Leo Tolstoi Auferstehung »Da trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der wider mich sündigt, verzeihen? Bis auf siebenmal? Jesus antwortete ihm: Ich sage dir, nicht bis auf siebenmal, sondern bis auf siebenzigmal sieben.«         (Ev. Matthäi, XVIII, 21–12.) »Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge, des Balkens aber in deinem Auge achtest du nicht?«         (Ev. Matthäi, VII, 3.) »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.«         (Ev. Johannis, VIII, 7.) »Der Jünger ist nicht über seinen Meister; jeder Vollkommene aber wird wie sein Meister sein.«         (Ev. Lucä, VI, 40.) Erster Teil 1 Wie sehr sich die Menschen auch mühten, nachdem sich ihrer einige Hunderttausend auf einem kleinen Raume angesammelt hatten, die Erde, auf der sie sich drängten, zu verunstalten; wie sehr sie den Boden mit Steinen zurammelten, damit nichts darauf wachse, wie eifrig sie ihn von jedem hervorbrechenden Gräschen reinigten, wie sehr sie mit Steinkohlen, mit Naphtha dunsteten, wie sie auch die Bäume beschnitten, alle Tiere und Vögel verjagten – der Frühling war doch Frühling, sogar in der Stadt! Die Sonne wärmte, das neu auflebende Gras wuchs, grünte überall, wo man es nicht weggekratzt hatte, nicht nur auf den Rasenstücken der Boulevards, sondern auch zwischen den Steinplatten; Birken, Pappeln, Traubenkirschen ließen ihre klebrigen, duftigen Blätter sich entfalten; die Linden schwellten ihre berstenden Knospen; Dohlen, Spatzen und Tauben bereiteten schon frühlingshaft fröhlich ihre Nester; Bienen und Fliegen summten, von der Sonne erwärmt, an den Wänden. Fröhlich waren die Pflanzen, die Vögel, die Insekten, die Kinder. Nur die Menschen, die großen erwachsenen Menschen hörten nicht auf, sich und einander zu betrügen und zu quälen. Die Menschen glaubten, daß nicht dieser Frühlingsmorgen heilig und wichtig sei, nicht diese Schönheit der Gotteswelt, die zum Heil aller Wesen gegeben ist – die Schönheit, die zum Frieden, zur Eintracht, zur Liebe geneigt macht, sondern heilig und wichtig war das, was sie selbst sich ausgedacht hatten, um übereinander zu herrschen. So wurde in dem Bureau des Gouvernementsgefängnisses nicht für heilig und wichtig gehalten, daß allen Tieren und Menschen die Rührung und die Freude des Frühlings gegeben ist, sondern für heilig und wichtig ward gehalten, daß abends zuvor ein mit Nummer, Siegel und Überschrift versehenes Papier eingegangen war, darüber, daß zu neun Uhr morgens an diesem Tage, dem 28. April, drei sich in Untersuchung befindende und im Gefängnis gehaltene Gefangene – zwei Frauen und ein Mann – vorgeführt werden sollten. Eine dieser Frauen mußte als die wichtigste Verbrecherin abgesondert vorgeführt werden. Und nun kam auf Grund dieser Vorschrift um acht Uhr morgens am 28. April der Oberaufseher in den stinkenden Korridor der weiblichen Abteilung herein. Gleich hinter ihm betrat den Korridor eine Frau mit zerquältem Gesicht, mit grauen, krausen Haaren, die eine Jacke mit Tressen an den Ärmeln und einen Gürtel mit blauer Borte trug. Es war die Aufseherin. »Wollen Sie die Maslowa haben?« fragte sie, indem sie sich mit dem diensthabenden Aufseher einer der Zellentüren näherte, die sich in den Korridor öffneten. Der Aufseher schloß, laut mit seinen Schlüsseln rasselnd, auf, und nachdem er die Tür der Zelle geöffnet hatte, aus welcher eine noch übler riechende Luft strömte als die im Korridor, schrie er: »Maslowa, vor Gericht!« und er machte die Tür wieder zu und wartete. Sogar auf dem Gefängnishofe war frische, belebende, vom Winde in die Stadt getriebene Luft. Im Korridor aber herrschte eine niederdrückende, typhöse Luft, die vom Geruch der Ausleerungen, von Teer und Fäulnis gesättigt war und jeden Neuangekommenen sogleich in Niedergeschlagenheit und Betrübnis versetzte. Das erfuhr an sich selbst die vom Hofe gekommene Aufseherin, trotzdem sie an die schlechte Luft gewöhnt war. Sie empfand plötzlich, als sie in den Korridor eingetreten war, Müdigkeit und wurde schläfrig. In der Kammer hörte man ein hastiges Getriebe, weibliche Stimmen und Schritte nackter Füße. »Immer rasch! Du da, rühr' dich! Maslowa, sag' ich«, schrie der Oberaufseher in die Zellentür. Nach etwa zwei Minuten kam aus der Tür lebhaften Schrittes ein nicht gerade hochgewachsenes, sehr vollbusiges junges Frauenzimmer im grauen Gefängniskaftan über einer weißen Jacke und weißem Rock. Sie drehte sich rasch um und stellte sich neben den Aufseher. An den Beinen trug sie leinene Strümpfe, darüber Gefängnispantoffeln; der Kopf war mit einem weißen Halstuch umbunden, unter welchem die Ringel der krausen, schwarzen Haare augenscheinlich mit Absicht hängen gelassen waren. Das ganze Gesicht der Frau war von der besonderen Weiße, die sich auf den Gesichtern von Menschen einzustellen pflegt, die lange Zeit hinter Schloß und Riegel zugebracht haben, und die an Kartoffelkeime im Keller erinnert. Ebenso sahen auch die kleinen breiten Hände aus und der volle weiße Hals, der aus dem großen Kragen des groben Kaftans hervorguckte. In diesem Gesicht überraschten bei der matten Blässe besonders die sehr schwarzen, glänzenden, etwas geschwollenen, aber sehr lebhaften Augen, von denen eins ein wenig schielte. Sie hielt sich sehr gerade, indem sie die volle Brust herausdrückte. Nachdem sie auf den Korridor herausgetreten, sah sie, ihren Kopf etwas zurückwerfend, dem Aufseher gerade in die Augen und blieb stehen, voller Bereitwilligkeit, alles zu erfüllen, was man von ihr verlangen würde. Schon wollte der Aufseher die Tür zuschließen, als sich daraus das runzelige, blasse und strenge Gesicht einer barhäuptigen grauen Alten, hervorstreckte. Die Alte begann der Maslowa etwas zu sagen. Aber der Aufseher drückte die Tür gegen den Kopf der Alten, und der Kopf verschwand. Laut lachte in der Kammer eine weibliche Stimme. Auch die Maslowa lächelte und drehte sich nach dem Gitterfensterchen in der Tür um. Von der andern Seite drängte sich die Alte an das Fensterchen, und mit heiserer Stimme sagte sie: »Vor allem eins: sag' nichts Überflüssiges, bleib immer bei einem, und damit gut!« »Wäre nur ein Ende – schlimmer wird es wohl nicht sein«, sagte die Maslowa, den Kopf schüttelnd. »Ein Ende gewiß, aber nicht zwei«, bemerkte der Oberaufseher mit obrigkeitsmäßiger Überzeugtheit von seinem Witz. »Mir nach, marsch!« Das durch das Fensterchen sichtbare Auge der Alten verschwand, und die Maslowa ging nach der Mitte des Korridors; mit raschen kleinen Schritten folgte sie dem Oberaufseher auf dem Fuße, und so stiegen sie die steinerne Treppe hinunter und gingen an den noch mehr als die Weiberzellen stinkenden und lärmenden Männerzellen vorbei, aus welchen sie überall die Augen in den Guckfenstern der Türen begleiteten, und in das Bureau, wo schon zwei Eskortesoldaten mit Gewehren standen. Der Schreiber, welcher dort saß, gab einem der Soldaten ein von Tabaksgeruch durchzogenes Papier, und, indem er auf die Gefangene zeigte, sagte er: »Übernimm sie.« Der Soldat, ein Bauer aus dem Gouvernement Nishnij-Nowgorod, mit rotem, von den Pocken zerwühltem Gesicht, steckte das Papier hinter den Ärmelaufschlag seines Mantels, und lächelnd blinzelte er von der Gefangenen seinem Kameraden zu, einem Tschuwaschen mit starken Backenknochen. Dann stiegen die Soldaten mit ihr die Treppe hinunter und gingen zum Hauptausgang. In der Tür des Hauptausganges öffnete sich ein Pförtchen, und nachdem die Soldaten mit der Gefangenen die Schwelle des Pförtchens nach dem Hof überschritten hatten, kamen sie aus den Mauern hinaus und marschierten durch die Stadt, in der Mitte der gepflasterten Straßen. Droschkenkutscher, Krämer, Köchinnen, Arbeiter, Beamte blieben stehen und betrachteten voll Neugier die Gefangene; einige schüttelten die Köpfe und dachten: sieh, wohin es führt, wenn man sich schlecht – nicht so wie wir – beträgt! Die Kinder sahen mit Entsetzen auf die Räuberin; es beruhigte sie nur, daß hinter ihr die Soldaten gingen, und daß sie jetzt schon niemand mehr etwas antun konnte. Ein Bauer vom Dorf, der Kohlen verkauft und in einem Wirtshause Tee getrunken hatte, näherte sich ihr, bekreuzte sich und reichte ihr eine Kopeke. Die Gefangene errötete, neigte den Kopf und sagte etwas. Während sie die auf sich gerichteten Blicke fühlte, schielte sie unmerklich, ohne den Kopf zu drehen, auf diejenigen, die sie ansahen, und die auf sie gerichtete Aufmerksamkeit freute sie. Es freute sie auch die im Vergleich zum Gefängnis reine Frühlingsluft, aber es tat weh, mit ihren des Gehens entwöhnten und mit ungefügen Gefängnispantoffeln beschuhten Füßen auf die Steine zu treten, und sie sah auf den Weg unter ihren Füßen und bemühte sich, möglichst leicht zu treten. Während sie an einer Mehlhandlung vorbeiging, vor welcher Tauben, von niemand behelligt, ein wenig schaukelnd auf und ab spazierten, berührte sie fast mit dem Fuß einen Blautauber; aufflatternd und mit den Flügeln bebend, flog der Vogel hart an ihrem Ohr vorbei und überschauerte sie mit Wind. Sie lächelte, und dann seufzte sie schwer, indem sie ihrer Lage gedachte. 2 Die Geschichte der Gefangenen Maslowa war eine sehr gewöhnliche Geschichte. Die Maslowa war die Tochter einer unverheirateten Hofmagd, die mit ihrer Mutter, die Viehmagd war, im Dorfe bei zwei Gutsbesitzerinnen, unverheirateten Schwestern, lebte. Dieses ledige Frauenzimmer gebar jedes Jahr, und – wie es auf dem Lande meist gemacht wird – man taufte das Kind, doch nachher ernährte die Mutter das unerwünscht erschienene, unnötige und bei der Arbeit störende kleine Wesen nicht, und es mußte bald Hungers sterben. So starben ihr fünf Kinder. Alle waren sie getauft, nachher wurden sie nicht ernährt, und sie starben eben. Das sechste Kind – erzeugt von einem fahrenden Zigeuner – war ein Mädchen, und sein Schicksal wäre dasselbe gewesen, wenn es sich nicht begeben hätte, daß eins der beiden alten Fräulein auf den Viehhof gekommen wäre, um der Stallmagd einen Verweis wegen des nach der Kuh riechenden Rahms zu geben. In der Wohnung der Stallmägde lag die Wöchnerin mit ihrem schönen, gesunden Säugling. Das alte Fräulein erteilte sowohl für den Rahm als auch dafür einen Verweis, daß man eine Wöchnerin auf den Viehhof gelassen, und wollte schon weggehen, als sie das Kind erblickte. Sie ward gerührt und bot sich an, Taufmutter des Kindes zu sein. Sie hielt es auch über die Taufe; nachher gab sie der Mutter, aus Mitleid mit dem Patenkind, Milch und Geld, und das Kind blieb am Leben. Die alten Fräulein nannten es denn auch: »Die Gerettete«. Das Kind war drei Jahre alt, als die Mutter erkrankte und starb. Der Großmutter, der Viehmagd, war die Enkelin zur Last, und so nahmen die alten Fräulein das Mädchen zu sich. Das schwarzäugige Mädchen wurde ungewöhnlich lebhaft und zierlich, und die alten Fräulein hatten ihre Freude an ihr. Es waren zwei alte Fräulein: eine jüngere, etwas gutmütigere, Sophia Iwanowna – dieselbe, welche das Kind über die Taufe gehalten – und eine ältere, etwas strengere – Maria Iwanowna. Sophia Iwanowna putzte das Mädchen, lehrte es lesen und wollte aus ihm eine Ziehtochter machen. Maria Iwanowna sagte, daß man aus dem Mädchen eine Arbeiterin, ein gutes Stubenmädchen machen müsse, und daher war sie anspruchsvoll, strafte und schlug sogar hier und da das Mädchen, wenn sie schlechter Laune war. So wuchs das Mädchen, zwischen zwei verschiedenen Einflüssen, halb als Stubenmädchen, halb als Ziehkind auf. So nannte man es denn auch weder kühl Katka, noch zärtlich Katenka, sondern zwischen beidem: Katjuscha. Sie nähte, räumte die Zimmer auf, besorgte die kleine Wäsche, röstete, mahlte und trug den Kaffee auf, putzte die Heiligenbilder mit Kreide und saß bisweilen bei den Fräulein und las ihnen vor. Sie hatte Bewerber, wollte aber keinen nehmen, da sie fühlte, wie das Leben mit jenen arbeitenden Leuten, die um sie freiten, schwer sein würde für sie, die durch die Süße des Herrenlebens verwöhnt war. So lebte sie bis zu ihrem sechzehnten Jahr. Als sie aber sechzehn Jahre alt war, kam zu den Fräulein deren Neffe, ein Student. Er war Fürst und reich, und Katjuscha verliebte sich in ihn, ohne daß sie es wagte, es sich selbst, geschweige denn ihm zu gestehen. Dann kam derselbe Neffe zwei Jahre später auf dem Wege in den Krieg wieder zu den Tanten, brachte vier Tage bei ihnen zu, und am Abend vor seiner Abreise verführte er Katjuscha. Darauf drückte er ihr am letzten Tage einen Hundertrubelschein in die Hand und reiste ab. Fünf Monate nach seiner Abreise wußte sie bestimmt, daß sie schwanger sei. Von der Zeit an war ihr alles gleichgültig, und sie dachte nur darüber nach, wie sie der Schande, die sie erwartete, entgehen könne. Nicht nur begann sie unwillig und schlecht den Fräulein zu dienen, sondern plötzlich brach sie los und ohne selber zu wissen, wie es geschah, sagte sie den Fräulein Grobheiten, die sie später selbst bereute, und bat, sie zu entlassen. Die Fräulein, die jetzt unzufrieden mit ihr waren, entließen sie. Als Stubenmädchen kam sie von ihnen zu einem Polizeibeamten, zum Stanowoj, aber sie konnte dort nur drei Monate bleiben, weil der Stanowoj, ein Mann von schon fünfzig Jahren, zudringlich wurde. Einmal, als er sie besonders belästigte, erhitzte sie sich, nannte ihn Dummkopf und alter Teufel, gab ihm einen Stoß vor die Brust, daß er hinfiel und wurde dieser Grobheit wegen weggejagt. Wieder in einen Dienst zu treten, hatte nun keinen Zweck; bald sollte sie gebären, und so quartierte sie sich bei einer Witwe, der Dorfhebamme, ein, die mit Branntwein handelte. Die Niederkunft war leicht. Aber die Hebamme, welche eine kranke Frau im Dorf behandelte, steckte sie mit dem Wochenbettfieber an, und man brachte das Kind, einen Knaben, ins Findelhaus, wo es gleich nach der Ankunft starb, wie die Alte, die ihn hingebracht hatte, erzählte. Geld hatte Katjuscha, als sie zu der Hebamme kam, im ganzen hundertsiebenundzwanzig Rubel; siebenundzwanzig davon verdient und hundert, die ihr der Verführer gegeben hatte. Als sie aber von ihr wegging, blieben ihr nur sechs Rubel übrig. Sie verstand nicht Geld zu sparen, sie brauchte es für sich und gab es jedem, der darum bat. Die Hebamme nahm ihr für Unterkunft, Kost und Tee für zwei Monate vierzig Rubel ab; fünfundzwanzig Rubel gingen für die Ablieferung des Kindes darauf; vierzig Rubel hatte sich die Hebamme leihweise ausgebeten, für eine Kuh, etwa zwanzig Rubel gingen so – für Kleider, für Geschenke fort, so daß Katjuscha, als sie gesund war, kein Geld mehr hatte und eine Stelle suchen mußte. Diese Stelle fand sich bei einem Förster. Der Förster war ein verheirateter Mann; aber ebenso wie der Stanowoj begann er vom ersten Tage an sich Katjuscha aufzudrängen. Er war ihr widerwärtig, und sie bemühte sich, ihn zu meiden, aber er war erfahrener und schlauer als sie; die Hauptsache aber war, daß er, als Hausherr, sie hinschicken konnte, wohin er wollte; so paßte er einmal eine günstige Minute ab und bemächtigte sich ihrer. Seine Frau erfuhr es, und als sie ihren Mann einmal allein mit Katjuscha im Zimmer überraschte, stürzte sie los, um sie zu schlagen. Katjuscha aber wehrte sich, und es entstand eine Prügelei, weswegen man sie aus dem Hause jagte, ohne ihr den verdienten Lohn zu bezahlen. Darauf fuhr Katjuscha in die Stadt und hielt sich bei ihrer Tante auf. Der Mann der Tante war Buchbinder und lebte früher gut; hatte aber jetzt nach und nach alle Kunden verloren und sich so völlig dem Trunk ergeben, daß er alles, was ihm unter die Hand kam, vertrank. Die Tante indes hatte eine kleine Wäscherei, ernährte damit sich und die Kinder und unterhielt auch den verkommenen Mann. Sie schlug der Maslowa vor, bei ihr als Wäscherin einzutreten. Aber die Maslowa sah, was für ein schweres Leben die Waschfrauen hatten, die bei ihrer Tante arbeiteten, und sie zögerte und suchte in den Vermittelungsbureaus eine Stelle als Dienstmädchen. Sie fand auch eine Stelle bei einer Frau, die mit ihren beiden Söhnen, Gymnasiasten, zusammen wohnte. Acht Tage nach ihrem Antritt hörte der älteste Sohn, ein schon schnurrbärtiger Zögling der sechsten Klasse, auf zu lernen und ließ ihr mit seinen Zudringlichkeiten keine Ruhe mehr. Die Mutter gab an allem der Maslowa Schuld und kündigte ihr. Eine neue Stelle fand sie nicht, aber es traf sich, daß die Maslowa, als sie in das Stellenvermittelungsbureau kam, dort einer Dame mit Ringen und Armbändern an den aufgedunsenen nackten Armen begegnete. Nachdem die Dame die Lage der stellesuchenden Maslowa erfahren, gab sie ihr ihre Adresse und lud sie zu sich ein. Die Maslowa ging zu ihr. Die Dame empfing sie freundlich, bewirtete sie mit Pastetchen und süßem Wein und schickte dann ihr Stubenmädchen mit einem Zettel irgendwohin. Abends kam in das Zimmer ein hochgewachsener Mann mit langen ergrauenden Haaren und grauem Bart. Dieser alte Herr rückte sogleich der Maslowa näher und begann sie lächelnd mit glänzenden Augen zu betrachten und mit ihr zu scherzen. Die Hausfrau rief ihn hinaus in ein anderes Zimmer, und die Maslowa hörte sie sagen: »Eine ganz Frische, eben vom Dorfe.« Dann rief die Hausfrau die Maslowa heraus und sagte, das sei ein Schriftsteller, der sehr viel Geld habe und nicht sparen werde, wenn sie ihm gefiele. Sie gefiel ihm; er gab ihr fünfundzwanzig Rubel und versprach, sie oft wieder zu besuchen. Bald ging das Geld drauf für Bezahlung der Kost bei der Tante und für ein neues Kleid, einen Hut und Bänder. Nach einigen Tagen schickte der Schriftsteller wieder nach ihr. Sie ging. Er gab ihr noch fünfundzwanzig Rubel und schlug ihr vor, in eine eigene Wohnung zu ziehen. Während die Maslowa in dem von dem Schriftsteller gemieteten Quartier wohnte, gewann sie einen lustigen Kommis lieb, der in demselben Hause wohnte. Sie erklärte das selber dem Schriftsteller und bezog eine kleine eigene Wohnung. Der Kommis aber, der sie zu heiraten versprochen hatte, reiste, ohne ihr etwas zu sagen, nach Nishnij; er hatte sie augenscheinlich verlassen; die Maslowa blieb allein. Sie wollte nun für sich in dem Quartier wohnen, aber das erlaubte man ihr nicht. Der Polizeibeamte teilte ihr mit, sie könne nur so leben, wenn sie einen roten Schein bekommen und sich einer medizinischen Untersuchung unterzogen habe. Darauf ging sie wieder zu ihrer Tante. Als die Tante ihr modernes Kleid erblickte, den Umhang und den Hut, empfing sie sie achtungsvoll und wagte schon nicht mehr, ihr vorzuschlagen, Wäscherin zu werden, da sie glaubte, daß sie eine höhere Lebensstufe betreten habe. Für die Maslowa existierte jetzt nicht mehr die Frage, ob sie Wäscherin werden solle oder nicht. Sie blickte jetzt mit Mitleid auf das Sklavenleben, das die blassen Waschfrauen mit den mageren Armen – einige der Frauen waren schon schwindsüchtig – in den vorderen Zimmern führten, wo sie bei dreißig Grad im Seifendampf, bei im Sommer wie im Winter offnen Fenstern, wuschen und plätteten, und ihr grauste bei dem Gedanken, daß auch sie solche Sträflingsarbeit leisten sollte. Und zu dieser Zeit, die für die Maslowa besonders kummervoll war, weil sie keinen Beschützer fand, wurde sie von einer Vermittlerin aufgesucht, die ein Bordell mit Mädchen versorgte. Die Maslowa rauchte schon längst; in der letzten Zeit ihres Verhältnisses mit dem Kommis aber und nachdem er sie verlassen, gewöhnte sie sich immer mehr und mehr ans Trinken. Der Branntwein zog sie nicht nur an, weil er schmackhaft schien, sondern hauptsächlich auch deshalb, weil er ihr die Möglichkeit verlieh, alles Schwere, das sie erlebt hatte, zu vergessen, und ihr eine Ungezwungenheit und feste Überzeugung von ihrer Würde gab, welche sie ohne Branntwein nicht hatte. Ohne Branntwein schämte sie sich immer und war niedergeschlagen. Die Vermittlerin bewirtete die Tante, und nachdem sie die Maslowa betrunken gemacht, schlug sie ihr vor, in eine gute – in die feinste »Anstalt« der Stadt einzutreten, indem sie ihr alle Vorteile und Vorzüge dieser Stellung vor Augen führte. Die Maslowa hatte die Wahl vor sich: entweder die erniedrigende Lage einer Dienstmagd, wo es ganz sicher Verfolgungen von Seiten der Männer und zeitweilige geheime Ehebrüche geben würde, oder die gesicherte, ruhige, gesetzliche Stellung und der offene, vom Gesetz erlaubte, gut bezahlte, beständige Ehebruch, und sie wählte das letztere. Außerdem glaubte sie damit an ihrem Verführer und an dem Kommis – an allen Leuten, die ihr Böses getan, Rache zu nehmen. Dabei lockte sie auch, und das war eines der Motive ihrer endgültigen Entscheidung, daß die Vermittlerin ihr sagte, sie könne so viele Kleider bestellen, wie sie nur wünsche; aus Samt, aus Seide, Ballkleider, die Schultern und Arme nackt lassen. Und als sich die Maslowa vorstellte, wie sie im hellgelben, ausgeschnittenen, mit schwarzem Samt besetzten Seidenkleide aussehen müßte, da konnte sie nicht widerstehen und gab ihren Paß ab. Und noch an demselben Abend nahm die Vermittlerin eine Droschke und brachte sie in das berühmte Haus der Kitajewa. Und so begann von dieser Zeit an für die Maslowa jenes Leben des chronischen Vergehens gegen göttliche und menschliche Gebote, das Hunderte und Hunderte von Frauen führen, nicht nur mit Erlaubnis, sondern unter der Gönnerschaft der herrschenden Gewalt, die mit dem Wohl ihrer Bürger betraut ist, und das für neun von zehn mit qualvollen Krankheiten, mit vorzeitiger Altersschwäche und Tod endigt. Morgens und am Tage der schwere Schlaf nach den nächtlichen Orgien. Um drei, vier Uhr das müde Aufstehn aus schmutzigem Bette, Selterwasser nach der Völlerei, Kaffee – dann das faule Herumschlendern durch die Zimmer in Peignoirs, Jacken, Schlafröcken; das Schauen aus den Fenstern, verborgen hinter den Vorhängen; das träge Schelten untereinander; dann das Waschen, Einreihen, Parfümieren des Leibes, der Haare; das Anprobieren der Kleider; das Streiten darüber mit der Wirtin; das Betrachten im Spiegel, das Schminken des Gesichts, der Augenbrauen; die süße, fette Mahlzeit; dann das Anziehen des hellen, seidenen, den Körper entblößenden Kleides; das Hinaustreten in den aufgeputzten, hell beleuchteten Saal, die Ankunft der Gäste: Musik, Tanz, Bonbons, Wein, Rauchen, Ehebrüche mit den Jungen, mit Leuten mittleren Alters, mit halben Kindern, mit sich ruinierenden Greisen, mit Ledigen, mit Verheirateten, mit Kaufleuten, mit Kommis, mit Armeniern, mit Juden, mit Tataren, mit Reichen, Armen, Gesunden, Kranken, Betrunkenen, Nüchternen, Groben, Zarten, mit Militärs, mit Zivilisten, mit Studenten, mit Gymnasiasten – mit allen möglichen Klassen, Altersstufen, Charakteren. Und Geschrei und Späße, Prügel und Musik, Tabak und Wein, Wein und Tabak, und Musik vom Abend bis zum Tagesanbruch. Und nur am Morgen Erlösung und schwerer Schlaf. Und so jeden Tag, die ganze Woche. Am Ende der Woche aber der Gang in die Staatsanstalt, das Polizeibureau, wo im Staatsdienst stehende Beamten – Ärzte, Männer – diese Frauen manchmal ernst und streng, manchmal mit scherzhafter Lustigkeit, untersuchen, die von der Natur nicht nur den Menschen, zum Schutze gegen Verbrechen, sondern selbst den Tieren verliehene Scham vernichten, und ihnen dann das Recht zur Fortsetzung derselben Verbrechen geben, welche diese Frauen im Laufe der Woche mit ihren Mitschuldigen begangen haben. Und dann wieder eine gleiche Woche. Und so jeden Tag – im Sommer, im Winter, am Werktag wie am Feiertag. So lebte die Maslowa sieben Jahre hindurch. Während dieser Zeit wechselte sie zweimal das Haus, und einmal war sie im Hospital. Im siebenten Jahre ihres Aufenthalts im Bordell und im zehnten Jahr nach ihrem ersten Fall, als sie siebenundzwanzig Jahre alt war, geschah mit ihr das, wofür sie ins Gefängnis kam und wofür man sie jetzt vor Gericht führte, nach sechsmonatiger Haft im Gefängnis zwischen Diebinnen und Mörderinnen. 3 Zu gleicher Zeit, da die Maslowa, von dem langen Gange ermüdet, mit ihrer Bewachung sich dem Gerichtsgebäude näherte, lag jener selbe Neffe ihrer Erzieherinnen, Fürst Dmitrij Iwanowitsch Nechliudow, der sie verführt, auf seinem hohen, zerwühlten Springfederbett mit der Daunenmatratze, knöpfte den Kragen seines sauberen Nachthemdes aus holländischer Leinwand mit den an der Brust festgebügelten Fältchen auf und rauchte eine Zigarette. Er sah mit starren Augen vor sich hin und dachte darüber nach, was ihm heute zu tun bevorstehe, und was gestern gewesen. Sich des gestrigen Abends entsinnend, welchen er bei Kortschagins zugebracht, reichen und angesehenen Leuten, deren Tochter er, wie allgemein angenommen wurde, heiraten sollte, seufzte er, warf die ausgerauchte Zigarette fort und wollte aus der silbernen Zigarettendose eine neue nehmen; – besann sich jedoch anders, ließ seine glatten, weißen Beine vom Bett herab, fand mit ihnen die Pantoffeln, warf einen seidenen Schlafrock über die breiten Schultern und ging mit raschen Schritten in das ans Schlafgemach stoßende Ankleidezimmer, das ganz von dem feinen Geruch von Elixieren, Eau de Cologne, Bartpomaden und Parfüms durchdrungen war. Dort putzte er mit einem besonderen Pulver seine an vielen Stellen plombierten Zähne, spülte sie mit einem aromatischen Mundwasser, fing dann an, sich sorgsam zu waschen und mit verschiedenen Handtüchern abzureiben. Nachdem er sich die Hände mit parfümierter Seife gewaschen, putzte er sorgfältig mit Bürsten die langgewachsenen Nägel, wusch sich an dem großen marmornen Waschtisch das Gesicht und den starken Hals und trat noch in ein drittes Zimmer neben dem Schlafgemach, wo eine Dusche hergerichtet war. Als er dann mit kaltem Wasser den muskulösen, mit Fett belegten weißen Leib gewaschen und sich mit dem rauhhaarigen Laken abgerieben hatte, zog er die sauber geplättete Wäsche, die spiegelblank geputzten Stiefel an, setzte sich vor die Toilette, um mit zwei Bürsten den kleinen, schwarzen, krausen Bart und das auf dem vorderen Teil des Kopfes ziemlich dünn gewordene, krause Haar zu bearbeiten. Alles was er benutzte – Toilettengerät, Wäsche, Kleider, Fußbekleidung, Halsbinden, Nadeln, Hemdknöpfe, – war von der allerersten, teuersten Sorte, unauffällig, einfach, dauerhaft und kostbar. Nachdem Nechliudow aus einem Dutzend Krawatten und Nadeln die ersten, die ihm unter die Hände kamen, genommen – einst war dies neu und unterhaltend, jetzt war es ihm vollständig gleichgültig – zog er die gebürsteten und auf dem Stuhle zurechtgelegten Kleider an und ging, wenn auch nicht vollkommen frisch, so doch sauber und duftend, in das lange Speisezimmer mit dem gestern von drei Männern gewichsten Parkettboden, dem ungeheuer großen Eichenbüfett und dem ebenso großen, zum Ausziehen eingerichteten Tische, der mit seinen breit auseinandergestellten, in der Form von Löwenklauen geschnitzten Füßen etwas Feierliches hatte. Auf diesem Tische mit der feinen, gestärkten, mit großen Namenszügen versehenen Decke stand eine silberne Kaffeekanne mit duftendem Kaffee, eine ebensolche Zuckerdose, eine Rahmkanne mit gekochter Sahne und ein Korb mit frischem Weißbrot, kleinen Zwiebäcken und Biskuits. Neben dem Gedeck lagen die eingetroffenen Briefe, Zeitungen und ein neues Heft der »Revue des deux mondes.« Eben wollte sich Nechliudow an seine Briefe machen, als aus der Tür, die in den Korridor führte, eine wohlbeleibte und ziemlich bejahrte Frau in Trauer, mit einem Spitzenaufsatz auf dem Kopfe, der den auseinandergegangenen Haarscheitel verdeckte, sich hereinschob. Es war das Kammermädchen der seligen, vor kurzem in dieser selben Wohnung verstorbenen Mutter Nechliudows, Agrafena Petrowna, die bei dem Sohn als Haushälterin geblieben war. Agrafena Petrowna hatte etwa zehn Jahre – zu verschiedenen Zeiten – mit Nechliudows Mutter im Auslande verbracht und hatte Aussehen und Manieren einer Dame. Von Kindheit an wohnte sie im Hause der Nechliudows und kannte Dmitrij Iwanowitsch, als er noch Mitenka genannt wurde. »Guten Morgen, Dmitrij Iwanowitsch!« »Guten Morgen, Agrafena Petrowna – was gibt's Neues?« fragte Nechliudow scherzend. »Ein Brief, entweder von der Fürstin oder von der Prinzessin; das Zimmermädchen hat ihn schon vor längerer Zeit gebracht, sie wartet bei mir«, sagte Agrafena Petrowna und übergab den Brief, bedeutungsvoll lächelnd. »Schön, sogleich«, sagte Nechliudow, indem er den Brief nahm, und da er Agrafena Petrownas Lächeln bemerkte, zog er ein finstres Gesicht. Agrafena Petrownas Lächeln bedeutete, daß der Brief von der jungen Prinzessin Kortschagina war, die Nechliudow, nach Agrafena Petrownas Meinung, heiraten sollte. Und diese durch ihr Lächeln ausgedrückte Voraussetzung Agrafena Petrownas war Nechliudow unangenehm. »Also ich sage ihr, daß sie etwas warten soll.« Und Agrafena Petrowna nahm das nicht an seinem Ort liegende Bürstchen zum Abfegen des Tisches, legte es an einen andern Ort und entschwand aus dem Speisezimmer. Nechliudow öffnete den duftenden Brief, den ihm Agrafena Petrowna gereicht, und begann zu lesen. »Indem ich die auf mich genommene Pflicht erfülle,« stand auf dem einen Bogen des dicken grauen Papiers mit den ungleichen Rändern, in einer scharfen, aber weiten Handschrift geschrieben, »erinnere ich Sie daran, daß Sie heute, den 28. April, im Geschworenengericht sein müssen und daher unmöglich mit uns und mit Herrn Kolosow mitfahren können, um Bilder zu besehen, wie Sie dies gestern mit dem Ihnen eigentümlichen Leichtsinn versprachen, à moins que vous ne soyez disposé à payer à la cour d'assises les 300 roubles d'amende, que vous vous refusez pour votre cheval, dafür, daß Sie nicht zur rechten Zeit erscheinen. Es fiel mir gestern ein, als Sie eben fortgegangen waren. Also vergessen Sie es nicht. Prinzessin M. Kortschagina.« Auf der andern Seite war hinzugefügt: »Maman vous fait dire, que votre couvert vous attendra jusqu'à la nuit. Venez absolument, à quelle heure que cela soit. M. K.« Nechliudow runzelte die Stirn. Der Zettel war die Fortführung jener geschickten Arbeit, die schon seit zwei Monaten an ihm von der jungen Prinzeß Kortschagina ausgeführt wurde, und die darin bestand, daß sie ihn mit unmerklichen Fäden immer mehr und mehr mit sich verknüpfte. Unterdessen aber hatte Nechliudow, außer der bei nicht mehr jungen und nicht gerade leidenschaftlich verliebten Leuten gewöhnlichen Unentschlossenheit vor der Ehe, noch einen wichtigen Grund, weshalb er, selbst wenn er sich entschlösse, doch nicht sogleich seinen Antrag machen konnte. Dieser Grund bestand nicht darin, daß er vor bald zehn Jahren Katjuscha verführt und sie verlassen hatte – denn das hatte er vollständig vergessen, und hielt es nicht für ein Hindernis zum Heiraten – der Grund lag darin, daß er gerade jetzt mit einer verheirateten Frau ein Verhältnis hatte, das – obgleich von seiner Seite abgebrochen – ihrerseits noch nicht als abgebrochen anerkannt wurde. Nechliudow war sehr schüchtern den Frauen gegenüber. Aber eben seine Schüchternheit hatte in dieser verheirateten Frau die Lust erweckt, ihn zu erobern. Diese Frau war die Gemahlin des Adelsmarschalls des Kreises, zu dessen Wahl Nechliudow gefahren war. Und die Frau zog ihn in ein Verhältnis hinein, das für Nechliudow mit jedem Tag hinreißender und zu gleicher Zeit auch immer widerwärtiger wurde. Anfangs hatte Nechliudow der Verführung nicht widerstehen können, dann, weil er sich vor ihr schuldig fühlte, konnte er dies Verhältnis nicht ohne ihre Einwilligung abbrechen. Und hier eben lag die Ursache, weshalb Nechliudow glaubte, daß er kein Recht habe, auch wenn er es wünschte, der Kortschagina seinen Heiratsantrag zu machen. Auf dem Tische lag gerade ein Brief von dem Manne dieser Frau. Als Nechliudow die Handschrift und den Stempel sah, errötete er und empfand sogleich jenen Energieaufschwung, den er immer beim Nahen der Gefahr fühlte. Aber seine Aufregung war überflüssig; der Mann, der Adelsmarschall desselben Kreises, in dem die Hauptbesitztümer Nechliudows lagen, berichtete ihm, daß zu Ende Mai eine außerordentliche Versammlung des Semstwo anberaumt sei, und bat Nechliudow, auf alle Fälle zu erscheinen »et donner un coup d'èpaule« in den bevorstehenden wichtigen Fragen der Semstwoversammlung über die Schulen und Anfahrtsbahnen, bei denen man starken Widerstand der reaktionären Partei erwartete. Der Adelsmarschall war ein liberaler Mann, der zusammen mit einigen Gleichgesinnten gegen die unter Alexander III. ausgebrochene Reaktion kämpfte und so ganz von diesem Kampf absorbiert war, daß er nichts von seinem unglücklichen Familienleben wußte. Nechliudow vergegenwärtigte sich all die qualvollen Minuten, die er wegen dieses Mannes durchlebt; er vergegenwärtigte sich, wie er einmal geglaubt, der Mann wisse alles, und wie er sich zum Duell mit ihm vorbereitete, bei welchem er in die Luft schießen wollte; und die furchtbare Szene mit der Frau, als sie in Verzweiflung in den Garten stürzte, zum Teich, in der Absicht, sich zu ertränken, und er sie suchen lief. »Ich kann jetzt nicht hinfahren, ich kann nichts unternehmen, solange sie mir nicht antwortet«, dachte Nechliudow. Vor einer Woche hatte er ihr einen entscheidenden Brief geschrieben, in welchem er sich als schuldig und zu jeder beliebigen Art von Genugtuung bereit erklärte, aber dennoch hielt er das Verhältnis, und zwar zu ihrem Besten, auf immer für beendigt. Und eben auf diesen Brief erwartete er Antwort und bekam keine. Daß er keine Antwort erhielt, war zum Teil ein gutes Zeichen. Wenn sie auf den Bruch nicht eingehen wollte, so hätte sie schon längst geschrieben oder wäre sogar selber gekommen, wie sie es früher tat. Nechliudow hatte gehört, daß gegenwärtig dort ein Offizier war, der ihr den Hof machte; das bereitete ihm Qualen der Eifersucht und freute ihn doch zugleich, wie eine Hoffnung auf Befreiung von der ihn peinigenden Lüge. Der andere Brief war von dem Oberverwalter der Besitzungen. Der Verwalter schrieb ihm, daß er, Nechliudow, selber kommen müsse, um seine Erbschaft anzutreten, und außerdem, um die Frage zu entscheiden, wie die Wirtschaft fortzuführen sei: ob so, wie sie bei der Seligen geführt worden, oder so, wie er es auch der seligen Fürstin vorgeschlagen und jetzt dem jungen Fürsten vorschlage, nämlich, das Inventar zu vermehren, und alles Land, das jetzt den Bauern in Pacht gegeben war, selber zu bewirtschaften. Der Verwalter schrieb, daß eine solche Ausnutzung viel vorteilhafter sein würde. Dabei entschuldigte er sich wegen Verspätung der Zusendung der bereits zum Ersten des Monats fälligen 3000 Rubel. Dieses Geld würde mit der nächsten Post abgehen. Die Absendung habe sich deswegen verzögert, weil er das Geld von den Bauern nicht hatte bekommen können, deren Gewissenlosigkeit einen solchen Grad erreicht habe, daß es nötig war, sich an die Behörde zu wenden, um es beizutreiben. Dieser Brief war Nechliudow angenehm und gleichzeitig unangenehm. Es war angenehm, seine Macht über ein großes Eigentum zu fühlen und unangenehm, weil er in seiner ersten Jugend ein begeisterter Anhänger Herbert Spencers gewesen war und ihn als Großgrundbesitzer besonders jener Satz in den »Social Statics« traf, »daß die Gerechtigkeit den Privatgrundbesitz nicht zulasse«. In der Geradheit und Entschlossenheit der Jugend sagte er damals nicht nur, daß der Boden nicht Gegenstand des Privateigentums sein könne, und schrieb nicht nur in der Universität eine Abhandlung darüber, sondern er hatte damals auch in der Tat ein kleines Landstück, das nicht seiner Mutter, sondern durch Erbschaft vom Vater ihm persönlich gehörte, den Bauern abgetreten, da er das Land nicht gegen seine Überzeugung besitzen wollte. Jetzt, da er durch die Erbschaft Großgrundbesitzer geworden war, mußte er eins von beidem: entweder auf sein Eigentum verzichten, wie er es vor zehn Jahren hinsichtlich der zweihundert Desiatinen Land von seinem Vater gemacht, oder in stillschweigendem Eingeständnis all seine früheren Gedanken als fehlerhaft und falsch anerkennen. Das erstere konnte er nicht tun, weil er außer dem Landbesitz keine Mittel zur Existenz hatte. In den Staatsdienst treten wollte er nicht, wohl aber hatte er inzwischen die Gewohnheiten eines luxuriösen Lebens angenommen, von denen er glaubte, sich nicht losmachen zu können. Aber es hatte auch keinen Zweck, denn er besaß schon nicht mehr jene Überzeugungskraft, jene Entschlossenheit, jenen Ehrgeiz und jenen Drang, andere in Verwunderung zu setzen, die ihm in der Jugend eigen gewesen war. Das zweite aber, Widerruf jener klaren und unwiderlegbaren Beweisgründe von der Unrechtmäßigkeit des Grundbesitzes, die er damals aus der »Sozialen Statik« von Spencer geschöpft und deren glänzende Bestätigung er dann viel später in den Werken von Henry George gefunden hatte, war ihm durchaus nicht möglich. Und deswegen war ihm der Brief des Verwalters unangenehm. 4 Nachdem Nechliudow seinen Kaffee getrunken hatte, ging er ins Arbeitszimmer, um im Vorladungsschreiben nachzusehen, wann er im Gericht sein müsse, und um die Antwort an die Prinzessin zu schreiben. Ins Arbeitszimmer mußte man durch das Atelier gehen. Im Atelier stand eine Staffelei mit einem angefangenen Bilde, das umgedreht war, auch waren Skizzen aufgehängt. Der Anblick dieses Bildes, mit welchem er sich zwei Jahre lang abgequält, der Anblick der Skizzen und des ganzen Ateliers mahnten ihn an das in letzter Zeit mit besonderer Schärfe empfundene Gefühl seines Unvermögens, in der Malerei weiterzukommen. Er erklärte diese Empfindung durch sein zu fein entwickeltes ästhetisches Gefühl, aber dennoch war diese Empfindung sehr unangenehm. Vor sieben Jahren hatte er den Staatsdienst aufgegeben, weil er entdeckt hatte, daß er Begabung zur Malerei habe, und von der Höhe der künstlerischen Tätigkeit sah er etwas verächtlich auf alle andern Berufe herab. Jetzt ergab es sich, daß er dazu kein Recht hatte. Und darum war jede Erinnerung daran unangenehm. Mit schwerem Gefühl betrachtete er die prachtvolle Einrichtung seines Ateliers, und in mißmutiger Laune betrat er sein Arbeitszimmer. Dieses war ein sehr großes, hohes Zimmer mit allen Arten von Zierat, Vorrichtungen und Bequemlichkeiten. Nachdem er sogleich in der Schublade des großen Schreibtisches unter der Abteilung »Terminsachen« das Vorladungsschreiben gefunden, in welchem es hieß, daß er um elf im Gericht sein müsse, setzte sich Nechliudow, um der Prinzessin ein Billett zu schreiben, daß er für die Einladung danke und sich bemühen werde, zu Tisch da zu sein. Aber nachdem er ein Billett geschrieben, riß er es entzwei: es war zu intim; er schrieb ein anderes, – es war kalt, fast beleidigend. Er riß es wieder entzwei und drückte auf den Knopf an der Wand. In die Tür trat in grauer Kalikoschürze ein bejahrter Lakai; er hatte ein finsteres Aussehen und war, bis auf einen Backenbart, glattrasiert. »Bitte, schicken Sie nach dem Kutscher.« »Zu Befehl.« »Und hier wartet jemand von Kortschagins, sagen Sie, ich ließe danken, ich würde mich bemühen, zu kommen.« »Zu Befehl.« »Unhöflich, aber ich kann nicht schreiben. Ich werde sie doch heute sehen«, dachte Nechliudow und ging, sich anzukleiden. Als er sich angekleidet hatte und auf die Treppe hinauskam, erwartete ihn schon der Kutscher, der ihn meist fuhr, mit dem Wagen auf Gummirädern. »Gestern waren Sie eben vom Fürsten Kortschagin weggefahren,« sagte der Kutscher, den starken verbrannten Hals im weißen Hemdkragen halbumwendend, »als ich kam; der Schweizer aber sagte: Gerade weg!« Der Mietskutscher wußte, daß er Kortschagins besuchte und war gekommen, um ihn abzuholen. »Sogar die Kutscher wissen um mein Verhältnis zu Kortschagins«, dachte Nechliudow, und es regte sich in ihm die unentschiedene Frage, die ihn in der letzten Zeit beständig beschäftigte: sollte er die Kortschagina heiraten oder nicht; er konnte diese Frage, wie die meisten Fragen, die sich ihm um diese Zeit aufdrängten, durchaus nicht entscheiden, weder auf die eine, noch auf die andere Weise. Zugunsten der Ehe überhaupt sprach erstens der Umstand, daß die Heirat, außer den Annehmlichkeiten des häuslichen Herdes, indem sie die Unregelmäßigkeit des Geschlechtslebens beseitigte, die Möglichkeit eines moralischen Lebens bot; zweitens der Umstand, und dieser war die Hauptsache, daß Nechliudow hoffte, Familie und Kinder würden seinem jetzt inhaltslosen Leben einen Sinn geben. Das waren die Gesichtspunkte für das Heiraten. Gegen das Heiraten sprach aber erstens die allen nicht jungen Junggesellen gemeinsame Furcht, ihre Freiheit einzubüßen, und zweitens die unbewußte Furcht vor dem geheimnisvollen Wesen der Frau. Zugunsten der Ehe, speziell mit Missi – Fräulein Kortschagina hieß Maria, und wie in allen Familien eines gewissen Kreises hatte sie einen Beinamen – war erstens zu sagen, daß sie von guter Rasse war, und daß sie in allem, von der Kleidung bis zur Manier zu sprechen, zu gehen, zu lachen, sich vor einfachen Leuten auszeichnete; sie zeichnete sich nicht durch etwas Außerordentliches aus, sondern durch »Korrektheit«; er kannte keinen andern Ausdruck für diese Eigenschaft und wertete diese Eigenschaft sehr hoch; und zweitens schätzte sie ihn höher als alle anderen Menschen, also, nach seinen Begriffen, verstand sie ihn. Und dieses Verstehen, das heißt, das Anerkennen seiner hohen Qualitäten, zeugte von ihrem Verstand und von der Richtigkeit ihres Urteils. Gegen die Heirat gerade mit Missi war erstens einzuwenden, daß man wahrscheinlich eine junge Dame finden könnte, welche noch viel mehr gute Eigenschaften als Missi hatte, und welche darum noch mehr seiner wert wäre; zweitens, daß sie schon 27 Jahre alt war und also sicher schon früher geliebt hatte; und dieser Gedanke war für Nechliudow qualvoll. Sein Stolz konnte sich nicht damit aussöhnen, daß sie auch in der Vergangenheit nicht ihn allein geliebt hatte. Selbstverständlich konnte sie nicht wissen, daß sie ihn treffen werde, aber der Gedanke allein, daß sie früher irgend jemand anders geliebt hatte, beleidigte ihn. So daß der Beweggründe ebenso viele für die Ehe, wie gegen sie waren; wenigstens waren ihrer Kraft nach diese Beweggründe gleich, und Nechliudow, über sich selbst lachend, nannte sich Buridans Esel. Und dennoch fuhr er fort, einer zu sein, weil er nicht wußte, zu welchem von beiden Bündeln er sich wenden solle. »Übrigens, ohne Antwort von Maria Wasiljewna« – der Frau des Adelsmarschalls – »ohne damit vollständig zu Ende zu sein, kann ich nichts unternehmen«, sagte er zu sich selbst. Und dies Bewußtsein, daß er mit der Entscheidung zögern könne und müsse, war ihm angenehm. »Übrigens werde ich alles das später überlegen«, sagte er sich selbst, als seine Droschke schon ganz geräuschlos zur Asphaltauffahrt des Gerichtsgebäudes hinanrollte. »Jetzt muß ich gewissenhaft, – wie ich es immer tue und für meine Schuldigkeit halte, meine öffentliche Pflicht erfüllen. Zudem aber pflegt es oft interessant zu sein«, sagte er zu sich und ging an dem Schweizer vorbei in den Flur des Gerichtsgebäudes hinein. 5 In den Korridoren des Gerichts herrschte rege Bewegung, als Nechliudow eintrat. Die Diener gingen bald rasch, bald sogar im Trab, ja, sie huschten vorüber, ohne die Füße vom Boden zu heben, und liefen, kaum Atem holend, hin und her, mit Aufträgen und Akten. Die Gerichtskommissare, Advokaten, Gerichtsbeamten gingen bald hin, bald her; Bittsteller und Angeklagte ohne Bewachung strichen verzagt an den Wänden herum oder saßen voll Erwartung da. »Wo ist das Bezirksgericht?« fragte Nechliudow einen der Wächter. »Zu welchem wollen Sie? Es gibt eine Zivilabteilung, es gibt das Appellationsgericht.« »Ich bin Geschworener.« »Also Kriminalabteilung. Das hätten Sie gleich sagen sollen! Hier rechts, dann links und die zweite Tür.« Nechliudow ging. Neben der genannten Tür standen zwei Männer und warteten; einer war ein großer dicker Kaufmann, ein gutmütiger Mensch, der als Stärkung für die bevorstehende Arbeit ein Glas getrunken und einen Imbiß genommen hatte und in heiterster Gemütsverfassung war. Der andere war ein Kommis von jüdischer Herkunft. Sie sprachen vom Preise der Wolle, als der eben angelangte Nechliudow herankam und fragte, ob hier das Zimmer der Geschworenen sei. »Hier, mein Herr, hier. Auch einer von uns Geschworenen?« fragte lustig zwinkernd der gutmütige Kaufmann. »Nun, also werden wir uns zusammen etwas anstrengen«, fuhr er auf die bejahende Antwort Nechliudows fort. »Baklaschow von der zweiten Gilde,« sagte er, seine weiche, breite Hand – sie war so dick, daß sie sich nicht ballen ließ – reichend, »wir müssen uns etwas Mühe geben. Mit wem habe ich das Vergnügen?« Nechliudow nannte seinen Namen und ging in das Geschworenenzimmer. In dem kleinen Geschworenenzimmer waren etwa zehn Personen verschiedener Art. Alle waren eben angekommen: einige saßen, andere gingen auf und ab, indem sie einander betrachteten und sich bekannt machten. Der eine war ein abgedankter Militär in Uniform, die anderen waren in Gehröcken, in Jacken, und nur einer im Kaftan. Alle zeigten, – trotzdem viele sich hatten von ihrer Arbeit losreißen müssen und über die Belästigung klagten, – alle zeigten den Ausdruck eines gewissen Vergnügens im Bewußtsein der Erfüllung einer wichtigen öffentlichen Tätigkeit. Die Geschworenen, die sich teils bekannt gemacht hatten, teils nur vermuteten, wer der andere sei, sprachen miteinander vom Wetter, vom frühen Frühling, von den bevorstehenden Geschäften. Diejenigen, welche mit Nechliudow nicht bekannt waren, beeilten sich, sich ihm vorzustellen, weil sie es augenscheinlich für eine besondere Ehre hielten. Und Nechliudow nahm es, wie immer unter Unbekannten, als das ihm Gebührende entgegen. Würde man ihn gefragt haben, warum er sich für höher als die meisten Leute hielt, so hätte er nicht antworten können, weil sein ganzes Leben keine besonderen Verdienste aufwies. Und daß er gut Englisch, Französisch und Deutsch sprach, daß er Wäsche, Kleider, Halstuch und Hemdknöpfe von den allerersten Lieferanten dieser Waren hatte, das, verstand er selber, konnte keineswegs Ursache der Anerkennung seiner Überlegenheit sein. Inzwischen aber erkannte auch er unzweifelhaft diese seine Überlegenheit an, nahm die ihm erwiesenen Zeichen der Achtung als das ihm Gebührende entgegen und fühlte sich beleidigt, wenn sie ausblieben. Im Zimmer der Geschworenen mußte er gerade dieses unangenehme Gefühl ihm bezeugter Nichtachtung erfahren. Unter den Geschworenen war ein Bekannter von Nechliudow. Es war Peter Gerasimowitsch (Nechliudow wußte nie seinen Familiennamen und posierte sogar ein wenig damit, daß er seinen Namen nicht kenne), der ehemalige Lehrer der Kinder seiner Schwester. Peter Gerasimowitsch war jetzt Gymnasiallehrer. Er war immer unerträglich für Nechliudow durch seine Familiarität, durch sein selbstzufriedenes Lachen, überhaupt durch »seine kommunen Manieren«, wie Nechliudows Schwester zu sagen pflegte. »So, Sie müssen auch dran glauben,« empfing Peter Gerasimowitsch mit lautem Lachen Nechliudow, »konnten Sie sich nicht drücken?« »Aber ich dachte ja nicht daran, mich zu drücken«, sagte Nechliudow streng und melancholisch. »Nun, das ist aber Bürgertugend! Warten Sie nur, wenn Sie Hunger verspüren und wenn man Sie nicht schlafen läßt, dann werden Sie anders singen!« fing, noch lauter lachend, Peter Gerasimowitsch an. »Dieser Popensohn wird mich bald duzen«, dachte Nechliudow, und indes sich auf seinem Gesicht eine Trauer ausprägte, die nur in dem Fall natürlich gewesen wäre, wenn er soeben den Tod seiner sämtlichen Verwandten erfahren hätte, ging er von ihm weg und näherte sich einer Gruppe, die sich um einen glattrasierten, hochgewachsenen, ansehnlichen Herrn bildete, der lebhaft etwas erzählte. Dieser Herr sprach von dem Prozeß, der eben in der Zivilgerichtsabteilung verhandelt worden war, wie von einer ihm gut bekannten Sache, indem er die Richter und die berühmten Advokaten mit Vor- und Zunamen nannte. Er erzählte von der wunderbaren Wendung, welche der berühmte Advokat der Sache zu geben verstanden, und nach welcher eine der Parteien, die alte Dame, obgleich sie vollständig im Recht sei, um nichts der Gegenpartei eine große Summe werde zahlen müssen. »Ein genialer Advokat«, sagte er. Man hörte ihm mit Achtung zu, und einige bemühten sich, eigene Bemerkungen einfließen zu lassen, aber er schnitt allen das Wort ab, als ob nur er allein alles richtig wissen könne. Trotzdem Nechliudow zu spät gekommen war, mußte er noch lange warten. Die Sache wurde aufgehalten durch ein Gerichtsmitglied, das noch nicht angelangt war. 6 Der Vorsitzende kam früh ins Gericht. Es war ein hoher, starker Mann mit großem, ergrauendem Backenbart. Er war verheiratet, führte aber ein sehr lockeres Leben, ebenso wie seine Frau. Sie störten einander nicht. Heute früh hatte er von der Gouvernante, einer Schweizerin, die im Sommer bei ihnen in Stellung gewesen war, und die jetzt aus dem Süden nach Petersburg durchfuhr, die Mitteilung erhalten, sie erwarte ihn in der Stadt im Gasthofe »Italie« zwischen drei und sechs Uhr. Daher wollte er die Verhandlung des heutigen Tages gern früher anfangen und schließen, um vor sechs Uhr bei der rothaarigen Klara Wasiljewna sein zu können, mit der er im vorigen Sommer auf dem Lande einen Roman gehabt hatte. Nachdem er in sein Zimmer eingetreten, riegelte er die Tür zu, holte aus dem Aktenschrank vom untersten Brett zwei Hanteln und machte zwanzig Bewegungen nach oben, nach vorn, seitwärts, nach unten und dann ließ er sich leicht dreimal nieder, wobei er die Hanteln über dem Kopfe hoch hielt. »Nichts erhält einen so, wie Wassergüsse und Gymnastik«, dachte er, mit der linken Hand, die einen goldenen Ring auf dem Ringfinger trug, den angespannten Bizeps des rechten Armes betastend. Ihm blieb noch übrig, einen »Moulinet« zu machen, – er pflegte diese zwei Bewegungen immer vor dem langen Sitzen der Verhandlung auszuführen, – als die Tür erzitterte. Jemand wollte sie aufmachen. Der Vorsitzende legte eilig die Gewichte auf ihre Stelle und öffnete die Tür. »Verzeihen Sie«, sagte er. In das Zimmer kam ein Gerichtsmitglied mit goldener Brille, ein nicht sehr großer Mann mit hochgezogenen Schultern und einem finsteren Gesicht. »Wieder ist Matwej Nikititsch nicht da«, sagte das Gerichtsmitglied unzufrieden. »Noch, nicht da?« antwortete der Vorsitzende, die Uniform anziehend. »Immer verspätet er sich.« »Erstaunlich, schämt er sich denn gar nicht?« sagte das Mitglied und setzte sich voll Unwillen, indem es Zigaretten aus der Tasche holte. Dieses Gerichtsmitglied, ein sehr pünktlicher Mann, hatte heute früh einen unangenehmen Zusammenstoß mit seiner Frau gehabt, weil sie das ihr für einen Monat gegebene Geld vorzeitig verbraucht hatte. Sie hatte ihn gebeten, ihr Vorschuß zu geben, aber er sagte, daß er sich nicht darauf einlassen könne. Es gab eine Szene. Die Frau sagte, wenn es so sei, so würde es auch nichts zu Mittag geben, er möge ja zu Hause kein Mittagessen erwarten. Damit fuhr er weg und fürchtete, daß sie ihre Drohung wahr machen werde, weil man bei ihr auf alles gefaßt sein mußte. »Da soll nun einer ein gutes, moralisches Leben führen«, dachte er, indem er den strahlenden, gesunden, munteren und gutmütigen Vorsitzenden ansah, der mit seinen schönen, weißen Händen, indem er die Ellbogen breit auseinanderstellte, seinen dichten, langen, ergrauenden Backenbart zu beiden Seiten des gestickten Kragens ausbreitete, »der ist immer zufrieden und lustig, ich aber quäle mich.« Der Sekretär trat ein und brachte Prozeßakten mit. »Meinen besten Dank«, sagte der Vorsitzende, und rauchte eine Zigarette an. »Welchen Prozeß nehmen wir zuerst?« »Ich würde meinen, den Giftmord«, sagte scheinbar gleichgültig der Sekretär. »Nun gut, nehmen wir zuerst den Giftmord vor«, sagte der Vorsitzende, nachdem er überlegt, daß dies ein Prozeß sei, den man bis vier Uhr beenden könne, um dann gleich wegzufahren. »Und ist Matwej Nikititsch noch nicht da?« »Immer noch nicht.« »Und ist Herr Breve hier?« »Jawohl«, antwortete der Sekretär. »So sagen Sie ihm, wenn Sie ihn sehen, daß wir mit dem Giftmord anfangen.« Breve war derjenige Staatsanwalt, welcher bei dieser Verhandlung die Anklage vertreten sollte. Als er in den Korridor hinausging, traf der Sekretär Herrn Breve. Mit hochgezogenen Schultern, in nicht zugeknöpfter Uniform, schritt er rasch, eine Aktenmappe unter dem Arm, fast laufend und mit den Absätzen klappernd, den Korridor entlang; dabei schwenkte er den freien Arm so, daß die Handfläche zu der Richtung seines Ganges senkrecht war. »Michail Petrowitsch möchte wissen, ob Sie fertig sind?« fragte ihn der Sekretär. »Versteht sich, ich bin immer fertig«, sagte der Staatsanwalt, »welcher Prozeß ist der erste.« »Der Giftmord.« »Das ist schön«, sagte der Staatsanwalt, aber er fand es gar nicht schön: er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Er war zu einem Abschiedsschmaus zu Ehren eines Kollegen gewesen, man hatte viel getrunken und bis zwei Uhr gespielt, und war nachher zu Frauen gefahren, in dasselbe Haus, in welchem noch vor sechs Monaten die Maslowa war, – so daß er gerade die Akten zu dem Giftmord noch nicht hatte lesen können, und sie jetzt erst flüchtig durchsehen wollte. Der Sekretär aber hatte absichtlich dem Vorsitzenden geraten, diesen Prozeß als ersten vorzunehmen, weil er wußte, daß jener die betreffenden Akten nicht gelesen hatte. Der Sekretär war von liberaler, ja fast radikaler Denkungsart. Breve aber war konservativ und sogar, wie alle in Rußland im Staatsdienst stehenden Deutschen, besonders streng orthodox, und der Sekretär hatte ihn nicht gern und beneidete ihn um seine Stellung. »Nun, und wie ist es mit dem Prozeß der Skopzen?« »Ich habe schon gesagt, daß ich den nicht nehmen kann,« sagte der Staatsanwalt, »weil die Zeugen fehlen, ich werde das auch dem Gericht erklären.« »Aber es ist ganz gleich ...« »Ich kann nicht«, sagte der Staatsanwalt und, auf die gewohnte Weise mit der Hand abwehrend, eilte er in sein Zimmer. Er schob den Prozeß der Skopzen auf wegen der Abwesenheit eines gar nicht wichtigen und für den Prozeß nicht nötigen Zeugen, nur darum, weil dieser Prozeß, wenn er vor einem Gericht mit Geschworenen aus gebildeten Kreisen vor sich gehen würde, mit Freisprechung endigen konnte. Im Einverständnis mit dem Vorsitzenden sollte dieser Prozeß auf eine Session in einer Kreisstadt verlegt werden, wo es mehr Bauern und darum mehr Aussicht für eine Verurteilung geben würde. Die Bewegung auf dem Korridor nahm immer noch zu. Am meisten Leute waren vor dem Saal der Zivilabteilung, wo die Verhandlung vor sich ging, von der der ansehnliche Herr, der Liebhaber von Gerichtssachen, den Geschworenen gesprochen hatte. Während der Pause kam aus diesem Saal jene alte Dame, welcher der geniale Advokat so geschickt das Vermögen zugunsten des Profitmachers weggenommen hatte, der auf dieses Vermögen kein Recht hatte. Das wußten auch die Richter und noch mehr der Kläger und sein Advokat; aber der von ihnen ausgedachte Kniff war solcher Art, daß es unmöglich war, dem alten Mütterchen sein Vermögen nicht wegzunehmen und es dem Profitmacher nicht auszuliefern. Die alte Dame war eine dicke Frau in einem prächtigen Kleide mit kolossalen Blumen auf dem Hute. Nachdem sie aus der Tür herausgekommen, blieb sie in dem Korridor stehen und, die dicken, kurzen Arme ausbreitend, wiederholte sie immer, sich an ihren Advokaten wendend: »Was soll denn das sein? Sein Sie doch so gut! Was heißt denn das?« Der Advokat betrachtete die Blumen auf ihrem Hut und hörte nicht zu, indem er etwas überlegte. Gleich nach der Alten kam rasch aus der Tür des Saals der Zivilabteilung, mit dem Plastron in weit offener Weste und mit einem selbstzufriedenen Gesichte glänzend, eben jener berühmte Advokat heraus, der es so gewendet, daß das alte Mütterchen mit den Blumen das Nachsehen hatte, der Profitmacher aber, der ihm zehntausend Rubel gegeben, mehr als hunderttausend bekam. Alle Augen wandten sich auf den Advokaten; er fühlte das und sein ganzes Auftreten schien zu sagen: »es sind keine Äußerungen der Ergebenheit nötig«, und er ging rasch an allen vorbei. 7 Endlich traf auch Matwej Nikititsch ein, und der Gerichtskommissar, ein magerer Mensch mit langem Halse und schrägem Gang und mit ebenso schräg vorgeschobener Unterlippe trat in das Geschworenenzimmer. Dieser Gerichtskommissar war ein ehrlicher Mann mit Universitätsbildung, konnte sich aber nirgends auf seinem Posten behaupten, weil er periodisch trank. Vor drei Monaten hatte eine Gräfin, eine Gönnerin seiner Frau, ihm diese Stelle besorgt, und er hielt sich bis jetzt auf derselben und freute sich dessen. »Wie ist's, meine Herren, sind alle versammelt?« sagte er, indem er seinen Zwicker aufsetzte und über denselben hinwegsah. »Alle da, scheint es«, sagte der lustige Kaufmann. »Wollen die Probe machen.« Der Gerichtskommissar holte aus der Tasche die Liste hervor und fing an, indem er die Aufgerufenen bald über, bald durch den Zwicker anblickte, aufzurufen. »Staatsrat I. M. Nikiforow!« »Hier«, sagte der ansehnliche Herr, der alle Gerichtssachen kannte. »Oberst außer Diensten Iwan Semionowitsch Iwanow.« »Hier!« gab der magere Mann in der Uniform der Abgedankten zur Antwort. »Kaufmann der zweiten Gilde, Peter Baklaschow.« »Hier ist er!« sagte der gutmütige Kaufmann, mit dem ganzen Munde lächelnd, »wir sind bereit!« »Gardeleutnant Fürst Dmitrij Nechliudow.« »Hier«, antwortete Nechliudow. Der Gerichtskommissar verneigte sich besonders höflich und angenehm, indem er über den Zwicker hinweg blickte, als ob er ihn auf diese Weise vor den anderen auszeichnen wolle. »Hauptmann Jurij Dmitrijewitsch Dantschenko,« »Kaufmann Grigorij Jefimowitsch Kuleschow« und so weiter. Alle, außer zweien, waren anwesend. »Jetzt bitte, meine Herren, in den Saal einzutreten«, sagte der Gerichtskommissar, indem er mit einer höflichen Geste auf die Tür zeigte. Alle rührten sich, gingen nacheinander durch die Tür in den Korridor hinaus und aus dem Korridor in den Verhandlungssaal. Der Gerichtssaal war ein großer, langer Raum. Ein Ende desselben war von einer Erhöhung eingenommen, zu welcher drei Stufen hinaufführten. Auf der Erhöhung, in der Mitte, stand ein Tisch, bedeckt mit grünem Tuch, mit dunklerer grüner Franse. Hinter dem Tisch standen drei Lehnstühle mit sehr hohen, eichenen, geschnitzten Rückenlehnen; dahinter hing in goldenem Rahmen ein in grellen Farben gemaltes Porträt des Kaisers in Lebensgröße, in Uniform und Ordensband mit vorgesetztem Fuß, die Hand am Degen. In der rechten Ecke hing ein Heiligenschrein mit dem Bilde Christi in der Dornenkrone, und stand ein Betpult; ebenfalls an der rechten Seite stand der Schreibtisch des Staatsanwalts. An der linken Seite, dem Schreibtisch gegenüber, war im Hintergrunde das Tischchen des Sekretärs, und näher zum Publikum, befand sich eine eichene gedrechselte Barriere; hinter derselben die noch nicht besetzte Bank der Angeklagten. Auf der rechten Seite, auf der Erhöhung, standen in zwei Reihen Stühle, gleichfalls mit hohen Rückenlehnen, für die Geschworenen, hinten die Tische für die Advokaten. Alles das war im vorderen Teil des Saales, welcher durch die Barriere in zwei Hälften geteilt wurde. Der hintere Teil war ganz mit Bänken besetzt, die reihenweise aufsteigend bis zur hinteren Wand reichten. In diesem hinteren Teil des Saales, auf den vorderen Bänken, saßen vier Frauen, anscheinend Fabrikarbeiterinnen oder Zimmermädchen, und zwei Männer, auch aus dem Arbeiterstande; sie schienen von der Großartigkeit der Saaleinrichtung wie erdrückt und flüsterten scheu miteinander. Bald nach den Geschworenen trat der Gerichtskommissar mit seinem einseitigen Gang in die Mitte vor und rief mit lauter Stimme, als ob er damit die Anwesenden erschrecken wolle: »Das Gericht kommt!« Alle standen auf, und auf die Erhöhung des Saales traten die Richter: der Vorsitzende mit den Muskeln und dem schönen Backenbart; dann das finstere Gerichtsmitglied mit der goldenen Brille; der Mann war jetzt noch finsterer, weil es gerade vor der Sitzung seinen Schwager, den Gerichtskandidaten, getroffen hatte, der ihm mitteilte, er sei bei seiner Schwester gewesen, und sie habe ihm erklärt, es werde kein Mittagessen geben. »Wir werden also wohl in die Kneipe gehen müssen«, sagte der Schwager lachend. »Da ist gar nichts zu lachen«, sagte das finstere Gerichtsmitglied und wurde noch finsterer. Endlich kam auch das dritte Gerichtsmitglied, derselbe Matwej Nikititsch, der sich immer verspätete; es war ein bärtiger Mann mit großen, nach unten gezogenen guten Augen. Dieses Gerichtsmitglied litt an Magenkatarrh und hatte vom heutigen Morgen ab auf den Rat des Doktors eine neue Diät begonnen. Und diese neue Diät hatte ihn heute noch länger als gewöhnlich zu Hause aufgehalten. Jetzt, als er die Erhöhung betrat, hatte er ein in sich gekehrtes Aussehen, da er die Gewohnheit hatte, bei allen Fragen, die er sich stellte, auf alle mögliche Weise ein Orakel zu befragen. Jetzt machte er bei sich aus: wenn die Zahl der Schritte von der Zimmertür bis zum Lehnstuhl ohne Rest durch drei teilbar sein wird, so wird die neue Diät ihn vom Katarrh heilen; wenn sie aber nicht teilbar ist, so wird sie nichts helfen. Es waren sechsundzwanzig Schritte, aber er machte einen kleinen Schritt, und mit dem siebenundzwanzigsten erreichte er den Lehnstuhl. Die Gestalten des Vorsitzenden und der Mitglieder, die in ihren Uniformen mit den goldgestickten Kragen auf die Erhöhung traten, waren sehr imposant. Sie fühlten das selber, und alle drei, wie durch ihre eigene Herrlichkeit befangen, setzten sich, indes sie die Augen eilig und bescheiden sinken ließen, auf ihre geschnitzten Lehnstühle hinter dem mit grünem Tuch bedeckten Tische, auf welchem ein dreieckiges Instrument mit einem Adler, ferner Glasgefäße, wie man sie zur Aufbewahrung von Bonbons in Büfetts zu verwenden pflegt, und ein Tintenfaß standen, und Schreibfedern, reines Papier und neu gespitzte Bleistifte verschiedener Größe sich befanden. Gleichzeitig mit den Richtern kam auch der Staatsanwalt. Er ging ebenso eilig mit der Aktenmappe unterm Arm und ebenso den Arm schwenkend zu seinem Platz am Fenster und versank sogleich in das Lesen und Durchsehen der Akten, jede Minute benutzend, um sich zum Prozesse vorzubereiten. Dieser Staatsanwalt vertrat zum vierten Male die Anklage. Er war sehr ehrgeizig und fest entschlossen, Karriere zu machen; daher hielt er es für notwendig, in allen Prozessen, wo er die öffentliche Anklage hatte, nach der Verurteilung zu streben. Das Wesentliche des Giftmordprozesses kannte er in allgemeinen Zügen, und den Plan seiner Rede hatte er schon gemacht; aber er brauchte noch einige Daten, und eben diese zog er sich jetzt eilig aus den Akten aus. Der Sekretär saß am entgegengesetzten Ende der Erhöhung, und nachdem er alle diejenigen Papiere, welche vielleicht zum Vorlesen gebraucht werden konnten, bereitgelegt, sah er einen verbotenen politischen Artikel durch, den er sich gestern verschafft und gelesen hatte. Er wollte über diesen Artikel mit dem Gerichtsmitglied mit dem großen Bart sprechen, das seine Ansichten teilte; und vor dem Gespräch wollte er sich mit dem Inhalt vertraut machen. 8 Nachdem der Vorsitzende die Akten durchgesehen, stellte er einige Fragen an den Gerichtskommissar und an den Sekretär, und als er bejahende Antworten bekommen hatte, ordnete er die Vorführung der Angeklagten an. Sogleich öffnete sich die Tür hinter der Barriere, es kamen zwei Gendarmen mit Mützen und bloßen Säbeln, und hinter ihnen zuerst der eine Angeklagte, ein rothaariger Mann mit Sommersprossen, und zwei Frauen. Der Mann trug einen für ihn zu weiten und zu langen Gefängniskaftan. Als er den Gerichtssaal betrat, hielt er seine Arme mit den ausgespreizten Daumen mit Anstrengung an den Hosennähten, indem er durch diese Haltung die zu lang herabhängenden Ärmel zurückhielt. Ohne die Richter und die Zuschauer anzusehen, betrachtete er aufmerksam die Bank, welche er umging. Nachdem er sie umgangen, setzte er sich auf dieselbe genau am Rande, um den anderen Platz zu lassen; das Auge auf den Vorsitzenden geheftet, fing er an, die Muskeln der Wangen zu bewegen, als ob er etwas flüstere. Nach ihm trat eine nicht junge Frau herein, auch in Gefängniskleidung. Der Kopf der Gefangenen war mit einem Arrestantenhalstuch umbunden, ihr Gesicht, ohne Augenbrauen und Wimpern, mit geröteten Augen war grauweiß. Die Frau schien vollständig ruhig. Als sie auf ihren Platz ging, blieb ihr Rock an etwas hängen; sie löste ihn sorgfältig und ohne Eile ab und setzte sich. Die dritte Angeklagte war die Maslowa. Sobald sie hereintrat, wandten sich die Augen aller Männer, die im Saal waren, auf sie, und lange blieben sie auf ihrem weißen Gesicht mit den schwarzen, glänzenden Augen und auf ihrem unter dem Gewand hervortretenden hohen Busen haften. Sogar der Gendarm, an dem sie vorüber mußte, sah sie an, ohne die Augen von ihr abzuwenden, bis sie vorbei war und sich setzte, und dann, als sie saß, wandte er sich eilig ab, als ob er sich seiner Schuld bewußt würde und, sich schüttelnd, begann er das Fenster gerade gegenüber anzustarren. Der Vorsitzende wartete, bis die Angeklagten ihre Plätze eingenommen hatten, und sobald die Maslowa saß, wandte er sich an den Sekretär. Es begann die gewöhnliche Prozedur: das Zählen der Geschworenen, die Beratungen über die Nichterschienenen, die Belegung derselben mit Strafen, die Entscheidung über diejenigen, welche um Urlaub gebeten hatten, der Ersatz der fehlenden durch andere. Dann legte der Vorsitzende die Lose zusammen und in das Glasgefäß hinein und fing an, nachdem er die gestickten Ärmel der Uniform ein wenig heraufgestreift und seine stark behaarten Arme entblößt hatte, mit den Gesten eines Taschenspielers ein Zettelchen nach dem anderen herauszuziehen, zu entrollen und zu lesen. – Dann streifte er die Ärmel hinunter und forderte den Geistlichen auf, die Geschworenen zu vereidigen. Der alte Geistliche mit dem aufgedunsenen, gelblichblassen Gesicht, in dem zimmetfarbigen Talar, mit einem goldenen Kreuz auf der Brust und noch einem kleinen Orden, der seitwärts am Talar angesteckt war, trat, langsam unter dem Talar seine angeschwollenen Beine bewegend, an das Betpult heran, welches unter dem Heiligenbilde stand. Die Geschworenen standen auf und drängten sich in einem Haufen gegen das Betpult. »Ich bitte«, sagte der Geistliche, die Annäherung aller Geschworenen abwartend, indem er mit der geschwollenen Hand sein Kreuz auf der Brust betastete. Dieser Geistliche bekleidete sein Priesteramt seit sechsundvierzig Jahren und wollte nach vier Jahren sein Jubiläum feiern; so wie er das des Domoberpriesters neulich gefeiert. In dem Bezirksgericht aber wirkte er seit Einführung dieser Gerichte und war sehr stolz darauf, daß er einige zehntausend Menschen vereidigt, und daß er auch im vorgeschrittenen Alter fortfuhr, zum Wohle der Kirche, des Vaterlandes und der Familie zu arbeiten, welch letzterer er außer einem Hause ein Kapital von nicht weniger als dreißigtausend in Wertpapieren hinterlassen würde. Daß aber seine Arbeit im Gericht, welche darin bestand, die Leute aufs Evangelium, wo der Eid gerade verboten wird, zu vereidigen, keine gute Arbeit war, kam ihm nie in den Sinn, und er fühlte sich nicht nur durchaus nicht bedrückt, sondern liebte diese gewohnte Beschäftigung, da er oft dabei die Bekanntschaft vornehmer Herren machte. Jetzt hatte er nicht ohne Vergnügen die Bekanntschaft des berühmten Advokaten gemacht, welcher ihm große Achtung einflößte, da er nur für diesen einen Prozeß der alten Frau mit den kolossalen Blumen auf dem Hute zehntausend Rubel bekommen hatte. Als alle Geschworenen die Stufen zur Erhöhung hinaufgegangen waren, neigte der Geistliche den kahlen, grauen Kopf zur Seite, schob ihn in das Loch seines schmutzigen Epitrachils und, nachdem er seine dünnen Haare geordnet, wandte er sich an die Geschworenen: »Heben Sie die rechte Hand auf, und legen Sie die Finger auf diese Weise zusammen«, sprach er langsam mit greisenhafter Stimme, indem er seine geschwollene Hand mit den Grübchen auf allen Fingern erhob und diese Finger zusammenlegte. »Jetzt sprechen Sie mir nach«, sagte er und fing an: »Ich verspreche und schwöre bei Gott dem Allmächtigen, vor seinem heiligen Evangelium und vor dem lebenschaffenden Kreuz des Herrn, daß ich in dem Prozeß, in welchem ...« sprach er, mit Unterbrechungen nach jeder Phrase. »Lassen Sie Ihre Hand nicht sinken, halten Sie sie so«, wandte er sich an einen jungen Mann, der seine Hand sinken ließ, »daß ich in dem Prozeß, in welchem ...« Der ansehnliche Herr mit dem Backenbart, der Oberst, der Kaufmann und andere hielten ihre Hände mit den zusammengelegten Fingern so wie es der Geistliche verlangte, und wie mit besonderem Vergnügen, sehr entschieden und hoch, die übrigen aber nur unwillig und unbestimmt. Die einen sprachen die Worte zu laut, mit Übereifer – und mit einem Ausdruck, welcher besagte: also, jetzt spreche ich; andere wieder flüsterten nur, blieben hinter dem Geistlichen zurück, und dann, wie erschrocken, holten sie zur unrechten Zeit nach; die einen hielten ihre zusammengelegten Finger herausfordernd so fest, als ob sie fürchteten etwas fallen zu lassen, andere ließen sie auseinander und taten sie wieder zusammen. Allen war es ungemütlich, nur der gute alte Geistliche allein war unzweifelhaft überzeugt, daß er eine sehr nützliche und wichtige Tat vollbringe. Nach der Vereidigung forderte der Vorsitzende die Geschworenen auf, einen Obmann zu wählen. Die Geschworenen standen auf und drängten sich in das Beratungszimmer, wo fast alle sogleich Zigaretten hervorholten und anfingen, zu rauchen. Jemand schlug als Obmann den ansehnlichen Herrn vor, und alle waren sogleich einverstanden; sie löschten die Zigaretten, warfen sie fort und kehrten in den Saal zurück. Der erwählte Obmann erklärte dem Vorsitzenden, daß er zum Obmann gewählt worden, und alle begaben sich, bemüht, einander nicht auf die Füße zu treten, wieder zu ihren Plätzen und setzten sich in zwei Reihen auf die Stühle mit den hohen Rückenlehnen. Alles ging ohne Aufenthalt, rasch und nicht ohne Feierlichkeit vor sich, und diese Regelmäßigkeit, Folgerichtigkeit und Feierlichkeit machte augenscheinlich den Teilnehmern Vergnügen und bestärkte in ihnen das Bewußtsein, daß sie eine ernste und wichtige öffentliche Handlung vollbrächten. Dieses Gefühl hatte auch Nechliudow. Sobald die Geschworenen saßen, hielt ihnen der Vorsitzende eine Rede über ihre Rechte, Pflichten und ihre Verantwortlichkeit. Während seiner Rede änderte der Vorsitzende beständig seine Stellung: bald stützte er sich auf die linke, bald auf die rechte Hand, bald auf die Rückenlehne, bald auf die Arme des Lehnstuhls, bald ordnete er die Ränder des Papiers, bald streichelte er das Falzbein, bald betastete er den Bleistift. Die Rechte der Geschworenen bestanden, seinen Worten nach, darin, daß sie an die Angeklagten durch den Vorsitzenden Fragen stellen durften, daß sie Papier und Bleistift haben und die Beweisstücke besehen konnten. Ihre Pflicht aber bestand darin, daß sie nicht falsch, sondern gerecht richten sollten. Ihre Verantwortlichkeit bestand darin, daß sie einer Strafe unterlagen, falls sie das Beratungsgeheimnis verletzten oder mit anderen Personen in Verkehr traten. Alle hörten mit ehrerbietiger Aufmerksamkeit zu. Der Kaufmann, der um sich herum einen Branntweingeruch verbreitete und ein geräuschvolles Aufstoßen zu unterdrücken suchte, nickte beifällig zu jedem Satz mit dem Kopfe. 9 Nach der Beendigung seiner Rede wandte sich der Vorsitzende zu einem der Angeklagten. »Simon Kartinkin, stehen Sie auf«, sagte er. Nervös sprang Simon auf; die Muskeln der Wangen fingen an, sich noch schneller zu bewegen. »Ihr Name?« »Simon Petrow Kartinkin«, sagte er rasch, mit knarriger Stimme, augenscheinlich schon zur Antwort vorbereitet. »Ihr Stand?« »Bauer.« »Welches Gouvernement? Welcher Kreis?« »Gouvernement Tula, Kreis Krapiwna, Landbezirk Kupiansk, Pfarrdorf Borki.« »Wie alt sind Sie?« »Vierunddreißig; geboren eintausendachthundert ...« »Welcher Konfession?« »Russisch-orthodoxen Glaubens.« »Verheiratet?« »Durchaus nicht.« »Womit beschäftigen Sie sich?« »Ich war auf dem Korridor im Gasthaus ›Mauritania‹ beschäftigt.« »Haben Sie schon vor Gericht gestanden?« »Nie war ich vor Gericht, – weil ich früher ...« »Ob Sie vor Gericht gestanden haben?« »Gott bewahre, nie.« »Eine Kopie der Anklageschrift haben Sie erhalten?« »Habe ich erhalten.« »Setzen Sie sich. Euphemia Iwanowna Botschkowa«, wandte sich der Vorsitzende an die folgende Angeklagte. Aber Simon fuhr fort, zu stehen und versperrte der Botschkowa den Weg. »Kartinkin, setzen Sie sich!« Kartinkin blieb stehen. »Kartinkin, setzen Sie sich!« Aber Kartinkin blieb immer noch stehen und setzte sich erst, als der hinzugelaufene Gerichtskommissar, den Kopf auf die Seite geneigt und die Augen unnatürlich weit geöffnet, mit tragischer Stimme zu ihm sagte: »Setzen! Setzen!« Kartinkin setzte sich ebenso rasch wie er aufgestanden war, und den Rock zusammenschlagend fing er an, wieder lautlos die Wangen zu bewegen. »Ihr Name?« Mit einem Seufzer der Ermüdung wandte sich der Vorsitzende zu der zweiten Angeklagten, ohne sie anzublicken, indem er in einem vor ihm liegenden Papier nachsah. Die Beschäftigung war für den Vorsitzenden eine so gewohnte, daß er zur Beschleunigung des Prozeßverfahrens zwei Dinge auf einmal tun konnte. Die Botschkowa war dreiundvierzig Jahre alt, ihr Stand: Kleinbürgerin von Kolomna, ihre Beschäftigung: Korridormädchen in demselben Gasthaus »Mauritania«. Vor Gericht und in Untersuchung war sie noch nicht gewesen, die Kopie der Anklageschrift hatte sie erhalten. Ihre Antworten gab die Botschkowa außerordentlich keck und mit einem Ton, als ob sie zu jeder Antwort hinzusetzte: »Jawohl! Euphemia Botschkowa, und die Abschrift habe ich erhalten und bin stolz darauf, und über mich zu lachen werde ich niemand erlauben.« Ohne zu warten, daß man ihr sagte, sich zu setzen, setzte sich die Botschkowa sogleich, nachdem die Fragen zu Ende waren. »Ihr Name?« wandte sich mit einem gewissen Entgegenkommen der weiberfreundliche Vorsitzende zu der dritten Angeklagten. »Bitte aufstehen«, fügte er weich und freundlich hinzu, als er bemerkte, daß sie noch saß. Die Maslowa stand mit rascher Bewegung auf, und mit einem Ausdruck von Bereitwilligkeit, ihren hohen Busen herausdrückend, sah sie, ohne zu antworten, gerade in das Gesicht des Vorsitzenden mit ihren lächelnden, ein wenig schielenden schwarzen Augen. »Sie heißen?« »Liubow«, sagte sie rasch. Inzwischen blickte Nechliudow, den Zwicker auf der Nase, die Angeklagten an, wie man sie der Reihe nach verhörte. »Aber – das kann ja nicht sein«, dachte er, ohne die Augen vom Gesichte der Angeklagten abzuwenden. »Aber wieso denn Liubow?« dachte er, als er ihre Antwort hörte. Der Vorsitzende wollte weiter fragen, aber das Gerichtsmitglied mit der Brille, das ihm ärgerlich etwas zugeflüstert hatte, hielt ihn auf. Der Vorsitzende machte mit dem Kopfe ein zustimmendes Zeichen und wandte sich an die Angeklagte. »Wieso Liubow?« sagte er. »Sie sind anders eingetragen.« Die Angeklagte schwieg. »Ich frage Sie, wie ist Ihr eigentlicher Name?« »Wie sind Sie getauft?« fragte das ärgerliche Mitglied. »Früher hieß ich Katharina.« »Aber das kann ja nicht sein«, fuhr Nechliudow fort mit sich zu sprechen, und inzwischen wußte er schon ohne jeden Zweifel, daß sie es war, das nämliche Mädchen, die Pflegetochter, das Zimmermädchen, in welches er eine Zeitlang verliebt gewesen, jawohl, richtig verliebt; das er dann in einem tollen Rausch verführt und verlassen hatte und dessen er nachher nie gedacht, weil ihm diese Erinnerung peinlich war, zu offenbar ihn anklagte und ihm zeigte, daß er, der auf seine Korrektheit so stolz war, nicht nur unkorrekt, sondern geradezu niederträchtig an diesem Weibe gehandelt hatte. Ja, sie war es. Er sah jetzt klar jene ausschließliche, geheimnisvolle Besonderheit, die jedes Gesicht von einem anderen unterscheidet, die es zu einem eigentümlichen, einzigen, unwiederholbaren macht. Trotz der unnatürlichen Weiße und Fülle des Gesichts war diese Eigentümlichkeit da, die schöne, ausschließliche Eigentümlichkeit in diesem Gesicht, in den Lippen, in den ein wenig schielenden Augen, und hauptsächlich in diesem naiven, lächelnden Blick und in dem Ausdruck der Bereitwilligkeit, nicht nur in dem Gesicht, sondern auch in der ganzen Gestalt. »Das hätten Sie gleich sagen sollen«, bemerkte wiederum besonders weich der Vorsitzende. »Wie ist der Vatersname?« »Ich bin unehelich«, sagte die Maslowa. »Dennoch – nach dem Taufvater – wie heißen Sie?« »Michajlowna.« »Was hat sie nur verüben können?« fuhr Nechliudow inzwischen fort, zu denken, kaum Atem holend. »Wie ist Ihr Familienname? Ihr Zuname?« fuhr der Vorsitzende fort. »Man hat mich nach meiner Mutter ›Maslowa‹ geschrieben.« »Stand?« »Kleinbürgerin.« »Rechtgläubiger Konfession?« »Rechtgläubig.« »Beschäftigung? Womit haben Sie sich beschäftigt?« Die Maslowa schwieg. »Womit haben Sie sich beschäftigt?« wiederholte der Vorsitzende. »In einer – Anstalt war ich«, sagte sie. »In welcher Anstalt«, fragte streng das Mitglied mit der Brille. »Sie werden schon selber wissen in welcher«, sagte die Maslowa, lächelte, und sogleich, nach raschem Umblicken, richtete sie ihr Auge wieder gerade auf den Vorsitzenden. Es war etwas so Ungewöhnliches in dem Ausdruck ihres Gesichts, etwas so Schreckliches, so Klägliches in der Bedeutung der von ihr gesprochenen Worte, in diesem Lächeln und in diesem raschen Blick, den sie dabei durch den Saal gehen ließ, daß der Vorsitzende die Augen niederschlug; für eine Minute entstand im Saale vollständige Stille. Die Stille ward durch ein Lachen von jemand aus dem Publikum unterbrochen. Jemand zischte. Der Vorsitzende erhob den Kopf und fragte weiter. »Vor Gericht und in Untersuchung waren Sie noch nicht?« »Nein«, sagte die Maslowa leise seufzend. »Die Kopie der Anklageschrift haben Sie erhalten?« »Ich habe sie erhalten.« »Setzen Sie sich.« Die Angeklagte hob mit jener Bewegung, mit der aufgeputzte Frauen ihre Schleppe in Ordnung bringen, den Rock hinten ein wenig auf und setzte sich hin, die kleinen, weißen Hände in den Ärmeln des Gefängniskleides, ohne die Augen von dem Vorsitzenden abzuwenden. Es begann die Abzählung der Zeugen, die Entlassung derselben, die Entscheidung über den ärztlichen Sachverständigen und die Einladung desselben in den Sitzungssaal. Dann stand der Sekretär auf und fing an, die Anklageschrift zu verlesen. Er las verständlich und laut, aber so rasch, daß seine Stimme, die L und R nicht korrekt aussprach, zu einem unaufhörlichen, einschläfernden Summen wurde. Die Richter stützten die Ellenbogen bald auf die eine, bald auf die andere Stuhllehne, bald auf den Tisch, bald auf die Rückenlehne, bald schlossen sie die Augen, bald machten sie sie auf und flüsterten miteinander. Einer der Gendarmen hielt einige Male einen beginnenden Gähnkrampf zurück. Vor den Angeklagten bewegte Kartinkin ohne Aufhören die Wangen; die Botschkowa saß vollständig ruhig und gerade, nur daß sie von Zeit zu Zeit ihren Kopf unter ihrem Tuch kratzte. Die Maslowa saß bald unbeweglich, indem sie dem Lesenden zuhörte und gerade auf ihn sah, bald fuhr sie zusammen, als wollte sie etwas erwidern, ward rot und seufzte dann schwer, änderte die Lage der Hände, und wieder sich umblickend, richtete sie ihre Augen auf den Lesenden. Nechliudow saß in der ersten Reihe auf seinem hohen Stuhle, als zweiter von der Ecke; ohne den Zwicker abzunehmen, sah er die Maslowa an, und in seiner Seele ging eine verwickelte, qualvolle Arbeit vor sich. 10 Die Anklageakte lautete folgendermaßen: »Im Jahre 1881, am 17. Januar, wurde von dem Besitzer des in der Stadt befindlichen Gasthauses ›Mauritania‹ der in seinem Etablissement erfolgte plötzliche Tod des dort abgestiegenen sibirischen Kaufmanns der zweiten Gilde Terapont Smelkow bei der Polizei angezeigt. Nach dem Zeugnis des Arztes des vierten Bezirks erfolgte der Tod des Smelkow durch Herzschlag, hervorgerufen durch übermäßigen Genuß geistiger Getränke, und die Leiche Smelkows ward am dritten Tage der Erde übergeben. Unterdessen kehrte am vierten Tage nach Smelkows Tode sein Landsmann und Kollege, der sibirische Kaufmann Timochin aus Petersburg zurück, welcher, nachdem er vom Tode seines Kollegen Smelkow und von den Umständen, unter welchen der Tod eingetreten, erfahren hatte, seinen Verdacht anzeigte, daß der Tod Smelkows kein natürlicher gewesen, sondern daß er von übelgesinnten Leuten vergiftet sei, die das in Smelkows Besitz befindliche und bei der Aufnahme seines Vermögens nicht mehr vorgefundene Geld und einen Diamantring entwendet hätten. Infolgedessen wurde eine Untersuchung angeordnet, welche folgendes an den Tag gebracht hat: Erstens – die Tatsache, die auch dem Besitzer des Gasthauses ›Mauritania‹ und dem Kommis des Kaufmannes Starikow, mit dem Smelkow nach seiner Ankunft in der Stadt zu tun hatte, bekannt war, daß in Smelkows Besitz 3800 Rubel sein mußten, welches er von der Bank erhalten hatte; indessen wurden in dem, nach dem Tode Smelkows, versiegelten Koffer und in seiner Brieftasche nur 312 Rubel 16 Kopeken gefunden. Zweitens, – daß Smelkow den ganzen Tag und die ganze Nacht vor seinem Tode mit einer Prostituierten Liubka, die zweimal bei ihm im Zimmer war, zugebracht hatte. Drittens – daß von dieser Prostituierten der Diamantring, welcher dem Smelkow gehörte, ihrer Wirtin verkauft worden war. Viertens – daß das Korridormädchen Euphemia Botschkowa am Tage nach dem Tode des Kaufmanns Smelkow in die Kommerzbank 1800 Rubel auf laufende Rechnung gebracht hatte. Fünftens – daß, nach Aussage der Prostituierten Liubka, der Korridorbediente Simon Kartinkin der Prostituierten Liubka ein Pulver übergeben und sie angestiftet hatte, das Pulver in Wein zu schütten und dem Kaufmann Smelkow zu geben, was die Prostituierte Liubka, ihrem eigenen Geständnis nach, auch ausgeführt hatte. Die als Angeklagte verhörte Prostituierte, Liubka genannt, sagte aus, daß sie während der Anwesenheit des Kaufmanns Smelkow in dem Bordell, in welchem sie, nach ihrem Ausdruck, arbeitete, von dem Kaufmann Smelkow in der Tat in das Zimmer des Gasthauses ›Mauritania‹ geschickt worden war, um dem Kaufmann sein Geld zu holen, und daß, nachdem sie dort mit dem ihr übergebenen Schlüssel den Koffer des Kaufmanns geöffnet, sie daraus vierzig Rubel, wie ihr befohlen war, mitgenommen, mehr Geld aber nicht genommen habe, was Simon Kartinkin und Euphemia Botschkowa bezeugen könnten, in deren Anwesenheit sie den Koffer auf- und zugeschlossen und das Geld genommen hatte. Was aber die Vergiftung Smelkows anbelangte, so hatte die Prostituierte Liubow ausgesagt, daß sie bei ihrem zweiten Besuch im Zimmer des Kaufmanns Smelkow auf Anraten des Simon Kartinkin ihm in der Tat in Kognak irgendein Pulver zu trinken gegeben, das sie für einschläfernd hielt, damit der Kaufmann einschliefe und sie eher gehen ließe, daß sie das Geld aber nicht genommen habe, daß Smelkow ihr selber den Ring geschenkt habe, nachdem er sie geschlagen und sie ihn habe verlassen wollen. Die als Angeklagte vom Untersuchungsrichter verhörten Euphemia Botschkowa und Simon Kartinkin sagten folgendes aus: Euphemia Botschkowa sagte aus, daß sie nichts von dem vermißten Gelde wisse, und daß sie in das Zimmer des Kaufmanns nicht hineingegangen, sondern daß Liubka dort allein sich zu tun gemacht habe. Und daß, wenn dem Kaufmann etwas entwendet worden, Liubka dies habe begehen müssen, als sie mit des Kaufmanns Schlüssel des Geldes wegen gekommen sei.« An dieser Stelle der Vorlesung fing die Maslowa an zu zittern, und blickte sich mit geöffnetem Munde nach der Botschkowa um. »Als aber der Euphemia Botschkowa ihr Bankschein im Werte von 1800 Rubeln vorgezeigt wurde,« fuhr der Sekretär fort zu lesen, »und als dieselbe gefragt wurde, woher sie solches Geld habe, sagte sie aus, daß dieses Geld im Laufe der achtzehn Jahre von ihr mit Simon zusammen, welchen sie zu heiraten im Begriff war, verdient worden sei. Der als Angeklagter verhörte Simon Kartinkin hat in seiner ersten Aussage gestanden, daß er mit der Botschkowa auf Anraten der Maslowa, die aus dem Bordell mit dem Schlüssel kam, das Geld entwendet und es zwischen sich selbst, der Maslowa und der Botschkowa geteilt habe; er hat auch gestanden, daß er der Maslowa zur Einschläferung des Kaufmannes ein Pulver gegeben; in einer abermaligen Aussage aber hat er seine Teilnahme an der Entwendung des Geldes und die Übergabe des Pulvers an die Maslowa geleugnet, indem er alles dessen die Maslowa beschuldigte. Von dem Gelde aber, welches die Botschkowa in der Bank eingezahlt hatte, sagte er ebenso aus, wie diese, nämlich, daß sie dieses Geld mit Kartinkin zusammen durch achtzehnjährigen Dienst von Herren als Trinkgeld für die Bedienung erworben habe. Zur Aufklärung des Tatbestandes wurde die Untersuchung der Leiche des Kaufmanns Smelkow für notwendig befunden, und dazu wurde eine Anordnung wegen Ausgrabung des Leichnams Smelkows und wegen Untersuchung des Inhaltes seiner Eingeweide sowie der Veränderungen, die im Organismus stattgefunden, gemacht. Die Untersuchung der Eingeweide hat gezeigt, daß der Tod des Kaufmanns Smelkow in der Tat durch Vergiftung erfolgt ist.« Hierauf folgten in der Anklageschrift die Beschreibungen der Konfrontationen, die Aussagen der Zeugen. Der Schluß der Anklageschrift war der folgende: »Der Kaufmann der zweiten Gilde Smelkow, der Trunkenheit und Liederlichkeit ergeben, schickte, nachdem er mit der Liubka genannten Prostituierten im Bordell der Kitajewa in ein Verhältnis getreten und für dieselbe eine Leidenschaft gefaßt, am 17. Januar 188..., während er in dem Hause der Kitajewa war, mit seinem Kofferschlüssel in das von ihm bewohnte Zimmer die obengenannte Prostituierte Liubka, damit sie dort aus seinem Koffer ihm das zur Bewirtung nötige Geld, vierzig Rubel, hole. Im Gasthaus angekommen, trat Katharina Maslowa, während sie dieses Geld herausnahm, mit der Botschkowa und Kartinkin in ein Einverständnis, alles Geld und die kostbaren Sachen des Kaufmanns Smelkow zu entwenden und dieselben untereinander zu teilen, was von ihnen auch ausgeführt worden ist« – (wieder erzitterte die Maslowa, sie sprang fast auf, wurde sogar purpurrot) – »dabei erhielt die Maslowa den Diamantring,« fuhr der Sekretär fort zu lesen, »und wahrscheinlich eine kleine Summe Geldes, die von ihr entweder verborgen oder verloren worden ist, weil die Maslowa in dieser Nacht in betrunkenem Zustande war. Um aber die Spuren des Verbrechens zu verbergen, wurde von den Mitschuldigen beschlossen, den Kaufmann Smelkow wieder in das Gasthaus zu locken und ihn dort mit dem in Kartinkins Besitz befindlichen Arsenik zu vergiften. Zu diesem Zweck war die Maslowa in das Bordell zurückgekehrt, und dort beredete sie den Kaufmann Smelkow, mit ihr in das Gasthaus ›Mauritania‹ zurückzufahren. Nachdem aber Smelkow in das Gasthaus zurückgekehrt war, und die Maslowa von Kartinkin das von ihm gebrachte Pulver erhalten hatte, schüttete sie es in den Kognak und gab diesen Kognak dem Smelkow zu trinken, wodurch der Tod Smelkows auch wirklich erfolgte. In Anbetracht alles oben Dargelegten werden der Bauer des Dorfes Borki, Simon Kartinkin, 33 Jahre alt, die Kleinbürgerin Euphemia Iwanowa Botschkowa, 43 Jahre alt, und die Kleinbürgerin Katharina Michajlowa Maslowa, 27 Jahre alt, angeklagt, daß sie gemeinschaftlich am 17. Januar im Jahre 188..., nachdem sie das Geld des Kaufmanns Smelkow, in Summa 2500 Rubel, entwendet, und, um die Spuren des Verbrechens zu verbergen, den Plan gefaßt, ihn des Lebens zu berauben, dem Kaufmann Smelkow Gift zu trinken gegeben haben, wodurch dann auch Smelkows Tod erfolgte. Dieses Verbrechen ist im Artikel 1455 des Strafgesetzbuches vorgesehen. Infolgedessen und auf Grund des Artikels so und so des Reglements des Kriminalverfahrens unterliegen der Bauer Simon Kartinkin, Euphemia Botschkowa und die Kleinbürgerin Katharina Maslowa der Gerichtsbarkeit des Bezirksgerichts mit Teilnahme von Geschworenen.« So beendete der Sekretär die Verlesung der langen Anklageschrift und, nachdem er die Bogen wieder zusammengelegt, setzte er sich, mit beiden Händen seine langen Haare in Ordnung bringend, auf seinen Platz. Alle holten erleichtert Atem, im angenehmen Bewußtsein dessen, daß jetzt die Untersuchung begonnen habe, und gleich alles klar sein und die Gerechtigkeit befriedigt sein werde. Nechliudow allein empfand dieses Gefühl nicht: er war überwältigt von Entsetzen über das, was jene Maslowa, die er vor zehn Jahren als unschuldiges und reizendes Mädchen gekannt, hatte begehen können. 11 Als die Verlesung der Anklageschrift zu Ende war, wandte sich der Vorsitzende, nach einer Beratung mit den Mitgliedern an den Angeklagten Kartinkin, mit einem Ausdruck, welcher offenbar sagte: jetzt werden wir schon alles sicher und auf die ausführlichste Weise erfahren. »Bauer Simon Kartinkin«, fing er an, sich auf die linke Seite neigend. Simon Kartinkin stand auf, die Hände an der Hosennaht und mit dem ganzen Körper vorwärts strebend, während er unaufhörlich lautlos die Wangen bewegte. »Sie sind angeklagt, am 17. Januar 188... in Gemeinschaft mit Euphemia Botschkowa und Katharina Maslowa, aus dem Koffer des Kaufmanns Smelkow ihm gehöriges Geld entwendet zu haben; dann haben Sie Arsenik gebracht und Katharina Maslowa beredet, das Gift dem Kaufmann Smelkow in Kognak zu trinken zu geben, wodurch der Tod Smelkows erfolgte. Bekennen Sie sich schuldig?« sagte er und neigte sich nach rechts. »Durchaus unmöglich, denn unsere Sache ist, die Gäste zu bedienen ...« »Sie werden das später sagen. Bekennen Sie sich schuldig?« »Durchaus nicht. Ich habe nur ...« »Später werden Sie das sagen. Bekennen Sie sich schuldig?« wiederholte ruhig aber fest der Vorsitzende. »Das kann ich nicht tun, weil eben ...« Wieder sprang der Gerichtskommissar zu Kartinkin heran und hieß ihn mit tragischer Stimme aufhören. Der Vorsitzende legte mit einem Ausdruck, als ob diese Sache jetzt zu Ende sei, den Ellbogen des Arms, in welchem er das Papier hielt, auf eine andere Stelle und wandte sich an Euphemia Botschkowa. »Euphemia Botschkowa, Sie sind angeklagt, am 17. Januar 188... im Gasthause ›Mauritania‹ gemeinschaftlich mit Simon Kartinkin und Katharina Maslowa dem Kaufmann Smelkow aus seinem Koffer Geld und einen Ring entwendet und das Entwendete miteinander geteilt zu haben; ferner haben Sie zur Verbergung Ihres Verbrechens den Kaufmann Smelkow Gift trinken lassen, wodurch sein Tod erfolgte. Bekennen Sie sich schuldig?« »Schuldig bin ich in gar nichts«, fing die Angeklagte flink und sicher zu sprechen an. »Ich bin nicht einmal in sein Zimmer hineingegangen. Aber da diese unflätige Person hineingegangen ist, so hat sie auch die Sache getan.« »Sie werden das später sagen«, fiel wieder ebenso weich und sicher der Vorsitzende ein. »Also bekennen Sie sich nicht schuldig?« »Nicht ich habe das Geld genommen, und nicht ich habe ihm zu trinken gegeben; ich bin ja nicht einmal in dem Zimmer gewesen. Wenn ich dagewesen wäre, würde ich sie hinausgeworfen haben.« »Sie bekennen sich nicht schuldig?« »Nie im Leben!« »Sehr gut.« »Katharina Maslowa,« begann der Vorsitzende, sich an die dritte Angeklagte wendend, »Sie sind angeklagt, aus dem Bordell in das Zimmer des Gasthauses ›Mauritania‹ mit dem Schlüssel des Kaufmanns Smelkow gekommen zu sein, Geld und einen Ring entwendet zu haben«, – sprach er herunter wie eine auswendig gelernte Lektion, indem er sein Ohr unterdessen zu dem Mitglied links neigte, das sagte, nach dem Register der Beweisstücke fehle ein Gläschen, ... »Geld und einen Ring entwendet zu haben,« wiederholte der Vorsitzende, »und nachdem Sie das Entwendete geteilt haben und dann wieder mit dem Kaufmann Smelkow in das Gasthaus ›Mauritania‹ gekommen sind, haben Sie dem Smelkow vergifteten Kognak zu trinken gegeben, wodurch sein Tod erfolgte. Bekennen Sie sich schuldig?« »Gar nicht schuldig bin ich,« fing sie rasch zu sprechen an, »wie ich früher gesagt habe, so sage ich auch jetzt, ich habe nichts genommen, nichts genommen, und nichts genommen! Nichts habe ich genommen, den Ring aber hat er selber mir gegeben.« »Sie bekennen sich nicht der Entwendung der 2500 Rubel baren Geldes schuldig?« sagte der Vorsitzende. »Ich sage, nichts habe ich genommen, außer 40 Rubeln.« »Nun, aber dessen, daß Sie dem Kaufmann Smelkow Pulver im Kognak gegeben haben, bekennen Sie sich schuldig?« »Ich bekenne es. Nur dachte ich, wie man mir gesagt hat, daß es einschläfernd sei, daß danach nichts passieren würde. So etwas glaubte ich nicht und wollte es nicht. Bei Gott, sage ich, ich wollte es nicht.« »Also, Sie bekennen sich nicht schuldig der Entwendung des Geldes und Ringes des Kaufmanns Smelkow«, sagte der Vorsitzende. »Aber Sie gestehen ein, daß Sie ihm Pulver eingegeben haben?« »Das gestehe ich ein, nur habe ich gedacht, das Pulver sei nur einschläfernd. Ich habe es ihm nur gegeben, damit er einschliefe. Etwas anderes wollte ich nicht und glaubte es nicht.« »Sehr gut«, sagte der Vorsitzende, augenscheinlich mit den erzielten Ergebnissen zufrieden. »Dann erzählen Sie, wie die Sache war«, sagte er, sich gegen die Rückenlehne stützend und beide Arme auf den Tisch legend. »Erzählen Sie alles, wie es war, Sie können durch ein aufrichtiges Geständnis Ihre Lage erleichtern.« Die Maslowa schwieg, indem sie immer ebenso gerade auf den Vorsitzenden sah. »Erzählen Sie, wie die Sache war.« »Wie es war?« fing die Maslowa plötzlich rasch an. »Ich kam in das Gasthaus, man hat mich in das Zimmer geführt. Dort war ›er‹ und schon sehr betrunken.« Sie sprach das Wort ›er‹ mit einem besonderen Ausdruck des Schreckens, indem sie ihre Augen weit aufriß. »Ich wollte wieder weg, er hat mich aber nicht gelassen ...« Sie schwieg, als ob sie den Faden verlöre, oder sich an etwas anderes erinnere. »Nun, aber dann?« »Was denn, dann? Eine Zeitlang blieb ich, dann aber fuhr ich nach Hause.« In diesem Augenblick erhob sich der Staatsanwalt halb, indem er sich affektiert auf einen Ellenbogen stützte. »Sie wollen eine Frage tun«, sagte der Vorsitzende, und auf die bejahende Antwort des Staatsanwalts zeigte er demselben mit einer Geste an, daß er fragen könne. »Ich möchte die Frage vorlegen, ob die Angeklagte früher mit Simon Kartinkin bekannt war?« sagte der Staatsanwalt, ohne die Maslowa anzusehen. Und nach der Frage preßte er die Lippen zusammen und machte ein finsteres Gesicht. Der Vorsitzende wiederholte die Frage, die Maslowa starrte den Staatsanwalt erschrocken an. »Mit Simon? Ja, ich war mit ihm bekannt«, sagte sie. »Ich möchte jetzt wissen, worin diese Bekanntschaft der Angeklagten mit Kartinkin bestand? Ob sie einander oft gesehen haben?« »Worin die Bekanntschaft bestand? Er lud mich zu den Gästen ein, aber eine Bekanntschaft war es nicht«, antwortete die Maslowa, indem sie ihre Augen unruhig vom Staatsanwalt zu dem Vorsitzenden und zurück wandern ließ. »Ich möchte wissen, warum Kartinkin zu den Gästen ausschließlich die Maslowa einlud und keine anderen Mädchen«, sagte, die Augen schließend, aber mit einem leichten, schlauen Mephistolächeln, der Staatsanwalt. »Ich weiß es nicht. Wie kann ich das wissen?« antwortete die Maslowa, erschrocken um sich sehend, und ihr Auge blieb für einen Moment auf Nechliudow haften. »Wen er wollte, den lud er ein.« »Ob sie mich denn erkannt hat?« dachte Nechliudow mit Entsetzen, indem er fühlte, wie das Blut ihm ins Gesicht strömte; aber die Maslowa wandte sich, ohne ihn von den anderen zu unterscheiden, sogleich ab und starrte wieder mit erschrockenem Ausdruck den Staatsanwalt an. »Die Angeklagte leugnet also, daß sie irgendein nahes Verhältnis zu Kartinkin hatte. Sehr gut. Weiter habe ich nichts zu fragen.« Der Staatsanwalt nahm sogleich den Ellbogen vom Schreibtisch weg und begann etwas aufzuschreiben. In Wirklichkeit schrieb er nichts auf, er fuhr nur mit der Feder den Buchstaben seines Zettels nach, aber er hatte gesehen, wie alle Staatsanwälte tun: nach einer geschickten Frage schreiben sie in ihre Rede eine Bemerkung hinein, welche den Gegner zermalmen soll. Der Vorsitzende wandte sich nicht sogleich an die Angeklagte, weil er gerade den Herrn mit der Brille fragte, ob er mit der Aufstellung der Fragen einverstanden sei, welche schon im voraus vorbereitet und aufgeschrieben waren. »Was war dann weiter?« fragte der Vorsitzende sodann. »Ich kam nach Hause,« fuhr die Maslowa schon etwas dreister fort, indem sie allein den Vorsitzenden ansah, »ich gab das Geld der Wirtin ab und legte mich zu Bett. Eben, als ich eingeschlafen war, weckte mich unser Mädchen Berta. ›Komm, dein Kaufmann ist wieder da.‹ Ich wollte nicht gehen, aber die Madame befahl es doch. Da gab er,« sie sprach dieses Wort ›er‹ wieder mit sichtbarem Schrecken aus, »unseren Mädchen immer Wein zu trinken; dann wollte er noch mehr Wein holen lassen, aber all sein Geld war schon ausgegeben. Die Wirtin wollte ihm nicht trauen. Dann schickte er mich zu sich in sein Zimmer. Und er sagte, wo das Geld sei, und wieviel ich nehmen sollte. Und ich fuhr hin.« Der Vorsitzende und das Mitglied links flüsterten um diese Zeit einander zu, und der Vorsitzende hörte nicht, was die Maslowa sagte, aber um zu zeigen, daß er alles gehört, wiederholte er ihre letzten Worte. »Sie fuhren hin. Nun, und was dann?« sagte er. »Ich kam an, tat alles, wie er geheißen hatte,« sagte die Maslowa, »ging in das Zimmer. Nicht allein ging ich in das Zimmer; ich rief Simon Michajlowitsch und sie«, sagte sie, auf die Botschkowa zeigend. »Sie lügt, ich habe gar nicht daran gedacht, hineinzugehen ...« wollte die Botschkowa anfangen, aber sie wurde unterbrochen. »In ihrem Beisein nahm ich vier rote Scheine«, fuhr die Maslowa, das Gesicht verziehend, fort, ohne die Botschkowa anzusehen. »Nun aber, hat die Angeklagte nicht bemerkt, als sie vierzig Rubel herausnahm, wieviel Geld dort lag?« fragte wieder der Staatsanwalt. Die Maslowa fuhr zusammen, als der Staatsanwalt sich an sie wandte; sie wußte nicht wie und was, aber sie fühlte, daß er Böses gegen sie im Sinne hatte. »Ich habe nicht gezählt, habe nur gesehen, daß da Hundertrubelscheine waren.« »Die Angeklagte hat Hundertrubelscheine gesehen, – mehr habe ich nicht zu fragen.« »Nun, wie denn? Haben Sie ihm das Geld gebracht?« fuhr der Vorsitzende fort zu fragen, indem er auf die Uhr sah. »Ich habe es ihm gebracht.« »Nun, und dann?« fragte der Vorsitzende. »Dann aber hat er mich wieder mit sich genommen«, sagte die Maslowa. »Nun und wie haben Sie ihm denn das Pulver in Kognak gegeben«, fragte der Vorsitzende. »Wie ich es gegeben habe? Ich hab' es in Kognak hineingeschüttet und ihm gegeben.« »Warum haben Sie es ihm denn gegeben?« Sie seufzte schwer und tief, ohne zu antworten. »Er ließ mich immer nicht weg,« sagte sie nach einigem Schweigen, »ich wurde bei ihm todmüde, ging in den Korridor hinaus und sagte zu Simon Michajlowitsch: ›Wenn er mich nur wegließe. Müde bin ich‹. – Simon Michajlowitsch aber sagte: ›Wir sind seiner auch überdrüssig. Wir wollen ihm ein einschläferndes Pulver geben; er wird einschlafen, dann gehst du weg‹. Ich sagte: ›Gut‹. Ich hatte gemeint, daß es ein unschädliches Pulver sei. Und er gab mir ein Papierchen. Ich ging hinein, er aber lag hinter dem Verschlag, und sogleich hieß er mich, ihm Kognak geben. Ich nahm vom Tische eine Flasche Fine Champagne, goß zwei Gläser voll – für mich und für ihn; in sein Glas aber schüttete ich das Pulver hinein und gab es ihm. So dachte ich ja eben ... Würde ich es ihm denn gegeben haben, wenn ich das gewußt hätte?« »Nun, wie kam aber der Ring in Ihren Besitz?« fragte der Vorsitzende. »Den Ring hat er mir selber geschenkt.« »Wann hat er ihn Ihnen denn geschenkt?« »Als ich mit ihm in das Zimmer kam, wollte ich weggehen, er aber schlug mich auf den Kopf und zerbrach mir den Kamm. Ich wurde böse und wollte weggehen. Er nahm den Ring vom Finger und schenkte ihn mir, damit ich nicht wegliefe«, sagte sie. Jetzt erhob sich der Staatsanwalt wieder ein wenig; immer mit demselben verstellt-naiven Aussehen bat er um Erlaubnis, noch einige Fragen tun zu dürfen; nachdem er die Erlaubnis bekommen, neigte er seinen Kopf über den gestickten Kragen und fragte: »Ich möchte wissen, wieviel Zeit die Angeklagte im Zimmer des Kaufmanns Smelkow zugebracht hat?« Wieder überfiel die Maslowa Furcht, und unruhig mit den Augen vom Staatsanwalt zum Vorsitzenden schweifend, sagte sie eilig: »Ich erinnere mich nicht, wie lange Zeit.« »Nun, aber erinnert sich die Angeklagte nicht, ob sie in dem Gasthause noch irgendwo hineingegangen ist, nachdem sie den Kaufmann Smelkow verlassen hatte?« Die Maslowa dachte ein wenig nach. »In das Zimmer daneben, in das leere Zimmer bin ich gegangen.« »Wozu sind Sie dort hineingegangen?« sagte der Staatsanwalt interessiert und sich direkt an sie wendend. »Ich bin hineingegangen, um mich etwas zurechtzumachen, und ich wartete auf eine Droschke.« »Und Kartinkin, war der mit der Angeklagten im Zimmer oder nicht?« »Er ist auch hereingekommen.« »Warum ist er denn hereingekommen?« »Von dem Kaufmann war noch Fine Champagne übrig, wir haben ihn zusammen ausgetrunken.« »So, Sie haben ihn zusammen ausgetrunken? Sehr gut. Und hat die Angeklagte ein Gespräch mit Simon gehabt und worüber?« Die Maslowa runzelte plötzlich die Stirn, wurde purpurrot und sagte rasch: »Was ich gesprochen habe? Aber ich weiß nicht mehr, machen Sie mit mir, was Sie wollen. Ich bin unschuldig, und das ist alles. Nichts habe ich gesprochen. Was war, das habe ich alles erzählt.« »Mehr habe ich nicht zu fragen«, sagte der Staatsanwalt zu dem Vorsitzenden. Und mit affektiert hochgezogenen Schultern fing er an, in den Entwurf seiner Rede rasch das eigene Geständnis der Angeklagten einzutragen, daß sie mit Simon das leere Zimmer betreten habe. Es trat Schweigen ein. »Sie haben nichts mehr zu sagen?« »Ich habe alles gesagt«, erwiderte sie seufzend und setzte sich. Gleich darauf schrieb der Vorsitzende etwas auf sein Papier, und nachdem er die Mitteilung, welche das Mitglied von links ihm zugeflüstert, angehört, kündigte er eine Unterbrechung der Sitzung auf zehn Minuten an; eilig stand er auf und verließ den Saal. Die Beratung zwischen dem Vorsitzenden und dem Mitglied von links, dem hohen, bärtigen, mit den großen, guten Augen, fand darüber statt, daß dieses Mitglied eine leichte Magenstörung empfand und wünschte, sich eine Massage zu machen und Tropfen zu nehmen. Eben das hatte er dem Vorsitzenden mitgeteilt, und auf seine Bitte wurde die Unterbrechung gemacht. Gleich nach den Richtern erhoben sich auch die Geschworenen, die Advokaten, die Zeugen, und im Bewußtsein des angenehmen Gefühls, daß ein Teil der wichtigen Sache schon vollbracht sei, gingen sie in verschiedenen Richtungen auseinander. Nechliudow ging in das Zimmer der Geschworenen hinüber und setzte sich dort ans Fenster. 12 Ja, es war Katjuscha! Nechliudows Beziehungen zu Katjuscha waren folgender Art: Zum ersten Male hatte Nechliudow Katjuscha gesehen, als er im sechsten Semester die Universität besuchte, während er seine Arbeit über den Grundbesitz vorbereitete, und den Sommer bei seinen Tanten zubrachte. Gewöhnlich wohnte er mit seiner Mutter und Schwester auf dem großen Gut der Mutter nahe Moskau. In diesem Jahre aber heiratete seine Schwester, und seine Mutter begab sich in ein Bad ins Ausland. Nechliudow aber mußte seine Arbeit schreiben, und er entschloß sich, den Sommer bei den Tanten zuzubringen. Bei ihnen, in ihrer Einsamkeit, war es still; es gab keine Zerstreuungen; die Tanten aber liebten ihren Neffen und Erben zärtlich, und er liebte sie; er liebte ihr altmodisches Wesen und die Einfalt ihres Lebens. Nechliudow durchlebte in diesem Sommer bei den Tanten den begeisterungsvollen Zustand, in dem der Jüngling zum ersten Male nicht nach fremden Anweisungen, sondern selbständig die ganze Schönheit des Lebens und die ganze Bedeutsamkeit der Aufgabe, welche dem Menschen im Leben gegeben ist, erkennt – die Möglichkeit der unendlichen Vervollkommnung sowohl seiner selbst, wie auch der ganzen Welt sieht, und sich dieser Vervollkommnung nicht nur in Hoffnung ergibt, sondern in voller Überzeugung an die Erreichbarkeit all der Vollkommenheit, welche er sich vorstellt. In diesem Jahre hatte er, noch in der Universität, »Die soziale Statik« von Spencer gelesen, und Spencers Auseinandersetzungen über den Grundbesitz hatten auf ihn einen großen Eindruck gemacht, besonders da er selbst der Sohn einer Großgrundbesitzerin war. Sein Vater war nicht reich, die Mutter aber hatte rund zehntausend Desiatinen Land als Mitgift bekommen. Er hatte damals zuerst die ganze Grausamkeit und Ungerechtigkeit des Privatgrundbesitzes begriffen, und als ein Mensch, für welchen ein Opfer im Namen moralischer Forderungen höchsten geistigen Genuß bildet, entschloß er sich, von seinem Eigentumsrechte auf Land keinen Gebrauch zu machen und das Land, welches er vom Vater geerbt, sogleich an die Bauern abzutreten. Über dieses Thema schrieb er auch seine Abhandlung. Sein Leben verlief in diesem Sommer auf dem Lande bei den Tanten folgendermaßen: Er stand sehr früh auf, manchmal um 3 Uhr, und ging vor Sonnenaufgang zum Baden nach dem Flusse unterhalb des Berges, manchmal noch im Morgennebel, und kehrte zurück, wenn der Tau noch auf dem Grase und auf den Blumen lag. Manchmal setzte er sich am Morgen, nachdem er Kaffee getrunken, an seine Abhandlung oder die Quellen dafür; sehr oft aber verließ er, anstatt zu lesen und zu schreiben, wieder das Haus und streifte durch die Felder und Wälder. Vor dem Mittagessen schlief er irgendwo im Garten ein, dann, beim Mittagessen, belustigte er die Tanten und brachte sie zum Lachen durch seine Munterkeit; dann ritt er spazieren oder fuhr Boot, und abends las er wieder, oder er saß mit den Tanten beim Patiencelegen. Oft konnte er in der Nacht, besonders in den mondhellen Nächten, nicht schlafen, einzig darum, weil er eine zu große, aufregende Freude des Lebens empfand, und anstatt zu schlafen, ging er zuweilen bis zum Tagesanbruch mit seinen Träumen und Gedanken im Garten hin und her. So glücklich und ruhig lebte er den ersten Monat seines Aufenthaltes bei den Tanten, ohne der schwarzäugigen, schnellfüßigen Katjuscha, die halb Stubenmädchen, halb Pflegetochter war, irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken. Damals war Nechliudow, unter den Fittichen der Mutter erzogen, 19 Jahre alt und ein völlig unschuldiger Jüngling. Er träumte vom Weibe als Gattin. Alle Weiber aber, welche, nach seinem Begriff, nicht seine Frau sein konnten, waren für ihn keine Weiber, sondern Menschen. Aber es geschah, daß in diesem Sommer am Himmelfahrtstage eine Nachbarin die Tanten besuchte und ihre Kinder mitbrachte: zwei jungen Mädchen und einen Gymnasiasten, und außerdem einen jungen Künstler aus dem Bauernstande, der bei ihnen zu Gast war. Nach dem Tee fing man an, auf der schon abgemähten kleinen Wiese vor dem Hause ein Fangspiel zu spielen. Man nahm auch Katjuscha mit. Nachdem einige Paare gewechselt hatten, trug es sich zu, daß Nechliudow mit Katjuscha laufen sollte. Es war Nechliudow immer angenehm, Katjuscha zu sehen, aber es kam ihm nie in den Kopf, daß zwischen ihr und ihm irgendein besonderes Verhältnis sein könne. »Nun, die wird man um nichts in der Welt fangen können«, sagte der haschende lustige Künstler, der auf seinen kurzen und krummen, aber starken Bauernbeinen sehr schnell lief. »Wenn sie nicht gerade stolpert ...« »So einer, wie Sie, und der sollte nicht fangen?« »Eins, zwei, drei!« klatschte man dreimal in die Hände. Kaum das Lachen verhaltend, tauschte Katjuscha rasch ihren Platz gegen den Nechliudows, sie drückte mit ihrer rauhen, kleinen Hand seine große und stürmte vorwärts, nach links, mit dem gestärkten Rock raschelnd. Nechliudow konnte schnell laufen, und er mochte sich nicht von dem Künstler fangen lassen, er stürzte also aus allen Kräften los. Als er sich umblickte, sah er den Künstler Katjuscha verfolgen; sie aber, flink ihre elastischen, jungen Füße rührend, ergab sich ihm nicht und entfernte sich nach links. Vorn war ein Beet mit Fliedersträuchern, hinter welches niemand lief, aber Katjuscha sah sich nach Nechliudow um und gab ihm mit dem Kopf ein Zeichen, um sich mit ihm hinter dem Beet zu vereinigen. Er verstand sie und lief hinter die Sträucher. Aber dort, hinter den Sträuchern, war ein ihm unbekannter kleiner Graben, mit Brennesseln zugewachsen: er stolperte hinein, verbrannte sich die Hände an den Brennesseln und wurde von dem gegen Abend gefallenen Tau naß; aber sogleich über sich selbst lachend, richtete er sich wieder auf und lief auf den freien Platz hinaus. Katjuscha, mit ihrem Lächeln und ihren schwarzen, wie feuchte Johannisbeeren strahlenden Augen, flog ihm entgegen. Sie liefen zusammen und faßten einander an den Händen. »Verbrannt, glaube ich«, sagte sie, indem sie mit der freien Hand ihren in Unordnung geratenen Zopf ordnete, und sah ihn schwer atmend und lächelnd von unten herauf an. »Das wußte ich ja gar nicht, daß da ein Graben ist«, sagte er, ebenso lächelnd, und ohne ihre Hand los zu lassen. Sie rückte zu ihm heran, und er, ohne selber zu wissen, wie es geschah, näherte sich ihr mit dem Gesichte; sie entfernte sich nicht, er drückte stark ihre Hand und küßte sie auf die Lippen. »Aber, nicht doch!« sagte sie; mit rascher Bewegung entriß sie ihm ihre Hand und lief von ihm weg. Zu einem Fliederstrauch laufend, brach sie von ihm zwei Zweige des schon abgefallenen weißen Flieders; sie schlug damit ihr erhitztes Gesicht, sah sich nach ihm um, und rasch mit den Händen vor sich hin und her fuchtelnd, ging sie zurück zu den Spielenden. Von der Zeit an änderten sich die Beziehungen zwischen Nechliudow und Katjuscha, und es entstand jenes besondere Verhältnis, wie es zwischen einem unschuldigen jungen Mann und einem ebenso unschuldigen Mädchen, die sich zueinander hingezogen fühlen, zu bestehen pflegt. So oft Katjuscha ins Zimmer kam, oder sobald Nechliudow nur von weitem ihre weiße Schürze sah, war alles für ihn wie von Sonnenlicht bestrahlt, alles wurde für ihn interessanter, lustiger, bedeutender; das Leben wurde freudvoller. Dasselbe empfand auch sie. Aber nicht nur Katjuschas Gegenwart und ihre Nähe taten auf Nechliudow diese Wirkung; diese Wirkung brachte für ihn allein das Bewußtsein hervor, daß sie, diese Katjuscha, da sei, und für sie, daß Nechliudow existiere. Ob Nechliudow einen unangenehmen Brief von seiner Mutter bekam, oder ob es mit seiner Abhandlung nicht recht vorwärtsging, oder ob er einen jugendlichen grundlosen Gram empfand, – es genügte, sich daran zu erinnern, daß es eine Katjuscha gab und daß er sie sehen würde – und alles war gut. Katjuscha hatte viel zu tun im Haushalt; aber sie wurde mit allem fertig, und in freien Minuten las sie; Nechliudow gab ihr Dostojewskij und Turgenew, die er eben selber erst gelesen hatte. Am meisten gefiel ihr »Das Stilleben« von Turgenew. Zu Gesprächen kam es zwischen ihnen nur gelegentlich, bei Begegnungen auf dem Korridor, auf dem Balkon, auf dem Hofe und zuweilen im Zimmer des alten Zimmermädchens der Tanten, Matriona Pawlowna, mit der Katjuscha zusammen wohnte. In ihr Stübchen kam manchmal Nechliudow, um Tee zu trinken und nach alter Weise den Zucker dazu zu knabbern. Und diese Gespräche in Matriona Pawlownas Gegenwart waren die angenehmsten. Miteinander zu reden, wenn sie allein waren, war schlimmer. Sogleich fingen die Augen an, etwas ganz anderes, bei weitem Wichtigeres zu sprechen als das, was der Mund sprach; die Lippen zogen sich zusammen, es war ihnen etwas unheimlich, und sie gingen eilig auseinander. So war das Verhältnis zwischen Nechliudow und Katjuscha während der ganzen Zeit seines ersten Aufenthaltes bei den Tanten. Die Tanten bemerkten dies Verhältnis; sie erschraken und schrieben sogar darüber ins Ausland an Fürstin Jelena Iwanowna, Nechliudows Mutter. Tante Maria Iwanowna befürchtete, Dmitrij könnte in ein nahes Verhältnis zu Katjuscha treten. Aber sie befürchtete dies umsonst; Nechliudow, ohne es selber zu wissen, liebte Katjuscha, wie alle unschuldigen Leute lieben, und seine Liebe war der Hauptschutz gegen den Fall, sowohl für ihn, wie auch für sie. Er hatte nicht nur keinen Wunsch, ihren Leib zu besitzen, sondern er entsetzte sich vor dem Gedanken an die Möglichkeit eines solchen Verhältnisses zu ihr. Die Befürchtungen der poetischen Sophia Iwanowna davor, daß Dmitrij mit seinem entschlossenen, gradlinigen Charakter, wenn er einmal ein Mädchen liebgewonnen, sich vornehmen könnte, es zu heiraten, ohne auf ihre Herkunft und ihre Lage zu achten, – diese Befürchtungen waren weit stichhaltiger. Wenn Nechliudow seine Liebe zu Katjuscha damals klar zum Bewußtsein gekommen wäre, und besonders, wenn man ihn hätte überzeugen wollen, daß er keinesfalls sein Schicksal mit dem jenes Mädchens vereinigen könne und dürfe, so hätte es sehr leicht geschehen können, daß er mit seinem gradlinigen Wesen einfach entschieden hätte, es gäbe keine Gründe, ein Mädchen nicht zu heiraten, wer sie auch sei, wenn man sie nur liebe. Aber die Tanten sagten nichts über ihre Befürchtungen, und so reiste er ab, ohne sich seiner Liebe zu Katjuscha bewußt zu werden. Er war überzeugt, daß sein Gefühl für Katjuscha eine der damals sein ganzes Wesen erfüllenden Offenbarungen der Lebensfreude sei, die von diesem lieben, lustigen Mädchen geteilt wurde. Als er aber abreiste und Katjuscha, mit den Tanten auf der Treppe stehend, ihm mit ihren schwarzen, tränenerfüllten und ein wenig schielenden Augen nachsah, empfand er doch, daß er etwas Schönes, Teueres, etwas, das sich nie wiederholen würde, hinter sich lasse. Und er wurde sehr betrübt. »Leb' wohl, Katjuscha, ich danke für alles«, sagte er über Sophia Iwanownas Haube hinweg, während er in die Kalesche stieg. »Leben Sie wohl, Dmitrij Iwanowitsch«, sagte sie mit ihrer angenehmen, liebkosenden Stimme, und die Tränen zurückdrängend, lief sie in den Hausflur, wo sie sich ungestört ausweinen konnte. 13 Seit damals hatten sich Nechliudow und Katjuscha während dreier Jahre nicht gesehen. Und erst dann sah er sie wieder, als er, eben zum Offizier befördert, auf dem Wege zur Armee zu den Tanten kam, aber schon als ein ganz anderer Mensch, als der gewesen war, der bei ihnen vor drei Jahren den Sommer zugebracht hatte. Damals war er ein ehrlicher, selbstverleugnender Jüngling gewesen, der sich jeder guten Sache hinzugeben bereit war; jetzt war er ein raffinierter Egoist, der nur seinen Genuß liebte. Damals erschien ihm die Gotteswelt als ein Geheimnis, welches er freudig und begeistert zu enträtseln suchte, – jetzt war alles im Leben einfach und klar und wurde durch die Lebensbedingungen bestimmt, in welchen er sich befand. Damals war der Verkehr mit der Natur ihm nötig und wichtig, und mit Menschen, die vor ihm gelebt, gedacht und gefühlt hatten, mit Philosophen und Dichtern, – jetzt waren menschliche Einrichtungen und der Verkehr mit den Kameraden nötig und wichtig. Damals erschien ihm das Weib als ein geheimnisvolles und reizendes – eben durch das Geheimnis reizendes – Wesen; jetzt war die Bedeutung des Weibes, jedes Weibes, die eigenen Familienangehörigen und die Frauen der Freunde ausgenommen, sehr bestimmt: das Weib war eins der besten Werkzeuge des schon erfahrenen Genusses. Damals brauchte er kein Geld, und konnte nicht einmal den dritten Teil dessen verbrauchen, was die Mutter hergab; er konnte auf sein Vatererbe verzichten und es den Bauern abtreten. Jetzt aber waren ihm die 1500 Rubel monatlich, die ihm die Mutter gab, nicht hinreichend, und es gab schon unangenehme Auseinandersetzungen wegen des Geldes mit ihr. Damals hielt er für sein wirkliches Ich sein geistiges Wesen, jetzt hielt er sein gesundes, munteres, animalisches Ich für sein Ich. Und diese ganze furchtbare Veränderung rührte bei ihm nur davon her, daß er sich selbst zu glauben aufgehört und anderen zu glauben angefangen hatte. Sich selbst zu glauben aber hatte er aufgehört und den anderen zu glauben angefangen, weil es zu schwer war zu leben, wenn man sich selbst glaubte: denn wenn man sich selbst glaubte, mußte man jede Frage nicht zugunsten seines animalischen, leichte Freuden suchenden Ichs entscheiden, sondern fast immer gegen dasselbe; glaubte man den anderen, so war nichts zu entscheiden, alles war schon entschieden, und es war immer gegen das geistige und zugunsten des animalischen Ichs entschieden. Außerdem, – glaubte er sich selbst, so war er immer der Mißbilligung, dem Tadel der Leute ausgesetzt; glaubte er den anderen, so erntete er Beifall von seiner Umgebung. Wenn also Nechliudow über Gott, über Wahrheit, über Reichtum und Armut nachdachte, las, sprach, so hielt seine ganze Umgebung das für unpassend und zum Teil für lächerlich, und die Mutter und die Tante nannten ihn mit gutmütiger Ironie: »notre cher philosophe«; wenn er aber Romane las, schlüpfrige Anekdoten erzählte, ins Französische Theater zu lustigen Possen ging und sie lustig wiedererzählte, so lobten ihn alle und ermunterten ihn. Wenn er es für nötig hielt, seine Bedürfnisse einzuschränken, einen alten Mantel trug und keinen Wein trank, – so hielten dies alle für eine Absonderlichkeit und für eine Art prahlerischer Sonderlingsspielerei; wenn er aber große Summen für die Jagd, für die Einrichtung eines ungewöhnlich prachtvollen Arbeitszimmers ausgab, so lobten alle seinen Geschmack und schenkten ihm kostbare Dinge. Als er ein reiner Jüngling war und bis zur Ehe ein solcher bleiben wollte, fürchteten seine Verwandten für seine Gesundheit, und sogar die Mutter wurde nicht betrübt, sondern freute sich eher, als sie erfuhr, daß er ein wirklicher Mann geworden und einem Kameraden eine französische Dame abspenstig gemacht hatte. An die Episode mit Katjuscha aber, daran, daß ihm der Gedanke kommen könnte, sie zu heiraten, vermochte sich die Fürstin-Mutter nicht ohne Grauen zu erinnern. Und ebenso, als er nach Erreichung der Volljährigkeit jenes kleine Gut, das er vom Vater ererbt, den Bauern abgetreten hatte, weil er es für ungerecht hielt, Land zu besitzen, erfüllte diese seine Handlung seine Mutter und die Verwandten mit Entsetzen, und immer war er der Gegenstand des Vorwurfs und des Spottes seitens aller seiner Verwandten. Man erzählte ihm unaufhörlich davon, daß die Bauern, die das Land erhalten hatten, nicht nur nicht reicher waren, sondern daß sie verarmten und ganz aufhörten zu arbeiten. Als aber Nechliudow, nachdem er in die Garde eingetreten war, mit seinen hochgestellten Kameraden so viel verbrauchte und verspielte, daß Jelena Iwanowna Geld vom Kapital nehmen mußte, da betrübte sie sich fast nicht, in der Meinung, daß es natürlich und sogar gut sei, wenn diese Pocken in der Jugend und in guter Gesellschaft geimpft werden. Anfangs kämpfte Nechliudow noch, aber es war zu schwierig zu kämpfen, weil all das, was er für gut hielt, wenn er sich glaubte, von den anderen für schlecht gehalten ward; umgekehrt wurde all das, was er für schlecht hielt, wenn er sich glaubte, von den anderen für gut gehalten. Und das Ende war, daß Nechliudow sich ergab; – er hörte auf, sich zu glauben und schenkte den anderen Glauben. In der ersten Zeit war diese Selbstverleugnung unangenehm, aber dieses unangenehme Gefühl dauerte nicht gar zu lange, und sehr schnell, indem er zu gleicher Zeit sich das Rauchen und Weintrinken angewöhnte, hörte Nechliudow auf, diese unangenehme Empfindung zu haben, ja er fühlte sogar große Erleichterung. Und Nechliudow ergab sich mit der Leidenschaftlichkeit seiner Natur ganz diesem neuen, von seiner ganzen Umgebung gebilligten Leben und erstickte in sich vollständig die Stimme, welche etwas anderes verlangte. Das wurde in Petersburg nach der Übersiedelung begonnen und mit dem Eintritt in den Militärdienst vollendet. Der Militärdienst verdirbt überhaupt die Menschen, da er seine Träger unter die Bedingungen vollständigen Müßigganges stellt, das heißt unter die Bedingungen des Fehlens einer vernünftigen und nützlichen Arbeit, und da er sie von den allgemeinmenschlichen Pflichten befreit und als Ersatz für dieselben nur die konventionelle Ehre des Regiments, der Uniform und der Fahne hinstellt. Einerseits grenzenlose Macht über andere Menschen, andererseits aber sklavische Unterwürfigkeit gegen die Vorgesetzten. Aber wenn sich zu dieser verderblichen Wirkung des Militärdienstes überhaupt, mit seiner Ehre der Uniform und der Fahne, mit der Erlaubnis zu Gewalttätigkeit und Tötung noch die verderbliche Wirkung des Reichtums und die Nähe und der Verkehr mit der kaiserlichen Familie gesellt, wie es der Fall ist inmitten der bevorzugten Garderegimenter, in denen nur reiche und vornehme Offiziere dienen, so erreicht diese Verderbnis bei den Leuten, welche ihr verfallen sind, den Zustand eines bis zur Verrücktheit ausartenden Egoismus. Und in diesem Zustande des tollsten Egoismus befand sich Nechliudow seit der Zeit, als er in den Militärdienst eingetreten war, und als er anfing, so zu leben, wie seine Kameraden lebten. Er hatte nichts zu tun, außer in einer ausgezeichnet genähten und ausgebürsteten – nicht von ihm selbst, sondern von anderen Leuten genähten und gebürsteten – Uniform, in einem Helm, mit der Waffe, die auch von anderen Leuten gemacht, geputzt und dargereicht wurde, auf einem schönen, auch von anderen erzogenen, zugerittenen und gefütterten Pferde zum Exerzieren oder zur Parade zu reiten, mit ebensolchen Leuten wie er zu galoppieren und die Säbel zu schwingen, zu schießen und dies andere Menschen zu lehren. Eine andere Beschäftigung gab es nicht, und die höchstgestellten Personen, die jungen, die alten, der Zar und die ihm zunächst Stehenden billigten nicht nur diese Beschäftigung, sondern lobten und dankten für dieselbe. Außerdem wurden Zusammenkünfte für gut und richtig gehalten, wo man das Gott weiß woher erhaltene Geld verschleuderte, um zu essen und besonders um zu trinken, in den Offizierklubs oder in den teuersten Wirtschaften, – dann Theater, Bälle, Frauen, und dann wieder Pferdereiten, Säbelschwingen, Galoppieren und wieder Geldverschleudern, Wein, Karten, Frauen. Besonders verderblich wirkt solches Leben auf das Militär, weil, wenn ein Nichtmilitär solch ein Leben führt, er nicht umhin kann, sich in der Tiefe seiner Seele seines Lebens zu schämen. Die Militärs aber glauben, daß es so sein müsse; sie prahlen damit, sie sind stolz auf ein solches Leben, besonders zur Zeit des Krieges, wie es mit Nechliudow der Fall war, der nach der Kriegserklärung an die Türkei in den Militärdienst eingetreten war. »Wir sind bereit, unser Leben im Kriege zu opfern, und darum ist solch ein sorgloses, lustiges Leben nicht nur verzeihlich, sondern für uns auch notwendig. Und wir führen es.« So dachte, nicht ganz klar, Nechliudow in dieser Periode seines Lebens; aber er fühlte während dieser ganzen Zeit das Entzücken des Freiseins von allen moralischen Schranken, welche er sich früher gesetzt, und ununterbrochen befand er sich im chronischen Zustande des tollsten Egoismus. In solchem Zustand war er auch, als er nach drei Jahren zu den Tanten kam. 14 Nechliudow kehrte bei den Tanten ein, weil ihr Gut auf dem Wege zu seinem Regiment lag, welches ihm vorausmarschierte, dann auch, weil sie ihn sehr darum gebeten hatten; hauptsächlich aber, um Katjuscha zu sehen. Vielleicht lauerte schon in der Tiefe seiner Seele die schlimme Absicht gegen Katjuscha, die ihm der jetzt zügellose animalische Mensch zuflüsterte; aber er war sich dieser Absicht nicht bewußt, und er wünschte einfach, den Ort zu besuchen, wo es ihm so wohl gewesen; die ein wenig lächerlichen, aber lieben und gutmütigen Tanten zu sehen, die ihn immer, unmerklich für ihn, mit einer Atmosphäre der Liebe und des Entzückens umgaben, und die liebe Katjuscha zu sehen, an welche ihm eine so angenehme Erinnerung geblieben war. Er traf Ende März ein, am Karfreitag, zur Zeit der schlechtesten Wege, unter einem Gußregen, so daß er bis zum letzten Faden durchnäßt und durchfroren ankam, aber munter und angeregt, wie er sich immer um diese Zeit fühlte. »Ob sie wohl noch da ist?« dachte er, als er in den bekannten, mit dem von den Dächern herabgefallenen Schnee vollgeschütteten altertümlichen, mit einer niederen Ziegelwand umzäunten Gutshof der Tanten einfuhr. Er erwartete, daß sie auf die Treppe herauskommen werde, wenn sie die Glocke seines Gefährts höre. Aber es kamen auf den Dienstbotenflur zwei barfüßige, aufgeschürzte Weiber mit Eimern heraus, die augenscheinlich den Boden im Hause scheuerten. Sie war auch auf dem Vorderflur nicht; es erschien nur Tichon, der Lakai, in der Schürze, anscheinend auch er mit Putzen beschäftigt. In das Vorzimmer, kam Sophia Iwanowna im seidenen Kleid und in der Haube. »Aber das ist lieb, daß du gekommen bist!« sprach Sophia Iwanowna, ihn küssend. »Maschenka ist ein wenig unwohl, von der Kirche ermüdet. Wir haben das Abendmahl genommen.« »Ich gratuliere, Tante Sonja,« sprach Nechliudow, indem er Sophia Iwanownas Hand küßte, »verzeihen Sie, ich habe Sie naß gemacht.« »Geh in dein Zimmer, du bist ganz durchnäßt. Und einen Schnurrbart hast du schon ... Katjuscha! Katjuscha! schnell Kaffee für ihn!« »Sogleich!« antwortete die so wohlbekannte, angenehme Stimme aus dem Korridor, und Nechliudows Herz zog sich freudig zusammen. »Hier!« Und es war ihm, als ob die Sonne aus den Wolken hervorguckte. Nechliudow begab sich fröhlich mit Tichon in sein früheres Zimmer, um sich umzukleiden. Er wollte eigentlich Tichon über Katjuscha befragen: »Wie geht es ihr? Wie lebt sie? Heiratet sie nicht bald?« Aber Tichon war so ehrerbietig und zugleich streng, und so fest bestand er darauf, daß er ihm selber Wasser aus dem Handwaschbecken über die Hände gießen müsse, daß Nechliudow sich nicht entschließen konnte, ihn über Katjuscha auszufragen; er fragte ihn nur nach seinen Enkeln, nach dem alten Hengst, nach dem Hofhund Polkan. Alle waren am Leben und gesund, außer Polkan, der im vorigen Jahre toll geworden war. Als Nechliudow alles Nasse abgeworfen hatte und sich eben auszuziehen begann, hörte er rasche Schritte, und es klopfte an die Tür. Nechliudow erkannte sowohl die Schritte, als auch das Klopfen. So ging und klopfte nur sie. Er warf sich den nassen Mantel um und trat zur Tür. »Herein!« Das war sie – Katjuscha. Immer dieselbe, noch holder als früher. Ebenso von unten her schauten ihre lächelnden, naiven, ein ganz klein wenig schielenden schwarzen Augen. Sie trug ganz wie früher eine saubere weiße Schürze. Sie brachte ihm ein eben erst ausgewickeltes parfümiertes Stück Seife und zwei Handtücher: ein großes russisches und ein rauhes. Und die noch unangerührte Seife mit den abgedruckten Buchstaben und die Handtücher und sie selbst – alles das war gleich rein, frisch, unangetastet, angenehm. Ihre lieblichen, festen, schönen Lippen spitzten sich bei seinem Anblick, ebenso wie früher immer, in nicht zurückzuhaltender Freude. »Herzlich willkommen, Dmitrij Iwanowitsch!« brachte sie mit Mühe hervor, und Röte übergoß ihr ganzes Gesicht. »Ich grüße dich ... ich grüße Sie«, er wußte nicht, ob er sie »du« oder »Sie« nennen sollte und wurde ebenso rot wie sie. »Sind Sie wohl und gesund?« »Gottlob. Hier haben die Tanten Ihre Lieblingsseife, die Rosaseife, geschickt«, sagte sie, indem sie die Seife auf den Tisch und die Handtücher auf die Lehnstuhlarme legte. »Der Herr haben seine eigene Seife«, sagte, die Selbständigkeit des Gastes verteidigend, Tichon, indem er stolz auf das geöffnete große Necessaire Nechliudows mit den silbernen Deckeln und den ungeheuren Quantitäten von Fläschchen, Bürstchen, Schnurrbartpomaden, Parfüms und allerlei Toilettengegenständen zeigte. »Sagen Sie den Tanten meinen Dank. Und wie ich mich freue, daß ich da bin«, sagte Nechliudow, indem er fühlte, daß es in seiner Seele ebenso licht und hold wurde, wie es früher manchmal gewesen. Sie lächelte nur zur Erwiderung auf diese Worte und ging hinaus. Die Tanten, die Nechliudow ja immer liebhatten, nahmen ihn dieses Mal noch freudiger als gewöhnlich auf. Dmitrij zog ja in den Krieg, wo er verwundet, getötet werden konnte. Das rührte die Tanten. Nechliudow hatte seine Reise so eingerichtet, daß er bei den Tanten nur vierundzwanzig Stunden verweilen wollte, als er aber Katjuscha sah, willigte er ein, den Ostersonntag, der nach zwei Tagen war, bei den Tanten zu feiern, und er telegraphierte seinem Freund und Kameraden Schönbock, mit dem er in Odessa zusammentreffen sollte, daß er auch zu den Tanten kommen solle. Vom ersten Tage an, als er Katjuscha gesehen hatte, empfand er das frühere Gefühl für sie. Jetzt wie früher konnte er nicht ohne Gemütsbewegung ihre weiße Schürze sehen; er konnte nicht ohne Freude ihren Gang, ihre Stimme, ihr Lachen hören, nicht ohne Rührung in ihre feuchten, Johannisbeeren ähnlichen, schwarzen Augen blicken, besonders wenn sie lächelte; und die Hauptsache, er konnte nicht ohne Bestürzung sehen, wie sie bei der Begegnung mit ihm errötete. Er fühlte, daß er verliebt war, aber nicht so, wie früher, als diese Liebe für ihn ein Geheimnis war, als er nicht sich selbst zu gestehen wagte, daß er liebe, und als er überzeugt war, daß man nur einmal lieben könne. Jetzt aber war er verliebt und wußte das und freute sich darüber, während er sich unklar bewußt war, worin diese Liebe besteht und was dabei herauskommen kann, obgleich er es vor sich selber verbarg. In Nechliudow lebten, wie in allen Menschen, eigentlich zwei Menschen; einer – der geistige, der für sich nur solch ein Heil begehrt, das auch anderen Menschen zum Heil wäre, und ein anderer – der animalische Mensch, der nur für sich das Heil sucht und bereit ist, für dieses Heil das Heil der ganzen Welt zu opfern. In dieser Periode des tollen Egoismus, den das Petersburger militärische Leben in ihm hervorgerufen hatte, herrschte in ihm der animalische Mensch, und er unterdrückte vollständig den geistigen. Aber als er Katjuscha sah und wieder das empfand, was er damals für sie empfunden hatte, erhob der geistige Mensch sein Haupt und fing an, sein Recht zu verlangen. Und während dieser zwei Tage bis Ostern ging in Nechliudow ununterbrochen ein innerer, für ihn unbewußter Kampf vor sich. In der Tiefe der Seele wußte er, daß er abreisen müsse, und daß es keinen Zweck habe, bei den Tanten zu bleiben; er wußte, daß nichts Gutes dabei herauskommen könne; aber es war so freudvoll und schön, daß er sich dies nicht sagte und daß er blieb. Am Ostersonnabend abends kam der Priester mit dem Diakon und dem Küster, um die Frühmesse zu lesen, nachdem sie, wie sie erzählten, mit Not und Mühe die drei Werst, welche die Kirche vom Hause der Tanten trennten, im Schlitten durch Pfützen und über die bloße Erde gemacht hatten. Nechliudow hörte mit den Tanten und dem Gesinde die Frühmesse, wobei er unaufhörlich Katjuscha ansah, die an der Tür stand und das Rauchfaß darreichte. Er küßte sich mit dem Geistlichen und den Tanten und wollte schon schlafen gehen, als er im Korridor die Vorbereitungen der Matriona Pawlowna, des alten Zimmermädchens der Maria Iwanowna, wahrnahm, die mit Katjuscha zusammen in die Kirche gehen wollte, um Osterbrote und Osterkuchen weihen zu lassen. »Ich will auch hin«, dachte er. Es gab keinen fahrbaren Weg zur Kirche, weder für Schlitten noch für Wagen, darum befahl Nechliudow, der bei den Tanten wie zu Hause war und über alles verfügte, das Reitpferd, den sogenannten »Bruderhengst« zu satteln, und anstatt zu Bett zu gehen, zog er eine glänzende Uniform mit dicht anliegenden Reithosen an, nahm den Mantel um und ritt auf dem fett und schwerfällig gewordenen, unaufhörlich wiehernden alten Hengst in der Dunkelheit durch Pfützen und Schnee zur Kirche. 15 Nachher, sein ganzes Leben hindurch, blieb diese Frühmesse für Nechliudow eine seiner hellsten und stärksten Erinnerungen. Als er in der schwarzen, nur hie und da vorn weißschimmernden Schnee erleuchteten Dunkelheit, durch das Wasser platschend, in den Vorhof der Kirche einritt, während sein Hengst die Ohren spitzte beim Anblick der rings um die Kirche angezündeten Lampen, hatte der Gottesdienst schon begonnen. Die Bauern, die Maria Iwanownas Neffen erkannten, begleiteten ihn aufs Trockne, wo er absteigen konnte, nahmen sein Pferd, um es anzubinden, und führten ihn in die Kirche. Die Kirche war voll feiernden Volkes. Auf der rechten Seite – die Bauern; die alten in den zu Hause gemachten Kaftans, mit Bastschuhen und weißen Fußlappen; die jungen in neuen Kaftans von Tuch, mit grellfarbigen Leibgürteln, in Stiefeln. Links – die Frauen, in roten seidenen Tüchern, im Kamisol von Baumwollsamt mit hellroten Ärmeln, mit blauen, grünen, roten, bunten Röcken, in Stiefeln mit Eisen. Hinter ihnen standen die bescheidenen alten Mütterchen in weißen Tüchern und grauen Kaftans und altertümlichen Paniowas, in Lederschuhen oder neuen Bastschuhen. Und zwischen ihnen standen die geputzten Kinder mit eingefetteten Köpfen. Die Bauern bekreuzten und verneigten sich, die Haare zurückschüttelnd; die Frauen, besonders die alten, die ihre verblichenen Augen auf ein Heiligenbild richteten, drückten die zusammengelegten Finger stark an das Kopftuch auf der Stirn, an die Schulter und auf den Leib, und sie bogen sich im Stehen vornüber oder fielen auf die Knie. Die Kinder, die Großen nachahmend, beteten eifrig, wenn man sie ansah. Die goldene Heiligenwand strahlte von Lichtern, die von allen Seiten die großen, goldumwundenen Kerzen umgaben. Der Kronleuchter war mit Kerzen besetzt, von den Chören ließen sich die allerfreudigsten Weisen der freiwilligen Sänger hören, mit dröhnenden Bässen und den hohen Diskantstimmen der Knaben. Nechliudow ging nach vorne durch. In der Mitte stand die Aristokratie, der Gutsbesitzer mit seiner Frau und dem Sohn, der eine Matrosenjacke trug; der Stanowoj, der Telegraphist, der Kaufmann in Schaftstiefeln, der Schulze mit einer Medaille; rechts aber vom Chor, vor dem Altar, hinter der Gutsbesitzerin, stand Matriona Pawlowna in einem schillernden lila Kleide und einem Schal mit weißem Saum, und Katjuscha im weißen Kleide, mit Fältchen auf der Taille, mit einem blauen Gürtel und einer kleinen roten Bandschleife auf dem schwarzen Kopf. Alles war festlich, feierlich, lustig und schön; die Priester in den silbernen Gewändern mit goldenen Kreuzen, der Diakon und der Küster in den festlichen silbernen Chorröcken, die geputzten, freiwilligen Sänger mit den eingefetteten Haaren und die lustigen Weisen der festlichen Lieder und das unaufhörliche Segnen des Volks durch die Geistlichen mit den mit Blumen geschmückten Kerzen auf den dreiarmigen Leuchtern, mit dem immer und immer wiederholten Ausruf: »Christ ist erstanden! Christ ist erstanden!« Alles war schön, aber das Beste von allem war Katjuscha in dem weißen Kleide und dem blauen Gürtel, mit der kleinen roten Bandschleife auf dem schwarzen Kopf und mit den vor Entzücken glänzenden Augen. Nechliudow fühlte, daß sie ihn sah, ohne sich umzuschauen. Er sah das, als er nahe bei ihr zum Altar hinging. Er hatte ihr nichts zu sagen, aber er sann etwas aus und sagte ihr, während er an ihr vorbeischritt: »Tantchen hat gesagt, daß sie nach der Spätmesse die Fasten brechen wird.« Das junge Blut übergoß wie immer bei seinem Anblick ihr ganzes liebes Gesicht, und die schwarzen Augen lachten und freuten sich und blieben, naiv von unten nach oben sehend, auf Nechliudow haften. »Ich weiß«, sagte sie lächelnd. Jetzt ging der Küster, der sich mit einer kupfernen Kanne durch das Volk drängte, an Katjuscha vorbei, und, ohne sie anzusehen, streifte er sie mit den Schößen seines Chorrocks. Augenscheinlich streifte der Küster Katjuscha, weil er Nechliudow aus Achtung umging. Nechliudow aber nahm es wunder, wie dieser Küster nicht verstehen konnte, daß alles, was existiert, wie hier, so überall in der Welt, nur Katjuschas wegen existiert; daß man alles in der Welt vernachlässigen könne, nur nicht sie, weil sie der Mittelpunkt von allem ist. Ihretwegen glänzte das Gold der Heiligenwand und brannten alle diese Kerzen auf dem Kronleuchter, auf den Standleuchtern, ihretwegen erklangen diese freudevollen Melodien: »Des Herrn Ostern, freuet euch, ihr Menschen!« Und alles Gute, das in der Welt war, alles war ihretwegen da. Und Katjuscha schien zu verstehen, daß alles das ihretwegen sei. So schien es Nechliudow, wenn er ihre wohlgebildete Gestalt im weißen Kleide mit den Fältchen und ihr in sich gekehrt freudiges Gesicht anblickte, an dessen Ausdruck er sah, daß ganz und gar dasselbe, was in seiner Seele sang, auch in ihrer Seele sang. In der Zwischenzeit – zwischen Früh- und Spätmesse – verließ Nechliudow die Kirche. Das Volk trat vor ihm auseinander und grüßte ihn. Die einen erkannten ihn, die anderen fragten: »Wer ist das?« In der Vorhalle blieb er stehen. Die Bettler umringten ihn; er verteilte die kleinen Münzen, die er in der Geldbörse hatte, und stieg die Stufen der Treppe hinunter. Es tagte schon so weit, daß man sehen konnte; die Sonne war aber noch nicht aufgegangen. Das Volk ließ sich überall auf den Gräbern nieder. Katjuscha blieb in der Kirche, und Nechliudow blieb an der Kirche stehen und wartete auf sie. Immerfort kamen die Leute heraus, und mit den Stiefelnägeln auf die Fliesen klopfend, stiegen sie die Stufen hinunter und zerstreuten sich auf dem Hof der Kirche und auf dem Friedhof. Ein hochbetagter Greis, der Konditor der Maria Iwanowna, mit zitterndem Kopf, hielt Nechliudow an und küßte ihn, und seine Frau, ein altes Mütterchen mit runzeligem Kehlkopf unter dem seidenen Halstuch, gab ihm ein gelbes, mit Safran gefärbtes Ei, das sie aus dem Tuche genommen hatte. Zugleich kam auch ein junger, lächelnder, muskulöser Bauer in einem neuen Kaftan und im grünen Gürtel heran. »Christ ist erstanden!« sagte er, mit den Augen lächelnd, und als er Nechliudow erreicht, wehte diesen von ihm der besondere, angenehme Bauerngeruch an, und ihn mit seinem krausen Bärtchen kitzelnd, küßte ihn der Bauer mit seinen starken, frischen Lippen dreimal gerade auf die Mitte des Mundes. Zu gleicher Zeit, als Nechliudow sich mit dem Bauer küßte und von ihm ein dunkelbraunes Ei bekam, erschien Matriona Pawlownas schillerndes Kleid und ein holdes schwarzes Köpfchen mit kleiner roter Schleife. Sie erblickte ihn sogleich über die Köpfe der vor ihr Gehenden hinweg, und er sah, wie ihr Gesicht aufstrahlte. Sie kam mit Matriona Pawlowna in die Vorhalle, und den Bettlern Almosen austeilend, blieben sie stehen. Ein Bettler mit einem verheilten Schorf anstatt der Nase trat an Katjuscha heran. Sie nahm etwas aus dem Tuche, reichte es ihm, und dann näherte sie sich ihm, ohne den geringsten Widerwillen zu äußern; im Gegenteil, ebenso freudig mit den Augen strahlend, küßte sie ihn dreimal. Und zu gleicher Zeit, da sie sich mit dem Bettler küßte, begegneten ihre Augen dem Blick Nechliudows. Es schien, als ob sie ihn frage: »Ist es gut? Tu ich recht?« – »Ja, ja, Geliebte, alles ist gut, alles ist schön, ich liebe dich.« Sie stiegen die Treppe hinab; er kam zu ihr heran. Er wollte sie nicht küssen, er wollte nur näher bei ihr sein. »Christ ist erstanden!« sagte Matriona Pawlowna, ihren Kopf neigend und lächelnd, mit einem Tonfall, der besagte, daß heute alle gleich seien, und nachdem sie den Mund mit dem zu einem Mäuschen zusammengewickelten Tuche abgewischt, näherte sie ihm ihre Lippen. »In Wahrheit!« antwortete Nechliudow, während sie sich küßten. Er sah sich nach Katjuscha um. Sie errötete, und in derselben Minute näherte sie sich ihm. »Christ ist erstanden, Dmitrij Iwanowitsch!« »In Wahrheit erstanden!« sagte er. Sie küßten sich zweimal und schienen in Nachdenken zu geraten: ist es noch einmal nötig? Und wie sich entscheidend, daß es nötig sei, küßten sie sich zum drittenmal, und beide lächelten. »Wollen Sie nicht zum Geistlichen gehen?« fragte Nechliudow. »Nein, Dmitrij Iwanowitsch, wir wollen hier ein wenig sitzen«, sagte Katjuscha, schwer, wie nach freudiger Arbeit, aus voller Brust, aufatmend, indem sie mit ihren ergebenen, jungfräulichen, liebenden, ganz wenig schielenden Augen ihm gerade in die Augen sah. In der Liebe zwischen Mann und Frau gibt es immer einen Augenblick, da diese Liebe ihren Höhepunkt erreicht, wo sie nichts Bewußtes, Verstandesmäßiges und nichts Sinnliches hat. Ein solcher Augenblick war für Nechliudow diese Nacht der hellen Auferstehung Christi. Wenn er jetzt an Katjuscha dachte, so verhüllte dieser Augenblick alle anderen, da er sie gesehen. Das schwarze, glatte, glänzende Köpfchen, das weiße, jungfräulich ihre wohlgebildete Taille und ihre nicht hohe Brust umhüllende Kleid mit den Fältchen, und diese Röte, und diese zarten, glänzenden, schwarzen Augen, und in ihrem ganzen Wesen zwei Hauptzüge: die Reinheit der jungfräulichen Liebe nicht nur zu ihm – er wußte das – sondern der Liebe zu allen und zu allem, nicht nur dem Schönen, Guten, das es in der Welt gibt, sondern auch zu jenem Bettler, welchen sie geküßt hatte. Er wußte, daß in ihr diese Liebe war, weil er dasselbe Gefühl während dieser Nacht und dieses Morgens empfunden hatte, und er war sich bewußt, daß er in dieser Liebe mit ihr in eins zusammenklang. Ach, wenn alles bei dem Gefühl, dieser Nacht stehengeblieben wäre! »Ja, diese ganze, schreckliche Sache geschah gleich nach dieser Nacht der hellen Auferstehung Christi!« dachte er jetzt, als er im Zimmer der Geschworenen am Fenster saß. 16 Nach seiner Rückkehr aus der Kirche genoss Nechliudow gemeinsam mit den Tanten die Osterspeisen, trank zur Stärkung, nach der im Regiment angenommenen Gewohnheit, Branntwein und Wein und ging in sein Zimmer, wo er sogleich in den Kleidern einschlief. Es weckte ihn ein Klopfen an der Tür. Er erkannte an dem Klopfen, daß sie es sei und er erhob sich, die Augen reibend und sich reckend. »Katjuscha, bist du's? Komm herein«, sagte er, aufstehend. Sie öffnete ein wenig die Tür. »Man ruft Sie zum Essen«, sagte sie. Sie war in demselben weißen Kleide, aber ohne die Bandschleife in den Haaren. Ihm in die Augen blickend, strahlte sie auf, als ob sie ihm etwas ungewöhnlich Freudiges erklärte. »Ich komme gleich«, antwortete er, indem er den Kamm nahm, um seine Haare zu kämmen. Sie blieb einen Augenblick länger stehen. Er merkte das, warf den Kamm hin und begab sich zu ihr. Aber sie drehte sich in demselben Augenblick schnell um und ging mit ihren leichten und raschen Schritten auf dem gestreiften Teppich des Korridors fort. »Ein rechter Dummkopf bin ich,« sagte Nechliudow zu sich selbst, »warum habe ich sie denn nicht aufgehalten?« und er holte sie laufend im Korridor ein. Was er von ihr wollte, wußte er selber nicht. Ihm schien es aber, daß er, als sie in das Zimmer zu ihm trat, etwas tun mußte, das alle in solchem Falle tun, das er aber nicht getan hatte. »Katjuscha, warte«, sagte er. Sie blickte sich um. »Was haben Sie?« sagte sie ein wenig zögernd. »Nichts, nur ...« Er wußte, wie in solchen Fällen alle Leute in seiner Lage handeln, und, sich zwingend, faßte er Katjuscha um die Taille. Sie blieb stehen und sah ihm in die Augen. »Bitte nein, Dmitrij Iwanowitsch, bitte nein«, sagte sie bis zu Tränen errötend, und mit ihrer rauhen, kräftigen Hand entfernte sie den sie umfassenden Arm. Nechliudow ließ sie los und wurde auf einen Augenblick nicht nur verlegen, sondern er fühlte sich beschämt und hatte Abscheu vor sich selbst. Er hätte sich glauben sollen, aber er begriff nicht, daß diese Verlegenheit, diese Scham die besten Gefühle seiner Seele waren, die sich zu äußern strebten; im Gegenteil, ihm schien es, daß so die Dummheit in ihm spräche, und daß man so tun müsse, wie alle tun. Er holte sie noch einmal ein, umarmte sie wieder und küßte sie auf den Hals. Dieser Kuß war schon nicht mehr solcher Art wie jene zwei ersten Küsse: der eine, der unbewußte, hinter dem Fliederstrauch und der andere heute früh in der Kirche. Dieser war schrecklich, und sie empfand das. »Was tun Sie denn?« schrie sie mit einer Stimme auf, als ob er etwas unendlich Kostbares unwiederbringlich zerstört habe, und sie lief eiligst von ihm fort. Er trat in das Speisezimmer. Die herausgeputzten Tanten, der Doktor und eine Nachbarin standen an dem Tisch mit den kalten Speisen. Alles war ganz wie gewöhnlich, aber in Nechliudows Seele war ein Sturm. Er verstand nichts von dem, was man zu ihm sprach, antwortete unpassend und dachte nur an Katjuscha, indem er sich die Empfindungen dieses letzten Kusses, als er sie im Korridor einholte, vergegenwärtigte. An nichts anderes konnte er denken. Wenn sie in das Zimmer trat, so fühlte er ihre Gegenwart, ohne sie anzusehen, mit seinem ganzen Wesen, und er mußte sich Zwang antun, um sie nicht anzusehen. Nach dem Mittagessen begab er sich sogleich in sein Zimmer und ging lange hin und her, in großer Aufregung, indem er aufmerksam auf alle Töne horchte und ihre Schritte erwartete. Jener animalische Mensch, der in ihm wohnte, erhob jetzt nicht nur sein Haupt, sondern er trat den geistigen Menschen, der er bei seiner Ankunft und sogar noch heute früh in der Kirche gewesen, unter die Füße, und dieser fürchterliche animalische Mensch beherrschte jetzt allein seine Seele. Obwohl Nechliudow nicht aufhörte, auf Katjuscha zu lauern, gelang es ihm doch kein einziges Mal an diesem Tage, sie unter vier Augen zu treffen. Wahrscheinlich mied sie ihn. Aber gegen Abend trug es sich zu, daß sie in das Zimmer neben dem, in welchem er sich befand, gehen mußte. Der Doktor wollte über Nacht bleiben, und sie mußte für den Gast das Bett herrichten. Als Nechliudow ihre Schritte vernahm, ging er mit leisen Tritten, den Atem anhaltend, als ob er ein Verbrechen beabsichtigte, zu ihr. Indem sie mit beiden, in den frischen Überzug gesteckten Händen das Kissen an den Ecken hielt, blickte sie sich nach ihm um und lächelte, aber es war kein fröhliches und freudiges, wie früher, sondern ein erschrockenes und bedauerndes Lächeln. Dieses Lächeln sagte ihm, wie es schien, daß das, was er tue, schlecht sei. Er blieb einen Augenblick stehen. Jetzt war die Möglichkeit des Kampfes noch vorhanden. Wenn auch schwach, war doch die Stimme der wahren Liebe zu ihr hörbar, die ihm von ihr, von ihren Gefühlen, von ihrem Leben sprach. Die andere Stimme aber sagte: paß auf, du wirst dein Vergnügen, dein Glück versäumen. Und diese zweite Stimme übertönte die erste. Er trat entschieden an sie heran. Und das fürchterliche, unaufhaltsame, animalische Gefühl bemächtigte sich seiner. Ohne sie aus seinen Umarmungen zu lassen, setzte Nechliudow sie auf das Bett, und fühlend, daß er noch etwas tun müsse, ließ er sich neben ihr nieder. »Dmitrij Iwanowitsch, Lieber, lassen Sie mich, bitte!« sprach sie mit kläglicher Stimme. – »Matriona Pawlowna kommt!« schrie sie auf, sich losreißend, und wirklich näherte jemand sich der Türe. »Ich komme also heute nacht zu dir«, sagte Nechliudow. »Du bist doch allein?« »Was denken Sie? Um nichts in der Welt. – Bitte, nein!« sprach sie nur mit den Lippen, ihr ganzes aufgeregtes, verwirrtes Wesen aber sprach etwas anderes. An der Tür war wirklich Matriona Pawlowna. Sie trat in das Zimmer mit der Bettdecke in der Hand, blickte vorwurfsvoll auf Nechliudow und verwies Katjuscha ärgerlich, sie habe nicht die richtige Decke genommen. Nechliudow ging schweigend hinaus. Er schämte sich nicht einmal. Er sah an Matriona Pawlownas Gesichtsausdruck, daß sie sein Tun mißbilligte, und daß sie recht hatte, es zu mißbilligen, er wußte, daß das, was er tue, schlecht sei; aber das animalische Gefühl, welches sich von dem früheren Gefühl der guten Liebe zu ihr losgemacht, hatte sich seiner bemächtigt und herrschte allein, ohne etwas anderes anzuerkennen. Er wußte jetzt, was für die Befriedigung des Gefühls zu tun sei, und suchte das Mittel dazu. Den ganzen Abend war er außer sich, bald ging er zu den Tanten, bald wieder in sein Zimmer und auf den Flur und dachte einzig darüber nach, wie er sie allein sehen könne; aber sie mied ihn, und Matriona Pawlowna bemühte sich, sie nicht aus den Augen zu lassen. 17 So verging der ganze Abend, und es kam die Nacht. Der Doktor ging schlafen. Die Tanten legten sich auch zu Bette. Nechliudow wußte, daß Matriona Pawlowna jetzt im Schlafzimmer bei den Tanten war, Katjuscha aber allein im Mädchenzimmer. Er ging wieder in den Flur hinaus. Draußen war es dunkel, feucht, warm, und der weiße Nebel, welcher im Frühling den letzten Schnee wegtreibt, oder welcher von dem schmelzenden letzten Schnee aufsteigt, erfüllte die ganze Luft. Von dem Flusse, der hundert Schritte entfernt unter dem Abhang vor dem Hause floß, waren seltsame Töne hörbar: das Eis ging auf. Nechliudow stieg die Treppe hinunter, und über die Pfützen auf dem zu Eis gefrorenen Schnee schreitend, ging er zu dem Fenster des Mädchenzimmers herum. Sein Herz klopfte in der Brust so sehr, daß er es hörte; der Atem wurde ihm bald benommen, bald löste er sich in einem schweren Seufzer. In dem Mädchenzimmer brannte eine kleine Lampe, Katjuscha saß am Tisch, allein, in Nachdenken versunken und sah vor sich hin. Nechliudow betrachtete sie lange, ohne sich zu rühren, er wollte erfahren, was sie tue, während sie glaubte, daß niemand sie sehe. Etwa zwei Minuten saß sie regungslos, dann erhob sie die Augen, lächelte, schüttelte, wie im Selbstvorwurf, den Kopf und, ihre Lage ändernd, legte sie stürmisch beide Arme auf den Tisch und richtete ihre Augen in den Raum vor sich. Er stand und sah sie an, und unwillkürlich horchte er zugleich auf das Klopfen seines Herzens und auf die seltsamen Töne, welche von dem Flusse kamen. Dort auf dem Flusse im Nebel ging eine rastlose, langsame Arbeit vor sich; bald schnaubte, bald krachte, bald stürzte etwas, bald klirrten die dünnen Eisschollen wie Glas. Er stand, sah auf Katjuschas nachdenkliches, durch die innere Arbeit gequältes Gesicht und hatte Mitleid mit ihr; dieses Mitleid aber verstärkte nur seltsamerweise seine Begierde nach ihr. Das Verlangen beherrschte ihn ganz. Er klopfte an das Fenster, Sie erzitterte am ganzen Körper, wie von einem elektrischen Schlag, und Entsetzen zeigte sich auf ihrem Gesicht. Dann sprang sie auf, kam zum Fenster und näherte ihr Gesicht der Glasscheibe. Der Ausdruck des Entsetzens verließ ihr Gesicht auch dann nicht, als sie, nachdem sie die beiden Handflächen wie Scheuklappen an die Augen gesetzt, ihn erkannte. Ihr Gesicht war ungewöhnlich ernst; er hatte es nie so gesehen. Sie lächelte erst dann, als er lächelte; sie lächelte, als ob sie sich nur ihm unterwürfe, in ihrer Seele aber war kein Lächeln, sondern nur Angst. Er gab ihr mit der Hand ein Zeichen, sie sollte zu ihm auf den Hof kommen. Aber sie schüttelte den Kopf: nein, sie wollte nicht hinausgehen; sie blieb beim Fenster stehen. Er näherte sein Gesicht noch einmal der Glasscheibe und wollte rufen, sie solle herauskommen, aber sie wandte sich gerade zur Tür um. Jemand hatte sie augenscheinlich gerufen. Nechliudow entfernte sich vom Fenster. Der Nebel war so schwer, daß man in einer Entfernung von fünf Schritten vom Hause die Fenster nicht mehr sehen konnte und sichtbar war nur eine schwarze Masse, aus welcher das rote, ungeheuer groß erscheinende Licht der Lampe leuchtete. Auf dem Flusse ging immer dasselbe seltsame Schnauben, Rauschen, Krachen und Klingen des Eises vor sich. Nicht weit, aus dem Nebel auf dem Hofe, schrie ein Hahn, ihm antworteten in der Nähe die anderen, und aus der Ferne vom Dorfe ließen sich einander übertönende und in eins verschmelzende Hahnenrufe hören. Alles übrige aber rund herum, außer dem Flusse, war vollkommen still. Dies war schon der zweite Hahnenruf. Nachdem Nechliudow hinter der Hausecke ein paarmal hin und her gegangen und einige Male mit dem Fuße in die Pfütze geraten war, kam er wieder zum Fenster des Mädchenzimmers. Die Lampe brannte noch immer, und Katjuscha saß wieder allein am Tische, als ob sie in Unentschlossenheit wäre. Kaum war er an das Fenster gekommen, als sie auf ihn blickte. Er klopfte. Und ohne genau hinzusehen, wer klopfte, lief sie sogleich aus dem Mädchenzimmer hinaus, und er hörte, wie die Ausgangstür sich öffnete und dann knarrte. Er erwartete sie schon an der Freitreppe und umarmte sie sogleich schweigend. Sie schmiegte sich an ihn, hob ihren Kopf empor und empfing mit den Lippen seinen Kuß. Sie standen hinter der Flurecke auf einer aufgetauten, trockenen Stelle; er war erfüllt von quälendem, unbefriedigtem Verlangen. Plötzlich knackte die Ausgangstür wieder, knarrte mit demselben Ton, und es ließ sich Matriona Pawlownas ärgerliche Stimme hören: »Katjuscha!« Sie riß sich von ihm los und kehrte in das Mädchenzimmer zurück. Er hörte, wie der Riegel zugestoßen ward. Gleich danach wurde alles still; das rote Auge verschwand aus dem Fenster; es blieb allein der Nebel und das Treiben auf dem Fluß. Nechliudow kam zum Fenster; es war niemand zu sehen. Er klopfte und bekam keine Antwort. Er kehrte durch den Hauptflur in das Haus zurück, aber er schlief nicht ein. Er zog die Stiefel aus und ging barfuß durch den Korridor zu ihrer Tür, neben Matriona Pawlownas Zimmer. Anfangs hörte er, wie Matriona Pawlowna ruhig schnarchte, und er wollte schon eintreten, aber plötzlich fing sie an zu husten und drehte sich auf dem knarrenden Bette um. Er erstarrte, und blieb so etwa fünf Minuten lang stehen. Als alles wieder still war und wieder ruhiges Schnarchen hörbar ward, ging er weiter, indem er sich bemühte, auf die Dielenbretter zu treten, welche nicht knarrten, und kam dicht an ihre Tür. Es war alles still, sie schlief augenscheinlich nicht, weil ihr Atem nicht hörbar war. Kaum hatte er geflüstert: »Katjuscha!« so sprang sie auf, kam an die Tür und ärgerlich, wie es ihm schien, fing sie an, ihm zuzureden, fortzugehen. »Was soll das heißen? Das schickt sich nicht! Die Tanten werden es hören«, sagten ihre Lippen, ihr ganzes Wesen aber sagte: »Ich bin ganz dein.« Und nur dies verstand Nechliudow. »Mach doch einen Augenblick auf. Ich flehe dich an«, sprach er, fast von Sinnen. Sie wurde still, dann hörte er das Geräusch der Hand, die den Riegel suchte. Der Riegel knackte, und er drang in die offene Tür ein. Er packte sie, so wie sie im groben, rauhen Hemd mit entblößten Armen war; er hob sie auf und trug sie fort. »Ach, was machen Sie?« flüsterte sie. Aber er gab nicht acht auf ihre Worte und trug sie in sein Zimmer. »Ach, bitte nein, lassen Sie«, sprach sie, sie schmiegte sich aber doch an ihn. ... Nachdem sie zitternd und schweigend, ohne auf seine Reden zu antworten, von ihm gegangen war, trat er auf die Treppe hinaus und blieb stehen, indem er sich bemühte, die Bedeutung dessen zu begreifen, was geschehen war. Draußen war es heller: das Krachen und Klingen und Schnauben unten auf dem Flusse verstärkte sich noch, und zu den früheren Tönen gesellte sich noch ein Rieseln. Der Nebel begann sich zu senken; hinter der Nebelwand schwamm der abnehmende Mond hervor und beleuchtete etwas Schwarzes und Schreckliches. »Was ist das? Ist mir ein großes Glück widerfahren oder ein großes Unglück?« fragte er sich. »Es ist doch immer so, alle tun ebenso«, sagte er zu sich und ging schlafen. 18 Am anderen Tage kehrte der glänzende, lustige Schönbock bei den Tanten ein, um Nechliudow abzuholen, und er nahm sie durch seine Eleganz, durch seine Liebenswürdigkeit, Lustigkeit, Freigebigkeit und Liebe zu Dmitrij vollständig gefangen. Obgleich seine Freigebigkeit den Tanten sehr gefiel, versetzte sie sie durch ihre Übertriebenheit in ein gewisses Bedenken. Den blinden Bettlern, die gekommen waren, gab er einen Rubel. Unter die Dienerschaft verteilte er als Trinkgeld fünfzehn Rubel; und als Süsetka, Sophia Iwanownas Schoßhündchen, sich in seiner Gegenwart einen Fuß blutig verletzte, bot er sich an, ihr einen Verband anzulegen, und ohne sich einen Augenblick zu besinnen, zerriß er sein Batistschnupftuch mit den Randstreifchen (Sophia Iwanowna wußte genau, daß solche Taschentücher nicht weniger als fünfzehn Rubel das Dutzend kosten) und machte daraus den Verband für Süsetka. Die Tanten hatten noch nie solche Leute gesehen und wußten nicht, daß dieser Schönbock zweihunderttausend Rubel Schulden hatte, welche nie bezahlt werden würden, und er wußte, daß fünfundzwanzig Rubel mehr oder weniger deswegen für ihn keinen Unterschied machten. Schönbock blieb nur einen Tag, in der folgenden Nacht reiste er mit Nechliudow zusammen ab. Sie konnten nicht länger bleiben, weil der letzte Termin für ihr Erscheinen beim Regiment gekommen war. Während dieses letzten bei den Tanten zugebrachten Tages, wo die Erinnerung an die Nacht frisch war, erhoben sich zwei Gefühle in Nechliudows Seele und kämpften miteinander: das eine – die brennenden sinnlichen Erinnerungen an die animalische Liebe, obgleich sie bei weitem nicht das gegeben, was sie versprochen, und eine gewisse Selbstzufriedenheit, weil der Zweck erreicht war, das andere – das Bewußtsein dessen, daß er etwas sehr Böses getan, daß er dieses Böse wieder gutmachen müsse, und zwar gutmachen nicht ihretwegen, sondern für sich selbst. In jenem Zustand eines tollen Egoismus, in welchem er sich befand, dachte Nechliudow nur über sich selber nach, darüber, ob und wie sehr man ihn tadeln würde, wenn man davon erführe, wie er gegen sie gehandelt habe, und nicht darüber, was sie wohl empfand, und was mit ihr werden sollte. Er dachte, daß Schönbock sein Verhältnis zu Katjuscha errate, und dies schmeichelte seiner Eigenliebe. »Aha, darum hast du auch plötzlich deine Tanten so lieb gewonnen,« sagte Schönbock, als er Katjuscha sah, »daß du eine ganze Woche bei ihnen verbringst. Aber ich würde an deiner Stelle auch nicht fortgehen. Sie ist reizend!« Er dachte auch noch darüber nach, daß es zwar schade sei, jetzt wegzufahren, ohne die Liebe mit ihr vollkommen genossen zu haben, daß diese Notwendigkeit der Abreise aber deswegen vorteilhaft sei, weil sie mit einemmal die Beziehungen abbreche, die er doch nur schwer weiter unterhalten konnte. Auch darüber dachte er nach, daß er ihr Geld geben müsse, nicht ihretwegen, nicht weil sie dieses Geld vielleicht brauchen würde, sondern weil man immer so tut, und weil man ihn für einen unehrlichen Menschen halten würde, wenn er, nachdem er sie sich zunutze gemacht hatte, dafür nicht bezahlen wollte. Und er gab ihr Geld, soviel, wie er seiner und ihrer Lage für angemessen hielt. Am Tage der Abreise, nach dem Mittagessen, wartete er sie im Flur ab. Sie errötete, als sie ihn sah, und wollte vorbeigehen, indem sie mit den Augen auf die offene Tür des Mädchenzimmers zeigte, aber er hielt sie zurück. »Ich wollte Abschied nehmen,« sagte er, indem er ein Kuvert mit einem Hundertrubelschein in seiner Hand zerknitterte, »hier, ich ...« Sie erriet, ihr Gesicht runzelte sich, sie schüttelte den Kopf und stieß seine Hand weg. »Nein, nimm«, murmelte er, steckte ihr das Kuvert in den Busen, und, als hätte er sich verbrannt, lief er, stirnrunzelnd und stöhnend, in sein Zimmer. Und lange darauf ging er noch in seinem Zimmer auf und ab, er krümmte sich und sprang in die Höhe und ächzte laut, wie vor physischem Schmerz, sobald er sich dieser Szene erinnerte. Aber was ist zu tun? Immer ist es so. So war es mit Schönbock und der Gouvernante, von welcher er erzählte; so war es mit dem Onkel Grischa, so war es mit dem Vater, als er im Dorfe lebte: ihm wurde von einer Bäuerin jener uneheliche Sohn Mitenka geboren, der noch jetzt lebt. Und wenn alle so tun, so muß man, folglich, so tun. So versuchte er sich zu trösten, aber es wollte ihm durchaus nicht gelingen. Diese Erinnerung brannte in seinem Gewissen. In der Tiefe, in der tiefsten Tiefe seiner Seele, erkannte er, daß er scheußlich, gemein, grausam gehandelt hatte, daß er mit dem Bewußtsein seiner Handlung hinfort unmöglich nicht nur seinerseits jemandes Tun mißbilligen könne – sondern sogar den Leuten nicht mehr ins Gesicht sehen dürfe, geschweige denn sich für einen schönen, edlen, großmütigen jungen Mann halten, für welchen er sich bis jetzt gehalten: er mußte sich aber für einen solchen halten, um wie bisher munter und lustig weiterzuleben. Und dazu gab es nur ein einziges Mittel: nicht darüber nachdenken! Und so tat er auch. Das Leben, das er jetzt begann, die neuen Orte, die Kameraden, der Krieg – halfen dazu. Und je länger er lebte, desto mehr vergaß er, und er hatte es wirklich ganz vergessen. Nur einmal, als er nach dem Kriege bei den Tanten mit der Hoffnung, sie zu sehen, eingekehrt war und dabei erfuhr, daß Katjuscha nicht mehr da sei, daß sie bald nach seiner Abreise sie verlassen habe, um zu gebären, daß sie irgendwo geboren habe, und, wie die Tanten gehört hatten, ganz verkommen sei, ward ihm die Brust beklommen. Der Zeit nach konnte das Kind, das sie geboren, sein Kind sein, aber es konnte auch nicht das seine sein. Die Tanten sagten, daß sie verdorben sei, daß sie eine ganz liederliche Natur, ebenso wie ihre Mutter gewesen sei. Und dieses Urteil der Tanten war ihm angenehm, weil es ihn scheinbar rechtfertigte. Anfangs wollte er dennoch sie und ihr Kind aufsuchen; nachher aber gab er sich nicht die nötige Mühe zu ihrer Auffindung, und gerade, weil es ihm in der Tiefe seiner Seele zu weh tat, und weil er sich zu sehr vor sich selbst schämte, darüber nachzudenken, so vergaß er seine Sünde noch mehr und hörte auf, daran zu denken. Aber nun erinnerte ihn dieser wunderbare Zufall an alles und verlangte von ihm die Anerkennung seiner Herzlosigkeit, Grausamkeit, Gemeinheit, welche es ihm möglich gemacht, diese zehn Jahre mit solcher Sünde auf dem Gewissen ruhig zu leben. Aber er war noch weit entfernt von solcher Anerkennung, und gegenwärtig dachte er nur darüber nach, fürchtete nur, daß man alles das jetzt erfahren, daß sie oder ihr Verteidiger alles erzählen und ihn vor allen bloßstellen würde. 19 In solcher Gemütsverfassung war Nechliudow, seit er den Gerichtssaal verlassen hatte. Er saß im Geschworenenzimmer am Fenster, hörte die Gespräche, die um ihn herum geführt wurden, und rauchte unaufhörlich. Der lustige Kaufmann fühlte augenscheinlich dem Kaufmann Smelkow in seinem Zeitvertreib von ganzer Seele nach. »Nun, Bruder, der hat aber ordentlich gelumpt, nach sibirischer Art; der wußte auch, wie Honig schmeckt: was für ein Mädel hat er für sich gewonnen!« Der Obmann äußerte irgendwelche Erwägungen, daß die Untersuchung durch die Sachverständigen die Hauptsache sei. Peter Gerasimowitsch scherzte ein wenig mit dem Kommis, dem Juden, und sie fingen an, über etwas zu lachen. Nechliudow antwortete auf die an ihn gerichteten Fragen einsilbig; er wünschte nur eins – daß man ihn in Ruhe lasse. Als der Gerichtskommissar mit dem schiefen Gang die Geschworenen wieder in den Saal rief, empfand Nechliudow eine Angst, als ob nicht er zu richten gehe, sondern als ob man ihn selbst vor Gericht führe. In der Tiefe seiner Seele fühlte er schon, daß er ein Elender sei, der sich schämen müsse, den Leuten ins Gesicht zu sehen; inzwischen aber trat er, seiner Gewohnheit nach, mit selbstbewußten Bewegungen auf die Erhöhung und setzte sich auf seinen Platz, als der zweite nach dem Obmann, legte ein Bein über das andere und spielte mit dem Zwicker. Die Angeklagten hatte man auch irgendwo hingeführt, und eben führte man sie wieder herein. Im Saale waren neue Personen – die Zeugen, und Nechliudow bemerkte, daß die Maslowa einige Male hinsah, als ob sie ihren Blick von einer sehr herausgeputzten, dicken Frau in Samt und Seide nicht abwenden könne, die in hohem Hut mit großer Schleife und mit einem eleganten Ridikül auf dem bis zum Ellbogen nackten Arm in der ersten Reihe vor der Barriere saß. Das war, wie er nachher erfuhr, eine Zeugin, die Wirtin der Anstalt, in welcher die Maslowa gewohnt hat. Es begann das Verhör der Zeugen: Name, Konfession und so weiter. Dann, nach Befragung der Parteien: wie verhört werden sollte, ob vereidigt oder nicht – kam, wieder mit Mühe die Beine bewegend, derselbe alte Priester, und, wieder ebenso das goldene Kreuz auf der seidenen Brust zurechtlegend, nahm er mit derselben Ruhe und Überzeugung, daß er eine vollständig nützliche und wichtige Sache tue, den Zeugen und dem Sachverständigen den Eid ab. Als die Eidesleistung zu Ende war, führte man alle Zeugen weg, und nur eine hieß man bleiben, nämlich die Kitajewa, die Wirtin des Bordells. Man befragte sie darüber, was sie von dieser Sache wisse. Die Kitajewa erzählte mit affektiertem Lächeln und deutschem Akzent ausführlich und zusammenhängend, und versuchte immer wieder ihren Kopf hinter dem Hut zu verbergen. Zuerst sei in ihre Anstalt der ihr bekannte Korridordiener Simon gekommen, um ein Mädchen für einen reichen sibirischen Kaufmann zu holen. Sie habe Liubascha geschickt. Nach einiger Zeit sei dann Liubascha mit dem Kaufmann zusammen zurückgekehrt. »Der Kaufmann war schon vollkommen fertig,« sprach die Kitajewa, leicht lächelnd, »auch bei uns fuhr er fort zu trinken und die Mädchen zu bewirten; aber da sein Geld nicht ausreichte, so schickte er dieselbe Liubascha, die ihm ganz besonders gefiel, nach seinem Gasthof«, sagte sie mit einem Blick auf die Angeklagte. Nechliudow schien es, als ob die Maslowa dazu lächelte, und dieses Lächeln kam ihm widerwärtig vor. Ein seltsames unbestimmtes Gefühl des Ekels, gemischt mit Mitleid, erhob sich in ihm. »Und welche Meinung haben Sie von der Maslowa gehabt?« fragte errötend und zaghaft der vom Gericht ernannte Verteidiger der Maslowa, ein Gerichtskandidat. »Die allerbeste,« antwortete die Kitajewa, »das Mädchen ist gebildet und schick. Sie war in guter Familie erzogen und konnte Französisch lesen. Sie trank manches Mal ein bißchen viel, aber nie vergaß sie sich. Ein ganz gutes Mädel.« Katjuscha sah auf die Wirtin, dann aber wendete sie plötzlich die Augen auf die Geschworenen, ließ sie auf Nechliudow ruhen, und ihr Gesicht wurde ernst und sogar streng. Das eine ihrer strengen Augen schielte. Sehr lange waren auf Nechliudow diese zwei seltsam blickenden Augen gerichtet, und trotz der Furcht, die ihn ergriff, konnte er seinen Blick nicht von diesen schielenden Augen mit dem hellen Weiß abwenden. Ihm kam jene furchtbare Nacht in den Sinn mit dem aufgehenden Eis, mit dem Nebel und hauptsächlich mit jenem abnehmenden, umgekehrten Mond, der gegen Morgen aufging und etwas Schwarzes und Fürchterliches beleuchtete. Diese zwei schwarzen Augen, welche auf ihn hin und an ihm vorbeisahen, erinnerten ihn an dieses schwarze und fürchterliche Etwas. »Sie hat mich erkannt«, dachte er. Und Nechliudow zog sich gleichsam zusammen, einen Schlag erwartend. Aber sie erkannte ihn nicht. Sie seufzte ruhig, und wieder begann sie den Vorsitzenden anzusehen. Nechliudow seufzte auch. »Ach, wenn es doch schneller aus wäre«, dachte er. Er empfand jetzt ein Gefühl, ähnlich dem, welches er auf der Jagd gewöhnlich hatte, wenn er einen verwundeten Vogel totschlagen mußte – es ist eklig und unangenehm und ärgerlich. Der nicht ganz getötete Vogel zappelt in der Jagdtasche – es ist widrig, und es tut einem leid, und man möchte ihn rasch zu Tode schlagen und vergessen. Ein solch gemischtes Gefühl empfand jetzt Nechliudow, als er dem Verhör der Zeugen zuhörte. 20 Aber gleichsam ihm zum Trotz dauerte die Verhandlung lange: nach dem Verhör der einzelnen Zeugen und des Sachverständigen, und nach allen, wie gewöhnlich mit bedeutsamem Aussehen gestellten, unnötigen Fragen von Seiten des Staatsanwalts und von Seiten der Verteidiger, schlug der Vorsitzende den Geschworenen vor, die Beweisstücke zu besichtigen; sie bestanden aus einem Ring von ungeheuren Dimensionen mit einer Rosette von Brillanten, der augenscheinlich an einem sehr dicken Zeigefinger gesteckt hatte, und aus einem Filter, auf welchem das Gift untersucht worden war. Die Sachen waren versiegelt und mit Etiketten versehen. Die Geschworenen waren schon im Begriff, diese Gegenstände zu betrachten, als der Staatsanwalt sich wieder erhob und verlangte, vor der Besichtigung der Beweisstücke die medizinische Untersuchung des Leichnams zu verlesen. Der Vorsitzende, der die Verhandlung möglichst schnell vorwärts trieb, um beizeiten zu seiner Schweizerin zu kommen, konnte dies dennoch nicht verweigern, und er gab seine Bewilligung, obgleich er sehr gut wußte, daß die Verlesung dieser Akten keine andere Folge haben konnte als Langeweile und die Verzögerung des Mittagessens, und daß der Staatsanwalt nur darum diese Verlesung verlange, weil er wußte, daß er sie zu verlangen ein Recht habe. Der Sekretär nahm die Akten und fing wieder an mit seiner trübseligen, bei den Buchstaben L und R schnarrenden Stimme zu lesen. »Bei der äußeren Besichtigung ergab sich: 1. Körpergröße des Ferapont Smelkow: 2 Arschin 23 Werschock (2 Meter).« »Aber, aber der Mann war stark«, flüsterte der Kaufmann besorglich Nechliudow ins Ohr. »2. Sein Alter ist dem äußeren Aussehen nach auf ungefähr vierzig Jahre zu bestimmen. 3. Der Leichnam sah aufgedunsen aus. 4. Die Farbe der Haut ist überall grünlich und stellenweise mit dunkeln Fleckchen besprenkelt. 5. Die Epidermis auf der Körperoberfläche hob sich in Blasen von verschiedener Größe ab, stellenweise aber löste sie sich und hing in der Art wie große Lappen. 6. Die Haare sind dunkelbraun, bei der Berührung lösen sie sich leicht von der Haut. 7. Die Augen sind aus den Höhlen hervorgetreten, und die Hornhaut ist trübe geworden. 8. Aus den Nasenöffnungen, aus den beiden Ohren fließt eine schäumende, blutig-eiterige Flüssigkeit, der Mund ist halb geöffnet. 9. Den Hals sieht man fast gar nicht, infolge der Aufblähung des Gesichtes und der Brust. 10. Und so weiter, und so weiter ...« Auf diese Weise folgte auf vier Seiten und in 27 Punkten die Beschreibung aller Einzelheiten des äußeren Befundes des schrecklichen, ungeheuer großen, dicken und noch angeschwollenen Leichnams des Kaufmanns, der sich in der Stadt belustigt hatte. Das Gefühl unbestimmten Ekels, welches Nechliudow empfand, wurde bei dem Verlesen dieser Beschreibung des Leichnams noch verstärkt. Katjuschas Leben, der aus den Nasenlöchern fließende Bluteiter, die aus den Höhlen hervorgetretenen Augen, sein Betragen gegen sie – alles das, schien ihm, waren Gegenstände einer und derselben Ordnung. Und er war von allen Seiten von diesen Gegenständen umgeben und absorbiert. Als endlich das Verlesen des äußeren Befundes beendet war, holte der Vorsitzende schwer Atem und hob seinen Kopf, voller Hoffnung, daß die Sache zu Ende sei, aber der Sekretär fing sogleich an, die Beschreibung der inneren Untersuchung zu lesen. Der Vorsitzende ließ den Kopf wieder hängen, und ihn mit der Hand stützend, machte er seine Augen zu. Der Kaufmann, der neben Nechliudow saß, konnte sich kaum des Schlafes erwehren und schwankte hin und her; die Angeklagten saßen, ebenso wie die Gendarmen hinter ihnen, unbeweglich. »Bei der inneren Untersuchung ergab sich, daß: 1. Die häutigen Schädeldecken sich leicht von den Schädelknochen ablösten, und daß keinerlei Blutmäler konstatierbar waren. 2. Die Schädelknochen sind von mittlerer Dicke und unversehrt. 3. Auf der harten Hirnhaut sind zwei nicht große pigmentierte Flecken – ungefähr vier Zoll groß – vorhanden, die Hirnhaut selbst erscheint von bleich-matter Farbe« – Und so weiter, noch 13 Punkte. Weiter folgten die Namen der Zeugen, die Unterschriften und darauf die Schlußfolgerung des Arztes, aus welcher ersichtlich war, daß die bei der Obduktion vorgefundenen und im Protokoll eingetragenen Veränderungen im Magen und teilweise im Darm und in den Nieren das Recht geben, mit einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit zu schließen, daß der Tod Smelkows durch Vergiftung erfolgte, mit einem Gift, das ihm zugleich mit den Spirituosen in den Magen geraten war; was für ein Gift in den Magen eingeführt war, sei schwer zu sagen, den im Magen und im Darm vorhandenen Veränderungen nach; daß das Gift aber mit Spirituosen in den Magen geraten, muß man daher annehmen, weil im Magen des Smelkow eine große Quantität Spirituosen vorgefunden wurden. »Es scheint, der verstand sich aufs Trinken«, flüsterte der wieder zu sich gekommene Kaufmann. Das Verlesen dieses Protokolls, das etwa eine Stunde dauerte, stellte den Staatsanwalt dennoch nicht zufrieden. Nachdem das Protokoll verlesen war, wandte sich der Vorsitzende an ihn: »Ich glaube, es ist wohl überflüssig, die Akten über die Eingeweideuntersuchung zu lesen.« »Ich möchte bitten, auch diese Untersuchung zu verlesen«, sagte der Staatsanwalt streng, ohne auf den Vorsitzenden zu sehen; dabei erhob er sich ein wenig schief und gab durch den Ton seiner Stimme zu verstehen, daß das Verlangen dieses Verlesens sein Recht sei, und daß er dieses Recht nicht preisgeben werde; und daß die Nichtbewilligung ein Grund zur Kassation sein würde. Das Gerichtsmitglied mit dem großen Bart und den guten, nach unten gezogenen Augen, das an Katarrh litt, wandte sich an den Vorsitzenden, weil es sich sehr geschwächt fühlte. »Und wozu muß das gelesen werden? Man zieht die Sache doch nur in die Länge. Diese neuen Besen kehren nicht besser, sondern länger.« Das Mitglied mit der goldenen Brille sagte nichts; der Mann sah aber finster und entschieden vor sich hin, indem es weder von seiner Frau noch vom Leben etwas Gutes erwartete. Das Verlesen der Akte begann: »Im Jahre 188..., am 15. Februar, habe ich, Unterzeichneter, im Auftrage der medizinischen Abteilung unter der Nr. 638«, fing der Sekretär mit Entschlossenheit an, indem er die Stimme erhöhte, als ob er den alle Anwesenden niederdrückenden Schlaf vertreiben wolle, »in Anwesenheit des medizinischen Unterinspektors eine Untersuchung der Eingeweide angestellt: 1. Der rechten Lunge und des Herzens (in einem sechspfündigen Glas). 2. Des Mageninhalts (in einem sechspfündigen Glas). 3. Des Magens selbst (in einem sechspfündigen Glas). 4. Der Leber, der Milz und der Nieren (in einem dreipfündigen Glas). 5. Der Gedärme (in einem sechspfündigen Tongefäß).« Der Vorsitzende beugte sich bei Beginn der Vorlesung zu einem der Mitglieder und flüsterte etwas, dann zu einem anderen, und nachdem er eine bejahende Antwort bekommen hatte, unterbrach er die Vorlesung an dieser Stelle. »Das Gericht erklärt das Verlesen der Akte für überflüssig«, sagte er. Der Sekretär verstummte, indem er die Papiere zusammenlegte. Der Staatsanwalt fing zornig an, etwas aufzuschreiben. »Die Herren Geschworenen können die Beweisstücke besichtigen«, sagte der Vorsitzende. Der Obmann und einige der Geschworenen erhoben sich und kamen voller Verlegenheit, weil sie nicht wußten, was sie mit ihren Händen anfangen sollten, an den Tisch und betrachteten nach der Reihe den Ring, das Gläschen und den Filter. Der Kaufmann probierte sogar den Fingerring auf seinem Finger an. »Ja, das muß ein Finger gewesen sein«, sagte er, nachdem er auf seinen Platz zurückgekehrt war. »Wie eine gute Gurke«, fügte er hinzu, sich augenscheinlich ergötzend an der Vorstellung von einem Recken, die er sich von dem vergifteten Kaufmann gebildet hatte. 21 Als die Besichtigung der Beweisstücke beendigt war, erklärte der Vorsitzende die gerichtliche Untersuchung für geschlossen, und ohne Unterbrechung, weil er mit der Sache rasch fertig sein wollte, überließ er das Wort dem öffentlichen Ankläger, voller Hoffnung, daß derselbe auch ein Mensch sei und Lust habe, zu rauchen und zu Mittag zu essen, und daß er mit ihnen Erbarmen haben werde. Aber der Staatsanwalt erbarmte sich weder seiner selbst noch ihrer. Der Staatsanwalt war von Natur sehr dumm, aber außerdem hatte er das Unglück gehabt, das Gymnasium mit der goldenen Medaille zu absolvieren und in der Universität einen Preis für seine Arbeit über die Servitute nach dem römischen Recht zu erhalten; deswegen war er im höchsten Grade eingebildet und selbstüberzeugt (was seine Erfolge bei den Damen noch mehr begünstigten), also war er außerordentlich dumm. Als ihm das Wort erteilt wurde, richtete er sich langsam auf, indem er seine graziöse Figur in der gestickten Uniform hervortreten ließ, und, beide Hände auf dem Schreibpult und leicht den Kopf neigend, sah er sich im Saal um, wobei er die Blicke der Angeklagten mied, und fing an: »Die Tatsache, welche Ihnen, meine Herren Geschworenen, vorliegt,« begann er seine während der Vorlesung der Protokolle und der Akten vorbereitete Rede, »ist, wenn man sich so ausdrücken darf, ein charakteristisches Verbrechen.« Die Rede des Staatsanwalts sollte seiner Meinung nach eine soziale Bedeutung haben, ähnlich jenen berühmten Reden, welche die berühmt gewordenen Advokaten gehalten hatten. Es ist wahr, daß als Zuschauer nur noch drei Frauen da waren: eine Schneiderin, eine Köchin und die Schwester des Simon, und ein Kutscher, aber das bedeutete nichts. Auch jene Berühmtheiten fingen so an. Die Regel des Staatsanwalts bestand aber darin, daß er immer auf der Höhe der Situation sein wollte, er wollte in die Tiefe der psychologischen Bedeutung des Verbrechens eindringen und die Wunden der Gesellschaft bloßlegen. »Sie sehen vor sich, meine Herren Geschworenen, wenn man sich so ausdrücken darf, ein charakteristisches Verbrechen fin de siècle, das an sich die, sozusagen, spezifischen Züge dieser traurigen Erscheinung der Auflösung trägt, welcher in unserer Zeit jene Elemente unserer Gesellschaft unterliegen, die sich unter den, sozusagen, besonders brennenden Strahlen dieses Prozesses befinden ...« Der Staatsanwalt sprach sehr lange, einerseits sich bemühend, sich aller jener klugen Sachen zu erinnern, welche er zuvor erdacht hatte, andererseits, und das war die Hauptsache, sich Mühe gebend, nicht für einen Augenblick steckenzubleiben, und es so zu machen, daß seine Rede, ohne zu verstummen, fünf Viertelstunden dahinfloß. Nur einmal blieb er stecken, und ziemlich lange schluckte er Speichel, aber dann war er damit fertig und holte die Verzögerung durch verstärkte Beredsamkeit nach. Er sprach bald mit zarter, einschmeichelnder Stimme, von einem Fuß auf den anderen tretend und die Geschworenen anblickend, bald in ruhigem, geschäftsmäßigem Ton, in sein Heft blickend, bald mit lauter, überführender Stimme, indem er sich bald an die Zuschauer, bald an die Geschworenen wandte. Nur auf die Angeklagten, die ihn mit den Augen verschlangen, blickte er kein einziges Mal. In seiner Rede war alles Allerletzte, was damals in seinem Kreise im Gange war, und was für das letzte Wort der wissenschaftlichen Weisheit galt und noch jetzt gilt. Es kam darin die Vererbungstheorie und das angeborene Verbrechertum vor und Lombroso und Tarde und die Entwicklungslehre und der Kampf ums Dasein und der Hypnotismus und die Suggestion und Charcot und das Dekadententum. Der Kaufmann Smelkow war, nach der Definition des Staatsanwaltes, ein Typus des mächtigen, ungebrochenen russischen Menschen mit seiner breiten Natur, der infolge seiner Zutraulichkeit und seiner Großmut als Opfer der tief verdorbenen Persönlichkeiten gefallen, in deren Macht er geraten war. Simon Kartinkin war das atavistische Produkt der Leibeigenschaft, ein verschüchterter Mensch, ohne Bildung, ohne Prinzipien, sogar ohne Religion. Euphemia war seine Geliebte und ein Opfer der Vererbung. In ihr waren alle Merkmale einer degenerierenden Persönlichkeit zu bemerken. Die eigentliche treibende Kraft aber des Verbrechens war verkörpert in der Maslowa, die die Erscheinung des Dekadententums in seinen niedrigsten Vertretern darstellte. »Diese Frau«, sprach der Staatsanwalt, ohne sie anzusehen, »hat Bildung genossen – wir haben hier vor dem Gericht die Aussagen ihrer Wirtin gehört. Sie versteht nicht nur zu lesen und zu schreiben, sondern sie kann auch Französisch; sie ist eine Waise, die in sich wahrscheinlich die Keime des Verbrechens trägt; sie ward in einer intelligenten, adeligen Familie erzogen und hätte von ehrlicher Arbeit leben können; aber sie verläßt ihre Wohltäter, ergibt sich ihren Leidenschaften, und um dieselben zu befriedigen, tritt sie in das Bordell ein, wo sie sich vor ihren Genossinnen durch ihre Bildung auszeichnet, und hauptsächlich, wie Sie alle hier, meine Herren Geschworenen, von ihrer Wirtin gehört haben, durch die Fähigkeit, vermittels jener geheimnisvollen, in letzter Zeit von der Wissenschaft, besonders von der Schule Charcots erforschten Eigenschaft auf die Besucher einzuwirken, die unter dem Namen der Suggestion bekannt ist. Durch diese selbe Eigenschaft bemächtigt sie sich dieses russischen Recken, des gutmütigen, zutraulichen Sadko, des reichen Gastes, und sie braucht sein Zutrauen dazu, um ihn erst zu bestehlen und nachher erbarmungslos des Lebens zu berauben.« »Nun, das scheint mir schon zu weitläufig gefaselt«, sagte der Vorsitzende lächelnd, indem er sich zu dem strengen Gerichtsmitglied neigte. »Ein schrecklich dummer Kerl«, sagte das strenge Mitglied. »Meine Herren Geschworenen,« fuhr inzwischen der Staatsanwalt fort, sich mit der schlanken Taille graziös schlängelnd, »in Ihrer Macht liegt das Schicksal dieser Personen, aber in Ihrer Macht liegt ja teilweise auch das Schicksal der Gesellschaft, auf welche Sie durch Ihr Urteil einwirken. Dringen Sie in die Bedeutung dieses Verbrechens ein, in die Gefahr, welche der Gesellschaft bevorsteht seitens solcher sozusagen pathologischer Individuen, wie es die Maslowa ist, und schützen Sie dieselbe vor der Ansteckung, schützen Sie die unschuldigen, kräftigen Elemente dieser Gesellschaft vor der Ansteckung, die oft ihr Verderben wird!« Und gleichsam selber von der Wichtigkeit des bevorstehenden Urteils erdrückt, ließ sich der Staatsanwalt auf seinen Stuhl nieder, augenscheinlich bis zum äußersten Grade von seiner Rede entzückt. Der Sinn seiner Rede, abgesehen von den Blüten der Beredsamkeit, war der, daß die Maslowa den Kaufmann hypnotisiert habe, indem sie sich in sein Vertrauen einschmeichelte, und als sie des Geldes wegen mit dem Kofferschlüssel kam, alles für sich selber nehmen wollte, aber, da sie von Simon und Euphemia überrascht wurde, mit ihnen teilen mußte. Nachher aber, um die Spuren des Verbrechens zu verbergen, kam sie mit dem Kaufmann abermals in das Gasthaus und dort vergiftete sie ihn. Nach der Rede des Staatsanwalts erhob sich von der Advokatenbank ein Mann von mittlerem Alter, in einem Frack, mit halbrunder, weiß gestärkter Brust, und hielt flink eine Rede zur Verteidigung des Kartinkin und der Botschkowa. Das war der von ihnen für dreihundert Rubel gemietete Rechtsanwalt. Er rechtfertigte sie beide, und schob die ganze Schuld auf die Maslowa. Die Aussage der Maslowa, daß die Botschkowa und Kartinkin mit ihr zusammen waren, als sie das Geld nahm, verwarf er, darauf bestehend, daß ihre Aussage, als die einer überführten Giftmischerin, kein Gewicht haben könne. Das Geld, zweitausendfünfhundert Rubel, sagte der Advokat, könnte von zwei arbeitsamen, redlichen Menschen, die manchmal drei bis fünf Rubel am Tage von den Besuchern bekamen, verdient sein. Das Geld des Kaufmannes habe die Maslowa entwendet und jemandem übergeben oder verloren, weil sie nicht in normalem Zustand war. Die Vergiftung vollbrachte die Maslowa allein. Darum bat er die Geschworenen, den Kartinkin und die Botschkowa der Entwendung für unschuldig zu erkennen; wenn sie sie aber der Entwendung für schuldig erkennen würden, so doch ohne Teilnahme an der Vergiftung und ohne vorgefaßte Absicht. Zum Schluß bemerkte der Advokat mit einem Stich gegen den Staatsanwalt, daß die glänzenden Auseinandersetzungen des Herrn Staatsanwalts über die Vererbung, obschon sie die Frage der Vererbung wissenschaftlich erklärten, in diesem Falle doch nicht paßten, weil die Botschkowa die Tochter unbekannter Eltern sei. Der Staatsanwalt schrieb böse, wie zähnefletschend, etwas auf und zuckte in verächtlichem Staunen die Achseln. Darauf erhob sich der Verteidiger der Maslowa, und schüchtern, stotternd brachte er seine Verteidigungsrede vor. Ohne abzuleugnen, daß die Maslowa an der Entwendung des Geldes teilgenommen, bestand er nur darauf, daß sie keine Absicht gehabt, den Smelkow zu vergiften und ihm das Pulver nur gegeben habe, damit er einschliefe. Er wollte auch etwas Beredsamkeit entwickeln, indem er eine Schilderung zu geben gedachte, wie die Maslowa von einem Mann ins Verderben gezogen wurde, der straflos blieb, während sie die ganze Schwere ihres Falles tragen mußte; aber dieser Exkurs in das Gebiet der Psychologie gelang ihm ganz und gar nicht, so daß alle sich etwas schämten. Als er von der Grausamkeit der Männer und von der Hilflosigkeit der Frauen muffelte, bat ihn der Vorsitzende, der ihm helfen wollte, sich näher an das Wesen der Sache zu halten. Nach diesem Verteidiger erhob sich wieder der Staatsanwalt und verteidigte seinen Satz über die Vererbung gegen den ersten Verteidiger damit, daß die Gewißheit der Vererbungslehre, wenn auch die Botschkowa die Tochter unbekannter Eltern sei, durch diesen Umstand nicht entkräftet werde, weil das Gesetz der Vererbung soweit von der Wissenschaft festgestellt sei, daß wir nicht nur aus der Vererbung das Verbrechen ableiten können, sondern auch die Vererbung aus dem Verbrechen. Was aber die Voraussetzung des Verteidigers anbetrifft, die Maslowa sei von einem erdichteten (das Wort »erdichteten« sagte er besonders giftig) Verführer verdorben worden, so sprechen alle Daten eher dafür, daß sie eine Verführerin vieler und vieler Opfer war, die durch ihre Hände gegangen waren. Nachdem er das gesagt hatte, ließ er sich siegreich nieder. Darauf wurden die Angeklagten aufgefordert, sich zu rechtfertigen. Euphemia Botschkowa wiederholte, daß sie nichts wüßte und an nichts teilgenommen hätte, aber hartnäckig wies sie auf die Maslowa hin, als auf die Urheberin alles dessen. Simon wiederholt nur einige Male: »Es steht bei Ihnen, aber ich bin schuldlos.« Die Maslowa aber sagte gar nichts. Auf den Vorschlag des Vorsitzenden, das zu sagen, was sie zu ihrer Verteidigung anzuführen habe, hob sie nur die Augen zu ihm auf, blickte sich nach allen um, wie ein gehetztes Tier, und sogleich ließ sie die Blicke sinken und fing an zu weinen, laut und schluchzend. »Was haben Sie?« fragte der Kaufmann, der neben Nechliudow saß, als er den seltsamen Ton hörte, den plötzlich Nechliudow von sich gab. Dieser Ton war ein unterdrücktes Schluchzen. Nechliudow verstand noch immer nicht die ganze Bedeutung seiner gegenwärtigen Lage, und er schrieb das kaum verhaltene Schluchzen und die ihm in die Augen getretenen Tränen der Schwäche seiner Nerven zu. Er setzte den Zwicker auf, um die Tränen zu verbergen, dann nahm er das Taschentuch und fing an, die Nase zu schneuzen. Die Furcht vor der Schande, mit der er sich bedecken würde, wenn alle hier im Gerichtssaal seine Tat erführen, übertäubte die in ihm vor sich gehende innere Arbeit. Diese Furcht war in dieser ersten Zeit stärker als alles andere in ihm. 22 Nach den letzten Worten der Angeklagten und nach den Besprechungen der Parteien über die Form der Fragestellung, die noch ziemlich lange Zeit dauerten, waren die Fragen gestellt worden, und der Vorsitzende begann sein Resümee. Vor der Darstellung des Tatbestandes erklärte er sehr lange den Geschworenen mit angenehmer, familiärer Intonation, Raub sei Raub, aber Diebstahl sei Diebstahl, und daß Entwendung aus einem verschlossenen Raum eine Entwendung aus einem verschlossenen Raum sei; Entwendung aber aus einem nicht verschlossenen Raum sei eine Entwendung aus einem nicht verschlossenen Raum. Und indem er das erklärte, blickte er besonders häufig auf Nechliudow, als ob er vor allem wünschte, ihm diesen wichtigen Umstand beizubringen, in der Hoffnung, daß er, nachdem er ihn begriffen, ihn auch seinen Kollegen klarmachen werde. Dann, als er annahm, daß die Geschworenen schon genug von diesen Wahrheiten durchdrungen wären, begann er eine andere Wahrheit zu entwickeln – daß Mord eine Handlung sei, durch welche der Tod eines Menschen erfolgt, daß Vergiftung daher auch ein Mord sei. Und als auch diese Wahrheit, seiner Meinung nach, von den Geschworenen erfaßt war, erklärte er ihnen, daß, wenn ein Diebstahl und ein Mord zusammen verübt worden sind, den Bestand des Verbrechens in diesem Falle ein Diebstahl und ein Mord ausmachen. Trotzdem er selber Lust hatte, etwas früher mit der Sache fertig zu sein, und trotzdem die Schweizerin schon auf ihn wartete, war er an seine Beschäftigung so gewöhnt, daß er, als er einmal zu reden angefangen, schon nicht mehr aufhören konnte und daher die Geschworenen belehrte, daß sie das Recht haben, wenn sie die Angeklagten schuldig finden, sie für schuldig zu erklären; wenn sie sie aber unschuldig finden, so haben sie das Recht, sie für unschuldig zu erklären; wenn sie sie aber des einen Verbrechens schuldig und des anderen unschuldig finden, so haben sie das Recht, sie des einen schuldig, des anderen aber unschuldig zu erklären. Darauf setzte er ihnen noch auseinander, daß sie, ungeachtet dessen, daß dieses Recht ihnen zuerkannt sei, von demselben in vernünftiger Weise Gebrauch machen müßten. Er wollte ihnen auch erklären, daß, wenn sie auf die gestellte Frage eine bejahende Antwort gäben, sie durch diese Antwort alles das, was in der Frage enthalten sei, anerkennen, und daß, wenn sie nicht alles, was in der Frage enthalten sei, anerkennen, sie eine Klausel machen müßten über das, was sie nicht anerkennen wollten. Aber er blickte auf die Uhr, und als er sah, daß es schon fünf Minuten vor drei Uhr war, entschloß er sich, sogleich zur Darlegung des Tatbestandes überzugehen. »Der Tatbestand dieser Sache ist folgender«, fing er an und wiederholte alles das, was schon mehrere Male gesagt war, von den Verteidigern sowohl wie von dem Staatsanwalt und von den Zeugen. Der Vorsitzende sprach, aber die Mitglieder zu seinen Seiten hörten ihn mit tiefsinnigem Ausdruck an und blickten hie und da auf die Uhr, weil sie seine Rede zwar sehr gut, also so, wie sie sein muß, aber etwas zu lang fanden. Eben solcher Meinung war auch der Staatsanwalt, wie überhaupt alle Gerichtsangehörigen und alle in dem Saal Anwesenden. Der Vorsitzende beendete seine Zusammenfassung. Es schien, alles war gesagt worden. Aber der Vorsitzende konnte sich nicht von seinem Recht, zu sprechen, trennen – so angenehm war es ihm, die eindringlichen Intonationen seiner Stimme zu hören – und er fand es nötig, noch einige Worte zu sagen von der Wichtigkeit jenes Rechts, welches den Geschworenen gegeben ist, darüber, wie sie es mit Aufmerksamkeit und Vorsicht benutzen und nicht mißbrauchen müssen, darüber, daß sie einen Eid geleistet haben, daß sie das Gewissen der Gesellschaft sind, und daß das Geheimnis des Beratungszimmers heilig sein muß. .. Seitdem der Vorsitzende zu sprechen angefangen, sah ihn die Maslowa an, ohne die Augen abzuwenden, als ob sie besorgte, ein Wort zu verlieren; darum fürchtete Nechliudow nicht, ihr mit den Augen zu begegnen und sah sie ohne Unterbrechung an. Und in seiner Vorstellung ging jene gewöhnliche Erscheinung vor sich, daß ein seit langem nicht gesehenes Gesicht eines geliebten Menschen, nachdem es zuerst mit seinen äußerlichen Veränderungen, welche während der Trennung stattgefunden haben, überrascht hatte, nach und nach wieder vollkommen dasselbe wird, wie es vor vielen Jahren gewesen; alle stattgefundenen Veränderungen verschwinden, und vor dem geistigen Auge tritt nur der Hauptausdruck der ausschließlichen, unwiederholbaren geistigen Persönlichkeit hervor. Eben dasselbe ging in Nechliudow vor sich. Ja, trotz der Gefängniskleidung, dem ganzen breiter gewordenen Körper, der ausgewachsenen Brust, trotz dem inzwischen auseinandergegangenen unteren Teil des Gesichtes, trotz der Fältchen auf der Stirn und an den Schläfen, und trotz der etwas angeschwollenen Augen – war das unzweifelhaft dieselbe Katjuscha, welche am Ostersonntag ihn, den von ihr geliebten Menschen, mit ihren verliebten, vor Freude und Fülle des Lebens lachenden Augen so unschuldig von unten nach oben angesehen. »Und ein so merkwürdiger Zufall. Und mußte es sich so treffen, daß der Prozeß gerade auf meine Session fällt; daß ich, ohne ihr seit zehn Jahren irgendwo zu begegnen, sie hier auf der Bank der Angeklagten treffe. Und womit wird das alles enden? Wäre es schneller, ach, schneller zu Ende!« Er unterwarf sich noch immer nicht jenem Gefühl der Reue, welches anfing, in ihm zu reden. Er hielt alles für einen Zufall, der vorübergehen würde, ohne sein Leben zu stören. Er fühlte sich in der Lage jenes Hündchens, das sich im Zimmer schlecht aufgeführt hat, und welches der Herr am Nacken packt und mit der Nase in diejenige Abscheulichkeit, die es gemacht hat, hineinstößt. Das Hündchen winselt, zieht sich zurück, um möglichst weit von den Folgen seines Betragens wegzugehen, um sie zu vergessen, aber der unerbittliche Herr läßt es nicht fort. Ebenso fühlte auch Nechliudow die ganze Abscheulichkeit dessen, was er vollbracht, fühlte auch die mächtige Hand des Herrn, aber er verstand noch immer nicht die Bedeutung dessen, was er getan hatte, erkannte den Herrn nicht. Er wollte immer noch nicht daran glauben, daß das, was vor ihm war, sein Werk sei. Aber die unerbittliche, unsichtbare Hand hielt ihn, und er ahnte schon, daß er nicht werde entrinnen können. Er spielte noch den Tapferen, und, angenommener Gewohnheit nach, ein Bein über das andere gelegt, saß er, nachlässig mit dem Zwicker spielend, in selbstbewußter Haltung auf seinem zweiten Stuhl der ersten Reihe. Unterdessen aber fühlte er schon in der Tiefe seiner Seele die ganze Grausamkeit, Niederträchtigkeit, nicht nur dieser seiner Tat, sondern seines ganzen müßigen, lockeren, grausamen und selbstherrlichen Lebens, und jener furchtbare Vorhang, welcher durch irgendein Wunder während dieser ganzen Zeit, diese ganzen zwölf Jahre hindurch, vor ihm dies sein Verbrechen und sein ganzes folgendes Leben verborgen hatte, schwankte schon, und er blickte schon hie und da hinter denselben. 23 Endlich schloß der Vorsitzende seine Rede, hob mit graziöser Bewegung die Frageliste in die Höhe und übergab sie dem zu ihm herangetretenen Obmann. Die Geschworenen standen auf, und froh, weggehen zu dürfen, gingen sie, ohne zu wissen, was sie mit ihren Händen tun sollten, als ob sie sich vor etwas schämten, einer nach dem anderen in das Beratungszimmer. Sobald die Tür hinter ihnen geschlossen war, trat an diese Tür ein Gendarm; er riß den Säbel aus der Scheide, legte ihn an die Schulter und blieb an der Tür stehen. Die Richter erhoben sich und gingen fort. Die Angeklagten wurden auch hinausgeführt. Nachdem die Geschworenen in das Beratungszimmer eingetreten waren, holten sie zuerst Zigaretten hervor, wie auch früher, und fingen an zu rauchen. Die Unnatürlichkeit und das Falsche ihrer Lage, die sie in mehr oder weniger hohem Grade empfanden, als sie in dem Saal an ihren Plätzen saßen, war vorbei, sobald sie in das Beratungszimmer eingetreten waren und Zigaretten angeraucht hatten. Sie nahmen mit dem Gefühl der Erleichterung dort Platz, und sogleich begann ein lebhaftes Gespräch. »Das Mädel ist unschuldig, es ist auf Abwege gekommen,« sagte der gutmütige Kaufmann, »man muß ihm mildernde Umstände zubilligen.« »Wollen wir also eben das jetzt erwägen«, sagte der Obmann. »Wir müssen nicht unseren persönlichen Eindrücken nachgeben.« »Eine gute Zusammenfassung hat der Vorsitzende geliefert«, bemerkte der Oberst. »Ja, gut! Ich bin beinah eingeschlafen.« »Die Hauptsache ist, daß die Bedienten nichts von dem Gelde wissen konnten, wenn die Maslowa nicht mit ihnen einverstanden gewesen wäre«, sagte der Kommis von jüdischem Typus. »Also, was ist denn? Hat sie, Ihrer Meinung nach, gestohlen?« fragte einer der Geschworenen. »Um nichts in der Welt würde ich dies glauben,« schrie der gutmütige Kaufmann, »aber alles hat diese rotäugige Schelmin ausgefressen.« »Die sind alle gut«, sagte der Oberst. »Aber sie sagt ja, sie sei nicht in das Zimmer hineingegangen.« »So, glauben Sie ihr nur! Ich würde diesem Luder in meinem Leben nicht glauben.« »Aber was macht das? Es liegt ja nicht viel dran, daß Sie ihr nicht glauben würden«, sagte der Kommis. »Den Schlüssel hatte sie.« »Und was bedeutet das, daß sie ihn hatte?« erwiderte der Kaufmann. »Und der Ring?« »Aber sie hat es ja erzählt«, schrie der Kaufmann wieder. »Der Kaufmann war gewalttätig und dazu noch angetrunken, er hat sie durchgeprügelt. Nun, nachher aber, es ist eine bekannte Sache, bedauerte er sie: »Hier nimm, nur weine nicht.« Was für ein Kerl das war, hast du wohl gehört; zwölf Werschok (2 Meter) und so was wie acht Pud (3 Zentner)!« »Nicht das ist die Hauptsache,« unterbrach ihn Peter Gerasimowitsch, »die Frage besteht darin: hat sie die ganze Sache angestiftet oder die Bedienten?« »Die Bedienten allein können es nicht getan haben. Den Schlüssel hatte sie.« Die zusammenhanglose Unterredung ging eine ziemlich lange Zeit weiter. »Aber erlauben Sie, meine Herren,« sagte der Obmann, »wollen wir uns an den Tisch setzen und die Sache erwägen. Bitte«, sagte er, sich auf den Präsidentenplatz setzend. »Ein scheußliches Gesindel, diese Dirnen«, sagte der Kommis, und um die Meinung zu bekräftigen, daß die Maslowa die Hauptschuldige sei, erzählte er, wie eine solche seinem Kameraden auf dem Boulevard die Uhr gestohlen habe. Der Oberst fing an, bei dieser Gelegenheit einen noch frappanteren Fall, den Diebstahl eines silbernen Samowars zu erzählen. »Meine Herren, ich bitte, den Fragen nach«, sagte der Obmann, indem er mit dem Bleistift auf den Tisch klopfte. Alle schwiegen. Diese Fragen waren folgendermaßen ausgedrückt: »1. Ist der Bauer des Dorfes Borki, Kreis Krapiwna, Simon Petrow Kartinkin, 33 Jahre alt, dessen schuldig, daß er am 17. Januar 188... in der Stadt N., in der Absicht, den Kaufmann Smelkow ums Leben zu bringen, und mit dem Vorsatz, ihn zu berauben, im Einverständnis mit einer anderen Person ihm Gift in Kognak gegeben hat, wodurch der Tod des Smelkow erfolgte; und daß er demselben Geld, etwa 2500 Rubel, und einen Brillantring entwendet hat? 2. Ist die Euphemia Iwanowa Botschkowa, 43 Jahre alt, des in der ersten Frage beschriebenen Verbrechens schuldig? 3. Ist die Kleinbürgerin Katharina Michajlowa Maslowa, 27 Jahre alt, des in der ersten Frage beschriebenen Verbrechens schuldig? 4. Wenn die Angeklagte Euphemia Botschkowa nach der ersten Frage unschuldig ist, ist sie dann nicht etwa dessen schuldig, am 17. Januar 188... in der Stadt N., während sie im Gasthause ›Mauritania‹ in Dienst stand, heimlich bei einem Logiergast, dem Kaufmann Smelkow, aus dem verschlossenen Koffer, der sich in seinem Zimmer befand, 2500 Rubel entwendet zu haben, wozu sie den Koffer auf der Stelle, wo er sich befand, mit einem mitgebrachten falschen Schlüssel aufgeschlossen?« Der Obmann las die erste Frage vor. »Nun, wie ist es denn, meine Herren!« Diese Frage wurde sehr schnell beantwortet. Alle kamen überein zu antworten: »ja, schuldig«, indem man Kartinkin als Mittäter sowohl an der Entwendung als auch an der Vergiftung erkannte. Nicht einverstanden, den Kartinkin für schuldig zu erklären, war nur ein alter Arbeiter, der auf alle Fragen im Sinne der Rechtfertigung antwortete. Der Obmann dachte, daß er nicht verstehe und erklärte ihm, wie es nach allem unzweifelhaft sei, daß Kartinkin und die Botschkowa schuldig seien; der Arbeiter aber antwortete, daß er verstehe, aber es sei doch besser, Mitleid mit ihnen zu haben. »Wir sind ja selber keine Heiligen.« Und so blieb er auch bei seiner Meinung. Auf die zweite Frage, die Botschkowa betreffend, wurde nach langen Unterredungen und Erklärungen geantwortet: nicht schuldig, weil keine offenbaren Beweise für ihre Teilnahme an der Vergiftung vorlagen, was ihr Advokat besonders betonte. Der Kaufmann, der die Maslowa rechtfertigen wollte, bestand darauf, daß die Botschkowa die Hauptanstifterin von allem sei. Viele Geschworene stimmten ihm zu; aber der Obmann, der streng legal sein wollte, sagte, daß es keinen Grund gäbe, sie als Teilnehmerin an der Vergiftung zu erklären. Nach langen Streitigkeiten triumphierte die Meinung des Obmanns. Auf die vierte Frage, auch betreffs der Botschkowa, antwortete man: »ja, schuldig«, und auf Anhalten des Arbeiters fügte man hinzu, »aber sie verdient mildernde Umstände«. Die dritte Frage aber über die Maslowa rief einen erbitterten Streit hervor. Der Obmann bestand darauf, daß sie des Raubes und der Vergiftung schuldig sei; der Kaufmann war damit nicht einverstanden und mit ihm zusammen der Oberst, der Kommis und der Arbeiter nicht, – die übrigen schienen zu schwanken; aber die Ansicht des Obmanns begann vorzuherrschen, besonders, weil die Geschworenen ermüdet waren und sich bereitwilliger an die Meinung anschlossen, die versprach, sie schneller zu einigen und darum alle zu befreien. Nach alledem, was bei der gerichtlichen Untersuchung vor sich gegangen, und nach dem, wie Nechliudow die Maslowa kannte, war er überzeugt, daß sie weder der Entwendung noch der Vergiftung schuldig sei, und anfangs war er sicher, daß alle das anerkannten; aber er mußte einsehen, daß die Entscheidung sich infolge verschiedener Umstände zugunsten der Verurteilung zu neigen anfing. Da war erstens die ungeschickte Verteidigung durch den Kaufmann, die augenscheinlich darauf begründet war, daß die Maslowa ihm physisch gefiel, was er auch nicht verhehlte, da war der Widerstand des Obmanns, eben dieses Grundes wegen; da war hauptsächlich die allgemeine Ermüdung der Beteiligten. Nechliudow wollte etwas einwenden, aber er fürchtete, für die Maslowa zu sprechen; es schien ihm, daß alle sogleich sein Verhältnis zu ihr erfahren würden. Inzwischen aber fühlte er, daß er die Sache nicht so lassen könne, daß er Einwände erheben müsse. Er wurde rot, er wurde blaß, und eben wollte er anfangen zu sprechen, als Peter Gerasimowitsch, der bis dahin stillgeschwiegen, augenscheinlich durch den autoritativen Ton des Obmanns empört, plötzlich anfing, diesen zu widerlegen und dasselbe zu sagen, was Nechliudow hatte sagen wollen. »Erlauben Sie,« rief er, »Sie sagen, daß die Maslowa des Diebstahls schuldig sei, weil sie den Schlüssel besaß, aber konnten denn die Korridorbedienten nicht nach ihr den Koffer mit einem falschen Schlüssel aufschließen?« »Ja ja! Ja ja!« bestätigte der Kaufmann. »Und Geld konnte sie ja nicht nehmen, weil sich in ihrer Lage nichts damit anfangen läßt.« »Das ist's ja, was ich sage! Ganz dasselbe«, bestätigte der Kaufmann. »Wahrscheinlich ist, daß sie durch ihre Ankunft den Korridordienern den Gedanken eingegeben hat, und die haben dann die Gelegenheit benutzt und nachher alles auf die Maslowa gewälzt.« Peter Gerasimowitsch sprach mit gereizter Stimme, und seine Gereiztheit teilte sich dem Obmann mit, der infolgedessen mit besonderer Hartnäckigkeit seine entgegengesetzte Meinung zu verteidigen begann; aber Peter Gerasimowitsch sprach so überzeugend, daß die Mehrheit ihm zustimmte, indem sie anerkannte, daß die Maslowa an der Geldentwendung nicht teilgenommen habe, daß der Ring ihr geschenkt worden sei. Als aber das Gespräch auf ihre Teilnahme an der Vergiftung überging, sagte ihr eifriger Verteidiger, der Kaufmann, daß man sie unschuldig erkennen solle. Der Obmann sagte aber, daß es unmöglich sei, sie für unschuldig zu erklären, da sie selbst bekannt habe, ihm das Pulver eingegeben zu haben. »Sie hat es gegeben, aber sie dachte, es sei Opium«, sagte der Kaufmann. »Sie konnte ihn auch mit Opium umbringen«, sagte der Oberst, der sich gern in Abschweifungen einließ; und er fing bei dieser Gelegenheit an, davon zu erzählen, daß die Frau seines Schwagers sich mit Opium vergiftet habe und auch gestorben sein würde, wäre nicht der Doktor in der Nähe gewesen und wären nicht rechtzeitig Maßregeln getroffen worden. Der Oberst erzählte so eindringlich, selbstbewußt und mit solcher Würde, daß niemand den Mut hatte, ihn zu unterbrechen. Nur der Kommis, von seinem Beispiel angesteckt, entschloß sich, ihm dazwischenzufahren, um seine Geschichte zu erzählen: »Manche gewöhnen sich so stark daran, daß sie vierzig Tropfen einnehmen können; ich habe einen Verwandten, der ...« Aber der Oberst ließ sich nicht unterbrechen und setzte seine Erzählung von den Folgen der Einwirkung des Opiums auf die Frau seines Schwagers fort. »Aber es ist schon über vier Uhr, meine Herren«, sagte einer der Geschworenen. »Also, wie ist's denn, meine Herren?« wandte sich der Obmann an die Geschworenen, »wollen wir sie schuldig erklären? Aber ohne Vorsatz, ihn zu berauben, und entwendet hat sie nichts. Ist es so?« Peter Gerasimowitsch, der mit seinem Siege zufrieden war, willigte ein. »Aber sie verdient mildernde Umstände«, fügte der Kaufmann hinzu. Alle waren einverstanden. Nur der Arbeiter beharrte darauf, daß man sagen solle: »nein, nicht schuldig«. »Aber das kommt ja auf dasselbe hinaus,« erklärte der Obmann, »ohne Vorsatz, ihn zu berauben, und entwendet hat sie nichts, also ist sie nicht schuldig.« »Also dann so: und verdient mildernde Umstände, um sie von allem, was ihr noch anklebt, zu reinigen.« Alle waren so ermüdet, hatten sich so in Streitigkeiten verwickelt, daß es niemandem einfiel, zu der Antwort hinzuzufügen: ja, aber ohne den Vorsatz, zu töten. Nechliudow war so aufgeregt, daß er dies nicht bemerkte. Also wurden die Antworten in dieser Form niedergeschrieben und in den Gerichtssaal getragen. Rabelais schreibt, daß ein Jurist, zu welchem man kam, um sich seinem Urteil zu unterziehen, nach einem Hinweis auf alle möglichen Gesetze und nach Verlesung von zwanzig Seiten sinnlosen juristischen Lateins den Streitenden vorgeschlagen habe, zu würfeln: grade oder ungrade. Wenn grade, – so hat der Supplikant recht, wenn ungrade, – so hat der Beklagte recht. So war es auch hier. Diese oder jene Entscheidung wurde nicht etwa angenommen, weil alle zu einem Einverständnis gekommen waren, sondern erstens, weil der Vorsitzende, der so lange Zeit zu seinem Resümee brauche, diesmal vergessen hatte, das zu sagen, was er immer sagte, nämlich: daß die Geschworenen in Beantwortung der Schuldfragen sagen könnten: »ja – schuldig, aber ohne Vorsatz, des Lebens zu berauben«, und zweitens, weil der Oberst sehr breit und sehr langweilig die Geschichte seiner Schwägerin erzählt hatte, drittens, weil Nechliudow so aufgeregt war, daß er die Weglassung der Klausel »aber ohne Vorsatz, des Lebens zu berauben«, nicht bemerkte, sondern dachte, daß die Klausel »ohne vorgefaßte Absicht zu berauben« schon die Anklage vernichte; viertens, weil Peter Gerasimowitsch nicht im Zimmer war; er war hinausgegangen, gerade als der Obmann die Fragen und Antworten las; vornehmlich aber, weil alle ermüdet waren, – weil alle wünschten, möglichst schnell los zu kommen, und daher derjenigen Entscheidung zustimmten, bei welcher alles am raschesten zu Ende kam. Die Geschworenen klingelten. Der Gendarm, der mit bloßem, gezogenem Säbel an der Tür stand, steckte den Säbel in die Scheide und trat auf die Seite, die Richter setzten sich auf ihre Plätze, und die Geschworenen kamen einer nach dem anderen herein. Der Obmann trug mit feierlichem Aussehen den Fragebogen. Er trat an den Vorsitzenden heran und reichte ihm denselben. Der Vorsitzende durchlas ihn, und augenscheinlich erstaunt, breitete er die Arme aus und wandte sich beratschlagend an seine Kollegen. Der Vorsitzende war erstaunt, weil die Geschworenen, nachdem sie die erste Klausel: »ohne Vorsatz, ihn zu berauben«, vorbehalten, die zweite Klausel: »ohne Absicht, ihn zu töten«, nicht vorbehalten hatten. Aus der Entscheidung der Geschworenen ergab sich, daß die Maslowa weder gestohlen noch geraubt habe, – zugleich aber hatte sie einen Menschen ohne jeglichen ersichtlichen Zweck vergiftet. »Sehen Sie mal, was für ein ungereimtes Zeug die gebracht haben«, sagte der Vorsitzende zu dem Mitgliede links. »Das bedeutet ja: Zwangsarbeit; sie ist aber unschuldig.« »Nun, wieso unschuldig?« fragte das ernste Mitglied. »Aber einfach unschuldig. Meiner Meinung nach haben wir hier Artikel 818 in Anwendung zu bringen.« (Der Artikel 818 lautet dahin, daß, wenn das Gericht den Spruch falsch findet, es die Entscheidung der Geschworenen aufheben kann.) »Wie meinen Sie?« wandte sich der Vorsitzende an das gute Mitglied. Dieser Herr antwortete nicht sogleich; er blickte auf die Nummer der vor ihm liegenden Akte, addierte die Ziffern zusammen – sie durch drei zu teilen gelang nicht. Er hatte so bei sich ausgemacht: ist die Ziffer teilbar, so werde ich beistimmen; aber obgleich sie nicht teilbar war, stimmte er aus Güte bei. »Ich glaube auch, daß man es müßte«, sagte er. »Und Sie?« wandte sich der Vorsitzende an das ärgerliche Mitglied. »Auf keinen Fall«, antwortete dieser Herr entschieden. »Die Zeitungen schreiben so schon immer, daß die Geschworenen immer nur freisprechen. Was sollen sie denn sagen, wenn das Gericht die Person jetzt freispricht? Ich bin in keinem Falle einverstanden«. Der Vorsitzende blickte auf die Uhr. »Es ist schade, aber was ist zu tun?« Und er reichte den Fragebogen dem Obmann zum Vorlesen. Alle standen auf, und der Obmann, verlegen von einem Fuß auf den anderen tretend, räusperte sich und las die Fragen und Antworten vor. Alle Gerichtsbeamten: der Sekretär, die Advokaten und sogar der Staatsanwalt drückten ihr Erstaunen aus. Die Angeklagten saßen teilnahmlos, da sie augenscheinlich die Bedeutung der Antworten nicht verstanden. Alle setzten sich wieder, und der Vorsitzende fragte den Staatsanwalt, welchen Strafen er die Angeklagten unterwerfen zu sollen glaube? Der Staatsanwalt, erfreut durch den unerwarteten Erfolg in bezug auf die Maslowa – denn er schrieb diesen Erfolg seiner Beredsamkeit zu –, sah in irgendeinem Buche nach, erhob sich etwas und sagte: »Den Simon Kartinkin möchte ich glauben auf Grund des Artikels 1452, und § 4 von 1453, die Euphemia Botschkowa auf Grund des Artikels 1659 und Katharina Maslowa auf Grund des Artikels 1454 den dort angedrohten Strafen unterwerfen zu müssen.« Alle diese Strafen waren die strengsten, die man nur auferlegen konnte. »Das Gericht entfernt sich, um die Entscheidung zu treffen«, sagte der Vorsitzende, aufstehend. Alle erhoben sich nach ihm, und mit dem erleichterten und angenehmen Gefühl einer vollbrachten guten Tat fingen sie an, hinauszugehen oder sich im Saal hin und her zu bewegen. »Aber, Väterchen, wir haben ja etwas Schändliches zusammengelogen«, sagte Peter Gerasimowitsch, an Nechliudow herantretend, welchem der Obmann etwas erzählte. »Wir haben sie ja zu Zwangsarbeit verdonnert.« »Was sagen Sie?« schrie Nechliudow auf, ohne diesmal die unangenehme Familiarität des Lehrers zu bemerken. »Nicht anders«, sagte der. »Wir haben in der Antwort nicht gesagt: schuldig, aber ohne Absicht, des Lebens zu berauben. Der Sekretär hat mir eben gesagt, daß der Staatsanwalt fünfzehn Jahre Zwangsarbeit über sie verhängen will.« »Aber man hat ja so entschieden«, sagte der Obmann. Peter Gerasimowitsch fing an zu streiten; es sei selbstverständlich, sagte er, daß, wenn sie kein Geld genommen, sie auch die Absicht nicht haben konnte, ihn des Lebens zu berauben. »Aber ich habe ja die Antworten vorgelesen, bevor wir hinausgingen«, rechtfertigte sich der Obmann. Niemand erwiderte etwas. »Ich war um die Zeit aus dem Zimmer gegangen«, sagte Peter Gerasimowitsch. »Aber wie haben Sie das verpassen können?« »Ich habe gar nicht daran gedacht«, sagte Nechliudow. »Nicht gedacht ... Aber jetzt ist es so.« »Aber man kann das noch gutmachen«, sagte Nechliudow. »O nein – jetzt ist es schon aus.« Nechliudow sah die Angeklagten an. Sie, deren Schicksal vor der Entscheidung stand, saßen immer ebenso unbeweglich hinter ihrem Gitter, vor den Soldaten. Die Maslowa lächelte über irgend etwas. Und in Nechliudows Seele regte sich ein schlechtes Gefühl. Vorher, als er vorausgesetzt, daß man sie freisprechen und in der Stadt lassen werde, war er unentschlossen, wie er sich gegen sie verhalten solle; und das Verhalten gegen sie war schwer. Die Zwangsarbeit und Sibirien vernichteten auf einmal die Möglichkeit jeglichen Verhältnisses zu ihr. Der nicht ganz getötete Vogel würde aufhören, in der Jagdtasche zu zappeln und an sich zu erinnern. 24 Peter Gerasimowitschs Vermutungen erwiesen sich als richtig. Als der Vorsitzende aus dem Beratungszimmer zurückkehrte, nahm er das Papier und las vor: »Im Jahre 188. am 28. April laut Ukas Seiner Kaiserlichen Majestät Nr. ... hat das Bezirksgericht, in der Strafkammer, kraft der Entscheidung der Herren Geschworenen auf Grund §3 Artikel 771, §3 Artikel 776 und Artikel 777 des Reglements des Kriminalverfahrens erkannt: den Bauer Simon Kartinkin, 33 Jahre alt, und die Kleinbürgerin Katharina Maslowa, 27 Jahre alt, nach Entziehung aller bürgerlichen Rechte in Zwangsarbeit zu verschicken: den Kartinkin für acht Jahre und die Maslowa für vier Jahre, beide mit den Folgen laut Artikel 25 des Strafgesetzbuches; die Kleinbürgerin Euphemia Botschkowa aber, 43 Jahre alt, nach Entziehung aller besonderen, persönlichen, dem Stande nach ihr zukommenden Rechte und Gerechtsame für die Zeit von drei Jahren ins Gefängnis einzuschließen, mit den Folgen laut Artikel 48 des Strafgesetzbuches; die Gerichtskosten für diesen Prozeß sind den Verurteilten zu gleichen Teilen aufzuerlegen, und im Falle der Zahlungsunfähigkeit auf Rechnung des Fiskus zu setzen; die betreffenden Beweisstücke sind zu verkaufen, der Fingerring ist zurückzuerstatten, die Gläser sind zu vernichten.« Kartinkin stand ebenso gerade aufgereckt, indem er die Hände mit gespreizten Fingern an den Hosennähten hielt und die Wangen bewegte. Die Botschkowa schien vollständig ruhig zu sein. Die Maslowa wurde purpurrot, als sie das Urteil hörte. »Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig!« schrie sie plötzlich durch den ganzen Saal. »Das ist ja eine Sünde. Unschuldig bin ich. Ich wollte es nicht, ich dachte es nicht. Die Wahrheit rede ich! Wahrhaftig.« Und sie ließ sich auf die Bank nieder und brach in lautes Weinen aus. Als Kartinkin und die Botschkowa hinausgegangen waren, blieb sie noch immer auf ihrem Platz sitzen und weinte, so daß der Gendarm sie am Ärmel berühren mußte. »Nein, es ist unmöglich, es so zu lassen«, sagte Nechliudow zu sich selbst; er hatte sein schlechtes Gefühl vollständig vergessen. Er wußte selber nicht warum, er eilte in den Korridor, um sie noch einmal zu sehen. In den Türen drängte sich ein lebhafter Haufen von hinausgehenden Geschworenen und Advokaten, die mit der Beendigung der Verhandlung zufrieden waren; so daß er sich einige Minuten in der Tür aufgehalten fand. Als er in den Korridor hinauskam, war sie schon weit fort. Mit raschen Schritten, und ohne an die Aufmerksamkeit zu denken, die er auf sich zog, holte er sie ein, ja überholte sie und blieb stehen. Sie hörte schon auf zu weinen und schluchzte nur noch in Stößen auf, indem sie ihr stellenweise rot gewordenes Gesicht mit dem Ende des Halstuches abwischte, und ging an ihm vorbei, ohne sich umzusehen. Nachdem er sie hatte vorbeigehen lassen, kehrte er eilig zurück, um den Vorsitzenden zu sehen, aber der Vorsitzende war schon weg; er holte ihn erst im Vorzimmer ein. »Herr Vorsitzender,« sagte Nechliudow, indem er sich ihm in dem Augenblick näherte, als derselbe seinen hellen Überzieher schon angezogen hatte und den Stock mit dem silbernen Knopf nahm, den ihm der Schweizer reichte, »kann ich mit Ihnen über den Prozeß sprechen, der soeben entschieden worden? Ich bin ein Geschworener.« »Ja, versteht sich, Fürst Nechliudow! Sehr angenehm, wir sind uns schon begegnet«, sagte der Vorsitzende, ihm die Hand drückend und sich mit Vergnügen erinnernd, wie schön und lustig, besser als alle jungen Leute, er an jenem Abend tanzte, als er Nechliudow begegnete, »Womit kann ich Ihnen dienen?« »Es ist ein Mißverständnis passiert in der Antwort bezüglich der Maslowa. Sie ist unschuldig an dem Giftmord, trotzdem hat man sie zu Zwangsarbeit verurteilt«, sagte Nechliudow mit ernstem, finsterem Aussehen. »Das Gericht hat das Urteil auf Grund der ja von Ihnen abgegebenen Antworten gefällt,« sagte der Vorsitzende, sich der Ausgangstür nähernd, »obgleich die Antworten auch den Richtern nicht vollständig als der Sache entsprechend erschienen.« Er erinnerte sich, wie er den Geschworenen erklären wollte, daß ihre Antwort: »ja, schuldig«, – ohne die Verneinung der Absicht des Mordes den Mord mit Vorbedacht bestätige, aber da er sich beeilt hatte zu schließen, hatte er das nicht getan. »Ja, aber kann man denn nicht den Fehler korrigieren?« »Ein Grund zur Kassation wird sich immer finden. Man muß sich an die Advokaten wenden«, sagte der Vorsitzende, seinen Hut etwas schief aufsetzend, indem er fortfuhr, sich zum Ausgang zu bewegen. »Aber es ist ja schrecklich!« »Nun, sehen Sie, für die Maslowa stand eins von beiden bevor«, sagte der Vorsitzende, der augenscheinlich möglichst angenehm und höflich mit Nechliudow sein wollte; nachdem er seinen Backenbart über den Überzieherkragen ausgebreitet, nahm er Nechliudow leicht unter den Arm, und ihn zur Ausgangstür lenkend, fuhr er fort: »Sie gehen doch auch?« »Jawohl«, sagte Nechliudow, sich eilig anziehend, und ging mit ihm. Sie gingen in die helle lustige Sonne hinaus, und sogleich mußte man lauter sprechen wegen des Rasselns der Räder auf dem Pflaster. »Die Lage ist, Sie sehen es wohl, seltsam«, fuhr der Vorsitzende fort, die Stimme erhebend, »ihr, dieser Maslowa, stand eins von beiden bevor: entweder beinah eine Freisprechung – eine Gefängnisstrafe, für welche auch die Untersuchungshaft angerechnet werden konnte, eigentlich nur Haft oder – Zwangsarbeit, ein Mittelding gibt's nicht. Wenn Sie die Worte hinzugefügt hätten: ›aber ohne die Absicht, den Tod herbeizuführen‹, so wäre sie freigesprochen worden.« »Ich habe das unverzeihlicherweise übersehen«, sagte Nechliudow. »Das ist eben die Sache«, sagte lächelnd der Vorsitzende, indem er auf die Uhr sah. Es blieben nur drei Viertelstunden bis zur letzten Frist übrig, die ihm Klara gesetzt hatte. »Jetzt, wenn Sie wollen, wenden Sie sich an einen Advokaten. Man muß einen Grund zur Kassation suchen. Den kann man immer finden. Dworianskaja,« antwortete er dem Droschkenkutscher auf dessen Frage, »dreißig Kopeken, mehr zahle ich nie.« »Bitte, Exzellenz.« »Mein Kompliment. Wenn ich mit etwas dienen kann, – Dwornikows Haus, auf der Dworianskaja – es ist leicht zu behalten.« Und freundlich sich verbeugend, fuhr er davon. 25 Das Gespräch mit dem Vorsitzenden und die frische Luft beruhigten Nechliudow etwas. Er dachte jetzt, er habe seine Empfindungen infolge des ganzen unter so ungewohnten Bedingungen zugebrachten Morgens stark übertrieben. »Versteht sich, es ist ein merkwürdiges, erstaunliches Zusammentreffen! Und es ist notwendig, alles mögliche zu tun, um ihr Schicksal zu mildern, und es möglichst schnell zu tun. Sogleich. Ja, ich muß hier im Gericht erfahren, wo Fanarin oder Mikischin wohnt.« Er erinnerte sich der zwei berühmten Advokaten. Nechliudow kehrte in das Gerichtsgebäude zurück, zog den Überzieher aus und ging nach oben. Aber schon im ersten Korridor stieß er auf Fanarin. Er hielt ihn auf und sagte, daß er ein Anliegen an ihn habe. Fanarin kannte ihn von Ansehen und dem Namen nach und sagte, daß er sehr froh sei, alles zu tun, was ihm, Nechliudow, angenehm wäre. »Ich bin müde ... aber wenn es nicht lange dauert, so sagen Sie, was Sie haben; bitte treten Sie ein!« Und Fanarin führte Nechliudow in ein Zimmer, wahrscheinlich das Kabinett eines Richters. Sie setzten sich an den Tisch. »Nun, was haben Sie?« »Vor allem bitte ich Sie«, sagte Nechliudow, »niemand wissen zu lassen, daß ich an dieser Sache beteiligt bin.« »Nun, das ist selbstverständlich ... Also ...« »Heute war ich Geschworener, und wir haben eine Frau zur Zwangsarbeit verurteilt – eine Unschuldige. Das quält mich.« Nechliudow wurde, für sich selbst unerwartet, rot und stockte. Fanarin schlug die Augen zu ihm auf und senkte sie wieder, während er zuhörte. »Und?« sagte er nur. »Wir haben eine Unschuldige verurteilt, und ich möchte das Urteil kassieren und den Prozeß einer höheren Instanz übertragen.« »Dem Senat«, berichtigte Fanarin. »Und nun bitte ich Sie, das auf sich zu nehmen.« Nechliudow wollte das Schwerste möglichst schnell beenden, und darum sagte er auch sogleich: »Die Entschädigung, die Kosten dieses Prozesses nehme ich auf mich, wie hoch sie auch sein können«, sagte er errötend. »Nun, das werden wir mit Ihnen verabreden«, sagte der Advokat, nachsichtig über seine Unerfahrenheit lächelnd. »Wie liegt denn die Sache?« Nechliudow erzählte. »Schön, morgen lasse ich mir die Akten geben und sehe sie durch; übermorgen, nein, am Donnerstag, kommen Sie um sechs Uhr abends zu mir, und ich werde Ihnen die Antwort geben. Nicht wahr? Nun, jetzt wollen wir gehen. Ich habe hier noch Erkundigungen einzuziehen.« Nechliudow verabschiedete sich und ging hinaus. Die Unterhaltung mit dem Advokaten und der Umstand, daß er schon Maßregeln zur Verteidigung der Maslowa getroffen, beruhigten ihn noch mehr. Er trat ins Freie, das Wetter war schön, er atmete freudig die Frühlingsluft ein. Die Droschkenkutscher boten ihre Dienste an, aber er ging zu Fuß, und sogleich begann ein ganzer Schwarm von Gedanken und von Erinnerungen an Katjuscha und an sein Verhalten ihr gegenüber in seinem Kopfe zu wirbeln. Und ihm wurde traurig zumute, alles erschien ihm finster. »Nein, das will ich nachher überlegen,« sagte er zu sich, »jetzt aber muß ich mich nach den schweren Eindrücken gerade zerstreuen.« Er erinnerte sich an das Mittagessen bei Kortschagins und blickte auf die Uhr. Es war noch nicht zu spät, und er konnte noch zum Mittagessen zurecht kommen. Eine Pferdebahn fuhr klingelnd vorbei. Er setzte sich in Trab und sprang auf. Auf einem Platze sprang er ab, nahm eine gute Droschke, und in zehn Minuten war er an der Auffahrt des großen Hauses der Kortschagins. 26 »Bitte schön, Durchlaucht werden erwartet«, sagte der freundliche, beleibte Schweizer des großen Hauses der Kortschagins, indem er die sich auf den englischen Türbändern geräuschlos bewegende Eichentür der Auffahrt öffnete. »Man speist. Nur Sie hat man befohlen, hereinzubitten.« Der Schweizer näherte sich der Treppe und klingelte nach oben. »Ist sonst jemand da« fragte Nechliudow, indem er ablegte. »Herr Kolosow und Michail Sergejewitsch, sonst nur unsere Herrschaften«, antwortete der Schweizer. Von der Treppe herab guckte ein gutaussehender Lakai im Frack und weißen Handschuhen. »Bitte schön, Durchlaucht«, sagte er. »Es ist befohlen, Sie hereinzubitten.« Nechliudow ging die Treppe hinauf und durch den ihm bekannten prachtvollen, geräumigen Saal in das Speisezimmer. Im Speisezimmer saß bei Tische die ganze Familie, mit Ausnahme der Mutter, Fürstin Sophia Wasiljewna, die nie ihr Boudoir verließ. Oben am Tische saß der alte Kortschagin, neben ihm, zur linken Seite – der Doktor, zur anderen Seite – der Gast, Iwan Iwanowitsch Kolosow, der gewesene Gouvernements-Adelsmarschall, jetzt Mitglied der Bankverwaltung, ein liberaler Kollege Kortschagins; weiter zur linken Seite saß Miss Reader, die Gouvernante von Missis kleiner Schwester und das vierjährige Mädchen selbst; zur Rechten gegenüber – Missis Bruder, der einzige Sohn der Kortschagins, Gymnasiast, Schüler der sechsten Klasse – Petja, wegen dessen die ganze Familie in der Stadt blieb, um seine Examina abzuwarten, und ein Student, sein Hauslehrer; dann links – Katharina Alexejewna, ein vierzigjähriges Fräulein, eine Slawophilin; gegenüber – Michail Sergejewitsch, oder Mischa Telegin, Missis Vetter, – unten am Tische saß Missi selber, und neben ihr war ein unangerührtes Gedeck. »Nun, das ist schön. Setzen Sie sich, wir sind erst beim Fisch«, sagte, mühsam und vorsichtig mit seinen falschen Zähnen kauend, der alte Kortschagin, während er die blutunterlaufenen Augen, deren Lider nicht zu sehen waren, zu Nechliudow erhob. »Stepan«, wandte er sich mit vollem Munde an den dicken, großartigen Bufettdiener, indem er mit den Augen auf das leere Gedeck wies. Obwohl Nechliudow den alten Kortschagin gut kannte und oftmals auch beim Mittagessen gesehen, wirkte gerade heute dieses rote Gesicht mit den sinnlichen, schmatzenden Lippen über der hinter die Weste gesteckten Serviette, und der fette Hals, überhaupt diese ganze gemästete, martialische Generalsfigur besonders unangenehm auf ihn. Nechliudow erinnerte sich unwillkürlich dessen, was er von der Grausamkeit dieses Menschen wußte, der, als Gouverneur, Gott weiß wozu, denn er war reich und vornehm und hatte Streberei nicht nötig – Leute hatte durchpeitschen und sogar aufhängen lassen. »Es wird sofort aufgetragen, Durchlaucht«, sagte Stepan, während er aus dem mit silbernen Vasen vollbesetzten Büfett einen großen Vorlegelöffel holte und mit dem Kopf dem schönen Lakai mit dem Backenbart winkte, der sogleich anfing, das unberührte Gedeck neben Missi, auf dem eine geschickt zusammengelegte, gestärkte Serviette mit dem prangenden Namenszug lag, zu ordnen. Nechliudow ging um den ganzen Tisch und drückte allen die Hand. Alle, außer dem alten Kortschagin und den Damen, standen auf, als er zu ihnen trat. Und dies Wandern um den Tisch und der Händedruck mit allen Anwesenden, obgleich er mit den meisten von ihnen nie sprach, erschien ihm besonders unangenehm und lächerlich. Er entschuldigte sich, daß er sich verspätet, und wollte sich auf dem leeren Platz am Ende des Tisches zwischen Missi und Katharina Alexejewna niederlassen, aber der alte Kortschagin verlangte, daß er, wenn er schon keinen Branntwein trinke, doch an dem Tische, auf welchem Hummer, Kaviar, verschiedene Käsearten, Heringe standen, einen Imbiß nehme. Nechliudow hatte nicht gedacht, daß er so hungrig sei, aber nachdem er mit einem Käsebrot angefangen hatte, konnte er nicht aufhören und aß gierig. »Nun, was ist denn, haben Sie die Grundlagen des Staates untergraben?« sagte Kolosow, ironisch den Ausdruck einer reaktionären Zeitung gebrauchend, die sich gegen das Gericht der Geschworenen richtete. »Haben Sie die Schuldigen gerechtfertigt und die Unschuldigen verurteilt, ja?« »Die Grundlagen untergraben ... Die Grundlagen untergraben ...« wiederholte lachend der Fürst, der ein unbegrenztes Vertrauen zu dem Verstand und zu der Gelehrsamkeit seines liberalen Kameraden und Freundes hegte. Nechliudow, riskierend, unhöflich zu sein, antwortete Kolosow nicht, und sich zu der aufgetragenen dampfenden Suppe setzend, fuhr er fort zu kauen. »Lassen Sie ihn doch essen«, sagte lächelnd Missi, indem sie durch das Wörtchen »ihn« an ihr nahes Verhältnis zu ihm erinnerte. Kolosow erzählte inzwischen lebhaft und laut den Inhalt des Artikels gegen das Geschworenengericht, der ihn empört hatte. Michail Sergejewitsch, der Neffe, stimmte ihm bei und erzählte den Inhalts eines anderen Artikels derselben Zeitung. Missi war, wie immer, sehr »distinguée« und schön, unauffällig schön gekleidet. »Sie sind gewiß furchtbar müde und hungrig«, sagte sie zu Nechliudow, nachdem sie abgewartet, bis er aufgegessen hatte. »Nein, nicht besonders. Und Sie? Haben Sie die Bilder besichtigt?« fragte er. »Nein, wir haben es aufgeschoben. Wir sind aber zum Lawn-Tennis bei Salamatows gewesen. Wirklich, Mister Crooks spielt erstaunlich.« Nechliudow war hierhergekommen, um sich zu zerstreuen, und er fühlte sich doch sonst immer sehr wohl in diesem Hause; nicht nur wegen des gewählten, guten Tones, welcher auf seine Sinne angenehm wirkte, sondern auch infolge dieser Atmosphäre schmeichelnder Freundlichkeit, die ihn unmerklich umgab. Heute aber, wunderbarerweise, war ihm alles in diesem Hause zuwider, alles, von dem Schweizer, der breiten Treppe, den Blumen, den Lakaien, der Anordnung der Tafel, bis zu Missi selbst, die ihm heute nicht anziehend und unnatürlich erschien. Unangenehm war ihm auch Kolosows selbstüberzeugter, abgeschmackter, liberaler Ton, unangenehm war die selbstbewußte, sinnliche Stiergestalt des alten Kortschagin, unangenehm waren die französischen Phrasen der Slawophilin Katharina Alezejewna, unangenehm die befangenen Gesichter der Gouvernante und des Hauslehrers; besonders unangenehm war das auf ihn bezügliche Wörtchen »ihn«. Nechliudow schwankte immer zwischen zweierlei Verhalten gegen Missi: einmal sah er in ihr, gleichsam die Augen klein machend, oder wie beim Mondschein, alles Schöne: sie schien ihm frisch und schön, klug und natürlich ... dann wieder sah er, als wäre plötzlich heller Sonnenschein, – ja er konnte nicht umhin, es zu sehen – alles das, was ihr fehlte. Heute war für ihn ein solcher Tag. Heute sah er alle Runzelchen auf ihrem Gesichte, er sah, daß ihre Haare toupiert, wie spitz ihre Ellbogen waren, hauptsächlich sah er den breiten Nagel des Daumens, der ihn an einen ebensolchen Nagel des Vaters erinnerte. »Ein höchst langweiliges Spiel,« sagte Kolosow vom Tennis, »bei weitem lustiger war die ›Lapta‹, die wir in der Kindheit spielten.« »Nein, Sie haben das nicht probiert. Es ist furchtbar interessant«, erwiderte Missi, besonders unnatürlich das Wort »furchtbar« aussprechend, wie es Nechliudow schien. Und es begann ein Streit, an welchem sowohl Michail Sergejewitsch als Katharina Alexejewna teilnahmen. Nur die Gouvernante, der Hauslehrer und die Kinder schwiegen und langweilten sich sichtbar. »Ewig streiten sie!« sagte laut lachend der alte Kortschagin; er zog die Serviette aus der Weste hervor und scharrte mit dem Stuhl, den sogleich der Lakai abrückte, und stand vom Tische auf. Nach ihm standen auch alle übrigen auf und traten an das Tischchen heran, wo die Spültassen standen und warmes, duftendes Wasser eingegossen war; und den Mund ausspülend, setzten sie das für niemand interessante Gespräch fort. »Nicht wahr?« wandte sich Missi an Nechliudow, ihn zur Bestätigung ihrer Meinung auffordernd, daß nirgends der Charakter des Menschen so ersichtlich sei wie im Spiel. Sie sah auf seinem Gesicht jenen in sich gekehrten und, wie ihr schien, verurteilenden Ausdruck, welchen sie an ihm fürchtete, und sie wollte erfahren, wodurch er hervorgerufen sei. »Bei Gott, ich weiß nicht, ich habe nie darüber nachgedacht«, antwortete Nechliudow. »Wollen Sie zu Mama gehen?« fragte Missi. »Jawohl«, sagte er, eine Zigarette herausnehmend, mit einem Ton, der klar besagte, daß er wenig Lust hatte zu gehen. Sie blickte ihn schweigend und fragend an, und er schämte sich. »In der Tat komme ich zu den Leuten nur, um sie zu langweilen?« dachte er von sich selbst, und sich bemühend, liebenswürdig zu sein, sagte er, daß er mit Vergnügen gehen werde, wenn die Fürstin ihn empfangen wolle. »Nun ja, Mama wird sich sehr freuen. Rauchen können Sie auch dort. Iwan Iwanowitsch ist bei ihr.« Die Hausherrin, Fürstin Sophia Wasiljewna, war leidend und lag immer. Seit acht Jahren lag sie in Gegenwart der Gäste in Spitzen und Bändern, mitten unter Samt, Vergoldung, Elfenbein, Bronze, Firnis, Blumen, fuhr nie aus und empfing, wie sie sagte, nur »ihre Freunde«, das heißt alles das, was, ihrer Meinung nach, sich irgendwie vor dem Haufen auszeichnete. Nechliudow war in die Zahl dieser Freunde aufgenommen worden, weil er für einen klugen jungen Mann galt, weil seine Mutter die nächste Freundin der Familie war, und weil es gut gewesen wäre, wenn Missi ihn geheiratet hätte. Das Zimmer der Fürstin Sophia Wasiljewna war hinter dem großen und dem kleinen Empfangszimmer. Im großen Empfangszimmer blieb Missi, die Nechliudow voranging, entschieden stehen, und die Rückenlehne eines kleinen vergoldeten Stuhls anfassend, sah sie ihn an. Missi hatte große Lust, ihn zu heiraten, Nechliudow war eine gute Partie. Außerdem gefiel er ihr und sie hatte sich an den Gedanken gewöhnt, daß er der Ihrige sein werde, nicht sie die Seinige, sondern er der Ihrige. Sie verfolgte ihr Ziel mit unbewußter, aber hartnäckiger Schlauheit, mit einer Schlauheit, wie sie bei Geisteskranken vorkommt; sie fing an, jetzt mit ihm zu sprechen, um ihn zu Erklärungen zu veranlassen. »Ich sehe, daß Ihnen etwas zugestoßen ist«, sagte sie. »Was haben Sie?« Er entsann sich seiner Begegnung im Gericht und ward finster und rot. »Ja, mir ist etwas zugestoßen,« sagte er, da er aufrichtig sein wollte, »eine seltsame, ungewöhnliche, wichtige Begebenheit.« »Was denn? Sie können nicht sagen, was?« »Jetzt kann ich es nicht. Erlauben Sie mir, nicht darüber zu sprechen. Es ist etwas geschehen, das ich noch nicht Zeit hatte, vollständig zu überlegen«, sagte er und errötete noch mehr. »Und Sie sagen es mir nicht?« Ein Muskel ihres Gesichts erzitterte, und sie schob den kleinen Stuhl von sich, den sie angefaßt hatte. »Nein, ich kann nicht«, antwortete er, und er fühlte, daß, indem er ihr so antwortete, er sich selbst antwortete und anerkannte, daß ihm wirklich etwas sehr Wichtiges geschehen sei. »Nun, dann wollen wir gehen.« Sie schüttelte den Kopf, als wolle sie unnötige Gedanken verjagen, und ging vorwärts mit rascheren Schritten als gewöhnlich. Ihm schien es, daß sie den Mund unnatürlich zusammendrücke, um sich der Tränen zu enthalten. Er schämte sich, und es tat ihm weh, daß er sie betrübte, aber er wußte, daß die kleinste Schwäche ihn zugrunde richten, das heißt binden werde. Heute aber fürchtete er das mehr als alles andere und ging schweigend mit ihr zum Boudoir der Fürstin. 27 Fürstin Sophia Wasiljewna hatte ihr sehr feines und sehr nahrhaftes Mittagessen beendet, welches sie immer allein einzunehmen pflegte, damit niemand sie bei dieser unpoetischen Tätigkeit sehe. Neben ihrem Diwan stand ein Tischchen mit Kaffee, und sie rauchte eine Pachitos. Fürstin Sophia Wasiljewna war eine magere, lange, immer noch sich jung machende Brünette mit langen Zähnen und großen, schwarzen Augen. Man sprach Schlimmes über ihr Verhältnis zum Doktor. Nechliudow hatte dies früher vergessen; heute aber erinnerte er sich nicht nur dessen, sondern als er den Doktor mit seinem pomadisierten, glänzenden, geteilten Bart neben ihrem Lehnstuhl sah, hatte er ein widerwärtiges Gefühl. Neben Sophia Wasiljewna saß auf einem niedrigen, weichen Lehnstuhl Kolosow an dem Tischchen und hie und da rührte er seinen Kaffee um. Auf dem Tischchen stand ein Gläschen Likör. Missi trat mit Nechliudow bei der Mutter ein, aber sie blieb nicht im Zimmer. »Wenn Mama müde wird und Sie wegschickt, so kommen Sie zu mir«, sagte sie, sich an Kolosow und Nechliudow wendend, mit einem Ton, als ob nichts zwischen ihnen passiert wäre, und nachdem sie lustig gelächelt, schritt sie lautlos auf dem dicken Teppich aus dem Zimmer hinaus. »Nun, ich grüße Sie, mein Freund, setzen Sie sich und erzählen Sie«, sagte Fürstin Sophia Wasiljewna mit ihrem geschickten, verstellten, aber dem natürlichen vollständig ähnlichen Lächeln, welches ihre schönen, langen, außerordentlich geschickt gemachten, auf ein Haar den echten ähnlichen Zähne sehen ließ. »Man sagt mir, Sie seien aus dem Gericht sehr finster gestimmt zurückgekommen. Ich glaube, daß es sehr schwer ist für Leute von Herz«, sagte sie französisch. »Ja, das ist wahr,« sagte Nechliudow, »man fühlt oft seine Un... man fühlt, daß man kein Recht hat, zu richten ...« »Comme c'est vrai«, rief sie, gleichsam von der Richtigkeit seiner Bemerkung getroffen, indem sie, wie sie das immer tat, dem Besucher geschickt schmeichelte. »Nun, aber wie steht es mit Ihrem Bild? Es interessiert mich sehr,« fügte sie hinzu, »wäre ich nicht so leidend, ich wäre schon lange bei Ihnen gewesen.« »Ich habe es ganz aufgegeben«, antwortete Nechliudow trocken, da ihm heute die Unwahrhaftigkeit ihrer Schmeichelei ebenso augenscheinlich war, wie das von ihr verleugnete Alter. Er konnte sich durchaus nicht in eine Stimmung versetzen, um liebenswürdig zu sein. »Schade! Wissen Sie, Repin selbst hat mir gesagt, er sei entschieden ein Talent«, sagte sie, sich an Kolosow wendend. »Das sie sich nicht schämt, so zu lügen«, dachte Nechliudow stirnrunzelnd. Nachdem Sophia Wasiljewna sich überzeugt hatte, daß Nechliudow bei schlechter Laune und es unmöglich sei, ihn in ein angenehmes und kluges Gespräch zu ziehen, wandte sie sich an Kolosow mit der Frage nach seiner Meinung über ein neues Drama, in einem Ton, als ob Kolosows Meinung alle Zweifel entscheiden und jedes Wort dieser Meinung verewigt werden müßte. Kolosow verurteilte das Drama und sprach bei dieser Gelegenheit sein Urteil über die Kunst aus. Fürstin Sophia Wasiljewna staunte über die Richtigkeit seiner Urteile; sie versuchte, den Autor des Dramas zu verteidigen, aber sogleich ergab sie sich, oder fand etwas Vermittelndes. Nechliudow sah und hörte, aber er sah und hörte nicht, was vor ihm war. Indem er bald Sophia Wasiljewna, bald Kolosow hörte, sah er erstens, daß sowohl Sophia Wasiljewna, als auch Kolosow sich weder für das Drama, noch für einander interessierten; wenn sie sprachen, so geschah es nur der Befriedigung des physiologischen Bedürfnisses wegen, nach dem Essen die Muskeln der Zunge und der Kehle zu bewegen; zweitens sah er, daß Kolosow, der Branntwein, Wein und Likör getrunken, ein wenig angetrunken war, nicht so wie die Bauern, die selten trinken, betrunken zu sein pflegen, sondern so wie Leute, die den Wein sich zur Gewohnheit gemacht haben. Er schwankte nicht, sprach keine Dummheiten, aber er war in einem anormal aufgeregten, selbstzufriedenen Zustande. Drittens sah Nechliudow, daß Fürstin Sophia Wasiljewna mitten im Gespräch unruhig auf das Fenster blickte, durch welches ein schräger Sonnenstrahl allmählich auf sie fiel, der ihre Jahre zu grell beleuchten konnte. »Wie richtig ist das«, sagte sie von einer Bemerkung Kolosows, und dabei drückte sie an der Wand neben dem Diwan den Knopf der Klingel. Dann stand der Doktor auf, und wie ein Hausgenosse ging er, ohne etwas zu sagen, aus dem Zimmer. Sophia Wasiljewna begleitete ihn mit den Augen, indem sie das Gespräch fortführte. »Bitte, Philipp, lassen Sie die Gardine herunter«, sagte sie, mit den Augen auf die Gardine des Fensters zeigend, als auf ihr Klingeln der schöne Lakai hereinkam. »Nein, sagen Sie was Sie wollen, er hat etwas Mystisches, und ohne Mystisches gibt es keine Poesie«, sprach sie, indem sie mit einem ihrer schwarzen Augen böse die Bewegungen des Lakais verfolgte, der die Gardine herunterließ. »Mystizismus ohne Poesie ist Aberglaube, und Poesie ohne Mystizismus ist Prosa«, sagte sie traurig lächelnd und ohne den Blick von dem Lakai abzuwenden, der die Gardine ausbreitete. »Philipp, nicht diese Gardine, die am großen Fenster«, sprach Sophia Wasiljewna leidend, da sie augenscheinlich sich selbst wegen der Mühe bemitleidete, die es sie kostete, diese Worte auszusprechen, und sogleich führte sie zur Beruhigung mit der mit Ringen bedeckten Hand eine aromatische, dampfende Pachitos zum Munde. Der muskulöse schöne Philipp mit dem breiten Brustkasten verneigte sich ein wenig, als ob er sich entschuldigte, und indem er leicht mit den starken Beinen, an denen die Waden hervortraten, über den Teppich ging, bewegte er sich gehorsam und schweigend zu dem anderen Fenster und begann, aufmerksam die Fürstin beobachtend, die Gardine so auszubreiten, daß kein einziger Strahl es wagte, auf sie zu fallen, aber auch jetzt hatte er es nicht recht getroffen, und wieder mußte die geplagte Sophia Wasiljewna ihre Rede über den Mystizismus abbrechen und den unverständigen und sie unbarmherzig beunruhigenden Philipp zurechtweisen. Für einen Augenblick loderte in den Augen Philipps ein Feuerchen auf. »Der Teufel wird daraus klug, was du willst, sagt er wahrscheinlich innerlich«, dachte Nechliudow, der dieses ganze Spiel beobachtete. Aber der schöne und starke Philipp verbarg sogleich seine Bewegung der Ungeduld und fing ruhig an das zu tun, was ihm die ausgemergelte, kraftlose, ganz verkünstelte Fürstin Sophia Wasiljewna befahl. »Versteht sich, es ist ein großes Stück Wahrheit in der Lehre Darwins,« sprach Kolosow, auf dem niedrigen Lehnstuhl ausgestreckt, indem er mit schläfrigen Augen die Fürstin ansah, »aber er überschreitet die Grenzen. Ja.« »Und Sie, glauben Sie an Vererbung?« fragte Fürstin Sophia Wasiljewna Nechliudow, weil sein Schweigen sie störte. »An Vererbung?« wiederholte Nechliudow. »Nein, ich glaube nicht daran«, sagte er, in diesem Augenblick ganz mit sonderbaren Gestalten beschäftigt, die unvermittelt in seiner Phantasie entstanden. Neben dem kräftigen, schönen Philipp, den er sich als Modell vorstellte, stellte er sich Kolosow vor, nackt, mit seinem Bauch wie eine Wassermelone, mit kahlem Kopf und muskellosen, schlaffen Armen. Ebenso stellte er sich unklar auch die jetzt mit Seide und Samt bedeckten Glieder Sophia Wasiljewnas vor, so wie sie in Wirklichkeit sein mußten, aber diese Vorstellung war zu schrecklich, und er gab sich Mühe, sie zu verjagen. Sophia Wasiljewna maß ihn mit den Augen. »Nun; aber Missi erwartet Sie doch«, sagte sie. »Gehen Sie zu ihr, sie wollte Ihnen ein neues Stück von Schumann vorspielen, sehr interessant.« »Nichts wollte sie spielen. Alles das lügt sie bloß so«, dachte Nechliudow, aufstehend und Sophia Wasiljewnas durchsichtige, knöcherne, mit Ringen bedeckte Hand drückend. Im Empfangszimmer begegnete ihm Katharina Alexejewna und fing sogleich an zu sprechen: »Aber ich sehe wohl, daß die Pflichten eines Geschworenen niederdrückend auf Sie wirken«, sagte sie, wie immer, französisch. »Ja, verzeihen Sie mir, ich bin heute schlechter Laune und habe kein Recht, die anderen zu langweilen«, sagte Nechliudow. »Warum sind Sie denn schlechter Laune?« »Erlauben Sie mir, nicht zu sagen, warum ich es bin«, sagte er, seinen Hut suchend. »Aber erinnern Sie sich, wie Sie sagten, daß man immer die Wahrheit sprechen müsse, und wie Sie uns allen so grausame Wahrheiten sagten? Warum wollen Sie sie denn jetzt nicht sagen? Erinnerst du dich, Missi?« wandte Katharina Alexejewna sich an die zu ihnen getretene Missi. »Darum, weil das nur ein Spiel war«, antwortete Nechliudow ernst. »Im Spiel kann man das. Aber in der Wirklichkeit sind wir so schlecht, das heißt, bin ich so schlecht, daß wenigstens ich die Wahrheit unmöglich sagen kann.« »Korrigieren Sie sich nicht, sagen Sie lieber, wieso wir so schlecht sind«, sagte Katharina Alexejewna, mit den Worten spielend, und als ob sie Nechliudows Ernst nicht fühlte. »Nichts ist schlimmer, als sich zu schlechter Laune zu bekennen«, sagte Missi. »Ich bekenne mich vor mir selber nie dazu, und darum bin ich immer guter Laune. Nun, kommen Sie mit in mein Zimmer? Wir wollen uns Mühe geben, Ihren mauvais humeur zu vertreiben.« Nechliudow hatte ein Gefühl, das dem ähnlich war, das ein Pferd empfinden muß, wenn man es streichelt, um ihm den Zaum anzulegen und es zum Einspannen zu führen. Ihm aber war es heute mehr als je unangenehm, zu ziehen. Er entschuldigte sich, daß er nach Hause müsse und fing an, sich zu verabschieden. Missi hielt seine Hand länger als gewöhnlich. »Vergessen Sie nicht, daß das, was für Sie wichtig ist, auch für Ihre Freunde wichtig ist«, sagte sie. »Kommen Sie morgen?« »Kaum«, sagte Nechliudow, und Scham empfindend, er wußte nicht für sich oder für sie, errötete er und ging eilig hinaus. »Was ist das? Comme cela m'intrigue«, sprach Katharina Alexejewna, als Nechliudow fort war. »Ich will das durchaus erfahren. Irgendeine affaire d'amour propre, il est très susceptible, notre cher Mitja.« »Plutôt une affaire d'amour sale«, wollte Missi sagen, indem sie mit einem erloschenen Gesicht vor sich hinsah, ganz anders, als sie ihn angesehen. Aber sie sagte sogar Katharina Alexejewna diesen calembour de mauvais ton nicht; sie bemerkte nur: »Wir haben alle unsere schlechten und unsere guten Tage.« »Wird der mich auch enttäuschen?« dachte sie. »Nach alledem, was gewesen, wäre es sehr schlecht von ihm.« Wenn Missi hätte erklären sollen, was sie unter den Worten »nach alledem, was gewesen« – verstehe, würde sie nichts Bestimmtes haben sagen können; indessen wußte sie unzweifelhaft, daß er nicht nur Hoffnungen in ihr hervorgerufen, sondern sich ihr fast versprochen hatte. Alles das waren keine bestimmten Worte, sondern Blicke, Lächeln, Andeutungen, Unausgesprochenes. Aber sie hielt ihn dennoch für den Ihrigen, und ihn zu verlieren, würde ihr sehr schwer werden. 28 »Es ist schändlich und abscheulich, abscheulich und schändlich«, dachte inzwischen Nechliudow, als er zu Fuß über die bekannten Straßen nach Hause ging. Das schwere Gefühl, das er nach dem Gespräch mit Missi empfand, verließ ihn nicht. Er wußte, daß er formell, wenn man sich so ausdrücken darf, vor ihr im Recht war; er hatte ihr nichts gesagt, was ihn gebunden hätte, er hatte ihr keinen Antrag gemacht, aber dem Wesen der Sache nach fühlte er doch, daß er sich gebunden, sich ihr versprochen hatte. Gleichwohl empfand er heute mit allen Fasern seiner Seele, daß er sie nicht heiraten könne. »Es ist schändlich und abscheulich, abscheulich und schändlich«, wiederholte er sich, nicht allein von seinen Beziehungen zu Missi, sondern von allem. »Alles ist abscheulich und schändlich«, wiederholte er, indem er die Treppe seines Hauses hinaufstieg. »Ich werde nicht mehr zu Nacht essen«, sagte er Kornej, der hinter ihm das Speisezimmer betrat, wo das Gedeck und Tee hergerichtet waren. »Sie können gehen.« »Zu Befehl«, sagte Kornej, aber er ging nicht, sondern fing an, den Tisch abzuräumen. Nechliudow betrachtete Kornej und empfand gegen ihn ein ungutes Gefühl. Er wünschte, daß alle ihn in Ruhe ließen, es schien aber, daß alle, wie absichtlich, ihm zum Trotz, sich an ihn herandrängten. Als Kornej mit dem Gedeck gegangen war, wollte Nechliudow an den Samowar herantreten, um Tee in die Kanne zu schütten, aber als er Agrafena Petrownas Schritte hörte, ging er eilig, um sie nicht zu sehen, in das Empfangszimmer hinaus und machte hinter sich die Tür zu. Dieses Zimmer, das Empfangszimmer, war dasselbe, in welchem vor drei Monaten seine Mutter gestorben war. Jetzt, als er dieses Zimmer betrat, das von zwei Lampen mit Reflektoren – einer bei dem Porträt seines Vaters, und der anderen bei dem Porträt seiner Mutter, beleuchtet war, erinnerte er sich an seine letzten Beziehungen zur Mutter, und diese erschienen ihm unnatürlich und widerwärtig; auch das war schändlich und abscheulich. Er erinnerte sich, wie er in der letzten Zeit ihrer Krankheit geradezu ihren Tod wünschte. Er redete sich ein, er wünschte ihn deswegen, damit sie von den Leiden erlöst würde, in Wirklichkeit aber wünschte er ihn, damit er selber von dem Anblick ihrer Leiden frei werde. Da er in sich eine gute Erinnerung an sie hervorzurufen wünschte, blickte er auf ihr Porträt, das ein berühmter Maler für fünftausend Rubel gemalt hatte. Sie war im schwarzen Samtkleid mit entblößter Brust dargestellt. Der Künstler hatte augenscheinlich mit besonderem Fleiße die Brust, den Zwischenraum zwischen beiden Brüsten und die blendendschönen Schultern und den Hals abgepinselt. Das war ganz besonders schändlich und abscheulich. Etwas Scheußliches und Lästerliches war in der Darstellung der Mutter in Gestalt einer halb entblößten Schönheit. Etwas um so Scheußlicheres, da in demselben Zimmer vor drei Monaten dieselbe Frau gelegen hatte, ausgedörrt wie eine Mumie, die dennoch nicht nur dieses Zimmer, sondern auch das ganze Haus mit einem quälend schweren Geruch erfüllte, den man nicht vertreiben konnte. Ihm schien es, daß er auch jetzt noch diesen Geruch empfinde. Und er erinnerte sich, wie sie einen Tag vor dem Tode seine starke, weiße Hand in ihre knöcherne, schwarz werdende kleine Hand nahm, ihm in die Augen sah und sagte: »Richte mich nicht, Mitja, wenn ich nicht das tat, was ich sollte«, und in ihre vom Leiden verblichenen Augen traten die Tränen. »Welche Scheußlichkeit«, sagte er zu sich, indem er noch einmal auf die halb entblößte Frau mit den herrlichen, marmornen Schultern und Armen und mit dem sieghaften Lächeln blickte. Die entblößte Brust auf dem Porträt erinnerte ihn an ein anderes junges Frauenzimmer, das er in diesen Tagen auch entblößt gesehen hatte. Das war Missi, die einen Vorwand, ihn abends kommen zu lassen, gefunden hatte, um sich ihm in dem Kleide, in dem sie einen Ball besuchte, zu zeigen. Er erinnerte sich mit Abscheu ihrer schönen Schultern und Arme. Und dann dieser grobe, tierische Vater mit seiner grausamen Vergangenheit, und die Mutter, dieser bel esprit von zweifelhaftem Rufe. Alles das war abscheulich und zugleich schändlich. Schändlich und abscheulich. Abscheulich und schändlich. »Nein, nein,« dachte er, »loslösen muß ich mich, loslösen von all diesen falschen Verhältnissen, zu Kortschagins, zu Maria Wasiljewna, zu der Erbschaft und allem übrigen ... Ja, ein wenig frei aufatmen, ins Ausland gehen, nach Rom, mich an mein Bild machen«! Er erinnerte sich an seine Zweifel in bezug auf sein Talent ... Nun, aber das war ja ganz gleich, nur ein wenig frei aufatmen. Erst nach Konstantinopel, dann nach Rom, nur nicht mehr Geschworener sein, sich schnell losmachen. Und die Sache mit dem Advokaten in Ordnung bringen. Und plötzlich erstand in seiner Phantasie seltsam lebendig die Gefangene mit den schwarzen, schielenden Augen. Wie sie aufweinte beim Schlußworte an die Angeklagten. Er drückte die angerauchte Zigarette, indem er sie eilig auslöschte, in der Aschenschale zusammen, zündete eine andere an und begann im Zimmer hin und her zu gehen. Und eine nach der anderen erstanden in seiner Phantasie die Minuten, welche er mit ihr verlebt hatte. Er erinnerte sich an das letzte Zusammensein mit ihr, an jene animalische Leidenschaft, welche sich seiner damals bemächtigte, an die Enttäuschung, die er erfahren, als die Leidenschaft befriedigt war. Er erinnerte sich an das weiße Kleid mit dem blauen Bande, erinnerte sich an die Frühmesse. »Aber ich liebte sie ja, liebte sie wahrhaft in dieser Nacht, mit guter, reiner Liebe, ich liebte sie schon früher, und wie liebte ich sie, als ich zum ersten Male bei den Tanten wohnte und meine Arbeit schrieb!« Und er erinnerte sich seiner, wie er damals gewesen war. Es überströmte ihn jene Frische, Jugend, jene Fülle des Lebens, und ihm ward qualvoll und traurig zumute. Der Unterschied zwischen ihm, wie er damals war und wie er jetzt war, war so ungeheuer; er war ebenso groß, wenn nicht größer als der Unterschied zwischen Katjuscha in der Kirche und jener Prostituierten, die sich mit dem Kaufmann betrank, und die sie heute morgen richteten. Damals war er ein frischer, freier Mensch, dem unbegrenzte Möglichkeiten offenstanden; jetzt fühlte er sich auf allen Seiten vom Fangnetz des dummen, leeren, ziellosen, nichtigen Lebens gehalten, aus welchem er keinen Ausgang sah; ja eigentlich wollte er gar nicht hinaus. Er erinnerte sich, wie er ehemals auf seine Geradheit stolz war, wie es ehemals sein Grundsatz war, immer die Wahrheit zu sagen und wie er wirklich wahrhaft war, und wie er jetzt ganz in der Lüge steckte. In der allerschrecklichsten Lüge, in einer Lüge, die alle ihn umgebenden Menschen für Wahrheit hielten. Und aus dieser Lüge gab es kein Entrinnen, wenigstens sah er keines. Und er versank in diese Lüge, gewöhnte sich an sie und fühlte sich wohl in ihr. Wie ist das Verhältnis mit Maria Wasiljewna und ihrem Manne so zu lösen, daß er sich nicht schämen muß, ihm und seinen Kindern ins Gesicht zu sehen? Wie sind ferner die Beziehungen zu Missi zu entwirren? Wie sich aus dem Widerspruch herausarbeiten zwischen der Erkenntnis der Ungerechtigkeit des Grundeigentums und dem Besitz der für das Leben notwendigen Erbschaft der Mutter? Wie ist seine Sünde gegen Katjuscha gutzumachen? Es ist ja unmöglich, das so zu lassen! »Es ist unmöglich, die Frau, die ich geliebt habe, zu verlassen und mich damit zufrieden zu geben, daß ich dem Advokaten Geld zahle und sie von der Zwangsarbeit befreie, welche sie ja nicht verdient – die Schuld mit Geld gutmachen, so wie ich damals dachte, daß ich alles getan hätte, was ich mußte, indem ich ihr Geld gab.« Und er erinnerte sich lebhaft an die Minute, da er ihr im Korridor, nachdem er sie eingeholt, das Geld zugesteckt hatte und fortgelaufen war. »Ach, dieses Geld!« und er vergegenwärtigte sich mit Grausen und Abscheu jene Minute mit ebensolchem Abscheu wie damals. »Ach, ach! Welche Abscheulichkeit!« sprach er ebenso wie damals laut vor sich hin. »Nur ein Schuft, ein Taugenichts konnte das tun. Und ich bin jener Taugenichts, ich bin jener Schuft!« fing er laut an. »Aber ist es denn in der Tat so?« – er blieb stehen – »bin ich denn in der Tat, bin ich denn wirklich ein Taugenichts? Und was denn sonst?« antwortete er sich. »Ist es etwa nur das allein?« fuhr er fort, sich zu überführen. »Ist es etwa keine Abscheulichkeit, keine Niedrigkeit, dein Verhältnis zu Maria Wasiljewna und ihrem Mann? Und dein Verhalten gegen das Eigentum? Unter dem Vorwand, daß das Geld von der Mutter ist, den Reichtum genießen, welchen du für ungerecht hältst? Und dein ganzes müßiges, scheußliches Leben! Und als Krone von allem – dein Betragen gegen Katjuscha! Taugenichts, Schuft! Sie, die Leute mögen über mich urteilen wie sie wollen, sie kann ich betrügen, aber mich selbst betrüge ich nicht!« Und plötzlich begriff er, daß jener Abscheu, welchen er in der letzten Zeit gegen die Menschen empfand, und besonders heute, sowohl gegen den Fürsten wie gegen Sophia Wasiljewna, gegen Missi und gegen Kornej, der Abscheu gegen sich selbst war. Und – o wunderbar! – es war in diesem Eingeständnis seiner Gemeinheit etwas Krankhaftes und zugleich Fragendes und Beruhigendes. Nechliudow passierte nicht zum erstenmal im Leben das, was er »die Reinigung der Seele« nannte. »Reinigung der Seele« nannte er jenen seelischen Zustand, da er sich plötzlich, zuweilen nach einem großen Zeitraum, einer Verlangsamung, manchmal aber auch eines Stehenbleibens des inneren Lebens bewußt ward und sich an die Reinigung all dieses Kehrichts machte, welcher sich in seiner Seele angehäuft hatte und die Ursache dieses Stehenbleibens war. Jedesmal stellte sich Nechliudow nach solchem Aufwachen Regeln auf, denen er für immer zu folgen gesonnen war: er schrieb ein Tagebuch, fing ein neues Leben an, welches er nie zu ändern hoffte – turning a new leaf, wie er zu sich sagte. Aber jedesmal fingen ihn die Verführungen der Welt, und er fiel wieder, ohne es selber zu merken, und oft noch tiefer als früher. Auf diese Weise reinigte er sich und erhob sich einige Male; so war es mit ihm zum erstenmal, als er für den Sommer zu den Tanten kam. Das war das lebhafteste und begeistertste Erwachen. Und seine Folgen dauerten ziemlich lange. Dann erlebte er ein gleiches Erwachen, als er den Staatsdienst verlassen hatte und mit dem Wunsche, sein Leben zu opfern, während des Krieges in das Heer eingetreten war. Aber da trat die Stockung sehr schnell ein. Dann kam ein Erwachen, als er den Abschied nahm, ins Ausland reiste und anfing, sich mit Malerei zu beschäftigen. Von der Zeit bis zum heutigen Tage war eine lange Periode ohne Reinigung verflossen, und darum war es bei ihm noch nie zu einer solchen Verunreinigung, zu einem solchen Zwiespalt gekommen zwischen dem, was sein Gewissen verlangte, und dem Leben, das er führte, und ihn grauste, als er diese Kluft sah. Diese Kluft war so weit, die Verunreinigung so stark, daß er im ersten Augenblick an der Möglichkeit der Reinigung verzweifelte. »Du hast ja schon versucht, dich zu vervollkommnen und besser zu sein, und es ward nichts daraus,« sprach die Stimme des Versuchers in seiner Seele, »also wozu denn noch einmal versuchen? ... Nicht du allein, sondern alle sind so, – so ist das Leben«, sprach diese Stimme. Aber jenes freie geistige Wesen, welches allein wahr, allein mächtig, allein ewig ist, erwachte schon in Nechliudow. Und es war unmöglich, ihm nicht zu glauben. Wie ungeheuer groß auch die Kluft zwischen dem, was er war, und dem, was er sein wollte, war, so erschien doch dem erwachten geistigen Wesen alles möglich. »Ich zerreiße diese mich bindende Lüge, es koste, was es wolle, ich gebe der Wahrheit die Ehre und sage allen die Wahrheit, und ich tue die Wahrheit«, sagte er zu sich entschieden, laut. »Ich sage Missi die Wahrheit, daß ich ein liederlicher Mensch bin und sie nicht heiraten kann und sie nur umsonst beunruhigt habe. Ich sage Maria Wasiljewna ... Übrigens, ihr brauche ich nichts zu sagen, ich sage ihrem Mann, daß ich ein Taugenichts bin, daß ich ihn betrogen habe. Mit der Erbschaft werde ich es so einrichten, daß der Wahrheit die Ehre gegeben wird. Ich sage Katjuscha, daß ich ein Taugenichts bin, daß ich schuldig vor ihr bin, und ich werde alles tun, was ich kann, um ihr Schicksal zu mildern. Ja, ich werde sie aufsuchen und sie bitten, mir zu verzeihen. Ja, ich werde um Verzeihung bitten, wie die Kinder bitten.« Er blieb stehen. »Ich heirate sie, wenn es sein muß.« Er blieb wieder stehen, legte die Hände vor der Brust zusammen, wie er getan, als er noch klein gewesen, er hob die Augen empor und sagte, sich an jemand wendend: »Herr, hilf mir, lehre mich, komm und zieh in mich ein, und reinige mich von allem Unreinen!« Er betete, bat Gott, ihm zu helfen, in ihn einzuziehen und ihn zu reinigen; unterdessen aber war das, um was er bat, schon geschehen. Der in ihm wohnende Gott erwachte in seinem Bewußtsein. Er fühlte sich jetzt als dieser und darum empfand er nicht nur die Freiheit, den Mut und die Freude des Lebens, sondern er fühlte auch die ganze Macht des Guten. Alles, alles Beste, was der Mensch nur zu tun fähig ist, fühlte er sich jetzt fähig zu vollbringen. In seinen Augen waren Tränen, als er mit sich sprach, gute Tränen und schlechte, – gute Tränen, weil es die Tränen der Freude über das Erwachen des geistigen Wesens waren, welches alle diese Jahre hindurch in ihm geschlummert hatte, und schlechte, weil es Tränen der Rührung über sich selbst, über seine Tugend waren. Ihm wurde heiß. Er trat an das Fenster, wo das Doppelfenster herausgenommen war und öffnete es. Das Fenster ging in den Garten. Es war eine stille, frische Mondnacht, – einmal rasselten Räder durch die Straße, und dann ward alles still. Gerade vor dem Fenster sah man den Schatten der Äste einer nackten, hohen Pappel, der mit allen seinen Gabelzweigen scharf abgezeichnet auf dem Sand des von Bäumen freien Platzes lag. Links war das Dach der Scheune, das im hellen Mondschein weiß schimmerte; vorn verschlangen sich die Äste der Bäume, hinter denen der schwarze Schatten des Zauns sichtbar war. Nechliudow sah auf den vom Mond beleuchteten Garten und auf das Dach und auf den Schatten der Pappel, und er horchte und atmete die belebende frische Luft. »Wie schön ist es, wie schön, mein Gott, wie ist es schön!« sprach er von dem, was in seiner Seele war. 29 Die Maslowa kehrte erst um sechs Uhr abends in ihre Zelle zurück, nach einem fünfzehn Werst weiten Gange über Steine, des Gehens ungewöhnt, ermüdet und mit schmerzenden Beinen, außerdem über das unerwartet harte Urteil bestürzt und hungrig. Als, noch während einer Pause, die Wächter neben ihr eine Mahlzeit aus Brot mit hartgekochten Eiern einnahmen, wässerte ihr der Mund, und sie fühlte, daß sie hungrig sei; sie zu bitten hielt sie aber für erniedrigend für sich. Als aber danach noch drei Stunden verflossen waren, verlor sie schon die Lust zu essen, und sie empfand nur Schwäche. In solchem Zustande vernahm sie das unerwartete Urteil. In der ersten Minute glaubte sie, sich verhört zu haben, sie konnte den Begriff einer Zwangsarbeiterin nicht fassen; sie konnte nicht auf einmal glauben, was sie hörte. Aber als sie die ruhigen Geschäftsgesichter der Geschworenen, der Richter sah, die diese Nachricht als etwas vollkommen Natürliches und Erwartetes empfingen, empörte sie sich und schrie durch den ganzen Saal hin, daß sie unschuldig sei. Als sie aber sah, daß auch ihr Schreien als etwas Natürliches, Erwartetes aufgenommen wurde, das die Sache nicht ändern könne, entsetzte sie sich und fing an verzweifelt zu weinen, da sie fühlte, daß sie sich dieser grausamen und überraschenden Ungerechtigkeit, die gegen sie verübt wurde, unterwerfen müsse. Besonders setzte sie der Umstand in Erstaunen, daß es Männer waren, die sie so grausam verurteilten, junge, keine alten Männer, dieselben, welche sie immer so freundlich ansahen. Nur der Staatsanwalt allein hatte heute ein ganz anderes Gesicht gemacht. Während sie im Gefangenenzimmer saß und das Gericht erwartete und während der Sitzungspausen sah sie, wie diese Männer, indem sie so taten, als sei es aus einem anderen Anlaß, an der Tür vorbeikamen oder in das Zimmer traten und sie freundlich ansahen. Und plötzlich verurteilten diese selben Männer sie zu Zwangsarbeit, trotzdem sie unschuldig war an dem, dessen man sie beschuldigte. Erst weinte sie, dann wurde sie still, und im Zustande vollkommener Stumpfheit saß sie im Gefangenenzimmer und harrte der Abführung. Sie wollte jetzt nur zweierlei: rauchen und Schnaps trinken. In solchem Zustande traf sie der Wächter, der ihr drei Rubel bares Geld brachte. »Nimm, hier, eine Dame hat es dir geschickt«, sagte er, ihr das Geld reichend. »Was für eine Dame?« »Nimm nur! Soll ich auch noch lange mit euch reden?« Dieses Geld hatte die Kitajewa, die Inhaberin des Bordells, geschickt. Als sie aus dem Gericht wegging, wandte sie sich an den Gerichtskommissar mit der Frage, ob sie der Maslowa Geld geben dürfe. Der Beamte sagte, sie dürfte das. Dann, nachdem sie die Erlaubnis bekommen hatte, zog sie den dänischen Handschuh mit drei Knöpfen von der aufgedunsenen, weißen Hand, nahm aus den hinteren Falten des seidenen Rockes eine moderne Geldtasche, und nachdem sie aus einer ziemlich großen Menge eben von den Wertpapieren abgeschnittener Coupons, die sie in ihrem Hause verdient hatte, einen zu zwei Rubel und fünfzig Kopeken ausgesucht und zwei Zwanzigkopekenstücke und ein Zehnkopekenstück hinzugefügt hatte, übergab sie dieses Geld dem Beamten. Dieser ließ einen Wächter kommen und in Gegenwart der Spenderin übergab er dem Wächter dieses Geld. »Bitte, geben Sie es richtig ab«, sagte Karolina Albertowna zu dem Wächter. Der Wächter fühlte sich durch dieses Mißtrauen beleidigt, und darum war er so unfreundlich zu der Maslowa. Die Maslowa freute sich über das Geld, weil es ihr das gab, was sie einzig jetzt wünschte. »Wenn ich nur Zigaretten und Schnaps kriegte!« sprach sie zu sich, und alle ihre Gedanken drehten sich jetzt um den Wunsch, zu rauchen und zu trinken. Sie sehnte sich nach dem Schnaps so sehr, weil sie in der Phantasie seinen Geschmack und seine Stärke fühlte; und sie atmete gierig die Luft, wenn sie den Geruch des Tabakrauches spürte, der aus den Zimmertüren in den Korridor hinausdrang. Aber sie mußte noch lange warten, weil der Sekretär, welcher sie entlassen sollte, die Angeklagten vergaß und sich mit einem Advokaten in ein Gespräch, ja sogar in einen Streit über den verbotenen Aufsatz einließ. Einige junge und alte Leute kamen auch nach der Gerichtssitzung, um sie zu sehen und flüsterten untereinander, aber sie bemerkte sie jetzt nicht einmal. Endlich entließ man nach vier Uhr erst die Botschkowa und Kartinkin, und nachher führten die Eskortesoldaten, der Tschuwasche und der von Nishnij-Nowgorod, die Maslowa ab. Und nun gab sie im Flur des Gerichtsgebäudes ihnen fünfzig Kopeken, mit der Bitte, zwei Kalatsche, Zigaretten und eine halbe Flasche Branntwein zu kaufen. Der Tschuwasche lachte auf, nahm das Geld und sagte: »Gut, wir kaufen es«, und wirklich besorgte er ehrlich Zigaretten und Kalatsche und brachte den Rest des Geldes zurück; Schnaps zu kaufen aber verweigerte er, so daß sie die Möglichkeit, etwas Schnaps zu trinken, bis zur Rückkehr in das Gefängnis verschieben mußte. Unterwegs stillte die Maslowa ihren Hunger mit dem Kalatsch und kehrte ins Gefängnis erst nach der Kontrolle zurück. Um dieselbe Zeit, als sie zur Tür des Gefängnisses geführt wurde, brachte man von der Eisenbahn etwa hundert neue Gefangene. In dem Durchgang stieß sie mit ihnen zusammen. Die Gefangenen, bärtige, rasierte, alte, junge, Russen, Fremde – manche mit halbrasierten Köpfen, rasselten mit den Beinschellen, erfüllten den Vorraum mit Staub, mit dem Getöse ihrer Schritte, mit Gerede und ätzendem Schweißgeruch. Als die Gefangenen an der Maslowa vorbeigingen, besahen sie sie gierig, und manche näherten sich ihr lächelnd, mit vor Lüsternheit veränderten Gesichtern, mit glänzenden Augen und berührten sie. »Ei Mädel, – schön«, sprach der eine. »Hab' die Ehre, Tantchen«, sprach der andere, mit dem Auge blinzelnd. Ein Schwarzer mit rasiertem blauen Nacken, und mit einem Schnurrbart in dem rasierten Gesicht, sprang, sich in seinen Ketten verfangend und mit ihnen klirrend, auf sie zu und umarmte sie. »Willst du nichts wissen von einem guten Freunde? Ziere dich nicht«, schrie er, die Zähne entblößend und mit den Augen blinzelnd, als sie ihn wegstieß. »Was tust du, Spitzbube«, schrie der Gehilfe des Direktors, der von hinten hinzugetreten war. Der Gefangene zog sich ganz zusammen und sprang eilig zurück. Der Beamte aber fuhr auf die Maslowa los. »Warum bist du hier?« Die Maslowa wollte sagen, daß man sie aus dem Gericht gebracht hätte, aber sie war so müde, daß sie schon zu faul war, zu sprechen. »Aus dem Gericht, Euer Wohlgeboren«, sagte der führende Eskortesoldat, indem er aus der Mitte der Vorbeigehenden trat und die Hand an die Mütze legte. »Nun, dann übergib sie dem Oberwächter. Was ist das für eine Wirtschaft!« »Zu Befehl, Euer Wohlgeboren.« »Sokolow! Übernehmen!« schrie der Beamte. Der Oberwächter kam und stieß die Maslowa böse an die Schultern, und ihr mit dem Kopfe winkend, führte er sie in den Korridor der weiblichen Abteilung. Dort durchsuchte man sie und ließ sie in dieselbe Zelle ein, die sie heute früh verlassen hatte. 30 Die Gefängniszelle, in welcher die Maslowa eingesperrt war, war ein neun Arschin langer und sieben Arschin breiter Raum mit zwei Fenstern, einem vorspringenden, abgeblätterten Ofen und Pritschen von ausgetrockneten Brettern, welche zwei Drittel des Raumes einnahmen. In der Mitte, der Tür gegenüber, hing ein dunkles Heiligenbild mit einem daran festgeklebten Wachslicht und darunter angehängtem bestäubtem Immortellenbukett. Links von der Tür, auf der Diele, war eine schwarz gewordene Stelle zu sehen, wo eine stinkende Kufe ihren Platz hatte. Die Kontrolle war eben vorbei, und die Frauen waren schon für die Nacht eingeschlossen. Der Insassen in dieser Zelle waren im ganzen fünfzehn: zwölf Frauen und drei Kinder. Es war noch ganz hell, und nur zwei Frauen lagen auf der Pritsche: eine bis über den Kopf mit dem Kaftan zugedeckte Blödsinnige, die wegen fehlender Ausweispapiere verhaftet war – sie schlief fast immer – und eine andere, Schwindsüchtige, die ihre Strafe wegen Diebstahls abbüßte. Diese schlief nicht und lag mit weitgeöffneten Augen da, den Kaftan unter den Kopf geschoben. Mit Mühe hielt sie den kitzelnden und brodelnden Schleim in der Kehle zurück, um nicht zu husten. Von den übrigen Frauen, von denen die meisten nur Hemden aus roher Leinwand anhatten, saßen einige auf der Pritsche, drei von ihnen nähten; einige aber standen am Fenster und sahen zu den über den Hof gehenden Gefangenen hinunter. Eine jener drei Nähenden war dieselbe Alte, welche die Maslowa begleitet hatte, die Korabliowa, eine hochgewachsene, kräftige, runzelige Frau von finsterem Aussehen mit zusammengezogenen Augenbrauen und mit einem unter dem Kinn hängenden Hautsack, mit einem kurzen Zöpfchen blonder, an den Schläfen angegrauter Haare und mit einer haarigen Warze auf der Wange. Diese Alte war, weil sie ihren Mann mit der Axt erschlagen hatte, zu Zwangsarbeit verurteilt worden. Totgeschlagen aber hatte sie ihn, weil er ihrer Tochter nachstellte. Die Korabliowa war die Zellenälteste und handelte auch mit Schnaps. Die Brille auf der Nase, nähte sie und hielt in der großen Arbeitshand die Nadel nach Bauernart mit drei Fingern und die Spitze gegen sich gekehrt. Neben ihr saß und nähte gleich ihr Säcke aus Segeltuch eine große, schwärzliche, stumpfnasige Frau mit kleinen schwarzen Augen, gutmütig und geschwätzig. Dies war eine Wächterin aus einem Bahnwärterhäuschen, die zu drei Monaten Gefängnis verurteilt war, weil sie nicht zum Zuge mit der Fahne herausgekommen war; der Zug aber war verunglückt. Die dritte nähende Frau war Fedosia – Fenitschka, wie sie die Genossinnen nannten – eine weiße, rotbäckige, ganz junge reizende Frau mit klaren, kindlichen blauen Augen; zwei lange blonde Zöpfe trug sie um den kleinen Kopf gelegt. Sie befand sich in Haft wegen eines Versuchs, ihren Mann zu vergiften. Diesen Vergiftungsversuch machte sie sogleich nach der Verehelichung – sie war als sechzehnjähriges Mädchen verheiratet worden. Im Verlaufe der acht Monate, in welchen sie, gegen Kaution entlassen, die gerichtliche Entscheidung erwartete, hatte sie sich nicht nur mit dem Mann ausgesöhnt, sondern ihn sogar so liebgewonnen, daß sie, als das Urteil sie traf, mit ihrem Mann ein Herz und eine Seele war. Trotzdem der Mann, der Schwiegervater und besonders die Schwiegermutter, die sie liebgewonnen hatten, sich aus allen Kräften bemühten, zu ihren Gunsten auszusagen, wurde sie zur Verschickung nach Sibirien in Zwangsarbeit verurteilt. Diese gute, lustige, oft lächelnde Fedosia war die Nachbarin der Maslowa auf der Pritsche und gewann sie nicht nur lieb, sondern hielt es auch für ihre Pflicht, für sie zu sorgen und ihr zu dienen. Ohne Arbeit saßen auf der Pritsche noch zwei Frauen. Die eine mit blassem, magerem Gesicht, ehemals augenscheinlich sehr schön, jetzt hager und bleich, hielt ein Kind im Arm und nährte es an der weißen, langen Brust. Ihr Verbrechen bestand in folgendem: Als man aus ihrem Dorfe einen nach den Begriffen der Bauern ungesetzlich eingezogenen Rekruten wegführte, hielt das Volk den Stanowoj zurück und entriß ihm den Rekruten. Diese Frau aber, die Tante des ungesetzlich eingezogenen Burschen, faßte als erste das Pferd, auf dem man den Rekruten entführen wollte, am Zügel. Ferner saß ohne Arbeit auf der Pritsche ein nicht großes, ganz runzeliges, gutmütiges altes Frauchen mit grauen Haaren und buckligem Rücken. Die Alte saß beim Ofen auf der Pritsche und tat, als ob sie ein vierjähriges, kurzgeschorenes, dickbäuchiges Bübchen, das sich vor Lachen ausschüttete, fangen wolle. Der kleine Bub im bloßen Hemdchen lief an ihr vorbei und sagte dazu immer dasselbe: »Etsch! hast mich nicht gekriegt!« Diese Alte, das samt ihrem Sohn wegen Brandstiftung angeklagt war, ertrug die Gefangenschaft mit der größten Gutmütigkeit; nur war sie um ihren Sohn bekümmert, der gleichzeitig mit ihr im Gefängnis saß; am allermeisten aber um ihren Alten, der, wie sie fürchtete, ohne sie ganz und gar verlausen würde, da auch die Schwiegertochter weggegangen war und niemand da war, der ihn waschen konnte. Außer diesen sieben Frauen standen noch vier an einem der geöffneten Fenster, hielten sich an dem eisernen Gitter fest und tauschten Zeichen und Zurufe mit den im Hofe vorübergehenden Gefangenen, denselben, mit denen die Maslowa am Eingang zusammengestoßen war. Eine dieser Frauen, die wegen Diebstahls ihre Strafe abbüßte, war ein großes schweres, rothaariges Weib mit hängendem Leibe; gelblich-weiß, sommersprossenübersät war das Gesicht, der dicke Hals, der aus dem aufgebundenen, offenen Kragen hervorsah, und die Arme. Mit heiserer Stimme schrie sie laut unanständige Worte durchs Fenster. Neben ihr stand eine schwärzliche Gefangene, vom Wuchse eines zehnjährigen Mädchens, mit langem Oberkörper und ganz kurzen Beinen. Ihr Gesicht war rot und fleckig, mit weit auseinanderstehenden schwarzen Augen und dicken, kurzen Lippen, die die weißen, vorstehenden Zähne nicht bedeckten. Winselnd lachte sie ab und zu auf über das, was auf dem Hofe vor sich ging. Diese Gefangene, welche wegen ihrer Putzsucht »Choroschawka« genannt wurde, war wegen Diebstahls und Brandstiftung in Untersuchungshaft. Hinter ihnen stand eine magere, sehnige, schwangere Frau von kläglichem Aussehen, mit ungeheuer großem Bauch, in einem schmutzigen, grauen Hemde. Sie befand sich wegen Hehlerei in Haft. Diese Frau schwieg, aber die ganze Zeit lächelte sie beifällig und glückselig über die Vorgänge auf dem Hofe. Die vierte am Fenster war eine kleine, stämmige Frau aus dem Dorf, die wegen heimlichen Schnapsverkaufes eine Strafe absaß. Diese Frau, mit sehr vorgewölbten Augen und gutmütigem Gesichte, die Mutter des mit der Alten spielenden Knaben und eines siebenjährigen Mädchens, das auch mit ihr im Gefängnis war, weil sie niemand hatte, bei dem sie die Kinder hätte lassen können, sah ebenso wie die anderen aus dem Fenster und strickte dabei ohne Unterbrechung an ihrem Strumpfe, aber ihr Gesicht runzelte sich vor Mißbilligung, und oft schloß sie die Augen bei dem, was die Gefangenen auf dem Hofe sprachen. Ihr Töchterchen aber, das siebenjährige Mädchen mit dem aufgelösten weißlichen Haar, das im bloßen Hemde neben der Rothaarigen stand und sich mit der mageren kleinen Hand an ihrem Rock festhängte, horchte aufmerksam, mit starren Augen, auf die schändlichen Redensarten, welche die Frauen mit den Gefangenen wechselten, und wiederholte sie flüsternd, als ob sie sie auswendig lernen wollte. Die zwölfte Gefangene war die Tochter eines Küsters: sie hatte ihr Kind im Brunnen ertränkt. Es war ein großes schlankes Mädchen mit wirrem, aus dem nicht sehr langen, dicken, blonden Zopf hervorgezerrtem Haar und mit starren, vortretenden Augen. Ohne dem, was um sie herum geschah, irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken, ging sie barfuß, nur im schmutzigen grauen Hemd, in dem freien Raum der Zelle auf und ab und drehte jedesmal scharf und rasch um, wenn sie die Wand erreichte. 31 Als das Schloß rasselte und man die Maslowa einließ, wandten sich alle ihr zu. Sogar die Küsterstochter blieb für einen Augenblick stehen, sah die Eintretende mit hochgezogenen Augenbrauen an, sagte aber nichts, und begann aufs neue mit ihren großen, entschiedenen Schritten auf und ab zu gehen. Die Korabliowa steckte die Nadel in die rohe Leinwand und starrte die Maslowa fragend durch die Brille an. »Ach herrjeh! Zurück kommst du? Und ich hab' doch immer gedacht, sie sprechen dich frei«, sagte sie mit ihrer heiseren, fast männlichen Baßstimme. »Bist verdonnert, scheint's?« Sie nahm die Brille ab und legte ihre Näherei neben sich auf die Pritsche. »Tantchen und ich, wir haben ja auch schon hin und her gesprochen, mein Schwälbchen, vielleicht läßt man dich auf einmal frei. Sie sagen ja, so was passiert mal, je nachdem man eine glückliche Stunde trifft, sie geben einem sogar noch Geld dazu,« begann sogleich mit singender Stimme die Bahnwärterin, »aber sieh mal an, was ist nu! Unsere Ahnungen sind doch wohl nicht wahr geworden. Der Herr tut anscheinend wie er will, Schwälbchen!« fuhr sie, ohne zu verstummen, in ihrer freundlichen, wohlklingenden Rede fort. »Bist du wirklich verurteilt?« fragte Fedosia mit mitleidiger Zärtlichkeit, während sie die Maslowa mit ihren kindlichen, klarblauen Augen ansah, und ihr ganzes lustiges, junges Gesicht veränderte sich, als ob sie gleich losweinen wollte. Die Maslowa antwortete nicht; sie ging schweigend an ihren Platz, den zweiten vom Ende, neben der Korabliowa, und setzte sich auf die Bretter der Pritsche. »Ich glaube fast, du hast nicht mal was zu essen gekriegt«, sagte Fedosia, indem sie aufstand und sich der Maslowa näherte. Die Maslowa legte, ohne zu antworten, die Kalatsche ans Kopfende und begann sich zu entkleiden: sie zog den staubigen Kaftan aus, nahm das Halstuch von den krausen, schwarzen Haaren und setzte sich. Die am anderen Ende der Pritsche mit dem Knaben spielende bucklige Alte kam auch heran und blieb der Maslowa gegenüber stehen. »Tzz! Tzz! Tzz!« begann sie, mitleidig den Kopf schüttelnd, mit der Zunge zu schnalzen. Der kleine Bub kam gleichfalls hinter der Alten her, und mit weitgeöffneten Augen, die Oberlippe zu einem Schnäuzchen vorgeschoben, starrte er die Kalatsche an, die die Maslowa mitgebracht hatte. Als die Maslowa, nach alledem, was heute mit ihr geschehen, all diese mitleidigen Gesichter erblickte, waren ihr die Tränen nahe, und ihre Lippen zitterten. Aber sie war bemüht, sich der Tränen zu enthalten, und sie enthielt sich ihrer so lange, bis die Alte und der Bub herangekommen waren. Als sie aber das gutherzige, mitleidige Schnalzen der Alten hörte, und besonders als ihre Blicke dem Bübchen begegneten, das seine ernsten Augen von den Kalatschen auf sie wandte, konnte sie sich nicht mehr halten. Ihr ganzes Gesicht erbebte, und sie brach in heftiges Weinen aus. »Ich hab' dir gesagt: sieh zu, daß du den richtigen Verteidiger kriegst«, sagte die Korabliowa. »Wie ist es denn? Verschickung?« fragte sie. Die Maslowa wollte antworten und konnte nicht, sondern zog schluchzend aus einem Kalatsch eine Zigarettenschachtel hervor, auf der eine rotbackige Dame mit sehr hoher Frisur und herzförmig entblößter Brust dargestellt war und reichte sie der Korabliowa. Die Korabliowa betrachtete das Bildchen und schüttelte mißbilligend den Kopf, hauptsächlich, weil die Maslowa das Geld so nichtsnutzig ausgab, und nachdem sie eine Zigarette hervorgeholt hatte, rauchte sie sie an der Lampe an, tat selber einen Zug und schob sie dann der Maslowa zu. Die Maslowa fing gierig an, Zug auf Zug den Tabaksrauch einzuziehen und auszustoßen, ohne aber mit dem Weinen aufzuhören. »Zwangsarbeit«, brachte sie schluchzend hervor. »Sie haben keine Gottesfurcht, die verfluchten Blutsauger!« sagte die Korabliowa. »Um nichts haben sie das Mädchen verurteilt.« In diesem Augenblick ertönte aus der Mitte der am Fenster stehengebliebenen Frauen eine Lachsalve. Auch das kleine Mädchen lachte, und sein helles Kinderlachen verschmolz mit den heiseren und winselnden Lachlauten der Erwachsenen; Der Gefangene draußen auf dem Hofe hatte etwas getan, was so auf die durchs Fenster Sehenden gewirkt hatte. »Ach, du rasierter Köter! Was macht er!« stieß die Rothaarige hervor, und mit dem ganzen fetten Leibe wackelnd, das Gesicht an das Gitter gedrückt, schrie sie unsinnig anstößige Worte. »Das ist ein freches Fell! Was gackert sie so!« sagte die Korabliowa, über die Rote den Kopf schüttelnd und wandte sich wieder zu der Maslowa. »Wieviel Jahre?« »Vier«, sagte die Maslowa, und die Tränen brachen so reichlich hervor, daß eine auf die Zigarette fiel. Zornig zerknitterte sie die Maslowa, warf sie fort und nahm eine andere. Die Bahnwärterin hob, obgleich sie nicht rauchte, das Stümpfchen auf und fing an, es geradezubiegen, indem sie unaufhörlich sprach. »Es scheint wahr zu sein, mein Schwälbchen,« sprach sie, »daß die Wahrheit von der Sau gefressen ist. Sie machen, was sie wollen. Aber wir dachten doch, sie würden dich freilassen. Die Matwejewna sagte: sie lassen sie frei; ich aber sagte: nein, mein Schwälbchen, mein Herz ahnt, die wird verschlungen. Und so ist es nu gekommen«, sprach sie, augenscheinlich mit besonderem Vergnügen den Klang ihrer eigenen Stimme hörend. Jetzt hatten alle Gefangenen den Hof passiert, und die Frauen, die mit ihnen Worte gewechselt hatten, gingen vom Fenster fort und kamen auch zur Maslowa. Als erste kam die glotzäugige Schenkwirtin mit ihrem kleinen Mädchen. »Warum denn so arg strenge?« fragte sie, indem sie sich neben die Maslowa hindrückte und hurtig fortfuhr, an ihrem Strumpfe zu stricken. »Na, darum streng, weil man kein Geld hat! Hätte man Batzen und könnte 'nen tüchtigen fixen Kerl mieten, dann – sei ruhig, käme einer wohl frei«, sagte die Korabliowa. »Der, wie heißt er gleich – so 'n Strubelkopf, so 'n Langnasiger, der, meine Beste, könnte einen wohl trocken aus dem Wasser herausfischen! Wenn man den gekriegt hätte!« »Jawohl du – und den kriegen!« sagte, die Zähne bleckend, und sich zu ihnen setzend, die Choroschawka. »Und wenn der bloß einmal für dich spucken soll, unter tausend Rubel tut er es nicht.« »Aber es scheint, deine Bestimmung ist nun mal so«, fiel die Alte ein, die wegen Brandstiftung saß. »Ist es 'ne Kleinigkeit? Dem Jungen hat er die Frau abspenstig gemacht und ihn selber obendrein ins Loch gebracht, um die Läuse zu füttern, und mich auf meine alten Tage auch ins Loch gekriegt«, fing sie zum hundertsten Male an, ihre Geschichte zu erzählen. »Gefängnis und Bettelsack kann man, anscheinend, nicht verschwören, – kriegst du das eine nicht, kriegst du das andere.« »Das ist bei denen, scheint's, immer so!« sagte die Schenkwirtin, und sah den Kopf des Mädchens auf einmal genauer an, legte ihren Strumpf neben sich und fing an, mit flinken Fingern ihr das Haar zu durchsuchen. »Warum handelst du mit Branntwein? Aber womit soll ich die Kinder ernähren?« sprach sie, während sie die gewohnte Beschäftigung fortsetzte. Diese Worte der Schenkwirtin erinnerten die Maslowa an Schnaps, »Ein Schnäpschen möchte ich«, sagte sie der Korabliowa, indem sie die Tränen mit dem Hemdärmel abwischte und nur hier und da schluchzte. 32 Die Maslowa holte, auch aus dem Kalatsch, das Geld hervor und reichte der Korabliowa den Coupon. Die Korabliowa nahm ihn, betrachtete ihn, und, obgleich sie des Lesens und Schreibens unkundig war, glaubte sie der allwissenden Choroschawka, daß dieses Papier zwei Rubel fünfzig Kopeken wert sei und kletterte zum Wärmeloch nach der dort versteckten Flasche mit Schnaps hinauf. Die Frauen, die nicht ihre Nachbarinnen auf der Pritsche waren, gingen an ihre Plätze. Die Maslowa schüttelte inzwischen den Staub aus dem Halstuch und dem Kaftan, kroch auf die Pritsche hinauf und fing an, den Kalatsch zu essen. »Ich habe dir Tee aufgehoben, aber er ist wohl kalt geworden«, sagte ihr Fedosia, indes sie von dem Wandbrett eine mit einem Fußlappen umwickelte blecherne Teekanne und einen Henkelbecher herabholte. Das Getränk war ganz kalt und schmeckte mehr nach Blech als nach Tee, aber die Maslowa goß sich einen Henkelbecher voll und fing an, den Kalatsch hinunterzuspülen. »Finaschka, nimm«, rief sie, brach ein Stück Kalatsch ab und gab es dem ihr in den Mund sehenden Knaben. Die Korabliowa reichte unterdessen die Flasche mit Schnaps und einen Becher herunter. Die Maslowa bot der Korabliowa und der Choroschawka an. Diese drei Gefangenen bildeten die Aristokratie der Zelle, weil sie Geld hatten und auch anderen zukommen ließen von dem, was sie besaßen. Nach einigen Minuten wurde die Maslowa munter und erzählte lebhaft von dem Gericht – indem sie den Staatsanwalt nachäffte – und was ihr dort besonders aufgefallen war. Besonders aufgefallen war ihr, daß nach ihrer Beobachtung die Männer ihr überall, wo es auch war, nachliefen. Im Gericht sahen alle sie an und kamen immerfort nur deswegen ins Gefangenenzimmer. »Auch der Eskortesoldat sagte: Die kommen immer, um dich zu sehen. Einer kommt: wo ist hier das Papier so und so? – oder was anderes; ich sehe aber, daß er kein Papier will, sondern mich geradezu mit den Augen verschlingt«, sprach sie lächelnd und wie bedenklich den Kopf schüttelnd. »Das sind auch Possenreißer.« »Akkurat so ist es,« fiel die Bahnwärterin ein, und sogleich begann ihre singende Rede sich zu ergießen, »das ist wie die Fliegen nach dem Zucker. Zu was anderem kannst du sie suchen, aber dafür sind sie immer zu haben. Lieber wollen sie ohne Brot sitzen, als ohne das.« »Aber nun auch hier,« unterbrach die Maslowa sie, »hier bin ich auch gut hineingefallen. Eben haben sie mich hergeführt, da kommt eine Abteilung Gefangener vom Bahnhof. Haben die sich an mich herangemacht! Ich wußte nicht, wie ich sie loswerden sollte. Gottlob, der Direktor hat sie weggejagt. Einer klammerte sich so an, daß ich mich nur mit Not und Mühe losreißen konnte.« »Wie sah er denn aus?« fragte die Choroschawka. »Ein Schwärzlicher mit einem Schnurrbart.« »Das war gewiß der.« »Wer – der?« »Aber der Stscheglow. Derselbe, der eben vorbeiging.« »Was für ein Stscheglow?« »Die kennt nicht mal den Stscheglow! Stscheglow ist zweimal aus der Zwangsarbeit entlaufen. Jetzt haben sie ihn gefangen, aber er kommt schon wieder los. Vor ihm fürchten sich sogar die Aufseher«, sprach die Choroschawka, die den Gefangenen heimlich Zettel zuzustecken pflegte und alles wußte, was im Gefängnis vor sich ging. »Unfehlbar wird er ausbrechen.« »Nun, bricht er aus, uns nimmt er doch nicht mit«, sagte die Korabliowa. »Du aber sag' mir lieber,« wandte sie sich an die Maslowa, »was hat dir der Advokat über die Bittschrift gesagt? Jetzt muß man doch eine Bittschrift einreichen.« Die Maslowa sagte, daß sie nichts darüber wisse. Jetzt näherte sich den schnapstrinkenden Aristokratinnen das rothaarige Frauenzimmer; mit beiden sommersprossigen Händen in ihre verwirrten, dichten, roten Haare fahrend, kratzte sie den Kopf mit den Nägeln. »Ich will dir, Katharina, alles sagen«, fing sie an. »Zu allererst mußt du aufschreiben, du bist mit dem Gericht unzufrieden, und dann mußt du beim Staatsanwalt Anzeige machen.« »Na, was willst du?« wandte sich mit ärgerlicher Baßstimme die Korabliowa zu ihr, »hast du schon Schnaps gewittert? Du brauchst uns hier nicht das Zahnweh zu besprechen, dich hat man hier nicht nötig.« »Mit dir spricht ja keiner, was fängst du mit mir an!« »Du hast wohl Lust auf Schnaps gekriegt, schlängelst dich so 'ran?« »Aber gib ihr doch«, sagte die Maslowa, die immer jedem von allem, was sie hatte, abgab. »Ich werde ihr ganz was anderes anbieten ...« »Na, komm an!« begann die Rothaarige und rückte der Korabliowa näher. »Ich hab' keine Angst.« »Alte Zuchthäuslerin, du!« »Immer die, die spricht.« »Du gekochtes Geschlinge!« »Ich? Geschlinge? Du Zuchthäuslerin! Du Seelenmörderin!« schrie die Rothaarige. »Scher dich«, brach die Korabliowa finster hervor; aber die Rothaarige rückte nur immer näher, und die Korabliowa stieß sie in die offene fette Brust. Die Rote, als ob sie nur darauf gewartet hatte, hakte sich unversehens mit rascher Bewegung der einen Hand in die Haare der Korabliowa und wollte sie mit der anderen Hand ins Gesicht schlagen, aber die Korabliowa faßte diese Hand. Die Maslowa und die Choroschawka packten die Rote an den Händen, bemüht, sie wegzureißen, aber die in den Zopf verkrampfte Hand der Roten ließ ihn nicht fahren; auf einen Augenblick ließ sie die Haare los, aber nur, um sie sich um die Faust zu wickeln. Die Korabliowa, deren Kopf auf die Seite gedreht ward, schlug die Rote mit einer Hand auf den Leib und schnappte mit den Zähnen nach ihren Armen. Die Frauen drängten sich um die sich Prügelnden, trennten sie und schrien. Sogar die Schwindsüchtige kam heran und blickte hustend auf die aneinandergeklammerten Frauen. Die Kinder schmiegten sich zusammen und weinten. Auf den Lärm kamen die Aufseherin und der Aufseher herein. Die sich Prügelnden wurden getrennt, und die Korabliowa, die den grauen Zopf auflöste und die ausgerissenen Haare daraus entfernte, und die Rothaarige, die das ganz zerrissene Hemd auf der gelben Brust zusammenhielt – beide schrien ihre Erklärungen und Klagen hinaus. »Ich weiß schon, all das tut der Schnaps; wart', morgen meld' ich's dem Inspektor, der wird euch schon einen Wischer geben. Ich spüre, wie es hier riecht«, sprach die Aufseherin. »Räumt alles weg, sonst geht es euch schlecht. Wir haben nicht Zeit, hier zu untersuchen. An eure Plätze und still!« Aber die Stille war noch lange nicht wiederhergestellt. Noch lange schimpften sich die Frauen, erzählten einander, wie es anfing, und wer schuld hatte. Endlich gingen der Aufseher und die Aufseherin fort, und die Frauen begannen zu verstummen und sich niederzulegen. Die Alte stellte sich vor das Heiligenbild und fing an zu beten. »Da haben sich zwei Zuchthäuslerinnen gefunden«, begann plötzlich die Rote mit heiserer Stimme vom anderen Ende der Pritsche, indem sie jedes Wort mit ganz seltsam raffinierten Schimpfereien begleitete. »Pass' auf, daß du nicht noch mal was abkriegst«, antwortete sogleich die Korabliowa, ebensolche Schimpfreden hinzufügend, und beide wurden still. »Wenn die anderen mich nur nicht gestört hätten, hätt' ich dir schon lange die Augen ausgekratzt«, fing von neuem die Rote an, und wieder ließ die Korabliowa nicht lange auf ebensolche Antwort warten. Wieder eine längere Pause des Schweigens, und wieder Schimpfereien. Die Pausen wurden immer länger, und endlich trat volle Ruhe ein. Alle lagen; einige begannen zu schnarchen. Nur die Alte, die immer lange betete, machte noch immer ihre Verbeugungen vor dem Heiligenbild, und die Küsterstochter stand auf, sobald die Aufseherin weggegangen war, und fing wieder an, in der Zelle auf und ab zu gehen. Die Maslowa schlief nicht; immer dachte sie darüber nach, daß sie eine Zwangsarbeiterin sei, und daß man sie schon zweimal so genannt hatte; die Botschkowa hatte sie so genannt und die Rothaarige, und sie konnte sich nicht an diesen Gedanken gewöhnen. Die Korabliowa, die mit dem Rücken zu ihr gekehrt lag, drehte sich um. »So etwas hätte ich nie und nimmer gedacht,« sagte leise die Maslowa, »die anderen tun Gott weiß was, und es kommt nichts danach. Ich aber soll um gar nichts leiden.« »Gräm' dich nich, Mädchen, man lebt ja in Sibirien auch, und du wirst wohl auch dort nicht zugrundegehen«, tröstete sie die Korabliowa. »Daß ich nicht zugrundegeh', weiß ich, aber doch kränkt es mich; solch Schicksal ist nichts für mich, denn ich bin an gutes Leben gewöhnt.« »Gegen Gott kannst du nicht streiten,« sagte mit einem Seufzer die Korabliowa, »gegen ihn wirst du nicht streiten.« »Ich weiß, Tantchen, aber schwer ist's doch immer.« Sie schwiegen eine Zeitlang. Auch die Rothaarige schlief nicht. »Hörst du? Die Zerschmolzene da?« stieß die Korabliowa hervor, indem sie die Aufmerksamkeit der Maslowa auf die seltsamen Laute, die von der anderen Seite der Pritsche herkamen, lenkte. Diese Laute waren das unterdrückte Schluchzen der rothaarigen Frau. Die Rothaarige weinte darüber, daß sie beschimpft, geschlagen wurde, daß sie keinen Schnaps abbekam, den sie so gern haben wollte. Sie weinte auch darüber, daß sie in ihrem ganzen Leben nichts bekommen als Schimpfwörter, Verhöhnung, Beleidigungen, Schläge. Sie suchte sich zu trösten mit der Erinnerung an ihre erste Liebe zu dem Fabrikarbeiter Fedka Molodionkow, aber als sie dieser Liebe gedachte, mußte sie auch an das Ende dieser Liebe denken. Die Liebe endete damit, daß dieser Molodionkow sie in betrunkenem Zustande zum Spaß an ihrer empfindlichsten Stelle mit Schwefelsäure beschmierte und nachher mit den Kameraden lachte, als er sah, wie sie sich vor Schmerzen krümmte. Sie erinnerte sich daran, und es wurde ihr leid um sich selbst; da sie dachte, daß niemand sie höre, fing sie an zu weinen, und sie weinte, wie Kinder weinen, stöhnend, mit der Nase schnaubend und die salzigen Tränen schluckend. »Sie tut mir leid«, sagte die Maslowa. »Jawohl, leid, aber sie soll sich nicht aufdrängen.« 33 Nechliudows erstes Gefühl am anderen Tage, als er erwachte, war das Bewußtsein dessen, daß mit ihm etwas geschehen sei, und eher sogar, als er sich vergegenwärtigte, was geschehen, wußte er, daß etwas Wichtiges und Gutes geschehen war. »Katjuscha, das Gericht! Ja, und ich muß aufhören zu lügen und die ganze Wahrheit sagen.« Und als ein merkwürdiges Zusammentreffen kam an diesem Morgen endlich jener lang erwartete Brief von Maria Wasiljewna, der Frau des Adelsmarschalls, der Brief, der ihm jetzt besonders wichtig war. Sie gab ihm völlige Freiheit, wünschte ihm Glück zu der von ihm beabsichtigten Heirat. »Heirat!« sagte er ironisch. »Wie weit bin ich jetzt davon.« Und er erinnerte sich seiner gestrigen Absicht, alles ihrem Manne zu sagen, ihm zu beichten und seine Bereitschaft zu jeglicher Genugtuung zu äußern. Aber heute morgen schien ihm das nicht so leicht wie gestern. »Und dann, wozu den Menschen unglücklich machen, wenn er nichts weiß? Wenn er fragt, ja, so sage ich's ihm. Aber extra gehen, es ihm zu sagen? Nein, das ist nicht nötig.« Ebenso schwer erschien es heute morgen, Missi die ganze Wahrheit zu sagen. Wieder konnte man unmöglich anfangen zu sprechen, – das wäre beleidigend gewesen. Unbedingt mußte, wie in vielen Lebensverhältnissen, etwas Unausgesprochenes bleiben. Das eine hatte er heute früh entschieden: er wird sie nicht mehr besuchen, und er wird die Wahrheit sagen, wenn man ihn fragt. Dagegen darf in den Beziehungen zu Katjuscha nichts ungesagt bleiben. »Ich fahre nach dem Gefängnis: ich sage ihr, – ich werde sie bitten, mir zu verzeihen. Und wenn es nötig ist, ja, wenn es nötig ist, werde ich sie heiraten«, dachte er. Dieser Gedanke, daß er der moralischen Genugtuung wegen alles opfern und sie heiraten würde, rührte ihn auch heute früh besonders. Schon lange war er nicht einem Tage mit solcher Energie entgegengetreten. Als Agrafena Petrowna zu ihm hereinkam, erklärte er sogleich mit einer Entschiedenheit, die er selber nicht von sich erwartete, daß er ihre Dienste und diese Wohnung nicht mehr brauche. Durch ein stillschweigendes Übereinkommen war es ausgemacht, daß er diese große und teuere Wohnung behielt, um sich darin zu verheiraten. Die Kündigung der Wohnung hatte also eine besondere Bedeutung. Agrafena Petrowna sah ihn verwundert an. »Ich danke Ihnen sehr, Agrafena Petrowna, für alle Ihre Sorge um mich, aber jetzt brauche ich keine so große Wohnung mehr und die ganze Dienerschaft. Wenn Sie mir helfen wollen, so seien Sie so gut, über die Sachen zu verfügen, sie vorläufig wegzuräumen, wie es bei Mama gemacht worden ist; und wenn Natascha kommt, so wird sie weitere Anordnungen treffen.« Natascha war Nechliudows Schwester. Agrafena Petrowna schüttelte den Kopf. »Wieso denn verfügen? Aber sie werden ja doch gebraucht werden«, sagte sie. »Nein, ich werde sie nicht brauchen. Agrafena Petrowna, sicher werde ich sie nicht brauchen«, sagte Nechliudow, indem er ihr auf das antwortete, was ihr Kopfschütteln ausdrückte. »Sagen Sie, bitte, auch Kornej, daß ich ihm das Gehalt für zwei Monate im voraus geben werde, aber daß ich ihn nicht mehr brauche.« »Sehr falsch, Dmitrij Iwanowitsch, was Sie machen«, sprach sie. »Gut, Sie reisen ins Ausland: dennoch wird man die Räume brauchen.« »Es ist nicht so, wie Sie meinen, Agrafena Petrowna. Ich will nicht ins Ausland reisen; wenn ich reise, so an einen ganz anderen Ort.« Er ward plötzlich purpurrot. »Ja, ich muß es ihr sagen,« dachte er, »es hat keinen Zweck, es zu verschweigen. Ich muß allen alles sagen.« »Mir geschah gestern etwas sehr Seltsames und Wichtiges. Erinnern Sie sich der Katjuscha bei der Tante Maria Iwanowna?« »Freilich, ich habe sie nähen gelehrt.« »Nun, also, man hat über diese Katjuscha zu Gericht gesessen, und ich war Geschworener.« »Ach, mein Gott, wie traurig!« sagte Agrafena Petrowna. »Weswegen stand sie denn vor Gericht?« »Wegen Mordes, und alles das habe ich getan.« »Nun, das ist ja sehr seltsam. Wie konnten Sie das tun?« »Ja, ich bin die Ursache von allem. Und das eben hat alle meine Pläne geändert.« »Aber was für eine Veränderung kann für Sie daraus entstehen?« »Nun diese: wenn ich die Ursache davon bin, daß sie auf diesen Weg gekommen, so muß ich eben auch alles tun, was ich kann, um ihr zu helfen.« »Das ist Ihr guter Wille, – aber Sie haben keine besondere Schuld daran. Mit allen geht es so, und wenn man Verstand hat, so wird alles wieder gutgemacht und vergessen, und man lebt. Und Sie brauchen das nicht auf Ihre Rechnung zu nehmen. Ich habe schon früher gehört, daß sie den rechten Weg verloren hat; also wer ist denn daran schuld?« »Ich bin schuld. Und darum will ich ja wieder gutmachen.« »Nun, das ist aber schwer, wieder gutzumachen.« »Das ist meine Sache. Aber wenn Sie – in bezug auf sich selbst – so werde ich, wie die Mama wünschte ...« »An mich denke ich nicht. Die Selige hat sich so wohltätig gegen mich erwiesen, daß ich nichts mehr wünsche. Die Lisanka bittet mich zu sich« (das war ihre verheiratete Nichte), »zu ihr werde ich also gehen, wenn ich hier nicht nötig bin. Nur nehmen Sie sich das umsonst zu Herzen: mit allen kommt das so.« »Nun, ich denke nicht so. Jedenfalls bitte ich Sie, die Wohnung zu kündigen und die Sachen wegzuräumen. Und seien Sie mir nicht böse. Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar für alles.« Es war wunderbar: seit Nechliudow begriffen hatte, daß er selber schlecht und sich widerwärtig sei, seitdem hörten andere Leute auf, ihm widerwärtig zu sein; im Gegenteil, er empfand gegen Agrafena Petrowna und gegen Kornej ein freundliches und achtungsvolles Gefühl. Er hätte auch Kornej beichten mögen, aber Kornejs Aussehen war so eindringlich ehrerbietig, daß er sich nicht entschloß, es zu tun. Auf dem Wege ins Gericht, als er durch dieselben Straßen mit derselben Droschke fuhr, staunte er über sich selbst, bis zu welchem Grade er sich heute als ein ganz anderer Mensch fühlte. Die Heirat mit Missi, die noch gestern so naheliegend schien, kam ihm jetzt vollständig unmöglich vor. Gestern fühlte er sich in solcher Verfassung, daß er nicht daran zweifelte, daß sie glücklich sein würde, ihn zu heiraten; heute fühlte er sich unwürdig, nicht nur sie zu heiraten, sondern ihr nahe zu sein. »Wenn sie nur wüßte, wer ich bin, so würde sie mich um keinen Preis empfangen. Und ich habe ihr noch ihre Koketterie mit jenem Herrn zum Vorwurf gemacht. Aber nein, wenn sie mich sogar jetzt noch heiraten wollte, könnte ich denn wirklich nur ruhig, geschweige denn glücklich sein, während ich weiß, daß jene andere im Gefängnis ist, und daß sie morgen, übermorgen mit der Etappe in die Zwangsarbeit geht? Und ich werde hier Glückwünsche entgegennehmen und mit meiner jungen Frau Besuche machen! Oder ich werde mit dem Adelsmarschall, den ich mit seiner Frau schändlich betrogen habe, auf einer Versammlung die Stimmen für und gegen die durchzuführende Verordnung der Schulinspektion des Semstwo zählen, und nachher werde ich mit seiner Frau ein Stelldichein verabreden (welche Abscheulichkeit!), oder ich werde an dem Bilde weitermalen, das augenscheinlich nie zu Ende gebracht wird, weil es sich ja auch nicht schickt, daß ich mich mit solchen Bagatellen beschäftige. Und ich kann das alles nicht mehr tun,« sprach er zu sich, und unaufhörlich freute er sich über seine innere Veränderung, die er empfand. »Vor allem«, dachte er, »muß ich jetzt den Advokaten sehen und seine Entscheidung erfahren, und dann ... dann sie sehen und ihr alles sagen.« Und wenn er sich nur vorstellte, wie er sie sehen würde, wie er ihr alles sagen, ihr seine Schuld beichten und ihr erklären wollte, daß er alles tun würde, was er könnte, um seine Schuld wieder gutzumachen, so ward er über seine Güte gerührt, und die Tränen traten ihm in die Augen. 34 Als Nechliudow ins Gericht kam, traf er schon im Korridor den Gerichtskommissar von gestern und fragte ihn: »Wo werden die gerichtlich verurteilten Gefangenen untergebracht, und von wem hängt die Erlaubnis ab, sie zu sehen?« Der Gerichtskommissar erklärte, daß die Gefangenen an verschiedenen Orten inhaftiert seien, und daß vor der endgültigen Verkündigung des Urteils die Erlaubnis, sie zu besuchen, vom Staatsanwalt abhänge. »Ich werde es Ihnen sagen und Sie selber nach der Sitzung begleiten. Der Staatsanwalt ist ja jetzt noch nicht da. Also nach der Sitzung. Jetzt aber, bitte, in die Verhandlung. Es fängt an.« Nechliudow dankte dem Kommissar, der ihm heute besonders kläglich vorkam, für seine Freundlichkeit und ging in das Zimmer der Geschworenen. Als er sich diesem Zimmer näherte, kamen die Geschworenen schon heraus, um in den Sitzungssaal zu gehen. Der Kaufmann war ebenso lustig, ebenso wie gestern hatte er schon einen Imbiß zu sich genommen und ein Glas getrunken, und er begegnete Nechliudow wie einem alten Freund. Und Peter Gerasimowitsch erweckte heute in Nechliudow kein unangenehmes Gefühl durch seine Familiarität und sein Lachen. Nechliudow hätte auch mit allen Geschworenen über sein Verhältnis zu der gestrigen Angeklagten reden mögen. »Eigentlich«, dachte er, »hätte ich gestern während der Verhandlung aufstehen und meine Schuld öffentlich bekennen müssen.« Aber als er mit den Geschworenen zusammen in den Sitzungssaal eingetreten war und die gestrige Prozedur begann: wieder »das Gericht kommt«, wieder die drei auf der Erhöhung, in den gestickten Kragen, wieder das Schweigen, das Platznehmen der Geschworenen auf den Stühlen mit hohen Rückenlehnen, die Gendarmen, der Geistliche – empfand er, daß, obgleich er es ja hätte tun sollen, er auch gestern nicht imstande gewesen wäre, diese Feierlichkeit zu unterbrechen. Die Vorbereitungen zum Gericht waren dieselben wie gestern, ausgenommen die Vereidigung der Geschworenen und die Rede des Vorsitzenden an sie. Die heutige Verhandlung betraf einen Einbruchsdiebstahl. Der von zwei Gendarmen mit entblößten Säbeln bewachte Angeklagte war ein magerer, schmalschultriger, zwanzigjähriger Bursche im grauen Gefängnisrock und mit grauem, blutlosem Gesicht. Er saß allein auf der Anklagebank und hustete ohne Aufhören. Dieser Bursche war angeklagt, mit einem Kameraden an einem Schuppen das Schloß erbrochen und daraus alte Teppiche im Wert von drei Rubel siebenundsechzig Kopeken entwendet zu haben. Aus den Anklageakten war ersichtlich, daß der Polizist den Burschen anhielt, gerade als er mit seinem Kameraden fortging, der die Teppiche auf der Schulter trug. Der Bursche und sein Kamerad bekannten sich sogleich schuldig, und beide wurden ins Gefängnis gesteckt. Der Kamerad des Burschen, ein Schlosser, starb im Gefängnis, und nun stand der Bursche allein vor Gericht. Die alten Teppiche lagen auf dem Tische der Beweisstücke. Die Verhandlung wurde ebenso geführt wie die gestrige, mit dem ganzen Arsenal der Beweise, der Überführungen, der Zeugen, ihrer Vereidigung, der Verhöre, der Kreuzundquerfragen. Der Zeuge, der Polizist, hackte seine Antworten auf alle Fragen des Vorsitzenden, des Anklägers, des Verteidigers leblos ab: »Jawohl!«, »kann nicht wissen«, und wieder »jawohl«, aber trotz seiner soldatischen Verdummung und Maschinenmäßigkeit sah man, daß er den Burschen bedauerte und nicht gern von seinem Fang erzählte. Der andere Zeuge, der geschädigte kleine Alte, Hausbesitzer und Eigentümer der Teppiche, augenscheinlich ein galliger Mensch, erkannte die Teppiche sehr ungern für seine an, als man ihn fragte, ob er seine Teppiche erkenne: als aber der Staatsanwalt anfing, ihn darüber zu verhören, welche Verwendung er für die Teppiche hatte, ob er sie sehr nötig brauche, erboste er sich und antwortete: »Der Teufel hole sie noch einmal, diese Teppiche, ich brauche sie überhaupt nicht. Wenn ich nur gewußt hätte, daß ich ihretwegen so viel Verdruß haben würde, so hätte ich nicht nur nicht geklagt, sondern hätte noch ein rotes Scheinchen dazugezahlt; sogar zwei würde ich geben: wenn man mich nur nicht zu den Verhören schleppte! Wieviel Geld habe ich schon für Droschken verfahren. Und ich bin dazu noch krank ... Ich habe Rheumatismus und ein Bruchleiden.« So sprachen die Zeugen; der Angeklagte selber aber bekannte sich zu allem, und wie ein gefangenes Tierchen blickte er sich sinnlos nach den Seiten um; mit stockender Stimme erzählte er alles, wie es gewesen. Aber der Staatsanwalt tat, ebenso wie gestern seine Schultern hebend, verfängliche Fragen, welche den schlauen Verbrecher fangen sollten. In seiner Rede bewies er, daß der Diebstahl in einem Wohnraum ausgeführt worden war und als Einbruch zu betrachten sei, darum müsse man den Burschen der schwersten Strafe unterwerfen. Der vom Gericht bestimmte Verteidiger bewies, daß der Diebstahl nicht in einem Wohnraume verübt ward, und daß deswegen, obgleich das Verbrechen schwer wäre, der Verbrecher dennoch nicht so gefährlich für die Gesellschaft sei, wie es der Staatsanwalt hingestellt habe. Der Vorsitzende stellte in seiner Person ebenso wie gestern die Unparteilichkeit und Gerechtigkeit dar und erklärte ausführlich und prägte den Geschworenen ein, was sie schon wußten und nicht umhin konnten zu wissen. Ebenso wie gestern machte man Unterbrechungen, ebenso rauchte man, ebenso schrie der Gerichtskommissar: »das Gericht kommt«, und ebenso, gegen den Schlaf ankämpfend, saßen zwei Gendarmen mit blanken Waffen da und drohten dem Verbrecher. Aus dem Sachverhalt war ersichtlich, daß dieser Bursche als kleiner Bube von seinem Vater in eine Tabaksfabrik gesteckt worden war, wo er fünf Jahre verlebte. Im gegenwärtigen Jahre war er nach einer stattgefundenen Unannehmlichkeit zwischen Fabrikherrn und Arbeitern von dem Fabrikbesitzer entlassen worden, und ohne Stelle irrte er arbeitslos in der Stadt umher, indem er die letzten Kleider vom Leibe vertrank. Im Wirtshaus kam er mit einem ebensolchen Menschen wie er, einem Schlosser, zusammen, der noch früher seine Stelle verloren hatte und stark trank, und sie beide erbrachen nachts im betrunkenen Zustande das Schloß und nahmen aus dem Schuppen das erste, was ihnen in die Hände fiel. Man erwischte sie. Sie bekannten sich in allen Punkten schuldig. Man steckte sie ins Gefängnis, wo der Schlosser, das Urteil erwartend, starb. Über diesen Burschen saß man jetzt zu Gericht wie über ein gefährliches Wesen, vor welchem man die Gesellschaft schützen muß. »Ein ebenso gefährliches Wesen wie die Verbrecherin von gestern«, dachte Nechliudow, während er allem zuhörte, was vor ihm geschah. »Sie sind gefährlich. Gut. Aber wir alle, die wir sie richten? Ich, ein lockerer Bursche, ein Wüstling, ein Betrüger. Wir sind nicht gefährlich ... Aber wenn nun dieser Knabe wirklich für die Gesellschaft der gefährlichste Mensch wäre von allen Leuten, die sich in diesem Saal befinden, was müßte man, dem gesunden Menschenverstande nach, tun, wenn er ertappt worden ist? Es ist ja klar, daß dieser Bursche kein besonderer Bösewicht, sondern ein ganz gewöhnlicher Mensch ist, – das sehen alle, – und daß er das, was er ist, nur darum wurde, weil er in Verhältnissen lebte, die solche Menschen erzeugen. Und darum ist es klar, daß man, damit solch Bursche nicht zum Verbrecher wird, sich vor allem bemühen muß, jene Verhältnisse zu beseitigen, unter welchen solche unglückliche Wesen entstehen. Aber was tun wir? Wir greifen einen solchen Burschen, den wir gerade fangen, obwohl wir sehr gut wissen, daß Tausende ihm ähnlicher ungefangen bleiben, und stecken ihn ins Gefängnis, bei vollständigem Müßiggang, oder, ungesündester und sinnlosester Arbeit, in die Gesellschaft ebensolcher Menschen wie er, die schwach waren, und die sich im Leben verirrt haben; und nachher verschicken wir ihn auf Staatskosten in die Gesellschaft der Allerverdorbensten, aus dem Gouvernement Moskau nach Irkutsk. Um jene Verhältnisse aber zu beseitigen, die solche Leute erzeugen, tun wir nicht nur nichts, sondern wir fördern noch jene Anstalten, in welchen sie gezüchtet werden. Diese Anstalten sind bekannt: es sind Fabriken, Werkstätten, Wirtshäuser, Branntweinschenken, Bordelle. Und wir heben diese Anstalten nicht nur nicht auf, sondern wir fördern und regulieren sie, weil wir sie für nötig halten. Haben wir so nicht einen, sondern Millionen Menschen erzogen, dann fangen wir einen, und wir bilden uns ein, etwas getan, uns geschützt zu haben und bilden uns ein, daß nicht mehr von uns zu verlangen sei, wenn wir ihn aus dem Gouvernement Moskau nach Irkutsk befördert haben«, dachte Nechliudow mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit und Klarheit, indem er auf seinem hohen Stuhl neben dem Oberst saß, den verschiedenen Stimmen des Verteidigers, des Staatsanwalts und des Vorsitzenden zuhörte und ihre selbstgewissen Bewegungen sah. »Und wie viele und wie angestrengte Bemühungen kostet diese Heuchelei«, dachte Nechliudow weiter, indem er diesen ungeheuer großen Saal, diese Porträts, Lampen, Lehnstühle, Uniformen, Fenster, diese dicken Wände überflog, indem er sich die ganze kolossale Größe dieses Gebäudes und die noch größeren Dimensionen dieser ganzen Organisation vergegenwärtigte, die ganze Armee von Beamten, Schreibern, Wächtern, Dienern, nicht nur hier, sondern in ganz Rußland, welche für die niemandem notwendige Komödie Gehalt beziehen. »Was wäre, wenn wir nur ein Hundertstel dieser Bemühungen dazu verwenden würden, um diesen verwahrlosten Wesen zu helfen, die wir jetzt nur als Hände und Leiber, welche für unsere Ruhe und Bequemlichkeit nötig sind, betrachten. Aber hätte sich nur ein Mensch gefunden,« dachte Nechliudow, indem er das klägliche Gesicht des Burschen betrachtete, »der ihn bemitleidet, als man ihn erst aus Not vom Dorfe in die Stadt brachte, und der dieser Not abgeholfen hätte, oder noch, als er schon in der Stadt war und nach zwölfstündiger Arbeit in der Fabrik mit den ihn verleitenden älteren Kameraden in die Schenke ging. Hätte sich damals ein Mensch gefunden, der gesagt hätte: »Geh nicht, Wanja, es ist nicht gut«, so wäre der Bursche nicht gegangen, er hätte nicht den Halt verloren und nichts Schlechtes getan. Aber es fand sich kein einziger Mensch, der ihn bemitleidet hätte, während der ganzen Zeit, als er, wie ein Tier, in der Stadt seine Lehrjahre zubrachte, und kurz geschoren, um keine Läuse zu ziehen, für die Meister Gänge tat. Im Gegenteil bestand alles, was er, seitdem er in der Stadt lebte, von den Meistern und von den Kameraden hörte, darin, daß ein braver Bursche sei, wer betrügt, wer trinkt, wer schimpft, wer sich prügelt, wer ein liederliches Leben führt. Von der ungesunden Arbeit, Trunkenheit, Liederlichkeit krank und verdorben, – verdummt und unsinnig, wie im Traum, lief er zwecklos in der Stadt herum und ist nun aus Unverstand in einen Schuppen geschlichen und hat daraus niemandem nötige Teppiche weggeschleppt, – und jetzt haben wir, alle bemittelten, reichen, gebildeten Leute, uns in Uniformen und schönen Kleidern in diesem prächtigen Saal versammelt und mit diesem unglücklichen, eben von uns ins Verderben gestürzten Bruder unseren Spott getrieben. Schrecklich! Man weiß nicht, was ist hier schlimmer: Grausamkeit oder Unsinn. Aber es scheint, daß beides hier bis zum äußersten Punkt gediehen ist.« Nechliudow dachte alles das schon, ohne weiter auf das hinzuhören, was vor ihm geschah. Und er selber ergrauste vor dem, was sich ihm offenbarte. Er wunderte sich, daß er das nicht früher gesehen hatte, daß die anderen dies nicht sehen konnten. 35 Kaum war die erste Pause angesagt, als Nechliudow aufstand und in den Korridor hinausging mit der Absicht, nicht mehr in die Verhandlung zurückzukehren. Möge man mit ihm machen, was man wollte, aber teilnehmen an diesem fürchterlichen und abscheulichen Unsinn konnte er nicht länger. Als Nechliudow erfahren hatte, wo das Kabinett des Staatsanwalts war, ging er zu ihm. Der Diener wollte ihn nicht einlassen, indem er erklärte, daß der Staatsanwalt jetzt beschäftigt sei, aber Nechliudow trat, ohne auf ihn zu hören, ein, wandte sich an den ihm entgegenkommenden Beamten und bat ihn, dem Staatsanwalt zu melden, daß ein Geschworener ihn in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen müsse. Der Fürstentitel und seine elegante Kleidung halfen Nechliudow. Der Beamte meldete ihn an und Nechliudow wurde vorgelassen. Der Staatsanwalt empfing ihn stehend, augenscheinlich verstimmt über die Beharrlichkeit, mit welcher Nechliudow ihn zu sprechen verlangt hatte. »Was ist Ihnen gefällig!« fragte der Staatsanwalt streng. »Ich bin Geschworener, mein Name ist Nechliudow, und ich muß notwendig eine Angeklagte – die Maslowa – sehen«, sagte Nechliudow rasch und entschieden, indem er rot wurde und fühlte, daß er etwas tat, was einen entscheidenden Einfluß auf sein Leben haben mußte. Der Staatsanwalt war ein nicht hoch gewachsener, dunkler Mann mit kurzem angegrauten Haar, mit glänzenden scharfen Augen und gestutztem, dichtem Bart auf dem vorspringenden Unterkinnbacken. »Die Maslowa? Wohl, die kenne ich. Sie war wegen Giftmordes angeklagt«, sagte der Staatsanwalt ruhig. »Aber wozu müssen Sie sie denn sehen?« Und dann, als ob er seine Frage mildern wollte, setzte er hinzu: »Ich kann es Ihnen nicht bewilligen, ohne zu wissen, weshalb Sie sie sehen müssen.« »Es handelt sich um eine für mich besonders wichtige Angelegenheit«, begann Nechliudow mit jähem Erröten. »So«, sagte der Staatsanwalt, erhob die Augen und betrachtete Nechliudow aufmerksam. »Ist ihre Sache schon verhandelt worden oder noch nicht?« »Die Verhandlung war gestern und sie ist vollkommen ungerecht verurteilt worden. Sie ist unschuldig.« »Aha. Wenn sie erst gestern verurteilt wurde,« sagte der Staatsanwalt, ohne Nechliudows Äußerung über die Unschuld der Maslowa irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken, »so muß sie sich doch bis zur endgültigen Verkündung des Urteils im Untersuchungsgefängnis befinden. Besuche werden da nur an bestimmten Tagen gestattet. Dorthin also empfehle ich Ihnen, sich zu wenden.« »Aber ich muß sie möglichst bald sehen«, sagte Nechliudow mit zitterndem Unterkiefer. Er fühlte, daß sich die entscheidende Minute nahte. »Aber wozu muß das sein?« fragte der Staatsanwalt, indem er mit einiger Unruhe die Augenbrauen hob. »Weil sie unschuldig ist und zu Zwangsarbeit verurteilt wurde. Der allein an allem Schuldige aber bin ich«, sprach Nechliudow mit zitternder Stimme, und er fühlte, daß er Dummheiten sprach. »Wieso denn?« fragte der Staatsanwalt. »Weil ich sie verführt und in die Lage gebracht habe, in welcher sie dieser Verdacht treffen konnte.« »Dennoch sehe ich nicht ein, welchen Zusammenhang das mit dem Besuch hat.« »Eben den Zusammenhang, daß – gleich ob es gelingt oder nicht, die unrichtige Entscheidung des Gerichtes umzustoßen, – ich ihr folgen und... sie heiraten will«, brachte Nechliudow hervor, indem er bis zu Tränen über sich selbst gerührt war und sich über den Eindruck, welchen er auf den Staatsanwalt machte, freute. »Ja? So ist es!« sagte der Staatsanwalt. »Das ist wirklich ein sehr außergewöhnlicher Fall. Sind Sie nicht ein Abgeordneter des Krasnopersker Semstwo?« fragte der Staatsanwalt, und erinnerte sich dabei, daß er früher etwas von diesem Nechliudow gehört hatte, der jetzt einen so seltsamen Entschluß äußerte. »Entschuldigen Sie, ich glaube nicht, daß dies irgendwelchen Zusammenhang mit meiner Bitte hat«, antwortete Nechliudow ärgerlich und errötete. »Freilich, nein,« sagte der Staatsanwalt, kaum merkbar lächelnd und gar nicht befangen, »aber Ihr Wunsch ist so ungewöhnlich und geht so sehr über die gewöhnlichen Formen hinaus ...« »Wie ist's denn, kann ich die Erlaubnis erhalten?« »Die Erlaubnis? Ja, ich gebe Ihnen gleich einen Passierzettel. Wollen Sie gefälligst ein wenig Platz nehmen.« Er trat an den Tisch, setzte sich und fing an zu schreiben. »Bitte sich zu setzen.« Nechliudow blieb stehen. Als der Staatsanwalt den Passierzettel geschrieben hatte, übergab er ihn Nechliudow, den er neugierig betrachtete. »Ich muß noch mitteilen,« sagte Nechliudow, »daß ich nicht weiter an der Session teilnehmen kann.« »Es ist nötig, wie Sie wissen, genügende Gründe vorzubringen, sie dem Gerichte vorzulegen.« »Die Gründe sind, daß ich jegliches Gericht nicht nur für unnütz, sondern auch für unmoralisch halte.« »So, so«, sagte der Staatsanwalt, immer mit demselben kaum merkbaren Lächeln, als ob er durch dieses Lächeln zeigen wollte, daß er solche Mitteilungen schon kenne, und daß sie einer ihm bekannten, spaßhaften Kategorie angehörten. »So! Aber Sie begreifen augenscheinlich, daß ich, als Staatsanwalt, nicht mit Ihnen einverstanden sein kann. Und darum rate ich Ihnen, dies dem Gericht anzuzeigen, das Gericht wird über Ihre Mitteilung entscheiden, wird sie als genügend oder ungenügend erklären, und im letzteren Falle wird es Ihnen eine Buße auferlegen. Also wenden Sie sich an das Gericht!« »Ich habe es angezeigt und gehe nirgends weiter hin«, sprach Nechliudow böse. »Habe die Ehre!« sagte der Staatsanwalt, den Kopf neigend; – augenscheinlich wünschte er möglichst schnell den seltsamen Besucher loszuwerden. »Wer ist bei Ihnen gewesen?« fragte das Gerichtsmitglied, das gleich nach Nechliudows Weggehen in das Kabinett trat. »Nechliudow, wissen Sie, der schon im Kreis Krasnopersk, im Semstwo, verschiedene wunderliche Äußerungen gemacht hat. Und stellen Sie sich vor, er ist Geschworener, und es erwies sich, daß eine Frau oder ein Mädchen unter den Angeklagten sich befindet, die zu Zwangsarbeit verurteilt worden ist, und die, wie er sagt, von ihm verführt wurde, und jetzt will er sie heiraten.« »Aber das kann ja nicht sein.« »So hat er mir gesagt. Und in einer so sonderbaren Aufregung!« »Es steckt etwas, irgendeine Abnormität, in den jetzigen jungen Leuten.« »Aber er ist gar nicht mehr so sehr jung.« »Nun, aber Ihren viel gepriesenen Iwaschenkow, Väterchen, habe ich jetzt satt. Er kann einen ja aushungern, er spricht und spricht ohne Ende.« »Man muß solche Leute einfach gewaltsam anhalten, sonst sind sie ja wirkliche Obstruktionisten.« 36 Von dem Staatsanwalt fuhr Nechliudow gradeswegs ins Untersuchungsgefängnis. Aber es erwies sich, daß dort keine Maslowa war, und der Aufseher erklärte Nechliudow, daß sie in dem alten Gefängnis der zur Verschickung Verurteilten sein müsse. Nechliudow fuhr dorthin. Wirklich befand sich Katharina Maslowa dort. Die Entfernung vom Untersuchungsgefängnis bis zum Gefängnis der zu Verschickenden war außerordentlich groß, und Nechliudow erreichte sein Ziel erst gegen Abend. Er wollte sich der Tür des ungeheuer großen, düsteren Gebäudes nähern aber die Schildwache ließ es nicht zu, sondern zog nur die Klingel. Auf das Läuten kam ein Aufseher. Nechliudow zeigte ihm seinen Passierschein, aber der Aufseher sagte, daß er ohne den Inspektor ihn nicht einlassen könne. Nechliudow begab sich zu dem Inspektor. Während er die Treppe hinaufstieg, hörte Nechliudow durch die Tür die leisen Töne eines schwierigen Bravourstücks auf dem Klavier. Als aber ein unfreundliches Stubenmädchen mit einem verbundenen Auge ihm die Tür öffnete, stürzten sich diese Töne, als ob sie sich befreiten, ihm aus dem Zimmer entgegen und trafen sein Gehör. Es war die bis zum Überdruß oft gehörte Rhapsodie von Liszt, ausgezeichnet gespielt, aber nur bis zu einer Stelle. Wenn diese Stelle kam, wurde sie von Anfang wiederholt. Nechliudow fragte das verbundene Stubenmädchen, ob der Inspektor zu Hause sei? Das Stubenmädchen sagte, er sei nicht zu Hause. »Wird er bald kommen?« Die Rhapsodie stockte wieder und fing wieder an, mit Glanz und Geräusch, bis zu der verhexten Stelle. »Ich will gehen und fragen.« Das Stubenmädchen ging. Die Rhapsodie, kaum daß sie wieder ihren Anlauf genommen, riß plötzlich, ohne die verhexte Stelle zu erreichen, ab, und es ließ sich eine Stimme hören. »Sage ihm, daß er nicht da ist und heute auch nicht zu sprechen sein wird. Er macht einen Besuch. – Was soll diese Zudringlichkeit!« ließ sich die Frauenstimme hinter der Tür hören, und wieder ward die Rhapsodie vernehmbar, aber sie blieb wieder stecken, und man hörte das Geräusch des weggeschobenen Stuhles. Die erzürnte Pianistin wollte augenscheinlich selber dem nicht zur festgesetzten Stunde kommenden aufdringlichen Besucher einen Verweis geben. »Papa ist nicht da«, sagte, heraustretend, ärgerlich ein blasses Fräulein von kläglichem Aussehen, mit toupiertem Haar und dunklen Ringen um traurige Augen, aber als sie einen jungen Mann in einem schönen Paletot sah, ward sie weicher. »Kommen Sie herein, wenn Sie wollen ... Was wünschen Sie denn?« »Ich möchte im Gefängnis eine Gefangene besuchen!« »Gewiß eine Politische?« »Nein, keine Politische. Ich habe eine Erlaubnis vom Staatsanwalt.« »Nun, ich weiß nicht, Papa ist nicht da. Aber bitte, kommen Sie herein«, lud sie ihn wieder aus dem kleinen Vorzimmer ein. »Sonst aber wenden Sie sich an den Unterinspektor, er ist jetzt im Bureau, sprechen Sie mit ihm. Wie ist Ihr Name?« »Ich danke Ihnen«, sagte Nechliudow, ohne auf die Frage zu antworten und ging. Noch hatte sich die Tür nicht hinter ihm geschlossen, als wieder dieselben flinken, lustigen Klänge, die so wenig hierher paßten, weder zu dem Ort, wo sie erzeugt wurden, noch zu dem Gesicht des kläglichen Fräuleins, das sie so hartnäckig übte, ertönten. Auf dem Hofe begegnete Nechliudow einem jungen Offizier mit abstehendem Schnurrbart. Es war der Unterinspektor selber. Er nahm den Passierzettel, sah ihn an und sagte, daß er sich nicht entschließen könne, auf den Passierzettel vom Untersuchungsgefängnis hin jemand hier einzulassen. »Und es ist auch schon zu spät. Wollen Sie nicht lieber morgen kommen? Morgen um zehn Uhr sind Besuche allen gestattet; wenn Sie kommen, wird der Inspektor auch selber zu Hause sein. Dann kann der Besuch im allgemeinen Sprechzimmer oder, wenn es der Inspektor bewilligt, auch im Bureau stattfinden.« Und ohne also den Besuch an diesem Tage machen zu können, kehrte Nechliudow heim. Von dem Gedanken, sie zu sehen, angeregt, fuhr Nechliudow durch die Straßen und dachte nicht an das Gericht, sondern an seine Gespräche mit dem Staatsanwalt und mit den Inspektoren. Daß er sie sehen wollte und dem Staatsanwalt von seiner Absicht gesagt hatte, daß er in zwei Gefängnissen gewesen war, um sie zu sehen, regte ihn so sehr auf, daß er sich lange nicht beruhigen konnte. Zu Hause angelangt, holte er sogleich seine schon lange nicht mehr angerührten Tagebücher hervor, las einige Stellen daraus und schrieb jetzt folgendes ein: »Seit zwei Jahren habe ich kein Tagebuch geführt und dachte, daß ich nie mehr zu dieser Kinderei zurückkehren würde. Aber das war keine Kinderei, sondern eine Unterhaltung mit mir selbst, mit jenem wahrhaften, göttlichen Selbst, welches in jedem Menschen wohnt. Diese ganze Zeit über schlief dieses Ich, und ich hatte niemand, mit dem ich mich unterhalten konnte. Erweckt ward es durch ein ungewöhnliches Ereignis, am 28. April, im Gericht, wo ich Geschworener war. Auf der Bank der Angeklagten sah ich sie, die von mir verführte Katjuscha, im Gefangenenkleide. Durch ein sonderbares Mißverständnis und durch meinen Fehler verurteilte man sie zu Zwangsarbeit. Ich war eben beim Staatsanwalt und im Gefängnis. Man ließ mich nicht zu ihr, aber ich habe den Entschluß gefaßt, alles zu tun, um sie zu sehen, ihr zu beichten und meine Schuld gutzumachen, wenn nötig auch durch die Heirat. Herr, hilf mir! Mir ist sehr gut und freudig in meiner Seele.« 37 In dieser Nacht konnte die Maslowa lange nicht einschlafen; sie lag mit geöffneten Augen, sah die Tür an, die von der hin und her gehenden Küsterstochter verdeckt wurde, und sann. Sie dachte darüber nach, daß sie keinesfalls einen Zwangsarbeiter auf der Insel Sachalin heiraten werde; so oder so würde sie sich schon mit einem der Vorgesetzten einrichten, mit dem Schreiber, oder mit dem Aufseher, oder etwa mit dem Unteraufseher. Sie sind alle darauf erpicht. »Nur nicht mager werden, sonst bist du verloren.« Und sie erinnerte sich, wie der Verteidiger sie angesehen hatte und der Vorsitzende, und wie die ihr begegnenden und absichtlich an ihr vorbeigehenden Leute im Gericht sie angesehen hatten; sie erinnerte sich, wie die sie im Gefängnis besuchende Berta ihr erzählte, daß der Student, den sie liebte, als sie bei der Kitajewa wohnte, bei ihnen gewesen war, nach ihr gefragt und sie sehr bedauert hätte. Sie erinnerte sich an viele, nur nicht an Nechliudow. Ihrer Kindheit und Jugend und besonders ihrer Liebe zu Nechliudow erinnerte sie sich niemals. Das tat ihr allzu weh. Diese Erinnerungen lagen unberührt, irgendwo tief in ihrer Seele. Sogar im Traum sah sie Nechliudow nie. Heute in der Gerichtssitzung hatte sie ihn nicht erkannt, nicht so sehr, weil sie ihn zum letzten Male in Uniform, ohne Vollbart, nur mit einem kleinen Schnurrbärtchen und mit, wenn auch kurzen, so doch dichten und sich kräuselnden Haaren gesehen hatte, er jetzt aber nicht mehr jung aussah und einen Vollbart trug, sondern weil sie nie an ihn gedacht hatte. Ihre Erinnerungen an ihn hatte sie in jener schrecklichen, dunklen Nacht begraben, als er, von der Armee kommend, vorübergefahren und bei den Tanten nicht eingekehrt war. Das war damals, als Katjuscha schon wußte, daß sie schwanger sei. Bis zu dieser Nacht, solange sie darauf hoffte, daß er kommen werde, belästigte sie das Kind nicht nur nicht, welches sie unter dem Herzen trug, sondern sie ward oft durch seine weichen und manchmal heftigen Bewegungen erstaunt, gerührt. Aber von dieser Nacht an ward alles anders. Und das künftige Kind ward ihr nichts als ein Hindernis. Die Tanten erwarteten Nechliudow, baten ihn, zu kommen, aber er telegraphierte, er könne nicht, weil er zu einem bestimmten Termin in Petersburg sein müsse. Als Katjuscha dies erfuhr, entschloß sie sich, auf den Bahnhof zu gehen, um ihn zu sehen. Der Zug kam um zwei Uhr nachts durch. Katjuscha brachte ihre Damen zu Bette, und nachdem sie ein Mädchen, die Tochter der Köchin, Maschka, beredet, mit ihr zu gehen, zog sie alte Schuhe an, hüllte sich in ein Kopftuch, schürzte sich auf und lief nach dem Bahnhof. Es war eine dunkle, regnerische, windige Herbstnacht. Der Regen begann bald mit großen warmen Tropfen zu peitschen, bald hörte er auf. Auf dem Felde war der Weg unter den Füßen nicht zu sehen, im Walde aber war es schwarz wie in einem Ofen, und obgleich Katjuscha den Weg gut kannte, kam sie im Walde vom Wege ab und erreichte die kleine Station, wo der Zug drei Minuten hielt, nicht mehr zur rechten Zeit, wie sie hoffte, sondern erst nach dem zweiten Glockenzeichen. Als Katjuscha auf den Bahnsteig hinausstürmte, sah sie ihn sogleich am Fenster eines Wagens erster Klasse. In diesem Wagen war besonders helles Licht. Auf den Samtsesseln saßen einander gegenüber zwei Offiziere und spielten Karten. Auf dem Tischchen am Fenster brannten überfließende dicke Kerzen. Er saß in stramm anliegenden Hosen und weißem Hemd auf der Armlehne des Sessels, stützte sich auf die Rückenlehne und lachte über irgend etwas. Sobald sie ihn erkannte, klopfte sie mit der frierenden Hand an das Fenster. Aber in demselben Augenblick erscholl das dritte Läuten. Der Zug rührte sich langsam; erst zurück; dann schoben sich die Wagen, einer nach dem anderen, stoßweise vorwärts. Einer der Spielenden stand mit den Karten in der Hand auf und sah durchs Fenster. Sie klopfte noch einmal und drückte ihr Gesicht an die Scheibe. In dem Augenblick rückte auch der Wagen, bei welchem sie stand, an und ging vorwärts. Sie ging ihm nach und sah ins Fenster. Der Offizier wollte das Fenster herunterlassen, aber es gelang ihm nicht. Nechliudow stand auf, stieß den Offizier beiseite und drückte das Fenster hinab. Die Bewegung des Zuges wurde schneller, so daß Katjuscha mit raschen Schritten gehen mußte. Der Zug fuhr noch schneller, – das Fenster fiel herunter; gleichzeitig stieß sie der Schaffner fort und sprang in den Wagen. Sie lief immer auf den nassen Brettern der Plattform hin; dann, als die Plattform zu Ende war, wäre Katjuscha fast gefallen, als sie die Treppe hinunter und auf die Erde lief. Sie lief, aber der Wagen erster Klasse war schon längst vorbei. Neben ihr liefen schon die Wagen zweiter Klasse, dann kamen, noch schneller, die Wagen dritter Klasse vorüber, aber sie fuhr dennoch fort, zu laufen. Als der letzte Wagen mit den Laternen vorbeirollte, war sie schon hinter dem Pumpenhause, ohne Schutz, und der Wind stürzte auf sie los, das Tuch von ihrem Kopf herunterreißend und das Kleid von einer Seite um ihre laufenden Beine drückend. Der Wind entriß ihr das Tuch, aber sie lief immer noch. »Tante Michajlowna!« schrie das Mädchen, kaum mit ihr gleichen Schritt haltend. »Ihr Tuch haben Sie verloren!« Katjuscha blieb stehen und, den Kopf zurückwerfend und mit den Händen an die Stirn fassend, brach sie in Weinen aus. »Er ist weg«, schrie sie auf. »Er sitzt in dem erleuchteten Wagen, auf dem Samtsessel, scherzt, trinkt, ich aber bin hier, im Kot, im Dunklen, unter Regen und Wind, stehe und weine«, dachte sie bei sich selbst, und sie setzte sich auf die Erde und fing so laut an zu weinen, daß das Mädchen erschrak und sie in dem nassen Kleid umarmte. »Tante, wollen wir nicht nach Hause gehen!« »Kommt der Zug vorbei – unter den Wagen und fertig«, dachte inzwischen Katjuscha, ohne dem Mädchen zu antworten. Sie beschloß, so zu tun. Aber sogleich, wie es ja immer im ersten Augenblicke der Beruhigung nach einer Aufregung zu sein pflegt, fuhr das Kind, sein Kind, das in ihr war, plötzlich zusammen, es stieß sich, reckte sich leicht und fing an, wieder mit etwas Feinem, Zartem und Scharfem zu klopfen. Und plötzlich trat alles das zurück, was sie vor einer Minute so gequält, daß es ihr unmöglich schien, weiterzuleben; alle Bosheit gegen ihn und der Wunsch, sich an ihm, wenn auch durch ihren eigenen Tod, zu rächen, alles das trat plötzlich zurück. Sie beruhigte sich, machte sich zurecht, stand auf, zog das Tuch über den Kopf und ging nach Hause. Abgeplagt, naß, schmutzig kehrte sie nach Hause zurück, und mit diesem Tage begann jene seelische Umwandlung, infolge welcher sie zu dem wurde, was sie jetzt war. Von dieser schrecklichen Nacht an hörte sie auf an Gott und an das Gute zu glauben. Früher glaubte sie selber an Gott und daran, daß auch andere Menschen an ihn glauben, aber seit dieser Nacht war sie der Überzeugung, daß niemand an ihn glaube, und daß alles, was man von Gott und von seinem Gesetz spreche, Betrug und Ungerechtigkeit sei. Er, den sie liebte und der sie liebte – das wußte sie –, hatte sie verlassen, nachdem er seinen Spott mit ihren Gefühlen getrieben. Er aber war der beste aller Menschen, die sie kannte. Und alle übrigen waren schlechter als er. Und alles, was weiter mit ihr geschah, bestätigte das bei jedem Schritt. Seine Tanten, die frommen Alten, jagten sie fort, als sie ihnen nicht mehr so dienen konnte wie früher. Alle Menschen, mit welchen sie zusammentraf – die Frauen suchten durch sie Geld zu bekommen, die Männer, von dem alten Stanowoj angefangen bis zu den Gefängnisaufsehern – betrachteten sie als einen Gegenstand der Lust. Und für niemand war etwas anderes in der Welt als die Lust, und namentlich diese Lust. Darin bestärkte sie noch mehr der alte Schriftsteller, mit dem sie im zweiten Jahre ihres unabhängigen Lebens ein Verhältnis angefangen hatte. Er sagte ihr geradezu, daß darin – er nannte es Poesie und Ästhetik – das ganze Lebensglück bestehe. Alle lebten nur für sich, für ihre Lust, und alle Worte von Gott, vom Guten, waren Betrug. Wenn hie und da sich Fragen erhoben darüber, warum alles in der Welt so schlecht eingerichtet sei, daß alle einander nur Böses tun, und daß alle leiden, so durfte man nicht weiter darüber nachdenken. Wird es einem ungemütlich, so raucht man, man trinkt, oder – am besten – man liebelt mit einem Manne – und es geht vorüber. 38 Am anderen Tage, einem Sonntage, um fünf Uhr morgens, als im Gefängniskorridor der weiblichen Abteilung der gewöhnliche Pfiff ertönte, weckte die schon nicht mehr schlafende Korabliowa die Maslowa. »Zwangsarbeiterin«, fuhr es der Maslowa mit Grausen durch den Sinn, während sie sich die Augen rieb und unwillkürlich die gegen Morgen furchtbar stinkende Luft einatmete; und sie wollte wieder einschlafen, um ins Gebiet des Unbewußten zu entfliehen, aber die gewohnte Furcht bezwang den Schlaf, und sie erhob sich, zog die Füße unter sich herauf, setzte sich aufrecht und sah sich um. Die Frauen waren schon auf, nur die Kinder schliefen noch. Die Schenkwirtin mit den vorstehenden Augen zog vorsichtig, um die Kinder nicht zu wecken, ihr Gewand unter ihnen hervor. Die Aufrührerin hängte am Ofen die Läppchen auseinander, die als Windeln dienten, und das Kind erhob ein verzweifeltes Geschrei auf den Armen der blauäugigen Fedosia, die es hin und her schaukelte und mit zarter Stimme einlullte. Die Schwindsüchtige hielt sich die Brust und hustete sich mit blutübergossenem Gesicht aus: atmete dann in den Zwischenpausen auf und schrie fast dabei. Die Rothaarige lag wach, mit dem Bauch nach oben, hielt die dicken Beine gekrümmt und erzählte laut und lustig ihren Traum. Die Alte, die Brandstifterin, stand wieder vor dem Heiligenbild und bekreuzte und verneigte sich, während sie immer dieselben Worte flüsterte. Die Küsterstochter saß unbeweglich auf der Pritsche und sah mit noch nicht ganz wachen, stumpfen Blicken vor sich hin. Die Choroschawka wickelte ihre fettigen, harten schwarzen Haare um den Finger. Auf dem Korridor ließen sich Schritte in schlurrenden Pantoffeln hören; das Schloß rasselte, und herein kamen zwei Gefangene in Jacken und kurzen, bei weitem nicht bis zum Knöchel reichenden grauen Hosen, hoben mit ernsten, bösen Gesichtern die stinkende Kufe auf die Trage und trugen sie aus der Zelle heraus. Die Frauen gingen in den Korridor zu den Wasserhähnen, um sich zu waschen. Bei den Wasserhähnen entstand Zänkerei zwischen der Rothaarigen und einer Frau, die aus einer anderen, benachbarten Zelle herausgekommen war. Wieder Schimpfreden, Geschrei und Klagen ... – »Habt wohl Lust zum Karzer gekriegt«, schrie der Aufseher und schlug die Rothaarige so auf den fetten nackten Rücken, daß es über den ganzen Korridor klatschte. »Mucks' dich nicht! Halt's Maul!« »Guck' mal, wie der Alte schäkert«, sagte die Rothaarige, indem sie diese Behandlung für eine Liebkosung nahm. »Nun, fix, schert euch zur Messe!« Die Maslowa hatte nicht einmal Zeit gehabt, sich zu kämmen, als der Inspektor mit dem Gefolge kam. »Zur Kontrolle!« schrie der Aufseher. Aus der anderen Zelle kamen die übrigen Gefangenen, und alle stellten sich in zwei Reihen, den Korridor entlang auf, dabei mußten die Frauen der hinteren Reihe die Hände auf die Schultern der Frauen in der ersten Reihe legen. Dann wurden sie alle gezählt. Nach der Kontrolle kam der Aufseher und führte die Gefangenen in die Kirche. Die Maslowa befand sich mit Fedosia in der Mitte der Kolonne, die aus mehr als hundert Frauen bestand, welche aus allen Zellen gekommen waren. Alle waren in weißen Halstüchern, Jacken und Röcken, und selten nur traf man unter ihnen Frauen in ihren eigenen farbigen Kleidern. Dies waren Frauen mit Kindern, die ihren Männern nachfolgten. Die ganze Treppe war von diesem Zuge besetzt. Man hörte das weiche Gestampfe der mit Gefängnispantoffeln beschuhten Füße, Gespräch, manchmal ein Lachen. Bei der Treppenwendung erblickte die Maslowa das boshafte Gesicht ihrer Feindin, der Botschkowa, welche weiter vorn ging, und zeigte es der Fedosia. Als sie unten angelangt waren, verstummten die Frauen, und sich bekreuzend und verbeugend, begannen sie, durch die geöffnete Tür in die noch leere, goldglänzende Kirche zu treten. Ihr Platz war rechts, und sich schiebend und einander drängend, stellten sie sich zurecht. Gleich hinter den Frauen kamen in ihren grauen, langen Röcken die Transportgefangenen, die durch Urteil Eingesperrten und Verschickten herein, und, sich laut räuspernd; stellten sie sich in einem dichten Haufen links und in der Mitte der Kirche auf. Oben aber, auf den Chören, standen die schon früher Hereingeführten: an einer Seite die Zwangsarbeiter mit den halbrasierten Köpfen, die ihre Anwesenheit durch das Klirren der Ketten kundtaten; auf der anderen Seite die nicht rasierten und nicht gefesselten Untersuchungsgefangenen. Die Gefängniskirche hatte ein reicher Kaufmann neu erbaut und ausgeschmückt, der einige zehntausend Rubel für die Sache aufgewendet hatte; die Kirche glänzte in Gold und hellen Farben. Eine Zeitlang herrschte Stille in der Kirche, und man hörte nur Räuspern, Schneuzen, Geschrei der Säuglinge und hin und wieder Kettengeklirr. Plötzlich aber stürzten die in der Mitte stehenden Gefangenen zur Seite und drängten sich aneinander, um den Weg in der Mitte frei zu lassen; auf diesem Wege ging der Inspektor hindurch und stellte sich vor allen inmitten der Kirche auf. 39 Der Gottesdienst begann. Der Gottesdienst bestand darin, daß der Priester, nachdem er sich in ein besonderes, seltsames, sehr unbequemes Brokatgewand gekleidet, Stückchen Brot ausschnitt und auf einem Schälchen ordnete, um sie sodann in einen Kelch mit Wein zu legen, wobei er verschiedene Namen und Gebete hersagte. Der Küster aber las erst und sang dann ohne Aufhören abwechselnd mit dem Chor der Gefangenen verschiedene kirchenslawische, an sich schon wenig verständliche und infolge des raschen Vorlesens und Singens noch weniger verständliche Gebete. Der Gebetsinhalt bestand hauptsächlich in Wünschen für die Wohlfahrt des Kaisers und seiner Familie. Dafür wurden vielmal Fürbitten dargebracht, sowohl zusammen mit anderen Gebeten, als einzeln, auf den Knien. Außerdem wurden von dem Küster einige Verse aus der Apostelgeschichte mit derartig seltsam gezwungener Stimme verlesen, daß es unmöglich war, etwas davon zu verstehen. Vom Priester aber wurde sehr deutlich eine Stelle aus dem Evangelium des Markus vorgelesen, wo gesagt wird, wie Christus nach der Auferstehung, ehe er gen Himmel fuhr und zur Rechten des Vaters saß, zuerst der Maria Magdalena erschien, aus der er sieben Teufel ausgetrieben hatte, und dann den elf Jüngern, und wie er ihnen befahl, aller Kreatur das Evangelium zu verkündigen, wobei er ihnen erklärte, daß, wer da nicht glaube, verdammet werde; wer aber glaube und getauft werde, werde gerettet, und außerdem werde er Teufel austreiben, Kranke heilen durch Auflegen der Hände und mit neuen Zungen reden, Schlangen bändigen und nicht sterben, sondern gesund bleiben, auch wenn er Gift tränke. Das Wesen des Gottesdienstes sah man in der Annahme, daß die vom Priester ausgeschnittenen und in den Wein gelegten Brotstückchen sich durch gewisse Manipulationen und Gebete in den Leib und das Blut Gottes verwandeln. Diese Manipulationen bestanden darin, daß der Priester gleichmäßig, trotzdem ihn der übergezogene Brokatsack hinderte, beide Arme nach oben erhob und so hielt, dann sich auf die Knie niederließ und den Tisch und das, was sich darauf befand, küßte. Die Haupthandlung aber war, daß der Priester, der mit beiden Händen ein Tüchlein ergriff, dieses gleichmäßig und langsam über den goldenen Kelch und das Schälchen schwenkte. Es ward angenommen, daß eben in diesem Augenblick aus dem Brot und Wein Leib und Blut werde; und daher war diese Stelle des Gottesdienstes mit besonderer Feierlichkeit umgeben. »Insonderheit der allerheiligsten, allerreinsten und allergesegnetsten Mutter Gottes!« schrie laut der Priester hinter der Heiligenwand, und der Chor fing an, feierlich zu singen, daß es sehr schön sei, die Jungfrau Maria zu preisen, die Christus geboren, ohne Verletzung der Jungfräulichkeit, und die dafür einer größeren Ehre gewürdigt wurde als irgendwelche Cherubim und eines größeren Ruhmes als irgendwelche Seraphim. Nach diesem nahm man an, daß die Verwandlung vollzogen sei, und der Priester hob das Tüchlein von dem Schälchen, zerschnitt das mittlere Brotstückchen in vier Teile und steckte es erst in den Wein und dann in den Mund. Es ward also angenommen, daß er ein Stückchen vom Leibe Gottes verzehrt und einen Schluck seines Blutes getrunken habe. Darauf zog der Priester den Vorhang vor der mittleren Tür zum Altarraum zurück, öffnete diese Tür, nahm den goldenen Kelch in die Hände, ging mit ihm durch die mittlere Tür und lud die danach Verlangenden ein, auch vom Leib und Blut Gottes zu essen, die sich in dem Kelch befanden. Diese Verlangenden waren einige Kinder. Zuerst befragte der Priester sie nach ihren Namen, und dann, vorsichtig mit dem Löffelchen aus dem Kelch schöpfend, steckte er jedem der Kinder; nach der Reihe, je ein Stückchen Brot in Wein tief in den Mund. Der Küster aber wischte sogleich den Kindern den Mund ab und sang dazu mit lustiger Stimme ein Lied, daß die Kinder Gottes Leib essen und sein Blut trinken. Darauf trug der Priester den Kelch hinter die Scheidewand, trank dort alles in dem Kelch befindliche Blut und aß alle Stückchen Gottesleib auf; dann, nachdem er den Schnurrbart abgesogen, den Mund und den Kelch ausgewischt, kam er mit munteren Schritten, mit den dünnen Sohlen seiner kalbsledernen Stiefel knarrend und in lustiger Gemütsverfassung hinter der Scheidewand hervor. Damit war der christliche Gottesdienst der Hauptsache nach beendet, aber der Priester wollte die unglücklichen Gefangenen trösten, und so fügte er dem gewöhnlichen Gottesdienst noch einen besonderen hinzu. Dieser besondere Gottesdienst bestand darin, daß der Priester sich vor das geschmiedete und vergoldete Abbild desjenigen Gottes, von dem er, wie angenommen ward, gegessen, stellte (das Abbild hatte ein schwarzes Gesicht und schwarze Hände und war von einem Dutzend Wachskerzen beleuchtet) und anfing, mit seltsamer, unnatürlicher Stimme, weder singend noch sprechend, folgende Worte vorzutragen: »Jesus, du Süßester, Ruhm der Apostel, Jesus, Lob der Märtyrer, allmächtiger Herrscher, erlöse mich, Jesus mein Heiland! Mein Jesus, du Schönster, erbarme dich meiner! Der ich bei dir, mein Heiland, Zuflucht suche. Erbarme dich um derer Fürbitte willen, die dich geboren, und aller deiner Heiligen, Jesus! Auch aller Propheten, mein Heiland Jesus! Und der Süßigkeit des Paradieses würdige mich, Jesus, Menschenfreund!« Hier verweilte er etwas, holte Atem, bekreuzte sich und verbeugte sich bis zur Erde, und alle taten dasselbe. Es verbeugten sich der Inspektor, die Aufseher, die Gefangenen, und oben klapperten besonders oft die Beinschellen. »Schöpfer der Engel und Herr der Kräfte,« fuhr er fort, »Jesus, du Herrlichster, du Staunen der Engel, Jesus, du Allermächtigster, Erlösung der Erzväter, Jesus, du Allersüßester, Lobpreisung der Patriarchen, Jesus, du Glorreichster, Stärkung der Könige, Jesus, du Allgütiger, Erfüllung der Propheten, Jesus, du Wunderbarster, der Märtyrer Stärke, Jesus, du Sanftester, Freude der Mönche, Jesus, du Allergnädigster, Süßigkeit der Presbyter, Jesus, du Allerbarmherzigster, Enthaltsamkeit der Fastenden, Jesus, du Allerwonnigster, Seligkeit der Gerechten, Jesus, du Allerreinster, Keuschheit der Reinen, Jesus, du Urewiger, der Sünder Rettung, Jesus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!« Er gelangte hier endlich zu einem Hält, indem er mit immer stärkerem Surren den Namen Jesus wiederholte; er hielt mit der Hand den Talar am seidenen Unterfutter zusammen, und sich auf ein Knie niederlassend, verbeugte er sich bis zur Erde. Der Chor aber sang, die letzten Worte wiederholend: »Jesus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.« Die Gefangenen fielen nieder und standen auf, während sie die auf einer Kopfhälfte stehengebliebenen Haare zurückschüttelten und mit den Beinschellen, die ihnen die mageren Beine rieben, rasselten. So ging es sehr lange. Zuerst kamen die Lobpreisungen, die mit den Worten endigen »Erbarme dich meiner«, und dann andere Lobpreisungen, die mit dem Wort »Halleluja« endigten. Die Gefangenen bekreuzten und verneigten sich bei jeder Unterbrechung, dann aber fingen sie an, sich bei jeder zweiten oder gar dritten Pause zu verbeugen, und alle waren sehr froh, als alle Lobpreisungen zu Ende waren, und der Priester, erleichtert seufzend, das Büchlein zuklappte und hinter die Heiligenwand ging. Noch eine letzte Handlung blieb übrig, die darin bestand, daß der Priester vom großen Altartische das dort liegende vergoldete Kreuz mit den Emailmedaillons an den Enden nahm und mit ihm in die Mitte der Kirche trat. Zuerst trat der Inspektor heran und küßte das Kreuz, dann kamen die Aufseher, dann fingen die sich drängenden und flüsternd schimpfenden Gefangenen an, sich zu nähern. Der Priester, der sich dabei mit dem Inspektor unterhielt, schob das Kreuz und seine Hand den zu ihm herankommenden Gefangenen an den Mund, manchmal aber auch gegen die Nase. Die Gefangenen aber bemühten sich, sowohl das Kreuz als auch des Priesters Hand zu küssen. So endete der christliche Gottesdienst, der zur Tröstung und Belehrung der verirrten Brüder abgehalten wird. 40 Und niemandem von den Anwesenden – von dem Priester und dem Inspektor bis zur Maslowa – kam es in den Kopf, daß derselbe Jesus, dessen Namen der Priester so unzählige Male surrend wiederholte, indem er ihn mit allen möglichen seltsamen Worten pries, gerade all das verboten hatte, was hier verrichtet wurde. Daß er nicht nur solchen sinnlosen Wortschwall und die gotteslästerliche Hexerei der Priester mit dem Brot und Wein verboten, sondern auch auf das bestimmteste verboten, daß die einen Menschen die anderen Meister nennen; daß er die Gebete in den Tempeln verboten und jedem befohlen, in der Einsamkeit zu beten; daß er die Tempel selbst verboten, indem er sagte, daß er gekommen sei, sie zu zerstören, und daß man nicht in den Tempeln, sondern im Geist und in der Wahrheit beten solle. Und was die Hauptsache ist, daß er nicht nur verboten, über andere zu richten und sie eingekerkert zu halten, – sie zu quälen, zu beschimpfen, hinzurichten, wie es hier geschah. Sondern daß er jegliche Vergewaltigung der Menschen verboten, indem er sprach, daß er gekommen sei, die Gefangenen in Freiheit zu setzen. Niemandem von den Anwesenden kam es in den Kopf, daß alles, was hier verrichtet wurde, die größte Lästerung und Verhöhnung desselben Jesus sei, in dessen Namen alles dies geschah. Niemandem kam es in den Kopf, daß das vergoldete Kreuz mit den emaillierten Medaillons an den Enden, das der Priester gebracht und den Leuten zum Küssen dargereicht, nichts anderes war, als eine Darstellung desselben Galgens, an welchem Christus gerade dafür hingerichtet wurde, daß er all das verboten hatte, was jetzt hier in seinem Namen verrichtet wurde. Niemandem kam in den Sinn, daß jene Priester, die sich einbilden, unter der Gestalt von Brot und Wein den Leib Christi zu essen und sein Blut zu trinken, wirklich seinen Leib essen und sein Blut trinken, aber nicht in den Brotstückchen und in dem Wein, sondern dadurch, daß sie jene – »die Kleinen«, mit denen Christus sich identifiziert hat – verführen und sie des größten Heils berauben, den größten Qualen unterwerfen, indem sie vor den Leuten jene Heilsverkündigung verbergen, die er ihnen gebracht hat. Der Priester tat alles, was er tat, mit ruhigem Gewissen, weil er von Kindheit an in dem Gedanken erzogen war, daß dies die einzig wahre Religion sei, an welche alle früher lebenden gerechten Leute geglaubt hatten und an die jetzt die gesamte geistliche und weltliche Obrigkeit glaubt. Er glaubte nicht daran, daß aus dem Brot Fleisch würde, daß es der Seele förderlich sei, viele Worte zu machen, oder daß er wirklich ein Stückchen von Gott verzehrt habe; daran kann man nicht glauben, – sondern er glaubte, daß man an diese Religion glauben müsse. Hauptsächlich aber befestigte ihn in diesem Glauben der Umstand, daß er für die Vollziehung gottesdienstlicher Handlungen schon seit achtzehn Jahren die Einkünfte bezog, von denen er seine Familie erhielt, seinen Sohn ins Gymnasium, seine Tochter in die geistliche Schule schickte. Auf dieselbe Weise glaubte auch der Küster, und noch fester als der Priester, weil er das Wesen der Dogmen dieser Religion ganz vergessen hatte und nur wußte, daß es für den Trunk nach dem Abendmahl, für die Hora, für das Gebet zum Gedächtnis der Verstorbenen, für das einfache Tedeum und für das Tedeum mit dem Akathistos, für alles dies einen bestimmten Preis gibt, den alle guten Christen gern bezahlen. Und so schrie er denn sein »barmedichunser! barmedichunser!« und sang und las, was vorgeschrieben war, mit derselben ruhigen Sicherheit, daß dies notwendig sei, mit welcher die Leute Holz, Mehl, Kartoffeln verkaufen. Der Gefängnisdirektor aber und die Aufseher, obgleich auch sie nie wußten und nie in das eindrangen, worin die Dogmen dieser Religion bestehen und was all das bedeutete, was in der Kirche vor sich ging, – glaubten, daß man unfehlbar an diese Religion glauben müsse, weil die höchste Obrigkeit und der Zar selber an sie glaube. Außerdem fühlten sie, wenn auch unklar (sie konnten sich durchaus nicht erklären, wieso das geschah), daß diese Religion ihr grausames Amt rechtfertigte. Wenn diese Religion nicht gewesen wäre, so wäre es ihnen nicht nur schwieriger, sondern vielleicht gar unmöglich gewesen, all ihre Kräfte dazu zu gebrauchen, um Menschen zu quälen, wie sie es jetzt mit vollkommen ruhigem Gewissen taten. Der Inspektor war ein Mensch von so gutem Herzen, daß es ihm ganz unmöglich gewesen wäre, so zu leben, wenn er nicht in dieser Religion eine Stütze gefunden hätte. Und darum stand er unbeweglich, gerade, verbeugte und bekreuzte sich eifrig, bemühte sich, Rührung zu empfinden, als man den Lobgesang der Cherubim anstimmte; als man aber begann, den Kindern das Abendmahl zu reichen, trat er ganz vor und hob eigenhändig einen Knaben in die Höhe, welchem man das Abendmahl reichte, und hielt ihn eine Zeitlang. Die meisten der Gefangenen aber, mit Ausnahme der wenigen, die klar den ganzen Betrug durchschauten, der über die Menschen dieses Glaubens gekommen war, und innerlich darüber lachten, – die meisten glaubten, daß in diesen vergoldeten Heiligenbildern, Kerzen, Kelchen, Meßgewändern, Kreuzen, Wiederholungen der unverständlichen Worte »Jesus, du Süßester« – »barmedichunser«! eine geheimnisvolle Kraft verborgen sei, vermittels deren man sich große Annehmlichkeiten in diesem wie auch im zukünftigen Leben verschaffen könne. Wenn auch die meisten von ihnen schon einige Versuche zur Erlangung von Annehmlichkeiten in diesem Leben mit Hilfe von Gebeten, Tedeums, Kerzen gemacht hatten, ohne sie zu erhalten – ihre Gebete blieben unerhört –, war jeder fest überzeugt, daß dieser Mißerfolg nur zufällig sei, und daß diese von gelehrten Leuten und Metropoliten gutgeheißene Einrichtung eine sehr wichtige Einrichtung und wenn nicht für dieses, so doch für das zukünftige Leben notwendig sei. Dasselbe glaubte auch die Maslowa. Sie empfand, wie die anderen auch, während des Gottesdienstes ein aus Andacht und Langerweile gemischtes Gefühl. Sie stand zuerst in der Mitte des Haufens und konnte niemand sehen außer ihren Gefährtinnen; als aber die Abendmahlskinder vorrückten, rückte auch sie mit Fedosia vor und sah den Inspektor und hinter dem Inspektor, zwischen den Aufsehern, einen Bauern mit hellblondem Bart und blonden Haaren, den Mann der Fedosia, der mit starren Augen seine Frau ansah. Während des Akathistos beschäftigte sich die Maslowa damit, ihn zu betrachten und mit Fedosia zu flüstern, und sie bekreuzte und verneigte sich nur, wenn alle es taten. 41 Nechliudow fuhr früh von Hause fort. Über die Gasse fuhr ein Bauer und schrie mit seltsamer Stimme: »Milch, Milch, Milch!« Am Tage vorher war der erste warme Frühlingsregen gefallen. Überall, wo kein Pflaster war, begann plötzlich das Gras zu grünen; in den Gärten waren die Birken wie mit grünen Daunen überstreut, und Traubenkirschen und Pappeln breiteten ihre langen, duftenden Blätter aus; in den Häusern aber und in den Läden nahm man die Doppelfenster heraus und putzte die Scheiben. Auf dem Trödelmarkt, an dem Nechliudow vorbeikam, wimmelte neben den in einer Reihe gebauten Buden ein dichtgedrängter Haufe Menschen, und zerlumpte Leute mit Stiefeln unter dem Arm und ausgebügelten Hosen und Westen über den Schultern gingen hin und her. Bei den Wirtschaften drängten sich schon die aus ihren Fabriken befreiten Männer in sauberen Kaftanen und glänzenden Stiefeln und Frauen mit grellen, seidenen Tüchern auf dem Kopf und in Mänteln mit Schmelzperlen. Polizisten mit gelben Pistolenschnüren standen auf ihren Plätzen und spähten nach Ruhestörungen aus, welche die sie quälende Langeweile zerstreuen könnten. Auf den Fußsteigen der Boulevards und auf dem grünen, eben erst sich färbenden Rasen spielten Kinder und Hunde umher, und lustige Kinderwärterinnen saßen auf den Bänken und plauderten miteinander. Über die kühlen und feuchten Straßen, die auf der linken Seite noch im Schatten und in der Mitte trocken waren, rasselten auf dem Pflaster unaufhörlich die schwerbeladenen Wagen der Landfuhrleute, dröhnten die Droschken und klingelten die Straßenbahnen. Von allen Seiten zitterte die Luft vom verschiedenartigen Klang und Getön der Glocken, die das Volk herbeiriefen, ebensolchem Gottesdienst beizuwohnen, wie der, der eben im Gefängnis abgehalten war. Und die herausgeputzten Leute gingen alle in die Kirche ihres Kirchspiels. Der Kutscher fuhr Nechliudow nicht bis zum Gefängnis selbst, sondern nur bis zu der Straßenbiegung, die zum Gefängnis führte. Einige Leute, Männer und Frauen, meistens mit Bündelchen, standen dort, wo die Straße zum Gefängnis abbog, etwa hundert Schritte vom Gefängnis entfernt. Rechts befanden sich niedrige hölzerne Bauten, links ein zweistöckiges Haus mit einem Aushängeschild. Das ungeheuer große Gefängnisgebäude selbst lag geradezu; zu ihm ließ man die Besucher nicht heran. Der Wachtposten marschierte mit der Flinte auf und ab, und strenge schrie er diejenigen an, die es versuchten, ihn zu umgehen. Neben dem Pförtchen zu den hölzernen Gebäuden rechter Hand, der Schildwache gegenüber, saß auf einer kleinen Bank der Aufseher in Uniform, mit Tressen und mit einem Notizbuch. Die Besucher traten an ihn heran, nannten die Namen derer, die sie zu sehen wünschten, und er schrieb sie auf. Auch Nechliudow trat heran und nannte Katharina Maslowa. Der Aufseher mit den Tressen schrieb. »Warum wird man noch nicht eingelassen?« fragte Nechliudow. »Die Messe wird abgehalten. Ist die Messe aus, so läßt man ein.« Nechliudow begab sich zu dem Haufen der Wartenden. Aus diesem Haufen löste sich ein Mann in alten Stiefeln mit abgeschnittenen Schäften auf den nackten Füßen, in zerrissener Kleidung und zerbeultem Hut, dessen Gesicht mit roten Streifen bedeckt war und schlug die Richtung nach dem Gefängnis ein. »Wohin strolchst du?« schrie der Soldat mit der Flinte auf ihn ein. »Aber du, was brüllst du so?« antwortete der Zerlumpte, durchaus nicht eingeschüchtert durch den Anruf der Schildwache und kehrte um. »Läßt du mich nicht durch, so wart' ich eben. Aber du schreist ja wie 'n General.« Beifällig lachte man in dem Haufen. Die Besucher waren meist schäbig gekleidete, sogar zerlumpte Leute, aber es waren auch, dem äußeren Aussehen nach, anständige darunter, Männer und Frauen. Neben Nechliudow stand ein gutgekleideter, glattrasierter, beleibter, rotbäckiger Mann mit einem Bündelchen in der Hand, das augenscheinlich Wäsche enthielt. Nechliudow fragte ihn, ob er zum ersten Male hier sei? Der Mann mit dem Bündelchen antwortete, daß er jeden Sonntag hier zu sein pflege, und sie kamen ins Gespräch miteinander. Es war ein Portier aus einer Bank; er kam hierher, um sich nach seinem Bruder, der wegen Urkundenfälschung saß, umzusehen. Dieser gutmütige Mann erzählte Nechliudow seine ganze Geschichte und wollte auch ihn schon ausfragen, als ihre Aufmerksamkeit abgelenkt ward durch einen Studenten mit einer verschleierten Dame, die in einer Gummiräderdroschke mit einem starken, rabenschwarzen Rassepferd angefahren kamen. In den Händen trug der Student ein großes Bündel. Er kam zu Nechliudow und fragte ihn, ob es möglich sei, und wie man es anfangen müsse, um die milden Gaben, die Kalatsche, die er mitgebracht, den Gefangenen zu übergeben. »Ich tue es auf Wunsch meiner Braut. Das ist meine Braut. Ihre Eltern haben uns geraten, dies den Gefangenen zu überbringen.« »Ich selber bin zum erstenmal hier und weiß es nicht, aber ich glaube, daß man diesen Menschen fragen muß«, sagte Nechliudow, indem er auf den Aufseher mit den Tressen zeigte, der mit dem Notizbuche rechts saß. Gerade als Nechliudow mit dem Studenten sprach, tat sich die große eiserne Gefängnistür mit dem Fensterchen in der Mitte auf, und heraus trat ein Offizier in Uniform mit einem anderen Aufseher, und der Aufseher mit dem Buche erklärte, daß jetzt die Zulassung der Besucher beginne. Die Schildwache trat zur Seite, und alle Besucher begaben sich raschen Schrittes, manche sogar im Trab, als ob sie sich zu verspäten fürchteten, zur Gefängnistür. An der Tür stand ein Aufseher, der die Besucher zählte, wie sie an ihm vorbeigingen, indem er laut hersagte: »sechzehn, siebzehn ...« Ein anderer Aufseher, innerhalb des Gebäudes, zählte ebenso die in die nächste Tür Hineingehenden, indem er jeden mit der Hand berührte, damit er später, beim Hinauslassen, wenn er die Anzahl kontrollierte, keinen der Besucher im Gefängnis zurückbleiben und keinen der Gefangenen hinausgehen ließe. Ohne den, der an ihm vorbeiging, anzusehen, schlug dieser Zähler mit der Hand Nechliudow auf den Rücken, und diese Berührung durch die Hand des Aufsehers beleidigte Nechliudow im ersten Augenblick. Aber sogleich erinnerte er sich, weswegen er hierhergekommen, und er schämte sich, daß er sich mißvergnügt und beleidigt fühlte. Der erste Raum hinter der Tür war ein großes gewölbtes Zimmer mit Eisengittern vor den kleinen Fenstern. In diesem Zimmer, das Versammlungszimmer genannt wurde, erblickte Nechliudow ganz unerwartet in einer Nische eine große Darstellung der Kreuzigung. »Wozu ist das?« dachte er, indem er Christi Bildnis unwillkürlich in seiner Vorstellung mit den Erlösten, aber nicht mit den Eingekerkerten in Verbindung brachte. Langsamen Schrittes ging Nechliudow und ließ die hastenden Besucher vorbei, indes er gemischte Gefühle des Grauens vor den Bösewichtern, die hier eingeschlossen waren, des Mitleids mit den Unschuldigen, welche, wie der Knabe von gestern und Katjuscha, hier sein mußten und des Kleinmuts und der Rührung über das ihm bevorstehende Wiedersehen empfand. Beim Ausgang aus dem ersten Zimmer, am anderen Ende desselben, sagte der Aufseher etwas. Aber Nechliudow, in seine Gedanken versunken, schenkte dem keine Aufmerksamkeit und ging weiter in derselben Richtung wie der größere Teil der Besucher, nämlich nach der männlichen Abteilung und nicht nach der weiblichen, wohin er wollte. Weil er die Voraneilenden vorbeiließ, kam er in den für die Besucher bestimmten Raum als Letzter. Das erste, was Nechliudow auffiel, als er die Tür öffnete und diesen Raum betrat, war das betäubende, in ein Getöse zusammenfließende Geschrei von hundert Stimmen, dessen Bedeutung er in der ersten Minute nicht verstehen konnte. Erst als Nechliudow sich den Leuten näherte, die gleich Fliegen, die auf Zucker sitzen, sich an die Gitterwand preßten, die das Zimmer in zwei Teile trennte, begriff er, wie die Sache lag. Das Zimmer, das an der Hinterwand Fenster hatte, war nicht durch ein, sondern durch zwei Drahtgitter, welche von der Decke bis zum Boden reichten, in zwei Teile geteilt. Diese Gitter waren in einem Abstände von etwa drei Arschin gezogen. Zwischen den zwei Gittern gingen Soldaten auf und ab. Jenseits der Gitter befanden sich die Gefangenen, diesseits die Besucher. Zwischen beiden waren also zwei Gitter und drei Arschin Entfernung, so daß es nicht nur unmöglich war, etwas zu übergeben, sondern sogar das Gesicht zu unterscheiden, besonders für kurzsichtige Leute. Schwierig war es auch, sich zu sprechen: man mußte aus allen Kräften schreien, um gehört zu werden. An beiden Seiten Gesichter an die Gitter angepreßt: Frauen, Männer, Väter, Mütter, Kinder, die sich bemühten, einander zu erkennen und zu sagen, was sie sich mitzuteilen hatten. Weil aber jeder sich bemühte, so zu sprechen, daß der andere ihn deutlich hören könnte, und die Nachbarn dasselbe wollten, und ihre Stimmen einander störten, so bemühte sich jeder, den Nachbar zu überschreien. Eben dadurch entstand das Getöse, hie und da von einzelnen Schreien übertönt, das Nechliudow so auffiel, als er in dieses Zimmer eintrat. Es gab keine Möglichkeit, zu unterscheiden, was eigentlich gesprochen wurde. Man konnte nur aus den Gesichtern schließen, was gesprochen wurde und welche Beziehungen zwischen den Sprechenden bestanden. Nechliudow am nächsten stand ein altes Mütterchen im Kopftuche, das sich an das Gitter drückte und, mit dem Unterkiefer zitternd, dem jungen Mann mit dem halbrasierten Kopf etwas zuschrie, der mit aufgezogenen Augenbrauen und stirnrunzelnd ihr aufmerksam zuhorchte. Neben dem alten Mütterchen stand ein junger Mann im Kaftan, der kopfnickend hörte, was ein ihm sehr ähnlich sehender Gefangener mit gequältem Gesicht und angegrautem Bart sagte. Noch etwas ferner stand der Zerlumpte, deutete mit der Hand, schrie etwas und lachte. Neben ihm auf dem Boden aber saß eine Frau in einem schönen wollenen Tuche, mit einem Kind bei sich; sie weinte laut, augenscheinlich weil sie zum ersten Male den grauhaarigen Mann, der jenseits stand, in Gefängniskleidung, mit rasiertem Kopf und Beinschellen erblickte. Über diese Frau hinweg schrie aus allen Kräften der Portier, mit dem Nechliudow gesprochen hatte, einem kahlköpfigen Gefangenen mit glänzenden Augen auf der anderen Seite etwas zu. Als Nechliudow begriff, daß er auch unter solchen Umständen werde sprechen müssen, erhob sich in ihm ein Gefühl der Empörung gegen jene Leute, welche so etwas bestimmen und aufrechterhalten konnten. Er wunderte sich, daß eine solche Grausamkeit, eine solche Verhöhnung der Gefühle anderer Menschen niemanden verletzte. Sowohl die Soldaten wie der Inspektor und die Gefangenen taten alles dies so, als ob sie überzeugt seien, daß es so sein müsse. Nechliudow verbrachte in diesem Zimmer etwa fünf Minuten, während er ein seltsames Gefühl der Beklemmung, des Bewußtseins seiner Ohnmacht und der Entzweiung mit der ganzen Welt empfand; ein moralisches Übelbefinden, dem Schwanken auf dem Schiffe vergleichbar, überwältigte ihn. 42 »Ich muß doch das tun, weswegen ich gekommen bin«, sagte er, sich aufmunternd. »Was mache ich nun?« Er begann mit den Augen die Obrigkeit aufzusuchen, und als er einen nicht hochgewachsenen, mageren Mann mit einem Schnurrbart und mit Offiziersachselschnüren erblickte, der hinter den Leuten hin und her ging, wandte er sich an ihn. »Können Sie mir nicht sagen, mein Herr,« sagte er mit besonders gesuchter Höflichkeit, »wo sind hier die Frauen inhaftiert, und wo werden die Besuche bei ihnen erlaubt?« »Wollen Sie denn in das weibliche Besuchszimmer?« »Ja, ich möchte eine der gefangenen Frauen sehen«, antwortete mit derselben ausgesuchten Höflichkeit Nechliudow. »Das hätten Sie aber sagen müssen, als Sie im Versammlungszimmer waren. Wen wollen Sie denn sehen?« »Ich muß Katharina Maslowa sehen.« »Ist sie eine Politische?« fragte der Unterinspektor. »Nein, sie ist einfach ...« »Was ist sie denn? Schon verurteilt?« »Ja, vorgestern wurde sie verurteilt«, antwortete gehorsam Nechliudow, da er fürchtete, die Stimmung des Inspektors irgendwie zu verderben, der, wie es schien, an ihm Anteil nahm. »Wollen Sie zu den Frauen, dann bitte dorthin«, sagte der Inspektor, der augenscheinlich entschieden hatte, daß Nechliudow der Aufmerksamkeit wert sei. »Sidorow,« wandte er sich an den schnurrbärtigen Unteroffizier mit den Medaillen, »begleite den Herrn hier in das weibliche Besuchszimmer.« »Zu Befehl.« In diesem Augenblick ließ sich an dem Gitter ein herzzerreißendes Weinen hören. Alles war für Nechliudow seltsam, und am seltsamsten war, daß er dem Inspektor und dem Oberaufseher danken und eine Verbindlichkeit gegen sie fühlen mußte, gegen die Leute, die alle die grausamen Taten ausführten, welche in diesem Hause vollbracht werden. Der Aufseher führte Nechliudow aus dem männlichen Besuchszimmer in den Korridor hinaus und sogleich durch eine Tür gegenüber in das weibliche Besuchszimmer hinein. Dies Zimmer war, ebenso wie auch das männliche, durch zwei Gitter in drei Teile geteilt, aber es war bedeutend kleiner, auch weniger Besucher und Gefangene befanden sich darin; aber das Geschrei und Getöse war dort ebenso groß wie in dem männlichen Besuchszimmer. Ebenso ging zwischen den Gittern die Obrigkeit hin und her. Die Obrigkeit repräsentierte hier eine Aufseherin in Uniform mit Tressen auf den Ärmeln, mit blauen Litzen und einem ebensolchen Gürtel. Auch drückten sich, ebenso wie in dem männlichen Besuchszimmer, die Menschen von beiden Seiten an die Gitter an: von dieser Seite – Stadtbewohner in verschiedenartiger Kleidung, von jener Seite – die Gefangenen, einige in weißen, einige in eigenen Kleidern. Das ganze Gitter war von den Leuten umstellt. Die einen stellten sich auf die Fußspitzen, um über die Köpfe der anderen hin hörbar zu sein; andere saßen auf dem Boden und sprachen miteinander. Am auffallendsten von allen weiblichen Gefangenen wirkte, sowohl durch ihr absonderliches Geschrei als durch ihr Aussehen, eine zerzauste, magere Zigeunerin mit dem von den krausen Haaren auf die Seite gerutschten Kopftuch, die fast in der Mitte des Zimmers, jenseits des Gitters, an einem Pfeiler stand und mit raschen Gesten einem tief und straff gegürteten Zigeuner in einem blauen Rock etwas zuschrie. Neben dem Zigeuner hockte auf dem Boden ein Soldat, der mit einer Gefangenen sprach; ferner stand da, sich an das Gitter drängend, ein junger Bauer in Bastschuhen, mit kleinem, hellen Bart und rotem Gesicht, der augenscheinlich mit Mühe die Tränen zurückhielt. Mit ihm sprach eine hübsche, blonde Gefangene, die mit ihren hellen, blauen Augen den Besucher ansah. Das war Fedosia und ihr Mann. Neben ihm stand ein zerlumpter Mensch und sprach mit einer zerzausten Frau mit breitem Gesicht; dann zwei Frauen, ein Mann, wieder eine Frau, – jedem gegenüber stand eine Gefangene. Zwischen denselben befand sich die Maslowa nicht, aber hinter ihnen stand noch eine Frau, und Nechliudow begriff sogleich, daß sie es war; er fühlte sogleich, wie sein Herz anfing heftig zu schlagen, und der Atem ihm versagte. Die entscheidende Minute nahte. Er trat an das Gitter und erkannte sie. Sie stand hinter der blauäugigen Fedosia und hörte lächelnd zu, was jene sprach. Sie war nicht in dem Gefängniskaftan, wie vorgestern, sondern in einer stark mit dem Gürtel zusammengezogenen, weißen Jacke, die sich auf der Brust hoch erhob. Unter dem Halstuch waren, wie auf dem Gericht, die krausen schwarzen Haare zu sehen. »Gleich wird es sich entscheiden«, dachte er. »Wie soll ich sie rufen? Oder wie wird sie selber herankommen?« Aber sie kam nicht von selber heran. Sie wartete auf Klara und dachte gar nicht, daß dieser Herr zu ihr gekommen sei. »Zu wem wollen Sie denn?« fragte die Aufseherin, die zwischen den Besuchern hin und her ging, sich Nechliudow nähernd. »Katharina Maslowa«, konnte Nechliudow kaum hervorbringen. »Maslowa, – zu dir«, rief die Aufseherin. Die Maslowa blickte sich um, und den Kopf hebend und die Brust herausdrückend, trat sie mit dem ihm schon bekannten Ausdruck der Bereitwilligkeit an das Gitter. Sie drängte sich zwischen zwei anderen Gefangenen durch und heftete die Blicke verwundert fragend auf Nechliudow, ohne ihn zu erkennen. Da sie ihn aber seiner Kleidung nach für einen reichen Mann halten mußte, so lächelte sie. »Kommen Sie zu mir?« sagte sie, ihr lächelndes Gesicht mit den schielenden Augen dem Gitter nähernd. »Ich wollte ...« Nechliudow wußte nicht, wie er sagen solle: ob Sie oder du, und er entschloß sich, »Sie« zu sagen. Er sprach nicht lauter als gewöhnlich. »Ich wollte Sie sehen ... ich ...« »Du brauchst mir nicht das Zahnweh zu besprechen«, schrie neben ihm der zerlumpte Mann. »Hast du's genommen oder nicht?« »Du hörst ja, sie stirbt, was willst du noch?« schrie jemand von der anderen Seite. Die Maslowa konnte nicht deutlich hören, was Nechliudow sagte; aber der Ausdruck seines Gesichtes, während er sprach, kam ihr plötzlich bekannt vor. Aber sie traute ihren Augen nicht. Dennoch erstarb das Lächeln auf ihrem Gesicht, und auf der Stirn bildeten sich Leidensfalten. »Ich kann nicht verstehen, was Sie sagen«, rief sie, die Augenlider zusammendrückend und mehr und mehr die Stirn runzelnd. »Ich bin gekommen ...« »Ja, ich tue, was ich muß, – ich beichte«, dachte Nechliudow. Und kaum hatte er das gedacht, so traten ihm die Tränen in die Augen, es schnürte ihm den Hals zu, und er verstummte, während er sich mit den Fingern am Gitter anhakte und sich bemühte, nicht laut aufzuweinen. »Ich sag', warum tust du, was sich nicht gehört«, schrie jemand auf der einen Seite. »Glaube du Gott, ich weiß von nichts«, schrie die Gefangene auf der anderen Seite. Als die Maslowa seine Aufregung gewahrte, erkannte sie ihn. »Es ist eine Ähnlichkeit, aber ich erkenne Sie nicht«, rief sie, ohne ihn anzusehen, und ihr plötzlich errötetes Gesicht wurde noch finsterer. »Ich bin gekommen, dich um Verzeihung zu bitten«, rief er mit lauter Stimme, ohne Intonationen, wie eine auswendig gelernte Lektion. Nachdem er diese Worte ausgerufen, wurde er befangen, und er sah sich um. Aber sogleich kam ihm der Gedanke, wenn er sich beschämt fühle, so sei es um so besser, weil er ja die Schande ertragen müsse, und er fuhr laut zu sprechen fort: »Verzeih mir, ich habe furchtbar schlecht gehandelt ...« schrie er noch einmal hinaus. Sie stand unbeweglich und ließ den schiefen Blick nicht von ihm. Er konnte nicht weitersprechen und ging von dem Gitter fort, indem er sich bemühte, das seine Brust erschütternde Schluchzen zurückzuhalten. Der Inspektor, derselbe, der Nechliudow in die weibliche Abteilung gewiesen hatte und der sich anscheinend für ihn interessierte, kam in diese Abteilung, und als er Nechliudow nicht an dem Gitter sah, fragte er ihn, warum er nicht mit der Person spreche, mit der er doch sprechen wollte. Nechliudow wischte sich die Nase, und sich aufrüttelnd und bemüht ruhig auszusehen, antwortete er: »Ich kann nicht durch die Gitter sprechen; man hört nichts.« Wieder überlegte der Inspektor. »Nun schön, man kann sie für eine Zeitlang heraus- und hierherführen.« »Maria Karlowna!« wandte er sich an die Aufseherin. »Führen Sie die Maslowa heraus.« 43 Nach einer Minute kam die Maslowa aus einer Seitentür. Mit weichen Schritten dicht an Nechliudow herantretend, blieb sie stehen und sah ihn schief an. Die schwarzen Haare drängten sich, wie vorgestern, in krausen Ringelchen; das Gesicht, ungesund, voll und weiß, war anziehend und vollkommen ruhig; nur die blanken, schwarzen, schiefen Augen glänzten ungewöhnlich unter den etwas angeschwollenen Lidern hervor. »Sie dürfen hier sprechen«, sagte der Inspektor und entfernte sich. Nechliudow näherte sich der Bank an der Wand. Die Maslowa blickte fragend den Unterinspektor an, und dann, wie achselzuckend vor Erstaunen, folgte sie Nechliudow zur Bank und setzte sich dort neben ihn, indem sie ihren Rock ordnete. »Ich weiß, daß es Ihnen schwer werden muß, mir zu verzeihen,« fing Nechliudow an, blieb aber wieder stecken, da er fühlte, daß die Tränen ihn hinderten, »aber wenn es auch unmöglich ist, das Vergangene wieder gutzumachen, so werde ich doch jetzt alles tun, was ich kann. Sagen Sie ...« »Wie haben Sie mich denn gefunden?« fragte sie, ohne auf seine Frage zu antworten, indem sie ihn mit ihren schielenden Augen ansah und zugleich nicht ansah. »Mein Gott! Hilf mir! Lehre mich, was ich tun soll«, sprach Nechliudow zu sich selbst, während er auf ihr jetzt so verändertes Gesicht sah. »Ich war vorgestern Geschworener,« sagte er, »als man über Sie zu Gericht saß. Haben Sie mich nicht erkannt?« »Nein, ich habe Sie nicht erkannt: ich hatte keine Zeit, jemand zu erkennen. Aber ich habe auch nicht hingesehen«, sagte sie. »Sie haben doch ein Kind gehabt?« fragte er und fühlte, wie sein Gesicht rot wurde. »Das ist damals, gottlob, gleich gestorben«, versetzte sie kurz und boshaft, den Blick von ihm abwendend. »Wieso? Woran denn?« »Ich war selber krank, bin fast gestorben«, sagte sie, ohne die Augen zu erheben. »Wieso aber haben die Tanten Sie gehen lassen?« »Wer wird denn ein Zimmermädchen mit einem Kinde behalten? Sowie sie es bemerkten, jagten sie mich fort. Aber was hilft es, darüber zu reden, ich erinnere mich an nichts; das alles ist vergessen. All das ist zu Ende.« »Nein, nicht zu Ende. Ich kann das nicht so lassen. Wenigstens jetzt will ich meine Schuld sühnen!« »Es ist nichts zu sühnen; was gewesen, ist gewesen und aus«, sagte sie, und was er durchaus nicht erwartete – sie blickte ihn plötzlich an und lächelte unangenehm verlockend und kläglich. Die Maslowa hätte nie erwartet, ihn zu sehen, besonders nicht jetzt und hier, und darum überraschte sie im ersten Augenblick sein Erscheinen und veranlaßte sie, dessen zu gedenken, dessen sie nie gedachte. ... In der ersten Minute erinnerte sie sich unklar an jene neue wunderbare Welt der Gefühle und Gedanken, welche ihr von dem reizenden Jüngling, der sie liebte und der von ihr geliebt wurde, eröffnet worden war; dann an seine unbegreifliche Grausamkeit und an die ganze Reihe von Erniedrigungen und Leiden, die auf jenes zauberhafte Glück und aus ihm folgten. Und ihr war es weh zumute. Aber da sie nicht imstande war, sich damit abzufinden, so handelte sie auch jetzt, wie sie immer gehandelt; sie scheuchte diese Erinnerungen von sich und versuchte sie mit dem besonderen Nebel eines schlechten Lebenswandels zu verdecken; so auch jetzt. Im ersten Augenblicke identifizierte sie den jetzt vor ihr sitzenden Mann mit jenem Jüngling, den sie ehemals geliebt hatte, aber dann, als sie sah, daß ihr zu weh dabei wurde, hörte sie auf, ihn mit jenem zu identifizieren. Jetzt war dieser feingekleidete, wohlgepflegte Herr mit dem parfümierten Bart für sie nicht jener Nechliudow, den sie geliebt hatte, sondern nur einer jener Leute, die sich solcher Wesen, wie sie war, bedienten, wenn sie sie nötig hatten und die von solchen Wesen, wie sie, möglichst vorteilhaft ausgenutzt werden mußten, und darum lächelte sie ihm verlockend zu. Sie schwieg eine Zeitlang, indem sie überlegte, wie sie ihn sich zunutze machen könnte. »All das ist zu Ende«, sagte sie. »Jetzt hat man mich also zu Zwangsarbeit verurteilt«, und ihre Lippen erzitterten, als sie dieses schreckliche Wort aussprach. »Ich wußte, ich war überzeugt, daß Sie unschuldig sind«, sagte Nechliudow. »Gewiß bin ich unschuldig. Ich bin keine Diebin oder Räuberin! – Die anderen sagen, alles hinge vom Advokaten ab«, fuhr sie fort, »Sie sagen, man müßte eine Bittschrift einreichen. Nur kostet das sehr viel, sagen sie ...« »Ja, jedenfalls«, sagte Nechliudow. »Ich habe mich schon an den Advokaten gewendet.« »Man darf das Geld dabei nicht sparen. Man muß einen guten nehmen«, sagte sie. »Ich werde alles tun, was möglich ist.« Es trat Schweigen ein. Sie lächelte wieder ebenso. »Aber ich möchte Sie bitten ... Könnten Sie mir wohl etwas Geld geben. Ein wenig ... zehn Rubel. Mehr brauch ich nicht«, sagte sie plötzlich. »Ja, ja«, fing Nechliudow verlegen an und faßte nach der Geldtasche. Sie blickte rasch auf den Inspektor, der in dem Raum hin und her ging. »In seiner Gegenwart geben Sie es lieber nicht, sonst nimmt man mir's weg.« Nechliudow holte die Geldtasche hervor, sobald der Inspektor sich abgewandt hatte, aber er hatte ihr den Zehnrubelschein noch nicht geben können, als der Inspektor ihnen sein Gesicht zukehrte. Er drückte den Schein in der Hand zusammen. »Sie ist ja eine tote Frau«, dachte Nechliudow, indem er auf dieses einst so liebe, jetzt entweihte, gedunsene Gesicht, auf den flimmernden, unguten Glanz der schwarzen schielenden Augen blickte, die zugleich den Inspektor und seine Hand, welche den Schein zusammendrückte, aufmerksam beobachtete. Und es kam ihm eine Minute des Schwankens. Wieder fing jener Versucher, der gestern nachts gesprochen, in Nechliudows Seele zu reden an, sich wie immer bemühend, ihn von den Fragen, was man tun müsse, zu den Fragen, was sich aus seinen Handlungen ergeben könne, was nützlich sei, abzuleiten. »Nichts wirst du mit dieser Frau anfangen können,« sprach diese Stimme, »du wirst dir nur einen Stein an den Hals hängen, der dich ertränken und hindern wird, anderen nützlich zu sein. Soll ich ihr Geld geben, alles, was ich habe? Ihr Lebewohl sagen und allem auf immer ein Ende machen?« überlegte er. Aber sogleich fühlte er, daß jetzt, in diesem Augenblicke, in seiner Seele etwas – das Wichtigste – geschehe, daß sein inneres Leben sich in dieser Minute gleichsam auf einer schwankenden Wage befinde, die durch den kleinsten Druck auf diese oder jene Seite geneigt werden könne. Und er machte diese Anstrengung, indem er jenen Gott anrief, welchen er gestern in seiner Seele empfunden hatte, und dieser Gott ließ sich in ihm sogleich hören; er entschloß sich, ihr sofort alles zu sagen. »Katjuscha! Ich bin zu dir gekommen, um dich um Verzeihung zu bitten, aber du hast mir nicht geantwortet, ob du mir verziehen hast, ob du mir jemals verzeihen wirst«, sagte er, plötzlich zum »Du« übergehend. Sie hörte nicht zu, sondern sah bald auf seine Hand, bald auf den Inspektor. Als der Inspektor sich abwandte, streckte sie rasch die Hand aus, ergriff den Schein und steckte ihn in den Gürtel. »Sonderbar, was Sie sagen«, sagte sie, verächtlich dabei lächelnd, wie es ihm schien. Nechliudow fühlte, daß in ihr etwas lag, was ihm geradezu feindlich war, und daß dieses feindliche Etwas ihm wehrte, zu ihrem Herzen zu dringen. Aber – wie wunderbar – das stieß ihn nicht nur nicht ab, sondern zog ihn mit neuer, besonderer Kraft noch mehr zu ihr hin. Er fühlte, daß er sie geistig erwecken müsse, daß es furchtbar schwierig sei; aber gerade die Schwierigkeit dieser Aufgabe reizte ihn. Er empfand jetzt für sie ein Gefühl, wie er es früher nie, weder für sie noch für jemand anderes empfunden hatte, in welchem nichts Persönliches war: er wünschte von ihr nichts für sich, er wünschte nur, daß sie aufhöre so zu sein, wie sie jetzt war, – daß sie aufwache und wieder die werde, die sie früher gewesen. »Katjuscha, warum sprichst du so? Ich kenne dich doch, ich erinnere mich, wie du damals in Panowo warst ...« Aber sie ergab sich nicht, wollte sich nicht ergeben. »Wozu die alten Geschichten aufwärmen«, sagte sie trocken. »Ich denke nur daran, meine Sünde wieder gutzumachen, zu sühnen, Katjuscha«, fing er an und wollte schon davon reden, daß er sie heiraten werde, aber er traf ihren Blick und las darin etwas Schreckliches und Grobes, Abstoßendes, daß er nicht zu Ende sprechen konnte. Schon fingen die Besucher an, sich zu entfernen. Der Inspektor näherte sich Nechliudow und sagte, daß die Besuchszeit zu Ende sei. Die Maslowa stand auf und wartete gehorsam, daß man sie entlasse. »Leben Sie wohl, ich habe Ihnen noch vieles zu sagen, aber, wie Sie sehen, ist das jetzt unmöglich«, sagte Nechliudow und reichte ihr die Hand. »Ich komme wieder.« »Mir scheint, Sie haben schon alles gesagt ...« Sie gab ihm die Hand, drückte sie aber nicht. »Nein, ich werde mich bemühen, Sie wiederzusehen, so daß wir uns richtig aussprechen können. Dann sage ich Ihnen etwas sehr Wichtiges, das gesagt werden muß«, sagte Nechliudow. »Warum nicht? Kommen Sie«, sagte sie und lächelte ihm mit jenem Lächeln zu, mit welchem sie den Männern zulächelte, denen sie gefallen wollte. »Sie stehen mir näher als eine Schwester«, sagte Nechliudow. »Sonderbar«, wiederholte sie und ging, den Kopf schüttelnd, hinter das Gitter. 44 Nechliudow hatte erwartet, daß Katjuscha bei der ersten Zusammenkunft, nachdem sie ihn gesehen und seine Absicht, ihr zu dienen und seine Reue erkannt, sich freuen und gerührt sein und wieder die alte Katjuscha werden würde. Aber zu seinem Entsetzen sah er, daß es keine Katjuscha, sondern nur eine Maslowa gab. Das wunderte und entsetzte ihn. Hauptsächlich wunderte es ihn, daß die Maslowa sich nicht nur ihrer Lage nicht schämte – nicht der Lage als einer Strafgefangenen – deren schämte sie sich – aber ihrer Lage als Prostituierte – es schien vielmehr, als ob sie damit zufrieden, ja fast stolz darauf wäre. Übrigens konnte es auch gar nicht anders sein. Jeder Mensch muß, um handeln zu können, seine Tätigkeit für wichtig und gut halten. Sei daher die Lage des Menschen, wie immer sie wolle – stets wird er sich eine Ansicht über das menschliche Leben überhaupt bilden, die ihm seine Tätigkeit als wichtig und gut erscheinen läßt. Man glaubt gewöhnlich, daß der Dieb, der Mörder, der Spion, die Prostituierte, indem sie ihren Beruf als schlecht erkennen, sich seiner schämen müssen. Aber gerade das Gegenteil davon trifft zu. Menschen, welche durch das Schicksal und durch ihre Sünden und Fehler in eine gewisse Lage geraten sind, sei sie auch noch so schief, bilden sich auch in dieser Lage eine allgemeine Ansicht vom Leben, die ihnen ihre Lage als gut und ehrbar erscheinen läßt. Um aber solche Ansicht aufrechtzuerhalten, halten sich die Leute instinktiv an jenen menschlichen Kreis, wo der von ihnen gebildete Begriff vom Leben und von ihrem Platz darin anerkannt wird. Wir verwundern uns, wenn es sich um Diebe handelt, die mit ihrer Gewandtheit, um Prostituierte, die mit ihrer Liederlichkeit, um Mörder, die mit ihrer Grausamkeit prahlen. Aber es verwundert uns nur deshalb, weil der Kreis, die Atmosphäre dieser Leute beschränkt ist, und hauptsächlich, weil wir uns außerhalb desselben befinden. Aber haben wir nicht dieselbe Erscheinung bei den Reichen, die mit ihrem Reichtum, das heißt mit ihrem Raube, prahlen? Bei Feldherren, die mit ihren Siegen, das heißt mit ihren Mordtaten, prahlen? Bei Herrschern, die mit ihrer Macht, das heißt mit ihrer Gewalttätigkeit, prahlen? Nur deshalb sehen wir bei diesen Menschen über die Verdrehung ihrer Begriffe vom Leben, vom Guten und Bösen nicht klar, weil der Kreis der Leute mit solchen verkehrten Begriffen größer ist, und weil wir selbst zu ihm gehören. Und eine gleiche Ansicht über ihr Leben und ihren Platz in der Welt hatte sich die Maslowa gebildet. Sie war eine zu Zwangsarbeit verurteilte Prostituierte, und dessenungeachtet hatte sie sich eine Weltanschauung zurechtgelegt, die ihr erlaubte, sich für gut zu halten und sogar auf ihre Stellung unter den Leuten stolz zu sein. Diese Weltanschauung bestand darin, daß das Hauptglück aller Männer, aller ohne Ausnahme, der alten und jungen, der Gymnasiasten und Generale, der Gebildeten und der Ungebildeten im Geschlechtsverkehr mit anziehenden Frauen bestehe, und daß daher alle Männer, obgleich sie sich anstellen, als wären sie mit anderen Dingen beschäftigt, im Grunde nur dies allein begehren. Sie aber – eine anziehende Frau – kann dies Begehren befriedigen oder nicht befriedigen, und daher ist sie eine wichtige und notwendige Person. Ihr ganzes früheres und jetziges Leben war eine Bestätigung der Richtigkeit dieser Ansicht. Im Verlauf von zehn Jahren hatte sie überall, wo sie gewesen war, gesehen, daß alle Männer, mit Nechliudow und dem alten Stanowoj angefangen, bis zu den Gefängnisaufsehern, ihrer bedurften; jene Männer, die ihrer nicht bedurften, sah und bemerkte sie nicht. Und darum erschien ihr die ganze Welt wie eine Versammlung von Begierden beherrschter Menschen, die von allen Seiten auf sie lauerten und sich mit allen möglichen Mitteln – durch Betrug, Gewalt, Kauf und List – ihrer zu bemächtigen suchten. So verstand die Maslowa das Leben, und bei dieser Lebensanschauung war sie nicht nur nicht die letzte, sondern eine sehr wichtige Person. Und die Maslowa hielt diese Lebensanschauung mehr als alles in der Welt wert; sie konnte nicht umhin, sie wertzuhalten, denn wenn sie diese Lebensauffassung änderte, so verlor sie jene Bedeutung, welche ihr diese Ansicht unter den Menschen verlieh. Und um ihre Bedeutung im Leben nicht zu verlieren, hängte sie sich instinktiv an jenen Menschenkreis, der das Leben so wie sie betrachtete. Da sie aber witterte, daß Nechliudow sie in eine andere Welt hinausführen wollte, widerstrebte sie ihm, weil sie voraussah, daß sie in jener Welt, in die er sie hinauszog, diese ihre Stellung im Leben verlieren müsse, die ihr Sicherheit und Selbstachtung verlieh. Aus demselben Grunde scheuchte sie auch die Erinnerungen an die erste Jugend und die ersten Beziehungen zu Nechliudow von sich. Diese Erinnerungen stimmten mit ihrer jetzigen Weltanschauung nicht überein und waren daher aus ihrem Gedächtnis vollständig weggestrichen, oder lagen vielmehr in ihrem Gedächtnis unangetastet aufbewahrt, aber sie waren so verschlossen, eingekittet, wie die Bienen die Nester schädlicher Larven, welche die ganze Bienenarbeit zugrunde richten können, verkitten, damit kein Zugang zu ihnen bleibt. Und so war der jetzige Nechliudow für sie nicht jener Mann, welchen sie einst mit reiner Liebe geliebt hatte, sondern nur ein reicher Herr, von dem man Nutzen ziehen konnte und mußte, und zu welchem nur ebensolche Beziehungen wie zu allen anderen Männern möglich sein konnten. »Nein, die Hauptsache konnte ich ihr nicht sagen«, dachte Nechliudow, indem er mit den übrigen sich zum Ausgang begab. »Ich habe ihr nicht gesagt, daß ich sie heiraten will. Ich hab' es nicht gesagt, aber ich tu' es«, dachte er. Die an den Türen stehenden Aufseher zählten beim Hinauslassen abermals zweihändig die Besucher, damit kein Überzähliger weggehe und keiner im Gefängnis bleibe. Daß man Nechliudow jetzt auf den Rücken schlug, beleidigte ihn nicht nur nicht, sondern er merkte dies nicht einmal. 45 Nechliudow wollte sein äußeres Leben ändern, die große Wohnung aufgeben, die Dienstboten entlassen und in ein Hotel ziehen. Aber Agrafena Petrowna bewies ihm, daß es keinen Sinn habe, vor dem Winter etwas in seiner Lebensweise zu ändern: im Sommer würde niemand die Wohnung nehmen, und irgendwo wohnen und die Möbel und Sachen irgendwo lassen müßte man doch. So daß alle Bemühungen Nechliudows, seine ganze Lebensweise zu ändern (er wünschte sich einfach studentisch einzurichten), zu nichts führten. Nicht genug damit, daß alles beim alten blieb, – es begann im Hause eine verstärkte Tätigkeit: Woll- und Pelzsachen wurden gelüftet, aufgehängt und ausgeklopft, woran sowohl der Hausknecht und sein Bursche, als auch die Köchin und Kornej selber teilnahmen. Zuerst wurden allerhand Uniformen und seltsame Pelzsachen hinausgebracht, die nie jemand brauchte, und über Leinen gehängt; dann begann man Teppiche und Möbel hinauszutragen, und der Hausknecht und der Bursche krempelten die Ärmel über die muskulösen Arme hinauf und klopften eifrig im Takt die Sachen aus, und in allen Zimmern verbreitete sich ein Naphthalingeruch. Wenn Nechliudow über den Hof ging, oder aus dem Fenster sah, so wunderte er sich, wie schrecklich viel Kram vorhanden war und wie unzweifelhaft nutzlos all dies war. Die einzige Verwendung und Bestimmung dieser Sachen, dachte Nechliudow, bestand darin, Agrafena Petrowna, Kornej, dem Hausknecht, seinem Burschen und der Köchin Gelegenheit zu gymnastischen Übungen zu geben. »Es lohnt sich nicht, die Lebensweise jetzt zu ändern, solange die Sache der Maslowa nicht entschieden ist«, dachte Nechliudow. »Es ist ja auch zu schwer. Sowieso wird sich von selbst alles ändern, wenn man sie freiläßt oder verschickt und ich ihr nachreise.« An dem vom Advokaten Fanarin bestimmten Tage fuhr Nechliudow zu ihm. Er betrat seine prachtvolle, in dem ihm gehörigen Hause gelegene Wohnung, mit riesigen Gewächsen und wunderbaren Vorhängen vor den Fenstern, und überhaupt mit jener teuren, von unsinnigem, das heißt mühelos erhaltenem Gelde zeugenden Ausstattung, die nur bei unerwartet reich gewordenen Leuten vorhanden zu sein pflegt. Im Wartezimmer fand Nechliudow harrende Besucher, die, wie beim Arzt, trübselig an Tischen mit illustrierten Zeitschriften saßen. Der Bureauvorsteher des Advokaten, welcher ebenda an einem hohen Pult saß, erkannte Nechliudow, trat zu ihm, begrüßte ihn und sagte, daß er ihn sogleich dem Prinzipal melden werde. Aber der Bureauvorsteher hatte sich noch nicht der Tür zum Arbeitszimmer genähert, als diese aufging und sich laute, lebhafte Stimmen hören ließen, – die eines nicht jungen, stämmigen Mannes mit rotem Gesicht und dichtem Schnurrbart, in ganz neuem Anzüge, und Fanarins eigene Stimme, – auf beiden Gesichtern lag jener Ausdruck, der auf den Gesichtern von Menschen zu sein pflegt, die eben ein vorteilhaftes, aber nicht ganz sauberes Geschäft gemacht haben. »Sie sind selber schuld, Väterchen«, sprach lächelnd Fanarin. »Ich möchte gern ins Paradies kommen, wenn nur die Sünden nicht wären.« »Na, na, wir wissen schon.« Und beide lachten geziert. »Ach Sie sind es, Fürst, ich bitte«, sagte Fanarin, als er Nechliudow sah, und nachdem er noch einmal dem sich entfernenden Kaufmann zugenickt, führte er Nechliudow in sein in strengem Stil ausgestattetes Arbeitszimmer. »Rauchen Sie?« fragte der Advokat, indem er sich Nechliudow gegenübersetzte und ein Lächeln über den Erfolg des vorangegangenen Geschäftes zu unterdrücken suchte. »Danke. Ich komme wegen des Prozesses der Maslowa.« »Ja, ja, sogleich. Oh, was für Schelme sind diese dicken Geldsäcke«, sagte er. »Haben Sie den Burschen eben gesehen? Er hat zwölf Millionen Kapital und redet von seinen Sünden! Aber wenn er Ihnen fünfundzwanzig Rubel entreißen kann, so packt er mit den Zähnen zu.« »Er redet von Sünden und du sagst: wenn er Ihnen fünfundzwanzig Rubel entreißen kann«, dachte inzwischen Nechliudow, der eine unwiderstehliche Abneigung gegen diesen ungezwungenen Menschen fühlte, der durch seinen Ton zeigen wollte, daß er mit ihm, mit Nechliudow, in ein und dasselbe Lager gehöre; daß aber seine Klienten und alle übrigen Leute aus einem anderen, ihnen fremden Lager seien. »Er hat mich sehr gequält, ein schrecklicher Taugenichts! Ich wollte nur mein Herz erleichtern«, sagte der Advokat, sich gleichsam rechtfertigend, daß er nicht zur Sache gesprochen. »Nun gut, jetzt Ihre Sache. Ich habe sie aufmerksam durchgesehen und habe den Inhalt derselben nicht gebilligt, wie es bei Turgenew heißt: ich meine, der Kerl von Advokat taugte nichts und hat sich alle Anlässe zur Kassation entgehen lassen.« »Also, was haben Sie beschlossen?« »Sofort. Sagen Sie ihm,« wandte er sich an den hereintretenden Bureauvorsteher, »daß es so bleibt, wie ich gesagt habe; kann er, gut; kann er nicht, so ist's nicht nötig.« »Er ist aber nicht einverstanden.« »Nun, dann ist es mir auch gleich«, sagte der Advokat, und sein bis dahin vergnügtes und joviales Gesicht wurde finster und böse. »Und da sagen die Leute noch, die Advokaten kriegten ihr Geld umsonst«, sagte er, indem er den früheren angenehmen Ausdruck auf sein Gesicht zurückrief. »Ich habe einen zahlungsunfähigen Schuldner von einer vollkommen unrichtigen Anklage erlöst, und jetzt werde ich von ihnen allen überlaufen. Und jeder solcher Prozeß kostet ungeheure Mühe. Wir lassen ja auch, wie irgendein Schriftsteller sagt, im Tintenfaß ein Stückchen Fleisch zurück. Nun, also Ihre Sache, oder vielmehr die Sache, die Sie interessiert, wurde scheußlich geführt,« fuhr er fort, »es gibt keine triftigen Gründe zur Kassation, aber dennoch könnte man den Versuch machen, und ich habe Ihnen hier etwas aufgesetzt.« Er nahm einen Bogen beschriebenen Papiers und rasch einige nicht weiter interessante formale Wendungen verschluckend und andere besonders eindringlich betonend, fing er an zu lesen: »An das Kassationsdepartement des Kriminalgerichtes und so weiter, Beschwerde soundso ... Durch Entscheidung des ... stattgefundenen Verdikts ... wurde die ... Maslowa der Tötung des Kaufmanns Smelkow durch Vergiftung schuldig erkannt und auf Grund von Art. 1454 des Strafgesetzbuches zu ... Zwangsarbeit verurteilt ...« Er machte eine Pause; trotz der langen Gewohnheit hörte er dennoch augenscheinlich sein Produkt mit Vergnügen an. »Dieser Spruch erscheint als das Resultat von so wichtigen Rechtsverletzungen und Formfehlern im prozessualischen Verfahren,« fuhr er eindringlich fort, daß er der Kassation unterliegt. Erstens: die Verlesung der Akten über den Eingeweidebefund des Smelkow wurde während der Verhandlung gleich im Anfange vom Vorsitzenden unterbrochen. – Eins!« »Aber es war ja der Ankläger, der diese Verlesung verlangte«, sagte Nechliudow verwundert. »Das ist einerlei, die Verteidigung konnte Gründe haben, sie zu verlangen.« »Aber das hatte ja erst recht keinen Zweck.« »Dennoch – es ist ein Grund. Weiter! Zweitens: der Verteidiger der Maslowa«, fuhr er zu lesen fort, »wurde vom Vorsitzenden während seiner Rede unterbrochen mit der Begründung, daß die Worte des Verteidigers angeblich nicht zur Sache gehörten, als er auf die inneren Gründe ihres Falles einging, indem er die Persönlichkeit der Maslowa näher charakterisieren wollte. Indessen aber ist vom Senat vielfältig darauf hingewiesen worden, daß die Beleuchtung des Charakters und überhaupt der sittlichen Physiognomie des Angeklagten eine hervorragende Bedeutung hat, zum Beispiel für die richtige Entscheidung der Frage nach der Zurechnungsfähigkeit. – Zwei!« sagte er und blickte Nechliudow an. »Ja, aber er sprach ja sehr schlecht, so daß man nichts verstehen konnte«, sagte Nechliudow noch verwunderter. »Ein ganz dummer Bursche; konnte selbstverständlich nichts Ordentliches sagen,« sagte lächelnd Fanarin, »aber dennoch ein Grund. Nun, denn: drittens. In seinem Schlußwort erklärte der Vorsitzende, trotz der kategorischen Forderung von Paragraph I, Art. 801, Reglement des Kriminalverfahrens, den Geschworenen nicht, aus welchen juristischen Elementen sich der Begriff der Schuld zusammensetzt, und er sagte ihnen nicht, daß sie das Recht hatten, die Tatsache des Gifteingebens als bewiesen zuzugestehen und dabei diese Handlung ihr nicht als Schuld zuzurechnen, da bei ihr die Absicht zu töten fehlte, und daß die Geschworenen auf diese Weise im Recht gewesen wären, sie nicht eines Kriminalverbrechens, sondern nur eines Vergehens aus Fahrlässigkeit schuldig zu erklären, die das für die Maslowa unerwartete Resultat von Smelkows Tode zur Folge hatte. Das ist die Hauptsache.« »Aber das hätten wir ja selber einsehen können; das ist doch unser Fehler.« »Und endlich – viertens«, fuhr der Advokat fort, »die Antwort auf die Frage des Gerichts über die Schuld der Maslowa wurde von den Geschworenen in einer Form abgegeben, die in sich einen offenbaren Widerspruch enthielt. Die Maslowa war wegen vorsätzlicher Vergiftung Smelkows aus ausschließlich habsüchtigen Beweggründen angeklagt, die als einziges Motiv der Tötung erschienen. Die Geschworenen aber verneinten in ihrer Antwort die Absicht des Raubes und die Teilnahme der Maslowa an der Entwendung der Wertsachen; daraus ist ersichtlich, daß die Geschworenen im Auge hatten, auch die Absicht der Angeklagten, zu töten, zu verneinen, und sie haben dies nur aus einem Mißverständnis, das durch die Unvollständigkeit des Schlußwortes des Vorsitzenden hervorgerufen war, nicht in gehöriger Weise und genügend in ihrer Antwort ausgedrückt. Und daher forderte eine solche Antwort der Geschworenen unbedingt die Anwendung von Art. 816 u. 808 Reglement des Kriminalverfahrens, das heißt, sie forderte die Erklärung seitens des Vorsitzenden an die Geschworenen, daß sie einen Fehler begangen, und daß sie zu einer neuen Beratung und Beantwortung der Schuldfrage schreiten müßten«, las Fanarin. »Warum hat denn der Vorsitzende das nicht getan?« »Ich möchte auch wissen, warum!« sagte Fanarin lachend. »Der Senat wird mithin den Fehler korrigieren?« »Das ist je nachdem, wer dort im gegebenen Moment das Referat haben wird. Nun also. Weiter schreiben wir: Ein solches Verdikt gab dem Gericht nicht das Recht, – fuhr er rasch fort –, die Maslowa einer Kriminalstrafe zu unterwerfen, und die Anwendung des § 3, Artikel 771 des Reglements des Kriminalverfahrens auf sie bildet eine entschiedene und wichtige Verletzung der Grundlagen unseres Kriminalverfahrens. Aus den dargelegten Gründen habe ich die Ehre ... einzukommen um die Kassation laut Artikel 909, 910, § 2, 912 und 928 des Reglements des Kriminalverfahrens und so weiter, und um die Übertragung des vorliegenden Prozesses an eine andere Abteilung desselben Gerichtes, zwecks neuer Untersuchung. – Damit ist nun alles getan, was zu tun möglich war. Aber ich will aufrichtig sein: die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges ist gering. Übrigens hängt alles von der Zusammensetzung des Senatsdepartements ab. Wenn Sie gute Verbindungen haben, so bemühen Sie sich möglichst darum.« »Den einen oder anderen kenne ich.« »Und beeilen Sie sich etwas, sonst reisen alle weg, ihre Hämorrhoiden kurieren, und dann muß man drei Monate warten. Nun, und im Fall eines Mißerfolgs bleibt nur eine Bittschrift an die Allerhöchste Stelle übrig. Das hängt auch von der hinter den Kulissen stattfindenden Arbeit ab. Und für diesen Fall bin ich bereit, Ihnen zu dienen, das heißt nicht hinter den Kulissen, sondern bei der Abfassung der Bittschrift.« »Ich danke Ihnen, das Honorar also ...« »Der Bureauvorsteher wird Ihnen die Reinschrift des Gesuchs übergeben und Ihnen das Weitere sagen.« »Noch etwas möchte ich Sie fragen: der Staatsanwalt gab mir einen Passierzettel in das Gefängnis zu der Betreffenden, im Gefängnis aber hat man mir gesagt, daß für Besuche, außer an bestimmten Tagen und am bestimmten Ort, noch eine Bewilligung des Gouverneurs nötig sei. Ist das wirklich nötig?« »Ja, ich glaube. Aber jetzt ist der Gouverneur nicht da und ihn vertritt der Vizegouverneur. Aber das ist so ein Urdummkopf, daß Sie kaum etwas bei ihm ausrichten würden.« »Ist das Maslennikow? Den kenne ich«, sagte Nechliudow und stand auf, um wegzugehen. In diesem Augenblick betrat das Zimmer eiligst, mit raschen Schritten, eine kleine, furchtbar häßliche, knochige, gelbe Frau mit einer Stumpfnase – die Frau des Advokaten, die sich augenscheinlich gar nichts weiter aus ihrer Häßlichkeit machte. Sie war nicht nur sehr auffallend herausgeputzt: es war etwas auf sie aufgewickelt – Samt und Seide, etwas Hellgelbes und Grünes – sondern auch ihr dünnes Haar war gelockt, und sie kam in das Zimmer sieghaft hereingeflogen, begleitet von einem langen, lächelnden Mann mit erdfarbenem Gesichte, in einem Gehrock mit seidenen Aufschlägen und weißem Halstuch. Dies war ein Schriftsteller, den Nechliudow von Ansehen kannte. »Anatol,« sagte sie, die Tür öffnend, »komm mit zu mir. Hier, Semion Iwanowitsch will uns sein Gedicht vorlesen; du aber mußt über Garschin lesen, auf jeden Fall.« Nechliudow wollte weggehen, aber die Frau des Advokaten flüsterte mit ihrem Manne und wandte sich sogleich an ihn. »Ich bitte, Fürst, ich kenne Sie und halte Vorstellungen für überflüssig. Wollen Sie unsere literarische Matinee besuchen? Es wird sehr interessant. Anatol liest glänzend.« »Sehen Sie, wie viele verschiedenartige Beschäftigungen ich habe«, sagte Anatol, die Arme ausbreitend, lächelnd und auf seine Frau zeigend, womit er ausdrücken wollte, daß es unmöglich sei, einer so bezaubernden Person zu widerstehen. Mit traurigem und ernstem Gesicht und mit der größten Höflichkeit bedankte sich Nechliudow bei der Frau des Advokaten für die Ehre der Einladung, lehnte sie ab, da es ihm unmöglich sei, ihr Folge zu leisten und ging ins Wartezimmer. »Was ist das für ein Grimassenschneider!« sagte die Frau des Advokaten von ihm, als er fort war. Im Wartezimmer übergab der Bureauvorsteher Nechliudow das fertige Gesuch und sagte auf die Frage nach dem Honorar, daß Anatolij Petrowitsch es auf eintausend Rubel festgesetzt habe. Dabei erklärte er, Anatolij Petrowitsch übernehme solche Sachen eigentlich nicht und habe es nur ihm, Nechliudow, zu Gefallen getan. »Und wie ist es, wer muß eigentlich die Bittschrift unterschreiben?« fragte Nechliudow. »Das kann die Angeklagte selbst tun, aber wenn es zu beschwerlich ist, so kann es auch Anatolij Petrowitsch tun, nachdem er von ihr die schriftliche Vollmacht erhalten hat.« »Nein, ich werde zu ihr fahren und mir ihre Unterschrift geben lassen«, sagte Nechliudow, froh über die Gelegenheit, sie so noch vor dem bestimmten Tage sehen zu können. 46 Zu gewohnter Zeit tönten im Gefängnis durch die Korridore die Pfiffe der Aufseher. Eisenrasselnd öffneten sich die Türen der Korridore und der Zellen. Nackte Füße und die Pantoffelabsätze begannen zu platschen; über die Korridore gingen die Kufenträger, die Luft mit widerwärtigem Gestank erfüllend. Die Gefangenen wuschen sich, kleideten sich an und traten zur Kontrolle auf die Korridore hinaus. Nach der Kontrolle wurde heißes Wasser zum Tee geholt. Beim Tee wurden an diesem Tage in allen Zellen des Gefängnisses lebhafte Gespräche darüber geführt, daß heute zwei Gefangene mit Ruten bestraft werden sollten. Einer dieser Gefangenen war ein junger Mann mit guter Elementarbildung, der Kommis Wasiljew, der in einem Anfall von Eifersucht seine Geliebte getötet hatte. Die Zellenkameraden hatten ihn wegen seiner Lustigkeit, Freigebigkeit und seines festen Verhaltens der Obrigkeit gegenüber gern. Er kannte die Gesetze und verlangte, daß sie eingehalten würden. Deswegen war er bei der Obrigkeit nicht gut angeschrieben. Vor drei Wochen hatte ein Aufseher einen der Kufenträger geschlagen, weil er ihm die neue Uniform mit Kohlsuppe begossen hatte. Wasiljew nahm sich des Kufenträgers an und sagte, es gäbe kein Gesetz, wonach es erlaubt wäre, die Gefangenen zu schlagen. »Ich werde dir zeigen, was ein Gesetz ist«, sagte der Aufseher, und schimpfte Wasiljew. Wasiljew antwortete ebenso... Der Aufseher wollte ihn schlagen, aber Wasiljew faßte ihn an den Händen, hielt ihn so zwei, drei Minuten, drehte ihn um und stieß ihn zur Tür hinaus. Der Aufseher beschwerte sich, und der Inspektor ließ Wasiljew in den Karzer sperren. Die Karzer waren eine Reihe dunkler Verschläge, die von außen mit Riegeln verschlossen wurden. In dem dunkeln, kalten Karzer gab es weder Bett noch Tisch noch Stuhl, so daß der Eingesperrte auf dem schmutzigen Boden saß oder lag, wo die Ratten über ihn hinliefen, deren es im Karzer sehr viele gab, und die so dreist waren, daß es im Dunkeln unmöglich war, das Brot vor ihnen zu hüten. Sie fraßen den Eingesperrten das Brot unter den Händen weg und fielen sogar die Eingesperrten selbst an, wenn sie aufhörten, sich zu rühren. Wasiljew sagte, daß er nicht in den Karzer wolle, da er unschuldig sei. Man führte ihn mit Gewalt dorthin. Er versuchte, sich loszumachen, und zwei andere Gefangene halfen ihm, sich von den Aufsehern zu befreien. Die Aufseher liefen zusammen, unter ihnen der durch seine Kraft berühmte Petrow. Man warf die Gefangenen nieder und stieß sie in die Karzer. ´ Sogleich berichtete man dem Gouverneur, es habe eine Art Meuterei gegeben. Es kam eine Verfügung, die beorderte, den zwei Hauptschuldigen, Wasiljew und dem Vagabunden Nepomniastschij je dreißig Rutenhiebe zu geben. Die Bestrafung sollte im Frauenbesuchszimmer stattfinden. Seit dem vorigen Abend war alles das allen Gefängnisbewohnern bekannt, und in den Zellen gab es lebhafte Gespräche über die bevorstehende Bestrafung. Die Korabliowa, die Choroschawka, Fedosia und die Maslowa saßen in ihrer Ecke, alle rot und lebhaft, denn sie hatten schon Branntwein getrunken, der bei der Maslowa nicht mehr ausging und mit dem sie auch ihre Gefährtinnen freigebig bewirtete. Sie tranken Tee und sprachen über dasselbe Thema. »Wenn er noch Krakeel gemacht hätte oder so was!« sprach die Korabliowa von Wasiljew, indem sie mit ihren starken Zähnen winzig kleine Stückchen Zucker abbiß. »Er hat aber nur seinen Kameraden beigestanden. Denn heutzutage ist's verboten, zu schlagen.« »Man sagt, der Bursche ist gut«, fügte die barhäuptige Fedosia mit den langen Zöpfen hinzu, die auf einem Holzscheit gegenüber der Pritsche saß, wo die Teekanne stand. »Es wäre gut, wenn man ihm davon sagte, Michajlowna«, wandte sich die Bahnwärterin an die Maslowa, indem sie unter »ihm« Nechliudow verstand. »Ich sag' es ihm. Er wird für mich alles tun«, antwortete die Maslowa lächelnd und mit dem Kopf nickend. »Ja, aber wann wird er denn kommen? Man holt die beiden aber schon, heißt es«, sagte Fedosia. »Fürchterlich ist es!« fügte sie seufzend hinzu. »Ich habe einmal gesehen, wie im Bezirksamt ein Bauer geprügelt wurde. Mein Schwiegervater hatte mich zum Gemeindevorsteher geschickt. Ich kam hin. Er aber ... sieh mal...« fing die Bahnwärterin ihre lange Geschichte an. Die Erzählung der Wärterin wurde durch das Geräusch von Stimmen und Schritten im oberen Korridor unterbrochen. Die Frauen wurden still und horchten. »Sie schleppen ihn dahin, die Teufel,« sagte die Choroschawka, »sie werden ihn jetzt totprügeln. Die Aufseher sind sehr böse auf ihn, weil er sie nicht ungeschoren läßt.« Oben wurde alles still, und die Wärterin erzählte ihre Geschichte zu Ende, wie sie im Bezirksamt erschrocken war, als man dort in der Scheune dem Bauern Rutenhiebe gab; wie sich bei ihr gleichsam das Innere umkehrte. Choroschawka erzählte, wie Stscheglow gepeitscht wurde, und wie er nicht einmal einen Laut von sich gab. Dann räumte Fedosia den Tee weg, und die Korabliowa und die Wärterin machten sich ans Nähen. Die Maslowa aber setzte sich, die Arme um die Knie gelegt, auf die Pritsche und langweilte sich. Schon wollte sie sich hinlegen und schlafen, als die Aufseherin sie ins Bureau zu einem Besucher rief. »Auf jeden Fall sag' ihm von uns«, sprach die alte Menschowa, während die Maslowa vor dem Spiegel, von dem das Quecksilber zur Hälfte abgefallen war, ihr Halstuch ordnete. »Nicht wir haben das Feuer gelegt, sondern er selber, der Bösewicht, und der Knecht hat es gesehen. Er wird an seine Seele denken. Du, sag' ihm, er soll Mitrij rufen lassen. Mitrij wird ihm alles wie auf der platten Hand zeigen. Ja, was soll denn das heißen! Uns hat man ins Loch gesteckt! Wir aber wissen kein Haar von der Sache. Und er, der Bösewicht, lebt wie'n Prinz mit einer fremden Frau, sitzt in seiner Branntweinschenke.« »Nein, das ist kein Recht«, bekräftigte die Korabliowa. »Ich sag' es – unbedingt sag' ich's,« antwortete die Maslowa, »aber wie? Ob ich noch eins trinke, um mir Mut zu machen?« fügte sie hinzu, während sie der Korabliowa mit einem Auge zublinzelte. Die Korabliowa schenkte ihr eine halbe Tasse voll. Die Maslowa trank sie aus, wischte sich ab und ging in vergnügtester Stimmung, die eben gesagten Worte vom Mutmachen wiederholend, kopfwiegend und lächelnd der Aufseherin nach über den Korridor. 47 Nechliudow wartete schon lange im Flur. Als er im Gefängnis angelangt war, hatte er an der Eingangstür geklingelt und dem diensttuenden Aufseher die Erlaubnis des Staatsanwalts gereicht. »Wen wollen Sie haben?« »Die Gefangene Maslowa.« »Es geht jetzt nicht; der Inspektor ist beschäftigt.« »Im Bureau?« fragte Nechliudow. »Nein, hier im Besuchszimmer«, antwortete der Aufseher befangen, wie es Nechliudow vorkam. »Sind denn heute Besuche gestattet?« »Nein, es ist ein besonderer Fall«, sagte er. »Wie kann man ihn denn sprechen?« »Wenn er herauskommt, dann sagen Sie's ihm. Warten Sie,« In diesem Augenblick kam aus der Seitentür ein Feldwebel mit glänzenden Tressen, mit strahlendem, blankem Gesicht und vom Tabaksrauch durchtränktem Schnurrbart und wandte sich streng an den Aufseher. »Warum haben Sie hier jemand eingelassen? Ins Bureau...« »Man hat mir gesagt, der Inspektor sei hier«, sagte Nechliudow, sich wundernd über die Unruhe, die auch bei dem Feldwebel bemerkbar war. Darauf öffnete sich die innere Tür, und heraus kam Petrow, schweißbedeckt und erhitzt. »Das wird er nicht so bald vergessen«, stieß er, gegen den Feldwebel gewendet, hervor. Der Feldwebel zeigte mit den Augen auf Nechliudow, und Petrow verstummte, verfinsterte sich und ging durch die hintere Tür hinaus. »Wer wird es nicht vergessen? Warum sind sie alle so befangen? Warum machte der Feldwebel ihm eben ein Zeichen?« dachte Nechliudow. »Sie können hier nicht warten. Bitte, in das Bureau«, wandte sich der Feldwebel wieder an Nechliudow, und Nechliudow wollte schon gehen, als aus der hinteren Tür der Inspektor herauskam; er war noch befangener, als seine Untergebenen. Er seufzte ohne Aufhören. Als er Nechliudow erblickte, wandte er sich an den Aufseher. »Fedotow, die Maslowa aus der fünften weiblichen ins Bureau!« sagte er. »Ich bitte sehr«, machte er gegen Nechliudow. Sie gingen über eine steile Treppe in ein kleines Zimmer mit einem Fenster, einem Schreibtisch und einigen Stühlen. Der Inspektor setzte sich. »Schwere, schwere Pflichten«, sagte er, sich an Nechliudow wendend und wieder eine dicke Zigarette hervorholend. »Sie scheinen müde zu sein«, sagte Nechliudow. »Ich bin meines ganzen Amtes müde. Sehr schwierige Pflichten. Man will ihnen ihr Schicksal erleichtern, aber es wird nur immer schlimmer. Ich denke dauernd, wie ich den Dienst aufgeben könnte? Schwere, schwere Pflichten.« Nechliudow wußte nicht, worin eigentlich die Schwierigkeit für den Inspektor bestand. Aber er bemerkte heute an ihm eine besondere, sein Bedauern erregende, niedergeschlagene und trostlose Stimmung. »Ja, ich glaube, daß sie sehr schwer sind«, sagte er. »Warum nehmen Sie denn diese Pflichten auf sich?« »Ich habe keine Mittel. Die Familie...« »Aber wenn es Ihnen so schwer ist...« »Nun, aber dennoch, sage ich Ihnen, stifte ich Nutzen nach Maßgabe meiner Kräfte; dennoch mildere ich, was ich kann. Ein anderer an meiner Stelle würde die Sache ganz anders führen. Es ist keine Kleinigkeit: mehr als zweitausend Menschen, und was für welche! Man muß mit ihnen umzugehen verstehen. Menschen sind sie ja auch, sie dauern einen. Aber ihnen die Zügel schießen lassen, – das geht auch nicht.« Der Inspektor fing an von einem unlängst stattgehabten Fall, einer Prügelei zwischen den Gefangenen zu sprechen, die mit einem Totschlag geendet hatte. Seine Erzählung wurde unterbrochen durch das Eintreten der Maslowa, welcher der Aufseher voranschritt. Nechliudow wurde ihrer in der Tür gewahr, als sie den Inspektor noch nicht sah. Ihr Gesicht war rot. Sie ging munter dem Aufseher nach, lächelte unaufhörlich und wiegte den Kopf. Als sie den Inspektor erblickte, starrte sie ihn mit erschrockenem Gesichte an, faßte sich aber sogleich und wandte sich flink und lustig zu Nechliudow. »Guten Tag«, sagte sie singend und lächelnd und schüttelte stark, nicht so wie jenes Mal, seine Hand. »Hier habe ich Ihnen die Bittschrift zum Unterschreiben mitgebracht«, sagte Nechliudow, etwas erstaunt über das kecke Aussehen, mit dem sie ihm heute entgegentrat. »Der Advokat hat die Bittschrift aufgesetzt, sie muß unterschrieben werden, und wir schicken sie dann nach Petersburg.« »Warum nicht? Die kann ich ja gern unterschreiben. Das kann ich«, sagte sie, ein Auge zusammenkneifend und lächelnd. Nechliudow nahm einen zusammengelegten Bogen aus der Tasche und trat an den Tisch. »Kann sie hier unterschreiben?« fragte Nechliudow den Inspektor. »Komm her, setz' dich,« sagte der Inspektor, »da hast du auch eine Feder. Kannst du schreiben?« »Früher ja«, sagte sie lächelnd, brachte Rock und Jackenärmel in Ordnung und setzte sich an den Tisch, nahm ungeschickt mit der kleinen, energischen Hand die Feder, und auflachend sah sie sich nach Nechliudow um. Er zeigte ihr, was und wo sie schreiben müsse. Sorgfältig die Feder eintauchend und abspritzend, schrieb sie ihren Namen. »Weiter brauchen Sie nichts?« fragte sie, bald Nechliudow, bald den Inspektor anblickend, indem sie die Feder erst auf das Tintenfaß, dann auf das Papier legte. »Ich muß Ihnen etwas sagen«, sprach Nechliudow; er nahm ihr die Feder aus den Händen. »Gut, also sagen Sie«, antwortete sie und wurde plötzlich ernst, als wäre sie nachdenklich oder schläfrig geworden. Der Inspektor stand auf und entfernte sich; Nechliudow blieb mit ihr unter vier Augen. 48 Der Aufseher, der die Maslowa vorgeführt hatte, saß auf dem Fensterbrett, abseits vom Tische. Für Nechliudow trat die entscheidende Minute ein. Er machte sich unaufhörlich Vorwürfe, daß er ihr bei jener ersten Zusammenkunft die Hauptsache nicht gesagt hatte, nämlich, daß er gesonnen sei, sie zu heiraten, und jetzt war er fest entschlossen, es ihr zu sagen. Sie saß an einer Seite des Tisches. Nechliudow setzte sich ihr gegenüber an die andere. Es war hell im Zimmer, und Nechliudow sah ihr Gesicht zum erstenmal klar in geringer Entfernung: er sah die Runzelchen um Augen und Lippen, und wie geschwollen die Augen waren. Sie dauerte ihn noch mehr als früher. Er stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch, so zwar, daß der Aufseher, der am Fenster saß, ein Mann von jüdischem Typus mit ergrauendem Backenbart, nicht hören konnte und nur sie allein ihn hörte, und sagte: »Wenn bei dieser Bittschrift nichts herauskommt, so wenden wir uns an die Allerhöchste Stelle. Wir werden alles tun, was möglich ist.« »Ja, wenn es früher gewesen wäre; wenn ein guter Advokat ...« unterbrach sie ihn. »Aber dieser, mein Verteidiger, war wirklich ein rechter Dummkopf. Immer sagte er mir Liebenswürdigkeiten«, sagte sie und lachte auf. »Wenn man damals gewußt hätte, daß ich mit Ihnen bekannt bin, so wäre es anders gewesen. Was soll denn das heißen? Die glauben wohl, alle sind Diebinnen!« »Wie seltsam sie heute ist«, dachte Nechliudow, und eben wollte er ihr sein Anlegen sagen, als sie wieder begann. »Aber ich habe etwas. Bei uns ist ein altes Mütterchen, wissen Sie, so eins, daß sich sogar alle wundern. So eine wunderbare Alte, und nun sitzt sie um nichts, sie selbst und ihr Sohn, und alle wissen, daß sie unschuldig sind, aber sie werden einer Brandstiftung beschuldigt, und sie sitzen. Wissen Sie, sie hörte, daß ich mit Ihnen bekannt bin,« sagte die Maslowa, den Kopf drehend und ihn anblickend, »und sie sagt: ,Sage ihm, man soll, sagt sie, meinen Sohn rufen lassen', der wird Ihnen alles erzählen. Menschow ist der Familienname. Wie ist es, wollen Sie es tun? Solch ein altes Mütterchen, ein wunderbares Mütterchen, wissen Sie; gleich sieht man, daß sie um nichts sitzt. Geben Sie sich Mühe, Lieber«, sagte sie, blickte ihn an und ließ lächelnd die Augen sinken. »Schön, ich will es tun; ich erkundige mich«, sagte Nechliudow, sich mehr und mehr über ihre Ungezwungenheit wundernd. »Aber ich möchte von meiner eigenen Sache mit Ihnen reden. Erinnern Sie sich, was ich Ihnen voriges Mal gesagt habe?« fragte er. »Sie haben viel gesprochen. Was haben Sie denn voriges Mal gesagt?« entgegnete sie, unaufhörlich lächelnd und den Kopf bald auf die eine, bald auf die andere Seite drehend. »Ich sagte, ich sei gekommen, um Sie um Verzeihung zu bitten«, antwortete er. »Ach was, immer verzeihen und verzeihen ... es hat keinen Wert... es wäre besser, wenn Sie...« »Daß ich meine Schuld gutmachen will«, fuhr Nechliudow fort, »und gutmachen nicht mit Worten, sondern mit der Tat. Ich bin entschlossen, Sie zu heiraten.« Ihr Gesicht drückte plötzlich Schrecken aus. Ihre schielenden Augen wurden starr, blickten ihn an und blickten ihn doch zugleich auch nicht an. »Wozu ist das nötig?« brachte sie ärgerlich stirnrunzelnd hervor. »Ich fühle, daß ich das vor Gott tun muß.« »Was für einen Gott haben Sie denn gefunden? Was Sie da so zusammenreden! Gott? Welchen Gott? Ja, wenn Sie damals an Gott gedacht hätten ...« sagte sie und brach mit offenem Munde plötzlich ab. Erst jetzt spürte Nechliudow den starken Branntweingeruch aus ihrem Munde, er begriff die Ursache ihrer Aufregung. »Beruhigen Sie sich«, sagte er. »Ich brauche mich nicht zu beruhigen! Glaubst du, ich bin betrunken? Auch wenn ich betrunken bin, weiß ich, was ich sage,« fing sie rasch zu sprechen an und wurde ganz dunkelrot, »ich bin eine Zwangsarbeiterin, eine Hure, Sie aber sind ein Herr, ein Fürst, und du brauchst dich nicht mit mir zu beschmutzen. Geh nur zu deinen Prinzessinnen, mein Preis aber ist – zehn Rubel.« »Wie grausam du sprichst! Du kannst nicht aussprechen, was ich fühle,« sagte Nechliudow leise, am ganzen Körper zitternd, »du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich meine Schuld dir gegenüber fühle!. . .« »Schuld fühle .. .« äffte sie ihm boshaft nach. »Damals fühltest du nichts, stecktest mir aber hundert Rubel zu. Das ist dein Preis...« »Ich weiß, ich weiß, aber was soll jetzt geschehen?« sagte Nechliudow. »Jetzt habe ich beschlossen, dich nicht zu verlassen. Was ich gesagt habe, das werde ich tun.« »Ich aber sage, du wirst es nicht tun«, brachte sie hervor und lachte laut auf. »Katjuscha!« fing er an, ihre Hand berührend. »Geh weg von mir! Ich bin eine Zwangsarbeiterin, du aber bist ein Fürst und hast hier nichts verloren«, schrie sie, vor Zorn ganz verwandelt und entriß ihm ihre Hand. »Du willst deine Seele durch mich retten,« fuhr sie fort, indem sie sich eilte, alles auszusprechen, was sich in ihrem Innern erhob, »durch mich hast du in diesem Leben deine Lust gestillt, durch mich willst du dich auch im Jenseits retten! Widerwärtig bist du mir, und deine Brille, und deine ganze fette, garstige Fratze. Geh, geh weg du!« schrie sie, mit energischer Bewegung aufspringend. Der Aufseher näherte sich ihnen. »Was krakeelst du da? Wie kann man denn...« »Lassen Sie, bitte«, sagte Nechliudow. »Sie soll sich anständig benehmen«, sagte der Aufseher. »Nein, warten Sie, bitte«, sagte Nechliudow. Der Aufseher ging wieder ans Fenster. Die Maslowa setzte sich, senkte die Augen und drückte stark die kleinen ineinanderverschränkten Hände zusammen. Nechliudow stand vor ihr, ohne zu wissen, was er tun sollte. »Du glaubst mir nicht«, sagte er. »Daß Sie mich heiraten wollen – das wird ja doch nichts. Eher hänge ich mich auf! Da haben Sie's.« »Und dennoch will ich dir dienen.« »Nun, das ist Ihre Sache. Nur verlange ich von Ihnen nichts. Das sage ich Ihnen sicher«, sagte sie. »Und warum bin ich nicht damals gestorben«, fügte sie hinzu und begann kläglich zu weinen. Nechliudow konnte nicht sprechen, ihr Weinen steckte ihn an. Sie hob die Augen auf, blickte ihn an, gleichsam verwundert, und begann die über ihre Wangen fließenden Tränen abzuwischen. Der Aufseher kam jetzt wieder heran und mahnte, daß es Zeit sei, voneinanderzugehen. Die Maslowa stand auf. »Jetzt sind Sie aufgeregt. Wenn es möglich ist, komme ich morgen wieder. Sie aber, – überlegen Sie noch«, sagte Nechliudow. Sie antwortete nichts, und ohne ihn anzusehen ging sie hinter dem Aufseher hinaus. »Nun, Mädel, jetzt fängst du an zu leben«, sprach die Korabliowa zur Maslowa, als sie wieder in der Zelle war. »Stark in dich verschossen, scheint's; nimm es wahr, solange er kommt. Er wird dir heraushelfen. Reichen Leuten ist alles möglich.« »Akkurat so ist's«, sprach mit singender Stimme die Wärterin. »Will der Arme heiraten, ist ihm sogar die Nacht zu kurz, dem Reichen aber mag alles in den Kopf kommen, nach allem mag's ihn gelüsten – er bekommt es schon. Bei uns wird so ein Vornehmer, mein Schwälbchen, Gott weiß was ausrichten können...« »Nun aber, hast du auch von meiner Sache gesprochen?« fragte die Alte. Aber die Maslowa antwortete ihren Genossinnen nicht, sie legte sich auf die Pritsche und lag so mit in die Ecke gerichteten Augen bis zum Abend. Eine qualvolle Arbeit ging in ihr vor. Was ihr Nechliudow gesagt, hatte sie in jene Welt hinausgerufen, in welcher sie gelitten hatte und aus der sie mit Haß geflohen war, ohne sie begriffen zu haben. Sie verlor jetzt jenes Vergessen, in dem sie gelebt. Aber leben mit klarer Einsicht in das, was war, war zu qualvoll. Abends kaufte sie wieder Branntwein und betrank sich mit ihren Genossinnen. 49 »Ja, also, so ist es. So ist es«, dachte Nechliudow, als er das Gefängnis verließ, indem er erst jetzt den ganzen Umfang seiner Schuld vollständig begriff. Hätte er keinen Versuch gemacht, sein Vergehen gutzumachen, zu sühnen, so hätte er nie empfunden, wie frevelhaft dies Vergehen gewesen war. Noch mehr, – auch sie würde das Böse, das er ihr zugefügt, nie so ganz empfunden haben. Erst jetzt trat alles das in seiner vollen Schrecklichkeit an den Tag. Erst jetzt sah er ein, was er aus der Seele dieses Weibes gemacht hatte, und sie sah und begriff, was an ihr verübt worden war. Bisher spielte Nechliudow noch mit seinem Gefühl, bewunderte sich selbst und seine Reue, jetzt war ihm einfach fürchterlich zumute. Sie verlassen – das fühlte er – konnte er jetzt nicht; dabei konnte er sich aber nicht vorstellen, was aus seinen Beziehungen zu ihr werden sollte. Gerade am Ausgang kam ein Aufseher mit Orden und Medaillen, mit unangenehmem, liebedienerischem Gesicht zu Nechliudow; geheimnisvoll reichte er ihm einen Brief. »Für Eure Erlaucht ein Brief von einer Person«, sagte er, Nechliudow das Kuvert überreichend. »Von welcher Person?« »Wenn Sie gelesen haben, werden Sie sehen. Eine Gefangene, Politische. Ich habe bei denen Dienst. Sie hat mich also gebeten – und obgleich es nicht erlaubt ist, – aber aus Menschenliebe ...« sagte der Aufseher geziert. Nechliudow war verwundert, wie ein bei den Politischen diensttuender Aufseher Briefe überbringen könne, und das im Gefängnis selbst, fast vor aller Augen. Er wußte damals noch nicht, daß dies ein Aufseher und zugleich ein Spion war; er nahm den Brief und las ihn beim Hinausgehen aus dem Gefängnis. Auf einen Zettel war mit Bleistift in gewandter Handschrift folgendes geschrieben: »Da ich erfahren habe, daß Sie das Gefängnis besuchen, weil Sie sich für eine kriminalgefangene Person interessieren, möchte ich Sie gern sehen. Bitten Sie um eine Zusammenkunft mit mir! Ihnen wird man sie bewilligen, und ich teile Ihnen vieles Wichtige mit, sowohl hinsichtlich Ihrer Protegée als auch unserer Partei. Ihre Ihnen dankbare Wera Bogoduchowskaja.« »Bogoduchowskaja! Was heißt das: Bogoduchowskaja?« dachte Nechliudow, so ganz von dem Eindruck des Wiedersehens mit der Maslowa absorbiert, daß er in der ersten Minute keine Erinnerung mit diesem Namen und dieser Handschrift verband. »Ah!« erinnerte er sich plötzlich. »Die Diakonstochter ... von der Bärenjagd.« Wera Bogoduchowskaja war eine Lehrerin tief aus dem Gouvernement Nowgorod, wo Nechliudow einmal mit Kameraden zur Bärenjagd gewesen war. Diese Lehrerin hatte sich an Nechliudow mit der Bitte gewandt, ihr Geld vorzustrecken, damit sie die Hochschulkurse besuchen könne. Nechliudow hatte ihr das Geld gegeben und sie vergessen. Jetzt ergab es sich, daß die junge Dame eine politische Verbrecherin war, im Gefängnis saß, wo sie augenscheinlich seine Geschichte erfahren hatte, und ihm nun ihre Dienste anbot. Wie leicht und einfach war alles damals. Und wie schwer und kompliziert ist jetzt alles. Nechliudow erinnerte sich lebhaft und freudig der damaligen Zeit und seiner Bekanntschaft mit der Bogoduchowskaja. Es war vor der Butterwoche, in einem abgelegenen öden Ort, etwa sechzig Werst von der Eisenbahn. Die Jagd war glücklich gewesen, sie hatten zwei Bären erlegt und aßen zu Mittag, gerade im Begriff abzureisen. Da trat der Bauer, bei dem Nechliudow eingekehrt war, herein und sagte, die Tochter des Diakons sei da und wolle den Fürsten Nechliudow sprechen. »Ist sie hübsch?« fragte jemand. »Nun, laß doch«, sagte Nechliudow; er machte ein ernstes Gesicht, stand vom Tische auf, und den Mund abwischend und sich wundernd, was die Diakonstochter von ihm wolle, begab er sich in die Stube der Wirtsleute. In der Stube war ein junges Mädchen in Filzhut und Pelz, sehnig, mit magerem, nicht hübschem Gesicht, in welchem nur die Augen mit den hochgeschwungenen Brauen schön waren. »Hier, Wera Jefremowna, sprich mit dem Herrn,« sagte die alte Bäuerin, »das ist der Fürst selber. Ich geh nun weg.« »Womit kann ich Ihnen dienen?« sagte Nechliudow. »Ich ... ich ... Sehen Sie, Sie sind reich, Sie werfen Geld weg für Lappalien, für die Jagd. Ich weiß ...« begann das Mädchen in starker Befangenheit. »Ich aber will nur eins, ich will nur den Menschen nützen, – und ich kann nicht, weil ich nichts weiß.« Ihre Augen waren ehrlich und gut, und ihr ganzer Ausdruck von Entschlossenheit und Schüchternheit zugleich war so rührend, daß Nechliudow, wie es ihm immer zu geschehen pflegte, sich plötzlich in ihre Lage versetzte, sie begriff und bedauerte. »Was kann ich für Sie tun?« »Ich bin Lehrerin, aber ich möchte auf die Hochschule, und man läßt mich nicht hin. Das heißt, man hält mich nicht zurück, man läßt mich, aber ich muß doch die Mittel haben. Geben Sie mir das nötige Geld und ich zahle es Ihnen zurück, wenn ich die Hochschule durchgemacht habe. Ich meine, daß die reichen Leute Bären jagen, Bauern betrunken machen – das ist nicht sehr schön. Warum nicht auch etwas Gutes tun? Ich brauchte nur achtzig Rubel. Aber wenn Sie nicht wollen, ist es mir einerlei«, sagte sie böse, da sie den ernsten, unverwandten Blick, den Nechliudow auf sie richtete, als ungünstig für sich deutete. »Im Gegenteil, ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie mir die Gelegenheit geben ...« Als sie begriff, daß er einwillige, wurde sie rot und schwieg. »Ich bringe es gleich«, sagte Nechliudow. Er ging in den Flur hinaus und traf daselbst einen Kameraden, der ihr Gespräch belauscht hatte. Er antwortete nicht auf die Scherze der Kameraden, nahm Geld aus der Jagdtasche und brachte es ihr. »Bitte, bitte, danken Sie nicht. Ich muß Ihnen danken.« Es war Nechliudow angenehm, sich jetzt an das alles zu erinnern; angenehm zu erinnern, wie er sich fast mit einem Offizier entzweite, der darüber einen schlechten Scherz machen wollte; wie ein anderer Kamerad ihm Beistand, und wie er ihm infolgedessen nähertrat, und wie glücklich und lustig die ganze Jagd war, und wie wohl ihm war, als sie nachts zur Eisenbahnstation zurückkehrten. Eine Reihe Schlitten mit zwei Pferden, langgespannt, bewegte sich im Trabe ohne Lärm auf dem engen Wege, bald durch hohe, bald durch niedrige Wälder, mit den von den Schneemassen ganz erdrückten Tannen. In der Dunkelheit zündete jemand eine wohlriechende Zigarette an, das rote Feuer glänzte. Osip, ein Treiber, lief von einem Schlitten zum anderen, knietief im Schnee, saß bald hier, bald dort mit auf, und erzählte dabei von den Elentieren, die jetzt im tiefen Schnee waten und Espenrinde nagen, und von den Bären, die jetzt in ihren Höhlen in finsteren Waldestiefen liegen und ihren warmen Atem durch die Luftlöcher keuchen. Nechliudow erinnerte sich alles dessen, und vor allem des Glücksgefühls, des Bewußtseins seiner Gesundheit, Kraft und Sorglosigkeit. Die Lungen, die fast den Pelz sprengten, atmeten die kalte Luft ein, auf das Gesicht fiel der Schnee von den Ästen, die das Joch streifte; der Körper war warm, das Gesicht frisch, und in der Seele weder Sorgen noch Vorwürfe, noch Ängste, noch Wünsche. Wie schön war das! Und jetzt? Mein Gott, wie ist das alles so qualvoll und schwer. Augenscheinlich war Wera Jefremowna eine Revolutionärin, und wegen ihrer revolutionären Tätigkeit saß sie im Gefängnis. Er mußte sie zu sehen suchen, besonders auch, weil sie Rat zu geben versprochen hatte, wie die Lage der Maslowa zu verbessern sei. 50 Als Nechliudow am Morgen des anderen Tages erwachte, fiel ihm alles ein, was gestern gewesen war, und ihm wurde schrecklich zumute. Aber trotz dieser Angst entschied er fester als je zuvor, daß er fortsetzen werde, was er begonnen. Mit diesem Gefühl, mit diesem Bewußtsein seiner Pflicht, fuhr er von Hause fort und begab sich zu Maslennikow, um die Bewilligung zu Zusammenkünften im Gefängnis, außer mit der Maslowa, auch mit der alten Menschowa samt ihrem Sohn, für welche die Maslowa ihn gebeten hatte, zu erwirken. Außerdem wollte er um die Erlaubnis zum Besuche der Bogoduchowskaja einkommen, die der Maslowa nützlich sein konnte. Nechliudow kannte Maslennikow schon lange, vom Regiment her. Maslennikow war damals Zahlmeister beim Regiment. Er war der gutmütigste, pflichttreueste Offizier, der von nichts in der Welt wußte und wissen wollte als von seinem Regiment und der Zarenfamilie. Jetzt fand ihn Nechliudow als Beamten wieder, der das Regiment gegen das Gouvernement und die Gouvernementsverwaltung eingetauscht hatte. Er war verheiratet mit einer reichen, gewandten Frau, die ihn auch aus dem Militär- in den Zivildienst überzugehen bewegen hatte. Sie lachte über ihn und liebkoste ihn wie ein gezähmtes Tier. Nechliudow war im vergangenen Winter einmal bei ihnen gewesen, aber das Paar erschien ihm so uninteressant, daß er nachher niemals wieder hingegangen war. Maslennikow strahlte förmlich, als er Nechliudow erblickte. Er hatte noch dasselbe fette, rote Gesicht, war ebenso korpulent und ebenso gut gekleidet wie zu seiner Militärzeit. Dort war es die immer saubere, um Schultern und Brust wie angegossen sitzende militärische Uniform nach der letzten Mode; jetzt war es Beamtenkleidung nach der letzten Mode, die ebenso seinen satten Leib umschloß und seine breite Brust hervortreten ließ. Er war in Interimsuniform. Trotz des Altersunterschiedes – Maslennikow zählte etwa vierzig Jahre – duzten sie einander. »Nun – schön, daß du gekommen bist. Komm mit zu meiner Frau. Ich habe jetzt gerade zehn Minuten frei vor der Sitzung. Der Chef ist ja verreist. Ich verwalte das Gouvernement«, sagte er mit einem Vergnügen, das er nicht verhehlen konnte. »Ich komme in Geschäften zu dir.« »Was ist?« sagte Maslennikow erschrocken und etwas streng, gleichsam plötzlich die Ohren spitzend. »Es ist eine Person im Gefängnis, für die ich mich sehr interessiere.« (Bei dem Worte »Gefängnis« wurde Maslennikows Gesicht noch strenger.) »Und ich möchte die Zusammenkünfte mit ihr nicht im allgemeinen Besuchszimmer, sondern im Bureau und nicht nur an den bestimmten Tagen, sondern öfter haben. Man hat mir gesagt, dies hänge von dir ab.« »Versteht sich, mon cher. Ich bin bereit, alles für dich zu tun«, sagte Maslennikow, indem er mit beiden Händen Nechliudows Knie berührte, ab ob er den Glanz seiner Herrlichkeit zu mildern wünsche. »Das geht schon, aber siehst du, ich bin nur Kalif für eine Stunde.« »Also, kannst du mir einen Schein geben, daß ich sie sehen kann?« »Ist es eine Frau?« »Ja.« »Ja? Weshalb sitzt sie denn?« »Wegen einer Vergiftungsaffäre. Aber sie ist unschuldig verurteilt.« »Ja, da hast du nun das gerechte Gericht; ils n'en font point d'autres«, sagte er, Gott weiß warum, auf französisch. »Ich weiß, du bist nicht mit mir einverstanden, aber was soll man machen? C'est mon opinion bien arrêtée«, fügte er hinzu, indem er eine Ansicht aussprach, die er in verschiedenen Formen während des Jahres in einer reaktionären konservativen Zeitung gelesen hatte. »Ich weiß, du bist liberal.« »Ich weiß nicht, ob ich liberal oder etwas anderes bin«, sagte lächelnd Nechliudow, der sich immer darüber wunderte, daß alle ihn immer zu irgendeiner Partei zählten und nur deshalb liberal nannten, weil er, wenn er über einen Menschen urteilte, sagte, man müsse ihn zuerst anhören, alle Menschen seien vor dem Gericht gleich, und man dürfe die Leute überhaupt nicht quälen und schlagen, besonders nicht solche, die noch gar nicht verurteilt seien. »Ich weiß nicht – ob ich liberal bin oder nicht; – ich weiß nur, daß die heutigen Gerichte, mögen sie so schlecht sein, wie sie wollen, dennoch besser sind als die früheren.« »Und wen hast du als Rechtsanwalt?« »Ich habe mich an Fanarin gewendet.« »Ach, Fanarin!« sagte Maslennikow mit gerunzelter Stirn, da er sich erinnerte, wie dieser Fanarin ihn vergangenes Jahr vor Gericht als Zeugen vernommen und mit der größten Höflichkeit eine halbe Stunde lang zum besten gehabt hatte. »Ich würde dir nicht raten, etwas mit dem zu tun zu haben, – Fanarin est un homme taré.« »Und noch eine Bitte«, sagte Nechliudow, ohne ihm zu antworten. »Vor sehr langer Zeit war ich mit einem Mädchen, einer Lehrerin, bekannt – einem sehr bedauernswerten Geschöpf – die ist gegenwärtig auch im Gefängnis und wünscht mich zu sehen. Kannst du mir auch zu ihr einen Passierzettel geben?« Maslennikow neigte den Kopf etwas auf eine Seite und wurde nachdenklich. »Ist sie eine Politische?« »Ja, so hat man mir gesagt.« »Ja, siehst du, Zusammenkünfte mit Politischen werden nur den Verwandten gestattet, aber dir gebe ich einen allgemeinen Passierzettel. Je sais que vous n'abuserez pas ... Wie heißt sie denn, deine protegée? ... Bogoduchowskaja? Elle est jolie?« »Hideuse.« Maslennikow schüttelte mißbilligend den Kopf, trat an den Tisch und schrieb flink auf ein Papier mit gedrucktem Kopf: »Dem Überbringer dieses, Fürsten Dmitrij Iwanowitsch Nechliudow, gestatte ich Zusammenkünfte im Gefängnisbureau mit der im Gefängnis inhaftierten Kleinbürgerin Maslowa, sowie mit der Heilgehilfin Bogoduchowskaja«, schrieb er und machte einen schwungvollen Schnörkel. »Jetzt wirst du sehen, was für eine Ordnung dort herrscht. Aber es ist sehr schwer, dort Ordnung zu halten, weil es überfüllt ist, besonders mit solchen, die verschickt werden sollen. Jedoch ich passe scharf auf, ich liebe diese Sache. Du wirst sehen, – sie haben es sehr gut dort, und sie sind zufrieden. Nur muß man mit ihnen umzugehen verstehen. Da war in diesen Tagen eine Unannehmlichkeit, eine Insubordination. Ein anderer hätte es für Meuterei angesehen und viele unglücklich gemacht. Bei uns aber ging alles sehr gut vorbei. Einerseits Fürsorge, andererseits feste Autorität – das ist's, worauf es ankommt«, sagte er und drückte die aus der weißen Hemdmanschette mit dem goldenen Knopf hervorragende weiße, volle Faust mit dem Türkisring zusammen. »Fürsorge und feste Autorität.« »Nun, das weiß ich nicht«, sagte Nechliudow, »ich bin zweimal dort gewesen, und mir war schrecklich schwer zumute.« »Weißt du was? Du mußt dich mit Gräfin Passek anfreunden,« fuhr, ins Reden geraten, Maslennikow fort, »sie hat sich ganz dieser Sache gewidmet. Elle fait beaucoup de bien. Dank ihr – vielleicht auch mir –, das sage ich ohne falsche Bescheidenheit – ist es gelungen, alles zu ändern und so zu ändern, daß Greuel wie früher nicht mehr vorkommen, die Leute haben es vielmehr dort sehr gut. Nun, du wirst ja sehen. Aber Fanarin – ich kenn' ihn persönlich nicht, und in meiner gesellschaftlichen Stellung – unsere Wege gehen nicht zusammen, aber er ist entschieden ein schlechter Mensch, und zugleich erlaubt er sich vor Gericht Sachen zu reden – derartige Sachen ...« »Nun also, ich danke dir«, sagte Nechliudow, indem er nach dem Papier griff; ohne seinen gewesenen Kameraden zu Ende zu hören, nahm er von ihm Abschied. »Willst du nicht einen Augenblick zu meiner Frau?« »Nein, – verzeih, – jetzt hab' ich keine Zeit.« »Nun – aber? Sie wird mir das nicht verzeihen«, sprach Maslennikow, indem er seinen früheren Kameraden bis zum ersten Treppenabsatz begleitete, wie Leute nicht erster, sondern zweiter Wichtigkeit, zu denen er Nechliudow rechnete. »Nein, wirklich, komm doch wenigstens für eine Minute herein.« Aber Nechliudow blieb fest, und während der Lakai und der Schweizer herzusprangen, um ihm Paletot und Stock zu reichen und die Tür öffneten, vor der außen ein Polizist stand, sagte er, daß es ihm jetzt ganz unmöglich sei. »Nun, dann am Donnerstag, bitte. Das ist ihr Empfangstag. Ich werde es ihr sagen!« rief ihm Maslennikow noch von der Treppe her nach. 51 Als Nechliudow an demselben Tage, direkt von Maslennikow aus, in das Gefängnis kam, begab er sich nach der ihm schon bekannten Wohnung des Inspektors. Wieder waren, wie voriges Mal, dieselben Töne des schlechten Klaviers hörbar; aber jetzt wurde nicht eine Rhapsodie, sondern Etüden von Clementi gespielt, auch mit ungewöhnlicher Kraft, Präzision und Geläufigkeit. Das Zimmermädchen mit dem verbundenen Auge, das ihm öffnete, sagte, der Herr Hauptmann sei zu Hause, und führte Nechliudow in ein kleines Empfangszimmer mit einem Diwan, einem Tisch und dem an einer Seite angebrannten, rosenroten Papierschirm der großen Lampe, die auf einem wollenen, gestrickten Deckchen stand. Der Oberinspektor mit dem gequälten, trüben Gesicht erschien. »Ich bitte sehr. Was ist gefällig?« sagte er, indem er den mittleren Knopf seiner Uniform zuknöpfte. »Ich war beim Herrn Vizegouverneur, und hier ist die Bewilligung«, sagte Nechliudow, das Papier hinreichend. »Ich möchte die Maslowa sehen.« »Markowa?« fragte noch einmal der Inspektor, da er wegen der lauten Musik nicht deutlich hören konnte. »Maslowa.« »Ach ja! Ja, ja!« Der Inspektor stand auf und trat an die Tür, hinter der die Läufe von Clementi ertönten. »Marusia, warte doch, bitte, ein wenig«, sagte er mit einer Stimme, welcher anzumerken war, daß diese Musik das Kreuz seines Lebens bildete. »Man kann wirklich nichts hören.« Das Klavier verstummte, ärgerliche Schritte ließen sich hören, und jemand blickte durch die Tür herein. Der Inspektor, wie durch diese Unterbrechung der Musik erleichtert, zündete sich eine dicke Zigarette von schwachem Tabak an und bot auch Nechliudow davon an. Nechliudow lehnte ab. »Ich möchte also die Maslowa sehen.« »Es geht heute nicht gut, die Maslowa zu sehen«, sagte der Inspektor. »Warum?« »Ja, – Sie selber sind schuld«, sagte der Inspektor, leicht lächelnd. »Fürst, geben Sie ihr kein Geld direkt in die Hand. Wenn es Ihnen recht ist, geben Sie es mir. Sie soll es alles bekommen. Wahrscheinlich haben Sie ihr gestern Geld gegeben, sie hat Branntwein holen lassen – auf keine Weise läßt sich dieses Übel ausrotten–, und heute hat sie sich so betrunken, daß sie fast tobsüchtig ist.« »Aber was Sie sagen?« »Jawohl, ich mußte sogar strenge Maßregeln ergreifen – habe sie in eine andere Zelle überführt; – sie ist sonst ein ruhiges Frauenzimmer; Geld aber, bitte, geben Sie ihr nicht! Das Volk ist halt so!« Nechliudow erinnerte sich des gestern Vorgefallenen, und ihm wurde wieder angstvoll zumute. »Aber die Bogoduchowskaja – die Politische – kann ich die sehen?« fragte Nechliudow nach einigem Schweigen. »Nun ja, warum nicht. – Na, was willst du?« wandte er sich an ein fünf- oder sechsjähriges Mädchen, das in das Zimmer kam und, den Kopf so gewendet, daß sie Nechliudow nicht aus den Augen ließ, zum Vater schritt. »Na, du wirst gleich fallen«, sagte der Inspektor, darüber lächelnd, wie das Mädchen, ohne vor sich zu sehen, über den kleinen Teppich stolperte und auf ihn zulief. »Also, wenn es möglich ist, so möchte ich gehen.« »Bitte sehr«, sagte der Inspektor, indem er das immer noch Nechliudow anstarrende Kind umarmte; er stand auf, und das Kind sanft wegschiebend, ging er in das Vorzimmer hinaus. Der Inspektor hatte noch nicht den Paletot, den ihm das verbundene Mädchen reichte, anziehen und aus der Tür gehen können, als die präzisen Läufe von Clementi wieder zu rieseln begannen. »Sie ist im Konservatorium gewesen, aber da herrscht keine rechte Ordnung. Sie ist aber sehr begabt,« sagte der Inspektor, die Treppe hinabsteigend, »sie will öffentlich auftreten«. Der Inspektor und Nechliudow näherten sich dem Gefängnis. Das Pförtchen tat sich bei der Annäherung des Inspektors augenblicklich auf. Die Aufseher legten die Hände an die Mützen und verfolgten ihn mit den Augen. Vier Männer mit halbrasierten Köpfen, die Kufen mit etwas trugen, begegneten ihnen im Vorzimmer, und alle zuckten zusammen, als sie den Inspektor erblickten. Besonders einer duckte sich und zog ein finsteres Gesicht, die schwarzen Augen glühten. »Versteht sich, ein Talent muß ausgebildet werden, das darf man nicht begraben, aber in einer kleinen Wohnung, wissen Sie, ist es manchmal lästig«, fuhr der Inspektor im Gespräch fort, ohne die Gefangenen weiter zu beachten, und er ging mit müden Schritten, die Beine schleppend, von Nechliudow begleitet, über eine Treppe in das Versammlungszimmer. »Wen wünschen Sie zu sehen?« fragte der Inspektor. »Die Bogoduchowskaja.« »Eine aus dem Turm? Sie werden etwas warten müssen«, wandte er sich an Nechliudow. »Aber könnte ich nicht inzwischen die Gefangenen Menschow sehen? Mutter und Sohn, angeklagt wegen Brandstiftung.« »Aha, aus der Zelle Nummer einundzwanzig. Gut, man kann sie herausrufen.« »Könnte ich nicht den Menschow in seiner Zelle sehen?« »Aber Sie werden im Versammlungszimmer ungestörter sein.« »Nein, es interessiert mich gerade.« »So, das finden Sie interessant?« In diesem Augenblick kam aus der Seitentür ein stutzerhafter Offizier, der Unterinspektor. »Hier, führen Sie den Fürsten zu Menschow in die Zelle. Zelle einundzwanzig,« sagte der Inspektor zum Unterinspektor, »und nachher ins Bureau. Ich werde sie selber holen. Wie heißt sie doch gleich?« »Wera Bogoduchowskaja«, sagte Nechliudow. Der Unterinspektor war ein junger, blonder, nach Eau de Cologne duftender Offizier mit geschwärztem Schnurrbart. »Bitte,« wandte er sich mit liebenswürdigem Lächeln an Nechliudow, »interessieren Sie sich für unsere Anstalt?« »Ja, und ich interessiere mich auch für diesen Mann, der, wie man mir gesagt hat, vollkommen unschuldig hierher geraten ist.« Der Unterinspektor zuckte die Achseln. »Ja, das kommt vor,« sagte er ruhig, indem er den Gast höflich in dem stinkenden, breiten Korridor vorangehen ließ, »es kommt aber auch vor, daß sie lügen. Bitte!« Die Zellentüren waren offen, und einige Gefangene befanden sich im Korridor. Während er den Aufsehern kaum merkbar zunickte und nach den Gefangenen schielte, die sich entweder an den Wänden hindrückten, um in ihre Zellen zu gehen, oder, die Hände an der Hosennaht, an der Tür stehenblieben und die Vorgesetzten nach Soldatenart mit den Augen verfolgten, führte der Unterinspektor Nechliudow durch einen Korridor zu einem zweiten, links, der mit einer eisernen Tür verschlossen war. Dieser Korridor war enger, dunkler und roch noch übler als der erste. In den Korridor mündeten zu beiden Seiten mit Schlössern verriegelte Türen. In den Türen waren kleine Löcher, sogenannte Äuglein, einen halben Werschok im Durchmesser. Im Korridor war niemand, außer einem alten Aufseher mit traurigem, runzeligem Gesicht. »In welcher sitzt Menschow?« fragte der Unterinspektor. »Die achte, links.« »Sind diese hier besetzt?« fragte Nechliudow. »Alle besetzt, außer einer.« 52 »Kann man da hineinsehen?« fragte Nechliudow. »Bitte sehr«, sagte mit liebeswürdigem Lächeln der Unterinspektor und fragte den Aufseher nach etwas. Nechliudow blickte durch eine Öffnung hinein. Drin ging ein hochgewachsener, junger Mann, nur in Unterkleidern, rasch hin und her. Als er das Geräusch an der Tür hörte, blickte er hin, zog die Augenbrauen zusammen und fuhr fort, auf und ab zu gehen. Nechliudow blickte in eine andere Öffnung hinein. Sein Auge traf ein anderes, sonderbares, großes Auge, das durch das kleine Loch sah; er zog sich eilig zurück. Durch die dritte Öffnung hineinblickend, sah er ein auf dem Bette schlafendes, mit dem Kopfe in den Kaftan gehülltes, zusammengekauertes Männchen von sehr kleinem Wuchs. In der vierten Zelle saß ein bleicher Mann mit breitem Gesicht, den Kopf tief gesenkt, die Ellbogen auf die Knie gestützt. Als er die Schritte hörte, erhob der Mann den Kopf und blickte auf. In dem ganzen Gesichte, besonders in den großen Augen, lag ein Ausdruck hoffnungsloser Sehnsucht. Ihn interessierte augenscheinlich nicht, zu erfahren, wer zu ihm in die Zelle hereinblickte. Es mochte hereinsehen, wer wollte, – augenscheinlich erwartete er von niemand etwas Gutes. Nechliudow ward ängstlich zumute. Er blickte nicht weiter hinein und näherte sich Menschows Zelle. Nummer einundzwanzig. Der Aufseher sperrte das Schloß auf und öffnete die Tür. Ein junger, muskulöser Mann mit langem Hals und guten, runden Augen, mit kleinem Bart, stand neben der Schlafbank, und mit erschrockenem Gesicht, eilig den langen Rock anziehend, sah er die Eintretenden an. Besonders fielen Nechliudow die großen, runden Augen auf, die fragend und erschrocken von ihm auf den Aufseher, auf den Unterinspektor und zurück liefen. »Hier, der Herr will dich über deine Sache befragen.« »Wir danken Ihnen bestens.« »Ja, man hat mir von Ihrer Sache erzählt,« sagte Nechliudow, trat in die Tiefe der Zelle und blieb bei dem schmutzigen Gitterfenster stehen; »und ich möchte von Ihnen selbst darüber hören.« Menschow näherte sich ebenfalls dem Fenster und begann sogleich zu erzählen, erst schüchtern, sich nach dem Inspektor umblickend, dann immer freier und freier. Als aber der Inspektor ganz aus der Zelle und in den Korridor hinausging, um dort einen Befehl zu erteilen, wurde er ganz unbefangen. Seine Erzählung war nach Sprache und Manier die Erzählung des guten, ganz einfachen Bauernburschen, und Nechliudow schien es besonders seltsam, diese Erzählung aus dem Munde eines Gefangenen im Schandkleid und im Gefängnis zu hören. Nechliudow hörte zu, und gleichzeitig betrachtete er die niedere Schlafbank mit der Strohmatratze, das Fenster mit dem dicken eisernen Gitter, die schmutzigen, feuchten, beschmierten Wände, das klägliche Gesicht und die Figur des unglücklichen, verunstalteten Bauern in Gefängnisrock und Pantoffeln, und ihm Wurde immer trauriger zumute. Er mochte nicht an die Wahrheit dessen glauben, was dieser gutmütige Mensch erzählte – so schrecklich war es zu denken, daß Menschen einen anderen Menschen um nichts, nur dafür, daß man ihn selber beleidigt, ergreifen, ins Gefangenenkleid stecken und an diesen schrecklichen Ort setzen konnten. Indessen aber war es noch schrecklicher zu denken, daß diese wahrhafte Erzählung, bei diesem gutmütigen Gesicht, Betrug und Lüge sein könnte. Es handelte sich darum, daß der Schenkwirt ihm bald nach der Verehelichung seine Frau abspenstig gemacht hatte. Er suchte dann überall sein Recht. Aber überall erkaufte der Schenkwirt die Obrigkeit und bekam stets recht. Einmal holte er seine Frau mit Gewalt zurück, sie entlief ihm am anderen Tage. Dann kam er, um seine Frau zu fordern. Der Schenkwirt sagte, die Frau sei nicht da (er aber hatte sie beim Eintreten gesehen) und hieß ihn weggehen. Er ging nicht. Der Schenkwirt und sein Knecht schlugen ihn blutig; am anderen Tage aber brach auf dem Hofe des Schenkwirts Feuer aus. Man beschuldigte ihn und seine Mutter, er aber hatte es nicht angesteckt, er war bei einem Gevatter gewesen. »Und hast du's wirklich nicht angesteckt?« »Nie gedacht habe ich an so etwas, Herr. Aber er, dieser Bösewicht, hat es wahrscheinlich selber angesteckt. Man sagte, er hatte damals eben versichert. Und man hat es auf mich und die Mutter geschoben; wir seien bei ihm gewesen und hätten ihn bedroht. Es ist wahr, ich habe ihn damals geschimpft, das Herz ertrug es nicht. Feuer anlegen aber, – das habe ich nicht getan. Und ich bin nicht mal dagewesen, als das Feuer auskam. Das hat er aber absichtlich auf den Tag verschoben, als ich mit meiner Mutter da war. Selber hat er es der Versicherung wegen angesteckt, hat es aber auf uns geschoben.« »Ist das wirklich wahr?« »Wahrhaftig, vor Gott sage ich es, Herr! Seien Sie mir wie ein leiblicher Vater!« Er wollte auf die Knie fallen, und Nechliudow konnte es nur mit Mühe verhindern. »Helfen Sie mir heraus, um nichts gehe ich zugrunde«, fuhr er fort. Und plötzlich begannen seine Wangen zu zucken, und er weinte; er streifte den Ärmel auf und fing an mit einem Ärmel des schmutzigen Hemdes die Augen zu wischen. »Fertig?« fragte der Inspektor. »Ja. Also verlieren Sie den Mut nicht! Wir werden tun, was möglich ist«, sagte Nechliudow und ging hinaus. Menschow stand in der Tür, so daß der Aufseher ihn mit der Tür stieß, als er sie zumachte. Während der Aufseher das Schloß zusperrte, sah Menschow durch das kleine Loch in der Tür. 53 Als Nechliudow durch den breiten Korridor zurückkehrte (es war um die Zeit des Mittagessens und die Zellen waren offen) und zwischen den mit hellgelben, langen Röcken, kurzen, breiten Hosen und Pantoffeln bekleideten Menschen hindurchschritt, die ihn gierig betrachteten, überkamen ihn seltsame Gefühle des Mitleidens mit den Menschen, die hier saßen, und des Grauens und Nichtbegreifenkönnens gegenüber jenen, die sie hier eingesperrt hatten und festhielten, und daneben auch der Beschämung vor sich selbst, daß er all dieses hier so ruhig mit ansah. In einem Korridor eilte jemand mit klappernden Pantoffeln in eine Zelle hinein, und heraus kamen Leute, die sich Nechliudow in den Weg stellten und sich vor ihm verbeugten. »Bitte, befehlen Sie, Euer Wohlgeboren – ich kenne Ihren werten Namen leider nicht – daß man unsere Sache erledigt – so oder so.« »Ich bin nicht von der Behörde, ich weiß von nichts.« »Es ist gleich, – sagen Sie es irgendwem, der Obrigkeit oder jemand,« rief eine entrüstete Stimme, »wir haben nichts verschuldet und leiden hier schon den zweiten Monat!« »Wieso? Warum?« fragte Nechliudow. »Ja also, wir sind ins Gefängnis eingesperrt. Wir sitzen den zweiten Monat und wissen selbst nicht warum!« »Es ist richtig, das war ein Zufall,« sagte der Unterinspektor, »diese Leute wurden erst inhaftiert, weil sie keine Ausweispapiere hatten, und man hätte sie in ihr Gouvernement abschieben müssen. Dort aber ist das Gefängnis abgebrannt, und die Gouvernementsverwaltung hat uns mitgeteilt, daß wir ihnen niemand schicken sollen. Die aus den anderen Gouvernements sind alle abgeschoben, diese aber halten wir hier zurück.« »Was? Nur darum?« fragte Nechliudow, in der Tür stehenbleibend. Der Haufe, etwa vierzig Mann, alle in Gefängniskleidung, umgab Nechliudow und den Unterinspektor. Mehrere Stimmen begannen auf einmal zu sprechen. Der Unterinspektor hielt sie auf: »Sprecht, aber nur einer auf einmal!« Aus dem Haufen sonderte sich ein hochgewachsener, wohlgestalteter, etwa fünfzigjähriger Mann; er erklärte Nechliudow, daß sie alle ausgewiesen und ins Gefängnis gesteckt wären, weil sie keine Pässe hätten. Sie hatten aber wohl Pässe, aber diese waren seit etwa vierzehn Tagen abgelaufen. Jedes Jahr ließen sie so die Pässe ablaufen, und man hatte sie nicht zur Verantwortung gezogen; diesmal aber nahm man sie fest und verwahrte sie nun hier schon den zweiten Monat wie Verbrecher. »Wir alle sind bei der Steinhauerei, alle vom gleichen Artel. Es heißt, das Gouvernementsgefängnis ist abgebrannt. Aber wir sind doch daran nicht schuld. Erweisen Sie uns Gnade und Barmherzigkeit.« Nechliudow hörte zu und verstand fast nicht, was der alte anständig aussehende Mann sprach, denn seine ganze Aufmerksamkeit war in Anspruch genommen von einer großen, dunkelgrauen, vielfüßigen Laus, die zwischen den Haaren auf der Wange des Steinhauers lief. »Wieso? Ist es wirklich nur deswegen?« sprach Nechliudow, sich an den Inspektor wendend. »Ja, sie sollen nach ihrem Heimatort befördert werden«, sagte der Unterinspektor. Eben hatte der Inspektor geschlossen, als aus dem Haufen ein Männchen hervortrat, auch im Gefängnisrock, und mit seltsamem Mundverziehen darüber zu reden begann, daß man sie hier um nichts quäle. »Schlimmer als Hunde ...« fing er an. »Na, na, sprich nur nicht zuviel! Schweig lieber, du! Sonst, du weißt ja ...« »Was brauch' ich zu wissen?« fing der kleine Mann verzweifelt an. »Wir haben doch nichts getan!« »Maul halten!« schrie der Vorgesetzte, und das Männchen verstummte. »Was heißt denn das?« sprach bei sich Nechliudow, während er zwischen den hundert Augen der ihm begegnenden und aus den Türen herausguckenden Gefangenen, die ihn gleichsam Spießruten laufen ließen, die Reihe der Zellen verließ. »Aber hält man denn wirklich ganz unschuldige Menschen fest?« brachte Nechliudow hervor, als sie auf den Korridor hinausgelangt waren. »Was soll man tun? Und sie lügen ja auch viel. Wenn man sie reden hört, sind sie alle unschuldig«, sprach der Unterinspektor. »Aber es kommt auch vor, daß man geradezu um nichts sitzt.« »Und diese sind ja gewiß ganz ohne Schuld.« »Ja, diese wohl. Nur ist das Volk sehr verdorben. Ohne Strenge geht es nicht. Es gibt so tolle Kerle, denen man nicht den Finger in den Mund legen dürfte. Also, Gestern zum Beispiel waren wir gezwungen, zwei zu bestrafen.« »Wie bestrafen?« fragte Nechliudow. »Mit Ruten hat man sie bestraft, auf höhere Verordnung hin.« »Aber die Körperstrafen sind doch aufgehoben?« »Nicht für diejenigen, denen die bürgerlichen Rechte entzogen sind. Für die bestehen sie noch.« Nechliudow erinnerte sich alles dessen, was er gestern gesehen, als er im Flur wartete; er verstand jetzt, daß die Bestrafung gerade vor sich ging, während er wartete, und ihn überkam mit besonderer Schärfe jenes Gefühl, gemischt aus Neugier, Gram, Nichtbegreifenkönnen und moralischer, fast ins Physische übergehender Übelkeit, das ihn auch früher, aber noch nie mit solcher Stärke, erfaßt hatte. Ohne den Unterinspektor weiter zu hören und um sich zu sehen, verließ er eilig die Korridore und begab sich ins Bureau. Der Inspektor war im Bureau und hatte, mit anderen Sachen beschäftigt, vergessen, die Bogoduchowskaja holen zu lassen. Erst als Nechliudow ins Bureau trat, erinnerte er sich, daß er sie hatte holen lassen wollen. »Gleich schicke ich nach ihr. Nehmen Sie, bitte, einen Augenblick Platz!« 54 Das Bureau bestand aus zwei Zimmern. Im ersten Zimmer mit einem großen, vorspringenden, abgeblätterten Ofen und zwei schmutzigen Fenstern stand in einer Ecke ein schwarzer Apparat, zum Messen des Wuchses der Gefangenen; in der anderen Ecke hing das gewöhnliche Attribut der Orte der Tyrannei: ein großes Bild Christi. In diesem ersten Zimmer standen einige Aufseher, in dem anderen Zimmer saßen an den Wänden etwa zwanzig Männer und Frauen, in einzelnen Gruppen oder paarweise, und sprachen halblaut miteinander. Am Fenster stand ein Schreibtisch. Der Inspektor setzte sich an den Schreibtisch und bot Nechliudow einen daselbst stehenden Stuhl an. Nechliudow setzte sich und begann die Leute zu betrachten, die sich im Zimmer befanden. Vor allem erregte seine Aufmerksamkeit ein junger Mann mit sympathischem Gesicht, in einem kurzen Jackett, der vor einem nicht mehr jungen Frauenzimmer mit schwarzen Brauen stand, und eifrig, mit den Händen gestikulierend, mit ihr sprach. Daneben saß ein alter Mann mit blauer Brille und hörte unbeweglich auf das, was ihm ein junges Frauenzimmer in Gefangenentracht erzählte, während er ihre Hand hielt. Ein Knabe, ein Realschüler, mit erstarrtem, erschrockenem Gesichtsausdruck blickte den Alten an, ohne die Augen von ihm abzuwenden. Nicht weit von ihnen in der Ecke saß ein Liebespärchen: sie war ein ganz junges, blondes, reizendes Mädchen mit kurzen Haaren, mit energischem Gesicht, in moderner Kleidung, er ein schöner Jüngling, mit feinen Gesichtszügen und welligem Haar, in einer Guttaperchajacke. Sie saßen in einer Ecke, flüsterten und vergingen augenscheinlich vor Liebe. Dem Tische am nächsten saß eine grauhaarige Frau in schwarzem Kleide, offenbar eine Mutter: unverwandt blickte sie auf einen jungen Mann von schwindsüchtigem Aussehen, ebenfalls in einer Guttaperchajacke, wollte etwas sagen und konnte es vor Tränen nicht hervorbringen; sie fing an und blieb wieder stecken. Der junge Mann hielt ein Papier in den Händen, das er mit bösem Gesicht bog und zerknitterte, da er augenscheinlich nicht wußte, was er anfangen sollte. Neben ihnen saß ein volles, rotbackiges, schönes Mädchen mit stark vorstehenden Augen, in einem grauen Kleide und mit einer Pelerine. Sie saß neben der weinenden Mutter und streichelte zart ihre Schulter. Alles war schön an diesem Mädchen: die großen, weißen Hände, das wellige, kurzgeschorene Haar, die kräftige Nase, die starken Lippen, aber den Hauptreiz ihres Gesichts bildeten die braunen, guten, ehrlichen Hammelaugen. Ihre schönen Augen rissen sich vom Gesichte der Mutter los in der Minute, als Nechliudow hereinkam, und begegneten seinem Blick. Aber sogleich wandte sie sich wieder ab und begann, der Mutter etwas zu sagen. Nicht weit von dem Liebespärchen saß ein Mann mit schwarzem Strubbelkopf und finsterem Gesicht und sprach ärgerlich mit einem Besucher, der aussah wie ein Skopze. Nechliudow setzte sich neben den Inspektor und sah mit gespannter Neugierde rundum. Ein glattgeschorenes Kind, ein Knabe, der sich ihm näherte, zerstreute seine Aufmerksamkeit. Er wandte sich mit feiner Stimme an ihn mit der Frage: »Und wen erwarten Sie?« Nechliudow wunderte sich über die Frage, aber als er den Knaben betrachtete und sein ernstes, geistvolles Gesicht mit den aufmerksamen, belebten Augen sah, antwortete er ihm ernsthaft, daß er eine Bekannte erwarte. »So? Ihre Schwester?« fragte der Knabe. »Nein. Nicht meine Schwester«, antwortete verwundert Nechliudow. »Und mit wem bist du denn hier?« fragte er den Knaben. »Ich bin mit Mama. Sie ist eine Politische«, sagte der Knabe. »Maria Pawlowna, nehmen Sie doch den Kolja weg«, sagte der Inspektor, der Nechliudows Gespräch mit Kolja augenscheinlich unstatthaft fand. Maria Pawlowna, das schöne Mädchen mit den Hammelaugen, das Nechliudow aufgefallen war, erhob sich in ihrer ganzen hohen Gestalt und kam mit starken, weiten, fast männlichen Schritten zu Nechliudow und dem Knaben. »Was fragt er Sie? Wer Sie seien?« fragte sie Nechliudow mit einem leichten Lächeln, indes sie vertraut in seine Augen sah, so einfach, als ob kein Zweifel daran sein könne, daß sie mit allen in einfachen, freundlichen, schwesterlichen Beziehungen wäre, sei, und sein müsse. »Er muß immer alles wissen«, sagte sie und lächelte dem Knaben voll ins Gesicht mit einem so guten lieblichen Lächeln, daß beide, der Knabe wie Nechliudow, unwillkürlich ihr Lächeln erwiderten. »Ja, er hat mich gefragt, wen ich besuchen wolle.« »Maria Pawlowna, es ist nicht gestattet, mit Fremden zu sprechen. Sie wissen ja«, sagte der Inspektor. »Schön, schön«, sagte sie, nahm mit ihrer großen, weißen Hand den die Augen nicht von ihr abwendenden Kolja am Händchen und kehrte mit ihm zu der Mutter des Schwindsüchtigen zurück. »Wem gehört denn der Knabe?« fragte Nechliudow jetzt den Inspektor. »Einer Politischen; er ist auch im Gefängnis geboren«, sagte der Inspektor mit einem gewissen Vergnügen, als ob er eine Sehenswürdigkeit seiner Anstalt zeige. »Wirklich?« »Ja, jetzt geht er mit der Mutter nach Sibirien.« »Und das Mädchen?« »Ich darf Ihnen nicht antworten«, sagte der Inspektor achselzuckend. »Hier kommt die Bogoduchowskaja.« 55 Aus der hinteren Tür kam mit quirlendem Gang die kleine, kurzgeschorene, magere, gelbe Wera Jefremowna mit den großen, guten Augen. »Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind«, sagte sie, Nechliudows Hand drückend. »Haben Sie sich meiner noch erinnert? Wollen wir uns nicht setzen?« »Ich ahnte nicht, daß ich Sie so finden würde.« »Oh, mir geht es gut; so gut, so gut, daß ich mir nichts Besseres wünsche!« sprach Wera Jefremowna; indem sie, wie immer, erschrocken mit ihren großen, guten, runden Augen Nechliudow anblickte und den dünnen, gelben, sehnigen Hals drehte, der aus dem jämmerlich zerknüllten, schmutzigen Kragen ihrer Jacke hervorsah. Nechliudow fragte sie, wie sie in diese Lage geraten sei. Als Antwort darauf erzählte sie ihm mit großer Lebhaftigkeit von ihrer Sache. Ihre Rede war ganz mit ausländischen Ausdrücken gespickt, mit »Propaganda, Desorganisation, Gruppen, Sektionen und Untersektionen«, die sie augenscheinlich für allen geläufig hielt, und von denen Nechliudow nie gehört hatte. Sie erzählte ihm, augenscheinlich fest überzeugt, daß es ihm höchst interessant und angenehm sein müsse, alle Geheimnisse der Partei der »Narodovrolzy« zu wissen. Nechliudow aber betrachtete ihren kläglichen Hals, ihre dünnen, wirren Haare und wunderte sich, wozu sie all das getan und wozu sie das erzählte. Sie dauerte ihn, aber durchaus nicht so, wie ihn Menschow dauerte, der Bauer, der völlig schuldlos in dem stinkenden Gefängnis saß. Er bedauerte sie am meisten wegen des Wirrwarrs, der offenbar in ihrem Kopfe herrschte. Augenscheinlich hielt sie sich für eine Heldin, die bereit ist, ihr Leben dem Erfolg ihrer Sache zum Opfer zu bringen. Dabei hätte sie aber kaum zu erklären vermocht, worin diese Sache und der Erfolg dieser Sache bestand. Die Angelegenheit, von der Wera Jefremowna mit Nechliudow sprechen wollte, bestand darin, daß ihre Kameradin Schustowa, die sogar nicht einmal zu ihrer Untergruppe gehörte, wie sie sich ausdrückte, vor fünf Monaten mit ihr zusammen ergriffen und in die Peter-Pauls-Festung gesteckt worden war, einzig deswegen, weil man Bücher und Papiere, die ihr zur Aufbewahrung übergeben waren, bei ihr gefunden hatte. Wera Jefremowna fühlte sich etwas mitschuldig an der Einsperrung der Schustowa und flehte Nechliudow an, da er Verbindungen habe, alles, was möglich sei, zu tun, um sie zu befreien. Die andere Sache, um die die Bogoduchowskaja ihn bat, bestand darin, daß er dem in der Peter-Pauls-Festung inhaftierten Gurkewitsch die Erlaubnis auswirken sollte, seine Eltern zu sehen und die wissenschaftlichen Bücher zu erhalten, welche er für seine Studien brauchte. Nechliudow versprach, alles, was möglich sei, zu versuchen, sobald er in Petersburg sein werde. Ihre eigene Geschichte erzählte Wera Jefremowna folgendermaßen: nach Absolvierung der Hebammenkurse hatte sie sich der Partei der »Narodowolzy« angeschlossen und für sie gearbeitet. Zuerst ging alles gut, man schrieb Proklamationen, trieb Propaganda in den Fabriken; dann wurde eine hervorragende Persönlichkeit gefangengenommen, die Papiere mit Beschlag belegt und allmählich alle festgenommen. »Auch mich hat man festgenommen, und jetzt verschickt man mich«, beendete sie ihre Geschichte. »Aber das macht nichts. Ich fühle mich ausgezeichnet, – ein olympisches Bewußtsein«, sagte sie und lächelte – ein klägliches Lächeln. Nechliudow fragte nach dem Mädchen mit den Hammelaugen. Wera Jefremowna erzählte, daß dies eine Generalstochter sei, die schon lange zu einer revolutionären Partei gehöre, und daß sie gefangensäße, weil sie einen Schuß auf einen Gendarmen auf sich genommen hatte. Sie wohnte in einer geheimen Wohnung, wo eine Druckpresse war. Als man nachts Zur Haussuchung kam, beschlossen die Einwohner, sich zu verteidigen, löschten das Licht und fingen an, die Beweisstücke zu vernichten. Die Polizisten drangen ein, und dann feuerte einer der Verschwörer einen Schuß ab und verwundete einen Gendarmen tödlich. Als das Verhör darüber begann, wer geschossen habe, sagte sie, sie habe geschossen, trotzdem sie nie einen Revolver in der Hand gehabt und nicht fähig war, nur eine Spinne zu töten. Und dabei blieb es auch. Und jetzt gehe sie in die Zwangsarbeit. »Eine Altruistin, eine schöne Persönlichkeit...« sagte anerkennend Wera Jefremowna. Die dritte Sache, von der Wera Jefremowna sprechen wollte, betraf die Maslowa. Sie kannte, da im Gefängnis alles bekannt war, die Geschichte der Maslowa und Nechliudows Beziehungen zu ihr und riet ihm, ihre Überführung zu den Politischen nachzusuchen, oder wenigstens ihre Versetzung ins Krankenhaus als Wärterin, wo es viele Patienten gäbe und Arbeiterinnen nötig seien. Nechliudow dankte ihr für den Rat und sagte, er werde sich bemühen, ihn zu benutzen. 56 Ihr Gespräch wurde durch den Inspektor unterbrochen, der sich erhob und erklärte, die Besuchszeit sei zu Ende und man müsse sich trennen. Nechliudow erhob sich, nahm von Wera Jefremowna Abschied und ging zur Tür, wo er stehenblieb und beobachtete, was sich vor ihm abspielte. »Herrschaften, es ist Zeit, Zeit!« sprach der Inspektor, bald aufstehend, bald sich wieder setzend. Die Aufforderung des Inspektors rief bei den im Zimmer Anwesenden, den Gefangenen und Besuchern, nur eine besondere Lebhaftigkeit hervor, aber niemand dachte daran zu gehen. Einige standen auf und sprachen im Stehen, einige blieben sitzen und sprachen weiter, einige begannen Abschied zu nehmen und zu weinen. Besonders rührend war die Mutter mit dem Sohne, dem Schwindsüchtigen. Der junge Mann drehte noch immer das Papier, und sein Gesicht wurde böser und böser, so groß waren die Anstrengungen, die er machte, um von dem Gefühl der Mutter nicht angesteckt zu werden. Die Mutter aber, als sie hörte, daß man sich schon verabschieden müsse, lehnte sich an seine Schulter und schluchzte schwer atmend durch die Nase. Das Mädchen mit den Hammelaugen – Nechliudow beobachtete sie unwillkürlich – stand vor der schluchzenden Mutter und sprach ihr beruhigend zu. Der Alte mit der blauen Brille stand da, hielt seine Tochter an der Hand und nickte mit dem Kopf zu dem, was sie sprach. Die jungen Verliebten standen auf und hielten einander an den Händen, während sie sich schweigend in die Augen sahen. »Nur diesen allein hier ist lustig zumute«, sagte, auf das Liebespärchen zeigend, der junge Mann im kurzen Jackett, der neben Nechliudow stand und, ebenso wie er, die Abschiednehmenden betrachtete. Die Verliebten, der junge Mann in der Guttaperchajacke und das niedliche blonde Mädchen streckten die Arme aus, ohne sich loszulassen, warfen sich zurück und begannen sich lachend zu drehen, als sie die Blicke Nechliudows und des jungen Mannes auf sich ruhen fühlten. »Heute abend heiraten sie hier im Gefängnis, und sie folgt ihm nach Sibirien«, sagte der junge Mann. »Was ist er denn?« »Zwangsarbeiter. Die wenigstens sind noch guter Dinge. Sonst tut's schon zu weh, es anzuhören«, fügte der junge Mann im Jackett hinzu, indem er auf das Schluchzen der Mutter des Schwindsüchtigen horchte. »Meine Herrschaften, ich bitte sehr, ich bitte sehr. Zwingen Sie mich doch nicht zu strengen Maßnahmen«, sprach der Inspektor, immer ein und dasselbe wiederholend. »Ich bitte sehr, aber bitte doch«, sprach er schwach und unentschlossen. »Was soll denn das? Es ist schon höchste Zeit. So geht das doch nicht! Ich sage es zum letztenmal!« wiederholte er niedergeschlagen, indem er bald seine Marylandzigarette anzündete, bald sie auslöschte. Es war klar, daß – wie geschickt ausgedacht und wie alt und gewohnt die Gründe auch sind, die den einen Menschen erlauben, den anderen Böses zu tun, ohne sich dafür verantwortlich zu fühlen – es dem Inspektor doch nicht verborgen bleiben konnte, daß er mitschuldig war an dem Kummer, der in diesem Zimmer laut wurde, und es war ihm augenscheinlich fürchterlich schwer zumute. Endlich begannen die Gefangenen und die Besucher sich zu trennen, jene gingen durch die innere, diese durch die äußere Tür. Fort gingen die Männer in den Guttapercha Jacken, fort ging der Schwindsüchtige und der schwarzhaarige Strubbelkopf; fort ging auch Maria Pawlowna mit dem im Gefängnis geborenen Knaben. Und auch die Besucher entfernten sich. Mit schwerem Gang ging der Alte mit der blauen Brille; ihm folgte auch Nechliudow. »Jawohl, eine wunderliche Ordnung«, sagte der redselige junge Mann, als ob er ein unterbrochenes Gespräch fortsetzte, während er mit Nechliudow zusammen die Treppe hinunterstieg. »Gott sei Dank, daß wenigstens der Hauptmann ein guter Mensch ist, sich nicht an die Regeln hält. Wenigstens sprechen sie doch ein wenig miteinander, schütten ihr Herz aus.« Als Nechliudow mit Medynzew sprach – so hatte sich der redselige junge Mann ihm vorgestellt – trat unten im Flur der Inspektor mit müdem Aussehen zu ihnen heran. »Also, wenn Sie die Maslowa sehen wollen, so kommen Sie, bitte, morgen«, sagte er, da er offenbar wünschte, sich Nechliudow liebenswürdig zu erweisen. »Sehr gut«, sagte Nechliudow und eilte hinaus. Schrecklich waren Menschows offenbar unverschuldete Leiden – und nicht so sehr seine physischen Leiden – wie jenes Bedenken, jenes Mißtrauen gegen das Gute und gegen Gott, das er fühlen mußte, als er die Grausamkeit der Menschen sah, die ihn ohne Grund quälten. Schrecklich waren die Beschimpfungen, die Qualen, die über diese Hunderte von ganz unschuldigen Menschen verhängt worden, nur weil ein Papier nicht richtig ausgestellt war. Schrecklich waren diese verdummten Aufseher, die sich damit beschäftigten, ihre Brüder zu quälen und dabei überzeugt waren, daß sie eine gute und wichtige Sache verrichteten; aber am schrecklichsten erschien ihm dieser gute, alternde Inspektor von schwacher Gesundheit, der Mutter und Sohn, Vater und Tochter – Menschen wie er selbst und seine Kinder – trennen mußte. »Warum ist das alles?« fragte sich Nechliudow, indem er jetzt im höchsten Grade jenes Gefühl moralischer, ins Physische übergehender Übelkeit empfand, das er immer im Gefängnis zu empfinden pflegte, und er fand keine Antwort. 57 Am nächsten Tage fuhr Nechliudow zu seinem Rechtsanwalt, teilte ihm Menschows Angelegenheit mit und bat ihn, die Verteidigung derselben zu übernehmen. Der Advokat hörte ihn an, sagte, daß er die Akten durchsehen wolle, und wenn es so sei, wie Nechliudow sage, was sehr wahrscheinlich sei, so werde er die Verteidigung ohne jedes Entgelt übernehmen. Nechliudow erzählte dem Advokaten unter anderem auch von den aus Mißverständnis festgehaltenen hundertdreißig Mann und fragte, von wem das abhänge und wer schuld sei? Der Advokat schwieg eine Zeitlang, da er augenscheinlich präzis antworten wollte. »Wer schuld ist? Niemand!« sagte er entschieden. »Sprechen Sie mit dem Staatsanwalt: er wird sagen, der Gouverneur sei schuld; sprechen Sie mit dem Gouverneur, und er wird sagen, der Staatsanwalt sei schuld. Niemand ist schuld.« »Ich fahre gleich zu Maslennikow und sage es ihm.« »Nun, das ist nutzlos«, erwiderte lächelnd der Advokat. »Das ist ein solcher – er ist doch kein Verwandter oder Freund von Ihnen? – das ist, mit Verlaub zu sagen, ein solcher Dummkopf – und zugleich solch ein schlaues Vieh.« Nechliudow erinnerte sich, was Maslennikow von dem Advokaten gesagt hatte, und er antwortete nicht; er verabschiedete sich und fuhr zu Maslennikow. Nechliudow hatte Maslennikow um zwei Dinge zu bitten: um die Überführung der Maslowa ins Krankenhaus, und für die unschuldig ins Gefängnis gesperrten hundertdreißig Ausweislosen. Wie schwer es ihm auch ankam, einen Mann zu bitten, den er nicht achtete und der Rutenhiebe zudiktierte – es blieb doch das einzige Mittel, seinen Zweck zu erreichen, und es mußte geschehen. Als Nechliudow bei Maslennikows Hause vorfuhr, sah er an der Auffahrt einige Equipagen: Droschken, Kaleschen und Kutschen, und er erinnerte sich, daß gerade heute der Empfangstag von Maslennikows Frau sei, zu dem er ihn zu kommen gebeten hatte. Als Nechliudow gerade vorfuhr, stand eine Kutsche an der Auffahrt, und ein Lakai mit einem kokardegeschmückten Hut und einer Pelerine half einer Dame von der Rampe in den Wagen. Die Dame raffte ihre Schleppe auf und enthüllte ihre schwarzen, dünnen Knöchel über den ausgeschnittenen Schuhen. Mitten unter den haltenden Equipagen erkannte Nechliudow den geschlossenen Landauer der Kortschagins. Der grauköpfige, rotbäckige Kutscher nahm ehrerbietig und freundlich den Hut ab, wie vor einem besonders gut bekannten Herrn. Nechliudow hatte noch nicht Zeit gehabt, den Schweizer zu fragen, wo Michail Iwanowitsch (Maslennikow) sei, als er selber sich auf der teppichbelegten Treppe zeigte, wie er gerade einen sehr wichtigen Gast hinabgeleitete, so einen, den er nicht nur bis zum Treppenabsatz, sondern ganz hinunterzubegleiten pflegte. Dieser sehr wichtige militärische Gast sprach im Hinabsteigen französisch über die Tombola zugunsten der Versorgungsanstalten, die in der Stadt errichtet wurden, indem er die Meinung äußerte, daß dies eine gute Beschäftigung für die Damen sei, »es macht ihnen Spaß, und es kommt Geld dabei zusammen.« »Qu'elles s'amusent et que le bon Dieu les bénisse. Ah, Nechliudow, guten Tag! Warum hat man Sie solange nicht gesehen?« begrüßte er Nechliudow. »Allez presenter vos devoirs à madame. Kortschagins sind auch da. Et Nadine Bukshevden. Toutes les jolies femmes de la ville«, sagte er, indem er seine martialischen Schultern seinem eigenen großartigen Lakai mit den Goldtressen hinhielt und in die Höhe zog, als dieser ihm den Mantel darreichte. »Au revoir, mon cher.« Er drückte noch einmal Maslennikows Hand. »Nun, kommen Sie nach oben. Wie ich mich freue«, fing Maslennikow aufgeregt an, indem er Nechliudow unter den Arm faßte und trotz seiner Korpulenz rasch nach oben zog. Maslennikow war in einer besonders freudigen Aufregung, deren Ursache die ihm von einer wichtigen Person erwiesene Aufmerksamkeit war. Eine derartige Aufmerksamkeit versetzte Maslennikow in dasselbe Entzücken, in welches ein kleiner, freundlicher Hund gerät, wenn der Herr ihn streichelt, zärtlich klopft, hinter den Ohren kraut. Er dreht den Schwanz, zieht sich zusammen, schlängelt sich, legt die Ohren zurück und rast wie wahnsinnig im Kreise herum. Zu gleichem Tun war auch Maslennikow bereit. Er bemerkte Nechliudows ernsten Gesichtsausdruck nicht, hörte nicht zu und zog ihn unaufhaltsam ins Empfangszimmer, und so, daß Nechliudow nicht ablehnen konnte und mitging. »Das Geschäftliche nachher. Was du befiehlst, tu' ich alles«, sprach Maslennikow, als er mit Nechliudow durch den Saal ging. »Melden Sie der Frau Generalin den Fürsten Nechliudow«, sagte er im Gehen seinem Lakai. Der Lakai bewegte sich im Paßgang vorwärts und überholte sie. »Vouz n'avez qu'à ordonner. Aber meine Frau mußt du notwendigerweise sehen. Ich habe schon sowieso einen ordentlichen Wischer gekriegt, weil ich dich voriges Mal nicht zu ihr gebracht habe.« Der Lakai hatte schon Zeit gefunden, ihn zu melden, als sie hereinkamen, und Anna Ignatjewna, die Vizegouverneurin – die Generalin, wie sie sich nennen ließ, – neigte sich Nechliudow schon mit strahlendem Lächeln entgegen, mitten aus den Hüten und Köpfen heraus, die sie und den Diwan umgaben. Am anderen Ende des Empfangszimmers, am Teetisch, saßen Damen und standen Herren, Militärs und Zivilisten, und es ließ sich ein unaufhörliches Geschnatter männlicher und weiblicher Stimmen hören. »Enfin! Was heißt das? Wollen Sie uns gar nicht mehr kennen? Womit haben wir Sie beleidigt?« Mit diesen Worten, die eine Intimität zwischen ihr und Nechliudow andeuten sollten, die nie zwischen ihnen bestanden hatte, empfing Anna Ignatjewna den Eintretenden. »Sind Sie bekannt? Sie kennen sich? Madame Beliawskaja, Michail Iwanowitsch Tschernow. Rücken Sie heran. Missi, venez donc à notre table. On vous apportera votre thé... Und Sie,« wandte sie sich an einen Offizier, der mit Missi sprach und dessen Namen ihr augenscheinlich entfallen war, »kommen Sie, bitte, hierher. Befehlen Sie Tee, Fürst?« »Keinesfalls, keinesfalls gebe ich das zu. Sie liebte ihn einfach nicht«, sprach eine weibliche Stimme. »Sondern sie liebte Pastetchen.« »Immer faule Witze«, fiel lachend eine andere Dame mit einem hohen Hut ein, die von Seide, Gold und Steinen glänzte. »C'est excellent, diese kleinen Waffeln, und leicht. Wollen Sie mir noch einmal reichen?« »Nun, wie ist es, reisen Sie bald?« »Ja, heute ist schon mein letzter Tag. Darum sind wir auch hergekommen.« »Solch ein schöner Frühling. So schön ist's jetzt auf dem Lande.« Missi, im Hut und einem Kleid mit dunklen Streifen, das ohne ein einziges Fältchen ihre feine Taille umschloß, so, als sei sie in diesem Kleide auf die Welt gekommen, war sehr schön. Sie wurde rot, als sie Nechliudow sah. »Und ich dachte, Sie wären verreist«, sagte sie zu ihm. »So gut wie verreist«, sagte Nechliudow. »Geschäfte halten mich auf. Auch hier bin ich in Geschäften.« »Besuchen Sie doch Mama einmal. Sie wünscht sehr, Sie zu sehen«, sagte sie, und weil sie fühlte, daß sie log und daß er es durchschaute, errötete sie noch mehr. »Ich werde schwerlich dazu kommen«, erwiderte Nechliudow finster, indem er sich bemühte, so zu tun, als merke er ihr Erröten nicht. Missi zog ärgerlich die Brauen zusammen, zuckte die Achseln und wandte sich dem eleganten Offizier zu, der die leere Tasse aus ihren Händen empfing und, mit dem Säbel an die Stühle stoßend, diese mutig zu dem anderen Tische hinübertrug. »Sie müssen auch etwas für das Versorgungshaus spenden.« »Aber ich lehne ja nicht ab, ich will nur meine ganze Freigebigkeit bis zur Tombola aufsparen. Dort will ich mich schon in voller Stärke zeigen.« »Nun, nehmen Sie sich zusammen!« ließ sich eine offenbar verstellt lachende Stimme hören. Der Empfangstag war glänzend, und Anna Ignatjewna war entzückt. »Mika hat mir gesagt, daß Sie in den Gefängnissen zu tun haben. Ich begreife das sehr wohl«, sprach sie zu Nechliudow. »Mika« (das war ihr dicker Mann, Maslennikow) »kann andere Fehler haben, aber Sie wissen, wie gut er ist. Alle diese unglücklichen Gefangenen betrachtet er als seine Kinder. Nichts anderes will er in ihnen sehen. II est d'une bonté...« sie stockte, weil sie keine Worte fand, die seine bonté auszudrücken imstande waren – die bonté ihres Mannes, der die Leute prügeln ließ – und wandte sich dann gleich lächelnd an eine hereintretende runzelige Alte mit lila Bändern. Nachdem Nechliudow so viel gesprochen, wie nötig war, und so inhaltslos, wie es ebenfalls nötig war, um den Anstand nicht zu verletzen, stand er auf und trat zu Maslennikow. »Also, bitte sehr, kannst du mich jetzt anhören?« »Ach ja. Nun, um was handelt es sich? Komm hier hinein.« Sie gingen in ein kleines japanisches Kabinett und setzten sich ans Fenster. 58 »Nun, je suis à vous. Rauchst du? Nur – halt! – daß wir hier nichts beschädigen«, sagte er und brachte eine Aschenschale. »Also?« »Ich habe an dich zweierlei Anliegen.« »Soso.« Maslennikows Gesicht wurde finster und mißmutig. Die Aufgeregtheit des kleinen Hundes, den der Herr hinter den Ohren gekraut hat, war bis auf die letzte Spur verschwunden. Aus dem Empfangszimmer tönten Stimmen herein. Eine Frauenstimme sprach: »Jamais, jamais, je ne croirais.« Eine andere männliche Stimme am anderen Ende erzählte etwas und wiederholte immer: »La comtesse Woronzoff und ›Victor Apraksine‹. Von einer dritten Seite war nichts zu hören als Stimmengewirr und Gelächter. Maslennikow horchte auf das, was im Empfangszimmer vor sich ging und hörte gleichzeitig Nechliudow zu. »Ich komme wieder wegen derselben Frau«, sagte Nechliudow. »Ja, eine unschuldig Verurteilte, ich weiß, ich weiß.« »Ich möchte bitten, sie als Dienstmädchen ins Krankenhaus zu überführen. Man hat mir gesagt, das würde gehen.« Maslennikow preßte die Lippen zusammen und wurde nachdenklich. »Schwerlich geht das«, sagte er. »Ich will aber Erkundigungen einziehen und dir morgen telegraphieren.« »Man hat mir gesagt, es wären dort viele Patienten, und Gehilfinnen seien nötig.« »Nun ja, ja. Also ich werde dir jedenfalls darüber berichten.« »Bitte, sei so gut!« sagte Nechliudow. Aus dem Empfangszimmer erscholl ein allgemeines und sogar ungekünsteltes Gelächter. »Das ist immer der Viktor,« sagte Maslennikow lächelnd, »er ist erstaunlich witzig, wenn er recht im Zuge ist!« »Und noch etwas«, sagte Nechliudow. »Es sitzen jetzt im Gefängnis hundertdreißig Mann, nur weil ihre Pässe abgelaufen sind. Man hält sie hier schon einen Monat fest.« Und er erzählte, weshalb man sie festhielt. »Aber, wie hast du denn davon erfahren?« fragte Maslennikow, und auf seinem Gesichte prägte sich plötzlich Unruhe und Mißvergnügen aus. »Ich habe einen Angeklagten besucht, und da haben mich die Leute im Korridor umringt und gebeten...« »Welchen Angeklagten hast du besucht?« »Einen Bauern, der unschuldig angeklagt ist, und für den ich einen Verteidiger genommen habe. Aber nicht darum handelt es sich. Sollte es möglich sein, daß all diese völlig unschuldigen Leute nur deswegen im Gefängnis festgehalten werden, weil ihre Pässe abgelaufen sind? Und...« »Das ist Sache des Staatsanwalts«, unterbrach Maslennikow Nechliudow unwillig. »Du sagst ja immer: »Das rasche und gerechte Gericht«. Es ist Pflicht des Staatsanwalts, das Gefängnis zu besuchen und sich zu erkundigen, ob die Gefangenen gesetzlich inhaftiert sind. Sie tun nichts, Karten spielen sie...« »Also kannst du nichts tun?« sagte Nechliudow düster, da er sich der Worte des Advokaten erinnerte, daß der Gouverneur alles auf den Staatsanwalt schieben werde. »Nein, ich werde mich schon der Sache annehmen... Ich will mich gleich erkundigen.« »Für sie selber ist es schlimmer... C'est un souffre douleur...« hörte man die Stimme einer Frau aus dem Empfangszimmer, die augenscheinlich ganz gleichgültig gegen das war, was sie sprach. »Desto besser... ich nehme auch dies«, ließ sich von anderer Seite in tändelndem Ton eine männliche Stimme vernehmen, darauf das spielerische Lachen einer Frau, die jenem irgend etwas nicht geben wollte. »Nein, nein, um alles nicht!« sprach die Frauenstimme. »Nun also, ich werde alles tun«, wiederholte Maslennikow, indes er mit seiner weißen Hand mit dem Türkisring die Zigarette auslöschte. »Dann können wir wohl wieder zu den Damen gehen.« »Ja, noch etwas«, sagte Nechliudow, ohne in das Empfangszimmer einzutreten, an der Tür stehenbleibend. »Ich habe gehört, daß man gestern im Gefängnis mehrere Menschen körperlich bestraft hat. Ist das wahr?« Maslennikow wurde rot. »Ach, danach fragst du? Nein, mon cher, man darf dich entschieden nicht mehr hineinlassen, du kümmerst dich um alles. Komm, komm, Annette ruft uns«, sagte er, indem er ihn unter den Arm faßte und wieder die gleiche Aufregung zeigte, wie vorhin bei der ihm seitens der wichtigen Persönlichkeit erwiesenen Aufmerksamkeit; – nur war es jetzt keine freudige, sondern eine ängstliche Erregung. Nechliudow entriß ihm seinen Arm, und ohne von jemand Abschied zu nehmen, ohne ein Wort zu sprechen, ging er mit finsterer Miene durch das Empfangszimmer und den Saal, an dem herbeispringenden Lakaien vorüber in das Vorzimmer und trat auf die Straße hinaus. »Was ist mit ihm? Was hast du ihm getan?« fragte Annette ihren Mann. »Das ist à la française«, sagte jemand. »Wieso à la française? Das ist à la zoulou.« »Na, er ist ja immer so gewesen.« Jemand stand auf, jemand anderes kam an, und das Gezwitscher ging seinen Gang weiter; die Gesellschaft benutzte die Episode mit Nechliudow als bequemen Gesprächsstoff für den heutigen jour fixe. ... Am Tage nach seinem Besuch bei Maslennikow erhielt Nechliudow von ihm einen Brief, auf einem dicken, glänzenden Papier mit Wappen und Stempeln, in prächtiger, fester Handschrift, des Inhalts, daß er dem Arzt die Überführung der Maslowa ins Krankenhaus vorgeschlagen habe, und daß sein Wunsch, aller Wahrscheinlichkeit nach, in Erfüllung gehen werde. Unterzeichnet war: »Dein Dich liebender älterer Kamerad«, und unter der Unterschrift »Maslennikow« war ein erstaunlich kunstvoller, großer und fester Schnörkel. »Dummer Kerl!« konnte Nechliudow sich nicht enthalten zu sagen, besonders deswegen, weil in diesem Wort »Kamerad« Maslennikow sich zu ihm – Nechliudow fühlte das – herabließ, das heißt: trotzdem er das moralisch schmutzigste und schändlichste Amt bekleidete, hielt er sich für einen sehr wichtigen Mann und glaubte, daß er, indem er sich Nechliudows Kamerad nannte, ihm, wenn nicht schmeichelte, so doch ihm zeigte, daß er immer noch nicht zu stolz auf seine Herrlichkeit sei. 59 Es ist einer der gewöhnlichsten und verbreitetsten Aberglauben, daß jeder Mensch nur eine ihm zugehörige, bestimmte Eigenschaft habe, daß ein Mensch gut, böse, klug, dumm, energisch, apathisch und so weiter sei. Die Menschen pflegen nicht so zu sein. Wir können von einem Menschen sagen, daß er öfter gut als böse, öfter klug als dumm, öfter energisch als apathisch und umgekehrt sei, aber es ist nicht wahr, wenn wir von einem Menschen sagen, daß er gut oder klug und von einem anderen, daß er böse oder dumm sei. Wir aber teilen die Menschen immer so ein. Und das ist nicht richtig. Die Menschen sind wie Flüsse: das Wasser ist überall gleich, überall dasselbe, aber jeder Fluß ist bald schmal, bald rasch, bald breit, bald still, bald rein, bald kalt, bald trüb, bald warm. Ebenso auch die Menschen. Jeder Mensch trägt in sich die Keime aller menschlichen Eigenschaften, und manchmal offenbart er die einen, manchmal die anderen, und ist oft sich selber ganz und gar nicht ähnlich, während er doch immer dasselbe Selbst bleibt. Bei einigen Menschen pflegen diese Wandlungen sehr scharf zu sein. Und zu solchen Menschen gehörte Nechliudow. Diese Wandlungen rührten bei ihm sowohl von physischen, wie von geistigen Ursachen her. Und eine solche Umwandlung war jetzt mit ihm vorgegangen. Jenes feierliche und freudige Gefühl der Erneuerung, welches er nach der Gerichtssitzung und nach dem ersten Wiedersehen mit Katjuscha empfand, verging vollständig und machte nach dem letzten Besuch Furcht und sogar Abneigung gegen sie Platz. Er beschloß, sie nicht zu verlassen und den Entschluß, sie zu heiraten, nicht zu ändern, wenn sie es nur wolle, aber es war ihm schwer und qualvoll. Am Tage nach dem Besuche bei Maslennikow fuhr er wieder nach dem Gefängnis, um sie zu sehen. Der Inspektor gestattete die Zusammenkunft, aber nicht im Bureau und nicht im Advokatenzimmer, sondern im Besuchszimmer der weiblichen Gefangenen. Trotz seiner Gutmütigkeit war der Inspektor Nechliudow gegenüber zurückhaltender als vorher; die Gespräche mit Maslennikow hatten offenbar die Verordnung einer größeren Vorsicht diesem Besucher gegenüber zur Folge gehabt. »Sie sehen, das können Sie«, sagte er. »Nur in bezug auf Geld, bitte, so wie ich Sie ersucht habe ... Was aber die Überführung ins Krankenhaus, wie Seine Exzellenz geschrieben hat, anbetrifft, so läßt sich das machen, und der Arzt ist einverstanden. Nur sie selber will nicht, sie sagt: es fällt mir nicht ein, den Grindköpfen die Nachttöpfe hinauszutragen ... Es ist eben solch Volk, Fürst«, fügte er hinzu. Nechliudow antwortete nichts und bat, ihn zu der Zusammenkunft gehen zu lassen. Der Inspektor schickte einen Aufseher, und Nechliudow trat hinter ihm in das leere Besuchszimmer für Frauen ein. Die Maslowa war schon da und kam hinter der Gitterwand hervor, still und bange. Sie trat nahe an Nechliudow heran, und an ihm vorbeisehend, sagte sie leise: »Verzeihen Sie mir, Dmitrij Iwanowitsch, ich habe vorgestern nicht gut zu Ihnen gesprochen.« »Nicht ich habe Ihnen zu verzeihen ...«, wollte Nechliudow anfangen. »Aber nur – lassen Sie mich doch lieber«, fügte sie hinzu, und in den schrecklich scheel gewordenen Augen, mit welchen sie ihn anblickte, las Nechliudow wieder jenen gespannten, bösen Ausdruck. »Warum soll ich Sie denn lassen?« »So ... überhaupt ...« »Warum so?« Sie sah ihn wieder mit demselben – wie es ihm vorkam – bösen Blick an. »Nun also, ich sage Ihnen ...« sprach sie. »Lassen Sie mich, das sage ich Ihnen ganz ernstlich. Ich kann es nicht. Geben Sie das alles ganz auf«, machte sie mit zitternden Lippen und schwieg. »Es ist schon so. Lieber häng' ich mich auf.« Nechliudow fühlte, daß in dieser Weigerung Haß gegen ihn, unverziehenes Gekränktsein, aber auch etwas anderes, Gutes und Wichtiges sei. Daß sie ihre frühere Weigerung so in ganz ruhigem Zustand bestätigte, vernichtete mit einem Male in Nechliudows Seele alle Zweifel und brachte ihn in den früheren feierlichen und gerührten Zustand Katjuscha gegenüber zurück. »Katjuscha, wie ich gesagt habe, so sage ich auch jetzt«, brachte er besonders ernst vorher. »Ich bitte dich, mich zu heiraten. Wenn du es aber nicht willst oder einstweilen nicht willst, so will ich wie bisher da sein, wo du bist und mit dahin reisen, wohin man dich bringt.« »Das ist Ihre Sache. Weiter mag ich davon nicht sprechen«, sagte sie, und wieder bebten ihre Lippen. Er schwieg auch, da er fühlte, daß er nicht imstande sei, zu sprechen. »Ich gehe jetzt aufs Land, aber dann will ich nach Petersburg reisen«, sagte er endlich, sich fassend. »Ich werde mich für Ihre, für unsere Sache bemühen, und man wird, will's Gott, das Urteil aufheben.« »Und wenn man es nicht aufhebt, so ist es einerlei. Wenn nicht für dies, so hab' ich's für das andere verdient ...« sagte sie, und er sah, was für eine große Anstrengung sie machen mußte, um die Tränen zurückzuhalten. »Ja, wie ist es denn, haben Sie Menschow gesehen?« fragte sie plötzlich, um ihre Erregung zu verbergen. »Nicht wahr, die beiden sind doch unschuldig?« »Ja, ich glaube es auch.« »Solch ein wunderbares altes Mütterchen«, sagte sie. Er erzählte ihr alles, was er von Menschow erfahren hatte und fragte, ob sie etwas brauche. Sie erwiderte, ihr fehle nichts. Wieder schwiegen sie eine Zeitlang. »Nun aber, was das Krankenhaus betrifft,« sagte sie plötzlich, ihn mit ihrem schiefen Blick ansehend, »wenn Sie wollen, so geh' ich, und auch Branntwein will ich nicht mehr trinken ...« Nechliudow sah ihr schweigend in die Augen. Ihre Augen lächelten. »Das ist sehr gut«, konnte er nur hervorbringen. »Ja, ja, sie ist ein ganz anderer Mensch«, dachte Nechliudow, indem er nach dem früheren Zweifel ein ganz neues, nie von ihm erfahrenes Gefühl der Überzeugung von der Unüberwindbarkeit der Liebe empfand. Als die Maslowa nach diesem Beisammensein in ihre stinkende Zelle zurückkehrte, zog sie das Gefängnisgewand aus, setzte sich auf ihren Platz auf der Pritsche und ließ die Hände auf die Knie sinken. In der Zelle befanden sich nur die Schwindsüchtige, die aus Wladimir mit dem Säugling, die alte Menschowa und die Bahnwärterin mit Ihren zwei Kindern. Die Küsterstochter war gestern für geisteskrank erklärt und ins Krankenhaus gebracht worden. Alle übrigen Frauen aber hatten Wäsche. Die Alte lag auf der Pritsche und schlief. Die Kinder waren im Korridor, die Tür zum Korridor stand offen. Die aus Wladimir mit dem Kinde auf dem Arm und die Bahnwärterin mit dem Strumpf, an dem sie unaufhörlich strickte näherten sich der Maslowa. »Na, wie ist's, haben Sie ihn gesehen?« fragten sie. Die Maslowa saß, ohne zu antworten, auf der hohen Pritsche und schaukelte mit den Beinen, die nicht bis zum Boden reichten. »Was greinst du?« fragte die Wärterin. »Vor allem nicht den Mut verlieren. Ach, Katjuscha! Na«, sagte sie, rasch die Finger rührend. Die Maslowa antwortete nicht. »Unsere sind zum Waschen gegangen. Es heißt, heut gibt es viele milde Gaben. Sie haben viel zusammengebracht«, sagte die von Wladimir. »Finaschka!« rief die Wärterin zur Tür hinaus. »Wo steckst du denn, du Galgenstrick?« Und sie zog eine Stricknadel heraus, steckte Knäuel und Strumpf damit zusammen und ging in den Korridor. In diesem Augenblick ließ sich ein Geräusch von Schritten und Frauenstimmen auf dem Korridor hören, und die Bewohnerinnen der Kammer, Pantoffeln an den nackten Füßen, kamen herein; jede hatte einen Kalatsch, manche sogar zwei. Fedosia näherte sich sogleich der Maslowa. »Was ist denn los? Ist etwas nicht in Ordnung?« fragte Fedosia, mit ihren blauen Augen die Maslowa liebevoll ansehend. »Hier ist was für uns zum Tee«, und sie legte die Kalatsche auf das Wandbrett. »Was ist? Hat er sich etwa mit dem Heiraten anders besonnen?« sagte die Korabliowa. »Nein, nicht anders besonnen, aber ich will nicht«, sagte die Maslowa. »Ich hab' ihm das auch gesagt.« »Schön dumm bist du«, sagte die Korabliowa mit ihrer Baßstimme. »Wieso? Wenn man doch nicht zusammen lebt, warum, zum Teufel, soll man da heiraten?« sagte Fedosia. »Aber dein Mann geht ja auch mit dir«, sagte die Wärterin. »Na ja, aber ich bin ja auch mit ihm schon getraut,« sagte Fedosia, »aber wozu braucht er sich erst trauen zu lassen, wenn sie doch nicht zusammen leben werden?« »Ach, bist du dumm! Wozu? Wenn der sie heiratet, wird er sie ja in Gold fassen.« »Er hat gesagt: wo man dich auch hinschickt – ich reise dir nach«, sagte die Maslowa. »Tut er's, schön, – tut er's nicht, so läßt er's; aber bitten tu' ich ihn nicht. Jetzt reist er nach Petersburg, um sich da zu bemühen. Alle Minister da sind mit ihm verwandt,« fuhr sie fort, »aber nötig hab' ich ihn doch nicht.« »Alte Sache«, pflichtete plötzlich die Korabliowa bei, indem sie ihren Sack auspackte und augenscheinlich an etwas anderes dachte. »Wie ist's? Trinken wir 'n Schnäpschen?« »Ich mag nicht,« antwortete die Maslowa, »trinkt ihr nur allein.« Zweiter Teil 1 Nach vierzehn Tagen konnte die Sache zur Verhandlung vor den Senat gelangen, und zu diesem Zeitpunkt gedachte Nechliudow nach Petersburg zu fahren und für den Fall eines Mißerfolges beim Senat die Bittschrift an die Allerhöchste Stelle einzureichen, wie es ihm der Advokat geraten, der die Bittschrift aufgesetzt hatte. Falls die Kassationsbeschwerde keinen Erfolg haben sollte, worauf man, nach der Meinung des Advokaten, gefaßt sein mußte, da die Kassationsgründe sehr schwach seien, konnte die Abteilung der Zwangsarbeiter, zu der die Maslowa gehörte, in den ersten Tagen des Juni abgehen; und so, um sich für die Reise nach Sibirien, der Maslowa nach, vorzubereiten, wie Nechliudow fest beschlossen hatte, galt es, schon jetzt aufs Land zu fahren, um da seine Angelegenheiten zu ordnen. Vor allem fuhr Nechliudow nach Kusminskoje, seinem nächsten und größten Gut im Schwarzerdegebiet, aus dem das Haupteinkommen floß. Er hatte auf diesem Gut manchmal gelebt, in der Kindheit und Jugendzeit, und nachher, schon als Erwachsener, war er zweimal dort gewesen und hatte auch, auf die Bitte seiner Mutter, einen Verwalter, einen Deutschen, mitgebracht und mit ihm zusammen die Wirtschaft revidiert, so daß er seit langem den Zustand des Gutes und die Beziehungen der Bauern zur Verwaltung, das heißt zum Grundbesitzer, kannte. Dies Verhältnis der Bauern zum Grundbesitzer war derart, daß die Bauern sich in voller Abhängigkeit von der Verwaltung befanden. Nechliudow wußte das seit den Universitätsjahren, als er Henry Georges Lehren bekannt und verkündet, und auf Grund dieser Lehren das Land seines Vaters den Bauern gegeben hatte. Nach dem Militärdienst freilich, als er gewöhnt war, etwa zwanzigtausend Rubel im Jahr zu verbrauchen, hörte all diese Erkenntnis auf für sein Leben von verpflichtendem Einfluß zu sein; sie war vergessen, und er legte sich nicht nur nie die Frage vor, woher das Geld kam, das ihm seine Mutter gab, sondern er bemühte sich, nicht darüber nachzudenken. Aber der Mutter Tod, die Erbschaft und die Notwendigkeit, sein Besitztum, das heißt das Land, zu verwalten, regten die Frage nach seinem Verhalten gegen den Grundbesitz von neuem an. Vor einem Monat würde Nechliudow sich gesagt haben, daß er nicht imstande sei, die bestehende Ordnung zu ändern, daß nicht er die Güter verwalte; und mehr oder weniger würde er sich beruhigt haben, da er fern von dem Landgut lebte und das Geld von ihm bezog. Jetzt aber beschloß er, obgleich ihm die Reise nach Sibirien und der verwickelte und schwierige Verkehr mit der Welt der Gefängnisse bevorstand, wofür Geld nötig war, die Sache dennoch nicht in ihrer früheren Verfassung zu lassen, sondern sie zu seinem Nachteil zu ändern. Er entschied sich daher, das Land nicht mehr selber zu bebauen, sondern es zu nicht hohen Preisen an die Bauern zu verpachten und ihnen damit die Möglichkeit zu geben, von den Grundbesitzern überhaupt unabhängig zu sein. Oftmals, wenn er zwischen der Lage des Grundbesitzers und des Besitzers von Leibeigenen eine Parallele zog, verglich er die Verpachtung des Bodens an die Bauern, anstatt der Bebauung des Bodens durch Arbeiter, mit dem, was die Sklavenbesitzer taten, wenn sie die Bauern vom Frondienst in den Obrok (Pachtzins) versetzten. Es war keine Lösung der Frage, aber es war ein Schritt zu ihrer Lösung: ein Übergang war es von einer gröberen zu einer weniger groben Form der Gewalttätigkeit. Und so war er auch gesonnen zu handeln. Nechliudow kam gegen Mittag in Kusminskoje an. Da er sein Leben in allem vereinfachen wollte, so telegraphierte er nicht, sondern mietete auf der Station einen kleinen Tarantas mit zwei Pferden. Der Fuhrmann war ein junger Bursch in einem Nankingkaftan, der unterhalb der langen Taille über dem gefältelten Ansatz gegürtet war. Er saß nach Fuhrmannsart seitwärts auf dem Kutschbock und sprach um so lieber mit dem Herrn, als dabei, während sie sprachen, das steifbeinige, hinkende, weiße Gabelpferd und das magere herzschlächtige Seitenpferd im Schritt gehen konnten, wozu sie immer sehr viel Lust hatten. Der Fuhrmann erzählte von dem Verwalter von Kusminskoje, ohne zu wissen, daß er den Besitzer fuhr. Nechliudow sagte es ihm absichtlich nicht. »Ein schneidiger Deutscher«, sprach der Fuhrmann, der in der Stadt gelebt und Romane gelesen hatte. Er saß halb zu seinem Fahrgast gewendet, indes er den langen Peitschenstiel bald unten, bald oben faßte und augenscheinlich mit seiner Bildung prunkte. »Ein Dreigespann hat er angeschafft, lauter isabellfarbige; fährt er mit seiner Frau aus, so – ist man gar nichts mehr!« fuhr er fort. »Im Winter, zu Weihnachten, war ein Christbaum im großen Hause, ich habe ebenfalls Gäste hingefahren; er war mit elektrischen Funken. In der Gouvernementsstadt kriegt man keinen solchen zu sehen. Viel Geld hat er zusammengeplündert, furchtbar. Der hat's gut, die ganze Macht hat der. Er soll sich ein ordentliches Gut gekauft haben.« Nechliudow hatte gedacht, er sei ganz gleichmütig dem gegenüber, wie der Deutsche sein Gut verwalte und es ausnütze. Aber die Erzählung des Fuhrmanns mit der langen Taille war ihm unangenehm. Er freute sich des schönen Tages, der dichten, dunkler werdenden, manchmal die Sonne verdeckenden Wolken, der Sommerkornfelder, auf welchen überall die Bauern hinter dem Pfluge gingen und Hafersaat umpflügten, und der sich dicht begrünenden Wintersaaten, über welchen die Lerchen emporstiegen, der Wälder, die schon, mit Ausnahme der Wintereiche, mit frischem Laub bedeckt waren, der Wiesen, auf denen die Herden und Pferde schimmerten, der Felder, auf denen die Pflüger zu sehen waren – und von Zeit zu Zeit fiel ihm ein, daß doch etwas Unangenehmes vorliege, und wenn er sich dann fragte: was? so kam ihm die Erzählung des Fuhrmanns in den Sinn, wie der Deutsche in Kusminskoje schalte und walte. Als Nechliudow in Kusminskoje war und sich an die Geschäfte machte, vergaß er dieses Gefühl. Das Durchsehen der Geschäftsbücher und das Gespräch mit dem Arbeitsaufseher, der ihm mit Naivität vor die Augen führte, wie vorteilhaft die Landarmut der Bauern und ferner der Umstand sei, daß sie ganz von dem herrschaftlichen Boden umgeben seien, bestärkten Nechliudow noch mehr in seiner Absicht, die Bewirtschaftung aufzugeben und das ganze Land den Bauern zu überlassen. Aus den Geschäftsbüchern und der Unterredung mit dem Arbeitsaufseher erfuhr er, daß – wie früher auch – zwei Drittel des besten Ackerlandes von den eigenen Arbeitern mit vervollkommneten Gerätschaften bebaut wurden; das übrige Drittel wurde von den Bauern für fünf Rubel für die Desiatine bebaut, das heißt, für fünf Rubel war der Bauer verpflichtet, eine Desiatine dreimal zu pflügen, dreimal zu eggen und zu besäen, dann zu mähen und zu binden oder mit der Sichel zu schneiden und die Ernte nach der Dreschtenne zu bringen, das heißt, Arbeiten zu verrichten, die bei freier, billiger Entlohnung wenigstens zehn Rubel für die Desiatine kosten. Dagegen mußten die Bauern für alles, was sie von der Verwaltung nötig hatten, die teuersten Preise in Form von Arbeit bezahlen. Sie arbeiteten für das Heu von der Wiese, für das Holz aus dem Wald, fürs Kartoffelkraut, und fast alle wären dem Kontor verschuldet. Für die hinter den Feldern gelegenen Landstücke, die den Bauern verpachtet wurden, nahm man für die Desiatine viermal mehr als der Wert des Stückes, berechnet zu fünf Prozent, einbringen konnte. All das wußte Nechliudow auch früher schon, aber jetzt erfuhr er es wie etwas Neues und wunderte sich nur darüber, wie er, und wie alle Leute in seiner Lage die ganze Abnormität solcher Verhältnisse nicht hatten einsehen können. Die Vorstellungen des Verwalters, daß das ganze Inventar bei der Übergabe des Bodens an die Bauern für so gut wie gar nichts verlorengehen werde, weil man es nicht einmal für ein Viertel dessen, was es gekostet, verkaufen könne, wie die Bauern das Land verderben, wieviel überhaupt Nechliudow bei solcher Übergabe verlieren werde, – all dies bestätigte nur Nechliudow, daß er eine gute Tat vollbringe, wenn er den Bauern das Land abgebe und sich den größten Teil seiner Einkünfte versage. Er beschloß, es sogleich, während dieses Besuches, zu Ende zu führen. Das Getreide ernten und verkaufen, das Inventar und die unnötigen Bauten verkaufen – all das sollte der Verwalter erst nach seiner Abreise tun. Jetzt aber bat er den Verwalter, am anderen Tage eine Bauernversammlung der drei Dörfer, die von dem Lande von Kusminskoje umgeben waren, einzuberufen, um ihnen seine Absicht kundzugeben und den Preis für das abzutretende Land auszumachen. Im angenehmen Bewußtsein seiner Standhaftigkeit gegen die Vorstellungen des Verwalters und seiner Opferbereitschaft für die Bauern verließ Nechliudow das Kontor und ging, die bevorstehende Sache überlegend, ums Haus herum, durch die Blumengärten, die dieses Jahr vernachlässigt waren – (der Blumengarten war dem Hause des Verwalters gegenüber angelegt) – über den von Wegwarte überwucherten Tennisplatz und durch die Lindenallee, wo er gewöhnlich seine Zigarette rauchte, und wo vor drei Jahren die hübsche Kirimowa, als sie hier zu Gast war, mit ihm kokettiert hatte. Indem er die Rede, die er morgen den Bauern halten wollte, kurz überdachte, ging er zum Verwalter, und als er mit ihm beim Tee noch einmal die Frage überlegte, wie die ganze Wirtschaft zu liquidieren sei, betrat er, in dieser Beziehung vollkommen beruhigt, das für ihn bereitete Zimmer im großen Hause, das immer zum Empfang der Gäste diente. In diesem kleinen, sauberen Zimmer, mit Ansichten von Venedig an den Wänden und einem Spiegel zwischen zwei Fenstern, stand ein sauberes Sprungfederbett und ein Tischchen mit einer Karaffe Wasser, Zündhölzchen und einem Lichtlöscher. Auf dem großen Tisch beim Spiegel lag sein geöffneter Koffer, in welchem sein Toilettennecessaire und die mitgenommenen Bücher: ein russisches – eine Untersuchung über die Gesetze des Verbrechertums – ein deutsches über dasselbe Thema und ein englisches sichtbar waren. Er wollte sie in freien Minuten während seiner Reise durch die Dörfer lesen, aber als er heute einen Blick darauf warf, fühlte er sich all diesen Fragen sehr fern. Ganz andere Dinge lagen ihm am Herzen. In dem Zimmer, in einer Ecke, stand ein altertümlicher Lehnstuhl aus Mahagoni mit Inkrustationen, und der Anblick dieses Lehnstuhls, dessen er sich aus dem Schlafzimmer der Mutter erinnerte, erweckte in Nechliudows Seele plötzlich ein ganz unerwartetes Gefühl. Es war ihm plötzlich leid um das Haus, das in Verfall geraten, um den Garten, der verwildern sollte, um die Wälder, die man abholzen würde, um all diese Viehhöfe, Pferdeställe, Gerätschaftsräume, Maschinen, Pferde, Kühe, die – wenn auch nicht von ihm – doch, das wußte er, mit so viel Mühe angeschafft und erhalten waren. Früher war es ihm leicht erschienen, auf all das zu verzichten, aber jetzt war es ihm leid, nicht nur um dies, sondern auch um das Land und um die Hälfte der Einkünfte, die er jetzt so nötig brauchen konnte. Und sogleich erschienen, voll Dienstfertigkeit, allerlei Erwägungen, aus denen sich ergab, daß es unvernünftig sei, das Land den Bauern zu übergeben und seine Wirtschaft zu vernichten, und daß man dies nicht tun solle. »Ich darf kein Land besitzen. Wenn ich aber kein Land besitze, so kann ich diese ganze Wirtschaft nicht unterhalten. Außerdem fahre ich jetzt nach Sibirien, und daher brauche ich weder das Haus noch das Gut«, sprach eine Stimme. »Alles das ist richtig,« sprach eine andere Stimme, »aber erstens wirst du nicht dein ganzes Leben in Sibirien verbringen. Wenn du dich aber verheiratest, kannst du Kinder haben. Und wie du den Besitz in ordentlichem Zustand erhalten hast, mußt du ihn auch abliefern. Es gibt Pflichten gegen den Boden. Abgeben, alles vernichten ist sehr leicht, aber einrichten – das ist sehr schwer. Die Hauptsache aber ist, du mußt über dein Leben nachdenken und entscheiden, was du mit dir machen willst, und dementsprechend mußt du über dein Eigentum verfügen. Und ist dieser Entschluß in dir fest? Dann: ob du wohl wahrhaft nach deinem Gewissen so handelst, wie du handelst, oder ob du es der Leute wegen tust, um vor ihnen zu prahlen?« fragte sich Nechliudow, und er konnte nicht umhin, zu gestehen, daß es von Einfluß auf seine Entscheidung war, was die Leute von ihm reden würden. Und je mehr er nachdachte, desto mehr und mehr Fragen erhoben sich, und desto unlösbarer wurden sie. Um diese Gedanken loszuwerden, legte er sich in das saubere Bett und wollte einschlafen, um morgen mit frischem Kopfe die Fragen zu entscheiden, in denen er sich heute verwickelte. Aber er konnte lange nicht einschlafen; durch die offenen Fenster drang mit der frischen Luft und dem Mondschein zusammen das Quaken der Frösche herein, übertönt von dem Schlagen und Flöten der Nachtigallen fern im Park – aber eine war ganz nahe unter seinem Fenster in einem blühenden Fliederstrauch. Auf die Nachtigallen und Frösche horchend, gedachte Nechliudow der Musik der Inspektorstochter; als er an den Inspektor dachte, kam ihm die Maslowa in den Sinn, deren Lippen ebenso bebten wie das Quaken der Frösche, als sie sprach: »Geben Sie all das auf«. Dann stieg der Deutsche; der Verwalter, zu den Fröschen hinunter. Man mußte ihn aufhalten, aber er war nicht nur schon unten, er hatte sich auch in die Maslowa verwandelt und warf ihm jetzt vor: »Ich bin eine Zwangsarbeiterin, Sie aber sind ein Fürst«. »Nein, ich will nicht nachgeben«, dachte Nechliudow. Er kam zu sich und fragte sich: »Tue ich gut oder schlecht? Ich weiß es nicht, morgen werde ich es erfahren ...« Und dann stieg er selber dort hinunter, wohin der Verwalter gekrochen war und die Maslowa, und da war dann alles zu Ende. 2 Am nächsten Tage erwachte Nechliudow um neun Uhr früh. Sobald der junge Schreiber, der den Herrn bediente, hörte, daß er sich rührte, brachte er ihm die Stiefel, so glänzend, wie sie nie gewesen, und das klarste kalte Quellwasser und meldete, daß die Bauern sich versammelten. Nechliudow ordnete seine Gedanken und sprang aus dem Bette. Von den gestrigen Gefühlen des Bedauerns, daß er das Land weggeben und die Wirtschaft vernichten wollte, war keine Spur mehr vorhanden. Mit Verwunderung erinnerte er sich jetzt derselben. Jetzt freute er sich über das, was bevorstand, und war unwillkürlich stolz auf sich. Aus dem Fenster seines Zimmers konnte er den mit Wegwarte überwachsenen Tennisplatz sehen, wo sich die Bauern, der Anweisung des Verwalters folgend, versammelten. Nicht umsonst hatten abends die Frösche gequakt: das Wetter war trübe. Seit dem frühen Morgen fiel ein stiller, warmer Regen ohne Wind und hing in Tröpfchen auf den Blättern, den Ästen, dem Grase. Außer dem Duft des Grüns kam ins Fenster noch der Geruch der um Regen bittenden Erde. Nechliudow guckte einige Male aus dem Fenster, während er sich ankleidete, und sah, wie die Bauern sich auf dem kleinen Platz sammelten. Einer nach dem anderen kamen sie heran, nahmen vor einander Mützen und Kappen ab und stellten sich in einem Kreise auf, auf ihre Stöcke gestützt. Der Verwalter, ein strammer, muskulöser Mensch in kurzer Jacke mit grünem Stehkragen und sehr großen Knöpfen, kam, um Nechliudow zu sagen, daß alle versammelt seien; aber sie könnten warten, – Nechliudow möge erst seinen Kaffee oder Tee trinken; eines wie das andere sei bereit. »Nein, ich will lieber gleich zu ihnen gehen«, sagte Nechliudow, indem er, sich selber ganz unerwartet, ein Gefühl der Bangigkeit und Scham empfand bei dem Gedanken an die bevorstehende Unterredung mit den Bauern. Er ging, den Bauern einen Wunsch zu erfüllen, an dessen Erfüllung sie nicht einmal zu denken wagten, – er ging, ihnen zu billigem Preise das Land abzugeben, das heißt, ihnen eine Wohltat zu erweisen, und dennoch schämte er sich etwas. Als sich Nechliudow den versammelten Bauern näherte, und die blonden, krausen, kahlen, grauen Köpfe sich entblößten, wurde er so befangen, daß er lange nicht sprechen konnte. Der leichte Regen fiel weiter in kleinen Tröpfchen und blieb in den Haaren, den Bärten und an dem Haar der Kaftane der Bauern hängen. Die Bauern blickten den Herrn an und warteten, was er sagen würde. Er aber war so verwirrt, daß er nichts sagen konnte. Das befangene Schweigen unterbrach der ruhige, selbstbewußte Deutsche, der Verwalter, der sich für einen Kenner des russischen Bauern hielt und schön und richtig russisch sprach. Dieser starke, überernährte Mann bildete, ebenso wie Nechliudow selbst, einen auffallenden Gegensatz zu den hageren, runzligen Gesichtern und den unter den Kaftanen hervorstehenden mageren Schulterblättern der Bauern. »Hier, der Herr Fürst will euch Gutes tun, – will euch das Land abgeben, – ihr seid's nur gar nicht wert«, sagte der Verwalter. »Wieso nicht wert, Wasilij Karlytsch? Haben wir denn nicht für dich gearbeitet? Wir sind sehr zufrieden mit der seligen Herrin, Gott schenke ihr die ewige Seligkeit, und der junge Fürst verläßt uns nicht, Dank sei ihm dafür«, begann ein rötlich-blonder Bauer, ein Schönredner. »Eben deswegen hab' ich euch ja hergerufen, weil ich euch, wenn ihr wollt, das ganze Land abtreten will«, brachte Nechliudow hervor. Die Bauern schwiegen, als ob sie es nicht verstünden oder nicht glaubten. »In welchem Sinne also – das Land abgeben?« sagte ein Bauer von mittlerem Alter im Kaftan. »An euch verpachten, damit ihr es zu einem nicht hohen Preise benutzt.« »Das wäre das allerbeste«, sagte ein Alter. »Wäre nur die Zahlung nach unseren Kräften«, sagte ein anderer. »Warum sollten wir das Land nicht nehmen? Es ist ja unsere gewohnte Beschäftigung. Vom Lande ernähren wir uns.« »Für Sie ist es ja auch bequemer; brauchen nur das Geld in Empfang zu nehmen; sonst aber – wieviel Hader!« ließen sich Stimmen hören. »Der Hader kommt von euch,« sagte der Deutsche, »und wenn ihr arbeiten würdet und Ordnung hieltet...« »Es ist unmöglich für unsereins, Wasilij Karlytsch«, begann ein spitznasiger, magerer Alter. »Du sagst: ›warum hast du ein Pferd ins Korn laufen lassen?‹ Aber wer hat es hineinlaufen lassen? Ich habe mich den ganzen langen Tag – der Tag ist aber so lang wie ein Jahr – mit der Sense müde gearbeitet oder so, – dann, nächtens, beim Pferdehüten, bin ich eingeschlafen; das Pferd ist nun bei dir in den Hafer hinein, du aber schindest mich dafür.« »Ihr sollt eben Ordnung halten.« »Du hast leicht sagen: ›Ordnung‹, unsere Kraft reicht nicht aus«, erwiderte ein hochgewachsener, schwarzer, ganz behaarter, noch nicht alter Bauer. »Ich hab' euch ja gesagt, ihr solltet es einzäunen.« »Gib du uns aber zuerst das Holz dazu!« fiel von hinten ein kleiner, unansehnlicher Bauer ein. »Ich wollte es den vorigen Sommer einzäunen, du aber hast mich für drei Monate ins Gefängnis gesteckt, die Läuse zu füttern. So habe ich es eingezäunt.« »Was sagt er da?« fragte Nechliudow den Verwalter. »Der erste Dieb im Dorfe«, sagte der Verwalter auf deutsch. »Noch jedes Jahr ist er im Wald abgefaßt worden. – Lerne du erst fremdes Eigentum achten«, sagte der Verwalter. »Achten wir dich denn nicht?« sagte der Alte. »Uns ist es unmöglich, dich nicht zu achten, weil wir in deinen Händen sind, du drehst ja Stricke aus uns.« »Nun, Bruder, man kränkt euch ja nicht, – wenn nur ihr einen nicht kränkt!« »Jawohl, du kränkst uns! Du hast mir vorigen Sommer die Schnauze zerschlagen, – dabei ist es geblieben. Mit dem Reichen soll man wohl nicht streiten.« »Du sollst nach dem Gesetz tun.« Es fing augenscheinlich ein großer Wortstreit an, in welchem die Beteiligten nicht ordentlich verstanden, was und wozu sie sprachen. Man spürte nur auf der einen Seite die durch Furcht gedämmte Erbitterung, auf der anderen das Bewußtsein der Überlegenheit und Macht. Nechliudow war es peinlich, und er gab sich Mühe, auf seine Sache zurückzukommen: die Preise und Fristen festzusetzen. »Wie ist denn also die Sache mit dem Land? Wollt ihr es? Und welchen Preis wollt ihr geben, wenn ihr das ganze Land bekommt?« »Die Ware gehört Ihnen, bestimmen Sie auch den Preis!« Nechliudow bestimmte den Preis. Wie immer, trotzdem der von Nechliudow bestimmte Preis viel niedriger war als der, den man in der Umgebung zahlte, begannen die Bauern zu feilschen und fanden den Preis hoch. Nechliudow erwartete, sein Vorschlag würde mit Freuden angenommen werden, aber man bemerkte keinerlei Äußerungen des Vergnügens. Daß sein Vorschlag vorteilhaft war, konnte Nechliudow nur daraus entnehmen, daß, als die Rede darauf kam, wer das Land nehmen solle – die ganze Gemeinde oder eine Genossenschaft – bitterer Streit zwischen den Bauern begann, Streit zwischen denen, welche die Schwächeren und die schlechten Zahler von dem Anteil an dem Lande ausschließen wollten, und denen, die ausgeschlossen werden sollten. Endlich, dank dem Verwalter, setzte man Preis und Zahlungsfristen fest, und die Bauern begaben sich unter lauten Gesprächen bergab, zum Dorfe. Nechliudow aber ging mit dem Verwalter ins Kontor, den Entwurf des Vertrages aufzusetzen. Alles lief so ab, wie es Nechliudow wünschte und erwartete, die Bauern bekamen das Land etwa dreißig Prozent billiger, als es in der Umgebung verpachtet wurde; sein Einkommen verminderte sich fast um die Hälfte, aber es war für Nechliudow mehr als ausreichend, besonders wenn man die Summe zurechnete, die er für den Verkauf des Waldes und des Inventars bekommen würde. Alles schien gut; Nechliudow aber machte sich die ganze Zeit noch ein Gewissen über etwas. Er sah, daß die Bauern, trotzdem einige ihm Dankesworte sagten, unzufrieden waren und mehr erwartet hatten. Das Ergebnis war also, daß er sich vieles entzogen, für die Bauern aber nicht das getan, was sie erwartet hatten. Am nächsten Tage wurde der vorläufige Vertrag unterschrieben, und Nechliudow, geleitet von den dazu erschienenen gewählten Ältesten, bestieg mit dem unangenehmen Gefühl, etwas nicht zu Ende geführt zu haben, die »schicke«, wie der Fuhrmann vom Bahnhof sagte, dreispännige Kalesche des Verwalters und fuhr nach dem Bahnhof, nachdem er von den Bauern Abschied genommen hatte, die bedenklich und unzufrieden die Köpfe schüttelten. Die Bauern waren unzufrieden. Nechliudow war mit sich unzufrieden. Worüber er unzufrieden war, wußte er nicht, aber er fühlte sich dauernd traurig und schämte sich. 3 Aus Kusminskoje fuhr Nechliudow auf das von den Tanten ererbte Gut, dasselbe, wo er Katjuscha kennengelernt hatte. Er wollte auch auf diesem Gut die Sache mit dem Land ebenso einrichten, wie er es in Kusminskoje getan. Außerdem wollte er alles über Katjuscha und ihr und sein Kind erfahren, was noch zu erfahren möglich war: ob es wahr sei, daß das Kind gestorben war? Und wie gestorben? Er kam in Panowo früh am Morgen an, und das erste, was ihm auffiel, als er in den Hof einfuhr, war der Eindruck von Verödung und Baufälligkeit, den alle Baulichkeiten machten, besonders das Wohnhaus. Das eiserne, ehemals grüne, seit langem nicht mehr gestrichene Dach war rot vor Rost, einige Platten waren nach oben umgeschlagen, wahrscheinlich vom Sturm; die Bretter, mit denen das Haus bekleidet war, waren von den Leuten stellenweise heruntergerissen worden, – da heruntergerissen, wo sie sich am leichtesten lösten, wenn man die rostigen Nägel abdrehte. Die beiden Treppen – die vordere und die ihm besonders erinnerliche hintere – waren verfault und abgerissen, es waren nur einige Balken geblieben; einige Fenster waren, anstatt mit Glas mit Brettern verkleidet; das Seitengebäude, in welchem der Arbeitsaufseher wohnte, die Küche, die Pferdeställe, alles war baufällig und grau. Nur der Garten war nicht nur nicht in Verfall, sondern war breiter und dichter und stand jetzt voller Blüten. Hinter dem Zaun waren, wie weiße Wolken, blühende Kirsch-, Apfel- und Pflaumenbäume sichtbar. Der Fliederzaun aber blühte ebenso wie zu der Zeit, als Nechliudow, vor zwölf Jahren, hinter diesen Fliedersträuchern mit der sechzehnjährigen Katjuscha Fangen gespielt, hingefallen war und sich an den Brennesseln verbrannt hatte. Ein Lärchenbaum, der neben dem Hause von Sophia Iwanowna gepflanzt war und damals von der Höhe eines Zaunpfahls gewesen, war jetzt ein großer Baum, der gute Balken gegeben hätte, ganz mit gelbgrünen, zartflaumigen Nadeln bekleidet. Der Fluß floß in seinem Bette dahin und rauschte in den Schleusen an der Mühle. Auf der Wiese, am andern Ufer, weidete die bunte, gemischte Herde der Bauern. Der Arbeitsaufseher, ein durchgefallener Seminarist, empfing lächelnd Nechliudow auf dem Hofe, lud ihn, immer mehr lächelnd, in das Kontor, und ebenso lächelnd, als ob er sich mit diesem Lächeln etwas Besonderes verspräche, ging er ins Nebenzimmer. Dort wurde eine Weile geflüstert, dann wurde es still. Der Fuhrmann fuhr mit klirrenden Schellen vom Hofe, nachdem er ein Trinkgeld bekommen, und es wurde jetzt ganz still. Gleich darauf lief vor dem Fenster ein barfüßiges Mädchen in gesticktem Hemd mit Ohrringen aus Daunen vorüber; nach dem Mädchen lief ein Bauer, mit den Nägeln der dicken Stiefel auf dem festgestampften Pfad klappernd, vorbei. Nechliudow setzte sich ans Fenster, sah in den Garten und horchte. In das kleine, zweiflügelige Fenster zog die frische Frühlingsluft und der Geruch der aufgegrabenen Erde; leise bewegten sich davon die Haare auf seiner schweißigen Stirn und die Notizblätter, die auf dem zerschnittenen Fensterbrett lagen. Auf dem Flusse – tra-pa-tap, tra-pa-tap – klatschten, einander übertönend, die Waschbleuel der Weiber, und diese Töne breiteten sich aus über die sichtbare, in der Sonne glänzende Strecke des Flusses; von der Mühle her war das gleichmäßige Fallen des Wassers zu hören; am Ohr flog erschrocken, hell summend eine Fliege vorbei. Und Nechliudow dachte plötzlich daran, daß er früher einmal, vor langer Zeit, als er noch jung und unschuldig war, hier auf dem Flusse das Schlagen der Waschbleuel auf die nasse Wäsche neben dem gleichmäßigen Geräusch der Mühle ebenso gehört hatte, daß genau so der Frühlingswind seine Haare auf der nassen Stirn und die Papierbogen auf dem zerschnittenen Fensterbrett bewegt hatte, und daß ebenso eine Fliege erschrocken an seinem Ohr vorbeigeflogen war; und er stellte sich nicht etwa sich selber nur vor als den achtzehnjährigen Knaben, der er damals gewesen war, sondern er fühlte sich wieder geradezu als derselbe, mit derselben Frische, Reinheit und einer Zukunft voll größter Möglichkeiten vor sich, und zugleich, wie es im Traume zu sein pflegt, wußte er, daß all das doch nicht mehr sei, und ihm wurde unendlich traurig zumute. »Wann befehlen Sie zu speisen?« fragte der Arbeitsaufseher lächelnd. »Wann Sie wollen – ich bin nicht hungrig. Ich will ein wenig ins Dorf gehen.« »Aber wäre es Ihnen nicht vielleicht gefällig, ins Haus zu gehen? Innen habe ich alles in Ordnung. Belieben Sie zu befehlen; wenn auch von außen ...« »Nein, nachher; jetzt aber sagen Sie, bitte, lebt hier eine Frau namens Matriona Charina?« (Das war Katjuschas Tante.) »Gewiß, im Dorfe. Es ist kaum möglich, mit der fertig zu werden. Eine heimliche Schenke hält sie. Ich weiß es und beweise es ihr und schelte, aber es dauert mich, sie anzuzeigen, die Alte, sie hat doch Enkel«, sagte der Arbeitsaufseher, immer mit dem gleichen Lächeln, das sowohl den Wunsch, dem Herrn angenehm zu sein, ausdrückte, als auch die Überzeugung, daß Nechliudow, ebenso wie er, allerlei begreife. »Wo wohnt sie? Ich möchte sie gern aufsuchen.« »Am Ende des Dorfes, auf jener Seite – die drittvorletzte Hütte. Linker Hand werden Sie an ein Ziegelhaus kommen, gleich hinter dem Ziegelhaus ist dann ihre Hütte. Aber ich begleite Sie lieber«, sprach der Arbeitsaufseher, freudig lächelnd. »Nein, ich danke Ihnen, ich werde sie schon finden; ordnen Sie aber, bitte, an, daß man die Bauern auffordert, sich zu versammeln; ich muß mit ihnen über das Land sprechen«, sagte Nechliudow, weil er gedachte, hier, wenn es möglich sei, noch heute abend die Sache mit den Bauern zu Ende zu führen, ebenso wie in Kusminskoje. 4 Draußen vor dem Tor begegnete Nechliudow auf dem festgestampften Fußpfad, auf dem mit Wegerich und Porst bewachsenen Weideplatz, dem flink ihre dicken, nackten Beine rührenden Bauernmädchen mit der bunten Schürze und dem Schmuck in den Ohren. Sie kehrte schon zurück und schwenkte rasch ihren linken Arm quer zu ihrer Gangrichtung, mit dem rechten Arm aber drückte sie einen roten Hahn fest an den Leib. Der Hahn mit seinem hin und her schaukelnden roten Kamm schien vollkommen ruhig zu sein, verdrehte nur die Augen und streckte bald, bald hob er einen schwarzen Fuß, indem er sich mit den Krallen an der Schürze des Mädchens anhakte. Als das Mädchen sich dem Herrn zu nähern begann, mäßigte sie zuerst ihren Gang und ging vom Lauf zum Schritt über; als sie aber neben ihm war, blieb sie stehen, und, den Kopf erst zurückwerfend, verbeugte sie sich vor ihm und ging erst, als er schon vorbei war, mit dem Hahn weiter. Als er zum Brunnen hinabstieg, traf Nechliudow noch eine Alte in einem schmutzigen, groben Hemd, die auf dem gebückten Rücken eine Trage mit schweren, vollen Eimern trug. Die Alte stellte vorsichtig die Eimer hin, und genau ebenso, unter Zurückwerfen des Kopfes, verneigte sie sich vor ihm. Hinter dem Brunnen begann das Dorf. Es war ein klarer, heißer Tag, und um zehn Uhr war es schon schwül; die sich sammelnden Wolken verdeckten hie und da die Sonne. Über der ganzen Straße lag der scharfe, ätzende und nicht unangenehme Mistgeruch, der sowohl von den auf dem glänzendglatt gerollten Wege bergauf ziehenden Wagen herkam, wie hauptsächlich aus dem aufgegrabenen Mist auf den Höfen, an deren geöffneten Toren Nechliudow vorbeiging. Die hinter den beladenen Wagen bergauf gehenden barfüßigen Bauern, in den mit Mistjauche beschmierten Hosen und Hemden, blickten sich nach dem hochgewachsenen, dicken Herrn um, der in seinem grauen Hut mit dem in der Sonne glänzenden Seidenband durch das Dorf ging und bei jedem zweiten Schritt mit dem polierten, gegliederten Stock mit glänzendem Knauf den Boden berührte. Die im Trab vom Felde heimfahrenden Bauern, hin und her gerüttelt auf den Böcken der leeren Wagen, nahmen vor Nechliudow die Mützen ab und folgten voll Erstaunen mit den Augen dem ungewöhnlichen Mann, der über ihre Straße ging. Die Weiber kamen vor die Tore und auf die Treppen, zeigten ihn einander und sahen ihm nach. Bei dem vierten Tor, an dem Nechliudow vorbeiging, hielten ihn knarrend aus dem Hofe kommende Wagen auf, auf die glattgeklatschter Mist, mit einem Bastdeckchen darauf zum Sitzen, hoch aufgeladen war. Ein sechsjähriger Knabe, aufgeregt über die in Aussicht stehende Spazierfahrt, ging hinter dem Fuder. Ein junger Bauer in Bastschuhen trieb, breit schreitend, das Pferd auf die Straße. Ein langbeiniges, falbes Fohlen sprang aus dem Tor heraus, aber, vor Nechliudow scheuend, drückte es sich an den Wagen, und sich die Beine an den Rädern stoßend, sprang es eilig seiner Mutter voran, die aus dem Tor einen schweren Wagen herauszog und etwas beunruhigt aufwieherte. Das folgende Pferd führte ein hagerer, munterer Alter heraus, ebenso barfuß, in gestreiften Hosen und langem, schmutzigem Hemd, mit auf dem Rücken hervorstehenden mageren Hüftknochen. Als die Pferde sich auf den festgefahrenen Weg, der mit grauen, wie verbrannten Mistklumpen bestreut war, gearbeitet hatten, kehrte der Alte zum Tore zurück und verbeugte sich vor Nechliudow. »Bist du nicht der Herr Neffe von unserem gnädigen Fräulein?« »Ja, ja.« »Glück zur Ankunft! Wie ist es, bist du gekommen, um dich nach uns umzusehen?« fing redselig der Alte an. »Ja, ja. Wie geht's, wie lebt ihr?« machte Nechliudow, da er nicht wußte, was er sagen solle. »Was für ein Leben ist unser Leben! Das schlechteste Leben ist das unsrige«, dehnte singend, als mache es ihm Vergnügen, der redselige Alte seine Worte. »Warum schlecht?« sagte Nechliudow, unter das Tor tretend. »Ja, was ist das für ein Leben? So ein schlechtes Leben«, sagte der Alte, und folgte Nechliudow auf eine bis zur Erde gereinigte Stelle unter dem Schutzdach. Nechliudow trat mit ihm unter den Schuppen. »Ich habe – da sind sie – zwölf Seelen«, fuhr der Alte fort und wies auf zwei aufgeschürzte, schwitzende Frauen mit verschobenen Kopftüchern, nackten, bis zur Hälfte mit Mistjauche beschmutzten Waden, die mit Gabeln in den Händen auf einer Stufe des noch nicht weggeräumten Mistes standen. »Jeden Monat muß ich sechs Pud Brot kaufen, aber woher nehmen?« »Reicht denn das eigene nicht aus?« »Das eigene!?« sagte der Alte mit verächtlichem Lächeln. »Ich habe Boden für drei Seelen, diesmal haben wir aber im ganzen nur acht Haufen Getreide geerntet, – nicht mal bis zu Weihnachten hat es gelangt.« »Also wie macht ihr's denn?« »Nun so, wie's kommt; da habe ich einen als Knecht weggetan und bei Euer Gnaden etwas Geld geborgt. Noch vor dem Fasten haben wir schon alles vorausgenommen, die Steuern aber haben wir noch nicht bezahlt.« »Und wieviel machen die Steuern aus?« »Nun, von meinem Hof etwa siebzehn Rubel in vier Monaten. Och, Gott behüte! So ein Leben! Man weiß selber nicht, wie man sich durchschlägt.« »Kann man zu euch in die Stube gehen?« sagte Nechliudow, indem er sich über den kleinen Hof vorwärts bewegte und von dem gesäuberten Platz auf die noch nicht weggeräumten und mit den Gabeln zerwühlten, safrangelben, stark riechenden Mistschichten trat. »Warum nicht, komm nur herein«, sagte der Alte. Er überholte Nechliudow mit raschen Füßen, wobei sich zwischen den nackten Zehen die Jauche herausdrückte, und öffnete ihm die Tür in die Stube. Die Weiber schoben die Tücher auf den Köpfen zurecht, ließen ihre Röcke herunter und sahen mit neugierigem Erschrecken auf den sauberen Herrn mit den goldenen Knöpfen an den Ärmeln, der in ihr Haus eintrat. Aus der Hütte sprangen zwei Mädchen in Hemdchen heraus. Sich bückend und den Hut abnehmend, trat Nechliudow in den Flur und die nach sauer gewordener Speise riechende, schmutzige, enge, von zwei Webstühlen eingenommene Stube. In der Stube am Ofen stand eine Alte mit aufgestreiften Ärmeln auf den mageren, stark geäderten, sonnenverbrannten Armen. »Hier ist unser Herr, er ist zu uns zu Gast gekommen«, sagte der Alte. »Wohlan, sei willkommen«, sagte die Alte freundlich, indem sie die aufgestreiften Ärmel herunterkrempelte. »Ich wollte sehen, wie ihr lebt«, sagte Nechliudow. »Nun, wir leben so, wie du siehst. Die Hütte will einfallen, man muß nur sehen, daß sie einen nicht totschlägt. Der Alte sagt aber, sie ist noch gut genug. Nun, so leben wir – wie die Fürsten«, sprach die flinke Alte, nervös mit dem Kopf zuckend. »Jetzt gleich setz' ich das Mittagessen auf den Tisch. Muß unser arbeitendes Völkchen satt machen.« »Und was eßt ihr zu Mittag?« »Was wir zu Mittag essen? Unsere Ernährung ist gut. Der erste Gang ist Brot mit Kwas und der zweite – Kwas mit Brot«, sagte die Alte, indem sie ihre halb abgenützten Zähne zeigte. »Nein, ohne Scherz, zeigt mir, was ihr heute speisen werdet.« »Speisen?« sagte der Alte lächelnd. »Unsere Speisung ist nicht besonders großartig. Zeig' sie ihm, Alte.« Die Alte schüttelte den Kopf. »Du möchtest wohl unser bäuerliches Essen sehen? Bist ein sehr genauer Herr, muß ich sagen. Alles willst du wissen. Ich habe dir gesagt – Brot mit Kwas, und dann noch Kohlsuppe: die Weiber haben Geißfußkraut mitgebracht – und das ist unsere Stschi; nachher aber – Kartoffeln.« »Und nichts weiter?« »Was braucht es noch? Mit Milch werden wir es weiß machen«, sagte die Alte, während sie schmunzelnd auf die Tür sah. Die Tür war offen, und der Flur war voll von Leuten: Kinder, Mädchen, Frauen mit Säuglingen drückten sich in der Tür, den wunderlichen Herrn anblickend, der das Essen der Bauern besehen wollte. Die Alte war augenscheinlich stolz auf ihre Geschicklichkeit, mit dem Herrn umzugehen. »Ja, schlecht, schlecht ist unser Leben, Herr, was soll man sagen«, sagte der Alte. »Was wollt ihr denn?« schrie der Alte die in der Tür Stehenden an. »Nun, lebt wohl«, sagte Nechliudow, der Befangenheit und Scham fühlte, über deren Ursache er sich keine Rechenschaft geben konnte. »Wir danken ergebenst, daß du dich nach uns umgesehen hast«, sagte der Alte. Im Flur ließen ihn die Leute, sich aneinanderrückend, durch, und er ging auf die ansteigende Straße hinaus und weiter aufwärts. Gleich hinter ihm kamen aus dem Flur zwei Knaben heraus, barfuß: der eine, etwas ältere, in einem schmutzigen, mal weiß gewesenen Hemd, und der andere in einem abgenutzten, verschossenen rosaroten. Nechliudow blickte sich nach ihnen um. »Wohin willst du jetzt gehen?« sagte der Knabe im weißen Hemd. »Zu Matriona Charina«, sagte Nechliudow. »Kennt ihr sie?« Der kleine Knabe im rosa Hemd lachte über etwas, der ältere aber fragte ihn ernsthaft noch einmal: »Welche Matriona? Ist sie alt?« »Ja, alt.« »O – ho«, zog er. »Das ist Semionicha, – am Ende des Dorfes. Wir wollen mit dir gehen. Komm, Fedka, wir gehen mit ihm.« »Aber die Pferde?« »Es wird schon nichts geschehen!« Fedka willigte ein, und sie gingen zu dritt durch das Dorf hinauf. 5 Nechliudow fühlte sich behaglicher mit den Knaben als mit den Großen, und er kam unterwegs mit ihnen ins Gespräch. Der Kleine im rosaroten Hemd hörte auf zu lachen und sprach ebenso klug und umständlich wie der ältere. »Nun, wer ist bei euch am ärmsten?« fragte Nechliudow. »Wer der ärmste ist? Michajla ist arm, Semion Makarow, auch Marfa ist sehr arm.« »Aber Anisja, die ist noch ärmer. Anisja hat nicht mal eine Kuh – die betteln«, sagte der kleine Fedka. »Sie hat keine Kuh, aber dafür sind sie auch nur drei, aber bei Marfa sind es ihrer fünfe im Haus«, erwiderte der Ältere. »Immerhin, die ist doch Witwe«, verteidigte der rosarote Knabe die Anisja. »Du sagst, Anisja ist Witwe, und Marfa ist so gut wie eine Witwe«, fuhr der ältere Knabe fort. »Es ist einerlei – der Mann ist doch nicht da.« »Wo ist denn der Mann?« fragte Nechliudow. »Im Gefängnis füttert er die Läuse«, sagte der ältere Knabe, den gewöhnlichen Ausdruck gebrauchend. »Vorigen Sommer hat er zwei Birkenbäumchen im herrschaftlichen Wald abgeschnitten, da hat man ihn eingesteckt«, beeilte sich der kleine Rosarote zu sagen. »Den sechsten Monat sitzt er schon, sein Weib aber bettelt, drei Kinder und eine gebrechliche Alte«, berichtete er ausführlich. »Wo wohnt sie?« fragte Nechliudow. »Hier, dieser Hof!« sagte der Knabe, indem er auf das Haus zeigte, vor dem auf der Straße, auf dem Fußpfad, den Nechliudow ging, ein winzig kleiner, weißköpfiger Knabe wackelnd stand; er hielt sich mit Mühe auf den krummen, in den Knien auswärts gebogenen Beinen. »Waska, wo steckst du, Galgenstrick!« schrie ein Weib, das im schmutzigen, grauen, wie mit Asche überschütteten Hemd aus der Hütte geeilt kam; mit erschrockenem Gesicht stürzte sie auf Nechliudow zu, packte den Kleinen und trug ihn in die Stube. Sie fürchtete anscheinend, Nechliudow könne ihrem Kinde etwas antun. Es war die Frau, deren Mann wegen der Birkenbäumchen aus Nechliudows Wald im Gefängnis saß. »Nun, und Matriona, ist die auch arm?« fragte Nechliudow, als sie sich schon Matrionas Hütte nahten. »Die und arm! – Die handelt ja mit Branntwein«, antwortete entschieden das rosarote, magere Bübchen. Als er Matrionas Hütte erreichte, entließ Nechliudow die Knaben, trat in den Flur und dann in die Stube. Die Hütte der alten Matriona war sechs Arschin groß, so daß auf dem Bette, das hinter dem Ofen stand, ein großer Mensch sich nicht ausstrecken konnte. »Auf diesem selben Bett«, dachte er, »hat Katjuscha geboren und krank gelegen.« Fast die ganze Stube war von einem Webstuhl eingenommen, den die Alte mit ihrer älteren Enkelin gerade in Ordnung brachte, als Nechliudow eintrat und sich dabei an der niederen Tür den Kopf stieß. Noch zwei Enkel kamen kopfüber gleich hinter dem Herrn in die Stube, und sich mit den Händen an der Oberschwelle haltend, blieben sie hinter ihm in der Tür stehen. »Zu wem willst du?« fragte die Alte ärgerlich, wegen des nicht in Gang zu bringenden Webstuhls in schlechter Laune. Außerdem, weil sie heimlich mit Branntwein handelte, fürchtete sie alle unbekannten Leute. »Ich bin der Gutsherr. Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen.« Die Alte schwieg eine Zeitlang und sah ihn genau und scharf an; dann verklärte sie sich plötzlich ganz. »Ach du mein Teuerster, und ich dummes Weib habe dich nicht erkannt, ich dachte, es ist so irgendein Wanderer«, fing sie mit verstellt freundlicher Stimme an. »Ach du, mein stolzer Falke.« »Könnte ich Sie nicht allein sprechen?« fragte Nechliudow und sah nach der geöffneten Tür, wo die Kinder standen; hinter den Kindern aber stand eine magere Frau mit einem elenden, aber fortwährend lächelnden, vor Krankheit blassen Kleinen in einem Häubchen aus Flickchen. »Was habt ihr hier zu suchen? Ich werde euch gleich, gib mir mal die Krücke her«, schrie die Alte auf die in der Tür Stehenden ein. »Mach' zu, was!« Die Kinder gingen weg, das Weib mit dem Kleinen machte die Tür zu. »Und ich denke, wer kommt denn da? Aber da ist's der Herr selber, du mein goldener, mein herzliebster Schöner,« sprach die Alte. »Wohin kommst du! Du hast mich nicht zu gering geachtet! Ach du, mein Brillantener! Hierher setz' dich, Euer Erlaucht, da! Hier oben«, sprach sie, während sie den Platz mit der Schürze abwischte. »Ich aber denke, was für ein Teufel schleicht denn da daher? Sieh mal, es ist Euer Erlaucht selber, unser guter Herr, unser Wohltäter, unser Ernährer. Verzeih du mir dummem Weib, ich bin ganz blind geworden.« Nechliudow setzte sich, die Alte stellte sich vor ihn, stützte eine Wange mit der rechten Hand, indem sie mit der Linken den scharfen Ellbogen des rechten Armes umfaßte, und fing mit singender Stimme an zu sprechen: »Und alt bist du geworden, Euer Erlaucht; sonst bist du wie eine feste Distel gewesen, aber jetzt – was! Hast wohl auch Sorgen?« »Ich wollte dich etwas fragen: erinnerst du dich an Katjuscha Maslowa?« »Katharina? Wie sollte ich sie vergessen haben? Sie ist doch meine Nichte. Wie sollte ich mich ihrer nicht erinnern; und so viel Tränen, Tränen habe ich um sie vergossen. Ich weiß ja alles. Wer, Väterchen, ist vor Gott ohne Sünde, vor dem Zaren ohne Schuld! Ihr waret ja jung, habt auch Tee, Kaffee zusammen getrunken – nun und da hat euch der Böse verleitet. Er ist ja auch stark. Was ist da zu machen? Wenn du sie verlassen hättest, aber du hast sie ja so reich belohnt, hundert Rubel ihr geschenkt. Und sie, was hat sie gemacht! Sie konnte nicht Vernunft annehmen. Wenn sie mich gehört hätte, hätte sie leben können. Obgleich sie ja meine Nichte ist, sage ich doch geradezu – ein nichtsnutziges Mädchen. Ich habe sie ja nachher auf eine so gute Stelle gebracht, sie hat sich nicht fügen wollen, hat den Herrn geschimpft. Dürfen wir denn die Herrschaften schimpfen? Nun, und so ist sie entlassen worden, und nachher hätte sie auch wieder bei dem Förster leben können, aber sie wollte ja nicht.« »Ich wollte nach dem Kinde fragen. Sie hat ja bei Ihnen geboren? Wo ist das Kind?« »Mit dem Kindlein hatte ich es, mein Väterchen, damals gut überlegt. Sie war sehr schlecht zu Wege. Ich ahnte nicht, daß sie wieder aufkam. Also hab' ich den Knaben getauft, wie es sein soll, und in das Findelhaus gebracht. Nun, weshalb soll man das Engelsseelchen verschmachten lassen, wenn die Mutter stirbt? Die anderen machen es so, daß sie den Säugling behalten, ihn nicht füttern, so daß er erlischt; aber ich denke, weshalb denn? – Lieber will ich mir Mühe geben und ihn in das Findelhaus schicken. Geld hatte man ja, und nun also hat man ihn hingebracht.« »Haben Sie die Nummer gehabt?« »Die Nummer war da, aber er starb ja gleich. Sie hat erzählt, wie sie kaum mit ihm da war, so war es auch schon aus mit ihm.« »Wer – sie?« »Nun, diese selbe Frau, sie hat in Skorodnoje gewohnt. Sie beschäftigte sich damit. Malania hieß man sie, jetzt ist sie tot. Eine kluge Frau war sie – und wie sie es immer machte! Wenn man ihr manchmal ein Kind brachte, so nahm sie es und behielt es bei sich im Hause, fütterte es so mit durch! Fütterte es durch, Väterchen, bis sie ihrer genug für einen Transport beisammen hatte. Wenn sie drei oder vier beisammen hatte, so brachte sie sie auf einmal weg. So klug war es bei ihr eingerichtet, so eine Wiege – eine große, in der Art wie zweischläfrig – hier kannst du's hinlegen, da kannst du's hinlegen. Und eine Handhabe war da angebracht. Sie legte sie die vier mit den Köpfchen auseinander, damit sie sich nicht stießen, mit den Füßchen zusammen und brachte vier auf einmal weg. Sie steckte ihnen immer Saughörnchen in die Mündchen, damit sie still waren, die Herzliebchen.« »Nun, also wie war es?« »Na, ebenso wollte sie also auch Katharinas Kind wegbringen, aber ungefähr vierzehn Tage behielt sie es bei sich, glaub' ich; es siechte also noch bei ihr zu Hause so hin.« »War das Kind wohlgeraten?« fragte Nechliudow. »So ein Kindlein war es – was Schöneres kann man sich nicht wünschen! Ganz dir ähnlich«, fügte die Alte hinzu, mit einem ihrer alten Augen ihm zublinzelnd. »Warum wurde es denn schwach? Wahrscheinlich hat man es schlecht genährt?« »Was für Fütterung! Nur so für die Augen. Bekannte Sache – kein eigenes Kind! Nur, daß man es lebendig hinbringt. Sie sagte, sie wäre gerade bis Moskau gekommen, und gerade da verlöscht' es. Sie brachte auch den Totenschein mit; alles, wie es sein muß. Eine kluge Frau war sie.« Nur soviel konnte Nechliudow von seinem Kinde erfahren. 6 Nechliudow stieß sich noch einmal an beiden Türen – in der Stube und im Flur – den Kopf, als er auf die Straße hinausging. Die Buben: der weiße, der rosarote und ein rauchfarbener warteten auf ihn. Noch einige neue gesellten sich ihnen zu. Auch einige Frauen mit Säuglingen erwarteten ihn; unter ihnen jene magere Frau, die ein blutloses Kindlein in einem Häubchen aus Flickchen leicht im Arm hielt. Dies Kind lächelte seltsam, unaufhörlich, mit dem ganzen greisenhaften Gesichtchen und bewegte dabei krampfhaft seine gekrümmten Daumen. Nechliudow wußte, daß es das Lächeln des Leidens war. Er fragte, wer diese Frau sei. »Das ist Anisja selber, von der ich dir gesprochen habe«, sagte der ältere Knabe. Nechliudow wandte sich an Anisja. »Wie lebst du?« fragte er. »Womit ernährst du dich?« »Wie ich lebe? Ich bettle«, sagte Anisja und weinte auf. Das greisenhafte Kind aber zerschmolz ganz in Lächeln und krümmte seine dünnen Beinchen, die Würmchen glichen. Nechliudow holte die Geldtasche hervor und gab der Frau zehn Rubel. Er konnte keine zwei Schritte machen, als eine andere Frau mit einem Kinde ihn einholte, dann eine Alte, dann noch eine Frau. Alle sprachen von ihrer Armut und baten ihn, ihnen zu helfen. Nechliudow verteilte die sechzig Rubel in kleinen Scheinen, die er in der Geldtasche hatte, und mit schrecklicher Wehmut im Herzen kehrte er nach Hause, das heißt, in das Seitengebäude des Arbeitsaufsehers, zurück. Der Arbeitsaufseher empfing Nechliudow lächelnd mit der Nachricht, daß die Bauern sich abends versammeln würden. Nechliudow dankte ihm und begab sich, ohne die Zimmer zu betreten, in den Garten, wo er auf den überwachsenen, mit Apfelblütenblättchen bestreuten Wegen hin und her ging und über alles, was er gesehen hatte, nachdachte. Anfangs war es neben dem Seitengebäude still, dann aber hörte Nechliudow bei der Wohnung des Arbeitsaufsehers zwei einander übertönende erboste Frauenstimmen, neben denen sich nur hie und da die ruhige Stimme des lächelnden Arbeitsaufsehers hören ließ. Nechliudow horchte. »Meine Kraft reicht nicht aus, was reißt du mir das Kreuz vom Hals!« sprach die eine erboste weibliche Stimme. »Sie war ja nur gerade hineingelaufen«, sprach die andere Stimme. »Gib sie zurück, sage ich. Was quälst du denn sowohl das Vieh wie die Kinder, die keine Milch haben.« »Bezahle oder arbeite es ab«, antwortete die ruhige Stimme des Arbeitsaufsehers. Nechliudow ging aus dem Garten hinaus und zur Vortreppe hin, an welchem zwei zerzauste Weiber standen, von denen eine augenscheinlich in den letzten Wochen schwanger war. Auf den Stufen der Treppe stand, die Hände in den Taschen seines Segeltuchpaletots, der Arbeitsaufseher. Die Weiber verstummten, als sie den Herrn sahen, und begannen ihre verschobenen Kopftücher zu ordnen; der Arbeitsaufseher nahm die Hände aus den Taschen und lächelte. Es handelte sich darum, daß die Bauern, wie der Arbeitsaufseher sagte, absichtlich Kälber und sogar Kühe auf die herrschaftliche Wiese ließen. Und nun waren zwei Kühe aus den Höfen dieser Weiber auf der Wiese gefangen und in den Gutshof getrieben worden. Der Arbeitsaufseher forderte von den Weibern je dreißig Kopeken für eine Kuh oder zwei Tage Arbeit. Die Weiber aber behaupteten, daß erstens ihre Kühe eben erst hineingelaufen seien, zweitens, daß sie kein Geld hätten, und drittens verlangten sie, wenn auch gegen das Versprechen des Abarbeitens, die sofortige Wiedergabe der Kühe, die vom Morgen an auf dem Viehhof ohne Futter standen und kläglich brüllten. »Wie oft habe ich euch im guten gebeten,« sprach der lächelnde Arbeitsaufseher und sah sich nach Nechliudow um, als ob er ihn als Zeugen anriefe, »wenn ihr das Vieh mittags nach Hause treibt, so hütet es.« »Ich bin gerade nur zu dem Kleinen gelaufen, die Kühe waren aber schon weg.« »Geh nicht fort, wenn du's übernommen hast, zu hüten.« »Wer soll denn den Kleinen füttern? Du wirst ihm doch nicht die Brust geben.« »Wenn ich die Wiese wenigstens hätte wirklich abweiden lassen, machte mir das weniger Schmerzen, aber sie ist ja gerade nur hineingelaufen«, sprach die andere. »Alle Wiesen haben sie abweiden lassen«, wandte sich der Arbeitsaufseher an Nechliudow. »Wenn man sie nicht bestraft, bleibt keine Spur Heu übrig.« »Ach, sündige nicht,« schrie die Schwangere, »meine wurden nie erwischt.« »Nun, da sie aber erwischt sind, so zahle, oder arbeite ab.« »Na ja, ich werde wohl müssen! Laß doch die Kuh gehen, laß sie nicht verhungern«, schrie sie böse. »Sowieso habe ich keine Ruhe, weder Tag noch Nacht. Meine Schwiegermutter ist krank, mein Mann hat sich festgesoffen. Ich muß allein an allen Enden fertig werden, aber meine Kraft ist alle. Abarbeiten! Daß du dran erstickst!« Nechliudow bat den Arbeitsaufseher, die Kühe freizulassen, selber aber ging er wieder in den Garten, seinen Gedanken zu Ende zu denken; aber es war schon nichts mehr zu denken da. Alles war ihm jetzt so klar, daß er sich nicht genug wundern konnte, wie die Leute das nicht einsahen, und wie er selbst so lange nicht sah, was so augenscheinlich klar war. Das Volk stirbt aus, es hat sich an sein Aussterben gewöhnt, es haben sich bei ihm die dem Aussterben eigentümlichen Erscheinungen eingestellt, Sterblichkeit der Kinder, übermäßige Arbeit der Frauen, Mangel an Nahrung für alle, besonders für die Alten. Und so allmählich ist das Volk in eine Lage gekommen, deren ganzes Grausen es selbst nicht sieht, so daß es nicht einmal klagt. Daher glauben auch wir, daß es so nur natürlich sei und so sein müsse. Jetzt war es ihm klar wie der Tag, daß die Hauptursache des Volkselends, die immer vom Volk selber eingesehen und hervorgehoben wurde, darin bestand, daß das Land, von welchem einzig das Volk sich ernähren konnte, ihm von den Grundbesitzern genommen war. »Es ist aber vollkommen klar, daß die Kinder und die alten Leute sterben, weil sie keine Milch haben; sie haben aber keine Milch, weil sie kein Land haben, um das Vieh zu weiden, Brot und Heu zu ernten; es ist ganz klar, daß das ganze Elend des Volkes, oder wenigstens die nächste Hauptursache des Volkselends darin liegt, daß das Land, das es ernährt, sich nicht in seinen Händen, sondern in den Händen von Leuten befindet, die ihr Recht auf den Boden ausnützen und von der Arbeit dieses Volkes leben. Das Land aber, das den Leuten so notwendig ist, daß sie, seiner ermangelnd, zugrunde gehen müssen, wird von diesen bis zur äußersten Not gebrachten Leuten bearbeitet, damit das Brot im Ausland verkauft wird und damit die Besitzer des Bodens sich Hüte, Spazierstöcke, Kaleschen, Bronzen kaufen können.« Das war ihm jetzt so klar, wie es ihm klar war, daß in einer Umzäunung eingeschlossene Pferde, wenn sie alles Gras unter den Füßen aufgefressen haben, mager werden und Hungers sterben, wenn man ihnen nicht die Möglichkeit gibt, anderes Land zu benutzen, auf dem sie Futter finden können. Und das war schrecklich, und durfte nicht – konnte nicht so sein! Man mußte doch Mittel finden, daß es nicht mehr so ist, oder wenigstens, daß man selber keinen Teil daran nehme. »Und ich finde diese Mittel unbedingt«, dachte er, in der nächsten Birkenallee hin und her gehend. »In den wissenschaftlichen Gesellschaften, in den staatlichen Instituten, in den Zeitungen reden wir von den Ursachen der Armut des Volkes und von den Mitteln zur Hebung derselben, nur nicht von dem einzigen unzweifelhaften Mittel, das das Volk sicher heben würde, und welches darin besteht, daß man ihm das weggenommene, ihm notwendige Land zurückgibt.« Und er erinnerte sich lebhaft an die Grundsätze Henry Georges und an seine Begeisterung für denselben, und er wunderte sich, wie er das alles habe vergessen können. »Das Land kann nicht Gegenstand des Eigentums, kann nicht Gegenstand des Kaufs und Verkaufs sein, so wenig wie Wasser, wie Luft, wie die Sonnenstrahlen. Alle haben das gleiche Recht auf das Land und auf alle Vorteile, die es den Menschen bietet.« Und er begriff jetzt, warum er sich geschämt hatte, an die Ordnung der Verhältnisse in Kusminskoje zu denken. Er hatte sich selber betrogen. Wissend, daß der Mensch kein Recht auf den Boden haben kann, hatte er für sich dieses Recht in Anspruch genommen und den Bauern einen Teil dessen geschenkt, von dem er in innerster Seele wußte, daß er gar kein Recht darauf habe. Jetzt würde er das nicht mehr tun; er wird das, was er in Kusminskoje getan, ändern. Und er formte in seinem Kopf einen Plan, der darin bestand, den Bauern den Boden für eine Rente zu verpachten, diese Rente aber sollte Eigentum derselben Bauern sein; sie sollten dies Geld zahlen und für Steuern und Gemeindeangelegenheiten verwenden. Das war noch keine »single tax«, aber es war die bei der jetzigen Ordnung möglichst größte Annäherung an dieselbe. Die Hauptsache aber war, daß er auf die Ausnutzung seiner Rechte auf das Grundeigentum verzichtete. Als er in das Haus kam, lud der Arbeitsaufseher, besonders freudig lächelnd, ihn ein, zu Mittag zu essen, wobei er die Befürchtung äußerte, daß die von seiner Frau mit Hilfe des Mädchens mit den Ohrringen bereitete Bewirtung schon zu lange gekocht und angebrannt sein dürfte. Der Tisch war mit einer Decke aus roher Leinwand bedeckt, anstatt eines Mundtuchs war ein gesticktes Handtuch da, und auf dem Tische stand in einer Suppenschüssel aus Vieux-Saxe mit abgeschlagenem Henkel eine Kartoffelsuppe mit dem Hahn, der bald den einen, bald den anderen schwarzen Fuß gestreckt hatte und jetzt zerschnitten und in Stücke zerhackt war, die stellenweise noch Federn bedeckten. Nach der Suppe folgte derselbe Hahn mit den angebratenen Federn, und Quarkkuchen mit viel Butter und Zucker. Wie wenig schmackhaft das auch war, Nechliudow aß doch, ohne zu merken, was er aß, so sehr war er mit seinem Gedanken beschäftigt, der auf einmal die Wehmut löste, mit der er aus dem Dorfe zurückgekehrt war. Die Frau des Arbeitsaufsehers guckte aus der Tür, während das erschrockene Mädchen mit den Ohrringen das Gericht auftrug; der Arbeitsaufseher selber aber, auf die Kunst seiner Frau stolz, lächelte immer freudiger und freudiger. Nach dem Mittagessen brachte Nechliudow den Arbeitsaufseher mit Mühe zum Sitzen, und um sich zu prüfen und zugleich jemandem zu sagen, was ihn so beschäftigte, teilte er ihm seinen Plan der Abtretung des Landes an die Bauern mit und fragte ihn nach seiner Meinung darüber. Der Arbeitsaufseher lächelte und nahm eine Miene an, als ob er eben das längst gedacht habe und sehr froh sei, es zu hören; im Grunde genommen begriff er aber nichts, und das augenscheinlich nicht etwa, weil Nechliudow sich nicht klar ausgedrückt hatte, sondern weil sich aus diesem Plan ergab, daß Nechliudow auf seinen Vorteil zugunsten anderer verzichtete; die Wahrheit, daß jeder Mensch nur für seinen eigenen Vorteil – zum Nachteil für die anderen – sorgt, war aber so fest im Bewußtsein des Arbeitsaufsehers eingewurzelt, daß er annahm, er verstehe etwas nicht recht, als Nechliudow davon sprach, daß die ganze Einnahme vom Lande in das Gemeindekapital der Bauern fließen sollte. »Verstehe! Sie wollen also von diesem Kapital Prozente erheben?« sagte er und strahlte ganz. »Aber nein doch. Verstehen Sie mich: ich trete ihnen das Land ganz ab.« »Dann werden Sie ja gar kein Einkommen haben?« fragte der Arbeitsaufseher und hörte auf zu lächeln. »Ich verzichte eben darauf.« Der Arbeitsaufseher seufzte schwer, und dann fing er wieder an zu lächeln. Jetzt begriff er es. Er sah ein, daß Nechliudow nicht ganz bei gesundem Verstande war, und sogleich begann er in Nechliudows Plan des Verzichts auf das Land, nach der Möglichkeit eines Nutzens für sich persönlich zu suchen, und wollte den Plan unbedingt so auffassen, daß er selbst sich das abgetretene Land zunutze machen könnte. Als er aber einsah, daß das unmöglich sei, fühlte er sich gekränkt und hörte auf, sich für den Plan zu interessieren, und nur dem Herrn zu Gefallen fuhr er fort zu lächeln. Da Nechliudow merkte, daß der Arbeitsaufseher ihn nicht begriff, entließ er ihn und setzte sich an den zerschnittenen, mit Tinte begossenen Tisch, um sich an die schriftliche Ausarbeitung seines Planes zu machen. Die Sonne sank hinter den eben erblühten Linden, und die Mücken kamen in Schwärmen ins Zimmer und stachen Nechliudow. Als die Niederschrift fertig war, hörte Nechliudow aus dem Dorfe her schallende Töne – das Blöken der Herden, das Knarren der aufgehenden Tore und das Gerede der sich versammelnden Bauern – und sagte dem Arbeitsaufseher, er brauche die Bauern nicht zum Kontor zu rufen, er wolle selber ins Dorf nach dem Hause gehen, wo die Bauern sich versammeln würden. Hastig trank Nechliudow ein ihm vom Arbeitsaufseher angebotenes Glas Tee und ging ins Dorf. 7 Aus dem Haufen bei dem Hofe des Starosten tönte Gemurmel, – aber als Nechliudow sich näherte, verstummte es, und die Bauern nahmen einer nach dem anderen, ebenso wie in Kusminskoje, die Mützen ab. Die Bauern dieser Gegend waren viel dürftiger als die Bauern von Kusminskoje; wie die Mädchen und Weiber Daunen in den Ohren trugen, so waren die Männer alle in Bastschuhen und in selbstgemachten Hemden und Kaftans. Einige waren barfuß, in bloßen Hemden, wie sie von der Arbeit kamen. Nechliudow nahm sich zusammen und fing seine Rede damit an, daß er den Bauern seine Absicht erklärte, ihnen das Land gänzlich abzutreten. Die Bauern schwiegen, und in dem Ausdruck ihrer Gesichter zeigte sich keine Veränderung. »Weil ich glaube,« sprach Nechliudow errötend, »daß jedermann das Recht hat, das Land zu benutzen.« »Bekannte Sache. Ganz genau so ist's«, ließen sich die Stimmen der Bauern vernehmen. Nechliudow fuhr fort darüber zu sprechen, wie die Einnahmen von dem Boden unter alle verteilt werden müßten, und daher biete er ihnen an, das Land zu nehmen und für dasselbe einen Preis, welchen sie selber bestimmen sollten, in das Gemeindekapital zu zahlen, das eben auch sie verwenden sollten. Es ließen sich immer noch Worte der Billigung und des Einverständnisses hören, aber die ernsten Gesichter der Bauern wurden immer ernster und ernster, und die Augen, die zuerst auf den Herrn geblickt hatte, senkten sich jetzt zur Erde, als ob sie ihn nicht beschämen wollten, da seine Hinterlist von allen durchschaut werde, und er hier niemand betrügen könne. Nechliudow sprach ziemlich klar, und die Bauern waren verständige Leute, aber Nechliudow verstanden sie nicht und konnten ihn nicht verstehen, aus demselben Grunde, aus welchem ihn der Arbeitsaufseher lange nicht verstehen konnte. Sie waren zu fest davon überzeugt, daß es jedem Menschen eigen sei, nur seinen Vorteil zu beachten. Von den Gutsbesitzern wußten sie schon seit langem, aus der Erfahrung einiger Generationen, daß der Gutsbesitzer immer nur seinen Vorteil zum Nachteil der Bauern beachtet. Wenn darum der Gutsbesitzer sie herbeiruft und ihnen etwas Neues vorschlägt, so geschieht dies augenscheinlich nur, um sie irgendwie noch schlauer zu betrügen. »Nun, wie ist es denn, mit wieviel Steuer wollt ihr das Land belegen?« fragte Nechliudow. »Wozu brauchen wir es denn zu belegen? Wir können das nicht. Das Land ist Ihr, und die Macht ist Ihr«, antwortete man aus dem Haufen. »Aber nein, ihr sollt ja selber dies Geld gebrauchen, für Gemeindebedürfnisse.« »Das können wir nicht. Die Gemeinde ist eins, und das ist wieder was anderes!« »Versteht doch,« sagte lächelnd der nach Nechliudow gekommene Arbeitsaufseher, der die Sache klarmachen wollte, »der Fürst gibt euch das Land für Geld, dies Geld aber fließt wieder in euer Kapital, zum Besten der Gemeinde.« »Wir verstehen sehr gut«, sagte ein zahnloser, ärgerlicher Alter, ohne die Augen zu erheben. »In der Art, wie in der Bank, nur müssen wir zahlen und Termin halten. Das wollen wir nicht, weil es uns sowieso schwer ist; dann aber heißt es, ganz zugrunde gehen.« »Unnütz ist das. Wir wollen lieber, wie früher«, fingen unzufriedene und sogar grobe Stimmen an. Besonders lebhaft begann man sich zu weigern, als Nechliudow erwähnte, daß er einen Vertrag aufsetzen werde, den er unterschreiben würde und den sie auch unterschreiben müßten. »Wozu denn unterschreiben? Wie wir gearbeitet haben, so werden wir weiterarbeiten. Aber wozu ist das alles? Wir sind unwissende Leute.« »Wir sind nicht einverstanden, die Sache ist zu ungewohnt. Wie es gewesen ist, so soll es weiter sein. Wenn nur das Saatkorn aufgehoben würde! ...« ließen sich Stimmen hören. Das Saatkorn aufheben – bedeutete: während bei der jetzigen Ordnung der Dinge die Saat auf den Halbpartstreifen von den Bauern geliefert werden mußte, baten sie, das Saatkorn sollte herrschaftlich sein. »Ihr lehnt es also ab? Wollt das Land nicht nehmen?« fragte Nechliudow, sich an einen nicht alten, barfüßigen Bauern mit strahlendem Gesicht in einem abgerissenen Kaftan wendend, der seine zerfetzte Mütze besonders gerade auf dem gebogenen linken Arm hielt, – wie die Soldaten ihre Mützen halten, wenn sie sie auf Kommando abnehmen. »Zu Befehl«, brachte dieser Bauer hervor, der sich augenscheinlich noch nicht von der Hypnose der Soldateska befreit hatte. »Ihr habt also genügend Land?« sagte Nechliudow. »Durchaus nicht«, antwortete der gewesene Soldat mit gekünstelt lustigem Aussehen, indem er sorgfältig seine zerrissene Mütze vor sich hielt, als ob er sie jedermann anböte, der sich ihrer zu bedienen Lust hätte. »Nun, überlegt euch noch, was ich euch gesagt habe«, sprach Nechliudow verwundert und wiederholte seinen Vorschlag. »Wir haben nichts zu überlegen; wie wir gesagt haben, so soll es auch sein«, brachte der zahnlose, finstere Alte ärgerlich hervor. »Ich bleibe noch morgen den ganzen Tag hier, – wenn ihr euch anders besinnt, so schickt mir also Bericht.« Die Bauern antworteten nichts. Nechliudow konnte also nichts erreichen und ging zurück in das Kontor. »Aber ich will Ihnen vermelden, Herr Fürst,« sagte der Arbeitsaufseher, als sie nach Hause zurückgekehrt waren, »daß Sie mit ihnen nicht übereinkommen werden. Das ist ein starrköpfiges Volk. Und sobald der Bauer auf der Versammlung ist – stemmt er sich, und man bringt ihn nicht vom Fleck, weil er sich vor allem fürchtet. Dieselben Bauern, zum Beispiel jener grauhaarige oder der schwarze, der nicht einverstanden war, sind ja kluge Bauern. Wenn er in das Kontor kommt und man läßt ihn sich hinsetzen und gibt ihm Tee zu trinken,« sprach der Arbeitsaufseher lächelnd, »und er kommt ins Gespräch, – ungemein klug! Ein Minister! – Alles wird er erwägen, wie es sein soll. Auf der Versammlung ist er ein ganz anderer Mensch, verbeißt sich in eine Sache ...« »Also, könnte man nicht solche, – die verständigsten Bauern, einige etwa, – hierherkommen lassen?« fragte Nechliudow, »ich würde es ihnen ausführlich auseinandersetzen.« »Das ginge«, sagte der lächelnde Arbeitsaufseher. »Nun also, bitte, lassen Sie sie morgen kommen.« »Das können wir machen,« sagte der Arbeitsaufseher und lächelte noch freudiger, »ich werde sie auf morgen herbestellen.« »Sieh mal, wie schlau der ist!« sprach ein auf einer satten Stute schaukelnder schwarzer Bauer mit einem zottigen, nie gekämmten Bart zu einem anderen neben ihm reitenden und mit den eisernen Spannfesseln klirrenden alten, mageren Bauer, in einem durchlöcherten Kaftan. Die Bauern wollten nachts die Pferde an der Landstraße und heimlich im herrschaftlichen Walde weiden. »Ich will euch das Land umsonst abtreten, nur unterschreibt! Genug haben sie unsereins zum Narren gehalten. Nein, Bruder, wart'n Weilchen. Jetzt können wir auch selber unsere Sach' verstehn«, machte er und rief dann ein Füllen, das sich verlaufen hatte. »Rößlein! Rößlein!« schrie er zurückblickend, als das Pferd zum Stehen gebracht war, aber das Füllen war nicht hinten, sondern seitwärts ging es auf die Wiesen. »Sieh, der ist in Geschmack gekommen, der Hundekater, geht auf die herrschaftlichen Wiesen«, brachte der schwarze Bauer mit dem zottigen Bart hervor, als er das Rascheln des wilden Ampfers hörte, über den das zurückgebliebene Füllen auf der tauigen, gut nach dem Moor riechenden Wiese mit Wiehern dahersprang. »Hörst du, die Wiesen werden dicht: wir müssen am Feiertage das Weibervolk schicken, daß sie die Halbpartwiesen durchjäten,« sagte der magere Bauer im durchlöcherten Kaftan, »sonst brechen uns die Sensen entzwei.« »Unterschreib, sagt er,« fuhr der zottige Bauer fort in seinem Urteil über die Rede des Herrn, »hast du aber unterschrieben, so schluckt er dich lebendig hinunter.« »So ist es«, antwortete der Alte. Und sie sprachen nicht mehr. Nur der Schlag der Pferdefüße auf dem harten Wege war zu hören. 8 Nach Hause zurückgekehrt, fand Nechliudow in dem für sein Nachtquartier hergerichteten Kontor ein hohes Bett mit Daunenpfühlen, zwei Kissen und einer dunkelroten, zweischläfrigen, fein und mit Figuren gesteppten, fast unbiegsamen, seidenen Bettdecke, – augenscheinlich aus der Aussteuer der Frau des Arbeitsaufsehers. Der Arbeitsaufseher bot Nechliudow den Rest des Mittagessens an, bekam aber eine abschlägige Antwort, entschuldigte sich wegen der schlechten Bewirtung und Ausstattung und entfernte sich dann und ließ Nechliudow allein. Die Weigerung der Bauern brachte Nechliudow nicht aus der Fassung. Im Gegenteil, trotzdem man dort, in Kusminskoje, seinen Vorschlag angenommen und die ganze Zeit gedankt hatte, hier aber ihm Mißtrauen und sogar Feindseligkeit zeigte, fühlte er sich ruhig und freudig. In dem Kontor war es schwül und nicht sauber. Nechliudow trat in den Hof hinaus und wollte in den Garten gehen, aber er erinnerte sich an jene Nacht, das Fenster in der Mädchenstube, den hinteren Flur, – und ihm war es unangenehm, an den durch die frevelhaften Erinnerungen entweihten Ort zu gehen. Er setzte sich auf die Freitreppe und atmete den die warme Luft erfüllenden starken Geruch der jungen Birkenblätter ein, sah lange in den dunkel werdenden Garten und horchte auf die Mühle, die Nachtigallen und noch einen Vogel, der in dem Strauch gerade neben dem Flur eintönig pfiff. Im Zimmer des Arbeitsaufsehers löschte man das Licht aus; im Osten, hinter der Scheune, flammte wie eine Feuersbrunst der Mond auf; ein Wetterleuchten fing an – immer heller und heller – den verwachsenen, blühenden Garten und das zerfallende Haus zu bescheinen, entfernter Donner ließ sich hören, ein Drittel des Himmels war von einer schwarzen Gewitterwolke verdeckt. Die Nachtigallen und die andern Vögel verstummten. Neben dem Geräusch des Wassers an der Mühle wurde Gänsegeschnatter hörbar, dann begannen im Dorfe und auf dem Hofe des Arbeitsaufsehers die frühen Hähne zu rufen, wie sie gewöhnlich in heißen Gewitternächten vorzeitig krähen. Es gibt ein Sprichwort, daß die Hähne, wenn sie zu früh schreien, eine lustige Nacht ansagen. Für Nechliudow war diese Nacht mehr als lustig. Es war für ihn eine freudige, glückliche Nacht. Die Einbildungskraft rief ihm die Eindrücke jenes glücklichen Sommers zurück, den er hier als unschuldiger Jüngling zugebracht hatte, und er fühlte sich jetzt so, wie er nicht nur damals, sondern immer in den besten Minuten seines Lebens gewesen war. Er erinnerte sich nicht nur, sondern er fühlte sich, wie er damals gewesen, als er als vierzehnjähriger Knabe zu Gott betete, Gott möchte ihm die Wahrheit offenbaren, oder wie er als Kind, auf dem Schoße der Mutter, weinte, wenn er fortgehen sollte, und ihr versprach, immer gut zu sein und sie nie zu betrüben; er fühlte sich so, wie er gewesen, als er und Nikolenka Irtenjew den Entschluß gefaßt hatten, sie wollten einander immer helfen, ein gutes Leben zu führen und sich bemühen, alle Menschen glücklich zu machen. Er dachte jetzt daran, wie in Kusminskoje die Versuchung über ihn gekommen war, und wie ihm das Haus und der Wald und die Wirtschaft und das Land leid getan hatte, und er fragte sich, ob es ihm noch leid täte? Es befremdete ihn sogar, daß ihm darum hatte leid sein können. Er gedachte alles dessen, was er heute gesehen hatte: der Frau mit den Kindern ohne Mann, den man wegen des Holzdiebstahles in seinem, dem Nechliudowschen Walde eingesperrt hatte, und der schrecklichen Matriona, welche glaubte, oder wenigstens sagte, daß Weiber ihres Standes sich zu Geliebten der Herren hergeben müßten. Er gedachte ihres Verhaltens gegen die Kinder, des Verfahrens beim Wegbringen derselben ins Findelhaus und jenes unglücklichen, greisenhaften, lächelnden, aus Nahrungsmangel sterbenden Kindes im Häubchen. Er gedachte jener schwangeren, schwachen Frau, die man zwingen würde, für ihn zu arbeiten, weil sie, mit Arbeit überladen, ihre Kuh, die nichts zu fressen hatte, nicht hatte hüten können. Und gleichzeitig erinnerte er sich an das Gefängnis, an die rasierten Köpfe, an die Zellen, an den widerwärtigen Geruch, an die Ketten und daneben an den sinnlosen Luxus seines eigenen und des ganzen herrschaftlichen, städtischen und hauptstädtischen Lebens. Alles war ganz klar und unzweifelhaft. Der helle, beinahe volle Mond ging hinter der Scheune auf, über den Hof legten sich schwarze Schatten, das Eisen auf dem Dach des baufälligen Hauses erglänzte. Und als ob sie diesen Schein sich nicht entgehen lassen wollte, begann im Garten die verstummte Nachtigall zu flöten und zu schlagen. Nechliudow fiel ein, wie er in Kusminskoje begonnen hatte, über sein Leben nachzudenken und die Fragen zu entscheiden, was und wie er weiter tun werde, und er erinnerte sich, wie er sich in diesen Fragen verwickelt hatte und sie nicht entscheiden konnte, – so viele Erwägungen gab jede Frage auf. Er stellte sich jetzt wieder diese Fragen und wunderte sich, wie einfach alles war. Es war einfach, weil er jetzt nicht darüber nachdachte, was aus ihm werden sollte, es interessierte ihn gar nicht; er dachte nur darüber nach, was er tun müsse. Und – wie wunderbar! Was er für sich brauchte, konnte er durchaus nicht entscheiden, was man aber für die anderen tun müsse, das wußte er, ohne zu zweifeln. Er wußte jetzt unzweifelhaft, daß man den Bauern das Land abtreten müsse, weil es schlecht war, es zu behalten. Er wußte unzweifelhaft, daß er Katjuscha nicht verlassen dürfe, sondern ihr helfen, zu allem bereit sein müsse, um seine Schuld gegen sie zu sühnen. Er wußte unzweifelhaft, daß er alle diese Dinge, die Gerichte und Strafen betreffen, studieren, untersuchen, sich klarmachen, begreifen müsse: er fühlte, daß er da etwas sehe, das die anderen nicht sahen. Was aus alledem werden würde, wußte er nicht, dagegen wußte er unzweifelhaft, daß er dieses, jenes und das dritte unbedingt tun müsse. Und diese feste Überzeugung machte ihn freudig. Die schwarze Gewitterwolke war schon ganz nahe gerückt, man sah jetzt nicht mehr Wetterleuchten, sondern Blitze, die den ganzen Hof und das baufällige Haus mit den heruntergerissenen Außentreppen erhellten, und der Donner ließ sich schon zu Häupten hören. Alle Vögel waren verstummt, dafür rauschten jetzt die Blätter, und der Wind erreichte den Vorflur, wo Nechliudow saß, und bewegte seine Haare. Es fiel ein Tropfen, ein zweiter, es begann auf das Klettenkraut, auf das Eisendach zu trommeln, die ganze Luft flammte hell auf; alles wurde still, und Nechliudow konnte noch nicht bis drei zählen, als es gerade über seinem Kopfe fürchterlich krachte und über den Himmel rollte. Nechliudow trat in das Haus. »Ja, ja,« dachte er, »das Werk, das durch unser Leben geleistet wird, das ganze Werk, sein ganzer Sinn ist unbegreiflich und kann mir nicht begreiflich sein. Wozu waren die Tanten da? Warum starb Nikolenka Irtenjew? Und ich lebe noch? Warum war Katjuscha? Und meine Verrücktheit? Warum war der Krieg? Und mein ganzes darauf folgendes wüstes Leben? Alles das zu begreifen, das ganze Werk des Herrn zu begreifen, liegt nicht in meiner Macht. Seinen Willen aber zu tun, der in meinem Gewissen geschrieben steht, liegt in meiner Macht, und das weiß ich unzweifelhaft. Und wenn ich seinen Willen tue, bin ich unzweifelhaft ruhig.« Der Regen fiel schon in Strömen und floß von den Dächern rieselnd in die Wassertonnen, selten nur erleuchtete ein Blitz Hof und Haus. Nechliudow kehrte in das Zimmer zurück, entkleidete sich und legte sich zu Bett, nicht ohne Furcht vor Wanzen, deren Gegenwart die von den Wänden abgerissenen schmutzigen Papierfetzen ahnen ließen. »Ja, sich nicht als Herr, sondern als Knecht fühlen«, dachte er, und er freute sich an diesem Gedanken. Seine Befürchtungen erfüllten sich. Kaum hatte er das Licht gelöscht, als das Ungeziefer ihn bedeckte und zu beißen begann. »Das Land abtreten, nach Sibirien reisen, – Flöhe, Wanzen, Unsauberkeit. Nun, was ist zu tun? Wenn das ertragen werden muß, so ertrage ich's.« Aber trotz allen guten Willens konnte er es nicht ertragen; er setzte sich an das geöffnete Fenster und blickte auf die entfliehende Wolke und auf den sich wieder zeigenden Mond. 9 Erst gegen Morgen schlief Nechliudow ein, und wachte daher am nächsten Tage erst spät auf. Mittags kamen die sieben gewählten, von dem Arbeitsaufseher geladenen Bauern in den Baumgarten unter die Apfelbäume, wo der Arbeitsaufseher ein Tischchen auf in die Erde eingerammten kleinen Pfosten und Bänke hergerichtet hatte. Ziemlich lange mußte man den Bauern zureden, die Mützen aufzusetzen und auf den Bänken Platz zu nehmen. Der gewesene Soldat, heute mit sauberen Fußlappen und Bastschuhen, hielt besonders hartnäckig seine zerrissene Mütze vor sich, nach der Vorschrift, wie man sie »zum Gebet« hält. Als aber einer von ihnen, ein breitschultriger Greis von ehrwürdigem Aussehen, mit einem lockigen, halbergrauten Bart, wie der Moses des Michelangelo, und mit krausen, dichten, grauen Haaren um die entblößte, braune, sonnenverbrannte Stirn seine große Mütze aufsetzte und, den neuen heimgearbeiteten Kaftan überschlagend, sich durchdrängte und auf der Bank niederließ, folgten die übrigen seinem Beispiel. Als alle Platz gefunden hatten, setzte sich Nechliudow ihnen gegenüber, und die Ellbogen über dem Papier mit dem Entwurf seines Planes auf den Tisch gestützt, fing er an, ihn darzulegen. War es nun, weil weniger Bauern da waren, oder weil er nicht mit sich, sondern mit der Sache beschäftigt war, Nechliudow fühlte diesmal keine Befangenheit. Unwillkürlich wandte er sich vorzüglich an den breitschultrigen Greis mit den weißen Bartlocken, von ihm Billigung oder Erwiderung erwartend. Aber die Vorstellung, welche sich Nechliudow von ihm gemacht hatte, war irrtümlich. Der wohlgestaltete Greis, obgleich er auch mit seinem schönen Patriarchenkopf billigend nickte oder ihn stirnrunzelnd schüttelte, wenn die anderen etwas erwiderten, begriff augenscheinlich nur mit großer Mühe, was Nechliudow sprach, und zwar nur dann, wenn die anderen Bauern dasselbe in ihrer Sprache wiedergaben. Weit besser verstand Nechliudows Worte ein kleiner, einäugiger, in einen geflickten Nankingkaftan und alte, schief getretene Stiefel gekleideter, fast bartloser Alter, der neben dem patriarchalischen Alten saß, – ein Ofensetzer, wie Nechliudow nachher erfuhr. Dieser Mann bewegte rasch die Augenbrauen in der Anstrengung des Aufmerkens, und sogleich gab er in seiner Art wieder, was Nechliudow sprach. Ebenso schnell begriff auch ein nicht hochgewachsener, stämmiger Alter mit weißem Bart und glänzenden, klugen Augen, der jede Gelegenheit benutzte, um scherzhafte, ironische Bemerkungen zu Nechliudows Worten einzuschalten und augenscheinlich damit prunkte. Auch der gewesene Soldat hätte, wie es schien, die Sache verstehen können, wenn er nicht so durch das Soldatentum verdummt gewesen wäre und sich in den Gewohnheiten der sinnlosen soldatischen Sprache verwirrt hätte. Am ernstesten verhielt sich zur Sache ein in tiefem Baß sprechender langnasiger, hochgewachsener Mann mit kleinem Bart, in sauberer, heimgearbeiteter Kleidung und neuen Bastschuhen. Dieser Mann begriff alles und sprach nur, wenn es nötig war. Die beiden anderen Alten – einer, der Zahnlose, der gestern auf der Versammlung entschieden abschlägige Antworten auf alle Vorschläge Nechliudows geschrien hatte, und der andere – ein hochgewachsener, weißer, hinkender Alter mit gutmütigem Gesicht, in Bauernschuhen auf den straff mit weißen Fußlappen umwickelten mageren Beinen – beide schwiegen fast die ganze Zeit, obwohl sie aufmerksam zuhörten. Nechliudow äußerte zuerst seine Ansicht über das Grundeigentum. »Land darf man, meiner Meinung nach, weder verkaufen noch kaufen, weil, wenn man es verkaufen dürfte, diejenigen, die Geld haben, das ganze Land aufkaufen und dann von demjenigen, der kein Land hat, für das Recht, es zu benutzen, so viel nehmen würden, wie sie wollten; sie würden Geld dafür nehmen, daß man auf der Erde stehen darf«, fügte er hinzu, sich des Arguments von Spencer bedienend. »Das einzige Mittel, damit sie nicht fliegen, ist, ihnen die Flügel zu binden«, sagte der Alte mit den lachenden Augen und dem weißen Bart. »Das ist richtig«, sagte der Langnasige in tiefem Baß. »Jawohl«, sagte der gewesene Soldat. »Ein Weiblein hat fürs Kühlein Gras gepflückt – man hat es gefangen – ins Gefängnis mit ihr!« sagte der bescheidene, gutmütige Alte. »Unser eigenes Land ist fünf Werst weit, etwas in Pacht zu nehmen aber, das können wir nicht erschwingen: der Preis ist so hinaufgeschraubt, daß man ihn nicht hereinbringt«, fügte der zahnlose, ärgerliche Alte hinzu. »Sie drehen Stricke aus uns, wie sie wollen; es ist schlimmer als die Frone.« »Ich denke ebenso wie ihr,« sagte Nechliudow, »und halte es für eine Sünde, Land zu besitzen. Und nun will ich es abgeben.« »Nun schön! Das ist gut«, sagte der Alte mit den Moseslocken, indem er augenscheinlich dabei dachte, daß Nechliudow es verpachten wolle. »Ich bin eben darum hierhergekommen; ich will kein Land mehr besitzen, aber es muß erst überlegt werden, wie man es loswird.« »Gib es doch den Bauern, und damit fertig!« sagte der zahnlose, ärgerliche Alte. Nechliudow war in der ersten Minute verwirrt, er fühlte aus diesen Worten Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner Absicht. Aber er fand sich sogleich wieder und benutzte diese Bemerkung, um das rundheraus zu sagen, was er ihnen zu sagen hatte. »Ich würde es gern abgeben,« sagte er, »aber wem und wie? Welchen Bauern? Warum eurer Gemeinde und nicht der von Diominskoje?« Das war das benachbarte Pfarrdorf mit bettelhaften Landparzellen. Alle schwiegen. Nur der gewesene Soldat sagte: »Jawohl.« »Nun gut,« sagte Nechliudow, »sagt mir, wenn man das Land an die Bauern verteilen will... wie würdet ihr es machen?« »Wie wir es machen würden? Wir würden alles nach der Seelenzahl verteilen, allen zu gleichen Teilen«, sagte der Ofensetzer, rasch die Augenbrauen hochziehend und senkend. »Natürlich? Nach den Seelen verteilen«, bekräftigte der gutmütige, hinkende Alte mit den weißen Fußlappen. Alle bestätigten diese Entscheidung, die sie befriedigend fanden. »Ja, wie denn, nach der Seelenzahl?« fragte Nechliudow. »Auch an das Hofgesinde?« »Keineswegs«, sagte der gewesene Soldat, indem er sich bemühte, lustige Munterkeit auf seinem Gesichte auszudrücken. Aber der bedachtsame, hochgewachsene Bauer war mit ihm nicht einverstanden. »Wenn man schon teilt, so muß man allen zu gleichen Teilen geben«, antwortete er in seinem tiefen Baß nach einigem Nachdenken. »Das geht nicht«, begann Nechliudow seine schon im voraus vorbereitete Erwiderung. »Wenn man es an alle gleichmäßig verteilte, so würden alle, die selber nicht arbeiten, nicht ackern, ihren Anteil nehmen und an die Reichen verkaufen. Und so würde sich das Land wieder bei den Reichen sammeln. Bei denen aber, die auf eigenen Anteilen sitzen, werden wieder mehr Leute zur Welt kommen, aber das Land ist dann schon vergriffen. Wieder werden die Reichen diejenigen in ihre Hände bekommen, die das Land brauchen.« »Jawohl«, bestätigte eilig der Soldat. »Man muß verbieten, daß Land verkauft wird, und nur der soll es haben, der selber ackert«, sagte der Ofensetzer, ärgerlich den Soldaten unterbrechend. Darauf erwiderte Nechliudow, daß es unmöglich sei, aufzupassen, ob man für sich oder für einen anderen ackere. Dann schlug der hochgewachsene, bedachtsame Alte vor, es so einzurichten, daß alle im »Artel«, als Genossenschaft, pflügen sollen. Wer ackerte, dem sollte man einen Anteil davon erhalten. »Wer aber nicht ackert, der hat nichts«, brachte er in seinem entschiedenen Baß vor. Auch gegen dieses kommunistische Projekt hatte Nechliudow Argumente fertig, und er erwiderte: es sei dazu erforderlich, daß alle Pflüge hätten, daß die Pferde gleich gut seien, und daß die einen hinter den anderen nicht zurückblieben; oder daß alles, Pferde, Pflüge, Dreschmaschinen und die ganze Wirtschaft, gemeinsam wäre, aber um alles das einzurichten, sei es nötig, daß alle Leute einverstanden seien. »Unser Volk wirst du nie im Leben zum Einverständnis bringen«, sagte der ärgerliche Alte. »Das gibt lauter Schlägerei«, sagte der Alte mit dem weißen Bart und den lachenden Augen. »Die Weiber würden einander die Augen auskratzen.« »Dann – wie soll man den Boden nach der Qualität verteilen?« sagte Nechliudow. »Warum sollen die einen Schwarzerde bekommen, die anderen aber Lehm und Sand?« »In kleine Parzellen – so daß alle gleich haben«, sagte der Ofensetzer. Darauf erwiderte Nechliudow, daß es sich nicht um die Verteilung innerhalb einer Gemeinde handele, sondern um die Bodenverteilung in verschiedenen Gouvernements. Wenn man das Land den Bauern umsonst abgebe, warum sollten die einen dann guten Boden besitzen, die anderen schlechten? Alle werden Lust haben, auf guten Boden zu kommen. »Jawohl«, sagte der Soldat. Die übrigen schwiegen. »Also es ist nicht so einfach, wie es scheint«, sagte Nechliudow. »Und darüber denken wir nicht allein nach, sondern sehr viele Menschen. Nun gibt es einen Amerikaner, George, der hat so etwas ausgedacht; und ich bin mit ihm einverstanden...« »Aber du bist ja Herr, also gib es nur ab, was brauchst du dich weiter zu kümmern. Dein Wille ist es«, sagte der ärgerliche Alte. Diese Unterbrechung verwirrte Nechliudow, aber zu seinem Vergnügen bemerkte er, daß nicht er allein über diese Unterbrechung ungehalten war. »Warte nur, Onkel Semion, – laß ihn erzählen«, sagte der bedachtsame Bauer in seinem eindringlichen Baß. Dies ermunterte Nechliudow, und er begann ihnen nach Henry George das Projekt von »single tax« zu erklären. »Das Land ist niemandes, ist Gottes«, fing er an. »Das ist so, jawohl«, antworteten einige Stimmen. »Das ganze Land ist gemeinsam. Alle haben darauf das gleiche Recht. Aber es gibt besseres und schlechteres Land. Und jedermann will das gute haben. Wie soll man es machen, um das auszugleichen? Nun, eben so, daß, wer gutes Land besitzt, denjenigen, die kein Land besitzen, so viel zahlt, wie sein Land kostet«, antwortete Nechliudow sich selber. »Da es aber schwer ist, zu bestimmen, wer wem zu zahlen hat, und da man doch Geld für die gemeinschaftlichen Bedürfnisse sammeln muß, so muß man es so einrichten, daß derjenige, der das Land besitzt, an die Gemeinde für die mannigfachen Bedürfnisse zahlt, was sein Land kostet. So werden alle gleich haben. Willst du Land besitzen, so zahle für das gute Land mehr, für schlechtes weniger. Willst du aber keins besitzen, zahlst du nichts; die Abgaben für die gemeinschaftlichen Bedürfnisse zahlen für dich diejenigen, die das Land besitzen.« »Das ist richtig«, sagte der Ofensetzer, die Augenbrauen bewegend. »Wer besseres Land hat, der zahle mehr.« »Was für ein Kopf das ist, dieser Shorsha«, sagte der ansehnliche Alte mit den Locken. »Wäre nur die Abgabe den Kräften nach«, sagte im Baßton der Hochgewachsene, der augenscheinlich schon ahnte, worauf es ankomme. »Die Abgabe muß so sein, daß sie nicht zu teuer und nicht zu billig ist. Wenn sie zu teuer ist, so kann man sie nicht bestreiten und hat Schaden, wenn sie aber zu billig ist, so würden alle voneinander kaufen, mit dem Land handeln. Nun eben dies möchte ich bei euch einrichten.« »Das ist richtig, das ist wahr. Warum denn nicht«, sprachen die Bauern. »Das ist ein Kopf!« wiederholte der breite Alte mit den Locken. »Shorsha! Was der sich ausgedacht hat!« »Nun aber, wie ist es, wenn ich wünschte Land zu nehmen?« sagte der Arbeitsaufseher lächelnd. »Wenn es ein freies Stück gibt, so nehmen Sie es, und arbeiten Sie«, sagte Nechliudow. »Wozu brauchst du es? Du bist doch sowieso satt«, sagte der Alte mit den lächelnden Augen. Hier war die Beratung zu Ende. Nechliudow wiederholte noch einmal seinen Vorschlag, verlangte aber nicht sofort eine Antwort und riet ihnen, erst mit der Gemeinde zu sprechen und dann zu kommen und ihm Antwort zu geben. Die Bauern sagten, sie wollten mit der Gemeinde sprechen und Antwort bringen, verabschiedeten sich und gingen aufgeregt fort. Lange noch war von der Straße ihr lautes, sich entfernendes Sprechen zu hören. Und bis spät in den Abend hinein summten ihre Stimmen und kamen den Fluß entlang vom Dorfe her. Am anderen Tage arbeiteten die Bauern nicht, sie berieten den Vorschlag des Herrn. Die Gemeinde teilte sich in zwei Parteien: die eine hielt den Vorschlag des Herrn für vorteilhaft und gefahrlos, die andere sah darin eine Hinterlist, deren Wesen sie nicht begreifen konnte, und die sie daher besonders fürchtete. Am dritten Tage willigten dennoch alle ein, die angebotenen Bedingungen anzunehmen und kamen zu Nechliudow, ihm den Beschluß der ganzen Gemeinde kundzutun. Auf diese Einwilligung war von Einfluß die Erklärung, die ein altes Mütterchen für die Handlungsweise des Herrn hatte und die einleuchtete, jede Befürchtung eines Betrugs ausschloß, nämlich: der Herr wolle für seine Seele sorgen und handle wegen seines Seelenheils so. Diese Erklärung wurde durch die großen Almosen bestätigt, die Nechliudow während seiner Anwesenheit in Panowo verteilte. Die Geldspenden, die Nechliudow hier verteilte, wurden dadurch veranlaßt, daß er hier zum erstenmal Kenntnis erhielt, welchen Grad die Armut und die Härte des Lebens bei den Bauern erreicht hatten; von dieser Armut erschüttert, konnte er nicht anders, – obgleich er wußte, daß es töricht sei, das Geld wegzugeben, das sich gerade jetzt ansammelte. Er hatte es bekommen für den schon im vorigen Jahr verkauften Wald von Kusminskoje und als Handgeld für das verkaufte Inventar. Kaum erfuhr man, daß der Herr den Bittenden Geld gab, so kamen Haufen Volks, vorzüglich Weiber vom ganzen Bezirk zu ihm und baten um Hilfe. Nechliudow wußte nicht, was er tun, wonach er sich richten sollte, bei der Entscheidung der Frage, wem und wieviel zu geben. Er fühlte, daß es unmöglich sei, den bittenden und offenbar armen Leuten nicht von dem Gelde zu geben, von dem er so viel hatte. Geben aber, aufs Geratewohl allen, die darum baten, hatte keinen Sinn. Das einzige Mittel, sich aus dieser Lage zu befreien, war die Abreise. Und daher eilte er fortzukommen. Am letzten Tage seines Aufenthalts in Panowo ging Nechliudow in das Haus und machte sich ans Durchsuchen der hinterlassenen Sachen. Dabei fand er in der unteren Schublade einer alten, den Tanten gehörigen bauchigen Mahagonichiffonniere, mit Bronzeringen in Löwenköpfen, viele Briefe, und unter ihnen eine Photographie, die eine Gruppe darstellte: Sophia Iwanowna, Maria Iwanowna, ihn selber als Studenten und Katjuscha, die reine, frische, freudige und lebensfrohe Katjuscha. Von allen Sachen, die im Hause waren, nahm Nechliudow nur die Briefe und dieses Bild. Das übrige überließ er einem Müller, der, auf die Fürsprache des lächelnden Arbeitsaufsehers, für ein Zehntel des Wertes das Haus von Panowo mit dem ganzen Mobiliar auf Abbruch kaufte. Als Nechliudow jetzt an sein Bedauern wegen des Verlustes seines Eigentums dachte, das er in Kusminskoje empfunden hatte, staunte er, wie er dieses Gefühl hatte haben können. Jetzt empfand er dauernd nur die Freude der Befreiung und ein Gefühl des Neuen, dem ähnlich, welches ein Reisender haben muß, wenn er neue Länder entdeckt. 10 Die Stadt machte auf Nechliudow diesmal einen besonders seltsamen, ganz neuen Eindruck. Er kam abends, als schon die Laternen brannten, vom Bahnhof nach seiner Wohnung. In allen Zimmern war noch der Naphthalingeruch, und Agrafena Petrowna und Kornej fühlten sich beide abgemattet und unzufrieden, sie hatten sich sogar beim Aufräumen von Sachen gezankt, deren Gebrauch nur darin zu bestehen schien, daß man sie aufhing, sonnte und wieder versteckte. Nechliudows Zimmer war nicht in Anspruch genommen, aber auch nicht aufgeräumt, und der Weg dahin war wegen der Koffer schwierig;, so daß Nechliudows Ankunft offenbar die Tätigkeit störte, die nach einem seltsamen Beharrungsgesetz in dieser Wohnung vor sich ging. Alles das erschien Nechliudow nach den Eindrücken des Elends in den Dörfern wegen seiner augenscheinlichen Sinnlosigkeit, an der er doch bisher teilgenommen hatte, so unangenehm, daß er beschloß, schon am nächsten Tag in ein Gasthaus zu ziehen. Er überließ es Agrafena Petrowna, die Sachen zu versorgen, wie sie es für nötig fand, bis zur Ankunft der Schwester; die würde über alles im Hause endgültige Anordnungen treffen. Nechliudow ging früh aus dem Hause, wählte sich nicht weit vom Gefängnis in der ersten besten, sehr bescheidenen und ziemlich schmutzigen Pension eine aus zwei Zimmern bestehende Wohnung, ordnete an, ihm die zu Hause ausgewählten Sachen dorthin zu bringen und ging zu seinem Rechtsanwalt. Draußen war es kalt. Nach den Gewittern und Regengüssen waren die kalten Tage gekommen, die im Frühling die Regel sind. Es war so kalt, es ging ein so durchdringender Wind, daß Nechliudow in dem leichten Überzieher fror, und daß er den Schritt fortwährend beschleunigte, in dem Bemühen, sich zu erwärmen. Er mußte an die Dorfleute denken, die Frauen, Kinder, Greise, deren Armut und Gequältheit er jetzt eigentlich zum ersten Male wahrgenommen hatte, besonders an den lächelnden, greisenhaften Säugling, der die wadenlosen Beinchen hin und her schlenkerte. Und unwillkürlich verglich er damit, was in der Stadt war. Als er an den Fleisch- und Fischläden, an den Läden mit fertigen Kleidern vorbeiging, war er betroffen – als ob er all das zum ersten Male sähe – von der Sattheit der ungeheueren Menge so sauberer und fetter Ladenbesitzer, von deren Art es im Dorfe keinen einzigen gibt. Diese Leute waren offenbar fest überzeugt, daß ihre Bemühungen, diejenigen zu betrügen, die nicht Kenner ihrer Waren seien, keine müßige, sondern eine sehr nützliche Beschäftigung bildete. Ebenso satt waren die Kutscher mit den ungeheuer großen Rückseiten und mit den Knöpfen auf dem Rücken; ebenso die Türsteher mit den betreßten Mützen, ebenso die Zimmermädchen mit Schürzen und Löckchen, besonders aber die Lichatschi, die Schnellfahrer mit den rasierten Nacken, die in ihren Droschken saßen und die Vorbeigehenden verächtlich und frech betrachteten. In allen diesen Menschen sah er jetzt unwillkürlich dieselben, des Bodens beraubten und durch diesen Verlust in die Stadt getriebenen Dorfbewohner. Von diesen Leuten hatten die einen verstanden, sich den Bedingungen des städtischen Lebens anzupassen; sie wurden ebenso wie die Herren und freuten sich ihrer Lage; die anderen kamen in der Stadt in noch schlimmere Verhältnisse als im Dorfe und waren noch mehr zu bedauern. So erschienen Nechliudow erbärmlich die Schuster, die er in einem Kellergeschoß am Fenster arbeiten sah; ebenso mager, blaß, zerzaust waren die Wäscherinnen, die mit ihren hageren, entblößten Armen vor den geöffneten Fenstern plätteten, aus welchen der Seifendampf herausströmte. Ebenso waren zwei Nechliudow begegnende Anstreicher in Schürzen und alten Stiefeln mit abgeschnittenen Schäften auf den nackten Füßen, die ganz vom Kopfe bis zu den Fersen mit Farbe beschmiert waren. In den sonnenverbrannten, stark geäderten, schwachen Armen mit den über den Ellbogen aufgestreiften Ärmeln trugen sie einen Eimer mit Farbe und schimpften ohne Aufhören. Die Gesichter waren verquält und böse. Ebensolchen Ausdruck hatten auch die schwarzen Gesichter der bestäubten Lastfuhrleute, die auf ihren Frachtwagen hin und her geschüttelt wurden. Ebenso waren auch die Gesichter der zerlumpten, gedunsenen Männer und Frauen, die mit den Kindern an den Straßenecken standen und um Almosen baten. Ebensolche Gesichter waren in den geöffneten Fenstern einer Wirtschaft, an der Nechliudow vorbeigehen mußte, zu sehen. An den schmutzigen, mit Flaschen und Teegeschirr vollgestellten Tischchen, zwischen denen die weißen Kellner mit schaukelndem Gang hin und her huschten, saßen schreiend und singend die schweißigen, roten Leute mit verdummten Gesichtern. Einer saß am Fenster; mit hochgezogenen Augenbrauen und vorgestreckten Lippen sah er vor sich hin, als wäre er bemüht, sich an etwas zu erinnern. »Und wozu sind sie alle hierhergekommen?« dachte Nechliudow, indem er unwillkürlich zugleich mit dem Staube, den der kalte Wind ihm zutrug, auch den überall verbreiteten Geruch ranzigen Öls und frischer Farbe einatmete. Auf einer der Straßen traf Nechliudow auf einen Zug Lastfuhrleute, die Eisen fuhren und so schrecklich mit dem Eisen auf dem unebenen Pflaster rasselten, daß ihm Ohren und Kopf weh taten. Er beschleunigte den Schritt, um den Zug zu überholen, als er plötzlich durch das Gerassel des Eisens hindurch seinen Namen hörte. Er blieb stehen und sah ein wenig vor sich einen Militär mit spitzem, zusammengeklebtem Schnurrbart und blankem, strahlendem Gesicht, der in einer eleganten Droschke saß, ihm grüßend mit der Hand winkte und beim Lächeln die ungewöhnlich weißen Zähne zeigte. »Nechliudow, bist du das?« Nechliudows erstes Gefühl war Vergnügen. »Ah, Schönbock«, brachte er freudig hervor, begriff aber sogleich, daß er keine Ursache hatte, sich zu freuen. Es war derselbe Schönbock, der damals bei den Tanten gewesen war. Nechliudow hatte ihn schon lange aus dem Auge verloren, hatte aber gehört, daß er das Regiment verlassen, doch bei der Kavallerie geblieben sei und sich immer noch, trotz seiner Schulden, durch irgendwelche Mittel, im Kreise der reichen Leute hielt. Sein zufriedenes, heiteres Aussehen bestätigte das. »Das ist ja gut, daß ich dich erwischt habe. Sonst aber ist niemand in der Stadt. Nun, Bruder, du bist aber alt geworden«, sprach er, aus der Droschke steigend und seine Schultern reckend. »Ich habe dich nur an dem Gang erkannt. Nun, wie wäre es, wollen wir zusammen zu Mittag essen? Wo ißt man denn hier bei euch anständig?« »Ich weiß nicht, ob ich Zeit habe«, antwortete Nechliudow und dachte nur darüber nach, wie er den Kameraden loswerden könnte, ohne ihn zu beleidigen. »Warum bist du hier?« fragte er ihn. »Geschäfte, Brüderchen, Geschäfte wegen einer Kuratel. Ich bin ja Kurator. Ich verwalte die Geschäfte Samanows. Kennst du den reichen Samanow? Er ist ›ramolli‹. Hat aber vierundfünfzigtausend Desiatinen Land«, sagte er mit besonderem Stolz, als ob er alle diese Desiatinen selber gemacht habe. »Seine Verhältnisse waren fürchterlich vernachlässigt. Das Land war bei den Bauern in Pacht. Sie zahlten nichts, der Rückstand betrug mehr als 80000 Rubel. Ich habe in einem Jahre alles geändert und der Kuratel siebzig Prozent mehr verschafft. Äh?« fragte er stolz. Nechliudow erinnerte sich, gehört zu haben, wie dieser Schönbock, gerade weil er sein ganzes Vermögen durchgebracht und unbezahlbare Schulden gemacht hatte, durch besondere Protektion zum Kurator über das Vermögen eines alten, reichen Mannes bestellt worden war, der sein Vermögen verpraßte; anscheinend lebte er jetzt von dieser Kuratel. »Wie könnte ich ihn nur loswerden, ohne ihn zu beleidigen?« dachte Nechliudow, in dieses blanke, pralle Gesicht mit dem steif gewichsten Schnurrbart blickend und sein gutmütig- kameradschaftliches Geplauder darüber, wo man gut speist, anhörend, und seine Prahlerei, wie gut er die Geschäfte der Kuratel besorgt habe. »Nun, wo essen wir also zu Mittag?« »Ich habe keine Zeit«, sagte Nechliudow, auf die Uhr sehend. »Nun; in dem Fall... Heute abend findet ein Pferderennen statt. Kommst du?« »Nein, ich komme nicht.« »Komm doch. Eigene habe ich nicht mehr. Aber ich halte auf Grischas Pferde. Erinnerst du dich? Er hat einen schönen Pferdestall. Nun, komm nur, wir essen dann zusammen zu Abend.« »Auch zu Abend essen kann ich nicht«, sagte Nechliudow lächelnd. »Nun, was soll denn das heißen? Wo gehst du jetzt hin? Willst du, ich nehme dich im Wagen mit.« »Ich gehe zum Advokaten. Er wohnt da um die Ecke«, sagte Nechliudow. »Ah, du tust ja etwas im Gefängnis? Bist ein Gefängnis- Fürsprecher geworden? Die Kortschagins haben mir's erzählt«, fing Schönbock lachend an. »Sie sind schon fort. Was ist das? Erzähle.« »Ja, ja, das ist alles wahr«, antwortete Nechliudow. »Aber wie soll ich denn das auf der Straße erzählen?« »Nun ja, nun ja, du bist ja immer ein Sonderling gewesen. Wirst du also zum Rennen kommen?« »Aber nein, ich kann nicht und will nicht. Du, sei mir nicht böse, bitte.« »Na, böse sein! Wo wohnst du?« fragte er, und sein Gesicht wurde plötzlich ernst, die Augen blickten starr, die Augenbrauen zogen sich empor. Er wollte sich offenbar besinnen, und Nechliudow sah auf seinem Gesicht genau denselben stumpfen Ausdruck, der ihm bei jenem Manne mit den hochgezogenen Augenbrauen und den vorgestreckten Lippen aufgefallen war. »Ist das eine Kälte! Äh!« »Ja, ja.« »Hast du meine Einkäufe?« wandte sich Schönbock an den Kutscher. »Nun, also, leb' wohl, ich habe mich sehr, sehr gefreut, dich getroffen zu haben«, sagte er, drückte Nechliudow kräftig die Hand, sprang in seine Droschke, winkte vor seinem blanken Gesicht mit der breiten Hand im neuen sämischledernen Handschuh und lächelte gewohnheitsmäßig mit seinen ungewöhnlich weißen Zähnen. »Bin ich wirklich auch so gewesen?« dachte Nechliudow, indem er seinen Weg zum Advokaten fortsetzte. »Ja, wenn auch nicht ganz so; aber ich wollte so sein und hatte gedacht, ich würde mein Leben so verbringen.« 11 Der Advokat empfing ihn außer der Reihe und sprach sofort über die Sache der Menschows, die er gelesen hatte; er war empört über die Haltlosigkeit der Anklage. »Die Sache ist ganz empörend,« sprach er, »es ist sehr wahrscheinlich, daß die Brandstiftung von dem Besitzer selbst verübt wurde, um die Versicherungsprämie zu bekommen; aber jetzt kommt es nur darauf an, daß die Schuld der Menschows vollkommen unbewiesen ist. Es gibt nicht eine überführende Tatsache. Das ist nur das besondere Talent des Herrn Untersuchungsrichters und die Nachlässigkeit des Staatsanwaltes. Wenn die Sache nur nicht in der Kreisstadt verhandelt wird; hier aber bürge ich Ihnen für den Erfolg und nehme kein Honorar. Nun die andere Sache: die Bittschrift der Fedosia Biriukowa an die Allerhöchste Stelle ist aufgesetzt; wenn Sie nach Petersburg fahren, nehmen Sie sie mit, reichen Sie sie selber ein, und verwenden Sie sich dafür. Sonst wird nur eine schriftliche Anfrage gemacht, und es kommt nichts dabei heraus. Aber geben Sie sich Mühe, die Personen zu fassen, die in der Bittschriftenkommission Einfluß haben. Nun, ist das jetzt alles? »Nein, man schreibt mir noch ...« »Sie sind, sehe ich, zu einer Art Trichter, zu einem Flaschenhals geworden, durch den sich alle Klagen des Gefängnisses ergießen«, sagte der Advokat lächelnd. »Es ist zuviel, Sie werden es nicht bewältigen.« »Nein, aber das ist eine erschütternde Sache«, sagte Nechliudow und erzählte kurz das Wesentliche des Prozesses, das darin bestand, daß ein Bauer, der lesen konnte, im Dorfe das Evangelium zu lesen und seinen Freunden zu erklären begonnen hatte. Die Geistlichkeit hielt das für ein Verbrechen. Man denunzierte ihn. Der Untersuchungsrichter verhörte ihn, der Staatsanwalt setzte einen Anklageakt auf, und das Appellationsgericht bestätigte die Anklage. »Es ist ganz schrecklich«, sprach Nechliudow. »Kann das wirklich wahr sein?« »Was wundert Sie denn da?« »Aber alles; nun, ich begreife einen Landpolizisten, dem man Befehl gegeben hat; aber der Staatsanwalt, der die Akte aufgesetzt hat... der ist doch ein gebildeter Mensch ...« »Da liegt ja eben der Fehler, daß wir gewohnt sind zu glauben, die Staatsanwaltschaft und überhaupt die Gerichtsbeamten seien irgendwie neue liberale Menschen. Einmal sind sie es wohl gewesen, jetzt ist das aber ganz anders geworden. Das sind Beamte, die nur der Zwanzigste im Monat interessiert, wenn sie Gehalt bekommen. Er bezieht sein Gehalt, und er hätte noch mehr nötig – das ist der ganze Inbegriff seiner Prinzipien. Er wird anklagen, richten, verurteilen, wen Sie wollen.« »Aber gibt es denn wirklich Gesetze, nach welchen man einen Menschen verschicken kann, nur dafür, daß er mit anderen zusammen das Evangelium liest?« »Nicht nur ›verschicken in nicht allzu entfernte Gegenden‹, sondern in Zwangsarbeit, wenn bewiesen würde, daß sie sich beim Lesen des Evangeliums erlaubt haben, es den anderen nicht so, wie es befohlen ist, auszulegen und somit die kirchliche Auslegung getadelt haben. Tadel gegen die rechtgläubige Konfession in Gegenwart anderer – das bedeutet nach Artikel soundso – Zwangsarbeit.« »Aber das kann doch nicht sein.« »Ich sage es Ihnen. Ich sage den Herren Gerichtsbeamten immer,« fuhr der Advokat fort, »daß ich sie nicht ohne Dankgefühl ansehen kann, denn wenn ich nicht im Gefängnis bin und Sie auch nicht, und wir alle nicht, so ist das nur ihrer Güte zu danken. Aber auf einen jeden von uns die Entziehung der besonderen Rechte und den Paragraphen von ›den nicht allzu entfernten Gegenden‹ anzuwenden, ist die leichteste Sache von der Welt.« »Aber wenn es so ist, und wenn alles von der Willkür des Staatsanwalts und der Personen abhängt, die das Gesetz anwenden wollen oder nicht, wozu ist dann das Gericht da?« Der Advokat brach in lustiges Lachen aus. »Ja, solche Fragen stellen Sie? Nun, Väterchen, das ist Philosophie. Warum denn nicht? Man kann sich auch darüber ein wenig unterhalten. Kommen Sie nur am Samstag zu mir. Sie treffen bei mir Gelehrte, Literaten, Künstler. Dann sprechen wir über allgemeine Fragen«, sagte der Advokat, mit ironischem Pathos die Worte ›allgemeine Fragen‹ aussprechend. »Sind Sie mit meiner Frau bekannt? Kommen Sie nur.« »Ja, ich will mir Mühe geben«, antwortete Nechliudow, fühlend, daß er eine Unwahrheit sage, und daß er, wenn überhaupt für etwas, nur dafür sorgen würde, an dem Abend nicht bei dem Advokaten, inmitten der sich bei ihm versammelnden Gelehrten, Literaten und Künstler zu sein. Das Lachen, mit welchem der Advokat auf Nechliudows Bemerkung geantwortet hatte, das Gericht habe keine Bedeutung, wenn die Gerichtsbeamten nach ihrer Willkür das Gesetz anwenden oder nicht anwenden können, und die besondere Betonung, mit der er die Worte: »Philosophie« und »allgemeine Fragen« ausgesprochen, zeigte Nechliudow, wie ganz verschieden er und der Advokat und wahrscheinlich auch die Freunde des Advokaten die Sachen ansahen, und daß er, Nechliudow, trotz seiner jetzigen Entfernung von seinen früheren Kameraden, wie Schönbock, dem Advokaten und den Leuten seines Kreises noch viel ferner stand. 12 Bis zum Gefängnis war es noch weit, und es war schon spät, darum nahm Nechliudow eine Droschke und fuhr hin. Auf einer der Straßen wandte sich der Kutscher, ein Mann von mittleren Jahren mit klugem und gutmütigem Gesicht, an Nechliudow und zeigte ihm ein im Bau befindliches riesiges Haus. »Sieh mal, was für ein großmächtiges Haus da hingeprotzt ist«, sagte er, als ob er ein Miturheber dieses Baues und stolz darauf wäre. Es wurde dort wirklich ein kolossales Haus in einem ungewöhnlichen, komplizierten Stil gebaut. Ein dauerhaftes Baugerüst aus großen Fichtenbalken, mit eisernen Klammern zusammengefaßt, umgab den zu errichtenden Bau und trennte ihn durch einen Bretterzaun von der Straße. Über die Stellagen des Baugerüstes wimmelten mit Kalk bespritzte Arbeiter wie Ameisen hin und her: die einen mauerten, die anderen behauten Steine, die dritten trugen schwere Tragen und Kübel nach oben, leere hinab. Ein dicker, schön gekleideter Herr, wahrscheinlich ein Architekt, der bei dem Baugerüst stand und nach oben auf etwas zeigte, sprach zu dem ehrerbietig zuhörenden Unternehmer aus dem Gouvernement Wladimir. Durch das Tor, vorüber an dem Architekten und dem Unternehmer, rollten leere Fuhren hinaus und beladene hinein. »Und wie fest sind sie alle überzeugt, sowohl diejenigen, die arbeiten, wie auch diejenigen, die sie arbeiten lassen, daß es so sein müsse, daß, während ihre schwangeren Frauen zu Hause unerträglich schwer arbeiten und ihre Kinder in Häubchen angesichts des baldigen kalten Todes greisenhaft lächeln und die Beinchen krümmen, daß sie diesen dummen, unnötigen Palast für irgendeinen dummen, unnötigen Menschen bauen müssen, für einen von denen, die sie berauben und zugrunde richten«, dachte Nechliudow, das Haus betrachtend. »Ja, ein albernes Haus«, sprach er seinen Gedanken laut aus. »Wieso albern?« erwiderte der Kutscher beleidigt. »Dank ihm! Es gibt dem Volk Arbeit, aber albern ist's nicht.« »Aber die Arbeit ist doch keine notwendige.« »Wenn man es baut, wird es wohl auch nötig sein«, erwiderte der Kutscher. »Das gibt den Leuten zu essen.« Nechliudow schwieg, um so mehr, da es schwer war, bei dem Rädergerassel zu sprechen. Nicht weit vom Gefängnis fuhr der Kutscher vom Pflaster auf die Chaussee hinüber, so daß es leichter war, zu sprechen, und er wandte sich wieder an Nechliudow. »Und wieviel von diesem Volk wälzt sich heutzutage in die Stadt herein – fürchterlich!« sagte er, sich auf dem Kutschbock umdrehend und Nechliudow auf eine Genossenschaft von Landarbeitern aufmerksam machend, die mit Sägen, Äxten, Pelzen und Säcken über den Schultern ihnen entgegenkamen. »Mehr als in früheren Jahren?« fragte Nechliudow. »Kein Vergleich; man drängt sich heutzutage so um alle Stellen, daß es ein Elend ist. Die Arbeitgeber werfen einander die Leute wie Holzspäne zu, alles ist überfüllt.« »Warum ist das denn so?« »Es hat sich sehr vermehrt. Man weiß nicht mehr wohin.« »Was macht denn das, wenn sich das Volk vermehrt hat? Warum bleibt es nicht im Dorf?« »Im Dorf ist nichts zu tun. Man hat kein Land.« Nechliudow empfand dasselbe, was einem wehen Gliede zu geschehen pflegt. Es scheint, daß man sich wie absichtlich immer an der schmerzenden Stelle stößt. Es scheint aber einzig darum so, weil die Stöße nur an der schmerzhaften Stelle bemerkbar sind. »Ist es wirklich überall dasselbe?« dachte er und fing an, den Kutscher darüber zu befragen, wieviel Land sein Dorf habe, wieviel Land der Kutscher selber habe, warum er in der Stadt lebe. »Böden haben wir, Herr, eine Desiatine für eine Seele. Wir haben für drei Seelen«, fing der Kutscher bereitwillig zu sprechen an. »Ich habe zu Hause meinen Vater und einen Bruder, der andere ist Soldat. Sie könnten fertig werden. Nur – sie haben nichts, um fertig zu werden. Mein Bruder sollte schon nach Moskau kommen.« »Aber könntet ihr nicht Land in Pacht nehmen?« »Wo soll man heutzutage etwas in Pacht nehmen? Die Herrchen, die früher da waren, haben den eigenen Boden durchgebracht. Die Kaufleute haben alles an sich gerafft. Denen kann man nichts abkaufen, sie bewirtschaften es selber. Bei uns hat es ein Franzose, er hat's beim früheren Herrn gekauft; er will nichts in Pacht geben, und damit fertig.« »Was für ein Franzose?« »Ein Franzose – Dufar, vielleicht haben Sie von ihm gehört. Er macht im großen Theater Perücken für die Komödiantinnen – eine gute Beschäftigung – ist also reich geworden. Von unserem Gutsfräulein hat er dann das ganze Gut gekauft. Jetzt hat er uns in seiner Hand, er reitet auf uns, wie er will. Selber ist er ein guter Mann, gottlob. Aber seine Frau – eine Russin – so ein Biest, daß Gott bewahr'! Sie plündert das Volk! Ein wahres Elend! Nun, da ist das Gefängnis. Wohin wollen Sie? Zur Anfahrt? Es ist, glaub' ich, nicht erlaubt.« 13 Mit Herzbeklemmung und Grausen vor dem Gedanken, in welcher Verfassung er heute die Maslowa finden werde, und vor dem Geheimnis, das für ihn sowohl in ihr als auch in jener Ansammlung von Menschen im Gefängnis lag, klingelte Nechliudow am Haupteingang und fragte den herauskommenden Aufseher nach der Maslowa. Der Aufseher erkundigte sich und sagte, sie sei im Krankenhause. Nechliudow ging ins Krankenhaus. Ein gutmütiger, kleiner Alter, ein Krankenhausdiener, ließ ihn sogleich herein, und als er erfahren hatte, wen Nechliudow sehen wollte, wies er ihn in die Kinderabteilung. Ein junger Arzt, stark nach Karbolsäure riechend, kam zu Nechliudow in den Korridor heraus und fragte ihn streng, was er wolle. Dieser Arzt erwies den Gefangenen allerlei Nachsicht und geriet daher fortwährend in unangenehme Kollisionen mit der Gefängnisobrigkeit und sogar mit dem Oberarzt. Da er befürchtete, Nechliudow werde von ihm etwas Ungesetzliches Verlangen, und da er außerdem zeigen wollte, daß er für niemand Ausnahmen mache, stellte er sich ärgerlich. »Hier sind keine Frauen, es sind die Kindersäle«, sagte er. »Ich weiß, aber es ist hier eine aus dem Gefängnis übergeführte Gefangene, eine Krankenpflegerin.« »Ja, hier sind zwei, also was wollen Sie denn?« »Ich stehe einer von ihnen nahe, der Maslowa«, sagte Nechliudow, »und möchte sie sehen; ich bin im Begriff nach Petersburg zu fahren, um eine Kassationsbeschwerde wegen ihrer Sache einzureichen und wollte ihr das hier übergeben. Es ist nur eine Photographie«, sagte Nechliudow, ein Kuvert aus der Tasche nehmend. »Warum nicht, das geht«, sagte der Arzt, milder geworden; und sich an ein altes Mütterchen mit weißer Schürze wendend, sagte er, sie solle die Krankenpflegerin, die Gefangene Maslowa, rufen. »Wollen Sie sich nicht setzen oder wenigstens in das Empfangszimmer gehen?« »Ich danke Ihnen«, sagte Nechliudow, und die für sich günstige Veränderung im Wesen des Arztes ausnützend, fragte er ihn, wie man im Krankenhause mit der Maslowa zufrieden sei. »Leidlich, sie arbeitet nicht übel, wenn man die Verhältnisse in Betracht zieht, unter denen sie bisher gelebt hat,« sagte der Arzt; »übrigens, hier ist sie schon selber.« Aus einer der Türen kam das alte Mütterchen und hinter ihr die Maslowa. Sie war in weißer Schürze über einem gestreiften Kleide, auf dem Kopfe trug sie ein Tuch, das die Haare verbarg. Als sie Nechliudow gewahr wurde, errötete sie jäh, blieb stehen, gleichsam unschlüssig, dann aber machte sie ein finsteres Gesicht, ließ die Augen sinken und trat mit raschen Schritten zu ihm über den gestreiften Läufer des Korridors. Bei Nechliudow angelangt, wollte sie ihm die Hand nicht reichen, dann reichte sie sie doch und errötete noch mehr. Nechliudow hatte sie nach jenem Gespräch, als sie sich wegen ihrer Heftigkeit entschuldigte, nicht wieder gesehen, und er erwartete sie ebenso zu finden wie damals, aber heute war sie ganz anders; in dem Gesichtsausdruck lag etwas Neues, etwas Zurückhaltendes, Schüchternes, und, wie es Nechliudow schien, ihm nicht Wohlwollendes. Er sagte ihr dasselbe, was er dem Arzt gesagt hatte, daß er nach Petersburg fahre, und gab ihr das Kuvert mit der Photographie, die er aus Panowo mitgebracht hatte. »Das habe ich in Panowo gefunden, eine alte Photographie, vielleicht macht es Ihnen Freude. Nehmen Sie.« Sie zog ihre schwarzen Augenbrauen etwas hoch und blickte ihn mit ihren schielenden Augen verwundert an, als wollte sie fragen: wozu das? Und schweigend nahm sie das Kuvert und steckte es hinter die Schürze. »Ich habe dort Ihre Tante gesehen«, sagte Nechliudow. »So, haben Sie sie gesehen?« sagte sie gleichgültig. »Geht es Ihnen gut hier?« fragte Nechliudow. »So, so, ganz gut«, sagte sie. »Nicht zu schwer?« »Nein, es geht an. Ich bin es noch nicht gewohnt.« »Ich bin sehr froh für Sie. Immer doch besser als dort.« »Als wo, dort?« sagte sie, und ihr Gesicht übergoß sich mit Röte. »Dort, im Gefängnis«, beeilte sich Nechliudow zu sagen. »Wieso denn besser?« fragte sie. »Ich glaube, hier sind die Leute besser, sie sind nicht so wie dort.« »Dort gibt es viele gute Menschen«, sagte sie. »Ich habe mich für die Menschows verwendet, und ich hoffe, man wird sie freilassen«, sagte Nechliudow. »Das wolle Gott, so ein altes Mütterchen, ein wunderbares«, sagte sie, ihre Definition der Alten wiederholend und lächelte leicht. »Heute fahre ich nach Petersburg. Ihre Sache wird bald verhandelt, und ich hoffe, das Urteil wird aufgehoben.« »Ob man es aufhebt oder nicht aufhebt – jetzt ist es einerlei«, sagte sie. »Warum jetzt?« »So ... überhaupt«, sagte sie, indem sie ihm flüchtig und fragend in die Augen blickte. Nechliudow verstand dieses Wort und diesen Blick so, daß sie wissen wolle, ob er seinen Entschluß noch aufrechterhalte, oder ob er ihre abschlägige Antwort angenommen und ihn geändert habe. »Ich weiß nicht, warum es für Sie einerlei ist«, sagte er. »Für mich aber ist es wirklich einerlei: ob man Sie freispricht oder nicht. Ich bin in jedem Falle bereit, zu tun, wie ich gesagt habe«, sagte er entschieden. Sie hob den Kopf und ihre schwarzen, schielenden Augen blieben auf seinem Gesicht haften und sahen an ihm vorbei. Und ihr ganzes Gesicht erstrahlte vor Freude. Aber sie sagte etwas ganz anderes, als was ihre Augen sagten. »Das sagen Sie nur so«, sagte sie. »Ich sage es, damit Sie es wissen.« »Darüber ist schon alles gesagt, und es ist nichts mehr zu sprechen«, sagte sie, mit Mühe ein Lächeln zurückhaltend. Im Krankensaal entstand ein Lärm, man hörte Kinder weinen. »Es scheint, ich werde gerufen«, sagte sie, sich unruhig umblickend. »Nun, so leben Sie wohl«, sagte er. Sie nahm eine Miene an, als ob sie die ausgestreckte Hand nicht bemerke, und ohne sie zu drücken, drehte sie sich um, und bemüht, ihren Triumph zu verbergen, ging sie mit raschen Schritten über den gestreiften Läufer des Korridors fort. »Was geht jetzt in ihr vor? Wie denkt sie? Wie fühlt sie? Will sie mich versuchen, oder kann sie mir wirklich nicht verzeihen? Kann sie nicht alles sagen, was sie denkt und fühlt, oder will sie es nicht? Ist sie milder geworden oder erbitterter?« fragte sich Nechliudow und fand keine Antwort. Eins, was er wußte, war, daß sie sich verändert hatte, daß in ihr eine für ihre Seele wichtige Wandlung vor sich ging, und daß diese Wandlung sie nicht nur mit ihm, sondern auch mit dem, in dessen Namen diese Umwandlung geschah, vereinigte. Und diese Vereinigung versetzte ihn in eine freudig-erregte und gerührte Stimmung. Als sie in den Krankensaal zurückgekehrt war, wo acht Kinderbettchen standen, begann die Maslowa auf Geheiß der Krankenschwester eins der Lager umzubetten, und da sie sich mit dem Laken in der Hand zu weit überbog, rutschte sie aus und wäre fast gefallen. Ein Knabe in der Rekonvaleszenz, mit verbundenem Hals, der sie anblickte, fing an zu lachen, und die Maslowa konnte nicht mehr an sich halten; sie setzte sich auf das Bett und brach in ein lautes und so ansteckendes Lachen aus, daß einige der Kinder ebenfalls zu lachen begannen, und daß die Krankenschwester sie ärgerlich anschrie. »Was gackerst du? Du meinst wohl, du bist noch da, wo du herkommst! Geh, hol' die Rationen.« Die Maslowa verstummte, nahm das Geschirr und ging, wohin sie geschickt war. Aber als sie mit dem verbundenen Knaben, dem das Lachen verboten war, einen Blick wechselte, schnaufte sie abermals vor Lachen. Einige Male, sobald sie im Verlauf des Tages allein blieb, zog die Maslowa die Photographie aus dem Kuvert und weidete sich daran, aber erst am Abend, als ihr Tagesdienst zu Ende und sie allein in dem Zimmerchen war, wo sie mit der Krankenpflegerin zu zweit schlief, nahm sie die Photographie ganz aus dem Kuvert, und lange und unbeweglich, jede Einzelheit der Gesichter und der Kleidung, der Balkonstufen und der Sträucher, von deren Grunde sich die Gesichter – seines und ihres und die der Tanten – abhoben, mit den Augen liebkosend, betrachtete sie das verblaßte, vergilbte Bildchen und konnte sich nicht satt daran sehen, besonders an sich selbst, an ihrem eigenen jungen, schönen Gesicht mit den sich um die Stirn kräuselnden Haaren. So sehr hatte sie sich beim Betrachten vergessen, daß sie nicht bemerkte, wie ihre Kameradin, die Krankenpflegerin, in das Zimmer trat. »Was ist denn das? Hat er es dir gegeben?« sagte die dicke, gutmütige Krankenpflegerin, sich über die Photographie beugend. »Bist du das wirklich?« »Wer denn sonst?« machte die Maslowa und sah lächelnd in die Augen der Kameradin. »Und wer ist das? Er selber? Und ist das seine Mutter?« »Seine Tante. Würdest du mich nicht erkennen?« fragte die Maslowa. »Wo erkennen? In meinem Leben würd' ich's nicht erkennen. 'n ganz ander Gesicht. Es müssen doch gewiß so zehn Jahre her sein!« »Nicht Jahre, aber ein Leben«, sagte die Maslowa, und plötzlich war alle ihr Belebtheit verschwunden. Ihr Gesicht war niedergeschlagen, eine Falte schnitt sich zwischen den Augenbrauen ein. »Wieso denn? Das Leben dort soll ja leicht sein?« »Ja, leicht!« wiederholte die Maslowa, indem sie die Augen zudrückte und den Kopf schüttelte. »Schlimmer als Zwangsarbeit.« »Aber warum denn so schlimm?« »Nun darum! Von acht abends bis vier morgens, und so jeden Tag.« »Ja, warum gibt man's denn nicht auf?« »Man möchte es wohl aufgeben, aber man kann nicht. Aber was ist da viel zu reden?« brachte die Maslowa hervor, sprang auf, warf die Photographie in die Tischschublade, und kaum ihre zornigen Tränen zurückhaltend, lief sie in den Korridor hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. Beim Anblick der Photographie fühlte sie sich so, wie sie auf derselben dargestellt war und träumte davon, wie glücklich sie damals gewesen war, und wie glücklich sie noch jetzt hätte mit ihm sein können. Die Worte der Kameradin erinnerten sie an das, was sie jetzt war, und was sie dort gewesen; erinnerten sie an alle Schrecken jenes Lebens, welche sie damals unklar empfunden, und welche sie nicht zum vollen Bewußtsein hatte kommen lassen. Erst jetzt vergegenwärtigte sie sich lebhaft all jene schrecklichen Nächte, besonders eine in der Butterwoche, als sie einen Studenten erwartete, der sie freizukaufen versprochen hatte. Sie rief sich's zurück, wie sie in dem offenen, mit Wein besudelten, rotseidenen Kleide, mit der roten Schleife im verwirrten Haar, abgequält, ermattet, betrunken, nachdem sie gegen zwei Uhr nachts Gäste herausgeleitet, sich in einer Tanzpause zu der mageren, knochigen, finnigen Klavierspielerin gesetzt hatte, die den Geigenspieler begleitete, und über ihr schweres Leben zu klagen begann, und wie diese Klavierspielerin gleichfalls sagte, daß ihre Lage ihr schwerfalle, und daß sie sie ändern möchte, und wie die Klara zu ihnen kam, und wie sie alle drei plötzlich den Entschluß faßten, dieses Leben aufzugeben. Sie glaubten schon, daß die heutige Nacht zu Ende sei und wollten auseinandergehen, als sie plötzlich im Vorzimmer den Lärm betrunkener Gäste hörten. Der Geiger spielte ein Ritornell, seine Begleiterin begann auf dem Pianino die Begleitung eines sehr lustigen russischen Liedes als erste Figur der Quadrille zu hämmern. Sie erinnerte sich, wie ein kleines, schwitzendes, nach Wein riechendes, aufstoßendes Männlein in weißer Krawatte und im Frack, den er in der zweiten Figur ablegte, sie ergriff, und wie ein anderer, ein Dickwanst, mit einem Bart, ebenfalls im Frack – sie kamen von einem Ball – die Klara packte, und wie sie sich lange drehten, tanzten, schrien, tranken ... Und so ging es ein Jahr lang, zwei, drei Jahre. Wie hätte sie sich nicht verändern sollen! Und die Ursache von alledem war er. Und plötzlich erhob sich in ihr wieder die frühere Erbitterung gegen ihn, und sie fühlte Lust, ihn zu schimpfen und ihm Vorwürfe zu machen. Es tat ihr leid, daß sie sich heute die Gelegenheit hatte entgehen lassen, ihm noch einmal rundheraus zu sagen, daß sie ihn kenne, daß sie sich nicht fangen lasse, und daß sie ihm nicht erlauben werde, sie sich geistig zunutze zu machen, wie er es leiblich getan, daß sie ihm nicht erlaube, sie zum Gegenstande seiner Großmut zu machen. Und um auf irgendeine Weise dies qualvolle Gefühl des Mitleids mit sich selbst und des nutzlosen Vorwurfs gegen ihn zu ersticken, bekam sie Lust, Branntwein zu trinken. Und sie hätte ihr Wort nicht halten können und hätte Branntwein getrunken, wenn sie im Gefängnis gewesen wäre. Hier aber konnte man Branntwein nicht anders bekommen als bei dem Heilgehilfen. Den Heilgehilfen jedoch scheute sie, weil er zudringlich gegen sie war. Verhältnisse mit Männern aber waren ihr zuwider. Nachdem sie eine kurze Zeit im Korridor gesessen, kehrte sie ins Stübchen zurück, und ohne der Kameradin zu antworten, weinte sie lange über ihr verpfuschtes Leben. 14 In Petersburg hatte Nechliudow drei Angelegenheiten zu erledigen: die Kassationsbeschwerde der Maslowa im Senat, die Sache der Fedosia Biriukowa in der Bittschriftenkommission und – im Auftrage von Wera Bogoduchowskaja – die Sache in der Gendarmerieverwaltung oder in der Dritten Abteilung wegen der Freilassung der Schustowa und wegen einer Zusammenkunft der Mutter mit ihrem Sohne, der in der Festung gefangen saß, und wegen dessen Wera Bogoduchowskaja ihm geschrieben hatte. Diese beiden letzten Angelegenheiten rechnete er für eine. Eine vierte Angelegenheit war die Sache der Sektierer, die von ihren Familien weg nach dem Kaukasus verbannt waren, weil sie das Evangelium gelesen und ausgelegt hatten. Er hatte nicht so sehr ihnen wie sich selber versprochen, alles was nur möglich sei, zur Aufklärung dieser Sache zu tun. Seit seinem letzten Besuch bei Maslennikow, besonders nach seiner Reise aufs Land, fühlte Nechliudow, nicht etwa durch einen Willensschluß, sondern in seinem ganzen Wesen einen Abscheu gegen die Umgebung, in welcher er bis jetzt gelebt hatte, eine Umgebung, wo man die Leiden, die Millionen Menschen dulden, um einer kleinen Zahl Behagen und Vergnügen zu sichern, so sorgfältig verbarg, daß die Leute jenes Kreises diese Leiden und damit auch die Grausamkeit und Frevelhaftigkeit ihres Lebens nicht einsahen und nicht einsehen konnten. Schon konnte Nechliudow nicht mehr ohne Verlegenheit und ohne Selbstvorwurf mit den Leuten dieses Kreises verkehren. Jedoch zogen ihn die Gewohnheiten seines vergangenen Lebens in dies Milieu, ihn zogen verwandtschaftliche und freundschaftliche Verhältnisse dahin und hauptsächlich der Umstand, daß er, um durchzuführen, was ihn jetzt einzig beschäftigte, um der Maslowa und allen jenen Leidenden, denen er zu helfen gewillt war, helfen zu können, Hilfe und Dienste von Leuten dieses Kreises in Anspruch nehmen mußte, die er nicht nur nicht achtete, sondern die in ihm oft Entrüstung und Verachtung hervorriefen. Als Nechliudow nach Petersburg kam, wo er bei seiner Tante mütterlicherseits, der Gräfin Tscharskaja, der Frau des gewesenen Ministers, abstieg, geriet er mit einemmal gerade mitten in die ihm so fremd gewordene aristokratische Gesellschaft hinein. Das war ihm unangenehm; aber er konnte unmöglich anders handeln. Nicht bei der Tante absteigen, sondern in einem Hotel, hieße sie beleidigen; die Tante hatte aber große Verbindungen und konnte ihm im höchsten Grade nützlich sein in all den Angelegenheiten, für die er sich zu verwenden beabsichtigte. »Na, was höre ich von dir? Wunder über Wunder«, sagte Gräfin Katharina Iwanowna zu ihm, als sie ihn sogleich nach der Ankunft mit Kaffee bewirtete. »Vous posez pour un Howard? Du hilfst den Verbrechern? Du besuchst die Gefängnisse? Du willst sie bessern!« »Aber nein, ich denke nicht daran.« »Nun ja, es ist gut. Aber da ist doch ein Roman dabei. Nun, erzähl' mal.« Nechliudow erzählte ihr seine Beziehungen zur Maslowa, alles wie es war. »Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Die arme Helene hat mir etwas erzählt, damals, als du bei den alten Jungfern wohntest. Sie wollten dich, glaube ich, mit ihrer Pflegetochter verheiraten.« Gräfin Katharina Iwanowna hatte Nechliudows Tanten mütterlicherseits immer verachtet. »Also ist es die? Elle est encore jolie?« Tante Katharina Iwanowna war eine sechzigjährige, gesunde, lustige, energische, redselige Frau. Von Wuchs war sie hoch und sehr voll; auf ihrer Oberlippe war ein schwarzer Schnurrbart bemerkbar. Nechliudow hatte sie lieb und war schon seit der Kindheit gewohnt, von ihrer Energie und Lustigkeit angesteckt zu werden. »Nein, ma tante; das ist alles zu Ende. Ich möchte ihr nur helfen, erstens weil sie unschuldig verurteilt ist und ich mit daran schuld bin; ich bin auch schuld an ihrem ganzen Schicksal. Ich fühle mich verpflichtet, alles für sie zu tun, was ich kann.« »Aber wie ist denn die Sache, man hat mir gesagt, du willst sie heiraten?« »Ja, ich wollte wohl, aber sie will nicht.« Katharina Iwanowna zog die Augenbrauen über die Augen, und die Pupillen senkend, sah sie verwundert und schweigend den Neffen an. Plötzlich veränderte sich ihr Gesicht, und ein vergnügter Ausdruck erschien darauf. »Nun, sie ist klüger als du. Ach, was für ein Narr bist du! Und würdest du sie wirklich heiraten?« »Unbedingt.« »Nach dem, was sie gewesen ist?« »Um so mehr. Ich bin ja an allem schuld.« »Nein, du bist einfach ein Tölpel,« sagte, ein Lächeln zurückhaltend, die Tante, »ein fürchterlicher Tölpel, aber gerade darum liebe ich dich, weil du ein so schrecklicher Tölpel bist«, wiederholte sie, da ihr augenscheinlich das in ihren Augen die intellektuelle und moralische Verfassung des Neffen treffend wiedergebende Wort gefiel. »Weißt du auch, wie sehr es zustatten kommt?« fuhr sie fort. »Aline hat ein wunderbares Asyl für Magdalenen. Ich bin einmal da gewesen. Sie sind gar zu widerwärtig. Nachher habe ich mich immer gewaschen. Aber Aline ist corps et âme damit beschäftigt. Also geben wir sie, deine da, zu ihr. Wenn überhaupt jemand sie bessern kann, so ist es Aline.« »Aber sie ist ja zu Zwangsarbeit verurteilt. Ich bin hierhergekommen, um mich für die Aufhebung dieses Urteils zu verwenden. Das ist mein erstes Anliegen an Sie.« »So so, wo ist denn diese Sache anhängig?« »Im Senat.« »Im Senat? Aber mein lieber cousin Liowuschka sitzt ja im Senat. Ach, übrigens sitzt er im Departement der Heraldik! Nun, aber aus dem wirklichen kenne ich niemand. Alles das ist, Gott weiß wer, entweder Deutsche: Ge, Fe, De – tout l'alphabet, oder diverse Iwanows, Semionows, Nikitins oder Iwanenkos, Simonenkos, Nikitenkos, pour varier. Des gens de l'autre monde. Nun, ich will es trotzdem meinem Mann sagen. Er kennt die, er kennt allerlei Leute. Ich sage es ihm. Du aber setz' es ihm auseinander, mich versteht er doch nie. Ich mag sprechen, was ich will, er sagt, er versteht nichts. C'est un parti pris. Alle verstehen mich, nur er nicht.« In diesem Augenblick brachte ein Lakai in Kniehosen einen Brief auf einem silbernen Präsentierteller. »Grade von Aline. Nun wirst du auch Kiesewetter hören.« »Wer ist Kiesewetter?« »Kiesewetter? Komm heute. Und du erfährst, wer er ist. Er spricht so, daß die verstocktesten Verbrecher sich auf die Knie werfen und weinen und bereuen.« Gräfin Katharina Iwanowna, wie seltsam es auch sein mochte, und wie wenig es zu ihrem Charakter paßte, war eine feurige Anhängerin jener Lehre, welche annimmt, daß das Wesen des Christentums in dem Glauben an die Erlösung bestehe. Sie besuchte Versammlungen, wo diese damals in Mode stehende Lehre gepredigt wurde; auch versammelte sie die Gläubigen bei sich. Dessenungeachtet, daß diese Lehre nicht nur alle Religionsbräuche, Heiligenbilder, sondern auch die Sakramente verwarf, hingen bei der Gräfin Katharina Iwanowna in allen Zimmern und sogar über ihrem Bett Heiligenbilder, und sie erfüllte alles, was die Kirche verlangte, ohne darin einen Widerspruch zu sehen. »Wenn deine Magdalena ihn hörte! Sie würde sich bekehren«, sagte die Gräfin. »Du aber sei unbedingt heute abend zu Hause. Du wirst ihn hören. Das ist ein wunderbarer Mensch.« »Es ist mir nicht interessant, ma tante.« »Aber ich sage dir, daß es interessant ist. Und du, komm unbedingt. Nun, sage, was du noch von mir willst? Videz votre sac.« »Noch eine Sache in der Festung.« »In der Festung? Na, dorthin kann ich dir einen Brief für Baron Kriegsmut geben. C'est un très brave homme. Du kennst ihn ja selber. Er war ein Kamerad deines Vaters. Il donne dans le spiritisme. Nun, aber das macht nichts. Er ist gut. Was hast du denn dort zu tun?« »Ich wollte bitten, daß man einer Mutter eine Zusammenkunft mit ihrem Sohne bewilligt, der dort sitzt. Aber man hat mir gesagt, daß es nicht von Kriegsmut abhänge, sondern von Tscherwianskij.« »Tscherwianskij habe ich nicht gern, aber er ist ja Mariettes Mann. Ich könnte sie bitten. Sie wird es für mich tun. Elle est très gentille.« »Ich habe noch wegen einer Frau zu bitten. Sie sitzt schon einige Monate, und niemand weiß, wofür.« »Nun, nein, sie selber weiß gewiß wofür. Sie wissen es sehr gut. Und es geschieht ihnen, diesen Geschorenen, recht.« »Ich weiß nicht, ob ihnen recht geschieht oder nicht. Sie leiden aber. Sie sind eine Christin und glauben an das Evangelium, und dabei sind Sie so unbarmherzig!« »Macht nichts. Das stört gar nicht. Evangelium ist Evangelium, aber widerwärtig ist widerwärtig. Es wäre schlimmer, wenn ich so täte, als liebte ich diese Nihilisten und hauptsächlich diese geschorenen Nihilistinnen, die ich doch nicht leiden kann.« »Weshalb können Sie sie denn nicht leiden?« »Nach dem ersten März fragst du noch weshalb?« »Aber nicht alle waren Teilnehmerinnen an jenem ersten März.« »Das ist einerlei, warum kümmern sie sich nicht um ihre eigenen Sachen! Das ist keine weibliche Beschäftigung.« »Nun, aber nehmen sie Mariette. Sie finden doch, daß die sich mit Geschäften abgeben darf«, sagte Nechliudow. »Mariette? Mariette ist Mariette. Das aber ist Gott weiß wer, irgendwelche Krethi und Plethi. Wollen noch obendrein alle belehren.« »Nicht belehren, aber einfach dem Volke helfen wollen sie.« »Man weiß auch ohne sie, wem man helfen muß und wem nicht.« »Ja, aber das Volk darbt doch. Eben komme ich aus dem Dorf. Muß es denn sein, daß die Bauern sich ganz von Kräften arbeiten und dabei nicht einmal satt essen können!« sprach Nechliudow, in dem die Gutmütigkeit der Tante unwillkürlich den Wunsch entstehen ließ, ihr alles auszusprechen, was er dachte. »Aber was willst du denn? Daß ich arbeite und nichts zu essen habe?« »Nein, ich will nicht, daß Sie nicht dinieren. Ich will nur, daß wir alle arbeiten und alle dinieren«, antwortete Nechliudow, unwillkürlich lächelnd. Die Tante zog wieder die Brauen über die Augen und ließ die Pupillen sinken; neugierig starrte sie ihn an. »Mon cher, vous finirez mal«, sagte sie. »Aber warum denn?« In diesem Augenblick betrat ein hoher, breitschultriger General das Zimmer. Es war der Gatte der Gräfin Tscharskaja, ein abgedankter Minister. »Ah, Dmitrij, guten Tag«, sagte er, ihm die frischrasierte Wange reichend. »Seit wann bist du hier?« Er küßte seine Frau schweigend auf die Stirn. »Non, il est impayable«, wandte sich Gräfin Katharina Iwanowna an ihren Mann. »Er empfiehlt mir, an den Fluß zu gehen und Wäsche zu spülen und nur Kartoffeln zu essen. Er ist ein fürchterlicher Narr. Aber tu dennoch für ihn, um was er dich bittet. Ein fürchterlicher Tölpel«, korrigierte sie sich. »Aber hast du gehört? Die Kamenskaja soll in solcher Verzweiflung sein, daß man für ihr Leben fürchtet,« wandte sie sich an ihren Mann, »möchtest du sie nicht aufsuchen?« »Ja, das ist Schrecklich«, sagte der Mann. »Nun, geht und sprecht miteinander, ich muß Briefe schreiben.« Kaum war Nechliudow in das Zimmer neben dem Empfangszimmer gegangen, als sie ihm nachrief: »Soll ich also an Mariette schreiben?« »Bitte, ma tante.« »Dann lasse ich ›en blanc‹, was du für die Geschorene wünschest, sie sagt es dann schon ihrem Mann. Und er wird es tun. Glaub' nur nicht, daß ich bösartig bin. Sie sind alle mehr als widerwärtig, deine protégées, aber je ne leur veux pas de mal. Gott mit ihnen! Nun geh. Am Abend aber sei unbedingt zu Hause. Dann wirst du Kiesewetter selber hören. Und wir werden beten. Und wenn du nur nicht widerstrebst – ça vous fera beaucoup de bien. Ich weiß wohl, Helene und ihr alle seid darin sehr zurückgeblieben. Also bis auf Wiedersehn!« 15 Graf Iwan Michajlowitsch war Minister außer Diensten und ein Mann von sehr festen Überzeugungen. Die Überzeugungen des Grafen Iwan Michajlowitsch bestanden von Jugend auf darin, daß, wie es dem Vogel eigen ist, sich von Würmern zu ernähren, mit Federn und Daunen bekleidet zu sein und in der Luft zu fliegen, so es ihm eigentümlich sei, sich von teueren Gerichten zu ernähren, die von teueren Köchen bereitet werden, die bequemsten und teuersten Kleider zu tragen, mit den ruhigsten und schnellsten Pferden zu fahren, und daß deswegen alles dies für ihn bereit sein müsse. Außerdem glaubte Graf Iwan Michajlowitsch, daß je mehr verschiedenartige Einkünfte er von der Krone zu beziehen habe und je mehr Orden er besitze, bis zu diamantenen Auszeichnungen einschließlich, und je öfter er hochgestellte Personen beiderlei Geschlechts sehen und sprechen könne, um so besser werde es für ihn sein. Alles übrige aber hielt Graf Iwan Michajlowitsch im Vergleich zu diesen Grunddogmen für nichtig und uninteressant. Alles übrige mochte so oder vollkommen umgekehrt sein. Diesem Glauben entsprechend lebte und wirkte Graf Iwan Michajlowitsch in Petersburg vierzig Jahre lang, und nach Ablauf dieser vierzig Jahre gelangte er zu einem Ministerposten. Die Haupteigenschaften des Grafen Iwan Michajlowitsch, durch welche er diesen Posten erreichte, bestanden darin, daß er erstens den Sinn ausgefertigter Aktenstücke und Gesetze verstand, und daß er verständliche, wenn auch nicht besonders bündige Schriftstücke abfassen und ohne orthographische Fehler niederschreiben konnte; zweitens war er eine repräsentative Erscheinung und konnte, wo es nötig war, nicht nur eine stolze, sondern auch eine unzugängliche und majestätische Miene annehmen, ein andermal, wo es nötig war, konnte er kriecherisch bis zur Leidenschaft, bis zur Gemeinheit sein; drittens besaß er keine allgemeinen Prinzipien oder Regeln, weder persönlich-moralische, noch den Staat betreffende, und konnte infolgedessen, wenn es not tat, mit allen einverstanden, und wiederum, wenn es not tat, mit niemand einverstanden sein. Indem er so handelte, sorgte er nur dafür, daß die Form aufrechterhalten blieb, und daß er in keinen offenen Widerspruch mit sich selbst geriet; ob aber seine Handlungen an sich moralisch oder unmoralisch waren, ob daraus das größte Heil oder das größte Unheil für das Russische Reich oder für die ganze Welt entstehen konnte, das war ihm vollständig gleichgültig. Als er Minister wurde, waren nicht nur alle von ihm Abhängigen – abhängig von ihm aber waren sehr viele Menschen – und seine Vertrauten, sondern auch alle anderen nicht dazugehörigen Menschen und er selber überzeugt, daß er ein sehr kluger Staatsmann sei. Aber als eine gewisse Zeit verstrichen war und er nichts ausgerichtet, nichts der Welt gezeigt hatte, und als nach dem Gesetze des Kampfes ums Dasein genau ebenso imposante und prinzipienlose Beamte wie er, die auch Akten zu schreiben und sie zu verstehen gelernt hatten, ihn dann verdrängten, und er seinen Abschied nehmen mußte, wurde allen klar, daß er nicht nur kein besonders kluger, sondern sogar ein sehr beschränkter und wenig gebildeter, wenngleich sehr selbstbewußter Herr sei, der sich in seinen Ansichten mit Mühe und Not bis zum Niveau der Leitartikel konservativer Zeitungen erheben konnte. Es erwies sich, daß nichts an ihm war, was ihn von den anderen wenig gebildeten, selbstbewußten Beamten, die ihn verdrängt hatten, unterschied, und er selber sah es ein, aber das erschütterte mitnichten seine Überzeugung, daß er jährlich von der Krone eine große Summe baren Geldes und neue Verzierungen für seinen Paradeanzug erhalten müsse. Diese Überzeugung war so fest, daß niemand sich entschließen konnte, ihm das zu verweigern, und jährlich bekam er, zum Teil als Pension, zum Teil als Belohnung dafür, daß er Mitglied einer höchsten Staatsinstitution und Präsident verschiedener Kommissionen und Komitees war, einige zehntausend Rubel und außerdem alle Jahre neue, von ihm hochgeschätzte Rechte: neue Tressen auf seine Schultern oder Hosen aufzunähen und neue Bändchen und emaillierte Sternchen am Frack zu tragen. Infolgedessen hatte Graf Iwan Michajlowitsch auch große Verbindungen. Graf Iwan Michajlowitsch hörte Nechliudow so an, wie er ehemals die Berichte seines Kanzleidirektors angehört hatte, und, nachdem er ihn zu Ende gehört, sagte er, er werde ihm zwei Briefe geben. Einer sollte an den Senator des Kassationsdepartements, Wolf, sein. »Man spricht von ihm verschieden, aber dans tous les cas c'est un homme très comme il faut«, sagte er. »Und er ist mir verbunden und wird tun, was er kann.« Der andere Brief war an eine einflußreiche Persönlichkeit in der Bittschriftenkommission. Der Prozeß der Fedosia Biriukowa, wie ihn Nechliudow ihm erzählte, nahm ihn sehr ein. Als Nechliudow ihm mitteilte, daß er an die Kaiserin einen Brief darüber schreiben wolle, sagte er, die Sache sei wirklich sehr rührend, und man könne sie bei Gelegenheit dort erzählen. Aber versprechen konnte er es nicht. Die Bittschrift solle ihren Gang gehen. Wenn er aber Gelegenheit haben werde, dachte er für sich, wenn man ihn, en petit comité, am Donnerstag einlade, so werde er's vielleicht sagen. Nachdem Nechliudow beide Briefe des Grafen und einen Brief an Mariette von der Tante erhalten hatte, begab er sich sogleich zu allen diesen Personen. Zuerst suchte er Mariette auf. Er hatte sie als Mädchen gekannt, als die halberwachsene Tochter einer nicht reichen aristokratischen Familie; er wußte, daß sie einen Karrieristen geheiratet hatte, von dem er nicht viel Gutes gehört; und wie immer war es Nechliudow qualvoll schwer, sich mit einer Bitte an einen Menschen zu wenden, den er nicht achtete. In solchen Fällen fühlte er immer einen inneren Zwiespalt, Unzufriedenheit mit sich selbst und Unentschlossenheit: bitten oder nicht bitten, aber er entschied immer, er müsse doch bitten. Außer, daß er das Falsche seiner Lage als Bittsteller mitten zwischen Leuten empfand, die er nicht mehr für seinen Kreis hielt, die aber ihn dem ihren zuzählten, fühlte er in dieser Gesellschaft, daß er das alte gewohnte Geleis betrat und unwillkürlich jenem leichtsinnigen und unmoralischen Ton nachgab, der in diesem Kreise herrschte. Er hatte das schon bei Tante Katharina Iwanowna erfahren. Schon heute früh, als er mit ihr von sehr ernsten Dingen sprach, war er in einen scherzhaften Ton verfallen. Überhaupt machte Petersburg, wo er schon lange nicht gewesen war, auf ihn den gewöhnlichen, physisch anregenden, moralisch abstumpfenden Eindruck. Alles ist dort so sauber, bequem, wohleingerichtet, hauptsächlich sind die Leute moralisch so wenig anspruchsvoll, daß das Leben dort besonders leicht zu sein scheint. Ein schöner, sauberer, höflicher Kutscher fuhr Nechliudow an den schönen, höflichen, sauberen Polizisten vorbei, über das schöne, saubere, besprengte Pflaster, an den schönen, sauberen Häusern vorüber zu dem Hause, wo Mariette wohnte. An der Auffahrt standen ein paar englische Pferde mit Scheuklappen; und ein englisch aussehender Kutscher, mit einem Backenbart bis zur Hälfte der Wangen, in Livree, saß, die Peitsche in der Hand, stolzblickend auf dem Kutschbock. Ein Portier in ungewöhnlich sauberer Livree öffnete die Tür in den Flur, wo ein Wagenlakai mit prächtigem, auseinandergekämmtem Backenbart in einer noch saubereren Livree in Tressen stand und eine diensthabende Ordonnanz in neuer, sauberer Uniform. »Der Herr General empfangen nicht. Die Frau Generalin auch nicht. Sie werden sogleich auszufahren geruhen.« Nechliudow gab den Brief von Gräfin Katharina Iwanowna ab, nahm eine Visitenkarte heraus, trat an das Tischchen, wo das Buch zum Einschreiben der Besucher lag und fing an zu schreiben, daß er sehr bedauere, sie nicht angetroffen zu haben, als der Lakai sich der Treppe näherte, der Portier auf die Rampe ging und »vorfahren!« rief; die Ordonnanz aber machte Front und erstarrte, die Hände an den Hosennähten, mit den Augen einer nicht hochgewachsenen, schlanken Dame folgend, die mit einem, ihrer Stellung eigentlich nicht recht entsprechenden, raschen Gang die Treppe herabkam. Mariette trug einen großen Hut mit Feder und ein schwarzes Kleid, schwarzen Überwurf, neue schwarze Handschuhe; ihr Gesicht war mit einem Schleier bedeckt. Als Mariette Nechliudow erblickte, hob sie den Schleier, enthüllte ihr reizendes Gesicht mit den glänzenden Augen und blickte ihn fragend an. »Ah, Fürst Dmitrij Iwanowitsch«, brachte sie mit heiterer, angenehmer Stimme hervor. »Ich würde Sie erkennen ...« »Wie? Sie haben sogar meinen Namen nicht vergessen?« »O nein, ich und meine Schwester sind sogar in Sie verliebt gewesen,« fing sie auf französisch an, »aber wie sehr haben Sie sich verändert! Ach wie schade, daß ich weg muß. Übrigens – kommen Sie hinein«, sagte sie, unschlüssig stehenbleibend. Sie blickte auf die Wanduhr. »Nein, unmöglich. Ich muß zum Totensegen bei der Kamenskaja. Sie ist ganz erschüttert.« »Was ist mit der Kamenskaja?« »Haben Sie denn nicht gehört: ihr Sohn ist im Duell gefallen. Er hat sich mit Posen geschlagen. Der einzige Sohn, schrecklich! Die Mutter ist so erschüttert.« »Ja, ich habe davon gehört.« »Nein, ich will doch hinfahren. Aber, kommen Sie morgen, oder heute abend«, sagte sie und ging mit raschen, leichten Schritten durch die Ausgangstür. »Heute abend kann ich nicht«, antwortete er, mit ihr zusammen auf die Rampe hinaustretend. »Aber ich habe ein Anliegen an Sie«, sagte er, indem er das Fuchsgespann, das bei der Rampe vorgefahren waren, betrachtete. »Was ist es?« »Hier ist ein Brief darüber von der Tante«, sagte Nechliudow und reichte ihr ein schmales Kuvert mit großem Namenszug. »Da ist alles gesagt.« »Ich weiß, Gräfin Katharina Iwanowna glaubt, ich habe in Geschäften Einfluß auf meinen Mann. Sie irrt sich. Ich vermag nichts, und ich will mich nicht hineinmischen. Aber für die Gräfin und für Sie selbstverständlich bin ich bereit, von meiner Regel abzuweichen. – Um was handelt es sich denn?« sprach sie, indem sie mit ihrer kleinen Hand im schwarzen Handschuh vergeblich nach der Tasche suchte. »Ein junges Mädchen ist in der Festung eingesperrt; sie ist aber krank und nicht schuldig.« »Und wie ist ihr Familienname?« »Schustowa, Lydia Schustowa. In dem Brief steht der Name.« »Nun gut, ich will es versuchen«, sagte sie, stieg leicht in die weich federnde Kalesche, die mit ihren Seiten in der Sonne glänzte und öffnete den Sonnenschirm. Der Lakai setzte sich auf den Kutschbock und gab dem Kutscher das Zeichen zur Abfahrt. Der Wagen bewegte sich vorwärts, aber in demselben Augenblicke berührte sie mit dem Schirm den Rücken des Kutschers, und die dünnbeinigen, schönen, englisierten Stuten drückten ihre mit den Gebissen festgezogenen Köpfe an und blieben stehen, mit den dünnen Beinen scharrend. »Und kommen Sie, aber bitte – uneigennützig«, sagte sie mit einem Lächeln, dessen Macht sie sehr wohl kannte und ließ den Schleier herunter, als ob sie nach Beendigung einer Vorstellung den Vorhang fallen lasse. »Nun, los«, sie berührte wieder mit dem Schirm den Kutscher. Nechliudow zog den Hut. Die roten Vollblutstuten schnauften und begannen mit den Hufeisen auf das Pflaster zu schlagen, und die Equipage rollte rasch davon, nur hie und da mit ihren neuen Radreifen auf den Unebenheiten des Weges weich aufspringend. 16 Des Lächelns gedenkend, das er mit Mariette getauscht, schüttelte Nechliudow den Kopf über sich selbst. »Im Handumdrehen wirst du in dieses Leben hineingezogen«, dachte er, während er wieder jenen Zwiespalt und Zweifel empfand, der hervorgerufen war durch die Notwendigkeit, die Gunst von Leuten zu suchen, die er nicht achtete. Als Nechliudow sich überlegt hatte, wohin er zuerst, wohin er später fahren solle, um nicht einen Weg zweimal machen zu müssen, begab er sich zunächst in den Senat. Man geleitete ihn in die Kanzlei, wo er in einem prächtigen Raum eine ungeheuere Menge außerordentlich höflicher und sauberer Beamten erblickte. Die Bittschrift der Maslowa war eingetroffen und zur Durchsicht und zum Vortrage demselben Senator Wolf übergeben worden, an den Nechliudow den Brief vom Onkel hatte, sagten ihm die Beamten. »Die Senatssitzung findet diese Woche statt; – die Sache der Maslowa fällt schwerlich auf diese Sitzung. Wenn man aber darum bäte, so könnte man hoffen, daß sie doch schon diese Woche am Mittwoch zur Verhandlung gebracht würde«, sagte der eine. Während Nechliudow in der Senatskanzlei auf die einzuziehende Erkundigung wartete, hörte er wieder das Gespräch von dem Duell und die ausführliche Erzählung, wie der junge Kamenskij gefallen war. Hier erfuhr er zum ersten Male die Einzelheiten der ganz Petersburg beschäftigenden Geschichte. Es handelte sich darum, daß Offiziere in einem Laden Austern aßen und, wie immer, viel tranken. Einer von ihnen äußerte etwas Mißbilligendes über das Regiment, in welchem Kamenskij stand. Kamenskij nannte ihn einen Lügner. Dieser versetzte dem Kamenskij einen Hieb. Am anderen Tage schlugen sie sich. Die Kugel traf Kamenskij in den Leib, und zwei Stunden später war er tot. »Der Mörder und die Sekundanten sind verhaftet, aber wie es heißt, wird man sie in vierzehn Tagen freilassen, obgleich man sie auf die Hauptwache gebracht hat.« Aus der Senatskanzlei fuhr Nechliudow in die Bittschriftenkommission zu dem dort einflußreichsten Beamten, Baron Worobjow, der in einem Kronshause prächtige Räume innehatte. Ein Türsteher und ein Lakai erklärten Nechliudow streng, daß der Baron, außer an Empfangstagen, nicht zu sprechen sei, daß er heute bei Seiner Majestät dem Kaiser sei und morgen wieder Vortrag habe. Nechliudow gab den Brief ab und fuhr zum Senator Wolf. Wolf hatte eben gefrühstückt und empfing Nechliudow, während er seine Verdauung, wie immer, durch das Rauchen einer Zigarre und durch einen Spaziergang im Zimmer anregte. Wladimir Wasiljewitsch Wolf war wirklich un homme très comme il faut; diese seine Eigenschaft stellte er über alles, und von der Höhe derselben blickte er auf alle anderen Menschen herab; er konnte auch nicht umhin, diese Eigenschaft hochzuschätzen, weil er nur dank ihr eine glänzende Karriere gemacht hatte, ganz so, wie er sie wünschte; das heißt, durch Heirat hatte er ein Vermögen erworben, das ihm 18000 Rubel Einkünfte brachte, durch eigene Leistungen – die Stelle eines Senators. Er hielt sich nicht nur für un homme très comme il faut, sondern auch noch für einen Mann von ritterlicher Ehrlichkeit. Unter der Ehrlichkeit verstand er, daß man sich nicht von Privatleuten heimlich bestechen läßt. Aber aller Art Reise- und Umzugsgelder, Renten von der Krone sich erbitten und dafür alles knechtisch erfüllen, was die Regierung verlangte, das hielt er nicht für ehrlos. Aber Hunderte von unschuldigen Menschen wegen ihrer Anhänglichkeit an ihr Volk und die Religion ihrer Väter verderben, zugrunde richten und die Ursache ihrer Verbannung und Einkerkerung sein, wie er es damals gemacht hatte, als er Gouverneur in einem der Gouvernements des Königreichs Polen war, hielt er nicht nur nicht für ehrlos, sondern er hielt es für eine Tat des Edelsinns, des Muts und des Patriotismus; er hielt es auch nicht für ehrlos, daß er seine in ihn verliebte Frau und seine Schwägerin bestohlen hatte. Im Gegenteil hielt er das für eine vernünftige Einrichtung seines Familienlebens. Wladimir Wasiljewitschs Familie bestand aus seiner willenlosen Frau, seiner Schwägerin, deren Vermögen er auch an sich gerafft hatte, indem ihr Gut verkauft und das Geld auf seinen Namen in der Bank eingezahlt war, und einer sanftmütigen, verschüchterten, unschönen Tochter, die ein einsames, schweres Leben führte; eine Zerstreuung in diesem Leben fand sie die letzte Zeit im Evangelismus, in den Versammlungen bei Aline und bei Gräfin Katharina Iwanowna. Wladimir Wasiljewitschs gutmütiger, schon mit fünfzehn Jahren bärtiger Sohn, der seit der Zeit auch zu trinken und ein liederliches Leben zu führen begonnen hatte, was er bis zum zwanzigsten Jahre zu tun fortfuhr, war aus dem Hause gejagt worden, weil er keine Schule durchgemacht hatte und durch seinen Umgang mit schlechter Gesellschaft und Schuldenmachen den Vater kompromittierte. Einmal zahlte der Vater für den Sohn 230 Rubel Schulden, er zahlte noch einmal 600 Rubel, aber er erklärte dabei dem Sohn, es sei das letztemal, und wenn er sich nicht bessere, so werde er ihn aus dem Hause jagen und jeglichen Verkehr mit ihm abbrechen; der Sohn aber besserte sich nicht nur nicht, sondern machte wieder 1000 Rubel Schulden und erlaubte sich, dem Vater zu sagen, daß ihm das Leben zu Hause sowieso eine Qual sei. Darauf erklärte Wladimir Wasiljewitsch seinem Sohne, er könne gehen, wohin er wolle, er sei nicht mehr sein Sohn. Seit der Zeit tat Wladimir Wasiljewitsch so, als habe er keinen Sohn, und niemand von den Hausgenossen wagte, ihm von dem Sohn zu sprechen. Und Wladimir Wasiljewitsch war vollkommen überzeugt, daß sein Familienleben in bester Ordnung sei. Wolf unterbrach seinen Spaziergang durch das Kabinett, und mit einem freundlichen, aber etwas ironischen Lächeln – das war seine Manier, ein unwillkürlicher Ausdruck des Bewußtseins seiner Comme-il-faut-Überlegenheit über die meisten Leute – begrüßte er Nechliudow und las den Brief. »Bitte sehr, nehmen Sie Platz. Entschuldigen Sie nur, ich werde auf und ab gehen, wenn Sie erlauben«, sagte er, die Hände in der Tasche seiner Jacke, mit leichten, weichen Schritten die Diagonale des großen, in strengem Stil gehaltenen Kabinetts nehmend. »Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, und, versteht sich, Graf Iwan Michajlowitsch gefällig zu sein«, sprach er, indem er den aromatischen, bläulichen Rauch ausstieß und vorsichtig die Zigarre vom Munde entfernte, um die Asche nicht fallen zu lassen. »Ich möchte nur bitten, daß die Sache recht bald zum Vortrag kommt, damit die Angeklagte, wenn sie doch nach Sibirien muß, etwas früher fort könnte«, sagte Nechliudow. »Ja, ja – mit einem der ersten Dampfschiffe aus Nishnij, ich weiß«, sagte mit seinem herablassenden Lächeln Wolf, der immer alles im voraus wußte, wovon man ihm sprach. »Wie ist der Name der Angeklagten?« »Maslowa.« Wolf trat an den Tisch und blickte auf das Papier, das auf dem Aktendeckel lag. »Ja, ja – Maslowa. Schön, ich werde die anderen Herren bitten. Wir werden die Sache Mittwoch zum Vortrag bringen.« »Kann ich so dem Advokaten telegraphieren?« »Haben Sie einen Advokaten? Wozu? Aber wenn Sie wollen, warum nicht.« »Die Anlässe zur Kassation können ungenügend erscheinen,« sagte Nechliudow, »aber aus der Sache, glaube ich, ist ersichtlich, daß die Verurteilung durch ein Mißverständnis stattgefunden hat.« »Ja, ja, das kann sein, aber der Senat darf die Sache nicht dem Wesen nach untersuchen«, sagte Wladimir Wasiljewitsch streng, indem er auf die Asche blickte. »Der Senat sorgt nur für die Richtigkeit der Anwendung des Gesetzes und seiner Auslegung.« »Dies ist doch wohl ein Ausnahmefall.« »Ich weiß, ich weiß. Alle Fälle sind Ausnahmen. Wir werden tun, was sein muß. Das ist alles.« Die Asche hielt sich noch immer, aber sie bekam schon einen Riß und war in Gefahr zu fallen. »Aber Sie kommen selten nach Petersburg?« sagte Wolf, indem er die Zigarre so hielt, daß die Asche nicht fallen konnte. Die Asche geriet dennoch ins Schwanken, und Wolf trug sie vorsichtig zu einer Aschenschale, in die sie auch hineinfiel. »Und was für ein schreckliches Ereignis mit Kamenskij«, sagte er. »Ein ausgezeichneter junger Mann, einziger Sohn. Besonders die Lage der Mutter«, sprach er, indem er fast Wort für Wort all das wiederholte, was alle damals in Petersburg über Kamenskij sagten. Nachdem er noch von der Gräfin Katharina Iwanowna und ihrer Begeisterung für die neue religiöse Richtung gesprochen, welche Wladimir Wasiljewitsch nicht verurteilte, aber auch nicht guthieß, da sie für ihn, bei seinem Comme-il-faut-Sein, augenscheinlich überflüssig war, klingelte er. Nechliudow verabschiedete sich. »Wenn es Ihnen paßt, speisen Sie doch einmal bei mir,« sagte Wolf, indem er ihm die Hand reichte, »vielleicht am Mittwoch. Ich werde Ihnen dann eine definitive Antwort geben.« Es war schon spät, und Nechliudow fuhr nach Hause, das heißt wieder zu der Tante. 17 Man speiste bei der Gräfin Katharina Iwanowna um halb acht, und das Mittagessen wurde auf eine neue, noch nie von Nechliudow gesehene Weise serviert. Die Gerichte wurden auf den Tisch gestellt, und die Lakaien entfernten sich sofort, so daß die Speisenden sich selbst bedienten. Die Herren erlaubten den Damen nicht, sich mit entbehrlichen Bewegungen zu beschweren, und, als starkes Geschlecht, trugen sie tapfer die ganze Last des Vorlegens der Speisen für die Damen und sich selbst und des Einschenkens der Getränke. Wenn aber ein Gang erledigt war, drückte die Gräfin auf den Knopf einer elektrischen Klingel auf dem Tisch, und die Lakaien kamen lautlos herein, räumten rasch ab, wechselten die Gedecke und brachten den folgenden Gang. Das Diner war sehr fein, ebenso die Weine. In der großen hellen Küche arbeitete ein französischer Küchenchef mit zwei weißgekleideten Gehilfen. An der Tafel saßen sechs Personen: der Graf und die Gräfin, ihr Sohn, ein finsterer Gardeoffizier, der die Ellbogen auf den Tisch legte, Nechliudow, die französische Vorleserin und der Hauptverwalter des Grafen aus dem Dorf. Das Gespräch kam auch hier auf das Duell. Man besprach, wie sich der Kaiser zu der Sache verhielt. Es war bekannt, daß der Kaiser der Mutter wegen sehr betrübt sei, und so waren alle der Mutter wegen betrübt. Aber da es auch bekannt war, daß der Kaiser, obgleich er sein Beileid bezeugt hatte, gegen den Mörder nicht streng sein wollte, der die Ehre seiner Uniform verteidigt hatte, so waren alle nachsichtig gegen den Mörder, der die Ehre seiner Uniform verteidigt hatte. Nur Gräfin Katharina Iwanowna äußerte in ihrer freien, leichten Art einen Tadel gegen den Mörder. »Diese Menschen betrinken sich und töten ordentliche junge Leute, – nie würde ich das verzeihen«, sagte sie. »Nun, das verstehe ich nicht«, sagte der Graf. »Ich weiß, daß du nie verstehst, was ich sage«, fing die Gräfin an, sich an Nechliudow wendend. »Alle verstehen mich, nur mein Mann nicht. Ich sage, es tut mir leid um die Mutter, und ich will nicht, daß einer tötet und nachher noch mit sich sehr zufrieden ist.« Dann trat der bisher schweigsame Sohn für den Mörder ein und griff seine Mutter an, der er ziemlich grob zu beweisen suchte, daß ein Offizier nicht anders handeln könne, sonst würde man ihn durch das Offiziersgericht aus dem Regiment stoßen. Nechliudow hörte zu, ohne sich in das Gespräch zu mischen; als ehemaliger Offizier verstand er die Beweisgründe des jungen Tscharskij, obgleich er sie nicht anerkannte; zugleich aber verglich er unwillkürlich mit dem Offizier, der einen anderen getötet hatte, jenen Gefangenen, einen schönen Jüngling, den er im Gefängnis gesehen hatte, und der zu Zwangsarbeit verurteilt war, weil er in einer Prügelei einen Totschlag begangen. Beide waren durch den Trunk zu Mördern geworden. Jener Bauer tötete in einem Augenblicke der Erregung, und man trennte ihn von Frau, Familie, Verwandten, legte ihn in Ketten, und mit rasiertem Kopf geht er in die Zwangsarbeit; dieser sitzt in einem schönen Zimmer auf der Hauptwache, ißt ein gutes Mittagessen, trinkt guten Wein, liest Bücher, und wenn nicht heute, so wird er morgen freigelassen und lebt wie früher, nur daß er besonders interessant geworden ist. Er sagte, was er dachte. Zuerst war Gräfin Katharina Iwanowna mit ihrem Neffen einverstanden, dann aber verstummte sie, ebenso wie alle, und Nechliudow fühlte, daß er mit dieser Erzählung eine Art von Unanständigkeit begangen hatte. Am Abend, bald nach dem Diner, versammelte man sich im großen Saal. Dort waren Stühle mit hohen, geschnitzten Rückenlehnen, wie es sich für eine Vorlesung gehört, in eine Reihe gestellt, und vor dem großen Tisch stand ein Lehnstuhl und ein Tischchen mit einer Wasserkaraffe für den erwarteten Redner, den von auswärts gekommenen Kiesewetter. Vor der Auffahrt standen teure Equipagen. Im Saal mit teuerer Ausstattung saßen Damen in Seide, Samt und Spitzen, mit falschen Haaren und enggeschnürten oder falschen Taillen. Zwischen den Damen saßen die Herren, Militärs und Zivilisten, und etwa fünf gewöhnliche Leute: zwei Hausbesorger, ein Krämer, ein Lakai und ein Kutscher. Kiesewetter, ein starker, ergrauender Mann, sprach Englisch, und ein junges mageres Mädchen, mit einem Kneifer, übersetzte gut und rasch. Er sprach darüber, daß unsere Sünden so groß seien, die Strafe für sie so groß und unvermeidlich, daß zu leben in Erwartung dieser Strafe unmöglich sei. »Denken wir nur, liebe Schwestern und Brüder, an uns, an unser Leben, was wir tun, wie wir leben, wie wir den liebreichen Gott erzürnen, wie wir Christus leiden lassen, und wir begreifen, daß es keine Verzeihung für uns gibt, keinen Ausweg, keine Rettung, daß wir alle zur Verderbnis verdammt sind. Ein fürchterliches Verderben und ewige Qualen erwarten uns«, sprach er mit zitternder, weinender Stimme. »Wie sollen wir uns retten? Brüder, wie sollen wir uns aus dieser schrecklichen Feuersbrunst retten? Sie hat schon das Haus ergriffen, und es gibt keinen Ausweg.« Er schwieg eine Zeitlang, und wirkliche Tränen flossen über seine Wangen. Schon seit acht Jahren, jedesmal unfehlbar, sobald er an diese Stelle seiner Rede, die ihm sehr gefiel, kam, fühlte er den Krampf in der Gurgel und Zwicken in der Nase, und aus seinen Augen flossen Tränen. Und diese Tränen rührten ihn noch mehr. Im Zimmer ließ sich Schluchzen hören. Gräfin Katharina Iwanowna saß an dem Mosaiktischchen, den Kopf auf beide Hände gestützt; ihre dicken Schultern zitterten. Der Kutscher sah den Deutschen verwundert und erschrocken an, als ob er mit der Deichsel gerade auf ihn losfahre, der aber wollte nicht beiseitegehen. Die meisten saßen in Stellungen wie Gräfin Katharina Iwanowna. Wolfs Tochter, dem Vater ähnlich, in einem modernen Kleid, lag auf den Knien, das Gesicht mit den Händen bedeckt. Der Redner deckte plötzlich sein Gesicht auf, setzte ein fast echtes Lächeln auf, jenes Lächeln, mit dem die Schauspieler Freude ausdrücken, und mit süßer, zarter Stimme begann er zu sprechen: »Aber es gibt eine Rettung. Hier ist sie, leicht und fröhlich. Diese Rettung ist das für uns vergossene Blut des einzigen Sohnes Gottes, der sich für uns der Pein hingegeben. Seine Qual, sein Blut erlöst uns. Brüder und Schwestern,« begann er wieder mit Tränen in der Stimme, »sagen wir Gott Dank, der seinen einzigen Sohn zur Erlösung des menschlichen Geschlechts hergegeben. Sein heiliges Blut...« Nechliudow war das so qualvoll-widerwärtig, daß er leise aufstand und, stirnrunzelnd und ein Ächzen der Scham unterdrückend, auf den Fußspitzen hinaus und in sein Zimmer ging. 18 Am anderen Tage hatte Nechliudow sich kaum angekleidet und war im Begriff hinunterzugehen, als ein Lakai ihm die Karte seines Moskauer Advokaten brachte. Der Advokat kam in eigenen Angelegenheiten nach Petersburg und zugleich, um bei der Verhandlung der Sache der Maslowa im Senat anwesend zu sein, wenn sie bald zum Vortrag käme. Nechliudows Telegramm hatte sich mit ihm gekreuzt. Als er von Nechliudow erfuhr, wann die Sache der Masjowa zum Vortrag kommen solle und wer die Senatoren seien, lächelte er. »Grade alle drei Typen von Senatoren«, sagte er. »Wolf ist der Petersburger Beamte; Skoworodnikow – der gelehrte Jurist, Bee – der praktische, dem wirklichen Leben nächststehende Jurist«, sagte der Advokat. »Auf ihn setze ich die meiste Hoffnung. Nun, aber wie ist's in der Bittschriftenkommission?« »Heute gerade will ich zu Baron Worobjow fahren, gestern konnte ich ihn nicht sprechen.« »Wissen Sie, warum Worobjow Baron ist?« sagte der Advokat zur Antwort auf den etwas komischen Ton, mit dem Nechliudow den ausländischen Titel in Verbindung mit einem so echtrussischen Familiennamen aussprach. »Kaiser Paul hat seinen Großvater – einen Kammerlakai, glaube ich – für irgendwas mit diesem Titel belohnt. Irgend womit hat der ihm einen großen Gefallen erwiesen. ›Ich mach' 'n Baron aus ihm! Uns kann keiner...!‹ Und der ist sehr stolz darauf. Aber ein großer Schlaufuchs.« »Also den suche ich heute auf«, sagte Nechliudow. »Nun schön, dann wollen wir zusammen fahren. Ich nehme Sie in meinem Wagen mit.« Vor der Abfahrt, schon in dem Vorzimmer, begegnete Nechliudow ein Lakai mit einem Brief an ihn von Mariette. »Pour vous faire plaisir, j'ai agi tout à fait contre mes principes, et j'ai intercédé auprès de mon mari pour votre protégée. II se trouve que cette personne peut etre relachée immediatement. Mon mari a écrit au commandant. Venez donc ›uneigennützig‹. Je vous attends. M.« »Wie gefällt Ihnen das?« sagte Nechliudow zu dem Advokaten. »Das ist ja schrecklich. Eine Frau, die man sieben Monate in Einzelhaft hält, erweist sich als gar nicht schuldig, und, um sie freizulassen, genügt ein Wort.« »Es ist ja immer so. Nun, wenigstens haben Sie das Gewünschte erreicht.« »Ja, aber dieser Erfolg betrübt mich. Was geht da nur vor? Warum hat man sie festgehalten?« »Nun, es ist am besten, darüber nicht zu grübeln.« »Also, fahren Sie mit mir mit«, sagte der Advokat, als sie auf den Vorflur hinauskamen und ein eleganter Fiaker, den der Advokat gemietet hatte, an der Rampe vorfuhr. »Sie wollen ja zu Baron Worobjow?« Der Advokat sagte dem Kutscher, wohin er fahren solle, und ein Paar gute Pferde führten Nechliudow schnell zu dem Hause, das der Baron bewohnte. Der Baron war zu sprechen. Im ersten Zimmer befand sich ein junger Beamter in einer Interimsuniform, mit sehr langem Halse, vorgewölbtem Adamsapfel, ungewöhnlich leichtem Gang, und zwei Damen. »Ihr Name?« fragte der junge Beamte mit dem Adamsapfel, ungewöhnlich leicht und graziös von den Damen zu Nechliudow hinübergehend. Nechliudow nannte seinen Namen. »Der Herr Baron hat schon von Ihnen gesprochen. Sogleich!« Ein Adjutant ging durch die geschlossene Tür und führte eine verweinte Dame in Trauer heraus. Die Dame suchte mit den knochigen Fingern den sich verwickelnden Schleier herunterzulassen, um ihre Tränen zu verbergen. »Bitte«, wandte sich der junge Beamte an Nechliudow, indem er sich mit leichten Schritten der Tür näherte, sie öffnete und in ihr stehenblieb. Als Nechliudow ins Kabinett trat, stand er vor einem stämmigen, kurzgeschorenen Manne von mittlerem Wuchs in einem Gehrock, der in einem Lehnstuhl vor einem großen Schreibtisch saß und lustig vor sich hinblickte. Das durch seine intensive Röte zwischen dem weißen Bart und Schnurrbart besonders auffallende, gutmütige Gesicht nahm bei Nechliudows Anblick ein freundliches Lächeln an. »Ich freue mich sehr, Sie zu sehen, ich und Ihre Frau Mutter waren alte Bekannte und Freunde. Ich habe Sie als Knabe und nachher als Offizier gesehen. Nun, nehmen Sie Platz, erzählen Sie, womit ich Ihnen dienen kann.« »Ja, ja«, sprach er, mit seinem geschorenen, grauen Kopf nickend, während Nechliudow ihm die Geschichte der Fedosia erzählte. »Sprechen Sie, sprechen Sie; ich habe alles verstanden; ja, ja, das ist wirklich rührend. Wie ist's denn, haben Sie die Bittschrift eingereicht?« »Ich habe sie bereit,« sagte Nechliudow, während er sie aus der Tasche zog, »aber ich möchte Sie bitten, – ich hoffe, daß man dieser Sache besondere Aufmerksamkeit schenkt.« »Das haben Sie gut gemacht. Ich werde das unbedingt selber melden«, sagte der Baron, indem er auf seinem lustigen Gesichte ein ganz unnatürliches Mitleid hervorrief. »Sehr rührend. Sie war augenscheinlich noch ein Kind; der Mann ist mit ihr grob umgegangen; das stieß sie ab, und dann kam die Zeit, und sie gewannen einander lieb... Ja, ich will es melden.« »Graf Iwan Michajlowitsch hat gesagt, daß er bitten wolle...« Nechliudow hatte kaum Zeit, diese Worte auszusprechen, als der Gesichtsausdruck des Barons sich veränderte. »Übrigens, reichen Sie die Bittschrift bei der Kanzlei ein, und ich tue, was ich kann«, sagte er zu Nechliudow. In diesem Augenblick betrat der junge Beamte das Zimmer, der augenscheinlich eitel auf seinen Gang war. »Die Dame bittet, noch zwei Worte sagen zu dürfen.« »Nun, rufen Sie sie. Ach, mon cher, wieviel Tränen sieht man hier... wenn man sie nur alle trocknen könnte. Man tut, was man kann.« Die Dame trat herein. »Ich habe vergessen, darum zu bitten, daß man ihm nicht erlaubt, die Tochter wegzugeben, sonst aber ist er zu allem...« »Aber ich habe ja gesagt, daß ich es tue.« »Baron, um Gottes willen, Sie werden die Mutter retten!« Sie ergriff seine Hand und fing an, sie zu küssen. »Alles soll geschehen.« Als die Dame fort war, begann auch Nechliudow sich zu verabschieden. »Wir wollen tun, was wir können. Wir wollen uns mit dem Justizministerium in Verbindung setzen. Von da wird man uns antworten, und dann tun wir, was möglich ist.« Nechliudow ging hinaus und in die Kanzlei. Wieder, wie im Senat, fand er in einem prächtigen Raum prächtige Beamte, sauber, höflich, korrekt vom Kleide bis zu den Gesprächen, pünktlich und streng. »Wie viele sind ihrer, wie schrecklich viele sind ihrer, und wie satt sind sie, wie sauber sind ihre Hemden und Hände, wie schön sind ihre Schuhe geputzt, und wer tut das alles? Und wie gut geht es ihnen allen im Vergleich nicht nur mit den Gefangenen, sondern auch mit den Leuten im Dorf«, dachte Nechliudow unwillkürlich. 19 Der Mann, von dem die Milderung des Schicksals der Gefangenen in Petersburg abhing, war ein alter, verdienter, aber wie man von ihm sagte, vor Alter schwachsinnig gewordener General aus einer deutschen Baronsfamilie, behängt mit Orden, die er aber, außer einem weißen Kreuz im Knopfloch, nicht trug. Er hatte im Kaukasus gestanden, wo er dieses für ihn besonders schmeichelhafte Kreuz erhalten, weil damals unter seinem Kommando die geschorenen, in Uniformen gesteckten und mit Flinten und Bajonetten bewaffneten russischen Bauern mehr als tausend ihre Freiheit und ihre Häuser und Familien verteidigende Menschen getötet hatten. Dann diente er in Polen, wo er ebenfalls die russischen Bauern allerlei Verbrechen begehen hieß, wofür er wieder Orden und neue Verzierungen für seine Uniform erhielt. Dann war er noch irgendwo, und jetzt, als gebrechlicher Alter, hatte er diese, eine gute Wohnung, Gehalt und Ehren verleihende Stellung erhalten, die er gegenwärtig einnahm. Er erfüllte streng alle Vorschriften von oben und hielt besonders auf diese Erfüllung, da er solchen Vorschriften von oben eine besondere Bedeutung zuschrieb: er glaubte, alles in der Welt könne man ändern, nur nicht diese Vorschriften von oben. Seine Pflicht bestand darin, politische Verbrecher und Verbrecherinnen in Kasematten und Einzelzellen festzuhalten und diese Leute so zu halten, daß die Hälfte von ihnen im Laufe von zehn Jahren zugrunde ging, indem sie teils verrückt wurden, teils an der Schwindsucht starben, teils sich selbst das Leben nahmen: einige durch Hunger, andere öffneten sich die Adern mit Glasscherben, noch andere hängten sich auf, wieder andere verbrannten sich. Der alte General wußte alles das, all das geschah unter seinen Augen, aber alle diese Fälle rührten sein Gewissen nicht, ebensowenig wie sein Gewissen von Unglücksfällen, die infolge von Gewittern, von Überschwemmungen und so weiter sich ereigneten, berührt wurde. Solche Sachen kamen vor infolge strenger Erfüllung der Vorschriften von oben, im Namen Seiner Majestät des Kaisers. Die Vorschriften aber mußten unbedingt erfüllt werden, und darum war es vollkommen nutzlos, an die Folgen solcher Vorschriften zu denken. Und der alte General ließ sich nicht auf Nachdenken über solche Sachen ein, indem er es für seine patriotische, soldatische Pflicht hielt, nicht nachzudenken, um in der Erfüllung dieser, seiner Meinung nach, sehr wichtigen Pflichten nicht zu erschlaffen. Einmal in der Woche besuchte der alte General alle Kasematten und befragte die Eingekerkerten, ob sie irgendwelche Wünsche hätten. Die Eingekerkerten wandten sich an ihn mit verschiedenen Bitten. Er hörte sie ruhig, undurchdringlich schweigend, an und erfüllte nie etwas, weil alle Bitten den Gesetzesbestimmungen widersprachen. Als Nechliudow bei der Wohnung des alten Generals vorfuhr, spielte das feine Glockenspiel der Uhr auf dem Turm »Wie ruhmvoll ist der Herr, mein Gott«, und dann schlug es zwei Uhr. Während Nechliudow dieses Glockenspiel hörte, erinnerte er sich unwillkürlich an das, was er in den Memoiren der Dekabristen gelesen, wie diese stündlich sich wiederholende süße Musik in der Seele der ewig Eingekerkerten widerhallt. Der alte General saß in dem Augenblick, als Nechliudow bei ihm vorfuhr, in einem dunklen Empfangszimmer, an einem eingelegten Tischchen und rückte zusammen mit einem jungen Mann, einem Künstler, dem Bruder eines seiner Untergebenen, eine Untertasse auf einem Bogen Papier. Die dünnen, feuchten, schwachen Finger des Künstlers waren zwischen die rauhen, runzeligen und in den Gelenken erstarrten Finger des alten Generals gelegt, und diese vereinigten Hände bewegten sich in Zuckungen mit der umgestürzten Untertasse über den Papierbogen, auf den sämtliche Buchstaben des Alphabets geschrieben waren. Die Untertasse antwortete auf die vom General aufgegebene Frage, wie die Seelen nach dem Tode einander erkennen würden. Als einer seiner Ordonnanzen, der das Amt eines Kammerdieners bekleidete, mit Nechliudows Karte hereintrat, sprach durch die Untertasse die Seele Jeanne d'Arc's; die Seele hatte schon buchstabenweise die Worte gesagt: »Sie werden einander« – und das war aufgeschrieben. Gerade als die Ordonnanz kam, gelangte die Untertasse, nachdem sie einmal beim D, ein anderes Mal beim E stehengeblieben, zum R, blieb bei diesem Buchstaben stehen und begann hin und her zu zucken. Sie zuckte aber deswegen, weil der folgende Buchstabe nach der Meinung des Generals N sein sollte, das heißt Jeanne d'Arc sollte, seiner Meinung nach, sagen, daß die Seelen einander nur »nach« der Reinigung von allem Irdischen erkennen würden oder etwas Ähnliches, und der folgende Buchstabe sollte N sein; der Künstler aber glaubte, der folgende Buchstabe müsse A sein, da die Seele sagen werde, daß die Seelen einander »an« dem Schein, der von dem Ätherleib der Seelen ausströmt, erkennen werden. Der General zog finster seine dichten, grauen Augenbrauen zusammen, sah mit unverwandtem Blick auf die Hände, und indem er sich einbildete, die Untertasse bewege sich von selbst, zog er sie zum N. Der junge, blutlose Künstler aber, mit den hinter die Ohren gelegten dünnen Haaren, blickte mit seinen leblosen, blauen Augen in die dunkle Ecke des Empfangszimmers und zog, nervös die Lippen bewegend, zum A. Der General machte wegen der Unterbrechung seiner Beschäftigung eine ärgerliche Miene, und nach einer Minute des Schweigens nahm er die Karte, setzte seinen Kneifer auf, und ächzend vor Schmerzen im Kreuz, erhob er sich in seiner ganzen Höhe, die erstarrten Finger reibend. »Bitte in mein Arbeitszimmer.« »Erlauben Sie, Exzellenz, ich fahre allein fort,« sagte der Künstler, aufstehend, »ich fühle die Anwesenheit.« »Schön, machen Sie's zu Ende«, sagte entschieden und streng der General und begab sich mit großen Schritten der schnurgerade gestellten Füße in seiner entschiedenen, gemessenen Art ins Arbeitszimmer. »Es ist mir sehr angenehm, Sie zu sehen«, sprach der General zu Nechliudow mit grober Stimme freundliche Worte, indem er auf den Lehnstuhl an dem Schreibtisch zeigte. »Sind Sie schon lange in Petersburg?« Nechliudow sagte, er sei erst vor kurzem eingetroffen. »Geht es der Fürstin, Ihrer Frau Mutter, gut?« »Meine Mutter ist verstorben.« »Verzeihen Sie, ich habe sie sehr betrauert. Mein Sohn hat mir gesagt, er sei Ihnen begegnet.« Der Sohn des Generals machte eine ebensolche Karriere wie sein Vater. Nach der Absolvierung der Militärakademie arbeitete er im Nachrichtendienst und war sehr stolz auf die Beschäftigung, die ihm dort zugewiesen wurde. Seine Beschäftigung bestand in der Verwaltung des Spionagedienstes. »Jawohl, mit Ihrem Herrn Vater zusammen habe ich gedient. Freunde, Kameraden waren wir. Wie ist es denn, dienen Sie?« »Nein, ich diene nicht.« Der General neigte mißbilligend den Kopf. »Ich habe eine Bitte an Sie, Herr General«, sagte Nechliudow. »Se–e–ehr erfreut. Womit kann ich Ihnen dienen?« »Wenn meine Bitte unstatthaft ist, so bitte, verzeihen Sie mir. Aber ich muß sie überbringen.« »Was ist es?« »Bei Ihnen wird ein gewisser Gurkewitsch in Haft gehalten; dessen Mutter nun bittet um eine Zusammenkunft mit ihm, oder wenigstens um die Erlaubnis, ihm Bücher bringen zu dürfen.« Der General zeigte bei Nechliudows Frage weder Vergnügen noch Mißvergnügen, sondern neigte nur den Kopf auf eine Seite und drückte die Augen zu, als überlegte er. Eigentlich überlegte er nichts und interessierte sich nicht einmal für Nechliudows Frage, weil er sehr wohl wußte, was er ihm dem Gesetz gemäß antworten mußte. Er ruhte einfach geistig aus, indem er an nichts dachte. »Ja, sehen Sie, das hängt nicht von mir ab«, sagte er, als er ein wenig ausgeruht. »Über die Zusammenkünfte gibt es die allerhöchst bestätigten Gesetzesbestimmungen, und was da erlaubt ist, wird auch erlaubt. Und was die Bücher anbetrifft, so haben wir eine Bibliothek, und man gibt ihnen solche, die erlaubt sind.« »Ja, aber er braucht wissenschaftliche Bücher; er will arbeiten.« »Glauben Sie das doch nicht!« Der General schwieg eine Weile. Um Arbeiten handelt es sich da nicht. Das ist nur so eine Unruhe.« »Ja, aber man muß doch in solcher schweren Lage seine Zeit mit etwas ausfüllen«, sagte Nechliudow. »Die beklagen sich immer«, sagte der General. »Wir kennen sie schon.« Er sprach von »ihnen« im allgemeinen wie von irgendeiner besonderen, schlechten Menschenrasse. »Es werden ihnen aber hier soviel Erleichterungen gewährt, wie selten in Gefängnissen«, fuhr er fort. Und er begann, gleichsam sich rechtfertigend, ausführlich alle den Inhaftierten gewährten Erleichterungen zu beschreiben, als ob der Hauptzweck der Einrichtung darin bestehe, den eingesperrten Personen einen angenehmen Aufenthalt zu schaffen. »Früher, wirklich, war es ziemlich hart, gegenwärtig aber haben sie es sehr gut. Sie speisen drei Gerichte, eins davon immer Fleisch: Klopse oder Koteletts. An Sonntagen haben sie noch ein viertes, süßes Gericht. Gott gebe, daß jeder russische Mensch so speisen könnte!« Der General kam augenscheinlich, wie alle alten Leute, immer wieder auf das seinem Gedächtnis fest Eingeprägte zurück und sagte alles, was er viele Male zum Beweise »ihrer« hohen Ansprüche und Undankbarkeit wiederholt hatte. »Bücher bekommen sie sowohl religiösen Inhalts wie auch alte Zeitschriften. Wir haben eine Bibliothek. Nur lesen sie selten. Zuerst scheinen sie sich dafür zu interessieren, dann aber bleiben die neuen Bücher bis zur Hälfte unaufgeschnitten; bei den alten aber wird nicht mal ein Blatt umgeschlagen; wir haben sogar versucht,« sagte der Baron mit einer Art Lächeln, »absichtlich legen wir ein Papierchen hinein. Es bleibt da, wird nicht weggenommen! Auch das Schreiben ist ihnen nicht untersagt. Es wird ihnen eine Schiefertafel und auch ein Schieferstift gegeben, so daß sie zur Zerstreuung schreiben können. Sie können wegwischen und wieder schreiben, aber auch schreiben tun sie nicht. Nein, sie werden sehr bald ganz ruhig. Nur anfangs zeigen sie Unruhe, dann aber werden sie sogar dick, und sehr still werden sie«, sprach der General, und er ahnte nicht, welche schreckliche Bedeutung seine Worte hatten. Nechliudow hörte seine heisere Greisenstimme, sah auf diese erstarrten Glieder, auf die erloschenen Augen unter den grauen Augenbrauen, auf diese greisenhaften, rasierten, von dem Militärkragen gestützten Hängebacken, auf dieses weiße Kreuz, auf das dieser Mann stolz war, besonders da er es für einen ausnehmend grausamen Massenmord erhalten hatte, und er begriff, daß ihm zu erwidern, die Bedeutung seiner Worte zu erklären, nutzlos sei. Aber er machte dennoch eine Anstrengung und fragte noch nach der anderen Sache, nach der Gefangenen Schustowa, betreffs deren er heute die Nachricht bekommen hatte, daß befohlen sei, sie freizulassen. »Schustowa? Schustowa ... Ich erinnere mich nicht an alle, dem Namen nach. Es sind ihrer ja so viele«, sagte er, indem er augenscheinlich die Überfüllung der Gefängnisse »ihnen« vorwarf. Er klingelte und ließ den Sekretär rufen. Während man ging, den Sekretär zu holen, ermahnte er Nechliudow, doch in den Staatsdienst zu treten; er sagte, ehrliche und edle Leute – zu der Zahl solcher Leute zählte er sich selber – seien besonders nötig für den Zaren »... und fürs Vaterland«, fügte er augenscheinlich nur der Schönheit des Stils wegen hinzu. »Ich, zum Beispiel, bin alt, und dennoch diene ich noch, soweit es meine Kräfte erlauben.« Der Sekretär, ein trockener, magerer Mann mit unruhigen, klugen Augen kam zu melden, daß die Schustowa in irgendeinem ganz besonderen Fort inhaftiert sei und daß keine sie betreffenden Papiere vorlägen. »Wenn wir die Mitteilung erhalten, so schicken wir sie am gleichen Tage ab. Wir halten sie nicht, wir legen keinen besonderen Wert auf ihre Anwesenheit«, sagte der General, wieder mit dem Versuch eines mutwilligen Lächelns, das sein altes Gesicht nur verzerrte. Nechliudow erhob sich; er gab sich Mühe, den Ausdruck des gemischten Gefühls, das er gegen diesen schrecklichen Alten empfand, seinen Widerwillen und sein Bedauern, zurückzuhalten. Der Alte glaubte, daß er auch nicht zu streng gegen den leichtsinnigen und augenscheinlich verirrten Sohn seines Kameraden sein dürfe und ihn nicht ohne Zurechtweisung lassen dürfe. »Leben Sie wohl, mein Lieber, nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich sage es aus Liebe zu Ihnen. Verkehren Sie nicht mit den Leuten, die bei uns inhaftiert sind. Unschuldige sind nicht dabei. Diese Leute sind alle höchst unmoralisch. Wir kennen sie wohl«, sagte er in einem Ton, der keine Möglichkeit eines Zweifels zuließ. Und er zweifelte wirklich nicht daran, nicht weil es so war, sondern weil er, wenn es nicht so wäre, sich nicht für einen ehrwürdigen Helden, der die letzten Tage seines guten Lebens würdig verbrachte, hätte halten können, sondern nur für einen Taugenichts, der sein Gewissen verkauft hatte und es bis auf seine alten Tage zu verkaufen fortfuhr. »Das Beste aber ist: treten Sie in den Staatsdienst,« sprach er weiter, »der Zar braucht ehrliche Leute, – und das Vaterland auch«, fügte er hinzu. »Nun, was wäre, wenn ich und alle, so wie Sie, nicht dienten? Wer würde denn da bleiben? Wir verurteilen also die jetzige Ordnung, selber aber wollen wir der Regierung nicht helfen.« Nechliudow seufzte schwer, verbeugte sich tief, drückte die ihm nachsichtig hingestreckte knochige, große Hand und ging aus dem Zimmer. Der General schüttelte mißbilligend den Kopf, und das Kreuz reibend, ging er wieder in das Empfangszimmer, wo ihn der Künstler erwartete. Er hatte schon die von Jeanne d'Arc erhaltene Antwort aufgeschrieben. Der General setzte seinen Kneifer auf und las: »Sie werden einander an dem Lichte erkennen, das aus den Ätherleibern ausströmt.« »Ah,« sagte beifällig der General, die Augen zudrückend, »aber wie wird man einander erkennen, wenn das Licht bei allen das gleiche ist?« fragte er, und wieder die Finger mit dem Künstler kreuzend; setzte er sich an das Tischchen. Der Kutscher fuhr aus dem Tor hinaus. »Es ist trübselig hier, Herr,« sagte er, sich an Nechliudow wendend, »ich wollte schon wegfahren, ohne Sie zu erwarten.« »Ja, trübselig«, pflichtete Nechliudow bei, aus voller Brust aufatmend und beruhigten Blickes die rauchfarbigen Wolken, die über den Himmel schwebten, und das helle Glitzern der von den Ruderbooten und Dampfern bewegten Newa betrachtend. 20 Am anderen Tage sollte die Sache der Maslowa zum Vortrag kommen, und Nechliudow begab sich in den Senat. Der Advokat fuhr gleichzeitig mit ihm an der großartigen Anfahrt des Senatsgebäudes vor, wo schon einige Equipagen standen. Als sie die prächtige, feierliche Treppe zum zweiten Stock hinaufgegangen waren, begab sich der Advokat, der alle Gänge kannte, nach links in eine Tür, auf der die Jahreszahl der Einführung der Gerichtsreformen angebracht war. Nachdem er im ersten langen Zimmer seinen Paletot abgelegt und von dem Portier erfahren hatte, daß alle Senatoren versammelt seien, daß der letzte eben gekommen sei, trat Fanarin im Frack, mit weißer Krawatte über der weißen Brust, mit heiterer Sicherheit in das folgende Zimmer. In diesem zweiten Zimmer befand sich rechts ein großer Schrank, dann ein Tisch, und links eine Wendeltreppe, die gerade ein eleganter Beamter in Interimsuniform mit einer Mappe unter dem Arm herunterkam. Im Zimmer fiel ein kleiner, patriarchalischer Alter mit langen, weißen Haaren in einem Jackett und grauen Beinkleidern auf, neben dem mit besonderer Ehrerbietigkeit zwei Diener standen. Der kleine Alte mit den weißen Haaren ging zu dem Schrank und verschwand dort. Gleichzeitig erblickte Fanarin einen Kollegen, einen Advokaten wie er, auch in weißer Krawatte und im Frack, und sogleich ließ er sich mit ihm in ein lebhaftes Gespräch ein. Nechliudow aber betrachtete die im Zimmer Anwesenden. Es waren etwa fünfzehn Personen als Publikum, darunter zwei Damen. Eine junge mit einem Kneifer und eine grauhaarige. Die heute zu verhandelnde Sache betraf eine Verleumdung durch die Presse, und daher war mehr Publikum als gewöhnlich versammelt, – es waren meist Leute aus der Journalistenwelt. Ein Gerichtskommissar, ein rotbäckiger, schöner Mann in prachtvoller Uniform, mit einem Papier in der Hand, trat an Fanarin heran mit der Frage, wegen welches Prozesses er komme? Und als er erfahren hatte, daß er wegen des Prozesses der Maslowa komme, schrieb er etwas auf und ging fort. Jetzt öffnete sich die Schranktür, und heraus trat der kleine, patriarchalische Alte, aber schon nicht mehr im Jackett, sondern in einem mit Tressen besetzten Kostüm mit glänzenden Schildern auf der Brust, das ihn einem Vogel ähnlich machte. Dieses lächerliche Kostüm machte augenscheinlich den kleinen Alten selbst verlegen, und er ging eilig, schneller als er sonst zu gehen pflegte, durch die Tür dem Eingang gegenüber. »Dies ist Bee, ein hochachtbarer Mann«, sagte Fanarin zu Nechliudow, und nachdem er ihn mit seinem Kollegen bekannt gemacht hatte, erzählte er von dem bevorstehenden, seiner Meinung nach sehr interessanten Prozeß, der verhandelt werden sollte. Der Prozeß begann bald, und Nechliudow ging mit dem Publikum zusammen nach links in den Sitzungssaal. Sie alle, auch Fanarin, gingen hinter die Barriere auf die Plätze fürs Publikum. Nur der Petersburger Advokat ging nach vorn, hinter das Pult vor der Barriere. Der Sitzungssaal des Senates war kleiner als der Saal des Bezirksgerichts; er war einfacher eingerichtet und unterschied sich nur dadurch, daß der Tisch, an dem die Senatoren saßen, nicht mit grünem Tuch bedeckt war, sondern mit himbeerfarbenem, mit goldener Tresse besetztem Samt; aber die ständigen Attribute der Orte, wo Gerechtigkeit geübt wird, waren dieselben: der Gerichtsspiegel, das Heiligenbild und das Porträt des Kaisers. Ebenso feierlich verkündete der Kommissar: »Das Gericht kommt.« Ebenso erhoben sich alle; ebenso traten die Senatoren in ihren Uniformen herein, ebenso setzten sie sich auf die Lehnstühle mit den hohen Rückenlehnen, ebenso lehnten sie sich mit den Ellbogen auf den Tisch, indem sie sich bemühten, ein ungezwungenes Aussehen zu zeigen. Der Senatoren waren vier: der Vorsitzende, Nikitin, ein glattrasierter Mann mit schmalem Gesicht und stählernen Augen, Wolf, mit bedeutsam zusammengedrückten Lippen und weißen Händen, mit welchen er in den Akten des Prozesses herumwühlte; dann Skoworodnikow, ein dicker, gewichtiger, pockennarbiger Mann, ein gelehrter Jurist; und der vierte, Bee, der kleine, patriarchenhafte Alte, der als letzter gekommen war. Mit den Senatoren zusammen kam der Obersekretär und Gehilfe des Oberstaatsanwalts, ein dünner, rasierter, junger Mann von mittlerem Wuchs, mit sehr dunkler Gesichtsfarbe und schwarzen, schwermütigen Augen. Trotz der seltsamen Uniform, trotzdem ihn Nechliudow sechs Jahre lang nicht gesehen hatte, erkannte er in ihm sogleich einen seiner besten Freunde aus seiner Studentenzeit. »Heißt der Gehilfe des Oberstaatsanwalts nicht Selenin?« fragte Nechliudow den Advokaten. »Ja. Weshalb?« »Ich kenne ihn gut, er ist ein ausgezeichneter Mensch ...« »Und ein guter Oberstaatsanwaltsgehilfe, sehr tüchtig! Den sollte man bitten«, sagte der Advokat. »Er wird jedenfalls nach seinem Gewissen handeln«, sagte Nechliudow, während er seines nahen Verhältnisses und seiner Freundschaft mit Selenin, seiner liebenswerten Eigenschaften, seiner Reinheit, Ehrlichkeit, Anständigkeit im besten Sinne des Wortes gedachte. »Überdies ist auch jetzt keine Zeit dazu«, flüsterte Fanarin, der mit Eifer dem beginnenden Vortrag folgte. Es begann die Verhandlung über eine Beschwerde gegen das Urteil des Kassationshofes, der die Entscheidung des Bezirksgerichtes nicht abgeändert hatte. Nechliudow schickte sich an, zuzuhören und bemühte sich, die Bedeutung dessen zu begreifen, was sich vor ihm abspielte, aber, ebenso wie im Bezirksgericht, bestand die Hauptschwierigkeit für das Verständnis darin, daß die Rede nicht um das ging, was sich natürlicherweise als Hauptsache darstellte, sondern um etwas vollständig Nebensächliches. Es handelte sich hier um einen Zeitungsartikel, in welchem der Direktor einer Aktiengesellschaft gewisser Gaunereien überführt wurde. Nur das hätte von Wichtigkeit scheinen können, ob es wahr war, daß der Direktor der Aktiengesellschaft seine Vollmachtgeber bestehle, und wie es zu machen sei, daß er aufhöre, sie zu bestehlen. Aber davon war keine Rede. Man sprach nur darüber, ob der Verleger, dem Gesetz gemäß, das Recht gehabt oder nicht gehabt habe, den Artikel des Feuilletonisten zu drucken, und welches Verbrechen er durch den Abdruck begangen habe: üble Nachrede oder Verleumdung, und wie es sei: ob die üble Nachrede die Verleumdung in sich schließe oder die Verleumdung die üble Nachrede? Und noch etwas für gewöhnliche Menschen wenig Verständliches über verschiedene Artikel und Entscheidungen irgendeines allgemeinen Departements. Eins, was Nechliudow jetzt einsah, war, daß Wolf, trotzdem er ihn gestern so nachdrücklich darauf hingewiesen, daß der Senat auf die Untersuchung der Sache, dem Wesen nach, nicht eingehen könne, in diesem Falle augenscheinlich parteiisch vortrug, zugunsten der Kassation des Urteils des Kassationshofs; und daß Selenin sehr erregt seiner entgegengesetzten Meinung Ausdruck gab, was der ihm charakteristischen Zurückhaltung vollkommen widersprach. Die Nechliudow verwundernde Heftigkeit des sonst immer zurückhaltenden Selenin hatte ihren Grund darin, daß er den Direktor der Aktiengesellschaft als einen in Geldangelegenheiten unsauberen Mann kannte; außerdem hatte er zufällig erfahren, daß Wolf am Vortage des Prozesses bei diesem Profitmacher zu einem prächtigen Diner gewesen war. Jetzt aber, als Wolf, obschon sehr vorsichtig, so doch augenscheinlich einseitig, die Sache vortrug, erhitzte sich Selenin und drückte seine Meinung zu nervös für eine gewöhnliche Sache aus. Diese Rede beleidigte offenbar Wolf: er wurde rot, zuckte, machte stumme Gesten der Verwunderung, und mit sehr würdigem und beleidigtem Aussehen entfernte er sich mit den anderen Senatoren in das Beratungszimmer. »Zu welchem Prozesse sind Sie eigentlich hier?« fragte wieder der Gerichtskommissar Fanarin, sobald die Senatoren sich entfernten. »Ich habe Ihnen schon gesagt, daß es wegen der Sache der Maslowa ist«, sagte Fanarin. »Das ist wahr. Die Sache kommt heute zum Vortrag. Aber...« »Was ist denn?« fragte der Advokat. »Sehen Sie, bitte, diese Sache sollte ohne Parteien verhandelt werden, so daß die Herren Senatoren schwerlich nach der Erklärung des Urteils wieder erscheinen werden. Aber ... ich werde es melden...« »Was heißt denn das nur?« »Ich will es melden, ich will es melden«, und der Gerichtskommissar machte eine Notiz auf seinem Papier. Die Senatoren waren wirklich gesonnen, nach der Erklärung des Urteils über die Verleumdungssache die übrigen Prozesse, unter ihnen auch die Sache der Maslowa, bei Tee und Zigaretten zu erledigen, ohne das Beratungszimmer zu verlassen. 21 Sobald sich die Senatoren im Beratungszimmer an den Tisch gesetzt hatten, begann Wolf, sehr lebhaft, die Motive auseinanderzusetzen, nach welchen der Prozeß kassiert werden sollte. Der Vorsitzende, auch sonst kein wohlwollender Mann, war heute besonders schlechter Laune. Während der Sitzung, als er dem Vortrage zuhörte, hatte er sich schon seine eigene Meinung gebildet, und jetzt saß er, ohne Wolf zuzuhören, in seine Gedanken vertieft. Seine Gedanken aber weilten bei dem, was er gestern in seine Memoiren geschrieben über die Ernennung Wiljanows und nicht seiner selbst zu einem wichtigen Posten, den er schon seit langem zu erhalten wünschte. Der Vorsitzende, Nikitin, war ganz aufrichtig überzeugt, daß seine Urteile über verschiedene Beamte der ersten zwei Rangklassen, mit denen er während seiner Amtszeit verkehrt hatte, ein sehr wichtiges historisches Material bildeten. Gestern hatte er ein Kapitel geschrieben, in welchem einige Beamte der beiden obersten Klassen ordentlich ihr Teil bekamen, weil sie ihn verhindert hätten, wie er es ausdrückte, Rußland vor dem Untergang zu retten, in welchen es die jetzigen Machthaber hineinzögen, in Wirklichkeit aber nur, weil sie ihn verhinderten, mehr Gehalt zu beziehen als jetzt; und er dachte nun darüber nach, wie er diesem ganzen Umstand für die Nachwelt eine vollkommen neue Beleuchtung geben würde. »Ja, versteht sich«, erwiderte er auf die Worte des sich an ihn wendenden Wolf, ohne sie zu hören. Bee aber hörte Wolf mit bekümmertem Gesicht zu und malte dabei Girlanden auf das vor ihn liegende Papier. Bee war ein Liberaler reinsten Wassers. Heilig bewahrte er die Traditionen der sechziger Jahre, und wenn er schon einmal von strenger Unparteilichkeit abwich, so geschah es nur im Sinne des Liberalismus. So war Bee im gegenwärtigen Falle dafür, der Beschwerde keine Folge zu geben, auch aus dem Grunde, weil nicht nur der Aktienschacherer, der über Verleumdung klagte, ein unsauberer Mensch war, sondern diese Verleumdungsklage gegen den Journalisten auch eine Beschränkung der Pressefreiheit bedeutete. Als Wolf seine Beweisführung beendet hatte, legte Bee, ohne seine Girlande zu Ende zu malen, bekümmert – es bekümmerte ihn, solche Truismen beweisen zu müssen – und mit weicher, angenehmer Stimme, kurz, einfach und überzeugend die Unstichhaltigkeit der Beschwerde dar, und den Kopf mit den weißen Haaren senkend, malte er seine Girlande fertig. Skoworodnikow, der Wolf gegenüber saß und die ganze Zeit seinen Bart mit den dicken Fingern in den Mund stopfte, hörte sogleich auf, den Bart zu kauen, als Bee zu Ende war, und sagte mit lauter, knarrender Stimme, daß er, obwohl der Direktor der Aktiengesellschaft ein großer Schurke sei, auf Kassation des Urteils bestehen würde, wenn gesetzliche Gründe vorhanden wären, – da aber keine solchen vorhanden seien, schließe er sich der Meinung von Iwan Semjonowitsch (Bee) an, sagte er, und freute sich über den Stich, den er dadurch Wolf versetzte. Der Vorsitzende schloß sich Skoworodnikows Meinung an, und die Sache wurde negativ entschieden. Wolf war ärgerlich, besonders darüber, daß er gleichsam einer nicht gewissenhaften Parteinahme überführt war, und sich gleichgültig stellend, schlug er den zum Vortrag folgenden Prozeß der Maslowa auf und vertiefte sich darin. Die Senatoren aber klingelten inzwischen, verlangten Tee und kamen ins Gespräch über einen Fall, der damals neben dem Duell des Kamenskij alle Petersburger beschäftigte. Es war die Sache eines Departementsdirektors, der des Verbrechens, das im Artikel 995 vorgesehen ist, überführt worden war. »Wie abscheulich«, sagte mit Ekel Bee. »Was ist denn dabei so Schlimmes. Ich möchte Sie in unserer Literatur auf das Projekt eines deutschen Schriftstellers hinweisen, der geradezu vorschlägt, so etwas nicht mehr für ein Verbrechen zu halten, so daß die Ehe zwischen Männern möglich wäre«, sagte Skoworodnikow, während er mit gierigen Zügen den Tabaksrauch einer zerknüllten Zigarette einzog, die er zwischen den Fingerwurzeln, nahe der Handfläche, hielt, und er lachte laut auf. »Aber das ist doch unmöglich«, sagte Bee. »Ich werde es Ihnen zeigen«, sagte Skoworodnikow und zitierte den vollen Titel des Werkes und sogar Jahr und Ort seines Erscheinens. »Es heißt, er soll als Gouverneur in eine sibirische Stadt gehen«, sagte Nikitin. »Ausgezeichnet. Ein Bischof mit dem Kruzifix wird ihn empfangen. Man müßte nur auch noch einen ebensolchen Bischof haben. Ich könnte einen solchen empfehlen«, sagte Skoworodnikow, und nachdem er den Zigarettenrest in die Untertasse geworfen hatte, nahm er soviel Bart, wie er konnte, in den Mund und fing wieder an zu kauen. Dann trat der Kommissar herein und meldete, daß der Advokat und Nechliudow bei Verhandlung der Sache der Maslowa anwesend zu sein wünschten. »Hier ist der Prozeß,« sagte Wolf, »das ist eine ganz romanhafte Geschichte«, und er erzählte, was er von den Beziehungen Nechliudows zur Maslowa wußte. Nachdem die Senatoren darüber gesprochen, die Zigaretten zu Ende geraucht und ihren Tee ausgetrunken hatten, gingen sie wieder in den Sitzungssaal, verkündeten das Urteil über den vorhergehenden Prozeß und nahmen die Sache der Maslowa vor. Wolf trug mit seiner hohen Stimme sehr ausführlich die Kassationsbeschwerde der Maslowa vor und wieder nicht ganz unparteiisch, sondern augenscheinlich mit dem Wunsch, das Urteil des Gerichts kassiert zu sehen. »Haben Sie etwas hinzuzufügen?« wandte sich der Vorsitzende an Fanarin. Fanarin erhob sich und seine weiße, breite Brust herausdrückend, wies er Punkt für Punkt, mit erstaunlicher Eindringlichkeit und Genauigkeit des Ausdrucks, nach, daß das Gericht in sechs Punkten vom strikten Sinne des Gesetzes abgewichen sei, und außerdem erlaubte er sich, obgleich in aller Kürze, auch die Sache selbst, dem Wesen nach, und die schreiende Ungerechtigkeit des Urteils zu streifen. Der Ton der kurzen, aber starken Rede Fanarins war so, als ob er sich entschuldige, auf dem bestehen zu müssen, was die Herren Senatoren, mit ihrem Scharfsinn und mit ihrer juristischen Weisheit, besser als er einsähen und begriffen, und daß er es nur tue, weil es die von ihm übernommene Pflicht erfordere. Nach Fanarins Rede konnte anscheinend keine Spur von Zweifel daran bestehen, daß der Senat das Urteil des Gerichtes kassieren werde. Als Fanarin seine Rede beendigt hatte, lächelte er siegesbewußt. Auf seinen Advokaten blickend und dieses Lächeln sehend, war Nechliudow überzeugt, daß die Sache gewonnen sei. Aber als er die Senatoren ansah, bemerkte er, daß Fanarin allein lächelte und triumphierte. Die Senatoren und der Oberstaatsanwaltsgehilfe lächelten und triumphierten nicht, sie hatten das Aussehen von Leuten, die sich langweilen und sagen: »Wir haben viele euresgleichen gehört, und all das bedeutet nichts.« Sie alle waren augenscheinlich nur befriedigt, daß der Advokat fertig war und sie nicht unnützerweise weiter aufhielt. Gleich nach Beendigung der Rede des Advokaten wandte sich der Vorsitzende an den Oberstaatsanwaltsgehilfen. Selenin äußerte sich kurz, aber klar und genau, für das Belassen der Sache ohne Veränderung, indem er alle Anlässe zur Kassation unstichhaltig fand. Gleich darauf standen die Senatoren auf und gingen, um sich zu beraten. Im Beratungszimmer teilten sich die Stimmen. Wolf war für die Kassation; Bee, der begriff, um was es sich hier handelte, stand sehr feurig gleichfalls für die Kassation ein, indem er den Kollegen lebhaft das Bild des Gerichtes und des Mißverständnisses der Geschworenen, wie er es ganz richtig verstanden, darstellte; Nikitin, der immer für die Strenge überhaupt und für strenge Formalität war, war gegen die Kassation. Die ganze Sache konnte durch Skoworodnikows Stimme entschieden werden. Und diese Stimme stellte sich auf die Seite der Ablehnung, vorzüglich, weil Nechliudows Entschluß, dieses Mädchen aus moralischen Gründen zu heiraten, ihm im höchsten Grade zuwider war. Skoworodnikow war Materialist, Darwinist, und hielt alle Äußerungen einer abstrakten Moral, oder noch schlimmer, einer Religiosität, nicht nur für verachtenswerten Unsinn, sondern für eine persönliche Beleidigung seiner selbst. Diese ganze Plackerei um eine Prostituierte, die Anwesenheit Nechliudows und des sie verteidigenden berühmten Advokaten sogar hier im Senat, war ihm im höchsten Grade widerwärtig. Und indem er den Bart in den Mund steckte und Grimassen machte, tat er sehr natürlich so, als ob er nichts von dieser Sache wisse, außer daß die Kassationsmotive ungenügend seien, und darum sei er mit dem Vorsitzenden einverstanden, die Beschwerde unberücksichtigt zu lassen. Die Beschwerde wurde abgelehnt. 22 »Schrecklich!« sagte Nechliudow, als er mit dem seine Mappe packenden Advokaten in das Empfangszimmer hinaustrat. »In einer ganz klaren Sache klammern sie sich an die Form und lehnen ab. Schrecklich!« »Die Sache ist im Gericht verpfuscht worden«, sagte der Advokat. »Und Selenin ist für die Ablehnung. Schrecklich, schrecklich!« wiederholte Nechliudow. »Was ist denn jetzt zu tun?« »Wir werden eine Bittschrift an die Allerhöchste Stelle einreichen. Und reichen Sie sie selber ein, solange Sie hier sind. Ich werde sie Ihnen aufsetzen.« Um diese Zeit trat der kleine Wolf mit seinen Sternen und seiner Uniform in das Empfangszimmer und näherte sich Nechliudow. »Was soll man tun, lieber Fürst? Die Gründe waren nicht ausreichend«, sagte er, mit den schmalen Schultern zuckend und die Augen zudrückend, und ging seines Weges. Gleich nach Wolf kam auch Selenin, da er von den Senatoren erfahren, daß Nechliudow, sein früherer Freund, hier sei. »Nun, das habe ich nicht erwartet, dich hier zu treffen«, sagte er, sich Nechliudow nähernd und mit den Lippen lächelnd, während seine Augen bekümmert blieben. »Ich wußte gar nicht, daß du in Petersburg bist.« »Und ich wußte nicht, daß du Oberstaatsanwalt bist ...« »Oberstaatsanwaltsgehilfe«, berichtigte Selenin. »Wie kommst du in den Senat?« fragte er, bekümmert und traurig seinen Freund anblickend. »Ich wußte, daß du in Petersburg bist. Aber wie kommst du hierher?« »Hier? Ich bin hier, weil ich Gerechtigkeit zu finden und eine unschuldig verurteilte Frau zu retten hoffte.« »Welche Frau?« »Die Sache, die eben entschieden wurde.« »Ah, die Sache der Maslowa«, sagte Selenin sich entsinnend. »Ganz unbegründete Beschwerde.« »Es handelt sich nicht um die Beschwerde, sondern um die Frau, die unschuldig ist und Strafe leiden soll.« Selenin seufzte. »Es ist sehr möglich, aber ...« »Nicht möglich, sondern sicher...« »Aber wie weißt denn du das?« »Weil ich einer der Geschworenen war. Ich weiß, wo und wie wir den Fehler gemacht haben.« Selenin wurde nachdenklich. »Man hätte es damals sofort anzeigen müssen«, sagte er. »Ich habe es angezeigt.« »Man mußte es ins Protokoll eintragen. Wenn es sich bei der Kassationsbeschwerde fände...« »Ja, aber es war ja auch jetzt augenscheinlich, daß das Urteil ungereimt war«, sagte Nechliudow. »Der Senat hat kein Recht, das zu sagen. Wenn der Senat sich erlaubte, die Urteile der Gerichte auf Grund seiner Ansicht über die Gerechtigkeit der Urteile selber zu kassieren, so würden, abgesehen davon, daß er damit jede Richtschnur verlöre und Gefahr liefe, die Gerechtigkeit eher zu verletzen, als sie wiederherzustellen,« sagte Selenin, indem er des vorangegangenen Prozesses gedachte, »so würden auch die Urteile der Geschworenen ihre ganze Bedeutung verlieren.« »Ich weiß nur eins: daß diese Frau vollkommen unschuldig ist, und daß die letzte Hoffnung, sie von unverdienter Strafe zu retten, geschwunden ist. Die höchste Instanz hat eine vollendete Ungerechtigkeit bestätigt.« »Bestätigt hat sie sie nicht, weil sie auf die Untersuchung der Sache selbst nicht eingegangen ist und nicht eingehen kann«, sagte Selenin, ein Auge zusammenkneifend. Selenin, der immer beschäftigt war und wenig in der großen Welt verkehrte, hatte augenscheinlich nichts von Nechliudows Roman gehört: Nechliudow aber, als er das merkte, fand es auch nicht nötig, von seinen besonderen Beziehungen zur Maslowa zu sprechen. »Du bist gewiß bei deiner Tante abgestiegen«, fügte er hinzu, offenbar in dem Wunsch, das Gespräch zu wechseln. »Gestern habe ich von ihr erfahren, daß du hier bist. Die Gräfin hat mich eingeladen, mit dir zusammen bei dem Vortrage eines Predigers von auswärts zugegen zu sein«, sagte Selenin, mit den Lippen allein lächelnd. »Ich bin dagewesen, aber mit Abscheu weggegangen«, sagte Nechliudow böse; er ärgerte sich, daß Selenin das Gespräch auf etwas anderes lenkte. »Nun, warum denn mit Abscheu? Es ist doch immerhin eine Offenbarung des religiösen Gefühls, obgleich eine einseitige, sektiererhafte«, sagte Selenin. »Es ist ein ganz toller Wahnwitz«, sagte Nechliudow. »Nun, nein. Es ist nur das seltsam, daß wir die Lehre unserer Kirche so wenig kennen, daß wir unsere eigenen Grunddogmen für eine neue Offenbarung nehmen«, sagte Selenin, indem er sich gleichsam beeilte, dem früheren Freund seine ihm neuen Ansichten darzulegen. Nechliudow blickte verwundert und aufmerksam auf Selenin. Selenin aber senkte die Augen, aus welchen nicht nur Kummer, sondern auch beinahe Feindseligkeit sprach. »Aber glaubst denn du an die Kirchendogmen?« fragte Nechliudow. »Versteht sich, ich glaube daran«, antwortete Selenin, gerade und wie tot in Nechliudows Augen sehend. Nechliudow seufzte. »Wunderlich«, sagte er. »Übrigens, – wir wollen nachher sprechen«, sagte Selenin. »Ich komme schon«, wandte er sich an den Gerichtskommissar, der sich ihm ehrerbietig näherte. »Unbedingt müssen wir uns noch einmal sehen«, fügte er seufzend hinzu. »Trifft man dich aber? Mich triffst du stets um sieben Uhr bei Tisch, Nadeshdinskaja-Straße«, er nannte die Nummer. »Seit der Zeit ist schon viel Wasser bergab gelaufen«, fügte er hinzu, indem er wegging und wieder nur mit den Lippen allein lächelte. »Ich komme, wenn ich Zeit habe«, sagte Nechliudow, während er fühlte, daß der ihm ehemals nahe und liebe Mensch Selenin plötzlich, durch dieses kurze Gespräch, ihm fremd, ferngerückt und unverständlich, wenn nicht feindlich geworden war. 23 Damals, als Nechliudow Selenin als Studenten kannte, war dieser ein ausgezeichneter Sohn, treuer Kamerad und, im Vergleich zu seinen Jahren, ein Weltmann von guter Bildung mit großem Takt, immer elegant und schön und zu gleicher Zeit ungewöhnlich wahrhaft und ehrlich. Er studierte ausgezeichnet, ohne besondere Mühe und ohne eine Spur von Pedanterie und bekam goldene Medaillen für seine Arbeiten. Er steckte sich wirklich, nicht nur in Worten, das Ziel, sein junges Leben dem Dienst der Menschheit zu widmen. Diesen Dienst stellte er sich nicht anders als in der Form des Staatsdienstes vor; als er daher mit der Universität fertig war, prüfte er systematisch alle Formen der Tätigkeit, welchen er seine Kräfte widmen konnte und entschied, daß er am nützlichsten in der Zweiten Abteilung von Seiner Majestät Eigener Kanzlei sein werde, die mit der Redaktion der Gesetze betraut ist, und er trat in diese ein. Aber trotz der genauesten und gewissenhaftesten Erfüllung alles dessen, was man von ihm verlangte, fand er in diesem Dienste keine Befriedigung seines Bedürfnisses, nützlich zu sein, und er gewann nicht das Bewußtsein, daß er das tue, was er solle. Diese Unbefriedigung verstärkte sich infolge von Zusammenstößen mit den nächsten, sehr kleinlichen und eitlen Vorgesetzten dergestalt, daß er die Zweite Abteilung verließ und in den Senat überging. Im Senat ging es ihm besser, aber das gleiche Bewußtsein der Unbefriedigtheit verfolgte ihn. Er fühlte dauernd, daß das alles etwas ganz anderes war, als was er erwartete, und was sein mußte. Da, während er im Senat arbeitete, erwirkten seine Verwandten seine Ernennung zum Kammerjunker, und er mußte in gestickter Uniform mit weißer Leinenschürze in einer Kutsche zu den verschiedensten Personen fahren, um zu danken, daß man ihm das Amt eines Lakaien gegeben hatte. Wie sehr er sich auch bemühte, er konnte durchaus keine vernünftige Erklärung für dieses Amt finden; und er fühlte noch mehr als in seiner bisherigen Stellung, daß es »nicht das Rechte« sei. Indessen aber konnte er die Ernennung nicht ablehnen, einerseits um diejenigen nicht zu betrüben, die glaubten, daß sie ihm dadurch eine große Freude bereiteten; andererseits aber schmeichelte diese Ernennung den niederen Instinkten seiner Natur, und es machte ihm Vergnügen, sich im Spiegel in goldgestickter Uniform zu sehen und die Achtung zu genießen, die diese Ernennung bei einigen Leuten hervorrief. Dasselbe geschah mit ihm auch bezüglich seiner Heirat. Man fand für ihn eine vom Standpunkt der Welt sehr glänzende Partie. Und so heiratete er denn auch wieder vorzüglich, weil er durch die Ablehnung das diese Heirat sehnlich wünschende junge Mädchen und diejenigen, die diese Heirat zustande bringen wollten, beleidigt und ihnen weh getan hätte, und weil die Heirat mit einem jungen, hübschen, vornehmen Mädchen seiner Selbstliebe schmeichelte und ihm Vergnügen machte. Aber sehr bald erwies es sich, daß die Heirat in noch höherem Grade »nicht das Rechte« war, als seine Stellung und das Hofamt. Nach dem ersten Kinde wollte die Frau keine Kinder mehr haben und fing an, ein luxuriöses Weltleben zu führen, an welchem auch er, er mochte wollen oder nicht, teilnehmen mußte. Sie war nicht besonders schön, sie war ihm treu, und es schien, daß sie selber von solchem Leben nichts hatte, außer fürchterlichen Anstrengungen und Müdigkeit, abgesehen davon, daß sie dadurch dem Mann das Leben verbitterte; dennoch führte sie geflissentlich ein solches Leben. Alle Versuche seinerseits, dieses Leben zu ändern, prallten ab, wie an einer steinernen Wand, an ihrer von allen ihren Verwandten und Bekannten unterstützten Überzeugung, daß es so sein müsse. Das Kind, ein Mädchen mit goldigen, langen Locken und bloßen Beinen, war für den Vater ein vollkommen fremdes Wesen, besonders weil es ganz anders geleitet wurde, als er es wünschte. Zwischen den Eheleuten stellte sich das gewöhnliche Nichtverstehen und sogar Nichtverstehenwollen ein, und der stille, schweigsame, anderen verborgene und durch den Anstand gemäßigte Kampf, der ihm das Leben zu Hause sehr schwer machte. So daß das Familienleben noch weniger »das Rechte« war, als seine amtliche Stellung und sein Hofamt. Am meisten aber war sein Verhalten gegen die Religion »nicht das Rechte«. Wie alle Leute seines Kreises und seiner Zeit, zerriß er durch sein geistiges Wachsen ohne geringste Anstrengung die Fesseln des religiösen Aberglaubens, in welchem er erzogen war, und er selber wußte nicht genau, wann er sich befreit hatte. Als ernster und ehrlicher Mensch verbarg er während des Studentenlebens und seines nahen Verkehrs mit Nechliudow diese seine Befreiung vom Aberglauben der offiziellen Religion nicht. Aber mit den Jahren und mit dem Avancement im Dienst und besonders infolge der konservativen Reaktion, die damals in der Gesellschaft eintrat, begann diese geistige Freiheit ihn zu stören. Außer den Anforderungen der Familie – besonders bei dem Tode des Vaters, als er bei den Totensegen zugegen sein mußte – dem Wunsche seiner Mutter, daß er faste und das Abendmahl genieße, was zum Teil auch von der öffentlichen Meinung verlangt wurde, mußte er wegen seiner Stellung stets den Tedeums, Einweihungen und Dankgottesdiensten beiwohnen: selten ging ein Tag hin, ohne irgendwelche Beziehung zu den äußeren Formen des Kultus, die zu vermeiden unmöglich war. Man mußte, wenn man diesem Gottesdienste beiwohnte, eins von beiden tun: entweder sich so anstellen – was er mit seinem rechtschaffenen Charakter unmöglich tun konnte – als glaubte er an das, woran er nicht glaubte, – oder aber alle diese äußeren Formen als eine Lüge anerkennen und sein Leben so einrichten, daß er nicht genötigt war, an dem teilzunehmen, was er für eine Lüge hielt. Aber um diese so unwichtig scheinende Sache zu vollbringen, war sehr vieles nötig; abgesehen davon, daß man in beständigem Kampf mit allen nahen Menschen liegen mußte, mußte man auch seine ganze Stellung ändern, den Dienst verlassen und all den Nutzen für die Menschheit opfern, den er ihr schon jetzt in diesem Dienst zu bringen glaubte und in Zukunft noch mehr zu bringen hoffte. Und um das zu tun, mußte man vollkommen sicher sein, im Recht zu sein. Er war auch fest überzeugt, im Recht zu sein, wie ja jeder gebildete Mensch unserer Zeit, der ein wenig Geschichte, die Entstehung der Religion überhaupt und die Entstehung und den Verfall der kirchlich-christlichen Religion kennt, nicht umhin kann, dem gesunden Menschenverstand die Ehre zu geben. Er konnte nicht umhin, zu wissen, daß er recht hatte, indem er die Wahrheit der kirchlichen Lehre nicht anerkannte, – aber unter dem Druck der Verhältnisse ließ er, der rechtschaffene Mensch, eine kleine Lüge zu, die darin bestand, daß er sich sagte: um zu behaupten, daß das Unvernünftige unvernünftig sei, muß man zuerst diese Unvernunft studiert haben. Das war eine kleine Lüge, aber eben sie führte zu jener großen Lüge, in der er jetzt steckenblieb. Als er sich die Frage stellte, ob die Orthodoxie, in der er geboren und erzogen war, die seine ganze Umgebung von ihm verlangte und ohne deren Anerkennung er seine für die Menschen nützliche Tätigkeit nicht fortsetzen konnte, das Rechte sei, war sie schon im voraus entschieden. Und um diese Frage sich klarzumachen, las er nicht Voltaire, Schopenhauer, Spencer, Comte, sondern die philosophischen Werke Hegels, die religiösen Schriften Vinets und Chomiakows, und natürlich fand er dort eben das, was er brauchte: einen Schein der Beruhigung und Rechtfertigung jener religiösen Lehre, in der er erzogen war, die sein Verstand schon lange nicht mehr guthieß, aber ohne die sein ganzes Leben viel Verdruß bringen würde; deren Anerkennung aber alle diese Unannehmlichkeiten mit einem Male beseitigte. Und er eignete sich alle die gewöhnlichen Sophismen an, daß der einzelne menschliche Verstand die Wahrheit zu erkennen nicht imstande sei, daß die Wahrheit nur der Gesamtheit der Menschen offenbart werde, daß das einzige Mittel, sie zu erkennen, die Offenbarung sei, daß die Offenbarung von der Kirche gehütet werde und dergleichen; und seit der Zeit konnte er ganz ruhig, ohne Bewußtsein der dauernden Lüge, den Tedeums, Totensegen, Messen beiwohnen, konnte fasten und sich vor den Heiligenbildern bekreuzen und konnte die dienstliche Tätigkeit fortsetzen, die ihm das Bewußtsein geleisteten Nutzens und Trost in seinem freudelosen Familienleben gab. Er dachte, daß er glaube; indessen fühlte er mehr als in allem übrigen mit seinem ganzen Wesen, daß dieser Glaube ganz und gar »nicht das Rechte« sei, und darum hatte er immer bekümmerte Augen. Und als er Nechliudow sah, den er gekannt hatte, als sich alle diese Lügen noch nicht in ihm eingenistet hatten, kam er sich wieder so vor, wie er damals gewesen war, und fühlte mehr als je, besonders nachdem er sich beeilt hatte, ihm seine neue religiöse Ansicht anzudeuten, daß alles dies »nicht das Rechte« sei, und ihm wurde qualvoll wehmütig. Dasselbe fühlte auch Nechliudow nach dem ersten Eindruck der Freude, den alten Freund wiederzusehen. Und darum suchten beide, obgleich sie einander versprochen hatten, sich wiederzusehen, dieses Wiedersehen nicht, und so sahen sie sich während Nechliudows Aufenthalt in Petersburg auch nicht wieder. 24 Als Nechliudow und der Advokat den Senat verließen, gingen sie zusammen auf dem Trottoir entlang. Seinen Wagen ließ der Advokat nachfahren, und er erzählte Nechliudow die Geschichte des Departementsdirektors, von dem die Senatoren gesprochen hatten – wie es herauskam, und wie er, anstatt in Zwangsarbeit zu kommen, die ihm von Gesetzes wegen bevorstand, jetzt als Gouverneur nach Sibirien ging. Als er diese Geschichte in ihrer ganzen Abscheulichkeit zu Ende erzählt hatte und, mit ganz besonderem Vergnügen, noch eine Geschichte davon, wie verschiedene hochgestellte Leute Geld gestohlen hatten, das für ein noch nicht fertiges Denkmal gesammelt war, an dem sie heute früh vorbeigefahren waren, und noch eine davon, wie die Mätresse des Herrn Soundso Millionen an der Börse gewonnen, und ein anderer Soundso seine Frau verkauft, und ein dritter Soundso sie gekauft hatte, begann der Advokat einen neuen Bericht über die Gaunereien und vielartigen Verbrechen der höchsten Würdenträger des Staates, die nicht im Gefängnis, sondern auf Präsidentenlehnstühlen in verschiedenen Staatsbehörden säßen. Die Erzählungen, deren Vorrat offenbar unerschöpflich war, gewährten dem Advokaten großes Vergnügen, indem sie ihm mit voller Klarheit zeigten, daß die Mittel, die er, der Advokat, gebrauche, um sich Geld zu verschaffen, vollkommen korrekt und unschuldig waren im Vergleich mit den Mitteln, welche zu demselben Zweck die höchsten Würdenträger in Petersburg anwendeten. Und deshalb war der Advokat sehr verwundert, als Nechliudow sich, ohne seine letzte Geschichte von den Verbrechen der höchsten Würdenträger zu Ende zu hören, von ihm verabschiedete, eine Droschke nahm und nach Hause fuhr. Nechliudow war sehr wehmütig ums Herz. Es war ihm wehmütig, hauptsächlich weil das abschlägige Urteil der Senatoren die sinnlose Quälerei der unschuldigen Maslowa bestätigte, und weil dieses Urteil seinen unabänderlichen Entschluß, sein Schicksal mit dem ihren zu vereinigen, noch schwieriger machte. Diese Wehmut verstärkte sich noch mehr bei den schrecklichen Geschichten von der Herrschaft des Bösen, über welche der Advokat mit solcher Freude gesprochen hatte und außerdem erinnerte er sich unaufhörlich an den unguten, kalten, abstoßenden Blick des ehemals lieben, offenen, edlen Selenin. Als Nechliudow nach Hause kam, reichte ihm der Portier mit einer gewissen verächtlichen Miene einen Brief, den im Vorzimmer irgendeine Frau, wie sich der Portier ausdrückte, geschrieben hatte. Es war ein Zettel von der Mutter der Schustowa. Sie schrieb, daß sie dem Wohltäter, dem Retter ihrer Tochter, zu danken gekommen sei, und außerdem, um ihn zu bitten, ihn anzuflehen, er möchte sie, Wasiljewskij-Ostrow, 5. Linie, Wohnung soundso, doch besuchen. Es wäre dringend nötig, schrieb sie ihm, für Wera Jefremowna. Er solle nicht fürchten, daß man ihn mit Dankesäußerungen belästigen werde; man werde nicht von Dank sprechen, sondern man werde sich einfach freuen, ihn zu sehen. Wäre es nicht möglich, daß er morgen vormittag käme? Ein anderer Brief war von Nechliudows gewesenem Kameraden, dem Flügeladjutanten Bogatyriow, den er gebeten hatte, die von ihm ausgefertigte Bittschrift im Namen der Sektierer eigenhändig dem Kaiser zu übergeben. Bogatyriow schrieb mit seiner großen, entschiedenen Handschrift, daß er sie, wie versprochen, direkt in die Hände des Kaisers legen werde, aber ihm sei der Gedanke gekommen, ob es nicht besser wäre, daß Nechliudow zuerst die Person besuche, von welcher die Sache abhänge, und sich dort dafür verwende. Nechliudow befand sich nach den Eindrücken der letzten Tage seines Aufenthalts in Petersburg in dem Zustande völliger Hoffnungslosigkeit, etwas zu erreichen. Seine in Moskau entworfenen Pläne kamen ihm vor, wie jene Jünglingsträumereien, mit denen die ins Leben tretenden Menschen unvermeidlich Enttäuschungen erleben. Aber dennoch hielt er es jetzt, da er schon in Petersburg war, für seine Pflicht, alles zu erfüllen, was er tun wollte, und er beschloß, schon morgen, nachdem er Bogatyriow besucht, seinen Rat zu befolgen und zu der Person zu fahren, von der die Sache der Sektierer abhing. Gerade hatte er aus seiner Mappe die Bittschrift der Sektierer genommen und las sie noch einmal durch, als ein Lakai der Gräfin Katharina Iwanowna anklopfte und eintrat, mit der Einladung, nach oben zum Tee kommen zu wollen. Nechliudow sagte, er werde sofort kommen, legte die Papiere in die Mappe und ging zu der Tante. Auf dem Wege nach oben blickte er durch das Fenster auf die Straße und sah Mariettes Füchse, und ihm war plötzlich unerwartet fröhlich zumute, und er bekam Lust zu lächeln. Mariette im Hut, aber nicht mehr im schwarzen, sondern in einem hellen, bunten Kleide, saß mit einer Tasse in der Hand neben dem Lehnstuhl der Gräfin und zwitscherte etwas, ihre schönen, lächelnden Augen glänzten. In dem Augenblick, als Nechliudow ins Zimmer trat, hatte Mariette eben etwas so Lächerliches und unanständig Lächerliches gesagt – das merkte Nechliudow an der Art ihres Lachens – daß die gutmütige, schnurrbärtige Katharina Iwanowna, an ihrem ganzen dicken Leib bebend, sich vor Lachen ausschütten wollte; und Mariette sah besonders »mischievous« – sie zog ihren lächelnden Mund ein wenig schief und neigte ihr energisches und lustiges Gesicht auf die Seite – schweigend die Hausfrau an. Nechliudow erriet nach einigen Worten, daß sie von der zweiten Petersburger Tagesneuigkeit sprachen, von dem neuen sibirischen Gouverneur, und daß Mariette gerade darüber etwas so Lächerliches gesagt hatte, daß die Gräfin sich lange nicht fassen konnte. »Du wirst mich noch umbringen«, sagte sie, sich außer Atem hustend. Nechliudow begrüßte sie und setzte sich zu ihnen. Er wollte gerade Mariette wegen ihres Leichtsinns innerlich tadeln, als sie, den ernsten und leicht unzufriedenen Ausdruck seines Gesichtes gewahrend, sogleich, um ihm zu gefallen – das wollte sie, seit sie ihn gesehen hatte – nicht nur den Ausdruck ihres Gesichtes, sondern ihre ganze Gemütsverfassung änderte. Sie wurde plötzlich ernst, unzufrieden mit ihrem Leben und suchte, strebte nach etwas; sie verstellte sich nicht etwa, sondern sie eignete sich wirklich eben die Gemütsverfassung an, in welcher Nechliudow in diesem Augenblicke war, – obgleich sie durchaus nicht imstande gewesen wäre, in Worten auszudrücken, worin sie bestand. Sie fragte ihn, wie er seine Angelegenheiten erledigt habe. Er erzählte von dem Mißerfolg im Senat, von seiner Begegnung mit Selenin. »Ach! Welch eine reine Seele! Das ist wirklich der chevalier sans peur et sans reproche. Eine reine Seele«, sagten die beiden Damen, indem sie Selenin das ständige Epitheton beilegten, unter welchem er in der ganzen Gesellschaft bekannt war. »Wie ist seine Frau?« fragte Nechliudow. »Die Frau? Nun, ich will nichts gegen sie sagen. Aber sie versteht ihn nicht.« »Wie war denn die Sache? War er auch für die Ablehnung?« fragte sie mit aufrichtigem Mitgefühl. »Es ist schrecklich, wie bedauere ich Sie!« fügte sie seufzend hinzu. Er runzelte die Stirn, und um den Gesprächsgegenstand zu wechseln, sprach er von der Schustowa, die in der Festung inhaftiert gewesen und auf ihre Fürsprache hin entlassen war. Er dankte ihr für ihre Verwendung bei ihrem Mann und wollte davon sprechen, wie schrecklich es sei zu denken, daß diese Frau und ihre ganze Familie gelitten habe, nur weil niemand an sie gedacht hätte. Aber sie ließ ihn nicht zu Ende sprechen und gab selber ihrer Entrüstung Ausdruck. »Sprechen Sie mir nicht darüber«, sagte sie. »Als mein Mann mir sagte, daß sie entlassen werden könne, dachte ich genau dasselbe. Weswegen hat man sie denn überhaupt festgehalten, wenn sie unschuldig ist?« sagte sie, das aussprechend, was Nechliudow sagen wollte. »Das ist doch empörend, empörend!« Gräfin Katharina Iwanowna merkte, daß Mariette mit ihrem Neffen kokettierte, und das machte ihr Spaß. »Weißt du was?« sagte sie, als sie verstummten. »Fahre morgen abend zu Aline, Kiesewetter wird bei ihr sein. Und du auch«, wandte sie sich an Mariette. »Il vous a remarqué«, sagte sie zu ihrem Neffen. »Er hat mir gesagt, daß alles, was du gesprochen hast – ich habe es ihm erzählt – alles das ein gutes Zeichen sei, und daß du unbedingt zu Christus kommst. Unbedingt fahre hin. Sag' ihm, Mariette, daß er kommen soll, und geh' du selber auch hin.« »Ich habe, Gräfin, erstens kein Recht, dem Fürsten etwas zu raten,« sagte Mariette, indem sie Nechliudow anblickte und durch diesen Blick ein vollkommenes Einverständnis mit ihm herstellte über die Worte der Gräfin und bezüglich des Evangeliums, »und zweitens habe ich es nicht besonders gern, Sie wissen ...« »Ja, du machst immer alles umgekehrt, nach deiner Art.« »Wieso nach meiner Art? Ich glaube, wie eine ganz einfache Frau«, sagte sie lächelnd. »Und drittens,« fuhr sie fort, »gehe ich morgen ins Französische Theater.« »Ach! Aber hast du die gesehen – die ... nun, wie heißt sie doch?« sagte Gräfin Katharina Iwanowna. Mariette nannte den Namen einer berühmten französischen Schauspielerin. »Da mußt du unbedingt hin, das ist wunderbar.« »Wen muß ich denn zuerst sehen, ma tante, die Schauspielerin oder den Prediger?« fragte Nechliudow lächelnd. »Bitte, klammere dich nicht an die Worte.« »Ich glaube, erst den Prediger und dann die französische Schauspielerin, sonst läuft man Gefahr, ganz den Geschmack an der Predigt zu verlieren«, sagte Nechliudow. »Nein, lieber mit dem Französischen Theater anfangen und dann bereuen«, sagte Mariette. »Nun, halten Sie mich nicht zum besten! Prediger ist Prediger, und Theater ist Theater. Um seine Seele zu retten, braucht man nicht das Gesicht ein Arschin lang zu ziehen und immer nur zu weinen. Man muß nur glauben, und dann wird einem heiter zumute.« »Sie, ma tante, predigen besser als alle Prediger.« »Wissen Sie was,« sagte Mariette überlegend, »kommen Sie morgen zu mir in meine Loge.« »Ich fürchte, es wird mir nicht möglich sein.« Das Gespräch unterbrach ein Lakai, der einen Besucher meldete. Es war der Sekretär einer wohltätigen Gesellschaft, deren Präsidentin die Gräfin war. »Nun, das ist ein sehr langweiliger Herr. Ich will ihn lieber nebenan empfangen. Dann komme ich wieder zu Ihnen. Geben Sie ihm Tee, Mariette«, sagte die Gräfin und ging mit ihrem raschen, wiegenden Schritt in den Saal. Mariette zog einen Handschuh aus und entblößte ihre energische, ziemlich flache Hand mit dem von Ringen bedeckten Goldfinger. »Wollen Sie?« sagte sie, indem sie die silberne Teekanne über der Spirituslampe anfaßte und den kleinen Finger seltsam ausspreizte. Ihr Gesicht wurde ernst und schwermütig. »Mir tut es schrecklich, schrecklich weh, zu denken, daß die Leute, auf deren Meinung ich viel halte, mich mit meiner Stellung verwechseln.« Es war, als sei sie bereit, zu weinen, als sie die letzten Worte sprach, und obgleich diese Worte, bei näherer Betrachtung, entweder keinen Sinn hatten, oder doch einen sehr unbestimmten, erschienen sie Nechliudow ungewöhnlich tief, aufrichtig und gut: so zog ihn der Blick der jungen, schönen, gutgekleideten Frau an, welcher diese Worte begleitete. Nechliudow sah sie schweigend an und konnte seine Augen nicht von ihrem Gesicht losreißen. »Sie glauben, daß ich Sie und alles, was in Ihnen vorgeht, nicht verstehe? Es ist ja allen bekannt, was Sie getan haben. C´est le secret de Polichinelle. Und ich bin entzückt davon, und ich billige Ihr Tun!« »Bei Gott, kein Grund, entzückt zu sein. Ich habe noch so wenig ausgerichtet.« »Das ist gleich. Ich verstehe Ihr Gefühl, und ich verstehe Sie, – nun gut, nun gut, ich werde nicht mehr davon sprechen,« unterbrach sie sich selber, als sie auf seinem Gesicht etwas wie Mißvergnügen bemerkte, »aber ich verstehe auch, daß, nachdem Sie alle Leiden, alle Greuel der Gefängnisse gesehen haben,« sprach Mariette, indem sie nur eins wünschte, nämlich ihn für sich zu gewinnen, und mit ihrem Fraueninstinkt alles erriet, was ihm wichtig und teuer war, »Sie den Leidenden helfen wollen, den so schrecklich, so schrecklich durch die Menschen, durch Gleichgültigkeit, durch Grausamkeiten Leidenden .... Ich begreife, wie man dafür sein Leben opfern kann, und ich selber würde es opfern. Aber jeder hat sein Schicksal ....« »Sind Sie denn mit Ihrem Schicksal unzufrieden?« »Ich?« fragte sie, gleichsam betroffen vor Verwunderung, daß man sie darüber befragen könne. »Ich muß zufrieden sein, und ich bin zufrieden. Aber es gibt einen Wurm, der aufwacht ....« »Und man muß ihn nicht einschlafen lassen, man muß dieser Stimme glauben«, sagte Nechliudow, vollkommen ihrem Betrug unterliegend. Nachher erinnerte sich Nechliudow oft mit Beschämung an sein ganzes Gespräch mit ihr; er erinnerte sich an ihre nicht sowohl lügenhaften, als nur ihm nachgemachten Worte und an jenen Gesichtsausdruck voll gleichsam gerührter Aufmerksamkeit, mit welchem sie ihm zuhörte, als er ihr von den Greueln des Gefängnisses und von seinen Eindrücken im Dorfe erzählte. Als die Gräfin zurückkehrte, sprachen sie nicht nur wie alte, sondern wie ganz nahe Freunde, die allein einander verstehen inmitten des sie nicht verstehenden Haufens. Sie sprachen von der Ungerechtigkeit der Staatsgewalt, von den Leiden der Unglücklichen, von der Armut des Volks, aber im Grunde genommen fragten ihre einander anblickenden Augen fortwährend während des Gespräches: »Kannst du mich lieben?« und antworteten: »Ich kann«; und ihr Geschlechtstrieb nahm die unerwartetsten, buntfröhlichsten Formen an und zog sie zueinander. Als sie sich verabschiedete, sagte sie, sie sei immer bereit, ihm zu dienen, womit sie könne und bat ihn, unbedingt morgen abend zu ihr ins Theater zu kommen, wenn auch nur für eine Minute, sie habe eine wichtige Sache mit ihm zu besprechen. »Wann werde ich Sie also wiedersehen?« fügte sie mit einem Seufzer hinzu und zog vorsichtig den Handschuh auf die von Ringen bedeckte Hand. »Sagen Sie, daß Sie kommen!« Nechliudow versprach es. In dieser Nacht, als Nechliudow allein in seinem Zimmer war, sich in das Bett gelegt und das Licht ausgelöscht hatte, konnte er lange nicht einschlafen. Während er der Maslowa und des Senatsspruches gedachte und gedachte, daß er beschlossen, dennoch ihr nachzureisen, seines Verzichtes auf seinen Grundbesitz gedachte, erschien ihm plötzlich, als Antwort auf diese Fragen, Mariettes Gesicht: ihr Seufzer und der Blick, mit dem sie gesagt hatte: »Wann werde ich Sie wiedersehen?« und ihr Lächeln so deutlich, als sähe er es wirklich, und er lächelte selber. »Ob ich gut daran tue, nach Sibirien zu gehen? Und ob ich gut tue, auf meinen Reichtum zu verzichten?« fragte er sich. Und die Antworten auf diese Fragen, in dieser hellen Petersburger Nacht, die durch die nicht fest zugezogenen Vorhänge leuchtete – waren unbestimmt. Alles war wirr in seinem Kopf. Er rief in sich seine frühere Stimmung zurück, erinnerte sich an seine früheren Gedankengänge; aber diese Gedanken hatten schon nicht mehr die frühere Überzeugungskraft. »Am Ende habe ich mir all das so ausgedacht und bin nicht imstande, danach zu leben, werde vielleicht bereuen, daß ich gut gehandelt habe«, sagte er zu sich, und unfähig, diese Fragen zu beantworten, fühlte er eine solche Angst und Verzweiflung, wie er sie schon lange nicht mehr empfunden hatte; unvermögend, sich in diesen Fragen zurechtzufinden, fiel er endlich in jenen schweren Schlaf, welcher ihn früher nach einem großen Spielverlust zu befallen pflegte. 25 Das erste, was Nechliudow fühlte, als er am anderen Morgen aufwachte, war, daß er abends zuvor irgendeine Abscheulichkeit begangen habe. Er sann nach: eine Abscheulichkeit hatte er nicht begangen, eine schlechte Handlung auch nicht, aber Gedanken hatte er gehabt, schlechte Gedanken darüber, daß alle seine jetzigen Vorsätze: die Heirat mit Katjuscha, die Abtretung des Landes an die Bauern, – daß alles das unausführbare Träumereien seien, daß er all das nicht werde aushalten können, daß all das gekünstelt, unnatürlich sei, und daß er so weiterleben müsse, wie er bisher gelebt. Eine schlechte Handlung hatte er nicht begangen, aber – was noch viel schlimmer ist als eine schlechte Handlung – Gedanken hatte er gehabt, aus welchen alle schlechten Handlungen entspringen. Eine schlechte Handlung kann man unwiederholt lassen und kann sie bereuen, schlechte Gedanken aber erzeugen schlechte Handlungen. Eine schlechte Handlung glättet nur den Weg zu anderen schlechten Handlungen, schlechte Gedanken aber ziehen einen unaufhaltsam auf diesem Wege fort. Als Nechliudow am Morgen sich die gestrigen Gedanken zurückrief, staunte er darüber, wie er, wenn auch nur für eine Minute, ihnen hatte Glauben schenken können. Wie neu und schwierig das auch sein mochte, was er zu tun gesonnen war, er wußte, daß dies das einzige für ihn jetzt mögliche Leben war, und wie gewohnt und leicht es auch sein mochte, zu dem früheren Leben zurückzukehren, er wußte, daß das den Tod bedeuten würde. Die gestrige Verführung kam ihm jetzt vor wie das, was mit einem Menschen zu geschehen pflegt, wenn er schlaftrunken ist und wenn er auch nicht weiterschlafen, so doch noch ein wenig im Bette faulenzen und behaglich liegen möchte, trotzdem er weiß, daß es Zeit ist, aufzustehen, um eine wichtige und freudige Sache zu tun, die auf ihn wartet. An diesem Tage, dem letzten Tag seines Aufenthalts in Petersburg, fuhr er früh nach Wasiljewskij-Ostrow zu der Schustowa. Die Wohnung der Schustowa lag im ersten Stock. Nechliudow geriet nach Befragung des Hausbesorgers auf die Hintertreppe, und über eine gerade, steile Treppe kam er direkt in eine heiße, schwer nach Speisen riechende Küche. Eine Frau, schon bei Jahren, mit aufgestreiften Ärmeln, in einer Schürze und mit einer Brille, stand am Kochherd und rührte in einer dampfenden Kasserolle etwas um. »Zu wem wollen Sie?« fragte sie streng, indem sie den Hereintretenden über die Brille hinweg anblickte. Nechliudow hatte sich kaum genannt, als das Gesicht der Frau einen erschrockenen und freudigen Ausdruck annahm. »Ach, Fürst!« schrie die Frau auf, indem sie die Hände an der Schürze abwischte. »Aber warum kommen Sie über die Hintertreppe? Unser Wohltäter! Ich bin ihre Mutter. Man hat das Mädchen ja beinahe ganz zugrunde gerichtet. Unser Retter«, sprach sie, indem sie Nechliudow an der Hand faßte und sie zu küssen suchte. »Ich bin gestern bei Ihnen gewesen. Meine Schwester hat mich darum besonders gebeten. Sie ist hier. Hierher, hierher, bitte, mir nach«, sprach die Mutter der Schustowa, als sie Nechliudow durch die enge Tür, den dunklen, kleinen Korridor begleitete und unterwegs bald den aufgeschürzten Rock, bald die Haare ordnete. »Meine Schwester ist die Kornilowa – wahrscheinlich haben Sie gehört?« fügte sie flüsternd hinzu, indem, sie vor der Tür stehenblieb. »Sie war in politische Sachen verwickelt. Eine sehr kluge Frau.« Die Mutter Schustowa öffnete die Korridortür und führte Nechliudow in ein kleines Zimmerchen; dort saß vor einem Tisch auf einem kleinen Diwan ein nicht hochgewachsenes, volles Mädchen in einer gestreiften Kattunbluse, mit sich kräuselnden blonden Haaren, die ihr rundes und sehr blasses, dem der Mutter ähnliches Gesicht umrahmten. Ihr gegenüber, in einem Lehnstuhl, saß, wie zusammengeklappt, ein junger Mann mit schwarzem Bärtchen in einem russischen Hemd mit gesticktem Kragen. Beide waren augenscheinlich so ins Gespräch vertieft, daß sie sich erst umblickten, als Nechliudow schon durch die Tür eingetreten war. »Lida, Fürst Nechliudow, du weißt...« Das blasse Mädchen sprang nervös auf, indem sie eine sich hinter dem Ohr vordrängende Locke ordnete, und ließ erschrocken ihre großen, grauen Augen auf dem Hereintretenden haften. »Also Sie sind das gefährliche Mädchen, für welches Wera Jefremowna gebeten hat«, sagte Nechliudow lächelnd und reichte ihr die Hand. »Ja, ich bin es«, sagte Lydia und lächelte mit dem ganzen Munde ein gutes, kindliches Lächeln, das eine Reihe schöner Zähne zeigte. »Die Tante wünschte Sie so sehr zu sehen. Tante!« wandte sie sich an diese durch die Tür, mit angenehmer, zarter Stimme. »Wera Jefremowna war sehr betrübt über Ihre Verhaftung«, sagte Nechliudow. »Hierher, oder setzen Sie sich lieber hierher«, sprach Lydia, indem sie auf den weichen, gebrechlichen Lehnstuhl wies, von dem der junge Mann eben aufgestanden war. »Mein Vetter Sacharow«, sagte sie, den Blick bemerkend, mit dem Nechliudow den jungen Mann ansah. Der junge Mann begrüßte den Gast ebenso gutmütig lächelnd wie Lydia, und als Nechliudow sich auf seinen Platz setzte, nahm er sich einen Stuhl, der am Fenster stand und setzte sich neben ihn. Aus der anderen Tür kam noch ein blonder Gymnasiast, etwa sechzehn Jahre alt, und ließ sich schweigend auf dem Fensterbrett nieder. »Wera Jefremowna ist eine nahe Freundin der Tante, ich aber kenne sie fast nicht«, sagte Lydia. In dem Augenblick trat aus dem anstoßenden Zimmer eine Frau, mit sehr angenehmem, klugem Gesicht, in einer weißen Bluse mit einem ledernen Gürtel. »Guten Tag, nun, besten Dank, daß Sie gekommen sind«, fing sie an, sobald sie sich auf den Diwan neben Lydia gesetzt hatte. »Nun, wie geht es Werotschka? Haben Sie sie gesehen? Wie erträgt sie denn ihre Lage?« »Sie klagt nicht,« sagte Nechliudow, »sie sagt, ihr Bewußtsein sei olympisch.« »Ach, Werotschka, daran erkenne ich sie«, sagte die Tante lächelnd und den Kopf schüttelnd. »Man muß sie kennen. Sie ist ein prächtiger Mensch. Alles für die anderen, nichts für sich.« »Ja, sie wollte nichts für sich und war nur um Ihre Nichte besorgt. Es quälte sie hauptsächlich, daß sie, wie sie sagte, ohne jeden Grund verhaftet worden sei.« »Das ist wahr«, sagte die Tante. »Es ist eine ganz schreckliche Sache! Gelitten hat sie eigentlich meinetwegen.« »Aber ganz und gar nicht, Tante«, sagte Lydia. »Ich würde auch ohne Sie die Papiere genommen haben.« »Nun, erlaube mir das besser zu wissen«, fuhr die Tante fort. »Sehen Sie,« wandte sie sich an Nechliudow, »alles ist daher gekommen, daß jemand mich bat, seine Papiere eine Zeitlang aufzubewahren, und weil ich keine Wohnung hatte, brachte ich sie ihr. Bei ihr aber nahm man in derselben Nacht eine Haussuchung vor und nahm sie samt ihren Papieren in Gewahrsam; und nun hat man sie bis jetzt festgehalten und verlangt, sie solle sagen, von wem sie die Papiere hatte.« »Und ich habe es doch nicht gesagt«, sagte rasch Lydia, nervös an der Locke zupfend, obgleich die sie nicht störte. »Aber ich sage ja nicht, daß du es gesagt hast«, erwiderte die Tante. »Daß Mitin verhaftet wurde, daran bin ich nicht schuld«, sagte Lydia, wurde rot und sah sich unruhig um. »Aber rede doch nicht davon, Lidotschka«, sagte die Mutter. »Warum nicht, ich will es erzählen«, sagte Lydia, schon nicht mehr lächelnd, sondern rot und ordnete ihre Locke nicht mehr, sondern drehte sie, sich fortwährend umblickend, um den Finger. »Was war gestern, als du davon sprechen wolltest?« »Gar nichts... Lassen Sie, Mamachen. Ich habe es nicht gesagt, ich habe nur geschwiegen. Als er mich zweimal über die Tante und über Mitin verhörte, habe ich nichts gesagt und ihm erklärt, daß ich ihm nichts antworten werde. Dann hat dieser ... Petrow...« »Petrow, ein Spitzel, ein Gendarm und großer Schuft«, fügte die Tante ein, die Worte ihrer Nichte Nechliudow erläuternd. »Dann fing er an,« fuhr Lydia eilig und aufgeregt fort, »mir zuzureden. Alles, sagte er, was Sie mir sagen, kann niemandem schaden, sondern im Gegenteil. Wenn Sie es sagen, so befreien Sie die Unschuldigen, die wir vielleicht umsonst quälen. Nun, aber ich habe ihm trotzdem gesagt, daß ich nichts sage. Dann sagte er: ›Nun gut, sagen Sie nichts, nur verneinen Sie nicht, was ich sage.‹ Und er begann die Namen zu sagen und nannte Mitin.« »Aber rede doch nicht«, sagte die Tante. »Ach, Tante, stören Sie mich nicht...« und sie zog ohne Aufhören an ihrer Locke und blickte sich immer um. »Und plötzlich, stellen Sie sich vor, erfahre ich am anderen Tage – man teilte es mir durch Klopfen mit – daß Mitin festgenommen ist. Nun, denke ich, ich habe ihn verraten. Und dies begann mich so zu quälen, so zu quälen, daß ich beinahe verrückt geworden bin.« »Und es erwies sieh, daß er durchaus nicht durch deine Schuld verhaftet wurde«, sagte die Tante. »Aber ich wußte es ja nicht. Ich denke, ich habe ihn verraten. Ich gehe und gehe von einer Wand zur anderen, ich mußte immer denken. Ich dachte, ich habe ihn verraten. Ich legte mich hin, deckte mich zu und hörte, es flüsterte mir jemand ins Ohr: du hast ihn verraten, du hast Mitin verraten, Mitin hast du verraten. Ich weiß, es ist eine Halluzination, und muß doch immer horchen. Ich will einschlafen, kann nicht, will nicht denken, kann auch das nicht. Das war wirklich schrecklich!« sprach Lydia, sich immer mehr und mehr aufregend, indem sie ihre Locke um den Finger wickelte und wieder entrollte und sich wieder umsah. »Lidotschka, beruhige dich doch«, wiederholte die Mutter und berührte sie an der Schulter. Aber Lidotschka konnte sich nicht mehr halten. »Das ist deswegen so schrecklich...« fing sie noch an, aber sie schluchzte, ohne ausgesprochen zu haben, sprang vom Diwan auf, und sich an dem Lehnstuhl stoßend, lief sie aus dem Zimmer. Die Mutter ging ihr nach. »Aufhängen, all die Schurken!« stieß der Gymnasiast hervor, der auf dem Fenster saß. »Was hast du?« fragte die Mutter. »Ich habe nichts... nur so ...« antwortete der Gymnasiast, griff nach einer auf dem Tische liegenden Zigarette und setzte sie in Brand. 26 »Ja, für die jungen Leute ist diese Einzelhaft entsetzlich«, sagte die Tante, mit dem Kopf schüttelnd und gleichfalls eine Zigarette nehmend. »Ich glaube, für alle«, sagte Nechliudow. »Nein, nicht für alle«, antwortete die Tante. »Für wirkliche Revolutionäre – erzählte man mir – ist es ein Ausruhen, eine Beruhigung. Die ›Illegalen‹ leben ewig in Aufregung, in materiellen Entbehrungen, in Angst für sich wie für die anderen und für ihre Sache; endlich wird man festgenommen, und alles ist aus, und die ganze Verantwortlichkeit ist weg: ›sitz und ruh dich aus‹. Man sagte mir, geradezu eine Freude empfinde man, wenn man festgenommen wird. Nun, aber für die Jungen, für die Unschuldigen – immer faßt man zuerst die Unschuldigen, wie Lidotschka – für diese ist der erste Chok grauenhaft. Nicht, daß man sie der Freiheit beraubt, sie roh behandelt, schlecht ernährt, die schlechte Luft... überhaupt alle Entbehrungen – alles das macht nichts. Wären es dreimal mehr Entbehrungen, würde man all das leicht ertragen; wenn nur nicht dieser moralische Chok wäre, den man hat, wenn man zum ersten Male hineinfällt.« »Haben Sie es erfahren?« »Ich? Ich habe zweimal gesessen«, sagte die Tante und lächelte ein schwermütiges, angenehmes Lächeln. »Als ich zum ersten Male festgenommen wurde – und ganz grundlos festgenommen –« fuhr sie fort, »war ich zweiundzwanzig Jahre alt; ich hatte ein Kind und war schwanger. Wie schwer mir damals die Freiheitsentziehung, die Trennung von Kind und Mann auch fiel, es war nichts im Vergleich mit dem, was ich empfand, als ich verstand, daß ich aufgehört hatte, ein Mensch zu sein und eine Sache geworden war. Ich will meinem Töchterchen Lebewohl sagen, – man sagt mir, ich soll gehen und mich in die Droschke setzen. Ich frage, wo man mich hinbringt, – man antwortet mir, ich werde es erfahren, wenn ich da sei. Ich frage: wessen bin ich angeklagt? Man antwortet mir nicht. Als man mich nach dem Verhör entkleidet, mir das Gefängniskleid mit der Nummer angezogen, mich unter die Gewölbe geführt, die Tür aufgeschlossen, mich hineingestoßen, das Schloß geschlossen hatte und weggegangen war, und nur die Wache mit dem Gewehr dablieb, die schweigend hin und her ging und hie und da in die Spalte meiner Tür hineinblickte, wurde mir schrecklich schwer zumute. Mich hat, ich erinnere mich, am meisten der Umstand erschüttert, daß der Gendarmerieoffizier mir beim Verhör zu rauchen anbot. Er weiß also, wie gern die Leute rauchen, er weiß also auch, wie die Leute Freiheit und Licht lieben; er weiß, wie die Mütter ihre Kinder, die Kinder ihre Mütter lieben – nun, warum haben sie mich denn so unbarmherzig von allem, was mir teuer, losgerissen und mich wie ein wildes Tier eingesperrt? Das kann man nicht ungestraft ertragen. Wenn jemand an Gott und an die Menschen geglaubt hat, daran, daß die Menschen einander lieben, so hört er nach diesem auf, an all das zu glauben. Ich habe seit der Zeit aufgehört, an die Menschen zu glauben, und wurde erbittert«, schloß sie und lächelte. Aus der Tür, durch welche Lydia gegangen war, kam ihre Mutter und erklärte, daß Lidotschka sich unwohl fühle und nicht wiederkommen werde. »Und weswegen hat man das junge Leben verpfuscht? Besonders weh tut es mir,« sagte die Tante, »weil ich die unfreiwillige Ursache dazu war.« »So Gott will, wird sie sich in der Landluft erholen«, sagte die Mutter. »Wir schicken sie zum Vater.« »Ja, wenn nicht Sie gewesen wären, wäre sie ganz zugrunde gegangen«, sagte die Tante. »Besten Dank Ihnen. Sie sehen wollte ich gern, um Sie zu bitten, Wera Jefremowna einen Brief zu bringen«, sagte sie, einen Brief aus der Tasche ziehend. »Der Brief ist nicht geschlossen. Sie können ihn lesen und zerreißen, oder abgeben, was mehr Ihren Überzeugungen entspricht«, sagte sie. »In dem Brief ist nichts Kompromittierendes.« Nechliudow nahm den Brief, versprach, ihn abzugeben, stand dann auf, verabschiedete sich und trat auf die Straße hinaus. Den Brief klebte er zu, ohne ihn zu lesen und beschloß, ihn richtig abzuliefern. 27 Die letzte Angelegenheit, die Nechliudow in Petersburg aufhielt, war die Sache der Sektierer, deren Bittschrift an den Zaren er durch seinen ehemaligen Regimentskameraden, den Flügeladjutanten Bogatyriow, überreichen lassen wollte. Am Morgen fuhr er zu Bogatyriow und traf ihn noch zu Hause, beim Frühstück, obgleich schon zur Abfahrt bereit. Bogatyriow war ein nicht sehr großer, stämmiger Mann von seltener physischer Kraft – er konnte Hufeisen biegen – dabei gut, ehrlich, gradsinnig und sogar liberal. Trotz dieser Eigenschaften stand er dem Hofe nahe, liebte den Zaren und seine Familie und verstand auf irgendeine merkwürdige Weise, in diesem höchsten Kreise lebend, in demselben nur das Gute zu sehen und an nichts Schlechtem und Unehrlichem teilzunehmen. Er verurteilte nie, weder Menschen noch Maßregeln, sondern schwieg entweder oder sprach mit kühner, lauter Stimme, schrie gleichsam, was er zu sagen hatte, wobei er oft ebenso laut lachte. Und er tat das nicht aus Berechnung, sondern weil sein Charakter so war. »Nun, das ist wunderschön, daß du kommst. Willst du nicht ein bißchen frühstücken Hier setze dich. Das Beefsteak ist wunderbar! Ich fange immer mit dem Wesentlichen an und schließe ebenso. Hahaha. Nun, sonst trink' Wein«, schrie er, auf die Karaffe mit Rotwein zeigend. »Aber ich habe an dich gedacht. Die Bittschrift überreiche ich. In eigene Hände werde ich sie übergeben, das ist sicher, aber es kam mir nur in den Kopf, ob es nicht besser wäre, wenn du zuerst Toporow besuchtest.« Nechliudow machte eine saure Miene bei der Erwähnung von Toporow. »Alles hängt von ihm ab. Man wird ihn ja sowieso fragen. Und er selber wird dich vielleicht zufriedenstellen.« »Wenn du mir rätst, so will ich ihn aufsuchen.« »Also schön. Nun wie ist's in ›Piter‹? Wie wirkt die Stadt auf dich?« schrie Bogatyriow. »Sage, ah?« »Ich fühle, daß ich einer Hypnose verfalle«, sagte Nechliudow. »Einer Hypnose verfällst du?« wiederholte Bogatyriow und lachte laut auf. »Willst du nicht, – nun wie du willst!« Er wischte sich mit der Serviette den Schnurrbart. »Also du fährst zu ihm? Ah? Wenn er's nicht tut, so gib sie mir, schon morgen werde ich sie abgeben«, schrie er, stand vom Tische auf und bekreuzte sich mit einem breiten Kreuz, augenscheinlich ebenso unbewußt wie er den Mund abgewischt hatte, und begann den Säbel umzuschnallen. »Jetzt aber lebe wohl, ich muß fort.« »Wir können zusammen gehen«, sagte Nechliudow, indem er mit Vergnügen die starke, breite Hand Bogatyriows drückte. Und, wie immer, unter dem angenehmen Eindruck von etwas Gesundem, Unbewußtem, Frischem trennte er sich von ihm auf dem Flur seines Hauses. Obgleich er nichts Gutes von seinem Besuch erwartete, fuhr er dennoch auf Bogatyriows Rat zu Toporow, derjenigen Person, von der die Sache der Sektierer abhing. Das Amt, welches Toporow bekleidete, schloß seinem Wesen nach einen inneren Widerspruch in sich, den nur ein stumpfsinniger und jedes moralischen Gefühls entbehrender Mensch nicht sehen konnte. Toporow besaß diese beiden negativen Eigenschaften. Der Widerspruch in dem von ihm bekleideten Amt bestand darin, daß die Bestimmung seines Amtes die Unterstützung und Verteidigung durch äußere Mittel – Gewalt nicht ausgeschlossen – eben derjenigen Kirche war, die, nach ihrer eigenen Definition, von Gott selber gegründet war und die weder durch die Pforten der Hölle, noch durch irgendwelche menschliche Bemühungen erschüttert werden konnte. Diese göttliche und durch nichts zu erschütternde Institution Gottes sollte von der menschlichen Institution unterstützt und verteidigt werden, an deren Spitze Toporow mit seinen Beamten stand. Toporow sah diesen Widerspruch nicht oder wollte ihn nicht sehen, und daher war er sehr ernsthaft darum besorgt, daß nicht irgendein Pater, Pastor oder Sektierer die Kirche zerstöre, welche die Pforten der Hölle nicht überwinden können. Toporow, wie alle Leute, denen das fundamentale religiöse Gefühl, das Bewußtsein der Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen, fehlt, war vollkommen überzeugt, daß das Volk aus vollständig anderen Geschöpfen bestehe als er selber, und daß für das Volk das unumgänglich notwendig sei, was er sehr gut entbehren könne. Er selber glaubte in der Tiefe seiner Seele an nichts und fand diesen Zustand sehr bequem und angenehm; aber er fürchtete, das Volk könne auch in einen solchen Zustand geraten und hielt es, wie er sagte, für seine heilige Pflicht, das Volk davor zu behüten. Ebenso wie es in einem Kochbuch heißt, daß »die Krebse es lieben, lebendig gekocht zu werden«, war er vollkommen überzeugt – und zwar nicht figürlich, wie der Ausdruck in dem Kochbuch zu verstehen ist – sondern er glaubte und sprach es auch wörtlich aus, daß das Volk es liebe, abergläubisch zu sein. Er verhielt sich gegen die von ihm unterstützte Religion so, wie ein Hühnerzüchter sich gegen das Aas verhält, womit er seine Hühner füttert: Aas ist sehr unangenehm, aber die Hühner haben es gern und fressen es, und daher muß man sie mit Aas füttern. Versteht sich, alle wundertätigen Muttergottesbilder, die Iwerskaja, die Kasanskaja, die Smolenskaja, sind eine sehr grobe Abgötterei, aber das Volk hat sie gern und glaubt daran, und darum muß man diesen Aberglauben unterstützen. So dachte Toporow, ohne zu verstehen, daß, wenn es ihm schien, daß das Volk den Aberglauben gern habe, das nur so war, weil sich immer grausame Menschen gefunden haben und noch finden, wie er, Toporow, die, selber aufgeklärt, ihr Licht nicht dazu verwenden, wozu sie es brauchen sollten, nämlich zum Besten des aus der Finsternis der Unwissenheit sich mühsam herausarbeitenden Volks, sondern im Gegenteil nur, um es darin festzuhalten. Als Nechliudow in das Empfangszimmer trat, sprach Toporow in seinem Kabinett mit einer Nonne, einer Äbtissin, einer gewandten Aristokratin, die in Westrußland unter den gewaltsam bekehrten Unierten die Rechtgläubigkeit verbreitete und unterstützte. Ein Beamter für besondere Aufträge, der sich in dem Empfangszimmer befand, befragte Nechliudow über seine Sache, und als er erfuhr, daß Nechliudow es übernommen, dem Kaiser eine Bittschrift der Sektierer zu übergeben, fragte er ihn, ob er ihm nicht die Bittschrift zur Durchsicht geben könne. Nechliudow gab sie ihm, und der Beamte ging mit der Bittschrift ins Kabinett. Die Nonne in der Haube, mit dem flatternden Schleier und der sich hinter ihr herziehenden schwarzen Schleppe, kam aus dem Kabinett, in ihren weißen zusammengelegten Händen mit den wohlgepflegten Nägeln hielt sie einen Rosenkranz aus Topasen und ging zum Ausgang. Nechliudow wurde noch immer nicht aufgefordert, einzutreten. Toporow sah die Bittschrift durch und schüttelte den Kopf. Er war unangenehm überrascht, als er die klar und energisch abgefaßte Bittschrift las. »Wenn sie in die Hände des Kaisers kommt, kann sie unangenehme Fragen und Mißverständnisse hervorrufen«, dachte er, als er die Bittschrift gelesen hatte. Er legte sie auf den Tisch, klingelte und ließ Nechliudow bitten. Er erinnerte sich der Sache dieser Sektierer, er hatte ihre Bittschrift schon gehabt. Es handelte sich darum, daß man die von der Orthodoxie abgefallenen Christen zuerst ermahnt, dann aber sie dem Gericht übergeben hatte, das sie freisprach. Darauf hatten der Bischof und der Gouverneur beschlossen, auf Grund der Ungültigkeit ihrer Ehen die Männer, Frauen und Kinder an verschiedene Verbannungsorte getrennt zu verschicken. Und diese Väter und Frauen baten jetzt, sie nicht zu trennen. Toporow erinnerte sich, wie diese Sache zum ersten Male an ihn gelangte. Schon damals schwankte er, – ob sie nicht einzustellen wäre? Aber kein Schaden konnte entstehen durch die Bestätigung der Anordnung, daß man die Glieder dieser Bauernfamilien an verschiedene Orte verschickte; ihre Belassung an den alten Orten konnte schlimme Folgen für die übrige Bevölkerung haben, nämlich den Abfall derselben von der Orthodoxie; außerdem zeugte die Maßregel von dem Eifer des Bischofs; und darum brachte er die Angelegenheit in diesem Sinne zur Erledigung. Jetzt aber, mit einem Verteidiger wie Nechliudow, der Verbindungen in Petersburg hatte, konnte die Sache dem Kaiser privatim als eine Grausamkeit vorgetragen werden, oder gar in die ausländischen Zeitungen kommen. Darum faßte er auf der Stelle einen unerwarteten Entschluß. »Guten Tag«, sagte er, mit der Miene eines sehr beschäftigten Menschen, indem er Nechliudow im Stehen empfing und sogleich zur Sache überging. »Ich kenne diese Sache. Sowie ich die Namen sah, erinnerte ich mich dieser unglücklichen Sache«, sagte er, während er die Bittschrift in die Hand nahm und sie Nechliudow zeigte. »Und ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie mich an sie erinnerten. Die Gouvernementsbehörden haben da etwas zu viel Eifer gezeigt.« Nechliudow schwieg, indem er mit widerwilligem Gefühl die unbewegliche Maske des blassen Gesichts anblickte. »Und ich werde anordnen, daß diese Maßregeln zurückgenommen, und die Leute wieder an ihren früheren Wohnort befördert werden.« »Also, ich brauche diese Bittschrift nicht weiterzuleiten?« sagte Nechliudow. »Gewiß nicht. Ich verspreche es Ihnen«, sagte er mit besonderer Betonung des Wortes »ich«, augenscheinlich vollkommen überzeugt, daß seine Ehrlichkeit, sein Wort die beste Bürgschaft sei. »Das Beste aber ist, ich schreibe sogleich. Seien Sie so gut, nehmen Sie Platz.« Er trat an den Tisch und fing an zu schreiben. Nechliudow setzte sich nicht und sah von oben auf diesen schmalen, kahlen Schädel, auf diese rasch die Feder führende Hand mit den dicken, blauen Adern, und er wunderte sich: »Warum tut er das, was er tut, und tut es so voll Eifer – dieser augenscheinlich gegen alles gleichgültige Mann? Warum?« »Also hier ist's«, sagte Toporow, das Kuvert schließend. »Sie können es Ihren ›Klienten‹ kundgeben«, fügte er hinzu, die Lippen wie zu einem Lächeln verziehend. »Weswegen haben denn diese Leute leiden müssen?« sagte Nechliudow, das Kuvert entgegennehmend. Toporow erhob den Kopf und lächelte, als ob Nechliudows Frage ihm Vergnügen machte. »Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich kann nur sagen, daß die von uns beschützten Interessen des Volks so wichtig sind, daß zu großer Eifer in den Fragen der Religion nicht so sehr zu befürchten und schädlich ist, wie die jetzt sich verbreitende zu große Gleichgültigkeit gegen sie.« »Aber auf welche Weise werden denn im Namen der Religion die allerersten Forderungen des Guten verletzt: die Familien getrennt?« Toporow lächelte noch immer ebenso nachsichtig, da er augenscheinlich das, was Nechliudow sprach, sehr hübsch fand. Was Nechliudow auch sagen mochte, Toporow würde alles hübsch und einseitig finden von der Höhe jenes, wie er glaubte, weiten, staatsumfassenden Standpunkts, auf welchem er sich befand. »Vom Standpunkte eines Privatmenschen kann es so erscheinen,« sagte er, »vom Standpunkte des Staatsmannes stellt es sich etwas anders dar. Übrigens, ich habe die Ehre«, sagte Toporow, den Kopf neigend und Nechliudow die Hand reichend. Nechliudow drückte sie und ging schweigend und eilig hinaus, indem er bereute, daß er diese Hand gedrückt hatte. »Interessen des Volkes«, wiederholte er Toporows Worte. »Deine Interessen, nur deine«, dachte er, als er Toporow verließ. Und als Nechliudow in Gedanken all die Personen an sich vorbeiziehen ließ, an welchen die Tätigkeit der Institutionen zutage trat, welche die Gerechtigkeit pflegen, die Religion unterstützen und das Volk erziehen: das Weib, das wegen unerlaubten Branntweinhandels bestraft war, der Junge, der wegen Diebstahls, der Vagabund, der wegen Landstreicherei, der Brandstifter, der wegen Brandlegung, der Bankier, der wegen Unterschlagung bestraft war, und dazu noch diese unglückliche Lydia, die man nur bestrafte, um von ihr die nötigen Erkundigungen zu erpressen, und die Sektierer, die man für den Abfall von der Orthodoxie, und Gurkewitsch, den man wegen seines Verlangens nach einer Konstitution bestrafte, – als er all dieser Menschen gedachte, kam Nechliudow mit ungewöhnlicher Klarheit der Gedanke, daß man sie alle ergriffen, eingeschlossen und verschickt habe nicht etwa, weil sie sich gegen die Gerechtigkeit vergangen, die Gesetze verletzt hatten, sondern nur, weil sie die Beamten und die Reichen störten, den Reichtum zu genießen, den sie dem Volke abgenommen hatten. Diese störte sowohl das Weib, das ohne Erlaubnis handelte, wie der Dieb, der sich in der Stadt herumtrieb, wie Lydia mit ihren Proklamationen, wie die Sektierer, die den Aberglauben zerstören, und Gurkewitsch mit seiner Konstitution. Und daher schien es Nechliudow vollkommen klar, daß alle diese Beamten, von dem Mann seiner Tante, den Senatoren und Toporow angefangen, bis zu allen jenen kleinen, sauberen, korrekten Herren, die an den Tischen in den Ministerien saßen, nicht darüber betroffen waren, daß bei solcher Ordnung Unschuldige leiden, sondern nur besorgt waren, alle irgendwie Gefährlichen zu beseitigen, so daß nicht nur das Gebot, zehn Schuldigen zu verzeihen, damit kein Unschuldiger verurteilt werde, nicht beobachtet wurde, sondern daß, im Gegenteil, ebenso wie man auch das Frische mitnimmt, um das Verfaulte wegzuschneiden, durch die Strafe zehn Ungefährliche beseitigt wurden, um einen wirklich Gefährlichen zu beseitigen. Diese Erklärung alles dessen, was geschah, schien Nechliudow sehr einfach und klar, aber gerade diese Einfachheit und Klarheit ließen ihn in der Anerkennung derselben schwankend werden. Es kann doch nicht sein, daß eine so komplizierte Erscheinung eine so einfache und schreckliche Erklärung hat; es kann doch nicht sein, daß all jene Worte von der Gerechtigkeit, vom Guten, Gesetz, Glauben, von Gott und dergleichen bloße Worte sind, die den gröbsten Eigennutz, die roheste Grausamkeit verdecken! 28 Nechliudow wäre noch an demselben Tage abends abgereist, aber er hatte Mariette versprochen, zu ihr ins Theater zu kommen, und obgleich er wußte, daß er das besser nicht hätte tun sollen, fuhr er dennoch hin, gegen sein Gewissen handelnd, weil er sich durch das gegebene Wort für gebunden hielt. Abgesehen davon, daß er Mariette noch einmal sehen wollte, hatte er auch den Wunsch, sich zu einem letzten Mal noch dieser Welt gegenüber zu sehen, die ihm früher so nah, jetzt aber so fremd war. »Ob ich wohl diesen Verleitungen widerstehen kann?« dachte er, nicht ganz aufrichtig. »Das will ich zum letztenmal sehen.« Er zog den Frack an und kam gerade zum zweiten Akt der ewigen »Dame aux camélias«, in welcher eine gastierende Schauspielerin wieder eine neue Art zeigte, wie schwindsüchtige Frauen sterben. Das Theater war voll, und man wies Nechliudow sogleich Mariettes Loge, voll Achtung für ihn, der danach fragen durfte. Im Korridor stand ein Lakai in Livree, verbeugte sich vor ihm, wie vor einem Bekannten, und öffnete ihm die Tür. Alle Reihen der gegenüberliegenden Logen mit den sitzenden und hinter ihnen stehenden Gestalten, die nahen Rücken und grauen, halbgrauen, kahlen, glatzigen, pomadisierten, gekräuselten Köpfe der im Parkett Sitzenden, – alle Zuschauer waren in die Betrachtung einer mit Seide und Spitzen geschmückten, mageren, knochigen Schauspielerin versunken, die sich übertrieben gebärdete und mit unnatürlicher Stimme einen Monolog sprach. Jemand zischte, als die Tür sich öffnete; zwei Luftströme, ein warmer und ein kalter, streiften über Nechliudows Gesicht. In der Loge befanden sich Mariette, eine unbekannte Dame in rotem Überwurf, mit einer großen, massigen Frisur, und zwei Herren: der General, Mariettes Mann, ein schöner, hochgewachsener Mensch mit gebogener Nase und strengem, undurchdringlichem Gesicht und mit hoher, falscher Militärbrust aus Watte und Steifleinwand, und ein blonder, kahler Mann, mit einem ausrasierten Grübchenkinn zwischen zwei feierlichen Koteletten. Mariette, graziös, schlank, elegant, dekolletiert, mit ihren starken, muskulösen, abfallenden Schultern, auf deren Übergang zum Halse ein kleines schwarzes Muttermal dunkelte, blickte sich sogleich um, und Nechliudow mit dem Fächer den Stuhl hinter sich zeigend, lächelte sie ihm bewillkommnend, dankbar und, scheinbar, bedeutungsvoll zu. Ihr Mann blickte ruhig, so wie er alles zu tun pflegte, auf Nechliudow und neigte den Kopf. Man erkannte sogleich in ihm, an dem Blick, den er mit seiner Frau wechselte, einen Herrscher, den Besitzer einer schönen Frau. Als der Monolog zu Ende war, dröhnte lauter Beifall durch das Theater. Mariette stand auf, ging, den rauschenden, seidenen Rock zusammenraffend, in den hinteren Teil der Loge und machte ihren Mann mit Nechliudow bekannt. Der General lächelte mit den Augen unaufhörlich, und nachdem er gesagt, daß er sich sehr freue, schwieg er ruhig und undurchdringlich. »Ich hätte heute eigentlich abreisen müssen, aber ich hatte es Ihnen nun einmal versprochen«, sagte Nechliudow, sich an Mariette wendend. »Wenn Sie mich nicht sehen wollen, so werden Sie wenigstens eine wunderbare Schauspielerin sehen«, sagte Mariette, indem sie auf den Sinn seiner Worte antwortete. »Nicht wahr, wie schön war sie in der letzten Szene?« wandte sie sich an ihren Mann. Der Mann neigte den Kopf. »Das rührt mich nicht«, sagte Nechliudow. »Ich habe heute so viel wirkliches Unglück gesehen, daß ...« »Aber nehmen Sie Platz, erzählen Sie.« Der Mann hörte zu und lächelte immer ironischer mit den Augen. »Ich war bei jener Frau, die man jetzt freigelassen hat, die man so lange festgehalten hatte, – sie ist ganz gebrochen.« »Das ist die Frau, von der ich dir gesprochen habe«, sagte Mariette zu ihrem Mann. »Ja, ich war sehr froh, daß man sie befreien konnte«, erwiderte er ruhig, mit dem Kopf nickend und schon ganz ironisch, wie es Nechliudow schien, unter dem Schnurrbart lächelnd. »Ich gehe rauchen.« Nechliudow saß voller Erwartung, daß Mariette ihm das sagen sollte, was sie ihm zu sagen hatte, aber sie sagte nichts und versuchte nicht einmal, etwas zu sagen, sondern sie scherzte nur und sprach von dem Stück, das, nach ihrer Meinung, Nechliudow besonders ergreifen mußte. Nechliudow sah, daß sie ihm nichts zu sagen hatte, sie wollte sich ihm nur zeigen in dem vollen Reiz ihrer Abendtoilette, mit ihren Schultern und dem Muttermal, und das war ihm angenehm und widerlich zugleich. Jener Schleier des Reizes, der früher über all dem gelegen, war jetzt für Nechliudow zwar nicht gehoben, aber er sah, was unter ihm war. Er sah Mariette mit Wohlgefallen an, aber er wußte, daß sie eine Lügnerin sei, die mit einem Mann lebte, der seine Karriere um den Preis der Tränen und des Lebens von Hunderten und aber Hunderten von Menschen machte, und daß ihr das ganz gleich sei, und daß alles, was sie gestern gesprochen, nicht wahr war und daß sie Lust hatte – er wußte nicht weshalb, und sie selber wußte es nicht – ihn in sich verliebt zu machen. Und das war für ihn anziehend und widrig. Er war einige Male im Begriff, wegzugehen, nahm den Hut und blieb wieder. Endlich aber, als der Gatte mit dem Tabaksgeruch in seinem dichten Schnurrbart in die Loge zurückkehrte und Nechliudow gönnerhaft-verächtlich anblickte, als erkenne er ihn nicht, ging Nechliudow, ohne die Tür sich erst hinter dem General schließen zu lassen, in den Korridor, nahm seinen Paletot und verließ das Theater. Als er über den Newskij nach Hause zurückkehrte, bemerkte er unwillkürlich vor sich eine hochgewachsene, sehr schön gebaute und herausfordernd geputzte Frau, die ruhig über den Asphalt des breiten Trottoirs schritt; man sah auf ihrem Gesicht und in ihrer ganzen Figur das Bewußtsein ihrer abscheulichen Macht. Alle dieser Frau Begegnenden und sie Überholenden sahen sie an. Nechliudow ging schneller als sie, und auch er blickte unwillkürlich in ihr Gesicht. Das Gesicht, wahrscheinlich bemalt, war schön, und die Frau lächelte Nechliudow zu und blitzte ihn mit den Augen an. Und, wunderbar, Nechliudow erinnerte sich sogleich an Mariette, weil er dasselbe Gefühl der Anziehung und Abstoßung empfand wie im Theater. Als er sie eilig überholt hatte, bog Nechliudow in die Morskaja ein, und als er auf dem Kai war, begann er, zur Verwunderung des Polizisten, dort auf und ab zu gehen. »Ebenso lächelte mir auch jene im Theater zu, als ich eintrat,« dachte er, »und derselbe Sinn war in jenem und in diesem Lächeln. Der Unterschied liegt nur darin, daß die eine einfach und gerade sagt: ›Brauchst du mich, so nimm mich. Brauchst du mich nicht, so geh' weiter.‹ Die andere aber verstellt sich, als denke sie nicht an so etwas, sondern lebe in höchsten, verfeinerten Gefühlen, im Grunde ist es aber doch genau dasselbe. Diese ist wenigstens wahrhaft, jene aber lügt. Noch mehr, diese ist durch die Not in ihre Lage gebracht worden, jene aber spielt, ergötzt sich an dieser schönen, widerwärtigen, fürchterlichen Leidenschaft. Diese, die Frau von der Straße, ist stinkendes, schmutziges Wasser, das demjenigen angeboten wird, dessen Durst stärker ist als der Ekel; jene im Theater ist Gift, welches unmerkbar alles vergiftet, wohin es gerät.« Nechliudow erinnerte sich an sein Verhältnis mit der Frau des Adelsmarschalls, und schändliche Erinnerungen stiegen in ihm auf. »Widrig ist das tierische Element im Menschen«, dachte er, »aber wenn es ungemischt ist, so siehst du es von der Höhe deines geistigen Lebens und verachtest es; bist du gefallen, oder konntest du widerstehen, du bleibst derselbe, der du gewesen; aber wenn das Tier sich unter einer vermeintlich ästhetischen, poetischen Hülle verbirgt und Verehrung für sich verlangt, dann versinkst du ganz darin, und indem du das Tier anbetest, unterscheidest du nicht mehr Gutes vom Bösen. Dann ist es schrecklich!« Nechliudow sah das jetzt ebenso klar, wie er die Paläste, die Schildwachen, die Festung, den Fluß, die Boote, die Börse sah. Und wie keine beruhigende und Erholung bringende Dunkelheit in dieser Nacht auf der Erde lag, sondern ein unklares, unlustiges, unnatürliches Licht aus unsichtbarer Quelle, ebenso war in Nechliudows Seele keine Erholung bringende Dunkelheit der Unwissenheit mehr. Alles war klar. Es war klar, daß alles, was für wichtig und gut gilt, nichtig oder abscheulich ist, und daß all dieser Glanz, all diese Pracht alte, allen gewohnte Verbrechen verdeckt, nicht nur unbestrafbare, sondern triumphierende und mit all dem Reiz ausgeschmückte, den die Menschen nur erdenken können. Nechliudow wünschte, es zu vergessen, es nicht zu sehen, aber er konnte schon nicht mehr umhin, es gewahr zu werden. Obgleich er die Quelle jenes Lichtes nicht wahrnahm, das ihm all das zeigte – wie er die Quelle des über Petersburg liegenden Lichtes nicht sah – und obgleich dieses Licht ihm unklar, unlustig, unnatürlich schien, konnte er doch nicht umhin, alles, was sich ihm in diesem Licht offenbarte, wahrzunehmen, und es war ihm zu gleicher Zeit freudig und ängstlich zumute. 29 Als Nechliudow in Moskau eintraf, begab er sich zunächst in das Gefängniskrankenhaus, um der Maslowa die traurige Nachricht zu bringen, daß der Senat das Urteil des Gerichts bestätigt habe, und daß sie sich zur Abreise nach Sibirien vorbereiten müsse. Auf die Bittschrift an die Allerhöchste Stelle, die ihm der Advokat aufgesetzt hatte, und die er jetzt der Maslowa ins Gefängnis zur Unterschrift mitbrachte, setzte er wenig Hoffnung. Aber, seltsamerweise, er wünschte jetzt auch keinen Erfolg. Er hatte sich mit dem Gedanken der Reise nach Sibirien und des Lebens unter den Verschickten und Zwangsarbeitern innerlich vertraut gemacht, und es fiel ihm schwer, sich vorzustellen, wie er sein Leben und das Leben der Maslowa gestalten würde, wenn man sie freispräche. Er erinnerte sich an die Worte des amerikanischen Schriftstellers Thoreau, der, als in Amerika noch die Sklaverei herrschte, sagte: »Das Gefängnis ist der einzige Ort, der dem ehrlichen Bürger eines Staates geziemt, in dem die Sklaverei gesetzlich Geltung hat und unterstützt wird.« Ebenso dachte Nechliudow, besonders seit seiner Reise nach Petersburg und nach all dem, was er dort erfahren hatte. »Ja, der einzige geziemende Ort für ehrliche Menschen zu jetziger Zeit in Rußland ist das Gefängnis!« dachte er. Und er fühlte das sogar unmittelbar, als er sich dem Gefängnis näherte, in seine Mauern trat. Der Portier des Krankenhauses erkannte Nechliudow und teilte ihm gleich mit, daß die Maslowa nicht mehr bei ihnen sei. »Wo ist sie denn?« »Wieder im Gefängnis.« »Warum hat man sie denn wieder dorthin geschickt?« fragte Nechliudow. »Was ist das für ein Volk, Erlaucht!« sagte der Portier, verächtlich lächelnd, »sie hat einen Liebeshandel mit dem Heilgehilfen angefangen und der Oberarzt hat sie weggeschickt.« Nechliudow hatte gar nicht geglaubt, daß die Maslowa und ihr Seelenzustand ihn so nahe anging. Diese Nachricht betäubte ihn fast. Er hatte ein Gefühl, wie es Menschen bei der Nachricht von einem unerwarteten großen Unglück haben müssen. Ihm war sehr weh zumute. Das erste, was er bei dieser Nachricht fühlte, war Scham. Vor allem erschien er sich selber lächerlich mit seiner freudigen Vorstellung von ihrer vermeintlich sich ändernden Gemütsverfassung. All dieses Gerede, daß sie sein Opfer nicht annehmen wolle, die Vorwürfe und Tränen, all das waren, dachte er, nur Kunstgriffe einer verdorbenen Frau, die ihn nur um so besser auszunutzen hoffte. Er glaubte jetzt, daß er schon bei seinem letzten Besuch Anzeichen der Unverbesserlichkeit, die jetzt hervortrat, an ihr wahrgenommen habe. Alles das fuhr durch sein Hirn, als er instinktiv den Hut aufsetzte und das Krankenhaus verließ. »Aber was soll ich jetzt tun?« fragte er sich. »Bin ich an sie gebunden? Bin ich nicht jetzt eben durch diese ihre Handlung frei geworden?« fragte er sich. Aber kaum hatte er sich diese Frage gestellt, als er sogleich begriff, daß, wenn er sich für frei halte und sie verlasse, er nur sich selber strafe und nicht sie, was er doch wollte, und ihm wurde ängstlich zumute. »Nein, das was geschah, kann meinen Entschluß nicht ändern, sondern nur bestärken. Laß sie tun, was aus ihrem Seelenzustand folgt – ist es ein Liebeshandel mit dem Heilgehilfen, so mag es ein Liebeshandel mit dem Heilgehilfen sein –, das ist ihre Sache. Meine Sache aber ist, zu tun, was mein Gewissen von mir fordert,« sagte er zu sich, »mein Gewissen verlangt das Opfer meiner Freiheit, um meine Sünde zu sühnen; und mein Entschluß, sie zu heiraten, wenn auch in fiktiver Ehe, und ihr zu folgen, wohin man sie auch schickt, bleibt unverändert«, sagte er zu sich mit bösem Trotz, und das Krankenhaus verlassend, ging er entschiedenen Schrittes zu dem Gefängnistor. Als er zum Tor kam, bat er den diensthabenden Aufseher, dem Inspektor zu melden, daß er die Maslowa sehen möchte. Der Aufseher kannte Nechliudow und teilte ihm, wie einem Bekannten, eine wichtige Gefängnisneuigkeit mit. Der Hauptmann sei verabschiedet, und seine Stelle nehme ein anderer, strenger Vorsteher ein. »Und streng ist es jetzt geworden, ein wahres Elend«, sagte der Aufseher. »Er ist jetzt hier, man wird Sie sofort melden.« Wirklich war der Inspektor im Gefängnis und kam bald zu Nechliudow heraus. Der neue Inspektor war ein hochgewachsener, knochiger Mann mit vorstehenden Backenknochen, sehr langsam in seinen Bewegungen und finster. »Besuche sind nur an den bestimmten Tagen im Besuchszimmer gestattet«, sagte der Inspektor, ohne Nechliudow anzusehen. »Aber ich muß ihr eine Bittschrift an die Allerhöchste Stelle zum Unterschreiben geben.« »Sie können sie mir geben.« »Ich muß die Gefangene selber sehen. Früher hat man es mir immer erlaubt.« »Das war früher«, sagte der Inspektor und blickte Nechliudow flüchtig an. »Ich habe die Erlaubnis vom Gouverneur«, beharrte Nechliudow, indem er die Brieftasche zog. »Bitte«, sagte der Inspektor, immer ebenso, ohne ihm ins Gesicht zu sehen; nahm mit seinen langen, trockenen, weißen Fingern, von denen der Zeigefinger einen Ring trug, das ihm von Nechliudow gereichte Papier und las es langsam. »Bitte, kommen Sie ins Bureau«, sagte er. Im Bureau war diesmal niemand anwesend. Der Inspektor setzte sich an den Tisch und wühlte in vor ihm liegenden Papieren, augenscheinlich gesonnen, bei der Zusammenkunft selber anwesend zu sein. Als Nechliudow fragte, ob er nicht die politische Gefangene Bogoduchowskaja sehen könne, antwortete der Inspektor kurz, das sei unmöglich. »Zusammenkünfte mit den Politischen sind nicht zulässig«, sagte er und vergrub sich wieder in seine Papiere. Da Nechliudow den Brief an die Bogoduchowskaja in der Tasche hatte, fühlte er sich in der Lage eines schuldbewußten Menschen, dessen Absichten entdeckt und vereitelt sind. Als die Maslowa ins Bureau trat, hob der Inspektor den Kopf, und ohne die Maslowa oder Nechliudow anzusehen, sagte er: »Bitte!« und fuhr fort, sich mit seinen Papieren zu beschäftigen. Die Maslowa trug wie früher eine weiße Jacke, Rock und Kopftuch. Als sie sich Nechliudow näherte und sein kaltes, böses Gesicht sah, wurde sie dunkelrot und ließ die Augen sinken, während sie mit der Hand an dem Saum der Jacke hintastete. Ihre Befangenheit war für Nechliudow die Bestätigung dessen, was der Krankenhausportier gesagt hatte. Nechliudow wollte mit ihr umgehen wie das vorige Mal, aber er konnte ihr nicht, wie er wollte, die Hand reichen, so sehr war sie ihm jetzt widerwärtig. »Ich habe Ihnen eine schlechte Nachricht mitgebracht«, sagte er mit ruhiger Betonung, ohne sie anzusehen und ohne ihr die Hand zu geben. »Der Senat hat abgelehnt.« »Das wußte ich schon im voraus«, sagte sie mit seltsamer Stimme, als ersticke sie. Früher hätte Nechliudow gefragt, warum sie sage, daß sie es im voraus gewußt; jetzt blickte er sie nur an. Ihre Augen waren voll Tränen. Aber das besänftigte ihn nicht nur nicht, sondern reizte ihn noch mehr gegen sie. Der Inspektor stand auf und begann im Zimmer hin und her zu gehen. Trotz all dem Widerwillen, den Nechliudow jetzt gegen die Maslowa empfand, hielt er es dennoch für nötig, ihr sein Bedauern bezüglich der abschlägigen Antwort des Senats auszudrücken. »Geben Sie die Hoffnung nicht auf,« sagte Nechliudow, »die Bittschrift an die Allerhöchste Stelle kann Erfolg haben, und ich hoffe, daß...« »Ich spreche ja nicht davon...« sagte sie, während sie ihn kläglich mit ihren nassen, schielenden Augen ansah. »Aber wovon denn?« »Sie waren im Krankenhause, und man hat Ihnen gewiß von mir gesagt ...« »Was soll das? Das ist doch Ihre Sache«, sagte Nechliudow kalt und stirnrunzelnd. Das zum Schweigen gebrachte grausame Gefühl gekränkten Stolzes erhob sich in ihm mit neuer Kraft, als sie das Krankenhaus erwähnte. Er, ein Weltmann, den zu heiraten jedes Mädchen aus den höchsten Kreisen für ein Glück halten würde, hatte sich dieser Frau als Mann angeboten, und sie hatte nicht warten können; sie hatte Liebeshändel mit einem Heilgehilfen angefangen, dachte er, sie mit Haß anblickend. »Unterschreiben Sie nun die Bittschrift«, sagte er, holte aus der Tasche ein großes Kuvert und legte es auf den Tisch. Sie wischte die Tränen mit dem Zipfel des Kopftuches ab, und im Begriff, sich an den Tisch zu setzen, fragte sie ihn, wo und was sie schreiben solle. Er zeigte ihr, wo und was zu schreiben sei, und sie ließ sich nieder, indem sie mit der linken Hand den Ärmel der rechten ordnete; er aber stand hinter ihr und sah schweigend ihren gegen den Tisch gebeugten und hie und da von verhaltenem Schluchzen bebenden Rücken, und in seiner Seele kämpften böse und gute Gefühle: das des gekränkten Stolzes und das des Mitleids mit ihr, der Leidenden, und das letztere Gefühl siegte. Was zuerst geschah: ob er sie zuerst in seinem Herzen bemitleidete, oder ob er sich zuerst an sich erinnerte, an seine Sünden, an seine Abscheulichkeit, gerade in bezug auf das, was er ihr jetzt vorwarf, wußte er nicht. Aber plötzlich, zu gleicher Zeit, fühlte er sich schuldig und empfand mit ihr Mitleid. Als sie die Bittschrift unterschrieben und den tintebeschmierten Finger am Rock abgewischt hatte, stand sie auf und blickte ihn an. »Was nun auch komme, und was überhaupt geschehen möge, – nichts wird meinen Entschluß ändern«, sagte Nechliudow. Der Gedanke, daß er ihr verzeihe, verstärkte das Gefühl des Mitgefühls und der Zärtlichkeit für sie, und er wünschte sie zu trösten. »Was ich gesagt habe, werde ich tun. Wo man Sie auch hinschickt – ich werde mit Ihnen sein.« »Das hat keinen Zweck«, unterbrach sie ihn eilig und strahlte ganz auf. »Denken Sie darüber nach, was Sie für die Reise brauchen.« »Es wäre wohl nichts Besonderes. Ich danke Ihnen.« Der Inspektor näherte sich ihnen, und Nechliudow, ohne seine Mahnung abzuwarten, verabschiedete sich von ihr und ging hinaus, indem er ein früher nie erfahrenes Gefühl stiller Freude, Ruhe und Liebe für alle Menschen empfand. Das Bewußtsein, daß nichts, was die Maslowa tun könne, seine Liebe zu ihr ändern würde, freute ihn und erhob ihn auf eine nie von ihm empfundene Höhe. Mag sie Liebeshändel mit dem Heilgehilfen anknüpfen, das ist ihre Sache, – er selbst liebt sie nicht für sich, sondern für sie und für Gott. Die Liebeshändel mit dem Heilgehilfen aber, wegen deren die Maslowa aus dem Krankenhause gejagt worden war, und an die Nechliudow glaubte, bestanden lediglich darin, daß die Maslowa, als sie einmal auf Anordnung einer Heilgehilfin hin, um Brusttee zu holen, in die Apotheke am Ende des Korridors ging, dort den Heilgehilfen Ustinow, einen hochgewachsenen Mann mit finnigem Gesicht, allein traf, der sie schon lange mit seiner Zudringlichkeit belästigt hatte; sie wollte sich von ihm losreißen und stieß ihn so heftig weg, daß er gegen das Wandbrett polterte, von welchem zwei Gläser herunterfielen und zerbrachen. Als der gerade durch den Korridor gehende Oberarzt das Klirren des zerschlagenen Geschirrs hörte und die rot gewordene Maslowa herauslaufen sah, schrie er sie böse an. »Na, Mütterchen, wenn du hier Liebeleien anfangen willst, so mußt du fort. Was ist los?« wandte er sich an den Heilgehilfen, ihn streng über die Brille hinweg ansehend. Der Heilgehilfe begann lächelnd sich zu rechtfertigen. Der Arzt, ohne ihn zu Ende zu hören, hob den Kopf so, daß er jetzt durch die Brille sah, ging nach den Krankensälen, und noch an demselben Tage sagte er dem Inspektor, man solle an Stelle der Maslowa eine andere, etwas gesetztere Gehilfin schicken. Das waren die ganzen Liebeshändel der Maslowa mit dem Heilgehilfen. Diese Vertreibung aus dem Krankenhause unter dem Vorwand von Liebeshändeln mit Männern tat der Maslowa besonders weh, weil sie die ihr schon längst zuwider gewordenen Beziehungen zu Männern seit der Begegnung mit Nechliudow ganz besonders ekelten. Der Umstand, daß in Anbetracht ihrer früheren und jetzigen Lage jedermann, so auch der finnige Heilgehilfe, sich für berechtigt hielt, sie zu beleidigen, und daß er sich über ihre Weigerung wunderte, kränkte sie fürchterlich, rief in ihr Mitleid mit sich selbst und Tränen hervor. Jetzt, als sie zu Nechliudow kam, wollte sie sich vor ihm gegen diese unbillige Anschuldigung verteidigen, da er sie sicher gehört haben mußte. Aber als sie sich zu rechtfertigen begann, fühlte sie, daß er ihr nicht glaubte, daß ihre Rechtfertigungen seinen Verdacht nur bestätigten; die Tränen schnürten ihr die Kehle zu, und sie verstummte. Die Maslowa glaubte immer noch und redete sich das selbst weiter ein, daß sie ihm, wie sie auch bei der zweiten Zusammenkunft gesagt hatte, noch nicht verziehen habe und ihn hasse; aber sie liebte ihn längst wieder und liebte ihn so, daß sie unwillkürlich alles tat, was er von ihr verlangte: sie hörte zu trinken, zu rauchen auf, ließ das Kokettieren und trat in das Krankenhaus als Dienerin ein. Alles das hatte sie getan, weil sie wußte, daß er es wollte. Wenn sie jedesmal – so oft er es erwähnte – so entschieden ablehnte, sein Opfer, sie zu heiraten, anzunehmen, so geschah das nur, weil sie die stolzen Worte, die sie einmal gesagt hatte, wiederholen wollte, und vor allem weil sie wußte, daß die Heirat mit ihr für ihn ein Unglück sein würde. Sie war fest entschlossen, sein Opfer nicht anzunehmen; inzwischen aber war es ihr eine Qual, zu denken, daß er sie verachte, daß er glaube, sie sei immer noch dieselbe, die sie gewesen, und daß er jene Änderung nicht sähe, die sich in ihr vollzogen hatte. Der Gedanke, er könne jetzt glauben, sie habe im Krankenhause etwas Schlechtes getan, quälte sie mehr als die Nachricht, daß sie endgültig zu Zwangsarbeit verurteilt sei. 30 Es konnte geschehen, daß die Maslowa schon mit der ersten abgehenden Gefangenabteilung transportiert wurde, daher bereitete sich Nechliudow für die Abreise vor. Aber er hatte so viel zu tun, daß er fühlte, mochte er auch noch so viel freie Zeit haben, er würde seine Geschäfte nicht zu Ende bringen können. Es ging ihm vollkommen umgekehrt, als wie es ihm früher zu gehen pflegte. Früher mußte er sich den Kopf zerbrechen, was er tun solle, und der Gegenstand des Interesses war immer ein und derselbe; nämlich Dmitrij Iwanowitsch Nechliudow; und doch, trotzdem das gesamte Lebensinteresse sich damals nur auf Dmitrij Iwanowitsch konzentrierte, waren alle Beschäftigungen langweilig. Jetzt betraf alles, was er zu tun hatte, andere Menschen, nicht Dmitrij Iwanowitsch, und alles war interessant und fesselnd, und er hatte eine Menge zu tun. Noch mehr, die Beschäftigung mit den Angelegenheiten von Dmitrij Iwanowitsch hatte früher immer Ärger und Aufregung hervorgerufen; diese fremden Angelegenheiten riefen jetzt meistenteils eine freudige Stimmung hervor. Die Nechliudow zu dieser Zeit beschäftigenden Angelegenheiten zerfielen in drei Kategorien; er selber teilte sie mit gewohnter Pedanterie so ein, und dementsprechend brachte er sie in drei Mappen unter. Die erste Sache betraf die Maslowa und die ihr zu leistende Hilfe. Sie bestand in seiner Verwendung um Unterstützung der an die Allerhöchste Stelle eingereichten Bittschrift und der Vorbereitung zur Reise nach Sibirien. Als zweites galt es, die Güterangelegenheit zu ordnen. In Panowo war das Land an die Bauern abgetreten worden, unter der Bedingung der Zahlung einer Rente ihrerseits für ihre gemeinschaftlichen, bäuerlichen Bedürfnisse. Aber um diese Abmachung zu sichern, mußte man einen Vertrag und ein Vermächtnis abfassen und unterschreiben. In Kusminskoje aber blieb alles noch so, wie er selber es eingerichtet hatte: das Geld für den Boden sollte er bekommen; es mußten noch die Termine festgesetzt und bestimmt werden, wieviel von diesem Gelde er für seinen Lebensbedarf nehmen und wieviel er zugunsten der Bauern geben wollte. Da er nicht wußte, welche Ausgaben ihm bei seiner Reise nach Sibirien bevorstanden, konnte er sich noch nicht entschließen, diese letzten Einkünfte sich zu entziehen, obgleich er sie bereits auf die Hälfte vermindert hatte. Die dritte Aufgabe war seine Verwendung für die Gefangenen, deren sich immer mehr und mehr an ihn wandten. Anfangs, als er Verbindungen mit den ihn um Hilfe angehenden Gefangenen anknüpfte, verwendete er sich sogleich für sie, indem er sich Mühe gab, ihr Schicksal zu mildern; später aber erschienen so viele Bittsteller, daß er die Unmöglichkeit sah, jedem von ihnen zu helfen, so daß er unwillkürlich zu der vierten Aufgabe geführt wurde, die ihn in letzter Zeit mehr als alle übrigen beschäftigte. Diese vierte Aufgabe bestand in der Entscheidung der Frage: was ist, wozu ist und woher kommt diese wunderliche Einrichtung, die man Kriminalgericht nennt, das zur Folge jenes Gefängnis hat, dessen Bewohner er zum Teil kennengelernt hatte, und alle die Einkerkerungsorte, von der Peter-Pauls-Festung bis Sachalin, wo hunderte, tausende Opfer dieses ihm so erstaunlichen Kriminalgesetzes schmachteten? Aus dem persönlichen Verkehr mit den Gefangenen, aus den Fragen an den Advokaten, den Gefängnisgeistlichen, den Inspektor und aus den Listen der Gefangenen kam Nechliudow zu dem Schluß, daß der Bestand der Gefangenen, der sogenannten Verbrecher, in fünf Kategorien von Menschen zerfällt. Eine Kategorie, die erste, sind die vollkommen Unschuldigen, die Opfer gerichtlicher Irrtümer, wie die vermeintlichen Brandstifter Menschow, wie die Maslowa und andere. Der Leute dieser Kategorie waren nach den Beobachtungen des Geistlichen nicht sehr viele, etwa sieben Prozent, aber ihre Lage beanspruchte besonderes Interesse. Die nächste Klasse bildeten die Leute, die für Handlungen bestraft wurden, welche in Ausnahmezuständen, wie Erbitterung, Eifersucht, Rausch begangen waren, Handlungen, welche fast sicher unter solchen Umständen auch alle diejenigen begangen hätten, die richteten und straften. Diese Kategorie bildete nach Nechliudows Beobachtung vielleicht mehr als die Hälfte aller Verbrecher. Die dritte Kategorie bestand aus Leuten, die dafür bestraft wurden, daß sie ihren Begriffen nach gewöhnliche und sogar gute Handlungen vollbrachten, die aber nach den Begriffen der ihnen fremden Menschen, die die Gesetze geschrieben, als Verbrechen galten. Zu dieser Klasse gehörten die Leute, die heimlich mit Branntwein handelten oder schmuggelten, die Gras pflückten, in großen gutsherrlichen und Kronswäldern Holz sammelten. Zu dieser Kategorie gehörten auch die räuberischen Gebirgsbewohner und ferner die nichtgläubigen Leute, die die Kirchen bestahlen. Zu der vierten Abteilung gehörten die Leute, die nur darum den Verbrechern zugezählt wurden, weil sie moralisch höher als das Durchschnittsniveau der Gesellschaft stehen. So die Sektierer, so Polen, Tscherkessen, die sich ihrer Unabhängigkeit wegen empört hatten, so auch politische Verbrecher, Sozialisten und Streikende, die wegen Widersetzlichkeit gegen die Staatsgewalt verurteilt waren. Der Prozentsatz solcher Leute, der besten in der Gesellschaft, war nach Nechliudows Beobachtungen sehr groß. Die fünfte Kategorie endlich bildeten Menschen, vor denen die Gesellschaft viel mehr schuldig war, als sie vor der Gesellschaft. Das waren verkommene Leute, die durch die fortwährende Unterdrückung und durch Verleitungen verdummt waren, wie jener Knabe mit den Teppichen und Hunderte anderer Menschen, die Nechliudow im Gefängnis und außerhalb desselben gesehen, deren Lebensbedingungen sie systematisch und notwendig zu den Handlungen trieben, die Verbrechen heißen. Zu solchen Leuten gehörten nach den Beobachtungen Nechliudows sehr viele Diebe und Mörder; mit einigen von ihnen verkehrte Nechliudow zu jener Zeit. Zu dieser Klasse zählte er auch diejenigen sittlich verkommenen Menschen, welche die neue Schule »Verbrechertypus« nennt, und deren Existenz der Gesellschaft als Hauptbeweis für die Notwendigkeit des Kriminalgesetzes und der Strafe gilt. Diese sogenannten verkommenen, verbrecherischen, anormalen Typen waren nach Nechliudows Meinung nichts anderes als ebensolche Leute wie diejenigen, vor welchen die Gesellschaft mehr Schuld hat, als sie vor der Gesellschaft, aber gegen welche die Gesellschaft nicht jetzt, unmittelbar, sondern in früherer Zeit, schon gegen ihre Eltern und Vorfahren, gesündigt hat. Unter diesen Leuten machte auf ihn besonders großen Eindruck ein Rückfälliger, der Dieb Ochotin, der uneheliche Sohn einer Prostituierten, ein Zögling des Obdachlosenasyls, der augenscheinlich bis zum dreißigsten Jahre nie einen Menschen von höherer Moralität als der eines Polizeisoldaten gekannt hatte, der von Jugend auf in eine Diebesbande geraten war, und der zugleich eine ungewöhnliche komische Begabung hatte, durch welche er die Menschen für sich einnahm. Er bat Nechliudow um Schutz, indessen aber machte er sich über sich selber, über die Richter, über das Gefängnis, über alle Gesetze, nicht nur die Kriminalgesetze, sondern auch die göttlichen, lustig. Ein anderer war Feodorow, ein schöner Mann, der mit der von ihm geführten Bande einen alten Beamten getötet und beraubt hatte. Das war ein Bauer, dessen Vater man vollkommen ungesetzlich seines Hauses beraubt, der nachher Soldat gewesen und dort dafür gelitten, daß er sich in die Mätresse eines Offiziers verliebt hatte. Das war eine anziehende, leidenschaftliche Natur, ein Mensch, der um jeden Preis das Leben genießen wollte, der nie Menschen gesehen hatte, die sich aus irgendeinem Grunde Genüsse versagt hätten, und der nie ein Wort darüber gehört hatte, daß es ein anderes Lebensziel gäbe als den Genuß. Für Nechliudow war es klar, daß beide reiche Naturen und nur verwahrlost und verunstaltet waren, wie vernachlässigte Pflanzen verwahrlost und verunstaltet sind. Er hatte auch einen Vagabunden und eine Frau gesehen, die in ihrer Stumpfheit und anscheinenden Grausamkeit abstossend waren, aber er konnte durchaus nicht in ihnen jenen Verbrechertypus erblicken, von dem die italienische Schule redet, sondern er sah nur ihm persönlich widrige Leute, genau solche, wie er sie in Freiheit in Fräcken, Epauletten und Spitzen gesehen hatte. Und nun, in der Untersuchung der Frage, warum alle diese so verschiedenartigen Menschen in die Gefängnisse gesperrt waren, und andere – ebensolche Leute – in Freiheit umhergingen und sogar diese Leute richteten, bestand die vierte Aufgabe, die Nechliudow zu der Zeit beschäftigte. Anfangs hoffte Nechliudow, die Antwort in Büchern zu finden, und er kaufte alles, was diese Frage betraf. Er schaffte die Bücher von Lombroso, Garofalo, Ferri, Liszt, Maudsley und Tarde an und las diese Werke aufmerksam. Aber beim Lesen empfand er immer mehr und mehr Enttäuschung. Ihm ging es so, wie es den Leuten zu gehen pflegt, die sich an die Wissenschaft wenden, nicht um in der Wissenschaft eine Rolle zu spielen, zu schreiben, zu disputieren, zu lehren, sondern die sich an sie mit geraden, einfachen Lebensfragen wenden: die Wissenschaft beantwortete ihm tausend verschiedene, sehr geschickte und schwierige Fragen, die das Kriminalgesetz betrafen, nur nicht jene, auf die er Antwort suchte. Er fragte etwas sehr Einfaches; er fragte: warum und mit welchem Recht die einen Menschen die anderen einsperren, quälen, verschicken, peitschen und töten? Obgleich sie selber genau ebensolche Menschen sind wie diejenigen, die sie quälen, peitschen und töten. Man antwortete ihm aber mit Auseinandersetzungen darüber, ob der Mensch Willensfreiheit besitze oder nicht? Ob man einen Menschen nach den Ausmaßen seines Schädels als Verbrecher erkennen könne oder nicht? Ob es eine angeborene Unsittlichkeit gebe? Was ist Sittlichkeit? Was ist Verrücktheit? Was ist Degeneration? Was ist Temperament? Wie wirkt auf das Verbrechen Klima, Nahrung, Unwissenheit, Nachahmungstrieb, Hypnotismus, Leidenschaft? Was ist die Gesellschaft? Welches sind ihre Pflichten? Diese Auseinandersetzungen erinnerten Nechliudow an die Antwort, die er einmal von einem kleinen, aus der Schule kommenden Knaben erhalten hatte. Nechliudow hatte den Knaben gefragt, ob er schon buchstabieren könne. »Ja, das kann ich«, antwortete der Knabe. »Also buchstabiere: Pfote.« »Was für eine? Eine Hundepfote?« antwortete der Knabe mit schlauem Gesicht. Ebensolche Antworten in der Gestalt von Fragen fand Nechliudow in den wissenschaftlichen Büchern auf seine eine Grundfrage. Es war da sehr viel Kluges, Gelehrtes, Interessantes zu lesen, aber keine Antwort auf die Hauptsache: mit welchem Recht die einen die anderen bestrafen? Nicht nur fehlte diese Antwort, sondern alle Auseinandersetzungen gingen nur darauf aus, die Strafe zu erklären und zu rechtfertigen, deren Notwendigkeit als Axiom anerkannt war. Nechliudow las viel, aber unregelmäßig und nicht systematisch, und daß er keine Antwort fand, schrieb er seinem zu oberflächlichen Studium zu, hoffte später die Antwort zu finden und erlaubte sich daher noch nicht, an die Richtigkeit der Antwort zu glauben, welche sich ihm in der letzten Zeit immer öfter und öfter aufdrängte. 31 Die Abfertigung der Gefangenabteilung, mit welcher die Maslowa gehen sollte, war auf den fünften Juli angesetzt. Auch Nechliudow hielt sich bereit, an demselben Tage ihr zu folgen. Am Tage vor seiner Abreise kam seine Schwester mit ihrem Manne in die Stadt, um ihren Bruder zu sehen. Nechliudows Schwester, Natalia Iwanowna Ragoshinskaja, war zehn Jahre älter als er. Er war zum Teil unter ihrem Einfluß aufgewachsen. Sie hatte ihn als Knaben sehr lieb; dann, unmittelbar vor ihrer Heirat, hatten sie sich einander fast wie gleiche genähert: sie – ein fünfundzwanzigjähriges Mädchen, er – ein fünfzehnjähriger Knabe. Sie war damals in seinen verstorbenen Freund Nikolenka Irtenjew verliebt. Sie beide liebten Nikolenka und liebten in ihm und in sich das, was in ihnen Gutes und alle Menschen Vereinigendes war. Nach der Zeit kamen sie beide sittlich auf Abwege: er – durch den Militärdienst, schlechtes Leben; sie – durch die Ehe mit einem Mann, für den sie eine sinnliche Liebe hatte, der aber alles, was ehemals für sie und für Dmitrij das Heiligste und Teuerste war, nicht nur nicht liebte, sondern dieses nicht einmal verstand, und der jenes Streben nach moralischer Vervollkommnung, den Wunsch, der Menschheit zu dienen, dem sie einst lebte, nur der ihm allein verständlichen Eigenliebe und dem Wunsch, sich vor den Leuten zu zeigen, zuschrieb. Ragoshinskij war ein Mann ohne Namen und ohne Vermögen, aber ein sehr gewandter Beamter, der, weil er geschickt zwischen dem Liberalismus und Konservatismus lavierte und diejenige von beiden Richtungen benutzte, welche zu gegebener Zeit und in gegebenem Falle die besten Resultate für sein Leben bot und hauptsächlich, weil er durch irgend etwas besonders den Frauen gefiel, eine relativ glänzende juristische Karriere gemacht hatte. Dieser Mann, schon nicht mehr in der ersten Jugend, lernte die Nechliudows im Auslande kennen, machte Natascha, ein damals schon nicht mehr ganz junges Mädchen, in sich verliebt und heiratete sie fast gegen den Wunsch der Mutter, die in dieser Ehe eine Mesalliance sah. Obgleich Nechliudow es vor sich verbarg, obgleich er gegen dieses Gefühl ankämpfte, haßte er seinen Schwager: antipathisch war er ihm durch die Vulgarität seiner Gefühle, die selbstherrliche Beschränktheit, und hauptsächlich war er ihm antipathisch wegen der Schwester, die diese arme Natur so leidenschaftlich, egoistisch, sinnlich lieben und ihm zu Gefallen all das Gute, das in ihr war, hatte ersticken können. Nechliudow tat es immer qualvoll weh, zu denken, daß Natascha die Frau dieses haarigen, selbstüberzeugten Menschen mit der blanken Glatze war. Er konnte sogar einen Widerwillen gegen die Kinder nicht zurückhalten. Und jedesmal, wenn er erfuhr, daß sie im Begriff sei, Mutter zu werden, hatte er ein Gefühl wie Beileid, daß sie wieder von diesem, ihnen allen fremden Manne mit etwas Schlechtem angesteckt worden sei. Die Ragoshinskijs kamen allein, ohne Kinder – sie hatten zwei Kinder: einen Knaben und ein Mädchen – und nahmen das beste Zimmer im besten Hotel. Natalia Iwanowna begab sich sofort in die alte Wohnung der Mutter, aber da sie ihren Bruder hier nicht fand und von Agrafena Petrowna erfuhr, daß er eine möblierte Wohnung genommen hatte, fuhr sie dorthin. Ein schmutziger Diener, der ihr in dem dunklen, selbst am Tage künstlich erleuchteten Korridor voll schwerer Gerüche begegnete, erklärte ihr, der Fürst sei nicht zu Hause. Natalia Iwanowna wünschte in die Zimmer des Bruders zu gehen, um ihm dort einen Brief zu hinterlassen. Der Korridordiener führte sie hinein. Als Natalia Iwanowna in seine zwei kleinen Zimmer trat, sah sie sich aufmerksam um. Sie bemerkte überall die ihr bekannte Sauberkeit und Ordnungsliebe und eine sie überraschende und bei ihm ganz neue Bescheidenheit der Ausstattung. Auf dem Schreibtisch sah sie einen ihr bekannten Briefbeschwerer mit einem Bronzehündchen, die – mit ihr ebenso bekannter Sorgfalt – hingelegten Mappen, Papiere, Schreibzeug, Bände des Strafgesetzbuches, ein englisches Buch von Henry George und ein französisches von Tarde, mit einem großen geschweiften Messer aus Elfenbein darin. Sie setzte sich an den Tisch, schrieb ihm einen Zettel, in dem sie ihn bat, unbedingt zu ihr zu kommen, und zwar noch heute, und dann kehrte sie, vor Verwunderung über das, was sie gesehen, den Kopf schüttelnd, in ihr Hotel zurück. Natalia Iwanowna interessierten jetzt in bezug auf ihren Bruder zwei Fragen: seine Heirat mit Katjuscha, von welcher sie bei sich in der Stadt gehört, wo alle darüber sprachen, und die Abtretung des Landes an die Bauern, die ebenfalls allen bekannt war und vielen als etwas politisch Gefährliches galt. Die Heirat mit Katjuscha gefiel einerseits Natalia Iwanowna. Sie sah mit Wohlgefallen diese Entschlossenheit; sie erkannte darin ihn und sich selbst, wie sie beide waren in jenen schönen Zeiten vor ihrer Heirat; aber zugleich überfiel sie ein Grauen bei dem Gedanken, daß ihr Bruder eine so schreckliche Frau heirate. Das letzte Gefühl war stärker, und sie beschloß, soweit wie möglich auf ihn einzuwirken und ihn davon zurückzuhalten, obschon sie wußte, wie schwer dies sein würde. Die andere Sache, die Abtretung des Landes an die Bauern, war ihrem Herzen nicht so nah, aber ihr Mann war sehr empört darüber und verlangte von ihr eine Beeinflussung des Bruders; Ignatij Nikiforowitsch sagte, eine solche Handlung sei das Äußerste an Leichtsinn, Stolz und Untergrundlosigkeit, daß man diese Handlung, wenn überhaupt, nur aus dem Wunsch erklären könne, sich auszuzeichnen, zu prahlen, von sich reden zu machen. »Welchen Sinn hat die Abtretung des Landes an die Bauern unter Auszahlung einer Rente ihrerseits an sich selber?« sprach er. »Wenn er schon so etwas tun wollte, konnte er ihnen das Land durch die Bauernbank verkaufen. Das würde einen Sinn haben. Überhaupt – es ist eine Handlung, die ans Abnorme grenzt«, sprach Ignatij Nikiforowitsch, der schon an eine Kuratel dachte, und er verlangte von seiner Frau, sie solle mit ihrem Bruder ernsthaft über seine wunderliche Absicht reden. 32 Als Nechliudow, nach Hause zurückgekehrt, auf seinem Tisch den Zettel der Schwester fand, fuhr er sofort zu ihr. Es war am Abend. Ignatij Nikiforowitsch ruhte in dem anderen Zimmer aus, und Natalia Iwanowna empfing den Bruder allein. Sie war in einem schwarzen, seidenen Kleide mit festanliegender Taille, mit einer roten Schleife auf der Brust; ihre schwarzen Haare waren nach der Mode toupiert und frisiert. Sie machte sich augenscheinlich und mit Sorgfalt jünger für ihren Mann, der ebenso alt war wie sie. Als sie ihren Bruder sah, sprang sie vom Diwan auf, und mit raschem Schritt, mit dem seidenen Rocke rauschend, kam sie ihm entgegen. Sie küßten sich und sahen lächelnd einander an. Es vollzog sich jener geheimnisvolle, mit Worten nicht ausdrückbare, bedeutungsvolle Austausch von Blicken, in dem alles wahr war, und dann begann der Austausch von Worten, denen jene Wahrheit schon fehlte. Sie hatten sich seit dem Tode der Mutter nicht gesehen. »Du bist dicker und jünger geworden«, sagte er. Ihre Lippen kräuselten sich vor Vergnügen. »Du aber bist magerer geworden.« »Nun, wie geht's Ignatij Nikiforowitsch?« fragte Nechliudow. »Er ruht. Er hat die Nacht nicht geschlafen. Es wäre nun vieles zu sagen gewesen, aber die Worte sagten nichts, und die Blicke sagten, daß das, was zu sagen wäre, nicht gesagt wurde. »Ich bin bei dir gewesen.« »Ja, ich weiß. Ich bin aus dem Hause weggezogen. Mir ist es dort zu geräumig, zu einsam und zu langweilig. Alles das brauche ich nicht, also nimm du alles, das heißt die Möbel – alle Sachen.« »Ja. Agrafena Petrowna hat es mir gesagt. Ich bin dort gewesen. Ich danke dir sehr, aber ...« Ein Lakai des Hotels brachte ihnen ein silbernes Teeservice. Sie schwiegen, während der Lakai das Teeservice aufstellte. Natalia Iwanowna setzte sich in den Lehnstuhl, dem Tischchen gegenüber, und schüttete schweigend Tee ein. Nechliudow schwieg. »Nun, also, Dmitrij, ich weiß alles«, sagte Natascha mit Entschiedenheit und blickte ihn an. »Warum nicht? Ich freue mich sehr, daß du es weißt.« »Kannst du denn hoffen, sie zu bessern nach einem solchen Leben?« sagte sie. Er saß gerade, ohne sich anzulehnen, auf einem kleinen Stuhl, hörte ihr aufmerksam zu, indem er sich bemühte, sie ordentlich zu verstehen und ordentlich zu antworten. Die Stimmung, welche die letzte Zusammenkunft mit der Maslowa in ihm erzeugt hatte, erfüllte immer noch seine Seele mit ruhiger Freude und mit Wohlwollen gegen alle Menschen. »Ich will nicht sie, sondern mich bessern«, antwortete er. Natalia Iwanowna seufzte. »Es gibt doch noch andere Mittel, außer der Heirat.« »Ich glaube aber, dies ist das beste; außerdem, es führt mich in eine Welt, in der ich nützlich sein kann.« »Ich glaube nicht,« sagte Natalia Iwanowna, »daß du glücklich sein kannst.« »Es geht nicht um mein Glück.« »Versteht sich; aber sie, wenn sie Herz hat, kann nicht glücklich sein, kann es sogar nicht wünschen.« »Sie wünscht es ja auch nicht...« »Ich verstehe, aber das Leben ...« »Nun also was – das Leben?« »Verlangt etwas anderes.« »Es verlangt nur, daß wir tun, was wir sollen«, sagte Nechliudow, in ihr noch schönes, aber um Augen und Mund schon mit feinen Runzelchen bedecktes Gesicht blickend. »Ich verstehe nicht«, sagte sie mit einem Seufzer. »Meine Arme, Liebe! Wie konnte sie sich so verändern?« dachte Nechliudow, während er der Natascha, wie sie als unverheiratetes Mädchen gewesen, gedachte, und ein zartes, aus den zahllosen Kindheitserinnerungen gewobenes Gefühl für sie empfand. Jetzt trat Ignatij Nikiforowitsch in das Zimmer; seine Brille, Glatze und der schwarze Bart glänzten, den Kopf trug er hoch, wie gewöhnlich, die breite Brust herausgedrückt; er trat weich und leicht auf und lächelte. »Guten Tag, guten Tag«, machte er, die Worte wie absichtlich unnatürlich betonend. Trotzdem sie die erste Zeit nach der Heirat sich zu duzen versucht hatten, waren sie beim »Sie« geblieben. Sie drückten einander die Hand, und Ignatij Nikiforowitsch ließ sich leicht im Lehnstuhl nieder. »Werde ich Ihr Gespräch auch nicht stören?« »Nein, ich verberge vor niemandem, was ich spreche und was ich tue.« Kaum sah Nechliudow dieses Gesicht, diese haarigen Hände, kaum hörte er diesen gönnerhaften, selbstüberzeugten Ton, als seine sanfte Stimmung augenblicklich verschwunden war. »Ja, wir sprachen von seiner Absicht«, sagte Natalia Iwanowna. »Soll ich dir einschenken?« fügte sie hinzu, die Teekanne anfassend. »Ja, bitte! Was für eine Absicht denn?« »Jene Gefangenabteilung nach Sibirien zu begleiten, der die Frau angehört, vor welcher ich mich schuldig fühle«, brachte Nechliudow hervor. »Nicht nur zu begleiten, sondern noch mehr, wie ich gehört habe ...« »Ja, auch sie zu heiraten, falls sie will.« »Soso! Aber wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, so erklären Sie mir Ihre Motive. Ich verstehe diese noch nicht.« »Die Motive sind, daß diese Frau ... daß ihr erster Schritt auf dem Wege des Lasters ...« Nechliudow wurde böse auf sich selbst, weil er den Ausdruck nicht finden konnte. »Die Motive sind, daß ich schuldig bin, sie aber bestraft worden ist.« »Wenn sie bestraft worden ist, so ist sie wahrscheinlich nicht unschuldig.« »Sie ist vollkommen unschuldig.« Und Nechliudow erzählte mit unnötiger Aufregung die ganze Sache. »Ja, das ist eine Nachlässigkeit des Vorsitzenden, daher kommt die Unbesonnenheit der Antwort der Geschworenen. Aber es gibt für diesen Fall den Senat.« »Der Senat hat es abgelehnt.« »Nun, hat er abgelehnt, so gab es also keine genügenden Gründe für die Kassation«, sagte Ignatij Nikiforowitsch, der offenbar vollkommen die bekannte Meinung teilte, daß die Wahrheit ein Produkt gerichtlicher Verhandlungen sei. »Der Senat darf nicht auf eine Untersuchung der Sache, ihrem Wesen nach, eingehen. Wenn es wirklich ein Irrtum des Gerichts ist, so muß man die Allerhöchste Stelle anrufen.« »Die Bittschrift ist eingereicht, aber es ist keine Wahrscheinlichkeit, daß sie Erfolg hat. Man wird Erkundigungen im Ministerium einziehen. Das Ministerium wird beim Senat anfragen, der Senat wiederholt sein Verdikt. Und wie gewöhnlich wird der Unschuldige bestraft werden.« »Erstens wird das Ministerium nicht beim Senat anfragen,« sagte mit nachsichtigem Lächeln Ignatij Nikiforowitsch, »sondern es wird vom Gericht die Originalakten einfordern, und wenn es einen Fehler findet, wird es seinen Entscheid in diesem Sinne abgeben; und zweitens werden Unschuldige nie oder wenigstens in seltenen Ausnahmen bestraft, sondern bestraft werden Schuldige«, sprach, ohne sich zu beeilen, Ignatij Nikiforowitsch mit selbstzufriedenem Lächeln. »Ich habe mich vom Gegenteil überzeugt,« fing Nechliudow mit ungutem Gefühl gegen seinen Schwager an, »ich habe mich überzeugt, daß die größte Hälfte der von den Gerichten verurteilten Leute unschuldig ist.« »Wieso das?« »Einfach unschuldig, im geraden Sinn des Worts, so wie diese Frau unschuldig an der Vergiftung ist, wie der Bauer, den ich neulich kennengelernt habe, unschuldig an dem Morde ist, den er nicht begangen; wie der Sohn und die Mutter unschuldig sind an der Brandstiftung, die von dem Besitzer selbst verübt wurde, und für die sie beinah verurteilt worden wären.« »Ja, versteht sich; immer gab es Justizirrtümer, immer wird es sie geben. Eine menschliche Einrichtung kann nicht vollkommen sein.« »Und dann ist ein ungeheuer großer Teil unschuldig, weil sie, in einem bestimmten Kreise erzogen, die von ihnen vollbrachten Handlungen nicht für Verbrechen halten.« »Verzeihen Sie, das ist nicht richtig; jeder Dieb weiß, daß der Diebstahl nicht gut ist, daß man nicht stehlen soll, daß der Diebstahl unsittlich ist«, sagte Ignatij Nikiforowitsch, immer mit demselben ruhigen, selbstbewußten, etwas verächtlichen Lächeln, das Nechliudow besonders reizte. »Nein, er weiß es nicht. Man sagt ihm: stiehl nicht! Er aber sieht und weiß, daß die Fabrikanten seine Arbeit stehlen, indem sie seinen Lohn zurückbehalten, daß die Regierung mit all ihren Beamten ihn unter der Form der Steuern unaufhörlich bestiehlt.« »Das ist aber schon beinahe Anarchismus«, legte Ignatij Nikiforowitsch ruhig die Worte seines Schwagers aus. »Ich weiß nicht, was es ist; ich sage das, was ist«, fuhr Nechliudow fort. »Er weiß, daß die Regierung ihn bestiehlt, weiß, daß wir, die Grundbesitzer, ihn schon seit lange bestohlen haben, indem wir ihm das Land nahmen, welches Allgemeingut sein muß, und dann, wenn er auf diesem ihm gestohlenen Lände Reisig sammelt, um seinen Ofen zu heizen, stecken wir ihn ins Gefängnis und wollen ihm versichern, er sei ein Dieb. Er weiß ja, daß ein Dieb nicht er, sondern derjenige ist, der ihm das Land gestohlen hat, und jegliche »restitution« dessen, was ihm gestohlen wurde, seine Pflicht ist seiner Familie gegenüber.« »Ich verstehe nicht, und wenn ich verstehe, so bin ich nicht einverstanden. Der Boden muß doch jemandes Eigentum sein. Wenn Sie jetzt teilen...« fing Ignatij Nikiforowitsch an, in der vollen und ruhigen Überzeugung, daß Nechliudow ein Sozialist sei und daß die sozialistische Theorie die Verteilung des ganzen Bodens zu gleichen Teilen fordere, daß eine solche Teilung dumm sei und daß er sie leicht widerlegen könne. »Wenn Sie es heute in gleiche Teile teilen, wird er morgen schon wieder in die Hände der Arbeitsameren und Tüchtigeren übergehen.« »Aber niemand denkt daran, den Boden an alle gleich zu verteilen; der Boden soll niemandes Eigentum sein, soll kein Gegenstand des Kaufes und Verkaufes oder des Verleihens sein.« »Das Eigentumsrecht ist dem Menschen angeboren. Ohne Eigentumsrecht würde es kein Interesse an der Bebauung des Landes geben. Vernichten Sie das Eigentumsrecht, und wir kehren zum wilden Zustand zurück«, sagte Ignatij Nikiforowitsch autoritativ, indem er jenes gewöhnliche Argument zugunsten des Rechts auf das Grundeigentum vorbrachte, das für unumstößlich gilt und darin besteht, daß die Habsucht bezüglich des Grundeigentums ein Zeichen für seine Notwendigkeit sei. »Im Gegenteil; nur dann wird das Land nicht nutzlos liegen, wie jetzt, da die Grundbesitzer, wie der Hund auf dem Heu, den Boden denjenigen vorenthalten, die ihn ausnützen können; sie selber aber verstehen es nicht.« »Hören Sie, Dmitrij Iwanowitsch, das ist ja vollkommener Wahnsinn! Ist denn in unserer Zeit die Abschaffung des Grundeigentums möglich? Ich weiß, daß es Ihr altes Steckenpferd ist, aber erlauben Sie mir, Ihnen geradeheraus zu sagen...« Und Ignatij Nikiforowitsch wurde blaß, seine Stimme zitterte; diese Frage berührte ihn augenscheinlich nahe. »Ich würde Ihnen raten, diese Frage doch erst ordentlich zu überlegen, bevor Sie zu ihrer praktischen Entscheidung schreiten.« »Sie sprechen von meinen persönlichen Angelegenheiten?« »Ja. Ich glaube, daß wir alle in einen bestimmten Kreis hineingestellt sind, und daß wir die Pflichten tragen müssen, welche aus dieser Stellung entspringen; wir müssen die Lebensbedingungen des Standes unterhalten, in dem wir geboren sind, die wir von unseren Vorfahren geerbt haben und unserer Nachkommenschaft übergeben wollen.« »Ich halte für meine Pflicht...« »Erlauben Sie,« fuhr Ignatij Nikiforowitsch fort, ohne sich unterbrechen zu lassen, »ich spreche nicht in meinem Interesse oder in dem meiner Kinder; das Vermögen meiner Kinder ist gesichert; und ich verdiene so viel, daß wir sorgenfrei leben können, und ich denke, unsere Kinder werden ebenso leben können. Darum erfolgt mein Protest gegen Ihre Handlungen, die – erlauben Sie mir zu sagen – wohl nicht recht überlegt sind, nicht aus persönlichen Interessen, sondern ich kann prinzipiell nicht mit Ihnen einverstanden sein und möchte Ihnen raten, mehr nachzudenken und zu lesen . . .« »Nun, überlassen Sie mir selber, meine Sachen zu entscheiden und zu wissen, was ich lesen und was ich nicht lesen soll«, sagte Nechliudow erbleichend. Er fühlte, daß seine Hände kalt wurden, daß er nicht mehr Herr seiner selbst war. Er verstummte und begann seinen Tee zu trinken. 33 »Nun, wie geht es den Kindern?« fragte Nechliudow seine Schwester, als er sich ein wenig beruhigt hatte. Die Schwester erzählte von den Kindern, daß sie bei der Großmutter geblieben seien; und, sehr zufrieden, daß der Streit mit ihrem Manne beigelegt war, begann sie zu erzählen, daß ihre Kinder »Reise« spielten, genau wie er früher mit seinen Puppen gespielt hatte, – mit dem schwarzen Mohren und mit der Puppe, die »die Französin« hieß. »Hast du das wirklich nicht vergessen«, sagte Nechliudow lächelnd. »Stelle dir vor, sie spielen genau ebenso.« Das unangenehme Gespräch war zu Ende. Natascha beruhigte sich, doch wollte sie nicht in Gegenwart des Mannes über das sprechen, was nur dem Brüder verständlich war, und um ein gemeinsames Gespräch anzuknüpfen, begann sie über die Neuigkeit, welche von Petersburg hierhergelangt war, zu reden, nämlich von dem Kummer der Mutter Kamenskaja, die ihren einzigen Sohn verloren hatte, der im Duell gefallen war. Ignatij Nikiforowitsch äußerte seine Mißbilligung über den Rechtszustand, der die Tötung im Duell aus der Reihe der allgemeinen Kriminalverbrechen ausschloß. Diese Bemerkung rief eine Erwiderung Nechliudows hervor, und der Streit über dasselbe Thema entbrannte von neuem, wobei nichts zu Ende gesprochen wurde, wobei die Streitenden sich nicht aussprachen, sondern bei ihren gegenseitig ablehnenden Überzeugungen blieben. Ignatij Nikiforowitsch fühlte, daß Nechliudow ihn innerlich verdamme, seine ganze Tätigkeit verachte, und er wünschte, ihm die ganze Unrichtigkeit seines Urteils zu beweisen. Nechliudow aber, abgesehen von dem Unwillen, den er empfand, weil der Schwager sich in seine Angelegenheiten wegen des Grundbesitzes hineinmischte (in der Tiefe der Seele fühlte er, daß Schwager und Schwester und ihre Kinder, als seine Erben, ein Recht dazu hätten), war in seiner Seele darüber empört, daß dieser beschränkte Mensch mit voller Überzeugung und Ruhe fortfuhr, das, was jetzt ihm, Nechliudow, als unzweifelhaft sinnlos und frevelhaft erschien, für richtig und gesetzlich zu halten. Diese Selbstgewißheit reizte Nechliudow. »Was würde denn das Gericht tun?« fragte Nechliudow. »Es würde einen der beiden Duellanten, als gewöhnlichen Verbrecher, zu Zwangsarbeit verurteilen.« Nechliudows Hände wurden wieder kalt, und er begann wieder hitzig zu sprechen. »Nun, und was wäre dann?« fragte er. »Es wäre gerecht.« »Als ob die Gerechtigkeit das Ziel der richterlichen Tätigkeit bildete!« sagte Nechliudow. »Was denn sonst?« »Die Aufrechterhaltung der Klasseninteressen. Das Gericht ist, meiner Meinung nach, nur ein administratives Werkzeug zur Erhaltung der bestehenden Ordnung der Dinge, die für unsere Klasse vorteilhaft ist.« »Das ist eine vollkommen neue Ansicht«, sagte mit ruhigem Lächeln Ignatij Nikiforowitsch. »Gewöhnlich wird dem Gericht eine etwas andere Bestimmung zugeschrieben.« »Theoretisch, aber nicht praktisch, wie ich gesehen habe. Das Gericht bezweckt nur die Erhaltung der Gesellschaft in ihrer jetzigen Lage, und dazu verfolgt und züchtigt es sowohl diejenigen, die höher als das allgemeine Gesellschaftsniveau stehen und es heben wollen – die sogenannten politischen Verbrecher –, wie auch diejenigen, die unter diesem Niveau stehen – die sogenannten Verbrechertypen.« »Ich kann nicht zugeben, erstens, daß die Verbrecher – die sogenannten Politischen, darum bestraft werden, weil sie höher als das Durchschnittsniveau stehen. Meistens sind sie ein Auswurf der Gesellschaft, ebenso verdorben, wenn auch in etwas anderer Art, wie jene verbrecherischen Typen, die Sie für niedriger als das Durchschnittsniveau halten.« »Ich kenne aber Menschen, die unvergleichlich höher stehen als ihre Richter: alle Sektierer sind sittlich hochstehende Menschen, standhafte ...« Aber Ignatij Nikiforowitsch, gewohnt, daß man ihn nicht unterbrach, wenn er redete, hörte Nechliudow nicht zu, wodurch er ihn besonders aufbrachte, und fuhr fort, gleichzeitig mit ihm zu sprechen. »Ich kann auch damit nicht einverstanden sein, daß das Gericht die Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Lage zum Zier habe. Das Gericht verfolgt eigene Ziele, entweder der Besserung...« »Gute Besserung – in den Kerkern«, warf Nechliudow ein. »Oder der Beseitigung«, fuhr Ignatij Nikiforowitsch hartnäckig fort, »der sittlich verdorbenen und jener tierähnlichen Menschen, die die Existenz der Gesellschaft bedrohen.« »Das ist es ja gerade, daß es weder das eine noch das andere tut. Die Gesellschaft hat keine Mittel, es zu tun.« »Wieso das? Ich verstehe nicht«, fragte Ignatij Nikiforowitsch, gezwungen lächelnd. »Ich will sagen, daß es eigentlich nur zwei vernünftige Strafen gäbe, diejenigen, welche man im Altertum anwandte: körperliche Strafe und Todesstrafe, die aber infolge der Sittenmilderung immer mehr und mehr außer Gebrauch kommen«, sagte Nechliudow. »Nun, das ist neu und erstaunlich von Ihnen zu hören.« »Ja, es ist durchaus vernünftig, dem Menschen Schmerzen zuzufügen, damit er künftighin das nicht tue, wofür man ihm Schmerzen zufügt, und es ist vollkommen vernünftig, einem für die Gesellschaft schädlichen Gliede den Kopf abzuschlagen. Diese beiden Strafen haben einen vernünftigen Sinn. Aber welchen Sinn hat es, einen durch Müßiggang und schlechtes Beispiel verdorbenen Menschen ins Gefängnis zu sperren, zu einem gesicherten und pflichtmäßigen Müßiggang, in die Gesellschaft lasterhafter Leute? Oder ihn auf Staatskosten – jeder kostet über 500 Rubel – aus dem Gouvernement Tula in das Gouvernement Irkutsk zu transportieren, oder aus Kursk ...« »Dennoch aber fürchten die Leute diese Reisen auf Staatskosten; und wenn es diese Reisen und die Gefängnisse nicht gäbe, so säßen wir hier nicht so, wie wir jetzt sitzen.« »Die Gefängnisse können unmöglich unsere Sicherheit gewährleisten, denn diese Leute sitzen nicht ewig dort, sondern sie werden entlassen. Im Gegenteil, in solchen Anstalten kommen diese Leute nur zu größter Lasterhaftigkeit und Verdorbenheit, die Gefahr wird also noch vergrößert.« »Sie wollen sagen, daß das Strafsystem vervollkommnet werden muß.« »Es ist nicht zu vervollkommnen. Vervollkommnete Gefängnisse würden mehr kosten, als für Volksbildung ausgegeben wird, und würden als neue Last wieder auf demselben Volk liegen.« »Aber die Mängel des Strafsystems lahmen doch auf keinen Fall das Gericht selbst«, setzte Ignatij Nikiforowitsch seine Rede fort, wieder ohne seinem Schwager zuzuhören. »Es ist unmöglich, diese Mängel zu verbessern«, sprach Nechliudow, die Stimme erhebend. »Nun, was also? Soll man sie töten? Oder, wie ein Staatsmann vorgeschlagen, ihnen die Augen ausstechen?« sagte Ignatij Nikiforowitsch, siegesbewußt lächelnd. »Ja, es wäre grausam, aber zweckmäßig. Das aber, was jetzt geschieht, ist grausam und nicht nur unzweckmäßig, sondern so dumm, daß man nicht verstehen kann, wie geistig gesunde Menschen an einer solch unsinnigen und grausamen Sache, wie das Kriminalgericht es ist, teilnehmen können.« »Nun, ich nehme aber Teil daran«, sagte Ignatij Nikiforowitsch erbleichend. »Das ist Ihre Sache, aber ich verstehe es nicht.« »Ich glaube, Sie verstehen vieles nicht«, sagte mit bebender Stimme Ignatij Nikiforowitsch. »Ich habe auf dem Gericht gesehen, wie der Staatsanwalt sich aus allen Kräften bemühte, einen unglücklichen Knaben zu verurteilen, der in jedem nicht verdorbenen Menschen nur Mitleid hervorrufen konnte; ich weiß, wie ein anderer Staatsanwalt einen Sektierer verhörte und das Lesen des Evangeliums als Kriminalverbrechen ansah, aber die ganze Tätigkeit der Gerichte besteht überhaupt nur in solchen sinnlosen und grausamen Handlungen.« »Ich wäre nicht Staatsbeamter, wenn ich so dächte«, sagte Ignatij Nikiforowitsch und stand auf. Nechliudow bemerkte, daß unter den Brillengläsern des Schwagers etwas glänzte. »Sind das wirklich Tränen?« dachte Nechliudow. Und in der Tat, es waren Tränen des Gekränktseins. Ignatij Nikiforowitsch näherte sich dem Fenster, holte ein Taschentuch, und sich räuspernd, begann er die Brille abzuwischen; dann wischte er auch die Augen ab. Als er zum Tisch zurückgekehrt war, zündete er sich eine Zigarre an und sprach nichts mehr. Nechliudow wurde es weh ums Herz, und er schämte sich, seinen Schwager und seine Schwester so tief beleidigt zu haben, besonders weil er morgen abreisen und sie nicht mehr sehen sollte. Voller Bestürzung nahm er von ihnen Abschied und fuhr nach Hause. »Es ist leicht möglich, daß das, was ich gesprochen habe, wahr ist, wenigstens hat er mir nichts erwidert. Aber man sollte nicht so sprechen. Wie wenig habe ich mich verändert, wenn ich mich durch ein ungutes Gefühl so hinreißen ließ, daß ich ihn so beleidigen und die arme Natascha so betrüben konnte«, dachte er. 34 Die Abteilung, mit welcher die Maslowa transportiert wurde, sollte um drei Uhr vom Bahnhof abgehen; um den Ausmarsch der Abteilung aus dem Gefängnis zu sehen und mit ihr zusammen den Bahnhof zu erreichen, war daher Nechliudow gesonnen, vor zwölf Uhr ins Gefängnis zu fahren. Als Nechliudow seine Sachen und Papiere einpackte, hielt er bei seinem Tagebuch inne und las einige Stellen noch einmal durch, auch seine letzte Eintragung. Zuletzt, vor seiner Abreise nach Petersburg, hatte Nechliudow geschrieben: »Katjuscha will mein Opfer nicht, sondern sie will ihr eigenes. Sie hat gesiegt, und ich habe gesiegt. Sie erfreut mich durch die innere Umwandlung, die, wie mir scheint – ich fürchte mich noch, daran zu glauben – in ihr vorgeht. Ich fürchte mich, daran zu glauben, aber mir scheint, daß sie wieder auflebt.« Ebenda, gleich danach, war geschrieben: »Ich habe etwas sehr Schweres und sehr Freudiges erlebt. Ich habe erfahren, daß sie sich im Krankenhause nicht gut betragen hat. Und plötzlich wurde mir schrecklich weh ums Herz. Ich hätte das nicht erwartet – so weh! Mit Widerwillen und Haß sprach ich mit ihr; dann plötzlich erinnerte ich mich an mich selbst, daran, wie oft ich – und sogar jetzt noch – wenn auch nur in Gedanken – dessen schuldig gewesen bin, wofür ich sie haßte, und auf einmal wurde ich mir widerwärtig, und zugleich erschien sie mir bedauernswert, und mir war sehr wohl zumute. Wenn es nur immer gelänge, zu rechter Zeit des Balkens im eigenen Auge gewahr zu werden, – wieviel besser wären wir!« Unterm heutigen Datum hatte er geschrieben: »Ich bin bei Natascha gewesen, und eben in meiner Selbstzufriedenheit war ich nicht gut, war böse, und ein schweres Gefühl blieb zurück. Aber was ist zu tun? Von morgen ab ein neues Leben. Lebewohl, altes Leben, und auf immer! Viele Eindrücke haben sich angehäuft, aber ich kann sie noch immer nicht zur Einheit bringen.« Als Nechliudow am anderen Morgen erwacht war, hatte er zuerst Reue gefühlt über das, was gestern zwischen ihm und dem Schwager geschehen war. »So kann ich unmöglich abreisen,« dachte er, »ich muß zu ihnen und es gutmachen!« Aber er blickte auf die Uhr und sah, daß jetzt schon keine Zeit mehr dazu war, und daß er eilen müsse, um zum Abmarsch der Abteilung nicht zu spät zu kommen. Nachdem er sich eilig reisefertig gemacht und den Portier und Taras, den Mann der Fedosia, der mit ihm reisen sollte, mit den Sachen direkt auf den Bahnhof geschickt hatte, nahm Nechliudow die erste beste Droschke und fuhr ins Gefängnis. Der Gefangenzug ging zwei Stunden vor dem Postzug, mit dem Nechliudow reiste, und so zahlte er seine letzten Rechnungen im Gasthause, da er nicht mehr zurückzukehren gedachte. Es war schwere Julihitze. Die während der schwülen Nacht nicht abgekühlten Steine der Straßen und der Häuser, sowie das Eisen der Dächer strahlte Wärme in die heiße, unbewegliche Luft aus. Es ging kein Wind, und wenn er sich erhob, so brachte er eine von Staub und häßlichem Ölfarbengeruch gesättigte, stinkende, heiße Luft mit sich. Wenig Leute waren auf den Straßen, und die wenigen bemühten sich, im Schatten der Häuser zu gehen. Nur von der Sonne schwarzgebrannte Pflasterer, Bauern in Bastschuhen, saßen mitten auf der Straße und klopften mit den Hämmern auf die in den heißen Sand zu legenden Kieselsteine; finstere Polizisten in ihren Röcken aus ungebleichter Leinwand, mit orangegelben Fangschnüren, standen in der Mitte der Straße, mißmutig von einem Fuß auf den anderen tretend; und die an einer Seite vor der Sonne verhängten Straßenbahnwagen, bespannt mit Pferden in weißen Decken mit durch die Schlitze ragenden Ohren, rollten klingelnd durch die Straßen. Als Nechliudow zum Gefängnis kam, war die Abteilung noch nicht abmarschiert, und im Gefängnis war noch immer die um vier Uhr früh begonnene angestrengte Arbeit der Übergabe und der Übernahme der abzutransportierenden Gefangenen im Gange. In der heutigen Abteilung waren sechshundertdreiundzwanzig Männer und vierundsechzig Frauen: man mußte sie alle nach den Listen kontrollieren, Kranke und Schwache aussuchen und den Eskortierenden übergeben. Der neue Inspektor, zwei Unterinspektoren, ein Arzt, ein Heilgehilfe, ein Eskorteoffizier und ein Schreiber saßen auf dem Hof im Schatten der Mauer an einem Tisch mit Papieren und Schreibgerät und riefen einzeln auf, besahen, befragten und schrieben die nacheinander herantretenden Gefangenen ein. Der Tisch war jetzt schon zur Hälfte von den Sonnenstrahlen überschwemmt. Es wurde heiß und besonders schwül durch die Windstille und das Atmen der hier angehäuft stehenden Gefangenen. »Was ist das denn für eine Sache? Nimmt es gar kein Ende?« sprach der hochgewachsene, dicke, rote Eskorteoffizier mit den hochgezogenen Schultern und den kurzen Armen, zog den Zigarettenrauch ein und qualmte unaufhörlich durch den seinen Mund bedeckenden Schnurrbart. »Todmüde bin ich. Woher haben Sie so viele angesammelt? Wieviel sind es noch?« Der Schreiber erkundigte sich. »Vierundzwanzig Männer und die Frauen.« »Nun, was steht ihr da, kommt heran!« schrie der Eskorteoffizier die einer hinter dem andern sich drängenden Gefangenen an, die noch nicht kontrolliert waren. Die Gefangenen standen schon mehr als drei Stunden in Reih und Glied, und nicht im Schatten, sondern in der Sonne, wartend, bis die Reihe an sie käme. Diese Arbeit ging im Innern des Gefängnisses vor sich; draußen, am Tor, stand wie gewöhnlich eine Schildwache unter Gewehr, hielten etwa zwanzig Lastfuhrwerke für die Habseligkeiten der Gefangenen und für die Schwachen, und an der Ecke war ein Häufchen von Verwandten und Freunden versammelt, die den Ausmarsch der Gefangenen erwarteten, um die Deportierten zu sehen, womöglich sie zu sprechen und ihnen etwas mitzugeben. Zu diesem Häufchen gesellte sich auch Nechliudow. Er stand da etwa eine Stunde. Gegen Ende dieser Zeit ließ sich hinter dem Tor Kettenklirren, Füßestampfen, befehlende Stimmen, Husten und gedämpftes Reden eines großen Haufens hören. So dauerte es etwa fünf Minuten, während deren die Aufseher durch das Pförtchen kamen und gingen. Endlich ertönte das Kommando. Das Tor öffnete sich mit donnerndem Geräusch, das Klirren der Ketten wurde hörbarer, und auf die Straße traten die Eskortesoldaten in weißen Kitteln mit Gewehren und stellten sich, augenscheinlich ein ihnen bekanntes, gewohntes Manöver ausführend, in einem regelmäßigen breiten Kreis vor dem Tor auf. Als sie sich aufgestellt, ließ sich ein neues Kommando hören, und es begannen paarweise die Gefangenen mit pfannkuchenartigen Mützen auf den rasierten Köpfen, mit Säcken über der Schulter, die zusammengeschmiedeten Beine schleppend, herauszukommen, indem sie den einen freien Arm schwenkten und mit dem andern den Sack auf dem Rücken festhielten. Zuerst kamen die Zwangsarbeiter, – Männer, alle in gleichen grauen Hosen und Gefangenröcken, mit einem Karo-As auf dem Rücken. Sie alle – Junge, Alte, Magere, Dicke, Blasse, Rote, Schwarze, Schnurrbärtige, Vollbärtige, Bartlose, Russen, Tataren, Juden – kamen, mit den Beinschellen klirrend und flink den einen Arm schwenkend, heraus, als ob sie einen weiten Weg vorhätten; aber nach etwa zehn Schritten blieben sie stehen und stellten sich gehorsam, je vier in eine Reihe, hintereinander. Gleich danach strömten ohne Aufhalten aus dem Tor ebenso rasierte Menschen ohne Beinschellen, aber Arm mit Arm mit Handfesseln zusammengeschmiedet, in ebensolcher Kleidung. Das waren die Verbannten. Sie kamen ebenso flink heraus, blieben stehen und stellten steh ebenso je vier in eine Reihe. Dann kamen die von Gemeinde wegen Verschickten. Dann die Frauen, ebenso der Reihe nach: zuerst die Zwangsarbeiterinnen in grauen Gefängniskaftans und Kopftüchern. Dann die verbannten Frauen und die freiwillig folgenden in ihren eigenen städtischen oder ländlichen Kleidern. Einige Frauen hatten ihre Säuglinge vorn in den grauen Kaftan eingesteckt. Mit den Frauen zusammen kamen die Kinder – Knaben und Mädchen auf eigenen Füßen. Diese Kinder, wie Füllen in einer Herde, drängten sich zwischen den Frauen. Die Männer stellten sich schweigend auf, nur hie und da sich räuspernd oder kurze Bemerkungen machend. Die Frauen redeten unaufhörlich. Nechliudow glaubte die Maslowa erkannt zu haben, als sie herauskam, dann aber verlor sie sich in der großen Menge der anderen, und er sah nur einen Haufen grauer, der menschlichen, besonders der weiblichen Eigenschaften wie beraubter Wesen mit Kindern und Säcken, die sich hinter den Männern aufstellten. Trotzdem alle Gefangenen in den Gefängnismauern gezählt waren, fingen die Eskortierenden wieder an, sie zu zählen und mit der früheren Anzahl zu vergleichen. Diese nochmalige Zählung dauerte lange, besonders weil einige Gefangene sich bewegten, indem sie ihren Platz wechselten und dadurch das Zählgeschäft der Eskortierenden störten. Die Eskortesoldaten schimpften und stießen die unterwürfig, aber ärgerlich Gehorchenden, und zählten sie noch einmal. Als man alle wieder gezählt hatte, kommandierte der Eskorteoffizier etwas, und in dem Haufen entstand eine Verwirrung; die schwachen Männer, Frauen und Kinder begaben sich, einander überholend, zu den Wagen, luden ihre Säcke auf und kletterten dann selber hinauf. Frauen mit schreienden Säuglingen, lustige, um die Plätze streitende Kinder und niedergeschlagene, finstere Gefangene. Einige Gefangene traten mit abgenommenen Mützen zu dem Eskorteoffizier heran und baten ihn um etwas. Wie Nechliudow später erfuhr, baten sie um die Erlaubnis, fahren zu dürfen. Nechliudow sah, wie der Eskorteoffizier schweigend, und ohne den Bittenden anzusehen, den Zigarettenrauch einzog, wie er dann plötzlich mit seinem kurzen Arm gegen einen Gefangenen ausholte, und wie dieser, den Schlag erwartend, seinen rasierten Kopf zwischen die Schultern zog und von ihm wegsprang. »Ich werde dich so zum Edelmann befördern, daß du es lange nicht vergißt. Kannst zu Fuß gehen!« schrie der Offizier. Nur einen schwankenden, langen Alten mit Beinschellen ließ der Offizier zu dem Fuhrwerk, und Nechliudow sah, wie dieser Alte, seine pfannkuchenartige Mütze abnehmend, sich bekreuzte und sich zu den Wagen begab, wie er dann lange nicht heraufklettern konnte wegen der Beinschellen, die ihn hinderten, das alte, schwache, eingeschmiedete Bein zu heben, und wie ein schon oben sitzendes Weib ihm half, indem sie ihn an der Hand hinaufzog. Als alle Wagen mit den Säcken gefüllt waren und sich diejenigen, denen es erlaubt war, auf die Säcke gesetzt hatten, nahm der Eskorteoffizier die Mütze ab, wischte die Stirn, die Glatze und den dicken roten Hals mit dem Taschentuch ab, und bekreuzte sich. »Ganze Abteilung marsch!« kommandierte er. Die Soldaten klirrten mit den Flinten, die Gefangenen nahmen die Mützen ab und begannen – einige mit der Linken – sich zu bekreuzen, die Begleitenden schrien etwas, die Gefangenen schrien Antwort, unter den Frauen erhob sich ein Geheul, und die Abteilung, von den Soldaten in weißen Kitteln umgeben, bewegte sich, den Staub mit den kettengefesselten Füßen aufrührend, vorwärts. Voran gingen die Soldaten, hinter ihnen, mit den Ketten klirrend, die Beinschellenträger, je vier in einer Reihe; hinter ihnen die Verbannten, dann die von den Gemeinden Verschickten, je zwei mit Handschellen zusammengeschmiedet, dann die Frauen. Darauf folgten die Fuhrwerke mit den Säcken und den Schwachen; auf einem derselben saß hoch eine eingehüllte Frau und winselte und schluchzte ohne Aufhören. 35 Der Zug war so lang, daß, als Nechliudow die Vorderen aus dem Gesicht verlor, sich die Fuhren mit den Säcken und den Schwachen eben erst in Bewegung setzten. Sobald sich die Wagen bewegten, stieg Nechliudow in die ihn erwartende Droschke und hieß den Kutscher die Abteilung überholen, um zu sehen ob zwischen den Männern irgendwelche bekannte Gefangene seien, und dann, um zwischen den Frauen die Maslowa aufzusuchen und sie zu fragen, ob sie die ihr geschickten Sachen bekommen habe. Es war sehr heiß. Es ging kein Wind, und der von tausend Füßen aufgerührte Staub lag die ganze Zeit über den Gefangenen, die sich in der Mitte der Straße vorwärts bewegten. Die Gefangenen gingen schnell, und Nechliudows nicht allzu schnell trabender Droschkengaul überholte sie nur langsam. Reihe auf Reihe gingen diese unbekannten Wesen von seltsamem und schrecklichem Aussehen vorüber, die tausend gleich bekleidete Beine bewegten und zum Takt der Schritte, gleichsam sich ermunternd, die freien Arme schwenkten. Es waren ihrer so viele, so gleichförmig waren sie, und in einer so eigentümlichen und seltsamen Lage befanden sie sich, daß es Nechliudow so vorkam, als seien es keine Menschen, sondern irgendwelche besonderen, fürchterlichen Geschöpfe. Dieser Eindruck wurde nur dadurch zerstört, daß er im Haufen der Zwangsarbeiter einen Gefangenen, den Mörder Feodorow, erkannte und unter den Verbannten den ihm ebenso bekannten Komiker Ochotin und noch einen Vagabunden, der sich an ihn gewandt hatte. Fast alle Gefangenen blickten sich um und schielten nach der sie überholenden Droschke und nach dem darin sitzenden und sie genau musternden Herrn. Feodorow warf den Kopf in die Höhe, zum Zeichen, daß er Nechliudow erkannte. Ochotin winkte ihm mit einem Auge zu. Aber weder dieser noch jener grüßte ihn, da sie es für unstatthaft hielten. Als Nechliudow die Frauen eingeholt hatte, erblickte er sogleich die Maslowa. Sie ging in der zweiten Reihe der Frauen. Als erste in der Reihe ging eine gerötete, kurzbeinige, schwarzäugige, häßliche Frau, die den Gefängniskaftan mit dem Gürtel aufgeschürzt hatte; das war die Choroschawka. Daneben ging eine schwangere, kaum die Beine schleppende Frau, und die dritte war die Maslowa. Sie trug einen Sack über der Schulter und sah gerade vor sich hin. Ihr Gesicht war ruhig und entschlossen. Die vierte in der Reihe mit ihr war eine munter marschierende, junge, schöne Frau in kurzem Rock und mit auf Frauenart geknüpftem Kopftuch, – das war Fedosia. Nechliudow stieg aus der Droschke und näherte sich den sich vorwärtsbewegenden Frauen, im Begriff, die Maslowa nach den Sachen und nach ihrem Ergehen zu befragen; aber der Eskorteunteroffizier, der an dieser Seite der Abteilung ging, bemerkte sofort den herantretenden Nechliudow und lief auf ihn zu. »Mein Herr, Sie dürfen sich der Abteilung nicht nähern, das ist nicht gestattet«, rief er, herantretend. Als er schon ganz nahe war und Nechliudows Gesicht erkannte (im Gefängnis kannten schon alle Nechliudow), legte der Unteroffizier den Finger an die Mütze, und neben Nechliudow stehenbleibend, sagte er: »Jetzt geht es nicht. Auf dem Bahnhof können Sie, – hier aber ist es nicht gestattet. Nicht zurückbleiben! Marsch!« schrie er die Gefangenen an, und trotz der Hitze sich munter zeigend, trabte er in seinen neuen, stutzerhaften Stiefeln wieder auf seinen Platz. Nechliudow kehrte auf das Trottoir zurück, hieß den Kutscher ihm nachfahren, und ging zu Fuß, die Abteilung nicht aus den Augen lassend. Überall, wo die Gefangenabteilung ging, lenkte sie eine mit Mitleid und Grauen gemischte Aufmerksamkeit auf sich. Die Vorbeifahrenden reckten sich aus den Equipagen hinaus, und solange sie sehen konnten, begleiteten sie die Gefangenen mit den Augen. Die Passanten blieben stehen und blickten verwundert und erschrocken auf das schreckliche Schauspiel. Einige näherten sich und gaben Almosen. Die Almosen nahmen die Eskortesoldaten in Empfang. Einige gingen, wie hypnotisiert, der Abteilung nach, blieben dann stehen und folgten, den Kopf schüttelnd, ihr nur mit den Augen. Aus den Haustüren und Toren liefen, einander zurufend, die Leute oder legten sich zu den Fenstern hinaus und blickten schweigend und unbeweglich auf den fürchterlichen Zug. An einer Straßenkreuzung verhinderte die Abteilung eine vornehme Kalesche am Weiterfahren. Auf dem Kutschbock saß ein Kutscher mit blankem Gesicht und dicker Rückseite, mit Knopfreihen auf dem Rücken; in der Kalesche auf dem Rücksitz saß ein Mann und eine Frau; die Frau mager und bleich, mit hellem Hut und grellfarbigem Sonnenschirm; der Mann im Zylinder, mit hellem, stutzerhaftem Paletot. Ihnen gegenüber saßen ihre Kinder: ein herausgeputztes Mädchen, frisch wie ein Blümchen, mit aufgelöstem, blondem Haar und ebenfalls mit einem grellen Schirm, und ein achtjähriger Knabe, mit langem, magerem Hals und hervortretenden Schlüsselbeinen, im Matrosenhut mit langen Bändern. Ärgerlich warf der Vater dem Kutscher vor, daß er nicht rechtzeitig der sie aufhaltenden Abteilung ausgewichen sei, und die Mutter kniff die Augen mit Abscheu zusammen und runzelte die Stirn, indem sie sich vor der Sonne und dem Staub mit dem seidenen Schirm schützte, den sie tief über ihr Gesicht senkte. Der Kutscher mit der dicken Rückseite zog böse die Augenbrauen zusammen, indes er die ungerechten Vorwürfe des Herrn anhörte, der selber ihm befohlen hatte, diese Straße zu fahren; er hielt mit Mühe das Paar glänzender, rabenschwarzer Hengste fest, die unter den Kumtstöcken und unterm Hals mit Schaum bedeckt waren und vorwärts drängten. Ein Polizist wollte von Herzen gern dem Besitzer der vornehmen Kalesche gefällig sein und ihn durchlassen, indem er die Gefangenen zurückhielt; aber er fühlte, daß in diesem Zug eine düstere Feierlichkeit lag, die man nicht einmal eines so reichen Herrn wegen stören könne. Er legte nur die Hand an den Mützenschirm, als Zeichen seiner Achtung vor dem Reichtum, und sah die Gefangenen strenge an, gleichsam versprechend, daß er auf jeden Fall die in der Kalesche Sitzenden vor ihnen schützen werde. So mußte die Kalesche warten, bis der ganze Zug vorüber war, und erst dann setzte sie sich in Bewegung, als der letzte Lastwagen mit den Säcken und den auf ihnen sitzenden Gefangenen vorbeigerasselt war, unter welchen die hysterische Frau, fast schon still geworden, wieder zu winseln und zu schluchzen begann, als sie die vornehme Kalesche erblickte. Erst dann schüttelte der Kutscher leicht die Zügel, und die rabenschwarzen Traber, mit den Hufeisen auf dem Pflaster klirrend, jagten mit der weich auf den Gummirädern erzitternden Kalesche hinaus aufs Land, wohin der Mann, die Frau, das Mädchen und der Knabe mit dem dünnen Hals und den vorstehenden Schlüsselbeinen fuhren, um sich aufzuheitern. Weder der Vater noch die Mutter gaben dem Mädchen oder dem Knaben eine Erklärung dessen, was sie gesehen, so daß die Kinder selber die Frage nach der Bedeutung dieses Schauspiels lösen mußten. Das Mädchen erwog den Gesichtsausdruck von Vater und Mutter und entschied danach die Frage so, daß das ganz andere Menschen seien als ihre Eltern und ihre Bekannten; daß es schlechte Leute seien, und daß man darum gerade so mit ihnen verfahren sollte, wie man mit ihnen verfahren war. Und daher war es dem Mädchen nur ängstlich zumute, und sie war froh, als man diese Leute nicht mehr sah. Aber der Knabe mit dem langen, mageren Hals, der, ohne zu blinzeln und ohne die Augen abzuwenden, den Gefangenzug betrachtet hatte, entschied die Frage anders. Er wußte immer noch fest und unzweifelhaft, nachdem er es von Gott selbst erfahren, daß dies ebensolche Menschen waren wie er selbst und wie alle Menschen, und daß folglich jemand an diesen Leuten etwas Schlechtes verübt hatte, das man nicht tun sollte; es war ihm weh um sie, und er empfand ein Grauen, sowohl vor den Leuten, die gefesselt und rasiert waren, wie vor denjenigen, die sie gefesselt und rasiert hatten. Und darum zog er mehr und mehr die Lippen breit und machte große Anstrengungen, um nicht laut loszuweinen, denn er glaubte, es sei schmählich und ungehörig, in solchen Fällen zu weinen. 36 Nechliudow ging mit ebenso raschem Schritt wie die Gefangenen, und es war sogar ihm, der leicht gekleidet war, in seinem dünnen Paletot fürchterlich heiß und vor allem schwül vom Staub und von der unbeweglichen, heißen Luft, die in der Straße stockte. Nachdem er eine Viertelwerst gegangen, setzte er sich in die Droschke und fuhr voran, aber inmitten der Straße, in der Droschke, erschien es ihm noch heißer. Er versuchte, sich das gestrige Gespräch mit seinem Schwager ins Gedächtnis zurückzurufen, aber jetzt regten ihn diese Gedanken nicht mehr so auf wie am Morgen. Sie waren von den Eindrücken des Auszuges aus dem Gefängnis und des weiteren Marsches der Abteilung verdrängt. Hauptsächlich aber war es drückend heiß. Bei einem Plankenzaun, im Schatten der Bäume, standen mit abgenommener Mütze zwei Knaben – Realschüler – vor einem Verkäufer von Gefrorenem, der auf den Knien hockte. Einer der Knaben erquickte schon sein Herz, das Hornlöffelchen absaugend; der andere wartete noch auf das Gläschen, das man ihm mit etwas Gelbem gehäuft füllte. »Wo könnte ich hier etwas trinken?« fragte Nechliudow seinen Kutscher, da er einen unüberwindlichen Wunsch, sich zu erfrischen, empfand. »Gleich hier ist eine gute Wirtschaft!« sagte der Kutscher, und um die Ecke biegend, fuhr er Nechliudow zu einer Anfahrt mit einem großen Aushängeschild. Ein aufgedunsener Büfettier hinter dem Schenktisch, im russischen Hemd, und ehemals weiß gewesene Kellner, die, weil keine Gäste da waren, selber an den Tischen saßen, betrachteten mit Neugier den ungewohnten Gast und boten ihm ihre Dienste an. Nechliudow verlangte Selterwasser und setzte sich etwas weiter vom Fenster weg an einen kleinen Tisch mit schmutziger Decke. An einem andern kleinen Tisch saßen zwei Männer beim Teegeschirr und einer Flasche aus weißem Glas, wischten sich den Schweiß von der Stirn und rechneten friedfertig etwas aus. Einer von ihnen war schwarz und kahl mit einem ebensolchen Kranz schwarzer Haare um den Nacken, wie ihn Ignatij Nikiforowitsch hatte. Dieser Eindruck erinnerte Nechliudow wieder an das gestrige Gespräch mit dem Schwager und an den Wunsch, ihn und seine Schwester vor der Abreise noch zu sehen... »Schwerlich habe ich Zeit, bevor der Zug abgeht,« dachte er, »lieber schreibe ich ihnen einen Brief!« Er verlangte Papier, Kuvert und eine Postmarke und fing an, das frische brausende Wasser schlürfend, zu überlegen, was er schreiben solle. Aber seine Gedanken liefen auseinander, und er konnte den Brief nicht zustande bringen. »Liebe Natascha, ich kann nicht abreisen unter dem schweren Eindruck des gestrigen Gespräches mit Ignatij Nikiforowitsch ...« begann er. »Aber was weiter? Um Verzeihung bitten für das, was ich gestern gesagt habe? Aber ich habe gesagt, was ich dachte. Und er wird glauben, daß ich es widerrufe. Und dann seine Einmischung in meine Angelegenheiten ... Nein, ich kann nicht!« – Und den sich in ihm wieder erhebenden Haß gegen den fremden, selbstgewissen, ihn nicht verstehenden Mann fühlend, steckte Nechliudow den unfertigen Brief in die Tasche, zahlte, ging auf die Straße hinaus und fuhr weiter, um die Abteilung wieder einzuholen. Die Hitze nahm noch zu. Wände und Steine schienen heiße Luft auszustrahlen. Das heiße Pflaster schien die Füße zu versengen, und Nechliudow empfand etwas wie eine Brandwunde, als er mit der bloßen Hand die lackierte Seite der Droschke berührte. Das Pferd, gleichmäßig mit den Hufeisen auf dem staubigen und unebenen Pflaster klappernd, schleppte sich in trägem Trabe über die Straßen. Der Kutscher schlummerte fortwährend ein; Nechliudow saß, ohne etwas zu denken, und sah gleichgültig vor sich hin. Auf dem Abhang der Straße, dem Tor eines Hauses gegenüber, stand ein Häufchen Leute und ein Eskortesoldat mit dem Gewehr. Nechliudow ließ den Kutscher halten. »Was gibt es?« fragte er einen Hausbesorger. »Etwas mit einem Gefangenen.« Nechliudow stieg aus der Droschke und näherte sich dem Häufchen Menschen. Auf den unebenen Steinen des gegen das Trottoir abfallenden Pflasters lag, mit dem Kopf niedriger als mit den Beinen, ein breitschultriger, nicht mehr junger Gefangener, mit rotem Bart, rotem Gesicht und platter Nase, im grauen Gefängnisrock und ebensolchen Hosen. Er lag rücklings mit nach unten geöffneten Handflächen seiner mit Sommersprossen bedeckten Hände, und in großen Pausen schluchzte er auf aus der hohen, breiten, gleichmäßig zuckenden Brust, indem er mit den starr gewordenen blutunterlaufenen Augen zum Himmel aufsah. Um ihn standen ein finsterer Polizist, ein Hausierer, ein Briefträger, ein Kommis, eine alte Frau mit einem Sonnenschirm und ein kurzgeschorener Knabe mit einem leeren Korbe. »Sie sind von dem Aufenthalt im Gefängnis schwach, entkräftet, und man führt sie gerade bei dieser Höllenhitze fort«, sagte der Kommis, vorwurfsvoll zu Nechliudow gewendet. »Er wird gewiß sterben«, sprach die Frau mit dem Sonnenschirm mit weinender Stimme. »Man muß ihm das Hemd öffnen«, sagte der Briefträger. Der Polizist begann ungeschickt mit den dicken, zitternden Fingern die Bänder an dem sehnigen roten Halse aufzuknoten. Er war sichtbar aufgeregt und bestürzt, aber er hielt es dennoch für nötig, sich gegen den Haufen zu wehren. »Wozu ist der Auflauf? Es ist sowieso heiß! Gegen den Wind steht ihr.« »Der Arzt sollte sie untersuchen, – die schwach sind, sollten sie zurücklassen. Aber man führt sogar so einen Halbtoten mit«, sprach der Kommis, augenscheinlich mit seiner Kenntnis der Ordnung prunkend. Der Polizist löste die Bänder des Hemdes, richtete sich auf und blickte sich um. »Geht auseinander, sage ich. Es geht euch ja nichts an; was ist da zu sehen!« sprach er und wendete sich um Zustimmung an Nechliudow. Aber da er keinen Beifall in seinem Blick las, so sah er sich nach dem Eskortesoldaten um. Doch der Eskortesoldat stand abseits, besah seinen abgelaufenen Absatz und war gegen die Verlegenheit des Polizisten vollständig gleichgültig. »Die es angeht, kümmern sich ja nicht darum! Menschen so umkommen lassen, ist denn das in der Ordnung?« »Gefangener oder nicht – er ist doch 'n Mensch«, sprach man in dem Haufen. »Legen Sie ihm den Kopf höher, und geben Sie ihm Wasser«, sagte Nechliudow. »Jemand ist schon gegangen, Wasser holen«, antwortete der Polizist, nahm den Gefangenen unter die Arme und zog mit Mühe den Rumpf etwas höher. »Was ist das für ein Auflauf!« ließ sich eine befehlerische Stimme vernehmen, und zu dem um den Gefangenen versammelten Häufchen von Menschen trat mit raschen Schritten ein Polizeiaufseher in einem ungewöhnlich sauberen und glänzenden Kittel und in noch glänzenderen hohen Stiefeln. »Auseinandergehen! Nicht hier stehenbleiben!« schrie er den Haufen an, obgleich er noch nicht sah, weswegen sich die Menge versammelt hatte. Als er dicht herangetreten war und den sterbenden Gefangenen sah, machte er mit dem Kopf ein beifälliges Zeichen, als ob er gerade dies erwartet habe, und wandte sich an den Polizisten. »Wie ist das gekommen?« Der Polizist meldete, daß eine Gefangenabteilung vorbeigekommen und daß ein Gefangener umgefallen sei; der Eskorteoffizier hätte befohlen, ihn zurückzulassen. »Nun, also! Man muß ihn auf die Polizeiwache bringen. Droschke!« »Ein Hausknecht ist nach einer gelaufen«, sagte der Polizist, die Hand an den Mützenschirm legend. Der Kommis fing etwas von der Hitze an. »Ist das deine Sache? Ha? Geh deiner Wege«, stieß der Polizeiaufseher hervor und blickte ihn so streng an, daß der Kommis verstummte. »Man müßte ihm etwas Wasser zu trinken geben«, sagte Nechliudow. Der Polizeiaufseher blickte auch Nechliudow streng an, sagte aber nichts. Als nun der Hausknecht Wasser in einem Krug gebracht, hieß er den Polizisten, es dem Gefangenen reichen. Der Polizist richtete den zurückgesunkenen Kopf auf und versuchte; ihm Wasser in den Mund zu gießen, aber der Gefangene nahm es nicht; das Wasser ergoß sich über den Bart, indem es auf der Brust die Jacke und das staubige hänfene Hemd durchnäßte. »Gieß es ihm über den Kopf!« kommandierte der Polizeiaufseher, und der Polizist nahm die pfannkuchenartige Mütze ab und goß das Wasser sowohl auf die roten krausen Haare wie auch auf den nackten Schädel. Die Augen des Gefangenen öffneten sich, gleichsam erschrocken, ein wenig mehr, die Lage aber änderte er nicht. Über sein Gesicht flossen Schmutzbäche von Staub, sein Mund aber schluchzte ebenso gleichmäßig, und sein ganzer Leib zitterte. »Warum denn nicht die hier? Die hier nimm!« wandte sich der Polizeiaufseher an den Polizisten, auf Nechliudows Droschke zeigend. »Fahr vor, he, du!« »Besetzt«, brachte finster, ohne die Augen zu erheben, der Kutscher hervor. »Das ist meine Droschke,« sagte Nechliudow, »aber nehmen Sie sie. Ich zahle«, fügte er hinzu, sich an den Kutscher wendend. »Nun, was steht ihr!« schrie der Polizeiaufseher. »Faßt an!« Der Polizist, der Hausknecht, der Eskortesoldat hoben den Sterbenden auf, trugen ihn zur Droschke und setzten ihn auf den Sitzplatz. Aber er konnte sich nicht selber halten, sein Kopf fiel wieder zurück, und sein ganzer Körper rutschte vom Sitz. »Leg' ihn hin!« kommandierte der Polizeiaufseher. »Macht nichts, Euer Wohlgeboren, ich werde ihn schon hinbringen«, sagte der Polizist, indem er sich fest neben den Sterbenden auf den Sitz setzte und ihn mit der starken rechten Hand unter der Achsel faßte. Der Eskortesoldat hob die mit Gefängnispantoffeln ohne Fußlappen beschuhten Füße, stellte sie hin und zog sie unter dem Kutschbock durch. Der Polizeiaufseher blickte sich um, und die pfannkuchenartige Mütze des Gefangenen auf dem Pflaster gewahrend, hob er sie auf und setzte sie auf den zurückfallenden, nassen Kopf. »Los!« kommandierte er. Der Kutscher blickte sich ärgerlich um, schüttelte den Kopf, und in Begleitung des Eskortesoldaten bewegte er sich im Schritt zurück zur Polizeiwache. Der neben dem Gefangenen sitzende Polizist umfaßte immer wieder den rutschenden Körper mit dem nach allen Seiten schaukelnden Kopf. Der Eskortesoldat ging daneben und legte die Beine zurecht. Nechliudow folgte ihnen. 37 Als die Droschke mit dem Gefangenen zum Polizeiamt kam, fuhr sie, an einer Feuerwehrwache vorbei, in den Hof des Gebäudes ein und hielt bei einer der Anfahrten. Auf dem Hofe wuschen Feuerwehrleute mit aufgestreiften Ärmeln, laut sprechend und lachend, ein Wagengestell. Als die Droschke hielt, wurde sie von einigen Polizisten umringt, die den leblosen Körper des Gefangenen unter die Achseln und an den Beinen faßten und ihn von der unter ihnen kreischenden Droschke herunterhoben. Der Polizist, der den Gefangenen brachte, war von der Droschke abgestiegen, schwenkte ein wenig den steif gewordenen Arm, nahm die Mütze ab und bekreuzte sich; den Toten aber trug man durch die Tür und die Treppe hinauf. Nechliudow folgte ihnen. In dem kleinen, schmutzigen Zimmer, wohin man den Toten brachte, waren vier Betten. Auf zweien derselben saßen zwei Kranke in Schlafröcken: der eine mit schiefem Munde und verbundenem Hals, der andere – ein Schwindsüchtiger. Zwei Betten waren frei. Auf eins derselben legte man den Gefangenen. Ein kleiner Mann mit glänzenden Augen und unaufhörlich sich bewegenden Augenbrauen, nur in Unterkleidern und Strümpfen, kam mit raschen, weichen Schritten zu dem eben gebrachten Gefangenen, blickte ihn, dann Nechliudow an und brach in lautes Lachen aus. Es war ein Wahnsinniger, der sich in dem Sanitätszimmer befand. »Man will mir 'n Schreck einjagen,« fing er an, »aber nein, es wird nichts draus.« Gleich nach den Polizisten, die den Toten gebracht hatten, trat ein Poiizeiaufseher und ein Heilgehilfe ein. Der Heilgehilfe näherte sich dem Toten, betastete die schon kalte, gelbliche, mit Sommersprossen bedeckte, noch weiche, aber bereits totenbleiche Hand des Gefangenen, hielt sie eine Zeitlang und ließ sie dann los. Sie fiel leblos auf den Leib des Toten. »Fertig«, sagte der Heilgehilfe, mit dem Kopf nickend, aber, augenscheinlich der Ordnung wegen, öffnete er das nasse, rohe Hemd des Toten, und sein krauses Haar vom Ohr zurückschiebend, legte er es an die gelbliche, unbewegliche, hohe Brust des Gefangenen. Alle schwiegen. Der Heilgehilfe richtete sich auf, schüttelte noch einmal den Kopf und berührte mit dem Finger erst das eine, dann das andere Augenlid über den geöffneten, starren, blauen Augen. »Ihr könnt mich nicht erschrecken, ihr könnt mich nicht erschrecken«, sprach der Wahnsinnige, der die ganze Zeit in der Richtung nach dem Heilgehilfen spuckte. »Wie ist's?« fragte der Polizeiaufseher. »Wie's eben ist?« wiederholte der Heilgehilfe. »In die Totenkammer muß man ihn schaffen.« »Sehen Sie zu, ob's wirklich so weit ist«, fragte der Polizeiaufseher. »Es ist nicht das erstemal«, sagte der Heilgehilfe, der aus irgendeinem Grunde die aufgedeckte Brust des Toten zudeckte. »Sonst schicke ich nach Matwej Iwanytsch, er soll ihn ansehen. Petrow, geh«, sagte der Heilgehilfe und trat von dem Toten weg. »In die Totenkammer bringen«, sagte der Polizeiaufseher. »Du aber komm dann in die Kanzlei, du wirst es bescheinigen«, fügte er gegen den Eskortesoldaten hinzu, der die ganze Zeit nicht von dem Gefangenen gewichen war. »Zu Befehl«, antwortete der Eskortesoldat. Die Polizisten hoben den Toten auf und trugen ihn wieder die Treppe hinab. Nechliudow wollte ihnen nachgehen, aber der Wahnsinnige hielt ihn auf. »Sie gehören ja nicht zur Verschwörung? Dann geben Sie mir eine Zigarette!« sagte er. Nechliudow holte die Zigarettendose hervor und gab ihm. Der Wahnsinnige begann, die Augenbrauen bewegend und sehr rasch sprechend, zu erzählen, wie man ihn mit Suggestionen quäle. »Sie sind ja alle gegen mich, und sie quälen mich, peinigen mich durch ihre Medien.« »Verzeihen Sie«, sagte Nechliudow, und ohne ihn zu Ende zu hören, ging er auf den Hof hinaus, da er wissen wollte, wohin der Tote gebracht würde. Die Polizisten hatten mit ihrer Last schon den ganzen Hof passiert und traten nun in den Eingang zum Keller. Nechliudow wollte sich ihnen nähern, aber der Polizeiaufseher hielt ihn an. »Was wollen Sie?« »Nichts«, antwortete Nechliudow. »Nichts? So gehen Sie weg.« Nechliudow fügte sich und ging zu seiner Droschke. Sein Kutscher schlummerte. Nechliudow weckte ihn und fuhr weiter zum Bahnhof. Sie hatten noch nicht hundert Schritte zurückgelegt, als ihm wieder eine von einem Eskortesoldaten mit dem Gewehr über der Schulter begleitete Lastfuhre begegnete, auf der ein anderer, offenbar schon gestorbener Gefangener lag. Der Gefangene lag in dem Wagen auf dem Rücken, und sein rasierter Kopf mit dem schwarzen Bärtchen, der mit der pfannkuchenartigen, bis zur Nase übers Gesicht heruntergerutschten Mütze bedeckt war, wurde gerüttelt und schlug bei jedem Stoß des Fuhrwerks an. Der Lastführer, in dicken Stiefeln, ging daneben und lenkte das Pferd. Hinten ging ein Polizist. Nechliudow berührte seinen Kutscher an der Schulter. »Was machen die Leute nur!« sagte der Kutscher, das Pferd anhaltend. Nechliudow stieg aus der Droschke und ging hinter dem Lastwagen her, wieder an der Feuerwehrwache vorbei, in den Hof des Polizeigebäudes. Die Feuerwehrleute auf dem Hofe waren jetzt mit dem Waschen des Wagens fertig, und an ihrem Platze stand ein hochgewachsener, knochiger Brandmajor mit der Uniformmütze; die Hände in die Taschen gesteckt, sah er streng auf einen feisten, falben Hengst mit dickem Hals, den ein Feuerwehrmann vor ihm hin und her führte. Der Hengst hinkte ein wenig auf einem Vorderfuß, und der Brandmajor sprach ärgerlich zu einem danebenstehenden Veterinär. Der Polizeiaufseher stand auch da. Als er den zweiten Toten sah, näherte er sich dem Lastfuhrmann. »Wo hat man ihn aufgehoben?« fragte er und schüttelte mißbilligend den Kopf. »Auf der Alten Gorbatowskaja-Straße«, antwortete der Polizist. »Ein Gefangener?« fragte der Brandmajor. »Jawohl. Der zweite heute«, sagte der Polizeiaufseher. »Na, das ist ein Zustand! Aber es ist auch 'ne Hitze«, sagte der Brandmajor, und sich an den Feuerwehrmann wendend, der den lahmen Falben wegführte, schrie er: »Stellt ihn in den Eckkastenstand. Und dich, Hundesohn, werde ich lehren, wie man Pferde verstümmelt, die mehr wert sind als du, Schelm!« Die Polizisten hoben den Toten, ebenso wie den ersten, von der Fuhre und trugen ihn in das Sanitätszimmer. Nechliudow, wie hypnotisiert, ging ihnen nach. »Was wollen Sie?« fragte ihn ein Polizist. Er ging, ohne zu antworten, wohin man den Toten trug. Der Wahnsinnige saß auf dem Bett und rauchte gierig die Zigarette, die ihm Nechliudow gegeben hatte. »Ah, sind Sie zurück«, sagte er und brach in Lachen aus. Als er den Toten sah, machte er eine sauere Miene. »Wieder«, sagte er. »Es wird mir schon über, ich bin doch kein Kind? Nicht wahr?« wandte er sich mit fragendem Lächeln an Nechliudow. Nechliudow sah unterdessen auf den Toten, den jetzt niemand mehr vor ihm verdeckte, und dessen ganzes, vorher unter der Mütze verborgenes Gesicht jetzt sichtbar war. Wie mißgestaltet jener Gefangene war, so ungewöhnlich schön war dieser, sowohl von Gesicht wie am ganzem Körper. Es war ein Mensch im vollen Aufblühen der Kräfte. Trotz der vom Rasieren entstellten Kopfhälfte war die nicht hohe, gewölbte Stirn mit Erhöhungen über den schwarzen, jetzt leblosen Augen sehr schön, ebenso wie die nicht große Nase mit dem kleinen Höcker über dem feinen schwarzen Schnurrbart. Die jetzt blau schimmernden Lippen waren zu einem Lächeln gekräuselt. Ein kleines Bärtchen rahmte den unteren Teil des Gesichts nur ein. Auf der rasierten Seite des Schädels war ein nicht großes, festes und schönes Ohr sichtbar. Man sah gleich, was für Möglichkeiten eines geistigen Lebens mit diesem Menschen zugrunde gerichtet waren. An den feinen Knochen der Hände und der zusammengeschmiedeten Beine und an den starken Muskeln aller wohlproportionierten Gliedmaßen war zu sehen, was für ein schönes, starkes und gewandtes menschliches Tier dies war, und als Tier in seiner Art weit vollkommener als jener falbe Hengst, dessen Beschädigung den Brandmajor so sehr aufgebracht hatte. Und doch hatte man ihn zu Tode gequält, und niemandem war leid um ihn, nicht nur wie um einen Menschen, sondern nicht einmal wie um ein umsonst zugrunde gerichtetes Arbeitstier. Das einzige Gefühl, welches dieser Tod in allen Leuten hervorrief, war nur Ärger wegen der Mühen, welche die Notwendigkeit verursachte, diesen mit der Verwesung drohenden Körper zu beseitigen. In das Sanitätszimmer trat der Arzt mit dem Heilgehilfen und ein Polizeiaufseher. Der Arzt war ein fester, untersetzter Mann in einem rohseidenen Rock und in ebensolchen schmalen, die muskulösen Schenkel fest umspannenden Hosen. Der Polizeiaufseher war ein kleiner Dickbauch mit kugelartigem, rotem Gesicht, das noch runder wurde wegen seiner Gewohnheit, Luft in die Backen einzuziehen und sie langsam hinauszulassen. Der Arzt setzte sich auf das Bett zu dem Toten und betastete ebenso wie der Heilgehilfe die Hand, behorchte das Herz und stand auf, die Hosen zurückziehend. »Töter kann man nicht sein«, sagte er. Der Polizeiaufseher zog den Mund voll Luft und ließ sie langsam hinaus. »Aus welchem Gefängnis?« wandte er sich an den Eskortesoldaten. Der Eskortesoldat antwortete und erinnerte an die Beinschellen, die der Verstorbene trug. »Ich werde Befehl geben, sie abzunehmen. Gottlob, Schmiede haben wir«, sagte der Polizeiaufseher, blies wieder die Wangen auf und ging zur Tür, langsam die Luft ausblasend. »Aber woher kommt denn das?« wandte sich Nechliudow an den Arzt. Der Arzt sah ihn über die Brille hinweg an. »Was kommt woher? Daß man am Sonnenstich stirbt? Nun daher: man sitzt ohne Bewegung, ohne Licht den ganzen Winter, und plötzlich kommt man in die Sonne, dazu noch an solchem Tage wie heute, und man geht im Haufen, es fehlt Luftzufuhr. Nun, und der Sonnenstich ist da.« »Warum schickt man sie denn?« »Das fragen Sie sie selbst. Aber wer sind Sie eigentlich?« »Ich bin Privatmann.« »So – o ... Ich habe die Ehre, ich habe keine Zeit«, sagte der Arzt, zog ärgerlich die Hosen nach unten und begab sich zu den Betten der Kranken. »Na, wie geht's dir?« wandte er sich an den blassen Mann mit dem schiefen Mund und dem verbundenen Hals. Der Wahnsinnige saß inzwischen auf seinem Bett, hörte zu rauchen auf und spuckte in der Richtung zum Arzt. Nechliudow ging auf den Hof hinab und an den Feuerwehrpferden, den Hühnern, der Wache im messingenen Helm vorbei und durch das Tor, setzte sich in seine Droschke mit dem wieder eingeschlafenen Kutscher und fuhr nach dem Bahnhof. 38 Als Nechliudow auf den Bahnhof kam, saßen schon alle Gefangenen in den Wagen hinter den Gitterfenstern. Auf dem Bahnsteig standen Leute, die ihnen das Geleite geben wollten: man ließ sie nicht zu den Waggons. Die Eskortierenden waren heute besonders besorgt. Auf dem Wege vom Gefängnis zum Bahnhof waren außer jenen zwei Männern, die Nechliudow gesehen, noch drei Menschen gefallen und am Sonnenstich gestorben: einer wurde ebenso, wie die zwei ersten, in das nächste Polizeigebäude gebracht, zwei waren noch hier, auf dem Bahnhof, umgefallen. Anfang der achtziger Jahre starben am Sonnenstich fünf Gefangene an einem Tage, während der Überführung aus dem Butyrskij-Gefängnis nach dem Nishnij-Nowgoroder Bahnhof. L. N. T. Besorgt waren die Eskortierenden nicht etwa, weil unter ihrer Begleitung fünf Menschen gestorben waren, die am Leben hätten bleiben können, sondern sie sorgten sich nur darum, alles das zu erfüllen, was das Gesetz in solchen Fällen verlangt: die Toten, ihre Papiere und Sachen abzuliefern, wohin sich's gehört, und sie aus der Zahl derjenigen zu streichen, die nach Nishnij transportiert werden mußten; das war aber sehr mühselig, besonders bei solcher Hitze. Und eben damit waren die Eskortierenden beschäftigt, und darum, solange alles das nicht abgemacht war, wollte man Nechliudow und die übrigen darum Bittenden sich den Wagen nicht nähern lassen. Nechliudow aber ließ man dennoch hinzu, weil er einem Eskorteunteroffizier Geld gegeben hatte. Dieser Unteroffizier ließ Nechliudow durch und bat ihn, nur schnell zu besprechen, was er vorhabe, und beiseitezugehen, damit der Chef es nicht sehe. Es waren im ganzen achtzehn Wagen, und alle, außer einem für die Obrigkeit, waren mit Gefangenen vollgestopft. Während Nechliudow an den Fenstern der Wagen vorbeiging, horchte er auf das, was darin vorging. Aus allen Wagen ließ sich das Geklirr der Ketten hören, ein Durcheinander, ein Gerede, mit sinnlosen Zoten gespickt, aber nirgends sprach man von den unterwegs umgefallenen Kameraden. Die Reden betrafen meistens die Säcke, das Trinkwasser und die Wahl der Plätze. Als Nechliudow in das Fenster eines der Wagen hineinblickte, sah er in der Mitte desselben, im Durchgang, die Eskortierenden, wie sie den Gefangenen die Handschellen abnahmen. Die Gefangenen streckten die Arme aus, und einer der Eskortesoldaten öffnete mit einem Schlüssel das Schloß an den Handschellen und zog sie ab. Ein anderer sammelte die Handschellen zusammen. Als Nechliudow alle diese Wagen passiert hatte, kam er zu denen der Frauen. Aus dem zweiten derselben hörte man das eintönige Gestöhn einer weiblichen Stimme, untermischt mit den Ausrufen: »O-oh! ... Herrje, o-o-oh! Herrje! ...« Nechliudow ging vorbei, und auf den Hinweis eines Eskortesoldaten näherte er sich dem Fenster des dritten Wagens. Sobald Nechliudow seinen Kopf dem Fenster näher rückte, überschauerte es ihn mit einer Hitze, die mit dem schweren Geruch menschlicher Ausdünstungen gesättigt war, und es ließen sich deutlich kreischende weibliche Stimmen hören. Auf allen Bänken saßen gerötete, schweißige Frauen in Kaftanen oder Jacken und sprachen laut miteinander. Das sich dem Fenster nähernde Gesicht Nechliudows lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich. Die nächsten verstummten und rückten näher zu ihm. Die Maslowa, nur in der Jacke und ohne Kopftuch, saß an dem gegenüberliegenden Fenster. Ihm näher saß die weiße, lächelnde Fedosia. Als sie Nechliudow erkannte, stieß sie die Maslowa an und zeigte mit der Hand auf das Fenster. Die Maslowa stand eilig auf, warf das Kopftuch über die schwarzen Haare, trat mit lebhaftem, rotem, verschwitztem, lächelndem Gesicht an das Fenster und faßte das Gitter. »Eine Hitze ist das«, sagte sie, freudig lächelnd. »Haben Sie die Sachen erhalten?« »Ich habe sie erhalten, danke!« »Haben Sie nichts nötig?« fragte Nechliudow, und er fühlte, daß die Hitze aus dem glühend heißen Wagen wie aus einem Badestubenofen ausströmte. »Ich habe nichts nötig, danke.« »Etwas zu trinken«, sagte Fedosia. »Ja, etwas zu trinken«, wiederholte die Maslowa. »Habt ihr denn kein Wasser.« »Es wird etwas gebracht, aber jetzt ist alles ausgetrunken.« »Gleich«, sagte Nechliudow, »will ich einen Eskortesoldaten darum bitten. Jetzt werden wir uns bis Nishnij nicht mehr sehen.« »Reisen Sie denn auch mit?« fragte die Maslowa, als ob sie es nicht wüßte, und blickte Nechliudow freudig an. »Ich reise mit dem folgenden Zug.« Die Maslowa sagte nichts, und erst nach einigen Sekunden seufzte sie tief auf. »Wie ist's denn, Herr, ist es wahr, daß man zwölf Gefangene umgebracht hat?« sagte eine alte, finstere Gefangene mit grober Stimme wie ein Bauer. Es war die Korabliowa. »Ich habe nicht gehört, daß es zwölf seien. Zwei habe ich gesehen«, sagte Nechliudow. »Es heißt: zwölf. Werden sie denn wirklich nichts dafür kriegen? Das sind ja Teufel.« »Und von den Frauen ist niemand krank geworden?« fragte Nechliudow. »Die Weiber sind zäher,« sagte lachend eine andere kleine Gefangene, »nur eine ist auf den Einfall gekommen, zu gebären. Da singt sie«, sagte sie, auf den Nachbarwagen zeigend, aus dem immer das gleiche Gestöhn ertönte. »Sie fragen, ob nichts nötig sei«, sagte die Maslowa, indes sie sich bemühte, das freudige Lächeln von den Lippen zurückzudrängen. »Könnte man nicht diese Frau zurücklassen? Sonst muß sie sich so quälen. Wenn Sie es der Obrigkeit sagten?« »Ja, ich will es sagen.« »Und dies noch: wäre es nicht möglich, daß sie Taras, ihren Mann, sehen könnte?« fügte sie hinzu, mit den Augen auf die lächelnde Fedosia zeigend. »Er reist ja mit Ihnen.« »Herr, es ist nicht erlaubt, hier zu sprechen«, ließ sich die Stimme eines Unteroffiziers von der Eskorte hören. Es war nicht jener, der Nechliudow zugelassen hatte. Nechliudow entfernte sich und ging, den Chef zu suchen, um ihn wegen der gebärenden Frau und wegen Taras zu bitten. Aber er konnte ihn lange nicht finden und eine Antwort von den Eskortierenden erlangen. Sie waren in großer Geschäftigkeit: die einen führten einen Gefangenen irgendwohin, die andern liefen, Lebensmittel für sich einzukaufen, und verteilten ihre Sachen in den Wagen, die dritten bedienten eine Dame, die mit einem Eskorteoffizier reiste, und antworteten nur unwillig auf Nechliudows Fragen. Erst nach dem zweiten Läuten wurde Nechliudow des Eskorteoffiziers gewahr. Der kurzarmige Offizier stand mit hochgezogenen Schultern da, wischte sich den Mund und erteilte einem Feldwebel wegen irgend etwas einen Verweis. »Was wollen Sie eigentlich?« fragte er Nechliudow. »Im Wagen bei Ihnen kommt eine Frau nieder, nun denke ich, man müßte ...« »Nun, mag sie niederkommen. Später werden wir sehen«, sagte der Eskorteoffizier, und er ging in seinen Wagen, flink die kurzen Arme schwenkend. Jetzt ging ein Schaffner mit der Pfeife in der Hand vorbei. Es ertönte das letzte Läuten, ein Pfiff, und unter den Geleitenden auf dem Bahnsteig und im Frauenwagen erhob sich Weinen und Rufen. Nechliudow stand neben Taras auf dem Bahnsteig und sah, wie die Wagen, einer nach dem anderen, mit den Gitterfenstern und mit den hinter ihnen sichtbaren rasierten Köpfen der Männer an ihm vorbeirollten. Dann erschien ihm gegenüber der erste Frauenwagen, in dessen Fenstern man die Köpfe barhäuptiger Frauen und von Frauen mit Kopftüchern erblickte; dann der zweite Wagen, aus dem noch immer dasselbe Stöhnen jener Frau ertönte; dann der Wagen, in dem die Maslowa war. Sie stand mit anderen zusammen am Fenster, sah Nechliudow an und lächelte ihm kläglich zu. 39 Bis zum Abgang des Personenzuges, mit dem Nechliudow reisen wollte, blieben noch zwei Stunden. Zuerst wollte Nechliudow in der Zwischenzeit noch zu seiner Schwester fahren, aber jetzt, nach den Eindrücken dieses Morgens, fühlte er sich im höchsten Grade aufgeregt und zerschlagen. Als er sich auf einen kleinen Diwan im Saal erster Klasse gesetzt hatte, überfiel ihn vollständig unerwartet eine solche Schläfrigkeit, daß er sich auf die Seite drehte, die Hand unter eine Backe legte und sofort einschlief. Ihn weckte ein Kellner im Frack mit einem Abzeichen und einer Serviette. »Mein Herr, mein Herr, sind Sie etwa Fürst Nechliudow? Eine Dame sucht sie.« Nechliudow fuhr auf, rieb sich die Augen, erinnerte sich, wo er sei und an alles, was heute morgen geschehen war. In seiner Erinnerung war der Marsch der Gefangenen, die Toten, die Wagen mit den Gittern und die dort eingesperrten Frauen, von denen eine sich ohne Hilfe bei der Entbindung quälte und eine andere hinter dem eisernen Gitter ihm kläglich zulächelte. In der Wirklichkeit aber war ganz etwas anderes vor ihm: ein Tisch mit Flaschen, Schalen, Kandelabern und Gedecken und neben dem Tisch die hin und her eilenden Kellner. In der Tiefe des Saals, vor dem Schrank und hinter den Flaschen und den Schalen mit Früchten, sah er einen Büfettier und die Rücken der Reisenden, die am Büfett standen. Während Nechliudow sich aus der liegenden Stellung aufrichtete und nach und nach zu sich kam, bemerkte er, daß alle im Zimmer Anwesenden einen Vorgang in den Türen mit Neugier betrachteten. Er blickte auch dorthin und sah Leute gehen, die auf einem Lehnstuhl eine Dame in einem luftigen Schleier, der ihr den Kopf umhüllte, trugen. Der vordere Träger war ein Lakai und kam Nechliudow bekannt vor. Der hintere war ebenfalls ein bekannter Portier mit Tressen an der Mütze. Hinter dem Lehnstuhl ging ein elegantes Zimmermädchen in einer Schürze und mit Löckchen und trug ein Bündelchen, irgendeinen runden Gegenstand in einem ledernen Futteral und Schirme. Noch weiter hinten ging, die Brust herausdrückend, Fürst Kortschagin mit seinen hängenden Lippen und seinem apoplektischen Hals, mit einer Reisemütze, und noch weiter hinten – Missi, Mischa, der Vetter und der Nechliudow bekannte Diplomat Osten mit dem langen Hals, dem vortretenden Adamsapfel, dem immer lustigen Aussehen und der gleichen Stimmung. Er ging neben der lächelnden Missi, der er eindringlich, aber augenscheinlich spaßhaft, etwas erzählte. Zuhinterst ging der Arzt, ärgerlich eine Zigarette rauchend. Die Kortschagins zogen aus ihrem nahe bei der Stadt liegenden Gut zu der Schwester der Fürstin um, auf deren Gut, das an der Nishnij-Nowgoroder Linie lag. Der Zug mit den Trägern, dem Zimmermädchen und dem Arzt ging vorüber in das Damenzimmer, indem er Neugier und Respekt seitens aller Anwesenden hervorrief. Der alte Fürst aber setzte sich an den Tisch, rief sogleich einen Kellner und bestellte bei ihm etwas zu essen und zu trinken. Missi und Osten blieben ebenfalls im Speisesaal stehen, und gerade wollten sie sich setzen, als sie in der Tür eine Bekannte bemerkten und ihr entgegengingen. Diese Bekannte war Natalia Iwanowna. Natalia Iwanowna, von Agrafena Petrowna begleitet, trat in den Speisesaal, sich nach allen Seiten umblickend. Sie erblickte fast im gleichen Augenblick Missi und den Bruder. Sie näherte sich zuerst Missi und winkte nur mit dem Kopf Nechliudow zu. Aber sobald sie Missi geküßt hatte, wandte sie sich sogleich zu ihm. »Endlich habe ich dich gefunden«, sagte sie. Nechliudow stand auf, begrüßte Missi, Mischa und Osten und blieb im Gespräch stehen. Missi erzählte ihm von der Feuersbrunst in ihrem Hause auf dem Lande, die sie nötigte, zur Tante umzuziehen. Osten begann bei dieser Gelegenheit eine drollige Anekdote von der Feuersbrunst zu erzählen. Nechliudow, ohne Osten zuzuhören, wandte sich an seine Schwester. »Wie ich mich freue, daß du noch gekommen bist«, sagte er. »Ich bin schon lange hier«, sagte sie. »Ich bin mit Agrafena Petrowna gekommen.« Sie zeigte auf Agrafena Petrowna, die im Hut und Regenmantel war und sich vor Nechliudow mit freundlicher Würde und etwas schüchtern von weitem verbeugte, da sie ihn nicht stören wollte. »Wir haben dich überall gesucht.« »Ich war hier eingeschlafen. Wie ich mich freue, daß du gekommen bist«, wiederholte Nechliudow. »Ich wollte dir noch einen Brief schreiben«, sagte er. »Wirklich?« sagte sie erschrocken. »Worüber denn?« Als Missi bemerkte, daß ein intimes Gespräch zwischen Bruder und Schwester begann, ging sie mit ihren Kavalieren beiseite. Nechliudow aber und die Schwester setzten sich auf einen kleinen Samtdiwan am Fenster neben irgendwessen Sachen, einen Plaid und einen Karton. »Gestern, als ich euch verlassen, wollte ich wieder umkehren und um Verzeihung bitten, aber ich wußte nicht, wie er es aufnehmen würde«, sagte Nechliudow. »Ich habe nicht gut mit deinem Mann gesprochen, und das quälte mich«, sagte er. »Ich wußte das, ich war überzeugt,« sagte die Schwester, »daß du es nicht wolltest. Du weißt ja ...« und Tränen traten ihr in die Augen, sie berührte seine Hand. Dieser Satz war nicht deutlich, aber er verstand ihn vollkommen und war gerührt durch das, was er bedeutete. Ihre Worte bedeuteten, daß außer der Liebe, die sie vollständig beherrschte, der Liebe zu ihrem Manne, teuer und wichtig für sie die Liebe zu ihm, dem Bruder, sei, und daß jede Uneinigkeit zwischen ihnen für sie ein schweres Leid sei. »Ich danke, ich danke dir. Ach, was habe ich heute gesehen«, sagte er, sich plötzlich des zweiten gestorbenen Gefangenen erinnernd. »Zwei Gefangene sind getötet worden.« »Wieso getötet?« »Einfach getötet. Man führte sie bei dieser Hitze fort und zwei starben am Sonnenstich.« »Das kann doch nicht sein! Wie? Heute? Jetzt?« »Ja, jetzt, ich habe die Leichen gesehen.« »Aber warum denn getötet? Wer hat sie getötet?« sagte Natalia Iwanowna. »Diejenigen haben sie getötet, die sie gewaltsam fortführten«, sagte Nechliudow gereizt, da er fühlte, daß sie auch diese Sache nur mit den Augen ihres Mannes sah. »Ach, mein Gott!« sagte Agrafena Petrowna, die näher an sie herangetreten war. »Ja, wir haben nicht den geringsten Begriff von dem, was man mit diesen Unglücklichen tut, aber man sollte es wissen«, fügte Nechliudow hinzu, auf den alten Fürsten blickend, der, mit einer Serviette um den Hals, an dem Tisch bei einem Getränk saß und diesen Augenblick sich nach Nechliudow umblickte. »Nechliudow,« schrie er, »wollen Sie eine Erfrischung? Vor der Reise ist es ausgezeichnet.« Nechliudow lehnte ab und wandte sich von ihm weg. »Aber was willst du tun?« fuhr Natalia Iwanowna fort. »Was ich kann ... Ich weiß nicht, aber ich fühle, daß ich etwas tun muß. Und was ich kann, werde ich tun.« »Ja, ja, das verstehe ich. Nun, und mit denen«, sagte sie lächelnd und mit den Augen auf Kortschagin zeigend, »ist es wirklich ganz zu Ende?« »Ganz, und ich glaube beiderseits ohne Bedauern.« »Schade. Mir tut es leid. Ich liebe sie. Nun, nehmen wir an, daß es so sei. Aber wozu willst du dich binden?« fügte sie ängstlich hinzu. »Wozu reisest du?« »Ich reise, weil es so sein muß«, sagte Nechliudow ernst und trocken, als ob er dieses Gespräch abbrechen wolle. Aber er machte sich sogleich ein Gewissen aus seiner Kälte gegen seine Schwester. »Warum soll ich ihr nicht alles sagen, was ich denke?« dachte er. »Mag auch Agrafena Petrowna es hören«, sagte er bei sich, das alte Zimmermädchen anblickend. Agrafena Petrownas Anwesenheit reizte ihn noch mehr, seinen Entschluß der Schwester zu wiederholen. »Du sprichst von meinem Vorsatz, Katjuscha zu heiraten? Nun, siehst du, ich habe beschlossen, es zu tun, aber sie hatte bestimmt und fest ausgeschlagen«, sagte er, und seine Stimme bebte, wie sie immer bebte, wenn er darüber sprach. »Sie will mein Opfer nicht, und sie selber bringt ein Opfer, das für sie in ihrer Lage viel ausmacht, und ich kann dieses Opfer nicht annehmen, wenn es nur momentaner Entschluß ist. Und nun reise ich ihr nach, und werde da sein, wo sie sein wird, und ich werde ihr, soviel ich kann, helfen und ihr Schicksal erleichtern.« Natalia Iwanowna sagte nichts. Agrafena Petrowna sah fragend Natalia Iwanowna an und schüttelte den Kopf. In diesem Augenblick kam aus dem Damenzimmer wieder der Zug. Derselbe schöne Lakai Philipp und der Portier trugen die Fürstin. Sie hielt die Träger an, winkte Nechliudow zu sich, reichte ihm mit kläglicher Leidensmiene die weiße Hand mit den Ringen, indem sie mit Grausen seinen festen Händedruck erwartete. » Epouvantable !« sagte sie von der Hitze. »Ich kann es nicht ertragen. Ce climat me tue .« Und nachdem sie ein wenig von den Schrecken des russischen Klimas gesprochen und Nechliudow eingeladen, sie zu besuchen, gab sie den Trägern das Zeichen. »Also unbedingt, kommen Sie zu uns« fügte sie hinzu, noch im Abgehen Nechliudow ihr langes Gesicht zuwendend. Nechliudow trat auf den Bahnsteig hinaus. Der Zug der Fürstin nahm die Richtung nach rechts zur ersten Klasse. Nechliudow aber, mit einem seine Sachen tragenden Dienstmann und mit Taras, der seinen eigenen Sack trug, ging nach links. »Das ist mein Kamerad«, sagte Nechliudow zu der Schwester, auf Taras zeigend, dessen Geschichte er ihr früher erzählt hatte. »Aber willst du wirklich dritter Klasse ...?« sagte Natalia Iwanowna, als Nechliudow neben einem Waggon dritter Klasse stehenblieb und Taras und der Dienstmann mit den Sachen in diesen eingestiegen waren. »Ja, so ist es mir bequemer, ich will mit Taras zusammenbleiben«, sagte er. »Aber ich habe noch etwas«, fügte er hinzu. »Bis jetzt habe ich das Land in Kusminskoje den Bauern noch nicht abgetreten, also, falls ich sterbe, erben es deine Kinder.« »Dmitrij, hör' auf«, sagte Natalia Iwanowna. »Wenn ich es aber abtrete, so kann ich doch eins sagen, daß alles übrige ihnen gehören wird, weil ich schwerlich heiraten werde. Und falls ich heirate, so werde ich keine Kinder haben... so daß...« »Dmitrij, bitte, sprich nicht so«, sprach Natalia Iwanowna; Nechliudow sah aber, daß sie sich freute, zu hören, was er sagte. Vorn, neben der ersten Klasse, stand nur ein kleines Häufchen Leute, das immer noch auf den Wagen sah, in den man die Fürstin Kortschagina getragen hatte. Die übrigen Leute waren schon alle auf ihren Plätzen. Verspätete Passagiere klapperten, sich eilend, über die Bretter des Bahnsteigs, die Schaffner schlugen die Türen zu und forderten die Reisenden auf, einzusteigen und die Begleitenden, hinauszugehen. Nechliudow trat in den von der Sonne durchglühten, heißen und stinkenden Wagen und ging sofort auf die Wagenplattform. Natalia Iwanowna stand dem Wagen gegenüber in ihrem modernen Hut und Umhang neben Agrafena Petrowna, suchte augenscheinlich einen Gesprächsgegenstand und fand ihn nicht. Man konnte nicht einmal »écrivez« sagen, weil sie und ihr Bruder sich immer über diese gewöhnliche Phrase Abreisender lustig machten. Jenes kurze Gespräch von den Geldangelegenheiten und von der Erbschaft zerstörte mit einemmal die brüderlich-schwesterliche Beziehung, die sich zwischen ihnen eben wiedereingestellt hatte. Sie fühlten sich jetzt einander fremd, so daß Natalia Iwanowna froh war, als der Zug sich bewegte und man nur noch mit dem Kopf nicken und mit schwermütigem und freundlichem Gesicht sprechen konnte: »Leb' wohl nun, leb' wohl, Dmitrij!« Aber sobald der Zug fort war, dachte sie daran, wie sie ihr Gespräch mit dem Bruder ihrem Mann mitteilen werde; und ihr Gesicht wurde ernst und besorgt. Und Nechliudow, trotzdem er nichts als die besten Gefühle für die Schwester hegte und nichts vor ihr verbarg, war es jetzt ihr gegenüber schwer und unbehaglich, und er wünschte, sich schneller von ihr zu trennen. Er fühlte, daß jene Natascha nicht mehr existierte, die ihm ehemals so nahe gewesen: es gab nur eine Sklavin des ihm fremden und unangenehmen, schwarzen, haarigen Mannes. Er merkte es klar daran, wie ihr Gesicht nur dann eine besondere Lebhaftigkeit erhellte, wenn er von der ihren Mann beschäftigenden Sache zu sprechen begann, von der Abtretung des Landes an die Bauern und von der Erbschaft. Und das tat ihm weh. 40 Die Hitze in dem den ganzen Tag über von der Sonne durchglühten, menschengefüllten großen Waggon dritter Klasse war so erstickend, daß Nechliudow nicht wieder in den Wagen ging, sondern auf der Wagenplattform stehenblieb. Aber auch hier war keine Luft zum Atmen, und erst dann atmete Nechliudow aus voller Brust auf, als die Wagen aus den Häuserreihen hinausgerollt waren und der Zugwind zu blasen begann. »Ja, man hat sie getötet«, wiederholte er bei sich die Worte, die er der Schwester gesagt. Und in seiner Phantasie hob sich von allen Eindrücken des heutigen Tages mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit das schöne Gesicht des zweiten toten Gefangenen ab, mit dem lächelnden Ausdruck der Lippen, mit dem strengen Ausdruck der Stirn und mit dem kleinen, festen Ohr unter dem rasierten, blauschimmernden Schädel. »Und das Schrecklichste von allem ist, daß man ihn getötet hat, und daß niemand weiß, wer ihn getötet hat. Aber man hat ihn getötet. Man führte ihn, wie alle Gefangenen, auf Maslennikows Befehl fort. Maslennikow hat wahrscheinlich seine gewöhnliche Verordnung gegeben, er hat ein Papier mit einer gedruckten Überschrift unterschrieben, hat seinen närrischen Schnörkel gemacht und wird sich, gewiß, auf keinen Fall für schuldig halten. Noch weniger kann sich der Gefängnisarzt für schuldig halten, der die Gefangenen untersuchte. Er hat seine Pflicht genau erfüllt, die Schwachen ausgesondert, aber er konnte natürlich weder diese fürchterliche Hitze voraussehen, noch daß man sie so spät am Tage und in solcher Menge fortführen werde. Der Inspektor?.. Aber der Inspektor hat nur die Verordnung erfüllt, an dem und dem Tage soundso viele Zwangsarbeiter und Verbannte, Männer und Frauen, zu spedieren. Ebensowenig konnte auch der Eskorteoffizier schuldig sein, dessen Pflicht darin bestand, an bestimmtem Orte soundso viele, gezählt, in Empfang zu nehmen und an einem anderen Orte ebenso viele abzuliefern. Die Abteilung führte er, wie es üblich und vorgeschrieben ist, und konnte durchaus nicht vorausahnen, daß so starke Leute, wie jene zwei, die Nechliudow gesehen, nicht aushalten und sterben würden. Niemand ist schuldig, und doch sind diese Menschen getötet worden und getötet trotzdem durch diese selben, an diesen Todesfällen unschuldigen Leute!« »Alles das ist dadurch geschehen,« dachte Nechliudow, »daß alle diese Leute – Gouverneure, Inspektoren, Polizeiaufseher, Polizisten – glauben, daß es Umstände auf der Welt gäbe, in welchen menschliches Verhalten gegen einen Mitmenschen nicht mehr Pflicht sei. All diese Leute – Maslennikow, der Inspektor und der Eskorteoffizier, sie alle, wenn sie nicht Gouverneure, Inspektoren, Offiziere gewesen wären – würden ja zwanzigmal überlegt haben, ob man die Leute bei solcher Hitze und in solcher dichten Masse transportieren könne; wären zwanzigmal unterwegs stehengeblieben, und wenn sie gesehen hätten, daß ein Mensch schwach wird, erstickt, würden sie ihn aus dem Haufen hinaus und in den Schatten geführt, ihm Wasser gegeben haben, ihn haben ausruhen lassen, und wenn ein Unglück passiert wäre, so hätten sie Mitleid geäußert. Sie haben es nicht getan, sie haben sogar die anderen verhindert, es zu tun, nur weil sie vor sich nicht Menschen und ihre eigenen Pflichten gegen sie sahen, sondern den Dienst und seine Forderungen, die sie über die Forderungen des Verhältnisses von Mensch zu Mensch stellten. Daran liegt alles«, dachte Nechliudow. »Wenn es möglich wäre, anzunehmen, daß etwas – was es auch sein möge – wichtiger wäre als das Gefühl der Menschenliebe, wenn auch nur für eine Stunde, wenn auch nur in irgendeinem einzigen Ausnahmefall, so gäbe es kein einziges Verbrechen, das man nicht an den Menschen begehen könnte, ohne sich für schuldig zu halten!« Nechliudow versank so tief in Nachdenken, daß er sogar nicht bemerkte, wie das Wetter sich änderte: die Sonne verbarg sich hinter der vorderen, niederen, zerrissenen Wolke, und vom westlichen Horizont rückte eine dichte, hellgraue Gewitterwolke her, die sich dort, irgendwo, weit über die Felder und Wälder, schon in schrägem, reichlichem Regen ergoß. Von der Wolke kam feuchte Regenluft. Blitze zerrissen von Zeit zu Zeit die Wolke, und zu dem Gerassel der Wagen gesellte sich immer öfter und öfter das Rollen des Donners. Die Wolke zog näher und näher; die schrägen Regentropfen begannen, vom Winde gejagt, die kleine Wagenplattform und Nechliudows Rock zu benetzen. Er ging auf die andere Seite, und die feuchte Frische und den Korngeruch der schon lange auf Regen wartenden Erde einatmend, sah er auf die vorbeieilenden Gärten, Wälder, die gelbschimmernden Roggenfelder, die noch grünen Haferstreifen und die schwarzen Furchen zwischen den dunkelgrünen, blühenden Kartoffeln. Alles war wie mit Lack bedeckt, das Grüne wurde noch grüner, das Gelbe gelber, das Schwarze schwärzer. »Noch mehr, noch mehr«, sprach Nechliudow und freute sich über die unter dem gesegneten Regen auflebenden Felder, Gärten, Gemüseäcker. Der starke Regen strömte nicht lange. Die Wolke entleerte sich zum Teil, zum Teil jagte sie vorbei, und auf die nasse Erde fielen schon die letzten, geraden, dichten und feinen Tropfen. Die Sonne blickte wieder hervor, alles erglänzte, und gegen Osten bog sich über den Horizont ein nicht hoher, aber heller Regenbogen mit hervortretendem Violett, der nur an einem Ende unterbrochen war. »Ja, woran habe ich eben gedacht?« fragte sich Nechliudow, als alle diese Umwandlungen in der Natur zu Ende waren, und der Zug in einen Bahneinschnitt mit hohen Böschungen hinabrollte. »Ja, ich dachte darüber nach, daß alle diese Menschen, der Inspektor, die Eskortierenden, all diese dienenden Leute – meistens sanftmütige, gute Leute sind – und böse geworden sind, nur weil sie Beamte sind.« Er erinnerte sich an die Gleichgültigkeit Maslennikows, als er ihm über das sprach, was im Gefängnis geschah, an die Strenge des Inspektors, die Grausamkeit des Eskorteoffiziers, als er die Leute nicht auf die Wagen ließ und dem Umstande keine Aufmerksamkeit geschenkt, daß im Eisenbahnwagen eine Frau sich in der Entbindung quälte. All diese Menschen waren augenscheinlich unverletzbar, wasserdicht gegen das einfachste Mitleidsgefühl, nur weil sie Beamte waren. »Sie, als Beamte, waren undurchdringlich für das Gefühl der Menschenliebe wie diese gepflasterte Erde für den Regen«, dachte Nechliudow, während er den mit verschiedenfarbigen Steinen gepflasterten Abhang des Bahneinschnittes betrachtete, auf dem das Regenwasser, ohne von der Erde aufgesogen zu werden, in kleinen Strömen niederrieselte. »Kann sein, daß es nötig ist, Bahneinschnitte mit Steinen zu belegen, aber es tut weh, diese vegetationsberaubte Erde zu sehen, die Getreide, Gras, Gebüsche, Bäume erzeugen könnte, ebensolche, wie man oben über dem Einschnitt sieht. Ebenso geht es auch mit den Menschen,« dachte Nechliudow, »vielleicht sind auch Gouverneure, Inspektoren, Polizisten nötig, aber es ist schrecklich, Menschen zu sehen, die der allerersten menschlichen Eigenschaft – der Liebe und des Mitleids miteinander – beraubt sind.« »Alles hängt davon ab,« dachte Nechliudow, »daß diese Leute als Gesetz anerkennen, was kein Gesetz ist, und das, was ein ewiges, unabänderliches, unaufschiebbares, von Gott selbst in das menschliche Herz geschriebenes Gesetz ist, das erkennen sie nicht als Gesetz an. Eben darum ist mir immer so schwer diesen Leuten gegenüber«, dachte Nechliudow. »Ich fürchte sie einfach. Und wirklich sind diese Leute schrecklich. Sie sind fürchterlicher als Räuber. Der Räuber kann immer noch Mitleid haben, – diese Leute aber können nicht bemitleiden: sie sind gegen das Mitleid versichert wie diese Steine gegen die Vegetation. Und gerade dadurch sind sie schrecklich. Man sagt, die Pugatschows, Rasins waren schrecklich, aber jene sind tausendmal schrecklicher«, dachte er weiter. »Wenn die psychologische Aufgabe gestellt würde: wie ist es einzurichten, daß die Menschen unserer Zeit, Christen, humane, einfache, gute Menschen, die schrecklichsten Missetaten verüben, ohne sich dabei für schuldig zu halten, so ist nur eine Lösung möglich: gerade das, was ist, – diese Menschen müssen Gouverneure, Inspektoren, Offiziere, Polizisten sein, das heißt, sie sollen erstens überzeugt sein, daß es eine Beschäftigung geben muß – die Staatsdienst heißt – bei welcher man mit seinen Mitmenschen wie mit Sachen, ohne menschliches, brüderliches Verhalten gegen sie, umgehen darf, und zweitens, die Menschen müssen durch diesen Staatsdienst so gebunden sein, daß die Verantwortlichkeit für die Folgen ihrer Handlungen anderen Menschen gegenüber nie auf einen einzelnen von ihnen fällt. Sonst gibt es keine Möglichkeit, in unserer Zeit so schreckliche Taten zu verüben wie diejenigen, die ich heute gesehen. Die ganze Sache liegt darin, daß die Menschen glauben, es gebe Umstände, wo man mit den Menschen ohne Liebe umgehen dürfe; solche Umstände gibt es aber nicht! Mit Sachen kann man ohne Liebe umgehen; man kann ohne Liebe Bäume fällen, Ziegel machen, Eisen schmieden; mit Menschen aber kann man nicht ohne Liebe umgehen, ebensowenig, wie man Bienen ohne Vorsicht behandeln darf. Das ist eine Eigenschaft der Bienen. Wenn man mit ihnen ohne Vorsicht umgeht, so wird man ihnen und sich selber schaden. Ebenso ist es mit den Menschen. Und es kann nicht anders sein, weil die gegenseitige Liebe zwischen den Menschen das Grundgesetz des menschlichen Lebens bildet. Es ist wahr, der Mensch kann sich nicht zwingen, zu lieben, wie er sich zwingen kann, zu arbeiten. Aber daraus folgt nicht, daß man mit den Menschen ohne Liebe umgehen darf, besonders, wenn man etwas von ihnen will. Wenn du keine Liebe zu den Menschen fühlst, so sitze still,« dachte Nechliudow, sich an sich selber wendend, »beschäftige dich mit dir selbst, mit Dingen, womit du willst, nur nicht mit den Menschen. Wie man ohne Schaden und mit Nutzen nur dann essen kann, wenn man hungrig ist, ebenso kann man mit Menschen nur dann ohne Schaden und mit Nutzen umgehen, wenn man sie liebt. Erlaube dir nur, die Menschen ohne Liebe zu behandeln, so wie du gestern deinen Schwager behandelt hast, – und es gibt keine Grenze mehr für die Bestialität und Grausamkeit anderen Menschen gegenüber, wie ich es heute gesehen, und es gibt keine Grenze für das eigene Leiden, wie ich es aus meinem ganzen eigenen Leben erfahre. Ja, ja, es ist so«, dachte Nechliudow. »Das ist gut, das ist gut!« wiederholte er sich, während er ein doppeltes Vergnügen empfand, – an der Frische nach der quälenden Hitze und an dem Bewußtsein des erreichten höchsten Grades von Klarheit in der Frage, die ihn schon so lange beschäftigte. 41 Der Wagen, in dem Nechliudow seinen Platz hatte, war zur Hälfte besetzt. Die Mitreisenden waren Dienstboten, Handwerker, Fabrikarbeiter, Metzger, Juden, Kommis, Weiber, Arbeiterfrauen, auch ein Soldat war darunter, zwei Damen – eine junge, die andere schon bei Jahren, mit Armbändern an dem entblößten Arm – sowie ein Herr von strengem Aussehen mit einer Kokarde an der schwarzen Mütze. Alle diese Leute hatten sich ihre Plätze eingerichtet, waren zur Ruhe gelangt und saßen still; die einen knackten Sonnenblumensamen, andere rauchten Zigaretten, wieder andere führten lebhafte Gespräche mit ihren Nachbarn. Taras saß mit glücklicher Miene rechts vom Durchgang, hielt einen Platz für Nechliudow frei und sprach lebhaft mit einem ihm gegenübersitzenden muskulösen Manne in einem nicht zugeknöpften Kaftan aus Tuch, einem auf seine Stelle fahrenden Gärtner, wie Nechliudow nachher erfuhr. Ohne bis zu Taras vorzudringen, blieb Nechliudow im Durchgang stehen neben einem Alten von würdigem Aussehen mit weißem Bart und im Nankingkaftan, der mit einer jungen Frau in Dorftracht sprach. Neben der Frau saß ein siebenjähriges Mädchen, das den Boden mit den Füßen noch lange nicht erreichte; es trug einen kleinen, neuen Sarafan, hatte die fast ganz weißen Haare zu einem Zöpfchen geflochten und knackte ohne Aufhören Sonnenblumensamen. Der Alte, der sich nach Nechliudow umblickte, nahm einen Schoß seines Kaftans von der lackierten Bank, wo er allein saß, und sagte freundlich: »Wollen Sie sich nicht auch setzen?« Nechliudow dankte und ließ sich auf den Platz nieder, den ihm der Alte wies. Sowie Nechliudow saß, fuhr die Frau in der unterbrochenen Erzählung fort. Sie erzählte, wie sie ihr Mann, von dem sie jetzt zurückkehrte, in der Stadt aufgenommen hatte. »Zur Butterwoche bin ich bei ihm gewesen, und jetzt war es Gottes Wille, daß ich ihn wieder besuchen konnte«, sprach sie. »Und weiter – wenn es Gottes Wille ist – sehe ich ihn vielleicht zu Weihnachten.« »Das ist gut,« sagte der Alte, sich nach Nechliudow umblickend, »man muß sich nach ihm umsehen; sonst wird so ein junger Mann bei dem Stadtleben zu mutwillig.« »Nein, Großväterchen, der meine ist nicht solch ein Mensch. Macht nicht etwa irgendwelche Dummheiten, oder so was: er ist wie ein junges Mädchen. Schickt alles Geld bis zur letzten Kopeke nach Hause. Und über die Kleine hat er sich gefreut, so gefreut, daß es sich gar nicht sagen läßt«, sagte die Frau lächelnd. Das Mädchen, das die Sonnenblumensamen ausspuckte und der Mutter zuhörte, blickte mit seinen ruhigen, klugen Augen in das Gesicht des Alten und Nechliudows, als ob es die Worte der Mutter bestätige. »Ist er aber klug, so ist's um so besser«, sagte der Alte. »Nun, und mit so was gibt er sich auch nicht ab?« fügte er hinzu, indes er mit den Augen auf ein Pärchen zeigte, Mann und Frau, augenscheinlich Fabrikarbeiter, die auf der anderen Seite des Durchgangs saßen. Der Fabrikarbeiter setzte gerade eine Flasche mit Branntwein an den Mund, warf den Kopf zurück und tat einen Zug, die Frau aber hielt in der Hand den Sack, aus dem sie die Flasche genommen, und blickte ihren Mann unverwandt an. »Nein, meiner trinkt nicht und raucht nicht«, sagte die Frau, mit der der Alte sich unterhielt, indem sie die Gelegenheit benutzte, ihren Mann noch einmal zu loben. »Solche Menschen wachsen nicht viel auf der Erde, Großväterchen. So einer ist er«, sagte sie, sich auch an Nechliudow wendend. »Was kann es Besseres geben?« wiederholte der Alte, den trinkenden Fabrikarbeiter anblickend. Nachdem der Fabrikarbeiter aus der Flasche getrunken, reichte er sie seiner Frau. Die Frau nahm die Flasche und setzte sie lächelnd und mit dem Kopf schüttelnd gleichfalls an den Mund. Als der Arbeiter den auf ihn gerichteten Blick Nechliudows und des Alten bemerkte, wandte er sich zu ihnen. »Was ist, Herr? Etwa, daß wir trinken? Wenn wir arbeiten, sieht es niemand, aber wenn wir trinken, so sehen es alle. Ich habe Geld verdient, und also trinke ich und gebe auch meiner Frau zu trinken. Und damit basta.« »Ja, ja«, sagte Nechliudow, der nicht wußte, was er antworten sollte. »Nicht wahr, Herr Mein Weib ist eine feste Frau. Ich bin mit meiner Frau zufrieden, weil sie gut zu mir ist. Sag' ich richtig, Mawra?« »Nun, nimm du sie, hier. Mag nicht mehr«, sagte die Frau, ihm die Flasche zurückgebend. »Und was schwatzt du so ohne Sinn?« fügte sie hinzu. »Also, so ist es,« fuhr der Fabrikarbeiter fort, »bald ist sie gut, bald aber fängt sie auch zu knarren an, wie eine ungeschmierte Karre. Sag' ich richtig, Mawra?« Mawra winkte mit der Hand, lächelnd, mit trunkener Geste. »Na, geht's schon los mit dem Unsinn?« »Also, so ist es; sie ist gut, gut, aber nur zuzeiten: gerät ihr die Pferdeleine unter den Schwanz, so wird sie etwas anrichten, was einem kaum in, den Kopf kommen kann ... Sag' ich richtig? Sie, Herr, entschuldigen Sie, ich habe ein wenig getrunken, nun – was ist da zu tun?«... sagte der Fabrikarbeiter und begann sich zum Schlaf hinzulegen, indem er den Kopf auf den Schoß seiner lächelnden Frau legte. Nechliudow saß einige Zeit bei dem Alten, der ihm von sich selber erzählte, daß er ein Ofensetzer sei, seit dreiundfünfzig Jahren arbeite und so viele Öfen in seinem Leben gesetzt habe, daß man sie nicht einmal zählen könne; jetzt aber sei er im Begriff, etwas auszuruhen, aber nie finde er Zeit dazu. Er sei in der Stadt gewesen und habe die Kinder untergebracht, und jetzt fahre er ins Dorf, um sich nach den Seinigen zu Hause umzusehen. Nachdem Nechliudow die Erzählung des Alten zu Ende gehört, stand er auf und ging auf den Platz, den Taras für ihn freigehalten hatte. »Nun also, Herr, setzen Sie sich! Den Sack wollen wir hierher nehmen«, sagte freundlich der Taras gegenübersitzende Gärtner, indem er Nechliudow von unten her ins Gesicht blickte. »Enge, aber kein Gedränge«, sagte Taras lächelnd, mit singender Stimme, hob mit starken Armen seinen zwei Pud schweren Sack wie ein Federchen auf und trug ihn zum Fenster. »Platz genug, – sonst kann man auch stehen, auch unter der Bank liegen kann man. Und ruhig ist es hier. Zanken werden wir uns nicht«, sprach er, indem er vor Gutmütigkeit und Freundlichkeit strahlte. Taras pflegte von sich zu sagen, daß er, wenn er nichts getrunken, keine Worte habe, daß ihm vom Branntwein gute Worte kämen und er alles sagen könne. Und wirklich, im nüchternen Zustande schwieg Taras meistens; wenn er aber etwas trank, was bei ihm selten und nur in besonderen Fällen vorkam, so war er besonders angenehm gesprächig. Er sprach dann viel und schön, mit großer Einfachheit, Wahrhaftigkeit und hauptsächlich Freundlichkeit, die aus seinen guten blauen Augen und aus seinem nie von den Lippen weichenden, zutunlichen Lächeln geradezu leuchtete. In solch einem Zustand war er heute. Nechliudows Hinzutreten hielt seine Rede für eine Minute auf. Aber als er den Sack verstaut hatte, setzte er sich wieder wie vorher hin, legte seine starken Arbeitshände auf die Knie, und dem Gärtner gerade in die Augen blickend, fuhr er in seiner Erzählung fort. Er erzählte seinen neuen Bekannten mit allen Einzelheiten die Geschichte seiner Frau: weshalb man sie verschickte, und warum er ihr jetzt nach Sibirien nachreiste. Nechliudow hatte diese Erzählung noch nie ausführlich vernommen, daher hörte er mit Interesse zu. Er war mit seiner Geschichte an der Stelle, wo die Vergiftung schon stattgefunden hatte, und wo man in der Familie erfuhr, daß Fedosia sie verübt habe. »Ich erzähle gerade von meinem Unglück«, sagte Taras, sich innig-freundschaftlich an Nechliudow wendend. »So eine Seele von Mensch habe ich getroffen, – wir sind ins Gespräch gekommen, und nun erzähle ich es ihm.« »Ja, ja«, sagte Nechliudow. »Nun, auf solche Weise also, mein Bester, wurde die Sache bekannt. Die Mutter nahm den Fladen, ›ich geh‹, sagt sie, ›zum Uriadnik.‹ Mein Alter ist ein rechter Mann. ›Warte,‹ sagt er, ›Alte, das Weiblein ist ja ganz und gar ein Kind, es wußte selber nicht, was es tat; man muß Mitleid mit ihm haben. Es wird vielleicht wieder zu sich kommen.‹ Aber kein Gedanke, – sie wollte nicht Vernunft annehmen. ›Solange sie bei uns bleibt, wird sie uns wie Schaben aus der Welt schaffen.‹ Sie lief also, Bester, zum Uriadnik. Dieser greift sofort die Geschichte auf, läuft zu uns. Sogleich bringt er Zeugen mit.« »Nun und du, was tatest du?« fragte der Gärtner. »Und ich, mein Bester, wälzte mich vor Leibschmerzen und erbrach mich. Das ganze Eingeweide kehrte sich mir um, nicht mal ein Wort sagen konnte ich. Sofort spannte Vater einen Wagen an, setzte Fedosia darauf – zum Stanowoj, und von dort zum Untersuchungsrichter. Und sie, mein Bester, wie sie sich zuerst an allem schuldig bekannt, so legte sie auch alles, wie es gewesen, nach der Reihe dem Untersuchungsrichter dar; woher sie den Arsenik genommen, und wie sie die Fladen geknetet. ›Warum,‹ sagt er, ›hast du es getan?‹ – ›Nun, darum,‹ sagt sie, ›weil er mir zuwider ist. Lieber ist mir Sibirien als mit ihm zu leben.‹ – Mit mir, heisst das,« sprach lächelnd Taras; – »sie hat sich also schuldig bekannt, an allem, – alte Geschichte – marsch ins Gefängnis! Vater kam allein zurück. Da kommt aber die Arbeitszeit, und von Weibern haben wir nur einzig Mutter, und die ist schon schwach. Wir denken nach: was sollen wir tun? Ob man sie nicht gegen Sicherheit auslösen kann? Vater fährt zu einem von der Behörde – es kommt nichts heraus; er fährt zum zweiten. Fünf verschiedene hat er besucht. Wir haben schon fast ganz und gar aufgegeben, uns darum zu bemühen, da aber stoßen wir plötzlich auf ein Männlein – so einen von den Kanzlisten. Ein geschickter Bursche, wie sie selten zu finden sind. ›Gib‹, sagt er, ›fünf Rubel her, dann werde ich ihr heraushelfen.‹ Auf drei haben wir uns geeinigt. Nun also, gut, mein Bester! – Ich hatte ja eben gerade ihre eigenen Leinwandstücke versetzt, und so bezahlte ich ihn. Kaum hat er dieses Papier geschrieben,« dehnte Taras die Worte, als ob er von einem Schuß spräche, »auf einmal – fertig! Ich selber war zu der Zeit schon wieder aufgestanden, fuhr selber in die Stadt zu ihr. Nun komme ich, mein Bester, in die Stadt. Sofort hab' ich die Stute in den Ausspann gestellt, das Papier mitgenommen und komme ins Gefängnis. ›Was willst du?‹ ›Soundso,‹ sage ich, ›meine Hausfrau ist hier bei euch eingesperrt.‹ – ›Und das Papier‹, sagt er, ›hast du?‹ Sofort gebe ich ihm das Papier. Kaum blickte er hinein. ›Warte‹, sagte er. Ich habe mich dort auf das Bänkchen gesetzt. Die Sonne war schon über den Mittag weg. Da kommt ein Vorgesetzter: ›Bist du‹, sagt er, ›Warguschow?‹ – ›Ich bin es selber.‹ – ›Nun, also nimm sie‹, sagt er. Sofort macht man das Tor auf. Man führte sie im eigenen Kleid heraus, wie es sein soll. ›Na also! Komm mit.‹ – ›Aber bist du denn zu Fuß?‹ – ›Nein, ich bin mit dem Pferd hier.‹ Wir kamen in den Ausspann, ich zahlte für die Einkehr, spannte die Stute vor, stopfte ein wenig Heu, was übrigblieb, unter die Sitzmatte. Sie setzte sich hin, hüllte sich mit einem Tuch ein. Wir fuhren ab. Sie schweigt, und ich schweige. Eben begannen wir uns dem Hause zu nähern, da sagte sie: ›Wie ist es, lebt die Mutter noch?‹ Ich sage: ›Sie lebt.‹ – ›Und der Vater auch?‹ – ›Ja.‹ – ›Verzeih mir,‹ sagt sie, Taras, ›meine Dummheit. Ich wußte ja selber nicht, was ich tat.‹ Ich aber sage: ›Zuviel sprichst du, was nicht hierher gehört; es ist schon lange verziehen.‹ Mehr wollte ich darüber nicht sprechen. Wir sind nach Hause gekommen, sofort fällt sie der Mutter zu Füßen. Die Mutter sagt: ›Gott wird dir verzeihen!‹ Vater aber begrüßte sie und sagte: ›Wozu brauchen wir an das Alte zu denken? Lebe, und laß es besser werden. Heute‹, sagte er, ›ist nicht die Zeit, an so etwas zu denken, wir müssen aufs Feld und die Ernte hereinbringen. Hinter Skorodnoje,‹ sagte er, ›auf dem Miststreifen, ist der Roggen, Gott hat es gegeben, so gut geraten, daß die Sichel ihn nicht faßt; er hat sich verwickelt und gelagert wie ein Bett. Wir müssen schneiden. Nun, geh morgen mit Taraska und schneide.‹ Und nun packt sie, seit der Stunde, mein Bester, die Arbeit an, aber packt sie so an, daß es zum Verwundern war. Wir hatten damals drei gepachtete Desiatinen, und Gott sei Dank, sowohl Roggen wie Hafer war so gut geraten, – eine wahre Seltenheit so. Ich mähe, sie bindet, oder wir schneiden beide. Ich bin bei der Arbeit gewandt, sie fällt mir nicht aus den Händen; sie aber ist noch gewandter, an was sie sich auch macht. Das Weib ist flink und jung, voll Saft. Und auf die Arbeit ist sie, mein Bester, so erpicht geworden, daß ich sie sogar zurückhalten muß. Kommen wir nach Hause, die Finger sind aufgelaufen, die Arme schnurren, sie mußte ausruhen; aber sie läuft, ohne zur Nacht zu essen, in die Scheune, richtet die Garbenbinden zum Morgen. Was ist mit ihr los!« »Und also, auch gegen dich ist sie so zutunlich geworden?« »Und wie! Klebte so an mir fest, wie eine Seele waren wir beide! Was mir nur eben in den Sinn kommt, – sie versteht's schon. Sogar die Mutter, so zornig sie ist, auch die sagt: ›Unsere Fedosia ist wie ausgetauscht, ein anderes Weib ist sie geworden.‹ Einmal fahre ich mit ihr mit zwei Wagen nach den Garben, und wir sitzen auf einem, auf dem vorderen. Und ich sage so: ›Aber wie konnte dir, Fedosia, jene Sache in den Sinn kommen?‹ ›Wie kam sie mir in den Sinn?‹ sagt sie, ›ich wollte nicht mit dir leben. Lieber, dachte ich, sterbe ich, aber mit ihm leben, nein!‹ ›Nun, und jetzt?‹ sage ich. ›Jetzt aber,‹ sagt sie, ›bist du in meinem Herzen.‹« Taras hielt an, und freudig lächelnd schüttelte er verwundert den Kopf. »Eben hatten wir die Ernte vom Felde, ich führte Hanf zum Rösten; fahre nach Hause zurück,« fuhr er fort, nachdem er ein wenig geschwiegen, – »sieh da – die Vorladung – vor Gericht! Wir aber dachten schon mit keinem Gedanken mehr daran, für was man sie zur Verantwortung ziehen soll.« »Nichts anderes ist es, als der unsaubere Geist«, sagte der Gärtner. »Kann es denn dem Menschen selber einfallen, eine Seele umzubringen? So hat auch bei uns ein Mann...«, und der Gärtner schickte sich an, zu erzählen; aber der Zug hielt. »Eine Station, scheint es«, sagte er. »Komm, wir wollen trinken gehen.« Das Gespräch hörte auf, und Nechliudow trat gleich hinter dem Gärtner aus dem Wagen auf die nassen Bretter des Bahnsteigs hinaus. 42 Noch ehe Nechliudow den Wagen verließ, bemerkte er vor dem Stationsgebäude einige vornehme Equipagen, mit drei oder vier satten, schellenklirrenden Pferden bespannt: als er aber auf den vom Regen dunkel gewordenen nassen Bahnsteig hinaustrat, sah er vor der ersten Klasse ein Häufchen Leute, in deren Mitte eine hohe, dicke Dame im Regenmantel und einem Hut mit kostbaren Federn, sowie ein langer, junger Mann mit dünnen Beinen, im Radlerkostüm, mit einem riesigen, satten Hunde, der ein teures Halsband trug, auffielen. Hinter ihnen stand ein Kutscher und Lakaien mit Mänteln und Schirmen, die sie abholten. Auf diesem ganzen Häufchen – von der dicken Herrin bis zu dem Kutscher, der die Schöße seines langen Kaftans mit einer Hand zusammenhielt – lag der Stempel ruhiger Selbstgewißheit und des Überflusses. Um dieses Häufchen herum bildete sich sogleich ein Kreis neugieriger und vor dem Reichtum kriechender Leute: der Stationschef mit roter Mütze, ein Gendarm, ein im Sommer immer die Ankunft der Züge abwartendes hageres Mädchen in russischem Kostüm mit Glasperlen um den Hals, ein Telegraphist und Passagiere, Männer und Frauen. In dem jungen Manne mit dem Hunde erkannte Nechliudow den Gymnasiasten, den jungen Kortschagin. Die dicke Dame aber war die Schwester der Fürstin, auf deren Gut die Kortschagins übersiedelten. Der Zugführer mit den glänzenden Tressen und Stiefeln öffnete die Tür des Wagens und hielt sie, zum Zeichen seiner Ehrerbietung, während Philipp und ein Dienstmann in weißer Schürze die Fürstin mit dem langen Gesicht auf ihrem zusammenlegbaren Lehnstuhl heraustrugen. Die Schwestern begrüßten einander, es waren französische Phrasen zu hören, ob die Fürstin in einer Kutsche oder in einer Kalesche fahren wolle, und der Zug, der von dem Zimmermädchen mit den Löckchen, das die Schirme und das Futteral trug, beschlossen wurde, bewegte sich zur Stationstür. Nechliudow, der ihnen nicht begegnen wollte, um nicht noch einmal Abschied nehmen zu müssen, blieb, ohne bis zur Stationstür zu gehen, stehen und wartete, bis der ganze Zug vorüber war. Die Fürstin mit dem Sohn, Missi, der Arzt und das Zimmermädchen gingen voran, der alte Fürst aber blieb mit der Schwägerin hinten stehen, und Nechliudow, ohne heranzutreten, hörte nur abgebrochene französische Sätze ihres Gesprächs. Eine von dem Fürsten gesagte Phrase prägte sich, wie das oft geschieht, Nechliudow mit allen Eigenheiten der Stimme ins Gedächtnis. »Oh! il est du vrai grand monde, du vrai grand monde«, sagte der Fürst von jemand mit seiner lauten, selbstgewissen Stimme und ging mit seiner Schwägerin, von den ehrerbietigen Schaffnern und Trägern geleitet, durch die Stationstür. Gleichzeitig erschienen auf dem Bahnsteig, irgendwoher, hinter einer Ecke des Stationsgebäudes hervor, ein Haufen Arbeiter in Bastschuhen und mit Pelzen und Säcken auf dem Rücken. Die Arbeiter näherten sich mit entschiedenen, weichen Schritten dem ersten Wagen und wollten hineinsteigen, aber sofort wurden sie von einem Schaffner fortgejagt. Ohne stehenzubleiben, gingen die Arbeiter, sich eilend und einander auf die Füße tretend, weiter zum nächsten Wagen und begannen schon, mit den Säcken an den Ecken des Wagens und in der Tür anstoßend, hineinzusteigen, als ein anderer Schaffner von der Stationstür aus ihre Absicht bemerkte und sie streng anschrie. Die eingestiegenen Arbeiter kamen sofort eilig heraus und gingen wieder mit denselben weichen und entschiedenen Schritten noch weiter zum folgenden Wagen, demselben, in welchem Nechliudow seinen Platz hatte. Ein Schaffner hielt sie wieder an. Sie machten halt, in der Absicht, noch weiter zu gehen, aber Nechliudow sagte ihnen, daß im Wagen Platz sei, und daß sie einsteigen sollten. Sie gehorchten ihm, und Nechliudow trat gleich hinter ihnen in den Wagen. Die Arbeiter schickten sich schon an, ihre Plätze einzunehmen, aber der Herr mit der Kokarde und die beiden Damen, die diesen bösen Anschlag, sich in diesem Wagen niederzulassen, für eine persönliche Beleidigung nahmen, widersetzten sich entschieden und wollten sie wegtreiben. Die Arbeiter – ihrer waren etwa zwanzig Mann – sowohl alte wie ganz junge, alle mit gequälten, verbrannten, vertrockneten Gesichtern, gingen sofort, mit den Säcken an die Bänke, Wände und Türen stoßend, durch den Wagen weiter, augenscheinlich sich vollkommen schuldig fühlend und bereit, bis ans Ende der Welt zu gehen und sich zu setzen, wo man es befehlen würde, wenn auch auf Nägel. »Wo wollt ihr hin, Teufel? Setzt euch!« schrie ein anderer Schaffner, der ihnen entgegenkam. »Voilà encore des nouvelles«, machte die jüngere der beiden Damen, vollkommen überzeugt, daß sie durch ihr schönes Französisch die Aufmerksamkeit Nechliudows auf sich lenken werde. Die Dame mit den Armbändern schnüffelte nur immer, rümpfte die Nase und sagte etwas von der Annehmlichkeit, mit stinkendem Bauernvolk zusammen zu sitzen. Die Arbeiter aber blieben stehen, empfanden die Freude und Beruhigung von Menschen, die einer großen Gefahr entgangen sind, und begannen die Plätze einzunehmen, warfen mit einer Bewegung der Schulter die schweren Säcke vom Rücken und schoben sie unter die Bänke. Der Gärtner, der mit Taras gesprochen hatte, saß nicht auf seinem Platz und war jetzt fortgegangen, so daß neben Taras und ihm gegenüber drei Plätze frei waren. Drei Arbeiter setzten sich auf diese Plätze, aber als Nechliudow sich ihnen näherte, machte der Anblick seiner herrschaftlichen Kleidung sie so befangen, daß sie aufstanden, um wegzugehen; Nechliudow jedoch bat sie zu bleiben und setzte sich selber auf die Seitenlehne der Bank am Durchgang. Einer der Arbeiter, ein etwa fünfzigjähriger Mann, wechselte einen unsicheren, sogar erschrockenen Blick mit einem jungen. Der Umstand, daß Nechliudow ihnen den Platz abtrat, statt sie – wie es einem Herrn eigen ist – zu schimpfen und fortzujagen, verwunderte sie sehr und machte sie stutzig. Sie fürchteten sogar, daß etwas Schlimmes für sie daraus entstehen könne. Als sie aber sahen, daß da keine Hinterlist steckte und daß Nechliudow mit Taras einfach sprach, hießen sie den Jungen sich auf den Sack setzen und baten Nechliudow, seinen Platz einzunehmen. Zuerst machte sich der ältere, Nechliudow gegenübersitzende Arbeiter immer ganz klein, zog seine mit Bastschuhen bekleideten Füße sorgfältig an sich, um nicht an den Herrn anzustoßen, dann aber kam er in ein so freundliches Gespräch mit Nechliudow und Taras, daß er sogar Nechliudow bei den Stellen der Erzählung, auf die er besondere Aufmerksamkeit lenken wollte, mit der Hand, die Handfläche nach oben gekehrt, auf das Knie klopfte. Er erzählte von allem was ihn anging, von der Arbeit bei der Torfgewinnung, von der sie jetzt nach Hause fuhren. Nachdem sie dort zwei und einen halben Monat gearbeitet, brachten sie an verdientem Gelde etwa zehn Rubel für jeden nach Hause, weil ein Teil des Verdienstes im voraus bei der Verdingung gezahlt war. Bei ihrer Arbeit mußten sie, wie er erzählte, bis zum Knie im Wasser stehen, und sie dauerte vom Morgen bis zum Abend, mit zweistündiger Mittagspause. »Die es nicht gewohnt sind, für die ist es gewiß schwer,« sprach er, »hast du dich aber erst mal eingefahren, so macht es nichts. Wäre nur die Kost ordentlich. Zuerst war die Kost schlecht. Nun, das nahmen aber die Leute übel, und die Kost wurde dann gut, und die Arbeit ging leicht.« Dann erzählte er, wie er seit achtundzwanzig Jahren auf die Arbeit ginge und seinen ganzen Verdienst nach Hause brächte, früher seinem Vater, dann dem ältesten Bruder, jetzt dem Neffen, der die Wirtschaft führte, daß er selber aber von den verdienten fünfzig bis sechzig Rubel im Jahr zwei bis drei Rubel für eine Unsitte – Tabak und Zündhölzchen brauche. »Sündiger Mensch, manchmal trinkt man auch ein Schnäpschen vor Ermüdung«, fügte er mit schuldbewußtem Lächeln hinzu. Er erzählte noch, wie die Weiber für sie zu Hause die Arbeit verrichten, und wie der Unternehmer sie heute vor der Abreise mit einem halben Eimerchen Branntwein bewirtet hatte, wie einer von ihnen gestorben sei, und wie ein anderer, den sie mitführten, krank sei. Der Kranke, von dem er sprach, saß in demselben Wagen in der Ecke. Es war ein junger Bursche, graublaß mit blauen Lippen. Das Fieber hatte ihn augenscheinlich gepackt und zerrte an ihm. Nechliudow trat an ihn heran, aber der Knabe blickte ihn mit einem so strengen, leidenden Blick an, daß Nechliudow ihn nicht mit Fragen beunruhigen wollte, sondern dem Alten riet, Chinin zu kaufen und ihm die Benennung der Arznei auf einen Zettel schrieb. Er wollte ihm Geld geben, aber der alte Arbeiter sagte, das sei nicht nötig, er habe selbst Geld. »Nun, soviel ich auch gereist bin, solche Herren habe ich nie gesehen. Der hat einem nicht einen Genickstoß gegeben, sondern noch seinen eigenen Platz abgetreten. Es gibt also auch Unterschiede unter den Herren«, folgerte er, sich an Taras wendend. »Ja, eine ganz andere, neue Welt«, dachte Nechliudow, während er diese hageren, muskulösen Gliedmaßen, die groben heimgearbeiteten Kleider und die verbrannten, freundlichen und gequälten Gesichter betrachtete, und er fühlte sich von allen Seiten von ganz neuen Menschen umgeben mit ihren ernsten Interessen, Freuden und Leiden eines wahren, arbeitsamen und menschlichen Lebens. »Hier ist sie – le vrai grand monde«, dachte Nechliudow, indem er sich der Phrase, die Fürst Kortschagin gesagt hatte, und der ganzen müßigen, vom Luxus erfüllten Welt der Kortschagins mit ihren nichtigen, kläglichen Interessen erinnerte. Und er fühlte sich wie ein Reisender, der eine ganz neue, unbekannte schöne Welt entdeckt hat. Dritter Teil 1 Die Gefangenabteilung, mit welcher die Maslowa transportiert wurde, hatte etwa fünftausend Werst zurückgelegt. Bis Perm war die Maslowa im Eisenbahnwagen und auf dem Dampfschiff mit den Kriminalverbrechern zusammen befördert worden, und erst in dieser Stadt gelang es Nechliudow, ihre Versetzung zu den Politischen auszuwirken, wie es ihm die Bogoduchowskaja geraten hatte, die auch mit dieser Abteilung transportiert wurde. Die Reise bis Perm war für die Maslowa sehr schwer, sowohl physisch wie moralisch. Physisch – wegen des Gedränges, des Schmutzes und des widerwärtigen Ungeziefers, welches ihr keine Ruhe ließ, und moralisch – wegen ebenso widerwärtiger Männer, die ganz wie Insekten, obgleich sie mit jeder Etappe wechselten, überall gleich aufdringlich, klebrig waren und ihr keine Ruhe ließen. Zwischen den weiblichen Gefangenen einerseits und den Männern, den Aufsehern und Eskortierenden, hat sich die Gewöhnung zu zynischer Unzucht so sehr eingenistet, daß jede Frau, insbesondere jede junge, wenn sie ihre Lage als Frau nicht ausnutzen will, stets gezwungen ist, auf der Hut zu sein. Und dieser beständige Zustand der Angst und des Kampfes war sehr schwer. Die Maslowa aber war diesen Angriffen besonders ausgesetzt, sowohl ihres anziehenden Äußeren wie ihrer allen bekannten Vergangenheit halber. Der entschiedene Widerstand, welchen sie jetzt den sich ihr aufdrängenden Männern entgegensetzte, erschien ihnen als Beleidigung und rief in ihnen geradezu Erbitterung gegen sie hervor. Was aber ihre Lage in dieser Beziehung erleichterte, war die Nähe von Fedosia und Taras, der, nachdem er von den Angriffen erfahren hatte, die auf seine Frau gemacht wurden, sich unter die Gefangenen stecken ließ, um sie verteidigen zu können, und von Nishnij an auch als Gefangener mit den anderen zusammen fuhr. Die Versetzung in die Abteilung der Politischen verbesserte die Lage der Maslowa in jeder Beziehung. Nicht allein, daß die Politischen besser untergebracht und ernährt wurden und nicht so großen Grobheiten ausgesetzt waren, – die Überführung der Maslowa zu den Politischen verbesserte ihre Lage noch insofern, als die Verfolgungen von Seiten der Männer aufhörten und sie leben konnte, ohne daß man sie jede Minute an ihre Vergangenheit erinnerte, die sie jetzt so sehr zu vergessen wünschte. Der hauptsächliche Vorteil ihrer Versetzung aber bestand darin, daß sie einige Menschen kennenlernte, die auf sie einen entschiedenen, und zwar sehr wohltätigen Einfluß hatten. Auf den Etappen war der Maslowa erlaubt, sich mit den Politischen zusammenzusetzen, gehen aber mußte sie, als gesunde Frau, zu Fuß, mit den Kriminalverbrechern. So ging sie die ganze Zeit, schon von Tomsk ab. Mit ihr zusammen gingen, ebenso zu Fuß, zwei Politische; Maria Pawlowna Stschetinina, das schöne Mädchen mit den Hammelaugen, welches Nechliudow gelegentlich seines Besuches bei der Bogoduchowskaja aufgefallen war, und ein gewisser Simonsohn, der in die Provinz Jakutsk befördert wurde, derselbe schwarze Strubbelkopf mit den tief unter der Stirn liegenden Augen, den Nechliudow auch bei diesem Besuch bemerkt hatte. Maria Pawlowna ging zu Fuß, weil sie ihren Platz auf dem Fuhrwerk einer Kriminalverbrecherin, einer schwangeren Frau, abgetreten hatte; Simonsohn aber, weil er es für unbillig hielt, von einem Klassenvorrecht Gebrauch zu machen. Diese drei machten sich, abgesondert von den anderen Politischen, die später mit den Fuhrwerken abfuhren, früh am Morgen mit den Kriminalverbrechern auf den Weg. So war es auch auf der letzten Etappe, vor einer großen Stadt, wo ein neuer Eskorteoffizier die Abteilung übernahm. Es war früh an einem schlackrigen Septembermorgen. Unter kalten Windstößen fiel bald Schnee, bald Regen. Alle Gefangenen der Abteilung, vierhundert Männer und etwa fünfzig Frauen, waren schon auf dem Etappenhofe und drängten sich zum Teil um den obersten Eskortesoldaten, der die Kostgelder für zwei Tage an die Obleute verteilte; zum Teil aber handelten sie bei den auf den Etappenhof eingelassenen Hökerinnen Eßwaren ein. Es ertönte das dumpfe Stimmengemurmel der Gefangenen, die Geld zählten und Lebensmittel kauften, und das kreischende Reden der Hökerinnen. Katjuscha und Maria Pawlowna – beide in hohen Stiefeln und Pelzen, mit Tüchern umbunden – kamen aus dem Etappenraum auf den Hof und begaben sich zu den Hökerinnen, die, vor dem Winde geschützt, an der nördlichen Wand des Pfahlwerks saßen und um die Wette ihre Waren anboten: frisches Feinbrot, Fische, Nudelsuppe, Grützbrei, Leber, Rindfleisch, Eier, Milch; eine hatte sogar ein gebratenes Ferkel. Simonsohn in der Guttaperchajacke und den über den wollenen Strümpfen mit Bindfaden befestigten Gummigaloschen (er war Vegetarier und benutzte keine Felle von getöteten Tieren) war ebenfalls auf dem Hof und erwartete den Abmarsch der Abteilung. Er stand am Hauseingang und schrieb in ein Notizbuch einen Gedanken, der ihm gekommen war. Der Gedanke bestand in folgendem: »Wenn«, schrieb er, »eine Bakterie den Nagel eines Menschen beobachtete und untersuchte, so würde sie ihn für ein unorganisches Gebilde halten. Ebenso halten auch wir die Erdkugel, wenn wir ihre Rinde betrachten, für ein unorganisches Wesen. Das ist nicht richtig.« Als die Maslowa Eier, einen Kranz Brezeln, Fisch und frisches Weizenbrot erstanden hatte, packte sie alles in einen Sack, Maria Pawlowna aber bezahlte die Hökerinnen, als unter den Gefangenen eine Bewegung entstand. Alles wurde still, und die Leute begannen, sich in Reih' und Glied aufzustellen. Der Offizier kam heraus und traf die letzten Anordnungen vor dem Abmarsch. Alles ging vor sich wie gewöhnlich: man zählte, untersuchte die Unversehrtheit der Beinschellen und tat die Paare zusammen, die in Handfesseln gehen mußten. Aber plötzlich ertönte ein zorniges, befehlshaberisches Geschrei des Offiziers, ein Schlag auf einen menschlichen Körper und das Weinen eines Kindes. Alles verstummte für einen Augenblick, dann aber lief durch den ganzen Haufen ein dumpfes Gemurmel. Die Maslowa und Maria Pawlowna gingen nach der Stelle, wo der Lärm war. 2 Als Maria Pawlowna und Katjuscha den Ort des Lärmens erreichten, sahen sie folgendes: der Offizier, ein handfester Mann mit großem, blondem Schnurrbart, rieb stirnrunzelnd mit der linken Hand die Handfläche der rechten, die er an dem Gesicht eines Gefangenen beschädigt hatte, und stieß unaufhörlich grobe, unflätige Schimpfworte aus. Vor ihm stand, mit einer Hand sein blutig geschlagenes Gesicht abwischend und mit der anderen ein in Tuch gewickeltes und durchdringend winselndes Mädchen haltend, ein langer, hagerer Gefangener mit halbrasiertem Kopf in einem kurzen Gefangenrock und in noch kürzeren Hosen. »Ich werde dich« (unanständiges Schimpfwort) »räsonieren lehren« (wieder Schimpfreden), – »kannst es den Weibern geben«, schrie der Offizier. »Lege sie an!« Der Offizier verlangte, einem von Gemeinde wegen Verschickten Handfesseln anzulegen, der den ganzen Weg über sein kleines Mädchen auf den Armen trug, das seine in Tomsk an Typhus gestorbene Frau hinterlassen hatte. Die Einwendungen des Gefangenen, daß er mit den Handfesseln das Kind nicht tragen könne, reizten den schlechtgelaunten Offizier, und er schlug den Gefangenen, Eine in D. A. Liniows Buch »Per Etappe« beschriebene Tatsache. L. N. T. der sich ihm nicht sofort unterworfen hatte. Dem Geschlagenen gegenüber standen ein Eskortesoldat und ein schwarzbärtiger Gefangener mit der Handfessel an einer Hand, der düster und scheel bald auf den Offizier, bald auf den geschlagenen Gefangenen mit dem kleinen Mädchen blickte. Der Offizier wiederholte dem Eskortesoldaten den Befehl, das Mädchen wegzunehmen. Das Murren unter den Gefangenen wurde immer lauter und lauter. »Von Tomsk an gingen wir, ohne daß man sie ihm anlegte«, ließ sich eine heisere Stimme aus den hinteren Reihen hören. »Es ist kein junger Hund, sondern ein Kind.« »Wohin soll er denn mit dem Dirnlein? Das ist nicht nach dem Gesetz«, sagte noch jemand. »Was heißt das?« schrie der Offizier wie gestochen und stürzte sich in den Haufen. »Ich werde dir das Gesetz zeigen! Wer hat's gesagt? Du? Du?« »Alle sagen es, weil ...« sagte ein untersetzter Gefangener mit breitem Gesicht. Er hatte nicht Zeit zu Ende zu sprechen. Der Offizier begann, ihn mit beiden Händen ins Gesicht zu schlagen. »Wollt ihr meutern? Ich werde euch zeigen, wie man Meuterei macht. Ich schieße euch alle tot wie Hunde. Die Obrigkeit wird mir dafür nur Dank sagen. Nimm den Balg.« Der Haufen wurde still. Einer der Eskortesoldaten riß das verzweifelt schreiende Mädchen fort, ein anderer begann dem gehorsam seine Hand hinhaltenden Gefangenen die Handfesseln anzulegen. »Bringe es den Weibern«, schrie der Offizier dem Eskortesoldaten zu, während er das Portepee seines Säbels in Ordnung brachte. Das kleine Mädchen bemühte sich, seine Ärmchen aus dem Tuch zu befreien und winselte ohne Aufhören mit wie von Blut übergossenem Gesicht. Aus dem Haufen trat Maria Pawlowna heraus und näherte sich dem Eskorteoffizier. »Herr Offizier, erlauben Sie, ich werde das Mädchen tragen.« Der Eskortesoldat mit dem Kinde blieb stehen. »Wer bist du?« fragte der Offizier. »Ich bin eine Politische.« Augenscheinlich tat Maria Pawlownas schönes Gesicht mit den schönen, gewölbten Augen auf den Offizier – er hatte sie schon bei der Übernahme gesehen – seine Wirkung. Er sah sie schweigend an, als erwäge er etwas. »Mir ist's gleich, tragen Sie's, wenn Sie Lust haben. Für Sie ist es leicht, mit denen Mitleid haben; läuft er aber weg, wer soll es verantworten?« »Wie soll er denn mit dem Mädchen weglaufen?« sagte Maria Pawlowna. »Ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen zu unterhalten. Nehmen Sie es, wenn Sie wollen.« »Soll ich es ihr geben?« fragte der Eskortesoldat. »Gib es ihr.« »Komm zu mir«, sprach Maria Pawlowna, sich bemühend, das Kind an sich zu locken. Aber das von den Armen des Eskortesoldaten nach dem Vater langende Mädchen fuhr fort zu wimmern und wollte nicht zu Maria Pawlowna gehen. »Warten Sie, Maria Pawlowna, zu mir wird es kommen«, sagte die Maslowa und holte einen Kringel aus dem Sack. Das Kind kannte die Maslowa, und als es ihr Gesicht und den Kringel sah, ging es zu ihr. Alles wurde still. Man machte das Tor auf, die Abteilung trat hinaus, stellte sich in Reih' und Glied, die Eskortesoldaten zählten sie wieder, man packte die Säcke auf und band sie fest, setzte die Schwachen auf die Wagen. Die Maslowa mit dem Kind auf den Armen stellte sich zu den Frauen neben Fedosia. Simonsohn, der die ganze Zeit dem, was sich abspielte, aufmerksam gefolgt war, näherte sich mit großen, entschiedenen Schritten dem Offizier, der alle Anordnungen beendigt hatte und gerade in seinen Tarantas einsteigen wollte. »Sie haben schlecht gehandelt, Herr Offizier«, sagte Simonsohn. »Scheren Sie sich auf Ihren Platz. Das ist nicht Ihre Sache.« »Meine Sache ist, es Ihnen zu sagen, und ich habe gesagt, daß Sie schlecht gehandelt haben«, sagte Simonsohn, indem er unter seinen dichten Augenbrauen hervor unverwandt in das Gesicht des Offiziers blickte ... »Fertig? Abteilung marsch!« schrie der Offizier, ohne auf Simonsohn zu achten und, sich an der Schulter des Kutschers, eines Soldaten, haltend, stieg er in den Tarantas. Die Abteilung setzte sich in Bewegung, entfaltete sich und trat auf den schmutzigen, zu beiden Seiten mit ausgegrabenen Rinnen versehenen, zerfahrenen Weg hinaus, welcher mitten durch den dichten Wald führte. 3 Nach dem sittenlosen, luxuriösen und verweichlichenden Leben der letzten sechs Jahre in der Stadt, und nach den zwei Monaten im Gefängnis mit den Kriminalverbrechern erschien Katjuscha jetzt das Leben unter den Politischen trotz aller Schwere der Verhältnisse, unter denen sie lebten, sehr gut. Die Tagesmärsche von 20–30 Werst zu Fuß bei guter Kost und einem Rasttage nach je zwei Marschtagen kräftigten sie physisch, der Verkehr mit den neuen Kameraden eröffnete ihr Interessen des Lebens, von denen sie keinen Begriff gehabt hatte. So »wunderbare« Leute, wie sie zu sagen pflegte, wie die waren, mit denen sie jetzt ging, hatte sie nicht nur nie gekannt, sondern sich nicht einmal vorzustellen vermocht. »Da habe ich geweint, daß man mich verurteilte«, sprach sie. »Ich muß ja mein lebelang Gott dafür danken. Nun habe ich erfahren, was ich im ganzen Leben nicht erfahren hätte.« Sie begriff sehr leicht und ohne Mühe die Motive, welche diese Leute leiteten, und als Mensch aus dem Volke sympathisierte sie vollkommen damit. Sie begriff, daß diese Menschen für das Volk eintraten gegen die Herren; und daß diese Leute selber Herren waren und ihre Vorrechte, ihre Freiheit, ihr Leben für das Volk opferten, ließ sie diese Menschen besonders hochschätzen und von ihnen entzückt sein. Sie war von allen ihren neuen Kameraden entzückt. Am meisten aber schwärmte sie für Maria Pawlowna, ja sie schwärmte nicht nur, sondern liebte sie mit einer besonders ehrerbietigen und begeisterten Liebe. Der Umstand setzte sie in Erstaunen, daß dies schöne Mädchen aus einer reichen Generalsfamilie, das drei Sprachen beherrschte, sich wie die einfachste Arbeiterin benahm, alles, was ihr ihr reicher Bruder zuschickte, anderen vom Leibe weggab und sich nicht nur einfach, sondern geradezu ärmlich kleidete, ohne irgend etwas auf ihr Äußeres zu geben. Dieser Zug – das vollständige Fehlen jeder Koketterie – wunderte die Maslowa besonders und entzückte sie so. Die Maslowa sah, daß Maria Pawlowna wußte, daß sie schön sei und daß es ihr angenehm war, sich schön zu wissen, aber daß sie sich nicht nur nicht freute über den Eindruck, welchen ihr Äußeres auf die Männer machte, sondern daß sie sich davor fürchtete und geradezu Ekel und Furcht vor dem Verliebtsein empfand. Ihre Kameraden, die Männer, die das wußten, wenn sie auch einmal eine Neigung für sie fühlten, erlaubten sich doch nicht, sie ihr zu zeigen und gingen mit ihr um wie mit einem Kameraden, mit einem Manne, unbekannte Leute aber drängten sich ihr oft auf, und vor ihnen rettete sie, wie sie erzählte, ihre große Körperkraft, auf die sie besonders stolz war. »Einmal,« wie sie lachend Katjuscha erzählte, »da hängte sich mir irgendein Herr auf der Straße auf und wollte durchaus nicht weichen; da habe ich ihn derart abgeschüttelt, daß er erschrak und sich vor mir aus dem Staube machte.« Revolutionärin wurde sie, wie sie erzählte, weil sie von Kindheit an gegen das Herrenleben Widerwillen gefühlt, aber das Leben der einfachen Leute geliebt hatte; man pflegte sie immer dafür zu schelten, daß sie sich im Mädchenzimmer, in der Küche, im Stall, aber nicht im Empfangszimmer aufhielt. »Ich fand es aber bei den Köchinnen und Kutschern lustig, bei unseren Herren und Damen jedoch langweilig«, erzählte sie. »Dann, als ich die Dinge zu verstehen begann, sah ich, daß unser Leben ganz schlecht war. Eine Mutter hatte ich nicht, den Vater liebte ich nicht, und neunzehn Jahre alt verließ ich mit einer Kameradin das Haus und wurde Arbeiterin in einer Fabrik.« Später, nach der Fabrik, lebte sie in einem Dorf, dann siedelte sie in eine Stadt über und wurde in der Wohnung, wo die geheime Druckerei war, festgenommen und zu Zwangsarbeit verurteilt. Maria Pawlowna erzählte selber nie davon, aber Katjuscha erfuhr es von den anderen, daß sie zu Zwangsarbeit verurteilt wurde, weil sie einen Schuß auf sich genommen hatte, welchen während der Haussuchung in der Dunkelheit ein Revolutionär abgefeuert hatte. Seit Katjuscha sie kannte, sah sie, daß sie nie, wo und unter welchen Umständen sie auch sein mochte, an sich selber dachte, sondern immer besorgt war, wie sie jemand einen Dienst, eine Hilfe im großen oder im kleinen leisten könne. Einer ihrer jetzigen Kameraden, Nowodworow, pflegte von ihr im Scherz zu sagen, daß sie sich dem Sporte der Wohltätigkeit ergebe. Und er hatte recht. Wie ein Jäger nur das Wild aufzuspüren sucht, war das ganze Interesse ihres Lebens nur, eine Gelegenheit zu finden, um anderen nützlich zu sein. Und dieser Sport wurde zur Gewohnheit, wurde das Werk ihres Lebens. Und sie tat es so natürlich, daß die anderen, die sie kannten, es nicht mehr schätzten, sondern verlangten. Als die Maslowa zu ihnen kam, empfand Maria Pawlowna gegen sie Widerwillen, Ekel. Katjuscha bemerkte das, dann aber bemerkte sie auch, wie Maria Pawlowna sich bezwang und zu ihr besonders freundlich und gut war. Und diese Güte und Freundlichkeit seitens eines so ungewöhnlichen Wesens rührten die Maslowa so sehr, daß sie sich ihr mit ganzer Seele ergab, indem sie unbewußt sich ihre Ansichten aneignete und unwillkürlich sie in allem nachahmte. Diese ergebene Liebe auf Katjuschas Seite rührte Maria Pawlowna, und auch sie gewann Katjuscha lieb. Auch der Widerwille, den sie beide gegen die Geschlechtsliebe empfanden, brachte diese Frauen einander näher. Die eine haßte diese Liebe, weil sie das ganze Grausen derselben erfahren hatte; die andere, weil sie, ohne sie kennengelernt zu haben, sie als etwas Unbegreifliches und zugleich Abscheuliches und die Menschenwürde Beleidigendes betrachtete. 4 Der erste Einfluß, dem sich die Maslowa unterordnete, war der Maria Pawlownas. Er rührte daher, daß die Maslowa Maria Pawlowna liebgewann. Der andere Einfluß kam von Simonsohn. Und dieser rührte daher, daß Simonsohn die Maslowa liebgewann. Alle Menschen leben und wirken teils eigenen Gedanken gemäß, teils gemäß den Gedanken anderer Leute. Inwieweit die Menschen nach eigenen Gedanken und inwieweit sie nach den Gedanken anderer leben, darin besteht einer der Hauptunterschiede der Menschen untereinander: die einen brauchen in den meisten Fällen ihre Gedanken gleichsam zu einem geistigen Spiel, gehen mit ihrem Intellekt um wie mit einem Schwungrad, von dem der Treibriemen abgenommen ist, und in allen ihren Handlungen unterwerfen sie sich fremden Gedanken – dem Brauch, der Überlieferung, dem Gesetz. Die anderen dagegen halten ihre eigenen Gedanken für die Hauptbewegkraft ihrer ganzen Tätigkeit, geben fast immer den Forderungen ihres Intellekts Gehör und unterwerfen sich ihm, und nur selten, und dies nur nach kritischer Schätzung, folgen sie dem, was andere entschieden haben. Solch ein Mensch war Simonsohn. Er pflegte alles durch den Intellekt zu prüfen, zu entscheiden, und was er beschlossen hatte, das tat er auch. Nachdem er, noch als Gymnasiast, zu dem Schluß gekommen war, das, was sein Vater, ein gewesener Intendanturbeamter, erworben hatte, sei unehrlich erworben, erklärte er diesem, er müsse sein Vermögen dem Volk abgeben. Als aber der Vater ihm nicht nur nicht gehorchte, sondern ihn sogar ausschimpfte, verließ er das Haus und nahm keine Unterstützungen von dem Vater mehr an. Nachdem er zu dem Schluß gelangt war, daß alles existierende Übel von der Unaufgeklärtheit des Volkes herrühre, schloß er sich, nachdem er die Universität verlassen hatte, den »Narodniki« an, übernahm in einem Dorf eine Lehrerstelle und predigte seinen Schülern wie auch den Bauern kühn alles, was er für recht hielt, und leugnete, was er für falsch hielt. Man nahm ihn fest und stellte ihn vor Gericht. Während der Gerichtsverhandlung kam er zu dem Schluß, daß die Richter kein Recht hätten, über ihn zu Gericht zu sitzen und er sagte ihnen das gerade heraus. Da aber die Richter nicht mit ihm einverstanden waren und fortfuhren, über ihn zu Gericht zu sitzen, beschloß er, ihnen nicht zu antworten und schwieg auf alle ihre Fragen. Man verschickte ihn ins Gouvernement Archangelsk. Dort bildete er sich eine eigene Religion, die seine gesamte Tätigkeit bestimmte. Diese Religion bestand darin, daß alles in der Welt lebendig sei, daß Totes nicht existiere, daß alle Dinge, die wir für tot, unorganisch halten, nur Teile eines ungeheueren organischen Körpers seien, den wir nicht fassen können, und daß deswegen die Aufgabe des Menschen, als eines Teilchens des großen Organismus, in der Unterhaltung des Lebens dieses Organismus und aller seiner lebendigen Teile bestehe. Und darum hielt er es für ein Verbrechen, Lebendiges zu vernichten: er war gegen den Krieg, gegen die Todesstrafe, gegen jegliche Tötung, nicht nur der Menschen, sondern auch der Tiere. In bezug auf die Ehe hatte er auch eine eigene Theorie, die darin bestand, daß die Fortpflanzung des Menschen nur eine niedere menschliche Funktion sei, daß die höhere aber darin bestehe, dem schon existierenden Lebendigen zu dienen. Eine Bestätigung dieses Gedankens fand er in der Existenz der Phagozyten im Blut. Unverheiratete Menschen waren, seiner Meinung nach, eben diese Phagozyten, deren Bestimmung es war, die Hilfe der schwachen, kranken Teile des Organismus zu bilden. So lebte er auch seit der Zeit, da er zu diesem Schluß gekommen war, obgleich er früher als Jüngling der Liederlichkeit ergeben gewesen. Er hielt sich sowie Maria Pawlowna für Weltphagozyten. Seine Liebe zu Katjuscha verletzte diese Theorie nicht, weil er sie platonisch liebte, da er meinte, daß eine solche Liebe die Phagozytentätigkeit, den Schwachen zu dienen, nicht nur nicht störe, sondern noch mehr für dieselbe begeistere. Aber außer daß er die moralischen Fragen nach seiner Art zu entscheiden pflegte, entschied er auch die meisten praktischen Fragen nach seiner Art. Er hatte für alle praktischen Dinge seine Theorien: er hatte Regeln, wieviel Stunden man arbeiten, wie viele man ruhen, wie man sich ernähren, kleiden, wie man die Ofen heizen, wie man beleuchten solle. Gleichzeitig war Simonsohn außerordentlich schüchtern und bescheiden gegenüber den Menschen. Aber wenn er einmal etwas beschlossen hatte, konnte ihn auch nichts mehr zurückhalten. Und dieser Mensch nun hatte einen entschiedenen Einfluß auf die Maslowa dadurch, daß er sie liebgewann. Die Maslowa mit ihrem Fraueninstinkt erriet es sehr bald, und das Bewußtsein, daß sie in einem so ungewöhnlichen Menschen Liebe für sich hervorrufen konnte, hob sie in ihrer eigenen Meinung. Nechliudow bot ihr die Ehe aus Großmut an und wegen dessen, was früher geschehen; Simonsohn aber liebte sie so, wie sie jetzt war, und liebte sie einfach, weil er sie liebte. Außerdem fühlte sie, daß Simonsohn sie für eine ungewöhnliche, sich vor allen auszeichnende Frau hielt, die besonders hohe moralische Eigenschaften habe. Sie wußte nicht genau, welche Eigenschaften er ihr zuschrieb, aber auf jeden Fall, um ihn nicht zu täuschen, bemühte sie sich aus allen Kräften, in sich die besten Eigenschaften, welche sie sich nur vorzustellen vermochte, hervorzurufen, und das veranlaßte sie, sich Mühe zu geben, so gut zu sein, wie sie nur konnte. Es begann noch im Gefängnis, als bei der allgemeinen Zusammenkunft der Politischen sie den besonders hartnäckigen Blick seiner unschuldigen, guten, dunkelblauen Augen bemerkte, den er unter der überhängenden Stirn und den Brauen hervor auf sie richtete. Schon damals fiel ihr auf, daß er ein eigentümlicher Mensch war, und daß er sie eigentümlich ansah; sie bemerkte auch in seinem Gesicht die unwillkürlich überraschende Vereinigung von Rauheit, welche die gesträubten Haare und die zusammengezogenen Augenbrauen ihm gaben, mit kindlicher Güte und Unschuld des Blickes. Später in Tomsk, als sie zu den Politischen versetzt war, sah sie ihn wieder, und obwohl kein einziges Wort zwischen ihnen gesagt wurde, lag in den Blicken, die sie wechselten, das Geständnis, daß sie einander nicht vergessen hatten, und daß sie einander wichtig seien. Bedeutende Gespräche gab es zwischen ihnen auch nachher nicht; die Maslowa aber fühlte, daß seine Rede an sie gerichtet war, wenn er in ihrer Gegenwart sprach, und daß er für sie sprach, indem er sich bemühte, sich möglichst verständlich auszudrücken. Ihre Annäherung begann besonders seit der Zeit, als er zu Fuß mit den Kriminalverbrechern ging. 5 Von Nishnij bis Perm gelang es Nechliudow nur zweimal, Katjuscha zu sehen: einmal in Nishnij, vor der Einschiffung der Gefangenen auf eine mit einem Drahtnetz umgebene Barke, – und ein anderes Mal in Perm, im Gefängnisbureau. Und bei diesen beiden Zusammenkünften fand er sie verschlossen und unfreundlich. Auf seine Fragen: ob es ihr gut gehe, ob sie etwas brauche, antwortete sie ausweichend, befangen und mit jenem, wie es ihm vorkam, feindseligen Gefühl des Vorwurfs, das auch früher manchmal in ihr zum Vorschein gekommen war. Und diese ihre finstere Stimmung, die nur von den Verfolgungen seitens der Männer herrührte, denen sie während dieser Zeit ausgesetzt war, quälte Nechliudow. Er befürchtete, sie könnte unter dem Einfluß der schweren und sittlich verderbenden Verhältnisse, in denen sie sich während der Reise befand, wieder in jenen früheren Zustand des Zwiespalts mit sich selber und des Verzweifelns am Leben verfallen, den Zustand, in dem sie gegen ihn aufgebracht zu sein, viel zu rauchen und Branntwein zu trinken pflegte, um sich zu vergessen. Aber er konnte ihr auf keine Weise helfen, weil er während dieser ganzen ersten Zeit der Reise keine Möglichkeit hatte, sie zu sehen. Erst nach ihrer Versetzung zu den Politischen überzeugte er sich, daß seine Befürchtungen unbegründet gewesen, und nicht nur das: er begann, im Gegenteil, bei jeder Zusammenkunft mit ihr jene immer mehr hervortretende innere Umwandlung zu bemerken, die er in ihr so sehr zu sehen wünschte. Schon bei der ersten Zusammenkunft in Tomsk war sie wieder dieselbe, die sie vor der Abreise gewesen. Sie runzelte die Stirn nicht und wurde nicht befangen, im Gegenteil, sie trat ihm freudig und einfach entgegen, indem sie ihm dafür dankte, was er für sie getan und besonders dafür, daß er sie mit den Leuten zusammengebracht hatte, unter welchen sie sich jetzt befand. Nach einem Etappenmarsch von zwei Monaten kam ihre innere Umwandlung auch in ihrem Äußeren zum Vorschein. Sie magerte etwas ab, wurde von der Sonne verbrannt und sah älter aus; an den Schläfen und um den Mund zeigten sich Fältchen; sie ließ die Haare nicht mehr in die Stirn hängen, sondern band ein Tuch um den Kopf, und weder in ihrer Kleidung noch in ihrer Haartracht oder in ihrem Benehmen blieben Anzeichen der früheren Gefallsucht. Und diese mit ihr vorgegangene und noch wirkende innere Umwandlung rief in Nechliudow fortwährend ein besonders freudiges Gefühl hervor. Er hatte jetzt ein Gefühl für sie, das er früher nie empfunden hatte. Dieses Gefühl hatte nichts mehr mit der ersten poetischen Begeisterung gemein und noch weniger mit der sinnlichen Verliebtheit, die er später für sie empfand; es hatte nicht einmal etwas zu tun mit dem Gefühl erfüllter Pflicht und der Selbstgefälligkeit, das er nach dem Gericht gehabt hatte, als er sie zu heiraten beschloß. Es war dasselbe einfache Gefühl des Mitleids und der Rührung, welches er zuerst bei der Zusammenkunft mit ihr im Gefängnis und dann mit neuer Kraft nachher im Krankenhause empfunden hatte, als er seinen Widerwillen bezwungen und ihr die vermeintliche Geschichte mit dem Heilgehilfen verziehen hatte (die Unrichtigkeit derselben wurde später aufgeklärt); es war dasselbe Gefühl, nur mit dem Unterschiede, daß es damals vorübergehend, jetzt aber von Dauer war. Woran er jetzt auch dachte, was er auch tat, seine allgemeine Stimmung war beherrscht von diesem Gefühl des Mitleids und der Rührung nicht nur für sie, sondern für alle Menschen. Dies Gefühl deckte gleichsam in Nechliudows Seele den Strom der Liebe auf, der früher keinen Ausfluß hatte finden können, jetzt aber sich allen Menschen zuwandte, denen er begegnete. Während der ganzen Reise fühlte sich Nechliudow in einem Zustand der Aufregung, in welchem er unwillkürlich teilnehmend und aufmerksam gegen alle Menschen war, von dem Fuhrmann und dem Eskortesoldaten bis zu dem Gefängnischef und dem Gouverneur, an die er ein Anliegen hatte. Während dieser Zeit mußte Nechliudow, infolge der Versetzung der Maslowa zu den Politischen, viele Politische kennenlernen, zuerst in Jekaterinburg, wo sie sehr viel Freiheit hatten – alle waren zusammen in einem großen Raum –, und dann unterwegs mit diesen fünf Männern und vier Frauen, welchen die Maslowa zugeteilt war. Diese Annäherung Nechliudows an die verbannten Politischen änderte vollständig seine Ansicht über dieselben. Schon seit dem ersten Anfang der revolutionären Bewegung in Rußland und besonders nach dem ersten März hegte Nechliudow gegen die Revolutionäre ein ablehnendes und verächtliches Gefühl. Vor allem stieß ihn die Grausamkeit und Heimlichkeit der Mittel ab, die sie im Kampfe gegen die Regierung anzuwenden pflegten, hauptsächlich die Grausamkeit der von ihnen verübten Mordtaten, und widrig war ihm ferner der ihnen allen eigene Zug großen Eigendünkels. Aber als er sie und all das, was sie, oft schuldlos, von der Regierung erduldeten, näher kennengelernt hatte, sah er, daß sie nicht anders sein konnten als so, wie sie waren. Wie fürchterlich sinnlos die Qualen auch waren, denen die sogenannten Kriminalverbrecher ausgesetzt waren, dennoch wurde in bezug auf sie vor und nach der Verurteilung etwas an Gesetzmäßigkeit Erinnerndes geübt; für die Politischen gab es nicht einmal diesen Schein der Gesetzlichkeit, wie es Nechliudow bezüglich der Schustowa und dann so vieler von seinen neuen Bekannten erfahren mußte. Diese Leute behandelte man wie Fische beim Fang mit dem Zugnetz: man schleppt alles, was hineinfällt, ans Ufer, und dann liest man die großen Fische, die man braucht, aus, ohne sich um die Gründlinge zu kümmern, die umkommen, indem sie am Ufer verschmachten. Auf diese Weise nahm man Hunderte von Menschen, die augenscheinlich nicht nur unschuldig waren, sondern die der Regierung nicht einmal schädlich sein konnten, fest und hielt sie manchmal jahrelang in den Gefängnissen, wo sie schwindsüchtig, irrsinnig wurden oder sich selber töteten, und man hielt sie nur deswegen fest, weil man keinen Anlaß hatte, sie freizugeben; im Gefängnis aber, wo sie immer zur Hand waren, konnten sie zur Aufklärung mancher Frage bei einer Untersuchung noch brauchbar sein. Das Schicksal aller dieser, oft sogar vom Standpunkt der Regierung unschuldigen Leute, hing von der Willkür, der Muße, der Gemütsverfassung eines Gendarmerie- oder Polizeioffiziers, eines Spions, Staatsanwalts, Untersuchungsrichters, Gouverneurs, Ministers ab. Hat so ein Beamter Langeweile oder wünscht er sich auszuzeichnen, so nimmt er die Leute fest, und je nach seiner Stimmung oder nach der seiner Vorgesetzten hält er sie gefangen oder läßt sie frei. Ebenso der höhere Vorgesetzte; je nachdem, ob er sich auszuzeichnen wünscht oder in welchen Beziehungen zum Minister er sich befindet, schickt er sie ans Ende der Welt, oder hält sie in Einzelhaft, oder verurteilt sie zu Verbannung, zu Zwangsarbeit, zum Tode, oder läßt sie frei, wenn irgendeine Dame darum bittet. Man behandelte sie wie im Kriege, und sie wandten dieselben Mittel an, die man gegen sie brauchte. Und wie die Militärs immer in einer Atmosphäre der öffentlichen Meinung lebten, die nicht nur die Frevelhaftigkeit der von ihnen vollbrachten Handlungen vor ihnen verbirgt, sondern diese Handlungen sogar als Heldentaten erscheinen läßt, genau so existierte auch für die Politischen solche sie immer begleitende Atmosphäre der öffentlichen Meinung ihres Kreises, infolge welcher die von ihnen – auf die Gefahr hin, Freiheit, Leben und alles, was dem Menschen teuer ist, zu verlieren – vollbrachten grausamen Handlungen ihnen nicht nur nicht schlecht, sondern heldenmütig vorkamen. Dadurch erklärte sich für Nechliudow jene wunderbare Erscheinung, daß Menschen vom sanftesten Charakter, die nicht nur niemand Leid zufügen, sondern sogar Leiden von Lebewesen nicht ansehen konnten, sich ruhig zur Tötung von Menschen vorbereiteten, und daß fast alle den Mord in gewissen Fällen als Mittel der Selbstverteidigung und zur Erreichung des höchsten Zieles der allgemeinen Wohlfahrt als gesetzlich und billig anerkannten. Die hohe Meinung, welche sie von ihrer Sache und infolgedessen auch von sich selbst hatten, folgte ganz natürlich aus der Bedeutung, welche ihnen die Regierung beilegte und aus der Grausamkeit der Strafen, welche sie über sie verhängte. Sie mußten von sich eine hohe Meinung haben, um das zu ertragen, was sie ertrugen. Als Nechliudow sie näher kennenlernte, kam er zu der Überzeugung, daß es weder lauter Bösewichter waren, wie die einen sich vorstellten, noch lauter Helden, für welche sie die anderen hielten, sondern sie waren gewöhnliche Menschen, unter welchen es wie überall gute, schlechte und mittelmäßige gab. Es waren unter ihnen Menschen, die Revolutionäre wurden, weil sie es aufrichtig für ihre Pflicht hielten, gegen das bestehende Übel zu kämpfen, aber auch solche waren darunter, die diese Tätigkeit aus egoistischen, eitlen Motiven gewählt hatten; die meisten aber wurden zur Revolution getrieben durch das Nechliudow aus der Kriegszeit her bekannte Verlangen nach Gefahr, nach Risiko, nach dem Genuß des Spiels mit ihrem Leben, Gefühle, die jeder, auch der gewöhnlichsten energischen Jugend eigen sind. Der Unterschied zwischen ihnen und den gewöhnlichen Leuten – ein vorteilhafter Unterschied – bestand darin, daß die Forderungen der Moral unter ihnen höher standen als unter den gewöhnlichen Menschen. Unter ihnen galt nicht nur Enthaltsamkeit, Strenge des Lebens, Wahrhaftigkeit, Uneigennützigkeit für Pflicht, sondern auch die Bereitschaft, alles, sogar das Leben, für die allgemeine Sache zu opfern. Und darum waren diejenigen unter diesen Leuten, die über dem Durchschnittsniveau standen, viel höher als dieses, indem sie ein Muster von seltener moralischer Höhe darstellten; diejenigen aber, welche unter dem Durchschnittsniveau waren, standen gleichbedeutend unter ihm, weil sie oft falsche, sich verstellende und zugleich selbstgewisse und stolze Menschen waren, so daß Nechliudow einige von seinen neuen Bekannten nicht nur achtete, sondern sie auch von ganzer Seele liebgewann, gegen andere dagegen mehr als gleichgültig war. 6 Besonders lieb gewann Nechliudow einen zu Zwangsarbeit verschickten jungen Mann, Krylzow, der mit derselben Abteilung ging, welcher Katjuscha zugeteilt war. Nechliudow lernte ihn schon in Jekaterinburg kennen, und nachher während der Reise sahen und unterhielten sie sich einigemal. Einmal, noch im Sommer, brachte Nechliudow auf einer Etappe, während eines Rasttages, fast den ganzen Tag in seiner Gesellschaft zu, und Krylzow kam ins Reden und erzählte ihm seine Geschichte, wie er Revolutionär geworden war. Seine Geschichte bis zum Gefängnis war sehr kurz. Sein Vater, ein reicher Gutsbesitzer aus einem südlichen Gouvernement, starb, als er noch ein Kind war. Er war der einzige Sohn, und die Mutter erzog ihn. Das Lernen fiel ihm leicht, sowohl im Gymnasium wie auch in der Universität, und er absolvierte diese als erster Kandidat der mathematischen Fakultät. Man bot ihm die akademische Laufbahn an und eine Reise ins Ausland. Aber er zögerte. Er hatte ein Mädchen, das er liebte, und öfters dachte er an eine Betätigung im Semstwo. Alles hätte er tun mögen und konnte sich doch zu nichts entschließen. Damals baten ihn seine Kameraden um Geld für eine allgemeine Sache. Er wußte, daß diese allgemeine Sache eine revolutionäre Sache sei, für welche er sich damals gar nicht interessierte, aber aus Kameradschaftsgefühl und aus Eigenliebe – man möge nicht etwa denken, er fürchte sich – gab er das Geld. Die das Geld nahmen, fielen hinein; es wurde ein Zettel gefunden, aus dem man erfuhr, daß das Geld von Krylzow stammte; man nahm ihn fest, setzte ihn zuerst in die Polizeiwache und dann ins Gefängnis. »In dem Gefängnis, wo man mich einsperrte,« erzählte Krylzow Nechliudow (er saß mit seiner eingefallenen Brust, die Ellbogen auf die Knie gestützt, auf einer hohen Pritsche und blickte nur hie und da Nechliudow mit seinen fieberhaft glänzenden, schönen Augen an), »in diesem Gefängnis war es nicht besonders streng, wir konnten uns nicht nur durch Klopfen verständigen, sondern gingen im Korridor umher, sprachen miteinander, teilten untereinander Lebensmittel, Tabak, und abends sangen wir sogar im Chor. Ich hatte eine gute Stimme. Ja. Wäre nicht meine Mutter gewesen – sie grämte sich sehr –, so wäre es mir im Gefängnis gut gegangen, es war beinahe angenehm und sehr interessant. Hier habe ich unter anderm den berühmten Petrow – er hat sich nachher im Gefängnis den Hals mit einer Glasscherbe durchschnitten – und noch andere kennengelernt. Aber ich war kein Revolutionär. Ich habe auch mit meinen zwei Zellennachbarn Bekanntschaft gemacht. Sie waren in ein und derselben Sache mit polnischen Proklamationen hineingefallen und befanden sich in Untersuchung wegen eines Versuches, von der Eskorte auszubrechen, während man sie auf den Bahnhof führte. Der eine war ein Pole, Lozinski, der andere, ein Jude, er hieß Rozowski. Ja. Dieser Rozowski war noch ganz ein Knabe. Er sagte, er sei siebzehn Jahre alt, aber er sah aus wie fünfzehn. Mager, klein, mit glänzenden schwarzen Augen, lebendig und, wie alle Juden, sehr musikalisch. Er war noch im Stimmbruch, aber er sang ausgezeichnet. Ja. Während meiner Anwesenheit führte man sie beide vor Gericht. Am Morgen führte man sie ab. Am Abend kehrten sie zurück und erzählten uns, daß sie zum Tode verurteilt seien. Niemand hatte das erwartet. So unbedeutend war ihre Sache – sie hatten nur versucht, sich von der Eskorte loszumachen, und sie hatten nicht einmal jemand verwundet. Und dann schien es so unnatürlich, ein Kind, wie Rozowski, hinzurichten. Und wir alle im Gefängnis kamen überein, daß man sie nur erschrecken wolle, daß das Urteil nicht bestätigt werden würde. Zuerst, eine Zeitlang, waren wir aufgeregt, dann aber beruhigten wir uns, und das Leben ging wie früher. Ja. Nun aber kommt einmal abends an meine Tür der Wächter und teilt mir geheimnisvoll mit, es seien Zimmerleute gekommen und stellten einen Galgen auf. Zuerst verstand ich es nicht, – was soll das heißen? was für einen Galgen? Aber der Wächter, ein alter Mann, war so aufgeregt, daß ich, als ich ihn anblickte, begriff, daß es für unsere zwei war. Ich wollte klopfen, die Sache mit den Kameraden besprechen, aber ich befürchtete, jene könnten es hören. Die Kameraden schwiegen ebenso. Augenscheinlich wußten es alle. Im Korridor und in den Zellen herrschte den ganzen Abend Totenstille. Wir klopften nicht und sangen nicht. Etwa gegen zehn Uhr kam wieder der Wächter zu mir und berichtete, daß ein Henker aus Moskau gekommen sei. Er sagte es und ging weg. Ich rief ihn zurück. Plötzlich höre ich, Rozowski schreit mir aus seiner Zelle über den Korridor zu: ›Was haben Sie? Wozu rufen Sie ihn?‹ Ich sagte irgend etwas, – er habe mir etwas Tabak gebracht, aber er schien es zu ahnen und fragte mich aus, warum wir nicht gesungen, warum wir nicht geklopft hätten? Ich erinnere mich nicht, was ich ihm sagte, und eilte, mich zu entfernen, um nicht mit ihm zu sprechen. Ja. Es war eine schreckliche Nacht. Die ganze Nacht horchte ich auf alle Töne. Plötzlich gegen Morgen höre ich, – man öffnet die Korridortür, es kommt jemand, viele kommen. Ich stellte mich an dem Fensterchen auf. Im Korridor brannte eine Lampe. Als erster ging der Inspektor vorbei. Er war dick und anscheinend ein selbstgewisser, entschiedener Mann. Er war gar nicht wiederzuerkennen, blaß, mit hängendem Kopf, wie erschrocken. Ihm folgte der Unterinspektor – finster, mit entschlossenem Aussehen; dann – die Wache. Sie gingen an meiner Tür vorbei und blieben vor der Zelle daneben stehen. Ich höre, der Unterinspektor schreit mit seltsamer Stimme: ›Lozinski, stehen Sie auf, ziehen Sie reine Wäsche an.‹ Ja. Dann höre ich – die Tür wimmerte, sie gingen zu ihm; dann höre ich Schritte von Lozinski: er ging nach der entgegengesetzten Seite des Korridors. Ich konnte nur den Inspektor sehen. Er steht blaß da, knöpft einen Knopf auf und wieder zu, zuckt die Achseln. Ja. Plötzlich erschrak er vor etwas, trat beiseite. Lozinski ging an ihm vorbei und trat an meine Tür heran. Ein schöner Jüngling war es, wissen Sie, von diesem guten polnischen Typus: eine breite, gerade Stirn, mit einer Kappe von blonden, sich kräuselnden, feinen Haaren und schönen, blauen Augen. So ein blühender, saftvoller, gesunder Jüngling war er. Er blieb vor meinem Fensterchen stehen, so daß sein ganzes Gesicht mir sichtbar war. Das schreckliche, abgefallene, graue Gesicht. ›Krylzow, haben Sie Zigaretten?‹ Ich wollte sie ihm reichen, aber der Unterinspektor riß, wie besorgt, daß er sich verspäten könne, seine Zigarrendose heraus und reichte sie ihm. Er nahm eine Zigarette. Der Unterinspektor zündete ihm ein Zündhölzchen an. Er begann zu rauchen und versank gleichsam in Nachdenken. Dann schien er sich an etwas zu erinnern und begann zu sprechen: »Und grausam und ungerecht. Ich habe kein Verbrechen begangen. Ich ...« – in seinem, weißen, jungen Hals, von dem ich die Augen nicht losreißen konnte, begann etwas zu zittern, und er stockte. Ja. Und da höre ich, Rozowski schreit etwas auf dem Korridor mit seiner hohen jüdischen Stimme. Lozinski warf den Zigarettenrest weg und ging von der Tür fort. Und in dem Fensterchen erschien Rozowski. Sein kindliches Gesicht mit den feuchten schwarzen Augen war rot und schweißbedeckt. Er hatte auch reine Wäsche an, und die Hosen waren ihm zu weit, und er zog sie fortwährend mit beiden Händen hoch und zitterte am ganzen Körper. Er näherte sein klägliches Gesicht meinem Fensterchen: »Anatolij Petrowitsch, nicht wahr, der Doktor hat mir doch Brusttee verschrieben? Ich bin nicht gesund, ich will noch einmal Brusttee trinken.« Niemand antwortete, und er blickte fragend bald mich, bald den Inspektor an. Was er damit sagen wollte, habe ich bis jetzt nicht verstanden. Ja. Plötzlich machte der Unterinspektor ein strenges Gesicht und schrie wieder mit unnatürlich kreischender Stimme: »Was sind das für Scherze! Vorwärts!« Rozowski war augenscheinlich nicht imstande zu begreifen, was ihn erwartete, und er ging, lief fast allen voran, den Korridor entlang, als ob er sich beeilte. Dann aber stemmte er sich – ich hörte seine durchdringende Stimme und sein Weinen. Es begann ein Getümmel, Füßestampfen. Er winselte durchdringend und weinte. Dann ferner und ferner; die Korridortür rasselte, und alles wurde still. Ja. Und man hat sie wirklich aufgehängt. Mit Stricken hat man sie beide erdrosselt. Ein Wächter, ein anderer, hat es gesehen, und er erzählte mir, daß Lozinski keinen Widerstand leistete, daß aber Rozowski lange Zeit um sich schlug, so daß man ihn auf das Schafott schleppte und seinen Kopf gewaltsam in die Schlinge steckte. Ja. Dieser Wächter war ein dummer Bursche. ›Man hat mir immer gesagt, Herr, es sei schrecklich. Aber es ist gar nicht schrecklich. Sowie sie hingen, machten sie nur zweimal so mit den Schultern‹, – er zeigte, wie sich die Schultern krampfhaft hoben und niederfielen. ›Dann zog der Henker einmal an, damit also die Schlingen sich besser zusammenzogen und fertig: sie zuckten nicht mehr.‹ – Gar nicht schrecklich«, wiederholte Krylzow die Worte des Wärters und wollte lächeln, aber anstatt des Lächelns brach er in Schluchzen aus. Lange Zeit schwieg er darauf, atmete schwer und schluckte das den Hals zuschnürende Schluchzen hinab. »Seit der Zeit bin ich Revolutionär. Ja«, sagte er, als er sich beruhigt hatte, und erzählte in kurzem seine Geschichte zu Ende. Er gehörte zu der Partei der »Narodowolzy« und war sogar das Haupt einer Desorganisationsgruppe, die den Zweck hatte, die Regierung so zu terrorisieren, daß sie von selbst ihrer Macht entsage und das Volk berufe. Zu diesem Zweck reiste er bald nach Petersburg, bald ins Ausland, bald nach Kijew, bald nach Odessa, und überall hatte er Erfolg. Ein Mensch, auf den er sich vollkommen verlassen hatte, verriet ihn. Man nahm ihn fest, stellte ihn vor Gericht, behielt ihn zwei Jahre im Gefängnis, verurteilte ihn zum Tode und begnadigte ihn dann zu lebenslänglicher Zwangsarbeit. Im Gefängnis bekam er die Schwindsucht, und jetzt, unter den Verhältnissen, in denen er sich befand, blieben ihm augenscheinlich nur noch einige Monate des Lebens übrig, er wußte es und bereute nicht, was er getan, sondern sagte, wenn er noch ein Leben hätte, würde er es für dieselbe Sache hingeben, für die Zerstörung der Gesellschaftsordnung, bei welcher solche Dinge möglich sind, wie er sie gesehen hatte. Die Geschichte dieses Menschen und seine Annäherung an ihn erklärten Nechliudow vieles, was er früher nicht verstanden hatte. 7 An dem Tage, als beim Abmarsch von der Etappe der Zusammenstoß des Eskorteoffiziers mit den Gefangenen wegen des Kindes stattfand, wachte Nechliudow, der in einem Ausspann übernachtete, spät auf und saß dazu noch etwas zu lange bei seinen Briefen, die er in einer Gouvernementsstadt absenden wollte, so daß er aus dem Ausspann später als gewöhnlich fortfuhr und die Abteilung nicht unterwegs überholte, wie es früher zu geschehen pflegte, sondern erst in der Dämmerung in das Pfarrdorf kam, neben dem eine Zwischenetappe war. Nachdem Nechliudow sich in einem, von einer alten, vollen Frau mit weißem Hals von ungewöhnlicher Dicke – einer Witwe – unterhaltenen Ausspann getrocknet hatte, trank er in einem sauberen, mit einer großen Anzahl von Heiligen- und Profanbildern geschmückten Zimmer Tee und eilte auf den Etappenhof zum Offizier, um die Erlaubnis zu einer Zusammenkunft zu erbitten. Auf den sechs vorhergehenden Etappen ließen alle Eskorteoffiziere, obwohl sie wechselten, Nechliudow nicht in die Etappenräume ein, so daß er mehr als eine Woche lang Katjuscha nicht gesehen hatte. Diese Strenge rührte daher, daß man die Durchreise einer wichtigen Person von der Gefängnisbehörde erwartete. Jetzt aber war der Vorgesetzte schon vorbei, ohne die Etappen zu besuchen, und Nechliudow hoffte, daß der Offizier, der heute früh die Abteilung übernommen hatte, ihm die Zusammenkunft mit den Gefangenen ebenso wie die früheren Offiziere erlauben werde. Die Wirtin bot Nechliudow einen Wagen an, um bis zur Zwischenetappe zu fahren, die sich am Ende des Pfarrdorfs befand, aber Nechliudow zog es vor, zu Fuß zu gehen. Ein junger Bursche, ein breitschulteriger Recke, ein Knecht in ungeheuern, frisch mit stark riechendem Birkenteer geschmierten Stiefeln übernahm es, ihn zu begleiten. Vom Himmel fiel kaltes Nebelgeriesel, und es war so dunkel, daß, sobald der Bursche sich an den Orten, wo kein Licht aus den Fenstern fiel, etwa drei Schritte weit entfernte, Nechliudow ihn schon nicht mehr sah, sondern nur das Schmatzen seiner Stiefel in dem klebrigen, tiefen Straßenkot hörte. Als Nechliudow den Platz mit der Kirche und die lange Straße mit den schimmernden Fenstern überschritten hatte, kam er, immer seinem Führer auf den Fersen, ans Ende des Dorfes und bald in völlige Finsternis. Aber bald ließen sich auch in dieser Finsternis die im Nebel auseinanderfließenden Strahlen der neben der Etappe brennenden Laternen wahrnehmen. Die rötlichen Flecken der Lichter wurden immer größer und heller; es ließen sich die Pfosten des Pfahlwerks und die schwarze Gestalt der sich bewegenden Wache, ein gestreifter Pfeiler und ein Schilderhäuschen erkennen. Die Schildwache rief die Ankommenden mit dem gewöhnlichen: »Wer da?« an, und als sie erfuhr, daß es Fremde seien, war sie so streng, daß sie ihnen nicht erlauben wollte, neben der Einfriedigung zu warten. Aber Nechliudows Begleiter ließ sich durch die Strenge der Schildwache nicht einschüchtern. »Oho, Junge, so böse bist du!« sagte er zu ihm. »Spektakle mal euern Dienstältesten heraus, wir wollen warten.« Die Schildwache schrie, ohne zu antworten, etwas durch das Pförtchen und blieb stehen, aufmerksam beobachtend, wie der breitschultrige Bursche im Lichte der Laterne mit einem Span Nechliudows Stiefel vom angeklebten Kot reinigte. Hinter den Zaunpfählen ließ sich ein Gemurmel weiblicher und männlicher Stimmen hören. Etwa nach drei Minuten rasselte Eisen. Das Pförtchen des Eingangs öffnete sich, und aus der Dunkelheit trat in das Licht der Laterne der Dienstälteste, den Mantel übergeworfen, und fragte, was los sei. Nechliudow übergab ihm seine schon vorbereitete Karte mit einem Zettel, auf welchem er bat, ihn in persönlicher Angelegenheit zu empfangen, und ersuchte ihn, sein Anliegen dem Offizier zu melden. Der Mann war weniger streng als die Schildwache, aber dafür sehr neugierig. Er wollte durchaus wissen, wozu Nechliudow den Offizier sehen müsse, und wer er sei, da er augenscheinlich eine Beute witterte und sich die nicht entgehen lassen wollte. Nechliudow sagte, er habe eine besondere Sache, werde sich erkenntlich zeigen und bat, den Zettel abzugeben. Der Mann nahm den Zettel, nickte mit dem Kopf und ging fort. Einige Zeit nach seinem Weggehen rasselte wieder das Pförtchen, und durch dasselbe begannen Frauen mit Handkörben, Gefäßen aus Birkenrinde, irdenen Töpfen und Säcken herauszukommen. Mit lautem Geplauder in ihrer besonderen sibirischen Mundart schritten sie über die Schwelle des Pförtchens. Sie waren alle nicht ländlich, sondern städtisch gekleidet, in Paletots und städtische Pelze; die Röcke waren hoch aufgeschürzt und die Köpfe mit Tüchern umbunden. Mit Neugier betrachteten sie beim Licht der Laterne Nechliudow und seinen Begleiter. Eine aber, augenscheinlich froh über die Begegnung mit dem breitschultrigen Burschen, schimpfte ihn sofort liebkosend mit einem sibirischen Schimpfwort. »Du Waldschrat, daß dich die Pest, was machst du da?« wandte sie sich an ihn. »Hab' den Reisenden da begleitet«, antwortete der Bursche. »Und was hast du gebracht?« »Was von der Kuh, morgen soll ich wiederkommen.« »Zum Übernachten aber hat man dich nicht eingeladen?« fragte der Bursche. »Daß dich die Kränk', – Lästermaul!« schrie sie ihm lachend zu. »Komm mit zum Dorf, begleit' uns.« Der Begleiter sagte noch etwas, derart, daß nicht nur die Frauen lachten, sondern auch die Schildwache, und wandte sich an Nechliudow. »Wie ist es denn, finden Sie jetzt allein? Werden Sie nicht fehlgehen?« »Ich finde schon.« »Sowie Sie an der Kirche vorbei sind, vom zweistöckigen Haus rechts das zweite. Hier nehmen Sie das Stöcklein«, sagte er zu Nechliudow, indem er ihm den großen Stock übergab, mit dem er ging und der über ihn hinausragte; und mit seinen ungeheuern Stiefeln patschend, verschwand er in der Dunkelheit mit den Frauen. Seine Stimme, von den Frauenstimmen übertönt, war noch aus dem Nebel hörbar, als das Pförtchen wieder rasselte und der Soldat wieder herauskam, der Nechliudow aufforderte, ihm zum Offizier zu folgen. 8 Die Zwischenetappe war ebenso wie alle Etappen und Zwischenetappen an der sibirischen Straße eingerichtet: in einem von zugespitzten Balken umgebenen Hofe waren drei einstöckige Wohnhäuser. In einem, in dem größten, mit vergitterten Fenstern, waren die Gefangenen untergebracht. In einem anderen das Eskortekommando; in dem dritten der Offizier und die Kanzlei. In allen drei Häusern schimmerten jetzt Lichter, die wie immer und besonders hier trügerisch etwas Gutes, Behagliches innerhalb der beleuchteten Wände versprachen. Vor den Hauseingängen brannten Laternen, und noch etwa fünf Laternen brannten nahe den Hauswänden und beleuchteten den Hof. Der Unteroffizier führte Nechliudow über ein Brett zur Vortreppe des kleinsten der Häuser. Als er drei Stufen gestiegen war, ließ er Nechliudow voran in ein von einem Lämpchen beleuchtetes, nach qualmendem Ofendunst riechendes Vorzimmer. An dem Ofen stand gebeugt, im groben Hemd und Halstuch und in schwarzen Hosen, ein Soldat in einem Stiefel mit gelbem Schaft, mit dem andern als Blasebalg blies er die Kohlen in einem Samowar an. Als er Nechliudow sah, ließ er den Samowar, nahm ihm den Lederrock ab und trat in das innere Zimmer. »Er ist da, Euer Wohlgeboren.« »Also rufe ihn herein«, ließ sich eine ärgerliche Stimme hören. »Gehen Sie hinein«, sagte der Soldat und machte sich sofort wieder an den Samowar. In dem zweiten, von einer Hängelampe beleuchteten Zimmer saß an einem gedeckten Tisch bei Resten seines Mittagessens ein Offizier mit sehr rotem Gesicht und mit großem, blonden Schnurrbart in einer Joppe, die seine breite Brust und Schultern umspannte. In dem warmen Zimmer roch es, außer nach Tabak, noch stark nach einem starken, schlechten Parfüm. Als der Offizier Nechliudow erblickte, erhob er sich etwas und heftete auf den Eingetretenen einen wie spöttischen, mißtrauischen Blick. »Was ist gefällig?« sagte er, und ohne die Antwort abzuwarten, schrie er in die Tür: »Bernow, den Samowar! Was denn, wird's bald?« »Sofort.« »Ich werde dir schon zeigen – sofort, daß du es lange nicht vergißt«, schrie der Offizier und blitzte mit den Augen. »Ich bringe ihn schon!« schrie der Soldat und trat mit dem Samowar herein. Nechliudow wartete, bis der Soldat den Samowar aufstellte (der Offizier sah ihm mit seinen kleinen, bösen Augen zu, als zielte er, wohin er ihn etwa schlagen könnte). Als aber der Samowar richtig aufgestellt war, machte der Offizier Tee, dann holte er aus einem Flaschenkorb eine kleine viereckige Karaffe mit Kognak und Albert-Biskuits heraus. Nachdem er all das auf der Tischdecke geordnet, wandte er sich wieder an Nechliudow: »Also womit kann ich Ihnen dienen?« »Ich möchte Sie um eine Zusammenkunft mit einer Gefangenen bitten«, sagte Nechliudow, ohne sich zu setzen. »Eine Politische? Das ist vom Gesetz verboten«, sagte der Offizier. »Die Frau ist keine Politische«, sagte Nechliudow. »Aber bitte, nehmen Sie doch Platz«, sagte der Offizier. Nechliudow setzte sich. »Sie ist keine Politische,« wiederholte er, »aber auf meine Fürbitte wurde ihr von der höheren Obrigkeit erlaubt, sich den Politischen anzuschließen.« »Aha, ich weiß,« unterbrach ihn der Offizier, »eine kleine, schwärzliche? Warum denn nicht, das geht. Rauchen Sie?« Er schob ihm eine Schachtel mit Zigaretten zu und schenkte sorgfältig zwei Gläser Tee ein, eins davon schob er Nechliudow zu. »Ich bitte«, sagte er. »Ich danke Ihnen, ich möchte sie sehen ...« »Die Nacht ist lang. Sie haben noch Zeit. Ich lasse sie Ihnen herausrufen.« »Aber könnte man mich nicht, ohne sie herauszurufen, in die Räume einlassen?« sagte Nechliudow. »Zu den Politischen? Das ist wider das Gesetz.« »Man hat mich mehrere Male zugelassen. Wenn man etwa fürchten sollte, daß ich denen etwas zustecke, das könnte ich ja doch durch jene Frau tun!« »Doch nicht, sie wird durchsucht«, sagte der Offizier und lachte unangenehm. »Nun, so durchsuchen Sie mich.« »Na, das können wir uns schenken«, sagte der Offizier, während er die kleine geöffnete Karaffe Nechliudows Glas näherte. »Erlauben Sie? Nun, wie Sie wollen. Wenn man in diesem Sibirien lebt, so ist man nur zu froh, mal einen gebildeten Menschen zu treffen. Unser Dienst ist ja, Sie wissen selber, nur allzu traurig. Wenn aber der Mensch noch an anderes gewöhnt ist, so ist es schwer. Man hat ja von unsereinem einen solchen Begriff, daß ein Eskorteoffizier soviel heißt, wie ein grober, ungebildeter Mensch; das aber bedenkt man nicht, daß der Mann vielleicht für etwas ganz anderes geboren war.« Das rote Gesicht dieses Offiziers, sein Parfüm, sein Fingerring und besonders sein unangenehmes Lachen waren Nechliudow sehr widrig; aber er war auch heute, wie während seiner ganzen Reise, in jener ernsten, aufmerksamen Gemütsverfassung, in welcher er sich nicht erlaubte, leichtsinnig und verächtlich mit einem Menschen umzugehen, wer immer er auch war, und es für notwendig hielt, mit jedem Menschen im guten zu sprechen, wie er bei sich selber dies Verhalten zu bezeichnen pflegte. Nachdem er den Offizier angehört und seinen Seelenzustand begriffen hatte, sagte er ernst: »Ich glaube, man könnte eben in Ihrem Amt einen Trost darin finden, daß man die Leiden der Menschen erleichtert.« »Was für Leiden haben sie? Sie sind ja alle solch Volk.« »Was heißt – solch Volk?« fragte Nechliudow. »Ebenso eins, wie alle. Es sind aber auch Unschuldige darunter.« »Versteht sich, allerlei ist darunter. Versteht sich, man bedauert sie. Die anderen sehen ihnen nichts nach, ich aber bemühe mich, wo ich kann, es ihnen zu erleichtern. Lasse lieber mich leiden, nur nicht sie. Die anderen sind so – wenn was geschieht, sofort das Gesetz her oder schießen, – ich aber hab' Mitleid mit ihnen. Wollen Sie nicht? Bitte, trinken Sie«, sagte er, indem er noch ein Glas einschenkte. »Wer ist eigentlich die Frau, die Sie zu sehen wünschen?« fragte er. »Es ist eine unglückliche Frau, die ins Bordell geraten war und dort zu Unrecht einer Vergiftung beschuldigt wurde; sie ist aber eine sehr gute Frau«, sagte Nechliudow. Der Offizier schüttelte den Kopf. »Ja, es kommt vor. In Kasan, zum Beispiel, kannte ich eine – Emma hieß sie. Von Geburt eine Ungarin, die Augen aber echt persisch«, fuhr er fort, ohne ein Lächeln bei dieser Erinnerung zurückhalten zu können. »Schick hatte sie so viel, daß es sogar für eine Gräfin langte ...« Nechliudow unterbrach den Offizier und kehrte zum früheren Gespräch zurück. »Ich glaube, Sie können die Lage solcher Leute erleichtern, solange sie sich in Ihrer Macht befinden. Und wenn Sie so handeln, bin ich überzeugt, würden Sie sich eine große Freude schaffen«, sprach Nechliudow, indem er sich bemühte, die Worte möglichst deutlich auszusprechen, wie man mit Ausländern oder mit Kindern zu sprechen pflegt. Der Offizier sah Nechliudow mit glänzenden Augen an, und augenscheinlich wartete er mit Ungeduld, wann er fertig sei, um die Erzählung von der Ungarin mit den persischen Augen fortzusetzen, die offenbar lebendig vor seiner Phantasie stand und seine ganzen Gedanken in Anspruch nahm. »Ja, das ist so, ich gebe zu, es ist wahr«, sagte er. »Und ich habe ja mit ihnen Mitleid; nur möchte ich Ihnen von dieser Emma erzählen. Also, was tat sie ...« »Das interessiert mich nicht,« sagte Nechliudow, »und ich will Ihnen ganz offen sagen, daß ich, obgleich auch ich früher ein anderer gewesen, jetzt solches Verhalten Frauen gegenüber hasse.« Der Offizier blickte Nechliudow erschrocken an. »Aber kein Tee ist Ihnen mehr gefällig?« fragte er. »Nein, ich danke.« »Bernow,« schrie der Offizier, »begleite den Herrn zu Wakulow, sage, er solle den Herrn in die Separatzelle zu den Politischen hineinlassen. Der Herr kann dort bis zur Kontrolle bleiben.« 9 Von der Ordonnanz begleitet, trat Nechliudow wieder auf den dunklen, von den rot brennenden Laternen trübe beleuchteten Hof hinaus. »Wohin?« fragte ein ihnen entgegenkommender Soldat den anderen, welcher Nechliudow begleitete. »In die Separatzelle, Nummer fünf.« »Hier geht es nicht durch, – hier ist geschlossen, du mußt durch jenen Eingang.« »Warum ist denn verschlossen?« »Der Dienstälteste hat zugeschlossen und ist selber ins Dorf gegangen.« »Nun, dann kommen Sie dorthin.« Der Soldat führte Nechliudow eine andere Treppe hinauf, und über die Bretter näherte er sich dem anderen Eingang. Schon vom Hofe aus hörte man das Summen der Stimmen und die drinnen herrschende Bewegung, wie in einem guten, sich zum Schwärmen anschickenden Bienenstock; aber als Nechliudow näher kam und die Tür sich öffnete, verstärkte sich dieses Summen und ging in ein Getön einander zuschreiender, schimpfender, lachender Stimmen über. Es ließ sich ein klirrendes Kettengerassel hören, und ein bekannter schwerer Geruch überschauerte ihn. Diese beiden Eindrücke: das Getöse der Stimmen mit dem Kettengerassel und dieser schreckliche Geruch vereinigten sich immer für Nechliudow zu einem quälenden Gefühl, einer gewissen moralischen, in das Physische übergehenden Übelkeit. Die beiden Eindrücke vermischten sich und verstärkten einander. Als Nechliudow jetzt in den Flur der Zwischenetappe, wo eine riesige stinkende Kufe, die sogenannte »Parascha« stand, eintrat, war das erste, was er sah, eine Frau, die am Rande der Kufe saß. Ihr gegenüber saß ein Mann mit der auf eine Seite geschobenen pfannkuchenartigen Mütze auf dem rasierten Kopf. Sie unterhielten sich über etwas. Als der Gefangene Nechliudow sah, blinzelte er ihm mit einem Auge zu und sagte: »Nicht einmal der Zar kann sein Wasser zurückhalten.« Die Frau ließ die Schöße ihres Gewandes herunter und schlug die Augen nieder. Von dem Flur ging ein Korridor aus, auf den sich die Zellentüren öffneten. Die erste war die Zelle der Verheirateten, dann kam die große Zelle der Ledigen und –- am Ende des Korridors – zwei kleine Zellen, die den Politischen angewiesen waren. Der Etappenraum, der für einhundertundfünfzig Mann bestimmt war, jetzt aber vierhundertfünfzig faßte, war so eng, daß die Gefangenen in den Zellen nicht Platz fanden und auch den Korridor füllten. Die einen saßen und lagen auf dem Boden, andere bewegten sich hin und her mit leeren oder mit siedendem Wasser gefüllten Teekannen. Unter diesen war Taras. Er holte Nechliudow ein und begrüßte ihn freundlich. Taras' gutes Gesicht war von blauroten, blutunterlaufenen Stellen auf der Nase und unter den Augen verunstaltet. »Was ist mit dir?« fragte Nechliudow. »Ja, es hat sich da so eine Sache zugetragen«, sagte Taras lächelnd. »Die prügeln sich immer«, sagte der Eskortesoldat verächtlich. »Des Weibes wegen«, fügte ein Gefangener hinzu, der hinter ihnen ging. »Mit dem blinden Fedka ist er handgemein geworden.« »Und wie geht's Fedosia?« fragte Nechliudow. »Gut, sie ist gesund, da bringe ich ihr etwas kochendes Wasser für Tee«, sagte Taras und ging in die Familienzelle. Nechliudow blickte in die Tür hinein. Die ganze Zelle war voll von Frauen und Männern, sowohl auf den Pritschen wie unter denselben. In der Kammer lag Dunst von der trocknenden, nassen Wäsche, und das Geschrei weiblicher Stimmen verstummte nicht. Die folgende Tür war die Tür der Ledigenzelle. Diese war noch überfüllter, und sogar in der Tür, bis in den Korridor hinaus, stand ein geräuschvoller Haufen von Gefangenen in nassen Kleidern, die etwas teilten oder berieten. Der Eskortesoldat erklärte Nechliudow, der Obmann zahle gerade das auf aus Spielkarten verfertigte Gutscheine im voraus verbrauchte oder verspielte Kostgeld dem Majdanstschik, dem Bankhalter der Gefangenen, aus. Als die Zunächststehenden den Unteroffizier und den Herrn sahen, verstummten sie und betrachteten sie argwöhnisch, als sie vorbeigingen. Unter den Teilenden bemerkte Nechliudow den ihm bekannten Zwangsarbeiter Feodorow, der immer in seiner Nähe einen kläglichen, weißen, wie aufgedunsenen jungen Burschen mit hochgezogenen Augenbrauen hatte, und einen widerwärtigen, pockennarbigen, nasenlosen Landstreicher, der dadurch bekannt war, daß er während eines Fluchtversuches in der Taiga seinen Kameraden totgeschlagen und sich von dessen Fleisch ernährt haben sollte. Der Landstreicher stand im Korridor, den nassen Gefangenenrock über eine Schulter geworfen, und sah Nechliudow höhnisch und frech an, ohne vor ihm beiseite zutreten. Nechliudow umging ihn. So bekannt auch Nechliudow dieser Anblick war, so oft er auch im Verlaufe dieser drei Monate immer dieselben vierhundert Kriminalgefangenen gesehen hatte, in den verschiedenartigsten Lagen: in der Hitze, im Staub, den sie mit den kettenschleppenden Füßen aufwirbelten, bei der Rast unterwegs und auf den Etappen, in der warmen Zeit auf dem Hof, wo schauderhafte Szenen offener Unzucht stattfanden, – er hatte doch jedesmal, wenn er in ihre Mitte trat und, wie jetzt, empfand, daß ihre Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war, ein qualvolles Gefühl der Scham und des Schuldbewußtseins ihnen gegenüber. Das Schwerste war für ihn, daß mit diesem Scham- und Schuldbewußtsein sich noch ein unüberwindliches Gefühl des Abscheus und des Grauens mischte. Er wußte, daß sie in der Lage, in welcher sie sich befanden, nicht anders sein konnten, als sie waren, und dennoch konnte er nicht seinen Abscheu ihnen gegenüber bezwingen. »Die haben's gut, die Freischlucker«, sagte eine heisere Stimme, noch eine unflätige Schimpferei hinzufügend, die Nechliudow vernahm, als er sich schon der Tür der Politischen näherte. Ein unfreundliches, spöttisches Lachen klang hinter ihm her. 10 Als sie an der Ledigenzelle vorbei waren, sagte der Nechliudow begleitende Unteroffizier, daß er ihn vor der Kontrolle abholen werde und kehrte um. Kaum war der Unteroffizier fort, als sich Nechliudow ein Gefangener, die Beinschellen festhaltend, mit raschen Schritten der nackten Füße ganz dicht näherte, wobei er ihn mit schwerem, saurem Schweißgeruch überschauerte und in geheimnisvollem Flüstern sagte: »Stehen Sie ihm bei, Herr! Er hat den Jungen ganz und gar am Strick. Hat schon drauf getrunken! Heute bei der Übernahme hat er sich schon Karmanow genannt. Stehen Sie ihm bei, unsereinem aber ist es unmöglich, uns schlägt man tot«, sagte der Gefangene, sich unruhig umblickend, und trat von Nechliudow fort. Es handelte sich darum, daß ein Zwangsarbeiter Karmanow einen ihm von Gesicht ähnlichen Burschen, der zur Ansiedelung verbannt war, überredet hatte, mit ihm zu tauschen, so daß der Zwangsarbeiter zur Ansiedelung, und der Bursche an seiner Stelle in die Zwangsarbeit gehen sollte. Nechliudow wußte schon um diese Sache, weil derselbe Gefangene vor einer Woche ihm von diesem Umtausch gesprochen hatte. Er nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe und alles tun werde, was er könne, und ohne sich umzusehen, ging er weiter. Nechliudow kannte diesen Gefangenen von Jekaterinburg her, wo der ihn um seine Verwendung gebeten hatte, man möge seiner Frau erlauben, ihm zu folgen, und er war sehr erstaunt über seine Handlungsweise. Es war ein etwa dreißigjähriger Mann von mittlerem Wuchs und vom gewöhnlichen bäuerlichen Aussehen, der wegen eines Raubmordanschlags auf Zwangsarbeit verschickt wurde. Er hieß Makar Dewkin. Sein Verbrechen war sehr seltsam. Dies Verbrechen war, wie er selber Nechliudow erzählte, nicht seine, das heißt Makars, Tat, sondern »Seiner«, des »Unsauberen«, Tat gewesen. Bei Makars Vater, so erzählte er, war einmal ein Durchreisender eingekehrt und hatte bei ihm ein Fuhrwerk bis zu einem Pfarrdorf, vierzig Werst entfernt, gemietet. Der Vater ließ Makar den Reisenden fahren; Makar spannte das Pferd ein, kleidete sich an und trank noch mit dem Reisenden Tee. Der Reisende erzählte beim Tee, daß er sich zu verheiraten fahre und fünfhundert Rubel bei sich habe, die er in Moskau verdient. Als Makar dies hörte, ging er auf den Hof und legte in den Schlitten unter das Stroh eine Axt. »Und ich weiß selber nicht, wozu ich die Axt mitgenommen habe«, erzählte er. »›Nimm‹, sagte ›Er‹, ›die Axt mit‹, und ich habe sie mitgenommen. Wir sind dann eingestiegen und abgefahren. Wir fuhren, alles ging gut. Ich hatte die Axt fast vergessen. Schon näherten wir uns dem Pfarrdorf, es blieben etwa sechs Werst übrig. Vom Seitenweg auf die Landstraße ging es bergauf. Ich stieg ab, ging hinter dem Schlitten her. ›Er‹ aber flüsterte mir zu: ›Was denkst du denn? Bist du erst den Berg hinauf, – oben auf der Landstraße sind Leute, dann aber kommt das Dorf. Er wird mit seinem Geld wegfahren. Wenn es getan sein soll, so – jetzt; es ist nichts zu warten.‹ Ich beugte mich zu dem Schlitten, als ob ich das Stroh zurechtlege, der Axtstiel sprang mir aber wie von selbst in die Hände. Er blickte sich um. ›Was willst du?‹ sagte er. Ich holte mit der Axt aus, wollte ihn hauen, er aber, ein hurtiger Mann, sprang von dem Schlitten, packte mich an den Händen. ›Was machst du, Bösewicht?‹ sagte er. Er warf mich auf den Schnee, und ich wollte nicht kämpfen, ich ergab mich ihm selber. Er band mir die Hände mit dem Gürtel und schmiß mich in den Schlitten. Er brachte mich direkt zum Stanowoj. Man steckte mich ins Gefängnis. Ich kam vor Gericht. Die Gemeinde gab mir einen guten Leumund, – der Mensch sei gut, man habe nichts Schlechtes bemerkt. Die Wirtsleute, bei denen ich gedient hatte, gaben gleichfalls einen guten Leumund. Einen ›Ablakaten‹ zu mieten hatte ich aber kein Geld,« – sagte Makar, – »und deshalb hat man mich zu vier Jahren verurteilt.« Und dieser Mensch nun wünschte seinen Landsmann zu retten, und obwohl er wußte, daß er durch diese Worte sein Leben aufs Spiel setzte, teilte er jetzt dennoch Nechliudow das Geheimnis der Gefangenen mit, eine Handlung, für die man ihn, wenn man sie erführe, unbedingt erwürgen würde. 11 Der Raum für die Politischen bestand aus zwei kleinen Zellen, deren Türen auf einen durch einen Verschlag abgesonderten Teil des Korridors hinausgingen. Als Nechliudow in diesen abgesonderten Korridorteil eintrat, war die erste Person, die er zu Gesicht bekam, Simonsohn mit einem Fichtenscheit in der Hand, wie er in seiner Jacke vor der zitternden, von der Hitze hineingezogenen Tür des in voller Glut brennenden Ofens kauerte. Als er Nechliudow sah, reichte er ihm die Hand, ohne aus der kauernden Lage aufzustehen, und blickte ihn von unten auf unter den überhängenden Augenbrauen hervor an. »Ich freue mich, daß Sie gekommen sind; ich muß Sie sprechen«, sagte er mit bedeutsamer Miene, indem er Nechliudow gerade in die Augen sah. »Was gibt es denn?« fragte Nechliudow. »Nachher; jetzt bin ich beschäftigt.« Und Simonsohn machte sich wieder an den Ofen, den er nach seiner eigenen Theorie des minimalen Verlustes an Wärmeenergie heizte. Nechliudow wollte schon in die erste Tür treten, als aus der anderen die Maslowa kam, gebeugt, mit einem Besen in der Hand, mit dem sie einen großen Haufen Kehricht und Staub zum Ofen schob. Sie war in einer weißen Jacke, aufgeschürztem Rock und Strümpfen. Ihr Kopf war gegen den Staub bis zu den Augenbrauen mit einem Tuch umbunden. Als sie Nechliudow sah, richtete sie sich auf, und ganz rot und lebhaft legte sie den Besen beiseite, wischte die Hände am Rock ab und blieb gerade vor ihm stehen. »Machen Sie Ordnung hier?« sagte Nechliudow, ihr die Hand reichend. »Ja, es ist meine alte Beschäftigung,« sagte sie und lächelte, »und es ist so ein Schmutz, – gar nicht auszudenken! Da haben wir was zu putzen gehabt. Wie ist's denn? Ist das Plaid schon trocken?« wandte sie sich an Simonsohn. »Beinahe«, sagte Simonsohn, sie mit einem besonderen, Nechliudow auffallenden Blick ansehend. »Nun, so nehme ich es mit und bringe die Pelze zum Trocknen. Unsere sind alle da«, sagte sie zu Nechliudow, auf die nächste Tür zeigend, und ging durch die entferntere weg. Nechliudow öffnete die Tür und trat in eine kleine Kammer, die schwach von einem kleinen, metallenen Lämpchen, das niedrig auf einer Pritsche stand, beleuchtet war. In der Kammer war es kalt, und es roch nach dem noch in der Luft schwebenden Staub, nach Feuchtigkeit und Tabak. Die Blechlampe beleuchtete diejenigen hell, die sich neben ihr befanden, die Pritschen aber lagen im Schatten, und schwankende Schatten gingen über die Wände. In der kleinen Kammer waren alle anwesend, außer zwei Männern, die die Verproviantierung besorgten und weggegangen waren, um kochendes Wasser und Lebensmittel zu holen. Da war Nechliudows alte Bekannte, die noch magerer und noch gelber gewordene Wera Jefremowna mit ihren riesigen, erschrockenen Augen, der geschwollenen Ader auf der Stirn und den kurzen Haaren, in grauer Jacke. Sie saß vor einem Stück Zeitungspapier, auf das Tabak geschüttet war, und füllte mit stoßweisen Bewegungen Zigarettenhülsen. Da war auch eine der Nechliudow angenehmsten politischen Frauen, Emilia Ranzewa, die den äußeren Haushalt besorgte und ihm sogar unter den schwersten Umständen etwas wie weibliche Behaglichkeit und Wohnlichkeit zu geben verstand. Sie saß neben der Lampe, die Ärmel über den sonnenverbrannten, schönen, geschickten Armen aufgestreift, wischte Henkelbecher und Tassen ab und stellte sie auf ein Handtuch, das auf der Pritsche ausgebreitet war. Die Ranzewa war eine nicht schöne junge Frau mit klugem und sanftem Ausdruck des Gesichts, das die Eigentümlichkeit hatte, sich beim Lächeln plötzlich zu verklären und fröhlich, munter und bezaubernd zu werden. Mit solchem Lächeln empfing sie jetzt Nechliudow. »Und wir dachten, Sie wären schon ganz nach Rußland abgereist«, sagte sie. Ebenda war auch Maria Pawlowna, die im Schatten, in einer entfernten Ecke, mit einem kleinen weißköpfigen Mädchen zu tun hatte, das ohne Aufhören mit seinem lieben, kindlichen Stimmchen plapperte. »Wie gut ist es, daß Sie gekommen sind. Haben Sie Katjuscha gesehen?« fragte sie Nechliudow. »Wir haben – sehen Sie mal – wir haben einen Gast.« Sie zeigte auf das kleine Mädchen. Auch Anatolij Krylzow war da. Abgemagert und blaß, saß er gebückt und zitternd, die untergezogenen Beine in hohen Filzstiefeln, in der entferntesten Ecke auf der Pritsche, die Hände im Ärmel seines Pelzes, und sah mit fieberigen Augen Nechliudow an. Nechliudow wollte sich ihm nähern, aber rechts von der Tür saß, etwas aus einem Sack hervorsuchend und mit der hübschen, lächelnden Grabetz sprechend, ein Mann mit rötlichem Kraushaar, mit einer Brille und in Guttaperchajacke. Das war der berühmte Revolutionär Nowodworow, und Nechliudow beeilte sich, ihn zu begrüßen. Er eilte sich besonders es zu tun, weil von allen Politischen dieser Abteilung nur dieser Mensch ihm unangenehm war. Nowodworow blitzte unter der Brille mit seinen blauen Augen Nechliudow an, stirnrunzelnd reichte er ihm seine schmale Hand. »Wie ist's denn? Haben Sie eine angenehme Reise?« sagte er, augenscheinlich ironisch. »Ja, es gibt viel Interessantes«, antwortete Nechliudow, so tuend, als bemerke er die Ironie nicht und nehme sie für Liebenswürdigkeit, und trat zu Krylzow. Äußerlich tat Nechliudow gleichgültig, innerlich aber war er durchaus nicht gleichgültig Nowodworow gegenüber. Nowodworows Worte, sein offenbarer Wunsch, etwas Unangenehmes zu sagen und zu tun, zerstörten die seelensgute Stimmung, in welcher Nechliudow sich befand. Und es war ihm traurig und wehmütig ums Herz. »Nun, wie ist das Befinden?« fragte er, Krylzows kalte, zitternde Hand drückend. »Es geht noch, nur kann ich nie recht warm werden, – ich bin durch und durch naß«, sagte Krylzow, eilig die Hand wieder in den Ärmel des Pelzes steckend. »Auch hier ist eine Hundekälte. Da sind die Scheiben zerschlagen«, er zeigte auf die an zwei Stellen zerschlagenen Scheiben hinter den Eisengittern. »Wie geht es Ihnen? Warum hat man Sie nicht gesehen?« »Man läßt mich nicht durch, die Obrigkeit ist zu streng. Heute erst erwies sich der Offizier umgänglich.« »Na, eine nette Umgänglichkeit«, sagte Krylzow. »Fragen Sie Mascha, was er am Morgen getan hat.« Maria Pawlowna erzählte, ohne von ihrem Platz aufzustehen, was am Morgen, beim Abmarsch der Abteilung von der Etappe, mit dem Kinde passiert war. »Meiner Meinung nach ist es notwendig, einen gemeinsamen Protest einzulegen«, sagte Wera Jefremowna mit entschiedener Stimme, zugleich unentschlossen und erschrocken bald diesem, bald jenem ins Gesicht blickend. »Wladimir hat Protest eingelegt, aber das ist zu wenig.« »Was soll der Protest nützen?« brachte Krylzow mit verdrießlicher Miene hervor. Augenscheinlich reizte ihn schon seit langem Wera Jefremownas unnatürlicher, gekünstelter Ton und ihre Nervosität. »Suchen Sie Katja?« wandte er sich an Nechliudow. »Sie arbeitet immer, sie putzt. Diese Kammer hat sie reine gemacht – unsere, die Männerzelle; jetzt macht sie die Frauenkammer. Nur die Flöhe lassen sich nicht wegputzen. Sie fressen uns bei lebendigem Leibe. Und Mascha? Was macht die da?« fragte er, mit dem Kopf auf die Ecke zeigend, wo Maria Pawlowna war. »Sie kämmt ihrem Pflegetöchterchen die Haare«, sagte die Ranzewa. »Wird sie auch nicht die Insekten auf uns loslassen?« sagte Krylzow. »Nein, nein, ich mach' es vorsichtig. Sie ist jetzt schön sauber«, sagte Maria Pawlowna. »Nehmen Sie sie«, wandte sie sich an die Ranzewa. »Ich gehe Katja helfen. Und das Plaid bringe ich ihm.« Die Ranzewa nahm das Mädchen, und mit mütterlicher Zärtlichkeit die kleinen, nackten, vollen Ärmchen des Kindes an sich drückend, setzte sie es auf ihre Knie und reichte ihm ein Stück Zucker. Maria Pawlowna ging hinaus; gleich danach traten zwei Männer mit kochendem Wasser und Lebensmitteln ein. 12 Einer der Eintretenden war ein nicht hoher, hagerer, junger Mann in einem mit Stoff überzogenen Pelz und in hohen Stiefeln. Er trat mit leichtem, raschem Gang ein, brachte zwei große, dampfende Teekannen mit heißem Wasser und ein in ein Tuch gewickeltes Brot, das er unter dem Arm trug und mit der andern Hand stützte. »Nun, da ist ja auch unser Fürst wieder«, sagte er, stellte die Teekannen zwischen die Tassen und gab das Brot der Maslowa. »Wunderbare Sachen haben wir zusammengekauft«, sagte er, den Pelz abstreifend und ihn über die Köpfe weg in eine Ecke auf die Pritsche werfend. »Markel hat Milch und Eier gekauft; heute können wir direkt einen Ball geben. Und Kirilowna verbreitet immer noch ihre ästhetische Sauberkeit um sich«, sagte er lächelnd und sah die Ranzewa an. »Nun, jetzt mach' Tee«, wandte er sich an sie. Aus dem ganzen Äußern dieses Menschen, aus seinen Bewegungen, aus dem Ton seiner Stimme, aus seinem Blick kam es wie Frohmut und Lustigkeit. Der andere Eingetretene aber – ein gleichfalls nicht großer, knochiger Mann mit sehr hervortretenden Jochbeinen der mageren Wangen in dem grauen Gesicht, mit schönen, grünlichen, weit auseinanderstehenden Augen und dünnen Lippen – war ein Mensch von finsterem, niedergeschlagenem Aussehen. Er trug einen alten wattierten Paletot und Stiefel mit Galoschen. Er brachte zwei Töpfe und zwei Gefäße aus Birkenrinde. Nachdem er vor der Ranzewa seine Bürde abgestellt, verbeugte er sich vor Nechliudow nur mit dem Hals, so daß er ihn beim Verbeugen fortwährend ansah. Dann reichte er ihm, wie unwillig, die schweißige Hand und begann, die Lebensmittel langsam aus dem Korb herauszunehmen und aufzustellen. Diese beiden politischen Gefangenen waren Leute aus dem Volk: der erste war ein Bauer, Nabatow, der zweite ein Fabrikarbeiter, Markel Kondratjew. Markel war in die revolutionäre Bewegung geraten, als er schon bei Jahren war, als fünfunddreißigjähriger Mann; Nabatow aber in seinem achtzehnten Jahre. Nachdem er, dank seinen hervorragenden Fähigkeiten, aus einer Dorfschule ins Gymnasium gelangt war, erhielt sich Nabatow die ganze Zeit mit Stundengeben und absolvierte das Gymnasium mit der goldenen Medaille; in die Universität aber ging er nicht, weil er schon in der siebenten Klasse zu dem Entschluß gekommen war, »ins Volk zu gehen«, aus dem er herkam, um seine von den andern vergessenen Brüder aufzuklären. So tat er auch: zuerst nahm er eine Stelle als Gemeindeschreiber in einem großen Pfarrdorf an, aber bald wurde er verhaftet, weil er den Bauern Bücher vorgelesen, eine Konsum- und Produktionsgenossenschaft bei ihnen eingerichtet hatte. Das erstemal hielt man ihn acht Monate im Gefängnis fest und entließ ihn unter geheimer Aufsicht. Als er frei wurde, ging er sofort in ein anderes Gouvernement, in ein anderes Dorf, ließ sich dort als Lehrer nieder und tat wie vorher. Man nahm ihn wieder fest, und dieses Mal hielt man ihn ein Jahr und zwei Monate im Gefängnis; im Gefängnis befestigte er sich noch mehr in seinen Überzeugungen. Nach der zweiten Gefangenschaft verschickte man ihn ins Gouvernement Perm. Er entfloh von dort. Man nahm ihn wieder fest, und nachdem man ihn sieben Monate lang gefangengehalten, verschickte man ihn ins Gouvernement Archangelsk. Dort wurde er wegen der Weigerung, dem neuen Zaren den Eid zu leisten, zur Verschickung in die Provinz Jakutsk verurteilt, so daß er die Hälfte seines Lebens, seit er erwachsen war, im Gefängnis und der Verbannung verbracht hatte. All diese Abenteuer hatten ihn keineswegs erbittert, aber auch seine Energie nicht geschwächt, hatten sie eher angefacht. Er war ein beweglicher Mann, mit ausgezeichneter Verdauung, immer gleich tätig, mutig und lustig. Er bereute nie etwas und riet nicht herum an dem, was weit vor ihm lag, sondern er wirkte mit allen Kräften seines Intellekts, seiner Geschicklichkeit und seines praktischen Sinnes in der Gegenwart. Wenn er in Freiheit war, arbeitete er für das Ziel, das er sich gesteckt, namentlich die Aufklärung und Zusammenfassung des arbeitenden Volkes, hauptsächlich der Bauernschaft; wenn er aber in Gefangenschaft war, so handelte er ebenso energisch und praktisch, um den Verkehr mit der Außenwelt herzustellen und unter den gegebenen Umständen das Leben am besten, nicht nur für sich, sondern für seinen ganzen Kreis, einzurichten. Er war in erster Linie ein Mensch der Gemeinschaft. Für sich schien er nichts nötig zu haben, und er konnte sich mit dem Geringsten zufrieden geben; aber für die Gemeinde seiner Kameraden verlangte er viel; er konnte auch jegliche, sowohl physische wie geistige Arbeit tun, ohne die Hände ruhen zu lassen, ohne Schlaf und ohne Nahrung. Als Bauer war er arbeitsam, findig, geschickt in der Arbeit, und von Natur enthaltsam, ohne Anstrengung höflich, aufmerksam nicht nur auf die Gefühle, sondern auch auf die Meinungen der anderen. Seine alte Mutter, eine Bauernwitwe ohne jede Schulbildung, voll von Aberglauben, lebte noch, und Nabatow half ihr, und wenn er in Freiheit war, besuchte er sie. Während seines Aufenthalts zu Hause ging er auf alle Einzelheiten ihres Lebens ein, half ihr bei den Arbeiten und brach den Verkehr mit seinen gewesenen Kameraden, den Bauernjungen, nicht ab. Er rauchte mit ihnen schlechten Blättertabak in Hundebeinchen, Hundebeinchen sind zu Zigaretten zusammengedrehte Papierhülsen, bei Bauern und Arbeitern im Gebrauch. L. N. T. boxte und setzte ihnen auseinander, wie sie alle betrogen seien, und wie sie sich aus dem Betrug, in dem man sie festhielt, losmachen müßten. Wenn er über das nachdachte und sprach, was die Revolution dem Volke geben werde, stellte er sich immer dasselbe Volk vor, aus dem er stammte, fast unter den gleichen Verhältnissen, aber mit Land und ohne Herren und Beamte. Die Revolution sollte nach seiner Anschauung die Grundformen des Volkslebens nicht ändern – darin war er anderer Meinung als Nowodworow und Nowodworows Anhänger Markel Kondratjew – die Revolution sollte seiner Meinung nach nicht das ganze Gebäude zertrümmern, sondern sie sollte nur die inneren Räumlichkeiten dieses schönen, dauerhaften, ungeheuern, von ihm heißgeliebten alten Gebäudes anders einteilen. In religiöser Hinsicht war er gleichfalls ein typischer Bauer; nie dachte er über metaphysische Fragen, den Anfang aller Anfänge, über das Leben nach dem Tode nach. Gott war für ihn, wie für Arago, eine Hypothese, nach der er ein Bedürfnis bis jetzt nicht empfunden hatte. Ihn kümmerte es nichts, auf welche Weise die Welt entstanden war: nach Moses oder nach Darwin, und der Darwinismus, der seinen Kameraden so wichtig erschien, war für ihn ebensogut ein Spielwerk des Denkens wie die Schöpfung in sechs Tagen. Ihn interessierte nicht die Frage, wie die Welt entstanden war, eben darum, weil die Frage, wie man besser darin leben könnte, immer vor ihm stand. Über das zukünftige Leben dachte er auch nie nach, da er in der Tiefe der Seele jene, von den Ahnen ererbte, feste, ruhige, allen Ackersleuten gemeinsame Überzeugung trug, daß, wie in der Welt der Tiere und Pflanzen nichts endet, sondern fortwährend aus einer Form in die andere übergeht – der Dünger in Korn, das Korn in das Huhn, die Kaulquappe in den Frosch, der Wurm in den Schmetterling, die Eichel in die Eiche – ebenso auch der Mensch nicht vergeht, sondern nur sich wandelt. Daran glaubte er, und deshalb sah er immer mutig und sogar fröhlich dem Tod ins Auge und ertrug mit Festigkeit die Leiden, die zu ihm führen, aber er liebte es nicht und verstand es nicht, darüber zu reden. Er arbeitete gern und war immer mit praktischen Dingen beschäftigt, und auf ebensolche praktische Dinge stieß er die Kameraden hin. Der andere politische Gefangene aus dem Volk, Markel Kondratjew, war ein Mann von anderm Schlag. Vom fünfzehnten Jahre an war er auf die Arbeit gestellt und begann zu rauchen und zu trinken, um das trübe Bewußtsein des Gekränktseins zu betäuben. Dieses Gekränktsein empfand er zum erstenmal, als man ihn mit seinen Kameraden als Kinder zu Weihnachten zu dem Christbaum führte, der von der Frau des Fabrikanten hergerichtet war, wo man ihnen ein Pfeifchen zu einer Kopeke, einen Apfel, eine vergoldete Nuß und eine Feige schenkte, den Kindern des Fabrikanten aber Spielsachen, die ihm wie Geschenke einer Zauberin erschienen, und die, wie er später erfuhr, mehr als 50 Rubel gekostet hatten. Er war dreißig Jahre alt, als in die dortige Fabrik eine berühmte Revolutionärin als Arbeiterin eintrat, und da sie Kondratjews hervorragende Fähigkeiten bemerkte, ihm Bücher und Broschüren gab und mit ihm sprach, ihm seine Lage und die Ursachen derselben, sowie die Mittel, sie zu verbessern, erklärte. Als er sich die Möglichkeit der Befreiung, seiner selbst, wie auch der andern, aus der gegenwärtigen Unterdrückung klar vorstellte, erschien ihm die Ungerechtigkeit dieser Lage noch grausamer und fürchterlicher als früher, und leidenschaftlich begann er nicht nur nach Befreiung, sondern auch nach der Bestrafung derer zu verlangen, die diese grausame Ungerechtigkeit eingerichtet hatten und sie erhielten. Die Möglichkeit dazu verlieh das Wissen, wie man ihm erklärte, und Kondratjew ergab sich mit Leidenschaft der Aneignung von Kenntnissen. Es war ihm unklar, auf welche Weise das sozialistische Ideal durch das Wissen verwirklicht werden könnte, aber er glaubte, wie das Wissen ihm die Ungerechtigkeit der Lage, in der er sich befand, offenbart hatte, so werde dasselbe Wissen diese Ungerechtfertigkeit auch ausgleichen. Außerdem hob ihn das Wissen in seiner eigenen Meinung über andere Menschen. Und nachdem er aufgehört hatte zu rauchen und zu trinken, widmete er deshalb dem Studium die ganze freie Zeit, von der er jetzt, seit er Aufseher eines Vorratsraumes war, mehr hatte. Die Revolutionärin unterrichtete ihn und staunte über die wunderbare Fähigkeit, mit der er, wie unersättlich, allerlei Wissen verschlang. In zwei Jahren lernte er Algebra, Geometrie, Geschichte, die er besonders liebte, und las die ganze schöne und kritische Literatur, hauptsächlich die sozialistische. Die Revolutionärin nahm man fest, mit ihr auch Kondratjew, weil man verbotene Bücher bei ihm fand. Man setzte ihn ins Gefängnis, dann verschickte man ihn ins Gouvernement Wologda. Dort lernte er Nowodworow kennen, las noch mehr revolutionäre Bücher, behielt alles im Gedächtnis und befestigte sich noch mehr in seinen sozialistischen Ansichten. Nach der Verschickung war er der Leiter eines großen Arbeiterstreiks, der mit der Zerstörung der Fabrik und der Tötung des Direktors endete. Man nahm ihn fest und verurteilte ihn zum Verlust aller Rechte und zur Verbannung. Gegen die Religion verhielt er sich ebenso ablehnend wie gegen die bestehende wirtschaftliche Ordnung. Nachdem er die Ungereimtheit des Glaubens, in dem er aufgewachsen war, begriffen und sich mühsam – zuerst mit Angst, dann mit Begeisterung – von ihm befreit hatte, wurde er nicht müde, gleichsam zum Entgelt für jenen Betrug, in dem man ihn und seine Ahnen gehalten hatte, giftig und boshaft Pfaffen und religiöse Dogmen zu verspotten. Er war seinen Gewohnheiten nach Asket, begnügte sich mit ganz wenigem und, wie jeder von Kindheit an an Arbeit gewöhnte Mensch mit entwickelten Muskeln, konnte er leicht und viel und geschickt arbeiten, jegliche physische Arbeit leisten, am meisten aber schätzte er die Muße und lernte in den Gefängnissen und auf den Etappen weiter. Er studierte jetzt den ersten Band von Marx, und mit größter Sorgsamkeit, wie einen großen Schatz, bewahrte er dieses Buch in seinem Sack auf. Gegen alle Kameraden verhielt er sich zurückhaltend, gleichgültig, mit Ausnahme von Nowodworow, dem er besonders ergeben war, und dessen Urteil über alle Dinge er für unwiderlegliche Wahrheiten hielt. Gegen die Frauen, die er nur als ein Hindernis bei allen nötigen Dingen ansah, hegte er eine unüberwindliche Verachtung. Die Maslowa aber bedauerte er und war zu ihr freundlich, weil er in ihr ein Beispiel der Ausnutzung der niederen Klasse durch die höhere sah. Aus demselben Grunde mochte er Nechliudow nicht, war ihm gegenüber wortkarg, drückte ihm nicht die Hand, sondern streckte ihm nur die Hand zum Druck hin, wenn Nechliudow ihn grüßte. 13 Der Ofen war geheizt und wurde warm, der Tee war fertig, in Gläser und Henkelbecher eingeschenkt und mit Milch geweißt, Brezeln, frisches Feinbrot und Weizenbrot, hartgekochte Eier, Butter, Kalbskopf und Kalbsfüße standen auf dem Tisch. Alle rückten an den Teil der Pritsche heran, der den Tisch ersetzte, tranken, aßen und sprachen. Die Ranzewa saß auf einer Kiste und schenkte Tee ein. Um sie herum drängten sich alle übrigen, außer Krylzow, der den nassen Pelz ausgezogen und sich in das trockene Plaid eingewickelt hatte, auf seinem Platz lag und mit Nechliudow sprach. Nach der Kälte und Nässe während des Marsches, nach dem Schmutz und der Unordnung, die sie hier vorgefunden, nach der Mühe, die man aufwenden mußte, um alles in Ordnung zu bringen, nach dem Genuß von Nahrung und heißem Tee waren alle in angenehmster, freudiger Stimmung. Der Umstand, daß hinter der Wand Stampfen, Geschrei, Schimpferei der Kriminalverbrecher sich hören ließ, gleichsam um sie an das zu erinnern, was sie umgab – dieser Umstand verstärkte noch das Gefühl der Behaglichkeit. Wie auf einer kleinen Insel mitten im Meere fühlten sich diese Menschen für eine Zeitlang nicht überschwemmt von den Erniedrigungen und Leiden, die sie umgaben, und infolgedessen befanden sie sich in einem gehobenen, angeregten Zustand. Sie sprachen über alles, nur nicht von ihrer Lage, nicht von dem, was sie erwartete. Außerdem, wie es immer zwischen jungen Männern und Frauen zu sein pflegt, besonders wenn sie gewaltsam vereinigt worden, so wie alle diese Leute, entstanden unter ihnen zusammenstimmende und nicht zusammenstimmende, sich verschiedenartig untereinander verflechtende Neigungen. Sie waren fast alle verliebt. Nowodworow war in die hübsche, lächelnde Grabetz verliebt. Die Grabetz war eine junge Studentin, die sehr wenig nachgedacht hatte und vollständig gleichgültig gegen die Fragen der Revolution war. Aber sie war dem Einfluß der Zeit unterlegen, hatte sich durch etwas kompromittiert und wurde verschickt. Wie in der Freiheit die Hauptinteressen ihres Lebens in den Erfolgen bei Männern bestanden, genau so auch bei den Verhören, im Gefängnis und der Verschickung. Jetzt, während des Transports, tröstete sie sich damit, daß Nowodworow für sie eingenommen war, und sie verliebte sich selber in ihn. Wera Jefremowna, die sehr verliebter Natur war, aber keine Liebe für sich erregen konnte und dennoch immer auf Gegenseitigkeit hoffte, war bald in Nabatow, bald in Nowodworow verliebt. Etwas wie Liebe fühlte Krylzow für Maria Pawlowna. Er liebte sie, wie Männer Frauen lieben, aber da er ihr Verhalten gegen die Liebe kannte, verbarg er geschickt sein Gefühl unter dem Deckmantel der Freundschaft und der Dankbarkeit dafür, daß sie ihn besonders zärtlich pflegte. Nabatow und die Ranzewa waren durch sehr verwickelte Liebesbeziehungen verknüpft. Wie Maria Pawlowna eine vollkommen keusche Jungfrau, so war die Ranzewa eine vollkommen keusche Frau und Gattin. Sechzehn Jahre alt, noch im Gymnasium, gewann sie Ranzew, einen Studenten der Petersburger Universität, lieb, und neunzehn Jahre alt heiratete sie ihn, während er noch auf der Universität war. Im achten Semester wurde ihr Mann in eine Universitätsgeschichte verwickelt, aus Petersburg verwiesen und wurde Revolutionär. Sie aber verließ die medizinische Hochschule, die sie besuchte, und wurde ebenfalls Revolutionärin. Wäre ihr Mann nicht der Mensch gewesen, den sie für den besten, den klügsten von allen Menschen in der Welt hielt, und hätte sie ihn nicht liebgewonnen, würde sie ihn nicht geheiratet haben. Aber da sie nun den nach ihrer Überzeugung besten und klügsten Mann in der Welt liebgewonnen und geheiratet hatte, verstand sie das Leben und seinen Zweck natürlicherweise ebenso, wie der beste und klügste Mann in der Welt es verstand. Er sah zuerst das Leben darin, daß man studierte, und sie sah das Leben gleichfalls darin. Er wurde Revolutionär, und sie wurde Revolutionärin. Sie konnte sehr gut den Beweis führen, daß die existierende Ordnung unmöglich sei, und daß die Pflicht jedes Menschen darin bestehe, gegen diese Ordnung zu kämpfen, um jene politische und ökonomische Organisation des Lebens herbeizuführen, in welcher sich die Individualität frei entwickeln könne. Und es schien ihr, daß sie wirklich so denke und fühle, aber im Grunde genommen dachte sie nur, daß alles, was ihr Mann denke, die wahre Wahrheit sei und suchte nur eins, die völlige Übereinstimmung, das Zusammenfließen mit der Seele ihres Mannes, weil allein dies ihr moralische Befriedigung gewährte. Die Trennung von ihrem Manne und dem Kind, das ihre Mutter zu sich nahm, fiel ihr schwer. Aber sie ertrug diese Trennung fest und ruhig, weil sie wußte, daß sie es für ihren Mann und für jene Sache ertrage, die unzweifelhaft wahr sein mußte, weil er ihr diente. Sie war in Gedanken immer bei ihrem Manne, und wie sie früher niemand anderes geliebt hatte, so konnte sie auch jetzt niemand neben ihrem Manne lieben. Aber Nabatows ergebene und reine Liebe rührte und ergriff sie. Er war ein moralischer und fester Mann, ein Freund ihres Mannes, bemühte sich, mit ihr wie mit einer Schwester umzugehen, aber in sein Verhalten zu ihr schlüpfte etwas Größeres ein, und dieses Größere erschreckte sie beide und schmückte zugleich, ihr schweres gegenwärtiges Leben. So daß vollkommen frei von Liebe in dieser Gesellschaft nur Maria Pawlowna und Kondratjew waren. 14 Nechliudow rechnete darauf, nach dem gemeinsamen Tee und Nachtessen, wie er es früher getan, mit Katjuscha allein sprechen zu können und saß neben Krylzow, sich mit ihm unterhaltend. Unter anderem erzählte er ihm von Makars Ersuchen an ihn und von der Geschichte seines Verbrechens. Krylzow hörte aufmerksam zu, die glänzenden Blicke auf Nechliudows Gesicht geheftet. »Ja,« sagte er plötzlich, »mich beschäftigt oft der Gedanke, daß wir nun zusammen an ihrer Seite gehen. An wessen Seite? – an der Seite derjenigen Menschen, für welche wir eintreten. Dabei kennen wir sie nicht nur gar nicht, sondern wir wollen sie auch nicht kennen. Sie aber, noch schlimmer als das, – sie hassen uns und halten uns für ihre Feinde. Das ist doch schrecklich!« »Es ist gar nichts Schreckliches dabei«, sagte Nowodworow, der dem Gespräch zuhörte. »Die Massen beten immer nur die Macht an«, sagte er mit seiner knarrenden Stimme. »Die Regierung herrscht, und sie beten sie an und hassen uns, – morgen werden wir die Macht sein, und sie werden uns anbeten.« In diesem Augenblick ließ sich hinter der Wand ein Ausbruch von Schimpferei, Gepolter der sich an die Wand Stoßenden, Kettengerassel, Winseln und Geschrei vernehmen. Man schlug jemand, jemand schrie: »Hilfe!« »So sind sie! Tiere! Was für ein Verkehr kann zwischen uns und ihnen stattfinden?« sagte ruhig Nowodworow. »Du sagst, Tiere? Nun aber eben hat Nechliudow von so einer Handlung erzählt«, sagte Krylzow gereizt; und er erzählte, wie Makar sein Leben riskierte, um seinen Landsmann zu retten. »Das ist doch keine Bestialität, sondern eine Heldentat.« »Sentimentalität!« sagte Nowodworow ironisch. »Uns ist es schwer, die Gemütsbewegungen dieser Leute und die Motive ihrer Handlungen zu verstehen. Du erblickst eine Großmut darin, aber da spielt vielleicht der Neid gegen jenen Zwangsarbeiter mit.« »Warum willst du denn in den anderen nichts Gutes sehen?« sagte plötzlich, in Hitze geraten, Maria Pawlowna. (Sie duzte alle.) »Ich kann nicht sehen, was nicht vorhanden ist.« »Wieso – nicht vorhanden ist, wenn der Mensch es auf einen grausamen Tod hin wagt?« »Ich glaube,« sagte Nowodworow, »wenn wir unsere Sache tun wollen, so ist die erste Bedingung dazu« (Kondratjew ließ das Buch beiseite, das er bei der Lampe las und begann aufmerksam seinem Lehrer zuzuhören), »daß wir nicht phantasieren, sondern die Dinge so sehen, wie sie sind. Wir müssen alles für die Volksmasse tun, aber nichts von ihr erwarten. Die Massen bilden das Objekt unserer Tätigkeit, aber sie können nicht unsere Mitarbeiter sein, solange sie träge, wie jetzt, sind«, begann er, als hielte er eine Vorlesung. »Und darum ist es vollständig illusorisch, eine Hilfe ihrerseits zu erwarten, solange nicht der Entwicklungsprozeß in ihnen stattgefunden, jener Entwicklungsprozeß, zu dem wir sie vorbereiten.« »Was für ein Entwicklungsprozeß?« begann Krylzow, rot geworden, zu sprechen: »Wir sagen, daß wir gegen die Willkür und den Despotismus sind; ist das aber nicht der schrecklichste Despotismus?« »Das ist kein Despotismus«, antwortete Nowodworow ruhig. »Ich behaupte nur, daß ich den Weg kenne, den das Volk gehen muß, und ihm diesen Weg zeigen kann.« »Aber wieso bist du überzeugt, daß der Weg, den du zeigst, auch richtig ist? War das etwa nicht der Despotismus, aus dem die Inquisitionen und die Hinrichtungen der großen Revolution folgten? Wissenschaftlich kannten sie auch den einzig richtigen Weg.« »Der Umstand, daß sie sich geirrt haben, beweist noch nicht, daß ich irren muß. Und dann: es ist ein großer Unterschied zwischen den Faseleien der Ideologen und den Tatsachen der positiven ökonomischen Wissenschaft.« Nowodworows Stimme erfüllte die ganze Kammer. Er sprach allein, und alle schwiegen. »Immer müßt ihr streiten«, sagte Maria Pawlowna, als er für eine Minute verstummte. »Und wie denken Sie selbst darüber?« fragte Nechliudow Maria Pawlowna. »Ich glaube, Anatolij hat recht, daß wir nicht dem Volke unsere Ansichten aufdrängen dürfen.« »Nun, und Sie, Katjuscha?« fragte lächelnd Nechliudow, mit Angst ihre Antwort erwartend; er befürchtete, daß sie etwas Unpassendes sagen möchte. »Ich glaube,« sagte sie, jäh errötend, »das einfache Volk wird sehr schlecht behandelt!« »Richtig, Michajlowna, richtig«, schrie Nabatow auf. »Schlecht behandelt wird das Volk. Und wir müssen zusehen, daß es nicht so schlecht behandelt wird! Darin besteht unsere wichtigste Aufgabe!« »Eine sonderbare Vorstellung von den Aufgaben der Revolution«, sagte Nowodworow, verstummte ärgerlich und begann zu rauchen. »Ich kann mit ihm nicht sprechen«, sagte Krylzow flüsternd und schwieg. »Und es ist auch viel besser, nicht mit ihm zu sprechen«, sagte Nechliudow. 15 Trotzdem Nowodworow von allen Revolutionären sehr geachtet, trotzdem er sehr gelehrt war und für sehr klug galt, zählte ihn Nechliudow zu den Revolutionären, die ihren moralischen Eigenschaften nach unter dem Durchschnittsniveau stehen und deshalb sehr weit unter diesem waren. Die geistigen Kräfte dieses Mannes – sein Zähler – waren groß; aber seine Meinung von sich – sein Nenner – war unverhältnismäßig, ungeheuer groß und hatte schon längst seine geistigen Kräfte überwuchert. Er war ein Mann eines vollständig entgegengesetzten Typus des geistigen Lebens, wie Simonsohn. Simonsohn war einer jener Menschen (ein vorwiegend männlicher Typus), bei denen die Handlungen aus der Tätigkeit des Denkens folgen und von derselben bestimmt werden. Nowodworow aber gehörte zu der Menschenkategorie (vorwiegend weiblichen Schlages), bei denen die Tätigkeit des Denkens zum Teil auf die Erreichung der vom Gefühl aufgestellten Ziele gerichtet ist, zum Teil aber auf die Rechtfertigung der Handlungen, die aus dem Gefühl entspringen. Nowodworows ganze revolutionäre Tätigkeit, trotzdem er sie durch sehr überzeugende beredte Gründe zu erklären verstand, erschien Nechliudow einzig auf der Eitelkeit und dem Wunsch, der Erste unter den Menschen zu sein, gegründet. Zuerst, in der Periode des Studiums – dank seiner Fähigkeit, fremde Gedanken sich anzueignen und sie genau wiederzugeben, hatte er den Vorrang und war befriedigt – unter Lernenden und Lehrenden: Gymnasium, Universität, Magistergrad – wird diese Art der Fähigkeiten hochgeschätzt. Aber als er das Diplom erlangt und zu studieren aufgehört hatte und dieser Vorrang zu Ende war, änderte er plötzlich vollständig seine Ansichten, wie Krylzow –der Nowodworow nicht mochte – Nechliudow erzählte, und um auch in der neuen Sphäre den Vorrang zu erlangen, wurde aus dem gemäßigt Liberalen ein roter »Narodowolez«. Weil seinem Charakter moralische und ästhetische Eigenschaften, die Zweifel und Schwanken hervorrufen, fehlten, nahm er sehr bald in der revolutionären Welt die seine Eigenliebe befriedigende Stellung eines Parteiführers ein. Nachdem er einmal die Richtung gewählt hatte, zweifelte und schwankte er nun nie mehr, und daher war er überzeugt, daß er nie irre. Ihm erschien alles ungewöhnlich einfach, klar und unzweifelhaft. Und bei der Enge und Einseitigkeit seiner Ansichten war wirklich alles sehr einfach und klar, und man brauchte nur, wie er zu sagen pflegte, logisch zu sein. Seine Selbstgewißheit war so groß, daß sie die Leute entweder abstoßen oder aber sich unterwerfen mußte. Und weil er seine Tätigkeit unter sehr jungen Leuten ausübte, die seine grenzenlose Selbstgewißheit für Tiefsinn und Weisheit nahmen, so unterwarfen sich ihm die meisten, und er hatte großen Erfolg in den revolutionären Kreisen. Seine Tätigkeit bestand in der Vorbereitung zur Empörung, wobei er die Macht an sich reißen und eine allgemeine Volksversammlung zusammenberufen wollte. Auf dieser Volksversammlung sollte das von ihm abgefaßte Programm vorgeschlagen werden. Und er war vollkommen überzeugt, daß dieses Programm alle Fragen erschöpfte, und daß man nicht umhin könne, es anzunehmen. Die Kameraden achteten ihn wegen seiner Kühnheit und Entschiedenheit, liebten ihn aber nicht. Er aber liebte niemand und verhielt sich gegen alle hervorragenden Menschen wie gegen Nebenbuhler und wäre gern mit ihnen so umgegangen, wie die alten Affenmännchen mit den jungen umgehen, wenn er nur gekonnt hätte. Er hätte gern bei allen andern Menschen allen Verstand, alle Fähigkeiten ausgerottet, damit sie das Wirken seiner Fähigkeiten nicht störten. Er verhielt sich gut nur gegen Leute, die sich vor ihm beugten. So verhielt er sich zu dem von ihm geworbenen Arbeiter Kondratjew, zu Wera Jefremowna und zu der hübschen Grabetz, die beide in ihn verliebt waren. Obgleich er prinzipiell für die Frauenfrage war, hielt er doch in der Tiefe der Seele alle Frauen für dumm und nichtig mit Ausnahme derjenigen, in die er, oft sentimental, verliebt war; wie er jetzt in die Grabetz verliebt war, und dann hielt er sie für ungewöhnliche Frauen, deren wertvolle Eigenschaften nur er allein zu bemerken verstand. Die Frage der Beziehungen der Geschlechter zueinander schien ihm, wie alle Fragen, sehr einfach und klar und wurde durch die Anerkennung der freien Liebe vollkommen erledigt. Er hatte eine fiktive Frau und eine wirkliche, von der er sich trennte, als er sich überzeugt hatte, daß sie keine wahre Liebe zueinander hätten; und jetzt war er gesonnen, eine neue freie Ehe mit der Grabetz zu schließen. Nechliudow verachtete er, weil er, wie er zu sagen pflegte, mit der Maslowa »posierte«, und besonders, weil er sich erlaubte über die Mängel der existierenden Weltordnung und über die Mittel zu ihrer Reform nicht Wort für Wort so zu denken wie er, Nowodworow, sondern nach einer eigenen, fürstlichen, also närrischen Art. Nechliudow wußte von diesem Verhalten Nowodworows zu ihm, und zu seiner Betrübnis fühlte er, daß er, trotz der seelensguten Stimmung, in welcher er sich während der Reise befand, ihm mit derselben Münze zahlte und unfähig war, seine sehr starke Antipathie gegen diesen Mann zu bezwingen. 16 Im Nachbarraum ertönten die Stimmen der Obrigkeit. Alles wurde still, und gleich darauf trat der Rangälteste mit zwei Eskortesoldaten herein. Das war die Kontrolle. Der Rangälteste zählte alle, indem er auf jeden mit dem Finger zeigte. Als die Reihe an Nechliudow kam, sagte er gutmütig-familiär zu ihm: »Jetzt, Fürst, nach der Kontrolle, dürfen Sie nicht mehr bleiben. Sie müssen jetzt gehen.« Nechliudow wußte, was das zu bedeuten hatte; er trat an ihn heran und drückte ihm drei Rubel, die er bereit hielt, in die Hand. »Nun, was soll man mit Ihnen machen! Bleiben Sie noch ein wenig sitzen.« Er wollte fortgehen, als ein anderer Unteroffizier eintrat und gleich nach ihm ein hochgewachsener, magerer Gefangener mit blaugeschlagenem Auge und spärlichem Bärtchen. »Ich komme wegen des Mädchens«, sagte der Gefangene. »Da ist ja Vater gekommen«, ließ sich plötzlich ein hellklingendes, kindliches Stimmchen vernehmen, und ein flachshaariges Köpfchen erhob sich hinter der Ranzewa, welche zusammen mit Maria Pawlowna und Katjuscha dem Mädchen aus einem von der Ranzewa geschenkten Rock ein neues Kleid nähte. »Ich bin es, Töchterchen, jawohl«, sagte freundlich Busowkin. »Hier hat sie's gut«, sagte Maria Pawlowna, mit Schmerz Busowkins zerschlagenes Gesicht betrachtend. »Lassen Sie sie bei uns.« »Die Damen nähen mir ein neues Kleid«, sagte das Mädchen, dem Vater die Arbeit der Ranzewa zeigend. »Ein schönes, ro–o–otes«, plapperte sie. »Willst du bei uns über Nacht bleiben?« sagte die Ranzewa, das Mädchen liebkosend. »Ja, gern. Und Vater auch.« Die Ranzewa strahlte vor Lächeln. »Vater kann nicht«, sagte sie. »Also lassen Sie sie hier«, wandte sie sich an den Vater. »Meinetwegen lassen Sie sie«, sprach, in der Tür stehenbleibend, der rangälteste Eskortesoldat, dann ging er mit dem Unteroffizier zusammen hinaus. Sobald die Eskortesoldaten weg waren, näherte sich Nabatow Busowkin, berührte seine Schulter und sagte: »Wie ist denn die Sache, Bruder, ist es wahr, daß Karmanow bei Euch tauschen will?« Busowkins gutmütiges, freundliches Gesicht wurde plötzlich niedergeschlagen, und seine Augen bezogen sich wie mit einem Häutchen. »Wir haben nichts gehört. Es wird wohl kaum stimmen«, sagte er, und immer noch mit dem Häutchen über den Augen, fügte er hinzu: »Nun, Aksiutka, – also Prinzessin sein! bei den Fräulein bleiben!« und entfernte sich eilig. »Alles weiß er; und es ist wahr, daß sie getauscht haben«, sagte Nabatow. »Was wollen Sie nun tun?« »Ich werde es in der Stadt bei der Obrigkeit anzeigen. Ich kenne sie beide von Angesicht«, sagte Nechliudow. Alle schwiegen, da sie offenbar fürchteten, den Streit zu erneuern. Simonsohn, der die ganze Zeit schweigend, die Hände hinter dem Kopf, in einer Ecke auf der Pritsche gelegen hatte, erhob sich entschieden und trat, alle Sitzenden vorsichtig umgehend, an Nechliudow heran: »Können Sie mich jetzt anhören?« »Versteht sich«, sagte Nechliudow und stand auf, um ihm zu folgen. Als Katjuscha den sich erhebenden Nechliudow anblickte und ihre Augen seinem Blick begegneten, wurde sie rot und schüttelte wie bedenklich mit dem Kopf. »Mein Anliegen an Sie besteht in folgendem«, begann Simonsohn, als er mit Nechliudow im Korridor war. Im Korridor war das Summen und der Stimmenaufruhr der Kriminalverbrecher besonders laut hörbar. Nechliudow runzelte die Stirn, aber Simonsohn ließ sich dadurch augenscheinlich nicht stören. »Da ich Ihre Beziehungen zu Katharina Michajlowna kenne,« begann er, aufmerksam und gerade mit seinen guten Augen in Nechliudows Gesicht blickend, »halte ich mich für verpflichtet...« fuhr er fort, aber er mußte aufhören, da dicht an der Tür zwei Stimmen auf einmal schrien, die über etwas stritten. »Du hörst doch, du Tölpel: sie gehören nicht mir«, schrie eine Stimme. »Mögest du daran ersticken, Teufel«, röchelte heiser der andere. Da kam Maria Pawlowna in den Korridor heraus. »Hier kann man doch nicht sprechen,« sagte sie, »kommen Sie hierher, da ist nur Werotschka«, und sie ging voran, in die benachbarte Tür einer winzigen Zelle, offenbar einer Einzelkammer, die jetzt den politischen Frauen zur Verfügung gestellt war. Auf der Pritsche lag Wera Jefremowna, bis über den Kopf zugedeckt. »Sie hat Migräne, sie schläft und hört nichts, und ich gehe weg«, sagte Maria Pawlowna. »Im Gegenteil, bleibe,« sagte Simonsohn, »ich habe keine Geheimnisse, vor niemand, besonders vor dir nicht.« »Nun gut«, sagte Maria Pawlowna, bewegte sich mit dem Körper, wie Kinder, von einer Seite auf die andere und setzte sich durch diese Bewegung tiefer auf die Pritsche, dann machte sie sich bereit zu hören, indem sie mit ihren schönen Hammelaugen irgendwohin in die Ferne schaute. »Also, die Sache ist die,« wiederholte Simonsohn, »ich kenne Ihr Verhältnis zu Katharina Michajlowna und halte mich für verpflichtet, Ihnen mein Verhalten gegen sie zu erklären.« »Was meinen Sie?« fragte Nechliudow, der unwillkürlich Wohlgefallen an der Einfachheit und Wahrhaftigkeit fand, mit der Simonsohn mit ihm sprach. »Nämlich, daß ich Katharina Michajlowna heiraten möchte.« »Wunderbar«, sagte Maria Pawlowna, die Augen auf Simonsohn geheftet. »...und beschlossen habe, sie zu bitten – zu bitten, meine Frau zu werden«, fuhr Simonsohn fort. »Was soll ich dabei? Das hängt doch nur von ihr ab«, sagte Nechliudow. »Ja, aber sie will diese Frage ohne Sie nicht entscheiden.« »Wieso?« »Weil sie nicht wählen kann, solange die Frage nach ihrem Verhältnis zu Ihnen nicht endgültig gelöst ist.« »Meinerseits ist die Frage endgültig entschieden. Ich möchte das tun, was ich für meine Pflicht halte, und außerdem ihre Lage erleichtern, aber keineswegs will ich ihr einen Zwang auferlegen.« »Ja, aber sie will Ihr Opfer nicht.« »Hier ist keine Rede von einem Opfer.« »Und ich weiß, daß dieser ihr Entschluß unwiderruflich ist.« »Nun also, worüber wollen Sie mit mir sprechen?« sagte Nechliudow. »Für sie ist es nötig, daß auch Sie das anerkennen.« »Wie kann ich denn anerkennen, daß ich das nicht tun soll, was ich für meine Pflicht halte? Das einzige, was ich sagen kann, ist, daß ich nicht frei bin, – sie dagegen ist frei.« Simonsohn schwieg eine Zeitlang nachdenklich. »Schön, das werde ich ihr sagen. Glauben Sie nicht, daß ich in sie verliebt bin«, fuhr er fort. »Ich liebe sie wie einen schönen, seltenen Menschen, der viel gelitten hat. Ich will von ihr nichts, aber ich möchte ihr unendlich gern helfen, ihre Lage erleicht...« Nechliudow wunderte sich, als er das Beben in Simonsohns Stimme hörte. »...ihre Lage erleichtern. Wenn sie Ihre Hilfe nicht annehmen will, lassen Sie sie meine Hilfe annehmen. Wenn sie einwilligte, würde ich bitten, daß man mich an den Ort schickt, wo sie sein wird. Vier Jahre sind keine Ewigkeit. Ich würde sie bei ihr verleben und vielleicht ihr Schicksal erleichtern...« Und vor Aufregung stockte er wieder. »Was kann ich dazu sagen?« fragte Nechliudow. »Ich freue mich, daß sie einen solchen Beschützer gefunden hat wie Sie.« »Das eben wollte ich wissen«, fuhr Simonsohn fort. »Ich wünschte zu wissen, ob Sie, der Sie sie lieben und ihr Heil wünschen, ihre Ehe mit mir für ein Heil ansehen würden?« »O ja«, sagte Nechliudow entschieden. »Alles liegt in ihr, ich will nur, daß diese Seele, die gelitten hat, ausruhe«, sagte Simonsohn, während er Nechliudow mit einer so kindlichen Zärtlichkeit ansah, wie man sie von einem Manne mit solch finsterem Aussehen unmöglich erwartet hätte. Simonsohn stand auf, faßte Nechliudows Hand, näherte sich ihm mit dem Gesicht, lächelte schüchtern und küßte ihn. »Also, ich werde ihr das sagen«, sprach er und ging hinaus. 17 »Ah, was meinen Sie dazu?« sagte Maria Pawlowna. »Verliebt, vollständig verliebt. Nun, das hätte ich nie erwartet, daß sich Wladimir Simonsohn mit so einer – so einer ganz dummen, knabenhaften Verliebtheit verlieben würde! Erstaunlich! Und, um die Wahrheit zu sagen – betrübend«, schloß sie seufzend. »Aber sie, die Katja? Wie meinen Sie, daß sie sich dazu verhält?« fragte Nechliudow. »Sie?« Maria Pawlowna stockte, da sie augenscheinlich möglichst genau auf die Frage antworten wollte. »Sie? Sie ist, trotz ihrer Vergangenheit, ihrer Anlage nach eine noch sittliche Natur... und so fein fühlt sie.... Sie liebt Sie – liebt Sie schön, und sie ist glücklich in dem Gedanken, Ihnen wenigstens jenes negative Gute antun zu können, daß sie Sie nicht mit sich verstrickt. Für Katjuscha wäre die Heirat mit Ihnen ein fürchterlicher moralischer Fall, schlimmer als alles frühere; und darum wird sie nie darauf eingehen. Aber Ihre Anwesenheit beunruhigt sie.« »Also was soll sein? Soll ich verschwinden?« fragte Nechliudow. Maria Pawlowna lächelte mit ihrem lieben, kindlichen Lächeln. »Ja, zum Teil.« »Wie soll ich denn zum Teil verschwinden?« »Ich habe gefaselt, aber von ihr wollte ich Ihnen sagen, daß sie wahrscheinlich die Ungereimtheit seiner – möcht' ich sagen – exaltierten Liebe (er hat ihr nichts davon gesagt), einsieht, und daß sie sich durch dieselbe geschmeichelt fühlt und vor ihr bangt. Sie wissen wohl, ich bin in diesen Sachen nicht kompetent, aber ich glaube, auf seiner Seite handelt es sich um ein ganz gewöhnliches männliches Gefühl, wenn auch maskiert. Er behauptet, diese Liebe erhöhe in ihm die Energie, diese Liebe sei platonisch. Aber ich weiß, wenn es auch eine nicht gewöhnliche Liebe wäre, in ihrem Grunde liegt doch unbedingt eine Scheußlichkeit.... Wie Nowodworow und Liubotschka.« Maria Pawlowna wich von der Frage ab und kam auf ihr Lieblingsthema zu sprechen. »Aber was soll ich denn nun tun?« fragte Nechliudow. »Ich glaube, Sie müssen es ihr sagen. Es ist immer besser, wenn alles klar ist. Sprechen Sie mit ihr, ich will sie rufen. Wollen Sie?« fragte Maria Pawlowna. »Bitte«, sagte Nechliudow, und Maria Pawlowna ging. Ein seltsames Gefühl erfaßte Nechliudow, als er allein in der kleinen Zelle blieb und Wera Jefremownas leises, hie und da von Stöhnen unterbrochenes Atmen, das dumpfe Lärmen der Kriminalverbrecher hörte, das unaufhörlich hinter den zwei Türen ertönte. Was ihm Simonsohn gesagt, befreite ihn von der übernommenen Verpflichtung, die ihm in Minuten der Schwäche schwer und unheimlich erschien, und doch war ihm das nicht nur unangenehm, sondern es tat ihm sogar weh. In diesem Gefühl lag auch, daß Simonsohns Vorschlag die Ausschließlichkeit seiner Handlung zerstörte und den Wert des Opfers, das er bringen wollte, in seinen eigenen Augen und in den Augen der anderen Menschen herabsetzte: wenn ein Mann, dazu noch ein so guter, der an sie durch nichts gebunden war, sein Schicksal mit dem ihren vereinigen wollte, so war sein, Nechliudows, Opfer nicht mehr so bedeutend. Vielleicht war auch einfach ein Gefühl der Eifersucht im Spiel. Er war so an ihre Liebe gewöhnt, daß er den Gedanken nicht zulassen konnte, daß sie einen anderen liebgewinnen könnte. Dann war auch der einmal festgesetzte Plan, bei ihr zu leben, solange sie ihre Strafe abbüßte, zerstört. Wenn sie Simonsohn heiratete, würde seine Anwesenheit unnötig sein, und er mußte sich einen neuen Lebensplan schaffen. Er hatte sich noch nicht in seinen Gefühlen zurechtgefunden, als durch die geöffnete Tür verstärktes Getöse drang (es ging bei ihnen heute etwas Besonderes vor) und Katjuscha in die Kammer trat. Sie näherte sich ihm mit raschen Schritten. »Maria Pawlowna hat mich hergeschickt«, sagte sie, nahe bei ihm stehenbleibend. »Ja, ich muß Sie sprechen. Aber setzen Sie sich. Wladimir Iwanowitsch hat mit mir gesprochen.« Sie ließ sich nieder, die Hände im Schoß, und schien ruhig zu sein, aber kaum hatte Nechliudow den Namen Simonsohns ausgesprochen, als sie purpurrot wurde. »Was hat er mit Ihnen gesprochen?« fragte sie. »Er hat mir gesagt, er möchte Sie heiraten.« Ihr Gesicht verzog sich, indem es Schmerz ausdrückte; sie sagte nichts, senkte nur die Augen. »Er bittet um meine Einwilligung oder um einen Rat. Ich habe gesagt, daß alles von Ihnen abhänge, daß Sie selbst entscheiden müssen.« »Ach, was soll das? warum?« brachte sie hervor, und mit jenem seltsamen, immer besonders stark auf Nechliudow wirkenden schielenden Blick sah sie ihm gerade in die Augen. Einige Sekunden lang sahen sie schweigend einander in die Augen, und dieser Blick sagte beiden vieles. »Sie müssen entscheiden«, wiederholte Nechliudow. »Was habe ich zu entscheiden?« sagte sie. »Alles ist schon lange entschieden.« »Nein, Sie müssen entscheiden, ob Sie Wladimir Iwanowitschs Antrag annehmen«, sagte Nechliudow. »Was für eine Frau kann ich, eine Zwangsarbeiterin, ihm sein? Wozu muß ich auch noch Wladimir Iwanowitsch ins Verderben ziehen?« sagte sie stirnrunzelnd. »Ja, aber wenn eine Begnadigung kommt?« sagte Nechliudow. »Ach, lassen Sie mich. Da ist nichts weiter zu sprechen«, sagte sie, stand auf und verließ die Kammer. 18 Als Nechliudow, gleich nach Katjuscha, in den Männerraum zurückkehrte, waren dort alle in Aufregung. Nabatow, der überall hinging, mit allen verkehrte, alles beobachtete, brachte eine Nachricht, die alle überraschte. Die Nachricht bestand darin, daß er an der Wand einen Zettel gefunden hatte, der von einem zu Zwangsarbeit verurteilten Revolutionär, Petlin, geschrieben war. Alle glaubten, daß Petlin schon lange am Strafort sei, und plötzlich erwies es sich, daß er erst vor kurzem denselben Weg ganz allein mit den Kriminalverbrechern gegangen war. »Am 17. August«, stand auf dem Zettel, »wurde ich allein mit den Kriminalverbrechern abgeschickt. Newerow war mit mir und hat sich in Kasan im Irrenhaus aufgehängt. Ich bin gesund und munter und hoffe alles Gute.« Alle besprachen Petlins Lage und die Ursachen von Newerows Selbstmord. Krylzow aber schwieg und sah in sich gekehrt aus, mit starren glänzenden Augen vor sich hinschauend. »Mein Mann hat mir gesagt, Newerow habe schon in der Peter-Pauls-Festung ein Gespenst gesehen«, sagte die Ranzewa. »Ja, er war ein Poet, ein Phantast, – solche Leute halten die Einzelhaft nicht aus«, sagte Nowodworow. »Ich zum Beispiel, wenn ich in Einzelhaft geriet, erlaubte meiner Einbildungskraft nicht, zu arbeiten, sondern verteilte meine Zeit in systematischer Weise. Darum habe ich es immer gut ertragen.« »Warum sollte man es nicht ertragen? Ich war ja oft einfach froh, wenn man mich festsetzte«, sagte Nabatow mit munterer Stimme; er wünschte augenscheinlich die düstere Stimmung zu zerstreuen. »Sonst fürchtet man alles: daß man selber hineinfallen, die anderen mit hineinziehen und die Sache verderben könnte; ist man aber festgenommen, so ist es mit der Verantwortlichkeit zu Ende: man kann ausruhen. Sitze ruhig und rauche!« »Hast du ihn nahe gekannt?« fragte Maria Pawlowna, unruhig in Krylzows plötzlich verwandeltes, abgefallenes Gesicht blickend. »Newerow ein Phantast?« begann plötzlich Krylzow zu sprechen, mit erstickter Stimme, als ob er lange geschrien oder gesungen hätte. »Newerow war ein Mensch, von denen, wie unser Portier zu sagen pflegte, die Erde wenig trägt. Ja ... es war ein ganz kristallheller Mensch, ganz durchsichtig. Ja ... der konnte nicht nur nicht lügen, sondern nicht einmal sich verstellen. Er war nicht nur dünnhäutig, er war wie ganz ohne Haut – alle Nerven lagen bloß. Ja ... eine komplizierte, reiche Natur, nicht so eine.... Na, wozu soll ich da noch sprechen!..« er schwieg eine Zeitlang. »Wir disputieren, was besser sei,« sagte er, zornig die Stirn runzelnd, »erst das Volk aufklären und dann die Formen des Lebens ändern, oder erst die Formen des Lebens ändern – und dann – wie man kämpfen soll: mit friedlicher Propaganda? mit Terrorismus? Wir disputieren, ja. Die disputieren nicht, die wissen ihre Sache, ihnen ist es ganz gleich, ob Dutzende, Hunderte von Menschen, und was für Menschen zugrunde gehen oder nicht. Im Gegenteil, die wollen geradezu, daß die Besten zugrunde gehen. Ja. Herzen hat gesagt: als man die Dekabristen aus dem Verkehr zog, wurde das allgemeine Niveau herabgedrückt. Und wie es herabgedrückt wurde? Dann zog man auch Herzen selbst und seine Zeitgenossen aus dem Verkehr. Jetzt die Newerows....« »Alle können sie doch nicht vernichten«, sagte Nabatow mit frohmütiger Stimme. »Einige werden immer noch zur Nachzucht übrigbleiben.« »Nein, keiner wird übrigbleiben, wenn wir Erbarmen mit denen haben«, sagte Krylzow, die Stimme erhebend und sich nicht unterbrechen lassend. »Gib mir eine Zigarette.« »Aber das ist nicht gut für dich, Anatolij«, sagte Maria Pawlowna. »Bitte, rauche nicht.« »Ach, laß mich«, sagte er ärgerlich und rauchte eine Zigarette an, aber sofort mußte er husten. Es würgte ihn wie zum Erbrechen. Als er sich ausgehustet hatte, fuhr er fort: »Nicht das, was notwendig war, haben wir getan, nein, nicht das. Nicht lange Reden halten, sondern fest vereinigen müssen wir uns, vernichten müssen wir diese... Ja!...« »Aber sie sind doch auch Menschen«, sagte Nechliudow. »Nein, sie sind keine Menschen, die tun können, was sie tun... Nein, es heißt, man habe Bomben erfunden und Ballons. Ja, man sollte mit einem Ballon aufsteigen und sie mit Bomben bestreuen, wie die Wanzen, so lange bis sie ausgerottet sind... Ja! weil...« begann er wieder, aber plötzlich fing er, ganz rot, noch stärker an zu husten, und Blut strömte ihm aus dem Munde. Nabatow lief nach Schnee. Maria Pawlowna holte Baldriantropfen und bot sie ihm an, aber er stieß sie, die Augen geschlossen, mit der weißen, abgemagerten Hand fort und atmete schwer und hastig. Als Schnee und kaltes Wasser ihn etwas beruhigt hatten und man ihn für die Nacht hingelegt hatte, nahm Nechliudow von allen Abschied und ging mit dem Unteroffizier, der ihn abholen kam und schon lange wartete, zum Ausgang. Die Kriminalverbrecher wurden jetzt still, und die meisten schliefen. Trotzdem die Leute in den Zellen auf und unter den Pritschen und in den Durchgängen lagen, konnten doch nicht alle dort Platz finden, und ein Teil von ihnen lag im Korridor auf dem Boden, wo sie ihre Köpfe auf Säcke gelegt hatten und sich mit ihren nassen Röcken zudeckten. Aus den Türen der Zellen und im Korridor ließ sich Schnarchen, Stöhnen und Schlafreden hören. Überall sah man dichte Haufen von menschlichen Gestalten, mit den Röcken bedeckt. Nur in der Ledigenzelle der Kriminellen schliefen einige nicht, die in einer Ecke neben einem Lichtstümpfchen saßen, das sie auslöschten, als sie den Soldaten sahen; auch ein Alter – im Korridor, unter der Lampe – schlief nicht; er saß nackt da und fing das Ungeziefer aus seinem Hemd weg. Die verpestete Luft des Raumes der Politischen schien rein im Vergleich mit der stinkenden Schwüle, die hier herrschte. Die rauchende Lampe war wie durch einen Nebel sichtbar, und es war schwer zu atmen. Um den Korridor zu passieren, ohne jemand von den Schlafenden zu treten oder mit dem Fuß anzustoßen, mußte man erst einen leeren Platz aufsuchen und, nachdem man einen Fuß darauf gesetzt, wieder Platz für den folgenden Tritt suchen. Drei Menschen, die augenscheinlich nicht einmal im Korridor Platz gefunden, hatten sich im Flur, gerade neben die stinkende und aus allen Fugen fließende Kufe, die »Parascha«, hingelegt. Einer dieser Menschen war ein schwachsinniger Alter, den Nechliudow auf den Märschen öfters gesehen hatte. Ein anderer war ein Knabe von etwa zehn Jahren; er lag zwischen zwei Gefangenen, und die Hand unter die Wange gelegt, schlief er auf dem Beine des einen von ihnen. Als Nechliudow zum Tore hinaus war, blieb er stehen, und mit vollen Lungen, die Brust weitend, atmete er lange und angestrengt die frostige Luft ein. 19 Draußen war es sternenhell. Als Nechliudow über den festbeeisten, nur hie und da zum Vorschein kommenden Straßenkot zu seinem Ausspann zurückgekommen war, klopfte er an das dunkle Fenster; der breitschultrige Knecht öffnete ihm barfuß die Tür und ließ ihn in den Flur. Im Flur rechts vernahm man das laute Schnarchen der Kutscher in der gewöhnlichen Stube; vorn, vor der Tür, auf dem Hof, hörte man das Kauen einer großen Zahl Pferde, die ihren Hafer verzehrten; links war die Tür, die in das »reine« Zimmer führte. In dem reinen Zimmer roch es nach Wermut und Schweiß, und hinter dem Verschlag her kam ein gleichmäßiges, schlürfendes Schnarchen aus mächtigen Lungen; vor den Heiligenbildern brannte ein Lämpchen aus rotem Glas. Nechliudow warf die Kleider ab, breitete auf dem Wachstuchdiwan das Plaid und sein ledernes Kissen aus, legte sich nieder und ging in seiner Phantasie alles noch einmal durch, was er heute gesehen und gehört hatte. Von alledem, was Nechliudow heute gesehen, erschien ihm als das Schrecklichste der Knabe, der in der aus der »Parascha« fließenden Flüssigkeit, den Kopf auf das Bein des Gefangenen gelegt, schlief. Obwohl das Gespräch heute abend mit Simonsohn und Katjuscha wichtig und unerwartet war, verweilte er nicht bei diesem Ereignis; sein Standpunkt dazu war zu kompliziert und unbestimmt zugleich, und darum verjagte er den Gedanken daran. Aber desto lebhafter vergegenwärtigte er sich das Schauspiel dieser Unglücklichen, die in der beklommenen Luft erstickten und sich in der Flüssigkeit, die aus der stinkenden Kufe herausfloß, wälzten, besonders das Bild dieses Knaben mit dem unschuldigen Gesicht, der auf dem Bein des Zwangsarbeiters schlief, ging ihm nicht aus dem Kopf. Zu wissen, daß irgendwo, weit weg, Menschen andere quälen, sie in jede nur denkbare moralische Verderbnis bringen, sie allen möglichen unmenschlichen Erniedrigungen und Leiden unterwerfen, – oder drei Monate lang fortwährend diese moralische Verderbnis und diese Quälerei der einen Menschen seitens der andern mit anzusehen, – das ist ganz etwas Verschiedenes. Und Nechliudow fühlte das. Er fragte sich mehrmals während dieser drei Monate: »Bin ich verrückt, da ich das sehe, was die anderen nicht sehen, oder sind jene verrückt, die das ausüben, was ich sehe?« Aber die Leute (und so viele waren ihrer) taten alle das, was ihn so sehr wunderte und grauen machte, mit einer so ruhigen Überzeugung, – nicht nur, daß es so sein müßte, sondern, daß das, was sie taten, auch eine sehr wichtige und nützliche Sache sei, daß es schwer war, all diese Leute für verrückt zu erklären; sich selber aber für verrückt halten konnte er nicht, weil er sich der Klarheit seiner Gedanken bewußt war. Und darum befand er sich immer in einem Zustand zweifelnden Bedenkens. Was Nechliudow im Verlaufe dieser drei Monate gesehen, erschien ihm in folgender Gestalt: aus allen in Freiheit lebenden Menschen wurden durch das Gericht und die Behörden die nervösesten, feurigsten, erregbarsten, begabtesten und stärksten und dabei weniger schlauen und vorsichtigen ausgelesen, und diese Menschen, die keineswegs schuldiger oder für die Gesellschaft gefährlicher waren als diejenigen, die in Freiheit blieben, wurden erstens eingesperrt in die Gefängnisse, Etappenräume, Zwangsarbeit und dort monate- und jahrelang in völligem Müßiggang gehalten, in materieller Sicherheit, entfernt von der Natur, von Familie und Arbeit, also außerhalb aller Bedingungen des natürlichen und sittlichen menschlichen Lebens. Dies erstens. Zweitens wurden diese Menschen in diesen Anstalten allerlei unnötigen Erniedrigungen unterworfen: Ketten, rasierte Köpfe, Schandkleidung; ihnen wurde also der hauptsächlichste Beweggrund schwacher Menschen zu einem guten Leben – die Sorge um die Meinung der Mitmenschen, die Scham, das Bewußtsein der menschlichen Würde entzogen. Drittens, da sie fortwährender Lebensgefahr ausgesetzt waren durch die in den Einsperrungsorten beständig herrschenden Ansteckungskrankheiten, durch Erschöpfung, Prügel – ganz zu schweigen den von Ausnahmefällen wie Sonnenstichen, Ertrinken, Feuersbrünsten – befanden sich diese Menschen immerfort in der Lage, in welcher der beste, moralischste Mensch aus dem Trieb zur Selbsterhaltung die fürchterlichsten Handlungen an Grausamkeit vollbringt und andere Menschen wegen solcher Handlungen entschuldigt. Viertens wurden diese Menschen gewaltsam mit bis zum Äußersten durch das Leben und besonders durch diese selben Anstalten Verdorbenen, Wüstlingen, Mördern und Bösewichtern zusammengepfercht, die auf alle noch nicht völlig durch die angewendeten Mittel Verdorbenen wie Hefe auf den Teig wirkten. Und endlich, fünftens, wurde allen sich unter diesen Einwirkungen befindenden Menschen auf die überzeugendste Weise eingeprägt, namentlich durch allerlei unmenschliche Handlungen gegen sie selber: durch Mißhandlungen der Kinder, Frauen, Alten, durch Schlagen und Prügeln mit Ruten, mit Peitschen, durch Aussetzen von Prämien für die, die einen entlaufenen Gefangenen lebendig oder tot zur Strecke bringen, durch die Trennung der Männer von den Frauen und durch Vereinigung fremder Frauen mit fremden Männern zum Zusammenleben, durch Erschießen und Aufhängen, – es wurde auf die überzeugendste Weise eingeprägt, daß allerlei Gewalttaten, Grausamkeiten, Bestialität, nicht nur von der Regierung nicht verboten, sondern erlaubt werden, wenn es für sie vorteilhaft ist, und daß sie folglich um so mehr denjenigen gegenüber erlaubt sind, die sich in Gefangenschaft, Not und Elend befinden. Alles das waren Einrichtungen, die gleichsam mit Fleiß ausgedacht waren, um eine so bis zum letzten Grade kondensierte Unzucht und solch ein Laster hervorzubringen, wie man dies unter keinen andern Bedingungen hätte erreichen können, mit der Absicht, dieses kondensierte Laster und die Unzucht nachher in den weitesten Dimensionen unter dem ganzen Volk zu verbreiten. »Als ob die Aufgabe gestellt wäre, wie auf die beste, sicherste Weise eine möglichst große Quantität Menschen zu verderben sei«, dachte Nechliudow, indem er sich in das vertiefte, was in den Gefängnissen und Etappen vor sich ging. Hunderttausende von Menschen wurden jährlich bis zum höchsten Grade der moralischen Verkommenheit gebracht, und wenn sie vollkommen verdorben waren, ließ man sie in Freiheit, damit sie die in den Gefängnissen erworbene Verderbnis im ganzen Volke verbreiteten. In den Gefängnissen – in Tiumen, Jekaterinburg, Tomsk – und auf den Etappen hatte Nechliudow gesehen, wie dieses Ziel, das sich die Gesellschaft gestellt zu haben schien, vollkommen erreicht wurde. Die einfachen, gewöhnlichen Menschen mit den Anschauungen der russischen bäuerlichen, christlichen Gesellschaftsmoral gaben diese Begriffe auf, eigneten sich neue, den Gefängnissen eigentümliche Begriffe an, die hauptsächlich darin bestanden, daß jede Beschimpfung, Vergewaltigung der menschlichen Persönlichkeit, jegliche Vernichtung derselben erlaubt sei, wenn sie vorteilhaft ist. Die Menschen, die eine Zeitlang im Gefängnis gelebt hatten, begriffen in ihrem ganzen Wesen – wenn man alles in Betracht zieht, was mit ihnen geschah –, daß alle jene Sittengesetze der Achtung vor dem Menschen und des Mitleids mit ihm, die ihnen von den Kirchen- und Morallehrern gepredigt wurden, in der Wirklichkeit aufgehoben sind, und daß also auch sie ihnen nicht zu folgen brauchten. Nechliudow nahm das an allen ihm bekannten Gefangenen wahr. An Feodorow, an Makar und sogar an Taras, der, nachdem er zwei Monate auf den Etappen verbracht hatte, Nechliudow durch seine unsittlichen Ansichten überraschte. Unterwegs hatte Nechliudow erfahren, wie die Landstreicher, wenn sie in die Taiga entfliehen, einen Kameraden bereden mitzukommen und nachher ihn töten und sich von seinem Fleisch ernähren. Er hatte einen lebendigen Menschen gesehen, der dessen angeklagt war und es bekannte. Und am schrecklichsten war es, daß die Fälle von Menschenfresserei nicht vereinzelt waren, sondern sich beständig wiederholten. Nur bei der besonderen Kultivierung des Lasters, wie sie in diesen Anstalten geübt wird, war es möglich, den russischen Menschen bis zu dem Zustande zu bringen, bis zu welchem er in jenen Landstreichern gekommen war, die die moderne Lehre von Nietzsche vorweggenommen haben, und alles für erlaubt und nichts für verboten halten und die diese Lehre erst unter den Gefangenen und dann im ganzen Volke verbreiten. Als einzige Erklärung für den Sinn alles dessen, was hier vor sich ging, wurde immer Ausrottung des Verbrechens, Abschreckung, Besserung, gesetzmäßige Vergeltung angeführt, wie man es in Büchern liest. In Wirklichkeit aber war kein Gedanke weder von diesem, noch von jenem, noch vom dritten, noch vom vierten. Anstatt der Ausrottung sah man nur Verbreitung der Verbrechen; anstatt der Abschreckung Aufmunterung der Verbrecher, von denen viele, wie die Vagabunden, freiwillig in die Gefängnisse gingen. Anstatt der Besserung sah man systematische Ansteckung mit allen Lastern. Das Bedürfnis nach Vergeltung wurde durch die Regierungsstrafen nicht nur nicht gemildert, sondern da anerzogen, wo es im Volke nicht existierte. »Also warum machen sie denn alles das?« fragte sich Nechliudow und fand keine Antwort. Und was ihn am meisten in Erstaunen setzte, war, daß all das nicht unversehens, nicht aus Mißverständnis, nicht nur einmal getan wurde, sondern all das war immer im Verlaufe von Hunderten von Jahren geübt worden, nur mit dem Unterschiede, daß man früher die Nasen zerrissen, die Ohren abgeschnitten, ferner gebrandmarkt, an Stangen gekettet hatte, während man die Leute jetzt in Handfesseln, und mit der Eisenbahn statt auf Fuhrwerken transportierte. Der Gedanke, daß das, was ihn empörte, wie ihm die Leute im Dienste zu sagen pflegten, von der unvollkommenen Einrichtung der Einsperrungs- und Verschickungsorte herrührte, und daß man alles das verbessern könne, wenn die Gefängnisse nach neuer Art eingerichtet würden, befriedigte Nechliudow nicht, weil er fühlte, daß das, was ihn empörte, nicht von der mehr oder weniger vollkommenen Einrichtung der Orte der Einsperrung kam. Er las von vervollkommneten Gefängnissen mit elektrischen Klingeln, von Hinrichtungen durch Elektrizität, die Tarde empfiehlt, und die vervollkommneten Gewalttaten empörten ihn noch mehr. Nechliudow empörte hauptsächlich der Umstand, daß in den Gerichten, in den Ministerien Leute saßen, die ein großes dem Volke abgenommenes Gehalt bezogen, dafür, daß sie in Büchern nachschlugen, die von ebensolchen Beamten geschrieben waren, und die Handlungen anderer Menschen, die die von ihnen geschriebenen Gesetze übertreten hatten, unter Artikel brachten und diesen Artikeln gemäß die Leute an einen Ort schickten, wo sie sie nicht mehr zu sehen bekamen, und wo diese Leute in der vollen Gewalt von grausamen, verrohten Inspektoren, Aufsehern, Eskortemannschaften zu Millionen geistig und körperlich zugrunde gingen. Nachdem Nechliudow die Gefängnisse und Etappen näher kennengelernt hatte, sah er, daß alle die Laster, die sich unter den Gefangenen entwickeln: Trunksucht, Spiel, Grausamkeit und alle die fürchterlichen Verbrechen, die von Gefängnisbewohnern begangen werden, sogar die Menschenfresserei, keine Zufälligkeiten oder Degenerationserscheinungen, Erscheinungen eines Verbrechertypus, einer Abnormität sind, wie es die stumpfen Gelehrten den Regierungen gefällig auslegen, sondern eine unausbleibliche Folge des nicht erkannten Irrtums, daß die einen Menschen die anderen strafen dürfen. Nechliudow sah, daß die Menschenfresserei nicht in der Taiga beginnt, sondern in den Ministerien, Komitees und Departements, und in der Taiga nur den Abschluß findet. Daß seinem Schwager zum Beispiel, aber auch allen jenen Justizbeamten, von dem Gerichtskommissar bis zum Minister, gar nicht an der Gerechtigkeit oder Wohlfahrt des Volkes, von denen sie sprachen, gelegen war, sondern daß sie alle nur auf jene Rubel aus waren, die man dafür zahlte, daß sie alles das taten, wovon diese Verderbnis und diese Leiden herrührten, – das war vollkommen klar. »Könnte es denn wirklich sein, daß alles das aus Mißverständnis geschah? Wie könnte man es so einrichten, daß allen diesen Beamten ihr Gehalt gesichert und sogar noch Prämien an sie verteilt würden, nur dafür, daß sie alles das nicht täten, was sie tun?« dachte Nechliudow. Und mit diesen Gedanken fiel er erst nach dem zweiten Hahnenruf in tiefen Schlaf, trotz der Flöhe, die, sobald er sich nur bewegte, wie eine Fontäne um ihn herumsprangen. 20 Als Nechliudow erwachte, waren die Kutscher schon lange abgefahren, die Wirtin hatte schon Tee getrunken, und den dicken, schweißigen Hals mit einem Tuch abwischend, kam sie, um zu sagen, daß ein Eskortesoldat einen Zettel gebracht habe. Der Zettel war von Maria Pawlowna. Sie schrieb, Krylzows Anfall sei ernster, als sie gedacht hatte. »Erst wollten wir ihn hier zurücklassen und bei ihm bleiben, aber das hat man nicht erlaubt, und wir werden ihn mitnehmen, aber wir fürchten alles. Bemühen Sie sich, es in der Stadt so einzurichten, daß, wenn man ihn zurückläßt, man auch jemanden von uns zurückläßt. Wenn dazu nötig ist, daß ich ihn heirate, so bin ich selbstverständlich bereit.« Nechliudow schickte den Burschen auf die Station, um Pferde zu holen, und fing eilig an, seine Sachen einzupacken. Er hatte das zweite Glas Tee noch nicht ausgetrunken, als das Dreigespann neuer Pferde, mit den Glöcklein klingend und mit den Rädern auf dem überfrorenen Straßenkot wie auf einem Pflaster rasselnd, an der Haustreppe vorfuhr. Nachdem Nechliudow der dickhalsigen Wirtin alles bezahlt, beeilte er sich, hinauszugehen, setzte sich auf das Flechtwerk der Telega und befahl so schnell wie möglich zu fahren, da er die Abteilung einholen wollte. Nicht weit hinter dem Tor der Umzäunung erreichte er wirklich die mit Säcken und mit Kranken beladenen Wagen, welche auf dem überfrorenen Straßenkot rasselten, der anfing glatt zu werden. Der Offizier war nicht dabei, er war vorangefahren. Die Soldaten, augenscheinlich etwas betrunken, gingen lustig plaudernd hinterher und zu beiden Seiten der Landstraße. Es waren viele Wagen. Auf den vorderen saßen, eng zusammengedrängt, etwa zu sechs, die Schwachen von den Kriminalgefangenen, auf den drei hintersten Wagen fuhren, zu dritt auf einer Fuhre, die Politischen. Auf dem allerletzten saßen Nowodworow, die Grabetz und Kondratjew; auf dem zweiten – die Ranzewa, Nabatow und jene schwache an Rheumatismus leidende Frau, der Maria Pawlowna ihren Platz abgetreten hatte. Im dritten lag auf Heu und Kissen Krylzow. Auf dem Kutschersitz neben ihm saß Maria Pawlowna. Nechliudow ließ seinen Fuhrmann neben Krylzow haltmachen und begab sich zu ihm. Der etwas angetrunkene Eskortesoldat winkte Nechliudow mit der Hand ab, aber Nechliudow trat, ohne auf ihn zu achten, an den Wagen heran und ging nebenher, indem er sich an der Seitenstange desselben festhielt. Krylzow, in Schafspelz und Lammfellmütze, den Mund mit einem Tuch verbunden, schien noch magerer und blasser als sonst. Seine schönen Augen erschienen besonders groß und glänzend. Leicht hin und her schaukelnd von den Stößen des Wagens, sah er, ohne die Augen von ihm abzuwenden, Nechliudow an, machte, auf die Frage nach seiner Gesundheit, nur die Augen zu und schüttelte ärgerlich den Kopf. Seine ganze Energie ging augenscheinlich auf im Ertragen der Stöße des Wagens. Maria Pawlowna saß auf der anderen Seite des Fuhrwerks. Sie wechselte mit Nechliudow einen bedeutsamen Blick, der ihre ganze Besorgnis um Krylzows Zustand ausdrückte, und gleich darauf fing sie an mit lustiger Stimme zu sprechen. »Wie es scheint, hat sich der Offizier doch etwas geschämt«, schrie sie, damit Nechliudow sie durch den Lärm der Räder hören könne. »Man hat Busowkin die Handfesseln abgenommen. Er trägt sein Mädchen selber, und mit ihnen geht Katja und Simonsohn und statt meiner Werotschka.« Krylzow sagte etwas, was man nicht hören konnte, mit gerunzelter Stirn zeigte er auf Maria Pawlowna, und augenscheinlich den Husten zurückhaltend, schüttelte er den Kopf. Nechliudow streckte den Kopf vor, um ihn zu verstehen. Dann befreite Krylzow seinen Mund von dem Tuch und flüsterte ihm zu: »Jetzt geht es viel besser. Wenn ich mich nur nicht erkälte.« Nechliudow nickte bejahend und wechselte wieder einen Blick mit Maria Pawlowna. »Nun, wie ist's mit dem Problem der drei Körper?« flüsterte Krylzow noch und lächelte mühselig und schmerzlich. »Die Lösung ist schwer?« Nechliudow hatte nicht verstanden, aber Maria Pawlowna erklärte ihm, daß es ein berühmtes mathematisches Problem zur Bestimmung des Verhältnisses von drei Körpern sei: der Sonne, des Mondes und der Erde, und daß Krylzow im Scherz diesen Vergleich ausgedacht habe für die Beziehungen zwischen Nechliudow, Katjuscha und Simonsohn. Krylzow nickte zum Zeichen, daß Maria Pawlowna seinen Scherz richtig erklärt habe. »Die Entscheidung liegt nicht mehr bei mir«, sagte Nechliudow. »Haben Sie meinen Zettel bekommen? Werden Sie's tun?« fragte Maria Pawlowna. »Unbedingt«, sagte Nechliudow, und da er auf Krylzows Gesicht etwas wie Mißfallen bemerkte, kehrte er zu seinem Wagen zurück, stieg auf das eingesunkene Flechtwerk, und sich an den Rändern des Wagens haltend, welcher ihn auf dem Geleise des nicht glattgerollten Weges durchrüttelte, überholte er schließlich die über eine Werst lange Abteilung der grauen Gefangenröcke und Pelze der Gefesselten und der in Handfesseln gehenden Paare. Auf der anderen Seite der Straße erkannte Nechliudow Katjuschas blaues Kopftuch, Wera Jefremownas schwarzen Paletot und Simonsohns Jacke, gestrickte Mütze und seine weißwollenen, wie bei Sandalen mit Riemen umwickelten Strümpfe. Er ging neben den Frauen und redete eifrig. Als die Frauen Nechliudow erblickten, grüßten sie ihn, Simonsohn aber hob feierlich ein wenig die Mütze. Nechliudow hatte ihnen nichts zu sagen, und ohne den Fuhrmann anzuhalten, fuhr er an ihnen vorbei. Als er wieder auf den glattgerollten Weg kam, fuhr der Kutscher noch schneller, aber er mußte fortwährend aus den glatten Geleisen hinabfahren, um die auf der Straße nach beiden Richtungen sich bewegenden Wagenzüge zu umfahren. Der Weg, von tiefen Radspuren ganz durchwühlt, ging durch einen dunklen Nadelholzwald, der hier und da im hellen, sandfarbenen Gelb der noch nicht abgefallenen Blätter der Birken und Lärchen bunt zu beiden Seiten schimmerte. Auf halber Wegstrecke hörte der Wald auf, und zu beiden Seiten öffneten sich die Felder, erschienen die goldenen Kreuze und Kuppeln eines Klosters. Der Tag heiterte sich ganz auf, die Wolken zerstreuten sich, die Sonne stieg über dem Wald empor, und das nasse Baumlaub, die Pfützen und die Kuppeln und Kreuze der Kirche glänzten hell in der Sonne. Vorn, rechts in der taubenblauen Ferne schimmerten weiß die entfernten Berge. Das Dreigespann fuhr in das nahe der Stadt gelegene große Pfarrdorf ein. Die Dorfstraße war voll von Leuten – Russen und sibirischen Eingeborenen in ihren sonderbaren Mützen und Röcken. Betrunkene und nüchterne Männer und Frauen wimmelten und lärmten neben den Buden, Wirtshäusern, Schenken und Fuhren. Man spürte die Nähe der Stadt. Nachdem er das rechte Nebenpferd angetrieben, es straffer im Zügel angezogen und sich seitwärts auf den Kutschbock umgesetzt, so daß er die Zügel zu seiner Rechten hatte, rollte der Fuhrmann, augenscheinlich um zu prunken, die Hauptstraße schnell entlang, und, ohne die Pferde anzuhalten, fuhr er bis an den Fluß, über welchen die Überfahrt durch eine Fähre geschah. Die Fähre war in der Mitte des schnell fließenden Stromes und kam von der gegenüberliegenden Seite. Auf dieser Seite warteten etwa zwei Dutzend Fuhren. Nechliudow brauchte nicht lange zu warten. Die hoch stromaufwärts gelangte Fähre wurde, von dem schnellen Wasser gezogen, bald an die Bretter des Landungsplatzes herangetrieben. Die hochgewachsenen, breitschultrigen, muskulösen, schweigsamen Fährleute in Pelzen und Bauernstiefeln warfen geschickt und geübt die Anlegeseile aus, befestigten sie an den Pfosten, und, nachdem sie die Sperrstangen beiseitegeschoben, ließen sie die auf der Fähre befindlichen Fuhren ans Ufer und begannen neue Fuhren auf die Fähre zu lassen, indem sie die Wagen und die vor dem Wasser zur Seite schreckenden Pferde dicht gedrängt auf der Fähre hinstellten. Der schnell strömende, breite Fluß schlug an die Borde der Fährboote und spannte die Seile straff. Als die Fähre voll war und Nechliudows Telega mit ausgespannten Pferden, von allen Seiten eingeengt, an einem der Ränder der Fähre stand, schlossen die Fährleute die Sperrstangen, und, ohne auf die Bitten derer, die keinen Platz finden konnten, zu achten, warfen sie die Anlegeseile hinab und brachten die Fähre in Gang. Auf der Fähre war es still, man hörte nur das Fußstampfen der Fährleute und das Trampeln der die Beine umstellenden Pferde, die mit den Hufen gegen die Bretter schlugen. 21 Nechliudow stand am Rande der Fähre und sah auf den breiten schnellen Fluß. In seiner Phantasie erhoben sich, abwechselnd, zwei Gestalten: der von den Stößen erbebende Kopf Krylzows, der so verbittert starb, und Katjuschas Gestalt, die munter am Rande der Straße mit Simonsohn ging. Der eine Eindruck: der sich nicht zum Sterben vorbereitende und doch sterbende Krylzow war schwer und niederdrückend. Der andere Eindruck aber: der der frohmutigen Katjuscha, die die Liebe eines Menschen wie Simonsohn gefunden und jetzt den festen und sicheren Weg des Guten betrat, hätte freudig sein sollen, aber er machte Nechliudow das Herz schwer, und er konnte dies Gefühl der Schwere nicht bezwingen. Aus der Stadt kam, über das Wasser her, das Getön und eherne Zittern der großen Glocke. Der neben Nechliudow stehende Fuhrmann und alle Kutscher nahmen, einer nach dem anderen, die Mütze ab und bekreuzten sich. Der am nächsten am Geländer stehende, nicht hochgewachsene struppige Alte, den Nechliudow zuerst nicht bemerkte, bekreuzte sich nicht, sondern starrte, den Kopf erhebend, Nechliudow an. Dieser Alte trug einen geflickten, breiten Bauernrock, Tuchhosen und ausgetretene, geflickte Bauernstiefel. Über der Schulter hing ein nicht großer Quersack, auf dem Kopf saß eine hohe, abgeriebene Pelzmütze. »Aber du, Alter, warum betest du nicht?« sagte Nechliudows Fuhrmann, die Mütze aufsetzend und zurechtschiebend. »Bist du denn nicht getauft?« »Zu wem soll ich denn beten?« sagte entschieden, herausfordernd der struppige Alte, rasch eine Silbe nach der anderen aussprechend. »Bekannte Sache – zu wem? Zu Gott«, stieß der Fuhrmann ironisch hervor. »Aber du, zeig' ihn mir, wo ist er? dieser Gott?« Es lag etwas so Ernstes und Festes in dem Ausdruck des Alten, daß der Fuhrmann fühlte, er habe es mit einem starken Manne zu tun; er wurde etwas verwirrt, wollte es aber nicht zeigen, und bemüht, nicht stumm zu bleiben, um sich vor dem zuhörenden Publikum nicht bloßzustellen, antwortete er schnell: »Wo? Bekannte Sache: im Himmel.« »Aber bist du dort gewesen?« »Ich bin nicht da gewesen, aber alle wissen, daß man zu Gott beten muß.« »Niemand hat Gott je gesehen. Der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoße ist, der hat es uns verkündiget«, sagte, strenge die Stirn runzelnd, der Alte in derselben schnellen Art. »Du bist, scheint es, ein Unchrist, ein Lochanbeter. Das Loch betest du an«, sagte der Fuhrmann, den Peitschenstiel hinter den Gürtel steckend und das Geschirr auf dem Seitenpferd zurechtschiebend. Jemand lachte auf. »Welchen Glauben hast du denn, Großväterchen?« fragte ein schon nicht mehr junger Mann, der mit der Fuhre am Rande der Fähre stand. »Keinen Glauben habe ich. Weil ich niemandem, niemandem glaube außer mir«, antwortete ebenso rasch und entschieden der Alte. »Aber wie kann man sich glauben?« sagte Nechliudow, in das Gespräch einfallend. »Man kann sich irren.« »Nie im Leben«, antwortete entschieden der Alte, den Kopf schüttelnd. »Warum gibt es denn verschiedene Glauben?« fragte Nechliudow. »Darum gibt's verschiedene Glauben, weil man den Leuten glaubt, sich selber aber glaubt man nicht. Auch ich habe den Menschen geglaubt und bin wie in der Taiga umhergeirrt; ich habe mich so verirrt, daß ich nicht mehr hoffte, mich herauszuarbeiten. Altgläubige und Neugläubige, Subbotniki, Chlysten, Popowzen und Bespopowzen, Austriaken, Molokanen und Skopzen! Jeder Glaube rühmt sich selbst allein. Und nun sind sie alle auseinandergekrochen wie blinde Hündchen. Der Glauben sind viele, der Geist aber ist nur einer. In mir, und in dir, und in ihm. Also glaube jeder seinem Geist, und so werden alle vereinigt. Sei jeder für sich da, und alle werden zusammen sein. Der Alte sprach laut, und immer sah er sich um, da er offenbar wünschte, daß möglichst viele Leute ihn hörten. »Wie ist es denn? Bekennen Sie sich schon lange zu dem?« fragte ihn Nechliudow. »Ich? schon lange. Sie verfolgen mich schon dreiundzwanzig Jahre.« »Wieso – verfolgen?« »Wie man Christus verfolgt hat, so verfolgt man auch mich. Man packt mich und führt mich vor die Gerichte, zu den Pfaffen, Schriftgelehrten und Pharisäern; man hat mich ins Irrenhaus gesetzt. Aber man kann mir nichts antun, weil ich frei bin. ›Wie heißt du?‹ sagen sie. Sie glauben, ich werde mir irgendwelchen Namen beilegen. Aber ich lege mir keinen Namen bei. Ich habe allem entsagt: ich habe keinen Namen, keinen Aufenthaltsort, kein Vaterland, ich habe nichts. Ich bin für mich. – ›Wie heißt du?‹ – ›Mensch.‹ – ›Wie alt bist du?‹ – ›Das zähle ich nicht‹, sage ich, und man kann es nicht nachzählen, weil ich immer gewesen bin und immer sein werde. ›Von welchem Vater, von welcher Mutter bist du?‹ sagen sie. ›Ich habe‹, sage ich, ›weder Vater noch Mutter, außer Gott und der Erde. Gott – der Vater, die Erde – die Mutter.‹ – ›Und den Zaren erkennst du an?‹ sagen sie. ›Warum sollte ich ihn nicht anerkennen? Er ist Zar über sich, und ich bin Zar über mich.‹ – ›Na,‹ sagen sie, ›mit dir zu sprechen ...‹ Ich sage: ›Ich bitte euch ja nicht, mit mir zusprechen.‹ Und also quälen sie mich. »Wohin gehen Sie denn jetzt?« fragte Nechliudow. »Wohin Gott mich führt. Ich arbeite; gibt es keine Arbeit, so bettle ich«, schloß der Alte, da er bemerkte, daß die Fähre sich dem anderen Ufer näherte, und blickte sich siegesbewußt nach allen Zuhörenden um. Die Fähre legte am anderen Ufer an. Nechliudow holte die Geldbörse heraus und bot dem Alten Geld an. Der Alte lehnte es ab. »Das nehme ich nicht. Brot nehme ich«, sagte er. »Nun, verzeih mir, lebe wohl!« »Nichts ist zu verzeihen. Du hast mich nicht beleidigt. Aber man kann mich auch nicht beleidigen«, sagte der Alte und begann den abgelegten Quersack über die Schultern zu ziehen. Inzwischen rollte man den Wagen hinaus und spannte die Pferde ein. »Was haben Sie denn davon, Herr, mit dem zu sprechen?« sagte der Fuhrmann zu Nechliudow, als er den riesigen Fährleuten ein Trinkgeld gegeben hatte und in den Wagen eingestiegen war. »So ein Vagabund, ein Unnütz.« 22 Als sie einen kleinen Berg hinangefahren waren, wandte sich der Kutscher um. »Zu welchem Gasthaus soll ich Sie fahren?« »Welches ist das bessere?« »Was kann besser sein als das ›Sibirische‹? Sonst ist es auch bei Diukow gut.« »Fahr, wohin du willst.« Der Fuhrmann setzte sich wieder flott auf die Seite und fuhr zu. Die Stadt war wie alle Städte: ebensolche Häuser mit Mezzaninen und grauen Dächern, die gleiche Domkirche, Läden und auf der Hauptstraße Magazine, und sogar ebensolche Schutzmänner. Nur waren die Häuser fast alle aus Holz und die Straßen nicht gepflastert. Auf einer der belebtesten Straßen hielt der Fuhrmann das Dreigespann vor der Einfahrt eines Gasthauses an. Aber es waren, wie sich ergab, in diesem Gasthause keine Zimmer frei, so daß man zu einem anderen fahren mußte. In diesem anderen war ein Zimmer frei, und Nechliudow fand, zum erstenmal nach zwei Monaten wieder, was Sauberkeit und Bequemlichkeit anbetrifft, die ihm gewohnten Verhältnisse vor. Wie wenig luxuriös das Nechliudow angewiesene Zimmer auch war, er empfand doch eine große Erleichterung nach der Fahrt mit Postpferden, nach dem Aufenthalt im Ausspann und nach den Etappen. Hauptsächlich tat es ihm not, sich von den Läusen zu reinigen, von denen er sich nach den Besuchen der Etappen nie völlig hatte befreien können. Nachdem er alles ausgepackt, fuhr er sofort ins Bad und von dort, nachdem er sich ein städtisches Aussehen gegeben, ein gestärktes Vorhemd und Beinkleider mit Falten vom Liegen, einen Gehrock und Paletot angezogen hatte, zum Chef der Provinz. Die von dem Gasthausportier besorgte klappernde Droschke mit einem satten, großen, kirgisischen Pferde, fuhr Nechliudow zu einem großen, schönen Gebäude, wo Schildwachen und ein Schutzmann standen. Vor und hinter dem Haus war ein Garten, in dem, zwischen entlaubten Espen und Birken mit ragenden, nackten Ästen, Fichten, Föhren und Weißtannen dicht und dunkel grünten. Der General war nicht wohl und empfing nicht. Nechliudow bat den Lakai, seine Karte dennoch zu übergeben, und der Lakai kehrte mit einer günstigen Antwort zurück: »Es ist befohlen, Sie hereinzubitten.« Das Vorzimmer, der Lakai, die Ordonnanz, die Treppe, der Saal mit dem glänzend gebohnerten Parkett – alles dies erinnerte an Petersburg, nur etwas schmutziger war es und etwas großartiger. Man führte Nechliudow ins Kabinett. Der General, ein sanguinischer Mann, gedunsen, mit Kartoffelnase, hervortretenden Höckern auf der Stirn und dem nackten Schädel, und Säcken unter den Augen, saß in einem tatarischen seidenen Schlafrock mit einer Zigarette in der Hand und trank Tee aus einem Glas mit silbernem Untersatz. »Guten Tag, Väterchen. Entschuldigen Sie, daß ich Sie im Schlafrock empfange; es ist immer noch besser als gar nicht empfangen«, sagte er, indem er, den Schlafrock zusammenschlagend, seinen dicken, hinten in Falten gerunzelten Hals verbarg. »Ich bin nicht ganz wohl und gehe nicht aus. Was hat Sie an unsere ferne Küste verschlagen?« »Ich bin einer Gefangenabteilung gefolgt, in welcher sich eine mir nahestehende Person befindet,« sagte Nechliudow, »und nun bin ich gekommen, um Euer Exzellenz eine Bitte bezüglich dieser Person und dann noch eine in einer anderen Sache vorzutragen.« Der General zog den Tabaksrauch ein, nahm einen Schluck Tee, löschte die Zigarette an der Aschenschale aus Malachit, und, ohne die engen, geschwollenen, glänzenden Augen von Nechliudow abzuwenden, hörte er ihn ernsthaft an. Er unterbrach ihn nur, um zu fragen, ob er nicht rauchen wolle. Der General gehörte zu dem Typus der gelehrten Militärs, die glauben, daß es möglich sei, Liberalismus und Humanität mit ihrem Beruf zu vereinen. Aber als ein von Natur kluger und guter Mensch, fühlte er sehr bald, daß solch eine Vereinigung unmöglich sei, und um jenen inneren Widerspruch, in dem er sich fortwährend befand, nicht zu fühlen, ergab er sich mehr und mehr der unter den Militärs so verbreiteten Gewohnheit, viel Wein zu trinken, und er gab der Gewohnheit so sehr nach, daß er nach fünfunddreißig Jahren des Militärdienstes das war, was die Ärzte »Alkoholiker« nennen. Er war ganz von Alkohol durchdrungen. Er brauchte nur irgendeine Flüssigkeit zu trinken, um einen Rausch zu empfinden. Wein trinken war für ihn ein Bedürfnis, ohne welches er nicht leben konnte, und er war täglich gegen Abend vollkommen betrunken, obgleich er sich an diesen Zustand so gewöhnt hatte, daß er nicht schwankte und keine besonderen Dummheiten redete. Wenn er aber doch einmal dergleichen sprach, so nahm er eben eine so wichtige, hervorragende Stellung ein, daß, mochte er eine noch so große Dummheit sagen, man sie für klug hinnahm. Nur am Morgen, gerade zu der Zeit, wo ihn Nechliudow antraf, pflegte er halbwegs vernünftig zu sein und konnte verstehen, was man zu ihm sprach, und mehr oder weniger glücklich mit der Tat dem Sprichwort, das er gern wiederholte, Genüge leisten: »Betrunken und klug ist des Guten genug.« Die höchsten Stellen wußten genau, daß er ein Trinker war, aber er war doch gebildeter als alle übrigen; obgleich er in seiner Bildung da, wo ihn die Trunksucht befallen, stehengeblieben war, war er kühn, gewandt, repräsentabel und verstand sich auch im betrunkenen Zustande mit Takt zu benehmen, und darum hatte man ihn auf diesen ansehnlichen und verantwortlichen Posten, den er jetzt einnahm, berufen und darauf belassen. Nechliudow erzählte, daß die ihn interessierende Person eine Frau sei, daß sie unschuldig verurteilt sei, daß ihrethalb eine Bittschrift an die Allerhöchste Stelle eingereicht worden. »So, so. Weiter?« sagte der General. »Man hat mir in Petersburg versprochen, daß die Entscheidung über das Schicksal dieser Frau nicht später als in diesem Monat hierhergesandt werden soll ...« Ohne die Augen von Nechliudow abzuwenden, streckte der General die Hand mit den kurzen Fingern nach dem Tisch aus, klingelte und fuhr fort, schweigend zuzuhören, indem er bei seiner Zigarette keuchte und sich sehr laut räusperte. »Also ich möchte bitten, diese Frau womöglich hier zurückzulassen, bis die Antwort auf die eingereichte Bittschrift hier eintrifft.« Ein Lakai, militärisch gekleidet, eine Ordonnanz, trat ein. »Frage, ob Anna Wasiljewna aufgestanden ist,« sagte der General zu der Ordonnanz, »und bringe noch Tee. Was noch?« wandte sich der General an Nechliudow. »Meine andere Bitte betrifft einen politischen Gefangenen, der mit derselben Abteilung geht.« »So, so!« sagte der General, bedeutsam mit dem Kopfe nickend. »Er ist schwer krank, ein Sterbender, und man wird ihn wahrscheinlich hier im Krankenhause zurücklassen. Nun möchte eine der politischen Frauen bei ihm bleiben.« »Ist sie ihm fremd?« »Ja, aber sie ist bereit, ihn zu heiraten, wenn dies ihr die Möglichkeit gibt, bei ihm zu bleiben.« Der General sah seinen Gast mit den glänzenden Augen unverwandt an und schwieg, augenscheinlich, um ihn mit seinem Blick zu verwirren, und rauchte fortwährend. Als Nechliudow zu Ende war, langte er vom Tische ein Buch, und flink die Finger leckend, mit welchen er die Blätter umschlug, suchte er einen Artikel über die Ehe auf und las ihn. »Zu was ist sie verurteilt?« fragte er, die Augen von dem Buche erhebend. »Sie – zu Zwangsarbeit.« »Nun, dann kann die Lage des Verurteilten durch seine Ehe nicht gebessert werden. »Ja, aber ...« »Erlauben Sie. Wenn ein freier Mensch sie heiraten würde, so müßte sie dennoch genau ebenso ihre Strafe abbüßen. Die Frage ist: wer von ihnen die schwerere Strafe trägt, er oder sie?« »Sie sind beide zu Zwangsarbeit verurteilt.« »Nun, also quitt«, sagte lachend der General. »Was er hat, hat auch sie. Ihn kann man wegen der Krankheit zurücklassen,« fuhr er fort, »und selbstverständlich wird alles, was möglich ist, getan, um sein Schicksal zu erleichtern; sie aber ... auch wenn sie heiraten würde, kann nicht hierbleiben.« »Frau Generalin nehmen gerade den Kaffee«, meldete der Lakai. Der General nickte und fuhr fort: »Übrigens will ich noch überlegen. Wie sind die Familiennamen? Schreiben Sie sie hier ein.« Nechliudow schrieb sie ein. »Auch das kann ich nicht erlauben«, sagte der General zu Nechliudow auf sein Gesuch, den Kranken zu sehen. »Ich habe Sie freilich nicht in Verdacht,« sagte er, »aber Sie interessieren sich für ihn und für die anderen, und Sie haben Geld. Hier bei uns ist aber alles käuflich. Man sagt mir immer: Rotte die Bestechlichkeit aus. Aber wie ist die denn auszurotten, wenn alle bestechlich sind? Und je niederer dem Range nach, desto bestechlicher sind die Leute. Wie soll ich einen Menschen, der fünftausend Werst weit ist, beobachten? Er ist dort wie ein kleiner Zar. Ebenso wie ich hier«, und er lachte auf. »Sie haben ja sicher die Politischen besucht. Sie gaben Geld, und man ließ Sie zu?« sagte er lächelnd. »Nicht wahr?« »Ja, das ist wahr.« »Ich begreife, daß Sie so handeln mußten. Sie wollen einen Politischen sehen. Sie bedauern ihn. Der Inspektor aber oder der Eskortierende nimmt Geld, weil sein Gehalt zwei Zwanziger ist, er hat Familie und er kann nicht umhin, es zu nehmen. An seiner Stelle und an Ihrer Stelle würde ich ebenso wie Sie und er handeln. Aber in meinem Amt erlaube ich mir nicht von dem strengsten Buchstaben des Gesetzes abzuweichen und gerade darum, weil ich ein Mensch bin und durch Mitleid hingerissen werden kann. Ich bin pflichttreu. Man hat mir mein Amt unter gewissen Bedingungen anvertraut, und ich muß dieses Vertrauen rechtfertigen. Also diese Frage wäre erledigt. Jetzt erzählen Sie mir, wie es bei Ihnen in der Residenz geht?« Und der General begann zu fragen und zu erzählen, weil er offenbar Neuigkeiten zu erfahren wünschte und zugleich seine Bedeutung und Humanität zeigen wollte. 23 »Nun, und wo sind Sie denn abgestiegen? Bei Diuk? Na, da ist es auch schlecht. Kommen Sie lieber zu uns zum Mittagessen,« sagte der General, Nechliudow entlassend, »um fünf Uhr. Sprechen Sie Englisch?« »Ja.« »So, das ist schön. Sehen Sie, ein Engländer, ein Reisender, ist hier eingetroffen. Er studiert die Verbannung und die Gefängnisse in Sibirien. Nun also, der wird bei uns zu Mittag essen; kommen Sie, bitte, auch. Wir essen um fünf, meine Frau verlangt Pünktlichkeit. Dann werde ich Ihnen auch die Antwort geben, was mit dieser Frau geschehen soll, und auch über den Kranken. Vielleicht wird's doch möglich sein, jemand bei ihm bleiben zu lassen.« Nechliudow verabschiedete sich von dem General und fuhr auf die Post, sich in einer besonders aufgeregt-tätigen Gemütsverfassung fühlend. Das Postamt war ein niedriges Zimmer mit gewölbter Decke; hinter dem Pult saßen die Beamten und gaben dem sich drängenden Volk die eingetroffenen Briefe aus. Ein Beamter, den Kopf auf eine Seite geneigt, klopfte unaufhörlich mit dem Stempel auf die geschickt zurechtgeschobenen Kuverts. Man ließ Nechliudow nicht lange warten, und als man seinen Familiennamen erfahren, übergab man ihm sofort seine ziemlich große Korrespondenz. Es war Geld, einige Briefe und Bücher und die letzte Nummer der Zeitschrift »Europäischer Bote«. Als Nechliudow seine Briefe hatte, ging er zu einer hölzernen Bank, auf der ein Soldat mit einem kleinen Buche saß und auf etwas wartete. Nechliudow ließ sich neben ihm nieder und sah die erhaltenen Briefe durch. Unter denselben befand sich ein eingeschriebener Brief – ein besonders feines Kuvert mit einem scharfen Siegel aus hellrotem Siegellack. Er erbrach den Brief, und als er Selenins Brief mit einem offiziellen Papier gewahr wurde, empfand er, wie das Blut ihm ins Gesicht stürzte und das Herz sich zusammenzog. Das war die Entscheidung in Katjuschas Sache. Was für eine Entscheidung war es? War es wirklich eine Ablehnung? Nechliudow durchflog den in einer winzigen, schwer lesbaren, harten, gebrochenen Handschrift geschriebenen Brief und atmete freudig auf. Die Entscheidung war günstig. »Lieber Freund!« schrieb Selenin. »Unser letztes Gespräch hat in mir einen starken Eindruck hinterlassen. Du hast recht gehabt in bezug auf die Maslowa. Ich habe die Sache aufmerksam nachgeprüft und habe eingesehen, daß in bezug auf sie eine empörende Ungerechtigkeit begangen worden ist. Wieder gutmachen konnte man das nur in der Bittschriftenkommission, bei der Du auch eine Bittschrift eingereicht hast. Es gelang mir, bei der Entscheidung der Sache dort etwas mitzuwirken, und nun schicke ich Dir eine Kopie der Begnadigung an die Adresse, die mir Gräfin Katharina Iwanowna gegeben hat. Das Original ist an den Ort, wo sie während des Gerichtes festgehalten wurde, gegangen, und wird wahrscheinlich sofort an die sibirische Hauptverwaltung abgegangen sein, Ich beeile mich, Dir diese angenehme Nachricht mitzuteilen. Freundschaftlich drücke ich Dir die Hand. Dein Selenin.« Der Inhalt des offiziellen Papiers selbst war folgender: »Kanzlei Seiner Kaiserlichen Majestät für die Annahme von Bittschriften an die Allerhöchste Stelle. Sektion soundso. Abteilung soundso. Datum. Auf Befehl des Obervorstehers der Kanzlei Seiner Kaiserlichen Majestät für die Annahme von Bittschriften an die Allerhöchste Stelle. Es wird der Kleinbürgerin Jekaterina Maslowa kundgemacht, daß Seine Kaiserliche Majestät nach dem alleruntertänigsten Vortrag vor Höchstderselben der Bittschrift der Maslowa gnädigst Gehör geschenkt und geruht haben, Allerhöchst zu befehlen, die ihr zudiktierte Zwangsarbeit in Ansiedelung in einer nicht sehr entfernten Gegend Sibiriens umzuwandeln.« Die Nachricht war freudig und wichtig: es geschah alles das, was Nechliudow für Katjuscha, aber auch für sich selber nur wünschen konnte. Freilich brachte diese Änderung ihrer Lage neue Verwicklungen in seine Beziehungen zu ihr. Solange sie Zwangsarbeiterin war, war die Ehe, die ihr Nechliudow angeboten, fiktiv und nur insofern von Bedeutung, daß sie ihre Lage erleichterte. Jetzt aber stand einem gemeinsamen Leben nichts mehr im Wege. Dazu aber war Nechliudow nicht vorbereitet. Außerdem – ihre Beziehungen zu Simonsohn? Was bedeuteten ihre gestrigen Worte? Und wenn sie einwilligte, sich mit Simonsohn zu vereinen, wäre es gut oder schlecht? Er konnte sich in diesen Gedanken auf keine Weise zurechtfinden und gab es auf, darüber nachzudenken. Alles das wird sich nachher zeigen, dachte er, jetzt aber muß ich möglichst schnell sie sehen, ihr die freudige Nachricht mitteilen, und sie befreien. Er glaubte, daß die Kopie, die er in Händen hatte, dazu genügen würde. Und als er das Postamt verließ, hieß er den Kutscher ins Gefängnis fahren. Trotzdem der General am Morgen ihm den Besuch des Gefängnisses nicht gestattet hatte, beschloß Nechliudow dennoch – er wußte aus Erfahrung, daß oft das, was bei den obersten Vorgesetzten durchaus unmöglich zu erreichen ist, bei den niederen leicht erreicht wird – zu versuchen, jetzt in das Gefängnis zu kommen, um Katjuscha die freudige Neuigkeit zu überbringen und vielleicht auch sie zu befreien, zugleich sich nach Krylzows Befinden zu erkundigen, um ihm und Maria Pawlowna mitzuteilen, was ihm der General gesagt hatte. Der Gefängnisinspektor war ein sehr großer, dicker, imposanter Mann mit einem Schnurrbart und einem Backenbart, der sich bis zu den Mundwinkeln hinzog. Er empfing Nechliudow sehr streng und erklärte ihm geradeheraus, daß er keine Besuche Fremder ohne Bewilligung des Chefs der Provinz zulassen könne. Auf Nechliudows Bemerkung, daß man ihn selbst in den Hauptstädten zugelassen habe, antwortete der Inspektor: »Sehr möglich, aber ich pflege niemand zuzulassen.« Dabei sagte sein Ton: »Ihr Herren aus der Residenz glaubt wohl, ihr könnt uns verblüffen und stutzig machen, aber selbst wir in Ostsibirien kennen genau die Ordnung und werden sogar euch zurechtweisen.« Die Kopie des Schriftstücks aus Seiner Majestät Höchsteigener Kanzlei versagte ebenso ihre Wirkung auf den Inspektor. Er lehnte es entschieden ab, Nechliudow in die Gefängnismauern einzulassen. Auf Nechliudows naive Vermutung, daß die Maslowa nach Vorweisung dieser Kopie befreit werden könne, lächelte er nur verächtlich und erklärte, daß zur Freilassung von jemand eine Verordnung seiner unmittelbaren Obrigkeit vorliegen müsse. Alles, was er versprach, war, daß er der Maslowa von der stattgefundenen Begnadigung Mitteilung machen werde, und daß er sie auch nicht eine Stunde länger zurückhalten werde, sobald er den Befehl von seiner Obrigkeit habe. Über Krylzows Gesundheit lehnte er auch jede Mitteilung ab und äußerte, er dürfe nicht einmal sagen, ob solch ein Gefangener da sei. So setzte sich Nechliudow, ohne etwas erreicht zu haben, in seine Droschke und fuhr in das Gasthaus. Die Strenge des Inspektors rührte vorzüglich daher, daß in dem – gegenüber der Norm zweifach überfüllten – Gefängnis zu der Zeit epidemischer Typhus herrschte. Der Nechliudow fahrende Kutscher erzählte ihm unterwegs, daß im Gefängnis die Leute rasch weniger würden. Irgendeine Krankheit befiele sie. »Man begräbt an die zwanzig Mann täglich.« 24 Trotz des Mißerfolges im Gefängnis fuhr Nechliudow immer in derselben munteren, erregt-tätigen Stimmung zur Kanzlei des Gouverneurs, um sich zu erkundigen, ob man dort nicht ein Schreiben mit der Begnadigung der Maslowa erhalten habe. Das Schreiben war noch nicht da, und daher beeilte sich Nechliudow, in das Gasthaus zurückgekehrt, sofort ohne Verzug an Selenin und den Advokaten deswegen zu schreiben. Als die Briefe erledigt waren, blickte er auf die Uhr; es war schon Zeit, zum Mittagessen beim General zu fahren. Unterwegs kam ihm wieder der Gedanke, wie wohl Katjuscha ihre Begnadigung aufnehmen werde? Wo wird man sie ansiedeln? Wie wird er mit ihr leben? Was wird Simonsohn tun? Welches ist ihr Verhalten gegen ihn? Er erinnerte sich der Änderung, die mit ihr vorgegangen war, dabei gedachte er auch ihrer Vergangenheit. »Man muß alles vergessen, ausstreichen«, dachte er, und wieder beeilte er sich den Gedanken an sie zu verscheuchen. »Das wird sich alles ergeben«, sagte er zu sich und begann darüber nachzudenken, was er dem General zu sagen hatte. Das Mittagessen bei dem General mit all dem für Nechliudow gewohnten Luxus des Lebens reicher Leute und hochgestellter Beamten war ihm nach langer Entbehrung nicht nur des Luxus, sondern auch der primitivsten Bequemlichkeiten besonders angenehm. Die Frau vom Hause war eine Petersburger grande dame von altem Schrot und Korn, ein ehemaliges Hoffräulein von Kaiser Nikolaus' Hof, die Französisch natürlich und Russisch unnatürlich sprach. Sie hielt sich sehr gerade, und wenn sie mit den Armen eine Bewegung machte, entfernte sie die Ellbogen nicht von der Taille. Sie war ruhig und etwas gedrückt – achtungsvoll gegen ihren Mann und ungemein freundlich gegen ihre Gäste, wenn auch mit verschiedenen Nuancen im Umgang, je nach der Persönlichkeit. Nechliudow empfing sie wie ihresgleichen, mit jener besonderen, feinen, unmerklichen Schmeichelei, infolge derer Nechliudow sich aufs neue aller seiner vorzüglichen Eigenschaften bewußt wurde und eine angenehme Befriedigung empfand. Sie ließ ihn fühlen, daß sie von seiner wenn auch originellen, so doch ehrlichen Handlung wisse, die ihn nach Sibirien geführt, und daß sie ihn für einen ungewöhnlichen Menschen halte. Diese feine Schmeichelei und die ganze elegant-luxuriöse Lebensführung im Hause des Generals machte, daß Nechliudow sich dem Genüsse der schönen Umgebung, der schmackhaften Speisen und der Leichtigkeit und Annehmlichkeit des Umganges mit wohlerzogenen Menschen seines gewohnten Kreises ganz hingab, als wäre sein ganzes Leben der letzten Zeit ein Traum gewesen, von dem er zur wahren Wirklichkeit erwacht sei. Beim Mittagessen waren außer den Hausangehörigen – der Tochter des Generals mit ihrem Mann und des Adjutanten – noch ein Engländer, ein Kaufmann – Besitzer von Goldgruben – und der zugereiste Gouverneur einer entfernten sibirischen Stadt anwesend. Alle diese Leute waren Nechliudow angenehm. Der Engländer, ein gesunder, rotbackiger Mann, welcher sehr schlecht Französisch, aber merkwürdig gut und rhetorisch eindringlich Englisch sprach, hatte sehr viel gesehen und interessierte durch seine Erzählungen aus Amerika, Indien, Japan und Sibirien. Der junge Kaufmann und Besitzer von Goldgruben, der Sohn eines Bauern, in einem in London gefertigten Frack, mit brillantenen Hemdknöpfen, welcher eine große Bibliothek hatte, viel für Wohltätigkeitszwecke spendete und europäisch- liberale Ansichten besaß, war Nechliudow angenehm und interessant, da er einen vollkommenen neuen und guten Typus eines gebildeten Pfropfreises der europäischen Kultur auf einem gesunden Bauernwildling darstellte. Der Gouverneur der entfernten Stadt war jener ehemalige Departementsdirektor, von welchem man damals soviel sprach, als Nechliudow in Petersburg war. Er war ein rundlicher Mensch mit gelichtetem, frisiertem Haar, mit zarten, blauen Augen, mit sehr breiter unterer Körperhälfte, mit gepflegten, weißen, mit Ringen bedeckten Händen und mit angenehmem Lächeln. Dieser Gouverneur wurde vom Hausherrn deswegen geschätzt, weil er allein inmitten der käuflichen Beamten sich nicht bestechen ließ. Die Hausfrau aber, eine große Musikfreundin und selber eine sehr gute Pianistin, schätzte ihn, weil er ein guter Musiker war und mit ihr vierhändig spielte. Die Gemütsstimmung Nechliudows war bis zu solchem Grade wohlbehaglich, daß auch dieser Mensch ihm heute nicht unangenehm war. Der lustige, energische Offizier mit dem taubenfarbigen Kinn, der Adjutant, der bei jeder Gelegenheit seine Dienste anbot, war wegen seiner Gutmütigkeit angenehm. Am angenehmsten aber war Nechliudow das liebe junge Paar – die Tochter des Generals und ihr Mann. Diese Tochter war eine unschöne, offenherzige junge Frau, die ganz und gar in ihren zwei ersten Kindern aufging; ihr Mann, den sie nach langem Kampfe mit den Eltern aus Liebe geheiratet hatte, ein liberaler Kandidat der Moskauer Universität, ein bescheidener und kluger Mensch, war Beamter und beschäftigte sich mit Statistik, besonders mit der der sibirischen Eingeborenen, die er studierte, liebte und vor dem Aussterben zu retten suchte. Alle waren nicht nur freundlich und liebenswürdig gegen Nechliudow, sondern, augenscheinlich, war er allen willkommen als eine neue und interessante Persönlichkeit. Der General, der zum Mittagessen in einem Militärrock mit dem weißen Kreuz um den Hals erschien, begrüßte Nechliudow wie einen alten Bekannten und lud die Gäste sofort zum Imbiß und zum Branntwein ein. Auf die Frage des Generals, was Nechliudow getan habe, nachdem er ihn verlassen, erzählte dieser, daß er auf der Post gewesen und die Begnadigung der Person erfahren habe, von welcher er heute morgen gesprochen, und daß er jetzt wiederum um die Erlaubnis bitte, das Gefängnis zu besuchen. Der General, augenscheinlich unzufrieden, daß man beim Mittagessen von Geschäften spreche, runzelte die Stirn und sagte nichts. »Nehmen Sie Branntwein?« wandte er sich auf französisch an den hinzugetretenen Engländer. Der Engländer trank und erzählte, daß er heute den Dom und die Fabrik besucht habe, daß er aber noch das große Deportiertengefängnis sehen möchte. »Nun, das ist ja ausgezeichnet,« sagte der General, sich an Nechliudow wendend, »Sie können mitmachen. Geben Sie den Herren einen Passierschein«, sagte er zu dem Adjutanten. »Wann wollen Sie dorthin fahren?« fragte Nechliudow den Engländer. »Ich ziehe es vor, die Gefängnisse am Abend zu besuchen,« sagte der Engländer, »dann sind alle da, und es werden keine Vorbereitungen gemacht, sondern alles ist so, wie es ist.« »Ah, er will es in seiner ganzen Pracht sehen? Lassen wir es ihn sehen. Ich habe geschrieben – man will mich nicht hören. Also mögen sie es aus der ausländischen Presse erfahren«, sagte der General und trat an den Eßtisch, wo die Hausfrau den Gästen ihre Plätze anwies. Nechliudow saß zwischen der Hausfrau und dem Engländer. Ihm gegenüber saß die Tochter des Generals und der ehemalige Departementsdirektor. Beim Mittagessen kam das Gespräch mit Unterbrechungen bald auf Indien, wovon der Engländer viel erzählte, bald auf die Tonkin-Expedition, die der General streng verurteilte, bald auf die sibirische allgemeine Spitzbüberei und Bestechlichkeit. Alle diese Reden interessierten Nechliudow wenig. Aber nach dem Mittagessen, im Salon, beim Kaffee, entspann sich ein sehr interessantes Gespräch mit dem Engländer und der Hausfrau über Gladstone, wobei es Nechliudow schien, daß er selbst viel Gescheites äußerte, und daß die anderen das auch bemerkten. Und nach dem guten Mittagessen und Wein, beim Kaffee, in einem weichen Lehnstuhl, inmitten der freundlichen und wohlerzogenen Leute fühlte sich Nechliudow immer wohler. Als nun die Hausfrau auf die Bitte des Engländers sich mit dem ehemaligen Departementsdirektor an das Piano setzte und die von ihnen gut eingeübte fünfte Symphonie von Beethoven spielte, fühlte Nechliudow einen schon seit langem nicht mehr empfundenen Seelenzustand voller Selbstzufriedenheit, als ob er jetzt erst erfahren hätte, was für ein guter Mensch er sei. Der Flügel war vortrefflich, der Vortrag der Symphonie gut. So kam es wenigstens Nechliudow vor, der diese Symphonie liebte und kannte. Während er das schöne Andante anhörte, fühlte er ein Prickeln in der Nase vor Rührung über sich selbst und über alle seine Tugenden. Nechliudow hatte der Hausfrau für den schon lange nicht gehabten Genuß gedankt und wollte sich schon verabschieden und sich entfernen, als die Tochter des Hauses mit entschlossenem Aussehen an ihn herantrat und errötend sagte: »Sie fragten nach meinen Kindern; wollen Sie sie sehen?« »Sie denkt, es ist allen interessant, ihre Kinder zu sehen«, sagte die Mutter, über die liebe Taktlosigkeit der Tochter lächelnd. »Dem Fürsten ist es gar nicht interessant.« »Im Gegenteil, sehr, sehr interessant«, sagte Nechliudow, von dieser überfließenden, glücklichen Mutterliebe gerührt. »Bitte, zeigen Sie sie mir.« »Sie führt den Fürsten weg, ihre Kleinen zu besehen«, rief der General lachend vom Kartentisch, wo er mit seinem Schwager, dem Goldgrubenbesitzer und dem Adjutanten saß. »Tun Sie nur Ihre Schuldigkeit.« Die junge Frau indessen, augenscheinlich aufgeregt dadurch, daß man gleich ihre Kleinen betrachten werde, ging mit raschen Schritten Nechliudow voran in die inneren Zimmer. Im dritten, einem hohen Zimmer mit weißen Tapeten, von einer kleinen Lampe mit dunklem Lichtschirm beleuchtet, standen nebeneinander zwei Bettchen, und zwischen denselben saß in einem weißen Umhang die Kinderwärterin, mit einem sibirischen, gutmütigen Gesicht mit vorstehenden Backenknochen. Die Kinderwärterin stand auf und verneigte sich. Die Mutter beugte sich über das erste Bettchen, in welchem mit offenem Mündchen ein zweijähriges Mädchen mit langen, lockigen, auf dem Kissen zerstreuten Haaren ruhig schlief. »Das ist Katja«, sagte die Mutter, die gestrickte Bettdecke mit den blauen Streifen zurechtlegend, unter welcher sich langsam ein weißes Füßchen hervorstreckte. »Ist sie nicht hübsch? Sie ist erst zwei Jahre alt.« »Reizend!« »Und das ist Wasink, wie ihn der Großvater nennt. Ein ganz anderer Typus. Ein ›Sibiriak‹. Nicht wahr?« »Ein prächtiger Junge«, sagte Nechliudow, den auf dem Bauch schlafenden Dickwanst betrachtend. »Nicht wahr?« sagte die Mutter mit bedeutungsvollem Lächeln. Nechliudow gedachte der Ketten, der rasierten Köpfe, der Prügel, der Unzucht, des sterbenden Krylzow, Katjuschas mit all ihrer Vergangenheit. Und er wurde neidisch und bekam Sehnsucht nach einem ebenso schönen und, wie es ihm jetzt schien, reinen Glück. Nachdem er mehreremal die Kinder gelobt und dadurch wenigstens teilweise die Mutter, welche diese Lobesworte gierig einsog, befriedigt hatte, folgte er ihr in den Salon, wo der Engländer schon auf ihn wartete, um zusammen mit ihm, wie verabredet, nach dem Gefängnis zu fahren. Nechliudow verabschiedete sich von den alten und den jungen Herrschaften und trat mit dem Engländer auf die Vortreppe des Generalshauses hinaus. Das Wetter hatte sich geändert. Es schneite reichlich in dichten Flocken, und der Schnee bedeckte schon den Weg und das Dach, die Bäume im Garten, die Anfahrt, das Verdeck der Droschke und den Rücken des Pferdes. Der Engländer hatte seine eigene Equipage, und Nechliudow befahl dem Kutscher des Engländers zum Gefängnis zu fahren, setzte sich allein in seine Droschke, und mit dem schweren Gefühl der Erfüllung einer unangenehmen Pflicht fuhr er hinter ihm her in der weich und mühsam über den Schnee rollenden Droschke. 25 Das finstere Gefängnisgebäude mit seiner Schildwache und Laterne vor dem Tor – trotzdem die reine weiße Decke auf allem, der Anfahrt, dem Dache, den Wänden lag – machte einen noch düstereren Eindruck als am Morgen, durch seine die ganze Front entlang beleuchteten Fenster. Der großartige Inspektor kam an das Tor heraus, und nachdem er den Passierschein für Nechliudow und den Engländer gelesen, zuckte er bedenklich die mächtigen Schultern, aber gehorsam dem Befehl lud er die Besucher ein, ihm zu folgen. Er führte sie zuerst in den Hof, dann durch eine Tür rechts und über eine Treppe in das Bureau. Er forderte sie auf, sich zu setzen und fragte, womit er ihnen dienen könne. Als er Nechliudows Wunsch erfuhr, gleich jetzt die Maslowa zu sprechen, schickte er einen Aufseher, sie zu holen, und machte sich bereit, die Fragen zu beantworten, die ihm der Engländer sofort durch Nechliudows Vermittlung zu stellen begann. »Für wieviel Mann ist das Gefängnis gebaut?« fragte der Engländer. »Für wieviel Gefangene? Wie viele Männer, Frauen, Kinder? Wie viele Zwangsarbeiter, Verbannte, freiwillig Folgende? Wie viele Kranke?« Nechliudow übersetzte die Worte des Engländers und die des Inspektors, ohne in ihren Sinn einzudringen, da er, sich selbst vollkommen unerwartet, durch die bevorstehende Zusammenkunft mit der Maslowa verwirrt war. Mitten in einem Satz, den er dem Engländer übersetzte, vernahm Nechliudow sich nähernde Schritte. Als die Bureautür sich öffnete, und, wie es schon viele Male geschehen, der Aufseher und hinter ihm Katjuscha eintrat, mit einem Kopftuch, in einer Gefangenenjacke, empfand Nechliudow, da er ihrer gewahr wurde, ein schweres Gefühl. »Ich will leben, ich will eine Familie, Kinder, will ein menschliches Leben«, flog es ihm durch den Kopf, während sie mit raschen Schritten, ohne die Augen zu erheben, in das Zimmer trat. Er stand auf, machte einige Schritte ihr entgegen, und ihr Gesicht erschien ihm rauh und unangenehm. Es war wieder ebenso wie damals, als sie ihm Vorwürfe gemacht hatte. Sie errötete und erblaßte; ihre Finger drehten krampfhaft den Saum der Jacke, und bald blickte sie ihn an, bald ließ sie die Augen sinken. »Sie wissen schon, daß die Begnadigung erfolgt ist?« sagte Nechliudow. »Ja, der Aufseher hat es mir gesagt.« »So daß Sie, sobald das Schreiben hier eintrifft, fortgehen und sich ansiedeln können, wo Sie wollen. Wir wollen es überlegen.« Sie unterbrach ihn eilig. »Was brauche ich zu überlegen? Wo Wladimir Iwanowitsch sein wird, dorthin gehe auch ich mit ihm.« Trotz all ihrer Aufregung brachte sie dies, die Augen erhebend, rasch und deutlich hervor, als ob sie alles das, was sie ihm sagen wollte, im voraus vorbereitet hätte. »Ach so!« sagte Nechliudow. »Was soll ich denn sonst tun, Dmitrij Iwanowitsch, wenn er will, daß ich mit ihm lebe ...« Sie hielt erschrocken inne und verbesserte sich: »daß ich bei ihm sei. Was kann ich mir denn besseres wünschen? Ich muß es für ein Glück ansehen. Was soll ich sonst tun? ...« »Eins von beiden: entweder sie liebt Simonsohn, und sie wollte gar nicht jenes Opfer, das ich zu bringen wähnte, oder sie fährt fort, mich zu lieben, und eben weil sie mein Heil will, schlägt sie mich aus und verbrennt für immer ihre Schiffe, indem sie ihr Schicksal mit Simonsohns vereint«, dachte Nechliudow, und er schämte sich. Er fühlte, daß er rot wurde. »Wenn Sie ihn lieben?« »Was lieben oder nicht lieben? Das habe ich längst aufgegeben. Und Wladimir Iwanowitsch ist ja ein ganz besonderer Mensch.« »Ja, versteht sich«, begann Nechliudow. »Er ist ein ausgezeichneter Mensch, und ich glaube ...« Sie unterbrach ihn wieder, als ob sie befürchtete, daß er etwas Überflüssiges, oder daß sie nicht alles Nötige sagen werde. »Nein, verzeihen Sie mir, Dmitrij Iwanowitsch, wenn ich nicht das tue, was Sie wünschen«, sagte sie, ihm mit ihrem schielenden, geheimnisvollen Blick in die Augen sehend. »Ja, es soll wohl so sein. Auch Sie müssen leben.« Sie sagte ihm dasselbe, was er sich eben gesagt hatte. Jetzt aber dachte er nicht mehr so, sondern er dachte und fühlte etwas ganz anderes. Er schämte sich nicht nur, sondern es war ihm auch leid um all das, was er mit ihr verlor. »Ich habe das nicht erwartet«, sagte er. »Wozu sollen Sie hier leben und sich so quälen? Sie haben sich genug gequält.« »Ich habe mich nicht gequält, sondern mir ging es gut, und ich wünschte Ihnen noch weiter zu dienen, wenn ich könnte.« »Uns ist« – sie sagte »uns« und blickte Nechliudow an – »uns ist nichts nötig. Sie haben schon sowieso viel für mich getan. Wenn Sie nicht gewesen wären ...« Sie wollte etwas sagen, ihre Stimme bebte. »Sie haben mir doch wohl nicht zu danken«, sagte Nechliudow. »Wozu sollen wir abrechnen? Unsere Rechnung wird Gott begleichen«, stieß sie hervor, und ihre schwarzen Augen erglänzten von aufsteigenden Tränen. »Was für ein guter Mensch Sie sind«, sagte er. »Ich bin gut?« sagte sie unter Tränen, und ein klägliches Lächeln erleuchtete ihr Gesicht. »Are you ready?« fragte unterdessen der Engländer. »Directly«, antwortete Nechliudow und fragte sie nach Krylzow. Sie faßte sich nach der Aufregung und erzählte ruhig, was sie wußte. Krylzow war unterwegs sehr schwach geworden, und man hatte ihn ins Krankenhaus gebracht. Maria Pawlowna war sehr besorgt und hatte gebeten, man möchte sie als Wärterin ins Krankenhaus aufnehmen. Aber man hatte sie nicht zugelassen. »Also soll ich gehen?« sagte sie, als sie bemerkte, daß der Engländer wartete. »Ich nehme keinen Abschied, ich sehe Sie noch«, sagte Nechliudow, während er ihr die Hand reichte. »Verzeihen Sie«, sagte sie kaum hörbar. Ihre Augen trafen sich. Nach dem seltsamen, schielenden Blick und dem kläglichen Lächeln, mit welchem sie dieses »Verzeihen Sie« und nicht »Leben Sie wohl« sagte, begriff Nechliudow, daß von den zwei Vermutungen über die Ursache ihrer Entscheidung die zweite richtig war: sie liebte ihn und dachte, sie würde sein Leben verderben, wenn sie sich mit ihm vereinte; wenn sie aber mit Simonsohn ginge, so befreite sie ihn, und sie freute sich jetzt, das zu erfüllen, was sie wollte und litt zugleich, weil sie sich von ihm trennte. Sie drückte seine Hand, wandte sich rasch und ging hinaus. Nechliudow blickte sich nach dem Engländer um, bereit, ihm zu folgen, aber der Engländer schrieb etwas in sein Notizbuch. Nechliudow setzte sich, ohne ihn zu stören, auf eine an der Wand stehende kleine hölzerne Bank, und plötzlich empfand er eine schreckliche Müdigkeit. Er war müde, nicht von der schlaflosen Nacht, nicht von der Reise, nicht von der Aufregung, sondern er fühlte, daß er schrecklich müde sei vom ganzen Leben. Er stützte sich gegen die Rücklehne der Bank und fiel augenblicklich in einen schweren, todähnlichen Schlaf. »Wie steht's? Ist's Ihnen jetzt gefällig, durch die Zellen zu gehen?« fragte der Inspektor. Nechliudow kam zu sich und wunderte sich, wo er war. Der Engländer hatte seine Notizen beendigt und wünschte die Zellen zu besehen. Nechliudow, müde und teilnahmslos, ging hinter ihm drein. 26 Nachdem sie den Flur und den bis zum Übelwerden stinkenden Korridor passiert hatten, wo sie zu ihrem Erstaunen zwei Gefangene antrafen, die einfach auf der Diele ihr Wasser ließen, traten der Inspektor, der Engländer und Nechliudow, von den Aufsehern begleitet, in den ersten Raum der Zwangsarbeiter ein. In dem Raum, mit Pritschen in der Mitte, hatten sich schon alle Gefangenen hingelegt. Es waren ihrer etwa 70 Mann. Sie lagen Kopf an Kopf und Seite an Seite. Beim Eintritt der Besucher sprangen alle auf, mit den Ketten rasselnd, und stellten sich neben die Pritschen; ihre frisch zur Hälfte rasierten Köpfe glänzten. Zwei blieben liegen. Der eine war ein junger Mann – rot, augenscheinlich im Fieber, der andere – ein Alter, der unaufhörlich ächzte. Der Engländer fragte, seit wann der junge Gefangene krank sei. Der Inspektor sagte, seit diesem Morgen, der Alte dagegen leide schon lange am Bauch, aber man habe keinen Platz, ihn unterzubringen, da das Lazarett schon lange überfüllt sei. Der Engländer schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte, daß er diesen Leuten einige Worte sagen möchte; er bat Nechliudow zu übersetzen, was er sagen werde. Es erwies sich, daß der Engländer außer dem einen Zweck seiner Reise, der Beschreibung der Verbannungs- und Einsperrungsorte in Sibirien, noch einen anderen Zweck verfolgte: die Verkündigung der Rettung durch den Glauben und die Erlösung. »Sagen Sie ihnen, daß Christus Mitleid mit ihnen hatte und sie liebte«, sagte er, »und für sie gestorben ist. Wenn sie daran glauben, so werden sie erlöst.« Während er sprach, standen alle Gefangenen schweigend vor den Pritschen, die Arme an der Hosennaht. »In diesem Buch, – sagen sie es ihnen,« schloß er, »steht das alles. Sind solche hier, die lesen können?« Es stellte sich heraus, daß mehr als zwanzig der Gefangenen Elementarbildung hatten. Der Engländer nahm aus einer Handtasche einige gebundene Exemplare des Neuen Testaments, und muskulöse Arme mit festen schwarzen Nägeln streckten sich aus den Hanfärmeln hervor, einander zurückstoßend. Er verteilte in diesem Raum zwei Evangelien und ging in den folgenden. In dem nächsten Raum war dasselbe: dieselbe Schwüle, derselbe Gestank; ebenso hing vorn, zwischen den Fenstern, das Heiligenbild, und links von der Tür stand die »Parascha«; ebenso lagen alle gedrängt Seite an Seite, ebenso sprangen alle auf und machten Front, ebenso standen drei Menschen nicht auf. Zwei erhoben sich und setzten sich, der dritte aber blieb liegen und hatte die Eingetretenen gar nicht angesehen; das waren die Kranken. Der Engländer hielt ebenso die gleiche Rede und teilte ebenso zwei Evangelien aus. Im dritten Raum waren vier Kranke. Auf die Frage des Engländers, warum man die Kranken nicht in einen Raum zusammentue, antwortete der Inspektor, daß sie es selber nicht wünschten. Diese Kranken seien auch nicht ansteckend, und der Heilgehilfe beaufsichtige sie und leiste Hilfe. »Die zweite Woche schon läßt er sich nicht sehen«, sagte eine Stimme. Der Inspektor antwortete nicht und führte sie in den nächsten Raum. Wieder öffnete man die Tür, und wieder standen alle auf und wurden still, und wieder verteilte der Engländer Evangelien; dasselbe war auch im fünften und sechsten, und links und rechts und auf beiden Seiten. Von den Zwangsarbeitern ging man zu den Verbannten, von den Verbannten zu den von Gemeinde wegen Verschickten und zu den freiwillig Folgenden. Überall war das gleiche. Überall wurden dieselben frierenden, hungernden, müßigen, von Krankheiten angesteckten, beschimpften, eingesperrten Menschen wie wilde Tiere gezeigt. Der Engländer, nachdem er eine bestimmte Zahl von Evangelien verteilt hatte, verteilte keine mehr und hielt sogar keine Reden mehr. Das schreckliche Schauspiel und hauptsächlich die erstickende Luft hatten augenscheinlich auch seine Energie niedergedrückt, und er ging durch die Räume und sagte nur »All right« auf die Berichte des Inspektors, was für Gefangene in jedem Raum waren. Nechliudow ging wie im Traum und hatte nicht die Kraft, sich loszumachen und fortzugehen, während er immer die gleiche Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit empfand. 27 In einer der Zellen für Verbannte erblickte Nechliudow zu seinem Erstaunen denselben sonderbaren Alten, den er am Morgen auf der Fähre gesehen hatte. Der Alte, struppig und voll von Runzeln, nur in einem schmutzigen, aschenfarbigen, auf einer Schulter zerrissenen Hemd, in ebensolchen Hosen, saß barfüßig auf dem Fußboden neben der Pritsche und sah streng fragend die Eingetretenen an. Sein ausgemergelter Körper, welcher durch die Löcher des schmutzigen Hemdes sichtbar war, war jämmerlich und schwach, aber sein Gesicht zeigte noch mehr gesammelten Ernst, noch mehr Belebtheit als auf der Fähre. Alle Gefangenen, ebenso wie in den anderen Räumen, sprangen auf und machten Front beim Eintritt der Obrigkeit; der Alte aber blieb sitzen. Seine Augen glänzten und seine Augenbrauen zogen sich zornig zusammen. »Aufstehen!« schrie ihn der Inspektor an. Der Alte rührte sich nicht und lächelte nur verächtlich. »Deine Diener stehen vor dir. Ich aber bin nicht dein Diener. Du hast das Mal...« sagte der Alte, indem er auf die Stirn des Inspektors zeigte. »Wa–a–as?« stieß der Inspektor drohend hervor und rückte ihm näher. »Ich kenne diesen Mann«, beeilte sich Nechliudow dem Inspektor zu sagen. »Wofür hat man ihn festgenommen?« »Die Polizei hat ihn wegen Ausweislosigkeit hierhergeschickt. Wir bitten immer, uns keine mehr zu schicken, sie schicken aber immer weiter«, sagte der Inspektor, böse nach dem Alten schielend. »Du bist, scheint es, auch aus dem Heer des Antichrists?« wandte sich der Alte an Nechliudow. »Nein, ich bin ein Besucher«, sagte Nechliudow. »Also kommst du, um zu bestaunen, wie der Antichrist die Menschen quält? Nun, sieh her. Er hat die Leute festgenommen, in den Käfig ein ganzes Heer eingesperrt. Die Menschen sollen im Schweiße des Angesichts ihr Brot essen. Er aber hat sie eingesperrt, füttert sie wie Schweine, ohne Arbeit, damit sie Tiere werden.« »Was spricht er?« fragte der Engländer. Nechliudow sagte, daß er den Inspektor tadele, weil er die Menschen in Gefangenschaft halte. »Wie soll man denn, fragen Sie ihn, diejenigen behandeln, die die Gesetze nicht erfüllen«, sagte der Engländer. Nechliudow übersetzte die Frage. Der Alte lachte seltsam auf, indem er seine dichten Zähne entblößte. »Gesetz!« wiederholte er verächtlich. »Er hat zuerst alle beraubt, das ganze Land, sämtlichen Reichtum den Menschen entrissen, an sich genommen, alle totgeschlagen, welche gegen ihn gingen, dann hat er das Gesetz geschrieben, daß man nicht rauben, nicht töten solle. Wenn er vorher dieses Gesetz geschrieben hätte!« Nechliudow übersetzte, der Engländer lächelte. »Nun, dennoch – wie soll man also jetzt Diebe und Mörder behandeln? Fragen Sie ihn.« Nechliudow übersetzte wieder die Frage. Der Alte runzelte streng die Stirn. »Sag´ ihm, daß er das Mal des Antichrists von sich tun soll, dann wird es weder Diebe noch Mörder geben. Das sage ihm.« »He is crazy«, sagte der Engländer, als Nechliudow ihm des Alten Wort übersetzt hatte, und, die Achseln zuckend, verließ er den Raum. »Tue du das deinige, sie aber laß in Ruh´. Jeder für sich. Gott weiß, wer bestraft, wer begnadigt werden soll, wir aber wissen es nicht«, sagte der Alte. »Sei dir selbst ein Vorgesetzter, dann wird keine Obrigkeit mehr nötig sein. Geh, geh!« fügte er hinzu, zornig die Stirn runzelnd und mit den Augen den in der Zelle noch zögernden Nechliudow anfunkelnd. »Hast du dich satt gesehen, wie die Diener des Antichrists die Läuse mit Menschen füttern? Geh, geh!« Als Nechliudow in den Korridor hinaustrat, stand der Engländer mit dem Inspektor an der geöffneten Tür einer leeren Zelle und fragte nach der Bestimmung derselben. Der Inspektor erklärte, es sei eine Leichenkammer. »Oh«, sagte der Engländer, als Nechliudow es ihm übersetzt hatte und wünschte hineinzugehen. Die Leichenkammer war ein gewöhnliches, nicht großes Zimmer. An der Wand hing ein Lämpchen und beleuchtete schwach in einer Ecke angehäufte Säcke, Holz und auf einer Pritsche rechts vier Leichname. Die erste Leiche in einem Hanfhemd und Hosen war ein Mann von großem Wuchs mit kleinem, spitzigem Bart und halbrasiertem Kopf. Der Körper war schon starr: die blauen Hände waren augenscheinlich auf der Brust zusammengelegt worden, waren aber auseinandergegangen; die nackten Füße waren auch gespreizt und standen mit den Fußspitzen nach auswärts. Neben ihm lag eine barfüßige, barhäuptige alte Frau in weißem Rock und weißer Jacke mit kleinem, runzeligem, gelbem Gesicht, spitziger Nase und dünnem, kurzem Zöpfchen. Hinter dem alten Mütterchen lag noch eine Leiche, die eines Mannes in etwas Lilafarbigem. Diese Farbe erinnerte Nechliudow an etwas. Er trat näher und betrachtete ihn. Ein kleines, spitziges, nach oben ragendes Bärtchen, eine starke, schöne Nase, eine weiße, hohe Stirn, dünnes, sich kräuselndes Haar. Er erkannte die vertrauten Züge, aber er traute seinen Augen nicht. Gestern hatte er dieses Gesicht aufgeregt-erbittert, leidend gesehen. Jetzt war es ruhig, unbewegt und zum Fürchten schön. Ja, es war Krylzow, oder wenigstens jene Spur, die seine materielle Existenz hinterlassen hatte. »Wozu hat er gelitten? Wozu hat er gelebt? Hat er es jetzt begriffen?« dachte Nechliudow, und es schien ihm, als gäbe es keine Antwort darauf, als gäbe es nichts, außer dem Tode, und ihm wurde schlecht. Ohne von dem Engländer Abschied zu nehmen, bat Nechliudow den Inspektor, ihn hinauszugeleiten, und da er die Notwendigkeit empfand, allein zu bleiben, um alles das zu überlegen, was er heute abend erlebt hatte, fuhr er ins Gasthaus. 28 Ohne sich schlafen zu legen, ging Nechliudow lange in seinem Zimmer im Gasthause hin und her. Seine Angelegenheit mit Katjuscha war zu Ende. Sie brauchte ihn nicht, und er schämte sich, und ihm war traurig zumute. Aber nicht das quälte ihn jetzt. Seine andere Angelegenheit war nicht nur nicht beendigt, sondern sie marterte ihn heftiger als je und verlangte Betätigung. All das schreckliche Übel, das er während dieser Zeit gesehen und erfahren hatte, besonders heute in diesem fürchterlichen Gefängnis, all das Böse, welches auch den lieben Krylzow zugrunde gerichtet hatte, triumphierte, herrschte, und man sah keine Möglichkeit, seiner Herr zu werden, ja man ahnte nicht einmal, wie es zu besiegen sei. Vor seiner Phantasie erstanden diese Hunderte und Tausende von in verpestete Luft eingesperrten, beschimpften Menschen, die von gleichgültigen Generalen, Staatsanwälten, Inspektoren eingekerkert werden; er erinnerte sich des seltsamen, die Obrigkeit anklagenden, freien, für wahnsinnig geltenden Alten, und – mitten zwischen den Leichen – des schönen, toten Wachsgesichtes des in Erbitterung verstorbenen Krylzow. Und die Frage von damals, ob er, Nechliudow, verrückt sei oder ob diejenigen verrückt seien, die sich für klug halten und all das tun, erhob sich vor ihm mit neuer Kraft und verlangte Antwort. Als er vom Gehen und Denken müde war, setzte er sich auf den Diwan vor der Lampe und schlug mechanisch das ihm von dem Engländer zum Andenken gegebene Evangelium auf, das er auf den Tisch geworfen hatte, als er seine Taschen leerte. »Man sagt, da sei die Lösung für alles«, dachte er, und das Evangelium aufschlagend, begann er da zu lesen, wo es sich öffnete. (Matth. XVIII). Er las: 1. Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesu und sprachen: Wer ist doch der Größeste im Himmelreich? 2. Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie. 3. Und sprach: Wahrlich, ich sage euch, es sei denn, daß ihr euch umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. 4. Wer sich nun selbst erniedriget, wie dies Kind, der ist der Größeste im Himmelreich. »Ja, ja, es ist so«, dachte er, indem er sich dessen entsann, wie er nur in dem Maße Beruhigung und Freude des Lebens gefunden, als er sich selbst erniedrigt hatte. 5. Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf. 6. Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist. »Wozu steht da: ›wer ... aufnimmt?‹ und wohin aufnimmt und was bedeutet: in meinem Namen?« fragte er sich, da er fühlte, daß diese Worte ihm nichts sagten. »Und wozu ist der Mühlstein um den Hals und das Meer, wo es am tiefsten ist? Nein, da ist etwas nicht richtig, nicht genau ausgedrückt, nicht deutlich«, dachte er und erinnerte sich, wie er einigemal in seinem Leben das Evangelium zu lesen begonnen hatte und wie ihn immer die Undeutlichkeit solcher Stellen abstieß. Er las noch die Verse 7-10 über die Ärgernisse, darüber, daß sie in die Welt kommen müssen, über die Strafe durch das höllische Feuer, in das die Leute geworfen werden, und über irgendwelche Engel der Kinder, die das Angesicht des Vaters im Himmel sehen. »Wie schade, daß das so verworren ist,« dachte er, »aber man spürt, daß etwas Gutes dabei ist.« 11. Denn des Menschen Sohn ist gekommen, selig zu machen, das verloren ist. 12. Was dünket euch? Wenn irgendein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter denselben sich verirrte, läßt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, gehet hin und suchet das verirrte? 13. Und so sich's begibt, daß er es findet, wahrlich, ich sage euch, er freuet sich darüber mehr, denn über die neunundneunzig, die nicht verirrt sind. 14. Also auch ist es vor eurem Vater im Himmel nicht der Wille, daß jemand von diesen Kleinen verloren werde. »Ja, es war nicht der Wille des Vaters, daß sie verderben sollten, und nun verderben sie doch zu Hunderten und zu Tausenden. Und es gibt kein Mittel, sie zu retten«, dachte Nechliudow. 21. Da trat Petrus zu ihm und sprach (las er weiter): Herr, wie oft muß ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist es genug siebenmal? 22. Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir, nicht siebenmal, sondern siebenzigmal siebenmal. 23. Darum ist das Himmelreich gleich einem Könige, der mit seinen Knechten rechnen wollte. 24. Und als er anfing zu rechnen, kam ihm einer vor, der war ihm zehntausend Pfund schuldig ... 25. Da er es nun nicht hatte zu bezahlen, hieß der Herr verkaufen ihn, und sein Weib und seine Kinder, und alles, was er hatte, und bezahlen. 26. Da fiel der Knecht nieder und betete ihn an und sprach: Herr, habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen. 27. Da jammerte den Herrn desselben Knechts und ließ ihn los und die Schuld erließ er ihm auch. 28. Da ging derselbe Knecht hinaus, und fand einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Groschen schuldig; und er griff ihn an, und würgte ihn, und sprach: Bezahle mir, was du mir schuldig bist. 29. Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn, und sprach: Habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen. 30. Er wollte aber nicht, sondern ging hin, und warf ihn ins Gefängnis, bis daß er bezahlte, was er schuldig war. 31. Da aber seine Mitknechte solches sahen, wurden sie sehr betrübt, und kamen, und brachten vor ihren Herren alles, was sich begeben, hatte. 32. Da forderte ihn sein Herr vor sich, und sprach zu ihm: Du Schalksknecht, alle diese Schuld habe ich dir erlassen, dieweil du mich batest. 33. Solltest du denn dich nicht auch erbarmen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmet habe? »Aber ist es wirklich nur das?« rief Nechliudow plötzlich laut auf, als er diese Worte gelesen hatte. Und die Stimme seines ganzen Innern sagte: »Ja, nur dies!« Und es geschah mit Nechliudow, was oft geschieht mit Menschen, die ein geistiges Leben leben. Es geschah, daß der Gedanke, der ihm erst als eine Absonderlichkeit, als ein Paradox, sogar als ein Scherz erschienen war, plötzlich, nachdem er ihn immer häufiger im Leben bestätigt gefunden hatte, als ganz einfache, unzweifelhafte Wahrheit vor ihm stand. So wurde ihm jetzt der Gedanke klar, daß das einzige unzweifelhafte Mittel der Rettung von jenem fürchterlichen Übel, unter dem die Menschen leiden, nur darin besteht, daß die Menschen sich immer vor Gott für schuldig halten sollen und für ungeeignet, andere Menschen zu strafen und zu bessern. Es wurde ihm jetzt klar, daß all das fürchterliche Übel, dessen Augenzeuge er in den Gefängnissen und Kerkern gewesen, und die ruhige Selbstgewißheit derjenigen, die dies Übel hervorbrachten, nur daher rührte, daß die Menschen eine unmögliche Sache tun wollten: daß sie – selber böse – das Böse bessern wollten. Lasterhafte Menschen wollten lasterhafte Menschen bessern und wähnten, es auf mechanischem Wege zu erreichen. Aber bei all dem kam nur das eine heraus, daß die notleidenden und eigennützigen Leute, indem sie sich aus dieser vermeintlichen Bestrafung und Besserung der Menschen einen Beruf machten, selber bis zum letzten Grad verdorben wurden und unaufhörlich auch diejenigen verdarben, die sie quälten. Jetzt wurde ihm klar, woher all das Grauen rührte, das er gesehen, und was man tun müsse, um es zu vernichten. Die Antwort, welche er nicht finden konnte, war dieselbe, die Christus dem Petrus gegeben: sie bestand darin, daß man immer allen unendlich oft verzeihen soll, weil es niemand gibt, der selber unschuldig wäre und darum die anderen strafen oder bessern könnte. »Aber das ist doch nicht möglich, daß es so einfach ist«, sprach Nechliudow zu sich, unterdessen aber sah er unzweifelhaft ein, daß, mochte es auch ihm, der das Gegenteil gewohnt war, anfangs noch so seltsam erschienen sein, es eine zweifellose und nicht nur eine theoretische, sondern auch die praktischste Lösung der Frage war. Die ewige Erwiderung: was soll man mit Bösewichtern tun, soll man sie denn wirklich unbestraft lassen? verwirrte ihn jetzt schon nicht mehr. Diese Erwiderung könnte eine Bedeutung haben, wenn es bewiesen wäre, daß die Strafe die Zahl der Verbrechen verminderte, die Verbrecher besserte; aber wenn das vollkommene Gegenteil bewiesen ist, und wenn es offenbar ist, daß es nicht in der Macht der einen Menschen liegt, die anderen zu bessern, so ist das einzig Vernünftige, was ihr tun könnt, aufzuhören das zu tun, was nicht nur nutzlos, sondern schädlich und außerdem unmoralisch und grausam ist. Ihr bestraft schon jahrhundertelang die Menschen, die ihr für Verbrecher anseht. Nun und? Sind sie verschwunden? Sie sind nicht verschwunden, ihre Zahl hat sich noch vermehrt, sowohl durch diejenigen Verbrecher, die durch die Strafen verdorben werden, als auch durch die Verbrecher – Richter, Staatsanwälte, Untersuchungsrichter, Kerkermeister – die die Menschen richten und bestrafen. Nechliudow begriff jetzt, daß die Gesellschaft und die Ordnung überhaupt nicht etwa deshalb existiere, weil es diese durch das Gesetz bestätigten Verbrecher gibt, die ihre Mitmenschen richten und strafen, sondern weil die Menschen, trotz dieser Verderbnis, dennoch einander bedauern und lieben. In der Hoffnung, die Bestätigung dieses Gedankens in demselben Evangelium zu finden, begann Nechliudow es von Anfang an zu lesen. Als er die Bergpredigt, die ihn immer gerührt hatte, gelesen, sah er heute zum erstenmal in dieser Predigt nicht abstrakte, schöne Gedanken, die meistens übertriebene, unerfüllbare Forderungen aufstellten, sondern einfache, klare und praktisch erfüllbare Gebote, welche im Falle ihrer Erfüllung (die vollkommen möglich war) eine vollständig neue, ihn verwundernde Einrichtung der menschlichen Gesellschaft herbeiführen würden, bei welcher nicht nur all die Gewalttätigkeit, die Nechliudow so sehr empörte, von selber verschwinden mußte, sondern das höchste dem Menschen zugängliche Heil – Gottes Reich auf Erden – erreicht wurde. Dieser Gebote waren fünf: Das erste Gebot (Matth. V, 21-26) war, daß der Mensch nicht nur nicht töten, sondern, daß er nicht einmal seinem Bruder zürnen, niemanden für nichtig, für »Raka« halten darf, und wenn er sich mit jemand entzweit, soll er sich mit ihm versöhnen, ehe er Gott seine Gabe darbringt, das heißt betet. Das zweite Gebot (Matth. V, 27 – 32) war, daß der Mensch nicht nur nicht ehebrechen darf, sondern er soll den Genuß der weiblichen Schönheit meiden, er soll, wenn er einmal sich mit einer Frau vereint hat, ihr nie untreu werden. Das dritte Gebot (Matth. V, 33 – 37) bestand darin, daß der Mensch nichts auf seinen Eid versprechen solle. Das vierte Gebot (Matth. V, 38 – 42) war, daß der Mensch nicht nur nicht Zahn um Zahn vergelten, sondern die andere Backe darbieten soll, wenn man ihm einen Streich auf eine Backe gibt; er soll Beleidigungen vergeben und sie mit Demut ertragen und niemandem das verweigern, um was er bittet. Das fünfte Gebot (Matth. V, 43 – 48) bestand darin, daß der Mensch seine Feinde nicht nur nicht hassen, mit ihnen nicht kämpfen, sondern sie lieben, ihnen helfen und dienen soll. Nechliudow heftete seinen Blick auf das Licht der brennenden Lampe und erstarrte. Als er sich alle die Greuel unseres Lebens vergegenwärtigte, malte er sich klar aus, was unser Leben sein könnte, wenn die Menschen in diesen Regeln erzogen würden, und ein lange nicht empfundenes Entzücken ergriff seine Seele. Als ob er nach langem Schmachten und Leiden plötzlich Beruhigung und Freiheit gefunden habe. Er schlief die ganze Nacht nicht und wie es mit vielen und vielen geschieht, die das Evangelium lesen, so verstand er zum erstenmal die oft gelesenen und nicht bemerkten Worte in ihrer ganzen Bedeutung. Wie ein Schwamm Wasser einsaugt, sog er in sich alles Nötige, Wichtige und Freudige ein, was sich ihm in diesem Buch offenbarte. Und alles was er las, schien ihm bekannt, schien ihm das zu bestätigen und zum Bewußtsein zu bringen, was er schon lange früher gewußt, dessen er aber nicht völlig bewußt geworden und dem er nicht geglaubt hatte. Jetzt aber war er sich dessen bewußt und glaubte daran. Aber nicht nur, daß er sich dessen bewußt war und daran glaubte, daß, diese Gebote erfüllend, die Menschen das allerhöchste ihnen zugängliche Heil erreichen werden, er wußte und glaubte jetzt, daß jeder Mensch nichts anderes zu tun habe als diese Gebote zu erfüllen, daß darin der einzige vernünftige Sinn des menschlichen Lebens liege, daß jede Abweichung davon ein Fehler sei, welcher sofort die Strafe nach sich zieht. Das folgte aus der ganzen Lehre und war mit besonderer Schärfe und Kraft in dem Gleichnis von den Weingärtnern ausgesprochen. Die Weingärtner hatten sich eingebildet, daß der Garten, in den sie gesandt waren, um für den Herrn zu arbeiten, ihr Eigentum sei; daß alles, was im Garten war, für sie gemacht sei, und daß ihre Sache nur darin bestehe, ihr Leben in diesem Garten zu genießen, den Hausvater vergessend und diejenigen tötend, welche sie an den Hausvater und an ihre Pflichten gegen ihn erinnerten. »Dasselbe tun wir,« dachte Nechliudow, »wenn wir in der törichten Überzeugung leben, daß wir selber die Herren unseres Lebens seien, daß es uns zu unserem Genuß verliehen sei. Aber das ist ja augenscheinlich töricht. Wenn wir hierhergesandt sind, so ist es ja nach irgend jemandes Willen und zu irgendeinem Zweck. Und wir bilden uns ein, daß wir nur zu unserer Freude leben, und es ist klar, daß es uns schlecht geht, sowie es dem Arbeiter schlecht geht, der den Willen des Herrn nicht erfüllt. Der Wille des Herrn aber ist in diesen Geboten ausgesprochen. Die Menschen brauchen nur diese Gebote zu erfüllen, und das Reich Gottes wird auf Erden sein, und die Menschen werden das allerhöchste Heil gewinnen, das ihnen erreichbar ist.« Trachtet nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit; so wird euch das übrige zufallen . Wir aber trachten nach dem übrigen und finden es offenbar nicht. »Das ist also die Aufgabe meines Lebens. Kaum ist ein Abschnitt zu Ende, so fängt schon ein neuer an.« Seit dieser Nacht begann für Nechliudow ein ganz neues Leben, nicht so sehr weil er in neue Lebensbedingungen eintrat, sondern weil alles, was mit ihm seitdem geschah, für ihn eine ganz andere Bedeutung als früher bekam. Womit dieser neue Abschnitt seines Lebens enden wird, wird die Zukunft zeigen. Moskau, 12. Dezember 1899.