Berthold Auerbach Schwarzwälder Dorfgeschichten – Dritter Band. Die Frau Professorin. Es kamen zwei fremde Gesellen. Da sitzt der Wadeleswirt am Gartenfenster im Stüble, er hat den Ellbogen auf den Sims gestemmt und den Kopf in die Hand gestützt; nach seiner Gewohnheit hat er die Füße hinter die vorderen Stuhlbeine geschlagen, als wollte er da festwurzeln; denn wo er einmal sitzt:, da braucht's fast eine Wagenwinde, um ihn wieder in die Höhe zu schroten. Freilich sitzt er nicht mehr da, es thut ihm schon lang kein Finger mehr weh, seinerzeit aber haben seine Finger manchem weh gethan; die Rede ging, wo der Wadeleswirt einen an den Kopf trifft, da wächst kein Haar mehr nach, darum versetzte er auch aus Barmherzigkeit seine Schläge ins Genick, da gibt's auch kein Blut und thut doch wacker weh. – War der Wadeleswirt so ein Raufbold? Ihr werdet ihn schon kennen lernen, daß er ein Mensch war, so lammfromm und gutmütig wie nur einer; das hindert aber nicht, daß man zu guter Stunde einem, der's begehrt, gesalzene Faustknöpfle austeilt: kurzum, der Wadeleswirt war, wie man's nimmt, ein absonderlicher Mensch oder auch nicht. Eigentlich hieß er nicht Wadeleswirt, sondern Lindenwirt, wozu er durch die Linde vor dem Hause und auf dem Schilde das klarste Recht hatte. Jener Name aber – ja, das ist eine schlimme Sache, man redet nicht gern davon, es schickt sich nicht, und doch ist das, worauf es sich stützt, nichts Geheimes, man macht dort, wo der Mann her ist, gar kein Hehl daraus, also: vom inneren Kniegelenke bis gegen die Knöchel – rund heraus, die Wade war beim Lindenwirt tapfer bestellt, und darum wurde er so genannt. Jetzt können wir uns schon ruhiger beim Wadeleswirt niederlassen, wir müssen aber damit eilen, denn es gibt bald großes Hallo im Hause und im ganzen Dorfe und alles durch einen einzigen Menschen oder zwei. Der Wadeleswirt sitzt also still da und läßt seine Gedanken um sich her schwirren wie die Fliegen, die summend die Stube durchschwärmen. Freilich hat man nicht viel Gedanken, wenn man so müde ist und wie der Wadeleswirt eben vom Feld heimkommt, wo man einen Wagen Heu aufgeladen; da thut's wohl, geruhig zu verschnaufen und die Gedanken, wenn man deren hat, machen zu lassen, was sie wollen. Der Katze, die auf dem äußeren Fenstersims hockte und gar viel mit sich zu thun hatte, nickte er einmal zu, dann kehrte er sich um und rief: »Lorle!« Aus der Kammer antwortete eine Stimme: »Was?« »Ich mein', du machst's auch wie die Katz; die putzt sich, wie wenn wir Fremde bekämen.« »Mir ist's auch so,« antwortete es von innen. »Mach dich nur fertig, und wenn du verkühlt bist, hol mir einen Trunk (Most) aus dem Keller; ich verdurst' schier.« »Gleich, gleich,« antwortete es wieder aus der Kammer. Man hörte eine Kiste zuschlagen, dann jemand die Treppe hinablaufen und bald wieder heraufkommen, die Thüre öffnete sich, da . . . da fiel hart am Fenster ein Schuß, ein gellender Schrei entfuhr dem Mund des Mädchens, das Glas mit dem Most lag auf dem Boden, und die Katze sprang in die Stube ganze nahe vorbei an dem Gesichte des Wadeleswirts. Dieser stand auf und fluchte, und das Mädchen war in der halbgeöffneten Thür verschwunden. Wir aber müssen dem seltsamen Ereignis nachgehen . . . . Zwei junge Männer schreiten durch den Bergwald; der eine in grauer Tirolerjuppe mit grünen Schnüren, groß und breitbrustig, mit braunrotem unverschorenem Bart, einen grauen Spitzhut, breitkrempig und vielfach zerdrückt auf dem Kopfe; der andere mit bescheidener Mütze, unter der ein feingeschnittenes Gesicht mit wohlgezogenem Backenbart sichtbar wird, seine kleine Gestalt etwas nach vorn gebeugt mit einem zertragenen schwarzen Ueberrock bekleidet. Die beiden wandern wortlos dahin. Ein alter Bauer trägt ihnen zwei Ränzchen, eine Zither, einen Malerstuhl und eine Flinte nach. Jetzt treten sie aus dem Walde, und im Thale vor ihnen zieht sich ein langes Dorf hin, wie man sagt, nur auf einer Seite gebacken, denn die Häuser stehen längs des Baches, der murrend und wildrauschend über und zwischen Felsen wegrollt; ein Steg führt über den Bach, wo jenseits auf einsamem Hügel die Kirche steht. »Da hast du's, das ist Weißenbach,« sagte der Große mit klangvoller Bruststimme. » Ille terrarum mihi praeter omnes angulus ridet, « sagte der Kleine, in dessen schwarzem Gewande wir mit Recht einen abgetragenen Schulrock vermutet haben. »Laß deinen Horaz,« erwiderte der Große, dem wir ohne Scheu den Malerstuhl zuerkennen dürfen. »Gern,« versetzte der Kleine, und sich umschauend fuhr er lächelnd fort: » Ite, missa est , ihr Bücher sollt mir nicht zwischen die Beine laufen in der freien Natur, still! Bruder, das solltest du malen, oder ich will ein Märchen schreiben, wie das Steckenpferd des Autors, das in jedem Buche aufgezäumt an die Krippe gebunden ist, lebendig wird und mit dem Buch davonjagt; es müßte herrlich sein, wenn so ein Rudel Bücher, eine ganze Bibliothek, da den Berg hinunterritte, hussa! hussa! Ich will das Märchen schreiben.« »Du thust's doch nicht, du speist dir immer in die Hände und greifst nie zu.« »Leider hast du recht, aber hier will ich frisches Leben holen. Sieh, wie das Dorf hier so friedlich im Mittagsschlummer daliegt, als wär's ein großes Wasserungeheuer, das sich am Ufer sonnt; die Strohdächer sind wie große Schuppen. Sieh dort die Kirche! Ich liebe die Kirchen auf den Bergen, sie gehören nicht mitten in den Häusertrödel. ›Auf diesen Felsen will ich meine Kirche erbauen‹ – das ist schön! Auch leiblich sollen die Menschen aufsteigen, sich erheben zur geistigen Erhebung. Wie diese Kirche hier jenseits des Steges auf dem Berge steht, ist sie die wahrhaft transcendente, supranaturalistische.« Nach einer Pause fuhr er fort: »Hörst du die Hunde bellen und die kapitolinischen Wächter schnattern? Hörst du die Kinder dort jauchzen? Die guten Kinder! Sie ahnen nicht, daß du kommst, ihre Jugend im Bilde zu verewigen. Schon Virgil sagt sehr schön: O fortunatos nimium, sua si bona norint, agricolas . Das Volk ist doch wie die stille Natur, es weiß nichts von der Schönheit seines Lebens, es ist vegetabilisches Dasein, und wir kommen, die Geistesfürsten, und verwenden ihre gebundene Welt zu freien Gedanken und Bildern.« »Und wer weiß,« erwiderte der Große endlich, »wie der Weltgeist uns verwendet, zu welchen Gedanken und Bildern wir ihm dienen.« »Du bist frommer, als du glaubst, das ist ein großer Gedanke,« entgegnete der Gelehrte, und der Maler fuhr auf: »Numero A 1 . Gib doch nicht gleich allem, was man sagt, ein Schulzeugnis.« Die beiden schwiegen. Der Maler, der seinen Kameraden doch zu hart angelassen zu haben glaubte, faßte seine Hand und sagte: »Hier bleiben wir nun, schüttle allen Schulstaub von dir, wie du dir's vorgenommen, denk nichts und will nichts, und du wirst alles haben.« Der Kleine erwiderte den Händedruck mit einem unendlich sanften Blicke, und der Maler fuhr fort: »Ich muß dir den Mann schildern, bei dem wir bleiben.« »Nein, thu's nicht, laß mich ihn selber finden,« unterbrach ihn der Kleine. »Auch gut.« Als sie sich jetzt dem Dorfe näherten, schlug der Maler den Fußweg ein, der hinter den Häusern herläuft: der Kleine bemerkte: »Es liegt ein tiefes Gesetz darin, daß die Naturstraßen nirgends geradlinig sind; der Bach hat einen undulierenden, einen wellenförmigen Weg, und die Straßen von Dorf zu Dorf ziehen sich selbst durch die Ebene in Schwingungen dahin. Die Philosophie der Geschichte kann davon lernen, daß Natur und Menschheit sich nicht nach der logischen Linie bewegen.« »Bei den Straßen hat das einen einfachen Grund,« bemerkte der Maler, »ein Gefährt geht viel leichter, wenn es durch eine Biegung wieder einen Schwung bekommt; bei einem schnurgeraden Wege liegt auch das Pferd zu gleichmäßig und ermüdend im Geschirr. Das ist Fuhrmannsphilosophie.« Mit diesen Worten waren die beiden in einen Baumgarten getreten; der Maler nahm dem Bauer die Flinte ab und schoß damit in die Luft, daß es weithin wiederhallte, dann schrie er: »Juhu!« sprang die Treppe hinauf und hinein in die Stube . . . Da sind wir also wieder beim Wadeleswirt, in dem Augenblick, da die Katze ihm am Gesicht vorbeigesprungen und das Glas Most auf den Boden gefallen war. Der Wirt steht da, hat beide Fäuste geballt und flucht: »Kreuzmillionenheidekuckuck, was ist denn das? Was gibt's ins –« »Ich bin's,« rief der Maler, die Hand zum Willkomm ausstreckend. Die Faust des Wirtes entballte sich, und er rief: »Wa . . . Was? Ja, bigott, er ist's. Ei Herr Reinhard, sind Ihr auch wieder ause gelaufen ? Das ist ein fremder Besuch, da sollt' man ja den Ofen einschlagen .« »Weil's Sommer ist, alter Kastenverwalter,« erwiderte der Begrüßte, indem er derb die Hand des Wadeleswirts schüttelte, der jetzt fragte: »Seid Ihr's gewesen, der im Garten geschossen hat?« »Nein, nicht ich, da mein Weib,« sagte der Maler, die Flinte aufhebend, »kann das Maul nicht halten.« »Ihr seid noch allfort der alte, aber der Mann muß fürs Weib bezahlen; es kostet Straf', wenn man schießt.« »Weiß wohl, ich bezahl's gern.« Reinhard stellte nun seinen Freund, den Bibliothekskollaborator Reihenmaier vor. »Reihenmaier,« sagte der Wadeleswirt, »so haben wir hier auch ein Geschlecht.« Der Kollaborator erwiderte lächelnd: »Es können weitläufige Verwandte von mir sein, ich stamme auch von Bauern ab.« »Wir stammen alle von Bauern ab,« sagte der Wadeleswirt, »der Erzvater Adam ist seines Zeichens ein Bauer gewesen.« »Wo ist denn Eure Eva, alter Adam?« frug Reinhard. »Sie kommt gleich mit dem Heuwagen, ich bin dieweil voraus. Lorle! Lorle! Wo bist?« »Da,« antwortete eine Stimme von unten. »Mach hurtig die Scheuer auf, daß sie mit dem Wagen gleich 'rein können, es wird einen Regen geben, und komm hernach 'rauf.« »Die Grundel? Ich bin begierig, die Grundel wieder zu sehen,« sagte Reinhard; der Wadeleswirt erwiderte schelmisch lächelnd und mit dem Finger drohend: »Oha, Mannle! Das ist keine Grundel mehr, das kann sich sehen lassen, es ist ein lebfrisches Mädle; bigott, aber Ihr könnet Euch nicht sehen lassen, man meint, Ihr wäret ein alter Hauensteiner Salpeterer, Ihr habt ja einen ganzen Wald im Gesicht, Rottannen und Blutbuchen, was kostet das Klafter? Saget einmal, lassen denn die Kesselflicker und Scherenschleifer in den Kanzleien so einen Bart ungerupft und ungeschoren? Machen sie's ihm nicht auch wie den Büchern und Zeitungen –« »Mann! Um Gotteswillen, Mann!« unterbrach ihn Reinhard, »kommt Ihr jetzt auch mit diesen Geschichten an? Hat man denn nirgends mehr Ruhe vor der verdammten Politik?« »Ja gucket, das geht einmal nimmer anders; wir dummen Bauern sind jetzt halt auch einmal so dumm und fragen danach, wo unsre Steuern hinkommen, für was unsre Buben so lang Soldaten sein müssen und –« »Weiß schon, weiß schon alles,« beteuerte Reinhard. Der Kollaborator aber faßte die Hand des Wirts, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Ihr seid ein ganzer Mann, ein Bürger der Zukunft.« Der Wadeleswirt schüttelte sich, hob beide Achseln, schaute den Kollaborator mit gerunzelter Stirne an und sagte dann, indem er lächelnd nickte: »Einen schönen Gruß, und ich ließ mich schön bedanken.« Der Kollaborator wußte nicht, was das bedeuten soll. Es gab aber nicht lange Bedenkzeit, man vernahm Peitschenknallen auf der Straße, der Wadeleswirt ging nach der »Laube«, dem bedeckten Söller, der das Haus mit Ausnahme der Gartenseite umschloß; die beiden Fremden folgten. »Fahr besser hist,« rief der Wirt dem jungen Manne zu, der auf dem Sattelgaule vor dem Heuwagen saß;»noch schärfer hist, sonst kommst du nicht herein, du lernst's dein Lebtag nicht; so, so, jetzt frischweg, fahr zu!« Der Wagen war glücklich herein; freier atmend ging man wieder nach der Stube. Der Kollaborator fragte bescheiden: »Warum lasset Ihr denn das Scheunenthor nicht weiter machen, da es doch so mühsam ist, hereinzufahren?« Der Wadeleswirt, der zum Fenster hinausgesehen hatte, kehrte sich um, dann schaute er wieder ins Freie und sprach hinaus: »Das junge Volk braucht's nicht besser zu haben als wir, es soll eben auch lernen, die Augen bei sich haben und geschickt sein und wissen, was hinter ihm drein kommt. Ich bin mehr als dreißig Jahre da hereingefahren und bin nie stecken blieben.« Jetzt wendete er sich nach der Stube und fuhr fort: »Was ist denn eigentlich Euer Geschäft, Herr Kohlebrater?« »Ich bin Bücherverwalter.« Nun kam die Frau, der Sohn, der Knecht und die Magd in die Stube. Alle bewillkommten Reinhard, und die Frau bemerkte, auf den Bart deutend: »Ihr seid recht verwildert in den zwei Jahren, wo wir Euch nicht gesehen haben.« »Unser Tambourmajor,« sagte Stephan, der Sohn, »hat auch so einen gottsjämmerlichen Bart gehabt, er hat ihn aber alle Morgen schwarz gewichst.« »Wenn ich jung wäre, mich dürftet Ihr mit dem Bart nicht küssen,« sagte Bärbel, eine bejahrte, starkknochige Person, die als Magd im Hause diente; Martin, der Knecht, der hinter ihr stand, war ihr Sohn. Dieser hatte seine besondere Meinung, die er nun auch preisgab: »Und ich sag', der Bart paßt ihm staatsmäßig, er sieht aus, wie der heilig' Joseph in der Kirch'!« »Und du wie der Mohrenprinz,« endete der Wadeleswirt; »aber wo steckt denn das Lorle? Alte, hol mir einen Trunk aus dem Keller und gib mir ein Mümpfele Käs und dann richtest du dem Herrn Reinhard sein altes Zimmer her, und der andre fremde Herr kann auf dem Tanzboden schlafen.« Der Wadeleswirt bekam nun doch endlich seinen Trunk; er ging lieber eine Stunde in brennendem Durst umher, ehe er die zwei Treppen hinab- und wieder hinaufstieg. Der Kollaborator setzte sich zu ihm. Reinhard machte einen Gang durch das Dorf; alle Kinder liefen ihm nach, und einige mutvolle riefen sogar aus sicherem Versteck: Roter Fuchs dein Bart brennt an, Schütt ein bißle Wasser dran. Reinhard ging in das Hans, wo der Bader wohnte, die Kinder warteten vor der Thür, bis er wieder geschält herauskäme; als er aber mit vollem Bartschmucke wieder erschien, lachten und jubelten sie aufs neue. Im Hause des Baders wohnte noch jemand, dem Reinhard einen Auftrag gegeben hatte, es war der Dorfschütz, der jetzt mit der Schelle herauskam. Er klingelte an allen Ecken und sprach dann laut und deutlich: »Der Maler Reinhard ist wieder angekommen mit einem großmächtigen roten Bart. Wer ihn sehen will, soll in die Linde kommen, allda ist der Schauplatz. Eintrittspreis ist, daß jeder ein groß Maul machen und seine Zähne weisen muß, wenn er hat. Um halb neun Uhr geht die Fütterung an. Kinder sind frei.« Ein unaufhörliches Gelächter zog durch das ganze Dorf, die Kinder folgten jubelnd und johlend dem Schütz auf dem Fuße, sie waren kaum so lang zum Schweigen zu bringen, daß man die Verkündigung hören konnte. Als es bereits Nacht geworden und der Himmel mit schweren Regenwolken überzogen war, saß Reinhard auf der Steinbank unter der Linde vor dem Wirtshause; er lachte vor sich hin, der urplötzlichen Heiterkeit gedenkend, mit der er unversehens die Seelen aller Einwohner erfüllt hatte. Da hörte er ein verhaltenes Schluchzen in der Nähe, er stand auf und sah ein Mädchen, das nach der Scheune ging. »Lorle?« sagte er in fragendem Tone. »Grüß Gott,« antwortete das Mädchen, die dargebotene Hand fassend, ohne aufzuschauen und ohne die Schürze vom Gesicht zu nehmen. »Du hast . . . Ihr habt ja geweint; warum denn?« »Ich, ich . . . hab' nicht geweint,« erwiderte das Mädchen und konnte vor schnellem Schluchzen kaum reden. »Warum gunnet Ihr mir denn keinen Blick und sehet mich nicht an? hab' ich Euch was Leids than?« »Mir? mir, nein.« »Wem denn?« »Euch.« »Ja wieso?« »Es gefällt mir nicht, daß Ihr Euch so zum G'spött vom ganzen Dorf machet, das ist nichts, und uns habt Ihr doch auch zum Narren; das hätten wir nicht von Euch denkt.« »Ihr seid recht groß und stark geworden, Lorle; kommet 'rein in die Stub', daß ich Euch auch sehen kann.« »Brauchet nicht jetzt noch mit mir Euern besondern Possen haben,« endete das Mädchen, raffte sich schnell zusammen und sprang davon durch das Hofthor nach der Straße. Reinhard saß mit zusammengebissenen Lippen vor sich niederschauend wieder auf der Bank. Was ihm vor einem Augenblicke noch wie ein übermütiger, aber harmloser Scherz vorgekommen war, das hatte jetzt eine ganz andre Gestalt. Von sich sah er bald ab und dachte: das Kind hat recht, es ist ein Stück Aristokratie in diesem Scherze; wir wissen nicht, wieviel von schmählichem Hochmut in jedem von uns steckt. Ich habe das ganze Dorf zu meinem Spaß verwendet. Der Kollaborator kam jetzt auch herab und sagte: »Ein sonderbarer Mann, unser Wirt! Ich hin doch schon durch alle Examina gesiebt worden, aber der hört gar nicht auf mit Fragen, und dabei hat er so was Mißtrauisches.« »Das ist's nicht,« sagte Reinhard, »die Bauern haben eine alte Regel: wenn man mit einem fremden Löffel essen will, soll man vorher dreimal hineinhauchen, verstehst du?« »Jawohl, das ist ein tiefsinniger Gedanke.« »Einen schönen Gruß und ich ließ' mich schön bedanken, Herr Kohlebrater,« entgegnete Reinhard lachend. Viele Männer und Burschen aus dem Dorfe sammelten sich, von allen ward Reinhard herzlich bewillkommt; die heitere Weise, die sie herbeigelockt, erhielt eine entsprechende Fortsetzung. Man ging nach der Stube, und Reinhard wußte den ganzen Abend allerhand schnurrige Geschichten von seinen Fahrten in Oberitalien und Tirol zu erzählen, das Gelächter wollte kein Ende nehmen. Reinhard gab sich selbst mehr zum besten, als es eigentlich seine Art war; er wollte indes ein übriges thun, weil er sie alle zum besten gehabt hatte, wie er in gesteigerter Selbstanklage sich vorwarf. Nach und nach geriet er aber aus innerer Lustigkeit auf allerlei tolle Seltsamkeiten, denn er konnte sich, namentlich in zahlreicher Gesellschaft, wahrhaft in eine Aufregung hineinarbeiten. Reinhard war so voll Lustigkeit unter den Menschen gewesen, und allein auf seinem Zimmer ward er verstimmt und düster; die Welt erschien ihm doch gar zu nüchtern, wenn er nicht selber sie etwas aufrüttelte. Lorle war den ganzen Abend nicht in die Stube gekommen. Tief in der Nacht »schlurkte« noch jemand in Klappantoffeln durch das ganze Haus und drückte an allen Thüren; es war der Wadeleswirt, der nie zu Bett ging, bevor er nicht alles von oben bis unten durchgemustert hatte. Das war ein Sonntagsleben. Am andern Morgen stand der Kollaborator ganz früh vor dem Bette Reinhards und sang mit wohlgebildeter, kräftiger Stimme, die man ihm nicht zugemutet hätte, das Lied aus Preziosa: »Die Sonn' erwacht« mit Webers taufrischer Melodie. Reinhard schlug murrend um sich. »Ein Mann wie du,« sang der Kollaborator recitando , »der das herrliche Bild ›Sonntagsfrühe‹ abkonterfeit, darf einen Morgen nicht verschlafen, wie der heut, hum, bum.« Reinhard war still, und der Kollaborator fuhr sprechend fort: »Was fangen wir heut an? Es ist Sonntagmorgen, es hat heut nacht geregnet, als ob wir's bestellt hätten; alles glitzert und flimmert draußen. Was treiben wir nun? Gibt's keine Kirchweihe in der Nähe? Kein Volksfest?« »Brat dir ein Volksfest,« entgegnete Reinhard, »trommle dir die Massen zusammen, die du brauchst, und sattle dein Gesicht mit einem Operngucker; wirf Geld unter die Kinder, daß sie sich raufen und übereinander purzeln, dann hast du ein Volksfest mit ipse fecit .« »Du warst gestern abend so lustig und bist heute so mürrisch.« »Ich war nicht lustig und bin nicht mürrisch; ich bin nur ein Kerl, der eigentlich allein sein sollte und verdammterweise doch keinen Tag allein sein kann. Paß auf, wie ich's meine. Es ist mir lieb, wenn du bei mir bist; ein Freund wie du, der's so treu meint, ist, wie wenn man Geld im Schrank hat; braucht man's auch nicht, es unterstützt doch, weil man weiß, man kann's holen, wenn Not an Mann geht. Also bleib die noch übrigen Tage deiner Ferien da, aber laß mich auch ein bißchen mir.« »Ich begreife dich wohl. Hier empfängst du den Kuß der Muse, und da darf kein fremdes, betrachtendes Auge dabei sein. Ich will dich gewiß ganz dir überlassen, stets zurücktreten, wo sich dir irgend ein Motiv zu einem Bilde bieten könnte; da darf man nicht mit Fingern hindeuten, nicht einmal profanen Auges hinschauen. Die Wurzel, die schaffende Triebkraft alles Lebens, ruht im Dunkel, wo kein Sonnenblick, wo kein Auge hindringt.« »Das auch,« sagte Reinhard, »und für dich selber merke dir: will nicht von jedem Augenblicke etwas, ein Resultat, einen Gedanken und dergleichen; lebe, und du hast alles. Wir stecken in der Gedankenhetzjagd, die uns gar nicht mehr in Ruhe das Leben genießen läßt, du vor allen, aber ich kann auch sagen wie jener Pfarrer in seiner Strafpredigt: ›Meine lieben Zuhörer, ich predige nicht nur für euch, ich predige auch für mich.‹ – Laß uns leben! leben! Der Holunder blüht, er blüht und nicht bloß, damit ihr euch einen Thee daraus abbrüht, wenn ihr euch erkältet habt.« »Entschuldige, wenn ich dir sage,« bemerkte der Kollaborator in zaghaft rücksichtsvollem Tone, »es steckt mehr Romantik in dir, als du glaubst; das war ja auch die blaue Blume der Romantiker: ohne alle Reflexion zu sein, im Vollgenuß des Nichtwissens.« »Bin nicht ganz einverstanden, aber meinetwegen heiß' es Romantik, wenn das Kind einen Namen haben muß.« Reinhard stand halb angekleidet am Fenster und sog die Morgenluft in vollen Zügen ein; plötzlich prallte er zurück, der Kollaborator sprang schnell an das leere Fenster und sah hinaus. Das Wirtstöchterlein ging über den Hof, luftig gekleidet, ohne Jacke und barfuß. Eine Schar junger Enten umdrängte sie schnatternd. »Ihr Fresserle,« schalt sie und verzog damit trotzig den Mund, »könnet's nicht verwarten, bis eure Kröpfle vollgestopft sind? Euch sollt' man alle Viertelstund' anrichten, nicht wahr? Nur stet, ich hol' s ja, nur Geduld, ihr müsset halt auch Geduld lernen; ans dem Weg! ich tret' euch ja.« Die jungen Entchen hielten an, als ob sie die Worte verständen, das Mädchen ging nach der Scheune und kam mit Gerste in der Schürze wieder. »Da,« sagte sie, eine Handvoll ausstreuend, »g'seg'n euch's Gott! Gunnet's euch doch, ihr Neidteufel, und purzelt nicht übereinander weg, scht!« scheuchte sie und warf eine Handvoll Gerste weiter abseits, »ihr Hühner, bleibt da drüben.« Der Hahn stand auf der Leiter an der Scheune und krähte in die Welt hinein. »Kannst's noch, akkurat wie gestern,« sagte das Mädchen sich verbeugend, »komm jetzt nur 'runter; bist halt grad' wie die Mannsleut, die lassen immer auf sich warten, wenn das Essen auf dem Tisch steht.« Der Hahn kam auch herbeigeflogen und ließ sich's wohl schmecken, plauderte aber viel dabei; wahrscheinlich hatte er eben etwas Geistreiches oder Possiges gesagt, denn eine gelbe Henne, die gerade ein Korn aufgepickt hatte, schüttelte den Kopf und verlor das Korn. Der Galante sprang behende herzu, holte das Verlorene und brachte es mit einem Kratzfuße. einige verbindliche Worte murmelnd. »Guten Morgen, Jungferle,« rief jetzt der Kollaborator in den Hof hinab; das Mädchen antwortete nicht, sondern sprang wie ein Wiesel davon und ins Haus; die jungen Enten und die Hühner schauten bedeutsam nach dem Fenster hinauf, sie mochten wohl ahnen, daß von dorther die Störung gekommen war, die ihnen die fernere Nahrung entzog. »Das ist ein Mädchen! ach, das ist ein Mädchen!« rief der Kollaborator in die Stube gewendet und ballte beide Fäuste zum Himmel; er durchmaß hierauf zweimal, ohne zu reden, die Stube, stellte sich dann vor Reinhard und begann wieder: »Da hast du's, ich kann weiter nichts sagen, als: das ist ein Mädchen. Kein Epitheton genügt mir, keines. Hier haben wir ein Gesetz der Volkspoesie, sie gibt den vollsten Ausdruck, macht die tiefste Wirkung oft bloß durch das einfache Substantiv, ohne Epitheton; meiner Sprache steht jetzt in solcher Entzückung nicht mehr zu Gebote, als der eines Bauernburschen.« »Was hältst du davon, wenn wir uns mit dem Epitheton ›göttlich‹ begnügten?« »Spotte jetzt nicht, das Mädchen mußt du malen. wie es dastand, eins mit der Natur, zu ihr redend und von ihr begriffen, die vollendete Harmonie.« »Es wäre allerdings etwas nie Dagewesenes: ein Mädchen im Hühnerhofe.« »Nun, wenn auch nicht so, das Mädchen mußt du malen, hier ist dir ein süßes Naturgeheimnis nahegestellt, du –« »Ins Teufels Namen, so schweig doch still, wenn es ein Geheimnis ist. Du schwatzest schon am frühen Morgen, daß man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht.« Die beiden Freunde saßen eine Weile lautlos bei einander; endlich sagte der Kollaborator aufstehend: »Du hast recht, der Morgen ist wie die stille Jugendzeit, da muß man den Menschen allein lassen, für sich, bis er nach und nach aus sich erwacht; man soll ihn nicht aufrütteln. Ich gehe in den Wald, du gehst doch nicht mit?« »Nein.« Der Kollaborator ging, und Reinhard saß lange still, das viele Reden und Rütteln des Kollaborators hinterließ ihm die Empfindung, als ob er von einer geräuschvollen Reise käme; die ruhige Spiegelglätte des Morgenlebens war ihm zu hastigen Wellen aufgehetzt. Reinhard war verstimmt und nervengereizt, er legte sich nochmals auf das Bett und verfiel in leisen Schlummer. Die Glocken des Kirchturmes weckten ihn, es läutete zum erstenmal zur Kirche. Reinhard ging hinab in die Küche; die Bärbel, seine alte Gönnerin, die sonst so freundlich mit ihm geplaudert hatte, war unwirsch, sie sagte, er solle nur in die Stube gehen, sie hielte ihm schon seit drei Stunden den Kaffee bereit, und man könne ja das Feuer nicht ausgehen lassen von seinetwegen. Reinhard war eben im Begriffe, ihr eine barsche Antwort zu geben, er hatte es genug, sich über den gestrigen Scherz hart behandeln zu lassen, da hörte er die Stimme Lorles von der Laube: »Bärbel, komm ause, guck, ob's so recht ist.« »Komm du 'rein, ist grad so weit; mach nur fort, es wird schon recht sein.« Ohne eine Antwort gegeben zu haben, verließ Reinhard die Küche, er ging aber nicht in die Stube, sondern fast unhörbar nach der Laube. Ungesehen von dem Mädchen konnte er dasselbe eine Weile beobachten; er stand betroffen beim ersten Anblick. Das war ein Antlitz voll seligen, ungetrübten Friedens, eine süße Ruhe war auf den runden Wangen ausgebreitet; diese Züge hatte noch nie eine Leidenschaft durchtobt, oder ein wilder Schmerz, ein Reuegefühl verzerrt, dieser feine Mund konnte nichts Heftiges, nichts Niedriges aussprechen, eine fast gleichmäßige zarte Röte durchhauchte Wange, Stirn und Kinn, und wie das Mädchen jetzt mit niedergeschlagenen Augen das Bügeleisen still auf der Halskrause hielt, war's wie der Anblick eines schlafenden Kindes; als es jetzt die Krause emporhob, die großen blauen Augen aufschlug und den Mund spitzte, trat Reinhard unwillkürlich mit Geräusch einen Schritt vor. »Guten Morgen, oder bald Mittag,« nickte ihm Lorle zu. »Schön Dank, seid Ihr wieder gut?« »Ich bin nicht bös gewesen, ich wüßt' nicht, warum. Habt Ihr gut geschlafen?« »Nicht so völlig.« »Warum? Habt Ihr was träumt? Ihr wisset ja, was man in der ersten Nacht in einem fremden Bett träumt, das trifft ein.« »Aber mein Traum nicht.« »Nun, was ist's denn gewesen? Dürfet Ihr's nicht sagen?« »Ganz wohl, und Euch besonders, ich hab' von Euch träumt.« »Ach, von mir, das kann nicht sein. Gucket, machet mir keine Flattusen; es hat mich verdrossen, wenn Ihr mich früher Grundel geheißen habt, aber es wär' mir noch lieber, wenn Ihr so saget, als wenn Ihr mir so was Gaukliches vormachet.« »Ich kann ja auch was träumt haben, das gar kein' Flattuse ist. Machet aber nur kein Gesicht, es ist nichts Böses, es ist bloß dumm. Mir hat's träumt, ich sei mit Euch auf dem Bernerwägele gesessen, und Euer Rapp war angespannt und hat eine großmächtige Schelle um den Hals gehabt, die hat geläutet wie die Kirchenglock', und der Rapp ist nur so durch die Luft dahingeflogen, seine Mähne ist hoch aufgestanden, und man hat kein Rad gehört, und wir sind doch immer fort und fort. Ich hab' den Rapp halten wollen, er hat mir aber schier die Arme aus dem Leib gerissen, und Ihr seid immer ganz ohne Angst neben mir gesessen und so immer fort; plötzlich legt sich der Wagen ganz sanft um, und wir sind auf dem Boden gelegen, da ist mein Kamerad kommen und hat mich geweckt.« »Das ist ein wunderlicher Traum, aber in den nächsten vier Wochen fahr' ich nicht mit Euch. Was ich hab' sagen wollen, Euer Kamerad ist ein wunderlicher Heiliger, mein Vater sagt, er sei stolz und hochmütig, ich mein' eher, er sei zimpfer und ungeschickt.« »Ihr habt ihm doch seine Störung verziehen?« »Ja. Seid Ihr auch schon auf gewesen?« »Nicht ganz. Mit meinem Kameraden habt Ihr recht, er ist nicht stolz, im Gegenteil scheuch und furchtsam.« »Ja, das hab' ich auch denkt, und grad' weil er scheuch und furchtsam ist, da geht er so auf die Leut' 'nein und thut, wie wenn er sie zu Boden schwätzen wollt'. Wie ich vorlängst bei der Vroni auf der Hohlmühle gewesen bin, Ihr wisset ja, sie ist mit meinem Stephan versprochen, sie heiraten bis zum Herbst, und er übernimmt die Mühle; Ihr seid doch auch noch da zur Hochzeit?« »Kann sein, aber Ihr habt mir was erzählen wollen?« »Ja, das ist recht, daß Ihr einen beim Wort behaltet, ich schwätz' sonst in den Tag 'nein. Nun wie ich drunten in der Hohlmühle bin, da wird's Nacht, und da haben sie mir das Geleit geben wollen, ich hab's aber nicht zugeben, und es wär' mir doch recht gewesen. Ich bin halt jetzt allein fort, im Wald da ist mir's aber katzhimmelmäuslesangst worden, und weil ich mich so gefürcht't hab', da hab' ich allfort pfiffen, wie wenn ich mir auf der ganzen Welt nichts machen thät. Ja, wie komm' ich denn aber jetzt da drauf, daß ich Euch das erzähl'?« schloß Lorle, die Lippen zusammenpressend und die Augen nachdenklich einziehend. »Wir haben von meinem Kameraden gesprochen und –« »Ja, Ihr bringet mich wieder drauf; der pfeift auch so lustig, weil er Angst hat, nicht wahr?« »Vollkommen getroffen. Ihr müßt nun aber recht freundlich gegen ihn sein, er ist ein herzguter Mensch, der's verdient, und es wird ihn ganz glücklich machen.« »Was ich thun kann, das soll geschehen. Ist er noch ledig?« »Er ist noch zu haben, wenn er Euch gefällt.« »Wenn Ihr noch einmal so was saget,« unterbrach Lorle, das Bügeleisen aufhebend, »so brenn' ich Euch da den Bart ab. Ja, daß ich's nicht: vergess', lasset Euch Euern Bart nicht abschwätzen, er steht Euch ganz gut.« »Wenn er Euch gefällt, wird er sich um die ganze Welt nichts scheren.« »Was gefällt? Was ist da von gefallen die Red'?« ertönte eine kräftige Weiberstimme, es war die der Bärbel. »Das Lorle ist in meinen Kameraden verschossen,« sagte Reinhard. »Glaub' ihm nichts, er ist ein Spottvogel,« rief das Mädchen, und Bärbel entgegnete: »Herr Reinhard, ganget 'nein und trinket Euern Kaffee; ich g'wärm ihn Euch nimmer.« »Geht Euer Goller da in die Kirch'?« wendete sich Reinhard an Lorle und erhielt die Antwort: »Nein, das gehört der Bärbel, die geht, ich bleib' daheim; Ihr geht doch auch?« »Ja,« schloß Reinhard und trat in die Stube. Er hatte eigentlich nicht die Absicht gehabt, in die Kirche zu gehen, aber er mußte und wollte jetzt; er mußte, weil er's versprochen, und wollte, weil Lorle allein zu Hause blieb. Und wie wir unsern Handlungen gern einen allgemeinen Charakter geben, so redete er sich auch ein, er gewinne durch die Teilnahme an dem Kirchengange aufs neue die Grundlage zur Gemeinsamkeit des Dorflebens und ein Recht darauf. Während Reinhard in der Stube dies überdachte, sagte Lorle draußen auf der Laube: »Denk' nur, Bärbel, er hat heut nacht von mir träumt.« »Wer denn?« »Nu, der Herr Reinhard.« Lorle verfehlte nie, auch wenn sie von dem Abwesenden sprach, das Wort »Herr« zu seinem Namen zu setzen. »Laß dir von dem Fuchsbart nichts aufbinden,« entgegnete Bärbel. »Und der Bart ist gar nicht fuchsig,« sagte Lorle voll Zorn, »er ist ganz schön kästenbraun, und der Herr Reinhard ist noch grad so herzig, wie er gewesen ist, und du hast doch früher, wo er nicht dagewesen ist, immer so gut von ihm geredt, und du hast unrecht, daß du jetzund so über ihn losziehst. Wenn er auch den Spaß mit dem Ausschellen gemacht hat, er ist doch nicht stolz, er redt so gemein und so getreu.« »Ich kann nichts sagen als: nimm dich vor ihm in acht, und du bist kein Kind mehr.« »Ja, das mein' ich auch, ich weiß doch auch, wie einer ist, ich . . .« »Gib mir mein Goller, du zerdrückst's ja wieder,« sagte Bärbel und ging davon. Reinhard wandelte sonntäglich gekleidet mit Stephan und Martin nach der Kirche. Alles nickte ihm freundlich zu, manche lachten noch über die seltsame Bartzier, aber der Träger derselben war ihnen doch heimisch; sie fühlten es dunkel, daß er zu ihnen gehörte, da er nach demselben Heiligtume, zu derselben Geistesnahrung mit ihnen wallfahrtete. Auf dem Wege fragte Martin: »Nun, was saget Ihr aber zu unserm Lorle? nicht wahr, das ist ein Mädle?« »Ja,« entgegnete Reinhard, »das Lorle ist grad wie ein feingoldiger Kanarienvogel unter grauen Spatzen.« »Es ist ein verfluchter Kerle, aber recht hat er,« sagte Martin zu Stephan. Reinhard saß bei dem Schulmeister auf der Orgel, der brausende Orgelklang that ihm wundersam wohl, er durchzitterte sein ganzes Wesen wie ein frischer Strom. Die Bärbel, die ihn jetzt von unten sah, dachte in sich hinein: Er ist doch brav! Wie seine Augen so fromm leuchten! Reinhard hörte nur den Anfang der Predigt. An den Text: »Lasset euer Brot über das Meer fahren,« wurde eine donnernde Strafrede angeknüpft, weil das ganze Dorf sich verbunden hatte, nichts für das zu errichtende Kloster der barmherzigen Schwestern beizusteuern. Reinhard verlor sich bei dem eintönigen und nur oft urplötzlich angeschwellten Vortrage in allerlei fremde Träumereien. Drunten aber lag die Bärbel auf den Knieen, preßte ihre starken Hände inbrünstig zusammen und betete für Lorle; sie konnte nun einmal den Gedanken nicht los werden, daß dem Kinde Gefahr drohe, und sie betete immer heftiger und heftiger; endlich stand sie auf, fuhr sich mit der Hand bekreuzend über das Gesicht und wischte alle Schmerzenszüge daraus weg. Der Orgelklang erweckte Reinhard wieder, er verließ mit der Gemeinde die Kirche. Nicht weit von der Kirchenthüre stand die Bärbel seiner harrend; indem sie ihr Gesangbuch hart an die Brust drückte, sagte sie zu Reinhard: »Grüß Gott!« Er dankte verwundert, er wußte nicht, daß sie ihn erst jetzt willkommen hieß. Als Reinhard nun noch einen Gang vor das Dorf unternahm, begegnete ihm der Kollaborator mit einem gespießten Schmetterling auf dem Mützenrande. »Was hast du da?« fragte Reinhard. »Das ist ein Prachtexemplar von einem papilio Machaon , auch Schwalbenschwanz genannt; er hat mir viel Mühe gemacht, aber ich mußte ihn haben, mein Oberbibliothekar hat noch keinen in seiner Privatsammlung; es waren zwei, die immer in der Luft mit einander kos'ten, immer zu einander flatterten und wieder davon; sind glückselige Dinger, die Schmetterlinge! Ich hätte sie gern beide gehabt oder bei einander gelassen, habe aber nur einen bekommen, und schau, wie ich aussehe; in dem Moment, wie ich ihn haschte, bin ich in einen Sumpf gefallen.« »Und Stecknadeln hast du immer bei dir?« »Immer; sieh hier mein Arsenal,« er öffnete die innere Seite seines Rockes, dort war ein R aus Stecknadelköpfen gesetzt. »Aber daß ich's nicht vergesse,« fuhr er fort, »ich habe das Wort gefunden.« »Welches Wort?« »Das Epitheton für das Mädchen: wonnesam! Es ist ein Vorzug unsrer Sprache, daß dieses Wort transitiv und intransitiv ist, sie ist voll Wonne und strahlt jedem Wonne in die Seele. Aber halt! Eben jetzt, indem ich rede, finde ich das Urwort, das ist's: marienhaft! Was die Menschheit je Anbetungswürdiges und Wonniges in der Erscheinung der Jungfrau erkannte, das drängte sie in dem Wort Maria zusammen. Das kann keine andre Sprache, solch ein nomen proprium allgemein objektivisch bilden. Marienhaft! das ist's.« Reinhard ward still; nach einer Weile erst frug er: »Warst du die ganze Zeit im Walde?« »Gewiß, o! es war himmlisch, ich habe einen tiefen Zug Waldeinsamkeit getrunken. Sonst wenn ich den Wald betrat, war mir's immer, als ob er schnell sein Geheimnis vor mir zuschließe, als ob ich nicht würdig sei, durch diese heiligen Säulenreihen zu schreiten und den stillen Chor der ewigen Natur zu vernehmen; mir war's immer, als ob beim letzten Schritte, den ich aus dem Wald thue, jetzt erst hinter mir das süße geheimnisvolle Rauschen beginne und unerfaßbare Melodien erklingen. Heute aber habe ich den Wald bezwungen. Ich bin emporgedrungen durch Gestrüpp und über Felsen bis zum Quellsprung des Baches, wo er zwischen großen Basaltblöcken hervorquillt und ein breites rundes Becken ihn sogleich aufnimmt, als dürfte er da zu Hause bleiben. Du warst gewiß noch nicht dort, sonst müßtest du's gemalt haben; das muß nun dein erstes Bild sein. Die Bäume hangen so sehnsüchtig nieder, als wollten sie das Heiligtum zudecken, daß kein sterbliches Auge es sehe, in jedem Blatt ruht der Friede; der rote und weiße Fingerhut läßt seine Blütenkette zwischen jeder Spalte aufsteigen, es ist eine Giftpflanze, aber sie ist entzückend schön! Die sanfte Erika versteckt sich lauschend hinter dem Felsen und wagt sich nicht hervor an das rauschende Treiben. Dort lag ich eine Stunde und habe Unendlichkeiten gelebt. Das ist ein Plätzchen, um sich ins All zu versenken. Morgenglocken tönten von da und dort, mir war's wie das Summen der Bienen, die sich heute bei der Sicherheit des schönen Wetters weit weg vom Hause wagten. Ich war emporgeklommen, hoch hinauf auf Bergeshöhen, die die Kirchtürme weit überragen, ich stand über Zion auf den Spitzen des unendlichen Geistes; da fühlte ich's wie noch nie, daß ich nicht sterben kann, daß ich ewig lebe; ich faßte die Erde, die mich einst decken wird, und mein Geist schwebte hoch über allen Welten. Mag ich freudlos über die Erde ziehen, klanglos in die Grube fahren, ich habe ewig gelebt und lebe ewig.« . . . Reinhard setzte sich auf den Wegrain unter einen Apfelbaum, er zog auch den Freund zu sich nieder. »Sprich weiter,« sagte er dann; der Angeredete blickte schmerzlich auf ihn, dann schaute er vor sich nieder und fuhr fort: »Ich lag lange so in selig wehmütigem Entzücken, ich sah dem unaufhörlich sich ergießenden Quell zu. Wie ätherklar springt er hervor aus nächtiger Verborgenheit; wie rein und hell schlängelt er sich in die Schlucht hinab, bald aber, noch bevor er den ruhigen Thalweg erreicht, wird er eingefangen; was ficht's ihn an? Er springt keck über das Mühlrad und eilt zu den Blumen am Ufer. In der Stadt aber dämmen sie ihn ein, da muß er färben, gerben und verderben; er kennt sich nicht mehr. Es kann auch einem reinen klaren Naturkinde so ergehen. Was thut's? Du einzler Quell vom Felsensprung! ströme zu bis in das unergründliche, unbezwungene Meer, dort ist neue, dort ist ewige Klarheit und unendliches Leben, ein Ruhen und ein Bewegen in sich . . . Bei dem ersten, was ich dachte, war mir's nicht eingefallen, es festzuhalten, jetzt aber wollte ich alles in melodische Worte fassen; ich quälte mich in allen Versarten, hin war meine Ruhe. Da fielst du mir wieder ein: wozu ein Resultat? Ich hab's gelebt, was braucht es mehr?« . . . »Ich kenne dein Waldheiligtum schon lange,« sagte Reinhard auf dem Heimwege, »ich habe auch genug dort geträumt, aber mit dem Pinsel konnte ich ihm nicht beikommen; ließen sich deine Gedanken malen, ja dann wär's anders. Ich habe mich von der Landschaft entfernt, und doch so oft ich hierher komme, ist mir's, als ob hier eine tiefere Offenbarung noch meiner harre, besonders jetzt; vielleicht ist's dein Waldheiligtum, vielleicht auch nicht.« »Wo warst denn du während meines Waldganges?« »Ich war in der Kirche; du hättest eigentlich auch dort sein sollen; das einigt mit dem Bauernleben.« »Ja, ja, du hast recht, ei, das thut mir leid; nun, ich gehe heut mittag.« – Im Wirtshause war eine große Veränderung. Als der Kollaborator neu beschuht herunterkam, rief ihm Lorle freundlich zu: »Das ist schön, Herr Kohlebrater, daß Ihr nicht auf Euch warten lasset. Wo seid Ihr denn gewesen?« »Im Walde droben. Saget aber nicht Kohlebrater, ich heiße mit meinem ehrlichen Namen Adalbert Reihenmaier.« »Ist auch viel schöner. Nun erzählet mir auch 'was, Herr Reihenmaier.« »Ich kann nicht viel erzählen.« »Ja, wir wollen warten bis Mittag. Ihr gehet doch auch mit auf die Hohlmühle? und Ihr könnet ja so schön singen.« »Ich bin bei allem, absonderlich wo Ihr seid; ich hab' im Walde an Euch gedacht.« »Müsset mich nicht so zum Possen haben, ich bin zu gut dazu und Ihr auch, es schickt sich nicht für so einen Herrn, wie Ihr seid. Hübsch ordelich sein, das ist recht. Ihr müsset aber auch Euren Sonntagsrock anziehen. Habt Ihr denn keinen?« »Mehr als einen, aber nicht hier.« »Ja, Ihr habt's doch gewußt, daß Ihr am Sonntag bei uns seid? Nun – schad't jetzt nichts. Ich will Euch den Martin schicken, er soll Euch ein bißle aufputzen.« Jubelnd sprang der Kollaborator die Treppe hinauf und holte eine Sammlung Volkslieder – (die er zu etwaigen Ergänzungen und Varianten mitgenommen hatte) – aus seinem Ränzchen; er warf das Buch an die Zimmerdecke in die Höhe und fing es wieder auf. »Hier,« rief er, das Buch hätschelnd, als wäre es etwas Lebendiges, »hier seid ihr zu Hause, nicht in der Bibliothek eingepfercht; heut sollt ihr wieder lebendig werden.« Beim Essen herrschte die alte Gewohnheit nicht mehr, für Reinhard und seinen Freund war in dem Verschlag besonders gedeckt. Reinhard sagte dem Wirt, daß er wie ehedem am Familientisch essen wolle. Der Alte aber schüttelte den Kopf, ohne ein Wort zu erwidern, nahm die weiße Zipfelmütze ab und hielt sie zwischen den gefalteten Händen auf der Brust, damit das Gebet beginne. »Bärbel, traget nur die zwei Gedecke heraus, wir essen nicht allein,« rief Reinhard. Der Wadeleswirt setzte schnell die Mütze wieder auf, schaute, ohne eine Miene zu verziehen, rechts und links und sagte: »Nur stet .« Er machte dann eine ziemliche Pause, wie jedesmal, wenn er dieses Wort sagte, das als Mahnung galt, daß keiner mucksen dürfe, bis er weiter redete; endlich und endlich setzte er hinzu: »Drin bleibt's. Es ist kein Platz da für zwei.« Er hob die Arme bedachtsam auf, strich die Hände wagrecht über die Luft, wie den Streichbengel über ein Kornmaß, was so viel hieß als: abgemacht. Die Freunde setzten sich in den Verschlag, Lorle trug ihnen auf. »Kann denn das die Bärbel nicht?« fragte Reinhard, und der Kollaborator ergänzte: »Ihr solltet uns nicht bedienen.« »O du liebs Herrgöttle,« beschwichtigte Lorle, »was machen die für ein Gescheuch von dem Auftragen. Ich thu's ja gern, und wenn Ihr einmal eine liebe Frau habt, Herr Reihenmaier, und ich komm' zu Euch, und Ihr gunnet mir ein warm Süpple, da soll mich Euer Weible auch bedienen.« »Woher wisset Ihr denn, daß ich heiraten möcht?« »Da kann man mit der Pelzkappe darnach werfen, so groß steht's Euch auf der Stirn geschrieben; ich glaub', daß eine Frau mit Euch rechtschaffen glücklich wird.« »Woher wisset Ihr denn das?« »Ihr seid so ordelich mit der Handzwehle umgangen.« Alles lachte, und draußen am Tische sagte der Vater: »Es ist ein Blitzmädle, und es hat sonst in einem Jahr nicht so viel geschwätzt, wie jetzt seit gestern.« »Ja,« sagte die Mutter, nachdem sie mit besonderer Zufriedenheit einen Löffel Suppe verschluckt, jetzt mit dem Löffel auf den ihres Mannes klopfend, »du wirst's noch einsehen, was das für ein Mädle ist; das ist so gescheit wie der Tag.« »Das hat es von dir und von unserm Vorroß, von der Bärbel da,« schloß der Wadeleswirt, den Schlag zurückgebend. Die beiden Freunde unterhielten sich vortrefflich mit Lorle, das immer ein Auge für jegliches Erfordernis hatte, seltsamerweise aber alles mit der linken Hand anfaßte; der Kollaborator sah sie mehrmals scharf darob an, und Lorle sagte: »Nicht wahr, es ist nicht in der Ordnung, daß ich so links bin? Ich hab' mir's schon abgewöhnen wollen, aber ich vergess' es immer.« Schnell nahm Reinhard das Wort: »Das schadet nichts!« Leiser, daß man es in der Stube draußen nicht hören konnte, setzte er hinzu: »Ihr machet alles prächtig. Wer kann's beweisen, daß die rechte Hand die geschicktere ist? Eure Linke ist Linker als manche Rechte, und mir gefällt's so ganz wohl.« Bei diesen Worten richtete sich Lorle grad auf, eine eigentümliche Majestät lag in ihrem Blicke. »Sind keine Musikanten im Dorf?« fragte der Kollaborator. »Freilich, sie sind alle bei einander.« »Die sollten uns heut abend einige Tänze spielen, ich bezahle gern ein Billiges.« »Ja, das geht nicht, der Schultheiß ist heut verreist, und es ist vom Amt streng verboten, ohne polizeiliche Erlaubnis Musik zu halten; in Eurer Stub' droben hängt die Verordnung.« »O Romantik! Wo bist du?« sagte der Kollaborator und Lorle erwiderte: »Das haben wir hier nicht, aber ein Klavier steht droben, das darf man –« Die beiden Freunde brachen in schallendes Gelächter aus, so daß sie sich kaum auf ihren Sitzen halten konnten. Reinhard faßte sich zuerst wieder, denn er sah, wie es plötzlich durch das so friedliche Antlitz des Mädchens zuckte und zitterte, Pulse klopften sichtbar in den Augenlidern, und ein tiefschmerzlich fragendes Lächeln lag auf den Lippen. Lorle stand da mit zitterndem Atem; sie wand das festangezogene Schürzenband um einen Finger, daß es tief einschnitt; dieser körperliche Schmerz that ihr wohl, er verdrängte einen Augenblick den seelischen. Reinhard gebot in barschem Tone seinem Freunde, mit dem »einfältigen Lachen« endlich aufzuhören. So sehr sich nun auch der Kollaborator entschuldigte und sich Mühe gab, Lorle zu erklären, was er gemeint habe, das Mädchen räumte schnell ab und blieb verstimmt, so verstimmt wie das Klavier, das der Kollaborator alsdann in seiner Stube probierte. Das war eine grausam zerstörte Harmonie, fast keine Saite hatte mehr den entsprechenden Klang, da mußten viele Menschen darauf losgetrommelt haben. »Ja,« dachte der Kollaborator, »wenn ein Wesen einmal zur Mißstimmung gebracht ist, dann arbeitet jedes zum Scherze oder mutwillig darauf los, es noch mehr und vollends zu verstimmen, und haben sie's vollbracht, dann lassen sie es vergessen im Winkel stehen.« Der Kollaborator sah darin nur ein Bild seines Lebens, er dachte nur an sich. – Von den vielen Wanderungen und Empfindungen ermüdet, verschlief er dann richtig die Mittagskirche, zu seinem und vielleicht auch zu unserm Frommen. Wer weiß, ob das Waldheiligtum vom Morgen ungestört geblieben wäre. Als Lorle aus der Mittagskirche kam, ging sie mit ihrem Bruder rasch nach der Hohlmühle. Der Vater, das wußte sie, war nicht so bald loszueisen, er versprach, mit der Mutter nachzukommen. Freilich hatte sich's Lorle heute morgen schön ausgedacht, wenn auch die Fremden mitgingen. Es lief auch ein bißchen Stolz mit unter. Das war aber nun alles vorbei. Nach vielem Drängen folgte das alte Ehepaar mit den Freunden zwei Stunden später. Der Kollaborator war wieder ganz aufgeräumt. »Ihre Uhren hier gehen falsch,« bemerkte er dem Wirte, »ich habe die meinige nach dem Meridian auf der Bibliothek gestellt. Sie könnten sich hier auch eine Sonnenuhr einrichten, etwa an der neuen Kirche, die jetzt gebaut wird; à propos , warum bauen sie die neue Kirche nicht mehr drüben auf dem Hügel, das war ja so schön, daß man sich erhebt, wenn man zur Kirche geht?« »Ja, wir wollen jetzt die Kirch' bei der Hand haben, zu allen Gelegenheiten, wo man's braucht.« »Da habt Ihr auch recht, die Religion und die Kirche sollen nicht mehr oberhalb, fern von dem Leben stehen, sondern mitten unter demselben. Ach, da blüht schon vorzeitig die Genziana cruciata ,« unterbrach sich der Kollaborator und sprang über den Weggraben nach der Blume. Der Wadeleswirt schaute ihm lächelnd nach und sagte zu Reinhard: »Das ist ein sonderbarer Mensch! Hat man nicht gemeint, er will mit aller Gewalt die Kirch' wieder auf den Berg setzen, und wenn man's ihm anders auslegt, gleich ist es ihm auch recht; bei dem ist's wie bei dem Verwalter auf der Saline drunten, der hat einen Schlafrock, den man auf all beiden Seiten anziehen kann. Grausam gelehrt muß er aber sein; was hat er denn eigentlich g'studiert?« »Zuerst geistlich und dann viele Sprachen; jetzt ist er auf dem Bücherkasten angestellt, und da hat er von allem was wegkriegt. Er hat im ganzen wohl feste Meinungen, und grundbrav ist er, das könnet Ihr mir glauben.« »Ja, ja, glaub's schon.« Der Kollaborator war wieder herbeigekommen. Er konnte sich nicht enthalten, auf jedem Schritte Reinhard auf die Schönheiten des Weges aufmerksam zu machen; da war eine Baumgruppe, eine Durchsicht, ein knorriger Ast, alles rief er an, »und sieh,« sagte er wieder, »wie das Sonnenlicht so herrlich in Tropfen durch die Zweige und von den Blättern rinnt!« »Laß doch dein ewiges Erklären!« fuhr Reinhard auf; der Kollaborator ging still, um sich wieder eine Blume zu holen, und zerschnitt sie mit dem Federmesser. »Ihr müsset ihn nicht so anfahren,« sagte der Wadeleswirt, »das ist ja ein glücklicher Mensch; wo ein andres gar nichts mehr hat, hat der noch überall Freude genug, an der Sonn', an einer Blum', an einem Käfer, an allem.« – Man war endlich am Mühlgrunde angekommen: dort wandelten zwei Mädchen durch die Thalwiese Hand in Hand und sangen. »Lorle!« rief die Mutter, das Echo hallte es wider, Vroni blieb stehen, und Lorle sprang den Kommenden entgegen. Der Wadeleswirt stand da, weitspurig und die Hände in die Seiten gestemmt, er nickte nur einmal scharf mit dem Kopfe, und hier sprach sich sein ganzer Vaterstolz aus: zeiget mir noch so ein Mädle landauf und landein, sagten seine Mienen. Reinhard ward aus der Mühle herzlich bewillkommt, auch sein Freund wurde traulich begrüßt, denn hier, wo alles in der Sippschaft lebt, werden die Freunde wie Familiengenossen angesehen. Um den Tisch unter dem Nußbaum saß die Gesellschaft, der alte Müller zeigte Reinhard, wie sein Name, den er vor Jahren in die Rinde geschnitten, groß geworden war. Der Kollaborator wendete keinen Blick von dem alten Manne, für dessen Antlitz er später die eigene Bezeichnung erfand, indem er es ein »geschmerztes Gesicht« nannte; es war eines jener edlen, länglichen Gesichter, hohlwangig, mit breiten Backen- und Stirnknochen und großen blauen Augen, voll Demut und langen Harmes, darauf die Leidensgeschichte des deutschen Volkes geschrieben ist. »Ja,« sagte der Alte, Reinhard mit dem Finger drohend, »der Schelm soll mich ja, wie sie sagen, in einem besondern Bild gemalt haben. Ist das auch ehrlich und recht?« »Das macht der Katz' keinen Buckel,« lachte der Wadeleswirt, »mich dürft' er meinetwegen malen, wie er wollt', ich behielt' mich doch.« »Eingeschlagen, bleibt dabei,« rief Reinhard, die Hand hinstreckend; als er aber keine Hand erhielt, setzte er lachend hinzu: »Es war nur Spaß, es gibt gar keine so dicken Farben, wie Ihr seid.« Unter dem allgemeinen Gelächter sagte dann der Müller: »Jetzt saget's frei, was habt Ihr denn aus mir gemacht?« »Nichts Unrechtes. Wie ich damals die Mühle abgezeichnet hab', da geh' ich einmal abends weg, die Sonne ist grad im Hinabsinken, da geht Euer Fenster auf, Ihr gucket 'raus, ziehet die Kapp' vom Kopf, haltet sie zwischen den Händen und betet laut in die untergehende Sonne hinein. Da hat mich's heilig angerührt, und ich hab' Euch so gemalt, nur mit der Aenderung, daß Ihr unter der Halbthür statt am Fenster stehet.« »Das ist nichts Unrechtes, das kann man sich schon gefallen lassen,« sagte die Wirtin. Man saß ruhig und wohlgemut beisammen, und Reinhard vertraute unter dem Gelöbnis der Verschwiegenheit, daß er in die neue Kirche ein Altarbild stiften wolle. Der Wadeleswirt bot ihm freie Zehrung in seinem Hause an, so lang er hieran arbeite, und der Müller wollte auch etwas thun, er wußte nur noch nicht, was. Eine Weile herrschte Stille in dem ganzen Kreise, niemand fand, nachdem man so gute und fromme Dinge besprochen, etwas andres. Der Kollaborator verhalf zu einer andern Stimmung. Die Mädchen waren ab- und zugegangen und hatten Essen aufgetragen, die Gläser waren eingeschenkt, aber niemand griff zu, weil die Gedanken aller in der Kirche waren. Lorle hatte den Kollaborator offenbar vermieden. Dieser fragte nun Vroni: »Hat man keine Sagen von dem Mühlbache? Baden sich keine Nixen droben im Quell?« »Ja, nix badet sich drin,« erwiderte Vroni; alles kicherte in sich hinein. Der Kollaborator ließ aber nicht ab und wendete sich an den Alten: »Erzählt man sich denn gar nichts von dem Bache?« »Ach was! das sind Sachen für Kinder, das ist nichts für Euch.« »Ich bitte, erzählet doch, Ihr thut mir einen Gefallen damit.« »Nun, man berichtet allerlei, so von dem Wasserweible, und so.« »Ja, davon erzählet, ich bitte.« »So hat im Schwedenkrieg ein Schwed' hier der Tochter vom Haus Gewalt anthun wollen, und da ist sie auf den Fruchtboden entlaufen und hat die Leiter nachzogen, und da hat der Schwed' die Mühle gestellt und ist am Rad 'naufgestiegen, und wie er halb droben ist, da ist das Wasserweible kommen, hat die Mühle in Gang bracht, und patsch! ist mein Schwed' unten gelegen und ist versoffen.« »Das ist eine herrliche Sage.« »Ja, Aberglaube ist's,« eiferte der Müller, »der Schwed' hat die Mühl' nicht recht stellen können, und da ist sie halt wieder von selber in Gang kommen.« Der Nachmittag ging unter mancherlei Gesprächen vorüber, man wußte nicht, wie. Die beiden Mädchen machten sich über den Kollaborator auf alle Weise lustig, sie hielten ihn für abergläubisch und erzählten ihm Spuk- und Geistergeschichten; besonders Lorle war froh, ihm seinen gelehrten Hochmut heimzahlen zu können, und machte ihn so »gruseln«, daß er gewiß in der Nacht nicht schlafen könne; sie stellte sich, als ob sie an alles glaube, um ihm rechte Furcht einzujagen. Der Kollaborator war ganz glückselig über diese reiche Fundgrube und merkte nichts von der versteckten Schelmerei. Auf dem Heimwege sagte der Wadeleswirt ein gar weises Wort zu Reinhard: »Euer Kamerad ist doch grad wie ein Kind, und er ist doch so gelehrt.« Stephan war auf der Mühle geblieben, Lorle ging neben der Mutter, der Kollaborator begleitete sie und sagte einmal: »Da kann man nun Vergangenheit und Zukunft sehen, so wie das Lorle müsset Ihr einmal ausgesehen haben, Frau Wirtin, und das Lorle wird auch einmal so eine nette alte Frau, wie Ihr.« Die Wirtin schmunzelte, es war ihr aber doch unbehaglich, so von sich sprechen zu hören; denn wenn die Bauern auch noch so gern ein Langes und Breites selber von sich reden, ist es ihnen doch unlieb, wenn ein andrer sie in ihrem Beisein schildert oder gar kritisiert. Unser gelehrter Freund aber begann wieder: »Saget doch, woher kommt's, daß man so selten schöne ältere Leute auf dem Dorfe sieht, besonders wenig schöne ältere Frauen?« »Ja gucket, die meisten Leut' haben ein kleines Hauswesen und können keinen Dienstboten halten, und da muß oft so eine Frau schon am vierten, fünften Tag, nachdem sie geboren hat, an den Waschzuber stehen oder aufs Feld. Wenn man sich nicht pflegen und warten darf, wird man vor der Zeit alt.« »Ihr solltet einen Verein zur Wartung der Wöchnerinnen stiften.« »Ja wie denn?« Der Kollaborator erklärte nun die Einrichtung eines solchen Vereins, die Wirtin aber machte viele Einwendungen, besonders, daß manche Frauen sich ungern von Nichtverwandten in ihre unordentliche Haushaltung hineinsehen lassen; endlich aber stimmte sie doch bei und sagte: »Ihr seid ein recht liebreicher Mensch,« und Lorle bemerkte: »Aber die Mädle können auch bei dem Verein sein?« »Gewiß, der Verein verpflichtet sich, jede Wöchnerin mindestens vierzehn Tage zu pflegen.« Es war Dämmerung, als man im Dorfe anlangte; Reinhard schloß sich einem Trupp Burschen an und zog mit ihnen singend durch das Dorf. Als es längst Nacht geworden war, kam er heim, sprang schnell die Treppe hinauf und wieder hinab. Der Kollaborator saß auf seiner Stube und notierte sich einige der heute vernommenen Sagen; als er aber von der Straße herauf Zitherklang hörte, ging er hinab. Unter der Linde saß Reinhard, die Zither auf dem Schoße, die ganze Männerschaft des Dorfes war um ihn versammelt. Er spielte nun zuerst eine sanfte Weisung, er wußte das liebliche Instrument so zart zu behandeln, daß es, bald schmelzend, bald jubelnd, alle Gemütsregungen verkündete. Die Zuhörer standen still und lauschend, es gefiel ihnen gar wohl, und doch, als er jetzt geendet, fürchten sie, er möchte immer bloß spielen. Martin sprach daher das allgemeine Verlangen aus, indem er rief: »Ihr könnet doch auch singen, gebt was los.« »Ja, ja,« stimmten alle ein, »singet, singet.« Reinhard gab nun viele kurze Lieder preis, die er auf seinen Wanderungen aufgehascht hatte; hell klang seine Stimme hinein in die stille Nacht, und die Jodeltöne sprangen wie Leuchtkugeln hinauf zum Sternenhimmel und stürzten sich wieder herab. Lorle, die sich eben hatte zu Bett legen wollen, schaute zum Fenster heraus und horchte hinab; die Worte mit den Lippen sprechend, aber nicht der Luft anvertrauend, sagte sie: »Es ist doch ein prächtiger Mensch, so gibt's doch gewiß keinen mehr auf der ganzen Welt.« Nun sang Reinhard das Lied: Und wann's emol schön aber wird Und auf der Alm schön grüen, Die Böckle mit de Geisle führt, Die Sendrin mit de Küehn; Die Wälder werden grün von Laub, Die Wiesen grün von Gras, Und wann i an mein' Sendrin denk', No g'freut mi halt der G'spaß. Der Kollaborator kannte das Lied und begleitete es im Grundbaß, Lorle oben machte aber bei den nachfolgenden Versen das Fensterchen zu und legte sich still zu Bett. Gegen das Ende des äußerst naiven Stelldichein, welches im Liede besungen wurde, konnten schon fast alle Burschen mitsingen; der elfte und letzte Vers wurde unter hellem Lachen noch einmal wiederholt: Der Bue, der sait, heut kann's nit sein, Heut hab i goar koan Freud, Wann i das nächstmal wieder kumm, Heut hab i goar koan Schneid. Er thut en frischen Juchzer drauf, Das hallt im ganzen Wald; Die Sendrin hat ihm nachig'weint, So lang sie hört den Schall. »Und das Lied hat eine Sennerin gemacht!« schrie der Kollaborator in vollem Entzücken. »Ihrem Herzliebsten zur guten Nacht, gut Nacht,« schloß Reinhard und ging in das Haus. Die Burschen sangen das neue Lied noch weit hinein durch das Dorf und lachten unbändig. »Das war ein genußvoller Tag,« sagte der Kollaborator auf der Stube zu seinem Freunde. »Wie schön ist Musik in der Nacht! Das Licht ist ein Nebenbuhler des Gesangs, es liebt ihn nicht, die dunkle Nacht aber wiegt ihn sanft auf ihren weichen Armen. Du verstehst's mit dem Volke umzugehen, man sollte ihm die neuen Offenbarungen im Gesange mitteilen, da ist alles wieder eins, die erste und letzte Bildungsstufe ist im Gesange wieder geeint.« Da Reinhard nicht antwortete, fuhr der Redner fort: »Du hast mir diesen Abend ein Gesetz von der Völkerwanderung der Lieder, ich wollte sagen, von der Wanderung der Volkslieder konkret erklärt. Man hat so oft Volkslieder von ganz lokaler Färbung an fremden Orten gefunden. Menschen wie du sind die Schmetterlinge, die den befruchtenden Blumenstaub von der einen Blume zur andern bringen. Wir hatten heute alles: ein Müllerstöchterlein, ein Wirtstöchterlein, ein Maler und Musikant, es fehlte nur noch ein Jäger, dann hätten wir die vollständige Romantik.« »Laß die Romantik, du bist heut schon übel damit gefahren.« »Du solltest unsre heutige Versammlung unter dem Nußbaum malen.« »Du hast mir versprochen, mich nicht aufmerksam zu machen.« »Ja, verzeih, gute Nacht.« Reinhard richtete noch bis spät in der Nacht seine Werkstätte ein, er hatte etwas im Sinne und wollte am andern Morgen frisch an die Arbeit. Bergaus und bergein. Nachdem der Kollaborator am andern Morgen die unterbrochene Aufzeichnung der Sagen vollendet hatte, suchte er seinen Freund auf und fand denselben vor einer fast fertigen Farbenskizze: ein Tiroler, der oberschwäbischen Burschen und Mädchen ein neues Lied vorsingt. »Da hast du ja mein Gesetz verbildlicht,« bemerkte der Kollaborator, »das Bild gewinnt eine tiefe Tendenz.« »Bleib mir vom Hals mit deiner Tendenz,« entgegnete der Maler, »die Menschen haben den Teufel zur Welt hinausgejagt, aber den Schwanz haben sie ihm ausgerissen, und der heißt Tendenz. Wie in dem Märchen von Mörike legen sie ihn als Merkzeichen ins Buch, in alles. Ich mochte einmal etwas machen, bei dem sie gar keine Tendenz herausquälen könnten, wo sie bloß sagen müßten: das Ding ist schön.« »Du hast recht, das Symbolische und Typische, was jedes Kunstwerk in sich hat, muß sich auf naturwüchsige Weise gestalten.« »Naturwüchsig? Ein schönes Wort; warum sagst du nicht naturwuchsig oder naturwachsig?« »Spotte nur, meine Behauptung steht doch fest: in jedem Kunstwerke ist Symbolisches und Typisches; die Situation, das Ereignis ist für sich da, bedarf keiner äußern Ideenstütze, ist selbständig; in der tieferen Betrachtung aber muß sich ein sinnbildlicher oder vorbildlicher Gedanke darin offenbaren, das Konkrete wird an sich ein Allgemeines. Das ist nicht Tendenz, wo man in die magere Milch Butter gießt, um glauben zu machen, die Kuh gebe von selbst Milch mit solchen Fettaugen, das Gedankliche ist vielmehr als Saft und Kraft in jedes Atom vertrieben. Dein Bild hier kann ganz vortrefflich werden, nur ist die Frage, ob das Musikalische, das punctum saliens gegenständlich werden kann für die Malerei. Du mußt Lessings Laokoon studieren, dort sind die Grenzen der Kunst haarscharf gezogen. Ich sehe wohl, daß der Tiroler mit der Zither auf dem Schoße, wie er mit der einen Hand die Finger schnalzt, wie er den Mund öffnet, ein lustiges Lied singt; du hast in der Gruppe zwischen dem Burschen und dem Mädchen, die sich hinter dem Lücken des Alten zuwinken und hier zwischen den Hand in Hand stehenden staunenden beiden Mädchen gezeigt, daß eine Liebesstrophe gesungen wird, ob aber –« »Du wolltest ja heute das Klavier stimmen,« unterbrach ihn Reinhard. »Das will ich. Hier an dem Klavier habe ich auch wieder ein Symbol des deutschen Volksgemütes: alle Saiten sind noch da, keine braucht frisch aufgezogen zu werden, aber fast alle sind von rohen, ungeschickten Händen verstimmt, nur einige tiefe Töne sind noch rein. Auch das ist bezeichnend, daß ich mir jetzt vom Schulmeister den Stimmhammer holen muß. Ich gehe nun.« »Grüß' mir den Schulmeister,« schloß Reinhard und schaute eine Weile nach der Thür, die er hinter dem Störenfried verschlossen hatte. Zur Staffelei gewendet, versank er in Gedanken; er hatte so rüstig und zuversichtlich begonnen, und jetzt war's ihm doch, als ob das Musikalische nicht wohl zu malen sei. Er erinnerte sich nun, daß er ein Bild für die neue Kirche versprochen, und ging nach dem neuen Bau, um sich Räumlichkeit und Größe zu betrachten; einmal aus der Werkstatt, ging er nicht wieder zurück, sondern wanderte ins Feld. Als er hier die arbeitenden Bauern betrachtete, zog der Gedanke durch seine Seele: wie glücklich sind diese Menschen in der Stetigkeit ihrer Arbeit. Sie wissen nichts von Stimmungen und Zwiespältigkeiten des Berufs, ihre Arbeit ist so fest und unausgesetzt, wie das ewige Schaffen der Natur, der sie dienen. Wär' ich ein Bauer, ich wäre glücklich. – Nun fiel ihm auch eine Bäuerin ein, er saß im freien Felde am hellen Mittag auf dem Pfluge, ein Weib kam den Rain herauf, sie trug das einfache Essen im tuchumwickelten Topfe, ihr Antlitz leuchtete, als sie ihren Mann sah, der, die schirmende Hand an die braune Stirn gelegt, nach ihr ausschaute; sie lächelte, und ihr Mund schwellte sich wieder zum Kusse. – Wir sind genußsüchtige Menschen, dachte Reinhard, aus seinen Träumen aufseufzend; wie glücklich könnte ich leben, vermöchte ich's, mich in die Beschränkung einzufrieden. Aber – so sonderbar ist der Mensch in seiner Doppelnatur geartet – Reinhard konnte wenige Minuten darauf sein Traumbild in flüchtigen Umrissen in sein Skizzenbuch zeichnen. Wohl that er's nur zur Erinnerung, aber es war doch noch mehr, und daß er überhaupt so bald eine Träumerei in eine Skizze verwandeln konnte, mußte ihm zeigen, wie weit ab er davon war, seinen Künstlerberuf hinter sich zu werfen. – Die Züge des Weibes hatten unverkennbare Aehnlichkeit mit einem nicht gar fernen Mädchen. Reinhard wollte sich selbst entfliehen, indem er mit voller Kraft den Bergwald hinaufrannte: er schweifte lange umher, da sah er in einer Schlucht die zur Trift abgeholzt war, einen Hirtenknaben, der auf seinen Stock gelehnt über die weidenden Kühe hinweg nach dem Thal schaute. Reinhard schlich leise an ihn heran, nahm ihm den breiten schwarzen Hut vom Kopfe und machte eine tiefe Verbeugung; der Knabe lachte und dankte vornehm nickend, ein frisches Antlitz von feuerroten Lockenkrausen umwallt, schaute zu Reinhard auf. »Nun? ist das alles?« fragte der Knabe keck; »her mit dem Hut!« »Nein, ich will dich abzeichnen, willst du still halten?« »Ja, wenn Ihr mir einen Groschen gebt.« Reinhard ward handelseins, der Knabe aber wollte nichts vom Stillehalten wissen, bis er den Groschen in der Tasche habe. Reinhard mußte willfahren. Während der Arbeit erfuhr er nun, daß der Knabe beim Lindenwirt diente und hier dessen Kühe hütete. »Wen hast du denn am liebsten im Hause?« »Da sitzt er und hat's Hüetle auf,« antwortete der Knabe schelmisch, was so viel hieß als: man wird dir's nur schnell sagen, ja, wart' ein Weilchen. »Also die Bärbel?« fragte Reinhard. »Nein, die gewiß nicht; ich kann's Euch meinetwegen auch sagen, aber wenn Ihr's verratet, werdet Ihr gestraft um sechzehn Ellen Buttermilch.« »Also wer ist's?« »Versteht sich das Lorle. Du lieber Himmel! Wenn ich nur nicht erst dreizehn Jahr' alt wär', das Lorle müßte mein Weible sein; ich hab' aber nur fünf Gulden Lohn im Sommer und ein Paar Nägelschuh' und ein Paar Hosen und zwei Hemden, das gibt kein Heiratgut. Aber das Lorle, das ist ein Mädle, potz Heidekuckuck! Es kommt immer daher, wie wenn es aus dem Glasschränkle käm', und es schafft doch sellig, und da guckt es so drein, daß man nicht weiß, darf man mit ihm reden oder nicht; es hat so getreue Augen, daß man satt davon wird, wenn man's ansieht, und es sagt nichts, und es ist einem doch, wie wenn es über alle Menschen zu befehlen hätt', und wenn es was sagt, muß man ihm durchs Feuer springen, da kann man nimmer anders.« Reinhard sah den Knaben so verwirrt an, daß dieser die Hand an die Seite stemmte und herausfordernd fragte: »Was gibt's denn? Was wollet Ihr?« »Nichts, nichts, red' nur weiter.« »Ja was weiter? Da habt Ihr Euern Groschen wieder, wenn Ihr mich zum Narren habt, und ich red' jetzt gar nicht, just nicht, gar nicht.« Reinhard beruhigte den Knaben, der sich in Zorn hineinarbeiten wollte, er schenkte ihm noch einen Groschen; das that gute Wirkung. – Als die Zeichnung vollendet und Reinhard weggegangen war, jauchzte der Knabe laut auf, daß die Kühe, das abgegraste Futter im Maul haltend, nach ihm umschauten. Der Knabe setzte sich schnell auf den Boden und betrachtete mit unendlicher Befriedigung Wappen und Schrift an den beiden Groschen, dann zog er das in ein Knopfloch gebundene Lederbeutelchen vor, darin noch anderthalb Kreuzer waren, legte schmunzelnd das neue Geld hinein und sagte, den Beutel zudrehend: »So, vertraget euch gut und machet Junge.« Während sich dies im Walde zutrug, hatte der Kollaborator im Dorfe ganz andre Begebnisse. Er besuchte den Schullehrer und traf in ihm einen abgehärmten Mann, der schwere Klage führte, wie sein Beruf so viel Frische und Spannkraft erheische und wie der bitterste Mangel ihn niederdrücke, so daß er sich selber sagen müsse, er genüge seinem Amte nicht. Der Kollaborator gab ihm zwei Gulden, die er nach Gutdünken verwenden solle, den Schulkindern eine Freude damit zu machen, ausdrücklich aber verbot er, ein Buch dafür zu kaufen. – Der neuen Kirche gegenüber auf den Bausteinen saß ein hochbetagter Greis, der jetzt den Kollaborator um eine Gabe bat. Auf die Frage nach seinen Verhältnissen erzählte der Alte, daß ihn eigentlich die Gemeinde ernähren müsse und daß sie ihm auch Essen ins Haus geschickt habe; er habe es aber nur zweimal angenommen, er könne nicht zusehen, wie seine sieben Enkel um ihn her hungern, während er sich sättige. Die umstehenden Maurer bestätigten die Wahrheit dieser Aussagen. Der Kollaborator begleitete den alten Mann nach Hause und das Elend, das er hier sah, preßte ihm die Seele so zusammen, daß er zu ersticken glaubte; er gab hin, was er noch hatte, er hätte gern sein Leben hingegeben, um den Armen zu helfen. Lange saß er dann zu Hause und war zum Tode betrübt, endlich machte er sich an die Arbeit, das Klavier zu stimmen. Mittag war längst vorüber, da kam Lorle zu ihm; sie hatte sich zwar gestern vorgenommen, mit dem »Ueberg'studierten« zu trutzen, aber es ging nicht. Für ein gutes Gemüt gibt es keine schwerere Last, als erfahrene Unbill oder Kränkung in der Seele nachzutragen. Lorle hatte alles Recht dazu, wieder freundlich zu sein. »Da sehet Ihr's jetzt, wie der Herr Reinhard ist,« sagte sie, »wenn er einmal vom Haus fort ist, muß man ihm das Mittagessen oft bis um viere warm halten. Das muß man sagen, schleckig ist er nicht, er ist mit allem zufrieden; aber es thut einem doch leid, wenn das gut Sach' so einkocht und verdorrt, und man kann's doch nicht vom Feuer wegthun. Und, Herr Reihenmaier, ich hab' auch viel an Euch denkt; Ihr habt gestern so eine gute Sach' gesagt und so schön ausgelegt, jetzt lasset's aber nicht bloß gesagt sein, Ihr müsset's auch eingeschirren und ins Werk richten.« »Was denn?« »Das mit dem Verein für die Kindbetterinnen; gehet zum Pfarrer, daß der die Sach' in Ordnung bringt« »Gut, ich gehe.« »Ja,« sagte Lorle, »jetzt nach Tisch ist grad die best' Zeit beim Pfarrer, und Euch wird Euer Essen noch viel mehr schmecken, wenn Ihr so was Gutes in stand bracht habt.« Der Kollaborator traf den Pfarrer im Lehnstuhl, zur Tasse Kaffee eine Pfeife rauchend. Nach den herkömmlichen Begrüßungen wurde das Anliegen vorgetragen, der Pfarrer schlürfte ruhig die Tasse aus und setzte dann dem Fremden auseinander, daß der Plan »unpraktisch« sei, die Leute hälfen einander schon von selbst. Der Kollaborator entgegnen, wie das keineswegs der Fall sei, daß man deshalb die Wohltätigkeit organisieren müsse, um zugleich frischen Trieb in die Menschen zu bringen. Der Pfarrer stand auf und sagte mit einer kurzen Handbewegung: man bedürfe hier der Schwärmereien von Unberufenen nicht. Jetzt gedachte der Kollaborator der Armut und Not, die er erst vor wenigen Stunden gesehen; immer heftiger werdend rief er: »Ich kann nicht begreifen, wie Sie die Kanzel besteigen und predigen können, indem Sie wissen, daß Menschen aus der Kirche gehen, die hungern werden, während Sie sich an wohlbesetzter Tafel niederlassen.« Der Pfarrer kehrte sich verächtlich um und sagte: er würdige solche demagogische Reden – er war noch aus der alten Schule und hatte den Ketzerstempel kommunistisch noch nicht – kaum der Verachtung. Er machte eine Abschiedsverbeugung und rief noch: »Sagen Sie Ihrem Freunde, er möge seine Liederpropaganda unterlassen, sonst gibt's eine Polizei. Adieu.« Der Kollaborator kam leichenblaß zu Reinhard in das Wirtshaus und aß keinen Bissen. Als ihn Lorle nach dem Erfolge seines Ganges fragte, erwiderte er wie zankend: »Ich bin ein Narr!« dann preßte er wieder die zuckenden Lippen zusammen und war still. Reinhard hielt Lorle sein Skizzenbuch hin und fragte: »Wer ist das?« »Ei, der Wendelin. Lasset mir's, ich will's der Bärbel zeigen.« »Nein, das Buch gebe ich nicht aus der Hand.« »Warum? Ist jemand darin abgezeichnet, das ich nicht sehen darf?« »Kann sein.« Lorle zog ihre Hand von dem Skizzenbuche zurück. Auf dem Spaziergange, den die Freunde nun gemeinsam machten, schüttete der Kollaborator sein ganzes Herz aus; Reinhard verwies ihm sein Verfahren, und er erwiderte: »Du bist zu viel Künstler, um dir die Not und das Elend vor Augen halten zu können; du suchst und hältst nur das Schöne.« »Und will's auch so halten, bis ich einmal durch ein Wunder ausersehen werde, die kranke Menschheit zu operieren.« »Ich kann's oft nicht fassen,« fuhr der Kollaborator wieder auf, »wie ich nur eine Stunde heiter und glücklich sein kann, da ich weiß, daß in dieser Stunde zahllose, berechtigt zum Genusse des Daseins wie ich, ihr Leben verfluchen und bejammern, weil sie am Erbärmlichsten, an Speise und Trank, notleiden.« Die beiden gingen geraume Zeit still den Bergwald hinan; ein alter Mann, der ein Bündel dürres Holz auf dem Rücken trug, begegnete ihnen, der Kollaborator stand still und sah ihm nach, dann sagte er: »Der Instinkt, was wir mit dem Unter menschlichen gemein haben, das hilft uns noch am meisten. Wir müßten ohnedies vergehen im Kampf gegen die Welt, wohlweislich aber ist's von Gott in alle Wesen und in den Menschen besonders gesetzt. Hast du beobachtet, wie der Alte vorgebeugt seine Last trug? Er kennt die Organisation seines Körpers nicht, weiß nichts von Schwerpunkt und Schwerlinie, und doch trägt er seine Last ganz vollkommen mit den Gesetzen der Physik übereinstimmend – vielleicht trägt auch die Menschheit ihre Last auf naturtriebliche Weise, die wir noch nicht als Gesetz erkennen.« Auf diese Notbank des Vielleicht suchte der Kollaborator seine quälende Sorge abzusetzen; es gelang ihm nicht, aber er konnte doch verschnaufen, doch so viel freien Atem schöpfen, um neuen Eindrücken offen zu sein. Reinhard traf das rechte Mittel, um den Freund zu erlösen, er stimmte jetzt mitten im Walde das Webersche »Riraro! der Sommer, der ist do« an, der Kollaborator begleitete ihn schnell im kräftigen Baß; sie wiederholen die Strophen mehrmals, und so ein Lied thut Wunder auf eine betrübte Seele, die sich nach Freiheit sehnt, es leiht dem Geiste Schwingen, daß er mit den Tönen frei über die Welt hinschwebt. »Es gibt doch keinen festeren Halt, keine sicherere Freude als die Natur;« sagte der Kollaborator wiederum, »selbst die Liebe, glaube ich, kann der namenlosen Wonneseligkeit nicht gleichen, die wir in der Natur empfinden. Der Natur Dank, daß sie stumm und gemessen fortlebt, uns nur sieht und nur zu uns spricht, wenn der Geist Natur geworden. Denke dir, wir könnten die ganze Natur hineinreißen in den grausen Wirrwarr unsrer Philosopheme, Theorien und Zwiespälte, sie unterbräche durch dieselben auch ihr Dasein, experimentierte mit in unsern Ideen – wie unglücklich müßten wir werden! Nein, die Natur ist stumm und von ewigen Gesetzen gebunden. Es mag eine tiefe Deutung darin gefunden werden, daß nach der Bibelurkunde Gott die ganze Welt durch das Wort, aber ohne ausgesprochenen Willen schuf: erst als er den Menschen formte, sprach er: wir wollen einen Menschen schaffen. Die Natur spricht nicht und will nicht, wir aber sprechen und wollen, wir werden uns selbst zu Gegensatz und Kampf.« »Lustig! Und wenn der Bettelsack an der Wand verzweifelt,« rief Reinhard endlich dazwischen, schnalzte mit den Fingern und begann zu singen: Jetzt kauf' i mir fünf Leitern, Bind's aneinander auf, Und wann's mich unt' nimer g'freut, Steig' i oben hinauf     Hiudidäh u. s. w. Bin kein Unterländer, Bin kein Oberländer, Bin ein lebfrischer Bue, Wo's mi freut, kehr' i zue. Drei 'rüber, drei 'nüber, Drei Federn aufm Huet; Sind unser drei Brüder, Thut keiner kein guet. Sind unser drei Brüder, Und i bin der klenst, Hat e jeder ein Mädle, Und i han die schönst. E schön's Häusle, e schön's Häusle, E schön's, e schön's Bett Und e schön's, schön's Bürschle, Sust heirat' i net. Wenn i nunz ein Haus han, Han i doch e schöne Ma'n, Dreih ihn 'rum und dreih ihn 'num, Schau ihn alleweil an. Mein Schatz, der heißt Peter, Ist e lustiger Bue, Und i bin sein Schätzle, Bin au lusti gnue. Mit solchen »G'sätzle«, die Reinhard schockweise kannte, überschüttete er seinen Freund; so oft dieser zu grübeln beginnen wollte, sang er ein neues, und der Kollaborator konnte nicht umhin, die zweite Stimme zu übernehmen. Wohlgemut kamen sie zu Hause an und merkten nicht, wie die Leute die Köpfe zusammensteckten und allerlei munkelten. Am andern Morgen stand Reinhard vor dem Bett des Kollaborators und sagte: »Frischauf! du gehst mit, wir wandern ein paar Tage ins Gebirge, das wird dir das Blut auffrischen, und ich kann doch nichts arbeiten, es gefällt mir nichts.« Der Aufgeforderte war ohne viel Zögern bereit, er hatte sich's zwar vorgesetzt, so viel als möglich sich in das Kleinleben des Dorfes zu versenken; nun sollte sich's ändern. Erkräftigende, sonnige Wandertage verlebten die beiden Freunde; wie der Himmel in ungetrübter Bläue über ihnen stand, so breitete sich auch eine gleiche einige Seelenstimmung über sie. Was der eine that und vorschlug, war dem andern lieb und erwünscht; nie wurde hin und her erörtert, und so hatte jeder Trunk und jeder Bissen, den man genoß, eine neue Würze, jedes Ruheplätzchen doppelte Erquickung. Freilich war der Kollaborator noch immer der Nachgiebige, aber er war's nicht aus rücksichtsvoller Behandlung, sondern unmittelbar in freudiger Liehe. Da er es selten unterließ, einen gegenwärtigen Zustand mit einer allgemeinen Betrachtung zu begleiten, sagte er einmal: »Wie herrlich ist's, daß wir vom Morgen bis zum Abend beisammen sind. Ich hin oft gern allein der stillen Natur gegenüber, ist aber ein Freund zur Seite, so ist's eine höhere Wonne, unbewußt durchzieht mich die Empfindung, daß ich nicht nur mit der Natur, sondern auch mit den Menschen einig und in Frieden bin, sein möchte.« – Reinhard gab auf diese Rede seinem Freunde einen derben Schlag auf die Schulter, er hätte ihn gern ans Herz gedrückt, aber diese Form seines Liebesausdruckes war ihm genehmer und dünkte ihn männlicher. – Sie kamen nun in eine geologisch höchst merkwürdige Gegend. Der Kollaborator vergaß eine Weile all das menschliche Elend, was ihn bedrückte, denn er machte in den Steinbrüchen manchen glücklichen Fund; er fand in einem Kalkbruch nicht nur einen Koprolith von seltener Vollkommenheit, sondern auch noch manche andre Seltenheit. Als er mehrere sehr schöne versteinerte Fischzähne gefunden, äußerte er seine eigentümliche Empfindung, hier Ueberbleibsel einer alten Welt zu haben, die viele tausend Jahre älter ist als unsre Erde. Reinhard hörte solche Auseinandersetzungen gerne an, denn ihm ward jetzt auf den Wegen die Entstehungsgeschichte unsrer Erde eröffnet. Der Kollaborator liebte es in komischen Darlegungen auseinanderzusetzen, wie dieser unser Erdball mehrmals durchs Examen gefallen, bis er den Doktor, den Menschen gemacht. Er wiederholte oft, daß die Geologie die einzige Wissenschaft sei, der er sich mit voller Lust widmen möchte, er liebte sie auch besonders, weil, wie er sagte: die Astronomie der Altgläubigkeit das Dach überm Kopfe abgehoben und die Geologie ihr den Boden unter den Füßen weggezogen habe. Die Taschen des Kollaborators füllten sich übermäßig, er mußte manche schöne Versteinerung, deren Fund ihn ganz glücklich gemacht hatte, zurücklassen, er entschädigte sich aber dafür, indem er solche an ungewöhnlichen Orten versteckte; mit kindischer Freude malte er dann aus, wie nachkommende Stümper tiefe Abhandlungen über diese seltsamen Erscheinungen schreiben würden. Als ihm Reinhard bemerkte, daß er ja hierdurch die Wissenschaft verwirre, stand er stutzig da und half sich dann mit einem leichten Scherze darüber weg. Dennoch ließ er jede Versteinerung, die er nicht mitnehmen konnte, fortan an ihrem Orte liegen. Bei den naturgeschichtlichen Auseinandersetzungen hörte Reinhard willig zu; wenn es aber wieder an die Fragen vom Weltübel ging, begann er zu singen: »Kollaborator! Kollaborator. Ihr Bäume, Vögel, Steine, der Kollaborator ist da und will euch eine Predigt halten. Sieh, ich lehre die Vögel im Walde deinen Titel, wenn du nicht einpackst.« Ueber eine Sache jedoch hörte Reinhard mit besonderem Wohlgefallen zu. Sie ruhten einst unter einem Nußbaume mitten im Walde, da bemerkte der Kollaborator: »Der Volksmund berichtet, einem Raben sei an solcher Stelle die Frucht, die er im Schnabel trug, entfallen, und sie sei zum Baume aufgewachsen. So steht auch oft mitten unter Menschen mit rauhen Sitten und Seelen ein zartes, hohes Gemüt.« »Aber ein schöner Leib muß auch dabei sein,« bemerkte der Maler. »Gewiß, wie glücklich ist ein schönes Menschenantlitz; freundlich lacht ihm die Welt entgegen, alle Blicke, die sich ihm zuwenden, erheitern sich, ein Widerstrahl des Wohlgefallens kehrt aus allen zu ihm zurück.« Sie nannten Lorle nicht, und doch dachten beide an sie. Sie sprachen einmal von Liebe, und Reinhard bemerkte: »Mir ist's oft, als wäre all das Singen und Sagen von der Liebe eitel Tradition; ich kann mir jenen süßen Wahnsinn, da der ganze Mensch in Liebe ausbrennt, nicht denken.« – Reinhard sagte dies selber nur als Tradition aus einer vereinsamten Vergangenheit, es hatte keine Wahrheit mehr für ihn, und doch wiederholte er's wie aus Gewohnheit; sein Freund mochte das fühlen, er sah ihn bedeutsam und traurig an, indem er dann erwiderte: »Solch ein Mädchen ist wie ein Lied, das ein ferner Dichter geschaffen und zu dem ein andrer die Melodie findet, die alles und hundertfältig mehr daraus offenbart.« Als Antwort stimmte Reinhard das Lied an: »Schön Schäfchen, wach' auf!« Der Kollaborator fand eine reife Erdbeere am Felsen, er hielt sie vor sich hin und sagte: »Wie duftig und voll würziger Kühle ist diese Beere, wie lange bedurfte das Pflänzchen, bis es Blüte und Frucht reifte, und nun steht es da zu unsrer Erquickung. War sein ganzes Dasein nur ein stilles Harren auf mich? Hat der Schöpfer es bereit gehalten, bis er mich herführte?« Reinhard betrachtete seinen Freund mit glänzenden Augen und sagte dann: »Wenn ich dich einst male, fasse ich dich so: die frische Frucht zum Genusse in der Hand und du sie betrachtend.« In den Dörfern, wo man übernachtete, brachte der Kollaborator eine seltsame Bewegung unter die Bewohner; er ließ sich in der Nacht vom Küster die Kirche öffnen und berauschte sich im Orgelspiel, das er meisterhaft verstand. Noch viele Tage redete man in den Dörfern von dem wunderlichen, nächtlichen Orgelspieler, und der Kollaborator selber sagte auf dem Heimwege: »Es ist tief bedeutsam, wie in jedem Dorf ein großes, heiliges Instrument aufgerichtet ist, dessen harrend, der einst die freien Klänge daraus erwecke. Auch das: ich bin nicht der rechte Mann des Volkes, ich verstehe nur das höchste Instrument des Dorfes, die Orgel, zu spielen, und zwar wesentlich zu meiner eigenen Erholung.« – – Die Wandertage hatten die Freunde aufs neue aneinander geschlossen; sie kehrten Freitag spät in der Nacht heim, am andern Mittag mußte der Kollaborator nach der Stadt in sein Amt zurück. In aller Frühe stimmte er noch vollends das Klavier und sagte mit schmerzlichem Lächeln zu dem eintretenden Reinhard: »Unter der Hand wird mir alles zum Sinnbilde. Ich habe nun das Klavier gestimmt, werde aber morgen keine lustigen Tanze darauf spielen. Après nous la danse . Nach uns geht der Tanz der Weltgeschichte an. Diese Steine und die paar Schmetterlinge, das ist alles, was ich aus dem Dorf mitnehme.« Er eilte nochmals zu der armen Familie, um zu sehen, wie es ihr erginge; die Leute waren unwirsch, und er glaubte, sie wüßten, daß er ihnen nichts mehr geben könne. Von allen Hausgenossen war es Lorle allein, die innigen Abschied vom Kollaborator nahm. Als er fort war, sagte sie zu Reinhard: »Ich kann's nicht glauben, aber die Pfarrköchin hat's im Dorf ausgesprengt, der Herr Reihenmaier sei ein gottloser Heid', er hätt' beim Pfarrer auf das Predigen geschimpft und den neuen Kirchenbau verflucht. Er kann aber nicht schlecht sein, nicht wahr? Er hat doch so ein gut Herz.« Reinhard sah dankend auf Lorle. Der Abschied vom Freunde that auch ihm wehe, und doch dünkte er sich jetzt erst recht frisch und frei; er glaubte jetzt alle störsame Reflexion los zu sein, da sie von seiner Seite gewichen war . . . . In einem geheimen Buche der Residenz wurde mehrere Tage darauf ein neues Konto für einen Kunden eröffnet. Darin hieß es »Ministerium des Kultus. Der Kollaborator Adalbert Reihenmaier, nach Denunziation des Pfarrers M . . . . zu Weißenbach laut Bericht des Amtes zu G., atheistisch gesinnt, Versuch zur Aufreizung des Volkes. Reg. VII. b. act. fasc. 14263 . Hoch zum Himmel hinan! So wohl sich Reinhard jetzt fühlte, schaute er am andern Morgen doch oft nach der Thür, als müsse der Freund eintreten . Mit frischer Lust wurde nun die Ausführung der Farbenskizze fortgesetzt, es wurde noch ein Plätzchen für Wendelin erübrigt, der mit dem Hirtenstocke in der Hand stehen blieb, während die Kühe sich im Hintergrunde verloren; hierdurch bekam das Abendliche, das über dem Ganzen liegen sollte, noch ein weiteres Motiv. Einigen Zuhörern im Hintergrunde gab Reinhard Lasten auf den Kopf, sie kehrten eben vom Felde heim und blieben stehen; der Kollaborator würde sagen, dachte Reinhard lächelnd: das zeigt symbolisch oder typisch, daß das Volk durch das Lied die bedrückenden schweren Lasten vergißt! . . . . Nun ward auch noch der Kollaborator in eine Ecke gestellt, es war offenbar, daß er das neue Lied aufschrieb. Reinhard aß fortan wieder am Familientisch; er war doch erst jetzt wieder in seinen alten Verhältnissen. Mit Lorle sprach er oft und viel von dem fernen Freunde, und daß sie allein im ganzen Dorf einen Menschen lieb hatten, den die andern vergaßen oder schmähten, das gab ihrem Verhältnis noch eine geheime Besonderheit. Es ergab sich nun, daß der Kollaborator allerdings in seinem tiefen Aufruhr sich zu heftigen Aeußerungen eigentümlicher Art hatte hinreißen lassen: er hatte im Hause des alten Klaus ausgerufen: »Man möchte an Gott verzweifeln, daß er die Sonne scheinen und die Bäume wachsen läßt, daß er's duldet, daß man ihm eine Kirche erbaut, während die Menschen solches Elend ihrer Brüder ruhig mit ansehen.« Lorle entschuldigte ihn immer bis aufs äußerste und beklagte, daß die Leute, denen er doch nur Gutes gethan, ihn dafür jetzt beim Pfarrer verleumdet und angegeben hätten. Sie gönnte sich jetzt auch fast keine Ruhe und keinen Genuß mehr, sie wollte überall im ganzen Dorfe, wo es dessen bedurfte, beispringen und helfen. Reinhard war überaus fleißig und, wie das immer Ursache und Wirkung des schöpferischen Fleißes, auch überaus lustig; er war zu Scherz und Schelmerei aller Art aufgelegt, es schien, als ob das ganze Haus nur ihm gehörte. Man konnte nicht recht sagen, was er trieb; in den Stunden, in denen er nicht arbeitete, war's eben, als ob ein Kobold umherrenne und alles lachen und springen mache. Der Wadeleswirt sagte oft gar bedächtig: »Nur stet, lasset mir nur das Haus überm Kopf stehen;« zwei Minuten darauf mußte er aber selbst ganz ungewöhnliche Sprünge machen. Reinhard verstand nämlich zweierlei Künste besonders: zuerst die Bauchrednerei; er brachte einst den Wadeleswirt so in Gang, wie sich dessen Beine seit Jahren nicht erinnern konnten, denn er ahmte die Stimme Lorles nach, die vom Speicher nach Hilfe rief. Ueber ein andres Kunststück Reinhards rief Bärbel einmal alle Hausbewohner zusammen. Die jungen Schweinchen, die man erst vor kurzem eingethan, grunzten plötzlich auf dem obersten Speicher, und als man hinaufkam, hatte Reinhard bloß die Stimmen der bescheidenen Geschöpfe nachgeahmt. Man konnte dem übermütigen Gesellen nicht gram sein, und Lorle sagte einmal: »In unserm Haus dürfet Ihr die Späß' machen, aber nur nicht vor andern Leuten, die haben sonst keinen Respekt vor Euch.« Reinhard war von diesem Augenblicke an ruhiger, und nur wenn die Gelegenheit gar zu lockend war, vollführte er noch einen Schabernack. Lorle war viel im Dorf, aber nicht zu Hause, sondern bei der Mutter Wendelins, die mit dem sechsten Kinde, einem Knaben, niedergekommen war. Reinhard hatte sein Bild rasch untermalt und wollte sich nun, so lange die Farben trockneten, Ruhe, das heißt freies Umherschweifen in Wald und Feld gönnen. Er putzte seine Büchse, um auf die Jagd zu gehen, aber er kam nicht dazu, denn schnell drängte sich ein andres Bild auf die Staffelei, und mit frischem Eifer vollendete er die Farbenskizze zu demselben, es war das versprochene Altarbild. Reinhard hatte die Hochzeit zu Kanaan dazu gewählt und malte mit fast immer lächelndem Antlitz, denn er hatte die Figuren aus dem Dorf genommen, die er gar nicht mit langen Bärten und Talaren verkleiden wollte; es war eine einfache deutsche Bauernhochzeit, unter die der Heiland trat: Stephan war der Bräutigam, die Braut aber sah nicht Vroni ähnlich, der Wadeleswirt und der Hohlmüller nahmen sich als Schwiegerväter stattlich aus. Reinhard pfiff allerlei lustige Volkslieder während er malte, und als er einmal das Ineinandertönen der Farben aus der Ferne betrachtete, dachte er vor sich hin: »Wie würde sich der Kollaborator freuen, wenn er sähe, wie ich unser Bauernleben dem altjüdischen als Kuckucksei ins Nest praktiziere. Was könnte er da für kulturgeschichtliche Bemerkungen machen! Wie würde er mir beweisen, daß auch Shakespeare dadurch Leben gewonnen, daß er die Römer zu Engländern gemacht.« Nach Vollendung der Farbenskizze kam dennoch ein Mißmut über Reinhard; ihm bangte wie so oft vor der Ausführung, er hatte die Freude des Schaffens vollauf bei dem Entwurfe genossen. Es liegt eine tiefe Erfrischung in dem drängenden Treiben, das die Künstlerseele tagtäglich zu neuen Gebilden erweckt; die wahre, nachhaltige Erquickung liegt aber nur in der Treue, in der unablässigen, sorgsamen Vollendung dessen, was man in der Stunde der Weihe empfangen und begonnen. In dieser Treue ersteht die Schaffensfreude, wiedergeboren durch den Willen, erhöht und verklärt. Reinhard gelobte sich Treue in seinem Berufe, und doch ging er stets mit bewegtem Herzen, als suche er etwas, als müsse er ein Ungeahntes finden, als stehe er auf der Schwelle einer Offenbarung, deren Pforten sich plötzlich aufthun und Wunder schauen lassen. Er wandelte auf dem Boden der gewohnten Welt wie auf knospenden Geheimnissen, und doch war ihm wiederum so wohl in Wald und Flur; Baum und Strauch und Gras, alles stand ihm so nah wie noch nie, er lebte ihr Leben mit, er hatte nicht Auge genug für diese unendlich reiche Welt, die sich aufthat, als ginge er mit ihr eben aus der Hand des Schöpfers hervor; alles war ihm wie neu, als sehe er's zum erstenmale. Er stand einst vor einer Schlehdornhecke und versank in ihrem Anschauen in tiefe Betrachtung: Wie das hier aus dem Boden steigt, Aeste treibt, Frucht und Blatt ansetzt, wie schön gezackt und glänzend, und der Winter kommt, es stirbt: und fällt und grünt wieder – alles, das einfachste Naturleben war Reinhard ein neues Heiligtum geworden. »Was soll aus mir werden?« sagte er dann, indem er zu sich zurückkehrte. »Heilige Natur! Mache aus mir, was du willst, laß mich nur kein verpfuschtes Wesen sein, irr in sich – ich will dir gehorchen.« So schwellte namenloses Sehnen die Brust Reinhards, und selbst im Hause saß er oft stundenlang wie mit offenen Augen träumend. Die Leute schüttelten den Kopf über ihn, sie kannten ihn gar nicht mehr; aber jedes in der Welt hat zu viel für sich zu thun, um den Gedanken eines andern nachgehen zu können, zumal wenn diese eben derart sind, daß sie sich nicht fassen lassen. Reinhard machte den Versuch, sich aus seinen Träumereien herauszureißen, er ging auf die Jagd; das erheischte ein zusammengehaltenes, geschlossenes Wesen und festen Blick nach außen. Eines Mittags kehrte Reinhard mit der Büchse auf der Schulter und zwei Birkhühnern in der Tasche nach Hause, da sah er Lorle unter der Linde sitzen mit den zwei jüngeren Geschwistern Wendelins. Das kaum einjährige Kind stand auf dem Schoße des Mädchens aufrecht, und Lorle schnalzte mit den Fingern und lachte und kos'te, um das Kind zu erheitern; der Knabe, der ihr zu Füßen stand, schaute aber trotzig drein. Lorle nickte dem herzutretenden Reinhard freundlich zu und fuhr dann fort, mit dem Kinde zu spielen, indem sie sang: Ninele, Nanele, Wägele, Stroh, 's Kätzle is g'storbe, 's Mäusle is froh. Reinhard setzte sich auf einen Baumstamm Lorle gegenüber und starrte drein, sie ließ ihn gewähren, sie war's gewohnt, daß er sie oft anstierte, sie fragte nur: »Wird denn der Herr Reihenmaier nicht schreiben?« »Nein,« sagte Reinhard. Das war doch nur ein einfaches Nein, aber in dem Tone der Stimme lag ein Ausdruck, den die liebevollsten Worte nicht ersetzen mochten. Plötzlich fing der Knabe zu Füßen Lorles an zu weinen und schrie: »Ich will heim.« »Bleib,« beschwichtigte Lorle, »dein' Mutter schlaft, und du kannst nicht heim.« Auf ein Rotkehlchen deutend, das vor ihnen umherhüpfte, sagte sie: »Guck einmal, was der Vogel ein weißes Unterwämschen anhat, paß auf, wenn er auffliegt; scht!« Der Vogel flog auf, und man sah die weißen Federn unter seinem Flügel. »Hast's gesehen?« fragte Lorle, der Knabe ließ sich aber dadurch nicht zerstreuen, und erst als er das Versprechen erhielt, daß ihm Lorle eine Geschichte erzähle, schluchzte er still. Lorle trocknete ihm das thränennasse Gesicht und erzählte nun eine jener eigentlich inhaltlosen Geschichten, bei denen aber Ton und Gebärde eine ganze Seele voll Liebe ausspricht und erweckt. Es wurde weiter nichts berichtet, als daß ein Knabe eine schöne Kirsche hatte, die ihm ein Vogel wegnehmen wollte, die Mutter aber den Vogel verscheuchte. Lorle und ihr Zuhörer lachten darüber laut auf, es waren eben Kinder, die sich über sich selbst und miteinander freuten. Der Knabe wollte aber immer wissen, wie es weiter ging, und fragte immer: »Und dann?« Bis Lorle sagte: »Und dann? dann lassen wir die Hödel und die Gizle heraus.« Und so geschah es auch. Die Geis und die Zieglein wurden aus dem Stall geholt, Lorle freute sich wohl ebenso sehr an den Sprüngen derselben als die Kinder, die sie hütete. Zu Hause lehnte Reinhard alle seine Bilder und Entwürfe mit dem Gesicht gegen die Wand, er wollte nichts sehen als ein Bild, das er im Geiste vor sich erschaute. Am Abend hatte er im Stüble eine lange Unterhandlung mit dem Wadeleswirt, und besonders durch die Erinnerung an das großmütig zurückgegebene Versprechen auf der Hohlmühle ward Reinhard willfahrt. Der Vater rief endlich seine Tochter herein und sagte: »Lorle, da der Herr Reinhard braucht dich zum Abmalen für das Kirchenbild; willst du?« »Für die Kirch?« fragte Lorle, sie schaute um und auf, als grüßte sie ein fremdes Wesen hinter ihr und über ihr. »Was guckst du so?« fragte der Vater. »Nichts, ich hab' gemeint, es wär' jemand hinter mir, ich weiß nicht.« Der Vater begann wieder: »Die Mutter bleibt von morgen an die ganz' Woch' zu Haus, wir bekommen Drescher, und da kann sie drauf achtgeben und auch bei euch sein. Willst du?« »Ja,« sagte Lorle mit fester Stimme; auf ihrer Kammer aber weinte und betete sie die ganze Nacht; sie wußte nicht recht warum, es war ihr so wohl und so weh zu Herzen. Auch Reinhard war die ganze Nacht voll Unruhe, und als er mit dem ersten Sonnenstrahl erwachte, sagte er laut vor sich hin: »Marienhaft! er hat recht.« – Still verließ er dann das Haus, er schwang den Hut, um das Haupt in der Morgenluft zu kühlen, und stand noch einen Augenblick so da, als grüßte er die heilige Frühe. Am Kirchberge begegnete er dem Küster, der eben hinanging, um zur Frühmette zu läuten; er begleitete ihn und stieg den Turm hinan, saß in der Glockenstube und schaute zur Luke hinaus ins Weite. Drunten im Thale kämpften noch Sonne und Nebel, die Sonne aber ward bald Meister. In der Kirche begann die Orgel zu brausen und zu dröhnen, Reinhard saß hoch oben und dachte Unendliches. Als die Kirche zu Ende war, kam der Küster und bat Reinhard, hinabzusteigen, da er schließen müsse. Still ging Reinhard dahin, da begegnete ihm Lorle, die aus der Kirche kam. »Ihr seid auch in der Kirch' gewesen?« sagte sie halb fragend. »Ja, oben.« Die beiden konnten nicht reden, sie waren tief erschüttert, wie von einer überirdischen Macht erregt, und doch war es auch ihr eigener Wille. Lorle sah blaß aus, die Mutter fürchtete, sie sei krank, da sie auch nichts über die Lippen brachte; Lorle konnte aber kaum eine Antwort geben, es war ihr, als sollte sie gar nichts reden. Nun endlich saß sie bei der Staffelei, und Reinhard sagte: »Wir wollen lustig sein, warum denn traurig? Juhu!« Er sagte: »wir wollen«, und konnte doch nicht, auch ihn ergriff es, wie wenn jemand seine tiefste Seele gepackt hätte und festhielte. »Meinet Ihr nicht auch, daß es eine Sünd' ist?« fragte Lorle, verschämt die Augen niederschlagend. »Nein,« antwortete Reinhard wieder in jenem herzinnigen Tone, und Lorle sah heiter auf; diese einfache Beteuerung genügte ihr vollkommen. Die Mutter ging ab und zu, während Lorle ruhig da saß. Anfangs war Lorle stets in der peinlichsten Verlegenheit, und wenn Reinhard geflissentlich Scherze machte, fragte sie: »Darf ich denn auch lachen? Darf ich denn auch schwätzen? Saget's nur, ich will Euch nicht aufhalten.« Reinhard versicherte, daß sie sich nur ganz natürlich benehmen solle, eines aber bat er, sie möge sich nicht so viel mit der Hand ins Gesicht langen, worauf Lorle bemerkte: »Ihr habt recht, ich merk's, ich hab' die üble Gewohnheit, ich will mir's gewiß abgewöhnen; aber es ist mir, als wenn ich's im Gesicht spüren thät, daß Ihr mich jetzt da malet und jetzt da. Ich bin dumm, nicht wahr? Ihr dürfet's frei 'raus sagen, ich nehm' Euch nichts übel.« Reinhard mußte an sich halten, Lorle nicht um den Hals zu fallen; die Mutter kam, stand von fern und hielt die Hände hart am Leibe, damit sie ja nicht vor Erstaunen das nasse Bild anrühre; sie konnte sich aber nicht genug verwundern, wie man Lorle schon ganz gut erkenne. – Es wurde ausgemacht, daß niemand im Dorf etwas von der Sache erfahren solle bis zur Einweihung der Kirche. Wie still und friedsam flossen nun die Stunden hin, in denen die beiden bei einander waren. Von fern aus der Scheune hinter dem Hause vernahm man die Taktschläge der Drescher, und von der Straße hörte man zuweilen ein Kind schreien, einen Wagen rollen; und wieder war alles still und lautlos. Lorle sagte einmal: »Ich mein', ich wär' gar nicht mehr im Dorf, oder ich schlaf' und hör' das alles nur so, ich weiß nicht wie. Ich weiß nicht, für keinen andern Menschen auf der Welt thät ich so da sitzen.« »Gutes Lorle,« erwiderte Reinhard, »ich weiß, Ihr habt niemand auf der Welt so lieb als mich. Zittere nicht,« fuhr er fort, ihre Hand fassend, »ich kenne dein ganzes Leben: du hast, während ich in der Ferne umherschweifte, still meiner gedacht, du hast dich gegrämt, daß ich dich so oft geneckt, und hast mich doch lieb gehabt; und als ich wiederkam, hast du an jenem Abend geweint, weil jemand auf mich schimpft?« »Um Gottes willen, hat das die Bärbel verraten?« »Also war's die Bärbel! nein, es hat mir niemand was gesagt. Mir zulieb warst du so freundlich gegen den Kollaborator, und in jener Nacht, als ich unter der Linde das lustige Lied sang, hast du still getrauert in deinem Kämmerlein, weil ich mich so heruntergäbe.« »Heiliger Gott! woher könnet Ihr das alles wisse?« »Weil ich dich lieb hab', weiß ich alles. Hast du mich auch recht lieb?« »Ja, tausend tausendmal.« In einem seligen Kusse umschlangen sich die beiden. »Jetzt, jetzt,« rief endlich Reinhard, »jetzt möcht' ich sterben und du auch.« »Nein,« rief Lorle, sich aufrichtend und Reinhard mit starken Armen fassend, »nein, erst recht leben, lang, lang leben.« In ihrem Blicke lag eine Heldenkraft, eine stolze Spannung, als könne sie jeden Tod besiegen. »Du willst also ewig mein sein?« fragte Reinhard. »Ja, ja, in Gottes Namen, alles, alles.« Bei diesem Zusatze: in Gottes Namen – zuckte es fremd in den Mienen Reinhards; er glaubte, Lorle umfasse ihn nicht mit ganzer Seele, nicht mit freudigem Jubel; er bedachte nicht, daß auch Lorle mit sich gekämpft hatte und daß sie sich dieser Liebe demütig fügte, als einem Gebote Gottes. »Was ist? Hab' ich was nicht recht gemacht?« fragte sie. »Nein, nichts.« »Darf ich jetzt gehen und es meiner Mutter sagen?« »Nein, bleib, wir wollen das Geheimnis noch still bewahren; glaub mir, es ist besser so.« »Ja, ja,« sagte Lorle zaghaft, »ich thu' gern alles; befiehl mir nur recht und immer, was ich thun soll, du guter Reinhard.« »Heiß mich nicht mehr Reinhard, nenne mich bei meinem Vornamen Woldemar.« Lorle lachte laut auf, und auf die verwunderte Frage Reinhards, was es gebe, sagte sie: »Verzeih, Woldemar! das ist so lächerig, Woldemar, das ist, wie wenn man die Treppe herunterfällt, Poldera, so macht's grad. Nein, darf ich nicht mehr allfort Reinhard sagen? Ich hab' dich so lieb bekommen, ich bin dich so gewohnt, laß mich so dabei.« »Auch gut,« sagte Reinhard, halb verdrießlich lächelnd. Es ist eine Kleinigkeit, aber doch hat fast jeder eine gewisse Liebe für seinen Vornamen, als wäre er nicht etwas Verliehenes, sondern ein Stück des eigensten Wesens; man verträgt's nicht leicht, daß man ihn unschön findet. Ist's ja auch dieser Klang, der uns vor allem mit dem Menschen verbindet, uns ihnen kenntlich macht; liegen darin ja auch die süßesten Zauber der Kindeserinnerung. »Du mußt recht gut gegen mich sein,« sagte Lorle, die Hand auf die Schulter Reinhards legend, »sonst vergeh' ich vor Angst; ich bin dich ja doch nicht wert, ich bin viel zu gering. Ja, und was ich noch hab' sagen wollen, du mußt im Dorf nichts von mir reden, gar nichts; du hast zum Martin gesagt, ich sei ein Kanarienvögele, und jetzt heißen sie mich im ganzen Dorf so; mir liegt nichts dran, wenn sie mich ausspotten, aber es ist mir von wegen deiner, es weiß doch keins als ich –« »Was denn?« »Was du für ein lieber Kerle bist,« sagte Lorle, die Zähne zusammenbeißend und Reinhard am Barte zausend. Wer kann all das süße Kosen und Plaudern wiedergeben, das von diesem Tage an die sonst so stille Werkstatt Reinhards in sich schloß? In Demut entfaltete Lorle eine Fülle des Liebesreichtums, daß Reinhard staunend und anbetend vor ihr stand. Der Schluß ihrer Rede war aber fast immer: »Ach Gott! ich bin dich nicht wert.« »Nein,« rief Reinhard, »du bist millionenmal besser als ich, als alle Männer, als alle Menschen. Ich möchte siebenmal sieben Jahre um dich dienen.« »Da könntest du alt werden,« sagte Lorle still lächelnd, und Reinhard fuhr fort: »Sieh, ich habe schon oft die ganze Welt und mich verloren gehabt, im Taumel hineingelebt, mitten in der Reue ein Sünder – doch, du kannst nicht begreifen, wie weit ich untergegangen war.« »Ich kann alles begreifen, sag du mir's nur ordelich.« »O du herzige Liebe! Nimm dich in acht mit mir, ich habe noch nie einen Herzfreund gehabt, den ich nicht quälte; der Kollaborator ist der einzige, der mir treu ausharrte. Ich bereite den Menschen oft Schmerzen, denen ich nur Gutes und Glückliches zufügen möchte. Erst seitdem ich dich sehe, seitdem ich dein bin, sehe ich auf den alten Woldemar, und das ist ein gar wüster Geselle, nicht wert, daß er den Saum deines Kleides berühre. Ich kann dich glücklich machen, wie noch kein Weib auf Erden war, und – unendlich unglücklich.« Lorle weinte große Thränen, aber sie trocknete sie bald und sagte: »Hab dich nur lieb, von da siehst du viel besser aus.« Sie deutete dabei auf ihre Augen und setzte nun schmollend hinzu: »Und ich leid's nicht, daß jemand auf den Reinhard schimpft, und du darfst auch nicht. Und jetzt mach mich nur nicht stolz; komm her, wir wollen miteinander gut und brav sein, Gott wird schon helfen.« »Ja, du machst mich wieder ganz fromm,« sagte Reinhard und stand mit gefalteten Händen vor ihr. – Das Bild wurde rüstig gefördert, Lorle ermahnte immer zur Arbeit, und Reinhard trug ihr noch auf, ihn nicht lässig werden zu lassen. Niemand im Hause ahnte etwas von der neuen Wendung der Dinge, nur Vroni ward ins Vertrauen gezogen; man ging nun öfters nach der Mühle. Wie die Kinder jubelten die beiden Liebenden, wenn sie sich im Walde haschten und versteckten. »O Welt voll Seligkeit!« rief einst Reinhard, als er so vor Lorle stand, »das hat sich der Weltgeist allein vorbehalten, die Liebe, sie kommt aus ihm: das läßt sich nicht machen und nicht bilden. Da steht ein Wesen und hält mich zauberisch gefangen; schön ist alles, alles, was du bist. Und hätte ein Wesen Seraphsflügel und ist die Liehe nicht, spurlos zieht es dahin. Dank dir, ewiger Weltgeist, du hast mir gegeben, was ich nicht suchte.« »Ich verstehe dich nicht recht,« sagte Lorle. »Ich verstehe mich ja selber nicht. Was braucht's? Komm, sieh mich an, laß mich schauen, stumm, welch ein gutes Leben in mir ist.« Das Bild reifte seiner Vollendung entgegen, die beiden Liebenden sprachen von allem, nur nicht von der Zukunft; beiden bangte innerlich davor, Reinhard, weil er nicht wußte, wie sie sich gestalten solle, und Lorle, weil sie fühlte, wie schmerzlich sie aus dem elterlichen Hause gerissen würde. Nun ergab sich aber auch eine Mißhelligkeit zwischen den Liebenden. Lorle, die zu einer Madonna gesessen hatte, sollte jetzt das Kind, mit dem sie unter der Linde gespielt hatte, wieder auf den Schoß nehmen; unter keiner Bedingung wollte sie das thun: »Es ist eine Sünd', es ist eine gräßliche Sünd'!« beteuerte sie immer, aber Reinhard war unbeugsam, und sie willfahrte endlich, indem sie seufzend sagte: »Ich muß in Gottes Namen alles thun, was du willst.« Sie zitterte aber am ganzen Leibe, so daß das Kind laut schrie, bis Reinhard endlich beide beschwichtigte, das Kind mit Süßigkeiten und Lorle mit liebreichen Worten. Die Gewänder waren nur flüchtig untermalt, und nun sollte dem Kopf die letzte Zusammenstimmung der Farbentöne gegeben werden; das sagte Reinhard eines Tages und bat Lorle, daß sie beide noch diese wenigen Stunden sich recht still verhalten wollten. Lorle nickte still, sie wagte schon jetzt nicht mehr zu reden. Ihr Kopf war nach dem Wunsche Reinhards aufgerichtet, und sie sah hinauf nach dem blauen Himmel: weiße Wolkenflocken zogen leicht dahin, still und friedlich war's im weiten Raume, kein Laut vernehmbar; da fließt eine Wolke sanft hin, sie nimmt eine kleine mit und versinkt mit ihr unter den Gesichtskreis, eine andre streckt schon ihr Haupt empor, wer weiß, wie lang sie ist, wie dunkel ihr Grund, wie bald sie abbricht; nur wer am Himmelsbogen steht, kann sie ermessen. Da drunten liegt die Welt, weitab, alles, alles zieht vorbei, vorbei, die Erde ist untergesunken: ein Geist schwebt über den Wolken . . . So hatte Lorle sich in den Himmel hineingedrängt; Reinhard sie eine Weile starr betrachtet und dann emsig gemalt. Stille war's lange; die beiden wagten kaum zu atmen. »Was hast du so eben gedacht? Dein Antlitz war verklärt?« fragte Reinhard. »Ich bin gestorben gewesen und allein,« sagte Lorle mit geisterhaftem Blicke, ihre Arme hoben und fielen wie leblos wiederum nieder. Reinhard faßte ihre Hand, er konnte aber nicht reden, er schaute sie an wie eine überirdische Erscheinung. »Jetzt möcht' ich auch sterben,« sagte Lorle endlich, und Reinhard erwiderte: »Ich sag' wie du: nein, erst recht leben, lang, lang leben.« »Bin ich jetzt fertig?« fragte Lorle aufstehend. »Ja.« »So will ich gehen, es wird jetzt schon wieder fröhlicher werden.« Reinhard wollte sie zum Abschied küssen, sie aber wehrte streng ab und sagte: »Jetzt nicht, nein, mir zulieb.« – Reinhard gönnte sich nun auch wieder einige Erholung. Auch ihm war ganz eigen zu Mute, da er seit vielen Tagen in einer steten Spannung und Aufregung gelebt hatte. Als er das Lorle erklärte, sagte sie: »Mir ist auch so, wie wenn ich aus der Fremde käm', wie wenn ich gar nicht daheim gewesen wär'.« – Auf seinen Wanderungen begegnete Reinhard wiederum Wendelin, der trübselig aussah. Reinhard fragte: »Was hast? Warum bist so traurig? Weil du ein neues Brüderle bekommen hast?« »O nein, von deswegen nicht, mein Vater hat gesagt, wo fünfe halb hungern, kann ein sechstes auch mitthun.« »Nun, was hast du denn?« »Ja, gucket, mein Scheck da (er wies auf eine stattliche Kuh), der ist vorgestern verkauft worden für 53 Gulden; der Metzger Heuberer von G. (er nannte die Amtsstadt) hat ihn 'kauft und läßt ihn noch sechs Wochen laufen, nachher holt er ihn. Ich krieg' einen Sechsbätzner Trinkgeld, aber es macht mir kein' Freud; der Scheck ist mir doch der liebst' von allen, und jetzt thut mir's so weh um den Scheck, der frißt jetzt da fort, wie wenn er ewig leben sollt', und da kommt der Metzger und schlägt ihm auf einmal auf den Kopf, und da liegt er, tot ist er.« Der Knabe sah Reinhard gedankenvoll an, dann fuhr er fort: »Mich freut's nur, daß der Metzger betrogen ist.« »Wie so denn?« »Ja gucket, er hat den Scheck viel zu teuer 'kauft, aber er möcht' gern dem Meister (Dienstherrn) das Maul süß machen, weil er sein Lorle heiraten möcht', und da ist er doch angeführt.« »Warum? Denkst du nicht mehr so gut vom Lorle?« »O Ihr,« sagte der Knabe zornig, »wie er mich anguckt, wie ein gestochener Bock mit seinem langen Bart; ja gucket nur zu, ich fürcht' mich nicht, ich bin nicht in Euch vernarrt wie das Lorle.« »Woher weißt du das?« »Ja, ich bin nicht so dumm. Wie vergangenen Sonntag der Martin nach der Stadt ist, hab' ich für ihn Eure Stiefel 'putzt, und da ist das Lorle kommen und hat gesagt, ich soll's gut machen und hat die Stiefel anguckt mit ein paar Augen, das waren Augen! Und da hab' ich's gleich gemerkt, was es geläutet hat. Und gestern nacht, wie ich in der Kammer lieg', da hör' ich, wie mein' Mutter dem Vater erzählt, daß das Lorle in Euch verschossen ist. Und wenn das Lorle fort ist und mein Scheck ist fort, und da geh' ich halt auch fort.« Reinhard suchte den Knaben zu trösten, es bedurfte dessen kaum, denn er sang und jodelte hinter Reinhard lustig in die Welt hinein. Reinhard sah nun, daß ihr Verhältnis doch schon dorfkundig war; er ging nachdenklich das Thal entlang. Es wurde Abend, die Mäher waren emsig, das taunasse Oehmdgras zu mähen, die sterbenden Gräser hauchten noch würzigen Duft aus, Reinhard breitete oft die Arme aus, als wollte er tausend Leben an seine Brust drücken. Jetzt befiel ihn aber ein Trübsinn: rasch, in voller Blüte ihrer frischen Liebe, wollte er Lorle sein nennen, und doch war seine Zukunft so unsicher; er warf die Sorge von sich, er wollte den Tag genießen, die fliehende Minute, und was gelingt nicht einem frischen Herzen im freien Wandern? Reinhard sah eine Weile sein selbst vergessend den Abendbremsen zu; die zogen jetzt erst auf Nahrung aus und schwebten oft ganz ruhig, unbewegt auf einem Fleck in der Luft, wie an einem Abendstrahl aufgehangen, ihre Flügel drehten sich wie leichte Wolkenrädchen zur Seite, bis sie wie angestoßen auffuhren; sie hatten eine kaum sichtbare Beute erhascht und hielten sich nun wieder ruhig auf ihrer neuen Stelle. Der geräuschvolle Tag verstummte immer mehr, ein sanftes, nächtiges Flüstern hauchte durch Zweig und Gras, Reinhard schweifte immer weiter, es zog ein Lied durch seinen Sinn, er wußte nicht was, ihm war traurigfroh zu Mute; da hörte er einen einsamen Burschen jenseits des Baches singen: Ihr Sternle am Himmel, Ihr Tröpfle im Bach, Verzählet mei'm Schätzle Mein Weh und mein Ach. O, die Liebe kann nicht genug Boten finden, ihre unnennbare Seligkeit und ihr tiefes Leid zu verkünden. Und der Bursche sang weiter: Die Sternle ins Wasser, Die Fischle in 'n See, Die Lieb' geht rief abe, Geht niemals in d' Höh'. Und jetzt ward noch mit andrer Weisung der lustige Schluß angehängt: Ganget weg, ihr Burgersmädle, Ganget weg, ihr Patschele, Da nehm' i mir e Bauernmädle, Das sind recht wackere. Als Reinhard spät abends nach Hause kam, fand er einen Brief aus der Stadt vor; er war vom Kollaborator und lautete: » Kleinresidenzlingen , an einem der Hundstage. Oft habe ich im Wald einem Vogel zugehorcht, der mir seine Melodie hundertmal vorsang, als müßte ich sie verstehen, und wenn ich mich endlich zum Fortgehen anschickte, war mir's, als singe der lustige Kauz jetzt erst recht aus voller Seele, als riefe er mir nach: Du verstehst doch nicht, was ich singe, und Millionen werden nach Dir kommen und werden's auch nicht verstehen. So geht mir's jetzt auch mit dem Volksgeiste. Mir ist's, als ob jetzt, da ich fort bin, es erst recht zu singen und zu klingen begänne. – Diese romantische Sehnsucht der modernen Menschheit nach dem, was hinter ihr ist, verdreht ihr den Kopf; ich habe auch einen krummen Hals. Es ist nicht gut, daß dieser Mensch auf sich stehe, drum will ich ihm eine Anstellung schaffen. So sprach Gott der Herr, als er den deutschen Menschen gemacht hatte. Die Eichen im Walde werden nächstens auch angestellt und erhalten das allerhöchste Dekret, das sie zu einstweiligen Symbolen und Hütern der deutschen Kraft und deutschen Freiheit ernennt; es gibt dann Referendars-, Assessors-, geheime und wirkliche geheime Eichen mit eigenem Laub. Wir Deutschen sind die solideste Nation der Welt, es ist die schändlichste Verleumdung, daß man uns Gemeinsinn abspricht; wer nur irgend ein gemachter Mann sein will, setzt sich auf den Besoldungsstuhl und speist aus der Kommunschüssel. Fichte hat das Wesen des deutschen Gelehrten zu sehr aus seinem subjektiven Idealismus erfaßt, ich mache mir jetzt Exzerpte, um in biographischen Umrissen nachzuweisen, welchen Einfluß die Staatsanstellungen auf die Gestaltung des deutschen Geistes gehabt haben. Ich habe für die vornehme Species der Menschen einen eigenen Namen gefunden, sie heißen: die eisfressenden Tiere. Heute morgen war ein Prachtexemplar bei mir, Dein Gönner, der dicke rote Table d'hotenkopf; der hochwohlduftende Comte de Foulard, er hat sich sehr nach Dir erkundigt; der Prinz ist aus Italien zurück, hat dort viel Bilder gekauft, hat in Rom Dein Lob gehört, ist entzückt von Deiner Waldmühle, kurz, man will eine Galerie errichten, will Dich fesseln, das heißt anstellen. Da hast Du's also. Wenn Du kommst, ist die Sache abgemacht. Ich weiß nicht, wie Du darüber denkst; ich habe um meine Stelle auch suppliziert in der geheimen Hoffnung, daß nichts daraus wird, und nun weide ich schon bald sieben Jahre die geduldige Bücherherde und schere nur das eine und das andre um ein Exzerpt, so was im Zaun hängen bleibt. Lieb wär mir's, wenn Du einen Schleiftrog am Bein hättest, daß wir dich hier behielten. Mach aber, was Du willst, ich rate nichts; hast Du Lust, so komm baldigst. Ich habe mit meiner Schwester eine neue Wohnung bezogen, sie hat endlich ihr Putzgeschäft aufgegeben und pflegt nun mein Alter. Ich esse mittags und abends Suppe und kann hundert Jahre alt werden, wenn ich's erlebe. Grüße mir die Alpenrose, Gott sende ihr Tau und Sonnenschein genug und lasse sie gedeihen. Ich schreibe Dir diesen Brief auf dem neuen Katalog, den ich anzufertigen habe; ich bin ganz allein, mein Oberwalfisch wäscht sich im Seebad. Dein Kohlebrater. Beiwagen: Die sieben Gulden, die Du mir zur Heimreise geliehen, kann ich Dir erst zum Quartal, den 1. Oktober, wenn ich meine Löhnung fasse, erstatten. Brauchst Du's früher, will ich's anderweitig entlehnen. Unser Schulkamerad N., das sogenannte durchlöcherte Prinzip, hat eine Vokation ins Departement des Jenseits bekommen, er ist Assistent beim Weltgericht geworden. Das Erdbeben, das wir vorgestern hatten, hat mich unendlich ergötzt; ach! wie haben sie hier alle gezittert! So muß einem Floh zu Mute sein, der auf einem fieberkranken Pudel haust.« Nachdem Reinhard diesen Brief gelesen, verkündete er, daß er am Morgen nach der Hauptstadt abreise und bald wiederkomme. Lorle schlief die ganze Nacht nicht, sie machte sich allerlei Gedanken über die so schnelle Abreise; Reinhard hätte sie durch ein einziges Wort beruhigen können, und er dachte nicht daran. Am Morgen sah er Lorle noch einen Augenblick allein und sagte ihr schnell: »Wenn ich ein Glück bekomme, teilst du's mit mir?« »Wenn ich dich nur ganz krieg',« war die Antwort, vom Teilen sagte sie nichts. Im Hause des Wadeleswirts war's nun wieder so still und friedsam wie ehedem. Hatte Reinhard in der letzten Zeit auch weniger tolle Streiche losgelassen, so machte er doch noch immer Lärm genug im Hause; jetzt ging alles wieder seinen alten Weg, kaum daß einer mehr des Fernen gedachte. Wie schnell schließt sich der Strom des Lebens hinter einem Menschen, der aus einem Kreise tritt! Nur Lorle hegte das Andenken Reinhards tief im Herzen, Tag und Nacht. War sie früher stets liebreich und gut gegen die Eltern und alle im Hause gewesen, so war sie's jetzt doppelt; sie wollte immer alles thun und bereiten für jedes. Niemand wußte, woher das kam, und man kümmerte sich auch nicht viel darum; Lorle aber that dadurch im Innersten Abbitte, daß sie die Ihrigen in Gedanken schon verlassen hatte und bald ganz von ihnen scheiden werde, sie wollte ihnen noch Gutes erzeigen, so viel sie vermochte. In der Stadt betrieb Reinhard seine Anstellung mit allem Eifer. Als der Kollaborator seine Verwunderung darüber äußerte, erwiderte er: »Ich will dir's nur gestehen, ich bin mit Lorle verlobt.« »Was?« rief der Kollaborator gedehnt, Staunen und Kummer sprach aus seinem Antlitze; »wenn sie einer heiraten und aus ihrem Boden reißen dürfte, so wär' das nur ich, ich allein; ja lache nur, ich verstehe sie allein; du bist viel zu wild, du darfst eigentlich gar nicht heiraten. Hat dir denn der Vater das Mädchen gegeben?« »Nein.« »O, so ist noch Hoffnung, daß sie keiner von uns beiden bekommt,« schloß der Kollaborator schelmisch. Reinhard ging nicht vom Fleck, bis er sein Ernennungsdekret erhalten hatte. Am Morgen, nachdem solches ausgefertigt war, sagte er heim Erwachen zu sich selber: »Guten Morgen, Herr Inspektor, mit dem Titel Professor; haben Sie wohl geruht? Hast dir nun auch ein Hundsband umbinden lassen, und war dir doch so wohl, als du frei umhergelaufen bist.« Als er vor dem Spiegel stand, verbeugte er sich ganz höflich und sagte: »Ihr Diener, Herr Professor! Gehorsamer Diener siebente Rangklasse.« Dennoch freute sich Reinhard in dem Gedanken, wie ganz anders er nun vor den Wadeleswirt hintreten und um dessen Tochter freien könne, und wie glücklich auch Lorle sein werde. Schnell packte er seine Gliederpuppe und einiges alte Seidenzeug zusammen, das er zur Gewandung gekauft hatte, und bald rollte er wieder dem Dorfe zu, wo seine Liebe wohnte. Nur stet. Auf dieser Fahrt machte ein Gedanke die Wangen Reinhards von einer fremden Glut entbrennen. Er kam soeben aus den Kreisen der teppichunterbreiteten Existenzen, alsbald überkam ihn ein besonderes Behagen an dieser verfeinerten Welt, an dieser Anmut heiterer Geistesspiele, voll tändelnder Musik und sprühender Witzfunken, fernab von der rauhen Wirklichkeit, ausschreitend aus der engbürgerlichen Umzäunung; er hatte das Gelüste rasch niedergekämpft, jetzt kam es in veränderter Gestalt wieder und zeigte ihm, wie Lorle diese Freiheit des Lebens nie verstehen werde, wie sie doch seinem ganzen künstlerischen Denkkreise fern stehe – er war in seinem eigenen Hause mit seinem tiefsten Wollen ein Fremder. Das war ein böser Blutstropfen in Reinhard, und er machte ihm die Wangen glühen. Den Gedanken: Lorle nach und nach heranzubilden, warf er bald von sich, und er rief fast laut: »Nein, sie soll das frische Naturkind bleiben mitten im Trödel der Stadt; sie bedarf keiner andern Welt, ich bin ihre ganze Welt.« – Er bat sie in Gedanken um Verzeihung, daß sein Sinn nur einen Augenblick sich von ihr entfernen konnte. Für ein erregbares Gemüt haben weite Strecken, die von einer Lebenswendung bis zur andern zu durchmessen sind, ihr Gutes und ihr Schlimmes; sie dämmen oft die berauschende Seligkeit des Gefühls, beschwichtigen aber auch die leicht sich eröffnende Zwiespältigkeiten. Sorglos, als wäre das nicht der entscheidendste Lebensgang, fuhr Reinhard dahin; selbst seine Sehnsucht war eine abgeklärte, friedsame. In der Amtsstadt ließ er sein Gepäck zurück und eilte auf dem Waldwege dem Dorfe zu. Je näher er kam, desto heftiger loderten die Flammen der Liebe wieder in ihm auf; mit zitternden Pulsen rannte er dem Hause zu. Die Bärbel stand unter der Thür und reichte ihm die schwielige Hand: »Ihr kommet bald wieder, ich hätt's nicht geglaubt,« sagte sie; Reinhard konnte nicht antworten, zu Lorle wollte er sein erstes Wort sprechen; er eilte die Treppe hinan, niemand war im Hause. Lorle war, wie Bärbel erzählte, mit den Eltern nach der Stadt gefahren, von wo Reinhard eben herkam. Mit der Botschaft der Lebenserfüllung auf den Lippen stundenlang harren zu müssen, das war eine schwere Aufgabe. Reinhard machte sich bald wieder auf, den Ankommenden entgegenzugehen, aber als er schon eine Stunde den Waldweg gegangen war, besann er sich erst, daß er so in Gedanken dahingeschritten sei, während doch das Wägelchen mit den Heimkehrenden bereits den Fuhrweg dahingerollt sein konnte; er kehrte still wieder um, traf jedoch auch die Erwarteten noch jetzt nicht zu Hause. Mit namenloser Angst quälte ihn der Gedanke, daß ihm Lorle mit Gewalt entzogen sein konnte, die Eltern waren ja mit ihr in der Stadt, und er mußte sich sagen, daß er durch seine Zweifel solches verschuldet haben konnte; aber die ganze Treue Lorles stand wieder vor ihm, und als es Nacht wurde, war es ihm, als ob das Bild auf der Staffelei hell leuchte; er zündete Licht an und betrachtete jetzt nach längerer Abwesenheit das Bild wieder; er staunte fast vor sich selbst, hier war ihm etwas gelungen, was ein andrer, ein Mächtigerer geschaffen hatte. Reinhard nahm die Zither und wollte spielen und singen, aber er hörte bald wieder auf, er legte sich endlich angekleidet auf das Bett, er wollte heute noch die Seinigen sprechen, keine Stunde seines Glückes versäumen; er verschlief aber doch die Ankunft der Hausbewohner, die spät in der Nacht erfolgte. Die Mutter war zu Bett gegangen, der Vater saß im Stuhle und las die mitgebrachten Zeitungen, Lorle machte sich aber, trotz aller Ermahnungen, noch immer etwas in der Stube zu schaffen; endlich kam sie zaghaft zum Vater ins Stüble und sagte: »Aetti, ich hab' ein' Bitt'. Machet das Licht aus und bleibet da.« »Nur stet, warum denn?« »Ich bitt', ich hab' Euch was zu sagen, und ich kann's nicht so.« »Närrisches Kind, meinetwegen. Nun, jetzt ist das Licht aus, nun, jetzt red'.« Lorle legte die Hand auf die Schulter des Vaters und sagte ihm mit zitternder Stimme ins Ohr: »Der Herr Reinhard hat mich gern und ich ihn auch, und er will mich, und ich will ihn und keinen andern auf der ganzen Welt.« »So? Und das habt ihr unter euch ausgemacht?« »Ja.« »Nur stet, gang jetzt schlafen, morgen ist auch ein Tag; wir reden ein andermal davon.« Kein Bitten und kein Betteln Lorles half, sie erhielt keinen andern Bescheid. Als der Wadeleswirt nun noch gewohntermaßen das ganze Haus durchmusterte, fand er die Thüre Reinhards halb offen, er drehte von außen den Schlüssel um; Reinhard war eingeschlossen. Am Morgen ward Lorle vom Vater »zeitlich« geweckt. Als sie herabgekommen war, sagte er: »Du gehst gleich auf die Hohlmühle und bleibst da, bis ich komm'.« Lorle mußte gehorchen, sie wußte wohl, da half keine Widerrede; sie durfte nicht mehr die Treppe hinauf, sondern mußte sich schnurstracks aufmachen. Der Wadeleswirt ging umher und zankte mit Stephan und mit allen, weil sie eben keine so schlaflose Nacht gehabt hatten wie er; endlich saß er im Stüble und las die Fruchtpreise auf den verschiedenen Schrannen, aber trotz der hohen Sätze hatte er die Lippen zusammengekniffen und trommelte unwillig mit dem Fuße auf dem Boden. Von oben vernahm man jetzt mächtiges Pochen an eine Thüre, da erinnerte sich der Wirt, daß er Reinhard eingeschlossen habe, und befahl der Bärbel, ihm aufzuschließen; dadurch ersparte er sich's auch, dem Maler alsbald frischweg die Meinung zu sagen. Reinhard kam zum Wirt und streckte ihm beide Arme entgegen, dieser aber saß ruhig, hielt mit beiden Händen die Blätter und so darüber wegschauend, sagte er: »Auch wieder hiesig?« »Und ich hoffe zu Hause,« sagte Reinhard. »Nur stet. Ich sag's Euch grad heraus, packet Eure Sachen zusammen und b'hüt Euch Gott.« »Und das Lorle?« fragte Reinhard zitternd. »Das will ich schon wieder zurecht bringen, das ist mein' Sach', da hat niemand nichts drein zu reden.« »Und ich geh' nicht aus dem Hans, bis mir das Lorle selbst gesagt hat, daß ich gehen soll.« »So? Ist das der Brauch bei euch Herren aus der Stadt? Ich kann auch anders ausgeschirren. Verstanden?« sagte der Wadeleswirt aufstehend. »Ich hätte den Bauernstolz nicht bei Euch vermutet,« sagte Reinhard. Der Wadeleswirt schnaubte grimmig und ballte beide Fäuste; er schaute Reinhard von oben bis unten stumm an, wie wenn er sagen wollte: was glaubst? Bin ich der Mann, mit dem man so redet? Reinhard schüttelte den Kopf und sagte endlich: »Ihr seid doch sonst ein gescheiter Mann, warum seid Ihr jetzt so wild? Was hab' ich Euch Leids than? Diese sanft gesprochenen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht, und der Wadeleswirt sagte mit stockender Stimme: »So? Und mein Kind, mein' einzige Tochter wegstehlen?« »Lorle soll reden. Wo ist sie?« fragte Reinhard. »In der Haut bis über die Ohren, wenn sie nicht da ist, ist sie verloren. Das Lorle ist nicht da, so lang Ihr da seid.« Nach einer Weile, in der er das schmerzdurchwühlte Antlitz Reinhards betrachtet hatte, fuhr der Wirt fort: »Ich kann's Euch schon sagen, wo das Mädle ist: auf der Hohlmühle.« »Ich verspreche Euch,« sagte Reinhard schnell, »kein Wort ohne Euer Wissen mit ihr zu reden.« »Glaub's, Ihr seid sonst allfort ein rechtschaffener Mensch gewesen, und jetzt muß ich aufs Feld,« sagte der Wadeleswirt ruhiger. Er ging fort und Reinhard auf sein Zimmer. Wie glücklich war dieser jetzt, daß er nach der Gliederpuppe die Gewänder malen konnte; er war unausgesetzt fleißig und ließ sich sogar das Mittagessen auf sein Zimmer bringen. Die Bärbel, die alles wußte, tröstete Reinhard und sagte, er solle nur die Hoffnung nicht fahren lassen, der Alte sei zäh', er müsse ein gut Weilchen am Feuer stehen, bis er weich werde. Auch die Mutter kam leise herauf geschlichen, sie redete nichts von der Hauptsache, aber an der Sorglichkeit, die sie für alle Bedürfnisse Reinhards hatte, konnte er wohl merken, daß sie auf seiner Seite war. Am Abend erzählte Reinhard dem Vater, wie er bloß Lorle zulieb sich eine Anstellung geholt habe und wie er sie ewig glücklich machen wolle. Der Wadeleswirt war still und schaute über das Glas weg, das er eben zum Munde führen wollte, Reinhard bedeutsam an. Als die Bärbel am andern Morgen Reinhard den Kaffee brachte, sagte sie: »Glück und Segen!« »Wozu?« »Ihr seid ja Professor geworden, der Alte hat gestern nacht seiner Frau noch viel davon vorgeschwatzt; es gefällt ihm doch wohl, das Wasser fangt schon zu sieden an.« Der Alte ging immer brummig im Hause umher und hatte sogar, was sonst nie geschah, kleine Häkeleien mit seiner Frau; er hätte gar zu gern gehabt, sie möchte ihm weidlich mit Reden und Bitten zusetzen, daß er die Sache doch ins reine bringen möge; sie aber that, wie man sagt, »kein Schnauferle«, sie wollte die Verantwortung für spätere Tage nicht haben. Und dann war's ihr doch auch wind und wehe, ihr Kind so weit weg unter ganz fremde Verhältnisse zu geben; sie war von dem Sorgen und Nachdenken so müde, daß sie bald da, bald dort, wo nur ein Plätzchen war, sich niedersetzte und ausruhte. Am dritten Tage kam der Wadeleswirt zu Reinhard auf sein Zimmer, setzte sich und redete lange nichts; endlich begann er: »Ich hab' mich resolviert. Es geht mir ein Stück aus dem Herzen, wenn ich das Kind so weit weg geb'; aber was ist da zu machen? Ich thu' Euch also den Vorschlag, ich will mein Lorle noch auf ein Jahr zu den Klosterfräulein thun, da soll's lernen, was man in der Stadt braucht, und seid ihr beide dann noch so gewillt wie jetzt, nun, so in Gottes Namen.« Reinhard widersprach und beteuerte, daß Lorle nichts zu lernen habe, gerade so, wie sie jetzt sei, mache sie ihn glücklich; der Alte lächelte und ging davon. Drei Tage und drei Nächte hatte Lorle in schweren Gedanken auf der Mühle zugebracht; kein Bote kam, Stephan wußte nichts, und oft war's in Wahrheit, als ob sie in eine andre Welt: versetzt wäre. Am vierten Morgen kam der Wadeleswirt und holte seine Tochter, er hatte ein unwirsches Ansehen, und Lorle folgte ihm still wie ein Opferlamm. Der Vater zürnte nicht auf das Kind, er zürnte nur mit sich selber, weil er nun doch nachgeben müsse. »Hast du den Reinhard noch gern?« fragte er einmal, als sie schon eine gute Strecke miteinander gegangen waren. »Ja, so lang ich leb'!« erwiderte Lorle. Und nun gingen sie wieder still dahin, keines redete ein Wort. Der Wadeleswirt war durchaus der Mann nicht, der sorgfältig Ueberraschungen zu bereiten strebte; das Kind mußte nur schweigen, so lang er nicht zu reden begann, und er wollte nicht reden, weil's ihm nicht darum war; auch war's ihm zu viel, das, was er zu sagen hatte, zweimal vorzubringen. Reinhard hatte indes von der Bärbel die Mitteilung erhalten, daß Lorle mit dem Vater käme; er eilte den beiden entgegen, und als sie sich jetzt zum erstenmale wieder sahen, flammte ihre ganze Liebe auf, und Reinhard rief: »Vater, gebt mir das Lorle jetzt, hier.« »Nur stet, das ist nichts so, wie Bettelleut' hinter der Heck; wartet, bis wir heim kommen.« In diesem Schlußsatz lagen vielverheißende Worte. Hand in Hand schritten die Liebenden dahin, sie bedurften keines Austausches der Worte. Als man gegen das Dorf kam, machte sich Lorle etwas an ihrem Schurzbändel zu schaffen, sie ließ dadurch die Hand Reinhards los und faßte sie nicht wieder. Im Stüble war endlich die ganze Familie beisammen; alles stand, nur der Vater saß, und nach einer seltsamen Pause begann er: »Alte, was meinst? sollen wir sie einander geben?« »Wie du's machst, ist's recht,« sagte die Frau. »Guck, Lorle, so muß eine Frau sein, merk dir das, bis du einmal eine bist,« sagte der Vater, und Lorle ward glühendrot, da sie ihre Zukunft sich vorhalten hörte. Der Vater sagte nun aufstehend: »Ich mein', wir machen jetzt die Handreichung, und wenn die Ernt' vorbei ist, halten wir Verspruch, und übers Jahr könnet ihr in Gottes Namen heiraten. Hat mein Bauernstolz recht?« fragte er, Reinhard derb auf die Schulter klopfend. »Guter Vater!« war alles, was dieser hervorstottern konnte. »Nun, Ihr seid auch ein guter Mensch, ich will das nicht leugnen. Jetzt fertig.« Alles reichte sich nun die Hand, und Reinhard küßte noch die Mutter innig, den Vater konnte er nicht küssen, dieser schüttelte ihm nur starr die Hand. Als die halb unterdrückte Rührungsscene noch nicht vorüber war, stellte sich der Wadeleswirt wieder breitspurig vor Reinhard und sagte: »Jetzt hab' ich noch ein Wörtle mit Ihm zu reden, du Lump, du liedricher! Und was ich dem Mädle geb', danach fragt Er gar nicht und thut, wie wenn Er ein Bettelmädle bekäm'? Und unser gut Sach', was wir erhauset haben, das ist Ihm ein Pfifferling, das ist Ihm gar nichts wert? Potz Heidekuckuck, das ist ein' Lumpenwirtschaft. Ja, es ist mir ernst, es ist da nichts zum Lachen, Himmelheide –« »Um Gottes willen sei doch still,« rief die Mutter, »wenn's ja eins hört, so meint es, du thätest zanken, und wir hätten Händel.« »Lorle,« erwiderte der Vater; »merk dir das jetzt auch, das mußt du nicht thun; wenn der Mann red't, muß das Weib still sein. Jetzt genug, jetzt ganget auf Geschäft.« Alles entfernte sich, Lorle wollte mit Reinhard Hand in Hand weggehen, der Vater aber winkte ihr und sagte: »Bleib du noch ein bißle da.« Lorle war allein mit dem Vater im Stüble und dieser sagte: »Jetzt bist doch zufrieden? Brauchst nicht heulen, darfst lustig sein; jetzt paß auf . . . Ja, was ich doch sagen will, ja . . . mach, daß du dein Kränzle am Hochzeitstag mit Ehr' und Gewissen tragen kannst.« Lorle fiel dem Vater nicht um den Hals, sie verbarg ihr Antlitz nicht, frei und stolz schaute sie drein und sagte fest: »Aetti, Ihr wisset gar nicht, wie brav er ist.« »Glaub's, ist mir schon recht, wenn er brav ist, verlaß dich aber auf kein' andre Bravheit als auf die deinige; jetzt gang.« Das waren nun glückselige Tage, die den Verlobten aufgingen. In Reinhard hatte das Offenkundige ihres Verhältnisses gar nichts geändert, Lorle dagegen fühlte sich jetzt viel freier; sie war stets voll Entzücken, wenn eins nach dem andern aus dem Dorf kam und ihr Glück wünschte. Fast jedes hatte etwas Besonderes an Reinhard zu loben, und man bedauerte nur, daß Lorle so weit weg käme; sie nahm aber jedem das Versprechen ab, daß es sie besuchen, bei ihr wohnen und essen müsse, wenn es nach der Hauptstadt käme. Einige Besonderheiten Lorles zeigten sich schon jetzt. Fast nie ließ sie sich von Reinhard am Arme durch das Dorf führen, draußen aber faßte sie ihn von selbst, hüpfte und sang voll Freude. Nie war sie zu bewegen, an einem Werktage mittags mit Reinhard spazieren zu gehen, wenn aber der Feierabend kam, dann war sie bereit; das war der Dorfsitte gemäß, unter deren Herrschaft sie stand. Ein Umstand veranlaßte viele Erörterungen zwischen dem Schwiegervater und Reinhard. Dieser wollte nämlich schon zum Frühherbst heiraten, er konnte nicht lange Bräutigam sein, sich nicht Monat und Jahre mit der Sehnsucht nähren; der Schwiegervater wollte aber durchaus nicht, daß man die Sache so übers Knie abbreche. Das Weibervolk im Hause wußte indes, daß er schon nachgeben werde, und die Mutter ließ bei allen Webern in der Umgegend tuchen und bei allen Näherinnen schneidern, während die Schwester des Kollaborators nach einem genauen Maß die Stadtkleider für Lorle fertigte. Lorle wollte durch ihre Brautschaft keinerlei Arbeit und Verbindlichkeit im Hause entledigt sein, ja, sie war emsiger als je; sie wollte noch alles in stand bringen und in Ordnung verlassen, es war ihr wie einem ehrenhaften Dienstboten, der, bevor er den Dienst verläßt, freiwillig das ganze Haus von oben bis unten scheuert und säubert. Reinhard mußte sie gewähren lassen, dafür war sie aber auch auf den Abendspaziergängen voll frischen Lebens. »Mir ist allfort,« sagte sie einmal, »wie wenn heut Samstag wär', und morgen ist Sonntag, und da kommt wieder ein Tag, und da kommt mir's wieder wie Samstag vor und so fort. Ich bin so froh, so froh, ich möcht' nur, ich weiß gar nicht, was ich möcht'.« Ein andermal, als sie durch den Wald gingen, flogen Lorle gar viele Nachtfalter ins Gesicht, sie ärgerte sich darüber, und Reinhard bemerkte: »Dein Gesicht ist so lauter Licht, daß sich die Nachtfalter drin verbrennen wollen; ich bin auch so.« Lorle faßte einen Baumzweig, schüttelte Reinhard den Nachttau ins Gesicht und sagte: »So, da ist gelöscht.« Ueber Zittergras und blaue Glockenblumen weinte Lorle die ersten Brautthränen. Die Verlobten gingen miteinander über die Wiese; da raufte Reinhard jene Pflanzen aus und zeigte Lorle den wundersam zierlichen Bau des Zittergrases und die feinen Verhältnisse der Glockenblume; »das gehört zu dem Schönsten, was man sehen kann,« schloß er seine lange Erklärung. »Das ist eben Gras,« erwiderte Lorle, und Reinhard schrie sie an: »Wie du nur so was Dummes sagen kannst, nachdem ich schon eine Viertelstund' in dich hineinrede.« Große Thränen quollen aus den Augen Lorles hervor, Reinhard suchte sie zu beruhigen, aber innerlich war er doch voll Aerger, denn er vergaß, daß nur, wer die Seltenheit und Pracht der Zierpflanzen lange erschaut hat, wieder an den einfach schönen Formen des Grases sich ergötzen mag. Dieser Abend bebte wehmütig in der Seele Lorles nach, sie gab Reinhard keine Schuld, sondern ward nur fast irr an sich; sie kam sich nun wirklich grausam dumm vor, und oft, wenn er sie um etwas fragte, schreckte sie zusammen, aber lügen konnte sie nicht, keine Teilnahme und kein Verständnis heucheln. Die Liebe aber überwindet alles. Lorle nahm sich vor, recht aufzumerken, wenn Reinhard etwas sagte, denn er war ja viel gescheiter. So verlor sich nach und nach ihre Zaghaftigkeit wieder, und sie war das harmlose Kind von ehedem. Auch ein Schreckbild war Reinhard einmal für Lorle. Einst saß er abends mit dem Vater überaus lustig beim Glase, Lorle schnitt Brot ein zur Suppe und war ganz glückselig, daß die beiden sich so lieb hatten, sie sah immer von einem auf den andern und legte zuletzt die Hände fest zusammen, als wären es die Hände der beiden treuen Menschen, die so traut bei einander saßen. Reinhard war wieder zu allerlei Schalkhaftigkeiten aufgelegt, er taumelte nun in der Stube umher, sprach mit lallender Zunge unverständliche Worte, ganz wie ein Betrunkener. Lorle wußte doch, daß er nur scherze, aber sie rang die Hände über dem Kopf und rief aus allen Kräften: »Um Gottes willen, Reinhard, Reinhard. Laß das bleiben! So darfst du nicht aussehen.« Reinhard hörte sogleich auf, aber Lorle zitterte noch lange über diesen Scherz; sie war keineswegs so empfindsam, sie kannte das Leben und seine Verunstaltungen und hatte schon manchem Bruder Saufaus tüchtig den Marsch gemacht, aber Reinhard kam ihr durch solche Nachahmung ganz verzerrt und entwürdigt vor; sein hohes Wesen, zu dem sie so demütig aufschaute, durfte auch nicht im Scherze so erniedrigt werden. Fast die ganze Nacht konnte sie das häßliche Bild nicht vergessen, und erst, als Reinhard ihr am andern Morgen versprach, nie mehr solchen Scherz zu treiben, verschwand es aus ihrer Seele. Die beiden Zwischenfälle waren die einzigen Störungen in dem Liebesleben; sonst ging stets Freude vor ihnen her, und Entzücken grüßte sie von jedem Baumblatt und aus jedem Gräschen. Wer kann erfassen, wie eine Seele in sich jauchzt und jubelt, wenn sie stumm aufgeht in ihr Jenseits? Warum klingt uns allüberall in tausendfältigen Klängen die Kunde von den Schmerzen und Zwiespältigkeiten des Lebens entgegen? Ist's der Schmerz allein, der zum Bewußtsein ruft und drin haftet? Die Freude und das Entzücken sind das wahre Dasein, da ist das Einzelbewußtsein untergesunken, in Liebe aufgelöst, in ihr gestorben und lebt doch das wahre, das selig ewige Leben . . . Die Madonna war vollendet und zur Ausstellung nach der Stadt geschickt. Zu seiner Betrübnis erhielt Reinhard die Nachricht, daß der Kollaborator unvorsichtigerweise verraten hatte, wer zur Madonna Modell gesessen. Ein in Rom katholisch gewordener Engländer, der sich eben in der Residenz aufhielt, bot eine namhafte Summe für das Bild; Reinhard gab es hin, sowohl weil er seine Frau nicht nach der Stadt bringen wollte, wo das Bild war, als auch aus einem andern Grunde. Die materielle Kehrseite fehlt keinem Verhältnisse. Reinhard bedurfte Geld zu seiner häuslichen Einrichtung, und er sah auch mit Wehmut das, was er aus tiefster Seele geschaffen, in eine verlassene Kapelle nach England wandern, um es nie wieder zu schauen; er ließ es ziehen. Der Kollaborator mietete für Reinhard eine Wohnung, und seine Schwester richtete sie ein. Mit dieser Nachricht wurde nun der Wadeleswirt bestürmt, die baldige Hochzeit zu gestatten. So voll Selbstgefühl und freigesinnt auch der Wadeleswirt war, so that es ihm doch besonders wohl, wenn er bei den Leuten im Dorfe: »Mein Tochtermann, der Professor,« sagen konnte; auch hatte er Reinhard in der That von Herzen lieb gewonnen. Als nun die Frauen sich mit den Bitten Reinhards vereinten, sagte er: »Ich seh' schon, ihr habt die Sach' miteinander gebestelt, ich weiß wohl, ich gelt' nichts im Hause; nun meinetwegen.« Reinhard lief sogleich zum Pfarrer und bat ihn, Sonntag das erste Aufgebot zu halten. An dem versprochenen Kirchenbilde arbeitete er nun mit erstaunlichem Fleiß, er warf es in derben Zügen für die Ferne hin und nur einzelnen Köpfen widmete er eine sorgfältige Ausführung. Auf den Sonntag vor der Einweihung der neuen Kirche war der Hochzeitstag bestimmt. Lorle bat, daß sie doch noch über die Festlichkeit bleiben möchten, aber Reinhard hatte keine Lust mehr, diesen Jubel mit zu feiern: er sehnte sich fort aus dem Dorf. Sie ziehen in die weite Welt. Vroni war von der Mühle hereingekommen und blieb die ganze letzte Woche, sie schlief mit Lorle in einem Bette, und die Mädchen verplauderten oft die halben Nächte. Lorle konnte der Vroni nicht genug auf Herz legen, wie sie die Eltern pflegen solle, wenn sie nicht mehr da sei. Am Vorabend der Hochzeit stand Lorle bei der Bärbel und weinte bitterlich, daß sie nun auch diese getreue Pflegerin verlassen solle; sie klagte, wie sie sich in der Stadt werde gar nicht zu helfen wissen, da sagte die Bärbel: »Ich kann's nicht mehr, ich hab' ihm versprochen, daß ich nichts sagen will, aber es geht nicht. Sei ruhig, der Reinhard hat so lange an mir bittet und zerrt, daß ich jetzt zu euch nach der Stadt geh'. Sei heiter, ich bleib' bei dir, so lang du mich behältst.« Lorle eilte zu Reinhard und umhalste ihn mit maßloser Innigkeit; sie verscheuchte ihm dadurch auch den Mißmut, den er soeben durch einen Brief des Kollaborators empfunden hatte; er hatte ihn als seinen einzigen Freund zur Hochzeit eingeladen; die abschlägige Antwort, die verweigerten Urlaub als Grund angab, war voll grämlicher Bitterkeit auch gegen Reinhard. Am Hochzeitmorgen sah Reinhard Lorle nur einen Augenblick, und er sagte: »Mir ist so stolz und hoch zu Mut, wie einem König an seinem Krönungstage.« »Nicht so, fromm sein,« erwiderte Lorle, das waren die einzigen Worte, die sie vor der Trauung mit ihm redete. Lorle ließ sich noch in ihrer Dorftracht trauen. Als sie aus der Kirche kam, ging sie auf ihr Kämmerlein, um die Stadtkleider anzuziehen. Lange lag sie hier auf den Knieen und betete weinend: »Heiliger, guter Gott, ich will gern sterben, wann du willst, du hast mir bisher geholfen, ich will alles auf mich nehmen, ich hab' das erlebt, du bist gut und hast mich das erleben lassen, hilf mir gut sein, hilf!« Sie richtete sich auf und rief Vroni, daß sie sie ankleide; sie zog keines der weit ausgeschnittenen seidenen Kleider an, sondern ein einfaches weißes, das bis an den Hals geschlossen war. Ein jedes sah voll Freude auf Lorle, als sie herabkam, ihr Gang, jede Bewegung ihrer Hand, alles war so feierlich wie ein heiliger Choral. Bei Tische ging's lustig her, der Wadeleswirt war überaus aufgeräumt und machte allerlei Späße. Lorle war's, als wäre sie verantwortlich für alle Reden ihres Vaters, und sie fand manches nicht am Platze; sie gäbelte nur immer so auf dem Teller herum, aß aber nichts, trotz aller Zureden. »Ich bin satt, ganz satt,« war ihre stete Entgegnung, die die vollste Wahrheit enthielt. »Lasset's in Fried',« rief endlich der Wadeleswirt, »wenn das Lorle auch nichts ißt, meine Kinder sind g'fräßig und g'süffig, es schmeckt ihnen alles, sie kommen aus einem rauhen Stall; von deswegen, Professor, könnet Ihr mit meinem Lorle bis Paris reisen, es ist nicht schleckig.« Nach dieser Rede schaute er rundum allen Leuten ins Gesicht, sich den Beifall zu holen, weil er so etwas gar Gescheites gesagt hatte; als aber niemand Lob zunickte, rief er, vom Wein erregt: »Zur Gesundheit, Herr Pfarrer, auf die neu' Kirch', und daß sie auch von innen . . . Ja ich hab' was, aber es wird nicht gesagt, von meinem Tochtermann, aber es wird vorher nichts gesagt.« Die Tafelmusik spielte manche lustige Weise, und die Fröhlichkeit hatte noch lange nicht ihren Gipfelpunkt erreicht, als man jetzt in einer Pause Peitschenknallen vor der Thür vernahm: Reinhard und Lorle standen auf, alles folgte ihnen. Vor dem Hause stand das Wägelchen, das Gepäck war sorgsam festgebunden, der Rapp war angespannt, und Martin stand da und hielt das Leitseil. Lorle sah immer auf den Boden, als sie über den Hof ging, als wäre überall etwas, das sie aufhielte, über das sie wegsteigen müsse. Die Hochzeitsgäste standen alle rings um das Wägelchen, da kam der Wendelin und übergab Lorle schluchzend eine Amsel, die er gefangen, in einem selbstverfertigten Käfig, Lorle sollte sie mitnehmen; man versprach ihm, daß die Bärbel sie mit nach der Stadt bringen werde, da sie nicht für die Reise tauge. Der Knabe ging still mit seinem Vogel davon. Der Wadeleswirt hatte die Peitsche vom Wägelchen genommen und hieb dem Rappen eines auf, daß dieser sich hoch aufbäumte und ihn Martin kaum halten konnte. »Paß auf,« sagte jetzt der Wadeleswirt zu Reinhard, »wenn man von Haus wegfährt, muß man dem Gaul ein Fitzerle geben, daß er's auch weiß, daß man die Peitsch' bei sich hat; hernach braucht man sie oft den ganzen Weg nicht mehr. So ist's auch mit dem Weib. Man muß sie gleich von Anfang merken lassen, wer Meister ist, nachher ist's gut, und man kann die Peitsche ruhig neben sich hinstecken, aber das Leitseil muß man festhalten, rr! hu! Rapp! o oha!« Der Wadeleswirt sah schmunzelnd auf ob seiner klugen Rede; er hatte heute Unglück, er konnte noch so Gescheites vorbringen, man hörte nicht recht darauf. Lorle stand an die Mutter gelehnt und weinte; es war, als wollte sie zusammenbrechen vor Schmerz. Die Mutter sagte: »Alter, du könntest auch was Besseres reden zum Abschied, wenn ein Kind fortgeht, kann sein auf ewig.« – Sie preßte die Lippen zusammen, sie konnte nicht weiter sprechen. Dem Wirt war's plötzlich, wie wenn man ihm einen Kübel Wasser über den Kopf schüttete; er legte die Peitsche auf das Wägelchen und sagte: »Nu, nu. nu, nur stet. Lorle, ich will dir was sagen, heul nicht; wenn du Geld brauchst, was dir fehlt, was es ist, du weißt, du hast einen Vater, und wenn's einen Buben gibt, weißt, wo du die Gevattersleut' holst, verstanden? Jetzt heul nicht, ich kann das Heulen nicht leiden; heul nicht, oder ich laß dich bigott nicht vom Fleck.« – Er schlug sich den Hut tiefer in den Kopf, ballte beide Fäuste und fuhr fort: »Du bist mir nicht feil, nicht um ein' Million. Professor, komm her; wenn du noch Reu' hast, komm her, kannst mir mein Lorle da lassen, bleib daheim, Lorle!« Die junge Frau schlug lächelnd die Augen auf und reichte dem Vater die Hand, dieser fuhr fort: »Professor, jetzt hör noch eins, ich will dir was sagen, bleib da mit samt dem Lorle; wirf denen in der Stadt den Bettel vor die Thür, du brauchst's nicht, du bist mein Tochtermann und übernimmst die Wirtschaft, du kannst Lindenwirt sein, ich übergeb' dir alles, wir ziehen ins Unterstüble; laß abpacken, bleibet da.« »Und meine Kunst und mein Geschäft?« fragte Reinhard. »Ja freilich, davon versteh' ich nichts,« antwortete der Vater, er hielt Lorles Hand in der seinen und schärfte sich die Lippen mit den Zähnen; das sollte die Bewegung, die sich seines Antlitzes bemächtigte, zurückdämmen. Die Mutter nahm Reinhard beiseite und sagte: »Habt nur immer ein getreu Aug' auf mein Lorle, so gibt's kein Kind mehr, soweit der Himmel blau ist; es hat ein gar lindes Herz, und wenn es einen Kummer hat, verdruckt es ihn in sich hinein, wenn's ihm auch schier das Herz abstoßt und . . . sorget dafür, daß es sich in den Stadtkleidern nicht verkältet, es ist nicht dran gewohnt, und lasset ihm ein Fleischsüpple kochen, wo ihr über Nacht bleibet, es muß sie essen, es muß, es hat heut noch keinen Bissen übers Herz bracht und . . . und denket auch oft an Eure Mutter im Himmel . . . und b'hüt Euch Gott.« Mit Lorle sprach die Mutter selbst gar nichts mehr, sie streichelte nur immer den schönen Mantel, den sie über hatte, und fragte: »Hast auch warm? Nimm dich nur in acht, es wird kühl gegen Abend, besonders im Fahren.« Lorle nickte bejahend, sie konnte nicht mehr reden. Jetzt rief der Wadeleswirt: »Stephan! bring noch ein' Bouteille Altweiberwein auf den Gaul. Ich bring' dir's, Professor, trink, und Lorle trink auch, du mußt.« »Ja,« sagte die Mutter, »trink, es g'wärmt.« Lorle mußte zuletzt noch trinken; eine Thräne fiel in das Glas. Nun wurde sie in das Wägelchen gehoben, und als Reinhard eben auch hinaufwollte, gab ihm der Wadeleswirt noch einen derben Schlag und sagte: »Mach, daß du fortkommst, du Lump, du schlechter Kerle, du Heidenbub', nimmst mir mein Mädle mit fort.« Das waren lauter Liebkosungen, und Lorle mußte unter Thränen lachen. »Jetzt hü! in Gottes Namen, fahr zu!« rief der Wadeleswirt. Die Musikanten, die bisher still zugeschaut hatten, spielten einen lustigen Marsch, und fort rollte das Wägelchen . . . Wer je dabei stand, wie ihm ein Liebes entführt wurde und die ganze Seele drängt sich den Entfernenden nach, der mag mitfühlen, wie es den Eltern zu Mute war, als ihr Kind dahinzog. Die Mutter stand da, und ihr war's, als wanke der Boden unter ihr, als werde sie ebenfalls fortgezogen, und nichts stehe mehr fest; ihr Kind, das sie unter dem Herzen getragen, über das ihr Auge wachte, so manches Jahr in stillen Nächten wie im Lärm des Tages, dahin, dahin – und doch hielt sie die Hand festgeschlossen, als fasse sie ihr fern hinziehendes Kind an einem Geistesbande. Endlich schrie sie laut auf und fiel ihrem Mann um den Hals. Alles sah gerührt auf die beiden. Der Pfarrer bemühte sich, die Trauernden durch Trostesworte aufzurichten; die Mutter wendete ihm ihr thränennasses Antlitz zu und schüttelte den Kopf verneinend, der Wadeleswirt aber sagte: »Das ist jetzt alles gut, ja, ja, aber da könnet Ihr nicht mitreden. Herr Pfarrer, das könnet Ihr nicht wissen, was das heißt, ein Kind, sein Kind weggeben.« Der Pfarrer schwieg. »Komm 'rein, Alte,« sagte der Wadeleswirt nun, seine Frau unterm Arm fassend, was er fast nie that, »komm, jetzt müssen wir uns halt wieder allein gern haben. Von Anfang wie wir gehaust haben, haben wir keine Kinder gehabt, und jetzt haben wir bald wieder keine daheim, komm, wir wollen noch ein Tänzle machen; Spielleut', hellauf!« In der Wirtsstube war der Wadeleswirt froh, seinen Gram in Zorn verwandeln zu können; er schimpfte auf die neue Mode, daß man alsbald nach dem Hochzeitstisch wegfahre und den Tanz allein lasse: »das ist ja wie ein Kindbett ohne Kind,« sagte er immer. Lorle war indes mit Reinhard rasch dahingefahren, ohne sich umzuschauen, sie hielt sich fest am Wagensitz, es war ihr, als ob sie jetzt zum erstenmal in ihrem Leben auf einem Wägelchen sitze: da steigt man auf ein hohes Gestell und läßt sich fortrollen und bewegt sich nicht selber. »Wir fahren fort« – sagte sie zu Reinhard, er wußte nicht, was das zu bedeuten habe. Vor dem Dorfe saß Wendelin mit seinem Käfig am Wegraine. Als die Hochzeitsleute ihm nahe kamen, nahm er den Vogel heraus und hielt ihn hoch hinauf den Fahrenden hin. War's freiwillig oder von ungefähr? Der Vogel entwischte der Hand und flog davon. Wendelin kehrte mit dem leeren Käfig heim. Wortlos fuhr das junge Ehepaar dahin, Lorle hatte so viele Gedanken, daß sie eigentlich keinen bestimmten hatte. Als man jetzt an der Steige hielt, wo gesperrt wurde, sagte sie: »Fahr nur stet, Martin. Warum hast du denn den Rappen eingespannt, der geht ja nicht gern in der Lanne? Komm, Reinhard, wir wollen auch absteigen.« »Wollen wir nicht lieber sitzen bleiben? Doch, wie du willst.« Reinhard sprang vom Wägelchen, er half nun auch Lorle und hielt sie eine Weile auf beiden Händen frei in der Luft, bis sie rief: »So laß mich doch auf den Boden.« Im Weitergehen sagte Reinhard: »Wie ich dich frei in der Luft gehalten, so habe ich dich hinweggehoben von deinem Boden; ich allein halte dich, du bist mein, vor allen Menschen der Welt, vor allen.« Lorle wußte nicht recht, was er damit sagen wollte, sie meinte nur, er habe gesagt, daß er viel stärker als sie und ihr Herr sei; sie ließ sich das gern gefallen. »Denkst du noch, was du träumt hast?« fragte sie jetzt. Reinhard hatte den Traum von der ersten Nacht im Dorf völlig vergessen, Lorle beteuerte aber bei der Wiedererzählung, daß sie sich deshalb nicht im mindesten fürchte. »Ich glaub' nicht an Träum',« versicherte sie, »ich hab' schon mehr als zehnmal träumt, mein Vater sei gestorben und ich hinter der Leich' drein gangen, und er ist doch mit Gottes Hilf' noch frisch und gesund, aber es macht mir doch bang, daß er so dick wird und nimmer gern laufen mag. Wenn ich nur wüßt', wie es ihm jetzt geht. Es ist mir, wie wenn ich ihn schon ewig lang nicht gesehen hätt', aber nein, jetzt sind sie daheim am Geschirraufspülen; da werden sie vor zehn in der Nacht nicht fertig, und des Wendelins Mutter, die hilft, die ist so ungeschickt und läßt alles aus der Hand fallen.« »Laß jetzt die Bärbel am Spülstein und sei bei mir,« entgegnete Reinhard. »Ja, ja, jetzt schwätz aber auch du, ich bring' sonst lauter dumm' Zeug vor.« »Wir brauchen gar nicht reden, wenn ich dich nur hab'.« »Ist mir auch recht.« Man war in G., der nächsten Stadt, angekommen; Reinhard und Lorle aßen allein auf ihrem Zimmer, er gab ihr die ersten Löffel Suppe zu essen wie einem Kinde, sie ließ sich's gefallen, dann aber griff sie selber tapfer zu. Als abgegessen war, stellte Lorle die Teller aufeinander, schüttelte das Tischtuch zum Fenster hinaus ab und legte es in die kenntlichen Falten. »Da sieht man die Wirtstochter,« sagte Reinhard lachend, »das brauchst du nicht zu thun, das kann der Kellner.« »Laß mich nur,« entgegnete Lorle, »ich kann's nicht leiden, wenn abgegessen ist und das Geschirr steht noch auf dem Tisch.« Er ließ sie gewähren und nannte sie sein Hausmütterchen, das ihm jede fremde Wohnung zur Heimat mache. Sie saßen nun ruhig aneinander gelehnt beisammen, aber plötzlich fiel Reinhard vor ihr nieder, umfaßte ihre Kniee und rief schluchzend und weinend: »Ich bin dich nicht wert, du Reine, Holde.« Lorle hob ihn auf und tröstete ihn, dann aber sagte sie: »Jetzt hab' ich auch eine Bitt', wir wollen weiter fahren, es ist ja so schön mondhell; thu's mir zulieb, lieber Reinhard.« Die beiden fuhren weiter durch die mondbeglänzte Nacht in stillem Entzücken. Lorle gedachte aber auch oft nach Hause, sie hätte gar zu gern gewußt, ob sie jetzt wohl schon schlafen gehen oder ob sie noch tanzen. Einmal sagte sie zu Reinhard: »Kennst du noch den schönen Dreher, den sie aufgespielt haben, wie wir daheim fortgefahren sind? Mir ist's allfort, wie wenn ich Musik hör'.« Zur selben Zeit war zu Hause die Mutter hinaufgegangen in Lorles Kämmerchen, und als sie hier das Bett des Kindes sah, konnte sie sich erst recht ausweinen; sie blickte lange hinein in den Mond und ging dann endlich still hinab. Der Tanz hatte bald geendet, denn man mußte sich aufsparen für den nächsten Sonntag, da die Einweihung der Kirche stattfinden sollte. Martin fuhr das junge Ehepaar noch drei Tage, und Lorle war's immer, als ob das nur eine Spazierfahrt wäre, von der sie morgen wieder nach Hause kehrten, und alles bliebe im alten Gange. Hatte die Verlobung auf Lorle einen so tiefen Eindruck gemacht, während sie Reinhard nur wenig berührte, so war dies jetzt mit der Trauung umgekehrt. Durch die Verlobung sah sich Lorle dem ganzen Dorf gegenüber als eine ganz neue Person an, und für sie war schon damals der Bund unauflöslich geschlossen; Reinhard dagegen, der der weiten Welt angehörte, kam sich jetzt in ihr wie ein ganz andrer Mensch vor, durch ein unauflösliches Band mit einem Wesen außer ihm verbunden, er, der sonst so ganz allein war – ihm war's, als ob die Bäume und Berge ihn neu anschauten, als hätte alles ein andres Leben gewonnen, weil er selber ein andres begann. Eine Eigenheit Lorles, die wohl zum Teil noch vom strengen Regiment ihres Vaters herrührte, wesentlich aber auch aus ihrem Mitgefühl für Mensch und Vieh stammte, war die, daß sie in fieberischer Unruhe war, sobald das Wägelchen vor dem Hause angespannt stand. »Es ist mir, wie wenn ich selber angespannt wär',« sagte sie auf die Zurechtweisung Reinhards. Um ihr solche Hast und Unruhe abzugewöhnen, zögerte Reinhard nun noch viel bequemer und behaglicher als sonst bei der Abfahrt, und Lorle entschuldigte sich jedesmal bei Martin, daß sie ihn so lang warten ließen. Am dritten Abend, vom »Dreikönig« in Basel aus, machte sich Martin auf den Heimweg. Tief im Herzen weh that Lorle diese letzte Trennung von ihrem eigenen Wägelchen, vom Rapp und besonders vom Martin, und sie sagte: »Viel tausend Grüß' an alle daheim, so viel Grüß', als nur auf den Wagen gehen und der Rapp ziehen kann.« Während Lorle dem Wegfahrenden nachtrauerte, sagte Reinhard, sie tröstend: »Sei fröhlich, laß die ganze Welt hinter dir versinken; ich habe dich herausgetragen aus dem Strom des gewohnten Lebens, wir sind allein, ganz allein. Denk jetzt nicht mehr heim.« Heute zum erstenmal speisten sie auch an der öffentlichen Wirtstafel. Reinhard wollte Lorle zerstreuen, und doch ward er übellaunig, als ihm dies gelang. Lorles Tischnachbar, ein lustig aussehender junger Mann, sagte zu ihr: »Sie sind gewiß eine fertige Klavierspielerin, gnädige Frau?« »Ei warum?« »Die Klavierspielerinnen gebrauchen die linke Hand wie die rechte, sie reichen sie oft beim Gruße.« »Nein, ich kann nicht Klavier spielen, wir haben aber daheim ein eigen Klavier; mein Vater hat gewollt, ich soll's lernen, ich hab' aber kein' Geduld gehabt und hab' mich auch geschämt, so nichts zu thun. Das ist bloß eine üble Angewohnheit von mir mit der linken Hand.« Der junge Mann war äußerst verbindlich und verwickelte Lorle bei jedem frischen Gerichte in ein neues Gespräch, so sehr sich auch Reinhard Mühe gab, selber das Wort zu ergreifen und Lorle an sich zu ziehen; der Fremde hatte alsbald wieder Lorle zum Reden gebracht und machte sie oft laut lachen. Reinhard war fest überzeugt, daß der Fremde sich über sie lustig mache, obgleich er eigentlich keinen Grund dafür angeben konnte, er war voll Zorn und fand doch keine Gelegenheit, ihn auszulassen. – Auf dem Zimmer bedeutete er dann Lorle, daß es sich für eine Frau nicht schicke, an einer öffentlichen Tafel so laut zu lachen, und daß es überhaupt nicht passe, mit jedem Nachbar zu reden. Gegen letzteres wehrte sich Lorle, sie behauptete, wenn man mit jemanden von einer Schüssel esse, müsse man auch mit ihm reden, sie habe im Gegenteil die andern bemitleidet, die für sich gegessen hätten, wie ein Krankes auf seinem einsamen Bette. Daß sie sich das Linkische abgewöhnen solle, gab sie zu, obgleich Reinhard das früher so schön gefunden habe. »Bist du mir nun bös?« »Ach Gott im Himmel, warum denn? Du bist ja so gut.« »Du mußt auch manches an mir ändern, du mußt mir nicht nachgeben; wir wollen uns vornehmen, einander zu bessern.« »Nichts so vornehmen, gradaus sein,« entgegnete Lorle. Sie konnte sich nicht leicht eine Norm und Richtschnur machen, sie lebte und handelte aus der Sicherheit ihres Naturells; während Reinhard, von den besten Anflügen erfaßt, sich das Edelste vorsetzte, dabei aber doch meist, wenn's drauf und dran kam, aus der augenblicklichen Stimmung handelte. Nun ging's hinein in die Pracht der Alpenwelt. Beim Alpenglühen rief Lorle einmal aus: »Reinhard, sag, ist's denn im Himmel schöner?« »Gutes, herziges Kind, das kann ich auch nicht wissen.« »Nicht Kind sagen,« bemerkte Lorle. »Nun denn, Engel, ja du bist's; ich weiß nun, wie's im Himmel ist, ich bin bei dir.« Die untergehende Sonne überglühte zwei selig Umschlungene. Reinhard hatte eine willige Zuhörerin, indem er nun auf den Wanderungen die Schönheiten der Natur und die malerischen Gesichtspunkte erklärte; Lorle hörte ihn immer gern sprechen, auch wenn sie ihn nicht ganz begriff. Bisweilen machte sie auch eine Abschweifung, indem sie ihn auf den Stand der Kartoffeln aufmerksam machte, und wie die Ochsen ganz anders eingespannt seien als daheim. Schnitten solche Anmerkungen auch oft eine begeisterte Auseinandersetzung entzwei, so nahm Reinhard sie in Geduld wieder auf. Eine Eigentümlichkeit offenbarte sich bei diesen Auseinandersetzungen: Reinhard hatte bis jetzt durchaus im Dialekt mit Lorle gesprochen, zwar ohne Vorsatz, denn es ergab sich von selbst, auch war ihm wohl und heimisch dabei; nun aber war's ihm oft, als hätte er mit seiner Seele eine Fastnachtsmummerei vorgenommen, es war ihm ein fremdes Kleid für den Werktag, er fühlte, daß die ganze Welt der Reflexion, der Allgemeingedanken, keine rechte Heimat im Dialekte hatte; alles Persönliche konnte er darin kundgeben, aber nichts, was darüber hinausging. Er bat daher auch Lorle, sich nach und nach mehr an das Hochdeutsche zu gewöhnen, und sie versprach's willfährig; sie sah immer staunend an ihm hinauf, wenn er so Herrliches redete, und sie sagte einmal: »Du hättest doch eine Gescheitere oder gar nicht heiraten sollen, aber nein, es hat dich doch niemand so lieb wie ich, du herziger Mensch.« Er bat sie nun, immer recht teil zu nehmen an dem, was er denke und erstrebe, sie war voll Demut zu allem bereit; sie wiederholte sich oft manche Worte, die er gesagt hatte und die gar schön geklungen hatten, mehrmals leise, um sie sicher zu behalten. Seitdem Lorle den Modehut aufhatte, plagte sie die Sonne weit mehr als früher, da sie noch barhaupt ging, und doch vergaß sie beim Ausgehen fast jedesmal ihren Sonnenschirm, man mußte ihn oft nachholen, und war er nicht aufgespannt, so ließ sie ihn beispiellos oft fallen; es that ihr wehe, wenn Reinhard galanterweise ihn aufhob, und sie band sich ihn daher fest um die Hand. – Mit dem großen Uebertuche konnte sie sich gar nicht bewegen, ebensowenig mit der Echarpe; sie knüpfte ersteres, sobald sie aus der Stadt war, auf dem Rücken zusammen, und letztere band sie wie eine Reiterschärpe an der Seite. Nie durfte ihr Reinhard etwas abnehmen, ja sie wollte ihm bei Wanderungen seinen Rock tragen, wie die Bauernmädchen in der Regel die Jacke ihrer Burschen am Arm hängen haben. So lange sie Handschuhe anhatte, kam sie sich ganz fremd vor, sie konnte nicht so gut reden als sonst; sobald sie nur konnte, wurden daher die Handschuhe abgestreift. Diese Kleinigkeiten gaben zu vielen heiteren Neckereien Anlaß. Auf dem Züricher See weinte Lorle die ersten Frauenthränen, und zwar über die neue Kirche zu Weißenbach. Schon bei der Abfahrt sprach Lorle von nichts andrem, als daß jetzt, an diesem hellen Sonntag, zu Hause die Kirche eingeweiht werde; sie sah nichts von all der Herrlichkeit rings umher, und Reinhard hörte ihr eine Weile ruhig zu, dann bat er sie, doch auch umzuschauen nach dem, was sie hier umgebe; sie ward still, Reinhard setzte sich auf ein einsames Plätzchen auf dem Schiffe. Als nun die Kirchenglocken von nah und fern erklangen, ging er zu Lorle und sagte: »Horch, wie schön!« »Ja,« sagte sie, »jetzt gehen sie daheim in die Kirch', und die Vroni hat ihre neue Haub' auf, und der Wendelin hat die neue Jack' an, die ich der Bärbel für ihn geben hab'.« Reinhard sagte zornig: »Du kannst doch ewig nicht über dein Dorf hinausdenken, das ist einfältig!« Heiße Thränen rollten über die Wangen Lorles, und Reinhard ließ sie eine Stunde allein sitzen. Am Abend war indes Lorle ganz glücklich durch die Mitteilung Reinhards, daß sie sich nun auf den Heimweg machen wollten. Reinhard hatte dies beschlossen, weil er die Ueberzeugung hatte, daß Lorle erst im eigenen Haushalt sich vollkommen wohl fühlen werde, und er selbst sehnte sich auch nach stiller Häuslichkeit. Seit vielen Jahren hatte er ohne Familie frei sich in der Welt umhergetummelt, er mochte kaum ahnen, mit welchen zarten und doch starken Wurzeln das Leben solch eines Mädchens mit dem Heimatboden verwachsen war; jetzt sollten sie beide gemeinsam auf neuem Grunde wachsen. Vorher aber mußte Reinhard noch dafür zugestutzt werden. Auf der letzten Station, wo man Halt machte, nahm er sich seinen schönen Bart ab, denn der Oberhofmeister hatte ihm bemerkt, daß sich dieser mit Reinhards Titulatur und Hofstellung nicht vertrage. Scherzend, aber doch mit einer gewissen Wehmut, gab sich Reinhard die etikettmäßige Glätte. Lorle jammerte gar sehr, indem sie sagte: »Du bist gar nimmer so schön wie früher, heißt das: mir ist's gleich, aber es ist doch schad.« Sie strich ihm mit der Hand über das kahle Gesicht und beklagte, daß es nun so rauh sei. »Wenn das dein Vater sähe, würde er lachen; er hat's prophezeit,« sagte Reinhard. Lorle ahnte dunkel, welchen kleinlichen, engbrüstigen Verhältnissen sie entgegen gingen; sie suchte aber sich und Reinhard zu erheitern, und es gelang ihr. Zwischen hohen Mauern. Wie war Lorle voll Freude, als sie in ihrer Wohnung die Bärbel schon fand. Man war in der Nacht angekommen, und Lorle durchmusterte sofort alles, das war ja nun ihre neue Welt. Mit einer immer sich steigernden Seligkeit ordnete sie noch am Abend fast ihre ganze Aussteuer in die Schränke ein. Wie viel Unerwartetes hatte die Mutter hinzugesellt, die gute Mutter! Der Vater hatte sich's nicht nehmen lassen, nach altem Brauch eine Wiege zu schicken, und Lorle ward feuerrot, als sie diese gewahrte; dann war sie aber voll Freude über die vollen Mehlschränke, über die umfangreichen Schmalztöpfe und alle Bedürfnisse einer vollen Haushaltung, die Bärbel mitgebracht hatte; jeden Topf in der Küche wollte sie beschauen als ihr nunmehriges Eigentum. Reinhard wollte anfangs Einhalt thun, dann aber ging er selber mit durch Küche und Kammer und freute sich an dem Glücke seines lieben »Hausmütterchens«. Bis spät in die Nacht saßen dann die beiden noch beisammen auf dem Sofa, und Reinhard erzählte, wie er, das einzige Kind seiner Eltern, diese schon früh verloren, wie er in einem Institut erzogen, später im Widerspruch mit seinem Vormunde die Studien aufgegeben und sich der Kunst gewidmet, wie er, aller Bande los und ledig, frei in der Welt umhergeschweift. »Nie,« schloß er, »hab' ich's empfunden, was ein Heimatherd ist; meine tiefe Sehnsucht ist nun erfüllt, freilich mit einem schweren Opfer, ich habe mich in Dienst begeben , aber freudig gebe ich einen Teil meines freien Künstlertums hin, um eine Heimat, ein Nest zu haben.« Lorle umhalste ihn und sagte: »Du sollst gewiß immer gut und gern daheim sein, du armer Mensch, den sie so in die Welt hinausgestoßen haben.« Am andern Morgen kam der Kollaborator mit seiner Schwester zur Bewillkommnung; er hatte gleich am Tage nach der Hochzeit alle Thüren der neuen Wohnung mit Kränzen geschmückt; als aber die Ankunft der Erwarteten sich verzögerte und die Kränze welk wurden, nahm er sie still wieder ab. »Es wird mir auch mit der Zeitgeschichte so ergehen,« sagte er, »ich winde meine Kränze zu früh für den Einzug des neuen Lebens; die harrenden Blumen verdorren, und am Ende zieht die neue Welt durch ungeschmückte Thore. Sei's, wenn sie nur kommt.« Leopoldine, die Schwester des Kollaborators, ein von Natur liebreiches, aber durch Jahre und Schicksale herb gemachtes Gemüt, hatte mit wahrhaft schwesterlicher Sorgfalt allem vorgesorgt; traf solches Anordnen und Einrichten auch mit ihrer Neigung zusammen, so war doch nicht minder wirkliche Güte dabei thätig. Unter dem wiederholten Danke des jungen Ehepaares führte sie nun Lorle in der Wohnung umher und zeigte ihr den Gehrauch jedes Schränkchens, und wie man es in Ordnung halten müsse, wie man die Schlüssel umdrehe, die Schublade ausziehe, alles. Lorle war eine willfährige Schülerin, zu manchem aber bemerkte sie doch: »Das braucht Ihr mir nicht sagen.« Sie sprach das in reiner Ehrlichkeit, sie kannte die Gesellschaftslüge noch nicht, derzufolge man sich unwissend stellen muß, um dem andern in seiner Weisheit angenehm zu erscheinen; sie wollte der »guten Person« nur die unnötige Mühe ersparen. Leopoldine sah aber hierin einen bäurischen Stolz, der sich nicht gern zurechtweisen ließe; sie war indes zu erhaben, um sich von dem Dorfkinde beleidigen zu lassen, sie widmete ihr fortwährend mitleidvolle Gönnerschaft, zumal sie wirkliches Bedauern fühlte, daß sich »das Kind« mit einem so wilden Naturell, wie das Reinhards war, auf ewig verbunden hatte. Der Kollaborator war in seltsamer Stimmung, er ging scherzend und singend durch alle Zimmer und versuchte allerlei Schabernack; es hatte den Anschein, als wollte er eine frühere Weise Reinhards sich aneignen; er nötigte Reinhard schon am frühen Morgen, eine Flasche Wein mit ihm auszustechen, obgleich die Schwester bemerkte, daß ihm das nie gut bekäme. Als ihr Bruder aber dennoch nicht nachgab, verzerrten sich ihre Züge auf eine höchst unangenehme Weise; mit Schrecken bemerkte dies Lorle, Leopoldine aber redete kein Wort mehr. Nachdem »die beiden Junggesellen«, wie sie Reinhard nannte, sich verabschiedet hatten, kam es Lorle vor, als wäre ein fremdes Leben durch ihre Zimmer geschritten, als ob die Möbel anders stünden als früher; erst nach und nach heimelte sie's wieder an in ihrer Behausung. »Nun, was sagst du zu Leopoldine?« fragte Reinhard. »Die ist Weinessig, ist einmal Wein gewesen,« erwiderte Lorle. Reinhard bemühte sich, ihr eine bessere Anschauung beizubringen, und hier zum erstenmal erfuhr er eine ihm unerklärliche Schärfe des Urteils bei Lorle, die er der Zartheit ihres liebevollen Gemütes nie zugetraut hätte. Er bedachte nicht, daß es eine Menschenliebe gibt, die streng und rücksichtslos urteilt, die aber, trotzdem daß sie die Mängel erkennt, in ungeschwächtem Wohlwollen verharrt; daß ferner ein unverborgenes Naturell ohne Rückhalt und unbarmherzig die augenblickliche Empfindung als Urteil ausspricht. Mit Bärbel hatte Lorle an diesem ersten Morgen auch schon einen Kampf, denn die gute Alte deckte den Tisch nur für zwei Personen; keine Ermahnung und keine Bitte, daß sie doch mit am Tisch essen solle, fruchtete; denn sie behauptete, es schicke sich nicht, ja sie verbot Lorle, ihren Mann irgend damit zu behelligen, da er sie sonst für gar zu einfältig halten müsse. Die Suppe stand endlich auf dem Tisch, Lorle betete still, Reinhard betete nicht, und sie wiederholte das Gebet noch einmal anstatt ihres Mannes. Als sie nun beisammen saßen, fragte Reinhard: »Lorle, sind die Teller unser eigen?« »Ja freilich, wem denn?« »Juhu! Wenn ich jetzt einen Teller zerbrech', brauch' ich dem Wirt nicht zahlen; das ist mein, alles mein eigen.« – Er nahm einen Teller und warf ihn jubelnd auf den Boden. »Er ist von einem ganzen Dutzend,« sagte Lorle. »Mein Dutzend hat nur zehn,« rief Reinhard und warf noch einen entzwei, dann tanzte er singend mit Lorle um den Tisch herum. »Du bist ein wilder Kerle,« sagte sie, die Scherben zusammenlesend, »ich will andre Teller holen.« »Nein, wir essen miteinander aus der Schüssel.« »Mir auch recht.« Die Bärbel kam, da sie das Zerschmettern vernommen hatte, Lorle aber sagte: »Brauchst heut keine Suppenteller mehr bringen, wir essen aus der Schüssel, da haben wir's grad wie daheim.« Reinhard stellte seine Frau niemand vor, sie bedurfte ja niemand außer ihm, er war ihr alles; er machte seine Antrittsbesuche bei Vorgesetzten, Gönnern und Bekannten, und wo man ihm zu seiner Verheiratung Glück wünschte, dankte er einfach und lenkte das Gespräch bald ab. Die Galerieangelegenheit war noch keineswegs erledigt, wenn auch schon ein Beamter dafür angestellt war; in diesem Winter sollte ein außerordentlicher Landtag, und zwar wie man solche am meisten liebt, ein bloßer Finanzlandtag einberufen werden, um wegen der in Aussicht stehenden Verheiratung die Gelder zum Baue eines Schlosses für den Thronerben zu bewilligen; auch über die Kosten zum Baue des Galeriegebäudes sollte dann mit den Ständen eine Vereinbarung getroffen werden; eine Gesetzesvorlage über Wiesenberieselung sollte den Schein des Gemeinnützigen hergeben. Während Reinhard sich durch seine Besuche eine umfassende Kenntnis des Staatskalenders verschaffte, konnte Lorle zu Hause sich noch gar nicht in das Stadtleben finden. Wenn alles so sehr gesäubert und in Ordnung war, daß sich nun durchaus nichts mehr aufbringen ließ, vermochte es Lorle über die Bärbel, daß sie sich zu ihr in die Stube setzte; es bedurfte hierzu vieler Ueberredung, denn die Bärbel, die nun schon seit mehr als dreißig Jahren diente, hatte ihre festen Ansichten, man möchte sagen ihre Handwerksregeln für das Leben, von denen sie nicht gern abging; sie sagte immer zu Lorle: »Herrschaft ist Herrschaft, und Dienst ist Dienst.« Erst wenn alles verschlossen war, gab sie nach und setzte sich zu ihrer »Madam« in die Stube, aber weit ab vom Fenster, daß man sie aus den Häusern gegenüber nicht sehen konnte. Kam dann Reinhard, der den Schlüssel zur Hausflurthür hatte, so wollte sie sich rasch auf ihren Posten zurückziehen; sie mußte jedesmal dringend ersucht werden, doch ungestört zu bleiben. Man durfte ihr hundertmal etwas zugestehen, was außerhalb ihres Kreises lag, sie sah es dadurch nie als ihr Recht an, stets mußte sie aufs neue dazu gebracht werden; sie setzte einen gewissen Stolz darein, nicht in den vertraulichen Ton einzugehen, ihr Grundsatz war: geb' ich dir dein' Ehr', mußt du mir mein' Ehr' geben. kannst mich nicht das eine Mal an den Tisch setzen und das andre Mal hinter die Thür stellen. – Reinhard aber sah in dieser fortgesetzten Haltung eine bäurische Umstandsmacherei, er verlor wenig Worte mehr mit der Bärbel. In seiner Abwesenheit saß sie nun bei Lorle, emsig plaudernd. Die Wohnung war, obgleich in einem ganz neuen Stadtviertel, dennoch im dritten Stock, da unsre weitgreifende Zeit gleich von vornherein hoch baut. »Ach Gott,« klagte Lorle einmal, »es ist so hoch oben, wenn einmal Feuer ausgeht; und du dauerst mich auch, man muß das Wasser so weit herauf holen. Es ist so unheimlich. Da guck einmal 'nab, es schwindelt einem, und man sieht den Menschen nur auf den Hutdeckel. Die Stadtleut' sind aber doch pfiffig, sie bauen in die Luft hinein; da kostet's keinen Platz, da spart man das Feld dabei. Ich lass' aber nicht nach am Reinhard, bis er ein eigen Haus kauft, wo wir allein sind und nicht so in einer Kasern'. Da guck, bloß da links können wir noch ins Freie sehen, aber da liegen schon wieder mächtige Grundmauern, übers Jahr haben wir nichts als Stein vor uns.« Bärbel, die früher, lange bevor Lorle geboren wurde, ein halb Jahr in der Stadt gedient hatte, konnte die Ausstellungen ihrer »Madam« in manchem berichtigen. – Lorle hätte gar zu gern gewußt, wer denn die Leute seien, die mit ihr unter demselben Dach wohnen, wie ihre Haushaltung ist, wovon sie leben und was sie treiben. Bärbel belehrte sie, daß das einmal in der Stadt so sei; da habe jedes seinen abgeschlossenen Hausgang und kümmere sich nichts um das andre. Lorle konnte sich aber dabei nicht beruhigen, und sie klagte: »Ich möcht' jetzt nur wissen, wovon der Seiler da drüben lebt; ich hab' nicht gesehen, daß er seit gestern morgen was verkauft hat. Und wenn ich über die Straß' geh' und da sitzen die Leut' in so einem kleinen Lädle, und da kauft ihnen niemand was ab, und da möcht' ich wissen, wovon die jetzt heut zu Mittag essen und noch so viel Menschen, die so herumlaufen, und man weiß gar nicht, was sie thun.« »Guts Närrle, das kann man nicht wissen; daheim da kann man jedem in seine Schüssel gucken, aber hier geht das nicht, und du siehst ja, daß die Leut' doch leben, so laß sie machen.« So tröstete Bärbel. Vom Hause gegenüber hörte man ein Mädchen fast den ganzen Tag Klavier spielen und singen, nur bisweilen wurde dieses Thun unterbrochen, indem ein Lockenkopf am Fenster erschien, straßauf und straßab schaute. »Das muß eine schöne Hausfrau geben,« bemerkte Lorle einmal, »und die kann ja Sonntags an der Musik gar kein' Freud' haben, wenn sie's so die ganz' Woch' hat, und horch nur, wie sie sich gar nicht schämt und bei offenen Fenstern singt, daß man's die ganze Straß' hinab hört; wie das nur die Eltern zugeben!« Wenn Reinhard nach Hause kam, war er meist liebevoll und zärtlich. Je tiefer er in das Getriebe der Staatsmaschine und des Staatsdienerlebens hineinschaute, je mehr er die Beengungen erkannte, die es ihm auferlegte, daß ihm der Kopf brauste, um so mehr erfaßte er den stillen Frieden, der in der Luft seiner Häuslichkeit schwebte; er sog ihn in vollen Zügen ein und wollte sich ihn stets erhalten; für ihn hatte er ja die Freiheit seines Seins geopfert. Wenn er bisweilen gedankenvoll und betrübt drein sah und Lorle ihn um die Ursache fragte, antwortete er: »Gutes Kind, du sollst und wirst nie erfahren, wie wirr und kraus es in der Welt hergeht. Du mußt mich nicht immer fragen, wenn ich so in Gedanken bin; es geht mir vielerlei im Kopf herum. Sei jetzt nur heiter, sei froh, daß du vieles nicht weißt.« »Was du meinst, daß ich nicht wissen soll, das will ich nimmer fragen,« entgegnete Lorle. Auf den Gängen durch die Stadt und vor den Thoren begleitete der Kollaborator fast immer das junge Ehepaar. Lorle tastete noch immer an der ihr fremden Welt herum und konnte die rechten Handhaben nicht finden. »Ich weiß nicht,« sagte sie einmal, »mir kommen die Leut' in der Stadt gar nicht so lustig vor wie daheim; wenn's nicht einmal ein Schusterjung ist, sonst pfeifen und singen die Leut' gar nicht, wenn sie über die Straß' gehen, es ist alles so still, als wenn sie stumm wären.« Der Kollaborator gab ihr vollkommen recht und sagte: »Die Leute bilden sich ein, sie hätten Gedanken statt Gesang, es ist aber nicht wahr.« Reinhard dagegen suchte Lorle klar zu machen, daß solche Ungezwungenheit in der Stadt nicht möglich sei; er knüpfte hieran eine weit abgehende Auseinandersetzung, daß das wahre gesunde Wesen in solcher Beschränkung nicht zu Grunde gehe, sondern sich in sich erkräftige. Der Kollaborator durchkreuzte solche Darlegungen durch schneidende Entgegnungen, und hier zeigte sich ein oft wiederkehrendes Zerwürfnis zwischen den beiden Freunden, unter dem zunächst Lorle leiden mußte. Wollte Reinhard seiner Frau Achtung vor der Bildung einflößen, sie zur Bewunderung und Nacheiferung solcher Zustände anleiten, von denen sie bisher keine Ahnung gehabt hatte, so suchte der Kollaborator alles in die Luft zu sprengen; denn es entwickelte sich bei ihm immer mehr die Ansicht, die er in seinem Unmute auch bisweilen geradezu aussprach: »Wir haben uns mit unserer ganzen Zivilisation in eine Sackgasse verrannt.« Lorle, die zwischen den Streitenden ging, gewann wenig Frucht aus diesen Erörterungen. Einst bemerkte sie: »Ich mein', die Hunde bellen in der Stadt viel weniger als bei uns im Dorf; es ist wohl, weil sie mehr an die Menschen gewöhnt sind.« Da lachte der Kollaborator und sagte: »Deine Frau hat die tiefste Symbolik.« – Lorle, die nun schon Mut hatte und sich durch ein fremdes Wort nicht mehr verblüffen ließ wie damals zu Hause, sagte jetzt: »Ihr müsset nicht so g'studiert reden, wenn es mich angeht.« Der Kollaborator erklärte nun, wie deutungsreich ihr Ausspruch war, und suchte seine ganze Verachtung dieses Lebens nachdrücklich geltend zu machen. Lorle erwiderte nur, sie hätte nicht geglaubt, daß er so grimmig bös sein könne. – Als sie einst klagte, daß durch die neue Kanzlei ihrem Hause gegenüber die Aussicht ins Freie verbaut würde, wußte der Kollaborator auch dies sinnbildlich zu deuten. Lorle verstand den Kollaborator besser, als er glaubte, aber sie war doch ärgerlich, daß er ihr alle Worte im Munde verdrehe und immer etwas andres daraus mache, als sie gewollt hatte. Einmal nach mehrtägigem, anhaltendem Regen gingen sie durch die Promenade; da sagte Lorle: »Es ist doch viel schöner in der Stadt, da braucht man die Wege nicht erst durch die Hecken treten, da sind überall Wege ausgehauen und werden schnell wieder gangbar.« – Der Kollaborator behielt diesmal seine symbolische Deutungslust für sich. War sie ihm etwa nicht genehm? . . . Reinhard empfand nun erst recht die Wonne der Häuslichkeit, indem er wieder rüstig zu arbeiten begann. Arbeit macht selbst einsame fremde Räume zu heimisch trauten, und wie nun gar die gemeinsam bewohnte eigene Heimat! In dem kleinen Stübchen gegen Norden, das er sich zur einstweiligen Werkstatt eingerichtet hatte, ging er an die Vollendung des Bildes: »Das neue Lied,« das er schon im Dorfe begonnen hatte. Lorle war oft bei ihm, denn er hatte ihr gesagt: »Ich bitte dich, komm oft zu mir, wenn ich arbeite; ich thue alles besser und lieber, wenn du da bist. Wenn ich auch nichts mit dir rede, wenn ich auch deiner scheinbar nicht bedarf, du bist mir wie angenehme Musik im Zimmer; es thut sich alles besser dabei.« Als er nach vollbrachter Tagesarbeit bei ihr in der Stube saß, sagte er einmal: »Stricke und nähe nicht, arbeite nicht, gar nichts, wenn du bei mir bist; es ist mir, als wärest du nicht allein, nicht ausschließlich bei mir, als wäre noch ein Drittes bei uns zweien, als wärest du nur halb bei mir.« »Hab' dich schon verstanden, brauchst's nicht so um und um wenden,« entgegnete Lorle und legte das Strickzeug weg, »aber die Händ' da, die wollen was zu thun haben, und da muß ich dich halt beim Busch nehmen und zausen.« Sie vollführte dies auch, schüttelte ihm den Kopf mit beiden Händen und gab ihm dann einen herzhaften Kuß. Das war ein liebewarmes häusliches Winterleben. Auch an kleinen Neckereien fehlte es nicht. Lorle hatte die Scheuersucht der Frauen in ungewöhnlichem Grade; die Stubenböden waren jetzt ihre Aecker, sie konnten nicht umgepflügt, aber doch sattsam aufgewaschen werden. Reinhard mahnte oft und oft zur Mäßigung, aber vergebens. Als er einmal unversehens nach Hause kam und richtig in kein trockenes Zimmer konnte, faßte er Lorle am Arm und tanzte mit ihr in der Stube herum, indem er sang: »In Schnitzelvutzhäusel, da geht es gar toll, Da trinken sich Tisch' und Bänke voll, Pantoffel unter dem Bette.« Auch außer dem Hause wollte Reinhard seiner Frau das neue Leben eröffnen, er führte sie ins Konzert. Der Kollaborator unterhielt sie hier sehr eifrig, sie kannte sonst niemand. Nach einer Beethovenschen Symphonie fragte er einmal: »Nun sagen Sie mir ehrlich, wäre Ihnen ein schöner Walzer nicht lieber?« Lorle antwortete: »Aufrichtig gestanden, ja.« Der Kollaborator kam freudestrahlend zu Reinhard und sagte: »Du hast eine herrliche, einzige Frau, sie hat noch den Mut, offen zu gestehen, daß sie sich bei Beethoven langweilt.« Reinhard kniff die Lippen zusammen, zu Hause aber sagte er ruhig zu Lorle: »Du mußt dich vom Kollaborator nicht irre machen lassen, der hat sich an den Büchern übergessen. Du mußt nie über etwas lachen oder aburteilen, wenn du's noch nicht ganz begreifst. Es gibt nicht nur eine Musik, nach der sich unsre Körper bewegen, es gibt auch eine solche, wo wir unsre Seele in Trauer und Lust emporsteigen und sinken und sich wiegen lassen, über alles erhoben – die Seele ganz frei und allein. Ich kann dir's nicht erklären, du wirst es schon finden; aber Respekt muß man vor Sachen haben, an welche so viele große Männer ihr ganzes Leben gesetzt. Hab' du nur die Achtung und du wirst die Sache auch schon bekommen.« Lorle versprach, sich recht zusammenzunehmen. Im letzten Winterkonzerte, als der Kollaborator nach einem Musikstücke fragte, was sie jetzt gedacht habe, sagte sie: »An alles, und ich weiß doch nicht. Wenn so die Flöten und Trompeten und Geigen miteinander reden und einander anrufen und nachher alle zusammen sprechen, da ist's doch, wie wenn andre als Menschen reden, und da thut's einem so wohl, an alles zu denken, so geruhig; es ist, wie wenn die Gedanken auf lauter Musik spazieren gingen, hin und her.« Der Kollaborator murrte in sich hinein: »O weh! die wird nun auch gebildet.« Am Theater, wohin Reinhard sie in der ersten Zeit einigemal führte, fand Lorle keine nachhaltige Freude; die lustigen Stücke kamen ihr gar zu närrisch vor, und bei den kreuzweis gekörperten Intriguenstücken war's ihr zu Mute wie in einem Wirbelwind, der von allen Seiten reißt und zerrt, so daß man sich gewaltig zusammennehmen muß. Von zwei Stücken redete sie aber noch lange. Das eine war die Stumme von Portici. Es kam ihr grausam vor, daß die Hauptperson stumm ist und die andern alle singen; auch meinte sie, es sei schon hart genug, wenn ein Mädchen betrogen wird, es brauche keine Stumme zu sein. Daß die Fischer, nachdem sie einige Soldaten niedergemacht, unmittelbar vor dem Ausbruch der Revolution niederknieten und beteten, kam ihr recht brav vor, aber sie hatte gräßliche Angst, es kommen jetzt andre Soldaten und schießen sie alle nieder. An Schillers Tell hatte sie volle Freude. In der versteckten Loge, wohin Reinhard sie immer führte, gab sie ihm während der ganzen Vorstellung kaum eine Antwort; sie sah ihn oft still an, mit der Hand begütigend, als dürfe man etwas nicht wecken. Auf dem Heimwege sagte sie: »So wie der Tell, so wär' mein Vater in seinen jungen Jahren gewiß auch gewesen.« Reinhard nahm ihr das Versprechen ab, über derartige Dinge mit niemand anderm als mit ihm zu reden. Lorle nahm die ganze Welt um sich her keineswegs als eine gegebene hin; gerade weil ihr die Ueberlieferungen mangelten, worauf sich vieles stützt, erschien ihr alles, als ob es erst heute und für sie entstünde; sie schmälzte und salzte nach ihrer eigenen Zunge. Reinhard unterließ es jedoch bald, Lorle in die Bildungs- und Kunstsphären einzuführen, und sie hatte auch nie Sehnsucht danach; war's ihr nicht vor die Augen gerückt, war's für sie nicht da. Reinhard sah sich nun selbst mitten im Strudel einer ihm wesentlich neuen Welt, er trat in die sich vorzugsweise so nennende »Gesellschaft«, in der alles, was nicht dazu gehört, als zusammengelesenes, höchstens erbarmungswürdiges Volk gilt. Bei der eigenen Unfruchtbarkeit der Gesellschaft an erfrischenden Elementen ward Reinhard ihr Adoptivkind. In der ersten Zeit betrachtete er das Frequentieren der Salons – eine Phrase, mit welcher die kleine Residenz aufputzte – als einen Teil seiner Amtspflichten; es kam ihm nicht in den Sinn, wie traurig es sei, daß Lorle so allein zu Hause sitze; da waren ja noch so viele andre, die sich mit einer Bürgerlichen und nicht wie er, nun gar mit einem Bauernmädchen »mesalliiert« hatten, und sie mußten sich's alle gefallen lassen, hier als ledige Burschen zu gelten. Anfänglich war es Reinhard oft, wie wenn man aus freiem Felde in ein dumpfes Gemach tritt; die darinnen waren, wissen nichts von der gepreßten Luft, aber dem Eintretenden beengt sie die Brust. Bald jedoch bewegte er sich in diesem Treiben wie in seiner eigenen Welt. Zwei Umstände förderten dies mit besonderer Raschheit. Der außerordentliche Landtag war einberufen. Der Prinz hatte mit Reinhard oft den Plan durchsprochen, daß man in dem neuen Palais die Bel-Etage des Mittelbaues mit den schönsten Gegenden des Landes zieren müsse, die Reinhard al fresco malen sollte; in dem Fries sollten die eigentümlichen Volkssitten durch Figuren in den verschiedenen Volkstrachten dargestellt werden. Reinhard ward voll Seligkeit, ein solches Werk ausführen zu können, das als Erfüllung eines Lebens gelten durfte; er stellte das Bild »das neue Lied« zur Seite und machte allerlei Entwürfe. Die Vorlegung derselben gab reichen Unterhaltungsstoff, und Reinhard ward dadurch vielfach Mittelpunkt der Gesellschaft. Nun aber ergab sich, daß die Landstände mit großer Mehrheit nicht nur die Gelder zum Bau des neuen Palais, sondern auch für die Galerie verweigerten, weil die Not des Landes so groß sei, daß sie keine derartigen Ausgaben gestatte. Mit einer Mehrheit von bloß zwei Stimmen wurde hierauf die angesetzte Summe zur Einrichtung der Zimmer über dem Marstall für die Galerie und der Gehalt Reinhards bewilligt. Dagegen nahm die Regierung Rache und verweigerte eine Aufbesserung der Volksschullehrergehalte, die auf dem vorigen Landtag schon beantragt war. Ein tiefer Mißmut setzte sich infolge der ersten Behinderungen in Reinhard fest, zu dem er noch die Ueberzeugung gesellte, daß das ständische Wesen alle Kunst vernichte, diese daher nur in dem monarchischen Prinzip einen Halt habe. Reinhard hatte bisher ohne politische Ansicht gelebt, nun war sie ihm geworden. Aus diesen Gründen fühlte er sich heimischer in der »Gesellschaft«; aber noch ein bedeutsames Motiv kam dazu. Die junge Gräfin Mathilde von Felseneck, eine reizende und vielbesprochene neue Erscheinung, schloß sich an Reinhard auf besonders zuvorkommende Weise an; sie trat jetzt zum erstenmal in »die Welt«, sie war einsam auf dem väterlichen Schlosse aufgewachsen; denn ihr Vater, der die Tochter seines Rentamtmanns geheiratet hatte, lebte seit zwanzig Jahren fern vom Hofe und von seinen Standesgenossen. Erst jetzt, seit dem Tode der Mutter, ward ihm Versöhnung; das Kind wurde willig aufgenommen, zumal es eine blühende reiche Erbin war, von der man mit Zuversicht erwartete, daß sie den Fehler ihrer Abstammung durch eine standesgemäße Ehe ausgleichen werde. Gräfin Mathilde, die das Schicksal ihrer Mutter im Herzen trug, betrachtete sich in diesem Kreise nur als Geduldete, als Bürgerliche; sie fühlte sich zu Reinhard hingezogen, wie man im fernen Lande unter Fremden einen Heimatgenossen begrüßt; dazu ward sie mächtig angesprochen von dem freien und doch so sicheren Benehmen Reinhards, der keine der Gesellschaftsformen verletzte, sie aber doch, nur dem aufmerksamen Blicke sichtbar, mit einem gewissen leichten Uebermute behandelte; namentlich bemerkte sie dies dem Comte de Foulard gegenüber, der die Etikette mit einer gewissen priesterlichen Andacht wie ein hochheiliges Mysterium verwaltete. In der That zwang dieses ausgeprägte und feststehende Formenleben Reinhard nur eine kurze Weile eine gewisse Achtung ab, dann überließ er sich der freien Gebarung seines Wesens. Eines Abends, als man sich eben an verschiedenen kleinen Tischen niederließ und die Bedientenschar mit märchenhafter Schnelle alles ordnete und auftrug, sagte der Comte de Foulard zu Reinhard: »Die Gräfin von Felseneck hat sich sehr geistreich über Ihre heute vorgelegten Zeichnungen ausgesprochen; sie bemerkte: die Künstler haben nicht nur in ihrer Schöpferkraft etwas Gottähnliches, indem sie den vorhandenen Reichtum der Welt vermehren. sie müssen auch etwas von der göttlichen Geduld haben, ruhig über ihre Werke Kluges und Unkluges auskramen zu lassen.« Reinhard wendete sich unwillkürlich nach dem Mädchen um, das an einem andern Tische saß. »Wenn Sie meiner Cousine vorgestellt sein wollen, bin ich bereit,« sagte ein schmucker Gardeoffizier, der neben Reinhard saß. Das Erbieten wurde mit Dank angenommen. Von diesem Abend an gestaltete sich ein eigentümliches Verhältnis zwischen Reinhard und Mathilde. Wenn sie sich bei Hofe oder in den Salons trafen, kam eine gewisse ruhige Sicherheit über sie; so förmlich auch ihr beiderseitiger Gruß war, es lag etwas Zutrauliches darin, als hätten sie sich ohne Verabredung hier ein Stelldichein gegeben. Sie hatten beide die Empfindung, als ob das eine mit schützender und vorsorgender Hand dem andern diese Stunden zu genußreichen bereiten müsse; jedes hegte gewissermaßen die Verantwortlichkeit für einen Mißgriff oder ein Mißgeschick des andern in sich. Wenn Reinhard von seinem Gönner, dem Comte de Foulard, mit einem Kunstgespräche in einer Nische festgenagelt wurde, empfand Mathilde die höchste Langeweile für ihn und merkte kaum auf die Artigkeiten und Aufmerksamkeiten, die sie umgaben; wenn dann die Gräfin Mathilde singen mußte, bebte Reinhard für sie; war die Reihenfolge ihrer Lieder eine unpassende, so machte er sich selbst Vorwürfe. Bald waren sie dann oft, in der gemessensten Haltung einander gegenüberstehend, in die launigsten Gespräche verwickelt. Nie lobte Reinhard den so seelenvollen Gesang Mathildens, er sprach nur bisweilen über die Schönheiten der Dichtung und Komposition; sie mochte daraus erkennen, wie sehr sie ihm zu Herzen gesungen hatte. Der Vetter Arthur hatte verraten, daß Mathilde »waldfrische Volkslieder« singen könne, und nun mußte sie, da der Prinz persönlich darum bat, eines derselben vortragen. Sie stand eine Weile an dem Piano und hielt sich krampfhaft an demselben, um Ruhe zu gewinnen; dann stimmte sie in kecken Tönen ein Jodellied aus den Bergen an, so hell und froh wie die Lerche, die mit taufeuchter Schwinge hineinjauchzt in das Morgenrot. Heute zum erstenmal lobte Reinhard ihren Gesang, Mathilde aber war betrübt; sie klagte, daß es ihr vorkäme, als ob sie das heilige Geheimnis ihrer Heimatberge verraten und profaniert habe; sie glaube, daß ihr dieses Lied entweiht sei, weil sie es hier unter Kerzenschimmer und ausgebälgten Uniformen als Kuriosität preisgegeben. Reinhard widersprach ihr und erklärte, daß das wahrhaft Heilige, was wir in der Tiefe der Seele hegen, unberührt und unverletzt durch die ganze Welt schreite, daß das, was gestört oder gar zerstört werden kann, in sich und für uns keine rechte Wahrheit hatte. Mathilde war beruhigter. Oft wollte sie auch, daß Reinhard ihr viel von seiner Frau erzählte; sie hegte offenbar den Wunsch, Lorle kennen zu lernen, aber Reinhard war in seinen Mitteilungen kurz und lehnte jenes nicht angesprochene Ansinnen, ohne es entschieden zu bezeichnen, mit Bestimmtheit ab; er sah darin doch mehr eine bloße Neugier und fürchtete zugleich, daß sich Lorle nicht, wie er wünschte, benehmen möchte. Der Graf lud Reinhard auf Veranlassung seiner Tochter zu sich ins Haus, und Mathilde, die in Gesellschaft immer etwas Schmerzliches, Empfindsames hatte, war hier das heiterste Kind, voll sprudelnder Jugendlust; sie sang und spielte mit Fertigkeit und Geist, und ihre Zeichnungen verrieten ein ungewöhnliches Talent. Alle Blüten der edelsten Bildung standen hier in schöner Entfaltung, und wenn Reinhard etwas Derartiges bemerkte, sah Mathilde mit andächtiger Hoheit auf und sagte: »Sie hätten meine selige Mutter kennen sollen.« – Bisweilen sangen sie auch gemeinsam scherzhafte und schwermütige Volkslieder; von solchen wohlgebildeten Stimmen vorgetragen, hatten diese Töne noch eine ganz besondere Macht. Wenn nun Reinhard aus der Gesellschaft nach Hause kam, regte sich oft der alte böse Blutstropfen in ihm; seine Häuslichkeit kam ihm so eng, so kleinbürgerlich vor. Drückte dann Lorle mit kindlichem Stottern ihre Gedanken und Empfindungen aus, so hörte er selten darauf und gab sich noch seltener die Mühe, sie zu ergänzen und zu berichtigen; er war es müde, das Abc der Bildung vorzubuchstabieren. Auch fiel ihm jetzt eine eigentümliche Ungrazie Lorles auf: die Hastigkeit und Kräftigkeit ihres Gebarens war nun unschön; sie faßte ein Glas, das leichteste, was sie zu nehmen hatte, nicht mit den Fingern, sondern mit der ganzen Hand, ihre Bewegungen hatten in den Stadtkleidern eine auffallende Derbheit, sie trat immer stark mit den Fersen auf, und er bat sie einmal, den schwebenden und sich wiegenden Gang auf den Zehen anzunehmen. Lorle entgegnete: »Just alles brauch' ich nicht erst zu lernen, ich hab' schon laufen können, wie ich noch kein Jahr alt gewesen bin.« Zu den übrigen Residenzbewohnern hatte Reinhard keine Beziehung, und er erfuhr erst spät, daß ihn viele den »Civilkavalier« nannten und sich damit erhaben dünkten, während sie doch selber die fürstliche Gnadenprobe vielleicht nicht besser bestanden hätten. Zu den wenigen Künstlern der Stadt war Reinhard in eine schiefe Stellung geraten; er war so ohne alle Vorbereitung zu seinem Amte gelangt: die einen glaubten in der That, daß ihm dies nur durch Winkelzüge gelungen sei, die andern verleitete Neid und Bitterkeit zu ungerechter Beurteilung Reinhards und seiner Leistungen. So hatte er außer der Hofgesellschaft nur den Kollaborator, aber auch dieser zürnte ihm; er sprach offen seinen Grundsatz aus: »Kein Ehrenmann darf von der innerlich angefaulten Societät mit sich eine Ausnahme machen lassen, so lange sich dort nur noch eine Spur von Exklusivem findet.« Der Kollaborator zürnte mit Reinhard doppelt, weil dieser mit Lorle, dem frischen Naturkinde, kunstgärtnere. Das that ihm wehe, aus persönlichen wie aus allgemeinen Gründen. Er erkannte leicht im Kleinen und Vereinzelten ein allgemeines, ja ein weltgeschichtliches Gesetz. Lorle war ihm ein Typus des Urmenschlichen, des ursprünglich Vollkommenen, an sich Vollendeten, unberührt von den Zwiespältigkeiten der Geschichte und der Bildung; es deuchte ihn eine Versündigung, sie durch alle die Labyrinthe zu quälen, ohne sicher zu sein, daß sie den jenseitigen Ausgang finde, der wiederum zur freien Natur führt – sie stand ja von selber darin, Anfang und Ende sind hier eins. Er behauptete, daß die Menschen zu allen Zeiten das ursprünglich Vollkommene, was ihnen in einem Menschen nahe tritt, martern und kreuzigen und zu Tode quälen, weil das Dasein des absolut Vollkommenen, des Urmenschen, der nichts will und nichts hat von dem ganzen Trödel, den die Menschheit nachschleppt, dieser ein Greuel sein muß. Und doch muß die Geschichte von Zeit zu Zeit wiederum erfrischt und begonnen werden von solchen ersten Menschen , die aus dem Urquell des Lebens vollendet erstehen. Der Kollaborator wußte wohl, daß Lorle solchem höchsten Ideale nicht entspreche, aber er hatte eine fast abgöttische Verehrung für die Urtümlichkeit ihres Wesens, gegenüber dem Unfertigen, Ringenden und Halben der Civilisation, ihm hatte der vielverbrauchte Ausdruck, daß sie ein Kind der Natur sei, eine tiefere Bedeutung: er erfand diese Bezeichnung wiederum für sie. Reinhard bestrebte sich, Lorle und Leopoldine miteinander zu befreunden, er brachte sie oft zu dieser; Lorle war's aber immer unheimlich. Leopoldine hatte die überfließende Redefertigkeit einer Ladenfrau, sie konnte alles, was sie im Sinn hatte, ohne Scheu aufzeigen, wie ehedem ihre Haubenmuster; dabei hatte die Vielgeprüfte etwas Entschlossenes, das sie namentlich ihrem Bruder gegenüber in einer Weise geltend machte, daß es Lorle in der nunmehrigen Zaghaftigkeit ihres Gemütes wie Schärfe und Härte erschien. Ueber eine Bemerkung Lorles freute sich Reinhard einst übermäßig; sie gingen von Leopoldine weg, und Lorle sagte: »Ach, was schöne Blumen hat die, und so im Winter.« »Du sollst auch solche haben.« »Nein, ich mag nicht, ich mein', ich könnt' und ich dürft' mich nicht so freuen, wenn's wieder Frühjahr wird, weil ich so gezwungene Blumen vorher in der Stub' gehabt hab', eh' sie draußen sind. Laß mich lieber warten.« Reinhard war von dieser Aeußerung so entzückt, daß er wieder einen ganzen Tag der Liebevolle von ehedem war. An den vielen kleinen Sächelchen auf dem Nipptisch Leopoldinens freute sich einst Lorle wie ein Kind; als ihr Reinhard versprach, auch solche Sachen zu kaufen, sagte sie: »Nein, ich möcht' lieber was Lebiges haben; wenn wir einen Stall hätten, möcht' ich eine Geiß oder ein paar Schweinchen haben, oder in meiner Stub' Turteltauben oder einen Vogel.« Am andern Tage nahm Reinhard die Bärbel mit, als er ausging, und brachte einen Kanarienvogel in schönem Käfig und Goldfischchen in einem Glase. Lorle war voll Freude, und Reinhard erkannte aufs neue, wie leicht dieses anspruchslose Wesen zu beglücken war. Eines Abends, als Reinhard zum Maskenball beim Minister des Auswärtigen geladen war, ging Lorle in die Theevisite zu Leopoldinen. Auf dem Wege sagte sie zur begleitenden Bärbel: »Ich wollt', ich könnt' bei dir daheim bleiben; ich komm' mir oft vor wie ein Waisenkind, das unter fremden Leuten herumgeschubt wird.« – Die Bärbel tröstete, so gut sie konnte. Lorle trat zitternd in die Stube. »Die Frau Professorin Reinhard, die Kammersängerin Büsching, Frau Oberrevisorin Müller, Frau Handschuhfabrikantin Frank,« so stellte Leopoldine die Anwesenden vor. Die Frau Oberrevisorin warf stolz den Kopf zurück, ihr gebührte es, vor der pensionierten Kammersängerin vorgestellt zu werden. Die alte Sängerin unterhielt sich schnell mit Lorle, und bald war sie auf ihrem Lieblingskapitel, indem sie von ihren ehemaligen Triumphen erzählte und daß sie die erste hier in der Stadt war, die die Emmeline in der »Schweizerfamilie« gesungen. Ihre Bemerkung gegen Lorle, daß sie auch Volkslieder sehr liebe, wurde schnell verdeckt, denn nun öffneten sich die Schleusen der Unterhaltung, und alles auf einmal sprach vom Theater, d. h. von dem Haushalt der Schauspieler und Sänger und ihren Liebesbeziehungen. Unversehens lenkte sich das Gespräch auf den heutigen Maskenball. Die Frau Handschuhfabrikantin (deren ganzes Personal, aus dem Ehepaar und einem Lehrling bestehend, Leopoldine zur Fabrik erhoben hatte) konnte die intimsten Nachrichten davon preisgeben; sie klagte nur, daß, wenn die Fremden, die Engländer, nicht wären, man wenig Handschuhe mehr verkaufte; sonst habe »ein nobler Herr« zwei bis drei Paar an einem Abende verbraucht, jetzt zögen selbst die Gardeoffiziere, die doch von Adel sind, nur bei den ersten Touren frische Handschuhe an und ersetzten sie dann unversehens durch alte. Die Frau Oberrevisorin sagte: »Ich würde mich schämen, mich um solche Dinge zu bekümmern.« Nun brach der Zorn der Handschuhfabrikantin los, und sie bemerkte, es gebe viele Handwerksleute, die mehr verdienten als die Angestellten; man wisse wohl, da sei's oft außen fix und innen nix. Leopoldine, die den unverzeihlichen Mißgriff gemacht hatte, eine solche gemischte Gesellschaft zu laden, brachte die Sache schneller, als sie hoffen konnte, wieder ins Geleise durch die einfache Frage: ob wohl die Herrschaft bei dem heutigen Ball sein werde. »Was ist das, die Herrschaft?« fragte Lorle. Alles sah sie erbarmungsreich an. »Das ist der Hof, das ist die Herrschaft,« erklärte man von allen Seiten. Lorle aber entgegnete: »Warum denn Herrschaft? Mein' Herrschaft ist's nicht, ich bin kein Dienstbote, ich hab' meine eigene Haushaltung und ihr ja auch.« Kichernd und lachend erhob sich jedes himmelhoch über diese furchtbare Einfältigkeit; selbst die Frau Oberrevisorin konnte nicht umhin, der ihr vorgezogenen Kammersängerin etwas ins Ohr zu zischeln. Lorle atmete erst wieder frei auf, als der Kollaborator aus dem Bierhause kam und allerlei Scherze losließ. »Mein' Lebtag geh' ich nimmer in so eine Gesellschaft,« sagte Lorle auf dem Heimwege zu Bärbel. Sie fühlte wohl die Erbärmlichkeit eines solchen Lebens, wo man, statt an eigener gesunder Kost sich zu erfreuen, nach den Brosamen und dem Abhub der vornehmen Welt hascht. Während dieses Abends mußte Reinhard viele ergötzliche Neckereien bestehen; er wurde stets von zwei Masken gehänselt, die ganz in derselben Bauerntracht gingen, wie einst Lorle. Anfangs war er erschrocken, denn beide Masken sprachen vollkommen den Dialekt; erst beim Entlarven konnte er in der einen die Gräfin Mathilde und in der andern ihre Gesellschafterin, ein armes adliges Fräulein, erkennen. Als Lorle ihm am andern Morgen die Ereignisse des gestrigen Abends erzählte, hörte er ihr kaum zu; seine Gedanken tanzten noch auf dem Balle. Dennoch blieb das Verhältnis zur Gräfin Mathilde ohne Fortschritt, fast auf demselben Punkte, auf dem es begonnen hatte; zumal da sie jetzt, nach Schluß der Saison, wieder mit ihrem Vater auf seine Güter zurückkehrte. Fürnehmes Leben, fürstliches Brot. Lorle hatte ein vereinsamtes Leben, denn Reinhard war die meisten Abende außer dem Haus und trieb sich oft tagelang auf den Hofjagden umher. Jetzt richtete er sich noch seine Werkstatt in den obern Zimmern des Marstalls ein. Lorle war noch nie dort gewesen. Der Prinz hatte Reinhard beauftragt, eine Erinnerung an die letzte Fuchsjagd zu malen; auf die Entgegnung Reinhards, daß er sich nicht auf Jagdstücke verstehe, erhielt er die Antwort: »Malen Sie nur ganz nach Ihrer Eingebung, ich lasse der Kunst gern die vollste Freiheit.« In unglaublich kurzer Zeit vollführte nun Reinhard ein Werk, das er für sein bestes hielt; es war eine tiefe Waldeinsamkeit, nur ein Fuchs saß ruhig auf seinem Baue unter den alten knorrigen Stämmen und schaute sich klug um; es war der Verstand des Waldes. Triumphierend ließ Reinhard das Bild auf das Schloß tragen; es mißfiel allgemein. »Das ist ja bloß eine Landschaft,« hieß es, man hatte mindestens die Abbilder der Hauptjäger und ihrer Hunde erwartet. Das war also die »vollste Freiheit« der Kunst, und doch sollte nach Reinhards Ansicht das monarchische Prinzip ihre einzige Stütze sein. Verstört und ingrimmig ging er umher. Zu Hause war auch des Elendes genug, und gerade in seinem Berufe hatte er die Erlösung gesucht. Er hatte ein gut Teil jener Unabhängigkeit verloren, die in dem eigenen Bewußtsein sich erhebt; seine gesellschaftliche Stellung verlangte notwendig die Anerkennung als Künstler. Die Bärbel kränkelte und Lorle jammerte viel, daß sich die Diensteifrige keine Ruhe gönne. Reinhard bemerkte einmal, die Bärbel solle wieder heimkehren; da weinte Lorle so bitterlich, daß er sie nur mit vieler Mühe beruhigen konnte. Er ließ Lorle immer mehr für sich gewähren, und wenn er dann oft plötzlich an ihr schulte, setzte sie ihm eine störrige Unnachgiebigkeit entgegen. Sie war ihm demütig ergeben, solange er sich ihr vollauf widmete, ihr ganzes Tagewerk war oft nur ein Warten auf ihn, manche Arbeit kam ihr nur wie einstweilige Unterhaltung bis zu seinem Wiederkommen vor; nun aber, weil er sonst wortkarg und mürrisch war und fast nur sprach, wenn er etwas zu tadeln und zu lehren hatte, hörte sie seine Auseinandersetzungen an, ohne ein Wort zu erwidern. Reinhard fühlte sich dadurch oft im Tiefsten unglücklich. Die Bärbel erkannte mit schwerer Bekümmernis, wie so bald das einige Leben der Eheleute sich schied; sie suchte Lorle auf allerlei Weise zu beruhigen, und ihr Haupttrost war: »Es wird schon alles besser gehen, wenn du einmal ein Kind hast.« Da warf sich Lorle weinend an ihre Brust und sagte: »Ich fürcht', ich fürcht', das wird nie geschehen; ich hab' mich versündigt, ich hab' ein Kind, das den Heiland vorstellt, auf den Schoß nehmen müssen, wie er mich damals abgemalt hat. Ich hab's nicht thun wollen, er hat's aber gewollt; Gott wird doch barmherzig sein und mir mein' Sünd' vergeben.« – Die Bärbel suchte ihr die schweren Gedanken auszureden, glaubte aber selbst mehr daran, als die Unglückliche selber. Als Reinhard einmal wieder auf einen ganzen Tag zur Jagd gegangen war, machte sich Lorle die heimliche Freude und half der Bärbel bei der Wäsche; beim Auswinden derselben drehte Lorle zuerst einen Ring, und die Bärbel versäumte nicht, den alten Waschweiberglauben anzubringen, daß Lorle sich eine Wiege drehe; Lorle spritzte nun der Bärbel einige Tropfen ins Gesicht und ging in die Stube. Eine allerhöchste Laune brachte Lorle unversehens in Berührung mit dem Gesellschaftskreise Reinhards. Ungewöhnlich früh kam dieser eines Abends nach Hause und verkündete, daß der Prinz Lorle zu sprechen wünsche und daß sie daher andern Tages mit ihm auf die Galerie gehen müsse; daß man begierig war, das Urbild der Madonna zu sehen, verschwieg er wohlweislich. »Ich mag aber nicht, ich hab' nichts beim Prinzen zu suchen,« entgegnete Lorle. »Ja, Kind, das geht nicht, einem fürstlichen Wunsche muß man gehorchen, sonst beleidigt man; da wird man nicht vorher gefragt, und ich hab's nun auch einmal versprochen.« »Wenn er noch eine Frau hätt', aber so zu einem ledigen Bursch', weil er's grad will!« »Wie einfältig! Es ist vollkommen schicklich, ich geh' ja mit,« sagte Reinhard heftig; Lorle sah auf, und schwere Thränen hingen in ihren Wimpern. Reinhard faßte ihre Hand und sagte: »Sei nicht bös, sei gut, glaub mir, du verstehst das nicht, darum folge mir, du kannst's immer.« »Ja, ja, ich will's ja thun, aber ich darf doch auch was sagen. Wenn das so fortgeht, weiß ich gar nicht mehr, ob ich nicht närrisch bin, ich . . . ich weiß gar nicht mehr, bin ich denn noch und was soll ich denn?« Als ihr Reinhard Trost einsprach, entgegnete sie: »Gib jetzt du nur Fried', es ist alles gut, ja, ich bin zufrieden, sei du's nur auch; aber ich wollt', die ganz Welt ließ mich in Ruh', ich will ja auch nichts von ihr.« »Du bist mir doch nicht mehr bös?« »Nein, und zehnmal nein, ich thu' ja, was du willst, aber laß mich nur auch reden.« Reinhard ging nun in das Haus des Kollaborators und bat Leopoldine, am andern Morgen zu ihm zu kommen und Lorle für die Audienz vorzubereiten; dann schloß er sich dem Kollaborator an und ging mit ihm nach seinem ständigen Bierhause, wo in einem kleinen Stübchen mehrere jüngere Advokaten, Aerzte, Kaufleute und Techniker wohlgemut beisammen saßen, rauchten, tranken und plauderten. Anfangs war ein stummes Erstaunen, den »Civilkavalier« in der Kneipe zu sehen; dann aber nahm das Gespräch seinen ungehinderten Verlauf. Die tiefsten Fragen von Welt und Zeit wurden hier mit einer Schärfe und Eindringlichkeit, mit einem Feuer verhandelt, daß Reinhard im stillen bemerken mußte, wie hier die frischeste Lebendigkeit herrschte, weil jeder bot, was ihn bewegte, weil man überhaupt nicht auf Unterhaltung ausging; es kam ihm vor, daß im glänzendsten Salon in einem Monat nicht so viel ursprünglicher Geist laut werde, als jetzt hier in dem kleinen, spärlich erleuchteten Stübchen. Das Laute und die Derbheit mancher Formen war ihm wieder neu und fremd, denn er kam aus den Kreisen, wo man flüstert und lächelt und nicht streitet und lacht. An einem monarchischen Mittelpunkte fehlte es indes auch hier nicht, und seltsam genug war dies der Kollaborator; seine machtvolle Stimme und sein ausgebreitetes Wissen sicherten ihm diese Würde ohne alle Etikette. Reinhard blieb länger, als er gewollt hatte, er war wie in einer fremden Stadt: dort war ein Menschenkreis voll wirklicher und eingebildeter Interessen, der nie aus sich heraustrat und sich gebärdete, als ob er allein die Welt sei und so dem Geringfügigsten, einem Anreden oder Uebersehen, einem halben oder einem ganzen Lächeln eine Bedeutung beilegte. Und hier – hundert Schritte davon lebten Menschen aus einem andern Jahrhundert, die sich im Kampfe erhitzten, als ob sie vom Forum, aus der Volksversammlung kämen oder sich darauf vorbereiteten. Wenn er an Lorle dachte, befiel ihn eine unerklärliche Angst; er meinte, es geschehe zu Hause ein großes Unglück, das Haus brenne ab, und jeden Augenblick müsse man die Sturmglocke hören; dennoch saß er wie festgebannt. Ahnte er vielleicht, in welchen schweren Gedanken Lorle in Schlaf gesunken war? Als er endlich nach Hause kam, atmete er leichter auf; da stand wie immer das Oellämpchen auf der Treppe; er ging leise in die Kammer. Lorle schlief ruhig, er betrachtete sie lange, sie sah so heilig aus in ihrem Schlafe, fast wie damals, als er sie zum erstenmal auf der Laube wiedergesehen, nur lag jetzt ein Zug des Schmerzes auf ihrem Antlitz, und ihre Lippen zuckten öfters. Ein Außerordentliches geschah. Reinhard war am andere Morgen früher auf als Lorle, er hatte die Schlüssel gefunden und legte nun die Kleider zurecht, die sie anziehen sollte. Als er so über Kisten und Kasten kam, lobte er im stillen die Ordnungsmäßigkeit seiner Frau; er freute sich auf ihren Dank für seine Vorsorglichkeit und ging immer auf den Zehen umher; es war ihm so leicht, als würde er getragen. Als Lorle erwachte und die Kleider sah, rief sie: »Was hast du gemacht? Ich bitt' dich um der tausend Gotteswillen, überlaß mir alles ganz allein. Denk nur nicht immer, daß ich gar nichts versteh'. Du hast mir gewiß alles untereinander gekrustet. Ich bitt' dich, laß mich alles allein in Richtigkeit bringen.« – In Reinhard wogte und brauste es, er hielt aber an sich und ging in die Stube; dort stand er eine Weile, die Stirn an die Fensterscheibe gedrückt, in tiefem, namenlosem Schmerz. Schnell nahm er dann Hut und Stock und ging davon. Es war ein frischer Morgen, im Schloßgarten blühten die Blumen so schön, und die Vögel sangen so lustig, unbekümmert, in wessen Garten sie sich so laut machten, und ob die Bäume, in deren Zweigen sie saßen, einen Titel angehängt hatten oder nicht. Reinhard sah und hörte nichts; es kam ihm vor, als ob jemand leibhaftig ihm das Wort aus Hebels »Karfunkel« ins Ohr geraunt hätte: » Los, du duursch mi . . . mittem Wibe hesch's nit troffe ;« er suchte das Wort wegzubannen, aber es kam immer wieder und sprach sich von selbst. Als er heimgekehrt war. sagte er zu Lorle: »Wir wollen gut sein.« »Ich bin ja nicht bös,« entgegnete sie. »Nun, es ist jetzt eins, ich bin gewiß viel schuld, aber laß Friede sein.« Dieser war nun auch, bis Leopoldine kam. Sie half Lorle ankleiden, lehrte sie einen Knicks machen, und wie man den Kronprinzen anreden müsse. Lorle schien zu allem willig; als aber Leopoldine sich entfernt hatte, riß sie Haube und Chemisette herunter und sagte: »Ich geh nicht, ich geh' nicht, ich bin kein Starmatz, und du läßt auch einen Narren aus mir machen, und ich merk's wohl, wenn man mich dumm macht, und da werd' ich immer schlechter, und ich bin so jähzornig und so ungeduldig . . . Guter Gott! Was soll denn aus mir werden?« Sie weinte laut auf. Reinhard sagte mit thränengepreßter Stimme: »Nichts, du sollst nichts andres werden, bleib du das gute Kind.« »Ich bin kein Kind, das hab' ich dir schon hundertmal gesagt. Jetzt will ich mich aber ordelich anziehen, und du wirst sehen, ich mach' keinen Unschick.« Endlich gingen sie miteinander zur Galerie. Reinhard wagte es kaum mehr, Lorle eine Verhaltungsregel zu geben. Als sie nun hier zum erstenmal die Werkstatt Reinhards sah, erschrak sie über die grausige Unordnung; sie wollte scheuern und kehren, mußte aber der dringenden Bitte nachgeben, sich doch ruhig zu verhalten und ihre glänzenden weißen Handschuhe zu schonen. Vor Unruhe konnte sie keine Minute still sitzen, eine fieberische Aufregung durchwogte sie, sie wollte sich nicht verblüffen lassen, sondern dem Prinzen zeigen, daß sie auch nicht auf den Kopf gefallen sei, und zugleich Reinhard beweisen, wie sie mit jedem reden könne, sei er, wer er wolle. Mit Bangigkeit bemerkte Reinhard diese Erregung, er ahnte die gewaltsame Hast und Unruhe in Lorle, und daß sie diesem Ereignisse gegenüber die Unbefangenheit und Harmlosigkeit ihres Wesens aufgegeben; aber er hatte die Zügel verloren, um dieses Naturell zu halten, er konnte nichts thun, als um Ruhe bitten. Endlich wurde der Prinz gemeldet, und man ging nach dem großen Salon. Man mußte hier noch eine Weile warten, und dieses Kommenlassen, Warten, Melden und Wiederwarten machte Lorle doch etwas bang; sie meinte, es müsse jetzt etwas ganz Besonderes vorgehen. Der Prinz trat in Militärkleidung rasch ein, und auf die sich verbeugende Lorle zu. In leutseligem Ton sagte er: »Seien Sie willkommen, Frau Professorin.« »Schön' Dank, Herr Prinz, Königliche Hoheit.« »Nun, wie gefällt es Ihnen bei uns in der Stadt?« Lorle hatte, trotz der scharfen Blicke Reinhards, schnell ihre Handschuhe abgestreift; sie wußte, daß sie so besser reden konnte, und sie sagte: »Wo man verheiratet ist, da muß es einem gefallen; es ist auch recht schön und sauber hier, aber so himmelhohe Häuser.« »Ich habe schon oft gedacht,« begann der Prinz wieder, »die Bauern sind doch die glücklichsten Menschen auf der Welt.« »Da hat der Herr Prinz Hoheit unrecht, das ist nicht wahr; man muß schaffen wie ein Taglöhner und Steuern zahlen mehr als ein Baron, sagt mein Vater.« Reinhard stand wie auf Kohlen; das war unerhört, daß man einem Prinzen sagt: das ist nicht wahr. Der Prinz fixierte Lorle lächelnd, dann lenkte er ab und sagte, auf die Madonna anspielend: »Ich habe Sie schon früher gesehen, Frau Professorin.« »Freilich, erinnert sich der Königliche Hoheit noch, wie wir klein gewesen sind? Er ist grad acht Wochen älter als ich, ich weiß Seinen Geburtstag wohl, wir haben allemal an selbem Tag eine Brezel in der Schul' kriegt. Weiß Er noch, wie Er durch unser Dorf kommen ist? Er hat dazumal lange blonde Locken gehabt und einen gestickten Kragen in Hohlfalten gelegt; damals haben wir uns daheim gesehen. Ach Gott! wir haben drei Wochen vorher von nichts andrem geredt und träumt, als: der Prinz kommt durchs Dorf! Den Nachmittag vorher war kein' Schul' und an dem Tag erst recht nicht, und wie wir jetzt alle dagestanden sind mit Sträuß', und der Martin ist oben auf dem Turm, und wie der Prinz auf unser' Gemarkung kommt, da haben alle Glocken geläut't, und da hat man mit Böllern geschossen, und wir Kinder sind alle auf dem Platz in die Höh' gesprungen, und der Lehrer hat gerufen: ›Still! ruhig!‹ Und jetzt hat man bald gehört, wie die Kutsch' kommt, und da hab' ich aufpassen wollen, daß ich alles seh', da geht mir grad mein Schurzbändel auf; ich werd' aber noch fertig, und da kommt Er und hält: grad neben uns, und des Luzians Bäbi hat ein Gedicht an Ihn hingesagt, und da haben wir Kinder alle: ›Vivat hoch!‹ gerufen, und rrr! fort ist der Prinz und hat noch sein Käpple mit der Troddel dran gelüpft, und da haben wir ihm unsre Sträuß' nachgeworfen, und da sind die Hofwagen kommen und sind über unsere Sträuß' weggefahren.« Der Prinz sagte mit sichtbarer Rührung: »Hätte ich damals gewußt, daß Sie da sind, ich wäre ausgestiegen; ich wollte, Sie wären dort meine Jugendgespielin gewesen.« »Ja, das wär' schon angangen. Ich hab' rechtschaffen Mitleid mit Ihm gehabt, Er hat doch auch ein arms Lehen gehabt, gar kein' Minut' für sich, 'naus in Wald oder ins Dorf. Wie Er da auf der Saline blieben ist, da haben sich immer lauter große alte Leut' an Ihn gehängt, und Er ist kein' Minut' allein gewesen. Weiß der Hoheit denn auch, wie ein Baum im Wald aussieht, wo kein Kammerdiener dabei ist?« Der Prinz drückte Lorle die Hand und sagte: »Sie sind ein vortreffliches Wesen. Ja, gute Frau, es ist eine schwere Jugend, die eines Fürsten.« »Nun, so arg ist's grad nicht, es muß sich doch ertragen lassen, man sieht ihm just nichts an, daß es ihm so übel gangen ist; aber ich hab' auch wegen dem Herr Prinz Hoheit Ohrfeigen kriegt, und es ist mir alles im Angedenken blieben.« »Wie so das?« »Wie der Hoheit auf der Saline blieben ist, da bin ich mit meiner Bärbel auch 'nunter und wir sind draußen am Gitter gestanden, und Er ist drinnen im Garten spazieren gangen, und da ist Ihm sein Schnupftuch auf den Boden gefallen, und da ist ein steinalter Mann mit weißen Haaren, von denen bei ihm, hingesprungen und hat Ihm's aufgehoben; und da hat die Bärbel gesagt: der wird auch in Grundsboden 'nein verdorben, und da hab' ich gesagt: wenn ich ein Prinz wär', ich thät' den ganzen Tag alles wegschmeißen, daß mir's die alte Leut' mit denen Stern' auf der Brust aufheben müßten – und da hat mir die Bärbel ein paar tüchtige Ohrfeigen gehen. Nun, mir hat's nichts geschad't, und dem Herr Prinz Königliche Hoheit sagt man auch viel Gutes nach.« »Sie machen mich glücklich, da Sie mir sagen, daß meine Unterthanen gut von mir denken.« »Ich hätt's doch mein Lebtag nicht glaubt, daß ich so mit dem Prinz Hoheit reden könnt', und jetzt möcht' ich Ihm doch auch noch was sagen.« »Reden Sie nur frei und offen.« »Ja, guter himmlischer Gott! Wenn ich's jetzt nur auch so recht sagen könnt'. Der Prinz Hoheit sollt's nur selber sehen, wie schrecklich viel Not und Armut im Land ist, und da mein' ich, da könnt' Er helfen, und da müßt' Er auch.« »Wie meinen nun Sie, daß geholfen werden soll?« »Ja wie? das weiß ich nicht so, dafür ist der Hoheit da und seine g'studierten Herren; die müssen's wissen und eingeschirren.« »Sie sind eine kluge und brave Frau, es wäre zu wünschen, daß alle in Ihrer Heimat Ihnen gleichen.« »Mein Vater sagt: wenn man Hirnsteuer bezahlen müßt', da kämen wir auch nicht leer davon. Jetzt mach der Hoheit nur, daß Er auch bald eine ordeliche Frau kriegt; ist's denn wahr, daß Er bald heiratet?« In der Pause, die nun eintrat, wechselte Verlegenheit und heiteres Lächeln schnell im Antlitz Reinhards. Daß Lorle den Prinzen mit: Er anredete, erkannte er als beirrende Folge der ihr eingeübten Titulaturen; das letzte aber war nicht nur der ärgste Verstoß, daß man einen Fürsten irgend etwas fragt, da er vielleicht nicht antworten kann oder will, sondern Lorle sprach hier geradezu etwas aus, was man selbst in den höchsten Kreisen nur mit den vorsichtigsten diplomatischen Umschweifen zu berühren wagte, weil ein Korb in der Schwebe hing. Der Prinz aber erwiderte: »Es kann wohl sein; wenn ich eine so nette, liebe Frau bekommen könnte, wie Sie sind.« »Das ist nichts,« entgegnen Lorle, »das schickt sich nicht; mit einer verheirateten Frau darf man keine so Späß' machen. Ich weiß aber wohl, die großen Herren machen gern Spaß und Flattusen.« Schließlich beging nun Lorle den ärgsten Verstoß, denn sie verabschiedete sich, indem sie sagte: »Jetzt b'hüt Gott den Herr Prinz Hoheit, und Er wird auch zu schaffen haben.« Eben als sie die Hand zum Abschied reichte, kam der Adjutant mit der Meldung, daß die Revue beginne; der Prinz und Reinhard geleiteten Lorle bis an die Thür. »Herr Professor!« rief ersterer noch. Reinhard kehrte um und stand wie elektrisiert, als müßte jeder Nerv zuhören; der Prinz fuhr fort: »Kennen Sie den köstlichsten Kunstschatz, den wir auf der Galerie haben?« »Welchen meinen Königliche Hoheit?« »Ihr Naturschatz ist der größte.« Dieses hohe Witzwort verbreitete sich durch den Mund des Adjutanten in »den höchsten Kreisen«, Lorle ward hierdurch einige Tage Gegenstand allgemeiner Besprechung. Die Audienz vollendete aber auf eigentümliche Weise den inneren Bruch zwischen Reinhard und dem Hofe; es kränkte ihn, daß man nach der Hofweise diesen Besuch zu einer abgemessenen Zwischenstunde der Unterhaltung angesetzt, während er für ihn und seine Frau die innersten Lebensfragen aufgeregt hatte. Dies gestand er sich offen, keineswegs aber das, wie er nicht die Kraft gehabt, sein häusliches Heiligtum dem Hofe zu entziehen. Bei Tische sagte Lorle: »Der Prinz ist doch lang' nicht so stolz wie unser Amtmann.« »Woher weißt du das? Du hast ihn ja gar nicht zu Wort kommen lassen.« »Es ist wahr, ich bin so ins Schwätzen 'neinkommen, ich hab' mich nachher auch darüber geärgert, aber es schad't doch nichts.« »Du mußt dich überhaupt mehr mäßigen.« »Ja, was soll ich denn machen?« »Nicht überall gleich den Sack umkehren, mit Kraut und Rüben.« Lorle war still, sie glaubte ihren Fehl genugsam eingestanden zu haben, den letzten Tadel meinte sie nicht zu verdienen, da sie mit dieser Allgemeinheit überhaupt nichts anzufangen wußte. Reinhard dagegen war voll Trauer, daß Lorle dieses Sichgehenlassen selbst fremden Menschen gegenüber nicht eindämmen konnte; es kam ihm jetzt vor, daß sie weit mehr geplaudert habe, als eigentlich der Fall war; es ärgerte ihn, daß jeder mit herablassendem Wohlwollen diese Naivetät beschauen und vielleicht bespötteln könne. Er ahnte, daß dieses offene, rückhaltslos zutrauliche Wesen notwendig der Dorfumgebung bedurfte, in der fast niemand, mit dem man in Berührung tritt, ein Fremder ist, wo die Thüren überall unverschlossen, wo man bei Nachbarn und im ganzen Dorfe aus- und eingehen mag wie zu Hause, wo man sich kennt, und zwar von Jugend auf mit all den Eigentümlichkeiten von Naturell und Schicksal. – So leicht verblendet einmal eingerissenes Mißverständnis, daß Reinhard, statt aus dem letzten Ereignisse Hochachtung vor der unzerstörbaren Naturkraft seiner Frau zu gewinnen, darin eine spröde, alle Bildungselemente abstoßende Halsstarrigkeit beklagte. Lorle selber fühlte auch immer mehr, ohne sich's zur Klarheit bringen zu können, daß sie in einer fremden Welt war. Das ganze Leben einer solchen anhangslos aus der Fremde in die Stadt versetzten Frau ist durchaus auf ihre Häuslichkeit beschränkt, die ganze Welt um sie her geht sie nichts an; nur eine allgemeine Bildung mag auch hier bestimmte Anknüpfungen finden lassen, denn sie verbindet mit Menschen, die auf fernen Bahnen wandelnd doch dieselben allgemeinen Lebenseindrücke, dieselben Interessen in sich hegen. Lorle dünkte sich selber oft erschreckend verstandesarm, ihr Scharfblick und ihre Klugheit konnten sich nur offenbaren, wenn sie von Bekannten, von Menschen sprechen konnte; daheim war sie viel klüger gewesen. Notwendig und natürlich kam sie daher in Ermangelung der gemeinsamen Bekannten oder der Allgemeinheiten dazu, daß sie leicht von sich sprach oder ihre ganze Eigentümlichkeit offenbarte; sie konnte nicht anders, sie mußte auch in der neuen Umgrenzung sich frei walten lassen. – Eine Lerche, gewohnt und geschaffen, hinanstrebend im weiten Raum ihren Gesang erschallen zu lassen, lernt auch im engen Käfig singen wie in der Freiheit, aber am Gitter stehend bewegt sie ihre Flügel in leisem Zittern, während sie singt, und nie wird sie zahm, jeder betrachtende und forschende Blick macht, daß sie in wildem Aufruhr sich gegen die Umgitterung wirft und stemmt; sie verstummt und will entfliehen. So hatte das letzte Ereignis nach zwei Seiten hin vielleicht tödliche Keime angesetzt oder längst vorhandene dem Bewußtsein mehr geöffnet. Nun aber war noch über ein sichtbar erschüttertes Leben zu wachen. Die Bärbel konnte endlich doch das Bett nicht verlassen. Lorle wußte und kannte von nun an nichts mehr als die Pflege der Getreuen; sie hatte auch die Freude, sie bald wieder genesen zu sehen. Der Arzt erklärte, daß es der Bärbel vielleicht an ermüdender Arbeit in freier Luft fehle, und Reinhard drang nun darauf, daß sie heimkehre; aber zur Freude Lorles erklärte die Bärbel, daß sie lieber sterben wolle, als Lorle verlassen. Bei der anderweit erregten Verstimmung ward nun für Reinhard seine Häuslichkeit immer weniger erquickend, er war es überdrüssig, ein Hauswesen zu haben, in dem alle Sorgfalt sich wesentlich auf die Dienstmagd bezog; Lorle durfte er nichts davon mitteilen, denn er war fest überzeugt, sie könne seine Stimmung nicht begreifen, sie werde ihn notwendig mißverstehen. Die Bärbel sollte nun ärztlicher Verordnung gemäß oft spazieren gehen, Lorle begleitete sie bisweilen, nötigte sie aber auch, sich allein aufzumachen; in diesem Falle aber kam sie bald wieder zurück und sagte: »Ich kann nicht so herumlaufen, ja, wenn ich ein Kind zu tragen hätt', da ging's noch, aber so? Ich lauf' die Allee hinauf, wie wenn ich wunder was schnell holen müßt', und da kehr' ich doch wieder leer um, und da schäm' ich mich.« – Als im Herbst die Blätter von den Bäumen fielen, sank die Bärbel wieder auf das Krankenlager, und nach wenig Tagen war sie tot. Der Jammer und der Kummer Lorles war unbeschreiblich. Reinhard teilte ihren Schmerz, aber es ward ihm doch zu viel, daß die Klagen über die Verstorbene immer und immer wiederkehrten und kein Ende nehmen wollten; auch sollte er nun mithelfen und sorgen bei Mißhelligkeiten mit den neuen Dienstboten. Ein trüber Winter kam heran. Reinhard wurde weniger in die »Gesellschaft« gezogen, er war keine neue Erscheinung mehr und noch dazu offenbar mißgestimmt. Was kümmert sich die Gesellschaft um ein betrübtes Dasein? Sie will nur die Heiterkeit, und sei sie auch eine erlogene. Und nun gar die vornehme Welt! Sie kennt die Menschen nur, da sie in Glück und Glanz stehen. Anfänglich verdroß Reinhard diese Zurücksetzung, dann aber war's ihm erwünscht, so vielfacher Störung los zu sein; er blieb indes nicht zu Hause, sondern schloß sich dem Kollaborator und dessen Kreis öfter an. Die beiden Freunde durchsprachen oft den Plan zu einem satirischen Bilderwerk. Reinhard entwarf treffliche Zeichnungen zu demselben, aber der Kollaborator kam nie dazu, den Text zu schreiben. Wenn Reinhard nicht umhin konnte, dennoch eine der früheren Gesellschaften zu besuchen, so machte er sich bald wieder davon und kam im Ballanzuge in das raucherfüllte Bierstübchen, wo er bis spät in die Nacht sitzen blieb und dann oft noch stundenlang mit dem Kollaborator durch die menschenleeren Straßen wandelte. Mit dem Prinzen stand Reinhard noch im alten Verhältnisse, er fehlte nie in den kleinen Zirkeln, die der junge Fürst um sich versammelte; aber auch hier fand er Mißbehagen genug. »Es ist erbärmlich,« klagte er häufig dem Kollaborator auf ihren nächtlichen Gängen, »ich kann mich oft vor Ingrimm nicht halten, wenn ich sehe, welche Bedientenhaftigkeit gegen Ausländer an unsern Höfen herrscht. Wir Eingeborenen, wir Deutschen, müssen Adelige oder ausnahmsweise Bürgerliche von einer Auszeichnung des Talents sein, um bei Hof Eingang zu finden; jeder englische Stiefelputzer aber ist hoffähig, weil er eine weiße Halsbinde trägt und englisch spricht. Man muß froh sein, wenn nicht dem Fremden zulieb alles den ganzen Abend englisch quatscht. Diese Travellers haben recht, wenn sie ganz Deutschland wie einen einzigen Lohnbedienten ansehen; beginnen ja die Höfe mit Schändung der Nationalehre.« Der Kollaborator erwiderte: »Laß doch die da drüben an ihrem drapierten, wurmstichigen Gerüste treiben, was sie wollen, die Weltgeschichte kümmert sich nicht mehr darum; sie legt neue Bahnen, und die besuchtesten Straßen werden leer stehen. Ich bin kein Freund der Engländer, ich halte sie für die gottloseste Nation auf Erden, trotz und infolge ihres steifen Kirchentums. Jeder Engländer hat aber das Recht, sich bei uns als Adeliger zu gebärden, die Geschichte seiner Nation ist die Geschichte seiner Ahnen, die Größe seiner Nation ist die Größe jedes einzelnen, und wir, wir sind Privatmenschen, mit und ohne Familienwappen.« In solchen Gesprächen wandelten die Freunde oft bis tief in die Nacht hinein; die Nachtwächter sahen staunend die sonderbaren Schwärmer. Immer vereinsamter ward Lorle; eine unnennbare Sehnsucht, ein Heimweh regte sich in ihr, aber sie kämpfte, es nicht aufkommen zu lassen. Oft gedachte sie jener Stunde nach der Hochzeit, wo sie Gott gelobt hatte, alles freudig über sich zu nehmen, da sie so unendlich beglückt war. Jetzt fühlte sie, wie schwer es ist, um eine selige Stunde ein langes banges Leben hinzukümmern; es gebrach ihr an Kraft zu solchem Opfer, weil sie fürchtete, daß sie den andern, dem sie es brachte, vielleicht nicht damit beglücke. Sie geizte nach einem freundlichen Worte Reinhards, ein kleines Lob von ihm erhob und erkräftigte sie wiederum; sie bedurfte einer Anerkennung, seiner vor allen. Wie Reinhard die Sicherheit des Selbstbewußtseins in seinem künstlerischen Lebensberuf, so schien sie solche in ihrem Charakter verlieren zu wollen; sie horchte hin nach anerkennendem Zuruf von außen. Die Verstörtheit Reinhards steigerte noch ihr Wehe, er stand ihr so hoch, so erhaben über alle Menschen, daß sie der ganzen Welt zürnte, die ihm so viel zu schaffen machte und ihn quälte. In ihrer Fürsorge für ihn bekundete sich eine solche Unterthänigkeit, solch ein krankenwärterisches Nachgeben, daß er sie oft mit stiller Wehmut betrachtete. Warum konnte er nicht glücklich sein? Wie oft müht und peinigt man sich im kleinen und vereinzelten Leben und sucht ein Notwendiges mit quälender Angst, und am Ende liegt es bei ruhigem Blicke vor uns offen und frei; es ist, als ob ein Dämon uns früher geblendet und verwirrt hätte. Geht's wohl auch im großen, ganzen Leben so? Reinhard versuchte es, Leopoldine und seine Frau einander zu nähern, aber diese versicherte, daß sie gern allein, daß es ihr so am wohlsten sei. Tage- und wochenlang saß Lorle am Fenster bei dem Vogelbauer und strickte Strümpfe, deren Arbeitserlös sie den Ortsarmen in der Heimat schickte. Zur Fastnachtszeit gewann sie eine neue, schwere, für sie aber doch erhebungsvolle Thätigkeit. Die Magd erzählte, daß in dem Stockwerk unter ihnen die Frau des Kanzleiregistrators, eine Mutter von fünf Kindern, an der Auszehrung daniederliege und daß Jammer und Not in der Familie herrsche. Lorle kannte die Leute nicht, sie stand nur einen Augenblick still am Fenster, mit einem Entschluß kämpfend; dann ging sie hinab, klingelte und sagte, sie müsse zur Frau Registrator; dieser bot sie nun Hilfe und Beistand an. Die Kranke hob die durchscheinigen Hände auf und faltete sie mit innigem Dank. Lorle verweilte nicht lange beim Reden, sondern ging alsbald durch Küche und Kammer und ordnete alles. Von nun an war sie ihre ganze freie Zeit, und das war der größte Teil des Tages, bei der Kranken und ihren Kindern, die mit Liebe an ihr hingen; sie waltete überall, als wäre sie die Schwester der Mutter. Die Kranke war eine Frau voll ruhigen schönen Verständnisses für das Wesen Lorles, da sie dieselbe nicht zuerst durch Reden und Unterhalten, sondern frischweg durch die That kennen lernte; ohne Ahnung ihrer baldigen Auflösung sagte sie immer, wie glücklich sie sei, eine solche Freundin gefunden zu haben, und wie schön sie nach ihrer Genesung miteinander leben wollten. Lorle entnahm hieraus einen ganz besonderen Trost: eine Stadtfrau hatte sie doch auch verstanden und ihr solche Liebe zugewendet. Unterdes gewann die Stimmung Reinhards eine immer trübere Färbung. Er hatte seit den Universitätsjahren nie so lange mit dem Kollaborator gelebt als jetzt; der ätzende Geist des Gelehrten, der immer schärfer wurde, übte einen störenden und verwirrenden Einfluß auf das künstlerische Dichten und Trachten Reinhards. Im Glück und in der Freiheit wäre er stark genug gewesen, alle Störung von sich abzuschütteln, nun aber bemächtigte sich seiner oft eine nie dagewesene Grämlichkeit und Weichheit, so daß er waffenlos erschien. Wollte er etwas beginnen oder ausführen, sah er eitel Mangel und Halbheit darin. Der Trost des Kollaborators war ein trauriger, denn er bestand darin, daß in unsern Tagen alles, was gesundes Leben in sich hat, nur negativ sein könne, daß es darum keine Kunst geben könne, bis eine neue positive Weltordnung erobert sei; was sich heute noch zur Kunst gestalten könne, bestände nur noch in Reminiscenzen der vergangenen und noch nicht völlig ausgezehrten positiven Welt. Diese Ansichten verfocht er mit unleugbarem Scharfsinn, und so sehr sich auch Reinhard dagegen stemmte, sie kamen ihm doch in die Quere bei mancherlei neuen Entwürfen; er wendete sich daher wieder ganz der Landschaft zu – das Naturleben blieb doch stetig und fest – innerlich aber trauerte er dennoch um das verlassene Menschenleben. Dazu kam, daß eben dieses ihn von andrer Seite vielfach in Anspruch nahm und zwar auf die unerfreulichste Weise; er mußte bald bei Hofe, bald in den anschließenden Kreisen lebende Bilder stellen, Maskenzüge ordnen, und all dies Treiben ekelte ihn an. Konnte er Lorle von den Kämpfen um das innerste Wesen seines Lebensberufes etwas mitteilen? Sonst, wenn ihm die Mißlichkeiten des Lebens zu nahe rückten, flatterte er davon, ließ all das kunterbunte Treiben hinter sich und vergrub sich still in den Bergen; jetzt war er festgebunden. . . . Der Frühling nahte, die Frau des Registrators fühlte sich immer freier, und doch war sie nur noch ein Schatten. Lorle hatte manchen Aerger am Krankenbette, besonders über das singende Mädchen gegenüber; das sang und klimperte fort, mochte daneben ein Mensch sterben und verderben. Lorle konnte sich noch immer nicht in die Welt finden, wo Jubel und Todesschmerz Wandnachbarn sind und doch geschieden wie ferne Welten. – Bis zum letzten Atemzuge der Kranken harrte Lorle bei ihr aus und drückte ihr die Augen zu. Nun hatte sie wieder eine Befreundete zur Erde bestattet, die Sorge für die Kinder blieb ihre unausgesetzte Pflicht. Im ganzen Haus und in der Nachbarschaft hatte man vernommen, wie aufopfernd und edel Lorle gegen die Verstorbene und deren Familie gehandelt; sie gewann sich dadurch eine stille Achtung und Liebe. An manchem Gruß von ehedem stummen Lippen, an manchem ehrerbietigen Ausweichen auf Treppe und Hausflur merkte dies Lorle, und es erquickte sie im tiefsten Herzen. Oft dachte sie: »die Menschen sind doch überall gleich, nur kennen sie in der Stadt einander nicht. Vielleicht ist da eine brave Nachbarin, der es lieb wäre, wenn ich zu ihr käme, aber wir wissen nichts voneinander.« Wer sollte es aber glauben, daß Lorle ein geheimes und dauerndes Verhältnis zu einem fremden Manne hatte? Die Kanzlei, dem Hause gegenüber, war vollendet und bezogen. Wenn nun Lorle des Morgens ihren Vogel vor das Fenster hing, öffnete sich gerade gegenüber in der Kanzlei ein Fenster; ein Mann mit wenigen schneeweißen Haaren erschien und begoß seine Blumen, die auf dem äußersten Fenstersims standen. Er sah dann starr nach Lorle, bis ihr Blick ihn traf, er nickte freundlich, sie antwortete mit demselben Gruß und zog sich schnell in ihre Stube zurück; sie konnte nicht unwirsch gegen den guten alten Mann sein, er stellte ihr so schöne Blumen gegenüber, und sie schickte ihm dafür lustigen Vogelsang in die aktenstille Stube. Eines Morgens räumte der alte Mann seine Blumen weg und stand, die linke Hand unter die Batte seines Rockes gestemmt, mit glänzendem Gesicht da, nach Lorle hinüberschauend, etwas Farbiges prangte auf seinem Rocke; als ihn Lorle endlich erschaute, nickte er zweimal. Von diesem Tage an ward er nicht mehr gesehen, Lorle wußte nicht, was aus ihm geworden war; hätte sie das Regierungsblatt gelesen, so hätte sie erfahren, daß der Oberrevisor Körner einen Orden erhalten hatte und zum Kanzleirat ernannt war; er ward dadurch auf die Sonnenseite des Staatsgebäudes in das erste Stockwert versetzt. Die Flügel ausgebreitet! Eine tiefe, entsagungsvolle Schwermut lag wie ein Bann auf Lorle. Sie sang einmal vor sich hin, und plötzlich schaute sie auf, als hörte sie die Stimme eines andern; sie erinnerte sich jetzt, daß sie seit Wochen und Monden kein Lied gesungen hatte, weder lustig noch traurig. Die Tage des Lebens, sie vergehen, ob wir sie einsam oder in Gemeinschaft mit den Zugehörigen, ob wir sie in Trauer oder Lust verleben: sie ziehen dahin wie flüchtige Schatten und kehren nimmer wieder. Lorle war überzeugt, daß die Schuld des getrennten Daseins nicht bloß in dem Mangel an Kindersegen beruhe; dieser hätte wohl den Zerfall verhüllt oder ausgeglichen, aber die unzerstörbare Kraft der Liebe kann sich oft gerade da am mächtigsten bewähren, wo zwei Menschen sich allein alles sein müssen. Die Eltern zu Hause hatten auch lange in kinderloser Ehe gelebt, und die Bärbel erzählte oft, daß sie selber miteinander gewesen wie zwei Kinder, so selig vergnügt. Oft siecht ein Leben seine ganze Dauer hin, und oft rafft es sich empor zu neuer, selbstbestimmter Wiedergeburt; es ist ein höherer Wille, der dazu erkräftigt, und zugleich die in sich gehaltene Charakterkraft. Sonne und Regen nähren und erschließen leise und allmählich die Knospe, die der Entfaltung entgegenreift; Sturm und Gewitter können sie urplötzlich sprengen. Da sind drei Menschen, sie gehen ruhig ihren Lebensweg, und doch verdoppeln sich oft die Pulsschläge ihres Herzens. als müßte jetzt unversehens eine Wendung des Geschicks eintreten. Lorle lebte still dahin, sie war den Kindern der Verstorbenen eine sorgsame Mutter und erfreute sich in diesem erweiterten Kreise ihrer Pflichten. Da Reinhard fast nie mehr mit ihr spazieren ging, war sie auch froh, nun eines der Kinder zur Begleitung zu haben. Reinhard war vielfach betrübt: er redete sich ein, daß ihm kein Bild mehr gelinge, auch hatte er viel Unruhe bei der ihm obliegenden Ordnung einer im Unverstand zusammengetrödelten Kupferstichsammlung. Dazu wurde trotz seines Widerspruches manches geschmacklose Bild angekauft, ja man nahm seinen Rat oft erst in Anspruch, wenn der Kauf bereits abgeschlossen war; seine Mahnung, einheimische Künstler zu beschäftigen, verhallte spurlos, denn man wollte fremde und glänzende Namen im Katalog haben. Der Kollaborator hatte seit geraumer Zeit etwas Geheimnisvolles und Verschlossenes. Niemand ahnte, daß er nun in der That endlich in der Ausführung eines Werkes war, das wissenschaftlich und praktisch zugleich sein sollte, denn es nahm auf Gesetzesvorlagen in einem großen Staate Bezug, den man, nachdem die allgemeine Mißliebigkeit der Maßregel ihm zugefallen war, um so unbehinderter nachzuahmen strebte. Dort sollte nämlich unter der Herrschaft des Ritters von der Phrase der englisierte Sabbat und ein straffes Kirchenregiment eingeführt werden. Der Kollaborator verriet niemand sein Vorhaben, er hatte schon so oft gesagt, daß er dieses und jenes vollführen wolle, was doch unterblieben war; nun wollte er plötzlich auftreten. Er wußte, daß stark erscheinen oft wesentlich darin besteht: die Vorsätze und Schwankungen zu verbergen und dann mit fertigen Thaten zu überraschen. Der Weg nach der Hölle der Selbstanklage und der Verdammung durch andre ist mit guten Vorsätzen gepflastert. – Mit einem Gluteifer, den er bisher noch gar nicht an sich gekannt hatte, arbeitete der Kollaborator an seinem Werke und fand darin eine Erhebung, die kein noch so tiefes Denken und Fühlen in sich zu gewähren vermag. In der Hingebung, daß er die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen wollte, erquickte ihn auch noch oft der Gedanke an die öffentliche Wirksamkeit, und so empfing er im stillen den Segen der Geistesthat, der unbelauschten Ausbreitung des eigensten Seins und Erkennens für alle, ein Segen, dem nichts auf Erden gleichkommt; das ganze Einzelleben will sich aufzehren, ein Opfer in den Flammen des Gedankens, und schwebt wiederum unversehrt, geläutert daraus empor. Oft ward dem einsamen Forscher auch bange, er hatte so viel auf dem Herzen, das er noch nicht auf einmal offenbaren konnte. In Gesellschaft der Freunde war er schweigsamer als je; weil er ein Geheimnis mit sich trug. Es war ihm, als ob er sich auch über andre Dinge nicht vollkommen unumwunden aussprechen könne. Bei manchen Gesprächsgegenständen hatte er bisweilen Lust auszurufen: »Wartet nur, bis mein Buch kommt, dort habe ich alles dies erörtert und ans Licht gesetzt.« Weil er dies nicht sagen durfte und mochte, schwieg er. Dagegen konnte er nicht umhin, unter dem unmittelbaren Einfluß der Gespräche in seine bereits niedergeschriebenen Darstellungen manchen Zwischensatz einzuschalten, manches »Epitheton« einzukeilen, um diesen oder jenen Mißverständnissen und schiefen Ansichten zu begegnen. – Eines Mittags ging Lorle mit dem jüngsten Knaben des Registrators nach dem Schloßplatz zur Parade; sie wollte Reinhard dort erwarten, von dessen Werkstatt man gerade nach der Schloßwache sehen konnte. Als sie hier vorüberging, trat ein Tambour auf sie zu mit den Worten: »Grüß Gott! Ei, kennst mich nimmer? Sieh mich einmal recht an.« »Herr Je! der Wendelin, du bist ja mehr als um einen Kopf gewachsen.« »Und dir geht auch nichts ab, du bist recht stark worden, Lorle, oder Frau Professorin; nicht wahr, so heißt man dich doch?« Sie reichten sich die Hände, und noch mancherlei Fragen erzählte Wendelin: »Wie du halt fortgewesen bist, bin ich das Frühjahr drauf auch fort und hab' mich zum Grafen Felseneck als Schäfer verdingt, und da hat einmal unser Fräulein, die Gräfin Mathilde, gehört, daß ich von Weißenbach sei, und da hab' ich zu ihr 'nauf müssen, und da hat sie mich alles ausgefragt von dir und vom Herrn Reinhard. Es ist ein brav' Mädle, unser gnädig Fräulein, und da hat sie mir ein Guldenstückle geschenkt, und von dem Tag an hab' ich's immer besser gehabt auf dem Hof, und wenn sie so durchs Feld geritten ist, sie reitet prächtig, da ist sie auf mich zukommen und hat mit mir geschwätzt. Und wie der Herr Graf die Schäferei aufgegeben hat, da hat mich der Vetter, der ist Oberstlieutenant in unsrem Regiment, mit hierher genommen, und jetzt bin ich Tambour; ich bleib's aber nicht, ich lern' das Horn blasen, und übers Jahr komm' ich zur Regimentsmusik, und da hab' ich für mein Lebtag ausgesorgt. Ich bin schon vierzehn Wochen hier, ich hab' dich aber noch nicht gesehen.« »Warum bist du nicht zu mir kommen?« »Ja, wenn ich's gewußt hätt', daß ich so dürft' und daß du noch allfort so gut bist, ich hätt' dich schon ausgefunden. Ich hab' aber auch sündlich viel zu lernen gehabt, meine Arme sind mir oft wie abgebrochen gewesen, und heut bin ich zum erstenmal auf der Wacht; es ist mir ein gut Zeichen, daß ich dich grad seh'!« Während die beiden so miteinander plauderten, war der Adjutant des Prinzen bei Reinhard, um mit ihm die Transparente zu besprechen, die zur bevorstehenden Vermählung des Prinzen anzufertigen waren; er trat jetzt ans Fenster und rief: »Da unten steht Ihre Frau Gemahlin bei einem Soldaten.« Reinhard eilte hinab, Lorle sah ihn nicht kommen, bis er ganz nahe war und in heftigem Tone rief: »Was stehst du da? Komm mit fort.« In den bittersten Aeußerungen ergoß sich Reinhard über diese schmachvolle Unschicklichkeit; Lorle konnte nicht zu Wort kommen. Die Parade zog auf und spielte einen lustigen Marsch, Lorle war's, als müßte sie in den Boden versinken; da sie hier vor aller Welt ihre Thränen nicht zurückhalten konnte; glücklicherweise aber bemerkte niemand ihr zur Erde gewendetes Antlitz. Endlich konnte sie die Worte hervorbringen: »'s ist ja der Wendelin, du kennst ihn doch auch.« Reinhard sah wohl ein, daß er zu hart und heftig gewesen war, aber die Unschicklichkeit war doch zu groß, als daß er Abbitte that. Bei den unerquicklichen Arbeiten, die Reinhard nun auszuführen hatte, ward er zu Hause immer düsterer und gereizter. Als er sich einst wieder zu einer Heftigkeit gegen Lorle hinreißen ließ, sagte sie: »Schmeiß nur alles zusammen wie die Teller, die du auch zerbrochen hast.« Reinhard ward still, seine Frau kam ihm unendlich kleinlich vor, da sie jenen vor Jahren vollführten Uebermut nicht vergessen konnte. Lorle aber konnte nicht mehr ausführlich mit ihm reden, sie wollte ihm sagen, daß er auch sie zerbreche, weil sie sein eigen geworden sei; aber sie konnte jetzt ihm gegenüber nur halbe Worte finden, ein Bann lag auf ihrer Seele, den sie nicht zu lösen vermochte. Sie ging mit Reinhard durch die Straße, da begegnete ihnen ein Wagen mit frischem Heu; Lorle riß eine Handvoll aus und sagte: »Jetzt heuet man,« und Reinhard entgegnete: »Das ist etwas ganz Neues, eine merkwürdige Entdeckung!« Lorle schwieg, sie konnte wiederum nicht sagen, wie schmerzlich es sie errege, erst zufällig durch einen Heuwagen zu merken, was an der Zeit sei, da sie sich so weit vom Feldleben entfernt hatte. Ein überraschender Besuch verscheuchte auf einige Tage das stille Einerlei der einsamen Häuslichkeit. Der Wadeleswirt hatte schon oft seine Tochter heimsuchen wollen, aber wie das so geht, er kam schwer vom Fleck; bald sollte dieses, bald jenes Feldgeschäft noch gethan sein, bevor er reiste, und dann redete er sich wieder ein, er wolle die Gevatterschaft abwarten, und so verstrich die Zeit. In den Briefen, die Lorle nach Hause geschrieben hatte, sprach sich oft in einzelnen Worten ein sehnsuchtsvolles Heimweh aus. Es hätte sich wohl daraus entnehmen lassen, daß ihr jetziges Leben ihr noch ein fremdes war; die Eltern ahnten wohl dergleichen, aber sie wollten sich's nicht glauben, sie rechneten alles der übermäßigen Kindesliebe zu. Seit geraumer Zeit entschuldigte Lorle in ihren Briefen jedesmal ihren Mann, daß er nicht selber schreibe, weil er gar viel zu thun habe. Sei es nun durch eine Mitteilung Wendelins oder durch andre Berichte, im Dorfe ging die Sage, Lorle sei unglücklich und werde in der Stadt wie eine Gefangene gehalten. Nun hatte alles Zaudern und Zögern ein Ende, der Wadeleswirt lief herum, schnaubte und ballte die Fäuste; es that ihm nur leid, daß er den Reinhard nicht gleich packen und tüchtig durchwalken konnte. Den ganzen Tag und die Nacht hindurch fuhr er und kam am frühen Morgen in der Stadt an; er besann sich jetzt aber eines Bessern, er wollte Lorle zuerst allein sprechen und wartete daher, bis Reinhard in der Werkstatt war. Als er die drei Treppen hinanstieg, stand er mehrmals still und verschnaufte, sein Blut war in mächtiger Wallung, und er meinte, die Kniee müßten ihm brechen; das war ein harter Gang. Erschütternd war das Wiedersehen von Vater und Kind, Lorle wollte sogleich nach Reinhard schicken, aber der Vater sagte: »Nur stet: ich hab' zuerst ein Wörtle mit dir allein zu reden.« Lorle mußte nun ihre Lebensweise berichten. Der Vater runzelte die Stirn und preßte die Lippen aufeinander. als er merkte, daß Reinhard nur zum Mittagessen und Schlafen heimkäme; er gestand offen, daß das anders werden müsse und daß er dem »Professor was aufzuraten« geben wolle. Lorle bat und beschwor, ja keine Heftigkeit anzufachen, da das doch zu nichts führe; Eheleute müßten sich selber verständigen, da könne selbst der Vater nichts thun, sie sei nicht unglücklich, und ihre ganze Anschauung des Mißverhältnisses drängte sich in den Worten zusammen: »Gucket, das ist halt in der Stadt anders, das Elend ist eben, daß die Frau dem Mann in seinem Geschäft gar nichts helfen und beispringen kann, und da muß ein jedes allein sein; daheim, da geht die Frau mit dem Mann aufs Feld und hilft überall.« – Dann erklärte sie, wie sehr Reinhard zu bedauern sei, er werde so viel vom Hof in Anspruch genommen und habe doch keine Freude daran. Eine gemischte Empfindung beruhigte die Aufregung des Wadeleswirts, er bewunderte die Klugheit seiner Tochter und betrachtete sie mit erneutem Stolz; dann freute er sich, daß der Reinhard nichts vom Hofe wolle. Lorle hatte Reinhard nun doch rufen lassen, und dieser kam in Gemeinschaft mit dem Kollaborator. Das Wiedersehen von Schwiegervater und Sohn hatte hierdurch eine vielleicht erwünschte fremde Haltung, denn noch war der Zorn des ersteren nicht ganz verraucht. Reinhard war ganz der alte, auch äußerlich; denn er hatte sich seinen Bart wieder wachsen lassen, da die Engländer in allen möglichen Bartformen bei Hofe erschienen: man kann fast sagen, daß damit wiederum sein unbändiges Wesen aufwuchs. Reinhard schlug die alte übermütig lustige Weise gegen seinen Schwiegervater an, Lorle freute sich darüber. Sie wußte nicht, daß er sich innerlich Vorwürfe machte, daß er jetzt mit Absicht und Willen eine Form annahm, die ehedem unwillkürlich zu seinem Wesen gehörte; aber ihm stand keine andre Vermittlungsart mit seinem Schwiegervater zu Gebote. Der Kollaborator war überaus zuvorkommend und freundlich gegen den Wadeleswirt; Lorle neckte ihn, weil er sich sonst so wenig sehen ließ; sie konnte nicht ahnen, daß er sich von ihr zurückzog, aus Furcht, sein Mitleid und seine Verehrung für sie könne ihm einen bösen Streich spielen. So hatte die erste Stunde des Zusammenseins einen überaus heiteren Anstrich, und hätte man später auch Lust oder Veranlassung gehabt, eine andre Farbe zum Vorschein kommen zu lassen, so wäre dies nicht mehr möglich gewesen, wenigstens nicht in der ganzen Schärfe und Bestimmtheit; denn die erste Stunde des Wiedersehens ist der Accord, der die Tonart für den ganzen Verlauf des Beisammenseins angibt. Außerdem war Reinhard mit Arbeiten überhäuft, wie er mindestens behauptete, er überließ daher seinen Schwiegervater ganz der Leitung und Fürsorge des Kollaborators. Sei es zufällig, oder absichtlich, Reinhard ging nie mit dem Wirt, der natürlich in seiner Bauerntracht erschienen war, bei Tage über die Straße. Lorle glaubte, er ahne und fürchte eine unangenehme Auseinandersetzung und wolle dieselbe vermeiden, sie hatte nichts dagegen einzuwenden; daß er sich des Bauern schämen könnte, kam ihr nicht entfernt in den Sinn. Der Kollaborator war ganz glückselig, den Wadeleswirt überall geleiten zu können; er erfreute sich nicht nur an dem körnigen naturkräftigen Sinne des Mannes, sondern er wollte auch vor sich und vor andern beweisen, wie sehr er sich dem Volke nahe fühle; er versuchte sogar Arm in Arm mit dem Wirt zu gehen, was dieser aber als unbequem ablehnte. Der Wirt fand den Gelehrten in der Stadt auch viel schlichter und natürlicher als damals im Dorfe, er war daher auch ganz harmlos gegen ihn und sagte einmal: »Es ist mir doch allemal, wenn ich nach der Stadt da komm', wie wenn ich umfallen müßt'; es ist alles so eben (flach), es sind keine Berg' da, wo ich mich dran halten kann.« – Der Kollaborator erfreute sich an dieser eigentümlichen Empfindungsweise des Bergbewohners, aber er hatte gelernt, nicht alsbald auf alles eine Gegenbemerkung zu machen, wodurch der lautere Erguß gehemmt oder in eine andre Richtung gelenkt wurde. Der Landtag ward gerade wiederum versammelt, der Kollaborator brachte seinen Schützling in die Gesellschaft der freisinnigen Abgeordneten. In der ganzen Stadt und zumal »höheren Orts« wurde es übel vermerkt, daß der Kollaborator als Staatsdiener, der noch dazu jeden Tag seine endliche Ernennung zum Bibliothekar mit Gehaltserhöhung erwarten durfte, sich offen der ständischen Opposition anschloß; er kümmerte sich aber wenig um die ihm hierüber zugehenden Andeutungen. War nur irgend ein Bedenken berechtigt über den Anschluß an Männer, die auf dem Boden der Verfassung stehend gegen Regierungsmaßregeln kämpften und Normen für die Zukunft feststellten? War er ein Diener der Minister oder des Staates? – Der Wadeleswirt, aus dessen Bezirk ein Regierungsmann gewählt war, wurde dennoch von dem angesehenen Haupt der Opposition mit besonderer Auszeichnung behandelt, weil er nicht nur als freisinniger Wahlmann bekannt war, sondern in ihm auch eine Bürgschaft für die zukünftige Besserung des verlorenen Wahlbezirks liegen konnte. In dem rührigen, ernsten und heiteren Leben, das in dieser Gesellschaft den Wadeleswirt umgab und wo er andächtig zuhörte, vergaß er fast ganz, warum er eigentlich nach der Stadt gekommen war; überdies sah er jetzt wohl ein, daß hier nichts von seiner Seite geändert werden könne, und so war er froh, doch in der Beteiligung an den allgemeinen Landesangelegenheiten eine Erhebung zu finden. Der Kollaborator sprach mit seinem Schützling viel über Staatsverhältnisse, aber voll von dem Gegenstande, den er eben jetzt in seiner Schrift behandelte, konnte es auch nicht fehlen, daß er oft darauf zurückkam, man müsse zunächst und vor allem die wahre Religion wieder herstellen und dem »Pfaffentum den Treff geben«. »Ich hätt's nicht glaubt,« entgegnen der Wadeleswirt, »daß Ihr so fromm seid; aber lasset doch in Gottes Namen die Pfaffen in Ruh, da ist nicht gut anrühren und die gelten eigentlich doch nur bei den Weibsleuten. Jetzt müssen wir weniger Steuern, müssen Schwurgerichte und Landwehr haben, das ist jetzt die Hauptsach'.« Trotz aller Bitten Lorles hatte sich der Vater nicht bewegen lassen, bei ihr zu wohnen, er blieb bei einem alten Bekannten, einem Bäcker, der ihn bisweilen beim Fruchteinkaufe besuchte und der zugleich eine Wirtschaft hielt; Lorle mußte oft mit ihm dahin gehen, und sie saßen dann nicht in der Wirtsstube, sondern im Backstüble bei der Familie. Lorle war voll Freude, hier Menschen zu finden, einfach und offen wie daheim, voll rüstiger Thätigkeit im Haus und im Feld. Der Wadeleswirt empfahl noch seinem Gastfreund, er solle Lorle beistehen und ihr geben, was sie verlange, und sie versprach, öfters zum Besuche bei der Bäckerfamilie zu kommen. Die Stunde der Abreise nahte. Lorle konnte den Gedanken nicht los werden, daß sie auf lange Abschied nehme und ihren Vater vielleicht nimmer wiedersehe, sie sagte daher bei der letzten Handreichung: »Pfleget Euch nur auch recht gut, daß Ihr gesund bleibet, und machet Euch wegen meiner keinen Kummer.« »Närrle,« erwiderte der Vater; »ich sterb' noch nicht, und wenn ich sterb', du kannst ruhig sein, du hast mir mit Willen dein Lebtag keinen traurigen Augenblick gemacht.« Lorle weinte. »B'hüt dich Gott!« sagte der Vater in einem gewaltsam starken Ton, »und komm auch bald auf Besuch.« Er stieg auf das Wägelchen des Bäckers, mit dem er halbwegs fuhr, wo ihn dann der Martin abholte. Lorle lebte nun wieder in ihrer alten, ruhig stillen Weise. Die beiden Freunde aber waren in großer Aufregung. Eine soeben erschienene Zwanzigbogenschrift brachte die ganze Stadt in Aufruhr. Sie hieß: »Die Sonntagsteufel mit den weißen Bäffchen, oder ein Schuß ins Schwarze, von Adalbert Reihenmaier.« Die Vorrede lautete: »Leser, auf zwei Worte! Ich will die Religionsheuchelei ans Messer der Oeffentlichkeit liefern. Ich will die Versteinerungen im Moralienkabinett ordnen. Komm mit.« Der Kollaborator, der ehedem die Ansicht gehegt hatte, man müsse die ganze heutige Welt radikal in sich verfaulen lassen, hatte nun doch an das Bestehende angeknüpft, da er zur Einsicht gelangt war, daß jene Erhabenthuerei bloß eine Maske der Trägheit und Selbstgefälligkeit ist. Die Tiefe und Selbständigkeit der philosophischen und geschichtlichen Forschung war in der Schrift unverkennbar, manches aber nahm sich seltsam aus; denn es waren nackt hingestellte Ergebnisse langer Besprechungen oder weitläufiger innerlicher Denkprozesse, nur für denjenigen vollkommen klar, der den Kollaborator kannte. Daneben waren dann wieder Sätze wie Dolche auf zusammengeschweißtem und gehämmertem Stahldraht. Ein Kapitel: »Adam Kadmon, oder die Urmenschen an der Spitze der Geschichtsepochen«, in dem der Verfasser seine Ansichten von der Erlösung darlegte, wurde von Oberflächlichen als mystisch bezeichnet, weil darin die Wiedergeburt der Menschheit durch die reine Natur erklärt werden sollte. Wir kennen einige Grundlinien dieser besondern Anschauung aus der Art, wie der Kollaborator das Wesen Lorles gegenüber den Kulturbestrebungen ansah. Soweit ab in die Tiefen des Geistes und der Geschichte sich diese Erörterung verlief, kann sie doch wohl durch jene Betrachtung angeregt worden sein; denn wer weiß, aus welchen scheinbar fern liegenden Anregungen der schöpferische Geist seine Gebilde schafft und seine Erkenntnisse den Anfang nehmen. Wo sich die Schrift dem unmittelbaren Leben zuwendete, gelangte sie zu einem Schwunge, der sich mit dem prophetischen vergleichen ließ; hier loderte der Eifer gegen die Verunstaltung und die Blindheit, die aus dem Beseligendsten und Befreiendsten eine Jammerschule und eine Sklavenkette macht. Eben dies erregte den heftigsten Zelotismus gegen den Verfasser. Von den Kanzeln herab wurde gegen den ruchlosen Gottesleugner gepredigt und zugleich alsbald eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet. Jetzt lebte jene alte Notiz in dem geheimen Buch und das Aktenfascikel 14263 wieder auf; die Schrift und jene Thatsache wurden zur Fangschnur gedreht: der Kollaborator wurde wegen Atheismus angeklagt. Die rechtsgelehrten Freunde erboten sich, ihn juristisch zu vertreten, er lehnte es ab, und die Verteidigungschrift, die er einreichte, ward zur neuen Anklage. Dennoch ging er so frei und froh umher, wie noch nie. Was kümmerten ihn die scheelen Blicke und das Fingerdeuten auf den vordem Unbekannten, Unangefochtenen? Er glaubte erst jetzt sich selber achten zu dürfen. Nur der unbeschreibliche Jammer seiner Schwester Leopoldine that ihm weh. Vor der Schwelle einer gesicherten Zukunft hatte der Bruder sich selber den Weg abgegraben, das konnte die treue Gefährtin nicht verschmerzen. Sie hatte Gönnerinnen genug und lief von Haus zu Haus mit Bitten und Klagen, bis sie erfuhr, daß es sich zugleich auch darum handle, den eben von der Universität zurückgekehrten Sohn des Konsistorialdirektors in die zu erledigende Stelle einzuschieben. Von diesem Augenblicke an hörte man kein Klagewort mehr von ihr. Mit einer bewundernswerten Stärke und Seelenruhe ließ sie nun alles kommen und war freundlich gegen den Bruder, in dem sie ein Opfer der Familienränke sah. Lorle suchte jetzt Leopoldine wieder auf und sah mit tiefer Reue, wie unrecht sie gegen diese gehandelt hatte, die jetzt in Schmerz und Not ihre Hochherzigkeit und ihren liebevollen Geist offenbarte. Auch Leopoldine erkannte nunmehr das gesunde Herz und die Zartheit Lorles. Diese sagte einmal: »Ich glaub's nicht, aber wenn's auch wahr ist, daß der Herr Reihenmaier was Sündliches geschrieben hat, da wird ihn unser Herrgott schon strafen und besser machen; was geht das das Konsistore an? Da kann kein König und kein Kaiser was machen, das muß Gott selber wieder in einem zurecht bringen. Aber der Bruder ist ja so gut, er beleidigt ja kein Kind!« Die Oberbehörden hatten andre Grundsätze, der Kollaborator wurde durch ein beispiellos rasches Erkenntnis als Gotteslästerer zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt und demzufolge seines Amtes entsetzt. Er rekurrierte an das Gesamtministerium. Reinhard war eines Abends » en petit cercle « beim Prinzen, die Eingeladenen standen in einer Gruppe im Empfangsaale und harrten nach der Hofweise des Einladenden. Unversehens kam die Rede auf das Buch des Kollaborators; ein junger Engländer bemerkte: »Solche Frechheiten darf man nie und nirgends dulden, das schamlose fade Buch sollte an den Galgen genagelt werden.« Reinhard hielt an sich und sagte nur mit ironischem Lächeln: »Sie zürnen, weil der Verfasser die Engländer das gottloseste Volk der Erde nennt, Sonntagschriften, die allsabbatlich ihrem Lordsgott langbeinige Reverenzen machen, während sie in der Woche lieblos gegen die eigenen niederen Stände und egoistisch gegen alle Welt sind.« »Ich bewundere Ihre glückliche Gabe, es gibt Menschen mit einer besondern Anziehungskraft für Paradoxen und Trivialitäten,« entgegnete der Engländer. Reinhard biß die Lippen aufeinander und faßte krampfhaft seinen Rockschoß, als packte er den kecken Schwätzer, der jetzt fortfuhr: »Der aberwitzige Verfasser versteht kein Wort von Philosophie.« »So?« fuhr Reinhard fort, »also auch darüber wagt ihr abzuurteilen? Wo sich der deutsche Geist irgend in seiner Kraft äußert, da wagt ihr's, ihn zu bespötteln. Mag die ganze vornehme Welt vor euch krummbuckeln und der Affe eurer Gentlemansroheit sein, es gibt noch etwas Höheres« – »Seine königliche Hoheit!« hieß es plötzlich, als eben der Comte de Foulard beschwichtigend sich einmengen wollte; die Gruppe zerteilte sich schnell und bildete zu beiden Seiten Front, durch die der Prinz begrüßend schritt. Wie war jetzt alles plötzlich gedämmt! Die Gräfin Mathilde hatte wahr gesprochen, als sie einst gegen Reinhard bemerkte, daß die Etikette und die gesellschaftliche Form überhaupt den individuellen Takt oft ersetzen müsse. In mancherlei abliegenden Gesprächen suchten die Engländer, die sogleich gemeinschaftliche Sache machten, Reinhard zu reizen, ohne daß er in Gegenwart des Prinzen ihnen erwidern konnte; Reinhard fand indes einen unerwarteten Beistand in dem Oberlieutenant und Kammerjunker Arthur von Belgern, dem Vetter der Gräfin Mathilde. Als man die Gesellschaft verließ, sagte Belgern zu Reinhard: »Sie haben zwar dem ganzen Hofkreise den Handschuh hingeworfen, indes erbiete ich mich gern zu Ihrem Sekundanten. Es empört mich und viele mit mir schon lange, welche Anmaßungen den Fremden bei Hofe gestattet werden; durch einige Mäßigung hätten Sie sich, ich darf wohl sagen, den besten Teil der Gesellschaft zu Dank verpflichtet.« Reinhard war es aber durchaus nicht darum zu thun gewesen, eine Partei zu gewinnen oder sich eine Koterie zu verpflichten; er hatte seinem Ingrimm Luft gemacht, und es that ihm nur leid, daß es nicht noch kräftiger geschehen war. Mochte seine Beziehung zum Hofe sich dadurch lösen, es war ihm erwünscht. Als die Aufforderung nun andern Morgens eintraf, nahm er sie mit Freuden an, ließ sich aber nicht von Belgern, sondern von einem jungen Rechtsgelehrten sekundieren und schoß seine erste Kugel dem Gegner durch das rechte Schulterblatt. Das Duell erregte gewaltiges Aufsehen in der ganzen Stadt; es wurde indes vertuscht, aus Rücksicht für den Ort, wo es angesponnen, und weil man überhaupt gern Aufsehen vermied und Ignorieren in diesen wie in höheren Beziehungen als höchste Staatsklugheit gepriesen wird. Lorle erfuhr die ganze Sache erst mehrere Tage später zufällig von Leopoldinen; sie schauderte vor dem, was geschehen war, und daß Reinhard ihr es verhehlen konnte. Sie begriff diese Welt nun gar nicht mehr: dort ein braver Mensch der Gottesleugnerei angeklagt; hier ihr eigener Mann, der sein Leben aufs Spiel setzte wie einen Rechenpfennig. Sie ging mehrere Tage umher und sah allen Leuten verwundert ins Gesicht, als wollte sie sie fragen, ob denn die Welt bald untergehe? In Reinhards Gegenwart war sie oft zerstreut, und dann sah sie ihn wieder mit einem flehenden Blick an, der dringend bat: erzähl' mir doch alles, ich kann nicht begreifen, wie du dein Leben, das doch mir gehört, vor die Mündung einer Pistole setzen konntest, ohne mir etwas davon zu sagen; und auch jetzt noch, da du der Gefahr entronnen, höre ich kein Wort. Bin ich denn gar nicht mehr da? So sah sie ihn oft starr an, und keines redete eine Silbe. Lorle half Leopoldinen, so viel sie konnte, aber die Wackere und Starkmutige war selten zu Hause, sie ahnte, was kommen konnte, und um gegen jede Fährlichkeit gesichert zu sein, begann sie nun wieder ihr Putzgeschäft einzurichten. In dem Hause des Bäckers, wohin Lorle ihrem Versprechen gemäß jetzt bisweilen ging, fand sie meist Erholung; hier war ein Leben voll Arbeit und Heiterkeit, man wußte hier so wenig von dem Wirrwarr, der da drüben in den andern Kreisen herrschte, als läge die Welt fern überm Meere. – Lorle, die sonst immer zu Hause geblieben und in sich selber Ruhe gesucht hatte, ging jetzt öfter aus, sie wollte sich vergessen, eine gewaltige Unruhe störte sie auf; sie war wie ein Vogel, der den Baum zur Erde gefällt sieht, auf dem er sein Nest gebaut hatte. – Das Gesamtministerium bestätigte die Amtsentsetzung des Kollaborators, jedoch ward ihm die Gefängnisstrafe erlassen. In dem kleinen Bierstübchen wurde »der Geburtstag des Privatmenschen Reihenmaier« würdig gefeiert. Der Neugeborne hielt sich selber die Rede, in welcher die bemerkenswerte Stelle vorkam: »Sie irren sich, die Herren, sie wollen uns zu Lumpen machen, um dann ausrufen zu können: Seht ihr's: nur die Taugenichtse sind unzufrieden! Wir wollen's ihnen zeigen.« Von dieser Zeit an studierte er emsiger als je. Viele glaubten, daß er mit einer neuen, noch nachdrücklicheren Schrift hervortreten werde; aber er behauptete, nicht zum Schriftsteller zu taugen. Er gab sich nun ganz seiner Lieblingswissenschaft, der Geologie hin. Scherzend sagte er einst zu Reinhard: »Ich bin ein Stück Prometheus, auf den Felsen verwiesen, weil ich einen Funken Licht vom Himmel auf die Erde gebracht; aber ich bin nicht gefesselt:, und ich lasse mir das Herz nicht aushacken.« Reinhard war nicht nur bei Hofe, sondern auch, wie ihm die Freunde erzählten, fast in der ganzen Stadt in Ungnade gefallen. In der Residenz, die wesentlich aus Beamten und Militär bestand, und wo es an natürlichen Erwerbsquellen mangelte, hatte sich bereits jene Verderbnis der Badeorte eingenistet, daß viele faulenzend von der Vermietung ihrer Wohnungen an Fremde lebten und, wie sie sich vor denselben in kleine Stübchen zurückzogen, so ihnen auch sonst in allem Unterthänigkeit bewiesen. Die Engländer hatten in Mißmut fast sämtlich die Residenz verlassen, und Reinhard ward nun in den Augen vieler ein Aergernis. So wenig ihn alles dies berührte, empfand er doch eine prickelnde Unbehaglichkeit in allen seinen Verhältnissen. Lorle litt dabei am meisten, denn er sagte oft im Unmut: »Ich gehe zu Grunde, wenn ich hier bleibe, ich kann nicht hier bleiben und will und muß doch.« – Lorle wußte gar nicht, was sie beginnen sollte, sie bat, daß sie nach einer andern Stadt ziehen möchten; aber das wollte Reinhard wieder nicht. Mitten in diesem Wirrwarr traf Lorle eine schwere Nachricht: ihr Vater war plötzlich am Schlage gestorben. Nachdem sie sich sattsam ausgeweint hatte, war sie wunderbar gefaßt; sie ging tagtäglich nach der Kirche, um für den Verdorbenen zu beten. Leopoldine stand ihr getreulich bei in ihrem Kummer. Als sie ihr einst durch Erinnerung an eigenes Mißgeschick Trost zusprechen wollte, sagte Lorle: »Er ist jetzt tot, aber mir ist's, wie wenn er nur weiter weg wär', wo man eben nicht hinkommen kann, bis Gott einen ruft, ich denk' jetzt grad an ihn, wie wenn er noch da wär', für mich ist's eins; ob man so weit oder so weit voneinander ist, das ist gleich. Es thut mir nur leid, daß er nichts mehr von dieser Welt hat, er hat aber die andre dafür; mich dauert nur mein' Mutter, mein' gute, gute Mutter.« Reinhard kam immer seltener und immer flüchtiger nach Hause, er vollführte ohne Unterlaß seine Aufträge für den Hof; er setzte einen Stolz darein, zu zeigen, daß ihm die Ungnade nicht nahe gehe und er Großmut zu üben wisse. – In den Feierabenden begann er sich auf traurige Weise zu betäuben. Lorle fühlte ein fast unbezwingbares Heimweh, und doch wollte sie nicht auf einige Tage zur Mutter; sie fürchtete das Wiedersehen, den Abschied und die Rückkehr. Oft war's ihr wie einem Vogel, der die Flügel regt, aber sich nicht aufschwingen kann. Im Traume kam es ihr vor, als hätte der Bach ihres heimatlichen Dorfes eine Gestalt gewonnen und zöge und zerrte an ihr, daß sie heimkehre. Eines Abends im Herbste saß sie am Fenster und sah den Schwalben zu, die jetzt hastiger durch die Lust schossen, im Fluge zwitscherten und sich grüßten; Lorle breitete unwillkürlich die Arme aus, sie wünschte sich Flügel, sie wollte fort, sie wußte nicht, wohin. Die Dämmerung brach herein, die Abendglocke läutete, Lorle konnte nicht beten, sie saß im Dunkel und träumte: sie läge tief in der Erde eingeschlossen, und nimmer tagt's. Da erwachte sie und hörte eine Stimme auf der Straße, die in schwerem, langem Klageton rief: Sand! Sand! Sand! »Ach Gott!« dachte Lorle, »der Mann will noch nicht heim, er kann seinen Kindern kein Brot bringen für den Sand, den er feil bietet.« Sie ging hinab und kaufte dem Manne seinen ganzen Wagen voll Sand ab, so daß für Jahr und Tag vorgesorgt war. Der abgehärmte heisere Sandverkäufer dankte ihr mit Thränen in den Blicken. Sie ging nun wieder in die Stube und malte sich das Glück der Familie aus, wenn der Vater heimkam und Brot und Geld mitbrachte. Zu sich selber sprach sie dann: »Du bist doch undankbar, du hast's so gut, hast dein täglich Brot, und dein Mann läßt dich über alles Meister sein. Ach, er ist ja so gut. Wenn ich ihm nur helfen könnt'.« Sie nahm ihr Gebetbuch und betete; sie mußte herzstärkende Worte gelesen haben, denn sie küßte die Blätter des Buches und legte es zu. Wie viele inbrünstige Küsse lagen schon in diesem Buch eingeschlossen! Lorle faßte den Entschluß, heute zu warten, bis Reinhard heimkäme; sie mußte ihm wieder einmal ihr ganzes liebendes Herz offenbaren. – Stunde aus Stunde verrann, er kam nicht; sie hatte wieder das Gebetbuch ergriffen und Gebete und Gesänge für alle möglichen Lebensfälle gesprochen und leise gesungen; sie rieb sich oft die Augen, aber sie blieb wach. Welch ein eigentümlicher Weltzusammenhang offenbarte sich ihr jetzt. Die Gedanken der Menschen in den verschiedensten Lebensverhältnissen waren jetzt durch ihre Seele gezogen, und alle und überall seufzten sie auf und streckten die Hände empor. Könnt ihr euch nicht retten und emporschwingen? In diesem Gedanken saß Lorle da und starrte hinein in das Licht. Mitternacht war längst vorüber, als sie Reinhard die Treppe heraufkommen hörte; sie wollte ihm entgegengehen, aber doch hielt sie's für besser, ihn in der Stube zu erwarten. Jetzt öffnete sich die Thür. Verhülle dich, Auge! Ein Schreckbild, das einst im Scherz dich so gepeinigt – es wird zur Wahrheit. »Lieber Reinhard, was ist dir?« rief Lorle entsetzt. »Laß mich, laß mich,« antwortete Reinhard mit schwerer, lallender Zunge; er that einen Schritt vor, und taumelnd stürzte er auf den Boden. Lorle schrie nicht um Hilfe, sie hatte seinen Zustand erkannt und warf sich neben ihm auf den Boden, sie schaute dann mit gläsernem Blick umher und konnte nicht weinen. Eine Göttererscheinung, zu der sie anbetend aufgeschaut hatte, war in den Staub gesunken. »Wer hat das verschuldet? Er, ich oder die Welt? . . .« Endlich stand sie auf, holte ein Kissen und legte es Reinhard unter den Kopf; er hob einen Arm und ließ ihn matt wiederum sinken. In dunkler Kammer hatte sich Lorle über das Bett geworfen, kein Schlaf berührte ihre Augenlider, ihre Gedanken wurden wie von nächtigen Geistern wirr durcheinander gejagt, und Bilder, die kein Wachen schauen kann, umgaukelten sie. Der Tag graute. Als fühlte sie das Nahen des Morgens, stand sie auf, Reinhard lag noch in ruhigem Schlafe. Sie kleidete sich sorgfältig an, nahm ihr Gebetbuch, öffnete es aber nicht, sondern steckte es zu sich; was sie jetzt vorhatte, kam zunächst aus der Entschiedenheit ihres Charakters, aus ihrem selbständigen Entschluß. Vom Abend her lag noch eine geklärte Ruhe auf ihrer Seele, und eine Zuversicht, die aus der Tiefe des eigensten Lebens kam, spannte ihr ganzes Wesen; sie schwankte keinen Augenblick in ihrem Beginnen. Eine Weile stand sie mit gefalteten Händen vor Reinhard, dann verließ sie die Stube und ging die Treppe hinab. An der Flurthüre des Registrators lauschte sie, alles war still. »B'hüt euch Gott, ihr lieben Kinder,« hauchte sie an die Scheibe und verließ rasch das Haus. Der Bäcker war höchlich erstaunt, als Lorle ihn bat, augenblicklich einspannen zu lassen, um sie nach Hause zu fahren; er willfahrte indes ohne Zögern, und da kein Knecht zu Hause war, übernahm er selbst den Fuhrmannsdienst. Lorle nahm nicht nur kein Frühstück, sondern duldete nicht einmal, daß der Bäcker auf dessen Bereitung wartete. Als sie an der Kaserne vorbeifuhren, stand ein Tambour dort und schlug die Tagwacht; es war Wendelin, er ahnte nicht, wer im Morgenduft an ihm vorüberzog. Wenige Stunden darauf erhielt Reinhard durch einen Boten folgenden Brief: »Ich sage dir Lebewohl, lieber Reinhard, ich gehe wieder heim zu meiner Mutter, ich hab's wohl bedacht, aber ich geh'. Ich danke dir viele tausendmal für all' das Liebe und Gute auf dieser Welt, was ich durch dich gehabt hab'. Ich bin ein' schöne Zeit glücklich gewesen. Gott ist mein Zeug', wenn ich's heut nochmals zu thun hätte, und ich wüßt', daß ich so lang in Schmerzen verleben muß, ich thät's doch wieder und ging' mit dir. Es ist doch ein' schöne Zeit gewesen. Laß es bleiben, daß du mich zu dir zurückbringen willst, das geschieht nimmer und nimmermehr; es ist gut so für dich, und mit Gottes Hilfe auch für mich. Wenn du mir mein Bett und die zwei blauen Ueberzüge schicken willst, von allem andern will ich nichts mehr sehen. Du mußt wieder in die weite Welt und ich geh' heim. Du wirst deinen Kummer schon wieder vergessen, vergiß meiner aber doch nicht ganz. Lebe wohl und ewig wohl. Bis in den Tod deine getreue Lore Reinhard . Laß der Bärbel noch ein steinern Kreuz setzen, wie du versprochen hast. Lebe wohl und ewig wohl. Deine Getreue. Verzeihe, das Papier ist naß geworden, ich habe darauf geweint. Lebe wohl und lebe ewig wohl.« Und dann? Der Kollaborator ist als Teilhaber einer Mineralienhandlung auf Reisen. Wer weiß, in welchem Bergwerk er jetzt hämmert und gräbt. Wir dürfen ihm Glückauf zurufen und sicher sein, daß er wieder den Weg ans Licht findet. In Rom fragte die Frau des Kammerherrn Arthur von Belgern, geborene Gräfin Mathilde von Felseneck, angelegentlich nach dem Maler Reinhard, der seine Stellung in der *schen Residenz aufgegeben und sich hierher gewendet hatte; sie hörte nur, daß er selten nach der Stadt käme, sich meist in der Campagna umhertreibe und dort il Tedesco furioso heiße. Durch das Dorf geht eine Frau in städtischer Kleidung, von jedermann herzlich begrüßt, und fragt ihr, wer sie sei, so wird euch jeder mit dankendem Blicke sagen, daß sie der Schutzengel der Hilfsbedürftigen ist. Und ihr Name? Man nennt sie die Frau Professorin. Luzifer. (1847.) In die wogende Saat. Die Morgenglocken tönen und klingen und wollen nicht enden, durch die still wogende Saat wallt in langer Reihe eine fromme Schar, die Kirchenfahnen blau und rot flattern und knattern im sanften Windhauch, laut ausgerufene Worte werden nachgemurmelt in der endlosen Reihe, Gesänge schallen hin über Wiese und Feld, und der rauschende Wald verschlingt sie. Hoch oben im Blau verborgen, schmettert die Lerche ihr Lied und badet im lichten Aether; erfrischender Duft atmet von den Höhen und aus den Gründen, und die Weihrauchwölkchen aus den geschwungenen Kesseln zerteilen sich rasch. Dort senkt sich der Zug den Feldweg hinab, die Fahnen sind versunken und die Menschen mit ihnen, dort aber steigen sie schon wieder die Höhe jenseits hinan; weit voraus sind die ersten, und noch bewegt sich das Ende des Zuges zwischen den Hecken der Gärten am Dorfe. Die Menschen ziehen hin durch die Flur und danken dem Gotte, der so reiche Saat emporsprossen ließ, sie flehen um ferneren Schutz und segnen die Frucht ihrer Arbeit. Es ist der Bittgang durch das Feld. Diese Wege zogen sie oft einsam, belastet und müde, heute sind sie alle vereint, frei und in ihren Feierkleidern; nur Worte, andächtige Grüße schicken sie hin über die Häupter der schwankenden Aehren, die sich still zu einander neigen, als verstünden sie den Gruß und flüsterten Unhörbares sich zu. Den Zug schloß eine uralte, wohlgekleidete Frau, sie ging etwas gebückt und führte einen rotwangigen Knaben von etwa neun Jahren, der stets tänzelte und hüpfte. Als man an der Thalschlucht anlangte, sagte die Alte: »Viktor, halt ein bißle still, wir wollen da absitzen, meine Läufer wollen nimmer mit; komm, wir wollen noch beten und dann heimezu gehen.« Sie setzten sich auf den Rain, und der Knabe las aus dem Gebetbuche vor. Dann sprach die Alte mit tiefer Rührung von der Güte Gottes, der nun die armen Menschen wieder so reich gesegnet habe. Endlich richtete sie sich auf und streichelte den Knaben über Stirn und Wangen, und nun machten sie sich still auf den Weg. Im Dorfe war alles wie ausgeflogen, die Glocke schien gleich einer Mutterstimme die Fernhingezogenen zu rufen, daß sie der Heimat nicht vergäßen. Des hatte es keine Not, denn bald füllten sich die Straßen wieder, und alles eilte mit doppelter Hast zur harrenden Speise. Eben bebte der letzte Ton des Geläutes auf, und schon schlug es zwölf Uhr. Der Mittag ist glühheiß, die Sonne sticht so spitz. Nach der Mittagskirche ist es wiederum leer auf der Straße. Die Pappel beschaut sich weithin im glatten Spiegel des Weihers, und kein Lüftchen bewegt ihre langstieligen Blätter; die Enten liegen am Ufer, und da sie nichts zu reden und nichts zu essen haben, stecken sie die Schnäbel unter die Flügel und – gut Nacht, Mittag. Eine Schar Hühner hat unter einem leerstehenden Wagen Schatten gesucht, und nur eine unruhige aus ihrer Mitte gräbt sich tief ein in den Sand. Das ganze Dorf ist wie schlafen gangen. Am Rathause aber hört man gewaltigen Lärm, besonders tönt eine mächtige Stimme hervor. Alle Mannen sind dort versammelt,. denn der Schultheiß bringt einen neuen Vorschlag an die Gemeindeversammlung. Zweierlei Mißlichkeiten hatten bisher beim Einzuge des Zehnten stattgefunden. Vor allem die Scherereien durch die Zehntknechte, da war man nicht Herr seines Eigentums, bis die Herren Zehntknechte ihren Teil geholt hatten; pachteten Ortsangehörige den Zehnten, so blieb dieser Mißstand derselbe und führte noch zu allerlei Feindschaften bei der Steigerung u. s. w. Darum hatte der Gemeinderat für dieses Jahr sowohl den »Herrenzehnten« als den »Pfarrzehnten« gepachtet und verlangte dafür die Bestätigung der Gemeinde. Der Vorschlag war sachgemäß und billig, alles schien einverstanden. Da erhob sich der Sägmüller Luzian Hillebrand, der zugleich auch Obmann des Bürgerausschusses war, und rief: »Wie? will keiner das Maul aufthun bei der Hitz? Fürchtet er sich, die Zung' zu verbrennen?« Alles lachte, und man hörte eine Stimme sagen; »Was hat der jetzt wieder?« Luzian fuhr fort: »Was hat der jetzt wieder? hör' ich da wieder rufen. Sollst's gleich hören und ihr alle mit. Ich muß mich jetzt schon an den Laden legen. Also wie es den Anschein hat, soll die Sach' jetzt gleich beschlossen werden, butschgeres fertig, wie der alte Geigerler als gesagt hat. Aber warum hören wir vom Ausschuß erst jetzt davon? Da sehet ihr's, ihr Mannen, wie die Herren Gemeinderät' für die Ewigkeit, ich mein' die lebenslangen, regieren, da könnet ihr's nun wieder abmerken, daß ihr nie mehr einen wählet, der nicht unterschreibt, daß er nach fünf Jahren austreten will.« »Was hast denn gegen die heutige Sach'?« fragte der Schultheiß, »was sollen die griffigen Reden?« »Kommt schon,« entgegnete Luzian, »es ist auf die Lebenslangen kein Schlag verloren als der, wo neben 'naus geht. Also nach dem Flurbuch wollet ihr den Zehnten umlegen? Nicht wahr, Schultheiß und du, Heiligenpfleger, du hast deine Aecker meist im Speckfeld, der Kübelfritz da hat aber seine paar Aeckerle drunten beim Heubuckel und im Nesselfang; was meinst, muß der vom Morgen so viel Zehnten geben, wie du und ich von meinen besten Aeckern, wo der Boden fett und mürb ist und wo wir die doppelten Neuning machen? Saget nur alle ja.« »Nein,« schrie es von allen Seiten, und »hat recht, hat beim Blitz recht,« hinkte noch der eine und andre mit seiner Rede nach, als bereits wiederum Stille eintrat und Luzian dann fortfuhr: »So? Also nein; warum stehet ihr denn aber da wie Gott verlaß mich nicht und red't keins und deutet nicht und macht nicht und bericht't nicht? Warum lasset ihr mich immer am schweren Ort anfassen? Nun meinetwegen, es geht auf die alt Zech'. Jetzt ich mein' so: wenn der Vorschlag angenommen wird, und ich will mich nicht dagegen stäupern (widersetzen), dann macht man den Anhang dazu: man wählt noch einen Ausschuß, der den Zehnten zelgweise, wie's Kauf und Lauf ist, umlegt. Aber ihr schreibet alle nicht gern Zettel, und da du,« er stieß lächelnd seinen Nachbar an, »du fürchtest mit den andern, das Bier im Rößle wird dir warm. Also der Gemeinderat und drei Mannen vom Bürgerausschuß, die nehmen noch ein paar von den Halbfuhrigen dazu und die verteilen's gleichling.« Dieses wurde nun auch einstimmig beschlossen. Es war so erstickend heiß in der Gemeindestube, daß viele schon innerlich grollten, weil die Verhandlung so lange dauerte, obgleich es ja ihr nächstes Wohl betraf. Andre schlichen sich, da die Thür offen gelassen werden mußte, still davon und dachten, die Zurückbleibenden würden schon ausmachen, was gut sei; sie stimmten gar nicht mit, und gewiß waren diese Ausreißer nicht minder vorn dran, wenn es galt, die Ueberlasten aller Art zu beklagen. Die Ueberwitzigen beschönigen dann wohl gar ihre Faulheit mit der klugen Rede, daß der Bettelsack doch ein Loch habe und da nicht zu helfen sei, es müsse alles anders kommen. Denn nicht bloß hinter Brillen hervor dringen solche kluge Blicke, die über alles hinaus sind und alles Thun eitel finden: die urtümliche Lungerei ist grad so weit. Endlich ward die Gemeindeversammlung aufgehoben, die Straßen belebten sich. Viele Männer zogen ihre Röcke aus und schickten sie samt den Hüten durch herbeigerufene Knaben nach Hause; der kleine Umweg von da ins Wirtshaus war ihnen zu viel. Allerlei Gruppen bildeten sich, wir bleiben bei der um Luzian. Er erhielt allgemeines Lob, und man sagte ihm, es sei einmal so, wenn er in der Versammlung sei, so warte eben alles, bis er dem Gemeinderate die Streu schüttle. Es muß hierbei bemerkt werden, daß Gemeinderat und Ausschuß, besonders wo jener lebenslang gewählt ist, sich oft verhalten, wie Regierung und Stände, soweit diese aus unabhängigen Männern bestehen. Schon geraume Zeit kämpfen alle Einsichtigen gegen die Lebenslänglichkeit des Gemeinderats, aber das Staatsgesetz verharrt unbeugsam, und so hat man zu jenem Verfahren genötigt, das Luzian oben angab; man hat damit den Einklang mit dem Gesetze tiefinnerlichst untergraben. Luzian hatte noch einen besonderen Grund, warum er, wie man sagt, gerne dem Gemeinderat eine hölzerne Wurst aufs Kraut legte. Wir werden das schon noch sattsam erfahren. »Es macht doch gottsträflich heiß,« bemerkte jetzt der Schmied Urban. »Thut nichts,« entgegnete Luzian, »ich weiß nicht, ich kann die Hitz' viel eher vertragen als die Kält', und ich schwitz' auch schon gern ein bißle, wenn's nur ein gut Weinjahr gibt; es ist denen Wingerter zu gunnen. Soll das Gewächs aufkochen, so muß der Mensch auch sein Teil Hitz mitnehmen.« »Der Luzian schwitzt gern für die Welt, er ist ja auch so ein Stück Erlöser,« sagte der Brunnenbasche, ein wohlhäbiger, bejahrter Mann, der die Rolle des Schalksnarren im Dorfe spielte. Luzian gab ihm keine Antwort und ging voraus. Man ging nach dem Wirtshause. Luzian las die Zeitung, deren verschiedene Blätter in einem kleinen Kreis verteilt waren, andre »kartelten«, da der Pfarrer das Kegeln am Sonntag verboten hatte. Bald aber legten die Spieler die Karten weg, die Zeitungsleser rieben sich die Augen, und die Buchstaben flimmerten vor ihnen, es war plötzlich stockdunkel. »Heiliger Gott, was ist das?« rief der erste, der zum Fenster hinaussah. »Was gibt?« »Da gucket einmal den Himmel an.« Es gab nicht genug Fenster für die Drängenden, man rannte hinaus ins Freie. Schreckensbleich wurde jedes Antlitz, das aufschaute. Schwere, schuppenartig gestaltete Wolken schoben sich im ganzen Gesichtskreise träg ineinander; mit jedem Augenblicke wurde es düsterer und nächtiger. Die die Wirtsstube verlassen hatten, kehrten nicht mehr dahin zurück, sondern eilten heimwärts, immer wieder aufschauend und die Hände von sich abstreckend, als müßten sie den Einfall des Himmels von sich abwehren. Die in der Wirtsstube verblieben waren und ihre noch in der Hand gehaltenen Karten an sich drückten, um den Nachbar nicht einschauen zu lassen, warfen das Spiel mit allen Trümpfen weg und nahmen sich nicht einmal Zeit, den Rest ihres Trunkes zu leeren; auch sie eilten »heimezu«. Jedes wollte zu den Seinen stehen, als wäre das Unglück abzuwenden, wenn man sich ihm mit vereinter Kraft entgegenstemmte; jedenfalls war es leichter zu tragen. Der Wirt war bald allein, und indem er die Reste zusammenschüttete, sagte er vor sich hin: »Und jetzt haben wir heut erst den Zehnten abgelöst.« Der Vorder- sowie der Nachsatz dieses Gedankens kam nicht zu Worte, denn er wagte es nicht, vor sich selbst die Furcht auszusprechen, die ihn erzittern machte. Luzian ging still das Dorf hinab, manchmal zwinkerte er mit den Augen, wenn er aufschaute, und preßte die scharfgeschnittenen Lippen zusammen. Am Schulhause begegnete er dem Lehrer, der die Kirchenschlüssel trug und als Küster eben zum Wetterläuten gehen wollte. »Ihr solltet das sein lassen, Herr Lehrer,« sagte Luzian, »wenn's da droben aufspielt, da nützt das Bimbam nichts. Ich hab' erst vorlängst noch gelesen, daß das Wetterläuten ein alter nichtsnutziger und gefährlicher Brauch ist. Wer nicht von ihm selber betet, der thut's auch nicht auf das Gebimbel hin. Es ist ja auch abkommen gewesen.« »Ja, aber unser neuer Pfarrer hält streng auf die alten Bräuche, ich bekomme beim Unterlassen einen strengen Verweis.« »So? Auch auf das hält er? Hätt's eigentlich wissen können. Nun, behüt' uns Gott!« Im Weitergehen schnalzte Luzian mit beiden Händen und spie oft aus. Fast vergaß er über seinem Aerger, was am Himmel vorging, er mußte sich jetzt zusammennehmen, daß ihm der Hut nicht vom Kopfe gerissen wurde; der Sturmwind wirbelte graue Staubwolken vor ihm her zusammen, schon fielen jetzt einzelne breite Tropfen, und als er die Klinke seiner Hausthür erfassen wollte, zuckte ein gelber Blitz, so daß Luzian geblendet nach dem Griffe tastete. »Gott sei Lob, daß du da bist!« begrüßte ihn seine Frau, »was sagst du zu dem Wetter? Es wird doch, will's Gott, mit Gutem vorübergehen! So, jetzt bist doch da. Mir ist viel leichter, wenn dein Rock am Nagel hängt. Komm, gib her.« »Laß mir ihn noch an, man weiß nicht, wie man 'naus muß. Ist das Kind da?« »Ja. Siehst ihn denn nicht? Da sitzt er und liest. Das gibt auch so einen Büchergucker, wie du. Viktor, gib dem Aehni (Großvater) die Hand, du hast jetzt genug gelesen und es ist ja stichedunkel.« »Wo ist das Bäbi?« fragte Luzian. »Draußen in der Küch', der Paule ist auch da.« »Gang und mach' das Feuer aus, und sie sollen 'rein kommen. Halt, das ist ein Schlag, der hat kracht, und jetzt läutet der Schulmeister auch noch?« Während die Frau hinausging, trat Luzian in die Nebenstube, er fand dort eine Schlafende, die wohl durch das drückende Wetter jetzt schon eingeschlafen war. Es ist dieselbe Frau, bei der wir heute beim Bittgang verblieben sind, als wir, gleich ihr, die andern weiter ziehen ließen. Auf leisen Sohlen kehrte Luzian wieder in die Stube zurück, er lehnte die Thür nur an, ohne sie ins Schloß fallen zu lassen. Die Bäbi und der Paule traten mit glühenden Wangen in die Stube. Die Mutter hatte draußen wohl ein großes Feuer zu löschen gehabt. Bäbi stellte sich sogleich zu Viktor an das Fenster, es gelang ihr dadurch, ihr flammendes Antlitz zu verbergen, das sie dem Vater nicht zeigen wollte. »Guten Tag, Schwäher,« sagte Paule und steckte aus Ehrerbietung die in der Hand gehaltene Pfeife in die Brusttasche. »Guten Tag. Bist allein hier?« »Ja« »Guter Gott!« begann Bäbi, »wenn das Wetter nur keinen Schaden thut, das könnt' alle Lustbarkeit aus unsrer Hochzeit –« »Du denkst jetzt nur an dich,« unterbrach sie Luzian; »Paule, wie ist's? Hat dein Vater sich in die Hagelversicherung einschreiben lassen?« »Mein Vater? Nein. Gucket, Schwäher, Euch kann ich's ja sagen; mein Vater, der ist gar wunderlich, der trappelt so 'rum und drückst und will halt nicht an die Sach, und geht man ihm scharf auf den Leib, so sagt er, daß er nur nichts zu thun braucht: man muß Gott machen lassen, wenn er einen strafen will. Und gegen mich ist er jetzt gar, es will ihm nicht recht in den Sinn, daß ich nimmer Vorroß sein soll, daß ich jetzt halt auch an die Deichsel komm'. Deswegen bin ich halt hehlings in die Stadt und hab' mich einschreiben lassen, es ist ja bald mein eigen Sach. Mein Vater darf aber nichts davon erfahren, der ist –« »Schäm dich ins blutige Herz hinein,« unterbrach die Frau den Redenden, »das ist nichts, so über deinen Vater oder über einen Menschen zu reden, wer er sei, und noch dazu, wenn so ein Wetter am Himmel ist; man versündigt sich ja.« »Drum hab' ich's immer gesagt,« begann Luzian, »der Landstand muß eine allgemeine Hagelversicherung fürs ganze Land einführen, da kann keiner mehr neben 'naus, und da ist's auch wohlfeiler; freilich ist's traurig, daß man die Leut' zu ihrem eigenen Nutzen zwingen soll; aber man zwingt's ja zu andern Sachen, die gar nicht so nötig sind. Drum ist der Landstand –« »Luzian, was hast denn?« rief die Frau in Angst und Pein, »zuerst wird über die nächsten Anverwandten losgezogen und jetzt über den Landstand, und bei so einem Wetter!« »Wenn man's ehrlich meint, darf man reden, mag's gewittern oder die Sonn' scheinen. Meinst du, unser Herrgott ist jetzt näher bei der Hand als an einem hellen Tag?« »Mich gehen deine Bücher nichts an, und jetzt muß man einmal beten. Ich will jetzt auch nichts mehr reden, es darf keinen Zank geben, das ist ärger als Feuer auf dem Herd.« Luzian schwieg; die Frau breitete ein Tischtuch auf dem Tische aus, legte das Gesangbuch und die Bibel aufgeschlagen an der Stelle: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde« mitten auf den Tisch und streute Salz auf dessen vier Ecken. »Aehni, es gitzebohnelet« (schloßt), rief Viktor am Fenster. Die Mutter nahm ihn still an der Hand, führte ihn an den Tisch und betete dort laut mit ihm. Luzian lächelte vor sich hin, als der Knabe las: »Guter Christ, du wirst es ja nicht deinem Pfarrer oder Seelsorger zur Schuld rechnen, wenn Hagel oder Ungewitter Schaden anrichten. Wer kann dem heiligsten Willen des Allmächtigen widerstehen? Oder was für ein Priester hat eine größere Macht als Gott selbst?« Wörtlich aus: Guter Samen auf ein gutes Erdreich. Ein Lehr- und Gebetbuch samt einem Haus- und Krankenbüchlein für gutgesinnte Christen, besonders fürs liebe Landvolk, von Aegidius Jais , S. 203. Natürlich: des Priesters Macht reicht hinab in die tiefste Hölle und hinauf in den höchsten Himmel, warum sollte er dem Wetter nicht Einhalt thun können? Rührend klang dann das alte Lied. in dem es heißt: »Das Wildfeu'r fern hin von uns jag, In wilds Geröhr und Hage, Darin es niemand schaden mag Bei'r Nacht und auch beim Tage. O, reicher Gott! laß mildiglich All' Frucht kecklich entsprießen, Daß Arm', Elende hie redlich Durch Gab' sein Wohl genießen. Den armen Seelen in Fegfeu'rs Pein Thu bitters beiden schmälen Und sie durch das Almosen rein Den Seligen zuzählen.« Wie mit scharfen Schroten schlug es nun gegen die Fenster, eine Scheibe sprang und aus der Ferne hörte man andre klirren, Fensterladen abknacken und Klageschreie verhallen. »Das gibt ein gräßliches Unglück, ein gräßliches Unglück!« jammerte Luzian und rang die Hände vor sich hin. Viktor hatte schon lange nebenausgeschielt, jetzt sprang er auf und holte eine durch die geöffnete Scheibe eingedrungene Schloße; sie war fast so groß wie ein Taubenei. »O, wie schön!« rief Viktor, und alles antwortete wie aus einem Munde: »Daß Gott erbarm!« Immer dichter und dichter kam der Hagelschlag. »Haufengenug, ist nimmer nötig, es ist schon alles hin,« sagte Luzian, nach außen winkend, trauervoll in Ton und Miene. Luzian und Paule schlossen schnell die Fensterladen, um die Scheiben zu wahren; Licht wurde angezündet. »Jetzt sind wir in der Arche Noah, und du, Aehni, bist der Noah, wenn unser Haus fortschwimmt,« plauderte Viktor. »Still!« gebot Luzian mit scharfem Tone, dann setzte er flüsternd hinzu: »Es ist mir nur lieb, daß die Ahne (Großmutter) in der Kammer das Wetter verschlaft; so alte Leut' sind doch wie die kleinen Kinder, die spüren die schwere Luft und sinken um. Sie ist heut' auch ein bißle zu weit mit dem Bittgang ins Feld.« Keines redete mehr ein Wort, selbst Viktor ging auf den Zehen und betrachtete das Zerfließen der Schloße auf seiner warmen Hand; nur manchmal hob er sie auf und versuchte beim Lichte durchzuschauen; Tropfen fielen auf das Gesangbuch und vermischten sich dort mit den Thränen, welche die Frau geweint hatte. Man horchte still hinaus, ob das Wetter noch nicht nachlasse, das wütete aber immer toller; wie aus riesigen Wurfeln schüttete es immer wieder, und jeder letzte »Schüttler« schien der gewaltigste. »Das kann bei uns daheim auch sein,« sagte Paule. Niemand antwortete. Endlich fielen nur noch einsame Tropfen an die Fensterladen. Menschenstimmen wurden auf der Straße hörbar. Man öffnete und schaute wirklich wie aus der Arche Noah hinaus. Welch ein Fluten und Wogen überall! Das gurgelte und murmelte lustig, aber die Menschen waren nicht von der Erde verschwunden, sie waren geblieben zu Jammer und Not. Alles rannte durcheinander hin und her und hinaus aufs Feld, jedes wollte seine zerschlagene Hoffnung sehen; einige kehrten schon heim und brachten eine Handvoll ausgeraufter Aehren mit, sie zeigten sie mit thränenschweren Blicken. Heulen und Wehklagen der Frauen erfüllte die Straßen und die Häuser; stumm, gesenkten Hauptes wandelten die Männer dahin, innerlich fröstelnd ballten sie die Fäuste, sie hatten so wacker gearbeitet, und die Arbeit war hin und die Hoffnung. In allen Gärten waren die Stützen der Bäume zu Boden gestreckt, und neben ihnen lag das unreife Obst, fast kein Baum, dem nicht ein Ast abgeknackt war, viele waren ganz niedergeworfen. An diesem Abende reichten die Eltern kummervoll den Kindern ihr Essen, sie selber aber hungerten, und schwere Sorge nagte an ihren Herzen die bange schlaflose Nacht. Heute hielt sich von selbst das strenge »pfarramtliche« Gebot, daß nicht mehr auf den Straßen gesungen werden durfte. Draußen ist's so würzig, wie eine balsamische Glätte zieht es durch die Luft; in den Häusern und in den Herzen aber ist es trüb und dumpf. Ein Blick ins Haus und in die Ratsstube. Das war ein traurig Erwachen am Montag. Die Sensen und Sicheln waren gedengelt, die Menschen fühlten ihre Sehnen gespannt und straff zu frischer Arbeit, jetzt ließen sie die Hände sinken und schauten still drein. Dennoch ruhte auf manchem Auge, das sich ausgeweint hatte, auf manchem Antlitze ein Abglanz stiller Verklärung, man möchte sagen wie auf der Natur ringsumher, die sich auch ausgeweint zu haben schien. Ein Ungemach, das hereingebrochen, sieht sich am andern Morgen ganz anders an; am Tage seiner Entstehung willst du es nicht dulden, kannst du es nicht fassen, es soll sich nicht einnisten in deiner Seele als Wahrheit; wie wäre es möglich? Du selbst lebst und deine Gedanken sind wach. Wie kann dir etwas entrissen werden, was dir angehört, das du mit deinen Gedanken festhältst? Sinkt die Nacht, versenkt dich in Schlummer und macht dich dein selbst vergessen, so faßt dich am Morgen das, was dich gestern betroffen, noch immer mit staunendem Schmerze, aber schon ist es zur Vergangenheit geworden, die mit unwandelbarer Gewißheit feststeht, du kannst nicht mehr daran rütteln und mußt dich darein ergeben, mit stillem Schmerz dein zerstücktes oder überbürdetes Leben der heilenden Zukunft entgegenführen. Auf Feld und Flur funkelte und flimmerte der Morgentau, der trieft hernieder, ob die Halme sich auf ihren Stengeln neigen oder geknickt zur Erde geworfen sind. Die Sonne stand am Himmel in voller Pracht, sie bleibt nicht aus am Himmelsbogen, nur manchmal lagern sich Wolken, Wetter und Nebel zwischen sie und die Erde, und das Erdenkind vermag nicht durchzuschauen, das Licht genügt ihm nicht, es will seinen Urquell erfassen. Das Licht aber haftet im Auge wie in der weiten Welt draußen, und das Auge vermag es nur zu schauen, weil das Licht in ihm ist. Du suchst den Urquell, und er ist in dir wie in der Welt. Das Korn am Halme, das zur Erde niedergeworfen ist, geht in Verwesung über und setzt nur zu seinem eigenen fruchtlosen Untergange neue Keime an. Der Mensch aber gleicht nicht dem Halme, er kann sich aufrichten durch die Kraft seines Willens. Frisch auf! du mußt dich durch die Welt schlagen, ja hindurchschlagen, das ist's. Der Tag ist verloren, ausgebrochen aus der Kette deines Lebens, den du in Trübsinn und thatenloser Verzweiflung hinstarrtest. Aus solcherlei Gedanken heraus, die er nach seiner Art hundertfältig herüber und hinüber und auf die besonderen Verhältnisse der einzelnen anwendete, ging Luzian am andern Morgen von Haus zu Haus. Er nötigte auf manches kummerstarre Antlitz das Zucken eines Lächelns durch seinen Haupttext: »Dem Weibervolk ist's nicht zu verdenken, das muß klagen und jammern, wenn ein Hafen (Topf) in Scherben zerbricht; ›das ist ja grad das bravst Häfele gewesen, nein, so wird keins mehr gemacht;‹ der Mann aber sagt: ›Hin ist hin, und jetzt wirtschaften wir mit dem, was noch blieben ist.‹ – ›O! die leichtsinnigen Männer, denen ist an allem nichts gelegen,‹ klagen dann noch die Weiber, und am Ende müssen sie uns doch recht geben.« Luzian brachte es zuwege, daß mancher Mann, der alles stehen und liegen und in sich verfaulen lassen wollte, sich nun doch aufmachte, um wenigstens das Obst zur Schweinemastung einzuheimsen. Es war schon viel gewonnen, daß man sich wieder zur Thätigkeit aufraffte. Freilich fing man zuerst mit dem Kleinsten an, aber das trifft sich meist, daß man nach erlittenem Ungemache zuvörderst das Nebensächliche, oft Unbedeutendste in Angriff nimmt, man getraut sich noch nicht an das Hauptstück; die Hand gewinnt jedoch hiermit wiederum Stärke und Festigkeit, das Blut strömt wieder lebendiger zum Herzen und erfrischt es mit neuem Mut. Müde und lechzend kam Luzian zu Mittag nach Hause, und sein erstes Wort war: »Weib, wir müssen doppelt sparen und hausen, wir bekommen den Winter wieder große Ueberlast.« »Ich seh' schon, wie du wieder überall sorgen und helfen willst,« entgegnete die Frau, »und du kriegst doch nur Schimpf und Undank.« »Laß du meinen Luzian nur machen, was mein Luzian macht, das ist gut,« sagte die Ahne, die im großen Lehnstuhl saß. »Ich weiß wohl, ihr zwei haltet zusammen wie gezwirnt,« schloß die Frau lächelnd, indem sie das Tischtuch von der Suppe zurückschlug; denn es ist hier Sitte, besonders im Sommer, daß man geraume Weile vor der Essenszeit die Suppe auf das ausgebreitete Tischtuch stellt und dann das Tuch wieder über die Schüssel schlägt, um die Suppe in sich verdampfen und abkühlen zu lassen. Man liebt das heiße Essen und das langwierige Blasen nicht. Wir sind gestern unter so seltsamen Umständen vor dem Wetter hier in das Haus geflüchtet, daß wir kaum Zeit hatten, uns die Leute näher zu betrachten. Wir müssen uns damit sputen, bevor vielleicht eine unversehene Erschütterung alles so von der Stelle rückt, daß wir den vormaligen stillen Wandel der Menschen und Verhältnisse kaum mehr herausfinden mögen. Der ruhende Mittel- und Schwerpunkt des Hauses war die Ahne, die uns bereits gestern im hellen Sonnenschein an der Hand Viktors begegnete. Die Gestalt ist groß und hager, mit runzligem, fast klein gewordenem Antlitze, das dunkelbraune Auge scheint kaum gealtert zu haben, das blühweiße Tuch, das sie fast immer um den Kopf gebunden trägt und dessen Eckzipfel hinten weit hinabfallen, rahmt das Gesicht auf eigentümliche Weise ein und gibt ihm einen nonnenhaften Anblick; sie ist aller ihrer Sinne mächtig, im ganzen Behaben äußerst säuberlich, fast zierlich. Nur zum sonntäglichen Kirchgange entfernt sie sich vom Hause. Schon geraume Weile vor dem ersten Einläuten macht sie sich auf den Weg, erwartet sodann im Winter in der Stube des Schullehrers, im Sommer auf der Bank vor dem Rathause den Beginn des Gottesdienstes. Mancher, der die alte Cordula so dahinwandeln sieht, eilt, um sich noch mit ihr auf der Rathausbank zu besprechen; sie hat ein offenes Herz für Leid und Lust, und oft findet hier auf dem Vorhofe eine heiligere Erhebung statt, als im Innern des Tempels. Manche suchten aber auch in neckischer Weise die Ahne auf ihren Hauptspruch zu bringen, sie wollte es aber nie glauben, daß man ihrer spotte. Dieser Hauptspruch der Ahne war nämlich: »Ja, wenn der Kaiser Joseph nicht vergiftet wäre, dann wäre das und das gewiß besser.« Sie verehrte den Kaiser, von dem ihr Vater oft und oft gesprochen hatte, fast wie einen Heiligen; sein Andenken war mit dem an ihren Vater unauflöslich verknüpft, als wären sie Geschwister gewesen. Sie hegte den vielverbreiteten Glauben, daß der Kaiser, weil er's so gut mit allen Menschen gemeint habe, von scheinheiligen Pfaffen um sein junges Leben gebracht worden sei. In solch gegenständlicher Weise faßt der Volksglaube die Untergrabung der edlen Pläne des hochherzigen Kaisers. Einst las Luzian der Mutter eine Lebensgeschichte des Kaisers vor, und sie behauptete, das sei just so, wie ihr Vater erzählt habe, nur anders gesetzt. Das Dorf hatte bis in die neueste Zeit zu Vorderösterreich gehört, und ein Oheim der Mutter war kaiserlicher Rat in Wien gewesen, sie hatte ihn noch gekannt, da er einst im Dorfe zum Besuche war; sie bewahrte noch eine Granatschnur, die er ihr damals schenkte. Der einzige Streit, den sie bisweilen mit Luzian hatte, war darüber, weil er nicht ihrem Verlangen willfahrte und nach Wien an die Nachkommen des kaiserlichen Rates schrieb; sie behauptete immer, es sei unmenschlich, wenn Blutsverwandte so gar nichts voneinander wissen. Eine besondere Vorliebe hatte die Mutter für den Viktor, ihr Urenkelchen, sie sagte oft: »Der wird just wie der kaiserliche Rat. Wenn der Kaiser noch leben thät, der thät ihn nach Wien verschreiben, das sag' ich.« Man hätte fast glauben sollen, Luzian sei der leibliche Sohn der Ahne, die er auch fast immer Mutter nannte, während er in der That nur ihr Schwiegersohn war. Seine Frau neckte ihn oft und stellte sich eifersüchtig wegen der Liebschaft der beiden zu einander; denn Luzian ging die Sorgfalt für die Mutter über alles, und er hätte ihr gern, wie man sagt, das Blaue vom Himmel geholt, um sie zu erfreuen. Luzian war ein Mann im Anfang der fünfziger Jahre, stämmig, ein Sägklotz, wie er von seinen Freunden manchmal genannt wurde, weil er zum Spalten zu dick war und sich nicht splittern ließ; sein Gesicht war voll und gespannt und verriet entschiedenes Selbstbewußtsein, der starke Stiernacken bekundete Unbeugsamkeit. Noch gegen Ende des Befreiungskrieges war er zum Soldatendienste ausgehoben worden, kam aber zu keiner Schlacht. Die Sägmühle hatte er seinem Sohne Egidi übergeben und bauerte nun auf dem Gute im Dorfe. Viktor, Egidis ältesten Sohn, hatte er sich und der »Guckahne« (Urgroßmutter) zulieb ins Haus genommen, angeblich indes, damit der Knabe der Schule näher sei. Margret, Luzians Frau, ähnelte der Mutter unverkennbar; war auch ihr ganzes Dichten und Trachten dem Haushalte zugewendet, so war doch Luzian nicht minder ihr Stolz, nur ließ sie es nie merken, wie die Mutter, wenigstens nie in Worten. Sie bildete sich mehr darauf ein als Luzian selber, daß dieser schon zweimal zum Abgeordneten vorgeschlagen war. Spöttelte sie auch manchmal über sein vieles Lesen, so war es ihr doch nicht unlieb, da er dadurch fast immer im Hause war und alles in bester Ordnung hielt; auch glaubte sie, daß er eben viel gescheiter sei als alle in der ganzen Gegend. Klagte sie auch wiederholt über die Gemeindeämter und vielen Pflegschaften, die sich Luzian aufbürden ließ, so dachte sie doch wieder im stillen bei sich: »Ja, es versteht's eben doch keiner so gut wie er.« Bäbi, das hochgewachsene Mädchen mit auffallend dunklen Augen und starken Brauen, gehört eigentlich gar nicht mehr recht ins Haus. Sie hatte noch gestern zu Paule, ihrem Bräutigam, gesagt: »Seitdem der Pfarrer uns miteinander verkündet hat und über vierzehn Tage unsre Hochzeit sein soll, da ist mir's jetzt allfort, wie wenn ich nur auf Besuch daheim wär'!« Die Bekanntschaft Egidis mit seiner Frau und den Kindern müssen wir abwarten, bis sie sich uns selbst vorstellen. So wären wir also hier im Hause mit allen bekannt und können sie ungestört mit den beiden Knechten und der Magd zu Mittag essen lassen. Man kennt aber namentlich einen Bauern nicht recht, wenn man seinen Besitzstand nicht weiß; an ihm äußert sich nicht nur die ganze Sinnesweise und der Charakter, sondern dieser stützt sich auch meist darauf. In andern Stellungen bilden sich Lebenskreis, Haltung und Geltung vornehmlich aus der Persönlichkeit heraus, hier aber wird das Meßbare und im Werte zu Schätzende vor allem Stützpunkt des Charakters in sich und seiner Bedeutung nach außen. Du wirst daher oft finden, daß ein Bauer, der Vertrauen zu dir faßt, dir alsbald all' seine Habe aufzählt, oft bis auf das Kälbchen, das er anbindet. Er will dir auch damit zu verstehen geben, was er daheim bedeutet. Da sitzen sechzig Morgen Ackers und so und so viel Wald und Matten, besagt oft die Art, wie sich ein Bauer im fremden Wirtshaus niedersetzt. Gehörte Luzian auch keineswegs zu letzterem Schlage und stellte sich seine Ehre und Schätzung noch auf etwas andres, so müssen wir doch noch schnell sagen, daß er vier Pferde, zwei Paar Ochsen, sechs Kühe und ein Rind im Stalle hatte; danach messet. Die Pferde werden allerdings nicht bloß zum Feldbau, sondern auch zu Holz- und Bretterfuhren gebraucht, da Luzian diesen Handel eifrig betreibt, der ihm manchen schönen Gewinst abwirft. Nach Tische wurde Luzian aufs Rathaus gerufen. Er fand dort außer dem Schultheiß und den Gemeinderäten auch den Pfarrer. Luzian maß diesen mit scharfen Blicken, denn er sollte ihm zum erstenmal so nahe sitzen. Der Pfarrer war ein junger Mann, der die erste Hälfte der zwanziger Jahre noch nicht überschritten hatte, groß und breitschulterig, mit derben Händen, das Gesicht voll und rund, aber blutleer und ins Grünliche spielend, die zusammengepreßten Lippen bekundeten Entschiedenheit und Trotz; ein eigentümliches Werfen des Kopfes, das in bestimmten Absätzen von Zeit zu Zeit folgte, ließ noch andres vermuten. Ueber und über war der Pfarrer in schwarzen Lasting gekleidet, der lange, weit über die Kniee hinabreichende Rock, die Beinkleider und die geschlossene Weste waren vom selben Stoffe; er wollte die leichte Sommerkleidung nicht entbehren und doch keine profane Farbe sich auf den Leib kommen lassen. Der spiegelnde Firnis des rauhen Zeuges gab der Erscheinung etwas, das ans Schmierige erinnerte, während der junge Mann sonst in Ton und Haltung eine gewisse vornehm stolze Zuversicht kundgab. Dies sprach sich sogar in der Art aus, wie er jetzt, während die Blicke Luzians ihn musterten, mit einem kleinen Lineal in kurzen Sätzen in die Luft schlug. »Ich habe dich rufen lassen, Luzian,« sagte der Schultheiß, »wir wollen da wegen dem Hagelschlag eine Eingab' an die Regierung machen und eine Bitt' in die Zeitung schreiben, du sollst als Obmann auch mit unterschreiben.« »Wie ist's denn, Herr Pfarrer?« fragte Luzian, das Papier in Handen, »wie ist's denn? Schenket Ihr der Gemeind' den Pfarrzehnten, oder was lasset Ihr nach?« »Von wem sind Sie beauftragt, mich darüber zu ermahnen?« warf der Pfarrer entgegen, »was ich thun werde, ist mein eigener guter Wille; ich lasse mir meine Gutthat dadurch nicht verringern, daß mich Unberufene daran gemahnen.« »Berufen hin oder her,« sagte Luzian, »eine Ermahnung kann einer Gutthat nichts abzwacken; wenn das ja wär', so wären die Gutthaten auch minderer, die auf Eure Ermahnungen in der Predigt von den Leuten geschehen.« »Sie scheinen darum die Kirche zu meiden, um nicht zu etwas Gutem verführt zu werden,« schloß der Pfarrer und warf das Lineal auf den Tisch. »Ich will Ihnen was sagen,« entgegnete Luzian mit großer Ruhe, da er noch nicht enden wollte, »Sie haben Beicht- und Kummunionzettel auch für die großen (erwachsenen) Leute eingeführt; wir lassen uns das nicht gefallen, das war beim alten Pfarrer niemals.« »Was geht mich Ihr alter Pfarrer an? Das neue Kirchenregiment hält seine Befugnisse streng zum Heile –« »Schultheiß, hast kein'n Kalender da?« unterbrach Luzian. »Warum? heute ist der siebzehnte,« berichtete der Gefragte. »Nein,« sagte Luzian, »ich hab' nur dem Herrn Pfarrer zeigen wollen, daß wir 1847 schreiben.« Der Pfarrer stand auf, preßte die Lippen und sagte dann mit wegwerfendem Blick: »Ihre Weisheit scheint allerdings erst von heute. Ich hätte eigentlich Lust, mich zu entfernen, und wäre dazu verpflichtet nach solchen ungebührlichen Reden. Sie alle sind Zeugen, meine Herren, daß ich hier, ich will kein andres Wort gebrauchen, schnöde angefallen wurde. Ich will aber bleiben, ich will ein gutes Werk nicht stören und lasse mich gern schmähen.« Solche geschickte Wendung konnte Luzian doch nicht auffangen, er stand betroffen, alles schrie über ihn hinein, und er sagte endlich: »Ich will's gewiß auch nicht hindern, gebt her, ich unterschreib, und nichts für ungut, Herr Pfarrer, ich bin keiner von den Leuten, die sich an einem Polizeidiener vergreifen, weil sie mit der Regierung unzufrieden sind. B'hüt's Gott bei einander.« Niemand dankte. Aergerlich über sich selbst verließ Luzian die Ratsstube, er hatte das Heu vor der unrechten Thür abgeladen. Der Anhang, den er selbst unter dem Gemeinderat hatte, schüttelte jetzt den Kopf über ihn. Wir müssen um einige Monate zurückschreiten, um die Stimmung Luzians zu ergründen. Die Regungen des tiefgreifendsten Kampfes zuckten eben erst in der Gemeinde auf. Der alte Pfarrer, der so eins war mit dem ganzen Dorfe, war plötzlich nach dem Bischofssitze berufen worden, er kehrte nicht mehr zurück, statt seiner verwalteten die Pfarrer aus der Nachbarschaft wechselsweise die Ortskirche. Kurz vor Ostern verkündete das Regierungsblatt die Ernennung und fürstliche Bestätigung eines neuen Pfarrers. Dies war das Signal für Luzian, der den ganzen inneren Verlauf kannte, daß sich die ganze Gemeinde wie ein Mann erhob. Der Gemeinderat mit sämtlichen Ortsbürgern reichte einen Protest gegen die neue Bestallung ein, der zu gleicher Zeit an die Regierung und an den Bischof geschickt wurde. Sie verlangten ihren alten Pfarrer wieder oder, falls dies nicht gewährt würde, das freie Wahlrecht; sie wollten keinen von den jungen Geistlichen, gegen deren Anmaßungen sogar schon beim Landstand Klage erhoben worden war. Das war die lebendigste Zeit, in der Luzian seine ganze Kraft entwickelte, und die Gemeinde stand ihm einhellig zur Seite. Noch ehe indes ein Bescheid auf den Protest einging, wenige Tage vor der Fastenzeit, bezog der neue Pfarrer seine Stelle. Sonst ist es bräuchlich, daß das ganze Dorf seinem neuen Geistlichen bis zur Grenze der Gemarkung entgegengeht, diesmal aber war er nur von dem Dekan und einigen Amtsbrüdern geleitet. In den meisten Häusern sah man nur durch die Scheiben dem Einziehenden entgegen, man öffnete das Fenster erst, wenn er vorüber war, da man nicht grüßen wollte. Der Gemeinderat und Ausschuß war auf dem Rathause versammelt, die ganze Körperschaft ging in das Pfarrhaus und überreichte abermals den Protest. Der Dekan sprach beruhigende Worte und händigte zuletzt dem Schultheiß die abschlägige Antwort des Bischofs ein. Still kehrte man in das Rathaus zurück, und dort wurde beschlossen, in fortgesetztem Widerstande zu beharren. Am Sonntag, das Wetter war hell und frisch, versammelte sich das ganze Dorf zu einer Pilgerfahrt; in großem Wallfahrtszuge ging's nach Althengstfeld, dem Geburtsort Paules. Viele wollten sogleich aus dem Auszuge einen Scherz machen, und schon zog Lachen und Lärmen durch manche Gruppen. Der Brunnenbasche vor allen ging von einem zum andern und hetzte und stiftete, daß das Ding auch ein Gesicht bekäme; den Mädchen erzählte er, daß seine Frau bald ausgepfiffen habe, und er fragte diese und jene, ob sie ihn, einen Witwer ohne Kinder, heiraten wolle, aber ohne Pfaff, so wie die Zigeuner. Da und dort fuhr ein gellender Schrei und ein Gelächter auf; der so andächtig begonnene Auszug schien zum Fastnachtsscherze zu werden. Man war's gewohnt, daß der Brunnenbasche, wie man sagt, über Gott und die Welt schimpfte und sich erlustigte, man ließ ihn gewähren; nun aber ging's doch böse aus. Luzian, der mit einigen andern Ordnung herzustellen suchte, kam und zog das Halstuch des Brunnenbasche so fest zu, daß er ganz »kelschblau« wurde. Alles fluchte nun über den Störenfried, den Brunnenbasche, und dieser war kaum losgelassen, als er mit lustiger Miene rief: »Fluchet meine Säu auch, dann werden sie auch fett davon.« Jener erste Fastensonntag war der kummervollste, den Luzian bis dahin noch erlebt hatte, ihm war's so herrlich erschienen, wenn man feierlich in geschlossenem Zuge dahin wallte, und jetzt schien alles aus Rand und Band zu gehen, aller Zusammenhalt schien zerrissen. Hier zum erstenmal erfuhr er, was es heißt, die gewohnte Ordnung aufzulösen, wenn nicht jeder den Gleichschritt an seinem Herzschlage abzunehmen vermag. Müssen wir denn gefesselt sein durch äußere Amtsmacht? flog's ihm einmal durch den Kopf. Er konnte den verzweiflungsvollen Gedanken nicht ausdenken, denn es galt, den Augenblick zu fassen, koste es, was es wolle; darum rannte er, in allen Adern glühend, hin und her, schlichtete und ermahnte, und darum ließ er sich von der Heftigkeit zu solcher Behandlung des Brunnenbasche fortreißen. Es gelang ihm endlich mit Hilfe des Steinmetzen Wendel und des Schmieds Urban, Ruhe und Ernst wiederum zu erwecken, und als der Zug sich nun von dem Rathause aufmachte, begann der Schlosserkarle mit seiner schönen Stimme ein Lied, bald gesellten sich seine Kameraden zu ihm; der Pfarrer schaute verwundert zum Fenster heraus, als die Wallfahrer singend vorüberzogen. Der Brunnenbasche war von jedem, an den er sich anschließen wollte, fortgestoßen worden; jetzt lief er hintendrein und murmelte vor sich hin: »Laufen die Schaf' eine Stund' weit, um sich mit ein paar Worten abspeisen zu lassen. Der Luzian ist der Leithammel. Könnt' denn das Vieh nicht einmal einen Sonntag ohne Kirch' sein? Ich will aber doch mit und sehen, was es gibt.« Als man in der Waldschlucht anlangte, war Luzian vorausgeeilt, von einem Felsen hoch am Wege rief er plötzlich: »Halt!« Die ganze Schar stand still, und Luzian sprach weiter: »Liebe Brüder und Schwestern! Ich will euch nicht predigen, ich kann's nicht, und es ist hier der Ort nicht, und doch sind oft die besten Christen in den Wald gezogen und haben von dort sich ihre Religion wieder geholt. Ich hab' jetzt nur eins zu sagen, ein paar Worte. Wir sind von daheim fort, von der Kirch', die unsre Voreltern gebaut haben; hier wollen wir schwören, daß wir zusammenhalten und nicht nachgeben, bis wir unsre Kirch' wieder haben und einen Mann hineinstellen, wie wir ihn haben wollen, wir. Das schwören wir.« Luzian hielt inne, er erwartete etwas, aber die meisten wußten nicht, daß sie etwas zu sagen hatten, nur einige Stimmen riefen: »Wir schwören.« Luzian aber fuhr fort: »Nein, nicht mit Worten, im Herzen muß ein jeder den Schwur thun. Noch eins, wir kommen jetzt in ein fremdes Dorf, wir wollen zeigen, daß wir eine heilige Sache haben.« Luzian schien nicht weiter reden zu können, er kniete auf dem Felsen nieder und sprach laut und mit herzerschütterndem Tone das Vaterunser. Mit Gesang zogen die Wallfahrer in das Nachbardorf ein, als es eben dort einläutete. Nach der Kirche gab es manche harmlose Neckereien zwischen den Althengstfeldern und ihren neuen »Filialisten«. Währenddessen waren der Gemeinderat und Luzian beim Pfarrer, sie baten ihn, einstweilen Taufen, Begräbnisse u. s. w. in ihrem Orte zu übernehmen, da sie entschlossen seien, mit ihrem neuen Pfarrer in gar keine Verbindung zu treten und auf ihrem Protest zu beharren. Ihrer Bitte wurde aber nicht willfahrt, da dies nicht anginge, Ermahnungen zum Frieden waren das einzige, was ihnen geboten wurde. Zu Hause erfuhr man, daß der Pfarrer nur mit wenigen Kindern und alten Frauen den Gottesdienst gehalten; dennoch aber geschah, was zu vermuten war. Schon am nächsten Sonntag war der Auszug klein und vereinzelt, es traten dann Fälle ein, wo man den Ortspfarrer nicht umgehen konnte, und keiner aus der Nachbarschaft wollte taufen und die letzte Oelung geben; der Gemeinderat selber gab endlich nach und trat mit dem Pfarrer in amtlichen Verkehr. So schlief die Geschichte ein, wie tausend andre. Nur in wenigen Männern war der Widerstand noch wach, und zu diesen gehörte besonders Luzian; er ging dem Pfarrer nie in die Kirche, heute zum erstenmal hatte er mit ihm am selben Tische gesessen und mit ihm geredet. Noch lag der Protest in letzter Instanz beim Fürsten, und Luzian wollte die Hoffnung nicht aufgeben; heute aber, er wußte nicht, wie ihm war, war er sich untreu geworden, hatte sich zu persönlichem Hader hinreißen lassen; er grollte mit sich selber. Ein alter Volksglaube sagt: wiegt man eine Wiege, in der kein Kind ist, so nimmt man dem Kinde, das man später hineinlegt, die gesunde Ruhe. Ja, unnützes Wiegen ist schädlich, und das gilt noch mehr von dem Schaukeln und Hin- und Herbewegen der Gedanken, in denen kein Leben ruht. »Was da, Kreuz ist nimmer Trumpf, da gehen der Katz' die Haar' aus,« mit diesen fast laut gesprochenen Worten riß sich jetzt Luzian aus dem qualvollen Zerren und Wirren seiner Gedanken. Er ging hinaus aufs Feld, um die Verheerung näher zu betrachten. Allerdings war Luzian mit dem Ertrage aller seiner Felder versichert; man würde indes sehr irren, wenn man glaubte, daß ihm die Verwüstung nicht tief zu Herzen ginge, ja, man kann wohl sagen, sein Schmerz war um so inniger, weil er ein uneigennütziger war; ihm war's, als wäre ihm ein lieber Angehöriger entrissen worden, da er diese niedergeworfenen Halme sah. Der Künstler liebt das Werk, das er geschaffen, es ist aus ihm; die Stimmung dazu, die urplötzliche und die stetig wiederkehrende, die hat er sich nicht gegeben, er verdankt sie demselben Weltgesetze, das Sonnenschein und Tau auf die Saaten schickt. Auch der denkende Landmann hat dasselbe Mitgefühl für das Werk seiner Arbeit, und wehe dem Menschengeschlechte, wenn man ihm diese oft geschmähte »Weichherzigkeit« austreiben könnte, so daß man in der Arbeit nichts weiter sähe, als den Preis und den Lohn, der sich dafür bietet. Wenn der Boden überall in weiten Rissen klafft und die Pflanzen schmachten, da wird euch schwül und eng, und wenn der Regen niederrauscht, ruft ihr befreit: »Wie erfrischt ist die Natur!« Noch ganz anders der Bauer; er lebt mit seinen Halmen draußen und kummert für sie, trieft der segnende Regen hernieder, so trinkt er sozusagen mit jedem Halme, und tausend Leben werden in ihm erquickt. Wie zu einem niedergefallenen Menschen beugte sich jetzt Luzian und hob einige Aehren auf, sein Antlitz erheiterte sich, die Körner waren notreif, sie waren fester und in ihrer Hülse lockerer, als man glaubte; noch war nicht alles verloren, wenn auch der Schaden groß war. Durch alle Gewannen schweifte Luzian und fand seine Vermutung bestätigt. Die Sonne arbeitete mit aller Macht und suchte wie mit Strahlenbanden die Halme aufzurichten, aber ihre Häupter waren zu schwer und in den Staub gedrückt; hier mußte die Menschenhand aushelfen. Als Luzian, eben aus dem Nesselfang kommend, in die Gärten einbog, wurde er mit den Worten begrüßt: »Ah, guten Tag, Herr Hillebrand.« »Guten Tag, Herr Oberamtmann,« erwiderte Luzian, und nach einer kurzen Pause setzte er gegen den begleitenden Pfarrer und Schultheiß hinzu: »Guten Tag, ihr Herren.« Der Pfarrer nickte dankend. »Ich habe mir den Schaden angesehen,« berichtete der Oberamtmann, »der Ihren Ort betroffen hat; das hätten wir auf der letzten landwirtschaftlichen Versammlung nicht gedacht, daß wir so bald die Probe davon haben sollen, was sich bei solchen Gelegenheiten retten lasse. Wie ich höre, sind Sie der einzige, der in der Hagelversicherung ist.« »Ja, ich und mein Egidi.« Luzian hatte doch gewiß das tiefste Kümmernis über die Fahrlässigkeit der andern, aber er konnte in diesem Augenblicke nichts davon laut geben; so leutselig auch der Beamte war, so blieb er doch immer der Oberamtmann, dem man auf seine Fragen antworten mußte und vor dem kein Gefühl auszukramen ist, wenn man auch das Herz dazu hätte. Außerdem hatte Luzian, sobald er einem Beamten nahe kam, etwas von der militärisch knappen Weise aus seiner Jugendzeit her. In diesem Augenblicke war es Luzian, der unter sich sah, als fühlte er den stechenden Blick des Pfarrers; er schaute auf, die Blicke beider begegneten sich und suchten bald wieder ein andres Ziel. Man war am Hause Luzians angelangt. Er wollte sich höflich verabschieden, aber der Oberamtmann nötigte ihn mit in das Wirtshaus, da man dort noch allerlei zu besprechen habe. Luzian willfahrte, und am Pfarrhause empfahl sich der Pfarrer. Der Abend neigte sich herein, die Dorfbewohner standen am Wege und grüßten den Amtmann ehrerbietig, es schien ihnen allen leichter zu sein, da jetzt ihre Zustände bei Amt bekannt waren, als sei nun die Hilfe bereits da. Es wird vielleicht schon manchem Leser aufgefallen sein, daß der Beamte einen einfachen Bauersmann mit Herr anredete. Schon um dieses einzigen Umstandes willen verdiente der Oberamtmann eine nähere Betrachtung, wenn wir auch nicht noch mehr mit ihm zu thun bekämen. Die schlanke, feingegliederte Gestalt, dem Ansehen nach im Anfange der dreißiger Jahre stehend, bekundete in der ganzen Haltung etwas sorglich, aber ohne Aengstlichkeit Geordnetes. Es lag darin jene schlichte Wohlanständigkeit, die uns bei einer Begegnung auf der Straße oder im Felde darauf schwören ließe, daß der Mann in einem wohlgestalteten Heimwesen zu Hause sei. Die blauen Augen unsres Amtmannes waren leider durch eine Brille verdeckt, der braune Bart war unverschoren; nur gab es dem Gesichte etwas seltsam Getrenntes, daß die Bartzier auf der Oberlippe allein fehlte, denn es wird noch immer als eine Ungehörigkeit für einen Mann in Amt und Würden betrachtet, den vollen Bart zu haben. Diese neue Etikette rechtfertigte sich noch persönlich bei unserm Amtmann, der nebst der Gewohnheit des Rauchens auch die des Tabakschnupfens hatte. Die Dose diente ihm zugleich auch als Annäherung an viele Personen, denn es bildet eine gute Einleitung und versetzt in eigentümliches Behagen, wenn man eine Prise anbietet und empfängt. Unser Amtmann bestrebte sich auf alle Weise, sein Wohlwollen gegen jedermann zu bekunden. Er stammte aus einer der ältesten Patrizierfamilien des Landes, in welcher, dem Sprichworte nach, alle Söhne geborene Geheimräte waren. Nach vollendeten Studien hatte er mehrere Jahre in Frankreich, England und Italien zugebracht, und gegen alle Familiengewohnheit hatte er, nachdem er Assessor bei der Kreisregierung geworden war, diese gerade Carriere aufgegeben und sich um seine jetzige Stelle beworben. Er wollte mit den Menschen persönlich verkehren und ihnen nahe sein, nicht bloß immer ihr Thun und Lassen aus den Akten herauslesen. In dem Städtchen gab es manches Gespötte darüber, daß er jeden Mann im Bauernkittel mit Herr anredete, die Honoratioren fühlten sich dadurch beleidigt; er kehrte sich aber nicht daran, sondern war emsig darauf bedacht, jedem seine Ehre zu geben und seine Liebe zu gewinnen. Seine Natur neigte zu einer gewissen Vornehmheit, dessen war er sich wohl bewußt, und trotz seines eifrigsten Bemühens war es ihm lange Zeit nicht möglich geworden, ungezwungen sein innerstes Wohlwollen zu bekunden. Es fehlten die Handhaben, er bewegte sich mehr in Abstraktionen als in bildlicher Anschauung und Ausdrucksweise; er konnte sich aber hierin nicht zwingen, die Menschen mußten seine Art nehmen, wie sie war. Oft beneidete er das Gebaren seines Universitätsbekannten, des Doktors Pfeffer, der so frischweg mit den Leuten umsprang; aber er konnte sich dieses nicht aneignen. Durch den landwirtschaftlichen Verein, der vor ihm bloß eine Spielerei oder ein Nebenbau der Bureaukratie gewesen war, gewann unser Amtmann ein natürliches, persönliches Verhältnis zu den Angesehensten seines Bezirkes. Auch mit unserm Luzian war er dort auf heitere Weise vertraut geworden. Auf dem Wege nach dem Wirtshause begegnete den beiden der Wendel, und der Oberamtmann fragte: »Soll ich nichts ausrichten an unser' Amrei?« »Dank' schön, Herr Oberamtmann, nichts als einen schönen Gruß.« Im Weitergehen erzählte der Beamte, wie glücklich er und seine Frau seien, daß sie die wohlerzogene Tochter Wendels als Dienstmädchen im Hause hätten. Im Wirtshause war Luzian viel gesprächsamer, indem er seine Ansicht entwickelte, daß man das beschädigte Korn rasch schneiden, jede Garbe in zwei Wieden binden und so aufrecht auf dem Felde dorren und zeitigen lassen müsse. Der Oberamtmann stimmte ihm vollkommen bei. Es bedurfte aber vieler Arbeit, um solches zu bewerkstelligen; die hellen Mondnächte mußten dazu genommen werden. Der Oberamtmann versprach ein schleuniges Ausschreiben an den ganzen Bezirk um Beihilfe, und Luzian sagte endlich: »Ich will heut' noch nach Althengstfeld reiten, die müssen uns helfen.« »Ich mache den Umweg und reite mit,« sagte der Amtmann. Aus allen Häusern schauten sie auf, als man Luzian neben dem Oberamtmann durch das Dorf reiten sah. In dieser Woche wurde fast übermenschlich gearbeitet, aber auch Hilfe von allen Seiten kam. Nacht und Tag wurde unablässig geschnitten und gebunden; nur am heißen Mittag gönnte man sich einige Stunden Schlaf. Am Samstagabend lag alles zu Bette, bevor die Betglocke läutete. Es donnert und blitzt abermals. Der Sonntag war wieder da. An diesem hellen Morgen wurde im Hause Luzians bitterlich geweint. Bäbi stand bei der Mutter in der Küche und beteuerte unter immer erneuten Thränen, sie nehme sich eher das Leben, ehe sie allein zur Kirche gehe. »Der Vater muß mit, der Vater muß mit!« jammerte sie immer. Auf weitere Gründe ließ sie sich nicht ein, als daß der Vater ja doch am nächsten Sonntag in die Kirche müsse. Auf die Entgegnung, daß die Trauung ja in Althengstfeld sei, wiederholte sie stets nur ihren Jammerruf. Sie wollte heute kommunizieren, und sie durfte nicht sagen, daß sie auf die Frage in der Beichte die Gottlosigkeit ihres eigenen Vaters bekannt und darauf das Gelöbnis abgelegt hatte, alles aufzubieten, um ihren Vater zur Reue und zum Kirchenbesuche zu bringen; nur unter dieser Bedingung hatte sie die Absolution erhalten. »Geh nein, die Mutter soll's ihm sagen,« tröstete endlich die Frau. »Sie will nicht,« entgegnete Bäbi. »Probiert noch einmal.« Bäbi ging hinein, die Alte blieb aber bei ihrem Spruche: »Was mein Luzian thut, ist brav, und was er nicht thut, da weiß er, warum.« »Man muß keinen Hund tragen zum Jagen,« ergänzte Luzian. Da warf sich Bäbi vor die Ahne auf die Kniee und gebärdete sich wie rasend in Jammer und Klage; sie schwur, sich ein Leids anzuthun, sie wisse nicht, was sie thäte, wenn der Vater nicht mit in die Kirche gehe. So hatte man das Mädchen noch nicht gesehen, und die Ahne sagte endlich: »Ja, thu's doch, Luzian, thu's dem Kind.« »Mutter, ist's Euer Ernst, daß ich dem neuen Pfarrer in die Kirch' gehen soll?« »Ja, thu's in Gottes Namen, thu's mir zulieb.« »Mutter, das ist der höchste Trumpf, den Ihr ausspielen könnet, Ihr wisset wohl, wenn Ihr saget: ›thu's mir zulieb,‹ da muß ich.« »Ja, es muß alles einmal ein End' haben, du hast dich lang genug gewehrt; ich wart' auf dich und geh' mit.« »Bäbi! Hol mir den Rock und das Gebetbuch,« schloß Luzian. Das Verlangte war schnell bei der Hand. Heute ging die Ahne seit langer Zeit wieder mit der gesamten Familie, sie führte sich an Luzian. Egidi mit der Frau und den beiden jüngeren Kindern war von der Mühle heraufgekommen und schloß sich auch dem Zuge an. Alle strahlten voll Freude, als brächten sie ein hehres Opfer. Wer weiß, was sie opfern? Luzian ging still dahin; es ließ sich nicht erkennen, ob sein zögernder Schritt aus einem Mißmute kam, oder ob er bloß der Mutter zulieb so bedächtig einherging. Er dankte allen, die ihn grüßten, mit ernster Miene. In der That war es ihm fast lieb, daß er durch so heftiges Bitten zum Kirchgange gezwungen wurde, er kam dadurch aus dem vereinsamten Kampfe, in dem er nach verlorener Schlacht fast noch allein auf dem Waldfelde verblieben war. Er nahm sich vor, keinerlei Groll zu hegen und unangefochten die Welt ihres Weges ziehen zu lassen. Luzian mußte bekennen, daß der junge Pfarrer mit schöner klangvoller Stimme und in edler Haltung Messe und Amt verrichtete. Jetzt bestieg der Pfarrer die Kanzel, Luzian stand ihm gerade gegenüber an eine Säule gelehnt, er ließ den Platz neben sich leer und blieb stehen. Der Pfarrer sprach: »Geschrieben stehet: Wer da viel säet, wird viel ernten, und wer wenig säet, wird wenig ernten. So steht geschrieben. Ach, Gott und Herr im siebenten Himmel! höre ich euch alle im Herzen rufen, ach, Gott! ist: denn der Spruch auch wahr? . . . Mit dieser Frage seid ihr alle fort, hinaus aus der Kirche, ihr seid draußen auf dem Felde, wo euer Korn und euer Haus niedergeworfen ist und die Bäume von unsichtbarer Hand gepflückt. Dort seid ihr nun und fragt: Haben wir nicht gesäet mit voller Hand? Haben wir nicht gearbeitet am Morgen früh und am Abend spät, und nun? . . . . . Ihr murret und hadert ob der Hand des Herrn, und ihr fluchet schier. Und nun? fragt ihr. Ich aber antworte euch: Wer da viel gesäet:, wird viel ernten, und wer da wenig gesäet, wird wenig ernten. In euch liegt ein Feld, das liegt brach, öde und versteint, Schlangen und Gewürm hausen darin. Habt ihr es umgepflügt mit dem scharfen Pfluge der Buße und euern festen Willen vorgespannt und am Seile gehalten? Habt ihr es gedüngt mit der Reue und den Samen des ewigen Wortes drein gestreut zur Tugend und heiligen That? Habt ihr? Ich frage euch. Wohl, ihr saget: Ich fühle mich rein von schwerer Schuld, wer kann mir was Schlechtes nachsagen? So ruft jeder Verbrecher, selbst der Mörder, wenn er von den Händen der Gerechtigkeit gefaßt wird. Und wenn ihr in den Beichtstuhl kommt, ei freilich, da wißt ihr kaum, daß ihr einmal geflucht oder eine böse Rede geführt, und doch habt ihr alle, alle die sieben Todsünden schon siebenmal siebzigmal begangen. Aber das ficht euch nicht an. Es ist mancher unter euch, der jetzt unter sich schaut und seinen Hut zusammenkrempelt, er denkt: Was! das ist altes Gepolter! das ewige Lämplein in der Kirche brennt nur noch matt, und kommt ein guter Luftzug, aus ist's; aber die Aufklärung, das Licht, das ich in meinem Kopfe stecken habe, das allein gilt. – Schau, schau, da hätten wir also einen, der den Aufkläricht verkostet hat, den die fürnehmen, hochgelahrten Herren in der Stadt euch gar mildiglich bereiten. Wenn du nach der Stadt kommst, siehst du vielleicht ein armes Bauernweiblein, das in einem schmutzigen Kübel, in einer schwimmenden Brühe allerlei Abgängiges heimträgt zur Mastung für ihre lieben Schweine. Siehst du, das ist der Aufkläricht, den dir die vornehmen, hochgelehrten Herren wollen zukommen lassen. Juden und Lutherische und Katholiken, die in der Staatsmastung stehen, werfen dir etwas zu, wenn sie sich toll und voll gefressen haben und nicht mehr mögen. Du freust dich damit und vergissest darob den Tisch, zu dem der Herr alle Gäste geladen, wo alle gleich, Hoch und Nieder, wo es keine Gelehrten und keine Vornehmen gibt, denn der Glaube allein gilt. – In dem Aufkläricht ist ein wurmäsiger Apfel von dem alten Baume, daran die Schlange war, der mundet dir, da schmatzgest du, daß dir die Brühe von allen beiden Mundwinkeln herunterlauft, wenn die Schlange spricht: Es gibt keine Erbsünde, das ist eitel Pfaffentrug aus finsteren Zeiten, wo man noch nichts wußte vom Licht und noch nicht schmeckte den Aufkläricht. Ich aber sage euch: eine ganze Brut von Schlangeneiern und einen Wurmstock von Teufeln bringst du mit auf die Welt, und so du das nicht alle Wege vor Augen hast und mit Zerknirschung erkennest, wie verworfen und nichtswürdig du bist, so bist du ewig verloren; deine Seele steckt noch zu tief im Fleisch und wehe, wenn du wartest, bis die Todessense sie herausschabt. Thut's wehe? Schneidet's? Brennt's und nagt's? Warte nur, es kommt noch besser. Wer nach dem Aufkläricht schnappt, wird eine runzlige Nase und ein krummes Maul über solche Worte machen, und um den Widerwart los zu sein, wird er mir gar zurufen: du gehst zu weit ab vom Text. Ja, Brüderlein! Du bist noch viel weiter ab vom Text, ich aber bleib' dabei: wer da viel gesäet, wird viel ernten, und wer da wenig gesäet, wird wenig ernten. »Ich hole noch ein Früchtlein aus dem Aufkläricht, es schwimmt oben auf. Mancher von euch denkt wohl: Ja, hätt' ich nur dem guten Rate gefolgt und mich in die Hagelversicherung aufnehmen lassen, da könnt' ich dem Hagel was pfeifen. Komm her, du versicherter Mann, laß dich ein bißle heraufholen. Seht ihr, da hab' ich ihn; der Neid muß ihm's lassen, es geht ihm gut, und er sieht reputierlich aus. Mag's brennen und sengen und hageln und Seuchen wüten, da steht er fest, der versicherte Mann. Da steht sein Haus, es ist in der Feuerkasse – versichert, am Laden klebt ein Täfelein, sieht fast aus wie ein Ordensschmuck, das zeigt an: Tisch und Bett und Stuhl, Kisten und Kasten, der ganze Hausrat ist – versichert; das Vieh im Stall – versichert, die Aecker im Feld – versichert, die Kinder – versichert, sie sind auf der Rentenanstalt eingetragen, und wenn eines zwanzig Jahr' alt ist, bekommt es so und so viel Zinsen bis in die grasgrüne Ewigkeit hinein; sein eigen Leib und Leben – versichert, doppelt versichert, in Paris und in Frankfurt. ›Jetzt komm, Herrgöttle, und thu mir einmal was an!‹ So schlägt sich der versicherte Mann herausfordernd auf die hirschledernen Hosen. Ja, beim Teufel! Den muß unser Herrgott laufen lassen, den kann er nimmer am Grips kriegen. Aber wie? du feuerfester, hageldichter, versicherter Mann, laß dich noch eine Weile beschauen. Wo hast du denn dein ewiges Heil versichert? Gelt, daran hast du noch nicht gedacht, das brauchst du nicht? Vielleicht glaubst du gar nicht an ein ewiges Leben, das gehört so zum Aufkläricht. Aber wart', es kommt die Stunde, und du liegst auf dem Schragen und röchelst schauerlich und schnappst nach Luft, der kalte Schweiß steht dir auf der Stirn. Kennst du das Gerippe? Es streckt die dürre Hand nach dir aus, o! wie schwer, wie zentnerschwer liegt's auf dir; du willst mit todesschweißiger Hand abwehren, du fassest die leere Luft. Ja, krümm' dich nur wie ein Wurm, bäum' dich wie ein Pferd, fort, fort, von hinnen mußt du, deine ganze versicherte Welt bleibt dahinten. Noch rollen die Schollen nicht auf deinem Leichenaas, und du stehst vor dem obersten Halsrichter, da geht's auch öffentlich und mündlich her, wie du so oft deinen Zeitungsheiligen nachgeschrieen hast, das ist der letzte Zahltag: wo hast denn deine Papiere, deine Versicherungen? Guck, da ist ein ander Sparkassenbüchlein, da ist alles verzeichnet, die Rechnung stimmt, fast zum Verwundern. Jetzt hast's verspielt, du kommst ins Regiment, links vom Gottesgericht, und da ziehen sie dir eine feurige Uniform an, die sitzt dir wie angegossen, eine Schlange schnallt sich dir als Leibgurt um, Pech und Schwefel sengen dich und brennen dich und verzehren dich nicht. In die Hölle! in die Hölle zur ewigen Verdammnis fährst du, und drunten in deinem versicherten Hause ist's oft alleinig in stiller Nacht wie das Winseln von einer Seele, die drüben die ewige Ruhe nicht finden kann. Das Gebet deiner Kinder könnte dich erlösen und die Ewigkeit deiner Qualen kürzen. Hast du sie beten gelehrt? du hast sie – versichert.« Mancher Blick hatte sich schon beim Beginn dieser Schilderung nach der Säule gewendet, wo ein Mann feststand wie der Stein hinter ihm, aber die Blicke glitten wieder ab, und jetzt fuhr der Pfarrer fort: »Geliebte in dem Herren! Ich sage euch laut und deutlich, ich habe niemand gemeint, ich kenne niemand, der solchen Herzens ist, aber jeder frage sich, ob er nicht schon im Geiste den Weg betreten, so zu werden. Fern sei es auch von mir, euch davon abzuhalten, euer zeitlich Gut zu wahren, aber alles ist Tand und Staub und Moder. Und gäbet ihr mit eurem zeitlichen Gut Wohlthaten und Geschenke wie Sand am Meere, verflogen ist's, fehlt euch der Glaube. Wahret euer Gut, soviel ihr könnet, aber die einzige Versicherung ist dem, der da bauet auf dem Fels, der da ist der Glaube, der schüttert nicht und splittert nicht und stehet fest ohne Wanken. Und wenn rings umher deine Saaten das Wetter knickt, der Glaube richtet dich auf; du stehest fest wie ein Fels, und Lobgesänge schallen aus deinem Munde. – Aber sei nur kein windelweicher, auszehriger, naßkalter Tropf, eher noch ein grundmäßiger Heide, wie der versicherte Mann, den mag der Herr noch in seine Zange fassen, schmieden und schweißen. Laß es nicht von dir heißen: du bist nicht kalt und nicht warm, du bist lau, darum werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. – Eure Saaten sind geknickt, Not und Jammer steht euch bevor. Warum? Warum frage ich euch, hat der Herr seinen Wettern befohlen, daß sie herniederfahren und euch züchtigen? Ihr habt sein vergessen in eurem Taumel, gottverlassen ruht auf jedem von euch tausendfältige Todesschuld. Darum . . . .« »Das ist schandmäßiger Lug und Trug!« erscholl plötzlich eine Stimme aus der Gemeinde. Hat die Säule dort gesprochen? Dringen Worte aus dem starren Stein? Es wäre nicht wunderbarer, als daß eine Stimme aus der Gemeinde es wagte, sich hier zum Widerspruche zu erheben. Die Blicke aller richteten sich nach der Säule dort, wo Luzian stand, ein Lichtstrahl fiel gerade auf sein Antlitz, auf dem ein wundersamer Glanz schimmerte: er blickte in die Sonne, und seine Wimper zuckte nicht, dann schweifte sein Auge über die Versammlung hin, als wäre sie untergesunken, als suche und finde sein Blick etwas, das über den Häuptern der Menschen um ihn her schwebte. Eine Weile herrschte Totenstille, man hörte das Picken der Turmuhr, es war wie der laute Herzschlag der ganzen Kirche. Jetzt rief der Pfarrer: »Wer hat es gewagt, das Wort des Herrn hier zu schänden?« »Ich!« rief Luzian und legte die zitternden Hände fest auf das Herz, das ihm zu springen drohte. »Sind eure Hände lahm? vom Satan gebunden?« rief der Pfarrer, »daß sie sich nicht erheben, um das Heiligtum von dem gottesleugnerischen Aase zu säubern?« Ein Tumult entstand in der Gemeinde; es ließ sich nicht ahnen und bestimmen, was daraus werden sollte. »Kommt her!« rief Luzian und streckte seine Arme weit aus, aber seine Hände waren nicht zum Segnen ausgebreitet, seine Fäuste ballten sich, »kommt her! Glaubt nicht, daß ich mich binden lasse, wie ein geduldig Lamm. Gott ist in mir, ich zerbreche die Hand, die sich nach mir ausstreckt.« »Soll der Gotteslästerer noch länger das Heiligtum entweihen?« schrie der Pfarrer schäumend vor Wut. Die Gemeinde war wie erstarrt, und Luzian sprach mit ruhiger, weithin vernehmlicher Stimme: »Ja, ich muß reden, und wenn man mich jetzt auf den Scheiterhaufen legt, ich muß. Du Gesalbter da oben, du schmähest Gott und die Menschen, ich will nicht teilhaben an deiner Sünde. Hört auf mich, Brüder und Schwestern! Ich bin kein Weiser, aber ich weiß: Gott ist die Liebe, Gott lebt in uns, und schickt er Wetter und Unheil, so thun wir uns zusammen und teilen miteinander, und keiner hat sich zu schämen, die Gaben zu empfangen, und keiner darf hart sein, sie zu weigern. Du da oben, du willst wissen, warum Gott durch das Wetter unsre Felder verhagelt hat! Weil wir schlecht sind? Sind wir schlechter als alle unsre Nachbardörfer? Gott ist die Liebe, Gott ist in mir, und die Liebe ist in mir, für euch, und ich will jetzt sterben. Die Hölle ist nur in dir da oben und in allen wie du . . .« »Du bist verdammt und verflucht in Ewigkeit!« schrie der Pfarrer und stieg die Kanzel herab. Der Gottesdienst war zu Ende, die ganze Gemeinde schwirrte durcheinander. Luzian ging festen Schrittes der Thüre zu, alles wich vor ihm zurück, aber wie mit wunderbarer Kraft erhob sich die Ahne, faßte seine Hand und schritt so kräftig neben ihm her wie seit Jahren nicht. Sie gingen still heimwärts, und dort sah sie den Luzian zum erstenmal in seinem Leben weinen und laut schluchzen wie ein Kind. Die Ahne wußte gar nicht, was sie beginnen sollte, sie lief kopfschüttelnd im Zimmer umher, drückte an allen Fenstern. ob sie auch fest zu seien, und jagte zuletzt die Katze, die hinterm Ofen saß, zur Thür hinaus; auch sie sollte nicht hören, daß der starke Mann weinte. Luzian saß da, er hatte die Hand auf den Tisch gelegt und das Antlitz darauf verborgen. »Meinst du nicht auch?« tröstete die Ahne, »wenn der Kaiser Joseph nicht vergiftet wär' und er hätt' das Leben noch, der thät' den jungen Pfarrer da ins Zuchthaus schicken? Nicht wahr?« »Freilich,« sagte Luzian und schaute lächelnd auf. Das Nachspiel und ein kalter Schlag. Dem Schulmeister war indes das Nachspiel in der Orgel stecken geblieben, es sollte aber doch noch ausgeführt werden. In grausigem Wirrwarr drängte sich die Gemeinde aus der Kirche. Der Pfarrer hatte sich rasch in die Sakristei zurückgezogen. die Ministranten folgten ihm in ihren flatternden Hemden mit eiligen Schritten, als ginge es zu einem Sterbenden. Nicht so behende gelang es der Versammlung. Da ging einer und heftete den Blick auf den Boden, als suche er etwas, als wäre ihm der letzte Bissen von einer scharf gewürzten Speise, den er sich zur Letzung und zum Nachschmacke bis zum Ende aufbewahrte, plötzlich durch den ungeschickten Stoß eines Nachbars auf den Boden geworfen worden. Fromme Mütterchen konnten kaum ihr Gebetbuch zusammenlegen, das schien so schwer, als zerrten die Geister der unerlösten Worte daran, die noch gesprochen werden mußten. Alle sahen sich staunend um, und ihre Blicke fragten, ob denn das noch die Kirche, das noch die Menschen seien, ob denn nicht plötzlich ein gewaltig Zeichen erscheinen und der Himmelsbogen krachend einstürzen müßte! Die äußere Würde ist ein sein geschliffener, behutsam anzufassender Schmuck, überlieferst du herablassend oder niedergebeugt das Diadem fremden Händen, du kannst die Grenze nicht mehr ziehen, wie weit sie dir's verschleppen, wie sie damit spielen und es gar zerschmettern. So bei der äußern Würde von Personen, so von Heiligtümern und dergleichen. Unversehens entstand in der Gemeinde ein Johlen und Grollen, ein Toben und Tosen, als ob das wilde Heer gefangen wäre. Man wußte nicht, woher der Lärm kam, wo er entstanden, er schien aus den Wänden gedrungen. Durch Zischen und Rufen suchte man das Stimmengewirre zu beschwichtigen, aber das war wie ein ohnmächtiger Wasserstrahl, den man in die helle Lohe leitet; zischend steigt der Dampf auf, und mächtiger drängt sich ihm die Flamme nach. Losgelassen waren die Stimmen in allen Tonarten, die sonst hier still verharrten oder in gebundenen Sängen und Responsorien laut wurden. Alles drängte dem Ausgang zu. Den Brunnenbasche hatte eine mutwillige Schar mitten in den Weihkessel gesetzt, und er arbeitete sich triefend daraus hervor. Jeder, der das Freie erreicht hatte, atmete leichter auf und fühlte sich erlöst von erdrückender Last. Niemand außer dem Brunnenbasche eilte nach Hause; man konnte sich nicht trennen, ohne ein Wort der Verständigung, ohne einen gemeinsamen Halt; jedem war's, als müßte der andre ihm helfen, als dürfe man sich jetzt nicht verlassen und trennen. Den frevlerischen Spott, der mit dem Brunnenbasche begangen worden, hatten nur wenige bemerkt. Großen Versammlungen teilt sich leicht wie elektrisch eine gewisse gemeinsame Stimmung, sozusagen eine gemeinsame Wärme mit, so daß niemand kaltes Blut und Ueberlegung genug hat, um, über das Gemeingefühl sich erhebend, unbefangen das Vorliegende zu deuten und zu klären. Jetzt im Freien fühlte sich jeder wiederum selbständiger, heller. Es scheint mit den Nervensträngen oftmals sich zu verhalten wie bei den Saiten eines Instrumentes, die ihre Stimmung und Spannung ändern, wenn sie in eine andre Temperatur gebracht werden. Dennoch konnte einer den andern nicht lassen, ein Gefühl der Gesamtverantwortlichkeit durchbebte sie. Der Steinmetz Wendel, der jahraus jahrein Mühlsteine meißelte, Mitglied des Bürgerausschusses war und zugleich in einer geheimnisvollen Achtung stand, weil er Vorsteher der Steinmetzen war, die unter allerlei undurchdringlichen Zeremonien alljährlich ihr Innungsfest feierten, dieser, ein schmächtiger Mann, viel gewandert und von anerkannter Klugheit, hatte eine große Gruppe Männer um sich versammelt, und selbst der Schultheiß hörte ihm zu, zumal Zuhören unverfänglicher war, als selbst reden. Endlich erschien der Pfarrer in bürgerlicher Kleidung, er hielt die schwarzeingebundene Bibel und das Meßbuch mit der linken Hand auf die Brust gedrückt; gesenkten Blickes, ohne aufzuschauen, schritt er durch die Versammelten, die sich vor ihm zerteilten; plötzlich schien ein Entschluß seinen Schritt zu hemmen, er warf seiner Gewohnheit nach den Kopf nach hinten, richtete das Antlitz aufwärts und schloß die Augen. Von allen Seiten wurde Stille gerufen, und der Pfarrer sprach: »Meine lieben Christen!« die Stimme schien ihm zu stocken, man sah, er arbeitete mit aller Macht um Atem, nur zu den nächsten Umstehenden sagte er: »Ich bitte um Geduld, ich werde mich gleich fassen.« Man hörte es indes allerwärts und nach einer Weile fuhr er laut fort, die Hand hoch emporstrebend: »Auf! und wenn das Gefäß meiner Seele zerbricht! – Meine lieben Christen! Ein Wetter, gräßlicher denn das eure Saaten niederschmetterte, ist aus einer Seele voll Nacht und Dunkel niedergestürzt, um das Pflänzchen des Glaubens in euch zu begraben. Fluchet nicht dem, von wannen solches ausging, er ist arm genug, und wenn er alle Güter der Erde sein eigen nennte. Gehet hin, und jeder bete still um sein Heil und seine Erlösung durch die Gnade, wie ich es thun werde im stillen Kämmerlein auf meinen Knieen, mit meinen Thränen. Er ist mein Bruder, ich lass' ihn nicht, und niemand darf ihn lassen. Ich spreche nicht von der Schmähung, die mir angethan worden. Was bin ich? Ein unwürdiger Knecht dessen, dem wir alle dienen. Und so ihr also betet für ihn, wird der Herr euch Macht verleihen und euch begnaden, auf daß der böse Feind, der umgeht, eure Herzen nicht in seine Fallstricke reiße. Noch eins. Ich ermahne euch zum Frieden. Thuet wohl denen, die euch Böses thun. Lasset den gerechten Groll, daß das Heiligtum geschändet wurde, nicht ihn entgelten. Will Luzian ein Luzifer werden, beweinet ihn, aber niemand wage es, der Gerechtigkeit des Herrn der Heerscharen vorzugreifen. Ein jeder muß seine Haut selber zu Markte tragen, sagt das Sprichwort; niemand wage es, sie ihm freventlich voraus zu gerben. Vielleicht will Luzian lutherisch werden, oder will er gar die neue preußische Religion, das Gemächt von dem Bruder Schlesinger. Wir können mit Gebet und frommen Ermahnungen um die Abwehr flehen, aber niemand wage es, seine Hand –« »Was da?« unterbrach plötzlich eine Stimme. Heute schien alles aus Rand und Band zu gehen. Der Steinmetz Wendel fuhr fort: »Mit Verlaub, Herr Pfarrer, ich red' wegen der Schwachen im Geist, die könnten schier gar meinen, Ihr wolltet aufhetzen, statt abwehren. Nicht wahr, ihr Mannen, es ist kein ehrlicher Mann im Ort und in der ganzen Gegend, der dem Luzian das Schwarze unter dem Nagel beleidigen möcht'? Hab' ich recht oder nicht?« »Hat recht. Wer will dem Luzian was thun?« scholl es aus der Versammlung, und Wendel sagte schmunzelnd: »Nun noch ein Wort. Was Ihr da wegen der preußischen Religion saget, ist auch fehlgeschossen. Wir lassen uns mit dem Worte preußisch keinen Pelzmärte mehr vormachen, das ist vorbei; der Preuß' will ja auch die Religion gar nicht, er klemmt sie ja, wo er kann, der Hauptpreuß', der König, ist eher euer . . . .« »Genug,« unterbrach ihn der Pfarrer, »ich wußte es in tief betrübtem Herzen, daß der Verblendete nicht allein steht, daß der Zeitungsglaube noch mehr Apostel hat. Ich rede nur noch zu euch, die ihr Christen seid; ein jeder bete still für den andern und suche sein eigen Herz zu reinigen. Gott mit euch.« Schnellen Schrittes ging der Pfarrer seiner Wohnung zu, und nun stob alles in wilder Hast auseinander. »Wer geht mit zum Luzian?« rief Wendel noch. Dieser Ruf schien zu spät zu kommen, denn die meisten hatten sich bereits zum Heimgang gewendet, sie schienen vorerst des Kirchenstreites satt und verspürten einen andern Hunger. Wendel ging bloß von Egidi geleitet zu Luzian. An diesem Mittage herrschte in allen Häusern eine sonntagswidrige Ungeduld. Die Männer setzten sich kaum ruhig zum Essen nieder und standen bald wieder auf, um sich mit Nachbarn und Freunden über das Vorgefallene auszusprechen. Es war nichts Neues zu holen, aber jeder mußte doch sagen, wie es ihm zu Mute war, und jeder wollte das Ereignis auf ganz besondere Weise erlebt haben; da waren Umstände, Vorahnungen und Wahrzeichen, die niemand außer ihm kannte. Es war wie die Löschmannschaft nach einem plötzlich ausgebrochenen Brande, die sich nun in der Wirtsstube zusammenfindet; man kann noch nicht in sein Heimwesen zurück, und jeder muß berichten, wie und wo er überrascht ward, und was er als einzelner im Gesamten vollbrachte. Was nun zu thun sei, davon war nirgends die Rede. Sollte die müßige Selbstbespiegelung, diese Grundfäulnis im Charakter unsrer Tage, sich auch hier schon eingefressen haben? Es muß sich bald zeigen. Ein Herz ist aufgegangen. Schließen wir uns an Wendel und Egidi an. Wir treffen Luzian hemdärmelig hinter dem Tische sitzen, heitern Blickes dreinschauend. Die Angehörigen aber standen in der Stube und auf der Hausflur, so in starrem Schmerz in sich gebannt, als läge in der Kammer nebenan eine geliebte Leiche, deren ewiger Schlaf wie zu leisem Auftreten gemahnte. Die Schwiegertochter, die hochschwangere Frau Egidis, hielt die Kinder behutsam zum Schweigen an; sie wußten nicht, was all der stille Kummer bedeute, und ließen sich's gefallen, daß sie gegen alle Hausregel kurz vor dem Mittagsessen ein Butterbrot bekamen. Das Feuer auf dem Herde war ausgegangen und schickte seine Rauchwolken in die Hausflur und in die Stube, sobald sich diese öffnete; niemand blies das Feuer an. Die Knechte und Mägde trieben sich draußen umher, alle Ordnung schien aufgelöst. »Willst's mithalten, Wendel?« fragte Luzian den Eintretenden, »von den Meinigen will keins an den Tisch; sie meinen, das sei mein Henkermahl, jetzt gleich nach dem Essen werde ich geköpft. Und ich sag' dir, ich habe einen weltsmäßigen Hunger, so hab' ich mein Lebtag keinen gespürt, grad wie wenn ich übers Hungerkraut gangen wär'. Ich möcht' nur wissen, ob die Hauptketzer, die den Pfaffen ins Zeug gefahren sind, auch allemal so einen Hunger gehabt haben, so einen grundrührigen. Weißt nicht?« »Ich hab' noch nichts davon gehört, was der Doktor Luther zu Mittag gessen hat, wie er vom Reichstag in Worms in seine Herberge heimkehrt ist,« entgegnete Wendel, Luzian die Hand schüttelnd, und dieser begann wieder: »Also du mußt mir doch auch recht geben?« »Freilich, es ist genug Heu unten gewesen.« »Du bist halt der Wendel, du weißt, daß man die Birnen schütteln kann,« sagte Luzian aufstehend. Er ging die Stube auf und ab, in seinem Blicke, in seiner Haltung lag etwas Hoheitliches, wie wenn er plötzlich zum Feldherrn ausgerufen worden wäre und draußen harrten seiner die gescharten Völker. Er schlug sich ruhig mit beiden Händen mehrmals auf die Brust. als wollte er die sich bäumende Kraft darin beschwichtigen. »Also wie ein Mann muß die Gemeinde zu mir stehen,« sagte er endlich stillhaltend. »O Luzian!« sagte Wendel und schaute mitleidvoll zu dem Abgewandten auf. »Was ist?« rief Luzian, in halber Wendung sich umkehrend, sprühenden Auges, »was ist? wollen sie nicht?« fuhr er in scharfem Tone fort, indem er Wendel mächtig schüttelte, als wäre dieser der Unterbefehlshaber der aufrührerisch gewordenen Truppen. »O Luzian!« sagte Wendel kopfschüttelnd, »lehr mich die Menschen nicht kennen. Ich bin nur um ein Jahr älter als du, aber ich bin weit in der Welt herumkommen. Guck, da zerren und bellen sie das ganze Jahr, und wenn einer heraustritt und er packt die Niedertracht bei der Gurgel und er kommt dafür in die Patsch, hui! da ist das Kätzle auf der Mauer, da will keiner was dabei haben, da duckt sich ein jedes und sagt: ja, warum hat er's auch so dumm angefangen? warum hat er sich so weit eingelassen? Er dauert mich – das ist noch das Höchste. Und wenn sie ja zusammenhalten thäten, wär' ihnen geholfen, aber da denkt keiner dran, da –« »Also du glaubst?« fuhr Luzian auf, und seine Hand faßte krampfhaft den Sprecher. »Daß du allein schaffst,« fuhr Wendel fort. »Du hist ein reicher Mann, du kennst's nicht aus Erfahrung, weißt aber doch: das schwerste Geschäft ist – allein dreschen. Wenn's mehr bei einander sind, thut sich's noch so ring, es ist, wie wenn der Gleichschlag den Flegel von selber heben thät. Lieber allein tanzen, als allein dreschen. So ist's recht, lach nur. Es geschieht dir auch nicht so viel. Der Pfarrer hat in der Predigt auf dich angespielt, das darf –« »Nichts da, davon will ich nichts,« entgegnen Luzian. »Er oder ich. Aber du bist immer so ein Schneesieber gewesen. Laß du nur mich machen. Egidi! hol jetzt das Bäbi, es soll das Essen 'rein thun, ich muß bald fort.« Egidi kam nach einer Weile wieder und sagte, Bäbi sei in ihrer Kammer eingeschlossen, sie weine, gebe keine Antwort und mache nicht auf. »Es wird gleich da sein,« sagte Luzian, die Lippen schärfend. Die Frau hielt ihn unter der Thüre fest und rief: »Um Gottes willen gib doch Fried', ich will das Essen bringen.« »Nein, das Bäbi muß her.« Er machte sich los und ging die Treppe hinauf. Droben rief er: »Bäbi! mach' auf!« Keine Antwort. »Bäbi, ich, dein Vater ruft.« Man hörte jemand schwer sich vom Boden aufrichten; ein Riegel wurde zurückgeschoben. Luzian stand selbst eine Weile erschüttert beim Anblick des Mädchens. »Was hast? was ist? komm abi,« sagte Luzian sanft. »Vater, schlaget mich tot, aber ich kann mich vor keinem Menschen mehr sehen lassen,« rief Bäbi schluchzend und warf sich auf das Bett. »Warum? warum? Gib Antwort, red, red, sag' ich.« »Wenn ich nur tot wäre und der Paule auch,« stöhnte Bäbi endlich. »Bäbi!« fuhr Luzian auf, die Haare standen ihm zu Berge, es überrieselte ihn eiskalt, »Bäbi, ich will nicht hoffen, daß es Eil' hat mit deiner Hochzeit; Bäbi, ich erwürg' dich jetzt da gleich,« fuhr er zitternd fort, »wenn's an dem ist. Soll der Pfaff sagen: so geht's bei dem Gottlosen her, und so sind seine Kinder? Bäbi, red, oder ich weiß nicht, was ich thu'.« »Vater! ich mach' Euch kein' Schand,« erwiderte Bäbi. Unwillkürlich hatte sie das Wort »ich« so scharf betont, daß es Luzian durchzuckte; er hielt an sich, und plötzlich kam eine seltsame Wandlung über ihn. Blitzschnell kam ihm der Gedanke, daß er seinem Kinde unrecht thue, weil er selber in Wallung war. Er schalt sich, daß er seinen Zorn an dem unschuldigen Kinde auslasse, und er sagte: »Verzeih mir, Bäbi, ich hab' dir unrecht than – ich will keinem Menschen unrecht thun, sonst bin ich verloren,« sprach er wie zu sich selber und fuhr dann fort: »Bäbi, dein Vater macht dir auch kein' Schand.« Diese letzten Worte sprach er wie mit stockender Stimme, so daß Bäbi allen Kummer aus dem Antlitz wischte und wie erhoben zu ihm aufschaute. Wie rasch schossen hier die Empfindungen hin und wieder. Bäbi wäre gern niedergekniet vor dem Vater, der sich so vor ihr demütigte. Man muß sich die machtvollkommene, über Widerspruch und Einrede erhabene Stellung des Vaters im Bauernhause vergegenwärtigen, um zu ermessen, was es heißt, daß Luzian sich seinem Kinde wie ein Büßender gegenüberstellte. Ist es schon in andern Kreisen für einen abgeschlossenen, in sich ruhenden Charakter schwer, sich zu beugen, Irrtum, Fehl und Uebereilung offen zu bekennen, umgeht man gern das Geständnis in Worten und will solches stillschweigend aus der nachfolgenden That erkennen lassen – wie unsäglich mehr war solche rasche Reumütigkeit für den Vater hier. Das empfand Bäbi, und es that ihr tief wehe, daß sie den Vater so niedergedrückt hatte. Heischt man auch im augenblicklichen Unmute oft ein merkliches Reubekenntnis, so wird doch ein edles Gemüt die Beugung rasch aufheben und mochte lieber sich selbst niederwerfen und um Verzeihung flehen, daß man es so weit getrieben. Wie vieler an Ton und Zeichen gebundener Worte bedarf es, um dem unendlich raschen Fluge der Empfindung schwerfällig nachzugehen. Vater und Tochter standen hier einander gegenüber, und in ihrer Haltung schien nichts erkennbar von der Weichmütigkeit, dem sanften Fassen und Heben in ihrem Geiste. Der Blütenkelch eines Menschengemütes öffnete sich, das, wer weiß wie lange noch, verschlossen in sich geruht hätte. Bäbi erkannte nur einfach, daß sie ihrem Vater helfen und beistehen müsse, statt ihn zu härmen; und schwingt sich ein Herz über das eigene Leid hinaus und sucht fremdes zu heilen, so ist die Erlösung gefunden. Zum erstenmal in ihrem Leben wagte es Bäbi, die Hand ihres Vaters zu fassen; dann sagte sie: »Kommet, ich will das Essen auftragen.« Viktor ward herbeigerufen und sprach das Tischgebet. Luzian hörte zu, als vernehme er's zum erstenmal, er schien jedes einzelne Wort in seinen Gedanken zu prüfen. Wie er verkündet, so war's. Luzian hatte in der Thal einen weltsmäßigen Hunger, wie er's genannt hatte; er war dabei überaus heiter und wohlgemut. »Mich freut das Essen, und ich thue ihm seine Ehr' und Respekt an, ich mein', das war' der beste Dank gegen Gott,« sagte er einmal. Niemand antwortete. Die Frau schöpfte sich auch heraus, aber sie aß nicht. Egidi war ebenso lautlos. Bäbi betrachtete den Vater immer mit freudestrahlendem Antlitze, als hätte er ihr eben erst das Köstlichste und Herrlichste geschenkt. Niemand ahnte, was in dem Mädchen vorging, und selbst Luzian wußte nicht, welch eine Wunderblume neben ihm aufgesprossen war. Bäbi, die es sonst nie gewagt hatte, bei Tische im Beisein des Vaters ungefragt ein Wort zu reden, sagte jetzt, lange nachdem der Vater gesprochen hatte: »Ja Vater, lasset Euch nur nichts zu Herzen gehen.« »Sei ohne Sorg', es geschieht mir nichts an Leib und Leben,« erwiderte Luzian staunend, »aber jetzt halt' der Ahne das Essen warm und paß auf, daß es nicht anbrenzelt.« Die Ahne war nämlich bald nach der Morgenkirche in der Kammer eingeschlafen. Luzian schöpfte ihr bei Tische zuerst und das Beste heraus. Bäbi ging immer ab und zu, sie verkostete keinen Bissen, es kam ihr fast sonderbar vor, daß die Menschen durch Speise und Trank ihr Leben auffrischen, sie betrachtete die Speisen wie etwas, das sie gar nichts anginge; sie war so satt, so tiefgetränkt, daß sie glaubte, hundert Jahre so fortleben zu können. In dem Hause, wo sie geboren und erzogen war, das sie noch nie verlassen hatte, schaute sich jetzt Bäbi um, als käme sie eben aus der Luft herabgeflogen und hätte sich nur hier niedergelassen; fragend schien sie zu forschen, wer denn gekocht habe, wer das Hans gebaut und eingerichtet, wie der Mensch so vielerlei nötig habe – sie wollte doch von allem nichts; sie schien fragen zu müssen, oh denn früher schon eine Welt da war, während ihr eigen Leben jetzt erst aufging. Ein neugeboren Kind, das reden könnte, müßte so die Welt erfassen. Bäbi stand oft still, schloß die Augen und schaute in sich. Sie konnte es nicht in Worte und feste Gedanken setzen, aber sie fühlte es, in dieser Stunde war sie zum Bewußtsein ihrer selbst erwacht, wieder geboren. Wie hatte heute am Morgen namenloser Schmerz ihr ganzes Wesen aufzehren wollen, die süßeste, zuversichtliche Hoffnung war in unabsehbare Ferne gerückt. Jetzt war's ihr, als ob ein fremder Mensch in all den Klagen gerungen habe, sie selber war ja froh, wie abgelöst aus einer fremden Hülse. Sie mußte sich fast gewaltsam die Erinnerung zurückrufen, daß sie Braut sei, daß sie auf der Schwelle stehe, ein eigen Heimwesen zu gründen. Das war ein Kind, das solches erlebt hatte, wo ist es hin? Sie wäre gern zu allen Menschen hingeeilt und hätte ihnen gesagt, daß sie ihren Vater über alles liebe, daß er mehr sei als die ganze Welt. Und Paule? Der war ja eins mit ihr, der mußte ja alles mit erfahren und gedacht haben wie sie – oder war's nicht so? Ein Mädchen, das den Vater verlassen, besinnt sich jetzt erst in der Entfernung der stillen Verehrung, die es für den Würdigen gehegt, sehnsuchtsvoll öffnet sich das innerste Heiligtum des Herzens, und hell strahlt das erhabene Bild aller Kraft und alles Edelsinns. Wie ganz anders tritt dann wieder die Tochter dem Vater entgegen. Bäbi hatte sich von ihrem Vater mehr als räumlich entfernt, und sie erschaute ihn jetzt wie einen Heiligen, der ihr geraubt war. Nicht durch äußere Lehre, aus dem innersten Zusammenhang der Familie sollte Bäbi zum höchsten Leben erweckt werden. Wir werden vielleicht das geheimnisvoll dunkle Walten in der Seele des Mädchens noch näher kennen lernen, wenn es nicht die scharfe Wirklichkeit in sich bricht. »Was ist das für ein Lärm?« rief plötzlich alles in der Stube. Man sprang ans Fenster. Des Schützen Christoph drehte vor dem Hause die große »Rätsch«, das ist der Kasten aus gespannten Brettern, die ein Kammrad in Bewegung setzt. Die Rätsch dient statt der Kirchenglocken, wenn diese zur Fastenzeit nach Rom zur Beichte wallfahren. Was sollte das aber jetzt mitten im Sommer? Ein Teil der Tischgenossen rannte auf die Straße, um Erkundigungen einzuziehen, die übrigen eilten in die Kammer, wo die Ahne von dem plötzlichen Knattern der Rätsch aufgewacht war und laut schrie: das Haus stürze ein. Bald erfuhr man, was vorging. Der Pfarrer hatte verordnet, daß, weil die Kirche entweiht sei, keine Glocken geläutet werden dürfen; er wußte wohl, daß die Kirche das Herz der Gemeinde, zumal am Sonntage, und dieses Herz kehrte er um und um; er ließ den Altar, die Gefäße u. s. w. aus der Kirche bringen und im Freien aufstellen, um dort den Mittagsgottesdienst zu halten. »Kannst du das lesen?« fragte Luzian den Wendel, als sie in der Kammer waren, und deutete auf die innere Seite der Thüre. »Ja,« entgegnete Wendel und las das mit Kreide hingeschriebene Wort: Thomasius! »Komm heraus, ich muß dir was erzählen,« sagte Luzian und fuhr dann in der Stube fort: »Guck, wenn ich den Namen wieder seh' und hör', da weiß ich's ganz deutlich, wie es bei mir angefangen hat, daß ich den Pfaffen so auf den Haken sitze; die Hexen sind daran schuld und die Ahne drin.« »Wie so? Hältst du denn die Ahne für eine Hex'?« »Umgekehrt ist auch gefahren. Ich hab' mir so denkt, wenn die Ahne in alten Zeiten gelebt hätt', wer weiß, ob sie nicht verbrannt wär', sie hat oft so gewundrige Sachen an sich. Und da, da ist mir's siedig heiß eingefallen, wie doch vor alters die Welt so grausam verdammt dran gewesen ist. Ich hab' den alten Pfarrer darüber befragt, warum denn die Geistlichkeit das so lang zugeben hat, und da hat er mir gestanden, daß man wirklich und wahrhaft an Hexen glaubt hat. Wie ein Blitz ist mir's da ins Herz geschlagen: also so? Euer Sach' ist auch nicht unfehlbar? Ihr könnet auch den letzen (falschen) Weg gehen, und die Weihe und der heilig' Geist hilft nichts . . . Und da hab' ich dem Pfarrer gesagt, warum denn die Lüge von den Hexen und der Zauberei in der Bibel steht. Da hat er die Achseln zuckt und mir ein' Pris' anboten, weißt, wie er oft than hat, wenn er nimmer hat reden dürfen. Er hat hernach wieder sein' alt' Sach' vorbracht, ich soll das Bibellesen sein lassen, das pass' nicht für einen katholischen Christen, da kuspern die Lutherischen immer drin 'rum. Wie ich fortgeh', gibt er mir ein Buch mit zum Lesen. Da steht alles drin. Der Hexenglaube ist ein Bestandvieh, das der alt' Moses aus Aegyptenland bei uns eingestellt hat, und wir müssen Kälber davon ziehen, oder aber es mästen mit dem besten Futter von unsern Matten. Die Lügengeschicht' von den Hexen ist uns von den Juden und aus der Heidenzeit verblieben. Der Doktor Luther hat dem Teufel auch nicht den Genickfang geben, er hat ihm nur das Tintenfaß an den Kopf geschmissen, und er ist schon vorher schwarz. Guck, und weil ich jetzt gewußt hab', daß es keine Hexen und keinen Teufel gibt, da ist alles bei mir zusammengepoltert, grad wie wenn man bei einem alten Haus auf der einen Seite eine Wand einreißt und auf der andern fällt's von selber ein.« »Was hast du denn aber mit dem Thomasius?« »Ja, der Mann hat dem Faß den Boden ausgeschlagen. Jetzt horch'. Von all den tausend und aber tausend Geistlichen ist keiner dem Lügenwesen vom Teufel und Hexen auf den Leib gangen, Narr, es steht ja in der Bibel, und sie brauchen's zum Pelzmärte, der Thomasius allein hat die Sach' am rechten Zipfel gefaßt. Die Geistlichen sind immer mit gangen, wenn man so eine arme alte Frau verbrannt hat, und haben noch betet aus ihrer Bibel und aus anderem. Ich hab' dem alten Pfarrer offen gestanden, daß vieles bei mir nichts mehr gilt, da hat er nur so geschmunzelt und hat gesagt: das sei schon lang und wird immer so sein, daß die Gescheiten auf vieles nichts mehr halten, aber der große Haufe, das Volk kann nicht davon lassen. Was meinst, wie mich das grimmt hat? Jetzt, wenn ich nicht von selber drauf kommen wär', so stecket' ich auch noch im großen Haufen? Eure verdammte Pflicht und Schuldigkeit ist's, ihr Geistlichen, daß keiner in der Geschichte stecken bleibt und an Teufel und Hexen glaubt, die es gar nicht gibt. Da predigen und lehren sie das ganze Jahr Sachen, von denen sie so wenig wissen wie wir, da stopfen sie die Kinder voll mit Zeugs – ich möcht' oft die Wänd' 'nauf, wenn ich hör', was mein Viktor Tag für Tag auswendig lernen muß – und wenn sich das hernach in den Gedanken verhärtet und verbuttet, da schreien sie: Man darf dem Volk nicht an seinem alten Glauben rühren. Ja, wer hat ihn denn hineingepflanzt? . . . . Das Volk! das Volk! Weißt denn, wer das Volk ist? Wenn ich das Wort hör', geht mir allemal die Gall' über. Wer halt nicht mit regiert, geistlich oder weltlich, der ist Volk. Der neue Pfarrer ist doch gewiß mein Mann nicht, aber da hat er recht: was die Herren nimmer mögen, das sollen wir, das soll das Volk auffressen. Aber es ist grad das Gegenteil von dem, was er gesagt hat: Die Aufklärung ist's nicht, hingegen aber der Lutschebrei. Aber die Bibel? Das Wort Gottes? Es steht die Geschicht' von den Hexen und dem Teufel und der Zauberei drin – ich will nichts von der Bibel. Guck, noch jetzt, wenn ich das sag', ist mir's, wie wenn ich einen Stich mitten durch den Leib bekäm', aber es geht nicht anders. Dazumal bin ich dir Tage und Wochen herumgelaufen, wie wenn mir einer das Hirn aus dem Kopf genommen hätt'! Es nützt aber alles nichts, in die Bibel hinein kriegt man mich nimmer.« »Ja, Luzian,« schaltete Wendel ein, »ich seh's wohl, du bist weit ab vom Fahrweg.« »Freilich. aber ich hab' doch ganz allein den Weg zu unsrem Herrgott gefunden, ganz allein, ohne Pfaff. Ich werd' die Nacht nie vergessen, es ist mir, wie wenn's heut wär'! Ich bin im Spätjahr in G. und mach' mit dem R. einen Bretterhandel ab, du kennst ihn ja, er ist ein gescheiter Mann, er kämmt sich seinen borstigen Backenbart allfort mit einem Weiberkämmle und macht viel Späß', er ist auch beim Landtag. Wie wir nun beim Weinkauf sitzen, geht mir das Herz auf, und ich klag' ihm mein' Not; da lacht er, daß er sich am Tisch heben muß und die Butellen mit wackeln. Ich mag's nimmer sagen, was er vorbracht hat, und wie er sieht, daß es mir bitterer Ernst ist, klopft er mir auf die Achsel und sagt: ›Luzian, folget mir und schlaget Euch die Sachen aus dem Kopf, das Sprichwort sagt: Es ist kein Strick so lang, man findet sein End; das ist aber beim Pfaffenstrick nicht wahr. Darum muß man in der Religion die Leut' für sich machen lassen, was man denkt, bei sich behalten, mögen andre glauben, was sie wollen. Luzian,‹ sagte er, ›Ihr wisset so gut als ich, man muß das Brett bohren, wo es dünn ist, aber da sitzt eine Astwurzel, da bricht der schärfste Bohrer. Lasset Euch ja von Euren Gedanken daheim nichts merken, von keiner Menschenseel'. Wir haben auf Euch gerechnet, Ihr müsset bei der nächsten Landtagswahl Abgeordneter werden, der Alte, der, wie Ihr wohl wisset, das ganze Land im Sack hat, hilft Euch auch, aber von Religion darf dabei nicht die Rede sein. Es kann Euch nicht fehlen; aber wenn das gemeine Volk merkt, daß Ihr ihm an seinen Glauben wollt, da ist's aus und Amen . . . .‹ So redete der R. Was meinst, Wendel? Wenn mir eins ins Gesicht geschlagen hätt', es hätt' mir nicht weher than. Ich hab' still austrunken und bin heim. – So? Also auch die Leut', die thun, wie wenn ihnen der Teufel aus der Hand fressen müßt', die wollen in dem Stück von der Religion nicht 'raus mit der Farb'; man fürchtet sich? Guck, Wendel, ich hab' zu gar nichts mehr auf der Welt Zutrauen gehabt. Ich hab' austrunken und bin fort, heime zu, und es ist mir doch grad, wie wenn ich auf der ganzen Welt nirgends mehr daheim wär', es geht mich niemand mehr was an; ich geh' aber die Straß' hin, wie wenn mich eins fortschuben thät. Brennend heiß ist's über mich kommen: Ja, ja, es hilft einem kein Mensch auf der Welt, du mußt dir selbst helfen. Wenn ich nur wüßt', wo ich's anpack'. Jetzt ist mir's gewesen, wie wenn ich gestorben wär', die Leut' laufen 'rum und wollen mich begraben, und ich kann ihnen nicht zurufen, daß ich leb'. Jetzt hab' ich ausdenken wollen, wie's sein wird, wenn ich gestorben bin, was meine Leut' machen und die andere, wie's im Dorf aussieht, was sie reden und treiben. Ich bin aber nicht weit kommen, da kann ich nimmer fort mit meinen Gedanken. Alles ist mit mir gringel'rum gangen, wie dazumal, wie ich auf den Straßburger Münster 'naufgestiegen bin und ich gemeint hab', jetzt müss' ich mich 'nunterstürzen; ich hab' laut aufgeschrieen, und ich hab' gemeint, ich werd' närrisch. Mein Lebtag hab' ich doch kein' Angst gehabt, und jetzt ist mir's, wie wenn aus jedem Busch einer käm' und schießt mich tot, da liegst du. Jeder Steinhaufen am Weg kommt mir wie ein Untier vor, das da liegt und nur wartet, bis ich dort bin und dann aufschnappt. Ich hab' beten wollen und hab' nicht können . . . .« »Ja, Luzian, das sind die Geburtswehen, dazumal ist der alte Luzian gestorben und der neu' auf die Welt kommen,« schaltete Wendel ein. »Horch, paß auf,« fuhr Luzian fort: »Wenn mich jetzt der Tod streckt, hat mir's doch eine Menschenseele abgenommen. Es ist lang Nacht, kein Stern am Himmel, und aus allen Zinken und Ecken flimmert ein Licht auf den einzechten Häusern, und wo ich an einem Haus an der Straß' vorbeikomm', da hör' ich beten. Ich steh' manchmal still, und es friert mich und ist doch gar nicht kalt. Die Hunde bellen und geben kein' Ruh, die Leut' gucken zum Fenster 'raus und beten weiter und schauen, was es gibt; fort, fort bin ich wie ein Galgendieb, es war mir, wie wenn ich den Leuten was aus ihrem Gebet gestohlen hätt'. Jetzt fängt es sachte an zu regnen, es säuselt nur so herab, der Kopf hat mir brennt, und das hat mich ein bißle abkühlt. Ich bin so meines Weges fort, und es hat sich mir ein Lied durch die Seel' gesprochen, das die Mutter singt: Alte Welt, Gott segne dich, Ich fahr' dahin gen Himmelrich. Ich hab' nun gar nichts andres im Sinn gehabt als die paar Worte, die haben sich immer allein gesungen, und es ist mir gewesen, wie wenn mich eines nach der Weisung von dem Lied am Leitseil halten thät', und da ist mir's wieder sterbensangst worden, und ich hab' laut aufgeschrieen und bin selber erschrocken, wie's im Wald widerhallt. Der Regen ist stärker kommen, und es hat nur so platscht, und ich hab' dir kaum einen Fuß heben können, meine Kniee sind wie abbrochen; ich schlepp' mich noch fort bis zu dem Steinbruch, wo du das ganze Jahr schaffst; unter deinem Strohdach dort hab' ich mich auf die Steine hingelegt. Ich hab' kein' Müdigkeit mehr gespürt, wie ich so dalieg', aber doch ist mir's, wie wenn ich von der ganzen Welt ausgestoßen wär', ich hab' keine Frau und keine Kinder und kein Haus, nichts, nichts – und unser Herrgott droben verläßt mich auch. Da hab' ich unsren Herrgott bittet, er soll mir ein Zeichen geben, ein Zeichen, was es sei, daß ich weiß, ich bin nicht auf dem unrechten Weg. Still hab' ich hingehorcht, ob nichts kommt; es läßt sich aber nichts hören, als der Regen, wie er durch die Bäume rieselt und rauscht, wie wenn Blatt und Zweig zu einander sagen thäten: Es schmeckt gut und frisch, laß dir's wohl bekommen, ich hab' auch mein Teil. Jetzt spricht sich wieder das alte Lied: Alte Welt, Gott segne dich, Ich fahr' dahin gen Himmelrich. Wie ein Blitz ist mir's jetzt aufgangen; das ist noch alter Aberglaube von dir, daß du ein Zeichen willst; es ist erlogen, daß je einer eins bekommen hat, sonst müßt's jetzt auch sein, und da hätt' unser Herrgott viel zu thun. Was Engel! Gibt's keine Teufel, so gibt's auch keine Engel. Sind einmal Wunder geschehen, so müßten sie auch jetzt vorkommen, weil aber jetzt keine geschehen, so sind auch nie keine geschehen. Sag du, Bibel, was du magst. Und jetzt wird mir's auf einmal, wie wenn ich in lauter Seligkeit schwimmen thät': Du willst rechtschaffen sein! hab' ich laut vor mich hingesagt, und alles hat mir in Freuden gelacht wie lauter liebe Menschengesichter, die ich seh' und die ich doch mit keinem Aug' erblickt hab', und jetzt hab' ich's ganz deutlich gespürt: Ja, ich bin auf dem rechten Weg . . . . Ich kann dir nicht sagen, wie mir's war, aber so, wie wenn mich unser Herrgott selber geküßt hätt', und ich bin aufgesprungen und hätt' gern jetzt die ganze Welt glücklich gemacht. Ich hab' gewußt und weiß es, ich bin nicht schlecht und will nicht schlecht sein. Was will ich denn? Könnt' ich nicht in Fried' und Ehren leben, wenn ich den Aberglauben sein ließ'? Aber ich darf nicht und will nicht. Ich hab' mich wieder umgelegt, ich mag nicht heim, mir ist so wohl da draußen, wie wenn ich vom Tod auferstanden wär'; so glücklich bin ich noch nie gewesen, wie da in der Stund'.« »Du bist ja dagelegen wie der Erzvater Jakob auf dem Stein, wo er gesehen hat, wie die Engel auf einer Leiter auf und nieder fliegen vom Himmel,« bemerkte Wendel schalkhaft; Luzian aber erwiderte ernst: »Was! auf und nieder steigen von dem Himmel! das ist ja auch alter Aberglaube, daß auf dem blauen Deckel da oben unser Herrgott sitzt. Nein, mir ist's anders gewesen, rings 'rum um die ganze Welt gibt es Menschen, freie, gute, die sind mir lieber als die Engel, die auf und ab steigen. Ich bin gleich fertig, ich muß dir auserzählen. Erst gegen Morgen bin ich heimkommen, und meine Leut' haben nicht gemerkt, warum ich von da an so heiter gewesen bin, der Ahne hab' ich's so halb und halb berichtet. Ich will mich nichts berühmen, es könnt' ein jedes braver sein, wenn es sich ehrlich fragt; aber von dem Tag an hab' ich mit Wissen und Willen gewiß keinem Menschen was Leids than und hab' geholfen, wo ich kann. Darum bin ich jetzt so heiter. Guck, die Pfaffen, die plagen einen immer mit unsrer Sündenschuld, ja freilich, es hat ein jedes sein Bündele, aber man kriegt' mehr Kraft, wenn man einem sagen thät': freu' dich an dem Rechtschaffenen, was du than hast. Wenn man's betrachtet, will's eigentlich nicht so viel heißen, und man thut weiter. Guck, das Blut könnt' ich teilen mit meinen Nebenmenschen, und ich schäm' mich, wenn sie sich für einen guten Dienst bei mir bedanken, und da soll ich mir von dem Pfaff sagen lassen, das sei alles für die Katz', wenn man den rechten Glauben nicht hat? Nein, und neunzigmal nein. Wenn ich nicht vor mir selber sagen kann, du willst rechtschaffen sein, da bin ich verloren. Erst heut hab' ich meiner Bäbi unrecht than und . . .« In diesem Augenblick hörte man ein Geräusch in der Küche. Das Schubfensterchen, das nach der Stube führte, ging ganz auf, eine Pfanne fiel lärmend auf den Steinboden. Luzian setzte nur noch hinzu: »Aber das ist jetzt vorbei.« »Du guter Kerle,« schloß Wendel, »du hast dich hart angriffen und plagt, bist 'rumgelaufen wie ein verscheuchter Dieb und ist doch gar nicht nötig gewesen. Narr, was man nicht verheben kann, das läßt man liegen. Ich hab's viel kürzer gemacht. Wie ich zu Verstand kommen bin, und es hat vieles nimmer 'nein wollen, da hab' ich's halt draußen gelassen mit aller Ruh. Mag die Bibel und alles, was davon herstammt, sehen, wo es ein Unterkommen findet, bei mir ist kein Platz. Ich lass' aber die andern Leut' auch treiben, was sie wollen; ich dürft' nichts anfangen, wenn ich auch wollt'. Ich muß von meinem Handwerk leben und gelte drum nicht viel; du, du darfst dich schon eher an den Laden legen, du bist der reichste Mann im Ort.« »O Wendel!« sagte Luzian mit weicher Stimme, »du kannst dir nicht denken, wie tief es bei mir gesessen ist; drum darf ich meine Nebenmenschen nicht laufen lassen, ich muß ihnen helfen. Und da siehst du's jetzt an dir selber, wie es in der Welt steht, daß man reich oder g'studiert sein muß, wenn das Wort von einem was bedeuten soll. Wo ist da die Religion?« »Ja, Luzian, du solltest halt auch auf einem andern Platz stehen.« »Nein, ich möcht' gar nichts anders sein. Ich hab' mich auch lang mit dem Gedanken plagt, aber es ist am besten so. Guck, was anders sein wollen, was man einmal nicht sein kann, das ist grad, wie wenn man sich mit dem zukünftigen Leben nach dem Tod abquält. Heut ist Trumpf, sagt der Geigerler, jetzt bin ich da, und was ich bin, will ich recht sein. Von Tag zu Tag ist mir's heller und klarer worden: es ist vorbei, daß man mit alten Säcken neue flickt. Bruderherz! Jetzt geht's los, und ich freu' mich drauf, daß das Gebittschriftel ein End' hat; jetzt, Vogel, friß oder stirb.« »Ich fürcht',« sagte Wendel kopfschüttelnd, »ich fürcht', du wirfst das Beil zu weit 'naus. Du bist gegen die Franzosen ins Feld, und dein' Flint' ist nicht warm worden, es kann dir noch einmal so gehen, und der Feind jetzt ist viel schwerer zu finden als der Franzos. Glaub' mir, wenn auch die Leut' ihre sieben Gedanken zusammenraspeln könnten, es ist jetzt grad die unrechteste Zeit, wo an allen Ecken der Bettelsack 'naus hangt. Ich will aber doch jetzt umschauen, wie's im Dorf steht.« Wendel ging davon und Luzian zur Ahne in die Kammer. Die Wände haben Ohren. Durch das Schubfensterchen hörte Bäbi alles, was der Vater gesprochen, ihr ganzes Wesen bebte in stiller Freude; sie saß dann lang in Gedanken auf dem Herd und vergaß, das Geschirr zu spülen. Als endlich Paule kam, trat sie ihm mit den Worten entgegen: »Mein Vater ist der heiligste Mensch von der ganzen Welt.« Das Haus wankt. Das war an diesem Mittag ein Pispern und Flüstern im ganzen Hause, wo zwei beisammen waren: es war, als ob der Holzwurm im Gebälke nage und knappere. Die Knechte und Mägde standen bei einander im Hofe, keines ging aus, trotz des Sonntagmittags. Wie wohl war es ihnen sonst, um diese Zeit mit Befreundeten nach Lust und Laune umherzuschlendern. Das Vieh ist versorgt und muß nun warten bis zum Abend, im Hause ist nichts mehr zu thun. Die Mittagskirche ist vorbei, man ist nun mit seinem Gotte fertig und kann sich selber leben. Wer den abgesonderten Gottesdienst nicht mehr kennt, wer ihn in einen Lebensdienst verwandelt, allezeit und allerorten derselbe, ohne bestimmte, an einen Moment gebundene besondere Ansprüche, der mag sich kaum mehr das Wohlgefühl des Kirchgängers vergegenwärtigen, der unter Glockengeläute heimkehrt, das Gebetbuch an seine ruhige Stelle legt und dann dem Leben und seinen hunderterlei Beziehungen sich hingibt. Wie wohlgemut schritten sonst die Belasteten, die die ganze Woche fremdem Willen unterthan waren, um diese Zeit dahin: sie gingen langsamen, zögernden Schrittes, sie wollten sich auch von der Freude nicht zu Hast und Unruhe drängen lassen; die Freude mußte ihnen gehorchen. Heute hielt sie eine gewisse Angst zu Hause. Sie wußten nicht, wie es draußen über den Meister herging, sie konnten zu etwaigen bösen Reden nicht still schweigen und wüßten auch nichts darauf zu sagen. Um den Kindern Egidis eine besondere Freude zu machen, ließ der Oberknecht das noch nicht dreiwöchige Schimmelfüllen heraus, die schwarzen und weißen Seidenhasen huschten von selbst nach, duckten sich an schattigen Plätzen nieder, blinzelten auf und schossen bald wieder hinein in den schützenden Stall; sie wurden noch dazu von Viktor gejagt, weil sie seine Tauben aufgescheucht hatten, die von ihrem Schlage auf dem Baumstamm inmitten des Hofes herabgekommen waren. Viktor wollte seinen Geschwistern und den andern Kindern zeigen, was für schöne Tauben er habe, und erhielt die Erlaubnis, daß man ihm schon jetzt Futter für dieselben gebe. Als alle Körnlein aufgepickt waren, schickte Egidi seine Frau mit den Kindern heim nach der Mühle, er selbst blieb bei der Mutter auf dem überdachten Treppenaltan; er hatte viel auf dem Herzen. »Mutter, warum redet Ihr denn auch kein Sterbeswörtle?« begann Egidi. »Ich bin ganz wirbelsinnig worden und so krottenmüd, ich mein', es trag' mich kein Fuß mehr. Was hast denn?« »Mutter, der Vater ist gewiß der bravste Mann unterm weiten Himmel, aber zu Euch darf ich ja mein Herz ausschütten, es wird ja nicht verfremdet. Mutter, das thut kein gut, das kann kein gut thun. Der Vater will der Peterling (Petersilie) auf allen Suppen sein, und da wird man verschnipfelt, daß zuletzt gar nichts mehr an einem ist. Er möcht' gern alles rump und stump auf einen Wagen thun, aber man muß nicht über die Leitern laden, sonst keit (wirft) man um. Er hat den neuen Pfarrer zum Ort 'naus haben wollen, ich hab' auch mit unterschrieben, wie nachgar alle im Ort; aber jetzt geht's einmal nicht, die Regierung ist Meister, und jetzt muß man dem Wasser den Lauf lassen. Freilich, es hat mich auch gottvergessen geschnellt, wie der Pfarrer auf den Vater angespielt hat, daß man's hat mit Pelzhandschuhen greifen können, wen er meint, aber in der Kirch', da ist doch der Platz nicht, wo man so einen Randal verführt.« Die Mutter nickte immer rasch mit dem Kopfe und preßte die Lippen zusammen, die keine Gegenrede laut werden ließen. Egidi fuhr fort: »Und was soll denn aus den Kindern werden, wenn sie sehen, daß man so den Pfarrer anschnurrt und nur noch fehlt, daß man ihm eins ins G'fräß gibt? Da ist kein' Heiligkeit und kein Glaube und kein Gehorsam mehr. Der Vater ist mein Vater, aber unser Herrgott ist vor ihm mein Vater. Er hat jetzt lauter große Kinder, ich hab' aber vier kleine, ich muß es wissen; man kann keine Kinder gut aufziehen ohne Gottesfurcht. Unser alter heiliger Glaube muß fest eingepflanzt sein, es kommt, eh' man's versieht, so schon manches davon, wie's nicht sein sollt'. Ich sag's ja, es ist die Zeit vom Antichrist, der Sohn muß gegen den Vater sein. Mutter, jetzt so mein' ich, wie müssen nun erst die andern denken? Ich sag' das nur zu Euch. Wir müssen jetzt zusammenhalten, Mutter, sonst geht bei so schweren Zeiten alles hinterling. Man weiß ja ohnedem nicht, wie man ungeschlagen über den Berg 'naus kommen soll. Drum mein' ich, der Vater muß nachgeben und muß von den unnötigen Sachen lassen; er verrechnet sich, wenn er glaubt, daß die Gemeinde zu ihm steht; ich möcht' alles verwetten, er bleibt allein, und ein Vogel macht keinen Flug. Wir stehen in Ehren da, und wir brauchen uns keine Unehre holen wegen andrer Leut'. Wenn nur alle Bücher verbrannt wären, eh' eins übers Vaters Schwelle kommen ist. Jetzt wie, Mutter? Warum redet Ihr denn nicht?« »O du!« rief die Mutter und stieß dem Sohn die geballte Faust auf die Brust, daß er zwei Schritte von ihr wegflog, »o du lummeliger Trallewatsch, du, du schwatzst ja 'raus, wie ein Mann ohne Kopf. Wo bist denn du her? Du hättst ja ohne deinen Vater nicht den Löffel in der Tischlade verdient. Du willst über deinen Vater 'rauslangen? Er ist zu gut gegen dich gewesen, er hätt' dir sollen die Raufe höher henken, dann wärst ihm nicht so vonderhändig. Du willst den Frommen spielen und deinen Vater zum Nichtsnutz machen? Wer kann ihm was nachsagen? Dein Vater ist kein so pulveriger Hitzeblitz, wie du meinst, du frühbieriger Katzenmelker du. Er weiß, was er thut. Da mußt du siebenmal drum 'rumgehen, eh' du den Verstand davon kriegst; das darf man nicht so leicht weg übers Haus 'naus werfen. O du lieber Herr und Heiland im dritten Himmel droben 'rab, was sind das für Zeiten! Es gibt keine Kinder mehr. Blut wird nicht zu Wasser, sagt man sonst, das ist auch nimmer wahr; von den eigenen Kindern wird man verschimpfiert und hat kein' Hilf'. Da möcht' man ja Blut greinen; gang mir aus dem Weg du.« Sie weinte und schluchzte in ihre Schürze hinein. Egidi suchte sich zu verteidigen, es half aber nichts, sie sagte immer: »Gang mir aus dem Weg. Was thust du da? du gehörst nicht daher.« Da Egidi Männertritte von der Stube her vernahm, ging er davon; er konnte doch jetzt seinem Vater nicht vor Augen treten. Während dies auf dem Treppenaltan sich zutrug, hatte Bäbi in der Küche eine ganz andre Unterredung mit Paule. Dieser hatte schon unterwegs noch im Hengstfelder Walde die Angelegenheit des Tages erfahren, da ihm einer aus dem Orte begegnete, der ihn mit den schonenden Worten stellte: »Weißt auch schon von deinem Schwäher?« Zum Tode erschrocken vernahm Paule das Ereignis und eilte dann so rasch über den zur Zeit verbotenen Wiesenweg, daß sich kaum das Gras unter seinen Füßen bog. Er stellte sich die Sache und ihre Folgen noch viel schlimmer vor; er wußte nicht, wie, und war nun beruhigter, alles in gewohntem Geleise zu finden; daß aber durch das unterlassene Aufgebot die Hochzeit heut über acht Tage nicht stattfinden konnte, machte ihn ganz wild. Er wollte sogleich zum Pfarrer und ihn bitten, noch am Mittag das Fehlende nachzuholen, Bäbi aber hielt ihn zurück, indem sie sagte: »Bleib, er thut's doch nicht, und du kriegst nur auch noch Händel, und ich möcht' auch um die Welt nicht schon jetzt fort und meinen Vater verlassen. Ich könnt' mir alle Adern schlagen lassen für ihn, er ist jetzt mein einziges.« »Und ich? ich gelt' gar nichts?« fragte Paule. »Paule, du bekommst jetzt ein ganz ander Weib. Ich kann dir's nicht so sagen. Könnt' ich nur mein Herz aufmachen und dich 'nein sehen lassen, aber ich weiß wohl, das sind Gedanken, die kann man nicht sehen. Du wirst's aber schon erfahren. Ich möcht' jetzt ein' ganz andre Sprach' haben, ganz andre Wort', ich weiß nicht, wie, ich kann gar nichts reden. Guck, bis heut nachmittag hin ich ein Kind gewesen, und da bin ich auf einmal aufgewacht, wie wenn ich mein Lebtag geschlafen hätt'! Du mußt nicht lachen, ich kann halt nicht reden; und wenn's auch hinterfür 'rauskommt, es ist doch nicht so. Die alt' Bäbi, die findest du nirgends mehr, aber du machst doch einen guten Tausch.« »Laß dich beschauen,« entgegnete Paule, die zur Erde Blickende am Kinn fassend, »du bist doch noch die Bäbi, die uralt'; wenn mir recht ist, ich mein', ich hätt' dich schon einmal gesehen, geht dir's nicht auch so? Ich weiß nur nicht, wo ich dich hinthun soll. Aber du siehst ja heut so glanzig aus, wie geschmälzt, ich will's einmal verkosten.« Er küßte sie gewaltsam, aber Bäbi schüttelte sich, als ob sie's grausele, dann rief sie: »Um Gottes willen, Paule, mach jetzt keine Späß'!« »Hu, man wird dich doch anrühren dürfen,« entgegnete Paule, »du thust ja, wie wenn dir ein Frosch ins Gesicht gesprungen wär', du verwunschene Prinzessin. Wenn du mich nicht magst, kannst mich noch laufen lassen. Ich will dir nicht überlästig sein.« »Paule, versündig' dich nicht. Ich kann jetzt halt gar nichts mehr denken als meinen Vater, der ist jetzt mein einziges.« »So heirat deinen Vater,« entgegnete der Zornige und wendete sich ab. »Paule,« bat Bäbi wieder, »wenn ich dich beleidigt hab', verzeih mir's, ich will ja keinen Menschen kränken, und dich gewiß nicht, bittet ja ein Vater sein Kind . . . Paule, guck um, sieh mich an; es ist sündlich, wenn man nur eine Minut' einander weh thut, verzeih mir, da hast meine Hand.« Paule hatte wahrscheinlich noch weiteres erwartet, daß Bäbi auf ihn zukomme und ihn umhalse; als sie das nicht that, verließ er, trotzig mit den Füßen schleifend, die Küche und begann ein Lied zu summen. Weil ihn Bäbi um Verzeihung gebeten hatte, glaubte er, sie habe ihm schwer unrecht gethan, und er wußte doch nicht recht, was. Er wollte gleich wieder heim, im Hofe aber besann er sich eines bessern, musterte den Stall und unterhielt sich mit den Knechten. So war auf zwei Seiten im Hause Mißhelligkeit ausgebrochen, Luzian allein saß ruhig bei der Ahne. »Du mußt jetzt das Herz in all' beide Hände nehmen,« sagte sie, »schick du mir nur die Leut' her zu mir, ich will's ihnen schon ausreden, was man mit so einem Pfarrer anfangt. Wenn nur mein Vater noch leben thät', der wär' der Mann für dich, aber mein Vater ist tot, und der Kaiser Joseph ist vergiftet.« Luzian wollte hier das Ende der Mittagskirche abwarten, aber er war so voll Jast, daß er nicht ruhig auf dem Stuhle sitzen konnte; er ging daher fort. Als er auf der Treppe seine Frau so betrübt sah, sagte er: »Sei ruhig, Margaret, es ist noch nicht alles hin, das Bettelhäusle steht noch. Wo ist der Egidi?« »Laß ihn laufen, er ist ins Dorf.« In der Frau war eine seltsame Wandlung vorgegangen. Anfangs war sie böse auf ihren Mann und gar nicht gewillt, ihm beizustimmen: wer Haus und Kinder hat, hat Sorgen genug, was braucht der sich andres aufzuladen. So dachte sie. Als aber Egidi sich so viel herausnahm, durfte sie das von dem Kinde nicht dulden. Was anfangs Widerspruch gegen das Kind war, das schien nach und nach sich als ihre Meinung festzusetzen. Wenn die Welt gegen ihren Mann sein sollte, dann war sie gewiß auf seiner Seite. Ob dieser Stand wohl aushalten wird? Luzian ging durch Scheune und Stall und sah allem nach. Als er hier Paule traf, sagte er: »Wo hast denn das Bäbi?« »Es . . . Es will sich anders anziehen,« entgegnete Paule stotternd. »Laß dich's nicht verdrießen,« sagte Luzian, »daß deine Hochzeit 'nausgeschoben wird; von deswegen sind wir doch lustig, und es ist ohnedem besser, daß wir jetzt bis nach der Ernte warten.« »Mir pressiert's nicht,« erwiderte Paule. Luzian ging durch die Scheunen nach dem Bienenhaus. Dort war sein Lieblingsplätzchen. Es regt sich im Dorfe. Die Stimmen der Gemeinde, die heute morgen noch zu verflattern schienen, sammelten sich jetzt in Chören, in denen einzelne selbst den Akkord angaben. Wir können die Gruppe nicht übergehen, aus der Lachen und Johlen herausschallt; der über alles hinausige Brunnenbasche führt das große Wort; hört nur, wie er schreit: »Katzenhirn habt ihr gefressen, wenn ihr noch was mit den Schwarzkitteln zu thun haben wollt; nichts, gar nichts, mit gar keinem, da trifft man den rechten gewiß. Das kann man ja an seinen sieben Simpeln abnehmen, daß man's nicht braucht; es ist doch alles verlogen. Drum muß man's machen wie selber Bauer, dem sagt einer: Euer Hund ist mager – Er frißt nicht, gibt er zur Antwort – Warum? – Ich geb' ihm nichts – Warum? – Ich hab' nichts – So muß man –« Allgemeines Gelächter übertoste die Moral, die hieran geknüpft wurde. Ein junger Bursche, der eine Soldatenmütze trug, fragte den Brunnenbasche: »Warum habt denn Ihr den Pfarrer nicht aufs Korn genommen?« Der Brunnenbasche trat zwei Schritte zurück, drückte die Augen zu, als ob er zielte, und sagte dann: »Weil ich mein Pulver nicht an Spatzen verschieß'. Comprenez-vous, Monsieur? sagt der Franzos.« Wenn der Basche zu welschen anfing, dann ging's erst recht los, da kamen dann die Dinge vor, trotz deren Gemeinkundigkeit die geistliche Gewalt noch ungeschmälert fortbesteht. Die Zuhörerschaft wurde heute selbst von den saftigsten Geschichten nicht gefesselt, und wir wollen uns auch weiter umschauen. Wendel war im obern Dorfe dem Schmied Urban begegnet, sie reichten sich unwillkürlich die Hand wie zum Willkomm. Wenn ein folgenschweres Ereignis eingetreten ist, so wird die Trennung einer Stunde zu einem langen Zeitraum; man trifft sich wieder wie nach großer Abwesenheit, schließt sich aufs neue aneinander an, und der Händedruck sagt, daß man zusammenhalte. »Was macht der Luzian?« fragte Urban. »Er ist daheim und wird bald kommen, wir müssen vor schauen, wie's steht.« Sie gingen miteinander nach dem Rößle. Vor dem Wirtshause standen die angesehensten Mannen im Schatten des Brauhauses. Natürlich war Luzian und seine That Mittelpunkt des Gesprächs. Wendel und Urban horchten still hin, nur allgemeine Redensarten wurden laut, wie: das ist ein schlimmer Handel u. dgl. Wurde die Sache eingänglicher betrachtet, so bezeichnete man sie nur als eine Sonderangelegenheit Luzians. Manche bedauerten in der That aufrichtig, daß er sich eine so böse Geschichte auf den Hals geladen. »Drum müssen wir ihm helfen tragen,« sagte der Schmied Urban und hob die breiten Achseln, als wollte er sich bereit machen, ein gut Teil aufzunehmen. »Freilich,« hieß es drauf, »der Luzian hat sich der Bürgerschaft immer am meisten angenommen.« Und nun ging es zur Hin- und Widerrede: »Wir kriegen den Pfarrer nicht weg, das geht einmal nicht.« »Was ist denn da zu machen? Die Zeit verzetteln und aufs Oberamt für nichts und wieder nichts.« »Der Luzian bringt allfort das Dorf in Ungelegenheit, er möcht' gern den Herrn über alle spielen.« »Das ist verlogen. Sei's, was man braucht, der Luzian hilft einem aus, aber wer einmal sein Wort nicht gehalten hat, von dem will er nichts mehr. So ist's.« »Wie kann die Geschichte nur ausgehen?« »Wie wir sie 'nausführen.« »Der Pfarrer muß fort, das freie Wahlrecht muß her.« »Das kriegen wir nicht.« »Wenn nur der Pfarrer selber abdanken thät', da wären wir am besten erlöst; wir ließen ihn über das Samenfeld 'neinfahren, nur fort.« »Ja, kauf du der Katz den Schmer (Speck) ab.« »Wir haben an dem Hagelwetter genug zu leiden, wir können keine neuen Händel brauchen.« »Es sollen sich jetzt auch einmal andre Gemeinden um das freie Wahlrecht annehmen; wir haben unser Schuldigkeit than.« »Jetzt, wenn die Sach' nochmal vor Gericht kommt, da will ich nichts davon; ich hab' kein' übrige Zeit.« »Ich auch nicht.« »Und ich auch nicht.« »Ich bin kein reicher Bauer, ich hab' keine Knecht', die für mich schaffen.« »Vors Oberamt geh' ich auch nicht.« »Ja, man ist froh, wenn man nicht dran denken braucht, wo die Oberamtei steht.« In diesem Widerwillen gegen die amtlichen Scherereien und Verzettelungen schien zuletzt sogar bei den Besten sich die Stimmung festzusetzen. Eher wären alle für die Sache ihres Mitbürgers und im dunkeln Drang nach Freiheit und Selbständigkeit in einen blutigen Kampf auf Leben und Tod gezogen, aber oft vor Gericht zu gehen, nein, das ist zu viel. Wendel schien es an der Zeit, mit seinem Hauptgrunde hervorzutreten. Lächelnd rief er: »Jetzt gibt's jeden Sonntag eine staatsmäßige Metzelsuppe.« »Wie so?« »Ich versäum' gewiß kein' Kirch mehr. Für heut ist der Luzian gestochen, aber nicht hergerichtet und geschmälzt worden, der ist nicht mager, nahezu drei Finger hoch Speck. Das hat gut protzelt im eigenen Schmalz, ein paar Stückle hat man eingesalzen, und das ander' hängt man in Rauch. Der Pfarrer versteht's, das Metzgen und das Haushalten. Nächsten Sonntag kommst du dran, Lukas, du bist auch spickfett, dir rutscht's gut auf die Nippen. Und du läßt mir doch auch ein rechtschaffenes Wurstle zukommen, wenn er dich auf Messer kriegt? Ho! Und wenn's erst an den Schultheiß geht, da schlecken alle die Finger danach bis an den Ellenbogen. Ich komm' auch dran, aus mir macht er ein G'selchts, wie sie im Bayrischen sagen. Den Säukübel hat uns der Hochwürden schon unter die Nase gehoben. Jetzt werden wir nach und nach so alle in der Kirche geschlachtet, wir laufen nur einstweilen so ungemetzget 'rum. Und wenn das Ochsenfleisch ausgeht, kommen die Weiber dran. Kuhfleisch gilt auch einen Batzen. Das sind jetzt Zeiten, wo ein jedes mehr schaffen muß. Sonst ist der Hochwürden Hirte von sanften Lämmlein gewesen oder gar Seelenhirt; unser Herr Pfarrer, es ist ein Erbarmen, der gut' Mann muß Sauhirt und Metzger und weiß noch was alles sein. Wenn ich hexen könnt', ich thät' unserm Pfarrer einen Saustall auf den Buckel hexen.« Niemand lachte, der Zorn ballte die Fäuste aller. »Das darf man nicht leiden.« »Der Pfarrer muß 'naus, wir wollen doch einmal sehen, wer Meister wird.« »Diesmal hat er sich die Finger verklemmt.« »Wir wollen ihn gleich fortjagen.« »Nein, wir wollen warten bis heut abend.« »Nichts da, keine Gewalttätigkeit.« So schrie wieder alles durcheinander. Als es Ruhe gab, sagte der Lukas von überm Steg: »Der Pfarrer hat ja deutlich verkündet, daß er niemand Besondern mit meint.« »Du machst kein' Katz', wenn man dir auch die Haar' dazu gibt,« erwiderte Urban, »merkst denn nicht? Das ist ja grad der Pfiff; das hat er than, daß man ihm nicht bei können soll. Wir können aber alle beschwören, daß er den Luzian gemeint hat. Nicht wahr?« »Ja, ja.« Durch das ganze Dorf toste und brauste ein allgemeiner Unmut. Die Stimmung schien für Luzian und seine Sache günstig, obgleich eine Spannung von außen sie hervorgebracht. »Jetzt gehen wir zum Luzian.« »Zum Luzian, ja,« riefen viele, und ein großer Trupp bewegte sich nach dessen Hause. Ein Kämpfer in seinen Gedanken allein. Luzian weilte indes einsam im Garten. Wie das Blut durch das Zuströmen der eingeatmeten Luft neu belebt zurückfließt ins Herz, so auch erstarken die Gedanken, wenn sie ausgesprochen wieder einkehren in die Seele. Luzian fühlte sich befreit, »hopfenleicht«, als er in den Grasgarten hinter der Scheune trat. Wie war hier alles so friedsam. Baum und Gras wußten nichts von den Kämpfen des Menschen; das wuchs still fort im brütenden Sonnenschein. Die kleinen und großen Heuschrecken sprangen so lustig wie selbstbewegte Grasgelenke, in den Bäumen zwitscherten und sangen die Vögel so hell, und die Bienen summten so emsig von Blume zu Blume. Halm und Blatt und Blütenkelch mag den schwerfälligen Tieren zum Futter verbleiben, die Biene holt sich vorab ihren süßen Saft. Wer weiß, wie manches Blumenherz in sich verkäme, wenn nicht die Bienenlippen es berührten. Wer weiß, was es zur Entwicklung der Blume beiträgt, daß die Biene den Honig aus ihr aussaugt, wie manche Triebkraft dadurch gelöst wird; und der Blütenkelch des Menschengemütes, wer kann bestimmen, welche bisher gebundenen Mächte frei aufschießen, wenn ihm die Welt den still bereiteten Honigseim innerer Selbstvergessenheit entzieht. Durch den Garten hin wandelt gackernd eine weiße Henne; sie wirft den Kopf mit dem roten Kamm oft hin und her, sie geht den Weg nach ihrem heimlichen Neste dort im Zaune bei den Brombeeren, wo die Grille so laut schrillt. Die undankbare Henne! Sie läßt sich füttern im Hause und verschleppt die Eier. Luzian verfolgte ihren Weg mit festem Auge, er wollte seine Frau mit dem Fund überraschen und wartete nur, um den warmen Brütling von heute gleich mitzubringen. Nun ist Luzian doch wieder in der kleinen, sichern Welt. Er weiß es selbst kaum mehr, daß er derselbe, der heute vor wenigen Stunden einer uralten Macht sich entgegenwarf, und dessen ganzes Wesen die höchste Erschütterung erfaßt und gehoben hatte. Als er sich jetzt nach dem Bienenhause wandte, bemerkte er dort einen seltsamen Schmuck. Es ist ein alter Glaube, daß wie nur in einer friedlichen Familie die Bienen gedeihen, man diese auch von allem, was im Hause vorgeht, benachrichtigen muß. Stirbt jemand im Hause, so müssen die Stöcke von ihrer Stelle gerückt werden. und schwarzer Flor wird über die Luke geheftet; ist Freude, ein Hochzeitfest im Hause: hier sehen wir die Zeichen, hochrote Läppchen über die Luken gesteckt. Lächelnd dachte Luzian: »Das Bäbi hat's nicht vergessen wollen, den Bienen zu sagen, daß Hochzeit im Haus ist; aber die Bienen verstehen dich nicht, armer Mensch, und du verstehst auch nicht, was unter dir ist. Um eine Biene, ein Schaf zu verstehen und von ihnen verstanden zu werden, wie ihnen und dir zu Mute ist, müßtest du dich in solch ein Tierlein verwandeln . . . Und Gott, der nur Geist ist, und der Mensch, der nicht bloß Geist ist, sie können einander auch nicht verstehen, wenn jedes bleibt, was ist. Darum ist Gott Mensch geworden . . . Aber die Mutter Maria, die Wunder und der Teufelsglaube –« Schwer wiegte Luzian das Haupt, und hier war er nun wieder mitten in den Wirren des Tages. Sein Geist war ein lang ausgeruhter Boden. Wie soll er nun die schwellende, wogende Saat gewältigen? Müde setzte er sich auf das Bänkchen vor dem Bienenhause. Die Bienen kennen ihren Herrn und umschwärmen ihn ohne Beunruhigung. Nicht so der Schwarm von Gedanken, der umherschwirrt. »Dieser Immenstock! Es ist, wie wenn die hundert und aber hundert Tierchen nur ein einzig Geschöpf wären, so fest gehören sie zusammen und können nicht auseinander. Je größer die Tiere werden, um so mehr hat ein jedes seinen Willen und kann für sich hinlaufen und machen, was es mag. Mensch, wo läufst du hin? Du kannst übers Meer schwimmen, aber einmal mußt du doch bleiben; da ist dein Feld, das kannst nicht mitnehmen, du hast's nicht wie die Imme, die überall offene Blumen, nicht wie die Schwalbe, die überall Mücken und Wasser findet; du hast deinen Acker, du mußt säen und ernten . . . Aber der erste Same ist wild von sich selbst gewachsen . . . Du triffst überall Menschen. Halt dich zum Nachbar. Ihm ist die Liebe ins Herz gepflanzt, wie dir. Sie ist auch einmal wild gewachsen, jetzt mußt du sie säen und ernten, und da gibt's tausendfach mehr aus . . . Gewiß, gewiß, die heiligen Menschen, die die Liebe gepredigt, haben recht gehabt. Wenn die Liebe uns nicht zusammenhält, sind wir ja dümmer dran als so ein Immenstock; der bleibt von selbst bei einander. Wozu braucht man aber das Buch? Ja, heilig und wahr ist's: Gott ist die Liebe? Das nehm' ich 'raus, und das andre verbrenn' ich; den Teufeln und den Hexen drin schadet ja das Feuer nichts . . . Ich möcht' nur wissen, warum die Geistlichen den Menschen die Wahrheit nicht sagen. Was haben sie denn davon? . . . Herr Gott! Herr Gott! Was geht an so einem Sonntag vor in deiner Welt . . . Jetzt läuten sie drüben in Hengstfeld und droben in Eibingen aus der Kirch'. Was habt ihr denn kriegt? . . . Freilich wohl, es gibt viele Geistliche, die selber den alten Glauben für gewiß und wahr halten und treulich dran hangen, und ist ihnen auch manches nicht eben, meinen sie doch, das Volk kann nicht ohne das sein. Aber die vielen tausend andre? O! der Herrsch- und Regierteufel, der ist's. Mein Viktor ist schon ganz glücklich, wenn er seine Buben auf der Straße kommandieren kann . . .« Luzian gedachte jetzt des alten Pfarrers, der zuletzt an der Spitze der Gemeinde eine Eingabe an den Bischof eingereicht hatte, daß eine Synode aus Geistlichen und Laien berufen werde zur Abschaffung der Mißbräuche. Der gute alte Mann folgte der Aufforderung seines Obern, stellte sich zur Verantwortung im Franziskanerkloster ein, und das Gerücht ging, daß er dieser Tage reumütig gestorben sei. »Wär' es ihm nicht wohler gewesen als armer Taglöhner? Was hat er zu stande gebracht?« Das überdachte Luzian, und er saß in tiefer Trauer auf dem Bänkchen. Er hatte die Hände gefaltet zwischen die Kniee gedrückt; in allen Fingern klopften Pulse. So trafen ihn die Männer aus dem Dorfe. Er richtete sich auf, seine Lippen waren bleich und bebten. »Luzian, ist dir was?« fragte Wendel. »Nein, was gibt's?« »Wir sind da,« begann Urban, »wir halten zu dir, der Pfarrer muß aus dem Ort.« »Und weiter?« »Und das freie Wahlrecht müssen wir haben.« »Und weiter? Nein,« sprach Luzian ruhig, drückte eine Weile mit der Hand die Augen zu und fuhr dann fort: »Ich bin ein Erzschelm, ein Lügner, verdammter als ein räudiger Hund, wenn ich nicht alles sag'. Ich, ich will gar nichts mehr von dem Pfarrer wissen, von dem nicht und von keinem andern, von keinem alten und von keinem neuen, von gar keinem. Ueber die Schrift hinaus, da gehet ihr doch nicht mit?« »Was sagst? wie?« Luzian hob die Arme mit geballten Fäusten rasch empor und schleuderte sie nieder, indem er rief: »Ich glaub' nicht an die heilig' Schrift, das Wort Gottes, wie sie's heißen. Gott hat nie geschrieben und gesprochen. Die Pfarrer sind nur Bauchredner und machen, wie wenn die Stimm' von oben käm'. Ja, ja,« lachte er krampfhaft, »Bauchredner, so ist's; sie reden, daß sie nur was in den Magen kriegen. Nun? was? haltet ihr noch zu mir?« Die Blicke aller senkten sich. Urban raffte sich zuerst auf, er trat auf Luzian zu, legte seine Hand auf dessen Schulter und sagte: »Luzian, mußt jetzt keine Späß' machen, du bist doch sonst nicht so. Wir haben's jetzt mit dem Pfarrerle da, da sitzt der Putzen.« Rasch schüttelte der Angeredete die aufgelegte Hand von der Schulter und rief: »Ich fürcht' dich nicht, Urban, und noch so zehn wie du; wer noch einmal sagt, daß ich Späß' mach', den schlag' ich ungespitzt in den Boden.« »Was hast denn?« fragte Wendel besänftigend, »wenn man dir was sagt, so ist's grad', wie wenn man Schmalz ins Feuer schüttet.« »Lasset mich unkeit (unbehelligt) mit eurem Glauben, ganz weg muß er,« schloß Luzian und stieß die beiden Ellbogen hinter sich, als entferne er das ihm Störsame. Still schlichen die Mannen davon, nur Wendel blieb und sagte: »O Luzian, du hast viel verdorben, mehr als du in zehn Jahren wieder gut machst. Wer alles sagt, was er weiß, dem wird das kalte Wasser im Bach zu heiß. Jetzt nutzt dich all dein Ansehen von früher nichts mehr. Die Mannen haben sich alle zusammen than, wie ein Sack voll Nägel; er ist schneller ausgeschüttet, als wieder zusammengelesen. Was hast denn nötig gehabt, das alles zu sagen?« »Weil ich's los sein will, alles los sein will. Jetzt bin ich frei. Den andern kann ich doch nichts helfen, es ist mit Lug und Trug und Hinterhalt doch nichts geholfen. Wenn ich jetzt nachts ins Bett steig', legt sich ein ehrlicher Kerl.« »Und was hilfst du damit?« »Jeder muß sich selber helfen.« »Nein, Luzian, du hättest viel 'naus führen können im Dorf und in der ganzen Gegend. Wer weiß, wie's nach und nach gegangen wär', man muß nur abwarten. Jetzt hast du die Flint' ins Korn geworfen mit Pulverhorn und Kugeltasche. Was hast denn ausgeführt?« »Ich bin ehrlich und aufrichtig, ich kann mir alle Aederle aufschneiden lassen, es ist nichts Verstecktes mehr drin.« »Ich sag' noch einmal, Luzian: man muß kein unrein Wasser ausschütten, bis man reines hat.« »Das Glas muß leer sein.« »Ich seh' wohl, es battet nichts. B'hüt dich Gott, Luzian. Ich muß nach und will sorgen, daß die Mannen kein falsches, unnötiges Geschrei machen. B'hüt dich Gott. Ich wünsch', daß du nie Reu haben mögest, von wegen dem, was du than hast.« Luzian schaute dem Weggehenden lange nach, er hatte die Arme auf der Brust übereinander geschlagen; er hielt nichts mehr als sich selber. Endlich riß er sich aus allem Denken heraus, ging in den Stall, sattelte den Braunen und ritt zum Dorf hinaus. Wohin? Nur fort, fort. Wie endet der Sonntag! Während Luzian auf schnaubendem Rosse ins Weite stürmte, kehrte Egidi bedächtigen Schrittes ins väterliche Haus zurück. Die Scheltworte der Mutter gingen ihm wenig mehr zu Herzen, denn er gedachte des balsamreichen Spruches: »Es ist so ernst gemeint, wie ein Mutterfluch.« Die Stimmung Egidis hatte sich im Hinhorchen da und dort bereits verändert. Fast das ganze Dorf ist auf Seite des Vaters und gewiß mit Recht; es ist ja sonnenklar, daß der Pfarrer ihn beschimpfen wollte. Egidi, der an Autoritäten hing, ließ die allgemeine Meinung des Dorfes als solche auf sich wirken, ja, er schien schon fast geneigt, die Kraftäußerung des Vaters sich zum Stolze anzurechnen. Zwar stieß ihn noch ein Etwas von der Teilhaftigkeit am Ruhme zurück, aber es geht damit leicht wie mit dem Gelde; wer es überkommt, fragt nicht leicht, wie es erworben worden. Egidi war in jeder Beziehung ein Erbe. Er trat oft nur scharf und bestimmt auf, um seine Unselbständigkeit vor sich und andern zu verdecken; er wollte ein Mann sein und sich namentlich seinem Vater gegenüber als solcher hinstellen, weil er dessen Uebermacht zu schwer fühlte; er schloß manchen ungeschickten Pferdehandel ab, ohne seinen Vater dabei zu Rate zu ziehen, so gern er das auch innerlich sich wünschte; er wollte allein den Meister zeigen. In seinen Reden und Gedanken hielt sich Egidi gern an Sprichwörter u. dgl., das waren ja auch Erbstücke von unwandelbarem Gepräg und Wert. Luzian ließ den Sohn ganz für sich gewähren, als er diese gewaltsame Ermannung wahrnahm, besonders hatte er bis jetzt jede Einwirkung in religiösen Dingen unterlassen, da das wohl abzuwarten war, und Luzian selber gestand sich kein Recht zur Bekehrung andrer zu, solange er selbst nicht ganz offen war. Egidi hatte ein frommes, weiches Gemüt, überdies gehörte er zu jenen Menschen, die als geborene Unterthanen erscheinen; es war ihm wohl dabei, wenn man ihm die Last der Selbstregierung vorweg abnahm, ja, wenn man ihn nie dazu kommen ließ. Unsichere Naturen lieben es, wenn ein Arzt bei Tische ist und ihnen sagt, daß diese und jene Speise ihrer Leibesbeschaffenheit nicht unverträglich, ja sogar förderlich sei; mit der innersten Lust der Sorglosigkeit geben sie sich dann dem Genusse hin, und tritt einmal eine Störung ein, der Heilkünstler hat ja Mittelchen genug, er weiß zu helfen. In religiösen Dingen ist es für viele noch anmutender, sich auf Lebenszeit eine Diät vorschreiben und in außerordentlichen Fällen nachhelfen zu lassen; die oft halsverdrehende Selbstbeobachtung, die beschwerliche Selbstgesetzgebung, mit ihrem Gefolge der eigenen Verantwortlichkeit, ist dadurch beseitigt. Egidi sagte sich's nie deutlich, aber er war ganz froh und wohlgemut, daß die Geistlichen für alles vorgesorgt hatten, daß es da bestimmte Pflichten zu üben, bestimmte Gebete zu sprechen gab. Wenn er nun dennoch für freie Wahl der Geistlichen stimmte, so lag ihm so wenig, wie den meisten, die Folgerung davon offen, daß die Mitwirkung auf das Innere der Lehre sich notwendig daran anschließen müßte. Vorerst dachte er, wie die andern, nur an die freie Wahl der Person; warum sollte der Geistliche nicht ebenso aus freier Wahl hervorgehen wie der Schultheiß? Noch auf dem Wege nach dem elterlichen Hause hatte Egidi allerlei Bedenkliches über den Vater rumoren gehört, aber er glaubte nicht daran, es waren nur Unverstand und Böswilligkeit, die so Gottloses aussprengen konnten. Still setzte er sich zur Mutter auf die Laube. »Der Gaul, der zieht, auf den schlägt man; so geht's auch beim Vater,« sagte er endlich. »Warum? was hast wieder?« »Nichts Schlimmes. Der Vater muß halt am meisten ziehen von den Gemeindeangelegenheiten, die andern, die lottern mit all ihrem Reden doch nur so neben her und ziehen keinen Strang an. Der Vater hätt' sollen studiert haben, das wär' sein Platz, ihm käm' keiner gleich.« Die Mutter nickte lächelnd, sie sah in den versöhnlichen Worten Egidis nur die Folgen ihrer scharfen Zurechtweisung und freute sich dieser Bekehrung. Schnell vergaß sie alles, was vorgegangen war; ihr Mutterherz hatte es ja nie geglaubt, daß der Sohn mißtreu gegen den Vater werde. Sie ließ sich gern von Egidi erzählen, wie alles im Dorfe vom Lobe Luzians überströmte, und sie sagte einmal ganz selig: »O redet nur, es kennt ihn doch keines so wie ich. Wenn man jetzt bald dreißig Jahr' miteinander haust, da ist man wie ein Mensch; ich kann ihn nicht loben, es wär' mir wie Eigenlob.« Es war ihr so wohl zu Mut, daß sie nach einer Weile begann: »Und jetzt spür' ich's erst, daß ich zu Mittag keinen Bissen übers Herz bracht hab'. Wart ein bißle, ich lang' einen Most 'raus, wir wollen ein bißle vespern. Du ißt doch auch gern ein Mükele kalten Speck? Ja, ich bring'.« Die Ahne war auch herzugekommen, sie jammerte, daß Luzian auf und davon sei, ohne jemand was gesagt zu haben; man wisse jetzt gar nicht, wohin man ihm in Gedanken nachgehen sollte. »Es ist auch nicht gut,« sagte sie, »wenn man außer dem Hause mit sich ins reine kommen will; was man daheim nicht findet, ist draußen verloren. Aber mein Luzian ist brav, das ist das beste.« Egidi wollte die Rückkunft des Vaters abwarten; es wurde indes Nacht, Frau und Kinder harrten seiner, er ging heim zur Mühle. Als er vor dem Dorfe war, läutete die Betglocke, er zog die Mütze ab und wandelte betend durch das Feld. Unterdessen hatte Bäbi den Paule aufgesucht. Sie war keineswegs frei von mädchenhafter Selbstherrlichkeit, die in jedem Falle unbewegt zuwartet; aber sie wußte und wollte heute nichts davon. Sie fand Paule im Stall und bat ihn flehentlich, den Fuchsen zu satteln und dem Vater nachzureiten. »Du bist ihm lieber als der Egidi,« sagte sie und sprach damit deutlich genug aus, wie er so unzertrennlich zum Hause gehöre. Eine trübe Ahnung hatte sich in der Fürsorge um den Vater ihrer bemächtigt, sie war daher froh, als Paule sagte, der Vater werde nach der Stadt geritten sein, um den Pfarrer dort bei Gericht anzuzeigen. Nun hatte sie doch einen Halt in ihrer unsteten Angst. »Ihr Männer seid doch immer gescheiter,« sagte sie. Das begütigende Wort that keine Wirkung. Paule blieb mürrisch, und Bäbi war zu bräutlichem Kosen nicht aufgelegt. Sie war Paule gegenüber seltsam befangen; sie lobte ihn nur, weil sie sich in Gedanken stolz und überhebend dünkte, ihr war's, als sei sie mit hundert Lebenserfahrungen und Veränderungen von einer großen Reise zurückgekehrt und müßte sich erst an die bekannten Menschen und ihr Gebaren wieder gewöhnen. Darum war das Zusammensein heute verfremdet und der Abschied frostig. Paule wollte, daß sie ihn, wie sonst immer, ein Stück Weges heim geleite, Bäbi aber wollte heute das Haus nicht verlassen, nicht unter fremde Menschen gehen; sie fürchtete den alleinigen Rückweg und das Geschwätz der Begegnenden. »Du könntest wohl jetzt auch einmal unter der Woche kommen,« rief Bäbi dem Weggehenden nach. »Wenn's sein kann,« erwiderte Paule und trollte sich grollend fort. In scharfem Trab war Luzian von Hause weggeritten, er wußte selbst kaum wohin; erst auf dem Wege faßte er die Stadt als Ziel ins Auge, er wollte sogleich zum Oberamtmann. Unweit der Stadt überholte er eine Kutsche, darin saß der Pfarrer. Luzian hielt an, stellte außerhalb der Stadt in der Krone ein und kehrte, ohne jemand gesprochen zu haben, wieder nach Hause. Schlafenszeit war schon lange da, aber auch die Ahne blieb auf, um ihren Luzian zu erwarten. Endlich kam er, der Gaul ging im Schritt und kaum hörbar, als ob er Socken an den Hufen hätte und kein Eisen. In der That hatte er auch eines verloren, aber Luzian trug es in der Tasche, denn trotz alles Sinnens und Denkens hatte sein scharfes Ohr bald gemerkt, daß der Gleichlaut des Schrittes unterbrochen war; er kehrte daher nochmals um, und sein spähendes Auge fand in dunkler Nacht das verlorene Hufeisen. Luzian übergab das Pferd dem Oberknecht mit der Weisung, daß es morgen beschlagen werden müsse. Als er eben dem Hause zuschritt, hörte er, wie der Oberknecht zum zweiten Knecht sagte: »Das ist einmal kein Sonntag gewesen.« »Wo kein Glaube ist, ist auch kein Sonntag,« lautete die Antwort. Luzian wollte eben umkehren, um den beiden bessere Ansichten beizubringen. da rief die Frau von der Laube: »Bist du da? komm!« »Man muß nicht nach allen Mücken schlagen,« dachte Luzian und ging die Treppe hinan. Mit unsäglicher Freude wurde er bewillkommt, jedem war er wie neu gewonnen, ein jedes wollte ihm etwas abnehmen, ihm zur Erleichterung und sich zur freudigen Gewißheit, daß er da sei. Bäbi brachte die Pantoffeln, kniete nieder und wollte dem Vater die schweren Stiefeln ausziehen, Luzian wehrte ab. indem er sagte: »Seit wann brauch' ich denn einen Bedienten?« Luzian drang darauf, daß alles bald zur Ruhe komme, er selber aber lag noch lange unter dem offenen Fenster und schaute hinein in den funkelnden Sternenhimmel; er hatte keinen festen Gedanken, ihm war's so leicht und flügge, als schwebte er mit den Sternen dort im unendlichen Raum. Unwillkürlich faltete er die Hände und betete das einzige herrliche Gebet, das ihm geblieben war: Vater unser, der du bist in dem Himmel – aber schon hielt er inne. »Gott im Himmel?« sprach er, »das ist ein Wort, im Himmel; Gott ist überall.« . . . Er hörte auf, zu beten, und doch konnte er die Hände nicht auseinander falten. Wo die eigene Kraft dich verläßt und zur Neige ist, wo du nicht mehr fassen, wirken und schaffen kannst, da fügen sich die Hände still ineinander, und dieses Sinnbild spricht: ich kann nicht mehr, waltet ihr, ihr ewigen Mächte! So verharrte Luzian unbewegt, nichts regte sich in ihm, alles lautlos, wie draußen in der stillen Nacht, und jetzt stieg das Wort des Knechtes zu ihm herauf: »Wo kein Glaube ist, ist kein Sonntag.« Nein, nein, feiern wir denn darum den Sonntag, weil Gott in sechs Tagen die Welt geschaffen und am siebenten geruht? Braucht denn Gott Tage zum Schaffen und Tage zum Ruhen? Die Menschen setzten sich einen Tag, an dem sie der Arbeit ledig sein wollten. Wird aber dieser innegehalten werden ohne Religion? Er muß. Und was sollen wir an ihm beginnen? Uns freuen und zu aller gegenseitigen Hilfe bestärken. Es schlug zwölf. Fahr hin, alter Sonntag, es kommt ein neuer! O Schlaf! Du schirrest aus die straffen Bande der schaumschnaubenden, staubstampfenden Gedanken; du lässest sie flugbeschwingt hinsegeln, hoch in sanft kühlende Wolken; du führest sie zu unsichtbaren Quellen und tränkest die Seele mit neuer Kraft und badest sie in süßem Vergessen. Wer könnte sie tragen, die unaufhörliche Last des Gedankens, erschienst du nicht, einziger Erlöser! Und in mondbeglänzter, geistdurchwebter Nacht sprießt der Tau am Blütenkelch, sprudelt der Quell im Felsengrund, den Leib zu heilen, zu reinen; bist du der strahlende Bruder des Schlafes, du allbelebendes, reinendes Wasser? Sühneversuch und neuer Zerfall. Am Morgen hatte Luzian die zufällige Entdeckung von gestern nicht vergessen; er machte seine Frau ganz glücklich, indem er ihr die fünfzehn Eier aus dem verborgenen Nest brachte. Die undankbare weiße Henne wurde darauf von Bäbi im Hofe müde gejagt, sie flog manchmal über den Kopf der Verfolgenden weg, sank aber doch endlich ermattet nieder, wurde gefangen und blieb fortan eingesperrt. Luzian führte den Braunen zum Schmied Urban und ließ ihm dort das Eisen wieder aufschlagen. Er hielt den Huf empor, fast die ganze Last des Tieres lag auf ihm; da kam der Schütz und sagte: »Luzian, du sollst aufs Rathaus kommen, vor den Kirchenkonvent.« »Ich muß mir vorher ein Eisen aufschlagen lassen, daß der Schinder auch was 'runter reißen kann, wenn er mich auf den Anger kriegt. Sag nur, ich komm' gleich.« »Luzian, es ist kein gut Zeichen, wenn man so wilde Späß' macht. Es wär' bös, wenn das die ganze Kunst vom Unglauben wär',« so sagte der Schmied Urban. Der Angeredete schien betroffen, und erst nach geraumer Weile erwiderte er lächelnd: »Wer sich mausig macht, den frißt die Katz'. Nicht wahr?« Luzian hatte des Kämpfens eigentlich schon übergenug, zumal da er das nächste faßbare Ziel sich selber entrückt hatte. Es war doch nur ein einziger Tag, seitdem er in offenem Kriege oder besser im Zweikampfe stand, aber es dünkte ihn schon eine unermeßlich lange Zeit, so viel hatte er durchgemacht. Wenn nicht eine Schar von Genossen den Kämpfer umgibt und in ihrer eigenen Entflammung die Kampfeslust immer neu vor Augen führt und im Urheber anfacht, wenn nicht sichtbar von außen der Brand, den man geworfen, in Flammen fortlodert, so glaubt der einzelne leicht, er könne alles ändern, noch sei es in seine Hand gegeben; es ist vorbei, wenn er sich selbst zurückzieht. Er vergißt im Gefühl des Rechts und der Großmut, daß er den Feind zur Gegenwehr gereizt, die sich nicht mehr halten läßt. In allerlei Gestalt tritt die Versuchung auf. Sie sagt oft, kaum nachdem der erste Streich gefallen: laß ab, du hast genug gethan, du hast deiner Ueberzeugung gewillfahrt, du dringst doch nicht durch. So war Luzian in seltsam friedfertiger Stimmung nach dem Rathaus gegangen; er machte sich keine Vorstellung davon, wie denn wieder alles ins alte Geleise kommen könne, genug, er war in sich begütigt. In der kleinen Ratsstube nickte er den Versammelten, worunter auch der Pfarrer, unbefangen zu, und sein »Guten Tag bei einander« tönte so fest und hell, daß man nicht wußte, was darin lag. Der Pfarrer winkte dem Schultheiß deutlich mit der Hand, er solle reden, und dieser begann: »Der Herr Pfarrer hat heute wieder Mess' in der Kirch' gelesen, von Entweihung ist demnach kein' Red' mehr. Jetzt, Luzian, sei nicht vonderhändig, der Herr Pfarrer will's christlich mit dir machen. Thu's wegen dem Ort, wenn du's nicht wegen deinem Seelenheil thust. Denk nur, wie wir wieder im ganzen Land verbrüllt werden, wenn die Sach' auskommt. Der Herr Pfarrer jetzt will's im stillen abmachen. Du hast ja sonst immer so aus das ganze Ort und aus unser Ansehen gehalten?« »Ja, wie? was soll ich denn machen? Was will man denn von mir?« »Du wirst schon merken. Nicht wahr, Herr Pfarrer, es wird glimpflich sein? du sollst dir halt eine Kirchenbuß' auflegen lassen.« »Spei aus und red anders.« »Luzian, man weiß ja gar nicht mehr, was man dir sagen soll; bigott, du bist ein Fetzenkerl, und man sollt' ja mit dir umgehen wie mit einem schallosen Ei, beim Blitz, und du bist doch sonst ein ausgetragenes Kind.« »Genug, genug. Sag' deinem Herr Pfarrer, er soll vor Gott verantworten, was er predigt und lehrt, und ich will auch verantworten, was ich than hab' und noch thu'. Ich brauch' deinen Herr Pfarrer mit seiner Buß' nicht zum Schmuser zwischen unserm Herrgott und mir, wir finden schon allein einander und werden handelseins. So ist's, aus und Amen.« »Sie sehen, meine Herren,« begann der Pfarrer mit ruhiger, fast bittender Stimme, »Sie sehen, ich habe keinen Versuch zur Aussöhnung unterlassen; ich bitte das gehörig der Gemeinde zu verkünden, wenn die Sache nun wider meinen Willen den gerichtlichen Lauf geht.« »Gut, besser als gut,« erwiderte Luzian. »Es ist kein Strick so lang, man findet sein End'. Ich will nichts mehr reden, es wird jetzt alles in eine andre Schüssel eingebrockt B'hüt's Gott!« In festem, siegesfrohem Kraftgefühle verließ Luzian das Rathaus; jetzt ging der Tanz erst von neuem an, er freute sich dessen. So wogte es hin und her im Gemüte, bis der Kampf ein faßlich persönlicher wurde. Es klingt erhaben und rein, einen Kampf bloß um der Idee, wie man's nennt, des Prinzips willen zu beginnen und ausfechten, sich selbst und den Gegner dabei aus dem Spiele zu lassen; aber erst dann gedeiht die lebendigere Entscheidung, wenn du aus allgemeiner Ueberzeugung oder durch eine wirkliche Thatsache dich persönlich angegriffen fühlst durch den herrschenden, gegnerischen Gedanken. Luzian war jetzt erst recht aufgelegt zum unnachgiebigen Kampfe, er fühlte sich durch die Zumutung der Buße gekränkt und angegriffen. Wir dürfen hoffen, daß er das allgemeine darin nicht verkennt, aber jetzt erst ging's Mann gegen Mann. Wie emsig arbeitete er im Felde. Dort hatte er mit Händen etwas zu fassen. Leicht, als wäre das ein Kinderspiel, schwang er die Garben auf den Wagen, band er den Wiesbaum fest. Keiner der Knechte wagte Einhalt zu thun und zu bemerken, daß wohl überladen sei. Beim Abfahren erwies sich's nun doch, daß etwas hoch geladen war; Luzian ließ daher den Oberknecht auf den Sattelgaul sitzen, er selber stemmte sich samt dem zweiten Knechte mit der Gabel gegen die aufgetürmten Garben; bei mancher Biegung hatte er sich scharf anzustrengen, damit er nicht von der reichgeladenen Frucht überstürzt würde. An einem abschüssigen Hügel machte das Schimmelfüllen, das los und ledig nebenher sprang, fast die ganze Fuhre über den Haufen fallen; es sprang unversehens den Pferden vor die Füße, diese scheuten; schnell besonnen fuhr der Knecht in einen Steinhaufen am Wege, der Wagen stand still, wenn auch schwankend und überhängend. Ohne Unfall, wenn auch mit heißer Not, gelangte man endlich nach Hause. Als Luzian eben die Stubenthür öffnete, hörte er noch, wie seine Frau dem Viktor einschärfte: »Du darfst dem Aehni nichts davon sagen,« sie wusch dem Knaben dabei eine große Stirnwunde aus, Schiefertafel und Lineal lagen zerbrochen neben dem heftig Schluchzenden. »Was? was nicht sagen?« frug Luzian, »Viktor, die Ahne hat's nicht ernst gemeint. Du weißt, du kriegst kein Schläpple von mir, wenn du die Wahrheit berichtest; frei heraus: was ist geschehen?« »Ja . . . ich sag's, ich sag's.« Und nun erzählte Viktor, immer von Schluchzen unterbrochen: »Der Herr Pfarrer hat halt die Religionsstund' heut selber geben, und da hat er viel davon gesagt, daß der Teufel die Gottlosen holt und daß er sie nachts im Bett mit Gedanken verkratzt wie tausend und tausend Katzen, und da haben sie in der Schul' alle nach mir umgeschaut, und des Hannesen Christoph, der neben mir sitzt, hat nur so pispert: ›Das ist dein Aehni!‹ Und da hab' ich geheult, und da hat der Pfarrer gesagt, ich soll still sein, es geschieht niemand nichts, der fromm ist und zu den Heiligen betet. Nun müsset Ihr noch wissen, daß in einer früheren Stunde einmal die Bank knackt hat, und da hat der Pfarrer gesagt, das wär' der Teufel, der die Bank knacksen macht, damit wir nicht aufpassen auf die guten Lehren; der Teufel treibe allerlei Possen, damit man an andre Sachen denkt. Jetzt wie der Pfarrer gerade redt, macht des Wendels Maurizle, der vor mir sitzt, die Bank knacksen und sagt so leislich: ›Der Teufel ist wieder im Spiel.‹ Der Pfarrer hat aber nichts davon gemerkt und hat uns befohlen, jeden Abend beim Einschlafen und jeden Morgen beim Aufwachen ein Gebet für die armen Sünder zu beten, und des Wendels Maurizle hat in der Bank vor mir gesagt: ›Ich kann für keinen andern beten, das muß er selber thun. Wenn ich für einen andern bet', kann ich auch für ihn essen.‹ Jetzt hat der Erste das Gebet an die Tafel schreiben müssen, wie's ihm der Pfarrer vorgesagt hat, und wir haben's alle abgeschrieben; da steht's auch auf meiner Tafel, ist aber fast ganz ausgelöscht.« Viktor hob die Schiefertafel auf und zeigte sie vor. »Viktor! Wie bist denn zum Raufen kommen?« fragte Luzian. »Jetzt, wie die Schul' aus ist, da schreien sie alle auf mich 'nein: ›Morgen hast du keinen Aehni mehr, den holt der Teufel‹ und so. Des Wendels Maurizle hat mir aber gesagt: ›Der Pfarrer weiß auch nicht alles.‹ Gestern nacht hab' ich noch gehört, wie mein Vater zum Schmied sagt: ›Der Luzian ist doch braver als alle Pfarrer.‹ Und jetzt sind alle Buben auf mich 'nein und haben geschimpft: ›Teufelsenkele!‹ und da hab' ich des Hannesen Christoph einen Tritt geben, er muß ihn noch spüren, und da sind sie auf mich los, aber der Maurizle ist mir beigestanden, und sie haben doch auch ihr Teil kriegt, bis der Lehrer kommen ist. Da, da hab' ich noch den Stein, den mir eines an den Kopf geworfen hat; den zeig' ich dem Pfarrer.« Viktor zeigte das Genannte vor, und Luzian sagte: »Viktor, schmeiß den Stein weg; von heut an, hörst du? gehst du nicht mehr in die Schul'. Hörst du? Und wenn dich eins fragt, warum? da sagst du, ich hab's gesagt.« Am Fenster stehend sprach dann Luzian vor sich hin: »Ich bin doch ein schlechter Kerl, daß ich nicht die Axt nehm' und dem Pfarrer das Hirn einschlag'.« Kaum war dem Viktor das weiße Tuch um den Kopf gebunden, als er behend auf die Straße sprang und jubelnd seinen Kameraden verkündete, daß er nun gar nicht mehr in die Schule gehe. Heute hatte Luzian keinen »weltsmäßigen Hunger«, obgleich ihm die Frau aus dem aufgefundenen Schatze Rühreier gemacht hatte. Die Pferde waren im Felde, Luzian ging zu Fuße nach der Stadt. Als er sich dem Pfarrhause näherte, sah er, wie die Fenster aufgerissen wurden, mehrere Geistliche drängten sich in denselben, und Luzian hörte hinter sich rufen: »Der ist's.« Luzian geht so langsam, daß wir wohl einen Seitensprung hier in das Pfarrhaus machen können. Wir wollen uns nur so lange aufhalten, als man einem Vogel am Wege zuhört. Fünf nachbarliche Amtsbrüder hatten ihren streitenden Genossen heimgesucht; sie hatten sich's wohl munden lassen, das bezeugte die Zahl der Flaschen auf dem Tisch, die die Zahl der Köpfe überstieg; der jüngste Amtsbruder, der die Würde am wenigsten zu achten schien, war in Hemdärmeln, möglichst aufgeknöpft waren alle. Eine alte Magd brachte den Kaffee, der Ortspfarrer zündete ein Licht an und reichte Zigarren. Wer je in einer Gesellschaft abschließlicher Leutnants war, wie sie etwa in der Wachstube unter sich über einen kecken Civilisten losziehen, der da und dort ihre Standesehre und allseitig notwendige Uebermacht in Wort und That zu erschüttern wagte – wir sind hier bei anders Uniformierten in gleicher Gesellschaft. »Fridolin,« sagte der Jüngste, Hemdärmelige zum Ortspfarrer, indem er sich über den Tisch bog und die Zigarre anbrannte, »Fridolin, sei froh, daß du einen solchen Häretiker oder Apostaten unter der Gemeinde hast. Du kannst Kirchengeschichte an ihm studieren.« »Laß ihn laufen,« rief ein andrer, »wie der Baron Felseneck einen emballierten Hammel bei seiner Herde laufen hat, damit er weiß, welche Schafe bocken wollen.« Man lachte über diesen Vergleich, bis ein Gefährte mit hochblonden, roten Löckchen begann: »Ich bleib' dabei, Fridolin, du verfehlst es besonders, weil du ein Aristokrat bist, politisch unfrei. Abgesehen von der Zeit- und Vernunftwidrigkeit deiner politischen Ansicht reizest du dadurch unnötig gegen die Kirche. Schon aus Politik müßtest du dich auf Seite der Freiheit stellen. Schau nur auf Belgien hin, auf Frankreich; und selbst der heilige Vater ist uns hier ein Vorbild. Der Zug der Zeit geht auf politische Freiheit.« »Eine renovierte schwarzrotgoldene Rede,« unterbrach ihn ein vierschrötiger Mann mit fettem Doppelkinn, der sehr nach Kampfer roch; »Rollenkopf, man merkt dir stets an, daß du bei der Tübinger Burschenschaft affiliiert warst. Ich halte nun einmal dieses Hätscheln der politischen Freiheit qua talis für eine Verblendung, die uns traurige Früchtlein bringen kann. Man muß weiter sehen. Selbst das weltliche Regieren muß als Priestertum festgehalten werden. Nicht umsonst ist's, daß im heiligen römischen Reich der Kaiser gesalbt wurde. Die Obrigkeit ist von Gott eingesetzt. Gibt man dem Volke zu, daß der Regent nicht mehr von Gottes Gnaden ist, so muß man folgerecht auch den Schritt weiter; auch der Priester ist dann nicht mehr von Gottes Gnaden, ist Gleicher unter Gleichen. Das selfgovernment hat dann ebensoviel Recht in kirchlichen und religiösen wie in politischen Dingen. Das Volk, das sich selber Gesetze gibt und seine Herrscher einsetzt, bildet sich dann auch seine Religion und seinen Gott. Die französische Revolution war konsequent, wenn sie Gott zu- und abdekretierte.« »Als vereinigter preußischer Landstand wärest du sehr am Platze,« entgegnen der Ortspfarrer, Fridolin Schwander. »Das Köstlichste von allem,« sagte der Hemdärmelige wieder, »ist, was die Zeitungen bringen, daß der König von Preußen alle bisher von den Deutschkatholiken geschlossenen Ehen für null und nichtig, für Konkubinate erklärt. Jetzt sind diese Sektierer von innen heraus gesprengt. Ich seh's, wie Mann und Frau voneinander laufen, wie's ihnen beliebt. Dadurch ist nun die sittliche Abfaulung eingeätzt, und diese Religions-Zigeuner sind von innen heraus getötet.« »Und ich muß bekennen,« rief der Rollenkopf und schlug dabei auf den Tisch, »daß dies ein potenziertes, hundertfach empörendes Seitenstück zum Koburger Gelde ist; es ist ganz ähnlich: eine Herabsetzung und Entwertung dessen, was man selbst geprägt und anerkannt hat. Ein unauslöschliches Brandmal wird die Geschichte den Urhebern –« »Hoho! du machst dir's bequem, du hältst das Sakrament der Ehe nur für ein staatliches Gepräge wie bei der Münze,« schaltete der Hemdärmelige ein und brach seine Zigarre mitten entzwei, weil sie keinen rechten Zug hatte. Rollenkopf setzte die weitere Verhandlung in leisem Zwiegespräch fort. Während dessen zog der Kampfermann ein gedrucktes Blatt aus der Brusttasche und sagte zu unserem Ortspfarrer: »Hier in den Mainzer Sonntagsblättern ist eine Rezension über deine Schrift: Die Trennung von Kirche und Staat. Du bist über das Bohnenlied hinaus gelobt.« »Ich werde gegen dich schreiben. Es ist eine verkehrte Welt jetzt. Man verlangt Fürsorge des Staats für die materielle Arbeit, und die geistige soll ganz ohne Oberaufsicht sein? Unsere Zeit schwankt zwischen Omnipotenz und Impotenz des Staats,« so sprach Rollenkopf, über die Achsel gewendet. Unser Ortspfarrer schaute nur lächelnd, ohne zu antworten, von dem Blatte auf, dessen Inhalt ihm wohl zu thun schien. Jeder Kreis und jede Meinungsschattierung hat seine öffentliche Krönung. Ein kluges Wort kam jetzt aus einem Munde, der bisher noch nicht gesprochen. »Hat's ein gutes Bier im Rößle?« fragte einer der Jüngeren. Der Ortspfarrer bejahte, und man brach auf zu Kegelspiel und Bier. Suchen wir vorher die Thür zu erreichen; mit etwas raschem Schritt holen wir Luzian ein, wir treffen ihn noch auf der Straße im Neuensteiger Walde. Der Fußsteig über den Berg ist näher, aber Luzian liebt das Bergsteigen nicht, zumal in der Mittagshitze, auch begegnen ihm auf der Straße mehr Menschen. Er hat seinen Rock über die Schulter gehängt und schreitet leicht und fest dahin; es ist ihm aber doch schwer und schwankend zu Mute, denn in ihm spricht's: »Was hast du gethan? Hättest du's nicht können bleiben lassen? Hast dir und all den Deinigen den Frieden verscheucht und für was? Schau, da ziehen die Menschen hin: der schafft sein Holz aus dem Wald an die Straße, der führt am Horn seine rindernde Kuh zum Sprunge, der holt Bretter aus der Sägmühle, und der führt sein Korn heim. Ich möcht' hinrennen und sie rufen: kommet mit, alle mit, ich geh' für euch; ficht's denn euch gar nichts an? Wacht auf, faßt ein Herz und seid frei! Wenn ich nur auf einen einzigen Tag allen die Augen aufmachen könnte. Freilich, der Wendel hat recht, ich hab' das Beil zu weit 'naus geworfen. Ich hab' nicht anders können. So ist's.« Wie man berichtet, so wird gerichtet, sagt ein inhaltreiches Sprichwort; darum wollte Luzian heute kein Hindernis anerkennen, er mußte nach der Stadt, um selber seine Sache vorzubringen. In der Oberamtei mußte er lange warten, ehe er den Amtmann sprechen konnte. Er wurde freundlich begrüßt und gebeten, übermorgen wieder zu kommen. »Ich hab' wollen –« sagte Luzian. »Ich weiß schon alles, der Steinmetz Wendel war heute in aller Frühe da und hat mir den ganzen Hergang erzählt; kommen Sie von übermorgen an, wann Sie wollen, auch außer den Amtsstunden.« »Nur noch ein Wort,« sagte Luzian, »ist mein Sach' kriminalisch?« »Keineswegs. Sie brauchen auch keinen Advokaten, es ist reine Polizeisache. Entschuldigen Sie –« und fort wischte der Oberamtmann wieder. »Es soll aber kriminalisch sein!« sagte Luzian vor sich hin, als der Amtmann schon längst verschwunden war. Dann verließ er, schwer den Kopf schüttelnd, die Oberamtei. Wir werden wohl später erfahren, was Luzian mit seinem absonderlichen Gelüste wollte; jetzt war es ihm nur überlästig, daß er wieder Tage warten und still herumlaufen sollte, ohne daß etwas geschah. Auf dem Heimweg schlug er oft mit den Armen um sich, aber wo war's? was sollte er fassen? Auf das teilnehmende Herz und den hellen Geist des Oberamtmanns hatte Luzian viele Hoffnung gesetzt. Das gestand er sich jetzt erst, als er so leer, wie er gekommen war, davon ging. Warum hat er auch nicht ein ermunterndes, mutiges Wort gesprochen? Ein Herz, das die Folgenschwere eines Ereignisses oder einer freien That in sich trägt, verlangt oft zu sehr nach Handreichung, aber die Menschen um dich her sind alle mit sich und tausend andern Dingen beschäftigt, sie sehen und verstehen deinen bittenden Blick nicht. Erwarte keine Hilfe von außen, sei stark in dir. Luzian kehrte nicht mehr die Straße heimwärts, er ging den Waldweg; dort war es still und feierlich, und seine Gedanken beteten inbrünstig zu Gott, daß ihn die Kraft nicht verlassen möge, die ganze volle Wahrheit zu bekennen und ihr alles zu opfern. Gern hätte er ein Gebet in Worten gehabt, aber er fand keines. Tief im Waldgrunde sang ein Bursch, der wohl neben einem beladenen Holzwagen herging, ein »einsames« Lied. Luzian stand still horchend: O Bauerensohn, laß die Röslein stehn, Sie sein nicht dein, Du trägst noch wohl von Nesselkraut Ein Kränzelein. Das Nesselkraut ist bitter und saur Und brennet mich; Verloren hab' ich mein schönes Lieb, Das reuet mich. Es reuet mich sehr und thut mir In meinem Herzen weh, Behüt' dich Gott, mein holder Schatz! Ich seh' dich nimmermehr. Zwischen jeder Strophe knallte der Bursch mit der Peitsche, daß es weithin widerhallte. War das nicht die Stimme Paules, der also sang? Was hatte der zu klagen? Nein, der kann's wohl nicht sein . . . Im Weitergehen dachte Luzian: »Der Bursch hat das Lied auch nicht selber gesetzt, und es erleichtert ihm doch das Herz; so auch hat der eine Mensch Gebete für andre gemacht.« Die zahllosen Gebetbücher entstanden und waren gerechtfertigt vor dem Geiste Luzians. Still und gedankenvoll schritt er dahin, es begegnete ihm niemand. Das Gewitter vom vorletzten Sonntag hatte sich hierher verzogen und auch hier noch arg gehaust; da war ein Baum ganz entwurzelt, dort ein andrer mitten gespalten wie zerfleischt, und dort hingen abgeknackte Aeste, selbst die jungen Schäleichen waren in zahlloser Menge zu Boden gebeugt, der Fußsteig war oft unwegsam. Hinter Neuensteig umging Luzian eine gewaltige Eiche, die quer über dem Weg lag; er geriet dadurch in einen Sumpf, wo Erlen standen, und rettete sich nur mit schwerer Mühe daraus. Kaum war Luzian wieder hundert Schritte auf trockenem Wege, da begegnete ihm ein Mann; es war der uns bekannte, Rollenkopf genannte Pfarrer. Man begrüßte sich beiderseits mit einem »Guten Tag« und ging aneinander vorüber. Luzian stand bald still. Sollte er den Pfarrer nicht vor dem Sumpf warnen? Der Pfarrer überlegte gleichfalls bei sich, ob er nicht den Häretiker, den er wohl wieder erkannt hatte, ansprechen und ein gutes Wort beibringen sollte. Plötzlich rief Luzian: »Heda!« Hinter dem Ruf tönte es wie ein Echo, und doch war's keines, denn der Pfarrer hatte im selben Augenblicke den gleichen Ruf gethan. »Seid Ihr nicht der Luzian Hillebrand von Weißenbach?« rief der Pfarrer aus dem Thale herauf, von den Bäumen verborgen. »Ja freilich, aber ich hab' Euch doch was zu sagen. Dort unten, wo die Eiche liegt, müsset Ihr rechts ab, sonst kommet Ihr bei den Erlen in den Sumpf.« »Wartet, ich komm',« tönte es wieder, und Luzian ging dem Rufenden entgegen, weil er sich nicht verstanden glaubte, er wollte es genauer bezeichnen oder selber mit zurückkehren. Der Pfarrer hatte ihn aber verstanden und begann nun mit ihm über den Kirchenstreit zu sprechen. Anfangs war Luzian mißtrauisch, selbst die freien Worte Rollenkopfs sah er nur wie einen Spionenkniff an, aber was lag ihm an allem Auskundschaften! Er hörte darum mit einer gewissen Ueberlegung zu. »Du hast vieles zu verhehlen, ich nicht,« dachte er. Als aber Rollenkopf schloß: »Wie gesagt, es regt sich ein freier Sinn in der Kirche, der siegen muß. Darum müssen aber auch die freien Männer innerhalb der Kirche bleiben, sich nicht davon trennen. Wenn die Freien ausscheiden, was bleibt uns? Die träge, verstandlose Masse, der ewige faule Knecht.« »Soll das auf mich gesagt sein?« »Gewiß. Ihr müßt in der Kirche bleiben und helfen, sie rein und frei zu machen.« »Ich glaub' aber nicht an Gottes Wort und brauch' kein' Kirch'.« »Aber Eure Brüder bedürfen ihrer, und Ihr seid verpflichtet, sie nicht zu verlassen.« »Ich hab' kein Amt und kein' Anstellung in der Kirch'.« »Eure Menschenpflicht ist Euer Amt, und Euer Gewissen Eure Anstellung.« »Alles schön und gut, aber ich müßt' lügen und heucheln, und das kann einmal kein Mensch mehr von mir verlangen.« Der Pfarrer suchte noch Späne abzuhauen, aber den eigentlichen Klotz konnte er nicht bewältigen. Man schied mit freundlicher Handreichung, und auf dem stillen Heimweg dachte Luzian: »Der ist grad wie der Amtmann; dem wär's auch lieber heut als morgen, wenn man die ganze Verfassung mit samt dem König über den Haufen schmeißen thät', und doch bleibt er im Amt. Ich thät' ja lieber schaffen, was es wär', daß mir das Blut unter den Nägeln 'rauslauft; halb satt zu fressen, wär' besser als so ein Amt, das man eigentlich nicht haben darf.« Stolz und groß erhob sich Luzian in diesem seinem Selbstgefühle. Ein Kind bleibt, und ein Kind geht. Als Luzian nach Hause kam, trat ihm Bäbi entgegen mit den Worten: »Vater, Ihr sollet gleich ins Rößle kommen, es ist schon zweimal ein Bot' da gewesen, es sei jemand da, der nötig mit Euch zu reden hat.« »Wer denn?« »Des Rößleswirts Bub' weiß es nicht, oder will's nicht sagen.« Luzian ging nach dem Wirtshause. Er traf hier den Vater Paules von Althengstfeld, der hinter dem Tische saß und ihm zuwinkte, ohne aufzustehen und ohne die Hand zu reichen. »So? bist du auch hier?« fragte Luzian, »hast du mich rufen lassen?« »Ja. Rößleswirt! Ist niemand in deiner hinteren Stube? Ich hab' da mit dem Luzian ein paar Worte zu reden. können wir 'nein?« »Ja.« »Was hast denn? Kannst's nicht da ausmachen? Oder komm mit mir heim,« sagte Luzian. »Nein,« entgegnete Medard, »es ist gleich geschehen.« Die beiden Schwäher gingen nach der Hinterstube; alle Anwesenden schauten ihnen nach. »Was gibt's denn so Heimliches?« fragte Luzian. »Gar nichts Heimliches. Du weißt, ich bin frei 'raus, drum, Luzian, guck, du bist jetzt im Kirchenbann und vielleicht noch mehr, du kommst mit denen Sachen nicht so bald 'raus, wie mir unser Pfarrer gesagt hat und die Pfarrer alle, die heut dagewesen sind. Drum wird dir's auch recht sein, wenn man jetzt ausspannt.« »Ja, wie? was?« »Ha, du verstehst mich schon. Mit deinem Mädle und mit meinem Paule, da lassen wir's jetzt halt aus sein. Wir sind von je gut Freund gewesen, Luzian, nicht wahr? Und das bleiben wir von deswegen doch. Es ist ja Christenpflicht, daß man keinen Hasard aufeinander hat und alles in gutem bleibt.« »Ja, ja, freilich, ja,« sagte Luzian, die Hände reibend, »und was ich hab' sagen wollen? . . . Ja, und dein Paule ist auch mit einverstanden? Du redest in seinem Namen?« »Ha, ich bin ja der Vater. Ich laß mich nicht ausziehen, ehe ich mich ins Bett leg', das Sach' ist mein, und ich geb' die Geißel noch nicht aus der Hand, du auch nicht. Was wahr ist, ist wahr; mein Paule hat dein Mädle gern gehabt, ja rechtschaffen gern, es ist ihm hart 'nangangen. Er hat dem Pfarrer aber bestanden, dein Mädle sei wie ausgewechselt, es hab' ihm kein gut Wort mehr gunnt, und es hab' halt auch deine Gedanken, Luzian. Recht so, ist ganz in der Ordnung; die Kinder müssen zum Vater halten, und mein Paule hält zu mir. Du hast ja selber gewollt, daß wir keinen Reukauf ausbedingen, und Schriftliches haben wir auch nichts gemacht, da brauchen wir auch nichts verreißen. Mein Bub' hat deinem Mädle einen silbernen Fingerring geben, er hat zwei Gulden und fünfzehn Kreuzer kostet, kannst nachfragen beim Silberschmied Hübner neben der Oberamtei. Jetzt kannst den Fingerring wieder 'rausgeben, oder es ist besser, du gibst das Geld, hernach kann ihn dein Mädle behalten; kannst das Geld dem Rößleswirt da geben, ich bin ihm noch was schuldig für Kleesamen. Dein Mädle, das bringst du schon noch an, brauchst's nicht in Rauch aufhängen, und mein Bub', der setzt den Hut auf die link' Seite und ist der alt'. Es hat halt jetzt den Schick nimmer zwischen unsern Kindern, und es wär' gegen Gott gesündigt, wenn man da wieder was anhäften wollt'. Jetzt wie? was siehst du so unleidig? Stehst ja da wie ein Stock und machst kein Gleich (Gelenk)? Hab' ich dich verzürnt?« Luzian war in der That wie erstarrt, er ließ den Medard an sich hinreden und hörte alles wie im Halbschlaf; der Schweiß trat ihm vor ängstlichen Gedanken auf die Stirn; er nickte endlich und sagte: »Ja, Medard, ich schick' dir den Fingerring gleich 'raus, kannst drauf warten.« »Pressiert nicht so. Jetzt sei mir nicht bös, bei dir ist gleich dem Himmel der Boden auf. Wir bleiben doch die alten guten Freund', nicht wahr?« »Das Kind ist tot, die Gevatterschaft hat ein End'.« Mit diesen Worten verließ Luzian die Kammer und trat in die Wirtsstube. Neugierig richteten sich die Blicke aller auf ihn; er sah verstört aus. Mit seltsamem Lächeln sagte Luzian: »Rößleswirt, weißt was Neues? Mein' Bäbi ist kein' Hochzeiterin mehr. Grad hat mir der Medard aufgesagt.« »Es wird doch das nicht sein?« tröstete der Wirt. »Frag nur den Medard,« endete Luzian, die Thür in der Hand, und fort war er. Luzian hatte sich eingebildet, er sei auf alles gefaßt, und doch überraschte ihn dieser Zwischenfall so, daß er nicht wußte, wo aus noch ein. Offen gestanden dachte er im ersten Eindruck fast gar nicht an seine Tochter, sondern nur an sich selbst. Hatte er seine Ehre verloren? Wo war landauf und landab ein Bauersmann, der sich's nicht zur Ehre angerechnet hätte, mit ihm verschwägert zu sein? – Darum hatte er noch die Aussage selbst verkündet, die Schande sollte zurückfallen auf Medard, er warf sie zurück mit dem ganzen Stolz seines Ansehens; aber galt dies auch noch? Kämpfte er nicht mit leerer Hand, während er die zweischneidige Waffe sich in die Faust träumte? Im wilden Ringen des Kampfes reißest du dir oft eine Wunde, du weißt es nicht, bis nach ausgetobtem Streite das Rinnen des Blutes und der Schmerz dich daran mahnt. Kein Pflaster und keine Salbe stillt das Blut, wenn nicht das ausgetretene gerinnt und stockt und so sich selbst die schützende Decke zur Wahrung des in dir strömenden bildet. Es geht mit den Wunden deiner Seele ebenso. Müd und schwer, als ob ihm ein Schleiftrog au den Beinen läge, ging Luzian nach Hause. »Ist es wahr? ist mein Schwäher im Rößle?« Mit diesen Worten kam ihm Bäbi wiederum entgegen. »Dein Schwäher? Nein, aber des Paules Vater,« entgegnete Luzian. »Komm her, Bäbi, gib mir dein' Hand, brauchst nicht zittern, du sollst weiter nichts als den Fingerring abthun, du bist kein' Hochzeiterin mehr; der Paule hat dir aufgesagt. Meine Händel mit dem Pfarrer sollen dran schuld sein, oder hast du auch was mit dem Paule gehabt? Es ist jetzt eins. Du bist schon noch eine Weile bei uns gut aufgehoben. Zitter' nur nicht so.« »Ich zittere ja nicht,« entgegnete Bäbi; es war ihr gar wundersam zu Mute, noch nie hatte ihr Vater so ihre Hand gefaßt und gehalten; »ich zittere nicht,« wiederholte sie, »lasset nur los, ich will den Ring abethun.« »Thut dir's weh? Es ist doch eigentlich meinetwegen?« »Nein, das ist's nicht, und wenn's auch wär', mein' Hand könnte ich mir für Euch abnehmen lassen, Vater, und nicht nur so einen Ring abethun. Wenn mich der Paule nimmer mag, hat er mich nie mögen; ich bin ihm nicht bös. Und die Schand' wird auch noch zu ertragen sein« »Du kriegst schon noch den Mann, der dir beschert ist,« sagte Luzian, ohne durch irgend eine Liebkosung oder ein freundliches Wort die gepreßte Rede Bäbis zu erwidern. Diese aber schloß: »Mein lediger Leib ist mir nicht feil. Da ist der Ring.« »Der Knochen, der einem beschert ist, den trägt kein' Katz' davon,« bemerkte noch die Ahne. »Wo ist der Viktor? Er soll den Ring gleich ins Rößle tragen,« sagte Luzian. Die drei Frauen sahen einander verlegen an. Die Frau Margret nahm sich zuerst ein Herz, faßte den Rockärmel ihres Mannes, zog daran und sagte: »Thu zuerst den Rock aus, du laufst ja den ganzen Tag 'rum wie ein Soldat auf dem Posten. So, jetzt ist dir's leichter, so, jetzt setz dich auch, daß man auch ordentlich mit dir reden kann.« »Wo ist der Viktor? Ruf ihn,« wiederholte Luzian. Die Frau hing den Rock auf und sagte dabei: »Er hört mich nicht, ich kann nicht so arg schreien; er ist auf der Mühle.« »Der Egidi hat ihn geholt, und der Viktor hat geheult,« ergänzte Bäbi. »Jetzt seid alle still, ich will's erzählen,« begann die Ahne, »da rück' her, Luzian, noch näher. Jetzt guck, du bist noch kein Büchsenschuß weit vom Haus weg, da kommt der Egidi und fragt nach dir, aber mit einem Gesicht wie ein Bub', dem die Hühner sein Butterbrot weggefressen haben; und da träppelt er 'rum und kann das Maul nicht finden. Endlich sagt er, oh wir schon gehört haben, was die Leut' von dir reden; ich sag', du kannst den Leuten die Mäuler nicht verbinden.« »Was sagen sie denn über mich?« fragte Luzian. »Du seist gottloser als ein Heid und ein Jud, und du habest gar kein' Religion. Ich sag' aber dem Egidi: deines Vaters seine Gutthaten sind seine Religion, und das ist die best'! Da schreit er über mich 'nein wie ein Flözer; und ich sei auch so, und ich stehe doch mit einem Fuß im Grab, und ich wiss' nicht, wann ich vor Gott stünd', und ich sollt' dich, Luzian, eher zurückhalten, als noch aufstiften und dreinhetzen. Wenn ich mich nicht vor mir selber geschämt hätt', ich hätt' dem Egidi eins ins Gesicht geschlagen, daß er nimmer gefragt hätt', wo sind mehr. Ich sag' weiter nichts als: Junge Gäns' haben große Mäuler. Wie wir so reden, kommt der Viktor 'rein, ich schick' ihn fort, er soll nicht hören, was sein Vater für ein Latschi ist. Eine Weile drauf kommt der Schütz und bietet dem Egidi, er soll ins Pfarrhaus kommen. Ich sag': Du gehst nicht zum Pfarrer, eher läßt dir all' beid' Bein' abhacken. Da schlägt er auf den Tisch und schreit: Ich bin Meister über mich, und ich thu', was ich will. Wart, Schütz, ich geh' mit. Mein Vater ist mein Vater, aber unser Herrgott ist vorher mein Vater, und ich laß mir meinen Glauben nicht nehmen, und ich laß ihn mir nicht nehmen. – So rennt er fort.« »Ja, der Viktor, was ist denn mit dem?« fragte Luzian abermals. »Ich erzähl's ja, wart nur. Vergeht kein' Stund', ist mein Egidi wieder da, er hat den Viktor an der Hand und heißt ihn sein Schulsach zusammenpacken, und da schreit er über das Kind 'nein, daß es nicht weiß, ist es taub oder hat es sonst was than. Ich schick' den Viktor fort, er soll mir für einen Kreuzer Kandelzucker holen, und wie er fort ist, sag' ich: Egidi, du versündigst dich. Ich weiß wohl, es geht einem so, wenn man sieht, daß Leut' ein Kind verziehen, so wird man auf das Kind bös und grimmzornig; es ist aber nicht recht. Es ist mir mit unsern Nachbarsleuten, mit des Bäckers Christle, auch so gangen. Wenn du meinst, daß wir deinen Viktor verziehen, mußt deinen Zorn nicht an ihm auslassen, das ist eine schwere Sünd'. Was Sünd'! schreit da der Egidi. Eine Sünd' gehört so wenig da 'rein wie eine Sau ins Judenhaus. Da sind ja lauter Heilige. Ich bin nun halt ein sündhafter Mensch, und mein Viktor ist mein Kind und soll auch so werden, er muß wissen, daß man Buße thun muß. Ich komm' vom Schulkonvent, und da hab' ich gehört, daß der Vater meinem Viktor die Schul' verboten hat, und jetzt geht er mit mir und kann sich ein schlecht' Beispiel an mir nehmen. Ihr habt den Viktor einmal euer Erzenkele geheißen, wir wollen dafür sorgen, daß er kein Erzteufele wird. – Luzian, ich kann dir nicht sagen wie schandgrob der Egidi gewesen ist, und er hat das Kind mit fort, und das hat geweint. Und mir thut's so and (bang) nach dem Kind, ich möcht' auch schier greinen. Jetzt hab' ich aber eine einzige Bitt' an dich, Luzian, du folgst mir gewiß gern: verzeih dem Egidi seinen Unverstand, ich vergeb's ihm auch, und man muß ihm zeigen, daß Gutheit Trumpf sein muß, nachher sei Religion, was für woll'. Gelt, Luzian, du versprichst mir's, glimpflich mit ihm umzugehen?« Ein Kopfnicken antwortete. Es bedurfte dieser letzteren Ermahnung kaum, denn wie das so geht bei rasch aufeinander folgenden Schicksalsschlägen: das persönliche Leid fühlt sich kaum mehr, und man erhebt sich in ihm zu Allgemeingedanken. Darum sagte auch Luzian aufstehend: »Ihr habt mir ein gut Wort gesagt, Ahne, man ist oftmals auf ein Kind bös, weil seine Eltern es verziehen . Es geht einem auch oft so mit ganzen Dörfern und Ländern; man darf den Menschen nicht bös sein, weil ihre Vormünder, die Pfarrer und Beamten, sie verzogen haben und noch verziehen.« Luzian ging nach der Kammer. Die Frauen sahen verdutzt einander an, sie hatten einen mächtigen Ausbruch der Leidenschaft von Luzian erwartet, und jetzt redete er, daß man ihn kaum verstand. »Was hat er?« fragte die Mutter so vor sich hin. Niemand antwortete. Mit dem Rocke bekleidet kam Luzian wieder heraus, nahm den Hut und sagte mit einer ganz fremden Wehmut im Antlitze: »Ich mach' heut' auch meine Stationen, sie sind ein bißle weit und die Schritte nicht abgezählt, aber mein Kreuz ist mir noch nicht zu schwer. Ich will nur zum Egidi, daß er mir das Kind nicht verdirbt. Könnet ohne Sorgen sein, er ist der Vater, ich werde ihm kein bös Wörtle geben.« Wieder verließ Luzian das Haus. Ueber sich hinaus. Zum zweitenmal nach mehrstündiger Abwesenheit ging Luzian heute an Stall und Scheunen vorüber, ohne einzuschauen; wie ist das nur möglich? Das gedachte er jetzt, als er, schon eine Strecke entfernt, sich nach seinem Heimwesen umwendete. »Es muß alles verlumpen,« dachte er, und eine seltsame Bitterkeit prägte sich auf seinem Antlitz aus. »Sie haben recht, die Herren, von Staats- und Kirchengehalt, tausendmal recht, so ein unruhiger Kopf, so ein Schreier, der sich um Sachen annimmt, die ihm nichts eintragen und die ihn, genau besehen, eigentlich nichts angehen, nicht mehr als andre Leut' auch, das muß ein Lump sein oder einer werden. Am besten, er ist's von Haus aus. So ein Mensch, der alles, was er hat, auf dem Leib trägt und dem kein Geldbeutel in der Hosentasch zittert vor Angst, nach dem niemand fragt: wo bist und wo bleibst? der kann wie der Soldat im Feld leben oder wie die Bettelleut'.« Ein altes Schelmenlied mit endlosen Strophen kam ihm hier in den Sinn, und im Weitergehen pfiff er die Weisung vor sich hin: Bettelleut han's gut, han's gut, Bettelleut han's gut, Bricht ihnen kein Ochs das Horn, Frißt ihnen kein' Maus das Korn u. s. w. Der Mund, der sich zum Pfeifen spitzt, kann sich nicht mehr so leicht griesgrämlich verziehen, und doch verfinsterten sich die Züge Luzians bald wieder. Er ging jetzt eben ins Feld, da die Menschen von demselben heimkehrten. Er sah in dem Gruße der Begegnenden etwas Gepreßtes, niemand blieb stehen, und niemand fragte, wie sonst bräuchlich: wohin noch so spät? An der Halde, dort am Rand des Berges, wo drunten im Thale der Waldbach rauscht und die Mühle schrillt, nicht lauter vernehmbar als das Zirpen des Heimchens hier neben im Brombeerbusche, dort saß Luzian auf dem Markstein und starrte hinein in die untergehende Sonne. Wie allmählich ist ihr Aufgehen und wie rasch ihr Untergang! Dort steht der glührote Ball noch über dem jenseitigen Berge, und jetzt ist er hinab, und der ganze Himmelsbogen steht in glutbrennenden Flammen. Der Aufgang und der Niedergang der Sonne macht die Welt ringsum in blutig grellen Flammen erglühen, nur wo das helle Licht herrscht, schaut dich die Welt mannigfarbig an. Getrost! der helle Tag kommt immer wieder. Wie schwarze Schlangenbilder jetzt vor dem Auge Luzians vorüberhuschten, so stieg auch vor seiner Seele ein dunkles Leid auf, das sich zum mächtigen Ungeheuer zu gestalten drohte. »Nichts nutz, Lumpenbagage ist die ganze Welt, und vorweg gar diese da, mein Grundbirnenbäuerle, nicht wert, daß man sich einen Finger für sie naß macht. Sie müssen in alle Ewigkeit hinein Dreck fressen, es schmeckt ihnen ja wie Zuckerbrot. Denen da die Wahrheit verkünden? Das ist grad, wie wenn man einem blinden Gaul winkt. Sie sind nichts Besseres wert, als was sie sind.« So dachte Luzian vor sich hin und sprach es fast laut aus. Die Grundsuppe, in der alle Niedertracht der Gegenwart zusammenbrodelt, schien auch hier aufzukochen in dem Herzen eines Mannes, der mitten in den Reihen des Volkes stand. Denn was ist es andres, das die Wahrheit hemmt, sich über alle Welt zu ergießen? Es ist mit einem Worte die Volksverachtung . Der Hexenkessel, in dem diese gebraut wird, steht auf dem Dreifuß der Amtierungssucht, dem dünkelhaften Hochmut der Alleinweisen, und auf der verletzlichen Zimperlichkeit der Wohlmeinenden. Sollte auch Luzian dem selbstherrlichen Dünkel der Alleinweisen verfallen? Wer draußen steht, sich allein dem Volke gegenüberstellt, dem mag es leicht werden, sich dem Volke zu entziehen, indem er ihm nie die Kraft der vollen Wahrheit zutraut oder beim ersten Versuche sich verächtlich von ihm abwendet. Das Volk ist ihm gestaltlose Masse. Anders ist es bei Luzian. Er lernte die Menschen nicht als Masse kennen, sondern als einzelne; ihm war es nicht gegeben, die mannigfaltigen Sinnesweisen verschiedener Menschen mit einem einzigen in Maschen verschlungenen Begriff, mit einem einzigen Wort einzufangen. Wenn man mehrerlei Waldvögel in einen Käfig sperrt, verlieren sie ihren Waldschlag, keiner von allen singt mehr, und sie zwitschern nur noch fast so ängstlich und unbestimmt wie lallende Küchlein. Luzian konnte nicht wie andre vom Volke und dergleichen reden, er kannte die einzelnen, und die waren meist gut und getreu. Wie im Fluge schweifte sein Geist im eigenen Dorfe und in dem und jenem benachbarten von Haus zu Haus. Da und dort wohnt ein kernfester Ehrenmann, er kannte ihn von Jugend auf, und doch war er nicht auf dem Wege, den er jetzt ging. »Nein,« sprach es in ihm, »ich bin nicht besser, als der und jener und dieser da. Aber warum greifen sie nicht mit an? Warum ziehen sie sich zurück von dir? Sie sind eben jetzt noch da, wo du selber vor ein paar Jahren noch gewesen bist. Das sind lauter alte Luzians, die da 'rumlaufen, thu' ja keinem nichts und halt mir ihn in Ehren, du bist's selber. Wie hätt' dir's gefallen, wenn dazumal einer wie du jetzt dich mit grimmigen Augen von oben 'rab angesehen hätt'? Nein, ihr seid alle meine Brüder! ihr seid so gescheit wie ich, es ist nur noch nicht heraus. Herr! Wenn ich da alle hätt', da auf dem Acker, und ich stund' auf dem Markstein und thät' ihnen das Herz aufschließen und sie mir, das wär's, das müßt's sein. Warum dürfen wir nicht zusammenkommen? Wer kann uns hindern? Die Soldaten? Das sind unsre Buben und Brüder. Es muß sein. Herr! wie sind wir an Hand und Fuß gebunden. Bricht's denn nicht einmal?« Luzian richtete sich rasch auf, und nächst dem Gedanken an eine große Versammlung, gegen den Willen des Beamten und Pfarrers, erquickte ihn noch innerlich das stille Bewußtsein eines Sieges über sich selber, über Hochmut und Empfindlichkeit. Er hatte die echte liebende Duldung gefunden. »Lauter alte Luzians,« sagte er im Weitergehen noch oft vor sich hin, »mir wird das Gebot jetzt leicht: liebe deinen Nächsten wie dich selbst, jetzt versteh' ich's. Wenn du auf einen grimmig bist, denk, du wärst der, der dich verzürnt, du könntest ja auch so sein . . . Es ist doch viel Schönes in der Bibel, aber auch viel andres.« Es war Nacht geworden. Luzian kannte jeden Baum und Strauch hier am Wege; wandelte er ja diesen Pfad schon mehr als dreißig Jahre. Im raschen Weitergehen, so im Vollgefühle der Kraft mit dem Schlehdornstock in der Luft fuchtelnd, verspürte er wieder eine alte Lust, die sich heute schon mehrfach regte, sich aber nicht unverhüllt aufthat. Im Menschengemüt ebbt und flutet es wundersam. Luzian wollte dreinschlagen, zuerst den Pfarrer, dann den Medard und dann seinen eigenen Sohn Egidi und so fort tüchtig mit ungebrannter Asche einreiben, damit sie ihre gebührende Strafe bekommen und endlich einsehen, daß Recht und Vernunft ihm zur Seite stehen. Wie bald sucht der Mensch die geistige Beweisführung zu verlassen und den leibhaften Nachdruck dafür einzusetzen. Sich so mit der ganzen Schwere des Wesens auf den Gegner zu werfen und ihn zu zermalmen, darin liegt nicht bloß rohe Gewaltthätigkeit, sondern auch ein Bestreben, damit tatsächlich darzuthun, daß man bereit sei, das ganze Dasein daran zu setzen und den Gegner anzurufen, daß er bewähre, ob die Macht des Gedankens in ihm so stark sei, auch äußerlich die Gewalt zu erringen. Darum greifen Völker und Parteien so gern zum Schwerte. Es gilt als letzte Beweisführung, die Lebenskraft einzusetzen. Mitten auf dem Wege, an der großen Buche, wo die vielen Namen eingeschnitten sind, merkte Luzian plötzlich, daß drunten im Thale die Sägmühle gestellt wurde. Der schrillende Ton war dahin, und das Wasser rauschte plätschernd über die unbewegten Räder. Dieses plötzliche Aufhören des weithin kreischenden Pfiffes machte Luzian verwundert aufschauen. Was ging dort unten vor? Er schritt rasch der Mühle zu. Die Bäume über ihm rauschten so wundersam, das tönte und klang in nächtlicher Stille heller als am Tage; dieses Säuseln und Rauschen in den Wipfeln floß immer weiter und weiter hinab, tief in den Wald, und still war's eine Weile in der Nähe; jetzt erhob sich wieder ein neuer Klang zu Häupten in den Zweigen, er schwoll immer mächtiger und mächtiger an und brauste dahin. Wie wohlig lauscht sich's allvergessen in stiller Sommernacht dem ewigen Wogen des Waldes. Du kannst nicht sagen und deuten, was sich da spricht im Flüstern der Zweige, und doch erquickt dir's das Herz und durchströmt dich mit süßen Schauern. Wie wenn die tosende Tagesarbeit schweigt, du still hinhorchst auf das Weben und Walten in deiner Brust, so war es hier, als ob das Ohr, an den Mühlenton gewöhnt, nun bei dessen Verstummen schärfer und voller das rastlose Wogen der weiten Natur in sich aufnähme. Friedsam, als ob nirgends in der Welt Kampf und Widerstreit wäre, und ein Mensch dem andern die Luft des Lebens gönnte wie ein Baum des Waldes dem andern, so schritt Luzian dahin. Unweit der Mühle zieht sich der Weg einen dachjähen Hügel hinab. Luzian stand hier plötzlich still, denn er hörte, wie vor dem Hause, auf dem Sägebalken sitzend, zwei Männer miteinander sprachen, oder vielmehr der eine redete. »Wie ich Euch sage, Egidi, es gibt nur zwei Wege; entweder fromm und streng an unsre heilige Kirche halten, oder – an gar nichts glauben: nicht daß der Mensch eine Seele habe, nicht daß es einen Gott gebe, nicht daß wir der Erlösung bedürfen. Wie gesagt, entweder gut katholisch oder ein Gottesleugner, man kann nur zwischen dem einen und dem andern wählen; mittendrin stecken bleiben wie das Luthertum, halb an die Bibel, halb an die Vernunft glauben, das ist, wie mein alter Lehrer in Freiburg gesagt hat, nichts als Festungsfreiheit; man ist in der Festung eingesperrt, darf jedoch innerhalb der Ringmauer frei umhergehen. Nichts davon. Entweder muß man alle Gelüste und Begierden ausgeschirren und sie im freien Felde rammeln lassen wie die Hasen, oder man muß sie festhalten mit Zaum und Gebiß der ewigen Glaubensgesetze. Ich weiß, Egidi, Ihr seid von Grund aus ein fromm Gemüt, darum schließe ich Euch mein Herz auf. Von der Stund' an, da auf das schallose Haupt des Neugeborenen das heilige Wasser herniederträuft, bis zu dem schweren Augenblicke, da die lebensmüden Füße des Sterbenden gesalbt und gesegnet werden, die nun ihren Erdengang vollendet haben: unablässig hält die Kirche leitend, schirmend und segnend die Hand über ihre Angehörigen. Unglückselig, wer sich ihr entzieht und sie von sich stößt. Ihr könnt in Eurer Mühle Verbesserungen finden, neue Räder anwenden, die Wasserkraft sorgfältiger benützen; in göttlichen Dingen aber ist alles vom heiligen Geiste offenbart und erbt sich unabänderlich fort von Geschlecht zu Geschlecht. Gäbe es hier eine neue Wahrheit, die nicht in dem Geoffenbarten läge, so wäre ja Gott der Allgütige ein Stiefvater gegen die vergangenen Geschlechter gewesen, die solcher Heilslehre nicht teilhaftig waren. Der Heiland und seine Lehre war in ihm und mit ihm vom Anbeginn der Welt. Wehe dem Armen, der seinen Weg allein gehen will, du folgst dem Irrlicht in den Sumpf. »Glaubt mir, Egidi, es ist ein schweres Amt, einzutreten in die heilige Schar, die das Erlösungswerk forterbt; ich bin nichts, nur die Gnade wirkt in mir, ich bin nichts für mich, ich kenne nicht Vater, nicht Mutter, so sie nicht in dem Herrn wandeln, ich kenne nicht Weib, nicht Kind, ich ziehe spurlos über die Erde, ein zerbrechlich Gefäß, das der Herr zerschmettert am Ende seiner Tage. Aber weil ich dem Herrn diene, so fürchte ich die Menschen nicht, sie müssen dem Herrn gehorsamen. Da bin ich für euch alle zu jeder Stund' bereit zu raten, zu helfen und zu erheben zum Herrn.« Der Mond trat aus den Wolken, und Luzian sah neben seinem Sohne den Pfarrer. »Ich kann's aber nicht leugnen,« entgegnete Egidi schüchtern, »mir thut es doch weh um meinem Vater, und es wird ihm arg weh thun, daß ich ihm den Viktor weggenommen.« »Aergert dich dein Auge, so reiß es aus,« rief der Geistliche halb zornig, »Egidi, Ihr seid hochbegnadigt, daß Ihr zum Teil ein priesterlich Opfer bringen könnt. Ihr müßt Euer Herz töten dem Herrn, auf daß es in ihm auflebe. Oder wollt Ihr mit Eurem Vater zur Hölle fahren und Euer unschuldig Kind mitreißen? Nicht ruhen und nicht rasten dürft Ihr, bis Ihr seinen stolzen Sinn demütig macht. Das sag' ich Euch,« rief der Pfarrer aufstehend und streckte seine Hand aus wie ein strafender Prophet, »die erste Strafe, die der Herr über Euren gottlosen Vater verhängt, ist die, daß sich sein eigen Kind wider ihn empören muß. Ihr seid das auserlesene Werkzeug des Herrn. Das wird ihm auf dem Herzen brennen, Ihr müßt . . .« Der Pfarrer konnte seine Rede nicht vollenden, denn eine gewaltige Faust drückte ihm die Gurgel zu. Mit der Schnelle eines Habichts, der auf seine Beute schießt, war Luzian herbeigesprungen und warf den Pfarrer über die Sägeklötze hin, daß es knackte. »Ich will dich . . . ich muß auch . . . ich hab' auch den Arm des Herrn,« unter diesem Ausrufe schlug er auf den Geistlichen los, daß ihm das Blut aus Mund und Nase rann. Egidi suchte abzuwehren, aber es gelang ihm nicht, den riesenstarken Luzian loszubrechen. Der Pfarrer spie diesem das Blut ins Gesicht, er biß sich mit den Zähnen in seinen Arm ein, doch Luzian rief: »Spei nur Gift, beiß nur, ich will dir den Wolfszahn ausreißen.« Egidi schrie um Hilfe und riß endlich den Vater von seiner Beute los. Luzian wandte sich um und schlug Egidi auf die Brust, daß er taumelnd zurückstürzte. Unterdes richtete sich der Pfarrer auf, er war kein Schwächling; er faßte Luzian im Nacken und warf ihn nieder, daß es dröhnte, fast wie wenn man einen Baum fällt. Jetzt kniete der Pfarrer auf den Gefallenen, und während er ihn heimlich mit Füßen trat und ihm die Augenwimpern ausraufte, rief er laut, daß es im Walde widerhallte und das Gebell der Hunde im Hofe übertönte: »Thue Buße, ich will dir vergeben! ich vergelte dir nicht, kein Schlag soll dich treffen.« Die Frau Egidis schrie Feuerjo zum Fenster heraus, die Mühlknechte eilten herbei, sie folgte ihnen. Ueberdies hatte sich Luzian wieder befreit, und ein gewaltiges Ringen zwischen ihm und dem Pfarrer hatte begonnen. »Mein Egidi ist tot!« schrie plötzlich die Frau und sank neben ihren Mann nieder. Das war ein Schrei, der die Bäume im Wald erschüttern konnte. Luzian ließ ab vom Ringen, kniete neben seinem Sohn nieder und schrie: »Mein Kind! Mein Kind! Pfaff, da hast dein Opfer.« »Und du bist der Mörder,« entgegnete der Pfarrer. Luzian schnellte wieder empor, zückte sein Seitenmesser, faßte den Pfarrer und rief: »Wenn ich geköpft werden soll, will ich's wegen deiner, du . . .« Man riß ihn mit unsäglicher Mühe los. Die Frau lag über ihren Mann hingebeugt, das stille Thal tönte wider von ihrem Jammern und Klagen. Egidi wurde ins Haus getragen, und als man ihm dort das Weihwasser, das neben der Thürpfoste hing, über das Gesicht schüttete, schlug er die Augen auf. Kaum hatte Luzian dies gesehen, als er wiederum den Pfarrer ergriff und mit den Worten: »'Naus mit dir!« ihn aus der Stube drängte. Das war eine traurige Nacht hier in der Waldmühle. Egidi gelangte bald wieder zu vollem Bewußtsein, und als er dann ruhig einschlummerte, ließ Luzian nicht nach, bis alles schlafen ging, er selber aber wachte am Bett seines Kindes, dessen Stirn und Hände er oft befühlte. So saß er und starrte unverwandt hinein in das matt flackernde Licht, bis dieses endlich verlosch. Er sah dem Absterben des Lichtes zu, obgleich das für todesgefährlich gilt. Mit dem Verlöschen des Lichtes erwachte Egidi plötzlich, und hier in stiller Nacht, wo der Mond sein fahles Licht in die Stube warf, besprachen sich Vater und Sohn, daß niemand mehr wußte, wer eigentlich den andern beleidigt hatte. Egidi wollte mit aller Macht seinen Vater bekehren, aber es gelang nicht, und Luzian versprach, nicht den leisesten Groll gegen ihn zu hegen, wenn er das thue, was aus ihm selber käme, aber nicht, was der Pfarrer ihm einimpfe. Luzians einziger Wunsch war, daß er den Viktor wieder bekäme; er und die Ahne könnten nicht ohne das Kind leben, er wolle es gerichtlich adoptieren. Egidi schien hingegen hartnäckig, jedoch nur so, daß er nicht ausdrücklich willfahrte; was etwa geschehen werde, das konnte er nicht hindern. Gegen Morgen kam eilig eine alte Magd des Hauses und verkündete, die Frau sei durch den nächtlichen Schreck so, daß man bald der Wehmutter bedürfe. Egidi sprang rasch aus dem Bett, er wollte nach dem Dorf, aber Luzian versprach, alles zu besorgen; er sprang rasch hinauf in die Kammer, kleidete den schlaftrunkenen Viktor an und trug ihn auf den Armen dem Morgenrote entgegen, hinauf ins Dorf. Der Weg durch den Wald war hier und dort mit Blutspuren bezeichnet. Verlassen und Verstoßen. Im Hause Luzians war diese Nacht nicht minder überwache Verstörtheit. Bäbi saß allein in der Küche und befühlte stets mit dem Daumen die Stelle des Fingers, wo der Brautring gesessen; eine zart empfindliche Haut hatte sich hier unter dem breiten silbernen Ringe gebildet, und Bäbi war's oft, als ob sie ein Stück von ihrer Hand verloren habe. Noch unbewußter hatte sich unter dem anerkannten äußeren Verhältnis ein geschütztes Gedankengebiet in der Seele des Mädchens aufgethan, das war jetzt alles dahin, der unbestimmten rauhen Wirklichkeit preisgegeben. Bäbi konnte nun still in sich hinein weinen. Sie glaubte jetzt erst zu wissen, wie sehr sie den Paule geliebt; ist's denn möglich, daß er jetzt daheim umhergeht, ohne ihrer zu gedenken? Gewiß nicht. Sie wünscht sich Flügel, um ungesehen schauen zu können, was er jetzt treibe, wo er jetzt sei. Ach Scheiden, immer Scheiden, Wer hat dich doch erdacht? Hast mir mein junges Herze Aus Freud' in Trauern bracht.             Ade zu guter Nacht. So sang sie und sann dann wieder still hin und her, ob es denn möglich sei, daß Paule sie verlassen habe. »Wie wird er denn leben können? wird derselbe Mund einstmalen zu einer andern sprechen können: du bist mir das Liebste auf der Welt, du einzig und allein? O! die Männer sind falsch, aber der Paule doch nicht. Freilich, er muß bald heiraten, er hat keine Mutter, es muß bald eine Frau ins Haus. Er ist Witwer und sein Vater auch, und ich bin auch eine Witwe. Wenn man nur wüßte, wen er heimführt; es wär' doch schad um sein gut Herz, wenn er sich jetzt in der Eil' überrumpeln thät', ich möcht' ihm helfen, eine Frau suchen. Nein, wir thäten keine paßliche finden, es gefiele mir doch keine. Und ich? Werd' ich denn einmal wieder einen Liebsten finden? Werd' ich denn einmal wieder einen küssen und umhalsen können wie den Paule, daß man schier vergehen möchte vor lauter Lieb' und Freudigkeit? Nein, es gibt nur einen Paule und keinen mehr so ohne Falsch und so grundgetreu; das kommt nicht mehr wieder. Und soll ich einmal wieder einen andern Schatz kriegen, wo steckt denn der Kerle jetzt? Am besten wär's, er käm' jetzt gleich, jetzt könnt' ich ihn am nötigsten brauchen, ich bin jetzt so traurig und so einödig, jetzt könnt' er mir über Zaun und Hecken helfen. Wenn ich einmal wieder von selber heiter und lustig bin, da brauch' ich dich nimmer, da kann ich schon allein fort. Komm jetzt, gleich, wenn du einmal kommen thust. Und wenn er so wär' wie der Paule, wär' mir's nicht recht, ich thät' mich vor ihm fürchten wie vor einem Gespenst, ich thät' hundertmal Paule zu ihm sagen, und wenn er nicht so wär' wie der Paule, wär' mir's auch nicht recht . . . Ich mein', ich müßt' meinem Paule mein Herzeleid klagen, er ist mir der Nächste von all den Meinigen, und er ist's doch wieder, der von mir fort ist, und über ihn hab' ich zu klagen . . .« »Ich laß den Strick auf den Boden laufen, ich heirat' gar nicht.« Mit diesen letzten, fast laut gesprochenen Worten stand Bäbi auf und suchte die Gedanken zu verscheuchen, die unstet hin und her flatterten. Gewaltsam heftete sie wieder ihren Sinn auf die Hoheit ihres Vaters: »Ihn kränkt's von meinem Paule gewiß noch mehr, oder doch so viel als mich. Und was werden die Leute sagen? Ich seh' schon, wie sie allerlei Bedauern mit mir haben, und hinterrücks ist doch manche schadenfroh, daß es mir so geht. Aber das leid' ich nicht, daß mir eines ins Gesicht hinein auf meinen Paule schimpft; es geschieht mir kein Gefallen damit, im Gegenteil.« Fast in demselben Augenblicke, als Luzian im Geiste von Haus zu Haus wandelte, um zu erkunden, wie man von ihm und seinem Kampf denke, schweifte auch der Sinn Bäbis zu allen Freundinnen und Gespielen; aber sie hatte ihre Rundschau noch lange nicht beendet, als die Ahne plötzlich rief. Bäbi eilte zu ihr, und die Ahne klagte fast zum erstenmal bitterlich, wie man sie allein lasse und alles verkehrt und rücksichtslos verfahre. »Ich weiß nicht,« sagte sie, »hundertmal geredt ist wie keinmal, und du machst auch kein Thür' zu, und man ist ja in dem Haus wie vor einem Blasbalg und nirgends kein' Ruh, und alles ist fort. Dein' Mutter heult mir auch den Kopf voll, und du gunnst mir auch das Maul nicht und redst kein Sterbenswörtle. Wenn halt mein Luzian nicht da ist, da hat der Himmel ein Loch.« Die sonst so anspruchslose Ahne, die nie jemand gern zu schaffen machte, war heute krittelig, hatte allerlei zu befehlen und zu wünschen, und doch war ihr nichts recht. Bäbi schloß der Ahne bald ihr Herz auf, wie tief weh ihr zu Mute sei. »Laß das Sinnieren sein,« entgegnete die Ahne, »man bringt doch nicht 'raus, wie's morgen sein wird; jeder Tag sorgt für sich selber. Wenn man heute schon wüßt', was morgen wird, braucht' man ja morgen nicht leben. Zeit macht Heu. Mir ist's, wie wenn meinem Luzian ein schwer Unglück über den Hals käm'; wenn er sich nur nicht an dem armen Schelm, am Egidi vergreift.« »Ich will dem Vater nach in die Mühle.« »Nein, will denn alles fortlaufen? Da bleibst.« »Ich mein', ich hab' grad des Paules Stimm' gehört,« sagte Bäbi wieder und wurde feuerrot. »Kann mir's denken. Dir geht sein' Stimm' im Kopf 'rum. Was könnt' er denn da bei uns suchen? Hast du noch ein Geschenk von ihm?« »Nein, aber vielleicht hat er's mit seinem Vater ins reine bracht oder so, und er ist da und will –« »Du kennst den alten Medard nicht, dem ist, mit Gutem sprich, die Seel' in den Leib gerostet. Dein' Mutter, die schimpft auf den Paule, und das leid' ich nicht. Wer gestern brav gewesen ist, der kann nicht – Plumpsack da bin ich – heut auf einmal ein Nichtsnutz sein; wenn er auch einen Unschick begangen hat, er ist doch der alt'. Wen man gestern gern gehabt hat, den kann man nicht heut über alle Häuser 'nausschmeißen wie einen alten Schlappen. So ist's. Der Paule geht seinem Vater nicht von der Hand; er thut besser dran als der Egidi, der Latschi, der thut ja so übergescheit, als ob er auf seines Vaters Hochzeit gewesen wär'.« »Ja, bei seinem Vater bleiben muß man, mein Paule hat's grad so gmacht wie ich –« »Gewöhn' dir die Red' ab; du kannst nimmer sagen: mein Paule,« warf die Ahne ein; Bäbi schien es kaum zu hören, unverrückt ins Licht starrend fuhr sie begeistert fort: »Ich hab' heut fast die ganze Nacht nicht geschlafen, vor lauter Gedanken. Sonst ist so ein Sonntag 'rum gegangen wie ein Tanz so schnell, man weiß nicht, wo er hinkommen ist. Aber was haben wir gestern nicht alles verlebt! Ich hab' sonst nie gewußt, daß man vor Gedanken nicht schlafen kann, aber gestern hab' ich's erfahren. Da hab' ich halt auch darüber gedenkt: wozu braucht man denn auch einen Pfarrer bei der Trauung? Wär's nicht viel schöner und heiliger, wenn in der Kirch, wo die ganze Gemeind bei einander ist, der Vater vom Bursch und der Vater vom Mädle da vor ihnen stünd' und einer nach dem andern thät' das Paar einsegnen und trauen? Der Vater ist doch eigentlich der Stellvertreter von Gott bei seinem Kind, und so eine Trauung vom Vater wär' doch erst recht heilig. Und mein Vater könnt' besser segnen als alle Pfarrer auf der ganzen Welt, und ich mein', ein jeder Vater, wenn er da auf dem Platz stünd', müßt' ein gut Wort vorbringen können. So ein Pfarrer ist doch ein fremder Mensch, und mein Vater ist mein, und ich bin sein bis zu der Stund.« Die ganze erhobene Liebe Bäbis zu ihrem Vater brach flammend auf. Die Ahne sagte verwundert: »Bäbi, du redest ja, man kennt dich gar nicht mehr.« »So pfeift mein . . . der Paule, ja, ja, das ist das Lied vom Nesselkranz,« sagte Bäbi plötzlich vor sich hin, auf die Straße hinaushorchend, »aber ich warte, bis er 'rauf kommt.« Bäbi hatte in der That recht gehört, Paule war da und wollte vor allem mit Luzian sprechen, er strich ums Haus umher, ob er nicht Bäbi doch zufällig treffe. Endlich ging er zum Wendel und wollte dort die Ankunft Luzians abwarten. Erst spät in der Nacht kehrte er heim. Lange besprach sich noch Bäbi mit der Ahne, bis diese endlich einschlief; auch die Mutter ging zu Bett, und still war's ringsum. Bäbi holte sich noch eine Näharbeit, die zur Vollendung ihrer Aussteuer gehörte; hatte es mit dieser nunmehr auch keine Eile, so hielt die Arbeit doch wach. Kaum eine Stunde aber hatte Bäbi emsig und still bei der Oellampe gesessen, als ihr die Hände in den Schoß sanken und sie ermüdet einschlummerte. Das erste Pochen an der Thüre erweckte sie, denn in dem wachbereiten Schlafe ist das Ohr jedes Tones gewärtig. Ohne daß man jemand kommen hörte, öffnete sich der Riegel, Bäbi sah ihren Vater vor sich stehen und blickte staunend in sein verwildertes Antlitz. Luzian aber sagte rasch: »Gut, daß du auf bist, lauf hurtig zur Hebamm, sie soll gleich zu des Egidis Klor' (Klara) kommen, und dann sag's ihrer Mutter. Lauf tapfer, ich will schon drin im Haus wecken.« Luzian ging mit Viktor ins Haus, und Bäbi rannte in den Strümpfen ohne Schuhe pfeilschnell das Dorf hinauf. Frau Margret machte sich rasch auf den Weg, und als Luzian nach einer Weile in den Hof ging, sah er den Oberknecht, der die beiden Braunen an den Wagen spannte. »Hast recht, daß dich früh aufmachst,« sagte Luzian, »willst Klee holen?« »Nein, ich hab' noch genug für heut von gestern abend. Ich hab' noch zwei Fuhren Dinkel im Speckfeld, die müssen 'rein, und hernach will ich zackern.« Luzian nickte zufrieden und half eingeschirren. Stillstehend schaute er dann dem Wagen nach, der davon fuhr; das Schimmelfüllen sprang neben her, sich noch ledig tummelnd im frischen Morgenhauch. Luzian dünkte es schon ein Jahr, daß er sich nicht um sein Sach' angenommen hatte. Diese unablässige Stetigkeit des Arbeitens trat ihm jetzt in ihrer ganzen Erquickung vor die Seele; ihm war die ganze Welt aus den Fugen gegangen, hier aber verlief alles regelmäßig, das kannte keinen Wirrwarr und konnte keinen ertragen. Die Natur arbeitet in stiller Unablässigkeit, und der Mensch, der in ihr wirkt, muß wie sie rastlos sich rühren: das hat seine festen Zeiten, die nicht verabsäumt werden dürfen, Sonne und Regen warten nicht, bis du mit deinen anderweiten Anliegen fertig bist. Du magst den Hammer in der Schmiede, die Axt auf dem Zimmerplatz, den Hobel in der Schreinerwerkstatt ruhen lassen, eine Weile unausgesetzt andern Dingen, Gemeinzwecken nachgehen, du kannst alles leicht wieder aufnehmen, wie am Tage, wo du es verlassen. Anders der Bauersmann. Die Sonnentage, die über dem Felde seiner harrten, kann er nicht wieder heraufrufen. Darum eignet sich der Bauersmann so selten zur Verfolgung von Anforderungen, die abseits von dem Kreislauf seiner Thätigkeit liegen. Des Herrn Auge macht das Vieh fett; wie leicht verkommt alles, wenn der Herr fehlt. Muß es Dienende geben, unablässig belastet mit der Hände Arbeit, während der Herr den höheren Anliegen der Menschheit nachgeht, ist kein Zustand möglich, in dem sich beides vereinigt. »Wenn du wieder kommst, geh' ich mit ins Feld,« rief Luzian dem Knechte nach und kehrte ins Haus zurück. Die Ahne war ganz glückselig, beim Erwachen ihn wieder zu sehen. »Mir hat heut nacht träumt,« erzählte sie. »du bist Pfarrer worden. Ich hab' dich predigen sehen, aber in einer ganz fremden Gegend, ich hab' alle deine Worte gehört, o! es war prächtig. Und du gäbest erst noch einen guten Pfarrer. Mein Vater hat's mehr als hundertmal gesagt: Wenn's mir nachging, dürft' mir keiner vor dem fünfzigsten Jahr Pfarrer werden. Ein Pfarrer braucht nicht studiert haben und kein Examen machen, er muß sich in der Welt umthan haben mit offenen Augen, und sei er meinetwegen Holzhacker gewesen, er kann doch der best' sein, besser als alle Bücherpfarrer. Woher wollen denn die auf dem Seminare mitreden und einem Trost und Hilf' geben? Sie haben ja selber nichts erfahren. Mein Vater, das war der gescheiteste Kopf, auf dem je ein Hut gesessen ist, der kaiserliche Rat hat's auch oft gesagt.« »Heut gibt's noch ein Urenkele,« sagte Luzian, »die Klor' wird eines bringen.« »So? Ja von deswegen bist auch die Nacht nicht heimkommen. Wir haben lang auf dich gewartet.« Luzian war still, die Kehle war ihm wie zugeschnürt. So oft die Ahne das Wort Pfarrer aussprach, ging ihm ein Stich durchs Herz; er konnte ihr jetzt nicht sagen, was vorgegangen war. Wird es ihr aber verborgen bleiben, und ist's nicht besser, selber alles zu bekennen? Einstweilen muß man abwarten und Ruhe suchen. Still sich vergrämend saß Luzian da. Von allen Qualen, die den Menschen heimsuchen können, ist die Selbstverachtung die höchste, freilich nur für ein ehrlich Gemüt, denn die zahllosen andern kommen nie dazu, sich selbst die volle Wahrheit zu gestehen. Ueber den Aufrichtigen aber kommt die Pein doch nur vorübergehend, denn eben in der Aufrichtigkeit liegt schon die Gewähr, daß die Selbstverachtung eine unberechtigte ist. Luzian erkannte schwer, wie durch seine letzte That sein ganzes Streben verkehrt und verwüstet war. »Was hast du jetzt? Raufhändel und weiter nichts. Und du bist nicht mehr allein für dich . . .« Mit diesen Worten erkannte er jene bindende Allverantwortlichkeit, die in der selbsterweckten oder überkommenen Sendung für das Allgemeine liegt; das ganze Thun und Lassen hört damit auf, ein eigenes, beliebiges zu sein. »Mich dürfen sie für einen Lumpen halten, da läg' mir nicht viel dran, aber jetzt heißt's: Alle, die nicht an die Pfaffen glauben, sind Raufbuben, man sieht's ja. Das thut mir in der Seele weh. Jetzt hat der Pfaff Oberwasser. Ja, ich passe nicht zu einer solchen Sach', nein.« Hiermit betrat Luzian eine neue Stufe des Märtyrertums: den Zweifel und die Verzweiflung an sich selbst. Tausendmal ist dies nur Beschönigung der Ruhesucht, feiges Abschütteln einer unumgänglichen Aufgabe, aber hier war's die bitterste innere Zerknirschung. Luzian hielt sich in der That seines hohen Vorhabens unwürdig, die letzte That zeigte dies für ihn und andre. Tiefe Sehnsucht stieg in ihm auf, daß doch ein gewaltiger erhabener Mensch erstehe, der stark und heilig die Welt aufs neue erlöse; wie gern wollte er ihm dienen, ihm alles opfern, jedem Wink seiner Augen gehorchen, wenn es ihm nur vergönnt wäre, in den Reihen seiner Kämpfer zu streiten. »Ich bin kein bißle mehr als ein gemeiner Soldat und dazu noch ein recht wilder, unbändiger.« Darin sprach sich's aus, was er wünschte. Das tiefe Verlangen und Sehnen des Jahrhunderts gab sich auch hier kund. Wird ein gewaltiger Führer erstehen, der das Zauberwort findet, um die zerstreuten zahllosen Streitmutigen in geschlossenen Reihen zu ordnen und sie die große Bahn zu einem neuen Lehen zu führen? . . . Als Luzian durch das Dorf ging, grüßte er niemand, er wartete den zuvorkommenden Gruß ab; man solle nicht glauben, er demütige sich oder suche jetzt einen besondern Anhang. Menschen, an deren Urteil ihm ehedem so wenig lag, daß er gar nie daran dachte, diesen sah er jetzt scharf ins Gesicht; sie sollten und mußten ein Wort, einen Blick für ihn haben, er mußte sicher sein, was sie von ihm denken. Manchmal wurde er in der That zuvorkommend gegrüßt, aber er fragte sich wieder, ob das nicht durch die Nötigung seines scharfen Anblickes geschehen sei. Wenige bemerkten seine Unruhe, und die sie bemerkten und darüber nachdachten, vermuteten einen entgegengesetzten Beweggrund, sie glaubten herausfordernden Stolz zu erkennen. Wo zwei oder mehrere beisammen standen und Luzian ging vorüber, waren sie plötzlich still, gewiß hatten sie von ihm gesprochen. Der Rößleswirt sah zum Fenster heraus, und als er Luzian kommen sah, zog er sich zurück und machte das Fenster rasch zu. Luzian war fest überzeugt, daß alles auf ihn gemünzt sei, er, der sonst in sich so Feste, sah sich auf einmal abhängig von den Mienen und dem Behaben eines jeden. Dem Dieb brennt der Hut auf dem Kopf, sagt das Sprichwort, und ähnlich erschien sich Luzian wie ein offenkundiger Verbrecher, der sich Wohlwollen und Anerkennung zusammenbettelt, die er vordem selbstverständlich inne hatte. Luzian wollte sich alles aus dem Sinn schlagen, und es gelang ihm, aber dieses Vergessen war doch nur wie der Schlummer eines Krankenwärters, eines Harrenden; das leiseste Geräusch weckt taumelnd auf. In der Schmiede, wohin nun Luzian ging, ward auch alles plötzlich still, als er eintrat. Urban begann indes: »Gelt, jetzt sind die Karten anders gemischt? jetzt schenkt der Pfarrer dir die Trümpf', die du früher gehabt hast?« »Wie so?« fragte Luzian. »Du wirst doch nicht leugnen, du hast vergangene Nacht bei deinem Egidi den Pfarrer totstechen wollen und hast ihn blutig geschlagen, aber der Pfarrer hat heilig geschworen, daß er nichts davon bei Gericht angeben will; er verzeiht dir's. Jetzt frag' um im Dorf, laß ausschellen: wer dir noch recht gibt, soll sich melden.« »Du hast Glück,« sagte der Brunnenbasche, »du hast Glück wie jener Mann, der hat einen Floh fangen wollen und hat eine Laus gefunden.« »Mit dir red' ich gar nicht,« erwiderte Luzian und verließ die Schmiede in schweren Gedanken. Als er so in sich gekehrt, den Blick zur Erde geheftet, hinwandelte, fühlte er plötzlich einen mächtigen Faustschlag auf dem Rücken. »Heilig Millionen,« knirschte er sich umkehrend und nach dem Schläger fassend. »Ah, du bist's,« sagte er und ließ ab, als er Wendel sah, »du hast mich grausam erschreckt, es ist mir durch Mark und Bein gefahren.« »Warum? seit wann bist du so zimpfer?« »Guck, ich weiß nicht, ich bin dir so ängstlich im Herzen, es ist eine Schande, ich mein', die ganze Welt ist gegen mich, ich möcht' sie alle vergiften, und da kommst du hehlings und gibst mir einen Schlag wie vom Himmel 'runter.« »Bist denn eine schwangere Frau? Schäm' dich. Wenn du auch eins kriegt hast, es ist nur eine Abschlagszahlung von nächt abend.« »Weißt auch schon?« »Ja, und jetzt spielt der Pfarrer den Gutedel. Hab' ich dir's nicht gesagt, du wirfst das Beil zu weit 'naus? Dein Sach' ist bis daher eine reine, tauklare gewesen, und jetzt ist geronnen Blut drin.« »Mach' mir keine Vorwürfe, ich weiß alles, ich weiß ja; von dir hätt' ich am ersten verlangt, daß du mir Trost einredest, statt daß du mich jetzt auch noch schändest.« »Ich schwätz' dir kein Loch in den Kopf, wer bist denn? Kopf in die Höh! daß man den alten Luzian zu sehen kriegt. Narr, du hast nicht geschlafen, ich seh dir's an, du bist mauderig wie ein Vogel, der sich mausert. Jetzt laß dich nur nicht unterkriegen. Was du einmal than hast, dabei mußt du bleiben.« »Ich hab's aber nicht gern than, ich bin in der Wildheit dazu kommen. Ich ließ mir einen Finger abhacken, wenn ich den Pfarrer nicht geprügelt hätt'.« »Luzian, das hab' ich nicht gehört, das hast du nicht gesagt, das darfst du nicht sagen, keinem Menschen. Vor der Welt mußt hinstehen, daß alle die Augen unterschlagen, wenn du sie anguckst. Möchtest gerne Trost haben? Was Trost? Wer nichts nach der ganzen Welt fragt, nach dem fragt die Welt am meisten. So bist du, und so mußt du sein, und so bist du morgen am Tag.« »Ich weiß wohl, ich bin nichts nutz, aber das thut mir weh, mein' Sach' ist doch gut.« »Freilich, freilich, da dran halt' dich. Laß den Schlag ein paar Monate versurren, da hat das Ding ein ander Gesicht. Wir wollen zu Michaeli davon reden, wenn die Sach' bis dahin nicht ist wie der ferndige (vorjährige) Schnee.« Dieser Zukunftstrost verfing bei Luzian nicht, denn er entgegnete: »Führ' du im Frühjahr einen Hungrigen auf den Kornacker und sag': da friß dich satt. Lug', Wendel, ich mein', es ist ein Jahr, aber es ist erst gestern gewesen, daß ich den alten Luzian hab' vor mir herumlaufen sehen, aber den Luzian von überm zukünftigen Jahr, den kenne ich noch nicht, von dem weiß ich noch nichts und der hilft mir noch nichts. Sag' du mir hundertmal: ich werde ein andrer mutfester Kerl sein, jetzt bin ich's noch nicht, und jetzt braucht' ich's. Ich hab' dir eine Angst fast zum Davonlaufen und weiß nicht, wovor, und weiß nicht, wohin.« »Das Stündle bringt's Kindle, sagen die Hebammen. Luzian, horch' auf, ich will dir was sagen. Sei kein Narr; im Gegenteil, sieh dir die Welt als ein Narrenspiel an, mach' dich lustig darin, so gut, als es geht, und so lang, als es hält. Du bist gesund, hast Vermögen genug, laß dir dein Leben bekommen, es ist bald genug aus, eh man sich's versieht; und es dankt dir's kein Teufel, wenn du jetzt deine besten Jahre verkrimpelst und verbuttelst für nichts und wieder nichts, bloß weil dir was einredest. Ich kann dir in sieben Worten all meine Weisheit sagen: für was man die Welt ansieht, das ist sie einem. Wenn ich du wär', ich wollt' mir ein ander Leben herrichten. Ich wünsch' dir nur meinen Leichtsinn, den geb' ich dir nicht für deinen besten Acker. Jetzt muß ich heim, es wartet ein Staatsmittagessen auf mich, ein Herrenessen, der König hat nicht mehr, es kommt in allem nur darauf an, wie man's ansieht: ich hab' Gesottenes und Gebratenes. Die untern Kartoffeln im Hafen (Topf) die sind gesotten, und oben, wo das Wasser einkocht ist, da sind sie braten.« Man war am Hause Wendels angelangt, und dieser ging hinein. Ein neues Familienglied. Als Luzian heimkam, hörte er schon vor der Hausthür, daß die Frau Egidis ein Töchterchen geboren hatte. Aus der Küche trat ihm die sporenklirrende Fidelität entgegen. »Guten Tag, Herr Doktor,« sagte Luzian. »Guten Tag, Herr Schwiegersohn,« lautete die Antwort. Fast möchte man's bedauern, daß in den zehn Tagen, die wir jetzt schon in dem Hause verweilen, im Dorfe alles körperlich wohlauf war, wir lernen dadurch das heitere Naturell erst jetzt kennen. Es ist aber noch immer Zeit. Der Doktor Pfeffer von G., ein junger Mann mit gerötetem Antlitz, das die Kreuz und die Quer durchsäbelt war, kam nie ins Dorf, ohne das Haus Luzians oder vielmehr die Ahne zu besuchen. So oft man das Reitpferd des Doktors am Wirtshaus angebunden sah und er nicht dort zu treffen war, suchte man ihn bei der Ahne auf, wo er scherzend und lachend saß. Die Leutseligkeit und frohe Laune des lustigen Bruders hatte ihn auf allen umliegenden Dörfern beliebt gemacht. Auf der Universität war der forsche Studio als der große Baribal hoch berühmt und angesehen, ein Meister auf der Mensur und in der Kneipe. Er behielt sich auch diese Würde fast über das doppelte Quadriennium hinaus. Endlich, als das ganze Vermögen verstudiert war, ließ sich der Mensurheld zum Examen einpauken, und halb aus wirklichem Glück, halb aus Rücksicht der Professoren, die ihn endlich von der Universität los sein wollten, bestand er das Examen. Er ließ sich nun in G. als praktischer Arzt nieder, erhielt bald darauf die Stelle eines Unteramtschirurgus und befleißigte sich hauptsächlich der Dorfpraxis. Eine gewisse Geschicklichkeit in der Operation, wozu ihn besonders sein Mut und eine handliche Fertigkeit befähigten, war ihm nicht abzusprechen; er traute daher auch nur dem operativen Teile seines Berufes, von der neuen Errungenschaft der innern Heilkunde besaß er als wesentliches Ergebnis nur die Skepsis. Das praktische Leben faßte er oft wie die Fortsetzung einer ulkigen Studentensuite. Reiten und Fahren, seine alte Liebhaberei, war jetzt ein Teil seines Berufes; das ging nun hin und her über Berg und Thal, und die Welt ist so weise eingerichtet, daß es auch in dem kleinsten Dorfe, wo die Füchse einander gut' Nacht sagen, nicht an einem kühlen Trunk Wein fehlt, der spricht da mit demselben Geiste, wie in der Gesellschaft aller Weltweisen. Wenn unser Doktor noch so lange beim Glas gesessen, hielt er sich doch immer fest zu Pferde wie eine Katze, ja die Leute behaupteten, er sei von Nachmittag an, das heißt, wenn er schon ein bißchen angegriffen war, noch weit gescheiter und geschickter als Arzt. Er trank unabänderlich nur halbe Schöppchen, damit der Wein allzeit frisch vom Fasse komme. War das Fläschchen leer, schlug er es mit einem Daktylus auf den Tisch, und die Wirte in der ganzen Umgegend kannten dieses Zeichen zum Auffüllen. Im Sommer gab es da und dort topfebene Kegelbahnen, wo unser Arzt hemdärmelig mit einigen Pfarrern und sonstigen Honoratioren der edeln Kegelkunst oblag. Mit allen Menschen jeglichen Standes war er im besten Einvernehmen, und man nannte ihn allgemein einen braven Kerl, denn er war gleich liebreich und unverdrossen gegen Hilfesuchende, Arme wie Reiche. Er, der als Studio über alle Schranken der bürgerlichen Einpfählung sich hinweggesetzt, hatte sich damit auch, wie man sagt, ausgetobt; er vertrug sich jetzt mit allem Bestehenden und dessen Vertretern. Stimmte er auch manchmal mit ein in scharfen Tadel über diese oder jene Staatseinrichtung, so galt ihm das mehr zur Uebung seines Witzes und zur Verwendung eines Kraftausdruckes aus Olims Zeiten. Er war mit allen Beamten in dem Städtchen schmollis und stand mit allen Pfarrern des Oberamtes auf gutem Fuß. Viermal des Jahrs kommunizierte er, wie sich gebührt, und verließ am Abend vorher schon Punkt zehn Uhr das Wirtshaus. So fehlte dem Doktor zu einem gemachten Manne weiter nichts als eine Frau, und in der That suchte er auch eine solche, aber sie mußte reich sein, mindestens so reich, daß man fortan bequem zweispännig leben konnte. Kluge Leute behaupteten, er habe es auf Luzians Bäbi abgesehen, und diese Annahme war nicht ohne Grund. Er war weit davon entfernt, daß ihm die Bildungsstufe Bäbis als ein Hindernis erschien; er verlangte von einer Frau weiter nichts, als daß sie eine gesunde Mutter, eine tüchtige Wirtschafterin sei und ein erkleckliches Einbringen habe. Luzian mit seinem heftigen Eifer für Umgestaltung des Lebens war ihm eine anziehende Erscheinung, und dem Bauersmann gegenüber hatte er wissenschaftliche Fettbrocken genug, um seinen einfachen Verstand damit zu spicken und so sich in Geltung zu setzen. Die Ahne, die er stets mit Heiratsanträgen neckte, war ihm von Herzen gut; so oft er kam, sie hatte ihm stets etwas über ihr Befinden zu klagen und zu befragen, er hörte es geduldig an und half ab. Ganz glücklich machte er sie einst, als er ihr das Bildnis Kaiser Josephs unter Glas und Rahmen überbrachte. Paule allein wußte es, daß der Doktor auf einen förmlichen Heiratsantrag eine abschlägige Antwort von Bäbi erhalten hatte. Als sie Braut geworden, unterließ er seine Besuche dennoch nicht; vielleicht wollte er damit seine frühere regelmäßige Einkehr verdecken. Bäbi ging ihm stets aus dem Wege, sie meinte, er müßte ihr böse sein, weil sie ihn beleidigt habe; er wußte aber nichts von Groll. Das zeigte sein heutiges Thun. Unser Doktor war Menschenkenner genug, um zu wissen, wie weich und empfänglich ein verlassenes Mädchenherz ist, wie halb Verzweiflung, halb Sehnsucht leicht einen kühnen Freier aufnimmt; er erneuerte daher jetzt frischweg seinen Antrag bei Bäbi, aber mit so viel Schonung, daß die abweisende Antwort des Mädchens nur als zögernder Aufschub erscheinen konnte. Er hatte soeben, Bäbis Hand fassend, ihr versprochen, nicht mehr von der Sache zu reden, bis sie selbst davon anfinge. Es war, als ob er mitten im Brande des Hauses das verlassene Mädchen sich erobern würde, als eben Luzian hereinkam; vor ihm scheute er sich jetzt mit seinem Anerbieten hervorzutreten, er ging mit ihm nach der Stube und setzte sich mit einer gewissen heimischen Art, die Luzian dahin mißdeutete, als ob er zeigen wolle, er thue dem geächteten Hause durch seinen Besuch eine Ehre an. Die Ahne hatte verweinte Augen, auch aus der Küche vernahm man durch das Schiebfensterchen bisweilen das Schluchzen Bäbis. Luzian bemerkte wohl, daß seine Raufhändel hier bekannt worden waren, aber er dachte still: »Ihr müßt euer Teil eben auch haben.« Das war jetzt ein Hauswesen, so verstört und aufgescheucht, als ob es nie eine Heimat ruhiger Menschen gewesen wäre. Nach einer Weile sagte Luzian: »Herr Doktor, kommet mit zum Egidi, sehet einmal nach der Kindbetterin.« Der Doktor bestieg sein Pferd, und Luzian ging neben ihm her den Waldweg nach der Mühle. Luzian fühlte schwer, wie einem Menschen zu Mute ist, der, immer hin und her getrieben von einem Ort zum andern, nirgends eine sichere Ruhestätte und häusliche Erquickung hat. Als die beiden Männer fort waren, kam Bäbi in die Stube und sagte: »Ahne, Ihr dürfet den Doktor nicht so oft wiederkommen heißen, Ihr müsset ihn nicht so ins Haus zeiseln (locken).« »Warum?« »Denket nur, er hat mir heut' wieder was davon vorgeschwatzt, daß er mich heiraten will, und es sind noch nicht drei Tag', daß ich nicht mehr Hochzeiterin bin.« »Laß ihn seine Späß' machen, er ist ein guter Mensch, und wir dürfen jetzt nicht alle Leut' aus dem Haus verscheuchen, es läßt sich ja ohnedem niemand mehr sehen. Gelt, Bäbi, der Pfarrer hat deinen Vater gewiß zu den Raufhändeln gezwungen? Ich bleib dabei, was mein Luzian thut, das ist brav.« Unterdes eilte Luzian mit dem Arzt der Mühle zu. An der Berghalde stieg dieser ab und zog sein Pferd am Zaume nach, um so gleichen Schrittes mit Luzian besser mit ihm reden zu können. »Wie meinet Ihr, Schwäher?« sagte er, »wie wär's, weil ich doch die Ahne nicht heiraten kann, wenn Ihr mir das Bäbi zur Frau gäbet? Ich bleib' dann doch in der Familie und werde nicht verfremdet.« »Es ist jetzt kein' Fastnachtszeit.« »Was ich sag', ist so klar wie Klösbrüh und ist mir grundbirnenernst. Ohne Spaß, ich nehm' das Bäbi, wie es geht und steht und liegt. Der Paule gibt das Bäbi auf wegen der Pfaffengeschichte, mir ist das ganz Wurst, im Gegenteil, die Tochter von einem Ketzer ist mir noch was Besonderes. Ich habe einen guten Freund von der Universität her, wir nennen ihn den Rollenkopf, der traut uns morgen, wenn Ihr einstimmt.« »Weiß das Bäbi von Eurem Vorhaben?« »Gewiß, sie ziert sich noch ein wenig, aber sie thät doch gern schnell Ja sagen, wenn sie sich nicht vor der Welt scheute. Wenn Ihr ein Wort fallen lasset, ist die Sache abgemacht. Nun? Stünde ich Euch nicht an als Schwiegersohn?« »Ja, ja, warum denn nicht?« entgegnete Luzian. Er war fortan äußerst schweigsam, bis man am Bestimmungsorte anlangte; desto mehr redete der Doktor. Auf der Mühle bekundete er die äußerste Sorgfalt für die Wöchnerin und das Kind, und da man einmal zur Apotheke schickte, verschrieb er auch noch eine schnell heilende Salbe für die Kopfbeule, die Egidi beim Falle erhalten hatte. Scherzend gratulierte er Egidi zu seinem neuen Schwager, als welchen er sich selbst vorstellte. Unser Doktor hatte sich in ein seltsames Verfahren verrannt, bei dem ebensoviel augenblickliche Laune als Berechnung war; er, der die Weise des Volkes so gut kannte, glaubte seine Brautwerbung doch in scherzhaftem Tone halten zu müssen; das schien ihm der derben Art seiner künftigen Schwägerschaft angemessen und sollte ihn und sie über alle etwaige Peinlichkeiten und Erörterungen hinwegheben. Aus diesem Grunde verkündete er auch die Sache allen Frauen, die auf der Mühle anwesend waren; diese Offenkundigkeit mußte sowohl die Bedenken bei Bäbi heben, als auch zugleich sie fesseln, da man nun doch einmal allgemein davon redete. Unser Doktor irrte sich aber gewaltig. Er überschritt in seiner Burschikosität unbewußt die feine Grenzlinie, die zwischen Derbheit und Leichtfertigkeit gezogen ist; auch der vierschrötigste Bauer kennt diese wohl, und es beleidigt ihn, wenn so viele, wie hier unser Doktor, um sich der volkstümlichen Denkweise anzubequemen, eine gewisse Roheit in Ausdruck und Behandlung ernster Verhältnisse annehmen. Um nicht gekränkt zu sein, mußte Luzian die Angelegenheit entschieden und wiederholt als Scherz auslegen. Zwischen Egidi und seiner Mutter war eine wortlose Versöhnung eingetreten. Hier galt es zu helfen, und da war von Streit nicht mehr die Rede. Die Mutter wirtschaftete lebendig im ganzen Hause, und Egidi kam mehrmals zu ihr in die Küche und sagte, sie möge nur sich selbst nicht vergessen, sie möge sich etwas Gutes bereiten, sie allein habe zu befehlen und nicht die Schwiegermutter, »und«, setzte er in seltsamer Einfalt hinzu, »thuet nur, wie wenn Ihr in Eurem eigenen Hause wäret, und nehmet Euch alles ungefragt. Soll ich Euch klein Holz spalten?« Ohne Antwort abzuwarten, fing er an und mußte fortgejagt werden, da die Wöchnerin nebenan jeden Schlag spürte und eben einschlafen wollte. Egidi sprang und pfiff im Hause herum wie ein lustiger Vogel auf dem Baume, der in die Welt hinein verkündet, daß jetzt eben ein junges Küchlein im Neste die Augen aufschlug. Am andern Morgen stand Luzian nach fast zwölfstündigem Schlafe wohlgemut auf. Die ganze Welt, die aus den Angeln schien, hielt sich doch noch in ihrem Kreislaufe, und Luzian fühlte sich wieder mutfest. Er pflügte den ganzen Morgen ohne Unterlaß draußen im Speckfelde, er empfand es still, daß das doch eigentlich die Arbeit sei, die er am besten verstehe. Kaum ist die Frucht vom Felde eingethan, so wird der Boden mit scharfem Pfluge wieder umgelegt, die abgestorbenen Stoppeln werden entwurzelt und verwandeln sich in neue Triebkraft, der aufgelockerte Grund ist bereit, sich von Sonnenschein und Regen durchdringen zu lassen, bis er neue Saat empfängt. Das Wachstum des Menschengemütes gleicht nicht dem vergänglichen Halme, eher dort dem Fruchtbaume, der bleibt bestehen und harrt neuer Frucht am selben Stamme. Luzian fühlte sich jetzt so wohl und heimisch in seiner Arbeit, daß es ihm am liebsten gewesen wäre, wenn der ganze Handel mit dem Pfarrer ein Traum wär. Es ist ein ganz andres, mitten in den gewohnten Lebensverhältnissen einen Charakter still ausbilden, alsdann zum Kampfe heraustreten und unablässig in demselben stehen. Tausende wünschen jetzt den Krieg und sagen: nur das kann von der fieberischen Aufregung erlösen. Wer weiß, wie bald sie sich aus dem Leben im Feldlager heimsehnen würden. Der neue Kampf muß den Mut erfrischen. Als Luzian mit dem Pfluge heimkehrte, begegnete ihm Egidi, der betrübt vom Pfarrhause kam. »Was hast?« fragte Luzian. »Vater,« entgegnete Egidi, »Ihr müsset aber nicht grimmig sein, ich kann nichts dafür, ich hab' eben dem Pfarrer die Taufe von meinem Kinde angezeigt, sie ist nächsten Sonntag, und es soll auch Kordula heißen wie die Ahne; und da hat mir der Pfarrer gesagt, daß nicht die Ahne und nicht Ihr und nicht die Mutter und nicht das Bäbi in die Kirch' kommen darf, sei's als Gode oder als Taufzeuge; ihr seid alle im Kirchbann.« »Gut, gut,« sagte Luzian, »du hast ja dein' Schwiegermutter und deine zwei Schwägerinnen.« »Nicht wahr, Vater, Ihr seid mir nicht bös? ich kann ja nichts dafür, und ich muß doch mein Kind taufen lassen.« »Freilich, freilich, aber ich muß jetzt essen, ich kann schier nicht mehr lallen,« so schloß Luzian und sprang den Pferden nach, die ihm voraus heimgeeilt waren. Bei Tische fragte Luzian den Viktor: »Bist wieder gern in der Schul', und wie geht dir's?« »Ihr hättet mich nicht 'rausthun sollen, wenn ich wieder 'nein muß,« entgegnete Viktor, »der Pfarrer hört alle Kinder ab in der Religionsstund', und mich übergeht er, wie wenn ich gar nicht da wär'.« Luzian legte den Löffel ab, er konnte nicht weiter essen; er fühlte tief den Vorwurf des Kindes, indem er eine rasche That begonnen und sich doch zur Nachgiebigkeit bequemen mußte. Dabei empfand er, wie tief kränkend solches offenkundige Uebergehen für ein gut geartetes Kind sein mußte. »Es ist vielleicht gut für ihn,« schloß er in Gedanken, »er muß schon früh erfahren, wie die Pfaffen überall blutig anhacken, damit er um so bälder ein eigener Mensch wird, eh' er so alt ist wie ich.« Ein Kind im Walde und ein Ruf im Munde der Menschen. Am Sonntagmorgen war es im Thalgrunde voll frischen Tauduftes. Die Tannen an der Sonnenhalde rauschten so geruhig im sanften Morgenwind, und die mächtig großen Jahresschosse, die sie in diesem Sommer angesetzt, glitzerten und flimmerten. Der Bach floß arbeitsledig dahin, still murmelnd wie ein vergnügter Spaziergänger; über ihm flog ein Schwalbenschwarm in kühnen Bogen auf und nieder, es waren die Alten, die die Jungen im Fluge übten zur weiten Fahrt übers Meer. Bald senkte sich die eine um die andre rasch hernieder, haschte einen frischen Morgentrunk aus dem Bache und reihte sich schnell wieder ein in den schwärmenden Kreis; unten aus dem Bache schossen die Fische nach der Oberfläche und haschten nach schwärmenden Mücken. Eine Goldammer saß auf der äußersten Spitze des Kirschbaumwipfels, sang unaufhörlich hinein in den blauen Himmel und wetzte sich immer wieder den Schnabel an dem Zweige, auf dem sie saß. Ruhe und sanfte Kühlung quoll aus Berg und Thal. Jetzt öffnete sich die Hausthür an der Waldmühle, und heraus trat eine Frau, die ein mit weißen Linnen bedecktes Kind in beiden Armen vor sich trug. Drei Frauen, mit Kränzen von künstlichen Blumen auf dem Haupte, folgten ihr, und bald auch kam Egidi in seinem langen blauen Rocke, den Hut in der Hand. Aus dem Stubenfenster oben schaute ein Mädchen den Weggehenden nach; es war Bäbi, die bei der Wöchnerin zurückblieb. Die Frauen trugen das Kind durch den Wald hinan dem Dorfe zu. Da ist ein Kind geboren auf der einsamen Waldmühle, fern von der großen Gemeinschaft der Menschen, und es wird hingebracht in die heilige Versammlung, wo alles sich zusammenfindet von den einsamen Gehöften, und ausgesprochen wird, daß das Kind gehöre in den großen Bund der Menschen, der es tragen und halten muß, damit es einst ein lebendiges thatenreiches Glied desselben werde. Das Kind wird dann aus den Händen der Menschheit wieder zurückgegeben in die Arme der Mutter, an deren Brust es gedeiht, bis es sich selbst seinen Weg sucht und dann weiter schreitet in die Einigung der zerstreut wohnenden Menschen. Alle sollen es wissen, daß ihnen ein Bruder, eine Schwester geboren wurde, und die frommen Wünsche aller sollen es willkommen heißen, noch bevor es sie hört und sieht und versteht. Was soll es nun aber heißen, den Teufel aus dem neugeborenen Kinde austreiben? O schmähliche Verirrung des Menschenverstandes! Das waren die bald klaren, bald dunkeln Gedanken, die an diesem Morgen durch die Seele Luzians zogen. Er verließ das Dorf, das ihm die Kirche verschloß, und ging dem Kind entgegen, hinab in den Wald. Als er dort die Frauen traf, zog er die Linnen weg von dem Antlitz des Kindes, und es schlug die großen blauen Augen nach ihm auf. Er legte ihm die Hand auf das Haupt, in welchem er den Pulsschlag fühlte. Er schüttelte den Tau von dem überhängenden Zweige einer Buche leise auf das Antlitz des Kindes und sprach mit einer Stimme, die aller Herzen erschütterte: »Das ist das ewige Weihwasser, mit dem ich dich begieße; werde rechtschaffen und liebevoll, wie es deine Großmutter Kordula war, deren Namen du tragen sollst.« Drauf schritt er rasch von dannen, und niemand sprach ein Wort, ja niemand wollte es wagen, ihm nachzuschauen; nur die Schwiegermutter Egidis hatte den Mut, rückwärts zu sehen, und sie sah, wie Luzian vom Wege ab tief in den Wald hineinsprang . . . Als man jetzt vom Dorf her Glockengeläute vernahm, ermahnte man sich gegenseitig zur Eile, damit man noch zur rechten Zeit komme. Als der Taufzug vor dem Hause Luzians vorüber kam, öffnete sich kein Fenster, niemand kam zur Begleitung heraus. Wir können dem Taufzug auch nicht in die Kirche folgen, wir müssen nur so viel berichten, daß im ganzen Dorf an diesem Sonntag über die traurige Taufe des Kindes gesprochen wurde, bei der die nächsten Anverwandten fehlten. Wir müssen Luzian in den Wald folgen. Er hätte sich gern in das dunkelste Dickicht vergraben, in eine Höhle sich versenkt, nur um den Menschen zu entfliehen; und doch zog es ihn wieder zu ihnen hin. Die Kirchenglocken tönten von allen Fernen und ließen das Rauschen des Waldes nicht so vernehmlich werden wie in jener stillen Nacht. Vor dem Geiste Luzians sproßte ein neuer Wald auf. »Ich habe einmal in einem Buch gelesen,« dachte er, »daß irgendwo die Eltern bei Geburt eines Kindes einen Baum pflanzen. Wie schön müßte so ein Menschenwald sein, wenn das jeder thäte, und die Gemeinde gibt einen Platz dazu her, und wenn der Mensch gestorben ist, und wenn der Baum keine Frucht mehr gibt, wird er umgehauen und zu etwas Nützlichem verwendet. Wie närrisch sind doch die Leute, daß sie glauben, es wäre etwas Höheres, wenn man aus einem Baum eine Kanzel, als wenn man einen Leiterwagen daraus macht; es ist ja alles gut, wenn's recht ist. Und was für freudige Versammlungen könnten sein, von den lebenden Menschen im grünen Menschenwald!« Luzian war jetzt in der Stimmung, um sich in allerlei Schwärmerei zu verlieren, aber die Bande der Familie und des alltäglichen Wirkens hielten ihn fest. Trotz der weihevollen Art, mit der er das Kind im Walde getauft, war heute schon ein häßlicher Zornesmut durch seine Seele gezogen. Die Frau war voll Jammerns und Klagens, sie sagte: »Mir ist so bang, so furchtsam, wie wenn in der nächsten Minut' ein großer Schrecken über mich kommen müßt', wie wenn eine Axt nach mir ausgeholt wäre und mir jetzt gleich das Hirn spaltete.« Auf diese Rede hatte Luzian mit bitterem Wort entgegnet. Jetzt fiel ihm all' das wieder ein, und er dachte: »Es ist unrecht, daß du von den Deinigen Hilfe verlangst in der Not, im Gegenteil, du mußt ihnen Hilfe bringen, denn du hast ihnen die Not gebracht.« Mit versöhnlichem Herzen kehrte Luzian heim. Er fand seine Frau gleich bereit, denn die Ahne hatte ihre Tochter scharf vorgenommen und ihr ins Herz gepflanzt, daß es jetzt gelte, die gelobte Treue zu bewähren; darum sagte Frau Margret nach Tische: »Luzian, mach nur, daß die Sache bei den Gerichten bald ein Ende hat, und dann wollen wir fort aus dem Dorf, ich geh' mit dir, wohin es sei, nur fort; ich wollte, ich könnte auch all' die Menschen aus meinem Gedächtnisse vergessen, die jetzt so gegen uns sind.« »Ja,« sagte die Ahne, »wenn das die Religion ist, daß man einen verschimpfiert und einem Dinge nachsagt, woran sein Lebtag keins gedacht hat, da will ich lieber gar kein' Religion.« Die Frauen hatten nämlich erfahren, daß man Luzian die gräßlichsten Unthaten nachredete. Man wollte in der Vergangenheit Belege für sein gegenwärtiges Handeln finden, und nichts war zu heilig, das man nicht antastete. Es gibt Gedanken und Aussprüche, die, ohne unsre Seele zu treffen, sie doch so widrig beleidigen, wie wenn man nahe vor dem offenen Auge mit einer Messerspitze hin und her fährt. Wir scheuen uns fast, es zu sagen, aber es gehört mit zur Geschichte: selbst das Verhältnis Luzians zur Ahne wurde mit dem niedrigsten Geifer besudelt. Niemand konnte sagen, woher diese Nachreden kamen, man konnte die Urquelle nicht entdecken, sie sprangen aus dem Boden, da und dort; während man die eine verfolgte, brach die andre los. Frau Margret eiferte über ihre Mutter, sie hätte Luzian nichts von dem Geschwätz sagen sollen; aber die Ahne sagte: »Ich kenn' meinen Luzian. Wenn er auch alles Schlechte von den Menschen weiß, er wird doch keinen Haß auf sie werfen. Die Menschen sind mehr dumm als bös; den Kaiser Joseph haben sie vergiftet, und dir, Luzian, möchten sie gern dein gut Gemüt mit bösen Nachreden vergiften. Das geht aber nicht, gelt, ich kenn' dich? Ich trag' dein Herz in meinem Herzen.« Luzian ließ sich nun alles erzählen: wie er schon lange im geheimen lutherisch sei und versprochen habe, die katholische Kirche zu beschimpfen, wie er die Waisen betrogen, wie er diesen und jenen zur Gant gebracht, um nachher dessen Acker aufzukaufen, und Hundertfältiges dieser Art. Er hörte es mit Gleichmut an. Ihm kam es vor, als ob man das von einem andern Menschen sagte; die Leute mußten ja selbst wissen, daß alles erlogen sei, dennoch stellte sich bei ihm ein Gefühl des Ekels und dabei eine stille, aber gründliche Verachtung ein. Er hatte es nie geglaubt, daß man es wagen könnte, seinen Namen mit derlei Dingen in Verbindung zu bringen. Auf der Straße faßte er diesen und jenen an und sagte: »Hast auch schon gehört? ich bin schon lang ein geheimer Lutherischer? Ich habe die Waisen betrogen, den und jenen in Gant gebracht.« – Die Verleumdung über das Verhältnis zur Ahne berührte er nicht, das war zu empörend. – »Nun, was sagst du dazu?« schloß er in der Regel seine Rede. Natürlich ward ihm selten ein so heftiger Zornesausbruch darüber kundgegeben, als er erwarten mußte. »Freilich, hab's auch gehört, es ist schändlich, aber du kannst die Leut' reden lassen,« so lautete in der Regel die Antwort. Er rief manchmal zornig aus: »Du hättest dem ins Gesicht schlagen sollen, der so was über mich gesagt, und der Geschlagene wieder dem, der's ihm gesagt hat, und so wären wir zuletzt hinunter zu dem Maulwurf gekommen, der den Haufen aufwirft, und den hätt' man maustot gemacht.« So erhaben sich auch Luzian über all' die Nachreden fühlte, so hatte er doch eine peinliche Empfindung darüber; ihm war's, als ob das innerste Heiligtum seines Lebens von ungeweihten Händen berührt worden wäre. So muß es frommen Gläubigen zu Mute sein, die ihr wundertätiges Heiligtum aus den Händen ungläubiger Räuber unversehrt wieder erringen. Ein Gefühl der Trauer verläßt sie nicht, daß man so freventlich damit umgegangen. Wie die Speise, die sich in unser leibliches Leben verwandelt, so geht es auch leicht mit allen Erlebnissen, die wir in einer Zeit gewinnen, in der wir von einem einzigen Gedanken beherrscht sind; sie verwandeln sich unversehens in einen Teil dieses Denklebens, so fremd und beziehungslos sie auch anfangs erscheinen mochten. Zum erstenmal ging jetzt Luzian das Gefühl der Ehre in seiner Hoheit auf. Wohl hat sie ihre tiefste Wurzel in der Selbsterhaltung, aber eben dieser Ursprung tritt in ihr geläutert auf. Sich selbst ehren und alles so thun, daß man dies könne, das schließt die höchste Tugend in sich. Spricht aber die Religion nicht gerade aus, daß wir alles zur Ehre Gottes thun müssen? Wohl, alles zur Ehre des unvertilgbaren Heiligtums, das in uns gepflanzt ist. Warum lehrt die Religion immer und vorzugsweise, sich selbst gering achten? »Lernet euch selbst ehren, möchte ich den Menschen zurufen, du bist König und Priester, so du das Heiligtum der Ehre in dir auferbauest und rein erhältst.« Ich bin, der ich bin. Luzian hatte wieder seine volle Kraft gewonnen, und siegesmutig schritt er über die gewohnte Welt dahin. Ans dem Bewußtsein heraus lernte er die alte Welt aufs neue gewinnen und beherrschen. Der Oberamtmann hatte durch seine Magd, die Tochter Wendels, Luzian auffordern lassen, dieser Tage einmal zum Verhör zu kommen. Er ließ ihn absichtlich nicht durch den Schultheiß entbieten, und diese freundliche Schonung that Luzian im innersten wohl. Er ging daher andern Tages nach der Stadt. Der Amtmann nahm Luzian aus der Kanzlei mit hinauf in seine Privatwohnung. Dort ließ er Kaffee machen, schenkte Luzian ein und sagte: »So, wenn Sie rauchen wollen, steht's Ihnen frei, wir wollen die Sache leicht abmachen; erzählen Sie mir den Hergang noch einmal, und ich will das Protokoll aufsetzen.« Luzian war anfangs betroffen über diese seltsame Abweichung vom strengen Amtston, er ließ sich's aber auch gern gefallen. Er erzählte nun die Geschichte von der Predigt und seiner Gegenrede. »Das kommt mir jetzt schon vor, als ob es vor hundert Jahr geschehen wär',« schloß er. »In vergangenen Zeiten,« entgegnete der Oberamtmann, »war dies allerdings auch oft der Fall, die Geistlichen mußten sich Widerspruch und Einrede gefallen lassen, aber jetzt freilich paßt das nicht in die Kirchenordnung. Es ist schrecklich, wenn man bedenkt, daß wir unser Lebenlang unsre beste Kraft dazu aufwenden müssen, das Unnatürliche, das unsrer Seele aufgekünstelt wurde, herunterzukratzen, und am Ende wird's doch nie mehr so rein, und da und dort haftet ein fremdartiger Fleck. Was für andre Menschen müßten aus uns allen werden, wenn man der Natur ihr freies Wachstum gönnte. Wie alt sind Sie jetzt Luzian? Da steht's ja im Protokoll, einundfünfzig Jahre. Ist's nicht himmelschreiend, daß wir um so viel Lebensjahre betrogen werden?« »Ja,« sagte Luzian, »man möcht' oft unserm Herrgott böse werden, daß er die Wirtschaft da so mit ansieht.« Der Oberamtmann sah dem Redenden staunend ins Gesicht, faßte seine Hand und sagte: »Wie? glaubt Ihr denn noch wirklich an ihn?« Luzian zuckte und zog unwillkürlich seine Hand zurück, indem er betroffen entgegnete: »Ich versteh' Sie nicht, was meinen Sie? wie?« Ernst lächelnd entgegnete der Oberamtmann: »Ich meine Gott.« Luzian sah auf, ob nicht die Decke einfalle, und der Oberamtmann fuhr fort: »Dieses Wort ist nur ein Schall für etwas, von dem wir nichts wissen; weil wir so viel Elend, Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Welt sehen, so denken wir uns ein unsichtbares Wesen, das alles schlichtet und ins Gleichgewicht bringt; aber wenn ein Ruchloser vom Blitz erschlagen wird, so sagen wir oder vielmehr die Pfaffen: das ist der Finger Gottes. Wird ein Rechtschaffener getroffen, so heißt es dagegen: die Wege des Herrn sind unerforschlich. Das eine wie das andre ist nichts als Stümperei und Redensart. Weil wir so viel Verkehrtheit in der menschlichen Gesellschaft sehen, so erdenken wir uns ein Jenseits, in welchem das Böse und das Gute vergolten werden soll, und das ist doch weiter nichts, als daß wir uns die lästigen Fragen vom Hals schaffen. Nein, wer zur Vernunft gekommen ist, braucht keinen Gott und keine Unsterblichkeit.« Diese letzten Worte waren wie fragend ausgesprochen, aber Luzian antwortete nicht; sein ganzes Antlitz war in starrer Spannung, und der Oberamtmann fuhr fort: »Wer tiefer in die Welt hineinsieht. der erkennt, daß alles Notwendigkeit ist, daß es keinen freien Willen gibt. Ich habe keinen freien Willen, sondern wenn ich genau hinsehe, muß ich alles thun, was ich zu wollen scheine, und das Weltall hat auch keinen freien Willen, der gegen die Gesetze in ihm herrschen könnte, denn das wäre Gott. Freier Wille in uns und Wunder in der Natur ist ganz dasselbe. Was ich jetzt thue, daß ich jetzt so mit Euch rede, das ist die notwendige Folge einer endlosen Kette von Ursachen, von Ereignissen in mir und mit mir, denen ich gehorsamen muß; weil alles in der Welt Notwendigkeit ist, darum liegt in dieser schon, was man Strafe und Lohn nennt, eingeschlossen. Der eine fügt sich in sein Schicksal, weil er es als den unabänderlichen Willen Gottes, der andre, weil er es als eine unabänderliche Notwendigkeit erkennt; es kommt am Ende auf eins heraus. Wir müssen still halten, Sonnenschein und Hagelwetter über uns kommen lassen und am Ende wieder tüchtig die Hände rühren; denn das, was man Gott nennt, thut nichts für uns, mir müssen's selber thun. Nicht wahr, ich bin Euch noch nicht in allem ganz deutlich?« »Nein, aber nur eine Frage: warum sind Sie denn rechtschaffen, wenn's keinen Gott gibt und keine Vergeltung? Es ist doch oft viel angenehmer, ein Bruder Lüderjan zu sein?« »Wie ich Euch schon sagte, das, was uns wahre Freude macht, ist auch das Gute, alles andre ist ein schneller Schnaps, bei dem das Brennen nachkommt. Ich thue meine Pflicht, nicht, weil sie mir von Gott geboten ist, sondern weil ich sie mir selber auferlege und sie festhalten muß zur Selbstachtung. Wenn ich meine Pflicht vernachlässige, verliere ich die Ehre vor mir selbst, und wenn ich einem Menschen, wie man's nennt, über meine Pflicht hinaus Gutes erzeige, so thue ich an mir selbst fast noch mehr Gutes, als an dem, der die Wohlthat empfängt. Daß ich weiß, den Armen erquickt mein Stück Brot, das thut mir oft wohler, als dem, der es kaut. Seitdem ich an keinen Gott mehr glaube, seitdem bin ich, wie man's nennen möchte, noch viel demütiger geworden. Alles, was ich bin, das ist eine Notwendigkeit, und alles, was ich thue, ist meine Schuldigkeit, ich habe nicht Ehre, nicht Lohn, nicht Dank von jemand anzusprechen. Luzian, ich könnte bis morgen nicht fertig werden, wenn ich alles darlegen wollte. Ich rede so offen zu Euch, weil ich vor Euch Respekt habe. Entweder hat sich Gott einmal geoffenbart und thut es noch fort in seinen gesalbten Priestern, oder Gott hat sich nie geoffenbart, und wir haben gar nichts nach alledem zu fragen, was man bisher geglaubt hat. Drum sage ich: entweder muß man ein guter Katholik sein und alles hinnehmen, wie man es überliefert bekömmt, oder frisch über alles hinweg, jeder sein eigener Priester und Heiland. Entweder katholisch oder gottlos. Meint Ihr nicht auch?« »Nein, das mein' ich nicht,« rief Luzian laut, sich erhebend, »das letzte Wort, das Ihr da gesagt habt, hat der Pfarrer auch gesagt, es ist aber doch nicht wahr. Kann sein, ich bin nicht studiert genug, aber da gilt keine Gelehrsamkeit. Sehen Sie, Herr Oberamtmann, ich hab' mir in diesen Tagen mein ganzes Leben zurückgedacht, da hab' ich gesehen, es ist der Finger Gottes, eine väterliche Fürsehung darinnen. Hundert Sachen, die ich grad am ungernsten than hab' und die ich als mein größtes Unglück angesehen hab', die sind mir zum Besten geworden; unser Herrgott hat gewußt, was daraus wird, ich aber nicht. Das ewige Leben? ja, das kann ich mir nicht vorstellen, weil ich an keine Hölle glaube und auch nicht weiß, wo der Himmel ist. Jetzt lebe ich einmal so, daß, wenn es kommt, ich auch nicht davon laufe. O lieber Mann, Sie sind ein guter Mann! Wenn ich's nur machen könnt', daß Sie mit mir glauben, wie eine väterliche Hand, die wir nicht sehen, uns führt. Das thäte Sie doch oft trösten, wo Ihre gescheiten Gedanken zu kurz sind und nicht hinlangen. Guter Mann, ich habe einen Sohn von zweiundzwanzig Jahren und noch zwei kleine Kinder unter dem Boden liegen. Wenn man so ein Grab offen sieht, unser eigen Herz mit hineingelegt wird, da geht einem eine neue Welt auf.« Die Stimme Luzians stockte, er konnte vor innerer Rührung nicht weiter reden. Eine Weile herrschte Grabesstille in der Stube. Ja, den beiden Männern kam es selber vor, als wären sie außerhalb dieser Welt in ein Jenseits versetzt. Der Oberamtmann versuchte es nicht mehr, seinen eigenen Denkprozeß in Luzian anzufachen, er empfand eine gewisse heilige Scheu, diese innige Gläubigkeit anzutasten: »und,« setzte er still für sich hinzu, »nur diese vermochte es vielleicht, den Kampf mit dem Pfaffentum aufzunehmen.« Traut, wie zwei Freunde, die sich mit ihrer Standes- und Familiensonderung außerhalb der Welt befinden, besprachen die beiden sich noch miteinander, und als der Oberamtmann darauf kam, daß einzig in Amerika die wahre Religionsfreiheit herrsche, indem es dort gestattet ist, zu keiner Kirche zu gehören, oder sich eine beliebige neue zu gestalten, da wurde das Auge Luzians größer; wie von unfaßbarer Stimme wurden ihm jetzt die Worte seiner Frau zugerufen: »Wenn wir nur fort wären aus dem Ort« – aber er konnte den Gedanken doch noch nicht fassen. Luzian öffnete sein ganzes Herz und erzählte, welche namenlose Pein er überstanden habe, indem er sich vom alten Herkommen frei machte. »Ich möchte lieber ein ganzes Jahr Tag und Nacht im Zuchthaus sitzen und Woll' spinnen. als das noch einmal durchmachen,« schloß er. »Allerdings hatte ich da ein viel glücklicheres Los,« erzählte der Oberamtmann, »mein Vater war ein vollkommen freisinniger Mann, der ohne allen Zusammenhang mit der Kirche lebte. Wenn eines von uns Kindern einen Fehltritt beging, faßte er es beinahe mit doppelter Liebe und nahm es mit sich auf seine Arbeitsstube; dort suchte er uns zur Einsicht des Fehlers zu bringen, und wir mußten darauf eine Stunde ruhig bei ihm verweilen. Ich verließ die Stube nie ohne tiefe Erschütterung. – Meine Mutter war katholisch und ging regelmäßig nach der Kirche, ich hörte oft davon reden, war aber noch nie dort gewesen. Ich erinnere mich ganz deutlich des ersten Eindruckes, den ich davon erhielt, ich war damals sechs Jahr alt. Eines Sommermorgens, wir wohnten in einem Garten vor dem Thor, lag ich mit meiner zwei Jahre älteren Schwester im Grase, und wir schauten beide hinauf in den blauen Himmel, an dem auch nicht ein einzig Wölkchen war. Wir hatten gehört, daß die Sterne beständig am Himmel stehen, auch am Tag, wir wollten sie nun sehen. Ich wurde gerufen, ich durfte mit meiner Mutter zur Kirche gehen, ich war voll Seligkeit und brennenden Verlangens. In der Kirche aber befiel mich plötzlich ein unnennbares Heimweh, eine drückende Angst, ein Bangen nach einem Stück meines blauen Himmels; diese dicken Mauern, diese Lichter am Tage, die Orgel, der Weihrauch, die steinerne Kühle, alles machte mich fast weinen, und ich war wie in der Gefangenschaft zusammengepreßt. Ich lebte erst wieder auf, als ich im Freien war und meinen blauen Himmel sah. Von jenen Kindestagen an hatte ich nie mehr ein Verlangen nach der Kirche; die väterliche Erziehung und eigene Forschung stellten mich so, daß ich kaum etwas abzustreifen hatte.« Luzian horchte betroffen auf, er schaute hier eine Lebensentfaltung, von der er keine Ahnung gehabt hatte, von der er nie gedacht, daß sie in der Welt bereits vorkäme. Mit der heimlich stillen Erquickung, die wir immer empfinden, wenn ein ganzes Herz sich erschlossen, schieden die beiden Männer voneinander. Luzian hatte dabei noch die Empfindung, daß er dem Oberamtmann, der doch ein so hochstudierter und angesehener Mann war, einen heiligen Funken ins Herz gelegt habe. Der Oberamtmann aber hielt an sich. Wie er die Unbarmherzigkeit der reinen Konsequenz in sich walten ließ, so machte er diese auch unbedingt gegen andre Menschen geltend; dadurch erschien er vielfach schroff und schonungslos. Er wußte das und sagte dagegen oft: »Nicht ich bin hart und unbeugsam, sondern der Gedanke ist es; alle die Gemütlichkeiten und anmutenden Gewöhnungen müssen fallen, wenn sie vor der Schärfe der absoluten Erkenntnis nicht bestehen können.« Dennoch hielt er heute plötzlich an sich. Vorerst erschien es ihm, als ob er unwillkürlich in seine unvolkstümliche Auffassungs- und Anschauungsweise verfallen wäre, die Furcht vor seiner oft gerügten Vornehmigkeit kam dazu; und als jetzt Luzian die Erschütterungen des ganzen Menschen am Grabe aufrief, sollte er den thränenschweren Blick des Redenden auf Abstraktionen lenken? Darum erzählte der Amtmann hierauf einen Zug aus seiner Jugendgeschichte, er wollte dadurch deutlicher werden; aber alles dies schien im Erzählen und vor Luzian doch fast wie eine entschuldigende Erklärung seines jetzigen Standpunktes. Heute zum erstenmal vergaß Luzian bei einer Anwesenheit in der Oberamtei, die Tochter Wendels, die hier als Magd diente, zu fragen, ob sie nichts heimzubestellen habe. Er erinnerte sich dessen noch auf der Straße vor dem Hause, aber er kehrte doch nicht mehr zurück. Mit vormals ungeahntem, gehobenem Gefühle schritt er heimwärts durch den Wald. Seine Wangen glühten, alles Leben regte sich mit Macht in ihm. Es war nichts Bestimmtes, was ihm so mit namenloser Entzückung die Brust hob, es war ein Gefühl der Freudigkeit, daß es ihm oft war, er spränge dahin wie ein junges Reh, während er doch gemessenen Schrittes einherging. Er schaute einmal halbverworren auf, ob er denn nicht wirklich dort vor sich herspringe, wie ein unschuldvolles, jauchzendes Kind. Das war eine Stunde, in der sich den Menschen Gesichte aufthun, die sie selber nicht fassen können, wenn sie wieder zur Ruhe gelangt sind. Jetzt trat Luzian aus dem dichten Walde in eine Wiesenlichtung, die sogenannte Engelsmatte. Der Abend stand eben mit seinem goldenen Lichte über den Wipfeln der Bäume, die vielfarbigen Blumen und Gräser sogen still den herniedertriefenden Tau ein, und die Heimchen zirpten, wie wenn die Blumen und Gräser selber laut jauchzten über die frische Erquickung. Am jenseitigen Ende der Waldwiese stand ein junges Reh vor einer weißen Birke, die sich zu den dunkeln Tannen gesellt hatte; das Reh äste und schaute oft auf. Luzian blickte an sich hernieder, und in ihm sprach's die wundersamen Worte: »Du bist ein Mensch. Du schweifest hin über diese Welt voll Blumen und Tiere, und du hast alles, und du hast mehr, du hast dich selbst. Was ist mir geworden aus all meinem Kampfe? Ich hab's errungen, ich bin, der ich bin , kein fremdes Wesen mehr, das die Gedanken andrer Menschen hat, frei, treu und wahr in mir. Jetzt kann ich getrost hinziehen über diese Welt. Ich bin, der ich bin.« Die nächtigen Schatten legten sich über Wald und Wiese, durch die ein Mensch hinschritt, hellflammend und in sich leuchtend . . . Als Luzian nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau auf der Hausflur: »Heut mach mir was Gutes zu essen und laß mir einen guten Schoppen Wein holen, mir ist so wohl, wie mir noch nie im Leben gewesen ist.« Der »weltsmäßige Hunger« von jenem Sonntage nach der Predigt hatte sich dieses Mal noch gesteigert bei ihm eingestellt. Die Frau gab keine Antwort, sie schlug den thränenschweren Blick auf und rang verzweiflungsvoll die Hände. Das ist das unerfaßliche, tausendfältige Getriebe des Weltlebens, das macht uns oft den Ausblick ins Gesamte zu einem Wirrsal, daß, während ein Mensch hier doch hinansteigt, dort ein andrer hinabsinkt, während die Pulsschläge eines Herzens sich hier verdoppeln, dort ein andres still steht. Der Mensch lebt nicht für sich allein, und es ist ihm nicht gegeben, rein aus seinem eigenen Kern sich weiter zu entwickeln. Dort am Waldesrande neben der weißen Birke wird das Reh nicht urplötzlicher vom heißen Blei des Jägers getroffen und bricht nicht zuckender zusammen, als Luzian von dem erschüttert wurde, was in der höchsten Freudigkeit seiner Seele sich ihm aufthat. »Die Mutter! die Mutter!« klagte die Frau, und als er hineinging in die Kammer, wo viele Weiber versammelt waren, sah er bald, wie es um die Ahne stand. Sie hatte geschlummert und erwachte jetzt. Sie hieß mit schwerer Stimme Luzian willkommen und fragte ihn: ob er denn aus dem fernen Lande schon zurück sei? Dann rief sie ihre Tochter und sagte: »Halt fest an meinem Luzian, halt fest wie seine rechte Hand. Du weißt, Margret, wie es mit Eheleuten steht, die nicht . . .« Ihre Stimme stockte, und nach einer Weile fuhr sie fort: »Ich vergeb' dir, Christian, du hast's doch gut gemeint; jetzt kommt mein Vater und der kaiserliche Rat.« Die Frauen umdrängten Luzian und sagten: man müsse den Pfarrer holen. Luzian entgegnete, die Ahne habe ihm in gesunden Tagen ausdrücklich gesagt, sie wolle keinen Pfarrer; endlich aber willfahrte er doch den Bitten und Thränen, zumal man ihm vorstellte, es werde zu neuen Verleumdungen Anlaß geben; man werde die Aussage der Ahne nicht glauben, und er habe nur ein Recht, mit seiner eigenen Seele zu machen, was er wolle, nicht mit der der Ahne. Luzian gab endlich nach. Ein Gang ins Pfarrhaus. Wir haben Luzian auf Schritt und Tritt so unablässig begleitet, daß wir uns fast ausschließlich in seinem Hause einbürgerten. Jetzt wird es uns fast so schwer wie dem Luzian selbst, nach dem Pfarrhause zu gehen. Das acht Fenster breite Haus hat an der Straßenseite keinen Eingang, wir müssen über den eingefriedeten Rasenplatz an der Kirche und dort an der verschlossenen Thüre klingeln. Wir schreiten über einen bedeckten Gang, stehen nochmals vor einer verschlossenen Thür, die sich aber durch einen Zug von innen öffnet. Wie friedsam und still ist es hier; Treppe und Hausflur sind so rein wie geblasen, die Wände sind schneeweiß getüncht; kein Ton ließe sich hören, wenn nicht ein weißer Spitzhund bellte, den ein großes, stattliches Frauenzimmer, halb bäurisch gekleidet, zu beruhigen sucht. Das ganze Haus steht da wie eine stille Klause, mitten im lärmenden Getriebe der Menschen. Es ist ein Anbau an die Kirche, und es scheint sich darin zu wohnen, so andächtig still, als wohnte man in der Kirche selbst. Schüttle den Staub von den Füßen und wandle durch die Reihe der Zimmer, sie sind alle weiß getüncht, spärlich mit Hausrat versehen, denn es hat keine familienhafte Gemeinsamkeit hier ihre Stätte. Nirgends liegt da oder dort eines jener hundertfältigen Werkzeuge des Haushaltes in anheimelnder Zerstreutheit umher. Alles hat seinen gemessenen Ort und scheint fest zu stehen, wie die großen braun lackierten Kachelöfen. Eine gewisse Oede liegt in der dünnen Luft. Die Schlösser an den Thüren gehen hart. Ein Kruzifix ist die einzige Verzierung jeden Zimmers, nur in dem vorletzten, in das wir jetzt treten, wo das Bett mit drüber gebreiteter weißer Decke steht, hängen außerdem noch Steinzeichnungen der Evangelisten und zu Häupten des Bettes das Bildnis des Papstes Pius IX. in schwarzem Rahmen. Jetzt endlich treten wir in die tabaksdampferfüllte Studierstube. Wir treffen hier eine außerordentliche Anzahl von Büchern, denn unser Pfarrer gehört zu denen, die neuerdings mit dem Protestantismus um die Palme der Wissenschaft ringen. Nicht umsonst hat er schon auf der Universität den theologischen Preis gewonnen durch eine Abhandlung über das Verhältnis der Neuplatoniker zu den Christen. Schon früh am Morgen treffen wir ihn vollständig angekleidet in seiner Studierstube, denn er hat, wie sich's gebührt, nüchtern die Messe gelesen, und sein Tagewerk wäre nun eigentlich vollendet, wenn er nicht selbst sich ein neues auferlegte. Er ist von dem entschiedensten Eifer beseelt, thätig an mehreren Zeitschriften und verfolgt mitten im Kleingewehrfeuer derselben mit Eifer alle Erscheinungen im Gebiete theologischer Litteratur. Selten wird diese Morgenstille von der Anmeldung einer Taufe oder sonstiger Amtshandlung unterbrochen. Nur manchmal macht sich der Pfarrer plötzlich auf und überrascht den Lehrer in der Schule mitten im Unterricht. Am Mittagstisch sitzt er still bei seiner Schwester, die ihm durch die Vermittlung der Magd das Leben in allen Häuslichkeiten zuträgt. Erst gegen Abend geht der Pfarrer aus, und obwohl von streng asketischer Richtung, weiß er doch nirgends anders hinzugehen als ins Wirtshaus. Dort sitzt er im Gespräche mit Gemeindegliedern, die sich ihm nähern, und mit zufällig eingetroffenen Bekannten, oder auch oft allein. So vergeht ein Tag um den andern. Er hat keine lebendige Verbindung mit den Dorfbewohnern, er ist nur auf den Ruf der Vorgesetzten hierher gefolgt und morgen bereit, an einem andern Orte die Lehre zu verkünden und die Weihe zu vollziehen. Seit geraumer Zeit aber ist der Pfarrer voll Unruhe. Die Landeszeitung lieferte allwöchentlich fortlaufende Aufsätze über die höhere und niedere Kirchenverwaltung. Diese Darstellungen zeugten von genauerer Kenntnis des ganzen Mechanismus und enthielten epigrammatische Spitzen, die offenbar bestimmte Persönlichkeiten und Vorkommnisse treffen mußten. Nur eine geweihte Hand konnte hier die Feder geführt haben. Die Geschichte Luzians bildete nicht unbedeutenden Anlaß zu den schärfsten Ausfällen. Trotzdem diese Aufsätze unter Zensur erschienen waren, erließ dennoch der Bischof ein Umlaufschreiben, in welchem er die ganze Klerisei des Sprengels aufforderte, mit Bekräftigung des Priestereides in einem anliegenden Reverse zu bezeugen, daß sie weder mittelbare noch unmittelbare Urheber jener Aufsätze seien. Dieses geheime Umlaufschreiben, gleichfalls wenige Tage nach dessen Erlaß in derselben Zeitung als Beweisstück der Kirchentyrannei veröffentlicht, erregte gewaltige Aufregung unter Priestern und Laien. Unser Pfarrer war schon mehrere Tage mit sich im Kampfe, was er zu thun habe. Er war weit entfernt von dem Widerstreben vieler, die dem Bischof das Recht absprachen, einen solchen Revers zu verlangen, und sich nun dessen weigerten, trotzdem und weil sie sich ihrer Unschuld bewußt waren; im Gegenteil, unser Pfarrer war von ganz anderen Bedenken in Schwankung gebracht. Vorerst zuerkannte er dem Bischof das volle Recht seiner Maßnahme, ja er behauptete, daß jeder, der um die skandalsüchtige Urheberschaft wisse, verpflichtet sei, frei aus sich heraus solche anzuzeigen, und: du sollst den Namen Gottes deines Herrn nicht vergebens aussprechen. Wer um eine Sache weiß und zugibt, daß ein andrer einen unnötigen Eid schwört, macht sich dieses Vergehens schuldig. Unser Pfarrer kannte den Urheber nach seiner zuversichtlichen Ueberzeugung. Mußte er diesen nicht kundgeben und allen unnötigen Eidschwur und alle Aufregung niederschlagen? Daß der Urheber sein Freund war, daß er ihn daran mit Bestimmtheit erkannte, weil in den Aufsätzen Ausdrücke gebraucht waren, die der Freund mehrmals in vertraulicher Rede im Munde geführt, durfte ihn das abhalten, den beschworenen Eid des Priestergehorsams zu brechen? Nur eines that unserm Pfarrer aufrichtig leid und erfüllte ihn mit längerem Bedenken. Er hätte gewünscht, daß seine eigene Angelegenheit im Dorf nicht in jene Aufsätze verflochten wäre, damit ihn niemand niedriger Rachsucht oder sonstiger unlauterer Motive zeihen könnte. Dies war der Punkt, wo seine sonst feste Verfahrungsweise in Schwanken geriet. Aber die so nahe liegende Furcht vor Mißdeutung erfüllte ihn bald mit neuem Kampfesmut . . . »Wie?« sagte er, »soll ich unterlassen, was Eid und Gewissen mir befiehlt, weil ich dadurch in falsches Licht geraten kann? Gerade deshalb muß ich's desto zweifelloser über mich nehmen. Was wäre die Erfüllung der Pflicht, wenn sie keine Opfer kostete?« Mit fliegender Feder schrieb er die Denunziation an das bischöfliche Amt nieder und unmittelbar darauf einen Brief an Rollenkopf, womit er ihm offen sein Verfahren gestand, damit er niemand anders als seinen Angeber im Verdacht halte. Rollenkopf ließ diesen Brief ohne Erläuterung oder Bemerkung einfach in der Landeszeitung abdrucken. Wenige Tage darauf war er seines Amtes entsetzt. Es gab wohl manche, die den Heldensinn unsres Pfarrers und seine Großthat lobten, noch weit mehr aber fand man darin jene Starrheit und jenen Verrat an allem, was die unbedingte Tyrannei erheischt. Ja, selbst die Frommen, die die That lobten, konnten doch nicht umhin, einen gewissen Abscheu gegen den Thäter zu empfinden. So verwirrt und uneins ist unsre Zeit, daß man auf allen Seiten Thaten wünscht, die man selbst nicht vollziehen möchte. Unser Pfarrer war nun Gegenstand des öffentlichen Streites in allen Blättern, und dies war der Hauptgrund, warum er die Schlägerei Luzians nicht bei den Gerichten anhängig machte, sondern auf alle Weise zu vertuschen suchte. Es mußte ihm darum zu thun sein, so gerecht und schwer gekränkt er auch dabei erschien, doch nicht entfernt mit Tatsachen genannt zu werden, die einen Makel im Rufe lassen, fast in der Weise wie die blauen Mäler, die er noch auf den Armen und an der Stirne davon behalten hatte. Ein Geprügelter ist immer in einer mißlichen Lage: so himmelschreiend unrecht ihm auch geschah, das gemeine Handgemenge schon zieht herab. Unser Pfarrer mußte und wollte sich auf seiner idealen Höhe erhalten. Eben jetzt saß der Pfarrer nachdenkend in seiner Stube. Er hatte das Zeitungsblatt in der Hand, welches berichtete, daß Rollenkopf, weil er nicht genügende Subsistenzmittel nachweisen konnte, aus der Hauptstadt nach seinem Heimatsorte verwiesen sei. Da klingelt es. Sonst hätte, wer da wolle, Einlaß begehren können, unser Pfarrer ließ sich nie stören, er wartete ruhig die Meldung ab. Jetzt sprang er unwillkürlich ans Fenster. Er meinte, Rollenkopf müsse da sein. Er schaute hinaus und erblickte zu seinem Erstaunen den Luzian, der so aussah, daß man nicht wissen konnte, was er vorhatte. Der Pfarrer trat daher rasch auf die Hausflur und fragte: »Wer ist da?« »Ich bin's, der Luzian.« »Was gibt's?« »Herr Pfarrer, ich komm' nicht, es kommen nur meine Worte; machet schnell, gleich, es ist wegen der Leute, sie bringen Neues gegen mich auf; kommet schnell, gleich, eilet; mein' Bäbi ist schon zum Meßner gelaufen.« »Was denn?« »Meine Schwiegermutter liegt im Sterben.« »Der Luzian darf nicht dabei sein, wo die letzte Oelung erteilt wird.« »Nicht? und wenn sie währenddem stirbt?« »Nicht. Der Luzian haßt unsern Glauben.« »Ich will ja fort von Haus bleiben, machet nur schnell; die Ahne will Euch auch nicht, die Weiber wollen's.« »So? und ich soll Spott treiben lassen mit dem Heiligtum, weil sich der Luzian vor dem Gerede der Menschen fürchtet?« »Reden wir nicht mehr lange,« entgegnete Luzian außer sich vor Angst. »Die brave Frau kann allein sterben und braucht Euch nicht. Gott ist unser Priester. Ihr sollt nur sein Handlanger sein, sein Arm, der noch den Kelch des Lebens reicht den Lippen, die zum letztenmal zucken.« »Was Kelch? so verratet Ihr Euch; wer reicht den Kelch? Ihr wißt wohl, wer?« »Herr Pfarrer, ich weiß nicht, was ich red'. Mit aufgehobenen Händen bitte ich Euch, es druckt mir das Herz ab; kommet, ich bitt' Euch tausendmal um Verzeihung, wenn ich Euch was Leids than hab'.« »Mir hat Luzian nichts Leids gethan; seine Teufel haben aus ihm gesprochen und seine Teufel haben ihm die Hände geführt.« »Herr Pfarrer, dazu ist jetzt keine Zeit. Kommet mit! wer weiß –« »Ich geh' nicht mit dem Luzian, ich werde allein kommen.« Luzian eilte schnell heimwärts; es war still auf der Flur und in der Stube. Er fand nur noch die toten Ueberreste der Ahne. Der Pfarrer hatte noch während des Ankleidens erfahren, daß es zu spät sei; er kam nicht. Die ganze Nacht war Luzian still und redete fast kein Wort. Am anderen Morgen war er heiter und wohlgemut, und die Leute erkannten immer mehr und mehr in ihm einen hartgesottenen Gottesleugner. Die Ahne wurde ohne Glockengeläute in ungeweihte Erde begraben. Ein junger Mann weinte große Thränen an ihrem Grabe. Es war Paule, der von Althengstfeld herübergekommen war, sich still dem Zuge anschloß und still, ohne mit jemanden zu reden, heimkehrte. Das Herz Bäbis erzitterte, als sie ihn sah; aber sie wandte alle Gedanken von ihm zurück und schickte sie der Entschlummerten nach. Nicht mehr daheim. Im Hause Luzians war's oft öde, als ob auf einmal alle Ruhe und Ansässigkeit daraus entflohen wäre. Wenn sonst alles ins Feld gegangen war, so blieb doch die Ahne zu Hause, und jeder Rückkehrende erhielt einen freundlichen Willkomm. Jetzt blieb sowohl Bäbi als die Frau nur ungern allein daheim; sie konnten da eine gewisse Bangigkeit nicht los werden, sie glaubten die Stimme der Ahne in der Nebenstube hören zu müssen. Aus dem Dorfe fand sich gar kein Besuch mehr ein, das Haus Luzians war wie ausgeschieden. Kam auch zum Feierabend bisweilen noch der Wendel, so hatte Luzian stets Heimliches mit ihm zu reden. Dagegen kam der Doktor öfter, und seine Teilnahme war in der That eine innige. Bäbi war jetzt immer froh, wenn er kam, denn er erheiterte Luzian und brachte ihn oft zum Lachen, während dieser sonst immer ernst und nachdenklich einherging. Bäbi wußte nicht, was das zu bedeuten habe, daß der Vater mit einer gewissen Feierlichkeit fast tagtäglich Haus und Stall und Scheune durchmusterte, da und dort alles neu instandsetzte, während das Haus doch so wohlbehalten war, daß, wie Wendel einst sagte, man es dem Nagel an der Wand anmerke, daß er satt ist. Auch sprach der Vater oft davon, daß er doch die schönsten Aecker in der ganzen Gemarkung habe, und Bäbi wußte nicht, was er damit wolle; sie und die Mutter zerbrachen sich oft den Kopf darüber, und wenn die letztere es wagte, ihren Mann offen zu fragen, erwiderte er: »Du hast den ersten Gedanken gehabt. Du wirst bald alles erfahren. Man kann die Streu nicht schütteln, so lang man im Bett liegt.« Wenn nun der Doktor öfter kam, verließ Bäbi die Stube nicht mehr, sie blieb vielmehr da und freute sich, wie herzlich der doch fremde Mann der Ahne gedachte, und wie harmlos er an allem teilnahm. Ja, sie wagte es öfter, mit drein zu reden, und Luzian sah sie manchmal verstohlen an, in Gedanken den Kopf wiegend, ob er wohl da seinen Schwiegersohn vor sich habe. Der Herbst kam rasch herbei, und Luzian ließ außergewöhnlich schnell abdreschen. Er nahm die doppelte Anzahl Drescher von sonst und half vom Morgen bis zum späten Abend mit; dann ließ er ganz ungewohnter Weise alles Korn vermessen, ehe man es auf den Speicher brachte. Er wollte sogar das Heu abwiegen lassen, wenn das nicht zu viel Mühe gemacht hätte. Wenn die ganze Familie beisammen war, schwebte seit dem Tode der Ahne ein versöhnter Geist unter ihnen. Gleich tags darauf hatte die Frau zu Luzian gesagt: »Seitdem die Mutter tot ist, ist es mir grad', wie wenn ich dir jetzt erst von neuem in ein fremd' Haus gefolgt und mit dir allein wäre. Lach' mich nicht aus, ich hab' so Heimweh wie ein Mädle nach der Hochzeit. Mein' Mutter ist nicht da, ich hab' sie sonst alles fragen können und war allfort daheim.« »Du bist auch mein junges Weible, und jetzt geht erst eine neue Hochzeit an,« entgegnete Luzian. »Ja,« fuhr die Frau fort, »ich möcht' jetzt alle Stund' bei dir bleiben, mich an deinen Rock hängen wie ein Kind an die Mutter, ich möcht' dir überall nachlaufen.« So hatte sich ein neuer inniger Anschluß festgesetzt zwischen beiden Eheleuten, die schon das zweite Geschlecht aus ihrer Ehe aufwachsen sahen. Ein Scheidebrief durchschnitt jetzt das neugeeinte Leben. Am Mittag, gegen Ende Oktober, kam ein großes Schreiben mit einem großen Amtssiegel aus der Stadt. Luzian wendete das Schreiben mehrmals hin und her, ohne es zu eröffnen, er ahnte wohl seinen Inhalt; dennoch durchfuhr ihn ein Schreck, als er jetzt las. Er schaute rechts und links über seine Schulter, ob niemand da sei, der ihn fasse. In der Zuschrift stand, daß Luzian wegen freventlicher Störung des Gottesdienstes zu sechs Wochen bürgerlichem Gefängnis verurteilt sei. Da stand's in wenigen Worten; das war schnell gesagt, aber wie viel einsame trübe Stunden, Tage und Nächte waren darin eingeschlossen. Luzian rief Bäbi und seine Frau in die Stube; er faßte die Hand der letzteren und sagte: »Margret, es ist jetzt alles im Haus im stand, ich muß auf sechs Wochen verreisen, nein, offen will ich dir's sagen, gelt, du bist ruhig und gescheit? Denk' an dein' Mutter! Also da steht's, ich muß wegen der Pfarrersgeschichte auf sechs Wochen in den Turm.« Bei dem letzten Worte schrie die Frau gellend auf, aber Luzian beruhigte sie, und Bäbi sagte: »Ich geh' zum König und thu' einen Fußfall; das darf nicht sein. Lieber Gott! darf man so einen Mann einsperren wie einen Nichtsnutz? Sie müssen sich ja schämen.« »Jetzt sei ruhig, Bäbi,« entgegnete Luzian, »ich muß geduldig über mich nehmen, was da draus kommt, daß ich die Wahrheit gesagt hab'. Denk' nur, wie viele Menschen den Tod haben darüber leiden müssen.« Bäbi faltete still die Hände und drückte sie an ihre hochklopfende Brust. Luzian wollte schnell seine Strafzeit vollführen. »Man muß es machen, wie die Ahne gesagt hat,« bemerkte er, »man muß bei der Arznei, die man einmal schlucken muß, die Nas' zuhalten und schnell hinunter mit.« Er ordnete noch alles rasch im Hause, und andern Tages schnürte er sich ein kleines Bündel, ritt nach der Stadt und stellte sich dem Oberamt zur Abbüßung. Der Oberamtmann riet ihm, doch an das Kreisgericht zu appellieren; der Doktor, der zugegen war, sagte: er wolle ihm ein Zeugnis geben, daß eine Gefängnisstrafe ihm bei seiner Blutfülle und Korpulenz eine Krankheit zuziehe; beide aber bestanden darauf, daß er antrage, das Gefängnis möge in eine Geldstrafe verwandelt werden. Luzian aber weigerte sich dessen und verlangte. nach seiner Zelle geführt zu werden. »Ich hab' immer glaubt,« sagte Luzian, »mein' Sach' wird kriminalisch. Wenn mein' Sach', wie ich seh', nicht vor das öffentliche Schlußgericht kommt, so will ich meine Strafe, und jetzt, ich kann nicht mehr warten, bis nach einem halben Jahr eine andre Resolution kommt. Ich steh' mit einem Fuß im Steigbügel, ich habe beim öffentlichen Verfahren noch einmal vor aller Welt aussprechen wollen, was uns die Pfaffen anthun; damit sie alle, gute und schlechte, aufgeknüpft werden, wenn auch ein paar brave dabei sind; sie verdienen's doch, weil sie noch Geistliche bleiben; ich lass' es jetzt sein, ich bin der Mann nicht, der der Welt helfen kann. Zuerst muß ich jetzt noch ins Loch und dann 'naus zum Loch.« Der Oberamtmann und der Doktor führten nun Luzian selber in sein Gefängnis; sie blieben nur eine Weile bei ihm, dann wurde die Thür geschlossen, und er war allein. Bald nachdem er einige Stunden im Gefängnisse saß, kam ihm dieses doch ganz anders vor, als er gedacht hatte. Eine seltsame Lust hatte ihn rasch zur Abbüßung der Strafe greifen lassen; er war sein Lebenlang noch nie Tage und Wochen mit sich allein gewesen; er glaubte, alles müsse in ihm besser geschlichtet und geebnet werden, wenn er einmal so ungestört, von der ganzen Welt nichts wissend, in sich selbst hinabstiege; denn da drinnen war es bei alledem noch wirr und kraus. Auch empfand er eine eigentümliche Wollust darin, unverdiente Strafe abzubüßen; das gab ihm noch mehr Recht, sein lebenlang gegen die Pfafferei zu kämpfen. Wenn der Luzian von heute auf den der vergangenen Monate hätte zurückschauen und ihn lebendig in allem seinem Thun erblicken können, er hätte sich gewundert über den, der jetzt zu solchen ganz ungewöhnlichen Gelüsten und Behaben gekommen war. Nachdem er eine Weile auf der Pritsche geruht, erhob er sich plötzlich, und sein Blick schweifte an den Wänden umher, und – wie seltsame Verlangen steigen oft plötzlich in der Seele auf – er wollte in einen Spiegel schauen, um sein Aussehen zu betrachten. Lächelnd gewahrte er, daß dieses Stück Hausrat nirgends an den kahlen Wänden sich vorfand. Wozu sollten auch die Gefangenen dessen bedürfen? Sie erscheinen vor niemand, sie können mit sich machen, was sie wollen. »Ich möcht' nur einmal ein andrer Mensch sein und mich von weitem daher kommen sehen, wie ich da herumlaufe und was für ein Bursch ich eigentlich bin, wie man mich ansieht, was man von mir hat, ob man mich gleich für einen ehrlichen Kerl hält, so bei den ersten paar Worten. Warum weiß ich jetzt, wie mein Margret aussieht und der Wendel und der Doktor und der Pfarrer, und wenn ich malen könnt', könnt' ich sie dahin malen; und mich selber hab' ich doch auch genug geschaut, und ich weiß doch nicht, wie ich ausseh' . . . Mein Herz und meine Gedanken kenne ich auch nicht so, ich meine, ich kenne die von anderen Leuten viel besser, und doch kann und muß ich mich auf mich allein am besten verlassen . . . Was Reue. Es ist nichts nutz, wenn man uns allfort sagt, das und das hättest du besser machen müssen, oder wenn man sich selber vorschwatzt, ich möcht' um so und so viel Jahr jünger sein; nichts da, an dem läßt sich nichts mehr besteln und machen, heut, heut ist gesattelt. Wenn Gott sagt: heute, sagt: der Teufel: morgen, und der Pfaff sagt: gestern.« Diese letzten Worte sprach Luzian mit den Lippen, aber ohne Stimme; es schien fast, als bete er ein stilles Gebet. Wie schwer steigt sich's hinauf die Gedankenhöhen und hinab die Tiefen, wenn immer ein Gedanke sich auf den andern türmt und plötzlich kollernd wegrollt. Es bedarf da eines festen Steigers und kecken Springers. Luzian schaute zu dem vergitterten Fenster hinaus und horchte auf die verschiedenen Sangesweisen der über und unter ihm Eingekerkerten. Es kam ihm jetzt unfreundschaftlich vor, daß der Doktor und der Amtmann ihn so bald verlassen und seit so langer Zeit nicht wieder besucht hatten. Mußten sie nicht immer draußen auf Schritt und Tritt dran denken, daß er hier einsam eingekerkert sei? Konnten sie das nur einen Augenblick vergessen? Armer Mensch, der du glaubst, dein Schicksal werde von einer andern Brust in der ganzen Ausbreitung seiner Folgen getragen. Es wird Abend, die Thür knarrt, die Riegel werden heftig zugeschlagen, der Gefängniswärter tritt ein, ihm folgt Bäbi mit einem Hängekorb am Arm. Sie sagte ihrem Vater einfach: »Guten Abend« und ließ keinerlei heftige Kundgebung merken; dann erzählte sie, daß Egidi mit seiner Frau und den Kindern während des Vaters Abwesenheit bei der Mutter wohne, sie selber bleibe nun beim Vater und habe durch den Doktor die Erlaubnis vom Oberamtmann bekommen, ihrem Vater Gesellschaft zu leisten. »Wer hat dich an den Doktor gewiesen?« fragte Luzian. »Niemand, ich bin von selber zu ihm gangen, die Ahne selig hat recht gehabt, er ist gespässig, aber doch ein grundbraver Mensch, er ist gleich mit mir zum Oberamtmann.« Luzian fixierte seine Tochter scharf und zog dabei die Brauen ein. Nach einer Weile sagte er wieder: »Ja, du kannst doch aber nicht da schlafen?« »O da ist schon fürgesorgt; ich schlaf' bei des Wendels Agath, die beim Oberamtmann dient, die Madam hat mir's schon erlaubt.« Jetzt fühlte Luzian doch, daß es Herzen außer uns gibt, deren Pulsschlag der unsre ist. Von nun an war Bäbi fast den ganzen Tag beim Vater, sie spann fleißig an der Kunkel, während Luzian in den Büchern las, die ihm der Amtmann und der Doktor gegeben hatten. Das Lesen ward ihm doch schwer; das war kein Geschäft für ihn, morgens beim Aufstehen; mittags wieder und abends noch einmal. Er hielt es in einem Zuge kaum länger als eine halbe Stunde aus, und wenn er dann wieder begann, las er das Alte noch einmal, weil es ihm vorkam, als ob er's nicht recht verstanden habe. »Es ist etwas anders, wenn das Lesen ein Schleck (Leckerbissen), als wie wenn es ein Geschäft ist. Guck, deswegen habe ich mich auch im stillen immer davor gefürchtet, einmal Landtagsabgeordneter zu werden. Ich bin nicht so dumm, ich red' auch gern mit drein, wie man den Staat und die Gemeinde und wie man die Gesetze einrichten soll; aber das kann ich nur, wenn ich den Tag über geschafft hab'. Wenn ich so im Ständehaus, in dem großen Saal, bei den vielen Menschen vier, fünf, sechs Monate sitzen und weiter nichts thun sollte, als ein' Tag wie den andern von neuen Gesetzen, von den Finanzen und von all dem hören und da mitreden: mir ging der Trumm' (Faden) aus.« So sagte Luzian zu seiner Bäbi. Bäbi übernahm es nun oft, dem Vater vorzulesen. Ein Buch besonders war es, das Luzian mächtig anzog und über das er viel sprach; es war das Leben Benjamin Franklins und dessen kleine Aufsätze. »Ich geb' das Dutzend Evangelisten und die großen und kleinen Propheten drein für den einzigen Mann,« sagte Luzian einmal. Der Doktor und der Oberamtmann kamen bisweilen gemeinsam, und ersterer noch öfter allein. Da gab es dann manche gute herzstärkende Gespräche, bei denen Bäbi still zuhorchte. Die Art des Doktors hatte etwas besonders Wohlthuendes. Man sah es wohl, auch der Oberamtmann bemühte sich, seine innere Leutseligkeit kund zu geben, aber er war und blieb doch etwas bockbeinig, wie es der Doktor einmal nannte. Dieser dagegen war harmlos lustig, er hatte sich im Ton nicht erst herunter zu spannen; sein Benehmen gegen Bäbi war ein durchaus unbefangenes, als ob er nie Ansprüche auf sie gemacht hätte und nie etwas zwischen ihnen vorgefallen wäre. In der That betrachtete er die Sache als längst abgethan und erledigt, und eben dadurch gewann Bäbi eine gewisse verwandtschaftliche Zutraulichkeit zu ihm, wie zu einem Vetter. Das gestand sie ihm einmal, und er nannte sie seitdem nicht anders als »Jungfer Bäsle«. Luzian betrachtete oft im stillen seine Tochter und den Arzt. Sollte sich da wirklich eine entschiedene Neigung festsetzen? Das kam ihm bei seinem Vorhaben sehr in die Quere, und doch griff er nicht ein. Die Hälfte der Strafzeit war noch nicht um, als Luzian alle Bücher satt hatte und gar nichts Gedrucktes mehr lesen konnte. Er hatte zu viel Bücher auf einmal bekommen, das war gegen alle Gewohnheit von ehedem, und als ihm das eine nicht mundete, versuchte er es mit einem zweiten und so mit einem dritten; es gelang ihm dadurch nicht mehr, mit dem alten Appetit zu einem angebissenen zurückzukehren. Er blätterte darin, wollte da und dort einen Brocken holen und legte endlich das Ganze weg. Es war Bäbi auch lächerlich, wie vielleicht vielen andern, aber Luzian ließ sich nicht davon abhalten; er setzte sich zu seiner Tochter an die Kunkel und lernte mit ihr den Flachs spinnen. Das war eine kleine Arbeit und allerdings nicht geeignet für einen Mann von so kraftvollem Baue wie Luzian, aber es war doch eine Arbeit; man hatte dabei nicht mit dem Kopfe zu thun wie immerfort beim Lesen. Bäbi sagte oft, sie thäte sich die Augen ausschämen, wenn ein Mensch sähe und wüßte, daß ihr Vater an der Kunkel sitzt und spinnt; aber Luzian gewann eine wirkliche Freude an diesem Thun, das ihm die Tage und Abende verkürzte, und wenn er so bei seiner Tochter saß und mit ihr spann, wie er es bald meisterlich verstand, so konnte er auch viel besser reden, als wenn er so arbeitsledig war. In den Stunden, in welchen Vater und Tochter an einem Rocken spannen, war es oft, als ob strahlende Seelenfaden sich aus einem Urquell hervorzögen zu einem heiligen Gewebe. Luzian ging so weit, daß er einmal zu Bäbi sagte: »Ich hab's gar nicht gewußt, daß du . . . nicht so dumm bist.« ».Ja, ich hätt' sollen ein Bub werden, ich wollt' der Welt was aufzuraten geben,« sagte Bäbi keck. Diese Tage des Gefängnisses wurden so für Bäbi die seligsten. Wenn jemand die Treppe heraufkam, oder sich irgend eine Thür im Gefängnisturm bewegte, ließ Bäbi nicht ab, bis der Vater schnell von der Kunkel aufstand. Sie riß dann den Faden ab, damit niemand etwas von der gemeinsamen Arbeit merke. Nur die Mutter, die zum Besuche ihres Mannes kam, erfuhr von Luzians heimlicher Tätigkeit. Auch ein neuer Besuch wiederholte sich bald täglich. Es geschieht wohl oft, daß im Abscheiden aus altgewohnten Verhältnissen wir erst jetzt Personen und Beziehungen entdecken, die nun erst unsrer Erkenntnis oder unsrem Leben sich nahe stellen. Eine neue Hand faßt dich, und eine ungewohnte hält dich mit ungeahntem innigem Drucke. Wir scheiden aus dem alten Leben, das im letzten Momente ein unbekanntes neues geworden. Der Pfarrer Rollenkopf, dem Luzian nur einmal im Walde begegnet war, suchte diesen jetzt im Gefängnis auf. Mit ihm vereint wollte er eine neue Gemeinde um sich scharen und dem alten Kirchentum entgegentreten. Er fand ungeahnten Widerstand. Er hielt Luzian vor, daß damit nichts gethan sei, wenn er sich selbst von der Kirche lossage, das sei kaum ein Splitter, der sich von dem gewaltigen Baue losbröckele, der Bau selber spüre nichts davon, er stehe in sich fest; es gelte darum, den Bau von innen heraus zu sprengen durch Bildung von Genossenschaften. Luzian erwiderte: »Das Menschengeschlecht hat's jetzt seit so und so viel tausend Jahren probiert mit dem Zusammenthun in Glaubensgemeinschaften und Kirchen, und was ist dabei herauskommen? Ihr wisset's besser als ich. Jetzt mein' ich, probiert man's einmal so lang ohne Kirchen und Gemeinden; schlimmer kann's in keinem Fall werden.« Als der Pfarrer ihm ein andermal eindringlich vorstellte, er möge doch der Hilflosen, der Leidenden und Kranken gedenken, denen ein geläuterter Glaube und die ewige Wahrheit im Worte Gottes Trost und Labung gewähre – entgegnete Luzian kurz: »Arznei aus der Apotheke ist keine Kost für Gesunde.« Nicht immer jedoch war Luzian gegen Rollenkopf so scharfschneidig gekehrt, vielmehr fühlte er sich meist angeglüht von dem edeln Feuereifer des jungen Mannes, dem noch dazu eine gewisse Schwermut anhaftete, weil er sich Vorwürfe darüber machte, daß er nicht früher und nicht freiwillig mit der Kirche gebrochen habe; er hätte dann seine Gemeinde, die ihm damals noch treulich anhing, mit sich aus der Kirche geführt. Aber nicht nur der Pfarrer, sondern im Verein mit ihm bisweilen auch noch der Oberamtmann und der Doktor ergingen sich bei Luzian im Gefängnisse in den tiefsten Erörterungen über Religion und Kirche. Der Amtmann sagte einmal, es ließe sich ein neuer Phädon daraus gestaltest, wenn man nur einen Schnellschreiber zur Hand hätte. Sehr oft verliefen sich die Gespräche in solche geschichtliche und philosophische Erörterungen, daß Luzian still zuhörend wenig thätigen Teil daran nahm. Bäbi hörte gleichfalls mit der größten Anstrengung zu, eroberte aber nicht viel dabei. Luzian gewann eine innige Liebe zu Rollenkopf und sprach mit seiner Bäbi oft davon. Diese aber war still, denn mitten unter den religiösen Debatten war dem exkommunizierten Pfarrer ein neues Leben aufgegangen. Mit dem tiefsten Schreck bemerkte Bäbi an den Blicken Rollenkopfs und an einzelnen Worten, daß er ihr anders zugethan sei als ein Beichtvater einem Beichtkinde, und trotzdem sie beide außerhalb der Kirche standen, sah sie in Rollenkopf doch stets den geweihten Priester. Einst paßte Rollenkopf die Zeit ab, als Bäbi aus dem Turm nach dem Amthause ging, und gestand ihr offen, daß er sie heiraten, und sie zur neukatholischen Pfarrerin machen wolle. Bäbi glaubte in den Boden zu sinken, und antwortete rasch: »Ich heirat' gar nicht.« Sie eilte zu ihrer Freundin, der sie aber nicht zu bekennen wagte, was ein Pfarrer ihr gesagt. Wieder hatte Rollenkopf einmal den Heimgang Bäbis ins Amtshaus abgepaßt, aber auch der Doktor kam, und beide begleiteten sie nun. Bäbi kam's gar wundersam vor, solche Herren zu Begleitern zu haben. Sie berichtete das des Wendels Agath', und diese sagte: »Die beiden wollen dich heiraten und dein reiches Gut dazu; du bist auch eine recht anständige halbe Witfrau. Der Doktor sucht schon lange nach so einer, weil ihn die Mädle nicht mögen, und der Pfarrer braucht eine Ketzerin; aber ich hab' dir seit gestern zu sagen vergessen, daß des Paules Vater gestorben ist.« »Das wird dem Paule doppelt weh thun, es muß einem schrecklich sein, wenn eines wegstirbt, mit dem man oft im Zank und Hader gewesen ist.« »Es gibt Leut', die anders denken,« sagte Agath', »denen ist's im Gegenteil gerade recht, wenn sie so einen Polterteufel los sind. Jetzt ist der Paule und sein Haus noch einmal so viel wert. Was meinst jetzt?« »Ich heirat' gar nicht,« erwiderte Bäbi. Die kluge Tochter Wendels entgegnete: »Wenn das Wort eine Brück' sein sollt', da ging' ich auch nicht darüber, die bricht ein.« Bäbi ging in ihre Kammer, und was sie längst abgethan glaubte, erwachte aufs neue und preßte ihr stille Thränen aus. Die Befreiung. Endlich kam der Tag der Befreiung; und als Luzian zum erstenmal auf der Straße war, reckte er sich und sagte: »Guten Tag, Welt! bald b'hüt dich Gott.« Alle Welt, Gott gesegne dich, Ich fahr' dahin gen Himmelrich; sang es wieder in ihm. Im Lamm war Egidi mit dem Fuhrwerk, aber noch andre waren da, der Wendel und der Paule, der einen Flor um den Arm trug. »Schwäher,« sagte letzterer, »ist's wahr, Ihr wollet nach Amerika? »Ja!« »Nehmet Ihr mich mit, wenn mich das Bäbi wieder mag?« Luzian schaute auf seine Tochter, die hoch erglühend die Augen niederschlug. »Wie?« sagte Luzian, »red du, Bäbi, sag Ja oder Nein.« Bäbi schwieg. »Wenn du nicht Nein sagst, so nehm' ich's für Ja.« Bäbi preßte die Lippen heftig zusammen, als fürchte sie, daß ihr Mund Nein spräche. Paul löste die Lippen bald zu seligem Kusse. Auf der fröhlichen Heimfahrt erzählte nun Paul, wie sein Vater von dem Pfarrer umgarnet war und wie er auf dessen Betrieb die Brautschaft aufgekündigt hatte. Auch in ihm lebte der heftige Zorn gegen das Pfaffentum, wenn er gleich noch lange nicht auf Luzians Standpunkt angelangt war. Jetzt faßte Luzian die Hand seines Sohnes Egidi und sagte: »Komm her, du kannst mir eine große Wohlthat erzeigen, ich hab' eine Bitte an dich; willst du?« »Wenn's in meinen Kräften ist, ja.« »Nun gut, gib mir den Viktor mit, ich will ihn halten, wie wenn du es wärst; ich will auch von dir was bei mir haben.« Egidi nickte bejahend, er konnte nicht reden. – Wer am Himmelsbogen säße und mit einem Blick überschauen könnte das gewaltige Drängen und Treiben aus der alten Welt heraus nach einem Dasein, in welchem die Menschen frei ihr Leben gestalten, dem böte sich ein Anblick voll Jammer und voll Erhebung. Den Ortspfarrer traf Luzian nicht mehr im Dorfe; er war wegen seiner besonderen Talente und seines Eifers zum Rektor eines neuerrichteten Knabenseminars für Priester, der »geistlichen Kadettenanstalt«, wie sie in jenen Zeitungsberichten genannt war, berufen worden. In der Zeitung standen am selben Tage zwei große Bauerngüter mit Schiff und Geschirr ausgeboten: es waren die Luzians und Paules. Mit tiefem Herzeleid sah Luzian sein sorgsam gepflegtes Gut zerschlagen in fremde Hände übergehen. Als er Abschied nehmend mit seinem Passe zum Oberamtmann kam, übergab ihm dieser ein Buch zum Andenken. Es war ein Wegweiser für deutsche Auswanderer. »Ich habe auch einige Worte hineingeschrieben,« sagte der Oberamtmann. Luzian las dieselben, nickte mit dem Kopfe, reichte ihm die Hand und sagte: »Das ist ein schönes Gleichnis aus der Bibel; Gleichnisse lass' ich mir gefallen, wenn auch die Geschichte nicht wahr ist.« In dem Buche aber stand: Man soll nicht auswandern wie der eigensüchtige Rabe auf der Arche Noah, der draußen bleibt, wenn's nur ihm wohlergeht; man soll auswandern wie die ausgeschickte Taube, die heimkehrt mit dem Oelzweig, verkündend: daß die Sündflut sich verlaufen hat.