Edward Bulwer Paul Clifford. Erstes Bändchen. Viele Eurer Lordschaften müßen sich noch erinnern, was vor einigen Jahren auf den Landstraßen in der Umgegend dieser Hauptstadt vorzukommen pflegte. Kaum konnte ein Wagen ungeplündert durchkommen, und oft sahen sich die Reisenden genöthigt, mit den Highwaymen, welche die Straßen beunruhigten, zu fechten und ihnen Treffen zu liefern. Rede des Herzogs Wellington über die Bill, die Polizei der Hauptstadt betreffend, 5. Juni 1829. Kann Jemand im Zweifel seyn, ob es besser sey, ein großer Staatsmann zu seyn oder ein gemeiner Dieb? Jonathan Wild. Vorrede zur zweiten Ausgabe. Ward je die Critik zur Wissenschaft erhoben? wird sie es je werden? Perron pflegte zu sagen: er ziehe Ein Blatt von Quintus Curtius dreißig Blättern von Tacitus vor; ja er behauptete sogar: er habe nie einen Mann von Verstand den Tacitus rühmen gehört. Heut zu Tage würden die Leute diese Autorität durch den Ausspruch niederschlagen: Perron sey ein Narr; aber damals waren die Leute noch nicht so vorlaut. Perron war keineswegs ein Narr; er war ein sehr gescheiter Mann, und ein großer Gelehrter. Jedermann hegt, jeder Critiker entwikelt individuelle Ansichten, die, der Himmel allein weiß, wie? sich gebildet haben, und diese spricht man, wenn keine Parteilichkeit mit ins Spiel kommt, nicht nach den Grundsäzen der Wissenschaft, sondern nach der Laune des Augenbliks aus; derselbe, der dich vor dem Essen würde getadelt haben, rühmt dich nach dem Essen; und, wie ein großer Beurtheiler einmal unbefangen bemerkte: »Niemand sagt in der Critik, so wenig als in Briefen, genau Das, was er zu sagen beabsichtigte.« Dieses genau ist ein fürchterliches Wort; es ist oft die einzige Grenzscheide zwischen Schmeichelei und Verdammung. Man hat mir gesagt: der erste Theil dieses Buches sey plump, unverständlich und gemein; sey weit schlechter als die andern; es kann seyn, aber meine Meinung ist Dieß nicht. Im Gegentheil, ich glaube, diesen Theil wird man mit dem meisten Vergnügen zweimal lesen, aus diesem wird man, in einigen Jahren, die häufigsten Anspielungen hören, und die vorkommenden Gedanken am meisten ausziehen. In einigen Jahren! Ist dieß ein keker Ausspruch? Die Antwort kommt weder meinen Critikern noch mir zu. Die Fragen, welche man der Zeit vorlegt, kann auch nur die Zeit lösen. Eine schwache Voraussetzung, eine der in dieser Erzählung auftretenden Personen betreffend, ist unziemlicher Weise von nicht weniger als drei periodischen Blättern zuversichtlich ausgesprochen worden. In allen wurde irgend ein bestimmter Mann als das Original zu Peter Mac Grawler bezeichnet. Ich erlaube mir zu erklären, daß kein einziger von allen mir eine so ergiebige Fundgrube abzugeben schien, um daraus die vollständige Charakterzeichnung eines so glanzvollen Mannes zu entnehmen. Alle die genannten, ich gebe es zu, lieferten Beiträge. Aber Mac Grawler wurde nach den Regeln des Apelles geformt, und die Attribute von Vielen vereinigten sich zur Hervorbringung dieses Ideals. Einige Zusäze und eine gelegentliche Auslassung wird man bei diesem Abdruk von Paul Clifford finden. So konnte ich namentlich die Gelegenheit einer Leichenrede zu Ehren des Gentleman George nicht hinauslassen, und das Werkchen, das diesem Buche angehängt ist, die Urne mit den Weisheits-Reliquien von Augustus Tomlinson, wird ohne Zweifel mit der Verehrung betrachtet werden, die es verdient. Bis wir uns wieder begegnen, Leser, lebwohl! Diese Vorrede zeigt mein Verlangen, Dir meinen freundlichen Gruß zu bieten. Wenn Du mein Buch zuvor schon gelesen hast: schlag es wieder auf; alle meine Werke sind nach einem Grundsaz gearbeitet: zweimal gelesen zu werden. 16. August 1830. Der Verfasser. Zueignungsschreiben an **** ******, Esq. Vor einigen Jahren, mein lieber Freund, als Sie und ich noch mehr Poesie des Lebens im Herzen trugen, als, ich fürchte, beiden jezt noch geblieben ist, sezte ich Ihren Namen einem schwachen Bändchen von Gedichten vor, die gedruckt, aber nicht veröffentlicht wurden. Von den hundert Abdrücken dieser knabenhaften Unbesonnenheiten, welche das Kunstprodukt einer französischen Presse, von unglaublichen Drukfehlern und Versehen wimmelten, habe ich bis auf diesen Tag nicht mehr als zwei- oder dreiundzwanzig weggegeben. Ich widmete Ihnen damals ein Buch, das nur durch die Hände von Freunden gehen sollte, in der stillschweigenden Voraussetzung, daß sie gleicherweise bereitwillig zum Entschuldigen und geneigt zum Loben seyn würden. Jetzt widme ich Ihnen ein Buch, das im Augenblik, da ich es aus der Hand gebe, in die Hände von Lesern fällt, von welchen selbst die mir Gutgesinnten zu lau sind, um zu loben, und die mir Abholden im Voraus zu tadeln entschlossen; und wo Jeder, voll grausamer Gerechtigkeit, es für billig erachtet, durchgängig treffliche Leistungen vom Schriftsteller zu erwarten und ihm nirgends Nachsicht zu gewähren. Dies ist das natürliche, hergebrachte Schiksal der Veröffentlichung; es versteht sich, daß auch ich, wie alle welche sich dazu entschließen, auf diese Bedingungen mich gefaßt halte. Aber ehe ich wieder vor einem Publikum erscheine, das nur um so strenger in seinem Urtheil und vielleicht auch um so verduzter ist, als ich in diesem Buche seinen Meinungen Troz biete, lassen Sie mich einige Minuten hinter der Scene hinbringen und mich durch freundschaftliche Zwiesprache mit Ihnen ermuthigen. Es schmerzt mich, mein lieber ******, wenn ich denke, daß ich meine Blätter nicht mit Ihrem Namen schmücken darf; denn es ist mir wohl bewußt, daß wenn nach Jahren sich Ihren Talenten die schickliche Bahn eröffnet hat, dieser Name dann nicht leicht ins Gewicht fallen wird, wo man immer Rechtlichkeit und Wahrheit, die Einsicht, welche das Gute erkennt, und den Muth, der es ausübt, als achtungswerthe Eigenschaften betrachtet. Aber bei Ihren gegenwärtigen Bestrebungen dürfte es für Sie kaum von Werth seyn, von einem Romanschreiber gerühmt und in der Zueignung einer Novelle genannt zu werden. Auch würden es Ihre Freunde nicht eben gern sehen, wenn Sie auf eine so prunkend feierliche Art einem Buche die Weihe ertheilen wollten, das Sie, den Wünschen und Hoffnungen jener Männer zufolge, nie auch nur zu lesen sich Muße gewinnen sollten. Vier Jahre sind verflossen, seit ich Ihnen die schon erwähnten Gedichte widmete; sie haben an uns beiden nicht unbeträchtliche Veränderungen herbeigeführt. Wir sind nicht mehr die keken Springinsfelde, die nach Lust und Laune umherschweiften und nach unsern Wünschen Abenteuer aufsuchten. Wir fühlen, wenn wir auch dieß Bewußtseyn in dem stummen Herzen verschließen, daß das Leben rauhere und dornenvollere Pfade hat, als wir uns vorstellten, und wir betrachten die Wege auf unsrer Pilgerfahrt nicht mehr mit dem frohmüthigen oder flüchtig hingleitenden Blick sorglos heiterer Wanderer, sondern mit dem müden gedankenvollen Auge des umgetriebenen Geschäftsmanns. Sie haben den gewiß ehrenvollen, aber etwas unfruchtbaren Arbeiten der Gerichtsschranken sich hingegeben: und ich – ein bloßer Betrachter von anderer Leute Glück und Abenteuern Burton – ich ziehe aus dem Gelärme der regsamen Welt eine so harmlose Beobachtung, wie Sie solche, wenn Sie eine kleine Weile in meinem Gemüthe gelegen hat, in gewissen mäßigen und sehr unschuldigen Novellen wieder zu Tage gefördert finden. Nicht minder innig jedoch häng ich meinem alten Glauben an: daß Erfahrung die einzige Waare ist, welche nie ermangelt, uns unsere Auslagen dafür zehnfältig zu ersehen, und daß wir keine bessere und zuverläßigere Führer durch die Irrgänge dieses Lebens, welche wir nicht nur Einmal, sondern wiederholt zu durchwandern haben, finden können, als den Irrthum ober das Vorurtheil, oder die Reue, die wir bei jedem Lebensabsatz als Merkzeichen auf unserm Wege hinter uns lassen. Wenn Sie diese drei Bände erhalten, gedruckt und mit Zetteln behängt und broschirt – in all der unbeschnittenen Stutzerhaftigkeit der letzten allerneusten Novelle: so kann ich mir ganz genau das halb lächelnde, halb stirnrunzelnde Gesicht vorstellen, womit Sie dieselben begrüßen, und den freundschaftlichen Muthwillen, womit Sie dieselben verdammen und denken: »Wie Schade ist es, daß – – noch immer nichts als Romane schreibt!« Ist es wirklich Schade, mein lieber Freund? Sind Sie dessen gewiß, daß ich, wenn ich etwas Anderes schriebe, etwas Besseres schreiben würde? Ich lege mir selbst oft diese Frage vor, und wenn ich sie zu meiner Zufriedenheit zu bejahen wüßte, wäre dieß Buch ungeschrieben blieben. Aber fassen wir einmal die Sache genau ins Auge; was soll ich denn Anderes schreiben? Da ist einmal obenan die Poesie! – Werden Sie, wird irgend Jemand epische Gedichte oder Sonnete – Märchen oder Satiren, Tragödien oder Epigramme lesen? Wie groß auch die Mannigfaltigkeit seyn mag – verwerfen Sie nicht auf einmal die ganze Gattung? Und würden Sie es nicht für minder ermüdend und dabei nützlicher halten, drei Bände zu durchlaufen, als über einer einzigen Stanze zu gähnen? Die Zeit – die allgemeine Meinung widersagt der Poesie; und in der literarischen Welt wie in der fysischen kann auch der keckste Abenteurer über Zeit und Stunde sich schwerlich wegsetzen. Verbannen wir also die Poesie aus der Sfäre der Wahl, – und mein Wunsch geht, weil mir noch immer die ganze Zärtlichkeit und Weichheit der ersten Liebe inwohnt, dahin: Sie möchten selbst mich von dieser Ansicht abzubringen versuchen; – sollen wir uns zur Filosofie wenden? Soll ich über die Seele schreiben, oder Forschungen über die Sinne anstellen? – Ach, zu welchem Zwecke? Man kann die Nachfrage nach Schriften über die praktische Filosofie daraus abnehmen, wenn man erwägt: daß die Werke von Hobbes nicht vollständig gedruckt sind, und die Analysis von Mills keine Beurtheilung fand. Ich gestehe Ihnen frei: für mich trägt das Schreiben schon seinen Lohn in sich selbst; wenn ich schreiben soll, muß ich immer auch Aussicht haben, gelesen zu werden. Politik, Versuche, Reisebeschreibungen, Biografie, Geschichte, – sind dieß Gegenstände, von welchen man mit größerer Wahrscheinlichkeit einen ehrenvollen Namen von ewiger Dauer zu erwarten hat, als von der Abfassung von Novellen? Ich sollte kaum denken. Sehen wir uns einmal um! Welche Ermunterung lockt uns zu einem von diesen Gegenständen? Sind nicht die Schriften in diesen Gebieten weit mehr die Efemeren der Literatur als die erdichtenden Erzählungen? Auch ist dieß nicht, wie es auf den ersten Blick scheinen könnte, der Fehlerhaftigkeit oder Geringfügigkeit dieser Schriften selbst zuzuschreiben. Während man das Skizzenbuch auf der Toilette jeder jungen Dame trifft und Bracebridge Hall noch in jeder Lesegesellschaft auf dem Land eifrigst gesucht wird: sind das Leben des Columbus , ein schon um der glücklichen Wahl des Stoffs willen unschätzbares Buch, und die Kriege von Granada , kaum minder werthvoll, wegen des so prachtvoll behandelten Gegenstands und der lebendigen Darstellung, das eine schon halb in Vergessenheit versunken und das andere steht unberührt mit unaufgeschnittenen Blättern im Bücherständer. Man vergleiche das augenblickliche Aufsehen, das durch das erste Erscheinen von Lord Klings: Leben Locke's erregt wurde, mit dem nachhaltigen und dauernden Eindruck, der es, erfüllt von dem Schatz von Locke's Gedanken und Aeußerungen im Kreise des häuslichen Lebens, vor zwanzig Jahren hätte hervorbringen müssen: Godwin's Geschichte der Republik , eine der mannhaftesten und unpartheilichsten Schriften, die je geschrieben wurde, lebt weniger im Gedächtniß der Welt als seine Almacks ; und Cyril Thornton , vor etwa vier Jahren erschienen, steht in frischerer Blüthe des Ruhms als die vortreffliche Geschichte desselben Verfassers, die erst ganz neuerlich herauskam. Zwar bei einem spätern Geschlecht kann eine Reaction eintreten; die schlaftrunknen Oktavbände können sich dann aus ihrem unzeitigen Zauberschlaf ermuntern und wiederbelebte Quartanten ihre Betten aufnehmen und wandeln. Aber vor der Hand, da die Leute eben so gut denken, als fühlen, und die Gegenwart ihnen Gegenstand ihrer Ehrfurcht und Hochachtung ist, wie die Zukunft es ihren träumerischeren Vorfahren war, ist der Ruhm, der erst jenseits des Grabs beginnt, für Alle außer für die Dichter, eine sehr kalte und machtlose Triebfeder geworden. Ueberlebt die Biografie, oder der filosofische Versuch, oder die Abhandlung auch nur das Jahr, über welches wenigstens die Novelle hinausreicht? Und wenn solche Schriften den Roman nicht an Dauer übertreffen, so können sie sich, wie Sie mir zugeben werden, an allgemeinem Beifall gar nicht mit ihm messen. Der literarische Müßiggänger, der sie vom Buchhändler bekommt, schickt sie wieder zurück und wartet deren Beurtheilung im Quarterly-Rewiew ab; und der Freund, der Hausgenosse, dem Sie ein Geschenk damit machen, geht Ihnen Zeitlebens aus dem Wege, damit Sie ihn nicht um seine Meinung darüber fragen können. Sie sehen, mein lieber ******, ich habe die Sache vom umfassendsten Gesichtspunkt aus erwogen. Ich hätte die Frage auf Einmal abschneiden, ich hätte, statt eine Erörterung zu veranlassen, durch Auseinandersetzung des Unpassenden an solchen Bestrebungen, mich mit einer leichten Anspielung auf die Unfähigkeit meiner Person begnügen, und ausrufen können: Poesie! Ich bin ein Poetaster und kein Poet. Filosofie! Ich bin ein lernender Jünger und kein Entdecker. Versuche! Ich habe die Welt schon mit solchen im »Devereur« und im »Verstoßenen« ermüdet. Reisen! Wo, o wo hab ich Reisen gemacht? Aber, wir leben nicht in dem Zeitalter, wo die Menschen so unerfinderisch in Beweggründen wären, daß sie einen Mangel an Geist oder Armuth an Kenntnissen eingeständen, und folglich bitte auch ich Sie, zu glauben, daß ich Romane schreibe, nicht, weil ich sonst nichts zu schreiben vermag, sondern weil Romane das beste sind, was man irgend schreiben kann. Wir leben in einer für die Literatur verhängnißvollen, drohenden Zeit. In Büchern, wie in andern Manufakturen, scheint das große Ziel: Abkürzung der Arbeit, zu seyn. Das leichteste Werk ist das angenehmste. Die Leute wollen ihren Zeitaufwand immer durch einen augenblicklichen Ertrag von Kenntnissen vergütet sehen; und der gesunde und schöne Gewinn, der langsam kommt aber nachhaltig bleibt, heißt ihnen in der Literatur abgeschmackt, und in der Politik eine unnütze Träumerei. Dieser unruhige und doch faule Hang der Gemüther, der jetzt so allgemein ist, hat eine ausländische, buntscheckige Art von Literatur, die früher in unserem Lande wenig gekannt und beliebt war, auf die Bahn gebracht. Beiseite legt man die tiefen Forschungen und wirft sich auf populäre Darstellungen: wir verlassen unsern alten Weg durch fleißig gearbeitete Geschichtswerke, um uns in die Fluth unterhaltender Memoiren zu werfen. Wenn in diesem Punkte, unsrem nächsten Hauptzweck in der Literatur, irgend eine Classe von Schriften es allen andern in Popularität und Achtung zuvorgethan hat, so ist es der Roman. Die Leser suchen jezt in erdichteten Erzählungen nach Thatsachen; wie Voltaire mit seiner witzigen Filosofie unter Thatsachen nach Erdichtungen sich umsah. Ich sage nicht: der Roman habe durch sein wachsendes Verdienst seinen wachsenden Ruf verdient; im Gegentheil: ich meine, obgleich unser Styl weniger breit seyn mag als im vergangenen Jahrhundert, so seyen doch unsre Gedanken matter und unsre Erfindung minder kräftig. Bei Allem was ich über den Roman sage, wird man mir natürlich zutrauen, daß ich die Dichtungen von Sir Walter Scott nicht mit einbegreife. Auch muß ich eine Ausnahme mit den Novellen von Zweien seiner Landsleute machen; ich meine den feinen und körnigten Humor von Lawrie Todd und die leidenschaftliche Keckheit von Adam Blair. Wie dem auch sey: die Mode in der Literatur, wovon ich spreche, hat über den Trümmern von vielem Großen und Edeln, dem guten Kopf vom zweitem Rang und der mittelmäßigen Einsicht Bahnen eröffnet, die ihnen früher verschlossen waren. Und ich meines Orts, wenn ich als Mitglied des Publikums verloren habe, gewinne als Individuum mehr als verhältnißmäßig. Ich bin mir bewußt, eben dasjenige Maß von Gelehrsamkeit, oder Beobachtung, oder Scharfsinn, kurz von Talenten irgend einer Art zu besitzen, welches mir es möglich macht, daß ich in einer leichten Dichtung diese und jene ergötzliche, vielleicht selbst nützliche Wahrheiten aufgable; während weder meine Gelehrsamkeit, noch meine Beobachtung, noch mein Scharfsinn oder irgend ein Talent muthmaßlicherweise hinreichen würden, mir einen auch nur vorübergehenden Anspruch auf einen Namen durch ein ernsteres und tiefer gehendes Werk zu erringen. Zudem bilde ich mir in Verdauungsstunden, wenn eine gewisse Selbstzufriedenheit ihre anmuthige Wärme über die Seele verbreitet – ich bilde mir dann ein, zufälligerweise eine nicht so ganz ausgebeutete Ader angeschlagen zu haben, daß ich mit meinen nächsten Zeitgenossen den Besitz theilen müßte; denn der filosofische Roman in irgend welcher Gestalt ist dermalen nicht nur wenig bearbeitet, sondern diejenigen, welche den wenig verheißenden Boden aufwühlen, sind in der That ganz ernste und lehrhafte Schriftsteller. So der liebenswürdige mit allen Vorzügen geschmükte Verfasser von De Vere , oder der sinnige Schöpfer von St. Leon und Maudeville, auf dessen Styl man die schon auf Tertullian, aber zu schmeichelhaft bezogene Bezeichnung anwenden darf: daß er sey wie Ebenholz, dunkel und glänzend. Die Novelle, welche das Komische und gelegentlich auch das Dramatische mit der Betrachtung und Erörterung verbindet, diese ist es, welche mit Ausnahme des Devereux, ich mir als das meinen Bestrebungen abgesteckte Gebiet herausgefunden habe und indem ich den Wettstreit mit den ausgezeichneten, eben genannten Schriftstellern vermied, lenkte ich ganz unabhängig mein Augenmerk auf die Klugheit und gewann vielleicht selbst einige Neuheit. Sie werden bemerken, daß ich auf die Worte: nächste Zeitgenossen einen Nachdruk gelegt habe, denn ich täusche mich nicht selbst mit der Einbildung, etwas im mindesten Neues aufgebracht zu haben; ich habe mich nur bemüht, etwas wieder ins Leben zu rufen, was ein wenig außer Augen gesetzt worden war, und wenn meine Bücher einiges Glück gemacht haben, so ist dieß der Trefflichkeit der Schule zuzuschreiben, trotz den Fehlern des Schülers. Die Verbindung des filosofischen Romans mit dem komischen ist in der That längst durch zwei große Schriftsteller in einer Vollendung durchgeführt worden, der, ich gesteh' es, kaum irgend ein glüklicher Schriftsteller auch nur von weitem sich nähern dürfte. Der erste und bei weitem gröste von diesen (ich rede von Fielding) erscheint als ein Mann, dem, bei allgemeinem Ruf, doch nie volle Schätzung zu Theil wurde. Mir erscheint er nicht nur als Romandichter unvergleichlich, sondern auch als einer der gesundesten Denker und tiefsten, gründlichsten Moralisten, die je einem Land Ehre und der Menschheit Belehrung gebracht haben. Der zweite, Dr. Moore, hat dieß merkwürdige Verdienst: er hat uns an ihm zwei Sünden vergessen machen, die bei jedem andern Schriftsteller eine unverzeihliche Schuld begründet hätten: – im Styl nämlich ein widriges Haschen nach Gallicismen und in der Moral eine geheime Neigung, lieber den schon ganz fertigen Gedanken einzuführen, als aus dem rohen Stoff allmälig herauszuschaffen. Diesen Zweien kann Miß Edgeworth beigezählt werden, die fehlerfreiste, wenn nicht die glänzendste unter allen Romanschreibern jetziger und vergangner Zeit. Ich rechne sie nicht zu den nächsten Zeitgenossen, theils weil sie sich ganz von diesem Gebiet scheint zurückgezogen zu haben, und theils weil diejenige gediegene und ruhige Beurtheilung schon über ihre lieblichen und nützlichen Erzählungen ergangen ist, die gewöhnlich sonst der Entscheidung der Nachwelt vorbehalten bleibt. Obwol ich also nur mit den Ansprüchen auf das Verdienst des Erneurers, nicht des Schöpfers, des Auffrischers von alten Gemälden und nicht des Künstlers, auftreten kann: so bin ich doch sehr weit von der Gewißheit entfernt, in einem andern Zweige der Literatur auch nur so viel erreichen zu können; und so empfangen Sie denn eine vierte Novelle von meiner Feder, obwohl Ihre mich überschätzende Freundschaft vorgezogen hätte, einen Versuch im Gebiete der politischen Moral oder der Geschichte von mir zu sehen. Geschichte! es liegt, Alles zusammengenommen und ungeachtet aller niederschlagenden Umstände, für jeden, der sich mit Studien beschäftigt, für jeden Mann, der in seinen gelehrten Beschäftigungen oder in akademischen Erinnerungen lebt, ein wundervoller Reiz in diesem Worte und vielleicht habe ich selbst, meinem eignen Urtheil und den Warnungen rings um mich her zum Trotz, bereits den Embryo eines Entwurfs in meinem Innern, der sich auf dieses edelste und am wenigsten ausgebeutete Feld geistiger Forschung bezieht, und der nach Jahren Ihnen enthüllt werden und ins Leben treten soll. Aber dieß ist keine Sache, die man leichtsinnig anfassen, oder ehe sie im Geiste gezeitigt, anrühren darf; und wie viele Zufälligkeiten können in den Weg kommen, um die Ausführung eines solchen Plans ganz zu vereiteln, wie viele Zufälligkeiten können, im besten Falle, sie bis auf das mattere Alter hinausschieben, wo die Kräfte durch lange Gewöhnung an die Kämpfe und Widerwärtigkeiten des Lebens erschlafft sind. Oft wenn wir in der Blüte der Jugend und Mannhaftigkeit an unsrem höchsten Triumf zu arbeiten wähnen, verschwenden wir unsre Kräfte nur an einen letzten Fehlwurf. Inzwischen, wenn ich vor der Hand nur auf wenig Gewinn rechnen darf, kann mich auch nur geringer Verlust treffen; ich setzte nicht mein ganzes Herz auf den Erfolg von Bestrebungen, die, wie ich mit meinen Feinden bekenne, (denn Feinde haben ist das allgemeine Schicksal in der Literatur, dem auch die allergewöhnlichsten Schriftsteller nicht entgehen) unbedeutend und schwach sind; ich lasse mich durch das Lob dieses Mannes nicht so aufblähen, durch den Tadel von jenem nicht so niederschlagen, daß ich des ruhigen Gleichgewichts des Geistes verlustig gienge, oder den kleinen anmuthigen Kreis überschritte, in welchen die Vernunft – eine Zauberin, wenn sie ihr Reich beschränkt, eine Betrügerin, wenn sie es ausdehnt, – Andern sich einzudrängen verwehrt. Auch glaube ich nicht, daß für Einen, der sich eine strenge und ernste Geistesthätigkeit angewöhnt hat, das Schreiben von Büchern, wenn sie nur nicht Poesie oder abstrakte Wissenschaften find, mit einem so völligen, alles Andre verschlingenden Zeitaufwand verbunden ist, wie man sich gewöhnlich einbildet. Für Alle, nur nicht für den Müßiggänger, hat das Leben Stunden genug, und was mich selbst betrifft: läge es nicht in meiner Lebensgewohnheit, ernstere Gegenstände als Studium zu betreiben, so hätte ich es mir auch nie dürfen in den Sinn kommen lassen, Novellen zu schreiben – zur Erholung. Glauben Sie jedoch nicht, nach dem was ich sage, ich wolle mein ganzes Leben über Novellen schreiben; ich entschuldige was ich that und was ich thue; ich mache keine Vorrede zu dem was noch geschehen soll. Nun hab' ich, mein theurer Freund, alles gesagt, worauf ich mich zur Entschuldigung der Art meiner Werke berufen kann. Ich will mich nicht gegen Sie oder durch Sie gegen meinen Leser wegen meiner Selbstgefälligkeit und Weitschweifigkeit rechtfertigen. Für alle Schriftsteller ist die Zueignung ein unangefochtener und freier Boden; allen Lesern ist eine nicht minder anerkannte Freiheit bewilligt: die nemlich, so schnell als sie immer mögen, darüber wegzugehen. Ich habe mich gegen Sie mit einer Freimüthigkeit ausgesprochen, bei der ich ganz vergessen, daß die Zeilen, die ich Ihnen hier schreibe, in die entfremdeten Charaktere der Druckerpresse übergehen werden; und wenn ich mich in allgemeinen Aeußerungen, oder in solchen, die meine Person angehen, etwas zu breit herausgelassen habe, so muß ich den Fehler dadurch gut machen, daß ich über das vorliegende Werk mich so kurz als möglich fasse. Für die ursprüngliche Idee zu Paul Clifford bin ich einem Herrn verpflichtet, der einen ausgezeichneten Namen in der Literatur hat, und dessen Güte gegen mich zu meinen wohlthuendsten Erinnerungen gehört. Diese Idee würde, wenn das Buch kürzer geworden wäre, das Ganze durchdrungen haben; so wie es jezt ist, findet man sie in denjenigen Partien dargestellt, welche, wie ich glaube, die beliebtesten in diesem Buche seyn werden. So die Scene bei Gentleman George, die Skizze von Bachelor Bill u. s. w. Da das Beispiel belehrender ist als die Erörterung, beziehe ich mich lieber auf diese Stellen, um ins Licht zu sezen, was ich von meinem Freunde überkam, als daß ich versuchen sollte, es hier zu entwickeln und im Einzelnen zu verfolgen. Um gegen meinen Freund gerecht zu seyn, muß ich beifügen, erstlich, daß ich mir wohl bewußt bin, einen meines Bedünkens ausgezeichnet glücklich erfundenen Gedanken durchaus nicht in vollkommen entsprechender Form dargestellt zu haben; und fürs zweite, daß, weil ich seine Idee mehr nur als Stütze und Beiwerk für meine Geschichte denn als Kern und Basis des Ganzen benutzt habe, alle Fehler der Verwicklung und alle Mängel der Erfindung, auf die man im Verlauf und in der endlichen Lösung meiner Erzählung stößt, ganz und einzig mir zur Last fallen. Auch muß ich hinzusezen, daß ich allein für die Persönlichkeit einiger Carrikaturen in den vorliegenden Scenen verantwortlich bin; Alles was mein Freund beitrug war: die satirische Uebertragung von lebenden Personen in erdichtete Charaktere von dem Stand und Gewerbe, deren Zierde ein Old Bags, ein Long Ned sind; für die Wahl gerade dieser Personen ist die Verantwortung durchaus nicht sein. Ich berühre dieß, weil es nicht anders als billig ist, daß ich einen möglichen Anstoß auf mich nehme; obgleich die Derbheit und augenscheinliche Gutmüthigkeit in den fraglichen Carrikaturen, die so Gezeichneten selbst, ich wage dieß vorherzusagen, zuerst und vielleicht Sie allein – über die übertriebene Aehnlichkeit wird zu lachen machen. Es wäre zu wünschen, daß mein Freund selbst unter wichtigeren Arbeiten die Muße gefunden hätte, seine Idee zu verkörpern, oder daß er, indem er mir die Leinwand gab, mir auch seine Geschicklichkeit in Führung des Pinsels und Mischung der Farben und seine Schöpferkraft hätte mittheilen können. Kaum vermag ich zu errathen, was Sie, der Sie so streng und ekel auf die Zierlichkeit der Sprache halten, von den etwas gemeinen Reizen denken werden, womit der größere Theil meines ersten Bandes ausgestattet ist. Ich muß gestehen, ich habe mich in diesem Punkt gegen jeden Tadel gepanzert; denn abgesehen von einer geheimen Beimischung von Ironie in der Sprache, wovon es sich hier handelt, Man muß sich auch erinnern, daß dieser Dialekt nicht gleichbedeutend ist mit der Verdorbenheit ungefüger Provinzialismen. Die Sprache der Diebe oder der gemeinen Londoner (eine Unterscheidung fürchte ich, ohne einen eigentlichen Unterschied!) ist vielleicht eine der ausdrucksvollsten, ja vielleicht eine der metafysischsten von der Welt. Welche tiefe Filosofie z. V. liegt in dem Ausdruck: Palmenöl, was Geld bedeutet. ich will einmal einen Versuch wagen, der in Schottland und Irland glücklich durchgesetzt wurde, obwohl er in jetziger Zeit in England noch nicht gemacht wurde: die getreue und eigenthümliche Redeweise von gewissen Menschenklassen wiederzugeben, welche Lesern jedes Standes, wenn sie nur geistige Beweglichkeit besitzen, weit mehr Theilnahme einflößen und lebhaftere Unterhaltung gewähren müßen als abgedroschne Schilderungen der mattherzigen Erbärmlichkeiten eines Prunkzimmers, oder die leblosen Gemälde von Originalen, deren Ruhm eigentlich darin besteht: kaum lebendig zu seyn. Der Uebersetzer setzt hier bei, was jeder Leser sich selbst sagen wird, daß die Übersetzung darauf verzichten muß, die Eigenthümlichkeiten der Sprache wieder zu geben. Wie sollte das Schottische im Deutschen gegeben werden? etwa schwäbisch? Aber dann ersähen die Leser doch nur wie das Schwäbische, aber nicht wie das Schottische lautet. Man hat sich daher begnügt, um das Gemeine anzudeuten, aus scharfen Buchstaben stumpfe zu machen u. dergl. Anmerkung des Verfassers. In einigen feindseligen und ziemlich persönlichen, aber geistreichen Bemerkungen gegen mich in einem neuen periodischen Werke, wird die Behauptung aufgestellt: Leute, die in guter Gesellschaft leben, verstehen nicht filosofisch, ja, so scheine es, überhaupt nicht gut zu schreiben. Ich setze natürlich voraus, der Critiker rede von solchen, die nur in guter Gesellschaft leben; und obgleich die Bemerkung unrichtig ist, wie es denn sich merkwürdigerweise trifft, daß die meisten filosofischen Prosaiker, namentlich in England, Männer von Stande waren, und wie es sich von selbst ergab, den grösten Theil ihres Lebens unter ihren Standesgenossen zubrachten; so will ich mich doch mit der Erklärung begnügen: daß die Bemerkung, wahr oder falsch, in diesem Falle keineswegs mich betrifft, der ich wohl eben so viel mit den niedrigsten Ständen als mit andern verkehrt habe und der ich die sogenannte Welt kaum betrete. Beiläufig, da der gemeldete Critiker sich in dem sehr witzigen Einfalle, mich als den Schriftsteller und Helden meines Buchs (Pelham) in Einer Person anzusehen, gefallen hat, so veranlaßt mich dieß zu einigen Worten über diesen Gegenstand. Ein Jahr ehe Pelham erschien, gab ich Falkland heraus, dessen Held ganz und gar jener düstern, schwärmerischen, nebelhaften Classe angehört; kurz: Sir Reginald Glanville – noch überboten und übertroffen. Der Schwarm der Allerweltswisser, die Wir sagen und sich Critiker nennen, erklärte: Falkland sey offenbar eine Selbstschilderung des Autors. Im folgenden Jahr erschien Pelham, der moralische Antipode von Falkland, und derselbe Schwarm behauptete genau dasselbe von Pelham. Werden sie sich herablassen diesen Widerspruch auszugleichen? die Wahrheit ist, daß sobald einem Helden eine hervorragende und wesenhafte Persönlichkeit gegeben wird, und, wohlgemerkt, der Held nicht als auffallend trefflich geschildert wird, (Niemand hat noch gesagt, ich gleiche Mordaunt!) dann der Held und der Autor dieselbe Person seyn müssen. Dieß ist der eine Grund, warum die Helden heutzutage zu so armen Geschöpfen heruntergesunken sind. Die Autoren, ein friedliebendes, harmloses Volk, sehen sich nicht gern persönlich mit ihren eignen Schöpfungen vermischt. Ich für meinen Theil, obgleich ich eine besondere Ursache haben mag, mich über eine solche Uebertragung zu beschweren, da ich nie zwei Helden Worte als Bezeichnungen desselben Gegenstandes,) für manches ziemlich harte Wort und manchen derben Hieb gegen mich selbst – biete ich keine Entschuldigung: meine Rache liegt im Geiste der englischen Kampfführung; Schläge in einem Augenblick, und gute Laune im nächsten. Was die Schottländer betrifft, so bin ich noch nicht ganz sicher, ob es ihnen bis jetzt gelungen ist, die in der Tiefe meines Herzens lauschende Zuneigung, die ich einst gegen sie hegte, zu verdrängen. Es ist nicht so leicht, im Ernste sich mit dem Lande zu verfeinden, wie scharf man auch spottend gegen es zu Felde zieht, das Burns, Scott und Campbell erzeugte; ein Land zudem, mit welchem man gern in Verkehr steht und dessen Sohn der ausgezeichnete Freund ist, dessen ich in diesem Brief erwähnte. Ich erwiedere nur, vor der Hand ziemlich mild, die Streiche, welche sie zuerst gegen mich geführt haben; ich weiß, was ich als Erwiederung hierauf zu erwarten habe und werde schwerlich Der seyn, der zuerst ruft: Halt! Genug! Für manche gelegenheitliche Rache, an Critikern, Feinden, oder Schottländern ausgeübt, (bei mir erwiesen sich meist diese drei über Einen Leisten zugeschnitten, sondern jeden, Falkland, Pelham, Mordaunt, Devereux, als ein von den andern ganz verschiedenes Wesen dargestellt habe;– ich bin es doch vollkommen zufrieden, falls es den guten Leuten das geringste Vergnügen macht, daß meine Critiker mich mit Pelham zusammenwerfen. Ja, wenn Pelham überhaupt das ist, was er seyn soll: nemlich, eine lebendige Satire auf die übertriebenen, menschenfeindlichen Romane des Tags – ein ächt menschliches Wesen, dessen wahrhaft gute Eigenschaften die krankhafte Sentimentalität mit blauen Himmeln und offener Brust, die schwermüthigen Geckereien und interessanten Schurkenstreiche beschämen; wenn er überhaupt ein solcher ist: dann bin ich außerordentlich stolz, mit ihm verwechselt zu werden. Denn obgleich er allerdings ein Mann ist, der sich badet und säuberlich lebt, (die zwei Hauptvorwürfe, welche von den großen Ungewaschenen gegen ihn vorgebracht werden) ist er doch auch tapfer, edelmüthig, gerecht; ein treuer Freund, ein thätiger Bürger, in seiner Pflichterfüllung tadellos, in seinen Grundsätzen unerschütterlich! Wie? ist dieß mein Bild, mein Facsimile, Ihr Herren? Auf mein Wort, ich bin Ihnen unendlich verbunden. Bitte, fahren Sie fort! Ich möchte Sie um Alles nicht unterbrechen. Aber (ich spreche ohne Leidenschaft), unsre guten Mitunterthanen auf dem andern Ufer des Tweed haben eine kleine ungefällige Schwäche, die sie weit weniger liebenswürdig macht, als sie ohne jene seyn würden: sie verlieren ihre Gemüthsruhe, sobald ein Engländer irgend einen Vortheil erringt; sie werden ganz widersinnig-zornig, wenn wir einen noch so kleinen Namen, ein noch so kleines Vermögen in unsrem Lande gewinnen; sie scheinen sich einzubilden, Gott der Allmächtige habe ihnen ein Geschenk mit England gemacht, um damit anzufangen, was ihnen beliebt, und jeder Engländer, der ihr Monopol antaste, begehe einen Frevel der schlimmsten Art. Wenn wir den allerunbedeutendsten Schritt thun, so dürfen wir gewiß versichert seyn, darüber gescholten zu werden; aber ich denke mir, bei näherer Untersuchung würde sich herausstellen, daß neunmal unter zehen der Tadel in breitem Schottisch sich ergießt! Man hat es diesem Buch zum Vorwurf gemacht, daß der Styl des ersten Bandes von dem des zweiten und dritten verschieden ist; diese Verschiedenheit war mir beim Niederschreiben dieses Buchs ein Hauptaugenmerk. Scenen im Leben, die einen wesentlichen Contrast bilden, scheinen auch eine dem Contrast gemäße Sprache zu erheischen, und ich kann nicht umhin, es für einen der grösten und gewöhnlichsten Fehler in der Dichtung zu halten, wenn man alle Begebenheiten und all die wechselnden Auftritte in einförmiger, sich nie senkender und hebender Sprache erzählt und schildert. Im Helden der Geschichte wird ein Individuum von einer Menschenklasse zu zeichnen gesucht, deren das Land jetzt glücklicherweise entledigt ist, aber die mir so viele ächte, für den Roman, besonders in seiner Komik und Naturwahrheit taugliche Züge gehabt zu haben scheint, als die fremden Carbonari und die ausländischen Piraten, welche englische Schriftsteller, Jagd auf herzgewinnende Verbrecher machend, so gerne in ihren Büchern aufführten. Ich für meinen Theil will einen englischen Landstraßenritter, wie er verlarvt, bewaffnet und beritten über die Hundslow-Heide trabt, mit dem stattlichsten Bösewicht, den je das Festland hervorbrachte, sich messen lassen. Zum Schluß will ich noch hinzufügen, daß ich mich bemüht habe, mich vor den Fehlern meiner frühern Werke zu hüten. Vielleicht wird man finden, daß die Geschichte besser durchgeführt und das Interesse gleichmäßiger aufrecht erhalten wird, als in meinen andern Schriften. Ich habe den Wunsch des Recluse, belehrend seyn zu wollen, überlebt und habe gleicherweise den Moralton und die Abschweifung vermieden, mit Einem Wort, ich habe mir mehr Mühe gegeben als in meinen zwei letzten Büchern, eine ziemlich unterhaltende Novelle zu schreiben. Nur Eine Episode von Belang habe ich zugelassen – die Geschichte des Augustus Tomlinson; und ich habe mir diese Ausnahme nur gestattet, weil diese Geschichte, wenn man auf Moral und die Abzweckung des Ganzen steht, keine Episode ist, wenn gleich sie im Verlauf der Erzählung als solche erscheint. Und nun, mein lieber Freund, ist es hohe Zeit, einen selbst für Ihre Geduld bereits zu langen Brief zu schließen. Was auch immer das Schicksal dieses Buchs und seiner Vorgänger seyn mag; ob sie aufgeflattert seyn mögen, wie die von der sicilischen Quelle angezündeten Insekten – in Einem Augenblick belebt und im nächsten getödtet; oder ob, trotz tausend Fehlern, die Niemand besser als ich selbst an ihnen entdecken kann, vielleicht Etwas, das eine nicht gedankenlose noch unehrerbietige Achtsamkeit auf die Mannigfaltigkeit und die Spiele der Natur, und eine liebevolle Zärtlichkeit gegen ihre Erzeugnisse, verkündigt, ihnen in der Neigung der Welt ihr Daseyn noch um eine kleine Weile über den kurzen Zeitraum hinaus fristet, der ihnen die Geburt gab. Einen Dank habe ich mir wenigstens gesichert! ich habe diese Novelle, die, so möchte ich gerne glauben, nicht als meine schlechteste wird betrachtet werden, und die möglicherweise meine letzte bleiben dürfte, mit solchen Erinnerungen verwoben, welche ihren Untergang überleben, oder ihren Erfolg mir noch theurer machen. Adieu mein lieber ****** Ich wünsche Ihnen Gesundheit und Glück, und versichere Sie meiner zärtlichsten Freundschaft. Hertfort-Street, April 1830. E.L.B. Anmerkung . Man findet in diesen Blättern ein- oder zweimal Bemerkungen oder Anspielungen auf Moore's Leben Byron's. Seit sie niedergeschrieben wurden, ist der Gegenstand etwas abgedroschen worden, und die hier ausgesprochenen Ansichten hat man mir gewissermaßen vorweggenommen. Zur Zeit der Abfassung jedoch waren sie neu und schienen mir am Orte. Erstes Kapitel. Sprecht Ihr, die nur ein Wahn von Schmerz bethört. Ihr, deren Ruh verstimmt ein Nerv schon stört. Ihr deren Wink, wenn schlaff Ihr drückt den Pfühl, Belauscht der Sklaven schüchternes Gewühl, Die Ihr den müden Arzt um Namen quält Für Leiden, welchen Nam' und Daseyn fehlt, Mit Scheingeduld euch in ein Leiden gebt. Das ächter Schmerz, und dieser Arzt nur, hebt: Wie trüget Ihr die wahre Leidenspein Versäumt, versöhnt im bittern Tod allein? Wo jede Bangigkeit die Brust beengt Und jeder Jammer um den Sarg sich drängt? Crabbe. Es war eine dunkle, stürmische Nacht, der Regen fiel in Strömen und ließ nur dann von Zeit zu Zeit nach, wenn er von einem heftigen Windstoß unterbrochen wurde, der durch die Straßen heulte (unser Schauplatz ist nämlich London), in den Giebeln sauste und übermüthig mit den kümmerlichen Flämmchen der Lampen spielte, welche gegen die Finsterniß ankämpften. Durch eines der unbekanntesten Viertel London's und durch Gäßchen, welche von den Herren bei der Polizei nicht sonderlich geliebt waren, verfolgte ein Mann, augenscheinlich den niedrigsten Ständen angehörig, seinen einsamen Weg. Zwei- oder dreimal blieb er stehen an Läden und Häusern von einer Beschaffenheit, die mit dem Aussehen des Stadttheils, worin sie lagen, vollkommen zusammenstimmte, und hielt Nachfrage nach irgend einem Gegenstande, der, wie es schien, nicht leicht zu bekommen war. Alle Antworten, die er erhielt, fielen verneinend aus; und so oft er sich wieder von einer Thüre entfernte, sprach er brummend, in eben nicht sehr zierlichen Redensarten, seinen Unmuth über seine getäuschten Erwartungen aus. Endlich setzte in einem Hause der Inhaber, ein stämmiger Fleischer, nachdem er auf die Anfrage des Mannes auch wie die bisherigen, eine verneinende Antwort erhielt, hinzu: »Aber wenn dieß da es auch dut, Dummie, dieß ischt ganz zu Eurem Dienscht!« Dummie schwieg einen Augenblick nachdenklich, versetzte dann: er meine der angebotne Gegenstand könne es auch thun, steckte ihn in eine weite Tasche und eilte so rasch hinweg, als Sturm und Regen es erlaubten. Bald erreichte er eine Anzahl niederer, schmutziger Hütten, an deren Eingang in halb verwischten Zügen stand: Thames Court. Vor der ansehnlichsten davon, einer Kneipe oder einem Bierhaus, durch dessen halb geschlossene Fenster in einladend röthlichem Schimmer die Flammen des gastlichen Herdes glänzten, blieb er stehen und pochte hastig an der Thüre. Er wurde von einer Dame von ansehnlichem Alter eingelassen, deren Angesicht und übrige Person in gleicher anmuthiger gerundeter Vollkommenheit strotzte. »Hascht's bekommen, Dummie?« fragte sie rasch, als sie dem Gast die Thüre aufschloß. »Nix, nix, nicht ganz's rechde, aber ich denk' auch so – –« »Pfui Ihr Narr!« rief das Weib, ihn unterbrechend, verdrießlich aus: »es nutzt nix, mir Sand in d'Augen streuen. Ihr wißt wohl, Ihr seyd aus meiner Drinkstube nur in eine andere marschirt, und habt Euch um das Buch gar nicht umgedan. So, da liegt jetzt die arme Cratur in der Raserei und im Sterben und Ihr –« »Laßt, ich muß sprechen!« unterbrach sie jetzt Dummie, »drabte zuerst, sag's Euch ja, zu Mudder Bußblone, die, wie ich gut weiß, den jungen Frauenzimmern Morgens und Abends für das Gewinsel dut, und fragte da nach einer Bibel und sie sagt: »Ich hab', sagt sie, nur einen Begleider zum Aldar, Im Englischen ein Wortspiel durch die Aussprach von altar als Halter was zugleich Galgen bedeutet. aber ihr werded schon eine Bibel bekommen, denk ich, bei Meister Talkins dem Schuhflicker, der bredigt. So geh' ich zu Meister Talkins und der sagt: ich brauch', sagt er, keine Bibel, warum, darum – bin auserwählt ohne das, aber kann seyn Ihr kriegt eine beim Fleischer drüben, warum, darum – der Fleischer fährt in die Hölle. So geh ich hinüber und der Fleischer sagt: ich hab keine Bibel, sagt er, aber ich hab ein Komödien-Buch, das ganz so wie eine Bibel eingebunden ischt und vielleicht sieht das arme Wesen den Unterschied nicht. So nehm' ich die Comödien, Mrs. Grete, und da sind sie auch. Und was macht die arme Judy?« »'S geht grundschlecht. Sie wird die Nacht nicht überleben, schätz' ich.« »Nun ich will mal die Trittling hinaufgehen.« Mit diesen Worten stieg Dummie das Stiegenhaus ohne Thüre hinan, an dessen Eingang eine Decke, in einem Winkel von der Mauer gegen das Kamin herübergespannt, eine Art von Schirm bildete; und sofort stand er in einer Kammer, an deren Schilderung sich Crabbe's finsterer und schwermüthiger Genius würde ergötzt haben. Die Wände waren geweißt und an manchen Stellen waren sonderbare Figuren und groteske Schnörkel von einem fröhlichen Hausbewohner in solchen schwarzen Umrissen hingezeichnet, wie man mit dem Ende eines angebrannten Steckens, oder einem Stück Kohle zu entwerfen pflegt. Das armselig flackernde Licht von einer Pfennigkerze' gab diesen Meisterstücken von Zeichenkunst etwas Unheimliches und Drohendes, besonders da mehr als ein Bild des Satans in seiner gewöhnlichen Volkstracht zur Verschönerung der Gallerie beitrug. Ein schwaches Feuer brannte düster auf dem rußigen Kamin und von der Ecke her zischte »die leise, dünne Stimme« eines eisernen Kessels. Auf einem runden, tannenen Tisch waren zwei Fläschchen, eine zerbrochene Schaale, ein zerbrochener Löffel von einem schlechten Metall und auf zwei oder drei verstümmelten Stühlen lagen verschiedene Bestandteile eines weiblichen Anzugs zerstreut. Auf einem andern Tisch, unter einem hohen, schmalen Fensterflügel ohne Laden, über den, statt der Vorhänge, eine farbige Schürze locker hingehängt war und nun von den Windstößen, die durch manche Spalte und Lücke leichten und freien Paß hatten, immer hin und her geweht wurde, war ein Spiegel, einige Erfordernisse zur Toilette, eine Büchse mit grobem Roth, einige wenige Zierrathen von mehr Glanz als Werth und eine Uhr, deren regelmäßiges und ruhiges Picken jenes unbeschreiblich peinliche Gefühl erzeugte, dessen sich, wie wir fürchten, manche unsrer Leser, welche diesen Ton in einer Krankenstube anhörten, wohl erinnern werden. Ein großes Himmelbett stand diesem Tisch gegenüber und der Spiegel warf zum Theil das Bild der Vorhänge mit verblichenen Streifen zurück, und dann und wann, da die Leidende in der rastlosen Unruhe eines zerrütteten Gemüths immer ihre Lage änderte, konnte man flüchtig ein Antlitz sehen, auf dem die raschen Fortschritte des Todes sich abmalten. Neben diesem Bett stand nun Dummie, ein kleiner, schmaler Mann, in eine zerlumpte Jacke von Plüsch gekleidet, von dem die Regentropfen langsam herabträufelten, mit einem schmalen, gelben, verschmitzten Gesicht, mit sonderbar abschreckenden Zügen, aber nicht eben geradezu entschieden bösem Ausdruck. Auf der andern Seite des Bettes stand ein kleiner Knabe von ungefähr drei Jahren; der Kleidung nach konnte er den bessern Classen angehören, obgleich sie einigermaßen zerrissen und abgeschossen war. Das arme Kind zitterte heftig und sah offenbar mit einem Gesicht der Hoffnung Dummie eintreten. Und nun schleppte sich auch, langsam und mit manchem hektischen Seufzer, gegen den Fuß des Bettes daher die schwerfällige Gestalt des Weibes, das Dummie unten angeredet hatte und ihm haud passibus aequis in das Zimmer der Kranken gefolgt war; sie stand mit einer Arzneiflasche in der Hand, die sie hin- und herschüttelte, und ein gutherziges aber schüchternes Mitleiden lag auf ihrem durch regelmäßige Trankopfer gerötheten Antliz. Dieß war die ganze Scene; nur daß noch auf einem Stuhle neben dem Bette ein Ueberfluß von langen, glänzenden, goldnen Locken lag, die man der Kranken abgeschnitten hatte, als das Fieber sich gegen den Kopf zog; aber mit einer Anhänglichkeit, welche die armseligen Leidenschaften eines eitlen Herzens charakterisirt, hatte sie dieselben neben sich hingelegt und durchaus nicht wegnehmen lassen; außerdem lag noch neben dem Feuer, völlig unempfindlich gegen das Ereigniß, das in der Kammer einzutreten drohte und dem wir zweifüßigen Wesen eine so große Wichtigkeit beilegen, eine große, graue Katze zusammengerollt zu einer Kugel und döste mit halbgeschloßnen Augen, und mit Ohren, die dann und wann durch eine leichte Biegung den Eindruk eines ungewöhnlich lauten oder nahen Geräusches auf ihre schlummerhaften Sinne verriethen. Die Sterbende beachtete anfänglich das Eintreten von Dummie und der Frau zu den Füßen ihres Bettes nicht; sie wandte sich gegen das Kind, faßte es heftig beim Arm, zog es zu sich her und betrachtete seine erschrocknen Züge mit einem Blick, in welchem Erschöpfung und außerordentliche Blässe mit dem heftigen und stieren Ausdruck der Fieberhitze einen gräßlichen Contrast bildete. »Wenn Du bist wie Er,« murmelte sie, »so will ich Dich erdrosseln; das will ich! ja – zittre nur, Du hast Grund zu zittern, wenn Deine Mutter Dich berührt, oder wenn Er genannt wird. Du hast Augen – ja Du hast! Heraus damit, heraus! Der Teufel sitzt lachend darin! O, Du weinst? weinst Du wirklich, Kleiner? Gut, jetzt sei still, mein Liebling, gieb Dich zufrieden! Ich wollte Dich nicht betrüben! betrüben – O Gott! es ist doch mein Kind!« und mit diesen Worten drückte sie den Knaben leidenschaftlich an ihre Brust und brach in Thränen aus. »Kommt, Kommt jetzt,« sagte Dummie tröstend. »Nehmt die Arznei, Judith! und dann wollen wir über den kleinen Schelm sprechen.« Die Mutter ließ den Knaben fahren und wandte sich gegen den Redenden; einige Augenblicke sah sie ihn mit stierem Blick an; endlich schien sie sich allmälig wieder auf ihn zu besinnen und sagte, indem sie sich auf eine Hand stüzte und die andre mit fragender Geberde gegen ihn ausstreckte: »Du hast das Buch mitgebracht?« Dummie hob statt der Antwort das Buch, das er von dem ehrsamen Fleischer geholt, in die Höhe. »Macht denn das Zimmer rein!« sagte die Leidende mit jener angenommenen Herrschermiene, die man so oft bei Kranken trifft. »Wir möchten allein seyn.« Dummie winkte dem guten Weibe am Fuße des Bettes, und diese, obgleich sonst keine Person, die sich so leicht befehlen oder zusprechen ließ, entfernte sich ohne Widerstreben aus dem Krankenzimmer. »Wenn sie beten will,« brummte unsre Hauswirthin, denn diese Würde schmückte die gute Matrone, »so weiß ich in der Daht nichts Besseres zu thun, als mich fort zu machen, denn es wird einem, wenn man alt ischt, nicht gar behaglich, all die Sachen midauzuhören.« Mit diesem frommen Stoßseufzer schritt die Wirthin zum Krug, so hieß die Herberge, schwerfällig die ächzenden Treppen hinab. »Jetzt Mann!« sagte die Leidende mit Ernst, »schwöre, daß Du nie entdecken willst – schwöre, sag' ich Dir, und bei dem großen Gott, dessen Engel diese Nacht erfüllen, wenn Du je diesen Eid brichst, so will ich wieder kommen und Dich bis an Deinen Sterbetag heimsuchen.« Dummie's Angesicht wurde blaß, denn die Heftigkeit und die Sprache der Sterbenden ergriff sein dem Aderglauben zugängliches Gemüth und er antwortete, indem er die vorgebliche Bibel küßte: er schwöre, das Geheimniß zu bewahren, so viel er davon wisse, was aber, wie ihr bewußt seyn müsse, sehr wenig sey. Während er sprach fuhr ein lauter, heftiger Windstoß durch das Camin herunter und erschütterte das Dach über ihnen so heftig, daß viele von den morschen Ziegeln losbrachen, die, einer nach dem andern, mit schmetterndem Ton unten auf den Boden fielen. Dummie fuhr erschrocken auf und vielleicht zwackte ihn sein Gewissen für den Streich, den er mit der falschen Bibel gespielt hatte. Aber die Frau, deren gereizte und abgespannte Nerven ihre wirren Gedanken von einem Gegenstand zum andern mit unnatürlicher Schnelligkeit überspringen machten, sagte mit hysterischem Lachen: »Sieh, Dummie, da kommen sie mit Gepränge, mich zu holen – gieb mir die Haube – die dort! und bring mir den Spiegel!« Dummie gehorchte und die Frau, mit leiser Stimme etwas von der unpassenden Farbe der Bänder murmelnd, setzte sich die Haube zurecht; sagte dann mit unmuthigem und trotzigem Tone: »Warum sie mir doch die Haare abschneiden mußten! Solch eine Entstellung!« und trug dann Dummie auf, Mrs. Grete noch einmal zu ihr heraufzubitten. Jetzt, da sie mit ihrem Kind allein war, besänftigte sich das Angesicht der unglücklichen Mutter, als sie den Knaben ansah und all die Armseligkeiten und Erboßungen – wenn wir das Wort gebrauchen dürfen – welche in der stürmischen Gereiztheit des Fieberwahnsinns, an der Oberfläche ihrer Seele aufgetaucht waren, versanken jetzt allmälig, je mehr der Tod überhand nahm, und die Mutterzärtlichkeit, welche zuvor verscheucht und niedergedrückt gewesen, erreichte ihre natürliche Höhe. Sie nahm das Kind an ihre Brust und drückte es in ihre Arme, die mit jedem Augenblick kraftloser wurden; sie tröstete es mit einer Art Gesang, welchen die Wärterinnen ihren unzufriedenen Kindern singen, aber die Stimme, war schmetternd und hohl und als die Mutter dieß empfand, füllten sich ihre Augen mit Thränen. Jetzt trat Mrs. Grete wieder ein und nun wandte sich die Sterbende mit einer ergreifenden Ruhe in ihrem Benehmen, welche die angeredete Person erschütterte und rührte, zu ihrer Wirthin, deutete auf das Kind und sagte: »Ihr seyd gütig gegen mich gewesen, sehr gütig? und möge Gott Euch dafür segnen! Ich habe gefunden, daß diejenigen, welche die Welt als die Schlimmsten verschreit, oft die menschenfreundlichsten sind. Aber ich will Euch jetzt nicht danken, wie ich wohl thun sollte, sondern Euch um eine letzte, übergroße Gunst bitten. Nehmt Euch meines Kinds an, bis es groß wird; Ihr habt oft gesagt, Ihr habet es lieb, Ihr seyd selbst kinderlos und ein Stückchen Brod und ein Obdach für die Nacht, was Alles ist, um was ich Euch bitte, wird diejenigen, welche besser begründete Ansprüche haben, nicht arm machen.« Die gute Mrs. Grete schluchzte heftig, versprach dem Kind Mutter zu seyn und sich zu bemühen, es ehrbar aufzuziehen, obgleich ein Wirthshaus, wie sie selbst gestand, eben nicht der beste Ort für gute Beispiele sey. »Nehmt ihn,« rief mit heiserem Tone die Mutter, deren Stimme, der Kraft ermangelnd, undeutlich schnarrte und beinah in ihrer Brust erstarb, »nehmt ihn – zieht ihn auf, wie Ihr wollt, wie Ihr könnt – jedes Beispiel, jedes Dach ist besser als –« hier wurden ihre Worte unverständlich. »Und o, möge es zu einem Fluch werden und einem – gebt mir Arznei, ich sterbe!« Dieß bestürzte Wirthin eilte, dieß Verlangen zu erfüllen; aber ehe sie an das Bett zurückkehrte, war die Kranke bewußtlos – auch erlangte sie die Sprache und Bewegung nicht wieder. Ein leises seltenes Stöhnen verrieth allein noch fortdauerndes Leben; binnen zwei Stunden hörte dieß auf und der Geist war entflohn. Da war aber unsre gute Wirthin selbst der Wahrnehmung dieser Sinnenwelt entrückt; denn sie hatte ihre Lebensgeister während der Nachtwache mit so vielen kleinen flüssigen Reizmitteln aufrecht erhalten, daß sie endlich in die Betäubung verfielen, welche gewöhnlich auf die Aufregung folgt. Dummie wollte vielleicht die Gelegenheit benutzen, welche die Bewußtlosigkeit der Wirthin ihm darbot, und so öffnete er bei dem erlöschenden Schimmer der Kerze, die in der Todtenkammer brannte, hastig eine große Kiste, die sonst unter dem Bett verborgen stand und die Garderobe der Verblichenen enthielt, und wühlte mit unehrerbietiger Hand in dem Linnen und der Seide, bis er ganz auf dem Boden des Schreins einige Packe mit Briefen entdeckte; diese nahm er und versenkte sie in seinen Kleidertaschen; dann stand er auf, brachte die Kiste wieder an ihren Ort, warf einen verlangenden Blick nach der Uhr auf dem Toilette-Tisch, die von Gold war; aber er zog sein Auge wieder zurück und machte, mit einem langen, unmuthigen Seufzer, die Bemerkung: »Die alte Veddel kennt sie, Gott verzeih 's ihr! aber wenigschdens will ich dieß da mitlaufen lassen, wer weiß, wo man's einmal brauchen kann; heud' im Morascht, morgen im Pallascht heißd's,« und damit streckte er seine rohe Hand nach den goldnen seidenen Locken aus, die wir beschrieben haben. »s' ischt ein seltsames Zeug und bringt Einen in Verlegenheit; aber stumm! heißt das Wort, um meines eignen kleinen Halses willen.« Mit diesem kurzen Selbstgespräch stieg Dummie die Treppen hinab und machte sich aus dem Hause. Zweites Kapitel. Die Fantasie verweilt, bezaubert ganz, Zu schildern dieses Ortes Pracht und Glanz. Das verödete Dorf. Eine Beschreibung der frühesten Kinderjahre hat, wenn man nicht wirklich über Erziehung schreibt, wenig Anziehendes. Wir werden uns also nicht lange bei der Kindheit des mutterlosen Knaben aufhalten, welcher der Obhut von Mrs. Grete Lobkins, oder wie sie bisweilen im Vertrauen genannt wurde, Peggy oder Piggy Lob, überlassen blieb. Die gute Frau, welcher der Gewinn von einem Hause, das, wenn auch in einer uansehnlichen Gegend gelegen, sich doch eines weitverbreiteten und belohnenden Rufes erfreute, ein mehr als hinreichendes Einkommen abwarf und die eine einzelne Wittwe ohne Kinder und Vetter war, fühlte keine Versuchung ihr Wort gegen die Verstorbene zu brechen, und sie ließ den Knaben an Stärke und Verstand zulegen, bis er das Alter von zwölf Jahren erreicht hatte, in welcher Periode wir ihn denn jetzt wieder unsern Lesern vorstellen. Der Knabe zeigte eine sehr kühne Gemüthsart und eine nicht unbeträchtliche Lebhaftigkeit des Verstandes. Alles, was er unternahm, glückte ihm rasch und eine auffallende Stärke der Glieder und Muskeln unterstützte trefflich die Aufforderungen eines Ehrgeizes, der, man muß gestehen, eher in körperlichen als geistigen Kraftäußerungen sich gefiel. Man darf indeß nicht voraussehen, daß sein Knabenleben in ununterbrochener Ruhe verlief. Obgleich Mrs. Lobkins im Ganzen eine gute Frau und ihrem Pflegling zugethan war, war sie doch von heftiger und roher Gemüthsart, oder wie sie selbst es schmeichelhafter ausdrückte: ihre Gefühle waren über die Maßen stark; und ein Wechsel von Zank und Versöhnung war die Hauptbeschäftigung in des Schützlings häuslichem Leben. Da, eh er der Obhut von Mrs. Lobkins untergeben ward, man ihn nie anders als: das Kind, benannt hatte, fiel die Obliegenheit, ihm einen christlichen Namen zu geben, auf unsere Wirthin vom Krug und nach einiger Ueberlegung beschenkte sie ihn mit dem Namen Paul – es war ein Name von glücklicher Vorbedeutung, denn er hatte dem Grosvater der Mrs. Lobkins gehört, welcher dreimal deportirt und zweimal gehängt worden war (das erstemal, da ihm letztgenannte Widerwärtigkeit begegnete, war er durch die Chirurgen wieder zu sich gebracht worden – zum großen Verdruß des jungen Anatomen, der die Ehre gehabt hätte, ihn zu zerschneiden). Der Knabe schien den ausgezeichneten Namen, den er trug, nicht verdienen zu wollen, denn er zeigte keine auffallende Vorliebe für fremdes Eigenthum. Ja, obgleich er zuweilen einem gelegentlichen Gaste im Kaffesaal der Mrs. Lobkins die Taschen leerte, so schien diese That doch mehr in einer Neigung zu lustigen Streichen als im Streben nach Gewinn ihren Grund zu haben; denn wenn der Geplünderte durch seinen Verlust, etwa eine Tabaksdose oder ein Taschentuch, oder der Art Bedürfnisse, hinlänglich gequält worden war; wenn er, zum heimlichen Jubel Pauls alle Ecken des Zimmers durchstöbert, sich geärgert und gestampft und sich durch seinen Verdruß den bittern Vorwürfen von Mrs. Lobkins ausgesetzt hatte, dann pflegte unser junger Freund ruhig und plötzlich es so zu richten, daß der vermißte Gegenstand freiwillig wieder in der Tasche sich einfand, aus der er verschwunden war. Und so geschah es, wie denn unsre Leser ohne Zweifel schon eine ähnliche Erfahrung gemacht haben, wenn sie den Frieden einer ganzen Haushaltung wegen des Abhandenkommens eines tragbaren Schatzes störten, den sie selbst, wie sich nachher ausweist, verlegt hatten, so geschah es, daß das unglückliche Opfer von Pauls ehrlicher Schlauheit dem vereinigten Unwillen der Zuschauer preis gegeben und vom Ankläger zum Ueberwiesenen herabsinkend, insgeheim das unselige Schiksal verfluchte, das ihn nicht allein durch den Verlust seiner Habe ängstete, sondern ihm auch den noch größern Verdruß bereitete, sie wieder zu finden. Ob nun Mrs. Lobkins bei Entdeckung dieser Streiche wegen eines künftigen Hangs zu der Geschicklichkeit, welche sie verriethen, zitterte, oder ob sie dachte, die Tollheit zu stehlen ohne Gewinn, erheische schleunige und beharrliche Abhülfe, können wir nicht entscheiden, aber die gute Frau wurde am Ende äußerst besorgt, Paul die Wohlthat einer anständigen Erziehung zu sichern. Den Schlüssel der Weisheit (die Kunst zu lesen) hatte sie wirklich schon zwei Jahre vor diesem Zeitpunkt ihm zu Theil werden lassen, aber damit ihr Gewissen bei weitem nicht befriedigt, ja sie fühlte, daß wenn sie ihm nicht auch Anleitung zum richtigen Gebrauch desselben könne geben lassen, es weiser gewesen wäre, dem Knaben einen Schlüssel ganz vorzuenthalten, mit dem er verkehrterweise in allen Schlössern wühlte, außer im rechten nicht. Mit einem Worte, sie wünschte sehnlich, ihm eine Erziehung geben zu lassen, weit höher als seine Umgebung sie hatte. Und da sie wie die meisten ungebildeten Leute, der Gelehrsamkeit einen zu großen Werth beilegte, schloß sie, um so anständig leben zu können als der Geistliche des Kirchspiels, brauche er nur ebensoviel Latein zu wissen. Eines Abends besonders, als die Dame an ihrem behaglichen Feuer saß, beschäftigte dieser Gegenstand ihrer Besorgniß mit ungewöhnlicher Stärke ihr Gemüth und hin und wieder richtete sie einen unruhigen und rastlosen Blick auf Paul, der an der andern Ecke der Herdes auf einer Bank saß, eifrig beschäftigt, das Leben und die Abenteuer des berühmten Richard Turpin zu lesen. Die Bank, auf welcher der Knabe saß, war durch vielen Gebrauch ganz glatt und glänzend geworden, einige Stellen ausgenommen, wo ein kunstsinniger Müßiggänger oder sonst Jemand zu seiner Belustigung allerlei sonderbare Namen, Beinamen, Sprichwörter und sonstige Witze eingeschnitten hatte. Man hat gesagt, das Organ für das Schnitzeln in Holz werde vorzugsweise an den englischen Schädeln entdeckt, und der scharfsinnige Herr Crambe hat dieß Organ in den Hinterkopf verlegt, neben das für die Zerstörungslust, welches bei unsern Landsleuten eben so groß ist, wie man dieß an allen Geländern, Sitzen, Tempeln und sonstigen Gegenständen sehen kann, die andern Leuten gehören. Der Feuerstätte gegenüber war ein großer tannener Tisch, an dem Dummie, genannt Dummaker, der Dame des Hauses zunächst sitzend, ruhig über einem Glas Holländerschnaps und Wasser hindämmerte. Weiter hin, an einem andern Tisch in der Ecke des Zimmers schmauchte ein Herr mit einer rothen Perüke, in abgetragenen Kleidern und Weißzeug, das aussah, als ob es in Saffran gekocht worden wäre, seine Pfeife, abgesondert, schweigend und offenbar in tiefes Nachdenken versunken. Dieser Herr war kein Anderer, als Herr Peter Mac Grawler, der Herausgeber einer prachtvollen periodischen Zeitschrift, das Asinäum betitelt, welche geschrieben wurde, um zu beweisen, daß was immer populär ist, schlecht seyn muß, eine schätzbare, tiefliegende Wahrheit, welche das Asinäum befriedigend dargethan, indem es drei Drucker zu Grunde gerichtet und einem Buchhändler den Hals gebrochen. Wir brauchen nicht beizusetzen, daß Herr Mac Grawler von Geburt ein Schotte war, da wir als allgemein bekannt voraussetzen, daß alle periodischen Schriften dieses Landes seit undenklichen Zeiten das Monopol der Herren von dem Lande der Kuchen gewesen sind; – wir wissen nicht, wie man es in Schottland mit dem Essen gemeldeter Kuchen hält; aber hier scheinen die guten Fremdlinge sie auf beiden Seiten sorgfältig mit Buttertaig belegt zu lieben. Zur Seite des Herausgebers stand ein großer zinnerner Deckelkrug; über ihm hieng eine Abbildung des »wundervoll fetten Ebers, früher dem Herrn Fattem Viehmäster angehörig.« Zu seiner Linken erhob sich das braune Gehäuse einer schmalen, stehenden Uhr mit eichenem Kasten; unter der Uhr waren ein Bratspieß und eine Büchse neben einander an die Wand angelehnt. Unter diesen Zwillings-Emblemen des Kriegs und der Kochkunst waren vier Ständer, Zinn- und Steingutplatten enthalten, und Centauren, artig in eine Art von Küchentisch auslaufend. Auf der andern Seite dieser häuslichen Bequemlichkeiten war ein Gemälde von Mrs. Lobkins, in einem Scharlachkleid mit Hut und Federn. Im Rücken der schönen Wirthin war die Decke ausgespannt, die schon früher erwähnt wurde. Die einförmige Fläche dieses kunstlosen Schutzmittels zu heben, waren verschiedene Balladen und gelehrte Legenden an der Decke angeheftet. Da konnte man in pathetischen und schmucklosen Versen lesen, wie »Sally liebt' nen Matrosenknab', der focht mit dem grimmen Shovel.« Da konnte man, wenn man zwei so belehrende Thatsachen zuvor nicht gewußt hatte, lernen: »Ben der Seiler liebte die Flaschen, Charley liebte allein die Mädchen!« Wenn man von diesen und verschiedenen andern poetischen Ergießungen einigermaßen ermüdet war, boten literarische Fragmente in bescheidner Prosa gleiche Erbauung und Ergötzlichkeit. Da konnte man sich volle Aufklärung verschaffen über die »Seltsame und wunderbare Geschichte von Kensington, enthaltend eine vollständige und wahrhafte Erzählung, wie eine Maid muß von einem bösen Geist am Mittwoch den 15. April dieses Jahrs entführt worden seyn. Da war auch, nicht minder anziehend und wahrhaft, die außerordentliche Geschichte – anlangend den Fürsten gewaltiger Mächte, betitelt: der Teuffel von Maskon, oder wahrer Bericht von dem Hauptsächlichsten, was ein unsaubrer Geist gethan und gesagt in Maskon in Burgund, im Haus eines sichern Herr Francis Perraud, jetzt englisch wiedergegeben von Einem, der genaue Kenntnis von der Wahrheit dieser Geschichte hat.« Diese Beiträge zu einer Geschichte des Satanas waren aber nicht die einzigen prosaischen und glaubwürdigen Urkunden, welche die literarisch reiche Decke darbot; ebenso wunderbar und ebenso unbestreitbar war die Geschichte »von einer jungen Dame, einer Herzogstochter, mit drei Beinen und einem Stachelschweingesicht.« Ebenso »das gräßliche Strafgericht Gottes an Fluchern, dargethan am Beispiel von John Stiles, der todt niedersank, nachdem er einen großen Fluch gethan,; und als man ihn entkleidete, fand man am Saum seines Hemdes geschrieben: Du sollst nicht fluchen!« Zweimal hatte Mrs. Lobkins einen langen Seufzer ausgestoßen, als ihr Auge von Paul auf die ruhige Miene von Dummie Dummaker sich lenkte; jetzt setzte sie sich in ihrem Stuhle zurecht, eine mütterliche Besorgniß überflog ihr Gesicht und sie sagte: »Paul, kleiner Schelm, was hascht da für 'n kauderwelsch Buch?« »Turpin, der große Hochstraßenmann!« antwortete der junge Student, ohne das Auge von dem Blatt aufzuschlagen, durch das er sich eben in seiner belehrenden Lektüre durchbuchstabirte. »O, das ist ein Bursch von gutem Schrot und Korn, Frau!« sagte Herr Dummaker, indem er seine Pfeife an ein brennendes Stück Papier hielt, »der reitet gewiß noch ein Roß, das der Zimmermann aufzäumt, dafür steh ich!« Auf diese Profezeihung antwortete die Frau nur mit einem Blick der Entrüstung, sie rückte in ihrem großen Stuhl hin und her und blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken. Zuletzt faßte sie wieder nachdenklich den hoffnungsvollen Knaben ins Auge, rief ihn zu sich her und ertheilte ihm ganz leise flüsternd einen Auftrag. Paul verschwand, sobald er ihn angehört, hinter der Decke und kehrte sofort wieder mit einer Flasche und einem Weinglas zurück. Mit zerstreuter Geberde und einem Ausdruck, der von fortdauerndem Nachsinnen zeugte, nahm die gute Frau die ermuthigende Herzstärkung aus der Hand des jugendlichen Schenken, Und eh ein Mann vermocht zu sagen: Sieh! Hatt' es verschlungen der Frau Lobkins Schlund; So rasch naht großen Dingen das Verderben. Der Nektartrank schien das System der Matrone wohlthätig zu durchdringen, sie legte ihre Hand auf den Lockenkopf des Knaben und sagte (wie Andromache δαχσυοεν γελασασα, oder wie Skott es ausdrückt: auf der Wang' ein Lächeln, im Auge die Thrän!) »Paul, Dein Herz ischt gut! Dein Kopf ischt gut, hascht keinen Dropfen vom Gedränk verschüddet! Sag mir, mein Herzblädchen, warum hast den Tom Tobyson gezaust?« »Weil,« antwortete Paul, »er sagte, man hätte Euch längst hängen sollen!« »Tom Tobyson ist ein Taugenichts,« versetzte die Dame, »und verdient mit dem Tauende drakdirt zu werden, aber, o mein Junge, sey nicht zu keck wegen einem Weib mit dem Brügel darein zu fahren. S'ischt das Verderben von vielen Männern vor Dir gewesen, und wenn zwei Mannsbilder über einem Weib Händel anfangen, kennen sie erst das Ding nicht einmal, um das sie hadern; denk' an Dein Ende, Paul, und ehre die Alden, und kümmre Dich nicht drum, was sie gewesen sind, eh sie zu Jahren kommen sind; hol mir doch meine Pfeife, Paul, sie ist droben unter dem Kopfkissen.« Während Paul diese Sendung erfüllte, sagte die Besitzerin des Krugs, ihr Auge auf Herrn Dummaker heftend: »Dummie, Dummie, wenn der kleine Paul einmal an die Nille käme!« »Pscht!« zischelte Dummie, über die Schulter nach Mac Grawler blickend, »könnde seyn d'r Herr da,« hier blieb seine Stimme selbst für Mrs. Lobkins kaum noch verständlich; aber sein Geflüster schien eine Warnung auszudrücken, der erleuchtete Herausgeber des Asinäums möchte entweder ein Kundschafter seyn, oder doch ein solcher Held, bei welchen sich ein Kundschafter Raths erholt. Die Antwort der Mrs. Lobkins, in gleich leisem Tone ertheilt, schien Dummaker zu befriedigen, denn mit einem sehr verächtlichen Blick warf er den Kopf in die Höhe und sagte: »Oho das ischt Alles – Alles!« Hier erschien Paul wieder mit der Pfeife und die Dame, nachdem sie die Mündung gestopft, beugte sich vor und zündete das virginische Kraut an Dummakers Pfeife an. Wie bei diesem wichtigen Geschäft sich die Häupter der Wirthin und des Gastes einander so näherten und das glimmende Licht anmuthig auf beiden Gesichtern spielte – da war es ein Gemälde von so ehrlicher Einfalt, daß es des kecken und lebhaften Genius eines Cruikshank würdig gewesen wäre. Sobald der prometheische Funke sich dem Pfeifenkopfe der Dame ganz mitgetheilt hatte, wiederholte Mrs. Lobkins, noch von dem düstern Gedanken beherrscht, den sie heraufbeschworen hatte: »Ach Dummie, wenn der kleine Paul an die Nille käme!« Dummie nahm die Pfeife vom Mund, blies teilnehmend den Rauch hervor, blieb aber still und Mrs. Lobkins, zu Paul gewendet, der mit offnem Munde und gespitzten Ohren bei diesem ahnungsvollen Ausruf dastand, sagte: »Meinscht Paul, sie haben 's Herz, Dich zu hängen?« »Ich mein', sie haben den Strick dazu, Frau!« versetzte der Junge. »Aber Du brauchscht Deinen Kragen nicht selbscht in die Schlinge neinzustrecken!« sagte die Matrone und dann, von einem Predigergeist ergriffen, wandte sie sich zu dem Knaben, beschaute seine aufmerksame Miene und richtete folgende Ermahnungen an ihn: »Denk immer an Deinen Kaddekismus, Kind, und ehre das Alder. Stehle nie, sonderlich wenn Jemand um den Weg ist. Mach nie gemeine Sache mit Aelderen als Du bischt, warum, darum, weil je älder ein Bursch ischt, deschdo mehr denkt er an sich selbscht und deschdo weniger an seine Gesellen. Mit zwanzig Jahren erholen wir uns am gemeinen Wesen, mit vierzig an unsern alden Kameraden. Sey bescheiden, Paul! und strecke Dich nach der Decke im Leben. Geh nicht mit ausgemachden Eisenfressern, die auflodern wie eine Kerze mit einem Räuber dran! da ischt nix als ein bischen Flimmer und verschwindet Alles mit Einem Aufflackern. Laß den Schnaps den Alden, die nicht mehr darohne seyn können. Der Zapfen wird oft zum Galgen, und da ischt kein Verderben so schlimm wie das blaue Verderben . Lies Deine Bibel und sprich wie ein Petischt; die Leute gehn mehr nach Deinen Redensarten als nach dem, was Du duscht. Wenn Du etwas nöthig hascht, was nicht Dein ist, probir's und behilf Dich darohne, und wenn Du's nicht kannscht, so nimm's in Gutem und nicht im Sturm. Die welche schuppen \> richten mehr aus und riskiren weniger, als die Strahlekehren und wenn Du mit Anstand betrügscht, kannst Du über den unanständigen Ständer lachen. Jetzt geh und schbiel!« Paul nahm seinen Hut, zögerte aber noch, und die Frau, welche die Bedeutung dieses Aufenthalts errieth, erhob sich und gab dem Knaben die Summe von fünf Halbpfennigen und einen Heller in die Hand. »Da Junge,« sagte sie und schüttelte ihm unter ihren Worten freundlich den Kopf, »Du hascht Recht, daß Du nicht um Nix schbielen willst; 's ischt nur Zeitverderb! aber schbiel mit Kleineren als Du bist, die kannscht Du dann brügeln, wenn sie sagen, Du brellescht sie!« Paul verschwand und die Frau sagte: die Hand auf Dummie's Schulter gelegt: »Es geht nix über einen Freund in der Nohd, Dummie; und so oder so, ich mein immer, Ihr wißt mehr von der Herkunft des Buben da, als irgend wer von uns.« »Ich, Frau!« rief Dummie aus, mit dem glozenden Blick des Erstaunens. »Ja, Ihr! Ihr wißt ja, wie die Mudder Euch vor ihrem Sterben mehr sah, als Jemand von uns. Frisch heraus jetzt, frisch heraus! sagt nur Alles wie's damit ischt. Hat sie 'n geschdohlen, was meint Ihr?« »Seht, Mudder Grete, meint Ihr, ich weiß? Wie setzt Ihr Euch solche Schnaken in Kobf?« »Nun,« sagte die Frau mit einem mißmuthigen Seufzer, »ich hab immer gedacht, Ihr wißt mehr davon, als Ihr gesteht. Wahrlich, wahrlich, ich werde die Nacht meine Lebtage nicht vergessen, wo Judith das arme Geschöbf herbrachte; Ihr wißt, sie war einige Monade vorher in meinem Haus gewesen, eh ich den kleinen Schelm zu sehen bekam, und als sie ihn brachde, sah sie so blaß und gespenstermäßig aus, daß ich nicht's Herz hadde, ein Wort zu sagen; so stierde ich nur den Jungen an, und er streckte seine zwei Däubchen nach mir aus. Und die Mudder runzelde die Stirn darüber und stieß ihn in meinen Schooß.« »Ha, es war eine geplagte unheimliche Frau, die!« sagte Dummie und schüttelte den Kopf. »Aber wie's auch sich verhält, der kleine Kobold fiel in gute Hände; denn ich bin gewiß, Ihr seyd eine bessere Mudder für ihn als seine rechte.« »Ich war immer ein Narr mit Kindern,« versetzte Mrs. Lobkins, »und ich denke der kleine Paul sey mir als ein Trost für meine letzten Dage zugeschickt – schenkt ein, Dummie!« »Ich hab gehört, Judith sey einmal mit einem vornehmen Herrn verhängt gewesen,« sagte Dummie. »Wohl möglich!« versetzte Mrs. Lobkins, »wohl möglich! sie war immer wohl dran bei mir, denn sie hatte einen Geischd, so stattlich wie ich selbscht, und sie zahlde ihre Miehde wie eine honnedde Person, zu dem daß sie aus dem Häuschen war oder so nicht bei Troscht.« »Ha ich weiß, wie gern Ihr sie haddet – warum, darum – Ihr habt sonst nicht im Brauch, Weibsleuden eine Stube einzuräumen. Ihr sagt, es sey nicht respekdabel, und Ihr seht's nur gern, wenn Männer den Krug besuchen.« »Und ich seh' nicht einmal Alle gern, die herkommen,« antwortete die Frau, »sonderlich um Pauls willen, aber was kann ein Weib allein duhn? Kommen da viele von den Herrn Hochstraßenmännern her, deren Geld so gut ist als des Pfarrers vom Sprengel seins. Und wenn ein Fuchs in meiner Hand ischt, was schiert mich's, in wessen Hand er vorher gewesen ischt?« »Das nenn' ich einmal ressenabel und vernünftig gesprochen,« sagte Dummie beistimmend. Und Alles zusammengenommen, obgleich Ihr da eine kunderbunde Sippschaft habt, weiß ich doch kein Bierhaus, wo sich ein Gast besser underhält und keinen Sonndagsort, wo man noblere Combanie trifft, als im Krug?« Hier erlitt die Unterhaltung, die, wie man wissen muß, so leise geführt worden, daß ein Dritter nichts davon hören konnte, eine Unterbrechung durch Herrn Peter Mac Grawler, der, nachdem er mit seinem Nachsinnen und seinem Deckelkrug fertig war, jetzt aufstand um wegzugehen. Zuerst jedoch näherte er sich der Mrs. Lobkins, bemerkte, er sey einige Tage schuldig geblieben und verlangte den Betrag seiner Rechnung zu wissen. Nach einem Seitenblick auf einige Hieroglyfen von Kreide, die auf der dem Kamin entgegengesetzten Seite an der Wand angeschrieben waren, antwortete die Hausfrau, Herr Mac Grawler schulde ihr die Summe von 1 Schilling, 9 Pfennige, 3 Heller. Nach einem kurzen vorgängigen Suchen in seinen Westentaschen erhaschte der Critiker in einer Ecke eine einsame halbe Krone, die er zwischen Zeigefinger und Daumen faßte und der Mrs. Lobkins, mit der Bitte, sie zu wechseln, reichte. Sobald die Matrone ihre Hand mit dem gesalbt fühlte, was irgend ein sinnreicher Jünger von St. Giles Palmöl Oil of palms, heißt zugleich Oel von Palmen und Oel der Hände. genannt hat, erheiterte sich ihre Miene zu einem anmuthigen Lächeln, und als sie dem Herrn Mac Grawler die verlangte Münze gab, drückte sie höflich ihre Hoffnung aus, er werde den Krug dem Publikum empfehlen. »Darauf können Sie sich verlassen,« sagte der Herausgeber des Asinäum. »Es gibt keinen Ort wo ich mich so heimisch fühle.« Damit knöpfte der gelehrte Schotte seinen Rock zu und gieng seines Wegs. »Wie doch die Welt so neidisch und bissig ist!« sagte Mrs. Lobkins nach einer Weile, »besonders wenn eine Frau vornehme Leude zur Kundschaft hat. Als Judith starb, sagte Jon der Hundemetzger, es sey ein Glück für mich und sie hab' mir einen Schatz hinderlassen, um den kleinen Igel groß zu ziehen. Man sollte glauben, ein Buff mache einen Menschen reicher – warum, darum, Jederman bufft Einen. Ich bekam nichts als eine Uhr und 10 Guineen, wie Judith starb, und sicherlich! das reichde kaum zum Begräbniß.« »Ihr vegeßt die zwei Goldsvögel, die ich Euch für die alte Kischde mit Lumben gab – einen grosen Schah fand ich da!« sagte Dummie mit sykofantischem Muthwillen. »Ja!« rief das Weib lachend, ich bilde mir's ein, Ihr wart nicht sonderlich zufrieden mit dem Kauf. Ich dachte, Ihr wäret ein zu alder Trödler, um Euch mit dem Plunder so weit einzulassen; sey's wie es wolle, ich denk es war der Rock von Goldbrokat, der Euch so in die Augen stach.« »Wie's manchem klügern Mann gieng als meinesgleichen,« versezte Dummie, der neben seinen geheimen Gewerben das ostensible eines Kleidertrödlers und Händlers mit zerbrochenem Glas trieb. Die Erinnerung an ihren guten Handel mit der Lumpenkiste öffnete der Wirthin das Herz. »Trinkt, Dummie,« sagte sie in guter Laune, »trinkt! ich würde mich schämen, das einem guhden Freund anzukreiden.« Dummie drückte seine Dankbarkeit aus, füllte sein Glas wieder und die gastfreie Matrone, aus ihrer Pfeife die todte Asche ausklopfend, fuhr folgermaßen fort: »Ihr seht, Dummie, obgleich ich den Knaben oft bläue, hab ich ihn doch so gern, als wär' ich seine rechte Mudder. Ich möcht' ihn wohl zu einer Ehre für sein Land und einer Ribbudazion für meine Familie machen!« »Die sämmtlich die Zähne fletschte in Surgeonshall!« bemerkte der in der Bildersprache starke Dummie. »Wahr!« sagte die Frau – »sie starben luschdig, und ich schäme mich ihrer nicht. Aber ich bin Pauls Mutter eine Pflicht schuldig und ich wünsche Paul ein langes Leben. Ich würde ihn in die Schule schicken, aber Ihr wißt, wie die Buben nur einer den andern verderben. Und so möcht' ich einen anständigen Mann zum Lehrmeischder für ihn, daß er den Jungen ladeinisch und gude Lebensart lehrt.« »Ei der Dausend!« rief Dummie ganz verdutzt über diese gigantischen Entwürfe. »Der Bub' hat Grüß genug und liebt das gelehrde Wesen,« fuhr die Alte fort. »Aber ich glaube, die Bücher; die er jetzt in den Händen hat, führen ihn nicht den Weg zum langen Leben.« »Und wie kam er denn aufs Lesen?« »Der hitzige Rob, der herumziehende Schauschbieler, zeigte ihm die Buchstaben und sagde, er habe viel von einem Schenie.« »Und warum kann nicht der hitzige Rob dem Buben ladeinisch und gute Lebensart beibringen?« »Weil der hitzige Rob, der arme Kerl, wegen einer Chaßne übers Wasser gegangen ist «! antwortete die Matrone niedergeschlagen. Nun trat ein langes Schweigen ein; Dummie brach es endlich; der Ehrenmann schlug sich mit der bedeutungsvollen Heftigkeit eines Ugo Foscolo an den Schenkel und rief aus: »Ich hab's; der Lehrmeischder für den kleinen Paul ischt gefunden!« »Wer denn? Ihr macht mich ganz bestürzt und denkt gar nicht an meine Nerfen,« sagte das Weib verstört. »Nun, der Herr da, der schreiben duht,« sagte Dummie, den Zeigefinger an die Nase legend, »der Herr da, der Euch so blank bezahlt hat.« »Was! der schottische Herr?« »Eben der,« erwiederte Dummie. Die Dame bewegte sich unruhig auf ihrem Sessel und füllte ihre Pfeife wieder. Ihr ganzes Benehmen zeigte deutlich, daß Dummie's Vorschlag einen Eindruck auf sie gemacht hatte. Aber sie hegte zwei Zweifel wegen seiner Thunlichkeit: erstlich, ob der in Vorschlag gebrachte Ehrenmann der Aufgabe gewachsen, und zweitens, ob er geneigt sey, sich der Sache zu unterziehen. Mitten in ihren Gedanken über diese Sache, wurde die Frau durch den Eintritt von Leuten unterbrochen, die ihre wirthliche Sorge in Anspruch nahmen, und da Dummie bald nachher aufbrach, so blieb die Ungewißheit im Gemüthe der Frau Lobkins, die Erziehung des kleinen Paul betreffend, den ganzen Tag und die ganze Nacht unerledigt. Drittes Kapitel Ich gestehe, ich beneide dich um das Vergnügen, das du empfinden wirst, wenn du dich gelehrter siehst als andre Knaben – sogar als solche, die älter sind als Du. Welche Ehre wird dir dieß machen! Welche Auszeichnungen, welche Lobsprüche werden dich überall begleiten. Lord Chesterfields Briefe an seinen Sohn. Das Beispiel, mein Junge, das Beispiel wiegt tausend Regeln auf. Maximilian der Feierliche. Tarpeja ward unter dem Gewicht von Schmuck und Geschmeide erstickt. Die Sprache des gemeinen Volks ist eine Art Tarpeja. Wir haben Sie deßwegen durch so viele Edelsteine, als nur möglich, gehoben und in der vorigen Scene sie unsern Lesern vorgeführt simplex munditiis. Nichts destoweniger könnten wir in Sorge seyn, es möchte der Ton des gegebenen Dialogs manchen seiner organisirten Wesen des zarteren Geschlechts mißfallen haben, erinnerten wir uns nicht, welche Freude sie an den Provinzial-Barbarismen des Schwesterkönigreichs haben, wenn immer sie ihnen aus den Zeilen eines Schottischen Erzählers entgegensprudeln. Da, zum Unglück für die Menschheit, das breite Schottische noch nicht die Universalsprache von Europa ist, so hoffen wir, unsre Landsmänninnen werden sich mit dem Dialekt ihrer niedern Volksklassen eben so gut befreunden können, als mit dem, der seine näselnden Melodien über das Paradies des Nordens hinhaucht. Am nächsten Tage in der Dämmerung genoß Mrs. Grete Lobkins, nach einer befriedigenden Besprechung unter vier Augen mit Herr Mac Grawler, das Glück, sich sagen zu können: sie habe jetzt dem kleinen Paul für einen Lehrmeister gesorgt. Nachdem ihr der Critiker ein ansehnliches Stück aus den Capiteln Propria quae maribus vorgetragen, setzte die Dame nicht länger einen Zweifel in seine Lehrfähigkeit, und auf der andern Seite, als Mrs. Lodkins auf den Punkt der Belohnung überging, bezeugte der Schotte seine Bereitwilligkeit, ihm Alles und Jedes beizubringen, was der pünktlichste Vormund verlangen konnte. Es ward endlich festgesetzt, Paul sollte täglich zwei Stunden den Unterricht Herrn Mac Grawler's genießen! Herr Mac Grawler sollte auf alle leiblichen Bedürfnisse an Speise und Trank, so viel der Krug vermöge, Ansprüche haben und zudem auf eine wöchentliche Besoldung von 2 Schilling 6 Pfennige; die Schillinge für den Unterricht in der klassischen Literatur und die 6 Pfennige für die übrigen Humanisra, oder wie sich Mrs. Lobkins ausdrückte: »die zwei Harden für das Ladeinische und die Blechten für die guhde Lebensart.« Beschuldige uns, gütiger Leser, nicht in deinem Herzen einer Abweichung von der Wahrscheinlichkeit, wenn wir einen so trefflichen und gelehrten Ehrenmann, wie Herr Peter Mac Grawler, zum täglichen Hausfreund der Wirthin zum Krug machen. Fürs erste mußt Du wissen, daß unsre Geschichte in einen frühern Zeitabschnitt fällt, in eine Zeit, wo die alten Scherze über die Umstände von Autoren und Critikern noch auf wirkliche Thatsachen sich gründeten; zweitens mußt Du wissen, daß zufolge einer eigenthümlichen Verkettung der Umstände weder der Bailiff noch des Bailiffs Leute sich je in den vier Wänden von Mrs. Grete Lobkins Haus sehen ließen; drittens, der Krug war der Wohnung des Critikers näher als irgend ein anderes Wirthshaus; viertens, es lieferte vortrefflichen Porter; und fünftens – o Leser, Du thust der Frau Grete Lobkins entsetzliches Unrecht, wenn Du meinst, ihre Thüre habe sich nur für die Dienstmannen Merkurs geöffnet, die an der krankhaften Neugierde leiden, die Geheimnisse in ihres Nachbars Taschen zu erforschen; auch andre Besuche von gutem Leumund sprachen nicht selten bei der gastlichen Matrone ein, obgleich man gestehen muß, daß sie gewöhnlich lieber ein abgesondertes als das allgemeine Gesellschaftszimmer einnahmen; und sechstens, bester Leser, (wir bedauern, so weitläufig seyn zu müssen,) wir wollten Dir so eben einen Wink darüber geben, daß Herr Mac Grawler zu jenen Weisen von umfassendem Geiste gehörte, die, wenn sie sich zu moralischen Betrachtungen auf den höchsten Standpunkt versetzen, ihre Seelenkräfte nicht durch eine entwürdigende Achtsamkeit auf elende Kleinigkeiten zerstreuen mögen. So daß, wenn bisweilen ein Abkömmling von Langfinger dem hochansehnlichen Schotten bei seinem Besuch im Krug in den Weg kam, diese Erscheinung den wohlwollenden Filosofen nicht in dem Grad empörte, als ohne den obigen Fingerzeig Deine Unwissenheit sich vorstellen mochte. Man sagt, der Stoiker Athenodorus habe durch seinen Umgang mit Augustus viel dazu beigetragen, dessen Fehler zu verbessern und die unverkennbare Veränderung zu bewirken, die mit diesem glücklichen Mann nach seiner Erhebung auf den römischen Kaiserthron vorgieng. Wenn dieß wahr ist, so kann es ein neues Licht auf den Charakter des Augustus werfen, und dann war er nicht ein Heuchler, sondern ein Gebesserter. Gewiß bleibt, daß es wenige Fehler giebt, die nicht durch Weisheit bemeistert werden können und doch, es ist betrübend dieß zu berichten, doch bewirkten die Unterweisungen von Peter Mac Grawler nur eine schwache Veränderung zum Bessern in den Gewohnheiten des jugendlichen Paul. Das anstellige Bürschchen hatte, wie wir schon gesehen, unter der Anleitung des hitzigen Rob die Kunst des Lesens sich angeeignet; ja er konnte sogar einige seltsame Krähenfüße zeichnen, und aneinanderhängen, was er und Mrs. Lobkins schmeichelhaft schreiben nannten. So weit war der Weg für Mac Grawler gebahnt und geebnet. Aber unglücklicherweise ist es die Klage aller erfahrnen Lehrer: die Hauptschwierigkeit mache nicht das Lernen, sondern das Verlernen; und die Seele Pauls war schon von einer bunten, zahllosen Menge fremdartiger Gegenstände in Besitz genommen, welche hartnäckig dem Latein und der guten Lebensart sich widersetzten. Nichts konnte ihn von einer unglückweissagenden Vorliebe für die Geschichte von Richard Turpin heilen; sie war ihm, was, wie man schon gesagt hat, die griechischen Classiker einem Akademiker seyn sollen: seine Beschäftigung bei Tage und sein Traum bei Nacht. Er war während der Lehrstunden ziemlich gelehrig und bisweilen sogar zu rasch im Auffassen für den gemessenen Gang von Herrn Peter Mac Grawlers Verständniß. Aber nicht selten geschah es, daß wenn der Ehrenmann aufzustehen versuchte, er sich, wie die Dame im Comus, festgebannt fand – – an einem gift'gen Sitze, Beschmiert mit Harz voll zäher Hitze; oder seine Füße waren ihm heimlich unter dem Tisch zusammengebunden worden, und das Band ließ sich nicht lösen, ohne die obern Mächte in Anspruch zu nehmen; diese und manche andere Schelmenstreiche, womit Paul die Einförmigkeit des gelehrten Unterrichts zu würzen pflegte, hätten bald dem gelehrten Critiker sein Unternehmen verleidet. Aber der Schnaps und die Schatzkammer der Frau Lobkins begütigten die heftigsten Aufwallungen seines Gemüths und er setzte seine Arbeit fort, gestärkt durch den filosofischen Gedanken: »Warum mich bekümmern und ängstigen? wenn ein Zögling gut einschlägt, so erhöht dieß offenbar das Ansehen seines Meisters, wo nicht, so ist der Schaden sein eigen.« Freilich, ein solcher Trostgrund fand nie Zugang im Gemüth des Dr. Keate. In Eton verzehrte sich die innerste Seele des redlichen Vorstehers durch seinen Eifer für die Wohlfahrt kleiner Herren in steifen Halsbinden. Bei Paul jedoch, dem es vom Schicksal bestimmt war, ein gewisses Maß von Gelehrsamkeit sich anzueignen, traten zu Anfang seines zweiten Lehrjahrs Umstände ein, welche seine Fortschritte in der wissenschaftlichen Bildung wunderbar beschleunigten. Im Zimmer von Mac Grawler traf Paul eines Morgens Herrn Augustus Tomlinson, einen vielversprechenden jungen Mann, der die harmlose Beschäftigung trieb, für eine der Hauptzeitungen über die: gräßlichen Mordthaten, die außerordentlichen Melonen und merkwürdigen Vorfälle zu berichten. Dieser Herr, der einige Lebensjahre vor Paul voraus hatte, stieg nur langsam von der Höhe seiner Würde herab; aber endlich, da er die lebhafte und ehrerbietige Aufmerksamkeit sah, womit der Junge der sehr wahrhaftigen Schilderung der grausamen Ermordung von fünf Männern in der Cathedrale von Canterbury, durch den Hochwürdigen Zedekiah Fooks Barnacle verübt, zuhörte: da ward er gerührt über den Eindruck, den er hervorgebracht, schüttelte freundlich Pauls Hand und sagte ihm, es sey in seinem Gesicht viele natürliche Schlauigkeit, und für Herrn Augustus Tomlinson sey es außer Zweifel, daß er (Paul) selbst nächster Tage die Ehre haben werde, ermordet zu werden. »Versteht mich!« fuhr Herr Augustus fort, »ich meine, ermordet in effigie, erdolcht auf dem Papier, während Ihr selbst, des Umstands ganz und gar unbewußt, das genießt was Ihr Euer Leben nennt. Wir tödten nie gemeine Leute; die Wahrheit zu sagen: den schärfsten Zahn haben wir auf die Kirche; die Bischöfe lassen wir dutzendweise abfahren. Zwar zuweilen geben wir einem Hauptanwalt oder dergleichen einen Treff; und drücken den Kummer der jungen Advokaten über einen Verlust aus, der ihren Interessen so nachtheilig ist. Aber das sind nur blinde Streiche; und der erschlagene Hauptanwalt lebt oft fort, bis er Kronanwalt wird, verläugnet die Grundsätze der Whig's und verfolgt die Presse die ihm das Leben raubte. Bischöfe sind unser eigentliches Leibessen; wir schicken sie in den Himmel auf einer Art geflügeltem Greif, dessen Rücken ein Schlaganfall und dessen Schwingen von Hochmuth gebläht sind. Der Bischof von – –, den wir dieser Tage in solcher Weise abfertigten und der ein witziger Kopf ist, schrieb uns eine Berichtigung darüber und bemerkte: obgleich die Übertragung in die himmlischen Gefilde für einen Bischof etwas sehr Geeignetes sey, so ziehe er doch in solchem Fall das Original der Uebertragung vor. Wie wir die Bischöfe tödten, so ist eine andre Menschenklasse, die wir nur mit tödtlichen Krankheiten heimsuchen. Diese Klasse besteht aus seiner Majestät und seiner Majestät Ministern. So oft wir ihren Maßregeln nichts anhaben können, so fallen wir über ihre Gesundheit her. Giebt der König ein populäres Gesetz – so lassen wir sogleich einfließen, daß seine Leibes-Constitution auf schwachen Füßen steht; handelt der Minister wie ein Mann von Verstand – so bemerken wir augenblicklich, seine Gesichtsfarbe sey auffallend blaß. Die Leute krank machen hat einen unverkennbaren Vortheil gegenüber von dem, daß man sie ganz vernichtet. Das Publikum kann uns im Einen Fall rund und plump widersprechen, aber nicht im andern; es ist leicht zu beweisen, daß ein Mensch noch lebt, aber ganz unmöglich zu beweisen, daß er sich wohl befindet. Was hat es zu bedeuten, wenn andere Zeitungen im Widerspruch mit uns, sich seiner annehmen und versichern, das angebliche Opfer aller Plagen aus Pandora's Büchse, das wir schon dem Grabe zuwanken ließen, bringe die Hälfte des Tags damit zu, eine auserlesene Gesellschaft bei einer Jagdparthie in Athem zu erhalten, und die andere Hälfte damit, derselben auserlesenen Gesellschaft nach Tisch mit Trinken zuzusetzen? Was macht es, wenn das heimgesuchte Individuum selbst uns schreibt, es habe sich in seinem Leben nie besser befunden – wir brauchen nur geheimnißvoll den Kopf zu schütteln, und zu bemerken, daß behaupten nicht beweisen heißt, daß es unwahrscheinlich sey, daß unser Gewährsmann sich sollte geirrt haben, und (wir lieben sehr historische Parallelen) unsre Leser daran zu erinnern, wie Cardinal Richelieu, als er am Sterben war, über nichts so wüthend wurde als über Anspielungen auf seine Krankheit. Kurz, wenn Horaz recht hat, so sind wir die Fürsten der Dichter; denn ich darf gewiß annehmen, Herr Mac Grawler, daß Sie – und Ihr auch mein kleiner Herr, sich der Worte des weisen alten Römers wohl erinnern: Ille per extentum funem mihi posse videtur re poëta, meum qui pectus inaniter angit, Irritat, mulcet, falsis terroribus implet.« Diese Stelle recitirte Herr Augustus Tomlinson mit beträchtlicher Selbstgefälligkeit und vollendete dadurch seine Eroberung von Pauls Herz; dann wandte er sich zu Mac Grawler und brachte mit diesem sein Geschäft, das literarischer Natur war, ins Reine; es betraf einen gemeinschaftlichen Angriff gegen einen Mann, der noch nicht fünf und zwanzig Jahre alt, und zu arm um Essen zu geben, sich erfrecht hatte, ein religiöses Gedicht zu schreiben. Die Critiker waren darüber äußerst erbittert, und da sich gegen das Gedicht wenig einwenden ließ, so nannten die Hof-Journale den Verfasser einen Gecken und die Liberalen den Sohn eines Harlekin. Es hatte Alles bei Herrn Augustus Tomlinson eine Gewandtheit, einen Geist, ein Leben, wodurch die Sinne unsres jungen Helden ganz bestochen wurden; zudem war er ungemein zierlich gekleidet, trug rothe Strümpfe und einen Haarbeutel; hatte nach Pauls Begriffen ganz und gar die Haltung eines Manns von gutem Ton und überdieß sprudelte das Lachen mit besonderer Anmuth über seine Lippen. Einige Tage nachher schickte Mac Grawler unsern Helden in die Wohnung Herrn Tomlinsons mit seinem Antheil an der gemeinsamen Schmähschrift gegen den Dichter. Ums doppelte stieg Pauls Ehrfurcht vor Herrn Augustus Tomlinson, durch die Anschauung von dessen Residenz. Er fand ihn wohnhaft in einem hübschen Stadttheile, in einem sehr saubern Empfangzimmer, dessen Inhalt von dem allumfassenden Geiste des Inhabers Zeugniß ablegte. Es ist uns von einem sehr fein urtheilenden Critiker vorgeworfen worden, wir seyen zu sehr der Schilderung von vielumfassenden Geistern ergeben. In frühern Fällen behaupten wir: Nicht schuldig; aber im Falle mit Herr Augustus Tomlinson geben wir die harmlose Beschuldigung zu. Ueber seinem Kamin waren Boxerhandschuhe und Fechtrappiere angebracht, auf seinem Tisch lag eine Cremonesergeige und ein Flageolet. Auf einer Seite der Wand waren Bücherständer mit dem Covent-Garden-Magazin, mit Burn's Justitia, einer Taschenausgabe von Horaz, einem Gebetbuch, Auszügen aus Tacitus, einem Band Theater; ferner die Filosofie spielend beizubringen und ein Schlüssel zur Weisheit. Desgleichen waren da auf einem andern Tisch eine Reitpeitsche und eine Peitsche zum Fahren, ein paar Sporen, drei Guineen und ein kleiner Haufe Silbermünze. Herr Augustus war ein großer, hübscher junger Mann mit Sommersproßen auf der Haut, grünen Augen und rothen Augenwimpern mit lächelndem Mund und vorstehendem Unterkiefer, scharfer Nase und einem außerordentlich großen Paar Ohren. Gekleidet war er in ein gründamastenes Hauskleid und er empfing den jungen Paul sehr artig. Unser Held hatte etwas Einnehmendes. Er hatte nicht nur ein angenehmes Aeußeres und ein offenes Wesen, sondern er hatte auch den Anstrich von Munterkeit und Verstand, der einen hoffnungsvollen Schelmen verräth. Herr Augustus Tomlinson bezeugte ihm die größte Aufmerksamkeit, fragte ihn, ob er boxen könne, ließ ihn ein paar Handschuhe anziehen, und streckte ihn mit vieler Herablassung drei mal nach einander zu Boden. Dann spielte er ihm auf der Cremonesergeige und dem Flageolet einige der neuesten Melodien vor. Hierauf sang er ihm ein kleines, von ihm selbst componirtes Lied. Sodann ergriff er die Fuhrpeitsche, klappte damit eine Fliege auf der Wand gegenüber, und indem er sich, natürlicherweise von seinen mannigfachen Anstrengungen ermüdet, auf sein Sofa warf, bemerkte er in nachläßigem Tone: er und sein Freund Lord Dunshunner werden allgemein für die besten Fuhrmänner in der Hauptstadt gehalten. »Ich,« sagte Herr Augustus, »den der Meister auf dem geraden Weg, aber der Lord ist ein Teufelskerl im Fahren um die Ecke.« Paul, der bisher ein zu unbefangenes Leben geführt hatte, um zu verstehen, welche Wichtigkeit nothwendig ein Lord in den Augen des Herrn Augustus Tomlinson haben mußte, erstaunte nicht so sehr über die Größe einer solchen Bekanntschaft, als der Zeitungsmörder erwartet hatte. Er bemerkte nur, um ein Compliment anzubringen, Herr Augustus und sein Genosse scheinen ihm grandige Kaffern zu seyn. Ein wenig mißvergnügt über diese bildliche Redensart – denn man muß wohl merken, daß grandiger Kaffer bei den in dieser Wissenschaft Eingeweihten der gewöhnliche Ausdruck ist für: ein rüstiger Dieb, – nahm sich der universell gebildete Augustus die Freiheit, zu der er durch sein Alter und seinen Stand, die ihn so weit über Paul erhoben, sich berechtigt glaubte, und verwies unsrem Helden sanft seinen unschicklichen Gebrauch von Gaunerausdrücken. »Ein Junge von Euren Fähigkeiten,« sagte er, »denn ich sehe Euch den Verstand im Auge an, sollte sich schämen, so gemeiner Ausdrücke sich zu bedienen. Habt doch einen vornehmeren Geist, einen großartigeren Ehrgeiz, als den, den das armselige Lumpengesindel der Straße auszeichnet. Wißt! in diesem Lande fetzen Geist und Gelehrsamkeit Alles durch, und wenn Ihr Euch anständig benehmt, könnt Ihr früher oder später in der Welt so hoch steigen, als Ich.« Bei dieser Rede sah sich Paul nachdenklich in dem saubern Sprachzimmer um und überlegte, wie hübsch es wäre: der Herr in einem solchen Besitzthum zu seyn, sich auf Handhabung der Cremoneser-Geige und das Flageolet, der Boxerhandschuhe, der Bücher, der Fliegenklatschenden Peitsche zu verstehen, drei Guineen und einen Haufen Silbergeld zu besitzen und den nur mit Lord Dunshunner getheilten Ruhm: der beste Fuhrmann in London zu seyn. »Ja,« fuhr Tomlinson mit sich fühlendem Stolze fort, »ich verdanke mein Steigen mir selbst. Gelehrsamkeit ist mehr werth als Haus und Land. Doctrina sed vim etc. Ihr wißt, was der alte Horaz sagt? Nun, Sir, Ihr werdet es kaum glauben, aber ich war es, der seine Majestät den König von Sardinien in der gestrigen Zeitung ermordete. Nichts ist zu hoch und zu schwer für den Genius. Laßt Euch die Mühe nicht verdrießen, mein Junge, so könnt Ihr – denn die Sache, obgleich schwer, wird doch nicht unmöglich seyn – so könnt Ihr mit Augustus Tomlinson wetteifern!« Beim Schluß dieser Aufmunterung hörte man an der Thüre pochen; Paul nahm Abschied und begegnete auf der Hausflur einem feinaussehenden Manne nach der höchsten Mode gekleidet, der ein Paar ungeheuer große Schnallen an den Schuhen trug. Bei diesem Anblick schwoll Pauls Herz. »Ich kann,« dachte er bei sich, »so lauteten seine Worte, ich kann, denn die Sache, obgleich schwer, wird doch nicht unmöglich seyn, mit Augustus Tomlinson wetteifern.« In Nachdenken versunken begab er sich heim. Am folgenden Tag wurden die Denkschriften des großen Turpin den Flammen überliefert, und es war auffallend, wie von da an Paul eine gewähltere Redeweise sich aneignete, wie er ein feineres, gemesseneres Wesen annahm und den Unterrichtsstunden des Herrn Peter Mac Grawler weit mehr Aufmerksamkeit als bisher widmete. Obgleich man gestehen muß, daß die Fortschritte unseres jungen Helden in den gelehrten Sprachen nicht eben überraschend waren, verhalf ihm doch eine frühe Neigung zum Lesen, die durch Gewohnheit an Stärke zunahm, zuletzt zu einer ziemlichen Kenntnis seiner Muttersprache. Wir müssen jedoch hinzufügen, daß seine am eifrigsten und liebsten getriebenen Studien schwerlich von der Art waren, wie sie ein einsichtsvoller Lehrer vorzugsweise würde anempfohlen haben. Es gehörten dahin hauptsächlich Romane, Theater und Gedichte, welch' letztere er in so hohem Grad liebte, daß er selbst eine Art von Poet wurde. Jedenfalls gaben diese literarischen Beschäftigungen, so nutzlos sie erschienen, seinem Geschmack eine gewisse Verfeinerung, die er sich ohne dieß in dem Krug schwerlich würde erworben haben, und während sie seinen Ehrgeiz stachelten, auch etwas von dem fröhlichen Leben zu sehen, das sie schilderten, flößten sie seinem Gemüth einen gewissen Unternehmungsgeist und eine Art sorgloser Hochherzigkeit ein, die vielleicht nicht wenig dem schlimmen Einfluß gemeiner Laster entgegenwirkten, welchen die ihn umgebenden Beispiele seine zarte Jugend aussetzen mußten. Aber ach! ein harter, Pauls Hoffnung auf Beistand und Gesellschaft in seinen literarischen Arbeiten zu nichte machender Schlag traf ihn. Herr Augustus Tomlinson verschwand an einem schönen Morgen, und hinterließ bei seinen zahlreichen Freunden: er folge einer vortheilhaften Einladung in den Norden Englands. Trotz dem Stoße, den dieß dem zärtlichen Herzen und strebenden Geiste unsres Freundes Paul versetzte, schlug es doch seinen Eifer in dem Felde der Wissenschaft nicht nieder, das der treffliche Abgegangene, wie es schien so erfolgreich angebaut hatte. Allmälig eignete er sich (zu den literarischen Schätzen hin, wovon wir sprachen) Alles an, was der weise und tiefsinnige Peter Mac Grawler ihm mitzutheilen vermochte, und im sechszehnten Jahre begann er (o der Dünkelhaftigkeit der Jugend!) sich für gelehrter zu halten als seinen Meister. Viertes Kapitel. Er war jetzt ein junger Mann vom besten Ton geworden und so eingelebt in die höhere Gesellschaft, als der eifrigste und strengste Bewerber um Londoner Celebrität sich nur wünschen mochte. Er war natürlich Mitglied der Clubs u.s.w. Kurz er gehörte jetzt jener oft geschilderten Classe an, vor der alle untergeordneten Schönherren in Unbedeutenheit versinken oder in der sie im besten Fall eine geringere Stufe durch Aufopferung eines ansehnlichen Theils ihres Vermögens erlangen können. Die Almacks in neuerer Gestalt. Bei der Seele des großen Malebranche, der eine Untersuchung der Wahrheit schrieb und eine Menge schöner Sachen entdeckte, nur nicht das was er suchte; bei der Seele des großen Malebranche, den Bischof Berkeley an einer Lungenentzündung leidend fand und sehr gefällig zu Tode schwatzte – ein Beweis von der Macht der Rede, dem billig alle große Metafysiker und Redehelden nacheifern sollten; bei der Seele dieses erleuchteten Mannes, es ist zum Erstaunen für uns, welche Menge von Wahrheiten in kleine Stücke zerbrochen da und dort in der Welt zerstreut herum liegt. Welch glänzende Sammlung könnte sich Jemand von diesen kostbaren Steinen anlegen, wenn er nur mit dem Korbe unter dem Arm und mit offenen Augen ausgehen wollte. Wir selbst haben eben heute ein kleines Stückchen Wahrheit aufgelesen, womit wir Dir, edler Leser, eine schlimme Wendung in dem Schicksale Pauls zu erklären gedenken. »Wo man irgend Würde sieht,« sagt ein lebender Weiser, »darf man auch sicher seyn, daß die Aufrechthaltung derselben einen Aufwand erfordert In den populären Trugschlüssen. .« So war es auch bei Paul. Ein junger Mann, muthmaßlicher Erbe des Krugs, begabt mit einer hübschen Gestalt und einem gebildeten Geist, nahm nothwendig einen gewissen Rang in der Gesellschaft ein und mußte ein Gegenstand der Aufmerksamkeit in den Augen der betriebsamen Mütter in der Nachbarschaft von Thames-Court werden. Viele Lustparthien nach Deptford und Greenwich kamen vor, an welchen Paul Theil zu nehmen sich bewogen fand, und wir brauchen unsern Lesern nicht auf Novellen über fashionables Leben zu verweisen, um sie zu belehren, daß in guter Gesellschaft die Herrn immer für die Damen bezahlen. Dieß waren aber noch nicht alle Ausgaben, wozu ihn seine Aussichten veranlaßten. Ein Mann konnte kaum solchen zierlichen Festlichkeiten anwohnen, ohne einige Aufmerksamkeit auf seinen Anzug zu verwenden, und ein fashionabler Schneider spielt, der Henker weiß wie? Versteckens mit dem jährlichen Einkommen eines Mannes. Wir, die wir in Kleinbritannien unsre Residenz haben, um es dem Leser gerade heraus zu sagen, sind nicht sehr vertraut mit der Lebensart unter den höhern Klassen von St. James. Aber es herrschte unter den feinen Leuten um Thames-Court eine große Untugend, die ohne Zweifel sonst nirgends im Schwange geht. Diese feinen Leute nämlich quälten sich mit einer beständigen Todesangst, noch feiner zu scheinen, als sie waren; und je mehr vornehmen Anstrich ein Herr oder ein Frauenzimmer sich gaben, desto angesehener wurden sie. Job, der Hundemetzger, war in der That ganz nur aus einem gewissen Hang, Jedermann Grobheiten zu sagen, in die Gesellschaft gekommen; und die delikatesten Ausschließlichen des Ortes, die selten irgend wohin giengen, wo keine silberne Theebüchse war, pflegten anzunehmen, es sey nicht wenig hinter Job, weil er seinen Karren mit vornehm gehaltenem Haupte fortschob und eines Tags sogar dem Büttel des Kirchspiels tüchtig den Weg gewiesen hatte. Nun machte dieß Streben nach außerordentlicher Feinheit die Gesellschaft um Thames-Court nicht nur lästig, sondern auch kostspielig. Jeder wetteiferte mit seinem Nachbar, und da der Geist der Nebenbuhlerschaft besonders heftig in der Brust der Jugend wirkt, kann es uns kaum befremden, daß er Paul zu manchen tollen Streichen verleitete. Das Uebel bei allen Cirkeln, welche darauf Anspruch machen, auserlesen zu seyn, ist hohes Spiel, und der Grund liegt nahe: Menschen, welche es in ihrer Hand haben, einem Andern einen Vortheil, wornach er trachtet, zuzuwenden, lassen sich lieber dafür bezahlen, als daß sie ihn verschenken; und Paul, der in Popularität und Ton eine Stufe um die andre erstieg, fand sich, trotz seiner klassischen Bildung doch den ausgemachten, oder vielmehr ausmachenden Ehrenmännern nicht gewachsen, mit welchen er in näheres Verhältniß kam. Sein erster Eintritt in diesen auserlesenen Kreis dieser Männer von Welt fand Statt im Hause des Bachelor Bill, einer Person von großer Berühmtheit unter dem Theile der Ausbündigen, die sich selbst den bedeutungschweren Namen Flash beilegen. Da es jedoch unsre unabänderliche Absicht ist, in diesem Werke keine episodische Charaktere genauer auszumalen, so können wir unsern Lesern nur eine schwache, flüchtige Skizze von Bachelor Bill entwerfen. Dieser Mensch war von Devonshire gebürtig. Seine Mutter hatte das anmuthigste Wirthshaus in der Stadt besessen und nach ihrem Tod erbte Bill ihre Habe und Popularität. Alle jungen Frauenzimmer in der Nachbarschaft von Fidlers Row , wo er seinen Wohnsitz hatte, wollten ihn zum Schleppträger haben, die allermodischsten Schupper und Gauner suchten ihn anzuketten und die flottesten Besen in London hätten zu einer gewissen Zeit gern ihre Ohren für ein zärtliches Wort von Bachelor Bill gegeben. Aber Bill war ein feiner Kopf und kluger Gesell und von außerordentlich vorsichtiger Gemüthsart. Er ging der Ehe und der Freundschaft aus dem Weg; d.h. er ließ sich weder ausplündern noch Hörner aufsetzen. Er war ein großer, aristokratischer Bursch, von teufelmäßig gewandtem Benehmen, und in Züchten und Ehren, sehr galant gegen die Besen. Wie meist die ledigen Herren, die, soweit es auf's Geld ankommt, gern den Mann machen, gab er ihnen Schnabelweide die Fülle und von Zeit zu Zeit einen Hopstanz. Sein Magentrank war über allen Tadel hinaus und sein Doppel-Courage wurde einstimmig für das Wunder der Welt erklärt. In sehr kurzer Zeit (denn ledige Männer schwingen sich immer leichter als verheirathete auf den Gipfel des hohen Tons) wurde er, vermöge seiner Junggesellenschaft und seiner Kehrause, der wahre Spiegel vornehmen Lebens und mancher schmucke Lehrbursch, selbst am Westende der Stadt, pflegte vor Bewunderung Bachelor Bills die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen, wenn er an einem Sonntag Nachmittag in seinem zierlichen Kabriolet nach seinem netten kleinen Gartenhäuschen an dem Saume von Turnham Green fuhr. Bill's Glück war jedoch nicht ganz ohne Zusatz. Die Damen der Freude sind immer so ausnehmend erboßt, wenn ein Mann sich nicht in sie verliebt, daß es nichts giebt, das sie ihm nicht nachsagen; und die würdigen Matronen in der Nachbarschaft von Fidler Row sprengten alle Arten von grundlosen Gerüchten gegen den armen Bachelor Bill aus. Allmälig jedoch, – denn wie Tacitus ohne Zweifel im profetischen Hinblick auf Bachelor Bill sagt, die Wahrheit gewinnt durch die Zeit – allmälig begannen diese Gerüchte unvermerkt zu verhallen, und da Bill sich jetzt den Gränzen des mittlern Alters näherte, so sahen seine Freunde schon getrost als eine ausgemachte Sache an: er würde sein Lebenlang Bachelor Bill bleiben. Uebrigens war er ein excellenter Junge; gab seine verdorbenen Lebensmittel den Armen, bekannte sich zu den liberalsten Meinungen, und nahm in allen Streitigkeiten unter den Besen (diese flotten Besen sind gar ein zanksüchtiges Geschlecht!) immer die Parthei des schwächeren Theiles. Obgleich Bill in seiner Gesellschaft sehr auf strenge Auswahl hielt, vergaß er doch seine alten Freunde nicht; und der Frau Grete Lobkins, die ihm als kleinem Knaben in der kurzen Jacke gar gewogen gewesen war, sandte er regelmäßig eine Karte zu seinen Soirées . Die gute Frau hatte jedoch in den letzten Jahren ihre Ecke am Camin nicht mehr verlassen. Der Lärmen des fashionabeln Lebens war wirklich für ihre Nerven zu stark und die Einladung war zu einer herkömmlichen Förmlichkeit geworden, der keine weitere Bedeutung mehr beigelegt, aber die dessen ungeachtet nie verabsäumt wurde. Als Paul jetzt sein sechszehntes Jahr erreichte und ein hübscher, gewandter Junge war, dachte die Dame: er könnte jetzt die Inhaberin des Krugs vortrefflich vertreten; und für ihren Pflegsohn wurde ein Ball bei Bachelor Bill kein unpassender Anfang zum Leben in London seyn. Sie legte also dem Junggesellen ihren dahin gehenden Wunsch ans Herz und Paul erhielt folgende Einladung von Bill: »Herr William Duke giebt nächsten Montag Tanz und Imbiß auf bescheidnem Fuß und hofft, Herr Paul Lobkins werde dabei erscheinen. NB. Man erwartet, daß die Herrn in weiten Beinkleidern erscheinen.« Als Paul eintrat, eröffnete eben Bachelor Bill den Ball, nach der Melodie: »Schlückchen Brantwein,« mit einer jungen Dame, gegen welche, weil sie eine wandernde Schauspielerin gewesen, die Aufsicht führenden Damen von Fidler's Row ein sehr abgemessen-förmliches Benehmen angemessen gefunden hatten. Der gute Junggeselle hatte, wie er sich ausdrückte, keinen Begriff von solchem Schnikschnak, und er sorgte dafür, daß unter den feinsten Besen verbreitet wurde: er erwarte, daß alle, welche in seinem Hause hopsten und stampften, der jungen Mrs. Dot höflich und anständig begegnen werden. Diese vertrauliche Mittheilung, welche den Schönen mit all der einschmeichelnden Feinheit gemacht wurde, wodurch Bachelor Bill sich so sehr auszeichnet, brachte eine sichtliche Wirkung hervor; und Mrs. Dot, die jetzt mit dem stattlichen Junggesellen den Vortanz gemacht, wurde den übrigen Abend mit Höflichkeiten überhäuft. Als der Tanz zu Ende war, schüttelte Bill sehr artig Paul die Hände und nahm bald die Gelegenheit wahr, ihn einigen der Notabilitäten der Stadt vorzustellen. Zu diesen gehörte der schmucke Herr Allfair, der einschmeichelnde Henry Finish, der lustige Jack Hookey, der einsichtsvolle Charles Trywit und noch verschiedne Andere, ebenso berühmt durch ihre Geschicklichkeit, bequem von ihren Geistesgaben und dem Gut andrer Leute zu leben. Die Wahrheit zu sagen, Paul, damals noch ein ehrlicher Bursch, fand an der Unterhaltung dieser Industrieritter weniger Geschmack als er erwartet. Mehr gefielen ihm die klugen, obwol selbstgefälligen Bemerkungen eines Herrn mit einem vorzüglich üppigen Haarwuchs, welchen wir nachdrücklicher als die übrigen unserem Leser empfohlen haben wollen, unter dem Namen eines Herrn Edward Pepper , gewöhnlich der lange Ned genannt. Da dieser trefflichen Person vom Schicksal bestimmt war, ein vertrauter Genosse von Paul zu werden, so war unser Hauptabsehen dabei, daß wir den Hopstanz bei Bachelor Bill schildern, das ist: den Zeitpunkt, wo diese Bekanntschaft ihren Anfang nahm, zu bestimmen, wie es die Wichtigkeit eines solchen Ereignisses erheischt. Der lange Ned und Paul kamen zufällig bei Tische nebeneinander zu sitzen und verkehrten so freundschaftlich mit einander, daß Paul, dem das Herz aufgieng, die Hoffnung ausdrückte, Herrn Pepper in dem Krug zu sehen. »Krug – Krug« Im Englischen Mug , wovon der Sektenname Muggletonians abgeleitet wird. Das Wortspiel läßt sich wie so viele andere, nicht wiedergeben. wiederholte Pepper mit halbzugedrückten Augen und dem Tone eines Dandy, der im Begriff ist eine Grobheit zu sagen, »ah, der Name eines Conventikels, oder nicht? Es gibt eine Sekte, Muggledonier genannt – mein' ich?« »Was das betrifft,« erwiederte Paul, bei dieser Beschuldigung für den Krug erröthend, »die Frau Lobkins hat nicht mehr Religion als Leute, die mehr sind denn sie; aber der Krug ist ein sehr vortreffliches Haus und von der besten Gesellschaft besucht, die es geben kann.« »Zweifle gar nicht daran!« sagte Ned. »Erinnere mich jetzt, daß ich einmal dort war und einen Dummie Dummaker sah – heißt er nicht so? Ich besinne mich, vor einigen Jahren, da ich in das Leben eintrat, hatten Dummie und ich ein Abenteuer zusammen; Euch die Wahrheit zu gestehen, es war nicht von der Art, die mir jetzt zusagen würde. Aber, werdet Ihr es glauben, Herr Paul? dieser erbärmliche Geselle war das einzigemal, daß ich ihn seither sah, ganz grob gegen mich; das heißt, das einzigemal, da ich in den Krug kam. Ich kann solches vornehme Wesen an einem Händler – an einem Lumpenhändler nicht begreifen, diese Trödelbursche werden ganz unerträglich.« »Ihr seht mich in Erstaunen!« sagte Paul. »Der gute Dummie ließe es sich am letzten einfallen, grob zu seyn. Er ist ein so höfliches Geschöpf als je lebte.« »Oder Lumpen verkaufte!« sagte Ned. »Möglich. Bezweifle seine lobenswerthen Eigenschaften im Geringsten nicht. Gebt den Humpen herum, guter Freund. – Unsinniges Zeug, das Tanzen da!« »Verteufelter Unsinn!« scholl das Echo von Harry Finish über den Tisch herüber zurück. »Was meint Ihr, wir ziehen nach Fishlane und klappern mit den Würfeln? Was sagt Ihr dazu, Herr Lobkins?« Bange vor »des Tons unholdem Spott, dem kaum der Stolz des Filosofen trotzt,« und nicht fürs Tanzen eingenommen, gab Paul dem Vorschlag seine Zustimmung und eine kleine Truppe, bestehend aus Harry Finish, Allfair, dem langen Ned und Herr Hookey verfügte sich nach Fishlane, wo ein Club war – sehr berühmt bei den Männern, welche von ihrem Witz leben, und wo Schnaps und Magenwasser aufs splendideste unentgeltlich abgereicht wurden. Hier wurde der Abend sehr ergötzlich hingebracht und Paul ging heim ohne einen Rothen in der Tasche. Von dieser Zeit an wurden leider Pauls Besuche in Fishlane regelmäßig und binnen sehr kurzer Frist gelangte, wir sagen es mit Bedauern, Paul zu dem ausgezeichneten Charakter eines Mannes mit drei durchlöcherten Dingen – durchlöchertem Beutel, durchlöchertem Ellbogen, und durchlöchertem Credit. Die einzigen zwei Personen, welche sich dazu verstanden, ihm mit einem schwachen Anlehen an die Hand zu gehen, wie es in den mit X.Y. unterzeichneten Bekanntmachungen heißt, waren Herr Dummie Dummaker und Herr Pepper, zubenamst der Lange. Letzterer jedoch ließ sich, wenn er auch dem Erben vom Krug sich gefällig erwies, nie herab, dieses ausgezeichnete Gasthaus zu betreten, und wenn jener gutherzig seine Börsenschnüre aufthat, so geschah es nie ohne eine dringende Warnung, die Bekanntschaft mit dem langen Ned zu meiden. »Eine Berschon,« sagte Dummie, »von sehr gefährlichen Grundsätzen, und keineswegs eine baßliche Gesellschaft für einen jungen Herrn von Karakder, wie der kleine Paul.« So ernst gemeint war diese Warnung und so ausschließlich auf den langen Ned gezielt, obwohl man die Gesellschaft des Herrn Allfair oder Herrn Finish nicht minder bedenklich hätte finden können, daß es wahrscheinlich wird: das übermüthige, stolze Wesen, welches, wie Lord Normanby in einer seiner trefflichen Novellen richtig bemerkt, so viele Feindschaften in der Welt stiftet, und das zuweilen dem Benehmen des langen Ned eigen war, und namentlich gegenüber von dem Handelsmann, sey der Hauptgrund gewesen, warum Dummie so scharf und mit so besonderem Ingrimm der Unsittlichkeit des langgewachsenen Herrn aufsaß. Zugleich müssen wir bemerken, daß, wenn Paul, der Worte Peppers über sein früheres Abenteuer mit Herr Dummaker sich erinnernd, sie dem Händler wieder anführte, Dummie eine gewisse Bestürzung nicht verhehlen konnte, obgleich er nur mit einer Art von Lachen äußerte, die Sache sey nicht der Rede werth; und es schien Paul außer Zweifel, daß in der Erinnerung an diese frühere Bekanntschaft für den Lumpenmann eine widrige Empfindung laure, die der unbefangne Pepper nicht theilte. Wie dieß seyn mochte, der Umstand entfiel den Augenblick nachher der Aufmerksamkeit Pauls; und er widmete, wir müssen es gestehen, den Warnungen gegen Ned, womit Dummie ihm anlag, eben so wenig Rücksicht. Vielleicht war bei Paul (denn wir müssen jetzt auch einen Blick auf seine häuslichen Verhältnisse werfen) eine Hauptursache, welche ihn nach Fishlane trieb, das unbehagliche Leben, das er zu Hause führte. Denn obgleich Mrs. Lobkins äußerst zärtlich für ihr Pflegkind war, hatte sie doch, wie ihre Gäste sich kräftig ausdrückten: den Teufel im Leib, und da ihre natürliche Derbheit nie durch solche Schilderungen des anmuthigeren Lebens gemildert worden war, wie sie in manchen Romanen und komischen Schnurren das Gemüth des schwärmerischen Pauls verfeinert hatten, so war ihre Art, ihre mütterlichen Vorwürfe an den Mann zu bringen, für einen jungen Burschen von einigem Zartgefühl gewiß nicht wenig empörend. In der That kam es ihm oft in den Sinn, ihr Haus ganz zu verlassen und auf eigene Faust sein Glück zu suchen, nach dem Muster des sinnreichen Gil Blas oder des unternehmenden Roderick Random; und dieser Gedanke, obgleich verworfen und wieder verworfen, dehnte und befestigte sich doch allmählig in seinem Herzen, wie die Haarkugel anwächst, die man im Magen mancher kranken Kühe nach ihrem Tode findet. Der Leser wird später erfahren, wie unter diesen Unternehnmungs-Entwürfen ein früher Traum von der grünen Waldhöhle, worin Turpin mit einem Freund, einer Schweinskeule und einer Gattin sich zu verbergen pflegte, ihm durch den Sinn ging. Damals neigte er sich vielleicht noch nicht zu der Art von Leben und Treiben, wie es der Held der Landstraßen übte; aber er hielt darum nicht minder lebhaft an dem Bilde der Höhle fest. Der traurig einförmige Verlauf von unsres Helden Leben stand indeß eben auf dem Punkt, durch eine unerwartete Wendung eine neue Richtung zu bekommen und die unreifen Gedanken des Knabenalters sollten wie Ghilan's Riesenpalmen zur Frucht des männlichen Entschlusses aufbrechen. Zu den hervorstechenden Zügen im Charakter der Mrs. Lobkins gehörte auch eine grenzenlose Verachtung gegen Alles was Unglück hieß; die Unklugheit und der Unstern Paul's erregten in ihr eben so viel Geringschätzung als Mitleid. Und als er, zum drittenmal binnen einer Woche, mit jämmerlicher Miene und leeren Taschen, vor dem großen Stuhl der Dame stand, mit der Bitte um eine Taschengeldszulage – da ging der Strom ihres Zorns in hohen übel schwellenden Wogen. »Siehscht Du, liederliches Bürschchen,« sagte sie, und um ihrem Aussehen eine eigenthümliche Würde zu verleihen, setzte sie unter dem Sprechen eine ungeheure zinnerne Brille auf die Nase, »wenn es so ischt, daß Du meinscht, ich werde Dir für Deine nichtsnutzigen Ausgaben eine Zulage geben, so bischt Du ganz und gar auf dem Holzweg. Schlag mich der und jener, wenn ich Dir noch Nagelsgroß gebe.« »Aber ich bin dem langen Ned eine Guinee schuldig,« sagte Paul, »und Dummie Dummaker lieh mir drei Kronen. Es steht Eurem muthmaßlichen Erben, meine liebe Frau, übel an, bei Ehrenschulden Ausflüchte zu suchen.« »Lirum, larum, glaub' nur nicht, Du könnescht mir mit Deinen Schulden und Deiner Ehre einen Bären aufbinden,« sagte die Dame in Leidenschaft. »Der lange Ned hat so lange Gabeln , als er einen Rücken hat; möge der alte Harry mit ihm davonfliegen! und was Dummie Dummaker bedrifft, so nimmt mich's Wunder, wie Du, der Du wie ein Herrenkind erzogen worden bischt und die allerfürnehmste Berziehung genossen hascht, mit so gemeiner Gesellschaft Dich einlassen magscht. Will Dir was sagen, Paul, muscht dran glauben und mit ihnen brechen Knall und Fall, ober Du hast den letzden Pfenning von Peg Lobkins gesehen!« Mit diesen Worten drehte sich die alte Dame in ihrem Sessel herum und langte sich eine Pfeife Tabak. Paul gieng zweimal in der Stube auf und ab und blieb zuletzt vor dem Sessel des Weibes stehen; er war ein hitziger Junge und obgleich er ein warmes Herz und eine Liebe zu Mrs. Lobkins hatte, welche ihre Sorgfalt und Zärtlichkeit für ihn wohl verdiente, war er doch ungeschlachter Gemüthsart und nicht immer sanft in seinen Reden; zwar machte ihm sein Herz jedesmal nachher Vorwürfe, wenn er der Mrs. Lobkins etwas Anstößiges gesagt hatte und er war immer der Erste, der eine Aussöhnung suchte; aber heiße Worte erkälten die Achtung und das Bedauern des Vergangenen ist nicht immer eine Bürgschaft für Besserung in der Zukunft. Paul also, aufgebläht durch die Einbildung auf seine vornehme Erziehung und die Freundschaft des langen Ned (der nach Ranelagh kam und Strümpfe mit silbernen Zwickeln trug), blieb vor dem Stuhle der Frau Lobkins stehen und sagte mit großer Feierlichkeit – »Herr Pepper, Madame, bemerkt sehr richtig, daß ich Geld haben muß, um mich als Gentleman sehen zu lassen; und wenn Ihr es mir nicht geben wollt, so bin ich entschlossen, mit vielem Dank für Eure mir erwiesenen Gutthaten in die weite Welt zu gehen, und mein Glück zu suchen.« Wenn Paul eben keine geschmeidige und nachgiebsame Gemüthsart hatte, so hatte Frau Grete Lobkins, wie man schon gesehen hat, in diesem Kapitel nichts vor ihm voraus; wir dürfen bei dem Leser die Beobachtung voraussetzen, daß Leute, von welchen man abhängig ist, nichts so sehr in Wuth setzt, als der ausgesprochene Entschluß, die Unabhängigkeit suchen zu wollen. Einen Augenblick also sah die Dame Lobkins Paul in sein offenes aber entschlossenes Angesicht; alles Blut in ihren Adern schien als Feuer und Scharlach ihre weitläufigen Wangen zu überströmen und sie brach los: »Alle Hader, Junker Obenhinaus! selbscht Dein Glück suchen willscht Du? das hab' ich davon, daß ich Dich aufgezogen und Dir das Brod des Müßiggangs und der Zärtlichkeit hab' zu essen gegeben, Du Tausendsasa! Nimm dieß und geh zum T – –!« und eine entsprechende Bewegung begleitete ihre Worte; der Pfeifenkopf, den sie aus dem Munde genommen, um ihren zärtlichen Vorwürfen den Lauf zu lassen, schwirrte durch die Luft, streifte Pauls Wange und vollendete seine Bahn durch ein heftiges Zusammenstoßen mit dem rechten Auge Dummie Dummakers, der gerade in diesem Augenblick ins Zimmer trat. Paul hatte sich einen Augenblick gebückt, um der Sendung auszuweichen; im nächsten stand er schon wieder kerzengerade da; seine Wangen glühten, seine Brust hob sich, und der Eintritt Dummie Dummakers, der auf diese Art Zeuge der erlittenen Beschimpfung wurde, empörte sein Blut zu noch grimmigerem Aufruhr und machte seine Demüthigung noch bitterer; alle frühergefaßten Plane zur Entweichung, alle die harten Worte, die plumpen Anspielungen, die thätlichen Mißhandlungen, die er irgend je erfahren hatte, stürmten jetzt vereint auf ihn ein. Er warf nur Einen Blick auf das alte Weib, dessen Wuth sich schon halb gelegt hatte, und wandte sich langsam und schweigend der Thüre zu. Oft setzt uns etwas, das uns begegnet, in Unruhe, blos deßwegen, weil es das uns Unerwartetste ist; die schlaue Frau Lobkins, bekannt mit Pauls trotzigem Wesen und hitzigen Leidenschaften, hatte einen Ausbruch der Wuth, eine heftige Antwort erwartet, und als sie jetzt mit unstetem Auge seinen Abschiedsblick erhaschte und ihn so duldend und stumm auf die Thüre zugehen sah, da schoß ihr das Blatt, sie stand von ihrem Sessel auf und eilte auf ihn zu. Zum Unglück für ihre Hoffnung auf Versöhnung hatte sie an diesem Tage der Flasche reichlicher als gewöhnlich zugesprochen und die Merkmale des Rausches, die in ihrem unsichern Gang, ihrem ausdrucklosen Auge, ihrem stieren Blick, ihren hochrothen Wangen sich kund gaben, – Alles dieß flößte Paul Gefühle ein, welche in diesem Augenblick die Empfindlichkeit in eine Art von Verachtung verwandelten. Er flüchtete vor ihrer Berührung an die Schwelle. »Wo willscht Du hin, Du Allerweltsranke!« rief die Dame, »nimm Dich zusammen und sprich nicht mehr von der Sache, sey ein gescheudter Junge und Du sollscht den Beddel haben!« Aber Paul achtete nicht auf diese Einladung. »Ich will nicht länger das Brod des Müßiggangs und der Zärtlichkeit essen,« sagte er mürrisch. »Gott befohlen! und wenn ich Euch je erstatten kann, was ich Euch gekostet, so werde ich es thun.« Mit diesen Worten kehrte er sich ab, und die Dame, der bei dieser unziemlichen Erwiederung auf ihr freundliches Anerbieten die Galle überlief, schrie hinter ihm drein und beschwor den Herrn in schwarzer Tracht, der drunten den Feuerdienst besorgt, ihn zu begleiten. Die Brust voll von Verdruß, Stolz, Schaam und einem halb freudigen Gefühl errungener Unabhängigkeit, ging Paul seines Wegs, er wußte selbst nicht wohin. Er trug den Kopf nach vornehmer Manier und seine Beine nahmen von selbst einen stolzen militärischen Gang an. Er war noch nicht weit gekommen, als er seinen Namen hinter sich rufen hörte; er drehte sich um und sah das klägliche Gesicht Dummie Dummakers. Diese achtbare Person hatte beim letzten Theil der beschriebenen Scene eine sehr unschuldige Rolle gespielt; er beschäftigte sich mit seinem beschädigten Auge und brummte filosofische Bemerkungen über die Gefahren, welchen sich Jeder aussetze, der mit Damen von cholerischem Temperament Bekanntschaft habe, als Mrs. Lobkins sich nach Pauls Abgang rund umsah und die jammervolle Gestalt Dummie Dummakers erblickte, dessen Namen, wie sie sich erinnerte, von Paul in seiner Mittheilung an sie genannt worden war. Vermöge einer unlogischen Verwirrung der Gedanken betrachtete sie ihn deßhalb als einen bei dem letzten Streit Betheiligten und erschöpfte gegen ihn alle ihre Wuth, welche auf irgend eine Weise auszulassen, ohne Leben und Gesundheit aufs Spiel zu setzen, sie nicht umhin konnte. Sie packte den kleinen Mann beim Kragen – die allerempfindlichste Stelle bei Herren von solchen Lebensverhältnissen, gab ihm einen Streich, der das andere, bisher unbeschädigt gebliebne Auge traf, und schrie: »Ich will Euch lehren, Ihr Blutsauger, Leute, die Aussichten haben, wie Schwämme ausbressen! Ich will Euch lehren, den Erben des Krugs schnüren, Ihr rotziges, milchsichdiges Gespenscht von einer Pfennigkerze. Was, Ihr leiht meinem Paul drei Kronen, Ihr? und wißt Ihr noch wie Ihr sagdet, Ihr könnet mir einen elenden Budel Schnabs nicht bezahlen! Oh Ihr seyd ein Luchs, muß sagen, aber Grete Lobkins sollt Ihr nicht beluchsen. Aus meinen Pfählen, Ihr schmutziger Hund! aus meinen Pfählen! Und wenn meine Linser Euch je wieder ansichdig werden, oder wenn ich je höre, daß Ihr meinen Paul für Narren habt, fekel mich der Stäches, so will ich Euch ein hänfenes Halsband weben, ich will Dich hängen, Du Hund! ja das will ich. Was, Du willscht mir antworden, willscht! O Du Schlangengezücht, fort marschier Dich!« Vergebens betheuerte Dummie seine Unschuld. Ein kräftiger Fußtritt brach alle weitern Unterhandlungen ab. Er gab Versengeld im Krug; und die Wirthin zottelte in ihren Armstuhl zurück, suchte sich eine andere Pfeife und tröstete sich, wie alle mit reicher Einbildungskraft gesegnete Menschen, wenn die Welt übel mit ihnen umspringt, durch die Schöpfungen von Rauch für das in der Wirklichkeit Mangelnde. Bittre Gedanken im Herzen und bittre Worte im Mund, holte nun Dummie Dummaker Paul ein und beschuldigte den Jüngling, daß er die Veranlassung zu den eben eingenommnen Beleidigungen gewesen. Paul war gerade nicht in der besten Stimmung um geduldig Vorwürfe anzuhören; er antwortete Dummie sehr kurz angebunden und dieß achtbare Individuum, das noch seine Beulen schmerzten, erwiederte ihm mit gleicher Derbheit. Der Wortwechsel wurde lebhaft, und endlich ballte Paul, nach dem Ende des Zwiegesprächs verlangend, die Faust, und erklärte dem furchtbaren Dummie, er wolle ihn zu Boden strecken . Es liegt etwas ganz besonders Rauhes und Betäubendes in diesen drei harten, eisernen, handfesten, hammerartigen, kurzen Worten. Ihr Klang schon macht, daß man doppelte Kraft in den Fäusten fühlt, wenn man ein Held, und in den Füßen, wenn man ein Mann des Friedens ist. Sie brachten bei Dummie Dummaker, unterstützt durch den Eindruck einer athletischen, jugendlichen, beinah schon 6 Fuß hohen Gestalt, flammende Wangen, und ein Leidenschaft und Entschlossenheit verkündendes Auge eine augenblickliche Wirkung hervor. Die Stimme des Lumpenhändlers sank auf Einmal herab und mit der Miene eines gekränkten Cassius wimmerte er die Worte: »Mich zu Boden strecken! O kleiner Paul, was sind das für verruchde Worde? Was! Dummie Dummaker, der Euch oft und viel auf den Knien gautschte! wie, das Herz des Jungen ischt so hart als Juchdenleder und so übermüdig, wie der Hund eines Gärdners mit einem Blumenstrauß auf 'm Buckel.« Diese pathetische Vorstellung besänftigte Pauls Grimm. »Gut, Dummie,« sagte er lachend, »ich wollte Euch nichts zu Leide thun, und die Sache beruht auf sich; auch bedaure ich das schlimme Benehmen der Frau sehr; und somit wünsche ich Euch guten Morgen.« »Wie, wohin wollt Ihr denn springen, kleiner Paul?« sagte Dummie und faßte ihn beim Rockkragen. »Das mag der Henker wissen,« antwortete unser Held, »aber ich denke, ich will einmal bei dem langen Ned einsprechen!« »Kommt her!« sagte Dummie ganz leise flüsternd, »wenn Ihr nicht plaudern wollt, will ich Euch was von einem Geheimniß sagen. Ich höre, der lange Ned ischt nach Hampshire aufgebrochen, diesen Morgen erst, zu einer Strade .« »Ha!« sagte Paul, »dann laß ich mich hängen, wenn ich weiß was ich thun soll.« Als er diese Worte aussprach, drängte sich ihm das Gefühl seiner Hülflosigkeit, wenn er dabei beharrte, den Krug zu meiden, lebhafter auf, als er bisher empfunden hatte; denn Paul hatte den Plan gehabt, eine Zeitlang der Gastfreundschaft seines Patagonischen Freundes sich anzuvertrauen, und nun er vernahm, daß dieser Freund von London abwesend und auf eine so halsbrechende Unternehmung aus sey, war er ein wenig in Verlegenheit, was er mit dem Schatz von Einsicht und Weisheit anfangen sollte, den er mit sich herum trug. Er hatte schon so viel Scharfblick gewonnen (denn Charles Trywit und Harry Finish waren treffliche Meister, um Einen in die Kenntniß der Welt einzuweihen), um einzusehen, daß ein Mensch, wie bewundernswerthe Eigenschaften er auch besitze, selten eine gute Aufnahme findet, wenn er keinen Pfennig in der Tasche hat. In der Nachbarschaft von Thames-Court hatte er zwar viele Bekannte; aber die Vornehmheit seiner Sprache, die er sich durch seine Erziehung erworben, und die Feinheit seines Betragens, worin er in glücklicher Vereinbarung die höfliche Keckheit des langen Herrn Ned mit der ammuthigen Nachläßigkeit des Herrn Augustus Tomlinson zu verbinden sich bestrebte, hatten ihm unter diesen Bekanntschaften viele Feinde zugezogen; und er hatte keine Lust – so groß war der Stolz unsres Helden – es auf ihre ungewisse Aufnahme ankommen zu lassen, oder seine heimathlose und betrübte Lage gleichsam zur Schau zu stellen. Die guten Kameraden anlangend, welche ihm geholfen hatten, aus seinen Taschen Wüsten zu machen, so hatte er bereits eingesehen, daß dieß die einzige Art von Hülfe sey, zu deren Leistung sie Bereitwilligkeit zeigten; mit einem Wort, er konnte um sein Leben nicht ausfindig machen, an welchem Ort er die Segnungen eines Bettes und Obdachs zu suchen habe. Wie er so, mit dem Finger am Mund, unschlüssig und nachdenklich dastand, aber wenigstens über Einen Punkt fest entschlossen: nicht in den Krug zurückzugehen: sah ihm Dummie, im Grund des Herzens ein gutmüthiger Bursche, ins Gesicht und sagte: »Nun, Paul, mein Jüngelchen, ihr hängt den Kopf und seht unter Euch – blickt auf! der Verdruß bringt eine Katze um!« Als er bemerkte, wie auch diese geeignete und ermuthigende Anführung aus der Naturgeschichte die Wolke auf Pauls Stirne nicht verminderte, ging der scharfsinnige Dummie Dummaker mit Einemmal zu dem großen, nach seiner tiefsinnigen Ansicht für alle Uebel unfehlbaren Heilmittel über. »Paul, mein Bürschchen,« sagte er mit einem vielsagenden Wink, indem er den jungen Mann am linken Arm faßte, »was sagt Ihr zu 'nem Schlückchen blauen Tod? oder da Ihr gern herrenmäßig duht, es kommt mir nicht darauf an, Euch ein Glas Porter hinzustellen.« Während Dummaker diese Einladung vorbrachte, durchzuckte plötzlich eine Erinnerung Pauls Seele; er besann sich mit Einemmale auf Mac Grawler, und er beschloß sofort, die Wohnung des erleuchteten Weisen aufzusuchen und wenigstens um eine Unterkunft für die nächste Nacht anzusuchen. Sobald er zu diesem Entschluß gekommen war, machte er sich von den Händen des zuthätigen Dummie los, lehnte mit vielen Danksagungen seine gastliche Einladung ab, und ersuchte ihn nur, aus dem Hause der Dame solche Sachen, wie Weißzeug und Kleider von Paul, welche während des Abendschlummers der Alten von dem listigen Dummaker leicht einmal konnten abgeführt werden, mitzunehmen und bei sich zu behalten, bis man sie ihm abfordere. Der Händler versprach pünktliche Vollziehung des Auftrags; und Paul schüttelte ihm die Hand und begab sich nach der Behausung von Mac Grawler. Wir müssen jetzt in dem natürlichen Verlauf unserer Erzählung einige Schritte rückwärts thun, und bemerken, daß unter den kleinen Ursachen, welche sich mit der Hauptsache, der Spielwuth, verschworen hatten, unsern trefflichen Paul in die gegenwärtige Lage zu versetzen, auch sein vertrautes Verhältniß zu Mac Grawler war. Als nemlich Pauls zunehmende Jahre und zügellose Lebensweise dem Unterricht des Weisen ein Ende gemacht hatten, wurden dadurch die Finanzen des Lehrmeisters um die Summe von wöchentlich zwei Schilling sechs Pfennige verkürzt, neben dem, daß die freie Benützung von Keller und Speisekammer der Dame, verloren ging; und wie denn vermöge eines in den Gefühlen eintretenden Wechsels und des verkehrten Laufs der menschlichen Dinge, die Leute gewöhnlich solche Handlungen am meisten bereuen, für welche sie einst den größten Eifer hegten: so warf sich jetzt die gute Mrs. Lobkins, im Wahne, Pauls unordentliches Leben rühre ganz von den Kenntnissen her, die er aus Mac Grawlers Unterweisung geschöpft, ihre frühere Thorheit vor, daß sie für ihren Pflegesohn eine vornehmere Erziehung gesucht habe; ja, sie schüttete sogar auf das heilige Haupt Mac Grawlers ihren Unmuth über die Folgen seines Unterrichts aus. So auch, wenn ein Mensch, der buchstabiren kann, gehängt wird, klagen die Erziehungsfeinde das Buchstabirbuch wegen seines Todes an. Heftige Worte zwischen der Bewundrerin unwissender Unschuld und dem Verbreiter wissenschaftlicher Aufklärung folgten und endeten zuletzt mit Mac Grawlers Ausstoßung aus dem Krug. Es giebt heut zu Tage junge Gentlemen, eifrige Anhänger von Byron's Poesie und seinen neuen, auffallenden Reimen, welche sich ein Vergnügen daraus machen, uns gütig zu belehren, sie seyen zum Verderben aller Derer geboren, welche sie lieben; ein interessanter Fall, ohne Zweifel, den sie aber eben so gut für sich behalten könnten. Nach dem Inhalt dieses Kapitels könnte es scheinen, über Paul habe derselbe Unstern gewaltet. Die Verbannung Mac Grawlers, die Beleidigungen, die Dummie Dummaker erfahren – gleicherweise durch ihn veranlaßt, scheinen diese Meinung zu bestätigen. Unglücklicherweise war Paul, obgleich ein Poet, doch nicht sehr sentimental, und er hat nie in erbaulichen Klaggedichten seinen Schmerz über diese Unfälle verewigt. Aber bei Mac Grawler, so gut wie bei Dummaker, stand es fest: unser Held solle den Fluch seines Unsterns empfinden; und da er noch einigen Einfluß auf das Gemüth seines ehmaligen Zöglings behalten hatte, waren seine Anschuldigungen gegen Paul, als die Ursache seiner Verbannung, von einem großen Erfolge begleitet, als die Klagen Dummie Dummakers über einen verwandten Unfall. Paul, der, wie so viele Taugenichtse, das beste Herz hatte, war über Mac Grawlers Verbannung um seinetwillen, sehr bekümmert, und er suchte dafür durch solche Geldopfer, wie er sie zu leisten im Stande war, Buße zu thun. Mac Grawler, natürlich nur von dem wohlwollenden Wunsche geleitet, seine Gewissensbisse zu lindern, trug kein Bedenken sie anzunehmen, und auf diese Weise verschwor sich der tugendhafte Mac Grawler (so ähnlich sind sich oft die Wirkungen der Tugend und des Lasters) mit dem lockern langen Ned und dem herzlosen Henry Finish, die untröstliche Ebbe hervorzubringen, welche jetzt Pauls Taschen trocken legte. Als unser Held langsam dem Wohnsitz des Weisen sich näherte, und von dessen Dankbarkeit und Freundschaft sich wenigstens für einige Zeit Dach und Fach versprach, zuckte einer jener leuchtenden Gedankenblitze, welche öfters den tiefsten Abgrund des Kummers erhellen, auf einmal durch seine Seele. Indem er sich das Bild des Kritikers vergegenwärtigte, erinnerte er sich, diese Zierde des Asinäums ordentliche Summen für seine kritischen Nachtarbeiten einnehmen gesehen zu haben. »Ey,« dachte Paul, der diese Thatsache ergriff und in der Straße stehen blieb, »ey, sollt' ich nicht selbst ein Kritiker werden?« Die einzige Person, der man nie eine Frage vorlegt, ohne einer befriedigenden Antwort im Voraus ziemlich gewiß zu seyn, ist – unser liebes Selbst! Sobald in Paul der lichte Gedanke aufgestiegen war, schien es ihm, als hätte er die Minen von Potosi entdeckt. Brennend vor Ungeduld, mit dem großen Mac Grawler die Ausführbarkeit seines Plans zu besprechen, beschleunigte er seinen Schritt beinahe zum Rennen und in wenigen Minuten, nachdem er blos einen Schornsteinfeger und zwei Apfelhändlerinnen, die am Wege saßen, über den Haufen gerannt, kam er an der Thüre des Weisen an. Fünftes Kapitel. O Königreiche, die kein Aug erblickt! O Federn, von ergrimmter Hand gezückt! Laßt, Fürsten der Kritik, in treuen Bildern Mich Eures Treibens myst'sche Wunder schildern. Virg. Aen. VI. B. Das Glück hatte dem Herrn Mac Grawler gelächelt, seit er zuerst den Unterricht bei dem Pflegsohn der Mrs. Lobkins übernommen. Er bewohnte jetzt einen zweiten Stock und sprach dem Sheriff und seinen bösen Geistern Hohn. Es war bei anbrechendem Abend, als Paul ihn zu Hause und allein antraf. Vor dem gewaltigen Mann stand ein Krug mit Londoner Porter; eine Kerze mit unbeschnittenem Docht warf ihr einsames Licht auf seine Arbeiten, und eine junge Katze spielte schäckernd zu seinen gelehrten Füßen und vertrieb sich die träge Zeit mit den Resten der Zipfelkappe, womit der Kritiker bisher, statt eines Lorbeers, des Nachts seine Stirne geschmückt hatte. Sobald Mac Grawler durch die trübe Rauchwolke, welche in dem Zimmer schwebte, hindurch, die eintretende Person erkannt hatte, runzelte er die Stirne. »Hab' ich es Euch nicht gesagt, junger Herr!« knurrte er, »Ihr sollet nie ohne vorher zu pochen in eines Gentleman Zimmer treten? Ich sag' Euch, Sir, Lebensart ist nicht minder wesentlich zum menschlichen Glück, als Tugend; stört also nicht einen Gentleman in seinen Geschäften und setzt Euch nieder, ohne die Katze zu belästigen.« Paul, wohl wissend, daß sein verehrter Lehrmeister es ungern sah, wenn Jemand der Quelle des wunderbaren Geistes, den er seinen kritischen Werken einhauchte, auf die Spur kam, stellte sich, als sehe er die zinnerne Hippokrene nicht, und unter vielen Entschuldigungen wegen der unterlassnen Höflichkeit beim Eintreten setzte er sich wie er angewiesen war. Dann entspann sich folgendes erbauliche Gespräch. »Die Alten,« begann Paul, »waren sehr große Männer, Herr Mac Grawler.« »Das waren sie, Sir,« erwiederte der Kritiker, »wir machen die Erörterung dieser Wahrheit zu einem Hauptgrundsatz in unserer gelehrten Thätigkeit.« »Aber Sir,« sagte Paul, »dann und wann haben sie doch Unrecht.« »Nie! ignoramus , nie!« »Sie lobten die Armuth, Herr Mac Grawler!« sagte Paul mit einem Seufzer. »Hm!« versetzte der Kritiker, ein wenig verblüfft; fand aber sogleich seinen eigenthümlichen Scharfsinn wieder und bemerkte: »Es ist wahr, Paul; aber nur die Armuth bei andern/i\> Leuten.« Hier entstand eine kleine Pause. »Kritik,« fieng Paul wieder an, »muß eine sehr schwierige Kunst seyn.« »Ah! – hm! und welche Kunst giebt es, Sir, die nicht schwer wäre? wenigstens wenn man es zur Meisterschaft bringen will.« »Wahr,« seufzte Paul, »oder sonst – –« »Oder was sonst, Knabe?« wiederholte Herr Mac Grawler, der bemerkte, daß Paul entweder aus Furcht vor seiner überlegnen Einsicht (und dieß nahm die Eitelkeit des Kritikers an), oder, was eben so leicht möglich war, aus Mangel an einem bezeichnenden Worte für seine Gedanken!, stockte. »Nun, ich dachte, Sir,« sagte Paul mit dem Muthe der Verzweiflung, welcher der Stimme eines Jeden, welcher sein Schicksal auf Einen Wurf setzt, oder zu sehen meint, einen so scharfen und lauten Ton giebt. »Ich dachte, ich könnte selbst auch wohl ein Kritiker werden!« »Uh – hu,« ließ sich Mac Grawler vernehmen, und zog die Augenbraunen in die Höhe. »Uh –hu! große Dinge sind aus kleinem Anfang hervorgegangen.« So ermuthigend diese Aeußerung war, entfliessend dem Munde eines so großen Mannes und Kritikers, und zudem in einem Augenblick, da man nichts geringeres als einen Bannfluch gegen Hochmuth und Anmaßung aus diesen Pforten der Weisheit zu vernehmen erwarten konnte: so würden doch, so trüglich sind alle menschlichen Hoffnungen, es würden die, welche Paul hegte, um etwas Beträchtliches herabgestimmt worden seyn, wenn er, eben als sein Ohr den Balsam dieser anmuthigen Worte einschlürfte, in die Quelle, aus der sie entsprangen, hätte hinabtauchen können. »Kenne dich selbst!« war eine Lehre, welche zu befolgen der weise Mac Grawler sich bemüht hatte; und das Ergebnis seiner Folgsamkeit war, daß er sich selbst mehr kannte, als er sich zutraute. Wie er auch Andern erscheinen mochte: er selbst hatte in Wahrheit kein eitles Vertrauen zu der Unfehlbarkeit seiner Talente und Hülfsquellen, eben so gut könnte ein Fleischer sich von dem häufigen Abschneiden von Hammelsfüßen her für einen vollendeten Anatomen halten, als der Kritiker des Asinäums, seiner Seele mit dem süßduftenden Wahne schmeicheln: er sey in der That ein Meister in der Kunst der Kritik, oder auch nur mit einem ihrer gemeinsten Grundsätze vertraut, weil er mit der größten Eile jedes Buch aufschneiden und zerstückeln konnte – vom kleinsten bis zum größten, vom oberflächlichsten bis zum tiefsinnigsten, und so hatte er nie der Aufrichtigkeit so ermangelt, daß er sich selbst über seine Talente getäuscht hätte. Paul hatte also nicht sobald seinen Wunsch geäußert, als ein unbestimmtes aber goldnes Bild von künftigem Gewinn das Gehirn Mac Grawlers erleuchtete; mit Einem Wort, er beschloß: Paul solle von nun an das Geschäft seiner Kritik theilen; und Er, Mac Grawler, den ganzen Gewinn einziehen, zum Ersatz für die Ehre, die er dabei seinem Gehülfen zufließen ließ. Herr Mac Grawler sah also unsern Helden mit wohlwollender Miene an und fuhr also fort: »Ja,« ich wiederhole es, »große Dinge sind aus kleinem Anfang hervorgegangen, Rom wurde nicht in Einem Tage erbaut, und ich, Paul, ich war auch nicht von Anfang an Herausgeber des Asinäum. Ihr bemerkt weislich: Kritik ist eine große Wissenschaft, eine sehr große Wissenschaft – man kann sie in drei Zweige theilen: das Kitzeln, das Zwiebeln und das Pflastern. In allen dreien glaube ich, ohne Ruhmredigkeit, ein tiefer Adept zu seyn. Ich will Euch in alle einweihen. Eure Arbeit soll gleich diesen Abend anfangen. Ich habe da drei Werke auf meinem Tisch; die sollen bis morgen Abend abgefertigt seyn, ich will das schwierigste auf mich nehmen und Euch die andern überlassen. Diese drei Werke sind: Ein Roman, ein episches Gedicht in zwölf Büchern und eine Untersuchung über die menschliche Seele in drei Bänden; ich, Paul, will den Roman kitzeln; Ihr sollt diesen Abend noch das Epos verpflastern und die Untersuchung zwiebeln.« »O Himmel, Herr Mac Grawler !« rief Paul in Bestürzung aus; »was denkt Ihr von mir? Ich wäre nie im Stande, ein Epos in zwölf Büchern zu lesen und bei dem ersten Blatt der Untersuchung würde ich einschlafen. Nein, nein, laßt mir den Roman und nehmt Ihr Euch der zwei andern Bücher an!« Obgleich große Geister immer wohlwollend sind, konnte doch Herr Mac Grawler bei der Einfalt seines Zöglings ein Lächeln voll unaussprechlicher Verachtung nicht unterdrücken. »Wißt, junger Herr!« sagte er feierlich, »der fragliche Roman muß gekitzelt werden; es ist rohen Anfängern nicht gegeben, gleich dieß große Mysterium unsrer Wissenschaft sich anzueignen.« »Ehe wir weiter gehen, erklärt doch die Kunstworte!« sagte Paul ungeduldig. »Hört denn!« hob Mac Grawler an, und während er redete, warf die Kerze einen ehrwürdigen Schimmer auf sein Antlitz. »Zwiebeln, das heißt, um mit der Grammatik zu sprechen, den Accusativ oder anklagenden Casus anwenden; da müßt Ihr Euer Buch rechts und links, von hinten und von vornen, mit Stiel und Stumpf zusammenhauen. Ein Buch pflastern heißt, den Dativ oder gebenden Casus anwenden, und dann müßt Ihr auf ein Werk alle Superlative der Sprache zusammenhäufen, Euer Lob dick und dünn auftragen, und dürft keine Ritze unverkleistert lassen. Aber kitzeln, Sir, ist ein inhaltschweres Wort; es begreift alle die unendlichen Abstufungen, welche zwischen dem Zwiebeln und Pflastern mitten inne liegen; dieß ist die Krone der Kunst und Ihr könnt nur durch Uebung dahin gelangen; einige wenige Beispiele werden hinreichen, Euch einen Begriff von den Feinheiten dieser Art zu geben. Wir wollen mit dem ermuthigenden Kitzeln anfangen. »Obgleich dieß Werk voll von Fehlern ist, obgleich die Charaktere unnatürlich sind, die Verwicklung gänzlich unwahrscheinlich erfunden, die Gedanken abgedroschen, und der Styl ungrammatikalisch, möchten wir doch keineswegs den Verfasser von Verfolgung seiner Bahn abschrecken; und inzwischen empfehlen wir das Werk zuversichtlich der Aufmerksamkeit des lesenden Publikum.« Jetzt ein Beispiel vom rathertheilenden Kitzeln. »Diese kleinen Bändchen haben viel Verdienstvolles, obgleich wir die offenbare Eilfertigkeit, womit sie geschrieben sind, bedauern müssen. Der Verfasser könnte Besseres leisten; wir empfehlen ihm das Studium der bessern Schriftsteller,« und dann macht Ihr den Schluß mit einem lateinischen Citat, das Ihr von einem Motto im Spectator entlehnt.« »Jetzt, junger Herr, auch ein Beispiel des bildlichen Kitzelns.« »Wir ersuchen diesen aufstrebenden Poeten, an das Schicksal des Pyrenäus zu denken, welcher den Musen folgen wollte, aber vergaß, daß er nicht die Flügel der Göttinnen hatte, und indem er sich von dem höchsten Gipfel, den er erreichen konnte, herabstürzte, elend zu Grunde ging.« Dieß, Paul, ist, wie Ihr seht, eine erhabenere und gelehrtere Art des Kitzelns und kann für die Männer vom Quarterley Review aufgespart werden. Werft dergleichen nie unnötigerweise weg!« Nun eine Probe des witzigen Kitzelns. »Herr – – hat einen ansehnlichen Namen errungen! Einige hübsche Damen halten ihn für einen Filosofen und er ist vor unsern Ohren von einigen Cambridger Genossen wegen seiner Kenntniß des fashionabeln Lebens gerühmt worden.« »Zu dieser Art von Kitzeln gebrauchen wir gewöhnlich die Einfältigsten unsrer Zunft, und ich habe vorstehendes Beispiel aus den Kritiken eines ausgezeichneten Mitglieds des Asinäums entnommen, den wir vorzugsweise den Esel nennen. Es giebt noch verschiedne andre Arten des Kitzelns; das vertrauliche, das gemeine, das höfliche, das gutmüthige, das bittere, aber im Allgemeinen wird angenommen, daß alles Kitzeln, wie versteckt es auch ist, die eine der beiden Ansichten andeuten soll: dieß Buch wäre außerordentlich gut, wenn es nicht außerordentlich schlecht wäre; oder: dieß Buch wäre ausnehmend schlecht, wenn es nicht ausnehmend gut wäre. Habt Ihr jetzt, Paul, im Allgemeinen eine Vorstellung von der überlegenen Kunst, welche beim Kitzeln erforderlich ist?« Unser Held drückte seine Zustimmung durch eine Art von hysterischem Ton aus, der zwischen Lachen und Stöhnen die Mitte hielt. Mac Grawler fuhr fort: »Es ist noch eine große Schwierigkeit, welche dieser Art von Kritik eigenthümlich ist – es ist durchaus nothwendig, einige Blätter des Werkes zu lesen, weil wir selten kitzeln, ohne Auszüge zu geben; und es erfordert einiges Urtheil, um den Text in Uebereinstimmung mit dem Auszug zu bringen; aber selten ist beim Zwiebeln und Pflastern das Ausziehen nöthig; beim Zwiebeln ist es besser, im Allgemeinen etwa so zu schließen: »Nach dem was wir gesagt, brauchen wir nicht erst beizusetzen, daß wir den Geschmack der Leser durch keine Anführung aus dem heillosen Plunder beleidigen können.« Und beim Pflastern könnt Ihr mit der Redensart Euch durchhalftern: »Wir bedauern, daß die uns gesteckten Grenzen uns nicht gestatten, Auszüge aus diesem wundervollen, unübertrefflichen Werk zu geben. Wir müssen unsre Leser auf das Buch selbst verweisen.« »Und nun, Sir, denk' ich, hab' ich Euch einen hinreichenden Grundriß von der edlen Wissenschaft Skaligers und Mac Grawlers gegeben. Ohne Zweifel habt Ihr Euch jetzt mit dem Euch zugetheilten Geschäft ausgesöhnt, und während ich den Roman kitzle, könnt Ihr die Untersuchung zwiebeln und das Epos pflastern.« »Ich werde mein Bestes thun, Sir!« sagte Paul mit der bescheidnen und doch edeln Einfalt, welche dem tugendhaften Ehrgeiz ziemt; und sofort gab ihm Mac Grawler Federn und Papier und ließ ihn an sein Geschäft sich hinsetzen. Er hatte das Glück sich den Beifall Mac Grawlers zu erwerben, der, nachdem er einige Verbesserungen im Styl angebracht, erklärte: er zeige ausgezeichnetes Talent für diesen Zweig der Schriftstellerei. »Und jetzt,« sagte Paul, aufgeblasen durch dieß Lob, seinem Lehrer verächtlich ins Angesicht blickend und die Beine hin und her schwenkend: »Und wie Viel, Sir, werde ich für das gepflasterte Epos und die gezwiebelte Untersuchung bekommen?« Wie das Angesicht des Schulknaben, der, wenn er nach seiner Meinung den Sinn eines geheimnißvollen Wortes im Cornelius Nepos richtig errathen und nun nicht die süße Aufmunterung des Lobes erhalt, sondern einen plötzlichen Streich über Kopf oder Schultern – eben so verwirrt, verblüfft und vom Donner gerührt wurde das Angesicht des Herrn Mac Grawler, bei der plötzlichen, in Staunen sitzenden Kühnheit Pauls. »Bekommen!« wiederholte er, »bekommen! Ha Ihr unverschämter, undankbarer Schlingel! Wollt Ihr Eurem alten Lehrer das Brod stehlen? Wenn ich für Eure ungeschlachten Artikel die Aufnahme in die glanzvollen Spalten des Asinäums erlangen kann, werdet Ihr Euch durch diese Ehre, Sir, nicht hinlänglich belohnt glauben? Darauf antwortet mir. Ein Anderer als ich, junger Herr, würde Euch für seine Anleitung eine Erkenntlichkeit angesetzt haben; und nun hab' ich Euch in Einer Stunde alle Geheimnisse der Wissenschaft und das umsonst mitgetheilt: Und Ihr sprecht mir von Bekommen, bekommen! Junger Herr, um mit den Worten des unsterblichen Sängers zu reden: Ich wollte eben so gern Euch von Rattengift sprechen hören.« »Kurz und gut denn, Herr Mac Grawler, ich soll für meine Mühe nichts haben?« sagte Paul. »Gewiß nicht, Sir; der beste Schriftsteller im Asinäum bekommt nur drei Schillinge für den Artikel!« Beinah mehr als er verdient, hätte der Kritiker hinzusetzen können, denn derjenige, der für Niemand schreibt, sollte gar Nichts bekommen. »Nun dann, Sir,« fuhr der lohnsüchtige Paul roh heraus, stand auf und schleuderte mit Einem Fußtritt Katze, Epos und Untersuchung an das andere Ende des Zimmers, »dann Sir, mögt Ihr alle zum Teufel gehen!« Wir suchen, gütiger Leser, diesen hastigen Fluch nicht zu entschuldigen; die Angewöhnungen der Kindheit brechen zuweilen trotz der spätern wohlthätigen Wirkungen der Erziehung hervor. Und wir stellen Dir auch Paul nicht als ein Muster der Tugend und Weisheit zur Nachahmung auf, wie Du nach unsrer Absicht ein solches in Mac Grawler finden sollst. Als dieser große Kritiker sah, daß Paul aufgestanden war und sich in heftigem Groll gegen die Thüre zurückzog, stand auch er auf und wiederholte Pauls letzte Worte: »mögt Ihr zum Teufel gehen? nicht so rasch, junger Herr, Eile mit Weile! Alles zu rechter Zeit. Obgleich ich, über Eure unzeitige Forderung erstaunt, sagte, Ihr würdet nichts bekommen, so, kann mich doch meine große Liebe zu Euch bewegen, etwas zu Euren Gunsten zu thun. Das Asinäum gibt zwar nur 3 Schillinge für einen Artikel gewöhnlich; aber ich bin sein Herausgeber und will mich bei den Eigenthümern für Euch verwenden. Ja, Ja! ich will sehen was zu thun ist. Bleibt noch ein wenig, mein Junge!« Paul, obwohl sehr reizbar, war doch leicht begütigt; er setzte sich wieder, ergriff Mac Grawlers Hand, und sagte: »Vergebt mir meine Unart, theurer Sir! – aber um Euch klaren Wein einzuschenken, ich bin eben jetzt weit heruntergekommen in der Welt und muß auf einem oder dem andern Wege Geld haben; kurz, ich muß entweder Taschen fegen, oder fürs Asinäum (und nicht umsonst) schreiben.« Und ohne weitere Einleitung erzählte Paul dem Kritiker seine dermalige Lage; erklärte seinen Entschluß, nicht in den Krug zurückkehren zu wollen und begehrte von der Freundschaft seines alten Lehrers wenigstens das Zugeständnis eines Nachtlagers. Mac Grawler wurde bei der Mittheilung einer so übellautenden Schilderung von seines Zöglings Finanzen und Aussicht über die Maaßen bestürzt denn er hatte es heimlich darauf abgesehen, sich diesen Abend mit einer Bowle Punsch etwas zu Gute zu thun, und Paul hätte, seinem Plane gemäß, dafür bezahlen sollen; da er aber den aufgeweckten Geist des jungen Menschen kannte, so wie die große Zärtlichkeit, welche Mrs. Lobkins für ihn hegte, welche aller Wahrscheinlichkeit nach am folgenden Tag seine Rückkehr verlangen würde, so hielt er es für wohl möglich, daß Paul dasselbe gute Glück haben werde, das über seiner ihm Gesellschaft leistenden Katze waltete; diese, war sie gleich erst vor einem Augenblick in die andre Ecke des Zimmers geschleudert worden, nahm jetzt schon wieder, unbeschädigt und eben so lustig wie früher, ihre vorige Beschäftigung auf. Er hielt es also für unklug, seinen weiland Zögling trotz seiner jetzigen Armuth abzuweisen, und zudem, wiewohl sein erster glücklicher Anschlag, den ganzen durch Pauls Fleiß zu erzielenden Gewinn in seine Tasche zu stecken, jetzt aufgegeben werden mußte, so sah er doch noch große Möglichkeit, wenigstens einen Theil jener Quelle auf sein Land zu leiten. Er antwortete daher Paul mit vieler Wärme: er nehme an seiner gegenwärtigen betrübten Lage innigen Antheil; was ihn betreffe, so würde er gern seinen letzten Schilling mit seinem geliebten Zögling theilen, aber zu seinem Bedauern habe er nur 11 1/2 Pfennig in der Tasche; er wolle sich jedoch die größte Mühe geben, um Pauls literarischem Genius ein Feld zu eröffnen, und wenn Paul den Theil des Zwiebelns und Pflasterns von seinem Geschäft übernehmen wolle, so sey er bereit, ihm dieß abzutreten und ihm den ganzen Gewinn, wie er nun ausfalle, zu überlassen. Inzwischen bedauerte er, daß ein heftiger Rheumatismus ihm verwehre, sein eignes Bett seinem Zögling einzuräumen; aber er könne mit allem ersinnlichen Wohlbehagen auf der Pritsche am Kamin schlafen. Paul war über die Güte des würdigen Mannes so gerührt, daß er, obgleich sonst eben nicht von hinschmelzender Gemüthsart, Thränen der Dankbarkeit vergoß; darauf bestand er jedoch, nicht die ganze Belohnung für seine Arbeiten anzunehmen, und zuletzt wurde, trotz des edlen Sträubens von Seiten Herrn Mac Grawlers, festgesetzt, sie solle zwischen dem Kritiker und des Kritikers Zögling gleich getheilt werden, da die Hälfte des Gewinns billigerweise Herrn Mac Grawler für seinen Unterricht und seine Empfehlung zuerkannt wurde. Sechstes Kapitel. Schlimme Begebnisse thun sich aus guten Absichten hervor. Bartholomäus Markt. Es stand nicht lange an, so hatten sich die Blätter des Asinäums auffallend und sichtbar gehoben; der zwiebelnde Theil dieses unvergleichlichen Journals war auf einmal mit einer Lebendigkeit und einem Geist gehandhabt und durchgeführt, wodurch die wenigen Eingeweihten, welche ihm das Daseyn fristeten, ganz in Erstaunen gesetzt wurden. Es war leicht zu merken, daß ein neuer Kämpfer für den Dienst sich hatte anwerben lassen; es war in dem Schimpfen etwas so Frisches und Herzhaftes, daß es nicht aus der abgenutzten, herben Feder eines alten Zwieblers kommen konnte. Zwar ein wenig Unwissenheit in bekannten Dingen, und eine neuerungssüchtige Art und Weise, Worte in einem Sinne gebrauchen, den sie nie ausdrückten, ließen sich bisweilen in den Kritiken des neuen Achilles auffinden; es war jedoch natürlich diese Eigenthümlichkeit einer originellen Anschauungsweise zuzuschreiben und das Steigen der Zeitung, in Folge des Erscheinens einer Reihe von Artikeln über jetzt lebende Schriftsteller, von dieser ausgezeichneten Hand geschrieben, war so auffallend, daß 50 Abdrücke – ein ganz unerhörter Fall in den Annalen des Asinäum, – in Einer Woche weg verkauft wurden; wirklich erklärte, eingedenk des Grundsatzes, worauf es gegründet war, ein handfester alter Schriftsteller, das Journal werde sich bald auf eigene Füße stellen und populär werden. Es war etwas ganz Besondres und Auffallendes mit dem jungen literarischen Kämpfer, der sich Nobilitas unterzeichnete. Er gebrauchte nicht allein alte Worte in einem neuen Sinn, sondern er gebrauchte auch Worte, deren man sich sonst auf dem schriftstellerischen Gebiet nie bedient hatte. Dieß war besonders auffallend, wenn den Autoren Unnamen beigelegt wurden. Einmal, wo ein beliebter Schriftsteller getadelt wurde, weil er das Publikum vergnüge und sich dadurch bereichere, schloß die ausgezeichnete Hand folgendermaßen: Wer auf solche schleichende Weise Klepprer aufhäuft, ist in der That nicht besser als ein Buschklepper. Diese räthselhaften Worte und geheimnißvollen Ausdrücke verbreiteten über den Styl des neuen Kritikers den Schimmer großer Gelehrsamkeit, und bei der unverständlichen Erhabenheit seiner Schreibart schien es zweifelhaft, ob er ein Dichter von Highgate oder ein Filosof von Königsberg sey. Auf jeden Fall behielt der Recensent sein Inkognito bei und während sein Lob an nicht weniger als drei Theetischen ausposaunt wurde, schien ihm selbst der Ruhm minder reizend und süß als die Verheimlichung. In diesem Inkognito, mein Leser, hast du bereits Paul erkannt; und nun soll dich ein Beweis von der unerreichbaren Tugend des trefflichen Mac Grawler ergötzen. Dieser würdige Mentor hatte wahrgenommen, daß unser Held von einem tief wurzelnden Hang zur Zerstreuung und unordentlichem Leben behaftet war; großmüthig entschloß er sich, lieber sich selbst mit der Sünde des Verraths und des unredlichen Erwerbs zu beschweren, als zuzugeben, daß sein Freund und ehemaliger Zögling in ein verschwenderisches, liederliches Leben sich stürze. Demnach der mit Paul getroffenen Verabredung zuwider, theilte er dem Jüngling, statt ihm die Hälfte des Ertrags seiner glänzenden Studien zu geben, nur ein Viertel zu, und mit den zärtlichsten Sorgen für Pauls Heil verwendete er die übrigen drei Theile für seine Bedürfnisse. Ach! die besten Handlungen werden in der Welt so schlimm ausgelegt und wir sind eben im Begriff, eines auffallenden Beweises, dieser traurigen Wahrheit zu erwähnen. Eines Abends hatte Mac Grawler seine Tugend angefeuchtet, in derselben Weise wie man es dem großen Cato nachrühmt; in der Verwirrung, welche eine solche Operation bisweilen in den bestgeordneten Köpfen anrichtet, gab er Paul ein Papier, das er für den Entwurf zu einem gewissen Aufsatz hielt, welcher nach seiner Absicht im Zwiebelstyl sollte ausgeführt werden, das aber in der That ein Briefchen vom Herausgeber einer Monatschrift war und also lautete: Sir! Da ich erfahre, daß mein Freund, Herr – –, Eigenthümer des Asinäum, den ausgezeichneten Schriftsteller, den Sie in die literarische Welt eingeführt und der sich Nobilitas unterschreibt, nur mit fünf Schillingen für den Artikel belohnt, so lasse ich ihm durch Sie das Doppelte dieser Summe anbieten; die verlangten Artikel müssen die gewöhnliche Länge haben. Ich bin, Sir u. s. w. Nun hatte zwar allerdings, am Morgen schon Mac Grawler Paul von diesem Anerbieten in Kenntniß gesetzt, hatte aber nur, aus den wohlwollenden Beweggründen, die wir schon erläutert, die Summe von zehn Schillingen auf vier ermäßigt; und nicht sobald hatte Paul, die obenstehende Mittheilung gelesen, als er statt Dankbarkeit gegen Mac Grawler für seine Berücksichtigung von Pauls moralischer Schwäche zu empfinden, gegen diesen Ehrenmann den bittersten Groll faßte. Er machte jedoch seinen Gefühlen gegen den Schotten nicht auf Einmal Luft: in der That würde es im jetzigen Augenblick, da der Weise in tiefem Schlummer unter dem Tische lag, ganz zwecklos gewesen seyn, hätte er in seiner Entrüstung die Zügel schießen lassen. Aber er beschloß, ohne Zeitverlust den Wohnsitz des Kritikers zu verlassen. »Und wirklich,« sagte er im Selbstgespräch, »ich bin dieses Lebens herzlich satt, und will sehr froh seyn, wenn ich ein andres Unterkommen finde. Zum Glück habe ich 5 Guineen 4 Schillinge aufgesteckt und mit diesem unabhängigen Vermögen im Besitz, kann ich, da ich das Spiel verschworen habe, nicht leicht Hungers sterben.« Diesem Selbstgespräch folgte eine menschenfeindliche Träumerei über die Treulosigkeit der Freunde, und die Betrachtung schloß sich damit, daß Paul ein kleines Bündel von Kleidern und dergleichen Sachen schnürte, welche Dummie glücklich aus dem Kruge weggeschleppt und Paul an einem Morgen, wo Dummie ausgegangen war, im Hause des Lumpenhändlers geholt hatte. Als dieses leichte Geschäft beendigt war, schrieb Paul einen kurzen vorwurfsvollen Brief an seinen glanzvollen Lehrer und ließ ihn ungesiegelt auf dem Tisch liegen. Dann goß, er die Tintenflasche über den sanft schlummernden Herrn Mac Grawler aus, machte sich aus dem Hause fort und lief – er wußte selbst nicht wohin. Der Abend dämmerte allmälig herein, als Paul, kauend an seinen bittern Gedanken, sich auf der Londoner-Brücke befand. Er blieb stehen, beugte sich über das Geländer, und sah gedankenvoll in die düstern Wasser, die dahin rauschten und sich keine Elrize um die vielen reizenden jungen Frauenzimmer kümmerten, welche geeignet fanden, sich in diese fühllosen Wellen zu stürzen und dadurch eine gute Hausfrau eines trefflichen Dienstmädchens, oder einer unschätzbaren Köchin und manchen verrätherischen Faun solcher Briefe beraubten, die anfangen: Dreuloser Besewicht! und schließen: Eure zerrtliche aber tief bettrübte Molly. Während er solchen Gedanken nachhing, sah er sich plötzlich von einem Herrn in Stiefeln und Sporen angeredet; in einer Hand hatte dieser eine Reitpeitsche und die andre hatte er in die Tasche seiner Unaussprechbaren gesteckt. Der Hut des Modeherrn war mit anmuthiger Nachläßigkeit aufgesetzt, und zwar so, daß er so wenig als möglich die Fülle schwarzer reicher Locken in Unordnung brachte, die, von Salben duftend, nicht allein zu beiden Seiten des Angesichts, sondern auch über den Hals und die Schultern herabfielen. Das Gesicht war finster und stark ausgeprägt, aber schön und auffallend. In seinem Ausdruck lag eine Mischung von Härte und von Trödelstaat, – es hielt die Mitte zwischen Madame Vestris und T. P. Cooke, oder zwischen liebliche Sarah und tapfrer Hauptmann des Halifax . Der Wuchs dieses Mannes war auffallend groß und seine Gestalt war stämmig, muskulös und gedrungen. Zum Schluß, um sein Bild zu vollenden und unsern jetzt lebenden Lesern eine genaue Anschauung von dem Helden der Vergangenheit zu geben, wollen wir noch hinzusetzen, daß er ganz ein Gentleman von dem Schlage war, wie man sie in der Arkade von Burlington, Haar und Hut auf Einer Seite und einen militärischen Mantel über die Schultern geworfen, einherstolziren; oder gegen Abend in Regent-Street mit Backenbart und Cigarren umherstreifen sieht. Die Hand auf die Schulter unsres Helden gelegt, begann dieser Gentleman mit affektirter Betonung der Stimme: »Was treibst Du, mein guter Gesell? Es ist lang her, daß ich Euch sah; Gott straf mich, aber Du kommst schlechter daher! Was hast Du denn bisher angefangen?« »Ha!« rief unser Held, den Gruß des Fremden erwiedernd, »und ist es der lange Ned, den ich sehe? Ich bin wahrhaftig erfreut, Euch zu treffen, und ich muß sagen, mein Freund, ich hoffe, was ich von Euch hörte, ist nicht wahr.« »Pscht!« sagte der lange Ned, indem er sich ängstlich umsah und die Stimme sinken ließ, »sprecht nie von dem, was Ihr von Gentlemen hört, es wäre denn, Ihr wünschet sie auf die lezte Rede vor dem Sterben und zur Beichte zu bringen. Aber kommt mit mir, Freundchen, es ist eine Schenke gleich in der Nähe, und wir können uns bei einem Schoppen Wein eben so gut besprechen. Ihr seht zwar verflucht schofel aus, aber ich kann Bill dem Kellner – ein superber Kerl der Bill – sagen, Ihr seyd einer meiner Pächter, den mein Verwalter so eben wegen rückständiger Zinse habe auspfänden lassen, und der komme sich über ihn zu beklagen; kein Wunder, daß der Hund so zerlumpt ausziehe! Komm, geh hinter mir drein, ich kann nicht neben Dir gehen. Es würde sich ausnehmen, wie wenn Northumberland-House und die Fleischerbude mit einander einen Spaziergang machten.« »In der That, Herr Pepper,« sagte unser Held erröthend und von der sinnreichen Vergleichung seines Freundes im Mindesten nicht erbaut, »wenn Ihr Euch meines Aufzugs schämt, der, ich gesteh es, neuer seyn könnte, so will ich Euch nicht beschwerlich fallen mit – –« »Pah, Junge, Pah,« rief der lange Ned ihn unterbrechend, »nehmt's nicht übel. Ich thu's auch nicht. Ich nehme überhaupt nichts als Geld, und freilich ja, auch Uhren. Ich wollte Eurem Herzen nicht wehe thun – wir alle sind einmal arm gewesen. Meiner Seel, ich erinnre mich noch, daß ich keinen gesunden Fetzen auf dem Leib hatte, und jetzt, – sieh mich an, Paul! sieh mich an! Aber kommt – nur durch die Straßen müßt Ihr von mir getrennt gehen. Haltet Euch ein wenig hinter mir – ganz wenig, so ist es schon gut. Ja, so ist's schon gut,« wiederholte der lange Ned bei sich selbst murmelnd: »Man wird ihn für den Bailiff halten. Es sieht heut zu Tage etwas gleich, wenn man so begleitet wird. Es zeigt, daß man einmal Credit hatte.« Mittlerweile folgte Paul, obgleich keineswegs zufrieden über die Verachtung, welche sein langer Freund gegen seine persönliche Erscheinung geäußert und durchdrungen von einem lebhafteren Gefühl als je über die Verbrechen seines Rocks und die Laster des andern Häuptstücks seiner Kleidung – o nennt nicht den Namen! – sehr verdrießlich und mürrisch den stolzirenden Schritten des stutzerhaften Herrn Pepper. Dieser Herr langte endlich in einer kleinen Schenke an, hielt einen Aufwärter, der durch den Gang in das Kaffeezimmer mit einer Schüssel Hängefleisch rannte, an, und verlangte (ohne Zweifel aus ahnungsvoller Vorliebe für den schwebenden Zustand, in welchem es gewesen), eine Schüssel desselben trefflichen Fleisches solle, nebst einer Flasche Porter in ein besondres Zimmer gebracht werden. Sobald er sich mit Paul allein sah, brach Herr Ned in ein lautes Gelächter aus, und betrachtete seinen Cameraden vom Kopf bis zum Fuß durch ein Augenglas, das er durch ein Stück blaues Band am Knopfloch befestigt trug. »Nun, Gott straf mich jetzt,« sagte er, von Zeit zu Zeit inne haltend, wie um desto herzhafter wieder zu lachen – »so wahr ich lebe, Ihr seht einem komischen Kauzen gleich; ich möchte nur hören, was die Weiber sagen würden, wenn sie den stattlichen Edward Pepper, Esquire, Arm in Arm mit Dir nach Ranelagh oder Vauxhall wandeln sähen. Nein, Mensch, sey nicht niedergeschlagen! wenn ich über Dich lache, so geschieht es nur um Dich selbst ein wenig lustiger zu machen. Wahrlich Du siehst aus, wie ein Buch meines Großvaters, genannt: Burtons Zergliederung der Melancholie, und fürwahr, ein armseligeres, treueres Bild davon sah ich nie.« »Diese Scherze sind etwas hart,« sagte Paul, der zwischen Verdruß und dem Versuch zu lächeln kämpfend schwankte; dann besann er sich jedoch auf seine letzten literarischen Beschäftigungen, auf die vielen Auszüge, die er aus der: Aehrenlese aus der schönen Literatur, entlehnt hatte, um seinen Kritiken Zierlichkeit zu verleihen; er streckte die Hand theatralisch aus und deklamirte mit feierlicher Miene: »Es ist gewiß für ein betrübtes Herz So quälend nichts, als übermüthiger Scherz.« »Nun gut, bitte, verzeih mir,« sagte der lange Ned, indem er seinen Zügen Ruhe gebot, und jetzt sage mir, was hast Du in den letzten zwei Monaten getrieben?« »Gezwiebelt und gepflastert!« antwortete Paul mit sich fühlendem Stolze. »Gezwiebelt und was! der Junge ist närrisch – was meint Ihr Paul?« »Mit andern Worten,« versetzte unser Held sehr langsam sprechend, »wißt, o sehr langer Ned, ich bin Kritiker beim Asinäum gewesen.« Wenn Pauls Genosse anfangs schon gelacht hatte, so lachte er jetzt noch zehnmal lustiger als je zuvor. Er streckte seine langen Glieder auf einem Sofa, das in der Nähe stand, aus, und krümmte sich im buchstäblichen Sinne in Krämpfen des Gelächters; auch legte sich seine Lachwuth nicht, bis die Ankunft des Hängefleisches ihn wieder zur Besinnung brachte. Als er dann sah, wie eine Wolke Pauls Miene verfinsterte, ging er mit einer Art Würde auf ihn zu, bat ihn wegen seines Mangels an Artigkeit um Verzeihung und forderte ihn auf, alle Unfreundlichkeit in einem Glas Porter zu ertränken. Paul, dessen treffliche Gemüthsart wir schon früher zu rühmen Gelegenheit gehabt, war gegen seines Freundes Entschuldigungen nicht taub. Er versicherte den langen Ned, er verzeihe ihm ganz und gar, daß er sich über die hohe Stellung in der literarischen Welt, deren sich Paul erfreut hatte, lustig gemacht; es sey die Pflicht eines öffentlichen Tadlers und Richters, keinen Groll zu hegen und er werde mit großem Vergnügen an der Bestattung des Hängefleisches Theil nehmen. Unser Paar setzte sich nun zu seinem Male und Paul, der in dem Tempel der Athene, wo Mac Grawler den Vorsitz führte, nur schmale Bissen gekostet hatte, ließ den Fleischgerichten, die vor ihm standen, alle Gerechtigkeit widerfahren. Allmälig, wie er so aß und trank, schloß sich sein Herz gegen seinen Genossen auf; er setzte die asinäische Würde, welche anzunehmen er anfänglich für seine Schuldigkeit gehalten hatte, beiseite und unterhielt Pepper mit all den einzelnen Umständen seiner jüngsten Lebensperiode. Er erzählte ihm seinen Bruch mit der Frau Lobkins, seine Uebereinkunft mit Mac Grawler; von dem Ruhm den er eingeerntet und den Unbillen die er erduldet; und er schloß, als jetzt die zweite Flasche ihre Aufwartung machte, mit der Erklärung seines Wunsches: die sitzende Laufbahn, die er so vielversprechend angetreten, mit einer thätigeren Lebensweise zu vertauschen. Dieser letzte Theil von Paul Bekenntnissen ergötzte insgeheim die Seele des langen Ned; denn dieser erfahrene Einsammler auf den Landstraßen (Ned trieb in der That kein niedrigeres Gewerbe) hatte längst auf unsern Helden ein Auge geworfen als auf einen dem er zutraute, er würde dem waghalsigen Beruf, den er ausübte, Ehre machen, und für ihn selbst ein nützlicher Beistand seyn. Während seiner frühern Bekanntschaft mit Paul, so lang der Jüngling unter dem Dach und der Obhut der weltkundigen und vorsichtigen Mrs. Lobkins lebte, hatte er es nicht klug befunden, das eigentliche Wesen seiner Handthierung ihm auseinander zu setzen, und er hatte sich damit begnügt, allmälig das Gemüth und die Finanzen Pauls bis zu dem Punkt heranreifen zu lassen, wo der Vorschlag: einen Ausfall hinter dem Zaune vor zu machen, wahrscheinlicherweise das Gemüth dessen, dem er gemacht wurde, nicht allzusehr empören würde. Jetzt glaubte er diesen Zeitpunkt nahe und indem er unsrem Helden das Glas bis zum Rande füllte, redete er ihn arglistig also an: »Muth, mein Freund! Eure Erzählung hat mir ein wahres Vergnügen gemacht, denn ich will verflucht seyn, wenn sie nicht meine Lieblingsmeinung, daß Alles zum Besten führt, bestärkt hat. Wäre nicht die Schurkerei dieses erbärmlichen Tropfs, des Mac Grawler, gewesen, Ihr wäret vielleicht noch von dem armseligen Ehrgeiz begeistert, ein Paar magere Schillinge wöchentlich zu ernten und ein Schock arme Teufel in Eurem – weiß nicht wie's heißt, mit Lästerungen zu verunglimpfen, während jetzt ich, mein guter Paul, im Stande zu seyn hoffe, Eurem Genius eine Laufbahn zu eröffnen, wo dem, der darnach fragt, Guineen regnen – wo Ihr feine Kleider tragen und die Damen in Ranelagh beäugeln könnt; und wenn Ihr des Ruhms und freien Lebens satt seyd, nun so habt Ihr nur vor einer Erbin oder einer Wittwe mit stattlichem Witthum Euern Bückling zu machen, und wie ein Cincinnatus das Getümmel der Menschen zu verlassen.« Obgleich Pauls Urtheil in den abstruseren Zweigen der Moral nicht das allerschärfste war – und damals hatte der Portwein die wenigen Begriffe, die er von der Schönheit der Tugend hatte, noch ansehnlich verwirrt – mußte er doch sattsam einsehen, daß Herrn Peppers einladender Vorschlag durchaus nicht von der Art war, daß die Bank der Bischöfe oder eine Synode von Moralisten ihn mit gutem Gewissen hätte billigen können; er verhielt sich also schweigend und der lange Ned fuhr nach einer Pause fort: »Ihr kennt meinen Stammbaum, mein guter Kamerad? Mein Vater war der Advokat Pepper – ein schlauer, alter Kerl, aber so hitzig wie ein Kalkuttischer Hahn, und mein Großvater, der Todtengräber Pepper, ein großer Schriftsteller, der Verse auf Grabsteine dichtete und ein Lager religiöser Traktätchen in Carlisle hielt. Mein Großvater, der Todtengräber, hatte die ruhigste Gemüthsart in der Familie; denn wir alle sind ein wenig heißgrätig mit dem Mund. Nun, mein guter Kamerad, mein Vater hinterließ mir seinen Segen und diesen verteufelt guten Haarwuchs. Ich lebte einige Jahre von meinen eigenen Hilfsquellen, fand aber diese Lebensweise außerordentlich unbequem und neuerlich entschloß ich mich, vom Publikum zu leben. Mein Vater und Großvater haben es vor mir eben so gemacht, nur in einer andern Weise. Es ist das vergnüglichste Thun und Treiben von der Welt. Folgt meinem Beispiel und Euer Rock wird bald so schmuck seyn, wie der meinige. Junker Paul, Eure Gesundheit!« »Aber, o Längster der Sterblichen!« sagte Paul, sein Glas wieder auffüllend, wenn Euch das Publikum auch gestattet, eine kurze Zeit Euern Hammelsbraten auf seinem Rücken zu verzehren, zuletzt wird es doch auffahren und Euch und Euer Mahl umstürzen; mit andern Worten – (verzeiht meine bildliche Redeweise, theurer Ned, in Erwägung der Rolle, die ich zuletzt beim Asinäum, diesem größten und bilderreichsten der Journale spielte) mit andern Worten: die Polizei wird Dich zuletzt auslickern und du wirst das ausgezeichnete Schicksal dessen haben, von dem Du schon ein charakteristisches Merkmal an Dir trägst – des Absalom!« »Ihr meint ich werde gehangen werden,« sagte der lange Ned. Das kann seyn, aber auch nicht seyn; aber wer den Tod fürchtet, genießt das Leben nie. Bedenkt Paul, daß wenn gleich gehängt werden, ein schlimmes Loos ist, doch Verhungern noch schlimmer ist; deßwegen füllt Euer Glas und laßt uns trinken aufs Wohlseyn des großen Saumthiers, des Publikums, und mögen uns nie Sättel fehlen, es zu reiten!« »Was das große Saumthier betrifft,« rief Paul, indem er seinen Tummler hinunterstürzte, »mögt Ihr eben so grau werden, wie es! Aber ich gesteh' Euch, mein Freund, daß ich auf Eure Plane nicht eingehen kann. Und zum Beweis meiner Entschlossenheit: ich trinke nichts mehr, denn meine Augen fangen schon an in der Luft zu tanzen und wenn ich noch länger auf Eure unwiderstehliche Beredsamkeit horche, könnten meine Beine noch das gleiche Schicksal haben.« Mit diesen Worten stand Paul auf, und kein Zuspruch von Seiten seines ihn bewirthenden Freundes konnte ihn bereden, seinen Sitz wieder einzunehmen. »Nein, ganz wie Ihr wollt,« sagte Pepper, der jetzt einen gleichgültigen Ton annahm und seine Halsbinde vor dem Spiegel in Ordnung brachte. »Nein, ganz wie Ihr wollt. Ned Pepper zwingt keinen Menschen gegen eigne Lust und Neigung zu seiner Gesellschaft und wenn der edle Funke des Ehrgeizes nicht in Eurer Brust glimmt, so verschwende ich meinen Athem vergeblich, um etwas anzublasen, was nur in einer schmeichelhaften Meinung von Euern Eigenschaften vorhanden war. So habt Ihr also im Sinn, zu Mac Grawler, dem räudigen alten Hund, zurückzukehren und den Rest Eures Lebens ruhmlos mit dem Zerfetzen von Autoren und mit Todtschlägen der Grammatik hinzubringen? Geht, mein guter Geselle, geht und kritzelt wieder und immerdar für Mac Grawler, und laß ihn zehren von Deinem Witz, statt Deinen Witz anzuwenden um – –« »Halt!« rief Paul, »obgleich ich manche Bedenklichkeiten habe, die mich abhalten, den hochstrebenden Lebensberuf, den Ihr mir vorgeschlagen habt, anzunehmen, so seyd Ihr doch sehr im Irrthum, wenn Ihr mich für so hirnlos haltet, daß ich mich wieder den Ränken des schuftigen Mac Grawler hingeben könnte. Nein! meine dermalige Absicht ist, meiner alten Pflegemutter einen Besuch abzustatten. Es scheint mir nicht mit rechten Dingen zuzugehen, daß, da ich doch schon so manche Woche von ihr weg bin, sie noch nicht so weit ihren Sinn erweicht haben soll, mich aufspüren zu lassen, was doch wohl keine so schwierige Sache gewesen wäre. Jetzt, wie Ihr seht, bin ich in den besten Umständen, ich habe 5 Guineen 4 Schillinge, alles mein Eigenthum, und sie kann nicht wohl meinen, ich brauche Geld von ihr; mein Herz drängt mich zu ihr hin und ich will hingehen und sie wegen meiner Uebereilung um Verzeihung bitten.« »Ey, ey wie empfindsam!« rief der lange Ned, ein wenig beunruhigt über den Gedanken, Paul könnte den Klauen, die sich ihm, wie Ned meinte, so fest angeklammert hatten, doch noch entwischen. »Wie! Ihr habt doch nicht im Sinn, nachdem Ihr die Freuden der Unabhängigkeit gekostet, wieder in das versoffne Hundeloch umzukehren und all die Spektakel der berauschten Mutter Lobkins mit anzusehen? Besser, Ihr wäret bei Mac Grawler geblieben, im Fall der Wahl!« »Ihr versteht mich nicht,« antwortete Paul, »ich will nur mit ihr mich auseinandersetzen und ihre Erlaubnis einholen, die Welt zu sehen. Mein letzter, bleibender Entschluß ist: auf Reisen zu gehen.« »Recht!« rief Ned, »auf der Landstraße und zu Pferd, hoff' ich.« »Nein, mein Landstraßenschlagbaum! Nein, ich bin im Zweifel, ob ich mich soll in ein ausländisches Regiment anwerben lassen, oder – darüber erbitte ich mir Euern Rath – ich meine, ich hätte viel Beruf zum Theater, seit ich einmal Garrick im Richard sah. Soll ich ein wandernder Schauspieler werden? Es muß ein lustiges Leben seyn.« »O, der Teufel auch!« rief Ned. »Ich agirte selbst einmal den Cassio in einer Scheune, und Jedermann schwur, ich habe die Scene, wo der Rausch vorkommt, meisterhaft gespielt; aber ihr habt keinen Begriff davon, welch ein klägliches Leben es für einen Mann von Fähigkeit ist. Nein, mein Freund! Es gibt nur Einen Vers in allen alten Theaterstücken, welcher Aufmerksamkeit verdient: Sein oder nicht sein – das ist jetzt die Frage, Das englische Wortspiel kann nur schwach durch den Doppelsinn von sein und seyn nachgebildet werden. Es heißt im Text: Toby or not Toby zu deutsch Räuber oder nicht Räuber; die Aussprache ist ungefähr gleich mit to be . das Uebrige weiß ich nicht mehr.« »Gut!« sagte unser Held, im gleichen scherzhaften Ton antwortend, »ich gestehe, ich habe des Mimen hohen Ehrgeiz . Es ist unbeschreiblich, wie mir das Herz schlug, als Richard ausrief: »Hei, Blechmusik!« Blech soviel als Geld. Es mußte auch hier frei übersetzt werden. Ja Pepper, brüstet Euch nur!« »Es schlagen tausend Herzen mir im Busen.« »Nun, nun!« sagte der lange Ned, sich streckend, »da Ihr auf das Theater so erpicht seyd, was sagt Ihr zu einem Besuche dort, diesen Abend? Garrick tritt auf!« »Es bleibt dabei,« rief Paul. »Es bleibt dabei,« wiederholte schläfrig der lange Ned mit dem anständig gedehnten Wesen, das den gereiften Mann von Welt vom schwärmerischen Neuling unterscheidet. »Es bleibt dabei; und nachher wollen wir ins weiße Roß gehen.« »Aber haltet einen Augenblick,« sagte Paul, »wenn Ihr Euch noch erinnert, ich war Euch eine Guinee schuldig, als wir uns das letztemal sahen – hier ist sie!« »Thorheiten!« rief der lange Ned aus und schob das Geld zurück, »Thorheiten; Ihr braucht jetzt das Geld; zahlt mich, wenn Ihr einmal reicher seyd. Nein, seyd damit nicht spröde! Ehrenschulden werden jetzt nicht mehr bezahlt, wie früher Sitte war. Wir lustigen Gesellen von Fishlane Club haben alles dergleichen aufgegeben. Nun, nun, wenn ich muß.« Und damit schob der lange Ned, als er Paul darauf bestehen sah, die Guinee in die Tasche. Als diese kitzliche Sache abgemacht war, sagte Pepper: »Kommt, kommt, nehmt Euern Hut; aber bei Gott, ich hab etwas vergessen.« »Was?« »Nun, mein guter Paul, bedenkt, das Theater ist ein Ort, wo es nach der höchsten Mode zugeht – betrachtet Euern Rock und Eure Weste, mehr sag ich nicht!« Unser Held war durch dieses argumentum ad hominem wie versteinert. Aber der lange Ned, nachdem er sich an seiner Verlegenheit geweidet, tröstete ihn darüber, indem er ihm sagte: er wisse einen ehrlichen Handelsmann, der einen Laden mit fertigen Kleidern ganz nahe beim Theater halte, und ihn in einem Nu herausputzen werde. Der lange Ned hielt auch pünktlich Wort; er führte Paul zu einem Schneider, der ihm für 30 Schilling, halb baar, halb auf Credit, einen grünen Rock mit verblichenen goldenen Tressen, ein Paar rothe Unaussprechbare und eine Pfeffer- und Salzweste verabreichte – freilich waren diese Kleidungsstücke ziemlich groß und weit, denn sie hatten früher keiner geringern Person gehört, als dem langen Ned selbst; aber Paul sah in jenem Augenblick auf solche äußerliche Kleinigkeiten nicht, was er erst in der Folgezeit bei Gentleman George lernte (eine Person, mit der wir später unsern Leser bekannt machen werden), und er gieng in das Theater, so zufrieden mit sich selbst, als wäre er Herr T – – oder der Graf von M – – gewesen. Unsre Abenteurer saßen nun ganz gemächlich im Schauspielhaus und wir halten es für überflüssig, die Vorstellung, welche sie sahen, oder die Beobachtungen, die sie anstellten, weitläufig zu beschreiben. Der lange Ned gehörte zu den vornehmern Landstraßenmännern, die sich um Alles in der Welt nicht herablassen würden, anderswo als in den Logen zu erscheinen und demgemäß verschafften sich unsre Freunde zwei Plätze auf der Gallerie. In der nächsten Loge, neben der, welche unsre Abenteurer zierten, fiel ihnen vor den übrigen Zuschauern ein Gentleman und ein junges Frauenzimmer auf, die neben einander saßen; letztere, etwa dreizehn Jahre alt, war so außerordentlich schön, daß Paul, trotz seiner theatralischen Begeisterung, sein Auge kaum von ihrem Angesicht weg auf die Bühne wenden konnte. Ihr Haar von glänzendem schönen Kastanienbraun, fiel in reichen Locken über ihren Hals und warf einen sanftern Schatten auf eine Haut, in welcher gleichsam die Rosen eben in Knospen aufzuquellen schienen. Ihre großen blauen und mehr schmachtenden als glänzenden Augen waren von den dunkelsten Wimpern umgeben. Ihr Mund schien im buchstäblichen Sinne von Lächeln eingefaßt, so zahlreich waren die Grübchen, welche, so oft die vollen, schwellenden, feuchten Lippen sich theilten, sichtbar wurden, und der Zauber dieser Grübchen wurde unterstützt durch zwei Reihen von Zähnen glänzender als die reichsten Perlen, die je eine Braut umleuchteten. Aber der Hauptreiz dieses Angesichts war der ausnehmende, rührende Ausdruck von Unschuld und mädchenhafter Sanftheit; man hätte können ewig diese erste unaussprechlich holde Blüthe ansehen, diesen unberührten, fleckenlosen Duft, den jeder Hauch schon zerstören zu können schien. Vielleicht konnte man an diesem Gesicht aussetzen, daß es nicht belebt genug sey; aber vielleicht verlieh ihm eben dieser Mangel eine neue Anziehungskraft; die Ruhe der Züge war so sanft und edel, daß das Auge mit demselben Entzücken sich hier ergieng und mit demselben Widerstreben sich davon trennte, wie es empfindet, wenn es auf solchen Farben verweilt und sie dann verläßt, welche im angenehmsten Einklang mit seinen innern Organen stehen. Aber während Paul seine Augen an dieser jungen Schönheit weidete, hatten die kühneren Blicke des langen Ned ein nicht minder verführerisches Ziel in einer großen goldnen Uhr gefunden, welche der Herr, der das Mädchen begleitete, hin und wieder dem Auge darbot, als würde er nachgerade ein wenig verdrossen über die Länge der Stücke oder den Schneckengang der Zeit. »Welch eine blendende Schönheit!« flüsterte Paul. »Blendend? ist denn auch das Zifferblatt, wie der Deckel, von Gold?« flüsterte der lange Ned zurück. Unser Held gaffte ihn an, runzelte die Stirne und erklärte seinem Begleiter, trotz seiner gigantischen Gestalt: er solle sich einen andern Gegenstand für seine Scherze suchen. Ned gaffte ihn auch wieder an, gab aber keine Antwort. Nachgerade wurde Paul, obgleich das Frauenzimmer wohl noch zu jung war, um sich in sie zu verlieben, neugierig, in welchem Verhältnis ihr Begleiter zu ihr stehen möge? Obwohl der Gentleman ein ganz schöner Mann war, waren doch seine Züge so wie der ganze Ausdruck seines Gesichts gar sehr verschieden von denjenigen, welche Paul mit solchem Entzücken betrachtete. Er war dem Anschein nach nicht über fünfundvierzig, aber seine Stirne war von vielen Linien und Furchen durchschnitten, und das Licht seiner Augen, obwohl forschend, war nüchterner und gelassener als es sich von seinen Jahren erwarten ließ. Ein unangenehmer Ausdruck spielte um den Mund und die Form des Gesichts, das lang und schmal war, verminderte bedeutend den günstigen Eindruck einer schönen Adlernase, guter Zähne und einer dunkeln, männlichen, obwohl gelblichen Gesichtsfarbe. Eine Mischung von Schlauigkeit und Zerstreuung sprach sich in diesem Angesicht aus. Sehr wenig Aufmerksamkeit schien er dem Schauspiel, so wie Allem was um ihn her vorgieng, zu widmen; aber er zeigte, als das Stück vorüber war, eine ungemeine Lebhaftigkeit in der Art, wie er seiner jungen Begleiterin den Mantel umhieng, und durch den Menschenschwarm, den jetzt die Logen ausströmten, sich Bahn brach. Paul und sein Gefährte folgten ihnen schweigend, und jeder aus sehr verschiednen Beweggründen. Sie standen jetzt an der Thüre des Theaters. Ein Diener trat vor und setzte den Gentleman in Kenntniß, sein Wagen sey nur einige Schritte weit entfernt; aber es dürfte einige Zeit währen, bis er vorfahren könne. »Kannst Du bis an den Wagen hin zu Fuß gehen, meine Liebe?« fragte der Gentleman seine junge Begleiterin, und auf ihre bejahende Antwort verließen beide, unter Vortritt des Dieners, das Schauspielhaus. »Kommt weiter!« sagte der lange Ned hastig und eilte in derselben Richtung, welche die Unbekannten genommen, weiter. Paul war damit sehr zufrieden; bald holten sie die Fremden ein. Der lange Ned ging zunächst neben dem Gentleman und streifte ihn im Vorbeigehen. Sofort rief eine Stimme: Halt Dieb! und der lange Ned stürzte sich mit der Ermahnung an Paul: »Schiebt Euch fort, lauft!« von unsers Helden Seite weg in das Getümmel und war in einem Nu verschwunden. Ehe Paul wieder zur Besinnung kam, fand er sich plötzlich beim Kragen gefaßt; er wandte sich rasch um und sah das schwärzliche Angesicht des Begleiters der jungen Dame. »Spitzbube!« rief der Gentleman, »meine Uhr!« »Uhr!« wiederholte Paul ganz verblüfft, und nur durch die Rücksicht auf die junge Dame zurückgehalten, daß er nicht den ihn Festhaltenden zu Boden schlug, »Uhr!« »Ja, junger Mensch!« rief ein Bursch in einem großen Ueberrock, der jetzt plötzlich auf der andern Seite Pauls erschien: »dieses Gentleman's Uhr – befehlen Eure Ehren (und damit wandte er sich an den Klageführenden), ich bin der aufgestellte Wächter – soll ich diesen Käufer ohne Geld verhaften?« »In alle Wege!« rief der Gentleman, »ich verliere lieber das Doppelte des Werths als die Uhr. Ich kann schwören, ich sah den Begleiter dieses Burschen sie mir aus der Tasche schnellen. Der Dieb ist fort, aber wir haben wenigstens den Mitschuldigen. Wächter, ich gebe ihn Euch in strenge Aufsicht; Ihr haftet für alle Folgen, wenn er entwischt.« Der Wächter antwortete mürrisch, es bedürfe bei ihm der Drohungen nicht, er wisse wohl seine Schuldigkeit zu thun. »Antwortet mir nicht, Bursche!« sagte der Gentleman hochmüthig, »thut, wie ich Euch befehle!« und nach einem kurzen Gespräch sah sich Paul plötzlich zwischen großen Männern abgeführt, die aussahen, als ob sie ihn fressen wollten. Inzwischen war er seines Erstaunens und Zorns Meister geworden; er war scharfsichtig genug um einzusehen, daß sein Begleiter das Vergehen begangen hatte, wofür man ihn festnahm, und er sah auch voraus, daß dieser Umstand für ihn selbst üble Folgen nach sich ziehen könne. Bei der ganzen Fysiognomie des gegenwärtigen Falles urtheilte er: ein Versuch zu entfliehen würde kein unkluger Schritt von seiner Seite seyn, er nahm also, nachdem er einige Schritte ganz ruhig und geduldig fortgegangen war, seine Gelegenheit wahr, riß sich von dem ihn haltenden Mann zu seiner linken Seite los und führte die so befreite Hand gegen die Wange des Herrn zu seiner Rechten mit so gründlich gutem Willen, daß er jenen bewog, ihn loszulassen, und einige Schritte in schiefer Haltung gegen die Geländer zu taumeln. Aber ein solcher Bogenschuß von Backenstreich mit der linken Hand geschleudert ist sehr unersprießlich gegen die Gegenwehr eines festen Gleichgewichts, und ehe Paul sich hinlänglich gesammelt hatte, um einen erfolgreichen neuen Sturm zu wagen, war er durch einen Schlag des andern, unversehrten Wächters, der ihn ganz der Besinnung beraubte, zu Boden gestreckt, und als er diesen nützlichen Schatz wieder gefunden hatte (welchen zu verlieren sich Einer mit Recht rühmen darf, weil nur die Minderzahl ihn zu verlieren hat), fand er sich auf einer Bank im Wachthause hingestreckt.