Max Barthel Blockhaus an der Wolga Roman   »DER FREIDENKER« VERLAGSGESELLSCHAFT MIT BESCHRÄNKTER HAFTUNG BERLIN SW29, GNEISENAUSTRASSE 41   Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Satz und Druck der Buchdruckwerkstätte G.m.b.H., Berlin / Buchzeichnung von Fritz Winkler, Dresden / Copyright 1930 by »Der Freidenker« Verlagsgesellschaft mit beschränkter Haftung, Berlin SW29, Gneisenaustraße 41 *   ©: Alexander Barthel   ERSTES KAPITEL Das Spiel beginnt Das Blockhaus war aus rohen Stämmen zusammengefügt und stand kaum einen Steinwurf von den großen Baracken entfernt, in denen die Frauen und Mädchen wohnten. Bis zu den großen Landungsbrücken für die Fischereisiedlung war es nicht weit. Groß und schwer rollte die Wolga nach dem Kaspischen Meer, rührte an Sand. Sumpf und Steppe, schickte viele kleine Flüsse hinunter als Kundschafter nach dem wüsten Meer und blieb ruhig und selbstbewußt mit ihren gewaltigen Fluten und Strömungen. Die Sonne war schon in der Steppe untergegangen. Der Himmel flammte noch in ockergelben und stahlblauen Farben. Wie dünner, verschleierter Rauch stieg die erste Finsternis aus der nahen Wüste. Die Arbeit in der Siedlung war beendet. In den verstreuten Kosakendörfern am Hunde der Wolga glühten die Lichter. Nachtkühle kam. Zwischen den Sternen sichelte ein silberner Mond. Die Hunde der tatarischen Fischer heulten über das verdunkelte Wasser. Der Oktobertag war glühend vergangen. Das Geschrei der Arbeit hatte gegen seine flammenden Flügel geschlagen und sie müde gemacht. Die ersten Fischschwärme zogen aus dem Kaspischen Meer. An den Fischbänken klebte noch das kühle Blut der geschlachteten Fische. In den nahen Baracken wurde gesungen. Im Blockhaus aber saßen um den runden Tisch einige Leute, die Beamten des großen Fischgrundes. David Lautenspieler führte das große Wort. »... Und so bin ich geblieben, wie ein Finger geblieben ist von der ganzen Hand«, erzählte er und machte traurige Augen. »Wie ein Finger bin ich geblieben von der ganzen Hand, Kasandroff! Es war im Januar des Jahres zwanzig, da kamen die Kosaken in unsre Stadt und raubten und plünderten. Glarus kennt die Stadt und wird, wenn er heimkommt, sagen, ob ich spreche die Wahrheit... Wir haben uns beugen müssen ganz tief in den Staub. Wir haben uns gebeugt. Und dann kam das Pogrom. Es wurden hingemetzelt in unsre Stadt zweitausend Leut! Sie haben uns auf dem Marktplatz zusammengetrieben wie das Vieh, und als wir standen in der Winterkält, kam ein Soldat, den Gott verfluchen möge, denn er brachte geschleppt ein ermordetes Kind. ›Issak Rubinstein hat ein Christenkind geschlachtet, der verdammte Hundesohn!‹ brüllte der Kosak in unser Schweigen. Als wir das hörten, schwiegen wir noch tiefer und starrer wie die Zedern von Lybanon, wenn kein Wind weht und sie berührt. ›Rubinstein!‹ heulte der Anführer der Kosaken. ›Rubinstein, Hurensohn, vortreten!‹ Er hatte Schaum vor dem Mund, als er so heulte. Rubinstein war ein frommer Jüd, war Vorbeter in der Synagog, er liebte die Weisheit der Welt und das, was ihr gleichkommt: Blumen und Kinder. Und als er sich aufrichtete und das tote Mädchen sah, verhüllte er sein Gesicht und begann zu wimmern. Schritt für Schritt kam er vorwärts. Wir bebten um jeden Schritt. Der Kosakenanführer hatte eine schreckliche Stirn und winkte zwei Soldaten heran. Und als Rubinstein vor ihm stand, wurde er hinterrücks von zwei Krummsäbeln niedergeschlagen. Da lag er in seinem Blut und färbte rot den Winterschnee. Dann begann es in der Stadt zu brennen. Viele Schüsse krachten. Das Pogrom war da und verwandelte unsre Stadt in einen Trümmerhaufen. Und ich bin geblieben von meiner ganzen Familie, wie ein Finger geblieben ist von der ganzen Hand.« Die Lampe über dem runden Tisch schwankte, qualmte und war wie eine trübe, traurige Sonne, die sich vor dem eignen Licht schämt. Die Rede des Erzählers tropfte langsam in die schmutzige Stube. Kasandroff schwieg und gähnte. Er hatte diese Geschichte in den letzten Wochen schon vielemal gehört. Er liebte Lautenspieler nicht. Der junge Jude stammte aus der Ukraine, war in Minsk und in Moskau gewesen und vor fünf Wochen hier an der unteren Wolga aufgetaucht. Er war der Gehilfe des Buchhalters Sawatkin und führte das Journal über die Fangergebnisse der Gesellschaft. Auch Sawatkin schwieg. Alle Männer waren in den dreißiger Jahren und hatten viel erlebt. Der ehemalige Kriegsgefangene Siebenhaar, der vor einem Monat aus Astrachan gekommen war, hob den Kopf mit den hellen Augen und blickte den Erzähler starr an. »Von welcher Stadt erzählst du da?« fragte er leise. »Ich erzähle von der Stadt Fastow, die man nennt den Friedhof«, antwortete Lautenspieler. Dann kam das große Schweigen. Man hörte in den Baracken die Mädchen und Weiber singen. Der Samowar summte sein dampfendes Lied, die Türe öffnete sich und Dunja erschien. Sie war neunzehn Jahre alt und jung und schön. Kasandroff hatte sie von den blutigen Schlachtbänken geholt. Nun lächelte sie die Männer an und schenkte ihnen Tee ein. Lautenspieler begann noch einmal zu erzählen, aber seine Rede kreiste immer noch um das Pogrom. Kein Mensch antwortete, Dunja verzog die wundervoll geschwungenen Brauen, wenn ihr Blick Kasandroff streifte. Ihre Brauen senkten sich so tief, als könnten sie die verräterischen Blicke eines verliebten Mädchens verdecken. Und Kasandroff lächelte. Er war ein Riese, ein Held der Fische, ein Held der Revolution und stammte aus Odessa. Die Frauen und Mädchen in der Fischerei liebten ihn, aber er blieb gleichgültig und kalt. Er trauerte immer noch um Sonja, die vor Jahren gestorben war. Manchmal vergaß er die Tote, ihr Bild verschleierte sich und erstand neu und schön in Dunja. Dunja konnte manchmal sein steinernes Herz rühren. Lautenspieler erzählte immer noch. Fand er niemals ein Ende? Ja, die Welt war grausam, und die Gerechtigkeit war ferner als der Sirius, aber klagten die Soldaten, wenn sie von den Fronten zurückkamen? Vielleicht erzählten sie einmal oder zweimal ihre Erlebnisse, aber nicht zehnmal und zwanzigmal wie der kümmerliche David! Kasandroff lächelte nicht mehr. Er beugte sich zu Lautenspieler und bat um Feuer. Das Zündholz wurde eilfertig angesteckt, aber der Russe rauchte seine Zigarette so langsam an, daß die Glut Davids Fingerspitzen berührte. Mit einem Wehlaut ließ er das brennende Holz fallen. Kasandroff wandte gleichgültig den Kopf und fing den letzten Blick Dunjas auf, die in der Türe stand wie Gruß und Verheißung vor der Nacht. Auch in seinen Augen schimmerte Licht. Die Mädchen und Frauen in den Baracken sangen nicht mehr. Nur die tatarischen Hunde heulten noch. »Wo bleibt Glarus?« fragte Siebenhaar. »Der Kerl ist am Nachmittag losgefahren und müßte doch schon lange wieder zurück sein ... Habt ihr die neue Geschichte aus Astrachan schon gehört? Gestern hat man zwei Leute verhaftet. Sie sollen an dem Attentat in Odessa beteiligt sein. Man erzählt auch von neuer Wirtschaftsspionage.« »Glarus, wo wird sein der Glarus?« wiederholte David. »Er wird sein bei Babuschkin am ›Goldnen Sand‹ und Narau-Kusch wird Geschichten erzählen aus der Steppe, von den Wölfen, wilden Pferden und geraubten Frauen, Und was heißt Wirtschaftsspionage?« fragte er und blies auf die verbrannten Fingerspitzen. »Es wird wieder verhaftet hier und dort. Und man wird wieder die Leut freilassen wie damals, als auch ich verhaftet war. Wen hat man verhaftet in der Stadt Astrachan, Genosse Siebenhaar?« »Einen Mann aus Odessa, Petrenko, und einen früheren Ingenieur, Grammatikoff«, sagte Siebenhaar. »Petrenko aus Odessa?« fragte David erstaunt. »Ein Petrenko war auch verhaftet, als ich saß gefangen in Moskau. Aber es wird wohl sein an andrer Petrenko.« »Wahrscheinlich«, antwortete Siebenhaar faul. Kasandroff schwieg. Sawatkin schwieg. Dunja war verschwunden. Kasandroff lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete den ehemaligen Kriegsgefangenen und den Juden. Es war im sechsten Jahre der großen Revolution. Und was war geblieben von den vielen Versprechungen der Ausländer? Eine Resolution für die Revolution! Und die Kleider, die damals in Europa für die Armen und Hungernden gesammelt wurden, diese Kleider wurden jetzt von den Ausländern an die Arbeiter, an die Frauen und Mädchen der Fischerei verkauft oder auf den Arbeitslohn angerechnet. Was war geblieben? Eine Hand voll Emigranten aus verunglückten Aufständen in Deutschland, Ungarn, Italien, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien. Manchmal kam ein neuer Putsch und neue Hoffnung. Das war geblieben, und geblieben waren auch die über das ganze Land verstreuten vielen Juden. Kasandroff war verbittert. Der Mann, von dem an jenem Abend im Blockhaus die Rede war, Otto Glarus, hatte am Nachmittag das Motorboot genommen und war nach dem »Goldnen Sand« gefahren, dem ertragreichsten Fischplatz, und saß nun bei dem alten Fischer Babuschkin. Bei dem Fischer hockten ein Dutzend Tataren für die schwere Arbeit. Sein Gehilfe war ein Kalmücke mit schrägen Tieraugen und krummen Reiterbeinen. Er hieß Narau-Kusch, kam aus der tiefsten Steppe, konnte nicht lesen und nicht schreiben und war geflohen, weil er bei einem der noch üblichen Frauenraube den Bruder der Braut niedergeschlagen hatte. In Babuschkin war er verliebt. Der alte Fischer stand über ihm wie ein sanfter Gott. Er diente ihm gern. Der Kalmücke hatte eine unglaubliche Witterung für die Fischzüge und konnte im voraus sagen, ob der Fang gut oder schlecht ausfallen würde. »Ba-Busch ist ein großer Fischer«, erzählte er an jenem Tage lächelnd Glarus. »Ba-Busch ist der Vater aller Fische in der großen Wolga, und sie schwimmen gern in sein Netz.« »Narau-Kusch ist der Fisch aller Fische«, antwortete Babuschkin, »wenn Narau-Kusch befiehlt, gehorchen ihm die Fische, der Lesch, der Sterlett, der Wels, alle kommen, wenn Narau-Kusch es befiehlt.« So begann das Gespräch am »Goldnen Sand«. Dann mußte Glarus von Deutschland erzählen und wurde dafür verantwortlich gemacht, daß in Berlin und Hamburg noch keine Sowjets waren. Babuschkin berichtete von der Revolution im Ural, und als dann die Dunkelheit kam, fuhr der junge Deutsche nach dem Blockhaus zurück. Seine Aufgabe war, eine hilflose Fischerei mit zu reorganisieren. Und er war mit großem Eifer bei der Arbeit. Die Landungsbrücken waren bald erreicht. Im Blockhaus quälten sich die Männer mit einem sterbenden Gespräch herum. Kasandroff hatte sich plötzlich für die Verhaftungen in Astrachan interessiert und fragte Lautenspieler nach Petrenko aus, aber David hatte sieben Schlösser vor dem Mund und wollte nichts mehr erzählen. Mit dem Eintritt von Glarus schien ein neuer Wind in die dumpfe Stube zu wehen. Kasandroff stand auf und reckte die gewaltigen Arme, bis sie in den Gelenken krachten. Sawatkin fragte mit müder Stimme nach Babuschkin, Siebenhaar kämmte sich sorgfältig vor einem blinden Spiegel das Haar. Lautenspieler war fröhlich, jetzt brauchte er keine Antwort zu geben auf drängende Tragen nach einer Geschichte, an die er nicht gern dachte. »Heute nacht fährt doch die Barkasse nach Astrachan?« fragte Siebenhaar und verwahrte sorgfältig seinen Kamm. »Wir haben also noch drei Stunden Zeit. Ich habe gut vorgearbeitet. Hier sind die Fangergebnisse der letzten Woche. Sieh mal den Schwindel durch und schreib deine Resolution drauf.« Er reichte Glarus ein Bündel Papiere über den Tisch. »Laß mich erst ausruhen, Mensch, nicht so heftig«, antwortete er. »Du hast vorgearbeitet? Da wird wohl David die Hauptsache gemacht haben, mein lieber Junge. Aber wie siehst du aus, Sawatkin?« wandte er sich an den stillen Russen. »Du klapperst ja wie ein altes Gerippe.« »Malaria, habe Chinin geschluckt«, sagte Sawatkin. »Aber es geht mir schon viel besser.« »Warum wird David nicht haben mitgearbeitet, Glarus?« begann Lautenspieler. »Wir alle haben gearbeitet: Kasandroff hat gefangen die Fisch, Siebenhaar hat durchgesehen die Bericht, Sawatkin hat organisiert den Fang, ich habe geholfen hier und dort, und du machst deine schöne Resolution. Ich möchte heute nacht fahren nach Astrachan, wenn du erlaubst, Glarus.« »Vielleicht. Wir wollen sehen«, kam die Antwort. Glarus sah die Berichte durch und war mit den Fangergebnissen zufrieden. Dann lehnte er sich zurück und sagte: »In Astrachan haben sie zwei Spione verhaftet. Und sie sollen auch mit dem Attentat auf Martynoff zusammenhängen. Jetzt sucht man den dritten Mann. Das gibt einen verdammt kurzen Prozeß, kann ich euch sagen!« »Ich möchte nicht Petrenko sein«, sagte Siebenhaar. »Der David kann von Petrenko erzählen. Er saß einmal mit ihm zusammen in der Moskauer Tscheka.« »Was kann ich erzählen von Petrenko?« verteidigte sich David. »Man hat mich gesperrt mit dem Mann in eine Zell, aber er kam frei und hat sich können berufen auf hochstehende Leut. Und was hätt er sollen spionieren in Astrachan? Soll er vielleicht zählen die Fisch, die da schwimmen in der Wolga oder verhandelt werden auf der großen Börs?« Kasandroff blickte Lautenspieler an, als sähe er ihn zum erstenmal. Dann schüttelte er sich im lautlosen Gelächter. Die Männer sahen erstaunt auf. Lautenspieler war erschrocken. »Was soll er spionieren in Astrachan?« begann der Russe und ahmte die hohe Singstimme Davids nach. »Was kann man in einer offnen Tür spionieren? Astrachan ist eine offne Tür, du Idiot, die Türe nach dem Kaukasus und nach Taschkent. In der Tür haben sie den Petrenko und den Grammatikoff gefaßt. Und Odessa? Hast du vergessen, daß vor sechs Wochen Martynoff, der Vorsitzende der Tscheka, erschossen wurde? Petrenko, Petrenko«, brüllte er plötzlich. »Woher kennst du das Schwein Petrenko? Ist er auch geblieben wie ein Finger von der ganzen Hand?« »Ich kenne ihn und kenne ihn nicht, Kasandroff«, antwortete Lautenspieler zitternd. »Man hat mich mit ihm gesperrt in eine Zell, das ist alles, das ist ungetrübte Wahrheit, Kasandroff. Steine sollen wachsen in meinem Bauch, wenn ich sage ein einziges Wort falsch.« »Laß man, Kasandroff«, begann Glarus. »Rege dich nicht auf. Der dritte Mann wird schon gefaßt, laß David in Ruhe. Er soll schon mit der Barkasse nach der Stadt fahren, wenn er zurückkommt, kann er uns erzählen, was mit Petrenko los ist und ob es derselbe Mensch ist, den er von Moskau her kennt.« »Nein«, knurrte Kasandroff, »David bleibt. Sawatkin fährt heute nacht. Er ist krank und soll sich einige Tage ausruhen und pflegen. David bleibt bei den Fischen und soll ihn hier vertreten.« »Also schön, David bleibt und vertritt Sawatkin. Wir werden also warten, bis uns Sawatkin von Petrenko erzählt. Ich kenne David, Kasandroff, und ich glaube kaum, daß er mit dem Schuft etwas zu tun hat.« »Das ist ein Wort, für das dich segnen wird deine Mutter, Glarus!« rief David und atmete heftig. »Ich will jetzt gar nicht fahren nach dem verdammten Astrachan, ich will bleiben hier bei die Fisch, ich will vertreten Sawatkin. Aber wenn sich herausstellt, daß Petrenko ist nicht bekannt mit mir, möchte ich höflich gebeten haben, zu erlassen mir weitere Arbeit. Ich möchte fahren höflich nach Moskau, wo nicht so viel Wind weht um ein falsches Gerücht.« »Wenn der Fischfang vorbei ist, in drei Wochen, David. Du kannst fahren, wenn sich alles geklärt hat«, antwortete Glarus. Lautenspieler seufzte. Seine schwermütigen Augen wanderten die Gesichter der vier Männer ab. Dann blinzelte er, denn Siebenhaar blickte ihn mit seinen hellen Augen starr an. David seufzte wieder. Dann nahm er seine Uhr, betrachtete langsam und verwundert die späte Stunde und ging gebückt aus dem kahlen Zimmer in die Dunkelheit hinaus. Kasandroff folgte ihm auf leichten Sohlen. Auch Sawatkin stand auf, gähnte und verzog sich. »Was denkst du von der ganzen Geschichte, Siebenhaar?« fragte Glarus. »Du sprachst von dem dritten Mann. Denkst du dabei an David?« »Ich denke noch nicht. Ich beobachte nur.« »Und wenn denkst du?« »Wenn ich handeln soll. Du kennst mich ja. Erinnerst du dich noch der Nachrichtenabteilung in Minsk?« »Natürlich! Dort lernte ich doch David kennen!« »Schön. Ich auch. Und nun denke mal scharf nach.« Glarus machte ein dummes Gesicht, aber er dachte scharf nach. Damals war noch der offne Bürgerkrieg im Lande, doch die Fronten waren jetzt liquidiert. Aber auch heute war immer noch Bürgerkrieg. In Minsk arbeitete David als Bürovorsteher. Es war im Krieg gegen Polen. Und heute? Vor einigen Wochen wurde Martynoff, den er kannte, auf offner Straße von drei Männern erschossen. Sieben haar war Agent der Tscheka. Lautenspieler war vor fünf Wochen nach der Fischerei gekommen. Sechs Tage nach ihm tauchte der Tschekist auf. Sollte er dem kümmerlichen David auf den Fersen sein? »An was denkst du?« fragte Siebenhaar. »An viele Dinge. An dich. An Minsk. An Lautenspieler. Das Leben ist eine komplizierte Geschichte, lieber Junge. Du kennst doch die Katja? Du nickst mit dem Kopf? Nun, ich denke auch an Katja. Sie war eine Zeitlang meine Freundin. Das weißt du also auch? Na, schön. Ich liebte sie sehr, und dann erfuhr ich, daß sie von der Tscheka den Auftrag hatte, mich zu beobachten. Sie konnte allerdings keine anderen Geständnisse von mir erpressen als Liebesgeständnisse, aber es war doch ein Schlag ins Kontor, als ich das erfuhr... Und dann kam Ruhla aus Berlin. Du nickst. Natürlich, du kennst ja Ruhla vom Ural her, als wir dich besuchten. Ich will dich mal was fragen, Siebenhaar: sollst du auch Berichte über mich machen?« Siebenhaar lächelte nur. »Lache nicht! Vielleicht soll ich dich bespitzeln, was weißt du denn, oller Frontsoldat, Siebenhaar, bist du hinter David her?« Der Tschekist antwortete nicht. Sein Gesicht blieb unbeweglich. Nur seine hellen Augen freuten sich. Er machte mit der Hand eine müde Bewegung und sagte dann: »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wenn du über mich berichtest, Glarus, vergiß nicht, meine Ergebenheit den Sowjets gegenüber zu betonen.« Er lachte. »Aber jetzt bin ich müde. Gute Nacht.« »Gute Nacht. Vergiß nicht, Kasandroff zu wecken. Er wollte ganz früh aufstehen.« »Was bist du doch für ein Kind, Glarus! Kasandroff braucht man heute nicht zu wecken. Er schläft gar nicht. Er ist bei Dunja.« »Klopfe trotzdem an seine Türe, aber feste! Wir haben auch keine Dunja an der Wolga bei Astrachan.« »Bist selber schuld daran, mein Lieber«, lachte Siebenhaar. »In den Baracken gibt es viele junge Weiber.« Er verschwand. Glarus warf sich mißmutig auf die Drahtpritsche und schlief bald ein. In der vierten Stunde wurde er von Siebenhaar brutal aus dem Schlafe gerissen. »Aufstehn, aufstehn, Otto, der Kerl von einem Lautenspieler ist getürmt!« »Lautenspieler ist geflohen?« »Ja. Bis gegen zwei Uhr schlich ich um seine Hütte. Als er schlief, habe ich seine Papiere durchgesehen. Es war lohnend. Kasandroff hatte recht mit seinem Verdacht, ich hatte recht: David ist der dritte Mann, den wir suchen!« »Du bist vollkommen verrückt, mein lieber Junge. David ist der dritte Mann? Das glaube ich nicht!« »Das glaubst du nicht? Bitte, sieh mal diese Papiere durch. Das ist Geheimschrift, Glarus!« Der junge Deutsche sprang aus dem Bett und kleidete sich schnell an. Sein Kopf dröhnte. David war der dritte Mann? Dann nahm er die Papiere und fand darunter einige Bogen, die mit obskuren Zahlen und Buchstaben beschrieben waren. Das war eine Hexenschrift. Aber plötzlich, als er noch über den Sinn der Schrift grübelte, kam ihm die Erleuchtung. Er behielt seine nachdenkliche Miene und sagte kein Wort. »Lautenspieler ist der dritte Mann!« trumpfte Siebenhaar auf. »Ich bin schon drei Monate hinter ihm her. Er kann uns nicht entwischen. Gestern fiel mir seine schöne Uhr auf. Die regulierte meine Gedanken.« »Die Uhr fiel dir auf? Was hat denn die Uhr mit David oder Petrenko zu tun? Erkläre mir.« »Die Uhr ist ein Meisterwerk. Sie ist zu neu, um aus der Liquidationsmasse der Bürger zu stammen. Ich verstehe mich auf Uhren, Otto. Die Uhr von David hatte einen doppelten Schlagdeckel. Hier, siehst du?« ereiferte er sich immer mehr, holte die Uhr hervor und nahm ein hauchzartes Stück Papier aus dem Geheimfach heraus. »Hat dir David die Uhr freiwillig gegeben?« fragte Glarus. Siebenhaar lachte. »Freiwillig ist gut! Er hat sie mir genau so freiwillig wie seine Brieftasche gegeben. Das Geld wird der Kerl auf dem nackten Leibe tragen und vielleicht auch andere Papiere. Aber wir werden ihn schon fassen. In der Uhr waren dieselben Zeichen wie auf den anderen Bogen. Kannst du das Geschmiere lesen?« Er legte vor Glarus das hauchzarte Papier hin. »Vielleicht. Mal sehen. Kann ich eine Abschrift davon machen?« »Natürlich«, sagte Siebenhaar. Glarus übertrug die mystischen Buchstaben und Ziffern auf ein neues Papier. Siebenhaar beugte sich zu ihm wie ein Spürhund. Er blies seinen Atem schnaubend durch die Nase. »Was ist los, was ist los, was hat der Schweinehund geschrieben?« fragte er. »Das muß ich mal in Ruhe durchsehen ... Drei Monate warst du hinter ihm her? Du hast deine Rolle glänzend gespielt. Erzähle: wer ist in Astrachan verhaftet worden?« »Nun, der Petrenko, mit dem Lautenspieler korrespondierte. Was sie sich zu schreiben hatten, war und ist unklar, Petrenko hatte dann Verbindung mit Grammatikoff, der aus Paris kam. Wir wußten alles.« »Und habt trotzdem das Attentat nicht verhindern können? Und war David in Odessa während der Zeit?« »Wahrscheinlich. Ich habe David einmal eine Woche aus den Augen verloren. In der Woche wurde Martynoff erschossen. Wir hatten ihn gewarnt. Aber er verließ eine Sitzung eine Viertelstunde zu früh. Dann lief mir der David wieder über den Weg. Ich verfolgte ihn bis hierher zu den Fischen ... Aber ich muß nun absausen. Ich fahre in die Stadt und alarmiere die Tscheka. Vielleicht mußt du auch als Zeuge auftreten. Gib mir die Dokumente wieder. Du mußt dann alles sagen, was du von Lautenspieler weißt. Wir werden ihn schon packen, den David, keine Angst, wir packen ihn schon!« Er stürmte aus dem Zimmer, vergaß, die Abschrift zu verlangen, lief nach den Landungsbrücken und ratterte auf dem Motorboot der Stadt entgegen. Glarus sah die sausende Fahrt über dem aufspritzenden Wasser und lachte laut und lange. Die Wolga glühte. Die ersten Fischer kamen mit ihren kleinen Booten und schaufelten die silbernen und blauen Fische auf die Landungsbrücke. Die Mädchen kamen mit großen Körben und schleppten die zappelnden Fische nach den Schlachtbänken. Die ersten Lieder erhoben sich über den zerfleischten Fischen. Kasandroff erschien und pfiff leise vor sich hin. »Kasandroff, Lautenspieler ist heute nacht getürmt!« rief ihm Glarus entgegen. »Siebenhaar ist in die Stadt gefahren.« »Ist schon gut. Ich weiß alles. Wir werden den David schon fangen«, sagte der Russe und nickte gleichzeitig Dun ja zu, die im Blockhaus den Tisch für das Frühstück herrichtete. Und dann begann der Arbeitstag. Die großen Netze wurden ausgeworfen. Die weißen Zelte der Tataren knallten im Wind. Die Fischer standen bis an der Brust im gelben, schäumenden Wasser, dann spannten sie sich wie Zugtiere an die Seile und zogen Schritt für Schritt den blitzenden Fang an das feste Land. Aus entfernten Dörfern kamen hungrige Kinder und Frauen und bettelten Fische. Die Hunde sprangen aus der warmen Asche der freien Feuer und rasten nach der Steppe. Auf der Wolga schwammen, tief im Wasser liegend, die großen Petroleumkähne. Gewaltige Flöße kamen aus dem waldreichen Norden. Die Sonne flammte. Die nahe Wüste blendete. Die Mädchen und Weiber sangen. Die Fische schwärmten, wurden gefangen und starben. Glarus lag auf dem Wasser und kontrollierte die Fischgründe. Das Motorboot sauste über der Flut. Am »Goldenen Sand« hatte Babuschkin mit seinen Tataren einen drei Meter großen Stör gefangen. Die Explosionen des kleinen Motors knallten über der Wolga nach der Steppe und nach der Wüste. Auf dem Wasser und im Wasser wimmelte das Leben, die Arbeit dröhnte, die Tataren sangen uralte Arbeitslieder, schön war der Tag, schön war die Welt! Inseln trieben im Strom vorbei. Nein, sie waren festgegründet, nur das Boot jagte und machte sie vorübertreibend. Im satten Grün der hohen Bäume knisterte das Gold des nahen Herbstes. Am Abend aber wurde das Boot beinahe von einer großen Barke gerammt, die mit Ziegelsteinen beladen war. Der Bootsführer fluchte lasterhaft auf die betrunkenen Schiffer auf der Barke, Auch die Betrunkenen antworteten, und in das grauenhafte Geschrei hämmerte der Motor, lachte der junge Deutsche. Aber am Morgen lachte er nicht mehr. Am nächsten Morgen stürzte Kasandroff in das Blockhaus und riß Glarus aus dem Schlaf. »Ja?« sagte er noch schlaftrunken. »Hat Siebenhaar David schon erwischt?« »Der Teufel hole David, nein, aber Babuschkin ist ertrunken!« »Babuschkin?« wiederholte Glarus und war ganz wach. »Ja. Gestern spät am Abend hat so eine verdammte Barke sein Boot gerammt. Die Schweine haben mit einem Ziegelstein nach Babuschkin geschmissen, als er im Wasser schwamm. Narau-Kusch fand den Toten. Er bringt ihn in einer Stunde zu uns.« »Babuschkin ist tot? Diese Schweine in der Barke! Auch mich hätten sie gestern abend bald in Grund und Boden gerammt. Der Teufel soll sie holen. Die müssen aber eine ordentliche Ladung gekippt haben.« »Der Teufel wird die Bande schon fassen«, lachte Kasandroff wild auf. »Ich habe die Meldung an die Strompolizei gegeben. Weiter als bis nach Astrachan kommen die Hunde nicht. Otto, wenn Narau-Kusch kommt, nimm ihn mit in die Stadt. Bringt Babuschkin nach Astrachan. Seht zu, daß er ein ehrliches Grab bekommt.« Er rannte aus dem Blockhaus. Und dann kam Narau-Kusch. Er kam auf der Wolga mit seinem Boot, legte an den Landungsbrücken an, nahm den Toten und trug ihn vor sich her und legte ihn am Blockhaus nieder. Die Lieder der Mädchen und Weiber an den Schlachtbänken verstummten. Der Kalmücke hockte sich neben dem Toten auf die nackte Erde und schwieg und schwieg. Sein junges Gesicht sah uralt und todmüde aus. Dann kam Kasandroff. Der Russe sprach mit dem Kalmücken. Er antwortete nicht. Glarus sprach mit dem Kalmücken. Er antwortete nicht. Kein Wort und kein Zuspruch löste seine Zunge. Als er endlich begriffen hatte, daß der Tote nach der Stadt gebracht werden sollte, nickte er, nahm Babuschkin wieder in die Arme, trug ihn nach dem Boot und wartete. Kasandroff schrieb seinen Bericht. Glarus machte sich reisefertig. Und dann trieb er mit dem trauernden Kalmücken und dem ertrunkenen Fischer die Wolga abwärts nach der Stadt Astrachan. Am späten Nachmittag wurde diese graue Stadt erreicht. Aus der Wüste kam der Sturm und schleuderte in alle Straßen und Häuser wirbelnde Wolken feinen Sandes. Die Straßen waren leer. Und durch diese ausgestorbenen, verlassenen Straßen trug Narau-Kusch den toten Babuschkin nach dem Kontor der ausländischen Fischkompanie. Babuschkin wurde am nächsten Tage begraben. Trotzdem er nur ein kleines Boot besaß, als er noch lebte, gingen viele Fischer hinter seinem Sarg und auch viele Matrosen der Wolgaflotte. Und immer noch wehte aus der Wüste der Sandsturm. In derselben Stunde aber kam ein Kurier nach dem Blockhaus. David Lautenspieler war verhaftet worden. Glarus bekam den Befehl, sieh sofort in dieser Angelegenheit in Astrachan bei der Politischen Polizei zu melden. Aber er wußte von alledem nichts. Er stand neben dem Kalmücken Narau-Kusch am Grabe des Fischers Pjotr Alexejwitsch Babuschkin. ZWEITES KAPITEL Wer ist der dritte Mann? In Astrachan gibt es viel zu sehen. An manchen Tagen schwimmt diese graue Stadt an der unteren Wolga wie ein riesenhafter Fisch stromaufwärts und hat leuchtende Augen. An anderen Tagen aber wieder ist Astrachan eine schwarzvermummte mohammedanische Frau und entschwebt wie eine flüchtige Wolke. Und dann wieder sieht der Fremde nur trostlose Wohnquartiere, Trümmerhaufen des Bürgerkriegs, schmutzige Kinder, melancholische Kalmücken, schlaue Perser und Juden, geschäftige Armenier und schone Tscherkessen. Wilde Schweine wühlen im Abfall der Märkte, die gefangenen Fische verpesten die Luft, wankend und schwankend trottet eine Kamelkarawane in die Steppe hinaus. Sawatkin hatte seinen Fieberanfall gut überstanden und fuhr am zweiten Tag nach dem Begräbnis nach der Fischereisiedlung. Glarus wollte am nächsten Tag folgen. Aber an diesem Tage wurde er verhaftet. In das Kontor der ausländischen Kompanie kamen zwei junge Leute, zeigten einen Befehl vor und führten Glarus durch die Stadt. An der ersten Straßenkreuzung schlossen sich zwei bewaffnete Soldaten an. Die Leute blickten sich kaum um, als der Aufzug kam. Sie waren an Verhaftungen gewöhnt. Glarus wurde zum Untersuchungsrichter geführt. Dort wurde er sofort verhört. Der Richter war ein Mann in den vierziger Jahren und sprach ausgezeichnet deutsch. Er war sehr freundlich und bot dem Verhafteten eine Zigarette an. Er stellte eigenhändig für ihn einen Stuhl zurecht, legte seine Naganpistole auf den Tisch und lächelte. »Warum sind Sie aus der Fischerei geflohen?« fragte er dann. »Geflohen? Ich bin nicht geflohen! Bitte, da ist ein Bericht vom Genossen Kasandroff. Wir hatten einen ertrunkenen Fischer, den brachte ich in die Stadt. Wir haben ihn hier begraben. Was ist das für ein Unsinn: ich sollte geflohen sein?« antwortete Glarus. Der Untersuchungsrichter blieb ungerührt, er nahm den Bericht von Kasandroff und steckte ihn ungelesen ein. »Nur keine Aufregung«, sagte er. »Ich werde schon alles herausbekommen.« »Kann das nicht sofort geschehen? Ich habe wenig Zeit und will noch heute nach dem Blockhaus fahren. Das Boot ist schon bestellt.« »Natürlich. Sie können noch heute abfahren. Aber zuvor eine Frage: kennen Sie einen David Lautenspieler?« »Das wissen Sie doch selbst. Ja. Ich kenne Lautenspieler«, antwortete Glarus ärgerlich. Der Untersuchungsrichter nickte. »Kennen Sie ihn schon lange?« fragte er dann. »Bitte, überlegen Sie sich jedes Wort und erzählen Sie, wo Sie den David Lautenspieler kennenlernten.« Glarus stutzte, dann sagte er: »In Minsk lernte ich Lautenspieler kennen. Im Jahre zwanzig. Da wurde eine internationale Brigade aufgestellt. Ich wurde mit dem Genossen Merkel nach Minsk geschickt, um die über die Grenze strömenden Deutschen militärisch zu erfassen. Wir hatten ein Büro, selbstverständlich, in dem Büro war als Vorsteher der David Lautenspieler beschäftigt. Aber was soll diese ganze Komödie?« brauste er auf. »Ich will wissen, warum ich wie ein Verbrecher durch die Stadt geschleppt wurde. Wessen werde ich beschuldigt? Wie lautet die Anklage?« »Die Anklage?« wiederholte erstaunt der Untersuchungsrichter. »Sie waren für gestern zu einer Zeugenaussage geladen und nicht erschienen. Aus dem Blockhaus waren Sie auch verschwunden, nun, da mußten wir Sie eben vorführen lassen!« »Und da schickten Sie zwei Soldaten mit? Ich bekam keine Vorladung, hier sind meine Mandate aus Moskau, ich protestiere gegen diese Zwangsvorführung! Über meine Person können aussagen die Genossen Kasandroff, Sawatkin und Siebenhaar! Ich verlange, sofort entlassen zu werden!« Der Untersuchungsrichter lächelte immer noch verbindlich. »Warum sind Sie so aufgeregt? Ich bitte um Ihre Mandate! Es ward sich ja alles aufklären. Dazu sind wir ja da.« Glarus händigte die Papiere aus. »Ja, und was ich noch fragen wollte: Kennen Sie eine Bürgerin namens Katja?« Glarus erschrak. Ja, er kannte Katja. »Nun«, sagte der Untersuchungsrichter, »Katja behauptet, Ihr Mandat sei gefälscht.« »So ein Blödsinn!« knurrte der Deutsche. »Das Mandat sei gefälscht, behauptete Katja«, wiederholte langsam und genießerisch der Untersuchungsrichter. »Und das werden wir herausfinden. Ich habe mit Siebenhaar gesprochen, er kennt Sie, ist Ihnen gut gesinnt, kann Sie aber nicht entlasten.« Seine Stimme verdüsterte sich nun, und er fragte drohend: »Und nun sagen Sie bitte, warum haben Sie von dem Geheimdokument, das man in der Uhr fand, eine Abschrift gemacht? Und wo ist diese Abschrift?« Glarus lachte. »Das Geheimdokument? Aber das ist ja ein Witz! Das Geheimdokument existiert ja gar nicht! Ich will Ihnen gern erklären, was die Buchstaben und Zahlen bedeuten sollen.« »Zuerst: wo ist die Abschrift?« »Die Abschrift? Die habe ich zerrissen und verbrannt!« »Warum?« fragte der Untersuchungsrichter und zündete sich eine neue Zigarette an. »Weil sie wertlos, Unsinn und lächerlich ist. Genosse Untersuchungsrichter«, brauste er wieder auf, »was soll diese Komödie? Lautenspieler spielt Schach. Seine Geheimdokumente sind einfach Abschriften von Meisterpartien. Das ist das ganze Geheimnis!« Nun lachte der Untersuchungsrichter. »Das haben wir auch herausbekommen! Aber sagen Sie uns: Wie ist der Schlüssel für dieses System?« »Der Schlüssel?« fragte Glarus erstaunt. »Der Schlüssel? Was für einen Schlüssel suchen Sie? Was habe ich damit zu tun?« »Das wollen wir ja gerade herausbekommen!« antwortete der Richter heiter. »Diese Aufzeichnungen haben einen Schlüssel. Wir sind doch keine kleinen Kinder, die einfach glauben, was da erzählt wird, Genosse. Es tut mir leid, aber Sie werden wohl heute nicht mehr nach dem Blockhaus zurückfahren können. Wir müssen Ihre Angaben genau überprüfen. Die Katja ist unsere Agentin und für die Meldung verantwortlich. Wir müssen ihr mehr glauben als Ihnen. Es war ein großer Fehler, lieber Freund, daß Sie die Abschrift ... nun, verbrannt haben. Haben Sie einen Zeugen dafür? Nein? Das ist schlimm. Ich bin kein Barbar. Sie bekommen ein freundliches Zimmer, können lesen, rauchen, schreiben und, wenn Sie wollen, sich selbst verpflegen. Ich nehme Sie in Arrest. Es ist schade, daß Sie nicht alles gestanden haben. Sie machen uns viel Arbeit. Nun, nun, vielleicht klärt sich alles in einer Woche auf.« Glarus lächelte nicht mehr. »Genosse Untersuchungsrichter«, sagte er, »kann ich Siebenhaar oder Kasandroff sprechen? Ich muß den Vorfall nach Moskau und Berlin melden. Und was nun Katja betrifft: sie ist in meiner Sache nicht objektiv. Ich protestiere gegen den Arrest und werde mich über Sie beschweren.« Der Untersuchungsrichter nahm seine Naganpistole, spielte damit, steckte sie in die Tischlade und bot dem Verhafteten eine neue Zigarette an. Er war immer noch freundlich. »Es tut mir aufrichtig leid«, sagte er. »Aber Sie dürfen jetzt Kasandroff nicht sprechen. Und Siebenhaar ist abgereist und kommt erst in einer Woche zurück. Schreiben Sie, bitte, die notwendigen Berichte. Ich werde sie weitergeben. Über Katja wollen wir nicht sprechen. Wir haben immer noch Krieg, und im Krieg sind alle Mittel erlaubt... Ich habe nicht die Absicht, Sie in das Attentat auf Martynoff zu verwickeln, Sie waren damals in Moskau, und Lautenspieler war in Kiew, das steht fest, aber Sie haben sich verdächtig gemacht, und den Verdacht wollen wir nun zerstreuen. Sagen Sie, spielen Sie Schach?« »Schach?« fragte Glarus verwundert und dachte über das nach, was er eben gehört hatte. »Ja, ich spiele Schach, aber nicht besonders gut.« »Haben Sie Lust auf eine Partie?« »Ob ich Lust auf eine Partie Schach habe? Ob ich jetzt eine Partie Schach spielen will?« »Ja, jetzt«, lächelte der Untersuchungsrichter. »Also schon«, lächelte Glarus zurück, der plötzlich wußte, warum er auf seine Schachkenntnisse geprüft werden sollte, »also schön, spielen wir zusammen eine Partie Schach!« Sie spielten die erste Partie. Glarus gewann. Sie spielten die zweite Partie. Der Untersuchungsrichter gewann. Sie spielten die dritte Partie. Glarus gewann. Er spielte mit großem Eifer und vergaß seinen Arrest. Der Untersuchungsrichter verlor seine Kühle, hatte sich aber bald wieder in der Gewalt und lachte dem Sieger zu. Der Sieger spielte noch einige Trümpfe aus, erzählte von seinen Reisen in Deutschland und Frankreich, die Zeit ging pfeilgeschwind dahin, die beiden Männer rauchten und tranken Tee. »Ja, nun werden Sie wohl in das neue Quartier übersiedeln müssen«, sagte der Untersuchungsrichter. »Ich kann da gar nichts machen. Befehl ist Befehl. Und Sie meinen wirklich, Lautenspieler sei nicht der dritte Mann? Das haben Sie ja auch schon im Blockhaus vertreten« »So? Davon weiß ich nichts«, sagte Glarus vorsichtig. »Vielleicht ist er der dritte Mann, aber erzählten Sie nicht, er sei während der Zeit des Attentats in Kiew gewesen? Aber vielleicht war er trotzdem dabei. Man kann keinen Menschen ins Herz schauen.« Der Untersuchungsrichter verlor seine Spannung und nickte gelangweilt. Dann klingelte er. Zwei Agenten erschienen. Es waren dieselben, die Glarus gebracht hatten. »Führen Sie den Bürger in den Kreml. Er bekommt dort ein Zimmer und kann sich frei verpflegen. Der Kommandant ist schon benachrichtigt.« Er wandte sich an Glarus und sagte: »Ja, wir werden uns wohl morgen nachmittag noch einmal unterhalten müssen, lieber Freund.« »Über die Geheimschrift und den Schlüssel?« gab Glarus lachend zur Antwort. »Ja, auch darüber. Und vergessen Sie nicht, die Berichte für Moskau und Berlin fertig zu machen. Auf Wiedersehen!« »Auf Wiedersehen, Genosse Untersuchungsrichter!« Diesmal gingen keine bewaffneten Soldaten mit, aber einer von den Agenten hielt in seiner Rocktasche den Browning umklammert. Glarus kaufte sich unterwegs Tabak, Brot und Obst und wurde dann im Kreml von dem Kommandanten in Empfang genommen. Ein Soldat brachte ihn nach einigen Formalitäten in ein kleines Zimmer im letzten Stockwerk. Von dort oben aus konnte er einen Teil der Stadt und den Hafen sehen. Auch die Wolga war sichtbar. Das Zimmer war wenig möbliert, an den weißen Wänden hingen die Bilder von Marx, Lenin, Trotzki und Klara Zetkin. Eine Lampe stand auf dem Tisch, zwei zerlesene Bücher lagen auf dem harten Bett. Die Lampe wurde angezündet, die Tür geschlossen: er war nun gefangen. Einige Minuten lief er in dem Zimmer hin und her, dann setzte er sich an den Tisch, nahm die beiden Bücher und las darin. Das eine Buch war ein Bändchen Gedichte, und das andere Buch enthielt eine Sammlung politischer Manifeste. »Zuerst las er die Gedichte. Er las: Sie haben mich gepeinigt, weil ich zu denken wagte, Sie haben mich gesteinigt, weil ich mein Denken sagte, Weil ich es sang in Liedern Voll Wahrheit und voll Glut: Sie konnten nicht erwidern, Daher die ganze Wut! In dem politischen Buch standen Aufrufe und Manifeste aus dem Jahre zwanzig. Lenin, Trotzki und Sinowjew führten das große Wort, und der Verhaftete erlebte noch einmal die berühmte Sitzung im Taurischen Palais. Das Bild stand ganz klar vor seiner Seele, als er las, was Lenin damals gesprochen hatte: »Wir verteidigen ... die Massen der Werktätigen und Ausgebeuteten ... Wir warfen ins Proletariat die Grundidee, den Aufruf zum Kampf ... Und wenn unsere internationalen Genossen uns helfen, eine proletarische einheitliche Armee zu schaffen, dann kann uns nichts mehr am Siege hindern.« Glarus lächelte bitter. Damals in Minsk wurden ja die Kader der internationalen roten Armee gebildet, und jetzt nach drei Jahren war nichts davon übriggeblieben als die eindringlichen Fragen des Untersuchungsrichters nach dem David Lautenspieler, der in dem Büro der internationalen Brigade Vorsteher war. Das Gedicht machte ihn fröhlich, trotzdem es nicht auf sein heutiges Schicksal gemünzt war. In diesem Gedicht war mehr Blut und Stoßkraft als in dem politischen Manifest. Am nächsten Tag wurde Glarus wieder von den beiden Agenten zur Vernehmung geführt Am Abend hatte er noch die Berichte für Berlin und Moskau geschrieben. Er trottete durch die Stadt, kaufte sich Weintrauben und Granatäpfel und war guten Mutes. Der Untersuchungsrichter war nicht guten Mutes. Er nickte nur mit dem Kopf, als Glarus eintrat und grüßte. »Setzen Sie sich«, sagte der Russe mürrisch. »Warum haben Sie mich gestern belogen? Sie haben gesagt, Sie hätten Lautenspieler nur einmal in Minsk und dann in Smolensk gesehen, das ist nicht wahr. Ich kann beweisen, daß Sie ihn auch noch später in Moskau gesprochen haben.« »In Moskau? Daran entsinne ich mich nicht. Wann soll das gewesen sein?« fragte Glarus. »Vor zwei Jahren, als Sie aus dem Ural zurückkamen.« Glarus schüttelte den Kopf und dachte nach. Dann sagte er: »Vielleicht habe ich ihn auch in Moskau getroffen, ich weiß es nicht mehr, aber in was für einen Zusammenhang steht dieses Zusammentreffen mit meiner heutigen Verwahrung? Hier sind meine Berichte für Berlin und Moskau, ich bitte, sie weiter zu geben.« Der Russe nahm die Berichte. »Gestehen Sie doch«, sagte er ärgerlich. »Gestehen Sie doch! Sie sind Ausländer und kommen frei, wenn Sie uns alles sagen. Was wissen Sie von Petrenko und Grammatikoff?« »Von Petrenko und Grammatikoff? Nichts! Nur das, was ich von ihnen im Blockhaus hörte!« »Gut, gut. Aber nun erzählen Sie mir, was hat Ihnen Lautenspieler berichtet? Wir wissen alles. David hat gestanden. Wir haben sein Geständnis in der Hand!« »Dann habe ich nichts mehr zu gestehen«, antwortete Glarus. »Lautenspieler kann erzählt haben, was er will, ich habe nichts mit ihm zu tun.« Der Russe machte ein betrübtes Gesicht. »Schade«, sagte er, »sehr schade, wir hätten Sie laufen lassen, wenn Sie gestanden hätten, aber so ... müssen wir Sie wohl in die Tscheka einliefern. Gefällt Ihnen das Zimmer im Kreml nicht?« Nun wurde Glarus wild. »Ich bin Mitglied der Partei«, brüllte er, »ich verbiete mir diese Anschuldigungen! Was ist das für ein Blödsinn! Ich verlange, den Vorsitzenden der Tscheka zu sprechen!« »Zuerst sprechen Sie mit mir!« schrie der Russe zurück. »Ich frage nicht aus Vergnügen, oder weil ich neugierig bin, verehrter Genosse, ich frage, weil ich die Wahrheit erforsche! Warum haben Sie die Abschrift des Geheimdokuments verbrannt? Haben Sie einen Zeugen, der gesehen hat, wie Sie die Abschrift vernichteten?« »Nein, ich habe keinen Zeugen, das habe ich schon gestern gesagt. Ich habe erklärt, die Wahrheit zu sagen, und wenn Ihnen diese Wahrheit nicht gefällt, kann ich nichts dafür! Ich habe keine Angst. Machen Sie mit mir, was Sie wollen und verantworten können. Ich werde mich über Sie und über Ihre Methoden bei dem Vorsitzenden der Tscheka in Moskau beschweren!« »Bitte, beschweren Sie sich«, antwortete der Russe kühl. »Hier ist Tinte, Feder und Papier. Also, Sie bleiben bei Ihren gestrigen Aussagen?« »Ja. Ich bleibe dabei.« »Und Lautenspieler ist nicht der dritte Mann?« »Das habe ich nicht gesagt!« »Schön. Morgen werde ich Ihnen den David Lautenspieler gegenüberstellen. Und Sie gehen wieder nach dem Kreml zurück. Wollen Sie, bitte, Ihre Beschwerde über mich schreiben?« »Nein«, antwortete Glarus zögernd. »Ich schreibe nicht. Ich weiß, daß es noch viele Banditen im Lande gibt und daß Sie nur Ihre Pflicht erfüllen. Aber eine Bitte habe ich doch: Ich ersuche um eine Gegenüberstellung mit Katja, Genosse Untersuchungsrichter!« »Nein, es tut mir leid, das kann ich nicht gestatten«, antwortete der Russe. »Ich lege keinen Wert mehr auf diese Aussage. Ihr Mandat wird hier von der Partei anerkannt, das genügt mir. Und wegen der Zusammenkunft mit David in Moskau – nun, das fällt nicht ins Gewicht. Das kann man auch vergessen.« »Also das Mandat wird endlich anerkannt? Na, das ist ja prachtvoll von Ihnen! Wann komme ich nun endlich frei?« »In einer Woche. Wir haben einen Kurier nach Moskau geschickt, es müssen noch einige unbedeutende Kleinigkeiten geklärt werden. Sind Sie mit dem Zimmer im Kreml zufrieden?« »Ja, ich bin zufrieden. Und werde ich morgen dem David gegenübergestellt?« »Wir werden sehen«, sagte der Russe, und Glarus war entlassen. Als er auf die Straße trat, stieß er mit einer jungen Frau zusammen. Sie hob den Kopf und schrie auf. Es war Katja! Sie war immer noch schön wie damals in Petrograd und Moskau, sie war schön und verführerisch: die Blutströme kaukasischer Stämme hatten in Katja ihre schönste Blüte und Krönung gefunden. Glarus erkannte sie und streckte die Arme aus. Aber sie hetzte davon und verschwand in einem benachbarten Haus. Der junge Deutsche stöhnte. Katja! Dann stöhnte er nicht mehr. Das alles war ja nun vorbei und tot. Er richtete sich auf, und als er dann in dem kleinen Zimmer im Kreml saß, dachte er an die alten Zeiten und beschloß, seine Erlebnisse und Abenteuer niederzuschreiben. Er ließ sich Tinte, Feder und Papier geben und saß in den folgenden Tagen zehn Stunden an jedem Tag über seinem Bericht, in dem sich Dichtung und Wahrheit glühend verschmolzen. Am Ende wußte er selbst nicht mehr, was er erlebt und was er erdichtet hatte, aber das wußte er, daß auch in der Dichtung Wahrheit sein konnte. Zuerst hielt er sich beim Schreiben an den glatten Verlauf der vielen Monate, aber diese Monate trampelten langweilig oder pathetisch nach den Salzwüsten politischer Begebenheiten. Und nun erlebte er endlich die Sprengung der gepanzerten Dinge und ihre große Vermenschlichung. Der Kommandant des Kremls kam manchmal in die stille Stube und ließ sich von Deutschland erzählen. Zuerst kreisten seine Fragen um politische Verhältnisse, aber bald stiegen sie auf die Erde und wollten von deutscher Kunst und Landschaft wissen, von deutschen Mädchen, von deutscher Dichtung und von deutschen Witzen. Glarus berichtete und erzählte zum Schluß deutsche Witze. Der Russe revanchierte sich und erzählte die Geschichte von dem kleinen Bauern, der zur Arbeiter- und Bauerninspektion kommt und sie mit »Duraki« (Dummköpfe) begrüßt. Die Leute springen auf, sind wütend und fragen: Duraki, wieso Duraki? Sollen wir die Tscheka anrufen, Hurensohn? Sagt der Bauer: Brüder, beruhigt euch, das ist doch nur das neue Russisch! Fragen die andern: Was heißt hier neues Russisch? Sagt das Bäuerlein: Heißt es doch Komintern, Profintern, Meschrabpom, Nep und so weiter, gut, da habe ich auch im Telegrammstil gesprochen. Fragen die Leute von der Inspektion: Wieso? Erkläre, schwarzhaariger Teufel! Und der Bauer erklärt: Duraki, nun, das sind doch die Anfangsbuchstaben von: Dobre utom, rabotschi-kristianski-inspektsi! (Guten Morgen, Arbeiter- und Bauern-Inspektion!) Von seinem Zimmer aus sah Glarus die alte Stadt. Die Bratskaja, die Bruderstraße, ging wie eine tiefe Rinne durch das Gewirr vieler Gassen. Das Haus der Kalmückischen Regierung war zu sehen, die berühmte persische Moschee funkelte aus der Tiefe. Dann kam aus der Wüste der Burun, der Sandsturm, und verhüllte alles. Glarus setzte sich wieder an den Tisch und schrieb. Zwölf Tage hatte er schon geschrieben und ganz vergessen, daß er Gefangener war. Am vierzehnten Tag wurde er zum Untersuchungsrichter geführt. Als er in das Zimmer trat, stand Kasandroff vor ihm. »Kasandroff!« »Glarus!« Der Russe stürzte ihm entgegen und küßte ihn. »Kasandroff, Kasandroff! Warum haben mich die Brüder verhaftet? Wann komme ich frei? Was ist das für eine Dummheit?« fragte Glarus. »Du kommst bald frei, Glarus. Ich habe die Abschrift von dem Geheimbericht gefunden, das heißt: Dunja hat ihn gefunden, als sie sich des schmutzigen Zimmers erbarmte. Der Zettel lag unter deinem Bett. Ich habe ihn dem Untersuchungsrichter gegeben. Bin sofort vom Blockhaus hergefahren. Auch nach Moskau ist schon lange telegraphiert.« »Und wo ist Siebenhaar, der feige Hund? Er hat mich mit dem verdammten Stück Papier hereingerissen. Und das soll ein berühmter Tschekist sein! Der Teufel hole ihn, den Landsmann, den elenden ... Er kennt mich doch schon lange, aus Minsk und aus dem Ural.« »Ich kenne dich noch länger, Otto, ich kenne dich von Odessa her. Ich habe keinen Augenblick gezweifelt. Ich habe dir das Zimmer im Kreml verschafft, daß du's nur weißt. Die Idioten wollten dich in die Tscheka sperren. Siebenhaar? Nun, der ist wieder nach Moskau gefahren und hat keinen Finger krumm gemacht.« »Kasandroff, lieber Freund, sage mir: ist Lautenspieler der dritte Mann? Ist er in das Attentat auf Martynoff verwickelt?« »Nein. Vor vier Tagen wurde in Odessa ein Bettler verhaftet. Das soll der dritte Mann sein.« »Ein Bettler?« staunte Glarus. »Ja, ein Bettler. Das heißt, der Mann war früher einmal General gewesen, Martynoff hat seine Villa beschlagnahmen lassen, Grammatikoff hatte eine Tochter von ihm, der Petrenko war sein Bursche, siehst du, so hängt das zusammen.« Nun kam der Untersuchungsrichter. Er lachte. Glarus lachte nicht. »Haben Sie nun den Schlüssel für die Geheimschrift gefunden?« fragte er voller Hohn. »Hat David gestanden, daß er Martynoff erschossen hat? Und glauben Sie Katja immer noch mehr als mir? Ja, ich habe Sie einmal belogen, ich log, als ich Ihnen sagte, ich hätte die Abschrift verbrannt. Ich hatte sie nur unter das Bett geschmissen, so wichtig war sie nämlich. Nun ist wohl alles klar? Wann komme ich frei?« »Noch einige Tage, lieber Freund. Wir haben Katja eingesperrt, wenn Sie sich dafür interessieren«, antwortete fröhlich der Russe. »Sie können bald wieder nach dem Blockhaus zu den Fischen an die wirtschaftliche Front fahren. Lautenspieler? Nein, er hat nicht gestanden, er wird morgen frei, aber er muß Astrachan verlassen, er kann reisen, wohin er will... Heute haben Sie Urlaub in die Stadt. Kasandroff wird Sie begleiten, aber am Abend müssen Sie sich wieder im Kreml melden. Rauchen Sie?« »Sehr liebenswürdig«, sagte Glarus und nahm die Zigarette. »Aber was soll ich an der wirtschaftlichen Front bei den Fischen? Die großen Fischzüge sind nun vorüber. Ihr habt mich auch gefangen wie einen wilden Stör.« »Aber wir haben Sie nicht geschlachtet wie einen Stör«, sagte der Untersuchungsrichter lächelnd. »Wir haben Sie auch nicht geschunden, lieber Freund! Haben Sie besondre Wünsche?« »Ja. Ich will bald frei sein. Sonst bin ich zufrieden. Und Lautenspieler reist ab?« »Morgen mit dem ersten Zug Nach seiner Heimatstadt. Nach Fastow.« »Wir haben in den letzten Wochen sehr gute Fänge gehabt, Otto«, erzählte Kasandroff. »Ich habe dir frischen Kaviar mitgebracht. Sawatkin und Dunja lassen schön grüßen. Du wirst über das Blockhaus staunen ... Und wenn der Genosse Untersuchungsrichter gestattet, wollen wir uns jetzt verabschieden. Ich kenne auf der Bratskaja eine kaukasische Küche mit herrlichem Reis und Schaschlik. Die ewigen Fische hängen mir zum Halse heraus.« Der Untersuchungsrichter nickte gnädig, und die beiden Männer gingen in die Stadt. Zuerst besuchten sie den Markt. Dort dampften viele Küchen. Lastträger aus dem nahen Hafen saßen in den offnen Zelten. Bettelkinder umschwärmten die Essenden. Ein Milizionär, ein »Mil-ton«, wie Kasandroff sagte, ging vorüber. Sein Gewehr hatte keinen Riemen, es hing an einem Strick über der Schulter. Dann kamen viele Kalmücken. »Wo ist Narau-Kusch?« fragte Glarus. »Narau-Kusch?« antwortete Kasandroff und lachte. »Narau-Kusch hat sich unsichtbar gemacht. Er traf hier in der Stadt auf dem Bazar kurz nach dem Begräbnis von Babuschkin den Mann, den er totgeschlagen hatte.« »Den er totgeschlagen hatte? Bist du verrückt?« »Er hatte ihn gar nicht totgeschlagen bei der Weibergeschichte. Die Kalmücken sind zähe Teufel... Sie haben sich nun versöhnt, er hat zwei Kamele zahlen müssen. Er ist wieder in der Steppe bei seiner jungen Frau«, erzählte Kasandroff. Sie saßen in einer offenen Küche und betrachteten die vorüberwandelnden Kalmücken. Sie gingen in geschlossenen Gruppen, trugen lehmbraune Mäntel und sahen mit den schrägen Augen gleichgültig in den Markt Sie gingen wie lebendige Götzenbilder vorbei. Glarus hatte auf der Fahrt nach Astrachan einmal einen Kalmückentempel gesehen. Er erinnerte an japanische und chinesische Bauten. Um den Tempel lagen Gräber. Die Kalmücken waren die einzigen Buddhisten in Europa. Er kannte auch den Rand der großen Steppe, in der sie hausten. Die Steppe war trostlos und ohne Bäume, war gelber Sand und hartes Gras mit Salzseen, Sand stürmen, wilden Pferden, Wölfen, Schlangen und giftigen Spinnen. In diesem armen Lande lebten die Kalmücken. Der Besitzer der Küche, in der Glarus mit Kasandroff saß, war ein Perser. Die Frau, die alle Gäste bediente, war eine Deutsche. Die große Hungersnot hatte sie aus einem deutschen Dorf bei Saratow nach Astrachan getrieben. Sie erzählte von ihrem Dorf und war glücklich, wieder einmal deutsch sprechen zu können. »Wie gefällt es Ihnen hier?« fragte Glarus. »Ich habe zu essen und zu trinken«, sagte sie. »Und haben Sie auch eine Wohnung?« »Ja. Ich schlafe in der Küche.« »Und der Perser?« »Er ist mein Mann«, sagte sie gleichgültig und schenkte neuen Tee in die Gläser. Der Perser war ein Mann, aber auch die beiden Freunde waren Männer. Sie verließen den Markt an der Börse, stiegen die Bratskaja entlang und saßen dann in einem kaukasischen Keller, aßen Reis und Schaffleisch, sprachen von Odessa und dem ermordeten Martynoff. Sie erinnerten sich an die Nacht vor drei Jahren, an Sonja und an die junge Griechin, sie sprachen auch von Katja, und dann kamen drei Zigeunermädchen und tanzten. Eine Zigeunerin kam an ihren Tisch und wollte aus den Handlinien die Zukunft lesen. Kasandroff war herzlos, aber Glarus streckte die Hand aus. »Oh«, sagte das Mädchen, »ich sehe Glück und Unglück, aber das Unglück wendet sich und eine junge Frau wartet auf dich, Fremder. Du wirst bald einen großen Brief von ihr bekommen.« Glarus dachte an die junge Frau, die in der Fremde auf ihn wartete, und schenkte der Zigeunerin einen Rubel. Dann kamen auch die beiden anderen Mädchen, und Kasandroff ließ sich aus der Hand lesen. Er wurde blaß, als die braune Frau erklärte: »Du hast viel Unglück gehabt in einer Stadt am Meer. Aber das Wasser bringt dir auch Glück. Ein schöner Mann – ein schönes Mädchen! Halte das Glück fest, du starker Bär!« Diese Botschaften nun waren keine Zaubereien. Bei Glarus sah man, daß er Ausländer war. Irgendeine Frau würde schon auf ihn warten. Kasandroff verriet sich durch seinen Dialekt von Odessa, und da er noch jung war, mußte er schon verschiedene Liebesabenteuer hinter sich haben, glückliche und unglückliche, das neue Wasser war einfach die Wolga, und an der Wolga gab es auch schöne Mädchen. Mit zwei Zigeunerinnen spazierten dann die beiden los und saßen noch lange in einem anderen Keller zusammen. Dort gab es Selbstgebrannten Wodka. Sie tranken, lachten und küßten ihre Mädchen. Gegen Mitternacht trennten sie sich. Die Mädchen suchten neue Freunde, Kasandroff fuhr nach den Fischgründen, Glarus spazierte nach dem Kreml. Er schlief bald ein. Am nächsten Tag saß er wieder bei seiner Arbeit. Manchmal seufzte er. Manchmal lächelte er. Im Herbst 1919 war er nach Berlin gekommen. Dort hatte er auch den alten Moll kennengelernt, der mit einer russischen Dame in einem der besten Hotels nahe am Tiergarten zusammenlebte. Er war Schweizer Bürger, hatte im Krieg die Russen im Exil unterstützt und war auch an den Verhandlungen über ihre Reise in dem plombierten Wagen durch Deutschland nicht unbeteiligt. Nach dem Sieg seiner Freunde fuhr er selbst nach Rußland hinüber, wurde sehr gefeiert, und als er nach drei Monaten wieder zurückkehrte, erzählten sich die ganz klugen Leute, daß er Spion für das neue Rußland sei. Die Dame, mit der er zusammenlebte, war von jener vorgestrigen Schönheit, die nach Juchten riecht. Ihr Mann war, wie sie gern erzählte, von den Bolschewiki verhaftet und saß in einem dunklen Keller der Tscheka. Sie war mit dem alten Moll geflohen und hatte ihre Kinder und, was noch wichtiger war, ihre Brillanten gerettet. Aus Zarskoje Selo hatte der alte Herr verschiedene Andenken mitgebracht. Sein Paradestück und sein Stolz war eine geschnitzte Meerschaumpfeife, die er mit Vorliebe rauchte. Diese Pfeife gehörte dem letzten Zaren. Moll erzählte ausführlich ihre Geschichte. Er konnte gut erzählen, sah viele Gäste bei sich, und aus ihren Fragen und Antworten schöpfte er das Material für seine ausführlichen Berichte. Mit diesem Menschen also kam Glarus zusammen. Er kam überhaupt mit den sonderbarsten Menschen zusammen, mit wahrhaftigen und lügnerischen, die von der Revolution wie Treibholz angeschwemmt wurden. Die Posten im kommenden Rätedeutschland wurden damals von ihnen verteilt. Sie sahen sich schon im schwarzen Purpur der Macht. Sie wollten barmherzig sein oder unbarmherzig, je nach ihrem persönlichen Temperament. In den vielen Besprechungen, die in dunklen Hinterzimmern ebenso leidenschaftlich geführt wurden wie in den prachtvollen Salons am Kurfürstendamm, wurde festgestellt, daß damals in Deutschland die Kerenskiperiode war, jener fatale Mischmasch, der von dem Gewaltmarsch der Arbeiter zertrampelt werden mußte. Glarus war drei Jahre au der Front gewesen. Der Krieg hatte auch ihn entwurzelt und heimatlos gemacht wie viele junge Menschen, die mehr in der Idee als in der Wirklichkeit lebten. Sein Herz hatte sich dem Osten, der großen Revolution, zugewandt. In den Monaten des deutschen Umsturzes war auch er wild, kämpfte und saß in den Gefängnissen. Im Sommer 1920 glückte ihm die Reise nach Rußland. An das alles dachte er, als er seine Erlebnisse niederschrieb. Viele Menschen waren gestorben, die damals in jenen Jahren jung und glühend waren. Einige waren in den politischen Wirbelströmen untergegangen, lautlos oder tierisch brüllend. Andere hatten sich behutsam in der Niederung eines geruhsamen Daseins niedergelassen. Wieder andere standen immer noch im Aufruhr oder waren vergessen. Der Lebende hat recht, und aus dem Rechte des Lebenden heraus schrieb Otto Glarus im Kreml zu Astrachan seine Geschichte. DRITTES KAPITEL Die Reise nach Rußland »Glarus«, fragte mich eines Tages der alte Moll und legte die Meerschaumpfeife des Zaren beiseite, »Glarus, willst du nach Rußland fahren? Wir suchen einen jungen Menschen, der Berichte schreiben kann, und sind dabei auf dich gekommen. Wann kannst du reisen?« Ich erschrak und sagte: »Nach Rußland? Sofort. Ruhla wird weinen, aber ich fahre trotzdem. Moskau wiegt die Tränen einer Frau tausendfach auf.« »Du bist ein Schwärmer«, antwortete Moll und nahm die Zarenpfeife wieder auf und blies blauen Rauch in das Zimmer. »Melde dich am Sonntag in Stettin. Sei nicht zu grausam zu Ruhla, junger Mann. Wenn du im Herbst noch nicht zurück bist, werde ich sie dir nachschicken. Nimm Tee und Zitronen mit, vergiß nicht, eine Reiseapotheke zusammenzustellen, alles andere werde ich organisieren. Den Ausweis für die Zeitung bekommst du in Stettin. Hier ist das Reisegeld. Lebe wohl und schreibe gute Berichte.« Er schüttelte mir die Hand, zückte die Brieftasche, und meine russische Reise war finanziert. Wie im Traum verließ ich das Hotel. Die Bäume im nahen Tiergarten standen herrlich wie immer da, ich liebte ihren Wuchs und ihren Schatten; aber jetzt verlachte ich sie: ich reiste nach einem neuen Land, nach der großen Bühne, auf der die Welt ein wildes Schauspiel abrollen ließ. Ruhla weinte und jammerte über die schnelle Reise; aber als ich ihr sagte, sie könne vielleicht im Herbst nachkommen, lachte sie, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und war getröstet. Sie war zwanzig Jahre alt und zu jedem Abenteuer bereit. Wir liebten uns sehr. »Liebster, Liebster«, sagte sie zum Abschied, »Liebster, werde nicht krank und vergiß mich nicht. Schreibe viel und behalte mich lieb. Ich. will immer an dich denken. Ich komme bestimmt im Herbst. Freust du dich? Hast du mich lieb?« »Ja«, sagte ich, »ich habe dich lieb. Und ich freue mich doppelt: auf die Reise und auf den Herbst, wenn du kommst. Du mußt mir viel schreiben und darfst mich nie vergessen.« »Nein, nein«, sagte sie, »ich vergesse dich nicht.« Dann küßten wir uns vielemal, und ich reiste nach Stettin. In dieser Stadt bekam ich meinen Ausweis für die Zeitung. Dort traf ich einige Leute, die auch nach Rußland fahren wollten. Es war im Juni, und die Tage glühten sommerlich. Wir mußten achtundvierzig Stunden warten. Endlich war die Passage frei. An einem späten Abend gingen wir an Bord eines Viertausendtonnenschiffes, das russische Kriegsgefangene in die Heimat bringen sollte. Wie Diebe schlichen wir uns in den Hafen und auf das Schiff ein. Von den Matrosen wurden wir im Kettenkasten des Dampfers verstaut. Die Russen waren schon an Bord und wimmelten überall: auf dem Verdeck und im Laderaum. Sie lärmten und sangen. Sie freuten sich. Jetzt endlich, nach den vielen Jahren des Krieges und der Gefangenschaft, reisten sie in die Heimat zurück. Sie hatten Deutschland lieben und hassen gelernt, aber mehr lieben als hassen. Am nächsten Morgen schrie unser Schiff laut und setzte sich in Bewegung. Wir im dunklen Kettenkasten atmeten auf. Alle Kontrollen waren gnädig vorübergegangen. Bei uns lagen auch einige Russen, die sich auf das Schiff geschmuggelt hatten und die Reihenfolge der Transporte nicht mehr abwarten konnten. Sie hatten mit erspartem Geld die Matrosen bestochen. Die Luft in dem dunklen Versteck war dumpf und verbraucht. Außer den Russen kauerten in dem schwarzen Loche der Holländer Maartens, ein Franzose, der »Edelsteinäugiger« genannt wurde, ein Österreicher namens Paul, der Berliner Delegierte der Jugend, Goldenberg, dann der ehemalige Volksbeauftragte eines kleinen deutschen Freistaates, Merkel, und ich. »Verdammt, verdammt!« fluchte Maartens. »Hier unten ist es ja zum verrecken! Wie lange müssen wir noch in dem Affenkasten sitzen? Weiß jemand, wann wir an Deck gehen können?« »Das Schiff fährt ja schon«, erklärte Paul, obwohl wir das selbst wußten. »In zwei Stunden sind wir in Swinemünde. Dann müssen wir noch eine halbe Stunde warten, bis wir aus den Hoheitsgewässern herauskommen, und dann können wir ohne Sorg an Deck gehen.« »Meine Schaluppe«, murrte Goldenberg. »Es wird aber endlich auch Zeit! Das müßte viel besser organisiert sein. Der Laden klappt noch nicht richtig. Na, ich werde schon meinen Bericht machen. Kinder, ich kriege ja keine Luft mehr! Franzose, tritt mir doch nicht andauernd auf meine Füße! Ich bin doch kein Erbfeind.« »Olala«, seufzte der Franzose, »olala, wer fährt mir immer mit der Hand im Gesicht herum? Bist du das, Holländer?« Maartens knurrte: »Nein.« Die Russen blieben stumm oder sprachen leise in ihrer singenden Sprache. Der bucklige Merkel sagte kein Wort. Auch ich war still. Die Schiffsmaschine stampfte. Swinemünde war bald erreicht. Dann kam Licht in unsere Dunkelheit. Die Matrosen schraubten die schwere Eisenplatte, den Verschluß, von unserer Höhle, wir reckten uns, atmeten tief und stiegen an Deck. Zum letztenmal für lange Zeit sahen wir Deutschland. Ein ferner, blauweißer Streifen Land mit grellen Dünen und der Brandung der See verdämmerte. Dann ging auch das ferne Land unter. Das Meer erglänzte in der Sonne wie ein riesenhafter Silberspiegel. Manchmal zerbrach der Spiegel und schmolz wie glühendes Metall. Frischer Wind wehte. Die Russen standen in kleinen Gruppen zusammen und starrten auf das Meer hinaus. In ihren Augen war Sehnsucht nach der Heimat. Ein junger Bursche spielte Balalaika. Seine Haare flatterten im Wind. »Mensch, wir fahren, wir fahren!« sagte ich leise zu Goldenberg und hätte schreien können vor Wollust. »Aber in dem Affenkasten da unten bleibe ich nicht mehr«, antwortete er, »Mensch, ich will doch mal sehen, ob ich einen Matrosen treffe. Vielleicht können wir da für unsere werten Persönlichkeiten eine Koje kaufen. Machst du mit?« Ich nickte. Er verschwand und kam nach einer Viertelstunde wieder. Er hatte eine Koje bekommen. Lange standen wir an jenem ersten Tag der Ausfahrt auf dem Verdeck des Schiffes. Alles Land war versunken. Um uns war die Wüste des Wassers. Am Abend richteten wir bei den Seeleuten unser Lager. In dem schmalen, harten Bett mußten wir abwechselnd schlafen und dabei noch auf den Steuermann acht geben, der manchmal bei der Mannschaft erschien und an den schwarzen Passagieren nicht beteiligt war. Auch Maartens bekam eine Koje. Die anderen Reisenden quartierten sich bei den Russen ein. Die Kriegsgefangenen sangen die halbe Nacht hindurch ihre schönen, melancholischen Lieder. Die Matrosen waren tüchtige Seeleute und kannten die Welt. Fast alle waren bärbeißig und tätowiert, fast alle waren trotz der rauhen Sprache von einer rührenden Naivität. Viele waren in Amerika und Asien gewesen, aber sie saßen nur an den Rändern jener Kontinente in den Hafenstädten fest und wußten von dem Innenlande nichts. Wir kamen gut mit ihnen aus und hörten viele Räubergeschichten. Sie brachten uns auch das Essen, und am zweiten Tage der Reise hörte ich folgende Geschichte: »Im vorigen Jahre kam in Cuxhaven ein Mann an Bord«, erzählte ein Matrose. »Ein Mann, von dem wir nichts wußten. Nur Hein Küppers wußte von ihm. Der Mensch lag drei Tage in den Kohlenbunkern, und am dritten Tag erzählte uns Hein davon und rückte mit seinem Plane heraus. Es war eine bannige Sache! Wir sollten den Kasten auf offener See kapern und nach Murmansk führen. Alle waren dagegen. Wir wollten erst den Mann im Bunker sehen. Und wir sahen ihn. Er sah verwegen aus. Wie ein kleiner Napolium. Das kleen Männecken kam aus dem Bunker und sollte uns sagen, warum er nach Murmansk, ausgerechnet nach Murmansk, wollte, warum wir den Eimer kapern sollten und so weiter. Aber kleen Männecken konnte gar nicht reden. Er hatte immer nur geschrieben, Bücher und Theaterstücke und son Zeugs, wo andere Leute gut reden konnten. Selber das Maul aufreißen, das konnte er nicht. Komisch, was? Da ergriff old Hein das Wort, und wenn Hein das Wort ergriff, so hieß es: Kinners, so wird es gemacht, fertig, Abfahrt. Wir hörten uns das ruhig an und sagten: Hein hat recht. Machen wir. Kapern wir den Eimer. Fahren wir eben mal nach Murmansk. Das soll auch ne schöne Gegend sein. Und in der Nacht ging es los. Hein nahm kleen Männecken mit zum Kapitän. Aber auch da blieb unser Napolium still. Hein hielt dem Alten eine Pistole unter die Nase und sagte: ›Käptn, den Kurs ändern. Auf Murmansk zu. Wir fahren nach Rußland. Das dürfte wohl klar sein.‹ Der Olle hatte einen Dickschädel, aber als die Pistole immer näher kam, wußte er, was zu machen war. Er ließ sich ruhig fesseln. Der erste Steuermann und der zweite auch. Der Käptn sagte nur: ›Das dürfte euch noch mal sauer aufstoßen.‹ Aber es stieß nicht sauer auf: es kam eine Amnestie dazwischen. Wir, das heißt: Hein übernahm das Kommando. Wir fuhren nach Murmansk. Das Schiff brachte die Leute, die sich nicht aktiv beteiligt hatten, wieder nach Hamburg zurück. »Allerhand, meine Schaluppe«, sagte Goldenberg. »Und wo ist nun der Napolium?« »In Rußland. Und der Hein treibt sich auch noch bei den Tschungusen oder so herum. Ihr könnt ihn grüßen, den Hein, wenn ihr ihn trefft«, sagte der Erzähler. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Ein Heizer stürzte herein. »Der Alte kommt, versteckt euch, aber fix, Geschwindigkeit Null, Komma, Null«, sagte er atemlos. Ich versteckte mich in der unteren Koje und zog die Vorhänge zu. Goldenberg zwängte sich in einen schmalen Schrank. Der Steuermann kam» schnüffelte herum und ging mißtrauisch fort. Er hatte kein Wort gesagt. Goldenberg trommelte an den Schrank und fiel dann halb ohnmächtig einem Matrosen in die Arme. »Das war allerhand«, sagte er, als er wieder Luft schnappen konnte, »allerhand war das, meine Schaluppe! Ich werde doch ausziehn und mich bei den Russkis einquartieren. Hier bei euch ist doch zu .dicke Luft.« Er packte seine Sachen zusammen und verschwand. Auch ich stieg ein wenig atemlos an Bord. Es war am Abend. Es war kein Abend. Wir fuhren in die weißen Nächte hinein. Immer noch war die See glatt und schimmernd. Die Sonne versank in der Nacht, die keine Dunkelheit war, sondern ein sanftes Fluten und Wogen voll mattem Licht und beharrlicher Leuchtkraft. Die nahe Küste zeigte ihr stilles Gebirge und verschwamm in blausilbernen Farben. Bevor die Sonne unterging, kam ein heller, zitronenduftender Mond. Die Nacht war ruhig, aber das Schiff wurde von Unruhe überfallen. Auf dem Verdeck sangen und tanzten die Russen. Kein Mensch konnte und wollte schlafen. Dann schlug ein Gong an, alles verstummte und wurde aufmerksam. Plötzlich begann ein Russe zu sprechen. Der Schiffsarzt hatte Konterbande an Bord, er wollte sie an die Heimkehrer verkauf en. Auf dem Schiff verkauften und schmuggelten alle: die Matrosen und die Offiziere, der Doktor machte nur, was alle taten. Er hatte sich in Stettin mit Medikamenten gut versehen. Und die Bauern aus den Steppendörfern, die Arbeiter und Handwerker der großen und kleinen Städte, die in den Frieden heimfahren wollten, legten das ersparte Geld zusammen und brachten Chinin, Chloroform, Verbandsstoff und Salben mit heim. Das magische Licht der weißen Nacht flutete und schleuderte eine Gloriole um die Menschen und um das Schiff. Unter den Russen waren auch drei deutsche Frauen, die mit ihren Männern einer neuen Heimat entgegenreisten. Sonne und Mond standen zu gleicher Zeit am Himmel, als der Schiffsarzt seine Arzneien übergab. Am dritten Tag nach der Ausreise legte der Dampfer in der Höhe der Bucht von Hungerburg an. Die Russen packten ihre Bündel, wir nahmen unsere Koffer. Die Matrosen machten die letzten Geschäfte: sie verkauften Tee, Zigaretten, Zucker und Zitronen. Vom Festlande kam ein Prahm und brachte uns an die Küste. Dann schwamm er, gezogen von der kleinen »Isabella«, den gelben Fluß entlang nach Narwa. Die »Isabella« schrie wie ein Tier durch die flache Landschaft. Bald war Narwa erreicht. Diese Stadt sieht schon ganz russisch aus, ist breit und schmutzig. Die Mädchen haben kurzgeschnittene Haare. Der Typhus hatte auch hier gewütet. In den Straßen wimmelte viel Militär. Die Uniformen hatten englischen Zuschnitt. Das kleine Estland hatte Angst vor seinem großen Nachbar, das sah man auf den ersten Blick. Wir kamen sicher, wenn auch herzklopfend, durch eine wachsame Kontrollkette junger Offiziere. Dann marschierten wir nach der alten Festung, die Narwa überragt und von den deutschen Ordensrittern erbaut wurde. Der Franzose war sehr aufgeregt und hing sich an Paul, der kühl und gelassen blieb und dem Edelsteinäugigen gute Ratschläge gab. Der Franzose reiste als Kurier nach Moskau und sollte Edelsteine über die Grenze holen. Das wußte Paul. Darum war er so besorgt. Hinter den beiden marschierte Maartens, Er sah wie ein Gentleman aus. Sein neuer Lederkoffer glänzte, sein Gesicht war faltenlose Zufriedenheit. Er kam aus Ostasien, aus Java, und ging nach Moskau, um dort über den Aufstand der Malayen zu berichten. Ich ging neben Merkel. Er schleppte stöhnend seinen großen Koffer. Goldenberg hatte eine Russenmütze auf und machte sich so dünn wie nur möglich. Am Fuße des Berges, auf dem die Festung lag, befand sich eine deutsche Rotekreuzstation, die für die heimkehrenden Deutschen zu sorgen hatte. Ein junger Doktor besah sich mit einer hübschen Schwester den Marsch der Russen. Das junge Fräulein wurde plötzlich sehr interessiert. »O Gott, Herr Doktor«, sagte sie und zeigte auf Merkel. »Ein Buckliger! Die Russen müssen doch am Ende ihrer Kraft gewesen sein: sie haben sogar Bucklige an die Front geschickt.« Ich mußte ein Lachen verbeißen. »Lache nicht«, sagte Merkel mißmutig zu mir, als wir die Station hinter uns hatten, »lache nicht, Otto, in einer Stunde kannst du lachen. Da sind wir über der Grenze. Hier ist noch Feindesland.« Auch die Festung schien noch Feindesland zu sein. Als sich hinter uns das große Tor schloß, hatte ich Angst. Warum mußten wir noch warten? Wußte man, daß unter dem Trupp Ausländer waren? Hatte man uns schon entdeckt? Aber die Angst verging sehr schnell; in dem weiten Hofe dampften einige Küchen. Das Feindesland fütterte uns noch einmal. Dann erklang der Befehl zum Abmarsch. Das war der schönste Befehl, den ich jemals gehört hatte. Wir verließen die Festung und marschierten zum Bahnhof. Auf freier Strecke standen viele Güterwagen. Die Lokomotive rauchte schon und stieß schwarzen Qualm aus. Die Güterwagen wurden »die zwanzig Roten« genannt. Sie waren auch unter dem Namen »Maximkas« bekannt, weil in ihnen das Volk reiste, das Maxim Gorki in seinen Novellen und Romanen schilderte. An den »Maximkas« dunkelten Sichel und Hammer, die neuen heraldischen Zeichen eines Staates, der für seine Ideenwelt neue Formulierungen und Sinnbilder suchte. Wir kletterten in die Waggons, die Lokomotive schrie, die Räder blänkerten über die Schienen. Estnische Soldaten begleiteten uns. Sie fuhren bis zur Grenze mit, die durch einen gewaltigen Drahtverhau abgesperrt war. Wir fuhren durch den Stacheldraht und hielten plötzlich an. Wir waren in Rußland. Aus den »zwanzig Roten« brachen nun wie Flammen viele rote Fahnen. Russische Miliz umstand den Zug, grüßte, winkte. Wir sprangen aus den Waggons. Nun gab es keine Heimlichkeiten und keine Gefangenen mehr. Wir brüllten, wir sangen und streichelten die Erde mit unsern nackten Füßen. Ein Soldat, der Redner der nächtlichen Versammlung auf dem Schiff, warf sich auf den Boden und küßte die Erde. Die Grenzwache hatte ein Getreidefeld angelegt. Hinter dem Felde lag wüstes Land. Wir sahen nur das wogende Korn. Aber auch das wüste Land schien mir heilig zu sein. Ich breitete die Arme aus, hatte das Gesicht in den Wolken und trat mir dabei einen spitzen Dorn in den Fuß. Den Schmerz beachtete ich kaum. Ja, er war mir in diesem freien Atemzug noch Glück und Wollust. Auch Maartens war verklärt. Goldenberg warf seine Russenmütze in die Luft und lachte. Merkel wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Paul blieb ungerührt. Er kannte Rußland. Der Franzose sagte: »Olala«, immer nur: »Olala!« Dann schrie wieder die Lokomotive. Wir stürzten nach den Waggons. Die Russen schwenkten die Fahnen. Der Zug setzte sich in Bewegung. Rechts und links der Bahnlinie klafften Granattrichter. Das waren die entsetzlichen Augenhöhlen des. letzten Krieges. Über dieses Gelände ging Vormarsch und Rückzug der Armeen. Wir sahen zersplitterten Wald, wie wir ihn damals an der französischen Front gesehen hatten. Trostlose Felder, steinige Wiesen: das war die Landschaft, die sich uns zeigte. Die Räder ratterten über den breitspurigen Schienen. Dann kam ein Fluß. Eine Brücke klirrte unter unseren Füßen, und hinter der Brücke lag die kleine Stadt Jamburg, die jetzt Kingisepp heißt. Die Brücke war im Bürgerkrieg zerstört worden, stand jetzt neu da und trug folgende Inschrift, die mir Paul übersetzte: »Die Rote Armee schlug mit mächtiger Faust ein Tor nach Europa, der Arbeitssoldat und der Eisenbahnarbeiter legten mit der Kraft ihrer schwieligen Hände zu ihm den Weg.« Auch an dem kleinen Bahnhof in Jamburg waren viele Inschriften zu lesen und alle waren irgendwie Lobgesang auf die schwielige Faust. Auf der Station wartete ein Zug mit deutschen Kriegsgefangenen. Sie sahen verwildert aus, trugen lange, schleppende Mäntel über deutschen Uniformen, hatten sibirische Pelzmützen auf oder trugen Bastschuhe. Als die Männer hörten, daß Landsleute unter dem Russentransport waren, sprangen sie auf uns zu, wollten neue Zeitungen und Berichte aus Deutschland. Sie rauchten mit Wollust deutsche Zigaretten und waren wie betrunken von Heimweh. »Wo kommt ihr her, Landsleute?« fragte ein Soldat mit sibirischer Pelzmütze und lachte uns an. »Aus Berlin«, sagte Goldenberg. »Aus Amsterdam. Und wir fahren weit. Bis nach Moskau!« »Das ist allerhand«, antwortete der Heimkehrer. »Bis nach Moskau! Wir kommen aus Sibirien, aus einen Lager am Amur. Viel Vergnügen in Rußland, wir fahren nach Deutschland zu Muttern!« Die Station war wie ein sommerliches Tanzfest geschmückt. Viele Fahnen und Girlanden wehten. Von den Mauern des Bahnhofes blickten die Bilder der Revolutionsführer in den Trubel und Aufruhr. Musik begann zu erbrausen. Die Station wimmelte von Menschen. Der Zug mit den deutschen Kriegsgefangenen setzte sich in Bewegung, dem breiten Drahtverhau zu, der stachligen Grenze, hinter der die Heimat lag. Aus Jamburg und aus den nahen Dörfern waren viele Menschen gekommen, um die heimgekehrten Russen zu begrüßen. Alles drängte sich durcheinander, erzählte und ließ sich erzählen, wogte dann nach dem freien Platz, auf dem Tribünen errichtet waren, und wartete. Von den Tribünen donnerten an diesem Abend viele Reden. Auch wir mußten auf die Pulte, und viele Schreie flatterten empor. Bis gegen Mitternacht, die Sonne stand immer noch am Himmel, ging die uferlose Versammlung. In allen Menschen waren eine fanatische Beharrlichkeit und ein Fluten großer Gefühle. Immer neue Redner stiegen empor, standen da oben im weißen Licht mit bleichen Gesichtern, sprachen und prophezeiten. Und dann stand auch ich auf der Tribüne. Es war, als hätte mich eine gewaltige Faust in das Licht gerissen. Was ich damals gesprochen habe, weiß ich nicht mehr. »Das ist Rußland«, sagte Maartens zu mir, als ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte. »Das ist Rußland, und ich muß an Java denken, dort ist auch das Volk so weit und verschwärmt. Holland? Ach, wenn ein Holländer einmal aufschreit, dann höchstens bei der Kirmes in Leyden oder Haarlem.« Was sollte ich antworten? Was in diesen Stunden zu sagen war, das war keine persönliche Mitteilung mehr, das war nur noch Manifest an alle. Ich ging nach dem Bahnhof, nach einem Waggon, der uns zur Verfügung gestellt wurde, und schlief bald ein. Noch im Schlaf hörte ich die Brandung der nächtlichen Versammlung, die Schreie, die Hochrufe und die Musik. Am nächsten Morgen ging ich mit Merkel nach der kleinen Stadt, die aus einigen breiten, verwilderten Straßen und vielen Holzhäusern bestand. Viele Häuser waren verlassen oder niedergebrannt. Der Bürgerkrieg hatte Jamburg gelähmt. Die kleinen Betriebe waren gestorben. Im verschmutzten Fenster einer Apotheke standen breitbauchige, halbvolle Gefäße mit gefärbtem Wasser. Sie leuchteten wie bunte Früchte auf einem abgeernteten Felde. Über der Stadt, vom Walde her, kreisten die Schwärme schreiender Krähen. »Das ist die erste Stadt, die wir sehen«, sagte Merkel. »Allzu gut scheinen es die Leute hier nicht zu haben. Sieh nur diese trostlose Armut... Wie hat dir das Frühstück geschmeckt?« »Sehr gut«, versicherte ich, obwohl es mir gar nicht geschmeckt hatte, es bestand aus schwarzem, ungesalzenem Hirsebrei. »Sehr gut, Merkel, aber ich muß immer noch an den Empfang gestern nacht denken. Mensch, diese Begeisterung! Ja, nun sind wir in Rußland, und das hier ist Jamburg.« »Das ist Jamburg, und heute ist heller Tag, Otto. Und jetzt werden keine großen Töne mehr gespuckt. Die Stadt hier sieht furchtbar aus, alles ist tot und leer.« »Du Narr«, ereiferte ich mich, »hier ist nicht alles tot und leer! Hier war Krieg, verstanden? Alles redet hier und hat Wort und Stimme. ›Revolution‹ sagen die zerschossenen Häuser. Bist du taub oder kannst du diese Sprache nicht verstehen?« »Mensch, der du alles hören und verstehen kannst, sage mal: was krächzen nun die schwarzen Krähen über Jamburg?« höhnte er. »Sie krächzen, daß du ein Rindvieh bist!« sagte ich. Merkel lachte nur. »So ist die Jugend«, meinte er. »So ist die Jugend. Da ist nichts zu machen. Ein Rindvieh, schön, da bin ich eben ein Rindvieh. Aber nun höre einmal zu, mein Junge! Ich war auch einmal ein so vorlauter Bursche wie du, aber ich würde sehr bald still... Ich habe nämlich einen Buckel. Und der stand zwischen mir und meiner Begeisterung. Mit Begeisterung kann man viel, aber nicht alles machen. Begeisterung ist am Anfang oder am Ende gut, in der Mitte muß Besinnung sein, Arbeit, Nachdenken, Wissen. Mach nicht so ein saudummes Gesicht! Natürlich freue ich mich, daß wir die Grenze hinter uns haben, aber ich lasse mich nicht verführen. So, nun weißt du Bescheid!« »Du armer Mensch«, höhnte ich. »Du läßt dich also nicht verführen? Hast du Angst vor deiner Unschuld? So unschuldig siehst du doch gar nicht aus, Merkel, Volksbeauftragter außer Dienst! Hingerissen solltest du sein, herzübervoll!« Merkel lächelte und sagte: »Wir wollen uns in vier Wochen wieder einmal über dieses Thema unterhalten, Glarus. Und jetzt habe ich Hunger. Was gibt es zu Mittag, hast du vielleicht eine Ahnung?« ..Weiß nicht. Vielleicht wieder Fischsuppe und schwarzes Brot, aus dem man Fäden ziehen kann. Und Erdbeerblättertee.. Hast du ein wenig Zucker für mich übrig? Ich gebe dir zwei gute Zigarren dafür«, antwortete ich, das heißt, mein Bauch antwortete, der Magen sprach, nachdem das Herz genug geschwärmt hatte. »Abgemacht. Komm los. Wir brauen uns einen guten Tee. Es ist nur gut, daß du Zigarren mitgebracht hast.« »Also schön. Und ich habe auch zehn Zitronen, eine Reiseapotheke, zwei Stück Seife und hundert Zigaretten mitgebracht!« trumpfte ich auf. Wir gingen nach dem Bahnhof zurück. Der Holländer saß über Ananasfrüchten, Goldenberg versuchte fluchend eine Pfeife russischen Tabak, der Franzose sagte: »Olala« und starrte in die dampfende Fischsuppe. Paul sagte nichts. Er aß mit großem Behagen von der schwarzen Grütze, der Kascha. Die Station lag verlassen in der Sonne. Nach dem Essen fuhren wir nach Petrograd weiter. Während der ganzen Fahrt klebte ich am Fenster. Jeder Baum und jeder Strauch war nicht mehr Baum oder Strauch an und für sich, sie waren für mich freies Wachstum auf freier Erde. In Gatschina sah ich einen verkümmerten Bauern, der sich ergeben von zwei bewaffneten Soldaten abführen ließ, aber ich vergaß sehr schnell dieses Bild, es fügte sich nicht in den Rahmen meiner Begeisterung. Ein dunkles Wetter zog am Himmel auf. Von den dunklen Wolkenwänden, die manchmal feurig bluteten, hoben sich die Schattenrisse der Stadt Petrograd ab. Ich war stolz und nahm es als gutes Zeichen, mich unter Donnerschlägen dieser umkämpften Stadt zu nähern. Der Donner verrollte, die Wolkenwände barsten. Als sich der Zug dem Baltischen Bahnhof näherte, war das Wetter vorüber. Die Sonne schien. Durch die schimmernde Nacht fuhren wir auf holprigen Straßen nach unserm Hotel. Es lag in der Nähe der Isaakkathedrale. Das Hotel war ein klappriger Kasten mit hohen, verwanzten Zimmern, abgetragenen Teppichen und wackligen Betten, aber es war doch ein russisches Hotel und darum über jede Kritik erhaben. Wir richteten uns ein. Maartens und auch ich waren nicht müde. Wir steckten uns Zigarren an, beschlossen einen kleinen Bummel zu machen, und traten auf die Straße. In der Nähe der Kathedrale, auf der wölbigen Kuppel lagen viele Pud reines Gold, stießen wir auf die großen Holzstapel, die von bewaffneten Soldaten bewacht wurden. Auf dem Pflaster des weiten Platzes brannten Feuer. Um diese Feuer saßen die Posten. Es war bald Mitternacht, aber die Stadt schlief noch nicht. Viele Menschen spazierten hin und her, lachten, scherzten, atmeten oder waren stumm und geizten mit jeder Minute. Nach ein Uhr nachts durfte kein Zivilist ohne Ausweis auf. der Straße sein. Wir schlenderten durch die weiße Nacht. Die prunkvollen Fassaden der Admiralität wuchsen hoch. Der berühmte Newski-Prospekt zweigte sich ab. Dann wuchtete der Winterpalast empor, ein Koloß, eine Fassade des Größenwahns. Der Platz vor dem Palast verschwamm in ungeheuren Ausmaßen und war wie ein versteinter See. Und aus dem versteinerten See stieg der Schaft einer schönen Säule empor. An dieser Säule wurden wir angesprochen. Plötzlich standen zwei Menschen neben uns, ein Matrose und ein junges Mädchen. Der Matrose wollte unsre Ausweise sehen. Maartens zeigte sein Mandat, ich gab meine Pressekarte. Der Mann besah sich alles mit größter Aufmerksamkeit und sprach leise mit dem Mädchen. Sie nickte, und dann bot sich der Matrose als Führer durch die schlafende Stadt an. Er stammte aus Riga, sprach ein wenig deutsch und war sehr besorgt um uns. Auch das Mädchen schloß sich an. »Das hier ist der Winterpalast, den wir im Oktober gestürmt haben«, sagte unser Führer und deutete auf den lichtüberfluteten Palast, »Und das Pflaster hier auf dem Platz hat der Zar extra für Kosakenpferde anlegen lassen, damit sie festen Halt hatten, wenn sie gegen das Volk trabten. Und wenn der Zar ganz Rossia mit diesen Steinen hätte pflastern lassen, wir hätten ihn doch gestürzt.« Ich blickte überrascht auf den Mann, der wie ein Dichter sprach. Martens ließ sich noch mehr von der Erstürmung des Winterpalastes erzählen, zuerst hörte ich zu, aber dann wandte ich mich dem jungen Mädchen zu, das still an meiner Seite ging. Als ich sie ansprach, lächelte sie behutsam. Wir kamen an die Newa, an den gewaltigen Arm der großen Newa, der die Stadt umarmt und von fünf Brücken bezwungen wird. Der Strom schillerte, rieselte, spiegelte Licht und kräuselte Silber und blauen Stahl. Vor uns lag die Brücke der Republik. Nach der Peter-Paul-Festung schwang sich die Rawenstwabrücke. Das dämmernde Licht der Nacht verschüttete sich. Aus dem weißen und unerschöpflich strömenden Licht spießte der spitze, vergoldete Turm der Festungskirche. Der Matrose erzählte. Das Mädchen schwieg. Ich starrte in das Wunder der Nacht. Wir wanderten die Newa entlang und kamen nach dem Marsfeld, das sich endlos dehnte und in seiner Mitte, von roten Granitblocks umschlossen, viele Gräber aufbewahrte. Wir gingen nach den Gräbern. Der Matrose entblößte seinen Kopf, auch wir nahmen die Mützen ab. Das Mädchen neben mir sah mich eindringlich an. »Das hier ist das Marsfeld«, erklärte der Führer. »In diesen Gräbern liegen die teuren Toten unserer Revolution begraben.« Wir sahen auf die Gräber und waren tief im Herzen schuldbewußt, wie die Überlebenden einer Schlacht auch schuldbewußt waren, wenn sie ihre Toten begruben. Wir lasen auf den roten Steinen die bizarren Buchstaben der russischen Schrift. Sie waren unverständlich wie das Leben, wie der Tod. Dann gingen wir leise weiter. Wie schön und wie feierlich war doch diese Nacht! Die Newa atmete kühl, die Kanäle atmeten, die Bäume eines nahen Parks standen unbeweglich da» In der weißen Nacht war kein Stern am Himmel sichtbar; Die Stadt schlief. Wie tief schlief diese Stadt nach den schweren Jahren des Krieges und der Revolution! Wie tief war der Schlaf dieser Stadt nach allen Revolten, Hungersnöten, Epidemien und furchtbaren Wintern! Kein Mensch war zu sehen. Neben mir ging ein stilles, schönes Mädchen. Wenn sie ihr Gesicht hob, sah man schwarze Augen, einen geschwungenen, vielgeküßten Mund und blau-schwarze Haare. Ihr Gesicht leuchtete matt wie weißer Marmor. Sie war selbst weißer, durchbluteter Marmor und irgendeinem tiefen Park entsprungen, in dem sie als schöne, nackte Statue wohnte. Manchmal klappte das taktmäßige Schreiten einer wachsamen Patrouille durch das atmende Schweigen. Auch wir wurden einmal von einer Patrouille angehalten. Der Matrose sagte nur ein Wort, das damals alle Fragen beantwortete, das Wort »Delegatski«, also »Delegierte«. Die Patrouille grüßte militärisch und marschierte schallend weiter. Die Sonne war untergegangen. Der blasse Mond löste sich in linden Rauch auf. Von der Newa und von den Kanälen, die durch die steinernen Bezirke fluteten, wehte kühler Wind. Das Mädchen fröstelte. Sie sah mich schnell an, lächelte und legte ihre Hand auf meinen Arm. Ich war beglückt. »Wir bringen euch noch nach dem Hotel«, sagte der Matrose. »Ihr werdet müde sein von der großen Reise. Ich heiße Gregor Eduardowitsch Nowikoff, eure Namen kenne ich ja, und die Genossin hier ist Katja Ossipowna Molotowa. Ihre Freunde dürfen sie Katja nennen.« Katja lachte hell auf. Maartens spazierte immer noch neben Nowikoff und ließ sich von der Revolution erzählen. Er war unersättlich mit seinen Fragen, der Russe war unermüdlich in seinen Antworten. Er war stolz auf die Revolution. Dann berichtete Maartens von Java und hatte einen aufmerksamen Zuhörer. Katja ging neben mir, und ich spürte ihre große Schönheit und Jugend. Sie sagte kein Wort, aber es gibt Augenblicke, wo sich die Menschen auch ohne Worte verständigen können. Einmal dachte ich an Ruhla, an meine Freundin und ihre Tränen und Küsse beim Abschied, aber ihr Bildnis löste sich wie der Mond in zarten Rauch auf und verwehte. Wir kamen an einer Kirche vorüber, die viele asiatisch-bunte und gedrehte Zwiebelkuppen in das Licht hob. Am Portal der Kirche, unter dem Kruzifix, brannte eine ewige Lampe. Ihre kleine rote Flamme sah wie Blut aus. Und dann kamen wir nach dem Newski-Prospekt. Er lag vor uns wie eine große, ausgeblutete Ader. Unsere Schritte schallten über die Steine, Der Mond hatte sich wieder verdichtet. Er bebte und schwankte und rollte dann, ein hauchzarter Ball, im feurigen Atem der Morgenröte. Das frühe Licht stürzte auch über uns, über den Matrosen und über das russische Mädchen. Sie ging leichtfüßig immer noch neben mir, unsere Schritte waren schwer und hallten, ihre Schritte waren leicht und wie Musik. Es war, als gehöre sie in diese weiße Nacht wie der zitronenduftende Mond. Maartens erzählte vom Aufstand der Malayen. An der Isaakkathedrale brannten immer noch die Feuer. Immer noch saßen oder lagen die Bewaffneten auf dem großen Platz um die helle Glut und behüteten das kostbare Holz. Es war mitten im heißen Sommer, aber die Stadt rüstete sich schon für den frostkrachenden Winter und stapelte ganze Wälder auf ihren freien Plätzen und Straßen auf. Am Hotel verabschiedeten wir uns von unseren Begleitern. »Gute Nacht«, sagte Nowikoff, »Gute Nacht. Wir werden uns bald wieder sehen.« »Guten Morgen!« sagte das Mädchen, das bis jetzt noch kein Wort gesprochen hatte. »Guten Morgen!« sagte sie in gebrochenem Deutsch. »Guten Morgen, kleiner Deutscher, und auf Wiedersehen!« Nowikoff nahm ihren Arm und ging fort. Das war meine erste Begegnung mit Katja. VIERTES KAPITEL Flügelrauschen des Sieges Am hellen Tag sah Petrograd ganz anders ans als in jener weißen Nacht Die Newa strömte auch am hellen Tag um die vielen Inseln, sie speiste die Kanäle, die wie feuchte Rinnen in den vermauerten Quartieren liefen, aber man sah am klaren Tag die vielen Wunden, die der Krieg und die Revolution geschlagen hatten. In den Vorstädten standen halbzerfallene, ausgeraubte Holzhäuser. Die Straßen auch in der Innenstadt waren in Unordnung. An vielen Stellen hatten die Einwohner das Holzpflaster aufgerissen und verfeuert. Jetzt wußte ich, warum auf dem Platz bewaffnete Posten saßen. Der Winter mit seinen furchtbaren Stürmen mußte schrecklich sein. Ich streifte durch viele Bezirke und fand auch die dunklen Wohnhöhlen, aus denen damals das Volk zum Sturme aufgebrochen war. In Rußland war immer noch Krieg. Die Regimenter standen an der Front gegen Polen. In der Krim saß der General Wrangel. Blockade würgte das ganze Land. Für den polnischen Krieg warben von allen Wänden und Mauern gewalttätige Plakate. Straßenbahnen ratterten auf verschmutzten Schienen und waren bewegliche Rednertribünen, von denen gegen Polen gesprochen und musiziert wurde. Aber dieser Alarm erschien mir, der ich den Krieg hinter mir hatte, wie der Lärm in einem viel zu großen Gehäuse zu sein. Ich haßte den Krieg. Petrograd war trotz der pompösen Paläste eine geschlagene Stadt. Sie stand mit taumelnden Füßen auf den Inseln und zwischen den Sümpfen. Anderthalb Millionen ihrer Einwohner waren geflohen, hatten sich über das weite Land verstreut, um der Kälte und dem Hunger zu entgehen; sie waren mit der Regierung nach Moskau gefahren, kämpften an den Fronten oder waren verhungert, gefallen, gestorben, ausgelöscht. Die jungen Mädchen in den billigen Sommerkleidchen lachten, aber ihr Lachen war viel zu schwach, um diese arme Stadt mit Echo auszufüllen. Jeden Tag kamen neue Delegierte aus dem Westen. Der Kongreß der dritten Internationale zog sie an. Die Stadt rüstete sich zu einem grandiosen Empfang. Triumphbogen wuchsen aus der Erde, aus den Steinen. Überall wehten die roten Fahnen, grüßten die Inschriften, leuchteten die bunten Plakate. Es war, als solle ein großer Sieg gefeiert werden. Und wir wanderten durch die Straßen, die Herzen voller Rausch und Herrengefühl. Wir besuchten auch den Smolny, das ehemalige Institut für adlige Fräuleins. Jetzt gab es keine adligen Fräuleins im Smolny mehr. Vor dem Palast stand das Denkmal von Karl Marx. In den kühlen Korridoren stampften Arbeiter und Soldaten. In den hellen, großen Zimmern wurden Befehle und dröhnende Manifeste entworfen und diskutiert. Vom Smolny fuhren wir nach dem Taurischen Palais, in dem der neugewählte Sowjet eröffnet wurde. In diesem Hause hatte früher die Duma getagt. Hier war auch die Provisorische Versammlung auseinandergejagt worden. Der Sowjet wurde zu achtzig Prozent von den Kommunisten beherrscht. Die anderen politischen Parteien waren in der Gluthitze der Kämpfe zu kleinen Oppositionsgruppen zusammengeschmolzen oder unter die Erde gejagt worden. Sinowjew, der wie ein Schauspieler aussieht, leitete die Sitzung. Nach ihm sprach Maxim Gorki, der große Dichter. Er wurde mit Zurufen der Liebe und Verehrung begrüßt. Später hatte Fridtjof Nansen das Wort. Dann sprach ein linker Sozialrevolutionär. Der Redner war ein schöner, schwarzhaariger Mann mit blitzenden Augen und leidenschaftlichen Gebärden. Aber die Schönheit galt nichts in dieser Versammlung. Als Gorki und Nansen sprachen, wurde jedes Wort wie ein Geschenk entgegengenommen, der Sozialrevolutionär wurde mit verächtlichem Schweigen angehört und wild unterbrochen. Sein Gesicht wurde ganz grau. Er winkte müde mit der Hand und trat ab. Dann kletterte Nowikoff, der Matrose der weißen Nacht, auf die Tribüne. Er begann sofort zu sprechen. »Unser Schiff hat die besten Leute an der Front gelassen«, rief er laut in den Saal. »Unser Schiff ist empört darüber, daß im dritten Jahre der Revolution in Pieter noch Arbeiter sind, die für die Sozialdemokraten und für die Sozialrevolutionäre stimmen. Nicht im Sowjet soll der Platz dieser Herrschaften sein, ihr Platz sei vielmehr im Himmel, wo sie die noch freien Sekretärposten beim General Koltschak besetzen können.« Die Delegierten lachten. Njura, eine Sekretärin aus dem Kreml übersetzte mir diese Rede. Ich verstand Nowikoffs Haß nicht. In jener Nacht hatte er wie ein Dichter gesprochen, als wir am Winterpalast standen. Ich wußte nicht, daß dieser Haß Empörung gegen die ganze Welt war, Haß gegen die Blockade, die das Land erdrosselte, wilder Haß, der aus den Qualen der vereinsamten Jahre entsprang. »Die Weltbourgeoisie will unseren Kopf!« rief Nowikoff, als sich das Gelächter gelegt hatte. »Nun wohlan, wir wollen unseren Kopf um so stolzer tragen! Nieder mit dem weißen Polen!« Beifall donnerte auf. Katja war nicht im Sowjet. Als ich Njura nach Katja befragte, lächelte sie und sagte: »Lieber Freund, woher kennen Sie Katja? Sie sollten sich nicht zu sehr nach dieser Bekanntschaft drängen.« »Warum?« fragte ich. »Darum!« sagte Njura und schwieg. Ich lachte sie aus und verließ den Sowjet. Auf dem Newski besah ich mir das Leben und Treiben. Fast alle Kaufläden waren geschlossen. Nur der Staat hatte das Recht auf den Handel. Aber er hatte keine Waren, mit denen er handeln konnte. An den Kirchen standen Bettler und verneigten sich vor den Passanten. Halbwüchsige, zerlumpte Kinder verkauften Tabak, Zigaretten oder Süßigkeiten. Auch verschrumpelte Äpfel waren zu haben. Ja, die Stadt hungerte. Im Hotel bekamen wir mittags und abends dicken Hirsebrei, schwarzes Brot und gefärbtes heißes Wasser, von dem nur Optimisten behaupteten, es wäre Tee. Einmal hatte ich mit Njura im Smolny gegessen. Dieser Tisch war reichlich und gut versorgt. Fast alle Ausländer, die im Hotel wohnten, erkrankten in den ersten Tagen. Sie wurden matt und elend. Ihr Magen rebellierte. Aber es wurden auch Witze gemacht. »Pieter?« antwortete Njura auf eine Frage, wie es in der Stadt gehe. »In Pieter geht es gut! In Petrograd, mein lieber Freund, ist es ausgezeichnet. Wir leben wie im Paradies!« »Wie im Paradies?« staunte Maartens. »Natürlich«, antwortete das Mädchen, das sich in allen europäischen Hauptsprachen verständigen konnte. »Wie im Paradies. Wir haben nämlich nichts anzuziehen und nähren uns von Äpfeln.« Mit dieser Njura, sie war Lettin und hatte ein geistreiches Gesicht mit einem großen, männlichen Mund, besuchte ich und Maartens auch die Inseln. Sie lagen jenseits der großen Newa und wurden von vielen Wasserläufen umspült. In den schönen Villen waren Erholungsheime eingerichtet. Von den Heimen spazierten wir nach dem Sommertheater, das nahe am Wasser aufgebaut war und eine Freiluftkühne mit heiteren Spielen erfüllte. Zwischen der Bühne und den Zuschauern – zweitausend Menschen hatten Platz – floß ein dunkler Kanal. Die Bühne war beinahe ohne jede Kulisse. Die Hauptkulissen bestanden in grünen Gärten und dem vollen Wuchs der Gebüsche und Bäume. Njura übersetzte uns den Text der Handlung, aber das Spiel war so offen und einfach, daß es auch die Menschen begreifen konnten, die der russischen Sprache wenig oder gar nicht mächtig waren. Und dennoch bewegten sich diese Spiele in großen Maßstäben. Die Blockade und die Barrikade, der Bürger und der Arbeiter, Noske und Spartakus, England und Rußland: das waren die Themen und Gegensätze, zwischen denen die Handlung abrollte. Natürlich war es nur ausgleichende Gerechtigkeit, wenn der Arbeiter den Bürger und Rußland das reiche England besiegte. Wir kamen gerade zur rechten Zeit. Ein neues Spiel hatte begonnen. Der Schauplatz war die Welt. Auf der einen Seite stand das meerebeherrschende England. Die Bühne sollte russische Erde sein, das schwarze Gewässer der Ozean. Und nun schickte England seine Geschwader gegen Rußland aus. Das Geschwader wurde durch einen wackligen Kahn dargestellt, der bald in dem linden Sturm, der die Wellen kräuselte, elend zerschellen und scheitern mußte. Ja, das arme Schiff versackte. Seine Besatzung patschte wild und aufgeregt in der schwarzen Flut. Über ihnen brüllte und tobte das Triumphgeschrei der Zuschauer. Auch wir lachten und freuten uns. Ein Engländer aber rettete sich an das feste Land und spitzelte sich durch die grünen Büsche auf die Bühne, die Rußland darstellte. Atemlos verfolgten die Leute den Weg des Spions. Die Spieler auf der Bühne merkten nichts oder wollten nichts merken. Der Spitzel erkletterte einen Baum, um besser sehen zu können. Auf dem Baum, in einer Astgabelung, zog er ein mächtiges Fernrohr aus der Tasche, putzte es bedächtig und nickte mit dem Kopfe. Dann sah er durch das blanke Rohr in ein imaginäres Land und war fröhlich. Nun begann das Mitspiel der Zuschauer. Viele Hände flogen empor, viele Gesichter verzerrten sich. Viele Schreie flatterten empor und nach der Bühne: »Ein Spion! Ein Spion!« Aber die Spieler auf der Bühne waren taub; sie hörten nichts, sie sahen nichts, sie stellten sich dümmer, als sie waren. Die Masse raste vor Verzweiflung. Immer lauter brüllten sie: »Ein Spion! Ein Spion!« Die Schauspieler erwachten endlich, hielten die Hände an die Ohren, sahen neugierig um sich und rannten hin und her. Und endlich entdeckten sie hoch oben auf dem Baum den englischen Spion. Wie Panther sprangen sie nach dem Baum und rüttelten und schüttelten ihn so lange, bis der englische Mann zuerst das Fernrohr und dann sich selbst fallen ließ. Unter dem erlösten und rauschenden Beifall der Menge stürzte er in das dunkle Wasser, panschte umher und rettete sich auf das treibende Wrack des englischen Geschwaders. Spott und Gelächter verfolgten ihn noch lange. Dann verlief sich die Menge. »Wie hat es euch gefallen?« fragte uns Njura. »Bei uns werden in dem letzten Jahr oft solche Spiele aufgeführt. Die Schauspieler sind alles Leute aus den Fabriken. Gibt es das bei euch auch?« »Nein«, sagte ich und war noch ganz erregt von der heiteren Einfalt der Szenen. »Nein, so etwas haben wir noch nicht, Njura. Es war schön, es war sehr schön!« »In den nächsten Tagen wird ein neues Spiel gezeigt werden. An der Börse. Fünftausend Menschen spielen da mit. Das müßt ihr sehen! Petrograd spielt für euch das neue Spiel«, erzählte die Lettin. »Fünftausend?« staunte Maartens. »Wenn es gut geht, haben wir in ganz Holland anderthalbtausend Leute in der Partei.« Njura lächelte stolz. Wir fuhren in die Stadt zurück. Am nächsten Tage, ich hatte Katja nicht mehr gesehen, erzählte ich Merkel auf dem Wege zur Peter-Paul-Festung von jenem Nachmittag auf den Inseln. Er war in Kronstadt auf den Spuren der Revolution gewesen und hätte lieber diese politischen Spiele gesehen. Wir gingen über die Rastwenstwabrücke. Die Newa strömte und glühte. Ich erzählte Merkel auch von dem geplanten neuen Spiel der Fünftausend an der Börse. »Fünftausend sollen mitspielen?« fragte er und machte ein unglückliches Gesicht. Dann hob er ganz schnell seinen großen Kopf aus den verwachsenen Schultern und sagte: »Was ist da schon groß dabei: fünftausend! Das Kolosseum im alten Rom, weißt du, faßte siebzigtausend Menschen.« »Das Kolosseum? Ich kenne das Kolosseum, aber Menschenskind, was hat das Kolosseum mit Petrograd zu tun?« fragte ich. »Die römischen Kaiser kannten zwei Arten, das Volk zu beruhigen und zu unterhalten«, murrte er verdrießlich. »Hast du noch nichts von Brot und von Spielen gehört? Die verstanden schon das Geschäft. Hier sehe ich nur die Spiele. Das Brot ist schwarz und bitter.« »Und du bist verbittert«, gab ich zur Antwort. »Erst freutest du dich über die Erzählung von den Spielen auf den Inseln, und nun meckerst du. Mensch, warum bist du überhaupt nach Rußland gekommen?« Er zog den Kopf wieder ein. »Weil hier die Zukunft sein kann. In zwanzig Jahren. In hundert Jahren. Ich weiß nicht, wann. Und warum ich meckere? Weißt du, es ist für einen Krüppel verdammt schwer, das Lachen gutgewachsener Menschen zu hören. Aber das kannst du doch nicht kapieren!« »Ich verstehe schon, Hans«, sagte ich. »Aber hier lacht doch kein Mensch über dich! Wir alle tragen doch einen unsichtbaren Buckel mit uns herum. Jeder hat seine Kriegskasse zu schleppen und muß für alles und für jede Kleinigkeit zahlen.« Aber er ließ sich nicht trösten und sagte: »Kann schon sein, Otto, aber mein Buckel, der ist nicht unsichtbar. Meinen Buckel sieht man auf den ersten Blick. Na, laß man, wir wollen darüber kein Wort mehr verlieren.« Wir hatten die Brücke bald überschritten und sahen vor uns die gewölbte und sanft glühende Architektur der Moschee. Sie war geschlossen. Die mohammedanischen Menschen waren aus dem kalten Norden in ihre Sonnenländer geflohen. Die Festung stieß mauernumwehrt bis in die Newa vor. Wir ließen die Moschee, wir bogen zur Festung ein, passierten eine kleine Brücke und die Wache und standen bald in einem kühlen, großen Hof. Der Festungskommandant erschien. Er hatte in seiner grünen Jugend selbst in einem der Kerker gesessen. Nun brachte er uns als freier Mann durch viele Höfe und an der Kaserne vorbei nach dem berüchtigten Gefängnis. Die Kerker lagen jenseits der grünen Gärten an der Newa. Eiserne Türen öffneten sich kreischend. Wir traten in das Gefängnis ein. Zuerst besuchten wir die unter dem Wasserspiegel der Newa liegenden Zellen. Dort saßen früher die politischen Gefangenen. Wir sahen eine trostlose Flucht geräumiger Kerker, Katakomben des Grauens, auch heute noch in ihrer Leere. Die Schritte hallten und schallten auf den steinernen Fliesen. Wieviel Leid war über diesen dunklen Flur getaumelt! Der Kommandant ließ eine Zelle öffnen. »Hier hat einmal die Wera Figner gesessen, ehe sie nach der Schlüsselburg kam«, sagte er leise. »Ihr wißt ja, Wera Figner, Attentat auf den Zaren. Sie war dafür zweiundzwanzig Jahre lebendig begraben.« Zweiundzwanzig Jahre! Der Schmerz kann nicht in Tage oder Monaten berechnet werden. Es gibt ja Stunden, die wiegen schwerer als Jahre, und es gibt auch Jahre, die sind leicht wie die Stunden. Aber zweiundzwanzig Jahre sind trotzdem elfhundertvierundvierzig Wochen! Ja, eine Lawine voller Qual und Grauen rollte durch das steinerne und dunkle Gefängnis. »Und wo saß Krapotkin?« fragte Merkel. »In der übernächsten Zelle. Dort hat er sein Fürstentum zu Boden geworfen, um die Freiheit, um sein Menschentum zu gewinnen.« Merkel liebte Krapotkin und trat behutsam in seine Zelle. Mit scheuen Fingern strich er über den kahlen Tisch und über das harte Bett. Er atmete schwer. Alle diese Kerker waren kühle und gutfundierte Grüfte. Wir sahen durch die Gitter die Newa fluten. Aus diesen Zellen führte der Weg selten in die Freiheit zurück. Der Weg aus den Grüften führte meistens in die Verbannung oder an den Galgen. Wir sahen noch viele Kerker, wir hörten berühmte Namen: Bakunin, Trotzki, Parvus und Leo Deutsch. Dann wurden uns die berüchtigten Dunkelzellen gezeigt, die jeden Lichtstrahl durch doppelte Türen und vermauerte Fenster absperrten. In diesen Zellen gingen das Wehegeschrei der Gefolterten und der brüllende Wahnsinn der Gepeinigten lautlos unter. Wir liefen wie an vielen Gräbern vorbei. »Nun will ich euch etwas zeigen, was nur in Rußland möglich war«, sagte unser Führer und führte uns aus der Tiefe nach der oberen Etage. Auch da oben lagen viele Zellen, aber sie unterschieden sich wie der Tag von der Nacht, wie das Leben von dem Tode. Diese Zellen nämlich waren hell und freundlich, wenn überhaupt eine Zelle hell und freundlich sein kann. In dieser Etage saßen früher die kriminellen Sträflinge. Kampf für die Freiheit: das war lebendiges Begrabensein. Diebstahl und Betrug war erträgliches Wohnen! Diese beiden Kerkerreihen in der Peter-Paul-Festung waren ein grausamer Anschauungsunterricht und machten viele unverständliche Dinge verständlich! Der Russe sagte kein Wort. Er ließ die Tatsachen sprechen. Wir verließen bedrückt die Festung. Im Sonnenlicht aber dachte ich daran, daß in jenen elenden Kerkern die Nihilisten, Terroristen, die Sozialrevolutionäre, die Sozialdemokraten und die Kommunisten zusammen gesessen hatten, die Väter und Kameraden jener Männer, die sich jetzt im Siege erbarmungslos bekämpften, mit allen Mitteln, mit dem Kerker, mit der Verbannung, mit dem Tod. Im Hotel fand ich Nachricht von Njura vor, die zu einer Unterredung im Hotel »Astoria« ersuchte. Ich ging hinüber. In der Hotelhalle starrte die Mündung eines Maschinengewehrs jedem Besucher entgegen. Njura händigte mir eine russische Pressekarte aus. Ich ging wieder in die Stadt. Auf dem Newski kam ich mit einem jungen Menschen ins Gespräch. Ein Wort gab das andere, und ich fragte: »Was sagt ihr nun, die ihr mitten in der Arbeit lebt? Wie stellen Sie sich zu dem neuen Rußland?« »Oh«, sagte der junge Mensch und machte ein undurchdringliches Gesicht. »Man sieht und schweigt.« »Ihr schweigt?« »Ja, wir schweigen. Was sollen wir auch tun? Wir haben nichts zu sagen. Sie kommen aus dem Westen«, sagte er, »und der Osten ist für Sie eine neue Welt. Sie glauben, Neues zu sehen, und was ist das Neue? Es ist doch meistens nur das Unbekannte.« Ich protestierte und meinte: »Vielleicht haben Sie recht, aber man sieht doch auch wirklich Neues in Rußland! Wir waren zum Beispiel auf den Inseln. Dort haben wir die Heime gesehen. Das Theater war wirklich neu und schön. Wir haben auch einmal einen ›Samstag‹ beobachten können; da waren junge Leute dabei, die lachten bei der Arbeit. Soll das gar nichts sein?« »Wir haben früher selbst auf den Inseln gelebt«, sagte der junge Mensch nachlässig. »Aber das sei alles vergessen. Warum sollen nicht einmal andere Leute schöne Wohnungen haben? Aber – auf den Samstagen, Bürger, bekommt jeder Teilnehmer ein Pfund Brot und einige Bonbons extra. Und das ist in der gegenwärtigen schweren Zeit nicht zu verachten.« »Brot und einige Bonbons?« fragte ich. »Sie meinen, es würde nur deshalb gearbeitet?« »Nein, nein«, protestierte er. »Nicht nur deswegen, aber auch deshalb. Ich für meine Person wäre lieber in Berlin oder Paris. Und so denken viele Leute. Aber man läßt uns ja nicht aus dem Lande heraus. Warten Sie, Bürger, bis die Feste vorüber sind, da werden Sie das wirklich russische Leben beobachten können. Es ist viel Not und Elend bei uns.« »Schön«, sagte ich, »ich werde den Alltag abwarten«, und ging weiter. Ich wußte schon, daß in unsere Begeisterung nicht alle Leute einstimmten; sie hatten ja gelitten und alles verloren. Es gab viele Menschen, die der neuen Ordnung feindlich waren und schwiegen. Sie lästerten oder kämpften auch dagegen an. Ich haßte alle Gegner. In der Peter-Paul-Festung hatte ich einen Spruch gelesen, der mich an jenen Tagen ganz ausfüllte: »Wer die alte Welt nicht gehaßt hat, Kann die neue Ordnung nicht lieben.« Es gab damals viele Inschriften und Losungen, die heute von der Geschichte selbst von den Wänden gerissen sind, aber in allen Parolen war eine strenge Gesetzmäßigkeit, war eiserne Unerbittlichkeit und manchmal auch Hochmut und Grausamkeit, die den einzelnen und sein Glück zermalmt, um neue Aufgaben, neue Ziele und vielleicht auch ein neues Glück zu bringen. »Die Freiheit ist ein bürgerliches Vorurteil«, hatte Lenin verkündet. Aus allen Ländern aber, in denen der Kampf um die Freiheit ging, strömten die Delegierten nach Rußland. Chinesen kamen, Neger, Japaner, Italiener, Deutsche, Spanier, Franzosen und Koreaner. Alle Hautfarben und alle politischen Linksströmungen fanden sich hier zusammen, eine internationale Bruderschaft sammelte sich zum Kongreß der neuen Internationale. Der zweite Kongreß der dritten Internationale wurde eröffnet. Am Oktoberbahnhof, vor dem holzverschalten Denkmal Alexander III. sammelte sich das Volk. Endlich kam der Moskauer Zug. Viele Hochrufe, viele Lieder stiegen empor. Dieser Tag war ein Feiertag. Die Fahnen vor dem Bahnhof wurden wie goldbestickte Heiligenfahnen vorangetragen. Die ersten Ansprachen knallten in den schönen Tag. Geschmückte Straßenbahnen brachten uns nach dem Smolny. Ich war kein Delegierter, aber die russische Pressekarte machte alle Wege frei. Vor dem Smolny sah ich die neuen Männer: Lenin, Bucharin, Kalinin, Radek, Gorki, die Balabanoff und viele andere. Wir wurden von Kalinin, dem Präsidenten des Reiches, in jenem Saale begrüßt, in dem Lenin seine Dekrete über den Frieden, über die Rote Armee und über die Landverteilung vorlegte. Als er das Dekret über die Landverteilung vorlegte, erzählte man mir, stürzte ein kleiner Bauer auf ihn zu und rief: »Lenin, Lenin, du bist der neue Zar!« Im Taurischen Palais wurde der Kongreß eröffnet. Wir marschierten oder fuhren nach dem Palais. Sinowjew erklärte: »Die Arbeiter der verschiedenen Länder vereinigen sich, um sich vom Joche der Reichen zu befreien. Was könnte zugleich erhabener sein? Genossen, hört ihr denn nicht das Flügelrauschen des Sieges?« Wir hörten das Flügelrauschen des Sieges. Dann sprach Kalinin, ein Mensch mit dem biederen Gesicht eines deutschen Handwerkers. Er war noch bei seiner Ansprache, als die Unruhe im Saale begann. Lenin erschien. Lenin betrat die Bühne. Und als der kleine, kahlköpfige Mann mit dem hohen Schädel und dem schlauen Tatarengesicht auf der Bühne stand, da riß uns mystische Gewalt aus den Sesseln. Raserei begann, in der selbst eisgraue Spötter umschmolzen. Beifall krachte hoch und vermischte sich mit allen Sprachen der Erde. Fanatische Besessenheit hatte uns alle erfaßt, in uns war der Glauben gequälter Geschlechter an die Erlösung. Sinowjew und seine Beredsamkeit hatten wir vergessen. In unsere Raserei stürzten Trompetenstöße und bändigten endlich den großen, heftigen Sturm. Noch einmal wollte sich der Beifall zu einer grünen Meereswoge wölben, aber da streckte der Mann mit dem Tatarengesicht die Hand weit aus wie über aufgewiegelte See. Er begann zu sprechen, und seine rauhe, bezwingende Stimme schaffte atemlose Ruhe. Er sprach russisch. Seine Rede war eine kühle Analyse der weltpolitischen Situation. Ich verstand kein Russisch; die Rede habe ich später gelesen und ein Bruchstück daraus im Astrachaner Kreml gefunden; aber das war ja ganz gleichgültig, ob ich Russisch verstand oder nicht. Die Tatsache, daß Lenin sprach, machte uns alle trunken. Die weißen Feuer der Blitzlichtaufnahmen blendeten in diese Rede, rote Soldaten marschierten auf und hielten unter der geschmückten Balustrade erstarrte Wache. Und als Lenin plötzlich endete, da rollte die Woge der Liebe und der Gläubigkeit wieder durch das Taurische Palais. Die Russen brüllten russisch, die Deutschen deutsch, die Chinesen chinesisch: es war eine Sprachenverwirrung ohnegleichen, doch sie wurde geordnet und zusammengeballt in dem Schrei: »Lenin!« An diesem Tage stiegen noch einige Redner auf die Tribüne und donnerten ihre Manifeste in den Saal, Grüße an die Armee, Fluch gegen Polen; aber diese Reden waren wie Raketen, die aufsteigen, glühen, blühen und schnell versinken. Die großen Beschwörungen habe ich vergessen, geblieben ist die Erinnerung an die Stunde, in der Lenin sprach. Vom Taurischen Palais zogen wir in bewegten Zügen nach dem Marsfeld, zu den Toten. Die Abgesandten der Welt huldigten den Opfern der Revolution. An den roten Granitblocks sah ich flüchtig Katja. Sie ging vorbei und sah mich nicht. Dann marschierten wir nach dem Winterpalast weiter. Überall stießen großen Massen aus der Stadt vor und sammelten sich vor dem Palast. Die Sonne flammte. Dieser Sommertag war ein einziges, berauschtes Fest. Dann standen wir auf den breiten Tribünen. Unter uns wogte das Volk und war wie ein unermüdlicher Überfall aus dem Dunkel in das Licht. Ein indischer Delegierter sprang auf die Balustrade, warf die langen Arme hoch und begann zu sprechen. Englische und hindustanische Worte mischten und verwirrten sich, stammelten, prophezeiten. Auch Maartens, der Holländer aus Java, sprach. Und Goldenberg ergriff das Wort und schrie sinnlose Sätze in die bewegte Versammlung zu unseren Füßen. Musik begann zu brausen. Die Matrosen der Baltischen Flotte spielten. Eine Bauerndelegation begrüßte uns. Dann wurde es ganz still. Lenin erschien. Zweihunderttausend Menschen gerieten in Raserei und Verzückung. Mütter rissen ihre Kinder hoch. Bärtige Bauern erhoben die erdigen Gesichter. Viele Fahnen schwenkten grüßend hin und her. Groß und drohend stieg aus der Menge das Lied der Revolution: die Internationale. Plötzlich zerbrach alles und wurde totenstill. Gläserne Stille kam. Lenin begann zu sprechen. Lenin sprach, und das Volk zeigte sein Gesicht, das hunderttausendfältige Gesicht der Leiden und der Hoffnungen. Die Leute unter uns warfen die Köpfe leicht in den Nacken. Sie tranken jedes Wort des Führers wie Verdurstende ein. Solche Liebe und Hingabe hatte ich noch niemals erlebt. In mir war nichts als Grausen und Bewunderung. Lenin sprach. Ich sah seine wundervoll gemeißelte Stirn, den schalkhaften Mund und die einfachen Gesten. Manchmal legte er, wenn er sprach, den Kopf auf die rechte Seite und stieß mit der Hand irgendeinen schlimmen Feind zu Boden. Seine Stimme klang unpathetisch, war viel eher die Stimme eines Konstrukteurs als eines Volksredners. Aber gerade darin lag ihre magische Gewalt. Plötzlich wurde es still. Man hörte zweihunderttausend Menschen atmen. Lenin hatte, ohne die Stimme zu senken oder zu heben, unvermittelt abgebrochen und war sofort verschwunden. Einige Sekunden lag noch das gläserne Schweigen über dem Platz: dann zerbrach das Schweigen und splitterte in tausendfachen Schreien auf. »Lenin! Lenin! Lenin!« brüllte der weite Platz. Dann flatterten, wie weiße Schmetterlinge, viel hundert beschriebene Zettel nach der Bühne, Fragen an Lenin. Sie wurden von einem Sekretär gesammelt. Der Führer blieb unsichtbar. Endlich beruhigte sich die Masse. Nur ab und zu grollte ein ergebener Donner gegen den Palast: »Le–nin ... Le–nin ...« Wie schwer und wie tief mußte ein Volk gelitten haben, wie jung mußte ein Volk sein, um nach all den blutigen und entsetzlichen Jahren diese Liebe und Gläubigkeit aufzubringen! Der alte Zar war gestürzt, der weiße Zar, ein neuer Zar war erstanden, der rote Zar. Die Masse muß einen Führer und entschlossenen Helden haben, den sie vergöttern darf. »Otto, da ist Lenin!« flüsterte mir Maartens zu. Er war aufgeregt und riß mich mit sich fort. Er bekam einen roten Kopf und trat wie ein Schüler vor seinen Meister. »Genosse Lenin«, sagte er und streckte die Hand aus. »Ich heiße Maartens und bin der Delegierte aus Java.« »Freut mich«, antwortete Lenin auf deutsch. »Freut mich. Haben Sie gute Reise gehabt? Sie ... kommen als Vertreter der Javanesen?« Dabei blinzelte er den Holländer listig an. »Ja, ich komme aus Java«, stotterte Maartens. Da stellte ich mich auch vor. »Glarus«, sagte ich. »Guten Tag, Genosse Lenin.« »Kommen Sie auch aus Java?« sagte er, gab mir die Hand, und der Spott zuckte um seinen Mund. »Nein. Ich komme aus Berlin.« »Nun, darüber werden wir noch in Moskau zu sprechen haben«, sagte er und lief mit kleinen, schnellen Schritten davon. Ich war sehr glücklich. Ich habe Lenin noch viele Male gesehen und in Moskau auch noch einmal mit ihm gesprochen, aber am stolzesten bin ich doch auf die erste Begegnung vor dem Winterpalast in Petrograd. Der Winterpalast lag bald verlassen in der grellen Sonne. Das Volk verströmte. Wir spazierten nach den Hotels zurück. An der Isaakkirche sah ich Katja. An ihrer Seite ging ein Engländer. Ich wurde eifersüchtig. Sie sah mich sofort, winkte mit der Hand, grüßte und lachte. Ich winkte eifrig zurück. Am Abend fuhr ich mit einigen Freunden und mit Njura zur Börse und erlebte das Spiel der Fünftausend. Auf dieser Fahrt erzählte Njura eine bezeichnende Episode von Maxim Gorki. Gestern nämlich war eine Probe des Spiels gewesen, Gorki war auch dabei, und als die Kosaken vorüberrasten, stürzte ein Pferd. Es stürzte unglücklich und sollte erschossen werden. Dieses Gerücht ging über den steinernen Platz und erreichte auch den Dichter. Als er das hörte, sagte er. »Nein, es wird nicht erschossen, ich werde es schon retten«, und ging zu dem Pferd. Nach einigen Minuten kam er zurück, war fröhlich und sagte: »Es lebt. Es braucht nicht erschossen zu werden.« An den Fronten starben viele Menschen, in den Städten hungerten die Kinder, es gab viel größere Dinge zu bemitleiden als ein gestürztes Pferd, aber mir wurde plötzlich klar, daß sich gerade in so kleinen menschlichen Angelegenheiten die Seele viel nackter zeigt als in den tragischen und heroischen Augenblicken. Der Platz, auf dem die Börse steht, wird von der Newa umarmt. Von der Tribüne kam der Amerikaner Freeman und begrüßte Njura herzlich. Er liebte das Mädchen. Sie liebte ihn. Auch der Edelsteinäugige kam und zeigte seine goldgesprenkelten Augen. Auch Maartens, Goldenberg und Merkel besahen sich das Spiel. Dunkelheit wogte heran. Die weißen Nächte waren nach dem hohen Norden gezogen. Lichter und Fackeln brannten. Das Spiel begann. Dieses Spiel, das sich bis in die Nacht hinein abrollte, war das Schauspiel des proletarischen Kampfes und Sieges. Der breite Platz vor der Börse donnerte. Das Spiel ging ohne viel Rede und Gegenrede über den freien Platz und über die Stufen der Freitreppe, über die früher die Bankiers geschritten waren. Auf der Freitreppe war die heutige Welt dargestellt, das tragische Unten und das erlöste Oben, durch einen Tanzboden deutlich gemacht, auf dem sich heiter und beschwingt schöne Damen und Herren verlustierten. Zu ihren Füßen schmachtete das Volk und wurde von Fronvögten zur Arbeit angetrieben. In drei Akten nun entfaltete sich der Kampf des Volkes um seine Freiheit, gipfelte in der Pariser Kommune, dann im Tod der zweiten und im Sieg der dritten Internationale. Wir sahen in groben Umrissen, sehr oft für den Augenblick zurecht gemacht, die naive Geschichte der letzten Jahrzehnte. Frankreich, Deutschland und Rußland wurden gezeigt. Dazwischen lag Europa in Blut und Qual, Tränen und Hunger und der verzückten Hoffnung auf Erlösung. Das nächtliche Spiel bewegte sich in demselben glühenden Rahmen wie die Reden und Ansprachen im Taurischen Palais und vor dem gewaltigen Winterpalast. Gegen Mitternacht gingen wir heim. Wir spielten in den Gedanken noch einmal das Spiel durch und stellten Städte und Menschen unserer Heimat auf die Bühne der Geschichte und ließen sie den Kampf um die Entscheidung wagen. Die dunkle Newa flammte auf. Aus Kronstadt waren Kriegsschiffe gekommen und Schossen Salut. Lichtwirbel und Feuerräder kreiselten. Aus unsichtbaren Wolken fiel goldner Regen. Ich dachte an die letzten Wochen. Zu viel war auf mich eingestürzt. In mir war Freude und Trauer. Warum war ich traurig? Ich wußte es nicht. Warum war ich freudig? Ich hörte das Flügelrauschen des Sieges. Auf dem freien Platz vor der Kathedrale brannten immer noch die Feuer. Die Stadt schlief. In dem verwilderten Garten vor der Admiralität spazierte ein Matrose mit seinem Mädchen. Sie lachte golden durch die Dunkelheit. Schwermut kam. Würde ich mit Katja auch einmal durch die Dunkelheit Spazierengehen und ihr Lachen hören? Am nächsten Tag reisten wir nach Moskau. FÜNFTES KAPITEL Moskau In Moskau sieht man noch das Gesicht Europas, aber in Moskau funkelt Asien aus schiefgestellten Augenschlitzen. Über der weitgebauten Stadt, die an ihren Rändern wie ein großes Dorf ist, erheben sich viele hundert Kapellen und Kirchen, eine bizarrer und phantastischer als die andere. Von Moskau war ich begeistert. Mit Maartens bewohnte ich im Hotel ein großes Zimmer. Wir bummelten viel durch die Stadt, und einmal spazierte ich auch mit Katja durch den Alexandrowski-Park am Kreml. Sie war zwanzig Jahre alt und in TifIis geboren. Wir hatten uns im Hotel gesehen und wie alte Freunde begrüßt. Dann spazierten wir durch Kitai-Gorod, die Chinesenstadt und kamen auf der breiten Warwanka zum Roten Platz, der viele Kostbarkeiten auf seinem geduldigen Hügel trägt. Katja begann mit einem politischen Gespräch. Ich erzählte von Deutschland und dem Novemberumsturz. Sie war sehr wißbegierig, erkundigte sich nach den Parteiverhältnissen und nach bestimmten Führern, ich sagte alles, was ich wußte, weil ich eben noch nicht wüßte, wer das Mädchen war und für wem sie arbeitete. Ich habe erst viel später erfahren, warum sie sich für mich interessierte. Ich war kein Delegierter zum Kongreß, und die politische Polizei interessierte sich für den Revolutionsbummler. Aber das wußte ich alles noch nicht. Ich war ja ein Kind. Ich schwätze drauflos. Im Alexandrowski-Garten spazierten viele junge Leute. Ich fragte nach Nowikoff. Sie sagte, er sei noch in Petrograd. Alle Schwermut von damals war vergangen: ich hielt ein schönes Mädchen in meinem Arm, ich atmete den Duft ihres Haares ein, ich hörte ihr helles Lachen. Am Abend trennten wir uns und verabredeten eine Zusammenkunft für den nächsten Tag. Aber sie ließ mich vergeblich warten und war auch in den kommenden Wochen unsichtbar. Von Ruhla hatte ich noch keine Antwort. Wie seltsam und wie schön ist doch Moskau! Am seltsamsten und schönsten aber ist doch der Rote Platz. Auf diesem Platz wurde Geschichte gemacht. Im vergangenen Jahrhundert trafen sich hier die Handelsstraßen aus der ganzen Welt. In der nahen Chinesenstadt häuften sich die Schätze aus allen Erdteilen. Über diesen Roten Platz strömte auch Blut. Da lag nun der Kreml, diese mauernumwehrte Stadt der Kirchen und Paläste! Über den Toren starrten noch die alten, doppelköpfigen Adler des Kaiserreichs. Vor dem gleißenden Prunk der Kirchen flatterten die Fahnen der Revolution. Am Iberischen Tor stand die Kapelle der Iberischen Madonna, ein berühmtes Muttergottesbild, um das sich die Leute drängten. Der Kapelle gegenüber, an der Wand eines Hauses, war eine Losung von Karl Marx zu lesen: Religion ist Opium für das Volk. Zwischen den Manifestationen von gestern und heute marschierten die Aufzüge der Moskauer nach dem Roten Platz. Die Armee formierte sich da oben und leistete mit gefälltem Bajonett den Fahnenschwur, Trotzki hielt dabei seine berühmten, weithinschallenden Ansprachen. Ja, in der Kapelle dröhnten die dunklen Bässe der Popen, vom Kreml klingelte in den ergebenen Gesang das Glockenspiel die »Internationale«. Im Alexandrowski-Garten spazierten die Liebesleute. An der Kremlmauer lagen die Toten des großen Aufstands begraben. Auch in Moskau wehte noch das Flügelrauschen des Sieges, aber geisterhaft dröhnten von der polnischen Front die Trommelschläge der Geschütze. Vor dem Kreml waren einige Tage lang die Beutestücke von den vielen Fronten aufgestapelt: Kanonen und Tanks, Flugzeuge und Maschinengewehre. Die Idee marschierte nicht mehr mit nackten Füßen, sie hatte Eisenschuhe an und trug Handgranaten im Gürtel. Die Grundakkorde des Weltkongresses hatte Lenin in Petrograd schon angetönt, nämlich: früher waren wir nur Agitatoren, jetzt sind alle Arbeiter für uns und auch die farbigen Völker rühren sich. Jetzt, in diesem Augenblick, ist der Entscheidungskampf zwischen der alten und der neuen Welt da! Der Kongreß tagte drei Wochen im vergoldeten Saal des Alexanderpalastes. Die Eingänge zum Kreml sperrte eine doppelte Postenkette ab. Nur Auserwählte durften sie passieren. Ich war unter den Auserwählten. In dem kahlen Raum neben dem Thronsaal, im Rauchzimmer, hing eine große Karte, auf der die Front mit bunten Fähnchen abgesteckt war. Wie oft standen wir vor jener Karte und verfolgten den Vormarsch der Armee! Damals wußte ich noch nicht, daß ich sechs Wochen später auch an die Front fahren würde, um mit einer geschlagenen Armee eine Stadt zu räumen. Über den Kongreß selbst will ich nichts berichten, seine Auswirkungen sind ja in Rußland und in der Welt gespürt worden, nur das sei gesagt, daß die Russen, berauscht von ihrer Macht, gegen jede Opposition geschlossen auftraten und auch ihren Freunden und Verbündeten die Bedingungen der Kämpfe und die Methoden ihrer Arbeit vorschrieben. Ich war für die Russen, aber ich kannte auch den Westen gut genug und gab in vielen Fragen der Opposition recht. Ich war noch wankend und schwankend und wußte noch nicht, daß heute noch nicht die Gerechtigkeit siegt, sondern die Macht, und daß der herzlose Mensch am leichtesten gewinnt, der Mensch, der mit seinem Gehirn die Herzen lenkt, verwirrt, mitreißt und zum Siege führt. Ich hörte viele Reden und viele Redner: Lenin, Bucharin, Rakowski, Trotzki und auch Radek. Ich schrieb meine Berichte, die weiter nichts als Hymnen waren. Das Kongreßpräsidium thronte auf einer Balustrade. Hinter ihr wölbte sich ein purpurner Baldachin, der die goldnen Throne des Zaren und seiner Familie verdeckte. Einmal sah ich Lenin krumm und gedankenvoll am Baldachin hin und her gehen. Ich faßte mir ein Herz und sprach ihn an. »Oh«, sagte ich verlegen, »ich wollte Ihnen nur noch einmal die Hand drücken«. »Das haben Sie ja schon in Petrograd getan«, sagte er lächelnd. »Sie sind doch der junge Mensch, der für uns die Berichte schreibt?« »Ja, das bin ich, aber ich möchte gern einmal mit Ihnen ausführlich sprechen«, antwortete ich. »Jetzt nicht, vielleicht später einmal«, sagte er und begann das plötzlich russisch zu sprechen. Ich verstand sehr wenig russisch und sagte es. Da lächelte Lenin, aber sein Lächeln war nicht mehr freundlich. »Sie verstehen nicht russisch und schreiben Berichte?« sagte er mürrisch. »Fahren Sie an die Wolga zu den Deutschen. Reden Sie dort mit den Leuten, hören Sie gut zu, was gesagt wird, beobachten Sie das Leben in der Stadt und auf dem Dorfe, und wenn Sie alles gesehen, gehört und geprüft haben, dann sollen Sie sich hinsetzen und Berichte schreiben!« Als er mein bestürztes Gesicht sah, lachte er laut und stieg auf die Balustrade ins Präsidium. Bald darauf wurde die Sitzung unterbrochen. Die Delegierten strömten ins Rauchzimmer oder nach dem kalten Büfett, ich blieb allein im Thronsaal und lüpfte den Purpur, der die Throne verdeckte. Auf diesen goldnen Sitzen hatten schon viele Ausländer den Rausch flüchtiger Minuten ausprobiert. Auch ich huschte hinter den Purpur und setzte mich auf einen Thron. Aber bald erschien mir das Spiel dumm und einfältig. In der Revolution waren die Throne über das Straßenpflaster gerollt: wir stießen mit unseren Füßen nach ihnen, und nun probierte ich diese Sessel aus! Plötzlich bewegte sich der Baldachin. Merkel zeigte sich. Auch er wollte sich auf einem Thron ausruhen. Als er mich sah, wurde er rot und verlegen. »Herauf, Volksbeauftragter«, sagte ich. »Ich bin der Kaiser und du der Thronfolger.« Dann wandten wir uns ruhigeren Gefilden zu und besuchten das Büfett. Wir kamen durch eine Reihe kostbar ausgestatteter Räume. In einem Zimmer stand das breite Bett, in dem die Kaiserin Katharina geschlafen haben soll. Auch dieses Bett wurde von den Ausländern angestaunt. Die ganz kühnen Männer streichelten es oder setzten sich behutsam auf den weichen Rand. Ja, die Welt hatte sich gedreht! Und wenn die Delegierten wieder in die Dunkelheit ihrer Arbeit zurückkehrten, da konnten sie vertrauten Freunden von jenen Abenteuern erzählen: auf dem Zarenthrone habe ich gesessen! Im Bett der Kaiserin hätte ich beinahe geschlafen! In jenem Palast gab es noch ein anderes, kühles und abseitiges Ziel. Viele Delegierte wanderten in den Pausen nach den stillen Räumen, auf die auch der Zar allein gehen mußte. Nun waren sie dem Präsidium vorbehalten. Die Ausländer mußten sich, wenn sie mal mußten, in die untere Etage bemühen. Aber sie bemühten sich nicht gern nach unten, sie blieben gern in der Höhe, und es waren richtige Prozessionen aus dem Sturm in die Stille. Da wurden nun die großen und kleinen Wünsche erledigt. Der Kongreß tagte weiter. Ich setzte mich an den Pressetisch und ging dann auf den schönen Balkon hinaus. Im wühlenden Dunst schimmerte Moskau wie ein Blumenbeet. Die Mosqua wand sich in vielen Schleifen und Kurven da unten, die Sperlingsberge, jene heiteren Hügel, funkelten. Die Welt war schön! Die Stadt schlief schon und wiegte sich in ihren Träumen, als wir den Kreml verließen und durch die warme Nacht wanderten. Die Warwanka lag verlassen vor uns. Aus ihren kurzen Seitenstraßen, die nach der Mosqua abfielen, stieg in schweren Wolken übler Geruch auf. In den Kellern einiger Häuser sammelte sich in stinkenden Kloaken der Unrat des ganzen Viertels. Am anderen Tag spazierte ich mit Merkel durch Moskau. Vor uns lag der Kreml, das steinerne Wunder, indem italienische Architektur ganz scharf mit asiatischen Flächen und Kuppen zusammentrifft. Merkel war melancholisch. »Zuviel Jubel«, sagte er. »Zuviel Tamtam! Ich war gestern in einer Vorstadt und habe gesehen, wie die Arbeiter leben. Sie leben viel schlechter als wir im Westen. Sie haben nur schwarzes Brot, und das nicht jeden Tag, und trinken heißes Wasser als Tee. Uns füttert man im Hotel immer noch mit Weißbrot, Butter und Kaviar ... Ich habe da einen Maurer getroffen, Otto, der hat mir ganz kühl erklärt, unter dem Zarismus hätte das Volk besser gelebt ... Natürlich, hier war der Bürgerkrieg, aber man sollte doch mehr auf das hören, was die Arbeiter sagen und nicht nur die Referate im Kreml beklatschen. Hinter dem vielen Hurrageschrei kann man, wenn man nur will, ganz deutlich das Wort Hunger hören, lieber Otto.« Natürlich hatte Merkel recht. Nach der vielen Begeisterung kam auch mir die Ernüchterung. Wir wurden geehrt und begrüßt, als seien wir Führer und Helden. Überall wurden wir als Retter gefeiert. Was wußte das breite Volk vom Westen? Was wußten sie von Deutschland? Zwei Namen waren heilig: Liebknecht und Luxemburg, aber das war doch nicht Deutschland! Die Russen waren so naiv, den Willen zum Umsturz mit dem Siege gleich zu setzen. Wir fühlten auch die Wellen des Antisemitismus, der durch das Land schwemmte und sich in Verwünschungen oder Witzen verspritzte. Damals hörte ich folgende Geschichte: Ein junger Agitator kommt in die ukrainischen Gebiete, aus denen kurz vorher die Polen vertrieben waren, und erklärte den Bauern und Kleinstädtern die weltpolitische Situation. Er kommt frisch von Moskau und läßt ein Meeting einberufen. Aus den Dörfern kommen viele Bauern. »Genossen«, sagte der Agitator, »heute weht die rote Fahne über Moskau, Odessa und Kiew, unsere Armee marschiert und siegt. Und bald wird auch wehen die rote Fahne über Warschau!« Einer von den Bauern aber rief: »Das glaube ich nicht!« Der Redner ließ sich nicht stören und donnerte weiter: »Und wenn wird wehen die rote Fahne über Warschau, dann wird sie auch wehen bald über Budapest. Sie wird wehen über Wien und Prag und ganz hoch wird sie steigen über der Stadt Berlin!« Zum zweiten Male rief der Bauer: »Das glaube ich nicht!« Die Versammlung wurde unruhig. Einige Leute lachten. Der Agitator wischte sich den Schweiß von der Stirn und ging endlich auf die Zwischenrufe ein. Er war sehr zornig und brüllte den kleinen Bauern an: »Und warum glaubst du nicht an den Sieg der roten Fahne? Ich sage dir, dir sage ich ganz allein: wenn wird wehen unsre Fahne hoch über der schönen und großen Stadt Berlin, dann wird sie auch wehen bald über der Stadt Paris und über der Stadt London!« Zum dritten Male krähte das Bäuerlein: »Das glaube ich nicht.« Alles lachte. »Und warum, glaubst du Konterrevolutionär und Hundesohn nicht, daß die rote Fahne wird wehen zuerst über Budapest, Wien und Prag, dann über Berlin und später über London und Paris?« brüllte der Agitator. »Jetzt sage mir, warum glaubst du das nicht?« Die Wände bekamen Ohren. Der Bauer sagte langsam und bedächtig: »Wo wollt ihr die vielen Juden hernehmen, die in die fremden Länder reisen und ihre Reden halten, damit ...« und er ahmte die singende Stimme des jungen Juden nach, »damit werden wehen die Fahnen über Budapest, Wien, Prag, Berlin, London und der großen Stadt Paris?« Nun begann ein Höllengelächter. Der junge Mensch verzog sich rasch. Er probierte sein Glück in einer anderen Stadt. Die Juden waren nicht beliebt. Die Revolution hatte sie aus den engen Wohnbezirken im Süden gerissen und über das weite Land verstreut. Sie waren überall und oft wurzellos. Das wußten die führenden Russen selbst. Der einzige Jude an sichtbarer Stelle war Leo Trotzki. Einer von der Trotzkirasse war auch der kleine Mandel, den ich in Moskau kennenlernte. Er war aus Warschau geflohen, um der Revolution zu dienen und sah diese Stadt als roter Soldat wieder. Warschau grüßte ihn mit Kugelschüssen. Eine Kugel im linken Fuß, hatte er sich wieder freiwillig an die Front gemeldet. Manchmal besuchte er uns im Hotel. Die großen Plätze lagen grell in der Sonne und sahen ganz italienisch aus. Eines Tages brannten die großen Torflager und verfinsterten mit ihrem Qualm auch Moskau. Die Russen sprachen von Brandstiftung und erzählten von den immer noch bestehenden Geheimorganisationen der Gegenrevolution. Als Beispiel führten sie an: Denikin stand vor Tula. In allen Moskauer Apotheken verschwanden auf einen Schlag alle Medikamente. Als der General geschlagen war, tauchten die Arzneien und Heilmittel wieder auf. Lebte man überhaupt noch auf dieser Welt? Manchmal war es, als lebe man auf einem anderen Stern. Deutschland war fern und verschollen, Deutschland, das war ja Europa, unerreichbar und strahlend. Hier war immer noch Revolte und Umsturz. Die Stadt hungerte. Sie war von der Front abhängig. In der letzten Woche gab es auf den Kopf der Bevölkerung nur 300 Gramm Brot. Tee und Zucker waren brennende Wunschträume. Die Spekulation blühte. Auf den Märkten gab es alles zu kaufen. Die Bauern kamen mit ihren kleinen Wagen vom Lande herein nach dem Hauptmarkt am Sucharewturm. Dort gab es Obst und Gemüse, Milch und Butter, Fleisch und weißes Brot, Eier und Hühner. Alles gab es dort zu kaufen. Die Verführungen der alten Welt zeigten sich den Hungernden und machten nur satt, wenn der Hungernde genug Tausendrubelscheine des wahnsinnig entwerteten Geldes vorweisen konnte. Alles konnte mit Geld gekauft werden in dieser Revolution, die das Geld abschaffen wollte: junge Schweine und Brillanten, chinesisches Porzellan und turkestanische Teppiche, kleine Öfen und Pelze, Schuhe und Heiligenbilder, Tabak und Salz, Gurken und Süßigkeiten. Alles konnte man kaufen. Die großen und die kleinen Spekulanten und Händler verramschten die Konkursmasse des ehemaligen Reichtums. Das Leben diktierte seine Bedingungen und hob selbst alle Dekrete auf. Manchmal kam Miliz und säuberte diesen Markt, aber in der nächsten halben Stunde wimmelten schon wieder die Käufer und Verkäufer herum. Ja, alles konnte man kaufen: alte Bücher und junge, schöne Mädchen. Ich war oft auf der Sucharewka. Auf diesem weiten Platze standen auch, eine schmale Gasse, die Damen und Herren aus der alten Zeit, bedrückte Figuren, die mit erschreckten Gesichtern – der Staat gab ihnen keine Lebensmittel – goldne Ringe, Brillanten, Silber und Spitzen anboten. Inmitten des robusten Volkes standen sie wie zerbrechliche Puppen da. Manche Gesichter waren nichts als eisige Abwehr, wo sie doch freundliche Bitte sein sollten. Hinter den Pelzen und Porzellan dampften die offenen Küchen, in denen fette Suppen und gute Pasteten verkauft wurden. Um diese Küchen drängten sich viele Bettler, junge und alte, und einmal sah ich einen mageren, beinahe durchsichtigen Chinesen, der schweigend an den Freßorgien vorüberging und mit seinem Finger die Brosamen auftupfte, die von den gesunden und satten Bürgern liegen geblieben waren. Im Hotel war viel Betrieb. Bis spät in die Nacht lärmten und schallten die Korridore von Geschrei und Gesang der Ausländer. Die letzte Flasche Kognak wurde getrunken, die letzte Büchse mit Tee oder Kakao angebrochen. Die Herzen der Stubenmädchen und Krankenschwester waren im Sturm genommen. Die Italiener führten den kühnsten Stoßtrupp an. Auch der kühle Holländer entflammte und kam zwei Nächte nicht in sein Zimmer. Als er zurückkam, war er immer noch erhitzt. Der Franzose hatte seinen Auftrag erledigt. Er bekam einen Beutel Edelsteine und reiste nach dem Westen zurück. Paul begleitete ihn. Der Edelsteinäugige kam niemals nach Paris. Er unterschlug die Brillanten und flüchtete mit Paul nach der Schweiz. Durch Maartens kam ich, als er wieder abgekühlt war, mit den Delegierten aus dem fernen Osten zusammen, mit fanatischen Indern, sanften Malayen, undurchdringlichen Chinesen, höflichen und lächelnden Japanern. Ich lernte auch Sinaida kennen, ein junges Mädchen aus Turkestan, die sich aber bald von mir abwandte weil ich zu sehr für Katja schwärmte. Sinaida näherte sich einem finnischen Delegierten, sah mich nicht mehr an und war zwei Wochen seine Frau. Der Finne wurde später mit einigen Kameraden in seiner Heimat geheimnisvoll ermordet. Leben auf einem anderen Stern? Neue Zeit? Mittelalter? Der kleine Mandel mußte wieder an die Front. Er traf mich nicht mehr und hinterließ einen Brief. In diesem Brief stand ein Gedicht. Der ganze Brief war eine einzige Hymne. Mandel schrieb: »Wenn du nach Hause kommst und den Brüdern von unserem Kampfe erzählst, dann sage, gewaltig war dieser Kampf! Das Blut des Löwen strömte aus vielen Wunden. Sein Fell war zerrissen. Kaum war der Löwe noch als Löwe zu erkennen, so zerfetzt und blutig war er. Aber seine Stimme war die dröhnende Stimme des Löwen, und sein Sprung und Prankenschlag der Sprung und Prankenschlag des Löwen. Als ich seine Wunden verbinden und seine Schmerzen lindern wollte, da lächelte der Löwe und sprach: Laß strömen das Blut! Siehe, der Feind keucht schon am Boden! Sein Weltrachen geifert nur Gift. Ich wäre kein Löwe, wenn ich Fell und Blut schonen würde. Wenn der Feind besiegt ist, will ich meinen Leib mit Salben schmieren. Sage dem proletarischen Löwen in Deutschland, dem älteren, schlafenden Bruder, wenn er seine Stimme endlich erhöbe, wenn sein Donner an mein Ohr schlüge, dann brauchte ich keinen Balsam. Sein Erwachen wäre für mich Balsam genug. Ich würde aufstehen, geheilt vom starken Ruf seiner Stimme.« Den kleinen Mandel habe ich nicht wieder gesehen. Später hörte ich, daß er an der Front, in der Krim, gefallen sei. Viele Soldaten sind damals gefallen. Die Welt ist ein Totenacker, und wir nähren uns von den Träumen von gestern und morgen. Viele Bekannte von damals sind gefallen oder verschollen, viele Parolen und Thesen sind vergessen, viele Geschichten und Episoden von damals sind vom Flugsand der Zeit bedeckt, der wie der Stürm in Astrachan von Wüste zu Wüste stürzt. Aus diesem grauen Sande will ich einige Episoden ausgraben, die mehr als persönliches Interesse haben. Auf der Twerskaja, der Moskauer Hauptstraße, kam ich mit einem Soldaten ins Gespräch, der mich nach meinen Eindrücken befragte. Als er hörte, daß ich erst vier Wochen in Rußland sei und vieles gut fand, da lächelte er und sagte: »Vier Wochen erst! Ja, wenn Sie vier Monate oder vier Jahre hier wären! Was ist das für ein Land! Nicht Europa und nicht Asien: nein, eben Rußland ... In der Zeitung liest man – Sie kennen doch den Witz: in der ›Prawda‹ ist keine ›Istwestja‹ und in der ›Istwestja‹ ist keine ›Prawda‹ – also in der Zeitung liest man schon seit drei Jahren, daß auch bei euch die Revolution und die proletarische Diktatur kommt. Ist das nun prawda oder istwestja?« Ich verstand das Wortspiel nicht, bis der Mann erklärte: in der Zeitung »Prawda« (Wahrheit) ist keine »Istwestja« (Nachricht), in der Zeitung »Istwestja« (Nachricht) ist keine »Prawda« (Wahrheit). Und als ich es widerwillig begriffen hatte, sagte ich: »Es ist prawda! Wer lebt, wird sehen. Lenin...« »Lenin ist ein großer Mann«, unterbrach mich der Soldat, »aber er sperrt sich in den Kreml ein, und wir sehen ihn kaum. Sie haben doch die Geschichte von dem Attentat der Frau Kaplan auf ihn. gehört? Die Sozialisten und Agitatoren haben eine große politische Schiebung daraus gemacht. In Wirklichkeit verhält sich die Sache so, daß die Frau Kaplan Lenins Geliebte war. Er hat sie sitzenlassen, und da hat sie eben aus verschmähter Liebe auf ihn geschossen. Das ist die Wahrheit, Bürger, so war es und nicht anders.« Ich staunte, wie sich in einfachen Köpfen das Bild des politischen Kampfes spiegelt, und als ich später Njura diese Episode erzählte, lachte Sie mich aus und sagte: »Aber das war doch ein Radieschen, lieber Freund.« »Ein Radieschen?« fragte ich. »Wieso Radieschen?« »Innen weiß und außen rot«, sagte sie. Damals besuchte ich auch viele Kinderheime. Im Russen ist viel Fanatismus und Liebe. Die Liebe findet man in den Kinderheimen. Aber nicht alle Kinder wohnten in den Heimen, und nicht alle Heime waren gut und Inseln des Glücks. Nicht alle Kinder waren fröhlich und sorgenlos. Der Bürgerkrieg tötete viel Gelächter. Die Not warf der Herzlosigkeit ihre Schlingen zu und drosselte manches junge Leben. Viele Kinderheime waren gefürchtet. Der General Denikin rückte in der Ukraine vor und wollte Moskau erobern. Er fand auf seinem Vormarsch aus dem Süden wenig Widerstand. Als er seine Regimenter aufstellte, kam er auf den schlauen Gedanken, Popen mit an die Front zu schicken. Die Popen gingen an die Front und nahmen die Kirchenfahnen und Heiligenbilder mit. In der Roten Armee kämpften damals schon viele Bauern. Und die Bauern waren rechtgläubige Christen. Sie wollten nicht auf die Soldaten schießen, die ihnen mit bestickten Heiligenbildern entgegenrückten. Sie schossen nicht. Sie flohen. Da kamen die Revolutionäre auf den noch schlaueren Gedanken, Arbeiter in diese Regimenter einzureihen, Arbeiter aus Moskau und Petrograd, die auch mit wehenden Fahnen vorrückten. Auf diesen Fahnen waren die Bilder von Marx und Engels gemalt. Und nun zauderten die Weißen, nun wagten sie nicht zu schießen. Nun sagten sie: »Schießt nicht, Brüder, seht, das sind ihre Heiligen!« Das alles spielte sich ab beim Beginn des Bürgerkrieges in der Ukraine, später wurde auch auf die rotengoldgestickten Fahnen geschossen, und nun stand Denikin in der Nahe der Stadt Kursk. Da ging es blutig her. Es wurde kein Pardon gegeben. Die Truppen kämpften erbittert, die Kämpfe waren sehr grausam. Bei Kursk würde auch ein Bauerndorf eingeäschert. In diesem Dorfe wurden vor den Augen eines Dreizehnjährigen Vater und Mutter erschossen. Viele hunderttausend Menschen sind damals gefallen. Die Bestie im Menschen triumphierte auf beiden Seiten. Jenes Dorf nun wurde am selben Tag von den Roten wieder erobert. Es wurden viele Gefangene gemacht. Unter den Stürmenden befand sich auch ein Soldat, der aus diesem Dorfe stammte, und als er nach dem Kampf die Hütte seiner Eltern aufsuchen wollte, fand er nur Trümmer, und vor den Trümmern die Leichen seiner Eltern. Auch seinen Bruder fand der Soldat. Das war ein trauriges Wiedersehen. Die Brüder weinten und klagten. Da wurden die Gefangenen vorübergeführt. Unter ihnen waren die Soldaten, die jene Hütte angezündet und jene Eltern erschossen hatten. Der Dreizehnjährige erkannte sie wieder. »Da sind sie, die Mörder!« schrie er auf. Der ältere Bruder nahm sein Gewehr. Der Dreizehnjährige griff nach dem Gewehr. »Willst du...?« fragte der Zwanzigjährige. »Ich will!« sagte der Junge und schoß kühl die drei Soldaten nieder. Noch viele Geschichten könnten erzählt werden, Greuelgeschichten und Heldengeschichten, die jeden Krieg umgeistern, aber dieses Buch soll kein heldisches, sondern ein menschliches Buch werden. In der »Eremitage« in Moskau hörte ich auch den berühmten Schaljapin singen, ich sah die Gelzer tanzen, mit dem General Blücher wurde ich bekannt. Einmal fuhren wir mit dem früheren Zarenauto – es war gepanzert und geräumig wie eine Kutsche – fünfzig Kilometer weit ins Land nach einer Kommune. Wir besuchten auch Fabriken und Museen. Der Kongreß näherte sich seinem Ende. Viele Ausländer waren schon in ihre Länder abgereist. Auch ich wollte heim, von Ruhla hatte ich immer noch keine Nachricht, aber da stellte der frühere französische Hauptmann Sadoul eine kleine Gesellschaft zusammen, die nach dem Schwarzen Meer fahren sollte, und lud auch mich zu dieser Reise ein. Immer noch glühte der Sommer über der Stadt, und an so einem glühenden Sonnentag ging ich mit Maartens in den Kreml, um an einem der bekannten »Samstage« teilzunehmen. Diese Samstage hatten mit großem Elan begonnen. Die Russen erhofften von ihnen einen großen Aufschwung der zerrütteten Wirtschaft des Landes. Im Kreml mußten wir warten. Wir kamen zur angesetzten Zeit. Aber das war nach den Begriffen von damals zwei Stunden zu früh. Gegen diese Schlamperei mit der Zeit rebellierten auch die Russen. Sie gründeten einen Klub, der gegen die Zeitverschwendung auftreten sollte. Die erste Sitzung war auf neun Uhr abends festgesetzt. Um zehn Uhr erschienen die Einberufer. Die ersten Gäste kamen um elf Uhr. Die Sitzung selbst aber wurde erst gegen Mitternacht eröffnet. Mit Maartens bummelte ich durch den Kreml. Wir sahen die Kasernen, das Arsenal, die Kavaliershäuser, die Kirchen und Paläste. Autos huschten vorüber, die ersten Jugendlichen kamen, es wurde gescherzt und gelacht, geraucht und gewartet. Der Holländer stieß mich an und machte mich auf ein barfüßiges Mädchen aufmerksam. »Sieh das Mädchen an«, sagte er. »Das ist die Tochter von Trotzki.« Endlich formierten wir uns zu einem großen Zuge, wir marschierten aus dem Kreml über den Roten Platz und über die Mosqua. Wir marschierten singend zur Arbeit. Wir marschierten in die grauen Vorstädte hinein, wo es keine prunkenden Paläste mehr gibt. Dann machten wir halt. Auf der Mosqua lagen einige Barken mit Holz, die entladen werden sollten. Wir nahmen diese Schiffe wie im Sturm. In unschuldiger Eitelkeit prahlten wir mit unseren Kräften. Schweiß strömte. Auch Goldenberg hatte sich im Kreml dem Zuge angeschlossen, auf der Mosquabrücke aber traf er ein schönes Mädchen, das er kannte. Er folgte ihr. Er desertierte von der Arbeit, aber er hatte am Abend Phantasie genug, einen guten Aufsatz über den Schwung der »Samstage« zu schreiben. Nach drei Stunden war unsere Arbeit getan. Jeder von uns hatte ein Pfund Brot und drei Bonbons bekommen. Wir marschierten ab. Auf den nun verlassenen Platz – das Holz wurde wie in Petrograd von bewaffneten Posten bewacht – stürzte die Dunkelheit. Das Plätschern der nahen Wellen musizierte und das Wehen der Winde begann. Wir marschierten, und bald blühten die Lichter Moskaus vor uns. Am nächsten Abend, in dem die Goldkuppeln der Stadt nur matt schimmerten, verließen wir Moskau. Nach stundenlangem Warten, Rangieren und Abschiednehmen fuhren wir mit einem Sonderzug in die glühende Dämmerung hinaus. An Ruhla dachte ich nicht, auch nicht an Katja, das Abenteuer stand vor mir und lockte: die Reise nach Odessa am Schwarzen Meer. SECHSTES KAPITEL Nach dem Schwarzen Meer Unsere Reisegesellschaft setzte sich aus Italienern, Deutschen, Tschechen und einigen Franzosen und Bulgaren zusammen. Die französische Delegation bestand aus dem Dichter Raimond Lefebre, dem Metallarbeiter Lepetit und dem Sekretär Verguet. Diese drei Männer sind später auf der Heimreise ertrunken. Von Lefebre wurde berichtet, daß er schon auf der Herreise, auf der Ostsee, entsetzliche Angst vor dem Wasser hatte und geträumt haben soll, er werde einmal im Meer ertrinken. Die Landschaft um Moskau erinnert an die Landschaft rings um Berlin. Weite Sandflächen dehnen sich endlos, von Birken, dunklen Kiefern und Sümpfen unterbrochen. Aber dann kommen die Blockhäuser der weithingestreuten Bauerndörfer, die gedrehten Kirchenkuppeln tauchen auf und sagen: hier ist Rußland und nicht Deutschland. Auch die einfachen Bahnstationen, auf denen sich das Volk sammelt, auf die Eisenbahn wartet oder kleine Geschäfte macht, erinnern an die Fremde. Wir starrten in die Landschaft Dann kam die Nacht, und am frühen Morgen erwachten wir in der Stadt Kursk. Wir verließen den weiß getünchten und verwitterten Bahnhof und bummelten nach der Stadt, nach dem großen Bauernmarkt. Zum erstenmal sah ich – Jamburg sei nicht gerechnet – eine russische Kleinstadt mit schmutzigen Straßen, bunten Kirchen und vielen Holzhäusern, über denen ein feiner Hauch von Müdigkeit und Zerfall schwebte. Das schmale und tiefe Tal der Kur trennt diese Stadt und stellt sie auf zwei Hügel und läßt sie sich gegenseitig belauern. Der Markt war trotz allem Morast lieblich anzusehen, hier waren große Schätze aufgestapelt: Obst, Weißbrot, Geflügel, Milch, Fleisch und Gemüse. Obst war fünfmal so billig wie in Moskau. Auf diesem Markt wandelte sich Wirtschaftstheorie in lebendiges Leben: die Hungersnot in den großen Städten war sehr oft nur das Problem der Transportfrage. Auch um diesen Markt schwärmten viele Bettler. Sie gingen demütig von Stand zu Stand, riefen Gott und alle Heiligen an, verbeugten sich tief in den Staub und stimmten in den fruchttragenden Gassen die Litaneien der armen Leute an. Auch zerlumpte Kinder waren zu sehen, die hungernd die satten Bauern umschwärmten. Als wir zurückkamen, war der Bahnhof von vielen Leuten umlagert. Sie wollten die Ausländer sehen. Wir wurden begrüßt und mußten sprechen. Fahnen und Musik wie früher schon in Jamburg, Petrograd und Moskau: die Italiener donnerten ihre pathetischen Ansprachen, und dann reisten wir weiter, der schwarzen Erde und dem Schwarzen Meere zu. Wir kamen über Belgorod und erreichten am späten Abend Charkow. Dort wurden wir an der Station von Offiziersschülern begrüßt, die sich als starre Reihe vor uns aufbauten und in uns die neuen Herren sahen. Was waren die neuen Herren früher gewesen? Metallarbeiter, Studenten, Laufburschen, Redakteure, Mechaniker, und nun wurden ihre Herzen von dem allzu grellen Licht der Empfänge verwirrt Mit geschmückten Autos fuhren wir nach der früheren Rennbahn. Dort warteten vierzigtausend Menschen auf uns. Von sechs Tribünen schallten die Ansprachen. Auch Bauern waren da. Bauernmädchen in bunten, fröhlichen Kleidern, die wie Blumen blühten, winkten uns zu. Die Photographen hatten viel zu tun. Wir stellten einige Heldenreihen auf. Dieses Meeting beschloß eine wilde Attacke der Kosaken, die ihre blitzenden Säbel emporrissen, als sie an uns vorüberjagten. Hinter ihnen kam die Artillerie mit ihren langrohrigen Geschützen. Die Italiener waren wie kleine Kinder, und die gründlichen Deutschen besprachen die Möglichkeit eines Bündnisses mit der Roten Armee, wenn sie in ihrem Lande die Macht hätten. Die Ukraine war in den vergangenen Jahren das Aufmarschgebiet der Gegenrevolution gewesen. Wir waren die ersten Fremden, die nach dem Kriege und dem Bürgerkrieg das Gebiet bereisten. Überall sahen wir noch die Blutspuren der schweren Zeit. Um unsere Ankunft schwebte mystische Hoffnung. In manchen Gebieten hatte die Regierung siebzehnmal gewechselt. Die Ukraine war erschöpft und seufzte nach Frieden. Nun sollte das Land aufgebaut werden. Die Hauptprobleme waren die Militarisierung der Arbeit und die Naturalisierung des Arbeitslohnes. Hinter diesen Theorien stand der große Versuch, das Geld abzuschaffen. Aber das Geld ließ sich nicht abschaffen. Die neue Macht stand auf schwachen Füßen. In Charkow weigerten sich viele Arbeiter, in die den Bürgern enteigneten schönen Wohnungen zu ziehen. Sie blieben lieber in ihren dumpfen Löchern in den Vorstädten. In Charkow löste eine Begrüßung die andere ab. Die große Festlichkeit im Theater zeigte ein hübsches Spiel. Auf der Bühne stellten sich zwanzig Männer auf, die als Inder, Chinesen, Neger und Westeuropäer verkleidet waren. Sie stellten durch Gesang und Sprachchor die Idee der Internationale dar. Und dann erschien groß und strahlend eine schöne Frau, die Freiheit, und vor ihr beugten sich bis auf den Boden die weißen, gelben und schwarzen Menschen. Als die Freiheit verschwand und die Neger und Chinesen wieder gute Ukrainer waren, stand auf derselben Stelle ein Mann in europäischer Kleidung. Am Tage hatte ich diesen Mann in der Uniform eines kommandierenden Generals gesehen, jetzt war er kein General mehr. Jetzt sang er mit schallender Stimme: »Auf, in den Kampf, Toreros!« Die Italiener, die sich auf dem Kongreß so eisern bekämpft hatten, konzentrierten sich auf dieser Reise zum größten Teil auf die Versöhnung und umschwärmten die beiden Krankenschwestern, die unseren Zug begleiteten. Die Liebe zur schwarzen Nastja schwächte den jungen Solani so sehr, daß er mitten in einer Rede haltlos zusammenklappte. Die beiden Krankenschwestern sprangen hinzu und trugen das blasse Opfer ihrer Liebe und Anstrengung in das barmherzige Dunkel des Waggons zurück. Auch Merkel reiste mit nach dem Schwarzen Meer, und er war es oft, der mich auf die feste Erde stellte, wenn ich zu sehr nach den Sternen blickte. Wir waren mit Lebensmitteln gut versorgt, auf den Stationen aber wurden an unseren Speisewagen die Vorhänge heruntergelassen. Auf den Stationen nämlich wartete das hungernde Volk. Charkow lag bald hinter uns. Wir kamen nach Poltawa. Auch an diesem Bahnhof und in dieser Stadt war großer Aufruhr um unsere Ankunft. Wir fuhren mit alten Autos und kleinen Wagen nach der Stadt; die wie eine mittelalterliche Festung sich auf einem kleinen Hügel erhebt und das weite Land beherrscht. Auf dem Lande aber war noch Bürgerkrieg. Dort ritten noch die Kosaken durch die Steppen und Dörfer. Die Soldaten des Anarchisten Machno – sie führten schwarze Fahnen mit sich – kämpften gegen die Sowjets. Was wußten wir von jenen Kämpfen, was wußten wir von den Ursachen der Kämpfe! Wir hörten nur das, was uns unsere russischen Freunde berichteten. Und sie haben uns nicht immer die Wahrheit gesagt. Im Theater von Poltawa wurden wir von Karlenko, unserm ukrainischen Reiseführer, wie funkelnde Steine in das Licht großartiger Betrachtungen gehoben. Das Theater war von Soldaten abgeriegelt. Die Riegel wurden zerbrochen. Merkel zerbrach diese Riegel, er drängte sich durch die Soldaten und hielt eine Rede an das abgesperrte Volk. Er hatte keinen Übersetzer bei sich und wurde nicht verstanden, aber das war nicht so wichtig, wichtig und schön war, daß er überhaupt sprach. Spät in der Nacht fuhren wir durch die Stadt, die an eine toskanische Landstadt erinnerte. Wir fuhren nach dem Bahnhof zurück. Neben uns ritten Kosaken, der Galopp der Pferde donnerte, Fahnen wehten, neben uns war Soldatengeschrei, über uns standen die Sterne, und aus der Steppe kam Wohlgeruch. Wollust und Freiheitsgefühl füllten mein Herz aus. Auf den nackten Steinfliesen des Bahnhofes, im Wartesaal und auf den Bahnsteigen lagen Bauern und Arbeiter im tiefen Schlaf. Sie warteten auf den Morgen, auf den ersten Zug. Wir mußten über die Schläfer steigen. Und dann reisten wir weiter. Der frühe Morgen zeigte silbrige Landschaft im rosigen Licht. Wir sahen endlose Felder und pflügende Bauern. Vor den Pflügen trotteten im Vier- und Sechsgespann starke Ochsen. Der Weizen war schon geerntet. Einmal sahen wir, wie das Korn durch den Huf schlag galoppierender Pferde ausgedroschen wurde. Auf der Station Romandan, sie ist finster wie eine Festung oder wie ein Gefängnis, warteten die Panzerzüge eines internationalen Regiments. Die Soldaten waren abgerissen. Mancher von ihnen trug den blanken Mauer ohne Futteral im Gürtel. Zwei Bilder blickten auf die Panzerzüge herab: das Bild des ukrainischen Dichters Schewtschenko und das Bild von Karl Marx. Wir fuhren weiter. Bald ratterte auch vor unserm Zuge ein Panzerwagen. Auf der Lokomotive war ein Maschinengewehr montiert, auf dem letzten Wagen starrten bewaffnete Soldaten in die Landschaft. Wir reisten durch das Aufstandsgebiet, das Machno unsicher machte. Wir sahen viele Spuren des Bürgerkrieges: gesprengte Brücken, verbrannte Eisenbahnwagen, ruinierte Lokomotiven. Die Skelette vollkommen ausgebrannter Züge trauerten in dem schönen Tag. Aber das Leben ging weiter. Und das Leben war auch hier der Bauer, das Dorf mit den strohgedeckten Hütten. Viele Windmühlen mahlten. Auf den Feldern standen noch Hirse, Flachs, Mais, Sonnenblumen. Die Felder dufteten nach Brot, Mohn blühte. Die Sonne rollte über der Welt. Die Sonne stand auch über der Stadt Mirgorod. Das ist jene Stadt, in der Nikolai Gogol geboren wurde, der große Dichter, der hier zum erstenmal das goldene Licht sah, jenes Licht, das auch aus seinen Büchern strahl! Wir näherten uns nicht nur dem Schwarzen Meer, wir näherten uns auch der Frontlinie, der Front gegen Polen. Und nun war der Krieg nicht mehr Lärm in einem vielzugroßen Gehäuse, wie ich damals in Petrograd dachte. Neue Panzerzüge rollten, und ich erinnerte mich an den stampfenden Eisenrhythmus im heißen Sommer vom letzten Kriege her, jener klirrenden Ballade vom Leben und vom Tode. Wir hielten. Von der Stadt war nichts zu sehen, aber an der Station stand das Denkmal des Dichters. Um den Bahnhof wimmelten viele Soldaten aus neuen Transportzügen, die auf ihre Lokomotiven warteten. An die Station schloß sich ein kleiner Garten an, auf dem sich wahrscheinlich, ich weiß es nicht, der Markt abspielte. Mit Merkel spazierte ich nach dem kleinen Garten. Im Sonnenlicht standen die Bäume atemlos da. In jenem Garten lärmte nicht nur das Leben, unter den hohen Bäumen lag der Tod. Dort lag nämlich ein junger Soldat, der nicht mit in den Krieg ziehen wollte, den vor einer Stunde bei einem blinden Alarm eine Handgranate das Lebenslicht ausgelöscht hatte. Ein dunkler Donner, ein Spritzer vom irrsinnigen Feuer, ein Schwarm wilder Splitter, ein Seufzer und ein blutiger Schrei, und alles war aus und verstummte, das Licht, das Leben, der Krieg und die Heimkehr. Die große Heimkehr war da. Da lag nun der junge Mensch, der Iwan oder Wladimir, lang ausgestreckt auf einer schmalen Bank. Er war nicht verstümmelt. Nur das Blut rann und rieselte über das ganze Gesicht, in dem nichts als das große Schweigen sichtbar war. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn auch jetzt noch vor mir liegen. Sein Mund war dünn und rosafarben wie der eines Kindes. Die Stirn schimmerte wie Eis. Die Augen waren geschlossen. Man sah nur die Halbmonde der Lider und die schwarzen Strahlen der Wimpern. Über der Brust lagen die gekreuzten Hände mit den schmalen, langen Fingern. Im Sommerwind wehte ein wenig das dunkle Haar, als wolle es sich entfernen und ewig leben. Der Tote war auch schon gewaschen. Die Uniform triefte, das Wasser rann zur Erde in den weißen Staub und vermischte sich mit dem roten Blut. Und drei Schritte von dem Toten entfernt wurde ein Hammel geschlachtet. Das Tierblut mischte sich mit dem Menschenblut. Es war wie eine tragische Handlung, in der sich Blut mit Wasser und Erde unter der Sonne verband: Blut und Wasser und Staub, unsterbliches Leben noch im Tode. Das alles sehe ich jetzt noch vor mir. Und drei Schritte vorwärts, dann stand man im Licht, in der ungedämpften Heiterkeit des Sommers. Drei Schritte von dem toten Soldaten, dem toten Tier und drei Schritte von dem toten Dichter loderte das Leben. Auf der heißen Erde im weißen Staub hockten einige Bauernweiber in bunten Kleidern und verkauften Milch, Eier, Tomaten, Melonen und Sonnenblumenkerne. Die neuen Lokomotiven rollten heran, die Soldaten strömten nach den Waggons. Der Tote blieb in Mirgorod. Der erste Zug klirrte über die Schienen nach der Front und hämmerte die alte Ballade vom Tod und vom Leben. Wir warfen noch einen Blick auf den Garten, und man sah die Welt, ein Bild der Welt, vielleicht auch das Bild der Welt: ein toter Soldat, ein toter Dichter, ein totes Tier, der flammende Schein der Steppe, drei Frauen im weißen Staub und in der Ferne Krieg und Frieden. Wir reisten weiter. Merkel hatte sich zu Angelika Platonowa, der guten Freundin der Italiener, gesetzt und erzählte von dem Toten. Dann erklärte er, die Meetings seien ja ganz schön, aber drei oder viermal am Tage feierlichen Empfang mit Musik und Ansprachen, das sei doch zu viel der Liebe, und so große Helden seien wir doch nicht, daß wir wie Könige gefeiert werden mußten. Auch ich stimmte Merkel bei und hörte folgende Antwort: »Es ist schon recht, was Merkel meint«, sagte sie, »aber nun seid ihr schon auf der Reise, und da muß auch Propaganda gemacht werden. Die Propaganda in Rußland ist anders als die im Westen. Wir fahren durch Gebiete, in denen noch sechzig Prozent Leute leben, die nicht lesen und schreiben können. Unser Land ist wie eine belagerte Festung, die von allen Seiten berannt wird. Der Stern über der Festung ist der Glaube an die Weltrevolution. Und die Weltrevolution, lieber Freund, das ist für unsere Leute kein theoretischer Begriff, Weltrevolution, das ist vielmehr Hoffnung auf ein besseres Leben, Hoffnung auf ein Paar neue Schuhe, auf ein Hemd, auf Zucker, Tee, Salz, Manufaktur und elektrisches Licht. Kurz und gut: Hoffnung auf Frieden! Nun wird seit drei Jahren verkündet, die Not könne durch den Aufstand im Westen beseitigt werden! Gut, und nun kommt ihr als die sichtbarsten Zeichen des Weltaufstandes und werdet durch die Ukraine geführt. Werden Ihnen nun die Meetings klarer, lieber Genosse?« »Ja«, sagte Merkel. »Aber bitte sagen Sie noch, warum werden wir wie seltene Tiere in den Theatern gezeigt und vorgeführt?« »Wie wilde Tiere?« fragte die Frau und antwortete: »Nein, Sie tapferer Löwe, aber es ist doch so: die Gegenrevolution hat in vielen Städten noch nicht auf ihren Sieg verzichtet. Sie arbeitet gut und verkündet nun: alles Schwindel, Bürger, was man euch sagt und zeigt, die Ausländer sind gar keine Ausländer, es sind verkleidete Juden.« »Und das wird geglaubt?« fragte Merkel. »Ja, das wird noch geglaubt. Und die Juden sind nicht allzusehr beliebt bei uns... Also, wir müssen euch nun auf den Meetings als Ausländer so vorstellen, daß es alle Leute merken. Die Italiener müssen italienisch, die Deutschen deutsch und die Franzosen französisch sprechen! Karlenko muß euch theatralisch vorstellen, und ihr müßt durch euer Auftreten und durch die Art und Verschiedenheit eures Wesens beweisen, daß ihr keine Juden seid! Ganz recht, wir machen mit euch Propaganda, weil wir zu wenig Schuhe, zu wenig Manufaktur für unsere Leute haben. Verstehen Sie uns nun?« »Ja«, sagte Merkel, »ich habe alles verstanden.« Eine Stunde später begann Karlenko diplomatisch und meinte, in Krementschug sei wahrscheinlich keine Versammlung, aber als wir nach der Stadt kamen, mußten wir doch wieder sprechen. Auch Merkel sprach auf dieser Versammlung. In der Nacht wurde der Dnjepr überquert. Ich konnte nicht schlafen. Aus dem blauen Plüsch des Abteils krochen die Wanzen und gierten nach unserm süßen Blut. Die Nacht war weich und warm. Durch die Finsternis spritzte der Feuerregen der Lokomotive, die mit Holz geheizt wurde. Plötzlich hielt der Zug. Musik und Hochrufe stürzten uns entgegen. Ein neues Meeting begann. Ich habe viele hundert Meetings mitgemacht, in vielen war nur Technik, und kühle Regie zu sehen, aber diese nächtliche Versammlung war weit entfernt von aller Regie und Technik. Sie war nichts als erschauernd. Auf einem wackligen Tische stand ein alter Mann. Sein weißer Bart wehte. Der Mann sprach. In seiner Rede waren Tod und Leben verschwistert. »Reißt mir das Herz aus der Brust!« schrie er uns an. »Reißt mir das Herz aus der Brust, wenn ich lüge. Ich bin zweiundsechzig Jahre alt, habe viel gesehen und erlebt, meine Haare sind wie Schnee geworden, ich werde nicht mehr lange leben, aber ich segne diese Stunde, da ich euch, liebe Brüder, gesehen habe. In den nächsten Tagen gehen unsere Männer an die Front gegen die Polen, wir gehen gern, alles ist vergessen, Hunger und Krankheit, ihr habt unser Schreien um Hilfe gehört! Ihr seid gekommen!« Er warf das Gesicht in den Nacken und weinte. Dann wollte er weiter sprechen, aber er fand keine Worte. Und da brüllte er plötzlich auf und schleuderte die Arme empor. Er sprang auf dem Tisch in die Höhe wie ein junges Pferd. Er mußte springen und aufstampfen, so unruhig war sein Herz. »Wie vor sechs Jahren!« flüsterte mir Merkel leise zu. »Ganz genau wie vor sechs Jahren, Otto.« »Was war vor sechs Jahren?« fragte ich. »Der August 1914. Hast du das vergessen? Da haben die Menschen auch noch in der Nacht geschrien. Es war erschütternd und grausig. Krieg oder Bürgerkrieg, Glarus, sind doch im Grunde ein und dasselbe.« Aber ich wollte jetzt keine Vergleiche hören. Mit einem Italiener drängte ich mich an den Tisch, und dann nahmen wir den alten Mann auf unsere Schultern und trugen ihn auf dem Bahnsteig hin und her. Diese Rede des alten Mannes in der kleinen Stadt Snamenka hat mir oft den Mund verriegelt, wenn ich in Deutschland reden solle. Ein junger Offizier riß sich das Abzeichen seines Regiments von der Brust und schenkte es mir. Die Fackeln flammten. Es war wie eine Verschwörung, eine Verbrüderung. Wir waren alle wie betrunken. Auch Merkel vergaß den August 1914 und brüllte. Der Offizier schrie laut: »Wir geben die Waffen nicht aus den Händen!« »Wir geben die Waffen nicht aus den Händen!« wiederholte die Versammlung. Dann setzte sich der Eisenbahnzug in Bewegung, klirrend und funkenspeiend. Neben dem Zuge rannten junge Leute und alte Männer, viele Zurufe knallten empor und gipfelten immer wieder in dem Schrei und Gelöbnis: »Nein, wir geben die Waffen nicht aus den Händen! Niemals!« Ein Gewehr war damals so viel wert wie ein Waggon Brot, und ein Patronengurt war kostbar wie eine Herde Vieh. Brot und Vieh, das alles konnte mit den Waffen verteidigt oder erobert werden. Eine ganze Welt war zu gewinnen. Der Schrei in der Nacht sollte kein Lippenbekenntnis bleiben: Wir waren kaum eine halbe Stunde fort, da brachen die Machnoleute in Snamenka ein. Sie wollten uns fangen. Machno operierte in der Ukraine und bekämpfte zuerst die Gegenrevolution. Einmal schickte er auch von seiner Beute Brot fürs hungernde Moskau. Er kämpfte mit den Sowjets und der Roten Armee, aber als er seine Kommunen und seine Truppen nicht auflösen wollte, kämpfte die Rote Armee gegen ihn. Machno unternahm den ersten Versuch, auf anarchistischer Grundlage einen klassenlosen Staat aufzubauen. Seine Truppen waren berühmt und gefürchtet. An manchen Tagen legten sie über hundert Kilometer zurück. Die besten Reiter der Welt waren bei Machno. Wenn er umzingelt war, verwandelten sich seine Kosaken in friedliche Bauern. Die Waffen wurden vergraben und die Verfolger rasten, voll von falschen Auskünften nach dem Osten oder Westen, in die Steppe oder nach den fernen Wäldern. Die südliche Ukraine war von Menschenblut überschwemmt. Machnos Armee zählte in manchen Monaten bis zu zwanzigtausend Mann. Als der General Wrangel geschlagen war, wurde auch Machnos Armee zermalmt. Er selbst mußte fliehen. Als wir uns damals bei den Russen nach Machno erkundigten, sagten sie, er sei ein Bandit und Räuberhauptmann. Sie erzählten zum Beweis folgende Geschichte: Machno hatte dreihundert unbewaffnete Soldaten gefangen. Die Offiziere wurden erschossen. Mit den Soldaten aber veranstaltete der Anarchist ein Meeting und trat selbst als Redner auf. »Wo sind eure Waffen?« brüllte er die Gefangenen an. »Heute hat jeder Mann ein Gewehr und kämpft gegen die Polen, gegen Wrangel oder gegen die Bolschewiki. Wo sind eure Gewehre, ihr Feiglinge? Kämpft gegen die Polen oder kämpft gegen mich, das ist alles gleich, aber kämpfen müßt ihr!« Dann jagte er sie mit Spott und Hohn davon. Das erzählte uns Karlenko, und auf der Fahrt nach Kiew las er einen interessanten Bericht aus einer Provinzzeitung vor, der den seelischen Umsturz durch die große Revolution erklärte und uns die Augen viel besser öffnete als jede Parade oder Versammlung. Von der polnischen Front kam ein verwundeter Soldat in seine kleine Stadt zurück. Er hatte einen Knieschuß verpaßt, war Kommunist und erfuhr, daß ein Parteigenosse von ihm ein bürgerliches Mädchen geheiratet hatte. Im Ohr das Brüllen der Geschütze, vor den Augen den Blutberg der Gefallenen und im Herzen die Wunschbilder einer neuen Zeit, schrieb er an das Parteikomitee einen Brief und fragte an, ob ein Revolutionär mitten im Krieg gegen die Weltbourgeoisie ein Bürgermädchen heiraten darf, ein »klassenfeindliches Element«, wie er es formulierte. Das Parteigericht trat zusammen und in einer Sitzung, in der Kläger und Angeklagter zum Worte kommen, wurde beschlossen, den Mann, der mitten im Bürgerkrieg eine Bürgerliche geheiratet hatte, aus der Partei auszustoßen. Über diese Episode entspann sich eine große Debatte. Die Franzosen waren gegen diesen Beschluß. Die Tschechen sagten: »Das Komitee hat recht«. Die Bulgaren lachten nur. Die Italiener waren für Freiheit in der Liebe. »So eine Narrheit«, sagte Maartens. »Das Mädchen kann doch nichts für seine Herkunft. So ein Blödsinn. Der Mann kann sie ja mit seinen Ideen bekanntmachen.« »Das sagen unsere Burschen in der Jugendgruppe auch«, spottete ein Russe. »Sie wollen auch lieber unpolitische Mädchen nehmen als Genossinnen. Die Genossin versteht wohl die Parteigeschichte und sie kennt auch alle Thesen und Beschlüsse, aber von diesen Thesen und Beschlüssen allein, sagen unsere jungen Leute, kann man nicht kochen, waschen, nähen und einen Haushalt führen. Unsere Jugend meint wie der Holländer: ›Laßt nur, Brüder, wir werden Marusja schon aufklären.‹ Was sagen Sie dazu, Genossin?«, wandte er sich höflich an eine deutsche Delegierte, die uns begleitete. »Ich finde das ganz richtig«, sagte sie schnell. »Ein Genosse soll kein bürgerliches Mädchen heiraten.« »Unsere Freundin meint«, erklärte Merkel und lächelte, »die Liebe soll in der Familie bleiben.« Wir lachten laut und lange, denn unsere Freundin hatte keinen Freund. »Glarus, was meinst du«, fragte Merkel. »Gibt es nun eine weiße und eine rote Liebe?« »So ein Blödsinn«, knurrte ich und ließ ihn im Unklaren, ob ich seine Frage oder die Episode meinte. Die Landschaft war schön und fruchtbar; ihr war es gleichgültig, ob das Parteigericht recht oder unrecht hatte. Die Landschaft zeigte uns in heiterer Unschuld kleine Hügel und stille Wäldchen. Die Bauernhütten trugen auf ihrem Dache phantastischen Aufputz aus Stroh. Bis nach Kiew war es nicht mehr weit. Wir diskutierten immer noch über die weiße und rote Liebe, als wir in den Bahnhof einrollten. Aus Kiew waren die Polen nach vielen Sprengungen erst vor acht Wochen abgezogen. Natürlich wurden wir auch hier festlich begrüßt. Als das vorüber war, besahen wir uns diese schöne, alte Stadt, in der goldner Schimmer des Mittelalters gegen das heftige Rot der Neuzeit und gegen die Brandmauern gesprengter Häuser und Brücken stieß. Wir schwammen auch mit einem Schiff auf dem Dnjepr, nachdem wir eine Parade der Matrosen abgenommen hatten. Was war das für ein tragischer Unsinn! Merkel machte ein finsteres Gesicht, er war niemals Soldat gewesen. Ich lag vierzig Monate an der westlichen Front und hatte genug von allen Paraden. Der kleine Goldenberg aber freute sich und warf sich gewaltig in die Hühnerbrust vor den athletisch gebauten Soldaten und Matrosen. Goldenberg war ja noch ein Kind gewesen, als der große Krieg in Europa begann. Die Revolution hatte alle Menschen gerüttelt und geschüttelt, und es war gut zu verstehen, daß sie voller Erlebnisse und Geschichten waren. Auch das war begreiflich, daß sie uns, den Fremden, von ihren Erlebnissen berichteten. Auf dem Schiff erzählte ein Matrose: Als Petljura Herr über Kiew war, wurden an einem Tage zweihundert Revolutionäre verhaftet und in das berühmte Kloster Lawra gesperrt. Aber schon rückte die Rote Armee an. Das Gerücht von ihrem Vormarsch ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt und fraß sich auch durch die Mauern des Klosters. Die Verhafteten faßten Mut, rebellierten und überwältigten die Wache. Dann holten sie die Popen und wollten die versteckten Waffen haben. »Es gibt bei uns keine anderen Waffen als das doppelte Kreuz«, sagten die Popen. Das wurde nicht geglaubt. Drei Popen wurden als Geiseln festgesetzt, und nach einer Viertelstunde tauchten Gewehre auf, japanische, deutsche und russische. Aber es fehlte an Munition. Neue Geiseln genügten, um die Munition aus dem Boden zaubern zu lassen. Vom Kloster aus brachen die Gefangenen dann auf und marschierten der Roten Armee entgegen. Diese Geschichte erzählte uns der Matrose und schloß mit der lächelnden Mahnung, wir sollten bei unserer Revolution besonders gut auf die reaktionären Klöster aufpassen. Von Kiew wäre noch viel zu erzählen. Ich will nur ganz kurz noch vom Klub der ukrainischen Jugend etwas berichten. In diesem Klub blühten die Myrten und Rosen vom Lybanon, schöne jüdische Mädchen und zarte Jünglinge, in deren Rassegesichtern Hunger und Gläubigkeit eingezeichnet waren. Da lernte ich die kleine Rose kennen, die Neunzehnjährige, die unter der Gegenrevolution gearbeitet hatte. Neben ihr stand die wunderschöne blonde Elena in ukrainischer Tracht. Sie war so schön wie ein Ährenfeld mit rotem Mohn. Es wurde gesungen, getanzt und erzählt. Am frühen Morgen brachten uns die Mädchen nach dem Bahnhof. Der letzte Abend in Kiew brachte den Hochmut und die Melancholie von Hans Merkel zu Fall. Wir lernten eine junge Frau kennen, die aus Amerika gekommen war und an der Front gekämpft hatte. Und weil es an der Front keine Frauenkleider gab, zog sie eine Männeruniform an, schnitt sich das schwarzblaue Haar ganz kurz, ritt im Männersattel und lebte mit den Männern zusammen. Jetzt aber diente sie in einem Lazarett als politischer Kommissar. Sie war ebenmäßig gewachsen, und wenn sie sich dehnte, wölbten sich unter der grauen Soldatenbluse die beiden Halbkugeln ihrer jungen Brüste. Die beiden Halbkugeln wuchsen für den melancholischen Merkel zur vollkommenen Welt zusammen. Die junge Frau erzählte von ihrer Arbeit und der großen Schwierigkeit, die Bauern aufzuklären, die Ruhe und Frieden haben wollten. Auch der kleine Merkel wollte endlich Ruhe und Frieden. Als wir am späten Abend abfuhren, fehlte Merkel. Er war bei seiner kühnen Amazone geblieben. Erst in der Stadt Fastow erreichte er uns. Sein Gesicht war glücklich. Er pfiff den ganzen Tag vor sich hin, trotzdem wir grauenvolle Dinge sahen und hörten. Fastow hat wie keine andere ukrainische Stadt unter den Pogromen gelitten. Von den achtzehntausend Einwohnern wurden sechstausend ermordet. Cholera und Typhus holten sich achttausend Opfer. In den Trümmern der Stadt lebten damals nur noch fünfzehnhundert Leute. Und wie lebten sie! An ihrem Jammer konnte der Berg der Leiden abgeschätzt werden, der über das ganze Land stürzte und es beinahe verschüttete. Lautenspieler war hier geboren und wuchs hier auf, und ich verstand auch seine beharrlichen Erzählungen, die um das Pogrom kreisten. Schon in Minsk erzählte er mir davon. Als wir nach Fastow kamen, war er nicht mehr da. Das Entsetzen hatte ihn verjagt. Die Kosaken kamen im September 1919 und erpreßten zuerst nur Geld. Und wer sich nicht mit Geld und Gut freikaufen konnte, mußte mit Blut und Tränen bezahlen. Die ersten Monate waren schwer, aber die Juden, von der Geschichte zum Erdulden verurteilt, ertrugen diese Monate und kauften sich frei, bis sie nichts mehr besaßen als Tränen und Klagen. Auch in der ersten Zeit wurden einige Leute erschlagen, aber das große Morden kam erst im Januar 1920. Lautenspieler hatte damals im Blockhaus die Wahrheit erzählt. Die Einwohner wurden auf freiem Marktplatz zusammengetrieben. Dann holten sich betrunkene Soldaten die halbwüchsigen Mädchen und vergewaltigten sie vor den Augen ihrer Eltern. Wahnsinniger Klageschrei stieg in den kalten, götterlosen Himmel. Die geschändeten Mädchen wimmerten. Die Kosaken keuchten und brüllten. Dann knallten Schüsse. Flüche bellten. Die Stadt wurde angezündet; an allen Ecken schlugen die Feuersbrünste empor. Und dann schossen die Kosaken auf die auf dem Markt zusammengetriebenen Menschen. Aus dieser Raserei retteten sich einige Opfer und flohen in das Lazarett. Auch das Lazarett wurde von den Kosaken gestürmt. Alle Verwundeten wurden getötet. Es gab kein Pardon, Dreihundert Menschen trieb man am selben Tage, ein brüllender Haufen des Entsetzens, in ein großes Haus. Das Haus wurde angezündet. Dreihundert Menschen kamen in den Flammen um. Nur die beiden Kirchen blieben unversehrt. Die Kosaken glaubten an Gott. Die beiden Kirchen mit den bunten und goldenen Kuppeln standen inmitten der Verwüstungen grausig und ungeheuerlich im Licht. Es war ein zärtlicher Sommermorgen, als wir Fastow besuchten. Unserem Zuge schlossen sich die Übriggebliebenen aus dem großen Massaker an, Männer, Frauen und Kinder. Verwilderte Hunde umschlichen uns. In den zertrümmerten Häusern lagen noch Tote. Und inmitten der Trümmer lebten die Lebendigen. An diesem Morgen begrüßte uns kein Jubel, kein Hochruf auf die Weltrevolution, keine Parade. An diesem Morgen wimmerte uns das Leid der Welt entgegen. Die armen Leute von Fastow flossen jetzt noch über von Grauen und Wehklagen. In ihren Reden und Gebärden saß noch das Entsetzen. Sie machten uns auf die Hunde aufmerksam, die damals nach dem Massenmord Menschenfleisch gefressen hatten. Sie zeigten auf die verwahrlosten Kinder, die keine Eltern mehr hatten, sie deuteten auf die Brandstätte, die einmal das Haus war, in dem die dreihundert verbrannt wurden, sie zeigten nach Osten und Westen, nach Süden und Norden, sie zeigten in die schöne Landschaft hinein wie in ein gigantisches Grab, in dem bei den großen Pogromen vierzehntausend Menschen umkamen. Das war ein trauriger Marsch durch die zertrümmerte Stadt, und als wir dann bei dem Kommandanten saßen, kamen viele Leute zu uns, die nicht müde wurden, von jener Metzelei zu erzählen. Sie kamen nicht frei davon, wie auch Lautenspieler nicht frei davon kam. Ein alter Mann brachte mir die Totenbücher der Gemeinde und zeigte die endlose Namenreihe der Hingemordeten. Und inmitten der schwarzen Aschewolke der Trauer stand der kleine Merkel, war von allem Leid unberührt, hatte ein frohes Gesicht und pfiff leise vor sich hin. Dann sprach die Platonowa. Ihre Rede war wie Donner, Blitz und Regenbogen. Nach diesem menschlichen Gewitter begann noch einmal das Wehklagen. Ja, die Toten und die Geschändeten schienen wach und lebendig zu werden und durch die Überlebenden zu uns zu sprechen. Ein junger stiller Mensch kam in das Haus und brachte einen Totenkopf, den er unter den Trümmern ausgegraben hatte. Nein, in Fastow wehten keine Fahnen sichtbar durch den Tag. Nur die schwarzen und weißen Fahnen uralter Trauer flatterten gespensterhaft über uns allen. Wir gingen schweigend nach dem Bahnhof zurück. Im Speisewagen War schon gedeckt, aber wir aßen an diesem Tage sehr wenig. Dann fuhren wir weiter. Wir kamen nach Winitza. Auch in dieser Stadt hatten der Tod und das Verderben gehaust. Die Opfer Rußlands, die der Bürgerkrieg, die Seuchen und die Hungersnot gefordert haben, sind viel größer als die Opfer, die der große Krieg von diesem Lande zertrat. In Winitza starben an Cholera und Typhus allein fünftausend Menschen! In all den kleinen Städten und Dörfern war ja noch Mittelalter. Aberglauben und Schmutz verbanden sich mit technischer Rückständigkeit. Es gab keine Kanalisation, keine Wasserleitung, kein Straßenpflaster. Das Wasser war sehr oft verseucht, die Eisenbahnen waren nichts weiter als bewegliche Krankheitsherde. Rußland ist eine unbegreifliche Welt, auch heute noch, und von Westeuropa durch Jahrhunderte der Entwicklung und der Gesinnung getrennt. Wir näherten uns dem Schwarzen Meer. Vor Shmerinka standen kilometerlang die Trümmer ausgebrannter Lokomotiven und Eisenbahnwaggons. Als wir in die Station einfuhren, schlug wieder eine Welle der Begrüßung über uns zusammen. Beim Abschied riß eine Ehrenkompanie roter Kosaken die blanken Säbel blitzend aus den Scheiden. Die Landschaft behügelte sich. Die rumänische Grenze war nicht weit. Dann sanken die Hügel in sich zusammen, das Land wurde schwarze Erde, wurde fruchtbar und feierlich. Wir näherten uns unserem Ziele. Wir waren durch unendlich weites Land gereist, hatten die Kornkammer Europas gesehen, wilde Steppen kamen uns nahe, wir hatten viele Städte begrüßt und Schicksale erfahren. Und nun versteinerte sich das Land noch einmal und wurde Steppe. Aus der Steppe wuchsen die weißen Blöcke einer großen Siedlung. Wir fuhren in Odessa ein. SIEBENTES KAPITEL Das Gesetz Im vierzehnten Jahrhundert kamen die Litauer an die Nordwestküste des Schwarzen Meeres, die Tataren folgten und später die Türken. Im Jahre 1795 wurde von den Russen in der Bucht von Chadshibejile eine Stadt gegründet, die sie nach einer verschollenen griechischen Siedlung Odessa nannten. Aus zehntausend Einwohnern wurden im letzten Jahrhundert eine halbe Million. Nach den kriegerischen Erschütterungen kamen die sozialen Erschütterungen im neuen Jahrhundert. Auch Kriege verändern die Welt, und der Bürgerkrieg, der in Odessa von 1917 bis 1920 tobte, hatte ein Drittel der Häuser in Schutt und Asche gelegt, hatte einige hunderttausend Menschen getötet oder auf das flache Land vertrieben. Dann kam die große Hungersnot und schlug unbarmherzig auf die schon geschlagene Stadt ein, die sich so schön auf der Hochfläche über dem Meere erhebt Wir kamen im Sommer 1920 nach Odessa. Es war ein sehr guter Gedanke, uns über den breiten Boulevard zuerst nach dem Meer zu bringen. Wir fuhren ans Meer. Die Bucht erinnert leise an den Golf von Neapel. Wir wurden noch viele Male an Italien erinnert, an Italien, das durch Jahrhunderte alte Handelsverbindungen mit Odessa verknüpft ist: viele Straßenschilder trugen russische und italienische Inschriften. Vor uns leuchtete die blaue Flut des Schwarzen Meeres. Von allen Kriegen um diese Bucht wußten wir wenig. Wir stiegen die breite Freitreppe zum Strand hinunter, rissen uns die Kleider vom Leibe und stürzten in die Flut. Der weite Strand wimmelte von unzähligen nackten Menschen. Auch wir vermenschlichten uns, wir schwammen im Meer, lachten und waren wie Kinder. Die Technik des Krieges und des Bürgerkrieges hatten wir vergessen. Das reine Wasser spülte allen Staub der Reise und der Manifeste vom Kongreß von uns ab. Wir erfüllten das Gesetz: uns zu freuen, faul in der Sonne zu liegen und nahe der Erde, der Sonne, der Luft und dem Wasser zu sein. Dann fuhren wir mit einigen Booten auf das leuchtende Meer hinaus. Hinter uns stand die hochgebaute, schluchtenreiche Stadt. Vor uns flammte die Sonne, kühlte der Wind, spiegelte und ruhte das Meer. Ein schmales Kanonenboot schoß an uns vorüber nach den Minenfeldern weit draußen. Dort lagen, unsichtbar, französische Schlachtschiffe und blockierten die Küste. Einmal hörten wir fernen Kanonendonner. Da verknüpften wir unsere Boote zu einer schwankenden Kette und stimmten unsere alten Kampflieder an. Vielleicht ward einmal eine große Untersuchung über die Rolle der Musik im Kriege geschrieben werden; sie muß einmal geschrieben werden, denn die hymnischen Kanonaden der Kriegslieder und Kampfgesänge brüllen genau so nach Blut und Vernichtung wie ihre metallischen Verbündeten, die lauten Geschütze. Als wir uns dem Strande näherten, fegte ein elegantes Sportboot an uns vorüber. In diesem Boote saßen einige wohlgepflegte Damen und Herren, an denen der Bürgerkrieg spurlos vorübergegangen war. Wir landeten, und ein Russe sagte, es sei schade, daß Martynoff, der Vorsitzende der Tscheka, sich diesen Fang habe entgehen lassen. Und da kam schon Martynoff, hörte diese Worte und sagte: Nein, er kenne diese Leute ganz genau, aber alles zu seiner Zeit. Es sei Sowjetbourgeoisie, und in den Konzentrationslagern sei noch viel Platz. Odessa ist eine moderne Stadt mit breiten, wohlerhaltenen Straßen. Im Frühling 1920 war die Sowjetmacht zum dritten Male und nun endgültig aufgerichtet worden, aber auf der Tagesordnung des Revolutionsausschusses nahm die Militärfrage immer noch die größte Zeit der Beratung in Anspruch. Die neue Grenze gegen Rumänien war nicht weit. In der Krim hatte sich der General Wrangel verschanzt. Machno operierte im Norden. Fast jeden Tag wurden Spione erschossen. Der Hafen war tot und verlassen, die Schuppen, Kais und Kräne vertrauerten. Aus der Steppe wehte Sandsturm und färbte die grünen Bäume auf dem Boulevard grau und schmutzig. Vor einigen Tagen nun war das erste Schiff eingelaufen, ein Italiener, und hatte Medikamente an Bord: Chinin, Aspirin, Chloroform und chirurgische Instrumente, Verbandstoff und Serum, alte Bestände aus dem großen Krieg. Diese Ladung war nun nicht gerade erste Qualität, aber es war doch die erste große Hilfe für das arme, krankheitgeschüttelte Land. Die Italiener nahmen Weizen mit nach dem Westen. Die Stadt war noch voller Erregung über diesen Besuch: Zum erstenmal war die Blockade durchbrochen, zum erstenmal fuhr nach dem Bürgerkriege ein Schiff über das Meer und brachte kein Kriegsmaterial sondern Heilstoff, nahm keine Flüchtlinge mit sondern Weizen. Auch die Italiener waren verwundert, und als der Kapitän Odessa sah, sagte er zu Kasandroff, den ich damals kennenlernte: »Man hat uns immer gesagt, in Odessa sei Raub und Mord. Man hat uns gesagt, wir müßten bewaffnet durch die Straßen gehen; die Räuber würden uns überfallen.« »Die Räuber haben wir liquidiert, Bürger«, hatte Kasandroff geantwortet. Auf unserer Reise spielte in Odessa der Hauptmann Sadoul die Hauptrolle. Im November 1918 erzwang die französische Flotte die Übergabe der Stadt an die Gegenrevolution. Einige Kreuzer unter der Führung von Marty und Badina verweigerten die Kanonade. Sadoul war von Moskau gekommen und unterstützte den Aufstand der französischen Rebellen. Bei dem Meeting im Theater nun beschwor Sadoul die französische Delegation, in ihrer Heimat gegen die immer noch drückende Blockade zu arbeiten. Und die Franzosen schworen. Aber auf der Heimreise vom Schwarzen Meer ertranken sie hoch im Norden, im Weißen Meer: Raimond Lefebre, Lepetit und Verguet. Auf dem Wege nach dem Hotel wurden wir von den Leuten wiederum begrüßt. Ein kleines Mädchen sprang Merkel um den Hals. Er faßte die Kleine und küßte sie. Dann stellte er das kleine Fräulein behutsam auf die Erde. Vom Hafen her überschlug sich der geisterhafte Lichtkegel des Scheinwerfers und jagte blitzschnell auf das Meer hinaus, in die Dunkelheit, eine weiße geisterhafte Flamme in gleißender Schärfe. Am nächsten Morgen hing ein Gewitter über der Stadt. Auf der breiten Straße vor dem Hotel exerzierten die Arbeiter. Viele von den Bewaffneten trugen noch keine Uniformen, ihre Kleider waren zerlöcherte Lumpen. Die wenigsten hatten Schuhe an den Füßen. Die meisten waren barfuß. Sie schulterten die Gewehre. Der Regen rieselte. Der Donner krachte. Wir besuchten eine berühmte Artilleriewerkstätte. Sie lag am anderen Ende der Stadt. Wir kamen in eine andere Welt. Die Steinhäuser hatten flache Dächer, die Straßen waren nicht mehr so wohlgepflegt. Enge Gassen öffneten sich wie dunkle Schläuche. Auf freiem Feld, das mit Draht eingezäunt war, standen beschädigte Kanonen. Geschütz stand neben Geschütz und reckte sein rundes Maul in den nun wieder blauen Himmel. Aus einem Kanonenrohr flatterte ein Vogel empor. Er hatte sich in der Kanone sein Nest gebaut. Ich war damals noch kriegerischer gesinnt als heute, aber doch schien mir dieser singende Federball das schönste Geschoß zu sein, das jemals emporgeschleudert werden kann. Viele von uns waren im Weltkriege gewesen. Nun besahen wir uns mit kritischen Augen die Etappe. Hier wurden kranke Kanonen wieder gesund gemacht und Maschinengewehre eingeschossen. Natürlich gab es ein Meeting. Die Arbeiter strömten in den Hof, junge Mädchen mit roten Kopftüchern sammelten sich um uns, und als Maartens sprach, beobachtete ich die Gesichter der vielen Menschen. Damals waren wir ja fast alle taub und stumm und konnten uns nur durch die Übersetzer verständigen. Wir hatten nur unsere Augen. Und was konnten wir bringen? Nichts als schöne Worte. Aber schöne Worte machten nicht satt. Schöne Worte hatten diese Menschen schon tausendmal gehört. Von den Roten und auch von den Weißen. Unter den vielen Mädchen war ein herrliches Geschöpf mit kühnem Gesicht und voller Brust. Sie hörte nicht zu, was der Holländer und der Übersetzer sagte. Sie schickte das Blickfeuer ihrer Augen zu einem jungen Burschen und zeigte ihre schönen Zähne, als der Bursche zurücklächelte. Auch die beiden Menschen erfüllten das Gesetz. Die Russen erzählten uns große Geschichten über diese Werkstatt und berichteten auch von einem Panzerzug, der schwer beschädigt von der polnischen Front kam. Die Ingenieure schätzten die Reparatur auf sieben Tage, die Belegschaft aber soll in drei Schichten achtundvierzig Stunden hintereinander gearbeitet haben. Nach drei Tagen stand der Panzerzug für die Front bereit. Diese vielen Geschütze und Erzählungen verleiteten auch uns zu kriegerischen Taten: wir lagen auf den Schießständen und schossen englische Maschinengewehre ein. Am besten schoß der kleine Merkel, der nie an der Front war. Goldenberg traf niemals das Ziel. Vom Krieg aus reisten wir in den Bürgerkrieg hinein. Wir besuchten ein großes Konzentrationslager. Das Lager war früher einmal eine Kadettenanstalt gewesen. Jetzt saßen dreizehnhundert Menschen darin. Es war groß und von grünen Gärten umgeben. Am Eingang erwartete uns ein junger Offizier. Er hatte seine Naganpistole im Gürtel. In der rechten Hand trug er eine Knute. Die Gefangenen wurden auch außerhalb des Lagers beschäftigt und waren Spekulanten, Diebe, ungetreue Sowjetleute und Bürger. Wir besahen uns die Arbeitsräume. Der Offizier begleitete uns. Die Internierten freuten sich auf den Besuch und hofften auf Amnestie. Unsere Franzosen, die nichts von jener Hoffnung wußten, unterhielten sich und sagten, die Leute hier seien besser untergebracht als die Sträflinge in den französischen Gefängnissen. Einige Häftlinge, die französisch verstanden, machten lange Gesichter. Im Arrestlokal saßen zwei geschminkte Mädchen. Sie lärmten und erklärten, sie seien unschuldig, sie wüßten nicht, warum man sie eingesperrt habe. Sie wollten ja gerne arbeiten, aber man ließe sie ihrer Arbeit nicht nachgehen. Der mitleidige Merkel befragte sie nach der Art ihrer Beschäftigung, und da sagten sie, sie seien ehrliche Straßenmädchen. Die Staatsräson kam dann in Gestalt des Genossen Martynoff. Wir stiegen einen Seitenflügel hoch und begegneten einigen vornehmen Damen, denen auch die Gefangenschaft den Adel gelassen hatte. Zarte Rokokogesichter blickten uns angstvoll und doch strahlend an. Als sie unseren Begleiter mit der Knute sahen, duckten sie sich, wurden noch hilfloser und schlichen gedrückt vorüber. Martynoff blitzte den jungen Offizier kalt an, und in einem schönen wohlausgestatteten Zimmer brach das Unwetter los. In diesem Zimmer wohnte eine junge, hübsche Dame. Sie sah hochmütig auf uns, aber ihr Hochmut zerbrach sehr schnell, als sie neben dem Offizier Martynoff erblickte. Diese Dame war, das erfuhren wir bald, eine russische Fürstin. Sie war die Geliebte des Lagerkommandanten und hatte sich dadurch von der Arbeit und strengen Haft befreit. Martynoff sagte kein Wort zu ihr. Er schrie den Offizier an, dieses Lager sei kein Sanatorium, es sei ein Straflager, hier müsse gearbeitet werden, und für Arbeit wolle er schon sorgen. Dann gab er den Befehl, die Fürstin in die Moorbäder abzuschieben. Als die Frau den Befehl hörte, stürzte sie auf die Knie, streckte die Arme aus und weinte. Dann versteinerte sie plötzlich mitten in ihrem flehenden Bitten. Sie erhob sich, war wieder Dame und sagte zu Martynoff: »Machen Sie mit mir, was Sie wollen. Sie haben ja die Macht.« Martynoff antwortete nichts. Er drehte sich um, und wir folgten ihm. Der Lagerkommandant wurde weiß und rot, dann rief er zwei Soldaten und ließ seine Geliebte in die Moorbäder transportieren. Sie ließ sich ruhig abführen. Wir waren am Ende der Besichtigung. Am Tore des Lagers kam uns ein Zug mit fünf Gefangenen entgegen. Es war die Besatzung des großen Sportbootes, das wir am ersten Tage gesehen hatten. Einer von den Gefangenen lachte verächtlich, als er den Mann mit der Knute und der Pistole sah. Dann blickte er Martynoff starr an, als wolle er sich für immer das Gesicht einprägen. Der Mann, der lachte, floh später ins Ausland, kam nach drei Jahren aus Paris zurück und schoß dann Martynoff nieder. Es war Grammatikoff. Die Fürstin wurde in die Moorbäder transportiert, aber wir waren mit unseren Autos früher da als sie. Der Schlamm des Meeres wurde nach den Anlagen durch große Röhren gepumpt, durch Heißluft erhitzt und auf die nackten Leiber der Patienten gelegt. Ausgedehnte Salinen waren nicht weit, ein richtiger Kurbetrieb hatte sich entfaltet, nur daß die Kurgäste diesmal aus dem tiefen Volke kamen und sich von ehemaligen Herren und Damen der Oberklasse bedienen lassen konnten. Von der Heilkraft der Bäder wurden Wunderdinge erzählt, wie eben um jedes Bad Wundergeschichten von großartigen Heilerfolgen schweben. Ich kam mit einem jungen Mädchen – sie stammte aus Bessarabien – ins Gespräch. Sie schwärmte, wie viele Russinnen, für den Westen. Vor dem Kriege hatte sie in Berlin und Leipzig Musik studiert. Die Liebe zur deutschen Musik machte sie verwegen und ließ sie sagen, Deutschland sei das schönste und musikalischste Land der Welt und jeder Bauer habe ein Klavier in der guten Stube. Ich war geschmeichelt und ließ ihr den guten Glauben. Der Chefarzt der Bäder trumpfte auf und zeigte einige Patienten, die früher nicht laufen konnten und sich nun frei bewegten. Er war besessen von dem Glauben an sein Sanatorium und darum ein guter Arzt. Dann kam das Volk selbst, eine jüdische Frau aus Odessa, die zum erstenmal in ihrem Leben in einem Kurort war. Sie unterstützte die neue Regierung, aber nach diesem Bekenntnis kam die große Klage, die wir schon so viele Male gehört hatten: es ist große Not im Lande, es fehlt an Kleidung und Nahrung, und die Kinder hungern. Wir, die Ausländer, müßten helfen. Lawinen der Hoffnung sind damals über uns zusammengestürzt und haben uns begraben. Die Kämpfe im Westen um den neuen Umsturz sind nur die Zuckungen der Verschütteten. Damals gab es noch den sogenannten »Pajok«, das war die teilweise Naturalisation des Arbeitslohns. Nur die Werktätigen bekamen Verpflegung, und der Pajok in der »Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen« betrug im Monat zwanzig Pfund Mehl, ein Liter Öl, zwei Pfund Marmelade, ein Pfund Salz, ein Viertelpfund Tabak, vier Lot Pfeffer und einige Kleinigkeiten. Davon konnte kein Mensch leben, und so waren noch für den freien Handel monatlich fünfzehntausend Rubel bestimmt, aber für das entwertete Geld konnte wenig gekauft werden. In den Fabriken wurde für die umliegenden Dörfer auf eigne Rechnung gearbeitet und Metallarbeiten und Feuerzeuge hergestellt. Es war ein Jammerleben. Der Bürgerkrieg hatte auch diese Fabrik in Schutt und Trümmer gefegt. Wie durch ein Wunder war das Maschinenhaus unversehrt geblieben. Wir gingen durch diese Trümmerhaufen. Merkel wollte sie als Symbol der russischen Industrie überhaupt gelten lassen. Das war zu pessimistisch, die Industrie hat sich in den letzten Jahren mächtig erholt, aber die geborstenen Mauern, das steinige Feld der Sprengungen und die aufgerissenen Wände erinnerten doch an die wirkliche Lage in Rußland. Inmitten der Trümmer waren die Arbeiter beschäftigt. Sie standen an den Maschinen, über sich den nackten Himmel als Dach. Die Maschinen lärmten und hetzten, als sie gegen das ihnen feindliche Material der Rohstoffe ankämpften und doch die zweckmäßige Form erzwangen: die Form der Pflüge, nach denen die schwarze Erde hungerte. Auch die Arbeiter hungerten. Viele von ihnen trugen Anzüge aus Sackleinwand anstatt der Kleider. Wir schämten uns unsrer Anzüge. Wir schämten uns auch der guten Verpflegung, denn das Mittagsmahl der Männer an den Maschinen bestand aus einem Stück trockenen Brot, einer halben Melone und einem Glas kalten Wasser. Das war schon das wirkliche Leben, das wir in der Fabrik sahen, das nackte Leben wie damals in Fastow, und es war selbstverständlich, daß unsere russischen Freunde hier kein Meeting aufzogen. Sie zogen kein Meeting auf, aber sie zeigten uns die große hydraulische Presse im Hof, neben der stählerne Hügel halbfertiger Granaten lagen. Im Krieg diente diese Fabrik der Front und stellte Granaten gegen die Deutschen her. Als später die Deutschen nach Odessa kamen, produzierte diese Presse ebenso unparteiisch ihre sausenden Granaten gegen die Russen. Die Tage waren schön, wenn sie auch oft mit dem Schrecken verschwistert waren. Am klarsten ist mir ein Abend in der Erinnerung geblieben, den ich mit Merkel und Maartens als Gast bei Kasandroff verlebte. Kasandroff gehörte zum Revolutionsausschuß wie Martynoff, der später erschossen wurde, und bewohnte eine kleine Villa auf dem Plateau über dem Meer. In der Villa hatte sich eine kleine Kommune gebildet, sechs Menschen hatten sich zusammengetan. Am Tage arbeiteten sie – drei Männer und drei Mädchen – irgendwo in den Ämtern der Stadt, am Abend aber wurde bis spät in die Nacht hinein noch einmal in wilden Diskussionen die alte Welt zerschlagen. Die Wirtschaft in dem Hause wurde von einer hübschen, jungen Griechin geführt. Auf der Fahrt zu Kasandroff erzählte mir Maartens eine mysteriöse Geschichte von einem jungen Mädchen in Moskau, bei dem er geschlafen haben wollte. Sie sei reizend gewesen und politisch sehr interessiert. Ich Narr gratulierte ihm noch dazu. Viel später erst hörte ich, daß Jenes Mädchen Katja gewesen war. Wir wurden mit großer Gastfreundschaft empfangen. Die junge Griechin brachte Tee, Brot und Zigaretten, wir saßen eng zusammen, aßen, rauchten, tranken, und dann erzählte Maartens eine merkwürdige Geschichte aus Java. Auch Merkel hob seinen großen Kopf aus den verwachsenen Schultern und berichtete von seiner Tätigkeit als deutscher Volksbeauftragter. Sein Bericht war eine Tragikomödie wie der ganze Novemberumsturz. Die zierliche Sonja, Kasandroffs Freundin, unterbrach das politische Gespräch und holte den kleinen Buckligen zum Tanz. Der Anblick der Tanzenden war grotesk und wir lachten sehr. Ein blonder Russe, der bis jetzt noch kein Wort gesagt hatte, der immer nur lächelte – er diente in der Tscheka, hörte ich später – stellte eine Flasche französischen Kognak auf den Tisch, erlesene Beute aus der Zeit der französischen Invasion und bekam von seiner Freundin einen Kuß dafür. Wir waren für den Kognak, wir küßten nicht den Lächelnden, wir küßten die kleinen Gläser, in denen der Branntwein bernsteingelb funkelte. Nach dem zweiten Glas bekam Merkel glänzende Augen. Er begann zu singen und stimmte ein kleines Volksliedchen an, das er noch aus seiner Jugend her kannte. Das kleine Liedchen, rührend wie der erste Feldblumenstrauß, wurde bald von den dröhnenden Bässen und stürmischen Sopranen der Russen und ihrer Mädchen hinweggefegt. Kasandroff hielt Sonja in den bärenhaften Armen und sang herrlich. Ich habe ihn niemals wieder so schön singen gehört. Die zierliche Sonja starb im selben Jahr an Typhus. Kasandroff ging in die Armee und später an die Wolga zu den stummen Fischen. In jener Nacht aber sang er herrlich, und als sein Lied vom Don und der Schönheit und Schwermut der Steppe beendet war, baten wir ihn um eine Geschichte aus Odessa. Zuerst wollte er nichts erzählen, aber Sonja und die Russen unterstützten uns. Da gab er nach, hielt Sonja umschlungen und begann. Viele seiner Geschichten habe ich vergessen, denn der stille, ewig lächelnde Tschekist brachte noch einige Flaschen Kognak aus der Versenkung. Diese Nacht wurde eine berauschte Nacht, aber einige Geschichten sind doch wie Schiffstrümmer in den hellen Tag meiner Erinnerung geschwemmt worden und sollen nun auf neue Fahrt gehen. Maartens hatte vorher die Episode von der weißen und der roten Liebe erzählt und ein wenig über die Unfehlbarkeit der Apparatleute gespottet, die für jede menschliche Regung der menschlichen Seele eine bestimmte Richtlinie vorschrieb und jede Abweichung streng bestrafte. Kasandroff nahm Partei für den Mann, der eine Bürgerliche geheiratet hatte. Seine Sonja interessierte sich auch nicht für das harte Spiel der Politik. Dann sagte er: »In unsre Partei, Maartens, drängen sich viele zweifelhafte Elemente. Wir haben die Macht, weißt du, und die Macht verlockt auch Banditen.« »Macht und Verbrechen hängen doch ganz dicht zusammen«, sagte Merkel und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Macht und Verbrechen sind doch Geschwister, daß du es nur weißt!« Kasandroff lächelte. »Gib ihm keinen Kognak mehr, er ist schon betrunken«, sagte er zu dem Tschekisten und erzählte weiter. »Wir sind nun vier Monate wieder in der Stadt. In dieser kurzen Zeit haben wir zweihunderteinunddreißig Leute aus der Partei ausgeschlossen. Es waren Räuber und Banditen dabei und auch solche Männer, die sich nicht bewährten. Ein Beispiel: Der Genosse Ssorin war Vorsitzender der Waldarbeiten der vierzehnten Armee, ein tüchtiger und zuverlässiger Mensch. Im November 1919 wurde er von den Weißen verhaftet und vor Gericht gestellt. Dort verteidigte er sich damit, er sei nur gezwungenes Mitglied der bolschewistischen Partei gewesen und rettete mit dieser Aussage sein Leben. Als wir die Stadt einnahmen, wurde Ssorin wegen Feigheit und Verrat der Revolution vor das Parteigericht gestellt. Nach vielen Sitzungen, in denen der Angeschuldigte erklärte, ja, zugegeben, er sei nicht besonders tapfer gewesen, aber er glaube, kein Mensch müsse sich zwecklos opfern, sondern der Bewegung erhalten, wurde er freigesprochen.« »Sehr gut. Bravo!« sagte Maartens. Kasandroff lächelte wieder und fuhr fort: »Ja, er wurde freigesprochen, aber das Urteil wurde kassiert und eine neue Verhandlung festgesetzt. Und nun wurde er doch aus der Partei ausgestoßen. Da er aber Spezialist war, auf seinem Posten belassen.« Merkel knurrte unverständliche Worte vor sich hin. Als er ausgeknurrt hatte, erzählte der Russe weiter. »Ich blieb in Odessa, als die Weißen da waren. Wir schickten damals einen Matrosen aufs Land, er sollte dort als Bauer leben und die Verbindung mit uns aufrechterhalten. Er sollte auch eine bolschewistische Zelle bilden. Er arbeitete gut und wir waren zufrieden. Als nun Denikin liquidiert war, kamen aus dem Dorfe Beschwerden: unser Mann sei immer betrunken gewesen, hätte schlecht gearbeitet und dadurch die Bewegung geschädigt. Die Untersuchung aber ergab, daß die Anschuldigungen von solchen Leuten stammten, die sich in die Partei eingeschlichen hatten, um sich zu bereichern. Also Banditen. Der Matrose hatte sie erkannt und gegen sie gearbeitet. Daher der ganze Haß.« »Und was geschah mit den Denunzianten?« fragte Maartens. »Wir haben sie erschossen«, antwortete Kasandroff gleichgültig. Die Griechin kam und brachte neuen Tee, der nichts als gelbes, heißes Wasser war. Das Mädchen kam aus einem der nahen griechischen Dörfer und war sehr schön. Ihren Namen habe ich vergessen. Merkel wollte sie küssen, aber sie wehrte sich und lief aus dem Zimmer, durch das die blauen Tabakwolken zogen. Sonja stieß ein Fenster auf. Unter uns lag das weite Meer. Wir hörten die Wellen mit sich selber sprechen. »Laß das Mädchen«, brummte Kasandroff, »sie ist zwar eine Griechin, und wir haben unter den Griechen viel gelitten.« »Unter den Griechen?« fragte ich. »Ja. Auch Griechen kamen während der Intervention nach Odessa. Sie machten aus der Kaufmannsbörse einen Pferdestall«, antwortete er und fuhr höhnisch fort: »Sie haben ja auch aus ihren Tempeln Ställe für die Ziegen gemacht. Erst die Deutschen mußten kommen und dann die Engländer, um die alten Kunstwerke neu zu entdecken. Wir haben die Griechen davongejagt, den Stall ausgemistet und einen Klub darin errichtet... Was wißt denn ihr von der Revolution? Sonja, was wissen unsere ausländischen Freunde von dem, was wir damals alles ertragen und erlitten haben?« Das Mädchen erschauerte. »Seht sie an, die Sonja«, sagte er dann, »seht sie euch an, das Täubchen! Einmal hat sie einen ungarischen Offizier erstochen.« Sonja verbarg ihr Gesicht. »Bitte, erzählen«, sagte ungerührt der Holländer. »Nein, nein«, flüsterte das Mädchen. Aber Kasandroff erzählte. »Die ungarischen Offiziere gingen in Odessa nur mit der Reitpeitsche spazieren«, sagte er. »Und sie schliefen jede Nacht bei einer anderen Frau. Ich hielt mich versteckt, und einmal spazierte ich mit Sonja in der Dunkelheit nach dem Meer. Ein Ungar, der nach Weiberfleisch aus war, hielt uns an der großen Treppe an. Er berührte Sonja mit der Peitsche und sagte: »Komm mit.« »Das ist meine Frau, Herr Offizier!« sagte ich. Da schlug mir der Hund mit der Reitpeitsche ins Gesicht und ließ mich verhaften. Er lachte und führte Sonja mit sich. Ich wurde nach dem Bahnhof gebracht und in einen Viehwagen eingesperrt, der von vier Soldaten bewacht war. Ich dachte an meine Frau und hämmerte mit den Fäusten an mein Gefängnis. Die Soldaten aber lachten nur. Die Besatzungstruppen waren in voller Auflösung, das wußte ich. Jeden Tag desertierten Soldaten. In jener Nacht wurden wieder Deserteure auf den Bahnhof eingebracht und in die Viehwagen geschmissen. Sie meuterten. Da ging meine Wache zu ihnen hinüber, um sie mit den Reitpeitschen zu beruhigen. Ich konnte mich durch ein kleines Fenster zwängen und fliehen. Ich stürzte nach Hause und fand – Sonja! ›Wo ist der Offizier?‹ fragte ich böse. Sie sagte kein Wort. Sie zeigte mir ihren blutbeschmierten Dolch.« Wir waren ganz still. Das Mädchen weinte. In der dämmernden Stille wummerten die Geschütze ganz leise von der Front in der Krim. Die Griechin kam wieder ins Zimmer und hockte sich in eine Ecke. Sie hatte Angst vor der Nacht und dem fernen Geschützkampf. Dann schlug vom Meere her eine Sekunde lang der Lichtkegel des Leuchtturms in das Zimmer. Die Mädchen schrien auf. Kasandroff erzählte weiter. »Die Italiener kamen vor einer Woche nach Odessa und hatten Angst vor den Räubern.« »Eine Minute, Kasandroff«, sagte der lächelnde Russe, der noch kein Wort gesagt hatte, »eine Minute, bitte.« Er sprang auf, ging aus dem Zimmer und kam mit einer Korbflasche italienischen Wein wieder. »Das habe ich ganz vergessen«, sagte er seufzend. »Den Wein habe ich gegen ein ukrainisches Hemd bei den Matrosen eingetauscht.« »Spekulant!« lachte Kasandroff. Die Griechin kam und goß in die Teegläser roten Wein. Wir wurden immer berauschter. Sonja weinte schon lange nicht mehr. Sie lachte und kicherte mit den anderen Mädchen. Auch das griechische Fräulein bekam ein Glas Chianti. Sie wollte wieder in ihre dunkle Ecke gehen, aber ich zog sie neben mich auf das breite Sofa. Sie blieb ruhig sitzen. Unsre Gastgeber lachten. Merkel setzte sich auch zu uns. Maartens war eingeschlafen. »Odessa war ein großes Räubernest«, begann Kasandroff von neuem. »Die vielen Umstürze hatten rund dreißigtausend Räuber in unsre Stadt geworfen. Wir haben das statistisch berechnet, Merkel! Sie waren natürlich eine große Plage. Wer sich nach vier Uhr nachmittags auf der Straße sehen ließ, wurde ausgeplündert. Den Bürgern wurden schwere Kontributionen auferlegt. Auch wir waren machtlos. Auch die Weißen waren gegen die Räuber machtlos. Die Großkaufleute von Odessa organisierten sich, erklärten den Streik gegen die Banditen und schlossen die Geschäfte. Sie beriefen eine große Protestkundgebung in der Börse ein. Die Kundgebung wurde von den Räubern gesprengt, die Kaufleute ausgeplündert und im Hemd durch die Stadt gejagt. Dann stießen die Briganten auch gegen uns vor. Sie verhafteten einige hervorragende Genossen. Sie schickten eine Deputation zu uns und ließen erklären, daß die Freigabe unserer Leute nur gegen ein Lösegeld in der Höhe von einer Million Rubel erfolgen könnte. Die Deputation ließen wir erschießen. Unsere Leute kamen auch ohne Lösegeld frei. Die Banditen hatten Angst vor uns, aber sie lockerten ihre Dolche und entsicherten ihre Pistolen. Wir entsicherten unsere Gewehre und trafen viel besser. Eine neue Deputation rückte an. »Laßt uns in Frieden«, sagte sie. »Wir sind ja Verbündete. Auch wir kämpfen gegen den Kapitalismus.« Wir machten keinen Frieden. Martynoff war von Moskau gekommen und stellte seine Truppen zusammen. Wir griffen mit eisernen Händen zu. Tag und Nacht knallten die Gewehre. Tag und Nacht krachten die Handgranaten. Odessa wurde gesäubert. Winitzki, ihr berühmter Führer, wurde gefangengenommen und erschossen. »Wenn ihr Odessa verlassen müßt«, erklärten die Banditen darauf, »werden wir euch Hunde in den Rücken schießen.« Aber als wir wirklich gehen mußten, schoß uns kein Räuber in den Rücken. Wir hatten die Banditen vorher liquidiert. Martynoff kannte keinen Pardon. Kleine versprengte Haufen flohen aus Odessa, gingen zu Denikin über, zu Wrangel oder zu Machno.« »Zu Machno?« fragte Merkel. »Ja. Hast du etwas dagegen, lieber Genosse?« antwortete Kasandroff höflich. »Nein, nein«, sagte Merkel und beschäftigte sich wieder mit dem griechischen Fräulein. Aber sie konnte ihn nicht leiden, sie lehnte sich zu mir herüber und lächelte. Ich lächelte zurück. Was in jener Nacht noch erzählt wurde, weiß ich heute nicht mehr. Ich verließ das Zimmer und spazierte mit der Griechin in die Dunkelheit hinaus. Wir gingen ganz eng aneinander geschmiegt und verloren uns in dem kleinen Garten. Wir fanden uns wieder auf dem Plateau über dem Meer. Wir konnten uns nicht verständigen, aber unser heißes Blut verständigte sich doch, und über dem Meer und unter den Sternen erfüllten wir das Gesetz. Wir erwachten mit der Sonne, küßten uns zum letztenmal und gingen auseinander. Die Abreise kam. Der letzte Tag in Odessa war schön. Ein Italiener hatte sich in eine russische Dame verliebt, in eine Opernsängerin, die mit aller Gewalt nach dem Westen reisen wollte. Solani wollte sie mitnehmen, aber die Russen sagten kaltherzig: Nein. Er lief von einer Behörde zur andern, um der jungen Dame einen Reisepaß zu verschaffen, aber alles war vergeblich. Da telegraphierte er nach Moskau an Lenin, aber das Telegramm wurde nicht befördert. Die Russen lächelten über den hitzigen Eifer und setzten die Sängerin für die Dauer unsres Aufenthaltes fest. Der Italiano wütete einige Tage, dann fand er sich in sein Schicksal und suchte Trost bei Nastja, der Krankenschwester, und wurde auch getröstet. Am letzten Abend fuhren wir ans Meer. Der Chauffeur war ein wilder Bursche, und wenn er einen Hund oder ein Huhn totgefahren hatte, sagte er nur: »Bouillon« und raste weiter. Er machte viel Bouillon und war stolz auf seine Künste. Wir stürzten ans Meer, wurden von den wilden Wellen nach den zerklüfteten Felsen zurückgeworfen, jauchzten und wagten immer neue Vorstöße in die Flut. Aber die Wellen waren stärker als wir. Da ließen wir das schöne Spiel. Wir sahen uns ein Lazarett an. Es lag in einem kleinen Schlößchen, dem Landsitze eines früheren Generals, und war von einem großen Garten umschlossen. Es gab keine Medizin in dem Lazarett. Die Luft, die Sonne und das nahe Meer mußten die Arzneien ersetzen. Unter den Kranken befanden sich auch zwei junge Deutsche, die als Offiziere in einem internationalen Regiment dienten. Sie erzählten von der Front, aber wir hörten nur mit halbem Ohr hin, wir spazierten durch den verwilderten Park und waren melancholisch, weil wir wieder nach Moskau zurückkehren mußten. Das Gras stand ganz hoch in jenem Park, der Kies wurde nicht mehr geharkt, die Räume nicht mehr verschnitten. Inmitten der Verwilderung hatte der Gärtner einen kleinen Garten angelegt, in dem Levkojen, Astern, Rosen, Feuerlilien und uns unbekannte purpurrote und himmelblaue Blumen blühten. Unweit des Gartens dunkelte das gekräuselte Silber eines kleinen Teiches. In dem schwarzen Wasser schwammen einige Goldfische. Und dann fuhren wir, die Arme voller Blumen, in der Dunkelheit nach Odessa zurück. Die Lokomotive stand schon unter Dampf. Wir verließen in der Nacht die weiße Stadt am Schwarzen Meer. Am nächsten Morgen wurden wir bewaffnet. Es ging das Gerücht, Machno wolle unseren Zug überfallen. Wir lauerten an den Fenstern und Türen des Zuges. Plötzlich schrie Solani laut auf. »Sie kommen! Sie kommen!« Wir sahen uns die Augen aus dem Kopf, wir prüften unsere Schußwaffen und dann begann ein Höllengelächter. Der tapfere Italiano hatte im Morgengrauen einige wehende Gebüsche und rauchende Misthaufen für anstürmende Reiterscharen des Anarchisten Machno gehalten. Über Charkow reisen wir nach Moskau zurück. ACHTES KAPITEL Anfang und Ende Immer wieder muß ich an Moskau und den Roten Platz denken. Ja, auf diesem Roten Platz stampften die Jahrhunderte der Geschichte und hinterließen ihre Spuren. Fünfzehn Kapellen standen früher einmal hier, die zum Andenken an die vielen tausend Menschen erbaut waren, welche die gekrönten Henker hatten hinrichten lassen. Der Russe ist durch Tränenbäche und Blutsümpfe gewatet. Nur aus seiner schrecklichen Vergangenheit ist seine Gleichgültigkeit dem eigenen, und dem fremden Leben gegenüber zu erklären, nur so wird sein Fanatismus und seine Grausamkeit im Bürgerkrieg verständlich. Fünfzehn Kapellen standen auf dem Roten Platz, der Gott, dem sie dienten, war ein grausamer Gott. Er ließ alle Verbrechen auf der Welt zu, seine Pfaffen salbten die Zaren und segneten die Mordwaffen, unter deren Schlägen das Blut spritzte. Auf dem Roten Platz erinnert eine umgitterte Tribüne, die »Schädelstätte« heißt, an das Mittelalter. Die Tribüne heißt Schädelstätte, weil man bei ihrem Bau viele Menschenschädel gefunden hat. Und auf dem merkwürdigen Platz stand auch einmal ein Schauspielhaus. Es stand nicht weit von jener Stelle, an der die Köpfe der Hingerichteten von eisernen Pfählen starrten. Und so war alles ganz dicht beieinander: der. funkelnde Kreml, die vielen Kapellen, die ausgebluteten Opfer, die burlesken Spaße der Schauspieler, die Gebete, die Flüche, die Seufzer, die Urteile, und über allem thronte irgendwo in einem sagenhaften Himmel unausdenkbar ein sagenhafter Gott. Von diesen Dingen wußten wir damals wenig und lebten der Zeit. Wir ließen uns von der Schönheit des Kremls blenden oder gaben die Krone der Schönheit weiter an Wassili Blashenny, die wohl das sonderbarste Baudenkmal der Welt ist. Wie in Rußland viele Völker zusammen wohnen, treffen sich in dieser mittelalterlichen Kirche fast alle uns bekannten Architekturen. Die Gotik verschwistert sich mit der Renaissance und trifft auf orientalische Kuppeln und Zierate. Wie verworren muß die damalige Welt gewesen sein, um diese Kirche zu errichten! Jeder Turm ist anders in Farbe, Form und Größe. Der eine rundet sich als gleißende Spirale empor, der andere windet sich als gigantische Zwiebel, der dritte baut sich als Pyramide auf, der vierte wölbt sich als Oval und der fünfte ist mit stachligen Schuppen bedeckt, die ein Fabeltier auf der Flucht verlören hat. Ja, wir waren wieder in Moskau und spazierten durch diese großartige Stadt und fanden Schmutz und Schönheit, Neuzeit und Mittelalter. In den Kinderheimen stimmten die Kinder bei unseren Besuchen die »Internationale« an, aber es gab auch viele Kinder, die zerlumpt und hungernd durch die Straßen und über die Plätze strichen. Viele Ausländer waren in ihre Länder zurückgekehrt. In Baku hatten sich die Delegierten der östlichen Gebiete zu einem Kongreß der farbigen Völker zusammengefunden. Auch von Baku aus wurde der Aufstand im Osten mit vorbereitet. Der Hauptredner war ein Inder, der im Weltkrieg mit deutschen Agenten Waffengeschäfte abschloß. Das Schiff wurde von den Engländern gekapert, der Inder mußte fliehen, um den ganzen Erdball fliehen und lauerte dann an der turkestanischen Grenze auf neue Möglichkeiten. Das Gefüge der alten Welt krachte in allen Fugen. Der Sommer glühte immer noch, aber die Nächte waren schon kühl. In den nahen Wäldern schlug der September seine goldenen Becken leise donnernd zusammen. Als wir am Schwarzen Meere waren, erkrankte in Moskau der Amerikaner John Freeman. Er bekam Typhus und starb in wenigen Wochen. Kein Mensch hatte sich um ihn gekümmert, Njura wußte nichts von der Krankheit, aber als er tot war, besannen sich die Russen auf seine Verdienste und bereiteten für ihn ein Grab an der Kremlmauer vor. Dann kam Njura aus Petrograd. Sie weinte und klagte. »Er wollte im Herbst nach Amerika zurückfahren«, sagte sie leise. »Wir wollten heiraten, und ich sollte mit ihm gehen. Ich bin schuld an seinem Tode... Ich war in Karelien auf Urlaub, als er krank wurde. Ich bin schuld. Armer, lieber John;« »Aber Njura«, antwortete Maartens feierlich, als könne seine gedämpfte Stimme Trost geben für das verzweifelte Mädchen. »Aber Njura, er ist doch auch für uns gestorben. Wir alle haben schuld.« »Unsinn«, sagte sie, »ihr habt keine Schuld. Er ist an der Schlamperei in unseren Krankenhäusern zugrunde gegangen. Wenn ich hier gewesen wäre, ich hätte ihn schon durchgebracht. Warum hat man ihn nicht in das Kremlkrankenhaus gebracht? John, John... Ich habe ihn so sehr geliebt!« Sie weinte wieder. »Still sein, Njura«, sagte Merkel. »Alles geht ja vorbei. Ganz still sein, kleine Frau... Alle sterben, die wir lieben, alle leben, die wir hassen«, setzte er philosophisch hinzu. Njura machte ein wildes, verächtliches Gesicht. Sie weinte nicht mehr. Die Ehrenkompanie hatte ihren Salut über das Grab geschossen, die Redner hatten das Gelöbnis unerbittlichen Kampfes erneuert, aber war das ein Trost für eine klagende Frau? Aus den Wäldern kamen die kreischenden Krähen. Njura reiste am Abend nach Petrograd zurück. Das Leben ging weiter. Das Leben ging weiter, und endlich bekam ich Post aus Deutschland. Ruhla hatte geschrieben und klagte über meine Schweigsamkeit. Ich hatte ihr viele Briefe geschickt, kein Brief war angekommen. Ich wollte heimfahren, aber die Abreise verzögerte sich von Tag zu Tag, die Grenzen waren ja noch gesperrt, und meine Reisepapiere wurden nicht fertig. Ich schrieb noch einmal an Ruhla und bat, sie soll Ende Oktober kommen, wenn ich noch nicht in Berlin wäre. Mit Merkel lief ich noch vielemal durch die Stadt. Wir besahen uns Fabriken und Kinderheime, Arbeiterklubs und Museen, waren auch vielemal auf der Sucharewka und hatten uns ausbalanciert, das heißt, wir näherten uns dem Leben und sahen die Bedingungen des Lebens. Das Leben war schwer. An der polnischen Front gingen erbitterte Kämpfe. Auf der Sucharewka traf ich mit Katja zusammen. Ich besah mir sibirische Pelze und die glühenden chinesischen Porzellane. Da legte sich eine Hand auf meinen Arm. Ich drehte mich um. Katja stand vor mir! »Was machst du auf dem Markt, du kleiner Spekulant?« fragte sie. Das Blut schoß mir ins Herz. »Katja. Katja!« sagte ich. »Ich bin ein großer Spekulant! Ich habe immer darauf spekuliert, dich einmal wiederzusehen.« Sie lachte. »Ich habe dich gesehen, in Charkow, aber du warst ein großer Herr und übersahst die kleinen Menschen«, sagte sie. »In Charkow?« fragte ich verwundert. »Nun ja, ich war auch in Charkow, als ihr dort waret. Ihr fuhret nach Odessa, und ich mußte wieder nach Moskau zurück. War es schon? Gibt es hübsche Mädchen am Schwarzen Meer?« »Ja«, sagte ich, »aber keine ist so schön wie du!« »So schön wie ich? Kleiner Deutscher! Ich will keine Schmeicheleien hören, das ist doch kleinbürgerlich und beinahe konterrevolutionär. Man hat mir die Geschichte von Solani und seiner Sängerin erzählt, ich habe so sehr gelacht! Er hat sich aber sehr schnell getröstet, hat man mir erzählt. Ihr tröstet euch immer schnell, ihr Genossen Ausländer!« »Katja«, sagte ich und nahm ihren Arm, »Katja, ich war untröstlich, als du an jenem versprochenen Morgen nicht kamst. Ich habe so auf dich gewartet, ich habe dich in der ganzen Stadt gesucht Weißt du, um manchen Menschen ist eine Atmosphäre, aus der Blitze kommen können. Katja, als ich dich in Pieter zum erstenmal sah, da hat ein Blitz in mein Herz eingeschlagen! Wo ist Nowikoff, der Matrose?« »In Petrograd. Er macht Blitzableiter, kleiner Deutscher«, lachte sie. »Soll er dir einen schenken?« »Katja, du lachst, und ich liebe dich doch!« sagte ich. »Soll ich deswegen weinen? Soll ich weinen, weil du mich liebst? Heulen die deutschen Gretchen, wenn sie verliebt sind? Und die Liebe, was ist schon die Liebe! Weißt du, was wir sagen? Nun, ein Glas Wasser in der heißen Nacht, schön und erquickend.« »Ich habe Durst. Laß mich trinken!« sagte ich. Sie wurde ernst. »Das Wasser bei uns ist gefährlich«, warnte sie; »viele Leute sind schon gestorben, weil sie zu viel und zu hastig getrunken haben. Oder weil sie des Wassers überdrüssig waren und nach Wein oder Wodka verlangten. Nein, ich kann dich nicht trinken lassen.« »Und Nowikoff?« fragte ich eifersüchtig. »Nowikoff ist in Pieter, und ich bin in Moskau«, sagte sie gleichgültig. »Er trinkt dort, wenn er Durst hat.« »Ich habe auch Durst«, murrte ich. Sie lachte wieder und führte mich nach einer Teestube. Wir saßen in dem dunklen, einfachen Keller. Katja bestellte Tee. Als der Tee kam, sagte sie: »Trink, mein Freund, das ist gut für den Durst.« Sie blickte mich zärtlich an, ihre Augen verrieten mehr als ihr Mund. Da ließ ich den Tee und küßte ihren Mund. Sie ließ sich küssen. Dann schlang sie die Arme um mich und küßte wieder. Ich vergaß Moskau und Nowikoff, ich vergaß Ruhla und Deutschland, den dunklen Keller und alles Elend der Welt, ich war glücklich. Nach einer halben Stunde verließen wir den Keller. Den Tee hatten wir nicht angerührt. Von jener Zeit an trafen wir uns jeden Tag. Maartens warnte mich einmal und sagte: »Otto, nimm dich vor dem Mädel in acht, ich habe da allerhand über sie gehört. Und dann, weißt du, es ist das Fräulein, das damals... nun, ich habe dir doch in Odessa davon erzählt.« Ich lachte den Holländer aus und ließ ihn stehen. In jener Nacht, als sie mich zum erstenmal im Hotel besuchte, gestand sie, Agentin der Tscheka zu sein. Das Geständnis zwischen zwei Küssen erschütterte mich nicht. Und wenn sie die Tochter eines Teufels gewesen wäre, ich hätte sie doch geliebt. Was wußte ich von der Tscheka! Ich fragte nur: »Schickt dich die politische Polizei zu mir ins Bett?« Sie schüttelte den Kopf. »Dann ist es gut«, sagte ich. »Hast du mich lieb?« Sie nickte mit dem Kopf. Wir sprachen kein Wort mehr davon. Katja kam vielemal, und in ihren Armen verlor die Zeit ihr schweres Gewicht. Einmal wollte sie politisch mit mir sprechen und erkundigte sich angelegentlich nach Hans Merkel und seiner Rolle in Deutschland, ich antwortete mit Küssen und Liebesgeständnissen. Wir tranken in jenen Nächten kein Wasser. Wir tranken Feuer. Dann verschwand Katja für zehn Tage, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Ich war unglücklich und wollte nach Deutschland zurück. Auch Merkel wollte reisen, aber wir mußten noch warten. Und dann tauchte sie ebenso plötzlich, wie sie verschwunden war, wieder auf. Sie besuchte mich im Hotel, und auf alle Fragen sagte sie nur: »Ich erzähle dir's später. Wir wollen nach dem Falkengehölz. Bitte, komm mit.« Sie sah blaß und müde aus. Unter ihren Augen lagen schwarze Schatten. Sie war auf dem Wege nach dem Falkengehölz schweigsam, aber dann erzählte sie langsam und zögernd von der plötzlichen Abreise und ihrer Arbeit. Zum ersten Male sah ich hinter die Kulissen und Fassaden der großen Revolution, zum erstenmal hörte ich etwas von dem großen Kampf im Dunkel um den Bestand der Republik. »Ja«, sagte Katja, »ich mußte schnell verschwinden und konnte dir keine Nachricht geben. Ich durfte dir auch keine Nachricht geben. Ich hatte einen neuen Auftrag bekommen. Vielleicht darf ich dir auch nichts erzählen, aber ich habe dich lieb, und du sollst es nun wissen. Ich muß es dir erzählen, damit du weißt, wer ich bin und was ich zu tun habe. Höre gut zu! Aber du darfst mich nicht verachten.« »Katja«, sagte ich, »ich werde dich nicht verachten. Ich habe dich doch lieb!« »Nun gut. Freeman ist an Typhus gestorben, das weißt du ja, aber das wirst du nicht wissen, daß es eine große Statistik darüber gibt, daß mehr Parteileute an Typhus sterben als Parteilose. Die Ziffern haben wir aus dem Krankenhause, in dem auch Freeman gestorben ist Lange tappten wir im Dunkeln, dann ließen wir Siebenhaar aus dem Ural kommen.« »Wer ist Siebenhaar?« fragte ich. »Ein Deutscher wie du. Ein ehemaliger Kriegsgefangener, der uns gute Dienste leistete, ein Spezialist in mysteriösen Fällen ... Ich mußte ihm helfen und wurde für eine Woche in das Krankenhaus als Schwester abkommandiert. Siebenhaar bekam die Mappe mit der Statistik und begann mit der Arbeit. Er besuchte zuerst die Kriegsgefangenensammelpunkte und erkundigte sich nach Leuten, die an Typhus litten. Er bekam drei Adressen. Unter ihnen war auch jenes Krankenhaus. Siebenhaar ließ sich eine Leutnantsuniform machen, aus der Garderobe der Tscheka bekam er alles, auch ein Monokel, dann hing er sich einen alten Mantel um und besuchte das Lazarett. Dort fragte er nach dem Kriegsgefangenen Spreitmeyer. Das Lazarett war sauber und in guter Ordnung, das hatte ich schon selbst gesehen. Der Chefarzt hatte in Deutschland studiert und war erst vor einem Jahre aus der Gefangenschaft zurückgekehrt. Aus Deutschland. Die Schwester Olga führte Siebenhaar zu Spreitmeyer und ließ die beiden allein. Unser Mann trat als Offizier auf, die Schwester hatte sich von dem Monokel blenden lassen und mit ihm kokettiert. Besser konnte es gar nicht gehen. Siebenhaar lächelte zurück und verschob galante Geschichten auf später. Spreitmeyer war jetzt wichtiger. Das war ein armer Teufel, der noch niemals Besuch bekommen hatte und erstaunt war, einen fremden Gast zu sehen. Hundert Zigaretten machten ihn noch zutraulicher. Ja, das Essen sei erträglich, sagte er, und die Behandlung gut. Siebenhaar erkundigte sich nach Olga, und da sagte der Kranke, sie sei immer sehr nett, aber wahrscheinlich Kokainistin. Das hatte ich auch schon herausgefunden. Siebenhaar verabschiedete sich, versprach, bald wiederzukommen, und hatte schon einen Plan. Er wußte, wo er angreifen mußte. Über ein Bett führte der Weg zur Lösung der mystischen Geschichte.« Der Ausdruck »über das Bett« verletzte mich sonderbarerweise, und ich hatte ein unbehagliches Gefühl, aber Katja merkte nichts und erzählte ruhig weiter. »Nach zwei Tagen kam er wieder. Ich hatte ihm vorher meine Beobachtungen mitgeteilt. Olga hatte sich bei mir nach dem jungen deutschen Leutnant erkundigt. Sie erwartete ihn schon, reichte gern die Hand, senkte die Augen und erkundigte sich nach seinem Befinden. Er bedankte sich höflich, dann klagte er über allzu große Einsamkeit. Olga war zu gut erzogen, um mit etwas anderem als ihren schönen Augen zu antworten.« Katja schwieg und schlug dann zu mir ihre schönen Augen auf. Ich erschrak, weil ja auch Olga so gefragt hatte, lächelte zaghaft und hörte weiter zu: »Nun gut, Siebenhaar lud Olga für einen der nächsten Abende zum Besuch der Oper ein. Sie nahm dankend an. Dann ging er wieder zu Spreitmeyer, brachte Zigaretten, unterhielt sich mit ihm und entfernte sich bald. Auf dem Flur gab er mir einen Zettel mit Verhaltungsvorschriften. Ich sollte mich mit Olga befreunden und mit dem Chefarzt gut stellen. Olga war vertrauensselig. Der Chefarzt blieb verschlossen. Ich hatte gute Papiere und mich schnell eingearbeitet, aber irgendwie mußte ich dem Doktor Ssuwarin nicht gefallen. Vielleicht war er mißtrauisch oder hellseherisch, ich weiß es nicht. Der Opernabend kam. Olga verabschiedete sich von mir. Sie vertraute mir ihre Zuneigung für den Leutnant an. Siebenhaar erzählte mir von jenem Abend. Die Musik spielte zärtlich, Olga schmiegte sich an ihn, dann kam, was kommen mußte. Nach der Vorstellung führte er sie in das Hotel. Das Nachtessen war schon gerichtet. Auch für Blumen war gesorgt. Sie zierte sich zuerst, er bettelte und brachte eine Flasche Muskateller, der durch seinen Anblick schon das Herz erwärmte. Ja, und dann ergab sie sich.« Katja seufzte und zögerte noch einmal, sie war ja zur Schweigsamkeit verpflichtet, aber vielleicht verwirrte ihr die Liebe das Herz, ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß sie ihren Arm in den meinen legte und ihre Stimme dämpfte. Vielleicht wollte sie mich mitschuldig machen, ich weiß nicht. »Siebenhaar bot ihr dann eine Prise Kokain an«, fuhr sie fort, »und er sah die schnelle Verwandlung durch das reizvolle Gift, Ihre Augen leuchteten, die Finger zuckten wie elektrisiert und sie hatte, wie mir Siebenhaar erzählte, Temperament genug, ihren Gegenspieler schwach nachfühlen zu lassen, was sie erlebte. Er beschloß, in stiller Stunde das Kokainexperiment einmal an sich selbst auszuprobieren. Olga schlief bald ein. Als sie erwachte, war er kalt genug, ihre Wünsche zu erfüllen. Dann schlief sie wieder ein. Sie erwachte dann um Mitternacht. Siebenhaar bereitete Kaffee. Olga war ganz munter. Sie hat mir am nächsten Tage selbst ihre Erlebnisse erzählt. Ich habe also Bericht von beiden Seiten. Warum machst du so ein böses Gesicht?« fragte sie und sah mich an. »Wie gefällt dir die Geschichte?« »Nicht gut«, sagte ich. »Aber erzähle bitte weiter.« Sie erzählte weiter: »Siebenhaar begann, als sie beim Kaffee saßen, mit einem freundlichen Verhör. Darin ist er Meister. ›Wie gefällt Ihnen die Arbeit im Spital?‹ fragte er Olga. ›Sehr gut‹, sagte sie und lobte den Chefarzt, sie lobte ihn vielleicht zu sehr, denn zu seiner großen Überraschung spürte Siebenhaar, wie er mir sagte, einen Augenblick lang Eifersucht. Dann fragte er weiter und klagte: ›Ach, die armen Kranken! Der schreckliche Typhus! Haben Sie viel Typhuskranke im Lazarett? Das ist ja furchtbar. Man hört jetzt so viel vom Flecktyphus. Da soll vor einiger Zeit ein junger Amerikaner bei euch gestorben sein, ist das wahr?‹ Olga nickte. Sie schien eine gute Krankenschwester zu sein und gab erschöpfende Auskünfte über die vielen Todesfälle. Sie beschrieb auch dem aufmerksamen Zuhörer ausführlich den Verlauf der Krankheit. ›Das ist entsetzlich, Olga‹, sagte Siebenhaar. ›Ganz entsetzlich ist das! Ist es denn der Wissenschaft bis heute noch nicht gelungen, ein Mittel gegen die hohe Sterblichkeit zu finden?‹ Er lauerte wie ein Luchs auf die Antwort. Olga sagte: ›Ja, unser Doktor Ssuwarin...‹ und schwieg erschrocken, als hätte sie schon zuviel gesagt. ›Wie beliebt?‹ fragte er gleichgültig. ›Ich habe kein Wort verstanden!‹ ›Oh, nichts‹, antwortete Olga und glitt aus der Schlinge, ›ich sagte nur, unser Doktor Ssuwarin bedauert jeden Tag, daß es noch kein wirksames Mittel gegen den Flecktyphus gibt.‹ ›Gebe Gott, daß bald ein Mittel gefunden wird‹, sagte Siebenhaar fromm, und um auch die leiseste Spur eines Verdachtes zu zerstreuen, wurde er wieder zärtlich und lud sie zu einem neuen Besuche ein. Sie sagte zu, und am Morgen brachte er sie nach dem Lazarett. Am nächsten Tage schickte Siebenhaar durch einen Mittelsmann dem Doktor Ssuwarin zwei Karten zur Aufführung einer italienischen Oper. Die Plätze waren so ausgesucht, daß sie mitten in einem Kreis aufmerksamer Leute von uns lagen. Wir wollten sehen, mit wem der Doktor die Oper besuchte. An diesem Abend lud mich Olga zur Oper ein. Ich war neugierig und ging gern mit. Unsere Leute waren unruhig und suchten Ssuwarin. Ich lächelte, ich wußte, wo er saß. Er hatte schlechte Augen und einen Platz ganz vorn im Parkett genommen. In der Pause machte ich Siebenhaar darauf aufmerksam. Olga ging mit dem Doktor ans Büfett. Sie wurden umstellt, aber man konnte kein Wort von dem verstehen, was gesprochen wurde. Am Schluß der Vorstellung entschuldigte sich Olga bei mir und ging mit dem Doktor fort. Siebenhaar folgte ihnen. Sie verschwanden in der Wohnung des Doktors. Im ersten Stock wurden die Lichter angezündet, und der Liebhaber von gestern sah an den hellen Fenstern, wie der Doktor Olga umarmte. Siebenhaar aber behauptete mir gegenüber, er wäre nicht eifersüchtig gewesen, er hätte dem Paar eine vergnügte Nacht gewünscht. Das glaube ich nicht. Glaubst du das, mein lieber Freund?« »Nein«, sagte ich, »aber was folgt nun, Katja?« »Höre: Siebenhaar ließ mich kommen und besprach mit mir alles. Ich sollte ihm die Bekanntschaft mit Ssuwarin vermitteln; aber das konnte ich ja gar nicht. Da erinnerte ich mich des Doktors Watzlaff. Das war ein Österreicher, vielleicht konnte er das übernehmen. Der Vorschlag wurde abgelehnt Wir kannten Watzlaff zu wenig, und er stand auch kurz vor seiner Abreise. ›Und was sind deine Beobachtungen, Katja?‹ fragte mich Siebenhaar. Ich erzählte sie. ›Das wollte ich wissen und bestätigt haben‹, sagte er. Mir war aufgefallen, daß Ssuwarin zweierlei Behandlungsmethoden anwandte. ›Paß auf‹, fuhr er fort, ›Katja, die Geschichte wird sehr schnell liquidiert.‹ Er kam am anderen Tage wieder ins Lazarett und stieß auf dem Flur mit Olga und dem Doktor zusammen. Olga machte die Herren miteinander bekannt. Ssuwarin war erfreut einen Deutschen kennenzulernen, der falsche Leutnant tat begeistert und lud den Doktor und die Schwester zum Tee ein. Sie sagten zu. Der Abend kam. Ich hatte Siebenhaar mit Watzlaff bekannt gemacht und war auch eingeladen. Watzlaff sprach wenig russisch, aber er war wichtig als Fachmann. Ich sollte übersetzen, wenn sich die Ärzte unterhielten. Zuerst war Ssuwarin erstaunt, als er mich sah, aber ich wurde als Freundin von Doktor Watzlaff vorgestellt, und bald ging die Unterhaltung lebhaft hin und her. Auch Siebenhaar mischte sich in das medizinische Gespräch, wußte klug zu fragen und brachte die Rede auf den Flecktyphus. Der Tisch war gut gerichtet. Es gab allerlei Spezialitäten, Weißbrot, Lachs, Kaviar, Wodka, Butter, süßen Wein.« »Weißbrot, Kaviar, Wodka und süßen Wein?« fragte ich erstaunt. »In der Stadt ist doch Hungersnot.« »Wir sind arm wie Bettler und reich wie Bojaren«, antwortete Katja, »und an diesem Abend wurde ein großes Spiel gespielt... Für die Männer stand Wodka auf dem Tisch, für uns süßer Wein. Wir saßen in weichen Sesseln, der Samowar summte und vermischte seinen Wasserdampf mit den süßen Wolken des guten Tabaks. Es war ein vergnügter Abend.« »Eine Minute, Katja«, unterbrach ich sie. »Fiel es denn dem Doktor nicht auf? In der Stadt ist Hungersnot!« »Wer Geld hat, kann sich alles kaufen«, antwortete sie gleichmütig, »und Siebenhaar hatte sich als reicher Mann eingeführt. Auch Watzlaff hatte Geld und war froh, einen Kollegen zu treffen, und hat die gutgedeckte Tafel vielleicht gar nicht bemerkt. Das Gespräch ging halb deutsch und halb russisch, und Siebenhaar saß neben Olga und war ein aufmerksamer Wirt. Die Gäste ließen sich nicht nötigen, es wurde ein echt russisches Gastmahl wie früher, und der Wodka und der Wein strömten. Olga war leicht betrunken und lehnte sich an Siebenhaar. Der spielte fabelhaft, stand über allen Dingen, lachte mit Olga und hörte gleichzeitig aufmerksam zu, wenn Ssuwarin sprach. Die beiden Ärzte führten ein Fachgespräch. Ssuwarin berichtete über Malaria. Watzlaff hatte selbst Malaria gehabt und erzählte von einem Kriegsgefangenen, bei dem er Skorbut im Ohr gefunden haben wollte. Der Russe berichtete dann von Kriegsgefangenen, die wegen Unterernährung plötzlich erblindeten und bei guter Kost ebenso schnell das Augenlicht wiederbekamen. Ich weiß nicht mehr, was sie alles erzählten. Dann beugte sich aber Olga zu mir, zeigte auf Siebenhaar und flüsterte: ›Er liebt mich, Alexandra, er liebt mich.‹ Ich hatte Papiere auf den Namen Alexandra.« Im Falkengehölz sangen die Kinder. Ein Flieger schraubte sich in den blauen Himmel. Ich mußte plötzlich an die Nacht in Odessa denken, in der wir uns auch an Wein und Kognak erhitzten und Kasandroffs Geschichten hörten. Ich dachte an die kleine Griechin, deren Namen ich vergessen habe, und mit der ich die Sonne aufgehen sah. Nicht die vielen Paraden oder Versammlungen haben mir die Augen geöffnet, der Wein und der Rausch führten mich an das Herz der Dinge und schmolzen die Masken von den Gesichtern. Und der Rausch jener Nacht, von der Katja erzählte, riß nun für mich am hellen Tage die Schönheit vom Gesicht der Russin. Jetzt erst begriff ich, was es heißt, Agentin der politischen Polizei zu sein. Njura kam mir in den Sinn, die mich in Petrograd gewarnt hatte. Plötzlich liebte ich Katja nicht mehr. Es ist sonderbar, wenn die Männer im Blute waten und schreckliche Dinge tun, wird ihr Wert sehr oft in den Augen der Frauen gesteigert, aber wenn sich Frauen mit Blut beflecken, sinkt für uns ihr Wert. Ich muß ein sehr verstörtes Gesicht gemacht haben, denn Katja sagte plötzlich: »Aber du hörst ja gar nicht zu! Ich erzählte eben, daß Watzlaff das Wort ergriff.« »Entschuldige, Katja«, sagte ich, »bitte, erzähle; Ich hatte meine Gedanken nicht beisammen. Was antwortete also Watzlaff?« »Watzlaff sagte: ›Wir haben im Kriege viel gelernt, Herr Kollege. Was mich augenblicklich leidenschaftlich interessiert‹ (das Interesse hatte ihm Siebenhaar eingeblasen), was mich leidenschaftlich interessiert, ist der Flecktyphus. Sie haben ja viele Fälle in Behandlung, wie ich gehört habe. Besteht nun keine Hoffnung oder Möglichkeit, hier entscheidend einzugreifen?‹ ›Es ist nun ein knappes Jahr her‹, begann Ssuwarin, ›daß ich mich, nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft, intensiv mit diesem Problem beschäftige. Ich habe viel experimentiert, ich habe viele Mittel ausprobiert und wieder verworfen, Herr Kollege, aber jetzt darf ich wohl sagen, daß ich mich auf dem richtigen Wege befinde. Ich will und kann mich darüber noch nicht endgültig auslassen, aber das eine darf ich sagen: ich bin bei der Fieberbekämpfung auf ein viel wirksameres Präparat als Chinin gestoßen. Ich habe schon die besten Heilerfolge erzielt... Meine Forschungen sind zwar noch nicht ganz abgeschlossen, ich stehe kurz davor, aber...‹ Siebenhaar blickte triumphierend zu mir herüber. Watzlaff war sehr interessiert und wollte noch mehr von dem neuen Präparat wissen, aber Ssuwarin lehnte sich erschöpft im Sessel zurück und war ganz blaß. Der Schweiß stand auf seiner Stirn. Er trommelte nervös auf der Tischplatte und machte ein Gesicht, als hätte er schon zuviel verraten. Vielleicht wußte er auch in diesem Augenblick, daß er verloren war. Siebenhaar rettete die Situation, schenkte neuen Wein ein und erzählte den neuesten Witz von dem Bürger, der mit zwei Bildern nach Hause kommt, mit den Bildern von Lenin und Trotzki. Die Frau ist wütend und fragt: was soll der Mist? Der Bürger sagt: Beruhige dich, Liebe, den Trotzki stellen wir an die Wand und den Lenin hängen wir auf. Alles lachte. Die Typhuskranken waren vergessen. Olga setzte sich ans Klavier. Watzlaff nahm die Balalaika. Wir waren sehr lustig und beschlossen dann, den letzten Akt von ›Toska‹ anzuhören. Wir tranken das letzte Glas Wein und fuhren dann nach der Oper. Wir hörten den letzten Akt. Die Sterbeszene erschütterte uns. Lache nicht: ich weinte. Ich weinte um den Doktor Ssuwarin! Er ahnte von nichts oder tat wenigstens so, er tröstete mich und war zum erstenmal liebenswürdig zu mir. Dann verabschiedete er sich und fuhr mit Olga nach Hause. Siebenhaar nickte mir zu und ging mit Doktor Watzlaff fort. Watzlaff war betrunken und wußte immer noch nicht, daß er heute einen russischen Kollegen mit überführt hatte.« »Habt ihr den Doktor Ssuwarin überführt?« fragte ich. »Ja«, sagte Katja. »Ich hatte ja auch schon Material gegen ihn gesammelt, am nächsten Tag wurde zugegriffen und festgestellt, daß er sein neues Präparat nur an Parteilosen und Bürgern, aber nicht an Kommunisten ausprobierte. Gestern wurde Doktor Ssuwarin und die Schwester Olga verhaftet.« Sie schwieg sehr lange. »Weiter«, sagte ich, »weiter, Katja, erzähle weiter!« »Es gibt kein Weiter«, sagte sie. »Olga leugnete alles und wollte von nichts wissen. Aber sie war verdächtig, nun, da wurde sie eben für drei Jahre in kältere Zonen verschickt.« »Wußte sie von dem neuen Präparat?« fragte ich. »Das weiß ich nicht, aber wahrscheinlich«, sagte sie. »Gut Und was geschah mit dem Doktor Ssuwarin?« Endlich sagte sie langsam: »Der Doktor Ssuwarin wollte sein Heilmittel gegen Flecktyphus nicht verraten. Man bot ihm dafür eine Professur an. Er sagte: Nein. Man versuchte alles, um das neue Mittel zu bekommen, es gelang nicht. Da ließ man dem Doktor vierundzwanzig Stunden Zeit zur Überlegung, und als die Zeit vorbei war und er sich alles genau überlegt hatte, da sagte er immer noch: Nein. Wie muß er uns gehaßt haben! Und dabei war er doch in keiner Partei.« Sie starrte nachdenklich die verfärbten Bäume an und schwieg wieder. »Rede doch, Katja, rede doch«, drängte ich, als das Schweigen immer drückender wurde. »Rede doch! Nach vierundzwanzig Stunden sagte er immer noch: Nein. Was ist mit Ssuwarin geschehen?« Sie sah mich müde an und sagte: »Er wurde heute morgen erschossen.« Wir verließen das Falkengehölz. Wir hörten die Kinder singen. Sie hatten immer gesungen, in die Erzählung Katjas, in meine Fragen, in ihre Antworten und auch in ihr Schweigen hinein. Was wußten sie Von der Welt und ihren brutalen Gesetzen? Ja, das war Rußland, und Rußland war doch ein Land auf einem anderen Stern und hatte mit dem Westen nichts zu tun. Und wir aus dem Westen bewegten uns in diesem Lande wie auf einem schwankenden Boden, auch dann noch, wenn wir glaubten, festzustehen. Ich hatte Mitleid mit Katja. Sie hatte um Ssuwarin geweint. Aber ich liebte sie nicht mehr. Wir kehrten nach der Stadt zurück. Auf dem Heimweg haben wir fast kein Wort miteinander gesprochen. Sie sah elend aus und bereute sicher, mit mir über ihre Arbeit gesprochen zu haben. Sie fühlte auch, daß ich mich verschloß. Ich war ganz ruhig. Am Abend verschloß ich auch die Türe zu. meinem Zimmer. In der Nacht hörte ich Katja klopfen. Ich tat aber, als ob ich schlief. Maartens war in Kasan gewesen und brachte tatarische Pantöffelchen und gestickte Mützen mit. Mir schenkte er ein leuchtendes Seidentuch aus Buchara. Das Tuch legte ich in einen Brief und schickte ihn Ruhla. Ich schrieb, daß ich in der nächsten Woche zurückkommen würde. Aber ich reiste nicht nach Deutschland. Die Rote Armee stand und kämpfte vor Warschau. Über die deutsche Grenze kamen viele Arbeiter und Abenteurer. Hans Merkel wurde gefragt, ob er an die Grenze gehen wolle, um die hereinströmenden Deutschen zusammenzufassen und politisch zu organisieren. Sie sollten in eine internationale Brigade eingereiht werden. Er sagte zu und bat mich, als sein Gehilfe mitzufahren. Ich, fuhr mit. Und so wurde Merkel, der Mann, über den die Krankenschwester in Narwa am Fuße der Festung so herzlich gelacht hatte, politischer Kommissar. Wir reisten nach Minsk. NEUNTES KAPITEL Internationale Brigade Noch im September verließen wir Moskau. Katja hatte ich nicht wieder gesehen. Wir hängten unseren Schlafwagen an einen Zug, der nach der Front wollte, und waren in vierundzwanzig Stunden in Minsk. Das ist keine schöne Stadt, aber wir waren ja nicht dahingefahren, um die Schönheit zu entdecken, sondern um zu arbeiten. Wir, das heißt Merkel, hatte die politische Leitung der Brigade, die militärische Führung übernahm ein Hauptmann Melcher, der von seinen Leuten Milchmann genannt wurde. Er kam aus Sibirien. In Moskau hatten wir mit Mühe und Not ein klappriges Auto aufgetrieben. Wir fuhren die anfangs abgründige Sowjetskaja entlang nach den kleinen Landhäusern hinter den schönen Gärten. In einem der verlassenen Häuser bauten wir uns ein und begannen mit der Arbeit. Das Gerippe der Brigade war schon aufgerichtet. Gegen hundert Mann waren mit Melcher aus Sibirien gekommen, Ungarn, Österreicher und eine Handvoll Deutsche, weitere hundert Mann hatten in den letzten Wochen die Grenze überschritten und durften nicht weiter als bis nach Minsk. Diese Leute hatten abenteuerliche Erlebnisse hinter sich. Viele von ihnen hatten mit Max Hölz gekämpft. Alle stellten sich den Sowjets zum Verfügung. Die Kanzlei wurde von David Lautenspieler geleitet. Als Sekretärin für Merkel brachte er ein junges Mädchen herbei, die Julianne Braut, die aus Wilna geflohen war und über gute Ausweispapiere verfügte. Der Chef der Nachrichtenabteilung war ein Lette, und als er auf eine Inspektionsreise ging, wurde er für eine Zeitlang durch Siebenhaar ersetzt Als politischen Leiter und Redakteur fanden wir Michael Krauß vor, einen Abenteurer, der während der Rätezeit Volkskommissar für die deutschen Angelegenheiten in Ungarn war und im übrigen – selbstverständlich – aus Sachsen stammte. In der Stadt wurden damals von der Miliz die noch offenen Geschäfte geschlossen. Unter den vierzigtausend Juden erhob sich ein großes Wehklagen. Aber auch die christlichen Geschäftsinhaber jammerten. Ihr Jammer und alles Wehklagen wurde überdröhnt von dem fernen Donner der Front. Tag für Tag rollten neue Truppenzüge über Minsk: Die Front schrie nach Kanonen, Granaten und Soldaten. Minsk war unruhig. In der Nacht krachten oft in den Vorstädten die Schüsse der polnischen Insurgenten. Die Polen hatten vor nicht zu langer Zeit die Stadt geräumt und ihre Spione dagelassen. Auch die Etappe war gefährlich. Als Merkel einmal vor dem leuchtenden Fenster unseres Hauses stand, wurde er beinahe erschossen. Die Kugel sauste haarscharf an seinem Kopfe vorüber. Da räumten wir geschwind dieses Haus und suchten ein gesicherteres Büro in der Stadt. Es gab viel Arbeit. Die Brigade mußte zusammengestellt werden, mit den Russen hatten wir viele Konferenzen, und allmählich schälte sich aus dem zusammengewürfelten Menschenhaufen eine Idee und Aufgabe: die Idee und Aufgabe nämlich, bei dem siegreichen Vordringen der Russen sich selbst in Bewegung zu setzen und als das erste Kader der deutschen Roten Armee die Grenze zu überschreiten. Bei einem großen Meeting entwarf Hans Merkel diese Aufgabe. Er sprach so begeistert, daß er die Soldaten magnetisch an sich riß. Er war ein guter Redner und triumphierte jetzt. Raubtierinstinkte des Mannes brachen in dem Verwachsenen empor und umkleideten sich mit flatternden Fahnen und herrischen Befehlen. Ich erkannte Merkel nicht wieder. Über zweihundert gutgewachsene Männer hörten ihm zu. Sie waren an vielen Fronten erprobt. Er zauberte ihnen das Wunschbild von dem siegreichen Einmarsch in Deutschland vor und krönte sie schon jetzt mit dem Lorbeer des Ruhmes. Wie mußte er in jenen Jahren in Deutschland, als die Front nach wehrhaften Männern füllte, unter seiner Verwachsung gelitten haben! Im Kriege war er Pazifist, jetzt aber war er für den Krieg. Die Soldaten kamen immer näher. Er war so begeistert, daß er nicht bemerkte, wie ihm ein kluger und geschickter Mensch während der Rede die Brieftasche stahl. Auch wir bemerkten es nicht und klatschten dem Redner Beifall. Die Soldaten verliefen sich. Am Abend sagte Merkel: »Du, Otto, ich glaube, ich habe heute meine Brieftasche in der Stadt verloren. Oder hast du sie heute hier im Büro liegen sehen?« »Nein«, antwortete ich, »ich habe sie nicht gesehen. Aber vielleicht ist sie dir beim Meeting geklaut worden.« »Unsere Soldaten stehlen nicht. Es sind Revolutionssoldaten«, sagte er. Dann fragte er: »Wie hat dir übrigens meine Rede gefallen? Ich habe dich mitgenommen, damit du siehst, wie man reden muß. Du sollst mich in der nächsten Zeit ab und zu vertreten. Ich habe anderes zu tun und keine Zeit mehr für die Meetings. Hat es dir also gefallen?« Ehe ich antworten konnte, zustimmend, denn die Rede war wirklich gut, kam Lautenspieler zu uns ins Zimmer. »Ein Mann von der Brigade ist da, Genosse Kommandant«, sagte er. »Er will dich sprechen.« »Laß ihn herein«, sagte Merkel. Ein junger Deutscher kam. Er meldete sich militärisch. »Ich habe die Brieftasche wieder, Kommandant«, sagte er. »Ein Ungar hat sie gestohlen. Ich habe es gesehen, und am Abend habe ich sie wieder genommen. Hier ist sie, Genosse.« Er legte die Brieftasche auf den Tisch. Merkel war mürrisch. »Warum hast du das nicht gleich gemeldet?« knurrte er. »Ich wollte die schöne Rede nicht unterbrechen, und dann verpetze ich keinen Kameraden, auch wenn er stiehlt. Er weiß es nicht, daß ich ihm die Brieftasche wieder abgenommen habe.« »Ist gut. Wie heißt du?« »Franz Schmidt.« »Willst du Ordonnanz bei uns im Büro sein?« »Lieber gehe ich an die Front«, sagte der junge Schmidt. »Melde dich morgen bei Lautenspieler, Du kommst zu uns als Ordonnanz. Wir brauchen dich«, sagte Merkel und gab ihm eine Handvoll Zigaretten. »An die Front? An die Front gehen wir alle. Es dauert nicht mehr lange. Vielen Dank, kleiner Genosse!« Am nächsten Morgen kam Schmidt als Ordonnanz. Merkel hat auf keinem Meeting mehr gesprochen. In Moskau kostete ein Begräbnis »im Schleichhandel« 80 000 Rubel. In Minsk kostete ein Begräbnis nichts. Die Toten wurden jeden Abend ohne Sarg begraben. Es gab viel Tote. Die Lazarette waren alle überfüllt, der Typhus wütete und holte sich auch einen Mann von unserer Brigade, einen Vierzigjährigen, der in Deutschland Weib und Kind in Stich gelassen hatte, um in Rußland für die Revolution zu kämpfen. Er war nur fünf Tage bei uns, bekam Fieber, lag im Spital, wurde bewußtlos und starb. Man zog ihm die Kleider vom Leibe und brachte ihn nackt in die Leichenkammer. Das Grab war bald gegraben, der Mann wurde in eine Zeltbahn gelegt und in die Grube versenkt. Auf dem trostlosen Friedhof am Rande der Stadt gingen, als wir unseren Mann beerdigten, viele Begräbnisse. Es war dunkel, und in der Finsternis waren diese Beerdigungen gespensterhaft. Offene Gräber, schwarze Schatten, gedämpfte Reden, dazu ganz weit in der Ferne das leise Gewimmer der Geschütze und der Schlacht. Merkel begann am Grabe unseres Toten zu sprechen, und ich höre jetzt noch, wenn ich will, seine unpathetische Stimme. »Wir kennen nur eine Majestät«, schloß er seine Rede, »und das ist die Majestät des Todes.« Um Warschau wurde erbittert gekämpft. Auch in Minsk ging der Kampf. Er wurde mit allen Mitteln geführt. Es wurde geschossen, spioniert und sabotiert, und oft klebten an den Mauern und Wänden neben unseren Aufrufen und Manifesten geheimnisvolle Zettel, die gegen die Sowjets wüteten. Auf die Verbreiter dieser Zettel wurden viele Jagden gemacht. Sie waren ergebnislos. Wie Nachtvögel flatterten viele Gerüchte durch die Stadt: Warschau sei gefallen, in Deutschland sei Aufstand, Paris habe einen Sowjet, und um Klarheit über diese Dinge zu haben, schickte Merkel den lettischen Leiter unserer Nachrichtenabteilung nach Wilna und über die deutsche Grenze. Er kam gut an und sandte uns von dort eine große Kiste mit Büromaterial, Schokolade, Wein, Tabak und Zucker. In seinen beigelegten Berichten stand kein Wort vom Fall Warschaus und vom Aufstand in Deutschland oder Frankreich. Dann tauchte Siebenhaar auf. Er wurde von Moskau an unsere Brigade kommandiert. Ich liebte ihn nicht, ich kannte ihn ja nur aus den Erzählungen von Katja, aber ich sah, wenn auch widerwillig, daß er ein Mann war, der bei seinen Arbeiten sich selbst verwegen einsetzte. Er baute in ganz kurzer Zeit unseren Nachrichtendienst glänzend aus, wir hatten sehr bald auch die Funksprüche und Geheimberichte von der Front und konnten uns ein gutes Bild von den Schwierigkeiten des russischen Vormarsches machen. Und wir spielten Krieg in der Etappe, faßten die Brigade fester zusammen, jeden Tag gab es militärischen und politischen Unterricht, und Merkel machte sich Kopfschmerzen über die künftige Uniform der deutschen Roten Armee. Er versuchte sich auch als Reiter, aber er machte eine schlechte Figur und wurde beim ersten Ausritt schon abgeworfen. Er fluchte und benutzte dann doch lieber das Auto. »Bei euch ist allerhand los«, sagte Siebenhaar nach einer Woche zu uns, »ich bereue es keinen Augenblick, daß ich nach Minsk gekommen bin. Habt ihr schon von dem neuen Geist gehört?« »Was für einen neuen Geist meinst du?« fragte Merkel; »Jeden Morgen kleben die verdammten Plakate gegen uns an den Wänden. Der Kerl scheint unsichtbar zu sein. Er läßt sich nicht fangen. Ich bitte um Urlaub und will mich bei der Tscheka melden.« Er sagte ganz einfach: bei der Tscheka melden und gehörte doch selber zu ihr. Jetzt erst wird mir klar, daß er damals in Moskau den Auftrag bekommen hatte, auch uns zu beobachten. »Schon Urlaub? Wir brauchen dich doch. Was sollen wir ohne Nachrichtenabteilung machen?« entrüstete sich Merkel. »Keine Sorget Der Apparat ist aufgezogen und läuft von ganz alleine. Ich will nur einmal eine Nacht mit auf Wache gehen«, sagte Siebenhaar. »Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir den Kerl nicht fassen können!« »Also gut, vierundzwanzig Stunden«, bewilligte Merkel. Siebenhaar schob ab. »Ein widerlicher Kerl«, sagte Merkel. »Er gefällt mir gar nicht. Aber was kann man machen, er ist von Moskau geschickt worden.« Zuerst wollte ich ihm erzählen, was ich von Katja wußte, aber ich sagte nichts. Warum, weiß ich nicht mehr. Die Arbeit ging weiter, die neuesten Meldungen von der Front waren nicht erfreulich. Siebenhaar kam nach achtundvierzig Stunden zurück und erzählte uns eine Mordsgeschichte. Der Mann mit den Aufrufen war gefangen! Merkel zog den Kopf in die Schultern und blickte den jungen Mann mit dem glatten Gesicht und kühlen Augen verwundert an. »Wir haben den Kerl liquidiert«, sagte er, »und wenn ihr Lust habt, kann ich ja die Geschichte erzählen. Also: ich ging mit der Wache auf Posten in das Blockhaus nahe am Friedhof. Wir waren zu dritt. Der Patrouillenführer erzählte mir von dem ›Gespenst‹. Schöne Schauergeschichten erzählte er! Plötzlich fiel ein Schuß. Wir sprangen auf und griffen nach den Pistolen. Alles war ruhig. Nach fünf Minuten kam die Patrouille zu uns. Sie brachten einen Mann mit. Es schien ein Arbeiter zu sein. Seine Kleider waren bestaubt. ›Wir haben geschossen und den Mann aufgegriffen, weil er auf unseren Anruf nicht stehen wollte, Kommandant‹, sagte ein Soldat. ›Untersucht ihn‹, sagte der Kommandant. Der Mann ließ sich ruhig untersuchen. Man fand nichts Verdächtiges bei ihm. Als ich ihn fragte, warum er denn habe fliehen wollen, da sagte er: aus Angst. Er sei auf dem Heimweg gewesen, von Beruf Lagerarbeiter und sympathisiere mit der Sowjetmacht. Wir mußten ihn laufen lassen. Schön, er grüßte höflich und ging fort. Die Posten folgten. Wir nahmen unsere Plätze ein und erzählten uns neue Geschichten. Da fiel wieder ein Schuß. Der Kommandant stürzte hinaus. Wir nahmen die Pistolen und liefen hinter ihm her, aber wir verloren ihn aus den Augen, und als wir ihn endlich fanden, war er weit vor uns und näherte sich unserem Posten. Ich hörte noch, wie er fragte: ›Wer hat hier geschossen?‹ ›Ich!‹ sagte die Stimme. Und fast gleichzeitig krachte ein neuer Schuß und unser Kommandant stürzte hin.« »Wann war das?« fragte Merkel. »Heute nacht«, sagte Siebenhaar, »aber laßt mich weiter erzählen. Ich sah den Kommandanten wie einen Sack hinfallen, riß die Pistole hoch und schoß auch. Der Posten lief davon, ich schoß noch einmal. Und da habe ich ihn getroffen. Er schrie und fiel hin. Wir ließen ihn liegen. Der Kommandant war in die Brust getroffen und stöhnte. Wir sahen uns um. Dort im Gebüsch fanden wir einen toten Mann. Neben ihm lag unser anderer Posten. Er war betäubt. Da hatten wir also die Bescherung!« »Das ist allerhand«, sagte Merkel. »Wer war denn der Kerl, der drei Soldaten auf seine Kappe nehmen wollte?« Siebenhaar zögerte eine kleine Weile und sagte dann: »Das dürfte doch allmählich klar sein, Genosse! Es war der Mann, den wir zuerst verhaftet hatten und wieder laufen ließen. Der Mann mit den Flugzetteln.« »Aber wie konnte ein einzelner Mensch, ein unbewaffneter Mensch, zwei Posten überfallen und einen dritten niederschießen?« fragte ich. »Das will ich ja gerade erzählen«, antwortete er. »Die Sache war so: Unsere beiden Posten standen wieder auf ihrem Platz, als sich ihnen der Mann näherte. Er bot ihnen Zigaretten an, sie nahmen sie und plauderten ein wenig. Und als sie dann die Gewehre beiseite stellten und Streichhölzer anzündeten, riß er einem Posten das Gewehr aus dem Arm, schoß ihn nieder und hämmerte dann dem andern Mann das Gewehr an den Schädel. Es war also ganz einfach. Dann schleppte er die beiden in das Gebüsch, den Betäubten knebelte er, zog sich einen Soldatenmantel an und wartete auf uns. Wir zu dritt hätten ihn vielleicht glatt überwältigen können, aber der Kommandant lief uns voraus und wurde niedergeschossen. Es war schon ein kühner Teufel: einer gegen drei, was sage ich: einer gegen fünf!« »Woher weißt du denn«, fragte ich weiter, »daß es der Mann mit den Aufrufen war?« »Das will ich auch erzählen: Wir fanden sie nämlich bei ihm... Er mußte ganz in der Nähe sein Versteck gehabt haben, vielleicht eine verlassene Hütte, was weiß ich. Und dann: Heute morgen sind keine neuen Plakate in der Stadt angeklebt worden!« »Hast du den Kerl gut getroffen?« wollte Merkel wissen. »Natürlich. Kopfschuß. Er ist tot«, sagte der andere. So führte sich Siebenhaar in Minsk ein. Die schnelle Liquidierung des Mannes mit den gegenrevolutionären Aufrufen häufte Ruhm auf seinen Scheitel, der Lette kam wieder, und Siebenhaar gab seine Arbeit bei uns auf. Bevor er aber ging, hatte er mit Lautenspieler einen heftigen Zusammenstoß. David war neugierig, er interessierte sich für die geheimen Meldungen von der Front und hatte sich auch den Chiffrierschlüssel verschafft. Siebenhaar erfuhr das und schlug Alarm. Seit dieser Zeit wurde David von der politischen Polizei überwacht und wußte nichts davon. »Was ist das für eine Schweinerei«, sagte Siebenhaar zu uns. »Was seid ihr doch für Kinder. Wißt ihr, daß der Lautenspieler die neuesten Meldungen von der Front kennt? Wozu braucht der Mensch das zu wissen? Das gibt es doch einfach nicht!« »Schweinerei«, antwortete Merkel. »Natürlich gibt es das nicht! Otto, hole mal den Bruder her.« Ich holte David. Siebenhaar übernahm das Verhör. »Was gibt es Neues vor Warschau, David?« fragte er. David starrte den Tschekisten an und wiederholte: »Was soll es geben Neues vor Warschau? Gekämpft wird um die Stadt, und sie wird wohl bald fallen krachend an uns.« »Sind das die allerneuesten Meldungen, David?« fragte Siebenhaar. »Warum sollen es nicht sein die allerneuesten Meldungen?« antwortete er. »Es steht in unsrer Zeitung.« »Aha«, fuhr der Tschekist fort, »es steht so in der Zeitung. Aber, lieber Genosse, was steht denn in den Geheimmeldungen?« David erstarrte. »Das ist geheim«, sagte er endlich, »und ich weiß nicht, ob ich darf verraten, was da steht.« Siebenhaar lachte. »Mensch«, brüllte nun Merkel. »Von wem hast du die Erlaubnis, die geheimen Meldungen zu lesen? Wer hat dir den Chiffrierschlüssel gegeben?« »Mir hat gegeben den Schlüssel Genosse Krauß«, stotterte David und krümmte sich. Wir ließen Krauß kommen. Er sagte, ja, er habe den Chiffrierschlüssel David schon vor unserer Ankunft gegeben. David sei doch Bürovorsteher, und er müsse doch auch Bescheid über die Lage an der Front wissen. Siebenhaar schimpfte und drohte mit dem Revolutionstribunal. Lautenspieler mußte später in Moskau für seine Neugier büßen. Er wurde vier Wochen eingesperrt, kam dort mit Petrenko zusammen, und das Gewitter brach drei Jahre später in Astrachan über ihm zusammen. Siebenhaar reiste ab. Merkel war froh darüber, denn der Mensch war ihm unheimlich, und als ich ihm dann später die Geschichte mit dem Doktor Ssuwarin und der Schwester Olga erzählte, zitterte er noch nachträglich und sagte: »Also so ein Kerl war das? Früher sagten wir Achtgroschenjunge dafür. Und so was wird auch in Rußland gebraucht! Mensch, Otto, ich war ja vollkommen verrückt, daß ich nach Minsk gefahren bin. Wenn die Julianne nicht eine so gute Sekretärin wäre, würde ich noch heute nach Moskau fahren und einen anderen Genossen abkommandieren lassen.« Julianne, das Mädchen aus Wilna, war wirklich eine gute Sekretärin. Sie war klug und kühl, sie unterwarf sich bedingungslos dem kleinen Merkel und beherrschte ihn dadurch. Merkel, der selten Glück bei den Frauen hatte, war nun glücklich und führte sich wie ein kleiner Casanova auf. Mit Julianne bummelten wir auch einigemal durch das dunkle Getto der Stadt. Auf dem großen Markt gab es, wie in Moskau auf der Sucharewka, alles zu kaufen. In den dunklen Gassen lärmte und ereiferte sich der Handel, ein alter Jude wollte uns unsere europäischen Kleider vom Leibe weg kaufen. Ein anderer bot uns einen italienischen Meister an, einen Carlo Dolci, der sich von irgendeinem polnischen Schloß auf den verwirrenden Markt verirrt hatte. Wir ließen das Gemälde der alten Zeit und besahen uns lieber die Bilder von heute. Auf dem Rückwege kamen wir an einem großen Gefängnis vorüber. Das ganze Gefängnis summte und war voller Musik. Die Sträflinge sangen. Ein gefangener Soldat hing an einem vergitterten Fenster, und als er uns sah, brüllte er: »Burschuy«! Wir lachten. Schön, wir waren also Bürger. Und in diesem politischen Erdbebengebiet sahen wir auch wie Bürger aus. Unsere Kleider waren neu, unsere Schuhe geputzt, unsere Kragen weiß. In dem Gefängnis hockte auch ein Mann von uns, der geschickte Ungar, der Melcher den Geldbeutel stehlen wollte und dabei ertappt wurde. Das Getto lag hinter uns. Im großen Garten an der Sowjetskaja und am Landestheater gingen die alten und ewig jungen Spiele der Liebe. Bis in die späte Nacht hinein war der Garten der Treffpunkt der Mädchen und der Soldaten, die am Rande der Front und des Krieges das Leben auskosteten. Wir sahen viel schöne Mädchen, in denen sich Wüstenblut mit slawischen Spritzern lieblich vermischte. Merkel und Julianne blieben in jenem Gärten, der allgemein der Fleischmarkt genannt wurde. Im Büro traf ich den Ungarn aus Leipzig, den Genossen Krauß. »Wir haben in der Brigade eine ›Zelle‹ gegründet, Glarus«, sagte er. »Es ist alles in guter Ordnung. Aber ich möchte abkommandiert werden. Wir bleiben doch ewig in Minsk hocken. Ich habe kein Sitzfleisch, Otto. Die Welt brennt, ich möchte weiter!« Wieso?« fragte ich. »Das ist ausgeschlossen, Krauß. Wir brauchen dich. Du kannst jetzt nicht fort. Wir müssen auch dableiben. Nichts zu machen, alter Junge!« »Mensch«, antwortete er und seine schwarzen Augen funkelten fanatisch in dem weißen Gesicht. »Mensch, hier ist doch kein Leben und kein Sterben. Laßt mich fahren! Was soll ich hier? Ich habe keine Lust mehr, nichts als Artikel für unsre Zeitung hinzuschmieren. Das kann jeder! Warum ist in Deutschland keine Revolution, he? Es fehlt an Männern, das ist alles, mein Lieber! Deutschland schläft, ich will es aufwecken! Ihr könnt ja später mit der Brigade nachkommen. Laßt mich endlich fort!« »Nichts zu machen, Krauß, du mußt hierbleiben. Wenn die Brigade marschiert, gehst du mit. Die neuesten Berichte aus Deutschland kann dir auch Finck geben. Der Mann ist heute in Minsk angekommen. Geh zu ihm. Er arbeitet bei Melcher«. sagte ich. »Finck hat den Vogel«, murrte er, »ich habe schon mit ihm gesprochen. Er hat ja den Größenwahn und ist vollkommen verrückt. Weißt du, was er sagte? Er sagte, er sei als ›freier Forscher‹ hierhergekommen und hat eine Sauwut, daß er nicht weiterfahren kann. Freier Forscher! Das sind die richtigen Klugscheißer: Die haben die Hosen voller als die Schädel. Nee, ich danke für den Finck. Ihr werdet mit ihm noch euer blaues Wunder erleben. Also ich muß hierbleiben, Glarus?« »Es geht nicht anders«, antwortete ich. Er verzog sich murrend. Ja, er war ein sonderbarer Mensch, Lenin hatte ihn damals, als er aus Ungarn fliehen mußte, empfangen. Aber er ließ ihn schnell abfallen. Krauß war ein Abenteurer. In Moskau konnte er sich nicht halten und fuhr dann als erster nach Minsk. Er arbeitete so schlecht, daß ihm Merkel nachgeschickt werden mußte. Als die Brigade aufgelöst war, ging er nach Deutschland und wurde dort in ein großes Sprengstoffattentat verwickelt. Wir hielten ihn damals in Minsk für einen unglücklichen Menschen. Vielleicht war er auch ein Spitzel. Ich weiß es nicht. Sein Gesicht war von jener schimmernden Blässe, die von innen heraus leuchtet. Merkel kam erst spät nach Hause. Er war fröhlich wie damals in Fastow, als wir den Jammer der zertrümmerten Stadt sahen. Er kam in das Zimmer, lachte, pfiff, hatte keine Ruhe, und endlich sagte er: »Du, Otto, wie gefällt dir die Julianne?« »Nicht übel«, sagte ich vorsichtig. »Aber sie scheint mir doch ein wenig kühl zu sein.« »Kühl?« wiederholte er entsetzt »Julianne soll kühl sein?« Dann lachte er. »Wenn die kühl ist, Otto, dann ist der Vesuv auch kühl. Aber was ich noch sagen möchte, willst du nicht heute nacht dein Bett in das kleine Zimmer nebenan stellen lassen?« »Natürlich. Viel Vergnügen!« sagte ich. Der kleine Schmidt schaffte das Bett in das andere Zimmer. Lautenspieler beaufsichtigte grienend diesen Transport. Merkel wartete in dieser Nacht vergeblich auf Julianne Braut. Sie ließ ihn drei Nächte warten, bis sie endlich zu ihm kam. Die Nachrichten von der Front bei Warschau wurden immer schlimmer. Der Vormarsch stockte schon lange. Und die Brigade wuchs und wuchs, sie wuchs, exerzierte, wurde politisch geschult, wollte marschieren und mußte warten. Die Lebensmittelpreise in der Stadt stiegen beinahe stündlich. Die Etappe mästete sich, wie jede Etappe, an der Not des Landes. Das Brot war wieder schwarz und sauer geworden. Für fünfundvierzig Mark – das waren damals 45 000 Rubel – konnte man sich einen Hut oder ein Ferkel kaufen. Wir hatten Hüte und kauften ab und zu ein kleines Ferkel. Und einmal fuhren wir nachmittags auf das flache Land hinaus. Die gepflasterten Straßen der Stadt lagen bald hinter uns, vor uns dehnte sich eine breite, schwermütige Landstraße, die auf beiden Seiten von alten, wetterkrummen Birken bestanden war. Kleine Wäldchen und Hügel verschwebten in der Ferne. David Lautenspieler war wieder in Gnaden aufgenommen worden. Ich saß mit ihm zusammen. Vor uns saßen Merkel und Julianne Braut. Das erste Dorf, das wir berührten, war voller Kosaken, die auf dem Ritt nach der Front rasteten. Es waren wilde Kerle darunter, wie aus Holz geschnitzt und mit langen Barten und Hacksäbeln. Zwei Kosaken hielten das Auto an. »Wohin, Brüder?« fragte der eine. »Da vorn ist die Front. Ihr müßt umdrehen!« »Ivanuschka, laß sie fahren, die Bürger, die Genossen«, sagte der andere und fragte dann: »Habt ihr Papirossi?« Wir hatten Zigaretten, gaben sie gern und fuhren weiter. Aber unsere Raserei endete bald vor einem kleinen Fluß, dessen Brücke gesprengt war. Da lenkten wir in das schmale, lange Dorf ein und wurden angestaunt. Die Bauern – dreißig Kilometer von Minsk – hatten noch kein Auto gesehen. Wir hielten und gingen in ein Bauernhaus. Um den verlassenen Wagen sammelten sich viele Kinder und Frauen. Der Bauer begrüßte uns und führte uns in das Haus. Die große Stube war sauber und einfach. Viele Heiligenbilder hingen an den Wänden. Ein großer Webstuhl nahm viel Platz weg, Es war eine Stube, wie man sie auch in Deutschland, im Rabengebirge, noch findet. Wir bekamen gutes Brot, dicke Milch, Quark mit Sahne und Piroggen. Von Hungersnot war wenig zu sehen, aber die andere Not wurde sichtbar. Dem Bauern gehörten zweieinhalb Hektar Land, der Krieg hatte alle Pferde genommen, es gab fast nichts zu kaufen. Die Bäuerin zeigte uns ein Stück Seife, für das sie 5000 Rubel, also fünf Mark, bezahlt hatte. Der Konsum hatte am nächsten Tage auch Seife verteilt, weiße Toilettenseife, Kriegsbeute aus Polen, für die 1500 Rubel zu bezahlen waren. Alle wehrfähigen Männer waren an der Front. Die Erbitterung gegen die Juden war groß. Im Dorfsowjet saßen auch jüdische Genossen, mit uns waren auch zwei Juden auf Besuch, David und Julianne. Sie hörten mit unbeweglichen Gesichtern die Klagen an. Sie kannten diese Melodie. Aber David zuckte doch ein wenig zusammen, als der alte Bauer sagte: »Es wird schon einmal anders werden. Mein Sohn ist Rotarmist, und wenn er aus dem Kriege heimkehrt, werden wir gründlich aufräumen.« Julianne lächelte, als sie das übersetzte. Am Abend fuhren wir nach Minsk zurück. Die Kosaken sahen wir nicht mehr. In der Stadt war große Aufregung. Trotzki hatte im Landestheater gesprochen. Dann aber überstürzten sich die Ereignisse. Aus den Dörfern kamen in großen Kolonnen neue Rekruten. Sie waren nur halb militärisch eingekleidet und marschierten an die Front. Die Front wankte und schwankte. Die Polen stießen vor und zertrümmerten die russischen Linien. Die Rote Armee zog sich zurück. Die Schüsse der Insurgenten krachten immer häufiger in den Vorstädten. Viele Spione wurden erschossen. Die Liebespaare verließen den Fleischmarkt. Im Getto ging immer noch der Handel. Die Juden aber duckten die Köpfe vor dem hereinbrechenden Unheil. Sowjetgeld wurde mit großem Mißtrauen entgegengenommen. Auf der schwarzen Börse stieg der Kurs der Zarenrubel. Manchmal würden schon Magazine geplündert und die Wachen davor mit Handgranaten erledigt. Auch die Gefängnisse wurden geräumt. Wir holten den diebischen Ungarn zur Brigade zurück. Im Gefängnis wurde immer noch gesungen. Es war phantastisch: Die Front zerbröckelte, Minsk fieberte, die Toten wurden nicht mehr begraben, und im Gefängnis sangen die Sträflinge: »Auf und nieder geht die Sonne.« Zwei Deutsche drängten sich an uns heran. Sie waren an der Grenze ohne Papiere aufgegriffen worden, sie wollten zur Roten Armee und wurden als Spione verhaftet. Es gelang uns, einen Mann frei zu bekommen. Der andere wurde nach Smolensk transportiert. Dort kam er zu uns. Er brach im Büro zusammen. Er war halbverhungert und nur noch ein beklagenswertes Skelett. Wir mußten ihn mit Milch und Brei auffüttern. Er war ein Arbeiter, der die Maschinen verlassen hatte, um seinen Idealen zu dienen. Die Maschine der Justiz erfaßte ihn, würgte ihn und machte ihn krank. Als er wieder gesund war, reiste er auf dem schnellsten Wege nach Deutschland zurück. Minsk wurde geräumt. Der Herbst war gekommen, der Traum vom Sommer war ausgeträumt. Soldaten, nichts als Soldaten marschierten durch die Stadt, endlose Kolonnen, abgerissen und abgekämpft. Der Bahnhof war ein Heerlager. Die Fahnen hingen traurig in Wind und Regen. Auf den Straßen aber lagen die Möbel, Schreibmaschinen, Papierballen, Motoren und Maschinen, lagen hohe Berge von Mehl und Brot. Die Stadt wurde geräumt. Sie wurde gründlich geräumt. Die Polen sollten in eine vollkommen ausgeplünderte Stadt einmarschieren. An den Häuserwänden wurden über Nacht viele Zeitungen und Manifeste angeklebt, eine gewaltige Galerie des Klassenkampfes, eine endlose Mauer gehämmerter Thesen und Parolen. Auf den Balkonen standen viele Leute und blickten höhnisch in unseren Rückzug. Aber sie standen auch demütig und mit krummen Rücken vor uns in den Büros und kämpften um jedes Bett, um jeden Tisch. Einmal kam Julianne Braut mit einem Druckereibesitzer, der einige Maschinen und Motoren kaufen wollte. Merkel wehrte sich lange dagegen, aber er konnte ja die Maschinen und Motoren nicht mitnehmen und verkaufte sie dem Mann, den Julianne gebracht hatte. Überall wurde in jenen Stunden der Auflösung gekauft und verkauft. Manchmal schien der Krieg seinen Sinn verloren oder gefunden zu haben: Er würde ein abstoßendes Geschäft. Manche Bürger hatten kleine Kommissare bestochen. Wir marschierten nach dem Bahnhof. Die Brigade marschierte, und Merkel hielt noch eine Abschiedsrede. Schmidt hatte sich wieder seiner Kompanie angeschlossen. Ringsum tobte der Lärm der Transporte, Merkel stellte sich auf einen Wagen und überschrie den Lärm der anderen Truppenteile. »Genossen, Soldaten«, begann er zu brüllen. »Wir ziehen uns heute nur zurück, um morgen um so kühner wieder vorzustoßen. Wir sind nicht besiegt, die Zeit wartet auf uns, wir warten auf unsre Zeit, und die Brigade wird sich mit Ruhm bedecken!« Ich stand in der Nähe des Hauptmanns Melcher und hörte, wie er zu Finck sagte: »Der kleine Napoleon soll die Fresse halten, alles Schwindel, was er uns erzählt. Warum ist der Scheißkerl nicht an die Front gegangen? Volksredner spielen ist kein Kunststück.« Finck lächelte und antwortete: »Er kämpft an der poetischen Front, Melcher, er ist dein Vorgesetzter, und du müßt tun, was er dir befiehlt.« Melcher sagte: »Da kann er lange warten.« Ich ging von den beiden Männern und wurde unterwegs von Lautenspieler angehalten. David war sehr aufgeregt. Er zappelte mit den Händen und sagte: »Was wird werden, Genosse, mit mir? Was wird sein, wenn wir kommen nach Smolensk? Werde ich behalten meine Stellung?« »Ja. Du bleibst Bürovorsteher«, sagte ich. Er ging erleichtert fort; Merkel sprach immer noch. Julianne Braut betrachtete mit kühlen Augen die Brigade und den Redner. Sie freute sich auf die Reise nach Smolensk. Ihr Ziel war Moskau. Und sie kam auch nach Moskau. Später ging sie mit einer diplomatischen Mission ins Ausland. Und als sie nach zwei Jahren den kleinen Merkel einmal in Berlin sah, tat sie hochmütig und fremd, und die parfümierte Dame kannte ihn nicht. Merkel spielte damals auch keine politische Rolle mehr. Die Brigade nahm mit tiefem Schweigen Merkels Rede entgegen. Sie machten kalte Gesichter. Viele Soldaten hatten drei Jahre in den roten Regimentern gedient. Sie waren kriegsmüde. Sie schwiegen, als Merkel schwieg. Nur die jungen Leute, die aus Deutschland gekommen waren, brüllten: »Hurra!« Es regnete. Immer neue Truppen rückten an. Kommandorufe knallten, die Lokomotiven pfiffen, dampften und ratterten davon. Auf dem Bahnsteig häufte sich das Gerumpel aus der Stadt in hohen Bergen. In der Stadt wurde heftig geschossen. An einem Hause ging die polnische Fahne hoch. Die letzten Magazine wurden in die Luft gesprengt. In Rußland überrascht den Fremden oft eine Idee, die wie gewappnet aus dem Kopfe des Volkes zu springen scheint: Als das Chaos des Rückzugs begann, als der Handel um das Gerumpel in der Stadt tobte, kamen zum Bahnhof einige Maurer und begannen zu bauen. Sie richteten Leitern und hohe Gerüste auf, sie schleppten Steine und Mörtel herbei und begannen mit der Arbeit. Vielleicht war das auch nur Propaganda, aber sie war so phantastisch, daß sie mich verwirrte. Die Transportzüge rollten, waren überfüllt und könnten nicht alle Regimenter mitnehmen, viele Soldaten waren betrunken und klapperten in den dünnen Sommerkleidern, die Stadt wimmerte ferne wie wahnsinnig, und mitten im Aufruhr wurde gebaut! Die Leute am Bahnhof hatten die hohen Gerüste aufgestellt und bewegten sich auf ihnen wie Prediger auf schwankenden Gerüsten. Unter ihnen wogte eine unruhige Gemeinde und beachtete sie kaum. Lautenspieler stellte sich neben mich hin, sah die Leute da oben und schüttelte den Kopf. Uns gegenüber dampfte der Zug des Generals, der den Krieg verloren hatte. Nach dem Wagen des Generals lief ein junger Offizier. Er war barfuß, seine Füße sahen rot und verquollen unter den zugebundenen Hosen hervor. Er stellte sich vor dem Kommandanten auflegte die Hand an den Helm, klappte mit den nackten Fersen zusammen und erstattete seinen Bericht. Dann lief er wieder barfüßig zu seinem Truppenteil. Merkel hatte sich mit Julianne in den sicheren Wagen zurückgezogen. Er hielt dem jungen Fräulein einen geschichtlichen Vortrag und deckte Zusammenhänge zwischen den Soldaten der Französischen Revolution 1789 und den Soldaten der Russischen Revolution von 1917 auf. Sie hörte gelangweilt zu und dachte an Moskau. David wollte nichts mehr sehen und hören. Er hatte sich in seine Decken gewickelt und schlief. Krauß kam zu mir und erzählte von Ungarn. Er hatte ja schon einen Rückzug mitgemacht. Nun besah er sich alles mit den kalten Augen des Berufsrevolutionärs, der die Struktur der Gesellschaft zu kennen glaubt und mit allen Mitteln verändern will. Ein Mädchen aus Minsk – sie war als Kurierin in unserem Büro beschäftigt gewesen – kam auf den Perron und suchte Merkel. Als sie ihn gefunden hatte, übergab sie weinend ein Gesuch und wollte mit nach dem Norden fahren. Das Gesuch war wie eine Bittschrift der alten Zeit abgefaßt. Merkel wurde darin als »Sonne der Abteilung« bezeichnet. Aber die Sonne verfinsterte sich, sie wollte keinen unnützen Esser mitnehmen. Dann aber leuchtete die Sonne, denn Julianne bat für das weinende Mädchen aus Minsk. Merkel nickte. Sie weinte nicht mehr. Dann kamen die Kosaken. Vor unserem Wagen blieben zwei Kosaken stehen. Ich erkannte sie. Das waren ja die zwei Soldaten, die damals unser Auto auf der Fahrt nach den Dörfern angehalten hatten. Nun aber stritten sie sich darüber, wie man besser mit den großen Hacksäbeln zuhauen könne: mit Schwung oder vielleicht ohne Schwung. »Paschka, Teufelskerl«, sagte der eine und machte ein wildes Gesicht. »Ich sage dir: mit Schwung ist veraltet! Am besten geht es ohne Schwung so aus dem Handgelenk. Da zerhackst du den Kerl bis auf den Sattel!« Der andere wehrte mit seiner behaarten Hand ab. »Ivanuschka, Hurensohn«, sagte er. schob die Pelzmütze aus der Stirn und war mitten im Rückzug, mitten in der Niederlage, immer noch beim Sturm und beim Angriff, »mit Schwung, sage ich dir, mit Schwung. Mit Schwung, Ivanuschka, zerhackst du noch mit den Arsch.« Sie lachten und gingen weiter. Melcher kam angelaufen. »Genosse Merkel, wir haben nur einen Wagen bekommen. Das ist eine Schweinerei! Unsere Leute meutern und wollen nicht marschieren. Zehn Mann haben sich krank gemeldet«, meldete er. »Tut mir leid«, antwortete Merkel und war vollkommener Held, »tut mir leid. Sie, Genosse, haben doch die militärische Leitung der Brigade. Fahren Sie mit dem Stab und ihren Mitarbeitern voraus. Sagen Sie den Soldaten: marschieren oder krepieren ist die Losung. Die zehn Kranken können eventuell in unserem Wagen mitfahren«, setzte er versöhnlich hinzu. Melcher versteinerte, grüßte militärisch und sagte: »Besten Dank; Genosse, aber die zehn Mann bringe ich in unsern Wagen. Ich werde selber mit meinen Soldaten zurückmarschieren.« Er machte kehrt und verschwand. Merkel wurde verlegen. Dann setzte sich unser Zug in Bewegung. Minsk lag nun hinter uns. Die Polen kamen erst am übernächsten Tag. Sie schickten eine Patrouille vor, die Patrouille wurde verhaftet, die Eisenbahner hatten über Nacht einen neuen Revolutionsausschuß organisiert. Die Stadt blieb unbesetzt. Bald darauf kamen die Friedensverhandlungen. Wir fuhren in die Dunkelheit hinein. Die Schienen klirrten und donnerten, und der eiserne Alarm unseres Zuges vereinigte sich mit dem klirrenden Lärm der vielen anderen Züge, die nach dem Norden rollten. Einmal blieben wir auf offner Strecke liegen. Die Schienen waren gesprengt. Nach zwei Stunden ging es weiter. Am frühen Morgen ratterten wir melancholisch durch das herbstliche Land. Es regnete nicht mehr. Am Nachmittag kamen wir nach Smolensk. ZEHNTES KAPITEL Auflösung der Brigade Anfang Oktober kamen gegen 100 000 Mann von der polnischen Front und überschwemmten Smolensk, die alte Hügelstadt über dem Dnjepr. Die hohen Festungsmauern mit den sechzehn Türmen starrten in diesen Rückzug, wie sie auch in den Rückzug der Franzosen 1812 gestarrt haben. Unsere Brigade lag in einem kleinen Landstädtchen. Hans Merkel blieb einige Tage in Smolensk, er wollte keinen Krieg mehr führen und reiste nach Moskau zurück. Ich blieb als politischer Kommissar in Smolensk. Zuerst requirierten wir ein Haus. »Sucht euch selber einen Platz«, sagte der Stadtkommandant, »seht zu, ob ihr ein Haus findet. Meinen Segen habt ihr.« Lautenspieler ging auf Patrouille aus. Nach einer Stunde schon kam er wieder. »Ich habe gefunden ein Haus, ein schönes Haus«, meldete er. »Es wird passen sehr gut für uns. Wir werden einziehen sehr bald, sobald geräumt hat die Fürstin.« »Was für eine Fürstin?« fragte ich. »Was wird sie sein für eine Fürstin? Eine alte Madame, die dort wohnt fünfzig Jahre. Du wirst sehen, Glarus, es ist ein schönes Haus, und es ist viel Platz für uns da.« Ich ging mit Lautenspieler nach dem Haus. Es war eine kleine Villa, weißgetüncht und aus Stein wie viele russische Häuser und lag in der Nähe der westlichen Festungsmauer. Wir klingelten, warteten, und dann wurde geöffnet. Wer öffnete uns? Eine alte, dürre Dame in abgetragenen Kleidern, die einmal sehr schön gewesen waren. Die Fürstin öffnete uns. »Was wollt ihr, Bürger?« fragte sie. Sie hielt die Tür nur halb geöffnet und blickte uns mißtrauisch an. Lautenspieler ergriff das Wort und sagte: »Wir wollen dieses Haus besichtigen, Bürgerin.« Sie zitterte und wollte die Tür zuschlagen, aber David stellte seinen Fuß zwischen den Spalt und trat in den Flur. Ich folgte ihm. Im Flur holte Lautenspieler seinen Ausweis vom Stadtkommandanten hervor und gab ihn der Fürstin. Sie las mit angstvollen Augen. In den drei Jahren der Revolution mag sie schon oft vor dem gewaltsamen Einbruch gezittert haben, aber das Unheil ging immer gnädig an ihr vorbei. Sie hatte sich klein und winzig gemacht und war vielleicht darum übersehen worden, denn fast alle Häuser waren requiriert. Sie war klein und winzig, ja, aber sie war auch klug und hatte einige rote Offiziere aufgenommen. In dem Dienerhaus wohnte, wie in früheren Zeiten, der bärtige Türhüter. Wir besichtigten das Haus. Sie folgte uns auf Schritt und Tritt, und als Lautenspieler dann erklärte: »Bürgerin, Sie müssen das Haus räumen«, begann sie zu klagen und zu jammern. Ihr Geschrei war nicht schön, aber wir konnten nicht auf der Straße kampieren und es war Revolution. Das Haus wurde in vierundzwanzig Stunden für uns frei gemacht. Lautenspieler leitete die Räumung und den Einzug. Er ließ sich nicht erweichen, denn er hatte schon viel Jammer gesehen. Auch die Mieter des Hauses murrten. Der Stabschef einer Garnisonbrigade drohte lärmend mit seinen Soldaten. David ließ sich nicht verblüffen. »Wir kommen von der Front, Genosse Offizier«, sagte er. »Wir haben gekämpft vor Warschau und verspritzt unser Blut für das Proletariat: sind Sie gewesen an der Front?« Der Offizier sagte kein Wort und ging. Die alte Dame klagte: »Bürger Kommissar, ich bin hier in diesem Hause geboren. Lassen Sie mich bitte in der Dienerwohnung, in dem kleinen Hause nebenan.« David, der arme, getretene David, war berauscht von seiner Macht und sagte: »Nein, Bürgerin. Nein. Sie müssen woanders hinziehen. Sie können das, was sie notwendig brauchen, mitnehmen. Morgen mittag ziehen wir ein.« Die Fürstin wandte sich an mich. Sie weinte und erhob die Hände, aber ich konnte ihr auch nicht helfen. Dann trocknete sie die Tränen mit einem winzigen Taschentüchlein und kämpfte mit David leidenschaftlich um ihre Stühle, Betten, Tische und um das Hausgerät. Um einen marmornen Waschtisch ging der Kampf am heftigsten. Lautenspieler aber war härter als Marmor und siegte. Die Fürstin fluchte und betete zu gleicher Zeit und mußte sich in das Schicksal ergeben. Am nächsten Tag zogen wir in das Haus ein. Nach zwei Tagen kam die Miliz. »Die Bürgerin erklärt«, sagte der Milizionär, »ihr hättet sie ohne Grund aus ihrem Hause geworfen. Ich bin gekommen, um den Fall zu untersuchen. Hat die Bürgerin recht?« »Nein. Ich werde unseren Kommissar holen«, antwortete Lautenspieler. »Wir haben die Erlaubnis von der Kommandantur.« Er holte mich. »Wir kommen wegen der Beschlagnahme des Hauses«, sagte der Milton. »Die Bürgerin hier beklagt sich. Wo ist Ihre Erlaubnis? Sind Sie Genosse?«^ »Ja«, sagte ich, »ich bin Genosse und Mitglied der Partei. Hier ist der Schein.« »Dann ist alles in Ordnung«, lächelte der Milton. »Dann hat uns die Bürgerin falsch unterrichtet.« Er grüßte und ging fort. Wir bauten unseren Apparat auf, seine Maschine begann leise zu klappern. Der Lette reiste nach Moskau zurück, wir brauchten keine Geheimmeldungen mehr, und Krauß redigierte immer noch seine Zeitung und wollte Deutschland aufwecken. Deutschland schlief, aber in Italien hatten die Arbeiter die Fabriken besetzt. Das Revolutionskomitee verurteilte zwei Kommunisten zum Tode, weil sie während des Kampfes in Polen ihre Truppenteile verlassen hatten. Vom polnischen Kriege sickerten seltsame Nachrichten durch: Die landlosen polnischen Bauern hatten sich beim Vormarsch der Russen geweigert, das ihnen zur Verfügung gestellte Land der Gutsherren zu übernehmen. Sie glaubten ganz einfach nicht an den Sieg der Roten Armee. Auch von unserer Brigade kamen Berichte. Viele Leute hatten Typhus oder wollten endlich heim. Es gab wenig zu essen, die Winterkleidung fehlte immer noch. Die Diebstähle häuften sich, die Bauern waren erbittert, die Etappenhengste waren korrumpiert und verschoben Lebensmittel und Kriegsbeute. Bei den Soldaten wurde halb verfaultes Pferdefleisch als Delikatesse geschätzt. Auf Hunde wurde leidenschaftlich Jagd gemacht. Diese Berichte kamen. Merkel blieb in Moskau. Auch ich sehnte mich fort. Es waren qualvolle Tage. Einmal kam Melcher und brachte Finck mit. »Schweinerei«, schimpfte Merkel. »Unsre Leute haben nichts zu fressen. Wir haben seid drei Wochen keinen Sold bekommen. Was ist nun los, Glarus, wann können wir aus dem verdammten Drecknest abmarschieren?« Die Macht verdirbt den Menschen, auch ich war verdorben, hörte die Klagen ruhig an und sagte: »Ich warte jeden Tag auf Nachricht aus Moskau. Wir bemühen uns um Geld. Es ist uns für morgen versprochen worden. Die Winterkleider rollen von Witebsk an, beruhigen Sie die Leute, Genosse Major.« »Major?« fragte Melcher erstaunt. »Jawohl, Major. Ich gratuliere, Genosse. Heute kam Ihre Ernennung. Hier ist sie!« sagte ich. »Die Brigade wird lachen, wenn sie das erfährt«, antwortete Melcher versöhnlicher, »aber lange halten wir das nicht mehr aus. Die Soldaten meutern und wollen nach Deutschland zurück.« »Genosse Major! Was heißt hier meutern! Ich kann auch nicht nach Deutschland! In drei, vier Wochen spätestens ist alles liquidiert. Merkel hat geschrieben, er kommt nächste Woche«, sagte ich. »Dann soll er sich nicht bei uns sehen lassen«, knurrte Melcher. »Wir haben seine blödsinnige Rede auf dem Bahnhof nicht vergessen. Er ist davongelaufen und hat uns im Dreck sitzenlassen.« Ich zuckte mit den Schultern. »Und was wird mit mir?« fragte Finck. »Man hat mich in Minsk gegen meinen Willen aufgehalten. Ich will russische Verhältnisse studieren. Ich habe einen Brief an Lenin. Ich will nach Moskau.« »Lieber Freund, auch Sie müssen sich noch eine Weile gedulden. Russische Verhältnisse studieren? Bitte, bei der Brigade ist nach meinen Berichten viel Gelegenheit. Aber ich will für Sie nach Moskau telegraphieren. Mehr kann ich beim besten Willen nicht tun.« Er blickte mich voller Haß an und sagte: »Schön. Also nichts zu machen. Wenn Nachricht kommt, bitte, verständigen Sie mich schnell.« »Wird gemacht«, sagte ich. Der neue Major und Finck verabschiedeten sich. Ich atmete auf, telegraphierte nach Moskau an Merkel. Seine Antwort kam am nächsten Tag. »Über Brigade wird hier verhandelt. Vorläufig keinen Menschen nach Moskau lassen.« Dann kam ein neuer Bericht. Die Brigade sollte in die Nähe von Smolensk in ein kleines Schloß überführt werden. Ich sollte das Schloß daraufhin ansehen, ob dort eine Militärschule aufzumachen sei. Mit Julianne Braut reiste ich nach dem kleinen Schloß. Unser Wagen tanzte über eine holprige Straße, dann kamen abgründige Wege mit tiefen Morästen und hohen Sandwehen, und in zwei Stunden war das kleine Schloß erreicht. Es lag auf einem kleinen Hügel und sah verwahrlost aus. Die Bauern hatten es ziemlich ausgeplündert. Der Gutsherr war geflohen. Durch zerschlagene Fernster pfiff der Wind. Wasserleitung und Heizung funktionierten auch nicht mehr, es gab keinen Brunnen, das notwendige Wasser brachte jeden Tag ein Bauer mit seinem Fuhrwerk aus dem nahen Dorfe. In dem Schloß lag ein kleines Kinderheim, vierzig Kinder aus Smolensk hausten mit zwanzig Helferinnen in den kühlen, viel zu großen Zimmern. Viele Kinder liefen jetzt noch barfuß. Ihre Kleider waren Sommerkleidchen. Der Leiter des Heimes war über unseren Besuch nicht entzückt. »Eine Brigade soll in das Schloß kommen?« sagte er. »Also Soldaten! Sagen Sie mir: Wo soll ich mit meinen Kindern hin? Der Winter steht vor der Tür, wir haben uns ganz gut eingelebt, und nun sollen wir fort! Und in Smolensk gibt es nichts zu essen.« »Gibt es hier was zu essen?« fragte Julianne. »Ja, hier gibt es was. Nicht weit vom Schloß liegt eine Bauernkommune, die ernährt uns«, antwortete bereitwillig der Leiter. Die Kinder lärmten im Nebenzimmer. »Haben Sie Mitleid mit den Kleinen«, begann der Lehrer. »Es gibt einen anderen großen Hof zehn Werst von hier, legen Sie dort die Brigade hin, Genosse. Was sollen wir tun? Wollen Sie, bitte, die Kinder sehen?« Er öffnete die Tür. Der Lärm verstummte. Die Kinder stellten sich auf und stimmten die Internationale an. Dann besichtigten wir das Schloß. Der Schulleiter folgte uns. »Das Schloß ist so groß, lieber Genosse«, sagte ich, »daß auch noch Platz für die Kinder bleibt. Wir werden uns schon einrichten und vertragen. Wir sind keine Menschenfresser. Sagen Sie bitte, wer wohnt dort in dem kleinen Gartenhaus?« »Dort wohnt der Dorfpope mit seiner Frau und den zwei Töchtern«, antwortete er verlegen. »Die Leute von der Kommune haben sie fortgejagt, und da haben wir sie aufgenommen.« »Das geht natürlich nicht«, sagte die resolute Julianne. »Wenn die Brigade kommt, muß das Gartenhaus geräumt werden. Unsere Soldaten brauchen keinen Popen. Wir richten dort unsre Kanzlei ein.« »Ganz wie Sie wünschen«, sagte der Schulleiter. Wir gingen noch einmal durch die großen, schallenden Korridore des verlassenen Schlosses. In einem hohen Zimmer stand altes Gerümpel. An den Wänden hingen die Kopien alter Italiener. Bleiche Madonnen sahen auf die Trümmer einer zusammengebrochenen Welt. Auch ich wurde melancholisch. Der polnische Krieg war erledigt. Was sollte also noch die Brigade? Sollte immer Krieg in der Welt sein? O nein, wir würden niemals als Vortrupp einer revolutionären Armee über die Grenze marschieren! Jetzt schon begann die Auflösung unserer Formation. Die russischen Abteilungen wurden herausgezogen, die Deutschen stritten sich mit den Russen, die Österreicher mit den Ungarn, jeder sehnte sich nach Frieden. Wir verließen das Schloß und fuhren nach der Stadt zurück. Der Wagen tanzte und taumelte, an den vielen Kurven fiel Julianne gern und mit grandiosen Augenaufschlägen in meine Arme. In Smolensk schrieb ich meine Berichte und malte das Bild des Schlosses in den schwärzesten Farben. Die kleinen Kinder sollten schon dort bleiben. Die Tage vergingen. Es regnete. Wir konnten unseren Soldaten nicht helfen. Krauß schrieb immer noch seine Aufsätze, als befände sich die Armee auf dem Vormarsch. Und fast jeden Tag plagte er mich mit seiner Reise nach Deutschland und sprach von den Donnerschlägen, mit denen er das Volk aufwecken wollte. Einmal kam auch die Fürstin und besichtigte mit bösen Augen ihr Haus. Lautenspieler warf sie auf die Straße. Endlich kam Merkel aus Moskau. »Es steht schlecht, Otto«, sagte er, »wir liquidieren die Brigade. Wir machen in Petrograd eine Militärschule auf, die fähigsten Köpfe sollen dort zwei Jahre studieren. Länger als zwei Jahre dauert es doch nicht mehr, bis im Westen die große Sache losgeht ... Sage mal, lieber Junge«, hast du keine Lust, einen Kursus über politische Ökonomie zu übernehmen? Ja, und was ich noch sagen wollte, Maartens ist abgefahren, ich soll dich schön grüßen.« »Danke schön«, sagte ich. »Nein, ich übernehme keinen Kursus. Und ich glaube auch kaum, daß sich viele Leute von der Brigade melden werden. Alle wollen nach Hause. Am wildesten sind die Soldaten, die vor einigen Wochen über die Grenze gekommen sind. Es sieht wirklich sehr schlimm aus.« »Weiß ich«, antwortete er gedämpfter, »alles fährt zurück. Die Deutschen, die im Frühling kamen, sind auf der Heimreise. Auch die schwedischen Arbeiter hauen ab. Weißt du, unsre Brigade war wie ein Traum, und nicht einmal wie ein schöner. Wie lange willst du noch in Rußland bleiben?« »Nicht mehr lange«, sagte ich. »Und ich muß nach Moskau. Ruhla hat mir geschrieben, sie will doch noch herüberkommen. Ich soll sie in Petrograd abholen. Aber lange bleiben wir nicht mehr hier ... Weißt du, Hans, aus der Ferne sieht sich das alles so großartig an, aber wenn du mitten drin im Dreck hockst, wenn du siehst, wie wenig sich die Menschen verändert haben und wie oft die Attrappe als neues Leben ausgegeben wird, da sehnst du dich doch nach Deutschland zurück. Ich weiß natürlich, Revolutionen sind notwendig.« »Du bist ein Kind«, antwortete Merkel. »Natürlich sind sie notwendig, aber das Problem ist doch einfach so: Darf eine siegreiche Klasse der noch kämpfenden Klasse in anderen Ländern das Gesetz des Handelns diktieren? Nein, du siehst, was herauskommt. Korruption oder ein verzweifelter Putsch. Und was können wir, die Ausländer, hier tun? Mitarbeiten? Wir haben mitgearbeitet, und was haben wir davon? Denke an die Brigade! Wir sind weiter nichts als Zuschauer, auch wenn wir große Reden schwingen.« Er machte eine resignierte Handbewegung. »Aber du warst doch so stolz als kommandierender General in Minsk!« sagte ich. »Deine Abschiedsrede auf dem Bahnhof war allerhand, lieber Hans, unsre Brigade denkt immer noch daran. Die Leute haben eine Sauwut auf dich, kann ich schon sagen. Natürlich sind wir Zuschauer, das weiß ich, und ich will die Augen recht weit aufreißen!« »Die Brigade hat recht«, antwortete er, »ich war ein Rindvieh. Also, wir sehen uns in Moskau wieder. Ja, und was ich noch fragen wollte: War hier in Smolensk in der letzten Woche, warte mal, am Donnerstag, ein großer Militärputsch? Wieviel Tote hat es gegeben?« »Wieso Militärputsch? Unsinn, hier war alles ruhig!« sagte ich. Merkel lachte. »Ich habe da eine deutsche Zeitung bekommen, und die meldet Aufruhr und Tote in Smolensk. Siehst du, Otto, weil so viel gelogen wird, bin ich für Sowjetrußland! Mein lieber Junge, wir leben in einer grausamen und großen Zeit, das kann ich dir schon sagen: Unsre Kinder und Kindeskinder werden uns einmal um unsre Erlebnisse beneiden!« »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Hoffentlich haben sie sich leichter und fröhlicher mit der Welt auseinanderzusetzen als wir armen Hunde. Hast du Chinin?« »Wieso Chinin?« fragte er. »Ich habe seit einigen Tagen Fieber.« Merkel war besorgt, hatte Chinin und eine halbe Flasche Kognak, ich legte mich früh ins Bett und war am anderen Tage viel frischer. Mit Lautenspieler spielte ich noch einige Partien Schach, hörte dann zum zwanzigstenmal seine Erlebnisse vom Pogrom in Fastow, übergab Merkel die Geschäfte und reiste am späten Abend nach Moskau. Diese Reise war eigentlich eine Flucht: Ich eignete mich nicht als politischer Kommissar. In Moskau blieb ich drei Tage. Einmal sah ich Katja, aber sie tat, als kenne sie mich nicht. Ich war froh darüber. In den ersten Novembertagen fuhr ich nach Petrograd. Dort besuchte ich Njura und kam auch mit Nowikoff zusammen. Der Matrose behandelte mich feindlich. Die hellen Nächte waren schon lange vergangen, die großen Festtage verrauscht. Es regnete fast jeden Tag, und am Morgen wehte der Nebel. Njura trauerte immer noch um Freeman. »Ich hätte ihn retten können, wenn ich in Moskau gewesen wäre«, klagte sie. »Dieser Teufel von einem Ssuwarin! Da sehen Sie, in was für einem Lande wir leben. Am liebsten ginge ich mit einer diplomatischen Mission nach Deutschland oder Frankreich.« Nowikoff sagte: »Was haben Sie mit Katja angestellt? Hüten Sie sich! Sie sind unser Gast, aber auch die Gastfreundschaft hat ihre Grenzen.« Endlich kam Ruhla, Gruß aus der Heimat, die Geliebte und Vertraute von früher. Sie war keine bequeme Freundin, auch in den ersten Tagen nicht, aber ich liebte sie, sie liebte mich, und wir hatten uns gern, auch in jenen Zeiten, in denen wir uns quälten. Ich zeigte ihr die Stadt, erzählte vom Sommer und meinen Erlebnissen auf den vielen Reisen. Von Katja und auch von der jungen Griechin in Odessa erzählte ich nichts. Dann fuhren wir nach Moskau. Ruhla – sie hieß Eva, und Ruhla war nur der Kosename, der Kriegsname – war von der Stadt berauscht, aber daß die Arbeiter noch arbeiten mußten, um zu leben, entsetzte sie. »Wozu wird Revolution gemacht, wenn man dann noch arbeiten muß? Und ist das Kommunismus, wenn man nichts zu essen hat?« fragte sie. In Moskau lag ein Telegramm von Merkel vor. Ich sollte nach Smolensk kommen. Ich reiste mit Ruhla nach Smolensk. Das weite, flache Herbstland machte sie traurig. Sie hatte ihre Kindheit in den Bergen verlebt. Sie sah mit viel irdischeren Augen in das Leben und fühlte hier in den ersten Tagen schon sein Schwergewicht. »Bei uns in den Zeitungen liest man, hier sei das Paradies«, sagte sie, »und auch du hast in deinen Berichten alles verklärt. Als ich über die Grenze kam, war ich wie erschlagen. Diese Armut! Warum belügt ihr in euren Artikeln das deutsche Volk?« »Wir lügen nicht, Ruhla«, verteidigte ich mich, »vielleicht beschreiben wir die Dinge so, wie sie sein sollen, und nicht, wie sie sind. Unsre Artikel in Deutschland sollen doch nur helfen, daß es hier besser wird!« »Das verstehe ich nicht«, griff sie mich an. »Wird es denn besser, wenn alles in den rosigsten Farben und Bildern gemalt wird?« »Wird es vielleicht besser, wenn es in den schwärzesten Farben gemalt wird?« fragte ich. »Wir müssen Deutschland aufrütteln«, fuhr ich fort und fühlte, daß ich auf schwankendem Boden stand. »Wir müssen aufrütteln, Ruhla, nur mit ausländischer Hilfe kann eine neue Welt hier aufgebaut werden.« Sie dachte nach und fragte dann: »Schön, aber warum fahren wir Schlafwagen, und warum fahren die Arbeiter und Bauern im Viehwagen?« »Weil es noch nicht Schlafwagen für alle gibt!« Dann fragte sie: »Warum bekommen wir Ausländer besseres Essen als die Arbeiter?« Nein, Buhla war keine bequeme Freundin. Sie stachelte mich auf, und ich war ihr dankbar. Manchmal, das wußte ich selber, hatte meine Seele Fett angesetzt, ich gehörte zur herrschenden Partei und durfte befehlen. Ich wohnte in einem guten Haus oder Hotel, reiste in internationalen Wagen, schrieb meine Berichte, ernannte Majore und hielt oft weithinschallende Reden. Wir kamen am frühen Morgen in Smolensk an. Lautenspieler hatte sich in meinem Zimmer einquartiert, und als er es räumen mußte, war er eine wohlabgetönte Mischung von Dienstfertigkeit und Wut. Krauß war nach Deutschland abgereist. Merkel hatte die Zeitung eingehen lassen und begrüßte uns herzlich. Dann kam auch Julianne; die beiden Mädchen betrachteten sich eine kleine Minute und wurden dann gute Freundinnen. Sie gingen in die Stadt. »Gut, daß du gekommen bist, Otto«, sagte Merkel. »Bei der Brigade ist der Teufel los. Wir bekommen keine Winterkleidung und zu wenig Geld. Ich war jeden Tag beim Revolutionsausschuß der Westfront, aber die Russkis versprechen uns den Himmel und lassen uns in der Vorhölle braten. Am besten ist es wohl, du fährst einmal zur Brigade und beruhigst die Leute.« »Willst du nicht fahren?« fragte ich. »Natürlich, gern, aber ich führe doch in der Stadt die Verhandlungen. Stelle dir vor: Wir brauchen dringend Feldbetten. Gibt es nicht. Gibt es nur in Witebsk. Gut, ich schickte gestern einen Mann hin: er kam ohne Betten wieder. Eine Resolution auf der Anweisung war alles, was er brachte. Und gestern kam ein junger Kerl zu uns, Klaus Fiebig, er hat bei Hölz in Deutschland mitgekämpft, wurde an der Grenze verhaftet, weil er keine Papiere hatte, und über zwei Monate durch die Gefängnisse geschleppt. Die Revolution erstickt noch an Papier. Als Fiebig kam, war er halb verhungert. Und denke dir, der Knabe freut sich und sagte zu mir: ›Ach, ich bin froh, daß ich hier im Vaterlande aller Proletarier bin.‹ Ist das nicht erschütternd?« Ja, es war erschütternd, diese Gläubigkeit, dieser Heroismus, die Begeisterung trotz Hunger und Gefängnis. »Was ist bei der Brigade los?« fragte ich. »Erzähle, ich werde schon fahren.« »Große Schweinereien, Mensch, sie fressen sich gegenseitig auf. Die Russen wollen, daß Melcher auf ihre Befehle hört, Melcher will sich nicht den Russen unterstellen, Finck hetzt auf beiden Seiten, bei Melcher und bei den Russen, es geht alles drunter und drüber. Fahre los, Hals- und Beinbruch, und sage, daß wir spätestens in einer Woche nach Moskau reisen.« Ruhla wollte mitfahren, aber ich reiste allein. Ja, dort war der Teufel los. »Warum kommt Merkel nicht selber?« fragte Melcher. »Merkel muß Löhnung und Winterkleidung herbeischaffen«, sagte ich, »er muß jeden Tag verhandeln und jeden Rubel und jedes Hemd extra herausquetschen.« »Der hat Glück, daß er nicht gekommen ist«, murrte Melcher. »Unsere Leute hätten ihn erschossen. Ihnen ist alles egal. Was ist nun los, Glarus, wann bauen wir hier ab? Wir haben nichts zu fressen und wollen, verdammt, endlich heimfahren. Lange bleiben wir nicht mehr. Wir marschieren einfach los. Sagen Sie das dem Herrn Genossen Merkel!« »Die Brigade wird nächste Woche nach Moskau transportiert, Genosse Major. Ihr müßt diese paar Tage noch warten. Wir bemühen uns Tag und Nacht, aber wo es nichts gibt, hat der Teufel sein Recht verloren.« Finck, der im Bett lag, lachte und sagte: »Dann schafft sich der Teufel selber sein Recht.« »Ah, der ›freie Forscher‹ spricht«, sagte ich voller Hohn, »wollen Sie in Moskau bei dem Genossen Lenin auch diese These verkünden?« »Melcher lachte. Finck starrte mich wütend an und sagte kein Wort mehr. Melcher sagte: »Gut. Eine Woche werden wir noch warten. Sieben Tage. Keine Stunde länger. Und von Moskau fahren wir nach Deutschland zurück. Ich glaube kaum, daß sich Leute für die Militärschule melden. Berichten Sie Merkel und vergessen Sie nicht: sieben Tage noch. Keine Stunde, keine Minute länger.« Ich verabschiedete mich. Auf dem Wege zum Bahnhof lief mir ein junger Soldat nach. Es war Schmidt, der damals Merkel die Brieftasche wiedergebracht hatte. Er war abgerissen und sah verhungert aus. An den Füßen trug er Bastschuhe. Er fror und hatte auch keinen Mantel. »Lassen Sie mich mit nach Smolensk fahren«, bettelte er, »ich habe Fieber, und wir haben kein Chinin. Gar nichts gibt es hier, und ich will bei euch im Büro auf den Dielen schlafen, wenn ihr kein Bett habt, aber laßt mich bitte, bitte nach Smolensk.« Ich nahm ihn mit und er ergänzte dann meinen Bericht von der Brigade. Wir schickten Ruhla und Julianne aus dem Zimmer. Merkel hörte mit müdem Gesicht zu. Die Brigade wurde manchmal von den Russen wie eine Rotte aufdringlicher Bettler behandelt. Es war zum Heulen. Am selben Tag kam Ruhla aufgeregt zu mir. »Ich war im Klub«, sagte sie, »und da traf ich eine alte Frau. Sie schlief in der Küche auf den kalten Fliesen. Na, höre mal, was ist das für eine Schweinerei? Die alte Frau ist zwölf Jahre in der Partei, sie hat nichts anzuziehen, nichts zu essen, sie hat auch kein Obdach, ihre Partei aber hat gesiegt – was hat dieser einzelne Mensch vom Siege? Kannst du mir das sagen? Wenn es anderen schlecht geht, kann ich es zur Not begreifen, aber das begreife ich nicht, Otto. Warum muß diese Frau auf dem Fußboden schlafen?« Ich kannte die alte Frau und hatte ihr aus unseren Beständen einige Kleider verschaffen können. In der Stadt hatte ich auch zwei Menschen kennengelernt, die lange in der Schweiz lebten und die nun am Tage des Sieges arbeitslos und hungernd auf der Straße lagen, von schönen Tagen in Zürich träumten, davon nicht satt wurden und keinen Paß für das Ausland bekamen. Sie waren Kommunisten. Was konnte ich Ruhla antworten? Nichts konnte ich antworten. Wir blieben fünf Tage in Smolensk, sprachen über die Not des Landes, über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, wir zankten uns, wir liebten uns und fuhren wieder nach Moskau. Merkel kam nach einer Woche. »Die Brigade kommt in den nächsten Tagen. Sie ist schon verladen. Es wird verdammt Zeit, mein lieber Junge«, sagte er. »Und was sagst du dazu: Die Russen hatten ihre Spitzel bei den Soldaten. Ich habe die vertrauliche Meldung, daß Melcher und einige Leute verhaftet werden sollen. Das ist doch allerhand!« »Verhaftet? Warum?« fragte ich. »Was weiß ich! Aber wir werden uns wehren! Und wenn ich bis zu Lenin gehen sollte!« Merkel kam nicht zu Lenin vor, er erhob seinen Einspruch bei einem anderen Führer, aber als die Brigade kam, wurde Melcher mit zwei Ungarn und einem Deutschen verhaftet. Sie kamen nach vier Wochen wieder frei, aber dann mußte David in eine kühle Zelle. Juliane verschwand einige Tage, und als sie wiederkam, erzählte sie strahlend, daß sie, Glück muß der Mensch haben, beim Auswärtigen Amt angestellt sei. Die Brigade lungerte in Moskau herum. Siebzehn Mann meldeten sich für die Militärschule. Die andern wollten endlich heimfahren. Goldenberg lebte auch noch und war ein beliebter Versammlungsredner auf den Meetings geworden. Er ging dann nach Petrograd und übernahm bei der Militärschule einen Kursus über politische Ökonomie. »Meine Schaluppe«, sagte er zu mir, ehe er abreiste. »Hier in Rußland ist allerhand los! Da können wir in Deutschland gar nicht mit, mein Lieber, da sind wir Waisenkinder! Warte nur, wenn ich nächsten Frühling nach Berlin komme, will ich einen Laden aufziehen! Ich war in Kasan, und da hat man mich zu einem Ehrenkommandanten gemacht! Ich werde in der Stammrolle geführt, habe ein Soldbuch und eine knorke Uniform. Junge, Junge, werden die ollen Berliner glotzen, wenn ich heimkomme!« Einmal besuchte ich Merkel im Hotel. Er war nicht allein im Zimmer. Katja war bei ihm. Als sie mich sah, wurde sie verlegen, sagte kurz »Guten Tag, wie geht's, was macht deine Frau?« und verschwand. Der kleine Merkel sah ihr mit verliebten Augen nach. »Ein fabelhaftes Mädchen, Otto«, sagte er verklärt. »Sie hat Feuer, kann ich dir flüstern. Da ist die Julianne ein Eisberg dagegen. Sage mal, mir war es, als ob sie dich kenne?« »Natürlich kennt sie mich. Und du kennst sie auch aus meinen Erzählungen.« »Wieso?« fragte er, schien sich nicht zu erinnern und war verwirrt. »Weißt du, für wen sie arbeitet?« fragte ich. Merkel lachte. »Aber natürlich! Sie arbeitet im Volkskommissariat bei Lunatscharski! Sie versteht sehr viel von Kunst. Ich finde sie einfach großartig. Aber da kannst du als Ehemann gar nicht mitsprechen.« »Meinst du?« fragte ich. »Aber ich kann hier schon mitsprechen, alter Rabe. Auch Maartens kann mitsprechen, viele Ausländer können hier mitsprechen. Hans, weißt du was? Die Katja ist Agentin der Tscheka.« »Der Tscheka?« platzte Merkel heraus. »Und sie arbeitet auch nicht bei Lunatscharski? Das ist unmöglich.« Dann schien er sich zu erinnern und sagte: »Ach so, das ist die Katja, die mit Siebenhaar zusammen gearbeitet hat?« Ich nickte. »Das ist allerhand«, sagte er dann. »Was wollte sie von dir?« fragte ich. »Daraus bin ich noch nicht klug geworden, Otto«, berichtete er. »Sie erkundigte sich viel nach der Brigade und nach Melcher. Auch von dir wollte sie allerlei wissen. Sie hätte von dir gehört, sagte sie, und ich habe allerhand gesagt, aber von Ruhla kein Wort, das weiß ich ganz bestimmt. Ja, warte mal, und einmal...« »Hat sie auch bei dir geschlafen!« vollendete ich den Satz. Merkel schüttelte betrübt mit dem Kopf. »Nein, leider noch nicht. Aber sie wollte heute nacht kommen«, antwortete er zögernd und wurde rot. Dann schwieg er eine kleine Weile und sagte: »Weißt du was, Otto, ich werde klug sein und mich dumm stellen. Der Mensch lebt nur einmal und soll vor keinem jungen schönen Mädel seine Kammertür verschließen. Ich weiß nun, wer sie ist, ich weiß Bescheid, und am Morgen werde ich sie auslachen.« Er lachte. Ich ging. Am Abend verschloß Merkel seine Kammertür nicht. Er lag die halbe Nacht schlaflos da. Jeder Schritt schreckte ihn auf. Er wartete auf Katja. Aber das Mädchen kam nicht. Mit Ruhla spazierte ich durch Moskau und zeigte ihr die alten Straßen und Plätze, die im Sommer so strahlend geblüht hatten. Wir besuchten auch das große Theater und den Kreml. Sie gab ihren kritischen Widerstand auf und unterlag der bezaubernden Stadt. Als Anfang Dezember ein internationaler Zug mit Ausländern für eine Reise nach dem Ural zusammengestellt, wurde, war auch sie für diese Reise. Ich wollte nach Deutschland, aber ich ließ mich von ihr überzeugen, wir packten unsere Bündel und machten uns reisefertig. Am letzten Tag entschloß sich auch Merkel für die Fahrt. ELFTES KAPITEL Nach dem Ural Im Dezember liegt Moskau, die goldene Stadt unter weißem Schnee begraben. Die Anlagen und Boulevards sind verödet, aus den schwarzen Wäldern kommen die Flatterwolken der schreienden Krähenschwärme, die Leute gehen eilig und in schweren Pelzen auf den Straßen: die Sommerheiterkeit ist dahin, der Frost knallt mit seinen Peitschen. An einem schönen Abend, in dem die schwarzen Kronen der Kiefern wie japanische Schattenrisse gegen den leuchtenden Himmel standen, verließen wir Moskau. Am nächsten Morgen überquerten wir die Wolga bei der alten Stadt Jaroslawl. Dann am hellen Tage sahen wir das nördlich weite und unendliche Land mit Schnee und Wäldern, Sumpf und freien Feldern, verstreuten Dörfern und vielen Windmühlen, die unter dem hohen Himmel mit ihren sechs Flügeln mahlten. Dann kamen wir nach Wologda, besahen uns die kleine Stadt mit den grünen, blauen und goldenen Kirchen, rasten auf flachen Schlitten in die verschneiten Wälder hinaus und waren berauscht von der klaren kalten Luft. Sie schmeckte wie herber Wein. In den Wäldern gab es noch Bären und Wölfe. Ruhla sah eifrig nach ihnen aus, vergeblich natürlich, und als wir an einem Blockhaus vorbeihetzten, auf dem ein verwaschenes rotes Fähnchen im Winde flatterte, sagte sie. »Das ist herrlich! Wald und Schnee, ein Blockhaus mit der roten Fahne, schön und grausam ist das, die ganze Hoffnungslosigkeit des Beginnens starrt uns entgegen.« Merkel riß die Augen auf, er kannte die Aussprüche Ruhlas noch nicht und warf mir einen bedeutsamen Blick zu, als zeichne ich für sie verantwortlich. Ich freute mich und lachte. Noch vielemal sahen wir auf dieser Reise die Hoffnungslosigkeit des Beginnens, in Wologda und auch in Wyatka. Auch in Wyatka standen die glatten und gedrehten Kirchenkuppeln blau, grün und golden gegen das matte Blei des Winterhimmels. Auch durch Wyatka fuhren wir mit den flachen Schlitten. Die sibirischen Pferde dampften. Von den Kirchen begann das Sturmgeläut der unzähligen Glocken, ein wildes, brausendes und irrsinniges Geläut begann, in dem sich Asien und Byzanz verschwisterten, und verfolgte uns bis in die stillen Zimmer unseres Hotels. Die Kameraden von damals brauche ich nicht mit Namen vorzustellen, sie sind in ihre Länder zurückgekehrt, der Amerikaner, der Türke, der Koreaner, und viele von ihnen schwören jetzt dem Rauschen anderer Fahnen zu und haben vielleicht alles vergessen. Ich will nur die beiden jungen Leute aus Uruguay vorstellen: den Studenten und den Arbeiter. Sie waren sehr jung. Carlos, so hieß der Tischler, war vierundzwanzig Jahre alt und von seiner Organisation nach Moskau geschickt worden. Er hatte schwarze Brombeeraugen und ein gutmütiges Gesicht. Sein Freund hieß José. José war Student und zeigte das hochmütige Blatternarbengesicht eines spanischen Granden. Er war knapp zwanzig Jahre alt und führte meistens für Carlos das Wort. Wer die Geschichte dieser Delegation nicht kannte, mußte annehmen, José sei der offizielle Beauftragte und Carlos sein zweifelhafter Schatten. Ein Tischler und ein Student. Im ersten Augenblick entschlossen wir uns für den Studenten. Ruhla war in ihn verliebt. »Ist er nicht herrlich?« flüsterte sie. »Er ist ein Spanier. Edle Rasse. Schön, kalt und grausam.« Ich wollte auch schön, kalt und grausam sein, aber sie lachte mich nur aus. Viel eher glich ich schon Carlos, mit dem wir uns nur über José verständigen konnten. José sprach auch Französisch und lernte soviel Russisch, um seine donnernden Ansprachen mit einigen russischen Sätzen beenden zu können. Von Uruguay erfuhren wir wenig, nur soviel sagte José, daß Montevideo noch schöner sei als das goldgetürmte Moskau und daß die kleine südamerikanische Republik in der Fahne fünf weiße und vier blaue, waagerechte Streifen habe und am Flaggenstock ein weißes Feld mit goldener Sonne führe. Ruhla war nun plötzlich für das weiße Feld mit der goldenen Sonne. Unsere Exkursion war eine politische Reise. Wir haben viele Städte und Fabriken besucht, um uns war, wie auf der Reise nach dem Schwarzen Meere, viel Festlichkeit und auch viel Not. Wir erlebten beides, und nach einem großen Meeting sagte Ruhla einmal zu mir: »Wenn ich Berichte schreiben könnte, würde ich auch so schreiben, wie du sie im Sommer geschrieben hast. Es geht nicht anders. Unsere Idee darf nicht beschmutzt werden.« Wyatka ist eine russische Provinzstadt, groß und verschwenderisch in die Breite gebaut, die Häuser sind Blockhäuser, Holzhäuser, die Kirchen wie funkelnde Verheißungen nach einer anderen Welt. Die Wälder rückten an die Holzhäuser heran, alles in allem: ein phantastisches Dorf, in dem die steinernen Verwaltungsgebäude wie Fremdkörper standen. Aus den entfernten kleinen Dörfern waren viele Bauern gekommen, der große Basar lag wie ein erdrosselter Leichnam auf einem weiten Platz, aber der Schleichhandel gedieh und bekam rote Backen und ein Doppelkinn. Unser Hotel war ein alter Kasten mit riesenhaften Öfen, für den Winter gebaut. Die Treppen knarrten, die Zimmer waren nicht still, wie wir anfangs glaubten, sie waren überfüllt. Das Hotel hieß »Eremitage«. Es war ein Jahrmarkt und kein Ort der Stille. Und doch erblühte aus dem großen Lärm der unfreundlichen Zimmer ein Wunder. Carlos verliebte sich nämlich in ein junges Mädchen, das in Soldatenkleidern herumlief. Sie war erst vor einigen Tagen von der Front, aus der Krim, zurückgekommen. Sie hieß Nina, trug kurze Haare, hatte ein blankes Knabengesicht, große, verschleierte Augen und einen kühlen Mund. Sie glich ganz den modernen Damen im Westen. Sie war ihnen ähnlich, aber sie war doch vollkommen anders. Sie war erfüllt von den Ideen einer bewegten Zeit und vermännlicht durch das Lagerleben an der Front und nicht aus Scham vor dem eigenen Geschlecht, wie man das heute im Westen in den lauten Städten beobachten kann. Merkel war erschrocken, als er sie sah und sagte: »Mensch, Otto, sieh dir mal das Mädchen an! Sie ist ja die schönere und jüngere Schwester von Manja!« »Wer ist denn Manja?« fragte ich. »Das Mädchen in Kiew. Hast du sie schon vergessen?« Ja, ich hatte sie vergessen. Merkel hatte sie nicht vergessen. Nina und Carlos war ein viel schöneres Paar als Manja und Hans Merkel. Nina und Carlos: Das war eine Liebe auf den ersten Blick. Wir erlebten mit großer Verwunderung, wie sich der träge Carlos plötzlich veränderte. Ja, ein Blitz hatte ihn gestreift und rebellisch gemacht. Seine weiche Stimme wurde metallen, seine Hände hart und aufrührerisch. Zum erstenmal, seit wir ihn kannten, machte er sich selbständig und war nicht mehr der fatale Schatten von José. Jetzt war Carlos nicht mehr der schwerfällige Tischler und jener der abenteuerliche Herr, Ruhla fühlte mit Nina und Carlos und erzählte mir so oft und so ausführlich von dieser Liebe, als sei auch sie daran beteiligt. Wie sich Nina und Carlos in den ersten Tagen verständigt haben, weiß ich nicht. Natürlich weiß ich es ganz gut: durch die internationale Sprache der Augen, durch Händedrücke, selige Seufzer, die von allen jungen Menschen verstanden wurden. Carlos: Sein Lächeln war Geständnis der Liebe. Nina: Ihre streichelnde Hand war Liebkosung, Gegenliebe, Vertrauen. Und wenn sie stumm gewesen wären, sie hätten sich doch erklären können. Sie waren einfach füreinander bestimmt. Weltmeere waren zwischen ihnen gewesen, Berge, Wälder, Steppen, Flüsse und viele Grenzen, aber als sie sich sahen, da erkannten sie sich, da liebten sie sich. Ihre Blicke verschmolzen in dem vergehenden Schöpfungsblick, an dem sich immer und immer wieder das Leben herrlich entzündet. Nina und Carlos erfüllten das Gesetz. Wir blieben vier Tage in Wyatka und besuchten Fabriken, Mustergüter, Kinderheime und Bibliotheken. Wir waren der Zeit hingegeben, dem Tag und der Gegenwart. Carlos blieb bei seinem Mädchen und ließ die Bibliotheken. Er fand in den Umarmungen Ninas alle Weisheit und Süßigkeit der Welt. Ruhla schloß sich damals immer fester an mich. Die große Liebe zwischen dem Mann aus Uruguay und dem Mädchen aus Rußland brachte auch für uns viel Glück. Auch José veränderte sich. Seine rebellischen Reden wurden immer wilder, sein blatternarbiges Gesicht immer finsterer. Er ließ Carlos links liegen, wie man zu sagen pflegt, und schloß eine dicke Freundschaft mit dem Koreaner Wang, einem Professor der Philosophie, der nach Rußland gekommen war, um in einem verrückten Englisch für die Freiheit seines Landes zu werben, das die Japaner besetzt hielten. In jenen Tagen waren die beiden Männer immer zusammen, der Koreaner Wang mit dem sanften Mongolengesicht und den kultivierten Händen und der Student José aus Uruguay mit dem kalten Munde und dem trommelnden Alarm einer immer sprungbereiten Rede. Nina wurde anders. Es schien, als löse jeder zärtliche Blick von Carlos, jedes werbende Wort aus seinem Munde sie immer mehr aus ihrer soldatischen Verkleidung. Ihr knabenhafter Mund blühte auf und wurde wollüstig. Ihre grauen Augen waren nur noch Brunnen der Freude. Dann legte sie auch die Uniform ab, und wir erkannten im ersten Augenblick in der jungen Frau mit der hohen, vollen Brust die Soldatin Nina nicht wieder. An der Front wurde sie vermännlicht und geschlechtslos, im Kampf der Geschlechter siegte sie und wurde Frau. Endlich mußten wir weiter. Die Fabriken waren besucht, die Reden verklungen, die Begrüßungen vorüber. Wir wurden in Perm erwartet. Carlos wollte zuerst nicht mit uns fahren, da war es José, der ihm eine wütende Rede hielt und mit fortnahm. Von der Rede hatten wir kein Wort verstanden, wir sahen nur, daß Carlos in sich zusammensank, als sein Freund sprach. Und als Nina begriffen hatte, daß nun alles zu Ende sei, wurde sie grau und veräschert. Der letzte Abend brachte ein kleines Bankett. Unsere russischen Freunde waren wieder uferlos wie die Ströme im Frühling. Als Nina und Carlos nach dem Bahnhof kamen, waren Ruhla und ich schon in unserem Abteil. Wir hörten nun, ob wir es wollten oder nicht ihren verzweifelten Abschied. Die Bahnhofsglocke läutete zum drittenmal. Der Eisenbahnzug setzte sich langsam in Bewegung. Wir hörten noch verklingende Hochrufe, und ein weißes Tüchlein winkte Abschied. Wir fuhren und fuhren, die Schienen klirrten, große Wälder blieben zurück, neue Wälder zeigten sich, es fiel Schnee, und am zweiten Tag kamen wir in der Stadt Perm an. In Perm gab es viel zu sehen und zu hören. Der Bürgerkrieg hatte auch diese Stadt gelähmt und geschlagen. Die Meetings und Versammlungen ließen mich Nina und Carlos vergessen. Die beiden Männer aus Uruguay schienen sich ausgesöhnt zu haben. Der Koreaner Wang war wieder einsam, und auf einer Fabrikversammlung verbrüderte er sich mit den Arbeitern. »Korea ist die Wiege der asiatischen Kultur«, schrie er in den kalten, dunstigen Saal, »Korea hat auch China erleuchtet Die Japaner sind wie Affen. Sie machen alles nach! Laßt euch von Japan nicht betrügen!« Dann zog er ein seidenes Tuch aus der Tasche, zerfetzte es und sagte mit fanatischem Götzengesicht: »Seht, so wie ich dieses Tuch zerreiße, so wird einmal Korea die japanische Herrschaft zerfetzen!« Von Perm ans fuhren wir weiter durch das Waldgebirge des Urals, kamen durch sanfte Hügellandschaft und ewige Wälder. In breiten Talern sahen wir die vielen Fabriken liegen, die mächtige Wälder aufgefressen hatten. Die ganze Industrie baute sich in der Hauptsache auf Holzkohle und Holzverfeuerung auf. Auch unsere Lokomotive wurde mit Holz geheizt. Wir sahen also die breiten Spuren der Vernichtung und die stumpenübersäten, steinigen Berghänge. Der Ural ist eine Schatzkammer für Rußland. Man findet Gold, Platin, Eisen, Asbest, Kupfer, Nickel, Kohle und Edelsteine in den Bergen und Tälern. Wir suchten kein Gold und keine Edelsteine, wir starrten in den Winterschnee, in den Funkenfall der Lokomotive und hatten ganz vergessen, daß es ja auch einmal Weihnachten sein müßte. Wir rechneten nach: Weihnachten, das war auf der Fahrt zwischen Wyatka und Perm vergessen worden. Wir kamen nach Jekaterinenburg, dem heutigen Swerdlowsk. Hier sahen wir seltsame Dinge: das Haus, in dem der Zar erschossen wurde, einen siebenundsiebzigjährigen Menschen, der noch als Leibeigener gedient hatte, und ein Eisenwerk, das sich der Wasserkraft eines flachen Sees bediente. Auch mit Siebenhaar kam ich zusammen. Mit Carlos aber war es zu Ende. Er war fertig. Sein Gesicht war gelb, die Brombeeraugen trübe, er wollte nicht mehr reden: Die ganze Welt schien ihm verhaßt zu sein, jetzt war er, wie schon früher, Joses Schatten und gehorsames Echo. Eines Tages, als wir von der Platinfabrik zurückkehrten, lag der Tischler aus Uruguay mit Fieber im Waggon. Der Doktor wurde geholt. Er machte ein bedenkliches Gesicht und schickte den Kranken mit José nach Moskau zurück. Sie fuhren nicht nach Moskau. Sie fuhren nach Wyatka. Auf der Reise bekam Carlos Typhus. Halb sterbend kam er nach Wyatka. Er phantasierte, und José hat uns später berichtet, daß seine Gedanken nur um Nina, um das russische Mädchen kreisten. Nach der Abreise unserer Delegation hatte Nina wieder Soldatenkleider angezogen. Aber sie war ein schlechter Soldat. Und als sie hörte, Carlos sei da und krank, war sie erledigt. Carlos lag im Krankenhaus, und als ihn das Mädchen zum erstenmal besuchte – die Ärzte machten große Schwierigkeiten – da fiel sie an seinem Bett zusammen, wimmerte, streckte sich und verlor das Bewußtsein. Carlos erkannte sie nicht mehr. Er phantasierte und schrie: »Nina! Ninuschka!« Als sie zusammenbrach, verlor auch José den Verstand. Er schrie und holte den Arzt. Der Doktor kam. Nina wurde fortgetragen. Sie erwachte erst am übernächsten Tag. Ihr erstes Wort war: »Carlos!« Aber es gab keinen Carlos mehr. Er war schon gestorben. Das alles erfuhren wir erst später nach unserer Rückkehr in Moskau. Da wurden uns viele Zusammenhänge klar. José hatte in Wyatka seinen Freund gehaßt, weil auch er in das Mädchen verliebt war. Sein Stolz wurde getroffen: Nina bevorzugte einen Tischler und verschmähte einen Studenten! Aber nun war aller Haß vorüber. Er half Nina, wo er nur konnte. Er machte sie auch vom Soldatendienst frei und erzählte ihr rührende Geschichten von Carlos und erfand kleine Episoden, um sie zu trösten. Er nahm sie nach Moskau mit. Als wir ankamen, war sie schon seine Frau geworden. Sie ist mit ihm dann über das große Wasser nach Uruguay gefahren. Das alles erschien mir damals so irrsinnig, daß ich mit Ruhla und Merkel sprechen mußte. Merkel stand auch vor einem Rätsel. Ruhla löste das Rätsel und sagte: »Wie seid ihr Männer doch schwerfällig! Das ist doch kein Rätsel! Hört zu. Männer: Die Nina liebt ihren Carlos ewig in seinem Freunde José. Darum hat sie ihn geheiratet, und nur deshalb ist sie mit ihm nach Uruguay gefahren.« Merkel sagte: »Du bist ein gescheites Frauenzimmer, Ruhla!« Aber das war alles zwei Monate später, als wir die große Reise beendet hatten. In jenen Dezembertagen nun besuchten wir das Haus Ipatjew, in dem der Zar erschossen wurde. Wir sahen in dem langen Kellerraum noch die Kugelspuren der Erschießung. Das Haus ist ein Haus, wie es viele in Rußland gibt: ein weißgetünchtes Steinhaus mit hohen Zimmern. Es lag am Grunde einer tiefen Straße und war nur dann unheimlich, wenn man seine Geschichte kannte. In einer Julinacht des Jahres 1918 wurden in jenem Keller der Zar, seine Familie und der letzte Rest eines kleinen Hofstaates erschossen. Die Schüsse waren verhallt, aber das Grausen war geblieben. Wir wurden sehr still, als ein Russe die Schränke von jener Mauer rückte, die einmal die Standrechtmauer war. Ruhla klammerte sich an meinen Arm, Merkel riß die Augen auf, und eine Übersetzerin, sie war erst vor kurzem aus Amerika gekommen, stellte sich wie eine schlechte Schauspielerin an die Wand und bettelte den Kommandanten des Hauses um ein Andenken an den Zaren an. Der Russe machte ein verächtliches Gesicht und antwortete mürrisch: »Wir haben keine Andenken zu verschenken.« Die Übersetzerin blieb an der Wand stehen, ließ sich die gute Laune nicht verderben, wollte retten, was zu retten war, und begann mit der »Internationale«. Aber sie sang in eine Wüste hinein. Wir blieben stumm und verließen das tödliche Zimmer. »Wo liegt der Zar begraben?« wollte Merkel wissen, als wir wieder im hellen Lichte standen. »Das wollen wir nicht verraten«, sagte der Russe. »Aber das darf ich sagen: Wir haben ihn unter einem Feldweg begraben, über den jeden Tag die Bauern gehen und fahren.« Es gab viele Feldwege ringsum. In der Nacht träumte ich von jenem Haus. Dieser Traum war nur der schreckliche Vorbote von vielen Träumen, denn ich wurde nach einigen Tagen sehr krank. Ich träumte also, der Zar lebe noch und sei Herr über das weite Land. Aber nein, so war es nicht, im Traum vermischen sich ja wie in einem verschliffenen Spiegel die vergangenen und die gegenwärtigen Dinge. Aber so war es: Der Zar lebte noch und gab an jenem Abend ein großes Fest. Zu diesem Fest waren viele Leute geladen, auch Ruhla und ich. Die Straßen waren unheimlich leer, kein Mensch war zu sehen. Das Haus Ipatjew schimmerte durch die Dunkelheit. Ein Lakai führte uns nach dem kleinen Festsaal. Ruhla sah wunderschön aus. Von der Großmutter her rollte in ihren Adern Blut aus einem alten Adelsgeschlecht, wir haben in Berlin viele Male darüber gelacht, aber an jenem Abend stellte ich sie mit ihrem adligen Namen vor. Der Zar lächelte, und ich war darüber glücklich. Aber plötzlich lächelte er nicht mehr. Er sah sehr alt und sehr müde aus. Sein Bart war verwüstet, und von der grünen Uniform hingen silberne Spinnweben. Das alles sehe ich jetzt erst richtig, jetzt nach drei Jahren. Damals sah ich es nicht. Dann kam eine Prinzessin angeschwebt. Einige Prinzessinnen kamen. Sie waren noch schöner als Ruhla. Die Prinzessin Tatjana kam auf mich zu. Und plötzlich war Ruhla von meiner Seite verschwunden. Es war, als hätte sie ein blitzender Spiegel verschlungen. Tatjana stand ganz nahe bei mir, sah mich an und legte ihren Arm um meine Schultern. »Es ist gut, daß du gekommen bist, Lieber«, sagte sie. »Lieb Seelchen, weißt du keinen sicheren Weg nach dem Westen? Wir haben mit den Bolschewiki die allerschlimmsten Erfahrungen gemacht.« Ich wiederhole Wort für Wort: »Wir haben mit den Bolschewiki die allerschlimmsten Erfahrungen gemacht.« Das alles war so grotesk. Natürlich hatten sie die allerschlimmsten Erfahrungen gemacht, sie waren ja erschossen worden, und ich selber war Bolschewik, aber in jenem Traumaugenblick dachte ich plötzlich an den Thronsaal im Alexanderpalast. Da hatte ich auf einem goldnen Throne gesessen, und nun überlegte ich mir fieberhaft schnell die Möglichkeiten eines sicheren Weges nach dem Westen. Ich warf einen Blick in den festlichen Saal, in dem sich alte, goldbetreßte Offiziere und junge, halbentblößte Damen lässig bewegten. Jetzt fällt mir übrigens ein, daß keiner von den vielen Menschen auch nur ein Wort gesprochen hat. Nur Tatjana und ich redeten miteinander. »Sage mir doch den Weg nach dem Westen, lieb Seelchen«, wiederholte sie und blickte mich verlockend an. Ich sah nicht ihre Augen, ich sah nur ihren Mund, der wie ein purpurner Schnitt im weißen Gesicht blutete, die wirkliche Tatjana war keine Schönheit, aber die Traumtatjana war von jener berauschenden Schönheit, die Verliebte und Trunkene zum Sterben bereit macht. Und ich muß wohl sehr berauscht oder verliebt gewesen sein, denn ich sagte leise: »Ja, ich weiß einen sicheren Weg nach dem Westen. Ja, ich weiß den Weg. Ich will euch führen. Kommt mit, kommt alle mit!« Sie klatschte in die Hände, und auf dieses Signal hin sammelten sich die stummen Gäste. Der Zar trat an die Spitze des Zuges, dann kam die Kaiserin mit dem Thronfolger, die Prinzessinnen schlossen sich an, und zuletzt ordneten sich die alten Offiziere und jungen Damen ein. Ich stand ganz dicht bei Tatjana. Die Lichter verlöschten. Nur der Mond war da, der helle, sibirische Wintermond, und legte sein Licht wie einen glasklaren Weg durch das Zimmer und zerbrach auch die dunklen Wände. »Wo ist der Weg?« flüsterte Tatjana. »Hier ist der Weg«, sagte ich leise und zeigte auf das gläserne Licht des Mondes. Nun begann eine stille Prozession durch das stille Haus. Wir gingen leicht durch alle Mauern und Wände hindurch, wir waren frei und geisterhaft kühl, aber dann kam das Grausen. Dem Zaren fielen bei jedem Schritt zuerst die Kleider vom Leibe, dann löste sich auch das Fleisch von den Gebeinen und fiel vor unsere Füße. Ich klammerte mich an Tatjana, aber ich griff in die Luft. Sie war verschwunden, wie vorher Ruhla geheimnisvoll verschwunden war. »Tatjana!« schrie ich auf mit der letzten Luft, die mir der Schrecken gelassen hatte, »Tatjana! Tatjana!« Das Echo meines Schreies polterte wie ein Donner. Ich blickte angstvoll hinter mich. Hinter mir gingen sieben oder acht beinerne Gerippe, deren Füße – klappklappklapp – auf den kalten Boden pochten. Und als ich mich wieder dem Zaren zuwandte, sah ich, daß er vor einer Grabkammer anhielt und mir und den Mitgerippen winkte. Für einen Augenblick verschleierte sich das Bild. Ich sah einen Feldweg, über den russische Bauern mit einem Wagen fuhren. Sie bekreuzigten sich. Dann war wieder das Licht da, der Mond goß sein klarstes Licht auf den winkenden Zaren, auf die beinernen Gerippe, auf die grinsenden Totenschädel. Das alles war so nah und so fern, war so grauenvoll klar wie die Kraterlandschaft des Mondes. Und da konnte ich nicht mehr stille sein, da mußte ich brüllen, und da habe ich gebrüllt, nach Ruhla gebrüllt und bin von meinem eignen Geschrei aufgewacht. »Otto, Otto, warum schreist du so entsetzlich?« fragte Ruhla und zitterte. »Der Zar muß noch einmal erschossen werden«, sagte ich atemlos. »Ruhla, bleibe bei mir, verlaß mich nicht.« »Ich bin ja bei dir und bleibe bei dir«, sagte sie. »Was hast du geträumt?« Ich erzählte den Traum. »Ich bin von deiner Seite verschwunden? Das ist ja entsetzlich! Ich bleibe immer bei dir. Und ich weiß auch«, sagte sie, »warum du vom toten Zaren geträumt hast. Als du in dem Keller warst, hattest du einfach Angst. Du sahst Gespenster. Und die sind mit dir gegangen und haben dich diese Nacht besucht. Die Übersetzerin wollte ein Andenken haben, du wolltest nichts, aber du hast doch ein Andenken mitgenommen. Ob die amerikanische Russin heute nacht auch von toten Gespenstern träumt?« Nun konnte ich wieder atmen und lachen. »Ruhla«, sagte ich, »liebe, liebe Ruhla, die träumt wohl kaum von toten Gespenstern. Vielleicht träumt sie von Merkel. In Amerika ist man sehr aufgeklärt. Aber was für eine lächerliche Theorie stellst du da auf: Ich hätte Angst gehabt? Vor wem bitte? Nein, Angst hatte ich nicht. Tot ist doch tot!« Sie sagte: »Vor dir selbst hattest du Angst Und meinst du wirklich, tot sei einfach tot? Um tote Dinge träumt man nicht mehr, man träumt nur um lebendige Dinge, mein Lieber. Aber nun laß uns schlafen. Ich bin müde. Hoffentlich besuchen mich deine Gespenster nicht im Traum. Schlaf auch du wohl und recht gute Nacht!« Sie drehte sich um und schlief ein. Am nächsten Tag besuchte uns Siebenhaar im Hotel. Er tat sehr erfreut, alte Bekannte zu sehen und lud mich und Ruhla zu einem Besuch in seinem Hause ein. Und am späten Abend nahmen wir einen Wagen und besuchten den Tschekisten. Er stellte uns ein blondes Russenmädchen als seine Frau vor. Der Tisch war gut gedeckt das Gespräch ging hin und her, und zum Schluß erzählte er uns von seiner Arbeit. ZWÖLFTES KAPITEL Opfer fallen hier Paul Siebenhaar hatte eine Glatze und trug eine Perücke. Er hieß eigentlich Alfred Leitner und war Ingenieur gewesen. Der Weltkrieg schleppte ihn in die Gefangenschaft, in ein sibirisches Lager. Der Zufall befreite ihn aus diesem Lager und machte ihn für einige Jahre zur Zierde der Tscheka. Ich hatte ihn arbeiten sehen an der Wolga und an der Westfront, mich interessierte das Problem der politischen Polizei außerordentlich, und jener Besuch bei ihm war sehr aufschlußreich. Die großen Paraden und Feste habe ich beschrieben, die Empfänge und Manifeste, den hinreißenden Rhythmus der Macht. Und auf was gründete sich diese Macht? Auf der Opferbereitschaft eines ganzen Volkes, und auch auf der dunklen Tiefe, in der die politische Polizei arbeitete. Als Siebenhaar noch Leitner hieß, war er ein friedfertiger Mensch und sehnte sich aus dem sibirischen Lager nach Deutschland zurück. Er kam nicht nach Deutschland. Im Lager lernte er einen russischen Ingenieur kennen, der ihm Arbeit in der nahen Stadt verschaffte. Die Stadt war noch von den Weißen besetzt. Die Weißen wurden verjagt. Die Roten kamen und richteten sich langsam ein. Der Handel ging unterirdisch und wurde immer mehr in die Tiefe gedrängt. Die Lebensmittelpreise stiegen, und das Leben war sehr kompliziert geworden, trotzdem es sich um ganz einfache Dinge drehte, um Essen und Trinken. Aber Siebenhaar, oder vielmehr Leitner, hatte Arbeit. Alles war für ihn überstanden, die weiße Besatzung, die rote Besatzung. Er war ein unpolitischer Mensch und lebte sein kleines, friedfertiges Leben. Eines Tages stieß er mit Fischer zusammen. Das war ein Agent der Tscheka und kam auch aus dem sibirischen Lager. Dort lebte er unter dem Namen Gabler. In jenen Zeiten nahm man es mit den Namen und der Nationalität nicht genau, heute hieß man so, morgen anders. Der Herr Fischer nun machte Leitner eines Tages mit einem gewissen Soslowski bekannt. »Sehen Sie, lieber Leitner«, empfing ihn Soslowski. »Wir haben von Ihnen gehört und kennen Sie als gewissenhaften Menschen. Auf ihrem Amt ist man sehr zufrieden mit Ihnen. Sie haben gute Augen im Kopf. Die Sache ist nun die, uns fehlen gute Augen, Bürger! Da wurde unlängst in der Stadt eine Wohnung konfisziert und die Möbel, die für ein Kinderheim bestimmt waren, an Spekulanten verschoben. Andre Wohnungen, die für Arbeiter bestimmt waren, wurden Taugenichtsen gegeben. Überall ist bei uns noch Betrug im Spiel. Wollen Sie uns helfen? Jeder Bürger muß helfen! Da ist zum Beispiel ihr Amt, es soll nicht alles in Ordnung sein. Uns fehlen ja die Kräfte zum Aufbau! Kommen Sie doch in vierzehn Tagen einmal vorbei und berichten Sie, was Sie beobachtet haben!« »Was kann ich beobachten«, antwortete Leitner, »ich bin ja Ausländer!« »Wir kennen keine Ausländer. Sowjetrußland ist das Vaterland aller Proletarier!« sagte der Russe. Leitner sagte zu, obwohl er von diesem Auftrage nicht entzückt war. Soslowski war ein mächtiger Mann: Er gehörte zur Tscheka. Leitner hatte Angst vor der Tscheka. Und als er nach vierzehn Tagen wiederkam, gab es keinen Soslowski mehr. Er war verhaftet worden bei dem kühnen Versuch, die Wahrheit zu korrigieren. Er hatte eine kleine Lumperei zur Staatsaktion aufgeblasen und ließ zweihundert Leute, angeblich Offiziere, verhaften. Es kam heraus, daß die Verhafteten alles waren, aber keine gegenrevolutionären Offiziere. Der Deutsche freute sich, die üble Geschichte los zu sein, aber er freute sich zu früh. Am nächsten Tage flog ihm ein Befehl ins Haus, der zu einer Besprechung ins Hotel »Amerika« rief. Unterzeichnet war der Zettel mit dem Namen: H. Kobbe. H. Kobbe war ein Lette mit schief gestellten Augen, die unruhig durch die Welt wanderten, um Zusammenhänge oder Verschwörungen zu entdecken, die gewöhnlichen Augen unsichtbar blieben. Er war der Chef aller Kundschafter der Tscheka und begrüßte Leitner als Mitarbeiter. Das erste Honorar, fünfundzwanzig Dollar, stellte er sofort für einen noch ungeschriebenen Bericht zur Verfügung. Leitner nahm das Geld und war gefangen. Er war gefangen und verstrickte sich immer mehr in das Netz. Er bemerkte bald, daß sein Amt von Spitzeln wimmelte. Der Verwalter des Fuhrparks war ein Spitzel, das hübsche Bürofräulein diente der politischen Polizei, einer mißtraute und überwachte den ändern. Zuerst bekam Leitner ein Zimmer im Hotel »Sibirien« angewiesen. Er« lieferte einen unwichtigen Bericht, der Lette war erfreut und zahlte gut. »In den nächsten Tagen, lieber Freund, machen wir einen ganz großen Schlag«, sagte er. »Wir rechnen auf Ihre Beihilfe. Der Verwalter wird Sie noch informieren. Aber Sie müssen sich einen anderen Namen zulegen, Leitner. Und eine Perücke. An der Glatze erkennt Sie jedes Kind. Wie wollen Sie sich nennen?« Leitner dachte nach und sagte: »Paul Siebenhaar.« »Warum nicht Glatzkopf?« lachte der Lette. Aber es blieb bei dem Namen. Und eines Tages kam Wolgarin, der andere Spitzel im Amt und sagte: »Nun, Genosse, morgen brauche ich dich. Komm gegen acht Uhr in mein Zimmer und sei mein Gast.« Siebenhaar kam. Ein großer Tisch war mit allen Delikatessen beladen, es gab Weißbrot, Butter, Kaviar, Lachs, Wein und Schnaps. Der Russe liebt viele Dinge: Philosophie, Politik, Musik und Tanz, aber er liebt auch Essen, Trinken, die Frauen und den Leichtsinn. Bald kamen die ersten Gäste mit ihren Damen. Wolgarin empfing sie großartig und bat, Platz zu nehmen. Er stellte Siebenhaar als einen vertrauten Freund vor. Dann setzte er sich neben einen alten, aristokratisch aussehenden Herrn. Seine junge Frau beschäftigte sich mit einem hübschen Offizier. Der Mann kippte fünf Gläser Wodka hinunter und machte dann Liebeserklärungen. Man aß und trank, lachte und scherzte, sprach vom Krieg und von vergangenen, schöneren Zeiten. Manchmal wagte sich auch die Hoffnung auf einen neuen Umsturz schnell und nackt empor, Wolgarin und seine Frau schienen taub zu sein. Sie lachten nur, tranken ihren Gästen zu und drängten das Gespräch auf gefährlichen Boden. Alles lachte und trank, auch die Damen lachten und tranken. Als die Tafel aufgehoben wurde, gruppierte man sich um den alten Herrn. Die jungen Leute aber blieben bei ihren Damen. Dann verstummte alles, das ernste Gespräch, das heitere Gelinter: Eine Dame saß am Flügel und musizierte. Aber die Musik war nicht mächtig genug, die ernsten Männer von ihren gefährlichen Gesprächen abzuhalten. Die Uhr schlug die elfte Stunde an. Da erhob sich Frau Wolgarin, ging nach dem Wandschrank und wollte eine neue Flasche Likör holen. Als sie das Schränkchen verschloß, strauchelte sie. Die Flasche klirrte auf den Boden. Und dann wurde die Tür aufgerissen, zehn Geheimagenten brachen in das Zimmer ein und kommandierten: »Hände hoch. Sie sind verhaftet!« Alle wurden verhaftet, Siebenhaar, Wolgarin, seine Frau und die Gäste. Bis zur Tscheka war es nicht weit. Die Tschekisten kamen frei, die anderen aber saßen in den einsamen Zellen. Es waren einige Militärs dabei, unter ihnen auch ein Brigadekommandeur der Roten Armee. Fünf von den Gefangenen wurden kurz darauf erschossen, die anderen in ein bekanntes Konzentrationslager überführt. Was für eine Rolle hatte an jenem Abend Siebenhaar gespielt? Er spielte keine Rolle, er lernte nur die Technik der Tscheka kennen und wurde Mitwisser. Und jetzt wußte er schon zuviel, um frei das Land verlassen zu können. In den nächsten Tagen machte ihn Kobbe mit Kryloff, dem Chef der Tscheka, bekannt. Und so erfüllte sich sein Schicksal. Er bekam selbständige Aufträge und wurde bald berühmt und berüchtigt. Der Anwaltsgehilfe Kryloff war ein Trinker. Sein Gesicht war bleich und aufgeschwemmt, unter den grauen Augen hingen schwere Säcke. Der Alkohol und die aufreibende Arbeit hatten ihn früh ruiniert. Er war siebenunddreißig Jahre alt und sah aus wie fünfzig. Siebenhaar bekam Arbeit. Sein Chef hieß Boris Nachtigall. Später wurde er selbst Chef seiner Abteilung. Dieser Nachtigall also gab ihm einen Stoß unerledigter Akten und sagte: »Vielleicht wirst du aus dem Blödsinn klug, Genosse, wir haben nichts gefunden. Es handelt sich hier um das Arsenal.« Aus den Akten war zu ersehen,, daß aus dem Arsenal einige hundert japanische Gewehre gestohlen waren. Ein Kundschafter wollte einer geheimen Verschwörung auf den Spuren sein, die sollte mit dem Waffendiebstahl und auch mit den gegenrevolutionären Zeitungen zusammenhängen, die hier und da verteilt wurden. Um dem neuen Mann Bewegungsfreiheit zu gebe hatte man ihm ein kleines Haus am Rande der Stadt zur Verfügung gestellt. Es war dasselbe Haus, in dem wir nun saßen und seine Geschichten hörten. Ruhla war entsetzt und verbarg nur sehr schwer ihren Widerwillen. Siebenhaar merkte nichts, vielleicht war er heimwehkrank, vielleicht verfolgen ihn Gespenster, als er erzählte. Der neue Auftrag reizte ihn sehr. Er teilte seine Leute ein und schickte sie über die ganze Stadt. Er selbst bummelte nach den Herbergen und mischte sich dort unter die Gäste. In den Herbergen wurde politisiert. Wenn der Magen vor Hunger knurrt, knurren auch die Gedanken. Die Atmosphäre war erregt Er hörte gut zu, und auf dem Heimweg kam ihm eine Erleuchtung. Zu Hause kleidete er sich noch einmal um, machte sich unkenntlich, steckte die Pistole in die Tasche und ging wieder zurück. In der größten Herberge waren Soldaten einquartiert. Er ging nach dem Kontor, das zur ebenen Erde lag, gab sich als Vertreter des Verpflegungsamtes aus und verlangte nach dem Verwalter. Ein Kontorist erklärte, der Verwalter habe Nachtdienst und käme erst gegen neun Uhr, morgen aber sei er den ganzen Tag da. »Schön«, sagte Siebenhaar, »ich komme also morgen gegen vier Uhr noch einmal vorbei.« »Ich richte es aus«, sagte der Kontorist. Am nächsten Tag ließ er sich melden und wurde vorgelassen. Er war ein gewissenhafter Detektiv und wurde von vielen Leuten für ein Genie gehalten. Er war kein Genie. Seine oft so verblüffenden Erfolge verdankte er in erster Linie nicht seinem Verstand. Der Instinkt trieb ihn auf die richtige Fährte. Es war, als wittere er Blut und Angstschweiß der von ihm gehetzten Kreatur. Und dann stand ihm viel Hilfsvolk zur Verfügung. »Der Genosse Vorsteher läßt bitten«, sagte der Kontorist. Er, betrat das Zimmer und sah einen Mann vor sich, der soldatisch aufstand und ihn um einen Kopf überragte. Sein Gesicht war ernst und hart, das Kinn selbstbewußt, der Bart militärisch aufgedreht. »Was wünschen Sie?« fragte er und stellte sich vor: »Ich heiße Koschewnikoff.« Siebenhaar sagte seinen Namen und erklärte, bei der Stadt seien viele Klagen über die Verwaltung der Herbergen eingegangen, er sei sozusagen als Revisor geschickt worden, um nach dem Rechten zu sehen und von den Verwaltungen eventuell Bestellungen entgegenzunehmen. Und ob im übrigen der Bürger gestatte, daß geraucht werde. Der Bürger gestattete es und sah neidisch auf die gute Zigarre. »Sie haben noch Zigarren?« fragte er. »Ja, Sie auf dem Amt haben es gut. Ein prachtvolles Kraut!« »Wollen Sie sich bitte bedienen?« sagte der Besuch und gab ihm das Etui. »Im übrigen, wenn Sie ein leidenschaftlicher Raucher sind, Bürger, will ich Ihnen gern zehn Stück verschaffen.« Alles stand ihm zur Verfügung, dem Paul Siebenhaar: Zigarren, Wein, Wodka, Weißbrot, Kaviar, Lachs und Butter. Das waren überzeugende Hilfstruppen in jener Zeit des Hungers. Der Russe erbat sich zehn Zigarren und führte ihn dann durch die Herberge. Er trug auch eigne Wünsche für die Herberge vor, der Tschekist versprach ihre Erfüllung und deutete an, daß er für gute Freunde gern Verbindung zu unbekannten Geschäftsleuten schlagen könne. Als er das erzählte, sah er sich im Kontor um und erblickte in einer Ecke einige Gewehre. »Ja, wir haben auch Gewehre bei uns, Bürger«, sagte Koschewnikoff. »Hier liegen ja Soldaten. Aber die Jungens sind heute für eine Abendübung ausgerückt. Und hier ist mein Wunschzettel an die Stadt, ich hoffe, Sie werden mir alles liefern können. Und was die anderen Verbindungen anbetrifft, erwarte ich Vorschläge.« »Das aber wollen wir später reden«, sagte der Gast, stand auf, ging nach der Ecke und nahm ein Gewehr. Es war ein japanisches Gewehr. Und japanische Gewehre waren aus dem Arsenal verschwunden! Er verabschiedete sich von dem Russen, schüttelte seine Hand und versprach, morgen wiederzukommen. Sollte Koschewnikoff mit der geheimen Organisation zusammenhängen? Ja, das sollte er doch herausfinden! Er ließ das Haus überwachen und berichtete Kryloff von seinem Besuch. Es wurde abgemacht, dem Verwalter die gewünschten Lebensmittel erst dann zu liefern, wenn sich der Verdacht bestätigt hatte. Siebenhaar ging am späten Abend noch einmal nach der Herberge. Gegen Mitternacht kam der Verwalter, ihm folgte sein Kontorist. Die beiden Männer gingen nach dem Pferdemarkt. Der junge Mensch näherte sich einem Hause, klopfte dreimal schnell hintereinander, die Tür öffnete sich, ein Wagen rollte über den Markt und verschwand in einem anderen Hause. Siebenhaar näherte sich und hörte aus dem Hofe dumpfes Geräusch. Im schwachen Licht einer Laterne sah er Koschewnikoff aus einem Speicher kommen und Gewehre in dem Wagen verstecken. Auch eine große, schwere Kiste wurde aufgeladen. Der Tschekist wußte genug. Und als der Wagen nach einer südlichen Vorstadt rollte und vor einem Hause abgeladen wurde, das schon lange unter polizeilicher Bewachung stand, lachte er leise vor sich hin, lief nach der Herberge, öffnete mit einem Nachschlüssel das Büro und sah, daß die japanischen Gewehre fehlten. Da wurde er heiter und aufgeregt. Er dachte keinen Augenblick daran, was nun kommen mußte: Verhaftung, Einkerkerung, Hinrichtung, er war heiter, denn er hatte seine Aufgabe gelöst. Und er hatte sich gar nicht anzustrengen brauchen. Das Glück, der Instinkt stießen ihn beinahe mit Fußtritten auf den richtigen Weg. Noch in derselben Nacht begab er sich zu Kryloff. Er erstattete seinen Bericht. Kryloff sagte: »Das nennt man schnell arbeiten, Deutscher! Meine Hochachtung! Die Waren stehen für morgen vormittag schon bereit. Liquidieren Sie die ganze Geschichte. Wenn Sie noch Leute brauchen, sagen Sie es.« Und am nächsten Vormittag rief er Koschewnikoff an und sagte, daß er in einer Stunde schon mit den gewünschten Waren käme. Der Russe freute sich. Als die Wagen anrollten, stand Koschewnikoff am Fenster und lachte. Neben ihm lehnte ein junger Mensch in Rotgardistenkleidern. Plötzlich sagte er ganz laut zu dem Verwalter und zeigte auf Siebenhaar: »Mein Gott, mein Gott, was sehe ich? Das ist doch der Stabsadjutant vom General Koltschak!« Koschewnikoff fuhr zusammen und fragte: »Wer ist das?« Der junge Mensch war verschwunden. Siebenhaar hatte sich diesen Trick ausgedacht. Nun trat er ins Zimmer, und der Verwalter Schlug militärisch die Hacken zusammen. Dann setzten sich die Männer. Der Vorsteher hatte seine Sicherheit wieder. Es gab Tee und Rum, und in einer Stunde wußte der Spitzel alle Organisationsgeheimnisse der Weißen. Ja, die illegalen Zeitungen gehörten dazu, die Waffendiebstähle, die Kuriere, und dann gab es auch in den nahen Dörfern viele Verbündete. Siebenhaar notierte sich im Hirn jedes Wort und war voll verächtlichem Mitleid. Die Wagen wurden entladen, die Kutscher zurückgeschickt. Es waren Geheimagenten. Und zehn Minuten später kamen vier Tschekisten und verhafteten den Verwalter, den Bürodiener und auch Siebenhaar. Er wurde mit Koschewnikoff an eine Kette gelegt. In rasender Fahrt ging es nach dem Gefängnis. Und vier Wochen später hatte Siebenhaars Frau Geburtstag. Kryloff und sein Stab waren als Gäste erschienen. Es wurde gelacht und getrunken, die Stimmung wurde sehr ausgelassen, und am Schluß schlug der Chef seinem Mitarbeiter auf die Schulter und sagte: »Gratuliere zu deiner Frau, Bruderherz, ja... und was ich fragen wollte: Weißt du, was mit Koschewnikoff passiert ist? Nein? Nun, er hat sich tapfer gehalten, er war ein Proletarier und hat nichts verraten. Er hat uns nichts verraten, du Stabsadjutant! Weiß der Teufel, wie und warum er zu den Weißen gegangen ist! Und wir konnten ihm doch nicht öffentlich den Prozeß machen, er hätte schon ausgepackt, der Koschewnikoff. Unser Henker hat ihn vorige Woche auf der Toilette erschossen. In den Hinterkopf.« Siebenhaar erzählte uns das ohne besondere Aufregung. Für ihn war das ja nur ein Fall aus vielen hundert Fällen, aber Ruhla rebellierte und wollte nach Hause. Sie war müde und hatte Angst vor dem schrecklichen Mann. Wir brachten sie in ein Nebenzimmer. Auf einem breiten Sofa legte sie sich schlafen. Der große Erfolg riß neue Aufgaben aus dem Staub der Berichte. Fünf Monate nach der Erschießung Koschewnikoffs – sieben Leuten kostete die Verhaftung das Leben – kamen Berichte von einer neuen Geheimorganisation. Der Fall wurde unter dem Namen Die Radfahrer bekannt. In den Berichten der Spitzel war von geheimnisvollen Radfahrern die Rede, die auftauchten und schnell wieder verschwanden. Die Radfahrer sollten mit der neuen gegenrevolutionären Verbindung zusammenhängen. »Nimm du die Sache in die Hand«, sagte Kryloff. Der Deutsche nahm die Sache in die Hand und versorgte sich und seine Leute mit Fahrrädern. Die Verschwörer mußten schon Mut haben, radfahrend zu konspirieren, denn vom Sowjet waren ja alle verfügbaren Räder beschlagnahmt worden. Aber vielleicht bauten sie gerade darauf ihren Plan auf und wollten für Sowjetangestellte gehalten werden. Siebenhaar fuhr nach den Himmelsfahrtsbergen. Nach den Berichten tauchten dort zuerst die Radler auf. Die Berichte stimmten. Ein Radfahrer kam im schnellen Tempo aus einer Seitenstraße. Von seiner Lenkstange flatterte ein schmaler, orangefarbener Streifen. Die Straße war leer, aber der Mann klingelte ununterbrochen, und als er in die nächste Straße einbog, ließ er die Klingel in ganz bestimmten Intervallen ertönen. Wenn man genau hinhörte und Phantasie genug hatte, konnten das auch Signale und Botschaften sein. Der Radfahrer wurde verfolgt und raste noch durch viele Straßen. Manchmal klingelte er nicht, dann aber klimperten seine Signale ohne Pause. Kein Spitzel war ihnen jemals gefolgt, sie hatten ja keine Räder, und auf den schlauen Gedanken, selber Räder anzuschaffen, kamen sie nicht. Siebenhaar – er hatte sehr oft Phantasie und war in einer Pechsträhne des Glücks – fand schon am ersten Tag heraus, was die rhythmischen Signale zu bedeuten hatten. Der Radfahrer verschwand in einem kleinen Haus. Der Deutsche fuhr nach dem Büro und instruierte seine Leute. In den nächsten Tagen kamen genauere Berichte von den Radlern. Alle Meldungen berichteten von dem kleinen, orangefarbenen Streifen und den nun ganz deutlich erkennbaren Signalen. Die Arbeit konnte beginnen. Und die Arbeit begann. Der Deutsche verfolgte einmal einen Mann, der wieder in dem kleinen Hause verschwand. Er kam nicht wieder. Er war durch die Hintertür und den verwilderten Garten gelaufen, hatte sich dann aufs Rad gesetzt und war weiter gefahren. Dann kam ein neuer Radfahrer, der dasselbe versuchte, aber er konnte nicht unverfolgt entweichen. Am Rande der Stadt nahm er einen Wagen, aber es kam genau so, wie es in schlechten Filmen gezeigt wird, auch Siebenhaar nahm einen Wagen. Die Fahrt ging nach dem Walde von Botulin, einem bekannten Ausflugsort. Der Verfolger entlohnte seinen Kutscher, als der erste Wagen vor einem Sommerhaus hielt und schlich sich dann näher. Die Tür war geschlossen, die Fenster verhangen. Er hörte aus dem Hause ein dunkles Gemurmel und hatte wieder Glück. Nicht weit von den verhangenen Fenstern lehnte eine Leiter. Er kletterte auf das Dach, kroch in die Bodenkammer, kam an den Schornstein und hörte eben einen großartigen Baß sprechen: »Es geht nicht anders. Wir müssen ein Exempel statuieren. Der Kerl muß erledigt werden. Liquidiert, sage ich. Die Sache müssen wir durchführen, koste es, was es wolle. Und wenn es alles kostet.« »Aber wie?« fragte eine helle Stimme. »Es ist verdammt schwer, an ihn heranzukommen. Er hat seine Leute um sich. Und wann soll er liquidiert werden?« »Das erfährst du noch früh genug«, brummte der Baß. »Gut. Streitet nicht. Dann wollen wir losen, wer den Schuß hat«, sagte eine gleichgültige Stimme. Durch den Schornstein konnte man ganz gut die Aufregung da unten spüren, aber dann wurde es atembeklemmend still. Ein Schrei hieb wie ein blitzendes Messer um sich: »Der Kleine hat das Los gezogen!« »Lebedeff? Nun, du hast Glück, Kleiner«, brummte der Baß, »komm morgen zu mir. Heute in acht Tagen wird Rasanoff erschossen. Wir treffen uns in vier Tagen wieder. Die Zeit wird ausgeklingelt.« Siebenhaar hatte genug gehört. Er kletterte auf das Dach, stieg auf die Erde und ging in die Stadt zurück. Bei Kryloff brannte noch Licht. Er ging in das Haus und setzte sich hin. »Was gibt's so spät?« fragte Kryloff. »Nicht viel, aber Rasanoff soll in acht Tagen erschossen werden«, antwortete er. »Lebedeff hat das Los gezogen.« »Bist du verrückt?« sagte der Chef und sprang auf. »Mach keine dummen Späße. Und wer ist Lebedeff?« »Einer von den Radfahrern«, sagte Siebenhaar und erzählte alles. Kryloff blieb vor ihm stehen und sagte dann herzlich: »Das hast du gut gemacht, Genosse!« Rasanoff wurde gerufen und kam verschlafen und verdrossen. Als man ihm von dem neuen Anschlag erzählte, lächelte er. Er sollte schon viele Male erschossen werden und lebte immer noch. Aber Kryloff gab keine Ruhe und murrte: »Die Hundesöhne haben wir in der Tasche, aber ich habe immer erklärt, daß unsre Informationsabteilung nichts taugt. Wir müssen sie ausbauen. Hier ist unser neuer Baumeister!« »Ist gut, Einverstanden«, sagte Rasanoff. Bisher war die Informationsabteilung eine willkürlich aufgebaute Größe, die sich von wilden Nachrichtengebern und üblen Spitzeln nährte. Das einlaufende Material wurde ohne besondre Prüfung an die betreffenden Stellen weitergeleitet. Das Ergebnis war Desorganisation. Anonyme Anzeigen fanden dieselbe Beachtung wie gutfundierte Berichte. Es kam oft vor, daß Unschuldige hingerichtet wurden und die Lügner und die Schufte triumphierten. Der Ingenieur Leitner baute den neuen Apparat wie eine Maschine auf. Er gruppierte die ganze Abteilung um, siebte und entließ manchen bekannten Provokateur. Er schickte Straßenpatrouillen in die Stadt. Sie waren als Arbeiter, Bauern, Rotgardisten oder Spekulanten verkleidet. Die Grundlage der Tscheka blieb die geheime Information. Überall saßen oder hörten die Agenten, in den Kasernen, in den Fabriken, in den Ämtern. Den Kern der Abteilung bildeten die sogenannten aktiven Gruppen, die allein das Recht hatten, Verhaftungen und Erschießungen vorzunehmen. Dann kam der Tag, an dem sich die Verschwörer zum letzten Male im Walde von Buturlino sammelten. Siebenhaar hatte seine Leute in den Wald geschickt und ließ sie an einer Lichtung warten. Über zwanzig Mann lagen da mit ihren Pistolen und Handgranaten. Die Radfahrer gingen ahnungslos in die Falle. Es war am Abend. Als sie im Hause waren, wurde ein Reisighaufen angezündet. Es war ausgemacht worden, solange das Feuer brennt, still zu sein, wenn es aber gelöscht wird, zum Angriff und Sturm anzutreten. Dann kam das Signal. Die Tschekisten stürzten gegen das Haus vor und verlangten Einlaß. In dem Hause wurde es totenstill. Da schlugen die Angreifer die Fenster ein, erbrachen die Tür und brüllten: »Ergebt euch!« Aber sie ergaben sich nicht. Sie kämpften. Auch aus dem Hause wurde geschossen. Verwundete wimmerten, Sterbende röchelten. Der politische Mord fand nicht statt, dafür aber ein politisches Morden. Im Winter fiel sehr viel Schnee. Zur Zeit der Schneeschmelze waren die Schuttabladestellen hinter dem Eisenbahndepot überschwemmt. Als sich das Wasser verlaufen hatte, fand man in den Gruben siebzehn Tote. Da saß nun der ehemalige Ingenieur an jenem Abend da und erzählte von der Technik des Bürgerkriegs. Er berichtete auch von seinen Mißerfolgen, aber er nahm sie so gleichgültig hin wie seine Siege. Ich glaube, er war ein Mann ohne Gewissen. Er hätte sicherlich auch auf der anderen Seite spioniert. Ruhla schlief nicht, als ich in das Nebenzimmer kam. Sie war wach und aufgeregt. Gegen Mitternacht fuhren wir nach der Stadt zurück. »Was ist das für ein Schuft!« sagte sie. »Ich habe alles gehört! Ich begreife nicht, daß es eine Frau überhaupt in seiner Nähe aushält. Wie kann man mit einem Henker zusammenleben! Ja, und was glaubst du? Singt dieses Schwein auch die ›Internationale‹?« »Warum nicht?« sagte ich. »Warum soll er bei den Feierlichkeiten nicht die ›Internationale‹ singen? Als wir heute in der Waffenfabrik waren, habe ich einen Dolch geschenkt bekommen. Und weißt du, was auf der Klinge eingraviert ist?« Sie schüttelte den Kopf. »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« sagte ich voller Hohn, denn auch mir saßen Angst und Grauen in der Kehle. Sie sah mich an und lachte. Am nächsten Abend reisten wir weiter. Wir besuchten eine kleine Stadt im Ural. Mitten auf der Fahrt wurde ich krank. Das Fieber kam mit seinen Prankenschlägen und heißen Blutüberfällen. Ich wurde in Nischni-Tagil in das Krankenhaus gebracht. Tagil soll koreanisch: Großes Glück heißen, das hatte unser Koreaner verkündet, aber zu mir kam in jenen Fiebertagen nicht das große Glück. Zu mir kamen Gespenster. Das Fieber brannte mich aus. Ich war egoistisch wie jeder Kranke. Ruhla hatte Angst und hörte neben meinem Gejammer auch noch das Geschrei der anderen Kranken in dem altmodischen Hause. Der Traum vom Besuch beim erschossenen Zaren war nur der Vorbote zu vielen anderen und schrecklichen Träumen. Vor meinen Augen tanzte die Welt wie ein irrsinniger Kreisel und jede Drehung war ein wüster Traum. Politik und Erotik verkuppelten sich und zeugten mißratene Kinder. Arbeiter, die aus der Zwangsarbeit der Fabriken geflohen waren, wurden von klappernden Hämmern verfolgt. Steinbrucharbeiter verwuchsen mit den Leibern in die Felsen, nur die Oberkörper waren noch beweglich und hackten. In den Tropfsteinhöhlen entdeckte ich in den Kristallen verkümmerte Seelchen. Dann wurde eine Mauer lebendig, kein Stein blieb auf dem andern, jeder vermenschlichte sich. Ein neuer Traum brachte die Versteinerung einer menschlichen Versammlung. Aus einer Frau wurde ein Schloß, aus einem Mann ein Rathaus. Diese und andere Träume verwirrten mich. Ich erlebte das Pogrom von Fastow als David Lautenspieler. Ich war bei den Verschwörern und bei den Tschekisten. Als roter Kommandant marschierte ich nach Omsk. Siebenhaar ließ ich hinrichten und lachte über seine Bitten. Dann wurde ich von den Weißen gefangen und erschossen. Es war grauenvoll. Vier Tage lag ich im Fieber und mit mir allein, mit meinen Gespenstern allein. Am fünften Tag endlich wurde ich etwas klarer. Die Wunder des Lebens kamen. Ich konnte sprechen, ich konnte lächeln. Die Wintersonne schien in das große, kahle Zimmer. Ruhla war bei mir, und Merkel sagte: »Mensch, Otto, du hast die verrücktesten Sachen geträumt! Auf den Siebenhaar mußt du großen Haß haben. Du hast ihn verflucht. Ja und nun, lieber Junge, nun ist das Schlimmste vorbei. Ich fahre morgen mit den Genossen weiter. Der Doktor sagt, in fünf bis sieben Tagen könntest auch du Weiterreisen. Ruhe dich gut aus, du bekommst einen Schlitten, alles steht zu deiner Verfügung, wir haben mit Wolkin alles besprochen. Nun Adjüs, lieber Junge!« Er drückte mir die Hand und ging. Am nächsten Tag fuhren die Freunde nach Sibirien weiter. Ich sollte, wenn ich gesund wäre, nach Moskau zurück. Aber ich reiste nicht nach Moskau. Wolkin schickte mir am übernächsten Tag einen Schlitten, und mit Ruhla fuhr ich jeden Morgen durch die Stadt, über den vereisten Fluß und in die blauen, schweigenden Wälder hinaus. Wie schön war es, zu atmen, zu leben. Jede Stunde war ein Geschenk. Ich sah alles mit neuen Augen. Der Doktor Lomosoff bemühte sich sehr um mich, Ruhla war zärtlich, die Gespenster geflohen, und mit Hans Schubert, dem Feldscheer des Krankenhauses, führte ich große Gespräche. Nischni-Tagil: Großes Glück! Auch hier bewegte sich die Welt, auch hier waren Haß und Liebe, Schicksal und Freundschaft wie überall auf der Erde. In den Bergen und Schluchten der nahen Wälder wurden Gold und Platin gefunden. Die Goldgruben waren im Bürgerkriege zusammengebrochen, aber die Stadt lebte doch, sie fußte auf guter Erde, sie gründete sich auf dem anderen Metall, auf dem Eisen, das in mächtigen Bergen und Bänken in der großen Erzmine lagerte. Wie ein Krater lag die Grube in der Landschaft. Die Wege zur Mine waren rot vom Rost des verlorenen Erzes, das auf flachen Schlitten nach den Hütten transportiert wurde. Die Schmelztechnik war noch ganz primitiv. Die sechs Prozent Kupfer, die im Eisen gefunden wurden, konnten nicht ausgeschmolzen werden. Der Wohlstand von Tagil war in der klappernden Mühle des Bürgerkrieges zermahlen worden. Die breiten Straßen und die zu großen Plätze waren viel zu gewaltig für diesen kleinen Ort. Pferde, schwarze Ziegen und kleine Kühe liefen durch die Stadt mit den vielen Holzhäusern. Vom Fluß her kamen Frauen und schleppten Wasser. Hier gab es eine sonderbare Sekte, die »Gesellschaft Gottes«, ungefähr fünfzig Menschen, die sich aus der schwarzen Not der Zeit in das süße Blau ihres Himmels flüchteten. Dann sahen wir ein sonderbares Denkmal: Auf einem leeren Sockel – den Fürsten Demidoff hatte man heruntergestürzt – stand eine Frauengestalt, die Freiheit, die in der erhobenen Hand eine elektrische Glühbirne trug und die Dunkelheit erleuchten wollte. Wolkin war Vorsitzender des Sowjets. Er war ein früherer Arbeiter, saß in Sibirien als politischer Sträfling, bis ihn der Umsturz Befreite und an die Spitze stellte. Bis zum Umsturz standen an der Spitze in Tagil die Fürsten Demidoff. Von den Demidoffs hörte ich vom Chefarzt Lomosoff des Krankenhauses und von seinem Feldscheer, dem Studenten der Medizin, Hans Schubart, den das Schicksal in die schwarze Stadt im Ural geworfen hatte. Der erste Demidoff war ein Schmied und wurde von Peter dem Großen in den Ural geschickt Der Ural war noch ganz unerforscht. Der Schmied hatte Riesenfäuste und ein eisernes Herz. Damals konnten noch Leibeigene gekauft werden. Demidoff kaufte Leibeigene und begründete die Herrschaft seiner Familie. Er setzte sich auf der Eisenmine fest. Sie wurde für ihn zur Goldmine. Schmelzhütten wurden errichtet, Straßen gebaut, später kam die Eisenbahn. In das Licht der Geschichte aber traten die Demidoffs eigentlich erst im Jahre 1850. Da heiratete einer von ihnen in Italien eine Maria Bonaparte. Die Heirat brachte ihm den Adelsbrief. Rußland wollte sich nicht lumpen lassen und erhob diesen Demidoff in den Fürstenstand. Das alles war bis jetzt russische Geschichte gewesen, aber nun kam Weltgeschichte. Dieser Fürst Demidoff nämlich finanzierte in der Hauptsache den Staatsstreich seines Vetters, des dritten Napoleon. Das war der erste Fürst Demidoff. Der letzte Fürst saß im Ausland, hatte einen großen Teil seines Vermögens gerettet und wartete auf den neuen Umsturz. Das alles erzählte Lomosoff, dem eine Professur in Perm angeboten war, und der doch in der verlassenen Stadt bei seinen Kranken blieb. In das Lichtbild malte nun Hans Schubert die schwarzen Striche und Schatten. Die Demidoffs waren die großen Blutsauger über der Stadt. Ihnen gehörte alles: die Hütten, die Eisenmine, die Bergschule und das Krankenhaus. Der kleine Student hatte die Fürsten niemals gesehen, aber er haßte sie leidenschaftlich. Die Not des Landes machte ihn opferbereit. Seine Geschichte ist bald erzählt. Als Kriegsfreiwilliger ging er an die Front, kam in russische Gefangenschaft, saß zwei Jahre in einem Lager in der Nähe des Urals, das Lager wurde vom Typhus überfallen, und der Student wurde Hilfsarzt. Er lernte das Elend der Welt kennen, das Glück kam auch zu ihm, eine junge baschkirische Lehrerin, in die er sich verliebte und die er heiratete. Dann wurde er nach Nischni-Tagil abkommandiert. Er bekam zwei Kinder, hatte sein Heimatrecht aufgegeben und war Russe geworden. Seine politische Überzeugung war nichts als Glauben an die Gerechtigkeit. Die Bauern kamen stundenweit zu ihm gefahren, die Arbeiter und die Kranken liebten ihn. Und als er mir von den Demidoffs erzählte, wußte ich plötzlich, warum er sich hier in der kleinen Stadt vergraben hatte. »Lieber Iwan Petrowitsch, lieber Hans Schubert«, sagte ich, »darum bleiben Sie hier, darum bleibst du hier, weil im Auslande ein Fürst auf seine Rückkehr wartet? Und darum bist du Russe geworden?« »O nein,« antwortete er und wurde verlegen, als sei ich hinter sein Geheimnis gekommen, »nicht nur deswegen. Ich habe eine Frau und zwei Kinder. Und vergiß nicht, daß ich hier von den Kranken gut gebraucht werde. Rußland, Rußland, was wißt denn ihr von Rußland?« Er schwieg eine kleine Weile und zitierte dann: »Opfer fallen hier, weder Lamm noch Stier, aber Menschenopfer unerhört!« Und siehst du, lieber Glarus, darum bleibe ich hier. Wegen der vielen Opfer. Ich muß helfen. Helfen und heilen, das ist der Sinn meines Lebens. Vielleicht werde ich auch zu den Baschkiren abkommandiert.« »Zu den Baschkiren? Warum denn zu den Baschkiren?« fragte Ruhla. »Ja, zu den Baschkiren, dort ist Cholera«, sagte er ganz leise. Da liegt nun mitten im Ural eine kleine, unbekannte Stadt. Die Wälder schweigen oder sausen. Die Walzwerke klirren. Endlos stürzen die Berge vom hohen Norden nach den sommerlichen Steppen des fruchtbaren Südens. Herr Lomosoff ist wohl jetzt in Moskau oder er hat die Professur in Perm doch angenommen. Der Fürst Demidoff wartet immer noch im Ausland auf den Umsturz. Hans Schubert wird viel Arbeit haben und helfen und heilen. Aber vielleicht ist er gar nicht mehr im Ural. Vielleicht ist er zu den Baschkiren abkommandiert worden und an der Cholera gestorben. Wir verließen den Ural und fuhren unseren Freunden nach Sibirien nach. Winterkälte knallte über die Landschaft, in Omsk holten wir Merkel ein. Als wir nach der Stadt fuhren, sahen wir im Wintersturm eine Karawane schwankender Kamele. Sie kamen aus der Kirgisensteppe. Von Omsk ist nicht viel zu erzählen. Hochbauten aus Eisenbeton stehen neben elenden Holzhütten. Die Straßen waren breit, auf dem kleinen Markt war viel Betrieb. Zuerst wollten wir nach Irkutsk weiterfahren, aber in Sibirien begannen die Aufstände. Die Bauern revoltierten. Ihre Parolen waren: »Es leben die Sowjets! Nieder mit den Kommunisten!« Das Land lechzte nach Frieden und Brot. Es wollte nicht ewig Opfer sein. Wir fuhren nach Moskau zurück. Zehn Wochen waren wir schon unterwegs. Unsere Reden auf den Meetings und in den Fabriken, die oft wie Krüppel am Wege lagen, wurden immer müder und mürrischer. Merkel sprach überhaupt nicht mehr. Auf den Stationen umdrängten auch Bettler unseren Wagen. Sie wurden von den Soldaten zurückgetrieben. Glarus schob die engbeschriebenen Blätter weit von sich. Beinahe drei Wochen war er hier schon gefangen. Er saß im Kreml zu Astrachan. Ja, aber nun war er frei, nun hatte er sich alles vom Herzen geschrieben. Er ging an das Fenster und sah unter sich die Stadt liegen. Sie glänzte wie ein Riesenfisch. Dann hörte er Schritte. Der Kommandant kam. »Es ist eben telephoniert worden«, sagte er. »Du sollst dich fertigmachen und sofort zum Untersuchungsrichter kommen.« »Was ist los? Komme ich frei?« fragte er. »Ich weiß nicht«, antwortete der Russe. Glarus packte seine Sachen zusammen, legte das Manuskript in die Mappe und ging. Er durfte allein durch die Straßen gehen. Und auf dem Wege spann sich das Gewebe seines Berichtes weiter. Ja, sie waren nach Moskau gekommen, und als sie abreisen wollten, begann der Aufstand in Kronstadt. Moskau war ein Waffenlager. Auf dem Roten Platz standen die Arbeiter und Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten. Die Matrosen, die den Zarismus gestürzt hatten, empörten sich in Kronstadt gegen die Sowjets! In Petrograd kam er auch mit Goldenberg und einigen Leuten von der Militärschule zusammen. Sie gingen an die Front. Goldenberg blieb in der Stadt. Er zeigte seine Pistole und sagte: »Siehst du, Glarus, hier sind sechs Schuß. Fünf Schuß für die Weißen und ein Schuß für mich.« Merkel höhnte: »Mein Lieber, sechs Schuß für die Weißen! Den Schuß für dich haben sie allemal übrig.« Dann fuhren sie nach Deutschland. Sie arbeiteten in der Bewegung weiter und schwiegen, wo sie hätten reden müssen. Sie glaubten, ein offener Bericht würde ihren Freunden in den Rücken fallen. Eines Tages sprang Merkel ab und ging eigene Wege. Über zwei Jahre blieb Glarus in Deutschland, und nun war er zum zweiten Male nach Rußland gekommen. Er hatte geschwiegen und gearbeitet. Er mußte erst hinter Schloß und Riegel sitzen, um sich zu besinnen und zu befreien. In der Einsamkeit erwachten die Gespenster von damals. Ruhla hatte geschrieben. »Liebster«, schrieb sie im letzten Brief, »Liebster, ich habe wahnsinnige Angst daß ich alt werde. Ich habe auch Angst um dich. Denk mal an, ich bin jetzt fünfundzwanzig, bald dreißig, und dann kommt die grausige Zeit des Abstiegs zwischen dreißig und vierzig! Ich habe solche Angst, meine Stirn ist ganz verschrumpelt, komm bald zurück, ich will nicht länger warten und nicht immer allein sein. Unser Söhnlein blüht und gedeiht Er grüßt und küßt den Vater, komm zu uns!« Liebe, liebe Frau, dachte er, ich komme, ja ich komme. Du sollst nicht immer allein sein. Wir wollen zusammen arbeiten, wir wollen zusammen leben. Und unser Sohn soll es besser haben als wir, die wir zerrissen waren wie unsere Zeit! Wir haben für den Krieg geschwärmt, um den Frieden zu erkämpfen. Wir haben gelogen, um eine Idee rein zu erhalten, aber Lüge ist Lüge, und tausendfache Lüge ist immer noch keine Wahrheit. Ja, mein Sohn, wir sind einen falschen Weg gegangen. Die Opfer klagen uns an. In unseren Fußspuren haben sich die Tränenbäche und Blutquellen einer gequälten Menschheit angesammelt. Gewalt, mein Kind, läuft mit blutigen Füßen. Laß dich nicht von den falschen Propheten verwirren, die verkünden, man könne die Freiheit oder das Glück mit Gewalt und Geißelhieben in die Herzen einpeitschen! Und so geht er durch die graue Stadt, der Otto Glarus, und denkt an seine Liebste und seinen Sohn. Er denkt auch an den Kampf um die Freiheit in Deutschland. Mit guten Augen sieht er in das Gewimmel der Straßen und des Marktes. Über der Stadt hängt in schweren Wolken der Sterbegeruch der Fische. Aus den Fruchtgärten der nahen Steppe kommt im leichten Winde süßer Wohlgeruch. Die deutsche Frau von der Wolga Ist immer noch in der persischen Küche. Zerlumpte Kinder bieten sich als Schuhputzer an oder verkaufen Tabak und Süßigkeiten. Lastträger kommen breit und schwer vom Hafen. Die große Börse aus roten Backsteinen sieht wie ein romantisches Schloß aus. Ein Milton spaziert über den Markt. Händler stecken die Köpfe zusammen. Ein schwarzer Hund wühlt im Abfall. Kalmücken trotten vorbei. Narau-Kusch ist nicht unter ihnen. Zigeunermädchen wollen wahrsagen. Bettler liegen wimmernd im Staub. Die blauen Hügel der Weintrauben und die gelben Berge der Melonen schimmern. Der Untersuchungsrichter empfing ihn sehr freundlich. Er schob einen Stuhl zurecht und bot Zigaretten an. »Setzen Sie sich, verehrter Genosse«, sagte er, »waren Sie mit dem Zimmer im Kreml zufrieden? Ich freue mich, Ihnen sagen zu dürfen, daß sich jetzt alles geklärt hat. Aus Moskau und Berlin sind gute Berichte gekommen. Die Katja haben wir nach Moskau geschickt. Siebenhaar läßt grüßen, und Kasandroff will in einer Stunde erscheinen. Er kommt von der wirtschaftlichen Front und will Sie abholen. Es ist alles in Ordnung.« Glarus hörte still zu und antwortete dann: »Ja, es ist alles in Ordnung. Kasandroff will mich abholen? Nun, er muß wohl seine Fische allein fangen. Genosse Untersuchungsrichter. Was soll ich jetzt noch bei den Fischern? »Aber Sie sind doch frei!« sagte der Untersuchungsrichter. »Sie sind doch frei, verehrter Genosse, und können hingehen, wohin Sie wollen!« »Das ist sehr gnädig von Ihnen, Genosse Untersuchungsrichter«, erklärte Glarus, »ich weiß schon, wohin ich gehe. An die neue Front. Ich verlasse Rußland. Ich gehe heim zu meinem Sohn. Der Russe stutzte. Er blies gedankenvoll den blauen Rauch seiner Zigarette weit von sich und sagte: »Ach so, viel Vergnügen! Kasandroff wird große Augen machen. Er wird Sie vermissen in dem Blockhaus an der Wolga. Und nun entschuldigen Sie, bitte, daß wir Sie so lange bei uns aufgehalten haben!« Glarus lächelte und antwortete: »Ich habe nichts zu entschuldigen. Ich habe viel gelernt, werter Genosse, im Blockhaus bei den Fischen und auch im Kreml in der Gefangenschaft. Leben Sie wohl. Das Leben diktiert seine Bedingungen.« Er ging. Und am selben Abend verließ er Astrachan.