Maxim Gorki Ehemalige Leute und andere Erzählungen Ehemalige Leute Die Wjesshaja – zwei Reihen einstöckiger, alter, elender Häuser mit schiefen Wänden und Fenstern, die sich eng aneinanderlehnen. Die löcherigen Dächer dieser von der Zeit mitgenommenen menschlichen Behausungen sind mit Baumrinde geflickt und mit Moos bewachsen; hier und da werden sie von hohen Stangen mit Starkästen überragt und vom staubigen Grün des Holunders und krüppeliger Weiden beschattet – der armseligen Flora der von der Armut bewohnten Stadtenden. Die vom Alter trübgrünen Fensterscheiben der Häuser sehen einander wie feige Spitzbuben an. In der Mitte der Straße kriecht eine zwischen tiefen, vom Regen ausgewaschenen Löchern sich windende Radspur zum Berge hinauf. Hier und da liegen mit Steppengras bewachsene Haufen Schutt und Geröll – die Überreste oder Anfänge von Dämmen, welche die Bewohner im Kampfe mit den hier zusammenlaufenden Regenwasserströmen vergeblich errichteten. Auf dem Berge oben verstecken sich hübsche, steinerne Häuser im üppigen Grün der Gärten, Kirchtürme erheben sich stolz in den blauen Himmel, und ihre goldenen Kreuze funkeln blendend im Sonnenschein. Wenn es regnet, läßt die Stadt ihren Schmutz in jene Straße hinablaufen, ist es trocken, überschüttet sie dieselbe mit Staub, – und alle diese mißgestalteten Häuser scheinen ebenfalls von dort oben heruntergeworfen zu sein, weggekehrt wie Schutt von einer mächtigen Hand. Platt am Boden klebend, sind sie über den ganzen Berg verstreut, kläglich, halbverfault und von Sonne, Staub und Regen in jenes undefinierbare, schmutzig-graue Kolorit gekleidet, welches das Holz im Alter annimmt. Am Ende dieser erbärmlichen Straße stand, aus der Stadt unten an den Berg hingeworfen, das lange, zweistöckige, verrottete Haus, das der Kaufmann Petunnikow von der Stadt gekauft hatte. Es war das äußerste in der Reihe, da es sich schon am Fuße des Berges befand und sich hinter ihm weit das Feld ausbreitete, das eine halbe Werst vom Hause durch den steilen Abhang des Flusses abgeschnitten wurde. Das große, sehr alte Haus hatte unter seinen Nachbarn die düsterste Physiognomie. Ganz windschief, war von den zwei Reihen seiner Fenster nicht eins, das eine regelmäßige Form zeigte, und die Glasscherben in den wackeligen Rahmen hatten die grünliche, trübe Farbe des Sumpfwassers. Die mit Rissen und dunklen Stellen abgefallenen Putzes gesprenkelten Wände zwischen den Fenstern sahen aus, als hätte die Zeit darauf mit diesen Hieroglyphen die Biographie des Hauses geschrieben. Das sich auf die Straße neigende Dach machte sein Aussehen noch kläglicher – es war, als beuge es sich zur Erde und erwarte ergeben vom Schicksal den letzten Schlag, der es in Staub verwandle, in einen formlosen Haufen halbverfaulter Trümmer. Die Tür war offen – die eine Hälfte lag, aus den Angeln gerissen, auf der Erde, und durch die Ritzen ihrer Bretter wuchs das Gras, das den großen, leeren Hof des Gebäudes dicht bedeckte. Im Hintergrunde des Hofes stand ein niedriger, verräucherter Bau mit eisernem Dach, das nur nach einer Seite abfiel. Das Haus selbst war freilich unbewohnt, aber in diesem Gebäude, das früher eine Schmiede vorstellte, befand sich jetzt das »Nachtasyl«, das der Rittmeister a. D. Aristid Fomitsch Kuwalda dort unterhielt. Das Innere war eine lange, düstere Höhle mit einer Ausdehnung von vier und zehn Ssashen; vier kleine, quadratische Fenster an der einen Seite und eine Tür erhellten dieselbe. Die Ziegelwände, ohne Putz, waren schwarz vom Rauch; die Decke, aus dem Boden einer Barke, gleichfalls geschwärzt; ein riesiger Ofen, dem die Schmiedeesse als Basis diente, nahm die Mitte ein, und rings um den Ofen und an den Wänden entlang liefen breite Pritschen mit Haufen von allerhand Lumpen, die den Nachtgästen als Lager dienten. Von den Wänden roch es nach Rauch, von dem erdigen Boden nach Feuchtigkeit, von den Pritschen nach schweißigen, faulenden Lumpen. Der Herr des Asyls hatte seinen Platz auf dem Ofen, die Pritschen rings um den Ofen waren die Ehrenplätze, und auf sie verteilten sich die Gäste, die sich des Wohlwollens und der Freundschaft des Hausherrn erfreuten. Den Tag verbrachte der Rittmeister stets vor der Tür des Asyls, auf einer Art Sessel sitzend, den er eigenhändig aus Ziegeln zusammengestellt hatte, oder in der Schenke Jegor Wawilows, die sich dem Hause Petunnikows schräg gegenüber befand. Dort aß der Rittmeister und trank Schnaps. Ehe er hier seinen Aufenthalt nahm, hatte Aristid Kuwalda ein Mietskontor in der Stadt; ging man noch weiter in seine Vergangenheit zurück, so hörte man, daß er eine typographische Anstalt besessen hatte, und vordem hatte er, seinen Worten nach: »einfach – gelebt! Und herrlich gelebt, der Teufel hol's! Ich verstand's, zu leben, kann ich sagen!« Er war ein hoher, breitschultriger Mann von etwa 50 Jahren, mit pockennarbigem, vom Trunk aufgedunsenem Gesicht und breitem, schmutzig-gelbem Bart. Er hatte große, graue, frech-lustige Augen, sprach im Baß mit einem Rollen in der Kehle, und zwischen den Zähnen ragte meistens eine deutsche Porzellanpfeife mit gebogenem Rohr hervor. Wenn er erzürnt wurde, blähten sich die Löcher seiner großen, gebogenen, hochroten Nase weit auf, und die Lippen zuckten, zwei Reihen großer, gelber Wolfszähne entblößend. Langarmig, hinkend, immer mit einem schmutzigen, zerrissenen Offiziersmantel angetan und fettiger Mütze mit rotem Rand, aber ohne Schirm, und in schlechten Filzstiefeln, die ihm bis an das Knie reichten, – befand er sich morgens unwandelbar im Zustand schweren Katzenjammers und abends – in fröhlichem Rausch. Bis zur vollen Betrunkenheit kam er nie, wieviel er immer trank, und seine heitere Stimmung behielt er stets. Abends empfing er, auf seinem Ziegelsessel sitzend, mit der Pfeife im Munde, seine Mieter. »Wer bist du?« fragte er das zu ihm kommende zerlumpte und bedrückte Subjekt, das wegen Trunksucht aus der Stadt hinausgeworfen oder aus einem anderen, nicht weniger triftigen Grunde heruntergekommen war. Der Mensch antwortete. »Zeig' deine Papiere zur Bekräftigung deines Gewäsches!« Die Papiere wurden gezeigt, falls er welche besaß. Der Rittmeister steckte sie in die Brust, sich selten für ihren Inhalt interessierend, und sagte: »Alles in Ordnung. Für eine Nacht zwei Kopeken, für eine Woche zehn Kopeken, für einen Monat – dreißig. Geh' und such' dir einen Platz, aber sieh zu, daß du keinen fremden nimmst, sonst blasen sie dich auf. Bei mir wohnen strenge Leute ....« Neulinge fragten ihn: »Und mit Tee, Brot oder sonst Eßbarem handeln Sie nicht?« »Ich handle nur mit Wand und Dach; dafür bezahle ich selbst dem Spitzbuben von Wirt dieses Loches, dem Kaufmann zweiter Gilde, Judas Petunnikow, fünf Rubel monatlich,« erklärte Kuwalda in sachlichem Tone; »zu mir kommen Leute, die nicht an Üppigkeit gewöhnt sind ... aber wenn du gewohnt bist, jeden Tag zu essen, – da gegenüber ist die Schenke. Aber besser, wenn du, Lümmel, dir diese schlechte Angewohnheit abgewöhnst. Du bist ja doch kein Herr – das heißt, was ißt du also? Iß dich selbst!« Solcher und ähnlicher Reden wegen, die er in gemacht-strengem Ton, aber immer mit lachenden Augen vorbrachte, und seines aufmerksamen Verhältnisses zu seinen Mietern halber erfreute sich der Rittmeister bei den Armen der Stadt einer großen Popularität. Oft geschah es, daß ein früherer Schützling des Rittmeisters auf dem Hofe schon nicht mehr zerlumpt und bedrückt erschien, sondern in mehr oder weniger anständiger Verfassung und mit munterem Gesicht. »Guten Tag, Ew. Wohlgeboren! Wie geht es Ihnen?« »Bin gesund. Am Leben. Sprich weiter.« »Erkennen Sie mich nicht?« »Kenn' dich nicht!« »Wissen Sie nicht, im Winter wohnte ich ja einen Monat etwa bei Ihnen, als noch die Polizei da war und sie drei mitnahmen?« »Ja, Bruder, unter meinem gastfreundlichen Dach erscheint die Polizei öfter!« »Ach Gott, Sie hatten noch Ihren Spott mit dem Pristav ...« »Laß, spuck' auf die Erinnerungen, sag' einfach, was du willst!« »Möchten Sie nicht eine kleine Bewirtung von mir annehmen? Als ich damals bei Ihnen wohnte und Sie mir, das heißt ...« »Dankbarkeit muß man ermuntern, mein Freund, denn man trifft sie selten bei den Leuten. Du mußt ein braver Bursche sein, und – obwohl ich mich deiner gar nicht erinnere, aber in die Schenke geh' ich mit Vergnügen mit dir und trinke mit Genuß auf deine Erfolge im Leben.« »Und Sie sind noch immer so ... spaßen noch immer?« »Ja, was kann man denn anderes tun, da man einmal unter euch Elendswürmern lebt!« Sie gingen. Manchmal kehrte der frühere Schützling des Rittmeisters dann, durch die Bewirtung ganz aus allen Fugen, schwankend in das Asyl zurück; anderen Tages bewirteten sie sich wieder, und eines schönen Morgens erwachte der frühere Klient mit dem Bewußtsein, daß wieder alles bis auf den letzten Rest vertrunken war. »Ew. Wohlgeboren! Da haben wir's! Bin wieder unter Ihre Mannschaft geraten, was jetzt?« »Eine Lage, deren man sich nicht rühmen darf, aber wenn man einmal darin ist, muß man nicht jammern,« vernünftelte der Rittmeister. »Man muß gleichgültig gegen alles sein, mein Freund, sich nicht das Leben mit Philosophie verderben und keine Fragen stellen. Philosophieren ist immer dumm, Philosophieren im Katzenjammer aber unaussprechlich dumm. Katzenjammer erfordert Schnaps und nicht Gewissensbisse und Zähneknirschen ... schone deine Zähne, sonst wird man dich umsonst schlagen. Da hast du einen Zwanziger, geh' und hole ein Mäßchen Schnaps, für einen Fünfer heißes Gehacktes oder Lunge, ein Pfund Brot und zwei Gurken. Wenn wir uns nach dem Rausch gestärkt haben, wollen wir die Lage der Dinge in Erwägung ziehen ....« Definitiv festgestellt wurde die Lage der Dinge erst nach etwa zwei Tagen, wenn sich auch beim Rittmeister keiner der Dreier und Fünfer mehr fand, die er in der Tasche hatte am Tage, als sein dankbarer Schützling bei ihm erschien. »Fertig! Basta!« sagte der Rittmeister; »jetzt, mein Freund, da alles hin ist, wollen wir wieder versuchen, auf den Pfad der Nüchternheit und Tugend zurückzukehren. Wie ganz richtig gesagt ist: hat man nicht gesündigt, kann man nicht bereuen, und bereut man nicht – wird man nicht erlöst. Das erste haben wir besorgt, bereuen ist zwecklos, so wollen wir uns also gleich erlösen. Begib dich an den Fluß und arbeite! Wenn du dir nicht traust – sage dem Unternehmer, daß er dein Geld aufhebt, sonst gib es mir. Haben wir ein Kapital zusammengescharrt, kauf' ich dir Hosen und alles übrige, was du nötig hast, um wieder als ordentlicher Mensch und bescheidener, vom Schicksal verfolgter Freund der Arbeit aufzutreten. In guten Hosen kannst du's wieder weit bringen. Marsch!« Der Schützling begab sich an den Fluß und schleppte Lasten, bei sich über des Rittmeisters lange, weise Reden lachend. Unklar begriff er ihr Salz, aber er sah die lustigen Augen vor sich, empfand den munteren Geist und fühlte, daß er in dem schönrednerischen Rittmeister eine Hand habe, die ihn im Fall der Not stützen könnte. Und wirklich – nach ein – zwei Monaten der Zwangsarbeit hatte der Schützling, dank des Rittmeisters strenger Aufsicht über seine Führung, die materielle Möglichkeit, sich wieder auf eine Stufe über jener zu erheben, auf die er dank der wohlgeneigten Teilnahme desselben Rittmeisters gesunken war. »Nun, mein Freund,« sagte Kuwalda, den restaurierten Schützling kritisch musternd, »Hosen und Jacke hätten wir! Das sind Dinge von ungeheurer Bedeutung, 13 – glaube meiner Erfahrung. So lange ich anständige Hosen hatte, lebte ich in der Stadt in der Rolle eines ordentlichen Menschen, aber, hol's der Teufel, als erst die Hosen von mir fielen, fiel auch ich in der Meinung der Leute und mußte selbst aus der Stadt hier herabsteigen. Die Leute, mein lieber Narr, beurteilen alle Dinge nach ihrer Form, das Wesen der Dinge ist ihnen ihrer angeborenen Dummheit wegen unzugänglich. Das reibe dir unter die Nase, und hast du mir, wenn auch nur die Hälfte der Schuld bezahlt, geh' in Frieden und such' dir was und rangiere dich wieder!« »Und wieviel bin ich Ihnen schuldig, Aristid Fomitsch?« erkundigte sich der Schützling unruhig. »Einen Rubel siebzig ... Gib mir einen Rubel oder siebzig; mit dem anderen warte ich, bis du entweder stiehlst oder mehr als das verdienst, was du jetzt hast.« »Danke ergebenst für Ihre Güte!« sagte der gerührte Schützling. »Ach Sie, was sind Sie doch für ein guter Mensch, wirklich! Ach, umsonst hat das Leben Sie so in die Enge getrieben ... was für ein Adler mögen Sie an Ihrem Platz gewesen sein?!« Der Rittmeister konnte ohne rednerische Ergüsse nicht leben. »Was heißt an meinem Platz? Keiner weiß seinen eigentlichen Platz im Leben, und jeder von uns kriecht in das falsche Joch. Der Kaufmann Judas Petunnikow sollte Galeerensträfling sein, und er geht am hellen Tage durch die Straßen und will sogar eine Fabrik bauen. Unser Lehrer hätte seinen Platz bei einem guten Weibe und einem halben Dutzend Kinder, und er treibt sich in Wawilows Schenke umher. Und du – du suchst dir eine Stelle als Diener oder Korridorwächter, und ich sehe, dein Platz ist bei den Soldaten, denn du bist nicht dumm, hältst aus und kennst Disziplin. Siehst du ,– was für ein Stück? Das Leben mischt uns wie Karten, und nur zufällig – und das nicht für lange – kommen wir an unseren Platz! ...« Manchmal dienten derartige Abschiedsunterhaltungen als Vorreden zur Fortsetzung der Bekanntschaft, die wieder mit einem guten Trunk anfing und wiederum dahin führte, daß der Schützling alles vertrank, darüber erschrak, der Rittmeister ihm Revanche gab und – beide alles vertranken. Solche Wiederholungen des Vorangegangenen verdarben keineswegs die beiderseitigen guten Beziehungen. Der vom Rittmeister erwähnte Lehrer war tatsächlich einer jener Klienten, die nur dazu sich heraufarbeiteten, um gleich wieder unterzugehen. Seinem Intellekt nach war er der Mensch, der dem Rittmeister näher als alle anderen stand, und vielleicht hatte er es gerade diesem Grunde zu verdanken, daß er, nachdem er einmal bis zum Asyl gesunken war, sich nicht mehr erheben konnte. Mit ihm allein konnte Aristid Kuwalda in der Gewißheit philosophieren, daß er verstanden wurde. Er schätzte das, und wenn der Lehrer, nachdem er sich wieder gebessert hatte, sich anschickte, das Asyl zu verlassen und mit dem Gelde, das er verdient, sich in der Stadt ein Winkelchen zu suchen, – begleitete ihn Aristid Kuwalda so traurig und ließ so viele melancholische Tiraden hören, daß beide unausbleiblich zu trinken anfingen und wieder alles vertranken. Aller Wahrscheinlichkeit nach richtete Kuwalda bewußt die Sache so ein, daß der Lehrer trotz seines Verlangens nicht aus dem Asyl herauskommen konnte. Sollte der Edelmann Aristid Kuwalda mit einer Bildung, deren Splitter noch manchmal in seinen Reden glänzten, mit der durch die Wandlungen des Schicksals entwickelten Gewohnheit zu denken, nicht wünschen und nicht suchen, eben solchen Menschen, wie er selbst, stets um sich zu haben? O, wir verstehen wohl, uns zu bedauern! Dieser Lehrer unterrichtete einst in einer Lehranstalt der Wolgastädte, war aber aus einer gewissen Geschichte entlassen worden. Dann war er Kontorist in einer Lederfabrik und wurde gleichfalls gezwungen, zu gehen. Danach Bibliothekar in einer Privatbibliothek, erprobte er noch verschiedene Berufsarten, um sich schließlich, nachdem er noch das Examen als Privatbevollmächtigter in Gerichtssachen abgelegt hatte, dem Trunke zu ergeben. Endlich kam er zum Rittmeister. Er war ein großer Mann von gebückter Haltung, mit langer, spitzer Nase und ganz kahlem Kopf. Aus seinem knochigen, gelben Gesicht mit dem keilförmigen Bärtchen glänzten große, ruhelos-traurige Augen, die tief in den Höhlen lagen, und die Mundwinkel waren melancholisch herabgezogen. Die Mittel zum Leben oder richtiger zum Trinken erwarb er als Reporter für die Ortszeitungen. Es kam vor, daß er in der Woche an fünfzehn Rubel verdiente. Dann gab er sie dem Rittmeister und sagte: »Es wird gehen! Ich kehre in den Schoß der Kultur zurück. Noch eine Woche Arbeit – dann kleide ich mich ordentlich ein und addio, mio caro! « »Lobenswert! Ich billige deinen Entschluß von ganzem Herzen, Philipp. Die ganze Woche gebe ich dir kein Schnapsgläschen voll,« beugte der Rittmeister streng vor. »Ich werde dir dankbar sein! ... Nicht ein einziges Tröpfchen gibst du?« Der Rittmeister hörte aus diesen Worten etwas wie eine schüchterne Bitte um Nachgiebigkeit heraus und sagte noch strenger: »Du kannst meinetwegen brüllen – ich gebe nichts!« »Nun, abgemacht,« seufzte der Lehrer und begab sich an sein Amt. Aber nach ein oder höchstens zwei Tagen schon sah er, abgespannt und wie zerschlagen, aus irgendeinem Winkel dem Rittmeister begierig nach, mit traurigen, flehenden Augen, und wartete zitternd, bis sich des Freundes Herz erweichte. Der Rittmeister setzte eine finstere Miene auf und hielt mit tödlicher Ironie getränkte Reden über das Thema von der Schande der Charakterschwäche, vom tierischen Vergnügen des Trunkes und andere, dem Falle angemessene Dinge. Und man darf wirklich sagen: er fühlte sich von seiner Rolle als Mentor und Moralist aufrichtig hingerissen; aber die skeptisch gestimmten ständigen Asylgäste, die dem Rittmeister aufmerksam folgten und seine Strafreden mit anhörten, sagten zueinander, mit den Augen nach ihm blinzelnd: »Schlauberger! Wickelt sich geschickt heraus! Das heißt: ich hab's dir gesagt, du bist mir nicht gefolgt – mach' dir nun selbst Vorwürfe!« »Seine Wohlgeboren ist ein echter Krieger – er geht voran und sucht schon den Weg zum Rückzug!« Aber der Lehrer erhaschte seinen Freund wieder in irgendeinem dunklen Winkel, hielt ihn an seinem schmutzigen Mantel fest und sah ihm, am ganzen Leibe zitternd und sich die trocknen Lippen leckend, ohne zu sprechen, mit tieftraurigem Ausdruck ins Gesicht. »Kannst du nicht?« fragte der Rittmeister finster. In schweigender Bestätigung nickte der Lehrer mit dem Kopfe, dann ließ er ihn traurig auf die Brust fallen, an seinem ganzen, langen, magern Körper zitternd. 17 »Halte noch einen Tag aus ... vielleicht bekommst du's fertig?« schlug Kuwalda vor. Der Lehrer seufzte und schüttelte hoffnungslos verneinend den Kopf. Der Rittmeister sah, wie der magere Leib des Freundes vor Gier nach dem Gift bebte, und holte Geld aus der Tasche. »Meistens ist es zwecklos, wider das Verhängnis zu streiten,« sagte er dabei, als wolle er sich vor irgend jemand rechtfertigen. Hielt aber der Lehrer die ganze Woche aus, so spielte sich zwischen ihm und dem Rittmeister die rührende Szene eines Freundesabschiedes ab, und ihr Finale fand gewöhnlich in Wawilows Schenke statt. Nicht all sein Geld vertrank der Lehrer; die Hälfte wenigstens gab er für die Kinder der Wjesshaja-Straße aus. Die Armen sind immer reich an Kindern, und in jener Straße mit ihrem Staub und ihren Wasserlöchern balgten sich tagein tagaus, vom Morgen bis zum Abend, ganze Haufen zerlumpter, schmutziger, halbverhungerter Kinder herum. Kinder – sind die lebendigen Blumen der Erde, doch in dieser Straße hatten sie das Aussehen vorzeitig verwelkter Blüten, wahrscheinlich deshalb, weil sie auf einem Boden wuchsen, der arm an gesunden Säften war. Und so versammelte der Lehrer sie häufig um sich, kaufte Weißbrot, Eier, Äpfel und Nüsse und ging mit ihnen ins Feld, an den Fluß. Dort lagerten sie sich auf der Erde, aßen erst alles gierig auf, was der Lehrer ihnen vorlegte, und fingen dann an zu spielen, die Luft eine Werst im Umkreis mit sorglosem Lärm und Lachen erfüllend. Es war, als schrumpfe die lange, magere Gestalt des Trinkers zwischen diesen kleinen Leuten zusammen, die mit ihm ganz familiär wie mit einem Gleichaltrigen verkehrten. Sie 18 nannten ihn sogar Philipp, ohne seinem Namen ein »Onkel« oder »Onkelchen« hinzuzufügen. Sich um ihn wie Schlammbeißker herumdrehend, stießen sie ihn an, sprangen ihm auf den Rücken, patschten ihm auf die Glatze, faßten ihn an der Nase. Alles das mußte ihm wohl gefallen, denn er protestierte nicht gegen diese Willkürlichkeiten. Er sprach überhaupt wenig mit ihnen, und wenn er sprach, geschah es so vorsichtig und schüchtern sogar, als fürchte er, daß seine Worte sie beflecken oder ihnen überhaupt schaden könnten. In der Rolle ihres Kameraden und Spielzeugs verbrachte er einige Stunden hintereinander mit ihnen, ihre lebhaften Gesichtchen mit seinen gramvoll-bangen Augen betrachtend, und ging dann, in Gedanken versunken, langsam von ihnen nach Wawilows Schenke und fing dort hastig und schweigend zu trinken an, bis er das Bewußtsein verlor.   Fast täglich brachte der Lehrer eine Zeitung mit, wenn er von seinem Reporterdienst heimkehrte, und es fand eine allgemeine Versammlung all der heruntergekommenen Leute um ihn statt. Wenn sie ihn erblickten, kamen sie aus den verschiedenen Winkeln des Hofes hervor zu ihm hin, Berauschte und an den Folgen des Rausches Leidende, in der mannigfaltigsten Weise zerlumpt und struppig, aber alle gleich elend und schmutzig. Da kam Alexej Maximowitsch Ssimzow, dick wie ein Faß, früher Förster in einem Provinzialamt, jetzt Händler mit Streichhölzern, Tinte, Wichse und Ausschuß-Zitronen. Er war ein Greis von 60 Jahren, mit einem Segeltuchpaletot und einem großen Hut, dessen breite, abgegriffene, verbogene Krempe sein dickes, rotes Gesicht mit dem dichten, weißen Bart verdeckte, aus dem die kleine, hochrote Nase 19 vergnügt in Gottes Welt blickte, nebst dicken Lippen derselben Farbe und kleinen, tränenden, zynischen Augen. Sie nannten ihn Kubar, d. h. Kreisel – und dieser Beiname bezeichnete treffend seine runde Gestalt und seine brummende Sprechweise. Aus irgendeinem Winkel kroch auch Konez, d. h. Ende, hervor – ein düsterer, schweigsamer, schwarzer Trunkenbold, der frühere Gefängnisinspektor Lukas Antonowitsch Martjanow, ein Mensch, der durch das Spiel existierte, wie »Riemchen«, »Dreiblatt«, »Bank« und ähnlichen, ebenso geistreichen wie bei der Polizei unbeliebten Spielen. Er ließ seinen großen, mehr als einmal grausam zerschlagenen Leib neben dem Lehrer auf den Rasen nieder. Seine schwarzen Augen funkelten, und er fragte, indem er die Hand nach der Flasche ausstreckte, in heiserem Baß: »Kann ich?« Es erschien der Mechaniker Pawel Ssonzew, ein schwindsüchtiger Mensch von etwa 30 Jahren. Die linke Seite war ihm in einem Streit zerschlagen, und sein gelbes, spitzes Fuchsgesicht verzog immer ein hämisches Grinsen. Die dünnen Lippen ließen zwei Reihen schwarzer, von Krankheit zerstörter Zähne sehen, und die Lumpen auf seinen schmalen, knochigen Schultern baumelten wie auf einem Kleiderriegel. Er wurde Objedok, d. h. Schmarotzer, genannt. Er trieb einen Handel mit Waschbürsten eigener Fabrikation und Ausklopfern aus einem besonderen Gewächs, die sehr bequem zum Reinigen der Kleider waren. Es kam ein großer, knochiger, auf dem linken Auge schielender Mann unbekannten Herkommens, mit erschrockenem Ausdruck in den großen, runden Augen, schweigsam und scheu, der dreimal laut Verurteilung des Friedens- und Kreisgerichts wegen Diebstahls gesessen hatte. Sein Familienname war Kisselnikow, aber er wurde Poltora Tarassa, d. h. anderthalb Taraß, genannt, weil er gerade anderthalbmal so groß war wie sein unzertrennlicher Freund, der Diakon Taraß, der wegen Trunksucht und lasterhaften Betragens seines Amtes entsetzt war. Der Diakon war ein kleiner, untersetzter Mensch mit einer Riesenbrust und rundem Pudelkopf. Er tanzte sehr gut, und noch erstaunlicher verstand er Zoten zu reißen. Er hatte mit Poltora Taraßa zusammen das Holzsägen am Flußufer als Spezialität erwählt, und in seiner Mußezeit erzählte er seinem Freunde und jedem, der zuhören mochte, Geschichten »eigener Erfindung«, wie er erklärte. Beim Anhören dieser Geschichten, deren Helden immer Heilige, Könige, Geistliche und Generäle waren, spien selbst die Asylbewohner vor Ekel aus und sperrten die Augen auf vor Verwunderung über die Phantasie des Diakons, der mit zusammengekniffenen Augen und gleichgültigem Gesicht entsetzlich schamlose Dinge und schmutzig-phantastische Abenteuer erzählte. Die Einbildungskraft dieses Menschen war mächtig und unerschöpflich – er konnte erfinden und sprechen den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend und wiederholte sich nie. Möglicherweise war ein großer Dichter an ihm verdorben, jedenfalls ein ungewöhnlicher Erzähler, der alles zu beleben verstand, und selbst den Steinen die Seele seiner garstigen, aber plastischen und starken Worte einhauchte. Auch ein täppischer, junger Mensch war noch da, dem Kuwalda den Namen Meteor beigelegt hatte. Er war einmal gekommen, um zu übernachten, und blieb seitdem bei diesen Leuten, zu ihrer Verwunderung. Zuerst bemerkten sie ihn nicht – tags ging er wie alle aus, sich Brot zu suchen, aber abends hielt er sich beständig bei dieser wackeren Gesellschaft auf, und endlich bemerkte ihn der Rittmeister. »Bürschchen! Was bist du denn auf dieser Welt?« Der Bursche antwortete kurz und tapfer: »Ich – Landstreicher ...« Der Rittmeister betrachtete ihn kritisch. Es war ein Bursche mit langen Haaren und dummem Gesicht, das vorstehende Backenknochen und eine aufgestülpte Nase zierten. Er trug eine blaue Bluse ohne Gürtel und auf dem Kopf die Reste eines Strohhutes. Er war barfuß. »Du – Narr!« entschied Aristid Kuwalda. »Wozu willst du dich hier herumtreiben? Du bist uns zu nichts nütze ... Trinkst du Schnaps? Nein ... Nu, aber stehlen kannst du? Auch nicht. Marsch, lern' erst was und komm' wieder, wenn du erst ein Mensch bist ...« Der Bursche lachte. »Nein, ich bleibe lieber bei Ihnen.« »Weshalb?« »So ...« »Ach du ... Meteor!« sagte der Rittmeister. »Ich schlag' ihm gleich die Zähne ein,« mischte sich Martjanow ein. »Weshalb?« erkundigte sich der Bursche. »So ...« »Und ich nehm' einen Stein und geb' Ihnen eins an den Kopf,« erklärte ehrerbietig der Bursche. Martjanow hatte ihn zuschanden geschlagen, wäre nicht Kuwalda für ihn eingetreten. »Laß ihn, Bruder ... Es ist in ihm etwas Verwandtes mit dir und meinetwegen mit uns allen. Du willst ihm ohne hinreichenden Grund die Zähne einschlagen – er will, wie du, ohne Grund bei uns leben. Nun, zum Teufel, wir leben alle ohne genügenden Grund ... Leben, und wozu? So! Er auch so ... laß ihn! ...« »Aber besser wäre es für Sie, junger Mann, sich von uns zu entfernen,« riet ihm der Lehrer, indem er den Burschen mit seinen traurigen Augen ansah. Der antwortete nicht und blieb. Dann gewöhnten sie sich an ihn und hörten auf, ihn zu bemerken. Er aber lebte unter ihnen und bemerkte alles. Alle diese aufgezählten Existenzen machten den Hauptstab des Rittmeisters aus, und er nannte sie mit gutmütiger Ironie »Ehemalige Leute«. Außer ihnen bewohnten immer noch fünf bis sechs »Gemeine« – Landstreicher – das Asyl. Das waren Dorfleute; sie konnten sich nicht solcher Vergangenheit rühmen wie die »ehemaligen Leute«, und obwohl sie nicht minder die Wandelbarkeit des Schicksals erfahren hatten, waren sie doch heiler geblieben als jene. Es waren nicht so schrecklich zerbrochene Existenzen. Vielleicht steht ein ordentlicher Mensch der kultivierten Klasse höher, als ein solcher des Bauernstandes, stets aber ist ein lasterhafter Stadtmensch unendlich widerwärtiger und schmutziger als ein lasterhafter Mensch aus dem Dorfe. Diese Regel fiel kraß in die Augen, wenn man die früheren Intelligenten, die Kuwaldas Zufluchtsort bewohnten, mit den dort lebenden, früheren Bauern verglich. Als ansehnlichster Repräsentant der früheren Bauern erschien ein alter Lumpensammler namens Tjapa. Lang und mißgestaltet, hielt er den Kopf so, daß sein Kinn auf der Brust ruhte; daher erinnerte sein Schatten an einen Feuerhaken. Von vorn konnte man sein Gesicht nicht sehen, im Profil sah man nur die bucklige Nase, die herabhängende Unterlippe und die grauen, struppigen Brauen. Er war der erste Mieter zu des Rittmeisters Zeit, und es wurde von ihm erzählt, daß er irgendwo viel Geld versteckt habe. Eben dieses Geldes wegen wäre ihm vor etwa zwei Jahren beinahe die Kehle mit dem Messer durchschnitten worden, und seitdem hielt er den Kopf so sonderbar. Er leugnete die Existenz des Geldes, sagte, er sei nur aus Raufsucht überfallen worden, und es sei ihm seitdem sehr bequem, Lumpen und Knochen zu sammeln – weil der Kopf immer gesenkt war. Wenn er schwankenden, unsicheren Ganges, ohne Stock in der Hand, ohne Sack auf dem Rücken – den Zeichen seines Berufs – dahinging, sah er aus wie ein Mensch, der fast bis zum Verlust des Bewußtseins in Gedanken versunken war, und Kuwalda sagte in solchen Momenten, indem er mit dem Finger auf ihn deutete: »Seht, dort sucht das Gewissen des Kaufmanns Judas Petunnikow, das ihm entflohen ist, einen Zufluchtsort! Seht, wie das flüchtige Gewissen zerfetzt, garstig, schmutzig ist!« Tjapa sprach heiser, so daß er kaum zu verstehen war, und vielleicht deshalb sprach er überhaupt wenig und liebte sehr die Einsamkeit. Jedesmal aber, wenn im Asyl ein neues Menschenexemplar erschien, das die Not aus dem Dorf vertrieben hatte, geriet Tjapa bei seinem Anblick in Zorn und bange Unruhe. Er verfolgte den Unglücklichen mit beißendem Spott, der in zornigen, heiseren Lauten aus seiner Kehle kam, hetzte irgendeinen schlimmen Landstreicher hinter ihm her, drohte endlich, ihn eigenhändig zuschanden zu schlagen und nachts zu berauben, und brachte es fast immer dahin, daß der geängstigte, konfuse Bauer aus dem Asyl verschwand und niemals mehr zurückkehrte. Dann beruhigte sich Tjapa und verkroch sich in irgendeinen Winkel, wo er seine Lumpen sichtete oder in der Bibel las, eben solcher alten, schmutzigen und zerfetzten, wie er selbst. Aus seinem Winkel kroch er jedoch hervor, wenn der Lehrer eine Zeitung mitbrachte und vorlas. Gewöhnlich hörte er alles schweigend mit an, was gelesen wurde, und seufzte tief, ohne nach etwas zu fragen. Aber wenn der Lehrer die Zeitung zusammenlegte, nachdem er sie gelesen hatte, streckte Tjapa seine knochige Hand aus und sagte: »Gib mal ...« »Was willst du damit?« »Gib ... vielleicht ist was von uns darin ...« »Von wem?« »Vom Dorf.« Sie lachten darüber und warfen ihm die Zeitung hin. Er nahm sie und las darin, daß in einem Dorf Hagelschlag das Korn vernichtet hatte, daß in einem anderen dreißig Gehöfte abgebrannt waren, daß in einem dritten ein Weib seine Familie vergiftet hatte – alles, was hergebrachterweise vom Dorfe geschrieben wird und dasselbe nur von der unglücklichen, dummen und bösen Seite zeigt. Tjapa las alles mit dumpfer Stimme und brummte dabei, wodurch er vielleicht seine Freude, vielleicht sein Mitgefühl ausdrücken wollte. Den größten Teil des Sonntags, an dem er niemals Lumpen sammeln ging, verwandte er auf das Lesen seiner Bibel. Während er las, brummte und seufzte er. Das Buch hielt er, indem er es auf die Brust stützte, und er wurde böse, wenn jemand ihn anrührte oder im Lesen störte. »He du, Schwarzkünstler,« sagte Kuwalda zu ihm, »was verstehst du davon? Laß sein!« »Und was verstehst du?« »So, Hexenmeister! Ich verstehe auch nichts, aber ich lese auch nicht Bücher ...« »Aber ich lese ...« »Nu, du bist auch dumm ...« entgegnete der Rittmeister. »Wenn sich Insekten auf dem Kopfe eingenistet haben, so ist das ja auch beunruhigend, kriechen aber noch Gedanken hinein – wie willst du dann leben, alte Kröte?« »Nu, ich hab's nicht mehr lange nötig,« meinte Tjapa ruhig. Einmal wollte der Lehrer wissen, wo er lesen und schreiben gelernt habe. Tjapa antwortete kurz: »Im Gefängnis ...« »Warst du denn drin?« »Ja ...« »Weshalb..?« »So ... Ich hatte einen Fehler begangen. Von da hab' ich auch die Bibel mitgebracht. Eine Dame gab sie mir ... Bruder, im Gefängnis ist es gut ...« »Nun wieso denn?« »Man lernt was ... Da Hab' ich lesen und schreiben gelernt ... bekam das Buch ... Alles ... umsonst ...« Als der Lehrer im Asyl erschien, wohnte Tjapa schon lange drin. Er betrachtete den Lehrer lange, – um einem Menschen ins Gesicht zu sehen, mußte er sich ganz auf die Seite biegen – hörte lange seinen Reden zu und setzte sich einmal wie von ohngefähr neben ihn. »So einer bist du ... warst ein Gelehrter ... Hast du die Bibel gelesen?« »Ja ...« »So – so ... Weißt du noch was davon?« »Nu ... ich weiß noch ...« Der Alte beugte sich ganz auf die Seite und sah den Lehrer mit einem grauen, finsteren, mißtrauischen Auge an. »Weißt du auch, daß es Amalekiter gab?« »O ja?« »Wo sind die jetzt?« »Verschwunden, Tjapa ... ausgestorben ...« Der Alte schwieg eine Weile, dann fragte er von neuem: »Und die Philister?« »Die auch ...« »Alle ausgestorben?« »Ja ... alle ...« »So ... und sterben wir auch aus?« »Die Zeit kommt – und auch wir sterben aus,« versprach der Lehrer gleichgültig. »Aus welchem Stamme sind wir denn?« Der Lehrer sah ihn an, besann sich und fing an von Kimbern, Skythen, Hunnen und Slawen zu erzählen ... Der Alte bückte sich noch mehr auf die Seite und sah ihn mit erschrockenen Augen an. »Das lügst du alles!« sagte er heiser, als der Lehrer aufhörte. »Wieso lüge ich?« wunderte sich dieser. »Was hast du mir für Völker genannt? Die sind nicht in der Bibel!« Er stand auf und ging tiefgekränkt davon, zornig vor sich hinbrummend. »Du wirst schwachsinnig, Tjapa,« sprach der Lehrer hinter ihm mit Überzeugung. Da drehte sich der Alte nochmals nach ihm um und drohte ihm, die Hand ausstreckend, mit dem krummen, schmutzigen Finger. »Von Gott – Adam, von Adam – die Hebräer, das heißt, alle Leute – von den Hebräern ... Und wir auch ...« »So?« »Die Tataren von Ismael ... und er war von den Hebräern ...« »Aber was willst du damit?« »Nichts! Warum lügst du?« Und er ging fort, seinen Gesellschafter im Zweifel zurücklassend. Doch nach etwa zwei Tagen fetzte er sich wieder zu ihm. »Du bist ein Gelehrter gewesen ... ja, und mußt wissen, – was sind wir?« »Slawen, Tjapa,« antwortete der Lehrer und gab aufmerksam acht auf Tjapas Worte, um ihn zu verstehen. »Sprich nach der Bibel – solche gibt's da nicht. Was sind wir – Babylonier vielleicht? oder – Edomiter ...« Der Lehrer ließ sich auf eine Kritik der Bibel ein. Der Alte hörte ihm lange aufmerksam zu, dann unterbrach er ihn. »Halt ... laß sein! Das heißt, unter den Völkern, die Gott kannte, waren die Russen nicht? Wir sind Gott unbekannte Leute? Ist es so? Von denen in der Bibel steht – die kannte Gott ... vernichtete sie mit Feuer und Schwert, zerstörte ihre Städte und Dörfer, aber schickte ihnen auch Propheten, sie zu belehren ... d. h. er hatte Mitleid mit ihnen. Juden und Tataren hat er zerstreut, aber doch bewahrt ... Wir aber? Warum haben wir keine Propheten?« »Ich weiß nicht!« sagte der Lehrer zögernd in dem Bemühen, den Alten zu verstehen. Dieser aber legte die Hand auf seine Schulter, stieß ihn sachte hin und her und sagte heiser schluckend ... »So sag' es doch! Du sprichst so viel, als wenn du alles wüßtest. Mir wird schlimm, wenn ich dir zuhöre ... Du machst mir die Seele krank ... Besser wär's, wenn du schwiegst! ... Wer sind wir? So – so! Warum haben wir keine Propheten? aha! ... Und wo waren wir, als Christus auf Erden wandelte? Siehst du? Ach du! Und lügst noch ... kann denn ein ganzes Volk aussterben? Das russische Volk kann nicht verschwinden – das lügst du – es ist in der Bibel aufgeschrieben, nur weiß man nicht, unter welchem Namen ... Weißt du denn, was für ein Volk das ist? Es ist – ungeheuer groß ... Wieviel Dörfer auf der Erde ... da wohnt das Volk ... das wirkliche, große Volk. Und du sagst – es stirbt aus ... Ein Volk kann nicht sterben, der Mensch kann ... Gott braucht das Volk, er hat die Erde geschaffen. Die Amalekiter sind nicht ausgestorben – die Deutschen oder Franzosen sind's ... und du ... ach du! ... Nun, sag' doch, warum hat Gott uns übergangen? Warum haben wir keine Strafen und keine Propheten von Gott? Wer belehrt uns? ...« Tjapas Worte waren voll Kraft, – Hohn, Vorwurf und tiefer Glaube klangen aus ihnen. Er sprach lange, und dem Lehrer, der wie gewöhnlich berauscht war und sich in friedlicher Stimmung befand, wurde ganz elend zumute, indem er ihm zuhörte, als ginge ihm eine Säge durchs Gebein. Er hörte dem Alten zu, sah seinen entstellten Leib, fühlte die seltsame, bezwingende Kraft seiner Worte und wurde plötzlich traurig, – er tat sich selber bis zum Schmerze leid. Er hätte dem Alten auch gern etwas Starkes, Überzeugungsvolles gesagt, etwas, das Tjapa ihm freundlich gestimmt, ihn bewogen hätte, nicht in diesem vorwurfsvoll finsteren Ton, sondern in einem anderen – einem weichen, väterlich-freundlichen – mit ihm zu sprechen. Und der Lehrer fühlte, wie es in seiner Brust aufwallte, wie es ihm in die Kehle stieg ... aber gewaltige Worte fand er nicht in sich. »Was für ein Mensch bist du? ... Du hast eine zerrissene Seele ... sprichst hier verschiedene Worte ... Als wüßtest du ... Schweigen solltest du ...« »Ach, Tjapa,« rief der Lehrer bang, »du sprichst wahr ... Und das Volk ... gewiß! es ist sehr groß ... und ich bin ihm fremd ... und es ist mir fremd ... Die Tragödie meines Lebens liegt darin ... Doch – laß! Ich werde leiden ... Und keinen Propheten ... keinen! ... Es ist wahr, ich rede viel ... und keinem nützt es ... aber ich will schweigen ... Nur sprich nicht so mit mir ... Ach, Alter! Du weißt nicht ... weißt nicht ... kannst nicht verstehen ...« Schließlich fing er an zu weinen. Er weinte so leicht und frei, mit reichlich fließenden Tränen, daß ihm danach sehr wohl wurde. »Du solltest aufs Dorf gehen ... um eine Lehrer- oder Schreiberstelle einkommen ... Du wärst satt und in der frischen Luft ... Was plagst du dich ab?« sagte Tjapa murrend mit heiserer Stimme. Aber der Lehrer weinte und fand Genuß in seinen Tränen. Von dieser Zeit an wurden sie Freunde, und die »Ehemaligen Leute« sagten, wenn sie sie zusammen sahen: »Der Lehrer bildet Tjapa aus ... hält ihm für Geld einen Kursus ...« »Kuwalda hat ihn angestiftet ... er soll auskundschaften, wo der Alte seine Kapitalien hat ...« Vielleicht, daß sie anders dachten, wenn sie so sprachen. Diese Leute hatten einen komischen Zug: sie mochten sich einander gern schlimmer zeigen, als sie in Wirklichkeit waren. Der Mensch, der nichts Gutes in sich hat, ist oft nicht abgeneigt, auch mit seinem Bösen zu renommieren. Hatten sich alle diese Leute um den Lehrer mit der Zeitung versammelt, so begann die Lektüre. »Nun denn,« sagt der Rittmeister, »was bringt denn heut die Zeitung? Ist ein Feuilleton drin?« »Nein,« teilt der Lehrer mit. »Euer Herausgeber ist habsüchtig ... Ist ein Leitartikel – –?« »Heut ist einer ... Wie's scheint, von Gulajew ...« »Aha! Her damit! Der Spitzbube schreibt vernünftig ...« »Die Abschätzung des unbeweglichen Eigentums,« liest der Lehrer, »welche vor mehr als fünfzehn Jahren bewerkstelligt wurde, dient auch heute noch als Grundlage für die Steuererhebung seitens der Stadt ...« »Das ist naiv,« kommentiert Kuwalda, »dient noch! Lächerlich! Weil es so vorteilhaft für den Kaufmann ist, der die Stadt bestiehlt, darum eben dient sie noch ...« »Der Artikel ist über dies Thema geschrieben,« sagt der Lehrer. »Ja? Sonderbar! Das ist ein Thema fürs Feuilleton ... Darüber muß gepfeffert geredet werden ...« Ein kleiner Streit entbrennt. Das Publikum hört aufmerksam zu, denn bis dahin ist erst eine Flasche Schnaps getrunken worden. Nach dem Leitartikel wird die Lokal- und dann die Gerichtschronik gelesen. Erscheint in dem kriminalistischen Teile ein Kaufmann als handelnde oder leidende Person, so frohlockt Aristid Kuwalda von Herzen. Ist ein Kaufmann bestohlen worden – schön, nur schade, zu wenig! Wurden seine Pferde totgeschlagen – angenehm zu hören, nur betrübend, daß er selbst am Leben blieb. Verlor er seine Klage vor Gericht – prächtig, nur traurig, daß ihm nicht zweimal so viel Gerichtskosten auferlegt wurden. »Das wäre ungesetzlich gewesen,« bemerkt der Lehrer. »Ungesetzlich? Ist er selbst denn gesetzlich?« fragt Kuwalda bitter. »Was ist der Kaufmann? Betrachten wir seine grobe, läppische Erscheinung: zunächst ist jeder Kaufmann ein – Bauer. Er kommt aus dem Dorfe, und im Lauf der Zeit wird er Kaufmann. Um Kaufmann zu werden, muß man Geld haben. Woher kann ein Bauer 31 Geld haben? Wie bekannt, erwirbt man es nicht durch redliche Arbeit. Der Bauer hat in dieser oder jener Weise gestohlen. Das heißt, der Kaufmann ist ein diebischer Bauer!« »Getroffen!« billigt das Publikum die Ausführung des Redners. Tjapa brummt, sich die Brust reibend. Genau so brummt er, wenn er nach dem Katzenjammer das erste Gläschen Schnaps trinkt. Die Korrespondenz wird gelesen. Das ist für den Rittmeister, seinen Worten nach, ein weites Meer. Überall sieht er, wie der Kaufmann das Leben verhäßlicht, wie er es gewandt verunstaltet und verdirbt. Seine Reden donnern und vernichten den Kaufmann. Weil er schimpft, wird er mit vergnügtem Gesicht angehört. »Wenn ich Zeitungen schriebe!« ruft er aus. »O, ich wollte den Kaufmann in seiner wirklichen Gestalt zeigen ... Ich zeigte, daß er nur ein Tier ist, das zeitweise Menschenamt erfüllt. Ich verstehe ihn! Er? Er ist roh, er ist dumm, er hat keinen Geschmack am Leben, keine Vorstellung vom Vaterland und kennt nichts Höheres als den Fünfer.« Objedok, der die schwache Seite des Rittmeisters kannte und die Leute gern ärgerte, schaltet hämisch ein: »Ja, seit der Adel anfängt, sich mit dem Hunger auszusöhnen – verschwinden die Menschen aus dem Leben ...« »Du hast recht, Sohn der Spinne und Kröte, ja, seit der Adel gesunken ist, gibt es keine Menschen mehr! Nur Kaufleute ... und die hasse ich! has–se – ich!« »Das ist zu begreifen, – weil sie auch dich in den Staub getreten haben, Bruder ...« »Mich? Ich ging an der Liebe zum Leben zugrunde ... Narr! Ich liebte das Leben ... und der Kaufmann nimmt es in Beschlag. Ich leide ihn gerade deshalb nicht, – und nicht, weil ich Edelmann bin. Wenn du's wissen willst, ich bin kein Edelmann, sondern einfach ein ehemaliger Mensch. Ich spucke jetzt auf alles und alle ... und das Leben ist mir – eine Geliebte, die mich aufgegeben ... dafür verachte ich es, und es ist mir tief-gleichgültig.« »Du lügst!« sagt Objedok. »Ich lüge?« brüllt Kuwalda zornrot. »Wozu schreien,« ertönt Martjanows kalter, finsterer Baß. »Wozu das besprechen? Kaufmann ... Edelmann ... was geht es uns an?« »Sintemal wir weder das eine noch das andere sind ...« warf der Diakon Taraß ein. »Laßt sein, Objedok!« sagt der Lehrer versöhnend. »Wozu den Hering salzen?« Er mochte keinen Streit und überhaupt keinen Lärm. Wenn um ihn die Leidenschaften aufbrausten, preßte er mit leidender Miene die Lippen zu einer schmerzlichen Grimasse zusammen und bemühte sich, mit Ruhe und Besonnenheit alle mit allen zu versöhnen, und gelang es ihm nicht, verließ er die Gesellschaft. Da der Rittmeister dies wußte, hielt er an sich, falls er nicht besonders betrunken war, denn er verlor in dem Lehrer nicht gern den besten Zuhörer seiner Reden. »Ich wiederhole,« fuhr er ruhiger fort, »ich sehe das Leben in den Händen der Feinde, nicht nur Feinden des Adels, sondern Feinden alles Edlen, die gierig und unfähig sind, das Leben, wie immer, zu verschönen ...« »Aber Bruder,« sagt der Lehrer, »Kaufleute haben Genua, Venedig, Holland gegründet, die Kaufleute Englands haben ihrem Lande Indien erobert, die Kaufleute Stroganow ...« »Was gehen mich jene Kaufleute an? Ich habe Judas Petunnikow und seinesgleichen im Auge ...« »Und was gehen diese dich an?« fragt der Lehrer ruhig ... »Lebe ich denn nicht? Aha! Ich lebe, – das heißt, es muß meinen Unwillen erregen, wenn ich sehe, wie rohe Menschen das Leben, das sie als Beute an sich gerissen, verderben ...« »Und über den edlen Unwillen des Rittmeisters und Menschen a. D. lachen,« stichelt Objedok. »Gut! Einverstanden ... es ist töricht ... Als heruntergekommener Mensch soll ich in mir alle Gefühle und Gedanken, die einst mein waren, auslöschen. Das mag meinetwegen richtig sein! – Aber womit rüste ich mich aus und wir uns alle, wenn wir diese Gefühle abwerfen?« »Jetzt fängst du an vernünftig zu reden,« sagt der Lehrer billigend. »Wir brauchen etwas anderes, andere Gesichtspunkte, andere Gefühle ... wir brauchen etwas Neues ... denn wir sind selbst im Leben etwas Neues ...« »Unzweifelhaft brauchen wir das,« sagt der Lehrer. »Wozu?« fragt Konez. »Ist es nicht einerlei, was gesprochen und gedacht wird? Wir haben nicht lange zu leben ... ich bin vierzig, du fünfzig, keiner von uns unter dreißig ... Und selbst mit zwanzig hält man solch Leben nicht lange aus.« »Und was für Neues sind wir?« spottet Objedok. »Hungerleider hat's immer gegeben.« »Und sie haben Rom gegründet,« sagt der Lehrer. »Ja, gewiß,« frohlockt der Rittmeister. »Romulus und Remus – gehören sie nicht auch zur ›goldenen Rotte‹ So genannt in Rußland verkommene Leute, die die niedrigsten Arbeiten verrichten, vagabundieren, trinken usw. Und wir – kommt unsere Stunde – schaffen auch wir ...« »Die Vernichtung der öffentlichen Ruhe und Stille,« unterbricht ihn Objedok. Er lacht laut und selbstzufrieden, ein häßliches Lachen, das in die Seele schneidet. Ihm sekundiert Ssimzow, der Diakon, Poltora Tarassa. Die naiven Augen des Burschen Meteor glühen in hellem Feuer, und seine Wangen röten sich. Konez spricht, und es ist, als fiele ein Hammer auf die Köpfe: »Das alles ist Torheit ... Einbildung ... dummes Zeug ...« Es war seltsam, diese aus dem Leben verjagten, zerlumpten, mit Ironie, Bosheit, Schmutz und Schnaps durchtränkten Leute so reden zu hören. Für den Rittmeister waren diese Gespräche entschieden ein Feiertag des Herzens. Er sprach mehr als alle, und das gab ihm die Möglichkeit, sich besser als alle zu fühlen. Wie tief ein Mensch auch gefallen sei, – niemals versagt er sich den Genuß, sich stärker, klüger und wäre es auch nur – satter zu fühlen als sein Nächster. Aristid Kuwalda trieb mit diesem Genuß Mißbrauch, aber übersättigte sich nie, zum Mißvergnügen Objedoks, Kubars und anderer, die sich für derartige Fragen wenig interessierten. Dafür war Politik allgemein beliebt. Ein Gespräch über das Thema von der Notwendigkeit der Eroberung Indiens oder der Besiegung Englands konnte sich endlos hinziehen. Mit nicht geringerer Leidenschaft sprachen sie von den Mitteln zur radikalen Judenausrottung auf Erden, aber in dieser Frage hatte Objedok die Oberhand, der erstaunlich grausame Projekte entwarf, und der Rittmeister, der überall der erste sein wollte, vermied dieses Thema gern. Viel und abscheulich wurde von den Weibern gesprochen, doch warf sich zu ihrer Verteidigung stets der Lehrer auf, der böse wurde, wenn sie übersalzten. Ihm gaben sie nach, denn sie hielten ihn für einen ungewöhnlichen Menschen und borgten Sonnabends ihm das Geld ab, das er in der Woche verdient hatte. Er genoß überhaupt manche Privilegien: z.B. schlugen sie ihn nicht in den nicht seltenen Fällen, wenn das Gespräch mit einer allgemeinen Prügelei endete. Ihm war gestattet, Weiber mitzubringen; niemand sonst hatte dies Recht, denn der Rittmeister hatte allen vorher gesagt: »Weiber dürfen nicht hergebracht werden ... Weiber, Kaufleute und Philosophie sind die Ursachen meiner Mißerfolge. Seh' ich jemand mit einem Weib kommen, hau ich ihn zuschanden ... das Frauenzimmer auch ... Für Philosophieren – reiß' ich den Kopf ab ...« Er konnte den Kopf abreißen: ungeachtet seiner Jahre verfügte er über eine ungewöhnliche Kraft. Zudem half ihm Martjanow bei jedem Streit. Düster und schweigend wie ein Grabmal stand er während des allgemeinen Kampfes immer Rücken an Rücken mit Kuwalda, und sie waren dann wie eine allvernichtende und unvernichtbare Maschine. Einmal krallte sich der betrunkene Ssimzow um nichts und wieder nichts dem Lehrer in die Haare und riß ihm ein Büschel aus. Mit einem Faustschlag auf die Brust streckte ihn Kuwalda für eine halbe Stunde ohnmächtig hin und zwang ihn, als er wieder zu sich kam, das Haar des Lehrers aufzuessen. Jener tat es, da er sonst fürchten mußte, totgeschlagen zu werden. Außer Zeitunglesen, Gesprächen und Händeln diente ihnen auch das Kartenspiel zur Zerstreuung. Es wurde ohne Martjanow gespielt, denn der konnte nicht ehrlich spielen, was er auch selbst, nachdem er einige Male auf Spitzbübereien ertappt worden war, offen eingestand: »Ich kann nicht anders als aufschlagen ... Das ist meine Gewohnheit.« »Das passiert,« bestätigte der Diakon Taiaß. »Ich war es gewohnt, Sonntags nach der Messe meine Diakoniza zu schlagen, so daß, als sie gestorben war, mir Sonntags so bange wurde, daß es gar nicht zu glauben war ... Einen Sonntag brachte ich hin – schlecht! Einen anderen –hielt ich's aus, – am dritten schlug ich mal meine Köchin ... Sie tat beleidigt. ›Ich verklage Sie beim Friedensrichter‹ sagt sie. Stellt euch meine Lage vor! Am vierten Sonntag schlug ich sie wie meine Frau! Nachher zahlte ich ihr zehn Rubel und schlug sie nun regelmäßig wie gewohnt, bis ich wieder heiratete ...« »Diakon, du lügst! Wie konntest du zum zweitenmal heiraten?« unterbrach ihn Objedok. »Ah? Nu so ... sie sah bei mir nach der Wirtschaft ...« »Hattet ihr Kinder?« fragte ihn der Lehrer. »Fünf Stück ... Einer ertrank ... der älteste ... ein spaßiges Jungchen! Zwei starben an Diphtheritis ... Eine Tochter hat einen Studenten geheiratet und ist mit ihm nach Sibirien gegangen, die andere wollte studieren und starb in Piter , an Schwindsucht wurde gesagt ... J–ja ... fünf waren's ... versteht sich! Wir Geistlichen sind fruchtbar ...« Er fing an zu erklären, warum das so sei, wobei er durch seine Erzählung ein homerisches Gelächter erregte. Als sie des Lachens müde waren, fiel es Alexej Maximowitsch Ssimzow ein, daß er auch eine Tochter gehabt hatte. »Lydia hieß sie ... sie war dick ...« Und mehr mochte er wohl nicht wissen, denn er sah alle an, lächelte verlegen und schwieg. Von ihrer Vergangenheit sprachen diese Leute wenig miteinander und gedachten ihrer äußerst selten, immer nur in allgemeinen Zügen und mehr oder weniger spöttischem Ton. Man wird wohl zugestehen müssen, daß solche Beziehung zur Vergangenheit auch klug war, denn den meisten Menschen schwächt die Erinnerung an die Vergangenheit die Energie in der Gegenwart und untergräbt die Hoffnung auf die Zukunft. In den regnerischen, grauen, kalten Spätherbsttagen aber versammelten sich alle diese Leute in Wawilows Schenke. Dort waren sie bekannt, – etwas gefürchtet als Diebe und Raufbolde, etwas verachtet als unverbesserliche Trinker, aber trotzdem auch geachtet und als kluge Leute angesehen. Wawilows Schenke war der Klub der Wjesshaja, und diese »ehemaligen« Leute – die Intelligenten des Klubs. Sonnabend abends und Sonntags vom Morgen bis zum Abend und in die Nacht war die Schenke voll, und die Bewohner des Kuwaldaschen Asyls erschienen dort als gern gesehene Gäste. Sie brachten unter die in Not und Elend steckenden Bewohner der Straße ihren Geist, in dem etwas war, das das Leben dieser Menschen erleichterte, die, abgehetzt von der Jagd nach dem Stück Brot, sich keinen Rat wußten, die ebensolche Trinker waren wie die Asylgäste und ebenso aus der Stadt Hinausgeworfene wie sie. Das Vermögen, von allem zu sprechen und über alles zu lachen, die Furchtlosigkeit ihrer Meinungen, die Schärfe ihrer Reden, die Unerschrockenheit vor dem, was die ganze Straße in Schrecken versetzte, die müßiggängerische, bramarbasierende Bravour dieser Leute – mochten der Straße wohl gefallen. Dazu kannten fast alle die Gesetze, konnten beliebigen Rat geben, Gesuche schreiben und helfen, ungestraft Spitzbübereien zu verüben. Für alles das zahlten sie ihnen mit Schnaps und schmeichelhafter Bewunderung ihrer Talente. Ihren Sympathien nach teilte sich die Straße in zwei fast gleiche Parteien: die einen hielten den Rittmeister, der weit schärfer als der Lehrer war, für einen »echten Krieger von größtem Mut und Verstand«. Die anderen waren überzeugt, daß der Lehrer Kuwalda in allen Beziehungen übertraf. Als Kuwaldas Verehrer traten diejenigen Elemente der Bürgerschaft auf, welche als notorische Trunkenbolde, Diebe und Wagehälse in der Straße bekannt waren, und denen der Weg vom Bettelstab zum Gefängnis kein gefährlicher Pfad schien. Den Lehrer aber achteten die Leute mehr, die ehrbarer waren, auf etwas hofften, etwas erwarteten, ewig mit etwas beschäftigt und selten satt waren. Der Charakter der Beziehungen Kuwaldas und des Lehrers zur Straße zeigte sich treffend an folgendem Beispiel. Einmal wurde in der Schenke eine Verfügung des Magistrats begutachtet, durch welche die Bewohner der Wjesshajastraße verpflichtet wurden, die Gruben und Wasserlöcher in ihrer Straße zuzuschütten, aber weder Dünger noch Tierkadaver zu diesem Zwecke zu verwenden, sondern nur Bauschutt und Geröll von Bauplätzen. »Woher soll ich denn diesen Bauschutt nehmen, da ich in meinem ganzen Leben bloß einen Starkasten bauen wollte, der noch nicht einmal fertig geworden ist,« äußerte Mokej Anisimow kläglich, ein Mensch, der einen Handel mit Kalatschen betrieb, die ihm seine Frau buk. Der Rittmeister fand es notwendig, sich über die aufgeworfene Frage auszusprechen und schlug mit der Faust auf den Tisch, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. »Woher Bauschutt nehmen? Geht in die Stadt, Kinder, und tragt das Rathaus ab, – bei seiner Baufälligkeit taugt es doch zu nichts anderem mehr. Auf diese Art macht ihr euch doppelt um den Schmuck der Stadt verdient – macht die Wjesshaja anständig und veranlaßt, daß ein neues Rathaus gebaut wird. Die Pferde zu den Fuhren nehmt ihr vom Bürgermeister, und seine drei Töchter nehmt auch mit – die Mädchen sind ganz tauglich zum Anspann. Dann reißt Judas Petunnikows Haus ein und pflastert die Straße mit dem Holz. Übrigens, Mokej, ich weiß, womit deine Frau heut die Kalatschen gebacken hat: – mit den Laden des dritten Fensters und zwei Stufen von der Treppe von Judas Petunnikows Haus.« Als das Publikum sich über den Vorschlag des Rittmeisters satt gelacht und gewitzelt hatte, fragte der gesetzte Gemüsegärtner Pawljukin: »Aber was ist nun bei alledem zu machen, Ew. Wohlgeboren? ... Ah? Was meinen Sie?« »Ich? Weder Hand noch Fuß rühren! Wird die Straße weggeschwemmt – nun, mag sie!« »Einige Häuser wollen einfallen ...« »Stört sie nicht, laßt sie fallen! Sind sie eingestürzt – fordert ihr eine Unterstützung von der Stadt; geben sie nichts – verklagt sie! Woher kommt das Wasser? Aus der Stadt? Nun, dann ist die Stadt auch schuld am Einsturz eurer Häuser ...« »Das Wasser ist vom Regen, werden sie sagen ...« »Ja, fallen denn in der Stadt auch die Häuser davon ein? Ah? Sie nimmt Steuern von euch, aber läßt euch keine Stimme, um von euren Rechten zu sprechen! Sie verdirbt euch Leben und Habe und will euch noch zwingen, auszubessern. Gebt's ihnen tüchtig! ...« Und die Hälfte der Straße, von dem radikalen Kuwalda überzeugt, entschloß sich, abzuwarten, bis das Regenwasser aus der Stadt ihre Häuschen wegspüle. Die gemäßigteren Leute fanden in dem Lehrer einen Mann, der ihnen einen vortrefflichen und überzeugenden Bericht an den Magistrat aufsetzte. In diesem Bericht war die Ablehnung der Straße, die Verfügung des Magistrats auszuführen, so gediegen motiviert, daß der Magistrat sie annahm. Es wurde bestimmt, daß sie den vom Bau der Remontenkaserne übrig gebliebenen Schutt benutzen sollten, und zu den Fuhren wurden ihnen fünf Pferde der Feuerwehr gegeben. Sogar mehr noch – es wurde die Notwendigkeit anerkannt, mit der Zeit ein Abzugsrohr durch die Straße zu legen. Dies und manches andere verschaffte dem Lehrer eine ausgedehnte Popularität in der Stadt. Er schrieb die Gesuche und machte in der Zeitung Anmerkungen. So hatten Wawilows Gäste z. B. einmal bemerkt, daß Heringe und andere Nahrungsmittel dort durchaus nicht ihrer Bestimmung entsprachen. Und da, nach zwei Tagen etwa, legte Wawilow, an seinem Büfett stehend, mit der Zeitung in der Hand, öffentlich das Bekenntnis ab: »Es ist wahr – eins kann ich sagen! Heringe habe ich in der Tat nicht ganz gute gekauft. Und der Kohl ... das ist richtig! ... er war ein bißchen angegangen. Gewiß, jeder will soviel Fünfer wie möglich in seine Tasche jagen ... Aber jetzt ist gerade das Gegenteil daraus geworden: ich hatte Böses im Sinn, und ein kluger Mensch hat mich um meiner Habgier willen der Schande preisgegeben ... wir sind quitt!« Dies Bekenntnis machte einen sehr guten Eindruck auf das Publikum und gab Wawilow die Möglichkeit, seinen Hering und Kohl zu verfüttern; und das Publikum aß mit der Würze dieses Eindrucks, ohne es zu merken. Dies Faktum war sehr bedeutsam, denn es vergrößerte nicht nur das Prestige des Lehrers, sondern machte die Leute auch mit der Macht des gedruckten Wortes bekannt. Es kam vor, daß der Lehrer in der Schenke Vorlesungen über praktische Moral hielt. »Ich habe gesehen,« sagt er, sich an den Maler Jaschka Tjurin wendend, »ich habe gesehen, Jakob, wie du deine Frau geschlagen hast ...« Jaschka hat sich schon mit zwei Gläsern Schnaps aufgefrischt und befindet sich in kecker, ungebundener Stimmung. Das Publikum sieht auf ihn in der Erwartung, daß er gleich einen Spaß macht, und in der Schenke herrscht Stille. »Hast du's gesehen? Nun, hat's dir gefallen?« fragt Jakob. Das Publikum lacht verhalten. »Nein, es hat mir nicht gefallen,« antwortet der Lehrer. Sein Ton ist so eindringlich ernst, daß das Publikum schweigt. »Mir scheint, ich hab' mir Müh' gegeben,« prahlt Jaschka im Vorgefühl, daß er neben dem Lehrer den kürzeren ziehen wird. »Sie hat genug ... heut steht sie nicht mehr auf ...« Der Lehrer zieht nachdenklich mit dem Finger Linien auf den Tisch und sagt, während er sie betrachtet: »Sieh, Jaschka, weshalb es mir nicht gefällt ... Wir wollen uns ordentlich klarmachen, was du tust, und was du davon zu erwarten hast. Deine Frau ist guter Hoffnung; du schlugst sie gestern auf den Leib und die Seiten, – das heißt, du hast nicht nur sie, sondern auch das Kind geschlagen. Du hättest es töten können, und bei der Geburt würde deine Frau daran sterben oder sehr krank werden. Sich mit einer kranken Frau plagen, ist nicht angenehm und macht Mühe, und es würde dich teuer zu stehen kommen, denn Krankheit erfordert Arzenei, und Arzenei Geld. Hast du das Kind nicht getötet, so ist es vielleicht verstümmelt und kommt möglicherweise als Krüppel zur Welt: schief oder bucklig. Das heißt – es wird unfähig zur Arbeit, und für dich ist es wichtig, daß ein Arbeiter daraus wird. Und würde es nur kränklich geboren – so ist auch das schlimm genug, denn die Mutter ist dadurch gebunden, und das Kind muß kuriert werden. Siehst du, was du dir besorgt hast? Leute, die durch ihrer Hände Arbeit leben, müssen gesund geboren werden und gesunde Kinder zur Welt bringen ... Habe ich recht?« »Du hast recht,« bestätigt das Publikum. »Ja, das ... hoffentlich ... geschieht das nicht,« sagt Jaschka, ein wenig bange vor der Perspektive, die ihm der Lehrer eröffnet. »Sie ist gesund ... durch sie kommt man nicht ans Kind, geh' doch! – Zum Teufel, sie ist doch wirklich eine Hexe!« ruft er erbittert. »Kaum mach' ich was ... so möcht' sie mich fressen wie der Rost das Eisen.« »Ich begreife, Jakob, daß es dir unmöglich ist, deine Frau nicht zu schlagen,« ertönt wieder die ruhige, nachdenkliche Stimme des Lehrers. »Du hast manche Ursachen dazu. Nicht der Charakter deiner Frau ist der Grund, daß du sie so unvorsichtig schlägst ... sondern dein ganzes dunkles und trauriges Leben ...« »Das ist richtig,« ruft Jakob, »wir leben wirklich im Dunkeln wie im Wams beim Schornsteinfeger.« »Du ärgerst dich über das ganze Leben, und deine Frau, der dir nächste Mensch, leidet darunter – und leidet schuldlos vor dir nur deshalb, weil du stärker bist als sie. Du hast sie immer unter der Hand, und sie kann nirgendhin vor dir. Siehst du, wie ... ungereimt das ist!« »Es ist so ... hol' sie der Teufel! Aber was soll ich denn machen? Bin ich denn kein Mensch?« »Ja, du bist ein Mensch! ... Nun, was ich dir sagen will: mußt du sie schlagen – schlage, wenn du nicht anders kannst, aber schlage vorsichtig: bedenke, daß du ihrer Gesundheit oder der Gesundheit des Kindes schaden kannst. Niemals aber schlage sie auf Leib, Brust oder Seiten ... schlage an den Hals, oder nimm einen Strick und ... auf weiche Stellen ...« Der Redner beendete seine Rede, und seine tiefliegenden, dunklen Augen sahen auf das Publikum wie entschuldigend oder verlegen fragend. Doch es lärmt neubelebt. Es versteht diese Moral des heruntergekommenen Menschen, die Moral der Schenke und des Unglücks. »Nun, Bruder Jaschka, hast du verstanden?« »Siehst du, was passieren kann!« Jakob hatte verstanden: Die Frau unvorsichtig schlagen – bringt ihm Schaden. Er schweigt, die Späße der Genossen mit verlegenem Grinsen beantwortend. »Und wiederum, was ist die Frau?« philosophiert Mokej Anisimow; »die Frau ist – ein Freund, wenn man die Sache richtig auffaßt. Sie ist fürs ganze Leben wie mit einer Kette an dich geschmiedet ... und ihr beide wie eine Art Galeerensträflinge. Sieh zu, daß du gleichen Schritt mit ihr hältst ... kannst du's nicht, – fühlst du die Kette ...« »Halt,« sagt Jakob, »du schlägst deine doch auch –« »Sag' ich denn – nicht? Ich schlage ... Anders ist es nicht möglich. Soll man denn die Wand mit den Fäusten bearbeiten, wenn man die Geduld verliert?« »Nun, sieh, so ich auch ...« sagt Jakob. »Was haben wir doch für ein enges Leben, Bruder, – nirgends kann man ordentlich ausholen!« »Und das Weib sogar schlage einer mit Vorsicht!« klagt jemand humoristisch. Und in dieser Weise unterhalten sie sich bis spät in die Nacht oder bis zum Ausbruch von Händeln, die auf dem Boden der Trunkenheit und der Stimmungen entstehen, die diese Gespräche verursachen. Hinter den Fenstern der Schenke regnet es; wild heult ein kalter Wind. In der Schenke ist es schwül und voll Tabaksrauch, aber warm; auf der Straße naß, kalt und dunkel. Der Wind schlägt ans Fenster, als riefe er herausfordernd all diese Leute hinaus und drohe ihnen, sie wie Staub über die Erde zu verwehen. Hin und wieder wird in seinem Geheul ein unterdrücktes, hoffnungsloses Stöhnen laut und dann ein kaltes, hartes Lachen. Diese Musik zwingt zu traurigen Gedanken an die Nähe des Winters, an die verfluchten kurzen Tage ohne Sonnenschein und die langen Nächte, an die Notwendigkeit, warme Kleidung und viel zu essen zu haben. Mit leerem Magen schläft es sich so schlecht in den endlosen Mitternächten. Der Winter kommt, der Winter ... Wie leben? Diese unfrohen Gedanken riefen bei den Bewohnern der Wjesshaja verstärkten Durst hervor, und bei den »Ehemaligen Leuten« vermehrte sich die Zahl der Seufzer in ihren Reden und die Anzahl der Runzeln im Gesicht; die Stimmen wurden dumpfer, die Beziehungen zueinander stumpften sich ab. Und plötzlich loderte eine tierische Wut zwischen ihnen auf, erwachte die Erbitterung in diesen ausgestoßenen, von ihrem harten Schicksal gemarterten Leuten, oder die Nähe jenes unerbittlichen Feindes machte sich fühlbar, der ihr ganzes Leben in eine grausige Absurdität verwandelte. Und dieser Feind war ungreifbar, denn sie kannten ihn nicht. Und dann schlugen sie einander; schlugen grausam, schlugen tierisch und tranken wieder, nachdem sie sich vertragen, alles vertrinkend, was der anspruchslose Wawilow als Pfand annehmen wollte. So, in dumpfer Wut, in einer Angst, die ihnen das Herz zusammenpreßte, keinen Ausweg aus diesem abscheulichen Leben sehend, brachten sie die Herbsttage hin, die noch härteren Wintertage erwartend. In dieser Zeit kam ihnen Kuwalda mit seiner Philosophie zu Hilfe. »Nicht bekümmert sein, Brüder! Alles hat ein Ende. Das ist noch das beste im Leben. Der Winter geht vorüber, es wird wieder Sommer und herrliche Zeit, wenn, wie man sagt, auch die Sperlinge Bier haben.« Aber seine Reden wirkten nicht – ein Schluck des allerklarsten Wassers sättigt den Hungrigen nicht ... Auch der Diakon Taraß versuchte, das Publikum zu zerstreuen, indem er Lieder sang und seine Geschichten erzählte. Er hatte mehr Erfolg. Zuweilen führten seine Bemühungen dahin, daß plötzlich eine verzweifelte, verwegene Lustigkeit in der Schenke aufbrauste: sie tranken, tanzten, lachten und waren für einige Stunden wie Verrückte. Und dann fielen sie wieder in gleichgültige, stumpfe Verzweiflung und saßen an den Tischen der Schenke im Tabaksdampf und Lampenqualm, finster, zerlumpt, wortkarg, dem triumphierenden Geheul des Windes lauschend, und dachten nur daran, sich am Schnaps zu betrinken, zu betrinken, bis sie die Empfindung verloren. Und alle waren einander tief zuwider, und jeder hegte in sich einen sinnlosen Zorn gegen jeden. Alles ist relativ in dieser Welt, und es gibt in ihr keine Lage für den Menschen, daß nicht eine andere noch schlimmer sein könnte. Einst gegen Ende des Septembers saß der Rittmeister Aristid Kuwalda an einem klaren Tage in seinem Sessel vor der Tür des Asyls und sann, während er das vom Kaufmann Petunnikow errichtete, steinerne Gebäude betrachtete. Das noch vom Baugerüst umgebene Gebäude war im voraus zu einer Lichtefabrik bestimmt und stach dem Rittmeister schon lange in die Augen durch die leeren, dunklen Höhlen der langen Fensterreihen und das Spinngewebe aus Holz, das es vom Fundament bis zum Dach umgab. Rot, wie mit Blut angestrichen, glich es einer grausigen, noch untätigen Maschine, die jedoch schon eine Reihe tiefer, gieriger Rachen aufsperrte, bereit, etwas zu schlucken, zu kauen und zu verschlingen. Wawilows graue, hölzerne Schenke mit dem schiefen, moosbewachsenen Dach, die sich an eine der Ziegelwände der Fabrik anlehnte, sah daneben aus wie ein großer Parasit, der sich festgesogen hatte. Der Rittmeister dachte daran, daß sie bald auch auf der Stelle des alten Hauses anfangen würden zu bauen, und daß sie auch das Asyl abbrechen würden. Er muß dann ein anderes Unterkommen suchen, und solch bequemes, billiges ist nicht zu finden. Gewissermaßen ist es doch traurig, einen langgewohnten Ort zu verlassen, und verlassen muß er nur deshalb werden, weil ein gewisser Kaufmann Seife und Lichte produzieren will. Und der Rittmeister fühlt, daß, böte sich ihm die Gelegenheit, diesem Feinde durch irgend etwas das Leben nur für eine Zeit lang zu verderben, er – o, mit welchem Genuß! – es ihm verderben würde. Gestern war der Kaufmann Iwan Andrejewitsch Petunnikow mit dem Baumeister und seinem Sohne auf dem Hofe des Asyls. Sie maßen den Hof aus und steckten überall Stäbchen in die Erde, die der Rittmeister, nachdem Petunnikow fortgegangen war, von Meteor ausziehen und fortwerfen ließ. Vor den Augen des Rittmeisters stand dieser Kaufmann, – klein, dürr, in einem langschößigen Kleidungsstück, das ebenso einem Überrock wie einem Unterkleide glich, in einer Sammetmütze und blankgewichsten Stiefeln. Das knochige Gesicht mit grauem, keilförmigem Bart zeigte eine hohe, von Runzeln durchfurchte Stirn und kleine, zusammengekniffene, graue Augen, die stets nach etwas ausspähten ... eine spitze, knorplige Nase und einen kleinen Mund mit dünnen Lippen ... Im großen und ganzen hatte der Kaufmann ein fromm-raubgieriges, ehrwürdig-boshaftes Aussehen. »Verfluchter Bastard von Fuchs und Schwein!« schimpfte der Rittmeister für sich und dachte an die erste Phrase Petunnikows, die ihn betraf. Der Kaufmann war mit einem Magistratsmitgliede gekommen, um dies Haus zu kaufen, und hatte seinen Begleiter, als er den Rittmeister erblickte, in der raschen Kostromaer Sprechweise gefragt: »Dieser heruntergekommene Mensch da ... Ihr Mieter?« Und seitdem wetteiferten sie miteinander, wer es am besten verstand, den anderen zu kränken. Und gestern kam es zwischen ihnen zu einer leichten Wortgefechtsübung, wie der Rittmeister seine Unterhaltungen mit dem Kaufmann nannte. Als er den Architekten begleitete, kam der Kaufmann zum Rittmeister heran. »Du sitzest?« fragte er, indem er mit der Hand am Mützenschirm zupfte, so daß nicht zu erkennen war, ob er ihn zurechtrücken oder grüßen wollte. »Du rennst umher?« fragte der Rittmeister in demselben Ton und machte eine Bewegung mit dem unteren Kinnbacken, wodurch sein Bart sich hob, was ein anspruchsloser Mensch als Gruß ansehen mochte oder auch, als wollte der Rittmeister die Pfeife aus einem Mundwinkel in den anderen schieben. »Ich hab' viel Geld, drum muß ich hin und her rennen, das Geld will rollen, und ich lasse ihm den Lauf,« reizte der Kaufmann ein bißchen den Rittmeister und zwinkerte mit den kleinen Augen. »Das heißt, der Rubel dient nicht dir, sondern du dem Rubel,« kommentierte Kuwalda, mit dem Verlangen kämpfend, dem Kaufmann einen Tritt vor den Leib zu versetzen. »Ist das nicht einerlei? Mit Geld ist alles angenehm ... Aber ohne ...« Und der Kaufmann betrachtet den Rittmeister mit herausforderndem Mitleid. Seine Oberlippe zuckt und läßt große Wolfszähne sehen. »Mit Verstand und Gewissen kann man auch ohne Geld leben ... Es erscheint gewöhnlich gerade dann, wenn das Gewissen beim Menschen zu verdorren beginnt ... Des einen weniger und des anderen mehr ...« »Richtig ... aber es gibt Leute, die weder Geld noch Gewissen haben ...« »Warst du schon von Jugend an so?« fragt Kuwalda gutmütig. Jetzt zittert Petunnikows Nase. Iwan Andrejewitsch seufzt, blinzelt und sagt: »Ich mußte von Jugend an schwere Last tragen!« »Das denk' ich ...« »Ich habe gearbeitet, o, wie hab' ich gearbeitet!« »Und hast viele bearbeitet!« »Solche wie du! Adlige? O ja ... ihrer genug haben durch mich beten gelernt ...« »Umgebracht hast du nicht, nur beraubt!« setzt ihm der Rittmeister zu. Petunnikow wird grün und findet es nötig, das Thema zu wechseln. »Du bist aber ein schlechter Wirt – du sitzest, und der Gast steht ...« »Mag er sich auch setzen,« gestattet Kuwalda. »Es ist nichts da, siehst du ...« »Auf die Erde ... die Erde nimmt allen Unrat an ...« »Das seh' ich an dir ... Doch du schimpfst, ich gehe besser,« sagte der Kaufmann ruhig und gleichmütig, aber seine Augen gossen kaltes Gift über den Rittmeister. Und er ging fort, Kuwalda in dem angenehmen Bewußtsein zurücklassend, daß ihn der Kaufmann fürchtete. Fürchtete er ihn nicht, so hätte er ihn längst aus dem Asyl gejagt. Nicht um der monatlichen fünf Rubel willen tat er es nicht. Und es ist dem Rittmeister angenehm, Petunnikow nachzusehen, der sich langsam vom Hofe entfernt. Dann verfolgt er mit den Augen, wie Petunnikow um seine Fabrik geht und in dem Gerüst auf und nieder steigt, und er wünscht sehr, der Kaufmann möchte fallen und sich die Knochen zerbrechen. Wieviel scharfsinnige Kombinationen von Fall und Verkrüppelung hatte er schon gemacht, wenn er Petunnikow nachsah, der in dem Gerüst herumkletterte wie eine Spinne in ihrem Netz. Gestern schien es ihm sogar, als erzittere das Brett unter den Füßen des Kaufmanns, und er sprang vor Aufregung von seinem Platz auf ... Aber nichts passierte. Und heut wie gestern ragt das rote Gebäude vor Kuwal- das Augen, so dauerhaft, so stark, so fest an die Erde geklammert, als sauge es ihr schon den Saft aus. Es war, als lache es mit den weitoffenen Löchern seiner Wände kalt und finster über den Rittmeister. Die Sonne aber schüttete ihre herbstlichen Strahlen ebenso freigebig darüber wie über die ungestalteten Häuschen der Wjesshaja aus. »Und plötzlich?« ruft der Rittmeister in Gedanken aus, mit den Augen die Wände der Fabrik messend. »Ach du, zum Teufel! Wenn es wäre ...« Aufgeregt bei diesem Gedanken zusammenfahrend, sprang Aristid Kuwalda auf und ging eiligst nach Wawilows Schenke, indem er lächelte und etwas vor sich hinbrummte. Wawilow empfing ihn hinter dem Büfett mit freundschaftlichem Ausruf: »Guten Tag, Ew. Wohlgeboren!« Von mittlerem Wuchs, mit einer Glatze in einem Kränzchen grauer Haare, rasierten Wangen und borstigem Schnurrbart, der einer Zahnbürste glich, aufrecht und behend, in fettiger Lederjacke, ließ er in jeder seiner Bewegungen den alten Unteroffizier erkennen. »Jegor! Du hast die Eintragungsurkunde und den Riß vom Hause?« fragte ihn Kuwalda hastig. »Ich habe sie.« Wawilow kniff seine verschmitzten Augen zusammen und heftete sie fest auf des Rittmeisters Gesicht, in dem er etwas Besonderes sah. »Zeig' her!« rief der Rittmeister, indem er mit der Faust auf den Ladentisch schlug und sich auf die Bank daneben niederließ. »Aber wozu?« fragte Wawilow, beim Anblick von Kuwaldas Erregung entschlossen, die Ohren zu spitzen. »Tölpel, gib schnell!« Wawilow runzelte die Stirn und hob die Augen fragend zur Decke. »Wo habe ich doch diese Papiere?« An der Decke fanden sich auf diese Frage keine Hinweise; da richtete er die Augen auf seinen Leib und fing an, mit dem Ausdruck besorgten Nachdenkens auf dem Tische zu trommeln. »Genug der Grimassen!« schrie ihn der Rittmeister an, der ihn nicht mochte, da er fand, daß sich der frühere Soldat mehr zum Diebe als zum Schenkwirt eignete. »Ja, Ristid Fomitsch, es fällt mir schon ein. Mich deucht, sie sind auf dem Gericht geblieben. Als ich den Besitz antrat ...« »Jegorchen, laß das! Im Hinblick auf deinen Vorteil zeige mir gleich den Plan, den Kaufbrief und alles, was du hast. Vielleicht kannst du dabei ein paar hundert Rubel verdienen, – verstanden?« Wawilow verstand nicht, aber der Rittmeister sprach so eindringlich, mit so ernster Miene, daß die Augen des Unteroffiziers in heftiger Neugier auffunkelten und, nachdem er gesagt, er werde sehen, ob diese Papiere nicht bei ihm verpackt seien, ging er durch die Tür hinter dem Büfett hinaus. Nach ein paar Minuten kam er mit den Papieren in der Hand zurück und mit dem Ausdruck äußerster Betroffenheit im Gesicht. »Da hab' ich sie doch zu Hause, die verfluchten!« »Ach du, Bajaz vom Balagan! Und ist Soldat gewesen ...« ließ der Rittmeister nicht die Gelegenheit vorübergehen, ihm vorzuwerfen, nachdem er ihm die Kalikomappe mit dem blauen Aktenpapier aus den Händen gerissen hatte. Nachdem er die Papiere vor sich ausgebreitet und Wawilows Neugier aufs höchste gesteigert hatte, fing der Rittmeister an zu lesen, zu betrachten und bedeutungsvoll dabei zu brummen. Endlich stand er entschlossen auf und ging zur Tür, indem er die Papiere auf dem Ladentisch zurückließ und Wawilow zunickte: »Warte ... verwahr' sie nicht ...« Wawilow nahm die Papiere zusammen, legte sie in den Kasten des Zahltisches, schloß ihn ab und zog mit der Hand – war's auch gut verschlossen? Dann ging er, nachdenklich seine Glatze reibend, auf die Treppe hinaus. Da sah er, daß der Rittmeister, nachdem er die Vorderseite der Schenke schrittweis abgemessen hatte, mit den Fingern schnalzte und sorgfältig, aber befriedigt dieselbe Linie noch einmal maß. Wawilows Gesicht spannte sich, zog sich in die Länge und leuchtete plötzlich froh auf. »Ristid Fomitsch! Wär's möglich?« rief er, als der Rittmeister neben ihm war. »Was sollt's nicht möglich sein?! Mehr als ein Arschin abgeschnitten. Das ist vorne, und in der Tiefe werde ich gleich sehen ...« »In der Tiefe? ... Zehn Faden zwei Arschin!« »Was, hast's erraten, rasierte Fratze?« »Natürlich, Ristid Fomitsch! Aber Augen haben Sie – drei Arschin in die Erde hinein können Sie sehen!« rief Wawilow voll Entzücken. Nach einigen Minuten saßen sie in Wawilows Stube einander gegenüber, und der Rittmeister, mit großen Schlucken Bier vertilgend, sagte zum Gastwirt: »Und also – die ganze Wand der Fabrik steht auf deinem Grund. Handle ohne jede Schonung. Der Lehrer wird kommen, und wir klagen beim Kreisgericht. Den Klagewert beziffern wir sehr niedrig, um nicht Stempelkosten zu haben, aber wir ersuchen um Abbruch. Das, mein Freundchen, heißt Vernichtung der Grenzen fremden Eigentums ... sehr angenehmes Ereignis für dich! Brich ab! Aber solche Maschine abbrechen oder weiterrücken – ist sehr teuer. Zum Friedensrichter! Da drücke den Judas gehörig! Wir berechnen ganz genau, wieviel der Abbruch kosten würde – mit den zerbrochenen Ziegeln, mit der Ausschachtung des neuen Fundaments ... alles rechnen wir aus! Sogar die Zeit stellen wir in Rechnung! Und dann – bitte sehr, frommer Judas, zweitausend Rubel!« »Er wird nicht geben!« sagte Wawilow unruhig mit den Augen blinzelnd, die voller Gier funkelten. »Geschwätz! Er gibt! Rühr' dein Gehirn – was soll er machen? Abbrechen? Aber – sieh zu, Jegorchen, mach's nicht billiger! Er wird dich kaufen wollen – verkauf' dich nicht billig! Er wird dir Angst machen – fürcht' dich nicht! Verlaß dich auf uns ...« Die Augen des Rittmeisters funkelten in grimmiger Freude, und sein aufgeregt rotes Gesicht verzog sich krampfhaft. Die Habgier des Gastwirts war angefacht, und er ging in triumphierendem, unerbittlichem Grimm davon, nachdem er ihn überredet, so schnell wie möglich zu handeln.   Abends erfuhren alle »ehemaligen Leute« des Rittmeisters Entdeckung, und die künftigen Handlungen Petunnikows leidenschaftlich erörternd, malten sie in grellen Farben seine Betroffenheit und seinen Zorn an dem Tage, wo der Gerichtsbote ihm die Kopie der Klage zustellen würde. Der Rittmeister fühlte sich als Held. Er war glücklich und alle um ihn – zufrieden. In einem großen Haufen lagerten die dunklen, lumpenbekleideten Gestalten auf dem Hofe, lärmten und frohlockten, belebt von dem Faktum. Alle kannten den Kaufmann Petunnikow, der oft an ihnen vorüberging. Verächtlich die Augen zusammenkneifend, schenkte er ihnen dieselbe Aufmerksamkeit wie all dem anderen Gerümpel, das auf dem Hofe herumlag. Eine Sattheit ging von ihm aus, die sie reizte, und selbst aus seinen glänzenden Stiefeln sprach Geringschätzung für sie alle. Und jetzt versetzt ihm einer von ihnen einen tüchtigen Schlag auf Tasche und Eigenliebe. War das nicht schön? Das Böse hatte in den Augen dieser Leute viel Anziehendes. Es war ihre einzige Waffe, die sie in ihrer Macht und zur Hand hatten. Jeder von ihnen hatte längst in sich halb unbewußt die dunkle Empfindung schroffen Hasses gegen alle die Leute großgezogen, die satt und nicht in Lumpen gekleidet waren, und in jedem von ihnen befand sich das Gefühl auf verschiedenen Stufen seiner Entwicklung. Das war es, was in allen »ehemaligen Leuten« brennendes Interesse an dem Kriege hervorrief, den Kuwalda dem Kaufmann Petunnikow erklärt hatte. Zwei Wochen lebten die Asylbewohner in der Erwartung neuer Ereignisse, und in der ganzen Zeit erschien Petunnikow nicht einmal auf dem Bau. Sie erfuhren, daß er nicht in der Stadt war, und daß ihm die Klage noch nicht zugestellt worden sei. Kuwalda verdonnerte die Praktik der Zivilprozesse. Kaum mochte der Kaufmann jemals und von irgendwem mit solcher ungeduldigen Spannung erwartet worden sein, wie ihn jetzt die Landstreicher erwarteten. »Er kommt nicht, er kommt nicht, mein Herzensfreund ...« »Ach, das heißt, er liebt mich nicht!« sang der Diakon Taraß, humoristisch-bekümmert nach dem Berge sehend. Aber dann erschien mit einem Male gegen Abend Petunnikow. Er kam in einer soliden Telega mit dem Sohn als Kutscher – einem rotbäckigen, jungen Mann mit langem, kariertem Paletot und dunkler Brille. Sie banden das Pferd an das Gerüst; der Sohn nahm eine Roulette aus der Tasche, gab das Ende dem Vater, und sie fingen an, den Boden zu vermessen, beide schweigend und mit Sorgfalt. »Aha–a!« rief der Rittmeister triumphierend. Alle gerade im Asyl Anwesenden kamen zum Vorschein und äußerten laut ihre Meinungen betreffs des Vorangegangenen. »Das heißt: aus Gewohnheit stehlen – der Mensch stiehlt irrtümlicherweise selbst dann, wenn er nicht will, da er mehr zu verlieren riskiert, als er gewinnt ...« sprach mitfühlend der Rittmeister, wodurch er Gelächter und eine Reihe ähnlicher Bemerkungen bei seinem Stabe hervorrief. »Ei, ei, Bursche!« rief endlich Petunnikow, von den Spottreden aufgebracht, »sieh zu, daß ich dich für deine Worte nicht vor den Friedensrichter bringe!« »Ohne Zeugen kommt nichts heraus. Und der leibliche Sohn kann nicht für den Vater zeugen ...« beugte der Rittmeister vor. »Nun, gib acht! Tapfrer Hetman, auch für dich findet sich Genugtuung.« Und Petunnikow drohte mit dem Finger. Sein Sohn, ruhig in seine Berechnungen vertieft, beachtete den Haufen dunkler Leute nicht, die sich über seinen Vater lustig machten. Er sah nicht ein einziges Mal nach jener Seite. »Die junge Spinne ist gut abgerichtet,« bemerkte Objedok, der genau alle Handlungen und Bewegungen des jungen Petunnikow verfolgte. Nachdem alles Nötige ausgemessen war, machte Iwan Andrejewitsch ein finsteres Gesicht, setzte sich schweigend auf den Wagen und fuhr davon. Aber sein Sohn ging festen Schrittes nach Wawilows Schenke und verschwand darin. »Oho! ein entschlossener junger Dieb ... ja! Nun, was wird nun weiter?« fragte Kuwalda. »Weiter kauft Petunnikows Sohn Jegor Wawilow,« sagte Objedok überzeugt und schnalzte mit den Lippen, mit dem Ausdruck vollster Befriedigung in seinem spitzen Gesicht. »Freust du dich etwa darüber?« fragte Kuwalda finster. »Mir ist es angenehm, zu sehen, wie menschliche Berechnungen sich nicht bewahrheiten,« erklärte Objedok mit Vergnügen, indem er sich blinzelnd die Hände rieb. Der Rittmeister spuckte ärgerlich aus und schwieg. Und alle am Tor des halb eingefallenen Hauses Stehenden schwiegen und sahen nach der Tür der Schenke. So verging eine Stunde und mehr in erwartungsvollem Schweigen. Dann öffnete sich die Tür, und Petunnikow kam ebenso ruhig heraus, wie er hineingegangen war. Er hielt einen Augenblick an, hustete, schlug den Paletotkragen hoch, warf einen Blick auf die ihn beobachtenden Leute und ging die Straße hinauf nach der Stadt. Der Rittmeister folgte ihm mit den Augen und lachte, sich an Objedok wendend: »Wahrscheinlich hast du recht, Sohn des Skorpions und der Assel ... Du hast einen Spürsinn für alles Niederträchtige ... ja ... Schon an der Fratze dieses jungen Spitzbuben ist zu sehen, daß er dem Alten nachartet. Wieviel mag Jegor von ihnen genommen haben? Genommen hat er ... Er ist eine Frucht von ihrem Felde. Genommen hat er, – mag ich dreimal verflucht sein! Das hab' ich ihm besorgt. Bitter für mich, meine Dummheit einzugestehen. Ja, das ganze Leben ist wider uns, ihr, meine Brüder – Schurken! Spuckt man selbst dem Nächsten in die Fratze, fliegt einem der Speichel in die eignen Augen.« Nachdem er sich mit dieser Sentenz getröstet hatte, sah sich der ehrenwerte Rittmeister nach seinem Stabe um. Alle waren enttäuscht, denn alle fühlten, daß das, was sich zwischen Wawilow und Petunnikow zugetragen hatte, nicht ihren Erwartungen entsprach. Und das kränkte sie alle. Die Erkenntnis, nichts Böses tun zu können, ist dem Menschen kränkender als die Erkenntnis der Unmöglichkeit, Gutes tun zu können, weil Böses zu tun so leicht und einfach ist. »Und also, was stehen wir hier noch? Wir haben nichts mehr zu erwarten ... außer dem Gewinnanteil, den ich Jegorka abzwacken werde ...« sagte der Rittmeister mit einem verdrießlichen Blick nach der Schenke ... »Das Ende unseres friedlichen und glückseligen Lebens unter Judas' Dach ist da! Judas schiebt uns jetzt ab ... wovon ich das mir anvertraute Departement der Sansculotten hiermit benachrichtige!« Konez lachte finster. »Warum lachst du, Gefängnisinspektor?« fragte Kuwalda. »Wo geh' ich hin?« »Das, mein Herz, ist die große Frage ... Dein Schicksal antwortet dir darauf, sei unbesorgt,« sagte der Rittmeister tiefsinnig, indem er ins Asyl ging. Die »ehemaligen Leute« bewegten sich lässig hinter ihm her. »Wir werden den kritischen Moment abwarten,« sagte der Rittmeister, unter sie tretend. »Jagen sie uns 'raus, suchen wir uns ein neues Loch. Bis dahin lohnt es nicht, sich das Leben mit solchen Gedanken zu verderben. In kritischen Momenten wird der Mensch energischer ... und wäre das Leben in seiner Gesamtheit ein ununterbrochener kritischer Moment, wäre der Mensch jeden Augenblick gezwungen, für die Heilheit seines Schädels zu zittern ... bei Gott, das Leben wäre mehr Leben und die Menschen interessanter!« »Das heißt, um so ingrimmiger würden sie einander an die Kehle fahren,« kommentierte Objedok grinsend. »Nun gewiß, – wie sonst?« rief der Rittmeister hitzig, der es nicht mochte, wenn seine Ideen kommentiert wurden. »Macht nichts – das ist gut! Will man schneller irgendwohin, schlägt man die Pferde mit der Peitsche und treibt die Maschine mit Feuer an.« »Nun ja! Mag alles zum Teufel fahren! Mir war' es angenehm, ginge die Erde plötzlich in Flammen auf und spränge alles in Trümmer ... wenn ich nur als letzter umkäme, nachdem ich erst noch die anderen gesehen ...« »Grimmig!« grinste Objedok. »Wie denn? Ich bin – ein ehemaliger Mensch ... ja? Ich bin ausgestoßen – das heißt, ich bin frei von allen Fesseln und Banden ... das heißt, ich kann auf alles spucken! Wie mein Leben geartet ist, muß ich alles Alte von mir abtun ... alle Manieren und Gewohnheiten im Umgange mit den Leuten, welche satt und elegant angezogen sind, und die mich verachten, weil ich ihnen an Sattheit und Kostüm nachstehe ... und ich muß in mir etwas Neues großziehen – verstanden? So etwas, wißt, daß die an mir vorübergehenden Herren des Lebens von der Art Judas Petunnikows beim Anblick meiner repräsentablen Gestalt ein kaltes Grauen überläuft.« »Sieh an, was du für eine tapfre Zunge hast,« sagte Objedok ... »Ach du! ... Elender ...« besah ihn Kuwalda verächtlich. »Was verstehst du davon? Was weißt du? Kannst du denken? Aber ich habe gedacht ... ich habe Bücher gelesen, von denen du kein Wort verstehen würdest.« »Das fehlte noch! Sollt' ich Kaffee mit dem Bastschuh schlürfen .... Aber obwohl ich weder gedacht noch gelesen, weder das eine noch das andere getan habe, sind wir ziemlich gleich weit gekommen ....« »Geh' zum Teufel!« schrie Kuwalda. Seine Gespräche mit Objedok endeten immer in dieser Weise. Überhaupt – er wußte das selbst – verdarben seine Reden ohne den Lehrer nur die Luft und verliefen ungeschätzt und unbeachtet, – aber nicht sprechen konnte er nicht. Jetzt, nachdem er auf seinen Genossen geschimpft hatte, fühlte er sich einsam unter diesen Leuten, aber sprechen mußte er, und er wandte sich deshalb an Ssimzow mit der Frage: »Nun und du, Alexej Maximowitsch, wohin legst du dein graues Haupt?« Der Alte lächelte gutmütig, rieb seine Nase mit der Hand und erklärte: »Ich weiß nicht ... werde noch sehen! Wir haben nicht viel nötig: zu trinken nur. Das ist alles.« »Respektable, obwohl einfache Aufgabe! ...« lobte ihn der Rittmeister. Nach kurzem Schweigen fügte Ssimzow hinzu, daß er sich eher einrichten werde, als sie alle, denn ihn liebten die Weiber – und das war die Wahrheit. Der Alte hatte unter den Prostituierten immer zwei bis drei Liebsten, die ihn oft zwei bis drei Tage hintereinander von ihrem armseligen Verdienst unterhielten. Sie schlugen ihn häufig, aber er verhielt sich stoisch dagegen, und zuschanden schlugen sie ihn nicht, weil er ihnen wahrscheinlich leid tat. Er war ein leidenschaftlicher Weiberfreund und erzählte, daß die Weiber – die Ursache all seines Unglücks im Leben waren. Und jetzt, im Kreise seiner Gefährten, vor der Tür des Asyls auf der Erde sitzend, fing er prahlerisch an zu erzählen, daß ihn Rudka schon lange zu sich rufe, um bei ihr zu leben, aber daß er nicht gehe, weil er seine Gefährten nicht verlassen wolle. Sie hörten ihm mit Interesse zu und nicht ohne Neid. Rudka kannten alle – sie wohnte nicht weit, unten am Berge, und hatte erst unlängst einige Monate wegen Diebstahls abgesessen. Es war eine »ehemalige« Amme, – ein großes, wohlbeleibtes Dorfweib mit pockennarbigem Gesicht und sehr schönen, obwohl immer trunkenen Augen. »Ach du, alter Teufel!« schimpfte Objedok, indem er den selbstzufriedenen, lächelnden Ssimzow ansah. »Und warum lieben sie mich? Weil ich weiß, was ihr Herz braucht ...« »Nun ja?« ruft Kuwalda fragend. »Ich versteh's, daß sie mich bedauern müssen. Und das Weib, das bedauert, tötet aus Mitleid.« »Ich töte auch!« erklärte Martjanow entschieden, indem er finster auflachte. »Wen?« fragte Objedok, zur Seite rückend. »Einerlei ... Petunnikow ... Jegorka ... dich meinetwegen! ...« »Weshalb,« erkundigte sich Kuwalda mit großem Interesse. »Ich will nach Sibirien ... Ich hab's hier satt ... dies niederträchtige Leben ... Da wird man schon wissen, wie man leben soll ...« »J–ja, da zeigt man's gründlich,« stimmte der Rittmeister melancholisch bei. Von Petunnikow und dem kommenden Verlassen des Asyls wurde nicht mehr gesprochen. Alle waren überzeugt, daß sie bald, vielleicht schon nach zwei bis drei Tagen, fort mußten und hielten es für überflüssig, sich mit Erörterungen über dies Thema zu beschweren. Sprechen besserte die Lage nicht, und schließlich war es noch nicht kalt, obwohl die Regenzeit bereits anfing – man konnte hinter dem ersten besten Erdhaufen jenseits der Stadt schlafen. Nachdem sie sich im Kreise auf dem Rasen niedergelassen, führten sie lässig endlose Unterhaltungen über die verschiedensten Dinge, indem sie leicht von einem Thema zum anderen übergingen und den Worten der anderen nur soviel Aufmerksamkeit schenkten, als nötig war, um das Gespräch ununterbrochen fortzusetzen. Schweigen war langweilig und aufmerksames Zuhören ebenfalls. Diese Gesellschaft »ehemaliger Leute« hatte einen großen Vorzug: niemand gab sich Mühe, sich besser zu zeigen, als er war, oder ermunterte den anderen dazu, sich Gewalt anzutun. Die Augustsonne suchte die Lumpen dieser Leute zu durchdringen, die ihr ihre Rücken und ungekämmten Köpfe zukehrten – eine chaotische Vermischung des Pflanzenreichs mit dem Tier- und Mineralreich. In den Hofwinkeln wuchs üppiges Steppengras – hohe Klettenstauden und noch andere niemand nötige Gewächse labten den Blick der niemand nötigen Leute. In Wawilows Schenke aber hatte sich folgende Szene abgespielt. Petunnikow der Jüngere kam herein, ohne sich zu beeilen, sah sich um, runzelte voll Ekel die Stirn und fragte, nachdem er langsam seinen grauen Hut abgenommen hatte, den ihm mit ehrerbietigem Gruß und liebenswürdigem Lächeln entgegenkommenden Wirt: »Sie sind Jegor Terentjewitsch Wawilow?« »So ist es!« antwortete der Unteroffizier, indem er sich mit beiden Händen auf den Ladentisch stützte, als wolle er hinüberspringen. »Ich habe mit Ihnen zu tun,« erklärte Petunnikow. »Äußerst angenehm ... Bitte in die Stube!« Sie gingen in die Stube und setzten sich – der Gast auf den Wachstuchdiwan vor dem runden Tisch, der Wirt auf einen Stuhl ihm gegenüber. In einer Ecke der Stube brannte die Lampe vor dem großen dreiflügeligen Heiligenschrein, an der Wand daneben hingen auch Heiligenbilder. Ihre Gewänder waren blank und glänzten wie neu. In der dicht mit Kasten und alten, verschiedenartigen Möbeln bestellten Stube roch es nach Baumöl, Tabak und Sauerkohl. Petunnikow sah sich um und verzog wieder das Gesicht. Wawilow blickte mit einem Seufzer auf die Heiligenbilder, dann sahen sie einander unverwandt an und machten sich gegenseitig einen guten Eindruck. Petunnikow gefielen Wawilows offen-diebische Augen, Wawilow – das offene, kalte, entschlossene Gesicht Petunnikows mit den breiten, starken Backenknochen und den dichten, weißen Zähnen. »Nun, Sie kennen mich natürlich und erraten, worüber ich mit Ihnen sprechen will!« fing Petunnikow an. »Über die Klage ... vermute ich,« sagte der Unteroffizier achtungsvoll. »In der Tat! Angenehm zu sehen, daß Sie keine Grimassen machen, sondern an die Sache gehen wie ein gerader Mann,« spornte Petunnikow seinen Gesellschafter an. »Ich bin Soldat ...« sagte jener bescheiden. »Das sieht man. Also führen wir die Sache gerade und einfach, um sie schneller abzumachen.« »Genauso.« »Gut ... Ihre Klage ist vollkommen gesetzlich, und Sie gewinnen sie sicherlich – das halte ich vor allem für nötig, Ihnen mitzuteilen.« »Danke ergebenst,« sagte der Unteroffizier und zwinkerte mit den Augen, um das Lächeln darin zu verdecken. »Aber sagen Sie, wozu hatten Sie es nötig, die Bekanntschaft mit uns, Ihren künftigen Nachbarn, so schroff anzufangen ... direkt mit dem Gericht?« Wawilow zuckte die Achseln und schwieg. »Es wäre doch einfacher gewesen, zu uns zu kommen und alles friedlich abzumachen ... ah? Wie meinen Sie?« »Natürlich ist das angenehmer. Aber sehen Sie ... da ist ein Haken ... ich handle nicht aus eigenem Antriebe, sondern auf Anraten ... Nachher hab' ich eingesehen, wie's besser gewesen wäre – nun ist es zu spät!« »So ... Ich vermute, irgendein Advokat hat es Ihnen geraten?« »In der Art ...« »Aha! Nun, so wollen Sie die Sache friedlich abmachen?« »Mit größtem Vergnügen!« rief der Soldat. Petunnikow schwieg, sah ihn an und fragte plötzlich kalt und trocken: »Und warum wünschen Sie das?« Wawilow hatte diese Frage nicht erwartet und konnte nicht gleich antworten. Seiner Meinung nach war es eine leere Frage, und der Soldat, im Bewußtsein seiner Überlegenheit, lächelte Petunnikows Sohn ins Gesicht. »Das ist doch erklärlich ... man muß suchen, mit den Leuten in Frieden zu leben ...« »Nun,« unterbrach ihn Petunnikow, »das ist nicht ganz so. Wie ich sehe, ist es Ihnen nicht ganz klar, weshalb Sie wünschen, sich mit uns zu vertragen ... Ich werde es Ihnen sagen.« Der Soldat wunderte sich ein wenig. Dieser ganz in karierten Stoff gekleidete und ziemlich komisch darin aussehende junge Mann sprach so, wie früher der Kompagniechef Rakschin, der den Gemeinen, wenn er zornig war, drei Zähne auf einmal ausschlug. »Sie müssen sich mit uns vertragen, weil unsere Nachbarschaft sehr vorteilhaft für Sie ist. Und vorteilhaft ist sie, weil in unserer Fabrik nicht weniger als anderthalbhundert Arbeiter beschäftigt sein werden, zeitweise – mehr. Wenn hundert von ihnen nach jeder wöchentlichen Auszahlung nur je ein Glas trinken, so heißt das, Sie werden monatlich 400 Glas mehr als jetzt verkaufen. Ich habe das Minimum angenommen. Außerdem haben Sie eine Gastwirtschaft. Mir scheint, Sie sind nicht dumm und ein erfahrener Mensch. Stellen Sie sich selbst vor, welche Vorteile Ihnen unsere Nachbarschaft bietet.« »Das ist richtig ...« nickte Wawilow, »das habe ich gewußt.« »Und nun?« erkundigte sich der Kaufmann laut. »Nichts ... Vertragen wir uns ...« »Sehr angenehm, daß Sie sich so schnell entschließen. Hier habe ich eine Eingabe ans Gericht bereit, betreffend die Aufhebung Ihrer Forderungen an den Vater. Lesen Sie sie durch und unterschreiben Sie!« Wawilow sah seinen Gesellschafter mit runden Augen an, und es durchfuhr ihn das Vorgefühl von etwas äußerst Schlimmem. »Erlauben Sie ... unterschreiben? Wieso?« »Schreiben Sie einfach Namen und Familie hin, weiter nichts,« erklärte Petunnikow, verbindlich mit dem Finger hinzeigend, wo zu unterschreiben sei. »Nein – was ist da – das! Das meine ich nicht ... Nur, welche Entschädigung Sie mir für den Grund und Boden geben?« »Aber dieser Grund und Boden hat ja keinen Nutzen für Sie!« sagte Petunnikow beruhigend. »Jedoch, er gehört mir,« rief der Soldat aus. »Allerdings ... Und wieviel würden Sie wollen?« »Wäre es nur ...wie die Klage ...wie's darin heißt,« erwiderte der Soldat befangen. »Sechshundert?« Petunnikow lachte weich: »Ach, wunderlicher Kauz, Sie!« »Ich bin im Recht ... Ich kann auch zweitausend fordern ... Kann darauf bestehen, daß Sie abbrechen ... Und das will ich auch ... Weil die Forderung der Klage so niedrig ist. Ich fordere – abbrechen!« »Sehr bescheiden! ... Vielleicht brechen wir auch ab ... nach drei Jahren, nachdem wir Sie in große Gerichtskosten gestürzt ... Und wenn wir bezahlt haben, machen wir eine eigene Schenke und Wirtschaft auf, besser als Ihre – und Sie sind verloren wie die Schweden bei Poltawa. Verloren, Täubchen, dafür werden wir dann schon sorgen. Wir könnten schon jetzt mit der Schenke anfangen, uns alles besorgen, aber die Last damit und – die Zeit ist uns teuer. Auch ist es uns leid um Sie – wozu einem Menschen um nichts und wieder nichts das Brot wegnehmen?« Jegor Terentjewitsch sah seinen Gast an, fest die Zähne zusammenbeißend, und fühlte, daß der Gast – Herr seines Schicksals sei. Wawilow tat sich selber leid angesichts dieser kalt-ruhigen, unerbittlichen Gestalt in dem lächerlichen, karierten Kostüm. »Aber in solcher nahen Nachbarschaft und in gutem Einvernehmen mit uns lebend, könnten Sie gut verdienen, Kamerad, dafür würden wir dann auch schon sorgen. Ich z.B. empfehle Ihnen sogar, gleich einen kleinen Laden aufzumachen. Wissen Sie – Tabak, Streichhölzer, Brot, Gurken usw ... Alles das würde einen guten Absatz haben.« Wawilow hörte zu und begriff als geriebener Bursche, daß es das beste sei, sich der Großmut des Feindes zu ergeben. Eigentlich hätte er damit anfangen sollen. Und da er nicht wußte, wohin mit seinem Ärger und Zorn, schalt er laut auf Kuwalda: »Säufer, verfluchter, zum Teufel mit dir!« »Das gilt dem Advokaten, der Ihnen die Klage aufgesetzt hat?« fragte Petunnikow ruhig und fügte mit einem Seufzer hinzu: »In der Tat, er hätte Ihnen einen schlimmen Streich spielen können ... wenn Sie uns nicht leid täten.« »Ach!« machte der erbitterte Soldat eine Handbewegung, »es sind ihrer zwei ... der eine hat's herausgefunden, der andere geschrieben ... Verfluchter Korrespondent!« »Warum denn Korrespondent?« »Schreibt an der Zeitung ... Alles Ihre Mieter ... Das sind Leute! Werft sie 'raus, jagt sie um Gottes willen fort! Räuber! Hetzen hier alle in der Straße auf, machen Streiche, – das Leben verleiden sie einem ... verfluchte Leute – gebt acht, daß sie nicht rauben und brandstiften ...« »Und der Korrespondent? ... wer ist das?« fing Petunnikow an sich zu interessieren. »Der? Ein Säufer! War Lehrer – wurde fortgejagt. Hat sich dem Trunk ergeben und ... schreibt jetzt an der Zeitung, setzt Eingaben auf ... Niederträchtiger Mensch!« »Hm! Der hat Ihnen auch die Eingabe gemacht? So-o-o! Wahrscheinlich hat der auch von den Unregelmäßigkeiten beim Bau geschrieben, – fand das Gerüst nicht richtig aufgestellt ...« »Der ist es! Ich weiß es, – der Hund! Selbst hat er's hier vorgelesen und geprahlt – da hab' ich Petunnikow mal geschadet ...« »Nun ja ... Haben Sie denn die Absicht, sich zu vertragen?« »Vertragen?« Der Soldat neigte den Kopf und dachte nach. »Ach du, unser dunkles Leben!« rief er in bitterem Tone, sich den Nacken kratzend. »Man muß lernen,« empfahl ihm Petunnikow, indem er eine Papyros anrauchte. »Lernen? darum handelt sich's nicht, mein Herr! Keine Freiheit, das ist's! Was für ein Leben führe ich? Immer in Furcht ... in einem beständigen Umsehen, ganz und gar unfrei in dem, was ich tun möchte! Und warum? Weil ich mich fürchte ... Dies Gespenst von Lehrer schreibt in den Zeitungen über mich, schafft mir die Sanitätskontrolle auf den Hals ... ich muß Strafe zahlen ... Man muß sich vorsehen, Ihre Mieter brandstiften, schlagen tot, stehlen ... Was kann ich gegen sie? Sie haben keine Angst vor der Polizei ... Werden sie ins Gefängnis gesetzt – freuen sie sich sogar – dann haben sie's Brot umsonst ...« »Wir schieben sie ab ... wenn wir uns mit Ihnen geeinigt haben,« versprach Petunnikow. »Wie werden wir uns einigen?« fragte Wawilow beunruhigt, mit finsterer Miene. »Nennen Sie Ihre Bedingungen.« »Ja denn! Geben Sie – 600, wie in der Klage ...« »Nehmen Sie nicht hundert Rubel?« fragte der Kaufmann ruhig, indem er seinen Gesellschafter angelegentlich betrachtete, und fügte weich lächelnd hinzu: »Mehr gebe ich keinen Rubel ...« Dann nahm er seine Brille ab und fing langsam an, die Gläser mit dem aus der Tasche gezogenen Tuch abzureiben. Wawilow sah ihn unruhigen Herzens an, doch zugleich von Achtung für ihn durchdrungen. In dem ruhigen Gesicht des jungen Petunnikow, in seinen großen, grauen Augen, den breiten Backenknochen, der ganzen untersetzten Gestalt lag viel selbstvertrauende und vom Verstand gut disziplinierte Kraft. Auch gefiel es Wawilow, wie Petunnikow mit ihm sprach, einfach, mit freundschaftlichem Ton, ohne jedes Herauskehren des Herrn, wie mit seinesgleichen, obwohl Wawilow sehr wohl einsah, daß er, der Soldat, diesem Menschen nicht gleichstand. Ihn betrachtend und sich fast seiner freuend, konnte der Soldat es schließlich nicht aushalten, und einem Andrang heißer Neugier nachgebend, die für einen Augenblick alle übrigen Empfindungen in ihm betäubte, fragte er Petunnikow ehrerbietig: »Wo haben Sie studiert?« »Im technologischen Institut. Warum?« richtete jener einen lächelnden Blick auf ihn. »Nur so ... entschuldigen Sie!« Der Soldat senkte den Kopf und rief plötzlich mit Bewunderung, Neid, ja selbst Begeisterung: »Ja, ja! das ist die Bildung! Ein Wort, – Wissen – Licht! Aber unsereins, – wie die Eule vor der Sonne in dieser Welt ... Ach, ach! – Ew. Wohlgeboren! Lassen Sie uns mit unserem Geschäft zu Ende kommen!« Mit entschlossener Gebärde streckte er Petunnikow die Hand hin und sagte gepreßt: »Nun ... fünfhundert?« »Nicht mehr als hundert Rubel, Jegor Terentjewitsch,« erwiderte Petunnikow achselzuckend, als bedauere er, daß er nicht mehr geben könne, und schlug mit seiner weißen, großen Hand auf die behaarte des Soldaten. Sie kamen bald überein, denn der Soldat kam Petunnikows Wünschen in großen Sätzen entgegen, während jener unbeweglich fest blieb. Als Wawilow die hundert Rubel bekommen und das Papier unterschrieben hatte, warf er die Feder erbittert auf den Tisch und rief: »Nun, jetzt hab' ich's mit der ›goldenen Rotte‹ zu tun! Die Teufel werden lachen und mich verhöhnen!« »Sagen Sie ihnen doch, daß ich Ihnen die ganze Forderung ausgezahlt habe,« schlug Petunnikow vor, indem er ruhig seine Rauchwölkchen aus dem Munde ließ und ihnen nachsah. »Als würden sie das glauben! Das sind geriebene Spitzbuben, nicht schlechter ...« Wawilow hielt rechtzeitig inne, betroffen von dem fast ausgesprochenen Vergleich und sah den Kaufmannssohn beunruhigt an. Der aber rauchte und schien von dieser Beschäftigung ganz eingenommen. Bald ging er, Wawilow zum Abschied noch versprechend, das Nest der unruhigen Leute zu stören. Wawilow sah ihm nach und seufzte, den heftigen Wunsch in sich spürend, etwas Böses und Beleidigendes hinter diesem Menschen herzurufen, der mit festen Schritten den grubendurchwühlten, schuttbeschmutzten Weg hinauf zum Berge ging. Abends erschien der Rittmeister in der Schenke. Seine Brauen waren finster zusammengezogen und die rechte Hand energisch zur Faust geballt. Wawilow lächelte ihm verlegen entgegen. »Nun, würdiger Nachkomme Kains und Judas', erzähle ...« »Abgemacht ...« sagte Wawilow seufzend und schlug die Augen nieder. »Daran zweifle ich nicht ... Wieviel Silberlinge hast du bekommen?« »Vierhundert ...« »Das lügst du ganz gewiß ... Aber für mich um so besser. Ohne weitere Worte, Jegorka, zehn Prozent mir für die Entdeckung und einen Fünfundzwanziger dem Lehrer für das Schreiben der Eingabe, für uns alle einen Eimer Schnaps und einen anständigen Imbiß. Das Geld gib gleich, den Schnaps und das übrige um acht Uhr.« Wawilow wurde grün und starrte mit weitgeöffneten Augen auf Kuwalda: »Was sind das für ... Das ist Raub! Ich gebe nichts ... Was wollen Sie, Aristid Fomitsch? Nein, sparen Sie Ihren Appetit zum nächsten Feiertag auf! Was wollen Sie? Nein, jetzt hab' ich die Möglichkeit, Sie nicht zu fürchten! Jetzt ...ich ...« Kuwalda sah nach der Uhr. »Ich gebe dir zehn Minuten für dein nichtsnutziges Gerede, Jegorka. In dieser Zeit komm' zu Ende und gib, was ich verlange. Gibst du nicht – verderbe ich dich! Konez hat dir was verkauft! Hast du in der Zeitung was vom Diebstahl bei Bassow gelesen? Verstehst du? Verstecken kannst du nichts – das wissen wir zu verhindern. Und heute nacht ... Verstanden?« »Aristid Fomitsch! Weshalb?« heulte der ehemalige Soldat. »Ohne Worte! Verstanden oder nicht?« Der große, graue Kuwalda mit dem finsteren Gesicht sprach halblaut, und sein heiserer Baß schallte unheilkündend in der leeren Schenke. Wawilow fürchtete ihn immer etwas als früheren Soldaten und Menschen, der nichts zu verlieren hat. Jetzt erschien er ihm in neuer Gestalt; er redete nicht viel und komisch wie sonst, und aus dem Tone eines vom Gehorsam überzeugten Kommandierenden, in dem er sprach, klang keine scherzhafte Drohung. Wawilow fühlte, daß der Rittmeister ihn verderben könne, wenn er wolle, und mit Vergnügen verderben würde. Er mußte der Gewalt nachgeben. Mit schlimmer Angst im Herzen versuchte der Soldat noch einmal, der Strafe zu entgehen. Er seufzte tief auf und sagte demütig: »Man sieht, es heißt ganz richtig: wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein ... Ich habe Ihnen etwas vorgelogen, Aristid Fomitsch ... ich wollte klüger scheinen, als ich bin ... Ich habe nur hundert Rubel bekommen ...« »Weiter ...« warf ihm Kuwalda hin. »Und nicht vierhundert, wie ich Ihnen sagte ... das heißt ...« »Das heißt nichts. Ich weiß nicht, wann du gelogen hast, jetzt oder vorhin. Ich bekomme von dir fünfundsechzig Rubel. Das ist bescheiden ... Nicht wahr?« »Ach, mein Gott! Aristid Fomitsch! Ich habe Ew. Wohlgeboren immer soviel Aufmerksamkeiten erwiesen, als ich nur konnte.« »Laß die Worte, Jegorka, Urenkel Judas'!« »Es sei ... ich gebe ... Aber Gott wird Sie dafür strafen!« »Schweig, du – Pestbeule auf Erden!« brüllte ihn der Rittmeister an, grimmig die Augen rollend. »Ich bin von Gott gestraft ... Er hat mich in die Notwendigkeit versetzt, dich zu sehen und mit dir zu sprechen ... Ich schlage dich auf der Stelle tot wie eine Fliege!« Er schüttelte seine Fäuste vor Wawilows Nase und knirschte mit den entblößten Zähnen. Als er gegangen war, lachte Wawilow verzerrt und zwinkerte mit den Augen. Dann rollten ihm zwei große Tränen über die Wangen. Sie sahen ganz grau aus, und als sie sich in seinem Schnurrbart versteckten, erschienen zwei andere an ihrer Stelle. Da ging Wawilow in seine Stube, stellte sich vor die Heiligenbilder und stand lange so, ohne zu beten, ohne sich zu rühren und ohne sich die Tränen von seinen runzeligen, braunen Wangen abzuwischen. Der Diakon Taraß, den es immer nach Wald und Wiese zog, hatte den »ehemaligen Leuten« den Vorschlag gemacht, aufs Feld zu gehen und dort in einer Schlucht, im Schoße der Natur, Wawilows Schnaps auszutrinken. Aber der Rittmeister und alle übrigen schalten einstimmig auf den Diakon und die Natur und entschieden sich dafür, den Schnaps auf ihrem Hofe zu trinken. »Eins, zwei, drei,« zählte Aristid Fomitsch, »wir sind unserer dreizehn dazu; der Lehrer ist nicht da ... nun, einige kommen wohl noch ... Rechnen wir zwanzig Personen. Auf jeden zwei und eine halbe Gurke, ein Pfund Brot und Fleisch ... nicht übel! Wodka je eine Flasche ... außerdem Sauerkohl, Äpfel und drei Melonen. Was wollt ihr weiter, Brüder! Also machen wir uns daran, Jegor Wawilow zu verzehren, denn alles dies – ist sein Blut und Fleisch!« Auf der Erde breiteten sie einige Fetzen von Kleidungsstücken aus, stellten die Getränke und eßbaren Dinge darauf und setzten sich herum, setzten sich ehrbar und schweigend, kaum das gierige Verlangen zu trinken unterdrückend, das ihnen allen aus den Augen funkelte. Der Abend brach herein. Seine Schatten senkten sich auf den verunzierten Boden des Asylhofes, und die letzten Sonnenstrahlen beleuchteten das Dach des halb eingefallenen Hauses. Es war frisch und still. »Ans Werk, Brüder!« kommandierte der Rittmeister. »Wieviel Becher haben wir? Sechs ... und wir sind dreizehn ... Alexej Maximowitsch, gieß ein! Fertig? Nun, der errrste Zug! ...« Sie tranken, räusperten sich und fingen an zu essen. »Der Lehrer fehlt ... schon seit drei Tagen hab' ich ihn nicht gesehen. Hat ihn niemand gesehen?« fragte Kuwalda. »Niemand ...« »Das entspricht gar nicht seinem Charakter! Nun, einerlei ... Trinken wir noch einmal! Trinken wir auf Aristid Kuwaldas Gesundheit, meines einzigen Freundes, der mich mein Lebtag nicht eine Minute allein gelassen hat. Obwohl es, hol' ihn der Teufel! vielleicht vorteilhaft für mich gewesen wäre, hätte er mich manchmal seiner Gesellschaft beraubt ...« »Das ist geistreich,« sagte Objedok und fing an zu husten. Der Rittmeister sah auf seine Gefährten mit dem Bewußtsein der Überlegenheit, sagte aber nichts, sondern aß. – Nachdem sie zweimal ausgetrunken hatten, wurde die Gesellschaft lebhaft – die Portionen hatten Eindruck gemacht. Anderthalb Taraß äußerte den schüchternen Wunsch, eine Geschichte zu hören, aber der Diakon war mit Kubar in einen Streit geraten über die Vorzüge magerer Frauen vor dicken und beachtete die Worte des Freundes nicht, indem er Kubar seine Ansicht mit dem Eifer und der Leidenschaft eines Menschen darlegte, der tief von der Richtigkeit derselben überzeugt ist. Die naive Fratze Meteors, der neben ihm auf dem Bauche lag, drückte Wohlgefallen aus, indem er die kräftigen Worte des Diakons genoß. Martjanow, der sein Knie mit seinen großen, schwarzbehaarten Händen umfaßte, sah finster und schweigend die Schnapsflasche an und haschte mit der Zunge nach seinem Schnurrbart, den er sich abzubeißen bemühte. Objedok hänselte Tjapa. »Ich habe wohl gesehen, wo du dein Geld versteckt hast, Zauberer!« »Dein Glück ...« sagte Tjapa heiser. «Ich mause es dir doch nicht weg, Bruder!« »Nimm ...« Kuwalda war es unter diesen Leuten langweilig: nicht einer war dabei, würdig, seine Rhetorik zu hören und fähig, ihn zu verstehen. »Wo kann nur der Lehrer sein?« dachte er laut. Martjanow sah ihn an und sagte: »Er kommt ...« »Ich bin überzeugt, daß er kommt, aber nicht im Wagen. Trinken wir auf deine Zukunft, künftiger Galeerensträfling! Wenn du einen Geldmann totschlägst, kannst du mit mir teilen. Ich gehe dann nach Amerika, Brüder, nach den ... wie heißen sie doch? Lampas ... Pampas! Und bringe es da bis zum Präsidenten der Staaten, dann erkläre ich ganz Europa den Krieg und blase es auf ... Eine Armee kaufe ich ... auch in Europa ... Ich fordere Türken, Franzosen, Deutsche usw. auf und schlage sie mit ihren Verwandten ... wie Ilja Murometz die Tataren durch die Tataren schlug. Mit Geld kann man auch Ilja sein ... und Europa vernichten und sich Judas Petunnikow als Lakaien mieten ... Er tut's ... wenn man ihm hundert Rubel monatlich gibt ... tut er's. Aber er wird ein schlechter Lakai, denn er stiehlt ...« »Auch deshalb ist ein mageres Weib besser als ein dickes, weil es weniger kostet,« sagte der Diakon mit Überzeugung. »Meine erste Diakoniza brauchte zwölf Arschin zum Kleide, die zweite zehn ... Ebenso ist es mit dem Essen ...« Poltora Tarassa lächelte verlegen, drehte seinen Kopf nach dem Diakon um, heftete sein eines Auge auf dessen Gesicht und sagte konfus: »Ich habe eine Frau gehabt ...« »Das kann jedem passieren,« bemerkte Kuwalda, »weiter! ...« »Sie war mager, aber sie aß viel ... Und starb sogar daran ...« »Du hast sie vergiftet, Einäugiger,« sagte Objedok überzeugt. »Nein, bei Gott! Sie hat zuviel Stör gegessen,« erzählte Poltora Tarassa. »Und ich sage, du hast sie vergiftet!« sagte Objedok entschieden. So war es oft mit ihm: hatte er erst eine dumme Bemerkung gemacht, so wiederholte er sie, ohne einen Grund zu ihrer Bekräftigung anzuführen und geriet, zuerst in launisch-kindischem Tone sprechend, nach und nach bis zur Raserei. Der Diakon trat für ihn ein. »Nein, wie konnte er sie vergiften ... er hatte ja keinen Grund ...« »Und ich sage – er hat sie vergiftet!« brüllte Objedok. »Schweigen!« schrie der Rittmeister drohend. Seine Langweile wuchs zu banger Erbostheit an. Mit ingrimmigen Augen sah er auf seine Gefährten, und da er in ihren halbtrunkenen Gesichtern nichts fand, das seinem Zorn weitere Nahrung gegeben hätte, – neigte er den Kopf auf die Brust, saß so einige Minuten und legte sich dann auf die Erde, mit dem Gesicht nach oben. Meteor zerbiß Gurken. Er nahm sie in die Hand, ohne sie anzusehen, steckte sie halb in den Mund und biß sie mit den großen, gelben Zähnen durch, daß der Saft nach allen Seiten spritzte und seine Wangen benetzte. Essen mochte er augenscheinlich nicht, aber dieser Prozeß zerstreute ihn. Martjanow saß unbeweglich wie eine Bildsäule, in derselben Pose, in der er sich auf die Erde niedergelassen hatte, und sah noch ebenso konzentriert und finster die Halbeimerflasche an, die schon halb geleert war. Tjapa blickte auf den Boden und kaute laut an dem Fleisch, das seinen alten Zähnen widerstand. Objedok lag auf dem Bauche und hustete, seinen ganzen kleinen Leib zusammenpressend. Die übrigen – lauter schweigende, dunkle Gestalten – saßen und lagen in verschiedenen Stellungen, und all diese Leute insgesamt, mit ihren Lumpen und abendlichem Dunkel umhüllt, hoben sich kaum von den Schutthaufen ab, die auf dem Hofe lagen und mit Steppengras bewachsen waren. Die nachlässige Haltung und die Lumpen machten sie mißgestalteten Tieren ähnlich, die rohe, phantastische Kraft dem Menschen zum Spott geschaffen. Der Diakon fing halblaut an zu singen, indem er Alexej Maximowitsch umarmte und ihm selig ins Gesicht lächelte. Poltora Tarassa kicherte wollüstig. Die Nacht brach herein. Am Himmel flimmerten still die Sterne, auf dem Berge in der Stadt – die Lichter der Laternen. Das melancholische Pfeifen der Dampfer tönte vom Flusse herüber; knarrend und scheibenklirrend öffnete sich die Tür von Wawilows Schenke. Zwei dunkle Gestalten kamen in den Hof, näherten sich der Gruppe um die Flasche, und einer von ihnen fragte heiser: »Trinkt ihr?« Auch die andere Gestalt ließ sich voll Freude und Neid vernehmen: »Seh' einer die Teufel!« Dann streckte sich eine Hand über des Diakons Kopf herüber, ergriff die Flasche, und das charakteristische Glucksen des Schnapses wurde hörbar, der aus der Flasche ins Glas gegossen wurde. Darauf ein lautes Räuspern ... »Na, Einäugiger!« rief der Diakon, »laß uns der alten Zeiten gedenken, laß uns singen – An den Wassern Babylons!« »Kann er denn singen?« fragte Ssimzow. »Der? Bruder, der war Solist im Kirchenchor ... Nun ... An den Wa–as–sern ...« Die Stimme des Diakons war rauh, heiser, kurzatmig, und sein Freund sang in weinerlichem Falsett. Es war, als nähme das von Finsternis umfangene, ausgestorbene Haus an Umfang zu oder rücke mit der ganzen Wucht halbverfaulten Holzes näher an diese Leute heran, deren wildes Geheul ein dumpfes Echo in ihm weckte. Eine prächtige, dunkle Wolke zog langsam über ihnen am Himmel dahin. Einer der »ehemaligen Leute« schnarchte, die anderen, alle noch nicht ganz betrunken, aßen und tranken schweigend oder sprachen halblaut in langen Pausen miteinander. Allen ungewohnt war diese gedrückte Stimmung bei einem an Schnaps und eßbaren Dingen so selten reichen Mahle. Es wollte sich heut lange nicht jene ungestüme Lebhaftigkeit entwickeln, die den Asylbewohnern sonst bei der Flasche eigen war. »Hunde, – ihr! laßt das Heulen ...« sagte der Rittmeister zu den Singenden, indem er den Kopf aufrichtete und horchte. »Es kommt jemand gefahren ... mit einer Droschke ...« Eine Droschke in der Wjesshaja und um diese Zeit war etwas, das allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Wer aus der Stadt mochte es riskieren, durch die Wasserlöcher und Vertiefungen der Straße zu fahren, wer und weshalb? Alle hoben die Köpfe und horchten. Durch die Stille der Nacht war deutlich das Knarren der Räder zu hören, die an die Schutzbleche des Wagens anstießen. Es kam immer näher. Eine Stimme ertönte – grob ... fragend: »Nun, wo denn?« Irgendwer antwortete: »Da, in jenem Hause wahrscheinlich ...« »Weiter fahr' ich nicht ...« »Das ist zu uns!« rief der Rittmeister. »Die Polizei!« flüsterte es aufgeregt. »Per Droschke! Narr!« sprach Martjanow dumpf. Kuwalda stand auf und ging vor die Tür. Objedok, den Kopf hinter ihm vorbeugend, lauschte. »Ist das das Nachtasyl?« fragte jemand mit dröhnender Stimme. »Ja, von Aristid Kuwalda ...« ertönte dumpf der unzufriedene Baß des Rittmeisters. »So, so ... wohnte hier der Reporter Titow?« »Aha! haben Sie ihn gebracht?« »Ja ...« »Betrunken?« »Krank!« »Das heißt – stark betrunken. Ha, Lehrer! Nun, steh' doch auf!« »Warten Sie! Ich helfe Ihnen ... er ist sehr krank. Er hat zwei Tage bei mir gelegen. Fassen Sie unter die Schultern ... Der Doktor war da. Sehr schlimm ...« Tjapa stand auf und kam langsam vor die Tür, Objedok aber grinste und trank. »Zündet dort Licht an!« rief der Rittmeister. Meteor ging ins Asyl und zündete die Lampe an. Da zog sich ein breiter Lichtstreifen von der Tür über den Hof, und in demselben führten der Rittmeister und ein kleiner Mann den Lehrer ins Asyl. Sein Kopf hing matt auf die Brust herab, die Füße schleppten auf der Erde und die Arme hingen wie gebrochen in der Luft. Mit Tjapas Hilfe wälzten sie ihn auf das Lager, und er streckte sich, am ganzen Leibe zitternd, mit leisem Stöhnen darauf aus. »Ich arbeite an derselben Zeitung mit ihm ... Ein sehr Unglücklicher ... Ich sage ... bitte, liegen Sie bei mir, Sie genieren mich nicht ... Aber er bittet mich: bringen Sie mich nach Hause! Er regte sich auf ... ich dachte, das könnte ihm schaden und wollte ihn nach Hause bringen! Das ist doch hier ... ja?« »Hat er Ihrer Meinung nach noch sonstwo ein Haus?« fragte Kuwalda grob, indem er seinen Freund unverwandt ansah. »Tjapa, geh', hol' kaltes Wasser!« »Nun bin ich wohl überflüssig,« sagte der Fremde. »Er braucht mich wohl nicht mehr?« »Sie?« sah ihn der Rittmeister kritisch an. Der fremde Mann war mit einem sehr abgetragenen Jackett bekleidet, das sorgfältig bis zum Kinn zugeknöpft war. Seine Hosen waren ausgefasert, der Hut verschossen vor Alter und ebenso abgegriffen wie sein verhungertes, mageres Gesicht. »Nein, er braucht Sie nicht ... solche wie Sie sind hier viele ...« sagte der Rittmeister und wandte sich von ihm ab. »Also auf Wiedersehen!« Der Fremde ging bis zur Tür und fragte von dort leise: »Wenn etwas passiert ... benachrichtigen Sie die Redaktion ... Mein Name ist – Ryshow. Ich würde ihm einen kleinen Nekrolog schreiben ... er war trotz alledem, wissen Sie, ein Mann der Presse ...« »Hm! Nekrolog sagen Sie? Zwanzig Zeilen – vierzig Kopeken? Ich werde Besseres tun: wenn er stirbt, schneide ich ihm ein Bein ab und schicke es auf Ihren Namen an die Redaktion ... Das ist vorteilhafter für Sie als ein Nekrolog, für drei Tage reicht's etwa ... er hat dicke Beine ... Habt Ihr ihn dort lebendig gefressen, freßt Ihr wohl auch den Toten ...« Der fremde Mann schnaubte eigentümlich und verschwand. Der Rittmeister setzte sich neben seinen Freund auf das Lager, befühlte mit der Hand Stirn und Brust und rief: »Philipp!« Dumpf hallte der Ton von den schmutzigen Wänden des Asyls wieder und erstarb. »Das ist nicht recht, Bruder!« sagte der Rittmeister, leise mit der Hand über die zerzausten Haare des Lehrers fahrend. Dann horchte er auf seinen heißen, aussetzenden Atem, sah ihm in das eingefallene, erdfahle Gesicht, seufzte und sah sich um, streng die Brauen zusammenziehend. Die Lampe war schlecht: ihr Licht flackerte, und an den Wänden entlang huschten schwarze Schatten. Der Rittmeister betrachtete starr ihr stummes Spiel und strich sich den Bart. Tjapa kam mit einem Eimer Wasser, stellte ihn an das Lager neben den Kopf des Lehrers und, nachdem er seine Hand ergriffen, hob er sie mit der seinen, als wöge er sie. »Das Wasser ist unnötig,« winkte der Rittmeister mit der Hand. »Der Pope ist nötig,« sagte der alte Lumpensammler überzeugt. »Nichts ist nötig,« entschied der Rittmeister. Sie schwiegen, indem sie den Lehrer ansahen. »Komm, wir wollen trinken, alter Teufel!« »Und er?« »Kannst du ihm helfen?« Tjapa drehte dem Lehrer den Rücken zu, und beide gingen auf den Hof zu ihren Genossen. »Was ist?« fragte Objedok, dem Rittmeister seine spitze Schnauze zuwendend. »Nichts Besonderes ... ein Mensch stirbt ...« antwortete der Rittmeister kurz. »Haben sie ihn zuschanden geschlagen?« interessierte sich Objedok. Der Rittmeister antwortete nicht, sondern trank – trank Schnaps währenddessen. »Als hätte er gewußt, daß wir etwas haben, seine Totenfeier zu begehen,« sagte Objedok, indem er eine Zigarette anrauchte. Jemand lachte, ein anderer seufzte schwer. Im ganzen aber machte das Gespräch des Rittmeisters und Objedoks auf diese Leute keinen merklichen Eindruck, wenigstens sah man nicht, daß es irgendwen bewegte, interessierte oder zum Nachdenken veranlaßte. Sie hatten den Lehrer alle für einen nicht gewöhnlichen Menschen gehalten, jetzt aber waren viele schon betrunken, und andere blieben absichtlich ruhig. Nur der Diakon nahm sich plötzlich zusammen, schnalzte mit den Lippen, rieb sich die Stirn und winselte laut: »Herr, gib dem Gerechten die ewige Ruhe!« »Du!« zischte Objedok, »was brüllst du?« »Gib ihm eins in die Fratze!« riet der Rittmeister. »Narr!« ertönte Tjapas heisere Stimme. »Wenn ein Mensch stirbt, soll man schweigen, daß es still ist.« Es war still genug: am Himmel, den regendrohende Wolken bedeckten, und auf der Erde, die die trübe Finsternis der Herbstnacht einhüllte. Zeitweise wurde das Schnarchen der Eingeschlafenen, das Glucksen eingegossenen Schnapses und Schmatzen hörbar. Der Diakon murmelte etwas. Die Wolken zogen so niedrig, daß es war, als müßten sie gleich das Dach des alten Hauses berühren und es auf die Gruppe dieser Leute niederwerfen. »Ah ... wie schlimm ist einem zumute, wenn ein naher Mensch stirbt ...« sagte der Rittmeister stammelnd vor sich hin und neigte den Kopf auf die Brust. Niemand antwortete ihm. »Unter uns – war er der Beste ... der Klügste und Ordentlichste ... Es ist mir leid um ihn ...« »Ge–eh zu den Heiligen ei–ein ... –sing', einäugiger Spitzbube!« fing der Diakon an zu toben, seinen neben ihm schlummernden Freund in die Seite stoßend. »Schweigen! ... Du!« rief Objedok in ärgerlichem Flüstertöne, auf die Füße springend. »Ich geb' ihm eins auf den Kopf,« schlug Martjanow vor, indem er den Kopf aufrichtete. »Du schläfst nicht?« sagte Aristid Fomitsch ungewöhnlich freundlich. »Hast du gehört? Unser Lehrer ...« Martjanow warf sich schwer herum, stand auf, besah die Lichtstreifen, die aus Tür und Fenstern des Asyls kamen, schüttelte den Kopf und setzte sich schweigend neben den Rittmeister. »Trinken wir!« schlug er vor. Nachdem sie tastend Gläser gesucht, tranken sie. »Ich will gehen und nachsehen ...« sagte Tjapa, »vielleicht braucht er etwas.« »Einen Sarg braucht er ...« lachte der Rittmeister. »Sprecht nicht davon,« bat Objedok mit dumpfer Stimme. Nach Tjapa erhob sich Meteor von der Erde. Der Diakon wollte auch aufstehen, warf sich aber auf die andere Seite und schimpfte laut. Nachdem Tjapa gegangen war, schlug der Rittmeister Martjanow auf die Schulter und fing halblaut zu sprechen an: »So ist's, Martjanow ... Du müßtest es mehr als die anderen fühlen ... Du warst auch ... übrigens zum Teufel damit! Tut dir Philipp leid?« »Nein,« antwortete der frühere Gefängnisinspektor nach kurzem Schweigen. »Ich fühle nichts dergleichen, Bruder ... ich hab's verlernt ... Abscheulich, so zu leben ... Ich sag's im Ernst, ich schlage einen tot ...« »Ja?« entgegnete der Rittmeister unbestimmt. »Nun ... denn! Trinken wir noch einmal!« »Wir brauchen nicht viel ... trinken – und scho–on!« Ssimzow war erwacht und sang so mit seliger Stimme. »Brüder! Wer ist da? Gießt dem Alten ein Glas ein!« Ihm wurde eingegossen und gegeben. Nachdem er getrunken, warf er sich wieder auf die Seite, indem er mit dem Kopfe jemand in die Seite stieß. Ein paar Minuten dauerte das Schweigen, dunkel und schwer wie die Herbstnacht. Dann fing jemand an zu flüstern ... »Was?« ertönte eine Frage. »Ich sage ... ein prächtiger Bursche ... war er ... Ein Kopf, – solch ein Stiller ...« sprachen sie halblaut. »Ja, und Geld hatte er auch ... und gab gern unsereinem ...« Und wieder trat Schweigen ein. »Er stirbt!« erschallte Tjapas Ruf über dem Kopf des Rittmeisters. Aristid Fomitsch stand auf und ging, indem er sich anstrengte, sicher aufzutreten, ins Asyl. »Weshalb kommst du?« hielt ihn Tjapa zurück. »Tu's nicht! Du bist ja betrunken ... Das ist nicht gut!« Der Rittmeister blieb stehen und überlegte. »Ach, was ist gut auf dieser Welt? Geh' zum Teufel, du!« und er stieß Tjapa beiseite. Noch immer huschten Schatten über die Wände des Asyls, als kämpften sie schweigend miteinander. Auf der Pritsche, in voller Länge hingestreckt, lag der Lehrer und röchelte. Seine Augen waren weit geöffnet, die entblößte Brust hob sich heftig, in den Mundwinkeln stand Schaum, und auf dem Gesicht lag ein gespannter Ausdruck, als strenge er sich an, etwas Großes, Schweres auszusprechen und – könne nicht und litte unsäglich darunter. Der Rittmeister stellte sich neben ihn, die Hände auf dem Rücken, und sah ihn minutenlang schweigend an. Dann sprach er, indem er schmerzlich die Stirn kraus zog: »Philipp! Sag' etwas zu mir ... ein Wort des Trostes dem Freunde ... Sprich! ... Ich habe dich lieb, Bruder ... Sie alle sind – Tiere, du warst für mich – Mensch ... trotzdem du trankst! Ach, wie hast du doch getrunken, Philipp! Und das eben hat dich zugrunde gerichtet ... Du hättest dich beherrschen und mir folgen sollen. Hab' ich dir denn nicht oft gesagt ...« Die geheimnisvolle, alles vernichtende Macht, Tod genannt, entschloß sich, wie beleidigt durch die Gegenwart dieses betrunkenen Menschen bei dem düsteren, feierlichen Akt ihres Kampfes mit dem Leben, ihr mitleidloses Werk schneller zu vollenden. Nachdem der Lehrer tief aufgeatmet, stöhnte er leise, ein Schauder überflog ihn, er streckte sich aus und starb. Der Rittmeister schwankte auf seinen Füßen, während er seine Rede fortsetzte. »Was ist dir? Willst du, ich bring' dir Schnaps? Aber besser, du trinkst nicht, Philipp ... sei fest ... bezwing' dich! Sonst trinke ... Wozu, gradaus gesagt, sich bezwingen ... Wozu, Philipp? Nicht wahr? Wozu? ...« Er nahm seinen Fuß und zog ihn an sich. »Ach, du bist eingeschlafen, Philipp? Nun ... schlaf' ... Gute Nacht ... Morgen erkläre ich dir alles, und du überzeugst dich, daß man sich nichts versagen muß ... jetzt aber schlaf' ... wenn du nicht tot bist ...« Er ging hinaus, von Schweigen begleitet, und teilte draußen den Seinen mit: »Er ist eingeschlafen ... oder gestorben ... Ich weiß nicht ... Ich ... ich bin ... ein b–bißchen betrunken ...« Tjapa schrumpfte noch mehr zusammen, indem er sich bekreuzte, und legte sich auf die Erde. Meteor, der dumme Bursche, fing an zu schluchzen, leise und kläglich, wie ein wehleidiges Frauenzimmer. Objedok wälzte sich unruhig auf der Erde, indem er halblaut in zornig-bekümmertem Tone sprach: »Hol' euch alle der Teufel! Peiniger, ihr! Nun, er ist gestorben! Nun denn! Wozu ... wozu muß ich das wissen? Wozu mir davon erzählen? Die Zeit kommt – und ich sterbe auch ... nicht schlechter als er ... Nicht schlechter ich als andere.« »Recht so!« sagte der Rittmeister laut, indem er sich schwer auf die Erde niederließ. »Es kommt die Zeit, und wir alle sterben nicht schlechter als andere ... ha–ha! Wie wir leben ... Unsinn! Aber wir sterben – wie alle. Das ist – des Lebens Ziel, glaubt meinem Worte. Der Mensch lebt, um zu sterben. Und er stirbt ... Ist's aber so, ist es dann nicht einerlei, woran und wie er stirbt, und wie er lebte? Martjanow, hab' ich recht? Trinken wir noch mal ... und noch mal, so lang' wir noch leben ...« Ein Regenschauer rieselte nieder. Dichte, dumpfe Dunkelheit umhüllte die vom Schlaf oder Rausch zusammengeballten, sich auf der Erde wälzenden Leute. Der aus dem Asyl kommende Lichtstreifen verblaßte, zitterte und verschwand plötzlich. Wahrscheinlich hatte der Wind die Lampe ausgelöscht, oder das Petroleum war ausgebrannt. Scheu und unsicher schlugen die Regentropfen auf das eiserne Dach des Asyls. Vom Berge her, aus der Stadt, klangen einzelne, melancholische Glockenschläge. Die Kirchenwächter schlugen an. Der Kupferklang, vom Glockenturm herniedertönend, schwebte still durchs Dunkel und erstarb langsam darin, aber noch ehe die Finsternis seine letzte, zitternd ausatmende Note verschlungen, erstand ein neuer Ton, und wieder zog des Metalls melancholisch« Seufzer durch die Stille der Nacht. Tjapa erwachte morgens als erster. Nachdem er sich auf den Rücken gedreht, sah er zum Himmel auf – sein mißgestalteter Hals erlaubte ihm nur in dieser Lage, den Himmel über sich zu sehen. An diesem Morgen war der Himmel einförmig grau. Feuchte, kalte Dämmerung hatte sich dort oben verdichtet, sie löschte die Sonne aus und breitete, die blaue Unendlichkeit verhüllend, auf Erden Melancholie aus. Tjapa bekreuzte sich und stützte sich auf die Ellbogen, um zu sehen, ob nicht Schnaps übrig geblieben war. Die Flasche war da, aber leer. Über die Gefährten kletternd, fing Tjapa an, die Becher nachzusehen, aus denen sie getrunken hatten. Einen fand er fast voll, trank ihn aus, wischte sich die Lippen mit dem Ärmel ab und rüttelte den Rittmeister an der Schulter. »Steh' auf ... he! hörst du?« Der Rittmeister hob den Kopf und sah ihn mit trüben Augen an. »Die Polizei muß benachrichtigt werden ... na, steh' doch auf!« »Was ist denn?« fragte der Rittmeister verschlafen und ärgerlich. »Daß er gestorben ist ...« »Wer?« »Der Gelehrte da ...« »Philipp? Ach ja!« »Du hast das vergessen ... ach du!« sagte Tjapa vorwurfsvoll mit seiner heiseren Stimme. Der Rittmeister stellte sich auf die Füße, gähnte laut und reckte sich so, daß die Knochen knackten. »Geh' du denn, zeig' es an ...« »Ich geh' nicht ... ich mag sie nicht,« sagte Tjapa mürrisch. »Nun, weck' den Diakon auf ... Ich will nachsehen.« »Meinst du? ... Diakon, steh' auf!« Der Rittmeister ging ins Asyl und stellte sich zu Füßen des Lehrers hin. Der Tote lag in seiner ganzen Länge ausgestreckt: die Linke auf der Brust, die Rechte so hingeworfen, als hätte er ausholen wollen, um jemand zu schlagen. Der Rittmeister dachte, daß, wenn der Lehrer jetzt stände, er so groß wie Poltora Tarassa wäre. Dann setzte er sich auf die Pritsche zu Füßen seines Freundes und seufzte, indem er daran dachte, daß sie fast drei Jahre zusammen verlebt hatten. Tjapa trat ein, den Kopf wie ein Bock haltend, der stoßen will. Er setzte sich auf die andere Seite zu Füßen des Lehrers, sah in sein dunkles, ruhiges, ernstes Gesicht mit den festgeschlossenen Lippen und fing mit seiner heiseren Stimme zu sprechen an. »Ja ... nun ist er tot ... und ich sterbe auch bald ...« »Für dich wird's Zeit,« sagte der Rittmeister finster. »Es ist Zeit!« stimmte Tjapa bei, »für dich wär's auch besser, zu sterben ... Alles ist besser, als so ...« »Vielleicht auch schlechter. Wieso weißt du's?« »Schlimmer wird's nicht. Wenn man stirbt – hat man's mit Gott zu tun ... hier aber mit den Leuten ... Und die Leute – was das bedeutet ...?« »Schon gut, sei still ...« unterbrach ihn Kuwalda ärgerlich. Und in dem Dämmerlicht, das das Asyl erfüllte, wurde es eindringlich still. Lange saßen sie schweigend zu Füßen des toten Gefährten und sahen ihn dann und wann an, beide tief in Gedanken versunken. Dann fragte Tjapa: »Läßt du ihn begraben?« »Ich? Nein! Mag ihn die Polizei begraben lassen.« »Na! Man sollte meinen, du wirst's tun, – du hast doch von Wawilow sein Geld für die Klage genommen ... Ich gebe, wenn's nicht reicht ...« »Sein Geld hab' ich ... aber begraben lass' ich ihn nicht.« »Nicht, gut so! Du bestiehlst einen Toten. Und ich sag' es allen, daß du sein Geld auffressen willst ...« drohte Tjapa. »Du bist dumm, alter Teufel,« sagte Kuwalda verächtlich. »Ich bin nicht dumm ... Aber es ist nicht gut, sag' ich, nicht wie ein Freund handelt ...« »Na, schon gut! Pack' dich!« »Seh einer! Und wieviel Geld ist es?« »Fünfundzwanzig ...« sagte Kuwalda zerstreut. »Sieh mal! ... Gäbst du mir bloß ein Fünftel ...« »Was für ein Schurke du bist, Alter ...« schalt der Rittmeister, Tjapa gleichgültig ins Gesicht sehend. »Wieso? Wirklich, gib doch ...« »Geh' zum Teufel! ... Ich lass' ihm für das Geld ein Denkmal setzen.« »Was soll ihm das?« »Ich kaufe einen Mühlstein und einen Anker, – den Mühlstein lege ich aufs Grab und den Anker schmiede ich mit einer Kette fest ... das wird sehr schwer ...« »Wozu? Du spaßest ...« »Nun ... das ist meine Sache!« »Sieh zu, ich sag's ...« drohte Tjapa von neuem. Aristid Fomitsch sah ihn stumpf an und schwieg. Und wieder saßen sie lange in einem Schweigen, das durch die Gegenwart des Toten eine eindringlich geheimnisvolle Stimmung annahm. »Hör' ... sie kommen!« sagte Tjapa, stand auf und verließ das Asyl. Bald erschienen der Bezirkspristav, der Untersuchungsrichter und der Doktor. Alle drei traten der Reihe nach an den Lehrer heran und gingen zurück, nachdem sie ihn angesehen, Kuwalda mit argwöhnischen Blicken musternd. Er saß, ohne sie zu beachten, bis ihn der Pristav, mit einer Kopfbewegung nach dem Lehrer deutend, fragte: »Woran ist er gestorben?« »Fragt ihn ... Ich meine, an Ungewohntheit ...« »Was soll das heißen?« fragte der Untersuchungsrichter. »Ich sage – meiner Meinung nach ist er gestorben, weil er die Krankheit nicht gewohnt war, an der er litt ...« »Hm ... ja! Kränkelte er lange?« »Er sollte hinausgeschafft werden, hier kann man nichts sehen,« schlug der Arzt in gelangweiltem Tone vor. »Vielleicht sind Anzeichen da ...« »Nun denn, rufen Sie jemand her, ihn hinauszutragen,« gebot der Pristav Kuwalda. »Rufen Sie selbst ... Mich stört er hier nicht ...« entgegnete der Rittmeister gleichgültig. »Nun!« rief der Polizeibeamte und machte ein grimmiges Gesicht. »Brr!« parierte Kuwalda, ohne sich vom Platze zu rühren, in stillem Zorn und zeigte die Zähne. »Zum Teufel! ... ich ... ich lasse Ihnen das nicht hingehen! Ich ...« schrie der Pristav so voll Wut, daß ihm das Blut ins Gesicht stieg. »Guten Tag wünsch' ich, verehrte Herren!« sagte, in der Tür erscheinend, der Kaufmann Petunnikow mit süßer Stimme. Mit seinem scharfen Blick alle zugleich überfliegend, fuhr er plötzlich zusammen, trat einen Schritt zurück und bekreuzte sich inbrünstig, nachdem er die Mütze abgenommen. Dann überflog ein Lächeln schadenfrohen Triumphes sein Gesicht, und er fragte, den Rittmeister fest ansehend: »Was ist geschehen? – haben sie hier gar einen Menschen umgebracht?« »Etwas der Art,« antwortete der Untersuchungsrichter. Petunnikow seufzte tief auf, bekreuzte sich wieder und fing in erbittertem Tone zu sprechen an: »Ach, mein Gott! Wie hab' ich das gefürchtet! Immer, wenn man herkam und sah ... ei, ei, ei! Und zu Hause stand es einem immer vor Augen ... Gott beschütze jeden! ... Wie oft hab' ich diesem Herrn da – dem Hauptkommandierenden der goldenen Rotte – das Quartier kündigen wollen, aber ich hatte immer Furcht ... wissen Sie ... solch Volk! ... besser nachgeben, dachte ich, damit nicht noch ...« Er fuhr leicht mit der Hand durch die Luft, dann strich er sich damit über das Gesicht, nahm den Bart in die Hand und seufzte wieder. »Gefährliche Leute! Und dieser Herr, eine Art Chef von ihnen ... geradezu ein Räuberhauptmann.« »Wir befühlen ihn schon noch,« sagte der Pristav in vielversprechendem Tone, dem Rittmeister einen rachsüchtigen Blick zuwerfend. »Er ist mir auch gut bekannt! ...« »Ja, wir sind alte Bekannte, Bruder ...« bestätigte Kuwalda in familiärem Tone. »Wieviel Sporteln hab' ich dir und deinem Seligen für Schweigen gezahlt! ...« »Meine Herren,« rief der Pristav, »Sie haben gehört? Bitte, es zu behalten! Ich lasse das nicht hingehen ... Ah ... ah! So also? Nun, du wirst an mich denken! Ich ... besorg' es dir, mein Freund ..« »Rühme dich nicht des kommenden Kampfes ... mein Freund,« sagte Aristid Fomitsch ruhig. Der Doktor, ein junger Mann mit einer Brille, betrachtete ihn mit Neugier, der Untersuchungsrichter mit unheilkündender Aufmerksamkeit, Petunnikow voll Triumph, und der Pristav schrie, sich drehend und wendend, und wollte auf ihn losstürzen. In der Tür erschien Martjanows finstere Gestalt. Er kam leise näher und stellte sich hinter Petunnikow, so daß sich sein Kinn über dem Scheitel des Kaufmanns befand. Seitwärts hinter ihm blickte der Diakon hervor, seine kleinen, verschwollenen, roten Augen weit öffnend. »Allein, tun wir denn etwas, meine Herren!« schlug der Doktor vor. Martjanow schnitt eine schreckliche Grimasse und – nieste plötzlich, gerade über Petunnikows Kopf. Der schrie auf, hockte sich nieder und sprang zur Seite, fast den Pristav umreißend, der ihn noch gerade in seinen Armen auffing. »Sehen Sie?« sagte der Kaufmann aufgeregt, indem er auf Martjanow deutete. »Solche Leute sind das! Ah?« Kuwalda lachte laut auf. Der Doktor und der Untersuchungsrichter lächelten, und an der Tür erschienen immer neue und neue Gestalten. Die halb verschlafenen, verschwollenen Physiognomien mit roten, entzündeten Augen und struppigen Haaren betrachteten ganz ungeniert den Doktor, den Richter und den Pristav. »Wo wollt ihr hin!« redete sie der Polizist an, indem er sie an den Lumpen zerrte und von der Tür forttrieb. Aber er war nur einer, und sie waren ihrer viele, und sie kamen herein, ohne seiner zu achten, – schnapsatmend, schweigend, unheilkündend. Kuwalda sah sie an und dann die Beamten, die von der reichlichen Zahl dieses unerfreulichen Publikums ein wenig betroffen waren, und sagte lachend zu letzteren: »Meine Herren, vielleicht wünschen Sie die Bekanntschaft meiner Mieter und Freunde zu machen? Wünschen Sie es? Gleichviel – früher oder später müssen Sie doch aus Amtspflicht ihre Bekanntschaft machen ...« Der Doktor lächelte unruhig. Der Richter biß fest die Lippen aufeinander, und dem Pristav fiel ein, was zu tun sei. Er rief auf den Hof hinaus: »Sidorow! Pfeife ... sag', wenn sie kommen, daß ein Wagen besorgt wird ...« »Nun, und ich gehe!« sagte Petunnikow, aus einem Winkel hervorkommend. »Das Quartier ist noch heute zu räumen, Herr ... Ich breche diese Kate ab ... Tragen Sie Sorge dafür ... sonst wende ich mich an die Polizei.« Auf dem Hofe ertönte der durchdringende Pfiff des Polizisten, an der Tür des Asyls standen dicht gedrängt, gähnend und sich kratzend, seine Bewohner. »Also wollen Sie nicht ihre Bekanntschaft machen? ... Unhöflich! ...« lachte Aristid Kuwalda. Petunnikow holte seine Börse aus der Tasche, wühlte darin herum, zog zwei Fünfer heraus und legte sie, sich bekreuzend, dem Verstorbenen zu Füßen. »Segne's Gott ... zur Beerdigung des sündigen Staubes ...« »Wa-as?« brüllte der Rittmeister los. »Du? Zur Beerdigung? Nimm's fort! Nimm's fort, sag' ich dir ... Schurke! Du wagst es – zum Begräbnis eines ehrlichen Menschen deine Diebesgroschen zu geben? ... Ich schlage dich nieder ...« »Ew. Wohlgeboren!« rief der Kaufmann erschrocken, den Pristav am Ellbogen ergreifend. Der Doktor und der Richter sprangen auf, – der Pristav rief laut: »Hierher, Sidorow!« Die »ehemaligen Leute« standen wie eine Mauer in der Tür und sahen und hörten mit einem Interesse zu, das ihre welken Gesichter belebte. Kuwalda brüllte, wie ein Tier die blutunterlaufenen Augen rollend, und schüttelte die Fäuste über Petunnikows Kopf. »Schurke – Dieb! Nimm das Geld! Niederträchtige Kreatur – nimm, sag' ich ... sonst schlag' ich sie dir ins Gesicht, – nimm!« Petunnikow streckte die zitternde Hand nach seinem Scherflein aus und sagte, sich mit der anderen vor Kuwaldas Faust schützend: »Sie sind Zeugen ... Herr Pristav, und ihr, guten Leute!« »Wir sind böse Leute, Kaufmann,« ertönte Objedoks schrille Stimme. Der Pristav, das Gesicht aufgepustet wie eine Blase, pfiff wütend und hielt seine andere Hand in der Luft über Petunnikows Kopf, der sich so vor ihm wand, als wolle er ihm in den Leib kriechen. »Willst du, Natter – gemeine, ich zwing' dich, diesem Leichnam die Füße zu küssen, – w-willst du?« Und sich in Petunnikows Kragen einkrallend, schleuderte er ihn wie eine Katze an die Tür. Die »ehemaligen Leute« traten schnell auseinander, um dem Kaufmann Raum zum Fallen zu lassen. Und er streckte sich zu ihren Füßen hin, erschrocken und wütend heulend: »Sie bringen mich um! Zu Hilfe ... sie bringen mich um!« Martjanow hob langsam seinen Fuß, auf den Kopf des Kaufmanns zielend, und Objedok spie mit wollüstigem Ausdruck seiner Physiognomie dem Kaufmann ins Gesicht. Petunnikow machte ein kleines Häufchen aus sich und kollerte auf den Hof, lachend angespornt, indem er sich mit Händen und Füßen stützte. Auf dem Hofe erschienen aber schon zwei Polizisten, und der Pristav rief triumphierend, auf Kuwalda deutend: »Arretieren! Binden!« »Bindet ihn, Täubchen!« bat Petunnikow. »Wagt es nicht! Ich lauf' nicht davon ... ich geh' von selbst, wohin ich muß ...« sagte Kuwalda, die heraneilenden Polizisten abwehrend. Einzeln verschwanden die »ehemaligen Leute«. Ein Wagen fuhr auf den Hof. Einige traurige Zerlumpte schleppten bereits den Lehrer hinaus. »Ich werde dir, Täubchen ... warte!« drohte der Pristav Kuwalda. »Nun, was, Räuberhauptmann? ...« fragte Petunnikow hämisch, aufgeregt und glücklich beim Anblick des Feindes, dem die Hände gebunden wurden. »Was? Angelaufen? Wart', was noch wird! ...« Aber Kuwalda schwieg. Aufrecht und schrecklich stand er zwischen zwei Polizisten und sah zu, wie sie den Lehrer auf den Wagen luden. Der Mensch, welcher die Leiche unter den Schultern hielt, war von kleinem Wuchs und konnte den Kopf des Lehrers nicht in dem Moment niederlegen, als seine Beine schon auf den Wagen geworfen waren. Einen Moment sah es so aus, als wolle sich der Lehrer kopfüber aus dem Wagen stürzen und sich in der Erde vor all diesen bösen und dummen Menschen verstecken, die ihm keine Ruhe ließen. »Führt ihn,« kommandierte der Pristav, auf den Rittmeister zeigend. Ohne zu protestieren, bewegte sich Kuwalda schweigend, mit finster zusammengezogener Stirn, vom Hofe und neigte, als er beim Lehrer vorbeikam, den Kopf, doch ohne ihn anzusehen. Martjanow mit dem versteinerten Gesicht ging hinter ihm. Der Hof des Kaufmanns leerte sich schnell. »Zu!« schwenkte der Kutscher die Zügel über dem großen Pferde. Der Wagen setzte sich auf dem unebenen Boden des Hofes in rüttelnde Bewegung. Der Lehrer, mit irgendwelchen Lumpen zugedeckt, lag ausgestreckt, mit der Brust nach oben, darauf, und sein Leib zitterte. Es war, als lache er leise und zufrieden aus Freude darüber, daß er endlich das Asyl verläßt und niemals mehr dahin zurückkehrt, – niemals mehr ...« Petunnikow, der ihm mit den Blicken folgte, bekreuzte sich fromm und fing dann an, mit seiner Mütze den Staub und Schmutz, der an seinen Kleidern haftete, sorgfältig abzuklopfen. Und wie der Staub auf seinem Rock verschwand, erschien auf seinem Gesicht wieder der ruhige Ausdruck des Selbstvertrauens und der Zufriedenheit mit sich selbst. Vom Hofe aus konnte er sehen, wie der Rittmeister Aristid Fomitsch Kuwalda die Straße entlang nach dem Berge ging, die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, hoch und grau, in einer Mütze mit rotem Rande, gleich einem Blutstreifen. Petunnikow lächelte mit dem Lächeln des Siegers und ging ins Asyl, aber plötzlich blieb er zusammenfahrend stehen. In der Tür ihm gegenüber stand, mit einem Stock in der Hand und einem großen Sack auf dem Rücken, ein schrecklicher Greis, starrend in Lumpen, die seinen langen Körper bedeckten, gebeugt von der Schwere der Last, und den Kopf so auf die Brust gesenkt, als wolle er sich auf den Kaufmann stürzen. »Wer bist du?« rief Petunnikow. »Wer bist du?« »Ein Mensch ...« ertönte dumpf eine heisere Stimme. Petunnikow erfreute diese Stimme, und er beruhigte sich. Er lächelte sogar: »Ein Mensch! Ach du ... gibt's denn solche Menschen?« Und zur Seite tretend, ließ er den Alten an sich vorbei, der gerade auf ihn zuging und dumpf murmelte: »Verschiedene gibt's ... wie Gott will ... Und schlimmere als mich ... noch schlimmere gibt's ... ja!« Schweigend blickte der trübe Himmel auf den schmutzigen Hof und den reinlichen Menschen mit dem spitzen, grauen Bärtchen, der darüber ging und mit seinen Schritten und scharfen Augen etwas ausmaß. Auf dem Dach des alten Hauses saß eine Krähe und krächzte triumphierend, indem sie den Hals ausreckte und sich schüttelte. Etwas Gespanntes, Unerbittliches lag in den grauen, strengen Wolken, die dicht den Himmel bedeckten, als schickten sie sich an, sich in strömenden Regen zu verwandeln, fest entschlossen, allen Schmutz von dieser unglücklichen, gepeinigten, traurigen Erde zu waschen ... In der Steppe Wir verließen Perekop in der häßlichsten Seelenstimmung – hungrig wie Wölfe und böse auf die ganze Welt. Im Verlauf eines ganzen Tages hatten wir erfolglos alle unsere Talente und Anstrengungen in Anwendung gebracht, um etwas zu stehlen oder zu verdienen, und als wir uns endlich überzeugt hatten, daß uns weder das eine noch das andere gelang, entschlossen wir uns, weiterzugehen. Wohin? Überhaupt weiter. Das war der einstimmige und von uns einander ausgesprochene Entschluß, aber wir waren auch bereit, in allen Beziehungen auf dem Lebenspfade weiterzugehen, auf dem wir schon lange gingen, – das war ebenfalls von jedem von uns schweigend beschlossen, und wurde es auch nicht laut ausgesprochen, so blitzte es doch aus dem finsteren Glanze unserer hungrigen Augen. Wir waren unserer drei; erst unlängst waren wir bekannt geworden, als wir in Cherson, in einer Schenke am Ufer des Dnjepr, zusammentrafen. Einer von uns war Soldat beim Eisenbahnbataillon gewesen, dann – Wegemeister an einer der Weichselbahnen, ein rothaariger, muskulöser Mensch mit kalten, grauen Augen; er konnte Deutsch sprechen und verfügte über eine sehr genaue Kenntnis des Gefängnislebens. Unsereiner liebt es nicht, viel von seiner Vergangenheit zu sprechen, immer mehr oder minder triftige Gründe dafür habend, und deshalb glauben wir alle einander – wenigstens äußerlich; denn innerlich glaubt jeder von uns kaum sich selbst. Als unser zweiter Gefährte, ein dürres, kleines Männchen mit dünnen, immer skeptisch vorgeschobenen Lippen, von sich sagte, daß er ein ehemaliger Student der Moskauer Universität sei – nahmen der Soldat und ich das für ein Faktum. In Wirklichkeit war es uns entschieden gleich, ob er irgendwann Student, Spitzel oder Dieb gewesen war. Wichtig war nur, daß er im Moment unserer Bekanntschaft uns gleich war. Er hungerte, genoß die besondere Aufmerksamkeit der Polizei in den Städten und ein mißtrauisches Verhalten der Bauern in den Dörfern, haßte jene und diese mit dem Haß des ohnmächtigen, verjagten, hungrigen Tieres, träumte von einer Universalrache an allen und allem, – mit einem Worte, er war sowohl durch seine Position unter den Herren der Natur und Beherrschern des Lebens wie durch seine Stimmung unseres Feldes Frucht. Das Unglück – ist der dauerhafteste Zement für die Vereinigung der Naturen, selbst auch einander gerade entgegengesetzter; und von dem Rechte, uns für unglücklich zu halten, waren wir alle überzeugt. Der Dritte war ich. Aus Bescheidenheit, die mir seit meiner Jugend eigen ist, sage ich kein Wort von meinem Wert und schweige auch von meinen Fehlern, da ich nicht naiv zu erscheinen wünsche. Aber meinetwegen, als Material zu meiner Charakteristik sage ich, daß ich mich stets für besser als andre hielt und erfolgreich bis heute damit fortfahre. Und so hatten wir denn Perekop verlassen und gingen weiter, für diesen Tag die Schafhirten im Sinne habend, bei welchen man stets Brot erbitten kann, das sie wandernden Leuten sehr selten abschlagen. Ich ging neben dem Soldaten, der »Student« schritt hinter uns. Auf seinen Schultern hing etwas, das an ein Jackett erinnerte; auf dem spitzen, eckigen, glattgeschorenen Kopfe ruhte der Überrest eines breitkrempigen Hutes; graue Hosen mit verschiedenfarbigen Flicken umspannten seine dünnen Beine, und zu Sohlen hatte er mit Bindfäden, die aus dem Unterfutter seines Kostüms gedreht waren, einen auf dem Wege gefundenen Stiefelschaft eingerichtet; er nannte dies Sandalen und ging schweigend, viel Staub aufwerfend, mit hin und wieder aufglänzenden, grünlichen, kleinen Augen. Der Soldat war mit einem roten Hemd aus Kumatsch bekleidet, das er, seinen Worten nach, »eigenhändig« in Cherson erworben hatte; über dem Hemd hatte er noch eine warme, wattierte Weste; auf dem Kopfe trug er nach Soldatenart eine Militärmütze von unbestimmbarer Farbe; um die Beine baumelten weite Pluderhosen, wie ein Tschumak sie trägt. Er war barfuß. Ich war auch bekleidet und barfuß. Wir gingen, und um uns breitete sich nach allen Seiten mit Riesenschwung die Steppe aus und lag da, bedeckt von der schwülen, blauen Kuppel des wolkenlosen Sommerhimmels, wie eine ungeheure, runde, schwarze Schüssel. In breitem Streifen durchschnitt sie der graue, staubige Weg und sengte unsere Füße. Stellenweise gerieten wir auf borstige Streifen gemähten Getreides, die eine merkwürdige Ähnlichkeit mit den lange nicht rasierten Wangen des Soldaten hatten. Der Soldat ging und sang in heiserem Baß: ... Und deine heilige Auferstehung singen und rüh–ühmen wir ... In seiner Dienstzeit hatte er etwas wie das Amt eines Vorsängers in der Bataillonskirche gehabt und wußte eine zahllose Menge von Hymnen, Lobgesängen und Kirchenliedern, deren Kenntnis er jedesmal mißbrauchte, wenn unsere Unterhaltung aus irgendeinem Grunde nicht in Fluß kam. Vor uns, am Horizont, erstanden Figuren von weichen Umrissen, in freundlichen Schattierungen von lila zu zartrosa. »Augenscheinlich sind das die Krimschen Berge,« sagte der »Student« mit trockner Stimme. »Berge?« rief der Soldat aus, »du siehst sie sehr früh, Freund. Wolken sind es ... einfach Wolken. Siehst du, was für welche ... wie Moosbeerenkissél mit Milch ...« Ich bemerkte, daß es höchst angenehm wäre, beständen diese Wolken wirklich aus Kissél. Das erweckte plötzlich unsern Hunger – den Zorn unserer Tage. »Ach, Teufel!« schimpfte der Soldat los, indem er ausspuckte, »wenn einem doch eine lebende Seele in den Wurf käme! Aber niemand ... Man wird, wie die Bären im Winter, an den eigenen Tatzen saugen müssen ...« »Ich hab' gesagt, wir müßten nach bevölkerten Orten gehen,« sagte der »Student« belehrend. »Du hast gesagt!« ereiferte sich der Soldat. »Dafür bist du auch gelehrt, um zu sagen. Was für bevölkerte Orte gibt's hier denn? Weiß der Teufel, wo sie sind!« Der »Student« schwieg, die Lippen vorschiebend. Die Sonne ging unter, und die Wolken am Horizont spielten in verschiedenfarbigen, mit Worten nicht zu beschreibenden Farben. Es roch nach Erde und Salz. Und dieser trockene, schmackhafte Geruch steigerte unsern Appetit noch mehr. Im Magen sog es. Das war eine sonderbare und unangenehme Empfindung: es war, als liefen aus allen Muskeln des Körpers langsam die Säfte aus und verdunsteten, und als verlören die Muskeln ihre natürliche Geschmeidigkeit. Eine Empfindung stechender Trockenheit erfüllte Mundhöhle und Schlund, im Kopf wurde es trübe, und vor den Augen tauchten beständig vorüberhuschende, schwarze Flecke auf. Manchmal nahmen sie das Aussehen dampfender Stücke Fleisch oder Brotlaibe an; die Erinnerung versah diese »Erscheinungen des Vergangenen, diese stummen Erscheinungen«, mit den ihnen eigentümlichen Gerüchen, und dann war es, als drehe sich ein Messer im Magen um. Wir gingen dennoch, indem wir unsere Empfindungen einander beschrieben, scharf Umschau haltend, ob nicht irgendwo eine Schafherde zu erblicken war, und lauschend, ob sich nicht das Knarren einer Tatarenarbá hören ließ, die Früchte nach dem armenischen Markt brachte. Aber die Steppe war leer und lautlos. Am Vorabend dieses schweren Tages hatten wir zu dreien vier Pfund Roggenbrot und fünf Arbusen gegessen, aber wir waren an vierzig Werst gegangen – die Ausgabe stimmte nicht mit der Einnahme! – und, eingeschlafen auf dem Marktplatz von Perekop, wachten wir vor Hunger auf. Mit Recht hatte uns der Student geraten, uns nicht schlafen zu legen, sondern uns im Lauf der Nacht zu beschäftigen ... doch in anständiger Gesellschaft ist es nicht angebracht, laut von den Projekten der Verletzung des Eigentumsrechtes zu sprechen, und ich schweige. Ich will nur wahr sein, und in meinem Interesse liegt es nicht, grob zu sein. Ich weiß, daß die Leute in unsern hochkultivierten Tagen seelisch immer weicher werden, und selbst wenn sie ihren Nächsten an der Gurgel nehmen, mit der offenbaren Absicht, ihn zu erwürgen – so suchen sie dies mit der möglichsten Liebenswürdigkeit und mit Beobachtung allen im gegebenen Falle angebrachten Anstandes zu tun. Die Erfahrung meiner eigenen Gurgel veranlaßt mich, diesen Fortschritt der Sitten anzumerken, und mit dem angenehmen Gefühl der Überzeugung bestätige ich, daß sich alles in dieser Welt entwickelt und vervollkommnet. Im besondern wird dieser merkwürdige Prozeß schwerwiegend bestätigt durch die alljährliche Zunahme der Gefängnisse, Schenken und Häuser der Toleranz ... Und so gingen wir durch die öde, schweigende Steppe, hungrigen Speichel schluckend und uns bemühend, durch freundschaftliche Unterhaltung den Schmerz im Magen zu unterdrücken, gingen in den rötlichen Strahlen des Sonnenuntergangs, voll unbestimmter Hoffnung auf etwas; vor uns ging die Sonne unter, leise versinkend in weichen, freigebig von ihren Strahlen gefärbten Wolken, und hinter uns und an den Seiten verengerte bläulicher Nebel, der von der Steppe zum Himmel aufstieg, den uns umringenden, unfreundlichen Horizont. »Sammelt Material zum Feuer, Brüder,« sagte der Soldat, indem er irgendein Holzbröckchen vom Wege aufnahm. »Wir müssen in der Steppe übernachten ... es taut ... Getrockneten Kuhmist, Ruten, nehmt alles!« Wir gingen auseinander, abseits vom Wege, und fingen an, trocknes Steppengras und alles Brennbare aufzulesen. Jedesmal wenn wir uns niederbückten, erhob sich im ganzen Körper das leidenschaftliche Verlangen, auf die Erde zu fallen, unbeweglich zu liegen und diese schwarze fette Erde zu essen, zu essen bis zur Erschöpfung und dann einzuschlafen, ob auch für immer. Nur essen, kauen und fühlen, wie der warme, dicke Brei aus dem Munde langsam durch die ausgetrocknete Speiseröhre in den gierigen, zusammengepreßten Magen hinuntergleitet, der vor Verlangen, irgend etwas in sich einzusaugen, brennt. »Fände man wenigstens Wurzelzeug ...« seufzte der Soldat. »Es gibt solche eßbaren Wurzeln ...« Aber in der schwarzen, aufgepflügten Erde gab es keine Wurzeln. Die südliche Nacht brach schnell herein, und der letzte Sonnenstrahl war kaum erloschen, als am dunkelblauen Himmel schon die Sterne erglänzten, und dunkle Schatten sich immer dichter um uns zusammenzogen, die endlose Ebene der uns umfangenden Steppe verengernd ... »Brüder,« sagte der »Student« halblaut, »dort links liegt ein Mensch ...« »Ein Mensch?« zweifelte der Soldat. »Was hat der denn da zu liegen?« »Geh' und frag' ihn. Gewiß hat er Brot, wenn er sich in der Steppe hingelegt hat ...« erklärte der »Student«. Der Soldat blickte nach der Seite, wo der Mensch lag, und sagte, entschlossen ausspuckend: »Gehen wir zu ihm!« Nur die grünen, scharfen Augen des Studenten konnten unterscheiden, daß der dunkle Haufen, der sich etwa 50 Faden links vom Wege erhob, ein Mensch war. Wir gingen zu ihm, schnell über die Ackerklumpen schreitend, und fühlten, wie die in uns entstehende Hoffnung auf Essen den Schmerz des Hungers verschärfte. Wir waren schon nahe – der Mensch regte sich nicht. »Vielleicht ist es gar kein Mensch –« sprach der Soldat mürrisch den uns allen gemeinsamen Gedanken aus. Aber in demselben Augenblick wurde unser Zweifel zerstreut, denn der Haufen auf der Erde rührte sich plötzlich, wuchs, und wir sahen, daß es – ein wirklicher, lebendiger Mensch war, welcher kniete und die Hand gegen uns ausstreckte. Und er sprach zu uns mit dumpfer, bebender Stimme: »Kommt nicht heran – ich schieße!« In der trüben Luft ertönte ein trocknes und kurzes Knacken. Wir blieben stehen, wie auf Kommando, und schwiegen einige Sekunden, betäubt von diesem unliebenswürdigen Empfang. »Seht den Sch–schurken!« knurrte der Soldat ausdrucksvoll. »Nun ja,« sagte der »Student« nachdenklich. »Geht mit einem Revolver ... wie's scheint, ein Fisch mit Rogen ...« »He!« rief der Soldat, der sichtlich einen Entschluß gefaßt hatte. Der Mensch schwieg, ohne seine Haltung zu ändern. »He, du! Wir rühren dich nicht an ... gib uns nur Brot, ... vermutlich hast du was? Gib, Bruder, um Christi willen! ... Sei verflucht, du Hund!« Die letzten Worte sprach der Soldat in seinen Bart. Der Mensch schwieg. »Hörst du?« fing der Soldat von neuem mit einem Beben des Zorns und der Verzweiflung an zu sprechen. »Gib Brot, sage ich. Wir kommen nicht zu dir heran ... wirf es uns zu ...« »Gut ...« sagte der Mensch kurz. Er hätte zu uns »meine teuren Brüder!« sagen und in diese drei christlichen Worte alle heiligsten und reinsten Gefühle ergießen können, sie würden uns nicht so erregt und nicht so zu Menschen gemacht haben, wie dies dumpfe und kurze: »Gut!« »Hab' keine Angst vor uns, guter Mensch,« sagte der Soldat weich, mit einem süßen Lächeln auf dem Gesicht, obwohl der Mensch sein Lächeln nicht sehen konnte, denn er war durch einen Zwischenraum von mindestens zwanzig Schritten von uns getrennt. »Wir sind friedliche Leute ... gehen aus Rußland nach dem Kuban ... haben unterwegs Geld verloren ... alles aufgegessen, was wir haben ... und jetzt schon den zweiten Tag nichts gefressen ...« »Halt!« sagte der gute Mensch, indem er mit der Hand ausholte. Etwas Schwarzes flog vorbei und fiel nicht weit von uns auf den Acker. Der »Student« stürzte ihm nach. »Nochmals halt! Nochmals! Mehr hab' ich nicht ...« Als der Student diese originelle Gabe aufgesammelt hatte, zeigte es sich, daß wir an vier Pfund altbackenes Weizenbrot hatten. Es war mit Erde beschmutzt und sehr hart. Ersteres hinderte uns nicht, und das andere erfreute uns sehr. Altbackenes Brot sättigt mehr als weiches, es ist weniger Feuchtigkeit darin. »So ... und so ... und so!« teilte der Soldat die Stücke mit voller Gleichmäßigkeit. »Halt ... es ist nicht gleich! Gelehrter, dir muß ich ein Stückchen abzwacken, sonst hat er zu wenig ...« Der »Student« unterwarf sich widerspruchslos dem Verlust eines Brotstückchens von etwa fünf Solotnik Gewicht; ich erhielt es und steckte es in den Mund. Ich fing an zu kauen, langsam zu kauen, und konnte kaum die krampfhafte Bewegung der Kinnbacken aufhalten, die bereit waren, Steine zu zerkleinern. Es war mir ein scharfer Genuß, das hastige Zucken der Speiseröhre zu fühlen, und befriedigte sie allmählich, tropfenweise. Bissen auf Bissen, warm und unaussprechlich, unbeschreiblich schmackhaft, gelangte in den brennenden Magen, und es war, als verwandelten sie sich sogleich in Blut und Hirn. Freude, solch eine seltsame, stille und belebende Freude, erwärmte das Herz in dem Maße, wie sich der Magen füllte, und mein Gesamtzustand war einem Halbschlaf ähnlich. Ich vergaß diese verfluchten Tage chronischen Hungers und vergaß meine Gefährten, ganz vertieft in den Genuß der Empfindungen, die ich durchlebte. Aber als ich die letzten Brotkrümchen aus der hohlen Hand in den Mund geschüttet hatte, fühlte ich, daß ich ein unüberwindliches Verlangen zu essen hatte. »Der Verfluchte hat noch Speck oder Fleisch behalten ...« brummte der Soldat, der mir auf der Erde gegenübersaß und sich den Magen mit den Händen rieb. »Sicherlich, denn das Brot roch nach Fleisch ... Ja, und Brot hat er vermutlich auch noch ...« sagte der »Student« und fügte ganz leise hinzu: »Wäre nicht der Revolver ...« »Wer mag er sein? ah?« »Wie's scheint, auch einer von unsern Brüdern ...« »Ein Hund!« gab der Soldat den Ausschlag. Wir saßen dicht zusammengedrängt und schielten dahin, wo unser Wohltäter mit dem Revolver saß. Kein Ton, kein Lebenszeichen kam von dort zu uns. Die Nacht sammelte ihre dunklen Gewalten um uns. Todesstill war es in der Steppe – wir hörten einer des andern Atem. Manchmal ertönte das melancholische Pfeifen der Zieselmaus ... Sterne, die lebenden Himmelsblumen, funkelten über uns ... Uns verlangte zu essen. Mit Stolz sag' ich es – ich war nicht schlechter und nicht besser als meine zufälligen Gefährten in dieser einigermaßen seltsamen Nacht. Ich machte ihnen den Vorschlag, aufzustehen und zu dem Menschen zu gehen. Wir brauchten ihn ja nicht anzurühren, aber wir wollten ihm alles aufessen, was wir fänden. Er wird schießen – mag er! Von dreien trifft's nur einen, wenn es trifft; und trifft es auch, so verwundet eine Revolverkugel doch kaum tödlich. »Gehen wir!« sagte der Soldat, indem er aufsprang. Der »Student« erhob sich langsamer als er. Und wir gingen, fast liefen wir. Der »Student« hielt sich hinter uns. »Kamerad!« rief ihm der Soldat vorwurfsvoll zu. Ein dumpfes Murmeln und der scharfe Ton des knackenden Hahnes kam uns entgegen. Dann blitzte es auf, der trockne Knall eines Schusses erschallte. »Vorbei!« rief der Soldat froh, den Menschen mit einem Sprung erreichend. »Nun, Teufel, jetzt geb' ich's dir ...« Der »Student« stürzte sich auf den Quersack. Der Teufel aber fiel von den Knien auf den Rücken und röchelte, die Hände von sich streckend ... »Was, Teufel!« stutzte der Soldat, der schon den Fuß erhoben hatte, um dem Mann einen Stoß zu geben. »Hat er etwa auf sich geknallt? Du! Was ist dir? He! Hast du dich denn geschossen?« »Und Fleisch, und Fladen, und Brot ... viel, Bruder!« ließ sich die frohlockende Stimme des Studenten hören. »Nun, hol' dich der Teufel, krepiere ... Essen wir, Freunde!« rief der Soldat. Ich nahm den Revolver aus den Händen des Menschen, der schon aufgehört hatte zu röcheln und jetzt regungslos dalag. In der Trommel war nur noch eine Patrone. Wir aßen nochmals, aßen schweigend. Der Mensch lag auch und schwieg, ohne ein Glied zu rühren. Wir schenkten ihm keine Beachtung. »Liebe Brüder, wie? alles das war wirklich nur ums Brot?« ertönte plötzlich eine heisere und bebende Stimme. Wir fuhren zusammen. Der »Student« bekam sogar etwas in die Luftröhre und fing an zu husten, zur Erde gebückt. Der Soldat zerkaute sein Stück und fing an zu schimpfen. »Du Hundeseele, eins versetzen sollt' man dir, wie einem trocknen Klotz! Ziehen wir dir etwa das Fell ab? Wozu sollt' uns das? Halt' deine einfältige Schnauze, unsaubrer Geist! Ist bewaffnet und schießt auf die Leute! Du, Anathema ...« Er schimpfte und aß, wodurch das Geschimpf alle Kraft und Energie einbüßte. »Wart', wir essen alles auf, dann rechnen wir mit dir ab,« versprach der »Student« unheilkündend ... Da ließ sich in der Stille der Nacht ein wimmerndes Schluchzen hören, das uns erschreckte. »Brüder ... wußte ich denn? Ich schoß ... weil ich Angst habe. Ich gehe von Neu-Athon ... nach dem Smolensker Gubernium ... o–oh, Gott! Das Fieber hat mich erschöpft ... sobald die Sonne unterging ... das ist mein Unglück! Des Fiebers wegen bin ich auch von Athon fortgegangen ... ich ... bin Tischler ... Die Frau ist zu Hause ... zwei Mädelchen ... drei Jahr', im vierten, hab' ich sie nicht gesehn ... Brüder! Eßt ihr alles ...« »Wir essen alles auf, bitte nicht,« sagte der »Student«. »Herrgott! Wenn ich gewußt hätte, daß ihr friedliche, gute Leute seid ... hätte ich dann geschossen? Aber hier, Brüder, ist die Steppe, Nacht ... bin ich denn schuld? ah?« Er sprach und weinte, richtiger – gab ein zitterndes, schreckhaftes Gewimmer von sich. »Plärrt!« sagte der Soldat verächtlich. »Er muß Geld bei sich haben,« erklärte der »Student«. Der Soldat kniff die Augen zusammen, sah ihn an und lachte. »Worauf du nicht verfällst! Wißt ihr was, wir wollen das Feuer anstecken und schlafen ...« »Und er?« erkundigte sich der Student. »Hol' ihn der Teufel! Sollen wir ihn etwa braten?« »Eigentlich gehörte es sich,« schüttelte der »Student« seinen spitzen Kopf. Wir gingen nach dem von uns gesammelten Material, das wir dort hingeworfen hatten, wo uns der Tischler durch seinen drohenden Zuruf anhielt, holten es und saßen bald um das Feuer. Es brannte ruhig in der windstillen Nacht und erhellte in ihr den kleinen, von uns eingenommenen Raum. Der Schlaf überfiel uns, obwohl wir noch einmal Abendbrot hätten essen können. »Brüder!« rief uns der Tischler zu. Er lag etwa drei Schritte von uns, und dann und wann war es mir, als flüstere er etwas. »Ja?« sagte der Soldat. »Kann ich zu euch ... ans Feuer? Ich muß sterben ... in all meinen Gliedern reißt es ... Gott! ich komm' gewiß nicht nach Hause ...« »Kriech' her,« erlaubte der Student. Langsam, als fürchte er, einen Arm oder ein Bein zu verlieren, rückte der Tischler auf der Erde an das Feuer heran. Er war ein großer, schrecklich abgemagerter Mann; alles baumelte gleichsam an ihm, und die großen, trüben Augen spiegelten den ihn verzehrenden Schmerz wieder. Sein verzerrtes Gesicht war knochig, und selbst bei der Beleuchtung des Feuers hatte es eine gelblich-grünliche Totenfarbe. Er zitterte am ganzen Leibe und erweckte ein verächtliches Mitleid. Seine langen, mageren Hände nach dem Feuer ausstreckend, rieb er seine knochigen Finger, und ihre Gelenke bogen sich matt und langsam. Schließlich wurde es einem zuwider, ihn anzusehen. »Warum gehst du in solchem Zustand zu Fuß? – Bist du geizig?« fragte der Soldat mürrisch. »Mir wurde geraten ... reise nicht zu Wasser, sagten sie ... sondern durch die Krim, da ist Luft, sagten sie. Aber ich kann nicht gehen ... ich sterbe, Brüder! Sterbe allein in der Steppe ... Vögel zerhacken mich, und niemand erfährt es ... Frau ... und Töchterchen werden warten ... ich hab' ihnen geschrieben ... aber meine Knochen wird der Steppenregen waschen ... Gott, Gott!« Er wimmerte auf mit dem bangen Geheul eines verwundeten Wolfes. »O, Teufel!« geriet der Soldat außer sich und sprang auf. »Was plärrst du? Was läßt du den Leuten keine Ruhe? Du krepierst? Nu, krepier', aber schweig' ... Wer braucht dich? Schweig'!« »Gib ihm eins an den Schädel,« schlug der »Student« vor. »Wir wollen uns hinlegen und schlafen,« sagte ich ... »Und du, wenn du am Feuer sein willst, heul' nicht, wirklich ...« »Hast du gehört?« sagte der Soldat grimmig. »Ja, merk' es dir. Du denkst, wir werden dich bedauern und uns mit dir placken dafür, daß du uns das Brot hingeworfen und mit der Kugel nach uns geschossen hast? Du saurer Teufel! Andere würden ... pfui ...« Der Soldat schwieg und streckte sich auf der Erde aus. Der Student lag schon. Ich legte mich auch. Der erschrockene Tischler zog sich in einen Klumpen zusammen, und an das Feuer rückend, sah er schweigend hinein. Ich lag rechts von ihm und hörte, wie seine Zähne klapperten. Der »Student« lag links und war, wie es schien, gleich eingeschlafen, in einen Klumpen zusammengezogen. Der Soldat hatte die Hände unter den Kopf gelegt, lag mit dem Gesicht nach oben und sah den Himmel an. »Welch eine Nacht, ah? So viele Sterne ... solche Wärme ...« wandte er sich nach einer Weile an mich. »Welch ein Himmel – eine Decke, kein Himmel. Freund, ich liebe dies Wanderleben. Es ist kalt, es ist hungrig, aber frei ist es sehr ... Kein Vorgesetzter über einem ... man ist sein eigner Herr ... Beiß' dir meinetwegen den Kopf ab – niemand hat dir ein Wort zu sagen ... Das ist gut ... Ich hab' diese Tage gehungert, war böse ... aber jetzt lieg' ich da und seh' in den Himmel ... Die Sterne blinzeln mir zu ... gleich als wollten sie sagen: tut nichts, Lakutin, kehr' dich an nichts, durchwandre die Erde und unterwirf dich keinem ... N–ja ... Und wohl ist's einem ums Herz ... Und du ...? he, Tischler! Sei nicht böse auf mich und fürchte nichts ... Daß wir dein Brot verzehrt haben, ist nichts – Du hattest Brot, und wir hatten keins, da haben wir das deine gegessen ...! Und du schießest auf uns, wilder Mensch ... Weißt du denn nicht, daß die Kugel einem Menschen Schaden tun kann? Vorhin war ich sehr ärgerlich auf dich, und wärst du nicht gefallen, hätt' ich dir für deine Frechheit eins versetzt, Bruder. Aber was das Brot anbetrifft – morgen kommst du nach Perekop und kaufst dir was – du hast Geld ... ich weiß ... Hast du das Fieber schon lange?« Noch lange summte in meinen Ohren der Baß des Soldaten und die bebende Stimme des kranken Tischlers. Dunkel, fast schwarz senkte sich die Nacht immer tiefer auf die Erde hernieder, und frische, kräftige Luft ergoß sich in die Brust. Gleichmäßiges Licht und belebende Wärme gingen von dem Feuer aus ... Die Augen fielen zu, und vor ihnen, durch den Schlummer, schwebte etwas Beruhigendes, Läuterndes.   »Steh' auf! Rasch! Wir wollen gehen!« Mit einem Gefühl des Schreckens öffnete ich die Augen und sprang auf die Füße, wobei der Soldat half, der mich kräftig am Arm von der Erde emporzog. »Nun rasch! Vorwärts!« Sein Gesicht war finster und aufgeregt. Ich sah mich um. Die Sonne ging auf, und ein rosiger Strahl lag schon auf dem unbeweglichen, blauen Gesicht des Tischlers. Sein Mund war offen, die Augen, weit aus den Höhlen getreten, hatten einen gläsernen Blick, der Entsetzen ausdrückte. Seine Kleidung war auf der Brust ganz zerrissen, und er lag in unnatürlich-gebrochner Haltung. Der »Student« war nicht da. »Nun, hast du dich satt gesehen? Komm, sage ich!« sprach der Soldat eindringlich, mich an der Hand fortziehend. »Er ist tot?« fragte ich, von der Morgenfrische durchschauert. »Allerdings. Erwürgt man dich, bist du auch tot,« erklärte der Soldat. »Der Student ... hat ihn ...?« rief ich aus. »Nun, was denn? Du vielleicht? Oder sonst ich? Wie? Da haben wir den Gelehrten ... ist schnell mit dem Menschen fertig geworden ... und uns hat er gut reingelegt ... Hätt' ich das gewußt, gestern hätt' ich den Studenten niedergeschlagen ... Niedergeschlagen mit einem Streich. Mit einem Schlag meiner Faust in die Schläfe ... und ein Schurke war' weniger in der Welt. Begreifst du, was er gemacht hat? Jetzt müssen wir so gehen, daß kein menschliches Auge uns in der Steppe sieht. Verstanden? Denn sie finden heut den Tischler und sehen –, er ist erwürgt und beraubt. Und unsereiner wird beobachtet: Woher kommst du, wo hast du genächtigt? Nun – und wir werden aufgegriffen ... Obwohl wir beide nichts haben ... aber seinen Revolver hab' ich in der Brusttasche. Das ist 'n Stück!« »Wirf ihn fort,« riet ich dem Soldaten. »Fortwerfen?« sagte er nachdenklich ... »Es ist ein wertvolles Ding ... Vielleicht werden wir auch nicht aufgegriffen ... Nein, ich werf' ihn nicht weg ... wer kann wissen, daß der Tischler eine Waffe hatte? Ich werf' ihn nicht weg ... Er kostet wohl drei Rubel. Eine Kugel ist drin ... ach, ach! Hätt' ich diese Kugel doch unserm lieben Kameraden ins Ohr geschossen ... Wieviel Geld mag er geraubt haben, der Hund, ah? Anathema!« »Und des Tischlers Töchterchen ...« sagte ich. »Töchterchen? Welche? Ach, von diesem ... Nun, sie werden groß, uns heiraten sie nicht, von ihnen ist nicht die Rede ... Gehen wir schnell, Bruder ... Wohin wollen wir?« »Ich weiß nicht ... Ganz gleich.« »Ich weiß auch nicht, und weiß, daß es ganz gleich ist. Laß uns rechts gehen ... da muß das Meer sein.« Wir gingen rechts. Ich wandte mich zurück. Fern von uns in der Steppe erhob sich ein dunkles Hügelchen, und über ihm strahlte die Sonne. »Siehst du, ob er nicht auferstanden ist? Hab' keine Angst, er holt uns nicht ein ... Der Gelehrte – ein geriebner Bursche, wie's scheint, – hat es gründlich besorgt ... Ja, das ist ein Kamerad! Tüchtig hat er uns reingelegt! Ach, Bruder! Die Leute werden schlechter, von Jahr zu Jahr werden sie schlechter!« sagte der Soldat traurig. Ganz von heller Morgensonne übergossen, breitete sich die Steppe, die schweigende, öde, um uns aus, am Horizont mit dem Himmel zusammenfließend, einem so hellen, so freundlichen, so freigebigen Himmel, daß inmitten der erhabenen Weite dieser freien, von dem strahlenden Lichtglanze bedeckten Ebene jede schwarze und ungerechte Tat unmöglich schien. »Und essen möcht' man, Bruder!« sagte der Soldat, indem er sich eine Zigarette aus Bauerntabak drehte. »Was werden wir heut essen und wo und wie?« Ein Rätsel! Hiermit beendete der Erzähler – mein Nachbar auf der Schlafbank eines Krankenhauses – seine Geschichte, indem er zu mir sagte: »Das ist alles. Ich befreundete mich sehr mit diesem Soldaten, und wir gingen zusammen bis nach Kars. Es war ein guter und sehr erfahrener Bursche, der Typus eines Barfüßer-Landstreichers. Ich achtete ihn. Bis nach Klein-Asien gingen wir zusammen, und dort verloren wir einander ...« »Denken Sie manchmal an den Tischler?« fragte ich. »Wie Sie sehen oder – wie Sie gehört haben.« »Und welche Gefühle haben Sie bei diesem Gedanken?« Er fing an zu lachen. »Was sollte ich dabei fühlen? Ich habe an dem, was mit ihm geschah, keine Schuld, wie Sie keine Schuld daran haben, was mir geschehen ist ... Und keiner hat Schuld an etwas, denn wir alle sind gleicherweise – Vieh.« Freunde Einer von ihnen wurde Tanzfuß genannt, der andere – der Zuversichtliche, und der Art ihrer Beschäftigung nach waren beide Diebe. Sie wohnten am Rande der Stadt, in der Vorstadt, die seltsam verstreut in einer Schlucht lag, in einer der alten, baufälligen Hütten, die, aus Lehm und halbverfaultem Holz geformt, einem Haufen Bauschutt glichen, der in die Schlucht hingeworfen war. Stehlen gingen die Freunde in die der Stadt naheliegenden Dörfer, denn in der Stadt ist das Stehlen schwer, und in dem Vorstädtchen bei den Nachbarn war nichts zu stehlen. Beide waren vorsichtige und bescheidene Burschen: – sie schleppten ein Stück Leinwand, einen Kittel oder ein Beil, ein Geschirr, ein Hemd oder ein Huhn fort, und dann besuchten sie lange nicht wieder jenes Dorf, in dem es ihnen gelungen war, etwas zu erwischen. Doch ungeachtet dieser klugen Handlungsweise kannten die Bauern der Umgegend sie sehr wohl und drohten, sie bei Gelegenheit totzuschlagen. Aber diese Gelegenheit bot sich den Bauern nicht, und die Knochen der beiden Freunde blieben heil, obwohl die Freunde die Drohungen der Bauern schon sechs Jahre lang hörten. Tanzfuß war ein Mensch von etwa vierzig Jahren, hoch, gebückt, mager und sehnig. Beim Gehen hielt er den Kopf gesenkt; die langen Arme auf den Rücken gelegt, nicht eilig, aber weit ausschreitend, sah er sich beständig mit besorgt zusammengekniffenen, unruhig spähenden Augen um. Das Kopfhaar schor er, den Bart rasierte er ab; ein dicker, schwarzgrauer, militärischer Schnurrbart bedeckte seinen Mund und verlieh dem Gesicht einen grimmigen, finsteren Ausdruck. Sein linkes Bein mußte er einmal entweder verrenkt oder gebrochen haben, und es war so geheilt, daß es länger als das rechte war; wenn er es beim Gehen hob, hüpfte es in die Luft und machte eine Seitenschwenkung; diese Eigentümlichkeit seines Ganges hatte ihm auch den Beinamen gegeben. Der Zuversichtliche war um etwa fünf Jahre älter als sein Gefährte, kleiner von Wuchs und breiter in den Schultern. Aber er hustete oft und dumpf, und sein Gesicht mit den vorstehenden Backenknochen, bewachsen mit einem großen, schwarzen, ergrauenden Barte, war von krankhaft gelblicher Färbung. Seine Augen waren groß und schwarz und hatten einen schuldvollen, aber freundlichen Blick. Beim Gehen rundete er die dicken Lippen herzförmig und pfiff leise irgendeine einförmige, traurige Melodie, stets dieselbe. Um seine Schultern baumelte ein kurzes Kleidungsstück aus verschiedenfarbigen Lumpen – eine Art wattierter Joppe. Tanzfuß hingegen trug einen langen, grauen Kaftan mit einem Gurt. Der Zuversichtliche war Bauer, sein Gefährte – Sohn eines Küsters, ehemaliger Lakai und Kellner. Sie wurden immer zusammen gesehen, und die Bauern sagten bei ihrem Anblick: »Die Freunde sind wieder da ... seht sie beide!« »Ach, die Teufel!« »Wann werden sie verrecken?!« Die Freunde aber gingen irgendeinen Landweg, scharf Umschau haltend und Begegnungen ausweichend. Der Zuversichtliche hustete und pfiff sein Lied, und der Fuß seines Gefährten tanzte in der Luft, als wolle er sich losreißen und dem gefährlichen Pfade seines Herrn entfliehen. Oder sie lagen irgendwo am Waldessaum im Roggen, in einem Hohlweg, und sprachen leise davon, wie sie etwas stehlen könnten, um zu essen. Selbst die Wölfe – die mehr und besser zum Kampfe um ihr Leben befähigt sind, als die beiden Freunde – leben im Winter schlecht. Abgemagert, hungrig und böse treiben sie sich auf den Wegen umher, und werden sie auch getötet, so fürchtet man sie doch auch: sie haben ihre Klauen und Zähne zur Selbstverteidigung, und – die Hauptsache – ihre Herzen sind durch nichts erweicht. Letzteres ist sehr wichtig, denn um im Kampfe um die Existenz zu siegen, muß der Mensch entweder viel Verstand oder das Herz eines wilden Tieres haben. Im Winter erging es den beiden Freunden schlimm; oft gingen beide abends auf die Straßen der Stadt und baten um Almosen, wobei sie sich bemühten, nicht der Polizei vors Gesicht zu kommen. Sehr selten gelang es ihnen, etwas zu stehlen; die Zeit war nicht geeignet, auf die Dörfer zu gehen, denn es war kalt, und auf dem Schnee blieben Spuren, und zwecklos war es auch, denn in den Dörfern war alles verschlossen und verschneit. Mit dem Hunger kämpfend, verloren die Gefährten viel Kraft im Winter, und niemand erwartete vielleicht so sehnsüchtig den Frühling, wie sie ihn erwarteten ... Und endlich kam der Frühling. Entkräftet und krank kletterten die Gefährten aus ihrer Schlucht heraus und blickten froh auf die Felder, wo mit jedem Tage schneller der Schnee schmolz, wo sich braune, abgetaute Stellen zeigten, Pfützen wie Spiegel erglänzten und Bächlein munter rieselten. Die Sonne ergoß ihre uneigennützigen Liebkosungen auf die Erde, und beide Freunde wärmten sich in ihren Strahlen, erwägend, wie bald die Erde trocknen könne, und wann endlich sie »auf Jagd« in die Dörfer gehen könnten. Oft weckte der Zuversichtliche, der an Schlaflosigkeit litt, früh am Morgen seinen Freund auf und verkündete ihm freudig: »He! Steh auf ... die Saatkrähen sind da!« »Sind da?« »Wahrhaftig! Hörst du, wie sie lärmen?« Aus ihrer Hütte hervorkommend, verfolgten sie lange und aufmerksam, wie die schwarzen Frühlingsboten geschäftig neue Nester bauten und die alten ausbesserten, die Luft mit ihrem lauten, besorgten Gekrächz erfüllend ... »Jetzt ist die Reihe an den Lerchen,« sagte der Zuversichtliche und machte sich daran, ein altes, halbverfaultes Netz auszubessern. Die Lerchen erschienen; da gingen die Gefährten aufs Feld, stellten das Netz an einer abgetauten Stelle auf und jagten, naß und schmutzig über das Feld laufend, die hungrigen, auf der feuchten, eben erst vom Schnee befreiten Erde Futter suchenden, vom Fluge ermatteten Vögel in das Netz. Hatten sie Vögel gefangen, so verkauften sie sie für fünf oder zehn Kopeken das Stück. Dann kamen die Nesseln, die sie sammelten und den Gemüsehändlerinnen auf den Markt brachten. Fast jeder Frühlingstag gab ihnen etwas Neues, einen neuen, wenn auch kleinen Verdienst. Aus allem wußten sie Nutzen zu ziehen: Osterpalmen, Sauerampfer, Champignons, Erdbeeren, Pilze – nichts entging ihren Händen. Waren die Soldaten zum Schießen gegangen, so durchwühlten die Freunde nach Beendigung des Schießens die Wälle, um Kugeln zu suchen, die sie dann für 12 Kopeken das Pfund verkauften. Erlaubten auch alle diese Beschäftigungen den Freunden nicht, Hungers zu sterben, so gewährten sie ihnen doch sehr selten die Möglichkeit, das Gefühl der Sattheit zu genießen, das angenehme Gefühl des vollen Magens und seiner heißen Arbeit mit der verschluckten Nahrung. Einmal im April, als eben erst die Knospen auf den Bäumen zu schwellen anfingen, die Wälder von bläulichgrauer Dämmerung umzogen dastanden und auf den schwarzbraunen, fetten, sonnenbeschienenen Feldern das erste Gras hervorbrach, – gingen die Freunde auf der großen Landstraße dahin und unterhielten sich, selbstangefertigte Zigaretten aus Bauerntabak rauchend. »Dein Husten wird immer schlimmer ....« sagte Tanzfuß ruhig vorbeugend zu seinem Gefährten. »Darauf spuck' ich! ... Durchwärmt mich die liebe Sonne – leb' ich auf ....« »Hm .... Sonst wär's besser, wenn du ins Krankenhaus gingst ....« »So! Was soll ich da? Muß ich sterben, sterb' ich auch so.« »Das gewiß ...« Sie gingen auf der Landstraße an Birken vorüber und die Birken warfen die gemusterten Schatten ihrer feinen Zweige auf sie. Sperlinge hüpften munter zwitschernd auf dem Wege umher. »Mit deinem Gehen ist es schlechter geworden,« bemerkte Tanzfuß, nachdem er eine Weile geschwiegen. »Das kommt, weil mir die Luft knapp ist ...« erklärte der Zuversichtliche. »Die Luft ist jetzt dick und feucht, 'ne fette Luft, und die wird mir schwer, zu schlucken ...« Und stehenbleibend, fing er an zu husten. Tanzfuß stand daneben, rauchte und sah ihn ungewiß an. Sich in einem Hustenanfall schüttelnd, rieb der Zuversichtliche seine Brust mit den Händen, und sein Gesicht wurde blau. »Das reißt tüchtig in den Luftröhren ...« sagte er, als er zu husten aufgehört. Und sie gingen weiter, die Sperlinge verscheuchend. »Jetzt machen wir uns nach Muchina auf ...« fing Tanzfuß an, nachdem er die Zigarette fortgeworfen und ausgespuckt hatte. »Wir gehen um die Hinterhöfe herum ... vielleicht überrumpeln wir was ... Vom Simzower Wäldchen weiter nach Kusnetschicha ... Von Kusnetschicha biegen wir nach Markowka ab ... und dann nach Hause ...« »Das sind an 30 Werst zu gehen,« sagte der Zuversichtliche. »Wenn's nur nicht umsonst ist ...« Links vom Wege stand ein Wald, einförmig dunkel und unfreundlich; zwischen seinen nackten Zweigen gab es noch kein einziges grünes Fleckchen, das dem Auge wohlgetan hätte. Am Rande graste ein kleines, rauhes, struppiges Pferdchen mit eingefallenen Seiten; sein Gerippe zeichnete sich so deutlich ab, wie die Reifen an einem Faß. Die Gefährten blieben wieder stehen und sahen lange zu, wie es langsam die Füße setzte, den Kopf zur Erde herunterbog, und mit den Lippen gelbe Hälmchen erfassend, sie langsam mit den abgenützten, gelben Zähnen kaute. »Auch halb verhungert!« bemerkte der Zuversichtliche. »Prr, prr!« lockte Tanzfuß. Das Pferd sah ihn an, schüttelte verneinend den Kopf und senkte ihn wieder zur Erde. »Es will nicht zu dir,« erklärte der Zuversichtliche mit matter Bewegung. »Gehen wir! ... Wenn wir es ... zu den Tataren brächten – sieben Rubel gäben sie am Ende ...« sagte Tanzfuß nachdenklich. »Das geben sie nicht. Was haben sie davon?« »Und die Haut?« »Die Haut? Wer gibt denn soviel für die Haut? Drei Rubel für die Haut.« »So, so!« »Aber was hat es denn für 'ne Haut? Das ist wie 'n alter Fußlappen, aber keine Haut ...« »Etwas geben sie doch ...« »Ja, das ist gewiß! ...« Tanzfuß sah seinen Gefährten an und sagte, stehenbleibend: »Nun?« »Die Sache ist bedenklich ...« antwortete der Zuversichtliche unentschlossen auf den Zuruf. »Wieso?« »Ja, die Spuren ... die Erde ist feucht ... es wird zu sehen sein, wohin es geführt wurde ...« »Wir ziehen ihm Bastschuhe an ...« »Wie du willst ...« »Auf denn! Wir treiben es in den Wald und warten dort in der Schlucht die Nacht ab ... Und nachts bringen wir's heraus und treiben es zu den Tataren. Von hier ist's nicht weit – drei Werst ungefähr ...« »Nun denn!« nickte der Zuversichtliche mit dem Kopfe, – gehen wir! Einen Blauen in die Hände ... Wenn nur nicht ...« »Es wird nichts geschehen!« sagte Tanzfuß überzeugt. Sie bogen vom Wege ab und gingen, sich nach allen Seiten umsehend, in den Wald. Das Pferd sah sie an, schnaufte und machte sich von neuem daran, das fahle Gras abzurupfen. Im Grunde der tiefen Waldschlucht war es feucht, still und dämmerig. Das Rieseln des Baches tönte durch die Stille, einförmig und schwermütig, wie eine Klage. Von den steilen Abhängen der Schlucht hingen die nackten Zweige der Haselsträucher, des Wachholders und Geißblatts hernieder; hier und da ragten aus der Erde die von den Frühlingsgewässern herausgewaschenen Wurzeln hilflos hervor. Der Wald war noch tot; die Abenddämmerung erhöhte die leblose Einförmigkeit seiner Farben, und sein melancholisches Schweigen erfüllte ihn mit dem düsteren und feierlichen Frieden des Kirchhofs. Die Freunde saßen hier schon lange in der Stille und der feuchten Dämmerung unter einer Espengruppe, die samt einer großen Erdscholle auf den Grund der Schlucht herabgerutscht war. Ein kleines Feuer brannte hell vor ihnen, und sie warfen, sich an dem Feuer die Hände wärmend, nach und nach Reisig hinein, besorgt, daß das Feuer gleichmäßig brannte und keinen Rauch gab. Unweit von ihnen stand das Pferd. Sie hatten ihm das Maul mit einem Ärmel verbunden, der von den Lumpen des Zuversichtlichen abgerissen war, und es mit dem Zügel an einen Baumstamm gebunden. Am Feuer hockend, sah der Zuversichtliche nachdenklich hinein und pfiff sein Lied; sein Gefährte hatte ein Bündel Weidenruten geschnitten, flocht aus ihnen einen Korb und schwieg, mit seiner Arbeit beschäftigt. Die melancholische Weise des Baches und das leise Pfeifen des glücklosen Menschen flossen in einen Akkord zusammen und zogen durch das Schweigen des Abends und des Waldes; manchmal knisterten die Reiser im Feuer und zischten, als seufzten sie vor Mitgefühl mit dem Leben, einem langsameren und deshalb qualvolleren als ihr Feuertod. »Wie denn ... gehen wir bald?« fragte der Zuversichtliche. »Noch ist's zu früh ... Wenn es erst ganz dunkel ist, dann gehen wir ...« antwortete Tanzfuß, ohne den Kopf von seiner Arbeit zu erheben. Der Zuversichtliche seufzte und fing an zu husten. »Was ist dir? Friert dich denn?« fragte sein Gefährte nach einer langen Pause. »N–nein ... mir ist so bang' ...« »Du bist mir einer!« schüttelte Tanzfuß den Kopf. »Das Herz tut weh ...« »Die Krankheit ...« »Das kann wohl sein ... Vielleicht aber auch was andres.« Tanzfuß schwieg eine Weile und sagte: »Denke nur nicht ...« »Woran?« »Nun, an alles ...« »Siehst du,« erwiderte der Zuversichtliche plötzlich, – »ich kann nicht anders. Seh' ich es an,« – er machte eine Handbewegung nach dem Pferde, »seh ich und denke, – ich hatte auch eben solches ... Es war ein Schmutzfink, aber in der Wirtschaft ausgezeichnet! Eine Zeitlang hatte ich sogar ein Paar ... tüchtig hab' ich damals gearbeitet! ...« »Und was hast du erarbeitet?« fragte Tanzfuß kalt und kurz. »Das kann ich nicht an dir leiden ... Du führst ein freies Leben und stöhnst ... wozu das?« Schweigend warf der Zuversichtliche eine Handvoll kleingebrochener Zweige ins Feuer und sah zu, wie die Funken aufflogen und in der feuchten Luft erloschen. Seine Augen blinzelten häufig, und über sein Gesicht huschten Schatten. Dann wandte er den Kopf dahin, wo das Pferd stand, und betrachtete es lange. Es stand unbeweglich, wie in die Erde gegraben; sein Kopf, durch die Umhüllung entstellt, war traurig gesenkt. »Urteilen muß man einfach,« sagte Tanzfuß hart und eindringlich. »Unser Leben ist – Tag und Nacht ... und vierundzwanzig Stunden sind weg! Haben wir was zu essen – gut; haben wir nichts – was hilft das Greinen ... es führt zu nichts ... Aber wie du anfängst ... da wird einem vom Hören schlimm. Das ist von der Krankheit.« »Es mag sein, daß es von der Krankheit ist ... pflichtete der Zuversichtliche leise bei; aber nachdem er eine Weile geschwiegen, fügte er hinzu: »Vielleicht auch vom schwachen Herzen.« »Und das Herz von der Krankheit ...« erklärte Tanzfuß kategorisch. Er biß eine Rute mit den Zähnen durch, holte aus, durchschnitt damit pfeifend die Luft und sagte streng: »Sieh, ich bin gesund – und nichts davon hab' ich.« Das Pferd trat von einem Fuß auf den andern; irgendein Ast krachte; Erde fiel plumpsend in den Bach und brachte neue Noten in seine leise Melodie. Dann flatterten zwei Vögelchen auf und flogen, unruhig zwitschernd, die Schlucht entlang. Der Zuversichtliche sah ihnen nach und sagte leise: »Was sind das für Vögel? Wenn es Stare sind, – die haben nichts im Walde zu tun ... Sie halten sich mehr bei Wohnungen auf. Seidenschwänze können es sein ...« »Nun, laß sie!« »Das gewiß,« pflichtete der Zuversichtliche bei und seufzte dabei schwer. In Tanzfuß' Händen ging die Arbeit schnell vonstatten: er hatte schon den Boden geflochten und wölbte geschickt die Seiten. Er schnitt die Ruten mit dem Messer, durchbiß sie mit den Zähnen, bog sie, band sie, schnell die Finger bewegend, stieß dabei die Luft durch die Nase und sträubte den Schnurrbart. Der Zuversichtliche sah bald ihn, bald das Pferd an, das in seiner bekümmerten Haltung wie versteinert schien, bald den fast nächtlichen, aber sternenlosen Himmel. »Plötzlich vermißt der Bauer sein Pferd,« fing er auf einmal mit sonderbarer Stimme an zu sprechen, »und es ist nicht da ... hierhin – dahin – kein Pferdchen ist da!« Und er fuhr mit den Armen durch die Luft. Sein Gesicht sah dumm aus, und die Augen blinzelten so stark, als sähe er auf etwas Grelles, das plötzlich vor ihm aufgeflammt war. »Wozu das?« fragte Tanzfuß finster. »Mir fiel eine Geschichte ein ...« sagte der Zuversichtliche schuldbewußt. »Welche?« »Ja ... so geschah es auch mal, daß sie ein Pferd fortbrachten ... meinem Nachbar, – Michail hieß er ... ein großer Bauer war es – pockennarbig ...« »Nun?« »Nun, es war eben fortgebracht ... Auf der Wintersaat hatte es geweidet und – war nicht mehr da! Als Michail hörte, daß er kein Pferd mehr hatte, wie stürzt' er da auf die Erde, und wie fing er an zu heulen. Ach, du Bruder mein, wie heult' er da! ... und fiel hin ... als wären ihm die Beine gebrochen.« »Nun?« »Nun ... lange lag er so ...« »Und was geht dich das an?« Der Zuversichtliche wich bei der schroffen Frage des Gefährten zurück und antwortete zaghaft: »Ja, ich hab' so ... dran denken müssen ... weil ohne Pferd der Bauer verloren ist!« »Hör', was ich dir sage,« fing Tanzfuß streng an, indem er den Zuversichtlichen fest ansah, »das laß sein! Solch Reden hat keinen Sinn ... Verstanden? Nachbar Michail! Das geht dich doch nichts an.« »Aber es tut einem doch leid,« entgegnete der Zuversichtliche, indem er die Achseln zuckte. »Leid? Sei unbesorgt, wir tun niemand leid.« »Das versteht sich! ...« »Nun, dann schweig' also ... Wir müssen bald gehen.« »Bald?« »Nun ja ...« Der Zuversichtliche rückte an das Feuer, rührte mit einem Stock darin umher und sagte, indem er Tanzfuß, der sich wieder in seine Arbeit vertieft hatte, einen schiefen Blick zuwarf, leise und bittend: »Wir wollen es lieber lassen ...« »Solch eine niederträchtige Natur, wie du hast!« rief Tanzfuß bekümmert. »Ja, wahrhaftig!« sagte der Zuversichtliche leise und überzeugend. »Bedenke doch, es ist ja gefährlich! Wir müssen uns ja doch an vier Werst mit ihm schleppen ... Und wenn es die Tataren nicht nehmen? Was dann?« »Das ist meine Sache!« »Wie du willst! Aber besser wär's, es zu lassen ... laß es laufen ... Sieh, es ist halb krepiert!« Tanzfuß schwieg, nur seine Finger bewegten sich schneller. »Was würden sie in dem Falle geben?« sprach der Zuversichtliche langsam aber hartnäckig weiter. »Und jetzt ist die beste Zeit ... Bald wird's dunkel, – wir könnten die Schlucht entlang gehen und kämen bei Dubenka heraus ... gib acht, und erwischten etwas Handliches.« Des Zuversichtlichen eintönige Rede, die sich mit dem Rauschen des Baches einte, zog durch die Schlucht und erzürnte den fleißigen Tanzfuß. Er schwieg, die Zähne zusammenbeißend, und vor Aufregung zerbrachen die Ruten unter seinen Fingern. »Jetzt bleichen die Weiber die Leinwand ...« Das Pferd schnaufte heftig und wurde unruhig. Von der Dunkelheit umhüllt, sah es noch unförmlicher und jämmerlicher aus. Tanzfuß sah es an und spuckte ins Feuer ... »Federvieh ist jetzt auch draußen ... auf den Pfützen – Gänse ...« »Bist du bald fertig, Teufel?« fragte Tanzfuß zornig. »Wahrhaftig! ... Sei mir nicht böse, Stephan ... Lassen wir's zum Teufel laufen! Wirklich!« »Hast du heut gefressen?« rief Tanzfuß. »N-nein ...« antwortete der Zuversichtliche verwirrt, durch des Gefährten Rede erschreckt. »Nun, zum Teufel mit dir! Verdorre du ... Ich spuck' darauf ...« Der Zuversichtliche blickte ihn an. Nachdem Tanzfuß einen Haufen Ruten zusammengesucht hatte, band er sie in ein Bündel zusammen und pfiff ärgerlich dabei. Der Schein des Feuers fiel auf sein Gesicht, und sein Gesicht mit dem borstigen Schnurrbart war rot und ärgerlich. Der Zuversichtliche wandte sich ab und seufzte schwer. »Ich spuck' darauf, sag' ich, – mach's wie du willst, –« fuhr Tanzfuß zornig, mit heiserer Stimme fort. »So!« erwiderte der Zuversichtliche leise. »Aber das sag' ich dir, wenn du dich so drehen willst ... pass' ich nicht zu dir! Gut schon, genug! Ich kenn' dich ... ich weiß ...« »Ach, du wunderlicher Mensch ...« »Das bist du!« Der Zuversichtliche krümmte sich und begann zu husten; als er ausgehustet hatte, atmete er schwer und sagte: »Weißt du, weshalb ich Bedenken habe? Weil's gefährlich ist mit ihm ...« »Gut!« rief Tanzfuß ärgerlich. Er hob die Ruten auf, warf sie sich auf die Schulter, nahm den unfertigen Korb unter die Achsel und stand auf. Der Zuversichtliche stand auch auf, sah den Gefährten an und ging mit leisen Schritten zu dem Pferde. »Prr! ... Christus mit dir ... hab' keine Angst! ...« ließ sich seine dumpfe Stimme in der Schlucht hören. »Prr, prr ... steh! ... Nun geh ... geh doch ... N-na, Narr!« Tanzfuß sah zu wie sein Gefährte sich mit dem Pferde abgab, ihm den Lappen vom Maule lösend, und der Schnurrbart des rauhen Diebes zitterte. »Komm denn!« rief er, indem er vorwärts ging. »Ich komme,« antwortete der Zuversichtliche. Und sich durch die Gebüsche drängend, gingen sie schweigend die Schlucht entlang in nächtlichem Dunkel, das dieselbe bis an den Rand umgab. Das Pferd ging auch hinter ihnen. Die beiden vernahmen hinter sich das Plätschern des Wassers, das die Melodie des Baches übertönte. »Seh' einer den Tölpel! Ist in den Bach gestolpert ...« sagte der Zuversichtliche. Tanzfuß schnaufte ärgerlich und schwieg. In der Dunkelheit und dem finsteren Schweigen der Schlucht war nur das leise Rauschen der Gebüsche zu hören, das langsam in die Ferne zog von jener Stelle, wo ein rotes Häufchen Kohlen auf der Erde funkelte wie das böse, spöttische Auge eines Ungeheuers ... Der Mond ging auf. Sein durchsichtiges Licht erfüllte die Schlucht mit rauchfarbener Dämmerung; überall fielen Schatten; der Wald wurde dadurch dichter und die Stille in ihm tiefer und strenger. Die weißen Birkenstämme, vom Monde versilbert, zeichneten sich auf dem dunklen Grunde der Eichen, Ulmen und Gebüsche ab wie Wachskerzen. Schweigend schritten die Freunde auf dem Grunde der Schlucht dahin; das Gehen wurde ihnen schwer; bald glitten ihre Füße aus, bald versanken sie tief im Schmutz. Der Zuversichtliche atmete kurz, und in seiner Brust pfiff, röchelte und rasselte es, als hätte er dort eine große, lange nicht gereinigte Wanduhr versteckt. Tanzfuß ging voran; der Schatten seiner geraden, hohen Gestalt fiel auf den Zuversichtlichen. »Da geht man!« sagte er plötzlich knurrig und gekränkt. »Aber wohin geht – was sucht man? Ach, ach! ...« Der Zuversichtliche seufzte und schwieg. »Die Nacht ist jetzt wieder kürzer als eine Sperlingsnase ... wir kommen bei Tage ins Dorf ... Und wie kommen wir? Wie Herren ... machen einen Spaziergang ...« »Es wird mir schwer, Bruder ...« sagte der Zuversichtliche leise. »Schwer?« rief Tanzfuß ironisch. »Siehst du! Und weshalb?« »Ich bin unfähig zu atmen ...« antwortete der kranke Dieb. »Atmen? Und warum bist du unfähig zu atmen?« »Der Krankheit wegen ... muß ich denken ...« »Du lügst! Deiner Dummheit wegen!« Tanzfuß blieb stehen, kehrte dem Gefährten das Gesicht zu, fuhr ihm mit dem Finger unter die Nase und fügte hinzu: »Deiner Dummheit wegen kannst du nicht atmen ... ja! Verstanden?« Der Zuversichtliche ließ tief den Kopf hängen und sagte schuldbewußt: »Gewiß ...« Er wollte noch etwas sagen, aber fing an zu husten, wobei er sich mit zitternden Händen an einem Baumstamm festhielt, und hustete lange, mit den Füßen den Boden stampfend, den Kopf hin und her werfend und weit den Mund öffnend. Tanzfuß sah ihm unverwandt in das eingefallene Gesicht, das im Mondlicht erdfarben und grünlich aussah. »Du weckst alle Gespenster im Walde auf ...« sagte er endlich finster. Und als der Zuversichtliche aufhörte zu husten und, den Kopf zurückwerfend, frei aufatmete, machte er ihm in befehlendem Tone den Vorschlag: »Ruh' aus ... wir wollen uns setzen!« Und sie setzten sich auf die feuchte Erde, in den Schatten der Gebüsche. Tanzfuß drehte eine Zigarette, brannte sie an, sah auf sein Feuer und fuhr fort: »Wenn wir zu Hause irgend etwas zu essen hätten ... dann könnten wir auch nach Hause zurückkehren ...« »Das ist gewiß ...« wiegte der Zuversichtliche den Kopf. Tanzfuß sah ihn von der Seite an und erwiderte: »Aber da wir zu Hause nichts haben – müssen wir gehen ...« »Ja, es ist schon – nötig ...« seufzte der Zuversichtliche. »Obwohl wir nirgends hinzugehen wissen, weil es doch unnütz ist ... Dumm sind wir, das ist der Hauptgrund! So dumm sind wir ...« Seine trockne Stimme durchschnitt die Luft und mußte dem Zuversichtlichen wohl große Beunruhigung verursachen: er bewegte sich hin und her auf der Erde, seufzte und knurrte sonderbar. »Und fressen möcht' ich – schrecklich, wie sehr!« schloß Tanzfuß seine bedrückende, vorwurfsvoll klingende Rede. Da stand der Zuversichtliche entschlossen auf ... »Wohin?« fragte Tanzfuß. »Gehen wir.« »Weshalb bist du so ... aufgeflogen?« »Gehen wir.« »Komm ...« Tanzfuß stand auch auf. »Aber es hat doch keinen Sinn ...« »Gut ... was wird!« schwenkte der Zuversichtliche die Hand. »Du hast ja ordentlich Mut bekommen! ...« »Und wie? Gepeinigt hast du mich, gepeinigt; Vorwürfe gemacht, Vorwürfe gemacht ... Herrgott!« »Warum handelst du auch unvernünftig?« »Warum?« »N–ja!« »Nun, weil's mir leid tut, vermutlich?« »Was? wo?« »Wer? Der Mensch, vermutlich ...« »Der Mensch?« sprach Tanzfuß gedehnt. »Da hast du – nimm, riech' und wirf fort! ... Ach, du gute Seele, aber Verstand nicht für 'nen Heller! Was ist er dir, der Mensch? Weißt du das? Er nimmt dich beim Kragen und ... wie einen Floh ... unter die Nägel! Dann bedaure ihn auch, ja! Dann zeig' ihm nur auch deine Dummheit. Für dein Bedauern wird er dich ... zehnfach peinigen. Deine Därme streift er sich auf die Hände ... deine Adern zieht er dir, die Stunde einen Werschock, aus dem Leibe ... Ach, du ... Mitleid! Bitte du nur Gott, daß sie dich ohne jedes Mitleid einfach niederschlagen und genug! Ach, du! Daß dich der Regen aufweiche! Mitleid ... pfui!« Er war empört, dieser Tanzfuß. Seine scharfe Stimme, voller Ironie und Verachtung für den Gefährten, schallte dumpf durch den Wald, und die Zweige der Büsche wiegten sich mit leisem Rauschen, als wollten sie die harten und wahren Worte bestätigen. Von diesen Vorwürfen erdrückt, ging der Zuversichtliche langsam mit zitternden Beinen, die Hände in die Ärmel seiner Joppe gesteckt, den Kopf tief auf die Brust gesenkt. »Wart' ...« sagte er endlich. »Wozu denn? Ich mach' es wieder gut ... wenn wir ins Dorf kommen ... geh' ich ... geh' ich allein ... Du, komm gar nicht mit. Das erste, was mir in die Hände fällt, maus' ich ... und – nach Hause! ... Dann leg' ich mich! Es wird mir schwer ... Sage nichts mehr ...« Er sprach kaum hörbar, schwer atmend, mit einem Röcheln und Brodeln in der Brust. Tanzfuß sah ihn argwöhnisch an ... blieb stehen, wollte etwas sagen ... machte eine Bewegung mit der Hand und ging wieder weiter, ohne etwas gesagt zu haben ... Lange gingen sie schweigend und langsam. Irgendwo in der Nähe krähten die Hähne; ein Hund winselte; von einer fernen Dorfkirche klang der traurige Ton der Wächterglocke herüber und verhallte in dem finsteren Schweigen des Waldes ... Wie ein großer, schwarzer Fleck im matten Mondschein kam stoßweise ein großer Vogel dahergeflogen, und das eilige Pfeifen und Rauschen seiner Flügel klang unheilkündend in der Schlucht. »Ein Rabe ... oder eine Saatkrähe,« bemerkte Tanzfuß. »Weißt du ...« sagte der Zuversichtliche, sich schwer auf die Erde niederlassend, – »geh du, und ich bleibe hier ... ich kann nicht mehr, – der Atem fehlt ... mir schwindelt ...« »Nun, da haben wir's!« sagte Tanzfuß unzufrieden. »Kannst du denn wirklich nicht mehr?« »Ich kann nicht ...« »Ich gratuliere! Verdammt!« »Ich bin ganz schwach ...« »Was nicht noch! Ohne gegessen zu haben, laufen wir seit dem Morgen umher.« »Nein, ich seh's, das ist ... mein Ende! Sieh da, wie das Blut stürzt!« Und der Zuversichtliche hob seine mit etwas Dunklem befleckte Hand zu Tanzfuß' Gesicht empor. Der warf einen ängstlichen Blick auf die Hand und fragte mit sinkender Stimme: »Was tun wir denn?« »Geh du ... und ich bleibe ... vom Liegen wird mir vielleicht besser ...« »Wo geh' ich hin? Ins Dorf ... ihnen sagen – einem Menschen ist schlecht ...« »N-nein ... gib acht, sie schlagen ...« »Das ist, wie's ist ... Fall' ihnen nur in die Hände! ...« Der Zuversichtliche warf sich auf den Rücken, dumpf hustend und ganze Klumpen Blut ausspuckend ... »Kommt's?« fragte Tanzfuß, der über ihm stand, aber zur Seite sah. »Stark ...« sagte der Zuversichtliche kaum hörbar und hustete. Tanzfuß gebrauchte ein lautes, zynisches Schimpfwort. »Wenn man wen rufen könnte!« »Wen?« wiederholte der Zuversichtliche wie ein trauriges Echo. »Vielleicht ... ständest du auf und gingst ... ganz langsam?« »Kann nicht mehr ...« Tanzfuß setzte sich zu Häupten seines Gefährten, legte die Arme auf das Knie und sah ihm ins Gesicht. Die Brust des Zuversichtlichen hob sich ungleich mit dumpfem Röcheln, seine Augen fielen ein, und die Lippen zogen sich sonderbar auseinander und hafteten gleichsam an den Zähnen. Aus dem linken Mundwinkel kroch ein dunkler Strom über die Wange. »Fließt es immer noch?« fragte Tanzfuß leise, und im Ton seiner Frage lag etwas der Ehrfurcht Nahes. Das Gesicht des Zuversichtlichen bebte. »Es fließt ...« röchelte er schwach. Tanzfuß beugte den Kopf auf das Knie und schwieg. Über ihnen hing die Wand der Schlucht, von den tiefen Rinnen der Frühlingsströme durchfurcht. Von ihrer Höhe sah eine zottige Reihe vom Monde beleuchteter Bäume in die Schlucht herab. Der andere Abhang, sanfter geneigt, war ganz mit Gebüsch bewachsen; hier und da hoben sich aus der dunklen Masse die grauen Stämme der Espen ab, und auf ihren nackten Zweigen waren die Nester der Saatkrähen deutlich zu sehen ... Die mondbeschienene Schlucht glich einem Traumgesicht, einem bangen Traum, der Farben des Lebens bar; und das leise Raunen des Baches erhöhte noch ihre Leblosigkeit, vertiefte die bange Stille in ihr ... »Ich sterbe ...« flüsterte der Zuversichtliche kaum hörbar und wiederholte gleich hinterher laut und deutlich: »Ich sterbe, Stephan!« Tanzfuß zitterte am ganzen Leibe, warf sich hin und her, schnaubte, hob den Kopf von den Knien und sagte bewegt, ganz leise, als fürchte er zu stören: »Ach du, nicht das ... Hab' keine Angst! Es ist nichts ... das ist bloß so ... es ist nichts, Bruder! wahrhaftig!« »Herrgott, Jesus Christus ...« seufzte der Zuversichtliche schwer. »Es ist nichts!« flüsterte Tanzfuß, indem er sich über sein Gesicht beugte. »Stütz' dich ein wenig ... vielleicht geht's vorüber ...« Der Zuversichtliche hustete heftig; in seiner Brust erschien ein neuer Laut – als schlüge ein nasser Lappen an seine Rippen. Tanzfuß sah ihn an und bewegte schweigend den Schnurrbart. Nachdem er ausgehustet hatte, fing der Zuversichtliche an laut und unterbrochen zu atmen – so, als liefe er aus allen Kräften wohin. Lange atmete er so, dann sagte er: »Verzeih, Stephan ... daß ich ... des Pferdes wegen ... verzeih, Brüderchen! ...« »Verzeih du mir ...« unterbrach Tanzfuß seine Rede und fügte hinzu, nachdem er ein Weilchen geschwiegen: »Ich ... wo geh' ich jetzt hin? Und wie leben?« »Laß gut sein! Gott gebe dir ...« Er ächzte, ohne seine Worte zu beenden, und schwieg. Danach röchelte er ... und streckte die Beine aus ... eins nach der Seite ... Tanzfuß sah ihn an, ohne die Augen abzuwenden. Minuten vergingen, lang wie Stunden. Da hob der Zuversichtliche den Kopf, aber sogleich sank er kraftlos auf die Erde. »Was, Bruder?« beugte Tanzfuß sich über ihn. Aber er, ruhig und regungslos, antwortete nicht mehr. Der finstere Tanzfuß saß noch ein Weilchen bei seinem Gefährten, dann stand er auf, nahm die Mütze ab, bekreuzte sich und ging langsam die Schlucht entlang. Sein Gesicht war spitzer geworden, die Brauen und der Schnurrbart gesträubt, und er trat so fest auf, als schlüge er die Erde mit den Füßen, als wolle er ihr weh tun. Es wurde schon hell. Der Himmel war grau, unfreundlich; in der Schlucht herrschte finstere Stille, nur der Bach, der keinen störte, hielt seine einförmige, trübe Rede. Doch da ertönte ein Geräusch ... ein Erdklumpen mußte die Schlucht heruntergekollert sein. Eine Krähe erwachte und flog mit aufgeregtem Schrei davon. Dann ließ sich eine Meise hören. In der feuchten, kalten Luft der Schlucht leben die Töne nicht lange – sie entstehen und vergehen sogleich ... Der Pilger I Meine Begegnung mit ihm Stolpernd im Finstern über niedere Zäune, schritt ich tapfer im Straßenschmutz von Fenster zu Fenster. Ich klopfte leise an die Fensterscheiben und rief: »Wollen Sie einen Wanderer übernachten lassen?« Als Antwort auf meine Anfrage sandte man mich zu den Nachbarn, ins Gesindelhaus, zum Teufel. Aus einem Fenster versprach man die Hunde auf mich zu hetzen, aus einem andern drohte man mir in nicht mißzuverstehender Weise mit der Faust, wieder aus einem andern rief eine kreischende Frauenstimme: »Trolle dich, so lange du noch ganz bist, mein Mann ist zu Hause ...« Höchstwahrscheinlich pflegte sie nur in Abwesenheit ihres Mannes Nachtgäste aufzunehmen. Bedauernd, daß er zu Hause war, ging ich ans folgende Fenster und bat: »Gute Leute, laßt doch einen Wanderer bei euch übernachten.« Man antwortete mir freundlich: »Gehe in Gottes Namen weiter.« Und das Wetter war schlecht, ein feiner, kalter Regen rieselte herab, und die schmutzige Erde war dicht umhüllt von Finsternis. Zuweilen kam ein heftiger Windstoß und fuhr raschelnd durch die Zweige der Bäume und über die nassen Strohdächer. Er verursachte allerhand unheimliche Geräusche; durch Seufzen und Stöhnen unterbrach er die dunkle Stille der Nacht, ein schauriges Konzert. Übelgelaunt, wahrscheinlich durch das traurige Vorspiel des nahenden Herbstes, verweigerten die Glücklichen, die sich unter Dach und Fach befanden, mir das Unterkommen. Ich bemühte mich noch lange vergebens, die Unfreundlichkeit der Leute zu bekämpfen. Da es mir nicht gelang, mußte ich meine Hoffnung, ein Nachtlager unter Dach zu finden, aufgeben. Ich ging ins Feld hinaus, hoffend, vielleicht einen Heu- oder Strohfeimen zu finden, um darin zu nächtigen, obwohl nur ein glücklicher Zufall mich in dieser dichten Finsternis einen solchen entdecken lassen konnte. Ich war noch nicht lange gegangen, so erblickte ich, kaum drei Schritt vor mir, etwas Großes, Dunkles, noch finstrer als die Finsternis selbst. Was war es? Ich vermutete ein Brotmagazin und ging darauf zu. Die Brotmagazine pflegt man auf Pfählen oder Steinen zu erbauen. Zwischen dem Boden des Magazins und dem Erdboden befindet sich ein hohler Raum, wo ein anständiger Mensch noch Platz nehmen kann, er braucht sich nur auf den Bauch zu legen und unterzukriechen. Wahrscheinlich wollte das Schicksal mich nicht nur unter Dach, sondern sogar unter die Diele bringen. Zufrieden damit, kroch ich über die trockene Erde, mit Brust und Seiten nach einem ebenen Fleckchen für meine Lagerstätte fühlend. Plötzlich erscholl eine warnende Stimme: »Halten Sie sich links, Verehrtester.« Das klang nicht schrecklich, aber wahrlich unerwartet. »Wer ist hier?« fragte ich. »Ein Mensch mit einem Stock.« »Einen Stock besitze ich auch, sind aber Streichhölzer da?« »Auch Streichhölzer besitze ich.« »Das ist gut.« Ich sah darin zwar nichts Gutes, weil nach meinem Dafürhalten wenigstens noch Brot und Tabak zu meinem Wohlbefinden gehört hätten und nicht nur Streichhölzer. »Also man läßt im Dorfe nicht übernachten?« fragte die Stimme des Unsichtbaren. »Man läßt nicht,« sagte ich. »Auch mich ließ man nicht.« Das war klar, vorausgesetzt, daß er sich überhaupt um ein Nachtlager im Dorfe beworben hatte. Vielleicht war es ihm aber gar nicht um ein solches zu tun, möglicherweise war er nur hier untergekrochen, um irgendein lichtscheues Unternehmen ins Werk zu setzen und den günstigen Augenblick dazu hier abzuwarten. Freilich ist jede Arbeit gottgefällig, indes beschloß ich doch, meinen Stock fest in der Hand zu halten. »Sie ließen nicht, die Teufel!« wiederholte die Stimme. »Die Verruchten! Bei gutem Wetter lassen sie übernachten, aber in einem solchen lassen sie einen heulen!« »Und wohin gehen Sie?« fragte ich. »Nach ... Nikolajeff. Und Sie?« Ich sagte ihm wohin. »Mitreisender also. Nun brennen Sie einmal ein Streichholz an, ich will rauchen.« Die Streichhölzchen waren feucht geworden, ich mußte lange ungeduldig streichen an den Brettern über meinem Kopfe. Endlich kam ein kleines Flämmchen zum Vorschein, und aus dem Dunkel tauchte ein blasses Gesicht auf mit dichtem schwarzem Bart. Große kluge Augen blickten mich lächelnd an, weiße blitzende Zähne leuchteten unter dem dunklen Schnurrbart hervor, und der Mann fragte mich: »Wollen Sie rauchen?« Das Streichholz erlosch, wir entzündeten ein neues und besahen uns wiederum gegenseitig, worauf mein Schlafgenosse in überzeugter Weise verkündete: »Nun, es scheint mir, wir beide brauchen uns nicht zu genieren ... Nehmen Sie eine Zigarette!« Er hatte eine andere zwischen den Zähnen, und wenn er einige kräftige Züge tat, flammte sie auf und warf auf sein Gesicht einen schwachen rötlichen Schimmer. Um Stirn und Augen des Mannes zogen sich tiefe und fein geschnittene Falten. Bei der Beleuchtung mit dem Streichhölzchen hatte ich bemerkt, daß er in den Überresten eines alten wattierten Paletots steckte, umgürtet mit einem Strick; an den Füßen hatte er Halbstiefel, aus einem Stück Leder gearbeitet; – »Porschni«, wie man sie in den Donaugegenden nennt. »Ein Wandersmann?« fragte ich. »Ja, ich wandre. Und Sie?« »Ebenfalls.« Er bewegte sich geschäftig, dabei klirrte etwas Metallenes, scheinbar eine Teekanne oder Kessel, das sind unentbehrliche Requisiten eines Pilgers nach den heiligen Stätten. Aber in seinem Tone war nichts, was an jene fuchsschlaue Frömmelei und Unterwürfigkeit erinnerte, die stets den Pilger kennzeichnen. Es war in seinem Wesen nichts Bigottes und in seiner Rede nichts Salbungsvolles, nichts von andächtigem Stöhnen und Seufzen über sich und die sündhafte Welt, kein Wort von der »Schrift«. Überhaupt hatte er keine Ähnlichkeit mit den professionsmäßigen Pilgern nach den heiligen Stätten, keine Ähnlichkeit mit dieser schlimmsten, vielgestaltigen Ausgeburt des in Unzahl »landstreichenden Russentums«, schlimm im höchsten Grade wegen ihrer moralischen Eigenschaften, und ganz besonders deshalb, weil dieser entmenschte Schnorrertypus eine Fülle von Lüge und Aberglauben in das nach geistiger Nahrung schmachtende Dorf tragt. Dazu kam noch, daß er nach Nikolajeff ging, wo keine heilige Stätte zu finden ist. »Und woher kommen Sie denn?« fragte ich. »Von Astrachan.« In Astrachan gibt es aber auch keine heilige Stätte, und ich fragte ihn nun wieder: »So gehen Sie also wohl von ›Meer zu Meer‹ und nicht nach heiligen Stätten?« »Ich besuche auch heilige Orte. Warum soll ich nicht auch einen heiligen Ort aufsuchen? Dort verpflegt man uns ja gut, besonders wenn man sich mit den Nonnen in Intimitäten einläßt. Unsereiner wird von ihnen immer geachtet, weil er eine große Abwechslung in ihr Leben hineinbringt. Und wie denken Sie darüber?« Ich erklärte ihm meine Ansichten über solche Dinge. »Ja, gute Pflegestätten sind es. Woher aber kommen Sie? Stecken Sie doch ein Streichholz an, wir wollen rauchen. Wenn man raucht, ist einem, als ob es wärmer wird.« Es war wirklich kalt, sowohl durch den eindringenden Wind als auch infolge unserer nassen Kleidung. »Vielleicht wollen Sie essen? Ich habe Brot, Kartoffeln und zwei gebratene Krähen. Wollen Sie?« »Eine Krähe?« fragte ich neugierig. »Essen Sie etwa diese nicht? Unsinn!« ... Er schob mir eine große Stulle Brot zu. »Ich habe noch niemals Krähen gekostet.« »Na, da haben Sie, kosten Sie! Im Herbst sind die Krähen außerordentlich schmackhaft. Und auch nachher ist es viel angenehmer, eine Krähe zu essen, die man selbst erworben hat, als Brot oder Speck, der dir durch die Hand des Nächsten gereicht wird aus dem Fenster seines Hauses ..., das du doch immer, nachdem du die milde Gabe empfangen hast, in Brand stecken möchtest ....« Diese Worte klangen sehr kategorisch und ausdrucksvoll. Der Gebrauch von Krähen als Nahrungsmittel war zwar neu für mich, doch wunderte ich mich darüber nicht weiter, wußte ich doch, daß in Odessa im Winter auch Ratten verzehrt werden und in Rostow – Schnecken. Was ist denn hierbei Unglaubliches? Haben doch selbst die Pariser, als sie sich im Belagerungszustände befanden, mit Vergnügen allerhand Dinge verzehrt. Manche Menschen aber befinden sich ihr ganzes Leben lang im Belagerungszustande. »Und wie fangen Sie denn diese Krähen?« erkundigte ich mich. »Nicht mit dem Mund freilich. Man kann sie mit einem Stock erschlagen oder auch mit einem Stein, aber richtiger ist es, sie zu angeln. Man bindet an das Ende einer langen Schnur ein Stück Speck oder Brot, die Krähe ergreift, verschlingt es; nun packt man sie, dreht ihr dann den Kopf ab, rupft sie, nimmt sie aus, steckt sie auf einen Stock und bratet sie auf einem Feuer.« »Wie gut wäre es jetzt, an einem solchen Lagerfeuer zu sitzen,« stöhnte ich. Die Kälte wurde immer empfindlicher, es schien, als ob der Wind selbst erfröre. Heulend und stöhnend prallte er an die Wände des Speichers, damit vermischte sich zuweilen das Heulen der Hunde, das Krähen der Hähne, der wehmütige Glockenklang der Dorfkirche, die in Dunkelheit verborgen war. Die Regentropfen fielen schwer von dem Dach des Magazins auf die feuchte Erde. »Es ist langweilig, schweigend zu liegen,« sagte mein Schlafgenosse. »Zum Sprechen ist es aber zu kalt,« bemerkte ich. »So stecken Sie Ihre Zunge in den Busen .... Da wird ihr warm werden.« »Ich danke für den Rat.« »Also werden wir zusammen gehen, haben wir doch denselben Weg.« »Ja, wir gehen.« »So wollen wir uns näher bekannt machen .... Ich bin zum Beispiel ein Edelmann, Pawel Ignatjeff Promtoff.« Ich stellte mich auch vor. »Nun, jetzt möchte ich wissen, wie sind Sie auf diesen Pfad geraten, aus Schwäche zum Schnaps, nicht wahr?« »Aus Überdruß am Leben, aus Langerweile.« »Na, auch das ist möglich .... Kennen Sie eine Veröffentlichung des Senats unter dem Titel: ›Auskünfte über Gerichtsverhandlungen‹?« »Ich kenne das ....« »Ist Ihr Name dort gedruckt?« Ich war zu der Zeit noch nirgends gedruckt und sagte ihm das. »Ich bin ebenfalls noch nicht gedruckt.« »Aber Sie hoffen wohl?« »Alles in Gottes Hand!« »Aber Sie scheinen mir ein lustiger Mensch zu sein?« »Nun, soll man sich denn grämen?« »Nicht jeder würde in Ihrer Lage so sprechen,« sagte ich, die Aufrichtigkeit seiner Worte bezweifelnd. »Die Lage ist wohl rauh und kalt, sie wird sich aber doch mit Anbruch des Tages ändern. Es wird die Sonne aufgehen ... sie wird doch aufgehen? Dann werden wir hier herauskriechen, werden Tee trinken, essen, uns erwärmen. Ist das denn schlecht?« »Nein, gut,« stimmte ich ein. »Nun, so sehen Sie, alles Schlechte hat auch seine guten Seiten ...« »Alles Gute hat auch seine schlechten Seiten.« »Amen!« rief Promtoff im Tone eines Diakon. Bei Gott, seine Gegenwart heiterte mich auf! Ich bedauerte, daß ich sein Gesicht nicht sehen konnte, das, nach der reichen Intonation seiner Stimme zu schließen, sehr ausdrucksvoll sein mußte. Wir sprachen lange miteinander über Kleinigkeiten, hinter denen wir den beiderseitigen Wunsch, uns kennen zu lernen, verbargen. Im Innern ergötzte mich die Geschicklichkeit des Mannes, mit der er mich nötigte, mich auszusprechen, während er über seine Person schwieg. Während wir ruhig und friedlich uns unterhielten, hörte der Regen auf, und die Finsternis begann, ohne daß wir es gemerkt hatten, zu weichen. Im Osten erglühte bereits ein zartrosiger Streifen des beginnenden Morgens. Mit dem Anbruch des Tages entwickelte sich gleichzeitig die Frische des Morgens, die so angenehm und anregend auf uns wirkt, wenn sie uns in warmer und trockener Kleidung findet. »Könnten wir nicht hier etwas auffinden, um uns ein Feuer anzuzünden, trockene Späne etwa?« fragte Promtoff. Über die Erde kriechend, suchten wir herum, konnten aber nichts finden. Dann entschlossen wir uns, irgendein nicht ganz fest angebrachtes Brett abzuschlagen. Nachdem das geschehen, verwandelten wir es in Späne. Hierauf machte Promtoff den Vorschlag, zu versuchen, ein Loch in die Diele des Speichers zu bohren, um Kornfrüchte zu erlangen, da Roggen in Wasser gekocht eine gute Nahrung gibt. Ich protestierte dagegen, mit der Begründung, daß dies nicht angängig wäre, denn wir würden aus dem Magazin einige Pud herauslassen, um vielleicht zwei bis drei Pfund davon zu nehmen. »Aber was kümmert Sie das?« fragte Promtoff. »Man muß doch,« so hörte ich, »Achtung vor fremdem Eigentum haben!« »Das, Väterchen, muß man nur dann, wenn man selbst Eigentum besitzt, und auch nur aus dem Grunde, weil dieses für jeden andern auch fremdes Eigentum ist.« Ich schwieg und dachte mir, daß dieser Mann doch wohl extrem liberal in Eigentumsfragen sein müßte und infolgedessen die Annehmlichkeit einer Bekanntschaft mit ihm auch ihre Schattenseiten habe. Bald zeigte sich die Sonne heiter und hell leuchtend. Zwischen den zerrissenen Wolken, die langsam nach Norden zogen, zeigte sich der blaue Himmel, überall erglänzten die Regentropfen. Promtoff und ich krochen unter dem Speicher hervor und gingen durch das abgemähte Feld nach einer Allee von Bäumen, die wir von weitem erblickten. »Dort ist ein Fluß,« sagte mein Bekannter. Ich sah ihn mir bei hellem Tageslicht an, und er machte auf mich den Eindruck eines ungefähr vierzigjährigen Mannes, dem das Leben kein Scherz war. Seine Augen, dunkel und tief in ihre Höhlen zurückgesunken, glänzten ruhig und selbstvertrauend. Wenn er sie dagegen etwas zusammenkniff, bekam sein Gesicht einen schlauen, verbissenen Ausdruck. In seinem festen Gang, dem festgeschnallten Tornister zeigte sich die Gewohnheit des Wanderlebens, die Erfahrenheit des Wolfes und die schlaue Anpassungsfähigkeit des Fuchses. »Wir gehen,« so sprach er. »Gleich hinter diesem Fluß, etwa sechs Werst von hier, kommt das Dorf M., von dort führt dann ein gerader Weg nach Neu-Prag. Um dieses Städtchen wohnen Stundisten, Baptisten und noch andere schwärmende Bäuerlein. Sie verpflegen ausgezeichnet, wenn man ihnen etwas Tröstliches aufschneidet. Aber von der ›Schrift‹ mit ihnen – kein Wort! Sie selbst sind in der Schrift wie zu Hause.« Wir suchten uns einen Platz unterhalb einer Gruppe von schwarzen Pappeln, sammelten Steine, die am Ufer des vom Regen getrübten Flusses herumlagen, und brannten auf diesen Steinen ein Feuer an. Ungefähr zwei Werst von uns lag auf einer Anhöhe ein Dorf, auf dessen Strohdächern das rosige Gold der Morgenröte erglänzte. Die Wände der weißen Bauernhäuschen waren verdeckt von pyramidenförmig gewachsenen Pappeln, die mit ihrer Herbstfarbe in der Morgensonne prangten. »Ich will baden,« erklärte Promtoff, »das ist unbedingt nötig nach einer so schlecht zugebrachten Nacht. Ich rate es auch Ihnen, und während wir uns erfrischen, kocht der Tee auf. Wissen Sie, man muß dafür sorgen, daß unsere Natürlichkeit stets sauber und frisch bleibt.« Indem er dies sprach, entkleidete er sich. Sein Körper hatte Rasse, er war schön gebaut und mit festen, gut entwickelten Muskeln versehen. Als ich ihn nackend sah, erschienen mir die von ihm abgelegten schmutzigen Lumpen doppelt so häßlich und abscheulich, als bisher. Wir badeten im kalten, schäumenden Wasser des Flusses, sprangen hinaus aufs Ufer, zitternd und blau vor Kälte, und zogen unsere am Feuer erwärmten Kleider schnell an. Hierauf setzten wir uns an den Feuerherd, um Tee zu trinken. Promtoff hatte einen eisernen Krug. Er füllte denselben mit kochendem Tee und bot ihn mir zuerst an. Allein der Teufel, der immer bereit ist, über den Menschen sich lustig zu machen, rüttelte mich an einer der lügenhaften Saiten meines Herzens, und ich erklärte großmütigst: »Ich danke! Trinken Sie zuerst, ich will warten.« Ich sagte dies in der festen Überzeugung, daß Promtoff unbedingt Lust haben würde, mit mir in Großmut und Höflichkeit zu wetteifern, worauf ich nachgeben und zuerst trinken wollte. Er aber sagte ganz einfach: »Nun gut ...« – und brachte den Krug an seinen Mund. Ich wandte mich zur Seite und besah mir angelegentlich die vor uns liegende öde Steppe. Ich wollte damit Promtoff glauben machen, daß ich seine dunklen, über mich höhnisch spottenden Augen nicht sähe. Er aber schlürfte den Tee, kaute das Brot, mit den Lippen schmatzend, und führte alles dies quälend langsam aus. Vor Kälte zitterte selbst mein Inneres, so daß ich bereit war, den kochenden Tee mir in die Faust einzuschenken. »Ei, ei,« sagte Promtoff lachend, »es ist nicht vorteilhaft, allzu höflich zu sein!« »Ja, eine Lehre!« sagte ich. »Nun, so ist's auch hübsch! Lassen Sie sich belehren ... Warum denn andern überlassen, was einem selbst angenehm und vorteilhaft ist. Zwar wird gesagt, daß alle Menschen Brüder sind, jedoch hat niemand es versucht, durch einen Geburtsschein dies zu beweisen ...« »Denken Sie in der Tat so?« »Wozu würde ich denn so sprechen, wenn ich nicht so gedacht hatte?« »Wissen Sie, der Mensch liebt doch immer, sich in einem andern Lichte zu zeigen.« »Ich verstehe nicht, wodurch ich bei Ihnen ein solches Mißtrauen gegen mich erweckt habe ...« zuckte dieser Fuchs mit den Achseln. »Etwa dadurch, daß ich Ihnen Brot und Tee gab? Ich tat aber dieses nicht aus brüderlichen Gefühlen, sondern aus Neugierde. Ich sah einen Menschen in einer fremden Gegend und wollte wissen, wie und wodurch ihn das Schicksal aus dem Leben hinausgestoßen hat ...« »Auch ich möchte das ... Sagen Sie mir doch, wer und was Sie sind?« fragte ich ihn. Er sah mich fragend an, und nach einer kurzen Pause sagte er: »Ein Mensch weiß niemals genau, wer er ist ... man muß ihn fragen, wofür er sich selbst hält.« »Meinetwegen mag es so sein.« »Nun ... ich denke, daß ich ein Mensch bin, dem das Leben zu eng ist. Das Leben ist schmal, aber ich bin breit ... Vielleicht ist das nicht richtig. Aber in der Welt gibt es eine eigentümliche Sorte Menschen, die, wie es scheint, von dem ewigen Juden abstammen. Ihre Besonderheit besteht darin, daß sie niemals eine Stätte auf dem Erdboden finden, wo sie sich fest niederlassen könnten. In ihrem Inneren wohnt ein glühendes Verlangen nach etwas Neuem ... Die kleinen Menschen unter diesen können niemals Hosen nach ihrem Geschmack finden und fühlen sich daher immer unzufrieden und unglücklich. Die Bedeutenderen befriedigt nichts – weder Geld, noch Frauen, noch Ehren ... Solche Menschen werden im Leben nicht geliebt – sie sind frech und unverträglich. Die meisten Menschen sind doch bloß Groschen, – Scheidemünze ..., sie unterscheiden sich voneinander lediglich durch das Jahr ihrer Prägung. Der eine ist mehr abgerieben, der andere etwas neuer, aber ihr Wert bleibt derselbe, das Material einerlei, und in allem sind sie bis zum Ekel einander ähnlich. Aber ich, sehen Sie, bin kein Groschen ... obgleich ich vielleicht nur einen Pfifferling wert bin. Da haben Sie alles.« Er sprach dies mit einem skeptischen Lächeln, und es schien mir, als wenn er selbst seinen eigenen Worten nicht glaubte. Indessen erweckte er in mir eine spannende Neugier, und ich entschloß mich, ihm so lange zu folgen, bis ich erfahren habe, wer er eigentlich sei. Daß er ein sogenannter »intelligenter Mensch« sei, daran war mir kein Zweifel, gibt es doch ihrer viele unter den Landstreichern, aber all diese sind tote Menschen, sie verlieren jede Selbstachtung, jede Fähigkeit, ihrem eigenen Wesen irgendeinen Wert beizulegen, und ihr Leben besteht lediglich darin, daß sie mit jedem Tag noch tiefer in Schmutz und Niedertracht versinken, bis sie endlich, darin gänzlich aufgelöst, aus dem Leben verschwinden. Aber in Promtoff war etwas Festes, Standhaftes, und er klagte auch nicht über das Leben, wie seine Schicksalsgenossen es zu tun pflegen. »Nun gehen wir,« schlug er vor. »Wir gehen.« Wir erhoben uns vom Erdboden, erwärmt durch den Tee und die Sonne, und gingen am Ufer, dem Laufe des Flusses folgend, entlang. »Und wie erlangen Sie Ihre Nahrung,« fragte ich Promtoff. »Arbeiten Sie?« »Ob ich a-ar-beite? Nein, dazu habe ich keine Lust.« »Nun, wie machen Sie es denn?« »Sie werden es schon sehen.« Er verhielt sich schweigend. Hierauf, als wir einige Schritte gegangen waren, begann er irgendein lustiges Liedchen durch die Zähne zu pfeifen. Seine scharfblickenden Augen hielten prüfend Umschau über die Steppe, dann schritt er fest weiter wie ein Mann, der seinem Ziele entgegengeht. Ich schaute ihn an, und das Verlangen, zu erfahren, mit wem ich es zu tun habe, entbrannte immer heftiger in mir. Eine weite, öde und stille Steppe umgab uns. Über uns schien heiter und freundlich die Sonne des Südens. Wir atmeten mit voller Brust die reine, ermutigend wirkende Luft. Wir gingen weiter und weiter, dorthin, wo sich uns eine Fülle kleiner Lämmerwölkchen am Horizonte in einem schönen farbenreichen Bilde darstellte. Als wir in die Straße eines Dorfes einlenkten, fuhr uns ein Hund kläffend zwischen die Beine und sprang mit lautem Gebell um uns herum. Sobald wir ihn ansahen, sprang er erschreckt und winselnd zur Seite, um sich gleich darauf mit zudringlichem Gebell uns wieder zu nähern. Auf sein Gebell kamen noch mehr Hunde zum Vorschein, die indes nicht dieselbe Hartnäckigkeit besaßen, sondern nach ein- und zweimaligem Gekläff wieder verschwanden. Die Gleichgültigkeit seiner Genossen schien den braunen Hund noch mehr gereizt zu haben. »Sie sehen, was für eine gemeine Natur!« sagte Promtoff, mit dem Kopf auf den sich ereifernden Hund zeigend. »Und doch lügt er, er weiß, daß er ohne Grund bellt; er ist auch gar nicht schlecht, er ist bloß feige und will sich vor seinem Herrn auszeichnen. Es ist ein rein menschlicher Zug und zweifellos in dem Hunde auch durch einen Menschen erzogen. Die Menschen verderben die Tiere ... Es wird noch eine Zeit kommen, wo die Tiere bald ebenso gemein sein werden wie ich und Sie.« »Ich danke schön,« sagte ich. »Keine Ursache. Indessen muß ich jetzt losschießen.« ... Auf seinem ausdrucksvollen Gesicht erschien eine demutsvolle Miene, die Augen blickten blöde, seine Haltung wurde gebeugt und seine Lumpen blähten sich auf. »Ja, man muß sich an seinen Nächsten wenden mit einer Bitte um Brot,« erklärte er mir seine Umwandlung und begann scharf in die Fenster der Häuser hineinzusehen. An einem Hause unter dem Fenster stand eine Frau, ein Kind auf dem Arme tragend und es an der Brust nährend. Promtoff verbeugte sich und sagte bittend: »Gnädigste, geben Sie doch wandernden Leuten Brot.« »Es tut mir leid,« antwortete die Frau, uns einen verächtlichen Blick zuwerfend. »Soll dir doch die Milch in der Brust stocken, du Hundestochter!« fluchte mit strenger Stimme mein Mitreisender. Die Frau schrie auf wie von einer Schlange gebissen und ging auf uns los: »Ach, ihr ...« Promtoff wich nicht von der Stelle, blickte ihr ins Gesicht mit seinen schwarzen Augen, deren Ausdruck wild und unheilverkündend war. Das Weib wurde blaß, zitterte, und etwas vor sich hinmurmelnd, ging sie schnell ins Haus hinein. »Wollen wir gehen,« schlug ich Promtoff vor. »Noch nicht! Wir wollen warten, bis sie uns Brot bringt.« »Sie wird ihren Mann mit der Heugabel auf uns hetzen.« »Sie verstehen viel!« lächelte skeptisch mein Gefährte. Und er hatte recht. Die Frau erschien vor uns, hielt in der Hand einen halben Laib Brot und ein solides Speckstück. Schweigend näherte sie sich Promtoff, machte eine tiefe Verbeugung und sagte bittend: »Wollen Sie es doch freundlichst nehmen, Mann Gottes, zürnen Sie doch nicht.« »Es bewahre dich nun Gott vor bösem Auge, vor Behexung und Krankheiten!« segnete sie eindringlichst Promtoff. Und wir gingen. »Hören Sie doch,« sagte ich, als wir uns von dem Hause entfernten, »was haben Sie doch für eine befremdende, um nicht noch mehr zu sagen, Art zu bitten.« »Diese Art ist eine vollständig richtige ... Wenn Sie auf ein Weib tüchtig mit den Augen losschießen, so nimmt sie Sie für einen Zauberer, sie erschrickt und gibt Ihnen nicht allein Brot, sondern die ganze volle Tasche ihres Mannes ab. Wozu soll ich denn betteln und mich vor ihr erniedrigen, wenn ich befehlen kann? Ich dachte es mir immer, daß es besser ist, abzunötigen, als zu betteln ... Nun, allerdings, wo man nichts abdringen kann, da muß man auch betteln.« »Kam es aber nicht vor, daß man Ihnen, anstatt Brot ...?« »Etwas auf den Buckel gab? ... Nein, sie möchten es bloß probieren. Ich besitze, Väterchen, ein magisches Papierlein ... Sobald ich dasselbe einem Bäuerlein zeige, so ist es sofort – mein Sklave. Wollen Sie, ich zeige es Ihnen!« Ich hielt dieses ziemlich schmutzige und zerknüllte Papierlein in meinen Händen und besah es. Es war ein Durchgangspaß, ausgestellt für Pawel Ignatjef Promtoff, der auf administrativem Wege aus Petersburg ausgewiesen war, um damit von Astrachan nach Nikolajeff zu gehen. Auf dem Dokument war ein Amtssiegel des Astrachaner Polizeiamts aufgedrückt und die entsprechende Unterschrift darunter ... alles, wie es sich gehört ... »Ich begreife nicht,« sagte ich, indem ich das Dokument seinem Inhaber zurückgab, »wie kommen Sie, ein aus Petersburg Ausgewiesener, aus Astrachan?« Er lachte laut, und sein ganzes Wesen drückte seine Überlegenheit über mich aus. »Und doch ist es sehr einfach! Denken Sie mal – man wies mich aus Petersburg aus und stellte es mir unter gewissen Ausnahmen frei, mir einen Wohnort zu wählen. Ich nannte, sagen wir zum Beispiel, Kursk. Ich komme hin und melde mich auf der Polizei ... ›Ich habe die Ehre, mich vorzustellen.‹ Die Kursker Polizeiverwaltung kann mich unmöglich freundlich empfangen – hat sie doch von ihren eigenen Sorgen den Kopf voll. – Sie glaubt vor sich einen Gauner zu haben, und zwar einen äußerst gewandten Gauner, den man in der Hauptstadt durch die Macht und Hilfe des Gesetzes nicht loswerden konnte, und zu dessen Ausrottung administrative Maßregeln ergriffen werden mußten. Deshalb wird sie auch immer froh sein, mich irgendwohin abstoßen zu können, und sei es – mit dem Kopf in den Abgrund. Indem ich ihre Verlegenheit sehe, komme ich ihr nun aus Menschlichkeit zu Hilfe. ›Da ich‹ – so schlage ich ihr vor – ›mir selbst einen Wohnort gewählt habe, so wird es Ihnen vielleicht recht sein, wenn ich mir auch diesmal wieder ihn selbst wähle.‹ Die Polizei ist zufrieden, mich vom Halse zu haben. Ich sage ihr auch, daß ich bereit bin, aus dem Gebiete, in dem sie die Unantastbarkeit der Personen und des Eigentums zu wahren hat, mich zu entfernen; für meine Liebenswürdigkeit muß ich aber etwas auf die Reise haben. Sie geben mir fünf, zehn und mehr Rubel – je nach Stimmung und Charakter. Immerhin geben sie es mit Vergnügen. Ist es den Beamten doch lieber, fünf Rubel zu verlieren, als eine überflüssige Unruhe durch meine Person sich auf den Hals zu laden, nicht wahr?« »Mag sein,« sagte ich. »Jawohl, so ist es in der Tat. Und nun versehen sie mich mit einem Papierlein, das keine Ähnlichkeit mit einem Paß hat. In diesem Unterschied zwischen diesem Papierlein und einem Paß liegt gerade seine magische Kraft. Auf demselben steht geschrieben: Ad-mi-ni-stra-tiv herausgeschickt aus Pe-ters-burg! O, ich zeige dieses Papier dem Gemeindevorsteher, der in der Regel stockdumm ist, und von dem Inhalt des Papiers nicht das mindeste versteht. Er hat aber Angst vor ihm, ist doch ein Amtssiegel darauf. Ich sage zu ihm: ›Auf Grund dieses Papiers bist du verpflichtet, mir Nachtlager zu geben!‹ Er gibt. ›Du mußt mich verpflegen!‹ Er verpflegt. Anders kann er auch nicht, denn in dem Papier ist ja ausdrücklich gesagt: aus Petersburg administrativ . Weiß der Teufel, was dieses ›administrativ‹ sein mag. Vielleicht bedeutet es, daß sein Inhaber als Geheimpolizist ausgesandt ist, um Untersuchungen über Gewerbeverhältnisse, Falschmünzereien, heimliche Branntweinbrennereien anzustellen, vielleicht gar darüber, ob man fleißig die orthodoxe Kirche besucht. Sodann kann auch sein, daß es sich um Grund- und Bodenverhältnisse handelt. Denn wer kann klug daraus werden, was das ›administrativ aus Petersburg‹ bedeutet. Vielleicht bin ich irgendein verkleideter ... Der Bauer ist dumm, was versteht er denn?« »Ja, er versteht sehr wenig,« bemerkte ich. »Das ist eben gut!« erklärte Promtoff sehr lebhaft und überzeugt, »eben so soll er auch sein, und lediglich in einer solchen Gestalt ist er auch unentbehrlich für alle, wie die Luft. Denn was ist ein Bauer? Ein Bauer ist für alle Menschen Nahrungsmaterial, das heißt ein eßbares Tier. Zum Beispiel ich, könnte ich denn auf der Welt existieren ohne den Bauer? Für die Existenz eines Menschen ist unbedingt nötig: Sonne, Wasser, Luft und der Bauer.« »Aber der Boden?« »Wenn nur der Bauer da ist, Erdboden wird schon sein! Man braucht ihm nur zu befehlen: ›he du, Bäuerlein, schaff mal Erde!‹ und die Erde ist geschaffen. Der Bauer kann ja gar nicht ungehorsam sein.« Er sprach gern, dieser lustige und heitere Kauz! Wir waren schon längst aus dem Dorfe heraus, gingen an vielen Landhäusern vorbei und gelangten von neuem in ein Dorf, das gleichsam im vergilbten Herbstlaub versunken war. Promtoff schwatzte lustig wie ein Zeisig; ich hörte zu und dachte über den Bauer und über die für mich neue Parasitengestalt, die den bäuerlichen Wohlstand zernagt, nach. »Wann wird man dem Bauer mit etwas Gutem vergelten für all das Schlechte, was man ihm so reichlich antut? Hier neben mir geht ein Produkt des städtischen Lebens, ein zynischer und kluger Landstreicher, der auf Kosten der Säfte dieses Bauern lebt, ein Wolf, der seiner Wolfsmacht vertraut ...« »Hören Sie mal!« – ich erinnerte mich plötzlich eines Umstandes. »Wir begegnen uns unter Lebensverhältnissen, die mich die magische Kraft Ihres Papiers bezweifeln lassen, wie ist das zu erklären?« »Ei!« lachte Promtoff, »das ist ganz einfach, ich habe schon diese Gegenden passiert, und nicht immer ist es ratsam, sich in Erinnerung zu bringen.« Seine Offenheit gefiel mir. Offenheit ist immer eine gute Eigenschaft, und es ist zu bedauern, daß man ihr so selten unter anständigen Menschen begegnet. Ich hörte aufmerksam auf das ungezwungene Geschwätz meines Mitreisenden, prüfend, ob er wirklich der war, für den er sich ausgab. »Hier ist vor uns ein Dorf ... Wollen Sie, so will ich Ihnen die Macht meines Papierleins zeigen,« schlug Promtoff vor. Ich wies dies Anerbieten zurück und ersuchte ihn, mir lieber zu erzählen, wofür man ihn mit diesem Papierlein belohnt hatte. »Das ist eine lange Geschichte,« sagte er mit einer Handbewegung, »aber ich werde es Ihnen noch einmal erzählen, bis dahin wollen wir ausruhen und etwas beißen. Mit Nahrungsmitteln sind wir vorläufig versehen, ins Dorf zu gehen und den Nächsten zu beunruhigen, haben wir jetzt also noch nicht nötig.« Wir gingen abseits vom Wege und setzten uns aus die Erde, unsere Mahlzeit abzuhalten. Hierauf streckten wir uns hin, recht faul geworden durch die heißen Sonnenstrahlen, wie durch den sanften Steppenwind, und schliefen ein. Als wir erwachten, stand die Sonne bereits rot und groß am Horizont, und über die Steppe lagerten sich die Schatten des südlichen Abends. »Nun sehen Sie« – erklärte Promtoff – »das Geschick will es, daß wir die Nacht in diesem Dörflein zubringen sollen.« »Kommen Sie, so lang es noch hell ist« – schlug ich vor. »Haben Sie nur keine Angst, heute übernachten wir unter Dach.« Er hatte auch recht. Im ersten Bauernhaus, wohin wir uns mit der Bitte um Nachtquartier wandten, lud man uns gastfreundlich ein, einzutreten. Der Hauswirt, kernig von Gestalt und gutmütig, kam eben von dem Felde gefahren, wo er gepflügt hatte; seine Frau bereitete das Abendbrot. Vier schmierige Bengel, die in einer Ecke des Hauses aneinandergedrängt saßen, blickten von dort aus mit neugierigen, schüchternen Augen auf uns. Die behäbige Frau machte sich viel zu schaffen, flink und stillschweigend ging sie oft vom Hause in den Flur und zurück, indem sie bald Brot, bald Melonen, bald Milch hereinbrachte. Der Wirt saß uns gegenüber auf einer Bank und rieb sich nachdenklich das Kreuz, indem er uns fragende Blicke zuwarf. Es folgte bald darauf eine gewöhnliche Frage. »Wohin gehen Sie denn?« »Wir gehen, guter Mann, von ›Meer zu Meer‹, bis zur Stadt Kiew,« antwortete lebhaft Promtoff in den Worten eines alten Wiegenliedes ... »Was gibt es dort in Kiew?« fragte der Mann nach einigem Nachdenken. »Aber wissen Sie denn nicht, die heiligen Reliquien?« Der Mann blickte auf Promtoff und spuckte schweigend. Hierauf fragte er: »Woher kommen Sie denn?« »Ich aus Petersburg, er aus Moskau,« antwortete Promtof ... »So, so,« sprach der Bauer und zog seine Augenbrauen. »Was ist das, dieses Petersburg? Die Leute sagen, daß es auf dem Meer erbaut ist und vom Meer überflutet wird.« Die Türe ging auf, und es erschienen zwei Bauern. »Wir kommen zu dir, Michael,« erklärte einer von ihnen. »Was führt euch zu mir?« »Siehst du, es ist so eine Sache ... Was sind das für Leute?« »Diese da?« fragte der Wirt, indem er mit dem Kopfe nach uns zeigte. »Jawohl.« Der Wirt schwieg, sann eine Weile nach, drehte langsam den Kopf und erklärte: »Weiß ich's denn? ... woher soll ich das wissen?« »Sie sind wahrscheinlich Wanderer?« fragten sie uns. »Jawohl,« antwortete Promtoff. Es stellte sich ein langes Schweigen ein, währenddem die drei Bauern uns anhaltend verdächtig und neugierig besahen ... Endlich setzten sie sich alle um den Tisch und begannen laut schmatzend blutrote Melonen zu verzehren. »Vielleicht ist einer von Ihnen auch Schriftkundiger?« wandte sich einer der Bauern an uns. »Beide,« antwortete kurz Promtoff. »Wissen Sie denn, was ein Mensch tun soll, wenn es ihn im Rücken sticht und brennt, so daß er nachts nicht schlafen kann?« »Gewiß wissen wir es!« erklärte Promtoff. »Na und was denn?« Promtoff kaute lange an seinem Brote, hierauf reinigte er die Hände an seinen Lumpen und blickte sinnend an die Zimmerdecke, dann begann er in entschiedenem Tone: »Man pflücke Brennesseln, befehle dem Weibe, in der Nacht mit diesen Brennesseln den Rücken zu reiben, hierauf streiche man Hanföl mit Salz auf die schmerzenden Stellen; das ist alles, was Sie tun können!« »Und was wird daraus?« erkundigte sich ein Bauer. »Gar nichts wird daraus,« sagte Promtoff achselzuckend. »Gar nichts?« »Jawohl, gar nichts.« »Na aber, wird es denn helfen?« fragte der Bauer. »Wird helfen.« »Na, ich werde es versuchen ... Danke Ihnen.« »Zur guten Gesundheit!« sagte Promtoff mit ernster Miene. Ein langes Stillschweigen, – Schmatzen der Melonenesser –, Geflüster der Kinder. »Haben Sie vielleicht gehört,« begann der Hauswirt, »wie ist es ... ist Ihnen vielleicht bekannt ... vielleicht haben Sie in Petersburg oder in Moskau ›mit der Spitze Ihres Ohres‹ gehört ... wegen Sibirien ... darf man hinübersiedeln oder nicht? Der Dorfschulze – lügt er oder spricht er die Wahrheit? – sagte, daß es durchaus nicht geht.« »Man darf nicht!« – erklärte Promtoff kurz. Die Bauern sahen sich gegenseitig an, und der Wirt murmelte vor sich hin: »Mag ihm doch ein Frosch in den Bauch kriechen.« »Man darf nicht!« erklärte von neuem Promtoff, und sein Gesicht nahm einen verklärten Ausdruck an. »Und zwar darf man es deshalb nicht, weil überall so viel Boden vorhanden ist, als man haben will.« »Richtig ist es zwar, daß für die Toten überall genug Erde vorhanden ist, für die Lebendigen aber wäre es noch zu wünschen, daß ...« erklärte bitter ein Bauer. »In Petersburg hat man beschlossen,« fuhr Promtoff feierlich fort, »den Bauern und Gutsbesitzern den Grund und Boden abzunehmen, für die Krone nämlich.« Die Bauern stierten ihn wild mit den Augen an und schwiegen. Promtoff warf ihnen strenge Blicke zu und fragte: »Abnehmen für die Krone, wissen Sie denn warum?« Das Schweigen nahm einen gespannten Charakter an, und die armen Bäuerlein schienen vor Staunen und Erwartung zu bersten. Ich sah sie an und konnte meine Wut über die Art, wie Promtoff diese armen Leute zum besten hatte, kaum zurückhalten. Aber sein freches Lügengewebe aufdecken, hieße ja, ihn den Fäusten der Bauern preisgeben. Ich schwieg daher, niedergedrückt von diesem unerfreulichen Dilemma. »So sprechen Sie doch, guter Mann,« bat leise und schüchtern einer der Bauern. »Es soll der Boden deshalb eingezogen werden, damit die ganze Erde gerecht und richtig unter die Bauern verteilt wird. Es ist dort « – Promtoff führte dabei eine seitliche Handbewegung aus – »anerkannt worden, daß der Bauer der wahre Wirt der Erde ist, und deshalb wurde also verordnet, niemand nach Sibirien zu lassen. Die Verteilung ist nun abzuwarten.« Einem der Bauern fiel bei diesen Worten ein Stück Melone aus der Hand. Sie alle blickten Promtoff auf den Mund, mit gierigen Blicken, und schwiegen, bestürzt über seine wunderbare Verkündigung. Nach einigen Sekunden ertönte gleichzeitig ein vierfacher Aufschrei: »O heilige Mutter Gottes!« seufzte hysterisch die Frau. »Ach, vielleicht lügen Sie?« »So sprechen Sie doch, guter Mann!« »Nun weiß ich, warum die Morgenröten in diesem Jahre so auffallend grell waren,« schrie überzeugt der Bauer mit den Kreuzschmerzen auf. »Das ist bloß ein Gerücht,« sagte ich, »vielleicht stellt sich das noch als eine Erfindung heraus.« Promtoff sah mich mit wahrem Staunen an und sprach erregt: »Wieso ein Gerücht? Wieso eine Erfindung?« Und es strömte aus seinem Munde eine Melodie der frechsten Lügen, – eine süße Musik für seine Zuhörer, außer mir. Er verfaßte viel Erheiterndes und Hinreißendes, so daß die Bauern bereit waren, »ihm in den Mund hineinzuspringen«, mir aber wurde eigentümlich zumute, diese phantasievolle Lüge anzuhören, die in ihrem Endresultate auf die Köpfe dieser beschränkten Leute ein großes Unglück heraufbeschwören konnte. Ich ging aus dem Hause und legte mich auf den Hof, darüber nachdenkend, wie ich das häßliche Spiel meines Reisekameraden vereiteln könnte. Noch lange klang seine Stimme in meinen Ohren, dann schlief ich ein ... Ich wurde von Promtoff bei Sonnenaufgang geweckt. »Stehen Sie auf, wir gehen!« sprach er. Neben ihm stand verschlafen der Hauswirt, und die Reisetasche Promtoffs war gespannt nach allen Seiten. Wir verabschiedeten uns von ihm und gingen fort. Promtoff war heiter, sang, pfiff und blickte mich von der Seite ironisch an. Ich überlegte eine Rede für ihn, während ich stillschweigend an seiner Seite schritt. »Nun, warum kreuzigen Sie mich nicht?« fragte er plötzlich. »Und Sie gestehen also, daß es Ihnen zukommt?« erkundigte ich mich trocken. »Nun, das versteht sich doch von selbst. Ich verstehe Sie und weiß, daß Sie mich dafür hassen. Ich will Ihnen sogar sagen, wie Sie es machen würden. Wollen Sie? Doch – wozu diese Aufregung? Lassen Sie es lieber. Was für Schlimmes ist darin, daß die Bauern etwas schwärmen werden? Sie werden dadurch nicht klüger. Ich aber gewinne dadurch. Sehen Sie mal, wie sie meine Reisetasche vollgepackt haben!« »Aber Sie könnten doch den Leuten zu einer Tracht Prügel verholfen haben.« »Kaum ... Und wenn auch? Was geht mich der fremde Rücken an? Wenn ich nur den meinigen schadlos halte. Das ist freilich unmoralisch, aber was geht es mich wieder an, ob es moralisch oder unmoralisch ist? Gestehen Sie doch, daß es ganz egal ist!« »Wahrhaftig,« dachte ich, »der Wolf mag gar nicht so unrecht haben ...« »Nehmen wir sogar an, daß sie durch mich leiden werden, aber würde trotzdem auch nachher der Himmel nicht noch ebenso blau und das Meer ebenso salzig sein?« »Tun Ihnen die Leute nicht leid?« »Mit mir hat auch keiner Mitleid ... Ich bin wie das Unkraut auf dem Acker, und jeder, dem mich der Wind unter die Füße weht, stößt mich zur Seite.« Er war ernst und innerlich böse, und seine Augen glänzten rachgierig. »Ich verfahre immer so, und zuweilen noch schlimmer ... Einem Bauer im Soratower Gouvernement empfahl ich gegen Leibschmerzen, auf Schaben gegossenes Baumöl zu trinken ... weil er geizig war. Welch eine Unzahl von Bosheiten und drolligen Spaßen habe ich nicht schon im Laufe meiner Wanderung angerichtet? Wieviel albernen Aberglauben und Schwärmereien führte ich nicht in die geistige Atmosphäre der Bauern ein? Und überhaupt, ich geniere mich gar nicht, das zu gestehen ... Warum sollte ich das? auf Grund welcher Gesetze, frage ich? Es gibt keine anderen Gesetze außer denen, die in mir sind! Das ist meine Überzeugung.« »Ja, womit Sie prahlen!« ... »Mögen Sie immerhin von Ihrem Standpunkt so urteilen. Aber ich, sehen Sie, bin kein Freund von wohlanständigen Gesichtspunkten ... Ich nehme an, daß, wenn man mich schlägt, ich nicht verpflichtet bin, stillzuhalten, sondern mich nach Kräften zu wehren.« Als ich das hörte, dachte ich mir, daß es meinerseits sehr vernünftig sein würde, den ersten Psalm des Königs David mir vor die Seele zu führen und einem Sünder aus dem Wege zu gehen. Aber vorher wollte ich seine Lebensgeschichte noch kennen. Ungefähr drei Tage brachte ich noch in seiner Gesellschaft zu, und in diesen drei Tagen überzeugte ich mich von vielem, was ich früher nur vermutet hatte. So ist mir zum Beispiel klar geworden, auf welchem Wege in den Reisesack Promtoffs verschiedene unnötige und alte Sachen hineingeraten waren, wie kupferne Leuchter, Spitzenstücke und Korallenschnüre. Ich erkannte, daß ich mit ihm meine Rippen Gefahren aussetzte, und daß ich sogar dahin geraten könnte, wo gewöhnlich derartige Sammler wie Promtoff hineingeraten. Es war dringend nötig, mich von ihm zu trennen ... Aber seine Geschichte! Und siehe da, eines Tages, als uns ein rauher Sturm das Vorwärtsschreiten unmöglich machte, und wir zitternd vor Kälte uns in einen Heuschober flüchteten, erzählte mir Promtoff, was ich gewünscht hatte. II Seine Lebensgeschichte Nun wollen wir erzählen ... Ihnen zum Frommen und zur Belehrung ... Ich beginne vom Vater. Mein Vater war ein strenger und wohlanständiger Mann. Er erlangte an seinem 65. Lebensjahre eine volle Pension und siedelte nach einem Kreisstädtchen über, wo er sich ein Häuschen gekauft hatte ... Meine Mutter war eine Frau von gutem Herzen und heißblütigem Temperament, ... so daß es auch möglich ist, daß mein Vater in Wahrheit gar nicht der meinige war. Er schonte mich nicht; für jede Kleinigkeit stellte er mich in den Winkel oder peitschte mich mit dem Riemen. Die Mutter dagegen liebte mich, und es gefiel mir bei ihr gut. Für jedes Zettelchen, das sie durch mich an ihre Herzensfreunde, und solche hatte sie immer, zu schicken pflegte, bekam ich von ihr gebührende Belohnung und für meine Bescheidenheit noch Besonderes. Als der Vater verreist war, blieb ich auf der sechsten Klasse des Gymnasiums stecken, aus der ich bald darauf ausgeschlossen wurde, weil ich die Lehrer der Physik in Verwirrung gebracht hatte. Ich sollte nämlich Unterricht bei unsern Lehrern nehmen, nahm ihn aber beim Zimmermädchen des Inspektors. Der letztere verübelte mir das und jagte mich hinaus. Ich kam zum Vater und erklärte ihm, daß ich infolge eines Mißverständnisses des Herrn Inspektors aus dem Tempel der Wissenschaft ausgestoßen wurde. Der Inspektor aber hatte, wie es sich herausstellte, in einem Briefe dem Vater den ganzen Sachverhalt auseinandergesetzt, dabei aber wohlweislich die Tatsache verschwiegen, daß er mich am Orte des Vergehens überrascht hatte, nämlich in der Kammer des Zimmermädchens. Daß er selbst des Nachts im Schlafrock dort erschienen war, beim Eintritt in süßem Tone flüsternd: »Dunchen!« das mag seine Sache sein. Freilich schimpfte nun der Vater auf mich, so oft er mich erblickte, und die Mutter ebenfalls. Sie schimpften hin, sie schimpften her und beschlossen, mich nach Pskow zu schicken, wo ein Bruder meines Vaters wohnte. Man beförderte mich nach Pskow. Ich sehe, daß der Onkel roh und dumm ist, die Kusinen aber sind niedlich, – also es geht. Es stellte sich aber heraus, daß auch hier kein Heim für mich war. Nach drei Monaten schickte mich der Onkel nach Hause zurück mit der Beschuldigung, daß ich einen entarteten Lebenswandel führte und einen schlechten Einfluß auf seine Töchter ausübte. Von neuem schimpfte man auf mich, von neuem verschickte man mich, aber diesmal aufs Dorf zu einer Tante im Gouvernement Kasan. Die Tante war, wie ich fand, eine heitere, lebenslustige Frau, bei der eine ganze Menge junger Leute verkehrte. Aber zu jener Zeit waren alle von der törichten Mode angesteckt, verbotene Bücher zu lesen. Nun und siehe da, man sperrte mich ins Gefängnis, wo ich ungefähr vier Monate zugebracht haben dürfte. Die Mutter teilte mir schriftlich mit, daß ich sie getötet, der Vater berichtete mir, daß ich ihn entehrt hätte. Sehr langweilige Eltern hatte ich. Wissen Sie, wenn dem Menschen erlaubt wäre, sich selbst Eltern zu wählen, das wäre viel bequemer als die jetzige Ordnung. – Nicht wahr? Nun, man entließ mich aus dem Gefängnis, und ich fuhr nach Nischni Nowgorod, wo eine verheiratete Schwester von mir wohnte. Ich fand die Schwester von einer großen Familie überbürdet und konnte nichts für mich tun. Als Ausweg erschien mir der Jahrmarkt. Ich trat in einen Chor von Sängern ein. Meine Stimme war gut, mein Äußeres war schön. Man stellte mich als Solisten an, ich sang auch. Sie denken womöglich, daß ich dabei tüchtig zu trinken pflegte, nein, ich trinke auch jetzt fast gar keinen Schnaps, und wenn ich es einmal tue, dann nur als Erwärmungsmittel. Ich war niemals das, was man einen Trinker nennt. Indessen betrank ich mich wohl einmal, wenn es gute Weine, namentlich Champagner zu trinken gab. Geben Sie mir Marsala, da betrinke ich mich unbedingt, weil ich diesen Wein liebe wie Frauen. Die Frauen liebe ich bis zum Wahnsinn ... Es kann aber auch sein, daß ich sie gerade hasse ... weil ich, sobald ich von der Frau das, was ich wollte, empfangen habe, ich sofort das unwiderstehliche Verlangen empfinde, ihr etwas Schimpfliches, Gemeines anzutun. So etwas, wissen Sie, daß sie weder Schmerz noch Erniedrigung, sondern daß sie die Empfindung haben soll, als wenn ihr Blut und das Mark ihrer Knochen gesättigt sei von einer häßlichen Vergiftung, und daß sie das ganze Leben in sich diese Vergiftung tragen und jeden Augenblick fühlen sollte. – Nun ja! Warum ich das den Frauen antue, weiß ich nicht, man kann es auch nicht erklären. Sie waren mir immer gewogen, weil ich hübsch und kühn war. Aber weil sie lügenhaft sind, möge sie der Teufel holen! Ich liebe es, wenn sie weinen und stöhnen – du siehst es an, du hörst es und denkst –, aha! dem Diebe geschieht recht! Nun also, ich singe ganz nett und lebe heiter. Einmal erscheint vor mir ein glattrasierter Mann und fragt: »Haben Sie auf dem Theater schon zu spielen versucht?« Ich spielte wohl im häuslichen Spektakel. Der Betreffende fragt weiter: »Wollen Sie auf Vaudevillerollen für 25 Rubel monatlich gehen?« Nun, so fuhren wir nach Perm. Ich spiele, ich singe in Divertissements – das Äußere eines leidenschaftlichen Brünetten, die Vergangenheit eines politischen Verbrechers. Die Damen sind von mir entzückt. Man gab mir zweite Liebhaberrollen, ich spielte sie. »Versuchen Sie,« sagte man mir, »Heldenrollen.« Ich versuchte, in den »Irrlichtern« den Max zu spielen und fühlte selbst –, es gelang! Ich spielte die Saison durch. Zum Sommer wurde eine überaus heitere Tournee zusammengestellt. Man spielte in Wjatka; man spielte in Ufa, selbst in Jelabuga. Zum Winter kehrten wir wieder nach Perm zurück. Und in diesem Winter fühlte ich Haß und Widerwillen gegen die Menschen. Du gehst heraus – weißt du – auf die Szene, da starren dich sofort Hunderte von Dummköpfen und Niederträchtigen an. Es überläuft dich ein ängstlicher Schauder, und du empfindest ein Stechen, als wenn du dich in einen Ameisenhaufen hineingesetzt hättest. Sie sehen auf dich, wie auf ihr Spielzeug, wie auf eine Sache, die sie sich für einen Abend zur Benutzung gekauft haben. Ihnen steht es frei, dich zu verurteilen oder dich zu loben. Und siehe da, sie beobachten, ob du fleißig genug deine Kunststücke vor ihnen ausführst. Finden sie dich darin tüchtig, dann schreien sie wie die Esel an der Leine, sie brüllen, und du hörst sie an und fühlst dich befriedigt. Für eine Weile vergißt du, daß du ihr Eigentum bist. Hierauf erinnerst du dich daran, und dafür, daß dir ihr Beifall angenehm war, schlägst du dich selbst mit Fäusten. Schauderhaft widerlich war mir das Publikum, und oft überkam mich die Lust, auf dasselbe von der Bühne aus zu spucken, es in den kräftigsten Ausdrücken zu beschimpfen. Zuweilen fühlst du es, wie ihre Blicke gleich Stecknadeln dir in den Körper hineindringen, und wie sie gierig warten, daß du sie kitzelst. Sie erwarten es mit der Zuversicht jener Gutsbesitzerin, der die Mägde in der Nacht die Sohlen streichelten. Du fühlst diese ihre Erwartung und denkst, wie gut wäre es, so ein langes Messer in der Hand zu haben, daß man mit ihm allen Zuschauern der ersten Reihe die Nasen abschneiden könnte. Der Teufel möge sie alle holen! Aber habe ich mich da nicht, wie es scheint, allzusehr einer lyrischen Stimmung hingegeben? Also ich spielte, verachtete dabei gründlich das Publikum und wollte vor ihm davonlaufen. Darin kam mir die Gattin des Staatsanwalts zu Hilfe. Sie gefiel mir nicht, und das eben mißfiel ihr. Sie brachte ihren Gatten in Bewegung, und infolgedessen fand ich mich plötzlich in der Stadt Saransk ein, – so wie ein Stäubchen vom Wind wurde ich von den Ufern der Kama fortgetragen. Ach! Alles ist wie ein Traum in diesem abscheulichen Leben. Ich sitze in der Stadt Saransk, und mit mir sitzt daselbst die junge Frau eines jungen Permer Kaufmanns. Es war ein entschlossenes Weib und hatte große Liebe zu meiner Kunst. Nun sitzen wir hier, ohne Geld, ohne Bekanntschaften. Mir ist's langweilig, ihr auch. Sie begann vor Langerweile mir Vorwürfe zu machen, daß ich sie nicht liebe. Anfangs duldete ich das, nachher wurde es mir lästig, und ich sagte ihr: »So gehe doch von mir zu allen Teufeln!« – »So also?« entgegnete sie, ergriff den Revolver und feuerte auf mich los. Die Kugel drang mir direkt in die linke Schulter; ein wenig tiefer – und ich wäre bereits im Paradies. Nun, ich fiel allerdings auch hin. Sie erschrak, sprang vor Angst in den Brunnen und ertrank. Man brachte mich nach dem Krankenhaus. Nun, selbstverständlich, erschienen Damen. – Diese brauchst du nicht mehr »mit Brot zu nähren«, wenn sie nur an einer Liebesangelegenheit sich beteiligen können. Sie machten sich mit mir zu schaffen, bis ich auf den Beinen war; und sobald ich aufgestanden war, verschafften sie mir eine Sekretärstelle bei der Polizei. Wie meinen Sie? Ist nicht bei der Polizei angestellt zu sein besser, als unter Aufsicht derselben zu stehn? So lebte ich nun ein, zwei, drei Monate ... Eben in diesen Tagen empfand ich, zum erstenmal in meinem Leben, eine niederdrückende, die Seele zermarternde Langeweile. Es ist eine der abscheulichsten aller Stimmungen, die den Menschen plagen und sein Gemüt entstellen. Alles um dich her hört auf, interessant zu sein, und du hegst immer ein Verlangen nach etwas Neuem. Du wirfst dich hin, wirfst dich her, fragst, grübelst, findest etwas – und greifst zu, aber gar bald siehst du ein, daß es nicht das war, was du brauchst ... Du fühlst dich wie gefangen von etwas Dunklem, fühlst dich im Innern gefesselt, unfähig, mit dir selbst in Frieden zu leben; und eben dieser Friede tut dem Menschen am meisten not. Ein abscheulicher Zustand! Dies brachte mich auch dahin, daß ich mich verheiratete. Ein solches Verfahren von einem Menschen mit meinem Charakter ist ja auch nur möglich aus Kummer oder aus Katzenjammer. Meine Frau war die Tochter eines Pfarrers. Sie lebte bei ihrer Mutter, – der Vater war gestorben –, und so genoß sie volle Freiheit. Sie hatte ein eigenes Häuschen, ja man kann sogar sagen ein Haus; auch hatte sie Geld. Sie war ein hübsches Mädchen, nicht dumm, von heiterem Charakter; sie liebte aber außerordentlich, Bücher zu lesen. Und das eben war sowohl für sie als für mich von schlechter Wirkung. Immerfort pflegte sie aus ihren Büchern allerlei Lebensregeln aufzuschnappen, und kaum hatte sie irgendeine Regel aufgegriffen, so kam sie damit sofort zu mir. Ich aber konnte schon von der Zeit »meiner ersten Nägel« die Moral nicht ausstehen ... Anfangs lachte ich meine Frau aus, später wurde es mir lästig, sie anzuhören. Ich sah, daß sie fortwährend durch Einfälle, die sie Büchern entnahm, zu glänzen suchte; das aus Büchern Gelesene steht einer Frau aber so schlecht, wie dem Lakaien der Anzug seines Herrn. Wir fingen an, uns gegenseitig Vorwürfe zu machen .... Inzwischen machte ich die Bekanntschaft eines Pfaffen. Dieser Pfaffe war ein eigentümlicher Mensch, Gitarrespieler, Sänger und ein Meister im Trinken. Für mich war er der beste Mann der Stadt, denn in seiner Gesellschaft ging es immer lustig zu. Meine Frau aber schimpfte über diese Bekanntschaft und wollte mich durchaus in ihre Gesellschaft von Büchermenschen und Pharisäern hineinziehen. Es erschienen bei ihr an den Abenden alle ernsten und besseren Männer der Stadt, wie sie dieselben nannte, für mich aber waren sie zu ernst und drückend. Ich selbst las damals zwar auch gern, aber ich konnte mich niemals über etwas Gelesenes in Unruhe versetzen, und ich sehe auch gar nicht ein, weshalb. Aber sie – die Frau und all die anderen Bekannten, – sobald sie irgendein Büchelchen gelesen hatten, gerieten sie in solche Aufregung, als ob jedem von ihnen hundert Splitter unter die Haut getrieben wären. Meiner Meinung nach liegt die Sache so: ein Büchelchen? schön! – ein interessantes? noch besser! Aber jedes Büchlein hat ein Mensch geschrieben, und über seinen Kopf hinaus kann doch keiner springen. Alle Bücher werden zu einem Zweck geschrieben; alle wollen beweisen, daß das Gute gut, und das Schlechte schlecht ist. Der Sinn wird immer derselbe bleiben, ob du hundert oder tausend davon durchgelesen hast. Meine Frau verschlang die Bücher dutzendweise, so daß ich ihr direkt sagte, ich würde viel besser leben, wenn ich den Pfaffen geheiratet hätte. Dieser allein rettete mich auch vor Langerweile, und wenn ich ihn nicht gehabt hätte, wäre ich meiner Frau davongelaufen. So kam es, daß, sobald die Pharisäer zu ihr kamen, ich zum Pfaffen ging. Auf diese Weise lebte ich ungefähr anderthalb Jahre. Vor Langerweile half ich dem Pfarrer den Gottesdienst abhalten; bald las ich die Apostel, bald sang ich aus dem » Cliros « stehend: »Von meiner Jugend an martern mich meine Leidenschaften.« Während dieser Zeit litt ich sehr viel, und von vielen meiner Sünden werde ich am Jüngsten Gericht freigesprochen werden wegen dieser Leidenszeit. Aber da kam zu meinem Pfaffen eine Nichte zu Besuch. Sie kam deshalb, weil er Witwer war und auch aus dem Grunde, weil ihn die Schweine gefressen hatten, das heißt nicht ganz, sondern nur so, daß sie sein Aussehen entstellt hatten. Er war nämlich draußen auf dem Hofe betrunken hingefallen und eingeschlafen, da kamen die Schweine und fraßen ihm ein Ohr, eine Backe und den Hals an. Sie wissen doch, daß die Schweine allen Dreck fressen! Von diesem Schaden erkrankte mein Pfaffe und ließ die Nichte herkommen, daß sie ihn pflegte und ich sie. Wir, ich und sie, nahmen uns also der Sache mit großem Eifer und mit Erfolg an. Meine Frau aber erfuhr, was da vorging, und schimpfte selbstverständlich. Was blieb mir nun zu tun übrig? Ich begann auch zu schimpfen. Sie sagte zu mir: »Heraus aus meinem Hause!« Ich dachte nach und ging in Frieden fort – ganz aus der Stadt. So löste ich die Bande meiner Ehe ... Meine Frau, wenn sie noch lebt, zählt mich gewiß schon zu den Toten. Ich fühlte niemals das geringste Verlangen, sie wiederzusehen, und ich nehme an, daß auch sie mich bereits vergessen hat und in Frieden lebt. Sie hat mir seinerzeit arg zugesetzt. So kam ich wieder als freier Mann nach Pensa. Ich versuchte bei der Polizei unterzukommen, fand aber keine Stelle für mich frei, anderswo hatte mein Versuch ebenfalls nur ungünstigen Erfolg! So trat ich denn bei den Psalmensängern ein ... Ich trat ein und sang und las Psalmen. In der Kirche wiederum das Publikum; von neuem tauchte in mir die alte Abneigung gegen dasselbe auf –, ein miserabler Verdienst und eine abhängige Lebensstellung. Schlecht ging es mir. Da kam mir eine Kaufmannsfrau zu Hilfe. Es war eine dicke, gottesfürchtige Frau, und das Leben war ihr langweilig. Nun gewann sie mich lieb, und um der geistlichen Erbauung willen verlangte sie oft nach meinem Besuch. Ihr Mann war im Irrenhaus. Sie selbst verwaltete ein großes Mehlgeschäft. Ich machte mich aber vorsichtig an sie heran. »Es ist Ihnen wohl schwer, alles zu bewältigen, Gnädigste.« »Jawohl, sehr schwer.« »Nehmen Sie mich doch zum Gehilfen.« »Du würdest mich doch betrügen,« meinte sie und nahm mich schließlich doch an. Nun begann für mich ein sehr gutes Leben. Die Stadt aber war sehr häßlich, weder Theater, noch gute Restaurants, noch interessante Menschen waren da ... Selbstverständlich wurde es mir langweilig. Da schrieb ich an meinen Onkel einen Brief: »Im Laufe meiner fünfjährigen Abwesenheit von Petersburg bin ich sehr vernünftig geworden. Ich bitte um Verzeihung für alles, was ich getan habe, und verspreche, in Zukunft dergleichen zu vermeiden.« Unter anderem fragte ich, ob es für mich nicht möglich sei, in Petersburg wohnen zu können. Der Onkel antwortete: »Man kann, aber man muß vernünftig sein.« Da verabschiedete ich mich von meiner Kaufmannsfrau. Wissen Sie, das war ein dummes, fettes, derbes und unschönes Weib. Ich hatte unter meinen Geliebten sehr hübsche, feine und vernünftige Weibchen ... N – ja – a ... Ich kam mit ihnen aber schlecht auseinander; entweder jagte ich das Weib mit Wut und Verachtung fort, oder das Weib tat mir irgendeine Gemeinheit an. Dagegen hat mir diese Frau eine Achtung vor ihr eingeflößt ... durch ihre Einfachheit ... Ich sagte ihr: »Lebe wohl!« »Lebe wohl,« sagte sie, »mein Schatz! Mag es dir gut gehen ....« »Tut dir denn die Trennung nicht leid?« »Wie soll es mir denn nicht leid tun, einen so hübschen und vernünftigen Mann zu verlieren? Ewig würde ich mich von dir nicht trennen, aber es muß doch geschehen .... Ich kenne dich wohl ... du bist ein freier Vogel! ... Nun, so gehe in Gottes Namen!« – Dabei weinte sie bitterlich ... Da sagte ich: »Verzeih' mir doch, Gnädigste!« »Ach, was ... zu danken habe ich dir, nicht zu verzeihen!« »Wieso denn danken? wofür denn danken?« »Aber wie denn anders,« sagte sie, »bist du doch so ein Mann, der mich leicht an den Bettelstab hätte bringen können; ich hatte alles in deinen Händen, du konntest mich nach Belieben berauben, ohne daß ich dich darin zu hindern vermocht hätte; du wußtest es auch ... du gehst aber ehrlich ab ... Ja, ich weiß auch, wieviel du bei mir im Laufe der Zeit verdient hast – zusammen ungefähr 4000 Rubel. – Ein anderer an deiner Stelle würde den ganzen Brei aufgezehrt und auch das Gefäß zertrümmert haben« ... N–ja–a ... Sehen Sie mal, so sprach das Weib ... Das war ein liebes, nettes Weib! Ich küßte sie zum Abschied, und mit einem Achtungsgefühl für sie, mit leichtem Herzen und mit 5000 Rubel in der Tasche – sie hatte sich verrechnet – erschien ich nun in Petersburg. Hier lebte ich wie ein Edelmann, besuchte das Theater, machte Bekanntschaften, spielte auch manchmal vor Langerweile auf der Bühne, viel mehr aber – Karten! Eine schöne Beschäftigung, das Kartenspiel: du sitzest am Tisch, und im Laufe der Nacht stirbst du zehnmal und lebst wieder auf! Unheimlich wird dir zumute, wenn du weißt, daß in dem folgenden Augenblick dein letzter Rubel totgeschlagen wird und du ein Bettler geworden bist ... Geh' hinaus ... stiehl ... oder erschieß' dich ...! Ein ebenso eigentümlicher, wunderbar anregender Genuß ist es, zu merken, wie dein Nachbar oder Partner dasselbe unheimlich kitzelnde Gefühl bei seinen letzten Rubeln verspürt, das du selbst eben durchlebt hast ... Auf die roten und blassen Gesichter der Mitspielenden zu sehen, wie sie vor Angst zu verspielen und vor Gier nach Gewinn in grenzenlose Erregung geraten und zwischen Furcht und Hoffnung, zwischen Wut und Entzücken hin und her geworfen – und ihre Karten eine nach der andern geschlagen werden ... o, in welch wunderliche Wallung bringt es Blut und Nerven! ... Du schlägst eine Karte, und es ist, als wenn du einem Menschen stückweise das Fleisch samt Blut und Nerven aus dem Herzen herausrissest ... Das ist recht saftig! ... Dieses fortwährende Riskieren, auf die Gefahr hin unterzugehen ... das ist das Beste am Leben ... Und wie drückt doch der Dichter diesen Gedanken so treffend aus: »O, Wonnerausch – im Kampfesbraus, Dort, an des düstern Abgrunds Rand!« Ja, ein großer Genuß liegt darin ... und überhaupt fühlst du dich nur dann wohl, wenn du etwas riskierst. Je mehr aufs Spiel gesetzt, desto mehr Leben! Haben Sie schon einmal hungern müssen? Mir passierte es schon, daß ich zwei Tage nacheinander hungern mußte ... Und eben dann, wenn dein Magen sich selbst zu verzehren beginnt, wenn du fühlst, wie deine Eingeweide »trocknen« und dein »Absterben« nahe ist – dann bist du bereit, für ein Stückchen Brot einen Menschen oder ein Kind zu töten ... Du bist zu allem bereit ... Und eben in diesem Bereitsein, ein Verbrechen zu begehen, liegt eine besondere Poesie ... das ist ein wertvolles Empfinden, und, wenn du es durchgemacht hast, achtest du dich selbst mehr ...! Aber setzen wir doch unsere bunte Erzählung fort; sie dehnt sich ohnehin in die Länge wie eine Begräbnisprozession, in der ich die Rolle des Verschiedenen einnehme ... Pfui! ... Was für ein närrischer Vergleich mir in den Kopf gekrochen ist ... Na, meinetwegen, er ist vielleicht auch richtig ... Warum indessen nicht vernünftiger werden? Bei Herrn Balzac findet sich irgendwo ein sehr richtiger und treffender Ausdruck: »Es ist dumm wie ein Fakt.« Dumm? Nun es sei! Was geht mich der Unterschied zwischen dumm und vernünftig an? Also ich lebte in Petersburg. Das ist eine schöne Stadt, aber sie wäre doppelt so schön, wenn man die Hälfte ihrer Einwohner im Meer, das die Stadt umspült, ersäufte. Ich lebte also und verrichtete verschiedene Dinge, wie sie einem Menschen zukommen. Ich gefiel einer Dame, und sie erwarb mich, um mich auszuhalten. Wurden Sie niemals von Damen ausgehalten? Versuchen Sie es einmal, es ist interessant. Sie sind gleichzeitig Sache und Herrscher Ihrer Dame. Sie hat Sie gekauft wie ein Spielzeug, aber Sie spielen mit ihr, die Sie gekauft hat. Schließlich befindet sich diese Käuferin in Ihren Händen, und zwar in einer sehr lächerlichen Situation – weil Sie vor ihr immer die Rolle eines Pantoffels spielen können, der ein Hut sein will und fordert, daß man ihn auf dem Kopfe tragen soll. So lebte ich nun ein, zwei, drei Jahre – alles ging gut, das heißt heiter und lustig. Da ereignete sich eine operettenartige Geschichte. Es kam nämlich ein sonst sehr guter Mann zu mir, der sich aber mit einer schlechten Sache befaßte – mit der Politik nämlich, derentwegen ich übrigens seinerzeit feste brummen mußte. Er kam und sprach: »Erlange doch für mich einen Paß!« »Was für einen?« »Na,« – sagte er, »für ein Fräulein, brünett, zwanzig Jahre alt, mittlerer Wuchs, alles übrige – gewöhnlich.« »Wozu?« »Nun, es existiert nämlich ein solches Mädchen, es ist aber nötig, daß sie nicht mehr existiert, und so will ich sie unter fremdem Namen verheiraten.« »Na, warum denn nicht? Das ist ja ein drolliges Geschichtchen.« Zufällig war auch bei meiner Dame eine Zofe, die diesen Anforderungen ganz genau entsprach ... Ich nahm ihren Paß und gab ihn diesem Scharlatan. Schön! Es verging eine lange Zeit. Auf einmal – Krach! erschienen zwei Gendarmen und sagten: »Bitte schön!« Ich ging mit ... Irgendein grauer und außerordentlich strenger Herr fragte mich: »Haben Sie einem Mädchen soundso einen Paß verschafft?« »Jawohl, das stimmt, ich weiß aber nicht, ob es gerade für dieses Mädchen war.« »Wieso?« »Na, aber mein Freund vergaß wirklich, mir das Mädchen zu nennen.« Der strenge Mann glaubt's mir nicht. »Wie ist das möglich? « sagte er. »Sie kannten das Mädchen nicht und gaben ihr doch einen Paß?« »Ich gab ihn nicht dem Mädchen.« »Wem denn?« Ich sagte, wem. »Aha! – « sagte er – »so ist er nun endlich hineingeraten; ich danke für die Auskunft.« Sofort erließ er auch einen Befehl, meinen Freund zu fassen, mich aber in eine geräumige Zelle einzusperren. Nach zwei Tagen konfrontierte man mich mit meinem Freund, der selbstverständlich meine Worte bestätigte. Nun fragte man mich, wohin ich wegfahren möchte aus Petersburg. Ich sagte: »Ist es nicht möglich nach Zarskoje Sjelo?« »Nein« – erwiderte man – »weiter!« »Nach Russa vielleicht?« »Noch weiter!« Na, wir einigten uns auf Tula. »Sie können« – sagte er – »noch weiter fahren, wenn Sie Lust haben sollten, aber hierher dürfen Sie vor drei Jahren sich nicht wieder melden. Ihre Dokumente werden Sie vorläufig bei uns lassen, zum Andenken an Ihre Person, dagegen bekommen Sie hier ein Durchgangszeugnis bis Tula. Nehmen Sie es in Empfang und bemühen Sie sich, binnen vierundzwanzig Stunden von hier zu verschwinden.« Nun, was ist zu machen, dachte ich mir. Man muß seinem Vorgesetzten gehorchen. Wie soll man ihm denn den Gehorsam verweigern? So verkaufte ich also meine ganze Habe meiner Wirtin für ein Butterbrot und ging zu meiner Dame. Sie weigerte sich, mich zu empfangen, die Hündin. Ich versuchte es bei zwei, drei anderen Bekannten, sie begegneten mir wie einem Aussätzigen. Ich spuckte auf alle und ging nach einer gottgefälligen Stätte, um dort die letzten Stunden meines Lebens in Petersburg zuzubringen. Gegen sechs Uhr morgens ging ich von dort ohne einen Groschen in der Tasche, rein alles in Karten verspielt. So gründlich hatte mich ein Beamter gerupft, daß ich sogar in Rührung vor seinem Talent alles ohne Überlegung verspielte ... Ja ... Nun, wohin sollte ich mich jetzt wenden! Ich ging, ich weiß nicht warum, auf den Moskauer Bahnhof, trieb mich dort herum und sah, daß ein Zug gerade im Begriff war, nach Moskau abzufahren. Ich stieg in einen Wagen, setzte mich hin, fuhr zwei Stationen und dann warf man mich mit Triumph aus dem Wagen hinaus. Man wollte ein Protokoll aufnehmen, ließ mich aber, als ich mein Zeugnis zeigte, in Ruhe. »Gehen Sie weiter« – sagten sie. Ich ging. Nachdem ich nun ungefähr zehn Werst gegangen war, wurde ich müde und fühlte, daß ich essen mußte. Da sah ich ein Wächterhäuschen, darin der Eisenbahnwärter. Ich wandte mich an ihn: »Gib mir doch, Freundchen, ein Stückchen Brot.« Er sah mich an und gab mir nicht allein Brot, sondern auch eine große Tasse Milch. Bei ihm übernachtete ich auch, das erstemal während meines Landstreicherlebens, unter freiem Himmel auf Heu, hinter der Hütte. Am Morgen erwachte ich – die Sonne schien, die Luft erquickend, – grüne Fluren, Vogelgezwitscher! Ich nahm noch Brot von dem Wärter und ging weiter. Sie müssen es begreifen, – im Landstreicherleben gibt es etwas Verlockendes und Hinreißendes. Es ist so angenehm, sich frei von Pflichten zu fühlen, frei von den verschiedenen kleinen Strickchen, die deine Existenz unter Menschen fesseln, frei von allen Kleinigkeiten, die dein Leben so verunstalten, daß es aufhört, ein Vergnügen zu sein und nur noch als eine lästige Bürde, als ein schwerer Korb voll Pflichten empfunden wird ... so die Pflichten, sich anständig anzuziehen, anständig zu sprechen und alles so zu tun, wie es gang und gäbe ist, aber nicht so, wie du es möchtest. Begegnet man einem Bekannten, muß man ihm, weil es so gebräuchlich ist, »guten Tag!« zurufen und nicht »krepiere!«, was man zuweilen doch lieber sagen möchte. Überhaupt, wenn man die Wahrheit sprechen wollte, sind all diese feierlich-närrischen Beziehungen, die unter den anständigen städtischen Menschen sich eingebürgert haben, nichts als eine langweilige Komödie! Und dazu noch eine ganz gemeine, niederträchtige Komödie, weil niemand den andern in seiner Gegenwart einen Narren oder Schuft nennt, und wenn es einmal geschieht, so ist es nur in einem Anfall jener Aufrichtigkeit, die man Bosheit nennt ... Im Landstreicherleben dagegen befindest du dich außerhalb all dieser Plackereien, und eben der Umstand, daß du dich ohne Bedenken von verschiedenen Bequemlichkeiten des Lebens lossagen und ohne dieselben bestehen konntest – erhebt dich in deinen eigenen Augen so angenehm. Du wirst zu dir selbst viel nachsichtiger ... wiewohl ich gegen mich selbst niemals besonders streng war; ich zermarterte mich nie, und die Zähne meines Gewissens taten mir niemals weh. Ich kratzte mein Herz niemals mit den Krallen meines Verstandes. Ich, sehen Sie, habe mir schon früh, für mich selbst unbemerkt, die allereinfachste und klügste Philosophie fest angeeignet: Wie du auch leben wirst – sterben mußt du immer. Warum denn mit sich selbst streiten? Warum sich selbst am Schwanze nach links zerren, während deine Natur mit der ganzen Macht dich nach rechts zwingt? Und die Menschen, die dich entzweireißen wollen, kann ich nicht ausstehen. – Wozu wenden sie denn ihre Mühe an? Ich pflegte mich mit solchen Käuzen zu unterhalten. Du fragst einen solchen: Warum, Freund, stürmst du denn? warum, Bruder, drängst du so? Ich strebe, sagt er dir, nach Selbstvervollkommnung ... Wozu denn? – Wieso: »Wozu denn? In der Vervollkommnung des Menschen ist ja der Sinn des Lebens enthalten.« – Nun, ich verstehe das nicht. Sehen Sie, in der Vervollkommnung eines Baumes sehe ich einen klaren Sinn. Er vervollkommnet sich, bis er zu einem Zweck tauglich wird. Dann braucht man ihn zur Deichsel, zu Särgen oder noch zu anderen für den Menschen nützlichen Dingen. – Nun schön! Du vervollkommnest dich – das ist deine Sache; aber sage mir doch, warum du dich an mich herandrängst und mich zu deinem Glauben bekehren willst? Daher nämlich, sagt er, weil du ein Vieh bist und keinen Sinn im Leben suchst. Aber ich habe ihn ja gefunden, wenn ich ein Vieh bin und das Bewußtsein meiner Tierheit mich durchaus nicht belästigt. Du lügst, sagt er, wenn du dieses erkannt hast, mußt du dich bessern. Wie soll ich mich denn bessern? Lebe ich doch in Frieden mit mir selbst, Verstand und Gefühl sind in mir einig. Wort und Tat in voller Harmonie! Das ist, sagt er, Gemeinheit und Zynismus .... Und so pflegen sie alle zu urteilen. Ich fühle, daß sie lügen, daß sie Narren sind; ich fühle es, und kann sie daher nicht genug verachten. Wenn, – o, ich kenne ja die Menschen! – wenn du alles, was heute gemein, schmutzig und böse, morgen als ehrenhaft, sauber und gut erklärst, so wird man dich gern als ehrenhaften, saubern und tugendhaften Menschen preisen. Und solche Charakterlosigkeit offenbart sich in ihrer widerlichsten Gestalt besonders vor dem, der die Macht besitzt, die Feigheit der Herzen zu knechten. Ja, so ist's! »Das geht zu weit,« sagen Sie? – Das tut nichts; mag es auch allzuweit gehn, dafür ist es aber auch richtig .... Sehen Sie, ich sage mir so: Diene dem Herrn oder dem Teufel, aber nicht dem Herrn und dem Teufel. Ein rechter Schuft ist immer besser als ein mangelhafter ehrlicher Mensch. Es gibt Weißes, es gibt Schwarzes, aber mischst du beides, so gibt es immer etwas Schmutziges. Ich begegnete wahrend meines ganzen Lebens nur unbedeutenden ehrlichen Leuten, solchen, wissen Sie, bei denen die Ehrlichkeit aus Stückchen zusammengesetzt war, genau so, als ob sie dieselbe unter den Fenstern aufgelesen hätten, wie Bettler eine Gabe. Das ist eine Ehrlichkeit, schlecht zusammengeflickt und überall voller Risse ... Und dann gibt es noch eine Ehrbarkeit, die durch Lesen von Büchern erworben wird; sie dient dem Menschen, wie seine besseren Beinkleider, für feierliche Gelegenheiten. Ist doch überhaupt alles Gute bei den meisten sogenannten guten Menschen Festtägliches und Gemachtes; sie tragen es nicht in sich, sondern bei sich zur Schau, um damit voreinander zu glänzen. Ich begegnete Menschen, die ihrer Natur nach wirklich gut waren, aber man trifft sie selten und fast nur unter den einfachen Leuten, außerhalb der Mauern der Städte. Bei solchen Menschen fühlst du sofort, sie sind gut! Und du siehst – sie sind gut geboren ... Ja! ... Im übrigen hole sie alle der Teufel, die Guten wie die Schlechten! Was ist mir Hekuba ... Ich weiß, daß ich Ihnen Tatsachen meines Lebens kurz und oberflächlich erzähle, und daß es Ihnen schwer sein muß, zu verstehen, warum und wieso ... Aber das ist schon meine Sache. Ja, das Wesentliche ist nicht in den Ereignissen, sondern in den Stimmungen. Geschehnisse sind vieles vollbringen, wenn ich nur Lust habe; ich nehme z. B. ein Messer und stoße es Ihnen in die Kehle, nun, das wäre eben ein Kriminalfaktum! Oder ich steche mir dasselbe durch die Brust, das wäre wiederum ein Faktum. Überhaupt kann man die verschiedenartigsten Dinge vollführen, wenn es die Stimmung erlaubt. Die ganze Sache liegt in den Stimmungen, sie erzeugen die Taten, sie schaffen die Gedanken und die Ideale. Und wissen Sie, was ein Ideal ist? Ja! Es ist einfach eine Krücke, ersonnen zu jener Zeit, als der Mensch noch ein schlechtes Vieh war und auf den Hinterbeinen zu gehen anfing. Den Kopf von der grauen Erde erhebend, erblickte er über sich den blauen Himmel und war von seiner Pracht und Herrlichkeit geblendet. Dann sagte er sich in seiner Dummheit: »Ich werde ihn erreichen!« Und seit der Zeit schleppt er sich mit dieser Krücke auf der Erde herum, sich mit Hilfe derselben bis auf den heutigen Tag noch immer auf den Hinterbeinen haltend. Sie werden es mir glauben, daß ich nicht in diesen Himmel will; ich habe in mir niemals ein solches Verlangen empfunden. Ich sagte dies bloß, um ein schönes Wort zu gebrauchen. Indessen bin ich von meiner Geschichte wieder abgeschweift; na, das tut aber nichts. Wickelt man doch bloß im Roman die Knäuel der Geschehnisse regelrecht ab, unser Leben dagegen ist ein unregelmäßig verwickelter Knäuel. Dazu kommt noch, daß man für die Romane bezahlen muß, während ich Ihnen meine Geschichte umsonst erzähle. Kurz, diese Lebensweise gefiel mir, sie gefiel mir um so mehr, als ich bald darauf die Mittel zu meinem Unterhalt entdeckte. Ich ging einst und sah in der Ferne ein Bauerngut im Glanze der Nachmittagssonne prangen. Mir entgegen bewegten sich zwischen dem ausgetrockneten Getreide drei wohlgestaltete Figuren, ein Herr und zwei Damen. Der Herr hatte schon einen graumelierten Bart, trug eine Brille und war sehr stattlich. Die Damen sahen abgemagert, aber ebenfalls wie Leute von besserem Stande aus. Ich machte das Gesicht eines Leidenden und bat, in das Bauernhaus eintreten zu dürfen, um dort zu übernachten. Sie erlaubten es und sahen sich gegenseitig bedeutungsvoll an. Ich verbeugte mich höflich, dankte und ging langsam von ihnen weg. Sie aber kehrten um, folgten mir und ließen sich mit mir in ein Gespräch ein: Wer? Woher? Wohin? Es waren Leute von humaner Gesinnung. Die Art ihrer Gesinnung war liberal und die Antworten legten sie mir gleichsam in den Mund. Als ich ins Haus kam, fand ich, daß ich ihnen ungeheuer viel vorgelogen hatte: als wenn ich das Volk studiere und belehre, und als wenn meine Seele von verschiedenen Ideen eingenommen wäre und dergleichen mehr .... Ich könnte schwören, alles dies kam deshalb so, weil sie es so hören wollten. Ich habe sie durch meine Antworten bloß nicht gehindert, mich für den zu halten, für den sie mich halten wollten. Als ich mir aber vorstellte, wie schwer die Rolle zu spielen war, die ich ihnen gegenüber übernommen hatte, wurde mir gar nicht gut zumute. Aber nach dem Abendbrot sah ich ein, daß es in meinem Interesse lag, diese Rolle zu spielen, weil diese Leute außerordentlich gut aßen. Sie aßen mit Gefühl, sie aßen wie gebildete Leute. Hierauf wies man mir ein Zimmerchen an, der Herr schenkte mir Hosen und andere Gegenstände, überhaupt behandelte man mich sehr gut. Nun, ich habe dafür, um sie zu unterhalten, meiner Phantasie die Zügel schießen lassen. O himmlische Königin, was habe ich da alles gelogen! Was ist mir gegenüber Chlestakoff? Ein Idiot ist Chlestakoff! Ich log niemals, ohne das Bewußtsein zu verlieren, daß ich lüge. Ich freute mich selbst darüber, wie schön ich lügen konnte. So log ich, ich sage Ihnen, daß selbst das Schwarze Meer rot würde, wenn es meine Lügen gehört hätte. Diese guten Leute hörten mich mit Vergnügen an, sie hörten, fütterten und pflegten mich wie ein eigenes Kind. Und ich habe dafür Geschichten für sie verfaßt. Da sehen Sie, wie mir die Büchelchen, die ich gelesen, und die Dispute, die ich mit den Pharisäern meiner Frau geführt hatte, zustatten kamen. Gut zu lügen, ist ein hoher Genuß, sage ich Ihnen. Wenn du lügst und siehst, man glaubt dir, so fühlst du dich erhaben über die Menschen. Und sich höher zu fühlen als die Menschen, ist ein seltsames Gefühl! Die menschliche Aufmerksamkeit zu beherrschen und bei sich zu denken: Dummköpfe! ist köstlich. Jemand zum besten zu haben, ist immer angenehm. Ja, auch ihm selbst, dem Menschen nämlich, ist es wohl sehr angenehm, eine Lüge zu hören, aber eine gute, die ihm seine Wolle streichelt; vielleicht ist auch jede Lüge gut, oder umgekehrt – alles Gute eine Lüge. Es gibt kaum in der Welt etwas, das mehr Aufmerksamkeit verdiente, als die verschiedenen menschlichen Einfälle, Schwärmereien und Träumereien und dergleichen mehr. Als Beispiel mag mal die Liebe genommen werden. Ich liebte immer an den Frauen genau das, was an ihnen niemals zu finden war, und dasjenige, womit ich sie ausstattete, war eben auch das Beste an ihnen. Du siehst z. B. ein frisches, fesches Weibchen, und sofort stellst du dir ungefähr folgendes vor: umarmen muß sie so, küssen wird sie so, ausgezogen wird sie so erscheinen, in Tränen macht sie diesen Eindruck, in Freuden sieht sie so aus. Und dann entsteht bei dir unmerklich die Überzeugung, daß dies alles bei ihr tatsächlich vorhanden ist, und zwar genau so, wie du es begehrst ... Nun versteht es sich von selbst, daß, wenn du sie kennen lernst, wie sie wirklich ist – du feierlichst in der Patsche sitzest ... Na, es ist dies indessen nicht so wichtig, kann man doch deshalb nicht ein Feind des Feuers sein, weil man sich zuweilen daran verbrennt, man muß nur bedenken, daß es immer wärmt, nicht wahr? ... Nun denn! ... Aus eben dem Grunde kann man aber die Lüge auch nicht schädlich nennen, sie immer tadeln, ihr die Wahrheit vorziehen ... Weiß man doch noch gar nicht, was diese vielgepriesene Wahrheit eigentlich ist ... hat doch niemand ihren Paß gesehen ... Vielleicht erweist sie sich, wenn man ihre Dokumente genau besehen hat, als weiß der Teufel was ... Indessen, ich philosophiere wie ein Sokrates, anstatt mich lieber mit der Sache zu befassen ... Ich log diesen ehrlichen Leuten bis zur Erschöpfung meiner Phantasie vor, und als ich mich dann in Gefahr sah, ihnen langweilig zu werden – ging ich fort, nachdem ich bei ihnen drei Wochen verlebt hatte. Reich beschenkt für die Reise, ging ich von ihnen fort und schlug die Richtung nach der nächstliegenden Station ein, um von da nach Moskau zu wandern. Von Moskau fuhr ich nach Tula, aus Versehen des Schaffners unentgeltlich. Nun befand ich mich in Tula vor dem dortigen Polizeimeister. Er sah mich scharf an und fragte: »Womit wollen Sie sich hier beschäftigen?« »Ich weiß nicht,« sagte ich. »Weshalb« – fragte er – »entfernte man Sie aus Petersburg?« »Auch das weiß ich nicht.« »Augenscheinlich wegen irgendwelcher Dinge, die im Kriminalkodex nicht vorgesehen sind?« erkundigte er sich forschend. – Ich blieb aber undurchdringlich. »Ein unbequemer Kunde sind Sie,« sagte er. »Jeder hat nun einmal seine Spezialität, mein bester Herr!« Er überlegte nun eine Weile und machte mir folgenden Vorschlag: »Da Sie sich doch selbst einen Wohnort gewählt haben,« – meinte er – »so können Sie ja auch, wenn es Ihnen bei uns nicht gefällt, weiterziehen. Es sind andere Städte da, z. B. Orel, Kursk, Smolensk. Es dürfte Ihnen doch ganz gleich sein, wo Sie wohnen. Sind Sie damit einverstanden, so will ich Ihnen ein anderes Durchgangszeugnis ausstellen. Es wird uns sehr angenehm sein, uns nicht um Ihre Gesundheit bekümmern zu müssen. Wir haben ohnehin eine Menge geschäftlicher Sorgen ... und, Sie entschuldigen die Offenheit, Sie scheinen mir ein Mensch zu sein, der sehr dazu geeignet ist, die Sorgen der Polizei noch zu vermehren, Sie scheinen mir sogar extra zu diesem Zweck geschaffen.« »So so. Aber mir gefällt's hier« ... »Wollen Sie von hier gehen, so bekommen Sie einen Dreirubelschein auf die Reise.« »Allzu billig schätzen Sie, bester Herr, Ihre Anstrengungen. Es ist doch besser, Sie erlauben mir unter dem Schutze der Tulaer Gesetze zu bleiben.« Aber er will mich durchaus nicht haben ... Es war ein Mann von vernünftiger Überlegung! Nun, da nahm ich von ihm fünfzehn Rubel und ging nach Smolensk. – So sehen Sie, jede mißliche Lage eines Menschen trägt in sich die Möglichkeit einer besseren. Ich behaupte dies auf Grund einer soliden Erfahrung und kraft meiner tiefen Überzeugung von der Vielseitigkeit und Gewandtheit der menschlichen Vernunft ... Vernunft, Vernunft ist eine ungeheure Macht! ... Sie sind noch ein junger Mann, da sage ich Ihnen: Vertrauen Sie nur der Vernunft, so werden Sie niemals zugrunde gehen. Sie müssen wissen, daß jeder Mensch in seinem Innern einen Narren und einen Spitzbuben beherbergt. Der Narr – das ist sein Gefühl; der Spitzbube ist die Vernunft. Das Gefühl ist deshalb dumm, weil es schlecht und aufrichtig ist und sich nicht verstellen kann. Aber kann man denn leben, ohne sich zu verstellen? Es ist unbedingt nötig, sich zu verstellen; schon aus Mitleid zu den Menschen muß man es tun, weil sie doch immerhin mitleidswürdig sind und namentlich aber dann, wenn sie mit anderen Mitleid haben ... Also ich ging nach Smolensk mit dem Gefühl, daß der Boden unter meinen Füßen fest sei, und mit dem Bewußtsein, daß ich immer auf die Unterstützung humaner Leute einerseits und der Polizei andrerseits rechnen könnte. Den ersteren bin ich nötig, damit sie an mir ihre edlen Gefühle betätigen können, für letztere dagegen bin ich nicht weniger nötig, weshalb sowohl die einen als die anderen mir von ihrem Überfluß zu zahlen haben. So ging es. – Ich ging und lachte in mich hinein. Mein Aussehen war respektabel. Da kam mir ein Bäuerlein in den Wurf. Er sah sich um und fragte: »Sie werden wohl von den »Auskundschaftern« sein?« Was mag ein »Auskundschafter« eigentlich sein? dachte ich mir, und antwortete ihm: »Jawohl, von den echten.« »Wird ein Weg von hier« – fragte er – »nach Trepowka gebaut werden?« »Nach Trepowka, jawohl!« »Wird man bald« – fragte er – »das Volk dazu verwenden?« »Bald, bald.« »Hast du gehört, ob man Pfänder nehmen wird?« »Man wird.« »Hast du nicht gehört, wieviel pro Person?« »Ja, von zwanzig Kopeken ab.« »So so,« sagte das Bäuerlein. Ich hatte mir schon gleich zurechtgelegt, was die Fragen bezweckten, und fragte ihn, woher er sei, wieviel Seelen es in seinem Dorfe gäbe, ob viele imstande seien, auf die Arbeit zu gehen, wieviel Fußgänger, wieviel Pferde. Nun, er verstand mich. »Nehmen Sie« – bat er – »die Leute aus unserem Dorf?« »Mir ist es egal, woher die Leute genommen werden,« sagte ich ihm. So nahm ich von ihm ein Fünfrubelstück für die Bevorzugung seines Dorfes vor den anderen. Außerdem zwanzig Kopeken von jedem Fußgänger und dreißig Kopeken von jedem Pferdebesitzer, und zwar als Leistung dafür, daß sie an einem bestimmten Tage zur Arbeit erscheinen dürften. Man händigte mir auf diese Weise eine Summe von hundert Rubel ein, ich stellte ihnen Zettelchen aus, sprach freundliche Worte zu ihnen und verabschiedete mich. Ich erschien in Smolensk, und da es bereits kalt war, so entschloß ich mich, hier zu überwintern. Schnell fand ich gute Leute und paßte mich ihnen an. Es ging, ich habe den Winter nicht langweilig verlebt. Da kam aber der Frühling, und glauben Sie mir, es lockte mich hinaus aus der Stadt. Ich bekam Lust zum Landstreichen. – Wer konnte mich hindern? So ging ich von neuem und trieb mich den ganzen Sommer herum. Zum Winter geriet ich nach Jelisawetgrad. Ich geriet in diese Stadt, konnte mich da aber nirgends zurechtfinden. Ich quälte mich nach verschiedenen Richtungen hin, und endlich fand ich doch meinen Weg. Ich bewarb mich nämlich nm die Stelle eines Reporters bei der Ortszeitung. Eine unbedeutende Beschäftigung, man hat aber dabei seine Freiheit und findet einigermaßen sein Futter. Hierauf machte ich Bekanntschaft mit Junkern – in dieser Stadt gibt es nämlich eine Kavalleriejunkerschule – und benutzte diese Bekanntschaft, um Kartenspiele ins Werk zu setzen. Es wurde tüchtig gespielt, und das Resultat war für mich glänzend, ich heimste tausend Rubel ein. Und von neuem kam der Frühling, diesmal erwischte er mich mit Geld und dem Ansehen eines Gentlemans. Wohin gehen? Nach Slawjansk zur Wasserkur, dort spielte ich mit Erfolg bis zum August. In diesem Monat aber mußte ich wegfahren. Ich überwinterte in Schitomir mit einem Weibchen. Eine richtige Canaille war es, aber ein Weib von unvergleichlicher Schönheit! Ich verlebte auf solche Weise die Jahre meiner Ausweisung aus Petersburg und fuhr dann wieder dorthin zurück. Weiß der Teufel, warum diese Stadt mich immer lockte. Ich kam dorthin als Gentleman, mit Mitteln ausgestattet. Ich suchte Bekannte auf, und was stellte sich heraus? Die Art und Weise, wie ich im Moskauer Gouvernement unter liberalen Leuten gelebt hatte, war ihnen bekannt. Alle wußten, wie ich auf dem Bauerngute drei Wochen verlebt und die hungrigen Seelen mit den Früchten meiner Phantasie gespeist hatte. Sie wußten auch alle anderen Geschichten. Nun, was war denn dabei? Wahrscheinlich mußte es doch so sein. Wenn sieben Türen dir verschlossen sind, so suche andere aufzuschließen. Aber es glückte mir doch nicht! Ich bemühte mich sehr darum, mir eine feste Stellung in der Gesellschaft zu verschaffen, konnte es aber nicht! Mag es daran gelegen haben, daß ich im Laufe der drei Jahre die Geschicklichkeit verloren hatte, mich den Menschen wieder anzupassen, oder waren die Menschen inzwischen größere Käuze geworden. Nun, und siehe da, als mir so besonders schwül zumute war, trieb mich der Teufel, meine Dienste der Geheimpolizei anzubieten. Ich bot mich als Agent an, der die Aufsicht über Spielhäuser führen möchte. Ich wurde angenommen. Die Bedingungen waren gut. Zu dieser Geheimprofession fügte ich noch eine offene, und zwar fing ich an, mich mit Reportage für eine Zeitung zu beschäftigen. Ich pflegte ihr die Straßenchronik zu liefern und verfaßte dann und wann Feuilletons für sie. Und dann spielte ich. Ich ließ mich dermaßen vom Spiel verlocken, daß ich ganz vergessen hatte, der Obrigkeit darüber Mitteilung zu machen. Ich vergaß ganz und gar, daß dies meine Pflicht und Schuldigkeit war. Als ich verspielte, stieg in mir die Erinnerung auf, du mußt doch der Polizei Bericht erstatten. Aber nein, – dachte ich mir, – du mußt zuerst dein Geld zurückgewinnen und dann der Obrigkeit Vortrag halten. Auf diese Weise schob ich die Erfüllung dieser Pflicht sehr lange hinaus, bis ich einmal am Orte des Verbrechens, am Kartentisch, von der Polizei überrumpelt wurde. Natürlich beschimpften mich die Polizeibeamten öffentlich, als sie in mir einen der Ihrigen erkannten. Auf den folgenden Tag wurde ich vorgeladen, wo es sich hingehört. Man erteilte mir eine scharfe Rüge, sagte mir, daß ich gar kein Gewissen habe und wies mich aus der Hauptstadt aus. Wiederum ausgewiesen! Ohne das Recht, innerhalb zehn Jahren zurückkommen zu dürfen. Sechs Jahre also reise ich nun, und es geht an. Ich beklage mich nicht über mein Schicksal. Von dieser Zeit will ich Ihnen lieber nicht erzählen, weil es entweder allzu einförmig oder allzu verschiedenartig ist. Im allgemeinen aber ist es ein heiteres Vogelleben. Nur fehlt es manches Mal an Körnern. Aber man darf auch nicht allzu große Ansprüche stellen, wenn man bedenkt, daß selbst Personen, die auf Thronen sitzen, nicht lauter Vergnügen empfinden. In einem Leben, wie ich es führe, gibt es keine Pflichten, das ist das erste Gute, und auch keine Gesetze außer dem Naturgesetz, das ist das zweite. Allerdings beunruhigen mich die Herren Schutzleute manches Mal, aber es gibt doch auch in den besten Gasthäusern Flöhe! Dafür aber können Sie nach rechts und links, vorwärts, rückwärts, überall wohin Sie nur wollen, gehen. Und zieht es dich nirgendhin, so versieh dich mit Brot von einem Bauern – der ist gut und gibt immer –, versieh dich also mit Brot und liege, bis du Lust bekommst, weiter zu wandern. Wo war ich denn nicht schon überall? Ich war in den Tolstoischen Kolonien, in den Küchen der Moskauer Kaufmannschaft ließ ich mich verpflegen. Ich lebte im Kloster zu Kiew und in Neu-Athen. Ich war in Czenstochau und in Murom. Zuweilen scheint es mir, daß ich mit meinen Tritten jeden Fußsteig im russischen Reiche zum zweiten Male beschreite. Sobald sich mir eine Gelegenheit bieten sollte, mein Äußeres zu renovieren, so gehe ich ins Ausland! Nach Rumänien ziehe ich, und von dort sind mir alle Wege geöffnet. In Rußland ist es mir schon langweilig. In diesem Lande habe ich ja alles vollbracht, was ich konnte. Ich denke, daß ich in der Tat während dieser sechs Jahre viel vollbracht habe. Wieviel wunderliche Worte sprach ich, wieviel Wunder habe ich erzählt! Du kommst in ein Dorf, bittest um ein Nachtquartier, und wenn man dich sattgefüttert hat, so stimmst du auf der Harfe deiner Phantasie etwas an! Vielleicht habe ich auch neue Sekten gegründet, weil ich viel, sehr viel von der »Schrift« zu sprechen pflegte. Und der Bauer, wissen Sie, ist in bezug auf die Schrift mit einem Spürsinn ausgestattet, so daß er auf zwei Worte hin eine solche neue Glaubenslehre begründen kann, daß, – o du! ... Und wieviel Gesetze wegen Aufteilung und Abgrenzung des Bodens habe ich nicht verfaßt! Ja, ich habe viel Phantasie in das Leben hineingegossen! Nun, so lebe ich auch, lebe und bin überzeugt, wenn ich Seßhaftigkeit wünschen sollte, erreiche ich es auch, denn ich habe Vernunft, und die Weiber schätzen mich. Ich werde nach Nikolajew gehen, nach der Vorstadt, wo die Tochter eines alten Soldaten aus der Nikolauszeit wohnt. Es ist eine Witfrau, hübsch und vermögend. Zu ihr werde ich sagen: »Kappchen, mache ein Bad zurecht, wasche mich ab und ziehe mich an. Ich bleibe dann bei dir von Mond zu Mond.« Alles wird sie tun, und wenn sie außer mir noch einen Liebhaber hat, jagt sie ihn weg. Ich bringe bei ihr einen Monat und mehr zu, solange ich will. Ich lebte bei ihr im dritten Jahre der Wanderung zwei Wintermonate, im vorigen Jahre sogar drei Monate. Ich würde bei ihr den ganzen Winter bleiben, wenn sie vernünftiger gewesen wäre. So aber war es mir zu langweilig bei ihr. Außer ihrem Gemüsegarten, der ihr zweitausend Rubel jährlich einbrachte, wollte sie von nichts wissen. Oder ich gehe sonst nach Kuban ins Lager der Labinen. Dort gibt es einen Kosaken, Peter den Schwarzen, der mich als einen heiligen Mann betrachtet. – Viele betrachten mich als einen Mann gerechten Lebens. Viele einfache und gläubige Leute sprechen zu mir: »Nimm, Väterchen, dies und stelle dem Heiligen ein Licht hin, wenn du bei ihm sein wirst.« Ich nehme es an ... Ich schätze die gläubigen Leute und will sie nicht durch die schändliche Wahrheit verletzen, daß ich für ihr aufrichtig gespendetes Scherflein nicht ein Licht für einen Heiligen, sondern Tabak für mich kaufen werde. Es liegt doch viel Reiz in dem Bewußtsein, der Menschheit entfremdet zu sein, in dem klaren Begreifen der Höhe und Dauerhaftigkeit jener Mauerwand der Versündigungen gegen dieselbe, die du selbst fein aufgerichtet hast. Auch ist viel Süßes und Pikantes in dem beständigen Risiko, entlarvt zu werden. Das Leben ist ein Spiel. Ich setze auf meine Karte alles, das heißt eine Null, und gewinne daher immer, ohne Gefahr, was anderes zu verlieren außer meinen Rippen. Aber ich bin überzeugt, daß, wenn man mich einmal verhauen sollte, man mich nicht verwunden wird, sondern totschlagen. Das kann niemand beleidigen, und es wäre töricht, davor Angst zu haben. Nun, junger Mann, habe ich Ihnen meine Lebensgeschichte erzählt. Und auch mit Umschweifen erzählt. Denn in meiner Geschichte war auch Philosophie, und wissen Sie, mir gefällt das, was ich erzählt habe, mir scheint, daß ich ordentlich erzählt habe. Ich gehe weiter, völlig überzeugt, daß ich hier viel verfaßt habe, und ich schwöre, wenn ich etwas gelogen hatte, so log ich's an der Hand von Tatsachen. Sehen Sie nicht auf diese, sondern auf die Art meiner Darstellung. Diese ist, ich versichere es Ihnen, mit dem Original meiner Seele übereinstimmend. Ich gab Ihnen einen Braten aus Phantasie, mit der Sauce der reinsten Wahrheit. Aber übrigens, wozu habe ich das Ihnen gesagt? Daher, mein Lieber, weil ich fühle, wie wenig Sie mir glauben. Ich freue mich über Sie. So! Glauben Sie dem Menschen nicht! Weil er immer, wenn er von sich erzählt, lügt! Er lügt im Unglück, um für sich mehr Mitleid zu erwecken; er lügt im Glück, damit man ihn noch mehr beneide; er lügt bei allen möglichen Gelegenheiten, um eine größere Aufmerksamkeit zu erzielen. Das Opfer der Langweile Schwere, graue Rauchwolken ausstoßend, verschwand der Personenzug wie ein riesiges Reptil in der weiten Steppe, im gelben Getreidemeer. Mit dem Rauch des Zuges verging in der schwülen Luft das ärgerliche Geräusch, das im Verlauf einiger Minuten das gleichgültige Schweigen der weiten, öden Ebene gestört hatte, inmitten welcher die kleine Eisenbahnstation durch ihre Einsamkeit das Gefühl der Schwermut erweckte. Und als das dumpfe, aber lebensvolle Geräusch des Zuges sich verteilte und unter der klaren Kuppel des wolkenlosen Himmels erstarb, herrschte wieder bedrückende Stille um die Station, und die melancholische Einförmigkeit der Steppe wurde durch sie erhöht. Die Steppe war goldig-gelb, der Himmel grell-blau. Und jene, wie dieser waren unermeßlich groß; die zwischen sie geworfenen, braunen Stationsgebäude machten den Eindruck einer zufälligen Färbung, die den Mittelpunkt des melancholischen Bildes verdarb, das von einem phantasie- und begeisterungslosen Künstler mit Fleiß gemalt war. Täglich um 12 und um 4 Uhr nachmittags kommen Züge aus der Steppe auf der Station an und halten je zwei Minuten. Diese vier Minuten – sind die hauptsächliche und einzige Zerstreuung der Station: sie bringen Eindrücke für die Beamten mit sich. In jedem Zuge ist eine Menge verschiedenartiger, verschieden gekleideter Menschen. Sie erscheinen für einen Moment; in den Waggonfenstern tauchen ihre abgespannten, ungeduldigen, gleichgültigen Gesichter auf – ein Läuten, Pfiffe – und mit nervenerregendem Gedonner eilen sie davon in die Steppe, fernhin, in Städte, wo geräuschvolles Leben braust. Den Stationsbeamten, die sich in ihrer Einsamkeit langweilen, ist es interessant, diese Gesichter zu sehen, und nachdem sie den Zug expediert, teilen sie einander die Beobachtungen mit, die sie im Fluge erhascht haben. Um sie herum liegt die schweigende Steppe und über ihnen der gleichgültige Himmel, und in ihrem Herzen ist ein dunkler Neid auf die Leute, welche täglich irgendwohin an ihnen vorübereilen, während sie bleiben, in der Einöde eingeschlossen, lebend wie außerhalb des Lebens, mit der Möglichkeit, Menschen nur im Verlauf von vier Minuten zu sehen. Und so stehen sie, nachdem sie den Zug abgefertigt haben, auf dem Perron der Station, mit den Augen das schwarze Band verfolgend, das im goldenen Getreidemeer verschwindet, und schweigen unter dem Eindruck des Lebens, das an ihnen vorüberflog. Sie sind fast alle da: der Stationsvorsteher, ein gutmütiger, starker Blonder mit einem großen Kosakenschnurrbart, sein Assistent – ein rotblonder, junger Mann mit spitzem Bärtchen; der Stationswärter Lukas – klein, behend und listig, und einer der Weichensteller, Gomosoff, ein stämmiger, breitbärtiger, schweigsamer Bauer mit ernstem, sattem Gesicht. Auf der Bank an der Tür der Station sitzt die Frau des Vorstehers, eine kleine, dicke Person, die stark durch die Hitze leidet. Auf ihrem Schoße schläft ein Kind, und sein Gesicht ist ebenso rund und rot wie das der Mutter. Der Zug verschwindet hinter der Biegung, und es ist, als hätte er sich in die Erde eingewühlt. Da sagt der Stationsvorsteher, indem er sich an seine Frau wendet: »Nun, Sonja, ist der Samowar fertig?« »Gewiß,« antwortet sie träge und leise. »Lukas! Bist du hier ... fege den Damm und den Perron ... sieh – was sie da allerhand hingeworfen haben ...« »Ich weiß, Matthäus Jegorowitsch ...« »Ja ... nun denn? Wollen wir Tee trinken, Nikolaus Petrowitsch?« »Wie gewöhnlich ...« antwortet der Assistent. Und nach dem Mittagszuge fragt Matthäus Jegorowitsch seine Frau: »Nun, Sonja, ist das Mittagessen fertig?« Danach erteilt er Lukas seinen Befehl, stets denselben, und ladet den Assistenten ein, der bei ihnen ißt: »Nun denn? Wollen wir Mittag essen?« Und der Assistent antwortet angemessen: »Wie immer ...« Sie gehen vom Perron in die Stube, wo viele Blumen und wenig Möbel sind, wo es nach Küche und Windeln riecht, und dort, um den Tisch, sprechen sie von dem, was an ihnen vorüberflog. »Haben Sie bemerkt, Nikolaus Petrowitsch, in der zweiten Klasse die Brünette in Gelb? Ein giftiges Stückchen!« ... »Nicht übel, aber geschmacklos angezogen« ... antwortet der Assistent. Er spricht immer kurz und überzeugt, denn er hält sich für einen Menschen, der das Leben kennt und gebildet ist. Er hat das Gymnasium absolviert. Er besitzt ein Heftchen in schwarzem Kaliko; dahinein schreibt er verschiedene Aussprüche berühmter Leute, die er aus Zeitungsfeuilletons und Büchern auffischt, die ihm zufällig in die Hände kommen. Der Vorsteher erkennt seine Autorität unbestritten in allem an, was nicht den Dienst betrifft, und hört ihm aufmerksam zu. Besonders gefallen ihm die Weisheitsworte aus Nikolaus Petrowitschs Heftchen, und er ist stets treuherzig von ihnen entzückt. Die Bemerkung des Assistenten über das Kostüm der brünetten Dame ruft bei Matthäus Jegorowitsch die Frage hervor: »Steht denn Brünetten nicht Gelb?« »Ich spreche von der Fasson, nicht von der Farbe,« erklärt Nikolaus Petrowitsch, indem er mit Akkuratesse Eingemachtes aus der Glasschale auf sein Tellerchen legt. »Die Fasson ... das ist eine andere Sache ...« stimmt der Vorsteher bei. Seine Frau mischt sich in die Unterhaltung, denn dies Thema liegt ihr nahe und ist ihr verständlich. Doch da der Verstand dieser Leute wenig geschärft ist, zieht sich die Unterhaltung langsam hin und regt selten ihre Gefühle auf. Und ins Fenster sieht die Steppe, bezaubert vom Schweigen, und der Himmel, erhaben in seiner großartigen Ruhe. Fast stündlich erscheinen Güterzüge, aber die sie begleitenden Bediensteten sind längst bekannt. Alle diese Kondukteure sind halbverschlafene Menschen, erdrückt von der langweiligen Fahrt durch die Steppe. Übrigens erzählen sie manchmal von Begebenheiten auf der Strecke; auf der und der Werst wurde ein Mensch überfahren; oder sie sprechen von dienstlichen Neuigkeiten: jener wurde bestraft, dieser befördert. Diese Neuigkeiten werden nicht beurteilt – sie werden verschlungen, wie Leckermäuler ein schmackhaftes und seltenes Gericht verschlingen. Und die Sonne kriecht langsam vom Himmel bis an den Rand der Steppe, und wenn sie dort fast die Erde berührt, wird sie purpurn. Eine rötliche Beleuchtung liegt über der Steppe, die ein banges Gefühl der Unbefriedigung erweckt, einen unbestimmten Drang in die Ferne, fort aus dieser Öde. Dann berührt die Sonne mit dem Rande die Erde und verschwindet träge in ihr oder hinter ihr. Noch lange nachher spielt leise am Himmel die Musik lichter Farben, des Abendrots, aber es erbleicht immer mehr, und warme, schweigende Dämmerung tritt ein. Die Sterne flammen auf und zittern am Himmel, wie erschreckt durch die Langeweile auf Erden. In der Dämmerung schrumpft die Steppe zusammen; mächtige Finsternis kriecht von allen Seiten geräuschlos auf die Station zu. Und nun kommt schwarz und finster die Nacht. Auf der Station werden die Lichter angesteckt; heller und höher als sie alle das grünliche Licht des Semaphors. Finsternis und Schweigen um ihn. Hin und wieder ertönt ein Läuten – die Ankündigung eines Zuges; der eilige Klang der Glocke zieht durch die Steppe und geht schnell in ihr unter. Bald nach dem Läuten kommt schnell ein rotes, blitzendes Licht aus der dunklen Ferne, und die Stille in der Steppe erhebt von dem dumpfen Gedonner des Zuges, der zu der einsamen, finsternisumgebenen Station kommt. Die untere Schicht der kleinen Gesellschaft auf der Station lebt etwas anders als die Aristokratie. Der Wärter Lukas kämpft ewig mit dem Verlangen, zu Frau und Bruder ins Dorf zu laufen, sieben Werst von der Station. Dort hat er eine Wirtschaft, wie er zu Gomosoff sagt, wenn er den schweigsamen, ernsthaften Weichensteller bittet, auf der Station für ihn den Dienst zu übernehmen. Bei dem Worte »Wirtschaft« seufzt Gomosoff immer schwer und sagt zu Lukas: »Gewiß, geh! Die Wirtschaft fordert Aufsicht, das ist sicher ...« Doch der andere Weichensteller, Athanasius Jagodka, ein alter Soldat mit grauen Borsten, ein spöttischer, boshafter Mensch, glaubte Lukas nicht. »Wirtschaft!« ruft er lachend aus. »Frau! ... Ich weiß wohl, was für eine ... Deine Frau ist wohl Witwe, was? Oder ein Soldatenweib?« »Ach du, Vogelgouverneur!« ruft Lukas verächtlich. Er nennt Jagodka Vogelgouverneur, weil der alte Soldat leidenschaftlich Vögel liebt. Seine ganze Bude ist innen und außen mit Käfigen und Vogelhecken behängt; in ihr, wie um sie herum, ertönt den ganzen Tag unaufhörlich Vogellärm. Die von ihm gefangenen Wachteln rufen unermüdlich ihr einförmiges »podpolot«, die Stare brummen lange Reden, die verschiedenfarbigen, kleinen Vögelchen zwitschern unermüdlich, pfeifen und singen, das einsame Leben des Soldaten versüßend. Während seiner ganzen freien Zeit müht er sich mit ihnen ab und äußert, sich gegen sie freundlich und besorgt zeigend, keinerlei Interesse für seine Kameraden. Lukas nennt er Unke, Gomosow – Kozap , und nimmt keinen Anstand, ihnen ins Gesicht zu sagen, daß sie beide »Schürzenjäger« seien und dafür Schläge verdienten. Lukas beachtet seine Worte wenig; gelingt es aber dem Soldaten, ihn zu erzürnen, so schimpft ihn Lukas lange und beißend: »Du grauer Kommißkerl, du Rattenfresser! Was verstehst du denn, verabschiedeter Ziegentambour? Frösche hast du dein Leben lang unter den Kanonen hervorgejagt und beim Regimentskohl Wache gestanden ... was verstehst du zu beurteilen? Geh zu deinen Wachteln, die kannst du kommandieren, Vogelkommandeur!« Jagodka ging, nachdem er die Schimpfreden des Wärters ruhig angehört hatte, zum Stationsvorsteher, um sich über ihn zu beklagen, der aber rief, man solle ihm nicht mit solchen Bagatellen kommen, und jagte den Soldaten fort. Da fand Jagodla Lukas und fing nun seinerseits an, ihn auszuschimpfen, – ohne sich zu ereifern, ganz ruhig, mit wuchtigen, häßlichen Worten, vor denen Lukas schnell davonlief, indem er ausspie. Gomosoff antwortete mit Seufzern auf die Anschuldigungen des Soldaten und suchte verlegen sich zu rechtfertigen: »Was soll man machen? Dabei ist nichts zu machen ... Gewiß ... es soll nicht sein ... aber im übrigen, richte nicht, und du wirst nicht gerichtet ...« Einmal antwortete ihm der Soldat lächelnd: »Jakobs Elster wiederholt immer ein und dasselbe; Richte nicht, richte nicht ... Aber wenn man andere nicht richten soll, haben die Leute ja nichts zu reden ...« Außer der Frau des Vorstehers war noch ein weibliches Wesen auf der Station – die Köchin. Sie hieß Arina, war an 40 Jahre alt und sehr häßlich: untersetzt, mit hängender Brust, immer schmutzig und abgerissen. Sie hatte einen watschelnden Gang, und in ihrem pockennarbigen Gesicht blitzten kleine, erschrockene Augen, von Runzeln umgeben. Es war etwas Sklavisches, Geschlagenes in ihrer plumpen Gestalt, und ihre dicken Lippen waren immer so gestellt, als möchte sie alle Menschen um Verzeihung bitten, sich ihnen zu Füßen werfen, und wage nicht zu weinen. Gomosoff hatte acht Monate auf der Station verlebt, ohne Arina besondere Beachtung zu schenken; wenn er ihr begegnete, sagte er ihr »Guten Tag!« sie antwortete ihm ebenso, sie wechselten zwei, drei Phrasen und gingen auseinander, jeder nach seiner Richtung. Aber einmal kam Gomosoff in die Küche des Stationsvorstehers und machte Arina den Vorschlag, ihm Hemden zu nähen. Sie willigte ein, und als die Hemden fertig waren, trug sie sie ihm selbst hin. »Schönen Dank!« sagte Gomosoff. »Drei Hemden, zehn Kopeken pro Stück, folglich hast du dreißig Kopeken zu bekommen .... Stimmt's?« »Es ist schon so ....« antwortete Arina. Gomosoff wurde nachdenklich und schwieg lange. »Du bist aus welchem Gubernium?« fragte er endlich das Weib, das beständig seinen Bart angesehen hatte. »Aus dem Rjäsanschen ....« sagte sie. »Weither! Und wie bist du hierher gekommen?« »So ... ich bin allein ... einsam ...« »Dadurch kann man wohl weiterkommen ....« seufzte Gomosoff. Und wieder schwiegen sie lange. »So ja auch ich. Aus dem Nischnijnowgorodschen bin ich, aus dem Ssergatschewsker Kreise ....« fing Gomosoff an zu reden. »Ich bin auch allein, ganz hier. Aber ich habe eine Wirtschaft gehabt, auch eine Frau ... Kinder – zwei. Die Frau starb an der Cholera, und die Kinder einfach so ... ihre Zeit zu sterben war da, nu, und sie starben eben .... Aber ich ... fing an zu verschwenden aus Gram. Ja–a. Dann hab' ich versucht, mich wieder einzurichten – aber nein, die Maschine ist aus den Schrauben, sie arbeitet nicht. Nu, ich ging also – abseits von meinem Wege ... und schlage mich schon so im dritten Jahr durch ....« »Es ist schlimm, wenn man kein eigenes Nest hat,« sagte Arina leise. »Was nicht noch! ... Du bist Witwe, nicht wahr?« »Mädchen ...« »Wie denn!« zweifelte Gomosoff offen. »Wahrhaftig, Mädchen,« versicherte ihm Arina. »Warum hast du dich nicht verheiratet?« »Wer nimmt mich? Ich habe nichts ... wer hätte Vorteil davon ... dazu bin ich von Gesicht häßlich ...« »Ja–a,« dehnte Gomosoff nachdenklich und sah sie forschend an, indem er sich den Bart strich. Dann erkundigte er sich, wieviel Lohn sie bekomme. »Zwei und einen halben ...« »So. Nu ... Das heißt also, dreißig Kopeken hast du von mir zu bekommen? Weißt du was ... komm doch heut abend danach ... so um zehn Uhr, ah? Ich geb' es dir ... wir trinken Tee und erzählen uns was aus Langerweile ... Beide sind wir allein ... komm!« »Ich komme ...« sagte sie einfach und ging. Dann, nachdem sie genau um zehn Uhr abends zu ihm gekommen war, ging sie erst im Morgengrauen fort. Gomosoff rief sie nicht mehr zu sich, und die dreißig Kopeken gab er ihr nicht. Sie selbst erschien bei ihm, stumpf und ergeben, sie kam und stellte sich schweigend vor ihn hin. Auf der Pritsche liegend, sah er sie an und sagte, an die Wand rückend: »Setz' dich!« Und als sie sich gesetzt hatte, erklärte er ihr: »Was ich dir sagen will – halte dies geheim! Daß niemand nichts – nichts ... Es wäre sonst schlimm für mich ... ich bin nicht mehr jung, und du auch ... Verstehst du?« Sie nickte bestätigend mit dem Kopfe. Als er sie hinausbegleitete, gab er ihr seine Sachen zum Ausbessern mit und erinnerte sie nochmals: »Daß keine Seele – nichts – nichts ...« So lebten sie, vor allen ihren Bund verheimlichend. Arina stahl sich nachts beinahe auf allen vieren zu ihm. Er nahm sie mit Herablassung an, mit Herrschermiene, und sagte zuweilen offen zu ihr: »Aber häßlich bist du von Gesicht!« Sie lächelte ihn schweigend, mit einem bleichen, schuldigen Lächeln an, und wenn sie von ihm ging, nahm sie fast immer irgendeine Arbeit mit, die er ihr gegeben hatte. Sie sahen sich nicht häufig. Aber dann und wann sagte Gomosoff, wenn er sie irgendwo auf der Station traf, halblaut zu ihr: »Komm heut ...« Und gehorsam erschien sie bei ihm, mit einem so ernsten Ausdruck in ihrem narbigen Gesicht, als gelte es eine Pflicht zu erfüllen, deren Wichtigkeit sie begriffen hatte. Aber wenn sie nach Hause ging, hatte ihr Gesicht schon wieder die gewöhnliche, tote Miene der Schuld und des Schreckens. Manchmal blieb sie irgendwo an einer Ecke öder einem Baum stehen und sah lange in die Steppe hinaus. Dort herrschte die Nacht, und ihr finsteres Schweigen machte das Herz schwer. Einmal, nachdem der Abendzug fort war, arrangierte der Stationsvorstand einen Teeabend im Garten, vor den Fenstern von Matthäus Jegorowitschs Wohnung, im dichten Schatten der Pappeln. An heißen Tagen taten sie das oft, – es brachte doch etwas Abwechslung in die Monotonie ihres Lebens. Sie tranken Tee und schwiegen, da sie bereits alle Eindrücke erschöpft hatten, die ihnen der Zug gebracht hatte. »Heut ist es noch heißer als gestern,« sägte Matthäus Jegorowitsch, mit der einen Hand seiner Frau das leere Glas reichend, während er sich mit der anderen den Schweiß vom Gesicht wischte. Die Frau nahm das Glas und meinte: »Es ist nur vor Langerweile, daß es heißer zu sein scheint ...« »Hm! ... Zugeben ... es ist wirklich ... ein langweiliges Leben! In diesem Fall sind Karten gut ... aber wir sind nur unserer drei ...« Nikolaus Petrowitsch zuckte die Schultern, kniff die Augen zusammen und sprach mit Präzision: »Das Kartenspiel ist, einer Äußerung Schopenhauers nach, der Bankerott an allen Gedanken.« »Gewandt!« sagte Matthäus Jegorowitsch wohlgefällig. »Wie war es? der Bankerott der Gedanken ... ja-a! Und wer hat das gesagt?« »Schopenhauer, ein Deutscher, ein Philosoph ...« »Philosoph? Hm ...« »Sind diese Philosophen – an Universitäten angestellt?« fragte Sophie Iwanowna neugierig. »Das heißt, wie soll ich Ihnen sagen? Es ist kein Rang, sondern ... sozusagen, eine angeborene Gabe ... Philosoph kann jeder sein ... wer mit der Gewohnheit zu denken und in allem Anfang und Ende zu suchen geboren ist. Gewiß, auch an Universitäten gibt es Philosophen ... aber sie können auch einfach so sein ... können sogar Eisenbahnbeamte sein.« »Und bekommen die viel, die an Universitäten sind?« »Je nach ... Verstand ...« »Aber wenn wir den Vierten hätten – könnten wir sehr nett Wint spielen!« sagte Matthäus Jegorowitsch mit einem Seufzer. Und das Gespräch brach ab. Am blauen Himmel singen die Lerchen, auf den Pappeln hüpfen Grasmücken von Zweig zu Zweig und zirpen leise. In der Stube weint das Kind. »Ist Arina da?« fragt Matthäus Jegorowitsch. »Gewiß ...« antwortet ihm die Frau kurz. »Ein originelles Weib, diese Arina; beobachten Sie, Nikolaus Petrowitsch ...« »Die Originalität – der erste Abdruck der Banalität,« sagt Nikolaus Petrowitsch wie für sich, mit gedankenvoller, nachdenklicher Miene. »Wie?« fragt der Vorsteher lebhaft. Und als Nikolaus Petrowitsch den Ausspruch deutlich wiederholt, kneift er wohlgefällig die Augen zusammen, und Sophie Iwanowna sagt mit schmachtendem Stimmchen: »Wie gut Sie sich dessen erinnern, was Sie gelesen haben ... Ich lese etwas, und am nächsten Tage – schlagen Sie mich tot – weiß ich nichts mehr davon ... Neulich las ich in der »Niwa« etwas so Interessantes, so Amüsantes, – und? kein Wort weiß ich mehr davon!« »Gewohnheit ...« erklärt Nikolaus Petrowitsch kurz. »Nein, dies ist besser als das von ... Wie hieß er doch? Schopenhauer ...« sagt Matthäus Jegorowitsch lächelnd. »Das kommt darauf hinaus, daß alles Neue Altes wird!« »Und umgekehrt, denn ein Dichter hat gesagt: ›Ja, ökonomisch ist die Schöpfungsweisheit – denn alles Neue macht sie aus Altem‹« »Ei der Teufel! Wie Sie das ... als fiele es aus dem Siebe!« Matthäus Jegorowitsch lacht zufrieden, seine Frau lächelt hold, und Nikolaus Petrowitsch fühlt sich geschmeichelt und sucht es erfolglos zu verbergen. »Wer hat das von der Banalität gesagt?« »Barjatinsky, ein Dichter.« »Und das andere?« »Auch ein Dichter – Fofanoff.« »Gewandte Leute!« lobt Matthäus Jegorowitsch die Dichter und wiederholt den Doppelvers mit einem Lächeln der Zufriedenheit im Gesicht. Es ist, als spiele die Langeweile mit ihnen, – sie läßt sie für einen Augenblick aus ihrer engen Umarmung los und umfängt sie von neuem. Dann schweigen sie wieder, keuchend vor Hitze, die der Tee noch vermehrt. Stille auf der Station. In der Steppe – nur Sonne. »Ja, ich sprach von Arina ...« erinnert sich Matthäus Jegorowitsch. »Eine sonderbare Person, seh' ich sie an, muß ich mich wundern. Sie ist wie auf den Kopf gefallen, lacht nicht, singt nicht, spricht wenig ... ein richtiger Klotz! Aber sie arbeitet sehr gut und gibt sich so mit Lola ab, wissen Sie, paßt so auf das Kind auf ...« Er spricht leise, weil er nicht will, daß Arina seine Worte durch das Fenster hört. Er weiß, daß man Dienstboten nicht loben muß, wenn man nicht will, daß sie sich zuviel herausnehmen. Die Frau unterbricht ihn, indem sie bedeutungsvoll das Gesicht verzieht: »Nun, laß gut sein ... Du weißt nicht alles von ihr.« »Sklavin der Liebe, »Bin ich so schwach »Im Kampf mit Dir, »O Dämon mein! – singt Nikolaus Petrowitsch leise im Rezitativ, mit dem Löffel auf dem Tisch den Takt schlagend. Er lächelt. »Was, was heißt das? Sie ... nu, nu, das lügt ihr beide denn doch.« Und Matthäus Jegorowitsch lacht laut. Seine Backen zittern, und Schweißtropfen rinnen schnell von der Stirn. »Das ist gar nicht einmal lächerlich!« unterbricht ihn seine Frau. »Erstens hat sie das Kind unter den Händen, und zweitens, sieh, was für Brot? Versäuert, verbrannt ... Und warum?« »Ja–a, das Brot ist wirklich nicht so ... Sie muß zur Rede gestellt werden! Aber, wahrhaftig! Das ... das habe ich nicht erwartet! Sie ist ja Teig! Ach, hol' der Teufel! Aber er, wer ist er? Lukaschka? Ich werd' ihn aber auslachen, den alten Teufel! Oder Jagodka? Aha, die rasierte Lippe!« »Gomosoff ...« sagt Nikolaus Petrowitsch kurz. »Nu–u? Solch ehrbarer Bauer? Oho? Erfindet ihr da nichts, ah?« Diese höchst lächerliche Geschichte beschäftigt Matthäus Jegorowitsch sehr. Bald lacht er laut mit feuchten Augen, bald spricht er ernsthaft von der Notwendigkeit, den Verliebten strenge Vorhaltungen zu machen, dann stellt er sich die zärtlichen Unterhaltungen zwischen ihnen vor und lacht wieder betäubend. Schließlich wird er ganz fortgerissen. Da macht Nikolaus Petrowitsch ein strenges Gesicht, und Sophie Iwanowna unterbricht ihn heftig. »Ach, Teufel! Nu, ich werde sie aber auslachen! Das ist interessant ...« läßt Matthäus Jegorowitsch nicht nach. Lukas erscheint und meldet: »Der Telegraph klopft ...« »Ich komme. Melde Nr. 42.« Bald kommt er mit dem Assistenten auf die Station, wo Lukas das Glockenzeichen gibt. Nikolaus Petrowitsch setzt sich an den Apparat und fragt bei der nächsten Station an: »Kann ich Zug Nr. 42 expedieren,« und sein Vorsteher geht im Bureau umher, lächelt und sagt: »Wir machen uns einen Spaß mit den Teufeln ... lachen wenigstens ein bißchen aus Langerweile ...« »Das ist erlaubt ...« sagt Nikolaus Petrowitsch beistimmend, indem er mit dem Apparat hantiert. Er weiß, daß sich ein Philosoph lakonisch ausdrücken muß. Die Möglichkeit zu lachen bot sich ihnen bald. Einmal nachts kam Gomosoff zu Arina in den Keller, wo sie auf sein Geheiß und mit Erlaubnis Sophie Iwanownas sich inmitten verschiedenen Wirtschaftsgerümpels ein Lager hergerichtet hatte. Hier war es feucht und kühl, und zerbrochene Stühle, Zuber, Bretter und allerhand Hausrat nahmen in der Dunkelheit erschreckende Formen an; und wenn Arina zwischen ihnen allein war – fürchtete sie sich so, daß sie kaum schlief und, mit offenen Augen auf einem Bund Stroh liegend, die Gebete vor sich hinflüsterte, die sie kannte. Gomosoff kam, drückte sie lange und schweigend, und als er müde war, schlief er ein. Aber bald weckte ihn Arina mit aufgeregtem Flüstern: »Thimothej Petrowitsch! Thimothej Petrowitsch!« »Nu?« fragte Gomosoff im Schlaf. »Sie haben uns eingeschlossen ...« »Wieso?« fragte er, aufspringend. »Sie sind gekommen und ... mit dem Schloß ...« »Du lügst ...« flüsterte er zornig und erschrocken und stieß sie von sich. »Sieh selbst nach,« sagte sie ergeben. Er stand auf und ging nach der Tür, an alles stoßend, was er auf dem Wege traf, gab ihr einen Stoß und sagte nach einer Weile finster: »Das ist der Soldat ...« Hinter der Tür erschallte frohlockendes Gelächter. »Laß mich hinaus!« bat Gomosoff laut. »Was?« ertönte die Stimme des Soldaten. »Laß hinaus, sage ich ...« »Am Morgen lassen wir dich heraus,« sagte der Soldat und ging fort. »Ich habe Dienst, Teufel!« rief Gomosoff ärgerlich und dringend. »Ich übernehme ihn ... sitze, kehr' dich an nichts ...« Und der Soldat ging. »Ach, Hund!« flüsterte der Weichensteller beklommen. »Wart! ... einschließen kannst du mich doch nicht ... Der Vorsteher ist da ... was wirst du ihm sagen? Er fragt – wo ist Gomosoff, – ah? Antwort' ihm dann ...« »Aber der Vorsteher hat es ihm ja selbst befohlen,« sagte Arina leise und hoffnungslos. »Der Vorsteher?« fragte Gomosoff erschrocken dagegen. »Weshalb denn er?« Und nachdem er eine Zeitlang geschwiegen, schrie er sie an: »Du lügst!« Sie antwortete mit einem schweren Seufzer. »Was soll nur daraus werden?« fragte der Weichensteller, indem er sich auf einen Zuber neben der Tür setzte. »Welche Schande für mich! Und alles du, Teufelsbraten, alles du ... o–o!« Er drohte mit der zur Faust geballten Hand nach der Seite, woher ihr Atem kam. Sie aber schwieg. Feuchte Finsternis umgab sie, Finsternis, durchdrungen vom Geruch des Sauerkohls, Schimmels und noch etwas Scharfem, das die Nase kitzelte. Durch die Türspalten drangen Streifen Mondlichts. Hinter der Tür donnerte der Güterzug, der die Station verließ. »Was schweigst du, Gespenst?« sagte Gomosoff hämisch und verächtlich. »Was wird jetzt mit mir? Hast es verursacht und schweigst? Denk' nach, Teufel, was machen wir? Wo soll ich hin vor Schmach? Ach, Herr, mein Gott! Wozu hab' ich mich mit einer solchen eingelassen! ...« »Ich werde um Verzeihung bitten,« erklärte Arina leise. »Nu?« »Vielleicht verzeihen sie ...« »Was hab' ich davon? Nu, dir verzeihen sie, nu? Bleibt denn die Schande auf mir oder nicht? Werden sie mich auslachen?« Nachdem er eine Weile geschwiegen, fing er wieder an ihr Vorwürfe zu machen und sie zu beschimpfen. Und die Zeit verging mit grausamer Langsamkeit. Endlich bat ihn das Weib mit einem Beben in der Stimme: »Verzeih mir, Thimothej Petrowitsch!« »Verzeihen mit einem Zaunpfahl an deinen Schädel!« brüllte er los. Und wieder trat finsteres, niederdrückendes Schweigen ein, voll dumpfen Leidens und Zornes für die beiden, im Finstern eingeschlossenen Leute. »Herrgott! würde es doch bald Licht,« flehte Arina beklommen. »Schweig du ... ich werde dir ein Licht anstecken!« drohte ihr Gomosoff und fiel wieder mit schweren Vorwürfen über sie her. Dann trat die Tortur der Stille und des Schweigens ein. Und die Grausamkeit der Zeit wurde mit dem Nahen der Dämmerung immer schlimmer, als zögere jede Minute zu entfliehen vor Freude an der lächerlichen, schmachvollen und schweren Lage dieser Leute. Gomosoff schlummerte schließlich ein und erwachte von einem Hahnenschrei, der neben dem Keller ertönte. »He, du ... Hexe! Schläfst du?« fragte er dumpf. »Nein,« antwortete Arina mit einem schweren Seufzer. »Aber ich würde doch einschlafen!« schlug ihr der Weichensteller ironisch vor. »Ach, – du ...« »Thimothej Petrowitsch,« rief Arina fast wimmernd, »sei mir nicht böse! Hab' Mitleid mit mir! Ich bitte dich um Christi, um Gottes willen – hab' Mitleid! Ich bin ja allein, ganz allein! Und du hast mir ... du mein Lieber – du hast mir doch ...« »Heul' nicht, mach' die Leute nicht lachen!« unterbrach Gomosoff streng das hysterische Geflüster des Weibes, das ihn ein wenig besänftigte. »Schweig' schon ... wenn Gott geschlagen hat ...« Und wieder erwarteten sie schweigend jede folgende Minute. Aber die Minuten vergingen, ohne ihnen etwas zu bringen. Da endlich blitzten Sonnenstrahlen durch die Türritzen und durchschnitten wie glänzende Fäden das Dunkel im Keller. Bald erschallten Schritte am Keller. Jemand kam an die Tür, stand ein Weilchen und entfernte sich. »P ... Peiniger!« brüllte Gomosoff auf und spie aus. Wieder schweigendes, gespanntes Warten ... »Herrgott! ... erbarme dich ...« flüsterte Arina. Es war, als schliche man sich leise an den Keller heran ... Das Schloß klirrt, und die strenge Stimme des Vorstehers erschallt: »Gomosoff! Nimm Arina an die Hand und komm heraus, nun, rasch!« »Komm!« sagte Gomosoff halblaut. Arina kam und stellte sich gesenkten Kopfes neben ihn. Die Tür öffnete sich, vor ihnen stand der Stationsvorsteher. Er verbeugte sich und sagte: »Ich gratuliere zur rechtmäßigen Vermählung! Bitte, kommt! Musikanten – spielt!« Gomosoff tat einen Schritt über die Schwelle und blieb stehen, betäubt von einem Ausbruch albernen, absurden Lärms. Hinter der Tür standen Lukas, Jagodka und Nikolaus Petrowitsch. Lukas schlug mit der Faust auf einen Eimer und brüllte etwas im Bockstenor. Der Soldat blies sein Horn, und Nikolaus Petrowitsch schwenkte mit der Hand durch die Luft, blies die Backen auf und machte mit den Lippen wie eine Trompete: »Bum! bum! Bum – bum – bum!« Der Eimer dröhnte, das Horn wimmerte und heulte. Matthäus Jegorowitsch lachte, sich die Seiten haltend. Auch sein Assistent lachte bei Gomosoffs Anblick, der verwirrt, mit grauem Gesicht und einem verlegenen Lächeln auf den zitternden Lippen, vor ihnen stand. Hinter ihm stand Arina regungslos, wie versteinert, den Kopf tief auf die Brust gesenkt. »Thimotheus hat Arina Süße Worte zugeflüstert« ... sang Lukas irgendwelchen Unsinn und schnitt Gomosoff widerliche Grimassen. Und der Soldat näherte sich Gomosoff, setzte ihm sein Horn ans Ohr und blies – blies. »Nun, kommt ... nun ... gib ihr den Arm!« rief der Stationsvorsteher, der vor Lachen platzen wollte. Auf der Treppe saß seine Frau und wiegte sich hin und her, indem sie quiekend rief: »Motja ... genug ... ach! ich sterbe!« »Daß ich Dich wiederseh', Dulde ich Leid und Weh!« sang Nikolaus Petrowitsch Gomosoff gerade ins Gesicht. »Hurra den Neuvermählten!« kommandierte Matthäus Jegorowitsch, als Gomosoff einen Schritt vorwärts machte. Und alle vier kreischten einträchtig »hurra!«, wobei der Soldat mit Baßstimme brüllte. Arina ging hinter Gomosoff, den Kopf erhoben, den Mund offen und die Arme am Leib niederhängend. Ihre Augen blickten stumpf geradeaus, aber sie sahen kaum etwas. »Motja, befiehl ihnen ... sich zu küssen! ... ha, ha, ha!« »Neuvermählte, bitte!« rief Nikolaus Petrowitsch, und Matthäus Jegorowitsch lehnte sich sogar an einen Baum, denn er konnte sich vor Lachen nicht auf den Füßen halten. Und der Eimer dröhnte, das Horn heulte, brüllte, neckte, und Lukas sang, dazu tanzend: »Und recht dick hast Du, Arina, Uns die Grütze eingekocht!« Und Nikolaus Petrowitsch machte wieder mit den Lippen: »Bum – bum – bum! Tra – ta – ta! Bum! bum! Tra – ra – ra!« Gomosoff war bis an die Kasernentür gelangt und verschwand dahinter. Anna blieb auf dem Hofe, von den wie besessenen Leuten umringt. Sie grölten, lachten, pfiffen ihr in die Ohren und sprangen in einem Anfall sinnlosen Vergnügens um sie herum. Sie stand vor ihnen mit unbeweglichem Gesicht, zerzaust, schmutzig, kläglich und lächerlich zugleich. »Der Neuvermählte ist ausgerissen, aber sie ist geblieben,« rief Matthäus Jegorowitsch seiner Frau zu, indem er auf Arina zeigte, und krümmte sich wieder vor Lachen. Arina wandte den Kopf nach ihm und ging an der Kaserne vorüber – in die Steppe. Pfeifen, Geschrei, Lachen begleiteten sie. »Genug! Laßt sein!« rief Sophie Iwanowna. »Laßt sie zu sich kommen! Das Mittagessen muß bald bereitet werden.« Arina ging in die Steppe, dorthin, wo hinter der Grenzlinie ein borstiger Streifen Korn stand. Sie ging langsam, wie ein Mensch, der tief in Gedanken versunken ist. »Wie, wie?« befragte Matthäus Jegorowitsch die Teilnehmer an diesem Spaße, die einander verschiedene kleine Einzelheiten des Betragens der Neuvermählten erzählten. Und alle lachten. Kaum daß Nikolaus Petrowitsch sogar Zeit und Stelle fand, einen kleinen Weisheitsspruch ein? zuschalten: »Zu lachen keine Sünde ist Über das, was wirklich lächerlich ist,« sagte er zu Sophie Iwanowna und fügte mit Bedeutung hinzu: »Aber viel lachen ist schädlich.« An jenem Tage wurde auf der Station viel gelacht, aber schlecht zu Mittag gegessen, weil Arina nicht zum Kochen erschien und Sophie Iwanowna selbst das Essen bereiten mußte. Aber auch das schlechte Mittagsessen verdarb nicht die gute Laune. Gomosoff verließ die Kaserne nicht, bis er Dienst hatte, und als er kam, wurde er in das Bureau des Vorstehers gerufen, und dort, beim Lachen Matthäus Jegorowitschs und Lukas', fing Nikolaus Petrowitsch an ihn auszufragen, wie er seine Schöne »angezogen« habe. »Der Originalität nach – ist das Sündenfall Nr. 1,« sagte Nikolaus Petrowitsch zum Vorsteher. »Ein Sündenfall ist es auch,« sagte der ehrbare Weichensteller, verdrießlich lächelnd. Er begriff, daß er weniger ausgelacht werden würde, wenn er es verstände, sich über Arina lustig zu machen. Und er erzählte. »Zuerst hat sie mir immer zugeblinzelt ...« »Zugeblinzelt? Ha – ha – ha! Nikolaus Petrowitsch, stellen Sie sich doch vor, wie sie mit dieser Fr–ratze ihm zugeblinzelt haben muß? Reizend!« »Gewiß, sie blinzelt mir zu, ich seh' es und denke bei mir – du spaßest! Danach sagt sie also, wenn du willst, sagt sie, näh' ich dir Hemden!« »Doch nicht im Nähen lag hier die Stärke ...« bemerkte Nikolaus Petrowitsch und erklärte dem Vorsteher: »Das ist von Nekrassoff, wissen Sie – aus dem Gedicht ›Die Elegante und die Dürftige‹ ... fahr' fort, Thimothej!« Und Thimothej fuhr fort zu sprechen; zuerst tat er sich Gewalt an, dann reizte ihn allmählich die Lüge, denn er sah, daß sie ihm von Nutzen war. Und die, von der er sprach, lag währenddessen in der Steppe. Sie war tief in das Getreidemeer hineingegangen, ließ sich dort schwer auf die Erde nieder und lag lange regungslos auf der Erde. Als aber die Sonne dermaßen ihren Rücken sengte, daß sie die brennenden Strahlen nicht mehr ertragen konnte, drehte sie sich um, die Brust nach oben, und bedeckte das Gesicht mit den Händen, um die übermäßig helle Sonne und den allzuklaren Himmel in seiner Tiefe nicht zu sehen. Trocken rauschten die Kornähren um das Weib, welches die Schande erdrückte, und unaufhörlich zirpten besorgt zahllose Grillen. Und heiß war es. Sie versuchte sich ihrer Gebete zu erinnern und konnte nicht – vor ihren Augen drehten sich lachende Fratzen in wildem Tanze, und in den Ohren schmerzte Lukas' Tenor, schallte das spöttisch-klägliche Gewimmer des Hornes und das Gelächter. Davon oder von der Hitze wurde ihr die Brust zu eng, sie knöpfte die Jacke auf und setzte ihren Leib den Sonnenstrahlen aus, vielleicht in der Erwartung, so leichter atmen zu können. Und während die Sonne auf ihrer Haut brannte, bohrte im Innern ihrer Brust eine Empfindung, fast Schmerz und ähnlich wie Sodbrennen. Schweratmend flüsterte sie dann und wann: »Herrgott! ... erbarme dich ...« Aber ihr zur Antwort ertönte nur das trockene Rascheln der Kornähren und das besorgte Zirpen der Grillen. Den Kopf über die Getreidewogen erhebend, sah sie ihr goldiges Schillern, das schwarze Rohr der Pumpe, das fern der Station in einer Schlucht aufragte, und die Dächer der Stationsgebäude. Weiter war nichts in der unermeßlichen, gelben Ebene, welche die blaue Himmelskuppel bedeckte, und es war Arina, als sei sie allein auf der Erde und läge gerade in ihrer Mitte und keiner komme jemals mehr, die Last ihrer Einsamkeit zu teilen, – niemand, niemals ... Gegen Abend hörte sie Rufe: »Arina–a! Arischka, Teu–eufel! ...« Die eine war Lukas' Stimme, die andere – des Soldaten. Es verlangte sie, die dritte zu hören, aber die rief sie nicht, und da weinte sie reichliche Tränen, die schnell über ihre narbigen Wangen auf die Brust rannen. Sie weinte und rieb die nackte Brust auf der trockenen, warmen Erde, um dies Brennen, das sie immer stärker peinigte, zu betäuben. Sie weinte und schwieg, ihr Stöhnen unterdrückend, als fürchte sie, daß jemand sie hören und ihr verbieten könne, zu weinen. Als dann die Nacht hereinbrach, stand sie auf und ging langsam nach der Station. An die Stationsgebäude gelangt, lehnte sie sich mit dem Rücken an die Kellerwand und stand dort lange, in die Steppe hinaussehend. Güterzüge erschienen und verschwanden – sie hörte, wie der Soldat den Kondukteuren von ihrer Schande erzählte, und wie sie lachten. Die Nacht war still und mondhell ... das Lachen schallte weit über die öde Steppe, wo die Pfiffe kaum hörbar ertönten. »Gott! erbarme dich ...« seufzte das Weib, sich dicht an die Wand schmiegend. Aber diese Seufzer erleichterten nicht die Last, die ihr Herz bedrückte. Gegen Morgen schlich sie sich vorsichtig auf den Boden der Station und eine Schlinge aus der Leine machend, auf welcher sie die von ihr gewaschene Wäsche zu trocknen pflegte, erhängte sie sich dort. Nach zwei Tagen wurde Arinas Leiche infolge des Geruchs gefunden. Anfangs erschraken alle, dann fingen sie an zu erörtern, wer daran schuld sei? Nikolaus Petrowitsch bewies unumstößlich, daß – Gomosoff schuld sei. Da gab ihm der Stationsvorsteher in die Zähne und befahl ihm drohend, zu schweigen. Das Gericht erschien, es wurde eine Untersuchung angestellt, und es ergab sich, daß Arina an Schwermut gelitten hatte ... Die Arbeiter des Bahnmeisters wurden beauftragt, sie in die Steppe zu bringen und dort einzugraben. Als dies geschehen war – herrschte wieder Ordnung und Ruhe auf der Station. Und wieder fingen ihre Bewohner an vier Minuten im Tage zu leben, vor Langerweile und Einsamkeit, vor Nichtstun und Hitze vergehend, mit Neid den an ihnen vorüberfliegenden Zügen nachsehend. ... Und im Winter, wenn Schneestürme mit Heulen und Brausen über die Steppe ziehen, die kleine Station mit Schnee und wilden Lauten überschüttend – dann wird für die Stationsbewohner das Leben noch langweiliger. Die Sonne der Kerkerlinge Wir waren unserer sechsundzwanzig – sechsundzwanzig lebendige Maschinen, eingeschlossen in einen feuchten Keller, wo wir, Brezel und Röstzwieback machend, vom Morgen bis zum Abend Teig kneteten. Die Fenster unseres Kellers stützten sich auf eine vor ihnen ausgehöhlte und mit Ziegelsteinen ausgelegte Grube, welche grün von Feuchtigkeit war; die Rahmen waren von außen mit einem dichten Eisennetz vergittert, und das Sonnenlicht konnte durch die mit Mehlstaub bedeckten Scheiben nicht zu uns dringen. Unser Herr hatte die Fenster deshalb mit Eisen beschlagen, damit wir kein Stück seines Brotes Bettlern oder denjenigen unserer Kameraden geben konnten, welche Hunger litten, weil sie keine Arbeit hatten; unser Herr nannte uns Spitzbuben und gab uns zum Mittag statt des Fleisches – verdorbene Kaldaunen ... Beklommen und eng lebte es sich uns in dem Steinkasten unter der niedrigen, schweren Decke, welche mit Ruß und Spinngewebe bedeckt war. Schwer und übel war es uns in den dicken Mauern, bemalt mit Schmutz und Schimmelflecken .... Wir standen um fünf Uhr morgens auf, ohne ausgeschlafen zu haben, und – stumpf, gleichgültig – setzten wir uns schon um sechs an den Tisch, um Brezeln aus dem Teig zu machen, den unsere Kameraden in der Zeit für uns bereitet hatten, als wir noch schliefen. Und den ganzen Tag, von morgens bis um zehn Uhr abends, saßen einige von uns am Tisch, den elastischen Teig mit den Händen ausrollend und sich hin und her wiegend, um nicht steif zu werden, und die anderen kneteten Mehl mit Wasser. Und tiefsinnig und melancholisch summte den ganzen Tag das Wasser im Kessel, wo die Brezeln gekocht wurden, und schnell und zornig scharrte die Schaufel des Bäckers am Boden des Herdes, die schlüpfrigen, gekochten Teigstückchen auf die glühenden Backsteine werfend. Vom Morgen bis zum Abend brannte Holz an der einen Seite des Ofens, und der rote Schein der Flammen zitterte auf der Wand der Werkstatt, als lache er uns stillschweigend aus. Der riesige Ofen glich dem unförmigen Kopf eines sagenhaften Ungeheuers, – als strecke es ihn aus dem Boden hervor, öffnete er seinen weiten Rachen voll grellen Feuers, atmete Hitze auf uns aus und sah mit den beiden schwarzen Höhlen seiner Zuglöcher über der Stirn auf unsere endlose Arbeit. Diese beiden tiefen Höhlen waren wie Augen – die mitleids- und leidenschaftslosen Augen des Ungeheuers: sie sahen uns immer mit dem gleichen dunklen Blick an, als seien sie es müde, auf Sklaven zu sehen und verachteten sie mit der kalten Verachtung der Weisheit, da sie nichts Menschliches mehr von ihnen erwarteten. Von Tag zu Tag, in Mehlstaub, in Schmutz, den unsere Füße vom Hofe hereinschleppten, in dicker, dunstiger Schwüle rollten wir Teig aus und machten Brezeln, sie mit unserem Schweiß netzend, und wir haßten unsere Arbeit mit einem ätzenden Haß, niemals aßen wir, was unter unseren Händen hervorging, Schwarzbrot den Brezeln vorziehend. An einem langen Tische einander gegenübersitzend – neun gegen neun – bewegten wir im Verlauf langer Stunden mechanisch Hände und Finger, und wir waren so an unsere Arbeit gewöhnt, daß wir unseren Bewegungen nicht einmal folgten. Und wir hatten einander so viel betrachtet, daß jeder von uns alle Runzeln in den Gesichtern der Gefährten kannte. Wir hatten von nichts zu reden, daran waren wir gewöhnt, und schwiegen die ganze Zeit, wenn wir nicht schimpften – denn immer hat man etwas auf die Menschen und besonders die Kameraden zu schimpfen. Aber auch das taten wir selten – was kann ein Mensch verschulden, wenn er halbtot, wenn er – wie ein Götze ist, wenn all seine Empfindungen von der Schwere der Arbeit erstickt werden? Aber zu schweigen ist nur für diejenigen schrecklich und qualvoll, die bereits alles gesagt haben und denen nichts mehr zu sagen blieb; für Leute aber, die noch nicht angefangen haben zu reden, ist Schweigen einfach und leicht .... Doch manchmal sangen wir, und unser Gesang fing so an: inmitten der Arbeit seufzte plötzlich jemand auf mit dem schweren Seufzer eines müden Pferdes und fing leise eines jener gedehnten Lieder zu singen an, deren klagend-kosendes Motiv stets die Last auf der Seele des Singenden erleichtert. Einer von uns singt, und wir hören zuerst schweigend seinem einsamen Gesange zu, und er erlischt und erstickt unter der schweren Kellerdecke, wie die kleine Flamme eines Steppenfeuers in der feuchten Herbstnacht, wenn der graue Himmel wie ein Bleidach über der Erde hängt. Dann gesellt sich zu dem Sänger ein anderer, und – nun schweben schon zwei Stimmen leise und bang durch die Schwüle unserer engen Höhle. Und plötzlich fallen mehrere Stimmen zugleich in den Gesang ein, – er wallt wie eine Woge empor, er wird stärker und lauter, und es ist, als rücke er die feuchten, schweren Wände unseres steinernen Gefängnisses auseinander ... Alle sechsundzwanzig singen; laute, längst miteinander eingesungene Stimmen erfüllen die Werkstatt; dem Gesang ist eng darin: er schlägt an die Steinwand, stöhnt, weint und belebt das Herz durch ein leises, nagendes Weh, erneuert den Schmerz in alten Wunden und weckt den Kummer ... Die Sänger seufzen tief und schwer; mancher bricht unerwartet den Gesang ab, hört lange zu, wie die Gefährten singen und läßt von neuem seine Stimme in die allgemeine Woge einfließen. Mancher, nachdem er bang: »Ach!« gerufen, singt mit geschlossenen Augen, und vielleicht erscheint ihm die dichte, breite Tonwelle als Weg in die Ferne, als breiter, von heller Sonne bestrahlter Weg, und er sieht sich darauf wandeln ... Die Flamme im Ofen flackert beständig, beständig scharrt die Schaufel des Bäckers über die Backsteine, summt das Wasser im Kessel, zittert der Feuerschein auf der Wand, stillschweigend lachend ... Und wir singen mit fremden Worten unser stumpfes Weh, die schwere Bangigkeit lebendiger Menschen, die der Sonne beraubt sind, die Sehnsucht der Sklaven. So lebten wir Sechsundzwanzig im Keller des großen, steinernen Hauses, und das Leben war uns so schwer, als wären die drei Etagen dieses Hauses direkt auf unseren Schultern errichtet ... Doch außer dem Gesange hatten wir noch etwas Schönes, etwas von uns Geliebtes, das uns vielleicht die Sonne ersetzte. In der zweiten Etage unseres Hauses wohnte eine Goldstickerin, und unter vielen Gehilfinnen lebte bei ihr das sechzehnjährige Stubenmädchen Tanja. Jeden Morgen lehnte sich ein kleines, rosiges Gesichtchen mit blauen, lustigen Augen an das Glas des Fensterchens, das in die Tür vom Flur zu uns in die Werkstatt eingelassen war, und eine helle, freundliche Stimme rief uns zu: »Gebt Brezelchen, Kerkerlinge!« Auf diesen uns bekannten hellen Laut drehten wir uns alle um und blickten froh und gutmütig auf das reine Mädchengesicht, das uns freundlich zulächelte. Es war uns eine angenehme Gewohnheit, die platt an die Scheibe gedrückte Nase zu sehen und die kleinen, weißen Zähne, welche hinter den vom Lächeln geöffneten rosigen Lippen hervorschimmerten. Wir stürzten, einander stoßend, hin, ihr die Tür zu öffnen, und – da kommt sie, so heiter und lieb, zu uns herein, indem sie ihre Schürze aufhält, steht vor uns, ihr Köpfchen ein wenig auf die Seite geneigt, steht und lächelt beständig. Ein langer, dicker Zopf kastanienbraunen Haares, der über die Schulter herabfällt, liegt auf ihrer Brust. Wir schmutzigen, dunklen, garstigen Leute sehen zu ihr empor – die Türschwelle ist um vier Stufen höher als der Fußboden – wir sehen sie mit erhobenen Köpfen an, wünschen ihr guten Morgen und sagen ihr besondere Worte, – wir finden sie nur für sie. Im Gespräch mit ihr sind auch unsere Stimmen weicher und unsere Späße leichter. Für sie haben wir – alles besonders. Der Bäcker nimmt eine Schaufel der gebräuntesten, gerösteten Brezeln aus dem Ofen und wirft sie geschickt in Tanjas Schürze. »Sieh zu, daß du dem Meister nicht in den Wurf kommst!« warnen wir sie stets. Sie lächelt schelmisch und ruft uns lustig zu: »Lebt wohl, Kerkerlinge!« und verschwindet schnell wie ein Mäuschen. Nur ... Aber lange, nachdem sie gegangen, sprechen wir angenehm miteinander von ihr – sprechen immer dasselbe, was wir gestern und früher redeten, weil sie und wir und alles ringsum auch ebenso ist, wie gestern und früher .... Es ist sehr schwer und qualvoll, wenn der Mensch lebt und sich um ihn nichts verändert, und wenn es seine Seele nicht tötet, so wird ihm, je länger er lebt, die Unbeweglichkeit des ihn Umgebenden um so qualvoller ... Wir sprachen von Weibern stets so, daß es uns manchmal selbst zuwider war, unsere grob-schamlosen Reden anzuhören, und das ist erklärlich, denn die Frauen, die wir kannten, verdienten auch vielleicht nicht andere Reden. Aber von Tanja sprachen wir niemals schlecht; keiner von uns erlaubte sich je, nicht nur sie mit der Hand zu berühren, sondern auch einen freien Scherz hörte sie nie von uns. Vielleicht war es deshalb, weil sie niemals lange bei uns blieb: sie tauchte schnell vor unseren Augen auf, wie ein vom Himmel fallender Stern, und verschwand, oder vielleicht, weil sie klein und sehr hübsch war, und alles Schöne erweckt selbst bei rohen Leuten Achtung für sich. Und noch – obwohl unsere Zwangsarbeit uns zu stumpfen Ochsen machte, blieben wir doch Menschen und konnten, wie alle Menschen, nicht leben, ohne etwas zu verehren, was es auch sei. Etwas Besseres als sie – hatten wir nicht, und niemand, außer ihr, beachtete uns, die wir im Keller lebten, – niemand, obwohl im Hause Leute zu Zehnen wohnten. Und endlich – gewiß, das war es hauptsächlich – wir alle hielten sie für etwas uns Gehöriges, etwas, das gewissermaßen nur dank unserer Brezeln existierte; wir hatten es uns zur Pflicht gemacht, ihr heiße Brezeln zu geben, und das wurde für uns zu einem täglichen Opfer, das wir unserem Idol brachten, das wurde fast zu einer heiligen Zeremonie und verband uns mit jedem Tage fester mit ihr. Außer den Brezeln gaben wir Tanja viele Ratschläge – sich wärmer anzuziehen, die Treppen nicht so schnell hinunterzulaufen, nicht schwere Holztrachten zu tragen. Sie hörte unsere Ratschläge mit einem Lächeln an, beantwortete sie mit Lachen und folgte uns nie, aber das kränkte uns nicht: wir wollten nur zeigen, daß wir um sie besorgt waren. Oft wandte sie sich mit verschiedenen Bitten an uns, bat zum Beispiel, die schwere Tür in den Keller zu öffnen, Holz zu hacken, – mit Freude, ja sogar mit einem gewissen Stolz taten wir dies für sie und alles andere, was sie wollte. Aber als einer von uns sie bat, ihm sein einziges Hemd auszubessern, sagte sie, verächtlich die Luft durch die Nase blasend: »Das fehlte noch! Wie würde ich! ...« Wir lachten sehr über den wunderlichen Kauz und – baten sie niemals mehr um etwas. Wir liebten sie – damit ist alles gesagt. Der Mensch will immer seine Liebe auf jemand übertragen, obwohl er manchmal damit bedrückt, manchmal besudelt, er kann das Leben des Nächsten mit seiner Liebe vergiften, weil er, liebend, den Geliebten nicht achtet. Wir mußten Tanja lieben, weil wir niemand sonst zu lieben hatten. Hin und wieder fing irgendwer von uns so zu urteilen an: »Warum verwöhnen wir das Mädel so? Was hat sie denn an sich? ah? Was geben wir uns soviel mit ihr ab?« Den Menschen, der solche Reden führte, fertigten wir kurz und grob ab – wir brauchten etwas zum Lieben: wir hatten es gefunden und liebten, aber das, was wir, sechsundzwanzig, liebten, mußte für jeden von uns als unser Heiligtum unerschütterlich sein, und jeder, der uns darin entgegenstand, war – unser Feind. Wir liebten vielleicht nicht einmal, was wirklich gut ist, aber wir sind unser ja – sechsundzwanzig, und deshalb wollen wir das uns Teure geheiligt auch immer für die anderen sehen. Unsere Liebe ist nicht weniger schwer als unser Haß ... und vielleicht behaupten gerade deshalb einige Stolze, daß unser Haß schmeichelhafter sei als unsere Liebe ... Aber wenn es so ist, warum fliehen sie uns nicht? Außer der Brezelbäckerei hatte unser Meister auch eine Semmelbäckerei; sie befand sich in demselben Hause, von unserer Höhle nur durch eine Wand getrennt; aber die Bäcker – ihrer waren vier – hielten sich abseits von uns, da sie ihre Arbeit für reiner ansahen als die unsrige, und kamen, sich für besser als uns haltend, deshalb auch nicht in unsere Werkstatt. Sie lachten geringschätzig über uns, wenn sie uns auf dem Hofe trafen; wir gingen auch nicht zu ihnen: uns hatte es der Meister verboten aus Angst, wir könnten Buttersemmeln stehlen. Wir mochten die Bäcker nicht, weil wir sie beneideten: ihre Arbeit war leichter als die unsere, sie bekamen mehr als wir, sie wurden besser gespeist, sie hatten eine geräumige, helle Werkstatt, und alle waren so rein, gesund und – uns entgegengesetzt. Wir alle waren so gelb und grau; drei von uns litten an Syphilis, einige – an Krätze, einer war ganz gekrümmt von Rheumatismus. Sie trugen an Feiertagen und in der arbeitsfreien Zeit Jacketts und knarrende Stiefel, zwei von ihnen hatten Harmonikas, und alle gingen im Stadtgarten spazieren, – wir aber trugen schmutzige Lumpen und Holzpantoffeln oder Bastschuhe an den Füßen, uns ließ die Polizei nicht in den Stadtgarten – konnten wir die Bäcker lieben? Und da erfuhren wir einmal, daß ein Bäcker von ihnen sich dem Trunk ergeben hatte, der Meister hatte ihn entlohnt und schon einen anderen gedungen, und dieser andere war – ein Soldat, er ging in einer Atlasweste und trug eine Uhr mit goldener Kette. Wir waren neugierig, solchen Stutzer zu sehen, und in der Hoffnung, ihn zu sehen, liefen wir, einer nach dem andern, beständig auf den Hof. Aber er erschien selbst in unserer Werkstatt. Nachdem er mit einem Fußtritt an die Tür geschlagen, öffnete er sie und stellte sich, dieselbe offen lassend, lächelnd auf die Schwelle, indem er zu uns sagte: »Gott helf! Guten Tag, Kinder!« Die Frostluft, die in dichter, dunstiger Wolke zur Tür hereindrang, kräuselte sich zu seinen Füßen, er aber stand auf der Schwelle, sah uns von oben bis unten an, und hinter seinem blonden, flottgedrehten Schnurrbart glänzten große, gelbe Zähne hervor. Seine Weste war wirklich besonderer Art – blau, mit Blumen bestickt, war es, als strahle sie ganz und gar, und die Knöpfe an ihr waren aus roten Steinchen. Auch das Kettchen war da ... Hübsch war er, dieser Soldat, so hoch und gesund, mit roten Backen, und seine großen, hellen Augen blickten gut – freundlich und klar. Auf dem Kopf trug er eine weiße, steifgestärkte Mütze, und unter der reinen, fleckenlosen Schürze sahen die Spitzen modischer, blankgeputzter Stiefel hervor. Unser Bäcker bat ihn achtungsvoll, die Tür zu schließen; er tat es, ohne sich zu beeilen, und fing an, uns über den Meister auszufragen. Wir sagten ihm, einander überbietend, daß unser Meister ein Erpresser, ein Spitzbube, Bösewicht und Peiniger sei, – alles, was man von dem Meister nur sagen konnte und mochte, aber was hier nicht geschrieben werden kann. Der Soldat hörte zu, bewegte den Schnurrbart und betrachtete uns mit weichem, hellem Blick. »Und habt ihr hier viele Mädel ...« fragte er plötzlich. Einige von uns lachten achtungsvoll, manche zogen süße Mienen, einer erklärte dem Soldaten, daß hier neun Stück Mädel wären. »Habt ihr was davon?« fragte er, mit den Augen blinzelnd. Wieder lachten wir, nicht sehr laut und ein verlegenes Lachen ... Viele von uns hätten sich dem Soldaten gern als ebenso verwegene Burschen gezeigt, wie er selber war aber keiner verstand das, keiner konnte es. Irgendeiner gestand das ein, indem er leise sagte: »Wie könnten wir ...« »N – ja, für euch ist das schwer!« sagte der Soldat überzeugt, uns unverwandt betrachtend ... »Ihr seid – nicht so ... Ihr habt kein Ansehen ... keine ordentliche Form ... kein Äußeres heißt das! Und die Weiber – lieben das Äußere beim Menschen. Sie wollen ein ordentliches Gehäuse ... alles soll akkurat sein! Und außerdem schätzen sie Kraft ... Arme – so!« Der Soldat zog seine rechte Hand mit dem aufgestreiften Hemdärmel, nackt bis zum Ellbogen, aus der Tasche und zeigte sie uns ... Die Hand war weiß, kräftig, mit glänzendem, goldigem Flaum bewachsen. »Bein, Brust – in allem soll Stärke sein ... Und wieder – daß der Mensch gekleidet ist ... wie es die Schönheit der Sachen fordert ... Mich lieben die Weiber. Ich rufe und locke sie nicht, – selbst kommen sie mir zu fünfen mit einem Male auf den Hals ...« Er setzte sich auf einen Mehlsack und erzählte lange davon, wie ihn die Weiber liebten und wie herzhaft er mit ihnen verkehre. Dann ging er, und als die knarrende Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, schwiegen wir lange, an ihn und seine Erzählungen denkend. Und dann fingen plötzlich alle an zu sprechen, und es wurde mit einem Male klar, daß er uns allen gefallen hatte. So einfach und freundlich – war er gekommen, hatte gesessen und gesprochen. Zu uns kam sonst niemand, und niemand sprach mit uns so freundschaftlich ... Und wir redeten beständig von ihm und seinen künftigen Erfolgen bei den Goldstickerinnen, welche, wenn sie uns auf dem Hofe begegneten, entweder, die Lippen beleidigend verziehend, einen Umweg um uns machten, oder aber gerade auf uns zu gingen, als wären wir gar nicht auf ihrem Wege. Und wir ergötzten uns nur immer an ihnen auf dem Hofe, und wenn sie an unseren Fenstern vorübergingen – im Winter in eine besondere Art Mützchen und Pelzchen gekleidet, und im Sommer – in Blumenhütchen, mit verschiedenfarbigen Sonnenschirmen in den Händen. Dafür sprachen wir untereinander von diesen Mädchen so, daß, wenn sie uns gehört hätten, sie vor Scham und Kränkung außer sich geraten wären ... »Aber daß er nur nicht auch Tanjuschka – verdirbt!« sagte plötzlich der Bäcker besorgt. Wir schwiegen alle, betroffen von diesen Worten. Es war, als hätten wir Tanja vergessen: der Soldat verdeckte sie uns gewissermaßen mit seiner großen, schönen Gestalt. Dann fing ein geräuschvoller Streit an: die einen sagten, daß Tanja sich nicht dazu herbeilasse, die anderen behaupteten, daß sie dem Soldaten nicht widerstehen könne, die dritten endlich schlugen vor, im Falle der Soldat mit Tanja anbinde, – ihm die Rippen zu brechen. Und schließlich nahmen sich alle vor, Tanja und den Soldaten zu beobachten und das Mädchen zu warnen, damit sie sich vor ihm in acht nähme ... Das beseitigte den Streit. Die Zeit von etwa einem Monat verging; der Soldat buk Semmeln, ging mit den Goldstickerinnen spazieren, kam oft zu uns in die Werkstatt, aber von Siegen über die Mädchen erzählte er nicht, sondern drehte nur beständig den Schnurrbart und beleckte sich die Lippen. Tanja kam jeden Morgen nach »Brezelchen« zu uns und war, wie immer, heiter, lieb und freundlich zu uns. Wir versuchten, mit ihr von dem Soldaten zu sprechen, – sie nannte ihn »glotzäugiges Kalb« und gab ihm andere lächerliche Spitznamen, und das beruhigte uns. Wir waren stolz auf unser Mädchen, da wir sahen, wie die Goldstickerinnen um den Soldaten herum waren; Tanjas Beziehung zu ihm erhob uns gewissermaßen alle, und wir fingen selbst an, dem Soldaten geringschätzig zu begegnen, als nähmen wir uns ihr Betragen zur Richtschnur. Aber sie liebten wir noch mehr, begrüßten sie morgens noch freudiger und gutmütiger. Aber einmal kam der Soldat ein wenig angetrunken zu uns, setzte sich und fing an zu lachen, und als wir ihn fragten, worüber er lache, erklärte er: »Zwei haben sich um mich gezankt ... Lida mit Gruscha ... Wi – ie haben sie sich verunstaltet, ah? Cha – cha! Eine der anderen in die Haare, auf den Boden mit ihr im Flur, dann rittlings auf ihr ... cha – cha – cha! Die Fratzen haben sie sich zerkratzt ... zerrissen ... zum Kranklachen! Und warum können Weiber sich nicht ehrlich schlagen? Warum kratzen sie? ah?« Er saß auf der Bank, so gesund, rein und froh saß er da und lachte beständig. Wir schwiegen. Uns war es diesmal aus irgendeinem Grunde unangenehm. »N – nein, was ich für Glück habe bei den Weibern, ah? Zum Kranklachen? Man blinzelt und – fertig! T – teufel!« Seine weißen, mit einem glänzenden Flaum bedeckten Hände hoben sich und fielen wieder auf das Knie, laut darauf klatschend. Und er sah uns mit solchem angenehm-verwunderten Blick an, als wäre er selbst aufrichtig im Zweifel, warum er in Weiberangelegenheiten so glücklich sei. Sein dickes, rotes Gesicht glänzte selbstzufrieden und glücklich, und er beleckte sich in einem fort die Lippen. Unser Bäcker scharrte heftig und ärgerlich mit der Schaufel auf dem Ofenherde und sagte plötzlich spöttisch: »Es gehört keine große Kraft dazu, ein Tannenbäumchen umzuwerfen, aber stürze eine Fichte ...« »Das heißt – das sagst du mir?« fragte der Soldat. »Dir ...« »Was soll das heißen?« »Nichts ... verfahren!« »Nein, warte du! Um was handelt es sich? Welche Fichte?« Unser Bäcker antwortete nicht, schnell mit der Schaufel im Ofen arbeitend: er wirft die gekochten Brezeln hinein, gabelt die fertigen von unten auf und schleudert sie geräuschvoll auf den Boden, zu den Lehrjungen, die sie auf Lindenbast aufreihen. Er schien den Soldaten und das Gespräch mit ihm vergessen zu haben. Aber den Soldaten befiel plötzlich eine gewisse Unruhe. Er stellte sich auf die Füße und ging nach dem Ofen, Gefahr laufend, mit der Brust auf den Schaufelstiel gespießt zu werden, der krampfhaft durch die Luft flog. »Nein, sage du – wer ist es? Du hast mich beleidigt ... Ich? Mir widersteht keine, n–nein! Und du sagst mir solche beleidigende Worte ...« Er schien wirklich aufrichtig gekränkt. Er mußte wohl nichts weiter an sich schätzen außer seiner Kunst, Weiber zu verführen; vielleicht war außer dieser Fähigkeit nichts Lebendiges in ihm, und nur sie erlaubte ihm, sich als lebendigen Menschen zu fühlen. Es gibt ja Leute, denen irgendeine Krankheit ihrer Seele oder ihres Körpers als das Kostbarste und Beste im Leben erscheint. Sie tragen sich mit ihr lebenslang und leben nur durch sie, leiden durch sie, ernähren sich durch sie, beklagen sich zu anderen über sie und ziehen dadurch die Aufmerksamkeit ihrer Nächsten auf sich. Dafür erheben sie Mitgefühl für sich von den Leuten, und außer diesem – haben sie nichts. Nehmt ihnen diese Krankheit, heilt sie, und sie werden unglücklich sein, denn sie sind des einzigen Mittels zum Leben beraubt, – sie sind dann leer. Zuweilen ist das Leben eines Menschen bis zu einem Grade armselig, daß er unwillkürlich gezwungen ist, sein Laster zu bewerten und dadurch zu leben; man kann geradezu sagen, daß Leute häufig lasterhaft aus Langerweile sind. Der Soldat war beleidigt, bestürmte unseren Bäcker und brüllte: »Nein, sage du – wer?« »Sagen?« wandte sich plötzlich der Bäcker nach ihm um. »Nu?!« »Kennst du Tanja?« »Nu?« »Nu, sie ist es! Probiere ...« »Ich?« »Du!« »Sie? Das ist mir – pfui!« »Wir werden sehen!« »Du wirst sehen! Ch–cha!« »Sie wird dir ...« »Einen Monat Frist!« »Was bist du für ein Prahlhans, Soldat!« »Zwei Wochen! Ich zeig es dir! Was für eine ist das? Tanka! Pfui! ...« »Nu, marsch fort ... Du störst!« »Zwei Wochen – und fertig! Ach du ...« »Geh, sag ich dir!« Unser Bäcker wurde plötzlich wütend und schwenkte die Schaufel. Der Soldat trat verwundert zurück, sah uns an, schwieg ein wenig und ging leise von uns fort, nachdem er unheilkündend: »Gut denn!« gesagt hatte. Während des Streites hatten wir alle interessiert geschwiegen. Aber als der Soldat gegangen war, erhob sich unter uns ein lebhaftes Sprechen und Lärmen. Einer rief dem Bäcker zu: »Du hast nichts Gutes angerichtet, Pawel!« »Arbeite, hörst du!« antwortete der Bäcker wütend. Wir fühlten, daß der Soldat an seiner schwachen Seite berührt war und daß Tanja Gefahr drohte. Wir fühlten das, und zu gleicher Zeit ergriff uns alle eine brennende, uns angenehme Neugier – was wird daraus? Wird Tanja dem Soldaten widerstehen? Und fast alle riefen überzeugt: »Tanka? Sie widersteht! Sie nimmt man nicht mit nackten Händen!« Uns verlangte schrecklich danach, die Stärke unseres Abgottes zu erproben; wir bewiesen einander angestrengt, daß unser Abgott stark sei und als Sieger aus diesem Zusammenstoß hervorgehen werde. Es wollte uns schließlich scheinen, als hätten wir den Soldaten wenig angefeuert, als werde er den Streit vergessen, und als müßten wir seine Eigenliebe ordentlich treffen. Seit diesem Tage fingen wir an, eine Art besonderes, gespannt-nervöses Leben zu führen, – so hatten wir noch nicht gelebt. Ganze Tage stritten wir miteinander, es war, als würden alle klüger, wir sprachen mehr und besser. Uns schien, als spielten wir ein Spiel mit dem Teufel, und der Einsatz unsererseits war – Tanja. Und als wir von den Bäckern erfuhren, daß der Soldat anfing, sich »stark an unsere Tanka zu machen«, wurde uns schwer und gut zugleich zumute und das Leben so interessant, daß wir nicht einmal bemerkten, als der Meister, aus unserer Erregung Nutzen ziehend, unserer Arbeit noch vierzehn Pud Teig täglich hinzufügte. Es war, als würden wir auch nicht müde von der Arbeit. Tanjas Name ging uns tagelang nicht von der Zunge. Und jeden Morgen erwarteten wir sie mit einer Art besonderer Ungeduld. Manchmal stellten wir uns vor, sie käme zu uns, – und es wäre nicht mehr dieselbe, die frühere Tanja, sondern eine andere. Allein von dem stattgehabten Streit sagten wir ihr nichts. Wir fragten sie nichts und verhielten uns wie vorher liebevoll und gut zu ihr. Aber in dies Verhältnis hatte sich schon etwas Neues und unseren früheren Gefühlen für Tanja Fremdes eingeschlichen – und dies Neue war eine scharfe Neugier, scharf und kalt wie ein stählernes Messer ... »Brüderchen! Heut ist der Termin!« sagte einmal morgens der Bäcker, sich an die Arbeit begebend. Wir wußten das wohl auch ohne seine Mahnung, aber fuhren dennoch auf. »Beobachtet sie ... sie kommt gleich!« schlug der Bäcker vor. Irgendwer rief mitleidig: »Ja, kann man denn das mit Augen sehen!« Und wieder entbrannte ein lebhafter, lärmender Streit zwischen uns. Heut sollten wir endlich erfahren, wie rein und unzugänglich für den Schmutz das Gefäß war, in das wir unser Bestes gelegt hatten. Es war, als fühlten wir an diesem Morgen zuerst und mit einem Male, daß wir wirklich ein großes Spiel spielten, daß diese Prüfung der Reinheit unseres Abgotts ihn für uns vernichten konnte. Wir hatten alle diese Tage gehört, daß der Soldat hartnäckig und zudringlich Tanja verfolgte, aber aus irgendeinem Grunde fragte niemand sie, wie sie zu ihm stand. Und sie fuhr fort, pünktlich jeden Morgen nach Brezelchen bei uns zu erscheinen und war stets dieselbe wie immer. Auch an diesem Tage hörten wir bald ihre Stimme. »Kerkerlinge! Ich bin da ...« Wir beeilten uns, sie einzulassen, und als sie eintrat, empfingen wir sie unserer Gewohnheit entgegen mit Stillschweigen. Mit allen Augen sie ansehend, wußten wir nicht, wovon wir mit ihr reden, was wir sie fragen sollten. Und wir standen vor ihr, eine dunkle, schweigende Schar. Sichtlich wunderte sie sich über den ihr ungewohnten Empfang, – und plötzlich sahen wir, daß sie erbleichte, unruhig wurde, sie trat hin und her auf ihrem Platze und fragte mit gepreßter Stimme: »Wie ... seid ihr denn?« »Und du?« warf ihr der Bäcker finster hin, ohne die Augen von ihr abzuwenden. »Was – ich?« »N – nichts ...« »Nun, gebt schnell die Brezeln ...« Niemals früher hatte sie uns zur Eile angetrieben ... »Du kommst noch zur Zeit!« sagte der Bäcker, ohne sich zu regen und ohne die Augen von ihrem Gesicht zu reißen. Da drehte sie sich plötzlich um und verschwand in der Tür. Der Bäcker griff zur Schaufel und sagte ruhig, sich nach dem Ofen wendend: »Das heißt – es ist so weit! ... Ei – ei, Soldat! ... Schurke! ... Scheusal! ...« Wir gingen wie eine Hammelherde, einander stoßend, an den Tisch, setzten uns schweigend und fingen lässig an zu arbeiten. Bald darauf sagte einer: »Es kann vielleicht noch ...« »Nu – nu! Rede!« rief der Bäcker. Wir wußten alle, daß er ein kluger Mensch war, klüger als wir. Und seinen Ruf faßten wir als Überzeugung vom Siege des Soldaten auf .... Wir waren traurig und unruhig .... Um zwölf Uhr – zur Mittagszeit – kam der Soldat. Er war wie immer sauber und stutzerhaft und sah uns – wie immer – gerade in die Augen. Uns war es peinlich, ihn anzusehen. »Nun denn, ehrenwerte Herren, wollt ihr, so zeige ich euch Soldatenkühnheit?« sagte er stolz lächelnd. »Kommt also in den Flur und seht durch die Ritze ... verstanden?« Wir gingen hinaus, und einer über den anderen gelehnt, schmiegten wir uns an die Ritzen in der Bretterwand des Flurs, der auf den Hof hinausging. Wir hatten nicht lange zu warten. Bald kam Tanja eiligen Schrittes, mit besorgtem Gesicht, über den Hof, die Pfützen geschmolzenen Schnees und Schmutzes überspringend. Sie verschwand hinter der Tür im Keller. Dann ging pfeifend, ohne sich zu beeilen, der Soldat dorthin. Seine Hände steckten in den Taschen, und der Schnurrbart bewegte sich ... Es regnete, und wir sahen, wie die Tropfen in die Pfützen fielen, und die Pfützen kräuselten sich bei ihrem Aufprall. Der Tag war feucht, grau – ein sehr langweiliger Tag. Auf den Dächern lag noch der Schnee, aber auf der Erde zeigten sich schon dunkle Schmutzflecke. Und der Schnee auf den Dächern trug auch einen braunen, schmutzigen Anflug. Der Regen fiel langsam, es klang melancholisch. Uns war kalt und unangenehm zu warten ... Als erster kam der Soldat aus dem Keller, er ging langsam über den Hof, den Schnurrbart bewegend, die Hände in die Taschen gesteckt – so, wie immer. Dann – kam auch Tanja. Ihre Augen ... ihre Augen glänzten vor Freude und Glück, und die Lippen – lächelten. Und sie ging, wie im Traum, schwankend, mit unsicheren Schritten .... Wir konnten es nicht ruhig ertragen. Alle auf einmal stürzten wir aus der Tür, sprangen auf den Hof und – pfiffen und grölten sie zornig, laut und wild an. Sie erbebte, als sie uns sah, und stand, wie gebannt, im Schmutz unter ihren Füßen. Wir umringten sie und beschimpften sie schadenfroh, rückhaltlos, mit unzüchtigen Worten, sagten ihr schamlose Dinge. Wir taten es nicht laut und ohne Hast, da wir sahen, daß sie nirgends hin konnte, daß sie von uns umringt war und wir sie zum besten haben konnten, soviel wir wollten. Ich weiß nicht weshalb, aber wir schlugen sie nicht. Sie stand zwischen uns und drehte den Kopf bald hier- bald dorthin, unsere Beleidigungen anhörend. Und wir – warfen immer mehr und immer heftiger den Schmutz und das Gift unserer Worte auf sie. Die Farbe ging von ihrem Gesicht. Ihre blauen Augen, eine Minute vorher so glücklich, öffneten sich weit, die Brust atmete schwer, und die Lippen bebten. Und wir, sie umringend, rächten uns an ihr, denn sie hatte uns beraubt. Sie hatte uns gehört, wir hatten unser Bestes für sie ausgegeben, und wenn dies Beste auch nur – Bettlerbrocken waren, aber unser waren – sechsundzwanzig, sie war – eine, und deshalb gab es für sie keine Pein von uns, würdig ihrer Schuld! Wie beleidigten wir sie! ... Sie schwieg beständig, sah uns beständig mit scheuen Augen an und zitterte am ganzen Leibe. Wir lachten, heulten, brüllten ... Von irgendwo kamen noch Leute zu uns herangelaufen ... Einer von uns zog Tanja am Jackenärmel ... Plötzlich funkelten ihre Augen; ohne zu eilen hob sie die Hand nach dem Kopf und sagte, ihr Haar ordnend, laut, aber ruhig uns gerade ins Gesicht: »Ach, ihr unglücklichen Kerkerlinge! ...« Und sie ging gerade auf uns zu, ging so einfach, als wären wir gar nicht vor ihr, als versperrten wir ihr nicht den Weg. Deshalb erwies sich ihr wirklich niemand von uns im Wege. Aber aus unserem Kreise herausgehend, sagte sie noch, ohne sich nach uns umzusehen, ebenso laut und mit unbeschreiblicher Geringschätzung: »Ach, ihr Gesindel ... Pa – ack ...« Und – ging davon. Wir aber blieben auf dem Hofe stehen, im Schmutz, im Regen, unter dem grauen, sonnenlosen Himmel ... Dann gingen wir schweigend in unsere feuchte Steinhöhle. Wie früher – sah die Sonne niemals mehr in unsere Fenster, und Tanja kam nicht mehr! ... Der rote Waska Vor nicht langer Zeit diente in einem öffentlichen Hause einer der Wolgastädte ein Mensch von etwa vierzig Jahren, namens Waska, mit dem Spitznamen »der Rote«. Dieser Spitzname war ihm gegeben wegen seines grellroten Haares und dicken Gesichts, das die Farbe rohen Fleisches hatte. Dicklippig, mit großen Ohren, die von seinem Schädel abstanden, wie Henkel vom Waschbecken, frappierte er die Leute durch den grausamen Ausdruck seiner kleinen, farblosen Augen; sie schwammen im Fett, glänzten wie Eisschollen, und ungeachtet seiner satten, fleischigen Gestalt hatte sein Blick stets einen Ausdruck, als wäre dieser Mensch zum Sterben hungrig. Klein und untersetzt, trug er einen dunkelblauen Kosakenrock, weite Tuchhosen und blankgeputzte Stiefel mit kleiner Stulpe. Seine roten Haare lockten sich, und wenn er seine Staatsmütze aufsetzte, legten sie sich, darunter hervorkommend, auf den Mützenrand – dann sah es so aus, als trüge Waska einen roten Kranz auf dem Kopfe. Den Roten nannten ihn seine Genossen, die Mädchen aber nannten ihn Henker, denn er liebte sie zu foltern. In der Stadt waren einige höhere Lehranstalten, viele junge Leute, deshalb nahmen die Häuser der Toleranz ein ganzes Viertel darin ein: eine lange Straße und einige Quergassen. Waska war in allen Häusern dieses Viertels bekannt, sein Name jagte den Mädchen Furcht ein, und wenn sie aus irgendeinem Grunde mit der Wirtin zankten und stritten – drohte ihnen diese: »Nehmt euch in acht! ... Daß ich nicht die Geduld verliere ... sonst ruf' ich den roten Waska! ...« Manchmal war diese Drohung allein hinreichend, daß die Mädchen sich beruhigten und von ihren Forderungen abgingen, die manchmal ganz gesetzlich und gerecht waren, wie z. B. die Forderung besserer Nahrung oder das Recht, zu einem Spaziergang aus dem Hause zu gehen. Wenn aber die Drohung allein sich für die Zähmung der Mädchen als unzureichend erwies, – dann wurde Waska von der Wirtin gerufen. Er kam mit dem langsamen Gange eines Menschen, dem es nicht eilt, schloß sich mit der Wirtin in ihr Zimmer ein, und dort wies ihm diese die Mädchen an, die einer Bestrafung unterworfen werden sollten. Nachdem er ihre Klage schweigend angehört hatte, sagte er kurz zu ihr: »Gut ...« und ging zu den Mädchen. Sie erbleichten und zitterten vor ihm; er sah es, und ihre Furcht war ihm ein Genuß. Spielte sich die Szene in der Küche ab, wo die Mädchen Mittag aßen und Tee tranken, – so stand er lange an der Tür, indem er sie ansah, schweigend und unbeweglich wie eine Statue, und die Momente seiner Regungslosigkeit waren für die Mädchen nicht weniger peinigend als die Foltern, denen er sie unterwarf. Nachdem er sie angesehen, sagte er mit gleichgültiger, heiserer Stimme: »Maschka! Komm her ...« »Wassil Mironitsch!« sagte das Mädchen zuweilen flehentlich und entschlossen: »Rühr' mich nicht an! Rühr' nicht an ... Rührst du mich an – erhäng' ich mich ...« »Komm, Närrin, ich geb' dir den Strick ...« sagte Waska gleichgültig, ohne Lächeln. Er suchte es stets zu erlangen, daß die Schuldigen selber zu ihm kamen. »Ich schrei' Gewalt ... ich schlag' die Scheiben ein ...« zählte das Mädchen, schweratmend vor Furcht, alles auf, was es tun konnte. »Schlag' die Scheiben ein ... ich zwing' dich, sie zu fressen ...« sagte Waska. Und das widerspenstige Mädchen ergab sich in den meisten Fällen, d. h. es kam zum Henker; wollte das Mädchen dies aber nicht tun, dann ging Waska selbst zu ihm, nahm es beim Haar und warf es auf den Boden. Seine Freundinnen aber, – oft auch Gleichgesinnten, – banden dem Mädchen Hände und Füße und den Mund zu, und gleich hier, auf dem Fußboden der Küche und vor ihren Augen, wurde die Schuldige gezüchtigt. War es ein gewandtes Mädchen, das hätte klagen können, wurde es mit einem dicken Riemen geschlagen, um die Haut nicht zu verletzen, und durch ein mit Wasser angefeuchtetes Laken, damit keine blutunterlaufenen Stellen auf dem Körper zurückblieben. Auch lange, dünne, mit Sand und Kies angefüllte Säckchen wurden angewandt, – ein Schlag mit solchem Säckchen verursachte dem Menschen einen dumpfen Schmerz, und dieser Schmerz verging lange nicht ... Übrigens hing die Grausamkeit der Bestrafung nicht so sehr von dem Charakter der Schuldigen, als von dem Grade ihrer Schuld und Waskas Sympathie ab. Manchmal züchtigte er auch dreiste Mädchen ohne jede Vorsicht und Schonung; in seiner Hosentasche steckte immer eine kleine Peitsche mit drei Enden an einem kurzen, eichenen, vom häufigen Gebrauch polierten Stiel. In die Riemen dieser Peitsche war künstlich Bindfaden eingelegt, der am Ende eine Quaste bildete. Der erste Schlag durchschnitt die Haut bis auf den Knochen, und manchmal wurde auf den zerschlagenen Rücken, um den Schmerz zu erhöhen, ein Senfpflaster geklebt, oder es wurden Lappen daraufgelegt, die mit scharfgesalzenem Wasser angefeuchtet waren. Waska wurde niemals zornig, wenn er die Mädchen bestrafte, er war stets gleich schweigsam und gleichgültig, und seine Augen verloren nie den Ausdruck ungesättigten Hungers, nur kniff er sie manchmal zusammen, wodurch sie noch schärfer wurden ... Sein Strafverfahren war hiermit nicht begrenzt, nein – Waska war unerschöpflich vielseitig darin, und seine Schärfe in Sachen der Mädchenfolter erhob sich bis zu eigener Erfindung. Zum Beispiel: in einer der Anstalten war das Mädchen Wjera Koptewa von einem Gast verdächtigt worden, ihm fünftausend Rubel gestohlen zu haben. Dieser Gast, ein sibirischer Kaufmann, hatte der Polizei angezeigt, daß er in Wjeras Stube mit ihr und ihrer Freundin Sarah Scherman gewesen war; die letztere war gegangen, nachdem sie etwa eine Stunde bei ihm gesessen hatte, aber mit Wjera war er die ganze Nacht zusammengeblieben und ging betrunken von ihr fort. Die Sache nahm ihren gesetzlichen Gang; die Untersuchung zog sich lange hin, beide Angeklagten wurden einer vorläufigen Haft unterworfen, sie prozessierten und wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Nach dem Prozeß zu ihrer Wirtin zurückgekehrt, wurde von neuem eine Untersuchung über sie verhängt; die Wirtin war überzeugt, daß der Diebstahl – ihrer Hände Werk war, und wollte ihren Anteil von ihnen haben. Sarah gelang es, zu beweisen, daß sie mit dem Diebstahl nichts zu tun hatte; da nahm sich die Wirtin ernstlich Wjera Koptewa vor. Sie schloß sie in die Badestube ein und gab ihr dort salzigen Kaviar zu essen, aber ungeachtet dessen und vieles anderen gestand das Mädchen nicht, wo sie das Geld versteckt hatte. Man mußte sich an Waska um Hilfe wenden. Ihm wurden hundert Rubel versprochen, wenn er herausbringe, wo das Geld sei. Und da, einmal nachts, erschien in der Badestube, wo Wjera, gepeinigt von Durst, Furcht und Dunkelheit, saß, der Teufel. Er war in schwarzer, zottiger Wolle, und von seiner Wolle ging Phosphorgeruch und bläulich schimmernder Dunst aus. Zwei feurige Funken blitzten an Stelle seiner Augen. Er stellte sich vor das Mädchen und fragte sie mit schrecklicher Stimme: »Wo ist das Geld?« Sie wurde vor Entsetzen verrückt. Das war im Winter. Am anderen Tage morgens führten sie sie, barfuß und im bloßen Hemd, aus der Badestube ins Haus durch den tiefen Schnee; sie aber lachte leise und sagte mit glücklicher Stimme: »Morgen geh' ich wieder mit Mama zur Messe ... geh' ich wieder ... geh' ich wieder zur Messe ...« Als Sarah Scherman sie so sah, erklärte sie leise und verwirrt vor allen: »Aber ich habe ja das Geld gestohlen ...« Es ist schwer zu sagen, was in den Beziehungen der Mädchen zu Waska mehr war – Furcht vor ihm oder Haß gegen ihn. Alle tändelten mit ihm und bewarben sich um ihn, jede von ihnen strebte eifrig nach der Ehre, seine Geliebte zu sein, und gleichzeitig redeten sie alle ihren »akkreditierten« Herzensfreunden, Gästen und Bekannten zu, Waska zu verhauen. Aber er verfügte über eine schreckliche Kraft und betrank sich niemals ganz – es war schwer mit ihm fertig zu werden. Mehr als einmal wurde ihm Arsenik ins Essen, in Tee und Bier geschüttet, und einmal mit ziemlichem Gelingen, aber er wurde wieder gesund. Er erfuhr alles, was gegen ihn unternommen wurde; aber es war nicht zu merken, daß die Erkenntnis dessen, was er, unter diesen zahllosen Feinden lebend, riskierte, seine kalte Grausamkeit gegen die Mädchen verminderte oder vermehrte. Gleichgültig, wie immer, sagte er: »Ich weiß, ihr würdet mich mit den Zähnen totbeißen, wenn es so käme ... Nu, ihr wütet umsonst ... mir geschieht nichts.« Und seine dicken Lippen aufwerfend, schnaubte er ihnen ins Gesicht – er mußte sie wohl auslachen. Er verkehrte mit Polizisten, eben solchen »Folterknechten« wie er selbst, und mit Spitzeln, deren es in öffentlichen Häusern stets viele gibt. Aber er hatte keine Freunde unter ihnen, keinen seiner Bekannten wünschte er öfter als den andern zu sehen, gegen alle verhielt er sich ganz gleich und ganz teilnahmlos. Er trank Bier mit ihnen und redete von den Skandalen, die allnächtlich im Revier passierten. Er selbst ging nie aus seinem Hause, wenn er nicht »in Geschäften« gerufen wurde, d. h. um irgendein Mädchen zu züchtigen oder, wie es dort hieß, »in Furcht zu jagen«. Das Haus, in dem er diente, gehörte zur Zahl der Anstalten mittlerer Sorte, für den Eintritt wurden von den Gästen drei Rubel erhoben, für die Nacht – fünf. Die Wirtin des Hauses, Thekla Jermolajewna, ein aufgedunsenes, korpulentes Frauenzimmer, an fünfzig Jahre alt, war böse, fürchtete Waska, schätzte ihn sehr und zahlte ihm monatlich fünfzig Rubel außer Kost und Wohnung, – einer kleinen, sargähnlichen Stube auf dem Boden. Dank Waska herrschte in ihrem Hause unter den Mädchen die musterhafteste Ordnung; es waren ihrer elf, und alle waren ruhig wie Schafe. Wenn sich Thekla Jermolajewna in gutmütiger Stimmung befand und sich mit einem bekannten Gast unterhielt, prahlte sie oft mit ihren Mädchen, wie man mit Schweinen oder Kühen prahlt. »Ich habe Ware erster Güte,« sagte sie zufrieden und stolz lächelnd. »Alle Mädchen sind frisch und kernig, – die älteste ist sechsundzwanzig Jahre alt. Zugegeben, in der Unterhaltung ist das Mädchen nicht interessant, aber dafür was für einen Körper! Sehen Sie, Väterchen, ein wahres Wunder, kein Mädchen! Xuschka! Komm her ...« Xuschka kam herbei, sich wie eine Ente von einer Seite zur anderen wiegend, der Gast »besah« sie mehr oder weniger sorgfältig und war mit ihrem Körper immer zufrieden. Es war ein Mädchen mittleren Wuchses, dick und stämmig – wie mit dem Hammer geklopft. Ihre Brust war mächtig, hoch, das Gesicht rund, der Mund klein, mit dicken, grellroten Lippen. Die nichtssagenden, ausdruckslosen Augen erinnerten an die beiden Perlen in einem Puppengesicht, und die aufgestülpte Nase, wie die Löckchen über den Brauen vollendeten ihre Ähnlichkeit mit einer Puppe; selbst den anspruchslosesten Gästen wurde die Lust benommen, mit ihr irgendwovon zu reden. Gewöhnlich sagten sie einfach zu ihr: »Komm!« ... Und sie kam mit ihrem schwerfälligen, wiegenden Gang, gedankenlos lächelnd und die Augen rechts und links drehend, was die Wirtin sie gelehrt hatte, und was »die Gäste anziehen« hieß. Ihre Augen waren so an diese Bewegung gewöhnt, daß sie von dem Moment an »die Gäste anzuziehen« anfing, wenn sie, üppig entkleidet, abends in den noch leeren Saal trat, und so bewegten sich ihre Augen von einer Seite zur anderen während der ganzen Zeit, daß sie im Saal war: allein, mit Freundinnen oder einem Gaste – einerlei. Sie hatte noch eine sonderbare Gewohnheit: nachdem sie ihren langen Zopf von der Farbe frischen Lindenbastes um den Hals gewunden, ließ sie das Ende auf die Brust fallen und hielt es beständig mit der linken Hand fest, – als trüge sie eine Schlinge um den Hals ... Sie konnte von sich mitteilen, daß sie Axinia Kalugina hieß, gebürtig aus dem Rjäsanschen Gouvernement, daß sie Mädchen war, sich mit »Fedka« versündigt, geboren hatte und in diese Stadt mit der Familie eines Zollbeamten gekommen war. Sie war Amme bei ihm, und als dann das Kind starb, verlor sie die Stelle und wurde hier »gemietet«. Schon sind es vier Jahre, daß sie hier lebt ... »Gefällt's?« wurde sie gefragt. »So – so. Satt, beschuht, bekleidet ... Nur unruhig ... Und dann Waska ... prügelt immer, der Teufel ...« »Dafür ist's lustig!?« »Wo?« fragte sie, den »Gast anziehend«. »Doch hier ... ist's denn nicht lustig?« »So – so! ...« antwortete sie und sah sich, den Kopf umdrehend, im Saale um, als wolle sie sehen, wo denn diese Lustigkeit stecke. Alles um sie herum war betrunken und lärmend, und alles, von der Wirtin und ihren Freundinnen an bis zur Form der Risse an der Decke, war ihr bekannt. Sie sprach mit tiefer Baßstimme und lachte nur dann, wenn sie gekitzelt wurde; sie lachte laut, wie ein gesunder Bauer, und schüttelte sich ganz und gar vor Lachen. Die Dümmste und Gesündeste unter ihren Freundinnen, war sie weniger unglücklich als sie, denn sie stand dem Tiere näher. Es versteht sich, daß Furcht vor Waska und Haß gegen ihn sich am meisten bei den Mädchen des Hauses ansammelte, wo er »Folterknecht« war. In berauschtem Zustande verheimlichten die Mädchen diese Gefühle nicht und beklagten sich laut bei den Gästen über Waska. Aber da die Gäste nicht zu ihnen kamen, um sie zu schützen, hatten ihre Klagen keinen Sinn und keinen Erfolg. In den Fällen aber, wo sie sich zu hysterischem Geschrei und Weinen steigerten und Waska es hörte, – zeigte sich sein feuerroter Kopf in der Saaltür und seine gleichgültige, hölzerne Stimme sagte: »He du, sei nicht albern ...« »Henker! Unmensch!« schrie das Mädchen. »Wie darfst du mich entstellen? Sehen Sie, Herr, wie er mich mit der Karbatsche gezeichnet hat ...« und das Mädchen machte den Versuch, sich die Taille abzureißen ... Dann kam Waska zu ihr heran, nahm sie beim Arm und redete ihr zu, ohne den Ton zu ändern, – was besonders schrecklich war, –: »Mach' keinen Lärm ... beruhige dich ... Was brüllst du so unvernünftig? Du bist betrunken ... nimm dich in acht!« Fast immer war dies hinreichend, und sehr selten brauchte Waska das Mädchen aus dem Saal zu führen. Nie hatte irgendeines der Mädchen von Waska ein freundliches Wort gehört, obwohl viele von ihnen seine Konkubinen gewesen waren. Er nahm sie sich ohne Umstände: gefiel ihm diese oder jene, sagte er zu ihr: »Ich komm' heut' nacht zu dir ...« Dann ging er eine Zeitlang zu ihr und hörte auf zu kommen, ohne ihr ein Wort zu sagen. »Nu, ein Teufel eben!« äußerten sich die Mädchen über ihn. »Ganz wie aus Holz ...« In seiner Anstalt lebte er der Reihe nach fast mit allen Mädchen, und er lebte auch mit Axinia. Und gerade zur Zeit seiner Verbindung mit ihr züchtigte er sie einmal grausam. Gesund und träge, mochte sie gern schlafen und schlief oft im Saale ein, trotz des ihn erfüllenden Lärmes. Irgendwo im Winkel sitzend, hörte sie plötzlich auf mit ihren dummen Augen »die Gäste anzuziehen«, sie hefteten sich unbeweglich auf einen Gegenstand, dann senkten sich langsam die Lider und bedeckten sie, und ihre Unterlippe hing herab, die großen, weißen Zähne entblößend. Ein behagliches Schnarchen ließ sich hören, welches bei den Freundinnen und Gästen ein lautes Gelächter hervorrief, aber das Lachen erweckte Axinia nicht. Das passierte ihr oft; die Wirtin schalt sie tüchtig aus, gab ihr Ohrfeigen, aber die Schläge verscheuchten den Schlaf nicht – Axinia weinte danach und schlief wieder. Da nahm Waska die Sache in die Hand. Als das Mädchen einmal, auf dem Diwan neben einem betrunkenen, gleichfalls schlummernden Gast sitzend, eingeschlafen war, ging Waska zu ihr, ergriff sie schweigend am Arm und führte sie mit sich fort. »Du wirst doch nicht schlagen?« fragte ihn Axinia. »Ich muß ...« sagte Waska. Als sie nach der Küche kamen, befahl er ihr, sich zu entkleiden. »Du wirst doch nicht sehr ...« bat ihn Axinia. »Nu, nu ...« Sie blieb im bloßen Hemd. »Zieh aus!« kommandierte Waska. »Solch frecher Kerl!« seufzte das Mädchen und ließ das Hemd herunter. Waska gab ihr mit dem Riemen einen Hieb über die Schultern. »Geh' hinaus!« »Was denn? Denk', jetzt ist Winter ... mich wird frieren ...« »Gut! Kannst du denn fühlen? ...« Er stieß sie aus der Küchentür, führte sie, ihr mit dem Riemen Schläge versetzend, durch den Flur und befahl ihr auf dem Hofe, sich auf einen Schneehaufen zu legen. »Waska ... was tust du?« »Nu, nu!« Und indem er sie mit dem Gesicht auf den Schnee stieß, drückte er ihren Kopf hinein, damit ihr Geschrei nicht zu hören war, und schlug sie lange mit dem Riemen, indem er dabei sagte: »Schlaf' nicht, schlaf' nicht, schlaf nicht ...« Als er sie gehen ließ, sagte sie, zitternd vor Kälte und Schmerz, durch Tränen und Schluchzen zu ihm: »Warte, Waska! Deine Zeit kommt ... und du wirst weinen! Es ist ein Gott, Waska! »Rede!« sagte er ruhig. »Schlaf noch 'mal im Saal ein! Dann bring' ich dich auf den Hof, peitsche dich und begieß' dich mit Wasser ...« Das Leben hat seine Weisheit, ihr Name ist Zufall; sie belohnt uns manchmal, aber rächt öfter, und wie die Sonne jedem Gegenstand den Schatten gibt, so bereitet die Weisheit des Lebens jeder Handlung der Menschen die Vergeltung. Das ist sicher, das ist unvermeidlich, und wir alle müssen das wissen und daran denken ... Auch für Waska brach der Tag der Vergeltung an. Einmal abends, als die halbbekleideten Mädchen Abendbrot aßen, ehe sie in den Saal gingen, verkündete eine von ihnen, Lida Tschernogorowa, eine dreiste, böse Dirne, nachdem sie aus dem Fenster gesehen: »Waska ist gekommen ...« Einige beklommene Schimpfworte ertönten. »Seht mal!« rief Lida. »Er ... ist betrunken! Mit einem Polizisten ... seht mal!« Alle stürzten ans Fenster. »Er wird heruntergehoben ... er geht nicht selbst ... Mädchen!« rief Lida voll Freude. »Er hat sich augenscheinlich zerschlagen!« In der Küche erschallte ein Getöse von Schimpfworten und bösem Gelächter, – dem frohen Lachen der Gerächten. Die Mädchen stürzten, einander stoßend, in den Flur, dem machtlosen Feinde entgegen. Da sahen sie, daß der Polizist und der Droschkenkutscher Waska untergefaßt führten, und Waskas Gesicht war grau, auf seiner Stirn trat Schweiß in großen Tropfen hervor, und sein linkes Bein schleppte ihm nach. »Wassil Mironitsch! Was ist das?« rief die Wirtin. Waska schüttelte kraftlos den Kopf und antwortete heiser: »Ich bin gefallen ...« »Von der Pferdebahn gefallen ...« erklärte der Polizist. »Gefallen – das will sagen, sein Bein unters Rad! Knack ... und es war geschehen!« Die Mädchen schwiegen, aber ihre Augen brannten wie Kohlen. Waska wurde nach oben in seine Stube gebracht, zu Bett gelegt und der Doktor geholt. Vor dem Bett stehend, sahen die Mädchen einander an, aber sprachen kein Wort. »Geht weg!« sagte Waska zu ihnen. Keine von ihnen rührte sich vom Platze. »Ah! Ihr freut euch! ...« »Wir werden nicht weinen ...« antwortete Lida lächelnd. »Wirtin! Jage sie fort ... Wozu sind sie ... gekommen?« »Hast du Angst?« fragte Lida, indem sie sich über ihn beugte. »Geht, Mädchen, geht nach unten ...« befahl die Wirtin. Sie gingen. Aber hinausgehend, sah sich jede von ihnen unheilkündend nach ihm um, – und Lida sagte leise: »Wir kommen!« Axinia aber drohte ihm mit der Faust und rief: »Ah, Teufel! Was – das Bein gebrochen? Das ist dir recht ...« Diese ihre Tapferkeit setzte die Mädchen sehr in Erstaunen. Aber unten packte sie das Entzücken der Schadenfreude, ein rachsüchtiges Entzücken, dessen scharfe Süßigkeit sie bisher noch nicht erprobt hatten. Außer sich vor Freude, machten sie sich über Waska lustig, indem sie die Wirtin durch ihre ungestüme Laune erschreckten und ein wenig ansteckten. Auch sie war froh, Waska vom Schicksal bestraft zu sehen; er war auch für sie gesalzen, indem er mit ihr nicht wie ein Dienender verkehrte, sondern eher wie ein Vorgesetzter mit seiner Untergebenen. Aber sie wußte, daß sie die Mädchen ohne ihn nicht in Zucht und Ordnung hielt, und äußerte ihre Gefühle für Waska vorsichtig. Der Doktor kam, legte einen Verband an, schrieb Rezepte und fuhr fort, nachdem er der Wirtin gesagt hatte, es sei besser, Waska ins Krankenhaus zu bringen. »Mädchen! Was, wollen wir nicht unser krankes Herzliebchen besuchen?!« rief Lida mutig. Und alle stürzten mit Gelächter und Geschrei nach oben. Waska lag mit geschlossenen Augen und sagte, ohne sie zu öffnen: »Ihr kommt wieder ...« »Natürlich, du tust uns leid, Wassil Mironitsch ...« »Lieben wir dich denn nicht?« »Denk' daran, wie du mich ...« Sie sprachen nicht laut, aber eindringlich, und sahen, sein Bett umringend, mit bösen und frohen Augen in sein graues Gesicht. Er sah sie auch an, und niemals früher hatten seine Augen soviel unbefriedigten, unersättlichen Hunger ausgedrückt, – jenen unverständlichen Hunger, der immer in ihnen flimmerte. »Mädchen ... gebt acht! Wenn ich aufstehe ...« »Aber vielleicht gibt Gott, du stehst nicht auf ...« unterbrach ihn Lida. Waska preßte die Lippen zusammen und schwieg. »Welch Füßchen tut denn weh?« fragte eins der Mädchen freundlich, indem es sich über ihn beugte, – ihr Gesicht war bleich und sie fletschte die Zähne. »Dies, nicht wahr?« Und Waska an dem kranken Fuß ergreifend, zog sie ihn mit Gewalt an sich. Waska klapperte mit den Zähnen und brüllte auf. Seine linke Hand war auch verletzt, er holte mit der rechten aus, wollte das Mädchen schlagen und schlug sich auf den Leib. Eine Lachsalve ertönte rings um ihn. »Mädchen!« heulte er, schrecklich die Augen rollend. »Nehmt euch in acht! ... Ich bring' euch um! ...« Aber sie sprangen um sein Bett, kniffen ihn, rissen ihn an den Haaren, spuckten ihm ins Gesicht, zogen an seinem kranken Bein. Ihre Augen brannten, sie lachten, schimpften, heulten wie Hunde, ihre Foppereien nahmen einen unaussprechlich garstigen und zynischen Charakter an. Sie waren in einem Racherausch und gerieten darin bis zur Raserei. Alle in Weiß, halbbekleidet, von dem Gedränge erhitzt, waren sie unmenschlich-schrecklich. Waska brüllte, indem er die rechte Hand hin und her schwenkte; die Wirtin, welche in der Tür stand, heulte mit wilder Stimme: »Genug! Laßt sein ... ich ruf' die Polizei! Ihr macht ihn tot ... Väterchen! Väterchen!« Aber sie folgten ihr nicht. Er folterte sie Jahre, sie vergalten ihm Minuten und hatten es eilig ... Plötzlich ertönte inmitten des Lärms und Geheuls dieser Orgie eine tiefe, flehende Stimme: »Mädchen! Genug schon ... Mädchen, erbarmt euch ... Er ist doch auch ... doch auch ... es tut ihm weh! Lieben! Um Christi willen ... Lieben ... Auf die Mädchen wirkte diese Stimme wie ein Strahl kalten Wassers: sie gingen erschreckt und schnell von Waska fort. Axinia hatte gesprochen; sie stand am Fenster, zitterte am ganzen Leibe und verbeugte sich tief vor ihnen, bald die Hände an den Leib pressend, bald sie ungeschickt nach vorn streckend. Waska lag regungslos; sein Hemd war auf der Brust zerrissen, und diese breite, mit dichtem, rotem Flaum bewachsene Brust bebte ganz und gar, als klopfe etwas darin, klopfe, außer sich bestrebt, sich herauszureißen. Er röchelte, und seine Augen waren geschlossen. In einen Haufen gedrängt, wie zu einem großen Leibe zusammengeklebt, standen die Mädchen an der Tür und schwiegen, indem sie zuhörten, wie Axinia dumpf etwas murmelte, und wie Waska röchelte. Lida, die vor allen stand, säuberte schnell ihre rechte Hand von den roten Haaren, die sich zwischen den Fingern verwirrt hatten. »Aber ... wenn er stirbt? ...« ertönte jemandes Flüstern. Und wieder wurde es still ... Eines nach dem andern gingen die Mädchen vorsichtig aus Waskas Stube, indem sie sich Mühe gaben, kein Geräusch zu machen, und als sie alle fort waren, zeigten sich auf dem Fußboden der Stube viele Fetzen, Büschel ... Axinia blieb im Zimmer. Schwer seufzend ging sie zu Waska heran und fragte ihn mit ihrer gewöhnlichen Baßstimme: »Was soll ich dir jetzt machen?« Er öffnete die Augen, sah sie an und antwortete nichts. »Nu, sag' doch ... Trinken ... aufräumen ... Ich würde ja aufräumen ... aber vielleicht willst du Wasser trinken? Ich gebe dir auch Wasser ...« Waska schüttelte schweigend den Kopf, und seine Lippen regten sich. Aber er sagte kein Wort. »Sieh an – auch sprechen kannst du nicht!« sagte sie, indem sie ihren Zopf um den Hals wand. »So haben wir dich gequält ... Tut es weh, Waskja? ah? ... Nu, halt' nur aus ... das geht ja vorüber ... es tut nur zuerst weh ...ich weiß es!« In Waskas Gesicht bebte etwas, er sagte heiser: »Gib ... Wasser ...« Und der Ausdruck unbefriedigten Hungers schwand aus seinen Augen. So blieb Axinia denn oben bei Waska und ging nur hinunter, um zu essen, Tee zu trinken und für den Kranken etwas zu holen. Die Freundinnen sprachen nicht mit ihr und fragten sie nach nichts, auch die Wirtin hinderte sie nicht, den Kranken zu pflegen, und rief sie abends nicht zu den Gästen. Gewöhnlich saß Axinia in Waskas Stube am Fenster und blickte auf die schneebedeckten Dächer, auf die Bäume, weiß vom Reif, auf den Rauch, der in opalfarbenen Wolken zum Himmel stieg. War sie des Hinaussehens müde, schlief sie ebenda auf dem Stuhl ein, indem sie die Ellbogen auf den Tisch stützte. Nachts schlief sie auf dem Fußboden neben Waskas Bett. Sie sprachen fast nicht miteinander; bittet Waska um Wasser oder sonst etwas – bringt es Axinia ihm, sieht nach ihm, seufzt und geht ans Fenster. So vergingen vier Tage. Die Wirtin bemühte sich eifrig um Waskas Übersiedlung nach einem Krankenhaufe, aber es war dort bisher kein Platz. Und da, einmal abends, als Waskas Stube schon von Dämmerung erfüllt war, hob er den Kopf und fragte: »Axinia, bist du hier?« Sie schlummerte, aber seine Frage erweckte sie. »Wo denn?« entgegnete sie. »Komm mal her ...« Sie kam an das Bett und blieb stehen, wie gewöhnlich den Zopf um den Hals gewunden und mit der Hand das Ende haltend. »Was willst du?« »Nimm einen Stuhl, setz' dich her ...« Aufseufzend holte sie vom Fenster einen Stuhl, trug ihn an das Bett und setzte sich. »Nu?« »Ich will nichts ... sitz' hier, sag' ich ...« An der Wand, über Waskas Bett, hing seine große, silberne Uhr und tickte eilfertig. Auf der Straße jagte schnell ein Iswoschtschik vorüber; es war zu hören, wie die Kufen knirschten. Unten lachten die Mädchen, und eine von ihnen sang mit hoher Stimme: »Ich liebte einen hungrigen Studenten ...« »Axinia!« sagte Waska. »Ah?« »Höre ... wir wollen zusammenleben.« »Wir leben ja auch so ...« antwortete das Mädchen träge. »Nein, warte ... wir wollen, wie sich's gehört ...« »Meinetwegen ...« stimmte sie bei. »Nun, sieh ...« Er schwieg wieder und lag lange mit offenen Augen. »Sieh ... Wir gehen von hier fort und richten uns ein.« »Wo gehen wir hin?« fragte Axinia. »Irgendwohin ... Ich verklage die Straßenbahn für die Verstümmelung ... Sie bezahlt, – gesetzlich muß sie bezahlen. Dann habe ich eigenes Geld, an sechshundert Rubel.« »Wieviel?« fragte Axinia. »Etwa 600 Rubel.« »Sieh an!« sagte das Mädchen und gähnte. »Ja ... für dies Geld allein kann man eine Anstalt eröffnen ... und wenn man noch der Bahn etwas abzwackt ... Wir fahren nach Ssimbirsk oder auch nach Ssamara ... und da eröffnen wir ... Das erste Haus in der Stadt soll es werden ... Mädchen nehmen wir die allerbesten an ... Fünf Rubel Eintrittsgeld nehmen wir ...« »Rede!« lachte Axinia. »Wieso? So wird es sein ...« »Wie denn? ...« »Wie ich sage, wird es sein ... wenn du willst – lassen wir uns trauen.« »Wa–as?!« rief Axinia, dumm mit den Augen blinzelnd. »Wir lassen uns trauen ...« wiederholte Waska mit einer gewissen Unruhe. »Wir beide?« »Nu, ja ...« Axinia fing laut an zu lachen. Sich auf dem Stuhle hin und her wiegend, hielt sie sich die Seiten und lachte bald laut in Baßtönen, bald winselte sie, was für sie ganz unnatürlich war. »Was ist dir?« fragte Waska, und in seinen Augen erschien wieder etwas Hungriges. Aber sie lachte beständig. »Was ist dir?« fragte er wieder. Endlich sprach sie sich zur Not zwischen Lachen und Winseln aus: »Wegen der Trauung ... Ist denn das möglich? Ich bin drei Jahre nicht in der Kirche gewesen ... vielleicht auch mehr ... Wunderlicher Mensch! Hat eine Frau gefunden! Kinder erwartest du nicht von mir? Ha–ha– Hai« Der Gedanke an Kinder rief einen neuen Ausbruch aufrichtigen Lachens hervor. Wasla sah sie an und schwieg ... »Ja, und würde ich denn mit dir irgendwohin reisen? Siehst du – auch das – Du bringst mich fort und schlägst mich irgendwo tot ... Du bist ja doch ein bekannter Peiniger.« »Nu, schweig' schon!« sagte Waska leise. Aber sie fing an, ihm von seinen Grausamkeiten zu erzählen, indem sie an verschiedene Vorfälle erinnerte. »Schweige!« bat er sie, aber als sie nicht hörte, rief er heiser: »Schweig', sage ich!« Gorki, II An diesem Abend sprachen sie nichts mehr. Nachts phantasierte Waska. Röcheln und Wimmern entriß sich seiner breiten Brust. Er knirschte mit den Zähnen und holte mit der rechten Hand in der Luft aus, indem er sich manchmal auf die Brust schlug. Axinia wachte auf, stand am Bett und sah ihm lange voll Furcht ins Gesicht. Dann weckte sie ihn. »Was ist dir? Hattest du Alpdrücken?« »Mir träumte so ...« sagte Waska schwach. »Gib Wasser.« Nachdem er Wasser getrunken, schüttelte er mit dem Kopf und sagte: »Nein, eine Anstalt eröffne ich nicht ... besser fang' ich ein Geschäft an ... besser! Eine Anstalt ist nicht nötig ...« »Ein Geschäft ...« sagte Axinia nachdenklich ... »N – ja ... einen kleinen Laden aufmachen – das ist gut.« »Kommst du denn mit mir?« fragte Waska dringend und leise. »Du fragst doch nicht im Ernst?« rief Axinia, vom Bett zurückweichend. »Axinia Semjonowna!« sagte Waska mit klingender Stimme, indem er den Kopf vom Kissen hob ... »Da hast du ...« Und er verstummte, mit der Hand in der Luft ausholend. »Nirgend geh' ich mit dir hin ...« sagte Axinia, ohne seine Worte abzuwarten, und schüttelte entschieden den Kopf ... »Nirgend!« »Wenn ich will – gehst du ...« sagte Waska leise. »Nirgend geh' ich hin.« »Ich will nur nicht so ... Aber wenn ich wollte ... gehst du! ...« »Nein doch ...« »Ja, Teufel!« rief Waska erzürnt. »Du gibst dich doch mit mir ab, pflegst mich hier ... weshalb denn?« »Das ist eine andere Sache ...« sagte Axinia vernünftig. »Aber mit dir leben – nein! Ich habe Angst vor dir ... Du bist ein zu großer Bösewicht!« »Ach! Was verstehst du!?« rief Waska zornig aus. »Bösewicht! Närrin du ... Du denkst – Bösewicht, das ist dann alles? Du denkst – es ist leicht, ein Bösewicht sein?« Seine Stimme brach, und Waska schwieg eine Weile, indem er die Brust mit der gesunden Hand rieb. Dann fing er wieder leise, mit Kummer in der Stimme und Angst in den Augen, zu sprechen an: »Was ihr schon ... ein großer? Nu, ein Bösewicht ... ist denn das der ganze Mensch? Ach! ... Was ist von mir verlangt worden? ... Wir wollen gehen, Axinia Semjonowna!« »Sprich nicht davon! Ich geh' nicht ...« bestand Axinia hartnäckig auf ihrem Willen und wich argwöhnisch von ihm zurück. Wieder brach ihr Gespräch ab. Ins Zimmer sah der Mond, und Waskas Gesicht erschien grau in seinem Licht. Er lag lange schweigend, bald die Augen öffnend, bald schließend. Unten – wurde getanzt, gesungen, gelacht. Axiniens kräftiges Schnarchen ertönte; Waska seufzte tief auf. Es vergingen noch zwei Tage, und die Wirtin besorgte Waska einen Platz im Krankenhause. Der Krankenwagen mit Feldscher und Wärter kam nach ihm. Waska wurde von oben vorsichtig in die Küche geführt, und da erblickte er alle Mädchen, zusammengedrängt an der Stubentür. Sein Gesicht verzog sich, aber er sagte nichts zu ihnen. Sie sahen ihn ernst und finster an, aber nach ihren Augen war nicht zu bestimmen, was sie bei Waskas Anblick dachten. Axinia und die Wirtin zogen ihm den Paletot an, und schwer und finster schwiegen alle in der Küche. »Lebt wohl!« sagte plötzlich Waska, indem er den Kopf neigte, und ohne die Mädchen anzusehen. »Lebt ... lebt wohl!« Einige von ihnen neigten sich schweigend, doch er sah es nicht; aber Lida sagte ruhig: »Leb' wohl, Wassil Mironitsch ...« »Lebt wohl ... ja ...« Der Feldscher und der Krankenwärter nahmen ihn unter dem Arm, hoben ihn von der Bank und führten ihn zur Tür. Aber er drehte sich wieder nach den Mädchen um: »Lebt wohl ... Ich war ... als ob ...« Noch zwei oder drei Stimmen sagten zu ihm: »Leb' wohl, Wassil ...« »Es ist nichts zu machen!« schüttelte er den Kopf, und in seinem Gesicht zeigte sich etwas, das ihm zum Verwundern unähnlich war ... »Lebt wohl! Um Christi willen ... die ... denen ...« »Sie bringen ihn fort! Sie – bringen ihn fort, meinen Liebsten ...« wimmerte plötzlich Axinia wild auf, auf eine Bank niederfallend. Waska erbebte und hob den Kopf. Seine Augen fingen schrecklich an zu funkeln; er stand, aufmerksam dem Gewimmer lauschend, und sagte leise mit zitternden Lippen: »Sieh ... die Närrin! Sieh solche När – rin!« »Kommt, kommt!« trieb der Feldscher zur Eile, die Brauen runzelnd. »Leb' wohl, Axinia! Komm' ins Krankenhaus ...« sagte Waska laut. Aber Axinia wimmerte beständig ... »Und warum hast du mich verlassen? ...« Die Mädchen umringten sie und sahen ihr mit stumpfen Augen ins Gesicht und auf die Tränen, die aus ihren Augen strömten. Aber Lida beugte sich über sie und tröstete sie rauh: »Nu, Xuschka, was brüllst du so! Er ist ja nicht tot ... Nu, du gehst zu ihm ... nu, sieh, morgen machst du dich auf und gehst hin! ...« Ein sonderbarer Leser Es war Nacht, als ich aus dem Hause trat, in dem ich Kreise mir nahestehender Personen eine meiner gedruckten Erzählungen vorgelesen hatte. Reicher Beifall war mir von allen Seiten gespendet worden und in gehobener Stimmung schritt ich langsam durch die menschenleere Straße. Es war das erstemal in meinem Leben, daß ich die Süßigkeit des Daseins voll empfunden hatte. Das war im Februar. Die Nacht war hell, der klare Himmel dicht mit Sternen besät. Die von dem eben gefallenen Schnee prächtig geschmückte Erde atmete eine erfrischende Kälte aus. Die Zweige der über die Zäune herüberhängenden Bäume warfen sonderbare Schattenmuster auf meinen Weg. Grell und heiter glänzten die Schneeflocken im bläulichen, freundlichen Lichte des Mondes. Nirgends war ein lebendiges Geschöpf zu sehen und das Knirschen des Schnees unter meinen Füßen war das einzige Geräusch, das die feierliche Stille dieser hellen, mir so lebhaft in Erinnerung gebliebenen Nacht unterbrach .... Ich dachte: Wie schön ist es doch, unter den Menschen auf Erden als etwas zu gelten! Und meine Phantasie malte mir die Zukunft in den verschwenderisch reichsten und grellsten Farben ... »Ja, Sie haben ein ganz vortreffliches Dingelchen geschrieben ... Das ist Tatsache!« ertönte eine unbekannte Stimme hinter meinem Rücken. Ich fuhr überrascht zusammen und sah mich um. Ein kleiner, dunkel gekleideter Mann hatte mich eingeholt und hielt gleichen Schritt mit mir. Er sah mich von unten herauf an und lächelte spitz. An ihm war alles spitz: sein Blick seine Backenknochen, sein Kinn mit dem Zwickelbart. Sein ganzes kleines, vertrocknetes Figürchen stach durch seine sonderbare Eckigkeit in die Augen. Er ging leicht und geräuschlos, als wenn er über den Schnee glitte. Ich hatte ihn dort, wo ich gelesen hatte, nicht bemerkt und war daher begreiflicherweise über seine Äußerung nicht wenig verwundert ... Woher? und wer mag er sein? »Sie ... haben auch gehört?« fragte ich. »Jawohl, ich hatte das Vergnügen.« Er sprach im Tenor. Seine Lippen waren dünn, der kleine schwarze Schnurrbart konnte ihr Lächeln nicht gut verbergen. Es verschwand nicht und übte auf mich einen unangenehmen Eindruck aus, denn ich fühlte, wie sich dahinter ein bissiger, für mich wenig schmeichelhafter Gedanke verbarg. Allein ich war viel zu gut gelaunt, um mich bei der Beobachtung dieses Zuges an meinem Begleiter lange aufzuhalten, vielmehr flimmerte dieser vor meinen Augen wie ein Schatten rasch vorüber, er verblaßte vor meiner Selbstzufriedenheit. So ging ich mit ihm und war gespannt, was er sagen werde, im stillen hoffend, daß er die Zahl der von mir an diesem Abend durchlebten angenehmen Augenblicke noch vergrößern werde. Der Mensch ist nun einmal gierig, weil das Geschick ihm so selten freundlich zulächelt. »Es ist wohl hübsch, sich als etwas Hervorragendes zu fühlen?« fragte mein Begleiter. Ich merkte an seiner Frage nichts Besonderes und beeilte mich, sie zu bejahen. »Che! che! che!« lachte er bissig, seine kleinen Hände mit den dünnen, schmiegsamen Fingern nervös reibend. »Sind Sie aber ein lustiger Mann ...« bemerkte ich trocken, durch sein Lachen verletzt. »Ja, das bin ich auch,« bestätigte er kopfnickend und lächelte. »Ich bin auch außerdem noch sehr neugierig ... Ich will immer wissen; alles zu wissen – das ist mein fortwährendes Streben, und eben dies erhält mir Mut und Kühnheit. Nun, so möchte ich denn auch jetzt erfahren, was Ihnen eigentlich Ihr Erfolg gekostet hat?« »Einen Monat Arbeit ... vielleicht noch etwas mehr ...« »Aha!« fiel er lebhaft ein ... »Ein wenig Arbeit, sodann ein gutes Teil Lebenserfahrung, die doch immerhin auch was kosten dürfte ... Indessen ist das doch nicht teuer, wenn Sie um einen solchen Preis das Bewußtsein erlangen, daß in einem gegebenen Moment einige Tausend Menschen Ihre Gedanken durchleben, indem sie Ihr geistiges Erzeugnis lesen. Sodann aber sind auch die Aussichten für die Zukunft nicht zu unterschätzen, daß, vielleicht mit der Zeit ... Che! che! ... und, wenn Sie mal sterben ... che! che! che! ... Für alles dies könnte man wahrlich schon mehr geben, noch mehr als das, was Sie uns gegeben haben – nicht wahr?« Ein gebrochenes, bissiges Lachen folgte dieser Rede, und wiederum sah er mich hinterlistig an mit seinen spitzen, schwarzen Äuglein. Ich maß ihn von oben herab mit meinen Blicken, und verletzt fragte ich ihn kalt: »Entschuldigen Sie ... mit wem habe ich eigentlich das Vergnügen?« »Wer ich bin? Sie erraten das nicht? Aber ich will Ihnen vorläufig noch nicht sagen, wer ich bin ... Ist denn der Name eines Menschen für Sie wichtiger, als das, was er Ihnen sagen will?« »Das freilich nicht ... Aber das alles ... ist so sonderbar,« erwiderte ich. Er faßte mich, ich weiß nicht wozu, am Ärmel meines Überziehers, und leise spöttelnd begann er: »Nun, meinetwegen, mag es noch sonderbar sein. Warum soll der Mensch sich nicht erlauben dürfen, einmal aus dem Rahmen des Gewöhnlichen und Alltäglichen herauszutreten? Wenn auch Sie nicht abgeneigt sein sollten, so zu handeln, dann gestatten Sie, daß wir offen sprechen. Stellen Sie sich einmal vor, daß ich – ein Leser, ein sonderbarer Leser – sehr neugierig bin und gern wissen möchte: wozu und wie ein Buch – zum Beispiel von Ihnen – gemacht wird? Wollen wir das nicht besprechen?« »O, bitte sehr!« sagte ich, »mir ist es sehr angenehm ... Derartige Begegnungen und ... Unterhaltungen werden einem ja nicht jeden Tag geboten.« Dies war aber schon gelogen, denn angenehm war mir die Sache durchaus nicht. In meinem Innern dachte ich mir fortwährend: Was will er eigentlich? Und aus welchem Grunde soll ich mir das gefallen lassen, dieser flüchtigen Straßenbekanntschaft mit einer mir bis jetzt vollständig unbekannten Person den Charakter irgendwelcher ernsten Disputation zu geben? Und doch wandelte ich noch immer langsam an seiner Seite und bemühte mich sogar, ihm eine freundliche Aufmerksamkeit zu zeigen, was mir allerdings nur mit großer Anstrengung gelang. Meine Stimmung war indessen noch gut genug. Ich wollte daher diesen Mann nicht durch meine Abweisung verletzen, beschloß aber, mich vor ihm in acht zu nehmen. Am Himmel hinter uns schien der helle Mond, und unsere Schatten lagen uns unter den Füßen. Sie vereinigten sich zu einer dunklen, gespenstischen Figur, die sich auf dem Trottoir vor uns kriechend fortbewegte. Ich betrachtete diese Schatten und fühlte, als wenn sich in mir etwas ebenso Dunkles und Unfaßbares zu entwickeln begonnen hätte, etwas, das gleich den Schatten noch vor mir läge. Mein Begleiter hielt eine Weile inne, hierauf begann er im sichern Tone eines Herrn seiner Gedanken: »Es gibt im Leben nichts Wichtigeres, nichts Interessanteres, als die Motive menschlicher Handlungen ... Nicht wahr?« Ich nickte mit dem Kopfe. »Sie sind also damit auch einverstanden! ... Nun, so gestatten Sie doch; daß wir offen sprechen ... verpassen Sie nicht die Gelegenheit, offen zu sprechen, so lange Sie noch jung sind!« Ein sonderbarer Mensch! – dachte ich mir, und mit gesteigertem Interesse für seine Worte fragte ich ihn lachend: »Aber wie ist das möglich ... so auf einmal? Und worüber denn sprechen?« »Ach! Warum denn langsam gehen, wenn man sein Ziel mit einem Sprung erreichen kann?« entgegnete er lebhaft, mir dabei familiär ins Gesicht blickend wie ein alter Bekannter. »Wir wollen nun von den Zielen der Literatur sprechen!« »Meinetwegen ... ich fürchte aber, es wird dafür schon zu spät sein. »O! für Sie ist es noch nicht zu spät!« Ich blieb stehen, verwundert über die eben gesprochenen Worte ... Er sprach sie mit einer so ernsten Überzeugung ... und sie klangen wie eine Allegorie. Ich blieb stehen und wollte ihn etwas fragen, er aber faßte mich bei der Hand, führte mich langsam und beharrlich vorwärts und fuhr fort: »Bleiben Sie doch nur nicht stehen, denn mit mir befinden Sie sich auf dem rechten Wege. Genug also der Vorreden! Sagen Sie doch, bitte, – was will die Literatur? ... Sie dienen ihr, also müssen Sie es doch wohl wissen.« Mein Staunen wurde immer größer. Es wuchs aber auf Kosten meiner Selbstbeherrschung. Was will dieser Mensch von mir? Wer ist er? »Hören Sie mal,« sagte ich, »Sie werden doch wohl selbst einsehen, daß alles, was zwischen uns bis jetzt sich zugetragen hat ...« »Seinen zureichenden Grund hat, – glauben Sie es mir! Geschieht doch überhaupt nichts in der Welt ohne einen zureichenden Grund ... Lassen Sie uns also schneller gehen, aber nicht vor-, sondern tiefwärts ...« Gewiß! Er war interessant, dieser Kauz, aber er brachte mich auf. Ich machte von neuem eine ungeduldige Bewegung nach vorwärts; er folgte mir und sprach in ruhigem Tone: »Ja, ich begreife Sie wohl. Es fällt Ihnen momentan schwer, die Ziele zu bestimmen, welche die Literatur zu verfolgen hätte. Na, so will ich es versuchen. Ein Seufzer entrang sich seiner Brust. Hierauf sah er mich freundlich lächelnd an. »Ich glaube, Sie werden sicher meiner Behauptung beipflichten, daß die Literatur vornehmlich folgende Aufgaben zu erfüllen hat: Sie soll dem Menschen zur Selbsterkenntnis verhelfen, sein Selbstvertrauen heben und in ihm ein Streben nach Wahrheit entwickeln; sie hat das Böse im Menschen zu bekämpfen und das Gute in ihm aufzusuchen. Sie muß es verstehen, in seiner Seele Scham, Zorn und Tapferkeit zu wecken, überhaupt soll sie alles aufbieten, um die Menschen größer, edler und tugendhafter zu machen und ihr Leben vom hehren Geiste der Schönheit gleichsam verklären zu lassen. – Hier ist die Formel, in der ich die Aufgaben der Literatur zusammenfasse. Sie ist selbstverständlich noch nicht ausgefüllt, bloß schematisch ... Füllen Sie sie aber mit allem aus, was das Leben vergeistigen könnte und sagen Sie mir dann: – Sind Sie mit mir einverstanden?« »Jawohl, das stimmt ...« sagte ich. »Man pflegt so zu denken, daß die Aufgabe der Literatur im allgemeinen – in der Veredlung des Menschen besteht ... Das ist so.« »Sehen Sie nun, welch großer Angelegenheit der Menschheit Sie dienen!« Er sprach dies sehr eindringlich ... und lachte wiederum recht bissig: »Che! che! che!« »Indessen, wozu sagen Sie mir das alles?« fragte ich, mich so stellend, als wenn ich mich von seinem Lachen nicht betroffen fühlte. »Aber wie denken Sie darüber? Erklären Sie es offen!« »Offen gestanden ...« begann ich, in meinem Innern nach einer Stichelei suchend, und schwieg. Was heißt denn offen sprechen? Dieser Mann ist ja nicht dumm, er sollte doch auch wissen, in welch engen Grenzen die menschliche Offenheit eingeschlossen ist und wie beharrlich diese von der Selbstliebe bewacht werden. Ich blickte meinem Begleiter ins Gesicht und fühlte mich durch sein Lächeln tief gekränkt – es lag in demselben so viel Ironie, so viel unverhohlene Mißachtung! Dabei war es mir noch, als wenn ich mich vor etwas zu fürchten begönne, und diese Angst nötigte mich, von ihm fortzugehen. »Auf Wiedersehen!« sagte ich trocken, meinen Hut lüftend. »Warum denn?« rief er leise. »Ich liebe keine Späße, wenn sie takt- und maßlos sind.« »Gehen Sie wirklich schon? Das ist allerdings Ihre Sache ... aber merken Sie es wohl, wenn Sie jetzt von mir gehen, sehen wir uns niemals wieder.« Das Wort »Niemals« unterstrich er gleichsam, und es klang in meinen Ohren wie das Läuten einer Begräbnisglocke. Ich kann dieses Wort nicht ausstehen, ich fürchte es. Es kommt mir immer so schwer, so kalt vor, so wie eine Art von Hammer, der von der Vorsehung dazu bestimmt ist, die Hoffnungen der Menschen zu zertrümmern! Dieses Wort hielt mich zurück. »Was wollen Sie?« fragte ich erbittert und gereizt. »Setzen wir uns hierher,« sprach er, von neuem lachend, faßte mich an der Hand und zog mich nieder. In diesem Moment befanden wir uns in einer Allee des städtischen Gartens, unter erstarrten, eisbedeckten Zweigen von Akazien und Fliederbäumen. Sie hingen vom Monde beschienen über meinem Haupt in der Luft, und es kam mir vor, als wenn diese rauhen, vereisten und reifbedeckten Zweige mir in die Brust bis ans Herz dringen wollten. Das sonderbare Auftreten meines Begleiters brachte mich in Verlegenheit, machte mich stutzig; ich sah ihn an und schwieg. Es ist ein kranker Mensch, dachte ich, indem ich auf diesem Wege mir selbst Mut einflößen und seine Handlungsweise erklären wollte. Er aber schien meine Gedanken erraten zu haben. »Du denkst wohl, daß ich nicht normal bin? Pfui, laß doch solche Gedanken fallen! Sie sind gräßlich, trivial und äußerst schädlich! Wie oft unterlassen wir es, indem wir uns dieses Deckmantels bedienen, unseren Nebenmenschen zu verstehen, doch nur darum, weil er origineller ist als wir. O, wie gibt doch diese verwerfliche Sinnesart unserer ohnehin so beklagenswerten gegenseitigen Nichtbeachtung fortwährend neue Nahrung!« »O, ja ...« sagte ich, in mir das Unbehagen vor diesem Manne immer mächtiger empfindend. »Aber, verzeihen Sie, ich gehe doch ... Ich muß ... jetzt schon ...« »Gehe!« sagte er, mit den Achseln zuckend. »Gehe ... aber merke es dir wohl, daß du in dein eigenes Verderben eilst ... che! che! ...« Er ließ meine Hand los und ich entfernte mich von ihm. Er blieb im Garten auf einer nach der Wolga zu abflachenden Anhöhe zurück. Sie war ganz von Schnee wie von einem weißen Tuch bedeckt, und die Stege hoben sich davon wie schwarze Bänder ab. Vor ihm eröffnete sich ein weiter Ausblick über die hinter dem Flusse sich ausbreitende, schweigende und melancholische Ebene. Er ließ sich dort auf eine der Bänke nieder und starrte in die öde, weite Ferne hinaus. Ich schritt durch die Allee vorwärts, fühlte aber, daß ich von ihm nicht wegkommen würde ... und setzte trotzdem meinen Weg fort. Ich überlegte, welches Tempo ich beim Gehen einschlagen sollte, um jenem Menschen, der noch immer dort hinter mir saß, durch die Art meines Gehens am deutlichsten zu zeigen, wie wenig er mir gelte. Da begann er ein mir bekanntes Motiv leise vor sich hin zu pfeifen ... Es war das tragikomische Lied vom Blinden, der die ihm so wenig zustehende Rolle eines Führers anderer Blinder übernommen hatte. Warum pfeift er gerade dieses Motiv? dachte ich. Und da wurde mir mit einem Male erst klar, daß ich von eben dem Zeitpunkte an, als mir dieser Mann begegnete, in einen dunklen Kreis von eigentümlichen, mir bis dahin völlig fremden Empfindungen und Stimmungen getreten war ... Wo war jene gleichmäßige und zufriedene Stimmung meines Gemüts hin, die noch soeben in mir geherrscht hatte? Meiner Seele bemächtigten sich äußerst unklare, nebelhafte Ahnungen und Erwartungen. Etwas Großes und Schweres schien immer näher an mich heranzurücken, um alles Gute, das mein bisheriger Erfolg mir gebracht, alle Träume und Hoffnungen, die er in mir geweckt hatte, schonungslos zu verschlingen. »Wie willst dich du einen Führer nennen, Ohne selbst den Weg zu kennen?« Diese Worte des Liedes, das jener Mann eben zu pfeifen begonnen hatte, kamen mir sehr lebhaft in Erinnerung. Ich wandte mich um und schaute ihn an. Den Arm aufs Knie gestützt, das Haupt in der Hand ruhend, saß er da, blickte auf mich und pfiff. Sein Gesicht war vom Monde grell beschienen, der schwarze Schnurrbart bewegte sich leise wie ein dunkler Schatten hin und her. Ich faßte den Entschluß, zurückzukehren; ein mir selbst unerklärliches Gefühl drängte mich dazu. Rasch ging ich an ihn heran, setzte mich neben ihn und sagte ohne Erregung, aber mit Wärme: »Hören Sie mal, wollen wir doch einfach und offen sprechen.« »Ja, das eben tut den Leuten not,« bestätigte er kopfnickend. »Sie – ich fühle es – besitzen die Macht, mich irgendwie zu beeinflussen; offenbar haben Sie mir auch etwas zu sagen ... Ja?« »Endlich hast du in dir doch einmal den Mut gefunden zu hören!« rief er lachend. Diesmal klang aber sein Lachen ganz mild und sanft; ja, ich glaubte sogar aus demselben etwas wie Freude herauszuhören. »So sprechen Sie, bitte,« sagte ich, »und womöglich ohne alle Sonderbarkeiten. »O, schön, sehr gern! Du wirst mir aber wohl zugeben, daß die Sonderbarkeiten unumgänglich nötig waren, um deine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Der Sinn für das Einfache und Klare stumpft sich in unseren Tagen immer mehr ab. Das Einfache und Klare erscheint uns allzu kalt, eisig und rauh. Allein die Kraft, etwas zu erwärmen und zu beleben, zu mildern und zu besänftigen ist uns ebenfalls verloren gegangen. Wir selbst sind ja kalt und rauh geworden! Wir – so kommt es mir vor – verlangen jetzt von neuem nach Träumen, nach schönen Phantasien, Schwärmereien und Seltsamkeiten, denn das Leben, welches wir geschaffen haben, ist arm an Farben, trübe, langweilig! Die Wirklichkeit, die wir einst so voll heißer Sehnsucht ummodeln wollten, wie hat sie uns zertrümmert und zertreten! ... Was soll nun geschehen? Versuchen wir mal, vielleicht gelingt es, etwas zu ersinnen, auszudenken, was den Menschen wieder befähigt, sich wenigstens für kurze Zeit über die Erde zu erheben und seinen Platz auf ihr wiederzufinden, der ihm verloren ging. Verloren ging, nicht wahr? Ist doch der Mensch jetzt nicht mehr Herr der Erde, sondern ein Sklave des Lebens, ging ihm doch längst der Stolz auf seine »Erstgeburt« verloren, indem er sich vor der Macht der Tatsachen beugte. Ist es etwa nicht so? Aus den Tatsachen, die er eigentlich selbst geschaffen hat, zieht er Schlüsse und spricht zu sich: Hier stehst du vor einem unleugbaren Gesetze! Und indem er sich diesem Gesetze unterwirft, merkt er nicht, daß er sich eine Schranke errichtet, die ihm den Weg zu einem freien, schöpferischen Leben versperrt, und ihn im Kampf für sein Recht, niederzureißen um wiederaufzubauen, hindert. Ja, er kämpft auch gar nicht mehr, er sucht sich nur anzupassen ... Zu welchem Zwecke sollte er auch kämpfen? Wo sind denn jene hohen Ideale, die ihn zu Heldentaten begeistern könnten? Da liegt der wahre Grund, weshalb das Leben so arm, so elend, so öde geworden ist, weshalb im Menschen die Freude am Schaffen erlahmte. Manche suchen tastend nach etwas, was die Vernunft beflügeln könnte, um dadurch dem Menschen den Glauben an sich selbst wiederzugeben. Aber nur allzuoft gehen sie gar nicht dorthin, wo alles Ewige, die Menschen Einende ruht, wo die Gottheit thront ... Diejenigen aber, die auf dem Wege zur Wahrheit sich verirren – mögen zugrunde gehen! Was liegt an ihnen? Man braucht sie nicht zu hindern, es ist wirklich kein Grund vorhanden, sie zu bedauern – Menschen gibts ja genug! Wertvoll ist das Streben, wertvoll ist das Suchen der Seele nach Gott, und wenn es im Leben Seelen gäbe, die von einem innigen Streben nach Gott ergriffen wären, so würde Er mit ihnen sein und sie neu beleben, denn Er ist ja nichts anderes als das unendliche Streben nach Vervollkommnung ... Ist dem nicht so?« »Ja,« sagte ich, »das ist so.« »Du verstehst allerdings recht gut, dich einverstanden zu erklären,« bemerkte mein neuer Bekannter mit bissigem Lachen. Dann schwieg er, in die Ferne blickend. Sein Schweigen erschien mir sehr lang, und vor Ungeduld entschlüpfte mir ein Seufzer. Seine Blicke irrten aber noch immer ins Weite, und ohne mich anzusehen, fragte er: »Und wer ist denn dein Gott?« Bis zu dieser Frage war seine Rede milde und freundlich, und ich hörte ihm gern zu. Wie alle denkenden Menschen war auch er ein wenig traurig, seine ganze Art flößte mir Sympathie ein, und meine Schüchternheit vor ihm war geschwunden. Und nun stellte er plötzlich diese verhängnisvolle Frage, die ein Mensch unserer Zeit doch so schwer zu beantworten vermag, wenn er gegen sich selbst ehrlich sein will. Wer ist mein Gott? Wenn ich das nur wüßte! Ich war wie erdrückt von der Frage dieses Mannes, und wer würde dabei an meiner Stelle seine Geistesgegenwart behalten haben! – Er aber blickte mich durchbohrend an, lächelte fortwährend und wartete auf meine Antwort. »Für einen Mann, der auf meine Frage eine Antwort geben könnte, dauert dein Schweigen allzu lange. Vielleicht aber weißt du etwas zu erwidern, wenn ich dich nun nach folgendem frage: Du schreibst und Tausende von Menschen lesen dich, was predigst du eigentlich? Und hast du denn überhaupt einmal über dein Recht, andere zu belehren, ernstlich nachgedacht?« Zum erstenmal blickte ich voll Aufmerksamkeit tief in mein Inneres hinein. Man soll bei folgendem von mir nicht etwa denken, ich wollte mich erheben oder erniedrigen, um dadurch die Aufmerksamkeit der Menschen auf mich zu lenken, – von Bettlern verlangt man ja keine Almosen! Wohl entdeckte ich in mir nicht wenig edler Gefühle, Stimmungen und Strebungen, nicht wenig davon, was man gewöhnlich »gut« nennt, aber ein Grundgefühl, welches all dies einte, einen klaren, durchgebildeten und in sich gefestigten Grundgedanken, der all die Erscheinungen des Lebens umspannte – das konnte ich in mir nicht finden! In meiner Seele ruht zwar viel glühenden Hasses, beständig glimmt er dort ... Zuweilen lodert er auch in grellen Zornesflammen empor, aber mehr noch gibts Zweifel in meinem Innern ... Oft erschüttern sie meine Vernunft dermaßen, pressen mein Herz so zusammen, daß ich mir selbst oft lange wie hohl und leer vorkomme ... Nichts weckt mich dann zum Leben, mein Herz ist kalt, starr und tot, meine Sinne schlafen und mein Hirn durchwirbeln die tollsten Phantasien. So lebe ich blind, stumm und trüb lange Tage dahin, wunsch- und fassungslos. Dann scheint mir, als wäre ich bereits ein Leichnam und nur dank einem sonderbaren Mißverständnis noch nicht der Erde übergeben. Das Grauen vor einer solchen Existenz wächst noch gewaltig durch das Bewußtsein, leben zu müssen ... Denn der Tod hat ja noch viel weniger Sinn, aber um so mehr Finsternis ... Vermutlich raubt er sogar die Lust zu hassen ... 274 In der Tat, was predige ich eigentlich, ich – so wie ich bin? Und was kann ich denn der Menschheit sagen? Doch nur das, was man ihr schon längst gesagt hat und immer noch sagt; was wohl unter den Menschen Zuhörer findet, sie aber trotzdem nicht bessert! Und welches Recht habe ich denn, solche Ideen und Ansichten zu predigen, wenn ich selbst, wiewohl in ihnen erzogen, ihnen oft zuwiderhandle? Wenn ich mich diesen Ideen und Anschauungen widersetze, kann dann meine Überzeugung von ihrer Wahrheit eine wirklich aufrichtige heißen, so daß sie die Grundlage meines »Ichs« bildete ...? Was soll ich nun diesem Manne antworten, der da neben mir sitzt? Er aber wurde des Wartens müde und begann von neuem: »Ich würde dir solche Fragen nicht gestellt haben, wenn ich mich nicht überzeugt hätte, daß dein Ehrgeiz deine Ehre noch nicht in dir erstickt hat. Du hast Mut mich zu hören ... das beweist mir, daß deine Selbstliebe vernünftiger Natur ist, denn um ihretwillen scheust du selbst vor Qualen nicht zurück ... Daher will ich dir nun auch die Schwierigkeit deiner Situation mir gegenüber erleichtern. Ich werde mit dir zwar wie mit einem Schuldigen, aber nicht wie mit einem Verbrecher sprechen. »Einst lebten unter uns die großen Meister des Wortes, die feinen Kenner des Lebens und der menschlichen Seele, Männer, beseelt von einem unüberwindlichen Streben, das Dasein zu vervollkommnen, beseelt von einem tiefen Glauben an die Menschheit. Sie schufen Werke, die niemals der Vergessenheit anheimfallen werden, denn in ihnen sind ewige Wahrheiten mit ehernem Griffel tief eingegraben, aus jeder Seite weht uns ein Hauch unvergänglicher Schönheit entgegen. Die Gestalten, die in jenen Werken gezeichnet sind, leben , weil sie von einer mächtigen Inspiration beseelt waren. Ewig werden ihre Taten und Handlungen vorbildlich bleiben, und die Maximen ihres Lebens gelten unerschüttert fort. Tapferkeit und glühender, heiliger Zorn flammt in jenen Büchern, aber auch die Stimme einer großen und freien Liebe tönt uns daraus entgegen; da gibt es auch kein überflüssiges Wort! Von dort – ich weiß es wohl – hast auch du Nahrung für deine Seele geschöpft. Aber deine Seele wurde scheinbar schlecht genährt, denn deine Worte von Wahrheit und Liebe haben einen falschen, heuchlerischen Klang, es ist, als wenn du dich erst dazu zwingen müßtest, um davon zu reden. Du gleichst dem Monde; wie er, so leuchtest auch du mit fremdem Lichte; es ist traurig und trübe, hat wenig Kraft und spendet keine Wärme. Du selbst bist ja zu arm dazu, um den Menschen etwas wirklich Wertvolles geben zu können, und das, was du gibst – gibst du nicht aus einem edlen Drange, aus dem inneren Bedürfnis, das Leben durch die Schönheit des Gedankens und des Wortes zu bereichern, sondern vielmehr deswegen, um nur die rein zufällige Tatsache deiner Existenz zu einer für die Menschheit angeblich außerordentlich bedeutungsvollen, phänomenalen und unentbehrlichen zu stempeln. Du gibst, um vom Leben und von den Menschen mehr nehmen zu können. Du bist zu arm oder zu engherzig, Geschenke auszuteilen, du bist ein Wucherer – du gibst die paar Brocken der Erfahrung gegen Prozente von Aufmerksamkeit gegen dich, die dir so erwünscht ist ... Deine Feder bohrt die Wirklichkeit nur schwach an, sie wühlt nur ein wenig in den Kleinigkeiten des Lebens herum. Und während du alltägliche Gefühle und alltägliche Menschen schilderst, entdeckst du vielleicht ihren Sinn, findest womöglich auch manche billige Wahrheit, aber verstehst du denn eine, wenn auch noch so kleine, die menschliche Seele erhebende Illusion zu schaffen? ... Nein! Du glaubst, wunder wie nützlich es ist, im Schutte der Trivialität zu wühlen und in demselben nichts anderes als miserable kleine Wahrheiten zu entdecken, welche doch nur ›feststellen‹, daß der Mensch boshaft, dumm und ehrlos ist, daß er durchaus und immer von der Masse äußerer Bedingungen abhängt, daß er für sich allein ohnmächtig, haltlos und beklagenswert ist ... Ja, weißt du, es ist dir auch vielleicht schon gelungen, die Menschen davon zu überzeugen! Denn erkaltet ist ihre Seele, und ihr Verstand ist stumpf geworden ... Und kein Wunder! Die Bücher zeigen ja dem Menschen angeblich sein Bild und – wenn sie nun mit jener Zuversicht geschrieben sind, die so oft als Talent gilt – wirken sie auf ihn auch hypnotisierend, bis zu einem gewissen Grade wenigstens ... Er spiegelt sich nun in dieser Darstellung, und im Anblick seiner »ausgemachten« Schlechtigkeit sieht er keine Möglichkeit, besser zu werden. Bist du denn imstande, ihm eine solche Möglichkeit zu zeigen? Kannst du es denn tun, wenn du selbst ... Aber ich will dich schonen, weil du mir so aufmerksam zuhörst und – das merke ich wohl – nicht darüber nachgrübelst, wie du mir widersprechen und dich rechtfertigen könntest. Und so ist es auch recht! Denn ein Lehrer, der ehrlich sein will, muß immer noch ein aufmerksamer Schüler sein können. Ihr alle, ihr heutigen Lehrer des Lebens, nehmet den Menschen viel mehr als ihr ihnen gebt, weil ihr immer nur von ihren Fehlern sprecht, immer nur diese seht. Aber in dem Menschen müssen doch auch wertvolle Eigenschaften zu finden sein; glaubt ihr denn nicht selbst solche zu besitzen? Wodurch aber unterscheidet ihr euch von jenen farblosen Dutzendmenschen, die ihr so unbarmherzig und schonungslos schildert, wobei ihr euch für Prediger haltet, die berufen sind, Sünden und Fehler aufzudecken zur Verherrlichung der Tugend. Aber merkt ihr denn gar nicht, daß Tugend und Laster sich durch eure Bemühungen, sie genau zu definieren, unentwirrbar verschlingen, so wie zwei Knäuel schwarzer und weißer Fäden durch fortwährende nahe Berührung sich gegenseitig abfärben und dann beide grau aussehen? Ich kann kaum glauben, daß ihr von Gott auf die Erde gesandt seid ... Er würde ganz andere als euch erwählt haben. Er würde im Herzen jener das Feuer leidenschaftlicher Liebe zum Leben, zur Wahrheit, zum Menschen entzündet haben, und diese Männer würden das Dunkel unseres Daseins mit strahlendem Lichte erhellen, wie Leuchten seiner Macht und seines Ruhmes ... Ihr aber qualmt wie Fackeln von Satans Gnaden, und der Dunst, der von euch ausgeht, dringt in Verstand und Gemüt tief hinein und durchsetzt sie mit dem Gifte des Unglaubens an sich selbst ... O, sprich doch, was lehrt ihr?!« Ich spürte auf meiner Wange den glühenden Odem dieses Mannes, doch wagte ich nicht, ihn anzusehen, aus Angst, seinen Blicken zu begegnen. Seine Worte fielen wie feurige Tropfen in mein Hirn, ich empfand einen brennenden Schmerz ... Mit Entsetzen begriff ich jetzt, wie schwer es ist, auf so einfache Fragen zu antworten ... Ich gab ihm keine Antwort. – »Ich lese also, wie gesagt, sehr fleißig, was du und deinesgleichen schreiben, und frage dich nun: Zu welchem Zweck schreibt ihr eigentlich? Und ihr schreibt ja viel ... Wollt ihr die guten und edlen Gefühle im Herzen der Menschen wecken? Mit kalten und kraftlosen Worten aber wird euch das nicht gelingen, nie und nimmer! Doch nicht das allein ist's, daß ihr dem Leben nichts Neues zu geben vermögt, sondern auch das Alte gebt ihr nur in einer bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Gestalt wieder. Wenn man euch liest, lernt man auch nicht das Geringste; da schämt man sich für nichts anderes als höchstens für euch ... Alles trivial, trivial bis zum äußersten: triviale Menschen, triviale Gedanken, triviale Ereignisse. Wann endlich wird man denn von dem in Banden schmachtenden ewigen Geiste und von der Notwendigkeit seiner Befreiung, ja seiner Wiedergeburt sprechen? Wo bleibt der Aufruf zu einem schaffensreichen Leben? Wo die Lehren der Tapferkeit? Wo die anfeuernden, ermutigenden Worte, die den Geist der Menschheit beflügeln könnten? ... Du könntest mir vielleicht entgegenhalten: Das Leben bietet ja gar keine anderen Vorbilder als die, welche wir eben zur Darstellung bringen. O, sage das lieber nicht! Denn für einen Menschen, der das Glück hat, das Wort zu beherrschen, ist es beschämend und erniedrigend, dem Leben gegenüber eine solche Ohnmacht einzugestehen; einzugestehen, daß er sich nicht über dasselbe erheben kann. Wenn du bloß auf demselben Niveau wie das Leben stehen bleibst und keine neuen Gestalten, keine für das Leben notwendigen neuen Ideale mit Hilfe deiner Phantasie zu schaffen vermagst – so sprich: Welchen Nutzen kann denn deine Arbeit stiften und wie rechtfertigst du deinen Beruf? Indem du Gedächtnis und Aufmerksamkeit der Menschen mit einem Wust von allerhand wertlosen photographischen Abbildungen eines ereignisarmen Lebens vollstopfst – überlege doch mal, ob du damit dem Menschen nicht schadest? Denn – das mußt du doch selbst zugestehen – so kannst du doch nicht zeichnen, daß deine Gemälde, welche du vom Leben entwirfst, im Menschen brennende Scham erzeugen und ein glühendes Verlangen in ihm wachrufen, neue, bessere und menschenwürdigere Daseinsformen zu schaffen. Kannst du die Pulsschläge des Lebens beschleunigen? Kannst du ihm Energie einhauchen, wie es andere taten? Blicke ich um mich, so sehe ich wohl viel vernünftige und kluge Menschen, aber wie wenige unter ihnen sind wirklich edel und gut; und auch diese wenigen sind gebrochen und ihre Seele krankt. Und warum muß ich denn immer sehen, daß je besser der Mensch ist, je reiner und edler seine Seele ist, desto geringer seine Energie, desto krankhafter er ist und desto unerträglicher sich sein Leben gestaltet? Einsamkeit und kummervolles, banges Sehnen sind das Los solcher Menschen. Aber wie mächtig dieses Sehnen nach dem Bessern auch sein mag, die Kräfte, es zu schaffen, fehlen ... Rührt aber diese beklagenswerte Zerschlagenheit des Gemüts solcher Menschen nicht etwa daher, daß man ihnen keine rechtzeitige Hilfe durch erhebende und ermutigende Worte geboten hat?« ... »Und noch eins,« begann mein wunderlicher Unterhaltungsgenosse von neuem: »Kannst du im Menschen ein lebensfrohes Lachen wecken, ein Lachen, das die Seele zu reinigen vermöchte? ... Sieh doch mal zu, wie die Menschen das Lachen, das gute und frohe Lachen, vollständig verlernt haben! Sie lachen boshaft, sie lachen niederträchtig, oft lachen sie durch Tränen, niemals aber hört man unter ihnen ein freudiges, aufrichtiges Lachen, jenes Lachen, welches die Brust der Erwachsenen erschüttern sollte, denn von einem guten Lachen gesundet die Seele ... Der Mensch muß lachen, ist es doch einer seiner wenigen Vorzüge vor den Tieren. Du aber kannst in den Menschen nur ein Lachen der Verhöhnung, des gemeinen Spottens über dich, den Menschen, erzeugen, dessen Lächerlichkeit von seinem Elend herrührt! O, begreife es doch mal: Dein Recht, zu predigen, muß ja seinen zureichenden Grund in deiner Befähigung haben, in den Menschen jene ernsten und aufrichtigen Gefühle und Stimmungen wachzurufen, durch welche gewisse beengende Lebensformen wie mit Hämmern zerschlagen und niedergerissen werden sollten, um an ihre Stelle andere, freiere , zu schaffen. Zorn, Haß, Tapferkeit, Scham, Entrüstung und endlich grimmige Verzweiflung – das sind Hebel, mit denen man alles in der Welt niederreißen könnte. Bist du imstande, solche Hebel zu schaffen? Könntest du sie in Bewegung setzen? Das Recht, zum Volke zu sprechen, steht nur dem zu, der in seinem Geiste entweder einen großen Haß gegen Fehler und Mängel desselben, oder eine gewaltige Liebe zu ihm für seine Leiden hegt. Fehlen deiner Seele solche Gefühle, so verhalte dich hübsch bescheiden und überlege lange, bevor du etwas zu sagen wagst.« Der Morgen graute bereits, um uns her wurde es immer heller, in meiner Seele aber verdichtete sich die Finsternis immer mehr ... Und der Mann vor dem das Innerste meiner Seele offen lag, sprach noch immer fort .... Zuweilen blitzte in mir die Frage auf: »Ist das überhaupt ein Mensch?« Ganz und gar hingerissen von seinen Worten, konnte ich aber über das rätselhafte Wesen des wunderlichen Redners nicht weiter nachsinnen. Wie Nadeln drangen nun seine Worte von neuem in mein Hirn. »Das Leben wächst aber trotz alledem in die Breite sowohl als in die Tiefe; es wächst immerzu, wenn auch nur langsam, weil euch die Kraft und die Kunst fehlen, seine Bewegung zu beschleunigen. Die Menschen lernen mit jedem Tag neue Fragen stellen. Wer wird sie ihnen beantworten? Das müßtet ihr eigentlich, o, ihr unberufenen Apostel! Versteht ihr aber denn das Leben so weit und so gründlich, daß ihr es andern klar und verständlich zu machen vermöchtet? Versteht ihr denn überhaupt die Anforderungen eurer Zeit, ahnt ihr denn die Zukunft voraus, und was könntet ihr zur Hebung und zur Wiederaufrichtung eines Menschen sagen, auf den die Abscheulichkeiten des Lebens zersetzend eingewirkt haben und dessen Mut gebrochen und gesunken ist? Sein Selbstbewußtsein ist geschwunden, seine Lebensinteressen sind niedriger Natur, kein Verlangen nach einem würdigen Leben, er will und sucht das Gemeine, er möchte so leben wie – das Schwein, und – ihr hört? – wie frech ist sein Höhnen, wenn man das Wort ›Ideal‹ ausspricht! Der Mensch wird zu einem mit Fleisch und dicker Haut bedeckten Knochenhaufen, der nicht vom Geiste, sondern nur noch von Begierden bewegt wird ... Es ist die höchste Zeit, ihm besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden; hier muß rasch Hilfe geboten werden, sonst ist's zu spät! Wie aber soll es euch gelingen, in ihm den Drang nach einem menschenwürdigen Leben zu wecken, wenn eure ganze Tätigkeit entweder in fortwährendem gedankenlosem Seufzen und Stöhnen, oder im gleichgültigen geistlosen Zeichnen menschlicher Zersetzung und Auflösung sich erschöpft? Über das Leben geht ein Hauch der Verwesung, der Feigheit, Knechtsinn erfüllt die Herzen, Faulheit fesselt Sinne und Hände .... Was werdet ihr in dieses Chaos von Gemeinheiten hineintragen? Wie seicht, wie elend, und dabei noch so zahlreich seid ihr! O, daß doch ein strenger und wahrhaft liebender Mensch mit flammendem Herzen und gewaltigem, allumfassendem Verstand erscheinen möchte! Wie die dröhnendsten Glockentöne würden dann seine verheißenden Worte die dumpfe Schwüle eines schimpflichen allgemeinen Stillschweigens durchdringen, und dann vielleicht werden die verachtungswürdigen Seelen der lebendigen Toten erzittern!« ... Nach diesen Worten schwieg er lange. Ich wagte nicht, ihn anzusehen. Ich entsinne mich nicht mehr, welches Gefühl sich meiner am stärksten bemächtigte: Scham oder Entsetzen? »Was könntest du mir nun dazu sagen?« – ertönte eine teilnahmslose Frage. »Nichts,« war meine Antwort. Und wiederum stellte sich ein Schweigen ein. »Wie aber gedenkst du nun zu leben?« »Ich weiß nicht,« erwiderte ich. »Was wirst du jetzt lehren?« Ich schwieg. »Ja, es gibt keine höhere Weisheit als das Schweigen!« ... Peinlich quälend war die Pause zwischen diesen Worten und einem hierauf folgenden Lachen. Er lachte hochvergnügt, mit wahrer Lust, wie ein Mensch, dem sich lange keine Gelegenheit geboten hatte, so leicht und angenehm zu lachen. Mein Herz weinte aber blutige Tränen bei diesem verfluchten Lachen. »Che! che! che! Und du willst das – Lehrer des Lebens sein? Du, der so leicht in Verwirrung zu bringen ist? Jetzt, glaube ich, hast du begriffen, wer ich bin! Che! che! che! ... Ja, ein jeder von euch, ihr schon als Greise geborenen Jünglinge, würde ebenso in Verwirrung geraten, wollte er nur mit mir in Berührung treten. Vor dem Gerichte des Gewissens erschauert wohl das Herz eines jeden, der sich nur nicht mit dem Panzer der Lüge, Frechheit und Schamlosigkeit umgibt .... Nun sieh mal, wie mächtig du bist: Ein Stoß – und du bist gefallen. Sage mir doch, o, sage mir doch nun wenigstens etwas zu deiner Rechtfertigung, widerlege doch das, was ich behauptet habe! Befreie doch dein eigenes Herz von Scham und Schmerz. Sei doch wenigstens für eine Minute stark und voll Selbstvertrauen, so will ich gern alles zurücknehmen, was ich dir ins Gesicht geschleudert habe. Dann will ich mich in Achtung vor dir verbeugen .... Zeig mir doch wenigstens etwas in deiner Seele, das mir ermöglicht, in dir den Lehrer zu erkennen! Ich muß einen Lehrer haben, denn ich bin ein Mensch. Ich habe mich verirrt im Dunkel des Lebens und suche einen Ausgang zum Licht, zur Wahrheit, zur Schönheit, zu einem neuen Leben – zeig mir den Weg! Ich bin ja nur ein Mensch – hasse mich, schlage mich meinetwegen, aber ziehe mich heraus aus dem Sumpf meiner Gleichgültigkeit gegen das Leben! Ich will besser werden als ich bin – wie soll ich das machen? O, sage es mir!« Ich dachte: Kann ich es denn? Kann ich denn jenen Anforderungen befriedigend genügen, die dieser Mensch mit vollem Rechte an mich stellt? – Das Leben erlischt, das menschliche Gemüt wird von einer immer dichter werdenden Finsternis des Zweifelns umstrickt, und es muß ein Ausweg gefunden werden! Wo ist er aber zu suchen? – Ich weiß nur eines: nicht nach Glück hat man zu streben. Wozu dieses Glück? Der Sinn des Lebens ist nicht die Glückseligkeit, und die Selbstzufriedenheit kann die Menschen auf die Dauer unmöglich befriedigen – ist er doch jedenfalls höher als dieses .... Der Sinn des Lebens liegt vielmehr im Schönen und in der Macht nach Zielen zu streben. Man muß immer und immer dafür sorgen, daß jeder Augenblick des Daseins sein hohes Ziel habe. – Wohl wäre das möglich ... nicht aber in den alten Rahmen des Lebens, in welchen allen so eng ist und wo es dem menschlichen Geist an Freiheit mangelt ... Und von neuem lachte er, aber nur leise. Es war das bittere Lachen eines Mannes, dessen Herz von schweren, aufreibenden Gedanken ergriffen war ... »Wie viele Menschen gab es auf Erden,« begann er wieder, »wie gering aber ist die Zahl derer, denen man Denkmäler gesetzt hat! Wie kommt es? Warum ist's so? Aber lassen wir die Vergangenheit – sie stimmt uns allzu traurig! Wir befassen uns nun lieber mit der Gegenwart. Der Mensch schlummert ... und keiner weckt ihn. Er schlummert und wird in ein Tier verwandelt. Eine Peitsche braucht er und ein Kosen feuriger Liebe. Habe nur keine Angst, wenn du ihm weh tust: schlägst du nur in aufrichtiger Liebe, so versteht er dich, und wenn er dann den Schmerz, die Scham für sich selbst empfindet, so kose ihn in glühender Liebe, und er ist – wiedergeboren ... Die Menschen? Das sind ja alles noch Kinder, wenn sie auch zuweilen durch die Boshaftigkeit ihrer Handlungen wie durch die Entartung ihrer Gedanken Staunen erregen. Sie brauchen daher immer Erziehung, Fürsorge, Liebe, beständige Sorge um frische, gesunde Nahrung für ihre Seelen ... Kannst du die Menschen lieben? « »Die Menschen lieben?« wiederholte ich die Frage nicht wenig verlegen, denn ich weiß wirklich nicht, ob ich die Menschen liebe. Man muß ja aufrichtig sein – ich weiß es also nicht ... Und wer wird es von sich einfach behaupten können: Ich liebe die Menschen! Derjenige, der sich aufmerksam betrachtet, wird bei dieser Frage lange überlegen, bevor er sich zu der Behauptung entschließen würde: ich liebe! Jeder weiß es, wie entfernt unser Nächster von jedem von uns ist ... »Du schweigst also noch immer? – Na, ganz gleich – ich verstehe dich auch so ... Jetzt aber gehe ich fort.« »Schon?« fragte ich leise. Denn wie schrecklich seine Gegenwart mir auch war, so war ich für mich selbst noch schrecklicher ... »Ja, ich gehe ... Es wird nicht das einzige Mal bleiben, daß ich dich besuchte ... Warte!« Und er ging. Wie er wegging? Ich bemerkte es nicht. Rasch und geräuschlos wie ein Schatten war er verschwunden ... Ich 285 aber blieb noch lange im Garten, ohne die Kälte zu fühlen, und ohne zu merken, daß die Sonne bereits aufgegangen war und mit grellen Strahlen die weißen Zweige der Bäume beschien. Sonderbar berührte mich der Anblick des hellen Tages und der Sonne, die so gleichgültig leuchtete, wie immer; sonderbar – der Anblick dieser alten abgequälten Erde, wie sie sich in eine im Sonnenlicht so blendend-hellglänzende Schneedecke gehüllt hatte .... Gram Die Geschichte eines Müllers I ... Nachdem er sein Abendgebet gesprochen hatte, zog sich Tichon Pawlowitsch langsam aus und kratzte seinen Rücken. Dann trat er ans Bett, das von einem bunten, weiten Kattunvorhang halb verdeckt war. »Und gib uns deinen Segen, Herr,« flüsterte er noch einmal gähnend und machte das Zeichen des Kreuzes über seinem Munde. Und dann schob er den Vorhang weg und betrachtete die breite, mächtige Gestalt seiner Frau, die von den weichen Falten des Bettuches bedeckt war. Tichon Pawlowitsch zog streng die Brauen zusammen und musterte eingehend und aufmerksam die unbewegliche, vom Schlaf überwältigte Fettmasse. »'ne Maschine,« murmelte er halblaut. Er ging an den Tisch zurück, löschte die Lampe aus und brummte wieder: »Hab ich ihr nicht gesagt, der Hexe: komm in den Heuschober schlafen. Nein, sie wollte nicht. So 'n Eichenklotz. Na also, schieb dich ein bissel.« Er schob seine schlafende Ehehälfte vorsichtig mit der Faust zur Seite und streckte sich neben ihr aus, ohne sich mit dem Bettuch zuzudecken, und dann stieß er sie noch einmal, nichts weniger als zärtlich, mit dem Ellbogen. Sie stieß einige unartikulierte Laute aus und bewegte sich heftig; schließlich drehte sie sich, laut schnarchend, auf die andere Seite. Tichon Pawlowitsch seufzte bekümmert und blinzelte durch eine Falte des Bettvorhanges zur Decke hinauf. Zitternde Schatten bewegten sich dort oben, die das Mondlicht hervorrief und die ewige Lampe, die in der Ecke des Schlafzimmers vor einem Heiligenbilde hing. Durch das offene Fenster drang der stille, laue Nachtwind aus dem Garten herein, und mit ihm kam das leise Rauschen der Blätter, der Erdgeruch und der Geruch von frischem Fell. Man hatte es heute dem Braunen abgezogen, und nun hing es an der Speicherwand zum Trocknen. Von dem Mühlrad fielen mit einem weichen Laut einzelne Tropfen und im Walde hinter dem Damm schrie eine Rohrdommel. Leise glitt der tiefe, stöhnende Ton durch die Luft, und wenn er aufhörte, rauschten die Blätter noch stärker und von irgendwoher kam das summende Lied einer Mücke. Tichon Pawlowitsch verfolgte die Schatten am Plafond, bis ein Schein in der vorderen Ecke des Zimmers seinen Blick anzog. Das Flämmchen der ewigen Lampe zuckte dort leise im Winde, und das dunkle Gesicht des Heilands trat bald hellerleuchtet hervor, bald wurde es noch dunkler. Einen großen, schweren Gedanken schien es zu denken, und Tichon Pawlowitsch seufzte und bekreuzte sich inbrünstig. Ein Hahn krähte. »Ist's denn schon zwölf?« fragte sich Tichon Pawlowitsch. Jetzt krähte ein zweiter Hahn, ein dritter, und so ging es fort, bis endlich hinter der Wand der Rote aus Leibeskräften aufkreischte; aus dem Hofe antwortete der Schwarze, und jetzt war der ganze Geflügelhof wach und feierte laut und eifrig die Mitternacht. »Teufel,« fluchte Tichon Pawlowitsch wütend, »ich kann nicht schlafen, daß euch ...« Nach dem Fluchen wurde ihm etwas wohler. Die entsetzliche, unerklärliche Schwermut, die ihm das Herz abdrückte seit seiner letzten Fahrt in die Stadt, quälte ihn weniger, wenn er böse war; und wenn er wütend wurde, verschwand sie ganz. Aber in den letzten Tagen lief alles im Hause so ruhig und glatt ab, daß er seiner bedrängten Seele nicht einmal durch einen herzhaften Fluch Luft machen konnte. Kein Mensch und kein Ding gaben einen richtigen Anlaß; man hatte gemerkt, daß der Hausherr bei schlechter Laune war und man richtete sich danach. Und Tichon Pawlowitsch sah, daß das ganze Haus sich vor ihm fürchtete und ein Unwetter erwartete, und er fühlte sich gewissermaßen vor allen schuldig, was ihm noch nie passiert war. Er schämte sich förmlich, weil alle im Hause plötzlich so schweigsam waren und vor ihm davonliefen, und das schwere, unverständliche Gefühl, das er aus der Stadt mitgebracht hatte, quälte ihn mehr und mehr. Nicht mal Kusma Kociak, der neue Müllerknecht, ließ sich bei einer Sünde ertappen. Er war ein frischer, junger Bursch, kräftig und rauflustig. Seine Augen waren heiß und blau; regelmäßige, kleine Zähne hatte er, weiß wie Schaum waren sie und immer zu einem etwas frechen Lächeln gefletscht. Aber jetzt schlich er förmlich, wurde dienstfertig und ehrerbietig; seine lustigen Lieder, die er sonst so gerne sang, hatten aufgehört und die Witzworte, die er sonst nach allen Seiten schleuderte, verstummten. Und Tichon Pawlowitsch merkte das alles und dachte im stillen: Ich muß nett geworden sein, Teufel auch. Und immer mehr fühlte er sich in der Macht von einem dunkeln, unbestimmten Etwas, das ihm am Herzen nagte. Tichon Pawlowitsch liebte es, mit sich und seinem Leben zufrieden zu sein, und wenn ihn dies Gefühl überkam, war er immer noch bemüht, die Stimmung künstlich zu erhöhen. Er dachte dann an seine Wohlhabenheit, an die Achtung, die die Nachbarn vor ihm hatten, und an alles andere, was ihn in seinen Augen erhöhen konnte. Alle im Hause kannten diese Schwäche des Hausherrn, die vielleicht nicht einmal Ehrgeiz war, sondern nur der Wunsch eines gesunden, satten Wesens, das Gefühl seiner Gesundheit und Sattheit noch mehr zu genießen. Diese Stimmung brachte Tichon Pawlowitsch zu einer gewissen Gutmütigkeit den Menschen und Dingen gegenüber, und wenn er sich auch nie etwas in seiner Würde vergab, so hatte er unter seinen Bekannten doch den Ruf eines gutherzigen Mannes. Und nun war plötzlich dies lebensfrohe, beharrliche Gefühl verschwunden, fortgeflogen, erloschen, und an seiner Stelle stand etwas Neues, Schweres. Und es war so dunkel und unbegreiflich, dieses Neue. »Pfui, Teufel, daß dich ...« flüsterte Tichon Pawlowitsch und lauschte auf die stillen Seufzer der Nacht. Er lag noch immer neben seiner Frau, und ihm wurde unerträglich heiß unter dem dicken, weichen Deckbett; unruhig warf er sich hin und her, wünschte seine Gattin zu allen Teufeln und ließ schließlich die Beine auf den Boden hinuntergleiten. Dann setzte er sich auf den Bettrand und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Im Dorf, das fünf Werst von der Mühle entfernt lag, schlug die Glocke des Nachtwächters. Die traurigen Metalltöne schwangen sich vom Kirchturm herab, langsam segelten sie durch die stille Luft, um dann spurlos zu verschwinden. Im Garten knisterte ein Zweig und im Walde schrie wieder die Rohrdommel. So dumpf und trübe klang das und dabei doch höhnisch, als wollte die Rohrdommel Tichon Pawlowitsch auslachen. Er stand auf und setzte sich in einen Ledersessel, der am Fenster stand. Er hatte ihn unlängst bei einer Nachbarin, einer alten verkrachten Gutsbesitzerin, für zwei Rubel erstanden, und wie das kühle Leder jetzt seinen Leib berührte, zuckte er zusammen und sah sich scheu um. Es war schwül. Durch die Blumentöpfe auf dem Fensterbrett und die Zweige des Ahorns, der vor dem Fenster stand, drangen die Mondstrahlen ins Zimmer und zeichneten ein zitterndes, schattenhaftes Muster auf der Diele. Einer der Flecke, gerade in der Mitte, sah aus wie der Kopf der alten Gutsbesitzerin. Wie damals beim Handel schwankt der alte Kopf in der dunklen Pelzmütze vorwurfsvoll hin und her und die alten Lippen bewegen sich lispelnd. »Fürcht dich vor Gott, Müller. Mein Seliger hat den Stuhl kurz vor seinem Tode für achtzehn Rubel gekauft. Und ist's denn lange her, daß er tot ist? Der Stuhl ist ganz neu, und du bietest anderthalb Rubel?« Und da liegt auch schon der Selige, Fiodor Petrowitsch, neben ihr auf dem Fußboden; ganz deutlich sieht Tichon Pawlowitsch den zottigen Kopf mit dem dichten, langen Schnurrbart. »Gott steh mir bei,« seufzte Tichon Pawlowitsch und stand vom Stuhle auf. Dann hob er die Blumen vom Fensterbrett, stellte sie auf den Fußboden und setzte sich selbst an ihre Stelle. Die Schatten auf der Diele wurden schärfer und heller. Hinter dem Fenster war's still und trübe. Unbeweglich standen im Garten die Bäume, wie zu einer dunkeln, dichten Mauer zusammengekeilt, hinter der etwas Schreckliches vorgehen mußte. Und vom Mühlrad tropfte das Wasser so monoton und dabei doch helltönend, als wollte es etwas reinwaschen. Unmittelbar unter dem Fenster schwankten die langen Stiele der Malven. Tichon Pawlowitsch bekreuzte sich und schloß die Augen. Und da erstand langsam in seiner Phantasie wieder jene Geschichte in der Stadt, die ihn um seine Ruhe gebracht hatte. Über die staubige, von grellen Sonnenstrahlen durchglühte Straße bewegt sich langsam ein Leichenzug. Die Ornate des Geistlichen und des Diakons blenden die Augen mit ihrem Glanz; das Weihrauchfaß in den Händen des Diakons schwankt, und kleine, blaue Wölkchen zerfließen in der Luft. »Hei-ei-li«, singt der kleine, graue Geistliche mit dünner Tenorstimme. »-ger«, ergänzt der tiefe Baß des Diakons den Gesang. Der Diakon ist ein großer, stämmiger Mann mit einem Kranz dichter, schwarzer Haare über dem Gesicht und großen, guten Augen, die fortwährend lächeln. »Gott,« fließen die beiden Stimmen ineinander und steigen zusammen in die wolkenlose, blendende Höhe auf, wo alles so still und leer ist. »Unsterblicher,« brüllt der Diakon, und seine mächtige Stimme übertönt alle Geräusche der Straße: das Kreischen der Wagenräder und das Scharren der Füße auf dem Pflaster und das halbunterdrückte Gemurmel der zahlreichen Menge, die den Toten begleitet. Und wieder brüllt er und reißt die Augen auf so weit er kann, und dann dreht er sein bärtiges Gesicht nach den Leidtragenden um, als wollte er sagen: »Eh, diesen Ton hab ich aber gut rausgebracht.« Im Sarge liegt ein Herr in einem Überrock. Das Gesicht ist spitz und mager und es ist in einem so ruhigen und ernsten Ausdruck erstarrt. In Rußland wird der Sarg offen über die Straße getragen und erst am Friedhof der Deckel darüber geschraubt. Der Sarg wird ungleichmäßig getragen und der Kopf des Toten fällt bald auf die eine und bald auf die andere Seite. Tichon Pawlowitsch wirft einen Blick in dies Gesicht und bekreuzt sich seufzend, und dann folgt er dem Zuge, von der Menge mitgezogen und lebhaft durch die mächtige Stimme und Gestalt des Diakons angezogen. Der Diakon geht und singt, und wenn er gerade nicht singt, plaudert er ruhig mit einem der neben ihm herschreitenden. Der Mann, der da im Sarge liegt, scheint in dem Diakon keine traurigen Gedanken zu wecken, und er denkt wohl nicht daran, daß man ihn auch einmal so über die Straße tragen wird, um ihn in die Erde zu verscharren, und daß er dann keinen einzigen Ton mehr wird singen können, auch den allerniedrigsten nicht. Und in Tichon Pawlowitsch steigt ein unangenehmes Gefühl gegen den lustigen Diakon auf. Er bleibt stehen und läßt eine ganze Menge Leute vorgehen. Und dann wendet er sich an einen Gymnasiasten: »Wer wird da begraben, mein Lieber?« Der Gymnasiast schaut ihn groß an und antwortet gar nichts. Das beleidigt Tichon Pawlowitsch .... »So ein kleiner Bursch und hat keine Spur von Achtung vor älteren Leuten. Hauen müßt man euch. Meinst, ich werde nicht erfahren, was ich wissen will? So 'ne Bande!« Er geht weiter und kommt wieder an den Sarg. Den tragen vier Männer, aber sie gehen rasch und halten nicht Schritt, so daß dem einen fortwährend der Zwicker von der Nase herunterfällt. Und wenn er ihn wieder auf seinem Nasenbein festklemmt, schüttelt er seine dichte, rote Mähne. »Der Selige muß nicht schwer sein,« denkt Tichon Pawlowitsch, »'n Beamter wahrscheinlich, die sind immer so 'n bißchen hager ....« Der ganze Zug bewegt sich so rasch, als wenn der Tote schon bei Lebzeiten allen entsetzlich überdrüssig geworden wäre, so daß man jetzt froh ist, ihn endlich loszuwerden. Tichon Pawlowitsch bemerkt es. »Wie sie laufen!« denkt er. »Und warum haben sie solche Eile? Auch Menschen das. War er nicht auch ein Geschöpf Gottes und hat das getan und jenes getan? Und wenn er tot ist, schmeißen sie ihn mir nichts dir nichts in die Grube. ›Geh, wir haben keine Zeit‹.« Und Tichon Pawlowitsch wird ganz elend zumute. Die Zeit wird kommen, wo man auch ihn so schleppen wird. Vielleicht ist sie nicht mal ferne. Er ist siebenundvierzig Jahre alt. »Und was ist denn das?« fragt er sich selbst. Auf dem Sargdeckel liegen Kränze, Bänder mit goldenen Buchstaben und Blumen. »N' ja ... es muß doch eine wichtige Persönlichkeit gewesen sein. Aber die Leidtragenden sehen doch alle 'n bißchen ärmlich aus. Es ist doch lauter Elend ... Wer wird denn da begraben?« fragt der Müller einen wohlgestalteten Herrn mit einer Brille und gekräuseltem Bart. »Ein Schriftsteller,« antwortet der Herr leise, und dann läßt er einen Blick über die Gestalt Tichon Pawlowitsch' gleiten und fügt erklärend hinzu: »ein Mann, der Bücher geschrieben hat.« »Wir verstehen schon,« antwortet Tichon Pawlowitsch rasch, »auf die › Niwa ‹ sind wir auch abonniert und das Töchterchen liest sie alle. War der Selige einer von den Bedeutenden?« »Nein ... keiner von den Bedeutenden,« lächelt der Herr mit der Brille. »So ... das macht nichts ... doch ein verdienstvoller Mensch ... Die Sonne hat einen andern Ruhm als der Mond und nicht alle Sterne glänzen gleich .... Aber Kränze sind doch da. Und heiß ist's heute.« Tichon Pawlowitsch tut das Herz weh, er weiß nicht warum, aber ihm tut das Herz weh ... als wenn ihn jemand mit Zangen kniffe, und es drückt so. Und die tiefe Stimme des Diakons singt noch immer .... »Heiliger, Unsterblicher ...« Und der zitternde Tenor des Geistlichen bricht sich mühselig Bahn durch die tiefen Baßwellen des Diakons und fleht leise und schüchtern: »Erba-arm dich unser.« Die Füße der Leidtragenden schlagen dumpf gegen den Boden und wirbeln Staub auf; der Verstorbene schüttelt den Kopf und darüber spannt sich hoch der heiße, klare Julihimmel. Tichon Pawlowitsch fühlt sich sonderbar bedrückt. Er will weder denken noch sprechen. Er paßt sich dem Schritt der Nachbarn an und läßt sich von der allgemeinen trüben Stimmung mitreißen. Er geht mit, und tief drinnen in der Brust sitzt ihm dieser saugende Gram, und er hat weder Luft noch Kraft genug, ihn zu verjagen. Man kommt auf den Friedhof, bleibt am Grabe stehen und stellt den Sarg auf den Hügel Erde, der neben der Grube aufgeworfen ist. Und das geschieht alles so ungeschickt, so sonderbar! Der Verstorbene bekommt einen Ruck und wendet sich halb nach dem Grabe um, dann fällt er wieder in seine frühere Stellung zurück. Es ist, als hätte er Umschau gehalten und sei jetzt froh, daß man nun bald aufhören werde, ihn zu rütteln und in der Sonne zu braten. Und der Diakon brüllt noch immer aus Leibeskräften, der Geistliche müht sich, nicht hinter ihm zurückzubleiben; irgend jemand aus der Menge singt dumpf mit. Die Töne steigen über dem Friedhof auf; sie verfangen sich zwischen den Kreuzen und den ausgemergelten Bäumen, und sie bedrücken Tichon Pawlowitsch. Und jetzt kommt die Hauptsache. Der wohlgestaltete Herr, den Tichon Pawlowitsch nach dem Verstorbenen gefragt hatte, tritt an den Rand des Grabes, fährt sich mit der Hand durchs Haar und sagt: »Meine Herrschaften! ...« Er sagt das so, daß der Müller zusammenschrickt und den Blick noch fester auf ihn richtet. Die Augen des Herrn glänzen sonderbar. Er senkt sie erst auf das offene Grab zu seinen Füßen, dann läßt er sie über das Publikum gleiten, und die Pause zwischen dem ersten Ausruf und der eigentlichen Rede ist so lang, daß alle, die am Friedhof sind, Zeit haben, still zu werden und vor Erwartung förmlich zu erstarren. Und dann beginnt eine weiche Baßstimme zu sprechen, eine träumerische, fast traurige Stimme. Der Redner begleitet seine Worte mit weiten Handbewegungen und seine Augen leuchten hinter den Brillengläsern. Tichon Pawlowitsch versteht nicht alles, was der Herr sagt, aber er begreift doch, daß der Verstorbene arm gewesen ist, obwohl er zwanzig Jahre für das Wohl seiner Mitmenschen gearbeitet hatte, und er hat keine Familie gehabt, niemand hatte ihn geliebt und niemand hatte ihn geschützt. Bis er vor Ermattung im Spital gestorben war, einsam, wie er sein lebelang gewesen war. Tichon Pawlonitsch tut der verstorbene Schriftsteller leid und das Weh in seiner Brust wird noch größer. Er sieht den Toten scharf an, er mißt dies magere, eingefallene Gesicht mit den Augen und dann die kleine, dünne, gerade Gestalt, und plötzlich findet er, daß der Selige wie ein Nagel aussieht. Und er lächelt über seinen Gedanken. In diesem Augenblick erhöht der wohlgestaltete Herr seine Stimme und ruft: »Ein Schicksalsschlag nach dem andern traf dieses Haupt, bis es endlich erschlagen wurde. Da liegt er, ein Mann, der sein ganzes Leben der undankbarsten, der schwersten Arbeit geweiht hat: ein gutes Leben bereiten auf Erden für alle Menschen, für alle Menschen ohne Ausnahme ....« Die Augen des Redners bleiben in diesem Augenblick gerade an Tichon Pawlowitsch' Gesicht hängen. Sie fangen das Lächeln auf und schleudern einen zornigen Blick auf den Müller. Und Tichon Pawlowitsch überkommt eine gewisse Verlegenheit und er zieht sich um einen Schritt zurück, er fühlt sich beinahe schuldig vor dem Verstorbenen und vor diesem Manne, der von ihm spricht. Die Sonne brennt unbarmherzig, der blaue Himmel blickt so ruhig auf das Totenfeld hinunter und auf die Menge um das Grab, und die Stimme des Redners spricht noch immer, traurig und die Seele ergreifend. Tichon Pawlowitsch wendet leise den Kopf und sieht die finsteren Gesichter der andern. Er ist nicht der einzige, den der Gram erfaßt hat. »Wir haben unsere Seelen mit dem Unrat der kleinlichsten Sorgen erstickt und haben uns gewöhnt, ohne Seele zu leben, wir haben uns so sehr daran gewöhnt, daß wir nicht einmal mehr merken, wie hölzern und gefühllos und tot wir alle geworden sind. Und wir verstehen Menschen, wie ihn, nicht mehr.« Und Tichon Pawlowitsch hört zu. »Er,« das ist der Tote; aber sie sind ja alle tot, wenn man diesem wohlgestalteten Herrn glauben soll, alle, alle, denn sie haben ja ihre Seelen mit Unrat erstickt. »Richtig,« sagte er jetzt zu sich selber, »das ist wahr ... hab ich denn nicht meine Seele vergessen, großer Gott?« Tichon Pawlowitsch seufzte und öffnete wieder die Augen. Eine Welle der warmen Nachtluft ergoß sich durch das geöffnete Fenster, und sie überschüttete den träumenden Mann mit dem Duft des taufrischen Grases und der Blumen. Aber auch der Geruch des muffigen, stehenden Wassers aus dem Teiche kam mit hinein. Die Schatten auf der Diele erzitterten noch stärker, als wollten sie versuchen, sich zu erheben und fortzufliegen. Der Müller stand vom Fensterbrett auf, schob den Lehnstuhl wieder auf seinen alten Platz und trat ans Bett zurück. Seine Frau hatte das Deckbett im Schlaf abgeworfen, sie schnarchte und schnaufte und hatte die fleischigen Arme auseinandergeworfen. Diese Arme und die entblößte Brust seiner Frau schienen Tichon Pawlowitsch in dieser Nacht nicht am Platze, sie verhöhnten ihn förmlich. Wütend warf er das Leintuch über den Leib des Weibes, nahm ein Kissen und ging wieder ans Fenster. Er setzte sich wieder in den Lehnstuhl, legte das Kissen aufs Fensterbrett und stützte sich darauf. Und wieder begann er zu grübeln. Seit jenem Begräbnis lebte ein Gefühl in ihm, das ihn zwang, sich selbst wie einen ganz fremden Mann zu betrachten, den er zwar kannte, der ihm aber gleichzeitig ganz neu war. »Aj, aj, aj, Tichon, aj, aj, aj,« murmelte er kopfschüttelnd, »was ist denn das mit dir, Bruderherz?« Er machte sich Vorwürfe, ohne sich recht klar darüber zu werden, was er meinte, sein früheres Leben oder dies neue, grämliche. Und plötzlich fiel ihm eine Schar weißer Tauben ein, die an jenem denkwürdigen Begräbnistag hoch am Himmel über dem Friedhof geschwebt hatte. Er schloß die Augen und stellte sich ganz deutlich die weißen Punkte an dem blauen Himmel vor ... und wieder machte er sich Vorwürfe .... »Was, Bruder, hat's jetzt 'n bißchen Not bei dir? Nun, und leb jetzt so, quäl dich.« Ringsum war alles so deutlich hell und dabei doch beängstigend still, als erwarte er etwas. Und die unruhigen, sonderbaren Gedanken, Gedanken, die den Lauf des täglichen Lebens unterbrechen, bewegten sich noch immer durch das ungeübte Hirn des Müllers. Sie kamen und schwanden und kamen wieder, aber in noch größeren Massen, noch schwerer. So fliegt an Sommertagen ein Wölkchen über den Himmel und schwindet und wächst irgendwo in den Strahlen der Sonne ... aber dann kommt noch eines und noch ... und noch ... und über die Erde kriecht schließlich eine grollende, unheilschwere Gewitterwolke. Von den vielen Gedanken hatte sich bei dem Müller eine neue, sonderbare Eigenschaft entwickelt. Er merkte alles und behielt alles, und bei allem stellte er sich die Frage: Wozu ist das nötig? Niemand von uns ist vor einem solchen Anprall von Gedanken sicher, die das gewohnte tägliche Leben erschüttern, und jeden kann die ernste Frage: »Warum?« zur gleichen Kümmernis bringen. »Wir ersticken unsere Seele.« Tichon Pawlowitsch fielen wieder die Worte des Redners ein, und er krümmte sich förmlich. Dieser Mann hatte ihm das mit so gerührter Stimme zugerufen und hatte so traurig dazu gelächelt. Und Tichon Pawlowitsch fühlte die Wahrheit dieser Worte. »Es ist richtig,« dachte er jetzt wieder, »meine Seele lebt nicht, Geschäfte, immer Geschäfte, das ist die Hauptsache. Ich habe keine Zeit, an meine Seele zu denken. Und nun ist sie plötzlich und wahrhaftig auferstanden ... Jetzt hat sie eine günstige Stunde abgepaßt und ist wieder heraufgekommen ... Also, da hast du's. Das sind Geschäfte. Und wozu viel Geschäfte machen, wenn man doch sterben muß? Für den Tod? ... Womit treten wir vor Gottes Antlitz? Und da rüttelt die Seele uns auf: »Ermanne dich, Mensch, denn du weißt nicht, wann deine Stunde kommt ... Herr, erbarme dich ...« Über Tichon Pawlowitsch' Leib lief ein Schauer, er bekreuzte sich und blickte scheu nach der Ecke, wo das Bild des Heilands hing. Immer noch zitterten die Schatten der ewigen Lampe auf seinem Gesicht; es war noch immer so dunkel und ernst und schien seinen großen Gedanken zu denken, immer, in Ewigkeit ... Den Müller überlief es ganz kalt ... Und was, wenn er plötzlich jetzt ... oder nein, morgen ... was, wenn er morgen plötzlich stirbt ... Das passiert. Man ist erst gar nicht krank, aber man legt sich einfach nieder und stirbt ... fertig. »Anna,« rief Tichon Pawlowitsch laut, »Anna, ich kann sie nicht packen, die Worte zu meinen Gedanken ... Wache wenigstens für einen Moment auf, um Gottes Barmherzigkeit willen ... Ein Mensch quält sich und sie schläft!« Aber seine Frau hörte nicht, vom Schlaf überwältigt. Und ohne ihre Antwort abzuwarten, stand Tichon Pawlowitsch auf und zog sich an. Er ging auf die Veranda hinaus, blieb dort einen Moment stehen und schritt in den Garten. Es tagte schon. Im Osten wurde es hell und unter einer grauschwarzen Gewitterwolke, die sich schwer, fast unbeweglich, am Horizonte streckte, kam ein hellroter Streifen hervor. Die Wipfel der Linden und Ahornbäume schwankten leise; in kleinen, dem Auge unsichtbaren Tropfen fiel der Tau. In der Ferne schlug ein Wachtelkönig und im Walde, hinter dem Teiche, pfiff melancholisch ein Star. Es war frisch, und den Star fror wohl. »Und einen Kopf hat der Herr,« dachte Tichon Pawlowitsch. »Große Gedanken hat er ... Mit ihm könnte ich über die Seele reden ... Er würde mir alles erklären, was und wie ... Kann ich denn selbst was? Mein Kopf ist dazu überhaupt nicht eingerichtet.« Und der Müller ließ traurig seinen großen, nicht zum Denken eingerichteten Kopf hängen und fuhr doch fort zu grübeln: »Sollte ich vielleicht zum Lehrer nach Jamki fahren? Das ist auch so einer ..., so ein Nagel. Der Pope Aleksej sagt, er hat über mich in Zeitungen geschrieben ... So 'ne gelbmäulige Natter.« Und Tichon Pawlowitsch fiel ein, wie er sich geschämt hatte, als seine Tochter in der Zeitung von seiner gelungenen Operation mit den Kiriuschensker Bauern gelesen hatte. Sie hatte das Gesicht hinter der Zeitung versteckt und leise gefragt: »Papachen, war das wirklich so?« Da war er wütend geworden. »Ist dein Vater denn ein Menschenquäler? War das wirklich so! Was lernst du eigentlich im Gymnasium, Schaf du?« Und es war doch so gewesen, wie der Lehrer es beschrieben hatte. Aber das konnte er doch der Tochter nicht eingestehen. Was verstand denn die? Jetzt ist er überhaupt quitt mit den Kiriuschenskern. Als das Wasser seinen Damm beinahe fortriß und sie bei ihm arbeiteten, haben sie's zur Hälfte wieder eingebracht ... Drei Silberrubel pro Tag und Kerl hat er zahlen müssen. Richtiger Krieg ... Keiner hatte es billiger gemacht ... Da hast du den Deckel ... Ja. Und der Lehrer war auch dabei gewesen ... »Na, Kaufmann,« hatte er gefragt, »hat man Euch auch ein bißchen gegen die Wand gedrückt? ...« Und dabei hatte er gelacht. So ein gelbes, trockenes Gesicht hatte der Lehrer. Und streng war's ... oh! »Ihr seid schlecht, Kaufmann ... Und gierig seid Ihr ...« Der Müller ärgerte sich jetzt und fühlte doch: es war so. Gierig ist er, das ist wahr, und schlecht ist er, das ist auch wahr. »Wird's denn noch nicht bald Tag, Herrgott,« dachte er. »Wann wird's denn endlich hell?« Der rote Streifen unter der Gewitterwolke wurde breiter und heller. In der Nähe flüsterten Menschen. Der Müller trat an den geflochtenen Zaun und legte sich auf die Bank, die daneben stand, denn er war ganz elend vor Schlaflosigkeit. Und die Stimmen kamen immer näher, mit hellem Klang in der frischen, klaren Morgenluft. »Bitte nicht, Motria. Verschwende deine Worte nicht umsonst, ich bleib nicht.« Tichon Pawlowitsch fuhr zusammen und erhob sich halb, wobei er sich auf seinen Ellbogen stützte. Die Stimmen waren jetzt ganz nah, in den Holunderbüschen hinter dem Zaun. Und es war Kuska Kosiak, der Müllerknecht, und noch jemand. »Bitte nicht, sag ich. Ist nicht in meiner Macht, daß ich hierbleibe. Ich gehe hinter die Kuban ...« »Und ich, Kusia, was tu ich? Denke nach, wie soll ich ohne dich sein? Ich liebe dich ja, mein Falke, ich hab dich so gern, mein freier Vogel du,« antwortete Kuska eine tiefe Frauenstimme. »Eh! Motria, mich haben schon viele geliebt, von allen noch hab ich Abschied genommen, und es ging immer noch. Sie haben geheiratet und sind in der Arbeit versauert. Manchmal begegnet man ihnen wieder mal und schaut und traut seinen Augen nicht. Sind das denn wirklich die, die ich mal geküßt und liebgehabt habe ... Eine schaut immer hexenmäßiger aus als die andere. Nein, Motria, nein. Mir ist's nicht beschieden, zu heiraten, du kleine Närrin du. Mein freies Leben tausch ich für keine Frau ein und für keine Hütte. Geboren bin ich hinter einem Zaun und sterben werd ich hinter einem Zaun. Das ist schon mal mein Schicksal. Bis zu meinen grauen Haaren werd ich hin und her wandern ... Immer am Fleck bleiben kann ich nicht ...« »Und ich, Kusia, und ich? Was soll ich tun ohne dich? Denk einmal nach? Hast du mich denn gar nicht mehr lieb? Tu ich dir denn gar nicht leid? Was fängst du denn mit mir an?« »Du, was ich mit dir anfange! Dich laß ich hier ... du sollst den Witwer Tschekmarew heiraten. Kinder hat er, das ist wahr, aber er ist ein guter Bauer.« »Du liebst mich nicht,« seufzte die Frauenstimme. Die Worte schienen von selbst aus ihr aufzusteigen, ohne daß sie sie sagte. »Ich liebe dich nicht ... Ich muß dich doch liebhaben, wenn ich hier mit dir stehe und rede. Wenn ich dich nicht lieb hätte, würd ich mich nicht um dich kümmern. Mit den Mädels verliert man seine Zeit nur, wenn man sie lieb hat, und wenn man sie nicht lieb hat, was soll man denn mit ihnen? ... Und leid tust du mir auch, aber wie leid einem ein Mensch auch tut, sich selbst hat man noch lieber. Schau, es war doch noch viel schlimmer, wenn wir beide uns zum Abschied zanken wollten. Nicht wahr? Und jetzt ist alles gut und zärtlich und in Frieden. Ich, heißt es, gehe meinen Weg und du gehst deinen Weg. Wie's einem das Schicksal bestimmt ... Ech, was ist da viel zu reden? Küß mich noch 'mal, meine Taube.« Das Geräusch von Küssen berührte Tichon Pawlowitsch' Ohr und erstarb dann im Rauschen der Blätter. Der Star sang lauter und lustiger, die Hähne hinter der Mühle begrüßten das Morgenrot. Und immer höher stieg es auf, der erwachenden Erde entgegen. O, du, mein Kusia, mein Liebster ... mein Einziger, du ... nimm mich mit, deine Taube,« flüsterte das Mädchen wieder. »Also da hast du's! Fängst du schon wieder an? ... Ich küsse sie und hab sie lieb wie 'n gescheites Mädel, und sie hängt mir wie ein Stein am Hals, ach Mädel, Mädel! Und immer ist das so ein Getue mit euch. »Bin ich denn kein Mensch? ...« »Nu, 'n Mensch! Nu? Und ich? Bin ich denn kein Mensch? Wie sie redet ... Wir waren zusammen, weil wir uns lieb hatten ... und jetzt ist's Zeit, Abschied zu nehmen ... Das werden wir auch in Liebe und Freundschaft tun. Du mußt leben und ich auch. Stören wollen wir uns nicht ... Leben muß man so und so, wie's einem zusteht ... Und du lamentierst, Närrchen. Du, denk lieber daran: ist es süß, mich zu küssen? Nu? Ach ... du ... Süße!« Wieder kam das Geräusch von Küssen, von leidenschaftlichem, atemlosem Geflüster unterbrochen, und dazwischen tiefe, stöhnende Seufzer. Und plötzlich erzitterten die Wipfel der Bäume und der Himmel selbst zitterte mit und lächelte mit so einem rosigen, frischen Lächeln – jetzt schaute der erste Sonnenstrahl auf die Erde hinunter, und wie um ihn zu begrüßen, rauschte leise der schläfrige Garten und bewegte sich und ein frischer, leichter Wind wehte, voll der verschiedensten Düfte. Kuska Kosiak war so durchdrungen von seinem guten Recht und in seinen Worten klang so ein Ton selbstbewußter Unabhängigkeit, und dazwischen die schmerzbebende, leidenschaftliche Stimme des Mädchens. Tichon Pawlowitsch' Gram legte sich bei diesen Tönen. »Ach du, Teufel,« dachte der Müller, »Mädchenjäger du.« Etwas wie Neid stieg in ihm auf gegen diesen lustigen, freien Menschen. Wie der zu leben verstand und wie überzeugt er war von seinem Recht! Und dann schämte sich der Müller plötzlich, er wußte selbst nicht recht warum: halb, weil er gelauscht, und halb, weil er neidisch gewesen war. Er stand auf, seufzte noch einmal schwer und wollte ins Haus gehen. »Es ist Zeit, Motria. Ich muß zur Arbeit. Also komm dann.« »Ich würde nicht kommen. Aber ich kann nicht kommen, du, mein Falke,« stöhnte das Mädchen. »Weine nicht, du. Die Zeit kommt und vergeht und trocknet die Tränen. Und bis dahin werden wir beide uns noch mehr als einmal sehen. Nicht so? Leb wohl, mein Süßes.« Hinter Tichon Pawlowitsch' Rücken knarrte der Zaun »Wie im Wind Die Steppe« ... »Ech ... Guten Morgen, Herr!« Tichon Pawlowitsch zog seine Mütze und schaute verwirrt seinen Arbeiter an. »Morgen!« Kuska Kosiak blieb vor ihm stehen in einer freien, kraftstrotzenden Stellung. Unter dem roten, halboffenen Hemd sah man die breite, braune Brust, sie atmete tief und regelmäßig; die rötlichen Schnurrbartspitzen bewegten sich spöttisch; darunter glänzten die weißen, regelmäßigen Zähne, und die großen, blauen Augen zwinkerten listig. Tichon Pawlowitsch kam sein Knecht plötzlich wie eine ungeheuer wichtige und stolze Persönlichkeit vor. Und er empfand das Bedürfnis, sich so rasch als möglich zu entfernen, damit Kuska nicht seine Überlegenheit über seinen Herrn merke. »Lumpst du immer?« »Wenn Zeit und Lust da ist, warum nicht ein bissel lumpen? Wenn die Arbeitszeit kommt, tu ich auch das. Wessen schütten wir heute auf? Soll ich des Popen Roggen fertigmachen oder was? Und die Grobkornmaschine ist auch nicht mehr in Ordnung. Sie mahlt und mahlt; aber sie geht zu tief, man schüttet Graupen hinein und sie gibt Staub wieder.« »Ja, das geht ... ich werde bald ...« antwortete Tichon Pawlowitsch, und plötzlich, fast wider Willen, fuhr er fort ... »Ich, Bruder, lag hier auf der Bank und hab gehört, wie du da ... wie du mit dem Mädel umgegangen bist ... Flink bist du mit ihnen ...« »Bekannte Geschichten,« sagte Kuska und zupfte seinen Schnurrbart. »Und du hast schon viel Mädels so verdorben, was?« »Hab nicht gezählt. Und was heißt verdorben? Ich verstümmle sie nicht.« »Das schon, aber doch ... zum Beispiel, tut dir, Kuska, denn das Mädel nicht leid?« »Natürlich, es tut mir immer leid, so ein Mädel, aber sich selbst hat man halt noch lieber.« »Und wenn zum Beispiel ein Kind kommt ... Ist doch auch schon passiert, was?« »Ist wohl schon passiert. Wer weiß das viel?« Kuska begann das Verhör offenbar zu langweilen. Er trat von einem Fuß auf den andern, kniff brummig die Lippen zusammen und räusperte sich. Aber Tichon Pawlowitsch gefiel es, den Knecht durch seine Fragen in Verlegenheit zu bringen; er zog die Brauen zusammen und fuhr fort: »Und eine Sünde ist es ... Was tust du mit der Sünde?« »'ne Sünde?« »So zu handeln, ja.« »Aber die Kinder werden doch egal geboren, ob sie vom Mann kommen oder von einem Vorübergehenden,« sagte Kuska und spuckte skeptisch aus. »Das sagst du ganz falsch. Vom Mann – da ist das Kind ganz in Ordnung, und von dir ... wie kommt's denn von dir? Und wenn das Mädel aus Scham das Kind in den Teich wirft, dann kommt die Sünde über dich.« Der Müller kanzelte seinen Knecht herunter und empfand ein gewisses Vergnügen dabei. »Ja, aber Herr, wenn man ein bissel tiefer nachdenkt,« begann Kuska ernst und trocken, »dann kommt doch raus, daß man immer sündigt, was man auch tut. So ist's sündhaft und so ist's sündhaft.« Kuska wies mit dem Arme erst nach rechts und dann nach links. »Wenn man spricht, kann's sündhaft sein, und wenn man schweigt, kann's sündhaft sein. Und wenn man was tut, kann's eine Sünde werden, und wenn man nichts tut, kann's auch eine sein. Findet sich denn ein Mensch da zurecht? Oder soll man ins Kloster gehen? Dazu fehlt einem doch die Lust.« Sie schwiegen. Kuska schauerte in der Morgenfrische. »Du hast ein lustiges Leben, Bruder,« seufzte Tichon Pawlowitsch, »ein leichtes.« »Beklag mich nicht,« anwortete Kuska achselzuckend. »Ein angenehmes Leben ... N' ja ... also ... Also geh und schütt' auf. »Des Popen Roggen?« »Schütte des Popen Roggen. Ich komm später hin ... Und wie einfach du denkst ... Wirklich. Alles ist sündhaft ... N' ja ... Leicht bist du, Kuska, wie 'ne Blase.« »'ne Blase, na, vielleicht auch wie 'ne Blase.« Kuska betrachtet seinen Herrn aufmerksam. »Weiß Gott! Mein Mitjka macht sie so. Er bläst auf 'nem Strohhalm und dann wird sie so groß und bunt wie ein Regenbogen und fliegt und fliegt und platzt zuletzt.« Kuska lächelte. »Womit Ihr mich aber auch vergleicht, Herr!« »Ist aber ganz richtig ... Und du gehst fort von mir?« »Ich werd gehen.« »Ja, wohin treibt's dich? ... Wenn du bleibst, geb ich dir noch Zulage.« »Brauch sie nicht. Es ist eng hier. Ich muß doch fort.« »Ist mir leid um dich. Du bist ein guter Arbeiter,« sagte Tichon Pawlowitsch nachdenklich. »Nein, ich werde doch lieber gehen. In die Steppe muß ich ... dort ist's so frei ... Ach du, mein ... Mir wird's ja auch um Euch leid tun, Herr ... Hab mich eingewöhnt hier ... Und ich werde fortgehen, weil's mich zieht. Mit sich selbst soll der Mensch sich nicht zanken. Wenn jemand mit sich selbst in Streit kommt, kann man ihm getrost auf die Stirn schreiben: Der Mensch geht zugrund!« »Das ist richtig, Kuska, ach, wie richtig das ist!« Tichon Pawlowitsch stieg sogar das Blut zu Kopfe und er kniff die Augen zusammen ... »Ich bin auch mit mir im Streit ...« »Tichon Pawlowitsch, komm Tee trinken!« rief seine Frau aus dem Hause. »Ich ko-omme. Geh auch du, Kuska, und fang an mit Gott.« Kuska schaute blinzelnd und halbverstohlen in des Herrn Gesicht und entfernte sich pfeifend. In dem großen, sauberen Zimmer stand ein Tisch vor dem Fenster und auf ihm ein summender Samowar, daneben ein rundes, weißes Brot und ein Krug Milch. Hinter dem Tisch saß des Müllers Frau, sie sah rotbäckig und frisch und gesund aus, und die ganze Stube war von heller Morgensonne durchflutet. Tichon Pawlowitsch trat langsam ins Zimmer und ebenso langsam an den Tisch. Er betrachtete mürrisch den Rücken seiner Frau, hielt die Hände auf dem Rücken und kaute an seinem Bart. »Guten Morgen, Pawlytsch,« sagte sie, mit liebenswürdigem Lächeln den Kopf nach ihm umdrehend. »Warum hast du denn heut nacht wieder nicht geschlafen? Du mußt was dagegen tun. Ich bin schon ganz nachdenklich geworden ...« »Also vor lauter Denken hast du die ganze Nacht wie eine Fabrikröhre musiziert,« lächelte der Müller. – »Und ich hab schon nachgedacht, warum pfeift meine Anna denn so? Also das kommt vom Denken.« »Was du nicht für Witze machen kannst. Aber gottlob, du hast doch wenigstens gelächelt, und die letzten Tage hast du gar nicht mehr gelacht, dein Lachen war wie verschwunden ... Und immer warst du so böse.« »Das Lachen kann auch verschwinden bei solch einem Leben,« antwortete Tichon Pawlowitsch halblaut. »Ist was im Geschäft nicht in Ordnung?« fragte die Frau ängstlich. »Nicht um Brot allein, steht in der Schrift geschrieben ... Nein also, das ist an mir zur Wahrheit geworden ... Am Herzen hat's mich gepackt und drückt ..., und es wird drücken, bis ich meine Seele befreie ... Wir haben unsere Seele erstickt mit allem möglichen Dreck und jetzt stöhnt sie und hat keine Luft.« »Man muß der Kirche was schenken, dann wird das wieder vergehen,« rief seine Frau. Der Müller schwieg und dachte an den Popen. Väterchen Aleksej war ein gieriger Pope, sehr gierig. Wenn der Müller mit den Bauern in der Umgegend Geschäfte machte, hatte ihm das Väterchen oft schon ein Bein gestellt. »Oder man könnte eine Waise ins Haus nehmen,« rief die Frau weiter. »Ja, das vielleicht. Bei den Diabilking zum Beispiel.« »Soll ich dir noch Tee einschenken? Warum hast du das Glas zugedeckt?« »Ich will nicht mehr.« Tichon Pawlowitsch schaute seiner Frau ins Gesicht, und sie kam ihm plötzlich so fett und so dumm vor. Warum in aller Welt lächelte sie denn fortwährend? »Und den Doktor müßte man doch holen lassen. Ja, soll ich?« »Scher dich fort mit dem Doktor zusammen,« sagte der Müller wütend und ging ins Nebenzimmer, wo er auf seinen Sohn stieß, der auf dem Fußboden schlief. Tichon Pawlowitsch blieb stehen und begann, aufmerksam das schwarze Lockenköpfchen zu betrachten, das sich tief in die Kissen eingewühlt hatte. Auf den braunen Backen des Kindes und auf der Stirne standen kleine Schweißtropfen. »Wie er schläft,« dachte Tichon Pawlowitsch, »und wie er dabei schnarcht. Was weißt du, was für ein Weg dir im Leben bereitet ist? ...« »Tichon Pawly-ytsch, Kuska ruft Euch!« Das war die Stimme der schiefmäuligen Marfutka. Ohne es zu wollen, hatte der Müller im vorigen Jahr ihre ganze Familie zugrunde gerichtet, und es fiel ihm jetzt ein, als er ihre Stimme hörte. Marfutkas Vater, Foma, war Arbeit suchen gegangen, irgendwohin, aber vorher war er noch einmal zum Müller gekommen und hatte sich vor der Veranda aufgepflanzt: »Also du gibst uns keinen Aufschub? So-o! Nun, auch gut. Also leb' wohl, Pawlytsch. Gott ist dein Richter. Man muß annehmen, unsere Tränen werden noch über dich kommen. Auch du, mein Freund, wirst einmal weinen. Leb wohl.« Und lange hatte Foma noch vor dem Hause gestanden, hatte sich bald den Rücken und bald die Seiten gekratzt und mit verzerrtem Gesicht immer dieselben Worte wiederholt: »Also du gibst uns keinen Aufschub? So-o!« Bis ihn der Müller davongejagt hatte. »Ja, allerhand Dinge gibt's,« dachte Tichon Pawlowitsch jetzt. »Und manches ist wirklich nicht nach Gottes Gebot. Aber man kann nicht anders, sonst schadet man seiner Reputation.« Aber diese Erwägungen beruhigten ihn nicht. Immer mehr Gedanken stiegen auf und bedrückten ihm die Brust, so schwer, so tief. »Ich fahr nach Jamki,« entschloß er sich plötzlich. »Marfa, sag Jegor, er soll das Pferd anspannen.« In der Tür der Graupenkammer stand Kuska, ganz weiß von Mehlstaub, und schaute pfeifend zum Himmel hinauf. Unter den leuchtenden Strahlen der Sonne verzogen sich gerade die letzten Überbleibsel der Gewitterwolke. In der Graupenkammer war alles in Bewegung und lärmte entsetzlich. Hinter der Mühle liefen eilig die silbernen Wasserwellen und zischten und brausten. Die Luft war von den schweren, ächzenden Tönen erfüllt und über allem lag der Staub wie ein dünner Nebel. »Tichon Pawlowitsch, der Riemen reißt gleich in Stücke,« sagte Kuska und spuckte aus. »Dann hol einen neuen bei meiner Frau,« sagte Tichon Pawlowitsch. »Na, wie geht's mit der Arbeit? ...« Er hatte noch nie so freundlich mit seinem Arbeiter gesprochen, und es fiel ihm selbst auf. »Es geht,« antwortete Kuska und beobachtete den Herrn halb mißtrauisch. »Nun gut, und du, heißt es, bist eine Blase.« »Nun ja, eine Blase, wenn Ihr wollt,« sagte Kuska unwillig und zuckte die Achseln. »Und ein leichtes Leben hast du ... ja ...« »Und wozu sollte man es sich schwermachen?« »Das ist richtig,« nickte der Müller und seufzte. Er konnte das, wonach er Kuska so gern fragen wollte, unmöglich in Worte fassen, und er fühlte, daß er sich viel in seiner Würde vergab, wenn er so schweigsam und mit gesenktem Kopf vor seinem Arbeiter stand. »Und wenn's zum ... Sterben kommt, ... was dann?« »Wenn's dazu kommt, dann legen wir uns hin und sterben,« antwortete Kuska und betrachtete seinen Herrn immer mißtrauischer. »So-o. Und die andern Menschen?« »Die andern? Wenn ihre Stunde kommt, werden auch sie sterben.« »Ja-a,« seufzte Tichon Pawlowitsch. »Das ist so. Alle sterben. Und das ist traurig für den Menschen ...« Kuska zupfte leicht seinen Schnurrbart, versenkte eine Hand in seine roten, dichten Haare, die andere in seine Hosentasche und trat von einem Fuß auf den andern. Plötzlich ging ein breites Lächeln über sein Gesicht: »Ihr solltet in die Stadt fahren, Herr, und Euch mal ordentlich austoben. Das wird Euch am besten helfen. Denn in Eurer Seele schaut's aus wie beim Schornsteinfeger unterm Gürtel. Nicht wahr?« Und Kuska berührte die Schulter seines Herrn mit der Hand und lachte. Diese Bewegung und sein Lachen frappierten den Müller. Er lächelte den Arbeiter blöde an und fühlte sich doch gleichzeitig verletzt. Es war beinah wie ein körperlicher Schmerz. »Ach du, Kuska ... Was sagst du? Nach Jamki werd ich fahren, zum Lehrer ... ich muß mit ihm sprechen.« »Fahrt zu. Duniaschka Dikowa wird Euch dort mit solchen Gesprächen kommen, daß Euch die Gedanken aus dem Kopf springen werden, wie die Wanzen aus dem Feuer,« murmelte Kuska dem Müller nach. Fünf Minuten später trabte der satte Braune Lukitsch gemächlich über den weichen, gekrümmten Weg, der von beiden Seiten dicht von Haselbüschen und Vogelbeeren eingefaßt war. Die schmiegsamen Zweige berührten Tichon Pawlowitsch' Kopf und guckten ihm ins Gesicht, und wenn ihm ein Blatt in den Mund kam, spuckte der Müller es aus und wandte den Kopf. Aber immerfort dachte er an sein zerrüttetes Leben. »Schlimm, alles ist schlimm,« murmelte er tiefseufzend. Warum alles schlimm war, wußte er nicht, aber er fühlte es. Alles war schlimm. »Auch ein Leben ... Man lebt wie alle Menschen und weiter nichts ... Und plötzlich überkommt einen ein solches Nachdenken und dreht alles um, von oberst zu unterst.« In sonderbarer, springender Reihenfolge zogen die Gedanken durch das schwerfällige Hirn des Mannes, und sie waren ihm alle so ungewohnt und fremd und neu. Ihm taten die früheren, ruhigen Tage leid, als alles noch hell und froh war. Nach dem Abendtee hatte er früher oft auf der Veranda gesessen mit Frau und Tochter und Sohn, und Mitjka hatte schreckliche Geschichten aus der »Reise um die Erde« vorlesen müssen. Ringsumher war alles dann so still gewesen und friedlich. Und die Seele war rein und ruhig, man hatte an nichts zu denken. Manchmal kam ein hübsches Bild in dem Buch vor! Bäume waren darauf gemalt mit riesigen Zweigen und daneben ein Fluß. Weit war das und groß und viel Raum gab's; aber nicht so einsam und langweilig wie unsere russischen Gegenden, sondern so verlockend sah das aus. Und die Familie begann dann zu überlegen: »Hier könnte man aber eine Mühle aufstellen.« Und wenn sie darüber geredet hatten, verfielen sie in so ein liebes, warmes Schweigen, weich wie ein Federbett. Kein Mensch wollte mehr den Mund öffnen. So gut war das gewesen ..., ohne Gedanken ... Jetzt zeigte sich Jamki. Die Getreidedarren und Kornkammern und kleinen Hütten kletterten an einer leicht ansteigenden Anhöhe empor, wie von Riesenhand zur Erde geschleudert, und es war, als bückten sie sich zitternd und verschüchtert und wagten es nicht, sich in einer geraden Linie aufzupflanzen. Über ihnen breitete sich ruhig, teilnahmslos der blaue Himmel. Und unter dieser blendenden Hülle sahen die grauschmutzigen, elenden kleinen Gebäude noch ärmlicher und jämmerlicher aus. »Ach du, mein Gott, das sind auch menschliche Wohnungen,« dachte Tichon Pawlowitsch, sich dem Dorfe nähernd. »Und in jedem von diesen Käfigen leben menschliche Seelen, wenn's auch ausschaut, wie für Mücken gebaut. Na, also. Lukitsch, beweg dich!« »Ich fahre zum Lehrer ... Und wozu? ... Um mit ihm zu sprechen ... Was soll denn das für ein Gespräch werden? Er wird mir Vorwürfe machen, wird sagen: Mensch, denk an deine Seele! und wird mir alles erklären. Und ich werde sagen: Nur weiter ... sprich, und scheue dich nicht ... Ich bereue ... Ich bin ein sündiger Mensch ... In der Zeitung hast du richtig geschrieben ... ich habe sie gerupft. Sie haben mich zwar auch gerupft, aber sie mich nur einmal und ich sie dreimal. Willst schreiben – schreibe! Nur zu. Aber erst erkläre mir das: Warum hab ich früher gelebt und war ganz ruhig, und schau, was jetzt aus mir geworden ist. Ist das eine Grenze, die dem Menschen gesetzt ist, oder sein eigner Unverstand? Ist's vom Schicksal beschert, oder denkt er sich das selber aus? ... Nu-u, Lukitsch!« Lukitsch wieherte, denn der Staub setzte sich ihm in die Nasenlöcher, schüttelte den Kopf und bewegte rüstig seine Beine. So brachte er seinen sündigen Herrn nach Jamki. Da war auch schon die Schule. Sie sah allerdings eher wie eine umgestülpte Fähre, als wie ein Tempel der Wissenschaft aus. An einem der drei Fenster saß der Lehrer und schnitzelte an einem Stock. Gleichgültig schaute er jetzt den Müller an, der vor dem Hause hielt. »Guten Tag, Alexander Iwanowitsch. Ich bin zu dir zu Besuch gekommen, nimmst mich auf?« »Seien sie willkommen!« antwortete der Lehrer und trat vom Fenster zurück. Der kalte Ton des Lehrers und sein ernstes, mageres Gesicht verwirrten Tichon Pawlowitsch, und sein Herz krampfte sich, unangenehm berührt, zusammen. Er machte sich lange beim Wagen zu schaffen und band die Zügel umständlich am Sitz fest, bevor er ins Haus trat. Als er an einem der Fenster vorüberging, sah er gerade den Lehrer ein Buch auf den Boden stellen, und er tat das mit einem beißenden Lächeln. »Nochmals guten Tag,« sagte der Müller, als er ins Zimmer trat, mit etwas gezwungener Heiterkeit, und streckte dem Lehrer die Hand entgegen. »Uff, ist das heiß !« Der Lehrer streckte ihm schweigend seine kalten, knochigen Finger entgegen, nickte sonderbar mit dem Kopf und sagte kurz: »Setzen Sie sich.« »Setzen wir uns,« willigte der Müller ein und setzte sich auf die Fensterbank, auf der vorher der Lehrer gesessen hatte, der jetzt hustend und die Hände auf dem Rücken, im Zimmer umherging, mit immer rascheren Schritten. Einen Moment lang herrschte drückendes Schweigen. Tichon Pawlowitsch saß auf der Fensterbank und rieb sich mit der linken Hand das Knie; mit den Fingern seiner Rechten glättete er seinen Bart. Er betrachtete aufmerksam die ärmliche Einrichtung des kleinen Stübchens, das zwei Türen aufwies; die eine führte in den Korridor, die andere in die große, scheuerartige Schule. Als Möbel standen in der Kammer nur ein Tisch, zwei Stühle, eine Schlafbank, ein Bord mit einigen Büchern und die Bank, auf der Tichon Pawlowitsch saß. Jetzt trat der Lehrer ans Bord und musterte die Bücher, als wollte er sich überzeugen, ob es auch dieselben Bücher seien, die vor der Ankunft des Gastes dagestanden hatten. Beiden war unbehaglich zumute, und sie fühlten das ganz deutlich, wodurch ihnen noch unbehaglicher wurde. Und noch immer schwiegen sie. Endlich trat der Lehrer vom Bord zu dem Gast. »Brauchen Sie was von mir?« fragte er und schaute den Müller scharf an. Seine Stirn war gerunzelt und die Brauen finster zusammengezogen. Er hätte husten müssen, hielt aber aus irgendeinem Grunde den Husten zurück und preßte die Lippen krampfhaft aufeinander, wodurch dunkelbraune Flecke in seinem Gesicht entstanden und seine magere, eingefallene Brust sich nervös emporhob. »Hm, hm,« brummte der Müller und wandte seine Augen vom Lehrer ab, während er unwillkürlich dachte: »Was für 'n Jammerlappen! Lange wirst du nicht mehr husten, Bruderherz.« Ihm fiel der »Nagel« ein, über den der wohlgestaltete Herr so eine lange Rede gehalten hatte. »Wie soll ich dir das erklären, Alexander Iwanowitsch?« Und während er sprach, mußte der Müller fortwährend denken: »An dessen Grab wird man nicht mal 'ne Rede halten. So im stillen, wird er eintrocknen. Die Bauern werden ihn in die Erde verscharren, und – fertig. Weiter nichts ... Und er schreibt doch auch ... Eine schwache Lunge muß er haben ... Er schreibt – und lebt im Dorf. Wie soll man da eine Unterhaltung beginnen?« »Trinken Sie vielleicht Tee?« fragte der Lehrer wieder. Jetzt brach der Husten doch los, mit furchtbarer Gewalt, und der Lehrer griff mit beiden Händen nach seiner Brust. Sein Gesicht wurde ganz grau; er krümmte und wand sich, und in seiner Brust schnarrte und pfiff und knarrte es, als wenn dort eine alte Wanduhr versteckt wäre, die jetzt zum Stundenschlagen ausholte. »Wir können auch Tee trinken,« entschied Tichon Pawlowitsch. »Aber wie du hustest, Alexander Iwanowitsch. Und woher kommt das, zur Sommerszeit ... ah ...?« »Ja, das ist mal so,« antwortete der Lehrer und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Aber in seiner Stimme klang etwas unendlich Trauriges. Der Müller fühlte, wie's ihn ganz kalt überschauerte bei diesen einfachen, nichtssagenden Worten. »Iwanowna, machen Sie den Samowar zurecht,« rief der Lehrer zum Fenster hinaus. Bald darauf klirrte etwas Eisernes im Korridor, und Tichon Pawlowitsch wußte wohl, daß es die Samowarröhre war, die so klirrte. Aber wie er das Gespräch mit dem Lehrer beginnen solle, wußte er nicht. Der schwieg auch und zog die Brauen zusammen und senkte die gerunzelte Stirn. Wieder dauerte das Schweigen lange und wieder ärgerte es sie beide. »Die Röhre ist umgefallen,« begann Tichon Pawlowitsch endlich. Der Lehrer stand auf und ging an die Türe: »Iwanowna, die Röhre ist umgefallen.« »Das weiß ich schon. Ich bin ja hier,« antwortete eine brummige Frauenstimme. Aber das Fallen der Röhre ermutigte diese beiden Menschen förmlich, die schon anfingen, beängstigend aufeinander zu wirken. »Nun ja, also,« begann der Lehrer und rieb seine linke Seite. »Sie wollen also mit mir reden? ...« »Ja ...« bestätigte der Müller, mit dem Kopfe nickend. »Gut ... Ich kann mir denken, um was es sich handelt.« »Nu ...« Tichon Pawlowitsch zog die Brauen in die Höhe und lächelte ungläubig. »Natürlich darum, daß ich in der Zeitung über Sie geschrieben habe,« fuhr der Lehrer fort und zog die Brauen noch mehr zusammen, wobei die Stirne sich noch mehr runzelte. »Ich Hab mir doch gedacht, daß du das geschrieben hast,« rief der Müller, »ach du! ...« Der Lehrer hatte einen solchen Ausruf offenbar nicht erwartet. Er riß die Augen weit auf und starrte seinem Gast ins Gesicht: »Haben Sie's gedacht?« »Ich hab's gedacht. Natürlich, dachte ich, das ist er, denn das können nur zwei ... Er und der Pope Aleksej ... Der ist auch böse auf mich.« »Das heißt? Was ist das eigentlich?« wunderte sich der Lehrer. »Bin ich denn auf Sie böse?« »Was denn sonst?« »Ja, aber warum denn?« »Das mußt du wissen. Du hast's geschrieben – und fertig. Und ich versteh's jetzt wie ich will ...« »Erlauben Sie. Ich habe das nicht infolge einer persönlichen Abneigung gegen Sie geschrieben, sondern aus einem Gefühl der Gerechtigkeit heraus.« Der Lehrer zitterte heftig und geriet immer mehr in Hitze; jetzt fügte er noch mit lauter Stimme hinzu: »Sie haben kein Recht, zu behaupten, ich hätte das geschrieben, weil ich böse bin auf Sie, jawohl!« »Red nur zu,« antwortete der Müller mit einer skeptischen Handbewegung. »Warum hast du's dann geschrieben?« »Darum, weil Sie mit den Kiriuschensker Bauern nicht ... nicht ehrlich vorgegangen sind.« »Sieh mal einer an. Nicht ehrlich. Und wie mein Damm verbessert werden mußte, sind deine Bauern da mit mir ehrlich vorgegangen? Aber über sie hast du nicht geschrieben, was, Alexander Iwanowitsch?« »Aber erlauben Sie.« Der Lehrer geriet immer mehr in Hitze. Sein Gesicht bedeckte sich mit Flecken und er begann sonderbar zu stottern. Offenbar wollte er viel sagen, wußte aber nicht, womit beginnen. Seine Ohren zitterten eigentümlich, die Augen glänzten und das magere, nervöse Gesicht veränderte sich von Minute zu Minute. Und der Müller schaute ihn an und wurde ebenfalls wütend. »Was ist da zu erlauben? Hast über mich geschrieben – dann schreib auch über sie. Bin ich mit ihnen gewissenlos vorgegangen, so weißt du, daß sie's mit mir nicht anders gemacht haben. Warst selbst dabei. Aber da schweigst du. Und du sagst, aus Gerechtigkeit! Ach du ...« »Nun, und was weiter?« fragte der Lehrer und krümmte sich noch mehr, und plötzlich begann er hastig, die Worte halbverschluckend und fortwährend hustend: »Sie begreifen nicht ... ich konnte nicht ... das heißt, ich ... Weiß der Teufel, wessen Sie mich verdächtigen ... Was für eine Feindschaft soll ich denn gegen Sie haben? .. Das heißt, nein ... diese Feindschaft ist vorhanden ... Sie wird immer da sein.« Jetzt schrie der Lehrer laut. »Na also, siehst du wohl? Du sagst, aus Gerechtigkeit. Was ist das für eine Gerechtigkeit, wenn du 'ne Wut hast gegen mich? Ach du! Lang leben kannst du nicht mehr und quälst die Leute. Meine Tochter hat mich beschämt mit deinem Geschreibsel. Die eigene Tochter, verstehst du? Warum? frag' ich dich.« »Erlauben Sie.« Die Stimme des Lehrers war jetzt gellend laut. »Was geht mich Ihre Tochter an? Ich sage nicht, daß ich Sie persönlich hasse ... Ich hasse Ihre ganze Gruppe, die Klasse ...« »Sprich mir nicht mit so klugen Worten. Ist nicht nötig. Ich versteh dich auch so gut.« »Nein, ich ... Sie beleidigen mich mit Ihren Verdächtigungen. Sie können mich mit Tatsachen widerlegen, wenn das möglich ist, mir beweisen, daß ich die Tatsachen falsch aufgefaßt habe, daß ich unrecht habe, aber sagen ...« »Ich kann dir alles sagen.« Der Müller schlug sich mit der Hand gegen die Brust und stand im Vollgefühl seines Wertes vom Stuhle auf ... »Ich bin wer ... Auf hundert Werst in der Runde kennt und achtet man mich, und du bist achtzehn Rubel monatlich wert ...« »Ich will nicht,« stampfte der Lehrer mit dem Fuß auf. Er erstickte förmlich vor Aufregung und neuen Hustenanfällen. Und während er hustete und sich stöhnend wand und nach Luft schnappte, stand Tichon Pawlowitsch mit Siegermiene vor ihm und fuhr laut und deutlich zu sprechen fort. Sein Gesicht war rot und erregt; er war von seinem Recht und seinem Edelsinn überzeugt, und er wollte auch den Lehrer davon überzeugen, denn er fühlte sich jetzt sehr großmütig und wollte verzeihen. »Ach, du gerechter Mensch, du. Bevor du andere Menschen überführst, überfuhr dich doch selbst. Was für 'nen Wert hast du denn danach? Ich bin zu dir gekommen wie zu einem klugen Menschen und wollte mit dir reden ... über die Seele wollte ich mit dir reden, was und wie, denn meine Seele ist mir in Aufruhr gekommen ... Und womit fängst du an? ... Hast du mich vielleicht verstanden? ... Hast geschrieben? Nun, und was, wenn du geschrieben hast? Wer hat's denn gelesen? Kein Mensch außer dem Popen ... Ich bin noch immer so wie ich war, bin ganz so geblieben wie ich war, n' ja ... Ich komme zu dir mit meiner Seele und nicht mit Feindschaft, und du redest nur von deinem Zeug und schreist mich noch an. Kannst du denn auf mich schreien? Achtzehn Rubel monatlich bekommt er, lebt allein wie 'n kleiner Finger, und der spricht von Gerechtigkeit! Ech! Leb wohl, Bruder. Ich nehme dir deine Frechheit nicht übel, aber du tust mir leid, du tust mir sehr leid ... Leb wohl. Du hast ein schlechtes Leben und wir müssen alle sterben ... das darf man nicht vergessen ... ja.« Am Schlüsse seiner Rede wurde Tichon Pawlowitsch sehr traurig und ihm kamen beinahe die Tränen. Den Lehrer schüttelte ein entsetzlicher Hustenanfall, er saß gebückt auf seinem Stuhle und zitterte am ganzen Leibe; den Kopf ließ er tief herunterhängen, die eine Hand hatte er an die schmerzende Lunge gedrückt, mit der andern fuchtelte er aufgeregt, krampfhaft in der Luft herum, wahrscheinlich in dem ohnmächtigen Wunsche, den Müller zu unterbrechen. Er tat dem Müller schrecklich leid, und gleichzeitig wollte er für sein Leben gern etwas Gefühlvolles sagen, so etwas, was des Lehrers Herz beklemmt hätte, mit demselben Gefühl, von dem seines, des Müllers Herz schon voll war. Aber nichts Derartiges kam heraus. Er fand solche Worte nicht, wenn auch seine Stimme zitterte und sich in niedrigen, fast weinenden Tönen verlor. Der Müller war sich bewußt, daß alles, was zwischen ihm und dem Lehrer vorgefallen war, sehr beleidigend war, für ihn und für den Lehrer, und er wollte diese schwere Szene so rasch als möglich abbrechen. »Leb wohl ... Denk nicht im Bösen an mich ... Du kommst vor Gottes Gericht ...« Er winkte noch einmal mit der Hand, drückte seine Mütze tief in die Stirne und ging hinaus. »Nein, erlauben Sie,« hörte er die heisere, erregte Stimme des Lehrers hinter sich. »Auch gut,« brummte der Müller in sich hinein und machte die Zügel los. »Kommen Sie zurück ... Wir müssen ...« Der Lehrer erschien wieder am Fenster. Er beugte sich halb auf die Straße hinaus, wobei er sich mit der einen Hand an den Pfosten klammerte und mit der andern heftig gestikulierte. »Niemand muß was ... Wir sind alle Menschen ...« brummte Tichon Pawlowitsch wieder und setzte den einen Fuß in den Wagen. »Kommen Sie zurück,« schrie der Lehrer. Er schrie sehr sonderbar. Tichon Pawlowitsch drehte sich um und schaute ihn an. Sein Gesicht war schrecklich, die Augen trübe; die Stirne stand in Schweiß und der Hals war krampfhaft zusammengezogen. Dem Müller ging es durch und durch. »E ... ich komme ein andermal. Ganz egal.« Noch einmal winkte er mit der Hand und versetzte Lukitsch einen mächtigen Hieb, der den Wagen sofort im Galopp fortriß. Der Lehrer schrie ihm noch etwas nach. »Fahr zu,« schrie Tichon Pawlowitsch und schlug das Pferd noch einmal; er knirschte sogar mit den Zähnen, als wollte er das bittere Gefühl, das in ihm aufstieg, ersticken. Als er das Dorf hinter sich hatte, wurde er allmählich ruhiger. Lukitsch lief noch immer eilig über den staubigen Weg, der sich jetzt zwischen den goldigen Flächen reifenden Kornes schlängelte. Vor ihnen am Horizont ballte sich langsam eine Gewitterwolke zusammen. Dunkle, schwarzblaue Wolkenfetzen stauten sich zu einer großen schwarzen Masse, die langsam dem Müller entgegenzog und einen tiefen Schatten auf die Erde warf. Und auch auf die Seele legten sich ihm wieder Schatten. Und die Wolke senkte sich immer tiefer, als wollte sie ihm den Weg verstellen. Der Müller zog die Zügel an und lenkte das Pferd unwillkürlich nach links, auf eine breitere und ausgefahrenere Straße. Jetzt blieb die Wolke rechts und vor ihm in den gelben Getreidewogen tauchte wie eine kleine, dunkle Insel der Wald auf. Durch die hügelige Ebene, die noch grell von der Sonne beschienen war, zogen sich hier und da, wie breite, schwarze Bänder, schon aufgepflügte Äcker; traurig stachen sie von den gelben, reichen Feldern ab. Dem Müller war, als stiege aus diesen traurigen Äckern etwas auf, was ihm verwandt war. Der Wind bewegte die Ähren und sie neigten sich flüsternd auf und nieder, als wollten sie mit dem blauen Himmel sprechen. Lukitsch lief und die schwarze Waldinsel rückte ihnen näher und näher; allmählich wurde sie grün und hob sich deutlicher und reliefartiger von dem grellen Gelb der Felder und dem verschwommenen Blau des Himmels ab. »Aber ich fahre ja zur Eisenbahnstation,« dachte der Müller, als hinter einem Hügel eine Reihe Telegraphenstangen auftauchte und die braune Hütte des Bahnwächters, die in einem Erdhaufen, der um sie aufgeworfen war, fast verschwand. »Und warum sollte ich nicht in die Stadt fahren?« dachte der Müller. »Das Pferd schick ich mit irgend jemand von der Station nach Hause ... N' ja. Beim Lehrer bin ich gewesen und hab mit ihm gesprochen. Ehe, che, 'n Lehrer. Kannst ja lehren, meinetwegen, aber lern du selber auch was, versteh, was um dich vorgeht, was und wie. Was für ein Teufel hätte mich denn zu dir gebracht, wenn meine Seele mich nicht gedrängt hätte! Und du, Lehrer, müßtest immer auf so einem Punkt stehen, daß der Mensch dich erreichen kann, ohne sich zu verstümmeln. Und so ... was so? Mit seiner Strenge ist der höher hinaufgeklettert als 'ne Ofenröhre und predigt von dort ... fertig. Nun, und versteh dich selbst, Bruder, wenn du kannst, ich kann's nicht ... Auch so 'n Wohltäter, so ein hundertpfündiger ... Und was, wenn ich reden will und ich hab keine Worte?« Je länger er nachdachte, je klarer wurde ihm, daß der Lehrer an allem schuld war. Wie war denn die Sache gewesen? Er, Tichon Pawlowitsch, hatte ja mit Fleiß das Gespräch über die Zeitungsnotiz aufgenommen, um den harten Lehrer zu beschämen und zu erweichen und um ihm zu zeigen, wie sehr er, der Müller, von Schuldgefühl durchdrungen sei und wie schwer es ihm auf der Seele liege. Und wäre der Lehrer ein weicherer Mensch, so hätte er ihm seine Gedanken auseinandersetzen können. Aber es war so herausgekommen, daß der Lehrer bis zu den Wolken hinaufgestiegen war ... Als der Müller sich überzeugt hatte, daß sich alles wirklich so und nicht anders zugetragen hatte, fühlte er sich sehr gekränkt und beleidigt. »Ach, Menschen! Ihr könnt euch um einen anderen nicht kümmern, wenn ihr ihn nicht braucht und ihr euch nicht vor ihm fürchtet. Ist das gut!? Und noch gar Lehrer, gelehrte Menschen. Man sieht schon, eure eigene Strenge ist euch mehr wert als eine fremde Seele ...« Und als er fühlte, wie frei und rasch sich jetzt plötzlich die Gedanken in seinem Kopfe formten, rief Tichon Pawlowitsch laut: »Jetzt sollten wir miteinander kämpfen, Lehrer; wer weiß, wer jetzt siegen würde.« Lukitsch lief wacker auf die Station zu, die jetzt ganz hinter dem Hügel hervorkam, und ihm entgegen kam, pfeifend und schwere Rauchmassen ausstoßend, der Zug und erfüllte die Luft umher mit dumpfem Geräusch. Dem Geräusch, das der Eisenbahnzug machte, antwortete wie ein Echo der Donner. Die Gewitterwolke kam immer näher und bedeckte schon fast zwei Drittel des Himmels ... Einige Minuten später saß Tichon Pawlowitsch schon im Waggon und ließ sich durch die Steppe tragen. Mit den Augen verfolgte er die langen, gelben Kornfelder und die aufgepflügten schwarzen Ackerstreifen. Den schwarzen Himmel durchzuckten unaufhörlich Blitze und der Donner rollte über dem rasch dahineilenden Zug. Das Klirren der eisernen Ketten und das Knirschen der Räder auf den Schienen ging in dem Getöse des Gewitters unter und die grellen Lichter der Blitze blendeten die Augen. »Wohin fahre ich?« dachte Tichon Pawlowitsch und drückte sich schüchtern in eine Ecke. Dort draußen zitterte und wankte alles und bewegte sich, als ginge eine gigantische Zerstörungsarbeit vor sich ... »Was hab ich in der Stadt zu tun?« fragte der Müller sich traurig. Es schüttelte und rüttelte ihn durch und durch. Der Blitz zwang ihn, die Augen zu schließen, und wenn der Donner kam, zitterte er und machte das Zeichen des Kreuzes. Endlich schlief er ein, kläglich in seine Ecke gedrückt. II. »Wohin soll ich gehen? Zu wem?« fragte sich Tichon Pawlowitsch, als er den Bahnhof verlassen und bereits planlos durch eine Reihe von Straßen gegangen war. Er verspürte gar keine Lust, irgend jemand von seinen Bekannten aufzusuchen, ja, und überhaupt, er hatte zu gar nichts Lust. Unterwegs hatte er geschlafen; einmal in der Stadt angekommen, war er in ein Gasthaus gegangen, hatte dort eine warme Brühe gegessen und Tee getrunken und dann in den Regen hinausgeschaut. Es regnete stark und lange – fast drei Stunden lang, und all die drei Stunden hatte der Müller am Fenster gesessen, wie erstarrt in seinen Gedanken. Dann hatte er sich entschlossen, wieder nach Hause zu fahren, und war an den Bahnhof gegangen, aber der Zug war schon fort. Er blieb am Bahnhof sitzen und schaute zu, wie die Waggons und Lokomotiven hin und her bugsiert wurden und wie die Kondukteure der Lastzüge, die Weichensteller, die Heizer und andere Bahnarbeiter, lauter bräunliche, nach Fett und Kohle riechende Gesellen, eilig hantierten, schrien, umherliefen und gestikulierten. Züge kamen und gingen, und dies wirre, eilige Treiben kam Tichon Pawlowitsch entsetzlich unnütz und unüberlegt vor. Wozu in aller Welt arbeitet man so viel und so hastig, wozu schleppt man so viel Waren von einer Stadt in die andere und wieder zurück, wenn doch alle Menschen sterben müssen –wenn einmal ihre Stunde kommt. Und sie kommt vielleicht schon morgen ... Man sollte mehr um seine Ruhe besorgt sein ... Und wieder stieg in ihm der Wunsch nach Ruhe auf, nach so einer tiefen, schlafähnlichen Ruhe, ohne Gedanken und ohne Sorgen. Und dieser Wunsch zog ihn vom Bahnhof fort. Er ging wieder in die Stadt und schritt jetzt kalt und gleichgültig durch die Straßen. Ihn bewegte jetzt nur noch das, was sich so dumpf in seiner Seele rührte und ihn am Leben hinderte. Auf der Straße war es still und dunkel. Die Laternen waren noch nicht angezündet, und doch ging schon der Mond auf. Über den Himmel segelten eilig die letzten fetzenartigen Überbleibsel der Gewitterwolken, und an den Häusermauern und über das Pflaster krochen dichte Schatten. Die Luft war feucht und schwül; es roch nach frischem Grün und fauliger Erde, und dazu kam noch ein eigentümlich schwerer Geruch, so etwas spezifisch Städtisches. Im Stadtgarten spielte der Wind leicht in den Zweigen, und dadurch entstand ein leises, flüsterndes Geräusch. Und dies leise Flüstern und die Schatten der Gewitterwolken gaben dem ganzen Bilde etwas Trauriges, Müdes. Die Straße war eng, leer, wie erdrückt von dieser nachdenklichen Stille. Irgendwo in der Ferne rollte ein Wagen, und das Rollen der Räder klang in der Stille herausfordernd frech, es tat beinahe weh. Der Müller ging langsam, mit auf dem Rücken gekreuzten Händen die Straße hinauf. Unaufhörlich beschäftigte er sich mit seinen schweren, nebelhaften Halbgedanken und Halbgefühlen, die ihm das Herz bedrückten und die Seele. Und plötzlich brach in die Stille ein Gewirr von Tönen ein. Es waren die Klänge von Blasinstrumenten; sie klammerten sich förmlich ineinander und stiegen in einem wirbelnden lauten und doch harmonischen Walzer auf. Nur die eine Note war schwer und wie abgehackt – »uff, uff,« klang es. Sie fand keinen Zusammenhang mit den andern und stieg immer höher als die übrigen ... Es war, als wollte sich etwas Großes, Schweres in ungeschickten Sprüngen befreien ... aber es ging nicht. »Hineingehen? Soll ich?« fragte sich der Müller und blieb vor einem offenen Tor mit zwei hellbrennenden Laternen stehen. Hinter dem Tor zog sich schnurgerade eine Akazienallee. Und während er noch überlegte, ob er hineingehen solle oder nicht, schritt der Müller schon durch die Akazienallee und musterte die Laternen, die an einem Seil längs der Bäume hingen. Die Laternen schaukelten im Winde und warfen scheckige Flecke auf den bräunlichen Weg. Die Allee machte plötzlich eine scharfe Schwenkung nach rechts, und Tichon Pawlowitsch erblickte eine Estrade, auf der die Militärmusik spielte; vor der Estrade standen kleine Bänke und auf ihnen sah er dunkle Gestalten. Aber er wollte nicht hingehen und setzte sich auf eine der Bänke, die zu beiden Seiten der Allee standen. Die Bäume rauschten und über ihnen zogen immer rascher die Wolkenfetzen ... Eine Frau kam an Tichon Pawlowitsch vorüber ... Er schaute ihr gleichgültig nach; da drehte sie sich um und ging wieder an ihm vorbei. Er schickte ihr in Gedanken ein Schimpfwort nach – aber sie machte plötzlich wieder kehrt und setzte sich direkt neben ihn und schaute ihm ins Gesicht. Dunkle, forschende Augen blitzten vor ihm auf; dann sah er aufgeworfene, rote Lippen und eine gerade, schöne Nase. Angeekelt, wie es einem gesetzten Manne geziemt, zog er sich zurück, und ihm wurde noch öder zumute. »Langweilst dich, Kaufmann?« fragte seine Nachbarin. »Ja-a!« antwortete er in langgezogenem Ton und fügte ärgerlich hinzu: »Geh zum Teufel und stell nicht hier umsonst deine Netze auf ... Bin kein solcher.« Sie lachte auf. Und sie hatte ein tiefes, angenehmes Lachen. »Wie böse! ... Hab keine Angst, geschieht dir nichts. Ich langweil mich auch und deswegen hab ich gefragt ...« Er antwortete nicht und hoffte, sie werde bald gehen. Aber sie ging nicht. Sie gähnte nur ein paarmal leise und blieb ruhig neben ihm auf der Bank sitzen. Er schielte ein wenig zu ihr hinüber und sah, daß sie noch sehr jung und schön war. Lange schwiegen sie beide. Die Musik machte eine Pause und fing dann wieder zu spielen an, aber es klang diesmal weniger laut. »Was fängst du denn hier Maulaffen, wenn du dich langweilst?« fragte der Müller plötzlich seine Nachbarin. »Und warum sitzest du denn hier?« fragte sie kurz zurück, ohne ihn anzuschauen. »Ich bin ein Fremder ... Wohin soll ich gehen? ...« »Geh ins Hotel, wo du abgestiegen bist, oder sonst in eine Schenke.« »Ach was,« antwortete Tichon Pawlowitsch und fügte nach einer Weile hinzu: »Allein langweile ich mich dort ...« »Such dir Gesellschaft ...« »Soll ich sie vielleicht auf der Straße zusammenlesen?« »Im Wirtshaus findet sich immer was.« »Hm, das ist schon richtig ...« »Und wirklich, warum sollte ich nicht in eine Schenke gehen?« dachte Tichon Pawlowitsch ... »Und die da ... dies Weibsbild mitnehmen ... Vielleicht zerstreut mich das ...« Und plötzlich war sein Entschluß gefaßt. »Kommst du mit, wenn ich in eine Schenke geh'?« Sie antwortete nicht sofort, und sagte dann zögernd: »Meinetwegen ... Aber mich wird hier ein Mensch suchen.« »Was für 'n Mensch denn wieder?« fragte er ungläubig. »Nein, wirklich ... ein Handwerker.« »Was brauchst ihn? ... Spuck auf ihn und komm!« Der Gedanke an einen lustigen Abend kam ihm immer verlockender vor. »Na ja, ich geh schon ... Er wird uns vielleicht entgegenkommen.« »Ist gar nicht nötig,« brummte der Müller und stand auf, »also vorwärts!« Sie stand auf und ging neben ihm her. Groß und schlank war sie und trug ein weißes Kopftuch, und er war ein dicker Mann und seine Poddewka ging ihm weit über die Knie. »Nein, wenn wir ihm begegnen würden, wär's gut,« sagte sie und fügte erklärend hinzu: »Er hat keine Hände.« »Wieso?« »Die Maschine hat ihm die Hände fortgerissen.« »Wozu brauchst du ihn dann?« wunderte sich Tichon Pawlowitsch. »Er singt aber schön.« »Nu?« »Wir wollten heut zusammen in den Wald am Fluß gehen.« »So? ...« lächelte der Müller. »Nun, und was jetzt?« »Nichts,« antwortete sie kurz. Sie traten aus dem Garten; der Müller fragte sie nach einer Schenke und rief dann eine Droschke herbei. Der Wagen stolperte und polterte über das unregelmäßige Pflaster zwischen zwei Häuserreihen. Es war noch nicht spät. Aus den Fenstern drang Lampenschimmer und Stimmengeräusch auf die Straße. Sie kamen an einem kleinen weißen Hause vorbei, und der Müller hörte das dröhnende Lachen einer tiefen Baßstimme, dem das leise, hübsche Kichern einer Frau antwortete. »Die Menschen lieben alle ... und machen sich keine Sorgen und denken nicht nach,« dachte er, und wieder stieg so ein bitteres Gefühl in ihm auf. Und es war auch Mitleid mit sich selber dabei. »Du sagst, er hat keine Hände?« fragte er nach einer Pause das Weib. Sie hatte sich fest an ihn geschmiegt; mit der einen Hand hielt sie sich am Wagen fest und mit der anderen umklammerte sie sein Knie. »Wer? Mischa? Ja ...,« antwortete sie. »So. Und was ist er dir, ein lieber Freund oder was?« »Nu-u. So was. Er ist schon alt und krank. Er ist ein alter Bekannter von mir, hat mich auf den Händen rumgeschleppt, als ich klein war.« »Sieh mal einer an. Und was ist dein Vater?« »Er war ein Maler.« »Er ist tot?« »An der Cholera ist er gestorben ... Wir sind bald da.« »So ... Und vorher, womit hast du dich da beschäftigt?« fragte der Müller neugierig. Ihm wurde wohler, wenn er sprach. »'ne Schneiderin war ich,« antwortete sie. »Sieh mal an!« Einige Minuten später saßen sie in einer Ecke des großen Wirtshaussaales. Die Schenke war schmutzig und eng und es stank. In der Mitte lärmte eine Gesellschaft betrunkener Fuhrleute um einen Tisch; an einem Fenster, auf dem blühender Geranium und Fuchsien standen, tranken zwei verdächtige Individuen Tee. Der eine war kahlköpfig, hatte eine Habichtnase und hustete fortwährend. Der andere sah wie ein Soldat aus und hatte einen schwarzen Schnurrbart. Er pfiff melancholisch durch die Zähne und schaute in sein Glas. In der Ecke hinter dem Kachelofen hockte ein alter Mann mit weißen Haaren; er hatte ein müdes, frommes Gesicht und zwinkerte süßlich mit seinen kleinen Augen. Und dann waren noch ein paar Menschen da – sie saßen sonderbar verstreut in dem großen, rauchgeschwärzten Zimmer, und keiner scherte sich viel um den andern. Der Müller und seine Freundin setzten sich in eine dunkle Ecke an der Türe, in einen kleinen abgegrenzten Raum, von dem aus sie das ganze Zimmer gut übersehen konnten. Die Schenke war durch fünf Hängelampen beleuchtet. Ihr Tisch stand am offenen Fenster und von der Straße wehte ein warmer Wind hinein. Er brachte auch verschiedene sonderbare Gerüche mit. »Wie heißest du, Schöne?« »Anna.« »Na also, Anuschka, trinken wir eins zur Bekanntschaft.« Vor ihnen stand eine Flasche Branntwein; er schenkte zwei Gläschen ein und sie stießen an. Anuschka nahm das Kopftuch ab und wurde noch schöner. Ihr Haar war dicht, kastanienfarbig und wellig; längliche braune Augen hatte sie, und tief drinnen in ihnen steckte so ein lebhafter, flackernder Funke. Sie kniff sie zusammen und öffnete sie dann wieder weit, während sie mit der weißen vollen Hand die Falten glättete, die ihre Perkaljacke auf der Brust warf. »Kannst auch 'nen Russischen tanzen?« fragte der Müller und betrachtete sie aufmerksam. Er dachte, daß sie gut aussehen müsse beim Tanzen, namentlich dann, wenn sie ihrem Partner halb den Rücken zuwandte und dabei so mit den Augen lockte. »Ich tanze,« antwortete sie und schenkte sich von neuem ein. »Und trinkst auch?« lachte Tichon Pawlowitsch. »Bei unserem Geschäft muß man trinken,« antwortete sie ruhig, »es geht nicht anders.« »Ist das denn so schwer?« fragte der Müller, ohne ein gewisses Mißtrauen zu verbergen, mit ironischem Lächeln. Sie antwortete nicht sofort. Erst zuckte sie nur mit den Schultern und glättete ihr Haar. Dann brach sie ein kleines Stück Schwarzbrot ab, roch daran mit der Miene einer Gewohnheitstrinkerin, legte es schließlich in den Mund und begann dann langsam kauend: »Hei, wenn man euch zwingen wollte, jedes Weibsbild zu küssen, die's von euch verlangen wollte, 's würde euch auch übel werden, wenn ihr auch Männer seid. Und unsereins muß – denn es ist unser Brot. Und hübsche gibt's wenig unter euch, die meisten schauen aus, daß einen ekelt ... Und dann ist's auch eine Sünde. Wir sind nicht gefühllos ... Wenn wir an Gott denken, schämen wir uns. Manchmal, so im Katzenjammer, drückt's einen so, daß man am liebsten den Kopf in eine Schlinge stecken möchte ... Na, dann nimmt man gleich ein halbes Maß und spült das 'runter ... Dann kommt man wieder 'rein ... Ohne Branntwein geht's nicht ... so 'n Leben.« Schon als sie zu sprechen begann, fühlte Tichon Pawlowitsch, wie der Funke in ihren Augen ihn am Herzen packte und kniff. Und die Augen wühlten so sonderbar in seinem Gesicht, wie um sich seine Züge einzuprägen. Und als sie dann von denen begann, die sie anekelten, und eine Pause machte, fühlte er, daß etwas Beleidigendes darin für ihn lag. Und zuletzt sprach sie gar von Gott. Dazu hatte er sie wahrhaftig nicht eingeladen. Eine dumpfe Wut gegen dies Weibsbild stieg in ihm auf, und er antwortete streng und hart: »Wem was beschieden ist, der hat auch sein Kreuz zu tragen ... N' ja. Und ich bin mit dir hergekommen, um mich zu amüsieren und nicht um Fastenpredigten zu hören. So 'n Gespräch ist gar nicht am Platze bei unserem Geschäft. Ich wünsche mich zu erheitern und mit Lärm ... verstehst? Hundert Silberrubel schmeiß ich auf den Tisch, aber meine Seele soll Ruhe haben. Sturm soll sein. Kannst du mir bei diesem Geschäft helfen, so sollst du einen Papierzehner bekommen. Aber so soll's sein.« Seine Augen flackerten plötzlich in wildem Feuer auf und er fuhr sich mit der Hand über die Kehle, dann schüttelte er den Kopf und zwinkerte. Sie verstand ihn, und ihr ganzes Wesen war im Moment verändert. Bis jetzt war er ihr wie ein Waschlappen vorgekommen, wie ein solider Familienvater, der auch die Sünde nur bis zu einer gewissen Grenze treiben wollte, aber jetzt begriff sie, daß die Sache sich noch ganz anders gestalten konnte. Ihre Augen blitzten, als sie jetzt rasch vom Stuhl aufsprang und das Kopftuch überwarf. »Das hätten Sie gleich sagen sollen,« rief sie lebhaft, »aber Sie mahlen mit Ihrer Zunge, kein Mensch begreift was und warum. Warten Sie, ich komme gleich wieder. Ein Harmonikaspieler wird gleich hier sein; wir werden Lieder singen und tanzen. Und gehen Sie inzwischen dahin« – sie wies mit dem Finger ins Nebenzimmer – »und bestellen Sie Tee und Branntwein und was dazu. Na, ich gieß auch noch eins 'runter.« Sie stürzte rasch noch ein Glas herunter, lächelte und verschwand. Tichon Pawlowitsch rief nach dem Kellner, richtete ihm alles aus, was sie aufgetragen hatte, und ging in den Nebenraum. Es war eine Art Korridor, sonderbar eng und rauchig. Die drei Fenster gingen auf die Straße hinaus; an der einen Zwischenwand hing ein Bild, das eine Jagd darstellte, an der anderen – eine nackte Frau. Tichon Pawlowitsch betrachtete aufmerksam beide Bilder und setzte, sich dann an einen runden, kleinen Tisch, der vor einem breiten Lederdiwan stand, über dem wieder ein Bild hing. Aber man konnte nicht recht unterscheiden, was es darstellte; es konnte eine gemähte Wiese sein, aber ebensogut das Meer bei stillem Wetter. In der Mitte des Bildes war ein großer brauner Fleck; das konnte eine Hütte sein, aber auch ein Schiff, nach Belieben. Zu beiden Seiten des Bildes brannten zwei Lampen. Im großen Zimmer lärmte das Publikum; es kamen immer mehr Leute; die Gläser klirrten und die Stöpsel flogen krachend aus den Flaschenhälsen. »Wollen 'mal versuchen, uns aufzurappeln,« dachte Tichon Pawlowitsch und schenkte sich von neuem Branntwein ein. »Und nach der Rappelei werden wir wieder leben. Vielleicht geht's dann wieder. Hab mich genug mit mir rumgequält. Wenn ich verstehen könnte, was und wie – das wär' was anderes. Aber verstehen kann ich's nicht. Es drückt mich und ich weiß nicht, was mich drückt. Es saugt an mir – und fertig ... Also sagen wir, ein Mensch stirbt – was ist denn dabei? Ist doch sehr einfach, er hat gelebt und darum ist er auch gestorben. Ich werde auch sterben ... Seine Seele soll man nicht vergessen – das ist schon richtig. Aber was will sie? Wenn ich das verstehen könnte!« Ihm fiel Kuska ein. »Der weiß sich zu helfen und gibt sich freie Bahn. Lebt und will von nichts wissen ... und Gedanken quälen ihn nicht. Und er hat doch auch eine Seele, wenn man sich's recht überlegt. Und der Lehrer hat eine Seele. Und doch, alle Menschen sind verschieden. Und diese da – dies Frauenzimmerchen sagt auch – es ist eine Schande zu leben. Und warum eine Schande, wenn's das Schicksal so will? Ohne Gottes Wille fällt kein Haar von deinem Kopf ...« Und wieder fiel ihm etwas Unklares, Fernes ein, was ihm wieder Kopf und Herz wie mit einem feuchten, schweren Nebel bedeckte. Er seufzte schwer, leerte sein Glas von neuem und lehnte sich gegen das Sofa. Und wieder lauschte er auf seine Gedanken. Ganz deutlich sah er plötzlich die große Trompete der Militärkapelle vorhin im Garten. »Uf, Uf,« brüllte sie und schien aus dem Kreise der anderen Töne fliehen zu wollen. Und dann fiel ihm plötzlich das Wagengerassel ein, das so roh die Stille des Abends unterbrochen hatte. »Kann man sich denn selbst verstehen, wenn der Mensch wie 'ne Mühle ist? Den ganzen Tag schüttet man alles Mögliche auf seinen Verstand auf!« Tichon Pawlowitsch war förmlich aufgebracht, aber er wußte nicht recht gegen wen. »Die haben's gut, die verstehen können. Aber wir, was sollen wir denn tun? Wir sind kleine Leute, unwissend. Die Seele ... ich verstehe. Aber wo ist mein richtiger Weg ... wo soll ich den finden? Da sitzt der Nagel.« Aber tief in seinem Innern quälte ihn noch etwas, so etwas Scharfes, Ätzendes, und es stach wie mit Nadeln. Und ihm war, als hatte er sich in zwei geteilt: die eine Hälfte wollte die andere irgendwohin stoßen; er mußte sich selbst vorsichtig aus dem Wege gehen, sowie er oft verschiedenen Bauern aus dem Wege gehen mußte, mit denen er Abmachungen getroffen hatte. »Streit ich denn mit ihm?« bewies er sich selber und runzelte die Stirn. »Ich habe gesündigt und mein Herz ist versteinert – ich verstehe ... Aber was soll ich denn jetzt tun? Wenn die Fastenzeit kommt – werde ich Buße tun, und bis dahin muß ich's halt tragen – so oder so.« Und doch begriff er zuletzt klar, daß er unmöglich lange hier allein bleiben könnte, sonst mußte der Gram ihn wieder packen. Und er fürchtete sich davor. Dort drüben im Garten und auf dem Wege hierher hatte er ihn nicht mehr gespürt, aber jetzt stand er wieder deutlich vor ihm; er wuchs und umklammerte ihn fester und fester. Der Müller fühlte sich wieder unbehaglich, fast verlegen. Er stürzte noch ein Glas Branntwein hinunter und ging dann in das große Zimmer hinüber, wo er schon vorher gesessen hatte. »Und wohin hat sich diese Teufelspuppe denn versteckt?« dachte er empört. Man betrachtete ihn draußen mit neugierigen Blicken und der Mann mit dem Soldatengesicht beobachtete ihn mit einem Paar Augen, die nichts Gutes zu prophezeien schienen. Der Müller machte kehrt und fuhr zurück. Vor ihm stand ein großer Mann in einem roten Hemde, dessen Ärmel baumelnd von den Schultern herabfielen. Sie waren leer. Ein keilförmiger, blonder Bart verlängerte noch das blasse, vertrunkene Gesicht mit den fieberhaft glänzenden grauen Augen. Der Hals war sehr lang, mit stark vortretendem Adamsapfel, was der ganzen Gestalt etwas Kranichartiges gab. An den Füßen trug er Filzstiefel und Plüschhosen, die an den Knien stark abgerieben waren. Er war sicherlich schon gegen fünfzig Jahre alt; aber die glänzenden Augen ließen ihn jünger erscheinen. Er maß Tichon Pawlowitsch mit einem durchdringenden Blick und ging dann an ihm vorüber in das lange Zimmer. »Also Sie sind der Kaufmann?« sagte er, als er sah, daß der Müller ihm folgte. »Ich ...« »Schenken Sie mir ein Gläschen ein.« »Mit Vergnügen.« »Und reichen Sie's mir.« Der Müller schenkte ein Gläschen Branntwein ein und führte es an die Lippen des Krüppels. Der zog erst unter sonderbarem Pfeifen die Luft ein und schlürfte dann den Schnaps, bis auf den letzten Tropfen. »Nimmst du was dazu?« »Nach dem ersten Glase noch nicht.« »Soll ich noch einschenken?« »Danke untertänigst.« Der Krüppel sprach mit hoher, metallartiger Stimme, und nach den ersten zwei Gläsern glänzten seine Augen noch mehr und auf den Wangen traten zwei grelle Flecke hervor. Tichon Pawlowitsch reichte ihm ein Stück Brot mit gesalzenem Fisch. Der Krüppel griff mit den Lippen danach, setzte sich auf den Diwan und legte das Brot auf den Rand des Tisches. Er aß, indem er tief den Hals bückte. Wenn er ein Stück abbiß, mußte er die Unterlippe weit vorschieben, um auf diese Weise das Brot am Hinunterfallen zu hindern. Tichon Pawlowitsch schaute ihm zu, und dieser verstümmelte Mensch tat ihm leid. »Wie ist denn das gekommen mit den Händen?« fragte er mitleidig. »Sehr einfach. Ich war mal betrunken und kam unter den Treibriemen – eins, zwei, drei – drei Monate Spital, und dann war der Bettler fertig.« Der Krüppel sprach hastig und maß den Müller mit scharfen, stechenden Augen. »Weh tat's wohl sehr, was?« rief der Müller und schnalzte mit den Lippen. »Ja ... aber das ist vorüber. Und was vorüber ist, das ist eben nicht mehr da. Schlimm ist nur das, was da ist, und auf alles andere kann man spucken.« »Das heißt?« fragte Tichon Pawlowitsch unsicher. »Sehr einfach. Ohne Hände kann man nicht leben. Sogar Almosen kann man nicht annehmen – und das ist schon eine Gemeinheit. Wenn man den Mund vorstreckt, können sie einem die Zähne ausschlagen.« »Das ist richtig.« Tichon Pawlowitsch lachte. Der Krüppel hatte was Lebhaftes, Keckes an sich, und seine Augen glänzten so klug. Und Tichon Pawlowitsch dachte im stillen, daß er gewiß ein lustiger, guter Bursch sei, wenn ihm auch die Arme fehlten. »Nichts ist wahrer,« nickte der Krüppel und hustete laut. »Und wo bleibt Anuschka?« fragte der Müller. »Wo haben Sie sie ... abgefangen?« fragte der Krüppel. »Hab sie im Stadtgarten ... getroffen.« Der Müller erachtete es als notwendig, seiner Stimme einen merkwürdig langen Klang zu geben. »Ah! ...« »Was denn? ...« »So ...« »Ein schönes Mädchen ...« sagte Tichon Pawlowitsch. Er fühlte dunkel, daß das feindliche Gefühl seines Zechkumpans gegen ihn immer mehr wuchs. »Die ist auch ein Krüppel,« warf der andere ein. »Wieso denn?« »Sie hat keine Seele. Mir hat die Maschine die Arme entzweigemacht und ihr hat das Leben die Seele entzweigemacht. Das Leben armer Leute ist ein verfluchtes; es macht alle zu Krüppeln ohne Grund. Verflucht!« Sie schwiegen. Der Krüppel bewegte sich unruhig auf dem Diwan hin und her, wie von Ungeduld gepeinigt. Und der Müller beobachtete ihn verstohlen und fühlte sich immer unbehaglicher. Er fürchtete sich beinahe; die bekannten Nadelstiche in seinem Innern begannen wieder. Denn man fühlt sich wohler während eines Gespräches und man merkt nicht, was in einem vorgeht, wenn man von äußerlichen Dingen redet. »Noch ein Gläschen?« »Geben Sie her. Aber das ist das letzte, sonst kann ich nicht singen.« »Warst du mal Sänger?« »Ich? Ich war schon alles. Uhrmacher war ich, Sänger war ich, Weichensteller an der Eisenbahn. Mit Hornarbeiten hab ich gehandelt; Ladendiener war ich ... ich weiß nicht mehr alles. Hab lang gelebt.« »N' ja ... So! ...« murmelte der Müller, von der Vielseitigkeit des andern betroffen. Wieder schwiegen sie. »Warum Anuschka gar nicht kommt?« »Aniuta?« Der Krüppel krümmte sich förmlich. »Die wird schon kommen.« Er lachte trocken. »Seien Sie nur ganz ruhig ... Sie haben ihr ja zehn Rubel versprochen und sie tut's auch für einen ...« Er wand krampfhaft seinen langen Körper und hustete. »Wissen Sie, ich kenn diese Aniuta seit ihrem sechsten Jahr. N' ja. Wie gefällt Ihnen das? Ich hab sie auf meinen Händen getragen und ihr Pfefferkuchen gekauft, und jetzt leb ich selbst unter ihrem Schutz ... Ich hab ihr Pfefferkuchen gebracht, und jetzt bringt sie mir Brot und Schnaps ... Die Zeiten sind veränderlich und die Menschen sind Viecher. Übrigens geht alles nach seinen Gesetzen, und der Mensch ist auf Erden nichts anderes als ein faulender Wurm. Alles ist in Ordnung – weinen und klagen führt zu nichts. Leb und warte, bis es dich zerbricht, und wenn's dich zerbrochen hat, wart auf deinen Tod. Das ist alles, was man an klugen Worten hat. Verstanden? Aniuta und ich und Sie – wir alle haben in unserer Kindheit alles verloren und bis jetzt nichts gefunden, nicht mal nen trockenen Holzapfel. Richtig. Weiter ist nichts zu sagen. Alle Gespräche sind Blödsinn und Unsinn. Früher hatte ich mal ne andere Meinung vom Leben, hab mich sehr viel gekümmert um meines und um das von anderen Leuten – was und wie ... Heut spuck ich auf alles. Das Leben geht seinen vorgeschriebenen Weg, und es muß so gehen, ich kann nichts dazu tun ... Das sind Gesetze, läßt sich nichts dagegen machen ... Und 's ist auch nicht nötig, denn sogar der, der alles weiß, weiß nichts. Glauben Sie mir ... Ich hab mit den klügsten Menschen darüber gesprochen, mit Studenten und mit vielen Dienern der heiligen Kirche. Che, che! Räsonieren tun die Leute über das und vieles andere. Dumm, ganz dumm ist's. Wozu räsonieren, wenn Gesetze und Kräfte da sind? Und was soll man dagegen tun, wenn all unsere Hilfsmittel im Kopfe liegen und der auch den Gesetzen unterliegt und den Kräften? Verstehen Sie? Das ist sehr einfach. Das heißt, leb und rühr dich nicht, sonst wirft dich die Kraft gleich zu Boden, und sie besteht aus deinen eignen Eigenschaften und den Plänen und den Bewegungen des Lebens. Das nennt man – Phi-lo-so-phie des wirklichen Lebens ... Verstanden?« Und der Krüppel geriet immer mehr in Eifer, während er dem Müller seine abgerissenen, nebelhaften Phrasen ins Gesicht schleuderte. Der Ton seiner Stimme war sonderbar. Tiefe Bitternis klang darin und vollkommene Trostlosigkeit und ätzender Spott, und dazu kam noch eine fast mystische Furcht vor den Gesetzen und Kräften, von denen er sprach. Er sagte diese Worte mit sonderbarer Betonung und dämpfte die Stimme, wenn er sie aussprach; aber ihren Sinn verstand er schwerlich. Tichon Pawlowitsch verstand wenig von den wirren Worten des anderen; aber eine nervöse Bangigkeit überkam ihn, und er fühlte dunkel, daß sie ihm etwas erklärten. Und als der Krüppel jetzt atemlos eine Pause machte, fragte er schüchtern und nachdenklich: »Das heißt, der Mensch kann sich nirgends hintun.« »Nicht einen Zoll weit,« nickte der Krüppel und beugte sich dann mit dem ganzen Körper zu Tichon Pawlowitsch hinüber. »Die Gesetze,« sagte er mit strenger und gedämpfter Stimme, »die geheimen Gesetze und Kräfte, verstehen Sie?« Er zog die Brauen zusammen und schüttelte vielsagend den Kopf: »Niemand weiß was ... Nebel.« Er machte wieder einige hastige Bewegungen und zog den Kopf ein, und der Müller dachte, daß sein Zechkumpan ihm jetzt sicherlich mit dem Finger drohen würde – wenn er Arme hätte. Aber er hatte ja keine Arme. »Das heißt also: Leb und beklag dich nicht und ergib dich. Weiter nichts.« »N' ja-a-a!« antwortete der Müller und runzelte nachdenklich die Stirn. »Nun – und die Seele?« fragte er dann schüchtern. »Die Seele ... Haben Sie schon Säuglinge und kleine Kinder in Schenken und ähnlichen Orten gesehen? Das ist die Seele auf Erden. Eine Prüfung wird ihr auferlegt ...« »Nun, und wenn dann das Gewissen? ...« »Da kommen sie ...« nickte der Krüppel. In der offenen Tür stand schweratmend und erhitzt Anuschka; hinter ihr sah man ein Gesicht mit spöttisch-blinzelnden Augen und einem kecken Schnurrbart. »Michail Antonitsch ... Kostia ist gekommen ... Und ich bin müde.« »Kostia,« rief der Krüppel freudig, »das ist gut. Das wird gut werden, großartig. Kostia, komm her ... Schau dir den an, Kaufmann; das ist ein Talent. Das ist die Seele.« Hinter Anuschkas Ellbogen kroch noch ein magerer, gelber Mann hervor. Er war buckelig und hatte eine eingefallene Brust. Seine dünnen Lippen standen halboffen und zeigten zwei Reihen schwarzer, mit Weinstein bedeckter Zähne. Es wurde laut im Zimmer. Der Schnurrbärtige mit den spöttischen Augen entpuppte sich als Harmonikaspieler. Er setzte sich sofort in eine Sofaecke und nahm seine Harmonika auf den Schoß; sie war groß und mit unzähligen Klappen versehen. Er griff einen merkwürdig hohen, schrillen Akkord, warf Tichon Pawlowitsch einen triumphierenden Blick zu und goß sich ein Gläschen Branntwein ein. Außer Anuschka war noch ein zweites Mädchen gekommen; Tania nannte sie ein junger Mensch in einem städtischen Rock, der halb wie ein sauberer Handwerker und halb wie ein Kommis aus einem kleinen Laden aussah. Sie setzten sich ans Fenster, während Anuschka, der Harmonikaspieler, Kostia, der Krüppel und Tichon Pawlowitsch eine Gruppe um den Tisch bildeten. In dem großen Nebenraum waren jetzt auch beinahe alle Tische besetzt; lauter, trunkener Lärm drang herein und mischte sich in die ohrenbetäubenden Töne der Harmonika. Der Krüppel und Kostia flüsterten halblaut miteinander. In Kostias Gesicht leuchteten ein Paar tiefliegende Augen und unter ihnen lagen große, dunkle Flecke. Er trug eine lange Poddewka, wie der Müller, und darüber ein rotes Hemd. An den Füßen hatte er Stiefel. Anuschka sprach eifrig mit dem Harmonikaspieler und lächelte listig; aber er blickte nur einmal gleichgültig zu dem Müller hinüber und schwieg. Alle fühlten sich etwas verlegen, und Tichon Pawlowitsch verlor seine ganze Haltung, als er sich plötzlich von soviel Fremden umringt sah, die sich dazu noch alle so wenig um ihn kümmerten. Er kam sich wie hinausgestoßen vor, wohin, wußte er selbst nicht recht; aber trotz des Nebels, der sich infolge des genossenen Branntweins und des Gesprächs mit dem Krüppel auf sein Gehirn gelegt hatte, fühlte er doch dunkel, daß er die Rolle des Gastgebers übernehmen müsse. Jetzt zwinkerten Anuschka und Tania einander zu und begannen zu kichern, und der Mann im städtischen Rock lachte laut und gutmütig mit. Der Harmonikaspieler entlockte seinem Instrument lange, quietschende Töne, und Kostia und der Krüppel sprachen noch immer miteinander. Tichon Pawlowitsch räusperte sich, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und die anderen verstanden ihn. Alle scharten sich enger um den Tisch; Anuschka sprang vom Sofa auf und setzte sich neben ihn auf einen Stuhl, und auch das andere Paar kam vom Fenster in die Mitte des Zimmers. »Zum Anfang trinken wir eins, meine Herrschaften,« erklärte Tichon Pawlowitsch, und es gefiel ihm, daß er diese Worte so gesetzt, beinahe solid gesagt hatte. Und sie tranken. Dem Krüppel reichte Kostia das Glas, denn er saß neben ihm. »Sie,« wandte sich Tichon Pawlowitsch an den Krüppel. »Sie, als solch ein Mensch.« Er stockte und starrte die armlosen Schultern des Krüppels an. »Übernehmen Sie das Kommando. Lustig soll's sein; daß sich alles im Kreise dreht, will ich ... Trinken wir noch eins, um reinzukommen.« »Das geht,« nickte der Krüppel mit dem Kopf. Je mehr er trank, je größer wurden seine Augen, und der Adamsapfel begann zu zucken. »Trinken wir und dann singen wir im Chor. Was? Du, Kostia, fängst an und singst die erste Stimme, Anuschka hilft und Sie, Mark Iwanitsch, spielen auf der Harmonika.« Jetzt sprachen alle durcheinander. Der junge Mann im städtischen Rock behauptete, daß sie zu einem Chor zu wenig Stimmen hätten; der Harmonikaspieler war derselben Ansicht und unterstützte sie durch eine Menge technischer Ausdrücke. »Es geht nicht, denn Sie haben alle Dur-, das heißt laute Stimmen. Es wird nichts als Geschrei herauskommen. Ein Trio wird grad gut sein; also zu dritt muß man singen.« Anuschka schmiegte sich wie ein Kätzchen an den Müller; sie war schon etwas angeheitert und erregt. Er bemühte sich noch, eine gewisse Gesetztheit zu wahren, lächelte aber schon trunken und zwickte sie in die Hüften; dann kreischte sie leise und klopfte ihn auf die Hände. Sie vergaßen sich schon ein wenig, und um sie wogte der Streit, was und wie man singen solle. Zur Türe schauten diverse typische Wirtshausphysiognomien hinein; sie betrachteten eine Weile die erregte Gesellschaft und verschwanden dann, um wieder anderen Platz zu machen. »Mark Iwanitsch, das ist aber falsch,« rief der Krüppel bekümmert. »Nein, nein,« antwortete der Harmonikaspieler in tiefem Baß. Nur Kostia nahm an dem Streit nicht teil. Er hatte sich in eine Ecke des Diwans gekauert und saß mit vorgestreckter Brust und halbgeschlossenen Augen. Er war plötzlich sehr blaß geworden. »Kustiuschka, stimm an,« rief Tania mit hoher Sopranstimme und stützte beide Arme auf den Tisch. Ihr Kavalier flüsterte ihr etwas ins Ohr und wies dabei nach dem Müller, der seine Nachbarin um die Taille gefaßt hatte und ihr ein Gläschen Likör an die Lippen führte. Sie zierte sich und wandte den Kopf weg. Tania warf den beiden einen trägen Blick aus ihren stumpfen, blauen Augen zu und nahm wieder ihre alte Stellung ein: »Also fangt doch mal an,« rief sie dem Harmonikaspieler zu. Aber der Krüppel bog seinen ganzen Körper zu ihm herüber und rief mit lauter, tönender Stimme, während ihm der Speichel aus dem Munde spritzte: »Das ist wieder falsch. Man muß mit Trauer anfangen; das bringt die Seele erst in Ordnung, und dann zwingt man sie zuzuhören.« »Was heißt denn das?« fragte der Harmonikaspieler skeptisch und zog die Brauen zusammen. »So – Trauer ist sie gleich zugänglich ... Verstehen Sie? Ihr müßt ihr eine Schlinge hinwerfen, zum Beispiel »Die Sonne geht rot unter«, dann bleibt sie stehen und erstarrt ganz. Und dann packt Ihr sie wieder mit was anderem, »Auf den Wiesen« vielleicht; aber mit Wirbel und Flammen und Tanz – brennen muß es. Brennen müßt Ihr sie, damit sie in Bewegung kommt, ordentlich. Dann geht schon alles seinen Gang. Dann beginnt die richtige Raserei. Man will etwas und braucht doch nichts. Sehnsucht und Freude ... das spielt so alles zusammen im Regenbogen.« Der Krüppel sprach beinahe atemlos vor Erregung und bewegte sonderbar den ganzen Körper, als wollte er gleich auf den Boden hinuntergleiten und sich dem Harmonikaspieler vor die Füße werfen. Und der Lärm in der Schenke wuchs immer mehr; chaotisch trunken wurde er jetzt. Plötzlich brach eine hohe Tenorstimme durch den Lärm. Sie vibrierte krankhaft und der Ton war langgezogen, traurig. »Ach, bei U-unwetter ...« »Sch-sch-sch,« zischte der Krüppel und warf den Kopf zurück. Er ließ einen Blick über das Publikum gleiten, bittend und ängstlich zugleich und dabei auch erfreut. Aber das Publikum war schon still und starrte Kostia an. Der saß noch immer auf dem Diwan, mit blassem Gesicht und krampfhaft zitternden Lippen. Die Töne rangen sich von diesen Lippen los, immer höher, stärker; aber sie waren wie gebrochen und sie kamen aus einer kranken Brust. »Tania, mein Täubchen, sing mit,« flüsterte der Krüppel flehend. »Weht der Wind und stöhnt,« ging Kostia plötzlich in einen erzählenden Ton über. Gleichgültig, als wollte sie sagen: »Ich kann's, mir ist's ganz egal,« schaute Tania zu Kostia hinüber und stemmte die Hand fest gegen die rechte Backe. Und noch ehe er mit seinen gesprochenen Worten fertig war, begann sie: »Und meinen Ko-opf« »Quält ein böser Schmerz,« fuhr Kostia fort, noch immer unbeweglich, wie in sich selbst versunken. Er war klein, hager und gelb, und es war sonderbar, daß diese gekrümmte Gestalt so schöne, starke Töne hervorbringen konnte. Das Lied ging weiter, Ton um Ton. Kostias hoher, metallischer Tenor vibrierte, schluchzte und erstarrte plötzlich; aber immer, ehe er ganz verklungen war, griff Tanias Sopran ein; er stieg nachdenklich, traurig aus ihrer Kehle auf; gleichmäßig, trostlos ruhig klang er, fast fatalistisch eintönig, was die Worte noch trauriger machte. In der Türe des Zimmers stand eine Schar von Menschen mit roten, schwitzenden, erregten Gesichtern; hinter ihr im Schanksaal klirrten die Gläser und lärmten trunkene Stimmen; aber sie wurden immer stiller, und die Menge an der Türe drängte sich mehr und mehr ins Zimmer. »Ach, dann geh ich in die Steppe« erzählte Kostia traurig, mit roten Flecken im Gesicht. »Ste-eppe« fing Tania das Wort auf, aber ihre Stimme klang wie das gleichgültige Echo eines fremden Schmerzes. »Suche dort mein Los ...« Die Stimmen flössen ineinander und stiegen in einer einzigen, warmen Welle auf. Sie ließen die mit Fuselgeruch und Schweiß und Tabak geschwängerte Luft des Zimmers erbeben, schmeichelten sich in die Seelen der Zuschauer, erzitterten dann plötzlich und bebten und schluchzten, als wäre ihnen der Raum zu eng, zu drückend. Dann brach Kostias Stimme ab und schwieg, und Tania fuhr allein fort: »Mütterchen, du Ste-eppe, Mütterchen, du Steppe.« Wieder begann Kostia mit einem Sehnsuchtsschrei: »Nimm die Waise auf. Nimm die Waise auf.« Eine neue, dritte Stimme griff ein. Es war beinahe eine Fistelstimme, aber sie schluchzte so aufrichtig und war Kostias Stimme so verwandt; sie flehte förmlich um Aufnahme. Sie verschmolz ganz mit Kostias Stimme; biegsam und zitternd wie jene bildete sie ihr Echo, den Schatten ihrer Haupttöne, und sie weinte und schluchzte, sang aber nur die Selbstlaute mit. Es war der Krüppel, der mitsang, mit geschlossenen Augen und vorgestrecktem Adamsapfel. Gleichmäßig, tief klang wieder Tanias Sopran dazwischen; wie ein breiter, dichter Sammetstreifen rollte er sich irgendwo im Raume auf, und darauf tanzten in phantastischen Mustern goldene und silberne Faden, Kostias und des Krüppels Stimmen. Das Publikum lauschte gierig auf die traurige Geschichte der Waise, die in der Steppe ihr Los sucht. Tichon Pawlowitsch saß unbeweglich auf seinem Stuhl, ließ den Kopf hängen und saugte förmlich jeden Ton ein. Der alte Gram war bei den Klängen wieder erwacht; aber etwas Neues war dazugetreten, etwas Ätzend-Süßes, das ihm das Herz angenehm kitzelte. Ihm war, als begösse man ihn mit etwas Warmem, Dichtem. Wie frischgemolkene Milch war es. Und es drang in sein Inneres ein und füllte alle Adern; es reinigte sein Blut, es scheuchte seinen Gram auf und vergrößerte, erweiterte ihn noch; aber er wurde ganz weich und tat nicht mehr so weh. In jeder dieser Empfindungen war noch etwas Brennendes, Zwickendes; aber vereint riefen sie in der Seele des Müllers einen sonderbaren, süßen Schmerz hervor. Wie ein großer Eisklumpen lag es auf seinem Herzen, und er schmolz jetzt und zerfiel in kleine Stücke, und die stachen ihn. Anuschka hatte den Kopf auf die Schulter ihres Nachbars gelegt und blieb unbeweglich in dieser Stellung. Die Augen hatte sie auf den Boden geheftet. Der Harmonikaspieler zupfte nachdenklich an seinem Schnurrbart, und der Mann im städtischen Rock stand wieder am Fenster und lehnte sich gegen die Wand. Er streckte komisch den Kopf vor, als wollte er die Töne mit dem Munde auffangen, und die Menge in der Türe scharrte und bewegte sich dumpf wie ein einziges, großes Tier. Die drei sangen und berauschten sich an ihrem eigenen Lied. Es klang schwer und leidenschaftlich, wie das Gebet eines büßenden Sünders; es war traurig und sanft wie das Weinen eines kranken Kindes; es war voll verzweifelten, hoffnungslosen Grams, wie jedes gute russische Lied. »O, ich si-itze am Me-ere.« schluchzte Kostia, dem der Schweiß auf die Stirne trat und wie Tränen über die Backen lief. »O-o-a, o-o-o-o-a,« begleitete ihn der Krüppel. Er hatte die Augen fest zusammengeklemmt und seine Nasenflügel zitterten nervös, und auch die Lippen und das Kinn zitterten. »Und ich su-uche mein Lo-os « Das war Tanias verzweifelte Stimme, und sie schüttelte den Kopf und lächelte so sehnsüchtig, so bitter. »Meine Seele«, sang Kostias schluchzender Tenor, »– wa-aschen Tränen, Bittre Trä-änen wa-aschen sie,« zitterte die Stimme des Krüppels. Die Töne schluchzten und schwebten weiter, immer weiter. Sie schienen abzureißen und zu ersterben; aber sie wurden wieder stärker, sie griffen den letzten sterbenden Klang auf und schwangen ihn wieder empor in die Höhe, und dort weinte und schluchzte und sank er wieder; der Fistelton des Krüppels verdeckte ihre Agonie, und Tania sang und Kostia schluchzte; er holte ihre Worte ein, er fing sie auf und wiederholte sie, und es war, als sollte das Lied kein Ende nehmen, als sollte die Waise in Ewigkeit ihr Los in der Steppe bei Sturm und Regen suchen, als der Müller plötzlich aufsprang. »Brüder,« ächzte er dumpf, »Brüder, um Christi willen, ich kann nicht mehr.« Sein Gesicht war rot und mit Tränen bedeckt; der Bart war von den herabrollenden Tränen durchnäßt und hatte sich zu einem Knäuel zusammengeballt; in den erschrockenen, weitgeöffneten Augen lag etwas Wildes, Begeistertes, das zugleich kläglich und brennend war. Beim Aufstehen hatte er Anuschka fortgestoßen und sie war beinahe gefallen. Jetzt starrte sie den Krüppel mit stumpfen, trüben Augen an – wie ein müdes Tier. »Meine Seele habt ihr mir durchstochen. Genug – mein Gram. An mein krankes Herz habt ihr gerührt. Seit ich lebe, hatte ich so eine Stunde noch nicht.« Tania warf ihm einen stumpfen Blick zu, und aus ihrer Kehle stiegen noch immer die gleichmäßigen, saftigen Töne auf; sie waren warm, diese Töne, aber ohne Feuer. »Brüder, es brennt jetzt wie Kohlen in mir, so stark ist mein Gram. Was soll ich jetzt tun? Nach dem Messer könnt ich greifen.« Der Müller stöhnte noch immer dumpf und rollte die Augen, während er sich mit beiden Händen die Brust rieb. »Trinken wir. Aber mit Gebraus und Tosen. Ach du, Leben!« Der Krüppel und Tania brachen ab. Tania schenkte sich sofort ein halbes Glas Branntwein ein und goß es rasch hinunter, als hätte sie brennende Kohlen in ihrem Innern und müßte sie löschen. Der Krüppel atmete schwer. Er war plötzlich zusammengebrochen; die Wangen waren eingefallen und die Augen blickten stumpf und trüb, wie die der beiden Dirnen,. »Schenk auch mir ein, Mark Iwanowitsch,« sagte er. »Ihr habt prächtig gesungen,« sagte der Harmonikaspieler leise, und führte das Glas an seine Lippen. Die Menge an der Türe bewegte sich und erhob einen chaotischen Lärm. Aufmunternde Ausrufe wurden laut und dazwischen liebkosende Schimpfworte. »Glü-ück, ach du mein Glü-ück,« schluchzte plötzlich Kostias Tenor dazwischen. Er sang die ganze Zeit mit geschlossenen Augen und mußte von seinen eigenen Tönen hypnotisiert worden sein. Denn er, hatte das Geschrei überhört – er hatte einfach eine Pause gemacht, und jetzt sang er weiter. Man lachte. Die Menge an der Türe brüllte vor Vergnügen, und Tania lachte mit. Kostias Begeisterung kam ihnen unendlich komisch vor. Aber ihr Lachen weckte ihn auf. Er riß die Augen auf, nervös und erhitzt, schaute die lachenden Gesichter an und zog sich förmlich in sich zusammen; dabei wurde sein Gesicht blaß, es verlöschte fast. Jetzt war er wieder das kleine, gelbe Männchen von früher. »Mädel, trink,« traktierte Tichon Pawlowitsch Anuschka. »Trink, amüsier dich. Ich rase heut, mich selbst würd ich zerstören.« Der Harmonikaspieler griff nach seinem Instrument, dachte einen Moment nach, warf den Kopf zurück und spielte etwas Lustiges. »Seht Ihr, wie wir des Kaufmanns Seele gerührt haben?« flüsterte ihm der Krüppel zu und stieß ihn mit dem Fuß an. Der Harmonikaspieler nickte nur schweigend mit dem Kopf. Tania war verschwunden und der Mann im städtischen Rock stand an der Tür und musterte das lärmende Publikum. Freche Gesellen tauchten an Tichon Pawlowitsch' Tisch auf und tranken seinen Branntwein. Er stieß mit allen an und war schon leicht berauscht. Und auch Anuschka war nicht mehr ganz nüchtern. »Tanzen will ich. Mark, spiel den Komorinsker Marsch,« rief sie, die Schultern bewegend. Der Krüppel beobachtete sie mürrisch vom Diwan aus und biß sich auf die Lippen. »Nu, Michail Antonitsch, sei nicht böse. Ist ja alles eins,« lächelte sie ihm zu. »Man lebt nur einmal in der Welt! ...« »Und wenn das Weib viermal leben würde, war es doch viermal ein Vieh,« antwortete er grimmig. »Freund, schimpfe nicht. Sie ist ein liebreizendes Mädchen und ich liebe sie,« brauste der Müller auf. »Ihr habt meine Seele gerührt und sie gereinigt. Ich fühl mich jetzt so, ach! Ins Feuer würd ich laufen.« »Der Mensch hat nirgends hinzulaufen ... Schenk mir lieber ein.« »Nicht laufen? Nirgends? Das ist richtig. Deine Hand. Ja, also Hände hast du nicht ... Dann küssen wir uns.« Er umarmte den Krüppel und küßte ihn. Kostia schenkte sich Branntwein ein und trank ein Glas nach dem andern, denn niemand kümmerte sich um ihn. »'nen Russischen spiel. Tanzen will ich,« schrie Anuschka wieder. Der Harmonikaspieler griff einen merkwürdigen Akkord und begann dann »Über die Straße, die Straße«. Anuschka stemmte die Arme in die Hüften und bewegte die Schultern. Erhitzt und verführerisch schön, glitt sie mit langsamen, pfauartigen Bewegungen vor dem vom Wein erregten Müller hin und her und warf ihm lockende Blicke zu. »Ach du! Ich komm dir nach!« schrie er und stampfte mit beiden Füßen auf. Dann tanzte er ihr nach. Und der Krüppel beobachtete ihn mit gefletschten Zähnen und verdrehte seine Augen. Wieder staute sich eine lärmende Menge in der Türe und schaute den Tanzenden zu. »Tichon rast,« schrie der Müller drohend, »ein Mensch hat sich erneuert. Ech –ma.« Vier Tage darauf fuhr Tichon Pawlowitsch des Nachts von der Eisenbahnstation nach Hause. Der Kopf tat ihm weh; er war verstimmt und zerschlagen und der Wagen schüttelte ihn hin und her. Von dem viertägigen, wüsten Rausch war ihm ein ekelhaftes, bitteres Gefühl in der Brust zurückgeblieben, und jetzt stellte er sich seine Frau vor und den Empfang, den sie ihm wohl bereiten würde. »Was, Väterchen,« würde sie sagen, »hast du dich wieder von der Kette losgerissen?« Und dann würde sie natürlich vom Alter sprechen und von seinen grauen Haaren, und von den Kindern und von der Schande und von ihrem unglücklichen Leben. Tichon Pawlowitsch schauderte und spuckte auf die Straße. Dann brummte er: »Auch 'n Leben!« »Was sagt Ihr?« fragte sein Fuhrmann der redselige »Pantelej von der Eisenbahnstation«. Er hieß so zum Unterschied von einem andern Pantelej »dem Eingewanderten.« »Nichts, fahr zu und kümmere dich um nichts,« antwortete Tichon Pawlowitsch wütend. »Aha. Das kommt vor. Der Mensch denkt und denkt, und plötzlich spricht er mit sich selber laut. Das kommt vom vielen Denken, wenn ...« »Schweig!« unterbrach ihn Tichon Pawlowitsch. »Na ja. Ich kann auch schweigen,« antwortete Pantelej nachgiebig und fing nach einigen Minuten wieder an. Die Nacht war dunkel und die Steppe in tiefe Dämmerung gehüllt; am Himmel lagen unbeweglich graue Wolken. Nur an einer Stelle glänzte ein weißlicher, sonderbarer Fleck; das war der Mond, der durch die schweren Wolken durchbrechen wollte und es doch nicht konnte. Sie kamen bis an den Zaun. »Halt!« rief Tichon Pawlowitsch und kletterte vom Wagen herunter. Er schaute sich um. Vierzig Schritt vor ihm lag sein Haus, wie ein dunkler, kantiger Haufen, rechts davon der gestaute Damm. Das dunkle Wasser war unbeweglich und sah unheimlich aus. Und alles war so still und drückend. Die Weidenbäume waren in dichte Schatten gehüllt und standen so gerade da und blickten so streng und so ernst. Irgendwo fielen Tropfen ... Jetzt kam plötzlich der Wind vom Walde her; das Wasser bewegte sich erschrocken und plätscherte einmal auf, ganz leise, kläglich ... Und die Weiden schüttelten den Schlaf ab und rauschten feierlich. Tichon Pawlowitsch sah, wie das vom Winde bewegte Wasser wieder ruhig wurde. Ganz allmählich geschah's. Jetzt bewegte sich nur noch die oberste Fläche ganz leise. Und Tichon Pawlowitsch seufzte tief auf und ging ins Haus. Er murmelte: »Das Leben ... ist nur ein Schwanken ...Verstehst du, daß das nicht das ist ... ja freilich ...« Aber das beruhigte ihn nicht. Schuldig fühlte er sich plötzlich vor aller Welt und vor sich selbst, und bevor er ins Haus trat, blieb er stehen und griff nach seinem Bart. Er zerrte ihn und schüttelte dabei den Kopf, und dann sagte er laut: »Du bist ein alter, schmutziger Teufel, Tichon.« »Was?« schrie Pantelej »von der Eisenbahnstation« aus dem Dunkel. »Nichts, mach daß du weiterkommst.« Irgendwo krähten die Hähne.