Edward Bulwer Paul Clifford. Fünftes Bändchen. Dreiundzwanzigstes Kapitel Viola. Und liebst du mich? Lysander.                       Dich lieben Viola? Flieh' ich dich nicht, wenn Licht aus deinem Auge Mein Wesen trinkt? dieß Fliehn antworte dir! Die Braut. Die Gardinen-Gedanken des Squire waren nicht ohne ein Resultat geblieben. So wie sein warmes Herz auf einmal wieder sich seinem frühern Wohlgefallen an Clifford geöffnet hatte, verlangte er nach einer Gelegenheit, seine vorhergegangne Unhöflichkeit wieder gut zu machen und seine jetzige Dankbarkeit an den Tag zu legen. Zudem empfand er einigermaßen Unwillen und Schaam über sein Benehmen in der letzten Zeit, daß er nemlich dem allgemeinen, und wie er jetzt fest überzeugt war, grundlosen Vorurtheil gegen seinen jungen Freund mitgehuldigt hatte, und vor einem näher liegenden und stärkern Gefühl trat seine gewöhnliche Nachgiebigkeit gegen seines Bruders Rathschläge in den Hintergrund. Mit diesen günstigen Gesinnungen gegen Clifford verband sich sein scharfsinniger Verdacht oder vielleicht seine Ueberzeugung von Luciens Neigung für ihren schönen Retter, und er hatte wenigstens so viel Ahnungsvermögen um zu errathen, daß sie ihn nach dem Abentheuer dieser Nacht nicht weniger lieben werde. Zu diesem kam noch die weichmüthige Erinnerung an die Abschieds-Worte seiner Gattin; und die Thränen und die verrätherische Bewegung Luciens in dem Wagen waren seinem einfachen Gemüth, das nickt wußte, wie leicht die Thränen eines Mädchens fließen und trocknen, genug, um die Weissagung der theuren Todten zu bestätigen. Auch waren die großmüthigeren und gütigeren Empfindungen des Squire nicht ohne alle Beimischung von selbstsüchtigen Betrachtungen. Stolz , ohne im mindesten ehrsüchtig zu seyn, war er immer geneigter eine Ehre zu erweisen als zu empfangen, und im Herzen war er heimlich froh bei dem Gedanken, statt des feingebildeten und immer fremd bleibenden Mauleverer, den angenehmen und geselligen Clifford zum Schwiegersohn einzutauschen. In solcher, fast göttlicher Verwirrung , waren die Gedanken, die in dem kreisenden Gehirn Josef Brandons durcheinander wogten, und eh er sich auf die linke Seite gekehrt, was er immer that, bevor er sich dem Schlafe übergab, war der Squire schon vollständig zu einem Entschluß gekommen, der den Entwürfen des Advokaten und den Hoffnungen des Grafen höchst Unheil-drohend war. Am folgenden Morgen, als Lucie beschäftigt war, die üppige Fülle der ambratriefenden Haare zu flechten, gegenüber dem kleinen Spiegel ihres Zimmers, der trotz seinem trüben und verfinsterten Glase noch ein Angesicht zurückwarf, welches die griechische Dichtergestalt der Aurora beschämt haben würde, verkündigte ihr ein leises Pochen an der Thüre ihren Vater. In seinem gerötheten und freundlichen Gesicht herrschte der Ausdruck, welcher immer einen Mann zu bezeichnen pflegt, der mit sich selbst zufrieden, die Zuversicht hegt, Andern eine Freude machen zu können. »Mein liebes Kind!« sagte der Squire, zärtlich das reiche Haar Luciens streichelnd und ihre rosige Wange küssend, »ich bin gekommen, um mit dir eine kurze Unterredung zu halten, setze dich und – ich für meine Person gehe gern nach Gemächlichkeit umher und beiläufig (schließe das Fenster, meine Liebe, es geht ein Ostwind) ich wünsche, daß wir eine klare und ausgemachte Sache bekommen. Hem! – gieb mir deine Hand, mein Kind – ich meine, über solche Sachen kann man nicht zu genau und zweckdienlich sprechen, obgleich ich wohl weiß, (denn, für meine Person, ich befleiße mich immer Jedermann, besonders dir mein liebes Kind, mit der größten Aufmerksamkeit zu begegnen,) daß wir mit ebenso viel behutsamem Zartgefühl als Genauigkeit zu Werke gehen müssen. Du kennst diesen Capitän Clifford – es ist ein braver Junge, nicht wahr? nun – nein, du mußt nicht so sehr erröthen, es ist nichts vorhanden, (denn in diesen Dingen kann man nicht alle seine Wünsche erfüllt haben, kann man nicht Alles haben –) dessen man sich zu schämen hätte! Sage mir jetzt, meine Tochter, meinst du er liebe dich?« Wenn Lucie nicht geradezu mit Worten antwortete, so bewegten sich doch ihre anmuthigen Lippen so, als ob sie leicht antworten könnten; und zuletzt umzog sie ein so süßes und zuversichtliches Lächeln, daß der Squire, so sehr er auf bestimmte Ausdrücke drang, keine befriedigendere Beantwortung seiner Frage verlangte. »Ja, ja, Mädchen« sagte er und blickte sie mit aller Zärtlichkeit eines Vaters an, »ich sehe wie es steht. Und kann jetzt – warum wendest du dich weg? was meinst du, wenn sich, wie ich glaube, obgleich es neidische Leute in der Welt giebt, wie es immer gab, wenn Einer ein schöner, oder gescheuter, oder tapfrer Mann ist, während, beiläufig bemerkt, sehr sonderbarer Weise, wie mich dünkt, man Einen nicht, wenigstens nicht so gehässig darum beneidet, wenn er ein Lord, oder reich ist; vielmehr ganz im Gegentheil, Rang und Geld scheinen den Leuten die Meinung einzuflößen, es habe Einer alle Cardinaltugenden – Hm, hm! – wenn, sag' ich, sich zeigen sollte, daß dieser Herr Clifford ein Gentleman von gutem Herkommen ist, – denn dieß ist, wie du weißt, wesentlich, da, wie dir meine Mutter wahrscheinlich erzählt hat, die Brandons vor vielen Jahrhunderten ein großes Geschlecht waren; meinst du, mein Kind, du könntest dann – (die Katze ist jetzt aus dem Sack!) den alten Lord aufgeben und den einfachen Gentleman heirathen!« Die Hand, welche der Squire gefaßt hatte, ward jetzt mit schlauer Zärtlichkeit ihm auf den Mund gedrückt und als er sie wieder ergriff, verbarg Lucie ihr glühendes Angesicht an seiner Brust; und nur ein Flüstern, als ob die Luft selbst verrätherisch ausplaudern könnte, versicherte ihn (denn jetzt bestand er auf einer ausgesprochenen Antwort,) von ihrem freudigen Ja. Wir befürchten keinen Tadel von Seiten des Lesers, wenn wir die übrige Unterredung zwischen Vater und Tochter mit Stillschweigen übergehen; sie dauerte nicht mehr über eine Stunde; denn der Squire erklärte: er für seine Person sey ein Feind von überflüssigen Worten. Herr Brandon gieng zuerst zum Frühstück hinunter und murmelte, indem er die Treppen hinabstieg: »Nun gut, ich will mich hängen lassen, wenn ich nicht froh bin die Sache – (denn ich liebe es nicht viel über so einfältige Angelegenheiten nachzudenken,) vom Herzen zu haben. Und was meinen Bruder betrifft – dem sag' ich gar nichts, bis Alles vorbei und ins Reine gebracht ist. Und wenn er darüber zornig wird, so kann er und der alte Lord – obgleich ich es nicht unbrüderlich meine, beide miteinander zum Teufel gehen.« Als die drey am Frückstück-Tisch versammelt waren, da ließ sich vielleicht kein auffallenderer Contrast denken, als der des strahlenden Angesichts Luciens gegen den zerrissenen und kläglichen Ausdruck, der die schönen Züge ihres Geliebten entstellte. So merklich war die Veränderung, welche Eine Nacht bei Clifford hervorgebracht zu haben schien, daß selbst der Squire darüber betroffen und beunruhigt war. Aber Lucie, deren unschuldvolle Eitelkeit für diesen Wechsel einen schmeichelhaften Grund aufzufinden wußte, tröstete sich mit der Hoffnung, bald einen ganz andern Ausdruck auf dem Antliz ihres Geliebten zu sehen; und obgleich sie sich schweigend verhielt und ihr Glück tief und ruhig in ihr lag, war doch etwas in ihrem Auge und ihrem Munde, was Clifford wie ein Hohn auf sein Elend vorkam und ihm das Herz verwundete. Er nahm sich jedoch so weit zusammen, um ein Gespräch mit dem Squire zu führen und, so gut er konnte, das Sichtbarwerden des noch in ihm tobenden Kampfes zu verbergen. Der Morgen war feucht und trüb; es war jener feine, nebelnde Regen, der auf das Wachsthum des aschgrauen Humors so äußerst fruchtbar wirkt und der muntere Squire ermangelte nicht, seinen jungen Freund wegen seiner weibischen Empfänglichkeit für die Einflüsse der Witterung zu necken. Clifford antwortete scherzhaft und der Scherz, wenn auch schlecht, war doch gut genug, den Neckenden zufrieden zu stellen. Auf solche witzige Art vertrieben sie sich die Zeit, bis Lucie auf ihres Vaters Aufforderung das Zimmer verließ, um die Vorbereitungen zur Heimreise zu treffen. Dann rückte der Squire mit seinem Stuhle Clifford näher und eröffnete mit wirklichem, eifrigem Ernst seine Operationen – den Plan dazu hatte er schon vorher gemacht – in folgender Ordnung: sie giengen erstens dahin, nach Cliffords Stand, Familie und Aussichten sich zu erkundigen und zu forschen; zweitens, wenn er sich über die Eigenschaften des äußern Menschen Gewißheit verschafft, wollte er den Zustand des innern Menschen prüfen; und drittens, wenn der gewandte Untersucher seine Vermuthung von Cliffords Neigung für Lucie bestätigt fände, wollte er die bescheidne Furcht vor einer abschläglichen Antwort, die der Squire als natürlich genug voraussetzte, verbannen, und ihn mit dem Glück bekannt machen, das in Folge von Luciens Einwilligung, für ihn bereitet sey. Während der Squire mit gewohnter Schlauheit seine wohlwollenden Absichten verfolgte, blieb Lucie auf ihrem Zimmer, in solchen Betrachtungen und Träumen, wie sie bei einem so sanguinischen und schwärmerischen Herzen natürlich waren. Länger als eine halbe Stunde war sie allein gewesen, als die Kammermagd der Herberge anpochte und eine Botschaft von dem Squire überbrachte, der sie bitten ließ, zu ihm in das Sprechzimmer hinunter zu kommen. Mit einem Herzen, das so heftig schlug, daß es beinahe sein Leben zu verzehren schien, gieng Lucie langsam und mit bebendem Schritte hinunter. Als sie die Thüre öffnete, sah sie Clifford in der Fenstervertiefung stehen, sein Angesicht war zum Theil von ihr abgekehrt und sein Auge auf den Boden geheftet. Der gute alte Squire saß in einem Lehnstuhl und eine Art verlegener und halbstolzer Zufriedenheit sprach sich in seinen Zügen aus. »Komm her, Kind!« sagte er und räusperte sich, »Kapitän Clifford – a – hm! erweist dir die Ehre, dir – und ich darf wohl voraussehen, daß es dich sehr überraschen wird, – nicht daß ich, meines Orts, mich so sehr darüber wunderte – aber das kann meine eigne Ansicht seyn, (und es ist gewiß bei mir sehr natürlich) dir eine Liebeserklärung zu machen. Er erklärt ferner, daß er der Elendeste der Menschen sey und eher sterben wollte, als sich die Kühnheit erlauben: zu hoffen. Deßhalb, meine Liebe, habe ich dich holen lassen, um ihm Erlaubniß zu ertheilen, sich umzubringen, auf welche Weise ihm beliebt; und ich überlasse es ihm, den Grund anzugeben, warum (es ist ein Geschick, das früher oder später alle seine Mitmenschen trifft) das Todesurtheil nicht gegen ihn ausgesprochen werden soll.« Nachdem er sich dieser Rede in angemessenern Ausdrücken entledigt hatte, als ihm sonst gelang, stand der Squire rasch auf und schwankte aus dem Zimmer. Lucie sank in den Sessel, den ihr Vater verlassen, und Clifford sagte, sich ihr nähernd, mit heiserer, leiser Stimme: »Ihr Vater, Miß Brandon, hat ganz recht gesagt, ich wolle lieber sterben, als mein Auge hoffend zu Ihnen erheben. Ich dachte gestern, Sie zum letztenmal gesehen zu haben; – der Zufall, nicht meine eigene Thorheit oder Anmaßung, hat mich wieder in Ihre Nähe geführt und eben die wenigen Stunden, die ich mit Ihnen unter Einem Dache zubrachte, ließen mich fühlen, wie meine Liebe, mein Wahnsinn erst jetzt die höchste Höhe erreicht hat. O Lucie!« fuhr Clifford in einem leidenschaftlicheren Ton fort und warf sich wie von einer plötzlichen, unwiderstehlichen Macht getrieben, ihr zu Füßen, »wenn ich hoffen könnte, Sie zu verdienen – hoffen könnte, mich vom Staub zu erheben – könnte ich dieß! aber nein! nein! Ich bin von aller Hoffnung und für immer abgeschnitten.« Es lag eine so tiefe, bittere, herzinnige, kummervolle Selbstanklage in dem Ton, womit die letzten Worte gesprochen wurden, daß Lucie, jede Vorsicht wegwerfend, und alles Andere in der Bestürzung des Mitgefühls und der Theilnahme vergessend, ihm, die Hand gegen ihn ausstreckend, welche er noch knieend faßte und mit feurigen Küssen bedeckte, antwortete: »Reden Sie nicht so, Herr Clifford! sprechen Sie nicht gegen Sich selbst Anklagen aus, die Sie, dessen bin ich gewiß, nicht verdienen. Vielleicht sind, verzeihen Sie mir, Ihre Geburt, Ihr Vermögen unter Ihren Verdiensten, und Sie haben meines Vaters Schwäche hinsichtlich des ersten Punkts errathen; oder vielleicht haben Sie nicht alle Verirrungen vermieden, in welche die Menschen sich stürzen; vielleicht sind Sie unklug oder gedankenlos gewesen; vielleicht haben Sie (die Mode ist ansteckend), über Ihre Mittel gespielt oder Sich in Schulden gestürzt; das sind Fehler, es ist wahr, und zu bereuen; aber nicht so, daß sie nicht wieder gut gemacht werden könnten.« Es kann auffallend erscheinen, daß alle Entschlossenheit und Selbstverläugnung in diesem Augenblick Clifford verließ – er erhob das Auge, strahlend vor Freude und Dankbarkeit zu dem Antlitz, das sich in freundlicher Unschuld über ihn beugte und rief aus: »Nein, Miß Brandon! nein Lucie! theurer Engel, Lucie! meine Fehler sind minder verzeihlich als diese, aber vielleicht sind sie nicht minder die Folge von Umständen und von Ansteckung; vielleicht ist es nicht zu spät, sie wieder gut zu machen. Wollten Sie – Sie wirklich sich entschließen, mein Schutzengel zu werden, so verzweifle ich noch nicht gerettet zu werden.« »Wenn« sagte Lucie tief erröthend und zur Erde blickend, während sie rasch und lebhaft sprach, gleichsam um ihn nicht durch ihren Vorschlag zu demüthigen, »wenn, Herr Clifford, etwa der Mangel an Vermögen Ihnen eine Unbequemlichkeit oder – oder eine Verirrung verursacht hat, so glauben Sie doch, daß Ich – das heißt Wir, in so weit Ihre Freunde sind, daß Sie keinen Anstand nehmen werden, um einen kleinen Theil unserer Schuld gegen Sie von der lezten Nacht her uns zu erleichtern.« »Theures, edles Mädchen!« sagte Clifford, während über seinen Lippen wieder jenes Lächeln des fürchterlichsten Sarkasmus hinzuckte, das bisweilen seine Züge verzerrte, und Lucie schaudernd wie eine Ähnlichkeit mit einem Manne gemahnte, der nach Ruf und Charakter sehr von ihrem Geliebten verschieden war, »leiten Sie mein Unglück aus keiner so geringfügigen Quelle ab; nicht Geld ist es, das mir fehlen wird, so lange ich lebe, obwohl ich bis zu meinem lezten Athemzug an dieses Ihr Zartgefühl denken und es mit gewissen unwürdigen Erinnerungen in meiner Seele vergleichen werde. Ja! alle Gedanken und Erinnerungen der Vergangenheit werden später bewirken, daß ich Sie noch mehr als jetzt verehre, – während sie Ihrem Herzen – wenn mir nicht der Himmel Ein Gebet erhört – Verachtung und Abscheu gegen mich einflößen werden!« »Um der himmlischen Barmherzigkeit willen, reden Sie nicht so!« sagte Lucie, in verwirrter Bestürzung die finstern arbeitenden Züge ihres Geliebten anstarrend, »Verachtung, Abscheu gegen Sie! unmöglich! wie könnte dieß seyn bei der Erinnerung an die letzte Nacht!« »Ja, an letzte Nacht,« sagte Clifford, ganz durch die Zähne sprechend,« diese Erinnerung hat viel, was lang in uns beiden fortleben wird; aber Sie, Sie, holder Engel!« (und alle Härte und Ironie verschwand auf Einmal aus Ton und Miene und wich einer zärtlichen, tiefen Traurigkeit, vermischt mit einer an Verehrung gränzenden Hochachtung), »Sie konnten nie von mehr als von Mitleid gegen einen Menschen wie ich, träumen – Sie hätten nie von Ihrer erhabenen und glänzenden Reinheit herabsteigen sollen, um gegen mich eine solche Empfindung zu hegen, wie diejenige, welche in meinem Herzen für sie lodert – Sie, ja, ziehen Sie Ihre Hand weg, ich bin nicht werth sie zu berühren!« Er drückte seine Hände vor's Gesicht und verstummte plötzlich; aber seine innere Bewegung war übelverhehlt und Lucie sah die kräftige Gestalt vor ihr von Leidenschaften ergriffen und geschüttelt, die nur um so gewaltiger und herzzerreißender waren, weil sie nur wenige Augenblicke die Selbstbeherrschung des Mannes überwältigten und sich kämpfend Luft machten. Wenn nachher, lange nachher Lucie, seine räthselhaften Worte sich wieder vergegenwärtigend, sich selbst gestand, daß sie ein schuldbeflecktes Gewissen verriethen: so war sie doch jetzt zu ergriffen, um an etwas Anderes als seine Liebe und seine Bewegung denken zu können. Sie beugte sich hinab und mit mädchenhafter, zärtlicher Selbstvergessenheit, der Niemand widerstanden hätte, legte sie ihre beiden Hände in die seinigen; Clifford fuhr auf, starrte sie an und im nächsten Augenblick hatte er sie an sein Herz gedrückt; und während die einzigen Thränen, die er seit seiner verbrecherischen Laufbahn vergossen, häufig und heiß auf ihr Antlitz fielen, küßte er mit leidenschaftlichem, wildem Entzücken ihre Stirne, Wangen und Lippen. Die Stimme erstarb in ihm; er getraute sich nicht mehr zu sprechen; nur Ein Gedanke durchbebte und durchhallte selbst bei dieser anscheinenden Vergessenheit seiner und ihrer Lage seine Brust: der Gedanke der Flucht. Je inniger er seiner Liebe sich bewußt ward, je zärtlicher und vertrauensvoller der Gegenstand seiner Liebe wurde, desto dringender zeigte sich ihm die Nothwendigkeit sie zu verlassen. Alle andern Pflichten hatte er versäumt, aber er liebte mit ächter Liebe und die Liebe, die ihn Eine Pflicht lehrte, führte ihn triumfirend durch ihre bitterste Probe. »Sie werden heute Nacht von mir hören,« flüsterte er; »glauben Sie, daß ich ein Wahnsinniger, ein Verfluchter, ein Verbrecher bin, aber kein ausgemachtes Ungeheuer! Ich verlange kein gnädigeres Urtheil über mich!« Hiemit entzog er sich seiner gefährlichen Lage und schied rasch von ihr. Als Clifford seine Wohnung erreichte, traf er seine würdigen Gesellen, die, Unruhe und Schrecken im Angesicht, ihn erwarteten. Eine ältere Heldenthat, bei der sie sich hervorgethan, hatte längst die ernste Aufmerksamkeit der Polizei auf sich gezogen und gewisse Beamte hatten sich jetzt in Bath sehen lassen, und gewisse Nachforschungen waren eingeleitet worden, die für die Sicherheit des scharfsinnigen Tomlinson und des handfesten Pepper nichts Gutes ahnen ließen. Sie kamen, demüthig und reuig sich Verzeihung wegen ihres unabsichtlichen Angriffs auf den Wagen des Squire zu erbitten und sich bei ihrem Hauptmann schleunig Raths zu erholen. Wenn Clifford zuvor in seinem uneigennützigen Entschluß geschwankt hatte; wenn die Bilder Luciens, die Bilder von Glück und Besserung wahrend seines einsamen Rittes ihm nur allzuhäufig und glänzend vor der Seele standen: so reichte jetzt der Anblick dieser Menschen, ihr Gespräch, ihre Gefahr, vollkommen hin, ihn ganz in seinem Entschlusse zu bestärken. »Barmherziger Gott!« dachte er, »dem Genossen solcher vogelfreier Schurken, einem Manne, der, wie sie, stündlich dem schmachvollsten Tode ausgesetzt ist, konnte ich auch nur eine Sekunde lang das unschuldige und edelmüthige Mädchen überantworten wollen, deren Treue oder Liebe das einzige Verbrechen ist, das sie des glänzendsten Looses berauben konnte!« Cliffords Befehle an seine Untergebenen waren ganz kurz, und, so sehr gewöhnen wir uns, Vieles mechanisch zu thun, mit der gewohnten Umsicht und Genauigkeit ertheilt: »Ihr verlaßt die Stadt augenblicklich; bei Eurem Leben geht Ihr nicht nach London oder zu irgend Einem Eurer Kameraden. Reitet nach der rothen Höhle; dort sind Vorräthe aufgehäuft, und seit unserer letzten Aenderung im Innern wird sie Raum genug haben, Eure Pferde zu verstecken. In der Nacht des zweiten Tags von heute an will ich zu Euch stoßen. Aber daß Ihr ja nicht anders als bei Nacht in die Höhle geht und sie unter keiner Bedingung verlaßt, bis ich komme!« »Ja!« sagte er, als er allein war, »ich will wieder zu Euch stoßen, aber nur um Euch zu verlassen. Noch Eine Verletzung des Gesetzes, oder wenigstens noch der Raub Einer Summe aus den schwellenden Händen des Reichen, groß genug, um mich für ein ausländisches Heer auszurüsten: dann verlasse ich das Land meiner Geburt und meiner Verbrechen. Kann ich Lucie Brandon nicht verdienen, so will ich mindestens ihrer weniger unwürdig werden. Vielleicht – warum nicht? Ich bin jung, meine Nerven sind nicht schwach, mein Hirn nicht stumpf, vielleicht kann ich mir auf dem Feld ehrenvoller Abentheuer einen Namen erwerben, den ich vor meinem Sterbebette ihr zu bekennen nicht erröthen dürfte!« Während dieser Vorsatz Cliffords Brust schwellte, setzte Lucie mit dem Squire in trübem Schweigen ihre Reise nach Bath fort. Letzterer erkundigte sich sehr angelegentlich, warum Clifford weggegangen sey und was er ihr eröffnet habe, und Lucie, unfähig zu antworten, verwies ihn mit Allem auf den für den Abend versprochenen Brief. »Ich bin froh,« murmelte der Squire gegen sie, »daß er schreiben will; denn ich weiß nicht wie es ging, obgleich ich ihn sehr genau befragte, entschlüpfte er doch meinen Kreuz- und Querfragen, brach auf einmal mit seiner Liebe gegen dich hervor, und ließ mich über seine eigene Person so klug wie vorher; ohne Zweifel wird sein Brief (ich für meinen Theil sehe nicht ein, warum er nicht ein bedeutender Mann seyn sollte, der ein Incognito beobachtet) Alles aufklären.« Spät in der Nacht kam der Brief; Lucie war, zum Glück für sie allein, auf ihrem Zimmer; sie öffnete ihn und las wie folgt. Cliffords Brief. »Ich habe versprochen Ihnen zu schreiben und setze mich nieder, um dieß Versprechen zu erfüllen. In diesem Augenblick ist das Andenken an Ihre Güte, Ihre großmüthige Nachsicht, lebendig in meiner Seele; und während ich ruhige und gewöhnliche Worte wählen muß, um das auszudrücken, was ich zu sagen habe, ist mein Herz abwechselnd bald hingeschmolzen bald zerrissen von Empfindungen, die – o wie so ganz andre Worte erfordern würden! Ihr Vater hat mich oft über meine Geburt und Verwandtschaft befragt – ich bin bisher seinen Nachforschungen ausgewichen. Erfahren Sie jetzt, wer ich bin. In einem elenden Hause, in der Umgebung der Armuth und der Sünde haften meine frühsten Erinnerungen. Mein Vater ist mir, wie Jedermann, unbekannt – meine Mutter! vor Ihnen darf ich nicht erwähnen, Wer oder Was sie war! – sie starb in meiner Kindheit. Ohne einen Namen, doch nicht ohne ein Erbtheil – (mein Erbtheil war groß; es hieß: Schande!) ward ich in die Welt gestoßen; durch Zufall hatte ich einige Erziehung genossen und manche, meinen Umständen nicht entsprechende Ideen eingesogen; seither habe ich im Leben mancherlei Rollen gespielt; Bücher und Menschen hab' ich nicht so vernachläßigt, daß ich mir nicht von Zeit zu Zeit einige Kenntnisse von beiden erworben hätte. Daraus können Sie sich erklären, woher es kam, wenn ich Ihnen besser erschien, als ich bin; die Umstände machten mich bald zu meinem eignen Herrn; sie machten mich auch zu einem Solchen, den ehrliche Leute nicht gern ansehen mögen; meine Handlungen standen, mein Charakter steht auf gleicher Linie mit meiner Geburt und mit meinem Vermögen. Ich kam in diese Stadt, mit der edeln Hoffnung, mich wieder zu heben und frei zu kaufen, indem ich mein Schicksal durch eine reiche Heirath vergoldete; Ich sah Sie, die ich früher einmal gesprochen hatte. Ich hörte, Sie seyen reich. Hassen Sie mich, Miß Brandon, hassen Sie mich! – Ich beschloß, Ihr Verderben zum Fundament meiner Rettung zu machen. Zum Glück für Sie, lernte ich Sie kaum kennen, als ich Sie auch liebte! diese Liebe drang tief ein – sie leitete Etwas von Ihrer Reinheit und Erhabenheit auf mich herüber. Mein Entschluß versagte mir; ich konnte mich sogar jetzt auf die Kniee werfen und Gott danken, daß Sie, Sie, theuerstes und edelstes Wesen, nicht mein Weib geworden sind. Ist Ihnen jetzt mein Benehmen klar? wo nicht, so denken Sie sich, daß Alles an mir nichtswürdig ist, Einen Punkt ausgenommen: so weit ich mit Ihnen in einem Verhältnis stehe – und dann wird kein Schatten von Geheimniß übrig bleiben. Ihr gütiger Vater, den elenden Dienst, den ich Ihnen erwies, überschätzend, wäre geneigt gewesen, mein Schicksal Ihrer Entscheidung zu unterwerfen. Ich erröthe voll Unwillen für ihn, für Sie, daß ein Lebendiger an eine solche Entweihung der Miß Brandon auch nur im Traum denken konnte. Und doch ließ ich selbst mich durch eine so plötzliche und einschmeichelnde Hoffnung hinreißen und berauschen – ja ich wagte es, mein Auge zu Ihnen zu erheben, Sie an mein schuldbelastetes Herz zu drücken, mein Selbst zu vergessen und zu träumen, Sie könnten die Meinige werden! Können Sie mir diesen Wahnsinn verzeihen? Und später einst, im erhabenen, glänzenden Kreise eines ehlichen Glückes – können Sie beim Gedanken an meine Kühnheit Ihrem Hasse wehren? Vielleicht denken Sie, durch ein so spätes Bekenntnis habe ich Sie bereits betrogen. Ach, Sie wissen nicht, was mich noch jetzt dieses Bekenntnis kostet! Ich hatte nur Eine Hoffnung im Leben, die: Sie würden, wenn Sie mich längst aus dem Gesicht verloren, mich nicht unter den Haufen von Menschen setzen, mit denen Sie leben. Diesen schmeichelnden, brennenden, aber selbstsüchtigen Wahn reiße ich aus meinem Herzen und gehe jetzt hin, wo keine Hoffnung mir folgt. Keine Hoffnung für mich selbst, außer Eine, die kaum den Namen verdient; denn es ist eher ein unbestimmter, träumerischer Wunsch, als eine Aussicht; die nemlich: Sie möchten später einmal unter einem andern Namen und andern Umständen von mir hören; und wenn ich Sie benachrichtige, daß Sie unter diesem Namen an einen Mann zu denken haben, der Sie mehr liebt, als alle erschaffnen Wesen: so können Sie dann wenigstens keine Ursache finden, sich dieses Liebhabers zu schämen. Was werden Sie dann seyn? Eine glückliche Gattin – Mutter – der Mittelpunkt von tausend Freuden; geliebt, bewundert, gesegnet, wo ein Auge Sie sieht, und ein Ohr Sie hört. Und dieß ist es, was ich hoffen muß; dieß ist der Trost, mit dem ich mich zu beruhigen suche und vielleicht in kurzer Zeit zu beruhigen vermag. Nicht daß ich Sie weniger lieben werde, sondern nur weniger leidenschaftlich und somit weniger selbstsüchtig. Jetzt habe ich Ihnen Alles geschrieben, was Ihnen von mir zu erfahren geziemt. Mein Pferd wartet unten, um mich aus dieser Stadt und für immer aus Ihrer Nähe zu tragen. Für immer! Ja Sie sind das einzige Gut, das mir für immer versagt bleibt. Reichthum kann ich gewinnen – einen guten Namen, sogar nach Ruhm darf ich vielleicht streben! selbst zum Himmel kann ich einen Pfad finden – aber Sie zu erlangen – diese Hoffnung muß selbst aus meinen Träumen bis auf den leisesten Schatten verschwinden. Ich sage nicht, daß Sie, wenn Sie meine Seele durchschauen könnten, während ich schreibe, mich bemitleiden würden. Es mag Ihnen sonderbar vorkommen, aber ich möchte um die Welt nicht Ihr Mitleid ; ich meine, leichter wollte ich selbst Ihren Haß ertragen; Mitleid gleicht so gar der Verachtung. Aber wenn Sie wüßten, welche Anstrengung mich in den Stand gesetzt hat, meine Sprache zu zügeln, meine Gedanken zu fesseln, mir zu untersagen, dem Worte zu leihen, was mein Gehirn durchtobt und mir das Gefühl giebt, als ob lebendiges Feuer meine Hand verzehrte: wenn Sie wüßten, was mich in Stand setzte, über den Wahnsinn meines Herzens zu siegen und Ihnen das zu ersparen, was, geschrieben oder ausgesprochen, den Ausbrüchen der Fieberglut gleichen würde: Sie würden, Sie könnten mich nicht verachten, möchten Sie mich auch verabscheuen. Und nun der Himmel schütze und segne Sie! Nichts auf Erden kann Ihnen ein Leid zufügen. Und selbst der Elende, der Sie ansah, lerne beten. Ich habe für Sie gebetet!« So, abgebrochen und ohne Unterschrift, schloß der erwartete Brief. Lucie kam am nächsten Morgen zu ihrer gewohnten Stunde herab, und außer dem, daß sie sehr blaß war, schien nichts in ihrem Wesen vorangegangenen Schmerz oder Bewegung anzukündigen. Der Squire fragte sie, ob sie den versprochnen Brief bekommen? sie antwortete, mit heller obwohl leiser Stimme, ja; – Herr Clifford haben erklärt, er sey von zu niedriger Herkunft, um an eine Heirath in Herrn Brandons Familie denken zu können; sie hoffe, der Squire werde sein Geheimniß bewahren, und der Gegenstand werde von Keinem von ihnen mehr erwähnt werden. Wenn in dieser Rede etwas ihrem offenherzigen Charakter Fremdes und ihrem Gemüthe selbst Peinliches lag: so hatte sie gleichsam die Pflicht gegen ihren vorherigen Geliebten empfunden, nicht sein ganzes, mit so bitterem Schmerz abgelegtes Bekenntniß zu verrathen. Vielleicht auch hatte dieser Brief einen geheimen Reitz, der ihr zu heilig schien, um irgend Jemand ihn zu offenbaren. Und Geheimnisse waren auch von einer so unpassenden und dem Anschein nach vorübergehenden Liebe, wie die ihrige, nicht ausgeschlossen. Luciens Antwort traf den Squire bei seiner schwachen Seite. »Von einem Manne von entschieden niedriger Herkunft,« erklärte er, »könne natürlich gar nicht die Rede seyn; dennoch zeige der junge Mann viel Aufrichtigkeit in seiner Eröffnung.« Gern gab er das Versprechen, einen so mißliebigen Gegenstand nie wieder aufzuwecken; und obgleich er beim Schluß seiner Rede seufzte, gab ihm doch die ausnehmende Ruhe in Luciens Wesen wieder einigen Muth, und als er bemerkte, wie sie, obwohl ohne lebendige Theilnahme, ihre gewohnten Beschäftigungen wieder vornahm, zweifelte er kaum mehr daran, daß sie bald die Erinnerung an eine, wie er hoffte, halbkindische und flüchtige Neigung überwinden werde. Mit Begierde ergriff er ihren Vorschlag, nach Warlock zurückzukehren, und noch in derselben Woche, wo Lucie den geheimnißvollen Brief ihres Geliebten erhalten, traten Vater und Tochter die Heimreise an. Vierundzwanzigstes Kapitel. Kellner. Wer sind diese da? Freisasse. Und von welcher Art – zu was nütze? Latroch. Was meint Ihr? Die Tragödie von Rollo. Frau Hurtig. Er ist in Arthurs Schoos, wenn jemals Einer in Arthurs Schooß gekommen ist. Heinrich V. Der Verlauf unserer Erzählung führt uns jetzt zu William Brandon zurück. Die beabsichtigten Beförderungen waren ins Werk gesetzt worden, und zur Ueberraschung des Publikums hatte der beneidete Rechtsanwalt der Herabwürdigung durch die Ritterwürde sich unterzogen, und eben zu der Zeit, da wir zu ihm zurückkehren, seine mühevollen Geschäfte gegen das heitere Ehrenamt des Richterstuhls vertauscht. Der Verdruß, den dieser verschmitzte und strebende Planmacher sonst gewiß bei einer Erhöhung empfunden haben würde, welche weit unter seinen wohlberechtigten Erwartungen stand, wurde ganz durch die von der Regierung ihm vorgehaltnen Hoffnungen auf eine baldige Beförderung zu einem glänzenden Posten aufgewogen; und man flüsterte im Kreise derjenigen, welche solche Ereignisse wohl vorhersehen können: Sir William Brandon dürfe sogar seine Blicke zur Stelle eines Oberrichters und Peers kecklich erheben, und sogar der Wollsack sey ein nicht zu hoher Platz für die Hoffnungen eines Mannes von solchem Einfluß, solchen Fähigkeiten; und die Demokraten setzten hinzu: von so schmiegsamen Grundsätzen. Gerade in diesem Zeitpunkt schien auch das schreckliche Uebel, dessen Angriffe Brandon so eifersüchtig als nur möglich vor der Welt geheim zu halten suchte, der Geschicklichkeit eines neuen Arztes zu weichen; und durch Anwendung von Mitteln, welcher sich zu bedienen ein minder fester und entschloßner Mann gezittert hätte, (so gewaltsamer und meist gefährlicher Art waren sie,) gieng er aus dem Zustand einer fast unerträglichen Qual in ein wahres Elysium von Ruhe und Behaglichkeit über; vielleicht jedoch zerrütteten auch die Mittel, die ihm Besserung verschafften, zugleich seine Constitution, und es war bemerkenswerth, daß in zwei Fällen, wo der Arzt durch dieselben Mittel einen ähnlichen Erfolg bewirkt hatte, die Patienten plötzlich starben eben in dem Zeitpunkt, wo ihre Heilung gänzlich beendigt schien. Sir William Brandon jedoch schien wenig auf diese Gefahr zu achten. Sein Wesen wurde heiterer und sogar milder, als es je zuvor gewesen; sein Gang bekam eine gewiße Leichtigkeit, Auge und Stimme einen fröhlicheren Ausdruck, – dieß alles bezeichnete einen Mann, dem plötzlich eine schwere Bürde abgenommen wurde, und der nicht mehr durch die niederdrückende Last eines körperlichen Leidens abgehalten wurde, sich kühnen Hoffnungen hinzugeben. Er war immer in Gesellschaft artig gewesen; aber jetzt verrieth seine Höflichkeit weniger Absichtliches; sie nahm einen herzlicheren Ton an. Noch eine Veränderung ließ sich an ihm beobachten und dieß war gerade das Gegentheil von dem, was man hätte erwarten sollen. Obgleich ein Verächter von Prunk und Glanz und viel zu herb um üppig zu seyn, war er doch ein viel zu erfahrener und berechnender Kenner der Schwächen anderer Menschen, als daß er nicht während seiner öffentlichen Laufbahn eine stattliche Haushaltung und eine gastliche Tafel hätte unterhalten sollen. Der Beruf, den er erwählt, verlangt vielleicht weniger als andere, eine Unterstützung durch Aeußerlichkeiten; aber Brandon hatte darnach gestrebt, eben sowohl im Parlament als vor den Gerichtsschranken für einflußreich zu gelten; und obgleich sein Haus in einem ganz seinem Beruf entsprechenden Stadtviertel lag, war er doch gewohnt, um seinen gastlichen Tisch alle Männer seiner politischen Partei, die durch Rang oder Talent hervorragten, zu versammeln. Aber gerade jetzt, da Gastlichkeit und ein gewisser größerer Aufwand seiner Stellung mehr geziemte, wurde er in seiner Haushaltung genauer und eingezogener. Brandon konnte unmöglich ein Geizhals geworden seyn: Geld konnte für einen so gründlich klugen Mann wie er, nie aus einem Mittel zum Zweck geworden seyn; aber er hatte offenbar, aus welchem Grund es nun seyn mochte, den Vorsatz gefaßt zu sparen. Einige erklärten es für eine Folge wiederkehrender Gesundheit und der Hoffnung auf ein längeres Leben, in welchem mancherlei Fälle vorkommen können, die ein Vermögen wünschenswerth machen. Aber als man zufällig erfuhr, Brandon habe einige Nachfragen wegen eines großen Gutes in der Nähe von Warlock thun lassen, das früher im Besitz seiner Familie gewesen: da waren die Klatschmäuler, (denn Brandon war ein Mann, von dem sich wohl klatschen ließ,) nicht mehr in Verlegenheit um einen wahren oder falschen Beweggrund für die Sparsamkeit des Richters. Bald nach seiner Erhebung auf die Richterbank, und noch ehe die Spuren dieser Veränderung kund geworden waren, wurde der sonderbare Lumpenkerl, dessen wir oben erwähnten, wie er von Herr Swoppem zu einem Privatgespräch bei Brandon eingeführt worden, wieder bei dem Richter vorgelassen. »Nun« sagte Brandon ungeduldig, sobald die Thüre verschlossen war, »Eure Neuigkeiten?« »Ha nun, Ihr Ehr'n« sagte der Mann in einiger Verlegenheit und drillte in der Hand Etwas herum, das die Stelle eines Hutes vertrat, »ich mein' ich werd' bald im Stand seyn, Eur' Ehr'n zufrieden zu stellen.« Dann näherte er sich dem Richter, nahm eine wichtigthuende Miene an und flüsterte: »s ischt wie ich mir's dachde!« »Mein Gott!« rief Brandon mit Heftigkeit. »Er lebt also? Und wo?« »Ich glaube,« antwortete der anscheinende Vertraute von Sir William Brandon, »daß er noch lebt, und wenn er noch lebt, so will ich meine Knochen in einem Glaskaschden aufstellen lassen, wenn ich ihn nicht aufstöbern thue; aber anzeigen, wo er jetzt eben in diesem Augenblick isch – zerschmeißt mich, wenn ich das im Stand bin!« »Ist er im Lande?« sagte Brandon, »oder glaubt Ihr, er sey ins Ausland gegangen?« »Nu, viel vom Einen und nicht wenig vom Andern!« sagte der wohlredende Vertraute. »Wie? sprecht gerade heraus, Mensch! was meint Ihr?« »Nun, ich mein' eben, Ihr Ehren, daß ich nicht sagen kann, wo er ischt.« »Und das,« sagte Brandon mit einem halberstickten Fluche, »das sind Eure gerühmten Neuigkeiten, das? Hund, verdammter, verdammter Hund, wenn Ihr mich für Narren halten, mit mir ein falsches Spiel treiben wollt, laß' ich Euch hängen – beim lebendigen Gott, das laß ich! Der Mann fuhr unwillkührlich vor Brandons drohender Stirne und rollenden Augen zurück; aber mit der dem niedrigen Laster eigenthümlichen lauernden List antwortete er, obwohl in demüthigerem Tone: »Und was soll das Eu'r Ehren nutzen? Wenn Sie mich so massakriren lassen, werden S' dann ihn auf die Spur kommen?« Nie gab es ein Hinderniß in der Grammatik, das eine tüchtige Wahrheit nicht durchbrach; und Brandon sagte, nach einer verdrießlichen Pause, mit milderem Ton: »Ich wollte Euch nicht Angst machen; denkt nicht mehr an das was ich Euch sagte; aber Ihr könnt doch mit Sicherheit errathen, wo er ist, oder welche Lebensart er führt, – vielleicht« – und eine plötzliche Blässe überflog Brandons schwärzliches Angesicht: »vielleicht hat er sich in eine unehrliche Lebensweise gestürzt, um sich das Leben zu fristen?« Der Befragte erwiederte mit großer Unbefangenheit: »so etwas sey gar nicht unmöglich!« und Brandon ging zu einer Reihe von scheinbar gleichgültigen, aber künstlichen Kreuz- und Querfragen über, welchen zu entgehen den Menschen entweder seine Unwissenheit oder seine List in Stand setzte. Nach einiger Zeit gab Brandon, getäuscht und unbefriedigt, das ihm so geläufige Geschäft auf, gab dem Mann viele wohlausgedachte, in's Kleinste gehende Anweisungen nebst einem sehr freigebigen Geschenk und sah sich dann genöthigt, seinen räthselhaften Besuch zu entlassen und sich mit der betheuerten Versicherung zu begnügen: daß wenn der Gegenstand seiner Nachforschungen nicht bereits zum Teufel gegangen sey, der sonderbare Ehrenmann, der sich mit dessen Aufspürung befaßt hatte, ihn gewiß früher oder später dem Richter liefern wolle. Diese Versicherung nebst dem vorangegangenen Gespräch flößten Sir William Brandon wirklich ein Gefühl wie Zufriedenheit ein; doch hatte es eine beträchtliche Beimischung von Unlust. »Ich sehe nicht ab,« dachte er, indem er, allein gelassen, seine Betrachtungen abschloß, »ich sehe nicht ab, was ich sonst thun kann. Da es scheint, daß der Knabe nicht einmal einen Namen hatte, als er allein aus dem nichtswürdigen Neste sich fortmachte, so fürchte ich, eine öffentliche Anzeige würde nur wenig Wahrscheinlichkeit gewähren, ihn auch nur kenntlich zu schildern, geschweige ihn aufzufinden nach einer so langen Abwesenheit. Zudem könnte mich dieß Betrügern preis geben und aller Wahrscheinlichkeit nach hat er entweder das Land verlassen, oder eine Lebensweise ergriffen, die ihm die Lust, sich zu entdecken, benehmen würde!« Dieser Gedanke versenkte den einsamen Sprecher in ein düsteres Nachsinnen, das einige Minuten währte und aus dem er mit dem lauten Ausruf auffuhr: »Ja, ja! Ich darf es glauben, es hoffen! – Jetzt auf's Ministerium und die Peerschaft los!« Und von dieser Zeit an schlug Sir William Brandons Ehrgeiz immer festere und weitergreifende Wurzeln in seiner Seele. Wir beklagen sehr, daß der Verlauf unserer Geschichte uns jetzt nöthigt, eines Ereignisses zu gedenken, welches zu erzählen wir uns gerne die Unlust erspart hätten. Der gute alte Squire vom Warlocker Herrenhaus hatte nach seiner Rückkehr von Bath kaum seine Heimath erreicht, als William Brandon folgenden Brief von seines Bruders ergrautem Kellermeister erhielt: »Hochgeehrter Sirr! »Uebersende Folgendes mit möglichster Eile, obwoll mit schwehrem Herzen, um Dero in Bekanntschaft zu setsen von der blötzlichen (und wie seine guthen Freunde und Anteilnehmende Perschonen fürchten, als zu welch letztgenannten sicherlich alle gehöhren, die ihn kennen) gefeerlichen Kranckheit des Squiren. Der Leser, der ohne Zweifel schon die Beobachtung gemacht hat, wie langjährige Diener sich etwas vom Ton ihrer Herren aneignen, wird bemerken, daß der ehrliche John Sampson vom Squire die Gewohnheit der ineinandergeschachtelten Sätze angenommen. Er ward von der Kranckheith angewendet, der guthe arme Herr (Gott schuf nie keinen Besseren, nehmen mir's Ihr Ehren nicht für übel!) im Augenblick wo er den Fuus in seine eigne Halle setzte, und was seither wie ein Mühlstein mir auf der Seele gelegen, ist, daß er, statt zu sagen: Wie stehts und geht's Sampson? wie er sonst pflegte, wenn er von fremden Orten wieder heimkam, als da sind Bath, Lonn'n und dergleichen, dießmal sagte: Gott segne dich, Sampson! und ich meine jetzt immer ungefähr, das werden seine letzten Worte gewesen seyn; denn er hat seitdem nicht mehr gesprochen, ohneracht daß Miß Lucie unabläßig an seinem Bette ist. Sie, die gute arme Seele läßt sich gar nichts anmerken von Lamentiren und solchem Weiberwesen, sieht aber demohnerachtet auf und nieder wie eine Leiche aus. Ich schicke Tom, den Postillion mit dieser Expresse, wissende, daß er seinen guthen Gallopp reitet und vor noch nicht sechzehn Jahren bei einem Rennen einen Preis davongetragen hat. Hoffende daß Ihr Ehren ohne Zeitverlust in dieß Haus der Trauer eilen werden, verharre ich, mit aller Hochachtung Euer Ehren unterthäniger, dienstwilliger Diener John Sampson.« Sir William Brandon nahm sich nicht Zeit, diesen Brief zweimal zu lesen, um den Sinn desselben zu enträthseln, eh' er einem seiner Amtsbrüder schrieb und ihn ersuchte, während seiner unumgänglich nothwendigen Abwesenheit aus der traurigen Veranlassung von seines Bruders zu befürchtendem Tode, seine Stelle einzunehmen; und dieß gethan, reiste er sogleich nach Warlock. Ihm selbst unerklärlich war das Gefühl, nahe an wirklichen Kummer gränzend, das der weltlich gesinnte Advokat bei der Aussicht empfand, seinen harmlosen und von allem Ehrgeitz freien Bruder zu verlieren. Sey es nun, daß unruhige und ehrgeizige Gemüther, welche sich für ihre wankelmüthige Zärtlichkeit ihnen selbst gerade entgegengesetzte Charakter aussuchen, beim Verlust der Gesellschaft solcher ruhiger, reiner Seelen, die nie ihren eignen unebnen Pfad durchkreuzt haben, ein Gefühl haben, als ob sie eine Art von Rettungshafen für ihre eignen rastlosen Gedanken und sturmgepeitschten Plane verlören: sey dem wie ihm wolle, gewiß ist, daß als William Brandon vor seines Bruders Thor ankam und von dem alten Schenken, der ihn, zum erstenmal niedergeschlagen, begrüßte, erfuhr, der Squire habe den Geist aufgegeben, seine starre Natur ihm auf einmal versagte und er die Erschütterung mit einer vielleicht lebhafteren Heftigkeit empfand, als selbst ein wohlwollenderes und zärtlicheres Herz sie empfunden hätte. Sobald er wieder seiner Gemüthsbewegung Meister geworden, erkundigte sich Sir William nach seiner Nichte und als er erfuhr, nach einem unausgesetzten Wachen während der ganzen kurzen Krankheit des Squire sey bei seinem Tode ihre Natur unterlegen und man habe sie bewußtlos von seinem Zimmer in das ihrige gebracht: gieng Brandon mit Schritten, die von seinem sonstigen stattlichen Gang gar sehr verschieden waren, in das Zimmer, wo sein Bruder lag. Es war eines der ältesten Gemächer im Hause und noch zeichnete Viel von dem alten Glanze, der dem Herrenhaus eigen war, eh mit dem Vermögen seiner aufeinander folgenden Besitzer auch seine Herrlichkeit sich verminderte, dieses Zimmer aus. Der ungeheure Kaminsims, der zu der geschnitzten Decke in grotesken Pilastern emporstieg und Getäfel vom schwärzesten Eichenholz, in der Mitte die vermählten Wappen von Brandon und Saville angebracht, die panellirten Wände von demselben dunkeln Getäfel – der Schrank von Ebenholz, die Stühle mit hohen Lehnen und Polstern von Teppichen – das erhabne Bett mit seinen Paradekissen und Behängen von karmoisinrother Seide, die, so solid war der Stoff und so hervorstehend die Blumen, eher erhabener Arbeit als gewirkter glich, – alles vereinigte sich mit der Gestalt des Zimmers, ihm das Ansehen feudal-alterthümlicher Feierlichkeit zu geben, die vielleicht zum Uebrigen des Hauses nicht paßte, aber ganz wie gemacht war, einen düstern Schmerz in die Brust des weltlichgesinnten, stolzen Mannes zu werfen, der jetzt in die Todtenkammer seines Bruders trat. Schweigend entfernte Brandon die Leichenwächter und schweigend setzte er sich neben dem Bette nieder und betrachtete lang und gedankenvoll das ruhige, friedliche Antlitz des Todten. Es ist schwer zu errathen, was in ihm vorgieng, während er allein in dem Zimmer blieb. Das Gemach selbst hätte er, auch zu einer andern Zeit, nicht ohne eine geheime Bewegung ansehen können. Es war dasjenige, worin er als Knabe gewöhnlich geschlafen hatte; und jetzt, da er ein Mann voll von Planen und Bestrebungen war, reichte der bloße Anblick dieses Zimmers hin, all die Hoffnungen und Träume, die unruhigen Entwürfe und fieberhaften Wünsche ihm in die Seele zurück zu rufen, die ihm jetzt das beneidete Los anerkannter Berühmtheit und zerrütteter Gesundheit verschafft hatten. Es muß etwas Peinliches in der Zusammenstellung dieser lebendigen Erinnerungen mit der Veranlassung, welche ihn in dieß Gemach führte, gewesen seyn; und es war etwas Freundliches in der Miene des Todten, das kräftiger an das Herz des Lebenden sprach, als William Brandon je zu gestehen geneigt seyn mochte. Länger als eine Stunde hatte er in dem Zimmer zugebracht und der Abend warf schon tiefe Schatten durch die schmalen Scheiben des halbgeschlossenen Fensters, als Brandon durch ein leichtes Geräusch aufgeschreckt wurde. Er sah auf und erblickte sich gegenüber Lucien. Sie sah ihn nicht, aber sie warf sich über das Bette, nahm die kalte Hand des Erblichenen und brach nach langem Schweigen in einen Strom von leidenschaftlichen Thränen aus. »Mein Vater!« schluchzte sie, »mein zärtlicher guter Vater! wer wird mich jetzt lieben?« »Ich!« sagte Brandon, tief ergriffen, und um das Bett herumgehend schloß er die Nichte in seine Arme; »ich will dein Vater seyn, und du – die letzte unsres Stammes – sollst mir Tochter seyn!« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Bei ihm war Falschheit nicht die hohle Frucht Der Ruhmsucht, die ein eitles Herz versucht; Es war berechnet, listig schlaue Kunst. Crabbe. Fahrt zu! nach Canterbury! ins Posthorn stoßt! Frisch über Stock und Stein, durch dick und dünn! Hurrah! wie schnell und lustig fährt die Post!             *             *             *                         *             *             *             Hier herrschen die Gesetze; keine Falle Droht hier dem Reisenden; die Straßen alle Sind rein! – Hier faß der Dolch ihm an der Kehle: »Gott straf' Euch! Laßt Eu'r Geld, wo nicht – die Seele! Don Juan. Unglücksfälle gleichen den Schöpfungen des Cadmus – sie vernichten einer den andern. Durch die plötzliche Krankheit des Squire aus der schlaffen Betäubung des Gemüths aufgeschreckt, worein sie durch den Verlust des Geliebten versunken war, hatte Lucie jetzt keinen Gedanken mehr an sich, an irgend etwas Anderes als an ihren Vater, noch lange nachdem sich das Grab über seiner irdischen Hülle geschlossen hatte. Aber gerade die Lebhaftigkeit dieses neuen Schmerzens war minder gefährlich als die Dumpfheit des frühern; und als der erste Sturm des Jammers vorüber war und ihr Gemüth allmälig und unwillkührlich wieder zu der Erinnerung an Clifford zurückkehrte: so geschah dieß jetzt mit weniger Heftigkeit und weniger Gefahr für ihre Gesundheit und ihr Glück als zuvor. Sie hielt es für unnatürlich und strafbar, sich irgend einem andern Kummer hinzugeben, da sie einen so heiligen Schmerz wie den über ihren Verlust zu hegen hatte; und ihr Geist, einmal zum Widerstand gegen die Leidenschaft sich ermannend, entwickelte eine natürliche Stärke, die man von ihrem Charakter, wie er sich sonst zeigte, kaum erwartet hätte. Sir William Brandon kehrte nach der Beerdigung seines Bruders ohne Zeitverlust in die Stadt zurück. Er bestand darauf, seine Nichte mit sich zu nehmen; und sie gab, obwohl mit innerem Widerstreben, seinen Wünschen nach und begleitete ihn. Nach dem Willen des Squire war auch wirklich Sir William zum Vormund für Lucie bestellt, und es fehlte ihr noch mehr als ein Jahr zur Volljährigkeit. Brandon war für Alles besorgt, wovon er glauben konnte, es könne ihr irgend Freude machen, mit einer zarten Aufmerksamkeit, die er sonst gegen das, ihm verhaßte, weibliche Geschlecht nicht zeigte. Er ordnete seinen Haushalt förmlich so, daß sie als die Gebieterin galt. Eine Reihe von Zimmern zu ihrem ausschließlichen Gebrauch wurde eingerichtet und möblirt, so wie es nach ihrem Geschmack seyn würde; ein besonderer Wagen sammt Dienerschaft standen ihr zu Gebote, und durch fortwährende Geschenke von Büchern, Blumen, Musikalien suchte er ihre Gedanken zu beschäftigen und sie für die Einsamkeit zu entschädigen, welcher er sie zu überlassen durch die Pflichten seines Amts genöthigt war. Diese Aufmerksamkeiten, welche den sonderbaren Mann in einem neuen Lichte zeigten, schienen manche verborgene, gute Seiten zum Vorschein zu bringen, welche sonst unter den Härten seiner kieselharten Natur verhüllt blieben; und trotz ihrem wohlbegründeten Schmerz und der tiefen Schwermuth, welche sie verzehrte, fühlte doch Lucie eine dankbare Rührung über eine Güte, welche doppelt zu schätzen war an einem Manne, der, obwohl feingebildet und artig, keineswegs ein Freund der kleinen, den Frauen so schmeichelhaften Aufmerksamkeiten war, die, so erwünscht sie ihnen sind, doch oft dem, der sie erweist, ihre Mißachtung zuziehen. Brandon, hatte Vieles an sich, das unvermerkt für ihn einnahm. Bei einer erfahrenern Person als Lucie wäre dieses unwillkührliche Sich angezogen fühlen wohl leicht mit einigem Verdacht vereinbar und wohl schwerlich von Hochachtung gegen ihn begleitet gewesen; und doch war für Alle, die ihn kannten, selbst für den scharfsichtigen und selbstsüchtigen Mauleverer, diese Anziehung vorhanden; ohne Grundsätze, verschmitzt, heuchlerisch, sogar niederträchtig, wenn sein Zweck es erheischte – mit geheimem Hohne die Thoren verlachend, mit denen er sein Spiel trieb; kein Gesetz anerkennend als das des Eigennutzes und Ehrgeitzes – so war dieser Mann, der die Menschen nur wie Maschinen, und Meinungen nur als Leitern, um in die Höhe zu steigen, ansah; und doch ward manchmal ein Ton mächtiger Empfindung einem Herzen entlockt, das im selben Augenblick vielleicht ein ganzes Volk dem erbärmlichsten persönlichen Vortheil opferte; und bei Lucien gieng oft die Redseligkeit oder die Ironie seiner Unterhaltung in eine tiefe Melancholie ober eine halberstickte edle Fühlbarkeit über, welche mit ihrem Gemütszustand übereinstimmten und ihre Zärtlichkeit für ihn mächtig erhob. Diese Eigenthümlichkeiten in seiner Unterhaltung machten, daß Lucie ihm gerne zuhörte und allmählig sich gewöhnte, mit einer trüben Freude der Stunde entgegenzusehen, wo er nach den Geschäften des Tags sich bei ihr zu erholen pflegte. »Sie sehen diesen Abend unwohl aus, Oheim!« sagte sie, als er einmal beim Eintreten in das Zimmer erschöpfter als gewöhnlich aussah; sie stand auf, beugte sich zärtlich über ihn und küßte ihm die Stirne. »Ja« sagte Brandon, durch die Liebkosung nicht erheitert, ja sie nicht einmal beachtend, »unsre Lebensbahn geht bald ins dürre gelbe Laub hinein, und wenn Macbeth beklagte, daß er nicht schauen sollte, was der Schmuck des hohen Alters sey, so war er aberwitzig geworden und beklagte etwas ganz Wertloses.« »Aber Oheim, ›Ehre, Treue, Gehorsam, Schaaren von Freunden‹ das verlohnte sich doch darum zu seufzen.« »Pah! nicht Einen Seufzer werth! die thörichten Wünsche, womit wir uns in der Jugend tragen, haben etwas Edles und gewissermaßen Wesenhaftes an sich; aber die des Alters sind bloße Schatten und dazu noch Schatten von Pygmeen. Was ist denn überhaupt Ehre? Was ist ein guter Name unter den Menschen? nur eine Art von heidnischem Götzen, aufgestellt, um von der einen Schaar Narren angebetet und von der andern verachtet zu werden. Bemerkst du nicht, Lucie, daß die Männer, die du von der Parthey am meisten rühmen hörst, mit der du heute zusammenkommst, am meisten von der verunglimpft werden, die du morgen sprichst? Oeffentliche Charaktere werden nur von ihrer Parthey gerühmt, und ihre Parthey, meine liebe Lucie, sind so niederträchtige Schoßhunde, daß es Einem die Galle erregt so bald man nur daran denkt, wie man sich erniedrigt, wenn man ihnen dient. So ein guter Name ist nur das Lob einer Sekte und die Mitglieder dieser Sekte sind nichts als wunderbar brauchbare Schelme. »Aber die Nachwelt läßt denjenigen, welche wirklich Ruhm verdienen, Gerechtigkeit widerfahren.« »Nachwelt! Meinst du, daß ein Mann, der weiß was das Leben ist, um die Pfennig-Pfeifchen großer Kinder nach seinem Tod sich kümmert? Nachwelt, Lucie – nein! Die Nachwelt ist nur die beständige Wiederholung von Schurken und Narren; und wäre es auch wünschenswerth von ihr die Gerechtigkeit gehandhabt zu sehen: sie könnte sie nicht ausüben. Ist die Welt darüber einig, ob Karl Stuart ein Lügner oder ein Märtyrer war? Wie viele Jahrhunderte lang hat man den Nero für ein Ungeheuer gehalten! Jetzt fragt ein Schriftsteller mit einer Zuversicht, als löste er ein Problem auf, welcher ächte Geschichtschreiber denn daran zweifeln könne, daß Nero ein Ideal gewesen! die Patriarchen der Schrift sind von neuen Filosofen für eine Reihe astronomischer Hieroglyfen erklärt worden, und mit größerem Schein der Wahrheit hat man behauptet, der Patriote Tell habe gar nicht gelebt. Nachwelt! Das Wort hat schon Menschen genug getäuscht; so daß ich die Zahl nicht zu vergrößern brauche. Ich, der ich die Lebenden verachte, kann schwerlich den Ungebornen huldigen. Lucie, glaube mir, Niemand kann im politischen Leben viel mit den Leuten verkehren, ohne nachgerade Alles zu verachten, was er früher angebetet. Das Alter läßt uns nur Ein Gefühl übrig – Geringschätzung! »Hat man Sie denn verläumdet,« sagte Lucie, auf eine Zeitung, das Organ der Brandon entgegenstehenden Parthey hindeutend, »hat man Sie denn verläumdet, wenn man Sie hier ehrgeitzig nennt? Wenn man Sie selbstsüchtig und habsüchtig nennt, so thut man Ihnen, das weiß ich, Unrecht; aber ich gestehe Ihnen, daß ich selbst Sie für ehrgeitzig hielt; aber kann denn derjenige, der die Menschen verachtet, ihre gute Meinung sich wünschen?« »Ihre gute Meinung!« wiederholte Brandon spottend. »Verlangen wir das Lob der Esel die wir reiten? – Nein!« fuhr er nach einer Pause fort, »die Macht, nicht die Ehre – die Hoffnung sich sowohl bei der äußern Welt als bei sich selbst im Innern der Seele in Achtung zu setzen: diese Hoffnung treibt mich zu arbeiten, da ich ruhen könnte und wird mich treiben bis an mein Grab. – Lucie!« fuhr Brandon die Augen auf seine Nichte heftend fort, »hast du keinen Ehrgeitz? Haben Gewalt, Prunk und Ehrenstellen für dein Gemüth keinen Reitz?« »Gar keinen!« sagte Lucie ruhig und einfach. »In der That! – Es gab Zeiten, wo ich mein Blut in deinen Adern zu erkennen glaubte, du stammst aus einem ehemals edeln, aber verfallenen Geschlecht. Hast du einige Empfänglichkeit für die Schwachheit des Ahnenstolzes?« »Sie sagen« antwortete Lucie, »wir sollen uns nicht um die kümmern, welche nach uns leben, viel weniger, dünkt mich, sollen wir uns um die kümmern, welche Jahrhunderte vor uns gelebt haben.« »Gut geantwortet!« sagte Brandon lächelnd. »Ich will dir irgend einmal erzählen, welche Gewalt diese von dir verachtete Schwäche über mich ausübte, als ich schon weit älter war als du. Du bist frühe weise – in manchen Punkten; benütze meine Erfahrung und werde es in allen !« »Das heißt, ich soll alle Menschen und alle Dinge verachten?« sagte Lucie ebenfalls lächelnd. »Nun, du brauchst nicht meinen Glauben anzunehmen; du kannst nach deinem eigenen weise seyn; aber liebste Lucie, glaube Einem, der dich rein und uneigennützig liebt, und der auf der Goldwage alle Vortheile abgewogen, die noch auf einer Erde aufzulesen sind, wo, wie ich in der That überzeugt bin, der Herbstertrag schon eingesammelt ward, ehe wir sie betraten: glaube mir, Lucie! – und halte nie die Liebe, diesen Mädchentraum, für so werthvoll als Stand und Macht; bedenke dich wohl, eh' du jener dich hingiebst; nach diesen greife im Augenblick, wo sie sich dir darbieten. Liebe legt dich zu den Füßen eines Andern und dieser Andere ist ein Tyrann; aber hoher Stand legt Andere dir zu Füßen, und all' diese dir Huldigenden sind deine Sklaven!« Lucie rückte mit ihrem Stuhl, so daß ihre jetzige Stellung ihr Angesicht nicht sehen ließ und antwortete nicht. Brandon fuhr in verändertem Tone fort: »Solltest du es glauben, Lucie, daß ich einmal Thor genug war, mir einzubilden, die Liebe sey ein Himmelsgut und des lebhaftesten Strebens werth? Ich gab meine Hoffnungen, meine Aussichten auf Reichthum und Ehre, auf Alles was seit meinen Knabenjahren mein Herz entzündet hatte, auf. Ich erkor mir Armuth, Namenlosigkeit, Niedrigkeit; aber darneben erkor ich mir die Liebe. Was war mein Lohn? Lucie Brandon! ich ward betrogen – betrogen!« Brandon schwieg und Lucie ergriff zärtlich seine Hand, aber brach ihr Schweigen nicht; Brandon fuhr fort: »Ja, ich ward betrogen! aber ich meinerseits hatte auch eine Genugthuung und eine angemessene Genugthuung – denn es war nicht die Rache des Hasses, sondern (hier lachte der Redende sardonisch) die der Verachtung. Genug davon, Lucie! Was ich dir zu sagen wünschte ist dieß – ältere Männer und Frauen wissen mehr, was eigentlich an den Dingen ist, als jüngere Leute sich einbilden. Liebe ist nur ein Spielzeug und kein Mensch tauschte sie je ohne Reue gegen einen wirklichen Vortheil ein. Glaube dieß, und wenn je hoher Stand unter diesen hübschen Fuß sich schmiegt, so schleudre doch ja diesen Schemel nicht weg!« Nach diesen Worten zündete Brandon mit einem feinen Lachen seine Nachtkerze an und verließ für heute das Zimmer. Sobald der Rechtsgelehrte sein Zimmer erreicht hatte, schrieb er folgenden Brief an Lord Mauleverer nieder: »Warum, lieber Mauleverer, kommen Sie nicht in die Stadt? Ich bedarf Ihrer. Ihre Partey bedarf Ihrer, vielleicht der König bedarf Ihrer; und fürwahr, wenn es Ihnen mit meiner Nichte ein Ernst ist, sollte Sie die Sorge um Ihre eigne Liebesbewerbung treiben hieher zu kommen. Ich habe für Sie den Weg gebahnt, und ich denke bei einiger Gewandtheit dürfen Sie auf einen raschen Erfolg rechnen; aber Lucie ist ein sonderbares Mädchen – und überhaupt thäten Sie vielleicht am besten, obgleich Sie an Ort und Stelle seyn sollten, die Sache so viel als möglich mir zu überlassen. Ich kenne die menschliche Natur, Mauleverer, und diese Kenntniß ist der Hebel, durch den ich meinen Triumf bewirken will. Den jungen Liebhaber betreffend, so weiß ich nicht recht gewiß, ob es nicht zu unserem Vortheil ausschlagen wird, daß Lucie in diesem Punkt den Schmerz einer getäuschten Hoffnung erfahren hatte; denn wenn ein Weib einmal geliebt hat und ihre Liebe ganz hoffnungslos ist, so schlägt sie sich alle überschwänglichen Ideen von andern Liebhabern ganz aus dem Sinn, dann begnügt sie sich mit einem Gatten, den sie achtet ! Die herrliche Frase! Aber Sie, Mauleverer, verlangen: Lucie soll sie lieben! Und das wird sie auch – wenn Sie sie nur erst geheirathet haben. Lucie wird Sie lieben, theils wegen der Vortheile, die sie Ihnen verdankt, theils in Folge des vertraulichen Zusammenlebens. Ich meines Theils schlage den Einfluß der Häuslichkeit so hoch an, daß ich glaube: ein Weib ist immer zur Zärtlichkeit gegen einen Mann geneigt, den sie einmal in der Nachtmütze gesehen hat. Indeß Sie sollten in die Stadt kommen; die frische Trauer um den Tod meines armen Bruders gestattet uns Niemand zu sehen – das Feld ist rein von Nebenbuhlern; der Schmerz hat meiner Nichte Herz gesänftigt – mit Einem Wort, Sie könnten Sich keine bessere Gelegenheit wünschen. Kommen Sie! Beiläufig! Sie sagen, einer der Gründe, warum Sie von Kapitän Clifford so schlimm dachten, sey der Eindruck, den Ihnen die Gestalt Eines seiner Kameraden machte, in der sie eine Aehnlichkeit mit Einem der Kerls zu erkennen glaubten, von welchen Sie vor einigen Monaten ausgeplündert wurden. Ich höre, daß eben jetzt die Polizei in lebhafter Verfolgung von drei sehr berüchtigten Räubern begriffen ist; es würde mich durchaus nicht Wunder nehmen, wenn man in diesem Clifford das Haupt der Bande, d. h. den bekannten Lovett, entdeckte. Ich höre, besagter Anführer sey ein gescheuter und hübscher Bursche, von vornehm-anständigem Wesen, und seine gewöhnlichen Gefährten sind zwei Männer gerade von solchem Gelichter wie die zwei Ehrenmänner, welche Sie mir so ergötzlich beschrieben. Dieß erfuhr ich gestern von Nabbem, dem Polizeibeamten, um dessen Bekanntschaft ich mich einmal bei einem Verhör bewarb; und in meinem Groll gegen Ihren Nebenbuhler ließ ich etwas von meinem Verdacht fallen, es sey nicht unmöglich, daß er, der Kapitän Clifford, sich als dieser Rinaldo Rinaldini der Landstraße ausweise. Nabbem faßte sogleich meinen Fingerzeig; und so darf ich, falls die Vermuthung sich bestätigt, meinem Gewissen sowohl als meiner Freundschaft mit dem Gedanken schmeicheln, das meinige dazu beigetragen zu haben, um den Adonis meiner Nichte an den Galgen zu bringen. Mag sich nun meine Vermuthung bestätigen oder nicht: Nabbem sagt, er sey dieses Lovett's gewiß; denn Einer von der Bande hat versprochen ihn zu verrathen. Zum Henker mit diesen hochfahrenden Hunden! Ich meinte der Verrath beschränke sich nur auf die Politik; und dieser Gedanke bringt mich auf Staatsangelegenheiten zu sprechen – wo alle Leute mit der erbaulichsten Schnelligkeit die Rollen wechseln.« Sir William Brandon's Brief traf Mauleverer in einer für Lucie und London sehr günstigen Stimmung. Unser würdiger Peer war durch Luciens plötzliche Abreise von Bath in sehr verdrießliche Laune versetzt worden; und während er noch im Zweifel war, ob er ihr folgen sollte oder nicht, brachten ihm die Zeitungen die Nachricht von des Squiren Tode. Mauleverer, dem jetzt die Unmöglichkeit einleuchtete, seine Bewerbung sofort zu beschleunigen, suchte als ächter Filosof mit der Hinausschiebung seiner Hoffnung sich auszusöhnen. Nicht leicht war Jemand für den Trost empfänglicher als Lord Mauleverer. Er fand eine angenehme Dame, deren Gesicht weniger von der Zeit gelitten hatte als ihr Ruf, welcher er die Sorge anvertraute, seine müßigen Augenblicke vor Langerweile zu bewahren; und diese entsprach dem in sie gesetzten Vertrauen zur großen Zufriedenheit des Lords Mauleverer etwa vierzehn Tage lang, so daß er natürlicherweise seine Liebe gegen Lucie, wegen der Trennung und neuer Bande, allmälig schwinden fühlte; aber gerade als der Triumf der Zeit über die Leidenschaft entscheidend werden wollte, verließ die Dame Bath in Gesellschaft eines schlanken Geleitsmannes und erhielt Mauleverer Brandon's Brief. Diese beiden Umstände erweckten in unsrem trefflichen Liebhaber wieder das Bewußtseyn von seiner Treuepflicht; und jetzt Bath keinen besondern Reiz mehr hatte, um der Glut seiner Zärtlichkeit die Wage zu halten, so ließ Mauleverer seinen Wagen anspannen, und reiste, nur von seinem Kammerdiener begleitet, nach London ab. Nichts vielleicht konnte ein treffenderes Bild eines Aristokraten liefern, als der Anblick des schmalen, vornehm verdrießlichen Angesichts Lord Mauleverers hinter dem verschloßnen Fenster seines üppigen Reisewagens hervorlugend! Der übrige Mann war sorgfältig in Pelze gewickelt, ein halb Dutzend Novellen waren auf dem Sitz ausgebreitet und ein magrer französischer Hund, der ausnehmend seinem Herrn glich, schnüffelte umsonst nach der frischen Luft, die nach Mauleverers Vorstellung mit allen Arten von Asthma und Catarrh bevölkert war. Ein treffendes Bild eines Aristokraten war es – aus folgenden Gründen, weil es den Eindruck der Faulheit, der Unbehaglichkeit, der Ueppigkeit, des Stolzes und des Lächerlichen machte. Mauleverer stieg in Salisbury aus, um seine Glieder zu dehnen und sich mit einem Kalbsrippchen zu letzen. Unser Edelmann war auf den Landstraßen wohlbekannt und da Niemand leutseliger seyn konnte als er, so war er auch sehr beliebt. Der dienstwillige Wirth stolperte ins Zimmer, um selbst seiner Lordschaft aufzuwarten und alle Neuigkeiten des Orts ihm zu erzählen. »Nun, Herr Cheerly !« sagte Mauleverer, einen durchdringenden Blick auf sein Rippchen heftend, »die schlechten Zeiten haben, wie ich sehe, Euren Koch noch nicht zu Grund gerichtet.« »In der That, mein Lord, Euer Lordschaft ist sehr gütig und die Zeiten, in der That, sind sehr schlecht – sehr schlecht in der That. Ist auch genug frischer blutiger Saft daran? Vielleicht will Euer Lordschaft die eingemachten Zwiebeln versuchen?« »Die – was? Zwiebeln? – ah – nichts kann besser seyn; aber ich rühre nie solche an. Ey, sind die Straßen gut?« »Euer Lordschaft hat sie hoffentlich bis Salisbury gut gefunden?« »Ha, ich glaube so. O, gewiß, vortrefflich bis Salisbury. Aber wie sind sie nach London? Wir haben nasses Wetter gehabt in neuester Zeit, mein' ich!« »Nein, mein Lord! Hier war das Wetter so trocken wie ein Bein.« »Oder eine Cotelette!« murmelte Mauleverer; und der Wirth fuhr fort: »Die Straßen an und für sich selbst, mein Lord, was die Straßen selbst betrifft, die sind prächtig gut, mein Lord! aber ich könnte nicht sagen, daß eben gar nichts daran zu bessern wäre!« »Gar nicht unwahrscheinlich! Ihr meint die Herbergen und die Chausseegelder?« versetzte Mauleverer. »Euer Lordschaft belieben zu scherzen; – nein, ich meinte etwas schlimmeres als dieß.« »Was? die Köche?« »Nein, mein Lord, die Landstraßen-Ritter!« »Die Landstraßen-Ritter! in der That!« sagte Mauleverer besorgt, denn er hatte ein Kästchen mit Diamanten bei sich, die in damaliger Zeit bei großen Gelegenheiten oft in Gestalt von Knöpfen, Schnallen u.s.w., die Kleidung vornehmer Herrn schmückten; auch hatte er eine ziemlich beträchtliche Summe baares Geld bei sich, ein Fall der seit neuerer Zeit selten bei ihm eintrat. – »Beiläufig gesagt, die Schufte plünderten mich schon einmal auf eben dieser Straße. Meine Pistolen sollen dießmal geladen seyn. Herr Cheerly, es ist wohl das Beste, Ihr bestellt die Pferde und ich suche noch dem Einbruch der Nacht vorzukommen!« »Ganz gewiß, mein Lord, ganz gewiß. Jakob, sogleich die Pferde. Euer Lordschaft befehlen zunoch, eine Cotelette?« »Keinen Bissen mehr!« »Ein Törtchen?« »Einen Teuf – um Alles in der Welt nicht!« »Bring den Käse, John!« »Sehr verbunden, Herr Cheerly, aber ich habe gespeist; und wenn ich Eurem guten Essen keine Gerechtigkeit widerfahren ließ, so dankt es Euch selbst und den Landstraßen-Rittern. Wo packen diese Ritter Einen an?« »Je nun, mein Lord, die Nachbarschaft von Reading ist, glaub' ich, die schlimmste Partie; aber sie beunruhigen den ganzen Weg bis Salthill gar sehr.« »Verdammt! gerade die Stelle, wo die Schurken mich schon einmal plünderten! Ihr habt Recht sie beunruhigend zu nennen! Was Henkers säubert denn die Polizei das Land nicht von einer so beweglichen Art von Ruhestörern?« »Wahrhaftig, mein Lord, ich weiß nicht; aber sie sagen, der Hauptmann Lovett, der berüchtigte Räuber, sey einer von der Rotte, und den kann Niemand fangen, fürcht' ich!« »Wahrscheinlich weil der Hund gescheut genug ist, eben so gut zu bestechen als zu rumoren. Wie stark sind gewöhnlich diese Schurken?« »Nun, mein Lord, manchmal Einer, manchmal zwei, aber selten mehr als drei.« Mauleverer richtete sich auf. »Meine kostbaren Diamanten und meine hübsche runde Börse!« dachte er, »daß ich Euch doch noch rette!« »Seyd Ihr schon lange mit den Kerlen geplagt?« fragte er nach einer Pause als er seine Rechnung bezahlte. »Nun, mein Lord, ich kann ja und nein sagen; ich bilde mir ein, sie haben eine Art von Niederlage in der Nähe von Reading; denn manchmal sind sie ganz in der Nähe ganz unerträglich und manchmal verhalten sie sich Monate lang ganz ruhig. Zum Beispiel, mein Lord, einige Zeit her wähnten wir sie ganz verschwunden, aber in neuester Zeit haben sie regelmäßig Jeden angehalten, obgleich sie, wie ich höre, bis jetzt keine große Beute gewonnen haben.« Hier meldete der Aufwärter, daß die Pferde bereit seyen und Mauleverer stieg langsam ein, unter den Bücklingen und dem Lächeln der von ihm bezauberten Geister des Wirthshauses. So lange es noch Tag war, dachte Mauleverer, ein von Natur fröhlicher und furchtloser Mann, nicht mehr an die Landstraßen-Ritter, denn diese Art von Gefahr war damals so alltäglich, daß man es beinahe als schimpflich ansah, durch die Furcht davor sich unterwegs aufhalten zu lassen. Die Reisenden entschlossen sich selten dazu, Zeit zu verlieren, um ihr Geld zu retten; und lieber führten sie ein kühnes Herz und ein Paar Pistolen mit sich, als daß sie jedesmal die Nacht unterwegs im Gasthof geschlafen hätten. Mauleverer, ein ziemlicher preux Chevalier , gehörte gerade zu dieser Art von Reisenden, und eine Nacht in einer Herberge, wenn dieß immer zu vermeiden stand, war ihm wie den meisten reichen Engländern eine verhaßte Qual, welcher er auf alle Weise zu entgehen suchte. Es kam daher unserm trefflichen Edelmann, trotz seiner gemachten Erfahrung, nicht von weitem in den Sinn, daß er seine Diamanten und seine Börse vor jeder Gefahr sichern könne, wenn er sich entschließe, dieselben sammt seiner eigenen werthen Person an einem kommlichen, gastlichen Orte unter Dach zu bringen, und in der That erst als er bei der nächsten Station bei Reading angekommen war, und die Dämmerung recht einbrach, beunruhigte ihn die Sache ernstlich. Aber während die Pferde eingespannt wurden, forderte er die Postknechte vor sich und nachdem er ihre Mienen mit dem Auge eines Mannes betrachtet, der gewohnt ist in den Gesichtern zu lesen, hielt er folgenden beredten Vortrag an sie: »Gute Freunde! man hat mir gesagt, daß man zwischen dieser Stadt und Salthill Gefahr läuft, ausgeplündert zu werden. Nun will ich Euch zu erkennen geben, wie ich es beinahe für eine Unmöglichkeit halte, daß vier wohlgelenkte Pferde von weniger als vier Mann angehalten werden sollten. Einer solchen Anzahl werde ich wahrscheinlich weichen; sind es aber weniger, so bekommen sie zuverläßig nichts als Kugeln von mir. Ihr versteht mich?« Die Postknechte grinsten, langten an ihre Hüte und Mauleverer fuhr langem fort: »Wenn also – merkt auf! – einer, zwei oder drei Männer Eure Pferde anhalten, und ich sehe, daß die Anwendung Eurer Peitschen und Sporen nicht hinreicht, die Thiere von den sie festhaltenden Räubern loszumachen, so hab' ich im Sinne mit diesen Pistolen – Ihr seht sie – auf die Herren zu schießen, welche Euch in den Weg treten; aber da, obwohl ich sonst ein sicherer Schütze bin, mein Auge im Dunkel ein wenig schwimmt, so halte ich es für wohl möglich, gute Freunde, Euch statt der Räuber zu erschießen, denn seht, die Spitzbuben werden sich so nah an Euch machen, daß Ihr in größter Erwartung schwebt, wenn Ihr sie nicht etwa mit dem dicken Ende Eurer Peitschen niederstreckt. Ich erwähne dieß nur, damit Ihr gefaßt seyd. Sollte ein solches Versehen statt finden, so dürft Ihr Euch vor der Hand kein graues Haar wachsen lassen – denn ich werde für Eure Wittwen jede mögliche Sorge tragen; wo nicht, und erreichen wir glücklich Salthill, so bin ich entschlossen, meine Anerkennung Eures trefflichen Fahrens durch ein Geschenk von zehn Guineen an jeden an den Tag zu legen. Freunde, ich bin fertig mit Euch. Ich gebe Euch, als brittischer Edelmann mein Wort, daß es mir mit allem Gesagten völliger Ernst ist. Thut mir den Gefallen und sitzt auf!« Dann rief Mauleverer seinen Leibdiener, der vorne auf dem Kutschbock saß, (die hinten angebrachten Sitze waren damals noch nicht im Gebrauch), »Smoothson« sagte er, »das letztemal als wir auf eben dieser Straße angegriffen wurden, benahmst du dich heillos. Sieh zu, daß du dich dießmal besser hältst oder es geht schlimm für dich. Du hast dießmal Pistolen bei dir, he? Wohl, das ist recht! Und du weißt gewiß, daß sie geladen sind? Sehr wohl! Nun also wenn wir angehalten werden, so verliere keinen Augenblick Zeit. Spring' herab und feure eine Pistole auf den ersten Räuber ab, die andere spare für ein sicheres Ziel. Der erste Schuß ist um einzuschüchtern, der zweite, zu tödten. Du verstehst mich! Meine Pistolen sind in vollkommnem Stand, hoff' ich! Gieb mir den Ladstock. So, so! Keine Streiche dießmal!« »Sie würden eine Fliege tödten, mein Lord, vorausgesetzt Euer Lordschaft feuerten ganz genau.« »Ich zweifle nicht daran,« sagte Mauleverer, »zünde die Laterne an und heiße die Postknechte zufahren.« Es war eine kalte und ziemlich helle Nacht. Die Dämmerung des Zwielichts schmolz unter den Strahlen des Mondes hin, der eben aufgegangen war, und der weißliche Reif schimmerte, in tausend Diamanten gebrochen, beim Licht der Sterne von Gebüsch und Rasen. Die Pferde flogen stürmisch dahin, der frischen Luft entgegenschnaubend und ihre Hufen hallten lustig auf dem harten Grund. Die rasche Bewegung des Wagens, die schneidende Kälte der Nacht, und die durch Besorgniß und Ahnung der Gefahr verursachte Aufregung – Alles vereinigte sich, das träge Blut Lord Mauleverers in lebhafte und muntere Wallung zu versetzen, wie sie in der Jugend seinem Charakter nicht fremd, aber ganz und gar dem Wesen entgegengesetzt war, das er durch seine Lebensweise in den reiferen Jahren angezogen hatte. Er fühlte an seine Pistolen und seine Hand zitterte ein wenig als er dieß that: im mindesten nicht vor Furcht, sondern vor Unruhe und lebhafter Aufregung, wie sie bei Personen von angegriffnen Nerven in einer überraschend neuen Lage gewöhnlich ist. »In diesem Lande« sagte er zu sich selbst, »bin ich in meinem ganzen Leben nur Einmal ausgeplündert worden. Damals war es zum Theil meine eigne Schuld, denn eh' ich nach meinen Pistolen griff, hätte ich auch gewiß seyn sollen, daß sie geladen seyen. Heute Nacht soll mir sicher kein ähnlicher Unschick zustoßen, und meine Pistolen haben in ihren Läufen eine äußerst ergreifende Beredsamkeit. Hm, wieder ein Meilenstein. Diese Bursche fahren gut; aber wir kommen nun an eine Stelle, welche für die Herren Jünger Rodin Hoods gar einladend ist.« Es war in der That eine malerische Stelle, über welche der Wagen jetzt in reissender Eile hinflog. Wenige Meilen von Maidenhead, auf der Straße von Henley, erinnern sich ohne Zweifel unsre Leser eines kleinen Strichs Waldgelände zu beiden Seiten des Wegs. Zur Linken verliert sich der grüne Anger unter Bäumen und Buschwerk; und Einer der in der Gegend wohl bewandert ist, kann von dieser Stelle aus durch eine Landschaft, die so wenig angebaut ist als das grüne Sherwood es in frühern Zeiten war, in die Gebirgszüge von wüsten Haiden und tiefen Buchenwaldungen gelangen, die einen Theil von Oxfordshire begränzen, und so anmuthig gegen die übrige Fysiognomie dieser Grafschaft abstechen. Zu der Zeit, wovon wir sprechen, war die Gegend noch viel wilder als jetzt und gerade da, wo die Straßen von Henley und Reading zusammenlaufen, war ein Platz (damals mit dem beschriebenen wüsten Anger in Verbindung stehend), wie es vielleicht nur wenige von gleicher Tauglichkeit für die Zwecke solcher treuen Männer giebt, welche sich den Gesetzen des ursprünglichen Naturstandes wieder nähern. Gewiß ist, daß an dieser Stelle des Wegs Mauleverer sorglicher als bisher zu seinem Fenster heraus sah, und es schien seine zunehmende Vor- und Umsicht sollte nicht unbelohnt bleiben. Ungefähr in der Entfernung von hundert Schritten, links, waren drei schwarze Gestalten in dem Schatten eben nur sichtbar; noch ein Augenblick und die mehr hervortretenden Gestalten wurden zu drei wohlberittenen Männern, die in scharfem Trott heranritten. »Nur drei!« dachte Mauleverer, »das ist gut!« und mit einer Pistole in jeder Hand sich zu dem vorderen Fenster hinausbeugend schrie er den Postknechten mit entschloßnem Tone zu: »Fahrt zu und bedenkt was ich Euch gesagt habe. – Bedenke du es auch!« setzte er, zu seinem Diener sich wendend, hinzu. Die Postknechte sahen sich kaum um, aber ihre Sporen waren in den Weichen der Pferde begraben und die Thiere flogen dahin wie der Blitz. Die drei Unbekannten machten Halt, als wollten sie sich besprechen, ihr Entschluß war bald gefaßt. Zwei schwenkten sich um ihren dritten Begleiter herum und langten in vollem Galopp bei dem Wagen an. Mauleverer hatte seine Pistole schon durch das Fenster vorne angelegt, als er zu seinem Erstaunen und seinen klugen Ermahnungen an seine Fuhrmänner ganz zum Trotz, die beiden Postknechte einen nach dem andern mit einer Schnelligkeit von ihren Pferden zu Boden geschlagen sah, daß ihm kaum die Zeit zu einem Ausruf blieb; und eh er wieder seiner Ueberraschung Meister geworden, hatten die scheugemachten Pferde (und dieß hatten die Landstraßen-Ritter klug zu benützen verstanden,) den Wagen ganz in ein Dickicht zur rechten Seite des Wegs hineingerissen und umgeworfen. Mittlerweile war Smoothson von seinem Vordersitz herabgesprungen, hatte auf den dritten Räuber, der sich ihm drohend näherte, seine Pistole, obwohl erfolglos abgefeuert, und Zeit gewonnen, die Wagenthüre zu öffnen und seinen Herrn zu befreien. Sobald Mauleverer festen Grund und Boden unter den Füßen fühlte, entschloß er sich muthig zur Offensive überzugehen. Er und Smoothson stellten sich Mann an Mann vor dem verunglückten Fuhrwerk auf und boten dem Feind einen ziemlich imponirenden Anblick dar. Die zwei Räuber, welche so rasch mit den Postknechten fertig geworden waren, giengen mit nicht weniger Entschlossenheit bei den Pferden zu Werke. Einer von ihnen stieg ab, zerschnitt die Stränge, und ließ die stampfenden Thiere gehen, wohin sie mochten. Dieses Beginnen gieng ihm jedoch nicht ungestraft hin; eine Kugel von Mauleverers Pistole schlug dem Ritter von der Landstraße durch den Hut, und so wenig fehlte zum vollen Treffen, daß sie durch die Locken des bestürzten Helden mit einem Zischen fuhr, das sein Herz in Schrecken setzte, – ebenso sehr aus Sorge für seinen Kopf als aus Angst um sein Haar. Der Schreck machte ihn einen Augenblick taumeln und ein zweiter Schuß von Mauleverers Hand hätte wahrscheinlich seiner irdischen Laufbahn ihr Ende gesteckt, wäre nicht der dritte Räuber, der bisher beinah unthätig geblieben war, von seinem Pferd gesprungen, das auf Wort und Wink abgerichtet, ganz still stand; mit kühnem Schritt und aufgehobener Pistole gieng er auf Mauleverer und seinen Bedienten los und rief ihnen mit entschloßner Stimme zu: »Ihr Herrn, es ist umsonst zu kämpfen; wir sind gut bewaffnet und entschlossen unser Vorhaben auszuführen; Euer Leben soll ungefährdet seyn, wenn Ihr die Waffen niederlegt und auch derjenige Theil Eurer Habe, den zu behalten vorzugsweise Euer Wunsch ist. Aber wenn Ihr Widerstand leistet, kann ich Euch nicht für Euer Leben stehen!« Mauleverer hatte diese Anrede geduldig angehört, um mehr Zeit zum Zielen zu gewinnen; seine Antwort war eine Kugel, welche den Redenden auf der Seite streifte und die Haut ritzte ohne ihn gefährlicher zu verwunden. Einen Fluch über seinen Fehlschuß murmelnd, und nun sein Blut einmal in Wallung war zum Aeußersten entschlossen, trat Mauleverer einen Schritt zurück, zog seinen Degen und setzte sich in die Stellung eines in der Handhabung dieser Waffe wohlgeübten Fechters. Aber diese unvergleichliche Person war auf dem besten Wege sich zu überzeugen, welches Glück in dem künftigen Leben demjenigen aufbehalten ist, der keine Mühe gespart hat, es sich in diesem recht wohl seyn zu lassen. Denn als die zwei ersten und thätigsten Räuber mit den Pferden fertig geworden waren, näherten sie sich jetzt Mauleverer und der Größere von ihnen, noch erboßt über die Gefahr, die vor kurzem seinem Haar gedroht hatte, rief mit einer Stentor-Stimme: »Bei Gott! Ihr alter Narr, wenn Ihr nicht Euern Brathspieß wegwerft, so seyd Ihr ein Kind des Todes!« Der Redende begleitete seine Worte mit der That, indem er eine ungeheure Pistole anlegte; Mauleverer behauptete seinen Platz, aber Smoothson zog sich zurück und stürzte, gegen das Wagenrad stolpernd, rücklings zu Boden; im nächsten Augenblick hatte sich der zweite Highwayman der Pistolen des Kammerdieners bemächtigt und sich ruhig auf den Leib des Gefallenen setzend, belustigte er sich mit einer Besichtigung des Inhalts seiner Taschen. Mauleverer stand jetzt allein und seine Hartnäckigkeit brachte den großen Räuber zu solcher Wuth, daß er die Hand schon am Drücker hatte, als der dritte Räuber, den Mauleverers Kugel auf der Seite gestreift hatte, sich zwischen die Beiden warf. »Halt, Ned!« sagte er, seines Kameraden Pistole zurückstoßend. »Und Sie, mein Lord, dem solcher Trotz das Leben hätte kosten können, lernen Sie, daß es Leute giebt, die edelmüthig rauben!« So sprechend schleuderte der Räuber vermöge eines gewandten Streichs mit seiner Reitpeitsche Mauleverers Degen auf die Seite, der in einer Entfernung von zehn Schritten vor seinem Eigenthümer niederfiel. »Jetzt nähert Euch,« sagte der Sieger zu seinen Kameraden »Plündert den Wagen und beeilt Euch nach Kräften!« Der große Räuber säumte nicht den Befehl zu vollziehen und der kleinere, der die Durchsuchung von Smoothsons Taschen zu seiner Zufriedenheit beendigt hatte, zog jetzt aus seiner eignen einen ziemlich dicken Strick, damit band er dem niedergeworfenen Kammerdiener die Hände und moralisirte, während er mit dem Seil um und um die Handgelenke des Liegenden zusammenschnürte, in seiner erbaulichen Weise, wie folgt: »Bleibt ruhig liegen, Sir, bleibt ruhig! ich bitt' Euch; alle weisen Männer sind Fatalisten und es giebt kein kräftigeres Sprüchwort als jenes: Was man nicht ändern kann, nehme geduldig an! Bleibt ruhig, sag ich Euch! Ihr denkt vielleicht nicht von ferne daran, daß Ihr eine der edelsten Pflichten der Menschlichkeit erfüllt; ja, Sir, Ihr füllt die Taschen des Hülflosen und durch meine jetzige Maßregeln sichre ich Euch gegen eine Schwachheit des Fleisches, die leicht einer so preiswürdigen Handlung sich entgegenstellen und so die Trefflichkeit Eurer That gefährden könnte. Nun, Sir, sind Eure Hände fest; bleibt ruhig liegen und denkt nach!« Nach diesen Worten schob der Moralist mit drei sanften Nachhülfen seines Fußes den Herrn Smoothson in den Graben und beeilte sich seinem langen Kameraden in seinem angenehmen Geschäft Gesellschaft zu leisten. Mittlerweile standen Mauleverer und der dritte Räuber, der, seiner Rolle als Anführer treu, in würdevoller Unthätigkeit blieb, während seine Untergebenen sich der Beute bemächtigten, welche Er wenigstens zu theilen, wo nicht allein an sich zu reissen beabsichtigte, einander auf wenige Schritte, Stirn gegen Stirn, gegenüber. Mauleverer hatte sich jetzt überzeugt, daß alle Versuche seine Habe zu retten, vergeblich seyen und hatte auch den Trost sich sagen zu können: er habe sein Möglichstes gethan, sie zu vertheidigen; deßhalb wandten sich seine Gedanken allein auf die Sorge für seine Person. Er rückte sich seinen Pelzkragen um den Hals mit großer Kaltblütigkeit zurecht, zog seine Handschuhe an, tätschelte seinen erschrockenen Pudel, der schauernd auf den Hüften saß, eine Pfote hinausstreckte und heftig zitterte – und sagte: »Sir, Sie scheinen ein Mann von Bildung zu seyn und es würde mir wahrlich äußerst leid thun, wenn ich so unglücklich gewesen wäre Sie zu verwunden. Sie sind nicht beschädigt, hoffe ich. Bitte, wenn ich diese Frage an Sie richten darf, wie soll ich nun weiter kommen? mein Wagen liegt im Graben, und meine Pferde sind wahrscheinlich jetzt schon am Ende der Welt.« »Was das betrifft,« sagte der Räuber, der sein Angesicht wie seine Kameraden nach dem gewöhnlichen Brauch der Landstraßen-Ritter jener Zeit mit einer dichten Maske bedeckt hatte, »ich glaube Sie müssen nach Maidenhead zu Fuß gehen – es ist nicht weit und die Nacht ist schön!« »Eine sehr unbedeutende Beschwerde, in der That!« sagte Mauleverer ironisch; aber sein neuer Bekannter erwiederte darauf Nichts und schien überhaupt nicht verlangend sich mit Mauleverer weiter ins Gespräch einzulassen. Der Graf beobachtete nun einige Augenblicke das Verfahren der beiden andern Räuber, drehte sich dann um und verharrte, eine Opern-Melodie summend, in würdevoller Gleichgültigkeit, bis die beiden mit der Plünderung des Wagens zu Ende waren, und dann ihr Geschäft an Mauleverer selbst fortsetzten. Mit verzognem Mund und gerunzelter Stirne ließ diese erhabne Person sich nach dem Ausdruck des großen Räubers: sauber machen. Uhr, Ringe, Börse, Tabacksdose – Alles ging fort. Lange Zeit hatten die Spitzbuben keinen solchen Fang gemacht. Sie waren kaum damit fertig, als die Postknechte, die jetzt anfiengen sich umzusehen, zugleich ein Geschrei erhoben und in einiger Entfernung ein schwerfällig sich fortbewegender Wagen sichtbar wurde. Mauleverer war es in der That um sein Geld sehr gefehlt, um nichts von den Diamanten zu sagen; und sobald er eine Hülfe in der Nähe sah, blitzte eine neue Hoffnung in ihm auf. Sein Degen lag auf dem Boden; er sprang darauf zu, ergriff ihn, stieß einen Hülferuf aus und stürzte sich kühn auf den Räuber der ihn entwaffnet hatte; aber dieser, die Klinge mit seiner Peitsche parirend, eilte in den Sattel und wußte sich, trotz Mauleverers Bestrebungen mit heiler Haut aufs Pferd zu schwingen. Wir überlassen es unsrer Perle von einem Peer seinen Weg nach Maidenhead zu suchen, in der Gesellschaft (noch außer dem Pudel) von einem Wagenfuhrmann, zwei Postknechten und des losgebundnen Smoothson, welche alle vier mit ihren Beileidsbezeugungen sein Herz trösteten, und folgen am Faden unserer Geschichte den Spuren der drei Liebhaber vom fremdem Eigenthum. Sechsundzwanzigstes Kapitel Die Räuber waren sehr vergnügt über ihre Beute, Sie sagten tausend Dinge, welche die Ruchlosigkeit ihrer Moral bezeugten. Gil Blas. Sie hielten an einem Ort, wo sie eine Höhle gemacht, geräumig genug, um sie und ihre Pferde aufzunehmen. Diese Höhle war in einem Dickicht von Gehölz und Buschwerk versteckt. Von diesem Schlupfwinkel pflegten sie ihre Streifzüge zu machen u. s. w. Richard Turpins Schicksale. Während der ersten Minuten ihrer Flucht fand kein Gespräch unter den Räubern statt. Ihre Pferde flogen dahin wie der Wind und die Gegend durch welche sie ritten, legte ihrer Eile kein andres Hinderniß als gelegentlich ein Gehege oder einen kurzen Strich Dickicht von entlaubten Buchenwaldungen in den Weg. Die Sterne verliehen ein munteres Licht und die Geister von Zweien wenigstens unter ihnen waren ganz gestimmt sich der heitern Erregung durch die rasche Bewegung und den freundlichen Himmel hinzugeben. Im dritten aber vereinigte sich vielleicht eine gewiße Vorahnung, daß das gegenwärtige Abenteuer nicht so fröhlich endigen würde, als es angefangen hatte, mit andern Ursachen des Trübsinnes zur Herabstimmuug der lebhaften Freude, welche gewöhnlich eine glücklich ausgeführte Unternehmung begleitet. Der Pfad, den die Räuber einschlugen, zog sich großen Waldungen entlang oder über weite Stecken wüsten Landes. Sie begegneten auf ihrem Wege keinem lebenden Wesen, außer hier und da einer einsamen Eule, deren graue Gestalt den Saum nackter Wälder umflatterte, oder gelegentlich einer Heerde Kaninchen, die ihre Spiele trieben und sich an ihrer nächtlichen Atzung auf den Feldern labten. »Himmel!« rief der große Räuber, dessen Incognito wir nicht länger beizubehalten brauchen und der, wie unsre Leser ohne Zweifel schon gemerkt haben, den Namen Pepper führte, »Himmel!« rief er und blickte mit einer Art von Verzückung zum Sternenhimmel hinauf, »was ist das für ein hübsches Leben! Manche Leute lieben die Jagd – zum Henker, was ist die Jagd gegen die Landstraße? Wenn es schon ein Spaß ist, einem garstigen Fuchs nachzujagen, wie viel mehr ist es einer, den hübschen, schmucken Wagen eines Edelmanns zu erjagen! Wenn es eine Freude ist einen Hasenpelz zu erbeuten, wie viel größer ist der eine Masse Gelds zu gewinnen! Wenn es eine Lust ist, am hellen Tag über ein Hag zu sehen, so will ich mich drauf hängen lassen, es ist zehnmal größre Lust, bei Nacht darüber hinzuschweben – da ist eines! Schaut wie das Buschwerk an uns vorbei fliegt und die einfältige alte Dame Luna herumtanzt, als ob unser Anblick die gute Dame in gute Laune versetzte. Solche alte Jungfern sind immer froh, wenn sie so feiner, glänzender junger Bursche ansichtig werden.« »Ja!« rief der gebildetere, sentenzenreiche Augustus Tomlinson, durch den gelungenen Streich aus seiner sonstigen filosofischen Nüchternheit aufgeweckt, »kein Werk ist so lieblich als Nachtwerk, und die Hexen, welche von unsern Vorfahren verbrannt wurden, hatten gar Recht, auf ihren Ofengabeln mit den Eulen und Sternen auszureiten. Wir sind jetzt ihre Nachfolger, Ned! Wir sind die wahren Nachtvögel.« »Nur« sagte Ned, daß wir ein gut Theil klüger sind, als sie waren; denn sie trieben ihr Spiel, ohne um einen Deut reicher zu werden, und wir – aber Tomlinson, wo Teufels habt Ihr das rothe Maroquin-Kästchen hingethan?« »Erfahrung macht nie die Narren klug!« sagte Tomlinson, »sonst müßtet Ihr wissen, ohne erst zu fragen, daß ich es in meine sicherste Rocktasche geschoben habe. Bei Gott! wie schwer es ist!« »Ey!« rief Pepper, »ich könnte nicht sagen, daß ich es leichter wünschte! denkt nur, daß wir den Lord zweimal und noch dazu auf derselben Straße geplündert haben!« »Ich meine, Lovett!« rief Tomlinson, »war es nicht unartig, daß wir unsern Freund von Bath so unglimpflich behandelt haben? Ein Glück für uns, daß wir so streng darauf halten in Masken zu plündern. Er würde keine besonders gute Meinung von seiner Gesellschaft in Bath bekommen haben, wenn er unser Gesicht gesehen hätte.« Lovett oder lieber Clifford hatte bisher geschwiegen. Jetzt kehrte er sich langsam auf seinem Sattel um und sagte: »der arme Teufel wäre beinah bei der Sache hinüber befördert worden. Der lange Ned hätte kurzen Prozeß mit ihm gemacht, wär' ich nicht ins Mittel getreten.« »Und warum thatet Ihr das?« fragte Ned. »Weil ich keinen Mord auf mir haben mag; es ist der Fluch unsres edlen Gewerbes, daß es so leidenschaftliche ausübende Jünger hat wie du bist.« »Leidenschaftlich,« wiederholte Ned, »nun, ich bin ein wenig cholerisch, ich gesteh' es, aber das ist kein so großer Fehler bei der Straßenräuberei als es beim Häuser-Einbruch seyn würde. Ich weiß nichts, das so viele Kaltblütigkeit und Besonnenheit erforderte als die Säuberung eines Hauses vom Giebel bis zum Grund – ruhig und artig, Versteht sich!« »Das ist also vermutlich auch der Grund,« sagte Augustus, »warum Ihr diese Laufbahn ganz verließet. Euer erstes Abenteuer war ein Einbruch, so meine ich von Euch gehört zu haben. Ich gestehe, es war ein gemeines Debutiren und Eurer nicht würdig.« »Nein! Harry Cook verführte mich! aber die Probe, die ich in jener Nacht sah, verleidete mir das Schlösser aufsprengen; es bringt Einen in Berührung mit so niederträchtigen Gesellen; denkt nur, ein Krämer, ein Lumpentrödler war auch von der Partie.« »Pfui!« sagte Tomlinson mit gravitätischem Eckel. »Ja, Ihr dürft darüber wohl den Mund verziehen; nie brach ich nachher wieder in ein Haus ein.« »Wer waren Eure andern Genossen?« fragte Augustus. »Niemand als Harry Cook und ein sehr sonderbares Weibsbild – – « Hier wurde Neds Erzählung durch einen sehr dunkeln Waldweg unterbrochen, der nur Einen Reiter auf Einmal durchließ. Einige Minuten verfolgten sie diesen düstern Pfad, bis er sie endlich an den Rand einer großen Schlucht führte, die mit Buschwerk überwachsen ungefähr in der Gestalt eines rohen Halbkreises sich ausdehnte. Hier stiegen die Räuber ab und führten ihre dampfenden Pferde den Abhang hinunter. Der lange Ned, der erste im Zug, blieb vor einem Buschwerk stehen, so dicht, daß es den Durchgang zu verwehren schien, das aber vor der kundigen Hand des Räubers zu beiden Seiten zurückweichend, den Anblick der Mündung einer Höhle darbot. Wenige Schritte durch den Gang dieser Vertiefung brachten sie an eine Thüre, die, selbst bei Fackellicht gesehen, in Farbe und Material den rohen Wänden zu beiden Seiten so ganz ähnlich erschien, daß sie ein argloses Auge ganz getäuscht haben würde, und die in der gewöhnlich darüber brütenden Finsterniß wohl Jahrhunderte lang hätte unentdeckt bleiben mögen. Der Druck auf eine geheime Feder öffnete die Thüre und die Räuber befanden sich jetzt in dem sichern Bereiche der rothen Höhle . Es darf daran erinnert werden, daß unter den frühern Studien unsers musterhaften Helden die Denkwürdigkeiten Richard Turpins eine Hauptstelle eingenommen hatten und ebenso, daß unter den mannigfaltigen Abenteuern dieses Ehrenmanns die jugendliche Einbildungskraft des lernbegierigen Knaben nichts so sehr ergriffen hatte als die Beschreibung der Waldhöhle, worin der muntre Turpin sich selbst, seinen Freund, sein Pferd und »Die süße Heil'ge die sein Lager theilte,« oder, um gewöhnlicher zu reden, die ehrenwerthe Mrs. Turpin verborgen hielt. Wirklich hatte diese frühe Erinnerung einen so unauslöschlichen Eindruck auf die Seele unsers Helden gemacht, daß er, sobald er sich zum überlegnen Ansehen unter seinen Freunden aufgeschwungen hatte, diesen Traum seiner Kinderjahre in Vollzug setzte. Sein Scharfblick hatte dazu einen wunderbar tauglichen Ort auserkoren. In einer dünn bevölkerten Gegend, von Angern und Waldungen umgeben und doch, (wie Herr Robins sich ausdrücken würde, wenn er bei einer Versteigerung ihn anzubieten hätte) »nur eine bequeme Ritts-Länge« von volkreichen und viel bereisten Straßen entfernt, vereinigte es alle Vortheile der Heimlichkeit mit der günstigsten Gelegenheit zu Raubzügen. Sehr wenige von der Bande, und nur diejenigen, welche bei der Anlegung beschäftigt gewesen, wurden mit dem Geheimniß dieser Höhle bekannt gemacht; und da unsre Abenteurer sie nur selten und nur bei Gelegenheiten dringender Noth oder sichrer Zurückgezogenheit besuchten, war sie länger als zwei Jahre unentdeckt und ungeahnt geblieben. Die Höhle, schon von der Natur vertieft, verdankte der Verschönerung der Kunst nur wenig; jedoch waren die rauhen Wände durch eine kunstlose aber bequeme Tapete von Flechtwerk bedeckt; vier oder fünf Ruhepolster, wie sie die Räuber selbst zu verfertigen im Stande waren, standen um ein kleines aber helles Holzfeuer, das, weil kein Kamin da war, eine kleine Rauchmasse durch das Gemach verbreitete. Die Höhe der Höhle jedoch, neben der Alles ausgleichenden Gewohnheit, machte, daß dieser Uebelstand nicht allzulästig wurde; und vielleicht fanden sogar die Inhaber, gleich den Bewohnern einer irländischen Hütte, eine gewisse Behaglichkeit in einem Umstand, der mit ihren heimisch-vertrautesten Gedanken in so naher Verbindung stand. Ein Tisch, aus einer grob gehobelten Diele bestehend und von vier ungleichen Füßen getragen, deren Mißverhältniß durch Einschiebung von Blöcken oder Keilen zwischen ihnen und dem Boden abgeholfen war, stand beim Feuer, das dieß unzierliche Hausrathsstück erwärmte. In einer Ecke machte ein bedeckter Karren einen sehr in die Augen fallenden Bestandtheil der Einrichtung aus; ohne Zweifel war er sehr nützlich zur Beischaffung von Beute und Lebensmitteln; neben den Rädern waren nachlässig ein paar Tischlerinstrumente hingeworfen, so wie die mehr kriegerischen Werkzeuge: eine Muskete, eine Büchse und zwei Säbel. In der andern Ecke war ein offenstehender Schrank mit Reihen von Zinnplatten, Kannen u. s. w. Der Feuerstätte gegenüber, die links vom Eingang war, war eine Vertiefung zum Schlafgemach eingerichtet worden und gegenüber vom Eingang führten ein paar große, starke, hölzerne Staffeln zu einer geräumigen, ungefähr acht Fuß über dem Boden erhabnen Höhle. Dieß war der Eingang in die Ställe; und so bald ihre Herren die Zügel der Pferde fahren ließen, schritten die gelehrigen Thiere eins nach dem andern langsam die Stufen hinan, wie vierfüßige Geschöpfe, welche in der öffentlichen Anstalt von Ashley ihre Bildung empfangen haben, und verschwanden in der Oeffnung. Wenn man diese Stufen hinaufzog, wozu jedoch, wegen ihrer großen Plumpheit, die vereinigte Kraft zweier gewöhnlicher Männer erforderlich war und was sich nicht so rasch bewerkstelligen ließ als zu wünschen gewesen wäre, so wurde der Raum oben zu einem ziemlich starken haltbaren Platz; denn die Wandung war ganz senkrecht und nur, wenn man die Hände auf dem Rand aufsetzte und so mit gymnastischer Gewandtheit sich emporschwang, konnte ein beherzter Angreifer die Höhe erreichen, und man kann sich leicht denken, daß gleich rüstige Vertheidiger ein solches Unternehmen wohl nicht ungestraft würden haben geschehen lassen. Diese obere Höhle war offenbar mit einiger Sorgfalt eingerichtet, denn unsere Räuber widmeten ihren Pferden mehr Aufmerksamkeit als sich selbst – gleichsam als den edleren Wesen unter beiden Gattungen. Die Ställe waren einigermaßen abgetheilt, die Streue von trocknem Farnkraut sauber, die Tröge mit Hafer gefüllt und eine große Kufe war aus einem unfernen Teiche gefüllt worden. Ein Pferdegeschirr zu einem Karren und einige alte Fuhrmannskittel hingen an Pflöcken an der Mauer; am äußersten Ende dieser sonderbaren Ställe war eine fest verrammelte Thüre, eben groß genug, um Einen Mann durchzulassen. Die Verbündeten hatten es zum ausdrücklichen Gesetz gemacht, nie in ihr Heimwesen durch diese Thüre zurückzukehren und sich überhaupt derselben nie zu bedienen, ausgenommen zum Behuf der Flucht, wenn je die Höhle angegriffen werden sollte; in diesem Falle sollte, während ein Paar den Eingang der innern Höhle vertheidigten, ein dritter die verrammelte Thüre aufmachen; und da sie gegen den dichtesten Theil des Waldes sich aufthat, durch den mit großer List ein labyrinthischer Weg gehauen worden war, den ein unwissender Verfolger nicht leicht aufspüren konnte, so hatten diese Vorsichtsmaßregeln der Straßenräuber ihnen so ziemlich die Hoffnung gesichert, sich dem Angriffe von Feinden durch die Flucht wenigstens für einige Zeit zu entziehen. Dieß war die innere Einrichtung der rothen Höhle; und man wird zugeben, daß wenigstens in der Wahl des Platzes sich ziemlicher Scharfblick zeigte, wenn auch die Verzierungen Mangel an Geschmack verrathen mochten. Während die Pferde in der Dunkelheit hinauftrabten, machten sich unsere drei Helden, nachdem sie die Thüre verwahrt hatten, sofort an's Feuer. Und hier, o Leser! wurden sie begrüßt und bewillkommt von Einem – einem alten achtbaren Bekannten von dir – welchen unter solchen Verhältnissen wieder zu treffen, dich eben so sehr überraschen als schmerzen wird. Wisse denn – doch zuerst wollen wir dir die Beschäftigung und den Aufzug der erhabenen Person, von welcher wir sprechen, beschreiben. Ueber einen Rost, köstlich überdeckt mit fetten Lendenstücken gebeugt, stand das Individuum; der rechte Arm war bis über den Ellbogen entblößt und seine rechte Hand hielt den bildlichen Dreizack, bei den Gastronomen unter dem Wort Gabel bekannt, fest. Sein perückenloses Haupt war mit einer kattunenen Nachtmütze geschmückt. Seines Oberkleides hatte er sich entledigt, und eine weißliche Schürze umwallte anmuthig seinen Unterleib. Seine Strümpfe waren nicht gebunden und gewährten zwischen Knie und Wade interessante Ansichten des rohen Fleisches. Ein Zeug-Schuh und Einer von Leder-Stoff umschloßen seine breiten Füße. Unternehmungsgeist oder vielleicht die edle Glut seines dermaligen Küchengewerbes verbreiteten eine noch rosigere Röthe über ein schon durch großartige Trankspendungen früh gefärbtes Antlitz und seine großen und runden Augenscheiben blitzten unter den Gardinen seiner blaßgelben Augenlieder den Ankömmlingen funkelnd entgegen. Dieß, o Leser! war der Anblick und das Geschäft des verehrungswürdigen Mannes, welchen zu bewundern wir dich schon längst angeleitet haben, dieß war – ach über die Wandelbarkeit des Irdischen! – war – nur ein neues Kapitel darf den Namen nennen. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Kaliban. Bist du nicht vom Himmel geschneit worden? Der Sturm. PETER MAC GRAWLER! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! Achtundzwanzigstes Kapitel. Gott stehe dem König und Parlament bei Und bringe solche Schurken zur baldigen Reu! Loyale Lieder gegen das Rumpf-Parlament. Verrath, ha! meine Wachen! meinen Säbel! Byron. Als der unehrerbietige Herr Pepper seine Hände in so weit erwärmt hatte, daß er sie vom Feuer zurückziehen konnte, erhob er die rechte Hand und begrüßte in unziemlicher Spaßhaftigkeit die weiland Zierde des Asinäums mit einem schallenden Klatsch auf die Backe oder einen derartigen Theil seines Antlitzes. »Ha, alter Knabe!« sagte er, »ist das die Art wie Ihr für uns haushaltet? Ein Feuer, nicht so groß, um eine Laus darin zu rösten und ein Essen zu klein, sie vorher fett zu machen! Aber zum Teufel, woher solltet Ihr auch gelernt haben, einen Imbiß für Gentlemen zu bereiten? Ihr seyd noch in Schottland, darauf laß ich mich hängen?« »Vielleicht dachte er so, als er Euch ansah, Ned!« sagte Tomlinson mit Ernst, »selten sieht man außerhalb Schottlands einen so derben Schelmen in einem so kleinen Gelaß!« Herr Mac Grawler, dessen Augen die handgreifliche Artigkeit des langen Ned mit Thränen ungeheuchelter Empfindung gefüllt und der bisher die verletzte Stelle gerieben hatte, brummte jetzt: »Ihr mögt sagen was Euch beliebt Herr Pepper – aber es ist ein seltner Fall in meinem Lande, daß man Männer von Geist die Rolle von Köchen bei Räubern spielen sieht!« »Ja!« sagte Tomlinson, »sie spielen die einträglichere Rolle von Räubern bei Köchen, he?« »Gott straf' mich. Ihr seyd jezt daran,« rief der lange Ned, »denn in jenem Lande giebt es entweder keine Räuber, weil es dort nichts zu rauben gibt; oder die Einwohner sind Alle Räuber, die einander geplündert haben und sich mit der Beute davon gemacht!« »Der Deuwl soll dich holen!« sagte Mac Grawler, aufs heftigste erbittert, denn, wie alle Schotten war er ein Patriot; ungefähr nach derselben Regel, wornach das Weib, welches die schlimmsten Kinder hat, die beste Mutter vorstellt. »Der Deuwl!« sagte Ned, den Silberklang nachahmend, wie Sir Walter Scott gar artig die Bergsprache zu bezeichnen beliebte, welche von den Schotten insgeheim scheint für wirkliches Silber gehalten zu werben, da sie dieselbe so sorgfältig festhalten. »Der Deuwl, Mac Deuwl meint Ihr, – gewiß der Herr muß ein Schotte gewesen seyn!« Der Weise grinste höhnisch; aber eingedenk der Geduld Ep stets im Sklavenstand und bedeutend auch den gewaltigen Arm des langen Ned, bewältigte er seinen Grimm und drehte die Beefsteaks mit der Gabel um. »Nun, Ned!« sagte Augustus, sich in einen Stuhl werfend, den er ans Feuer rückte, während er dem Herrn Pepper sanft auf seine stattlichen Hüften klopfte, gleichsam um ihn zu erinnern, daß sie nicht so durchsichtig seyen wie Glas – »laßt uns nach dem Feuer sehen, und beiläufig, die Reihe ist an Euch die Pferde zu besorgen!« »Die Pest darüber!« rief Ned, »die Reihe ist immer an mir, glaub' ich. Heda! Ihr schottischer Topfgucker, könnt Ihr nicht bezeugen, daß ich die Thiere das letztemal besorgte? Ich will Euch eine Krone dafür geben!« Der weise Mac Grawler spitzte die Ohren. »Eine Krone!« sagte er, »eine Krone! Wollt Ihr mich beleidigen Herr Pepper? Aber wahrlich, Ihr sähet das letztemal nach den Pferden und dieser würdige Gentleman, Herr Tomlinson, muß sich dessen auch wohl erinnern?« »Was, Ich?« rief Tomlinson, »Ihr seyd im Irrthum, und ich will Euch eine halbe Guinee geben, wenn Ihr es bezeugt.« Mac Grawler riß die Augen immer weiter auf, wie man einen kleinen Ring im Wasser sich ins Unermeßliche ausdehnen sieht. »Eine halbe Guinee!« sagte er, »nein, nein! Ihr scherzt! ich bin kein Miethling, wie Ihr meint; pah, pah! Ihr seyd im Irrthum; ich bin ein Mann der es guht meint, ein Mann von Wahrhaftigkeit und werde die Wahrheit reden trotz allen halben Guineen in der Welt. Aber wahrlich, jezt fang' ich an mich zu besinnen: Herr Tomlinson sah das letztemal nach den Thieren – und Herr Pepper, die Reihe ist an Euch!« »Ein wahrer Daniel!« sagte Tomlinson, in einer gewohnte trocknen Weise lachend. »Ned, hört Ihr die Pferde nicht wiehern?« »O, zum Henker mit den Pferden!« sagte der unbeständige Pepper, der jetzt, als er die Hände in die Taschen steckte und den Gewinn der Nacht befühlte, alles Andre vergaß, »laßt uns zuerst unsre Ernte beschauen!« Mit diesen Worten schritt er an den Tisch, und lehrte seine Taschen darauf aus; Tomlinson folgte bereitwillig seinem Beispiel. Himmel! welche Ausrufe des Entzückens entfuhren den Lippen der Spitzbuben, als sie ihre neuen Erwerbungen der Reihe nach untersuchten. »Das ist ein prächtiges Geschöpf!« rief Ned, die reiche mit Juwelen besetzte Uhr aufhebend, welche der arme Graf früher vergeblich losgekauft hatte; »eine Repetir-Uhr, beim Jupiter!« »Ich will nicht hoffen,« sagte der flegmatische Augustus, »Repetir-Uhren würden für Eure Unterhaltungen nicht wünschenswerth seyn, Ned! Aber, ihr himmlischen Mächte, seht diesen Ring, ein Diamant vom ersten Wasser!« »O der Funkler! er macht, daß Einem so viel Wasser im Munde zusammenläuft, wie er selbst hat. Bei Gott, das ist eine kostbare Dose zum Niespulver! ein Gemälde inwendig und außen Rubinen. Der alte Kerl hat einen trefflichen Geschmack! er würde eine Freude haben, wenn er sehen könnte, welches Wohlgefallen wir an seiner Auswahl in Juwelen haben.« »Da wir von Juwelen sprechen« sagte Tomlinson, »ich hätte beinah das Maroquin-Kistchen vergessen; unter uns, ich bilde mir ein, da haben wir einen Schatz gekapert; es sieht aus wie ein Juwelenkästchen.« Mit diesen Worten öffnete der Räuber das Kästchen, das an manchem Galatage der zierlichen Person Mauleverers schimmernden Glanz verliehen hatte. O Leser! Der Ausbruch des Entzückens der jetzt folgte! stelle dir ihn selbst vor! wir können ihn nicht schildern! Gleich dem griechischen Maler werfen wir einen Schleier über Empfindungen, welche zu tief für Worte sind. »Aber da,« sagte Pepper, als sie bei der Betrachtung der Diamanten sich beinah im Jubel erschöpft hatten, »da ist die Börse – fünfzig Guineen! und was ist dieß? Banknoten, beim Jupiter! die müssen wir gleich morgen auswechseln, ehe sie angehalten werden. Verflucht seyen diese Bursche, sie machen es uns immer nach; wir halten ihr Geld an und sie verlieren keinen Augenblick es auch anzuhalten. Dreihundert Pfund! Hauptmann, was sagt Ihr zu unsrem Glück?« Clifford war mit trübsinnigen Blicken dagesessen, während die Räuber hanthirten; jetzt gab er, eine den Umständen gemäße, freudige Miene annehmend, eine passende Antwort und nach einer allgemeinen Unterhaltung gieng es ans Werk der Theilung. »Wir sind die besten Rechenmeister von der Welt!« sagte Augustus, als er seinen Antheil einsteckte, »Addiren, Subtrahiren, Dividiren, Reduciren – wir haben alles so geläufig in der Hand wie ›des Vormunds Beistand‹ und was noch besser ist, es geht bei uns Alles nach der Regel de Tri.« »Ihr habt das Multipliciren übergangen!« sagte Clifford lächelnd. »Ha, weil das ein anderes Verfahren ist; die übrigen Rechnungsarten stimmen mit den Species im Königreich zusammen; aber was das Multipliciren betrifft – wir multipliciren, fürcht' ich, keine Species als unsre eigne.« »Pfui, Ihr Herren!« sagte Mac Grawler streng; denn die ächten Schotten haben ein wunderbares Anstandsgefühl. Handlungen sind gleichgültig; aber nichts kann sauberer seyn als ihre Worte. »Ha! Ihr verlaßt Euch auf Eure Weisheit, nicht wahr?« sagte Ned. »Ich denke, Ihr möchtet auch gern ein paar Rollen Geld von der Beute.« »Rollen!« sagte der spitzfindige Tomlinson. »Er hat neunmal mehr Rollen als wir. Ist er nicht ein Kritiker und hat er nicht die Rollen der Beredsamkeit in den Fingerspitzen?« »Unsinn!« sagte Mac Grawler, unwillkührlich die Hände hinhaltend, mit der Gabel, die zwischen den ausgestreckten Fingern der rechten Hand schwebte. »Unsinn, Selbst!« rief der lange Ned, »Ihr einen Antheil bekommen, wo ihr nie mit halfet! ein pfiffiger Bursche, fürwahr! Kümmert Euch um Eure Angelegenheiten, Herr Schotte, und gabelt nach nichts als den Beefsteaks!« Hiemit wandte sich Ned nach den Ställen und verschwand bald unter den Pferden; aber Clifford, der die mißvergnügte und gereitzte Miene des Küchendienste leistenden Weisen bemerkte, nahm zehn Guineen von seinem Antheil Und schob sie seinem ehemaligen Lehrmeister hin. »Da!« sagte er mit Nachdruck. »Nein, nein;« grunzte Mac Grawler, »ich brauche das Geld nicht, es liegt in meiner Art, diesen Unrath zu verachten!« So sprechend schob er die Goldstücke in die Tasche und kehrte, in sich hineinbrummend, wieder zu seinen festlichen Vorbereitungen zurück. Mittlerweile hatte ein leises Gespräch zwischen Augustus und dem Hauptmann statt, welches fortdauerte, bis Ned zurückkehrte und »die Nachtkost auf dem Tische dampfte.« Seelen Don Rafaels und Ambrosius Lamela's, welch köstliche Sache ist es, für eine kurze Zeit ein Spitzbube zu seyn! Wie lustig sind doch die Leute, wenn sie ihre Brüder betrogen haben! Unschuldige Milchsuppengesichter hielten nie ein so vergnügtes Mahl als unsre Helden von der Landstraße. Clifford vielleicht spielte nur eine erzwungne Rolle, aber die Fröhlichkeit seiner Kameraden war ungeheuchelt. Es war ein köstlicher Kontrast, das schallende Ha! Ha! des langen Ned und das verstohlene, trockne, berechnende Kichern des Augustus Tomlinson; es war Rabelais neben Voltaire. Nur im Gegenstand ihrer Scherze trafen sie zusammen und die Hauptzielscheibe derselben war, (wie denn immer die Weisheit der Frivolität herhalten muß) der große Peter Mac Grawler. Die rohen Hunde machten sich hauptsächlich über die frühere Beschäftigung des Weisen lustig. »Kommt, Mac, Ihr zerlegt wohl dies; Lendenstück, « sagte Ned, »Ihr habt Uebung im Aufschneiden gehabt.« Der gelehrte Mann, dessen Namen so unehrerbietig abgekürzt ward, machte sich an das angesonnene Geschäft. Er wollte sich eben zu diesem Behuf niedersetzen, als ihm Tomlinson hinterlistig den Stuhl wegzog; – der Weise fiel auf den Boden. »Keine Scherze über Mac Grawler,« sagte der boshafte Augustus; »was auch immer seine Fehler als Kritiker seyn mochten, Ihr seht, daß er doch den festen Boden liebt und auf Einmal der Sache auf den Grund geht. Mac, ich dächte, Ihr betiteltet Euer nächstes Werk: der Weherücken!« Männer von großer Seele sind selten versöhnlich; sie nehmen einen Spaß nicht so leicht auf; so war es auch bei Mac Grawler. Er stand in heftigem Zorn auf und wären die Räuber aufmerksamer gewesen, als sie zu seyn sich die Mühe gaben: sie hätten leicht etwas Gefahrdrohendes in seinem Auge gelesen. So wie die Sachen standen, trat Clifford, der schon oft der Beschützer seines Lehrmeisters gewesen, zu seinen Gunsten ins Mittel, zog den Weisen auf einen Stuhl neben sich nieder und füllte ihm seinen Teller. Es war anziehend, diese Achtung der Macht vor der Gelehrsamkeit zu beobachten! Es war ein Alexander, der dem Aristoteles huldigte. »Nur Eins bedaure ich,« schrie Ned mit vollem Munde. »Bei der Geschichte mit dem alten Lord – es war tausendmal Schade, daß wir ihn nicht tanzen ließen. Ich erinnre mich wohl noch der Zeit, Hauptmann, da Ihr darauf bestanden wäret. Welch lustiger Bursch wart Ihr damals! besinnt Ihr Euch noch, zum Beispiel, wie Ihr in einer hellen Mondnacht, gerade wie die heutige, als wir bei Staines auflauerten, schwuret: jede Person über den Fünfzigen, welche wir anhalten würden, sollte mit Euch eine Menuet tanzen?« »Ja!« setzte Augustus hinzu, »und die erste war ein Bischof in einer weissen Perücke. Ha wahrlich! mit welcher Steifheit seine Lordschaft das Tänzchen ausführte! Und wie würdevoll sich Lovett vor ihm verbeugte, den Hut auf dem Kopfe, als Alles vorüber war und ihm seine Uhr und zehn Guineen zurückgab – es war des Opfers wohl werth!« »Und die zweite war eine alte Jungfer von Stand« sagte Ned, »so dürr wie ein Advokat. Erinnert Ihr Euch nicht mehr, was sie für Sprünge machte?« »Ganz gewiß,« sagte Augustus, »und Ihr nanntet sie sehr witzig eine Hopfenstange.« »Wie entzückt war sie über des Kapitäns Artigkeit! Als er ihr Ohrringe und Agraffe zurückgab, bat sie ihn mit einem zärtlichen Seufzer, es zu ihrem Andenken zu behalten – ha! ha!« »Und die dritte war ein Stutzer!« rief Augustus »und Lovett übertrug mir sein Recht auf Partnerschaft. Wißt Ihr noch, wie ich ihn in den Graben tanzte? Ach, damals waren wir lustige Gesellen; aber wir werden gesetzt, blasé , wie der Franzos sagt, so wie wir älter werden!« »Wir sehen jetzt nur noch auf die Hauptsache!« sagte Ned. »Habsucht überwiegt den Unternehmungsgeist!« setzte der sentenzenreiche Tomlinson hinzu. »Und unser Hauptmann ist ein Freund vom Weinen statt vom Weine,« fuhr Ned witzelnd fort. »Auf, wir werden schwermüthig!« sagte Tomlinson einen Pokal hinunterstürzend. »Mich dünkt wir werden wirklich alt; wir werden bald Buße thun und der nächste Schritt ist an den Galgen!« »Da sey Gott vor!« sagte Ned, sich einschenkend, »seyd kein solcher Unglücks-Rabe. Es giebt zwei Arten von verwünschten Leuten, die sich immer besonders vor gewissen Farben in Acht nehmen sollten; ich hasse es, zuverläßige Jungen in Schwarz, und den Teufel in Blau zu sehen. Aber das ist mein letztes Glas für heute Nacht. Ich bin verdammt schläfrig und wir stehen morgen früh auf!« »Recht, Ned!« sagte Tomlinson, »gebt uns ein Lied eh' Ihr Euch zurückzieht und zwar das, welches Lovett dichtete bei unserem letzten hiesigen Aufenthalt.« Und Red, immer mit Lust die Gelegenheit ergreifend, sich zu zeigen, räusperte sich und erfüllte Tomlinsons Wunsch. Ein Lied von Sherwood. I. Lacht mit uns über Fürst und Palläste, Lust'ger doch lebt sich's in Forst und Hain! Wollt Ihr würzen mit Andrer Verdruß Eure Feste, So laden unsre Kreise Euch ein. Mancher Fürst nimmt den eigenen Hühnern ihr Ey Und verliert an die Feinde sein Gold; Des Waldkönigs Leute sind steuerfrei Und der Feind zahlt Imbiß und Sold. Laßt die Pfiffe und Kniffe der Hexenbrut, Grauen Schelmen in Weg nichts gelegt! O fort mit des prunkenden Lebens Fluth, Das immer vom Wind ist bewegt! II. Lacht mit uns, wenn auf schlüpfrigem Boden Der stattliche Schurke Schelme uns schilt, Gesetz und Verkehr haben Diebsmethoden, Schlimmer als die, die ein Hanfband gilt. Wird ein Mädchen wohl Liebhaber verschmähen, Bei welchen: treu seyn einander ist Brauch? Zwar die Gesetze wir listig umgehen. Aber die Liebe, so hör' ich, thut's auch! Drum Muth, Ihr Jungen, schwell' Euch die Brust, Ob geschimpft auch in Hütt' und Pallast! O' Wer, den die Welt liebt, hat halb so viel Lust Nur halb – als der Mann, den sie haßt? »Bravissimo! Ned,« rief Tomlinson auf den Tisch schlagend, »Bravissimo! Eure Stimme ist heute Nacht herrlich und Euer Lied vortrefflich. In der That Lovett, es macht Eurem poetischen Genie große Ehre; ganz filosofisch, auf meine Ehre!« »Bravissimo!« sagte Mac Grawler, ehrfurchtsvoll mit dem Haupt nickend. »Herrn Peppers Stimme ist so anmuthig wie eine Sackpfeife. Ach, ein solches Lied wäre unschätzbar gewesen für das Asinäum, als ich die Ehre hatte – –« »Der Stellvertreter Bray's an diesem Institut zu seyn,« unterbrach ihn Tomlinson. »Bitte Mac Grawler, warum nennt man Edinburg das neue Athen?« »Wegen der gelehrten und großen Männer, die es hervorbringt,« versetzte Mac Grawler mit stolzem Selbstgefühl. »Pah, pah! Ihr denkt an das alte Athen. Eure Stadt heißt das neue Athen, weil Ihr Alle so sehr den neuen Athenern gleicht – den verdammtesten Schurken, die man sich denken kann, wenn nicht die Reisenden über sie lügen.« »Nein,« fiel ihm Ned, durch den Beifall des Kritikers besänftigt, ins Wort, »Mac ist ein ehrlicher Bursche, schont ihn. Ihr Herrn Eure Gesundheit? Ich gehe zu Bette, und ich denke, Ihr werdet nicht lange hinter meinem Beispiel zurückbleiben.« »Verlaßt Euch darin auf uns« erwiederte Tomlinson; »der Hauptmann und ich wollen über das Geschäft für morgen uns berathen und Euch dann folgen so eilig als eine Bettstelle blinzelt, wie man es artig ausgedrückt hat.« Ned gähnte sein letztes: Gute Nacht, und verschwand im Schlafgemach. Mac Grawler gähnte ebenfalls, aber gründlicher und nachdrücklicher als seiner Weisheit ziemte und unterzog sich dem Geschäft den Apparat der Mahlzeit wegzuräumen. Nachdem er wenige Minuten nüchtern herum handthiert hatte, ließ er sich auf eine Bettstelle in einer Ecke der Höhle nieder (denn er schlief nicht in Einem Raum mit den Räubern), entkleidete sich und schien bald in Morfeus Armen begraben. Aber der Hauptmann und Tomlinson rückten ihre Stühle den ersterbenden Gluten näher, boten dem trägen Gotte Trotz und begannen mit leiser Stimme ein vertrautes angelegentliches Zweigespräch. »So wollt Ihr also« sagte Tomlinson, »nachdem Ihr Euch gehörige Mittel verschafft habt, um Euer Vorhaben auszuführen, uns wirklich verlassen – habt Ihr das Für und Wider wohl erwogen? Bedenkt, daß für unsere Lage nichts so gefährlich ist als Besserung; im Augenblick, wo Einer ein ehrlicher Mann wird, verläßt ihn die Bande, die Richter missen ihre Sporteln, der Angeber verklagt ihn und der Renegate hängt.« »Ich habe das Alles wohl erwogen,« sagte Clifford, »und ich habe mich über meine Handlungsweise entschieden. Ich habe nur gewartet, bis meine Mittel meinen Plan begünstigen würden. Mit meinem Antheil an der Beute von jetzt und von früher will ich mich auf das Festland begeben. Preußen bietet Allen, welche in seine Dienste treten, bereitwillige Aufnahme und leichte Beförderung. Aber diese Sprache, mein lieber Freund, klingt sonderbar in Eurem Munde. Gewiß werdet Ihr mich bei meiner Lossagung von unserm Bunde begleiten? Wie, Ihr schüttelt den Kopf? Seyd Ihr nicht derselbe Tomlinson, der in Bath mit mir darüber einverstanden war, daß uns vom Neid unserer Kameraden Gefahr drohe, und daß die Flucht um unserer Sicherheit willen nothwendig sey? Ja, war dieß nicht gerade Euer Hauptgrund, den Ihr für die Helrathiunternehmung anführtet?« »Nun seht, mein lieber Lovett,« sagte Augustus, »wir sind Alle Holzklötze, geschaffen aus den Atomen der Gewohnheit – mit andern Worten: wir sind Maschinen, deren Triebfeder die Angewöhnung ist. Was sollte ich in einer ehrlichen Laufbahn thun? Ich bin viele Jahre älter als Ihr. Ich habe als ein Spitzbube gelebt, so lange bis die Spitzbüberei mir zur Natur geworden ist. Ich weiß nicht, ob ich nicht, falls ich unter die Soldaten ginge, ein Feiger wäre. Ich bin gewiß, ich würde der vollendetste Schurke, wollte ich den ehrlichen Mann spielen. Nein! ich täuschte mich selbst, wenn ich von Trennung sprach. Ich muß eben mit meinen alten Kameraden forttraben und auf meinen alten Wegen, bis ich in das hänfene Band, oder – traurige Alternative! – in das Eheband hineinrenne!« »Das ist lautere Narrheit,« versetzte Clifford, dessen kraftvolle, mannhafte Seele die Bande der Gewohnheit leicht abschüttelte. »Wir haben nicht so manches Jahr von all den knechtischen Gesetzen andrer Menschen uns losgemacht, um die verworfenen Sklaven unserer eignen Schwäche zu seyn. Kommt, mein guter Geselle, ermannt Euch. Gott weiß, wollte ich der Schwachheit meines Herzens nachgeben, ich wäre wahrlich verloren. Und vielleicht, kämpfe ich auch noch so mannhaft, überwältige ich doch nicht das, was an meinem Innern nagt und mich, obwohl nur Zoll für Zoll tödten wird. Aber seyn wir nicht kleinmüthig! lassen wir uns nicht vom Schicksal in die Tiefe ziehen, statt zu schwimmen! Mit Einem Wort: flieht mit mir, eh' es zu spät ist. Ein Schleichhändler-Schiff erwartet mich an der Küste von Dorset; binnen dreien Tagen segle ich ab. Seyd mein Begleiter. Wir verstehen beide ein feuriges Roß zu tummeln und ein gutes Schwert zu führen. So lange die Menschen mit einander Krieg führen, werden diese Geschicklichkeiten ihren Besitzer vom Hungertode retten oder« – »Wenn im Felde und nicht auf der Landstraße angewendet,« unterbrach ihn Tomlinson mit einem Lächeln, »vom Galgen. Aber es ist nicht möglich. Ich wünsche Euch alles Vergnügen, alles Glück auf Eurer Laufbahn; Ihr seyd jung, kühn und gewandt und hattet immer einen höhern Geist als ich. Ein Schurke bin ich und ein Schurke muß ich bleiben bis zum Ende des Stücks.« »Wie Ihr wollt,« sagte Clifford, ein Mann von wenig Worten, aber ungern setzte er hinzu: »Wenn dieß ist, so muß ich denn mein Glück allem suchen.« »Wann verlaßt Ihr uns?« fragte Tomlinson. »Morgen Vormittag. Ich will London auf einige Stunden besuchen und dann der Küste zueilen.« »London!« rief Tomlinson, »wie! das eigentliche Nest der Fährlichkeiten! Ha, ihr wißt nicht was Ihr sagt; oder haltet Ihr es für Sohnespflicht, vor Eurer Abreise Mutter Lobkins noch zu grüßen?« »Das nicht!« antwortete Clifford; »ich habe bereits mich überzeugt, daß sie vor allem Mangel gesichert ist, und ihre Tage, die arme Seele! können, so fürchte ich, nicht mehr viele seyn. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde sie mich kaum wieder erkennen, denn ihre Lebensweise kann ihr Gedächtniß nicht eben gestärkt haben. Ich wollte, ich könnte von ihren Nachbarn dasselbe sagen. Ließe ich mich in den Winkeln niedriger Dieberei setzen – so wißt Ihr so gut wie ich, daß irgend ein Stehler von Halstüchern als Angeber des berüchtigten Hauptmann Lovett auftreten könnte. »Was zieht Euch denn aber zur Stadt? Ah, – Ihr wendet das Angesicht weg – ich errathe es; nun, die Liebe hat schon früher manchen Helden zu Grunde gerichtet; möge Euch der Dienst dieser Gottheit nicht zum Unheil ausschlagen.« Clifford antwortete nicht und eine plötzliche, lange Pause trat in der Unterhaltung ein; Tomlinson brach das Schweigen. »Wißt Ihr wohl, Lovett,« sagte er, »obgleich ich so wenig Empfindung habe als irgend ein Mann, fühle ich doch für Euch mehr als ich je für möglich gehalten hätte: ich würde Euch gerne begleiten; es giebt einen verdammt guten Taback in Deutschland, glaube ich; und Alles erwogen, ist eigentlich kein so großer Unterschied zwischen dem Leben eines Diebs und eines Soldaten.« »Laßt diese verständige Bemerkung nicht unbenützt,« sagte Clifford, »bedenkt wie der Pfad, auf dem Ihr jetzt wandelt, der sichern Vernichtung entgegenführt; Galgen und Verbrecherschiffe sind das einzige Ziel!« »Diese Aussichten sind nicht reizend, ich gesteh' es« sagte Tomlinson, »auch finde ich es nicht wünschenswerth für ein kommendes Jahrhundert in der Unsterblichkeit eines Weingeist-Gefässes in dem anatomischen Theater aufbewahrt zu werden, von einem Ohr bis zum Andern grinsend, als ob man auf die allerlustigste Weise aus dem Leben geschieden wäre. Nun ich will darüber schlafen und morgen sollt Ihr meine Antwort haben; – aber der arme Ned!« »Würde er sich uns nicht anschließen?« »Gewiß nicht; sein Hals ist für einen Strick bestimmt und seine Seele für Old-Bailay. Für ihn ist keine Hoffnung; und doch ist er ein trefflicher Bursche. Wir dürfen ihm von unserer beabsichtigten Flucht gar nichts sagen.« »Durchaus nichts. Ich will unsrem Londoner Anführer einen Brief zurücklassen, der soll Alles erläutern. Und jetzt zu Bette! ich sehe Eure Begleitung als eine ausgemachte Sache an.« »Hm!« sagte Augustus Tomlinson. So endete diese Besprechung der Räuber. Ungefähr eine Stunde nachdem sie aufgehört hatte, als kein Laut mehr, als nur der schwere Athem des langen Ned die Stille der Nacht unterbrach, erhob sich das weise Antlitz Peter Mac Grawlers langsam von dem einsamen Kissen, auf dem es geruht hatte. Allmälig richtete sich der Rücken des erleuchteten Mannes gerade auf und er saß einige Augenblicke aufrecht auf seinem Ehrensitze, offenbar in horchender Ueberlegung begriffen. Zufrieden mit dem tiefen Schweigen, das, abgerechnet die schon bezeichnete Störung, ringsumher herrschte, stand der gelehrte Schüler Vaters leise von seinem Bett auf, warf seine Kleider um, schlich sich auf den Zehen nach der Thüre, eröffnete sie geräuschlos und verschwand. Freundlicher Leser, während du dich über seine Entfernung verwunderst, wollen wir seine Anwesenheit an diesem Ort erklären. Eines Abends hatten Clifford und sein Begleiter Tomlinson die geistreiche Ergötzlichkeit des Ranelagh Theaters genossen und wollten eben dieses berühmte Haus verlassen, als sie durch einen Auflauf am Eingang aufgehalten wurden. Dieser Auflauf hatte sich um einen Taschenfeger versammelt und der Taschenfeger war – o Tugend! o Weisheit! o Asinäum! war – Peter Mac Grawler. Wir haben schon früher bemerkt, daß Clifford eine gute Haltung und ein imponirendes Wesen besaß und diese Eigenschaften trugen damals vornemlich dazu bei, unsrem Orbilius die Pumpe zu ersparen. Sobald Clifford das Magistergesicht des weisen Schotten erkannte, drängte er sich keck mitten in den Haufen, packte den unternehmenden Bürger, der den Mac Grawler gepackt hielt, seinerseits am Kragen, und erklärte sich bereit, für die Ehrlichkeit des ganz unbescholtnen Mannes zu bürgen, über dessen Person man sich so gröblich getäuscht habe. Augustus, einen listigen Anschlag seines Begleiters ahnend, unterstützte sogleich die Vertheidigung. Der Pöbel, der nie den Unterschied zwischen Unverschämtheit und Wahrheit zu finden weiß, gab Raum; ein Konstable kam herbei und ergriff die Parthei des Freundes von zwei so untadelhaft gekleideten Gentlemen – unsere Freunde zogen ab – der Menschenhaufe bereute die Uebereilung und fiel, um sie gut zu machen, über den Herrn her, dessen Taschen geleert worden waren. Es war umsonst, daß er sich zu vertheidigen suchte, denn er hatte einen Fehler der ihn am Sprechen hinderte. Indeß hatte Clifford seinen weiland Mentor in das Asyl eines Caffehauses geschleppt und als Mac Grawlers Seele beim Wein aufgieng, erzählte er was ihn zu seinem verzweifelten Schritte getrieben. Es scheint, daß das unvergleichliche Journal, das Asinäum, trotz einer Reihe sehr populärer Artikel über die Schriften des Aulus Pendantius, wozu noch eine auserlesene Folge von Dialogen im Tone breiten Humors – d. h. in breitem Schottisch geschrieben, (bei den Schotten ist Alles dasselbe), betitelt noctes ambrosianae – vielleicht zum Andenken des erlauchten Schelmen Ambrosius Lamela; trotz diesen unschätzbaren Miszellen, um nichts zu sagen von einigen superben politischen Aufsätzen, worin zur Genugthuung der Reichen klar dargethan war, daß je weniger ein armer Teufel esse, desto zuträglicher es für seine Gesundheit sey – trotz diesen wichtigen Bereicherungen der englischen Literatur, sagen wir, wankte und fiel das Asinäum, begrub unter den Trümmern seinen Verleger und zermalmte den Herausgeber; nur Mac Grawler entrann, wie Theodor aus dem ungeheuren Helm von Otranto, nur Mac Grawler überlebte es. »Liebe« sagt Sir Filipp Sidney »schärft die Augen eines Mannes mehr als eine Brille.« Die Liebe zum Leben aber äußert einen ganz andern Einfluß auf die Sehkraft; sie macht einem Mann erbärmlich trübe Augen und läßt ihn oft sein Eigenthum in andrer Leute Taschen sehen. Die optische Täuschung hatte es Peter Mac Grawler angethan. Er gieng nach Ranelagh. Leser, das Uebrige weißt du! Als der Wein und die Schlauheit der Räuber diese Erzählung dem Peter Mac Grawler abgelockt hatten, sanken die Schranken unnöthigen Zartgefühls leicht vollends nieder. Unsere Helden boten dem Weisen die Einführung in ihren Club an; das Anerbieten ward angenommen, und Mac Grawler, der zuerst betrunken gemacht wurde, ward sodann zum Räuber gestempelt. Die Bande trug ihm verschiedene kleine Geschäfte auf, worin er aber, wir berichten es mit Bedauern, obgleich sein guter Wille unvergleichlich war, so übles Glück hatte, daß er sich den höchsten Zorn seiner Auftraggeber zuzog; ja sie standen einmal, als sie die Gerechtigkeit versöhnen mußten, im Begriff, ihn der weltlichen Gewalt auszuliefern, hätte sich nicht Clifford seiner angenommen. Von einem Räuber sank der Weise zum Küchenjungen herab; Knechtarbeiten (die Räuber, die lügenhaften Bösewichte, erklärten solche Dienstleistungen für ganz passend zu dem Genius seines Landes), traten an die Stelle hochherziger Thaten und der schlechteste Räuber wurde der beste Koch. Wie eitel ist doch alle Weisheit, ausgenommen diejenige, welche sich auf lange Erfahrung stützt! Obgleich Clifford ein gescheuter und gewandter Mann war und unsern Weisen als einen Schuft kannte, ließ er sich doch nicht im Traum einfallen: dieser könnte den Verräther spielen. Er hielt ihn für zu faul, um boshaft zu seyn, und o der menschlichen Kurzsichtigkeit! für zu einfältig, um Gefahr von ihm zu befürchten. Er vertraute dem Weisen das Geheimniß der Höhle und Augustus, der etwas von einem Epikuräer an sich hatte, ließ sich, obgleich Böses ahnend, wegen der Geschicklichkeit des Schotten im Sieden und Braten, die Wahl gefallen. Aber Mac Grawler barg, wie Brutus, unter der Maske der Dummheit einen entwürfebrütenden Geist; die Habhaftwerdung des berüchtigten Lovett war der Gegenstand lebhafter Wünsche; die Polizei ließ sich nicht länger bestechen, ja sie selbst hatte jetzt Lust, zu bestechen; Mac Grawler hatte seine Zeit abgepaßt, seinen Hauptmann verkauft und war jetzt auf dem Weg nach Reading um Herr Nabbem von Bowstreet nebst vier seiner Gehülfen aufzusuchen und in die Höhle zu geleiten. Nachdem wir so in möglichster Eile die Ursachen entwickelt, welche den unvergleichlichen Kritiker so plötzlich wieder dir, o Leser! unter die Augen brachten, kehren wir jetzt zu unsern Räubern zurück. »Bscht, Lovett!« sagte Tomlinson halb im Schlaf, »mich dünkt ich höre etwas in der äußern Höhle.« »Es ist der Schotte, vermuthlich,« antwortete Clifford, »Ihr habt natürlich nach der Thüre gesehen?« »Ganz gewiß!« murmelte Tomlinson, und schlief nach zwei Minuten wieder ein. Nicht so Clifford; mancherlei beängstigende Gedanken erhielten ihn wach. Bald machte, wenn er die Vorstellung einer neuen Laufbahn sich nahe brachte, etwas von dem hochstrebenden und kühnen Geist, der auch bei seiner verbrecherischen und verworrenen Lebensweise ihn noch beseelte, daß sein Puls fieberhaft schlug und keine Ruhe in seine Glieder kam; bald ergriff ihn eine peinigende Erinnerung – die Erinnerung an Lucie in all ihren Reitzen, ihrer Schönheit, ihrer Liebe, mit ihrem zärtlichen schuldlosen Herzen – Lucie, in aller Vollkommenheit und für ihn auf immer verloren, verbannte jeden andern Gedanken und ließ ihm nur das lähmende Gefühl der Niedergeschlagenheit und Verzweiflung zurück. »Was nützt mir mein Streben und Ringen nach einem guten Namen?« dachte er. »Sie wird es nie erfahren. Was auch mein künftiges Loos sey – sie kann es nie theilen. Meine Strafe ist unwiderruflich – sie ist schrecklicher als ein schmachvoller Tod – sie ist: Ein Leben ohne Hoffnung! Jeden Augenblick fühle ich und werde fühlen bis ans Ende den Druck einer Kette, die sich weder zerreissen noch erleichtern läßt. Und doch, Thor der ich bin! kann ich dieß Land nicht verlassen, ohne sie noch einmal zu sehen, ohne ihr zu sagen, daß ich sie wirklich zum letztenmal sehe. Aber habt ich ihr das nicht schon zweimal gesagt? Sonderbares Verhängniß! nur zweimal habe ich ihr von Liebe gesprochen und beidemale war es, um mich von ihr im Augenblick des Geständnisses loszureissen. Und auch jetzt treibt mich wieder etwas, dem ich nicht zu widerstehen vermag, zu derselben unnützen und schwachen Nachgiebigkeit gegen mein Herz. Drängt mich das Schicksal dazu? Ja, vielleicht zu meinem Untergang! Jede Stunde umringen mich tausend Tode. Ich habe jetzt alles erreicht, worauf mein Streben zu gehen schien. Ich habe durch ein neues Verbrechen genug gewonnen, um mich in ein andres Land begeben und dort die Laufbahn des Soldaten ergreifen zu können. Ich sollte keine Stunde zur Flucht versäumen, und doch stürzte ich mich in das Nest meiner Feinde, einem nutzlosen Worte mit ihr zu lieb; und das noch dazu, nachdem ich ihr schon Lebewohl gesagt. Ist dieß Schicksalsfügung? Wenn es sich so verhält, was macht es? Ich kümmre mich nichts mehr um ein Leben, das ich doch vergeblich bessern würde, wenn es nicht um Ihretwillen geschehen kann; und doch – doch! o welch selbstsüchtiger und verworfner Mensch bin ich! ist das Bewußtseyn, das ich nachher haben werde, nichts, das Bewußtseyn, von ihr die Schmach zu nehmen, einen von der Gesellschaft ausgestoßnen Missethäter geliebt zu haben? Wenn ich Ehre erringe, wird dieß nicht, wenigstens für mein eignes Herz, ein, wenn auch nur schwaches und dämmerndes Licht auf sie zurückwerfen.« So verworren, unruhig, und doch in die Farben jener ächten Liebe getaucht, die auch den Gesunkensten erhebt, waren Cliffords mitternächtige Gedanken; gegen Morgen giengen sie in einen unerquicklichen, fieberhaften Schlummer über. Aus diesem ward er durch ein lautes Gähnen, dem Schlunde des langen Ned entstammend, der immer am frühsten aufstand, geweckt. »Halloh!« sagte er, es ist beinah Tagesanbruch, und wenn wir unsre Banknoten einlösen und des alten Lords Juwelen an Mann bringen wollen, sollten wir schon auf den Beinen seyn.« »Die Pest über Euch!« sagte Tomlinson unter seiner wollenen Nachtmütze hervor, »gerade in diesem Augenblick träumte ich, Ihr solltet gehängt werden, und nun weckt Ihr mich beim interessantesten Theile des Traumes.« »Hol' Euch der Henker!« sagte Ned, ein Bein aus dem Bette setzend, »beiläufig – Ihr nahmt letzte Nacht mehr als Euch gebührt, denn Ihr seyd mir noch drei Guineen für unsre letzte Partie Mariage schuldig. Ihr werdet so gut seyn mich zu bezahlen, eh wir uns heut trennen; kurze Rechnungen machen lange Freundschaften.« »So wahr diese Regel seyn mag,« erwiederte Tomlinson, »weiß ich doch noch eine viel wahrere, die nemlich: langjährige Freunde machen kurze Rechnungen. Ihr müßt den Meister Nothmantel fragen, von heut über einen Monat, ob ich Unrecht habe.« »Das also heißt bei Euch Witz, wahrscheinlich?« gab ihm Ned zurück, der jetzt in seine Unaussprechbare schlüpfend, mit den Händen den Weg in die äußre Höhle suchte. »Holla, he! Mac!« rief er, als er draußen war; »heraus mit deinen Spindeln, die du deine Beine zu nennen beliebst! schlag' ein Licht und geh zum Teufel!« »Ein Licht für Euch,« sagte Tomlinson mit frevelhaftem Scherz, indem er sich mit Widerstreben von seinem Lager erhob, »das heißt in der That den Heiden ein Licht anzünden.« »Nun, Mac – Mac!« brüllte Ned, »warum gebt Ihr keine Antwort? wahrhaftig, ich glaube, der Schotte ist todt!« »Packt die Männer! gebt Euch, Ihr Herren!« rief plötzlich eine rauhe Stimme im Dunkel; und in diesem Augenblick wurden zwei schwarze Laternen umgedreht und ihr volles Licht fiel auf die erschrocknen Gestalten Tomlinsons und seines knochigen Kameraden! In dem dunkeln Schatten des Hintergrunds waren vier oder fünf Figuren, die man nicht genau unterscheiden konnte, und der Schimmer der Laternen glänzte auf den Klingen von Hirschfängern und den Läufen von Wehren, denen noch schwerer zu widerstehen war. Tomlinson war der Erste der wieder zur Besinnung kam. Das Licht beschien nur die erste Stufe von den zu dem Stalle führenden Treppen und ließ die andern verdunkelt. Er machte einen Satz an die Stelle neben dem Karren, wo, wie schon gesagt, einige Waffen der Räuber lagen; man war ihm zuvorgekommen – die Waffen waren fort. Im nächsten Augenblick war Tomlinson die Treppen hinauf gesprungen. »Lovett! Lovett! Lovett!« brüllte er. Der Hauptmann, der seinen Kameraden in die Höhle gefolgt war, befand sich schon in den Krallen zweier Männer. Unter gewöhnlichen Sterblichen jedoch war es schwer zwei Männer herauszufinden, die gegen einen solchen Mann wie Clifford ein entschiedenes Uebergewicht behauptet hätten; einen Mann, bei welchem eine reichere Fülle von Sehnen und Muskeln, als man selbst bei kräftigen Naturen findet, durch beständige Uebung zu einer Stärke und eisernen Festigkeit gesteigert war, wodurch eine Vermählung von Kraft und Gewandtheit erreicht ward, welche wohl nicht um viel der in der berühmten Schönheit der Fechterstatue verewigten nachstand. Seine rechte Hand faßt die Kehle Eines der Angreifenden, seine linke packt, wie ein Schraubenstock, die Faust des Andern; binnen der Zeit eines Athemzuges liegt jener am Boden – dem zweiten ist die Pistole aus der Hand gewunden – Clifford ist auf der Treppe – eine Kugel – noch eine – saust an ihm vorbei – er ist an der Seite des treuen Augustus! »Oeffnet die geheime Thür!« flüsterte Clifford seinem Freunde zu, »ich will allein die Treppe heraufziehen!« Kaum hatte er dieß gesagt, als schon die Treppe, obwohl langsam, unter der Riesenkraft des Räubers sich empor hob. Inzwischen wehrte sich Ned, so gut er nur konnte, gegen zwei stämmige Polizeibeamte, welche nicht geneigt schienen von ihren Waffen, außer im höchsten Nothfall Gebrauch zu machen, und die mit starker Hand ihren Gegner zu fangen und festzuhalten strebten. »Bewacht die Thüre wohl!« rief die Stimme des Hauptbeamten, »und hängt mehr Lichter aus.« Zwei oder drei weitere Laternen wurden eilig herbeigebracht; und jetzt verbreitete sich rasch über den ganzen innern Raum der Höhle ein zwar dämmerndes, doch genügsames Licht, das der Scene und den Streitenden ein malerisches und wildes Ausehen gab. Das rasche Auge des Oberbeamten entdeckte augenblicklich das Aufziehen der Treppe und den Vortheil, den hiedurch die Räuber gewannen. Er eilte mit zweien seiner Leute vor, faßte die Leiter, wenn man sie so nennen darf, zog sie wieder herunter und stieg hinan. Aber Clifford, mit beiden Händen eine zerbrochene Wagendeichsel fassend, die ihm nahe lag, empfing den vordersten Stürmer mit einem Gruß, der ihn besinnungslos unter seine Kameraden zurückwarf und zu Boden schlug. Der zweite erfuhr das gleiche Schicksal; und der kräftige Führer des Feindes, der als ein achter General, sich im Hintertreffen gehalten, hielt jetzt auf der Mitte der Treppe inne, stutzend über den Empfang seiner Freunde und die athletische Figur, die wie ein Thurm, mit erhobener Wehre und in drohender Stellung, oben stand. Vielleicht erschien dieser Moment dem einsichtsvollen Herr Nabbem günstiger zum parlamentiren, als zu kämpfen. Er räusperte sich und redete den Feind folgendermaßen an: »Ihr da, Sir, Capitain Lovett, auch Howard, auch Jackson, auch Cavendish, auch Salomons, auch Teufel, denn ich kenn' Euch wohl, und könnte auf Eure Person schwören mit einem halben Aug, Ihr möget in den Kleidern seyn, oder ohne sie: Ihr legt Eure Keule nieder und laßt mich Euch an die Seite kommen und Ihr sollt mich so sanft finden wie ein Lamm; denn ich bin meiner Lebtage gewohnt, mit Herren umzugehen, und weiß sie wohl zu behandeln, wenn ich sie mal habe.« »Aber wenn ich Euch nicht an meine Seite kommen lassen mag, was dann?« »Nun, dann muß ich Euch einen von diesen Puffern durch den Schädel jagen, das ist Alles!« »Nein, Herr Nabbem, das wäre zu grausam; Ihr werdet doch Einem nichts zu leide thun, der solche Achtung vor Euch hat? Erinnert Ihr Euch nicht mehr der Art, wie ich Euch vom Richter Burnflat erlöste, als Ihr angeklagt waret – Ihr wißt selbst, ob mit Recht oder –« »Ihr seyd ein Lügner, Hauptmann!« rief Nabbem wüthend und voll Furcht, es möchte etwas, für das Ohr seiner Kameraden nicht Geeignetes verlauten. »Ihr wißt, daß Ihr das seyd. Kommt herab, oder laßt mich hinauf; sonst kann ich für die Folgen nicht stehen!« Clifford warf einen Blick hinter sich. Ein Schimmer des grauenden Tages dämmerte durch eine Spalte der geheimen Thüre, die Tomlinson jetzt von der Verrammlung befreit hatte und zu öffnen im Begriff stand. »Hört mich, Herr Nabbem,« sagte er, »vielleicht bewillige ich, was Ihr verlangt. Was würdet Ihr mit mir anfangen, wenn Ihr mich hättet?« »Ihr sprecht wie ein vernünftiger Mann,« antwortete Nabbem, »und das ist ganz nach meinem Herzen. Nun, Ihr seht, Hauptmann, Eure Zeit ist gekommen und Ihr könnt jetzt nicht länger Kassematten machen. Ihr habt Zeit zum Austoben gehabt, Eure Jahre sind vorüber und Ihr müßt sterben wie ein Mann! Aber ich geb' Euch mein Ehrenwort als ein Gentleman, daß, wenn Ihr Euch ergebt, ich Euch den Rechtsmännern so schonend und zärtlich abliefern will, als wär't Ihr von Baumwolle.« »Weicht einen Augenblick zurück,« sagte Clifford »damit ich die Treppe für Euch fester aufstellen kann.« Nabbem zog sich auf den Boden zurück und Clifford, der, gutmüthig genug, nicht gern ohne Noth einen so schätzenswerthen Beamten verletzen mochte, benützte die sich ihm darbietende Gelegenheit. Die Treppe donnerte hinunter, rasselte gewichtig unter die Polizeibeamten und fiel wie ein Donnerkeil Einem von denjenigen, welche Ned festhielten, auf die Schulter. Indeß eilte Clifford Tomlinson nach durch die Oeffnung und sah sich – umringt von vier Polizeibeamten, an ihrer Spitze den arglistigen Mac Grawler. Ein Schlag mit einem Knittel auf Tomlinsons rechte Wange und Schläfe, streckte diesen Helden zu Boden. Aber Clifford beugte sich über den Leib seines Kameraden, wich dem auf ihn selbst gezielten Streich aus, fieng den Hieb eines andern Angreifers mit der Hand auf, entwand dem Polizeibeamten den Knittel, schlug ihn mit seiner Waffe zu Boden, enteilte durch das Labyrinth der Waldung und begann mit einer Eile zu fliehen, welche seinen Feinden jede Hoffnung einer erfolgreichen Nachsetzung abschnitt. Neunundzwanzigstes Kapitel. »Kurz, Isabella, ich trage mich Euch an!« »Himmel!« rief Isabella, »was hör' ich! Ihr mein Lord?« Schloß von Otranto. Eine Novelle ist wie ein Wetterglas, wo bald der Mann, bald die Frau hervortritt. Wechselnd wie die Atmosfäre führt der Verlauf unserer Geschichte jetzt wieder Lucie dem Leser vor's Auge. Dieses liebenswürdige Wesen, wie man bemerken wolle, mit Ausnahme ihres Vaters, der einzige unentstellte und unbefleckte Charakter in den Blättern einer Geschichte, deren Endzweck zum Theil es ist, in der Entartung von Charakteren die Entartung des gesellschaftlichen Zustands zu zeigen, worin die Charaktere sich bilden, saß, in dem Zeitpunkt, wo wir zu ihr zurückkehren, allein in ihrem Gemach. Nachdem die Zeit und die innerliche, unbewußte Heilkraft, welche die Natur in die Brust der Jugend gelegt hat, damit die Vollziehung ihres großen Gesetzes: das Vergehen der Alten, keine zu schwere und heftige Wunde zurücklasse, ihren ersten Kummer über den Tod ihres Vaters besänftigt, gewann das Andenken an Clifford wieder sein altes Recht in ihrem Herzen. Die Einsamkeit ihres Lebens, der Mangel an Ergötzlichkeiten, selbst die Weichheit und Mattigkeit, welche auf den Schmerz folgten, alles wirkte zusammen, das Bild ihres Geliebten in zärtlicher und einschmeichelnder Gestalt ihr nahe zu bringen. Sie rief sich seine Worte, seine Handlungen, seine Briefe ins Gedächtniß zurück und brachte ganze Stunden, ganze Tage und Nächte über der Bemühung zu, das Geheimniß zu entziffern. Wer, der schon geliebt worden ist, sollte nicht die sonderbare mächtige Gewalt begreifen, welche ein selbst unschuldiges Mädchen zu dem Glauben an die Unschuld ihres Geliebten hindrängt? In jungen, mit der Welt unbekannten Herzen ist ein so reiner Glaube an lautere Güte, ein so entschiednes Sträuben gegen den Gedanken: es könnte da, wo wir lieben, etwas seyn, das unsre Achtung nicht verdiente, oder wo wir bewundern, etwas Verwerfliches, daß man darin beinahe einen Beweis zu Gunsten unserer natürlichen Fähigkeit erblicken möchte, eine höhere Stufe sittlicher Vollkommenheit zu gewinnen, als die Gewohnheiten und der Gang der Welt uns wirklich zu erreichen gestatten. Vielleicht ist es keine allzukühne Behauptung, wenn man sagt: wir würden schwerlich an Vollkommenheit bei Andern glauben können, wäre nicht der Keim und die Möglichkeit der Vollkommenheit in unserer eigenen Seele angelegt. Wenn ein Mann einige Jahre mitten unter den Parteikämpfen gelebt hat, ohne Vorurtheile zugleich mit der Erfahrung in sich aufzunehmen, wie verwundert belächelt er seine Verehrung für die Ideale seiner früheren Jahre! welch eine verschiedene Farbe trägt für ihn die Geschichte! wie vorsichtig wird er im Leben? wie langsam im Bewundern! wie geneigt zum Tadel! Die menschliche Natur ist zu etwas Künstlichem geworden, und er schätzt sie nicht mehr nach dem, was sie sein kann, sondern was sie in der Verdorbenheit der Halbcivilisation ist. Aber ebenso wie der strebende Jüngling den Glauben umfaßt, der Weise oder der Sänger der seine Vernunft aufgeklärt, oder seine Einbildungskraft entflammt hat, sey nach Gemüth und Geist erhaben über den gemeinen Troß, frei von den Leidenschaften, den Nichtswürdigkeiten, den kleinen Niederträchtigkeiten und den schwärzenden Lastern, welche das gewöhnliche Erbtheil des Fleisches sind: so innig hängt ein Weib, das zum erstenmal liebt, an der eingebildeten Vortrefflichkeit ihres Geliebten. Wenn Evelina so heftig erschrickt bei dem Gedanken eines gelegentlichen Dampfes oder Rausches bei ihrem edlen, unvergleichlichen Geliebten, wer erkennt nicht an, wie natürlich hier ihre Empfindung ist? Wäre Evelina sechs Jahre verheirathet und derselbe Geliebte des Verbrechens, wegen dessen sie ihn im Verdacht hatte, wirklich, aber als ihr Ehemann, schuldig gewesen: wer fühlt nicht, daß es dann im höchsten Grade unnatürlich wäre, sie mindestens über den Vorfall verdutzt seyn zu lassen? Sie würde ihn nicht weniger geliebt, nicht weniger bewundert haben; er wäre auch nicht minder der Edle, Unvergleichliche geblieben – er hätte ein Glas zu viel getrunken, hätte am nächsten Morgen über den Vorfall gescherzt und die zärtliche Evelina hatte ihm eine Tasse Kaffee gemacht; aber das, was an dem Ehemann ein Gegenstand des Spaßes gewesen wäre, das wäre am Geliebten ein Grund zur Verdammung gewesen. Aber wir kehren zu Lucie zurück! Wenn es so hart, so empörend ist, einen Geliebten auch nur in einem kleinen Fehler schuldig zu glauben, so kann man sich leicht vorstellen, daß Lucie nie auch nur einen Augenblick dem Verdacht Raum gab: Clifford könnte wirklich eines groben Vergehens, eines wirklichen Verbrechens sich schuldig gemacht haben. Zwar waren manche Ausdrücke in seinem Briefe mehr als verdächtig; aber die Aufrichtigkeit der Selbtsverdammung hat immer etwas Herzgewinnendes. Wie es schwer ist, an die Trefflichkeit derer zu glauben, die sich selbst loben, so ist es schwer, den für einen Verbrecher zu halten, der sich selbst verurtheilt. Und dann – wie schließt und folgert ein Weib? Ach, sie ist in ihrer Fysiognomik gar zu leichtgläubig! Eine Bewegung des Halses ist bei ihr ein untrügliches Zeichen von Adel des Gemüths; und Niemand kann einer Sünde schuldig sehn, dem der Himmel eine schöne Stirne schenkte. Wie innig, wie schwärmerisch liebte Lucie! Sie hatte sich einen kostbaren geheimen Schah gesammelt – einen Handschuh – eine Feder – ein Buch – ein welkes Rosenblatt – Kleinodien, die unschätzbar waren, weil Er sie berührt hatte; aber, was mehr ist als das Alles: sie besaß die Folge seiner Briefe, vom ersten förmlichen Billet an, das an ihren Vater geschrieben war, und ihr galt, worin er auf eine Einladung antwortete und Miß Brandon die Musikalien entgegen zu nehmen bat, welche sie sich gewünscht hatte, bis zu dem stürmischen, ihr unerklärlichen Schreiben, worin er ihr auf immer entsagte. An diesen Reliquien weidete sich ihr Auge stundenlang, und wenn sie so darüber und über Gedanken, zu tief nicht allein für Thränen, sondern auch für jede Aeußerung oder Kundthuung brütete: da konnte man beinahe im buchstäblichen Verstande beobachten, wie ihre reiche Wange bleicher wurde, wie ihre volle und elastische Gestalt dahinschwand. Eben war sie in einer solchen Stimmung versunken, als ihr Oheim an ihrer Thüre pochte; sie warf ihre Schätze beiseite und eilte ihn einzulassen und zu grüßen. »Ich komme,« sagte er lächelnd, »mir das Vergnügen deiner Gesellschaft für einen alten Freund zu erbitten, der heute bei uns speist. Aber halt, Lucie, deine Haare sind noch nicht recht in Ordnung. Ich möchte dich nicht in einem so wichtigen Geschäft, als die Toilette ist, stören; kleide dich an, meine Liebe und komm dann zu uns.« Lucie wandte sich mit einem unterdrückten Seufzer zum Spiegel. Der Oheim verweilte noch einige Augenblicke, sie mit einem Gemisch von Stolz und Zweifel betrachtend; dann verließ er langsam das Zimmer. Bald danach begab sich Lucie in das Empfangzimmer und erblickte mit einiger Ueberraschung, (denn sie war nicht neugierig genug gewesen, um nach dem Namen des Gastes sich zu erkundigen,) die schlanke Gestalt und das freundliche Gesicht des Lord Mauleverer. Der Graf näherte sich ihr mit der Anmuth, die ihn in seinen jüngern Jahren beinahe unwiderstehlich gemacht hatte, die aber jetzt, wegen des Kontrasts der Jahre mit dem Benehmen einen leichten Anflug von Komischem hatte. Er brachte ihr seine Komplimente dar und erklärte dabei, er müsse es seinem Freunde Sir William überlassen, ihr alle die Gefahren aufzuzählen, die er bestanden, um sich die angenehme Gewißheit zu verschaffen, daß Lucie Branden nicht weniger liebenswürdig sey, als damals, wo er sie zum letztenmal gesehen. »Ja wahrlich!« sagte Brandon mit einem kaum wahrnehmbaren höhnischen Lächeln, »Lord Mauleverer hat im buchstäblichen Sinne die gefährlichen Unfälle der See und des Schlachtfeldes durchgemacht; denn er wurde beinahe von einem Straßenräuber aus der Welt geschickt, und wäre um ein Haar im Graben ertrunken!« »Ich bin meinem Freunde sehr dafür verbunden, daß er mich im günstigsten Lichte zeigen will«, sagte Mauleverer heiter; »statt Ihr Mitgefühl für mich zu erwecken, sehen Sie, wollte mich Brandon Ihrem Gespötte preis geben. Urtheilen Sie selbst, ob ich das verdiene;« und hiemit begann Mauleverer ihr mit all der seinem Charakter eignen Lebhaftigkeit die einzelnen Umstände des Abenteuers zu erzählen, womit der Leser zur Genüge bekannt ist. Er bedachte sich, wie wir versichern können, nicht im Geringsten, sich und seinen Heldenmuth mit den glänzendsten Farben darzustellen. Die Geschichte war kaum zu Ende, als das Essen angesagt wurde. Während der Mahlzeit bestrebte sich Mauleverer mit unendlicher Feinheit des Benehmens anziehend zu seyn. Er richtete sein Gespräch mehr, als er bisher zu thun bemüht gewesen war, Luciens Stimmung gemäß ein, strebte mehr sich sanft und mild zu zeigen, als zu blenden, und war Lucien noch nie so anziehend erschienen. Wir fühlen uns verpflichtet, beizufügen, daß dieses Anziehendfinden sich nicht weiter erstreckte, als daß sie gestand: Er sey ein sehr angenehmer, alter Mann. Vielleicht, wenn nicht eine halb melancholische Ader in seiner Unterhaltung gewesen wäre, ein Ton dessen Annahme dem Lord durch die Erinnerung an seine verlornen Diamanten und die Wahrnehmung, daß Brandons Koch beträchtlich geringer sey als der seinige, wohl sehr erleichtert wurde, wäre es ihm nicht gelungen, Lucien zu gefallen. Was ihn selbst betrifft, so kehrte jetzt jeder frühere Eindruck, den sie auf ihn gemacht, mit noch lebhafteren Farben zurück; selbst der zarte und kränkliche Ton ihrer Schönheit, der an die Stelle des früheren Glanzes getreten war, bezauberte seinen edeln und verwöhnten Hofgeschmack weit mehr, als früher die Fülle von Laune und Gesundheit. Er fühlte sich während der Mahlzeit sehr verliebt, und nachdem sie vorüber war und Lucie sich entfernt hatte, erklärte er Brandon mit leidenschaftlichem Wesen: »er bete seine Nichte bis zum Wahnsinn an!« Der schlaue Richter gab sich die Miene, dieses Geständniß mit Gleichgültigkeit aufzunehmen; aber wohl wissend, daß eine zu lange Abwesenheit einer heftigen Leidenschaft gefährlich ist, ließ er Mauleverer nicht allzu lang beim Wein verweilen. Der Graf kehrte in begeisterter Stimmung ins Gesellschaftszimmer zurück und bat Lucie mit einer Stimme, in welcher die Affektation im Entzücken zu verschwinden schien, ihn mit einem Lied zu beglücken. Mehr und mehr bezaubert von ihrer Einwilligung, rückte er den Musikstuhl zum Clavier, setzte sich einen Stuhl neben ihr und schien sofort ganz in Begeisterung verloren. Brandon indeß, mit dem Rücken gegen die Beiden gekehrt, bedeckte das Angesicht mit seinem Taschentuch und überließ sich, dem Anschein nach, dem Behagen eines Schläfchens nach Tisch. Luciens aufgeschlagenes Musikbuch bot zufällig ein Lied dar, das Clifford ihr gerühmt hatte; und als sie sang, bekam ihre Stimme einen reicheren und zärtlicheren Ton, als sie je sonst in Mauleverers Gegenwart gehabt hatte. Klagen der Veilchen, welche im Mai ihren Geruch verlieren. Wir schliefen im Schatten am Hügelsaum In grüner Wiege versteckt; Der krause April hat vom Wintertraum Uns duftend erweckt. Und wohnten wir gleich am niedrigen Ort, So hatte doch Alles uns lieb! Von der Tulpe Pracht flog die Biene fort, Bei uns sie blieb. Stolz nahte der warme Mai und warb Um unsern köstlichen Hort; Kaum fühlten wir seinen Hauch, so starb Der Duft sofort. Und der Sommer herrscht auf der ruhigen Flur; Mit Strahlen und Wolken schwer Bringt Balsamduft er den Schwestern, nur Ach! uns nicht mehr. Wir leben, wir blühn, – doch dahin ist das Glück, Das Aether und Erde uns bot; Gieb dem Leben, o Himmel, den Duft zurück! Wo nicht – den Tod! Als Lucie mit Augen von mannigfachen Erinnerungen befeuchtet und einer Stimme, die in unbeschreiblicher, ans Herz greifender Leidenschaft dahinschmolz, diesen Gesang beendigt hatte, ergriff Mauleverer, vor Entzücken ganz außer sich, leicht ihre Hand, hielt den zarten Schaft in seiner eigenen, vielleicht eben so zarten und flüsterte: »Engel, singen Sie weiter! das Leben würde wie Ihre Musik werden, wenn ich es zu Ihren Füßen verhauchen dürfte.« Es war eine Zeit gewesen, wo Lucie über eine solche Erklärung würde ungebührlich gelacht haben, und selbst jetzt spielte ein unterdrücktes und halb boshaftes Lächeln in den Winkeln ihres schönen Mundes und bildete einen bezaubernden Contrast zu der Sanftheit ihres feuchten Auges. Ihr Lächeln ganz falsch auslegend, fuhr Mauleverer stürmisch fort und hielt immer noch die Hand fest, welche Lucie loszumachen strebte. »Ja, bezaubernde Miß Brandon, ich, der ich mich so viele Jahre meines unverwundbaren Herzens rühmte, bin endlich unterlegen. Ich habe lang, sehr lang gegen meine Neigung zu Ihnen gekämpft. Ach! es war umsonst, und Sie sehen mich jetzt ganz und gar auf Gnade und Ungnade zu Ihren Füßen. Machen Sie mich zum Elendesten der Menschen oder zum Beneidenswerthesten! Zauberin, reden Sie!« »In der That, mein Lord,« sagte Lucie zögernd, »ich finde es schwer, an Ihren Ernst zu glauben ; und vielleicht ist dieß nur eine Galanterie gegen mich, deren Ausübung Sie bei Andern erlernten. »Holde Lucie, wenn ich Sie so nennen darf,« antwortete Mauleverer mit glühenden Blicken; »geben Sie sich, ich flehe Sie an, auch nicht für einen Augenblick die Miene, als mißverständen Sie mich! scherzen Sie nicht einen Augenblick über das, was für mich der Fluch oder der Segen meines Lebens ist! Darf ich hoffen, daß meine Hand und mein Herz, welche ich Ihnen hiemit anbiete, nicht Ihren Spott verdienen?« Lucie sah ihren Anbeter mit einem ernst fragenden Blick an. Brandon schien noch zu schlafen. »Wenn Sie im Ernste reden, mein Lord,« sagte Lucie nach einer Pause, »so thut es mir wahrhaft und innig leid! für den Freund meines Oheims habe ich immer, wie natürlich, Achtung gehegt; glauben Sie mir, daß ich die Ehre, die Sie mir erzeigen, sehr wohl zu schätzen weiß, wenn ich Ihnen auch mein Bedauern ausspreche, daß ich kein anderes Gefühl als Achtung für Sie haben kann.« Ein verwirrtes, verdutztes Erstaunen überwölkte für einen Augenblick Mauleverers ausdrucksvolle Züge – es ging rasch vorüber. »Wie hold ist Ihre Abweisung!« sagte er. »Ja, ich verdiene noch kein anderes Gefühl als Achtung; Sie dürfen nicht überrascht und übereilt werden; eine lange Probezeit – eine lange Reihe von Aufmerksamkeiten – eine lange Kenntniß meiner treu-ergebenen und glühenden Liebe – nur dies kann noch zur Hoffnung auf ein wärmeres Gefühl in Ihrer Brust berechtigen. Bestimmen Sie denn selbst die Zeit der Werbung, himmlische Lucie! – eine Woche – nein! einen Monat? bis dahin will ich Sie nicht einmal drängen mir den Tag zu bezeichnen, der für mich der glänzendste meines Lebens seyn wird!« »Mein Lord!« sagte Lucie nunmehr nicht nur halb boshaft lächelnd, »Sie müssen mir verzeihen, wenn ich Ihren Antrag für nichts weiter als einen Scherz halte; aber damit lassen Sie es, ich bitte Sie, für immer bewenden; erwähnen Sie dieser Sache nicht mehr gegen mich!« »Beim Himmel!« rief Mauleverer, »das ist zu grausam! Brandon, verwenden Sie sich bei Ihrer Nichte für mich!« Sir William fuhr, ziemlich natürlich das Erwachen nachahmend, aus seinem Schlummer auf und Mauleverer fuhr fort: »Ja! verwenden Sie sich für mich! Sie, mein ältester Freund, seyen Sie mein größter Wohlthäter! Ich werbe um Ihre Nichte; sie stellt sich an, mir nicht zu glauben; wollen Sie sie von meiner Aufrichtigkeit, meiner Ergebenheit, meiner Verehrung überzeugen?« »Ihnen nicht glauben?« sagte der gewandte Richter mit dem geheimen höhnischen Lächeln, das gewöhnlich in seinen Mundwinkeln lauerte; »ich wundere mich nicht darüber, daß sie ansteht, an die Ehre zu glauben, welche Sie ihr erweisen und wornach die edelsten Fräulein Englands vergeblich geseufzt haben. Lucie, willst du grausam seyn gegen Lord Mauleverer? Glaube mir, er hat mir oft seine Liebe zu dir anvertraut, und wenn die Erfahrung mancher Jahre etwas gilt, so kann in seine Ehrenhaftigkeit und Aufrichtigkeit kein Zweifel gesetzt werden; ich lege sein Schicksal in deine Hand!« Brandon ging auf die Thüre zu. »Bleiben Sie, theurer Sir,« sagte Lucie, »und statt sich des Lord Mauleverer anzunehmen, nehmen Sie sich meiner an.« Ihre Miene bekam jetzt den festen Ausdruck kalten und entschlossenen Ernstes. »Ich fühle mich hoch geschmeichelt durch seiner Lordschaft Antrag, den ich, wie Sie selbst sagen, leicht versucht seyn konnte, nicht ernstlich zu nehmen. Ich wünsche ihm alles Glück bei einer Dame von höhern Verdiensten; aber mein Entschluß ist unerschütterlich fest, wenn ich erkläre, daß ich niemals die Würde annehmen kann, welche er mir zugedacht hat.« Mit diesen Worten ging Lucie rasch auf die Thüre zu und verschwand, und überließ es den beiden Freunden, ihre beliebigen Glossen über ihr Benehmen zu machen. »Sie haben Alles mit Ihrer Uebereilung verdorben!« sagte der Oheim. »Uebereilung! verflucht! was wollten Sie haben? Fünfzig Jahre bereite ich meine Seele zur Heirath vor; und jetzt, wo ich keinen Tag mehr zu verlieren habe, reden Sie von Uebereilung!« erwiederte ihm der Liebhaber und warf sich in einen Lehnstuhl. »Aber Sie haben nicht fünfzig Jahre Ihre Seele vorbereitet zur Heirath mit meiner Nichte !« sagte Brandon trocken. »Ausgeschlagen – förmlich ausgeschlagen zu werden, von einem Landmädchen!« fuhr Mauleverer fort in lautem Selbstgespräch; »und das dazu noch in meinem Alter und bei meiner Erfahrung! von einem Landmädchen ohne Rang, Ton, Bildung! – Bei Gott! mich ficht es nicht an, wenn alle Welt es erfährt, denn keine Seele in der Welt wird es glauben!« Brandon saß sprachlos da, mit boshaftem Vergnügen den aufgebrachten, tiefgekränkten Höfling betrachtend, und es war eine Pause von einigen Minuten. Dann bemeisterte Sir William das sonderbare Gefühl der Freude, das ihn jedesmal beschlich; so oft seinem Freund etwas Lächerliches begegnete, näherte sich ihm, legte freundlich seine Hand auf Mauleverers Schulter und redete ihm von Trost und Ermuthigung. Der Leser wird gerne glauben, daß Mauleverer der Mann war, an welchem der Zuspruch nicht verloren ging. Dreißigstes Kapitel Eh er kam, liebte mich Alles, und ich hatte mehr Dinge zu lieben, als ich an den Haaren meines Hauptes herzählen konnte. Jetzt, fühle ich, kann ich nur Einen lieben und dieser Eine hat mich verlassen. Nun, sey es so – mag sie untergehen, mag Alles aus ihr werden, wenn sie nicht die Meine wird. Melmoth. Am folgenden Morgen, früh, eh' er aus dem Hause zu seinen Amtspflichten sich begab, schloß sich Brandon längere Zeit mit seiner Nichte ein. Aengstlich und beunruhigt über das Gelingen eines Lieblingsentwurfes seines Ehrgeizes, sparte er in seiner Unterredung mit Lucie kein Mittel, das ihm seine große Redner-Gewandtheit und seine bewundernswerthe Kenntniß der menschlichen Natur an die Hand gab, um wenigstens eine Grundlage zur Aufführung seines Anschlags zu gewinnen. Unter andern Ueberredungsgründen, die er aus seiner Weltklugheit schöpfte, deutete er auch auf Luciens Liebe zu Clifford hin; und der gewissenlose, arglistige Mann nahm sogar keinen Anstand, freilich auf versteckte und seine Weise, wie es die Herzensreinheit des Wesens erheischte, mit welchem er zu thun hatte, auf die Möglichkeit hinzuweisen, dieser Liebe nachzuhängen – nach der Heirath! obgleich er das Verbrechen, sie vor der Heirath zu ermuthigen, als den gröbsten Verstoß gegen Sitte und Anstand bezeichnete. Dieser Wink jedoch ging unbeachtet an Luciens schuldlosem Ohr vorüber. Sie begriff den Sinn davon nicht von Weitem; bitter empfand sie nur, mit glühender Wange und zuckender Lippe, die Anspielung auf eine Liebe, welche irgend zu beargwöhnen, sie für eine empörende Unart hielt. Brandons Stirne war, als er das Zimmer verließ, umwölkt, sein Auge zerstreut und gedankenvoll; offenbar hatte ihm die Besprechung mit seiner Nichte wenig Freude oder Zufriedenheit gewährt. Miß Brandon selbst war in großer Bewegung; denn im Wesen ihres Oheims lag jene geheime, gewaltige, den Willen Andrer bestimmende oder beherrschende Macht, die beinahe unabänderlich und doch in größter Ruhe jeden eigenen Wunsch durchsetzt; und Lucie, welche ihn aufrichtig liebte und bewunderte, wozu noch eine vielleicht kleine Beimischung von Furcht kam, betrübte sich sehr als sie bemerkte, wie tief in ihm der Wunsch dieser Heirath gewurzelt war, die sie als eine moralische Unmöglichkeit deutlich erkannte. Aber wenn Brandon das Geheimniß der überwältigenden Macht besaß, so war Lucie in vielleicht nicht minder ausgezeichnetem Grade mit dem Geheimniß des Widerstandes ausgerüstet. Man wird sich erinnern, daß wir bei der Schilderung ihres Charakters sagten: ihre Gemüthsart sey, bei oberflächlicher Betrachtung, zu nachgiebig und zu sanft erschienen. Aber die Lebensverhältnisse straften jenen Anschein Lügen, und bewiesen, daß sie in hohem Grade eine ruhige Festigkeit und geheime Entschlossenheit besaß, welche ihrem Gemüth einen Adel und eine Vertrauen einflößende Stärke verliehen, welche man niemals in ihr vermuthet hätte, wenn man ihr nur in den gewöhnlichen Verhältnissen des Lebens begegnete. Brandon war noch nicht lange weg, als Luciens Mädchen mit der Nachricht kam, ein Herr, der den angelegentlichen Wunsch ausspreche, sie zu sehen, warte unten. Das Blut floh bei dieser Ankündigung, so einfach sie lautete, aus Luciens Wangen. »Welcher Herr konnte angelegentlich verlangen sie zu sehen? War es – war es Clifford?« Sie war einige Augenblicke regungslos und im buchstäblichen Sinne außer Stand sich zu rühren, endlich faßte sie Muth, belächelte, sich selbst verspottend, einen Gedanken, der ihr nach einigem Besinnen als ganz thöricht erschien und begab sich in das Empfang-Zimmer hinab. Ihr erster Blick auf den Fremden, der mit übereinander geschlagenen Armen am Kamin stand, war hinreichend – sie konnte, obgleich das Angesicht abgekehrt war, unmöglich die unvergleichliche Gestalt ihres Geliebten verkennen. Sie schritt mit einem leisen Schrei lebhaft vor, hielt dann inne und sank auf das Sofa. Clifford wandte sich gegen sie und heftete Blicke voll Innigkeit und Schwermuth auf ihr Antlitz, aber sprach keine Sylbe; Lucie schwieg eine Weile, seine Anrede erwartend; dann sah sie auf und erblickte bestürzt den sonderbaren, eigenthümlichen Ausdruck seiner Züge. Er näherte sich ihr langsam und noch schweigend; aber sein Blick schien, wie er auf sie zutrat, noch ernster und düstrer zu werden. »Ja« sagte er endlich, mit gebrochner und verwirrter Stimme, »ich sehe Sie noch einmal, nach allen meinen Versprechen, Sie für immer zu verlassen; nach meinem feierlichen Abschied! nach Allem was ich Ihnen gekostet habe; denn, Lucie, Sie lieben mich? Sie lieben mich, und ich schaudere, während ich dieß fühle; nach Allem, was ich selbst geduldet und gekämpft habe, komme ich noch einmal vorsätzlich Ihnen unter die Augen! Wie hab' ich nach diesem Augenblick gebrannt und geschmachtet! Wie hab' ich bei mir selbst gesagt: »Nur noch Einmal möcht' ich sie sehen, nur noch Einmal, und dann möge das Schicksal das Schlimmste über mich verhängen! Lucie, theure, theure Lucie, vergeben Sie mir diese Schwäche! Es ist jetzt in bittrer, fürchterlicher Wirklichkeit das Letzte, was ich verschulden kann!« Als er dieß gesagt, sank Clifford neben ihr nieder. Er nahm ihre beiden Hände in die seinigen und hielt sie, doch ohne sie zu drücken; dann sah er ihr wieder leidenschaftlich in ihr schuldloses aber beredtes Angesicht. Er schien von etwas ganz Anderem als den gewöhnlichen Empfindungen des Wiedersehens und der Liebe ergriffen. Er versuchte nicht die Hände die er hielt, zu küssen; und obgleich diese Berührung ihm durch alle Nerven und Adern seines Körpers zuckte, war doch sein Umfassen dieser Hand so leicht, wie das, worin die erste Schüchternheit einer Knabenliebe sich auszudrücken wagt. »Sie sind blaß, Lucie,« sagte er traurig, »und Ihre Wange ist weit minder voll, als da ich Sie zum erstenmale sah. Ach, um Ihretwillen wünschte ich, es wäre nie geschehen! Damals war Ihr Sinn so leicht, Lucie! Ihr Lachen kam vom Herzen – Ihr Fuß trat keck und sicher auf. Heiterkeit leuchtete aus Ihren Augen; Alles was in Ihrer Nähe athmete, schien voll Glück und Freude; und nun – sehen Sie mich an, Lucie! erheben Sie diese sanften Angen und lehren Sie sie, Zorn und Verachtung auf mich zu blicken! O, nicht so, nicht so! Ich könnte von Ihnen scheiden als ein Glücklicher, ja als ein Seeliger, wenn ich Sie mir weniger verzeihend, weniger mild, weniger himmlisch deuten könnte!« »Was habe ich zu verzeihen?« sagte Lucie zärtlich. »Was! Alles was ein Mensch dem Andern kann zu verzeihen haben. Waren nicht Trug und Unrecht meine Verbrechen gegen Sie? Ihr Seelenfriede, die Heiterkeit Ihres Herzens, der Frohsinn Ihres Gemüths – habe ich dieß Alles zerstört oder nicht?« »O Clifford,« sagte Lucie über sich selbst und über alle selbstsüchtigen Gedanken sich erhebend, »warum, warum wollen Sie mir nicht vertrauen? Sie kennen mich nicht; Sie sind unbekannt mit der wahren Natur des Weibes, wenn Sie mich Ihres Vertrauens unwerth halten. Glauben Sie, ich könnte es verrathen? oder meinen Sie, wenn Sie etwas gethan hätten, um dessen willen alle Welt Sie verließe, ich würde Sie verlassen?« Luciens Stimme zitterte bei diesen letzten Worten; aber sie senkte sich, wie ein Stein in tiefen Gewässern versinkt, bis ins Innerste von Cliffords Herz. Im Entzücken aller seiner Entschlüsse und seiner Mäßigung vergessend, schlang er in einer langen, leidenschaftlichen Liebkosung seine Arme um sie; und Lucie, als ihr Athem sich mit dem seinen vermischte und ihre Wange an seinem Busen ruhte, war zu Muthe als ob die Vergangenheit kein Geheimniß hegen könnte, mächtig genug, die Zärtlichkeit zu entkräften, womit ihr Herz an dem seinigen hieng. Sie machte sich zuerst aus der Umarmung los. Sie zog ihr Antlitz von dem seinigen weg und durch ihre Thränen hindurch ihn anlächelnd mit einem leuchtenden Glanz, der hinter dem Lächeln ihrer frühsten Jugend nicht zurückstand, sagte sie: »Hören Sie mich an. Erzählen Sie mir Ihre Geschichte, oder nicht, wie Sie wollen. Aber glauben Sie mir, der Verstand eines Weibes ist oft kein zu verachtender Rathgeber. Diejenigen, welche sich selbst so bitter anklagen, sind selten diejenigen, welchen man so schwer verzeiht; und Sie müssen es mir nicht übel nehmen, wenn ich die Größe der Schuld bezweifle, welche Sie sich selbst so verschwenderisch aufbürden. Ich bin in der Welt allein – (hier starb das Lächeln auf Luciens Lippen,) mein guter Vater ist todt. Ich kann durch meine Handlungsweise Niemand verletzen; es lebt Niemand auf Erden, an den ich durch eine Pflicht gekettet wäre. Ich bin unabhängig, ich bin reich. Sie gestehen, daß Sie mich lieben. Ich bin thöricht und eitel und glaube Ihnen. Vielleicht hege ich auch die schmeichelhafte Hoffnung, die so oft die Weiberherzen betrügt, – die Hoffnung: wenn Sie gefehlt haben, so könne ich Sie auf Ihre Bahn zurückrufen, wenn Sie unglücklich gewesen, könne ich Sie trösten. Ich weiß, Herr Clifford, daß ich etwas sage, wofür Viele mich verachten würden und wofür ich mich vielleicht selbst verachten sollte: aber es gibt Zeiten, wo wir sprechen, als ob eine Gewalt in unsrem Herzen uns zwänge, gegen unsern Willen – und so habe ich jetzt zu Ihnen gesprochen.« Mit einem ihr selbst an sich ganz ungewohnten Tone hatte Lucie den Schluß ihrer Rede gesprochen, denn ihr gewöhnliches Benehmen war mehr sanft als würdevoll; aber jetzt lag, gleichkam als ein Gegengewicht gegen den Sinn ihrer Worte, welche sonst als unweiblich erscheinen konnten, ein keusches, stolzes aber deßhalb nicht weniger zartes und holdes Selbstgefühl und eine würdevolle Unbefangenheit in ihrem Betragen; so daß es für Einen, der sie angehört hätte, unmöglich gewesen wäre, dem Edelmuth ihrer Beweggründe keine Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, oder ungerührt zu bleiben und Achtung oder auch wärmere und innigere Gefühle ihr zu versagen. Clifford, der, während sie sprach, aufgestanden war, hörte ihr mit einer Miene zu, die bei jedem ihrer Worte wechselte – jetzt ganz Hoffnung, jetzt ganz Verzweiflung. Als sie schwieg, verharrten seine Züge im Ausdruck erzwungner Entschlossenheit. »Es ist gut« sagte er vor sich hin, »ich bin dessen würdig – sehr – sehr würdig! Großmüthiges, edles Mädchen! wär' ich ein Kaiser: ich hätte mich huldigend vor dir gebeugt – aber dich erniedrigen, herabwürdigen – nein! nein!« »Ist Liebe Herabwürdigung?« flüsterte Lucie. Clifford blickte sie an mit einer Art von begeistertem und triumfirendem Stolz; vielleicht fühlte er, daß so geliebt werden, und von einem solchen Wesen, Grund zum Stolz sey selbst in der schmählichsten Lage, in die er je gerathen könne. Er holte tief Athem, biß die Zähne übereinander und antwortete: »Sie könnten also lieben einen Ausgestoßnen, ohne Geburt, Vermögen und Charakter? Nein! Sie glauben das jetzt, aber Sie könnten es nicht. Könnten Sie Ihr Vaterland, Ihre Freunde, Ihre Heimath – Alles verlassen, wofür Sie geboren und gebildet sind? Könnten Sie Einen, über dem das Schwert hängt, durch ein Leben begleiten, dem jede Stunde Entdeckung und Schande droht? Könnten Sie sich der Schmach einer bösen Erinnerung und dem düstern Schweigen der Reue preis geben? Könnten Sie das Opfer eines Mannes werden, der kein Verdienst hat als seine Liebe zu Ihnen und der, wenn diese Liebe Sie vernichtet, durch nichts mehr an die Welt gebunden ist? doch nein, Lucie, ich hatte Unrecht! Ich will gerecht gegen Sie seyn; Alles dieß, ja noch mehr könnten Sie ertragen, und Ihr edles Gemüth würde über dieß Opfer wegsehen. Aber soll ich ganz Selbstsucht und Sie ganz Hingebung seyn? Sollen Sie mir Alles darbringen, und ich Alles hinnehmen und Nichts dagegen bieten? Ach, ich habe nur ein Gut, Ein Himmelsgut hinzugeben und das sind Sie selbst. Lucie, ich verdiene Sie! ich übertreffe Sie an Großmuth; Alles was Sie für mich verlassen wollten, ist Nichts, o Gott! Nichts gegen das Opfer, das ich Ihnen bringe! Und nun Lucie – ich habe Sie gesehen und muß Ihnen noch Einmal Lebewohl sagen; ich stehe im Begriff dieses Land für immer zu verlassen. Ich will mich in fremde Dienste anwerben lassen; vielleicht – (und Cliffords schwarzes Auge blitzte feurig auf,) hören Sie noch von mir, und erröthen nicht, wenn Sie von mir hören. Aber, (und seine Stimme zitterte, denn Lucie, ihr Angesicht mit den Händen verhüllend, ließ ihren Thränen und ihrer Bewegung freien Lauf,) aber in Einer Hinsicht haben Sie gesiegt. Ich hatte geglaubt, Sie können nie die Meinige werden; mein früheres Leben beraube mich für immer dieser Hoffnung. Jetzt fange ich an, mit einem Hochgefühl das mich durch alle Schicksalsproben hindurch führen wird, einen kühnen Blick in die Zukunft zu werfen. Ein Flecken kann – ausgetilgt, ein schlimmer Name wieder gut gemacht werden. Die Vergangenheit ist nicht abgeschlossen und versiegelt und das womit ihr Blatt beschrieben ist, nicht unwiderruflich. Wenn ich das Recht erwerben kann, Ihre Gnade zu verdienen, so will ich mich ihr ohne Rückhalt in die Arme werfen; bis dahin oder bis zum Tod sehen Sie mich nicht mehr!« Er sank auf die Kniee und drückte seine Küsse und Thränen auf Luciens kalte Hand; im nächsten Augenblick hörte sie seinen Schritt auf den Treppen – die Thüre schloß sich hinter ihm schwer und knarrend; – Lucie fühlte eine schmerzliche Beklemmung und dann fühlte sie, für einige Zeit wenigstens, nichts mehr.