzulegen. Pause. Teterew fährt fort, auf den Tasten zu trommeln.   Es gibt viele Worte, die man so aus Gewohnheit hinspricht, ohne daran zu denken, was sich hinter ihnen verbirgt ... Das Leben … Mein Leben … was ist beispielsweise der Inhalt dieser beiden Worte? Schreitet schweigend auf und ab. Teterew läßt immer noch das melancholische Getön erschallen und folgt starr lächelnd Pjotr mit den Blicken …   Der Teufel hat mich verführt, an diesen dummen Studentenunruhen teilzunehmen. Ich ging auf die Universität, um zu lernen, und ich habe gelernt … So lassen Sie doch endlich dieses Herumtrommeln! … Kein Regime hat mich verhindert, das römische Recht zu studieren … nein! Ich habe nichts von Zwang empfunden, auf Ehre und Gewissen kann ich das sagen. Nur das Regime der Kameradschaft habe ich verspürt, dem habe ich mich untergeordnet. Und so wurden einfach zwei Jahre aus meinem Leben ausgestrichen … ja! Das ist eine Grausamkeit, eine Vergewaltigung – nicht wahr? Ich dachte, meine Studien zu beenden, Jurist zu werden, zu arbeiten … ich wollte lesen, beobachten … wollte leben … Teterew   souffliert ihm ironisch:   Den Eltern zur Freude, der Kirche und dem Vaterland zum Nutzen, in der Rolle eines bescheidenen Dieners der Gesellschaft … Pjotr:   Der Gesellschaft? Die ist es eben, die ich hasse. Sie steigert beständig ihre Anforderungen an das Individuum, aber sie gibt ihm nicht die Möglichkeit, sich normal und ungehindert zu entwickeln … »Der Mensch soll vor allem Staatsbürger sein!« schrie mir die in meinen Kameraden verkörperte Gesellschaft ins Ohr. Und ich wurde ein Staatsbürger! … Der Teufel mag sie holen … Ich … mag nicht … bin nicht verpflichtet, mich den Forderungen der Gesellschaft zu fügen! Ich bin eine Persönlichkeit! Eine freie Persönlichkeit … Hören Sie doch endlich auf … mit dieser verdammten Katzenmusik … Teterew:   Ich begleite Sie doch nur … Sie Kleinbürger, der eine halbe Stunde lang Staatsbürger war! Man hört Lärm hinter der Tür, die zum Hausflur führt.   Pjotr   erregt:   Machen Sie sich nicht lustig über mich! Teterew blickt Pjotr herausfordernd an und fährt fort, auf die Tasten zu schlagen. Nil, Jelena, Schischkin, die Zwetajewa treten ein; gleich hinter ihnen Tatjana.   Jelena:   Was bedeutet denn dieses Grabgeläut? Guten Abend, Sie schrecklicher Menschenfeind! Guten Abend, Staatsanwalt in spe! Was haben Sie denn hier getrieben? Pjotr   mürrisch:   Dummes Zeug … Teterew:   Ich hab einem Menschen, der vorzeitig verblichen ist, die Sterbeglocken geläutet … Nil   zu Teterew:   Hör mal – ich habe eine Bitte an dich! Flüstert ihm etwas ins Ohr; Teterew nickt mit dem Kopf.   Zwetajewa:   Ach, Herrschaften – auf der Probe war's heute wirklich sehr interessant! Jelena:   O Staatsanwalt – wenn Sie wüßten, wie heftig mir heute der Leutnant Bykow die Cour geschnitten hat! Schischkin:   Ein richtiges Kalb, dieser Bykow … Pjotr:   Wie kommen Sie auf die Vermutung, daß es mich interessiert, wer Ihnen die Cour schneidet? Jelena:   Ah, Sie sind nicht bei Laune? Zwetajewa:   Pjotr Wassiljewitsch ist nie bei Laune. Schischkin:   Das ist sein gewöhnlicher Geisteszustand. Jelena:   Tanetschka! Auch du bist, wie immer, melancholisch – die reine Septembernacht! Tatjana:   Ja, wie gewöhnlich … Jelena:   Und ich bin furchtbar vergnügt. Sagen Sie, meine Herrschaften – wie kommt es, daß ich immer so vergnügt bin? Nil:   Ich verweigere die Antwort auf Ihre Frage – bin nämlich selbst immer sehr vergnügt. Zwetajewa:   Und ich auch! … Schischkin:   Ich bin's zwar nicht immer, aber doch … Tatjana:   Fortwährend ... Jelena:   Tanetschka! Du machst Witze! Das ist reizend! Sie, Menschenfeind, antworten Sie mal – warum bin ich vergnügt? Teterew:   Oh, Sie verkörperter Leichtsinn! Jelena:   Was sagten Sie?! Na, warten Sie! An diese Worte will ich denken, wenn Sie mit Ihre Liebeserklärung machen werden! Nil:   Das heißt – ich möcht vor allem etwas essen … Ich muß gleich wieder zum Dienst antreten … Zwetajewa:   Für die ganze Nacht? Sie Ärmster! Nil:   Für vierundzwanzig Stunden! … Ich will mal in die Küche gehen und Stepanida meine Aufwartung machen … Tatjana:   Ich will's ihr sagen … Ab mit Nil.   Teterew   zu Jelena:   Erlauben Sie … muß ich mich denn in Sie verlieben? Jelena   auf ihn zuschreitend:   Ja, Sie kecker Mensch! Ja, Sie finstres Scheusal! Ja! Ja! Teterew   retiriert vor ihr:   Nun, ich gehorche … Es fällt mir gar nicht schwer … Ich war einmal gleichzeitig in zwei junge Damen und eine verheiratete Frau verliebt … Jelena   immer noch auf ihn losschreitend:   Nun – und? … Teterew:   Es war erfolglos … Jelena   halblaut, mit den Augen auf Pjotr hinweisend:   Was hatten Sie mit ihm? Teterew lacht; sie sprechen leise miteinander.   Schischkin   zu Pjotr:   Sag mal, Bruder – kannst du mir nicht einen Rubel borgen? Nur auf drei Tage – meine Stiefel sind kaputt, verstehst du ... Pjotr:   Da … Jetzt sind's im ganzen sieben ... Schischkin:   Ich merk mir's schon ... Zwetajewa:   Pjotr Wassiljewitsch! Warum spielen Sie bei unsern Theatervorstellungen nicht mit? Pjotr:   Ich habe nicht das Zeug zum Schauspieler … Schischkin:   Ja – haben wir's denn? Zwetajewa:   Kommen Sie doch wenigstens zu den Proben! Diese kleinen Soldaten sind furchtbar interessant. Einer von ihnen, Schirkow heißt er, ist ein so prächtiger Junge. So naiv und drollig, und dann lächelt er immer so freundlich-verlegen … und kann gar nichts begreifen … Pjotr   beobachtet Jelena von der Seite:   Na, das kann ich nicht recht verstehn – wie Leute, die nichts begreifen, interessant sein können! Schischkin:   Es sind doch auch noch andere da außer Schirkow … Pjotr:   Meinetwegen eine ganze Kompanie … Zwetajewa:   Wie kann man nur so reden? Ich begreife Sie wirklich nicht – was ist denn das bei Ihnen? Sie wollen wohl den Aristokraten herausbeißen? Teterew   plötzlich, mit lauter Stimme:   Mitleid kenne ich nicht … Jelena:   Pß-ß-ßt … Pjotr:   Wie Sie wissen, bin ich ein Kleinbürger. Schischkin:   Umso unbegreiflicher ist dein Verhalten gegen das einfache Volk ... Teterew:   Auch mit mir hat nie ein Mensch Mitleid gehabt. Jelena   halblaut:   Wissen Sie nicht, daß man Böses mit Gutem vergelten soll? Teterew:   Hab kein Verständnis für diese Art von Buchführung … Jelena:   So sprechen Sie doch leiser ... Pjotr   horcht auf Jelenas Unterhaltung mit Teterew:   Und mir ist's wieder unbegreiflich, was für einen Zweck Sie bei diesen einfachen Leuten mit Ihrer Sympathiespielerei verfolgen … Zwetajewa:   Das ist keine Spielerei … wir teilen einfach mit ihnen, was wir haben … Schischkin:   Vielleicht nicht mal das … Es ist uns eben angenehm, unter ihnen zu weilen … Sie sind so ungekünstelt … Ein gesunder Hauch weht einen von ihnen an … wie von den Bäumen des Waldes. Wir Büchermenschen sollten jede Gelegenheit nutzen, uns zu erfrischen … Pjotr   eigensinnig, mit verhaltenem Ärger:   Ihr liebt es, von Illusionen zu leben … Und dann nähert ihr euch diesen Soldaten auch mit gewissen heimlichen Absichten … die mir – entschuldigt, daß ich euch die Wahrheit sage – einfach lächerlich scheinen. Sich bei den Soldaten erfrischen wollen … das ist, nehmt es mir nicht übel … Zwetajewa:   Es handelt sich nicht bloß um Soldaten! Sie wissen doch, daß wir auch für die Bahnarbeiter eine Vorstellung im Depot vorbereiten … Pjotr:   Das ändert nichts an der Sache. Nach meiner Meinung sind Sie im Irrtum, wenn Sie dieses … Hin- und Herlaufen, dieses hastige Treiben für ein lebendiges, tatkräftiges Wirken halten. Sie sind davon überzeugt, daß Sie bei diesen Leuten die Entwicklung der Persönlichkeit ... und was sonst noch alles … fördern. Das ist eine Selbsttäuschung. Morgen kommt der Herr Leutnant oder der Werkmeister, haut der Persönlichkeit eine Maulschelle herunter und schüttet alles wieder aus ihrem Schädel heraus, was Sie hineingeschüttet haben – wenn überhaupt etwas dringeblieben ist … Zwetajewa:   Mir ist's peinlich, solche Reden zu hören ... Schischkin   finster:   N–ja … Schön hören Sie sich nicht an … Ich vernehme sie nicht zum erstenmal, und sie gefallen mir immer weniger … Ich glaube, Pjotr, zwischen uns beiden gibt's nochmal eine Auseinandersetzung … für immer! Pjotr   kühl, in lässigem Tone:   Du willst mich wohl erschrecken?! Ich bin sehr begierig auf diese Auseinandersetzung … Jelena   zu Teterew, hitzig:   Warum verstellen Sie sich nur? Herrschaften – warum will dieser Mensch, daß man ihn für böse halten soll? Pjotr:   Aus Originalitätssucht, denk ich. Zwetajewa:   Jedenfalls. Er möchte gern als interessant gelten. Alle Männer wollen interessant erscheinen … vor den Frauen. Der eine spielt den Pessimisten, der andere – den Mephisto … Und dabei sind sie oft nichts weiter als Trottel … Teterew:   Kurz, klar … und bündig! Zwetajewa:   Soll ich Ihnen vielleicht Komplimente machen? Da können Sie lange warten! Ich weiß, wes Geistes Kind Sie sind! Teterew:   So – dann wissen Sie mehr als ich. Und wissen Sie zufällig vielleicht auch, ob man Böses mit Gutem vergelten soll? Das heißt, einfacher ausgedrückt: sind nach Ihrer Meinung Gut und Böse einander gleich im Wert? Zwetajewa:   Hört nur, wie er sich in Paradoxen gefällt! Schischkin:   Still, unterbrechen Sie ihn nicht! Die Sache wird interessant. Ich höre Teterew gern sprechen, Herrschaften. Eh man sich's versieht, jagt er einem einen Splitter ins Gehirn … Wir andern haben ja, offen gesagt, alle nur abgebraucht, landläufige Gedanken … lauter alte Scheidemünze ... Pjotr:   Zu großmütig von dir … deine persönlichen Vorzüge so zu verallgemeinern … Schischkin:   Nun, nun! Man muß immer die Wahrheit sagen, mein Lieber! Sogar in Kleinigkeiten soll man ehrlich sein. Ich bekenne offen, daß ich noch niemals auch nur ein einziges originelles Wort ausgesprochen habe. Und ich möcht es doch gar zu gern! Teterew:   Eben jetzt hast du es ausgesprochen! Schischkin   lebhaft:   Nanu? Wirklich? Was denn? Teterew:   Du hast es ausgesprochen, wahrhaftig … Was es war – magst du selbst erraten. Schischkin:   Nun, das ist wirklich ganz zufällig geschehen … Teterew:   Erzwingen läßt sich die Originalität überhaupt nicht. Ich hab's versucht … Jelena:   Aber so reden Sie doch von Gut und Böse, Sie Quälgeist! Schischkin:   Los also! Spiel uns was vor auf deinem philosophischen Dudelsack! Teterew   stellt sich in Positur:   Hochgeehrte Zweifüßler! Wenn ihr sagt, daß man das Böse mit Gutem vergelten müsse, so seid ihr im Irrtum. Das Böse ist eine euch angeborene Eigenschaft, und daher ist sein Wert gering. Das Gute dagegen habt ihr selbst erfunden, es ist euch entsetzlich teuer zu stehen gekommen, und darum gilt es euch als eine kostbare Sache, eine Seltenheit, die schöner ist als alle andern Erdendinge. Hieraus folgt, daß es für euch nicht einträglich und sogar nachteilig ist, das Gute ebenso zu bewerten wie das Böse. Ich rate euch: zahlt immer nur Gutes gegen Gutes! Und zahlt nie mehr, als ihr empfangen habt, damit ihr nicht die wucherischen Neigungen in euren Mitmenschen anstachelt. Denn der Mensch ist habgierig von Natur. Hat er einmal mehr empfangen, als ihm zukam, dann wird er das nächste Mal noch mehr verlangen. Zahlt ihm aber auch nicht weniger, als ihr ihm schuldig seid, denn wenn ihr ihn einmal betrügt, wird er's euch sicher nachtragen. Er wird euch Bankerotteure nennen, wird aufhören, euch zu achten und euch das nächste Mal nicht mehr Gutes erweisen, sondern nur noch ein Almosen reichen. Seid streng und gewissenhaft, meine Lieben, wenn es sich um die Vergeltung des Guten handelt, das euch erwiesen worden! Denn es gibt auf der Welt nichts Kläglicheres und Widerwärtigeres als einen Menschen, der seinem Nächsten ein Almosen reicht. Das Böse – aber vergeltet stets mit Bösem, und zwar hundertfältig! Seid bis zur Grausamkeit freigiebig, wenn ihr eurem Nächsten das Böse heimzahlt, das er euch angetan hat! Gab er euch einen Stein, wenn ihr ihn um Brot batet – dann wälzt ihm einen Berg auf den Schädel! Teterew, der scherzend begonnen hat, geht nach und nach in eine ernste Tonart über und beendet seine Rede markig, voll Überzeugung. Sobald er ausgeredet hat, geht er schweren Schrittes zur Seite. Einen Moment herrscht allgemeines Schweigen. Alle sind betroffen von der Wucht und Offenheit seiner Rede.   Jelena   leise:   Sie müssen viel erduldet haben von den Menschen … Teterew   voll Ingrimm:   Das gewährt mir wenigstens die angenehme Hoffnung, daß auch sie einmal von mir … oder richtiger, um meinetwillen … werden erdulden müssen … Nil   tritt mit einer Schüssel in den Händen und mit einem Stück Brot ein; während er spricht, achtet er sorgfältig darauf, daß nichts von dem Inhalt der Schüssel verschüttet wird; hinter ihm kommt Tatjana:   Das alles ist Philosophie. Es ist eine schlechte Gewohnheit von dir, Tanja, aus jeder Lappalie gleich ein philosophisches Problem zu machen. »Es regnet« – Philosophie! »Der Finger tut mir weh« – wieder Philosophie. »Es riecht nach Kohlendunst« – zum drittenmal Philosophie. Wenn ich solche, aus lauter Lappalien zusammengesetzte Philosophie höre, denk ich unwillkürlich, daß doch Bildung nicht für jedermann nützlich ist … Tatjana:   Was für ein … Grobian du bist, Nil! Nil   setzt sich an den Tisch und ißt:   Was heißt Grobian? … Die Langeweile plagt dich … such dir Beschäftigung! Wer arbeitet, langweilt sich nicht. Fällt dir das Leben hier schwer, dann geh aufs Land, leb im Dorfe, unterrichte die Bauernkinder! … Oder fahr nach Moskau, lern selber was hinzu! … Jelena:   So ist's recht! Und jetzt nehmen Sie sich auch den da zeigt auf Teterew   einmal vor – den da! Nil   blickt von der Seite auf Teterew:   Auch ein nettes Kind … Spielt sich als tiefsinniger Heraklith auf! Teterew:   Nenne mich lieber einen Swift, wenn's dir nichts ausmacht … Nil:   Viel Ehre! Pjotr:   Ja, etwas sehr viel Ehre … Teterew:   Es wäre mir aber angenehm … Zwetajewa:   Seht doch den Feinschmecker! … Nil   guckt in die Schüssel:   Na, sei nicht böse … Übrigens … war denn … Polja nicht da? Wo ist sie? Tatjana:   Im Theater. Warum? Nil:   Nichts weiter. Ich frag nur so … Tatjana:   Willst du etwas von ihr? Nil:   Nein, durchaus nicht … das heißt, augenblicklich nicht … Im allgemeinen … will ich sehr viel von ihr. Teufel, da hab ich mich verplappert! Alle außer Tatjana lächeln.   Tatjana   beharrlich:   Was denn? Was willst du von ihr? Nil ißt, ohne zu antworten.   Jelena   lebhaft zu Tatjana:   Sag doch – warum hat er dich so abgekanzelt? Zwetajewa:   Ach ja, das ist interessant! Schischkin:   Ich hör's gern, wen Nil den Leuten den Kopf wäscht … Pjotr:   Und ich seh's gern, wenn er ißt … Nil:   Was ich mal anfasse, mach ich gut … Jelena:   Nun, Tanja, so sprich doch! Tatjana:   Ich hab keine Lust … Zwetajewa:   Sie hat nie zu etwas Lust. Tatjana:   Woher weißt du das? Vielleicht habe ich große Lust … zu sterben! Zwetajewa:   Hu, wie schrecklich! Jelena:   Brr! Ich rede nicht gern vom Tode. Nil:   Was kann man vom Tode sagen, solange man nicht gestorben ist? Teterew:   Hört! Ein echter Philosoph! Jelena:   Kommen Sie zu mir hinauf, Herrschaften. 's ist Zeit, der Samowar steht sicher schon lange bereit ... Schischkin:   Ach ja, jetzt hätt ich Appetit auf ein Glas Tee! Und auch ein Häppchen essen möcht ich … darf man hoffen? Jelena:   Natürlich. Schischkin   zeigt auf Nil:   Wie ich ihm so zusah, erwachte der Neid in meinem sündigen Herzen! Nil:   Gar keine Ursache – hab schon alles verputzt! Ich geh gleich mit euch! Hab noch über eine Stunde frei … Tatjana:   Du solltest lieber ausruhen, Nil, bevor du in den Dienst gehst … Nil:   Die Zeit wird auch so vergehen … Jelena:   Kommen Sie mit, Pjotr Wassiljewitsch? Pjotr:   Wenn Sie erlauben … Jelena:   Ich gestatte es gnädigst. Ihren Arm! … Zwetajewa:   Stellen Sie sich alle paarweise an! Nil Wassiljewitsch, zu mir … Schischkin   zu Tatjana:   Dann gehen wir zusammen … Teterew:   Es heißt immer, daß es auf der Erde mehr Frauen als Männer gibt. Nun hab ich in vielen Städten gelebt … und doch war nie und nirgends für mich eine Dame übrig … Jelena   geht lachend der Tür zu und singt:   Allons enfants de la patri...i...i...e! Schischkin   pufft Pjotr in den Rücken:   Geh rascher, Sohn des Vaterlandes! … Sie gehen unter Lärm, Gesang und Lachen ab. Das Zimmer bleibt ein paar Sekunden leer. Dann öffnet sich die Tür, die zum Zimmer der Alten führt; Akulina Iwanowna tritt heraus und löscht gähnend die Lampen aus. Man hört die Stimme Bessemjonows, der im Zimmer nebenan mit monotoner Stimme den Psalter liest. Im Dunkeln kehrt Akulina Iwanowna, an die Stühle stoßend, wieder in ihr Zimmer zurück.   Zweiter Aufzug Dasselbe Zimmer. Mittagszeit im Herbst. Am Tisch sitzt der alte Bessemjonow. Tatjana geht langsam und unhörbar auf und ab. Pjotr steht an der Querwand und sieht zum Fenster hinaus. Bessemjonow:   Eine geschlagene Stunde rede ich nun zu euch, meine lieben Kinder … aber es scheint, daß ich nicht die rechten Worte finde, solche, die euch zu Herzen gehen … Der eine kehrt mir den Rücken und die andere spaziert herum wie eine Krähe auf 'm Zaun. … Tatjana:   Ich kann mich ja setzen … Setzt sich.   Pjotr   kehrt dem Vater sein Gesicht zu:   Sag doch ohne Umschweife – was willst du von uns? Bessemjonow:   Ich will dahinterkommen, was für Menschen ihr eigentlich seid … Ich möchte gar zu gern wissen, wes Geistes Kind du bist. Pjotr:   Wart's doch ab. Ich werde deine Wißbegier schon befriedigen … Laß mich nur erst meine Studien beenden, dann wirst du's erfahren ... Bessemjonow:   So … Deine Studien beenden … Gewiß, studier nur! Aber du studierst eben nicht … sondern hast bloß einen großen Mund. Hast bis jetzt nur gelernt, alle andern von oben herab anzusehen, aber geleistet hast du nichts … Von der Universität hat man dich weggejagt. Du meinst, es sei unrecht gewesen? Du irrst dich. Ein Student soll lernen und nicht mitreden wollen in den Fragen des Lebens. Wenn jeder zwanzigjährige Bursche über die bestehende Ordnung mitbestimmen will … muß alles drunter und drüber gehen … Für erfahrene Leute ist dann kein Platz mehr auf Erden … Lern erst was, werde ein Meister in deinem Fache, und dann – rede mit … Bis dahin aber hat jeder das volle Recht, auf deine Ansichten zu pfeifen … Ich sage dir das nicht, um dich zu kränken, sondern nur, weil ich dein Bestes will … Du stehst mir doch nahe, bist mein Sohn, mein Fleisch und Blut. Mit Nil rede ich gar nicht ... obschon ich Mühe genug auf ihn verwandt habe und er mein Pflegesohn ist … Aber er ist doch immer … fremdes Blut. Und je älter er wird, desto fremder wird er mir. Ich sehe, es wird mit ihm kein gutes Ende nehmen … Schauspieler wird er werden, oder sonst was in der Art … vielleicht sogar Sozialist … Nun, mag er tun, was er will ... Akulina Iwanowna   steckt den Kopf durch die Tür, mit kläglicher, schüchterner Stimme:   Vater! Ist's nicht Zeit zum Mittagessen? Bessemjonow   streng:   Geh schon! Misch dich nicht ein, wenn's nicht nötig ist … Akulina Iwanowna verschwindet hinter der Tür. Tatjana blickt den Vater vorwurfsvoll an und beginnt wieder im Zimmer auf und ab zu gehen.   Habt ihr gesehen? Eure Mutter ist ewig in Unruhe um euch, daß ich euch ja nichts zuleide tue … Ich will doch keinem Menschen was zuleide tun! Ich selbst habe Leid von euch erfahren, bitteres Leid! … In meinem eignen Hause schleich ich so vorsichtig umher, als ob auf dem Boden überall Glasscherben umherlägen … Meine alten Freunde haben aufgehört, mich zu besuchen – »Du hast gebildete Kinder«, sagen sie, »und wir sind einfache Leute, sie werden sich über uns lustig machen« … und dergleichen. Und ihr habt euch wirklich mehr als einmal über sie lustig gemacht, daß ich aus Scham für euch errötet bin. Alle meine Freunde meiden mich, als ob gebildete Kinder eine Pest im Hause wären. Ihr nehmt auf euren Vater nicht die geringste Rücksicht … Nie habt ihr für ihn ein freundliches Wort, nie sagt ihr ihm, was für Gedanken, was für Pläne euch beschäftigen. Ich bin ein Fremder für euch. Und dabei liebe ich euch doch … ja, ich liebe euch! Begreift ihr wohl, was das ist, die Liebe? Dich hat man fortgejagt – das ist mir tief schmerzlich. Tatjana verwelkt als altes Mädchen – das ist für mich peinlich ... ja, sogar beschämend vor den Leuten. Worin steht Tatjana anderen Mädchen nach, die einen Mann finden … und glücklich werden? Ich möchte dich als gemachten Mann sehen, Pjotr, nicht ewig nur als Studenten. Da ist Filipp Nasarows Sohn – der hat seine Studien beendet, hat ein Mädchen mit Geld geheiratet, bekommt zweitausend Rubel Gehalt … und wird bald im Stadtrat sitzen … Pjotr:   Wart's ab … auch ich werde heiraten … Bessemjonow:   Ja, ich seh's. Am liebsten möchtest du es schon morgen tun … Aber wen hast du dir ausgesucht? Ein leichtfertiges Geschöpf, ein lockeres Persönchen – und noch dazu eine Witwe! Ä-äh! Pjotr   springt auf:   Du hast kein Recht, sie so zu nennen ... Bessemjonow:   Wie denn? Ist's etwa nicht wahr? Tatjana:   Papa – ich bitte dich … ich bitte dich: laß das! Petja, geh hinaus! Geh … oder schweig! Sieh, ich schweig ja auch. Hört doch auf … mir wird ganz wirr im Kopf … Vater, wenn ich dich so reden höre – fühl ich, daß du recht hast. Ja, du hast recht, ich weiß es. Glaub mir … ich fühl es deutlich. Aber deine Wahrheit – ist uns fremd … mir und ihm … verstehst du? Wir haben unsre eigene Wahrheit … sei mir nicht böse … laß mich reden! Es gibt zwei Wahrheiten, Papa … Bessemjonow   aufspringend:   Das ist nicht wahr! Es gibt nur eine Wahrheit – und das ist die, die ich kenne! Was für eine Wahrheit ist das, die ihr besitzt? Wo ist sie? Zeige sie mir! Pjotr:   Schrei nicht, Vater! Laß mich auch einmal reden … Nun ja, du hast recht. Aber deine Wahrheit ist uns zu eng … wir sind ihr entwachsen, wie wir unsern Kinderkleidern entwachsen sind. Sie drückt uns und zwängt uns ein … Das, was dein Lebenselement war, deine ganze Lebensführung … paßt nicht mehr für uns … Bessemjonow:   Nun ja, ihr … ihr … Natürlich … Ihr seid eben gebildete Leute … und ich bin ein Dummkopf. Aber ihr ... Tatjana:   Nicht doch, Papa! Nicht so … Bessemjonow:   Doch, doch – so, so! Ihr habt alle Tage Gäste … vom Morgen bis zum Abend wird hier gelärmt … und auch in er Nacht laßt ihr einen nicht schlafen … Du knüpfst vor meinen Augen ein Techtelmechtel mit einer Mieterin an … Du zu Tatjana trägst die Nase immer wer weiß wie hoch … und wir … die Mutter und ich … wir drücken uns im Winkel herum … Akulina Iwanowna   tritt hastig ins Zimmer, mit kläglicher Stimme:   Meine Lieben, Guten! Hab ich denn schon … mein Teuerster, Bester! Sag ich denn etwas? Ich will ja ganz gern im Winkel sitzen … meinetwegen sogar im Stall draußen … nur zankt euch nicht! Beißt euch nicht … meine Lieben! Bessemjonow   zieht Akulina mit der einen Hand an sich, während er sie mit der andern fortstößt:   Geh, Alte, geh! Sie brauchen dich nicht! Wir sind alle beide hier überflüssig! Sie sind ja – gebildete Menschen … Wir sind Fremde für sie … Tatjana   stöhnt:   Diese Qual! Diese … Qual! … Pjotr   bleich und fassungslos:   So hör doch, Vater … Das ist doch töricht! Töricht! So plötzlich, mir nichts, dir nichts … Bessemjonow:   Plötzlich? Das ist nicht wahr! Nicht plötzlich … Jahrelang hat es an meinem Herzen gefressen … Akulina Iwanowna:   Petja, gib nach! Widersprich nicht! Tanja! So habt doch Erbarmen mit dem Vater … Bessemjonow:   Töricht? Du Dummkopf! Entsetzlich ist's – und nicht töricht! Da haben nun Eltern und Kinder unter einem Dach zusammengelebt – und mit einemmal entdecken die Kinderchen, daß es zwei Wahrheiten gibt … Ihr wilden Tiere! Tatjana:   Pjotr, geh hinaus! Beruhige dich, Vater … ich bitte dich … Bessemjonow:   Ihr Unbarmherzigen! Unterkriegen wollt ihr uns! … Worauf seid ihr so stolz? Was habt ihr schon geleistet? Und wir – wir haben gelebt! Wir haben gearbeitet … und Häuser gebaut … für euch … haben gesündigt … vielleicht schwer gesündigt – für euch! Pjotr   schreit:   hab ich dich gebeten, daß du … alles das tun möchtest? Akulina Iwanowna:   Pjotr! Um des Himmels willen … Tatjana:   Geh hinaus, Pjotr! Ich ertrag's nicht länger, ich geh fort von hier … Sinkt erschöpft auf einen Stuhl.   Bessemjonow:   Aha! Jetzt nehmt ihr Reißaus vor der Wahrheit, wie der Teufel vor dem Weihrauch … Das Gewissen rührt sich … Nil   reißt die Tür zum Hausflur weit auf und bleibt auf der Schwelle stehen; er kommt vom Dienst, sein Gesicht ist von Rauch und Ruß geschwärzt, auch die Hände sind schwarz; er trägt eine kurze, ölig glänzende Jacke, darüber einen Riemen als Gurt und schmutzige, hohe Schaftstiefel, die bis an die Knie reichen; streckt beim Eintreten die Hand aus:   Gebt mir mal rasch zwanzig Kopeken, ich muß die Droschke bezahlen! Seine unerwartete Ankunft und der ruhige Klang seiner Stimme haben mit einemmal dem Lärm im Zimmer eine Ende gemacht. Ein paar Sekunden starren ihn alle schweigend an. Er errät, was vorgefallen ist, und lächelt mitleidig:   Nu–u–un? Wieder eine Bataille gewesen? Bessemjonow   schreit ihn grob an:   Du Heide! Vergißt wohl, wo du bist? Nil:   Hm? Wo denn? Bessemjonow:   Kommst mit der Mütze auf dem Kopf herein! Die Mütze runter! Akulina Iwanowna:   Was fällt dir ein? Bringt den ganzen Schmutz in die Stube rein! Seht doch! Gebt mir nur rasch zwanzig Kopeken! Pjotr   gibt ihm Geld und spricht halblaut zu ihm:   Komm gleich wieder herein! Nil   lächelnd:   Brauchst wohl Hilfe? Wirst nicht allein fertig? Sofort! Ab.   Bessemjonow:   Auch so ein windiger Bruder! Immer drauflos, immer durch dick und dünn! Hat auch so allerhand aufgeschnappt … Vor nichts in der Welt hat das Respekt … Akulina Iwanowna   in derselben Tonart wie ihr Gatte:   Der richtige Galgenstrick! Tanja, geh doch … geh in die Küche, sag Stepanida, sie soll das Mittagessen auftragen! Tatjana ab.   Bessemjonow   düster lächelnd:   Na, und wohin willst du den da schicken? Weist auf Pjotr.   Ach, du – dummes, altes Frauchen! Wirklich, dumm bist du! Ich tu ihnen ja nichts … bin doch kein reißendes Tier! Ich mein's gut mit ihnen, schrei nur vor lauter Seelenschmerz, nicht aus Zorn... weil mir bange ist um sie … Was jagst du sie denn fort aus meiner Nähe? Akulina Iwanowna:   Ich weiß ja, mein Lieber … weiß alles! Aber sie tun mir so leid. Wir beiden sind alte Leute, müssen eben so verbraucht werden, wie wir sind! Was können wir noch groß beanspruchen, du mein Gott! Und sie sollen erst anfangen zu leben. Sie werden Bittres genug von Fremden erfahren, die Ärmsten … Pjotr:   Vater, du ereiferst dich wirklich ganz unnütz … Du bildest dir Dinge ein … Bessemjonow:   Ich zittre vor Angst! Es ist jetzt eine solche Zeit … eine schreckliche Zeit! Alles kracht, alles bricht zusammen. Die Wogen des Lebens gehen hoch … Ich fürchte für dich … Wenn dir plötzlich etwas zustößt … wer wird sich unser annehmen auf die alten Tage? Du bist unsere Stütze. Da ist dieser Nil – dem trau ich nicht übern Weg! Und dann der Teterew, dieser saubre Vogel … Halt dich fern von ihnen! Sie … sind uns beide nicht grün. Hüte dich vor ihnen! Na, laß schon gut sein! Nichts wird mir geschehen … Ich warte noch ein Weilchen … dann reiche ich eine Bittschrift ein wegen meiner Wiederzulassung … Akulina Iwanowna:   Tu es, Petja, so bald wie möglich, beruhige den Vater … Bessemjonow:   Wenn du so vernünftig sprichst, Pjotr – dann glaub ich an dich … Ich habe das Vertrauen, daß du dich mit dem Leben abfinden wirst – nicht schlechter als ich … Dann aber fürcht ich wieder ... Pjotr:   Nun, laß schon, hören wir auf davon. Genug! … Bedenk doch, wie häufig solche Szenen bei uns sind! Akulina Iwanowna:   Meine lieben Täubchen! Bessemjonow:   Und auch Tatjana … ach! Sie sollte die Schule aufgeben … Was hat sie davon? Nichts als Plage. Pjotr:   Ja, sie sollte sich erholen … Akulina Iwanowna:   Ach ja, das sollte sie! Nil   tritt in einer blauen Bluse, doch noch ungewaschen, herein:   gibt's bald Mittagessen, wie? Pjotr bei Nils Anblick rasch in den Hausflur ab.   Bessemjonow:   Wasch dir erst die Fratze ab, dann frag nach dem Mittagessen! Nil:   Meine Fratze ist nicht groß, die ist bald abgewaschen, mein Hunger aber ist gewaltig groß – ein wahrer Wolfshunger. Regen, Sturm, Kälte, dazu eine scheußliche alte Lokomotive … das bringt einen auf den Hund, wenn man so die ganze Nacht durch fährt. Der Herr Güterinspektor müßte mal eine solche Fahrt mitmachen … bei dem Wetter und auf der Maschine ... Bessemjonow:   Immer schwatz du! Sprichst ja von deinen Vorgesetzten recht leichtfertig, wie ich sehe . Nimm dich in Acht, daß nichts Schlimmes dabei herauskommt … Nil:   Für die Vorgesetzten sicher nicht … Akulina Iwanowna:   Von denen spricht der Vater auch nicht, sondern von dir! Nil:   Aha, von mir … Bessemjonow:   Ja, von dir ... Nil:   Aha! … Bessemjonow:   Verschon mich mit deinem »Aha!« Und hör lieber zu! Nil:   Ich hör schon. Bessemjonow:   Du trägst seit einiger Zeit die Nase recht hoch … Nil:   Seit wann denn? Bessemjonow:   Nimm deine Zunge in acht, wenn du mit mir redest! Nil:   Meine Zunge? Was ist mit der? Streckt seine Zunge heraus.   Die braucht doch keine Aufsicht? ... Akulina Iwanowna   schlägt die Hände zusammen:   Ach du unverschämter Bursche – zeigst dem Vater die Zunge! … Bessemjonow:   Wart einmal, Mutter – sei mal still … Akulina Iwanowna schüttelt vorwurfsvoll den Kopf; ab.   Bessemjonow:   Hör mal, du – Schlaukopf, ich möchte mit dir einmal reden … Nil:   Wann, nach Tisch? … Bessemjonow:   Nein, jetzt gleich. Nil:   Lieber nach dem Essen. … Ich bin hungrig, müde, durchgefroren … entschuldigen Sie mich schon, verschieben Sie die Unterhaltung! Und schließlich … was können Sie mir viel sagen? Schimpfen werden Sie … und mich von Ihnen ausschimpfen zu lassen, ist mir nicht angenehm. Sagen Sie es lieber geradeheraus … daß Sie mich nicht leiden können … und daß ich … Bessemjonow:   Na, hol dich schon der Teufel! Ab in sein Zimmer, dessen Tür er laut hinter sich zuschlägt.   Nil   murmelt für sich:   Das paßt mir wunderschön. Lieber zum Teufel gehen, als noch länger bei dir bleiben. Geht, eine Melodie vor sich hin summend, im Zimmer auf und ab. Tatjana tritt ins Zimmer.   Nil:   Habt ihr wieder aufeinander losgehackt? Tatjana:   Du kannst dir gar nicht vorstellen … Nil:   Ganz deutlich kann ich mir's vorstellen … Ihr habt wieder eine Szene aus jener Komödie ohne Ende gespielt, die den Titel führt »Nicht dahin, nicht dorthin« … Tatjana:   Du hast gut reden. Du verstehst es, dich abseits zu halten … Nil:   Ja, ich versteh's, mir all diese widerlichen Nörgeleien vom Leibe zu halten. Und bald werde ich sie für immer los sein … ich komme als Monteur ins Depot … Diese Schlepperei mit den Güterzügen, immer die Nacht durch, hat ein Ende. Wenn's noch Personenzüge wären, der Kurierzug zum Beispiel: da saust man immer nur so durch die Luft! Immer mit Volldampf! … Aber so hat man niemanden als den Heizer … langweilig ist's. Ich bin gern mit Menschen zusammen … Tatjana:   Und doch läufst du vor uns immer fort … Nil:   Ja … verzeih meine Aufrichtigkeit! Da soll man nicht fortlaufen! Ich bin ein lebensfroher Mensch, ich liebe Geräusch, Arbeit und einfache, fröhlich Leute. Ihr aber – lebt ihr denn überhaupt? Ihr lauft sozusagen neben dem Leben her und stöhnt und klagt – niemand weiß, weshalb, worüber, warum. Ich wenigstens kann's nicht verstehen. Tatjana:   Du kannst es nicht verstehen? Nil:   Nein, wenn der Mensch auf der einen Seite unbequem liegt, dann mag er sich auf die andre umdrehen. Stern dich also an – dreh dich um! Tatjana:   Nur einem dummen Menschen erscheint das Leben einfach, sagt irgendein Philosoph. Nil:   In Dummheiten müssen die Philosophen ja wohl Bescheid wissen. Aber ich halt mich für gar keinen so gescheiten Kopf … Ich finde einfach, daß es unerträglich langweilig ist, mit euch zusammen zu leben. Ihr stöhnt mir schon gar zu sehr über alles. Wozu dieses Gestöhn? Wer wird euch helfen? Kein Mensch … es lohnt sich auch gar nicht … Tatjana:   Wie kommst du zu dieser Gefühllosigkeit, Nil? Nil:   Ist denn das Gefühllosigkeit? Tatjana:   Grausamkeit ist's … Ich glaube, du hast dich von Teterew anstecken lassen, der aus irgendeinem Grunde alle Menschen haßt. Nil:   Nun, doch nicht alle. Lächelt.   Scheint dir dieser Teterew nicht mit einem Beil Ähnlichkeit zu haben? Tatjana:   Mit was für einem Beil? Nil:   Mit einem gewöhnlichen eisernen Beil an einem hölzernem Griff … Tatjana:   Nicht doch, laß die Scherze! Ich kann sie nicht leiden … Du weißt, ich plaudere mit dir sehr gern … du bist ein so frischer Junge … Nur – wenig aufmerksam bist du … Nil:   Wie meinst du das? Tatjana:   Gegen die Leute, mein ich … Gegen mich zum Beispiel … Nil:   Hm … Aber doch nicht gegen alle! Tatjana:   Und gegen mich? ... Nil:   Gegen dich? Hm – ja … Beide schweigen. Nil betrachtet seine Stiefel. Tatjana schaut ihn erwartungsvoll an.   Siehst du … ich bin gegen dich … das heißt, ich … Tatjana macht eine Bewegung zu ihm hin, die er nicht bemerkt. Ich achte dich sehr … und hab dich gern. Nur eins gefällt mir nicht – warum bist du Lehrerin! Dieser Beruf ist dir doch nicht Herzenssache, er ermüdet dich nur, regt dich auf. Und dabei ist's doch eine große Sache! Die Kinder sind die Menschen der Zukunft! … Man muß sie zu schätzen wissen und lieben. Alles überhaupt, was man tut, muß man mit Liebe tun, damit es gelinge. Siehst du, ich liebe es zum Beispiel leidenschaftlich, Eisen zu schmieden. Vor dir liegt eine rote, formlose Masse, voll zorniger, sengender Glut … Sie mit dem Hammer zu bearbeiten, ist ein wahrer Genuß. Sie speit dich mit ihrem zischenden, feurigen Speichel an, will dir die Augen ausbrennen, will dich blenden, dich mit Gewalt verjagen. Sie ist so voll Leben, so prall … Und du formst mit weit ausholenden, kräftigen Schlägen alles aus ihr, was du brauchst … Tatjana:   Dazu muß man stark sein … Nil:   Und geschickt … Tatjana:   Hör einmal, Nil – empfindest du niemals Mitleid? … Nil:   Mit wem? Jelena   tritt ein:   Habt ihr schon gegessen? Nein? Kommt doch, bitte, zu mir! Was für eine Pastete ich gebacken habe! Wo ist der Staatsanwalt? Eine großartige Pastete! Nil   an Jelena herantretend:   Ich komme gleich – und esse die großartige Pastete ganz allein auf. Ich sterbe vor Hunger, hier gibt man mir absichtlich nichts zu essen. Man ist hier wegen irgend etwas böse auf mich. Jelena:   Jedenfalls wegen Ihrer Zunge … Tanja, komm! Tatjana:   Ich will's nur Mama sagen … Ab.   Nil:   Woher wissen Sie, daß ich dem Vater die Zunge gezeigt habe? Jelena:   Wa–as? Ich weiß gar nichts! Was ist das? Nil:   Nein, ich sag's nicht. … Erzählen Sie mir lieber etwas von Ihrer großartigen Pastete! Jelena:   Ich werde es schon erfahren! Pasteten backen … das hab ich von einem Arrestanten gelernt, der wegen Mordes im Gefängnis saß. Mein Mann hatte ihm erlaubt, mir in der Küche zu helfen. Er war ein so jämmerliches, mageres Kerlchen … Nil:   Wer? Ihr Mann? Jelena:   Werter Herr, mein Mann war ein Riese von zwölf Zoll Höhe ... Nil:   So klein war er? Jelena:   Schweigen Sie! Und einen solchen Schnurrbart hatte er! Zeigt, was für einen Schnurrbart er hatte.   Sechs Zoll nach jeder Seite … Nil:   Zum erstenmal hör ich von einem Menschen, dessen Vorzüge sich mit den Zollstab messen lassen … Jelena:   Ach, leider hatte er keine Vorzüge außer seinem Schnurrbart! Nil:   Ds ist sehr traurig! Aber erzählen Sie lieber von der Pastete … Jelena:   Schön … also mein Arrestant war Koch von Beruf … er hatte sein Weib erschlagen … Aber mir gefiel er sehr. Er hatte sie ja nur getötet … Nil:   Von ungefähr … ich verstehe! Jelena:   Gehen Sie Ihrer Wege! Ich mag mit Ihnen nicht reden. Tatjana erscheint in der Tür und starrt die beiden an; durch die andere Tür kommt Pjotr.   Jelena:   Staatsanwalt! Kommen Sie zu mir hinauf … es gibt eine Pastete! … Pjotr:   Mit Vergnügen! Nil:   Der Herr Papa hat sich ihn heut vorgenommen, wegen respektwidrigen Benehmens … Pjotr:   So hör doch auf … Nil:   Ich wundre mich nur, daß er es wagt, Sie ohne Erlaubnis zu besuchen! Pjotr   blickt unruhig nach der Tür zum Zimmer der Alten:   Wenn wir gehen sollen, dann gehen wir ... Tatjana:   Geht, ich komme sogleich nach … Nil, Pjotr und Jelena ab; Tatjana will in ihr Zimmer gehen.   Akulina Iwanowna   ruft von ihrem Zimmer aus:   Tanja! Tatjana   bleibt stehen, bewegt unwillig die Schultern:   Was denn? Akulina Iwanowna   in der Tür:   Komm doch mal! Fast im Flüsterton.   Ist Petruschka wieder zu … der da gegangen? Tatjana:   Ja … auch ich geh hin … Akulina Iwanowna:   Ach, ist das ein Jammer! Sie wird dem Petja den Kopf verdrehen, die wilde Hummel! Ich seh's schon kommen … Wenn du doch mit ihm sprechen wolltest! »Halt ein, Bruder«, sag ihm – »sie paßt nicht zu dir« … Sag's ihm, Tanja! Sie hat doch nur dreitausend Rubel und die Pension nach ihrem Manne … ich weiß es ... Tatjana:   Nicht doch, Mama! Jelena beachtet Pjotr gar nicht … Akulina Iwanowna:   Das tut sie absichtlich! Absichtlich! In Hitze will sie ihn bringen, die durchtriebene Person! … Stellt sich nur so, als wollte sie sagen: »Ich interessier mich nicht für dich« … Und dabei lauert sie auf ihn wie die Katze auf 'n Zeisig … Tatjana:   Ach … was geht mich das an? Sag doch selbst, Mama: was kümmert mich das? Laß mich in Ruhe – ich fühle mich so matt … Akulina Iwanowna:   Brauchst ja nicht gleich mit ihm zu sprechen … Geh, leg dich hin und ruh dich aus ... Tatjana   fast schreiend:   Für mich gibt's kein Ausruhen mehr. Ich bin für immer … erschöpft … Für immer! Verstehst du? Fürs ganze Leben! … Ihr habt mich so weit gebracht … Ihr und alles andre hier! Rasch ab in den Hausflur. Akulina Iwanowna macht eine Bewegung nach Tatjana hin, als wollte sie diese zurückhalten, doch bleibt sie ganz verdutz, mit offenem Munde auf der Schwelle stehen und schlägt die Hände zusammen.   Bessemjonow   blickt durch die Tür:   Zankt ihr euch wieder? Akulina Iwanowna   fährt zusammen:   Nein, es ist nichts weiter … Nur so … Bessemjonow:   Was denn »Nur so«? Ist sie wieder ungezogen gewesen gegen dich? Akulina Iwanowna   hastig:   Nicht doch, durchaus nicht – was sprichst du? Ich sag zu ihr: 's ist Zeit, zu Mittag zu essen. Und sie sagt: Ich will nicht! Ich sage: Warum willst du denn nicht? Und sie … Bessemjonow:   Schwindelst du auch nicht, Mutter? Akulina Iwanowna:   So wahr ich lebe! Bessemjonow:   Wie oft hast du mich schon um ihretwillen belogen! Guck mir mal in die Augen – siehst du, du kannst es nicht … ach, du … Akulina Iwanowna steht schweigend, mit gesenktem Kopf, vor ihrem Gatten; er schweigt gleichfalls, streicht nachdenklich seinen Bart und seufzt.   Bessemjonow:   Das ist die Bildung, die uns von ihnen trennt … Akulina Iwanowna leise:   Laß gut sein, Vater. Heutzutage sind auch die einfachen Leute nicht besser … Bessemjonow:   nie darf man seinen Kindern mehr geben, als man selbst besitzt … Am schwersten fällt mir's aufs Herz, daß ich in ihnen gar keinen … Charakter … so gar nichts Festes sehe. Jeder Mensch muß doch irgend etwas Eigenes haben. Sie aber sind ganz so, als ob sie – ohne Gesicht wären. Da ist zum Beispiel Nil … der ist frech … ein richtiger Räuber. Aber er hat doch einen eigenen Zug in seinem Wesen. Gefährlich ist er – aber man kann ihn doch verstehen. … Ä–äh! … Ich liebte in meiner Jugend den Kirchengesang … ich suchte leidenschaftlich gern Pilze … Was aber tut Pjotr wohl gern? Akulina Iwanowna   schüchtern mit einem Seufzer:   Zu unsrer Mieterin geht er gern … er ist wieder oben … Bessemjonow:   So–o! Na, wart, meine Liebe … dir will ich's anstreichen! Teterew kommt herein, verschlafen und finstrer als sonst; hat eine Branntweinflasche und ein Gläschen in den Händen.   Bessemjonow:   Terentij Chrisanfowitsch! Wieder mal durchgegangen? Teterew:   Gestern, nach der Abendmesse ... Bessemjonow:   Aus welchem Anlaß denn? … Teterew:   Ganz ohne Ursache. Wird bald gegessen? Akulina Iwanowna:   Gleich wird gedeckt. Macht sich am Tisch zu tun. Bessemjonow:   Äh, Terentij Chrisanfowitsch – du bist doch ein ganz gescheiter Mensch … und richtest dich durch das Branntweintrinken so zugrunde! … Teterew:   Mein verehrte Kleinbürger, du redest Unsinn! Nicht der Branntwein richtet mich zugrunde, sondern der Überfluß an Kraft … der ist mein Untergang … Bessemjonow:   Nun, Kraft pflegt doch nicht überflüssig zu sein! Teterew:   Wiederum redest du Unsinn. Heutzutage ist Kraft etwas durchaus Unnötiges. Nötig dagegen ist List, Verschlagenheit … nötig ist heut die Geschmeidigkeit einer Schlange. Streift seinen Ärmel auf und zeigt seine Faust.   Schau her – wenn ich mit diesem Instrument hier auf den Tisch schlage, zertrümmere ich ihn in Splitter. Mit solchen Armen ist im Leben nichts anzufangen. Ich kann wohl damit Holz hacken, aber damit zu schreiben, zum Beispiel, fällt mir schwer und kommt mir lächerlich vor … Ich find keine Verwendung für meine Kraft. In einer Schaubude, auf dem Jahrmarkt – da wäre vielleicht für mich der rechte Platz, da könnt ich eiserne Ketten zerreißen, Gewichte heben und so weiter. Aber ich habe was gelernt … wofür ich schließlich vom Seminar weggejagt wurde. Ich hab was gelernt und will nicht so vor den Augen aller Welt leben, will nicht, daß du, wenn du mich in meiner Jahrmarktbude aufsuchst, dich in ruhiger Behaglichkeit an meinem Anblick ergötzt. Ich will, daß ihr alle mit unruhiger Unbehaglichkeit auf mich schaut. Bessemjonow:   Bist du ein böser Mensch! Teterew:   Tiere von meiner Größe pflegen nicht böse zu sein – du weißt in der Zoologie nicht Bescheid. Die Natur ist pfiffig. Wenn sie zu meiner Kraft auch noch Bosheit hinzugefügt hätte – wohin würdet ihr da vor mir fliehen? Bessemjonow:   Ich brauche nicht zu fliehen … ich bin in meinem Hause. Akulina Iwanowna:   Schweig lieber still, Vater! Teterew:   Das stimmt – du bist in deinem Hause. Das ganze Leben ist sozusagen ein Haus, das wir uns bauen. Darum hab ich auch keinen Platz im Leben, mein lieber Kleinbürger! Bessemjonow:   Da hast du schon recht: unnütz ist dein Leben, ohne Zweck und Ziel. Wenn du aber wolltest … Teterew:   Ich will eben nicht wollen, es ist mir wider den Strich. Es scheint mir viel nobler, herumszusumpfen und zugrunde zu gehen, als zu leben und für dich und deinesgleichen zu arbeiten. Kannst du dir den Teterew wohl nüchtern vorstellen, Kleinbürger – in einem guten Rock, als deinen getreuen Diener, der dich mit knechtischen Worten anredet? Nein, das kannst du nicht … Polja tritt ein und weicht bei Teterews Anblick zurück. Er lächelt gutmütig, sobald er sie bemerkt, und reicht ihr mit einem Kopfnicken die Hand.   Teterew:   Guten Tag! Haben Sie keine Angst … ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, denn ich weiß alles … Polja   verwirrt:   Was denn … Sie können gar nichts wissen … Akulina Iwanowna:   Ah, da bist du ja. Na, geh mal rasch, sag der Stepanida, sie soll die Suppe bringen … Bessemjonow:   's ist Zeit … Zu Teterew.   Ich hör's gern, wenn du so deine Meinungen auskramst. Namentlich was du von deiner eignen Person sagst, kommt hübsch heraus. Sieht man dich so, dann fürchtet man sich fast vor dir. Fängst du aber an, deine Gedanken auszusprechen, dann merkt man erst deine Schwäche … Lacht selbstzufrieden in sich hinein.   Teterew:   Auch du gefällst mir. Denn du hast das richtige Maß Klugheit und das richtige Maß Dummheit; du bist genügend gut und genügend schlecht; genügend ehrbar und gemein, feig und tapfer … Du bist das Muster eines Kleinbürgers! In dir verkörpert sich auf höchst vollkommene Weise die Trivialität … diese Kraft, welche sogar die Helden besiegt, welche lebt, lebt und triumphiert … Komm, laß uns vor der Suppe einen trinken, ehrenwerter Maulwurf! Bessemjonow:   Nachher, sobald aufgetragen ist. Aber, nebenbei gesagt, warum schimpfst du? … Ohne Ursache darf man doch einen Menschen nicht beleidigen … Du mußt immer hübsch liebenswürdig und klar bleiben, wenn du sprichst – dann hört man dich gern. Wenn du aber gleich mit jedem anbindest, wird niemand dich hören wolle, und wer es dennoch tut, ist ein Dummkopf! Nil   tritt ein:   Ist Polja gekommen? Teterew   grinsend:   Da ist sie … Akulina Iwanowna:   Was willst du denn von ihr? Nil   ohne ihr zu antworten, zu Teterew:   Aha! Bist wieder mal durchgegangen? Das kommt jetzt recht oft vor bei dir … Teterew:   Besser, man trinkt Branntwein, als Menschenblut, umso mehr, als das Blut unsrer Zeitgenossen dünn, widerlich und geschmacklos ist … Gesundes, schmackhaftes Blut ist kaum noch vorhanden – alles ausgesogen … Polja und Stepanida kommen herein – diese mit einer Schüssel, jene mit einem Teller voll Fleisch.   Nil   tritt an Polja heran:   Guten Tag. Hast du deine Antwort bereit? Polja   halblaut:   Nicht jetzt … so vor allen ... Nil:   Wenn weiter nichts ist! Was da zu fürchten ist! Bessemjonow:   Zu fürchten? Für wen? Nil:   Für mich … und für sie … Akulina Iwanowna:   Was gibt's denn? Bessemjonow:   Ich verstehe nichts … Teterew   lächelnd:   Und ich verstehe alles … Gießt sich Branntwein ein und trinkt.   Bessemjonow:   Um was handelt es sich denn? Was gibt's, Pelageja? Polja   verlegen, leise:   Nichts … Nil   nimmt am Tisch Platz:   Ein Geheimnis! Bessemjonow:   Wenn's ein Geheimnis ist – dann redet davon irgendwo im Winkel, nicht vor den Leuten … Ein dummer Streich wird's sein … Diese Flüsterworte, diese Zeichen, Verabredungen … das alles ist mir verdächtig … Schließlich sitzt man als der Dumme da und plinkert mit den Augen … Ich frage dich, Nil – wer bin ich eigentlich für dich? Akulina Iwanowna:   Nein, du bist wirklich – Nil … Nil   ruhig:   Sie sind mein Pflegevater … Aber um sich aufzuregen und viel Wesens zu machen – dazu liegt kein Grund vor … Es ist nichts Besondres passiert … Polja   erhebt sich von dem Stuhl, auf den sie sich eben gesetzt hat:   Nil … Wassiljewitsch hat mir … sagte mir gestern abend ... fragte mich … Bessemjonow:   Was fragte er dich? … Nun? Nil   ruhig:   Erschrecken Sie doch nicht … Ich fragte sie, ob sie mich nicht heiraten möchte … Bessemjonow blickt ihn und Polja verwundert an, wobei er den Löffel in der Luft hält. Akulina Iwanowna ist gleichfalls starr vor Erstaunen. Teterew schaut blinzelnd vor sich hin.; seine Handwurzel, die er auf das Knie gestützt hat, bebt. Polja hält den Kopf tief gesenkt.   Sie wollte mir heute ihre Antwort mitteilen … das ist alles … Teterew   mit der Hand winkend:   Sehr einfach und klar … wenn weiter nichts ist ... Bessemjonow:   So–o! … Wirklich … sehr einfach! Höhnisch.   Und ganz nach der Mode … ganz auf die neue Art! Übrigens – was geht's mich an? ... Akulina Iwanowna   zu Nil:   Ungläubiger du, Heide! So 'n Tollkopf! Statt zuerst mit uns drüber zu reden … Nil   ärgerlich:   Es ist mir doch nur so herausgefahren … Bessemjonow:   Laß, Mutter! Das ist nicht unsere Angelegenheit. Iß und schweig. Auch ich werde schweigen … Teterew   im Halbrausch:   Und ich werde reden … Doch vorläufig schweig ich auch ... Bessemjonow:   Ja … 's ist am besten, wir schweigen alle … das heißt – schön hast du mir für meine Gastfreundschaft nicht gedankt, Nil … so heimtückisch vorzugehn .. Nil:   Ihre Gastfreundschaft hab ich mit meiner Arbeit bezahlt, und das werde ich auch weiterhin tun. Ihrem Willen aber kann ich mich nicht unterordnen. Sie wollten mich mit der Sedowa verheiraten, dieser dummen Gans – nur, weil sie zehntausend Rubel Mitgift hat. Was sollen mir die? Polja aber liebe ich … Schon längst habe ich sie lieb, und ich habe es vor niemandem verheimlicht. Mein Leben lag immer offen da, nie werd ich's anders damit halten. Es liegt kein Grund vor, mir Vorwürfe zu machen oder mir etwas übelzunehmen. Bessemjonow   an sich haltend:   So, so! Sehr gut! … Los also! Heiratet doch! Wir werden euch nicht hindern. Nur eins sagt mir: Von was für Kapitalien werdet ihr denn leben? Wenn's kein Geheimnis ist – sagt es! Nil:   Wir werden arbeiten. Ich komme als Monteur ins Depot … und sie … sie wird gleichfalls eine Beschäftigung finden. Sie werden, wie bisher, meine dreißig Rubel monatlich von mir bekommen. Bessemjonow:   Das werden wir ja sehen: Versprochen ist leicht etwas … Nil:   Ich gebe Ihnen einen Wechsel … Teterew:   Kleinbürger! Nimm den Wechsel von ihm! Nimm ihn! Bessemjonow:   Du hast dich in die Sache nicht einzumischen. Akulina Iwanowna:   Seht mir doch den Ratgeber! Teterew:   Nein, wirklich, nimm den Wechsel … So auf Treu und Glauben – das ist nicht sicher! Wirst dich am Ende genieren, wenn du nichts Schriftliches hast … Nil, gib ihm 'nen Revers: ich, soundso, verpflichte mich, allmonatlich … Bessemjonow:   Einen Revers könnte ich am Ende nehmen … ich dächte, es verlohnt sich! Von deinem zehnten Jahre an hab ich dir Speise und Trank, Kleider und Stiefel gegeben … bis zum siebenundzwanzigsten … hm – ja! Nil:   Könnten wir die Abrechnung nicht ein andermal vornehmen? Bessemjonow:   Meinetwegen. Plötzlich aufbrausend.   Das aber merk dir, Nil:   von jetzt an sind wir geschiedene Leute! Diese Beleidigung werde ich nicht verzeihen. Nil:   Was für eine Beleidigung? Wo steckt denn hier die Beleidigung? Sie haben doch nicht erwartet, daß ich Sie heiraten werde?! Bessemjonow   schreit, ohne auf ihn zu hören:   Merk dir's! Den zu foppen, der dich gespeist und getränkt hat – das ist ein starkes Stück! So ohne zu fragen … ohne Rat einzuholen … ganz heimlich … Zu Polja.   Und du – Ruhige, Sanfte! Was läßt du den Kopf so hängen? Hm? Warum schweigst du? Weißt du, daß ich dich ohne weiteres … Nil   erhebt sich vom Stuhl:   Nichts können Sie ihr anhaben. Machen Sie keinen Lärm! In diesem Hause hab ich auch etwas mitzureden. Ich habe zehn Jahre lang gearbeitet und Ihnen meinen Verdienst stets abgeliefert. Hier, in dies alles – stampft mit dem Fuß auf und weist, die Arme weit ausbreitend, auf den umgebenden Raum   – hab ich nicht wenig hineingelegt. Herr einer Sache ist derjenige, der sie erzeugt hat ... Während Nil spricht, erhebt sich Polja und geht aus dem Zimmer. In der Tür begegnen ihr Pjotr und Tatjana. Pjotr wirft einen Blick ins Zimmer und zieht sich sogleich wieder zurück. Tatjana bleibt in der Tür stehen und hält sich am Pfosten fest.   Bessemjonow   starrt wie betäubt, mit weit aufgerissenen Augen, auf Nil:   Wie war das? Herr? Du bist hier Herr? Akulina Iwanowna:   Komm, Vater, wir wollen fort von hier … bitte, komm fort! Droht Nil mit der Faust.   Wart, Nilka … In Tränen.   Wart … das soll dir vergolten werden! Nil   mit fester Stimme:   Jawohl – Herr einer Sache ist derjenige, der sie erzeugt hat. Das merkt euch! Akulina Iwanowna   zieht ihren Gatten hinter sich her:   Komm, Alter! Komm! Gott mit ihnen … Sprich nicht erst, schrei nicht! Wer hört denn auf uns? Bessemjonow   gibt den Bemühungen seiner Frau nach:   Nun gut, bleib hier, du … Herr! Wir werden schon sehen … wer hier der Herr ist! Es wird sich finden! Ab in sein Zimmer. Nil geht erregt im Zimmer auf und ab. Irgendwo auf der Straße hört man eine Drehorgel.   Nil:   Einen schönen Brei hab ich da eingerührt. Mußte mich auch der Teufel reiten, sie hier zu fragen … Ich Dummkopf! Das heißt – ich kann mal nichts bei mir behalten … alles sprudelt heraus, ob ich will oder nicht! Zu dumm … Teterew:   Tut nichts. Eine sehr interessante Szene! Hab Augen und Ohren weit aufgetan und meinen Spaß dran gehabt. Wirklich nicht übel, gar nicht übel! Reg dich nicht auf, Bruder Nil! Du bist ein Mensch von Fähigkeiten … paßt famos für die Rolle des Helden. Und heutzutage braucht man Helden, glaub mir's! Die Menschen unsrer Tage, siehst du, die kann man in zwei Klassen einteilen: in Helden, das heißt Dummköpfe, und in Schurken, das heißt kluge Leute … Nil:   Daß ich Polja in eine so peinliche Lage bringen mußte! Sie hat sicher einen Schreck bekommen … Doch nein, sie ist nicht ängstlich! Aber verletzt wird sie sich fühlen … Äh, wie abscheulich! Tatjana steht immer noch in der Tür und fährt bei Poljas Namen zusammen. Die Drehorgel verstummt.   Teterew:   Die Einteilung der Menschen in Dummköpfe und Schurken entspricht durchaus den Tatsachen. Der Schurken gibt's eine Unmenge. Ihre Klugheit, mein Lieber, ist die des Tieres, sie glauben nur an die Kraft … nicht an meine Kraft, nicht an jene Kraft, die hier in meiner Brust eingeschlossen ist, sondern an die Kraft der Verschlagenheit … Verschlagenheit nämlich – ist die Klugheit des Tieres. Nil   ohne auf ihn zu hören:   Jetzt müssen wir eilen mit der Hochzeit … Nun, dann beeilen wir uns eben … Doch sie hat mir ja noch gar nicht geantwortet! Ich weiß aber schon, was sie sagen wird, meine liebe Kleine … Wie ich diesen Menschen hasse … und dieses Haus … dieses ganze Leben hier … dieses verfaulte Leben! Lauter Mißgeburten sind's, die darin hausen. Sie merken es nicht mal, daß sie das Leben verpfuschen, es in lauter Lappalien auflösen … daß sie einen Kerker, ein Zuchthaus, eine Stätte des Unglücks daraus machen … Wie kriegen sie das nur fertig? Ich begreif's nicht. Oh, wie ich die Menschen hasse, die das Leben verpfuschen! Tatjana macht einen Schritt vorwärts und bleibt stehen, geht dann leise zur Truhe in die Ecke und setzt sich darauf; sie beugt sich vor und erscheint nun ganz klein und bejammernswert.   Teterew:   Das Leben wird verschönt durch die Dummköpfe. Die Dummköpfe sind nicht sehr zahlreich. Sie suchen immer irgendwas, das sie nicht brauchen … Sie träumen gern vom allgemeinen Menschenglück und ähnlichem Unsinn. Sie wollen den Ursprung und das Ende alles Seins ergründen. Sie machen überhaupt – lauter Dummheiten … Nil   nachdenklich:   Ja, Dummheiten … auf die versteh ich mich meisterhaft … Nun, sie ist praktischer als ich … Auch sie liebt das Leben … mit einer so innigen, ruhigen Liebe … Ich sage dir, wir werden prächtig zusammen leben! Wir sind beide mutig … und wenn wir uns etwas vornehmen, werden wir's auch erreichen! Oh, wir werden es erreichen … Sie ist gleichsam … wie neugeboren! Er lacht.   Ein herrliches Leben werden wir führen! Teterew:   Der Dummkopf kann sein ganzes Leben darüber nachdenken, warum das Glas durchsichtig ist – der Schurke nimmt's einfach und macht eine Flasche draus … Man hört wieder die Drehorgel, diesmal schon fast unter den Fenstern.   Nil:   Du mußt immer nur von Flaschen reden! Teterew:   Nein, ich rede von den Dummköpfen. Der Dummkopf fragt: »Wo ist das Feuer, bevor ich's anzünde. Und wohin geht', wenn es verlöscht?« Und indessen sitzt der Schurke am Feuer und wärmt sich. … Nil   nachdenklich:   Ja–a ...und wärmt sich … Teterew:   In Wirklichkeit – sind sie beide dumm. Aber der eine ist's auf schöne, heroische Manier, der andere stumpfsinnig, auf Bettlerart. Und beide kommen schließlich, wenn auch auf verschiedenen Wegen, an dasselbe Ziel – ins Grab. Ja, ins Grab, lieber Freund … Lacht laut auf. Tatjana nickt leise mit dem Kopf.   Nil   zu Teterew:   Warum lachst du? Teterew:   So – ich lache eben … Die Dummköpfe, die am Leben geblieben sind, schauen auf ihren toten Bruder und fragen sich: Wo ist er? Die Schurken aber treten einfach die Erbschaft des Verstorbenen an und führen nach wie vor ihr behagliches, molliges, sattes Dasein … Lacht laut auf.   Nil:   Das heißt … du hast einen gehörigen Rausch … Geh lieber in deine Kammer! Teterew:   Zeig mir – wo ist die? Nil:   Na, laß schon die Späße. Willst du, daß ich dich hinführe? Teterew:   Mich brauchst du nirgends hinzuführen. Ich bin weder mit den Angeklagten och mit den Geschädigten verwandt. Ich bin eine Nummer für mich. Ich bin der materielle Beweis für das begangene Delikt. Das Leben ist verpfuscht! Es ist schlecht genäht … Es ist nicht nach der Figur anständiger Leute zugeschnitten, behaupte ich. Die Kleinbürger haben es verfitzelt – zu eng haben sie's gemacht, zu kurz, zu knapp … Und so bin ich denn das materielle Beweisstück dafür, daß der Mensch keinen Platz, keinen Zweck, keinen Grund hat zu leben … Nil:   Nun komm schon, komm! Teterew:   Laß mich! Du meinst, ich könnte fallen? Ich bin schon gefallen, Sonderling du! Schon längst! Ich hatte übrigens die Absicht, wieder aufzustehen – aber da kamst du vorbei, und ohne es zu merken oder zu wollen, hast du mich wieder umgestoßen. Macht nichts, geh nur weiter! Geh, ich beklage mich nicht –- Du bist ein gesunder Junge, darfst gehen, wohin du willst und wie du willst … Ich aber, der ich am Boden liege – ich will dich … mit meinen aufmunternden Blicken begleiten … geh! Nil:   Was schwatzt du da eigentlich? Es ist irgendwie interessant, scheint es, aber unverständlich … Teterew:   Brauchst es auch nicht zu verstehen! Ist gar nicht nötig! Es ist besser, gewisse Dinge nicht zu verstehen – weil's doch keinen Nutzen bringt, sie zu verstehen. Geh du nur, geh! Nil:   Nun gut, ich gehe. Ab in den Hausflur, ohne Tatjana zu bemerken, die sich in den Winkel drückt.   Teterew   verneigt sich hinter ihm:   Glück zu, du –Räuber! Ohne es selbst zu merken, hast du mir die letzte Hoffnung entrissen … Hol sie der Teufel! Geht an den Tisch, auf dem er seine Flasche hat stehenlassen, und bemerkt in der Ecke die Gestalt Tatjanas.   Wer ist denn das eigentlich? Tatjana   leise:   Ich bin's. Das Spiel der Drehorgel bricht jäh ab.   Teterew:   Sie sind's? Hm … und ich dachte schon, es sei eine Gespenst … Aber warum … warum sind sie hier? Tatjana   nicht laut, doch klar und deutlich:   Weil ich keinen Platz, keinen Zweck, keinen Grund habe zu leben … Teterew nähert sich ihr schweigend, mit leisen Schritten.   Tatjana:   Ich weiß nicht, wovon ich so erschöpft bin, wovon mir so bang ist ums Herz … so schrecklich bang! Ich zähle erst achtundzwanzig Jahre … und ich schäme mich … ja, ich schäme mich dieses Gefühls … dieser Schwäche und Hinfälligkeit … Drinnen in mir, in meinem Herzen, ist es so öde … alles ist verdorrt, alles ausgebrannt, und ich fühl's und leide so darunter … Ganz unmerklich ist das so gekommen … Unmerklich ist in meiner Brust diese Leere entstanden … Ach, warum sag ich Ihnen das nur? Teterew:   Das weiß ich nicht … ich bin stark angetrunken … und begreif nicht das geringste … Tatjana:   Niemand redet mit mir so, wie ich's will … wie ich es gern möchte … Ich dachte, er würde so …. mit mir reden … Lange wartete ich schweigend … Und inzwischen hat dieses Leben hier … die ewigen Zänkereien, Erbärmlichkeiten, Lappalien … diese dumpfe Enge … mich erdrückt … ganz unbemerkt, ganz allmählich … und ich besitze keine Kraft mehr zum Leben … Selbst meine Verzweiflung ist so völlig kraftlos … Ach, schrecklich ist mir zumute … eben jetzt … ganz plötzlich … kam es über mich. Teterew   geht kopfschüttelnd zur Tür und öffnet sie, mit lallender Zunge:   Fluch diesem Hause! … Mehr sag ich nicht … Tatjana geht langsam in ihr Zimmer. Eine kurze Weile bleibt es leer und still auf der Bühne. Rasch, mit unhörbaren Schritten, kommt dann Polja herein und hinter ihr Nil. Sie gehen wortlos nach den Fenster zu – dort faßt Nil Poljas Hand und spricht halblaut zu ihr.   Nil:   Verzeih mir, was geschehen ist … Es kam so dumm, so garstig heraus … aber ich kann einmal nicht an mich halten, wenn ich etwas auf der Zunge habe … Polja   fast flüsternd:   Tut nichts … jetzt ist ja alles gleich! Was mach ich mir aus den andern? Alles ist mir gleich ... Nil:   Ich weiß – du liebst mich … ich seh es. Ich frage dich gar nicht erst. Du bist doch spaßig! Gestern sagtest du: »Morgen antworte ich dir, ich muß erst darüber nachdenken.« Wirklich spaßig! Was ist denn da nachzudenken? Du liebst mich doch? Polja:   Nun ja, ja … schon lange … Tatjana schleicht sich aus der Tür ihres Zimmers, stellt sich hinter den Vorhang und lauscht.   Nil:   Sollst sehen, wir werden prächtig zusammenleben! Du bist ein so lieber Kamerad … wirst dich nicht fürchten vor der Not … wirst alles Widerwärtige überwinden … Polja   schlicht:   Was sollt ich denn fürchten , wenn ich mit dir vereint bin? Ich bin ja auch so, für mich allein, nicht zaghaft … nur ruhig bin ich … Nil:   Und hast doch dabei deinen eigenen Kopf … bist stark, wirst dich nicht beugen … Nun, siehst du … ich bin so froh … Ich wußte es wohl, daß alles so kommen würde, und doch bin ich … herzensfroh … Polja:   Auch ich wußte alles voraus … Nil:   Du wußtest es? Wirklich? Das ist schön … Ach, wie schön ist's doch auf der Welt! Ist's nicht so? Polja:   Wunderschön … du mein herzlieber Freund … du mein prächtiger Mensch … Nil:   Wie du das eben sagtest! … Ganz prachtvoll klang's! Polja:   Na, lobe mich nur nicht … Wir müssen gehen ...müssen gehen … sonst kommt noch jemand … Nil:   Mögen sie doch kommen! … Polja:   Nein, wir müssen fort … Nun ... noch einen Kuß! … Reißt sich aus Nils Armen los und eilt an Tatjana vorüber, ohne sie zu bemerken. Nil folgt ihr lächelnd; er erblickt Tatjana und bleibt, betroffen durch ihre Anwesenheit und zugleich empört vor ihr stehen. Sie blickt ihm schweigend, mit leblosen Augen und verzerrtem Lächeln, ins Gesicht.   Nil   geringschätzig:   Du hast gehorcht? Hast zugesehen? A–ach du! … Rasch ab. Tatjana steht unbeweglich, wie versteinert. Die Tür nach dem Hausflur ist hinter Nil offengeblieben; man hört von draußen Bessemjonow harte Stimme.   Bessemjonow   vom Hausflur her:   Stepanida! Wer hat die Kohlen hier verstreut? Siehst du es nicht? Heb sie auf! Dritter Aufzug Dasselbe Zimmer. Morgen. Stepanida wischt den Staub von den Möbeln. Akulina Iwanowna wäscht das Teegeschirr ab. Akulina Iwanowna:   Das Rindfleisch ist heut gar nicht fett – nimm also das Schmalz vom gestrigen Braten und tu's in die Suppe, damit sie fett scheint … Hörst du? Stepanida:   Ich hör schon … Akulina Iwanowna:   Und das Kalbfleisch wirst du braten … Tu nicht zuviel Butter in die Pfanne … am Mittwoch hab ich fünf Pfund gekauft und gestern, wie ich nachseh, ist kaum noch ein Pfund da … Stepanida:   's ist eben so viel draufgegangen … Akulina Iwanowna:   Ich seh, daß sie draufgegangen ist … Hast dir so viel davon ins Haar geschmiert, daß dein Kopf nur so glänzt … Stepanida:   Riechen Sie's denn nicht, daß ich für mein Haar Öl aus dem Heiligenlämpchen nehme? Akulina Iwanowna:   Na, schon gut … Pause.   Wohin hat dich denn Tatjana heut morgen geschickt? Stepanida:   In die Apotheke … nach Salmiakgeist … Geh, sagt sie, hol mir für zwanzig Kopeken Salmiakgeist ... Akulina Iwanowna:   Der Kopf wird ihr wohl wehtun … Seufzt.   Ewig hat sie was! Stepanida:   Heiraten sollte sie … dann würde sie mit einemmal gesund werden … Akulina Iwanowna:   's ist heutzutage nicht leicht, ein Mädchen an den Mann zu bringen … und bei 'ner Gebildeten ist's besonders schwer … Stepanida:   Gibt's 'ne gute Mitgift, dann wird sich auch für 'ne Gebildete jemand finden … Pjotr guckt aus seinem Zimmer herein und versteckt sich wieder.   Akulina Iwanowna:   Die Freude werden meine Augen nicht mehr sehen … Tatjana will doch nicht heiraten … Stepanida: Wo wird sie nicht wollen … bei ihren Jahren! Akulina Iwanowna:   Ach, 's ist ein Kreuz … Was für Gäste waren denn gestern oben bei unsrer Mieterin? Stepanida:   Der Lehrer war da … der rothaarige. Akulina Iwanowna:   Der, dem die Frau weggelaufen ist? Stepanida:   Ganz recht, derselbige. Dann ein Steuerbeamter … so mager und gelb ist er im Gesicht … Akulina Iwanowna:   Ich kenn ihn. Er hat 'ne Verwandte vom Kaufmann Pimenow zur Frau … er ist schwindsüchtig, wie man hört … Stepanida:   Ja, so sieht er aus … Akulina Iwanowna:   War unser Sänger da? Stepanida:   Der Sänger war da, und auch Pjotr Wassiljewitsch war da … Lieder hat er gesungen, der Sänger nämlich … bis zwei Uhr hat er gebrüllt … wie 'n Ochse … Akulina Iwanowna:   Und wann ist unser Petja nach Hause gekommen? Stepanida:   Es fing schon an zu dämmern, wie ich ihm die Tür aufschloß … Akulina Iwanowna:   Oh – oh! Pjotr   tritt herein:   Na, Stepanida, beeil dich mit der Arbeit und geh … Stepanida:   Gleich, gleich … Bin selber froh, wenn ich rasch fertig werde … Pjotr:   Wenn du so froh darüber bist, dann arbeite mehr und schwätz weniger … Stepanida schnaubend ab.   Pjotr:   Mama – ich hab dich schon so oft gebeten, nicht soviel mit ihr zu reden … Mit der Köchin vertrauliche Gespräche zu führen … und sie dies und das auszufragen – das ist wirklich nicht schön! Das wirst du doch zugeben! Akulina Iwanowna   verletzt:   Soll ich dich am Ende jedesmal fragen, mit wem ich sprechen darf? Du läßt dich ja nicht herab, mit mir und dem Vater zu reden, drum laß mich wenigstens mit der Köchin ein Wort reden … Pjotr:   Du mußt einsehen, daß sie dir nicht gleichsteht! Außer allerhand Klatsch wirst du schließlich doch nichts von ihr hören! Akulina Iwanowna:   Und was hör ich von dir? Ein halbes Jahr sitzt du jetzt zu Hause, und nicht ein einziges Mal hast du für deinen Mutter ein Stündchen übriggehabt … Nichts hast du ihr erzählt … weder von Moskau noch sonst was … Pjotr:   Na hör einmal … Akulina Iwanowna:   Und machst du mal den Mund auf – dann hör ich nichts als Kränkungen von dir … da paßt dir bald dieses, bald jenes nicht … wie ein kleines Mädchen behandelst du deine eigne Mutter, belehrst sie, tadelst sie und machst dich lustig über sie … Pjotr mit ärgerlicher Geste, rasch ab in den Hausflur.   Akulina Iwanowna   ruft hinter ihm her:   Da siehst du. Wie du dich mit mir unterhältst! Fährt sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen und beginnt zu weinen.   Pertschichin   tritt herein, in einer zerrissenen Jacke, aus deren Löchern schmutzige Watte hervorschaut; er trägt Bastschuhe, eine Pelzmütze und einen Strick um die Lenden:   Was reibst du dir denn die Augen? Hat dich Petrucha wieder mal gekränkt? Was ist er denn so an mir vorbeigehuscht, wie 'ne Erdschwalbe? Nicht mal gegrüßt hat er … Ist Polja hier? Akulina Iwanowna   seufzend:   In der Küche schneidet sie Kohl … Pertschichin:   Bei den Vögeln, siehst du – da herrscht 'ne vernünftige Ordnung Ist der junge Vogel flügge geworden – dann heißt es; Flieg nach allen vier Windrichtungen! Der wird nicht erst lange dressiert von Vater und Mutter … Ist nicht etwas Tee für mich übriggeblieben? Akulina Iwanowna:   Du scheinst dich auch an die Vogelordnung zu halten? Pertschichin:   Ganz recht! Und ich fühl mich wohl dabei. Ich habe nichts, bin niemandem im Wege … leb sozusagen in der Luft statt auf der Erde … Akulina Iwanowna   verächtlich:   Wirst drum auch nicht geachtet von den Menschen. Da, trink … 's ist nur kalter Tee, auch etwas dünn ist er … Pertschichin   hält das Glas gegen das Licht:   Stark ist er nicht … na, dank dir schön … Besser als gar nichts. Könnt mir am Ende schaden, wenn er zu stark wäre … Und was die Achtung betrifft – so tut mir die einzige Liebe und achtet mich bloß nicht! … Ich acht ja auch selbst keinen Menschen … Akulina Iwanowna:   Wem liegt wohl an deiner Achtung? Keinem Menschen! … Pertschichin:   Ganz ausgezeichnet! Ich mag mit diesen gefräßigen Erdenmenschen nichts zu tun haben, die sich gegenseitig das Stückchen Brot aus dem Munde reißen. Ich bezieh meine Nahrung aus der Luft … von den Vögeln des Himmels leb ich … hab also ein reines Gewissen … Akulina Iwanowna:   Na – und wann wird denn die Hochzeit sein? Pertschichin:   Wessen Hochzeit? Meine? Haha! Noch hat sich das Kuckucksweibchen, das mich heiraten würde, in unsren Wäldern nicht gezeigt! Könnt am Ende zu spät kommen … und mich schon tot finden … Akulina Iwanowna:   Schwatz keinen Unsinn, sondern sag's einfach: Wann verheiratest du sie? Pertschichin:   Wen denn? Akulina Iwanowna:   Na, deine Tochter! Stell dich doch nicht, als ob du nichts wüßtest! Pertschichin:   Meine Tochter? Sobald sie will, verheirate ich sie … wenn nur erst einer da wäre … Akulina Iwanowna:   Wann hat's denn zwischen ihnen angefangen? Pertschichin:   Was denn? Zwischen wem? Akulina Iwanowna:   Spiel nicht den Hanswurst! Sie hat doch wenigstens dir ein Wort gesagt … Pertschichin:   Wovon? Akulina Iwanowna:   Von der Heirat … Pertschichin:   Von wessen Heirat? Akulina Iwanowna:   Pfui doch! Bist 'n alter Mann … solltest dich schämen, dich so albern zu stellen … Pertschichin:   Räsonier nicht und sag einfach –- was ist los? Akulina Iwanowna:   Ach – ich hab keine Lust, mit dir weiter zu reden … Pertschichin:   Und dabei redest du immerzu, nur daß man nicht daraus klug wird … Akulina Iwanowna   voll Neid, in trocknem Tone:   Na, also … wann wirst du für Polja und Nil die Hochzeit ausrichten? Pertschichin   springt auf, ganz verdutzt:   Was? Für Polja … und Nil? Was sagst du? Akulina Iwanowna:   Hat sie dir wirklich nichts gesagt? Na, geht mir weg! Dem eignen Vater … Pertschichin   freudig:   's ist also wahr? Du hast nicht gespaßt? Euer Nil will mein Mädel heiraten? Teufel noch eins – meine Poljika! Das ist ja 'ne richtige Quadrille, nicht bloß eine Poljka … Nein, das ist wirklich gut. Und ich war immer der Meinung, Nil würde eure Tatjana heiraten … So hat's wenigstens immer ausgesehen … Akulina Iwanowna   verletzt:   Wer wird ihm denn die Tatjana geben! Das paßte uns gerade ... einem solchen Querkopf … Pertschichin:   Dem Nil? Und wenn ich zehn Töchter hätte – mit geschlossenen Augen gäb ich sie ihm, alle miteinander. Nil? Der ist imstande, ganz allein hundert Menschen zu ernähren. Nil? Ha ha! Akulina Iwanowna   spöttisch:   Ich seh, er wird 'nen guten Schwiegervater haben. Pertschichin:   Schwiegervater? Nein – der denkt gar nicht daran, ihm auf dem Halse zu liegen! Herr des Himmels, ein Tänzchen möchte ich am liebsten machen vor Freude! … Jetzt bin ich ja … ein freier Bursche! … Na, das soll ein Leben werden! Niemand kriegt mich jetzt mehr zu sehen … heidi in den Wald … verschwunden ist mein Pertschichin! Ei, ei, Polja! Ich dachte so manches Mal: Wie wird's dem Mädel mal gehen? Vorwürfe machte ich mir sogar … hast sie in die Welt gesetzt und kannst nicht für sie sorgen … Und jetzt … jetzt kann ich gehen, wohin ich will. Den Vogel Phönix will ich fangen gehen, in ferne, ferne Länder … Akulina Iwanowna:   Da wärst du schön dumm! Wer wird denn vor dem Glück fortlaufen? Pertschichin:   Glück? Mein Glück liegt eben darin, daß ich fortlaufen kann ... Und Poljka … nun ja, die wird schon glücklich sein. Des bin ich sicher! Mit Nil … Mit einem so frischen, muntren, einfachen Jungen … das Hirn tanzt mir im Kopf vor Freude, und Lerchen singen mir im Herzen! Bin wirklich ein Glückspilz! Singt und stampft dazu im Takt mit den Füßen.   Polja tat den Nil sich fangen, Konnt 'nen Bessren nicht erlangen! Ei da! Tralla! Trallala! Bessemjonow   tritt herein, im Paletot, die Mütze in der Hand:   Schon wieder mal betrunken? Pertschichin:   Vor lauter Freude. Hast gehört? Die Pelagia? … Lacht froh. Den Nil heiratet sie! Was? Die macht 'n Glück! Bessemjonow   kühl und schroff:   Berührt uns nicht im geringsten … Wir kriegen das Unsrige … Pertschichin:   Und ich dacht immer, Nil habe Absichten auf Tatjana … Bessemjonow:   Wa–as? Pertschichin:   Bei Gott, ich hab's gedacht! Weil nämlich Tatjana nicht abgeneigt schien … und ihn immer so anguckte … so, weißt du … na, du verstehst mich schon – wie? Und mit einemmal … Bessemjonow   mit verhaltenem Grimm:   Ich will dir mal was sagen, mein Lieber … Du bist zwar ein Narr – das aber müßtest du begreifen, daß man von 'nem anständigen Mädchen nicht so gemeine Dinge sagen darf. Das wär Nummer eins. Spricht immer lauter. Weiter: Wen deine Tochter angeguckt hat … und wer sie wieder angeguckt hat – davon red ich nicht, und nur soviel sag ich: wenn sie den Nil heiratet, dann ist sie eben seiner wert. Es taugt keins von beiden was, und wenn sie mir auch noch so verpflichtet sind, so pfeif ich von jetzt an auf alle beide. Das wär Nummer zwei. Na, und jetzt noch ein Letztes: wir beide sind zwar miteinander entfernt verwandt, aber sieh dich doch mal an – wer bist du denn eigentlich? Der reinste Stromer! Sag mal – wer hat dir nur erlaubt, hierher, in dieses anständige Zimmer, in so zerlumptem Aufzug zu kommen – mit Bastschuhen an den Füßen, und überhaupt in einer solchen Kluft? Pertschichin:   Was sagst du da, Wassilij Wassiljewitsch – was willst du denn, Bruder? Ist's denn das erstemal, daß ich … so zu dir komme? Bessemjonow:   Hab's nicht gezählt, wie oft du hier warst, und will's auch nicht zählen. Ich seh nur das einen: wenn du so hierher zu kommen wagst, so geschieht's, weil du vor dem Hausherrn keinen Respekt hast. Noch einmal sag ich dir: wer bist du? Ein Bettler, ein Strolch, ein Lumpenkerl … verstanden? Das wäre Nummer drei. Und jetzt – mach, daß du hinauskommst! Pertschichin   wie betäubt:   Wassilij Wassiljewitsch! Warum denn? Was hab ich denn verbrochen? Bessemjonow:   Hinaus! Mach keine Flausen … Pertschichin:   So komm doch zur Besinnung! Ich hab dir doch nichts getan … Bessemjonow:   Na, pack dich schon … sonst … Pertschichin   zugleich vorwurfsvoll und mitleidig:   Ach, du Alter! Tust mir wirklich leid! Na – leb wohl! Geht hinaus. Bessemjonow richtet sich schweigend empor und geht finster und streng, mit schweren, festen Schritten, im Zimmer auf und ab. Akulina Iwanowna wäscht das Geschirr ab.; sie folgt mit ängstlichem Blick ihrem Gatten, wobei ihre Hände zittern und ihre Lippen sich lispelnd bewegen.   Bessemjonow:   Was zischelst du denn da? Sagst wohl Hexensprüche her – oder was? … Akulina Iwanowna:   Ich bete, Vater … ich bete … Bessemjonow:   Denk mal … ich werde nun doch nicht zum Stadthaupt gewählt! Ich seh's schon – es wird nichts … die Halunken! Akulina Iwanowna:   Was du sagst! Ei, ei! Aber weshalb denn nicht? Am Ende geschieht's doch noch … Bessemjonow:   Was – geschieht doch noch? Fedjka Doßjekin, der Älteste der Schlosserzunft, will gern Stadthaupt werden … So 'n Bengel! So 'n grüner Junge! Akulina Iwanowna:   So gräm dich doch nicht … vielleicht wählen sie ihn gar nicht … Bessemjonow:   Es scheint nach allem … daß sie ihn wählen werden … Ich komm aufs Stadtamt – da sitzt er schon großartig da und hält 'ne Rede. Das Leben, sagt er, ist schwer – man muß zusammenhalten, sagt er … Die Handwerker dürften nicht einzeln leben – sie müßten in Gemeinschaft handeln … genossenschaftlich, sagt er. Als ob alles heutzutage eine Fabrik wäre! Ich meinte darauf, die Juden wären an allem schuld – die müßten im Zaum gehalten werden. Eine Beschwerde solle man dem Gouverneur über sie einreichen – daß sie die Russen unterdrücken, zugleich mit der Bitte, sie aus unsrer Stadt auszuweisen … Tatjana öffnet leise die Tür vom Hausflur geht wankend nach ihrem Zimmer.   Bessemjonow:   Darauf meinte er und schmunzelte dabei boshaft: was soll denn mit jenen Russen geschehn, die noch schlimmer sind als die Juden? Und mit behutsamen Worten spielte er dabei auf mich an … Ich stell mich, als ob ich nichts merkte, doch spürte ich's wohl, wo hinaus er wollte … der Schuft! Ich hörte mir's an – und ging fort … Wart, denk ich, dir will ich's heimzahlen … nun kam Michail Krjukow, der Töpfer, zu mir ran: »Weißt du, wer Stadthaupt wird?« sagt er – »am Ende gar Doßjekin!« … Und dabei guckt er zur Seite und wird ganz verlegen… Ich wollt ihm schon sagen: »Ach, du schieläugiger Judas!« … Jelena   tritt herein:   Guten Morgen Wassilij Wassiljewitsch! Guten Morgen, Akulina Iwanowna! … Bessemjonow   trocken:   Sie sind's! … Bitte … was ist gefällig? Jelena:   Die Miete hab ich gebracht … Bessemjonow   etwas liebenswürdiger:   Das lässt sich hören … wieviel denn? Gleich fürs ganze Quartal … Nun krieg ich noch vierzig Kopeken für zwei zerbrochene Scheiben im Korridorfenster und für eine Haspe am Holzschuppen … Ihre Köchin hat sie abgerissen … na, sagen wir zwanzig Kopeken. Jelena   lächelnd:   Wie akkurat Sie sind! Bitte, ein Dreirubelschein … ich habe kein Kleingeld … Akulina Iwanowna:   Einen Sack Kohlen haben Sie auch von uns genommen … vielmehr Ihre Köchin … Bessemjonow:   Was kosten die Kohlen? Akulina Iwanowna:   Fünfunddreißig Kopeken … Bessemjonow:   Macht zusammen fünfundneunzig … zwei Rubel fünf Kopeken retour … bitte! Und was die Akkuratesse betrifft, meine Dame – so kann man sie nicht genug rühmen. Akkuratesse hält die ganze Welt zusammen … die Sonne selbst geht akkurat so auf und unter, wie's ihr von Ewigkeit her bestimmt ist … Und wenn schon am Himmel Ordnung herrscht – um wieviel mehr tut sie hier auf Erden not …Auch Sie sind ja akkurat … Kaum ist der Zahltermin da, so bringen Sie auch schon das Geld … Jelena:   Ich habe Schulden nicht gern … Bessemjonow:   Sehr schön von Ihnen! Dann wird Ihnen auch jeder Mensch trauen … Jelena:   Nun, auf Wiedersehen. Ich muß gehen. Ab.   Bessemjonow:   Unsere Hochachtung. Blickt ihr eine Weile nach. Hübsch ist sie, die Schelmin! Und doch würde ich sie mit dem größten Vergnügen aus dem Haus werfen … Akulina Iwanowna:   Ach, das wär gut, Vater … Bessemjonow:   Andrerseits wieder … kann man besser achtgeben, solange sie hier wohnt ... Ist sie erst weg – dann wird Petruschka in einem fort zu ihr rennen; hinter unserm Rücken kann sie ihn umso leichter kirren … Man muß auch in Betracht ziehen, daß sie die Miete pünktlich zahlt. … und alles ohne Widerrede ersetzt, was in der Wohnung ruiniert wird. Hm – ja! Für Pjotr freilich … ist Gefahr da … sogar große Gefahr … Akulina Iwanowna:   Am Ende will er sie gar nicht heiraten … sondern nur so mit ihr … Bessemjonow:   Ja, wenn man das wüßte … Dann wäre kein Wort weiter zu verlieren und kein Grund zur Beunruhigung. Das wäre, als wenn er in ein öffentliches Haus ginge … oder noch besser, sogar bequemer … Aus Tatjana Zimmer vernimmt man ein heiseres Stöhnen.   Akulina Iwanowna   horchend, leise:   Hörst du? Bessemjonow:   Was ist das? Akulina Iwanowna   blickt unruhig umher.   Als wenn's im Hausflur gewesen wäre … Bessemjonow   laut:   Eine Katze vermutlich … Akulina Iwanowna   unentschlossen:   Was ich noch sagen wollte, Vater … Bessemjonow:   Was denn? Sprich … Akulina Iwanowna:   Bist du gegen Pertschichin nicht zu streng gewesen? Er ist doch so harmlos … Bessemjonow:   Ist er wirklich so harmlos – dann wird er sich auch nicht drum härmen – Na, und nimm er's übel – dann verlieren wir nichts weiter an ihm. Groß ist die Ehre nicht, mit ihm bekannt zu sein … Das Stöhnen läßt sich von neuem vernehmen – diesmal lauter als das erstemal.   Wer ist das? Mutter … Akulina Iwanowna   geängstigt:   Ich weiß es nicht … mein Gott … was ist das? … Bessemjonow   stürzt hastig in Pjotr Zimmer:   Ist hier was los? Pjotr! Akulina Iwanowna   läuft erschrocken hinter ihm her:   Petja! … Petja … Petja! … Tatjana   ruft heiser aus ihrem Zimmer:   Hilfe … Mama … rettet mich … rettet! Bessemjonow und Akulina Iwanowna eilen auf das Geschrei schweigend aus Pjotr Zimmer, bleiben an der Tür zu Tatjana Zimmer einen Augenblick unentschlossen stehen und stürzen dann beide zugleich hinein. Tatjana schreit in ihrem Zimmer:   Es brennt so … o–o! Es schmerzt mich … Wasser! Gebt mir zu trinken … Rettet mich! … Akulina Iwanowna   stürzt aus Tatjana Zimmer und reißt die Tür zum Hausflur auf; laut schreiend:   Erbarmen! Zu Hilfe! Petja! Bessemjonow   in Tatjana Zimmer, mit dumpfer Stimme:   Was ist denn … meine liebe Tochter … was ist mit dir … meine Tochter … Tatjana:   Wasser … Ich sterbe … Alles brennt in mir … o … Gott! Akulina Iwanowna:   Hierher! Zu Hilfe …So kommt doch, meine Lieben … Bessemjonow   aus Tatjana Zimmer:   Lauf rasch, hol den Doktor … Pjotr   stürzt rasch von draußen herein:   Was gibt's denn? Was ist geschehen? Akulina Iwanowna   greift nach seiner Hand, nach Atem ringend:   Tanja … liegt im Sterben … Pjotr   macht sich von ihr los:   Laß mich los … laß mich … Eilt in Tatjana Zimmer.   Teterew   kommt herein, sein Jackett anziehend:   Wo brennt's denn? Bessemjonow   in Tatjana Zimmer:   Den Doktor! … Rasch den Doktor, Petja … Fünfundzwanzig Rubel biet ich! ... Pjotr   stürzt aus Tatjana Zimmer; zu Teterew:   Laufen Sie zum Doktor ... Sagen Sie, ein Vergiftungsfall … eine Frau … ein Mädchen … hat Salmiakgeist getrunken … Rasch! Rasch! Teterew ab nach dem Hausflur.   Stepanida   stürzt herein:   Du lieber Gott … Du lieber Gott. Teterew:   Petja, ich verbrenne! Ich sterbe! … Leben will ich … leben! Gebt mir Wasser! Pjotr:   Wieviel hast du genommen? Wann hast du's getrunken? Sprich … Bessemjonow:   Mein liebes Töchterchen … meine Tanetschka … Akulina Iwanowna:   Was hast du dir angetan … mein Kind! Pjotr:   Mama, geh hier fort … Stepanida, führ Mama hinaus …Geh doch, Mama, sag ich dir! Jelena tritt herein und läuft in Tatjana Zimmer. Pjotr zu Jelena. Führen Sie Mama fort! Ein fremdes Weib von der Straße tritt ins Zimmer, bleibt an der Tür stehen, sieht sich im Zimmer um und flüstert etwas.   Jelena   führt Akulina Iwanowna am Arm aus Tatjana Zimmer; flüsternd:   Es hat nichts auf sich … ist nicht gefährlich … Akulina Iwanowna:   Mein Täubchen! Mein liebes Töchterchen … womit hab ich dich gekränkt? … womit erzürnt? Jelena:   Es wird vorübergehen … Der Doktor wird helfen … welch ein Unglück! … Das fremde Weib   faßt Akulina Iwanowna unter den andern Arm:   Verzag nicht, Mütterchen! So was kommt vor! Ja, meine Beste … Neulich zum Beispiel, beim Kaufmann Sitanow, da hat'n Pferd den Kutscher in die Seite geschlagen … Akulina Iwanowna:   Oh, meine Liebe … was mach ich nun ohne dich! Du meine einzige Tochter! Man führt sie in ihr Zimmer. In Tatjana fließt das Geschrei der Kranken mit der tiefen Stimme des Vaters und mit Pjotrs abgerissenen, nervösen Reden ineinander. Ein Gefäß klirrt, ein Stuhl fällt zu Boden, das Eisen der Bettstelle knarrt, ein Kissen wird mit leisem Geräusch über den Boden gezerrt. Stepanida läuft ein paarmal aus dem Zimmer, zerzaust, mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen; sie nimmt Teller und Tassen aus dem Schrank, zerschlägt dabei irgend etwas und verschwindet wieder in Tatjana Zimmer. Aus dem Hausflur starren verschiedene Gesichter durch die offene Tür ins Zimmer, doch wagt niemand einzutreten. Ein kleiner Malerlehrling riskiert es endlich, guckt rasch in Tatjana Zimmer , kehrt sogleich wieder zurück und verkündet mit lautem Flüstern: »Sie stirbt!« Im Hofe läßt sich einen Drehorgel vernehmen, die jedoch sofort wieder verstummt. Unter den Neugierigen im Hausflur dumpfes Gemurmel: »Er hat sie totgeschlagen!« – »Wer denn?« – »Der eigne Vater … Sie wollt nicht auf ihn hören – da schlug er sie mit dem ersten besten Stück, das er erwischte, auf 'n Schädel …« – »Lüg doch nicht – sie hat sich selber den Hals abgeschnitten …« Eine Frauenstimme fragt: »War sie verheiratet?« Irgend jemand schmatzt bedauernd mit den Lippen.   Das fremde Weib   kommt aus dem Zimmer der Alten, nimmt ein Stück Weißbrot vom Tisch, steckt es unter ihr Tuch und geht auf die Tür zu:   Still doch, sie stirbt! … Eine männliche Stimme:   Wie heißt sie denn? Das fremde Weib:   Lisaweta … Eine weibliche Stimme:   Was ist eigentlich mit ihr passiert? Das fremde Weib:   Ach, das war schon zu Mariä Himmelfahrt … da sagte ihr Vater zu ihr: »Lisaweta«, sagt er … Eine Bewegung geht durch die Menge. Teterew und der Arzt treten ein. Der Arzt geht in Hut und Paletot geradeaus in Tatjana Zimmer. Teterew wirft nur einen Blick hinein und wendet sich dann finster ab. Aus Tatjana Zimmer vernimmt man, wirr durcheinander, Sprechen und Stöhnen. Aus dem Zimmer der Alten tönt Akulina Iwanownas Wehklagen und Schreien: »Laß mich! Laß mich zu ihr gehen!« Im Hausflur dumpfes Stimmengewirr. Man vernimmt einzelne ausrufe: »Was für ein ernster Mensch! … Ein Kirchensänger ist's … Wirklich … Gewiß doch … bei Johannes dem Täufer …«   Teterew   nähert sich der Tür:   Was wollt ihr hier? Macht, daß ihr fortkommt! Vorwärts! Das fremde Weib   drängt sich gleichfalls nach der Tür:   Geht, ihr guten Leute … Ihr habt hier nichts zu suchen … Teterew:   Wer bist du denn eigentlich? Was willst du hier? Das fremde Weib:   Ich, Väterchen? Ich handle mit Obst, mit Suppengrün, mit Gurken … Teterew:   Was hast du hier zu suchen? Das fremde Weib:   Ich ging zu meiner Gevatterin, Väterchen, zur Semjagina … Teterew:   Na, und was willst du hier .? Das fremde Weib:   Ich geh vorüber … ich hör mit einemmal Lärm … da denk ich, es brennt … Teterew:   Nun? Das fremde Weib:   Und da ging ich rein … das Unglück zu besehen … Teterew:   Mach, daß du fortkommst! Ihr alle … fort aus dem Hausflur! … Stepanida   stürzt hastig aus Tatjana Zimmer, zu Teterew:   Rasch 'nen Eimer Wasser … rasch hol ihn! Wieder zurück in Tatjana Zimmer.   Ein alter Mann   mit verbundener Backe, steckt den Kopf ins Zimmer; zu Teterew:   Sie, Herr! Blinzelt nach dem Weibe.   Sie hat Ihnen hier vom Tisch 'ne Semmel gestriezt! … Teterew geht in den Hausflur und jagt die Neugierigen fort. Man hört aus dem Flur ein Stampfen und Drängen; ein Straßenjunge schreit: »Au! au!.« Irgend jemand lacht, ein andrer ruft verweisend: »Macht doch keinen Lärm!«   Teterew   im Hausflur:   Marsch, zum Teufel! Pjotr   kommt aus Tatjana Zimmer und blickt in den Hausflur:   Still hier! … Ruft in Tatjanas Zimmer.   Komm, Vater, geh zur Mama hinein! Nun, so komm doch! Schreit in den Hausflur.   Laßt keinen Menschen herein! Zurück in Tatjanas Zimmer. Bessemjonow kommt schwankend heraus, setzt sich auf einen Stuhl am Tisch, und starrt dumpf vor sich hin; dann erhebt er sich und geht in sein Zimmer.   Akulina Iwanowna   im Zimmer der Alten, dessen Tür offensteht:   Hab ich sie vielleicht nicht geliebt? Hab ich sie nicht gehütet? Jelena   im Zimmer der Alten:   Nun beruhigen Sie sich schon … meine Beste… Akulina Iwanowna   im Zimmer der Alten:   Vater! Mein Lieber, Guter! … Die Tür wird hinter Bessemjonow geschlossen. Die Bühne bleibt einen Augenblick leer. Aus dem Zimmer der Alten hört man gedämpftes Sprechen, aus Tatjanas Zimmer leises Gespräch, Stöhnen und Hin- und Herlaufen. Teterew trägt einen Eimer Wasser herein, stellt ihn an die Tür von Tatjana Zimmer und klopft leise. Stepanida öffnet die Tür, trägt den Eimer hinein und kommt dann, sich den Schweiß vom Gesicht wischend, wieder heraus.   Teterew:   Nun? Stepanida:   's ist nicht schlimm, heißt es … Teterew:   Hat der Doktor es gesagt? Stepanida:   Ja. Aber ich glaub's nicht … Mit einer Geste der Verzweiflung.   Wenn schon Vater und Mutter nicht zu ihr dürfen … Teterew:   Fühlt sie sich denn besser? Stepanida:   Wer kann's sagen? Sie stöhnt nicht mehr so … Aber ganz grün ist sie … und so große Augen hat sie … unbeweglich liegt sie da … Flüsternd.   Wie oft hab ich's gesagt: »Verheiraten Sie sie!« sagt ich, »ei, ei, verheiraten Sie sie!« Aber sie hörten einfach nicht auf mich … und da haben sie's jetzt! Kann denn ein gesundes Mädchen so lange ohne Mann bleiben? Und dann hat sie auch nicht an Gott geglaubt … hat nie gebetet, hat sich nie bekreuzt … da ist's kein Wunder! Teterew:   Halt den Schnabel … alte Krähe! Jelena   tritt herein:   Nun – wie geht's ihr, wie geht's ihr? Teterew:   Ich weiß es nicht … Der Doktor soll gesagt haben, es sei nicht gefährlich … Jelena:   Die Alten sind wie zerschmettert … sie tun mir leid! Teterew zuckt schweigend mit den Achseln.   Stepanida   läuft nach der Tür zum Hausflur:   Kinder! Und sie Küche hab ich ganz vergessen! Ab.   Jelena:   Wie kam denn das eigentlich? Was ist denn passiert? Arme Tanja … was für Schmerzen sie erdulden muß … Runzelt die Stirn und schüttelt sich. Es muß sehr weh tun – nicht? Ganz schrecklich?! Teterew:   Weiß nicht. Hab noch nie Salmiakgeist getrunken … Jelena:   Wie können Sie da nur scherzen! Teterew:   Ich scherze nicht … Jelena   öffnet die Tür zu Pjotr Zimmer und blickt hinein:   Und Petja … Pjotr Wassiljewitsch ist immer noch da drin, bei ihr? Teterew:   Jedenfalls … wenigstens sah ich ihn nicht herauskommen. Jelena   nachdenklich:   Ich kann mir vorstellen, wie das auf ihn gewirkt hat … Pause.   Wenn ich etwas Derartiges sehe, verspür ich einen förmlichen Haß gegen das Unglück … Teterew   lächelnd:   Das ist sehr löblich von Ihnen. Jelena:   Sie verstehen mich? Ich könnte es packen, unter meine Füße werfen und zertreten … ganz und gar, für immer. Teterew:   Wen? Das Unglück? Jelena:   Nun – ja! Ich fürchte es nicht – nein, ich hasse es! Ich liebe ein fröhliches, abwechslungsreiches Leben, seh gern viele Menschen um mich … Und ich versteh's, nicht nur mir sondern auch denen, die um mich herum sind, das Leben leicht und angenehm zu machen … Teterew:   Auch wieder sehr löblich! Jelena:   Und – wissen Sie was? Ich will's Ihnen gestehen … ich bin dabei furchtbar nüchtern … geradezu hart! Ich liebe die unglücklichen Menschen nicht … wissen Sie, es gibt solche Leute, die ewig unglücklich sind, was man auch mit ihnen anfangen mag! Setzen Sie einem solchen Menschen statt der Mütze die Sonne auf den Kopf – was kann's Herrlicheres geben? – und er wird immer noch klagen und winseln: »Ach, ich bin so unglücklich! Ich bin so einsam! Niemand schenkt mir Aufmerksamkeit … Das Leben ist so trostlos und langweilig … ach! oh! au! o weh!« Wenn ich einem solchen Monsieur begegne, fühle ich in mir den boshaften Wunsch, ihn noch unglücklicher zu machen … Teterew:   Verehrte Dame –- auch ich will Ihnen etwas gestehen … Ich kann's absolut nicht leiden, wenn Weiber philosophieren – aber wenn Sie so Ihre Ansichten zum Besten geben, möchte ich Ihnen am liebsten die Hände küssen … Jelena   schelmisch:   Nichts weiter? Und nur dann, wenn ich meine Ansichten auskrame? Sehr plötzlich beginnend.   Ei, ei, was tu ich denn da? Ich scherze und treibe Narrenspossen – während dort ein Mensch leidet … Teterew   zeigt nach der Tür der Alten:   Auch dort leidet ein Mensch. Und überall, wohin Sie nur mit dem Finger zeigen – überall leidet ein Mensch! Das ist mal so die Gewohnheit des Menschen … Jelena:   Aber er hat doch Schmerzen davon ... Teterew:   Selbstverständlich … Jelena:   Drum muß man Mitleid mit ihm haben … Teterew:   Nicht immer … Eigentlich sollte man einen Menschen überhaupt nicht bemitleiden … Besser ist's, man hilft ihm. Jelena:   Man kann doch nicht allen helfen … und ohne Mitleid zu empfinden, wird auch niemand helfen … Teterew:   Ich bin der Meinung, Verehrteste, daß die Leiden in unbefriedigten Wünschen wurzeln. Der Mensch hat berechtigte und unberechtigte Wünsche. Helfen Sie ihm, jene zu befriedigen, damit er gesund und stark sei und sich als ein veredeltes Wesen über dass Tier erhebe … Jelena   die nicht zugehört hat:   Mag sein, daß Sie recht haben … Aber was – nach Tatjana Zimmer nickend –   was geht da drinnen vor? Ob sie eingeschlafen ist? Es ist so still dort … sie flüstern ganz leise … Auch die Alten … haben sich beruhigt, sitzen verschüchtert in ihrem Winkel … Wie seltsam das alles ist … Plötzlich ein Stöhnen, Lärm, Geschrei, Hin- und Herrennen … und nun auf einmal – diese Stille … Teterew:   So ist das Leben! Erst schreien die Menschen – dann werden sie müde und verstummen – haben sie ausgeruht – so werden sie wieder losschreien. Hier, in diesem Hause, verstummt alles ganz besonders schnell … Der Schmerzensschrei wie das Lachen der Freude … Jede Erschütterung wirkt hier wie ein Stockschlag auf eine Schmutzpfütze … Und als letzter Laut erschallt hier immer der Schrei der Trivialität. Ob sie triumphiert oder eins aufs Maul gekriegt hat: das letzte Wort muß sie immer haben … Jelena   in Sinnen versunken:   Als ich noch im Gefängnis lebte, war's viel interessanter … Mein Mann war ein Kartenspieler, trank viel, fuhr oft auf die Jagd. Es war in einer Kreisstadt … da gab's allerhand kleine Beamte – mit denen er verkehrte. Ich war frei, ging nirgendshin, sah niemanden bei mir und lebte mit den Arrestanten. Sie liebten mich, kann ich sagen … Sie sind solche Sonderlinge, wenn man sie sich näher anschaut. Ganz prächtige, einfache Leute – ich versichere Sie! Wenn ich sie so ansah, hielt ich's für unmöglich, daß dieser da ein Mörder war, jener dort einen Raub verübt und ein Dritter sonst etwas Schreckliches begangen hatte. Fragte ich einmal: »Hast du wirklich einen Menschen ermordet?« – dann bekam ich zur Antwort: »Allerdings, Mütterchen Jelena Nikolajewna, ich hab gemordet … was läßt sich da schon tun?« Und ich hatte den Eindruck, als hätte er, dieser Mörder, eine fremde Schuld auf sich genommen … als hätte er nur mit dem Stein zugeschlagen, den eine fremde Gewalt hingeworfen hatte … ja! Ich kaufte ihnen verschiedene Bücher, gab in jede Zelle ein Damespiel, Karten … steckte ihnen Tabak zu … und auch Branntwein, aber nur wenig … Bei ihren Spaziergängen spielten sie Ball oder Klippe – ganz wie die Kinder, Ehrenwort! Zuweilen las ich ihnen aus humoristischen Büchern vor, und sie hörten zu und lachten v… wie Kinder. Ich kaufte Vögel und Vogelbauer – jede Zelle hatte ihren Vogel, und sie liebten die kleinen Sänger wie mich selbst. Und wissen Sie, was ihnen ganz besonders gefiel? Wenn ich irgend etwas Helles trug, eine rote oder gelbe Bluse zum Beispiel … ich versichere Sie, sie liebten die hellen, lachenden Farben! Und ich kleidete mich absichtlich so bunt wie möglich, um ihnen eine Freude zu machen … Seufzt.   Ganz vortrefflich lebte ich mit ihnen … ich merkte es gar nicht, wie die drei Jahre vergingen … und als dann ein Pferd meinen Mann erschlug, weinte ich, glaub ich, nicht so sehr um ihn wie um das Gefängnis … Es tat mir leid, daß ich es verlassen mußte … und auch die Arrestanten waren sehr betrübt … Sieht sich im Zimmer um.   Hier, in dieser Stadt, lebe ich nicht so angenehm … in diesem Hause ist etwas … etwas nicht in Ordnung. Nicht, als ob die Menschen nicht gut wären – nein, es ist etwas anderes. … Von alldem ist mir so traurig, so schwer ums Herz geworden … Da sitzen wir nun und plaudern … und dort stirbt vielleicht ein Mensch … Teterew   ruhig:   Und er tut uns nicht mal leid … Jelena   rasch:   Wie – er tut Ihnen nicht leid? … Teterew:   Ihnen doch auch nicht … Jelena   leise:   Ja, Sie haben recht. Das ist nicht schön … Ich begreif's wohl … aber ich fühle es nicht, daß es nicht schön ist. Verstehen Sie: es ist doch mal so – man begreift, daß etwas schlecht ist, aber man fühlt es nicht … Mir tut eigentlich Pjotr Wassiljewitsch mehr leid als sie … Er tut mir überhaupt leid … er hat's hier nicht gut … nicht wahr? Teterew:   Hier hat's kein Mensch gut … Polja   tritt herein:   Guten Mor … Jelena   springt auf und eilt auf sie zu:   Pß-ßt! Leise! Denken Sie sich … Tanja hat sich vergiftet! Polja:   Wa–as? Jelena:   Ja, ja. Der Arzt ist bei ihr, und ihr Bruder … Polja:   Sie stirbt? Sie wird sterben? Jelena:   Niemand weiß es … Polja:   Aber weshalb denn? Hat sie es gesagt, weshalb? Nein? Jelena:   Ich weiß es nicht! Pjotr   steckt seinen zerzausten Kopf ins Zimmer:   Jelena Nikolajewna … auf einen Augenblick … Jelena rasch ab in Tatjana Zimmer.   Polja   zu Teterew:   Was sehen Sie mich so an? Teterew:   Wie oft haben Sie diese Frage schon an mich gestellt? Polja:   Wenn Sie mich immer so anstarren … mit diesem sonderbaren Blick … warum tun Sie das? Tritt dicht an ihn heran, in strengem Ton.   Sie geben doch nicht etwa … mir die Schuld daran? Teterew   lächelnd:   Fühlen Sie sich vielleicht schuldig? Polja:   Ich fühle nur, daß Sie mir … immer unausstehlicher werden … Nun wissen Sie's. Erzählen Sie lieber, wie das alles zuging. Teterew:   Sie haben ihr gestern … einen ganz leichten Stoß gegeben – und weil sie ein ganz schwaches Ding ist, ist sie heut davon gefallen … Das ist alles. Polja:   Das ist nicht wahr! Teterew:   Was ist nicht wahr? Polja:   Ich weiß, worauf Sie anspielen … es ist nicht wahr … Nil … Teterew:   Was – Nil? Was hat Nil damit zu schaffen? Polja:   Weder er noch ich … wir haben beide nichts damit zu tun. Lassen Sie also Ihre Sticheleien! Ich weiß, Sie beschuldigen uns … aber ich fühle keine Schuld! Ich liebe ihn, ja… und er liebt mich … schon längst … Teterew   ernst:  Ich beschuldige Sie durchaus nicht … Sie selbst haben sich irgendeiner Sache beschuldigt – und jetzt suchen Sie sich vor dem ersten besten zu rechtfertigen. Warum das? Ich schätze Sie sehr … wer hat Ihnen immer und immer wieder gesagt: »Verlassen Sie so bald wie möglich dieses Haus, kommen Sie nicht mehr her – denn hier ist's ungesund, hier wird Ihre Seele zerrüttet …« Das hab ich gesagt … Polja:   Nun – und was weiter? Teterew:   Weiter nichts. Ich wollte nur sagen, daß – wenn Sie nicht herkämen, Sie diese Pein nicht erdulden würden, die Sie eben jetzt erdulden … Polja:   Das ist richtig. Aber wie geht's ihr denn? Ist's gefährlich? Was hat sie denn genommen? Teterew:   Ich weiß es nicht … Pjotr und der Doktor kommen aus Tatjanas Zimmer. Pjotr:   Polja – helfen Sie doch, bitte, Jelena Nikolajewna! Teterew   zu Pjotr: Nun – wie steht's? Der Doktor:   Eine Lappalie, unter uns gesagt. Sie ist nur sehr nervös, sonst hätte es überhaupt nichts auf sich … Sie hat nicht viel getrunken … Die Speiseröhre hat sie sich verbrannt … auch in den Magen ist etwas von dem Zeug gekommen, aber offenbar nur wenig … Na, und das haben wir ja glücklich herausgebracht … Pjotr:   Sie werden müde sein, Doktor – nehmen Sie gefälligst Platz … Der Doktor:   Ich danke … Acht Tage wird sie noch damit zu tun haben, länger nicht … Da hatte ich dieser Tage einen interessanten Fall … Ein Maler hatte in der Betrunkenheit ein Teeglas voll Lack getrunken … er hatte es für Bier gehalten … Bessemjonow kommt aus seinem Zimmer, er bleibt an der Tür stehen und schaut fragend, mit düstrem Blick, auf den Doktor.   Pjotr:   Beruhige dich, Vater – es ist nicht gefährlich! Der Doktor:   Haben Sie keine Angst! In ein paar Tagen kann sie wieder aufstehen ... Bessemjonow:   Ist's wahr? Der Doktor:   Ich gebe Ihnen die feste Versicherung. Bessemjonow:   Nun … ich danke Ihnen! Wenn's wahr ist … wenn keine Gefahr mehr ist – meinen Dank! Pjotr, komm doch mal! … Er tritt mit Pjotr in die Tür seines Zimmers. Man hört Geflüster und das Klimpern von Geldstücken. Teterew   zum Doktor:   Und was geschah mit dem Maler? Der Doktor:   Ach, mit dem Maler … nichts weiter, er ist gesund geworden … Hm, ich glaube, ich bin Ihnen schon irgendwo begegnet … Teterew:   Das kann schon sein … Der Doktor:   Haben Sie vielleicht in den Typhusbaracken gelegen? Teterew:   Allerdings … Der Doktor   lebhaft:   Aha! Ja, ja – jetzt weiß ich's! Ich sehe doch – ein bekanntes Gesicht … Erlauben Sie … das war im Frühjahr, nicht wahr? Ich habe, scheint's, auch Ihren Namen behalten … Teterew:   Auch ich erinnere mich Ihrer … Der Doktor:   In der Tat? Teterew:   Ganz genau. Als ich Rekonvaleszent war und sie bat, meine Portionen zu vergrößern, schnitten Sie mir eine ganz abscheuliche Grimasse und sagten zu mir: »Sei mit dem zufrieden, was du bekommst! Säufer und Strolche von deiner Art haben wir noch mehr hier …« Der Doktor   verlegen:   Erlauben Sie, das ist … entschuldigen Sie, mein Name ist … Nikolai Trojerukow … Teterew   tritt auf ihn zu:   Und ich bin Terentij Bogoslowskij, genannt Teterew, erblicher Alkoholiker und Ritter des grünen Drachenordens. Der Doktor weicht vor ihm zurück.   Hab keine Angst, ich tu dir nichts! Geht an ihm vorüber aus dem Zimmer. Der Doktor blickt ihm verdutzt nach und schlenkert mit seinem Hut. Pjotr tritt auf ihn zu.   Der Doktor   immer noch an der Tür zum Hausflur blickend:   Na, auf Wiedersehen! Ich werde erwartet … Falls sie noch über Schmerzen klagen sollte, –- geben Sie ihr wieder von den Tropfen … schlimm können die Schmerzen nicht mehr werden … Auf Wiedersehen! … Ach ja … sagen Sie … eben war hier ein so … origineller Herr … ist wohl ein Verwandter von Ihnen? … Pjotr:   Nein, unser Kostgänger ist's … Der Doktor:   Aha! Aha! … Sehr angenehm! Ein origineller Mensch! Auf Wiedersehen … ich danke Ihnen. Ab. Pjotr begleitet ihn in den Hausflur. Bessemjonow und Akulina Iwanowna kommen aus ihrem Zimmer und gehen auf den Zehenspitzen nach der Tür von Tatjanas Zimmer.   Bessemjonow:   Wart, geh nicht hinein … Horcht.   Man hört nichts. Vielleicht schläft sie … wir wollen sie nicht wecken … Führt seine Frau zu der Truhe in der Ecke. Sie setzen sich.   Hm – ja, Mutter! Einen schönen Festtag haben wir da erlebt! Das wird jetzt ein Geschwätz und Geklatsch in der Stadt – ohne Ende … Akulina Iwanowna:   Was redest du da, Vater? Mag man es doch mit Posaunen ausblasen … wenn sie nur am Leben bleibt. Von allen Kirchtürmen mag man's ausläuten! … Bessemjonow:   Nun ja … ich weiß … du hast recht … Aber du … ach, du begreifst eben schwer! 's ist doch eine Schande für uns! Akulina Iwanowna:   Na nu … was für 'ne Schande? Bessemjonow:   Die Tochter vergiftet sich – begreif's doch! Haben wir sie gekränkt, ihr irgendein Leid zugefügt? Ist sie vielleicht roh behandelt worden! Man wird allerhand reden … Ich pfeife ja darauf, ich will alles ertragen um meiner Kinder willen … aber weshalb das alles? Warum hat sie es getan? Man möchte es doch wenigstens wissen! Da hat man nun Kinder … und weiß nicht, was in ihren Seelen vorgeht! Keine Ahnung hat man! Wie verschlossen leben sie neben einem her … Das verletzt mich so tief … Akulina Iwanowna:   Ich versteh dich … auch für mich ist's ja verletzend! Ich bin doch immer die Mutter … Da sorgt und sorgt man den ganzen Tag, und niemand sagt einem »Danke schön!« Ich versteh dich! Wenn sie wenigstens gesund und munter wären … aber so … Polja   kommt aus Tatjanas Zimmer:   Sie schläft ein … Nicht so laut … Bessemjonow   erhebt sich:   Wie geht's ihr? Kann man sie sehen? Akulina Iwanowna:   Wir wollen ganz leise hineingehen … Polja:   Der Doktor sagte, wir sollten niemanden hineinlassen … Bessemjonow   mißtrauisch:   Woher weißt du es denn? Du warst ja noch gar nicht da, wie der Doktor bei ihr war … Polja:   Jelena Nikolajewna hat mir's gesagt. Bessemjonow:   Ist sie denn da drinnen? Seht doch … also 'ne fremde Person darf zu ihr hinein, und den Eltern wird's verboten! Sonderbar! … Akulina Iwanowna:   Wir werden in der Küche zu Mittag essen … um sie nicht zu stören … Mein liebes Kind! …Nicht mal nach ihr sehen darf man … Mit einer verzweifelten Geste ab in den Hausflur. Polja steht an den Schrank gelehnt da und blickt stirnrunzelnd, mit zusammengepreßten Lippen, nach der Tür von Tatjanas Zimmer. Bessemjonow sitzt am Tisch, als wenn er etwas erwartete.   Polja   leise:   War mein Vater heut nicht da? Bessemjonow:   Dein Vater? Nach dem willst du ja gar nicht fragen! Was ist dir dein Vater? Ich weiß schon, nach wem du dich sehnst … Polja sieht ihn erstaunt an.   Bessemjonow:   Dein Vater war da … jawohl! Abgerissen, schmutzig, in ganz unordentlichem Zustand … Trotzdem aber solltest du ihn achten … Polja:   Ich achte ihn auch … warum sagen Sie mir das? Bessemjonow:   Damit du dir's merkst! … Wenn dein Vater auch nur ein heimatloser Landstreicher ist, so mußt du ihm doch immer gehorsam bleiben … Aber wollt ihr junges Volk denn begreifen, was das heißt – ein Vater? … Gefühllos seid ihr alle … Du bist ein armes, obdachloses Mädchen, du solltest bescheiden sein und freundlich gegen jedermann … und du erlaubst dir zu räsonieren … äffst die gebildeten Leute nach … Hm – ja! Nun heiratest du also … und hier hat sich ein Mensch beinahe das Leben genommen! … Polja:   Ich versteh nicht, was Sie da sagen … und warum Sie das alles sagen! Bessemjonow   hat offenbar selbst den Gedankenfaden verloren, ärgerlich:   Such's zu verstehen … denk drüber nach … darum eben sag ich's ja! Was bist du eigentlich? Und doch hast du … einen Mann gefunden! Und meine Tochter … Aber was stehst du hier herum? Geh in die Küche … tu etwas … Ich will hier Krankenwache halten … geh! Polja sieht ihn erstaunt an und will gehen.   Wart noch! Vorhin hab ich … deinen Vater angeschrien … Polja:   Warum denn? Bessemjonow:   Das geht dich nichts an. Geh jetzt … geh! Polja verwundert ab. Bessemjonow geht leise an die Tür von Tatjanas Zimmer, öffnet sie ein wenig und will hineinsehen. Jelena kommt heraus und schiebt ihn zur Seite.   Jelena:   Gehen Sie nicht hinein, sie scheint zu schlafen ... Beunruhigen Sie sich nicht … Bessemjonow:   Uns darf alle Welt beunruhigen, das macht nichts aus! Euch aber … Jelena   verwundert:   Was sagen Sie da? Sie ist doch krank! Bessemjonow:   Ich weiß es ja … alles weiß ich … Ab in den Hausflur. Jelena sieht ihm achselzuckend nach. Geht nach der Fensterseite, setzt sich auf die Chaiselongue, legt die Hände in den Nacken und versinkt in Nachdenken. Auf ihrem Gesicht erscheint ein Lächeln. Sie schließt sinnend die Augen. Pjotr tritt ein, düster, übelgelaunt. Er schüttelt den Kopf, als ob er etwas von sich abwerfen wollte. Sieht Jelena und stutzt.   Jelena   ohne die Augen zu öffnen:   Wer ist da? Pjotr:   Warum lachen Sie? Es berührt einen seltsam … jetzt, nach alledem … ein lachendes Gesicht zu sehen … Jelena   sieht ihn an:   Sind Sie schlecht gelaunt? … sind erschöpft? Armer Junge … wie bedaure ich Sie! Pjotr   setzt sich auf einen Stuhl neben sie:   Ich bedaure mich schon selber … Jelena:   Sie müßten irgendwohin verreisen … Pjotr:   Ja, das müßte ich. Warum sitz ich hier eigentlich? Dieses Leben ist mir unerträglich … Jelena:   Wie möchten Sie denn leben? Sagen Sie es … Ich habe Sie oft danach gefragt … aber Sie haben mir nicht geantwortet … niemals … Pjotr:   Es fällt mir schwer, mich auszusprechen … Jelena:   Gegen mich? Pjotr:   Auch gegen Sie … Weiß ich denn … wie Sie das, was ich Ihnen sagen würde, aufnehmen werden? Wie Sie überhaupt gegen mich gesinnt sind? Zuweilen scheint es mir, daß Sie … Jelena:   Daß ich? Nun? Pjotr:   Daß Sie es gut mit mir meinen … Jelena:   Gewiß meine ich's sehr, sehr gut mit Ihnen … mein prächtiger Junge! Pjotr   heftig:   Ich bin kein Junge, nein! Ich habe viel nachgedacht … Sagen Sie mir aufrichtig … finden Sie Gefallen an all diesem lärmenden Treiben, mit dem sich unser Nil, die Zwetajewa, Schischkin und all die … lebhaften Leute vergnügen? Sind Sie wirklich der Ansicht, daß diese gemeinsamen Lesestunden, diese Theatervorstellungen für die Arbeiter verständige Zerstreuungen sind, und daß dieser ganze alberne Firlefanz eine bedeutsame Sache ist, um deretwillen es sich zu leben verlohnt? Sagen Sie … Jelena:   Mein Lieber, ich bin doch keine gebildete Frau! …Ich versteh das nicht, habe kein Urteil darüber. Ich bin nun mal keine ernste Person … Die Leutchen gefallen mir einfach … Nil sowohl wie Schischkin … Sie sind so lustig, haben immer was vor … Ich habe die lustigen Menschen gern … bin eben selbst von der Art … Aber warum fragen Sie? Pjotr:   Mich kann das alles wütend machen! Wenn ihnen dieses Leben schon Bedürfnis ist … und sie daran Vergnügen finden – nun, meinetwegen! Ich will sie nicht hindern, ihnen nicht im Wege stehen … aber dann sollen auch sie mich nicht hindern, so zu leben, wie es mir gefällt. Warum legen sie allem, was sie tun, eine ganz besondere Bedeutung bei … Warum sagen sie, ich sei ein Hasenfuß, ein Egoist? … Jelena   faßt mit der Hand nach seinem Kopf:   Man hat ihn geärgert … er ist lebensmüde … Pjotr:   Nein, das bin ich durchaus nicht … ich bin nur verbittert. Ich habe das Recht, so zu leben, wie es mir gefällt, mir und keinem andern! Habe ich dieses Recht? Jelena   spielt mit seinem Haar:   Das ist wieder für mich eine viel zu knifflige Frage … Ich weiß nur eins: Ich lebe selbst so, wie ich's verstehe, und tue, was ich will! … Wenn man mich zum Beispiel überreden wollte, ins Kloster zu gehen – dann geh ich nicht! Und wenn man mich zwingen will – lauf ich fort und springe ins Wasser … Pjotr:   Sie sind weit mehr mit jenen zusammen als mit mir … Sie gefallen Ihnen mehr als ich! Ich fühle das … Aber ich will und darf es aussprechen: Sie sind hohle Tonnen … Jelena   verwundert:   Was sind sie? Pjotr:   Hohle Tonnen … es gibt eine Fabel von den Tonnen … Jelena:   Ach ja, ich kenne sie … Das heißt … dann bin ich also auch hohl?! Pjotr:   O nein! Sie durchaus nicht! Sie sind voll Leben, Sie sind wie ein Bach, der den Menschen erfrischt … Jelena:   Bah! Das heißt … ich bin nach Ihrer Meinung kühl? Pjotr:   Scherzen Sie nicht, ich bitte Sie darum! Dieser Augenblick … aber Sie lachen? Weshalb? Bin ich denn so lächerlich? Ich – will leben! Will leben … nach meinem Ermessen … nach meinem Willen … Jelena:   So leben Sie doch! Wer hindert Sie daran? Pjotr:   Wer? Ja, das heißt … es gibt etwas, das mich daran hindert! Wenn ich eben denke: jetzt weiß ich, wie man leben muß – ganz für sich allein, ganz unabhängig … Dann scheint es mir, als ob irgend jemand mir zuriefe: »Nein, so geht's nicht!« Jelena:   Vielleicht die Stimme des Gewissens? Pjotr:   Was hat das Gewissen damit zu tun? Ich bin doch kein … Will ich denn ein Verbrechen begehen? Ich will nur frei sein … ich will sagen … Jelena   beugt sich zu ihm vor:   Das sagt man nicht so! Das muß man viel einfacher sagen! Ich will Ihnen helfen, mein armer Kleiner … sonst bringen Sie eine Sache, die an sich so einfach ist, in die größte Unordnung … Pjotr:   Jelena Nikolajewna – Sie quälen mich mit Ihren Scherzen! Das ist grausam! Ich will Ihnen nur sagen … hier steh ich vor Ihnen, ganz so, wie ich bin … Jelena:   Wieder nicht das Richtige! Pjotr:   Ich bin ein schwacher Mensch, offenbar … dieses Leben hier – geht über meine Kräfte! Ich fühle deutlich, wie trivial es ist – aber ich kann nichts daran ändern, nichts aus eigenem hineinlegen … Ich will fort von hier, will allein für mich leben … Jelena   faßt seinen Kopf mit beiden Händen:   Sprechen Sie nach, was ich Ihnen vorsage – wiederholen Sie: »Ich liebe Sie!« Pjotr:   Oh, ja! Ja! Doch … nein! Sie scherzen! … Jelena:   Im Gegenteil! Ich bin vollkommen ernst und ich bin längst entschlossen, Sie zu heiraten. Vielleicht ist das nicht gut … aber ich habe die größte Lust, es zu tun … Pjotr:   Aber … wie glücklich ich bin! Ich liebe Sie, wie … Man hört hinter der Wand Tatjanas Stöhnen. Pjotr springt auf und blickt scheu um sich. Jelena erhebt sich ruhig von ihrem Platz.   Pjotr   leise:   War das … Tanja? Und wir … sitzen hier … Jelena   geht an ihm vorüber, nach Tatjanas Zimmer zu:   Wir haben nichts Böses getan … Tatjanas Stimme:   Trinken! … Gebt mir zu … trinken! Jelena;   Ich komme schon. Geht, während sie Pjotr zulächelt, in Tatjanas Zimmer. Pjotr steht da, hält mit beiden Händen seinen Kopf und schaut zerstreut vor sich hin.   Akulina Iwanowna   im Hausflur, steckt den Kopf zur Tür herein und flüstert laut:   Petja! Petja, wo bist du? … Pjotr:   Hier. Akulina Iwanowna:   Komm zum Mittagessen! Pjotr:   Ich mag nicht … ich komme nicht … Jelena   kommt aus Tatjanas Zimmer:   Er wird bei mir essen … Akulina Iwanowna mustert sie böse und zieht sich zurück.   Pjotr   eilt auf Jelena zu:   Wie peinlich das war! Dort liegt sie … und wir … wir … Jelena:   Kommen Sie nur! … was soll da peinlich sein? Selbst im Theater folgt dem ernsten Drama oft ein heiteres Stückchen … um wieviel nötiger ist das im Leben! … Pjotr nähert sich ihr, sie nimmt seinen Arm.   Tatjana   stöhnt mit heiserer Stimme:   Lena! … Lena! … Polja eilt vom Flur her zu ihr hinein.   Vierter Aufzug Dasselbe Zimmer. Abend. Auf dem Tisch brennt eine Lampe. Polja stellt das Teegeschirr zurecht. Die kranke Tatjana liegt auf der Chaiselongue in der halbdunklen Ecke. Die Zwetajewa sitzt neben ihr auf einem Stuhl. Tatjana   leise, in vorwurfsvollem Ton:   Denkst du, ich wäre nicht froh, wenn ich das Leben ebenso frisch und vergnügt anschauen könnte wie du? Oh, wie gern möchte ich das … aber ich vermag es nicht! Ich bin ohne Glauben im Herzen geboren … Ich habe räsonieren gelernt … Zwetajewa:   Du räsonierst nur zu viel, meine Liebe! Du wirst doch zugeben, daß es sich nicht verlohnt, ein verständiger Mensch zu sein – nur, damit man räsoniere … Ein bißchen Räson ist ganz gut, aber, siehst du – damit der Mensch nicht vor Gram und Langerweile stirbt, muß er auch ein bißchen Phantast sein. Er muß auch einmal – freilich nicht zu oft –- einen Blick nach vorn, in die Zukunft werfen … Polja horcht aufmerksam auf die Worte der Zwetajewa und lächelt dabei gedankenvoll.   Tatjana:   Was gibt's denn dort … in der Zukunft … zu sehen? Zwetajewa:   Alles, was du sehen willst, Tatjana:   Ja–a … das muß man sich dann aber selbst erdichten ,,, Zwetajewa:   Glauben muß man … Tatjana:   An was? Zwetajewa:   An seine eignen Phantasien. Siehst du … wenn ich in die Augen meiner Schüler schaue, dann mach ich mir so meine eignen Gedanken. Da ist zum Beispiel Nowikow. Er verläßt bald die Schule, wird das Gymnasium besuchen … dann die Universität … Er wird einmal, glaube ich, Arzt werden … Er ist ein solider, aufmerksamer, gutherziger Junge … mit einer mächtigen Stirn … Er ist sehr anschmiegsam … wird sehr arbeitsam, sehr selbstlos und überhaupt ein Prachtmensch sein … Man wird ihn lieben und achten, ich weiß das ganz bestimmt … Und eines Tages, wenn er sich seiner Kindheit erinnert, wir er sich auch erinnern, wie seine Lehrerin Zwetajewa, als sie in Der Pause mit ihm spielte, ihm die Nase blutig schlug … Vielleicht wird er sich auch nicht erinnern … nun, es bleibt sich gleich …Doch nein, er wird sich bestimmt erinnern, denk ich … er hat mich sehr gern … Dann hab ich einen gewissen Klokow, ein zerzaustes, immer zerstreutes Bürschchen, und ein richtiger Schmutzfink. Ewig zankt und prügelt er sich oder sinnt auf dumme Streiche. Er ist eine Waise und lebt bei seinem Großvater, einem Nachtwächter. Er ist fast ein Bettler, aber dabei so stolz, so dreist! Ich glaube, er wird mal ein Journalist. Ach, wieviel interessante Kerlchen hab ich da! Und unwillkürlich denk ich immer daran, wie es ihnen wohl einmal ergehen wird, welche Rolle sie im Leben spielen werden … Ungemein interessant ist's für mich, mir vorzustellen, wie meine Schüler einmal leben werden … Du siehst, Tanja, das ist nicht viel … aber wenn du wüßtest, wieviel Freude es mir macht! Tatjana:   Und du? Wo bleibst du selbst dabei? Deine Schüler werden leben … vielleicht sogar sehr gut leben … und du bist dann schon … Zwetajewa:   Gestorben? Das wäre! Nein, ich will noch sehr lange leben! Polja   leise, zärtlich, gleichsam seufzend:   Wie lieb sind Sie doch, Mascha! Und was für ein prächtiger Mensch … Zwetajewa   lächelt Polja zu:   Ei, unser Hänfling singt … Weißt du, Tanja, ich bin nicht sentimental … aber wenn ich an die Zukunft denke … an die Menschen und das Leben der Zukunft … dann überschleicht es mich wie süße Melancholie … In meinem Herzen schimmert's wie ein frischer Herbsttag … es gibt solche Herbsttage, weißt du: am klaren Himmel steht feierlich-ernst die Sonne, die Luft erscheint so tief, so durchsichtig, in der Ferne ist alles so klar … es ist frisch, doch nicht kalt, warm, doch nicht heiß … Tatjana:   Das alles sind … Märchen … Übrigens, mag sein, daß ihr – du, Nil, Schischkin und alle euresgleichen – in solchen Phantasien tatsächlich einen Lebensinhalt zu finden vermögt … Ich – kann es leider nicht. Zwetajewa:   Nun, es sind doch nicht bloß Phantasien … Tatjana:   Ich habe nie an irgend etwas geglaubt … außer daran, daß dies hier – ich selbst und jenes dort – die Wand ist. Wenn ich »ja« sage oder »nein« … so sage ich's nicht aus Überzeugung … sondern ich antworte gewissermaßen nur, weiter nichts. Und zuweilen, wenn ich »nein« gesagt habe, denke ich gleich darauf im stillen: war's denn auch richtig? Hätt' ich nicht vielmehr »ja« sagen sollen? Zwetajewa:   Dir gefällt das … Nun, beobachte dich einmal aufmerksamer – bereitet dir dieser Zwiespalt der Seele nicht eine angenehme Empfindung? Und wenn du erst wüßtest, was glauben heißt … doch du fürchtest dich vielleicht, zu glauben … der Glaube legt Verpflichtungen auf … Tatjana:   Ich weiß nicht … ich weiß nicht … Bring mir's doch bei, das Glauben! Ihr bringt doch andre dahin, daß sie euch glauben … Lacht leise.   Mir tun die Leutchen leid, die euch glauben … Ihr täuscht sie doch! Das Leben ist immer so gewesen, wie es jetzt ist … so trüb, so eng … und es wird immer so sein … Zwetajewa   lächelnd:   Wirklich? Vielleicht auch – nicht?! Polja   gleichsam für sich:   Bestimmt nicht! Tatjana:   Sagtest du etwas? Polja:   Es wird nicht immer so sein, sag ich … Zwetajewa:   Bravo, stilles Vögelchen! Bravo, Hänfling! Tatjana:   Da ist nun eine von euren unglücklichen … Gläubigen … Und frage sie einmal, warum es nicht so sein wird? Warum es sich ändern wird? Frag sie! Polja   während sie näher tritt, leise:   Weil noch nicht alle Menschen … leben! Nur sehr wenige Menschen genießen das Leben! Die meisten haben überhaupt keine Zeit, zu leben … sie arbeiten nur, um ein Stück Brot zu haben … erst wenn auch sie … Schischkin   tritt rasch ins Zimmer:   Guten Abend! Zu Polja.   Seid gegrüßt, dunkelblonde Tochter des Königs Duncan! Polja:   Was? Welches Königs? Schischkin:   Aha! Nun habe ich sie gefangen! Ich sehe jetzt, daß Sie den Heine nicht gelesen haben, obwohl Sie das Buch schon länger als zwei Wochen haben … Guten Tag, Tatjana Wassiljewna! Tatjana   reicht ihm die Hand:   Ihr sind jetzt alle Bücher gleichgültig … sie heiratet … Schischkin:   Ei! Wen denn? Zwetajewa:   Unsern Freund Nil … Schischkin:   A – ah! Ich wünsche viel Glück … Übrigens, unter den heutigen Verhältnissen ist die Ehe nichts besonders Schlaues … Tatjana:   Nicht doch, lassen Sie das Thema! Verschonen sie mich damit! Sie haben schon so oft darüber geredet … Schischkin:   Gut, ich schweige. Hab ohnedies keine Zeit. Zur Zwetajewa.   Kommen Sie mit? Schön! Ist Pjotr nicht da? Polja:   Er ist oben … Schischkin:   Hm … Nein, ich gehe nicht zu ihm! Ich möchte Sie bitten, Tatjana Wassiljewna … oder Sie, Polja … sagen Sie ihm… daß ich … wieder einmal, wissen Sie … na, daß die Hauslehrerstelle bei Prochorow frei ist … Zwetajewa:   Schon wieder? Sie haben wirklich kein Glück! Tatjana:   Haben Sie sich verzankt? Schischkin:   Eigentlich nicht! Ich war ziemlich zurückhaltend … Zwetajewa:   Was ist denn vorgefallen? Sie waren doch voll von Prochorows Lob … Schischkin:   Leider, ja … der Teufel mag's holen! Er ist schließlich immer noch besser als andre … ist nicht dumm … prahlt ein wenig … ist ein Schwätzer und im allgemeinen mit unerwarteter Heftigkeit   ein großes Rindvieh! Tatjana:   Nun wird sich Pjotr kaum noch nach Stunden für Sie umsehen … Schischkin:   Ja, er wird wohl böse sein … Zwetajewa:   Aber was ist denn zwischen Ihnen und Prochorow gewesen? Schischkin:   Denken Sie sich: er ist – Antisemit! Tatjana:   Was geht Sie das an? Schischkin:   Nun, wissen Sie – das ist unanständig. Es ist eines intelligenten Menschen unwürdig. Überhaupt ist er – der richtige Bourgeois! Zum Beispiel folgende Geschichte: sein Stubenmädchen besuchte die Sonntagsschule. Ganz famos! Er selbst bewies mir auf höchst langweilige Art den Nutzen der Sonntagsschulen – um was ich ihn durchaus nicht gebeten hatte. Er rühmte sich sogar, einer von den Männern zu sein, die zur Einrichtung dieser Schulen die Initiative ergriffen hätten. Und nun kommt er neulich eines sonntags nach Hause und – o Schrecken! Die Tür öffnet ihm nicht das Stubenmädchen, sondern die Kinderfrau! Wo ist Sascha? In der Schule. Aha! Und er verbot dem Mädchen, die Schule zu besuchen. Was meinen Sie nun – wie soll man das bezeichnen? Tatjana zuckt mit den Achseln.   Zwetajewa:   Und was für ein Schwätzer er ist! Schischkin:   Überhaupt verschafft mir Pjotr, wie zum Trotz, immer bei solchen Scharlatanen Stunden … Tatjana   trocken:   Ich entsinne mich, daß Sie auch den Rentmeister sehr gelobt haben … Schischkin:   Gewiß … ein famoser alter Herr! Aber er ist – Numismatiker! Schüttet mir einen ganzen Haufen Kupferblättchen vor die Nase und beginnt von Cäsaren, Diadochen, Pharaonen und wer weiß, wovon sonst noch, zu reden. Ich mußte mir das alles anhören – bis es schließlich über meine Kräfte ging. Da sagte ich zu ihm: »Hören sie, Wikentij Wassiljewitsch – nach meiner Ansicht ist das alles Torheit! Der erste beste Feldstein ist älter als Ihre Münzen!« Er nahm's natürlich krumm. »Was?« meinte er – »ich hätte fünfzehn Jahre meines Lebens an eine Torheit verschwendet?« Ich bejahte. Bei der Abrechnung zahlte er mir einen halben Rubel zu wenig. … offenbar hatte er ihn für seinen Sammlung zurückbehalten. Doch das sind alberne Geschichten … und mit Prochorow …ja düster … ich hab mal einen so häßlichen Charakter … In Eile, zur Zwetajewa.   Kommen Sie, Maria Nikitschna – es ist Zeit! Zwetajewa:   Ich bin bereit. Auf Wiedersehen, Tanja! Morgen ist Sonntag … ich komme gleich früh zu dir … Tatjana:   Ich danke dir. Mir ist, als wäre ich … eine Art Schlinggewächs, das sich um eure Füße wickelt … ohne Duft, ohne Reiz , nur lästig für diejenigen, an die es sich hängt … Schischkin:   Was für ungesunde Gedanken! Zwetajewa:   Das tut weh, sowas zu hören, Tanja. Tatjana:   Weshalb? Ich hab eben die grausame Logik des Lebens begriffen: wer nicht an irgend etwas glauben kann, der kann nicht leben … der ist zum Untergang bestimmt … ja! Zwetajewa   lächelnd:   Wirklich? Vielleicht ist auch diesmal das »Nein« richtiger? Tatjana:   Verspotte mich nicht … lohnt es sich denn? Über mich zu lachen – verlohnt sich das? Zwetajewa:   Nein. Tanja – nein, meine Liebe. Es ist nur deine Krankheit, deine Ermüdung, die aus dir spricht … nicht du selbst. Nun, auf Wiedersehen! Halt uns nicht für grausam und boshaft! Tatjana:   Geht … auf Wiedersehen! Schischkin   zu Polja:   Nun, wann werden sie den Heine lesen? Ach, richtig – Sie heiraten ja … hm! Darüber wäre mancherlei zu sagen … doch auf Wiedersehen. Ab hinter der Zwetajewa. Pause.   Polja:   Die Abendmesse wird sicher bald aus sein … Soll der Samowar gebracht werden? Tatjana:   Ich glaube nicht, daß die Alten Tee trinken werden … Übrigens, wie du willst. Pause.   Früher war mir die Stille hier lästig, jetzt ist es mir angenehm, daß es bei uns so still ist. Polja:   Ist es nicht Zeit, daß Sie Medizin nehmen? Tatjana:   Noch nicht … In den letzten Tagen war es bei uns so lärmend, so unruhig. Wie laut dieser Schischkin immer ist … Polja   tritt näher auf sie zu:   Er ist ein guter Junge. Tatjana:   Das wohl … aber dumm … Polja:   Er ist wacker und mutig. Wo er eine Ungerechtigkeit sieht, legt er sich gleich ins Mittel. Dieses Stubenmädchen zum Beispiel … Wer achtet wohl sonst darauf, wie die Stubenmädchen leben und die andern Leute, die den Reichen dienen? Und wenn auch jemand darauf achtet – nimmt er sich ihrer wohl an? Tatjana   ohne Polja anzusehen:   Sag mir, Polja – fürchtest du dich nicht, Nils Frau zu werden? Polja   mit ruhigem Erstaunen:   Warum sollte ich mich fürchten? Nein, ich fürchte mich durchaus nicht … Tatjana:   Nicht? Und ich würde mich fürchten. Ich sage das nur, weil … ich dich liebe! Du bist nicht so wie er. Du bist ein einfaches Mädchen, er aber hat viel gelesen, er ist schon zu den Gebildeten zu zählen. Er wird sich mit dir vielleicht langweilen … Hast du darüber schon nachgedacht, Polja? Polja:   Nein. Ich weiß, er liebt mich. Tatjana   gereizt:   Wie kann man denn das wissen? Teterew bringt den Samowar herein.   Polja   zu Teterew:   Ich danke Ihnen. Nun will ich Milch holen. Ab.   Teterew   im Katzenjammer, mit gedunsenem Gesicht:   Ich geh an der Kirche vorüber, und Stepanida fleht: »Väterchen, trag doch den Samowar hinein! Kriegst auch gelegentlich 'ne Gurke von mir oder 'ne Tasse Fleischbrühe« … Da hab ich Schleckermaul nicht widerstehen können … Tatjana:   Kommen Sie schon aus der Abendandacht? Teterew:   Nein, ich war heut nicht da. Der Schädel brummt mir. Wie geht's Ihnen? Fühlen Sie sich wohler? Tatjana:   Ich denke, es geht leidlich . Man hat mich heut wohl schon zwanzigmal danach gefragt … Ich würde mich noch wohler fühlen, wenn es bei uns etwas ruhiger zuginge. Dieses ewige Hin- und Herlaufen regt mich ein wenig auf. Alles schreit, alles hastet auf und ab. Der Vater ist auf Nil böse, die Mutter seufzt. Und ich liege da, beobachte und … sehe keinen Sinn in alledem, was jene da … Leben nennen … Teterew:   Und doch ist's interessant. Ich bin ein Mensch, der abseits steht, der an den Dingen dieser Welt keinen Anteil hat … Ich lebe sozusagen aus Neugier und finde, daß es hier ziemlich interessant ist. Tatjana:   Sie sind nicht anspruchsvoll, das weiß ich. Was kann aber hieran interessant sein? Teterew:   Und dann – ich beobachte, wie die Menschen sich anschicken zu leben. Ich höre es gern, wenn im Theater die Musikanten ihre Instrumente stimmen. Das Ohr fängt eine Menge einzelner Töne auf, darunter manche richtigen, zuweilen ertönt eine schöne Passage … und man möchte so bald wie möglich hören – was eigentlich die Musikanten spielen werden … wer von ihnen wird der Solist sein? … wie das Stück ist? … Und so ist's auch hier: die Instrumente werden gestimmt … Tatjana:   Im Theater kommt der Dirigent, bewegt seinen Taktstock – und die Musikanten spielen recht und schlecht, ohne innere Empfindung irgendein altes, abgeleiertes Stück herunter. Und hier? … und diese da? Was sind sie imstande zu spielen? Ich weiß es nicht. Teterew:   Irgendein Fortissimo scheint's werden zu wollen. Tatjana:   Wollen sehen! Pause. Teterew raucht seine Pfeife an.   Warum rauchen sie Pfeife und nicht Zigaretten? Teterew:   Es ist bequemer. Ich bin ja ein Landstreicher, bringe den größten Teil de Jahres auf der Landstraße zu. Es geht bald wieder los. Sowie es erst richtig Winter ist, mache ich mich auf. Tatjana:   Wohin? Teterew:   Das weiß ich noch nicht … ist mir auch ganz gleich. Tatjana:   Sie werden irgendwo erfrieren … in betrunkenem Zustande … Teterew:   Wenn ich unterwegs bin, trinke ich nie … Und wenn ich erfriere – was liegt daran? Besser im Gehen erfrieren als an einer Stelle hockend verfaulen ... Tatjana:   Sie spielen auf mich an? Teterew   springt erschrocken auf:   Gott soll mich behüten! Was reden sie da? Bin ich denn … ein Unmensch? Tatjana   lächelt:   Beunruhigen Sie sich nicht. Das kränkt mich durchaus nicht. Ich habe die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden, verloren. Bitter.   Alle wissen, daß man mich nicht verletzen kann. Pelageja, Jelena, Mascha … sie kommen mir vor wie reiche Leute, die sich nicht darum kümmern, was ein Bettler empfindet … was er denkt, wenn er sieht, wie sie sich die seltensten Leckerbissen munden lassen. Teterew   stirnrunzelnd, durch die Zähne:   Weshalb diese Selbsterniedrigung? Man muß sich selber achten … Tatjana:   Nun, meinetwegen … lassen wir das. Pause. Erzählen sie mir irgend etwas … aus Ihrem Leben. Sie sprechen nie von sich selbst. Warum? Teterew:   Das Thema ist umfangreich, aber nicht interessant. Teterew:   Nein, tun sie's doch. Warum führen Sie … eine so seltsame Lebensweise? Ich halte Sie für einen verständigen, begabten Menschen … Was ist Ihnen im Leben begegnet? Teterew   mit höhnischem Grinsen:   Was mir begegnet ist? Oh, das ist eine lange und langweilige Geschichte … wenn ich sie mit eigenen Worten erzählen soll … Ich Ging zu suchen Sonn' und Glück Kam als Bettelmann zurück – Hab in meinen Wandertagen Hemd und Hoffnung abgetragen. Doch diese Darstellung paßt nicht ganz auf meinen Fall … sie ist zu poetisch, wenn sie auch kurz genug ist. Es muß noch hinzugefügt werden, daß in Rußland ein Trunkenbold, ein Landstreicher behaglicher und ruhiger lebt, als ein nüchterner, ehrenhafter, tüchtiger Mensch. Pjotr und Nil treten ein.   Nur mitleidslos harte Menschen, gerade und fest wie ein Schwert – nur die vermögen sich durchzusetzen … Ah, Nil! Woher des Weges? Nil:   Aus dem Depot. Komme eben von einer Schlacht, in der ich einen glänzenden Sieg errungen habe. Dieser Strohkopf von Depotaufseher … Pjotr:   Dich werden sie bald aus dem Dienst jagen … Nil:   Dan find ich einen andern … Tatjana:   Weißt du schon, Pjotr? … Schischkin hat sich mit Prochorow überworfen und findet nicht den Mut, es dir selbst zu sagen … Pjotr   aufgebracht:   Der Teufel soll ihn holen! Das ist einfach empörend! In was für eine peinliche Lage bringt er mich Prochorow gegenüber? Ich kann ihm jetzt nicht mal einen andern Freud empfehlen … Nil:   Ärgere dich nicht – mußt doch erst wissen, wen die schuld trifft! Pjotr:   Ich weiß es schon! Tatjana:   Es mißfiel Schischkin, daß Prochorow Antisemit ist. Nil   lachend:   Ach, das ist ja spaßig! Pjotr:   Ja, dir gefällt das. Dir mangelt gleichfalls das Gefühl für Respekt vor einer fremden Überzeugung. Ihr seid die reinen Wilden! Nil:   Erlaube einmal – kannst du selbst vor einem Judenfresser Achtung haben? Pjotr:   Jedenfalls würde ich mich nicht für berechtigt halten, einem Menschen gleich an die Gurgel zu springen! Nil:   Nun, und ich tue es! Teterew   mustert die Streitenden nacheinander, zu Nil:   Tu's doch! Pjotr   zu Nil:   Wer gibt .. wer gibt euch das Recht dazu? Nil:   Rechte bekommt man nicht – Rechte nimmt man, erobert man sich … Pjotr:   Erlaube! … Tatjana   besorgt:   Schon wieder beginnt der Streit … der endlose Streit. Daß ihr seiner nicht überdrüssig werdet! Pjotr   sucht sich zu beherrschen:   Entschuldige, ich will nicht streiten … Aber dieser Schischkin bringt mich wirklich zur Verzweiflung … Tatjana:   Ich verstehe dich … er ist dumm! Nil:   Er ist ein famoser Junge! Er läßt sich nicht nur nicht auf den Fuß treten, sondern tritt den Leuten selbst zuerst auf den Fuß! Wohl dem, der soviel Gefühl für Menschenwürde besitzt … Tatjana:   Soviel kindischer Trotz, wolltest du sagen … Nil:   Nenn es, wie du willst – jedenfalls ist es etwas Gutes. Pjotr:   Lächerlich … Nil:   Nun, wenn ein Mensch sein einziges Stück Brot nur darum fortwirft, weil ein unsympathischer Patron es ihm reicht … Pjotr:   Dann ist dieser Mensch jedenfalls nicht hungrig genug … Ich weiß, du wirst mir widersprechen. Du bist selbst solch ein … Schuljunge … auf Schritt und Tritt suchst du dem Vater zu beweisen, daß du keinen Respekt vor ihm hast … warum das? Nil:   Und warum soll ich's verbergen? Teterew:   Mein Sohn: Der Anstand verlangt es, daß die Menschen lügen … Pjotr:   Aber was für ein Sinn liegt in diesem Benehmen? Was für ein Sinn? Nil:   Wir beide werden uns nie verstehen … reden wir nicht weiter. Alles, was dein Vater tut und spricht, ist mir zuwider … Pjotr:   Auch mir ist es … vielleicht zuwider. Aber ich beherrsche mich. Und du reizt ihn beständig, und seine Gereiztheit läßt er dann an uns – an mir und der Schwester – aus. Tatjana:   Nun, laßt es genug sein! Das ist ja langweilig! Nil wirft ihr einen Blick zu und geht an den Tisch.   Pjotr   zu Tatjana:   Dich beunruhigt unser Gespräch? Tatjana:   Es langweilt mich. Immer und ewig dasselbe … Polja   kommt herein, mit einem Topf voll Milch in der Hand; sie sieht Nil nachdenklich lächeln und lächelt gleichfalls; zu den andern:   seht doch, wie glücklich er lächelt! Teterew:   Was lachst du denn? Nil:   Ich? Es fiel mir eben wieder ein, wie ich den Depotaufseher abgefertigt habe … Ja, das Leben ist interessant! Teterew   in tiefem Baß:   Amen! Pjotr   mit den Achsel zuckend:   Ich kann mich nur wundern! Werden denn diese Optimisten blind geboren? Nil:   Ob ich ein Optimist bin oder was sonst – ist ganz gleichgültig: jedenfalls gefällt's mir hier auf dieser Welt. Erhebt sich und geht auf und ab.   Es macht wirklich Spaß, auf ihr zu leben … Teterew:   Ja, es ist interessant! Pjotr:   Wenn ihr beide aufrichtig seid – dann seid ihr wirklich komische Käuze! Nil:   Nun, und wie soll man dich denn nennen? Es ist für niemanden ein Geheimnis, daß du verliebt bist und wiedergeliebt wirst. Verspürst du wirklich keine Lust, wenigstens aus diesem Anlaß einmal recht froh und lustig zu sein, zu tanzen und zu singen? Polja schaut hinter dem Samowar hervor stolz auf die andern. Tatjana rückt unruhig hin und her, um Nils Gesicht zu sehen. Teterew klopft lächelnd die Asche aus seiner Pfeife.   Pjotr:   Du vergißt da einiges. Erstens darf ich als Student nicht heiraten. Zweitens steht mir noch eine schwere Bataille mit den Eltern bevor, und drittens … Nil:   Herr des Himmels – das ist doch sehr einfach: rücke aus! Flieh in die Wüste! Polja lächelt.   Tatjana:   Treib keine Possen, Nil! Nil:   Nein, Petruscha, nein – das Leben ist wirklich eine ganz famose Sache, selbst wenn man nicht verliebt ist! Auf schlechten Lokomotiven zu fahren – in herbstlichen Nächten, bei Regen und Wind, oder auch im Winter bei Schneesturm, wenn alles rings in Finsternis und Schnee gehüllt ist … Das ist gewiß langweilig, beschwerlich … und sogar, wenn du willst, gefährlich. Und doch hat es auch seine Reize – ja, ganz gewiß! Nur in einem Umstand kann ich nichts Angenehmes finden: darin, daß ich und andere ehrliche Leute von Schweinehunden, Spitzbuben und Dummköpfen kommandiert werden … Aber so ganz gebieten sie doch nicht über das Leben! Sie werden vergehen und verschwinden – wie ein Ausschlag an einem gesunden Körper verschwindet. Es gibt keinen Fahrplan, der nicht einmal durch einen neuen ersetzt würde … Pjotr:   Ich habe dich schon öfter so reden hören. Wollen sehen, wie dir das Leben darauf antworten wird … Nil:   Ich werde es zwingen, mir darauf so zu antworten, wie ich es will. Suche mich nicht einzuschüchtern! Ich weiß es unmittelbarer und besser als du, daß das Leben schwer , daß es bisweilen widerwärtig, rauh und hart ist, daß eine ungezügelte, rohe Macht den Menschen würgt und bedrückt, ich weiß das – und es gefällt mir durchaus nicht, und es empört mich! Ich verabscheue sie, diese Ordnung der Dinge! Ich weiß, daß das Leben eine ernste, wenn auch noch nicht geordnete Angelegenheit ist ... daß ich alle meine Kräfte und Fähigkeiten einsetzen muß, damit es in Ordnung komme. Ich weiß auch, daß ich kein Held bin, sondern einfach ein ehrlicher, gesunder Mensch – und doch sage ich: Macht nichts! Wir werden siegen! Und mit allen Mitteln meiner Seele werde ich meinem inneren Drange gerecht zu werden suchen: mitten ins dichteste Leben mich hineinzumengen … es bald so, bald so zu kneten, den einen in den Weg zu treten, den andern beizuspringen … Das ist die Freude des Lebens! Teterew   lächelnd:   Das ist der Inbegriff der tiefsten Weisheit. Das ist der Sinn aller Philosophie … Alle sonstige Philosophie –- sei verdammt! Jelena   in der Tür:   Warum wird hier wieder geschrien und in der Luft herumgefuchtelt? Nil   tritt auf sie zu:   Sie werden mich verstehen, meine Verehrte! Ich habe soeben ein Loblied auf das Leben gesungen. Nun, sagen Sie – ist's eine Lust, zu leben? Polja   leise:   Das Leben ist sehr schön! Jelena:   Wer bestreitet das? Nil   zu Polja:   Ach du … mein sanftes Kind … Jelena:   Bitte keine Zärtlichkeiten – wenn ich da bin … Pjotr:   Weiß der Teufel, was mit ihm los ist! Wie – betrunken ist er … Tatjana lehnt den Kopf zurück, hebt langsam die Hände empor und bedeckt ihr Gesicht.   Jelena:   Warten Sie! Sie wollen Tee trinken, Herrschaften – und ich kam, um Sie zu mir einzuladen! … nun, dann bleib auch ich da – heut ist's hier bei Ihnen fidel. Zu Tetwerew.   Nur Sie, weißer Rabe, Sie allein machen noch ein finstres Gesicht – warum denn? Teterew:   Auch ich bin vergnügt … Nur schweige ich gewöhnlich, wenn ich mich amüsiere, und ich bin nur laut, wenn der Gram mich drückt … Nil:   Wie alle großen, klugen, mürrischen Hunde … Jelena:   Ich habe sie bisher weder gramvoll noch lustig gesehen, sondern immer nur philosophierend. Denken Sie sich, Herrschaften – denk dir nur, Tanja – er unterrichtet mich in der Philosophie! Gestern hat er mir eine Vorlesung gehalten über irgendeinen Satz vom zureichenden Grunde … Ach, ich hab schon ganz vergessen, wie dieser wunderbare Satz eigentlich lautet … wie war's doch gleich? Teterew   lächelnd:   Setze nichts ohne Grund … Jelena:   Hören sie? Mit solchen verzwickten Dingen gebe ich mich jetzt ab! Sie wissen gar nicht, Herrschaften, daß dieser Satz so etwas wie eine Eiche darstellt, da er nämlich eine vierfache Wurzel hat … ist's richtig? Teterew:   Ich wage nicht, es zu bestreiten … Jelena:   Na, das dächt ich auch! Sie sollten es nur wagen! Die erste Wurzel –vielleicht ist's auch nicht die erste – ist der Satz vom zureichenden Grunde des Geschehens … das Geschehene ist die Materie in der Form … ich zum Beispiel bin Materie, die nicht ohne Grund die Form eines Weibes angenommen hat … die aber dafür – und zwar ohne jeden Grund – des Seins beraubt ist. Das Sein ist ewig, die Materie in der Form aber hat nur vorübergehenden Bestand – dann heißt es: Adieu! Ist's richtig? Teterew:   Ganz gut … Jelena:   Dann weiß ich auch, daß es einen Kausalnexus gibt, ferner ein Apriori und ein Aposteriori – aber was das für Zeug ist – hab ich vergessen! Und wenn ich von all diesen weisen Dingen nicht einen Glatze bekomme, dann werde ich sehr schlau davon. Das aber, was mich am meisten bei dieser Philosophie interessiert, ist – warum Sie, Terentij Chrisanfowitsch, mit mir überhaupt davon reden? Teterew:   Weil es mir erstens größtes Vergnügen macht, Sie anzuschauen … Jelena:   Danke! Ihr »zweitens« wird sicher nicht interessant sein … Teterew:   Zweitens, weil der Mensch nur dann nicht lügt, wenn er philosophiert. … Jelena:   Wieso? Nicht ein Wort versteh ich … Nun, Tanja, wie fühlst du dich? Wartet die Antwort nicht ab.   Pjotr Wassiljewitsch, Sie scheinen mit irgend etwas unzufrieden … Pjotr:   Mit mir selbst … Nil:   Und mit allem übrigen? … Jelena:   Wissen Sie – ich habe heut große Lust zu singen! Wie schade, daß heut Sonnabend und die Abendandacht noch nicht zu Ende ist! Die beiden Alten treten ins Zimmer.   Ach, da kommen unsere frommen Kirchengänger! Guten Abend! … Bessemjonow   trocken:   Ergebenster Diener … Akulina Iwanowna:   Guten Abend, Mütterchen. Wir haben Sie doch heut schon gesehen?! Jelena:   Ach ja! Ich hab's vergessen … Nun, wie war's in der Kirche? Wohl sehr heiß? Bessemjonow:   Wir gehen nicht hin, um die Temperatur zu messen … Jelena   verwirrt:   Natürlich nicht, das weiß ich … Ich wollte auch nur fragen: Waren viele Leute da? Akulina Iwanowna:   Wir haben sie nicht gezählt, Mütterchen … Polja   zu Bessemjonow:   Werden Sie Tee trinken? Bessemjonow:   Erst essen wir etwas … Mutter, geh, besorg etwas! Akulina Iwanowna, die Nase rümpfend, ab. Alle schweigen. Tatjana erhebt sich und geht, von Jelena gestützt, an den Tisch. Nil setzt sich auf Tatjanas bisherigen Platz. Pjotr geht im Zimmer auf und ab. Teterew, der neben dem Klavier sitzt, beobachtet alle lächelnd. Polja beim Samowar. Bessemjonow sitzt auf der Truhe in der Ecke.   Was es jetzt für Menschen gibt – lauter Spitzbuben … Vorhin, als ich mit der Mutter in die Kirche ging, legte ich vor dem Torweg ein Brettchen hin, über den Schmutz, damit man leichter hinüberkäme. Wie wir nach Hause kommen, ist das Brettchen fort … irgendein Spitzbube hat es gestohlen . Wie verderbt die Menschen sind … Pause.   In der alten Zeit gab es nicht so viel Spitzbuben …damals gab man sich mehr mit Raub und Mord ab, weil die Seelen mehr auf das Große gerichtet waren … Man schämte sich, einer Kleinigkeit wegen das Gewissen zu belasten … Auf der Straße hört man Singen und Harmonikaspiel. Hört … da singen sie gar! Sonnabend ist's – und sie singen! Der Gesang kommt näher; man kann zwei Stimmen unterscheiden. Handwerksgesellen jedenfalls.   Sie haben Feierabend gemacht, sind in die Schenke gegangen, haben ihren Lohn vertrunken und zerreißen sich jetzt die Gurgel. Der Gesang ertönt jetzt dicht unter den Fenster; Nil drückt sein Gesicht an die Fensterscheibe und sieht auf die Straße hinaus.   So geht's ein Jahr, höchstens zwei … dann sind sie fertig! Strolche und Spitzbuben sind sie dann geworden … Nil:   Es scheint, daß es Pertschichin ist … Akulina Iwanowna   in der Tür:   Vater, komm zum Abendbrot! Bessemjonow   erhebt sich:   Pertschichin … das ist auch … solch ein unnützer Mensch. Ab.   Jelena   folgt ihm mit den Blicken:   Bei mir oben … ist das Teetrinken eigentlich behaglicher. Nil:   sie haben mit dem alten sehr geistreich gesprochen … Jelena:   Er bringt mich immer aus dem Konzept … Er hat mich nicht gern – und das ist mir unangenehm … ja, es verletzt mich sogar. Warum kann er mich nicht leiden? Pjotr:   Er ist eigentlich ein gutmütiger alter Mann – aber er besitzt eine große Eigenliebe … Nil:   Und dann ist er auch ein bißchen habgierig … und ein bißchen bösartig … Polja:   Pßt! So soll man nicht hinter dem Rücken eines Menschen reden! Das ist nicht schön. Nil:   Daß er habgierig ist? Nein, das ist nicht schön … Tatjana   trocken:   Ich schlage vor, daß wir von diesem Thema absehen … Der Vater kann jeden Augenblick hereinkommen … während der letzten drei Tage hat er nicht geschimpft … sucht gegen jedermann freundlich zu sein … Pjotr:   Und das fällt ihm wahrhaftig nicht leicht … Tatjana:   Man muß das anerkennen … Er ist alt … er ist nicht schuld daran, daß er vor uns geboren wurde … und nicht so denkt wie wir … Erregt.   Wieviel Grausamkeit steckt doch in den Menschen! Wie hart, wie mitleidslos sind wir alle! Man lehrt uns, daß wir einander lieben sollen … man sagt uns: Seid gut … seid sanftmütig … Nil,   ihren Ton nachahmend:   Man setzt sich auf unsern Nacken und reitet auf uns … Jelena lacht; Polja und Teterew lächeln. Pjotr geht auf Nil zu, dem er irgend etwas sagen will. Tatjana schüttelt vorwurfsvoll den Kopf.   Bessemjonow   tritt herein und wirft Jelena einen unfreundlichen Blick zu:   Pelageja! Dein Vater ist dort in der Küche … Geh, sag ihm, er möchte ein andermal kommen, wenn er nüchtern ist … ja! Sag ihm: »Väterchen – geh du nach Hause …« und so etwas … Polja und hinter ihr Nil ab.   Bessemjonow   zu dem abgehenden Nil:   Geh auch du … sieh dir deinen zukünftigen … hm … Bricht ab und setzt sich an den Tisch.   Was schweigt ihr denn? Ich habe beobachtet, daß sobald ich in die Tür trete, gleich alle den Mund schließen … Tatjana:   Wir reden auch sonst nicht viel … Bessemjonow   schielt heimlich nach Jelena hinüber:   Und worüber habt ihr denn gelacht? Pjotr:   So über irgendeine Albernheit! Nil … Bessemjonow:   Immer dieser Nil! Alles geht von ihm aus … Das wußte ich ja … Tatjana:   Soll ich dir Tee einschenken? Bessemjonow:   Schenk ein … Jelena:   Gib her, Tanja, ich werde eingießen … Bessemjonow:   Nicht doch! Warum wollen Sie sich bemühen, meine Tochter wird mir einschenken … Pjotr:   Ich denke doch, es ist gleichgültig, wer einschenkt … Tanja ist krank … Bessemjonow:   Ich habe dich nicht gefragt, wie du darüber denkst, Wenn dir fremde Leute lieber sind als deine Verwandten … Pjotr:   Vater! Daß du dich nicht beherrschen kannst … Tatjana:   Er fängt wieder an! Pjotr, sei vernünftig! Jelena   gezwungen lächelnd:   Nun, es verlohnt sich doch nicht … Die Tür öffnet sich weit, und Pertschichin tritt ein. Er ist leicht angeheitert.   Pertschichin:   Wassil Wassiljewitsch, ich bin hierher gekommen, … Du bist vor mir weggelaufen … ich aber bin dir … nachgekommen … Bessemjonow   ohne ihn anzusehen:   Bist du gekommen, dann setz dich … Da, trink Tee … Pertschichin:   Ich brauch keinen Tee –- trink ihn selber! … Ich bin gekommen, um mit dir zu reden … Bessemjonow:   Wird was Rechtes sein! Lauter albernes Zeug … Pertschichin:   Albernes Zeug? Lacht.   Bist du ein Sonderling! Nil kommt herein und bleibt, während er Bessemjonow streng anblickt, neben dem Schrank stehen.   Pertschichin:   Vier Tage lang schickte ich mich an, zu dir zu kommen …na, und nun bin ich da … Bessemjonow:   Sehr schön von dir! Pertschichin:   So? Findest du es wirklich schön, Wassilij Wassiljewitsch? Du kluger Mann! Du reicher Man … Ich bin aber zu deinem Gewissen gekommen! Pjotr   tritt an Nil heran, leise:   Warum hast du ihn hereingelassen? Nil:   Laß ihn! Das geht dich nichts an! Pjotr:   Was du immer anstellst … weiß der Teufel … Pertschichin   Pjotr überschreiend:   Alter Mann, ich kenne dich schon lange! Bessemjonow   aufgebracht:   Was willst du denn von mir? Pertschichin:   Sag mir – warum hast du mich neulich aus dem Hause gejagt? Hab immer wieder drüber nachgedacht – und konnt's nicht fassen! Sag's doch, Bruder! Ich komm im Guten zu dir, ohne Haß … Bessemjonow:   Mit 'nem gehörigen Affen kommst du, schäm dich! Tatjana   will nach ihrem Zimmer gehen:   Pjotr, so hilf mir doch … oder nein, ruf Polja … Pjotr ab.   Pertschichin:   Da ist Polja, meine liebe Tochter! Mein unschuldiges Vögelchen … Hast du mich vielleicht um ihretwillen fortgejagt? Wie? Darum, weil sie Tatjana einen Freier abspenstig gemacht hat? Tatjana:   Oh! Wie abgeschmackt … wie albern … Bessemjonow   erhebt sich langsam von seinem Platz:   Höre, du – Pertschichin! Zum zweitenmal … Jelena   halblaut zu Nil:   Sie werden sich in die Haare geraten … Führen Sie ihn hinaus! Nil:   Fällt mir nicht ein … Pertschichin:   Zum zweitenmal … wirst du mich nicht hinausjagen, Wassil Wassiljewitsch! Hast keinen Grund dazu! Polja … ich liebe sie … ist meine brave Tochter! Na, und doch kann ich's nicht gut heißen, Bruder … was sie getan hat … nein! Was hat sie sich an fremdem Gut zu vergreifen? Das ist nicht schön! Tatjana:   Lena! Hilf mir … ich geh in mein Zimmer … Jelena hilft ihr; während sie an Nil vorübergehen, spricht Tatjana halblaut zu ihm.   Daß ihr euch nicht schämt! Bringt ihn doch fort … Bessemjonow   sucht sich zu beherrschen:   Pertschichin! Halt den Mund! Setz dich und schweig … oder geh nach Hause! Polja kommt herein; hinter ihr Pjotr.   Pjotr   zu Polja:   so beruhigen Sie sich doch … ich bitte Sie ... Polja:   Wassilij Wassiljewitsch! Warum haben Sie den Vater neulich aus dem Hause gejagt? Bessemjonow sieht finster und schweigsam alle nacheinander an.   Pertschichin   droht Polja mit dem Finger:   Pst! Rede nicht, Tochter … Du weißt doch, warum sich …Tatjana vergiftet hat! Siehst du! Hör mich an, Wassil Wassiljewitsch! Laß mich alles entscheiden … nach Wahrheit und Gewissen, wie sich's gehört … Die Sache ist … sehr einfach … Polja:   Laß sein, Vater … Pjotr:   Erlauben sie, Polja … Nil   zu Pjotr:   Schweig du lieber … Bessemjonow:   Hör mal du, Pelageja – du bist mir zu keck … Pertschichin:   Was sagst du! Sie … zu keck? Nein, sie ist im Gegenteil … Bessemjonow:   So schweig endlich! Eins versteh ich nicht recht … wem gehört eigentlich dieses Haus? Wer ist hier Herr und Richter? Pertschichin:   Richter – bin ich! Ich will über alles richten … und über alle, hübsch der Reihe nach … Vergreif dich nicht an fremdem Eigentum – soviel fürs erste! Hast du Fremdes genommen, so gib's zurück – das fürs zweite. Pjotr   zu Pertschichin:   Nun laß endlich dein Geschwätz! Komm in mein Zimmer … Pertschichin:   Laß mich, Pjotr – ich kann dich nicht leiden! Du bist ein hochmütiger Mensch … hohl bist du! Weißt gar nichts! … Was ist Kanalisation? Aha! Man hat mir's erklärt, Bruder … Pjotr zerrt ihn am Ärmel.   Rühr mich nicht an, du … Nil   zu Pjotr:   Rühr ihn nicht an … laß das! Bessemjonow   zu Nil:   Du willst wohl gar hier hetzen – was? Nil:   Nein, ich möchte nur dahinterkommen, um was es sich handelt. Was hat Pertschichin verbrochen? Warum hat man ihn hinausgeworfen? … Was hat Polja damit zu schaffen? Bessemjonow:   Das soll wohl ein Verhör sein? Nil:   Und wenn's eins wäre – was tut's? Sie sind ein Mensch … ich ebenfalls … Bessemjonow   voll Wut:   Nein, du bist kein Mensch … Du bist – ein wildes Tier … Pertschichin:   Pst! Immer hübsch sacht, nach Recht und Gewissen … Bessemjonow   zu Polja:   Und du – giftige Schlange! Du – Bettlerin! … Nil   zähneknirschend:   Schreien Sie nicht! … Bessemjonow:   Was wagst du? Hinaus, Natter! … Ich hab dich großgezogen … mit meinem Schweiß und Blut … Tatjana   aus ihrem Zimmer:   Papa! Papa! Pjotr   zu Nil:   Da hast du's! Ach, du … solltest dich schämen… Polja   leise:   Wagen Sie nicht noch einmal, mich zu beschimpfen! Ich bin nicht Ihre Magd … Sie dürfen nicht jeden Menschen beleidigen … Und sagen Sie's endlich – warum haben Sie den Vater aus dem Hause gejagt? Nil   ruhig:   Auch ich möchte es wissen … Wir sind doch hier nicht unter Irrsinnigen … Ein jeder ist verantwortlich für das, was er tut … Bessemjonow   maßvoller, mit Gewalt an sich haltend:   Hüte dich, Nil, vor der Sünde … hüte dich! Geh in dich … Du bist mein Pflegling … ich habe dich aufgezogen … Nil:   Werfen Sie mir das Brot nicht vor, das ich hier gegessen habe … Ich habe abgearbeitet, was ich verzehrt habe … Bessemjonow:   Aber du hast … meine Seele gefressen … Räuber! Polja   nimmt Nils Arm:   Gehen wir fort von hier1 Bessemjonow:   Geh, Schlange … Kriech zu! Deinetwegen … ist alles so gekommen … Du hast meine Tochter gebissen … deinetwegen leidet sie … Pertschichin:   Wassil Wassiljewitsch! Immer hübsch sacht, nach Recht und Gewissen! Tatjana   schreit:   Vater! Es ist nicht wahr! … Pjotr, so sag's ihnen doch! Erscheint in der Tür ihres Zimmers und schreitet, hilflos die Arme ausstreckend, nach der Mitte der Szene.   Das ist alles … so überflüssig! Oh, mein Gott! Pjotr! Terentij Chrisfanowitsch! Sagen Sie es ihnen doch … Nil! Polja! Um Gottes Willen – geht! Geht! Warum das alles? … Alle rennen wie kopflos hin und her. Teterew erhebt sich langsam, mit höhnischem Grinsen, vom Stuhl. Bessemjonow weicht vor Tatjana zurück. Pjotr stützt Tatjana mit seinen Armen und blickt dabei fassungslos um sich.   Polja   zu Nil:   Gehen wir! Nil:   Gut … Zu Bessemjonow:   Wir wollen gehen … Es tut mir leid, daß es so geräuschvoll geschieht … Bessemjonow:   Geh, geh … führ sie fort… Nil:   Ich kehre nicht mehr zurück … Polja   laut, mit bebender Stimme:   Mir so etwas vorzuwerfen … ich hätte Tanja … ist's denn möglich? Bin ich denn schuld daran? Schämen Sie sich … Bessemjonow   wutschnaubend:   Wirst du endlich gehen … Nil:   Immer hübsch ruhig … Pertschichin:   Regt euch nicht auf, Kinder! Alles im Guten … Polja:   Leben sie wohl! Komm, Vater! Nil   zu Pertschichin:   Gehen wir! Pertschichin:   Nein, ich geh nicht mit euch! Es paßt mir nicht … Ich geh meine eignen Wege … Terentij! Ich steh hier ganz allein … hab mir nichts vorzuwerfen … Teterew:   Komm auf mein Zimmer … Polja:   So komm doch! Komm – bevor sie dich hinauswerfen … Pertschichin:   Nein, ich geh nicht … Terentij – es paßt mir nicht, mit ihnen zu gehen! … Pjotr   zu Nil:   So geht doch endlich … zum Teufel! … Nil:   Ich gehe … Leb wohl … Was bist du doch für ein … Polja:   Gehen wir, gehen wir! Beide ab.   Bessemjonow   ruft hinter ihnen her:   Halt! Erst verneigt euch zum Abschied … Pjotr:   So laß sie doch gehen, Vater! Hör auf … Tatjana:   Papa! Lieber Papa! … Hör auf zu schreien … Bessemjonow:   Nein! Sie sollen zurückkommen … hierher … sollen sie … Pertschichin:   Nun, jetzt sind sie fort … 's ist besser so! Laß sie! Bessemjonow:   Möchte ihnen zum Abschied noch Bescheid sagen … den Spitzbuben! Hab sie gespeist und getränkt … Zu Pertschichin.   Und du, alter Satan! Dummkopf! Kommst hierher und schwatzt drauflos … was willst du eigentlich? Was willst du? Pjotr:   Papa! Genug … Pertschichin:   Wassil Wassiljewitsch! Schrei nicht … Ich achte dich ja, du spaßiger Kauz! Bin zwar ein dummer Kerl, das ist richtig – aber ich weiß doch … was sich für jemanden ziemt … Bessemjonow   nimmt auf dem Sofa Platz:   ich bin … ganz wirr im Kopf. Begreife gar nicht … was ist geschehen? Ganz plötzlich, wie im Sommer, in der heißen Zeit, wenn eine Feuersbrunst tobt … mit einemmal – fehlt einer! Ich kehr nicht wieder, sagt er … Und wie er's sagte: so einfach, mir nichts, dir nichts! Ach du … nein, ich kann's nicht glauben … Teterew   zu Pertschichin:   Was machst du hier noch? Was willst du? Pertschichin:   Nur der Ordnung wegen, Bruder! … Ich entscheide sehr einfach, siehst du: eins – zwei! Damit basta! Ist sie meine Tochter? Gut … dann muß sie mir … Schweigt plötzlich.   Aber was bin ich schließlich … für ein Vater? Nichts muß sie … Bin ein schlechter Vater! Mag sie leben, wie sie will! Und Tanja – die tut mir leid … Tanja … du tust mir leid … Ihr tut mir überhaupt … alle leid, meine Lieben! Ach ja! Denn um die Wahrheit zu sagen – ihr seid alle … Dummköpfe! … Bessemjonow:   Schweig endlich … Pjotr:   Tanja! Ist Jelena Nikolajewna gegangen? Jelena   aus Tatjana Zimmer:   Ich mache hier … die Medizin zurecht. Bessemjonow:   Ganz wüst ist mir im Kopf … nichts kann ich begreifen … Wird Nil wirklich … so fortgehen? Akulina Iwanowna   kommt herein, besorgt:   Was ist denn geschehen? Nil und Polja sind in der Küche … und ich war in der Kammer nebenan … Bessemjonow:   sind sie fort? Akulina Iwanowna:   Nein … sie warten auf Pertschichin … Pelageja meinte zu mir: »Sag doch dem Vater, er möchte kommen« – und ihre Lippen zitterten dabei. Nil knurrt immerzu wie ein Hund. Was ist denn eigentlich los? Bessemjonow   erhebt sich:   Wart mal … ich will doch sehen … Pjotr:   Tu's nicht, Vater! Geh nicht … Tatjana:   Papa! Laß es doch, bitte … Bessemjonow:   Was soll ich lassen? Akulina Iwanowna:   Ja – was ist denn geschehen? Bessemjonow:   Nil geht fort … für immer … begreifst du? Pjotr:   Nun, was schadet's denn? Laß ihn gehen! Was soll es dir? Er heiratet … er will seinen eignen Hausstand gründen … Bessemjonow:   Ah! So bin ich also … ich bin ihm ein Fremder? Akulina Iwanowna:   Was beunruhigst du dich, Vater? Gott mit ihm! Laß ihn gehen … Wir haben unsre eignen Kinder … Was willst du denn noch, Pertschichin? So geh doch! Pertschichin:   Ich geh nicht mit ihnen … hab meinen eignen Weg … Bessemjonow:   Nicht darum ist es mir zu tun, daß er gegangen ist! Willst du gehen – meinetwegen! Aber wie … wie er gegangen ist! Mit was für Augen er mich angesehen hat! … Jelena kommt aus Tatjanas Zimmer.   Teterew   nimmt Pertschichin Arm und führt ihn nach der Tür:   Komm, wir trinken ei Gläschen Minze … Pertschichin:   Ach, du Sänger Gottes! Das war ein rechtes Wort! Pertschichin und Teterew ab.   Bessemjonow:   Ich wußte, daß er uns verlassen würde … aber doch nicht auf die Art! Und diese … diese Jungfer … diese Tagelöhnerin schreit mich an … ich will ihnen doch meine Meinung sagen … Akulina Iwanowna:   Laß schon, Vater! Sie sind ja für uns Fremde! Wer wird ihnen denn nachlaufen? Sie sind fort – und damit gut. Jelena   zu Pjotr:   Kommen sie zu mir … Tatjana   zu Jelena:   Auch ich … nehmt auch mich mit … Jelena:   Mit Vergnügen … gehen wir! Bessemjonow   der ihre Worte gehört hat:   Wohin denn? Jelena:   Nach Hause … zu mir … Bessemjonow:   Wen riefen sie? Pjotr? Jelena:   Ja … ihn und Tanja … Bessemjonow:   Von Tanja red ich nicht. Pjotr aber hat … bei Ihnen nichts zu suchen! Pjotr:   Erlaube, Vater! Ich bin kein kleiner Junge! Ich gehe oder gehe nicht … wie es mir gefällt! Bessemjonow:   Du wirst nicht gehen! Akulina Iwanowna:   Petja, gib nach! Folg dem Vater! Jelena   empört:   Erlauben Sie, Wassilij Wassiljewitsch! … Bessemjonow:   Nein, erlaubt ihr schon, meine gebildeten Herrschaften! Wenn ihr auch euer Gewissen verloren habt und keinen Menschen respektiert … Tatjana   schreit hysterisch:   Papa! Hör auf! Bessemjonow:   Schweig! Wenn du nicht Herrin deines Schicksals bist – dann schweig! … Halt – wohin? Jelena geht zur Tür.   Pjotr   stürzt ihr nach und faßt ihre Hand:   Erlauben sie … nur einen Augenblick … wir müssen uns aussprechen … ein für allemal … Bessemjonow:   Hier muß man vor allem mich anhören … haben Sie also die Güte! Lassen sie mich klar darüber werden: was geht hier vor? Pertschichin kommt herein, vergnügt, mit strahlendem Gesicht; hinter ihm, gleichfalls lächelnd, Teterew. Sie bleiben an der Tür stehen und sehen sich gegenseitig an. Pertschichin deutet blinzelnd, mit einer Handbewegung, auf Bessemjonow.   Alles läuft hier fort – ohne ein Wort der Erklärung … ohne Sinn und Zweck … Das ist unpassend … verletzend … Wohin willst du denn gehen, Pjotr? Wer bist du eigentlich? Wie willst du leben? … was willst du tun? Akulina Iwanowna schluchzt. Pjotr, Jelena und Tatjana stehen in einer Gruppe eng beieinander vor Bessemjonow; bei den Worten: »Wohin willst du denn gehen?« begibt sich Tatjana an den Tisch, neben dem ihre Mutter steht. Pertschichin macht Teterew Zeichen, schüttelt den Kopf und fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, als wollte er Vögel verscheuchen.   Ich hab ein Recht, dich zu fragen … Du bist jung, bist noch … dumm … Achtundfünfzig Jahre lang hab ich meine Sehnen angespannt, in Arbeit und Sorgen für meine Kinder … Pjotr:   Das hab ich schon hundertmal gehört, Vater … Bessemjonow:   Halt den Mund! Akulina Iwanowna:   Ach Petja, Petja … Tatjana:   Mama, du weißt nicht … um was es sich handelt! Akulina Iwanowna schüttelt den Kopf.   Bessemjonow   zu Pjotr:   Schweig du! Was kannst du vorbringen zu deiner Rechtfertigung? Worauf hinweisen? Es gibt nichts … Pjotr:   Vater! Du quälst mich wahrhaftig … Was willst du eigentlich von mir? Was verlangst du? Akulina Iwanowna   plötzlich laut:   Wart, laß auch mich reden … Auch ich hab was auf dem Herzen … Sag nur, mein Sohn – was tust du? Was hast du da eingefädelt? Wen hast du in der Sache befragt? Tatjana:   Das ist schrecklich! Das ist, wie wenn man mit einer stumpfen Säge sägte … Zur Mutter.   Ihr zerreißt einem Seele … und Leib … Akulina Iwanowna:   Wie nanntest du deine Mutter? Eine Säge? Deine eigene Mutter? Bessemjonow:   Wart, Alte! Er will was sagen … mag er sich aussprechen… Jelena   zu Pjotr:   Nun hab ich's satt. Ich kann's nicht länger mit ansehen … ich gehe … Pjotr:   Warten Sie … um Gottes willen … Gleich wird sich alles klären … Jelena:   Nein – das ist hier ein wahres Irrenhaus … Teterew:   Jelena Nikolajewna – gehen sie! Schicken Sie sie alle miteinander zum Teufel! Bessemjonow   zu Teterew:   He, sie … mein Herr … Tatjana:   Hört denn das nicht endlich auf? Pjotr, so geh doch! Pjotr   fast schreiend:   Vater … Mutter … seht her! Ich stell euch meine Braut vor! Pause. Alle schauen auf Pjotr. Dann schlägt Akulina Iwanowna die Hände zusammen und blickt erschrocken auf ihren Gatten. Bessemjonow weicht mit dem ganzen Körper zurück, als wenn er einen Stoß erhalten hätte, und neigt hierauf den Kopf. Tatjana seufzt schwer und geht langsam, mit kraftlos herabhängenden Armen zum Klavier.   Teterew   halblaut:   Die Zeit hat er recht geschickt gewählt … Pertschichin   tritt vor:   Na, siehst du – da fliegt ja das ganze Nest aus! Immer heraus aus dem Bauer, Kinderchen – wie die Vögel zu Mariä Verkündigung … Jelena   zieht ihren Arm aus Pjotr Arm:   Lassen Sie mich! Ich kann nicht … Pjotr   murmelnd:   Jetzt ist alles klar … mit einem Schlage … Bessemjonow   verneigt sich ironisch vor Pjotr:   Nun, ich danke dir, mein Sohn … für die freudige Nachricht … Akulina Iwanowna   weinerlich:   Ins Verderben rennst du, Petenka … Ist denn das 'ne Partie für dich? … Pertschichin:   Die? Für Pjotr? Was plapperst du da, alte? Was ist denn der ganze Pjotr wert? Bessemjonow   zu Jelena, langsam:   Auch Ihnen dank ich, meine Dame! Jetzt ist er ja geliefert! Er sollte sich jetzt hinsetzen und lernen …und statt dessen … wirklich sauber! Hab immer schon was geahnt … Böse.   Wünsch Ihnen Glück zu der Eroberung! Meinen Segen bekommst du nicht, Petka! Zu Jelena.   Und du … du … hast ihm aufgelauert … ihn gestohlen … du räudige Katze … Jelena:   Wagen Sie es nicht! … Pjotr:   Vater! Du bist … verrückt! Jelena:   Nein, halten Sie ein, Pjotr – er sagt die Wahrheit! J, ich hab ihn euch weggenommen, ich selbst! Ich hab ihm zuerst den Vorschlag gemacht, daß er mich heiraten soll … Hören Sie, alter Uhu? Hören Sie? … Ich hab ihn euch entrissen … Er tat mir leid! Ihr habt ihn zuschanden gequält … Ihr seid eine Art Rost, und keine Menschen! Eure Liebe – war sein Verderben! Ihr denkt – oh, ich weiß, Ihr denkt es – daß ich das um meinetwillen getan habe? Nun – denkt, was ihr wollt … Oh, wie ich euch hasse! Tatjana:   Lena! Lena! Was ist denn mit dir? Pjotr:   Jelena … kommen Sie! Jelena:   Hören Sie nun:: ich lasse mich vielleicht noch nicht mit ihm trauen! Das freut Sie, was? Es kann sehr leicht sein … Sie brauchen sich nicht vorzeitig zu ängstigen … Ich werde einfach so mit ihm leben … ohne Trauung … Aber ihr sollt ihn nicht wieder haben! Nein! Ihr sollt ihn nicht mehr quälen! Und er wird auch nie mehr zu euch kommen –- niemals! Niemals! Niemals! Teterew:   Vivat! Vivat! Das ist ein Weib! Akulina Iwanowna:   Ach – mein Gott! Vater … was ist das? Vater … Pjotr   drängt Jelena zur Tür:   Komm … Kommen Sie … nur fort! Jelena entfernt sich und zieht Pjotr mit sich fort.   Bessemjonow   sieht sich hilflos um:   So also steht's … Ruft plötzlich laut und rasch.   Holt die Polizei! Stampft mit den Füßen auf.   Hinaus aus der Wohnung! Gleich morgen … ach, du! … Tatjana:   Papa! Was ist dir denn? Pertschichin   schaut verständnislos drein:   Wassil Wassiljewitsch – alter Freund! Was ist dir denn? Was schreist du so? Solltest dich doch freuen … Tatjana   tritt an den Vater heran:   So hör doch … Bessemjonow   zu Tatjana:   Ah, sieh … Du bist auch noch da! Warum gehst du denn nicht fort? So geh doch – auch du! … Weißt nicht, wohin? Mit wem? Hast die Gelegenheit verpaßt? Tatjana reißt sich los und geht rasch zum Klavier. Akulina Iwanowna eilt ihr ratlos nach.   Pertschichin:   Wassil Wassiljewitsch – sei vernünftig! Lernen wird der Pjotr jetzt natürlich nicht mehr … wozu auch? Bessemjonow blickt stumpf in Pertschichin Gesicht und nickt mit dem Kopf.   Pertschichin:   Zu leben hat er … Du hast ja Geld genug gespart! … Ein Weibchen hat er, wie aus dem Ei gepellt … und du schreist, machst Spektakel! So komm doch zur Besinnung, Sonderling! Teterew lacht laut.   Akulina Iwanowna   wehklagend:   Alle haben uns verlassen … die Herzlosen … Bessemjonow   blickt um sich:   Schweig, Mutter! Sie werden wiederkommen … werden es nicht wagen! … Wohin sollen sie gehen? Zu Teterew.   Was fletschst du die Zähne? Pestbeule du! Satan! Fort aus meinem Hause! Ihr seid alle eine einzige Räuberbande … Pertschichin:   Wassil Wassilitsch! Bessemjonow:   Fort mit dir! Unglücklicher … Landstreicher … Akulina Iwanowna:   Tanja! Tanetschka! Meine Liebe! Du Kranke, Unglückliche! Was soll nun werden? Bessemjonow:   Du hast alles gewußt, mein Töchterchen! Du wußtest es und hast geschwiegen. Verschworen habt ihr euch gegen den Vater! Plötzlich, wie erschreckend:   Du meinst … er wird nicht lassen von ihr? Von solch einem Weibsbild? Diese liederliche Person … soll er heiraten? Mein Sohn? Fluch über euch! Ihr Unseligen … Verworfenen … Tatjana:   Laßt mich in Ruhe! Seht zu, daß ich euch … nicht hassen muß! Akulina Iwanowna:   Mein Töchterchen! Mein unglückliches Kind! Zuschanden gequält haben sie dich … und uns alle … warum nur? Bessemjonow:   Und wer hat's getan? Alles der Nil, dieser Räuber … dieser Schurke! Dem Sohne hat er den Kopf verdreht … der Tochter schweres Leid zugefügt! Erblickt Teterew, der neben dem Schrank steht.   Was willst du denn noch, du Lumpenkerl? Scher dich aus meinem Hause! Pertschichin:   Wassil Wassiljewitsch! Was schimpfst du ihn? Sag – bei dir rappelt's wohl? Teterew   zu Bessemjonow:   Schrei nicht, Alter! Wirst doch nicht alles verscheuchen, was auf dich eindringt … Beunruhige dich übrigens nicht … dein Sohn wird zurückkehren … Bessemjonow   lebhaft:   Woher … woher weißt du es? Teterew:   Er wird sich nicht weit fortwagen von dir. Er ist nur vorübergehend mal nach oben gegangen, oder vielmehr – man hat ihn hinaufgezogen … Aber er wird schon wieder herunterkommen … Du wirst sterben – er wird den Stall etwas umbauen, wird die Möbel in ihm umstellen und wird leben – wie du, ebenso ruhig, verständig und behaglich … Pertschichin   zu Bessemjonow:   Siehst du? Sonderling du! Hitzkopf! Der Mensch wünscht dir alles Gute … beruhigt dich mit freundlichen Worten … und du brüllst auf ihn los! Ich sag dir, Terentij ist ein kluger Bursche! … Teterew:   Er wird die Möbel hier umstellen – und in dem Bewußtsein ruhig weiterleben, daß er seine Pflicht gegen das Leben und die Menschen musterhaft erfüllt hat. Ihr seid euch ja ganz und gar ähnlich, ihr beiden … Pertschichin:   Wie ein Ei dem andern … Teterew:   Beide gleich feig … und gleich dumm … Pertschichin   zu Teterew:   Halt! Was sagtest du? Bessemjonow:   Hör, du – rede, aber schimpf nicht1 … Teterew:   Auch ebenso habsüchtig wird er mal sein und ebenso selbstgerecht und hartherzig wie du. Pertschichin starrt verwundert in Teterews Gesicht; er hegt Zweifel darüber, ob Teterew den Alten tröstet oder schilt. Auch auf Bessemjonows Gesicht prägt sich Zweifel aus, doch interessiert ihn Teterews Rede.   Und sogar ebenso unglücklich wird er sein, wie du es jetzt bist … Das Leben geht weiter, alter, und wer nicht mitgeht, bleibt bald einsam zurück … Pertschichin:   Da! Hörst du? 's geht also alles, wie es soll – und du ärgerst dich?! Bessemjonow:   Bleib mir vom Halse mit deinem Geschwätz! Teterew:   Und ebensowenig, wie sie dich jetzt schonen, werden sie deinen unglücklichen Jammerkerl von Sohn verschonen, und werden ihm ebenso die Wahrheit ins Gesicht sagen, wie ich sie dir jetzt sage … »Weshalb hast du nun gelebt?« werden sie ihn fragen – »was hast du Gutes vollbracht?« Und ganz so, wie du jetzt, wird dein Sohn keine Antwort finden … Bessemjonow:   Das heißt … was du so sprichst … das hört sich ja ganz gut an! Aber was denkst du in deinem Herzen? Nein, ich glaube dir nicht. Es bleibt dabei: Du räumst dein quartier! Lange genug hab ich beuch ertragen! Auch du hast hier … Unheil genug gestiftet … Teterew:   Ach, hätt' ich's nur getan! … Aber … ich tat's leider nicht … Ab.   Bessemjonow   kopfschüttelnd:   Na, so will ich's also tragen … schön! Wollen's abwarten! Das ganze Leben hab ich gelitten … gut, so will ich weiter leiden! Geht in sein Zimmer. Akulina Iwanowna   läuft hinter ihm her:   Vater! Du mein Geliebter! Wofür haben uns nur unsre Kinderchen … so gestraft? Ab in ihr Zimmer. Pertschichin steht in der Mitte der Szene und blinzelt verständnislos. Tatjana sitzt auf dem Stuhl am Klavier und blickt mit verstörten Augen ringsum; aus dem Zimmer der Alten vernimmt man dumpfes Gemurmel.   Pertschichin:   Tanja! … Tan … Tatjana sieht ihn nicht an und antwortet ihm nicht.   Pertschichin:   Tanja! Was ist denn los? Die einen sind fortgelaufen, die andern weinen? … Was soll denn das heißen? He? Schaut auf Tatjana und seufzt. Sonderbares Volk! Schaut nach der Tür zum Zimmer der Alten und dann kopfschüttelnd nach der Tür zum Hausflur.   Ich will lieber … zu Terentij gehen … Sonderbares Volk! Tatjana beugt sich langsam vor und stützt sich mit den Ellenbogen auf die Tasten des Klaviers. Ein unharmonischer Ton vieler Saiten schrillt laut durchs Zimmer und – verhallt.