Berthold Auerbach Das Landhaus am Rhein, Band 1 Erstes Buch. Erstes Capitel. »Nur noch Augenblicke Geduld! dort winkt ein Mann, der mitfahren will,« sagte der Ferge. Im Kahne saß ein Mann mit Frau und Tochter. Der Mann war von kleiner Gestalt, mit grauen Haaren und röthlich funkelnder Gesichtsfarbe, blaue Augen schauten gutmüthig aber träumerisch müde drein; ein die Oberlippe ganz bedeckender struppiger Schnurrbart schien sich in dies harmlose Gesicht verirrt zu haben; er trug ein graues Sommergewand von jenem neumodischen Stoff, der überall derart weiß besprenkelt ist, als hätte sich der Träger in einem Federbett gewälzt; eine zierliche, mit blauen und rothen Perlen gestickte Bügeltasche hing an einem Riemen über der rechten Schulter. Die Frau, groß und stattlich, mit unruhigen Augen und scharfen Zügen, die einstmals wol einnehmend gewesen waren, trug ein Kleid von mattgelber Seide; der weiße Schleier am grauen Hut war wie eine Binde am Turban um die Rundung gewunden. Sie warf den Kopf rasch zurück, sah dann vor sich nieder, als wollte sie sich nicht um den Fremden kümmern, und bohrte die Zwinge ihres großen Sonnenschirms in das Bord des Kahns. Neben dem Manne saß eine schlanke blonde Mädchengestalt in blauem Sommergewand; den kleinen, mit einem Vogelflügel verzierten braunen Hut hielt sie am Gummiband in der Hand. Der Kopf war groß und schwer, die mächtige Stirn durch reichüberquellendes, in Flechten gelegtes Haar noch gewaltiger, und zwei dicke Locken legten sich rechts und links auf Schulter und Brust. Das Antlitz des Mädchens war heiter und unbefangen, klar wie der helle Tag, der über der Landschaft leuchtete. Jetzt setzte sie den Hut auf, und die Mutter rückte ihr denselben noch etwas zurecht. Dann wechselte sie schnell die rauhledernen Stulpenhandschuhe mit glanzigen, die sie aus der Tasche nahm, und während sie mit Behendigkeit das Leder über die Hand zog, schaute sie nach dem Ankömmling. Ein großer und schöner junger Mann von markigem Körperbau, mit vollem, braunem Bart, einen Plaid über der Schulter und einen breitkrämpigen grauen Hut mit schwarzem Flor auf dem Haupte, kam rüstigen Schrittes den Zickzackweg am steilen Ufer herab. Er stieg in den Kahn, grüßte stumm, indem er den Hut abzog; eine edle weiße Stirn, von tief braunem Haar beschattet, zeigte sich; Kühnheit und Entschlossenheit sprach aus seinem Gesicht, das zugleich einen Vertrauen erweckenden Ausdruck hatte. Das Mädchen schaute vor sich nieder, die Mutter knöpfte ihr das Hutband nochmals auf und zu und wußte dabei scheinbar unabsichtlich eine lange Locke auf die Brust, die andere auf die Schulter rückwärts zu legen. Der Fremde setzte sich fern von den Anderen nieder und schaute in den Strom, während der Kahn rasch dahinfuhr. Der Kahn landete an der Insel, auf welcher das weitläufige Kloster, das nunmehr eine von Nonnen geleitete Erziehungsanstalt für Mädchen ist. Man stieg aus. »O wie schön!« rief das Mädchen und deutete auf eine am Ufer stehende hochstämmige Gruppe von Bäumen, die in der Runde und so nahe an einander standen, als ob die Stämme aus Einer Wurzel erwachsen wären; ringsum innerhalb der Baumgruppe waren niedrige Bänke angebracht. »Geh voran!« sagte die Frau mit einem verweisenden Blicke und gab schnell ihrem Manne den Arm. Das Mädchen ging voran, der Fremde hinterdrein. In den Büschen sangen die Nachtigallen, die Amseln, Finken, Plattmönche , als wollten sie laut verkünden: Hier ist Paradiesesruhe und Niemand stört uns. Die dunklen Kiefern am Ufer mit ihrem breiten Schirmdach und die lange Reihe hellfarbiger Lärchenbäume landeinwärts waren von keinem Lüftchen bewegt, und in den blühenden Kastanienbäumen summten die Bienen. Man kam an das Kloster. Das Gebäude war verschlossen, nirgends ein menschliches Wesen zu sehen. Der alte Herr zog die Klingel, die Pförtnerin öffnete ein kleines Fenster und fragte nach dem Begehr. Es wurde um Einlaß gebeten, aber die Pförtnerin erwiderte, das sei heute nicht mehr möglich. »Geben Sie meine Karte ab,« sagte der ältere Herr, »und sagen Sie der würdigen Mutter, daß ich mit Frau und Tochter da sei.« »Erlauben Sie, daß auch ich meine Karte hinzufüge,« sagte der Fremde; die Drei schauten um beim Wohlklang dieser Stimme. Der Fremde gab der Pförtnerin seine Karte, indem er hinzufügte: »Wollen Sie der würdigen Frau Oberin sagen, daß ich Grüße von meiner Mutter bringe.« Auf der Karte stand: Erich Dournay. Die Pförtnerin schloß das Schiebfenster schnell. »Ich hatte Sie für einen Franzosen gehalten,« sagte der alte Herr in freundlichem Ton zu dem jungen Manne. »Ich bin ein Deutscher,« erwiderte dieser. »Sie haben wol eine Verwandte im Kloster und kennen die würdige Mutter auch?« »Ich kenne hier Niemand.« Die Antworten Erichs waren rund und knapp, es gab keinerlei Anhalt zu Fortsetzung des Gesprächs. Der alte Herr ging mit den Frauen nach einem schönen Blumenbeet und setzte sich mit ihnen auf die dort angebrachte Bank. Das Mädchen mochte aber keine Ruhe haben, es ging am Rande der Wiese auf und ab und pflückte Veilchen. Der junge Mann war wie eingewurzelt stehen geblieben und betrachtete die steinernen Stufen, die zur Klosterthüre führten, als müßte er erkunden, welcherlei Schicksale bereits über diese Stufen aus- und eingegangen waren. Nach einer Weile winkte die Pförtnerin; die Klosterthüre wurde geöffnet, die Fremden traten ein. Hinter der zweiten Gitterthüre standen zwei Nonnen in langen schwarzen Kleidern, mit dem hänfenen Knotenstrick um die Hüfte. Die Größere, eine ältere Dame mit auffallend großer Nase, sagte: Die Frau Oberin bedaure, heute Niemand empfangen zu können; es sei der Vorabend ihrer Namensheiligen und da bleibe sie bis zu Sonnenuntergang immer allein. Ueberhaupt sei heute kaum thunlich, Fremde zuzulassen, denn die Kinder – so wurden die Zöglinge genannt – hätten ein Festspiel angeordnet, mit welchem die Oberin nach Sonnenuntergang begrüßt werden solle. Darum sei heute Alles in Unordnung; im großen Speisesaal sei ein Theater aufgeschlagen; indeß habe die Oberin befohlen, daß man den Fremden die Einrichtung des Klosters zeige. Man ging nun im Geleite der beiden Nonnen durch den großen Kreuzgang. Der Schritt der Nonnen war laut und hart, denn sie trugen dicke hölzerne Sohlen, sogenannte Trippen, die mit zwei über die Strümpfe gezogenen Riemen am Fuße befestigt waren. Die kleinere, zierliche Nonne, deren feines Antlitz wie gepreßt und gefangen in der enganliegenden Capuze war, hielt sich scheu zurück und ließ der Andern das Wort. Jetzt sprach sie indeß mit dem Mädchen in französischer Sprache. Die Mutter nickte dem Vater zu mit dem vergnügten Ausdrucke: Da siehst Du nun, wie gut es war, das Kind etwas Rechtes lernen zu lassen. Der Vater sagte der deutschen Nonne, daß seine Tochter Lina erst vor einem halben Jahre aus dem Kloster zu Aachen zurückgekehrt sei. Auch der junge Mann sagte einige Worte in französischer Sprache zu der zierlichen Nonne. Aber jetzt, und so oft er sie noch ansprach, zog sie sich immer wie verscheucht zurück, auffällig lächelnd und in sich zusammenkauernd, als ob sie fürchte, berührt zu werden. Der Frühstücksaal, Lehrzimmer, Musikzimmer, die großen Schlafsäle wurden den Fremden gezeigt und überall mußte man Sauberkeit und Ordnung bewundern. In den Schlafgemächern der Kinder war es, als ob nicht wirkliche Menschen und nun gar unruhige Kinder hier wohnten, sondern als wäre Alles nur bereit, um Märchengestalten zu erwarten. Nur in einem Bettchen war es unruhig. Lina zog den Vorhang zurück und ein Kind mit großen braunen Augen schaute um. Auch der junge Mann war hinzugetreten. »Was fehlt dem Kinde?« fragte Lina. »Weiter nichts, es hat nur Heimweh.« »Wie heilen Sie das Heimweh?« fragte die Frau. »Ein Kind, das über Heimweh klagt, wird krank erklärt und muß zu Bette bleiben; wenn es dann aufstehen darf, fühlt es sich befreit und zu Hause.« »Geht Alle fort! Alle fort! Manna soll kommen! Manna soll kommen!« rief das Kind. »Sie kommt noch zu dir,« beschwichtigte die Nonne und erklärte, daß das Kind eine Amerikanerin meine, von der allein es sich beruhigen lasse. »Das ist unsere Manna,« sagte Lina zu ihrer Mutter. Die Dämmerung war eingebrochen, und über die Corridore, durch den goldenen Duft der Abendsonne huschten in langen grünen, blauen und rothen Gewändern seltsame Gestalten, die in den Zellen verschwanden. Man kam in den Speisesaal, wo im Hintergrund eine Waldlandschaft mit Einsiedlerhütte aufgestellt war, und da lag mit rothem Bande angebunden ein junges Reh, das die Fremden mit seinen glänzenden Augen wundersam anblickte, jetzt sich aufraffte, am Bande zerrte und davonrennen wollte. Die Französin erklärte, daß die Kinder in Gemeinschaft mit einer Schwester, die sehr viel Geschick dazu habe, die Decorationen selbst gemacht und große Chöre eingeübt hätten; eine Schülerin, ein vorzügliches Kind, habe das Stück verfaßt, das eine Scene aus dem Leben der Tagesheiligen behandelt. Die deutsche Nonne mit der großen Nase bedauerte, daß Niemand Fremdes zusehen dürfe. Als man den Speisesaal verließ, sagte Lina zu der zierlichen Französin, wie leid es ihr thue, ihre Jugendfreundin Hermanna Sonnenkamp nicht sehen zu können, denn sie müßte mit ihren Eltern schon heute Abend wieder zurückreisen. Man ging wieder durch lange Corridore, und als man die Treppe hinabstieg, kam dieselbe herauf eine schneeweiße Gestalt mit Flügeln an den Schultern und einem schimmernden Diadem auf dem Haupte, von dem lange schwarze Locken auf Brust und Nacken herniederflossen. Ein dunkles, schwarzes Auge mit langen Wimpern und dichten Brauen glänzte aus dem blassen Antlitze heraus. »Manna!« rief Lina laut, und »Manna!« tönte der Widerhall von der Wölbung. Die Angeredete faßte ihre Hand, führte sie die Treppe hinauf, von den Anderen weg und sagte: »Du, Lina? Ach, ich war nur bei dem armen Kinde, das sich in Heimweh verzehrt. Ich dürfte sonst heut mit keiner Menschenseele sprechen.« »O, wie wunderbar siehst Du aus, wie herrlich! Du mußt dem Kinde ja wie ein lebendiger Engel erschienen sein! O und wie werden sich daheim Alle freuen, wenn ich ihnen erzähle . . .« »Sprich nicht davon. Entschuldige mich bei Deinen Eltern, daß ich so an ihnen vorbeiflog, und wer . . . wer ist der junge Mann da bei Euch?« Erich schien zu fühlen, daß von ihm die Rede sei; er schaute aus nach der wundersamen Erscheinung, konnte aber nichts von den Formen des Antlitzes erkennen; er sah nur die märchenhafte Gestalt und zwei hellleuchtende Augen. »Wir kennen ihn auch nicht,« erwiderte Lina, »wir haben ihn erst im Kahn gesehen. Aber ja,« setzte sie lachend hinzu, »Du kannst erfahren, wer er ist, er hat einen Gruß von seiner Mutter an die Oberin; da frag' einmal. Nicht wahr, er ist schön?« »O Lina, wie sprichst Du! Möge die heilige Genovefa beim lieben Gott Dir Verzeihung erbitten, daß Du das gesagt, und mir . . .« sie bedeckte das Gesicht mit der Hand . . . »daß ich es gehört. Leb' wohl, Lina, grüße Alle draußen.« Wie schwebend huschte die geflügelte Erscheinung den langen Corridor dahin, sie verschwand und hörte nicht mehr, daß Lina ihr nachrief, sie werde morgen bei der Gräfin Wolfsgarten erzählen, wie sie sie gesehen. Man verließ das Kloster. Vor dem Thore sagte der ältere Herr zu dem jungen Manne: »Es ist ein Glück für die Mädchen, von aller Welt entfernt auf einer Insel im Kloster erzogen zu werden.« »Die Mädchen im Kloster und die Jünglinge in der Kaserne! Schöne Welt das!« entgegnete Erich in scharfem Ton. Ohne ein Wort der Erwiderung wandte sich der ältere Herr ab und ging mit den Frauen einige Schritte davon; er schien keine fernere Gemeinschaft mit einem Fremden von solcher revolutionären Gesinnung haben zu wollen. Erich eilte zu dem Kahne und ließ sich rasch übersetzen. Der Strom war wie lauter glühendes Gold; Erich tauchte die Hand in den Strom und wusch sich Stirn und Auge. Er sprang behend ans Land und schaute hinüber nach dem Inselkloster; da sah er den Mann mit Frau und Tochter ebenfalls zum Kahn herabsteigen; er grüßte von ferne mit dem Hute und ging den jenseitigen Berg hinan nach der Burgruine, von wo man das Kloster überschauen konnte. Lange saß er hier oben und starrte hinüber nach dem Kloster auf der Insel. Er hörte Gesänge von Mädchenstimmen, er sah die lange Fensterreihe hell erleuchtet. Die Nachtigall in den Büschen sang unablässig und Erich horchte hin nach dem Gesange des Vogels und dem Gesang der Kinder im Kloster, die sich ein Stück vom Ewigkeitstraume in die Wirklichkeit zauberten und eine Stunde zu singenden Engelchören wurden. Er stieg den Berg hinab, und als er eben an den Gasthof kam, traf er den Mann mit den beiden Frauen, die sich zur Abreise auf den Bahnhof begaben. Die Gaststube war leer. Während er aß, nahm er unwillkürlich ein Zeitungsblatt, das auf dem Tische lag. Was sind Klöster? Was sind Burgruinen? Da ist die Welt, die bewegte, die heutige, die wirkliche. Du kommst von einer Ausschau auf der Bergeshöhe ermüdet in der Gaststube an, unwillkürlich greifst Du nach der Zeitung – warum das? Vielleicht weil das ermüdete Schauen und Denken, das auf die unbewegte Erscheinung der Natur gerichtet war, nun sich erfrischt, indem es sich auf die bewegte Erscheinung der Zeitgeschichte wendet; und Du bist allein, Du bedarfst eines anrufenden Wortes – da ist ein solches, das Jemand an Alle gerichtet hat; es erzählt Dir von der Welt, die ihren Gang fortsetzt, derweil Du träumtest und in weiter Ausschau Dich verloren und Dich gefunden hast. Wir können uns kaum mehr denken, wie es zu anderen Zeiten war, da man ein Begegniß still austräumen konnte. Zu allen Stunden, sei es in schwerer Bedrängniß, wo uns das eigene Leben zur Last und die Welt gleichgiltig geworden, sei es in gehobener Empfindung, wo wir uns wie hinausversetzt aus aller Wirklichkeit fühlen – da kommt die Zeitung und fordert unsere Aufmerksamkeit und ruft uns an, als sollten wir in Gestaltung der Weltverhältnisse überall mitwirken. Was ist dem jungen Manne jetzt Amerika? Und doch las er aufmerksam einen Bericht über die dortigen Zustände, worin der unausbleibliche, in Frieden vielleicht nicht zu schlichtende Kampf zwischen den südstaatlichen Sklavenhaltern, den sogenannten Feuerfressern, und den nordstaatlichen Abolitionisten dargestellt war. Die Französin hatte gesagt, daß eine Amerikanerin das an Heimweih leidende Kind tröste und sie agirt nun auch in dem heiligen Feststück. Da spielt ein Kind mit der frommen Mythe, während es in seinem Heimatlande gährt! Wieder waren die Gedanken Erichs im Kloster und bei der wundersamen Erscheinung. Als er eben das Blatt weglegen wollte, fiel sein Auge auf eine Anzeige. Er las sie wiederholt, dann bat er den Kellner, daß er das Blatt behalten dürfe, und begab sich mit demselben auf sein Zimmer. Zweites Capitel. Name: Erich Dournay. Charakter: Doctor der Philosophie, Hauptmann a. D. . . . Ort woher: Name einer kleinen Universitätsstadt . . . Reise wohin: 0 . . . Zweck der Reise: 0 . . . So schrieb Erich früh am Morgen in das ordnungsmäßige Fremdenbuch des Gasthofs und jetzt bemerkte er, daß vor seinem Namen eingeschrieben stand: Landrichter Vogt mit Frau, geb. Landen, und Tochter aus . . . ., ein kleines Städtchen singenden Namens vom Oberrhein war genannt. Das war also der Gesprenkelte von gestern mit den beiden Damen. Erich machte sich mit seinem Reisegepäck auf den Weg nach der Landungsbrücke, wo das Dampfschiff anlegte. Der Morgen war frisch und klar, ringsum jauchzendes, singendes Leben, nur ein schmaler Wolkenstreif hing noch wie ein Nebel in der halben Höhe der Gebirgskette. Mit festem Schritt, hoch aufgerichtet, frei aufathmend in der frischen Morgenfrühe ging Erich dahin. Er stand am Geländer der Landungsbrücke und schaute hinein in die Wellen, wo jetzt ein Nebelstreif sich hob und in der Luft zerfloß. Dann starrte er lange nach der Insel hin, wo nun die Frühglocke läutete und die Kinder aus dem Schlafe rief, die gestern Abend vor sich selber zum Märchen geworden waren. Er zog das Blatt aus der Tasche und las noch einmal die Anzeige, in der die Bewerbung um eine einträgliche Hofmeisterstelle ausgeschrieben war. Das Dampfschiff brauste heran, die Brust den Wellen entgegendrängend. Erst auf dem Schiffe bemerkte Erich, daß auch zwei Nonnen aus dem Kloster – die Eine war die zierliche, scheue Französin – mit eingestiegen waren. Er grüßte; er wurde ohne Erwiderung verwundert angesehen. Die Nonnen nahmen ihr Brevier, setzten sich auf dem Verdecke nieder und beteten. Auf dem zu Berg gehenden Schiffe waren noch wenig Reisegefährten, und die Morgenfrühe läßt ungesellig. Erich setzte sich nicht weit von dem Steuermann, der fort und fort leise vor sich hinpfiff. Nachdenklich schaute er in den aufgewühlten Strom und in die Landschaft. Er preßte die feingeschnittenen Lippen fest zusammen, es schien als ob er mit stummer Lippe den noch nie gehobenen Nibelungenschatz der Schönheit dieses Stromes und dieser Landschaft erkennen wolle. Er schüttelte oftmals den Kopf, wenn er hörte, wie da und dort zwei Menschen durch sogenannte Unterhaltung sich die Frische des Morgens und die stille Erquickung des landschaftlichen Anblicks verplauderten. Erich hatte das Glück des schönen wohlumhegten Familienlebens und der höchsten Bildung genossen. Von den Eltern sorgfältig erzogen, war er in den Militärdienst eingetreten, gab denselben freiwillig auf und widmete sich den Studien. Es sind heut erst wenige Tage, seitdem er den Doctorgrad erworben. Er hatte mit großer Anstrengung diesen Abschluß beschleunigt, denn erst zwei Monate sind es her, seitdem sein Vater gestorben war. Es war am Abend, als Erich zum Doctor ernannt war, da die Mutter mit ihm ging und ihn ermahnte, sich nun einige Tage freien Athemschöpfens zu gönnen. Erst wenn Erich von der Reise zurückgekehrt war, wollten sie bestimmen, was nun aus ihnen werde solle. Die Mutter empfand es dabei schmerzlich und konnte den Gedanken nicht unterdrücken, daß man aus dem stetigen, ordnungsmäßig sich fortsetzenden Lebensgange heraustreten und stündlich einem fraglichen, erst selbst zu schaffenden Dasein gegenüberstehe; sie hatte das nie gekannt und nie geahnt. Und mit einem Kummer, den sie zu unterdrücken suchte, aber nicht ganz verbergen konnte, sah sie, sich eines Wortes von Lessing erinnernd, ihren Sohn am Markte stehen und nach Arbeit ausschauen. Sie hoffte indeß, daß sich das Widerstreben des Sohnes, sich durch eine Gunst eine Lebensstellung geben zu lassen, legen würde; vor Allem aber sollte er wieder seine Jugendfrische erhalten. Hätte die Mutter ihn jetzt gesehen, sie hätte gestaunt, wie schnell sich das bewerkstelligte; es war ein Glanz in seinen Augen und eine Farbe in seinem Antlitz, die in den besten und ruhigsten Tagen nicht leuchtender und blühender gewesen. Nur um ihm ein Ziel zu geben, hatte sie ihm einen Gruß an die Oberin des Klosters aufgetragen. Jetzt war Erich bereits auf dem Rückwege. Eine einfache Anzeige in der Zeitung hatte seiner Reise eine ungeahnte Richtung gegeben. Er hatte indeß jugendliche Spannkraft genug, um wegen des Zieles die Freuden des Weges nicht zu vergessen. Mit hellem Blick betrachtete er das Getriebe auf dem Schiffe, das Leben auf dem Strom und an den Ufern. Schon an der zweiten Station stiegen die beiden Nonnen aus und die zierliche Französin nickte ihm rückwärts zu, als sie die kleine Flügeltreppe hinabstieg. Im Kahn faltete sie die Hände und schaute vor sich nieder; auch als sie ans Ufer stieg, schaute sie nicht mehr rückwärts. Von Ort zu Ort wechselten die Reisegefährten; an einem Dorfe kam eine Schaar Wallfahrer, meist Frauen mit weißen Tüchern auf dem Haupte. An dem Halteplatz, wo sie ausstiegen, kam ein Trupp Turner in hellgrauen Gewändern auf das Schiff und stimmte auf dem Verdeck ein Lied an, während die Wallfahrer am Ufer sangen. In allen Städten und Dörfern, an denen man vorüberfuhr, tönten die Glocken, es war ein heller, klingender, blühender Frühlingstag und Erich fühlte jene Berauschung, die das rheinländische Leben über das Gemüth bringt, eine Spannung und Erhöhung aller Lebensgeister, von der sich nicht sagen läßt, von wannen sie kommt, wie sich nicht scheiden läßt, was dem Weine an den Bergen hier seine Würze, sein Feuer gibt. Es ist der Hauch des Stromes, der Duft der Berge, die Kraft des Bodens, es ist das Sonnenlicht, das wie im Weine, auch im Menschen glüht, einen beflügelten Frohmuth erzeugt, den Niemand abwehren und Niemand erklären kann. Oftmals wurde auch Erich angesprochen, er hielt aber jede Genossenschaft ab; er wollte in sich allein sein inmitten der Menschenbewegung, inmitten der wonnigen Landschaft. Es war hoher Mittag, als er bei dem Städtchen mit altersgrauem Thurme, das einen fröhlichen Namen in der ganzen Welt hat, ans Land stieg. Ein schlanker blonder junger Mann stand hier am Ufer und sah ihn scharf an, endlich rief er: »Dournay!« »Herr von Prancken!« erwiderte Erich. Die Beiden reichten sich die Hände. Drittes Capitel. »Das ist der Rhein! Kaum hat man sich die Willkommhand gereicht, so heißt es: Laß uns trinken! Es muß der Strom vor Euren Augen sein, der Euch beständig die Lust nach Flüssigem erregt.« So sagte Erich zu dem jungen Mann gleichen Alters, der ihm gegenüber saß und seine Hand mit dem stramm zugeknöpften Handschuh auf den Kopf eines braunen Hühnerhundes gelegt hatte. »Nun bitte; hier ist die Weinkarte. Welchen Jahrgang und welches Gewächs? Trinken wir neuen, der noch lustig ist und sich nicht zur Ruhe gesetzt hat?« »Ja, jungen Wein, und von dem Berge hier, drauf der Sonnenschein so wohlig ruht.« Prancken befahl in knapper militärischer Betonung dem wartenden Kellner: »Eine Flasche Auslese!« Der Wein kam, er floß golden in die blinkenden Gläser; die beiden Männer stießen an und tranken. Sie saßen in der Rebenlaube am Ufer, dort wo die Landschaft sich weit ausdehnt und der Blick sich erlabend dahinstreift über grünende Inseln im Strom, über hellblinkende Wohnorte, über Wald, Berge und Rebengelände und prächtige Landhäuser. Die Triebwellen des Dampfschiffes hatten sich geglättet; die Kähne am Ufer waren wieder ruhig, hüben und drüben dröhnten die Bahnzüge nur von ferne; auf dem glatten Strom, in dem sich da und dort weiße Wolken vom Himmel abspiegelten, blinkten die Strahlen der Mittagssonne, und im blühenden Fliederbusch bei der Laube schlug die Nachtigall. Otto von Prancken hatte in der Ueberraschung sich vielleicht zutraulicher gegen Erich benommen als erforderlich war; nun, da Erich ihn mit Sie ansprach, während sie sich früher Du genannt hatten, nickte er zufrieden. Prancken zog den Handschuh rasch aus, reichte Erich nochmals die Hand und sagte: »Sie sind wol auf einer Vergnügungsreise?« »Sie wissen vielleicht noch nicht, daß vor zwei Monaten mein Vater gestorben?« »Doch, doch . . . und ich bleibe unserm guten Professor ewig dankbar; das Bischen, was ich in der Cadettenschule gelernt habe – es ist freilich wenig genug – verdanke ich ihm ausschließlich. Ach, welche Geduld und welchen unablässigen Eifer hatte Ihr guter Vater! Stoßen Sie mit an auf sein Andenken!« Die Gläser klangen. »Wenn ich einmal gestorben bin,« sagte Erich bewegten Tones, »so wünsche ich, daß auch mein Sohn so mit einem Genossen beim Wein am hellen Mittag mein gedächte.« »Ach, sterben!« entgegnete Prancken. »Sehen Sie, dort hat man gerade mitten in die Weinberge hinein den Friedhof verlegt. Man sollte gar nicht ans Sterben denken und nun wird man immer daran erinnert.« Erich erwiderte nichts, er starrte nur hinüber und hörte, wie jetzt eben der Kukuk vom Kirchhof aus rief. »Sind Sie Landwirth?« fragte er, wie sich aufraffend. »Provisorisch. Ich habe auf unbestimmte Zeit den Lieutenantsrock ausgezogen und mir das Piedestal hoher Wasserstiefel erkoren.« Während Prancken dies sprach, nahm er eine Taschenbürste heraus und glättete sein untadelhaft gescheiteltes, etwas dünnes Haar. Eine kurze Weile saßen die Beiden lautlos da und sahen einander scharf musternd an. Zwei linkische Menschen, die sich unbehilflich gegenüber stehen, bringen sich gegenseitig in Verlegenheit; zwei Gewandte, die ihre Gewandtheit kennen, sind wie zwei Fechter, von denen Jeder zuerst Haltung und Waffenführung des Andern kennen und deßhalb keinen Ausfall und keinen Hieb machen will. Prancken beugte sich über sein Glas, roch die Blume des Weins und sagte endlich halb lächelnd: »Sie werden nun auch von Ihren weiland communistischen Ansichten bekehrt sein.« »Communistisch? Das ist eine bequeme Bannformel. Ich wünschte, ich könnte Communist sein; ich wünschte, daß ich den Communismus für eine gestaltungsfähige Form der Gesellschaft halten könnte, was er doch nie und nimmer werden kann. Wir müssen auf anderem Wege daran arbeiten, unser Dasein von der Barbarei zu befreien, daß unsere Mitmenschen, gleichberechtigt wie wir, an den gemeinsten Bedürfnissen Noth leiden. Wir trinken hier in Ruhe den Wein des Berges, darauf jetzt dort arme gedrückte Menschen sich abmühen, die kaum je einen Tropfen dieses Weines kosten.« »Wir haben heute Feiertag und da arbeitet Niemand,« erwiderte Prancken und lachte laut auf. Erich ging gerne auf die scherzhafte Wendung ein, er war reif genug, um nicht einen Widerspruch der Principien persönlich besiegen zu wollen. Das Gespräch kam in freundliche Gebiete und floß ruhig hin in Erinnerung an die Knabenzeit und an das Garnisonsleben. Erich hatte mit den Gardeofficieren in kameradschaftlicher Weise verkehrt; er stand in einer besondern Ehrenhaltung, durch sein zurückgezogenes, den Studien gewidmetes Leben; aber bei aller Charakterstrenge war er harmlos im Verkehr und seine Freudigkeit am Leben schien, oberflächlich betrachtet, sich nicht in Widerspruch zu setzen mit dem wilden Treiben um ihn her. Die beiden Männer gingen in leichter Wechselrede im Garten auf und ab. In der steifen Haltung des Halses, in der Art, wie sie beim Gehen die Arme bewegten, erkannte man die beiden jungen Männer als Soldaten; aber das Stramme war bei Erich durch eine gewisse Geschmeidigkeit gemildert. Prancken war elegant, Erich edel und zart; Prancken hatte in jedem Ton und jeder Bewegung etwas verbindlich Einnehmendes, Erziehung und Natur hatten ihm eine Weltgefälligkeit verliehen, sein Benehmen hatte etwas Läßliches und dabei doch Gemessenes; Erich hatte nicht minder sichere Formen, aber dabei Ungezwungenheit und Würde. Seine Stimme war ein schöner, kräftiger Bariton, während die Pranckens tenorartig war. Auch in der Art des Sprechens ließ sich die Verschiedenheit der beiden jungen Männer erkennen. Erich sprach jedes Wort ganz voll, er gab jedem Buchstaben sein Tonrecht; Prancken dagegen sprach als wären ihm Vocale und Consonanten zu viel, als müßte er jede Anstrengung der Sprachorgane vermeiden; die Worte fielen ihm sozusagen von den Lippen und doch sprach er gern und mit sehr gewählten Spitzen. Prancken hatte jene gewaltsame Tonart des kurzen Galopps, der der fürstlichen Leibgarde eigen war; in jeder gewöhnlichen Aeußerung war etwas Rasselndes, Lärmendes, als ob man mit dem Wehrgehänge hantire und beständig aus einer Gesellschaft zur Vertilgung verschiedener Flaschen Sect käme oder sich dorthin begebe. Erich hatte nun geraume Zeit in ernstem Studium in einer geschlossenen, fast klösterlich stillen Häuslichkeit gelebt, so daß ihm dieses ganze Behaben wieder neu und auffällig war. »Herr Baron,« unterbrach der hinzutretende Kellner, der eine Flasche hieländischen moussirenden Weines brachte, »Ihr Kutscher läßt fragen, ob er ausspannen soll?« »Nein!« lautete die Antwort, und während er die Flasche im Eiskübel umhertrieb, fuhr er zu Erich fort: »Ich will mir die kurze Freude dieser Begegnung mit Ihnen nicht stören lassen. Ach, Sie glauben nicht, wie entsetzlich langweilig die hochgepriesene Poesie der Landwirthschaft ist!« Aus der entkorkten Flasche einschenkend, rief er lachend: »Compost, und noch einmal Compost ist die Parole! Der Olymp ist ein Composthaufen und der darüber thronende Gott heißt Jupiter Ammoniak!« Prancken sagte dies leichthin scherzend, dann trank er und drehte sich vergnüglich mit beiden Händen die Spitzen seines Schnurrbartes. Erich lenkte zurück auf die Schönheit des rheinischen Lebens, aber auch hier fiel Prancken ein: »Wenn nur einmal Jemand käme und dem lügnerischen Loreleiern von der Schönheit des rheinischen Lebens die Schminke wegätzte! Da sprechen die Poeten allzeit vom thauduftigen Morgen, und wir hatten heute einen Höhenrauch, als ob den Engeln im Himmel die Milch von ihrem Kaffee ins Feuer gelaufen wäre.« Erich lachte über den Einfall und am Glase nippend, sagte er: »Aber die Lust des Weines!« »Jawol,« fiel Prancken ein, »das Trinken üben die hieländischen Schoppenstecher, aber ohne alle Poesie, wie ein Geschäft. Da sitzen sie stundenlang beisammen, es ist immer dieselbe Gesellschaft; sie haben dasselbe halb Dutzend Anekdoten in Garnison und tauschen ein verjährtes Witzwort aus. Dann gehen sie heim mit rothem Kopf und mit Taumel in den Füßen und brüllen ein Lied, und das nennt man rheinische Fröhlichkeit. Das einzige Lustige dieser gemachten Rheinlüge ist noch die Straußwirthschaft.« »Was ist denn das?« »Da hat der ehrsame Pfahlbürger ein Fäßchen eigen Gewächs einliegen, das er nicht allein austrinken kann und mag. Nun steckt er einen grünen Strauß an seinem Hause aus, und die urdeutsche Familienstube mit gemüthlich grünem Kachelofen und grauer Katze unter der Bank wird zur Wirthsstube. Ist man in der Schmiedgasse fertig, geht's in die Hafengasse, in die Kirchgasse, die Salzgasse und in die Capuzinergasse. Die Bürger trinken einander hilfreich ihren Wein ab; das ist noch das einzig Schöne.« »So wollen wir uns des Weines freuen,« entgegnete Erich. »Sehen Sie, wie die Sonne das edle Getränk, dem sie so hold zugelächelt und das sie so mühsam gezeitigt, noch einmal verklärt.« Mit einer Hast, die seinem sonst so ruhigen Wesen fremd schien, leerte er das Glas. »Ich habe es immer gedacht,« entgegnete Prancken, »in Ihnen steckt ein Dichter. Ach, ich beneide Sie; ich möchte die Kraft haben, ein satyrisches Gedicht zu schreiben, so gepfeffert, daß sich die ganze Welt die Zunge dran verbrennte.« Erich lächelte und erwiderte, daß er auch einmal geglaubt habe, er sei zum Dichter berufen; er habe indeß erkannt, daß es ein Irrthum war, und sei nun entschlossen, sich in einem thätigen Lebensberufe zu versuchen. »Ja,« sagte er und zog das Zeitungsblatt aus der Tasche, »Sie können mir vielleicht einen lebenentscheidenden Dienst leisten.« »Mit Freuden, wenn es nicht gegen . . .« »Beruhigen Sie sich, es hat nichts mit principiellen oder gar politischen Dingen zu thun. Sie könnten vielleicht als Freiwerber für mich auftreten.« »Also verliebt? Der schöne Erich Dournay, der Adonis der Garnison, bedarf eines Freiwerbers?« »Nichts von dem. Es handelt sich nur um eine Hauslehrerstelle. Sehen Sie die Zeitung, hier steht's: Ich suche für meinen fünfzehnjährigen Sohn einen Mann von wissenschaftlicher Bildung und weltmännischen Formen, der Unterricht und Leitung für eine höhere Stellung zu übernehmen geneigt ist. Honorar nach Vereinbarung. Bei Abschluß der Erziehung lebenslängliche Jahresrente. Adresse und Zeugnisse abzugeben Bahnstation *** am Rhein.« »Ich kenne diese Anzeige, habe ja selber daran mitgearbeitet. Ich gestehe indeß, daß wir bei der Wahl des Ausdrucks »weltmännische Formen« an etwas Besonderes dachten.« »War damit vielleicht ein Adeliger gemeint?« »Allerdings. Es handelt sich darum, daß ein Erzieher in einem bürgerlichen Hause und besonders einem eigenwilligen Zögling gegenüber eine unantastbare Ehrenstellung bewahrt.« »Gewiß, das ist durchaus angemessen und vortheilhaft. Vielleicht habe ich indessen statt des Barons einen Titel einzusetzen, der ein Rechtstitel für den Erzieher ist; seit wenigen Tagen heiße ich Doctor!« Prancken nickte glückwünschend, aber schnell setzte er hinzu: »Und daß Sie mit Hauptmannsrang den Dienst quittirten, vergessen Sie ganz? Ich gestehe, daß ich gerade die militärische Befähigung in dem Aufrufe ausdrücklich betonen wollte. Aber nein, Sie taugen nicht zum Bärenführer. Der Junge ist unbändig und tückisch wie eine amerikanische Rothhaut und weiß für jeden Charakter die Skalp-Locke zu finden, an der er ihn faßt und skalpirt; er hat das schon bei einem Halbdutzend Pädagogen erprobt.« »Vielleicht wäre dann der Versuch um so anreizender; vielleicht ist der Knabe nur was man verzogen nennt, und solche Kinder sind nicht so schwer zurecht zu führen.« »Und wissen Sie, daß Massa Sonnenkamp Besitzer von vielen Millionen ist, und der Golderbe das weiß?« »Das hindert nicht, reizt vielleicht nur noch mehr zum Versuch.« »Gut. Ich bringe Sie selbst zu dem mysteriösen Mann; ich habe das Glück, mich seiner besonderen Gunst zu erfreuen. Doch nein . . . besser, Sie fahren mit mir auf das Gut meines Schwagers; Sie müssen sich ja noch meiner Schwester Bella erinnern?« »Wol, und ich nehme Ihre Gastfreundschaft an. Nur bitte ich, Herrn Sonnenkamp – mir ist, als hätte ich den Namen schon einmal gehört . . . doch immerhin – von meiner Ankunft zu benachrichtigen und mich dann allein bei ihm eintreten zu lassen.« Prancken warf einen fragenden Blick auf Erich, und dieser fuhr fort: »Ich weiß Ihre freundliche Bereitwilligkeit wohl zu schätzen, aber Sie wissen, daß ein Fremder, der als Dritter eingeführt ist, sich nicht so leicht und frei geben kann, wie sich das in einem Zwiegespräche findet.« Prancken zog ein Taschenbuch heraus, und hielt den Silberstift eine kurze Weile an die Lippen gedrückt. Er erwog, ob er recht thue, Erich zu empfehlen, ob es nicht besser wäre, ihn sofort zu beseitigen und einen Mann, der sich ganz als seine Creatur erkannte, dafür zu setzen. Aber Erich wird dann selbst einen Versuch machen und vielleicht, ja höchst wahrscheinlich die Stelle gewinnen; da wäre es doch besser, ihn durch Dank gebunden zu haben. Und mitten in diese Erwägungen mischte sich auch eine Regung von Gutmüthigkeit. Er schrieb sofort auf eine Karte an Herr Sonnenkamp, dieser möge kein Engagement eingehen, da ein gelehrter vormaliger Artillerie-Officier zur Erlangung der Stelle bei ihm erscheinen würde. Behutsam vermied er einstweilen jede nähere freundschaftliche Beziehung. Die Karte wurde sofort abgeschickt. Als Prancken das Gummiband an seinem Taschenbuche wieder zuschnellte, ließ er es noch mehrmals auf- und niederspielen, bis er das Taschenbuch wieder einsteckte. Er war nachdenklich geworden. Viertes Capitel. Im offenen Wagen fuhren die beiden jungen Männer die Straße dahin, die bald bergan lenkte. Die Luft war voll thauiger Frische und hoch über den Rebengeländen im Laubwalde sangen die Nachtigallen, es war wie eine endlose Kette von Gesang. Die beiden Männer saßen schweigend. Jeder wußte, daß der Andere in seinen Lebenskreis eingetreten, und man konnte nicht ahnen, was daraus erfolgen würde. Als Erich jetzt den Hut abthat, und Prancken das jugendfrische Antlitz und den Ausdruck ruhiger Sicherheit in demselben betrachtete, war es ihm, als hätte er ihn noch gar nicht gesehen. Er erwog, in welches Verhältniß von unberechenbaren Folgen er sich gebracht. Spott und gütiges Lächeln wechselten in seinen Mienen, er murmelte sogar unverständliche Worte vor sich hin und stieß ein kurzes unerklärbares Lachen aus. Er legte den Kopf zurück in die Wagenkissen und schaute in den Himmel hinein. Er wird schon dafür sorgen, daß der Mann ihm nicht in die Quere kommt, und was er selber nicht vermag, wird Schwester Bella fertig bringen. Prancken hatte, seitdem er Civilkleider trug, etwas Gewaltsames in seiner Haltung. Von Kindheit an in die Uniform gesteckt, hatte ihm diese nicht nur ein Gefühl der Geschlossenheit, sondern auch einen bestimmten, jederzeit kenntlichen Charakter gegeben, der ihn von dem gewöhnlichen Troß ausschied. In der Gemeinschaft der Genossen, in Reih und Glied, war er stramm und frischauf; er zeichnete sich durch nichts Besonderes aus, aber er war ein guter Officier, der seine Pferde und seine Leute gut zu regieren und einzuüben wußte. Nun, da er die Uniform ausgezogen, war es ihm, als müsse er in dem bürgerlichen Gewande auseinanderfallen; er hielt sich daher gewaltsam stolz aufrecht und suchte in jeder Bewegung kundzugeben, daß er nicht zu den gewöhnlichen Menschenkindern gehöre. Im Regimente hatte es stets feste Ordre gegeben, jetzt war er in das Commando der Pflicht und der lästigen Selbstbestimmung eingetreten; auf sich allein gestellt, ward er schmerzlich inne, daß er ohne Kameradschaft Nichts war. Das Leben erschien ihm öde und schal, er hatte sich daher in eine ironisch bittere Stimmung hineingearbeitet; das gab ihm vor sich selber eine gewisse Erhabenheit über dieses trockene Getriebe ohne Parade, ohne Spiel, ohne Ballet. Mit einer Art Verwunderung sah er auf Erich, der, von aller äußeren Stellung entblößt, ja in Armuth versetzt, so ruhig und zuversichtlich dreinschaute und sich am Ausblick in die Landschaft ergötzte, als wäre das ein Fest. Erich war in der That besser gestellt. Er war auch in Reih und Glied ein Mensch für sich geblieben, nie ganz in das kameradschaftliche Leben aufgegangen, und nun, da er das Bürgerkleid trug, hatte sich seine Erscheinung neu und frei entfaltet. »Es ist vielleicht ein Glück, wenn man sich um des Erwerbes willen zu Etwas zu bestimmen hat,« sagte Prancken, nachdem man lange lautlos dahingefahren. »Das eben,« erwiderte Erich, »wird die schwere Aufgabe bei dem jungen Millionär sein. Die Idee und das materielle Erträgniß bewegen die Menschenkraft. Die steile Bergwand würde nicht mit Wein bepflanzt, der Wald nicht gerodet, das Schiff nicht gelenkt, der Pflug nicht geführt, wenn nicht die Noth riefe. Wo ein höherer Antrieb sich damit vereinigt – und mir scheint das möglich in jeder Sphäre – da ist das schön Menschliche.« Wieder waren die Beiden still. Im Thale lagen bereits die Schatten, während oben auf den Bergen die Sonne noch hell glänzte. Man fuhr durch das Städtchen; aus den offenen Fenstern klang Musik, es war fröhliches Tummeln in den Straßen, die Mädchen wandelten Arm in Arm dahin, die jungen Männer vereinzelt oder in Gruppen, es gab heiteres Grüßen, Necken und Scherzen; die Alten saßen vor den Häusern, der Marktbrunnen rauschte, und weiter hinauf, die Landstraße am Ufer entlang, war lustiges Singen. »O, wie erquicklich ist unser deutsches Leben!« rief Erich unwillkürlich. »Die gewerblich thätigen Menschen vergnügen sich am Abend, der Kühlung und Schatten gibt in dem baumlosen Weinlande.« Prancken schwieg und plötzlich zuckte er zurück, da ihm – er wußte nicht woher – wie ein Traum, wie ein Gesicht in der Ferne, die Vorstellung kam, daß er dem Manne, der neben ihm saß, mit der Pistole in der Hand im Duell gegenüberstehe. Gewaltsam zwang er sich zum Sprechen und erzählte, wie er auf Anrathen seines Schwagers, des Grafen Clodwig von Wolfsgarten, einen Besuch bei einem hochangesehenen Landwirth in der Umgegend gemacht, um, falls man sich gegenseitig gefiele, dort sich zum Landwirth auszubilden. Der Gutsbesitzer Weidmann galt in der ganzen Umgegend als Autorität in landwirthschaftlichen wie in politischen Dingen. »Ich möchte wissen,« sagte Prancken, »wie Ihnen dieser Mann erscheinen würde. Er hat auch« – bei diesem Worte stockte er und setzte schnell hinzu – »auch wie die großen Weltverbesserer beständig einen Train von guten Lehren, daß man ein ganzes Capuziner-Kloster damit verproviantiren könnte.« Erich entgegnete scherzend, daß es vielleicht auch eine Gastfreundschaft durch Lehren gäbe, und Prancken fuhr fort: »Ach, die Welt besteht aus lauter Aberglauben! Die gepriesene Poesie der Landwirthschaft ist nichts als Erwerbssucht, die die Schminke des Abendroths und Morgenroths auflegt. Dieser Herr Weidmann mit seinen Söhnen denkt an nichts als an Gelderwerb. Er hat sechs Söhne, fünf davon kenne ich, sie sehen alle impertinent gesund aus, mit prätentiös weißen, fehlerlosen Zähnen und sind alle ungeschornen Bartes. Die Berge, die von Reisenden mit Entzücken bewundert werden, müssen der Weidmannischen Sippe auf der Oberfläche Wein geben und aus ihrem Innern Schiefer und Braunstein, Erz und Chemikalien. Sie haben fünf verschiedene Fabriken, der Eine ist Bergmann, der Andere Maschinenbauer, der Dritte Chemiker, und so arbeiten sie für einander und mit einander. Ich habe mir sagen lassen, daß sie vierzig verschiedene Stoffe aus dem Buchenholz ziehen, und dann senden sie die ausgemergelte Kohle noch nach Paris in die Restaurants. Ist das nicht eine schöne Naturschwärmerei? Und nun gar Vater Weidmann. Nicht wahr, Sie freut der Gesang der Nachtigall? Vater Weidmann hat bei der Regierung ein Toleranzedict erwirkt, weil die Nachtigallen Ungeziefer fressen und für Land- und Forstcultur überaus nützlich sind. Wenn heute ein Sänger nach Burg Mattenheim käme, er fände kein Gehör, wenn er nicht ein Lied sänge von der edlen Minne, durch die sich Stickstoff und Wasserstoff zu Ammoniak verbindet. Mir ist ganz wirbelig von lauter Superphosphat und Kali. Glauben Sie,« fragte Prancken jetzt geradezu, »glauben Sie, daß das ein Loos ist, des Strebens werth, den Nahrungsstoff der Menschheit um einige Säcke Kartoffeln zu vermehren?« Ehe Erich antworten konnte, setzte aber Prancken hinzu: »Ach! Es gibt eigentlich gar nichts, was man sein möchte. Soldat ist doch das Einzige.« Als man jetzt einen steilen Berg hinanfuhr und den weiten Strom mit den Inseln übersah, deutete Prancken stromaufwärts auf ein hellweißes Gebäude am Ufer und sagte: »Sehen Sie, dort ist Villa Sonnenkamp, auch Villa Eden genannt. Die große Glaskuppel, auf der die Abendsonne glänzt, ist das Palmenhaus. Herr Sonnenkamp ist passionirter Gärtner, seine Gewächshäuser und Obstpflanzungen übertreffen die des Fürsten.« Erich stand im Wagen aufrecht und schaute rückwärts auf die Landschaft und auf das Haus, in welchem er vielleicht eine neue Lebenswendung zu erwarten hatte. Fünftes Capitel. »Nach Wolfsgarten,« stand auf dem Wegweiser am Rande des gutbestandenen Hochwaldes, in den man jetzt einfuhr. Wir sind hier auf Grund und Boden des Edelmanns. Jeder Fremde, der des Weges kam und sich nach dem weithin blickenden einfachen Herrenhause mit dem gestaffelten Giebel dort oben näher erkundigte, erhielt die Antwort, daß dort zwei glückliche Menschen wohnten, denen nichts fehlte als der Kindersegen. Graf Clodwig von Wolfsgarten war ein Edelmann in der besten Bedeutung des Wortes. Er gehörte zwar nicht zu den zuvorkommenden Menschen, die Jeden mit freundlicher Ansprache gewinnen, er hatte eine vornehme Zurückhaltung und Stille; aber der unabhängige Gutsbesitzer, der Fabrikant wie der Taglöhner, der Pfarrer wie der Handwerker, der Beamte und der Kaufmann in den Städten – Jeglicher glaubte, daß er ihn ganz besonders zu ehren und zu lieben verstehe. Man betrachtete ihn wie eine Zierde der Umgegend, wie einen mächtigen Baum auf der Bergeshöhe, unter dem man sich des Schattens und des freien Ausblicks erfreut und dem man Sicherheit vor allem Unwetter wünscht. Clodwig war lange im Auslande gewesen und erst seit fünf Jahren, seitdem er sich zum zweitenmal verheirathet hatte, wohnte er auf dem Schlosse. Seine Gemahlin Bella war schön, Manche sagten, fast zu schön für den alten Herrn. Sie war gesprächsamer als ihr Gatte, und wenn sie in dem niederen kleinen Wagen, der mit zwei gescheckten Ponies bespannt war, über Land und durch die Dörfer fuhr, grüßte Alles staunend, denn Bella führte die Zügel, während ihr Gatte neben ihr und der Bediente auf dem Rücksitz saß. Man hätte glauben mögen, daß sie auch im Hause die Zügel führe; das war aber keineswegs der Fall. Sie war gegen ihren Gatten voll Demuth und Hingebung, ja es war diesem oft mißfällig, daß sie ihn, und sogar manchmal in seinem Beisein, übermäßig lobte, seine Güte, seine gleichmäßige Ruhe und seinen großen Blick in alle Weltverhältnisse mit beredter Zunge rühmte. Erich erinnerte sich nur dunkel des Aufsehens, das in der Residenz die Verheirathung Clodwigs mit Bella erregt hatte, denn das Ereigniß fiel gerade in die Zeit, als er aus dem Militärdienste trat. Er hatte Bella oft gesehen, aber den Grafen Wolfsgarten nie. Der Graf hatte viele Jahre den Gesandtschaftsposten des Fürstenthums bei dem päpstlichen Hofe in Rom bekleidet, wo auch der Vater Erichs ihn kennen lernte. Clodwig war in der wissenschaftlichen Welt durch eine kleine archäologische Schrift mit sehr kostspieligen Zeichnungen bekannt, denn neben Musik, die er leidenschaftlich liebte, betrieb er mit jener Sauberkeit und jenem Ernste, die sein ganzes Wesen bezeichneten, die Alterthumswissenschaft. Man rühmte ihm überhaupt nach, daß es kaum eine Wissenschaft und eine Kunst gäbe, der er nicht eifrige Pflege angedeihen ließ. Kinderlos, in Rom verwittwet, kehrte er ins Vaterland zurück, war ein angesehenes, dem sogenannten gemäßigten Fortschritte huldigendes Mitglied des Hauses der Standesherren, und verkehrte während der Session viel mit dem alten Herrn von Prancken, der ebenfalls Mitglied dieses Hauses war. Bald bildete sich eine anmuthende Beziehung zu Bella von Prancken, die eine imponirende Erscheinung war und namentlich durch ihr wunderbares Clavierspiel glänzte. Bella war, wenn man es unhöflich ausdrücken wollte, überständig geworden; sie war in ihrer Blüthezeit die schöne Dame des Hofes gewesen, jetzt sah sie bereits einen Nachwuchs in der Gesellschaft glänzen, zu dem sie keine Beziehung hatte. Bella hatte ein schönes Stück Welt gesehen. In Gemeinschaft mit zwei Engländerinnen bereiste sie Italien, Griechenland und Egypten; sie hatte einen gewandten Courier gemiethet, der Alles für sie besorgte. Nun wieder an den Hof zurückgekehrt, wo der Vater Oberstallmeister war, betheiligte sie sich an den Gesellschaften mit jener Resignation, die einer höheren Natur solchen Alltäglichkeiten gegenüber zusteht. Mit Clodwig von Wolfsgarten unterhielt sie sich sehr viel, und er ging von der Voraussetzung aus, daß die Nichtigkeiten der Gesellschaft kaum ihre Beachtung fanden; sie erklärte sich geradezu als eine reifere Natur, die nur noch in höheren Interessen lebte. Mit großer Aufmerksamkeit und lebhafter Theilnahme ging sie selbst auf die archäologischen Liebhabereien Clodwigs ein. Sie hatte auf ihrem Nipptisch keine Porcellanfiguren und dergleichen Schnörkeleien, sondern nur ausgewählte Nachbildungen von Antiken, und sie trug eine große Bernsteinkette, die man in dem Grabe einer vornehmen Römerin gefunden. Sie hatte ein großes photographisches Album, Ansichten von ihrer Reise, mitgebracht, und war glücklich, mit Clodwig Alles noch einmal zu betrachten und sich von ihm belehren zu lassen. Dafür spielte sie ihm auch manchmal vor, während sie sich in Gesellschaften nicht mehr zum Musiciren bewegen ließ. Die ganze Hofgesellschaft that einmal etwas Neues; sie trug zwischen Clodwig und Bella hin und her, was das Eine vom Andern Begeistertes gesprochen hatte, und selbst die höchsten Herrschaften betheiligten sich an der Ermuthigung Bella's und Clodwigs; denn die Beiden waren zaghaft, als sie inne wurden, daß ihr Verhältniß ein anderes werden sollte. Sie entschlossen sich indeß, und die Verlobung wurde im engsten Kreise der Hofgesellschaft gefeiert. Clodwig hatte einmal kurz vor der Hochzeit einen Schwindelanfall gehabt, und von jenem Tage an hatte es Bella eingerichtet, daß Clodwig, wohin er ging, und meist ohne daß er es wußte, von einem Diener begleitet war. Mit der größten Sorgfalt pflegte sie den alten Herrn, und als sie sich nun auf das Erbgut zurückgezogen, gewann Clodwig neue Rüstigkeit. In den Bädern, wohin sie allsommerlich gingen, waren Clodwig und Bella hoch angesehene Erscheinungen. Bella wurde nicht nur ihrer Schönheit wegen verehrt, sondern auch wegen ihrer treuen Hingebung und bis zur Aengstlichkeit gesteigerten Sorgfalt für ihren alten Gatten. Erich erinnerte sich vieler dieser Thatsachen, während er mit Prancken den Berg hinanfuhr. Sechstes Capitel. Hier auf der Bergeshöhe war noch heller Tag. Als man durch den Park die letzte Höhe hinanfuhr, stand Lina in blaugeblümtem Sommergewande am Weg zwischen den grünen Bäumen. Als sie des Wagens ansichtig wurde, kehrte sie schnell um. Zwei hellblaue Bänder, nach der Mode rückwärts geknüpft, spielten im Abendwinde. »Ah,« rief Prancken, »wir treffen heute die Gesellschaft zur kalten Küche bei meiner Schwester. Das holde Kind, das dort geht, ist die Tochter des Landrichters, frisch gebacken aus der Pfanne des Klosters Sacré Coeur zu Aachen. Da werden Sie ein echtes rheinisches Kind kennen lernen. Das freundliche Kind meldet uns der Gesellschaft an. Die Familie ist sehr ehrenwerth, sehr achtbar, die Kleine zu einem Interims-Verhältniß eigentlich zu gut.« Frohgemuth sprang er aus dem Wagen, reichte Erich die Hand und sagte: »Willkommen auf Wolfsgarten!« Im Hofe standen mehrere Wagen und im Garten traf man die Gesellschaft der Frauen; sie saßen mit Fächern und Sonnenschirmen in der Hand auf zierlichen Stühlen um ein großes rundes Beet üppig wuchernden Vergißmeinnichts, in dessen Mitte sich blühende rothe Rhododendren erhoben. »Wir sind keine Ruhestörer, lassen Sie sich nicht stören, meine gnädigen Damen,« rief Prancken schon aus der Ferne in muthwilligem Ton. Bella grüßte ihren Bruder und sodann Erich, den sie sofort wieder erkannte. Er wurde vorgestellt. Frau Landrichter, Fräulein Lina – diese Beiden waren so glücklich, eine Begegnung von gestern erneuern zu können – dann wurde Frau Kreisphysicus und Schwester, Frau Oberförsterin und Schwester, Frau Apothekerin, Frau Bürgermeisterin, Frau Schuldirector, zwei Kaufmannsfrauen und zwei Fabrikantinnen vorgestellt. Die ganze Honoratiorenschaft des Städtchens schien vollzählig. Die Herren, hieß es, seien nach einem nahen Aussichtspunkte gegangen und würden bald zurückkehren. Die Unterhaltung mochte nicht sehr lebhaft gewesen sein; die Erscheinung Erichs erregte Interesse. Die Frau Directorin, eine große üppige Gestalt – Frau Bella nannte sie Frau Kleiderleib, denn sie wußte sich vortrefflich zu kleiden und Alles stand ihr gut – nahm ihre Lorgnette auf und schaute in die Landschaft, benutzte aber diesen Ueberblick, um Erich näher in Augenschein zu nehmen. Die Art, wie sie dann die Lorgnette in der Hand wiegte, schien zu sagen, daß sie einen nicht unangenehmen Anblick gehabt habe. Nach den ersten Fragen, wie lange Erich den Rhein nicht gesehen, und nachdem er mitgetheilt, wie ihm Alles wieder ganz neu erschien und fast berauschend auf ihn gewirkt habe, erinnerte Bella, daß sie ihn zum letztenmal gesehen, als er ein Solo in einem Wohlthätigkeits-Concerte sang. Sie fragte dann nach seiner Mutter und scheinbar beiläufig, aber nicht ohne Betonung erwähnte sie, daß deren einziger Bruder, der Baron von Burgholz, so plötzlich auf Madeira gestorben sei. Bella sprach so leicht, das Sprechen schien ihr durchaus Nebensache, sie veränderte beim Sprechen kaum einen Gesichtszug, ja sie bewegte kaum die Lippen; nur beim Lächeln zeigte sie die volle Reihe kleiner weißer Zähne. Bella wußte, daß Erich sie genau betrachtete, während er sprach, und mit einer Ruhe, als stünde sie nur einem Spiegel gegenüber, schaute sie drein. Mit großer Freundlichkeit stellte sie dann Erich der anmuthigen Oberförsterin, die eine vortreffliche Liedersängerin sei, noch besonders vor und fragte dabei, ob er auch noch fleißig singe; er erwiderte, daß er jede Möglichkeit benutzt, um in der Uebung zu bleiben. Der Abend war ungewöhnlich schwül, eine beklemmende Spannung lag auf dem Berge und über dem Thal. In der Ferne zog ein Gewitter herauf. Man überlegte, ob man das Gewitter auf Wolfsgarten abwarten oder sofort zurückkehren solle. Die anmuthige Oberförsterin sagte, sie gestehe offen, daß sie sich vor einem Gewitter fürchte. »Ah, da kommen die Herren!« hieß es plötzlich. Zwei schöne Hühnerhunde sprangen voraus in den Garten, sie umkreisten den Hund Pranckens, der in der Fremde gewesen war, und beschnüffelten ihn, als wollten sie auswittern, was er draußen erlebt habe. Hinter den Hunden drein folgten die Männer. Erich erkannte sofort den Grafen Clodwig. Es war eine saubere, wohlgepflegte Erscheinung; das glattrasirte, ältliche Gesicht, das aber keinerlei Abspannung und Schlaffheit bemerken ließ, zeigte ständige Freundlichkeit. Clodwig hatte zwei Eigenschaften, die sich selten vereinen: er war liebenswürdig und imponirend; obgleich er nie etwas von aristokratischer Ueberhebung zeigte und Jeden gleich freundlich und gütig behandelte, verstand es sich von selbst, daß sich ihm Alle unterordneten. Als ihm Erich vorgestellt wurde, sagte er: »Seien Sie mir willkommen als Sohn meines römischen Freundes.« Er drückte dann die feine goldene Brille mit dem kleinen Finger der linken Hand etwas schärfer ans Auge. Als nun Erich erwiderte, sagte er in bewegtem Tone: »Sie haben ganz die Stimme Ihres Vaters.« Nur einen Augenblick schaute er vor sich nieder und preßte die feinen Lippen zusammen. Die Art, wie Clodwig sprach, war maßvoll und anmuthend. »Hier stelle ich Sie einem guten Kameraden vor,« sagte er aufschauend und lächelte auffällig, indem er auf einen alten Herrn mit dickem, rothem Kopfe und schneeweißen, kurzgehaltenen Haaren wies. »Das ist unser Major, Herr Major Graßler.« Der Major nickte wohlwollend und reichte Erich eine Hand mit vier Fingern, der Zeigefinger fehlte; aber der Alte wußte doch die Hand des Fremden kräftig zu drücken. Er nickte nochmals, sagte aber kein Wort. Die anderen Herren wurden ebenfalls genannt. Ein schöner junger Mann mit gebräuntem Gesicht und schönem Kinn- und Schnurrbart wurde als Architekt Erhardt vorgestellt. Er verabschiedete sich aber sofort bei dem Grafen, da er noch in dem Kalksteinbruche eine Bestellung zu machen habe. Der Schuldirector sagte Erich, daß auch er ein Schüler des Professor Einsiedel sei. Der Major wurde von den Frauen aus dem Männerkreise abgerufen. Man schalt, daß er, der sonst immer aufmerksam gegen die Frauen und ihr treuer Beschützer, sie heute auch verlassen hatte und mit den Männern gegangen war. Jetzt sollte er Alle entschädigen. Die Mädchen hatten spielend einen Kranz gewunden. Kaum hatte der Major sich gesetzt, als die Mädchen ihm den Kranz auf sein weißes Haupt legten. Er nickte fröhlich und wünschte, daß man einen Spiegel hole, damit er sich auch sehen könne. Gegen Lina hob er den Zeigefinger der linken Hand auf und fragte, ob sie das im Kloster gelernt habe. Es zeigte sich bald, daß der Major die Zielscheibe für die Witzbolzen war, denn es gibt nicht leicht eine Gesellschaft, wo nicht Einer sich dazu hergeben muß oder sich freiwillig zu Gebote stellt. Der Major machte jedem Menschen, der ihn kannte, mehr Freude, als er selber wußte, denn Jeder lächelte freundlich, wenn er an ihn dachte oder wenn von ihm gesprochen wurde. Ein Windstoß flog über die Hochebene dahin, die Flagge auf dem Herrenhause wurde eingezogen, man trug die gepolsterten Stühle schnell unter den bedeckten Vorbau. Mit behaglichem Gefühl saß dann die Gesellschaft im erleuchteten Saale beisammen, während es draußen stürmte. Eine Weile konnte noch kein anderes Gespräch aufkommen, als vom Gewitter. Der Major erzählte von einem kleinen Scharmützel, das sie einmal ausgeführt hätten, während es entsetzlich donnerte und blitzte; er brachte es sehr ungeschickt vor, aber man verstand doch, daß er sagen wollte: wie gräulich es war, daß man einander mordete, während der Himmel drein sprach. Der Landrichter erzählte, daß ein Bursche, der einen falschen Eid schwören wollte, plötzlich, als er eben die Hand aufhob und ein Donnerschlag dreinschallte, die Hand sinken ließ und rief: »Ich hab's gethan.« Der Oberförster berichtete vergnüglich, daß das Gewitter dem Jäger besonders willkommen sei, denn nach demselben komme gewiß das Wild schußgerecht heraus. Der Schuldirector gab eine Schilderung, wie die Kinder während eines Gewitters so schwer in der Schulstube zu beschäftigen seien; man könne im Unterricht nicht fortfahren, und wisse doch nicht, was man mit ihnen anfangen solle. Erich bemerkte in leichtem Ton: »Was uns hier als tobendes Gewitter die Seele einnimmt, ist drunten am Niederrhein, droben im Elsaß ein fernes Wetterleuchten, das die bedrückende Hitze des Tages kühlt. Mit Behagen sitzen die Menschen dort in Gärten und auf Balconen und athmen die reine Luft ein.« Er führte das in heiterer Weise aus und wußte das Gegenwärtige ganz vergessen zu machen. Die Oberförsterin, die in einer Nebenstube im Dunkeln gesessen und sich die Augen zugehalten hatte, kam bei den Worten Erichs, die sie vernommen haben mußte, in den Saal und war ganz unbefangen. Erich fuhr fort zu berichten, wie ihn am vergangenen Abend die Zeitungsnachrichten aus Amerika berührt haben; jetzt erscheine ihm die Luftspannung überm Ocean auch als ein Gewitter, das vielleicht die beklemmende Atmosphäre der alten Welt reinige. Der Landrichter und der Schuldirector zuckten die Achseln. Die Energie, mit welcher Erich aus geschlossener Sammlung sein Gedankenleben kundgab, hatte etwas Befremdendes, ja für einen Theil der Männer etwas Verletzendes. Sie fühlten, daß diese fremde Tonart und dieses Herausheben des Besten, das man in sich wußte, die Frauen anzog und diejenigen in Schatten stellte, die nur gelegentlich und da noch ohne Sammlung und Abrundung etwas mittheilten. Der Landrichter sah in das strahlende Auge seiner Tochter und der Oberförsterin und sagte leise zum Schuldirector: »Das ist ein gefährlicher Mensch.« Das Gespräch zertheilte sich in Gruppen. Erich stand mit Clodwig im Erkerfenster; sie schauten in die Nacht hinaus. Ueber den jenseitigen Bergen zuckten die Blitze auf, bald eine glühende Höhe am Horizont zeigend, bald nur den Himmel zerreißend, wie wenn hinter ihm noch ein zweiter Himmel wäre, und der Donner rollte drein, daß die Decke zitterte und die herabhängenden Prismen an den Kronleuchtern klirrten. »Wie jetzt hier mit Ihnen, stand ich einst mit Ihrem Vater in der Campagna bei Rom,« begann Clodwig: »Ich bin nie dazu gekommen, ihm ganz zu sagen, was ich ihm von damals an verdanke. Wir lebten damals in einer künstlichen Welt, Ausbildung unserer Individualität erschien uns als einziges Ziel; jedes Einwirken auf das Leben Anderer erschien uns störend. Ich weiß nicht, wie es kam, wir sprachen über jene Anschauung, die die Dinge der Welt unter dem Gesichtspunkt der Unendlichkeit betrachtet. Da sagte Ihr Vater . . . ich meine, ich höre seine Stimme noch: Indem wir das Leben der Menschheit als Ganzes fassen, finden wir jene Ruhe, die die Gläubigen haben, da wir mit ihnen dann die Welt in der Einheit des Gottesgedankens halten. Wer den Gang der einzelnen Ameise verfolgt, begreift ihre Zickzackwege nicht und das Schicksal, wie sie plötzlich in die Grube des Ameisenlöwen fällt, der doch auch leben muß. Wer aber den Ameisenhaufen als Einheit sieht . . .« Clodwig hielt in seiner Rede inne. Aus dem Thal heraus hörte man den schrillen Pfiff der Locomotive und das dumpfe Rollen des Bahnzuges. »Damals freilich,« setzte er nach einer Pause hinzu, und sein Antlitz wurde von einem raschen Blitz erleuchtet, »damals störte die stille Betrachtung noch kein Pfiff der Locomotive.« »Und doch,« entgegnete Erich, »ist dieser schrille Ton eigentlich keine Dissonanz. Die Menschen führen ihr gesetztes Leben fort mitten im Aufruhr der Natur. In unserer Zeit zieht sich ein unabänderliches System von Bewegungen unaufhaltsam über unsere Erde. Man könnte sagen, all unser Schaffen und Wirken ist ein Bereiten von Wegen, ein Offenhalten der Bahn, daß sich die ewigen Naturkräfte frei bewegen. Bahndienst hat der neue Mensch auf Erden.« Clodwig faßte die Hand Erichs. Ein lang anhaltender, sich mehrfach fortsetzender Blitz zuckte über der Landschaft und beleuchtete das strahlende Antlitz des jungen Mannes und das klare des alten Herrn. Fest drückte Clodwig die Hand Erichs. Mit bewegter Stimme, als offenbare er ein Geheimniß, das sich ihm schwer von der Lippe ringe, das er aber doch kundgeben müsse, sagte Clodwig: »In solchen Gewittern dachte ich mich schon oft in jene Zeit zurück, da alles Land hier bis zum Odenwald hin ein großer Landsee war, woraus einzelne Berge wie Inseln hervorragten, bis der Strom sich sein Bett durch die Felswand riß. Und haben Sie, junger Freund, sich schon einmal dem Gedanken hingegeben, daß das Chaos wieder hereinbricht?« »Ich habe es versucht, aber wir können uns weder in die vormenschliche, noch in die nachmenschliche Zeit denken. Wir können nur die Arbeitsstunde, die man siebzig Jahr nennt, nach bester Kraft ausfüllen.« Der Major kam und bat die beiden Herren, in den inneren Saal einzutreten, wo sich die Gesellschaft versammelt habe. Ein heller Glanz lag auf dem Antlitz der Beiden, die in die Gesellschaft zurückkehrten. Siebentes Capitel. Man hatte sich in den inneren Musiksaal zurückgezogen, dessen Kuppelbau jetzt, da Alles beleuchtet war, sich fast feierlich ausnahm. Vier Balcone waren in der halben Höhe des Saales angebracht, in der Mitte stand der große Flügel, ein Rundsitz war auf einer Erhöhung. Dort thronte jetzt Bella mit der Landrichterin zur Rechten und der Oberförsterin zur Linken. Die jungen Mädchen gingen Arm in Arm durch den Saal und Prancken geleitete sie scherzend; er trug eine Rose aus dem Kranz Lina's in der Hand. Als jetzt Clodwig und Erich sich mit dem Major in den Kreis setzten, kamen auch die jungen Leute hinzu. Bella fragte den Major, ob der Bau der Burg, die Herr Sonnenkamp neu herrichten lasse, fortschreite. Der Major nickte; er nickte stets mehrmals, ehe er sprach, als bestätigte er im Voraus, was er sagen wollte. Mit großer Zuversicht erklärte er, daß man einen Brunnen im Burghof finden müsse. Clodwig ersuchte ihn, ja recht behutsam jeden Fund aus dem Mittelalter oder aus der Römerzeit zu bewahren; er versprach, bald selbst einmal zu kommen und Nachgrabungen anzuordnen. Der Oberförster sagte scherzhaft: »Herr Sonnenkamp« – Jedes nannte ihn Herr, aber in anfremdender Betonung, als ob man ihm fern sein wollte – »Herr Sonnenkamp wird sich nun wol zu seinem Namen den der restaurirten Burg beilegen.« Bei der Erwähnung des Herrn Sonnenkamp war es, als ob ein Damm durchgebrochen wäre; von allen Seiten strömte die Unterhaltung wild einher. »Herr Sonnenkamp hat viel Verstand,« sagte der Schuldirector, »aber Molière behauptet boshaft, der Verstand der Reichen steckt in ihrer Börse.« Der Apotheker fügte hinzu: »Herr Sonnenkamp liebt es, sich als hartgesottener Sünder zu zeigen, in der Hoffnung, daß man ihm das nicht glaube; aber man glaubt es ihm.« Erich hörte die Namen Herr Sonnenkamp, Frau Ceres, Manna, Roland, Fräulein Perini, es war wie ein Zwitschern im Walde, wo die Vögel durcheinander singen und sich keine Melodie fassen läßt. Nicht ohne boshaften Blick auf Prancken sagte die Frau Landrichterin: Männer könnten eher mit solchen räthselhaften, aus der Fremde angesiedelten Menschen Umgang pflegen, Frauen müßten da zurückhaltender sein. Sie gab dann noch zu verstehen, daß alteingesessene Familien streng zuwarten, bevor sie fremde Eindringlinge aufnehmen. Mit etwas gewaltsamem Scherz spöttelte Bella über die langen Nägel der Frau Ceres; ihre Lippen verzogen sich, als Clodwig in ruhigem Tone, aber doch mit Schärfe sagte: »Bei den Indiern vertreten lange Nägel die Stelle des Stammbaums, und sind vielleicht ebenso gut.« Die Gäste staunten, da Clodwig so wegwerfend vom Adel sprach. Er schien durch das Losziehen über das Haus Sonnenkamp gereizt. In ihm war nichts Unsauberes, alles Kleinliche und Gehässige war ihm zuwider, wie ein unangenehmer Geruch, wie ein greller Ton. Zu Erich gewendet sagte er: »Der Herr Sonnenkamp, von dem die Rede, ist Besitzer von vielen Millionen. Einen solchen Reichthum zu erwerben ist immerhin eine Kraft. Ich möchte sagen: viel Geld erwerben ist eine Art Tapferkeit, Geld bewahren erfordert eine gewisse Weisheit, und Geld schön ausgeben ist eine Kunst.« Er machte eine Pause, und da Niemand das Wort nahm, fuhr er fort: »Ich finde, daß Reichthum ein gewisses Recht auf Ehre hat. Selbsterworbener Reichthum ist Zeugniß von Thatkraft, Umsicht. Eben so schwer, vielleicht noch schwerer als die Aufgabe, ein Fürst zu sein, erscheint mir die, ein Mann von so übermäßigem Reichthum zu sein. Da häuft sich eine Macht in dem Menschen an, die dem Charakter leicht etwas Gewaltthätiges gibt; solch ein Mann lebt in einem Dunstkreis des Allmacht-Bewußtseins und hört fast auf, eine einzelne Persönlichkeit zu sein; die ganze Welt erscheint ihm unter dem Gesichtspunkte des Kaufpreises. Haben Sie schon je einen solchen Mann kennen gelernt?« Bevor Erich antworten konnte, fiel Prancken ein: »Der Herr Hauptmann Dournay will Erzieher des jungen Sonnenkamp werden.« Alle Augen richteten sich auf Erich; die Gesellschaft betrachtete ihn, als wäre er plötzlich verwandelt und in ein Bettlergewand gehüllt. Ein Mann, der in Privatdienst tritt und in einen solchen, verliert alle Würde. Die Männer schauten einander an und zuckten die Achseln, die Frauen betrachteten Erich mitleidig. Erich blickte zur Erde. Er wußte nicht, was Prancken mit dieser überraschenden Kundgebung beabsichtigte; er glaubte etwas erwidern zu müssen, aber er konnte das rechte Wort nicht finden und schwieg. Eine peinliche Pause war eingetreten. Clodwig hatte die Hand an die Lippen gelegt, die erblaßt waren. »Eine solche Stellung,« sagte er endlich, »würde Ihnen zur Ehre und Herrn Sonnenkamp zu Ehre und Glück gereichen.« Erich fühlte, wie eine breite Hand sich auf seine Schulter legte, und als er umblickte, sah er in das lächelnde Gesicht des Majors, der, mehrmals mit der linken Hand auf sein Herz deutend, endlich die Worte hervorstieß: »Der Herr Graf hat gesagt, was ich sagen wollte; aber es ist mir lieb, daß Er es gesagt hat, und er hat's auch besser und schöner gesagt, als ich. Führen Sie Ihren Vorsatz aus, Kamerad.« Prancken bemerkte in sehr leutseligem Ton, daß er es gewesen, der Erich veranlaßt und empfohlen habe. Lina hatte ein Fenster geöffnet und rief jetzt mit heller Stimme: »Das Gewitter ist vorüber!« Ein frischer, würziger Luftstrom drang in den Saal und löste die Spannung der Gemüther; Alles athmete frei auf. Noch rieselte ein leiser Regen nieder, aber schon sangen wieder die Nachtigallen im Busch. Jetzt wurde auch in die Oberförsterin gedrungen, daß sie singe. Sie sträubte sich, aber sie konnte nicht widerstehen, da Bella, die man noch fast nie hatte spielen hören, sich erbot, sie zu begleiten. Die Oberförsterin sang einige Lieder mit frischer und jugendlicher Stimme, so klar und einfach, daß es allen Hörern das Herz erfreute. Auch Lina sollte singen; sie betheuerte, daß sie heute nicht singen könne, aber die Mutter sah sie mit strafendem Blick an. Lina trat an das Clavier, sang einige Töne, konnte aber nicht weiter. Ganz unbefangen, als ob gar nichts geschehen wäre, rief sie: »Nun hab' ich's gezeigt, daß ich heute nicht singen kann.« Die Landrichterin biß die Lippe und schnaubte vor innerem Aerger, daß ihre Nasenflügel zitterten, über das alberne Mädchen, das dabei noch so that, als ob es sich passend benommen. Die Oberförsterin sang noch ein Lied und jetzt gesellte sich Lina zu ihr und sagte, daß sie nur nicht allein, aber ein zweistimmiges Lied wol singen könne. Und in der That sang sie einen frischen Sopran, zwar noch etwas ängstlich, aber gediegen. Mit einer Harmlosigkeit, als ob er ein alter Kamerad von ihr wäre, forderte sie nun auch Erich auf, daß er singe. Die ganze Gesellschaft vereinigte sich mit ihren Bitten, aber Erich lehnte es entschieden ab, und er schaute wieder betroffen auf, als Prancken ihm beistimmte, mit dem Zusatze: »Der Herr Hauptmann hat Recht, daß er nicht auf Einmal seine Talente kundgeben will.« Es war im verbindlichsten Tone gesagt, aber die boshafte Spitze war doch unverkennbar. »Ich danke Ihnen für Ihren kameradschaftlichen Beistand,« erwiderte Erich. Der Himmel hatte sich aufgeklärt, nur über dem Taunusgebirge wetterleuchtete es noch. Die Gesellschaft verabschiedete sich; man dankte sehr redselig für den herrlichen Tag und den genußvollen Abend. Selbst Frau Kleiderleib sprach jetzt und zeigte sich in ihrer neumodischen Capuze, dem sogenannten Baschlik, die sie sehr geschickt gelegt hatte. Als man sich eben zum Aufbruch anschickte, kam der Kreisphysicus. Er hatte im Nachbardorfe einen Krankenbesuch gemacht und war durch das Gewitter aufgehalten worden; er hatte kaum noch Zeit, den Grafen Clodwig und Bella zu begrüßen. Bella athmete tief auf, als die Gesellschaft zur kalten Küche endlich davonfuhr. In den verschiedenen Wagen wurde viel gesprochen, in einem aber wurde geweint, denn Lina mußte eine scharfe Strafpredigt hören, wie sie so gar kein Benehmen habe, sie sei doch nichts als die dumme Einfalt vom Lande; statt neckisch zu sein und sich geltend zu machen, benehme sie sich immer, als ob sie vor einer Stunde die Gänse gehütet hätte. Lina war an diese gewaltsamen Zurechtweisungen gewöhnt, aber heute schienen sie ihr besonders zu Herzen zu gehen. Sie war so heiterer Seele gewesen, und jetzt ward ihr die Strafrede doppelt empfindlich. Sie weinte still vor sich hin. Der Landrichter mischte sich nicht in das Weibergezänk. Erst als er an der ausgerauchten Cigarre eine neue ansteckte, sagte er: »Dieser redefertige Herr Dournay scheint mir ein gefährlicher Mensch.« »Ich finde ihn sehr liebenswürdig.« »Frauenlogik! Als ob Liebenswürdigkeit die Gefährlichkeit ausschließe und nicht vielmehr einschließe. Merkst Du denn nicht die leicht zu durchschauende Intrigue?« »Nein!« »So reime Folgendes zusammen: Wir treffen ihn im Kloster, wo die Tochter des unermeßlich reichen Herrn Sonnenkamp sich aufhält; er thut, als ob er Niemand kenne und von nichts wisse. Jetzt will er Erzieher des jungen Sonnenkamp werden. Ei, wie das blitzt!« Ein langer Blitz leuchtete auf, so daß die Landschaft plötzlich aus dem Dunkel hervortrat. Vor allem leuchtete Villa Eden auf, so kenntlich in allen Formen des Gebäudes, als ob man nur wenige Schritte davon entfernt wäre. »Sieh nur,« fuhr der Landrichter fort, »wie dieser große Bau und der Park beleuchtet ist, und Niemand weiß, was hier oben gebraut wird. Wunderliche Welt! Der Baron Prancken führt Herrn Dournay bei seinem Schwager und Schwiegervater ein wie einen Freund, und doch sind die beiden Männer, wie mir scheint, Feinde.« Die Frau Landrichter war ärgerlich über ihren Mann. Mit ihr allein und im Hause war er so belebt und fein beobachtend, in Gesellschaft aber benahm er sich immer so einsilbig und trocken und ließ Andere glänzen. »Wer ist der Schwiegervater?« fragte sie. »Natürlich Herr Sonnenkamp; er soll es wenigstens sein. Das unermeßliche Geld des Herrn Sonnenkamp ist Guano für den Baron Prancken; er hat ihn nöthig; was hat er viel danach zu fragen, woher dieser Guano kommt?« Lina warf den Schleier über ihr Angesicht und schloß die Augen. Der Landrichter fetzte nun noch ausführlich auseinander, daß weder er noch seine Frau sich in diese Sachen mengen dürften. »Dieser Hauptmann-Doctor ist ein gefährlicher Mensch, gefährlich nach vielen Seiten hin.« So schloß er und war nun wieder still, bis man zu Hause ankam. Achtes Capitel. Otto von Prancken ging mit seiner Schwester Bella im Garten auf und ab und erklärte, daß er Erich an Herrn Sonnenkamp empfohlen habe, dies aber bereits entschieden bereue. Bella, die immer gereizt war, wenn sie sich für die bürgerliche Gesellschaft geopfert hatte, wendete nun ihren Aerger gegen den Bruder, der ihr einen Mann als ebenbürtigen Gast zugeführt habe, der doch eigentlich ein Diener war oder werden wollte und nun gar bei Herr Sonnenkamp. Mit schadenfroher Lust setzte sie dann hinzu, daß Otto sich wol am kühnen Ueberspringen der Hindernisse freuen müsse, da er einen Mann von so bezaubernder Persönlichkeit, wie dieser Doctor – sie sagte das Wort wie eine Degradation gegen Hauptmann – in das Haus empfehle. Es sei einfache Methode, daß sich die Tochter des Hauses in den Hofmeister des Bruders verliebe. »Herr Dournay,« schloß sie, »ist eine sehr gewinnende Erscheinung, nicht blos, weil er ein ungewöhnlich schöner Mann ist, noch mehr zieht eine gewisse träumerische Offenherzigkeit und Biederkeit an. Mag das nun wahr oder gemacht sein, wirksam ist es jedenfalls, und nun gar einem siebzehnjährigen Klosterkind gegenüber.« Mit gutem Humor erwiderte Otto, daß er seiner Schwester eine minder alltägliche Phantasie zugetraut habe; überdies sei Erich ein anerkannter Weiberfeind, der von Allem, was weiblich genannt wird, nichts liebe als die Idee. Dennoch sprach Prancken seinen Vorsatz aus, am anderen Morgen, bevor Erich nach der Villa gehe, Herrn Sonnenkamp zu besuchen und ihm vertraulich mitzutheilen, daß er widerwillig habe eine Empfehlung geben müssen. Er wolle Herrn Sonnenkamp rathen, den Bewerber in guter Manier abzuweisen, denn man könne ja mit Fug und Recht sagen, daß Erich den Knaben mit Freiheits-Ideen anstecken würde; ja man könnte noch weiter gehen und Herrn Sonnenkamp mittheilen, daß die Aufnahme Erichs mißfällig bei Hofe angesehen würde. Dieser letzte Grund mußte Alles schlagen. Prancken hatte ja selbst mit daran gearbeitet, daß eine Geltung in den Hofkreisen für Herrn Sonnenkamp das Höchste war, was er zu erstreben hatte. Bella verwarf diesen Plan; sie fand eine Lust darin, den Bruder zu stacheln; gerade einem solchen Mitbewerber gegenüber Sieger zu sein, werde ihn neu beleben. Ueberdies wäre es vielleicht gut, der Dame Perini gegenüber, deren clericales Ziel doch Niemand vollständig erforsche, einen Mann zu haben, der die Weltlichkeit vertritt und den man sich durch Dank verpflichtet hat. Ja noch mehr: würde sich, wie unzweifelhaft, ein ständiger, geheimer Krieg zwischen Signora Perini und diesem höchst zuversichtlichen Dournay etabliren, so habe man in allen Fällen das Schiedsrichteramt und die Entscheidung. Bella vergaß den Aerger über die kalte Küche, da sich ihr ein durchsichtiges Gewebe von Intriguen aufthat, die angenehm unterhielten und zum Ziele führten. Sie war die Vertraute des Fräulein Perini, Otto sollte der Vertraute Erichs bleiben, und so hatte man das Haus Sonnenkamp in der Hand; denn es sei kein Zweifel, daß Erich großen Einfluß gewinnen könne. Otto sträubte sich gegen die ihm zuertheilte Rolle, aber sie wurde ihm nicht abgenommen. Eine Katze, die, still und beharrlich den Athem anhaltend, vor einem Mauseloch sitzt, läßt sich nicht wegbringen; sie weiß, die Maus kommt heraus, sie knappert schon und dann gibt's einen guten Fang. Bella hatte ein Mittel, ihren Bruder zu dem zu bestimmen, was sie wollte; sie durfte ihm nur vorhalten, wie unwiderstehlich er sei und daß er das Selbstvertrauen, das ihm ehedem so schön stand, wieder gewinnen müsse. Otto schien beruhigt; er war es noch nicht ganz, er redete sich aber ein, daß er es noch werde. Ueberdies war dieser Dournay doch ein armer Mann, dem man helfen mußte, und er hatte heute die plötzliche Kundgebung seiner Lebensstellung mit vielem Anstand hingenommen und gutes Benehmen bewahrt. Nach geraumer Weile sagte Bella: »Wenn Du mit Deiner Mittheilung über die Stellung des Doctor Dournay eine Absicht hattest, und Du hattest sie . . .« »Allerdings.« »Dann hättest Du nicht so brüsk dreinfahren dürfen. Du konntest vertraulich Diesem und Jenem die Sache mittheilen, das wirkte sicherer und stellte Dich nicht bloß.« Prancken mußte bekennen, daß seine Schwester Recht habe, und jetzt, da Bella Recht hatte, verfolgte sie ihren Sieg über die Grenze des Berechtigten. Sie wollte nun sofort in Allem Recht haben und fügte hinzu, daß Clodwig durch die zufahrende Weise Otto's eine Gelegenheit gegeben worden, seine Bissigkeiten gegen den Adel vorzubringen, und Herr Dournay als ein Verfolgter werde nun sein besondrer Günstling; denn Clodwig liebe die Menschen, denen Unrecht geschehen. An Allem dem sei nun Otto schuld. Eine Weile herrschte stumme Verdrossenheit und Mißstimmung zwischen den Beiden . . . Während Bruder und Schwester draußen im Garten umhergingen, saß Erich beim Grafen Clodwig in dessen Arbeitszimmer, das von einer zweiarmigen Lampe beleuchtet war. Sie saßen einander gegenüber in Lehnsesseln an der Langseite des Schreibtisches. »Ich bedaure,« begann Clodwig, »daß der Arzt so spät gekommen; er ist herb, aber eine Kernnatur. Ich glaube, Sie werden sich mit ihm befreunden.« Erich schwieg und Clodwig fuhr fort: »Ich weiß nicht, warum mein Schwager in seiner Weise Ihr Vorhaben so plötzlich der Gesellschaft kundgegeben hat. Es wird nun viel besprochen und ein gewisser naiver Duft Ihres schönen Vorhabens ist damit weggewischt.« Erich entgegnete, daß wir darauf gefaßt sein müssen, ein stilles Vorhaben vorzeitig in die scharfe Luft der Außenwelt versetzt zu sehen. Clodwig betrachtete ihn mit wohlgefälligem Blick und nahm wieder auf: »Ich habe heute an Ihnen oder vielmehr durch Sie eine Erfahrung erneuert. Die Menschen halten den Privatdienst für eine Degradirung, ohne zu bedenken, daß es nicht darauf ankommt, wem man dient, sondern nur in welchem Geist man dient. Ich dien', ist der Wappenspruch meiner Ahnen.« Der alte Herr hielt inne; Erich wußte nicht, ob er eine Pause mache oder eine Erwiderung erwarte; Clodwig fuhr aber bald fort: »Man findet es höchst ehrenvoll, wenn ein höherer Officier oder Staatsbeamter die Erziehung eines Prinzen übernimmt; ist es aber minder ehrenvoll, die Erziehung von dreißig Banernknaben zu übernehmen oder auch, wie Sie, sich der Leitung dieses reichen Jünglings zu widmen?« »Ich habe Dienen nie und nirgends für entwürdigend gehalten. Ich war freiwillig in Dienst getreten bei der Direction des Zuchthauses.« Clodwig sah den Sprechenden mit großen Augen an, dann sagte er: »Wollen Sie mir möglichst genau erzählen, wie Sie zu dem geworden, was Sie sind?« »Von ganzer Seele; und ich will mir die Ehre, daß ich so zu Ihnen sprechen darf, damit verdienen, daß ich nicht bescheiden bin. Ich will zu Ihnen sprechen wie zu mir selbst.« Clodwig drückte auf eine Klingel, die auf dem Tische stand; ein Diener trat ein. »Robert, welche Zimmer hat der Herr Hauptmann?« »Das braune, g'rad über dem Schlafzimmer des Herrn Grafen.« »Geben Sie dem Herrn Hauptmann die Erkerzimmer oben.« »Verzeihen, Herr Graf, es stehen noch Sachen vom Prinzen Leonhard darin.« »Thut nichts. Und noch Eins; ich will nicht gestört sein, bis ich wieder klingle.« Der Diener entfernte sich. Clodwig setzte sich etwas tiefer in den Stuhl und legte sich eine rothe Plüschdecke über die Knie; dann sagte er: »Wenn ich die Augen schließe, glauben Sie ja nicht, daß ich schlafe.« Es war etwas zutraulich Herablassendes, aber fern von aller gönnerhaften Vornehmigkeit, vielmehr sprach sich eine herzliche Innigkeit darin aus, wie Clodwig nun Erich bat, unumwunden zu berichten. Neuntes Capitel. Erich begann: »Ich bin 28 Jahre alt und wenn ich mein Leben überschaue, so ist es bisher nur ein Suchen gewesen. Ein einzelner Beruf läßt so viele Kräfte in uns unthätig, und doch muß eine Wahl getroffen worden, da schließlich in jeder Berufsart der ganze Mensch bestehen und wirken kann. Ich bin der Sohn einer glücklichen Ehe, in einträchtigem Familienleben herangewachsen. Von meinem dritten Jahre an wurde ich in Gemeinschaft mit Prinz Leonhard erzogen. Es war ständig eine Widersacherei zwischen uns; die Ursache wurde mir erst später klar, als ein offener Bruch stattfand. Eine gewisse Heuchelei, die gar nicht in den Charakter der Kameradschaft taugte, hatte mich nach Außen gefügig und nach Innen unruhig und empfindlich gemacht. Gewiß widerspricht es auch dem Wesen der Kindheit, sich ununterbrochen ehrerbietig, gefällig und fügsam zeigen zu müssen. Ich kam in das Cadetten-Institut und genoß dort eine besondere Ehre, weil ich der Kamerad des Prinzen gewesen. Mein Vater war hier zugleich mein Lehrer, und da lebte ich auch zwei Jahre mit Ihrem Herrn Schwager. Ich war kein besonders guter Schüler. Einer der glücklichsten Tage meines Lebens war der, als ich zum ersten Mal die Epauletten trug; wie sehr der Beruf mich enttäuscht, sah ich daran, daß vielleicht der Tag, an welchem ich die Uniform ablegte, nicht minder glücklich war. Trotzdem empfinde ich noch einen Einfluß jener Zeit. Ich kann noch heut keine Batterie vorbeimarschiren sehen, ohne daß mir das Herz bebt. Bald nachdem ich Lieutenant geworden, siedelten meine Eltern nach der Universitätsstadt über; ich war nun allein. Ein ganzes Jahr war ich in mir begnügt und heiter, wie Alles um mich her. Ich weiß noch heute die Stunde, an einem schönen hellen Herbstmittag, ich sehe noch den Baum, ich höre noch die Elster drauf, wo ich plötzlich mein Pferd anhielt und in mir fragte: Was thust Du denn auf der Welt? . . Dich und die Rekruten abrichten zur geschicktesten Tödtung deiner Mitmenschen . . .« »Ist Ihnen die Soldatenschule nie als Männerschule und Wirkungskreis Ihres Lehrberufs erschienen?« fiel Clodwig bescheiden ein. Erich war betroffen und verneinte; dann sich neu sammelnd nahm er wieder auf: »Ich verscheuchte die schweren Gedanken, aber sie verließen mich nicht mehr. Ich war in mir und mit meinem Beruf zerfallen. Ich kann nicht sagen, wie unnütz ich mir in der Welt erschien; Alles welk, öde, leer. Es gab Tage, wo ich mich meines Kleides schämte, daß ich als gesunder, starker Mann müßig ging, wohlgekleidet war, und daß mein Pferd vielleicht den Hafer des armen Mannes frißt.« »Das ist übertrieben,« schaltete Clodwig ein. »Gewiß, ich erkenne es jetzt auch, aber damals im ersten Ansturm des Empfindens war es anders. Ich bat um Urlaub, um den wirklichen Krieg kennen zu lernen. Mein Commandeur, Prinz Leonhard, fragte mich bei den Schießübungen unversehens, in welchem Heere ich den Krieg mitmachen wolle, und noch ehe ich antworten konnte, setzte er scharf hinzu: »Sie würden wol lieber bei den Tscherkessen als bei den Russen stehen?« Mir war die Zunge gelähmt. Von da ab war mein Verhältniß nach Außen ebenso zerfallen, wie ich in mir war. Soll ich Ihnen die kleinen Plackereien aufzählen? Ich verdiente sie, denn in mir war nichts als Widerspruch, mein Thun erschien mir als eine einzige große Lüge. Ich war ein schlechter Soldat. Ich wollte das Räthsel des Daseins lösen und versenkte mich in das Studium der Philosophie. Eigentlich bin ich eine gesellige, mittheilsame Natur, und doch war mir das beständige Leben in der Kameradschaft unerträglich. Zwei Jahre hielt ich es noch aus, dann forderte ich meinen Abschied. Ich wurde aus besonderer Rücksicht für meine Eltern mit Hauptmannsrang entlassen. Jetzt war ich frei! Ich war dennoch erschreckt, daß ich dies Leben zu verlassen hatte. Ich war weichlich geworden in der Absonderung. Das sollte sich nun ändern. Ich war frei. Wunderlich, so in die weite Welt hinein zu fragen: Welt, was willst du von mir? Welt, was soll ich dir? Da liegen die tausend Thätigkeiten . . . welche soll ich erfassen? Ich war zu Allem bereit. Ich hatte eine schöne Singstimme und Viele glaubten, ich würde ausübender Künstler werden; ich erhielt sogar Anerbietungen. Wie ganz anders aber war meine Gemüthsverfassung! In mir brannte eine tiefe Sehnsucht, etwas Opfervolles für meine Mitmenschen zu leisten . . . Wäre ich ein Kirchengläubiger gewesen, ich glaube, ich wäre Missionär geworden.« Clodwig öffnete das Auge und sah in das strahlende Auge Erichs. Eine kurze Pause entstand. Clodwig legte die Arme wieder auf der Brust übereinander, lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen. Erich fuhr fort: »Als ich zum ersten Mal in Bürgerkleidung über die Straße ging, war mir's, als ginge ich entblößt vor den Augen der Menschen, wie man das oft so ängstlich träumt. Der Erste, der mir begegnete und mich starr ansah mit dem Ausdruck der Ungewißheit, ob er mich erkenne, war mein alter Hauptmann, der, in Civildienst übergetreten, Vorsteher des Männer-Zuchthauses war. Er erzählte mir, daß er hier sei, um einen Gehilfen zu suchen. Mein Entschluß war bald gefaßt. Ich wollte mich der Leitung und Hebung der gefallenen Mitmenschen widmen. Erst aus meinem neuen Beruf schrieb ich meinen Eltern. Mein Vater antwortete, daß er mein Streben wol anerkenne, aber mit Bestimmtheit voraussehe, daß ein gewisser Schönheitstrieb mir das Leben unter Verbrechern unmöglich machen würde. Er hatte Recht. Ich suchte die Neigung nach dem höheren Luxus des Daseins mit aller Macht zu unterdrücken, es gelang mir nicht; mir fehlt die Dosis Humor oder auch jener freie Standpunkt, der die Lebenserscheinungen wie naturwissenschaftliche Phänomene ansieht und behandelt . . . In meiner Hauptmanns-Uniform erlangte ich bei den Züchtlingen mehr Respect als in meiner Bürgerkleidung. Das Leben unter den Züchtlingen, die meist verhärtete, gedankenstumpfe Menschen oder abgefeimte Heuchler waren, wurde mir zur Hölle, und diese Hölle hatte noch eine Pein besonderer Art. Ich hatte damals den schwergemuthen Grübelsinn, ich war in mich gekehrt und konnte doch die Welt nicht vergessen. Ja, es verfolgte mich immer, daß ich mir vorstellen mußte, was wol die Menschen über mein Thun und Lassen denken und sagen. Aus ihren Augen gesehen, erschien ich mir nun so zu sagen als idealistischer Vagabund. Das wollte ich nicht sein, und vor Allem sollten meine Feinde und Spötter den Triumph nicht haben, daß ich in Verwahrlosung und Unstetigkeit verkomme. Ach, ich quälte mich unnöthig; denn wer hat Zeit, Lust und Trieb, dem Dasein eines Entschwundenen nachzugehen? Die Menschen bestatten Todte und gehen dann wieder ihrem Alltagsleben nach, und so auch bestatten sie Lebendige. Ich mache ihnen heute keinen Vorwurf mehr darüber; es muß so sein. Mir ward klar, daß ich zu dem jetzt gewählten Berufe nicht geeignet war. Ich lebte noch zu sehr in mir, ich setzte mir alles Gewordene noch beständig um und suchte Gründe und Entstehung der Charaktere zu erforschen. Ich wollte mich damals noch nicht drein finden, daß Wesen und Handlungen der Menschen nicht so folgerecht sich entwickeln, als ich mir dachte. Dabei war ich noch zu leidenschaftlich und vor Allem von einer beständigen Sehnsucht nach dem Schönen beherrscht. Ich dachte an Auswanderung in die neue Welt. Aber was war ich dort? Sollte ich mir so Mancherlei angeeignet haben, um ein Stück Urwald in ein Fruchtfeld zu verwandeln? Ich hatte allerdings noch einen besonderen Grund, der mich nach Amerika zog. Dorthin war der einzige Bruder meines Vaters gegangen und ganz verschollen. Früher hatte er eine Bijouteriefabrik gehabt. Er liebte die Schwester meiner Mutter, und als er mit einem Heiratsantrage etwas schroff abgewiesen wurde, verließ er Europa und ging in die neue Welt. Er lehnte jede Beziehung zu Heimat und Familie ab. Als ein Freund meines Vaters sich in Neuyork bei ihm einführte und zuletzt behutsam von uns erzählte, wies ihn der Oheim mit den heftigsten Ausdrücken aus dem Hause. Er wollte nichts mehr von uns und von Europa überhaupt wissen. Ich bildete mir ein, daß ich den Oheim bekehren könnte, und Sie wissen ja, daß man in verzweifelter Lage gern vom Abenteuerlichsten eine Rettung erwartet. Mein guter Vater half mir. Was er immer als meinen Beruf erkannt und wogegen ich nur, vom blendenden Soldatenstande angezogen, widerstrebt hatte, das war mir nun deutlich. Der Durst nach Einsamkeit erwachte in mir; mir war, als müßte ich einen Fleck Erde suchen, wo kein Ton in das Innenleben störend einzudringen vermag. Diese Einsamkeit, die doch alles Leben in sich schließt, brachte mir nun die Wissenschaft. Mein Vater half mir, indem er mir deutlich machte, daß meine Vergangenheit nicht verloren sei, sondern mir eine Besonderheit und neue Aufnahme gebe. Er kam und brachte mir ein Angebinde, das mir in die Wiege gelegt war; denn der Senat der Universität, an welcher mein Vater vor seiner Berufung als Erzieher des Prinzen docirt hatte, hatte mich bald nach meiner Geburt mit der Universitäts-Matrikel beschenkt, wie man einem neugebornen Prinzen eine Militär-Charge verleiht.« Clodwig sah Erich lächelnd an und bat, daß er fortfahre. »Ich habe nur noch wenig zu erzählen. Ich widmete mich dem Studium der Alterthums-Wissenschaft, und jener Trieb nach dem Schönen fand nun Befriedigung in der Aufnahme der classischen Welt. Seines Fleißes darf sich Jeder rühmen, sagt der Dichter. Ich habe redlich gearbeitet und hatte nun im Elternhause das Glück eines Kindes und als Mann die Freude des geistigen Wachsthums. Mein Vater hatte die Hoffnung, daß ein erfolgreiches Gelingen dessen, was er verfehlt hatte, mir beschieden sei; er gab mir das Erbe jener Ideen, die er weder in der Wissenschaft niederlegen, noch auf dem Lehrstuhl kundgeben konnte. Wenn es je ein glückliches, von ständiger Tempelweihe erfülltes Haus gab, so war es das meiner Eltern. Da starb mein jüngerer Bruder. In wenigen Wochen wird es ein Jahr, seitdem wir ihn begraben; mein Vater, der überdies eine Kränkung in der Seele trug, konnte bei aller stoischen Kraft diesen Schlag nicht überwinden. Zwei Monate sind es her, daß auch er starb. Ich habe den Schmerz des Verwaisten niedergekämpft und meine Studien absolvirt. Vor einigen Tagen erhielt ich die Doctorwürde. Meine Mutter und ich, wir haben allerlei Pläne, noch ist nichts bestimmt. Ich habe nach meiner Mutter Rath diesen Ausflug nach dem Rhein gemacht, denn ich hatte übermäßig gearbeitet, und wir wollten uns nach meiner Rückkehr fest entschließen. Da traf ich Ihren Herrn Schwager und ich halte es für meine Pflicht, die dargebotene Gelegenheit nicht von mir zu weisen. Ich bin bereit, in den Privatdienst zu treten. Ich weiß, was ich unternehme, und meine, dafür ausgerüstet zu sein. Es gab eine Zeit, wo ich glaubte, nur in der Wirkung auf eine große Gemeinsamkeit Befriedigung finden zu können; jetzt würde ich mich begnügen, ein einziges Menschenkind zu erziehen, und noch dazu ein solches mit der einstiger Herrschaft über großes Besitzthum zum edelwirkenden, für seine große Aufgabe entsprechend vorbereiteten Menschen bilden zu helfen. Ich bin zu Ende. Ich wünsche nicht, daß Jemand von mir besser denke, als ich verdiene, aber ich wünsche auch als das zu gelten, was ich zu sein glaube. Ich kann in einer gefährlichen Unwissenheit stehen, da ich ja nicht weiß, wie mich Andere ansehen; ich habe mich auch nur gegeben, wie ich mich im ehrlichen Bekenntniß vor mir selbst ansehe. Ich glaube, ein Lehrer zu sein. Was von künstlerischer Neigung und Befähigung in mir sein mag, will ich auf die Bildung eines Menschen anwenden. Ich habe Ihnen nach bestem Wissen mein ganzes Sein dargelegt; wo noch Lücken sein sollten, bitte ich mich zu fragen.« Clodwig stand auf, trat rasch auf Erich zu und sagte: »Ich reiche Ihnen nochmals die Hand. So lange diese Hand vom Leben bewegt ist, wird sie sich Ihnen nicht entziehen. Ich hatte Anderes mit Ihnen vor, ich kann es Ihnen jetzt nicht mehr sagen, ist auch nicht mehr nöthig. Doch genug. Gehen Sie ruhig und fest Ihrem Ziele entgegen; was ich zur Erreichung thun kann, haben Sie ein Recht zu beanspruchen. Hören Sie? Sie haben ein Recht auf mich in jeder Lebenslage, in jeder Weise. Gute Nacht, lieber junger Freund.« Der Graf zog sich rasch, wie einer Rührung entfliehend, zurück. Der Diener kam und geleitete Erich mit großer Ehrerbietung auf sein Zimmer. Zehntes Capitel. Drunten im Städtchen tönte hell eine mitternächtliche silberne Glocke vom Thurm, sie war in alten Zeiten von einer edlen Frau gestiftet und sollte den Verirrten im Walde Kunde von der Menschenheimat geben. Erich hörte das Läuten, und im Gedanken sah er jetzt den Beichtstuhl in der Kirche; dort beichten Gläubige und schreiten, mit dem Segensspruch gestärkt, wieder in das Leben hinaus. Er hatte einem Mann gebeichtet, in dem die Weihe des reinen Geistes lebte; erhoben und gekräftigt fühlte er sich, im Selbstbewußtsein gerüstet zu jedem schönen Menschenbunde. Er öffnete das Fenster und sog den Athem der kühlen, würzigen Nachtluft ein. Im Thal wogten feine Nebel, die Glocken in den Dörfern schlugen Mitternacht, zart und bescheiden schlug auch die Glocke zu Wolfsgarten. Erich versenkte sich in das Wallen und Wogen der Natur, wo es auf- und niederrieselt in den Baumstämmen, in den Zweigen sich regt und jede Knospe getränkt ist. Von fern dröhnte noch ein nächtlicher Bahnzug, die Nachtigall im Walde sang laut, und plötzlich, wie vom Schlaf überwältigt, brach sie ab. Wie wolkige Schaaren drängte sich alles Leben, eigenes und fremdes, zu Erich heran. O, wie groß und reich ist die Welt, und Genossen bester Art leben in ihr und harren nur des Anrufs und des grüßenden Augenstrahls! Jetzt kam der Mond heraus über den jenseitigen Bergen, ein flüsternder Schauer rieselte durch den Wald, die Nachtigall sang wieder laut, die Nebel im Thal hoben sich und verschwammen und ein breiter Strahl glitzerte auf einer Glaskugel in der Ferne. Dort ist Villa Eden! Nur gewaltsam widerstrebend gab Erich endlich der Müdigkeit nach und schloß das Fenster. Er betrachtete lange eine Büste der Medusa: fesselnd war das große, gewaltige und schöne Antlitz; auf dem wildlockigen Kopf liegen zwei aufstrebende Vogelflügel, unter schwellend zusammengezogenen Brauen starrt das große Auge, als wollte es niederschmettern; der Mund ist trotzig verzogen und auf den Lippen liegen höhnende schadenfrohe Worte; unter dem Kinn sind wie ein Kopftuch zwei Schlangen zu einer Schlinge gebunden. Der Anblick dieses Hauptes war abstoßend und anziehend zugleich. Der Medusa gegenüber stand eine Büste der Victoria von Rauch, jenes wundersame Frauenbild, an das Antlitz der Königin Louise erinnernd, das edle Haupt mit dem schweren Eichenkranz, nicht erhoben, sondern in sich gebeugt, wie sinnend und anhaltend . . . Wunderliche Gegenüberstellung solcher zwei Büsten! Der Schlaf übermannte Erich, aber schon nach wenigen Stunden, da kaum der Tag zu dämmern begann, erwachte er wieder. Es gibt Stunden und Tage, wo im Gemüthe eine frohmuthige Zuversicht ist, als hätte man den Schlüssel gefunden, der alle Herzen öffnet, als hielte man die Zauberruthe in der Hand, die alle Quellen erschließt und uns jedem Mitathmenden nahebringt, als einem Genossen und Bruder. Die Welt ist durchklärt, und die Seele tief erlabt vom Gefühle reinen Glückes, das nichts ist als Dasein, Leben, Athmen, Lieben. Von solchem Gefühl umfangen stand Erich am Fenster und schaute hinaus über den Strom nach den jenseitigen Bergen, den Burgen, den Städten, den Dörfern am Ufer und auf der Höhe. Da überall bist Du wenn auch nur flüchtig daheim, Du lebst auf der schönen Welt! Schnell war Erich im Freien; er ging durch den Park und den Wald; er ging dahin als schritte er nicht selbst, als trüge ihn eine unnennbare Macht. An den frischen Frühlingsblättern der Waldbäume, auf Gras und Blume hingen noch die Tropfen des nächtlichen Gewitterregens, kein Lüftchen regte sich, und doch schüttelten die Bäume oft plötzlich die auf ihnen ruhenden Tropfen prasselnd ab. Das ist der Sonnenstrahl, der jetzt Zweig und Blatt trifft und eine dem Auge unerkennbare Bewegung hervorbringt. Im Busche sang die Schwarzamsel laut und hell und übertönte all das durcheinander wirrende Gejauchze der Waldgenossen. Bei einer offenen Halle auf dem Bergeskamme stand Erich still und sah lange nach einer Gabelweihe, die frei sich schwingend über dem Berge schwebte, dann über den Strom hinweg im jenseitigen Walde sich niederließ. Was war's, daß ihm jetzt Herr Sonnenkamp einfiel? War's Neid und Furcht der kleinen Vögel, die einem Gewaltigen böse Nachrede halten, und hat dieser nicht das Recht zu leben nach seiner Kraft? Zu dem Knaben hin dachte sich Erich, als müßte er sich in seine Träume senken und ihm sagen: Ich komme zu Dir. Erich forschte lange umher, ob er die Glaskuppel sehe, er fand sie nicht. Er schritt auf der Hochebene landeinwärts dahin, wo sich bald wieder Thalgründe, Höhen und Berge darstellten. An einem großen Felde hielt er an und sah zum ersten Mal in seinem Leben einen neuen Weinberg anlegen. Die Männer hielten Werkzeuge wie große Bohrer in der Hand; sie senkten sie in die lockere Erde und fügten dann in geordneten Reihen die Setzlinge ein. Erich grüßte die Arbeitenden, und sie dankten ihm wohlgemuth; sie mochten am Ton seiner Stimme hören, daß er jeden Fremden grüßte, als wäre er sein Bruder. Er ließ sich berichten, wie lange es dauere, bis man zum ersten Male keltern könne, und als ein Alter ihm ausführlich Alles erklärt hatte, ging er dankend davon. Er begegnete Arbeitern, die zu einem Kalksteinbruche gingen. Er gesellte sich zu ihnen und vernahm, daß dieses Vorwerk dem Grafen gehöre, daß er aber Alles verpachtet habe und auch sein Gut nicht selbst bewirthschafte. Der Aufseher zeigte ihm die in der Nähe befindliche Cementfabrik; Erich sah hier Ziegelsteine zu Fliesen von gutem Muster aus der Zeit der Renaissance; Clodwig hatte die Fabrikation nach diesem Muster empfohlen und sie fand guten Absatz. Als Erich in das Schloß zurückkehrte, meldete ihm ein Diener, daß der Graf ihn erwarte. Dieser war bereits vollkommen gesellschaftsmäßig angekleidet und reichte seinem Gast die Hand, indem er sagte, daß er heute schon viel an dessen Vater gedacht. Er fragte, wie er gestorben sei. Erich schilderte, wie sein Vater noch in der letzten Nacht vor seinem Tode den Sohn glücklich gepriesen habe, der in die neue Zeit eintrete, die sich nicht mehr blos darin verbrauche, um das Widrige und die Gewaltsamkeiten abzuthun. »Mein Sohn,« sagte er, »mir zittert das Herz vor Freude, wenn ich in die Jahrhunderte hineinsehe, wie da Schönheit, Freiheit, Fürsorge für die Mitlebenden sich aufthut, die wir erst im Keime sehen. Sieh nur das Eine, mein Sohn. Die Alten wollten, daß der Staat die Kinder erziehe, und jetzt thut er's und in einer Weise, die kein Solon, kein Sokrates ahnen konnte. Du wirst die Zeit erleben, wo man kaum mehr ahnt, daß es Sklaven, Leibeigene, Hörige gab und das ganze Gerümpel einer sich selbst belügenden Welt.« Clodwig drückte halb murmelnd seine Freude aus, welch ein schönes Erbe es sei, wenn der Sohn, die Ideen des Vaters erbend, dieselben fortwirkend bethätige. Und in die Landschaft hinausschauend setzte er hinzu: »Da drunten sind Manche, die nicht wollen können, daß die Kinder ihre Gedanken und Thaten fortsetzen. Doch bitte,« wendete er sich laut an Erich: »Nur noch eine Frage. Hat Ihr Vater Ihnen nie erklärt, was dem plötzlichen Zerfall mit dem Hofe voranging?« »Gewiß.« »Und dürfen Sie es einem Andern mittheilen?« »Ihnen allerdings; er gestattete mir ausdrücklich, es Denjenigen mitzutheilen, die ich aus voller Seele hochhalte.« »Sprechen Sie etwas leise,« bat Clodwig, und Erich fuhr fort: »Mein Vater sollte in jener letzten Audienz, von der Niemand etwas erfuhr, aus der Hand des Fürsten das Adelsdiplom empfangen, um nunmehr zu einer Hofstellung würdig zu sein. Er sagte zum Fürsten: »Hoheit, Sie vernichten den Segen meiner jahrelangen Lebensarbeit, in der ich meine beste Kraft der Bildung meines jungen Fürsten widmete, wenn Sie glauben, daß ich das annehme, oder daß ich es überhaupt noch für Etwas halte, was unserer Zeit zusteht.« – »Ich scherze mit solchen Dingen nicht,« erwiderte der Fürst. – »Und ich auch nicht,« entgegnete mein Vater. – Es waren Jahre verflossen, als der Vater mir dies erzählte, und doch zitterten seine Lippen, und er sagte, daß er in jenem Augenblicke, da er und sein Zögling lautlos einander gegenüber standen, das Herbste seines Lebens erfahren habe.« »Wunderbar! Wunderlich! Und Sie reisen heute zu dem Manne . . . Doch kommen Sie, es ist Zeit zum Frühstück.« Man ging in den Saal des Erdgeschosses, dessen Thüren weit geöffnet waren. Bald erschien auch Bella; sie ahnte, daß Erich sie scharf betrachtete, sie wendete sich rasch, um an einem Seitentisch den Kaffee zu bereiten. »Meine Frau,« sagte Clodwig, »hat heute bereits einen Boten an Fräulein Perini geschickt, und ich habe dabei Herrn Sonnenkamp sagen lassen, daß Sie erst heute Abend oder noch besser morgen in der Frühe bei ihm vorsprechen werden.« »Und ich soll meinen Bruder bei Ihnen entschuldigen, er ist heute in aller Frühe mit einem jungen Manne, sie nennen ihn hier den Weincavalier, zum Pferdemarkt nach Mannheim gereist. Belieben Sie Kaffee oder Thee?« »Wenn ich bitten darf, Kaffee.« »Das ist recht, daß Sie ohne Umstände sagen, was Sie wollen,« sagte Bella hell. »Es ist eine abscheuliche Höflichkeit, wenn die Menschen auf solch eine Frage antworten: Es ist mir gleich! Wenn es Dir gleich ist, liebe höfliche Seele, so sag Eins oder das Andere und wälze nicht mir die Entscheidung zu.« Ein heiterer Ton war damit angeschlagen und man setzte sich zu Tische. Bella wußte, daß sie im Morgenanzuge noch wohlgefälliger erschien, als im Gesellschaftskleide. Sie war eine stolze, wohlgebaute Erscheinung; ihr reiches, dunkelblondes Haar, jetzt halb aufgelöst, war von einem feinen Spitzentuche gehalten, das improvisirt und nachlässig übergeworfen schien und unter dem Kinn geknüpft war. Ihre Gesichtsfarbe war frisch, als hätte sie sich eben erst in Milch gebadet, und in der That wusch sie sich täglich beim Schlafengehen und nach dem Erwachen in Milch. Ihr Gesichtsausdruck war scharf und fein, Alles war edel geformt, nur hatte sie eine gekniffene Oberlippe, die ein boshafter Cavalier am Hofe einmal die Giftmischerlippe genannt hatte. Ihre Bewegungen waren voll Elasticität und Grazie und das einzig Unharmonische schien ihre tiefe Sprechstimme zu sein; sie hatte fast eine Männerstimme. Im leichten Gespräche beim Frühstück machte sie ihren ganzen Liebreiz, verständnißvolles Eingehen und neckische Schelmerei zugleich geltend. Dazwischen betrachtete sie Erich scharf, sie war überrascht von seiner Erscheinung; gestern hatte sie ihn nur in der Abenddämmerung und dann bei Licht gesehen. Er war offenbar auch eine Tageserscheinung, und in der That lag jetzt ein frischer Glanz auf seinem Antlitz, denn die Erregung seines Innern zeigte sich in seinen Mienen. Er schaute Bella an, als wollte er sagen: Ich bin fast der Sohn deines Gatten geworden, laß auch zwischen uns den reinen Gleichklang sich bilden! Bella war ausnehmend freundlich, vielleicht im Gefühle, daß sie heute bereits eine Hinterlist bereitet hatte. Ein italienisch geschriebenes Briefchen an Fräulein Perini enthielt die ebenso behutsam im Ausdruck als entschieden in der Sache gegebene Anweisung, daß der neue Ankömmling scharf zu prüfen sei. Als Clodwig dem Boten sagte, daß Erich erst Abends oder am andern Tage kommen werde, fühlte sie sich indeß in ihrer vorausgegangenen Hinterlist berechtigt und beruhigt, denn noch nie hatte Clodwig mit solcher Eigenwilligkeit einen Gast zurückbehalten. Clodwig und Bella hatten einander versprochen, nur sich allein zu leben, und sie hatten es bisher treulich gehalten. »Ich bin eine müde Seele,« hatte Clodwig damals zu Bella gesagt, da er ihr seine Hand angeboten, und sie hatte erwidert, daß sie den Müden erfrischen wolle. Bella hatte seitdem jede Beziehung mit der Außenwelt abgeschnitten, denn sie wußte, solche Freundschaftsbesuche kommen nur auf Stunden und Tage und machen dann die Einsamkeit nur um so bemerklicher. Bella war sehr liebenswürdig gegen Jedermann und jederzeit, wenn Jedermann zu jeder Zeit ihr den Willen that und zu Gefallen lebte. Im Grunde aber liebte sie die Menschen nicht, sie hatte kein Verlangen nach ihnen; sie wollte nichts von Anderen, und man sollte auch sie in Ruhe lassen. Die hundertfältigen Beziehungen, die Clodwig ehedem mit Männern und Frauen gehabt, waren ihr zuwider, und Clodwig fügte sich in ihren Wunsch, seine ausgebreitete Correspondenz und seinen persönlichen Verkehr auf das geringste Maß zu beschränken. Nur mit zwei Gesellschaftskreisen der nächsten Umgebung hielt man noch zeitweise Verbindung. Die Einen, die sogenannte bürgerliche Gesellschaft oder die Gesellschaft zur kalten Küche, wie man sie hier oben nannte, haben wir gestern kennen gelernt; dagegen wurden die zerstreut wohnenden Adeligen jährlich zweimal zu einem Kreise geladen. Sollte nun dieser desertirte Hauptmann das Alles stören? Im Triumphe, daß sie ihn auswies, wurde Bella immer beredter. Erich konnte nicht umhin, jene Weinlaune, jene angeheiterte Stimmung zu preisen, die die Rheinlande durchzieht und Jeden ergreift, der in den Kreis der Bewohner eintritt. Endlich lenkte er das Gespräch wieder auf Sonnenkamp, da ihm die Art, wie des Mannes gestern erwähnt wurde, räthselhaft war. Mit lebhafter Zuvorkommenheit erklärte nun Bella, daß sie, im Widerspruch mit der festgesessenen Philisterei, den Mann sehr anziehend finde; er habe nichts Triviales und sei ein Eroberer, ein kühner Recke; in dieser auf Aktien gestellten Welt gebe es ja nichts weiter zu erobern als Geld. Das Abenteuerliche in Sonnenkamp schien eine Anziehung auf Bella zu üben. Bedachtsam fügte Clodwig hinzu: »Ich habe oft gesehen, so lange ein Mann im Wachsthum des Reichthums ist, erscheint den Menschen sein Glück wie eine Befriedigung des Weltverstandes; es thut ihnen wohl, als wüchsen sie mit ihm. Hat er aber sein Ziel erreicht, werden ihm die Menschen abtrünnig und der Weltverstand, der sich vorher so befriedigt zeigte, mäkelt nun an ihm. Verstehen Sie etwas von Gartencultur?« »Nein.« »Herr Sonnenkamp ist ein sehr bedeutender Gartenkünstler. Ist es nicht seltsam! In Parkanlagen haben wir die französische Gartenkunst, die den Naturwuchs stylisirt, überwunden; nun hat sie sich in die Obstcultur geflüchtet und findet da einen hohen Schutz in dem Alles beherrschenden Nutzen und erzielt fast märchenhafte Erzeugnisse. Das werden Sie bei Herrn Sonnenkamp sehen, der diese französische Obstcultur betreibt. Ja,« fügte er lächelnd hinzu, »Herr Sonnenkamp ist ein Baum-Erzieher, man könnte sagen ein tyrannischer Baum-Zerreißer. Ich kann mich heute Ihnen gegenüber näher aussprechen. Mir war Herr Sonnenkamp immer fremd und wird es wol bleiben. Bei aller guten Manier, ja bei einer wachsamen Beflissenheit für gute Manier, sieht aus seinem Wesen eine Brutalität heraus; ich meine Brutalität im ursprünglichen Sinne des wilden Naturmenschen.« »Sie würden da einen schweren Stand haben, und bei Roland besonders,« wendete Bella ein. »Heißt der Knabe Roland?« fragte Erich. »Ja, dies ist sein Name. Der Knabe möchte gern viel wissen und nichts lernen.« Bella schaute vergnüglich um, da sie diese Worte gesagt hatte. Der Papagei, der im großen Käfig auf der Veranda stand, schrie laut, wie zankend. »Sehen Sie,« rief Bella, indem sie aufstand, »das ist mein Schüler, der seine Lehrerin tyrannisirt.« Sie nahm den Papagei heraus, setzte ihn auf ihre Schulter, hätschelte und liebkoste ihn, daß man fast neidisch werden konnte auf diese Verschwendung; die Biegung des Halses und Nackens, und alle ihre Bewegungen waren schön. Eilftes Capitel. Bella ging und Clodwig sah auf Erich, als begrüßte er ihn aufs Neue. Nur einem arglosen Blicke konnte die Veränderung entgehen, die im Benehmen Clodwigs lag; er hatte in Anwesenheit Bella's eine Befangenheit und Aengstlichkeit, als hätte er etwas zu hüten, das nicht verletzt werden dürfe. Bella kam indeß bald wieder, den Papagei auf der Hand tragend und ihn streichelnd. Sie ging im Zimmer auf und ab und wendete sich oft zurück, da Erich erzählte, daß er heute landeinwärts gegangen sei und schon viele Menschen gesprochen habe. Clodwig verbreitete sich über seine Lieblingsansicht, daß sich in Physiognomie und Charakter der Einwohner noch Spuren der römischen Ansiedler zeigen. Bella schien unwillig, dies wiederum hören zu müssen; sie warf mit übermüthiger Laune dazwischen: »Wenn man sich vom Rhein abwendet, so hat man – wenigstens habe Ich das Gefühl, daß Jemand, wahrscheinlich Vater Rhein, mir nachsieht, ja, als riefe er: Sieh Dich doch um!« »Wir Männer haben nicht immer das Gefühl, gesehen zu werden,« entgegnete Clodwig in einem Tone, der scherzhaft klang, aber doch an den Ernst streifte. Er bat Erich, die Thonvase, ein Geschenk, das der Landrichter gestern überbracht hatte, nach ihrer Zeit zu bestimmen. Erich, der frisch aus der Wissenschaft kam, konnte das mit Leichtigkeit, und als man in das anstoßende Gemach ging, das mit bunten, verschiedenartigen Ausgrabungen angefüllt war, zeigte er sich bewandert in allen einschlagenden Verhältnissen. »Sie sind ein guter Lehrer,« sagte Bella, »und es muß eine Lust sein, sich von Ihnen unterrichten zu lassen. Ja, viele Menschen geben nur widerwillig Belehrungen, Andere, um dabei glänzend zu erscheinen; Sie aber belehren wie ein freundlicher Wohlthäter, der sich freut, eine Gabe reichen zu können, noch mehr aber, daß sie dem Empfänger wohlthut, und Sie geben Alles so, daß man nicht nur überzeugt ist, Sie verstehen die Sache, man glaubt auch, man verstehe selbst etwas davon.« Clodwig sah staunend auf; ganz dasselbe Wort hatte er noch gestern Abend vom Vater Erichs gebraucht, indem er dessen gedachte, daß seine einzige kleine Schrift unter der uneigennützigsten Beihilfe des Professor Dournay zu Stande gekommen war. Die beiden Männer gingen mit einander auf die Zimmer Erichs. Hier übergab Erich dem Grafen ein Exemplar seiner Doctorabhandlung und jetzt erst fiel ihm auf, wie seltsam sich das fügte. Er hatte Untersuchungen angestellt über die apokryphe Schrift Plato's: »Ueber den Reichthum,« und nun sollte er gerade berufen sein, die Erziehung im Reichthum zu leiten. Auf den Wunsch Clodwigs las Erich die lateinisch geschriebene Abhandlung deutsch vor. Clodwig knüpfte die Betrachtung daran, daß es wohlgethan wäre, geschichtlich und psychologisch darzuthun, wie der Reichthum auf die Frauen wirke; das ließe sich freilich nur abstract aber nicht bildlich darstellen wie Zartsinn und Kraft. Er wies auf die Medusa und Victoria hin, die er hier einander gegenüber gestellt. Die Wissenschaft werde allerdings seine Betrachtung nicht gelten lassen. Die Medusa sei ihm die Erscheinung der Alles verzehrenden Leidenschaftlichkeit, die, wenn sie der irrende Mensch sehe, ihn vor seinem eigenen Selbst erstarren mache. Es sei sehr bedeutungsvoll, daß die Alten das äußerste seelische Chaos im Weibe dargestellt hätten, denn die zur Liebe geschaffene schöne Erscheinung, die zu Bosheit und Zerstörungslust geworden, sei gerade in der Gestalt des Weibes um so krasser. Die Rauch'sche Victoria dagegen erscheine ihm als Verkörperung eines hochsittlichen modernen Seelenzustandes. Auf die Victoria deutend rief er: »Dieses Antlitz gleicht wunderbar –« er vollendete den Satz nicht, sondern ging stotternd in einen anderen über und fuhr fort: »Das ist nicht jene Siegesgöttin, die stolz und erhaben den Kranz auf der schimmernden Stirn trägt; das ist die Darstellung des Sieges, der innerlich darum trauert, daß er über einen Gegner siegen mußte. Ja, noch mehr, diese Victoria ist mir die Göttin des Sieges über sich selbst, der immerdar der höchste Sieg ist.« Als ob er fürchte, noch mehr zu sagen und vielleicht an Jenes zu rühren, das nicht verletzt werden sollte, entfernte sich Clodwig fast unvermittelt mit einer kurzen Entschuldigung. Er ging zu Bella und sagte ihr, wie er sich freue, noch mit dem nachfolgenden Geschlecht in verständnißvollen Zusammenhang treten zu können. »Diese neue Jugend,« sagte er, »ist anders als wir waren, sie schwankt nicht mehr zwischen den beiden Polen Begeisterung und Verzweiflung; es ist vielmehr eine intellectuelle Begeisterung in ihr, und ich glaube, sie wird mehr durchführen als wir. Ich bin glücklich, daß ich nicht schon zu alt bin, um noch diese, ich möchte sagen, zur Eisenbahn geborne Jugend verstehen zu können. Ich bewundere und liebe unsre Gegenwart. Noch zu keiner Zeit wußte Jeder in seinem Berufe so bestimmt, was er will und soll, als die heutige Welt; so in aller Wissenschaft und in allem Leben.« Bella hörte ihren Gatten geduldig an. Als er jetzt inne hielt, fragte sie: »Und was willst Du nun damit?« Sich sammelnd erwiderte Clodwig, wie er wünschen möchte, einen Mann so reiner Sinnesart wie Erich bei sich zu behalten. »Ich bin in der Lage,« sagte er, »diesem jungen Manne für Jahre ein freies Asyl bei mir zu geben. Und warum soll ich es nicht?« Bella antwortete nicht gerades Weges, sie entgegnete nur: »Auch ich finde, er hat etwas Gehobenes in seinem Wesen, er gibt viel und gern und hat etwas geistig Förderndes.« »Und warum soll er nun nicht für Jahre bei uns bleiben?« »Weil wir allein bleiben wollen. Clodwig, laß uns allein bleiben. Es ist mein Wunsch, daß auch mein Bruder uns bald wieder verlasse.« Sie hatte, während sie sprach, ihre Hand auf Clodwigs Arm gelegt; jetzt faßte sie seine Hand und streichelte sie. Clodwig ging gebückten Hauptes davon. Zum Mittag erschien Bella schön geschmückt, mit einer einzigen Rose im Haar. Sie wußte Erich in seinen heiligsten Gefühlen wohlthuend zu berühren, denn sie erzählte, wie glücklich sie sich stets im Elternhause Erichs gefühlt habe. Das war ein Haus, in dem nie ein unedles Wort laut wurde; die Mutter sei wie eine Priesterin, die immer ein ideales Flämmchen auf dem Hausaltar pflegte. Am Nachmittag fuhr man in die Landschaft hinaus; Bella war schweigsam auf der Ausfahrt. Man besuchte ein ehemaliges römisches Lager. Bella saß auf einer untergebreiteten Decke unter einem Baum allein, während die Männer umherstreiften. Als man am Abend bei der Lampe versammelt war, erschien Bella wiederum als eine Andere; sie hatte sich heute zum dritten Mal anders gekleidet und war von überraschender Belebtheit. Sie wollte dem neuen Günstling ihres Mannes nicht in falschem Licht oder gar als das nichtssagende Anhängsel erscheinen; Erich sollte erkennen, wer sie ist. Sie ist nicht nur die Gattin Clodwigs, sondern auch und vor Allem Bella von Prancken. Kaum hatte Clodwig den Wunsch ausgesprochen, daß sie spielen möge, so war sie sofort bereit. Die hastige Art, wie sie die klimpernden und raschelnden Armspangen abstreifte, die Erich sofort ihr aus der Hand nahm und auf den Marmortisch unter dem Spiegel legte; die Weise, wie sie die beiden, gleich flatternden Schwingen erhobenen Hände in der Luft bewegte und dann in die Tasten des Claviers fuhr, wie ein Schwimmer, der in seinem Element ist . . . Alles das zeigte, daß sie entschlossen war, nicht in zweiter Linie zu stehen. Noch nie, seit sie die Frau Clodwigs war, hatte Bella im Beisein eines Dritten so gespielt; sie hatte stets nur Clodwig allein ihr meisterhaftes Clavierspiel hören lassen. Heute vollführte sie das mit einer Lust und Meisterschaft, daß selbst Clodwig, der jede Einzelheit ihrer Spielweise kannte, neu erstaunt und entzückt war. Nach hoher Beglückung im Umgange mit edlen Menschen und weitem Ausblick in die freie Natur ist der Seele nichts gegeben, als ein Ausklingen und Vertönen der Empfindung im unbegrenzten, uferlosen Aether der Musik. Da baut sich ein Reich wachen Träumens, unendlichen Empfindens auf, das über das Wort des Mundes und den Blick des Auges hinaus, aus einem räthselhaft tiefen Urgrunde des Menschengeistes sich aufthut; das ist die reine Phantasie ohne bestimmte Empfindung und ohne begrenzten Gedanken, nichts als rhythmisches Wellenwogen der Töne. Zur Ueberraschung der beiden Männer erhob sich Bella plötzlich und sagte gute Nacht. Sie gab zuerst Clodwig, dann auch Erich die Hand, dann gab sie nochmals Clodwig die Hand und verschwand schnell. Nur noch kurze Zeit blieb Clodwig bei seinem Gastfreunde, dann verabschiedete auch er sich. Wie taumelnd ging Erich auf sein Zimmer. Wie reich ist die Welt, welch ein Tag war dies, von der Morgenstunde im thauigen Walde an bis jetzt. Und Menschenglück ist eine Wahrheit! Hier sind zwei Menschen zu Ruhe und Glückseligkeit gekommen, wie man solche in der wirklichen Welt kaum denkbar erachtet. Aus dem unbewußten Denken an das reiche Haus, in das er eintreten wollte, und aus dem bewußten Denken an das vollerfüllte Dasein der Menschen hier, stellte sich ihm die Frage: Ist das schöne Leben, die Erfüllung der Seele im freien Ausblick in die Natur und dann wiederum die freie Sättigung an allem Schönen in Wissenschaft und Kunst nicht dem Reichthum allein möglich, der Befreiung von aller Sorge und Noth, der Erlösung von aller Arbeit um das gemeine Bedürfniß? Als er mit dem Licht in der Hand in den Erkersaal eintrat, stand er erschreckt vor dem Bilde der Medusa, das ihn mit offenem Munde starren Blickes so gewaltig und zermalmend anschaute. Was ist das? Woher hat dies Bild plötzlich diese Aehnlichkeit? Hat Clodwig eine Ahnung davon? Und es ist doch so schreckend. Und jetzt, es ist wie das Spiel eines Dämons . . . auch der gerade Gegensatz, auch die Victoria hat Aehnlichkeit mit Bella, wenn sie still und ruhig, sanft und bescheiden den Kopf neigt. Hat Clodwig eine Ahnung von diesem wunderbaren Spiel des Gegensatzes, und hat er doch nicht Alles gesagt, da er heute am Morgen seine Ketzerei bekannte? Die Pulsadern in den Schläfen Erichs schlugen heftig. Er löschte das Licht und sah noch lange hinaus in die dunkle Nacht. Zwölftes Capitel. Erich zog am Morgen seine Hauptmanns-Uniform an, denn Clodwig hatte ihm dies angerathen; auch ein Pferd hatte er ihm zu Gebote gestellt. Das Antlitz Clodwigs glättete sich, als er den schönen stattlichen Mann, den die Uniform gut kleidete, in den Gartensaal eintreten sah. Bella hatte sich entschuldigen lassen, daß sie nicht zum Frühstück komme; sie sage Erich Lebewohl bis auf Wiedersehen. Clodwig überreichte Erich einen Brief, den er Herrn Sonnenkamp übergeben solle; er setzte aber dringend hinzu, daß er nicht abschließen möge, bevor sie sich wiedergesehen. Wie eine Mutter ihrem in die Fremde ziehenden Sohne, so suchte Clodwig seinem jungen Freunde noch allerlei Anweisungen zu geben. Erich sagte, wie es ihm so eigen zu Muthe; ohne zu wissen, ob er bei Herrn Sonnenkamp eintreten könne und dieser ihn wünsche, denke er an den Knaben, als wäre er bereits sein Zögling. »Ich kenne den Knaben wenig,« sagte Clodwig, »ich weiß nur, daß er sehr schön ist. Und Sie sind gewiß auch der Ansicht, daß es durchaus verkehrt ist, einer jungen Seele große Grundsätze zu geben, die die Lebensrichtung bestimmen sollen, bevor diese junge Seele das Material des Lebens hat und seine Strömungen kennt.« »Gewiß,« entgegnete Erich. »Das ist gerade so, wie wenn man in uncultivirten oder halb civilisirten Ländern Eisenbahnen baute, bevor Straßen gebaut sind, die die Zufuhr der landwirthschaftlichen und industriellen Producte vermitteln. Der Krankheitsgrund der modernen Menschheit liegt, wie mein Vater oft gesagt hat, darin, daß man dem Kinde dogmatisch die Gesetze der Weltregierung einflößt; das ist ein auf den Schein gestellter Luxus, der unfruchtbar ist, weil er eine Vorstufe überspringt.« Endlich war es Zeit zum Aufbruch. Clodwig sagte, daß er Erich noch ein Stück Weges begleite. Erich nahm das Pferd am Zügel. Und wie sie nun neben einander herschritten, betrachtete der alte Herr seinen jungen Freund oft mit liebevoll sorgendem Blicke. Er empfahl ihm nochmals, jede Zuträgerei über Herrn Sonnenkamp entschieden abzulehnen; Herr Sonnenkamp lasse vielleicht manches Gerede bestehen, weil er entweder zu tugendhaft sei, um sich darum zu kümmern, oder weil vielleicht Thatsachen sein Leben bezeichnen, die er gern durch falsche Gerüchte verdeckt wisse. Auffällig sei allerdings, daß Herr Sonnenkamp, obwol ein geborner Deutscher, noch nie einen Verwandten bei sich gesehen habe. Es sei indeß wahrscheinlich, daß er, von geringer Herkunft, seinen Verwandten unter der Bedingung Gutes thue, daß sie jeden Verkehr mit ihm vermeiden. Der Major Graßler habe einmal Aehnliches mitgetheilt. »Noch Eins,« sagte Clodwig und hielt still. »Sagen Sie Herrn Sonnenkamp nichts davon, daß Sie eine kurze Zeit sich der Leitung der Sträflinge gewidmet haben. Ich will damit keinerlei Makel auf Herrn Sonnenkamp werfen; aber viele Menschen haben eine Scheu vor Männern solchen Berufs.« Erich dankte; er sah das innerste Bestreben dieses Mannes, ihm seinen Lebensweg zu ebnen. Man ging still weiter. »Hier will ich umkehren,« sagte endlich Clodwig; »erlauben Sie mir nur noch eine Warnung.« »Eine Warnung?« »Ist vielleicht nicht das rechte Wort . . . Wer im Leben etwas Anderes sucht als Nutzen, Vergnügen und Ehre, der wird Vielen, die von solcher Bevorzugtheit keine Ahnung haben, exaltirt erscheinen; die Welt kann nicht gerecht sein gegen solche Menschen, sie muß sie verdammen, weil sie ihr eigenes Bestreben von ihnen verdammt sieht. Sie werden Ihr Lebenlang, wenn Sie sich treu bleiben, ein Martyrium zu tragen haben; tragen Sie es im Stolz Ihres Bewußtseins und wissen Sie, daß ein neuer alter Freund Sie erkennt und mit Ihnen fortlebt.« Rasch legte der alte Herr seine Hände auf beide Schultern Erichs, küßte ihn, und mit großer Hast wendete er sich und ging davon. Er schaute nicht mehr zurück. Erich stieg auf und ritt davon. Als er um die Waldecke bog, wendete er sich noch einmal. Er sah Clodwig stille stehen . . . Bella hatte vom Balcon aus, wo man den ganzen Weg überschauen konnte, den Beiden nachgesehen; jetzt ging sie ihrem Gatten entgegen, und sie war nicht wenig betroffen, als sie in dessen Antlitz sah. Es war eine Bewegung darin, die sie noch nicht gesehen hatte. Bella glaubte etwas sagen zu müssen und sie pries das Glück des jungen Sonnenkamp, solch einen Führer zu bekommen. »Mich schmerzt es, daß er in dieses Haus soll.« »Und doch hast Du ihn ebenfalls empfohlen?« »Ja, das ist's eben. Es rächt sich früher oder später, was man mit halber Wahrheit oder mit Widerspruch in der Seele unternimmt. Ich habe mich nun doch Herrn Sonnenkamp näher gestellt und will es eigentlich nicht.« Clodwig schien nicht aufhören zu können, von Erich zu sprechen, und indem er jetzt Alles zurückrief, staunte er, was er in so kurzer Zeit von ihm vernommen. Bella that, als ob sie ihn hörte, sie hörte ihn aber kaum; sie lächelte in sich hinein über den alten Diplomaten, der noch immer etwas unbegreiflich Kindliches, ja fast Kindisches hatte. Sie warf einmal den Kopf stolz zurück, da sie ihrer standhaften Tugend inne wurde, die sich mit Kraft selbst gegen ihren Gatten wehrte, der ihr einen so reich ausgestatteten jungen Mann so nahe bringen wollte. Unterdeß war Erich im Walde dahingeritten voll frischer Belebung. Bei einer Waldbiegung hielt er an und nahm den offenen Brief Clodwigs aus der Tasche. Er las: Ein Nachbargruß nach Villa Eden zu Herrn Sonnenkamp. Hätte mir das Glück einen Sohn beschieden, ich würde ihm mit ruhiger Zuversicht diesen Mann als Erzieher geben. Schloß Wolfsgarten, den 4. Mai 186*. Clodwig Graf von Wolfsgarten. Erich gab seinem Pferde die Sporen und ritt lustig durch den grünenden, singenden Wald. Als er durch das Städtchen kam, sah er am Fenster des Gerichtsgebäudes hinter blühendem Goldlack einen rosigen blondhaarigen Mädchenkopf; das Mädchen zog sich zurück, als Erich von ferne grüßte. Weiter ritt Erich nun im Thale den Strom entlang. Er war so voll heitern Muthes, daß ihm seit langer Zeit zum ersten Mal wiederum Lieder auf die Lippen kamen; er ließ sie nicht laut werden, aber er sang sie sich in der Seele. Plötzlich hielt er an. Wie wär's, wenn der ungezählte Millionär, zu dem ich reite, der Onkel Alphons wäre? Muthig griff das Pferd aus, seine dunkle Mähne flatterte; der Reiter nahm die Mütze ab und ließ den frischen Luftstrom seine heiße Stirne kühlen. Zweites Buch. Erstes Capitel. Auf dem Strome schwimmen Schiffe auf und nieder, Bahnzüge rollen hüben und drüben und Menschen aller Lande und Lebensverhältnisse erquicken sich des Ausblickes. Da, dort möchtest Du wohnen, denkt wol Mancher, Deine Tage verleben im gleichmäßigen Genusse der Natur und in freigesetzter Arbeit. Die Ufer des Rheins erscheinen als wonnige Ruhstatt, und bieten doch Bewegtheit genug. Vor der Schwelle des Hauses liegt die große Straße des Weltverkehrs; aus der Einsamkeit läßt sich jede Stunde die Verbindung mit dem weltweiten Treiben gewinnen. Da sind die hellen Städte und Dörfer am Ufer mit ihren Burgen und Weingeländen, und schön umhegte, wohlgepflegte Landsitze zeigen sich aller Orten und bilden eine fast ununterbrochene Kette. Von Stadt zu Stadt, von Haus zu Haus ließe sich von Schicksalswendung mancher Bewohner erzählen, die mit frei entschlossener Kraft aus dem Strudel sich gerettet oder mit letzter Anstrengung noch das Ufer erreicht; nicht Wenige aber auch, die gewaltsam ans Ufer geworfen wurden. Wer aus der Fremde unbekannt und beziehungslos sich hier ansiedelt, kann sicher sein, daß es ihm freisteht, entweder Nachbarlichkeit mit den Angesessenen zu pflegen, oder für sich zu bleiben; die Strömung des Fremdenverkehrs auf und nieder läßt dem Verbleibenden die Möglichkeit des Alleinseins. Wessen ist das schöne Landhaus mit dem Thurme dort, das aus der Ferne sich anschaut wie ein weißer Schwan, der sich am Ufer im Grünen niederlegte? Diese Frage wird aus den zu Berg und zu Thal fahrenden Schiffen oft ausgesprochen, und man hört bisweilen die Erwiderung: Die Villa heißt Eden und ist auch ein wahres Eden, in das man freilich nur von Außen hineinsehen kann, denn Alles ist verschlossen und bewacht und längs der Gartenmauer sind Selbstschüsse und Fußangeln. Nur wenn der Besitzer verreist ist, haben die Diener die Erlaubniß, Haus und Park zu zeigen, und nehmen dann viel Geld ein. Man rühmt die Ställe mit den marmornen Krippen, die blüthenvollen Treibhäuser, die fein ausgedachte Schönheit der Hauseinrichtung, die Obstgärten und den Park. Der Besitzer ist ein reicher Amerikaner, er hat dieses Haus gebaut, den schattigen Park angelegt und die Wiese, die halb versumpft, zerrissen und ungeebnet sich bis an den Strom dehnte, in einen Obstgarten verwandelt, der die edelsten Früchte trägt, von einer Größe und Schönheit, wie man sie hierzulande noch nicht gekannt. Dort oben die Burgruine baut er wieder neu auf. Und der Name des Mannes? Sonnenkamp. Er hat fast nur fremde Diener, besucht wenig Menschen in der Umgegend und sieht selten Jemand als Gast. Er hat die schönsten Pferde, aber er, seine Frau und ihre Gesellschafterin fahren und reiten nur aus, um an einer beliebigen Stelle auf offener Straße wieder umzukehren . . . . An diesem Morgen, als Erich nach der Villa ritt, wurde dort auf der Westseite von mehreren Dienern in Morgenlivree ein großer dicker Teppich auf den breiten Kiesplatz gelegt. In die Nähe einer vielfarbig schimmernden und stark duftenden Blumenpyramide wurde ein runder Tisch gestellt, eine grün-damastene Decke darüber gebreitet, dann eine große geschliffene Krystallvase mit künstlerisch geordneten Gräsern und Blumen darauf gesetzt und vier Gedecke aufgelegt. Abseits neben einem Gebüsch blühenden Goldregens und verschiedenfarbigen Flieders wurde ein Tisch angebracht mit einer großen silbernen Theemaschine, die angezündet wurde. Zwei große Wiegenstühle wurden an schickliche Plätze gestellt. Ein junger Mann, der nicht selbst Hand anlegte, stand dabei und schaute in die Landschaft hinaus, wo man über den Obstgarten und den Springbrunnen mit dem Teich, drin zwei Paar Schwäne schwammen, über Wiesen und gestutzte Kopfweiden den freien Ausblick stromabwärts genoß. Jetzt zog er den Blick aus der Ferne zurück, betrachtete die Anordnung, sagte: »Ist gut!« und entfernte sich mit den Dienern. Die Theemaschine brodelte, die Stühle und Tische schienen auf die Gesellschaft zu warten. Ein kecker Fink setzte sich auf die Lehne des einen Wiegenstuhles und pfiff dem Weibchen auf dem Baume zu: das sei eine prächtige Herrichtung, er wünsche nur, er könne das seinen Kindern auch einmal so bieten. Der übermüthig vorwitzige junge Vater wurde indeß bald verscheucht; es nahten sich Schritte, der Fink flog auf, er wollte unvorsichtigerweise gerade über die Maschine wegfliegen, aber der Dampf schien ihn zu verbrühen, er machte eine Schnellwendung und flog ganz nahe, fast den Hut streifend, über den Kopf des Mannes hin, der jetzt daherkam. Der Mann hinkte ein wenig auf dem rechten Bein, er wußte dies aber in Haltung zu verwandeln, und dieses Hinken gab seiner mächtig athletischen Gestalt eine Sänftigung, die den Eindruck der Ueberkraft abmilderte. Er war ein großer, breitschultriger Mann im wohlgeordneten sommerlichen Anzuge, weißer Halsbinde, und einem nach englischer Weise aufrecht stehenden Hemdkragen. Der Mann schien Alles zu thun, um seine herkulische Gestalt zu mildern, zu verkleinern und zu sänftigen; die feinste Kleidung konnte zwar wenig, aber doch etwas helfen. Er trug einen radähnlichen breitkrämpigen Strohhut auf dem Kopfe, so daß aus einiger Entfernung von seinem beschatteten Antlitze nur wenig zu sehen war; ihm folgte der Kammerdiener, der vor einer Weile die Anordnung gutgeheißen hatte, mit einer großen Mappe. Der Mann im Strohhut setzte sich in einen der Wiegenstühle, der Diener stand mit der Mappe wartend vor ihm. Der Sitzende that nun seinen Hut ab, den der Kammerdiener schnell empfing. Der Herr im Wiegenstuhl streichelte sich das glatt rasirte, stark ausgearbeitete Kinn mit einer breiten fleischigen Hand, an deren Daumen seltsamerweise ein Ring war, wie ein einfaches Kettenglied, ein goldener Reif, dessen Mitte von Eisen war. Der Mann ist Herr Sonnenkamp. Er hatte ein röthlich durchschossenes Antlitz, eine breite Stirn, auf der eine Schicht ergrauter Haare wohlgeordnet war. Bräunliche Augenbrauen standen borstig auf, zwischen denen eine ungewöhnlich breite Fläche war, die den Brauen etwas gewaltsam Auseinandergerissenes gab. Wer dies sah, konnte das Antlitz nie mehr vergessen. Die tiefliegenden wasserblauen Augen mochten auf Entschlossenheit und Verschlagenheit deuten; die breiten Backenknochen standen etwas hervor. Die Nase war groß, aber nicht ohne edle Form; der Mund aber war herrisch, trotzig aufgeworfen. Das ganze Gesicht hatte etwas Welkes, dem indeß der Charakter gebieterischer Energie nicht verloren gegangen war. Der erste Eindruck war wol, daß man sich diesen Mann nicht gerade zum Feinde wünschte. »Gib her,« sagte er jetzt, und holte einen Ring mit überaus kleinen Schlüsseln aus der Westentasche. Der Kammerdiener hielt die Mappe sehr geschickt hin. Herr Sonnenkamp öffnete das Schloß, und Joseph reichte die darin befindlichen Briefe. Sonnenkamp ordnete sie schnell; die mit ausländischen Stempeln wurden besonders gelegt, ein großer Haufe inländischer Briefe daneben. Joseph legte nun Hut und Mappe auf den zweiten Wiegenstuhl und machte mit einer bereitgehaltenen Scheere zwei Winkelschnitte in jeden Brief. Herr Sonnenkamp überflog die geöffneten schnell; von den inländischen betrachtete er nur einige nach Siegel und Adresse, dann that er allesammt in die Mappe und verschloß sie wieder. Die beiden Flügelthüren zur Terrasse wurden geöffnet; Herr Sonnenkamp stand auf und nahm seinen breiten Strohhut vom Stuhl. Auf der Terrasse zeigten sich zwei Frauengestalten. Die eine, schlank, mit blassem, länglichem und leidensvollem Gesicht, trug eine Morgenhaube mit hochrothen Bändern und dazu einen brandrothen Shawl; die andere, eine zierlich kleine Gestalt mit eckigem, blutlosem Gesichte, braunen, durchdringenden Augen und kohlschwarzem, hart anliegendem Haupthaar – eines jener Gesichter, das offenbar nie jung gewesen, dem aber auch das vorschreitende Alter wenig anhaben konnte – war in schwarze Seide gekleidet, und trug ein großes perlmutternes Kreuz, das ganz eng um den Hals gebunden schien und auf der Brust flimmerte und glitzte. Herr Sonnenkamp hatte die löbliche amerikanische Sitte, im eigenen Hause und gegen die Angehörigen voll sorgfältiger Höflichkeit und Ehrerbietung zu sein; er ging den beiden Damen bis an die Treppe entgegen, nickte der in Schwarz wohlwollend zu, reichte der Dame im rothen Shawl die Hand und fragte in englischer Sprache nach ihrem Befinden. Die Dame – es ist Frau Ceres – schien nicht für nöthig zu halten, etwas zu erwidern. Sie ging nach ihrem Platze am Frühstückstisch; eine Kammerfrau legte ihr schnell eine Decke über die Knie und ein Diener schob ihr einen gepolsterten Schemel unter die Füße. Die Dame in Schwarz – es ist Signora Borromäa Perini – ging zum Theetisch, ein Diener hielt die Theebüchse in der Hand; sie nahm das Nöthige heraus. »Wo ist Roland?« fragte Frau Ceres mit müder Stimme. »Er wird sogleich kommen,« erwiderte Sonnenkamp und winkte einem Diener, ihn zu holen. Fräulein Perini reichte die erste Tasse der Frau Sonnenkamp, und dieser schien es zu viel, nur die Paar Tropfen Milch dazu zu gießen. Herr Sonnenkamp bat: »Genieße doch etwas, liebes Kind!« Frau Ceres schlürfte einen Löffel voll, dann noch einen halben und sah sich gelangweilt um. Es schien ihr lästig, daß sie selbst schlucken mußte. »Wo ist Roland?« fragte sie wieder. »Es ist unverzeihlich, daß er nicht Ordnung hält. Wie, Madame Perini, haben Sie nicht etwas gesagt?« »Nein, gnädige Frau.« In mildem, beschwichtigendem Tone sagte Herr Sonnenkamp, sie möge nur noch Geduld haben, für Roland sei nun endlich ein Hofmeister gefunden, der ihn an Ordnung gewöhnen werde. Er erzählte von der Karte, die ihm Otto von Prancken geschickt. Fräulein Perini ließ bei Nennung dieses Namens den Zwieback in den Thee fallen und fischte ihn nun wieder heraus, während Herr Sonnenkamp fortfuhr, daß er keinen Brief eines Bewerbers mehr lese, bis er den Empfohlenen des Herrn von Prancken kennen gelernt. »Ist der Mann von Adel?« fragte Frau Ceres. »Ich weiß nicht,« erwiderte Sonnenkamp, er wußte es aber recht wohl, »er ist Hauptmann.« Frau Ceres sah nichtssagend drein; sie wollte abwarten, ob der Bewerber adelig sei. Fräulein Perini mußte wissen, was Frau Ceres sagen wollte, sie sah sie lächelnd an, und gleichsam ihr den Mund leihend, bemerkte sie: »Einen so vollendeten Cavalier wie den Baron von Prancken findet man selten, wenigstens in Deutschland; er hat fast noch mehr als Gräfin Bella . . .« »Ich bitte,« unterbrach Herr Sonnenkamp, und sein Gesicht nahm einen Ausdruck an, wie wenn eine Bulldogge zärtlich sein will, »ich bitte, Niemand anders auf Kosten der Gräfin zu loben; die Damen finden Herrn von Prancken bezaubernd, ich meinerseits Gräfin Bella.« Frau Ceres zuckte kaum merklich mit den Schultern und hielt den goldenen Löffel an die Lippen gepreßt. »Wo aber nur Roland bleibt?« fuhr sie plötzlich auf und stieß auf den Schemel, daß der Tisch wankte und die Tassen auf demselben klirrten. Der Diener kam und sagte, Roland wolle nichts genießen, sondern bei der Mara bleiben, die fünf Junge geworfen habe. »So sag' ihm,« entgegnete Sonnenkamp, und sein Gesicht wurde dunkelroth bis hinauf zu der dünnen Haarschicht, »so sag' ihm, wenn er nicht sofort kommt, lasse ich in dieser Minute alle fünf Junge im Rhein ertränken!« Der Diener eilte davon. Bald darauf erschien ein Knabe in blauen Sammt gekleidet; er war schlank gewachsen und die Formen seines Gesichts waren so auffallend schön und rein, als seien sie gemeißelt. Er nahm die Jockeymütze ab, und ein wohlgeordnetes, rings um die Stirn in dichte Locken gelegtes dunkelbraunes Haar zeigte sich. Sein Antlitz war blaß und die fein geschnittenen Lippen zitterten. Er hatte offenbar einen schweren Kampf gekämpft. »Komm zu mir,« rief ihm die Mutter zu, »küsse mich, Roland. Du siehst so blaß aus, fehlt Dir etwas? Der Knabe küßte die Mutter, schüttelte den Kopf verneinend und sagte mit einer zwischen Fistel und Männerton schwebenden Stimme: »Ich bin so gesund wie meine jungen Hunde.« Eine frische Röthe trat ihm in die Wangen und seine Lippen wurden purpurroth. »Ich will Dich an dem Tage, an dem Du einen Hofmeister bekommen wirst, nicht strafen,« sagte Sonnenkamp, einem Blicke seiner Frau folgend. »Ich? Wieder einen Hofmeister? Ich nehme keinen,« erwiderte der Knabe, »und wenn Du mir einen gibst, werde ich es ihm so machen, daß er bald wieder davongeht!« Sonnenkamp lächelte. Dieser kühne Trotz des Knaben schien ihn eigentlich zu freuen. Als jetzt Roland, der aller Speise hatte entsagen wollen, tüchtig aß, folgte die Mutter seinem Beispiele; in der Freude, daß es ihrem Sohne so wohl schmeckte, regte sich auch in ihr die Essenslust und Fräulein Perini konnte sich nicht enthalten, Roland zu bemerken: »Sehen Sie, Herr Roland, schon um Ihrer lieben Mutter willen sollten Sie recht ordentlich zu den Mahlzeiten kommen; sie kann nur etwas genießen, wenn auch Sie genießen.« Der Knabe sah Fräulein Perini seltsam an, er antwortete ihr nicht; es schien kein gutes Verhältniß zwischen dem Knaben und der Gesellschafterin der Mutter obzuwalten. Fräulein Perini setzte indeß ihre Freundlichkeit gegen Roland fort und versprach, nach dem Frühstück mit ihm die jungen Hunde zu besuchen. »Wissen Sie, warum die Hunde blind geboren werden?« fragte Roland. »Weil das Gott so angeordnet hat.« »Warum aber hat Gott das so angeordnet?« Fräulein Perini sah verlegen drein, Herr Sonnenkamp half ihr, indem er sagte, wer immer Warum frage, werde nie fertig; Roland habe sich das Fragen angewöhnt, weil er nichts Rechtes lernen wolle. Der Knabe sah zu Boden; eine Herbheit oder Stumpfheit, vielleicht auch beides zugleich, lag im Ausdrucke seines Gesichtes. Frau Ceres verließ den Frühstückstisch, setzte sich in einen Wiegenstuhl und betrachtete ihre haselnußförmig gebildeten, mit durchsichtigen langen Spitzen versehenen Nägel. Herr Sonnenkamp berichtete ihr, welch eine Anzahl von Briefen in deutscher, französischer und englischer Sprache er auf die öffentliche Aufforderung erhalten habe; die meisten Bewerber hätten auch ihre Photographien beigelegt und mit Recht; denn die persönliche Erscheinung sei von Bedeutung. Frau Ceres hörte ihm zu wie Jemand, der schlafen will; sie schloß auch mehrmals die Augen. Als Sonnenkamp nun hinzufügte, wie in der Welt beständig ein Warten auf Erfüllung eines Schicksals sei, wobei Jeder glaube, daß ihm mit Geld geholfen würde, sah ihn Frau Ceres verwundert an; sie schien nicht zu begreifen, wie man leben und dabei nicht reich sein könne. Fräulein Perini, die Gesellschafterin, war eine gute Vermittlung. Da Frau Ceres scheinbar oder in der That theilnahmlos beim Gespräche blieb, wußte sie dasselbe durch kurze Antworten und Aufmerksamkeiten in Gang zu halten. Sie sah dabei von der Stickerei, die sie vorgenommen, nur manchmal auf und warf einen Blick . . . sie hatte den Klosterblick, von unten auf, scheu, aber gütig . . . auf Herr Sonnenkamp. So konnte Frau Ceres hören, ohne sich eigentlich zu bethätigen. Herr Sonnenkamp und Fräulein Perini standen in einem äußerst höflichen Verhältniß und sie schien Herr Sonnenkamp zur Uebung in der Höflichkeit zu dienen. Eigentlich hätte er sie schon lange gern weggeschickt, aber sie war ihm angeschmiedet wie der Rheumatismusring, den er am linken Daumen trug. Durch Fräulein Perini war Frau Ceres immer versorgt. Sie war nie allein, hatte beständig eine Gesellschafterin und Begleiterin. Wenn man ausfuhr, ließ Herr Sonnenkamp Fräulein Perini immer neben seiner Frau sitzen und setzte sich rückwärts; er konnte sich ihrer nicht entledigen und es war daher am besten, wenn man höflich und scheinbar achtungsvoll gegen sie war. Ueberdies hatte sie mehrere treffliche Eigenschaften und ihre beste war: sie hatte gar keine Launen; sie war stets gleichmäßig, drängte sich nie vor, wurde sie aber aufgefordert, so hatte sie immer eine Ansicht, und in der Regel eine solche, die nicht störte. Noch nie war sie verletzt erschienen; berücksichtigte man sie nicht, so wußte sie sich so zu halten, als ob sie es gar nicht bemerkte; zog man sie ins Gespräch, war sie einnehmend, sogar witzig; sie war beständig für Andere bereit und sprach nie von sich selbst. Jeden Morgen Sommers und Winters ging Fräulein Perini zur Kirche. Sie war allezeit aufgeräumt, wie jede Stunde zur Abreise bereit und wußte, wo Alles im Hause war und lag. Sie stickte viel und es gab bald stundenweit im Umkreise keine Kirche mehr, wo sich nicht eine von ihr gestickte Altardecke oder auch ein Theil des Paraments befand. Auf Reisen war sie ohne Belästigung. Mit großer Leichtigkeit sprach sie die Sprachen des Continents, nur das Deutsche, behauptete sie, nie lernen zu können; Sonnenkamp war indeß überzeugt, daß sie es vollkommen verstand. Gegen Roland hatte Fräulein Perini ein eigenthümlich kaltes Verhältniß; sie behandelte ihn als den jungen Herrn, nahm sich aber seiner weiter nicht an, ja sie hatte den Wunsch des Herrn Sonnenkamp, Roland Sprachunterricht zu geben, abgelehnt. Sie trat nie aus dem Kreise heraus, der ihr angewiesen schien; sie war Erzieherin Manna's gewesen, sie wurde Gesellschafterin der Frau Ceres, das war sie nun ganz und ausschließlich und das gab ihr eine sichere Ehrenstellung. Je mehr Herr Sonnenkamp von dem Empfohlenen des Herrn von Prancken sprach, um so aufmerksamer schien Fräulein Perini zu werden, aber sie sprach kein bestimmtes Wort. Als Herr Sonnenkamp sie fragte, wie es ihr denn zu Muthe gewesen, als sie sich in Nizza zum ersten Mal der Familie vorstellen ließ, sagte sie: »Ich hatte ja das Glück, von meinem edlen Vormund, dem Domprobst, Ihnen vorgestellt zu werden.« Roland war ungeduldig, er winkte Fräulein Perini, sie solle nun mit ihm gehen, aber Herr Sonnenkamp ersuchte sie, bei der Mutter zu bleiben; er glaubte seinem Sohne eine gewisse Theilnahme an seiner Freude bezeugen zu müssen und begleitete ihn. Nur Roland allein durfte sich der Hündin nähern. Als Herr Sonnenkamp es wagte, knurrte sie und fletschte die Zähne; er ging davon. Roland holte seine Armbrust und schoß mit Pfeilen nach den Tauben und Sperlingen. Plötzlich hielt der Knabe an. Ein Reiter sprengte vor das Thor, den Pfeil in der linken Hand emporhaltend. Zweites Capitel. Der Knabe stand regungslos, die Armbrust noch erhoben, und schaute staunend auf den Reiter, der kunstgerecht sein Pferd parirte. »Warst Du es, der den Pfeil abgeschossen?« rief Erich dem Knaben zu. »Ja, ich.« »Sehr unvorsichtig, so über die Straße wegzuschießen! Ich habe den Pfeil glücklich aufgefangen, Du hättest damit einen Menschen treffen können.« Erich stieg ab. Der Knabe ließ die Armbrust sinken und ging, beide Hände ausstreckend, auf Erich zu; vor ihm stehend hielt er an, sein Angesicht glühte. »Es soll nie wieder geschehen,« sagte er. »Ich glaube Dir.« Weiter setzte Erich kein Wort hinzu. Der Knabe athmete auf. Erich hatte viel von der Schönheit Rolands gehört und doch war er jetzt überrascht von diesem Bilde anziehenden Reizes. »Es ist mir lieb, daß ich Dir zuerst begegne. Du bist doch der Sohn des Hauses, Du heißest Roland?« »Roland Franklin Sonnenkamp. Und Du?« »Erich Dournay.« Der Knabe stutzte, er glaubte den Namen jüngst gehört zu haben, aber er wußte es nicht genau. »Sie sind Artilleriehauptmann,« sagte er auf die Uniform deutend. »Ich war's. Du kennst also die Uniformen?« »Ja, und Herr von Prancken nennt mich Sie.« »Ich denke, wir bleiben beim Du, wie wir begonnen, und zwar gegenseitig,« erwiderte Erich und reichte dem Knaben die Hand. Die Hand des Knaben war kalt, alles Blut schien sich ihm zum Herzen gepreßt zu haben. Jetzt fragte der Knabe: »Das ist wie ein Reitpferd des Grafen Wolfsgarten?« »Es ist das seine.« »Iwan!« rief der Knabe. Ein Stallknecht kam herbei und führte das Pferd in den Stall. Erich und Roland gingen nach. Aus einem Verschlage in der Nähe hörte man winseln. »Du hast junge Bernhardinerhunde hier in der Nähe,« sagte Erich. »Ja; kennst Du sie am Winseln?« »Die Rasse erkenne ich nicht, ich sah solche Hunde vorn im Hofe; aber den Tönen nach sind diese Hunde noch blind und noch nicht acht Tage alt.« Der Knabe sah Erich betroffen an, er öffnete den Verschlag und bat, nicht näher zu treten, da die Hündin sehr bissig sei, und jetzt eben saugten alle fünf Junge an ihr. Erich trat doch näher; die Hündin sah ihn an und knurrte nicht. Und wieder betrachtete Roland den Fremden. »Du kannst mir gewiß auch sagen,« begann er, »warum die Hunde blind geboren werden.« Erich antwortete, daß man sich allerlei Gründe denken könne, da auch andere Thiere mit schärfstem Sehorgan, wie Adler, Katzen, Geier blind geboren werden; wir müßten uns aber bescheiden und bekennen: das wissen wir nicht. Ein Schauer ging durch die Gestalt des Knaben; Wesen und Ton Erichs schien eine unmittelbar ergreifende Wirkung zu üben. »Wenn Du willst,« begann der Knabe wieder, »kannst Du auch einen meiner jungen Hunde haben. Zwei behalte ich, einen ziehe ich für meine Schwester Manna auf, den vierten bekommt Baron von Prancken und der fünfte ist für Dich.« Freudestrahlenden Antlitzes betrachtete Erich den Knaben und sagte: »Du kennst wol die Sitte der homerischen Zeit, daß man dem Gaste ein Ehrengeschenk zu bleibendem Gedenken gibt?« »Ich weiß nichts von Homer.« »Hat Dir keiner Deiner Lehrer davon gesagt?« »Alle. Sie haben viel Rühmens davon gemacht, aber es ist langweilig.« Erich lenkte zurück und fragte: »Wer hilft Dir die Hunde aufziehen?« »Ein Meister, der Jäger Klaus, man heißt ihn auch den Krischer; der wird sich freuen, wenn ich ihm sage, daß Du am Winseln erkannt hast, wie alt die Hunde sind.« Erich ersuchte den Knaben, ihn zu seinem Vater zu führen. Als sie den Stall verlassen wollten, bog sich ein Pony mit langer Mähne ganz herum und wieherte. »Das ist mein Puck,« sagte der Knabe. Er war offenbar froh, dem Fremden seine Herrlichkeiten zu zeigen, fast wie ein kleines Kind, das einem Vertrauten sein Spielzeug zur Bewunderung aufweist. Erich konnte nicht anders als das schöne Thier loben, das ihn mit großen, gutmüthig blöden Augen anschaute. Er führte den Knaben an der Hand und sie gingen mit einander durch den großen Pflanzengarten. »Kennst Du auch die Pflanzen?« fragte er. »Nein, darin bin ich ganz unwissend.« »Ich auch,« sagte der Knabe erfreut, daß Erich eine Unwissenheit eingestand, und daß diese gerade mit der seinen zusammentraf, schien die Beiden noch näher zu verbinden. Sie kamen über einen Platz, wo Gartenerde gesäubert und hergerichtet wurde. Ein altes Männchen mit blöden und zugleich verschmitzten Augen arbeitete hier; es zog die Mütze ab und grüßte. »Hast Du meinen Vater gesehen?« fragte Roland. »Er ist dort!« erwiderte das Männchen und wies nach den Treibhäusern. Die langen, aus mattblauem Glase bestehenden Treibhäuser zeigten sich. Eine Thür stand offen, man sah einen Springbrunnen in einem Bassin von grauem Marmor, darin Felsblöcke lagen, in allen Fugen von Wasserpflanzen besetzt. Die überwinternden Bäume standen theilweise noch hier, im Vordergrunde einige kranke, vielfach umwunden an Stamm und Aesten. Man hörte eine Stimme. »Dort im Kalt-Hause ist er,« sagte Roland. Erich bat den Knaben, nun zurückzukehren, da er mit dem Vater allein zu sprechen habe. In der Art, wie Erich ihn gehen hieß, lag solch eine widerspruchslose Bestimmung, daß der Knabe nicht wußte, wie ihm geschah. Als Erich weiter ging, stand der Knabe unbeweglich, dann aber wendete er sich, schnalzte mit den Fingern und pfiff vor sich hin. Erich hielt einen Augenblick inne, sich sammelnd. Wenn dieser Knabe sein Blutsverwandter war? Wenn er hier dem verschollenen Oheim Alphons begegnete? Leisen bedächtigen Schrittes ging er weiter und trat in die Thüre des Kalt-Hauses. Drittes Capitel. »Wer ist da? Was wollen Sie?« fragte Sonnenkamp, der sich von einer Schicht schwarzer Erde erhob. Ein graues grobleinenes, sackartiges Gewand hüllte ihn vom Halse bis zu den Füßen ein; es war wie ein Züchtlingsgewand. »Was wollen Sie? Wer sind Sie? Zu wem wollen Sie?« wiederholte er. »Ich wollte zu Herrn Sonnenkamp.« »Was wünschen Sie von ihm?« »Ich möchte mich ihm empfehlen.« »Ich bin's. – Wer sind Sie?« »Herr von Prancken hatte die Güte, mich vorgestern bei Ihnen . . . .« »Ah! Sie sind's?« rief Sonnenkamp tief aufathmend. Er nestelte das Sackgewand ab und sagte gezwungen lächelnd: »Sie überraschten mich in meinem Arbeitsgewand.« Er wickelte den Sack in eine Rolle zusammen und warf ihn weit weg, dann fragte er: »War denn kein Diener in der Nähe? Tragen Sie beständig Uniform?« Also die Uniform war's, die ihn erschreckte? flog Erich durch den Sinn und wie er den Mann betrachtete, war er sicher, daß dies nicht sein Oheim sein konnte. Das Bild des verschollenen Oheims, das noch in der Studirstube seines Vaters hing, stand deutlich vor ihm; der Oheim war eine schlanke, zierliche Gestalt mit einer besonders auffälligen Adlernase; es war keine Spur von Aehnlichkeit mit der athletischen Erscheinung vor seinen Augen. »Ich bedaure, Sie gestört zu haben,« nahm Erich das Wort, »und muß um Entschuldigung bitten. Herr Graf von Wolfsgarten, dessen Gastfreund ich war und von dem ich hier einen Brief überbringe, hat mir . . . .« »Ein Brief vom Grafen Wolfsgarten? Sehr angenehm!« unterbrach Sonnenkamp, den Brief in Empfang nehmend. Er überflog rasch die Zeilen Clodwigs und murmelte dabei: »Freue mich sehr – sehr angenehm.« Vom Blatte aufblickend machte er eine Art Verbeugung gegen Erich, indem er sagte: »Ein Edelmann – der Edelmann wie er sein soll, der Herr Graf Wolfsgarten. Stehen Sie ebenso in der Gunst der Gräfin Bella?« Es war ein spöttischer Anflug im Ton dieser Schlußwendung. Gemessen in Blick und Ton erwiderte Erich: »Ich erfreue mich der Güte beider Ehegatten in gleicher Weise.« »Schön – sehr schön,« nahm Sonnenkamp auf. »Doch lassen Sie uns ins Freie gehen. Sind Sie ein Pflanzenkundiger?« Erich bedauerte, daß er jedes nähere Eingehen auf dieses Gebiet versäumt habe. Im Freien maß Herr Sonnenkamp nochmals den Ankömmling von Kopf bis Fuß. Erich merkte erst jetzt, daß er, seines militärischen Anzuges ganz vergessend, die Mütze abgezogen hatte. Und wie er nun den musternden Blick wahrnahm, fühlte er doch, was es heißt, in Privatdienst, mit der ganzen Persönlichkeit sich in Botmäßigkeit eines Einzelnen zu geben. Er erkannte, daß er diesem Manne gegenüber gemessene Haltung bewahren müsse. Sonnenkamp rief sofort einen Diener und befahl, daß man beim Springbrunnen ein Frühstück bereiten solle. »Sie sind zu Pferde angekommen?« »Herr Graf Wolfsgarten war so freundlich, mir ein Pferd anzubieten.« »Sie haben meinen Sohn bereits gesprochen?« »Ja.« »Es ist mir lieb, daß Sie in Uniform gekommen,« entgegnete Sonnenkamp. Als wäre Erich nur ein vornehmer, wohl empfohlener Besuch, zeigte ihm nun Sonnenkamp seine vollständige Sammlung von Eriken, wie sie selten in der Welt angetroffen wird. Er erklärte die feinen Verschiedenheiten und setzte hinzu: »Ich war da, wo die meisten dieser Eriken herstammen, ich war auf dem Tafelberge am Cap der guten Hoffnung.« Erich bemerkte: »Es muß schwer sein, die Produkte verschiedener Klima's so zusammenzuhalten.« »Allerdings. Zumal diese Eriken bedürfen einer mäßigen Temperatur und einer gleichbleibenden Feuchtigkeit. Sie werden schon oft gesehen haben, daß ein Erikenstock mit seinen zarten Blüthen, den man einer Dame für ihren Blumentisch schenkt, nach wenigen Tagen verdorrt ist; diese Pflänzchen vertragen keine trockene Zimmerluft.« Plötzlich hielt Sonnenkamp inne und lächelte vor sich hin. Der Fremde schien einen alltäglichen Kunstgriff anzuwenden, um angenehm zu erscheinen, indem er den reichen Besitzer in seiner Liebhaberei redselig machte. Mit solch grobem Köder fängt man mich nicht, dachte Sonnenkamp vor sich hin. Einem so Wohlempfohlenen wollte er jede Ehre des Hauses erweisen. Er freute sich schon im Voraus, den Mann nach allen Seiten hin zu prüfen, ihn im Bewußtsein sicheren Erfolges sich recht ausbreiten zu lassen und dann ohne Angabe eines Grundes abzulehnen. Alles dies ging Sonnenkamp durch den Sinn, während er die Klinke an der Thüre des Gewächshauses ins Schloß drückte. Die Sache war so fest und abgeschlossen bei ihm, wie diese Thür. »Sie sprechen doch Englisch?« fragte er, da er seine Frau noch im Wiegenstuhle sah; sie hatte den rothen Shawl abgelegt und saß in goldglänzendem Atlasgewande da. »Herr Hauptmann, Doctor . . . . bitte, wie ist doch Ihr Name?« fragte Sonnenkamp bei der Vorstellung. »Dournay.« Frau Ceres nickte kaum merklich. Als wäre Erich gar nicht da, sagte sie in ärgerlichem Ton zu ihrem Gatten, er habe kein Auge für sie, denn er habe noch kein Wort über ihr neues Kleid gesagt. Sie hielt es vielleicht für vornehm, dem Fremden so ihre Gleichgültigkeit zu beweisen. In der Ferne zeigte sich Roland, die Mutter winkte ihn heran. Er deutete nach der Thurmspitze. Die Mutter sah hinauf und lächelte; auch der Vater schaute hin und sah das blauweißrothe Sternenbanner der amerikanischen Union auf dem Thurme flattern. »Wer hat das gethan?« fragte Sonnenkamp. »Ich,« erwiderte Roland, glückselig lächelnd. »Und warum?« Der Knabe wies augenzwinkernd auf Erich. Sonnenkamp nahm die Unterlippe zwischen Daumen und Zeigefinger, machte ein Halbrund daraus und nickte vor sich hin. Erich fragte den Knaben: »Du bist wohl stolz darauf, ein Amerikaner zu sein?« »Ja.« Fräulein Perini kam, Erich wurde ihr vorgestellt. Sie nahm das Perlmutterkreuz in die linke Hand und hielt es fest, während sie sich sehr ceremoniell verbeugte. Frau Ceres bat sie, mit ihr ins Haus zurückzugehen. Die Damen entfernten sich. Viertes Capitel. »Gib mir die Hand, Roland,« sagte Erich. Der Knabe bot sie ihm und sah ihn treuherzig und fröhlich an. »Mein junger Freund,« fuhr Erich fort, »ich bin Dir dankbar für Deine Ehrenbezeugung, nun aber laß uns allein, Dein Vater hat mit mir zu sprechen.« Vater und Sohn sahen staunend auf den Mann, der so ungezwungen und frei schaltete. Der Knabe nickte Erich zu und ging davon. Herr Sonnenkamp bot Erich eine große, krumme und dunkle Cigarre, er trug die Cigarren immer offen in der Tasche. Erich empfing das Angebotene, und als ihm Herr Sonnenkamp Feuer darreichte, nahm er ihm das angebrannte Hölzchen nicht aus der Hand, sondern brachte rasch seine Cigarre in Brand und mit den ersten Zügen sagte er: »Sie werden gewiß mit mir übereinstimmen, daß es eine ungeschickte Höflichkeit ist, wenn Manche bitten, man möge ein brennendes Hölzchen ihnen in die Hand geben; mit solchem Hin und Her verbrennen sich Beide in der Regel die Finger.« So unbedeutend diese Bemerkung war, schien sie doch zu weiterer Einleitung zu dienen; Herr Sonnenkamp legte sich im Stuhle zurück, hielt den Rauch von der Cigarre lang im Munde, rundete die Lippen und stieß nacheinander wohlgeordnete Rauchringe, sogenannte Nullen, in die Luft, die immer größer wurden, bis sie ganz zerflossen. »Sie haben schon viel Gewalt über den Knaben,« sagte er endlich. »Ich glaube, daß beiderseits ein Zuneigen nicht fehlt, und dies gibt mir die Hoffnung, daß ich hier Erzieher sein könnte.« »Gut. Aber Roland bedarf der Strenge.« »Die Liebe schließt die Strenge nicht aus, sie stellt die höchsten Forderungen.« Sonnenkamp lächelte sehr freundlich, aber es war etwas Grinsendes in seinen Mienen, und indem er sich vorbeugend die beiden Arme auf die Kniee legte und zu Boden schaute, sagte er: »Sprechen wir persönlicher, für Derartiges kann sich ja später Zeit finden. Sie sind also . . . .?« »Ich bin von Fach Philologe.« »Das weiß ich – das weiß ich,« sagte Sonnenkamp immer noch in den Boden hineinsprechend; »ich möchte um Persönlicheres bitten.« Erich war es peinlich, daß er als Arbeitsuchender noch einmal sich selber schildern sollte. Er schaute auf das breite Hinterhaupt und den Nacken des Mannes, der ihm nicht einmal den Blick gönnte; aber schnell verflog die Empfindlichkeit, indem er sagte: »Ich hatte gehofft, daß die Einführung des Herrn Grafen von Wolfsgarten –« »Ich schätze Herrn Grafen von Wolfsgarten sehr hoch, höher als irgend Jemand,« versetzte Sonnenkamp, »aber –« »Sie haben Recht, ich werde Ihnen erzählen.« »Gut,« sagte Sonnenkamp, indem er die rechte Hand mit gekrümmten Fingern auf den Tisch legte und wieder zurückzog, als ob er einen Einsatz beim Spiele ausgelegt hätte. Kurz und bündig gab Erich nochmals einen Abriß seines Lebens und schloß: »Ich bitte, mich nicht für einen schwankenden, nirgends Ruhe findenden Menschen zu halten, weil ich meinen Beruf geändert.« »Im Gegentheil,« fiel Sonnenkamp ein, »ich habe genug in der alten und neuen Welt gelebt, um zu wissen, daß gerade das die Tüchtigsten sind, die nicht da verharren, wohin der Zufall sie gestellt, sondern sich selbst ihre Bestimmung geben. Wer seinen Beruf ändert, muß eine wirkliche andere Berufung oder eine äußere Nöthigung dazu haben. – Gestatten Sie mir eine Frage: Halten Sie es für möglich, daß ein Mann, der wesentlich aus . . . sagen wir aus Resignation, eine solche nicht eigentlich dienende aber doch abhängige Stelle übernimmt, zu derselben geeignet ist? Wird er sich nicht gebunden, dienstbar und oft unglücklich fühlen?« »Ihr offener Einwurf ehrt mich,« erwiderte Erich; »ich weiß wohl, der Erzieherberuf erheischt eine Botmäßigkeit vom Erwachen bis zum Niederlegen. Nichts kann mir erwünschter sein, als die Wahrnehmung, daß Sie die Sache so ernst nehmen.« Wieder zuckte etwas durch das Antlitz Sonnenkamps. Erich schien es nicht zu bemerken, denn er fuhr mit bewegter Stimme fort: »Es ist nicht Resignation, die mich zur Bewerbung um die Erzieherstelle in Ihrem Hause bewegt. Ich stimme Ihnen bei, daß wer bloß aus Noth in eine solche Stellung träte, diese nur schwer erfüllen könnte, obgleich auch aus Noth Neigung, oder wie man sagt, aus der Noth eine Tugend werden kann. So weit ich mich beurtheilen kann, darf ich sagen, ich würde, auch in die besten Verhältnisse gestellt, den Erzieherberuf übernommen haben.« »Sehr ehrenwerth . . . sehr ehrenwerth!« rief Sonnenkamp. In einer triumphirenden Art fügte er hinzu: »Die Liebhaberei ist gut, aber ich ziehe den Mann von Profession vor.« »Ich erkenne das vollkommen,« erwiderte Erich. »Ich biete Ihnen meine freie Arbeit.« Bei diesen Worten hob Sonnenkamp rasch den Kopf, ohne seine Lage zu ändern, stierte den Sprechenden an und senkte schnell wieder den Blick. »Ich biete Ihnen und Ihrem Sohne,« fuhr Erich fort, »die Kraft alles Dessen, was ich bin und bisher an Wissen und Erkennen mir anzueignen strebte. Ich fühle mich dabei frei, denn was ich zu leisten vermag, leistete ich zugleich mir selbst, da ich bewähren möchte, was ich mir zumuthete.« »Ich weiß, was freie Arbeit ist,« sagte Sonnenkamp in den Boden hinein, dann richtete er sich auf und lächelte so verbindlich, als hätte ihm Erich einen großen Gefallen erwiesen. »Im Interesse der Sache möchte ich einen Wunsch aussprechen,« fügte Erich hinzu. »Und der ist?« Sonnenkamp setzte wieder die Hand auf den Tisch, als ob ein Einsatz zu machen wäre. »Ich wünsche, daß Sie es nicht ungenehm fänden, mich vorerst einige Tage als Gast Ihres Hauses zu betrachten.« Erich hatte gehofft, daß Sonnenkamp sofort bejahe, aber dieser knackte eine Cigarre, die er eben angezündet und die nicht gut im Zuge schien, gewaltsam mitten durch und warf sie ins Gebüsch. Wiederum röthete sich sein Antlitz und ein Grinsen spielte um seine Lippen, denn er dachte: sehr zuversichtlich! Der junge Mann glaubt, wenn er nur erst einige Tage sich eingenistet, dann hat er Alles so bezaubert, daß er nicht mehr zu entlassen ist. Wollen sehen. Da er beharrlich schwieg, sagte Erich: »Es dürfte sowohl für Sie als auch für mich erwünscht sein, daß wir vor einer festen Vereinbarung uns näher kennen lernen, besonders aber wünsche ich das um Rolands willen.« »Welche Summe würden Sie fordern?« fragte Sonnenkamp, ohne auf die Darlegung Erichs einzugehen. Erich erwiderte, daß nicht er, sondern der Vater dies zu bemessen habe. Sonnenkamp brachte eine frische Cigarre durch rasche Züge ins lebendige Feuer und erklärte dabei mit großer Salbung, wie er wohl wisse, daß eigentlich keine Summe groß genug sei, um als Lohn für das mühselige Amt der Erziehung und des Unterrichts zu gelten. Dann fragte er, sich zurücklehnend und die Beine über einander schlagend, indem er das linke Bein mit der rechten Hand heraufzog und festhielt. »Wollen Sie mir nicht in kurzen Worten angeben, wie Sie bei Erziehung meines Sohnes verfahren möchten?« »Die Methode im Unterrichte zeichnet der Lehrgegenstand bestimmt vor, das Verfahren bei meiner erzieherischen Thätigkeit weiß ich selbst noch nicht.« »Wie? Sie wissen das selbst noch nicht?« »Ich werde mir von Roland hierin meine Methode geben lassen, denn diese kann nur nach der Natur des Zöglings eingerichtet werden. Gestatten Sie mir ein Bild aus Ihrer Umgebung. Wenn Sie bemerken, daß Ihre Dienerschaft zwischen dem Hause und der Dienerschaftswohnung gern den Weg über ein wohl abgezirkeltes Rasenbeet nimmt, so werden Sie, wenn nur irgend thunlich, diesem Naturweg nachgeben und nicht eigensinnig die Form des Beetes erhalten, so angemessen sie auch nach den Gesetzen der Gartenkunst sein möge. Sie werden den Naturweg in einen freiwillig angelegten verwandeln. Dies ist die Methode, die durch die Verhältnisse gegeben ist. Solche Wege sind auch in einem Menschen.« Sonnenkamp lächelte; er hatte in der That nur mit schwerer Mühe und strengem Verbot ein in der Mitte des ersten Hofes mit Gesträuchen bepflanztes Beet vor dem Betreten zu wahren gesucht und endlich doch einen Weg dort angelegt. »Einverstanden,« erwiderte Sonnenkamp. »Aber nach welchen Grundsätzen würden Sie Roland erziehen?« »Da muß ich etwas weiter ausholen,« nahm Erich auf. »Denn wenn auch die Methode der Erziehung sich nach den Umständen richtet, so muß doch das Princip derselben klar erkannt und fest verfolgt werden. Der große Kampf, der die Geschichte der Menschheit und das ganze menschliche Leben durchzieht, zeigt sich in der Erziehung des einen Menschen durch einen Anderen am schärfsten; die beiden Mächte treten da als lebendige Personen einander gegenüber. Ich möchte sie kurzweg Individualität und Autorität, oder Geschichte und Natur nennen.« »Ich verstehe . . . ich verstehe, fahren Sie fort,« entgegnete Sonnenkamp, als Erich ein wenig anhielt in der Besorgniß, daß er sich zu sehr ins Allgemeine verliere. »Der Erzieher muß die Autorität darstellen, der Zögling ist eine werdende Individualität,« fuhr Erich fort. »Es ist also fortwährend ein Ausgleich, ein Friedensschluß zwischen beiden kämpfenden Mächten herzustellen, der zur Harmonie werden soll. Blos individuell erziehen, hieße ein Menschenkind außerhalb des Lebens stellen und um der Freiheit willen ihm die Gemeinschaft des Daseins versagen und erschweren; ihn blos gegebenen Gesetzen unterthan machen, hieße ihm seine angebornen Rechte rauben. Der Mensch bringt sein Gesetz mit, aber er tritt auch in ein Gesetz ein.« Sich ganz aufrichtend fiel hier Sonnenkamp ein: »So ist's! So ist's! Jeder Mensch hat Ahnen, auch der als gemeiner Bürgerlicher Geborene.« Erich fuhr fort: »Das war der große Irrthum Jean Jacques Rousseau's und der französischen Revolution, daß man aus Verdruß über die vernunftwidrigen Traditionen glaubte, ein Mensch und ein Zeitalter könne Alles aus sich allein haben. Der Mensch ist aber ein Naturprodukt und ein Geschichtsprodukt, ist Erbe der ihm vorgearbeiteten, angesammelten Kraft; Aufgabe der Erziehung ist es nun, die eingeborene und die ererbte Kraft gehörig verwenden zu lehren.« »Wie bringen Sie,« fragte Sonnenkamp, »die Erziehung eines Amerikaners in Ihrem System unter?« »Soll Ihr Sohn Amerikaner bleiben?« Warum fragen Sie das?« »Weil ein großes Erziehungsmittel fehlt, wenn ihm das Bewußtsein der Staatspflicht entzogen bleibt in einem fremden Lande. Soll also Roland sich als Amerikaner fühlen oder als Deutscher?« »Nehmen Sie an, als Deutscher.« Sonnenkamp war ermüdet von dieser Erörterung, die er eigentlich zu seiner Unterhaltung veranlaßte; dabei hatte er das Mißgefühl, daß, während er dem Fremden zu imponiren gesucht, dieser ihn zu Darlegungen verleitet hatte, die er nur widerwillig gab. »Verzeihung, gnädiger Herr,« unterbrach ein Reitknecht, als eben Erich von Neuem weit ausholen wollte. Sonnenkamp stand rasch auf, sagte, es sei die Stunde seines Ausritts und nickte Erich vornehm herablassend zu, das Weitere auf später vorbehaltend. Roland kam des Weges und rief: »Nicht wahr, Vater, ich darf mit Herrn Dournay ausreiten?« Sonnenkamp willigte ein und ging eiligen Schrittes davon. Er stieg zu Pferde und bald sah man ihn auf einem muthigen Rappen am Ufer entlang die weiße Straße dahinreiten. Er sah gewaltig aus, wie er zu Pferde saß; hinter ihm drein folgte der Reitknecht. Fünftes Capitel. Roland hatte bereits sein Pony und das Pferd für Erich satteln lassen. Die Beiden stiegen auf und ritten zuerst im Schritt durch einen Theil des Dorfes; am Wege stand ein kleines Haus, es war rebenumrankt und die Fensterladen waren geschlossen. Erich fragte, wem das Haus gehöre und warum es verschlossen sei. Roland berichtete, daß es seinem Vater gehöre; hier habe der französische Baumeister gewohnt, der die Villa baute, und auch manchmal der Vater, wenn er während des Baues und der Herrichtung von Park und Garten aus der Schweiz und Italien hieherkam. »Nun scharfen Trab,« sagte Erich. »Nimm die Zügel besser in die Linke.« Lustig sprengten die Beiden Flanke an Flanke dahin. Plötzlich aber scheute das Pferd Erichs und bäumte sich. Roland schrie auf, doch Erich beruhigte ihn, rief nur noch: »Ich zwinge ihn!« und tummelte das Pferd mit solcher Macht, daß es dampfte und ihm nun willig gehorchte. Er ritt wieder zu Roland zurück und ruhig ritten nun die Beiden neben einander dahin. »Denke Dir,« sagte Roland, »ich soll wieder einen Hofmeister bekommen.« »Nun? Und Du freust Dich darauf?« »Ich will keinen.« »Was willst Du denn?« »Fort will ich, aus dem Hause fort – in ein Cadettenhaus! Warum durfte Manna ins Kloster? Sie sagen immer, meine Mutter kann nicht essen, wenn ich nicht mehr da bin; sie muß doch auch essen, wenn ich Officier bin.« »Du willst also Officier werden?« »Ja, was denn sonst?« Erich schwieg. »Bist Du auch von Adel?« fragte der Knabe nach einer Weile wieder. »Nein.« »Möchtest Du es nicht auch werden.« »Das kann man nicht werden.« Der Knabe spielte mit der langen Mähne seines Pferdes; jetzt schaute er zurück und sah, wie die Fahne vom Thurm herabgelassen wurde. Er zeigte das Erich und setzte stolz hinzu, er werde sie doch wieder aufhissen. Die feinen, plastisch schönen und farblosen, oftmals auch wie übermüdeten Züge des Knaben gewannen Spannung und Farbe; es lag ein kecker Ausdruck auf seinem Gesichte. »Es ist gut, daß Du stolz darauf bist, ein geborener Amerikaner zu sein,« sagte Erich. »Du bist der Erste in Deutschland, der mir darin Recht gibt,« rief der Knabe; »Herr von Prancken und Fräulein Perini spötteln immer über Amerika, Du allein – aber verzeih', es ist doch nicht recht, daß ich Sie Du nenne.« »Laß es immerhin dabei, wir wollen gute Freunde sein.« Der Knabe streckte ihm die Hand entgegen und Erich drückte sie mit Wärme. »Sieh, auch unsere Pferde sind gute Freunde,« fuhr der Knabe fort. »Hast Du zu Hause auch viele Pferde?« »Ich habe gar keines, ich bin arm.« »Möchtest Du nicht auch reich sein?« »Reichthum ist eine große Kraft.« Roland sah ihn staunend an. Das hatte mit denselben Worten auch Kandidat Knopf immer gesagt. Nach geraumer Weile fragte er: »Dem Namen nach bist Du ein Franzose?« »Nein, ich bin ein Deutscher, meine Voreltern sind nur aus Frankreich eingewandert. – Wie alt warst Du, als Du nach Europa kamst?« »Vier Jahre.« »Hast Du Erinnerungen an Amerika?« »Nein, aber Manna hat viele. Ich erinnere mich nur eines summenden Liedes von einem Neger, ich kann's aber nicht mehr zusammenfinden, und Niemand kann mir's vorsingen.« Die Beiden ritten die Bergstraße hinan; das kleine Männchen, das Erich bei der Gartenerde hatte arbeiten sehen, ging am Wege und grüßte ehrerbietig. Sie hielten an und Roland fragte den Nicolas, so hieß das Erdmännchen, warum er jetzt schon nach Hause gehe. Nicolas erwiderte, er gehe nur über Mittag nach Hause und dann in den Wald, um die neue Erde zu holen, die der Herr Sonnenkamp entdeckt habe; droben im Walde sei eine Quelle, die Eisen enthalte, und da habe Herr Sonnenkamp nachgraben lassen und Eisenerde gefunden; in diese Eisenerde pflanze er nun Hortensien, die fleischfarbenen Pflanzen färben sich dadurch himmelblau. Nicolas konnte nicht genug rühmen, was für ein Mann Herr Sonnenkamp sei, der Alles kenne und Alles verwende; da sei es natürlich, daß man so reich werde, denn die anderen dummen Menschen gehen auf der Welt umher, wo überall Millionen liegen, und kennen sie nicht. Besonders rühmte Nicolas eine einfache Methode des Herrn Sonnenkamp, wenn er Obstkörner säete. Er ließ nämlich in die Erde hinein Nadeln vom Wachholderbaum mischen; dadurch kamen keine Würmer und keine Mäuse an den Samen. Im Weiterreiten sprach Erich davon, wie einsichtige Männer in unserer scheinbar schon durchforschten und ausgebeuteten Welt Neues zu entdecken wissen, und er schätze es hoch, daß Sonnenkamp die Gartenkunst mit solcher Einsicht zu betreiben wisse. Roland richtete sich in den Bügeln auf; noch nie hatte er seinen Vater so rühmen hören. »Hast Du Niemand in der Gegend, den Du besuchen möchtest?« fragte Erich. »Nein – oder doch – den Major, aber der ist jetzt auf der Burg. Schau, dort oben im Dorfe wohnt der Flurschütz Klaus, sie heißen ihn auch den Krischer, der hat unsere Hunde – willst du mit zu ihm? Ich muß ihm doch sagen, wie sich die Jungen der Mara befinden; eine Stunde, ehe Du kamst, war er bei mir.« Erich war gern bereit und in kurzem Trab ritten sie die mäßige Steigung hinan, dann lenkten sie abseits, hielten bei einem kleinen Häuschen an und stiegen ab. Hunde verschiedener Rasse kamen heran und sprangen an Roland empor. Auch Puck schien hier Freunde zu haben, er spielte mit einem braunen Dachshunde. Aus dem Hause kam ein Mann mittleren Alters, er legte die Hand militärisch grüßend an die Mütze. Er trug die kurze hellgraue baumwollene Jacke, die dem ländlichen Rheinbewohner etwas Freies und Bequemliches zugleich gibt; er rauchte aus einer Porcellanpfeife, auf der eine Himmelfahrt Napoleons in grellen Farben abgebildet war. Die Art und Weise, wie Roland seinen neuen Freund dem Krischer vorstellte, zeigte, daß er mit untergeordneten Menschen in gebieterischer Weise zu verkehren verstand. »Denke Dir nur,« sagte er zu dem Flurschützen, »der Herr Hauptmann hat, ohne sie gesehen zu haben, am Winseln gleich gewußt, wie alt die Jungen der Mara sind.« »Das kann man, und auch von welcher Rasse sie sind,« erwiderte der Krischer; er hatte eine sehr laute Stimme. »Je nachdem ein Hund von einem gescheidten oder dummen Geschlecht ist, hat er ein besonderes Winseln und Bellen; dumme Menschen schreien und weinen auch ganz anders als gescheidte.« Er blickte schelmisch auf Erich und hielt die Pfeife eine Weile in der Hand. Er führte nun die Beiden in die Stube, hier waren viele Vogelbauer und darin Gezwitscher und Durcheinandersingen, daß man kaum sein eigen Wort hörte. Der Krischer war stolz darauf, Erich erklären zu können, wie er es verstehe, Käfer und Larven fressende Vögel an Körnerfutter zu gewöhnen, wie er auch Maden und Mehlwürmer bereite; dann schalt er über Roland, der gar keine Freude an der Vogelwelt habe. »Nein, ich mag keine Vögel,« bestätigte der Knabe. »Und ich weiß warum,« sagte Erich. »Das weißt Du?« »Du hast wahrscheinlich keine Freude an Thieren, die Du nicht besitzen kannst, wenn sie in der Freiheit sind, und gefangen magst Du sie auch nicht. Die Hunde sind Dir lieber, sie sind in der Freiheit und halten doch zu uns.« Der Krischer nickte Erich zu, wie wenn er sagen wollte: Du bist nicht auf den Kopf gefallen. »Ja, ich habe euch lieber!« rief Roland, der zwei junge Hühnerhunde auf dem Schooße hatte, während ihre Mutter daneben stand, den Kopf an seine Seite drückte und alle Hunde sich an ihn herandrängten. »Neid und Eifersucht,« sagte Erich, »ist doch die erste Eigenschaft der Hunde. Sobald man den einen streichelt, wollen die anderen auch etwas davon haben.« »Dort ist einer, der kümmert sich nichts drum,« lachte der Krischer. In der Ecke lag ein kleiner brauner Hund, der nur manchmal aufblinzelte. Erich sagte, daß das dem Aussehen nach ein Fuchshund sein müsse. »Hat Recht, er versteht die Hunde!« rief der Krischer zu Roland gewendet. »Hat Recht! Den Waldmann hab' ich aus einer Fuchshöhle, und er ist und bleibt ein ungutmüthiges Thier, dem nicht zu trauen ist; man mag ihm geben, was man will, er wird nie dankbar und anhänglich.« Der in der Ecke liegende Hund blinzelte nur einmal auf und schloß die Augen wieder, wie wenn er sich um das Gerede der Menschen gar nicht kümmere. Roland zeigte nun Erich seine Frettchen, er that sie aus dem Käfig, und sie schienen ihn zu kennen. Das eine goldgelbe bezeichnete er als einen durchtriebenen zähen Racker; er hatte ihm den Namen Buchanan gegeben. Den Namen des andern wollte er nicht nennen; es hieß eigentlich Knopf. Jetzt aber sagte er nur, daß er es Magister nenne, denn es besinne sich immer lange, bis es in die Höhle gehe, und ziehe die Lefzen, als ob es eine lange Predigt halten wolle. Man ging in den Garten und der Krischer zeigte Erich seinen Bienenstand. Zu Roland gewendet, sagte er: »Ja, Roland, Ihres Vaters Blumen thun meinen Bienen wohl; wenn die guten Thierchen nur nicht so weit fliegen müßten bis in Euren Garten hinunter. Was thut's? Ich lasse mein Vieh sich auf fremder Weide nähren, und so weit ist es doch noch nicht in der Welt, daß die Reichen den Bienen des armen Mannes verbieten können, Honig aus den Blumen zu saugen.« Es war ein scharfer Blick, der aus seinen Augen schoß, als er dies sagte; der ganze Ingrimm des Armen gegen den Reichen zuckte darin auf. Der Krischer klagte, daß Sonnenkamp so viele Nachtigallen hege. Sie singen freilich schön, aber sie fressen den Bienen den Honig, das heißt die Bienen selbst, sammt dem Honig. Die Nachtigall, die alle Menschen so gern haben, ist ein grausamer Bienenmörder. »Ja,« entgegnete Erich, »die Nachtigall weiß nicht, daß die Bienen Honig geben, und sie frißt die Thiere überhaupt nicht uns zuliebe, sondern sich zuliebe.« Der Krischer sah bald Erich, bald Roland an. Roland fragte, wie weit der Greif dressirt sei. Er erhielt die Antwort, er werde gut auf den Mann gehen, sei aber noch zu wild, sein Sprung noch nicht regelrecht, doch packe er schon an. Roland wünschte das zu sehen; der Taglöhner jedoch, der die Probe an sich machen ließ, war nicht zu Hause. Roland erzählte, daß Nicolas heimgegangen sei, der würde sich auch dazu bereit finden lassen. Er ging selbst und holte den Nicolas. Als Roland weggegangen war, faßte der Krischer schnell die Hand Erichs und sagte: »Ich helfe Ihnen, Sie sollen ihn kriegen; ich kann Ihnen den Burschen geschickt in die Hand geben.« Erich sah staunend drein, und der Krischer fuhr fort, ihm zu erklären, daß er wohl wisse, warum Erich gekommen sei, und wer es verstünde, könne aus Roland einen tüchtigen Mann machen. Er deutete mit verschmitztem Blicke an, daß Erich ihm wol auch einmal dankbar sein würde, wenn er ihm zu der Stelle verhelfe. Noch ehe Erich etwas erwidern konnte, kam Roland mit Nicolas zurück, der sich nun ein Polster über den Nacken binden ließ und sich am Gartenzaun aufstellte, mit beiden Händen die Latten festhaltend. Ein großer Neufundländer Hund wurde aus einer Hütte herausgeholt, er sprang ungeschickt hin und her, aber auf einen Pfiff des Krischers stellte er sich hinter ihn. Nun rief der Krischer: »Greif . . . faß! . . . Auf den Mann!« Im Sprunge jagte der Hund durch den Garten nach dem Männchen, das am Zaune stand, sprang an ihm empor, biß in das Polster am Nacken und zerrte das Männchen, bis es niederfiel, dann stellte er ihm die rechte Vorderpfote auf die Brust und schaute zum Krischer zurück. »Bravo! Bravo! Sehen Sie, das ist ein wahrer Satan!« »Hast Recht!« rief Roland. »Satan! das ist der rechte Name. So soll er heißen! Satan! Nun sollen sie in der ganzen Gegend mich fürchten.« Erich stimmte dem Krischer bei, daß man einem Hunde, der schon alle Zähne habe, nicht den Namen ändern dürfe. »Gewiß,« wiederholte der Krischer, »ein Hund, dem man den Namen ändert, verliert seinen Appell.« »Uebrigens,« fügte Erich noch hinzu, »ist es ganz falsch, einen Hund so zu nennen. Ein Rufname für einen Hund sollte wo möglich einsilbig sein und ein E enthalten; ein E ruft sich leicht laut.« »Sie sind ein großer Gelehrter; so einer ist mir noch gar nicht vorgekommen, Sie wissen ja Alles,« erging sich der Krischer in Lobpreis und zwinkerte dabei halb verstohlen. Satan – denn Roland beharrte dabei, daß der Hund nun so heiße – ließ sich von dem am Boden liegenden Männchen nicht wegbringen, obgleich Roland und der Krischer wiederholt riefen. Das war nicht in der Ordnung. Erst als ihm der Krischer die Peitsche zeigte, ließ er ab. Roland schenkte dem Nicolas ein Stück Geld, er bedankte sich sehr unterwürfig und wünschte nur, daß er täglich dreimal sich so vom Hunde niederwerfen lassen könnte. Erich schaute nachdenklich zu. Die Welt, die sich einem reichen Knaben so zur Verfügung stellt, wie soll er sie lieben, für sie arbeiten und wirken lernen? Als die Beiden die Hütte verließen, gab ihnen der Krischer mit einem ganzen Rudel Hunde ein Stück Weges das Geleit. Sie führten die Pferde am Zügel, und der Krischer hielt sich ausschließlich zu Erich; er kramte seine ganze Weisheit aus, wie er die Hunde zu erziehen verstehe. Er schien in schelmischer Weise auch Erich unterrichten zu wollen, indem er sagte: erst, wenn ein Hund sich richtig tragen kann und nicht mehr über seine eigenen Glieder stolpert, könne man etwas mit ihm anfangen. Eine Hauptsache sei aber, man dürfe mit einem Hunde nicht viel sprechen, lauter kurze Worte müsse man haben, geh! komm! hier! – nur keine langen Reden. Man dürfe ihn nicht gewöhnen, daß er meine, er sei was, ganze Tage müsse man ihn gehen lassen; wenn er freundlich sein wolle, es nicht annehmen; denn sowie man sich zu viel mit dem Hunde abgebe, werde er beschwerlich. Wenn ein Hund vor Einem Respect haben solle, dürfe man auf der Jagd nicht fehlen, besonders wenn man ihn zum ersten Male mitnimmt; hat man was geschossen, das der Hund holen kann, so wird er anhänglich und treu; schießt man vorbei, so hat er keinen Respect und kriegt ihn nie. »Kennen Sie den Herrn Knopf?« fragte der Krischer. Erich verneinte. »Ja, der Herr Knopf,« rief der Krischer, »er hat mir hundertmal gesagt, die Schulmeister sollten alle bei mir in die Lehre gehen. Die Hunde und die Menschen sind ganz gleich. Die Hunde sind nur ehrlichere Hunde und lassen sich dressiren und beißen nur da, wo der Herr es ihnen befiehlt.« Erich sah den Mann staunend an, in welchem eine räthselhafte Bitterniß war. Und gerade dieser Mann war der Freund des Knaben! Der Krischer schmunzelte, da Erich sagte, daß die Thiere etwas vom Verstande der Menschen annehmen, mit denen sie umgehen. Als man, auf der Ebene angelangt, Abschied nahm, führte der Krischer Roland beiseite und sagte: »Sie Sausewind, alle Ihre bocksteifen Pfarrer und Schulmeister sind nichts gewesen. Das wäre ein Mann! Solch einen Mann sollte Ihr Vater kaufen, dann könnte etwas aus Ihnen werden. Aber freilich, der ist für all Euer Geld nicht zu haben!« Der Krischer sagte dies scheinbar nur zu Roland, aber Erich mußte es auch hören, denn er sollte ja wissen, daß er dem Krischer dankbar zu sein habe. Als man eben aufstieg, sagte der Krischer noch: »Wissen Sie denn auch, daß Ihr Vater jetzt den ganzen Berg da kauft? Arrondiren heißen sie das! Verfluchtes Arrondiren! Ihr Vater fragt noch: was kostet der Rheingau? Und kauft ihn.« Knirschend fügte er hinzu: »In hundert Jahren gehört von all den Weinbergen keine Handbreit mehr Denen, die da harken und graben. Muß das sein? Darf das sein?« Erich antwortete nicht und ließ auch Roland zu keiner Antwort kommen. Im frischen Trabe ging es nun nach der Villa zurück. Erich war entschieden. Sechstes Capitel. Als Erich und Roland von ihrem Ritt zurückkehrten, hörten sie, daß Herr von Prancken angekommen sei. Auch der Koffer Erichs war bereits auf dessen Zimmer gebracht. Der Kammerdiener Joseph stellte sich Erich als Sohn des Anatomie-Dieners aus der Universität vor, er erzählte, daß der Vater Erichs ihm eine französische Grammatik geschenkt habe, aus welcher er in den Pausen als Billardjunge des akademischen Casino auswendig lernte. Joseph half Erich bei seiner Einrichtung und gab ihm dabei Nachricht von der Ordnung des Hauses, wozu nun zunächst gehörte, daß man sich vor der Mittagstafel, die als ein Höhepunkt des Tages angesehen wurde, festlich gekleidet im Sommer im Pleasurground und im Frühling in Nizza einfand. So wurde nämlich ein gewölbter an der Terrasse gelegener Gang genannt, wo die Sonne am kräftigsten wirkte. Erich legte die Uniform ab, und als er in den gewölbten Gang kam, traf er Prancken im Auf- und Niedergehen mit Fräulein Perini. Prancken näherte sich ihm mit einem verbindlichen Lächeln, das ebenso schnell in seinem Gesichte erschien als es schnell verschwand. Im Bewußtsein seines Ranges und seiner gesellschaftlichen Stellung konnte er eine Höflichkeit an den Tag legen, in der man sogar einen gewissen Gemüthston wahrnehmen mochte. Bei einer Biegung gesellte er sich wieder zu Fräulein Perini und setzte Spaziergang und Gespräch mit ihr fort. Jetzt kam Roland daher, der sich ebenfalls umgekleidet hatte; es war dem Knaben auffallend, nun Erich in bürgerlicher Kleidung zu sehen. »Heißt Deine Schwester Manna?« fragte Erich. »Ja, eigentlich Hermanna, aber sie wird immer Manna genannt. Hast Du etwas von ihr gehört?« Erich konnte nicht erwidern, daß von Prancken und Fräulein Perini der Name oft genannt war, denn eben kam Herr Sonnenkamp in schwarzem Gesellschaftsanzuge, weißer Halsbinde und tadellosen gelben Handschuhen. Er grüßte ermunternd nach allen Seiten. Nie war Herr Sonnenkamp heiterer, nie elastischer als in der Viertelstunde vor der Mittagstafel. Man ging nach dem Speisesaale, einem kühlen, viereckigen, gewölbten Gemache, das von Oberlicht beleuchtet war. Die geschnitzten eichenen Möbel waren hier äußerst kräftig. Ein großes mit schönen alten Becken und venezianischen Gläsern geziertes Büffet zeigte reichen Silbervorrath. In der ganzen Gegend war aber die Fabel verbreitet, daß Herr Sonnenkamp nur von goldenen Tellern speise. Nach einer Weile wurden die Flügelthüren geöffnet, zwei Diener in der kaffeebraunen Livree des Hauses standen wie Wachen hüben und drüben an den Pfosten und Frau Ceres schritt herein wie eine Fürstin. Auf der Schwelle verbeugte sie sich, allerdings etwas steif. Prancken ging ihr entgegen und führte sie zu Tische. Für jeden Gast stand ein Diener bereit, der den Stuhl hinrückte, während man sich zum Setzen niederließ. Fräulein Perini stand hinter ihrem Stuhl, stemmte die Arme auf die Lehne, hielt das Perlmutterkreuz mit gefalteten Händen, betete, machte das Zeichen des Kreuzes und setzte sich. Der Kammerdiener Joseph, der abseits bei dem mit Flaschen besetzten Tische stand, hatte nur das Amt eines Mundschenks und er hatte ein scharfes Auge für leere Gläser, die er alsbald füllte. Frau Ceres behielt während des Essens ihre buttergelben Handschuhe an. Sie wartete bei jedem Gericht, bis Herr Sonnenkamp sagte: »So genieße doch etwas, liebes Kind – ich bitte.« In der Art, wie er sie aufforderte, war ein doppelter, schwer zu bestimmender Ton; es klang manchmal wie Zuruf und Augenwink eines Thierbändigers, der einem gezähmten Wild gestattet, die vor ihm liegende Speise zu verzehren; es klang aber auch, wie wenn man ein trotziges Kind bittet. Frau Ceres aß nur etwas Geflügel und Süßigkeiten. Prancken benahm sich bei Tische als der anerkannte Ehrengast, der die Verpflichtung hat, sich dem Wirthe gefällig und mittheilsam zu erweisen. Er erzählte vom Mannheimer Pferdemarkte, von welchem er heute früh mit dem Genossen zurückgekehrt war; er hatte zum herbstlichen Wettrennen eine Schimmelstute gekauft, die er mit freundlichem Erbieten Herrn Sonnenkamp überlassen wollte. Er wußte aber auch Frau Ceres zu unterhalten. Sie hatte eine besondere Abneigung gegen die Familie des Weincavaliers, die sich sehr zurückhaltend gegen das Haus Sonnenkamp benahm. Nun erzählte er einige lächerliche Großthuereien des Weincavaliers, dem er sich doch angeschlossen hatte. Daneben verstand er auch die Redeweise verschiedener Menschen nachzuahmen und Zierlichkeiten vorzubringen, die in das müde Antlitz der Frau Ceres eine Spannung, ja oft ein Lächeln brachten. Die Unterhaltung wurde in italienischer Sprache geführt, die Prancken ziemlich gut zu sprechen verstand, die aber Erich nicht geläufig war. Frau Ceres mochte es für ihre Pflicht halten, den Fremden nicht ganz unbeachtet zu lassen; sie fragte ihn in englischer Sprache, ob er noch Eltern habe. Mit ersichtlicher Gönnerschaft übernahm es Prancken, den Vater Erichs und die Mutter zu schildern; er that dies mit besonderer Freundlichkeit und verweilte mit Nachdruck dabei, daß Erichs Mutter eine Dame von altem Adel sei. »Dem Namen nach sind Sie eigentlich ein Franzose?« fragte Fräulein Perini. Erich wiederholte, daß seine Vorfahren vor zwei Jahrhunderten in Deutschland eingewandert seien; er fühle sich vollkommen als Deutscher und freue sich, von den Hugenotten abzustammen. »Was ist denn Hugenotten? – Ach ja, das wird ja gesungen!« rief Frau Ceres, sich kindisch freuend, daß sie das wußte. Die Tischgenossen mußten an sich halten, um nicht laut zu lachen. »Warum heißt man sie eigentlich Hugenotten? fragte Roland, und Erich erwiderte: »Einige meinen, die Bezeichnung stamme daher, weil sie im Geheimbunde ihre religiösen Zusammenkünfte bei Tours nur um Mitternacht halten durften, wo der Geist König Hugo's umgehen sollte; Andere sind der Ansicht, daß es ein deutsches Wort ist, Eidgenosse heißt, und nur von den Franzosen in Hugenotte verwandelt wurde.« »Sie scheinen stolz darauf zu sein, von den Hugenotten abzustammen?« fragte Sonnenkamp. »Ich möchte stolz nicht als das eigentliche Wort wählen,« entgegnete Erich. »Ein tyrannischer König vertrieb die Hugenotten aus Frankreich und sie wurden wie die Juden zu lebendigen Bestandtheilen verschiedener Völkerschaften . . .« »Es ist sehr bescheiden von Ihnen,« unterbrach Prancken, »daß Sie die Hugenotten, die meist vornehme Geschlechter waren, mit den Juden in Parallele setzen.« »Ob meine Vorfahren vornehm waren, betrachte ich als gleichgültig,« entgegnete Erich, »sie widmeten sich bürgerlichen Gewerben, und meine Ahnen zunächst sind Goldschmiede gewesen. Die Vergleichung mit den Juden aber muß ich doch aufrecht halten. Jede um ihres Glaubens willen in die Fremde vertriebene und zerstreute Genossenschaft ist darauf hingewiesen, über aller Nationalität immer die Einheit der Menschheit im Auge zu halten und mit aller Kraft gegen jeden Fanatismus und jede Ausschließlichkeit zu wirken. Es gibt keine allein selig machende Religion und keine allein menschlich schön machende Nationalität.« Prancken und Fräulein Perini sahen einander verwundert an, Frau Ceres wußte nicht, was das Alles zu bedeuten habe, und Sonnenkamp schüttelte den Kopf über den Gast, der mit Gewaltsamkeit in das leichte Tischgespräch hinein seine weltgeschichtlichen Ideen mengte. »Sie müssen mir das einmal näher auseinandersetzen,« suchte er abzulenken. Roland fragte: »Ludwig der Vierzehnte, der Deine Ahnen vertrieben hat, ist das derselbe, der auch die Burgen hier am Rhein zerstörte?« »Allerdings.« Das Tischgespräch schien von einem Punkte, der es schwerfällig machte, nicht wegzukommen, aber es wurde plötzlich abgelenkt, denn eine scharfgewürzte Speise wurde aufgetragen. Roland wollte davon essen, der Vater wehrte es ihm. Die Mutter dagegen rief plötzlich mit heftigem Tone: »So laß ihn doch genießen, was er mag!« Ein Blick aus Erichs Augen traf Roland, und der Knabe legte den Bissen, den er eben zum Munde führen wollte, nieder und sagte: »Ich will es doch lieber lassen.« Die Tafel wurde aufgehoben. Fräulein Perini betete wieder leise. Alles stand still, die Diener rückten schnell die Stühle hinter den Aufgestandenen weg und man ging nach der Veranda, um den Kaffee einzunehmen. Frau Ceres gab einem schneeweißen Papagei ein Biscuit und der Papagei rief: »God bless you, massa!« Dann ließ sie sich in einen Lehnsessel nieder, Prancken setzte sich auf ein niederes Tabouret, er saß ihr fast zu Füßen. Fräulein Perini wählte einen Platz, der nahe genug war, um, wenn es gewünscht wurde, an dem Gespräche theilzunehmen, und doch wieder entfernt genug, um Frau Ceres mit Prancken allein reden zu lassen. Sonnenkamp winkte Erich, mit in den Garten zu gehen. Roland schloß sich ungeheißen an. Ein Diener kam und meldete, daß der Feldhüter Klaus bei den neugebornen Hunden sei, der junge Herr werde gebeten, auch dahin zu kommen. »Ich erlaube Dir, daß Du hingehst,« sagte der Vater. »Ich möchte aber lieber bei Euch bleiben,« erwiderte Roland. Es lag etwas kindlich Anschmiegendes in Ton und Geberde und er faßte dabei die Hand Erichs. »Wenn Dein Vater sagt, Du darfst gehen, so sollst Du gehen,« sagte Erich. Roland ging mit zögernden Schritten. Siebentes Capitel. Sonnenkamp und Erich gingen nach dem Park. Zwei Menschen wandelten hier im Gleichschritt beim Landhaus am Rhein und sie waren doch so getrennt und verschieden. Sonnenkamp hatte sich mit kühnem Muthe und rücksichtsloser Willenskraft vom Weltbesitze angeeignet, was er habhaft werden konnte; er wollte nun in Ruhe genießen und Alles seinem Egoismus unterthan halten. Erich dagegen hatte nur gestrebt und gearbeitet, die Welt in der Erkenntniß zu durchdringen und für die Mitlebenden zu wirken. Auf jeden Anruf gab er sein volles Denken preis. Er glaubte noch, die Menschen wollten im Gespräche etwas gewinnen, wollten klarer werden und nicht blos die Zeit vertreiben, und so gab er in der Erregung des Augenblicks sich stets ganz und frei in der vollen Naivetät der Hingebung, Verkennung und Vorwurf der Eitelkeit nicht achtend. So erging er sich nun auch in der Ausführung, welch ein Glück es sein müsse, hier im ruhigen Hause am bewegten Strome, in sich gehalten in die weite Welt zu wirken. Sonnenkamp hörte geduldig zu, aber innerlich triumphirte er über den Schwärmer. Da sitzen die Gelehrten im kleinen Universitätsstädtchen, und weil sie keine Welt vor sich sehen, leben sie im Phantasiegebilde der Menschheit und erscheinen sich selber als höchst wichtige Weltregierer. Leise pfiff Sonnenkamp vor sich hin, so leise, daß Niemand außer ihm dies Pfeifen hörte; ja, er wußte seine Lippen so zu stellen, daß man ihm nicht ansah, daß er pfeife. An einer Erhöhung setzte er sich und wies auch Erich einen Stuhl an. »Sie müssen bemerkt haben,« sagte er, »daß Fräulein Perini streng katholisch ist, und unser ganzes Haus gehört zur Kirche. Ihre Confession ist für mich indeß kein Hinderniß. Nun aber« – er beugte sich vor, legte beide Hände auf die Kniee und sah Erich scharf an – »nun aber – kurz die Hauptfrage: Wie glauben Sie, daß ein Knabe, der bereits weiß, daß er sich für keinerlei Erwerb zu bethätigen hat, ja, daß er einstmals eine – oder sagen wir, mehrere Millionen besitzen wird – wie glauben Sie, daß solch ein Knabe erzogen werden kann?« »Darauf könnte es nur eine bestimmte Antwort geben.« »So?« »Die Antwort wäre einfach: Er kann gar nicht erzogen werden.« »Wie? Gar nicht?« »Ja. Das große Unbekannte, das Schicksal allein kann ihn erziehen. Was wir thun können, ist weiter nichts, als ihn gewöhnen, die ihm gewordene Kraft gehörig zu regieren und zu verwenden.« »Regieren und verwenden,« murmelte Sonnenkamp vor sich hin; »das hört sich gut. Sie bestätigen mir eine Wahrnehmung. Nur ein Soldat, nur ein Mann, der natürlichen Muth sich erzogen und gebildet hat, kann in unserer Zeit noch Bedeutsames leisten; mit Predigten und Büchern bewirkt man nichts, bezwingt man nicht die alte und schafft nicht eine neue Welt.« Mit einem veränderten, fast unterwürfigen Tone fuhr Sonnenkamp fort: »Ich sehe schon, ich selbst werde vielleicht noch mehr bei Ihnen lernen, als Roland. Also bitte, wie würden Sie – denken Sie sich als Vater in mein Verhältniß – wie würden Sie Ihren Sohn erziehen?« »Ich glaube,« erwiderte Erich, »daß die Phantasie sich Vieles ausdenken kann, aber eine geheime Naturbeziehung kann nur erfahren, nicht ausphantasirt werden. Lassen Sie mich also von meinem Standpunkte als Fremder antworten.« »Gut.« »Mein Vater war Prinzenerzieher und ich glaube, seine Aufgabe war leichter.« »Leichter? Und warum?« »In einem Prinzen wird schon früh das Bewußtsein der Pflicht erweckt; jede Minute wird ihm der Stolz, aber auch die Verpflichtung gegeben, daß er sich als Prinz zu benehmen habe. Die Repräsentation, in der die Fürstlichkeiten so Erstaunliches leisten, erscheint von früh an als Pflicht und wird zur Lebensgewohnheit.« Sonnenkamp lehnte sich wieder zurück und ließ sich die Darlegungen Erichs munden wie einen seltenen Leckerbissen. Der Mann soll nur sich in Phantasien ergehen, derweil er nicht den Stuhl, auf dem er sitzt, nicht den Fußbreit Erde, auf dem er steht, sein eigen nennt. »Fahren Sie fort,« sagte er. »Es mag lächerlich erscheinen,« nahm Erich wieder auf, »es ist aber von Bedeutung, daß ein Prinz schon in der Wiege einen militärischen Rang erhält. Zur Vernunft erwacht, sieht er dann den Vater immer unter dem Gebote der Pflicht. Ich will damit keineswegs bestreiten, daß diese Pflicht oft sehr leicht genommen, ja ganz vernachlässigt wird; aber ein gewisser Schein der Pflicht muß immer gewahrt werden. Bei einem reichen Manne hingegen sieht das Kind die Pflicht, die der Reichthum auferlegt, nicht so gebietend vor Augen; es sieht Wohlthätigkeit, Gemeinnützigkeit, Kunstpflege, Gastlichkeit, das Alles erscheint aber als freies persönliches Belieben.« »Sie kommen also auch auf die historische Verpflichtung?« versetzte Sonnenkamp, ohne weiter zu erklären, was er damit meinte, vielmehr wußte er Erich zu immer weiteren Darlegungen zu ermuntern. Er hatte sich vorgesetzt, Erich nur auszuforschen, nur eine neue Art des Genusses zu haben, einen gelehrten Idealisten sich ausreden zu lassen; er hatte seine besondere Lust daran, daß Erich dies Alles nur zu seinem Vergnügen thun sollte; er empfand eine gewisse Freude, sich auch einmal im Land der Ideale umzuschauen – es sah recht sauber darin aus, aber nur für eine Stunde, für einen halben Tag. Unversehens jedoch sah er sich in lebhaftes Interesse versetzt; er fühlte, daß mit Erich ein gegensätzliches, ja ein feindliches Element in sein Haus eintreten würde. Aber war es nicht vielleicht angemessen, den Sohn diese gelehrte Idealwelt kennen und überwinden zu lassen? »Wissen Sie,« fragte Sonnenkamp nachdenklich, »was man am meisten wünscht und was man nicht kaufen kann?« Erich schüttelte den Kopf und Sonnenkamp fuhr fort: »Gottvertrauen! Da hat man vorgestern einen armen Winzer begraben; mein halbes Vermögen gäbe ich darum, wenn ich ihm sein Gottvertrauen für meine letzten Lebensjahre hätte abkaufen können. Ich wollte es dem Doctor nicht glauben, aber es ist wahr, der Winzer war ein Lazareth von Krankheiten und bei allen Schmerzen sagte er beständig: mein Heiland hat noch schwerer leiden müssen und Gott wird schon wissen, warum er mir das anthut. – Ich wünschte, daß Sie im Stande wären, meinem Sohne ein Aehnliches zu geben, ohne ihn zum Frömmler oder Pfaffenknecht zu machen.« »Ich glaube wir können das Gleiche gewinnen in dem Bewußtsein, uns nach Maßgabe unserer Kraft und in Uebereinstimmung mit dem Wohle unserer Mitmenschen zu bethätigen.« Man sah in einem Seitengange Prancken und Fräulein Perini auf- und abwandern und Sonnenkamp sagte, auf dieselben deutend: »Ihr Freund Prancken versteht es sehr gut, mit Fräulein Perini zu verkehren.« Erich erklärte, daß er nicht das Recht habe, sich einen Freund Pranckens zu nennen; sie seien in der Cadettenschule und in der Garnison mit einander bekannt geworden, hätten aber nie in ihren Gesinnungen übereingestimmt und sein Streben sei ein ganz anderes, als das eines Majoratsherrn; er erkenne die Güte, mit der Prancken ihm den Eintritt in das Haus Sonnenkamp erleichtert, aber die Wahrhaftigkeit gehe über Alles. Sonnenkamp pfiff wiederum unhörbar; er war offenbar erstaunt über diese Freimüthigkeit; es kam ihm der Gedanke, daß Erich ein verschlagener Diplomat sei, denn er betrachtete es als eine Haupteigenschaft der Diplomatie, keinerlei Gebundenheit durch Dankverpflichtung zu erkennen. Dieser Mann ist entweder der edelste Schwärmer oder der abgefeimteste Weltling, dachte er. Als man jetzt Prancken und Fräulein Perini begegnete, begrüßte Sonnenkamp den Baron mit großer Herzlichkeit und faßte ihn unter den Arm. Erich ging mit Fräulein Perini. Diese hatte stets eine kleine feine Handarbeit. Mit kaum sichtbaren Instrumenten und feinem Zwirn brachte sie mit überraschender Schnelligkeit eine Spitzenguirlande zuwege. Erich gab seine besondere Freude an der zierlichen Arbeit kund, die sie Oechi nannte. Uebrigens stand sofort, als wär's ein geschriebener Vertrag, zwischen den Beiden fest: wir werden uns möglichst vermeiden, und wenn wir doch in denselben Kreis gestellt sind, uns verhalten, als ob wir nicht mit einander auf der Welt wären. Achtes Capitel. Während Erich mit dem Vater im Garten war, saß Roland mit dem Krischer bei den jungen Hunden. Der Krischer fragte, ob es bereits fest sei mit dem Hauptmann. Roland verstand nicht, was er wollte; der Krischer lachte in sich hinein, er kann sich noch einen doppelten Vortheil verschaffen. »Was krieg' ich von Ihnen,« fragte er mit verschmitzt lauerndem Blick, »wenn ich mache, daß der Hauptmann bei Ihnen bleibt als Kamerad und Lehrer? – Hu!« unterbrach er sich, »Sie machen ja ein Gesicht wie die Hunde, wenn ihnen zum ersten Mal die Augen aufgehen. – Nun reden Sie – was krieg' ich?« Roland antwortete nicht. Jetzt kam auch Joseph in den Stall. Er schilderte die Eltern Erichs als wahre Heilige und zuletzt schloß er: »Sie können stolz sein, Herr Roland, der Vater Erichs hat den Prinzen erzogen und der Sohn erzieht nun Sie.« Noch immer konnte Roland nicht antworten. Er ging davon und sah den Vater und Erich beisammen sitzen, er zürnte auf Erich. Warum hat er denn nicht gleich gesagt, wer er ist? Aber schnell überwand er das wieder. Zutraulich schmiegte er sich an Erich und sein Blick sagte: Ich weiß, wer Du bist. Erich verstand diesen Blick nicht. »Jetzt haben Dich die Andern genug gehabt, jetzt geh' mit mir,« bat Roland. Er geleitete Erich auf sein Zimmer, er schien nur zu warten, daß Erich sprechen würde, dieser aber hätte den Knaben gern gebeten, ihn allein zu lassen. Wie eine schwere Last legte es sich ihm auf die Seele, daß, wer sich in Dienstbarkeit begibt, vor Allem aber, wer den Anschluß einer jungen Seele aufgenommen, die er bilden, halten und führen soll, kein Leben für sich hat, nicht müde sein, nicht sagen darf: jetzt laß mich mir. Er muß immer bereit, immer gewärtig, immer für einen Andern da sein. Roland war traurig, da er das müde Antlitz Erichs sah. Ein Diener kam und meldete, daß die Wagen zur Ausfahrt angespannt wären. Erich erschrak. Was ist denn das für ein Leben? Im Garten lustwandeln, ausreiten, ausfahren, essen, dann wieder ausfahren, sich vergnügen – wie soll man da ein inneres Leben wahren und zusammenhalten? Wie soll es da möglich sein, eine junge Seele in einer bestimmten Richtung, einer stetig sich fortentwickelnden Stimmung zu erhalten? Er ging mit Roland in den Hof und bat, ihn von der Ausfahrt zu befreien, er habe das Verlangen, einige Stunden allein zu sein. Herr Sonnenkamp sagte, daß er seinen Gästen keinerlei Zwang auferlege; Prancken und Fräulein Perini wechselten schnelle Blicke, in denen eine Schadenfreude zu liegen schien, daß Erich durch Eigenwilligkeit sich eine Blöße gab. Roland sagte, er wolle zu Hause bei Erich bleiben, aber Prancken entgegnete mit triumphirendem Ton: »Herr Dournay will allein sein, und wenn Sie bei ihm bleiben, lieber Roland, ist der Herr ja nicht allein.« Er sagte das Wort »der Herr« mit einem eigenthümlich schnarrenden Tone. Man ließ nun den zweiten Wagen zurück. Fräulein Perini, Prancken und Roland stiegen ein. Sonnenkamp setzte sich auf den Bock; er lenkte gern selbst vier Pferde vom Bock. Frau Ceres war ebenfalls zurückgeblieben. Erich sah die Gesellschaft davonfahren, dann kehrte er in sein Zimmer zurück. Ein Gefühl vor Allem kräftigte ihm die Seele und machte ihm das Herz frei: er war der Wahrhaftigkeit treu geblieben – und so soll es immerdar sein. Die Wahrhaftigkeit ist jene Mutter Erde, auf der feststehend der ringende Geist nicht zu besiegen und niederzuwerfen ist. Ein Diener trat ein und meldete: Frau Ceres wünsche ihn zu sprechen. Die Sonne war untergegangen, ein glühender Duft lag weit hinaus auf Thal und Strom und über den Bergen, als Erich mit dem Diener ging und vom Hausflur hinausschaute ins Weite. Er wurde durch mehrere Gemächer geführt. Im letzten, in dem eine brennende Ampel von mattem Glase hing, hörte er eine Stimme, die rief: »Ich danke Ihnen. – Setzen Sie sich.« Er sah Frau Ceres auf einem Divan liegen, vor ihr stand ein großer Lehnstuhl. »Ich bin Ihnen zulieb zu Hause geblieben,« begann Frau Ceres; sie hatte eine zarte ängstliche Stimme. Erich wußte nicht, was er antworten sollte. Plötzlich richtete sie sich auf und fragte: »Sie kennen meine Tochter?« »Nein.« »Nicht ich bin die Veranlassung, daß sie Nonne wird – nein, nicht ich –glauben Sie das ja nicht!« Und sich wieder in die Kissen zurücklegend, fuhr Frau Ceres fort: »Bleiben Sie nicht bei uns, Herr Hauptmann – ich warne Sie. Ich habe gar nichts gelernt – er hat mich nichts lernen lassen – aber bleiben Sie nicht bei uns, wenn Sie sonst in der Welt unterzukommen wissen. Warum wollen Sie denn in dies Haus eintreten?« »Weil ich glaubte, Ihrem Sohne ein guter Führer werden zu können.« »Ich bin nicht gelehrt – ich verstehe Sie nicht,« erwiderte Frau Ceres. »Aber Sie haben eine Stimme und Worte – ich möchte Sie immer hören, wenn ich auch nicht verstehe, was Sie sagen. Sie lassen ihn doch nichts wissen, daß ich Sie habe rufen lassen?« »Ihn? Wen?« wollte Erich fragen, Frau Ceres aber richtete sich wieder hastig auf und sagte: »Bleiben Sie nicht. Er kann entsetzlich sein. Niemand weiß es, Niemand kann es denken. Er ist ein gefährlicher Mann! Haben Sie mich auch lieb?« Erich zitterte. Was soll das sein? »Ach, ich weiß nicht, was ich sage,« fuhr Frau Ceres wieder fort. »Er hat Recht – ich habe nur halben Verstand. Warum habe ich Sie doch rufen lassen? Ja, jetzt weiß ich's. Erzählen Sie mir von Ihrer Mutter. Ist sie in der That eine so gelehrte und vornehme Dame? Sie sind gewiß ein guter Sohn . . . Roland ist unordentlich im Essen, die Amme hat ihn verdorben. Aber er ist gut . . . Alle sind gut.« Frau Ceres sagte die Worte bald hastig, bald schläfrig. Erich kam nicht dazu, sie über das Widersprechende und Räthselhafte zu fragen. Er sagte nur, wie er alle Zuversicht habe, daß Roland ein tüchtiger Mann werde, an dem die Mutter Freude erlebe, und er schilderte ihr eine Zukunft in warmen Worten. Frau Ceres schluchzte, dann sagte sie: »Ich danke Ihnen – ich danke Ihnen!« Sie streckte Erich die feine weiße Hand entgegen und rief dabei: »Ich danke Ihnen! Das hat er mit all seinem Geld nicht machen können, daß ich wieder weinen kann. O, wie wohl das thut! Bleiben Sie bei uns. Er kann nicht weinen – Sie sagen ihm nichts. Ich möchte auch eine Mutter haben. Bleiben Sie bei uns. Ich danke Ihnen – Jetzt gehen Sie – gehen Sie – ehe er zurückkommt. Gehen Sie. Gute Nacht!« Erich war auf sein Zimmer zurückgekehrt. Was er erlebt hatte, erschien ihm wie ein Traum; das geheimnißvolle Wesen, mit dem auf Wolfsgarten vom Hause Sonnenkamp gesprochen worden, bestätigte sich immer mehr. Hier waren Räthsel der seltsamsten Art. Zu der Liebe Erichs für Roland kam nun noch Mitleid. Hier waltete ein schweres häusliches Verhältniß, unter dem der Knabe viel gelitten haben mußte. Erich wollte der jungen Seele nach Kräften beistehen. Er sollte indeß nicht lange allein sein, denn der Kammerdiener Joseph kam zu ihm und erzählte über Alles im Hause, während Erich einzig an Roland denkend ihm kaum zuhörte. Joseph war auf der Universität als Heinrich XXXII. Billardjunge gewesen, denn alle Billardjungen mußten Heinrich heißen. Er war dann Kellner im Bernerhofe zu Bern, wo Sonnenkamp, der fast zwei Sommer lang dort gewohnt und den ganzen ersten Stock – die besten Zimmer der Welt, wie sie Joseph nannte – innehatte, ihn kennen lernte und in Dienst nahm. Die Dienerschaft im Hause war eine Menagerie aus aller Herren Ländern. Der Ober-Kutscher war ein Deutscher, der erste Reitknecht ein Engländer, der Koch ein Franzose, das erste Kammermädchen eine durchtriebene Böhmin, Fräulein Perini eine italienische Französin aus Nizza. Herr Sonnenkamp war sehr streng, die Gärtner durften im Parke nicht rauchen und kein Reitknecht durfte im Stalle pfeifen, denn alle Pferde waren an den Pfiff des Herrn gewöhnt und durften nicht gestört werden. Uebrigens hatte Herr Sonnenkamp es besonders gern, wenn seine Diener nicht wie Diener aussahen; erst seit Kurzem hatte er der Frau nachgegeben, daß man für Einige Livree anschaffte. Die Diener durften nur wenig sprechen, es sind ganz bestimmte Worte, die Herr Sonnenkamp Jedem sagt, und Jeder zu erwidern hat, dabei aber sind Alle gut gehalten. Bis vor Kurzem habe Herr Sonnenkamp auch einen Verwalter gehabt, der die Bücher und Correspondenzen führte. Gegen Frau Ceres sei Herr Sonnenkamp besonders nachgiebig und geduldig und Niemand wisse eigentlich recht, sei die Frau bei Verstand oder nicht. Zum Schluß erzählte Joseph nicht ohne Selbstbefriedigung, daß er den Ruhm von Erichs Eltern bereits in der Gesindestube verbreitet habe, denn es sei gut, wenn die Leute wüßten, woher man sei, da hätten sie weit mehr Respect. Die eigentliche Herrschaft im Hause sei und bleibe indeß Madame Perini; sie sei zwar ein Fräulein, die gnädige Frau nenne sie aber stets Madame. »Der Krischer hat Recht,« setzte Joseph hinzu, »Fräulein Perini ist eine Frau von sieben Katzenkraft und da kann man noch einen Marder dreingeben. Ach unser Fräulein! wenn die nur wieder da wäre. Und sie wird Frau von Prancken! Ach, die ist schön! – Eigentlich nicht schön, aber gar lieb und anmuthig; früher war sie so lustig, kein Pferd ihr zu wild, kein Sturm auf dem Rhein zu heftig, und gejagt hat sie wie ein Wilddieb. Aber jetzt ist sie nur traurig . . . immer traurig . . . arg traurig.« Wie zerrissene Klänge, die sich allmälig zu einer Weise zusammenfügen, dachte Erich an Alles, was er nun von der Tochter des Hauses gehört. Und war das nicht das Mädchen, das ihm vorgestern im Kloster begegnete? Unwillkürlich setzte sich ihm ein ganzes Lebensbild zusammen. Da ist ein Kind ins Kloster geschickt, fern von aller Welt, von allem Menschenverkehr. Es wird aus dem Kloster geholt und man sagt ihm: Du bist die Baronin Prancken! und sie ist glücklich mit dem schönen und heitern Mann und alle Herrlichkeiten der Welt sind ihr durch ihn geschenkt, als wenn er das Alles gemacht hätte, und es kann wol sein, daß sie nicht weiß, was sie an ihrem Manne hat, ja – es wird ein Glück sein, wenn sie es nicht weiß. Joseph ging. Erich saß allein in seiner Stube; kein Laut regte sich; er war so müde, denn das war ein Tag von einer Anspannung und einem Kraftaufwande zur Bewältigung ganz neuer Verhältnisse, daß man meinen mußte, es ließe sich nicht in die kurze Spanne Zeit drängen. Was hatte er nicht heute Alles erlebt! Daß er droben bei Clodwig gewesen und Römerfunde betrachtet, schien wie ein Ereigniß, das Jahre zurückliegt; er hatte heute alle Gründe des Denkens aufgewühlt, er hatte heute zum ersten Mal das Brod der Dienstbarkeit genossen und das Gefühl der halben Freundschaft, des halben Undanks, das Räthselhafte in Sonnenkamp, in Roland, in Fräulein Perini und Frau Ceres, daß Frau Ceres ihn hatte rufen lassen und er nun das wirre Geheimniß bewahren sollte . . . das Bild der Tochter des Hauses – Erich warf alle Nebengedanken von sich und dachte an Roland allein. Er richtete sich gewaltsam auf. Die soldatische Uebung half ihm. Da heißt es: auf dem Posten stehen, umsichtig Alles ins Auge fassen und nicht müde werden! In der Ferne auf dem Bahnhofe hörte er jetzt eine zur Ruhe gestellte Locomotive zischen. Das kollerte und polterte und schnaubte wie ein Ungeheuer der Fabelwelt. Diese Maschine hat heut auf und ab Wagenreihen gezogen, drinnen hundertfältiges Menschenleben sich auf eine Weile niedergelassen, und jetzt wird sie zur Ruhe gestellt, darf vom Dampf sich auskühlen. Erich lächelte vor sich hin, da er dachte, daß er selber fast eine solche Locomotive sei, die jetzt zum Erkalten gebracht würde, um am andern Morgen wieder frisch geheizt zu werden. Noch als Erich sich zur Ruhe begeben wollte, kam Roland und erzählte, daß Prancken zu Manna ins Kloster reise; dann fragte er Erich, ob er ihm nichts mitzutheilen habe. Erich verneinte und der Knabe sah traurig aus, als er gute Nacht sagte. Neuntes Capitel. Auf Gras und Blumen schimmerte der Morgenthau; die Vögel sangen lustig, als Erich durch den Park wanderte. Ueberall zeigte sich ein wohlordnender und sorgfältiger Geist. Zwei Frauen trugen Gartenerde aus einem im Rhein liegenden Kahn ans Land; Erich hörte, wie sie mit einander plauderten. »Gott sei Dank, der uns den Mann geschickt;« sagte die Eine. »da braucht Niemand in der Gegend mehr Noth zu leiden, wer arbeiten mag.« »Ja,« rief die Andere, »und da sind die Menschen noch so schlecht und sagen dem Manne nach, ich weiß nicht was.« »Was denn?« »Er sei ein Schneider gewesen.« Erich mußte an sich halten, um nicht laut aufzulachen. Eine dritte Frau mit etwas kropfiger Stimme sagte: »Ei was, Schneider – ein Seeräuber ist er gewesen und hat dem Sultan in Afrika ein goldenes Schiff gestohlen.« »Und wenn's auch wäre,« sagte die Andere, »die Menschenfresser haben Gold genug und sind noch Heiden dazu, und der Herr Sonnenkamp thut Gutes mit dem Golde.« Erich ging weiter. Von einer Anhöhe sah er, wie das Haus und die Nebengebäude mit Park und Garten schön in Einklang gesetzt waren; in der Nähe des Hauptgebäudes waren nur Bäume von dunklem Laub, Linden, Ulmen und Rüstern, welche die helle Architektur des in gutem Renaissance-Styl gebauten Hauses um so glänzender hervortreten ließen. Die Laubengänge führten allmälig wie überleitend zum festgefügten Wohnhause, und dieses selbst schien nicht in die Naturumgebung hineingebaut, sondern aus ihr herausgebildet; die steinernen Säulengänge, die Rasen, die Bäume, die Erhöhungen leiteten auf das Haus hin; Alles stimmte zusammen. Das Ganze war ein Meisterwerk der ländlichen Baukunst, ein Stück Naturpoesie nach dem reinen Gesetze der Kunst; alles Menschenwerk sah so frisch aus, als ob es eben erst aus der Hand des Arbeiters hervorgegangen, und man sah jedem Gitterstabe an, welche Sorgfalt auf Jegliches verwendet wurde. Als Erich aus dem Dickicht der Bäume an den Teich kam, trat ihm Herr Sonnenkamp entgegen. Er sah fremd aus in der grauen, mit Schnüren besetzten kurzen Plüschjacke; er freute sich, Erich schon wach zu finden, und erbot sich, ihm die ganze Anlage zu zeigen. Zunächst machte er auf einen großen Busch Pampasgrases aus den Prairien aufmerksam, und indem er eine eigene Wurfbewegung machte, erzählte er, wie er manchen Büffel mit dem Lasso eingefangen. Dann führte er Erich auf eine mit schönen Platanen besetzte Anhöhe, die er als die Achse des Ganzen bezeichnete. Er rühmte sich dieser schönen, wohlgedeihenden Bäume, indem er hinzufügte, daß man im schattenlosen Weinlande besonders auf tiefschattige Plätze für heiße Sommertage bedacht sein müsse. »Sehen Sie,« erklärte er, »ich habe die Schönheit meiner Anlagen auf fremden Boden gerückt; dort drüben auf der Höhe ist eine Baumgruppe, die habe ich erhalten und geordnet, Wege hergerichtet, neue Anpflanzungen gemacht, um ruhige Aussicht zu gewinnen. Ich habe mein Haus nicht zur Ansicht für Andere, ich habe es zur Aussicht für mich gebaut. Das Bauernhaus da drüben ist nach meinem Plan gemacht, ich habe natürlich dazu beisteuern müssen. Die Deckpflanzung dort ist zur Maskirung des grellen Steinbruchs; den zierlichen Kirchthurm oben im Bergdorfe, den habe ich gebaut. Man hat mir dafür sehr viel Rühmliches nachgesagt, ja sogar mir frommen Weihrauchduft gemacht – Ihnen kann ich's gestehen, es war mir nur darum zu thun, einen schönen Ausblick zu gewinnen. Ich muß die ganze Gegend in neue Stimmung bringen; das ist mühsam. Sehen Sie, jetzt baut mir ein Korbmacher drüben ein Haus mit dem entsetzlichen rothen Ziegeldach, das verletzt mir das Auge. Ich konnte dem Burschen nicht beikommen. Er will mir das Haus zu hohem Preise verkaufen . . . aber was soll ich damit? er mag es ja nur behalten und sich meinen Anordnungen fügen.« Es lag eine Siegeslust in der Art, wie Sonnenkamp sprach, und Erich mußte an ein Wort von Bella denken, daß der Mann ein Eroberer sei; ein solcher will unterwerfen, die Welt nach seinem persönlichen Geschmack und nach seiner persönlichen Lust ordnen und zurechtrücken. Die Dörfer, die Kirchen, die Berge, die Wälder sind ihm nur Aussichtspunkte, zu denen er sich in einen beliebten Gesichtswinkel stellt. Nun führte Herr Sonnenkamp seinen Gast durch den Park und erklärte ihm, wie er durch Anlegung von Höhen und Tiefen das Terrain in Bewegung gesetzt, wie er aber auch manches Gegebene nur hervorzuheben und in rechte Wirkung zu bringen hatte; er zeigte die sorgfältige Vertheilung von Licht und Schatten; hier und dort hatte er eine Gruppe, ein kleines Wäldchen von der gleichen Baumart gepflanzt, die er dann nicht jäh und in scharfem Contraste, sondern allmälig, wie es die Natur von selbst thut, in gemischte Zusammenstellung übergehen ließ. Erich hatte das richtige Verständniß. Ein Park müsse als gebildete Natur erscheinen, und je mehr man es verstehe, die bildende Menschenhand und den ordnenden Menschengeist zu verbergen und alles wie eine Naivetät erscheinen zu lassen, um so reiner erscheine dann auch hier die Kunst. Sonnenkamp zeigte sich auch in der Geschichte der Gartenkunst wohl bewandert, er besprach mit Erich, wie sich im Laufe der Zeiten das Gartenideal vielfach verändert habe und daß Lucullus der erste römische Gartenkünstler gewesen, denn nur der Reichthum kann eine große Bodenfläche zu einem sogenannten unproduktiven Park machen. Ein kleiner Bach, der vom Berge herabkam und in den Strom mündete, war mit großer Geschicklichkeit so verwendet, daß er manchmal verschwand, manchmal wie überraschend wieder erschien. In der Anordnung der Ruheplätze zeigte sich eine besondere Sinnigkeit. Da war unter einer einzeln stehenden Hänge-Esche, die ein ganz rundes Schattendach bildete, ein zierlicher Sitz für einen einzelnen Menschen angebracht. Der Stuhl aber war umgestürzt und an den Baum gelehnt. »Dies ist der Lieblingsplatz meiner Tochter,« sagte Sonnenkamp. »Und Sie haben den Stuhl wol umgelehnt, damit Niemand sich hier niederlasse, bis Ihr Kind wiederkommt?« »Nein,« erwiderte Sonnenkamp, »das ist zufällig.« Die Beiden gingen weiter; Erich sah kaum die vielen, schönen, bequemen Bänke und hörte kaum, wie Sonnenkamp ihm erklärte, daß er solche nicht immer an den nackten Weg, sondern hinter Strauchwerk stelle, so daß hier wohlbereitete Waldeinsamkeit geboten werde. Unter einer schönen Rüster war ein Tisch mit zwei einander gegenüberstehenden Sitzen. Sonnenkamp erklärte, daß dieser Platz »die Schule« genannt wird, denn hier erhielt Roland bisweilen Unterricht. Erich bemerkte, daß er es kaum für angemessen halte, im Freien sitzend zu unterrichten; was man im Gehen lehre, sei natürlich, aber der eigentliche feste Unterricht, der die geschlossene Sammlung des Geistes verlange, fordere auch einen geschlossenen Raum, in dem sich die Stimme nicht verflüchtige. Sonnenkamp schwieg. Er gab noch keine Entscheidung, ob er Erich die Stelle übertrage. Lange standen sie vor einer Gruppe von Laub- und Nadelbäumen. Der Morgenwind spielte im Laubwerk der Balsampappel und die weißen Blätter erschienen wie ein in freier Luft schwebender klarer See mit leisen Kräuselwellen. Sonnenkamp erzählte, daß der Teich mit Springbrunnen und daneben auf einer kleinen Anhöhe die Rosenlaube nach einem Traum der Frau Ceres geordnet sei, und er fügte hinzu: »Das war noch zur Zeit, als ich in unsrer Ansiedlung hier sehr glücklich war und Alles eine gleichmäßige, gesunde Stimmung hatte.« Erich hielt an. Sollte er Herrn Sonnenkamp von der gestrigen Unterredung mit Frau Ceres erzählen? Auch Sonnenkamp stand still und sagte mit einem eigenthümlichen Blasen, wie wenn er leise und behutsam in ein Feuer bliese: »Meine Frau hat oft wunderliche Launen; wenn man ihr nicht widerspricht, vergißt sie wieder, was sie gewollt hat. Mit einer ungewöhnlichen Hast fuhr er fort: »Jetzt kommen Sie, nun will ich Ihnen meine ganze Eitelkeit zeigen. Aber noch eine Frage. Sie sind Philosoph . . . ist es nicht grausam, daß wir Alles dies verlassen müssen, daß wir wissen, wir müssen sterben, und dies Alles grünt und blüht weiter, und der es gepflanzt und der die Mittel dazu erobert, ist nicht mehr da und verwes't?« »Wozu solchen Gedanken nachhängen?« »Sie haben Recht, daß Sie mir diese Antwort geben. Man muß das nicht fragen, denn Niemand weiß eine Antwort. Aber das Andere. Ich wünsche, daß Roland das rechte Verständniß für diese Schöpfung habe und sie weiter bilde, denn ein solcher Garten ist nicht wie eine Skulptur und überhaupt wie das Gebilde eines Künstlers; jene stehen fest und fertig, dieses aber wächst und muß immer neu gebildet werden. Und warum soll uns nicht gegeben sein, das, was wir errungen; geschaffen und gebildet, mit Sicherheit auf unsere Nachkommen zu vererben, ohne Furcht, daß fremde Menschen einmal Alles ihr Eigen nennen und verwüsten?« »Wenn Sie glauben,« erwiderte Erich, »daß ich auf Ihre erste Frage keine Antwort weiß, so muß ich sagen, daß ich die zweite Frage nicht verstehe.« »Gut, gut, wir sprechen noch darüber oder sprechen auch gar nicht mehr,« brach Sonnenkamp ab. Zehntes Capitel. Aus dem schattigen, dicht bestandenen Park, dessen Rand noch mit schönen stämmigen Weißtannen bepflanzt war, trat man in ein Gewirre von Obstpflanzungen, die auf einer Fläche von mehreren Morgen Feldes sich wahrhaft zauberisch darstellten. Die Beete waren mit kleinen, fast wie Taxusgebüsche zwerghaft gehaltenen Birnen- und Apfelbäumen eingefaßt. Der Stamm war kaum zwei Schuh hoch gehalten, während die Auszweigungen an Drähten so ausgelegt waren, daß hüben und drüben oft dreißig Schuh lange Aeste festgebunden waren. Das blühte jetzt an allen Enden und stand dabei so geregelt, daß der gewaltig bindende und bildende Menschenwille sich zeigte, der die Natur zum freien Kunstwerk oder auch zu einer zwerghaften Verkünstelung gebracht hatte. Wohl geordnet standen dann Bäume von mannichfaltigsten geometrischen Formen. Da waren Bäume in Kreisformen und Vierecken, andere, die von unten bis zur Spitze nur vier Zweige hatten, die in gemessenen Zwischenräumen nach den vier Himmelsgegenden gerichtet waren. An die Mauer angelehnt waren Bäume, die Stamm und Zweige in Sternform oder schief legen mußten, wie ein Basaltlager. Alles war im besten Gedeihen. Sonnenkamp berichtete, daß man die Zweige knicke, um den Saft nicht zu Holzbildung in Stamm und Ast sich verbreiten zu lassen; Alles müsse der Frucht dienen. »Sie haben wol auch Mitleid mit diesen geknickten Zweigen?« fragte er ironisch lächelnd. »Die natürliche Form der uns bekannten Obstbäume –« »Ja wohl,« fiel Sonnenkamp ein, »die Menschen sind Gefangene des Vorurtheils! Findet Jemand Unschönes, Gewaltsames darin, daß man den Weinstock allsommerlich dreimal kappt? – Niemand will schöne Form vom Weinstock, sondern nur reiche Frucht; so soll es auch beim Obstbaum sein. Sobald man zu oculiren begonnen, war der Weg vorgezeichnet; wir sind nur consequent. Der Zierbaum soll Zierbaum, der Fruchtbaum Fruchtbaum sein, Alles gradaus. Dieser Apfelbaum soll solche Aeste und nur so viel Aeste haben, daß er Früchte tragen kann und zwar so große als möglich; vom Obstbaum will ich kein Holz, sondern Frucht.« »Aber die Natur –« »Natur! . . . Natur!« spottete Sonnenkamp. »Neun Zehntel dessen, was man Natur nennt, ist nichts als Dressur und selbstgemachte Phantasterei. Naturgeist und Volksgeist sind die beiden Götzen, die Ihr Philosophen Euch gemacht. Es gibt keine Natur, es gibt kein Volk, und wenn es beide gibt, so haben beide gewiß keinen Geist.« Erich war betroffen von dieser herausfordernden Sprachweise, Sonnenkamp lenkte jetzt über und sagte: »Der rechte Mann der Erziehung wäre der, der auch die Menschen so erziehen könnte, wie ich diese Bäume: zum nächsten Zweck, nichts Ueberflüssiges, keine Umwege. Das, was man Natur nennt, ist eine Fabel; es gibt keine Natur, wenigstens unkenntlich wenig. Bei uns Menschen aber ist Alles Gewohnheit, Erziehung, Ueberlieferung.« »Die Herren von der Tradition,« konnte Erich endlich zu Worte kommen, »nennen uns Männer der Wissenschaft Gottesleugner: einen Naturleugner habe ich bis jetzt weder gekannt, noch je nennen hören. Vielleicht könnte man sagen, daß Diejenigen, welche die Gesetze unseres Lebens aus der Offenbarung herleiten, die Natur leugnen, oder vielmehr verwerfen.« »Ich bin kein Gelehrter und vor Allem kein Theologe,« brach Sonnenkamp rasch ab. »Alles ist Schicksal. Wir haben Raupenfraß im Walde; da steht neben einem kahl benagten Eichbaum ein anderer ganz frisch – warum? Das wissen wir nicht. Und sehen Sie hier diese Bäume. Ich habe einen Einblick in die Oekonomie dessen gethan, was man Natur nennt; da müssen tausend Lebenskeime verkommen, damit Einer sich entfalte, und das ist im Menschenleben nicht anders.« »Ich verstehe,« sagte Erich. »Alles Lebende hat etwas Aristokratisches im Gegensatz zum Verkommenden; die zur vollen Frucht sich entwickelnde Blüthe ist reich, die kümmerliche arm. Meinen Sie es so?« »Zum Theil,« erwiderte Sonnenkamp etwas müde. »Ich wollte nur sagen, daß ich den Mann nicht mehr suche, weil ich nicht glaube, ihn zu finden, den Mann, der meinen Sohn so erziehen könnte, daß er gradaus zu dem käme, was ihm beschieden ist.« Still wandelten die Beiden geraume Zeit wieder durch den blühenden Garten. Auf einer Tafel, die über der Mauer des Obstgartens hervorragte, stand geschrieben: »Warnung. In diesem Garten ist Selbstschuß und Fußangel.« Erich schaute nach Sonnenkamp um und dieser sagte lächelnd: »Ihr Blick fragt mich, ob die Tafel dort Wahrheit verkündet? So ist's. Die Menschen glauben nicht mehr, daß man den Muth hat, das zu thun. Halten Sie sich stets auf dem Wege neben mir.« Sonnenkamp vergnügte sich an der Betroffenheit Erichs. Und doch war es Lüge, es lag weder Fußangel nach Selbstschuß im Garten. Man war im sogenannten Nizza angekommen, bei dem im pompejanischen Stile angelegten Säulengange, der sich tief in die zweite Terrasse des Nutzgartens einlegte. »Nun will ich Ihnen mein Haus zeigen,« sagte Sonnenkamp, drückte an eine kleine Thür, die durch einen unterirdischen Gang führte, und geleitete seinen Gast nach dem Wohnhause. Elftes Capitel. Diener und Mägde in den unterirdischen Räumen erschraken, als Sonnenkamp und Erich eintraten. Sonnenkamp sah nicht nach ihnen um, in englischer Sprache sagte er zu Erich: »Die beiden Hauptdinge, auf die ein Mann wie ich, der sich zur Ruhe gesetzt, Sorgfalt verwendet, sind Küche und Pferdestall.« Er zeigte ihm die Küche. Da waren Dutzende von Feuerstellen zu verschiedenen Gerichten, und jede Speise hatte besondere Kännchen und Pfännchen, Feuer von der Seite und offenes Feuer. Die ganze Physiologie der Säftebereitung war hier in die Kochkunst übersetzt. Sie gingen weiter. Jede Feuerstelle im Hause hatte ihr besonderes Kamin; Sonnenkamp hob das als wichtig hervor, denn er habe sich dadurch von den verschiedenen Windrichtungen unabhängig gemacht. Der Baumeister habe sich dagegen gestemmt und es habe auch viele Mühe und Kunst gekostet, die Durchzüge geschickt anzulegen. Durch das Haus gingen überall elektrische Klingelzüge. Auf den Treppen waren kostbare Decken, reiche Candelaber überall. Alles war mit Pracht und Geschmack hergerichtet und zwar in einer gediegenen Pracht und mit durchdachtem Geschmacke; Gold, Marmor und Seide wirkten, ohne zu prunken, künstlerisch schön, nichts war überladen. Die Möbel standen nicht herum wie Dinge, die ihren Platz suchen, sie waren dem Bau angepaßt und schienen fest und heimisch; dennoch hatte die Einrichtung noch etwas Unbewohntes. Es sah aus, als ob die Einrichtung erst auf Menschen wartete, die da wirklich wohnen, nicht blos auf- und abgehen und sich umsehen sollten. Schwere, große, seidene Vorhänge waren je mit den Tapeten übereingestimmt; die Stand-Uhren in allen Sälen waren aufgezogen, kleine Kunstwerke aus Kaminen und Gestellen wohl geordnet. Dennoch zeigte die Einrichtung keine besondere Physiognomie des Besitzers; es war nur jener Geschmack, der beim Tapezier bestellt werden kann, und nirgends ein Erbstück, ein Gegenstand, der Erinnerungen erwecken konnte. Und wie mochte das Alles auf die Seele Rolands wirken? Erich wurde den Eindruck nicht los, daß man hier im eigenen Hause wie zur Miethe wohnt. An der Nordseite des Hauses bei dem großen, mit rothen damastenen Tapeten bekleideten Saale war ein Erker, in dessen Mitte ein schöner Malachittisch stand, ringsum waren feste Sitze angebracht. Vier große Fenster oder eigentlich vier mannshohe Scheiben boten freie Ausblicke. In die zwischen den Fenstern befindlichen Wände waren in halber Höhe derselben die in Marmor gearbeiteten vier Tageszeiten von Rietschel eingelassen. Die Decke war mit feiner Stuckarbeit bekleidet, aus der ein schwebender Amor nicht herabzuhängen, sondern zu fliegen schien; die fein gearbeitete bronzene Figur hielt eine Fackel in der Hand, die als Gasflamme anzuzünden war. »Hier allein,« sagte Sonnenkamp, »habe ich Kunstwerke. Ich lüge mir und Andern nichts vor – ich habe eigentlich keinen Sinn für die bildende Kunst.« »Auch das Künstlerthum ist eifersüchtig,« entgegnete Erich; »die ausgesprochene Begabung für landschaftliche Gartenkunst mag den Ausdruck des Geistes in anderen Künsten verdrängen.« Sonnenkamp lächelte. Er führte seinen Gast in den Musiksaal. Dieser war ganz ohne Gold und Sammt, einfach mit Stuck an der Decke und einer meergrünen Tapete an den Wänden; seine Helligkeit hatte etwas Leuchtendes, als hänge Sonne an den Wänden; das Auge wurde nicht zum Schauen eines Bestimmten herausgefordert, so daß man um so aufmerksamer hören konnte, es trat keine Concurrenz der Sinne ein. Erich fragte: »Wer ist in Ihrem Hause musikalisch?« »Dieser Saal ist für meine Tochter eingerichtet,« entgegnete Sonnenkamp, »von hier geht's in ihre Wohnung; ich sehe eben, sie steht offen.« Er ging in das Zimmer, Erich blieb scheu an der Thüre stehen. Die Jalousien waren herabgelassen. Sonnenkamp zog sie schnell in die Höhe. Der Ausblick ging über den großen Laubgang von Reben nach dem Oberrhein. Das Zimmer hatte eine weiße Tapete mit kleinen goldenen Sternen. Eine Anzahl von Photographien, durch ein blaues Band zu einem Kranze verbunden, in dessen Mitte ein großes Bild des Papstes, zierte die Langseite. Ueber dem weißen Bett mit weißen Vorhängen, die jetzt zurückgeschlagen waren, hing ein fein geschnitztes elfenbeinernes Crucifix, darunter ein wohleingerahmtes Farbendruckbild, ein Diplom für Hermanna, genannt Manna Sonnenkamp, die in den Bund der reinen Kindheit aufgenommen war. Ein Schreibtisch, ein kleines Büchergestell, zierliche Stühle, Alles ließ erkennen, daß hier die Wohnung eines Mädchens war, das still in sich lebt, wol zunächst von religiösen Gedanken bewegt. In diesem Raume war's, als schwebte darin ein die Seele ergreifender Gebethauch. Der Blick Erichs haftete auf einem schönen Kamin von grünem Marmor, dessen Halbkreis mit lebendigem Epheu umzogen war und in dessen Vertiefung Blumen und Blattpflanzen standen. »Meine Tochter hat in ihrem Zimmer während des Sommers den Kamin immer mit Blumen ausgefüllt,« sagte Sonnenkamp heraustretend. »Nun kommen Sie in mein Arbeitszimmer.« Sie traten in dasselbe. Es war mit ausnehmender Bequemlichkeit eingerichtet. Für jede Stimmung und jede Jahreszeit, für Einsamkeit und Gemeinsamkeit waren hier bequem gestellte Stühle und Sopha's und Tische, so daß das eine Zimmer deren mehrere in sich zu schließen schien; man war in einem großen Raum und doch dabei in anheimelnder Abgeschlossenheit. Diese Seite des Gebäudes war mit besonderm Geschick in die Landschaft eingefügt. Draußen sah man gleichstämmige Buchen und Platanen, die den Ausblick auf die oft kahl erscheinenden Rebenberge verdeckten, so daß der Blick auf den obern Theil der bewaldeten Höhe sich aufsetzte. In der Mitte, gerade vor dem Balconfenster, war die Burgruine zu schauen, die, wie Erich bereits gehört hatte, im Auftrage des Herrn Sonnenkamp ausgebaut wurde. Nur ein einziges Bild hing hier: ein lebensgroßes Porträt Rolands aus seinem siebenten Jahre. Der Knabe sitzt auf einer umgestürzten antiken Säule, die Hand auf den Kopf eines schönen Neufundländer Hundes gelegt und starrt hinaus ins Weite. Ein großer Waffenschrank mit Waffen aller Art stand in einer Nische. Während Erich umblickte, schob Sonnenkamp zwei Thüren zurück, die sich in die Wände einließen, und führte ihn in seine Bibliothek, wie er es nannte. Man sah aber keine Bücher, sondern große Schachteln, Thon- und Porcellangefäße, wie in einer wohlgeordneten Apotheke. Es waren Sämereien aus allen Ländern der Erde. Aus diesen Sämereigemächern führte eine besondere Treppe in den Garten. Sie war ganz von den Ranken der chinesischen Glycine überwachsen, die eben jetzt in traubenartigen Büscheln ihre blauen Schmetterlingsblumen trug. Sonnenkamp geleitete seinen Gast wieder in das große Arbeitszimmer zurück und hier sprach er davon, daß es ehedem sein Wunsch gewesen, Roland solle in den Handel eintreten. Er sprach vom Weltverkehr; für ihn gab es keine vereinzelte Thätigkeit, keine vereinzelte Produktion, ein Welttheil existirte nur durch den andern, die ganze Erde war der große Marktplatz, Eisen, Wolle, Tabake, Getreide betrachtete er in Schweden, Schottland, Ostindien und in der Havanna zu gleicher Zeit und ließ sie gegen einander aufstauen. Sonnenkamp schien es heut entgelten zu wollen, daß Erich ihm so viel mitgetheilt. Erich war voll Staunens über die weitschauende Kraft des Mannes. Dabei bewahrte Sonnenkamp wohlgemessene Formen und ruhige Sicherheit. Er hatte die weite Welt gesehen mit jener Scharfsichtigkeit der Engländer und Amerikaner, die im Brillenverbrauch die geringste Nummer unter den Völkern haben. Er faßte die wesentlichen Merkmale unbelastet von Nebensächlichem und von Reflexion; es war eine feste Gegenständlichkeit in der Vezeichnung dessen, was er in fremden Landen gesehen. Sonnenkamp hatte sein Anwesen gezeigt, Erich sollte wissen, daß er nichts ändern lassen wird. Ein Diener kam und meldete, Herr von Prancken wünsche sich bei Herrn Sonnenkamp zu verabschieden. Zwölftes Capitel. Prancken ging mit der Reitgerte fuchtelnd im Hofe auf und ab, sein Reitpferd stand gesattelt. Mit anmuthiger Behendigkeit eilte er auf Sonnenkamp zu und sagte, daß er sich verabschieden müsse. Es war ein höflich neckischer Ton zwischen den Beiden. Als Sonnenkamp sagte, Prancken überrasche ihn mit seiner Abreise, erwiderte dieser, er sei überzeugt, dadurch in Consonanz mit seinem Freunde Sonnenkamp zu stehen; denn nichts sei widerwärtiger und mache das Leben so welk, als das beständige Bereden und Durchsprechen; er schieße den Hasen und überlasse die Herrichtung den gelehrten Kochkünstlern. Prancken brachte das mit dem gewohnten rasselnden Tone vor und drehte dabei die Spitzen seines blonden Schnurrbarts. Von Erich nahm er sehr kühl Abschied und sagte, er hoffe ihn bei der Rückkehr von einer kleinen Reise noch hier zu treffen. »Sollten Sie indeß bereits abgereist sein, so haben Sie die Gewogenheit, mich der gnädigen« – er machte eine Pause und sagte dann – »der Frau Professorin, Ihrer Mutter, zu empfehlen.« Er hatte den einen Handschuh ausgezogen, als er Sonnenkamp Lebewohl sagte, jetzt zog er ihn wieder an und reichte auch Erich die Hand. Erich war es nicht unlieb, daß sich Prancken in ein kühleres Verhältniß zu ihm stellte; vielleicht konnten sie hiebei friedlicher und unabhängiger neben einander gehen. Prancken rief Sonnenkamp nochmals bei Seite und sagte, er habe ihm allerdings den jungen Gelehrten empfohlen – er betonte das Wort »jungen Gelehrten« mit eigenthümlich vornehmer Kälte – er bitte indeß, nicht darauf hin abzuschließen, sondern selbst genau zu prüfen. »Herr Baron,« erwiderte Sonnenkamp, »ich bin Kaufmann« – er machte eine lauernde Pause, ehe er fortfuhr – »ich weiß also, was Referenzen sind . . . Ich erkläre Ihnen, Sie sind von aller Verantwortung frei, und was die Prüfung anbetrifft . . . Herr Baron, ich bin Kaufmann« – wieder die lauernde Pause – »der junge Mann ist der Verkäufer und ein Verkäufer muß sich immer mehr kennen lassen als der Käufer und nun gar hier, wo der Verkäufer zugleich die Waare ist.« Prancken lächelte und nannte das die feinste Diplomatie. Er machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand und sagte, es wäre am besten, Erich ohne Weiteres wieder fort zu schicken; er ging nach seinem Pferde, sprang behend in den Sattel. Sonnenkamp rief ihm noch zu, er möge nachsehen, ob die Magnolia im Klosterhofe gut gediehen sei. Sofort zum Galopp ansprengend, ritt Prancken davon. Sonnenkamp fragte Erich, ob er nicht glaube, daß nur ein Mann, der von Jugend an sich der Adelsbevorzugung bewußt sei, dieses souveräne freie Spiel mit dem Leben gewinnen könne. Erich erwiderte, daß dem bürgerlichen Manne keine wirkliche Schönheit des Lebens verschlossen sei. Auch Sonnenkamp ward sein Reitpferd vorgeführt; alsbald stieg er auf und ritt davon. Erich suchte Roland auf und fand ihn bei seinen Hunden. Der Knabe wollte, Erich solle sich sofort einen der jungen Hunde auswählen. »Und denke Dir,« setzte er hinzu, »eine Taglöhnerin berichtet mir eben, daß das Erdmännchen vom Satan einen Schaden davongetragen habe. Geschieht dem einfältigen Menschen ganz recht; warum übernimmt er etwas, wenn er zu ungeschickt dazu ist?« Erich sagte, wie grausam es sei, einen Menschen als Puppe zu betrachten und sich nicht um ihn zu kümmern, wenn man damit gespielt hat. Roland warf den Kopf unwillig zurück. Schweigend stand er neben Erich und bat endlich, auch mit ihm auszureiten. Sie ritten nach dem Dorfe, Roland aber ließ sich nicht bewegen, zu dem Erdmännchen zu gehen; Erich ging allein, er fand das Männchen ächzend auf dem Bette liegen. Als er in das Haus des Krischers zurück kam, traf er Roland nicht; er war mit Satan in den Wald auf die Höhe gegangen. Der Krischer grüßte Erich mit weniger Unterwürfigkeit; er rückte wol die Mütze, aber nur um sie etwas schief aufzusetzen, und näherte sich ihm in jener oberrheinisch vertraulichen Weise, wobei es immer ist, als ob man mit einem Glase anklinge und sich gütlich thue. »Herr Hauptmann, haben Sie abgemacht?« fragte er. »Nein.« »Darf ich Ihnen noch was sagen?« »Warum nicht?« »Es kommt drauf an, wie man's ansieht. Der dort drunten« – er wies mit dem Daumen nach der Villa zurück – »der kauft noch die ganzen Rheinlande. Aber sehen Sie da den Fuchshund –« »Halt!« fiel Erich ins Wort und erklärte mit Entschiedenheit, daß der Krischer kein Recht habe, so zu ihm und von einem Andern zu sprechen. Der Krischer rauchte hastiger aus seiner Napoleonspfeife, dann sagte er: »Ja, ja, Sie sind der, der den da drunten an der Gurgel packen kann, und ich sehe, ich bin nicht gescheidt genug für Sie. Sie wollen mir keinen Dank schulden; ich will keinen und auch keinen Lohn!« Er murmelte vor sich hin, daß Alles, was den Reichen nahekomme, sich verderben lasse. Roland kam aus dem Walde zurück. Erich erwartete, er werde nach dem Erdmännchen fragen. Der Knabe schwieg und schweigsam ritten die Beiden wieder zurück. Erich ließ sich bei Herrn Sonnenkamp melden und erklärte, daß er nun in ein festes Verhältniß zu Roland eintreten müsse. »Sie finden also auch, daß Roland ein vortrefflicher Junge ist?« »Er hat viel Bestimmtheit und – ich weiß wohl, daß ein Vater das nur schwer anhören mag, aber nach Ihren eingehenden Fragen von gestern darf ich erwarten, daß Sie Freiheit genug besitzen –« »Gewiß, gewiß; sprechen Sie nur offen.« »Ich finde eine gewisse Hartherzigkeit und eine bei solcher Jugend überraschende Theilnahmlosigkeit für das rein Menschliche,« fuhr Erich fort und erzählte, wie Roland sich gegen das Erdmännchen benommen hatte. Ein Lächeln zuckte durch die Mienen Sonnenkamps, der nun fragte: »Und Sie sind der Zuversicht, ein verdorbenes Gemüth zu veredeln?« »Bitte, ich habe nicht von einem verdorbenen Gemüth gesprochen; ich möchte vielmehr sagen, Roland befindet sich jetzt auch im Mutiren der Geistesstimme und da läßt sich die bleibende Tonlage nicht ermessen, aber Behutsamkeit in der Einwirkung ist um so nöthiger.« »Und was halten Sie von den Talenten Rolands?« »So weit ich bis jetzt sehen kann, bemerke ich nichts, was über das gewöhnliche Maß hinausgeht; er hat natürlichen Verstand, leichte Fassungsgabe, aber Festhalten – das ist sehr fraglich. Ich bin über diese Constitution des Geistes noch nicht klar; ist sie nicht zu verbessern, so fürchte ich, wird Roland nicht glücklich, weil er an nichts anhaltende Freude gewinnt und Lust und Pflicht der Fortsetzung empfindet. Doch das sind vielleicht Grübeleien.« »Nein, nein, Sie haben Recht, ich habe kein Vertrauen zum Charakter meines Sohnes; er lebt stets auf kurze Sicht. Eine Sache, für die er etwas thun soll und deren Erfolg erst später erscheint, ist ihm langweilig und überdrüssig.« »Das ist Kinderart.« »Aber solche Kinder werden nie strenge Männer. Darum wollte ich, daß Roland die Pflanzen liebte; da müßte er lernen, daß es etwas gibt, das zu keiner Zeit vernachlässigt und vergessen werden darf.« »Es freut mich,« entgegnete Erich, »daß Sie mich hier auf die tiefsten Punkte bringen. Zunächst also, daß ein Reicher und der Sohn eines Reichen ganz ähnlich wie der Fürst und ein fürstliches Kind immer nur dienende Freunde hat. Ich bin wider meinen Willen der Vergnügungskamerad Rolands geworden, da wird nun der nachfolgende Ernst abstoßend wirken.« »Ließen sich denn Vergnügen und Ernst nicht vereinigen?« »Ich hoffe das. Man muß aber auch den Ernst bekennen.« Erich schwieg und Sonnenkamp fragte: »Sie haben noch ein Zweites?« »Allerdings. Das Andere liegt darin, dessen ich auch bereits erwähnt. Roland muß einen festen Punkt gewinnen, eine stetige, heimische Verbindung mit den Dingen der Außenwelt. Wer keine Jugenderinnerungen, keine tiefe Anhänglichkeit an ein Bestehendes hat, dem ist die Quelle der Gemüthsinnigkeit abgesperrt. Was die Seele im Tiefsten speist und tränkt, was man vielleicht die Muttermilch des Geistes nennen dürfte, das sind tiefe, anhängliche Jugenderinnerungen.« Sonnenkamp zuckte bei diesen Worten, und Erich setzte hinzu: »Die Heimatlosigkeit schädigt die Seele Ihres Sohnes.« »Heimatlosigkeit? Verstand ich recht? Heimatlosigkeit?« »Ja. Das innere Leben des Kindes bedarf der Angewöhnung. Ein einziges Festes in der Seele macht auch die Seele fest. Wenn ich sagte, daß der Mensch ein Ziel haben müsse, so muß er auch einen festen Ausgangspunkt haben, und das ist die Heimat. Sie sagten mir, daß Roland an nichts rechte Freude habe. Kommt das nicht davon, weil der Knabe heimatlos, ein Kind der Gasthöfe, nirgends eine Einwurzelung, noch mehr, keine festen Anschauungen, keine Bilder hat, in die er sich eingelebt, wohin seine Phantasie immer wieder zurückkehrt? Er hat, wie er mir erzählte, im Colosseum zu Rom, im Louvre zu Paris, im Hydepark zu London und am Genfersee gespielt und nun überhaupt, in Europa lebend, doch immer im stolzen Bewußtsein seines Amerikanerthums, gibt das nicht eine Unruhe in die Seele, die kein Gedeihen aufkommen läßt.« »Ich sehe,« entgegnete Sonnenkamp und lehnte den Kopf zurück, »Sie gehören doch auch zu den eingeheimsten Deutschen, die durch die ganze Welt in Wirklichkeit und in Gedanken rennen und sich dabei immer höchst selbstgefällig streicheln: Ach, ich bin so gemüthlich, das habt Ihr Alle nicht. – Pah! ich sage Ihnen, wenn ich meinem Kinde etwas Gutes gebe, so glaube ich, ist es besonders das, daß es die Sentimentalität der sogenannten heimatlichen Eingesessenheit nicht hat.« »Eben darum,« fiel Erich ein, »mußte ich Sie auch fragen, ob Roland sich als Deutscher oder Amerikaner fühlen soll.« Sonnenkamp hörte kaum darauf, er fuhr fort: »Der Pfiff der Locomotive verscheucht all das frühere so gehätschelte Heimweh. Wir sind in der That Weltbürger und gerade das ist das Große, noch nie Dagewesene des Amerikanismus, daß keine nationale Beschränkung oder gar ein Pfahlbürgerthum die Seele beengt. Das Heimatsgefühl ist ein altes Uebel und ein Vorurtheil. Roland soll ein freier Mensch werden!« Erich war still. Erst nach geraumer Weile sagte er: »Es ist vielleicht nicht gut, daß wir uns ins Allgemeine begeben. Ich wollte nur sagen, so wenig eine Reise ein inneres Vergnügen schafft, wenn man kein Ziel hat, das man erreichen, keinen Zweck, den man unterwegs pflegen will, so wenig kann ein Leben, das auf kein bestimmtes Thun und Erkennen hinzielt, die Ruhe des Daseins geben.« »Ich ehre und schätze Ihren großen Ernst,« versetzte Sonnenkamp und entschuldigte sich, daß er jetzt diese Erörterung abbrechen müsse. Erich verließ die Arbeitsstube Sonnenkamps und ging zu Roland. Er fand den Knaben damit beschäftigt, ein Stück halb rohen Fleisches zu kauen und das Gekaute dem neu abgerichteten Hunde Satan zum Fressen zu geben; das sollte nach der Angabe des Krischers den Hund unzertrennlich von ihm machen. Eine Weile sah Erich zu, dann ersuchte er Roland, den Hund fortzuschicken, denn er habe ihm etwas zu erzählen. »Kann denn der Hund nicht dabei sein?« Erich antwortete nicht, er sah, daß er zuerst die Concurrenz mit den Hunden zu beseitigen habe. Als er nun nochmals einen auffordernden Blick auf Roland wendete, sagte dieser: »Komm, Satan, wart' hier vor der Thür!« und sich zurückwendend, sprach er: »So, nun erzähle.« Erich erfaßte die Hand Rolands und legte ihm dar, daß er gekommen sei, um sein Erzieher zu werden. Roland stemmte sein schönes Haupt auf die leicht geballte linke Hand und starrte den Redenden mit seinen großen unstet brennenden Augen an. »Das wußte ich,« sagte er endlich. »Und wer hat Dir's gesagt?« »Der Krischer und Joseph.« »Und warum hast Du mir nichts davon kundgegeben?« Roland ließ sich zu keiner Antwort herbei, er wendete nur einmal den Blick, da Erich hinzusetzte, daß er dem Vater nicht habe vorgreifen wollen und daß er selber zuerst habe prüfen müssen, ob er sich für dieses Haus eigne. Noch immer schwieg Roland. Der Hund kratzte an der Thür, Roland schaute nach derselben, aber er wagte nicht, sie zu öffnen. Erich that's. Der Hund sprang herein und schmiegte sich an Roland, dann ging er auch zu Erich und leckte ihm die Hände; es war, als sei er ein geheimer Bote, ein stiller und vielsagender zwischen den Beiden. »Er hat Dich auch gern!« rief Roland in kindischer Lust, sprang auf und warf sich an die Brust des Mannes, und dieser hielt ihn fest umschlungen; der Hund bellte, wie wenn er sprechen müßte. »Wir wollen treu zusammenhalten,« rief Erich, den Knaben von sich loslassend; »ich hatte einen Bruder in Deinem Alter, Du sollst mein junger Bruder sein.« Roland hielt stumm die rechte Hand Erichs in seinen beiden Händen. »Nun laß uns gleich frisch und munter unser Leben anfangen.« »Ja,« entgegnete Roland, »wir wollen Satan aus dem Wasser apportiren lassen, er kann's prächtig.« »Nein, Roland, wir wollen arbeiten. Laß einmal sehen, was hast Du denn eigentlich gelernt?« Erich hatte wohl bemerkt, daß Roland, der in Anderem mangelhaften Wissens war, in der Geographie ziemlich gute Kenntnisse hatte. Er prüfte ihn daher und Roland war glücklich, genaue Antworten geben zu können. Allmälig gingen sie in andere Wissensgegenstände über und da sah es wüst aus, das Latein vor Allem haßte Roland mit einer persönlichen Feindschaft. »Wir wollen mit Ruhe das Nöthige lernen,« tröstete ihn Erich, »dann aber wollen wir reiten, fahren, schießen, fischen und im Kahne rudern.« Diese Aussicht erheiterte den Knaben sehr, und als jetzt die Glocke vom Thurme schlug, sagte er plötzlich: »In einer Stunde ist Herr von Prancken bei Manna. Ich will auch so gut reiten, fechten und schießen lernen, wie Herr von Prancken. Ich habe Herrn von Prancken einen Brief an Manna mitgegeben.« »In welcher Sprache schreibst Du?« »Englisch« . . . Dreizehntes Capitel. Man war im Garten; Sonnenkamp sagte leichthin zu Erich, daß sich ein neuer Bewerber eingestellt habe, der vom letzten Lehrer Rolands, dem Kandidaten Knopf, warm empfohlen wäre; er befahl Joseph, den Fremden einzuführen. Ein schlanker, sonnenverbrannter Mann trat ein. Er wurde der Gesellschaft vorgestellt; Erich wurde nur Hauptmann genannt, der Doctor war einstweilen zur Ruhe gesetzt. Der Fremde – er hieß Professor Crutius – war ein Studiengenosse des Kandidaten Knopf, war viel in der Welt umhergeworfen worden und zuletzt mehrere Jahre Lehrer an der Kadettenschule zu West-Point in der Nähe von Newyork gewesen. Er berichtete das mit großer Leichtigkeit, aber in etwas herber Betonung. Sonnenkamp wollte die beiden Gelehrten ein Turnier ausführen lassen, dem er in Behagen zuschaute; aber es wurde vereitelt, da Erich dem Fremden nicht nur die Gelegenheit bot, sich in vortheilhafter Weise kund zu geben, sondern auch bescheiden von der reichen Welterfahrung des Mannes sich belehren ließ. Der Fremde schien schnell zu ahnen, daß Fräulein Perini im Mittelpunkte dieses Hauses stand, und er fand mit ihr gute Anknüpfungspunkte. Crutius hatte eine amerikanische Familie nach Italien begleitet und war von Nizza aus in die neue Welt gekommen. Mit Unbefangenheit und Sachkenntniß schilderte er die Eigenthümlichkeiten eines amerikanischen Knaben aus der obern Schicht und wie man einen solchen behandeln müsse. Diese Darlegung war offenbar für Roland gegeben, der den Fremden staunend ansah. Er ging zu seinem Vater und sagte leise aber bestimmt: »Schick' ihn fort – ich will ihn nicht.« »Warum?« »Weil ich Herrn Erich habe und weil diesen da Herr Knopf geschickt hat,« entgegnete Roland und ging davon. Der Fremde tastete im Gespräche hin und her, um die Stimmung zu erkunden, mit der man hier im Hause an Amerika denkt. Als Sonnenkamp mit großer Heftigkeit hinwarf, er wünsche Amerika einen Dictator, der die Zerfahrenheit und Unbotmäßigkeit zu Paaren treibe, sagte Crutius: es gäbe in der neuen Welt sehr Viele – sie wagten nur nicht es zu sagen – die innerlich die Sehnsucht und die Ueberzeugung hegten, daß Amerika der Monarchie entgegengehe. Sonnenkamp nickte vor sich hin und pfiff wiederum unhörbar. »Wo sind Sie abgestiegen?« fragte er plötzlich den Fremden. Crutius nannte einen Gasthof des Städtchens. »Da sind Sie sehr gut einlogirt.« In den Mienen des Fremden zuckte es; er hatte offenbar erwartet, daß man sein Gepäck holen lasse und ihn zunächst als Gast im Hause behalte. Sonnenkamp dankte sehr höflich für den Besuch und bat den Fremden, genau seine Adresse anzugeben, damit man ihm schreiben könne. Die Hand des Fremden zitterte, da er ein sehr verbrauchtes Taschenbuch herausnahm und seine Karte abgab; er verabschiedete sich mit erzwungener Höflichkeit. Sonnenkamp ersuchte Erich, seinen Collegen ein Stück Weges zu begleiten, und händigte ihm mehrere Goldstücke ein, die er dem bedürftig Erscheinenden in passender Weise übergeben möge. Ist dies Vertrauen oder Dienst? fragte sich Erich, als er dem Fremden nachging. Er holte denselben noch an der Mauer des Parks ein. Als Erich ihm sagte, daß er ebenfalls Lehrer sei, veränderten sich die Mienen des Professors. »Ah,« rief er aus, »also auch ein Lehrer und wol mein Concurrent?« Erich bejahte. Crutius sah ingrimmig drein, er war den freundlichen Ermunterungen des Hauptmanns, den er für einen Vertrauten des Hauses hielt, willig gefolgt; nun war das also auch ein Lehrer! Etwas vom Aerger über diese Täuschung knirschte er durch die Zähne. Mit großer Zartheit brachte Erich das Anerbieten des Geldgeschenkes vor. »Ha!« lachte Crutius. »Er kennt mich, er will mich beschenken, mich zu Dank verbinden und sich loskaufen!« Erich sagte, daß er diese Ausrufungen nicht begreife. »So?« höhnte Crutius. »Also eine Unschuld mit Hauptmannsrang? Und das läßt sich auch kaufen? Die ganze Erde ist eine Trödelbude. Was thut's? Die Höhle, wo der Tiger seine Beute verzehrt, ist sehr schön, sehr geschmackvoll; Maurerpolier und Tapezier können viel zuschmieren! Entschuldigen Sie, ich habe am Morgen Wein getrunken und bin das nicht gewöhnt. Gut, geben Sie her! Meinen allerunterthänigsten Gruß nach Villa Eden! Ein schöner Name!« Ohne ein Wort der Erklärung faßte Crutius das Geld, griff an den Hut und entfernte sich mit raschen Schritten. Erich kehrte nachdenklich zu Sonnenkamp zurück. Mit großer Zutraulichkeit hieß Sonnenkamp ihn zu sich setzen und fragte: »Er hat das Geld genommen und sich natürlich kaum bedankt?« Erich bejahte. Bei all seiner Abgeschlossenheit schien Sonnenkamp doch eine gewisse Mittheilungslust zu haben und diese gegen einen Mann wie Erich walten zu lassen. Er erging sich in lustigen Betrachtungen, wie viele Existenzen auf eine Beute des Zufalls warten; man öffne nur einen Honigtopf, plötzlich seien Bienen und Wespen und Goldfliegen da, von denen man eine Minute vorher nichts gesehen. Dann fuhr er fort: »Ich kann Ihnen einen Beitrag zu Ihrer Menschenkenntniß geben.« »Von Herrn Crutius?« »Nein, von Ihrem sehr bemitleideten Erdmännchen. Es ist eine Freude, was für ein geriebener Schelm das ist; ich wußte es längst, da er mit Geschick schwarze Walderde droben von der Höhe zu stehlen weiß; nun aber ist der Schaden, den er von der Hundedressur davon getragen haben will, nichts als Lüge. Ich habe das Roland bereits mitgetheilt, und es freut mich, daß er schon früh die Schlechtigkeit und Lügenhaftigkeit der Menschen kennen lernt.« »Sie werden das Erdmännchen nun nicht mehr in Ihrem Dienste behalten?« fragte Erich. »Im Gegentheil! Mich freut's, daß das putzige Männchen so viel Schelmerei hat. Ich wünschte, ich hätte ein halb Dutzend Gauner zur Hand, um Roland lehren zu können, wie man mit dem Gelichter verkehrt.« »Das werde ich ihn nicht lehren können,« sagte Erich. »Das sollen Sie auch nicht, Sie sind zu Andrem da.« Erich sah die Menschenverachtung Sonnenkamps, sie erschien ihm als Folge des bewegten amerikanischen Erwerbslebens und um so mehr hoffte er ein Gutes zu wirken, indem er die Leitung Rolands übernahm. Ein Diener meldete, daß Roland am Ufer auf Erich warte; er ging zu ihm und Roland löste den schönen Kahn und ruderte mit Erich hinaus auf den Strom, der jetzt dunkelgrün war. Die dichtbelaubten Inseln droben schienen wie aus der grünflüssigen Fläche des Wassers herauszuwachsen. Ein frischer Wind trieb Kräuselwellen; Roland spannte das Segel auf und zeigte sich gewandt, das Element beherrschend; jede seiner Bewegungen war so voll Anmuth, daß Erich ihn mit frohem Blicke betrachtete. Erich war auf dem Wasser ganz fremd, er gönnte Roland gerne den Triumph, ihn zu unterrichten, wie man das Fahrzeug nach Lust und Laune lenkt und wendet. Es war eine Fröhlichkeit in der Stimme Rolands, die man bisher noch nicht gehört hatte. Mit aufgeblähtem Segel fuhren sie dahin und die hoch aufspritzenden Wellen schlugen klatschend an das Fahrzeug. Roland erzählte, daß der Kandidat Knopf ihn erst auf dem Wasser heimisch gemacht habe. Rudern, Segeln und Steuern und den Kahn im Kreise treiben, das habe Knopf besser verstanden als der geübteste Steuermann, ja besser als die Steuermännin, eine große, mächtige Frau, die eben jetzt Roland anrief, indem sie einen am Schleppschiff hängenden großen Kahn lenkte, während der Mann, eine nicht minder mächtige Gestalt, am Mastbaum lehnte. Roland steuerte auf das Schleppschiff und hing seinen Kahn an das am Tau hängende Schiff, das die Steuermännin regierte. Sie plauderte mit ihm, sah aber beständig zurück, denn sie mußte Richtung inne halten. Als Roland weit genug hinauf gefahren war, löste er den Kahn ab und fuhr mit der Strömung zurück. Erich lenkte das Gespräch auf den Kandidaten Knopf. Roland wollte nichts weiter von ihm erzählen und auch nicht von anderen früheren Lehrern; sie waren ihm offenbar gleichgültig, wie Kellner im Gasthofe, die gestern aufwarteten. Nur aus der Art, wie Roland einige Worte gesprochen, ließ sich erkennen, daß Kandidat Knopf seinen Zögling sehr geliebt haben mußte. Die Rede kam auch auf das Erdmännchen; Roland nahm die Schelmenstreiche desselben sehr gleichgültig auf: er war der Ansicht, daß alle armen Leute Schelme seien. Der Knabe hatte schon früh eine gewisse Weltverachtung gewonnen und schien Niemand und nichts zu haben, woran er unzertrennlich hing und dessen Gedenken ihn tiefer belebte. Nur mit seiner Schwester schien er inniger zusammenzuhängen, denn als er mit Erich nach der Villa ging, sagte er: »Jetzt geht Manna mit Herrn von Prancken. Ich glaube, wenn sie kommt, wirst Du sie auch lieb haben.« Drittes Buch. Erstes Capitel. Die zahlreiche Dienerschaft im Erdgeschosse der Villa führte ihr eigenes Leben. Herr Sonnenkamp hatte ein weises Gesetz, obgleich es Viele hartherzig fanden: seine sämmtlichen Dienstboten mußten unverheirathet sein. Es war Mittag. Lange bevor oben die herrschaftliche Tafel angerichtet wird, speist man hier. Zwei Reitknechte und ein dritter Kutscher, die die Stallwacht haben, speisen schweigend allein, denn sie müssen die Anderen ablösen. Oberster Herrscher hier unten ist der weißgekleidete Chef – so wird der Oberkoch genannt. Er ist wohlbeleibt, von stattlicher Gestalt, bartlosen Antlitzes, mit großer Habichtsnase; er spielt hier den Marquis. Sein Deutsch ist eine Art Kauderwelsch, aber er regiert die ihm untergeordneten Köchinnen und Küchenmägde mit großer Sicherheit. Die Wachhabenden haben abgespeist. An einer langen Tafel ist für mehr als ein Dutzend Menschen gedeckt, die allgemach herankommen. Zuerst kommt – denn man läßt ihm den Vortritt – der Oberkutscher Bertram, eine gewaltige, riesenhafte Erscheinung. Er hat einen großen, in zwei dichte spitze Wellen getheilten röthlichen Bart, trägt eine lange, bis über die Hüften hinabreichende gestickte Weste und darüber eine weiß und blau gestreifte Interimsjacke, nur durch eine kleine Auszeichnung von der der anderen Stallbediensteten unterschieden. Mit einem Gruß gegen das Küchenpersonal setzt sich Bertram zu oberst an den Tisch, ihm zur Rechten nimmt Joseph, zur Linken der Obergärtner seinen Platz. Nach diesem setzt sich ein kleines Männchen mit knolligem Gesicht und sehr beweglichen Augen; es ist Lutz, der Courier. Nun setzen sich die Anderen, je nach ihrem Rang, so daß am unteren Ende die Stallburschen und Gärtnerjungen sitzen. Die erste Köchin, ein besonderer Günstling der Fräulein Perini, hielt streng darauf, daß, bevor man speiste, gebetet wurde. Bertram, der riesenhafte Kutscher, ein entschiedener Freigeist, machte sich während des Gebets immer mit seiner großen gestickten Weste zu thun, die er stolz über die Hüften herabzog. Joseph faltete die Hände, bewegte aber die Lippen nicht; die Uebrigen beteten leise mit. Kaum war die Suppe verspeist und etwas vom Wein genippt – denn täglich bekamen die Diener ihren Wein – so begann Bertram: »Ich warte nur, ob mich der Herr Hauptmann Dournay erkennen wird; ich stand ja bei seiner Batterie.« Damit waren die Zungen gelöst und war das Thema gegeben. »So?« fiel Joseph ganz glückselig ein. »Er war gewiß recht beliebt?« Bertram fand nicht für nöthig, darauf geradezu eine Antwort zu geben. Er sagte nur, er hätte nicht geglaubt, daß der Herr Dournay auch einmal Dienstbote würde. »Dienstbote?« »Ja, Dienstbote wird er wie wir, und weil er etwas in den Büchern gelernt hat, dafür wird er Hofmeister.« Joseph lächelte wehmüthig und gab sich alle Mühe, der Tischgesellschaft die rechte Meinung beizubringen. Er pries zuerst den hochberühmten Vater Erichs, der gewiß zwanzig Orden gehabt habe, und dessen Frau, die von hohem Adel war. Die Namen aller Wissenschaften – und zwar die schwer verständlichsten: Anthropologie, Zoologie, Osteologie, Archäologie und Petrofactologie – deren er nur habhaft werden konnte, warf er den Genossen an den Kopf und rühmte, daß der Hauptmann Dournay das Alles verstehe; er allein sei eine ganze Universität. Es gelang Joseph aber nicht, die Dienerschaft zu überzeugen, daß Erich etwas Anderes werde als ein Diener. In hochpreußischem Dialekt sagte der Obergärtner: »Jedenfalls ist er ein schöner Mann und sitzt gut zu Pferde; von der Gärtnerei versteht er aber nichts.« Lutz, der Courier, rühmte, daß Erich recht gut Französisch und Englisch spreche; Russisch, Türkisch und Polnisch verstünden natürlich die Herren Gelehrten nicht; denn Lutz, der als Schneidergeselle alle Länder durchreist hatte, verstand alle Sprachen. Er hatte ehedem Fräulein von Prancken, die jetzige Gräfin Wolfsgarten, und zwei Engländerinnen begleitet, nunmehr diente er Herrn Sonnenkamp als Courier auf Reisen, die übrige Zeit war er müßig, wenn man nicht etwa Abholen und Abliefern des Briefbeutels auf der Bahnstation und daneben das Zitherspiel, das er mit Pfeifen begleitete, eine Arbeit nennen will. Es schien ein stillschweigendes Uebereinkommen am Tische, daß man auf eine Rede des Lutz nicht erwidere; nur die zweite Köchin, mit welcher er in einem zarten Verhältniß stand, lächelte ihm zu. Ein Mann mit sarmatischen Mienen, dem Ton seiner Aussprache nach ein Pole, rühmte, daß es doch wieder Herr von Prancken sei, der den Mann ins Haus gebracht habe. Bertram stieß Joseph ein wenig an und lobte dann Herrn von Prancken übermäßig; Joseph zwinkerte mit den Augen, wie wenn er sagen wollte: Recht so, es ist kein Zweifel, daß der Pole im geheimen Dienst des Herrn von Prancken steht. Man sprach nun davon, ob Herr von Prancken wol auch im Hause wohnen werde, wenn er Manna heirathe, denn daß dies geschehen werde, war ausgemacht. Ein Gärtner, der etwas stammelte, berichtete, man habe im Dorfwirthshause gesagt, Herr Sonnenkamp sei ein Schneider gewesen. Alle lachten und der stotternde Gärtner, der ohnedies der Gehänselte des Kreises war, wurde nun zu allgemeiner Erlustigung immer mehr zum Reden aufgereizt. Bertram nahm die Wellen seines langen Bartes in beide Hände und rief: »Wenn nur Mir einmal Einer so etwas sagte, ich wollte dem zeigen, wie ihm seine eigenen Zähne schmecken.« »Lassen Sie doch die Menschen reden,« beschwichtigte der Obergärtner. Er lächelte im Voraus über seine Weisheit, indem er hinzufügte: »Sobald es einem Manne gut geht, muß er sich böse Nachrede gefallen lassen.« Ein Stallbursche berichtete von Raufhändeln, die man mit den Dienern des sogenannten Weingrafen gehabt habe, da diese die Bediensteten des Herrn Sonnenkamp verspotteten, weil sie einem Manne dienten, von dem man nicht wisse, wer und woher er sei; Einer habe sogar gesagt, Frau Sonnenkamp sei eine gekaufte Sklavin. Die geheime Geschichte und zwar die nicht sehr erbauliche vieler Häuser wurde erzählt, bis die dicke Köchin endlich rief: »Laßt doch das Gerede! Meine Mutter hat immer gesagt: Sei ein Haus groß oder klein, vor jeder Thüre liegt ein Stein.« Der zweite Gärtner, das Eichhörnchen genannt, ein spindeldürrer Mann mit spitzem Gesichte, der sich manchmal zu den Betstunden der Frommen in der Gegend hielt, begann eine salbungsvolle Predigt über Nachreden. Er war früher Gärtner gewesen, dann Polizeidiener in einer norddeutschen Hauptstadt, wo ihn Sonnenkamp kennen lernte und wieder in seinen ursprünglichen Beruf zurück versetzte; er bediente sich seiner zugleich bei manchen Aufträgen, die eines Mannes von treuherzigem Benehmen bedurften. Eine alte Küchenmagd, die abseits saß, den Teller auf dem Schooße haltend, rief plötzlich: »Wenn ich so ein junges reiches Fräulein wäre, wie das unsere, ich weiß, was ich thäte.« »Und was thätest Du?« »Den schönen Herrn, der angekommen ist, den thät ich heirathen; der gefällt mir viel besser.« Alles lachte. Plötzlich erscholl eine Stimme von der Decke: »Bertram soll den Glaswagen anspannen, Joseph heraufkommen!« Die Tischgesellschaft löste sich auf; die Stallknechte gingen in den Stall, wo sie ihre Pfeifen schmauchten, die Gärtner in den Park und die Treibhäuser. Joseph sagte noch eilig zweien Dienern, daß sie den Tisch decken sollten, und stille war's unter der Erde. Nur die Kessel brodelten und zischten, und der Chef schaute mit vornehmer Miene nach den Fortschritten seiner Arbeit. Eine Stunde später empfing Lutz die Briefe, die er zur Station zu befördern hatte, und scheinbar harmlos erzählte er, daß der neue Erzieher in Bertram, der ehemals in dessen Batterie gestanden, und in Joseph, der sich ihm von der Universität her verpflichtet fühle, einen Anhang im Hause habe. Es war nie gesagt, daß Lutz der Spion unter den Dienstboten sein sollte; es verstand sich zwischen ihm und seinem Herrn von selbst. Zweites Capitel. Es war am Sonntag in der Frühe, als Erich Herrn Sonnenkamp im Garten begegnete und gefragt wurde, ob er mit zur Kirche gehe. Erich erwiderte, er stehe außerhalb der Confession und wolle keinen Act der Heuchelei begehen; als Zeichen der Achtung für eine fremde Confession könne er wol zur Kirche gehen, aber man würde es ihm hier anders deuten. Sonnenkamp schaute ihn wie prüfend an; aber diese Gradheit schien doch Wirkung zu üben, denn er sagte: »Gut; man weiß gleich, wie man mit Ihnen dran ist.« Der Ton war doppelartig, aber Erich deutete ihn in gutem Sinne. Als Alles zur Kirche gegangen war, saß Erich allein; er schrieb an seine Mutter. Die Glocken im Dorfe läuteten und Erich schrieb, wie er die hohe Berufung erfasse, ein Menschenkind, das mit der viel wirkenden Macht des Reichthums ausgerüstet sei, den rechten Weg zu führen. Und unter dem Glockenton kam plötzlich die Erinnerung an jene Geschichte aus dem Evangelium, wie der reiche Jüngling zu Jesus kommt. Er wußte Anrede und Antwort nicht mehr genau, er suchte in der Bibliothek Rolands nach einer Bibel, fand aber keine; und doch war's ihm, als könne er nicht weiter, bis er jenes Begebniß wieder genau wisse. Er ging hinab in den Garten; hier traf er den Gärtner, das sogenannte Eichhörnchen, der ihm auf die Frage, ob er eine Bibel habe, eine bejahende Antwort gab. Unter salbungsvollen Worten, daß es ihm heute nicht möglich sei, nach der Stadt in die protestantische Kirche zu gehen, holte er seine Bibel und Erich ging damit auf sein Zimmer. Er schrieb nicht weiter, er las lange; dann saß er, den Kopf in die linke Hand gestützt und starrte drein, bis Roland aus der Kirche kam und das Gebetbuch aus der Hand legte. Als Erich jetzt die Hand faßte, die das Gebetbuch weggelegt hatte, zuckte ihm die Frage durch die Seele: Wirst du dem Jüngling ein ähnliches Festes und Erhebendes als Ersatz geben können? Roland sagte: »Du hast Dir eine Bibel geholt?« und daß sich dies durch den Gärtner bereits im ganzen Hause verbreitet habe. »Kennst Du das hier?« fragte Erich und legte Roland die Stelle vom reichen Jüngling vor. Roland las, und als Erich ihn fragte, was er dazu denke, sah Roland ihn starr an; er hatte offenbar die Schwere des Räthsels, das sich hier darlegte, nicht erkannt. Erich vermied es, ihm schon jetzt die Bedeutung desselben zu erklären. Ein Samenkorn liegt in erster Zeit regungslos in der Erde, bis es durch einwirkende Kräfte erweckt wird. Erich wußte, daß in diesem Augenblicke ein solches Samenkorn in die Seele des Jünglings gefallen war. Er wollte ruhig der Zeit harren, bis es keimt und aufgeht. Er willfahrte Roland, mit ihm dem Major entgegenzugehen, der allsonntäglich zu Tische kam. Unter den Nußbäumen an der Straße wandelten sie eine Strecke dahin, dann ging es bergauf durch die Weinberge. Bei einem großen Stück Landes, wo lauter helle Pfähle standen, sahen sie den Major, den wir bereits aus Wolfsgarten kennen gelernt; er war heute in voller Uniform mit seinen sämmtlichen Orden. Während die angesehenen Bewohner der Gegend sich zum Hause Sonnenkamp mit großer Zurückhaltung benahmen, war der Major die Fahne der Vornehmheit für dieses Haus; Frau Ceres war besonders beglückt, daß ein Mann mit so vielen Orden ihr so freundlich huldigte. »Haben Sie ihn schon?« rief der Major Erich zu. »Halten Sie ihn nur fest im Zaum.« Auf den Weinberg deutend, sagte er: »Uebers Jahr bekommen wir – heißt das Herr Sonnenkamp – da den ersten Wein. Haben Sie schon einmal Jungfernwein getrunken?« Erich verneinte und der Major erklärte, daß man das erste Erträgniß eines Weinberges so bezeichne. Der Major schleppte nicht nur das linke Bein nach Art der Tamboure, sein Gang war auch wie beständiges Stürzen und Sichaufrechterhalten, er blieb alle paar Schritte stehen und schaute lächelnd um. Er lächelte Jedem zu, der des Weges kam. Warum sollten die Menschen immer ein trübes Gesicht sehen und das Unangenehme davon haben, daß er nur schwer gehen kann? Er fragte nun Roland, ob die Mutter bereits wieder aufgestanden sei. Denn Frau Ceres brachte jeden Sonntag das nicht geringe Opfer, schon um neun Uhr aufzustehen, und was nicht minder viel heißen will, in einer einzigen Stunde ihre Toilette zu vollenden und dann mit der Familie zur Kirche zu gehen; dafür holte sie jedesmal den versäumten Schlaf nach, indem sie sich vor Tische noch einmal vollständig zu Bette begab und dann erst die eigentliche Sonntags-Toilette machte. Als man wieder auf der ebenen Landstraße anlangte, begegnete ihnen der Architekt, der ebenfalls zu Tische kam; er gesellte sich zu Erich, während Roland mit dem Major ging. Die Männer mußten alle noch einmal die Hunde Rolands in Augenschein nehmen, bevor man sich im Balconsaale versammelte. Hier trafen sie bereits den Doctor und den Pfarrer bei Herrn Sonnenkamp. Kaum war Erich kurz vorgestellt, als Frau Ceres im Prachtgewande erschien. Der Major reichte ihr den Arm, die Diener schoben die Flügelthüren zurück, man ging durch mehrere Zimmer in den Speisesaal. Zur Linken der Frau Ceres erhielt der Major, zu ihrer Rechten der Pfarrer seinen Platz, neben diesem Fräulein Perini, worauf der Arzt, Sonnenkamp, der Architekt, Roland und Erich ihre Plätze einnahmen. Heute sprach der Pfarrer laut das Tischgebet. Das Gespräch war anfangs für Erich vollkommen unverständlich, denn es war von Personen und Verhältnissen die Rede, die er nicht kannte. Das große Weinhandlungshaus, dessen Sohn mit Prancken die schönen Pferde eingekauft, wurde viel besprochen. Der Chef hatte in einem seiner stromaufwärts liegenden Keller eine Weinversteigerung abhalten lassen, bei welcher enorme Preise erzielt worden. Es hieß, er wolle das Geschäft ganz aufgeben, um nach der Residenz zu ziehen, denn der gewandte alte Herr suche sich mit großer Beflissenheit dem Hofe bemerklich und beliebt zu machen. »Ich traue ihm den Wahnwitz zu, daß er nach dem Adel strebt,« rief der Doctor. Herr Sonnenkamp, der eben ein Stück fein zubereiteten Fisches nach dem Munde geführt hatte, hustete heftig und wurde so roth im Gesichte, daß alle Tischgenossen um ihn bangten; er beruhigte sie indeß bald und erklärte, er habe nur unvorsichtigerweise eine Gräte verschluckt. Der Major fand es unpassend, daß der große Weinhändler sich von der Regierung als Candidat für das Abgeordnetenhaus aufstellen ließ, und zwar gegen einen Mann wie Herr Weidmann. Erich ward aufmerksam, da dieser Name jetzt wieder genannt wurde; es war immer wie ein unnennbares Ehrengefolge, wenn dieser Name erschien. Der Doctor fuhr fort: der Weingraf wolle offenbar nur seinen Ehrgeiz und sein Bestreben befriedigen, sich der Regierung beliebt zu machen, und das gelänge ihm, obgleich er wisse, daß er unterliege, denn er erscheine dadurch in der Oeffentlichkeit als eine Stütze der Regierung. »Nun, Herr Pfarrer,« fragte er geradezu, »für welchen Candidaten wird die Geistlichkeit stimmen?« Der Pfarrer, eine große schlanke Gestalt mit weißen Haaren und wunderbar glänzenden Augen, die unter dichten Brauen scharf und ruhig umschauten, vereinte Würde und Gewandtheit in seinem Benehmen. Er hätte gern geschwiegen, nun aber sagte er, die linke Hand bewegend, an der er Daumen und Zeigefinger zusammenlegte – daß gegen die bürgerliche Tüchtigkeit Weidmanns durchaus nichts einzuwenden sei. Der Doctor schien sich diese ablehnende Antwort gefallen zu lassen. Der Major aber hob mit großer Bestimmtheit den edlen Charakter Weidmanns hervor, der siegen müsse. Der Major sprach immer mühsam und wurde purpurroth bis zu den weißen Haaren hinauf, wenn er nicht blos zu seinem Nachbar, sondern zur ganzen Tischgenossenschaft sprechen mußte. »Sie reden als Bruder Freimaurer,« neckte ihn der Arzt. Der Major sah ihn grimmig an und schüttelte verweisend den Kopf: über solche Dinge scherzt man nicht – aber er schwieg. Sonnenkamp erklärte, daß er, obgleich steuerzahlender Bürger dieses Landes, doch gar nicht wähle; er sei an große Verhältnisse gewöhnt und betrachte sich und sein Haus in Deutschland überhaupt nur als Gast. Der Blick Erichs und des Doctors begegneten sich, dann sahen Beide auf Roland. Was wird aus einem Kinde, dem man sagt, der Staat, in dem Du lebst, geht Dich gar nichts an? Der Arzt hatte einmal angefangen, den Major zum Gegenstande der Neckerei zu machen, und ließ nun nicht mehr davon ab. Der Arzt, als der Joviale bekannt und beliebt, war schon vom frühen Morgen an aufgeheitert, gleich Einem, der eben von wohlbesetzter Tafel aufsteht; sein Ton war überaus belebt und nahm sich seltsam aus gegen das schwerfällige Gebahren des Majors, der sich die Scherze gern gefallen ließ. Es erschien ihm als Menschenpflicht, seinen Nebenmenschen auch passiv zu dienen, und seine Mienen sagten stets: Kinder, seid lustig, meinetwegen auch über mich! Der Pfarrer stand dem unterdrückten Major bei, aber es war schwer zu erkennen, ob er es nicht blos that, um die Neckereien in Gang zu halten; denn der Major lächelte verlegener zu seinem Beistande, als gegen seinen Angreifer. Der Pfarrer sprach im Beginne immer wie behaglich erzählend, dann aber im Flusse der Rede sandte er treffende Pfeile nach allen Seiten, dabei bewahrte er unverändert feine und verbindliche Manieren und verlor keinen Augenblick die Würde des geistlichen Ansehens aus den Augen; besonders hatte er gewisse begütigende Bewegungen mit seinen schönen feinen Händen. Die Augen von Fräulein Perini schienen immer größer zu werden und sich am Anblicke zu sättigen, indem sie den Geistlichen betrachtete und ihm gleichsam mit den Augen zuhörte. Nur konnte sie ein Mißbehagen nicht unterdrücken, wenn der Pfarrer nach Art der schnupfenden Clerisei das blaue leinene Taschentuch in einen Ball zusammenlegte und im Flusse der Rede hin- und herbewegte. Sie athmete freier auf, wenn er das entsetzliche blaue Tuch in die Tasche steckte. Gegenüber dem ungeschlachten und kurz angebundenen Wesen des Arztes bewahrte Fräulein Perini eine vornehme Duldung; er seinerseits behandelte Fräulein Perini als eine Art Collegin, denn sie war nicht ohne medicinische Kenntnisse. Er hatte einen besonderen Respect vor ihr, da sie ihn noch nie über eine Kränklichkeit zu Rathe gezogen hatte. Sie lebte äußerst mäßig; bei den großen Gastereien und dem täglichen reichlichen Gastmale genoß sie nur sehr wenig, sie schien keinerlei Bedürfnisse zu haben, sie schien ein Naturell, das nur zum Dienst, zur Gefügigkeit für Andere da war. Doctor Richard, als vielbewährter und gesuchter Arzt, hatte das Recht, wenig Umstände zu machen; er war der ebenso liebenswürdige als verwöhnte Tyrann der ganzen Gegend und des Sonnenkamp'schen Hauses insbesondere. Bei Tische war er gesprächig, er aß wenig, trank aber desto tüchtiger. Er lobte die Weine, er kannte sie alle, ihren Entwicklungsgang und ihre Reife. Er fragte nach einem längst gepflegten, Sonnenkamp ließ davon bringen; der Arzt fand ihn noch wild, unartig und ungezogen. Bei mancher Speise blickte Herr Sonnenkamp zweifelhaft auf den Doctor, dieser rief ihm aber dann zuvorkommend zu: »Essen Sie nur, es schadet Ihnen nichts.« »Nicht wahr? Trinken wäre eigentlich das Beste auf der Welt?« scherzte Sonnenkamp. »Schade,« rief der Doctor, »daß Sie den »kostbaren Borsch« nicht gekannt haben, der hat einmal das große Wort gesagt: Das Dümmste auf der Welt ist, daß man das Essen nicht auch trinken kann.« Zu Erich gewendet fuhr er fort: »Ihr Freund Prancken ist auf unsere Rheinlande nicht gut zu sprechen, aber diese Verstimmung ist ein Acclimatisirungs-Katarrh, den Jeder bei uns durchmachen muß. Ich hoffe, daß Sie ihn schneller verwinden. Sehen Sie, solch eine Flasche Wein – Alles was Poesie, Schauspiel, bildende Kunst uns vorzaubert, steckt da drin; der Trinkende empfindet, daß er nicht blos das gemeine Lastthier ist; nicht Jeder weiß von der Schönheit, die in solch einer Flasche verkorkt ist, braucht es auch nicht zu wissen, aber er spürt's; er wird in Wahrheit des Schönen voll.« »Wenn nur die Spiritusfälschung nicht wäre,« schaltete der Architekt ein. »Ja wohl,« rief der Doctor laut; »wir hatten früher in unserer Gegend äußerst selten Fälle von Säuferwahnsinn, die jetzt so häufig sind; das kommt nicht vom Wein, sondern vom Spiritus, der darin ist. Verstehen Sie etwas vom Wein?« wendete er sich wieder zu Erich, wie als natürlicher Präsident ihm das Wort ertheilend. »Noch nicht.« »Und Sie haben doch wahrscheinlich auch schon Trinklieder gedichtet. Da heißt es immer: schenket ein, laßt uns fröhlich sein, wir wollen fröhlich sein, wir waren fröhlich gewesen, und nach der ersten Flasche können die Herren nicht mehr auf ihren gereimten Füßen stehen.« Ein Blick auf Roland schien den Doctor zur Besinnung zu bringen; es war nicht gut, Erich sofort in die Neckerei zu ziehen. Er wendete daher das Gespräch und veranlaßte Erich, indem er ihn mit besonderer Freundlichkeit »Herr Collega« nannte, Allerlei aus dem Universitäts- und Soldatenleben zu erzählen. Der Major athmete auf, er wurde nun in Ruhe gelassen und konnte seine Aufmerksamkeit ungestört den Speisen und Getränken widmen. Unter der Serviette, die er mit zwei Haften an den Schultern befestigt hatte, öffnete er seine Uniform. Es ist gut, daß Fräulein Milch mir eine schöne weiße Weste bereit gelegt hat, die darf sich sehen lassen, dachte er. Er stand im besten Einverständniß mit den Dienern, es bedurfte kaum eines Augenwinkes gegen Joseph, und dieser wußte, wenn der Wein gewechselt wurde, ihm auch immer gleich von seinem Leibburgunder einzuschenken. Jetzt vergaß der Major das Trinken. Das Gespräch hatte eine glückliche Wendung genommen, indem Erich von der Genfer Convention zum Schutze der im Kriege Verwundeten sprach. Das war für den Pfarrer, für den Arzt und den Soldaten ein guter Sammelpunkt; eine Weile herrschte nur zustimmendes und ergänzendes Gespräch am Tische. Mit starker Stimme rief der Major, daß Männer, die sich nicht nennen wollen, die ursprünglichen Gründer dieser wie aller humanen Einrichtungen seien. Leiser als sonst seine Art war, sagte der Arzt zu Erich, wie der Major alles Gute, was in der Welt geschehe, den Freimaurern zuschiebe; wer sich wohl mit ihm verhalten wolle, dürfe nie darüber spotten. Mit einer Wärme und Begeisterung, die allgemein ansprach, hob Erich hervor, daß wir stolz sein dürfen, solch eine Einrichtung in unserm Jahrhundert aus dem reinen Grunde der Humanität auferbaut zu sehen, und selbst der Pfarrer schien erfreut, als Erich hinzusetzte, die christliche Religion habe in aufopfernder Hingebung bei der Krankenpflege eine Hoheit bewährt, wie sie keine Vorzeit und keine andere Weltbetrachtung je so rein und groß bewiesen. Rolands Augen waren andächtig auf Erich gerichtet, bis er geendet hatte; dann schaute er mit Stolz um und gewahrte die glänzenden Blicke der Tischgenossen; er sammelte sie gleichsam für seinen Lehrer ein. Man stand wohlgemuth vom Tische auf, es war eine Art Segnung über die Speisen gekommen. Frau Ceres erhob sich und ihr folgend die ganze Gesellschaft. Der Pfarrer betete still. Der Major kam auf Erich zu und drückte ihm die Hand. Mit gepreßter Stimme sagte er: »Sie sind es bereits, Sie müssen noch die Zeichen lernen.« »Sehen Sie,« rief der Doctor übermüthig, »sehen Sie, die Haare unseres Majors sind weißer geworden.« Und in der That schien es so, denn das Angesicht des Majors war beständig so geröthet, daß sich die Farbe desselben nie zu erhöhen schien; jetzt stachen die weißen Haare noch schärfer von dem durch den Wein und die Reden belebten Antlitze ab. »Die Haare des Majors sind weißer geworden,« hieß es allgemein, und das verlegene Lächeln, das stets auf seinen Lippen war, ging ebenfalls in lautes Lachen über. Drittes Capitel. Alsbald nach Tische wurde dem Doctor gemeldet, daß viele Hülfesuchende auf ihn warten, denn es war bekannt, daß er am Sonntag auf der Villa speiste. Rasch ließ er sich von Sonnenkamp eine Cigarre geben und sagte zu Erich, er solle ihn begleiten, denn er habe mit ihm zu sprechen. Er sagte dies in einer Weise, die des Gehorsams gewiß war. Als Erich mit ihm um die Ecke bog, reichte er ihm die Hand und sagte herzlich: »Ich bin der Schüler Ihres Großvaters und kannte auch Ihren Vater auf der Universität.« »Das freut mich; aber warum sagen Sie mir das erst hier?« Der Doctor betrachtete ihn von oben bis unten, dann legte er ihm beide Hände auf die Schultern und sagte kopfschüttelnd in herzlichem Tone: »Ich habe mich in Ihnen geirrt. Ich glaubte, die Species der Idealisten sei ausgestorben. Sie sind Doctor der Weltweisheit, aber nicht der Weltklugheit. Lieber Hauptmann Doctor, wozu brauchen denn die dort zu wissen, wie ich zu Ihnen stehe? – Also Sie wollen mit Herrn Sonnenkamp leben?« »Warum nicht?« »Der Mann könnte nicht weinen, wenn er wollte, und Sie . . .?« »Und ich?« »Bei Ihnen füllt sich der Thränenbeutel bei jeder Gemüthsbewegung; wie Sie von Ihrem Vater sprachen, von der großen Krankenpflege . . . Sie haben Talent zur Hypochondrie.« Erich war betroffen. Noch ehe er erwidern konnte, wandte sich der Doctor gegen die harrende Bauerngruppe, die beim Hause des Castellans stand. »Ich komme gleich!« rief er, und zu Erich gewendet, sagte er: »Warten Sie hier auf mich, ich komme bald wieder.« Er ging auf die Gruppe zu, in welcher Alle ehrerbietig grüßten. Er sprach mit dem Einen und dem Andern, zog ein Heft mit fliegenden Blättern heraus und schrieb auf dem Rücken eines breiten Mannes mehrere Recepte, Anderen gab er nur mündlichen Bescheid. Erich stand in Gedanken versunken. Der Arzt kam zurück und sagte mit heiterer Miene: »Nun bin ich frei. Graf Clodwig hat mir von Ihnen erzählt, aber er hat mir eine falsche Vorstellung von Ihnen gegeben. Immerhin! Jeder sieht, in seinem Horizonte stehend, nur seinen eigenen Regenbogen. Ich wollte nur noch sagen, was man Ihnen thut, ist kaum Zinsenzahlen, denn kein Mensch hat Anderen mehr Gutes gethan, als Ihr Großvater und Ihr Vater. Nun lassen Sie sich einmal ordentlich betrachten. Ich habe Sie vor Jahren gesehen, als Sie mit dem Prinzen zusammengekoppelt waren.« Der Doctor stellte sich einen Schritt entfernter von Erich und fuhr fort: »Die Kreuzung ist gut. Vater von hugenottischem Stamm . . . Mutter echt germanisch, blond, fein . . . richtige Mischung der Nationalitäten. Kommen Sie hier mit in die Laube. Wollen Sie mir schnell und kurz eine Diagnose gestatten?« Erich lächelte; diese ganze Art, wie der Arzt ihn gemustert und über ihn verfügt, kam ihm höchst seltsam vor, und doch versetzte es ihn in heitere Stimmung und er sagte: »Stellen Sie Ihre Diagnose.« Der Doctor fragte: »Können Sie mit Jemand tagtäglich umgehen, ohne ihn zu lieben oder mindestens zu achten?« »Ich habe es bis jetzt nicht versucht, aber ich glaube nicht, daß ich es kann, und solch ein Verkehr schädigt gewiß die Seele.« »Diese Antwort habe ich erwartet. Ich meinerseits bekenne mich zu dem Worte Lessings: Es ist besser, unter bösen Menschen leben, als fern von Menschen leben. Darf ich noch mehr fragen?« Ohne eine Erwiderung abzuwarten, fuhr er fort: »Haben Sie schon Undank erfahren?« »Ich glaube noch nichts gethan zu haben, wofür ich Dank verdiene. Es fragt sich ja überhaupt, ob wir Dank ansprechen dürfen, denn Alles, was wir Andern erzeigen, vollführen wir doch zunächst zu unserm Selbstgenügen.« »Gut, gut . . . weiß schon. Nur noch Eins. Glauben Sie an die Gemeinheit, und wenn das, seit wann?« »Wenn Sie unter Gemeinheit die bewußte Lust verstehen, Andere zu schädigen, so glaube ich nicht an dieselbe; denn ich bin überzeugt, daß alle Uebelthat nur Grenzverschiebung des an sich berechtigten Selbsterhaltungstriebes ist, nur eine durch Sophistik oder Leidenschaft bewirkte Grenzverschiebung. Vielleicht ist der Glaube an die Gemeinheit auch nichts als Leidenschaft.« Der Doctor nickte mehrmals, dann sagte er: »Nun nur noch Eine Frage. Sind Sie empfindlich? verletzlich?« »Ich dürfte vielleicht Ihre freundliche Prüfung als Beweis geltend machen, daß ich es nicht bin.« Der Doctor lachte und sagte: »Entschuldigen Sie, ich habe mich geirrt, meine letzte Frage hat noch eine allerletzte. Also zum Schluß: Ueberrascht es Sie, wenn Sie ein Männlein oder Weiblein von modischer Kleidung und gebildeten Worten ganz einfach dumm finden? Gestatten Sie sich, solche Menschen als dumm anzunehmen, und muthen Sie ihnen nicht Gründe ihrer Handlungsweise und Verständniß für die Gründe Anderer zu?« Erich merkte wohl, daß der Doctor ihm Verhaltungsregeln geben und in seiner Weise ein Recept verschreiben wollte. Halb scherzhaft sagte er, er habe schon mehrere seltsame Examina hier durchgemacht, aber das jetzige sei doch das überraschendste. »Sie werden sich mein Examen vielleicht später erklären,« sagte der Arzt leise und drückte Erich verstohlen die Hand, denn er sah Fräulein Perini des Weges daherkommen und gesellte sich zu ihr. Die Tischgesellschaft traf sich wieder beim Springbrunnen, man plauderte noch eine Weile, dann trennte man sich. Der Pfarrer und der Major luden Erich ein, daß er sie besuche; der Arzt fragte Sonnenkamp, ob Erich und Roland mit ihm auf Praxis fahren dürften. Sonnenkamp war überrascht, daß Erich bereits als Erzieher Rolands betrachtet wurde; er ließ das aber nicht merken und bejahte. Erich stieg mit dem Doctor in den offenen Wagen, Roland nahm den Sitz beim Kutscher ein, der ihm die Zügel gab. Der Tag war frisch und voll Blüthenduft, Glocken klangen und Lerchen sangen. Man fuhr in ein landeinwärts gelegenes Dorf. Aus einem Garten, wo der Flieder blühte, tönte schöner vierstimmiger Gesang; unter Linden an einem umhegten Platze turnten Jünglinge und Knaben. »O unser herrliches Deutschland!« konnte sich Erich nicht enthalten auszurufen. »Das ist Leben! Das ist unser Leben! Die Seele im frischen Gesange, den Körper in muthiger Bewegung gestärkt, das gibt ein Volk von Kraft und Schönheit; ihm muß die Ehre und Freiheit werden! Wir besitzen und erlangen alles Herrliche, das der klassischen Welt eigen war.« Der Doctor legte still die Hand auf das Knie Erichs und schaute ihn hellen Auges an, dann sagte er: »Wenn Sie hier bleiben, dann lassen Sie sich von mir in das Intimere des rheinischen Lebens einführen. Und wenn Sie es vermögen, dem Knaben vor uns Freude zu geben nicht blos an dem, was er hat, sondern auch an dem, was er nicht zu eigen hat, am großen Leben des Volkes und der Gesammtheit, dann haben Sie eine brave Arbeit gethan.« Erich erklärte, daß er jetzt noch nicht endgiltig abschließen wolle; er kehre vorher nochmals heim, er müsse selbst Zeit zur Ueberlegung haben und auch eine solche Herrn Sonnenkamp lassen. Der Doctor stimmte bei, dann rief er: »Roland, halte hier an.« Er stieg aus und trat in ein kleines, säuberlich aussehendes Haus; Erich und Roland gingen nach dem Turnplatze und sahen den Turnübungen zu. Der Doctor kam wieder, der Wagen fuhr hinter ihm drein, es läutete von der Kirche, alle Umstehenden falteten die Hände, auch der Doctor that's und sagte: »Ein Mensch ist gestorben; er hat seine zweiundsiebzig Jahre gelebt. Noch auf seinem Sterbebett erquickte er sich in der Erinnerung an eine kleine Wohlthat. Im Hungerjahre 1817 wanderte er als Küfergeselle über die Lüneburger Haide – er nannte sie immer die Hamburger Haide – da war noch keine Straße, und erst nach Stunden fand er eine elende Hütte; in dieser waren Kinder, die weinten vor Hunger. Der Küfer hatte getrocknete Aale in einer Blechbüchse bei sich und auch Brod. Das gab er den Kindern Alles zu essen und die Kinder betrachteten ihn wie einen Engel, der vom Himmel gekommen wäre, sie zu speisen. Sehen Sie, sagte er mir noch gestern, sehen Sie, das thut mir wohl und freut mich noch jetzt, daß ich die Kinder damals satt machen konnte, und sie haben's wol auch nicht vergessen, wie ihnen einmal ein fremder Mann den Hunger stillte.« Der Doctor hielt inne, er bezwang offenbar eine Rührung, dann fuhr er fort: »Der Mann hat viel gelitten, der Tod ist eine Erlösung für ihn. Ja, junger Freund, das ist die Welt! Da draußen blüht es und die Menschen singen und turnen und scherzen und derweil stirbt ein Mensch . . . Pah!« rief er, sich ermannend, »ich habe Euch nicht zur Trauer mitgenommen. Roland, fahre durch das ganze Dorf nach dem letzten Hause. – Wir fahren zur fröhlichen Armuth,« wendete er sich zu Erich, »Ihr sollt nun auch Lustiges sehen. Der Mann ist ein armer Winzer, hat sieben Kinder, vier Söhne und drei Töchter. Sie sind in ihrer Armuth die lustigsten Menschen, die man finden kann, der Lustigste von Allen aber ist der Alte. Er heißt eigentlich Pfeifer, aber weil er, so oft er nur kann, mit seinen Kindern singt und sie vortrefflich einübt, heißt er der Siebenpfeifer.« Man fuhr nach dem Hause und schon von fern hörte man aus der Stube im Erdgeschoß singen. Der Doctor, Erich und Roland standen auf der Straße und schauten durch die offenen Fenster, wo die Familie ungestört weiter sang. Als das Lied geendet war, traten sie ein und wurden fröhlich bewillkommt. Der Doctor fragte, wie es gehe. »Ach, Herr Doctor,« erwiderte der Siebenpfeifer, »es ist immer so, mein Jüngstes hat immer die beste Stimme.« Es wurden neue Lieder angestimmt und Erich sang mit. Der Alte nickte ihm zu und nach Beendigung des Liedes sagte er: »Herr, Sie können ja meisterlich singen.« Der Doctor hatte in seinem Wagen ein Flaschenfutter, das setzte er nun auf; man trank und der Siebenpfeifer rief: »Das Beste auf der Welt ist doch, wenn man gesund ist und sich selber Musik macht.« Der Arzt verabschiedete sich. Als es Abend wurde, verließen Roland und Erich mit frohem Herzen das Haus. Die zwei ältesten Söhne des Siebenpfeifers gingen mit ihnen nach dem Ufer, wo sie den Kahn lösten und die Beiden nach der Villa fuhren. Der Strom war heute wundersam ruhig und klar, das Abendroth durchglühte ihn. Erich saß still, er hatte eine glückliche Stunde, wo man nichts denkt und doch Alles hat. Roland ruderte gleichmäßig mit den Söhnen des Siebenpfeifers, dann ließen sie ohne Ruderschlag den Kahn dahinschwimmen, der geräuschlos in der Strömung fortglitt. Die Sterne glitzerten am Himmel, als man bei der Villa anlangte. Viertes Capitel. Am Morgen kam der Architekt und holte Roland ab, da er unter seiner Leitung Zeichnungen von der Burgruine machen sollte. Herr Sonnenkamp erinnerte Erich, daß er den Pfarrer besuchen solle. Noch ehe Erich kundgeben konnte, daß er examinirt sei, gab ihm Sonnenkamp zu verstehen, daß man mit den Geistlichen ein Wohlvernehmen bewahren müsse; man sei aber doch nie sicher, was sie eigentlich denken und welche Ziele sie haben. Es war ein vertraulich Schleichendes in Ton und Wesen Sonnenkamps und vielleicht wollte er, daß Erich den Pfarrer auskundschaften solle. Arglos entgegnete Erich, daß er es für Pflicht halte, mit dem Pfarrer in gutem Einvernehmen zu stehen. Bald nachdem Fräulein Perini aus der Messe gekommen war, machte sich Erich auf den Weg. Das Pfarrhaus lag hinter einem Vorgarten, im stillen Dorfe noch still abseits. Hätte nicht die Thürschelle so laut geklungen und zwei weiße Spitzhunde gebellt, man hätte glauben mögen, daß in dieser saubern Ordnung, die sich sofort auf dem Hausflur erkennen ließ, kein Geräusch laut werden könnte. Die Hunde waren zum Schweigen gebracht, die Haushälterin hieß Erich die Treppe hinaufgehen; er schien bereits erwartet zu sein. Droben fand Erich den geistlichen Herr in seiner sonnigen, schmucklosen Stube; er saß vor dem Tische, hielt ein Buch in der Linken und die Rechte lag auf einer Weltkugel, die auf einem kleinen Postamente vor ihm stand. »Sie treffen mich in der weiten Welt,« sagte der Geistliche und hieß Erich vertraulich willkommen. Er bat ihn, auf dem Sopha Platz zu nehmen, über welchem ein Farbendruckbild hing, das den heiligen Borromäus darstellte. Eine anheimelnde Friedsamkeit war in dieser Stube; eine Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit, die nichts wollte, als im stillen Denken die Tage und Stunden zu beschließen, schien aus Allem zu sprechen. Zwei Canarienvögel in ihren Käfigen schienen wie drunten die Hunde hier über den Fremden sich lebhaft auslassen zu wollen. Der geistliche Herr hieß sie ruhig sein, und wie durch einen Zauber verstummten sie und schauten nun Erich neugierig an. Der Pfarrer erzählte, daß er eben die Reise eines Missionärs auf der Weltkugel verfolgt habe; er drehte dabei den Globus mit seiner feinen rechten Hand im Kreise. »Sie sind wol kein Freund des Missionswesens?« fragte er sofort. »Ich will nicht auf den religiösen Zweck eingehen,« entgegnete Erich, »ich glaube nur, es gibt kein zweites Buch, das so zur Weltverbreitung geeignet ist, wie die Bibel, und auch sprachlich ergibt sich da die erste Stufe der Cultur.« »Sprachlich?« »Es ist ein großes Culturmoment, daß die Missionäre durch das heilig verehrte Buch die Schriftsprache überall hin verbreiten. Die Nationalsprachen der ungebildeten Völker werden dadurch gewissermaßen aus dem Unorganischen zum Organischen erlöst.« Der Geistliche schloß das Buch, das vor ihm aufgeschlagen war, dann sagte er, indem er die Fingerspitzen der beiden Hände an einander legte, er hege eine Vorliebe für Diejenigen, die aus innerem Entschluß ihren Beruf geändert. Allerdings bewege oft Leichtsinn und Unbefriedigung dazu, die sich in keiner bemessenen Thätigkeit wohl fühle; wo dies aber nicht der Fall, dürfe man einen tiefen Grundzug der Wahrhaftigkeit voraussetzen. Erich entgegnete: »Ich habe im Soldatenstande nicht das Auszeichnende gesucht; ich suche nur das allgemein Menschliche und dieses ist es doch, was jedem Beruf allein die Würde geben kann.« »Allerdings,« erwiderte der Geistliche, »meine Familie hatte mich ebenfalls zu einem andern Berufe bestimmt, ich aber wählte den geistlichen, weil er nicht Gewinn, nicht Genuß, nicht Ruhm, sondern das allein bietet, was Sie das allgemein Menschliche nennen, während es doch einfach das Göttliche genannt werden muß.« Eine Scheu vor Widerspruch kam über Erich, da er den Geistlichen reden hörte. Die ganze Umgebung versetzte ihn in eine andächtige Stimmung; es war, als dürfe man die heilige Ruhe nicht stören, die hier herrschte. Das Gespräch ging in Persönliches über, auch der Pfarrer hatte den Vater Erichs gekannt. »Und nun lassen Sie mich geradezu fragen,« wendete der Geistliche plötzlich. »Was würden Sie Roland als Bestes und vor Allem geben?« Wieder nahm jene heilige Stille Besitz von dem Raume, in dem zwei Menschen athmeten, die Jeder in seiner Weise dem Höchsten dienen wollten. »Wenn ich es kurz zusammenfasse,« entgegnete Erich, »so möchte ich Roland Freude an der Welt geben. Hat er diese, wird er der Welt Freude bereiten, ich meine, Gutes und Schönes thun wollen; lehre ich ihn die Welt verachten, das Leben geringschätzen, so kommt er dahin, daß er die Welt und die ihm in derselben verliehene Kraft mißbraucht.« »Sie sind auf dem Wege zum Heil,« sagte der Pfarrer mild, »aber Sie lenken ab in einen Irrweg. Ich warne Sie, junger Mann. Ich glaube, Sie wissen nicht, wem Sie dienen wollen. Wissen Sie, wie der Herr heißt und wer er ist?« »Herr Sonnenkamp.« »Nein, Reichthum heißt der Herr und Meister. Und wissen Sie, was Reichthum ist?« Da Erich schwieg, fuhr er fort: »Vielleicht sehen wir, die wir das Gelübde der Armuth abgelegt, am unbefangensten, was Reichthum ist; er ist die größte Versuchung unserer Zeit, und doch steht der Reichthum unter dem Thierischen, denn kein Thier hat mehr Kraft, als es mit sich herumträgt. Der Mensch allein kann haben, was seine Kinder und Kindeskinder nicht verzehren können. Da liegt das Elend! Wer so viel von der Welt gewinnt, erleidet Schaden an seiner Seele. Glauben Sie, daß dieser bewußt reiche Knabe und das ganze Haus in anderer Weise eine sittliche Regulirung bekommen kann als durch die Religion? Auf der Tafel dieser Reichen prangt täglich ein duftender, farbenprächtiger Blumenstrauß – was hilft es? Auf dem ärmlichen Tisch des dürftigsten Häuslers stellt sich ein schönerer, duftreicherer Blumenstrauß aus höherem Reiche durch die Worte des Gebets und es tritt eine Sättigung in die Seele, die erst die Sättigung des Körpers zu einer gedeihlichen macht. Doch das ist nur Eins. Am Oberrhein nennen sie die bewegliche Habe Fahrniß, und so ist es! Der Reichthum der heutigen Welt ist nichts als Fahrniß, fahrende Habe, und sie wird dahin fahren. Glauben Sie mir,« rief der Geistliche und legte seine Hand auf die Hand Erichs . . . »glauben Sie mir, die Staatspapiere sind das Unglück der heutigen Welt.« »Die Staatspapiere? Ich verstehe nicht.« »Ja, es ist auch nicht so leicht zu verstehen. Wem kann man Millionen borgen? Niemand als dem Staat. Ehedem konnte ein Mensch nicht so viele Millionen haben, denn wo sollte er sie anlegen? Jetzt aber sind die Staatspapiere da. In alten Zeiten hatte der reiche Mann große Liegenschaften, viel Feld und Wald, da war er erstlich von Gottes lieber Sonne abhängig, und wenn Alles zeitig und gereift dalag, spendete er der Kirche den Zehnten. Nun aber steckt der Reichthum in feuerfesten, diebessichern Kasten, nicht von Sonne, nicht von Wind und Wetter abhängig, hat sich nicht vor der Welt zu zeigen und keinen Zehnten vom Ertrag zu geben; die Ernte des Staatspapier-Mannes ist Couponsschneiden. Wenn der Herr heut wieder kommt, findet er keinen Tempel mehr, aus dem er die Wechsler und Händler austreibe; sie haben sich ihre eigenen Tempel gebaut. Die heutige Burg Zion, in deren Schutz sich die Reichen wie die Fürsten begeben, ist die englische Bank! Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was aus der Menschheit, aus den Staaten werden soll, wenn diese Vermehrung der Staatsschulden so fortgeht?« Erich verneinte und der Geistliche fuhr fort: Die ganze Erde wird eine einzige große Hypothek, und bei wem verpfändet? Bei dem, der lange borgt, aber doch einstmals Zahlung einfordert. Ein Weltbrand wird kommen, gegen den keine feuerfesten Kasten sichern, und eine Sündfluth, die die Millionen und aber Millionen Staatsschulden auslöscht. Ich bin kein Mann der Schadenfreude, aber ich möchte wohl den Bankerott der englischen Bank erleben. Denken Sie sich: die Nachricht kommt an, es ist Alles verloren. Da werden Tausende von Männlein und Weiblein sehen, wie nichtig sie sind, wenn sie so auf einmal all ihrer Herrlichkeiten beraubt auf die nackte Erde sich versetzt sehen.« Erich lächelte. Jeder einsam gestellte Mann ohne entsprechenden gleichberechtigten Umgang kommt zu Absonderlichkeiten; das schoß ihm schnell durch den Sinn, und er sagte, daß allerdings die Erde mit höheren Schulden belastet, als sie an sich werth sei, wenn man sich einen Käufer dafür denken könne. Aber der eigentliche Besitz der Menschen sei größer als der materielle Werth der Erde, denn der größte Besitz sei ein ideales Sein, die Arbeitskraft, und während früher alles Besitzthum in der Scholle bestand, sei es eben die Aufgabe der neuen Welt, den idealen und den beweglichen Besitz zur Geltung zu bringen. Erich wollte noch hinzusetzen, daß auch bei den Römern, selbst noch zu Zeiten der Republik, der Reichthum Einzelner so unverhältnißmäßig war; der Geistliche schien ihn aber in seiner gewaltsamen Erregung kaum noch zu hören, er ging nach seiner Bücherei, nahm eine große Bibel, schlug eine Stelle auf und reichte das Buch Erich hin. »Da lesen Sie, das ist die einzige Art, wie Roland erzogen werden kann. Lesen Sie vor.« Erich las: »Und da er hinausgegangen war auf den Weg, lief Einer vorne vor, kniete vor ihn und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich thun, daß ich das ewige Leben ererbe? Aber Jesus sprach zu ihm: Was heißest Du mich gut? Niemand ist gut, denn der einige Gott. Du weißt ja die Gebote wohl: Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht tödten. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch Zeugniß reden. Du sollst Niemand täuschen. Ehre deinen Vater und Mutter. Er antwortete aber und sprach zu ihm: Meister, das habe ich Alles gehalten von meiner Jugend aus. Und Jesus sahe ihn an und liebte ihn und sprach zu ihm: Eins fehlt Dir. Gehe hin, verkaufe Alles, was Du hast, und gib es den Armen, so wirst Du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach und nimm das Kreuz auf Dich. Er aber ward unmuths über der Rede und ging traurig davon, denn er hatte viele Güter. Und Jesus sahe um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwerlich werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! Die Jünger aber entsetzten sich über seine Rede. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist es, daß die, so ihr Vertrauen auf Reichthum setzen, ins Reich Gottes kommen. Es ist leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme.« »Und nun sagen Sie mir,« rief der Pfarrer, »sagen Sie mir ehrlich, ist das nicht das Einzige?« »Aufrichtig gestanden: nein! Ich liebe und verehre den, von dem diese Geschichte erzählt, vielleicht mehr als mancher Kirchengläubige, und rührend ist mir besonders und in diesem Augenblicke wundersam ergreifend der Satz, wo es hier heißt: Und Jesus sahe ihn an und liebte ihn. Ich sehe den schönen reichen Jüngling vor dem erhabenen Meister, der Jüngling glüht und ist voll wirklichen Eifers, und der Meister gewinnt ihn lieb, indem er in sein Antlitz schaut. Es ist kein Zug in Homer . . .« »Das ist nebensächlich – das ist nebensächlich,« unterbrach der Geistliche. »Gehen Sie auf die Sache.« »In der Sache muß ich bekennen,« erwiderte Erich, »daß nach meiner Ansicht diese Lehre zu einer Zeit entstand, in der man alle reale Macht, die Staatsmacht, den Reichthum und alle Lebensgüter verachten und verwerfen mußte als Dinge, die der ewigen Idee gegenüber keine Bedeutung haben. Das mußte in einer Zeit der Unterdrückung durch Fremdherrschaft die edlen Gemüther allein aufrecht erhalten und in einer Seele aufleben, die alle Werthe der Welt verschwinden sieht und eine Neugestaltung auferbauen will, in der nur der reine Gedanke herrscht. Und warum ist denn diese Lehre, daß man nichts besitzen soll, nicht zum allzeit und für Alle geltenden Kirchengebote geworden?« »Sie treffen einen richtigen Punkt,« entgegnete der Pfarrer. »Unsere Kirche hat Gebote, die nicht allgemein gelten, sondern nur für den, der vollkommen sein will, so: das Gebot der Keuschheit und das Gebot der Armuth. Nur wer vollkommen sein will, muß sich dem unterwerfen.« »Wie aber kann die Kirche selbst Reichthümer besitzen?« fragte Erich. »Die Kirche besitzt nicht, sie verwaltet nur,« antwortete der Pfarrer scharf. »Da wir nun nicht erwarten können,« lenkte Erich ein, »daß Herr Sonnenkamp und sein Sohn Roland all ihr Gut hergeben, so fragt es sich, wie gewinnen wir die rechte Führung?« Der Geistliche erhob sich, ging mit starken Schritten das Zimmer auf und ab und sagte: »Nun sind wir am Punkte. Hören Sie mich getreu an. Sehen Sie, es hat sich etwas Neues gebildet in der Welt, ein in der höheren sittlichen Ordnung noch heimatloser Stand, und das ist die haute finance . Sie sehen mich staunend an.« »Zunächst fragend.« »Und ich kann antworten. Diese haute finance steht zwischen Adel und Volk, und ich frage, was soll sie? Muß ein reicher bürgerlicher Jüngling, wie Roland, in den Strudel des Lebens geworfen, nicht unbedingt zu Grunde gehen?« »Warum muß er es mehr,« fragte Erich, »als die adelige Jugend in der Militär- oder Civil-Uniform? Glauben Sie denn, daß die Religion diese vom Untergange rettet?« »Nein, aber ein Anderes, Positives; die historische Institution des Adels rettet sie. Der Adel hat das Glück, die Flegeljahre des Lebens mit dem geringsten Nachtheil durchzumachen. Der Adelige zieht sich dann auf seine Güter zurück, wird ein braver Ehemann und füllt seine Stellung mit Anstand aus; selbst in der Stadt mitten im tollen Getriebe hält ihn die Stellung zur höheren Gesellschaft und zum Hofe doch in gewisse Schranken. Was aber hat der reiche bürgerliche Jüngling?« »So wäre es also,« fragte Erich, »vielleicht für Roland das größte Glück, wenn sein Vater den Adel erwerben könnte?« »Ich weiß nicht,« entgegnete der Pfarrer. »Ich wollte sagen, der Adel hat die Ehre, die geschichtliche, sich forterbende Verpflichtung, der Adel hat den großen Grundsatz gefunden und hat ihn zu bewähren: noblesse oblige, Adel verpflichtet. Welchen großen Grundsatz hat der Reichthum gefunden? Den brutalsten aller Sätze, den rein Thierischen. Und wissen Sie, wie dieser heißt?« »Ich weiß nicht, wohin Sie zielen.« »Der Satz, den diese Erwerbssucht als ihr Höchstes ausstellt, lautet: Hilf Dir selbst! Das thut das Thier, jedes hilft sich selbst. Also der papierne Reichthum ist jener sittlich heimatlose, pflichtlose Stand. Was wollen diese papiernen Herren der Welt? Geld . . . Was wollen sie mit dem Gelde? Genuß . . . Wer sichert ihnen diesen? Der Staat . . . Was thun sie für den Staat? . . . Da liegt's! So lange sie in der Erwerbshetze sind, haben sie keine Zeit für etwas Anderes, und haben sie ausgespannt, wollen sie nichts als Ruhe – Ruhe im Landhaus oder in einer großen Stadt.« Die Lippen Erichs zitterten und er erwiderte: »Wenn der Adel sich berechtigt und verpflichtet fühlt, sagen wir zunächst für die Führerschaft im Heere, für den Krieg, so soll die Jugend des Reichthums sich zu Officieren verpflichtet fühlen im Heere des Friedens; sie soll eine unbesoldete und in voller Hingebung sich zu Gebote stellende Thatkraft bewähren für die Gemeinde, für den Kreis, für die Genossenschaft, bis hinauf zur Vertretung des Staatsganzen und zum Opfer in allen Werken der Wohlthätigkeit.« »Halt!« fiel der Geistliche ein, »das Letzte ist unser. Ihr werdet das nie organisiren können ohne die Religion. Eure Weltweisheit kann die Gleichmäßigkeit nicht erzeugen, die Gemüthsruhe, die opferbereite Verfassung, da unser Leben nichts ist als ein Opfer. Ihr werdet es nie dahin bringen, daß die Menschen aus ihrer Wohlhäbigkeit, aus ihrem Luxus heraus sich, wie Ihr es nennt, aus rein menschlicher Bewegung in die Hütten der Armen, der Hilflosen, der Kranken, der Verlassenen, zu Sterbenden begeben wie wir.« Als hätte der Geistliche diese seine hohe Pflicht angerufen, so erschien jetzt der Küster und sagte, daß ein alter Weingärtner die letzte Oelung verlange. Der Geistliche war schnell bereit, er wendete sich nochmals kurz und feierlich zu Erich und warnte ihn, in die Stelle einzutreten; er jage einem falschen und darum unerreichbaren Ideal nach. Erich entfernte sich. Als er auf die Straße kam, athmete er frei auf in der frischen Luft. Kam er nicht aus der Atmosphäre des Weihrauchs? Nein, hier war mehr, hier war eine starke Kraft, die sich Angesicht gegen Angesicht dem großen Räthsel des Daseins stellt. In Sinnen versunken wandelte Erich dahin; wol kam ihm nochmals der Gedanke, wie viel leichter es Diejenigen haben, welche fest dogmatische Gesetze, die nicht aus ihnen kommen, die sie vielmehr empfangen, weiter geben können, während er Alles aus sich, aus seiner Erkenntniß schöpfen mußte. Auf halber Höhe des Berges am Wege, der zum Major führt, blieb er stehen und schaute hinab nach der Villa, die den stolzen Namen Eden trug, und die Geschichte aus der Bibel trat ihm in die Erinnerung: Im Garten Eden sind zwei Bäume, der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntniß von Gut und Böse; das Eden hört auf für den, der vom Baume der Erkenntniß genießt. Ist das nicht noch immer so? Da stand es plötzlich vor ihm wie eine Offenbarung; dreierlei ist dem Menschen auf Erden gegeben: Genuß, Entsagung und Erkenntniß. Dort Sonnenkamp; was will er für sich und seinen Sohn? Genuß. Die Welt ist eine gedeckte Tafel und man hat nur so viel zu lernen, um die rechten Wege, die rechten Maße des Genusses zu finden. Die Erde ist ein Vergnügungsort und sie läßt wachsen, damit wir uns dessen ergötzen. Wir haben auf der Welt keinen andern Beruf als spazieren zu fahren, zu essen, trinken und zu schlafen und wieder spazieren zu fahren. Und dafür soll die Sonne scheinen? Was will der Pfarrer? Entsagung. Diese Welt hat nichts zu bieten, ihre Genüsse sind nur verwirrender Schein, zerren Dich nur hin und her, drum wende Dich ab von ihnen. Und was willst Du? Und was sollen Die wollen, die Du Dir gleich wünschest? Erkenntniß. Denn das Leben zerfällt nicht in Genuß und Entsagung, die Erkenntniß schließt vielmehr Beide in sich, ist die Einheit Beider, sie ist die Mutter der Pflicht und der schönen That. Wie in alten Zeiten die Kämpfer aus unerforschlicher Höhe einen Schild erhielten aus Götterhand, der sie sicherte, so geborgen und gedeckt gegen Alles fühlte sich Erich, und er war so selig in sich, daß er nach keinem Menschen, nach nichts mehr verlangte, er war getragen von der Erkenntniß. Beruhigt und in sich begnügt trat er beim Major im nächsten Dorfe ein. Hier, wußte er, hatte er kein Examen zu bestehen. Fünftes Capitel. Der Major wohnte im schön gelegenen Weinbergshause eines reichen Weinhändlers aus der Festung, oder, wie man eigentlich sagen müßte, eines Bundesbruders, denn der Mittelpunkt vom Leben des Majors ruhte in der Freimaurerei. Die eine Seite des Hauses, in dessen Nebengebäude der Major wohnte, ging nach der Landstraße, die andere hatte den Ausblick über den Strom und die jenseitigen Berge. Der Major hielt sich streng in sein Häuschen und sein besonders abgegrenztes und mit einer Laube versehenes Gärtchen. Er beaufsichtigte das größere Wohnhaus und den Garten wie ein Schloßaufseher, ließ sich aber auch die vielen Monate, während welcher das große Haus und der große Garten leer standen, nicht einmal vorübergehend darin nieder. Erich traf den Major in dem kleinen Gärtchen an seinem Hause, er rauchte eine lange Pfeife und las in der Zeitung, vor ihm stand noch eine Tasse mit kaltem Kaffee. Ihm gegenüber saß eine säuberliche alte Dame mit einer großen weißen Haube und stopfte Strümpfe; sie erhob sich sofort, als Erich eintrat. Der Major nahm die Pfeife aus dem Mund und legte die Hand an die Soldatenmütze. »Fräulein Milch, dies ist mein Kamerad, Herr Doctor Dournay, Hauptmann außer Dienst.« Fräulein Milch verbeugte sich, nahm ihren Korb mit Strümpfen und ging nach dem Hause. »Sie ist gescheidt und gut, immer zufrieden und heiteren Sinnes, Sie werden sie schon näher kennen lernen,« sagte der Major hinter ihr drein. »Und eine Menschenkennerin ist sie, größer hat's noch keine gegeben, sie sieht die Menschen durch und durch . . . Setzen Sie sich, Kamerad, Sie kommen zu meiner besten Stunde. Sehen Sie, so lebe ich . . . Ich habe doch eigentlich nichts zu thun . . . aber ich stehe früh auf . . . das verlängert das Leben . . . und dann gewinne ich jeden Tag einen Sieg über einen trägen, weichlichen Gesellen, er muß sich kalt abwaschen und dann muß er einen Gang machen; er will oft nicht, aber er muß . . . Und, da komme ich heim und wenn ich so Morgens da sitze . . . liegt mein weißes Tuch auf dem Tisch, vor mir steht in feinem Geschirr Kaffee, guter Rahm, Semmel . . . Butter esse ich nicht . . . ich schenke mir ein, trinke, tunke ein, das knarft so gut . . . ich kann noch gut beißen . . . dann steck' ich zur zweiten Tasse meine Pfeife an und rauche so in die Weltgeschichte hinein, wie sie mir die Zeitung täglich bringt . . . ich habe noch gute Augen, ich lese ohne Brille, treffe noch die Scheibe und höre auch noch Alles deutlich, mein Kreuz ist noch gut, ich gehe noch aufrecht wie ein Rekrut . . . Und sehen Sie, Kamerad . . . ich bin der reichste Mann in der Welt . . . und dann habe ich jeden Mittag meine gute Suppe . . . so gut kocht Niemand in der Welt Suppe wie sie . . . mein Stück schönen guten Braten, meinen Schoppen Wein, meinen Kaffee . . . mit vier Bohnen macht sie den Kaffee besser als eine Andere mit einem Pfund . . . und doch ist mir's schon tausendmal vorgekommen, daß ich dem Burschen, der da sitzt, den Marsch gemacht hab': Du bist der undankbarste Bursch von der Welt, daß Du manchmal ärgerlich bist und Dir das und das wünschest, was Du nicht hast. Sieh doch einmal her, wie Alles so fein und nett, das gute Brod, der gute Stuhl, die gute Pfeife und so viel gute Ruhe; Du bist der glücklichste Mensch von der Welt, daß Du das hast . . . Ja, liebster Kamerad! Sie . . . Sie sollen ja grundgelehrt sein . . . Sehen Sie . . . ich bin nicht studirt, habe nichts gelernt, bin Tambour gewesen . . . werd's Ihnen schon noch einmal erzählen . . . Ja, Kamerad . . . was hab' ich sagen wollen? So ist's! . . . Sie wissen tausendmal mehr als ich, aber Eins können Sie doch von mir lernen. Lassen Sie sich das Leben besser bekommen! Jetzt ist die Stunde, jetzt seien Sie froh, jetzt lassen Sie sich's schmecken; diese Stunde kommt nicht wieder. Nur nicht immer auf morgen denken! . . . nehmen Sie einmal einen tiefen Athemzug, Kamerad . . . Nun, was ist das für eine Lust? Gibt's eine bessere? . . . Und dazu haben wir unsere guten, sauberen Kleider an! . . . Ach, danken Sie doch dem da oben . . . Ja Kamerad, hätte ich Jemand gehabt, der mir das in Ihrem Alter gesagt hätte, wie ich Ihnen jetzt . . . Remdem! . . . Doch ich bin ein alter Plauderer . . . Brav, daß Sie mich besuchen! . . . Also wie geht's? Wollen Sie wirklich unsern Jungen im Feuer exerciren? Ich glaube, Sie sind der Mann dazu, Sie werden ihn formiren . . . Sie wissen, Kamerad, was formiren ist . . . Das kann nur ein Soldat. Der Soldat allein kann den Menschen schulen. Nur strenges Regiment! . . . Ich garantire, der wird gut . . . der wird gut . . . Fräulein Milch hat's auch immer gesagt: der wird gut, wenn er nur in die rechten Hände kommt. Die Schulmeister sind alle nichts nutz; Herr Knopf war ganz brav, seelengut, aber er hatte die Zügel nicht fest. Jetzt ist's gewonnen! . . . Ich danke Ihnen, daß Sie zu mir gekommen. Wenn ich Ihnen helfen kann, denken Sie daran, wir sind Kameraden. Ist besonders gut, daß Sie Soldat gewesen, habe immer einen gewünscht . . . Fräulein Milch kann mir's bezeugen . . . hab's hundertmal gesagt, nur ein Soldat! . . . Jetzt machen wir aus Roland einen Soldaten, einen Kernsoldaten, er hat Courage, fehlt ihm nur der Appell!« »Ich möchte,« entgegnete Erich, »wenn ich die Stelle antrete . . .« »Wenn? Ist kein Zweifel mehr, das sage Ich . . . Remdem . . . Gelte auch was. Aber entschuldigen Sie, will nichts mehr reden . . . Sie wollten was sagen, Kamerad.« »Roland soll vor Allem ein gebildeter, umsichtiger und guter Mensch werden, was sich dann als sein Beruf herausstellt . . .« »Ganz recht, ganz recht . . . rechtschaffen gesprochen . . . so ist's gut . . . hat mir viele Sorge gemacht, der Junge! Wie närrisch sind doch die Menschen, die sich Millionen wünschen, und wenn sie sie haben – mehr als sich satt essen und acht Stunden schlafen kann Niemand. Die Hauptsache ist« – und der Major dämpfte seine Stimme und hob die Hand in die Höhe – »die Hauptsache ist: der Mensch muß zur Natur zurückkehren; das ist das Ganze, was der Welt fehlt . . . sie muß zur Natur zurückkehren.« Erich fragte den Major nicht, was er unter diesem Satze verstehe. Der Major liebte diesen Satz, er wendete ihn immer an und ließ dann Jeden selbst suchen, was darunter zu verstehen sei. »Zur Natur zurückkehren, damit ist Alles gesagt,« wiederholte er. Nach einer Weile begann er wieder: »Ja, was wollt' ich noch fragen? . . . Sagen Sie mir, Sie hatten wol auch viel zu leiden im Soldatenstand, weil Sie ein Bürgerlicher . . . nicht von Adel waren?« Erich wies auf die Artillerie hin und der Major sagte stotternd: »Freilich, freilich . . . Sie, wissenschaftlich gebildeter Mann, haben das weniger erlebt. Ich habe meinen Abschied gefordert. Ich erzähl' Ihnen das schon noch.« Erich erwähnte, daß er beim Pfarrer gewesen war, und der Major sagte: »Ist ein Ehrenmann, aber ich lasse nichts bei den Geistlichen arbeiten. Wir sprechen nicht davon, brauche aber kein Hehl daraus zu machen, ich bin Freimaurer.« Erich nickte und der Major fuhr fort: »Was Gutes an mir ist, hat da seine Heimat; wir werden noch mehr darüber sprechen . . . ich will Sie einführen. O, wie wird sich Herr Weidmann freuen, Sie kennen zu lernen!« Und wieder war's beim Erwähnen von Weidmanns, als gedenke man einer schönen Aussicht auf dem höchsten Berge der Landschaft. Der Major fuhr fort: »Nun aber die Geistlichen. Sehen Sie« – und er rückte seinen Stuhl etwas näher – »sehen Sie, meine Trommel, da ist Alles drin . . . Sehen Sie, ich war Tambour . . . Ja, lächeln Sie nur . . . sehen Sie, da sagt die ganze Welt, solch eine Trommel macht bloß Lärm, und ich sage Ihnen, es liegt eine Musik drin, so schön . . . ich will Niemand zu nahe treten . . . so schön wie Alles . . . Da sag' ich nun . . . geben Sie wohl Acht . . . ich sage: ich streite nicht mit Euch, daß Ihr bloß Lärm hört, streitet Ihr aber auch nicht mit mir, daß ich etwas Anderes drin höre . . . Ich hab' so darüber nachgedacht: man wird mit Maschinen noch Alles machen, die Menschen sind gar klug, aber Trommel und Hornsignale wird doch keine Maschine machen können, dazu braucht man menschliche Hand und menschlichen Mund . . . ich bin nämlich Tambour gewesen . . . werd' Ihnen das schon noch erzählen. Sehen Sie . . . am Ton merk' ich's, was Einer für ein Herz hat, wenn er die Trommel schlägt. Wo Du, mein Bruder, nichts als Lärm und Unsinn hörst, da höre ich Musik und tiefen Verstand. Drum nur um Gotteswillen keinen Streit um die Religion, eine ist so wenig oder so viel nütze wie die andere, sie geben nur den Marsch an, die Hauptsache ist, wie der Mensch für sich marschirt, wie er sich exercirt hat und was für ein Herz er im Leib hat.« Erich wurde aufgeheitert von der Absonderlichkeit des Mannes, in dem doch ein tiefer Ernst und eine sittliche Freiheit eigener Art war. Seine Pfeife neben sich stellend, fragte der Major: »Haben Sie einen Menschen auf der Welt, den Sie hassen, bei dessen Anblick sich Ihnen das Herz im Leibe umdreht?« Erich verneinte und erzählte, daß sein Vater ihm schon früh tief eingeprägt habe, nichts schädige die eigene Seele so sehr als Haß, und schon um seiner selbst willen dürfe man keine solche Empfindung in sich einwurzeln lassen. »Das ist mein Mann! das ist mein Mann!« rief der Major. »Jetzt sind wir fertig mit einander. Wer einen solchen Vater gehabt hat . . . Sie sind auch mein Mann!« Er erzählte nun, daß im Städtchen ein Mensch sei, den er hasse; es sei der Steuercontroleur, der die St. Helena-Medaille trägt, die der neue Napoleon den Veteranen gegeben für die Heldenthaten, daß sie zur Unterdrückung ihres Vaterlandes mitgekämpft. »Und denken Sie sich,« rief der Major, »hat sich der Mann mit der Helena-Medaille abmalen lassen; in seinem Staatszimmer hängt das Bild eingerahmt und drunter in einem besonderen Rahmen das vom französischen Minister unterzeichnete Diplom. Ich grüße den Mann nicht, danke seinem Gruß nicht, setze mich nicht an einen Tisch mit ihm; er hat eine andere Ehre als die meine. Und sagen Sie mir, muß es nicht etwas geben, womit man schlechte Menschen straft? Ich kann's nur damit thun, daß ich ihm meine Verachtung zeige . . . es wird mir eigentlich schwer, aber muß ich nicht?« Groß schaute der alte Mann auf, als Erich ihm vorstellte, man dürfe auch nachsichtig gegen den Mann sein; Eitelkeit habe eine große Kraft der Verführung, und überdies hätten ja manche Regierungen es gerne gesehen, wenn ihre Beamten sich um die Helena-Medaille bewarben, und so sei der Mann, der im Staatsdienste stehe, nicht zu verurtheilen. »Das ist brav! das ist brav!« schrie der Major und nickte nach seiner Gewohnheit mehrmals mit dem Kopfe. »Sie sind der rechte Erzieher! Ich bin alt, kenne viele Menschen, und sie mögen sagen, was sie wollen, ich habe noch keinen schlechten Menschen kennen gelernt, keinen wirklich schlechten. In der Hitze, in Dummheit und Hochmuth thun sie manchmal Unrechtes, aber lieber Gott! da hat man nur dem himmlischen Vater zu danken, daß man nicht auch so ist; wie vielmal hätt' ich so werden können. Ich dank' Ihnen . . . ich dank' Ihnen . . . Sie haben mir den Feind vom Halse . . . Ja wohl vom Halse . . . geschafft, da hat er immer gesessen, schwer und . . . Sehen Sie, da kommt just der Mann!« Der Controleur kam am Garten vorüber, der Major ging mehrmals nickend gegen den Zaun; er hoffte vielleicht, daß der Mann zuerst grüßen sollte. Als dies aber nicht geschah, rief der Major plötzlich und mit einer Stimme, als ob ein Geschoß losgegangen wäre: »Guten Morgen, Herr Controleur!« Der Mann dankte und ging vorüber. Der alte Major aber war ganz glücklich und strich sich mehrmals mit der Hand übers Herz, als wäre da eine Last weggenommen. Fräulein Milch schaute zum Fenster heraus und der Major bat sie, doch herunterzukommen, er habe ihr etwas sehr Gutes zu erzählen. Sie kam; sie sah noch säuberlicher aus als vorher, sie hatte eine hohe weiße Schürze, an der die Knitter des Bügeleisens noch zu sehen waren. Der Major verkündete ihr nun, daß der Controleur nicht so schuldig sei, er habe ja nur aus Gehorsam gegen die Regierung die Helena-Medaille angenommen. Er zeigte Erich das Gärtchen und sagte, daß Fräulein Milch eine große Feindin der Schmetterlinge sei. »Ja,« sagte er, »sie meint mit den fremden Blumen drunten bei Herrn Sonnenkamp entstehen fremde Schmetterlinge, die man sonst hier gar nicht gesehen hat. Kann das sein? Es hat mir noch kein Gelehrter darauf Antwort geben können, und wissen Sie warum? Ich habe noch keinen gefragt. Ja, lieber Kamerad, solch einem Gärtchen sieht man nicht an, wie viel Arbeit es braucht; im Umsehen wächst Unkraut und ist nicht mehr zu bewältigen.« Sie gingen mit einander nach dem Hause und der Major zeigte seinem Gaste die Zimmer, in denen schmucklose Nettigkeit herrschte; dann sah er nach dem Barometer und sagte: »Bleibt gut.« Als er den vor dem Fenster angeschraubten Thermometer betrachtete, wischte er sich die Stirn, als ob er jetzt erst wisse, wie heiß es sei. Ein Schuß tönte aus der Ferne. Der Major wies Erich nach der Richtung, woher der Schall kam, und sagte: »Ich hör' hier die Schießübungen aus der Festung. Ich finde, daß die gezogenen Kanonen denselben Ton haben wie die glatten. Ach, Kamerad, Sie müssen mich in der neuen Kriegskunst unterrichten, ich verstehe nichts mehr davon, aber wenn ich da drunten schießen hör', da wird der Soldat in mir wach.« Nun bat er Fräulein Milch, eine Flasche Wein zu bringen und zwar vom besten. Fräulein Milch schien das schon vorbereitet zu haben, sie brachte Flasche und Gläser sofort herbei, winkte aber dem Major mit den Augen; er verstand und sagte: »Seien Sie ohne Sorge, ich weiß wohl, daß ich des Morgens nichts trinken darf. Bitte, Herr Hauptmann, geben Sie mir Ihren Korkzieher, ich halte Sie für einen rechten Mann und ein rechter Mann hat einen Korkzieher in der Tasche.« Lächelnd reichte Erich sein Messer hin, das mit einem Korkzieher versehen war. Während der Major die Flasche anbohrte, sagte er: »Und ein Zweites kann ein rechter Mann auch: Pfeifen! Kamerad, seien sie so gut und pfeifen Sie einmal.« Erich konnte vor Lachen den Mund nicht spitzen. Die Flasche war entkorkt und die Beiden stießen auf gute Kameradschaft an. Dann sagte der Major: »Uns ist's vielleicht hier glücklicher zu Muthe als unserm Freund Sonnenkamp in seiner großen Villa. Aber, Herr Hauptmann, ich sage wieder, ein Elephant ist glücklich und eine Fliege ist auch glücklich; der Elephant hat nur einen größern Rüssel als die Fliege.« Der Major lachte, daß er sich schüttelte, und vom Lachen angesteckt, lachte auch Erich, und so oft sie sich wieder ansahen, fingen sie Beide von Neuem an zu lachen. »Sie erklären mir das Sprüchwort,« rief Erich, »daß man die Mücke für einen Elephanten ansehen kann, und in der That ist's zutreffend: nicht die Größe, nicht das Maß, sondern der Organismus ist das Leben.« »Recht so . . . recht so!« rief der Major. »Fräulein Milch, kommen Sie doch einmal herein.« Fräulein Milch, die hinausgegangen war, trat ein und der Major fuhr fort: »Bitte, Herr Hauptmann, sagen Sie das noch einmal von dem Organismus. Das ist so eine Sache für Fräulein Milch, denn sehen Sie, die studirt viel mehr, als sie sich's merken läßt. Bitte, Kamerad, nochmals das vom Organismus! Ich kann's nicht so gut geben!« Erich erklärte nochmals das Gleichniß. Fräulein Milch empfahl Erich den Schullehrer des Dorfes, der ein ausgezeichneter Schönschreiber sei, zur Beihilfe, und der Major rief lachend: »Ja, Kamerad, Fräulein Milch ist die lebendige Rangliste; fragen Sie bei ihr an, wenn Sie über Jemand Auskunft haben wollen. Und lassen Sie sich um Gotteswillen von der Gräfin Wolfsgarten keine Medicin geben, Fräulein Milch versteht Alles viel besser . . . und Blutegel setzen kann kein Mensch so gut wie sie.« Erich sah die Verlegenheit der guten Alten, er lobte ihren Garten und die schönen Blumen und Blattpflanzen, die vor dem Fenster standen. Der Major behauptete, sie verstände die Gärtnerei vielleicht besser als Herr Sonnenkamp, und wenn man noch dazu schreiben könnte, mit wie wenig Mitteln sie das gepflanzt und erhalten, bekäme sie den ersten Preis auf der Ausstellung und nicht die Herren mit ihren großen Treibhäusern. Ablenkend sagte Fräulein Milch zu Erich, es sei hart für Roland, daß er nicht das rechte Vergnügen habe. »Nicht das rechte Vergnügen?« lachte der Major. »Da hört einmal an!« »Ja,« setzte Fräulein Milch hinzu, und die Bänder und Maschen an ihrer Haube nickten beistimmend mit, »er hat lauter Vergnügen, die Geld kosten, aber das sind nicht die rechten; und wer durch die Welt blos spazieren fährt, wer nichts darin zu thun hat, der sucht das Vergnügen vergebens.« In diesem Augenblicke ward ein geheimer Vertrauensbund geschlossen, ein Verständniß zwischen Erich und Fräulein Milch. Von Beiden bis zur Hausthüre geleitet, verließ Erich das Haus. Als man die Thür öffnete, sprang ein braun- und weißgefleckter Hühnerhund an den Major herauf. »So?« rief der Major scheltend und liebkosend dem Hunde zu. »Ei! wo ist sie wieder gewesen, sie Landläuferin? Wer weiß wo? und derweil haben wir einen Gast im Hause . . . Du lernst, so alt du bist, keinen Anstand und keine Ordnung. Schäm' dich . . . schäm' dich!« So sprach der Major zu seinem Hunde, der in der ganzen Gegend wohlbekannten Laadi; er hielt sich eine Hündin, weil mit einer Hündin die Hunde in den Dörfern niemals raufen. Als der Major und Erich den Garten verließen, sagte der Major: »Sehen Sie einmal diese zwei Wachposten, die kurz gehaltenen Eschenbäume an. Seit mehreren Jahren habe ich's beobachtet, der da links steht, hat immer um zehn bis elf Tage früher Blätter bekommen, als der da rechts. Nun trat einmal unversehens wieder Frost ein und da welkten die Blätter ab und er kümmerte den ganzen Sommer nur so hin; seitdem ist er gescheidt, er läßt den andern zuerst Blätter kriegen und kommt dann nach. Sollte man nicht glauben, daß so ein Baum auch Verstand hat? Ja, lieber Kamerad, es ist Alles viel weiser eingerichtet in der Welt, als wir wissen, und, sehen Sie, ich bin doch pensionirt und habe nichts zu thun, aber ich habe so viel im Auge zu halten, daß der Tag oft zu kurz ist. Nun leben Sie wohl und denken Sie, daß Sie auch bei uns daheim sind.« Als Erich die Abschiedshand reichte, sagte der Major: »Ich danke Ihnen. Ich hab' jetzt einen Menschen mehr, den ich lieb haben kann, und das ist doch das Beste; das nährt und erhält jung und gesund.« Schon war Erich mehrere Schritte fortgegangen, als der Major ihm nachrief, er möge anhalten. Er kam und sagte: »Ja, wegen Herrn Sonnenkamp noch . . . Lassen Sie sich nicht irre machen, Kamerad. Die profanen Menschen machen aus einem Glücklichen einen Götzen oder zerren an ihm herum. Herr Sonnenkamp ist ein etwas rauhrindiger Mann, aber im Kern gut; und was die Vergangenheit angeht, wer kann seine ganze Vergangenheit loben? welcher Mensch kann das? Ich wenigstens nicht und ich weiß auch keinen Andern. Ich bin nie schlecht gewesen und habe doch nicht immer so gelebt, wie ich jetzt wünschen möchte. Aber genug, Sie sind ja gescheidter als ich.« »Ich verstehe das vollkommen,« erwiderte Erich; »das amerikanische Leben scheint mir bei allem Kirchengehen ein in höherem Sinne sonntagsloses Dasein; da ist beständiges Arbeiten und Trachten nach Geldverdienen, nach sonst nichts. Wenn das nun Menschen Jahrzehnte lang getrieben, verlieren sie die Fähigkeit, wieder das Höhere in sich zu gewinnen; sie reden sich ein, wenn sie nur genug hätten – ach, wer nach Geld strebt, bekommt nie genug! – sie reden sich ein, dann wollten sie sich dem Edleren widmen. Wenn das nur dann noch möglich wäre! Herr Sonnenkamp nun hat sich doch noch ein Ruheleben geschaffen . . .« »Recht so . . . recht so,« bestätigte der Major, »er hat sich als Goldsucher viel im Schlamm herumtreiben müssen, bis er zu dem großen Besitzthum gekommen ist . . . Ja, ja, ich bin ruhig . . . Sie sind gescheidter als ich.« Mit heiterem Sinn kehrte Erich auf den Weg nach der Villa zurück. Plötzlich hörte er einen Wagen daherrasseln, Clodwig und Bella riefen ihn an. Sechstes Capitel. Am Tage als Erich Schloß Wolfsgarten verlassen hatte, fand sich ein Gast dort ein; es war der Sohn des vornehmen Weinhändlers, des sogenannten Weingrafen. Er kam jede Woche einmal, um mit dem Grafen Schach zu spielen. Er war ein junger Mann verlebten Wesens, der nicht wußte, was er in der Welt anfangen sollte; am Geschäfte des Vaters hatte er keine Freude, Geld hatte er genug, auch hatte er mancherlei gelernt: er musicirte, er zeichnete, er hatte verschiedene Talente, aber keines beherrschte ihn. Alles war ihm überdrüssig, die Neige Lebenslust, die man noch mit Anstand zu genießen hatte, erschien ihm welk und schal. Warum auch in einen bestimmt abgegrenzten Beruf sich begeben? Er war im Verwaltungsrathe mehrerer Eisenbahnen; eine Zeit lang hatte es ihn vergnügt, da anzuordnen und zu regieren, von den Unterbeamten in strammer Haltung angehört und ehrerbietig begrüßt zu werden; aber auch das ward ihm lästig. Reisen bot auch nichts mehr, man hatte beständig eine Ueberfracht von Langerweile mitzuschleppen. Er sah verdrossen in die Welt hinein, sie hat nichts für ihn und er hat nichts in ihr zu thun. Ein einziges Talent hatte er ausgebildet und das war das Schachspiel. Da auch Clodwig große Freude daran hatte, so kam er jede Woche einmal nach Wolfsgarten und spielte mit Clodwig; es gab ihm das zugleich ein besonderes Ansehen. Er hatte auch einen großen Ruf bei allen Menschen der Umgegend, die sich gleich ihm rühmen konnten, Wüstlinge zu sein und vor der Welt als Schönthuer zu erscheinen. Er besaß eine geheime Sammlung von Bildern in allen Formen und von allem Material, und man mußte ihm sehr nahe stehen, wenn man sich rühmen konnte, sie bis auf die letzten gesehen zu haben. Natürlich war der Weincavalier vor der Welt ein höchst anständiger Mann; noch nie hatte ihn Jemand betrunken gesehen. In Gesellschaft der Bürgerlichen benahm er sich als der Herablassende, der noch so edel ist, mit diesen kleinen Leuten in Verkehr zu bleiben; man ist das der alten Kameradschaft schuldig. Landrichters Lina war nicht so einfältig wie die Mutter immer sagte, denn sie behauptete, der Weincavalier sei jenes verwandelte Männlein aus dem Märchen, das ausgeht, um das Gruseln zu lernen. Jedes Jahr frischte sich natürlich der Weincavalier in Toilette und Anekdoten und in Allem, was innere und äußere Mode erheischt, wieder durch einen längeren Aufenthalt in Paris auf. Er sprach nicht wie sein Vater von seinem Freunde dem Gesandten * *, dem Minister * * und dem Fürsten * *, aber er ließ erkennen, daß er mit den berühmtesten Mitgliedern des Jockeyclubs in unzertrennlicher Gemeinschaft lebte. Der Weincavalier hatte sonst noch einen kleinen Reiz darin gefunden, sich zu schönen Höflichkeiten gegen die tugendsame Frau Bella zusammenzunehmen, heut aber sah sie ihn immer an, wie wenn er gar nicht da wäre, als ob sie nicht entfernt hörte, was er sagte. Auch der Graf war zerstreut und abwesend, er verlor heute überraschend schnell alle Partien, denn er sah den Partner oft verwundert an, da er auf demselben Stuhle saß, den Erich inne gehabt. Dem Weincavalier erschien eine neue Hülfe, aber auch diese war heute wirkungslos. Ein wohlbeleibter, mit höchster Sorgfalt gekleideter Mann traf auf Wolfsgarten ein; es war ein ehemals berühmter Bassist, der eine reiche Wittwe aus der nahen Handelsstadt geheiratet und sich hier in der schönen Gegend angesiedelt hatte. Sonst war er Bella willkommen, denn er sang mit dem Reste seiner Stimme noch immer sehr wohlgefällig. Als er bemerkte, daß er heute nicht wie sonst begrüßt wurde, sagte er, daß er nur zufällig vorspreche. Das ärgerte Bella um so mehr; sie liebte es nicht, daß man Wolfsgarten als zufälligen Besuchspunkt ansah. Als der Weincavalier und der Bassist endlich davon gegangen waren, athmeten Bella und Clodwig neu auf. Mit geschlossener Lippe und unruhigem Auge, das etwas zu suchen schien, ging Clodwig durch Haus und Park. Bella wußte ihn endlich zum Reden zu bringen und Clodwig gestand, daß sich ihm ein Ideal seines Lebens zeige, daß er aber nicht den Muth habe, es zu erfüllen. Er machte eine Pause, denn er hoffte, daß Bella ihm sagen würde, was er wünsche, aber Bella schwieg. Mit einem großen Umwege erklärte er nun, daß er Erich nicht in die abhängige Stellung eintreten lassen dürfe, er solle eine Zeitlang auf Wolfsgarten wohnen und dann eine wissenschaftliche Reise machen. Die Oberlippe Bella's pulsirte und sie sagte. »Der Hauptmann . . .« sie wollte sagen: der Hauptmann in Goethe's Wahlverwandtschaften, und über diesen Gedanken hinwegstolpernd fuhr sie fort: »Der Hauptmann . . . ich meine, der Doctor dürfte sich gewiß glücklich schätzen. Aber – wir können ja offen sprechen. Ich habe das Glück eines unantastbaren Namens, und wir fragen nicht, was die Leute sagen . . . Glaubst Du aber nicht, daß dieser junge Mann . . . uns manchmal . . . wie soll ich sagen . . .« »Geniren würde?« fiel Clodwig ein und widerlegte das Bedenken mit dem Vorhalte, wie es eine Unterjochung der Guten wäre, wenn diese ein Schönes unterlassen müßten, weil die Schlimmen unter trügerischem Scheine eben das Schlimme thun. Nun redete Bella ihrem Manne zu, daß er sofort einen Boten an Erich schicke, damit er sich nicht binde. Clodwig drückte ihr die Hand und mit einem selten bemerkten elastischen Schritte ging er in sein Arbeitszimmer. Dort schrieb er, aber er kam bald zu Bella und sagte: er könne nicht schreiben, das Einfachste sei, man lasse anspannen und fahre selbst nach Villa Eden. Clodwig vermied sonst jede unmittelbare Beziehung zu Sonnenkamp und dessen Haus, soweit es bei der nahen Freundschaft seines Schwagers möglich war, heute aber war davon keine Rede. Frau Bella ließ während der Fahrt oftmals den Schleier über ihr Gesicht fallen und hob ihn wieder in die Höhe; sie war sehr unruhig, denn sie bedachte Vielerlei. Es ist eine unbegreifliche Laune, ein Spiel . . . nicht der Leidenschaft, . . . wie konnte Bella von sich so etwas bekennen? Es ist das Spiel eines Dämons! Dieser junge Mann mußte eine verwirrende Zaubermacht haben! Bella haßte ihn, denn er hatte ihren Mann aus seiner Ruhe gebracht und versuchte es nun auch mit ihr; er ängstigte sie. Das sollte er büßen! Sie richtete sich stolz auf; sie war entschlossen, gerade durch ihre Mitreise den kindischen, überschwänglichen Plan ihres Gatten zu zerstören, und wenn Erich ihren Widerspruch nicht merkt, offen mit ihm sprechen und ihn dadurch zur Ablehnung bewegen. In diesen Gedanken schaute sie wieder fröhlich drein und Clodwig, der dies bemerkte, sprach davon, wie man die Zimmer für Erich einrichte, und gab die neue Hausordnung. Er werde auch die Mutter Erichs zum Besuch einladen. Es war ein Glück, daß Bella sie von früherher kannte und hoch verehrte. Clodwig erzählte, daß die Dournays eigentlich von Adel seien, sie hießen Dournay de Saint Mort und hätten den Adel nur bei Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich abgelegt; er würde, falls Erich eine standesgemäße Heirat machen wolle, dafür sorgen, daß sein Adel wieder erneuert werde, ja, er könne vielleicht noch mehr für ihn thun. Es überraschte Bella immer wieder, daß ihr Mann die Dinge so ernst nahm. Sie hatte ihn nicht betrogen, als sie in jenem Winter vor der Verlobung sich als reife, den tieferen Ernst des Lebens erkennende Natur dargestellt hatte, als sie eine Theilnahme zeigte an den Kunstgebilden des classischen Alterthums, an Wissenschaften und allen höheren Anliegen des Lebens; sie hatte ihn nicht getäuscht, denn sie hatte nie anders gedacht, als daß alle Menschen diese Dinge als Gegenstände der Conversation, als Nippsachen betrachteten. Und was die Aufmerksamkeit für die Culturgeschichte der Vergangenheit und Gegenwart betraf, auch das schien ihr nach stillschweigendem Uebereinkommen nur ein feiner Zeitvertreib. Mit Schrecken gewahrte sie immer wieder, daß für ihren Mann die großen Gedanken in der That sein Leben ausmachten, daß er sich betrübte und erfreute bei allen Vorkommnissen des Weltlebens, als wären das Familienereignisse – ja, daß er sogar religiös war. Er sprach nicht wie sie vom lieben Gott, aber er konnte anbetend und ergriffen vor jedem Zeichen der ewigen göttlichen Ordnung stehen, und wo sich ein Widerspruch, ein Räthsel kundgab, war er bis zu einer gewissen Krankhaftigkeit fieberisch aufgeregt. Bella gestand sich kaum, daß ihr das Alles entsetzlich pedantisch, predigerhaft und professorenmäßig erschien; sie hatte nicht gewußt, daß sie statt eines Lebemannes einen pedantischen Professor geheiratet. Aber, eingestanden oder nicht, diese ganze Pflege eines sogenannten höheren Interesses war ihr langweilig. Alles spielt doch nur seine Rolle im Leben, wer wird Ernst daraus machen? Das mögen die armen Teufel von Gelehrten und Weltbeglückern thun, aber nicht ein Mann von höherer Stellung. Jetzt zeigte sich also wieder, daß Clodwig ein geordnetes, freilich langweilig, aber still und ehrenhaft dahinfließendes Leben plötzlich durch Hereinziehen eines fremden Menschen stören konnte. Es war schwarze Verleumdung, wenn man Bella nachsagte, daß sie den Grafen geheiratet habe in der Hoffnung, bald eine reiche, anziehende Wittwe zu sein. Der alte Oberststallmeister hatte nur für eine gute Verschreibung gesorgt und vom Erträgniß des großen Gutes legte man jährlich eine ansehnliche Summe zurück, die den Majoratserben von der Seitenlinie nicht zufiel. Es war, wie gesagt, schwarze Verleumdung, daß Bella mit Wittwenhoffnung vor den Altar getreten sei, aber zu ihrem Schrecken – sie vergrub es in sich, so oft sie dessen inne wurde – sah sie sich vor der Zeit altern an der Seite des Mannes, der den Jahren nach ihr Vater sein konnte. Und wer weiß, wie viel Geld Clodwig auf diesen abenteuerlichen Dournay verwenden wird, der in keinem Berufe aushält und dazu noch mißliebig am Hofe ist. Das Schlimmste aber ist, daß dieser junge Mann ihr den Gatten noch ganz entziehen wird. Sie werden mit einander studiren, Ausgrabungen machen und derweil wirst Du allein sitzen, Du, das jugendlich frische Herz, das so edel, so treu, so selbstvergessen sich der Pflege des alten Mannes gewidmet hat! Bella war tief ingrimmig auf Erich. Der Wagen rollte weiter. Erich hörte sich anrufen und wurde von den Beiden herzlich begrüßt. Er mußte sich in den Wagen setzen und ein Blick Clodwigs auf seine Frau sagte ihr: Hast Du je ein edleres Menschenbild gesehen? Erich wurde gefragt, ob er bereits die Stelle fest angenommen, und als er verneinte, reichte ihm Clodwig die Hand. Man konnte nicht weiter sprechen, denn so eben kam Herr Sonnenkamp auf seinem Rappen daher getrabt. Er war hoch erfreut, solche Gäste zu begrüßen; nur war er verwundert, Erich so vertraulich hier zu sehen. Er ritt neben dem Kutschenschlag her und mit großer Ehrerbietung hieß er die Gäste auf der Villa willkommen. Kaum war man abgestiegen, als noch ein Wagen in den Hof fuhr; der Doctor stieg aus. Siebentes Capitel. Herr Sonnenkamp bot Bella den Arm, sie drehte den Kopf langsam und willfahrte, Clodwig sollte sehen, welch ein Opfer sie bringe; ihre Hand ruhte leicht im Arme Sonnenkamps; auf den ersten Treppenstufen blieb sie stehen, denn an einem im Freiland erzogenen Rosenstocke war bereits eine aufgeblühte Centifolie in voller Pracht. Herr Sonnenkamp eilte, dieselbe für sie abzubrechen, und indem er sie darbot, sagte er: »Diese Rose ist nicht Ihre Schwester. Die Herren Dichter machen viel Rosenlügen.« Bella sah ihn fragend an und er erklärte, daß die Centifolie, wenn sie geblüht habe, sich ein Jahr ausruhe, Bella aber – Sie ließ ihn nicht ausreden und dankte sehr verbindlich, sie that, als ob sie den dargebotenen Arm nicht mehr bemerkte. Man ging sofort nach den Gewächshäusern. Joseph, der immer wie gerufen zu rechter Zeit sich sehen ließ, erhielt von seinem Herrn den Auftrag, Fräulein Perini und Frau Ceres die Ankunft des Besuches zu melden. Bella ließ sich von Sonnenkamp noch mehr von der Eigensinnigkeit der Centifolie erzählen, die durch keine Kunst im December zum Blühen gebracht werden könne, alle anderen Blumen ließen sich verzögern und treiben, nur die Centifolie widerstrebe der Menschengewalt. Bella hörte die Mittheilungen Sonnenkamps mit großer Aufmerksamkeit an. Der Doctor war zu Frau Ceres gerufen worden, aber als diese vernahm, welche Gäste angekommen seien, erklärte sie sich sofort wieder gesund; sie war verschlagen genug, dem Doctor zu betheuern, daß seine bloße Anwesenheit sie gesund mache. Doctor Richard verstand. Unterdeß hatte Clodwig zu Erich gesagt: »Sie bleiben nicht hier. Ich lasse Sie nicht.« Er stieß die Worte kurz und hastig heraus wie ein längst Vorbereitetes, das man im Augenblick der Kundgebung bedrängt und tonlos vorbringt. Roland kam eben mit dem Feldstuhl und Zeichenbrett den Berg herab, Bella grüßte ihn schon von ferne überaus freundlich. »Wie schön er ist!« sagte sie zu den Umstehenden. »Wer dies Bild festhalten könnte, wie der Knabe daher kommt! Verwandelt man Feldstuhl und Mappe in Speer und Schild, so hat man ein Bild aus der griechischen Welt.« Bella bemerkte den Blick Erichs und sie sagte zu ihm: »Ja, Herr Doctor, ich habe einem Künstler in der Residenz einmal den Plan gegeben, eine Scene zu malen, wie ich Roland sah: er war über den Weg gesprungen und hatte einem auf dem Steinhaufen sitzenden Straßenbettler eine Gabe in den Hut geworfen, und wie er nun über die Straße zurücksprang, so schlank, so behend, jede Muskel gespannt und das Gesicht von der Wohlthätigkeit her so glückselig überstrahlt – es war ein unvergeßlicher Anblick.« Clodwig sah zur Erde; Bella wußte wahrscheinlich nicht mehr, daß nicht sie, sondern daß er Roland so gesehen und einem Künstler den Vorschlag gemacht hatte. Roland trat näher und Bella sagte: »Wenn der Herr Hauptmann bei uns bleibt, müssen Sie uns auch oft besuchen, lieber Roland.« Sonnenkamp wußte nicht, was das bedeuten sollte, aber Roland schien sofort die Gefahr aufzugehen, daß ihm Erich entzogen würde. Und jetzt wurde Erich klar, was man mit ihm vorhatte, jetzt erst verstand er, was durch die Ankunft Sonnenkamps beim Wagen unterbrochen wurde. Man warf nur einen kurzen Blick in die Gewächshäuser, denn Bella sagte, wenn es draußen grüne und blühe, hätten die Pflanzengefängnisse für sie etwas Beklemmendes. Fräulein Perini erschien bald mit der Nachricht, daß Frau Ceres die Gäste empfangen wolle. Bella und Fräulein Perini hatten sich von den Männern getrennt, sie hatten viel mit einander zu sprechen und natürlich war Erich der erste Gegenstand. »Wie urtheilen Sie über Herr Dournay?« fragte Bella. »Ich habe kein Urtheil über ihn.« »Warum?« »Ich bin nicht unbefangen, er gehört nicht zu unserer Kirche.« »Denken Sie sich ihn von unserer Kirche, wie würden Sie ihn dann betrachten?« »Er ist gar nicht so zu denken. So könnte kein Mann sein, der sich unter das göttliche Gesetz beugt. Herr Baron von Prancken sagt: der Mann kutschirt auf einem unsichtbaren Katheder in der Welt umher.« Beide Frauen lachten. Bella wußte genug. Sehr behutsam suchte sie Fräulein Perini darin zu bestärken, ihren Einfluß gegen die Aufnahme eines auf seine Glaubenslosigkeit stolzen Mannes geltend zu machen. Fräulein Perini hielt ihr Kreuz mit der linken Hand und schaute etwas schelmisch nach Bella. Also die Gräfin will ihn nicht hier haben. Macht sie vielleicht eine feine Intrigue gegen ihren Mann, ihn in ihr eigen Haus zu bringen? Nicht ohne Schadenfreude wies sie darauf hin, daß Herr von Prancken, der Alles das veranlaßt habe, auch die entsprechende Lösung geben müsse. Bella gab zu verstehen, daß Erich vielleicht auch nach anderer Seite hin unbequem sei; und hier zum dritten Male wurde das Wort laut, daß Erich ein gefährlicher Mensch sei. Fräulein Perini hatte es ausgesprochen, sie hatte damit sowohl Prancken als Bella im Auge, denn die besondere Aufregung Bella's war ihrem ruhig scharfen Blicke nicht entgangen. Schnell, und um zu verbergen, daß sie richtig gezielt habe, setzte sie indeß hinzu, daß ein Mann wie Otto von Pranken gewiß Niemand zu fürchten habe. Sie sprach mit theilnahmvollem Eifer über die Reise Pranckens; diese sei vielleicht eine Unvorsichtigkeit, aber man müsse schließlich das stürmisch jugendliche Herz walten lassen und es brächte oft besser als jede Bedachtsamkeit und Besonnenheit die nothwendige Entscheidung. Nur sehr andeutend sprach Fräulein Perini und ebenso andeutend erwiderte Bella, daß sie ein gegen die Gesellschaftsordnung anstrebendes Begehren Pranckens zwar mißbillige, solches aber, wenn auch mit Aengstlichkeit, doch gewähren lasse. Nochmals kehrte das Gespräch auf Erich zurück und Bella war jetzt überaus wohlwollend. Sie hatte Mitleid mit der alten Mutter Erichs und behauptete, er kehre einen Stolz heraus, um damit die dienende Abhängigkeit zu verdecken. Ein Höherziehen der Augenlider ließ eine leise Verletzung Fräulein Perini's bemerken und rasch setzte Bella hinzu, daß nur eigentlich fromme Naturen sich von der Abhängigkeit nicht bedrückt fühlen; denn sie seien an sich höher gestellt, ja, durch die Frömmigkeit gleichgestellt einem Jeglichen. Fräulein Perini lächelte; sie verstand, mit welcher Gunst sie von Bella behandelt wurde, und es hätte nicht eines freundschaftlichen Händedrucks bedurft, um ihr solches zu Gemüthe zu führen. Ein Diener kam und meldete, daß Frau Ceres die gnädige Gräfin im Balconsaale erwarte, sie dürfe nach Vorschrift des Arztes noch nicht wagen, ins Freie zu gehen. Fräulein Perini geleitete Bella bis an die Freitreppe. Als sie dort eine sehr höfliche Verbeugung machte, faßte Bella ihre beiden Hände mit offenbarer Herzlichkeit und sagte, solch eine Freundin wie Fräulein Perini wünsche sie sich zum täglichen Umgange. Sie bat dringend, ihr recht bald die Ehre eines Besuches zu geben. Nachdem Bella rauschend davongegangen, krallte Fräulein Perini ihre kleinen Hände wie eine Katze, die still gelauert und etwas erhascht hat; höhnisch erweiterte sich ihr Auge, das sonst immer so verhüllt war. »Ihr seid Alle betrogen!« sprach ihr kleiner Mund fast laut . . . Frau Ceres klagte über beständiges Leiden und Bella tröstete, daß sie ja alles nur zu Wünschende und noch dazu so herrliche Kinder habe. Sie wußte nicht, was sie mehr rühmen sollte, das bezaubernde Wesen Rolands oder das Manna's. Bella kam selten in das Haus Sonnenkamps, aber wenn sie dahin kam, wurde sie stets von einer Leidenschaft befallen, die vielleicht vorzugsweise eine Frauenleidenschaft ist. Sie lebte doch aus Wolfsgarten in einer Fülle, die nichts zu wünschen übrig ließ, aber sobald sie durch das Gitter von Villa Eden einfuhr, kam ein Dämon über sie, und der Dämon hieß: Neid – Neid über diese von Ueberfluß strotzende, nicht mit morschem Trödel sich schleppende, sondern ganz neu geschaffene Existenz. Wenn sie an Frau Ceres dachte, flimmerte es ihr stets stechend vor den Augen, denn sie sah dabei den wunderbaren Brillantschmuck der Frau Ceres, wie solchen selbst die regierende Fürstin nicht besaß. Jetzt war sie überaus holdselig und herablassend gegen Frau Ceres, und sie gefiel sich in dieser Herablassung. Alles können diese Menschen kaufen, aber einen erhabenen, historisch glänzenden Namen nicht. Gelingt auch das Vorhaben Otto's, es ist doch nur ein Zudecken der Niedrigkeit mit einem neuen Firniß, der immer bittet: berühre mich nicht, sonst löse ich mich ab. Auch hier war Erich vornehmlich Gegenstand des Gesprächs und Bella drückte die Rose an ihren Mund, um ihr Lachen zu verbergen, da Frau Ceres sagte: »Ich möchte den Herrn Hauptmann für mich haben.« »Für Sie?« »Ja. Aber ich glaube, ich kann nichts mehr lernen, ich bin zu alt und zu dumm . . . Er hat mich gar nichts lernen lassen.« Bella bestritt diese Bescheidenheit sehr eifrig. War Frau Ceres nicht schön und jung? Man könnte sie ja für die Schwester Rolands halten. War sie nicht klug und von feiner Haltung? Frau Ceres lächelte, sie schien zu glauben, daß dies Alles wahr sei. Nun aber bat Bella, sich beurlauben zu dürfen, da sie die zarte Organisation der Frau Sonnenkamp schonen wolle. Frau Ceres sah bei diesen Worten zagend um, sie wußte nicht, ob das ein Lob oder ein Tadel ist. Bella verabschiedete sich und küßte Frau Ceres auf die Stirn. Herr Sonnenkamp hatte den Grafen und Erich verlassen; er hatte noch vieles im Hause anzuordnen, auch waren Briefe und Depeschen eingetroffen, die sofortige Beantwortung erheischten. Er schickte nach dem Major, daß er ebenfalls zu Tische käme, und gab den Auftrag, wenn er nicht zu Hause sei, möge man ihn auf der Burg aufsuchen. Clodwig war mit Roland und Erich gegangen, und ohne daß sie es wußten, waren die beiden Männer bald in ein Gespräch gerathen, wobei sie Rolands ganz vergaßen. Dieser saß stumm da und schaute bald den Einen, bald den Andern an; er verstand nicht, was sie sprachen, aber er mochte fühlen, wie wohl es ihnen dabei war, und als endlich Clodwig sich auf sein Zimmer zurückzog, faßte Roland die Hand Erichs und rief: »Ich will auch lernen, ich will auch studiren, Alles, was Du willst; ich will auch so sein wie Du und Graf Clodwig.« Achtes Capitel. Der Major kam, er war sehr erfreut, Clodwig und Bella hier zu treffen; jedes freundliche Benehmen der Menschen war ihm ein Labsal, es bestätigte seine Behauptung, daß alle Menschen unendlich gut seien. Er war Clodwig und Bella dankbar, als ob sie ihm etwas erzeigt hätten. Erich reichte er die Hand wie einem Sohne, und jetzt sagte er ihm mit einem Tone, wie ein Kind, das genascht hat, er habe sich verführen lassen. Er habe einmal genau erforschen wollen, ob die Arbeiter auf der Burg sich auch gut nähren, er habe von ihren Speisen versucht und unversehens habe es ihm so gut geschmeckt, daß er sich ganz satt gegessen. Erich tröstete, daß die feinen Speisen doch vielleicht noch Unterkommen fänden. Der Major nickte; er sagte zu Joseph nur das kurze Wort: »Allasch!« Joseph verstand. Auf einem Seitentische schenkte er aus einer von kleinen Gläschen umkreisten Flasche ein; der Major trank den Appetit reizenden Trank. »Das ist ein Quartiermacher,« nickte er dann zu Erich. Sein ganzes Gesicht lachte, als Erich erwiderte: »Der Geist befiehlt der gemeinen Masse, Platz zu machen.« Frau Ceres kam nicht zu Tische. Kaum hatte man sich gesetzt, als der Arzt abgerufen wurde; er stand sofort auf. Die Tafel schien gestört, denn der Arzt, der sicher und frisch die Unterhaltung geführt, hatte durch seine Entfernung eine Lücke gemacht. Wie man äußerlich zusammenrücken mußte, um diese Lücke nicht sichtbar werden zu lassen, so schien man auch innerlich erst wieder neu zusammenrücken zu müssen. »Herr Sonnenkamp,« begann der Major, und wurde wieder wie immer blutroth im Gesichte, da er vor vielen Menschen zu sprechen hatte . . . »Herr Sonnenkamp, in der Zeitung steht, daß Sie bald viel Besuch bekommen.« »Ich? In der Zeitung?« »Ja. Es ist gerade nicht so gesagt, aber ich meine so. Da heißt es, daß bei dem kostspieligen Leben in Amerika jetzt eine Auswanderung vor sich gehe und viele Familien aus der neuen Welt nach Europa kommen, weil sich's bei uns billiger und schöner lebt.« Der Major trank nach dieser Rede mit großem Behagen ein Glas seines Lieblingsburgunders auf einen Zug. Leichthin entgegnete Sonnenkamp, daß sich vielleicht dadurch ein ähnliches Vorurtheil gegen die Amerikaner festsetze, wie solches gegen die reisenden Engländer besteht. In das Antlitz Sonnenkamps trat indeß ein Freudenglanz, da Clodwig sagte, wie er nur billigen könne, daß Herr Sonnenkamp sich hier staatlich heimisch mache; denn Amerika bringe uns eine neue Art verderblicher Weltbürger: da wandern Deutsche nach Amerika aus, erwerben sich Besitzthümer und kommen nach Jahren mit Familie wieder nach Deutschland zurück und sagen sich und ihren Kindern mit einem gewissen selbstgefälligen Stolze: uns geht Gemeinde und Staat hier nichts an. Bella hatte die Art – und da sie dieselbe hatte, mußte es gute Lebensart sein – sobald sie nicht das Gespräch lenkte, führte sie sogar im kleinen Kreise, wo es doch störend auffiel, ein Zwiegespräch mit ihrem Nachbar und ließ ihn nicht in den allgemeinen Strom der Unterhaltung entweichen. So hielt sie sich heute an Fräulein Perini im lebhaften italienischen Zwiegespräch. Sonnenkamp nahm die Darlegung Clodwigs sehr freundlich auf. Er machte sich lustig über das Gerede, weßhalb er die Burg wieder aufbaue. Da sage man, er wolle in Bädekers Reisehandbuch stehen, damit die Leute an schönen Sommertagen, wenn sie stromauf und stromab fahren, sich das Schloß zeigen und gelangweilte Engländer mit dem Finger auf der Zeile ihres Buches offenen Mundes eine Weile dreingaffen; ihn aber bestimme zunächst ein ästhetisches Interesse. Er wolle durch Ausbau der Burg für die Aussicht aus seinem Arbeitszimmer einen harmonischen Abschluß gewinnen, sodann aber möchte er etwas zur Schönheit des deutschen Vaterlandes beitragen. Es hatte immer einen sonderbaren Beigeschmack, wenn Sonnenkamp die Worte »deutsches Vaterland« aussprach; man hätte etwas wie ingrimmigen Haß darin finden können, und doch klang es mehr mitleidsvoll und barmherzig. Sonnenkamp wußte, daß Clodwig vor Allem ein Patriot war, und er schlug gern diese Saite an. Erich schaute auf Roland, ob dieser wohl die Heuchelei erkenne, denn noch am Sonntag hatte ja Sonnenkamp bei Gelegenheit des Gesprächs über die Wahlen so fremd und verächtlich gesprochen; aber die Mienen Rolands waren ruhig. Clodwig bat nochmals, daß man jede Spur römischer Alterthümer ihm melden möge. Sonnenkamp versprach's bereitwillig und verbreitete sich weiter über eine Seltsamkeit, die man ihm andichte – und doch hatte sie ihm Niemand angedichtet, vielmehr hatte er selbst in Gemeinschaft mit Prancken die Sage verbreitet – daß er den Namen des Schlosses, dessen Geschlecht längst ausgestorben, auf sich übertragen lassen wolle. Leichthin sprach er davon, daß man das Wappen derer von Lichtenburg, das er gerne über der Pforte des neu erbauten Schlosses wieder anbringen möchte, nicht genau kenne. Clodwig, der bei all seinem Freisinn einen gewissen Stolz darein setzte, die Genealogie aller Fürsten- und Adelsgeschlechter und deren Wappen zu kennen, behauptete, das Wappen der Lichtenburg bestehe in einem Mohrenkopf auf blauem Grund im linken Felde und einer Wage im rechten. Das Geschlecht habe in den Kreuzzügen sich hervorgethan und dann ein höheres Richteramt im Reiche bekleidet. Sonnenkamp lächelte sehr freundlich, fast grinsend, und bat, daß der Herr Graf ihm sobald als möglich eine Zeichnung zukommen lasse. Neuntes Capitel. Wie zufällig fügte es sich, daß Erich und Bella mit einander gingen. Sie machte einen leisen Versuch nach zwei Seiten hin, indem sie sagte, sie bewundere Erich, wie er ihren guten Mann so intim verstehe, denn es sei nicht so leicht, als es den Anschein habe, mit ihm zu leben. Sie sprach sehr überschwänglich von Clodwig und wie glücklich sie sei, etwas zur Conservirung einer erhabenen Seele zu thun und dabei gar keinen Anspruch für sich zu erheben; es sei so schön, sich zu opfern, still, unerkannt und ungenannt zu dienen. Sie bat Erich, ihr recht beizustehen, Clodwig seinen Lebensabend vollauf glücklich zu machen; sie hatte dabei einen Herzton, der nicht zu verkennen war. Erich sprach sein Bedenken aus, ob es wohlgethan sei, eine so friedsame Existenz durch Einführung eines Dritten zu stören. Bella sah ihn durchdringend an, ihr Fächer entfiel ihr, und als Erich ihn aufhob, reichte sie ihm die Hand zum Dank. Mit vielem Geschick, ja fast mit Zierlichkeit und doch mit eigenthümlicher Bewegung, wobei ihre Brust sich hob und senkte, pries sie das Glück, sich einem edlen Menschen zu widmen und einen Freund zu haben, von dem man ganz verstanden werde. Erich schwieg. Bella war bisher noch unentschieden gewesen, ob sie die Aufnahme Erichs in ihr Haus begünstigen oder verhindern sollte. Jetzt war sie entschieden. Dieser Mann war in jeder Weise unbequem; huldigte er ihr, so war das peinlich und beunruhigend, blieb er zurückhaltend, so war er beständig ein Gegenstand der Reizung. Es war nicht so leicht zu bestimmen, ob Bella ihren Gatten liebte, das aber war unbezweifelbar, sie war eifersüchtig auf Jeden, dem er eine Freundlichkeit zuwendete; er sprach lieber und ausführlicher mit Anderen als mit ihr. Daß sie ihn durch Widerspruch, durch beständigen Gegensatz in sich zurück gescheucht hatte, das fiel ihr nicht ein, oder sie läugnete es ab. Alle Menschen, sogar Herr Sonnenkamp, waren entzückt von ihrer Frische, ihrem Muthwillen und ihrem Geiste. Warum war es Clodwig nicht oder doch nicht allzeit? Zur Strafe und damit er zur Besinnung käme, sollte er Niemand haben, dem er sich anschließen und aussprechen konnte. »Da kommt er!« rief Bella plötzlich. »Er hat die Eigenheit, keinen Stock zu nehmen, und doch bedürfte er dessen; er hat noch vor Kurzem einen Anfall von Schwindel gehabt.« Sie ging ihrem Manne entgegen. Unter einer schönen Ceder, wo zierliche Sitze angebracht waren, ließ Clodwig sich nieder; Erich und Bella standen vor ihm, Bella stützte die eine Hand an den Stuhl ihres Gatten. Und nun legte Clodwig den ganzen Plan dar. Mit bewegter Stimme sprach Erich seinen Dank aus und wie es ihn freue, daß ihm etwas so Lockendes geboten sei; wie er sich aber da verpflichtet fühle, wo sein Herz entschieden habe. In der Erziehung Rolands sei ihm eine große, schwere Aufgabe gestellt, und daß ihm nun ein anderes so lockendes Leben geboten werde, befestige ihm die Zuversicht, daß er das Rechte gewählt, das Pflichtmäßige. Eine Weile senkte Clodwig den Blick, Bella nahm die Hand vom Stuhl und richtete sich auf. Als Erich seine Freude an Roland schilderte, den geheimnißvoll beglückenden Zug zu demselben, ja sogar zu seinen Fehlern, da lächelte Clodwig in die Zweige hinein. »Dort geht der Doctor,« rief er; »wollen Sie einen Dritten zur Entscheidung nehmen?« »Die Entscheidung,« entgegnete Erich,« »so schwer sie mir auch wird, kann nur ich allein geben.« Mühsam sich erhebend, sagte Clodwig: »Junger Freund, geben Sie mir Ihren Arm.« Er stand auf und führte sich an Erich, sein Arm ruhte schwer und zitternd in dem Erichs. »Ich weiß nicht,« sagte er, »ich meine, ich wäre gar nicht der Mann, der schon so viel erlebt hat; ich mache heut eine bittere Erfahrung. Ist es das Alter, das mir die Entsagung so schwer macht? Ich habe es doch gelernt. Ja, ja, man wird kindisch . . . ein Kind kann nicht entsagen.« Er lehnte sich fester an Erich, der im Innersten zitterte, da er den edlen Mann so erschüttert sah. Hastig die Hand aus Erichs Arm lösend, fuhr Clodwig fort: »Junger Freund, wenn ich sterbe, dann . . .« Kaum hatte er das Wort gesagt, als er umsank; Erich fing ihn noch mit den Armen auf. Ein Schrei von Bella, ein Herzueilen des Arztes, ein Niederbeugen Erichs, Clodwig aufnehmen und ihn in den Armen tragen wie ein Kind, das Alles war die That eines Augenblicks. Clodwig wurde in den Saal gebracht und dort auf ein Sopha niedergelegt. Bella jammerte laut, der Arzt beruhigte sie. Er wendete belebende Mittel an, mit denen er den Kranken schnell wieder zur Besinnung brachte; er bat Bella und Erich, das Zimmer zu verlassen, nachdem Clodwig einige Worte gesprochen hatte. Bella klagte Erich, daß Doctor Richard ihren Mann nicht verstehe; sie hatte bittere Worte, und es ließ sich nicht entscheiden, haßte sie nur den Doctor oder die ganze medicinische Wissenschaft, die sich so geheimnißvoll hielt. Der Doctor kam bald wieder und erklärte, daß es nur ein höchst unbedeutender Anfall gewesen; Clodwig bitte, daß Erich bei ihm eintrete. Erich ging in den Saal. Clodwig saß aufrecht, er reichte Erich die Hand und sagte mit verklärtem Lächeln: »Ich muß doch meinen Satz vollenden. Ich wollte sagen: wenn ich sterbe, dann wünsche ich, daß Sie bei mir sein möchten. Aber beruhigen Sie sich, das hat noch gute Zeit. So, jetzt setzen Sie sich zu mir. Wo ist meine Frau?« Erich ging, sie hereinzurufen. Sie kam mit dem Arzte und Sonnenkamp. Der Arzt gestattete nicht nur, sondern wünschte ausdrücklich, daß Bella und Clodwig sofort nach Wolfsgarten zurückkehren. Sonnenkamp sprach den Wunsch aus, daß die edlen Gäste bei ihm blieben. »Erlauben Sie, daß Herr Dournay uns begleite?« fragte Clodwig. Sonnenkamp stutzte, aber sich schnell fassend erwiderte er: »Ich habe dem Herr Hauptmann nichts zu erlauben, aber wenn Sie zur Abreise entschlossen sind, möchte ich ihn bitten, Sie zu begleiten mit dem Versprechen, daß er wieder zu uns zurückkehre.« »Und Sie begleiten uns auch!« bat Clodwig den Arzt. Auch dieser willigte ein. So fuhren sie nun durch die linde Frühlingsnacht dahin, es wurde wenig gesprochen. Erich und der Arzt übernachteten auf Wolfsgarten. Der Arzt schickte sich schon am frühen Morgen zur Abreise an, er weckte Erich, der noch fest schlief, und sagte: »Herr Doctor, bleiben Sie heute noch hier, aber nicht länger.« Erich sah ihn mit großen Augen an. »Haben Sie mich verstanden?« »Ja.« »Nun so leben Sie wohl.« Wieder war Erich einen ganzen Tag auf Wolfsgarten. Clodwig war so heiter und klar als je, Bella hatte ein scheues, fast furchtsames Benehmen gegen Erich. Am Abend kam Sonnenkamp mit Roland angefahren. Erich kehrte mit ihnen nach Villa Eden zurück und alles Blut stieg ihm ins Antlitz, da Sonnenkamp, ihn scharf fixirend, sagte: »Gräfin Bella wird eine schöne Wittwe.« Am Abende des nächsten Tages fand sich der Arzt wieder auf Villa Eden ein, er war nochmals auf Wolfsgarten gewesen und brachte guten Bericht. Er nahm Erich beiseite und sagte: »Sie haben mir vertraut, daß Sie eine Entscheidung bei Herrn Sonnenkamp jetzt persönlich weder erwarten, noch annehmen; ich billige das, Sie werden beiderseits in der Entfernung klar. Und so rathe ich Ihnen, verlassen Sie das Haus; jede Stunde, die Sie länger bleiben, ist ein Verderben für Sie. »Mein Verderben?« Der Arzt lächelte und sagte: »Ja, junger Freund, diese Darstellung Ihres Wesens . . .« Er machte eine Pause und fuhr dann fort: »Kein Mensch erscheint eine Woche lang auf Parade, ohne Schädigung davonzutragen. Sie müssen fort! Sie haben genug geprüft und sind genug geprüft worden. – Kommen Sie mit mir, Sie übernachten bei mir, kehren morgen zu Ihrer Mutter zurück und warten dort ruhig das Weitere ab.« »Aber Roland?« fragte Erich. »Wie lasse ich den Knaben zurück? Sein Herz hat sich mir zugewendet wie das meine ihm.« »Gut, sehr gut. So soll er warten, sich nach Ihnen sehnen; er soll lernen, daß die Reichen nicht Alles gleich haben können. Er soll um Sie werben, wenn es doch sein muß. Lassen Sie in dieser Stunde mich für Sie handeln.« »Hier meine Hand, ich reise mit Ihnen!« erwiderte Erich. Im Hause war Alles voll Staunen, da es plötzlich hieß, Erich reise ab, und kaum war eine Stunde vorüber, als er mit dem Arzte in den Wagen stieg. Erich war froh, daß der Abschied von Roland ein übereilter war. Der Knabe konnte nicht begreifen, was vorging; er konnte vor Bewegung nicht sprechen. Als Erich schon im Wagen des Doctors saß, kam Roland mit einem seiner jungen Hunde und legte ihn auf den Schoß Erichs; der Doctor aber gab den Hund zurück mit dem Bedeuten, er könne ihn jetzt nicht mitnehmen, der Hund sei noch zu jung, man möge ihn bei der Mutter lassen, er wolle später dafür sorgen, daß Erich ihn bekäme. Roland schaute den Davonfahrenden lange nach. In der Seele des Knaben wirrte sich Alles durcheinander, was er in den wenigen Tagen seit Erichs Anwesenheit erlebt hatte; im elterlichen Hause verwaist, in der Fremde erschien er sich. Er faßte den jungen Hund an der Genickhaut und wollte ihn von sich schleudern, aber der Hund winselte so erbarmungswürdig, und plötzlich drückte er ihn an die Brust und sagte: »Sei ruhig, es geschieht dir nichts. Ich winsle nicht, jetzt winsle du auch nicht. Er hat uns Beide nicht gewollt.« Roland brachte den Hund zurück und die Hündin schien sehr erfreut, ihren Sprößling wiederzusehen. »Ich gehe auch zu meiner Mutter,« sagte Roland. Er mußte sich aber erst anmelden lassen. Sie ließ ihn vor sich kommen, und als der Knabe seiner Mutter klagte, daß Erich so plötzlich davongegangen, sagte sie: »Das ist recht; ich habe es ihm gerathen.« »Du? . . . Warum?« »Mit Deinem dummen Warum? Man kann Dir nicht ewig auf Dein Warum antworten.« Roland ward still. Er wollte zum Vater, aber dieser war mit dem Major nach der Burg gefahren. Verlassen und einsam stand er im Hofe; endlich ging er wieder in den Stall, saß bei seinen Hunden und sah ihrem possierlichen Treiben zu; dann ging er zu seinem Pferde und stand an dessen Hals gelehnt lange still. Durch die Seele des Knaben zogen, im Wirbel sich bewegend, wunderliche Gedanken: Das Pferd, die Hunde sind Dein. Nur was man kauft, was man besitzt, hat man zu eigen . . . Rasch wie ein Blitz dahinfährt, kaum gesehen auch schon verschwunden, erwachte in der Seele des Knaben die Vorstellung, daß es von Mensch zu Mensch keinen andern Besitz gibt als die Liebe. Der Knabe ließ sein Pferd satteln und ritt denselben Weg, den Erich und der Doctor gefahren waren. Zehntes Capitel. Still und gedankenvoll saß Erich neben dem Doctor. Wie von Wind und Wellen hin und her getragen, erschien er sich. Er war eingetreten in das Lebensschicksal so vieler Menschen, das konnte in seinem und in ihrem Dasein nicht mehr getilgt werden. »Sie glauben also an Erziehung?« fragte der Doctor endlich. »Ich verstehe Sie nicht.« »Ich halte eigentlich nichts auf Erziehung; die Menschen werden das, wozu sie von Natur aus angelegt sind. Wie man den Menschen in die Wiege legt, so legt man ihn in den Sarg. Kenntnisse, Fertigkeiten zum Fortkommen gibt die Bildung, den Ausschlag gibt die Naturanlage.« Da Erich die Achseln zuckte, fügte der Doctor hinzu: »Ich kann nicht wünschen, daß alle Menschen sein mögen wie ich, denn ich habe es aufgegeben, auf Andere wirken zu wollen; Anderen helfen wollen, ist eine Jugendkrankheit, es unterlassen, ist freilich eine Altersschwäche, aber sie ist bequem.« Erich war nicht gewillt, auf diese Erörterungen einzugehen, er war des ständigen Besprechens müde. Der Doctor fuhr fort: »Eigentlich gönne ich Sie diesen Leuten nicht; es ärgert mich, daß die Reichen sich auch Duft und Frucht höherer Erkenntniß sollen kaufen können; aber es bleibt wahr: es kommt kein Reicher ins Himmelreich. Die Reichen haben zu viel Ballast geladen; sie haben kein verkünsteltes Leben fern von der Noth des Daseins und entziehen sich selbst der Naturmacht der Jahreszeiten; sie fliegen aus und ein in verschiedene Klima's und haben überall wohnlich eingerichtete Schwalbennester. Es wäre eine Unbarmherzigkeit des Schicksals gegen uns, wenn die Reichen zum mühelosen Besitze noch die höheren Freuden haben sollten, die uns allein gehören.« »Es gibt keinen Königsweg in der Geometrie, heißt der Spruch Euklids,« schaltete Erich ein; »Wissen und Erkennen erlangt man nur durch Arbeit. Es ist in Ein Wort zusammenzufassen, was ich mit diesem Knaben will: er soll Selbstthätigkeit gewinnen.« »Recht so,« erwiderte der Arzt. »Ja, so ists! Das, was wir, die dem Geiste leben, vor dem Reichen voraus haben, besteht darin, daß wir für uns allein sind, der Reiche kennt die thaubildende Stille der Einsamkeit nicht; er hat immer so viel, aber nie sich selbst und nie sich allein. Herr Sonnenkamp könnte hier in der That im Eden leben; aber die große Frage ist immer, wie diese Ausstattung mit allem nur Wünschbaren noch die Empfänglichkeit zuläßt. Es würde Ihre Hauptaufgabe sein, diese in Roland zu wecken und auszubilden. Er soll eigentlich doch erst schulmäßig lernen. In dem, was er von der Welt weiß, ist er ein Kind, und in dem, was er von der Welt verlangt, ein Mann, man könnte beinahe sagen, ein Lebemann.« Erich hatte Vieles zu erwidern, aber er lächelte in sich hinein, denn er dachte, wie leicht es ist, Lehren zu geben. Der Doctor hatte ihn mit Recht darüber angelassen, daß er sich über so Vieles ausbreite, jetzt sollte der Doctor auch merken, daß er schweigen könne. Er schwieg und der Doctor fuhr fort: »Uebrigens kann ich Ihnen gute Handreichung bieten, wenn Sie dennoch in die Stelle eintreten. Leider sind Sie kein Mediciner, und nach meiner Ansicht sollte nur ein Mediciner Erzieher sein. Haben Sie bereits bemerkt, daß der Junge einen Magen hat, der nicht gut verdaut? Ein Junge in diesen Jahren müßte Kieselsteine verdauen! Ich bringe es nicht dahin, daß ihm nur einfache Speisen gegeben werden. Die Vornehmen und Reichen essen ohne Hunger und trinken ohne Durst. Der Junge kann Alles bekommen, nur Eins nicht: rechte, grundmäßige Freude. Es ist ein Kleines, nehmen Sie es nur als Beispiel: er freut sich über kein neues Gewand. Streichen Sie aus Ihrer Kindheit, aus Ihrer Jugend diese Freude! Ich muß gestehen, wochenlang kann ich mich mit einem gutsitzenden Gewand freuen.« Der Doctor schilderte nun den athletischen Bau Sonnenkamps und wie er beständig mit seinem gewaltigen Naturell zu kämpfen habe. Seine Milde, der man das Erzwungene und Geflissentliche sofort ansähe, neutralisire stets eine gewisse unbändige Kraft in ihm. Er sei ein verhaltener Faustkämpfer, und habe in der That, wie er sich einmal rühmte, eine eiserne Faust. Der Arzt erzählte lachend, als er Sonnenkamp zuerst gesehen, habe er immer nach der Keule geforscht, die dieser Mann eigentlich in der Hand tragen müßte. Wenn er sich freundlich geberdet, da sei es immer, als wollte er sagen: sei unbesorgt, ich thue Dir nichts. Dann schilderte der Doctor das Schlafleben der Frau Ceres, der die scharfzüngige, noch mehr aber neidische Gräfin Wolfsgarten den Beinamen Crocodilia gegeben habe, weil sie etwas von dem Ungeheuer habe, das sich am Ufer in der Sonne ausreckt. Für Frau Ceres sei jede noch so kleine Bemühung eine Anstrengung, sie lasse sich des Tages dreimal ankleiden, ohne dabei nur eine Nadel festzustecken, gehe stundenlang in ihrem Zimmer umher, betrachte sich von allen Seiten, füttere ihren Papagai, lege Patience und kultivire ihre Nägel. Das arme Wesen solle immer von der schönen Natur leben, und das könnten doch viel bedeutendere Menschen nicht. Sie habe eigentlich eine Gelenkschwäche, sei indeß nicht ohne Tücke und Launen. Erich gedachte der räthselhaften Art, wie ihn Frau Ceres hatte rufen lassen, er berichtete nicht davon, aber er forschte weiter und der Doctor erzählte: »Es mag jetzt bald ein Jahr sein, da ist mir etwas vorgekommen, was ich nicht für möglich gehalten hätte. Ich wurde nach der Villa gerufen; die Tochter des Hauses war in einem Zustande des Starrkrampfes oder einer Art Ekstase, die ich nicht begriff. Fräulein Perini erzählte mir, das Mädchen habe die Hände so heftig in einander gefaltet, daß dieselben nur mit Hülfe zweier Diener auseinander zu bringen waren, obgleich sich das Mädchen nicht wehrte. Noch als ich kam, waren alle Gelenke an der Hand wie geknickt. Ich konnte nie erforschen, welche aufs Aeußerste gesteigerte Seelenaufregung eine solche körperliche Folge hervorbringen konnte; ich erfuhr nur, daß Herr Sonnenkamp seiner Frau irgend etwas verweigert habe, was sie heftig wünschte. Sie strafte ihn damit, daß sie der Tochter, die ihren Vater bisher wie ein höheres Wesen verehrt hatte, etwas mittheilte, das das arme Kind so aufregte. Noch als sie geheilt war, blieb sie schwermüthig, bis man sie ins Kloster brachte, wo sie nun neu auflebte.« Erich lenkte die Frage nach dem Grunde, warum Sonnenkamp so vielen Gehässigkeiten und Verleumdungen ausgesetzt sei. Der Arzt ging leicht darüber hin und erklärte, daß der hungrige Hofadel als natürliche Gegenwehr jeden Makel suche gegen einen Mann von so unermeßlichem Reichthum, der sie mit seinem Aufwande fast persönlich beleidige. Nur Herr von Prancken sei ihm geneigt und nicht blos, weil er die Tochter mit der reichen Mitgift heiraten wolle, es sei auch ein natürlicher Zusammenhang zwischen ihnen, denn »Herr Sonnenkamp interessirt sich sehr für sich selbst und Herr von Prancken betrügt seinen Nächsten wie sich selbst.« »Und nun, mein Freund,« schloß der Arzt, »nun sehen Sie, wie Sie in diesem Hause zurecht kommen wollen, wenn Sie eintreten.« »Ich habe eine Bitte,« sagte Erich. »Lassen Sie mich hören, wie Sie zu einem Freunde über mich sprechen würden, wenn ich abgereist wäre. Wollen Sie das?« »Gewiß; diese Bitte liegt nach Ihrem Wesen ganz auf der Linie. Sie sind ein Idealist. Ach, was haben die Menschen für schwere Noth mit ihrem Ideal! Ihr Idealisten, die Ihr stets für Andere denkt, arbeitet und empfindet, kommt mir vor wie die Wirthe auf hohen Aussichtspunkten, die Alles vorbereiten und stets zu Gott beten müssen: Laß gut Wetter werden und Gäste kommen! Sie können das Wetter nicht zwingen und die Gäste nicht. Darum ist der einfache Rath: sei kein Wirth zur Herberge der Idealität. Laß Dir's gut schmecken und denke nicht an Andere, sie holen sich ihre Portion selbst oder bringen etwas in ihrem Schnappsack mit, wo nicht, mögen sie hungern und dürsten. Ich habe gefunden, es gibt nur zwei Wege, sich im Leben abzufinden: entweder mit der Welt unzufrieden oder mit sich selbst unzufrieden. Die heutige Jugend, wie ich sie kenne, hat noch einen dritten Weg, sie ist zugleich mit der Welt und mit sich selbst unzufrieden.« »Es ist leider zuweilen bei mir der Fall.« »Und eben darum,« fuhr der Doctor fort – er nahm seine großen Handschuhe ab und legte die Hand auf die Schulter Erichs – »eben darum wünschte ich, daß Sie ein anderes Loos hätten . . . ich weiß nicht was . . . ich suche vergebens.« Eine lange Reihe von Wagen mit geschälten Buchenästen kam die Straße daher. Der Arzt berichtete, daß man diesen Aesten bereits verschiedene chemische Stoffe entzogen und sie nun nach einer Pulverfabrik bringe. Erich erwähnte, daß er das kenne, er habe sich auch längere Zeit nach der Pulverfabrik im Gebirge commandiren lassen und dort gearbeitet. Eine mit zwei Apfelschimmeln bespannte Kalesche folgte den Wagen; ein junger schöner Mann, der selbst kutschirte, grüßte schon von ferne. Der Doctor ließ anhalten. »Willkommen!« rief er dem jungen Manne zu. Sie reichten sich von Wagen zu Wagen die Hand und der Doctor fragte: »Wie geht's Louisen und den Kindern?« »Alles wohlauf.« »Waren Sie bei der Mutter?« »Ja.« »Wie steht's bei Ihren Eltern?« »Sind auch wohlauf.« Der Doctor stellte den jungen Mann als Herrn Heinrich Weidmann, seinen Schwiegersohn, vor. »Sind Sie der Sohn des Herrn Weidmann von Mattenheim?« »Allerdings.« »Wo ist denn Ihr Vater?« fragte der Doctor. »Da drüben im Dorfe; sie verhandeln dort über die Anlegung einer Pulvermühle.« Wie ein Blitz ging es vor dem Doctor aus; er wendete sich zu Erich, sagte aber kein Wort. Der junge Weidmann drückte auch Erich die Hand und sprach die Hoffnung aus, daß sie sich nicht blos so kurz begegnet und an einander vorüber gefahren seien; Erich werde auch bei seinem Vater willkommen sein. Die beiden Wagen fuhren davon, jeder seinem Ziele zu. Der Doctor berichtete Erich, daß sein Schwiegersohn praktischer Chemiker sei, und vor sich hin murmelte er: »Trumpf gefordert, Trumpf bekannt.« Erich verstand ihn nicht; er gedachte lächelnd, wie Prancken von den Söhnen Weidmanns mit den impertinent weißen Zähnen gesprochen habe. Als man dem nächsten Orte zufuhr, kam eben das Dampfschiff vom Oberrhein daher; der Doctor befahl seinem Kutscher, so rasch als möglich zu fahren, damit man das Dampfschiff noch bei der Landungsbrücke erreiche. In rasendem Galopp fuhren sie dahin. Der Doctor rief: »Nun hab' ich's! Nun hab' ich's!« Er faßte dabei den Arm Erichs mit einer Heftigkeit, als ob er auf den Tisch schlage, daß die Gläser klirren. »Wir suchen Herrn Weidmann sofort auf,« setzte er hinzu. Der Wagen kam noch glücklich an, als eben das Brett schallend von der Landungsbrücke auf das Schiff gelegt wurde. Schnell stieg der Doctor aus und sagte dem Kutscher, er möge seiner Frau melden, daß er erst zum Abend heimkäme; dann bestieg er mit Erich das Schiff. Auf dem Schiffe wurde der Arzt von Bekannten begrüßt, und eine Gesellschaft, die sich eine Maibowle bereitet hatte, bot ihm und seinem Freunde alsbald ein Glas; der Doctor stieß an, trank aber nicht, denn er erklärte, daß er nie gekünstelten Wein trinke. Die Gesellschaft war heiter; ein Krüppel, der auf dem Schiffe war, spielte auf der Ziehharmonika und man sang dazu. Auf dem Verdecke an einem kleinen Tischchen, darauf eine Champagnerflasche im Eiskühler stand, saß der Weincavalier und ihm gegenüber eine schöne weibliche Gestalt mit sehr viel falschem Haar und sehr viel einnehmender eigener Schönheit. Die Beiden rauchten kleine Cigaretten und plauderten lebhaft Französisch mit einander. Der Weincavalier vermied es, den Blicken des Arztes zu begegnen, und der Arzt nickte vor sich hin, wie wenn er sagen wollte: doch noch ein Rest Schamgefühl. Als man des Dorfes ansichtig wurde, das der Schwiegersohn genannt, sagte der Doctor zu Erich, Herr Weidmann sei es, der ihm zu helfen verstünde und dessen Rath er sich unbedingt fügen dürfe. Erich stieg mit dem Doctor in den Kahn, der sie vom Dampfschiff ans Land brachte; die auf dem Schiffe grüßten noch mit den Gläsern in der Hand; schnell war das Schiff verschwunden. Der Ferge kannte den Doctor und grüßte ihn vertraulich, indem er sagte: »Sie treffen Herrn Weidmann dort im Garten.« Man landete an dem stillen Dorfe. Erich wurde Weidmann vorgestellt. Es war ein Mann mit hagerem, auf den ersten Anblick trocken erscheinendem Wesen; aus seinen Zügen sprach ruhiger Verstand und Gleichmuth, aber im hellen Auge lag warme Begeisterung. Weidmann saß mit mehreren Männern um einen Tisch, auf welchem Papiere lagen, daneben standen Flaschen und Gläser. Weidmann begrüßte Erich kurz, dann wendete er sich wieder zu den Genossen, mit denen er gesprochen hatte. Der Doctor ward sofort abgerufen, denn der Vater des Wirthes war krank und man betrachtete es als einen glücklichen Zufall, daß der Arzt gekommen sei. Erich ging allein am Ufer auf und ab; wie in eine fremde Welt verschlagen erschien er sich. Da fahren die Menschen zu Berg und zu Thal und sitzen in den Gärten und denken und berathen, wie man die Natur ausbeute. Der Ferge kam zu Erich und sagte, Herr Weidmann ließe ihn bitten, in den Garten zu kommen. Weidmann ging ihm mit herzerquickender Freundlichkeit entgegen und sagte, daß er ihn jetzt erst willkommen heiße; er sei vorhin zu sehr beschäftigt gewesen. Auch der Doctor kam bald nach. Die Drei setzten sich in eine Ecke des Gartens an den Tisch, wo die weite Aussicht sich aufthat, und nachdem Erich erzählt, woher er komme, schilderte Weidmann mit schalkhaftem Tone die Gewaltthätigkeit des Doctors, der immer sage, daß er nicht auf andere Menschen wirken wolle, und doch gern mit drastischen Mitteln drein greife. Es bildete sich ein geschickter Einigungspunkt zwischen Erich und Weidmann, indem sie in neckischer Weise, die doch Ehrerbietung in sich schloß, sich gegen den Doctor vereinigten. Erich vernahm, daß der Doctor ihn bereits zur Leitung der Pulverfabrik vorgeschlagen habe. Weidmann berichtete, daß der Staat noch allerlei Hindernisse mache, obgleich man den Absatz wesentlich in der neuen Welt suchen wolle; sein Neffe, Doctor Fritz, habe hiezu einen der Männer, mit denen er eben verhandelt, aus Amerika herübergeschickt. Auch wünsche sein Neffe, daß man einen erfahrenen deutschen Artilleristen fände, der nach Amerika übersiedeln und dort einer Fabrik zur Bereitung von Pulver und Zündern vorstehen möge; es ließe sich dabei rasch und sicher ein namhaftes Besitzthum erwerben. Der Doctor sah auf Erich, dieser aber lächelte und schüttelte verneinend den Kopf. Weidmann berichtete ferner, daß sich indessen etwas ganz Neues gezeigt habe; man habe ein Braunsteinlager entdeckt und es wolle sich eine Gesellschaft bilden, die dasselbe ausbeute; ein Mann, der Ordnung zu halten verstände, würde sich leicht in das Nöthige einarbeiten. Er sah ebenfalls fragend auf Erich und stellte ihm dann geradezu das Anerbieten mit der Aussicht eines bedeutenden Gehaltes und eines sich steigernden Gewinnantheils. So höflich als dankbar lehnte Erich ab, da es ihm durchaus nicht darum zu thun sei, aus dem gelehrten Beruf herauszutreten; er achte die Freiheit, die der Besitz gebe, sehr hoch, aber er sei nicht zum Erwerbsleben geschaffen. Weidmann erzählte, daß er einen Brief von seinem Neffen, dem Doctor Fritz, aus Newyork erhalten habe, der in den nächsten Tagen ein Töchterchen schicke, das in Deutschland erzogen werden solle; er habe deßhalb den früheren Lehrer Rolands, den Candidaten Knopf ins Haus genommen. Erich erkundigte sich nach diesem Lehrer und hörte viel Löbliches, Niemand aber wußte, warum er so plötzlich Villa Eden verlassen hatte. Das letzte Schiff kam stromaufwärts. Der Doctor und Erich nahmen Abschied von Weidmann; dieser drückte Erich herzlich die Hand. – Am Landungsplatze unter neu gepflanzten Linden gingen Männer und Frauen aus dem Städtchen auf und ab, denn es ist immer ein wichtiges Ereigniß des Tages, wenn das Schiff ankommt, das hier übernachtet. Auch die Frau des Doctors war am Ufer und ging mit Erich und ihrem Manne heimwärts. Sie hieß Erich als Gast willkommen und sagte, daß sie ihn auf Wolfsgarten kennen gelernt; Erich erinnerte sich dessen nicht mehr, denn er hatte die bescheidene, schweigsame Frau damals kaum bemerkt. Im Hause warteten Viele auf den Arzt. Erich wurde in sein Zimmer und dann in die Bibliothek geführt; er sah zu seiner Freude, daß der Mann mit den neuen Forschungen in seiner Wissenschaft fortzuschreiten suchte, und er hoffte, durch ihn manche Lücke in seinem Wissen auszufüllen. Die Dämmerung war eingebrochen; Erich saß still, da hörte er Pferdegetrappel vor dem Hause. Er stand unwillkürlich auf und schaute hinaus; er glaubte, daß der Reiter, der jetzt eben vorübergeritten, Roland gewesen sei – oder hatte ihn seine Vorstellung und sein beständiges Denken an den Knaben getäuscht? Es war ein behagliches Sein im Hause des Arztes, wo Alles von gediegenem Wohlstand zeugte; aber noch vom Abendtische weg mußte der Arzt in ein nahgelegenes Dorf. Erich ging mit der Frau des Doctors die schöne Landstraße am Ufer des Stromes entlang, und sie sagte: sie wünsche sehr, daß ihr Mann einen geistig regsamen Freund zu ständigem Umgang haben könnte, er fühle sich hier im Städtchen doch oft allein und müsse sich Alles selbst schaffen. Elftes Capitel. Hier im Städtchen war noch nachbarliche Gemeinschaft von Haus zu Haus. Der Gast, den man beherbergt, gehört auch den Nachbarn an und wird schnell heimisch und zugehörig. Man rief Befreundete an, die am Fenster und auf dem Balcon standen, oder auf den Straßen wandelten; man schloß sich an, man plauderte und scherzte, und aus den Fenstern tönte hier und dort Clavierklang und Liederschall. Die Frau Landrichter und ihre Tochter Lina gingen mit Erich und der Frau seines Gastfreundes. Man wunderte sich, daß er wieder abreise, denn es galt als entschieden, daß er im Hause Sonnenkamps bleibe. Erich hörte von Lina, daß in der That Roland durch das Städtchen geritten war; er war mehrmals vor dem Hause des Arztes vorbeigeritten und hatte sein Pferd steigen lassen, so daß es ängstlich anzuschauen war. Lina hatte das Verlangen, Erich allein zu sprechen; es gelang ihr, da sich eben die Mutter und die Frau Doctor eine Weile bei dem begegnenden Schuldirector und dessen Frau aufhielten und sich erzählen ließen, wie es der jungen Wöchnerin, der Frau des Försters, ergehe, die im selben Hause mit dem Schuldirector wohnte. Lina ging mit Erich voraus und sagte rasch: »Wissen Sie auch, daß Ihr Schüler Roland eine Schwester hat?« »Gewiß; ich hörte davon.« »Sie hörten davon? Sie haben sie ja gesehen. Es war ja das Mädchen mit dem Stern und den Flügeln, die uns auf der Klostertreppe in der Dämmerung begegnete.« »So? Ja wol.« »So? Ja wol?« spottete Lina nach. »Ach, die Männer sind schrecklich; ich habe geglaubt, daß Sie . . . Sie hielt inne und Erich fragte: »Daß ich . . . Was soll ich?« »Ach, die Mutter hat Recht, ich bin zu unerfahren, zu täppisch, und sage Alles heraus. Ihnen hätte ich nun geglaubt . . .« »Das können Sie auch, unwahr zu sein ist eine Sünde und gegen Sie eine doppelte.« »Nun gut,« sagte Lina und nahm ihren Hut ab und schüttelte ihre Locken in den Nacken, »nun gut; wenn Sie mir ehrlich bekennen, daß Manna damals auf Sie einen Eindruck gemacht hat, dann sage ich Ihnen auch etwas; aber Sie müssen gerade und ehrlich sein.« »Glauben Sie, ich würde Nein sagen? Da schneiden Sie mir ja den Weg ab, ehrlich zu sein.« »Nun, so sage ich Ihnen . . . aber bitte, nicht wahr, Sie behalten es für sich? . . . Manna hat mich gefragt, wer Sie sind, und das ist sehr viel von ihr. Aber nein, das wollte ich nicht sagen . . . Machen Sie doch, daß Manna nicht Nonne wird.« »Ich soll das hindern?« »Haben Sie die Trippensandalen der Nonnen gesehen? Entsetzlich! Solche Sandalen soll Manna am Fuße haben, und sie hat den schönsten Fuß.« »Aber warum soll sie nicht Nonne werden, wenn sie will?« »Ach,« klagte Lina, »da habe ich mir gedacht . . . nicht wahr, ich bin ein recht einfältiges Ding? . . . In alten Zeiten trat ein Ritter als Knappe oder so was in ein Schloß . . . und da meinte ich . . .« Sie konnte ihren Traum nicht vollenden, denn die Mutter trat herzu; sie war besorgt, da das Kind mit dem fremden Manne ging und gewiß eine von ihren entsetzlichen Naivetäten vorbrachte. »Darf man wissen, was Sie so eifrig besprechen?« fragte die Frau Landrichter. Lina athmete tief auf und nahm das Gummiband ihres Strohhuts in den Mund; die Mutter hatte ihr das oft verwehrt, aber jetzt that sie es doch, da Erich mit großer Unbefangenheit sagte: »Ihr Fräulein Tochter erinnerte mich an unsere Begegnung auf der Klosterinsel. Ich muß noch heut um Entschuldigung bitten, und wollen Sie auch Ihrem Herrn Gemal meine Entschuldigung kund geben. Es gibt so viele unwirsche, sich dadurch vornehm dünkende Menschen, denen man auf der Reise begegnet, daß man oft selbst unfreundlich wird.« Lina hatte schnell der Mutter den Platz neben Erich überlassen, sie ging auf der äußersten Flanke neben der Frau Doctor. Man wandelte lange mit einander und die Doctorin hörte schon aus weiter Ferne das Gerassel vom Wagen ihres Mannes, sie erkannte es, während die Anderen noch nichts vernehmen konnten. Der Doctor kam. Er erzählte, daß im nächsten Dorfe ein Mann wohnte, dessen Anblick ihm vordem immer einen Stich durchs Herz gegeben, denn der Mann habe ihm durch einen falschen Eid eine Schuld von hundert Gulden abgeleugnet. Mit der Zeit sei ihm das sehr nützlich geworden, denn so oft er ihm begegnete, hätte er wieder an die Niederträchtigkeit der Menschen geglaubt, die man sonst gern vergesse. Jetzt habe der Mann noch vor seinem Tode ihm gebeichtet und das Geld zurückgegeben. Nun stehe er da, sei um hundert Gulden reicher, aber . . .« »Was thun Sie mit den hundert Gulden?« unterbrach Lina. »Was thätest Du damit?« »Ich weiß es nicht.« »Was würden Sie thun, Herr Hauptmann?« wendete sich der Arzt zu Erich. »Was würden Sie thun, wenn Sie eine Million verschenken könnten?« »Ich?« fragte Erich; er begriff nicht, woher plötzlich diese Frage. »Ja, Sie.« »Ich habe schon darüber gedacht, was ich in solcher Lage thun möchte. Ich glaube, ich würde zunächst ausgiebige Stipendien auf allen deutschen Universitäten gründen. Der Reiche sollte darauf sinnen, wie er dem Manne der Wissenschaft die Gedankenarbeit erleichtert.« »Gut,« antwortete der Doctor, »Jeder denkt zunächst an seinen eigenen Kreis. Sehen Sie hier meine kleine Freundin Lina, wenn diese eine Million zu verschenken hätte, würde sie lauter blauen Musselin dafür kaufen und die ganze weibliche Welt in blauen Musselin kleiden. Nicht wahr, Musselina?« Lina schwieg und die Frau Landrichter ermuthigte: »Gib doch eine neckische Antwort, Lina, weißt Du denn keine?« Lina schien keine zu wissen, aber es war ein anmuthiger, heiterer Ton zwischen dem Doctor und dem Kinde. Als man sich verabschiedet hatte, sagte der Doctor zu Erich: »Sie können hier eine neue Pädagogik sehen. Die Frau Landrichter will mit aller Gewalt aus ihrer Tochter ein pikantes, weltläufiges Plappermäulchen machen, aber das Kind hat glücklicherweise eine einfache, gediegene, unverwüstliche Natur, und wenn man allein mit ihr redet, ist sie voll sprudelnden Lebens.« Man saß behaglich im Hause und der Doctor sagte: »Sie sind der erste Soldat, mit dem ich durchaus harmlos verkehre. Sonst habe ich im Umgange mit Officieren stets . . . ich darf es nicht Furchtsamkeit nennen, aber eine gewisse Empfindung des Unbewaffneten neben dem Bewaffneten. Ihr habt immer was Gerüstetes, auf die Attaque Gefaßtes. Ich nehme mein Wort zurück. Ein Soldat ist vielleicht doch noch ein besserer Erzieher als ein Mediciner. Nun, gute Nacht!« Als Erich allein war, dachte er sich in die Seele des Knaben hinein, der ihm nachgeritten war, um ihn noch einmal zu sehen. Er versetzte sich in seine Empfindungsweise und doch konnte er es nicht ganz; denn Roland war voll Zorn auf Erich, der ihn verlassen hatte, ihn, der sich so liebevoll und treu hingegeben. Der Knabe kam sich wie geraubt vor, und so ritt er dahin und dachte, Erich müsse ihm entgegenkommen oder am Fenster lauschen, bis er ihn sehe. Vor Zorn weinend war der Knabe wiederum heimgekehrt. Zwölftes Capitel. Der Doctor stand Sommers und Winters um fünf Uhr auf, studirte mehrere Stunden unausgesetzt und ließ sich nur in dringendsten Fällen Kranke anmelden. Durch dieses Studium blieb er nicht nur in seiner Wissenschaft, sondern wie er sich leiblich jeden Morgen in frischem Wasser badete, so war er auch geistig erfrischt; mochte am Tage kommen, was wolle, er hatte sein Stück wissenschaftliches Leben eingeheimst. Und das war's, warum er immer so frischauf war, so gespannt und munter. Gegen einen alten Kameraden bezeichnete er diese Morgenstunden als seine Kameelstunden, da trinke er sich voll und hole sich einen Trunk herauf, wenn es in der Wüste dürr geworden. Uebrigens erschien ihm das Leben gar nicht als Wüste, denn er hatte etwas, was überall gedeiht und Alles besiegt, und das war eine unzerstörbare Heiterkeit und ein Gleichmuth, den er allerdings auf seinen gesunden Magen zurückführte. Als er hörte, daß Erich, der über seinem Studirzimmer wohnte, aufgestanden war, ließ er ihm sagen, er möge bald zum Frühstück kommen. Die Frau, welche in der Wirthschaft zu thun hatte oder eigentlich sich zu thun machte, um ihren Mann nicht zu nöthigen, ihretwegen das Gespräch auf minder gelehrte Dinge zu führen, hatte sich bald entfernt und wirthschaftete im Hausgarten, in welchem viele Ableger und Sämereien aus dem Garten Sonnenkamps gediehen. Der Doctor besprach aber mit Erich gar keine gelehrten Dinge. In dem Frühstückszimmer hingen die Bildnisse der Eltern und Großeltern des Arztes und dieser nahm hievon Gelegenheit, aus seinem eigenen Leben zu erzählen. Der Großvater und der Vater waren Schiffer gewesen; der Doctor hatte die goldene Hochzeit Beider erlebt und sprach seine Hoffnung aus, daß er auch seine eigene feiern werde. Und nachdem er nun sein eigenes Ringen mit dem Leben geschildert, ging er darauf über, Erich nach seinen ökonomischen Verhältnissen zu fragen. Erich legte unverhohlen die ganze Lage dar; die Mutter habe auf hohe und reiche Freunde manche Hoffnung gesetzt; er aber glaube, und ehrlich gestanden wünsche er auch nicht eine derartige Hülfe. Der Doctor sagte, daß ihnen Niemand gründlich und schön helfen würde; er entwickelte dabei ganz ketzerische Ansichten über die Wohlthätigkeit, er schalt über die Stiftungsmacherei und die verzettelten milden Gaben. Er behauptete, daß es viel schöner und echter wäre, eines Menschen oder einer Familie ganze Existenz sorglos zu stellen. Er berichtete, wie er oft versucht habe, solches zu bewirken; bei Herrn Sonnenkamp wäre dies nicht möglich, denn der wolle nichts mit den Menschen zu thun haben, denen er eine Gabe in den Bettelhut geworfen. Da sich nun das Gespräch wieder auf Sonnenkamp gewendet hatte, erbot sich der Doctor – ja, er verpflichtete Erich, es ihm zu überlassen – alle äußeren ökonomischen Verhältnisse mit Sonnenkamp zu ordnen. Erich sprach seine Freude aus, daß hier in dem kleinen Städtchen so viele schöne Existenzen seien, die eine reiche Fülle der Gemeinschaft bilden könnten. Der Doctor bestritt das, denn der Umstand, daß man auf einander angewiesen, und nicht wie in der großen Stadt eine Auswahl habe, mache kleinlich, herb und klatschhaft. »Im Ganzen,« schloß er, »haben wir nicht mehr von einander, als eine sichere Whistpartie.« Es war Zeit, daß man an die Abreise dachte. Der Doctor fuhr mit Erich bis zur nächsten Bahnstation; er wiederholte den Wunsch, daß sie mit einander leben könnten. Ein Trupp fröhlicher jüngerer und älterer Männer grüßte den Doctor und stieg in den Wagen zu Erich. Der Doctor sagte diesem, daß es Weinprober seien, die zu einer Versteigerung reisten, welche heut im Keller des Weingrafen abgehalten würde. Er machte Erich noch besonders auf einen Mann mit weinseligem Gesichte aufmerksam, es war dies der Aichmeister, die feinste Weinzunge im Gau. Die Locomotive pfiff; der Doctor faßte nochmals die Hand Erichs und sagte: »Wenn einmal Einer von uns aufhören sollte, der Freund des Andern zu sein, so verpflichtet er sich hiemit, es ihm acht Tage vorher wissen zu lassen. Und nun leben Sie wohl.« Erich fuhr heimwärts. Er schaute vor sich nieder, aber plötzlich hörte er im Wagen rufen: »Da reitet der junge Sonnenkamp!«. Er schaute hinaus, er erblickte Roland, der aber schnell hinter einer Böschung verschwand. Erich hörte nichts von dem lebhaften, oft von lautem Lachen unterbrochenen Gespräche der Weinprober; er hatte viel in sich hineinzudenken und war froh, als auf der nächsten Station die Weingesellschaft ausstieg und er allein blieb. Zu Roland dachte er hin. Der Knabe ist ihm nochmals nachgeritten, und wie ist nun seine Seele bewegt, da er allein heimkehrt? Es war wol weltklug, nicht sofort auf einen Abschluß zu dringen, aber gibt das dem Knaben nicht das bittere Gefühl, daß der ihn verlassen kann, dem er sich so frei und schön angeschlossen? Als sollte Erich immer und immer wieder an Roland erinnert werden, stiegen von Station zu Station Knaben mit Schulränzchen auf dem Rücken zu ihm in den Wagen. Er erfuhr auf seine Fragen, daß sie, bei ihren Eltern auf Landhäusern und in entfernteren Dörfern wohnend, tagtäglich nach der Festungsstadt zur Schule fuhren und Abends wieder heimkehrten. Welch eine ganz andere Jugend wird das werden! Schon in der Morgenfrühe ins Eisenbahngeräusch versetzt, dann zum Unterricht sich sammelnd und wieder auf der Eisenbahn heimkehrend. Diese Jugend muß lernen, in Unruhe und Geräusch der neuen Zeit sich ihr Innenleben zu bewahren, das freilich ein anderes wird als das unsere war. Und schauen wir weiter hinaus in eine Zukunft, wo die erschreckende Vergrößerung der Städte verschwindet: die Menschen siedeln sich wiederum draußen an, wo das Grün des Feldes, das Blau des Himmels und der rauschende Strom täglich vor Augen und ihnen doch gegeben ist, alle Bildungselemente sich anzueignen und Alles, was das Zusammenwohnen der Menschen in großen Städten darbietet. Es dringt wieder Feldluft in die Seele. Um dieselbe Zeit, als Erich mit dem Doctor abgereist war, saß die Frau Landrichter mit ihrem Mann und ihrer Tochter bei dem Morgenkaffee und erzählte vom Abendspaziergange mit Erich. »Ist gut . . . ist gut!« sagte der Landrichter. »Der Mann ist höflich und gewandt, aber es ist doch gut, daß er fort ist; er ist ein gefährlicher Mensch.«