Theodor Birt Von Haß und Liebe 5 Erzählungen aus verklungenen Zeiten     Quelle \& Meyer / Leipzig [1919]     Meiner jungen Freundin Cornelia Bruns der Ivo-Tochter der hilfreichen Freundin alles Guten u. Schönen in alter Treue zugeeignet     Flucht aus der Gegenwart: ich brauche sie heut'. Vielleicht braucht sie auch noch manch anderer. Die Phantasie aber kann uns helfen; durch sie sind wir »Zeitgenossen aller Zeiten«. Wie lange atmet schon Held Odysseus nicht mehr! Ihn und den alten Rechner Archimedes, Roms Cäsaren, ob gut, ob übel, vor allem ein Paar holde Griechinnen aus der gottseligen Heidenzeit habe ich in diesen Novellen zu beleben versucht; dem grauen Hades hab' ich sie entrissen wie Herkules die Alcestis, auf daß sie noch einmal hassen und lieben, lachen und grollen wie einst und ihrem heißen Temperament gehorchen, dahinwandelnd in Roms Gassen oder auf den wonnigen Inseln des Mittelmeers. Ich setze damit Versuche fort, die ich schon früher mich erkühnte dem Publikum vorzulegen. Laßt den Gelahrten den staubigen Stolz. Nur dem spricht die Geschichte, Wem in Menschenliebe die Seele schmolz. Er erweckt die Toten zum Lichte: das war das Motto der lyrischen Erzählung, die ich vormals schrieb, als ich mich noch unter dem Namen Beatus Rhenanus versteckte. Es ist für mich dasselbe geblieben. Aus Büchern, aus Steinschrift, aus Ton und Erz Schlägt voll uns entgegen das Menschenherz. Möchte sein Schlag Gegenschlag in dem einen und anderen Leser finden. Marburg a. L. 22. März 1919. Th. Birt .             Inhaltsverzeichnis In der Heimat der Winde Am Hof des Tyrannen Das Idyll von Capri Der Freund des Titus Das Unmeßbare     In der Heimat der Winde Ein griechisches Märchen Es war Sommer. Das Inselmeer zwischen den griechischen Küsten lag still, als ob es aus Glas wäre, und spiegelte den Himmel ruhevoll und wiegte das Licht in seinen blauen Wellen. Es ist das Meer, über das einst Ikarus aus Kreta flog, um darin zu versinken, das Meer, über das auch Theseus seine Ariadne aus Kreta entführte, um sie treulos zu verlassen. Unter den vielen Inseln war eine, bergig und schluchtenreich, nach der der Seefahrer mit Scheu ausspähte und die der Steuermann bei Sturm in weitem Bogen umging. Mitunter lag sie klar und in scharf gezacktem Umriß auf dem Wasserspiegel wie eine Drohung; bisweilen verschwand sie bei hellstem Licht, und kein Mensch konnte sie sehen, wie eine Fata Morgana, die der Wüstenreiter der Sahara sieht und die doch nie da ist, wenn man ihr nahe zu kommen glaubt. Alle Schiffer wußten genau: auf der Insel wohnten nicht Menschen; da hauste der Windgott unheimlich mit seinen acht Söhnen, das felsige Inselkastell der Stürme mitten im Meer. Der große Weltenschmiedegott Vulkan hatte in Urzeiten diese Insel gebaut; sie ruhte als runde Erdscheibe wie eine Tischplatte auf einem schmalen Fuß aus Korallen, der fest auf dem Meeresgrund stand und, den Wellen trotzend, die Insel trug. Im Sommer, da schlafen dort Vater und Söhne, schnarchen in den Berglöchern und falten ihre Flügel ein, um bequem auf Seegras und Ziegenfellen zu liegen. Von ihrem brausenden Atem hallt es da 4 wirbelnd in den engen Grotten: jede Grotte ein Windfang, und die Winde atmen da also sich selber ein. Vor allem die Söhne, der Ostwind und Westwind, der Süd und Nord und die anderen schlafen traumlos tief; denn die Jugend hat immer den tieferen Schlaf. Äolus, der Vater, dagegen (die Äolsharfe heißt nach ihm; aber damals wußte er noch von der Harfe nichts) wacht mitunter in Sorgen auf; dann fliegt er neugierig um seine Insel. Die braunen Flügel des Seeadlers sind ihm riesengroß aus den Schultern gewachsen mit gewaltigen Schwungfedern; seine Arme stecken eingewachsen im Fittich wie in einem Ärmel. Wenn der Gott mit eingezogenen Flügeln daherschießt, sieht man von seinen Füßen nichts; sie sind vom Gefieder zugedeckt: ein grausiger Vogel Greif, aber mit einem Götterkopf von menschlicher Bildung. Der graue Bart weht im Flug wie Herdrauch unter ihm her; der Mund ist groß und aufgerissen; die faltige Stirn eingewachsen in die zottigen Brauen und das wirre Stirngelock. So fliegt er bisweilen auch im Sommer um seine Insel wachthaltend und späht nordwärts nach dem Winter aus, ob nicht bald der Winter mit dem grimmen Frost aus dem Nordland kommt, damit er, der Äolus, wieder fröhlich tosen und schreien und sich tummeln kann, seine Peitsche schwingen und seine Kräfte üben. Im Sommer gehört den Menschen das Meer, im Winter gehört es den Stürmen. Eines Tages tauchte ein Segel auf. Äolus sah es: ein Schiff mit rotbemalten Wangen; ein schlaffes Segel am Mastbaum. Zwanzig Ruderer fuhren es 5 kühn heran. Im Schiff stand Odysseus, der Griechenheld, der abenteuernd von Troja heimfuhr. Er fürchtete sich nicht vor der Insel der Winde. Oder sah er sie nicht? Odysseus, der Dulder, irrte, vom Zorn Poseidons gehetzt, schon seit langem über das Meer. Nach Ithaka, zu seiner Penelope strebte er; aber der Meeresgott Poseidon haßte ihn und wollte seinen Untergang. Jetzt aber setzte sich Äolus als Vogel auf den Schiffsrand und sprach: »Du bist Odysseus. Sei mein Gast. Willst du nicht bei mir landen? Ich schütze dich.« Odysseus erschrak nicht vor dem Gott, dem seltsamen Vogel in Greifengestalt; er lachte hell auf. Er hatte auf seiner Irrfahrt schon zu viel Wunderbares gesehen: die menschenfressenden Lästrygonen und Zyklopen, die Riesen und Giganten; ja, auch die Schrecken der Unterwelt, als er den bleichen Schatten Achills beschwor. Der große Vogel saß auf dem Schiffsrand; aber das Schiff neigte sich nicht unter seiner Last; denn es war eben der Wind, und der Wind hat kein Gewicht, wenn er ausruht. »Sei mein Gast,« hieß es noch einmal. Odysseus dankte: »Göttlicher Vogel, laß mich fahren, an deinem Eiland vorüber. Ich muß weiter, zu ihr, die meiner harrt, zu meinem Sohn Telemach und zu meinen Bauern, daß ich sie mit meinem Speer schützen kann, als ein Pfleger des Volkes.« Da kam ein Windstoß. Der Vogel war verschwunden. Der Windstoß riß das Schiff an den Strand. Odysseus war gefangen und kam nicht weiter. 6 In der Bucht zog er ingrimmig sein Schiff aus Land. Da war eine Kluft. »Berget hier die Ruder, trocknet die Seile und Segel,« sagte er zu seinen zwanzig Gefährten, »und bleibet hier, bis ihr von mir hört« – und schritt mit finsterem Mut durch Waldbusch und Wiesen ins steile Innere, als sein eigener Kundschafter. Er hörte ein sägendes Geräusch aus den Bergen schallen; das waren die Söhne des Äolus, die in ihren Höhlen schnarchten. Durch die Wiesen hüpften Ziegenherden und Lämmer und mitten dazwischen die gehörnten Faune und Satyrn, die munteren Strolche, die überall in der Märcheneinsamkeit gedeihen und die Herden lieben, als wären sie ihresgleichen. Er rief sie an; aber die Burschen meckerten nur und wiesen mit dem Finger den Wasserfall hinauf nach oben. Da stand eine turmartige Burg aus Haustein, wie ein Gefängnis, mit acht Türen zum Einschlupf für die acht Winde, und aus dem Haupttor trat schon Äolus ihm entgegen, im blauen Schurz, der mit grobem Knoten um seine Hüften hing; im übrigen war er in seine Flügel wie in einen weichen Peplos gehüllt. Sein Auge leuchtete freundlich, als er seinen rechten Fittich emporhob und die rauhe Hand aus ihm herausstreckte, deren Finger mit dickem Flaum bewachsen waren. So nahm er die Hand des Helden und sagte: »Tritt ein. Ich bin Äolus. Ich langweile mich. Es gibt jetzt nichts zu blasen. Du sollst mir Gesellschaft leisten. Endlich einmal ein natürlicher Mensch ohne Götterzauber, ohne Flügel, ein Mensch, der sich quälen muß, und gar ein Held, 7 der Taten tut und von Troja kommt! Du sollst mir erzählen. Weltkundig bist du und listenreich. Ich aber habe im Alter den gesunden Schlaf verloren, und leer und untätig sitz' ich daher nun schon Tag für Tag.« Er hielt inne und lauschte: »Hörst du das Singen? Hinten im Frauenhaus, da singen mein Weib, die alte Anemone, und die acht Weiber meiner Söhne mit ihr im Chor. Die machen Fischernetze. Sie singen seit Äonen täglich dasselbe Lied; es ist nicht auszuhalten.« Er gähnte. Da kam aus seinem Mund ein Windstoß, daß der Gast sich an dem Pfosten hielt, um nicht umzufallen. Odysseus blickte verhärmt und bitter. »Ein Gefangener bin ich, unfrei und unfroh, und soll dir erzählen?« Man badete ihn, wusch ihm das Meeressalz aus Haar und Angesicht; man speiste ihn; die Weine flossen; er aber redete nichts, und Äolus war schwer enttäuscht. Er war enttäuscht und blieb es. Odysseus spähte durch den Spalt zu den acht Frauen, wenn sie, den Krug auf dem Haupt, im Hof aus dem Springquell Wasser holten. Wie weiße Gänse trippelten sie hintereinander her im Gänsemarsch. Das waren üble Tage: Odysseus traurig, Äolus verärgert. Täglich hörte Odysseus den Gesang der Frauen, ein seltsames Schnattern und Girren: aber es dauerte immer nur eine halbe Stunde lang, wie ein Uhrwerk, das maschinenhaft nur für eine kurze Zeit ertönt und dann abgelaufen ist. Es waren alles regelrechte Baumnymphen, diese Frauen, die hier aus den dunklen Wäldern stammten, von völlig stiller, 8 regloser Natur; und das war gut und eine Ausgleichung der Temperamente, weil doch die Stürme ihre Gatten waren. Da griff Äolus zur List; er gebot seiner Tochter Polymele: »Geh hinaus auf die Wiesen. Wir wollen den Bock am Spieß braten, den jungen Bock. Hol' ihn mir aus der Herde. Daß aber die frechen Satyrn im Busch dich nicht überfallen, nimm auch Korax, den bösen Hund, mit.« Äolus wußte, daß Odysseus gern über die Waldwiese ging, um nach seinen Schiffsleuten, den Gefährten am Strand, zu sehen. Vielleicht gelang es dem schönen Mädchen, ihn heiterer zu stimmen. Polymele war nicht wie ihre Mutter; sie war voll warmen Lebens, eine Mischung aus Sturm und Windstille; auch nicht beflügelt wie ihr Vater und ihre Brüder; nur über ihren Augen standen die schwarzen Augenbrauen wie Schwalbenflügel. Sie fand den Bock; aber, um länger die Freiheit zu genießen, trieb sie ihn vor sich her den Bergen zu, ohne die tollen Satyrn zu fürchten, die nach ihr äugten, hinter den Waldbäumen hervortraten und unverschämt grinsten, Purzelbäume schlugen und mit Bocksprüngen ihr dreist nahe kamen. Sie hetzte den Hund, und der jagte sie davon. Aber den jungen Bock hatten die Kerle sich gefangen und riefen: »Komm her! Hol' ihn dir! Wir halten ihn fest. Nur wenn du mit uns tanzest, geben wir ihn heraus.« Polymele aber warf sich sorgenlos lachend in die Wiese und holte ihre Hirtenflöte aus dem Kleide. Odysseus stand im Pappelgehölz verborgen; da sah 9 er voll Überraschung die Schlanke, Lilienarmige, wie sie vorgebückt im Rasen unter den Blumen saß, das Haar aufgelöst wie ein weiter Mantel um sie her. Ihre Finger spielten am Rohr, und eine Schlange hatte sie aus dem Erdloch gelockt; die hob das grüne Köpfchen und wiegte sich bezaubert in Ringeln vor ihr, als ob sie tanzte, und lauschte dem süßen Pfeifen, das aus der Flöte kam. Ja, sie griff sich die Schlange und hing sie sich um den blanken Arm. Dann sprang sie auf und sah plötzlich den Helden, der aus dem Gehölze trat. »Flieh nicht, bei der Göttin der Liebe, schönes Kind,« begann er. »Ich bin Odysseus, deines Vaters Gastfreund.« »Mein Vater setzte dich hier gefangen, und du bist traurig?« »Nicht, wenn ich dich sehe. So wie du die Schlange bezähmest, so kannst du wohl auch die Herzen der Jünglinge bändigen, wenn du willst; wahrlich, auch meines, obschon ich alt bin.« »Und du bist kein Satyr und kein Pan und bist schöngestaltet und herrlich,« sagte sie. »Heldenhaft bist du, wie ich die Männer mir träumte, die hier nicht leben und die uns die Dichter rühmen; und ich hab' noch keinen gesehen wie dich.« »Und du hier so auf der Wiese allein?« »Die Satyrn, die dummen, griffen den Bock. Da oben! Ich sollte ihn holen.« Da flohen schon die gehörnten Waldmenschen, als Odysseus auf sie eindrang. Er nahm den Bock auf seine Schultern und geleitete Polymelen nach Haus. 10 Nicht wortlos mehr, nein! Seine Zunge löste sich endlich; er erzählte ihr von Ithaka und von Telemach, seinem Sohne, der ein Kind war, als er, Odysseus, um in den großen trojanischen Krieg zu ziehen, Ithaka verließ. Und von den Sirenen erzählte er, die am Ufer saßen und sangen, als er vorüberfuhr, und das Herz erfüllten mit ällmächtiger Liebessehnsucht. »Man möchte sterben vor Verlangen, wenn die Sirene singt. Aber mein Herz ist gefeit. Denn mein stolzes Weib Penelope harrt auf mich, und ich will zu ihr.« »Du erzählst so schön,« sagte sie. »Warum erzählst du nicht auch meinem Vater so? Er wünscht es sich.« »Ich will es tun, wenn du dabeisitzest und spinnst und ab und zu auf deinem Rohre flötest.« Seitdem flossen dem Äolus die Tage angenehm dahin. Odysseus erzählte ihm, wenn das Mahl beendet war und der süße Inselwein die Zunge löste, Erlebnisse und Heldenmärchen, die er selbst erlebt; der Kluge ersann auch manches dazu, wie es dem guten Erzähler frommt. Polymele aber war zugegen, und ihr junges Herz ward bezwungen von der Geistesgröße des Gastes, und ihr Auge verschlang ihn. »Poseidon,« so plauderte Odysseus, »Poseidon, der Wasserstampfer, der schaumfrohe Meeresgott mit dem Dreizack, der zürnt mir maßlos, der jagt mich mit seinem Zorn. Warum? Troja, die Burg, hab' ich mit List zerstört; er aber hatte einst Trojas Mauern aufgebaut und gegründet. Und Poseidons Sohn, der garstige Zyklop in der Höhle, der sonst nur schlecht und recht von Milch und Käse lebt, fraß meine Genossen, 11 ein schändlicher Menschenschlächter. Zur Rache machte ich ihn trunken mit Wein und beraubte ihn des Augenlichts. Er hatte nur ein Auge mitten über der Nase; das war groß wie ein Ruderloch; ich bohrte ihm den Spieß hinein. Seitdem haßt Poseidon mich doppelt.« »Ich schütze dich,« sagte Äolus vergnügt. »Du bleibst hier. Poseidon braucht mich, er braucht die Winde, und ich stehe mich immer noch leidlich mit ihm. Einen Palast bau' ich dir. Den Wald legen wir für dich nieder, und du sollst Felder bestell'n und Herden weiden und fischen und auf See fahren nach Herzenslust. Willst du noch mehr? Willst du auch Polymele, meine Tochter? Sie sei dein Weib. Ich seh' es gern. Die albernen Satyrn möchten sie sich haschen; aber sie ist zu gut dafür.« »Ich will keinen Palast, ich will kein Weib,« versetzte Odysseus finster. »Der Herbst naht. Mein Weib wohnt im Westmeer, dort, wo die Sonne in den Okeanos sinkt. Dahin will ich, dahin auch meine Gefährten. Meine Gefährten schelten mich; sie sehnen sich auch nach ihren Heimathäusern.« Da flog Äolus des Nachts zum Westmeer über Arkadien hin nach Ithaka, um Penelope selbst zu sehen. So schnell wie ein Mensch sein Auge aufschlägt und wieder schließt, so schnell war er dort; das ganze Mittelmeer spritzte unter ihm Schaum bei seinem Fluge, und die Leute in Ithaka fuhren aus ihrem Schlaf, weil die Brandung auf einmal so tosend ging. Er fand Penelope einsam auf ihrem Lager; sie seufzte um ihren Gatten. Er sah Telemach, den 12 jungen, ratlos hinausspähend in die öde Salzflut; er sah im Saal Eurylochus, Antinous und die anderen frechen Freier, die sich täglich ins Haus warfen und dort das Gut des fernen Odysseus verpraßten, um die Ehe der Penelope zu erzwingen. Sie sollte sich den neuen Freier wählen, als wäre Odysseus verschollen und tot. Sie war die hehrste der griechischen Frauen und ihre Schönheit unverloren; aber wie eine schwarze Wolke stand Penelope im Licht des Saales, wenn sie zürnend und wehrlos im Trauergewand unter die Freier trat und sie warnte vor des Odysseus blutiger Rache. Am folgenden Tage erzählte Äolus dem Odysseus: »Sie ist dir ungetreu. Glaube mir. Ich sah es. Ich war dort.« »Du lügst. Alle Winde sind unzuverlässig. Ich glaube dir nicht.« Äolus aber fing die Stimme der Penelope in seinen Schwingen und trug sie von Ithaka herüber, und Odysseus hörte da mit Staunen vernehmlich aus der weiten Ferne die Stimme seines ersehnten Weibes, und sie sprach: »Ich wähle den Eurylochus, bei allen Göttern.« Er erbleichte. Was bedeutete das Wort? Es war kein Zweifel. Die Freier stellten sie vor die Wahl, und sie hatte sich entschieden: »Ich wähle den Eurylochus.« Da versank Odysseus in Schwermut und Erbitterung, in Groll und dunklen Zorn. Der Listige war überlistet. Der Herbst kam. Die Söhne des Äolus wachten auf und krochen aus ihren Höhlen, suchten erst ihre 13 lieben Weiber und küßten sie; dann versammelten sie sich im Saal der Felsenburg, wo Äolus sie über ihre Winterpflichten belehrte, und schossen endlich aus den acht Toren des Kastells wie die Reiher im Flug über das Meer in alle Richtungen. Der böse, barbarische Boreas, der wilde, schrie am lautesten. Ein Wirbel von Orkanen ergriff die Windinsel, und Odysseus warf sich platt zu Boden, auf Polymelens Rat; denn es war, als drehte sich das Land im Kreise wie ein Rosenblatt, das man in den Strudel geworfen hatte. Äolus selbst, der große Flieger, zog, hoch auffahrend, weithin, jenseits des Inselmeers über die Berge des Balkan und wehte über Afrika und ganz Asien und beaufsichtigte und hetzte seine Söhne. Um Odysseus und Polymele aber war alles still. Kein Schnarchen mehr auf der Insel und kein Schnauben. Nur der liebe Zephyr war geblieben; er wartete auf den Frühling, umfächelte die Blumen im Wiesengrund, setzte sich dann in die hohe Baumkrone und schlief da weiter. So sah sich Odysseus mit dem Mädchen allein in der Einsamkeit. Sie hatte Befehl vom Vater, den einsamen Wintergast zu trösten. Und sie tröstete ihn. Es fiel ihr nicht schwer. Denn was ist das Leben ohne Geschäftigkeit? Die Satyrn holten sie sich aus den Wäldern herbei zum Traubenkeltern. Wie die in den Kufen possierlich hopsten und sprangen! Ein wieherndes Gelächter! Der junge Most schäumte. Süße Trunkenheit! Dann mußten die losen Gesellen auch noch ein Stück Wald roden, und Odysseus setzte 14 den Pflug an und zog die Furchen für die Frühlingssaat. Äolus hatte ihm einen Palast verheißen. Wozu aber ein Palast? Odysseus zimmerte sich ein Blockhaus aus Fichtenstämmen; einen Garten zäunte er sich ein, darin Polymele Nelken und Narzissen pflanzte und Rosmarin und Amaranth, Lavendel und Thymian. Und er nahm sie in sein Haus. Hin- und hergeworfen zwischen Tier und Gott, war Polymele jetzt aus halbem Tierleben vollreif zum Menschen erwachsen: nicht Circe, nicht Kalypso, nicht Sirene, nein, ein Weib, voll Kraft und Liebreiz, wie es sein soll , ein Gefäß, das überfloß von den schönsten Gaben und dankbar war, wenn es geben konnte. Odysseus war bisher nur ihr zweiter Vater, war ihr nur ein kluger Lehrer und Freund gewesen; jetzt war sie sein Weib. Seine Genossen hüteten noch immer am Strand das Schiff; sie murrten laut; aber ihr Murren war vergeblich. Polymele hielt Odysseus fest, daß er nicht zu ihnen an den Strand ging. Auch sollte er nicht hinausstarren auf die wogende See; denn der Blick auf das Meer ist gefährlich; es weckt immer die Sehnsucht nach dem, was in der Ferne ist, als blühte das wahre Glück nur an den jenseitigen Gestaden. Kein Menschenschiff zeigte sich mehr am Horizont. Wohl aber fuhr der Gott Poseidon, der Meeresherr, sprühend vor Zorn, draußen durch die spritzenden Wellen. Wehe dem, der ihm begegnete! Im Sommer, da fuhr er sanft schaukelnd im perlmutterschimmernden Muschelwagen mit seinen Delphinen; 15 im Winter hatte er den Hai im Geschirr, raste mit triefendem Bart daher – das Wasser lief ihm aus Augen und Ohren – und schwang den kolossalen Dreizack, der die Wellen aufwühlte und die Erde erschütterte und so groß war wie ein Schiffsmast und wie die hundertjährigen Fichten des Berges. Äolus schoß eben durch die Wolken; da hielt Poseidon sein Haifischgespann an und schrie: »Höre auf mich, du Brausekopf. Bin ich nicht mehr dein Herr? Weißt du nicht, daß ihr Winde meine Diener seid? Bei dir steckt Odysseus, den ich fassen will. Du weißt, daß er mich freventlich beleidigt hat, und, bei meinem Barte, ich ruhe nicht, bis ich ihn unter meinem Dreizack habe und er im tiefsten Abgrund des Meeres ertrinkt.« Äolus konnte indes seinen Flug nicht gut hemmen; daher schwirrte er in großen Schleifen um den Gott her, als er antwortete: »Ich schulde ihm Dank; er ist mein Gastfreund, und ich liebe ihn. Zeus lebt noch, und der große Donnerer im Olymp ist mehr als du, Poseidon. Zeus ist der Schützer des Gastrechts. Damit gib dich zufrieden. Meine Insel soll dem Helden eine Heimat sein. Wagt er sich aber jemals wieder aufs Meer, da soll kein böser Sturm ihn schädigen. Meine Söhne wissen es. Nur Zephyr ist bei ihm. Ich gebe ihm nur günstige Winde zur Fahrt.« »Ich werde mich rächen! Ich verlange Gehorsam!« brüllte Poseidon fürchterlich und hob drohend die gezackte Waffe, als wollte er damit Berge versetzen. »Du rufst es in den Wind!« Äolus segelte davon. Er war zehnmal schneller als sein Herr, der vergebens 16 nach ihm stieß und Wasserberge aufwühlte, um seine Schwingen zu übergießen. Zeus, der allmächtige im Olymp, war freilich der Hort des Gastrechts; aber irrte sich Äolus nicht? Hatte er seinen Gast nicht betrogen und überlistet? Vertraute er mit Recht auf Zeus? Indes hatte Odysseus allen Trübsinn aus seinem Herzen verloren. Er, der Held, der dem Hektor widerstanden, der den Troïlus tötete, der in das stürzende Troja die Fackel warf und dessen Ruhm wettstritt mit dem Ruhm des Diomedes und des Achill: hier gab es für ihn nichts zu kämpfen, nichts zu herrschen, nichts zu wagen. Aber Polymeles Seele war edel und gut und stimmte ihn friedlich, und ihre harmlos frische Jugend verjüngte ihm das alternde Herz. Er hatte hier eine Heimat gefunden. Was wollte er mehr? Er lebte als Bauer mit seiner Bäuerin, und es verdroß ihn nicht. Er streute Dünger aufs Feld, fuhr die getrocknete Wäsche heim auf dem Ochsenwagen und schritt dabei geißelschwingend neben den gehörnten weißen Stieren her. Wenn Polymele die Ziegen melkte, trug er die Eimer voll schäumender Milch selbst ins Haus. Sie formten die Käse mit ihren Händen um die Wette und lachten sich dabei an: wer macht es besser? Kam er im Winterregen von der Jagd mit dem erlegten Hirsch, war das warme Bad bereit; der Kessel siedete, der Herdschein fiel vergoldend durch den Raum, und ein wohliger Trunk, den sie ihm im Stierhorn kredenzte, labte ihn. Die lustigen Satyrn strömten oft hinterdrein aus dem Wald und lugten hungrig grinsend durch die 17 schmalen Fenster. Den Hylas, den meckernden, muntern Burschen, ließen sie gern zu sich als Gast herein; Polymele fütterte ihn mit Rüben. Der machte seine tollsten Bocksprünge im Hof und kletterte wie ein Affe in den nächsten Baum, wenn Korax, der böse Hund, ihn kläffend anfiel. Von Hylas, dem Satyrn, hatte Polymele das feine Spiel auf der Schalmei gelernt; er lehrte sie auch jetzt täglich neue, lachend zärtliche Weisen. Die spielte sie dem Odysseus, und ihr schönes Auge, das tief und groß und schwärmerisch unter den Schwalbenflügeln der Augenbrauen stand, heftete sich dabei magisch auf ihn, als wäre er die Schlange, die sie aus dem Erdloch lockte, bis sie in Ringeln tanzend sich wiegte vor Wohlbehagen. Ein süßer Veilchenduft kam aus ihrem Angesicht und schmeichelte seinen Sinnen und stimmte ihn bei jedem Wort, bei jedem Anhauch, bei jedem Kuß friedselig und träumerisch; denn Polymele war ja die Tochter der Anemone, der Nymphe, und sie liebte es vom Veilchenkraut zu essen, das überall üppig im Walde wuchs und seinen Duft verschwendete. So kam es, daß, wenn Odysseus einmal mit geballten Fäusten auf das Dach des Blockhauses sprang, um hinauszuspähen, ob es denn hier weit und breit keinen Feind gebe, gegen den es sich verlohnte, das Schwert zu heben und im Gefecht zu stehen, ihr Flötenspiel wie sommerlicher Zikadensang und Nachtigallenschlag ihn gleich heimlockte. Sein Wagemut entschlummerte im Duft ihres Wesens. Welch trauliches Leben! Nicht selten freilich führte 18 Polymele den Mann auch zu ihrer Mutter Anemone, und da sah Odysseus die Gattin des Äolus und die acht jungen Schwägerinnen der Polymele endlich deutlich von Angesicht zu Angesicht. Die sprangen gleich von ihren Stühlen und jauchzten ihn neugierig an, wenn sie ihn sahen, und kicherten im Chor; aber sie sagten nichts als »Chaire, Chaire« (das heißt ›Heil, Heil!‹) und »wie süß, wie süß!« und »ja ja, ja ja! Endlich ein Mann, der keinen Sturm macht.« Das war alles. Es war, als hätte der viele Wind, in dem die Frauen mit ihren Gatten zu leben pflegten, ihnen das liebe Hirn leergeblasen wie ein ausgeblasenes Straußenei. Sie hatten alle dasselbe niedlich glatte und wasserhelle Nymphengesicht, denselben Puppenmund, denselben gedrehten Zopf, dieselben kleinen Kinderhändchen und denselben schwankenden Watschelgang. Nur die Familienmutter gebot, ihrer Würde entsprechend, über einige Zornfalten und Sorgenfurchen, die ihr das Alter gerissen hatte, und ein kleiner Ziegenbart war ihr am Kinn gewachsen, an dem sie ängstlich zupfte, wenn sie nachdachte. Aber das kam selten vor. Eines Tages aber schrie die ganze Frauenschar aufgeregt: »Sie kommen! Sie kommen!«, reckten ihre Hälse wie die Wasservögel, streckten die Nase in die Luft, warfen sich dann in ihre besten Kleider und steckten sich wilde Blumen ins Haar. Der Winter ging zu Ende; das spürten sie, und die Stürme, ihre Männer, würden nun wieder heimkehren vom Meer. »Sie kommen!« Eben jetzt wachte Zephyr in seiner Baumkrone auf, 19 rieb sich die hellen Augen und begann zu flattern und leise zu säuseln, und auch Polymele sprach zu Odysseus: »Spürst du die liebliche Wärme nicht? Mein Vater, meine Brüder sind endlich draußen des Rasens müde und denken an ihren seligen Sommerschlaf, und die wilden Wellen im Meer legen sich nieder.« Odysseus spürte die Wärme wirklich, und plötzlich wandte sich ihm das Herz. Er entriß sich ihren Armen und stürzte jählings drangvoll hinab ans Felsgestade: »Meerfahrt, Meerfahrt! Frühling! Freie Bahn! Ja Freiheit, Freiheit! Was zaudre ich?« Nach Ithaka, der Heimat, packte ihn aufs neue die alte, unbändige, unbezwingliche Sehnsucht. Was war ihm jetzt Polymele, die gute? Er schlug sich die Stirn: »Ich Vergeßlicher!« Penelope sein rechtes Weib! Telemachus sein Knabe! Sie lebten noch, sie lebten noch. Wie auch immer: er wollte zu ihnen. Er mußte. Es hielt ihn nicht. Es zerriß sein Herz. Die großen Tränen rannen ihm in den Bart. Penelope ungetreu? Was hatte Penelope gesprochen? »Ich wähle den Eurylochus, bei allen Göttern,« das war das böse Wort Penelopes, das Äolus ihm zugetragen. Es war ihre eigene Stimme gewesen, die er hörte. Kein Zweifel. Was aber bedeutete das Wort? Daß sie das Weib eines andern war? Nein, nein! Er konnte, er konnte es nicht glauben. Der alte Frühling blühte wieder auf den Wiesen, die alte Liebe blühte wieder in seinem Herzen. Äolus trat eben keuchend ans Land. Sein Atem stürmte noch in krampfhaften Stößen, und Odysseus 20 trat vorsichtig hinter ihn, damit sein Wort ihn nicht umblies. Totmüde war der Gott, seine Fittiche schleiften am Boden. Etliche Schwungfedern hingen geknickt heraus; er hatte sie in seinem blinden Ungestüm am starrenden Felsengrat zerschlagen. »Lebst du noch?« keuchte der Gott. »Laß mich fahren,« rief Odysseus. »Ich will heim.« Der Widerspruch wollte sich in Äolus heftig regen; aber er hatte keine Kraft und lallte nur: »Nicht fahren, Mensch! Du sollst bleiben. Mein Wille ist's.« »Ich fahre heim,« rief der Held nur noch inbrünstiger. »Aber nur mit deinem Willen. Glaube mir, ich kehre wieder von Ithaka . . .« »Willst du Eurylochus, Penelopes neuen Gatten, erschlagen?« »Ich morde sie alle, die frechen Freier in meinem Palast. Denn mein Pfeil trifft gut. Aber das ist es nicht. Penelope strafen! Das gelob' ich dir! Dann kehre ich zu dir heim, wenn ich Penelope, die ungetreue, gestraft habe. Dann will ich kommen und deine Tochter holen.« »Penelope, die ungetreue . . .?« Äolus war in seiner eigenen List und Lüge gefangen. Er konnte nicht sagen, daß sein Bericht erlogen war. Er konnte es wohl – aber sein Wille, seine Zunge versagten. Anemone, die Gattin, war schon da und die Frauen alle aus dem Frauenhaus; da flogen auch die acht Äolussöhne heran, und die Frauen holten die Schwermüden heim in das Haus, um sie zu pflegen. Schon entschliefen sie alle. Die Stürme hatten sich auf der Insel des Äolus 21 zur Ruhe gelegt, und der Frühling war draußen auf dem Meer. Da spannte Zephyr, der linde, der einzige, der wach geblieben, seine regenbogenfarbigen Taubenschwingen, um Odysseus und seine zwanzig Gefährten, die das Schiff bestiegen und hoffnungsvoll das Segel spannten, weit hinaus zu geleiten, der Heimat zu. Odysseus fort! Polymele fühlte mit zitterndem Herzen, wie flüchtig, wie kühl des geliebten Helden Abschiedsgruß war. »Ich kehre wieder,« sagte er das? Aber wann, ach, wann? Das Jahr wuchs. Auf den Frühling folgte der Sommer. Polymele wich nicht vom Strande und spähte mit aufgerissenen Augen täglich hinaus auf die leere Wasserfläche. Die stillen Wellen glühten in Blau und Purpur, so gleißend schön. Aber jede der unzähligen lispelte und rauschte den Strand entlang: »Er kommt nicht.« Sie gebar ihm einen Knaben. Würde er ihn jemals sehen, den Heldensohn, den ihm Polymele geboren hatte? Äolus, ihr Vater, schlief fester als je. Aber Poseidon war wach, und Poseidon sann jetzt auf Strafe und Vergeltung. Wie fernes Donnern und Wetterleuchten meldete sich sein Zorn. Odysseus war ihm entronnen; er gelangte glücklich nach Ithaka, zu seinem Ziel, weil der Meeresgott nicht achtgab und am Tag der Flucht just im fernen Ägypten weilte! Denn Poseidon war ein hungriger Gott. Das Meer gab ihm nur Fische; die frommen Leute im ägyptischen Theben, der hunderttorigen Stadt, dagegen hatten ihm jetzt hundert fette Stiere, die 22 prächtigste Hekatombe, geopfert; der Braten roch herrlich, und er eilte lüstern dorthin, um sich des seltenen Mahles zu freuen. Indes kam Odysseus ungefährdet zu den freundlichen Phäaken und mit ihrer Hilfe weiter zu seiner Heimatinsel. Und auf Ithaka war eitel Triumph und Freude. Penelope war ihm treu. Die Freier traf er mit seinem sicheren Pfeil, wie er gedroht hatte, und sie fielen kläglich in ihr Blut. Sein Herz lachte in Wonne und Heimatseligkeit. So war es wirklich. Nur ein Rätsel blieb. »Wie war es mit deinem Wort? Du sprachst: Ich wähle den Eurylochus?« fragte Odysseus sein Weib. Penelope sah ihm siegreich und voll Güte ins Auge, und sie erklärte ihm des Wortes Sinn. Telemach, der Knabe, sollte den Speerwurf lernen; die Männer auf Ithaka stritten, wer ihm im Speerwurf den Unterricht erteilen sollte; da trat Penelope, die Mutter, mitten unter sie, erhob ihre Stimme und entschied: »Ich wähle den Eurylochus.« Odysseus lachte: »Dies war die Meinung? O du Selige! So möge denn Telemach zeigen, was er von Eurylochus im Speerwurf gelernt.« Und Telemach, der junge, war's, der auf des Vaters Geheiß den Eurylochus, den Argen, mit der Lanze traf, ihn, der sich vermaß, des Odysseus Hab' und Gut und Ehre zu plündern. Poseidon war inzwischen aus Ägypten heimgekehrt. Er gewahrte alles, was geschehen war, und in gräßlicher Wut hob er seinen Dreizack und nahte dem Eiland. Polymele irrte eben über das Feld. Es litt sie 23 nicht im leeren Hause. Verlassen in ihrem großen Kummer, verlassen und unverstanden allein, wo sollte sie hin? Aus dem Busch sprangen die losen Faune und kicherten hinter ihr her: »Das hast du von deinem Stolz. Uns hast du allezeit verschmäht, die wir nach dir jagten. Komm jetzt noch her, wie du bist. Wir sind immer lustig, und im Wald ist es kühl. Am Quell wollen wir tanzen, und im tiefen Gras liegt es sich süß.« Hylas selbst, der liebe Junge, kam ihr nach, blies seine allerschönsten Hirtenweisen und flehte: »Stört dich mein Gehörn? Ich stoß' es mir ab, wie der Hirsch es tut. Ich will artig sein wie das Lamm, das an der Mutter hängt, und wie die zahme, junge Taube, die dir aus der Hand die Körner pickt. Das will ich, wenn du mir gut bist, Polymele!« Sie streichelte den Lieben mit schmerzlichem Lächeln und stammelte: »Ihr Waldteufel, ihr gedankenlosen, versteht mich nicht. Nur der Mensch versteht den Menschen. Ich war glücklich, was will ich mehr? Denn ich habe den Menschen in seiner Herrlichkeit erlebt. Glücklich sein oder sterben: das ist Menschenlos.« Schon stand sie einsam, hoch oben auf dem Uferfelsen; die glitzernde Salzflut gähnte unter ihr. Ihren kleinen Sohn hielt sie im Arm, ihr Herz zersprang, und ihr Wehklagen scholl so bitterlich in die Nähe und Ferne, daß ihre Brüder aus dem tiefen Schlaf erwachten, aus ihren Schluchten kamen und unwirsch fragten: »Was lärmst du so?« Sie hob den Fuß und war im Begriff sich vom 24 hohen Felsen ins Meer, das tötliche, das ihr den Geliebten entführt, hinabzustürzen. Da stand sie vor Schreck versteint: sie sah leibhaft den gräßlichen Gott Poseidon im Meeresschwall – ihr Auge war hellsehend in ihrer Angst. Der Gott kam nahe und hob schon im Jähzorn brüllend den Dreizack, den Erderschütterer, und faßte damit machtvoll den Fuß des Eilands, daß der Grund schütterte und die Felsen bebten. Denn Vulkan hatte die Insel auf schmalem Fuß ins Meer gestellt, und sie lag wie eine große schwimmende Scheibe auf dem Wasser. Zweimal, dreimal riß der Gott am Fuß der Insel, die Scheibe begann zu wanken und neigte sich rasch und versank im tiefsten Flutenabgrund. Der Wasserschlund spaltete sich gähnend und schlug krachend darüber zusammen. Der Schaum zischte zum Himmel. Versunken, um nie wieder aufzutauchen: kein Auge sah die Insel jemals wieder, kein Auge bis auf den heutigen Tag. Seitdem sind die fliegenden Winde ewig heimatlos und haben nicht, wo sie ihr Haupt hinlegen. Sie hausen flüchtig bald im schluchtenreichen Hochgebirge des Kaukasus und der Alpen, bald in der Sandwüste der Sahara und reiten unstet auf den endlosen Wellen des Ozeans. Nirgends, nirgends ist für sie Rast. Wenn aber die See still liegt im jungen Frühling, da hört das Volk, das am Ufer steht, wohl ein Seufzen im sanften Windeshauch. Es ist das Seufzen der Polymele. Denn ihre Seele rang sich los aus dem Tod und flattert nun wie ein huschender Schatten, den die wandernde Wolke aufs Wasser 25 wirft, ewig ziellos und ewig suchend durch die Natur. Dies Seufzen habe auch ich gehört, da ich jung und traurig war und am Ufer stand: die Wehmut der verlassenen Liebe, den Schmerz der Tochter des Äolus, der freundlichen, die einst der strahlende Griechenheld aus Untreue geliebt und aus Treue verlassen hatte. Aber auch die Äolsharfe redet von ihr. Wer an altersgrau verfallenen Stätten in die hohlen Risse der Efeuwand Saiten spannt, der warte still auf den Abendhauch; dann hört er die Saiten weich erklingen. Äolus, der Vater, trauert um seine Tochter und legt sich zärtlich müde in die Harfe, daß sie zittert ohn' Ende, und du stehst und lauschest, und das Herz schwillt dir vor Schwermut, bis die Nacht kommt und der Schlummer winkt und dein Auge zufällt und der klagende Gott sich zur Ruhe legt. 26     Am Hof des Tyrannen Die schöne Galatea war heut' ärgerlich und vergrämt, und Schuld daran hatte Dionys, der Tyrann und König von Syrakus. Ihre Zofe versuchte sie umsonst zu trösten. Drei Jahre lebte sie schon in Syrakus in ihrem Gartenhaus, und man konnte streiten, welches Haus mehr Anziehungskraft besaß, der Palast des Tyrannen oder das Gartenhaus der Galatea. Sie war eine reife Schönheit, aber unwandelbar jung wie Aphrodite; in vielen Großstädten hatte sie schon gelebt und ein Haus gemacht und hatte zahllose Verehrer überall, unter den Mächtigen des Staats wie unter den Künstlern und Philosophen. Die»schöne Frau« war eine Weltmacht in Griechenland, mit der auch der König rechnen mußte. Dionys machte ihr natürlich den Hof. Es gehörte zu seinen Herrscherrechten, daß eine Galatea für ihn schwärmte. Aber Frauen sind unberechenbar, und auch wenn Könige Liebesverse schreiben, sind sie kritisch. »Gib acht,« sagte Galatea zu ihrer Zofe, »ob sich ein Hausspion des Tyrannen bei mir eingeschlichen hat, der unsere Gespräche belauschen kann. In der Küche? Man ist nie davor sicher. Das eine meiner Pantöffelchen fehlt mir. Wer weiß? Der Mensch hat den Schuh gestohlen.« Sie hatte heute wenige Besuche empfangen. Die Lauben im Garten standen leer. Ungeduldig, gequält ließ sie ihre Perlenkette durch die Hand gleiten. Dann löste sie in irrem Zorn ihren Haarknoten. 30 »Philoxenos gefangen gesetzt! Es ist zu arg.« »Rauf' dir nur nicht gleich deine Haare,« rief die Dienerin voll Besorgnis. »Hier steht die Kiste voll von Liebesversen, die dieser Dionys mir geschrieben hat. Was soll mir das? Mein Haus ist mir verleidet. Verehrer, Verehrer, Verehrer! Was soll ich damit, wenn ich nicht selbst verehre? Mein Haus ist ein Speicher für Liebesgeschenke geworden. Ein Heuboden voll verdorrter Kränze! Ja! Den Herd heiz' ich damit. So viel Pomadenbüchsen stehen herum: ich kann, wenn ich über Land fahre, meine Wagenräder damit schmieren. Vierhundert goldene Ringe, oder sind es mehr? Vierhundert Männer haben mich fesseln wollen. Es ist lachhaft. Ich bin froh, wenn ich einen trage. Und Philoxenos gefangen!« Sie raufte sich die schön glattgekämmten Haare jetzt wirklich. Die Zofe schrie vor Kummer: »Dein Haar! Dein Haar! Ich soll es dir wieder machen!« Philoxenos sollte heute Abend zu ihr kommen. Heimlich. Niemand wußte von ihrer Liebe. Denn Philoxenos lebte erst zehn Tage in Syrakus. Und nun saß er schon im Gefängnis. »Laß uns von hier fortziehen, wenn es dir hier nicht mehr gefällt. Denn die Welt ist groß, und du hast überall Macht und Ansehen.« »Fortziehen, wo der Dichter gefangen ist? Die Latomie, der große Steinbruch – den hat der Tyrann zum Kerker umgewandelt. Ein hundert Fuß hoher Felsenkeller. Philoxenos wird sich erkälten; seine Stimme leidet in der Kellerluft. Seine Stimme ist 31 eine Kostbarkeit, und er selbst – es fehlt nur, daß er da Steine klopfen muß. Und was ist der Grund? Dichterneid. Auch Dionys dichtet. Vorgestern war's; in der Königshalle machte Dionys den Wirt, wie so oft. Da trug er seine eigenen Verse vor; es war ein Klagegesang um den Tod des Adonis. Wehleidig im Inhalt und nun gar der Ton! in Moll, in Moll. Der Tyrann, der schon so viele beiläufig umgebracht hat, klagt um den Tod des Adonis, des Knaben, der schon vor so viel hundert Jahren gestorben! Als er geendet, fragt er den jungen Philoxenos um sein Urteil. Philoxenos ist ehrlich, aber auch witzig, und er sagte: ›Deine Dichtung, Herr, kann nur Mitleid und Erbarmen erwecken‹. Dionys merkte anfangs gar nicht den Doppelsinn der Antwort; aber wir Anwesenden konnten das Lachen nicht unterdrücken. ›Mitleid und Erbarmen erwecken? war das Hohn?‹ schäumte er auf, der König. Er pfiff den üblichen Signalpfiff. ›In die Latomie mit ihm,‹ schrie er kurz. So ist es gekommen. Ein echter Dichter schmeichelt der Macht nicht. Ich liebe ihn.« Galatea griff sich wieder in die Locken, die schon ganz zerzaust ihr über die Augen fielen. Die Zofe schrie nochmals: »Ich muß dich neu frisieren. Der Kamm! der Kamm! das Brenneisen!« und stürzte in die Küche, um das Brenneisen aufs Feuer zu legen. Da schlüpfte dort der Spion des Dionys hinaus, Beta genannt. Denn Dionys nannte seine 24 Diener nach den 24 griechischen Buchstaben. Der König, dem Galatea zürnte, stand indes 32 wohlgemut schmunzelnd auf seines Palastes Zinnen. »Nichts ist schöner als schön zu sein,« summte er vor sich hin, augenscheinlich ein Zeichen des Wohlbefindens. Er war morgens auf See gefahren, eine Inspektionsreise an den Küstenplätzen Siziliens; die Seeluft hatte ihn erfrischt. Sein Blick schweifte zum Ufer hinüber jenseits des Hafenbeckens: da standen Kreuze zwischen den Pinien verstreut, Pfähle mit Querbalken, die aussahen wie ein stark vergrößerter Buchstabe T und an denen Dionys die Verräter kreuzigen ließ. Er sah mit Genugtuung, daß sie leer waren. Die Hinrichtungen hatten vorläufig ein Ende; kein Verschwörer bedrohte ihn mehr, den Dolch im Gewande. Er hatte sich jetzt, 35 Jahre alt, in Syrakus völlig durchgesetzt. Hatte er doch, er, der schlichte Bürgerssohn, der sich genial und tatkräftig zum ersten Feldherrn emporarbeitete, fast ganz Sizilien unterworfen und die Karthager wieder und wieder aufs Haupt geschlagen, so daß Syrakus in der Welt herrlich dastand. Nur im Südwesten der Insel, bei Selinunt, standen die Karthager noch. Nun war er König. Es ist köstlich, als König die Menschen unter sich zu haben, köstlich, wenn sie zittern vor Angst, noch schöner aber, wenn sie in ihrer Furcht lächeln. Ja, man lächelte ihm jetzt wirklich zu; denn er war, wenn er gnädig gestimmt war, herzgewinnend. Aber ein Allmächtiger hat Launen. Er hatte einen Kopf, ähnlich dem Zeus von Otrikoli, dabei aber eine Narbe auf der Wange, von einem Säbelhieb, wie ein Landsknecht. Auch lauerte in seinen Augenwinkeln etwas 33 Unheimliches. Wehe, wenn er Verdacht schöpfte! Da glich er mehr dem Gott der Unterwelt als dem Zeus, und seine Augen glommen wie Schwefel. Er kam eben jetzt von seinen beiden Frauen. Denn als echter Sultan hatte er deren zwei. Er hatte an seinem Hochzeitstage gleich zwei Frauen ins Haus genommen, die ihm beide gleich gut gefielen. Doris, die eine, nahm er auf seinen Kriegszügen mit ins Feld; die andere, Aristomache, war friedlicher und hütete ihm trefflich das Haus. Sechs Kinder hatten die beiden ihm gegeben. Es war ein lustiges Treiben in der Kinderstube und im Frauenhaus. Diese Kinderstube hatte er eben inspiziert und stand nun draußen auf der schattigen Galerie und summte wieder vor sich hin: »Nichts ist schöner als schön zu sein.« Was meinte er mit der Schönheit? Doch nicht sich selbst? Oder seine zwei Frauen? Wer mag wohl Frauen, die Kinder haben, besingen? Oder dachte er an die Sonne, die sich in ihrer Glorie schon dem Ätna zu nach Westen neigte? oder an den marmornen Tempelfirst des wundervollen Athenetempels mit seinen goldglitzernden Akroterien und Götterbildern? Das war es nicht. Er zog ein buntgesticktes Lederpantöffelchen aus dem Kleid; das Pantöffelchen, das Galatea vermißte. Er hatte es ihr nicht etwa selbst vom Fuße gezogen, aber er fühlte sich doch als Eroberer und dachte an ihren kleinen Fuß dabei. Es gibt auch eine Strategie der Liebe, und er übte sich gern und oft darin. Sein Hof war der glänzendste, den Griechenland je gesehen hatte, nicht nur an äußerem Prunk: auch Künstler und Gelehrte zog er als 34 Gönner heran und beschenkte sie reichlich; vor allem durften auch Frauenschönheiten von Weltruf nicht fehlen. Und so dichtete er nun, den Kopf voll Selbstgefühl wiegend, vor sich hin: Ach, dein Füßchen so zart und fein Und ein Wunder zu schauen! Glücklich preis' ich nur ich allein. Was ist schöner als schön zu sein, Du Erles'ne der Frauen? Klang das nicht erlesen: du Erles'ne der Frauen? Er maß die Silben in den Versen immer wieder ängstlich nach, indem er mit den Fingern auf der Marmorbrüstung tippte, und schnalzte leise mit den Lippen, als schmeckte er den Wohllaut. Dann rief er laut Alpha und Beta. Alpha und Beta nannte er seine zwei vertrautesten Diener, die ihm als Läufer und auf der Straße als Platzmacher dienten. Er schickte sie zu Galatea und ließ sie höflichst zum Abend bitten, um ihm das Gelage zu verschönern. In einer Stunde war von ihr ein Antwortschreiben da; darin stand: »Du bist im Unrecht, Herr. Philoxenos, den Sänger, gib frei. Ich will ihn heut Abend bei dir singen hören. Versprich mir dies. Sonst komme ich nicht. Vor zehn Tagen kam Philoxenos aus Athen hierher; er kam auf deine Bitte; er sollte durch seine Kunst den Glanz deines Herrschertums veredeln. Die Dichtkunst ist nur der Gottheit untertan, nicht dir.« Dionys biß sich auf die Lippen; dann schnupperte er an der Wachstafel, auf der die Worte standen, und roch einen süßen Duft, der aus dem Wachs kam, und in seinen Augen begann es lieblich zu flimmern. Der 35 Duft zauberte ihm die üppigen Räume vor, den Divan, die weißen Vorhänge, wo er ihr hatte nahen dürfen, damals, als er ihr scherzend die Spangen um den Fuß legte. Sie hatte es lachend geduldet, sie hatte ihn sogar mit dem Fuß gestreichelt. Man merkte ihm eben doch den Emporkömmling an: er hielt sich für unwiderstehlich, und jeder freundliche Blick, den sie ihm einmal gönnte, war ihm gleich ein Liebesgeständnis. Wie sollte es anders sein? Er war ja der Allmächtige. Schon liefen die Boten des Dionys, und Galateas Wille wurde erfüllt. Dann aber stieg in Dionys der Argwohn auf: warum ereiferte sie sich für den Dichter so? Stand er ihrem Herzen nah? Und er rief seinen Spion herbei: »Beta, Beta! Du, der alles ergründest, mein Häscher, gib Auskunft!« Der Beta aber wußte nichts Belastendes. Er versicherte: »Philoxenos hat bisher nie der Galatea Schwelle überschritten. Auffallend ist nur, daß sie heut den ganzen Tag sehr mißgestimmt war und so wenig Besuche empfing. Und ihre Frisur hat sie zerrauft; ja, das kann ich bezeugen; denn als ich vorhin in ihrer Küche war, hörte ich die Zofe nach dem Kamm und Brenneisen schreien.« Sie hat die Frisur zerrauft? weshalb? Sie war in Erregung. Das war wiederum verdächtig. »Aber meine Gedichte hat sie noch?« »Ja, die liegen alle in einem Elfenbeinkästchen auf dem Prunktisch.« »Wirklich?« Das beruhigte den Eifersüchtigen wieder, und seine Miene glättete sich.   36 Ein warmer Sommerabend. Das Gelage war draußen im schönen Säulenhof unter Girlanden und Myrtenlauben. Wellen von Blumenduft. Das Licht der flackernden Lampen spiegelte sich im Silber, im Ebenholz und Alabaster der Tische und Gefäße. Muntere junge Kriegsleute, aber auch ein Paar Schauspieler, Maler und Bildhauer waren zugegen; vor allem liebe Mädchen mit süßem Lachen und so beweglich und rege, wie die Troddeln und Quasten an ihren glitzernden Kleidern. Der Wein floß; die Diener schwirrten hindurch; nicht alle vierundzwanzig; einer fehlte, der Henkersknecht, der böse Buchstabe T. Er war seit langem untätig und stand schmollend in seinem roten Kittel hinter einer Säule versteckt. Galatea nahm neben dem Herrscher freundlich Platz. Sie war wie eine Priesterin weiß gekleidet, wie atmender parischer Marmor; ein Kranz von großen weißen Rosen im Blondhaar. Von ihren vierhundert Ringen trug sie nur einen: der Ring zeigte eine Leier im geschnittenen Stein. Endlich kam auch Philoxenos. Dionys schritt ihm persönlich entgegen und murmelte etwas von Bedauern und Übereilung. Er hatte ihm in den Thermen seines Palastes erst noch ein Bad bereiten lassen; daher trat der junge Mensch verspätet in den Kreis, und er zeigte das strahlende Gesicht des Kindes, voll argloser Zuversicht und Lustigkeit. »Du hast mir einen Dienst erwiesen, Herr,« sagte er aufgeräumt. »Ein Dichter muß auch vom Reich des Hades singen können, und ich habe im 37 Gefängnis die Hölle kennen gelernt, wo wie Gespenster die Eulen schrien. Das Bad aber war mir wie der Lethestrom; ich habe darin den Groll vergessen.« Gleich wurde die Gesellschaft munterer. Possenreißer kamen; dann aber begann der übliche Rundgesang, und jeder der Männer gab, so gut er konnte, ein anakreontisches Lied zum besten. Auch Philoxenos tat es, natürlich wunderschön; aber er bat um Nachsicht; er komme aus der Hölle, und seine Stimme sei deshalb rauh wie die des Cerberus. Dann entstand ein tiefes Stillschweigen. Auch Dionys nahm höchstselbst die Leier, legte sein großes Gesicht in Begeisterungsfalten und sang, nachdem er alle im Kreis und jeden einzelnen scharf und bedeutend angeblickt hatte, jene Verse, die wir schon kennen: Nichts ist schöner als schön zu sein, Du Erles'ne der Frauen. Das Lied ging aber noch weiter; Dionys spielte darauf an, daß Galatea ja auch der Name der lieblichen Nymphe und Meeresjungfrau ist, die nach der Sage den schiffbrüchigen Helden auf dem Meer zu Hilfe kam; und so sang er: Göttin bist du, die einst erschien Dem Odysseus im Meere. Wär ich Ärmster doch ein Delphin. Auf dem Rücken trüg ich dich hin Durch die Wellen, auf Ehre. »Durch die Wellen, auf Ehre,« das klang etwas komisch. Gleichwohl war die ergebene Versammlung zu jedem erwünschten Beifall bereit; aber Dionys selbst verhinderte es, indem er aufstand und den 38 Philoxenos, der am Nachbartisch sich wohlig in die Kissen geschmiegt, fragte: »Nun, Philoxenos? ist auch dies deines Mitleids wert? Ich bitte auch heute um dein Urteil.« Große Spannung. Galatea schrie leise auf; ihr ward so bang. Aber Philoxenos sprang vom Sitz. »Bringt mich wieder dahin,« rief er, »woher ich gekommen bin. Ich gehöre ins Gefängnis!« und schritt zu den Gefängnisdienern, die im Hintergrund lauernd in der Nähe des Henkers standen. Da lachten alle Gäste hell auf; es lachten alle Diener, selbst der Henkersknecht, und Dionys selbst verbiß seinen Ärger und zwang den freimütigen Menschen auf seinen Sitz zurück. »Man kann dir nicht gram sein,« knurrte er gnädig, und sein Gesicht wurde fast wieder wie der Zeus von Otrikoli. Ein Blick warmer Dankbarkeit belohnte ihn aus Galateas schwarzen Augen. Dieser Blick aber gab dem Herrn doch zu denken. Erst der Aufschrei und nun diese Dankbarkeit! Galatea liebte den Dichter, ohne Frage, und sie verriet es zu unvorsichtig. Daß den beiden ihr Platz nicht am selben Tisch zugewiesen war, hinderte ihre Seelen nicht; über den schmalen Raum hinweg, der sie trennte, suchten sie sich und fanden sie sich im Blick, im Zuruf, im Zutrunk. Das kindliche Gemüt des Dichters konnte seine Miene nicht verbergen, und Galatea war zu stolz, um sich zu fürchten. Der Lärm wuchs und der Rausch: Händeklatschen und Lachen und Klirren der Gefäße. Ein großer Falter flog herein, verbrannte sich seine Schwingen 39 im Licht und fiel dem Philoxenos in seinen Becher. Er hob ihn hoch: »Das ist meine Seele,« rief er. Da fiel ihm der König ins Wort und gebot: »Die Zeit ist da. Gebet acht! Die Blumensprache beginnt. Die Frauen sollen zeigen, wen sie lieben.« Die Blumensprache! die lustige Handlung! Aus ihrem Haar löste da gleich ein Mädchen die Blume und gab sie dem, den sie liebte. So machte es jede. Langsam ging das Spiel von Tisch zu Tisch und über die Tische hin in buntem Getriebe. Dionys lehnte im goldenen Kissen halb trunken neben Galatea, so nah! Sein brennender Blick hing gespannt an ihr; sein schwerer Arm hob sich, streckte sich. Ihre wundervolle Gestalt – ein Griff, und er hätte sie an sich geschmiegt. Sie fühlte sein Begehren wie eine heiße Welle, die sie verschlingen wollte, aber ihre Hoheit und sichere Heiterkeit hielt ihn allmächtig zurück. Da kam an sie der Ruf: »Wem gibst du deine Blume?« und sie schnellte vom Sitz und stand plötzlich wie eine aufwogende Lichtwolke neben Philoxenos, strahlend unter dem Fackellicht. Der weiße Ärmel ihres Chitons schlug zurück, als sie aus ihrem Kranz eine prangende Rose riß und leidenschaftlich sagte: Du bist's, den ich suche. Das Herz ist Richter. Ich huld'ge dem König, ich liebe den Dichter. Wie im Fluge fühlte sie sich hochgehoben: sie sah den König tief unter sich. Schon waren die zwei im entlegenen Teil des Gartens, wo keine Lichter brannten, verschwunden, und die ganze Gesellschaft erschrak. Denn Dionys 40 warf den Tisch um, das Gesicht voll Wut. Wie der schreckliche Gott der Unterwelt war er. So eilte er ihnen in den Garten nach; seine Trabanten mit Fackeln folgten ihm. »Dieser Schwächling! Dichter und Musikant, ein Bettelmann, der nichts als sein bißchen Phantasie und eine gute Stimme hat! Ich könnte ihn niederschlagen. Womit straf' ich ihn?« Man hörte: er pfiff. Da wurde Philoxenos von den Schergen ergriffen. Das Dunkel verschlang ihn. »Vorläufig der Kerker! Das Weitere findet sich.« »Das Weitere?« Eben ging der Mond hinter den Zypressen auf. Galatea stand zitternd im Mondeslicht; sie erschauerte wie die Lilie im Sturm. »Ich kann euch nicht schonen,« fauchte der Allmächtige. »Du freilich, Galatea, bist unantastbar. Dein Wille ist frei, und du kannst auch den Niedrigsten erhöhen.« »Den Niedrigsten?« rief sie. »Die Gottheit ist's, die im Dichter lebt, und er kann sich mit jedem König messen.« »Um so schlimmer für ihn. Er ist in meiner Macht, und es soll ihm die Augen kosten.« »Die Augen?« »Seine Gefahr ist, daß er sieht, daß er dich sieht. Der Sänger soll blind sein wie Homer. Auch die Drosseln und Nachtigallen singen im Käfig schön; sie singen noch schöner, wenn man sie blendet.« »Blendet?« 41 »Er habe die Wahl: entweder blind oder lebenslänglich gefangen.« »Keins von beiden!« Galatea hatte ihre Fassung wiedergewonnen. Auch im Zorn war sie wundervoll und unwiderstehlich. »Keins von beiden,« wiederholte sie; »oder dein großer Name wäre in der Weltgeschichte geschändet. Ich achte dich zu hoch, als daß ich das zulasse.« »Du?« Des Tyrannen trunkene Augen rollten. »Du kennst die Grenzen deines Strafrechts nicht,« sagte sie in überlegener Ruhe. »Die Herde braucht den Schäferhund; so braucht der Staat den Despoten. Schlimm genug! Und Kerker und Tod sind für den Bürger, der seine Pflicht nicht tut. Anders die Kunst. Die Kunst braucht Freiheit. Frei ist die Schönheit. An ihr hast du dich vergangen. Philoxenos soll sich an dir rächen.« »Er soll?« Der König lachte. »Führ' mich an meinen Platz zurück,« fuhr sie gelassen fort; ihr Ton war jetzt wieder von siegreicher Heiterkeit. »Und noch eins: gib mir meinen Pantoffel wieder. Denn du hast ihn. Nicht nur den Philoxenos, auch meinen einen Pantoffel hast du gefangen gesetzt, und der andere trauert nun einsam im Haus. Man soll ein Paar nicht trennen, das zusammengehört.« Dionys kaute noch an seinem Grimm. Aber er gab ihr den Pantoffel nicht wieder, und sie duldete seinen Handkuß, als sie Abschied nahm und der Tyrann die Gesellschaft auflöste. Galateas Diener warteten schon und geleiteten sie nach Haus; aber der König gab ihr auch seinen Beta, den Spion, zum Geleite mit.   42 Am andern Tag hatte ganz Syrakus zu reden: Philoxenos war gefangen! nein, Philoxenos war aus der Haft entwichen, geflohen, verschwunden! Nicht nur das: gleichzeitig war auch Beta, der Spion des Königs, fort. Ja, als man nach Galatea forschte, stellte sich heraus, daß auch ihr Haus leer stand. Noch in der Nacht waren die drei entwichen. Wohin? Zu Schiff nach der Küstenstadt Selinunt. Die schöne Frau war mächtiger, als Dionys es ahnte. Seit Jahren warf sie das Netz ihrer Liebenswürdigkeit über die Stadt Syrakus, und nicht nur Geld, schon ein Blick von ihr genügte oft zur Bestechung, Bezauberung. So hatte sie den Gefängniswächter, so auch den Spion bestochen. Ihr Schnellsegler lag für ihre Vergnügungsfahrten stets zur Abfahrt bereit. Unauffällig hatte sie das Schiff benutzt. Der Wind war günstig. In Selinunt aber kannte man sie längst; sie hatte dort wie auch in Tarent und Athen auf den Banken Gelder stehen und Kredit auf alle Fälle, und die vornehme Männerwelt Selinunts war gleich entzückt sie zu sehen; nicht nur das: Galatea bewirkte, daß in dem politischen Konflikt, der immer noch auf Sizilien herrschte, Selinunt sich dem Dionys mißgünstig und spröde zeigte: die reiche Stadt schlug ihm das Bündnis gegen die bösen Karthager, die immer noch im Südwesten saßen, ab. Soviel vermochte das Lächeln einer Griechin, die der Aphrodite glich, in jenen beneidenswerten Zeiten. Ein Brief von ihr erreichte den Dionys; darin stand: »Ich habe nicht nur den Philoxenos gerettet (denn Philoxenos ist bei mir); ich habe auch deinen 43 guten Namen gerettet. Denn der Jüngling ist frei und ungeblendet. Wozu aber der Neid, großer Mann? Er ist zu klein für dich. Werde größer, auf daß ich dich bewundere. Gib uns Sicherheit, und wir kehren wieder zu dir.« Keine Antwort. Was ging vor? Der Krieg ruhte. Zwar plante der König noch einen Entscheidungskampf gegen den karthagischen Feind im Südwesten der Insel, und man wußte, er hatte Heer und Flotte dafür gerüstet. Aber das eilte nicht; denn eben jetzt nahte in Syrakus die heilige zehntägige Festwoche der großen Göttin Athene, und zu ihren Ehren gab es Theaterspiel. An den zehn heiligen Tagen herrschte die Gottheit, d. h. die Priesterschaft in der Stadt, und der Fürst war nichts als Gemeindeglied und durfte anbeten und sich freuen wie jeder kleine Spießbürger am Ort. Da verschwand Dionys vor der Welt; er warf sich auf das Musenroß und dichtete selbst ein mächtiges Festspiel; er wollte doch zeigen, daß Syrakus einen Philoxenos nicht brauchte. Die Söldner faullenzten in der Kaserne; es faullenzten die 24 Buchstaben im Palast; auch die Kinderstube mit den beiden Hausfrauen blieb unbeaufsichtigt, weil der König Verse, Verse schrieb. Hätte er nur jemanden, der ihm hülfe! Ideen, Ideen! woher sie nehmen? Ein Schlachtplan ist leicht ersonnen, aber ein Gedicht? Beruhigend war, daß die Priesterschaft ein Originalwerk königlichen Ursprungs zur Aufführung unmöglich ablehnen konnte. Übrigens wurden nicht nur ernste Dramen gespielt, im Gegenteil: die gnädige 44 Göttin Athene liebte den Karneval und freute sich, wenn auch die Sterblichen sich freuten und nach Opfer und Gebet sich im Spaß ergingen. Schön sind beim Gottesdienst die Blumen und die Lichterpracht, schöner noch die lachenden Gesichter der Menschen. Es war erster Frühling. Noch heute liegen in Syrakus die zerbrochenen Reste des Theaters, auf dem damals vor nun über zweitausend Jahren gespielt worden ist, offen unter der grellen Sonne. Drei Stücke bildeten die Hauptnummern. Das erste war ein Mummenschanz des verstorbenen alten Epicharm, worin Tiere, Kraniche und Fische auftraten und lustig und tiefsinnig über den Lauf der Dinge philosophierten. Das Stück gefiel, aber es gab nicht viel Beifallsgeschrei; denn der Dichter lebte nicht mehr. Am folgenden Tag kam das Stück des Tyrannen. Es war eine peinvolle Stimmung. Das lichte Theater war heut wie ein riesiger offener Mund, der weit aufgähnte vor lauter Langerweile. Was der Inhalt des Stückes gewesen, wissen wir nicht mehr; denn der Tyrann verbot hernach streng, daß ein Bericht darüber in die Geschichtsbücher kam. Die einen Zuschauer raunten: »Es ist alles gestohlen.« »Und wie die Verse klappern!« raunten die andern. Die Dichtung rasselte wie ein Hufeisen auf dem Pflaster, wenn es dem Gaul zu lose sitzt. Auch Dionys selbst war nicht so dumm, sich der üblen Wirkung zu entziehen. Er hörte seine beiden Frauen, Doris und Aristomache, die rechts und links neben ihm saßen, leise kichern. Seine vierundzwanzig Diener hatte er im Theater verteilt; die mußten gleich 45 in der ersten großen Pause applaudieren. Aber ihr Eu-eu-Geschrei klang so dürftig! Rasch ließ der König tausend Söldner aus der Kaserne holen. Nun war der Beifall brausend. Aber die beiden Frauen kicherten nur noch mehr. Der dritte Tag kam. Was würde er bringen? Niemand wußte es. Auch heute saß Dionys auf seinem Elfenbeinthron zwischen seinen Frauen; rechts und links im Halbbogen die Würdenträger und Hofleute; in der Reihe vor ihm die Priester und Priesterinnen der Athene. Hinter ihm aber standen die Trabanten wie eine Drohung. Auch der gefürchtete Henkersknecht in seinem Scharlachrot war da. Und schon trat der Ausrufer in die leere Orchestra und meldete: »Heut gibt es die Galatee, ein Singspiel des Philoxenos!« Die Galatee des Philoxenos? Die beiden Königinnen warfen sich ängstliche Blicke zu. Des Dionys Gesicht versank in Nacht; er war wieder der Gott der Unterwelt. Das ganze überfüllte Theater in Aufregung: Des Philoxenos! und welche Galatee? War es die, die alle Leute in der Stadt Syrakus kannten? Da erhob sich aus den unteren Sitzreihen eine hochgewachsene Frauengestalt, im wallenden hellvioletten Peplos, der mit Wasserrosen durchstickt war. Auf der hohen Frisur trug sie den schwebenden Spitzhut und schritt, den Fächer schwingend, quer durch die leere Orchestra. »Das ist sie!« gingen die Rufe. Eine Dienerin folgte ihr mit dem Sitzkissen. Sie glitt durch die Reihe der Priester und stand schon vor Dionys. »Kennst du mich noch, Herr? Heut darf ich nicht 46 fehlen. Und dies sind deine zwei Frauen, o du liebegesegneter? Es freut mich, die herrlichen endlich von Angesicht zu sehen!« Des Dionys krause Stirn glättete sich; er mußte lachen, wie er die Verlegenheit seiner zwei Gemahlinnen sah, die sich ängstlich erhoben hatten, aber nicht wußten, ob sie der Galatea die Hand reichen sollten. »Die Frau ohne Kinderstube! eine Phryne! kein Eheweib! und man hat die ganze Nase voll: so duftet die Person nach Rosenwasser!« Bescheiden glitt Galatea mit ihrer Zofe in die hintere Reihe; aber sie setzte sich seitlich, so daß Dionys sich von ihr beobachtet wußte. Es war für ihn ein verrücktes Gefühl. Was wollte sie? Da regte es sich auf der Bühne. Es gab ein Gebrüll. Aus einer Höhle kroch der Zyklop Polyphem, den jeder schon aus der Odyssee kannte, hervor, der täppische Riese, behaart wie ein Waldmensch; so war er ausstaffiert. Der Rock war, um ihn zu vergrößern, dick ausgepolstert; Stelzen trug er unter dem Fuß, Handschuh mit langen Fingern an den Tatzen und dazu eine Riesenmaske, die nur ein einziges glotzendes Auge hatte; und das Auge verdrehte sich jetzt sonderbar in Verzückung, als der Zyklop schwerfällig zu singen begann: Wo bist du, meine Galatee? Wie kommt es, daß ich dich nicht seh? So sang er. Und da war auch schon Galatee selbst; es war die Meerfrau dieses Namens. Eine große Wasserrose hielt sie in der Hand und ritt auf einem Delphin aus Pappe, der, so oft sie gefühlvoll wurde, 47 mit seiner großen Schwanzflosse wedelte. Denn die Galatee sang möglichst wenig und begnügte sich zumeist mit stummer Mimik, weil sie (so wollte es das Herkommen) von einem Mann gespielt wurde. Der Zyklop aber griff in seine überlebensgroße Harfe und begann mit rauher Baßstimme ein tolles Ständchen; darin prahlte er: An Schönheit gleichst du, Galatee, den Lilien. Ich aber bin der König von Sizilien. Der König von Sizilien kniet vor dir. Reich' mir die Blume, Holde; gibt sie mir. Dionys riß die Augen auf: »Geht das auf mich? auf mich? Der König von Sizilien, der die Galatee besingt?« Er fühlte: die Blicke der wirklichen Galatee hinter ihm waren schelmisch auf ihn gerichtet. Der Zyklop aber sang weiter, und es klang möglichst täppisch: Auf dem Berg Ätna lebt' ich bisher. Da war ich noch kein verliebter Bär Und kannte nur das feste Land. Da kam der Tag, wo ich dich fand. Mit meinem Fuß trat ich ans Meer Und hab' dich, Galatee, gesehn. Da war's um meinen Schlaf geschehn. Ich bin ein unglückseliger Mann, Du Meeresfrau, weil ich nicht schwimmen kann. Auf meinen Bergen, da ist es trocken. O komm zu mir. Komm, laß dich locken. Dann pries er in ungefügen Worten noch ihren Blondschopf und ihre weißen, gut gewaschenen Füße und ihre Lippen, die so rot wie Lämmerblut. Plötzlich aber veredelte sich sein Gesang; er griff ganz zart in 48 die Harfe, und man hörte das Lied: »Was ist schöner als schön zu sein?« »Hör' ich recht?« dachte Dionys, halb unwirsch, halb angenehm überrascht. Was ist schöner als schön zu sein? Herrlich bist du zu schauen Wie ein funkelnder Edelstein. Selig preis' ich nur dich allein, Du Erles'ne der Frauen. Durch das ganze Theater ging da wirklich ein liebliches Beifallsmurmeln. Dionys sah sich um: die Galatea hinter ihm nickte ihm zu, so daß ihr spitzes Hütchen auf ihrem Haaraufbau übermütig taumelte. Da wurde sein Herz ganz vergnügt und aufgeräumt. Die andere Galatee auf der Bühne aber blieb gegen den Zyklopen spröde und völlig ungerührt. Was wird jetzt folgen? wird dieser grobe Klotz, der Polyphem, auch noch meine Verse vom Delphin absingen: »Wär' ich Ärmster doch dein Delphin«? Aber nein, der Zyklop blieb stumm. Statt dessen erschien jetzt eine andere maskierte Gestalt; das war ein liebreizender Jüngling, der mit zaghaftem Schritt vor die Meerfrau trat. Der Zyklop ballte sogleich in Wut die Fäuste. Ich wandle scheu auf deiner Spur Und bringe keine Gabe. Ein armer Hirte bin ich nur, Ein waffenloser Knabe. So sang der Jüngling wunderschön. Es war Akis, der junge Hirt. Dionys aber horchte auf. Der da sang, das war Philoxenos! er selbst! ganz ohne 49 Zweifel. Er erkannte des Philoxenos hellen Tenor. Philoxenos, der freche, wagte es hier aufzutreten? »Den Henker auf ihn!« Eine Blutwelle schoß ihm über die Wangen; die Narbe in seinem Jupitergesicht glühte. Und doch: er mußte lauschen. Das ganze Theater war hingerissen. So süß, so herzgewinnend, so bestrickend klang die schlichte Weise, so unübertrefflich war die Gesangskunst des begnadeten Meisters: O frage nicht, wie arm ich sei. Ich habe nichts als meine Schalmei, Ich habe nichts dir zu geben Als mich und mein junges Leben. Und das Ständchen des Akis fand nun auch Erhörung. Der Delphin aus Pappe wedelte sogleich mächtig mit seinem Schweif, und Galatee, die stumme Meerfrau, erhob sich von ihrem Sitz, nahm Akis in ihren Arm, gab ihm ihre Blume, die Wasserrose, und küßte ihn, und das unermeßliche Theater lag in atemloser Stille, als Akis fortfuhr: Ich lass' dich nicht. Mein Herz ist wund. Ich tauch' mit dir tief an den Meeresgrund. Dort unten, da steht wohl dein gläsernes Haus. Lehnst du da aus dem Fenster heraus, Da löse, du Schöne, dein fließendes Haar In weichen Strömen wunderbar Und merke, was die Liebe kann. An deinem Haar klettr' ich hinan. An deines Haares goldner Zier, Du Selige, klimm' ich zu dir. Das Publikum war völlig im Rausch. Allein schon das »Du Selige!« Wie schön hatte der Sänger das gesungen, indem er einen ganz hohen Ton nahm, ihn 50 leise hauchend ansetzte und dehnte und an Stärke wonnig anschwellen ließ. Einfach wundervoll! Es klang wie eine süße Ewigkeit der Liebe. Den Zyklopen aber rührte das nicht; in Eifersucht rasend packte der den jungen Sänger und riß ihn erbarmungslos in seine Höhle: Ich setz' dich gefangen, du fader Wicht, Ich dulde deine Liebe nicht. Da mußte Dionys laut lachen. Die Anspielung war nur zu deutlich. Aber sie wurde noch deutlicher; denn der Wilde fuhr fort: Du sollst sie nicht sehen. Drum will ich dich blenden Mit diesen Nägeln an meinen Händen. »Blenden? blenden?« Das Publikum kreischte. Dionys aber lachte auch jetzt. Es war wirklich ein guter Witz; denn niemand im Theater außer der schönen Frau hinter ihm verstand die Anspielung, und ein guter Witz wirkt seelenbefreiend. Er schaute sich um. Die schöne Frau hinter ihm flüsterte: »Das ist die Rache des Philoxenos, mit der ich dir drohte!« »Und die Rache ist süß, süß auch für mich,« sagte der Tyrann und schmunzelte vor sich hin. Das Stück aber war noch nicht aus. Die Galatee auf dem Delphin rang indes die Hände: »Wer rettet den Akis?« Da tauchte Odysseus, der Held, auf der Bühne auf. Es war der Schluß. Odysseus kam zum Zyklopen ganz so, wie es bei Homer in der Odyssee ist. Wein brachte er im Ziegenschlauch und machte den Zyklopen trunken, so daß er einschlief. Ein dröhnendes Schnarchen kam aus seiner Maske. Des Odysseus 51 Gefährten, als Satyrn mit Ziegenohren verkleidet, trippelten lustig heran, schleppten den großen Spieß und bohrten ihn dem Riesen in sein eines großes Auge, daß es zischte. Als das geschehen, trat Odysseus vor das Publikum und sprach in aufgelöster Rede: »Nun ist der Böse selbst geblendet, nicht ohne Grund. Denn er hat schlecht gesungen. Auch die Nachtigallen singen schöner, wenn man sie geblendet hat.« Der Zyklop heulte dazwischen vor Schmerzen. »Hört ihr?« sagte Odysseus. »Es wirkt schon. Jetzt singt der Böse schon wie die Nachtigall.« Da lachte alles. Der junge Akis aber begann mit seiner Galatee zu tanzen, ein Wirbeltanz der Freude; dann stürzte er mitten ins Rund der Orchestra vor und sang in glückseligen Tönen die Schlußverse: Ich freue mich des Augenlichts, Und seh' ich nichts, so sing' ich nichts Und will doch leben im Gesang Mein ganzes junges Leben lang. Das Stück war zu Ende, Odysseus und die Satyrn verschwunden, auch der Polyphem, auch die Meerfrau. Der Beifall des Publikums schien nicht enden zu wollen; es wich nicht von seinen Plätzen, solange der König nicht ging. Der Gewaltige aber ärgerte sich doch. Es war Neid, es war Eifersucht, es war Demütigung, alles in eins. Er sah sich bärbeißig hilflos, verlegen um. Seine Königinnen, seine Hofleute, das ganze Volk so herzensfroh und beglückt bis zur Verklärung; das bewirkte die heitere Schönheit des Gesangs, und er der einzige Mißgestimmte! Es würgte in ihm, es 52 schmolz etwas in ihm; er schluckte an einem Hindernis. Es war unleidlich. Sein Blick starrte auf Akis, als wollte er ihn durchbohren. Denn Akis stand wie angefesselt immer noch da. Was wollte er? Dionys starrte auf ihn wie die Klapperschlange auf ihr Opfer. »Greift ihn,« schrie er, und der Scherge im roten Rock sprang vor. Da kam Akis selbst keck heran, riß sich die Maske herunter, und Philoxenos (denn er war es) sah dem Herrscher wie immer frohgemut ins Auge und sagte schlicht: »Hier bin ich, Herr. Und ob du mir zürnst: ich gebe mich in deine Hand. Laß uns bei dir bleiben.« Da war es geschehen. Eine Träne, ja, eine Träne stand dem Dionys im Auge. »Du bist kühn, du waffenloser Knabe!« weiter sagte er nichts. Aber die Königinnen riefen: »Eine Träne!« Die Höflinge riefen: »Eine Träne!« und durch das ganze Theater ging es bis zum obersten Rang, lauter und lauter: »Der Tyrann hat eine Träne geweint!« Dionys machte den Aufbruch: »Komm mit in mein Haus. Wahrlich, ich, ich war der Blinde. Du hassest mich nicht? du fürchtest mich nicht? Ein Gott ist in dir, und ich muß dich verehren.« Als sie vor den Königspalast traten, stellte er seine vierundzwanzig Diener in eine Zeile, nicht alle, sondern in angemessener Auswahl. »Kannst du lesen?« sagte er. »Es sind meine Buchstaben.« Und der Dichter las: »Willkommen, Philoxenos!« Die beiden Königinnen aber hatten Galatea eifrig in ihre Mitte genommen. Ganz zutraulich waren sie jetzt zu ihr und befingerten mit Neid den duftigen 53 Stoff ihres Gewandes: »Du bist viel kostbarer gekleidet als wir! Woher beziehst du das Gewebe? die Handstickerei? und wer hat nur den feinen Schnitt gemacht?« Dann rissen sie sie mit sich in das Frauenhaus und wühlten in ihren Kleidertruhen. Jede riß ihren Hochzeitsschleier aus der Truhe und bot ihn der Schönen: »Nimm ihn! nimm ihn! von mir! von mir! Gott Amor genügt nicht; Gott Hymen muß euch verbinden!« »Zwei Schleier?« lachte die Schöne. »Das ist zuviel. Gebt mir Zeit. Hymen und Amor? Ich glaube, ein Liebeslied, wenn es uns täglich gesungen wird, hält die Herzen fester als hundert Schleier, und wenn die Liebe verklingt, was soll der Ehebund? was soll das Leben?« Da bedeckten die Frauen ihre Augen mit den Händen vor Entsetzen und schlossen die Kinderstube, die sie ihr hatten zeigen wollen, ängstlich vor ihr zu. Die Diener brachten indes süßen Syrakuserwein. Auch die drei Frauen nippten davon in Erregung. Da kam es dröhnend von des Herrschers Lippen: »Schön klang es, was du gesungen hast, das Liebeslied vom fließenden Haar: An Deines Haares goldner Zier, Du Selige, klimm' ich zu dir. So sind die Dichter: das Unmögliche machen sie wahr. Und ob ich dich in Ketten werfe, an deiner Phantasie klimmst du aus dem Kerker in den Himmel!« Philoxenos lächelte. Er lehnte sein Haupt an Galateas Schulter und löste ihr Goldhaar, daß es 54 breit über ihm auseinanderfloß in weichen Strömen; dann sagte er kraftvoll: »Du hast recht, Herr, und du schreckst mich nicht. Du bist wie der Ätna, der Tod und Verderben speit; aber es lebt sich köstlich an seinen Hängen, und in seinen Triften gedeiht sorgenlos wie im ewigen Frühling die Üppigkeit. So köstlich ist es bei dir. Ich kann nur leben, wo Größe ist! Laß mich genießen und töte mich, wenn es Zeit ist. Denn jeder Mensch hat seine Stunde, ob nun der Tyrann ihn kreuzigt oder ob ihn der Ätna verschlingt.« »Ich kann nur leben, wo Größe ist?« Da weiteten sich des Dionys Augen wie die Sonnen und rollten in heiterem Glanz, und er befahl den Dienern: »Laßt draußen die Fanfaren blasen! Wenn man fragt, warum? so verkündet: Dionys hat einen Sieg errungen. Dionys hat seinen Neid besiegt.« So sprach er, und sein Antlitz strahlte von unermeßlicher Macht und Güte; er war der volle Zeus von Otrikoli. 55     Das Idyll von Capri Ein Winter auf Capri! Wohl jedem, der ihn einmal erleben durfte! Im Winter fehlt dort die arge Unrast, es fehlen die Fremden. Großartige Stille, ein Leben der Verzauberung, als sollte man nie erwachen! Ist es ein Frevel, daß meine Phantasie da Lichtstrahlen fing, als könnte sie aus ihnen Geschichten weben? Das Meer um mich her, das im Wogengang seinen großen Atem zieht! das hübsche Inselvölkchen bei seinem Tagewerk, und ich selbst so müßig! Der Saumselige wird zum Traumseligen, zumal wenn der Muskatwein im Glase perlt. Von den Felsen aber starren sagenhaft dräuend die Ruinen der Römerzeit herein, und mein Traum, der anfangs schlummerhaft sanft dahingleitet, als gäbe es kein Erleben, wird plötzlich ein Traum der Schrecken. Ich will ihn gleichwohl erzählen. Möge der Leser sich nicht ängstigen, wenn er von Kaiser Tiberius hört. Denn das Ereignis wird zum Bilde, Nur Lebensbilder biet' ich dar, Und in der Zeichnung scheint dir milde, Was einst im Leben schrecklich war. * * * Noch stand der Vesuv gelassen und ruhig über Neapel, eine breite Bergpyramide mit nur einem Gipfel, ohne Rauch und Feueratem, ein Simulant des Friedens; üppige Wälder und Gärten an seinen Hängen; sorglos zu seinen Füßen Herkulanum, Stabiae und Retina, die blinkenden Städte, Herbergen des Reichtums; und das lustige Völkchen Pompejis lief noch in geschäftigem Müßiggang umher in seinen Gassen. Auf den Vesuv und auf Neapel aber schaute, 58 damals wie heut, der schmale Hafen Capris, der einzige der Insel. Die Steinhütten der Strandbewohner standen in langer Zeile an den Felsrücken gelehnt. Im Erdgeschoß Werkstätten und Schenken und die leeren Schuppen für die Barken in Winterszeit, im Oberstock die engen und kühlen Schlafräume. Farbige Tücher und Kissen lüften und sonnen sich auf den Söllern. Am Strand aber ist alles rege, und Lastträger und Sänftenträger, Ruderknecht und Backwerkverkäufer haben zu tun. Denn der Frühling ist da. Die Fremden kommen aus den Städten herüber, um Capri zu sehen. Um die Schläfen der Insel rankten sich schon die junggrünen Rebentriebe. Die Feigenbäume bekleiden sich. Das Meer tobt nicht mehr und gibt dem Fischer gelassen seine Beute; es ist am Strand wie flaschengrün, in der Ferne wie feuchtgewordene blaue Seide. Die Delphine ziehen heiter ihre Reigen. Und nur die einsame Pinie auf hohem Kalkfelsengrat scheint dort oben keine Jugend zu spüren, die grämlich und zerbrochen mit zwei wettergekrümmten Armen auf das Meer weist, eine Standarte des Neptun. Netze und Boote und die Woge selbst, die leise brandet, atmen kräftigen Strandgeruch, den Geruch nach Tang und Fischen. Ein Netz liegt über die Steine weithin gebreitet, so daß es fast die halbe Länge des Gestades umsäumt; und Knaben und Greise sitzen nieder und wetteifern stundenlang es auszubessern. Ein anderes Netz wird zum Fang von fünf starken Männern in die Barke getragen. Denn es ist klare Luft, und der Wind kommt von Norden. 59 Rechts sonnen sich die unbenutzten Barken und schillern grell in allen Farben; denn sie sind für die beginnende Sommerszeit frisch bemalt. Nur die größeren tragen Masten. Sie sind's, auf denen der Capreot sich bis nach Sizilien, ja bis zum fernen afrikanischen Cirta wagt, um beim Fischfang fern der Heimat lange Monate zu verbringen. Jetzt aber tun alle Boote, als hielten sie Mittagsschlaf, und liegen so schwerfällig und breitbäuchig da, als ob sie nicht schwimmen könnten und als trüge sie kaum der Ufersand. Da tönt der Ruf: »Nach Sorrentum, nach Sorrentum!« Soldaten kommen und wollen übersetzen. Mit Geschrei und Grimassen drängen die Schiffer sich um sie, preisen ihr Fahrzeug an und unterbieten sich. Die Soldaten werfen den Kopf zurück, spucken und lachen. Bald wird auf hölzernen Bohlen ein Kahn ins Wasser geschoben; er tanzt auf der glatten Woge leicht dahin, und das Lärmen ist für kurze Zeit verstummt. Esel laufen ungezäumt und übermütig zwischen den Barken herum: ein lustiger Anblick! Hier wächst kein Gras, aber doch Freiheit, und Freund Langohr vergißt gern, wie bald der Lastballen seinen Rücken drücken wird, wenn er die Inselpfade zu den Villen der Vornehmen hinaufklettert. Und da sind der Nichtstuer noch mehr. Auch die Buben sind frei, da die Lehrstunde zu Ende; sie tollen sich, plätschern im Wasser, greifen zwischen den Steinen schiefwandelnde Krabben, oder sie laufen wie der Wind hinter dem Reifen den Steg entlang: kecke und weltkluge Jungen, aber so klein an Wuchs, daß sie durch ihren 60 Reifen treten könnten. Denn das Capreser Volk ist kein Geschlecht von Riesen, aber es ist wohlgebaut wie seine Götter. Da sammelt sich plötzlich alles mit Lachen und Zuruf bei der Garküche. Denn der Mann im bunten Rock mit Affen und Pudel ist vor die Türe getreten, und die Kunststückchen der dressierten Tiere beginnen. Da waren wohl ein Dutzend Affen, die die Sturmhaube trugen und mit dem Römerschwert possierlich salutierten und schlugen. Die Satteldecke des Pudels trug die Aufschrift: Senatus populusque Romanus ; der Unternehmer aber blies auf einer verbogenen Tube einen erschütternden, echt römischen Kriegsmarsch dazu. Die Jugend sah und hörte das mit großen Augen: denn für diese Insulaner, die Kinder des Friedens, war der Krieg nichts als eine Sage oder ein seltsam närrischer Mummenschanz. Alexis , der junge Fischer, des alten Theognis jüngster Sohn, stand in der Tür seiner Kabine und achtete des Treibens wenig, das ihm nicht neu war, sondern genoß in ruhiger Muße die nachmittägliche Stunde, die Neapel jenseits des Golfes im strahlenden Lichte zeigte. Er stand und sah den stattlichen Schiffen zu, die tief im Wasser liegend mit Segel und Ruderschlag von drüben sich nahten, Anker warfen und ihre Ladung abgaben. Da waren Lastkähne voll Obst und seltener Gemüse, voll tonbäuchiger Amphoren und Schläuchen Weines; andere wieder führten Kulturpflanzen und nährendes Erdreich, ja ganze Zitronenbäume herüber, das Wurzelwerk sorglich in Erde eingetan. 61 Denn die Wein- und Ölgärten auf der Insel mehren sich; sie werden dem spröden Felsen aufgeimpft: weil des Augustus Erbe, der große Kaiser Roms, nun schon im sechsten Jahr auf dieser Insel wohnt. Das bringt Geld und Erwerbseifer unter die Insulaner, und sie bauen Terrasse über Terrasse und pflanzen in dem teuer erhandelten Erdreich Öl und Wein. Oft aber ist Mühe und Geld verschwendet, und der starke Winterregen fegt Gartenmauer, Erdsohle und Stauden in die Tiefe. Die Schläuche aber voll lesbischen Weines, die Amphoren des Massikers und Falerners, das Obst und die Leckereien des Festlandes sind alle für des Kaisers Speisetische bestimmt. Da kommen dann in ihren Scharlachhemden die Negersklaven des Hofes und laden aus und schaffen die Herrlichkeiten zum Kamm des Gebirges, wo 900 Fuß senkrecht über dem Meere der Palast des Herrschers thront. Der Eingeborene sieht das Treiben mit Neugier und Befremden. Er neidet niemandem die Genüsse, die nicht die Gabe seiner Heimat sind. Alexis stand noch immer in seiner niederen Tür wie in einem Rahmen und dehnte sich in Behagen an dem Pfosten, und indem sein Körper das Gewicht abgab, zeigte die jugendliche Gestalt ihren schönsten Umriß. Er war der kommenden Leidenschaft nicht gewärtig und sann auf nichts und begehrte nichts und war unbewußt wie eine Pflanze ganz im Genuß der eigenen werdenden Existenz, rieb sich mit streichender Hand lässig Antlitz und Hals und die entblößten Arme und schaute gleichmütig auf die Bietenden, die 62 da neu herzukamen und ein Boot verlangten. Er hatte für eine Inselumfahrt heute in der Frühstunde vier blanke Denare erhalten. Sein Vater hatte sie ihm mit einem »Laß sehen, mein Glücksjunge« eilfertig abgenommen. Er konnte jetzt rasten. Zum Alexis trat, die Hände im Gürtel, langsam Simichus aus der Nachbarhütte. Simichus war um ein Jahr jünger, hager und braun von Angesicht und war in der täglichen Freundschaft des Alexis herangewachsen. Unter den schweren Augenbrauen lag sein scharf blickendes Auge in ernster, schwermütiger Glut. So grüßte er mit einem Blick den Freund und blieb schweigsam. Auf der Steinbank lag Tauwerk und Fischerhüte. Die schoben sie zur Seite, saßen nieder und lehnten sich aneinander in Kindergewohnheit. In ihnen lebten Gedanken, die sie selbst nicht dachten. Sie suchten nach keinem Wort, harrten so Sommer für Sommer ihrer Zukunft, wie die Traube der Reife harrt, und atmeten die berauschende junge Gegenwart, die über das Meer in Frühlingslüften fächelte. Und doch waren die eng verwachsenen Seelen verschieden gerichtet, und die Zeit nahte, da sie sich trennen und lösen sollten. Denn während der Jüngere nach Knabenweise noch ganz an seinem Freunde hing, spähte des Alexis Seele unbewußt hinaus nach einem Glück, das nicht Freundschaft war, und er spürte ahnend die eigene Männlichkeit, die sich sehnt nach dem Zutrauen eines Weibes. »Dein Vater ist fleißig, und sein Werk ist bald beendet,« sprach jetzt Alexis. »Und du läßt ihn arbeiten und hilfst ihm nicht?« 63 Des Simichus Vater stand gebückt in seiner Bark. Er hatte sie tief schwarz bemalt, und nun lag sie trauernd auf den Steinen zwischen ihren bunten Gespielinnen. Es blieb dem Alten nur übrig, die schmalen Ruder schwarz zu färben. Simichus erwiderte: »Es ist Vaters Sache, und er hat Hilfe verschmäht. So trauert nun auch unser Schiff mit uns. Du weißt von den Piraten, die meine Schwester vom Strande entführt haben sollen, da sie allein im Hause war. Wir forschten nun neun Tage umsonst nach ihr. Auch den Kriegsschiffen vom Misener Hafen sind die dreisten Räuber entgangen. Nun fahren wir in Trauerfarben auf See so lange, bis irgendein Gott sie uns wiederbringt.« Wer mag der Räuber gewesen sein? War es Korymbus , der Piratenhäuptling? Man wußte es nicht. Oder war es gar ein anderer gewesen, den man als Täter nicht zu denken wagte? ein Anderer und Gewaltigerer, der hier als Geier unter den Tauben horstete? Aber der Sinn der Jugend verweilt bei der Trübsal nicht lange. Alexis' Auge flog über das Meer, und sie sprachen und riefen: »Sieh hin! Der Segler des Philadelphus kommt herüber! das schönste Schiff Neapels! Er ist noch weit, aber man erkennt alles auf Meilen.« Es war ein Schiff, blendend in Weiß und Gold; am hochgebogenen Schnabel trug es die Venus im Abbild, die auf den Flügeln des Schwanes ritt. In die hochgestellten dreieckigen Segel waren Delphine gewebt, die auf gebogenem Rücken Knaben trugen. 64 Die Knaben sind Liebesgötter, und die Liebe ist es, die den Philadelphus von Neapel herführt. »Was kümmern ihn aber die Töchter unsrer Insel?« grollten die zwei. »Schöne Mädchen sind in Neapel genug. Und er kommt hierher nicht zum erstenmal, zu solcher Zeit, da der Mittag längst vorüber.« »Er wird auf das Schloß des Kaisers geladen sein und dort nächtigen. Den nüchternen Morgen zu Haus; den Abend bei Musik und Wein auf unsrer Insel! Wir werden es hören, wenn der Mond hoch ist; denn es schallt nachts, als tafelten die Götter, droben vom Kaiserhause zu uns herab, vom Felsen des Jupiter und des Tiber.« »Tiber? Nenne den Namen nicht. Er ist unheimlich, und man soll ihn nicht aussprechen.« Die Knaben sanken wie scheu in ihr Schweigen zurück und sahen nicht ohne Spannung dem herrlichen Schiffe zu, das sich aus den Wellen schon deutlicher löste, als regte eine Möwe die breiten Schwingen und tauchte aus der Tiefe. Aber die lachenden jonischen Melodien konnten sie nicht hören, die auf Deck ertönten, wo der junge Herr Philadelphus , der Alcibiades Neapels, seine Mannschaft in Wein begrub, indessen er selbst übermütig die Segel stellte und dem Steuermann zurief: »Das Steuer nicht gewechselt! Steif gerade Linie gehalten! haarscharf auf meiner Liebsten Haus, das dort hoch oben am Gebirge wie ein weißes Fähnchen hängt.« Die Knaben hörten dies nicht. Wohl aber sahen sie jetzt vor sich aus einem Lastkahn, der vor kurzem gelandet, Weiber steigen, den Kopf mit schweren 65 Felssteinen belastet: sechs weibliche Gestalten, die grad' ausgerichtet, nicht um sich schauend und ganz nur die Stützen ihrer Last, hintereinander den Hafenpfad entlang zur Bergessteile schritten, bis zu der großen Treppe hin, die kühn und schroff vom Meere aus das westliche Gebirge in wohl an 1000 gehauenen Stufen erklimmt, eine Leiter, die Himmel und Meer verbindet. Die letzte der Frauen war Myrto , die an Alexis vorüberschritt, Myrto, des Weingärtners Simon älteste Tochter. Sie wohnte fernab im Hochgebirge; und seit droben das letzte Kelterfest des Winters gefeiert wurde, hatte sie Alexis nicht wieder gesehen; damals hatte sie seinen knabenhaften Gruß kaum erwidert und ihm flüchtig die Hand, aber kein Wort gegönnt. Es kränkte ihn nicht, und er blieb scheu und fromm in seinem Herzen; denn er wußte, daß ihr Leumund sagte, sie sei stolz und klug und bewahre sich selbst, das Elfenbein sei nicht fleckenloser als ihre Tugend, und sie habe noch keinem Knaben den Blick in ihr schwarzes Auge gegönnt. Nun nahte sie ihm unerwartet, den Felsstein auf dem Haupt, der, kunstvoll behauen, ihr Gartentor auf der neuen Terrasse schmücken sollte: unter der Last ein gelbes Kopftuch, das zum ringförmigen Polster gedreht war und ihr Haar verbarg. Schwarze Strähnen fielen ihr in die Stirn. Den Zipfel des Kopftuchs, der sich gelöst, hielt sie mit den weißen Zähnen, und die Oberlippe zog sich gespannt, ein Zug der Anstrengung und des lieblichsten Stolzes zugleich. Gewohnt, Lasten auf dem Haupt zu tragen, hielt sie sich steil, wie ein dächerstützendes Steinbild des Phidias, das da zu 66 wandeln begonnen, wiegte sich frei und sicher in den Hüften und schob den Unterkörper kräftig vor, bloß nach dem Naturgesetz der Schwere und ohne Lüsternheit, und es war eine keusche Wonne dies zu sehen. So schritt ihr Profil an Alexis vorüber. Er sah es, entzückt und doch befangen, und getraute sich nicht sie anzurufen, als um ihre Lippen ein Lächeln flog, ihre Brauen sich zogen und das große, tiefe, nachtdunkle Auge des Mädchens rasch seitlich blickend mit einem hellen Blitz ihn traf. Er errötete tief, sprang auf und rief sie aus der Ferne mit Namen an. Da stand Myrto für einen Augenblick, ließ das Tuch aus ihren starken Zähnen fallen und sprach freundlich mit leichtem Ton: »Mein Junge, ich muß voran, indessen du träge sitzest. Bist du mit deinem Werk zufrieden, dann darfst du hinaufkommen und mir erzählen. Frischen Käse und Honig hat die Mutter, und unser Wein verrinnt nicht.« So sprach sie und war mit raschem Schritt vorüber. Hatte er recht gehört? und täuschte ihn sein Auge nicht? Es war Myrto, und sie hatte ihn in ihr Haus gerufen, sie hatte ihn angesehen, wie sie wohl keinen ansah. Ein seltsamer Schreck befiel ihn. Sehnsüchtiger Drang, ein plötzliches Unsagbares, das er nie gekannt und nicht begriff, schwoll in ihm auf. Ihm war, als müßte er in diesem Augenblick hinweg von hier, als hätte dieser Augenblick ihn mündig gesprochen. Wer war er? War er nicht wie bisher der Knabe Alexis, der Freund seines Simichus? Simichus zog ihn auf die Bank zurück und sprach zu ihm; er hörte ihn nicht. Auch ruhte sein Auge 67 nicht mehr auf dem Meeresspiegel, und er gewahrte kaum, wie mit lauter Musik des Philadelphus Schiff näher und näher kam. Vielmehr erklomm sein Blick, dem Mädchen folgend, die steile Felsentreppe, die sie erstieg, und spähte ihr mit wachen, erregten Sinnen nach, als trüge sie einen Schatz mit sich, der ihm gehörte, und er dürfte ihn nicht aus dem Auge verlieren. Auch war kaum das Viertel einer Stunde verronnen, als er in raschem Sprunge ohne Gruß seinen Freund verließ, die Rohrpfeife aus der Kammer holte und ihr, erst schneller, dann in gemessenem Schritt nachwandelte. Myrto hörte, langsam ansteigend, hinter sich ein einfältiges Lied, das, mit starkem Odem geblasen, ihr inbrünstig und wie lockend aus der Tiefe folgte; der Seewind trug ihr die Klänge hinauf. Wenn sie stille stand, um zu rasten, lösten sich ihre Lippen, und sie ließ einen hellen Vogelruf erschallen. Dann jauchzte er leise. Sein Lied aber kam ihr niemals näher. Denn Alexis bedachte wohl, daß sie allein schreiten mußte, um achtsam aufzutreten und nicht in den Abgrund abzustürzen. Simichus aber war scharfsichtig; er sah beiden in Bestürzung nach, und sein zärtliches junges Herz füllte sich mit Bitterkeit. Er hatte die Worte Myrtos wohl verstanden, hatte, an den Freund geschmiegt, gefühlt, wie fremde Unruhe seinen Leib durchbebte, und die Eifersucht kindischer Freundschaft bäumte sich in ihm auf, ein neidischer Haß gegen das Mädchen, das ihm mit der Allmacht des Weibes den täglichen Gespielen zu rauben drohte. * * * 68 Inzwischen sammelte sich oben in der Gasse das Frauen- und Männervolk, das von der Arbeit kam. Denn in drei Siedelungen wohnte von alters her dies Inselvolk. Über den Strandhäusern des Hafens, doch unter dem Sattel des Gebirgs, lag in halber Höhe das schmucke Hauptstädtchen »Kapria« (oder Katokapria), mit dem Heiligtum des Herkules. Hier wohnte der Präfekt, den der Kaiser eingesetzt; denn die Insel war, seit Augustus hier gewohnt, Privatbesitz der Kaiser. Fernab dagegen auf der gigantischen Westinsel in doppelter Gebirgshöhe streckte sich einsam und abgeschieden das Dorf, das nach seiner erhabenen Lage »Anokapria« hieß, an die hundert Steinhäuser, die würfelförmig, mit flachgewölbten Dächern, beieinander standen, von üppigen Gärten und Feldpflanzungen überragt bis da, wo das kalkige Hochgebirge des Sonnenfelsens kahl und unwegsam wird. Denn über dem Dorf ragte machtvoll der Sonnenfels oder »Mons Solarius«, ein Koloß mit hohen steinernen Achseln, das Haupt zwischen die Schultern gedrückt: so stand er da und krümmte seinen Riesenrücken im Sonnenschein. Schon zeigte die Nachmittagssonne ihre Kraft; die Felsen begannen zu glühen; die weißen Häuser hingen entschlummernd in seinen Falten und starrten reglos wie Eidechsen in das Licht. Die warme Luft zitterte. In den Bäumen sangen schrill die Zikaden, die unermüdlichen, und Mensch und Pflanze atmete die linde Jugendkraft des hesperischen Sommers. Die Anwohner hießen hier oben die Anokaprioten, und daß unter ihnen die schönsten Frauen Italiens 69 zu finden seien, am Strande dagegen die schönsten Jünglinge, rühmten die Künstler Roms, die da Götter nach Menschen bilden. Aber auch andere wußten es zu rühmen und zu schätzen. Die schönste unter den Weibern des Dorfes war aber unstreitig nicht Myrto, sondern die junge Anyte, die bei Freunden und Neidern jedoch nur Anassa hieß, Anassa, das ist die Herrscherin, weil sie bei den Festen herrschte unter den Schönen. Sie war ein Waisenkind und besaß als einzige Erbin am linken Ende des Ortes ein Häuschen mit reichem Garten, das hoch über dem Meer an den senkrechten Felsen gemauert war. Anassa war das Idealbild einer Griechin; wer also möchte sie beschreiben? Ihr Angesicht trug jene erstaunliche Regelmäßigkeit der Zeichnung, die der Sterbliche meist nur an kühlen Marmorbildern wahrnimmt. Wer aber solcher Marmorgestalt im Leben begegnet und diese normalsten Formen von rosigem jungem Leben durchglüht, wer sie sprechen und lachen sieht in süßer, atmender Wirklichkeit, der ist bestürzt und erregt, da er das Überirdische auf Erden und im Fleische sieht. Der Leichtsinn des Kindes aber lebte in diesem Mädchen, und das süßeste Lachen war heimisch auf diesen Pfirsichwangen. Ihre Freundin und Vertraute war Herse , die die böse Narbe auf der Wange trug; sie wohnte bei ihr; beide nährten sich reichlich vom Ertrag des Gartens und konnten im Tauschhandel noch vieles abgeben. Die Gartenarbeit aber fiel Herse zu. Anassa saß jetzt eben, wie oft, am Steintisch der Oleanderlaube; der Fächer entfiel ihr; sie kämpfte mit ihrer Müdigkeit. 70 Hatte sie die letzte Nacht durchwacht? Das Kinn ruhte in den nackten Armen, und so zeigten die blauschwarzen Haare, mit schwerem Knoten leichtsinnig im Nacken gerafft, die melodisch länglich geschwungene Kopfform und strömten ihr nach vorn in voller Flut um die weißen Schläfen. Die Augen fielen ihr zu; die schöne Nase sank und sank tiefer, und man sah nur noch die mondhelle Stirn und die schwer müde zugeschlagenen Augenlider, und Brauen und Wimpern warfen tiefe Schatten in die Blendung. Da eilte Herse herzu und weckte sie. »Anassa, schau auf das Meer! Das Schiff naht! er wird kommen!« Und beide stürzten an den Rand des Gartenlandes, stellten sich hoch auf die schwindelnde Mauer und hörten nicht auf, nach dem Schiff zu spähen. Auf der Hauptgasse und über den Marktplatz gingen indes die anderen Mädchen des Dorfes Hand in Hand einher und sangen. Die Burschen kauerten auf den Steinrampen über dem Abgrund und aßen Pinienkerne und trockene Feigen. Jauchzend liefen die Dorfkinder auf den Rampen entlang, wußten nichts von Gefahr und Absturz, und niemand dachte daran, ihnen zu wehren. Vor dem Hause des Krämers jedoch saßen die alten Weiber beisammen auf der Treppe, drehten die hängende Spindel wirbelnd am Faden, hatten auf Burschen und Mädchen sorglich acht und warfen die Arme und Hände zum Himmel, wenn sie lobten und tadelten. Bittis und Battis , die Alten, führten vor allen das Wort. Die Zähne hatten sie aus dem Munde verloren, aber die Worte nicht. Und Bittis fuhr auf: 71 »Anassa, Anassa! Warum geht sie nicht mit in den Reihen der Mädchen?« Und Bittis drehte den dürren, gelben Hals rechtswärts und linkswärts, daß die Ohrringe aus falschem Gold wie die Blitze flogen. Battis aber raunte: »Anassa tut stolz, weil sie schön ist!« Und Bittis und Battis legten entsetzt die flachen Hände auf die noch flachere Brust; denn hier wie dort war ihnen nichts übrig geblieben, als Knochen und Leder. »Jawohl, Anassa tut, als wäre sie eine geschnitzte Venus. So steht sie dort eben wieder auf dem Pfosten der Mauer, schaut über den Golf hin und regt sich nicht.« »Sie glaubt wohl, Jupiter soll als Stier übers Meer schwimmen, sie zu entführen!« Da lachten die zwei, daß es klang, wie wenn man trockene Bohnen in einem Blechtopf schüttelt. »Man sagt, sie hat jetzt einen Spiegel aus Silber.« »Von wem?« »Das verhehlt sie. Seitdem aber weiß sie, daß sie schön ist, geht seitab von den Gespielen und hat auf Herd und Webstuhl nicht acht.« »Schönheit ist wie eine Augenbinde. Sie macht den blind, der sie trägt.« »Und nur Herse ist ihre Vertraute. Das ist das Schlimmste. Wer weiß es nicht, woher Herse die geschnittene Wange hat? Sie trieb falsche Liebe und ward ihrem Buhlen ungetreu. Da nahm er sein Messer und zeichnete sie und riß ihr die Wange auf. So geschieht es jeder, die es treibt wie sie. Beim gütigen Herkules, uns hat noch keiner gezeichnet!« 72 Und Bittis und Battis lachten wieder und fuhren sich mit dem Knöchel über die zähen Backen. »Man sagt . . .« »Was sagt man?« »Der Kaiser hat die Anassa gesehen. Und sie hat den Kaiser gesehen. Und seitdem reitet sie der Dämon.« »Das glaube der und jener! Der Kaiser läßt sich nicht sehen, von keinem von uns. Denn er lebt eingeschlossen in seinem Palast wie ein Gott im Tempel. Niemand, sage ich, kennt ihn von uns, seit nun sechs Jahren. Die Münzen zeigen sein Bild, die er in Rom prägen läßt. Aber das Münzgesicht ist jung, und er ist alt . . .« »Man sagt, er streicht zuweilen zur Abendzeit ungekannt durch die Inselberge, mit einem Stern auf der Krone und mit einem Partherschwert . . .« »Man sagt, man sagt! Wer kann es beweisen?« »Wie ein Gespenst mit roten Augen geht er um, und wen er anblickt . . .« »Wen er anblickt, der wird besessen und stirbt am dritten Tage . . .« Und Bittis und Battis fuhren in die Höhe, spuckten sich dreimal in die Hände und setzten sich wieder. Da scholl der Ruf: »Pompei, Pompei!« und ein zwergiger, bärtiger Mensch von dreißig Jahren brach aus dem Gezweige, mit hoher Fistelstimme und stechenden Augen. Es war der Verrückte des Dorfes, der sich Pompejus nannte und wähnte, vom großen Pompejus herzustammen. Kaum sah er das Volk der Weiber, als er in seine Kammer schlich und 73 verwandelt hervorkam. Er trug einen roten Mantel, eine Blechkrone mit Stern und ein Partherschwert; so beschlich er Bittis und Battis von hinten, und als sie ihn sahen, kreischten sie auf: »Tiber, Tiber!« riefen alle Götter der Hölle zur Hilfe, deckten die Augen mit den Händen und flohen in den Keller, wo er am tiefsten ist. Der Verrückte war bald ins Gewahrsam gebracht. Die Dorf-Alten aber schüttelten die Bärte und führten Reden, wie sie sie täglich führten: »Was schreckt sie der Kaiser? Für Weiber und Kinder ist die Gespensterfurcht. Uns aber ist der Kaiser ein guter Herr. Mag er denn unsichtbar uns Gutes tun. Man fabelt viel, und über seine Laster geht ein Geschrei durch alle Welt, von Gades bis zum Euphrat. Die Reichen soll er aus den großen Städten auf unsere Insel locken, um sie ins Meer zu stürzen und ihre Güter einzuziehen. Und freilich klebt Blut an den hohen Klippen seiner Burg, das keine Woge wegwischt. Wer aber weiß, ob, die er richtet, nicht des Gerichtes wert waren? Verbrecher leben viele draußen, und der Kaiser ist dafür in die Welt gesetzt, daß er strafe und richte. Uns Inselleuten aber hat er kein Haar gekrümmt. Wettspiele hat er uns eingesetzt mit reichen Ehrenpreisen. Ein Festmahl gibt er uns einmal in jedem Jahr. Den Wachtelfang hat er uns gelassen und hat denen gewehrt, die ihn uns stören wollten. Und liebte er uns nicht, so bliebe er eben nicht hier bei uns. Selbst in den sengenden Zeiten des Hundssternes ist er geblieben, und wir können sagen: unser Eiland ist die 74 Mitte des Weltalls, und Okzident und Orient regiert ein Kapriote.« Darauf ein anderer mit gedämpfter Stimme: »Wer redet wie du, der hat gut laut reden. Ich sage euch: nicht Liebe zu uns hält ihn hier fest, sondern die Furcht; denn er weiß, daß kein Feind aus Rom hier unerspäht landen kann. Und was zwingt ihn denn, die gemeinsamen Straßen und Heiligtümer zu meiden? Eben wieder die Furcht. Geben die Götter nur, daß ich ihn niemals sehe! Und seine Wohltaten? Am Strand unten ist ein Schiffermädchen, des Simichus Schwester, von Piraten entführt. Seit wann aber landen hier Piraten? Wir wissen nur, daß sie verschwunden ist. Die Geschichte von Phorkys , dem Fischer, mag uns eine Lehre sein. Der Kaiser wohnte hier noch kaum ein Jahr, da fing Phorkys einen kostbaren Butt, der selten vom Pontus herschwimmt, und um dem Herrn die Gabe selbst darzubringen, mied er die wohlbewachten Zugänge des Palastes, klomm aus dem Meer auf nie betretener Stelle hinan und stand vor dem Kaiser. Der Herr erschrak und fragte nur: ›Wie bist du hierher gedrungen?‹ Phorkys wies stolz unter sich in das Meer hinunter; da erhielt er einen Stoß von hinten, daß er köpflings in die Tiefe fiel, und der Herrscher rief ihm nach: ›Unvorsichtiger, man geht hier den Weg, den man gekommen ist.‹« Aber auch diese Erzählung fand Widerspruch: »Niemand war zugegen und keiner hat den Leichnam aufgefunden. Und andere meinen, Phorkys lebt und ist der Liebling des Herrn geworden und speist bei ihm 75 auf goldenen Kissen, und eben darum ist er so unsichtbar für uns, weil es der Herrscher selber ist!« Damit hatte die fromme Märchenstimmung gesiegt, und der zuerst gesprochen, sagte nicht ohne Salbung das Schlußwort: »So ist's! Wen ein Gott liebt, der ist entrückt und ist wie zu den Seligen eingegangen!« Die Straße wurde stiller. Aus den Zisternen holten die Mädchen in ihren schlanken Krügen das Wasser in die Häuser. Denn Quellwasser gab es hier nirgends. Die ruhmreichen Meister des Handwerks arbeiteten noch vor den Türen, der Kupferschmied, der Schneider und Schuster, und besserten an Zeugen und Gefäßen, die man herzubrachte. Friede und Heiterkeit war in allen Mienen, und keiner von diesen Glücklichen verstand es im Grunde, was es heiße, zu den Seligen einzugehen, da sie die Seligkeit selbst atmeten, die in den Meereslüften wie Balsam wehte, vom Himmel in linden Gluten floß und sie umgab im üppigen, jungen Wachstum ihrer Rebengärten. Nur der ist unselig, der ohne Tagewerk im Paradiese lebt und die Frucht ißt, die er nicht selbst gezogen. Da wechselten plötzlich die Bilder. Den Ort entlang schritten jetzt sechs rüstige Frauen, die Steinlast auf dem Haupte; sie hatten die tausend Stufen der Inseltreppe vom Strande her erstiegen und gingen auf bloßem Fuß noch immer leicht und elastisch vorwärts. Myrto schloß als letzte den Zug, um mit dem Blick ihre Gehilfinnen zu bewachen. Denn sie dienten ihr. Das schlichte Haus, das am fernsten und höchsten lag, war ihr Ziel. Man rief ihr den Abendgruß, schaute ihr nach und redete nichts. 76 Bald erschien auch Alexis und eilte als flüchtiger Wanderer über die Gasse. Manche Hände streckten sich ihm entgegen von rechts und links, man fragte: wohin? und versuchte mit Geplauder ihn an den Türen festzuhalten. Er aber hörte nur mit halbem Ohr, antwortete abgebrochene Worte, und seine Blicke flogen seitwärts und verrieten wider Willen, wohin ihn sein Herz trieb. Da ließen sie ihn gehen, und es begann ein harmloses Scherzen: »Er hat es eilig und steigt zum Abend auf unseren Berg wie ein Vogelsteller zum Wachtelfang. Fischer, bleib bei deinen Netzen! O du liebe Venus! und einer Winzerin stellt er nach! Fischer und Winzerin sind aber wie Wasser und Feuer. Die werden auf jedem rechtschaffenen Herd zusammengetan; aber dem Wasser wird schwüle dabei, und ohne Zischen geht es nicht ab.« Und die Böseren neckten und meckerten: »Alexis, Alexis! Wer reist einem Heuschreck nach übers Meer? und wer klettert ins Bergwerk, um Sand zu graben? Wer aufs Gebirge steigt um eine Dirne. Alexis! Alexis!« Und der Ruf Alexis! flog von Mund zu Mund hinter ihm her; er errötete, sah sich nicht um und konnte seinem eigenen Namen nicht entfliehen. Da hörte man rufen: »Welch Wunder! kommt und seht! ein großer Herr aus Neapolis!« Und Philadelphus erschien auf der Straße, strahlend und hochgewachsen, im lichtblauen Chiton, Goldschmuck am Arm, von zwei Pagen geleitet, die den breiten Sonnenschirm über ihm trugen. 77 Denn er war von seinem Prunkschiff kaum ans Land gesprungen, als er die enttäuschten Sänftenträger am Ufer stehen ließ, die bequeme Wandelstraße mied, die der Allmächtige der Insel für sich und seine »Freunde« erbaut, und leichten Fußes den Weg des Alexis einschlug. In Sprüngen erklomm er die Felsentreppe schwindelfrei; denn er liebte die Gymnastik, und sein schlank und herrlich gebauter Körper verrichtete spielend jede Bewegung. Seine Freunde hatten ihn gewarnt: »Meide den Verdacht! meide den Zorn des Kaisers!« Er kannte keine Sorgen, rieb sich das Auge und sagte lustig: »Mein rechtes Auge juckt mich! Das ist ein gutes Vorzeichen. Heut gibt's einen schönen Tag!« und ging nun durch das Volk, Geld streuend in kleiner Münze, daß die Kleinen des Dorfes ihn kreischend und mit Kopfsprüngen umschwärmten. Sein Blick aber irrte forschend und siegesgewiß von Haus zu Haus und von Garten zu Garten. Anassa war zaghaft, da sie ihn nahen hörte, von ihrem hohen Stand in den Laubenschatten verschwunden. Sie lachte auch jetzt nicht. Herse aber stand wartend, und eine Rose fiel über die Mauer vor seine Füße, als er herantrat. Philadelphus klatschte in die Hände. »Sind hier Blumen zu kaufen? Ich brauche Kränze für das Abendfest!« »Goldlack und Rosen und Liebesäpfel wachsen hier; was bietest du?« rief Herse, und ihr Kopf sah lachend über die Mauer. Es war ein dreistes Lachen, daß die Narbe sich auf der Wange häßlich verzog. »So laß mich ein!« Und er trat, als gälte es einen 78 Kauf, mit seinen Pagen in die Flurhalle. Die Türe schloß sich. Er drang in den Garten. Anassa saß bebend auf ihrem Platze. Ihr Auge grüßte ihn mit zärtlichem Schreck. Ihr Busen wogte. Sie kannte die Liebe, aber sie fürchtete sich. Sie fürchtete für sich und für ihn. Denn Bittis und Battis hatten recht: der Kaiser selbst hatte ein Auge auf Anassa geworfen. Nah ihrem Haus lag der Sonnentempel; vom Sonnentempel führte ein unterirdischer Gang zum nächsten der kaiserlichen Häuser. Durch ihn mußte sich Anassa jedesmal zu den Festen begeben, so oft es der Hofmeister des Tiber befahl. An solchen Festen hatte Philadelphus sie gesehen, hatte flüchtige Worte mit ihr gewechselt, und das junge Blut hatte sich entzündet; der Zwang der Leidenschaft zog sie zueinander. Sie war ihm, dem Verwöhnten, schön genug, und er fühlte mit Frohlocken, daß ihre Sinne ihm erlagen. Sie bebte, aber sie widerstand nicht. Herse sang ein loses Lied fernab im Hause. Über der Steinbank zwischen Oleanderhecken, in den duftenden Blütenwölbungen der Jasmine, Granaten und Myrten schaukelte sich der leichtfertige Gott der Liebe und sah in Heiterkeit auf das schöne Paar hernieder. Das Volk aber draußen schwatzte und zischelte: »Das Rätsel ist gelöst. Der junge Herr, der die schweren Spangen trägt und das Geld streut, ist bei Anassa. Die Schwelle kann es plaudern. Er wird sie nach Neapel führen und in Seide hüllen.« Bittis und Battis aber ließen das Kinn hängen; ihre Köpfe wackelten und sie raunten: »Und dann? 79 Wir wissen, was wir wissen. Den Kaiser sieht niemand, aber der Kaiser sieht alles. Und die weißen und schwarzen Tage wechseln im Leben. So will es der große Jupiter, der die weißen Tage und die schwarzen wie die Würfel mischt im Würfelspiel.« Auf Alexis aber gab niemand mehr acht, der unterdessen Myrto vor ihrer Hütte gefunden hatte. Auch Myrtos Vater und Mutter, Simon und Anna , waren zugegen, und Alexis durfte sittsam herantreten und Myrto den Stein vom Haupte heben. So war sie entlastet, stemmte den Arm in die Hüfte, und ihr Busen hob sich, da sie tief ausruhend Atem holte. Aber die Mägde, die Steine getragen, harrten noch. Zwei derselben gehörten zum Haushalt des Vaters; den drei übrigen zahlte sie jetzt nicht ohne Scherz und gute Worte die Löhnung, jeder einen runden Denar für den Gang, und dingte sie wieder für morgen zu weiterem Dienste. In der Rosenwand am Haus brüteten die Tauben und girrten und hofierten zwischen den Blumengestellen. Myrto aber langte in den großblättrigen Feigenbaum, brach zwei süße Feigen aus seiner Krone und teilte sich mit Alexis darein. Dann führte Anna, die Mutter, den Gast zu dem neuen Terrassenbau hinter der Hütte; in einem Jahr sollen dort Reben wachsen, starke Reben vom Vesuv; auch das Erdreich soll vom Vesuv kommen; das wird eine rote Traube geben, wie sie noch kein Fuß in Anokapria gekeltert hat! Da kamen auch die Kinder gerannt, voran die zwei Buben, die Myrtos Brüder waren, und streckten die 80 schmutzigen Hände: denn auch die Erde Capris fleckt! Alexis war nicht träge, hob den Jüngsten auf den Rücken, balgte sich mit dem Älteren, und ein Rennen und Lachen begann, bis sie an Alexis emporkletterten, wie an einer Zeder. Da mußte auch Myrto lachen; ihr Auge hing, indes sie am Wassertrog kniend sich wusch, mit Wohlgefallen an jenem Bilde, und sie bemerkte deutlich, daß Alexis stärker und größer geworden, denn vor Jahresfrist. Auf seiner Oberlippe lag weicher Flaum, und sein Auge blitzte jetzt eben so heiter und kühn wie nie unter der breiten Haarwelle hervor, die ihm tief in die Stirne lag, bis wo sich die Augenbrauen trafen. Dann rief die Mutter zum Nachtmahl; eine Schüssel mit Mehlbrei und Bohnen dampfte auf dem Fußboden für die Kleinen. Die Älteren nahmen Eier und Kürbis, Brot und Wein, auch eine Honigwabe gab Süßigkeit, indes der Abend aus dem Meer aufstieg, Kühle atmend, und die flimmernde Dunkelheit leise durch die offene Tür ihre ersten Schatten warf. Auf der Steinplatte, die den Herd bedeutete, schimmerte die verglühende Flamme. Alexis und Myrto saßen beieinander. Man schwieg, und Alexis mußte seines Freundes Simichus flüchtig gedenken, dem er nicht einmal Valet geboten und der ihn heut zum erstenmal zur Abendstunde vergebens erwarten würde. Mußte er ihn nicht treulos finden? O hätte er, wie des Simichus Hand, so jetzt Myrtos Hand für eine Weile in der seinen halten dürfen! Wie neu war solche Freundschaft! Aber sein Blick erbat nichts. Sein junges Gemüt suchte nicht nach Worten; auch 81 gab er nicht einmal acht, wie lieblich und klug ihr Angesicht, wie schön ihr Arm, wie weich und jung ihre Wange war. Ihm war es Rausches genug, das Recht zu haben, ihr nahe zu sein. Der Unerfahrene fühlte, was er nie gefühlt: die Übermacht des Weibes. »Die Zeit naht,« hub Myrto an, »daß du zum Strand heimkehren mußt. Weißt du uns nichts zu erzählen, Alexis?« Und er begann: »Der Meerstier ist wieder gesehen worden. Habt ihr's noch nicht gehört? Der Meerstier, der große Fisch. Die Fischer, die heute früh von der See kamen, haben ihn schlafen sehen. Er hat wieder in der großen Grotte geschlafen, die nach ihm heißt So erzählen die Fischer noch heute von der Grotta del bove marino . . Die Grotte hat tiefes Wasser, in ihrem Hintergrund aber steht aus dem Wasser ein flacher Fels, wie ein gemauertes Bett; das ersteigt der Riesenfisch einmal im Jahr und schläft dort tief, so daß man ihn belauschen kann; hört er Geräusch, so flieht er scheu davon; und noch niemand hat gewagt, ihn zu verwunden. Ihr könnt es glauben, es war ein alter König Capris, der hieß Telon; der ist der Meerstier! Er ist vor tausend Jahren in den Fisch verwandelt worden zur Strafe, weil er gottlos war und dem großen Meeresherrn Poseidon den Tempel am Strand verweigerte. Seitdem kommt er jährlich heimlich zu seiner Insel, um dort zu schlafen, und man sagt, wenn er in der Grotte erschienen, so fordert er sein Opfer, und einer von unserer Jugend müsse folgenden Tages ins Meer stürzen, um ihm 82 zum Fraß zu dienen. Alsdann ist das Glück erkauft, und er gibt günstige Seefahrt, guten Wind und volle Netze dem Schiffervolk bis zum nächsten Jahre. So ist es stets eingetroffen! Der Meerstier will morgen sein Opfer haben.« Der Jüngling erzählte dies ernsthaft, aber ohne zu denken, daß es ihn treffen könne. Myrto hatte zwei Tonlämpchen am Gesims entzündet, die Speisereste beiseite getragen, säuberlich Wasser für die Hände gereicht, und als Alexis jetzt zu ihr aufschaute, gewahrte er, wie ihr Blick verschattet war und in schwesterlicher Besorgnis auf ihm ruhte. Sie vergaß den Blick abzuwenden. Er erstaunte, und das Herz wurde ihm, da er sie ansah, warm und selig. Wie kann in einem schwarzen Auge so viel Milde sein? so viel Flamme in der Nacht? Vater Simon lachte: »Alexis erzählt uns windige Schiffermärchen! Wer glaubt daran?« Myrto aber brach ab, und indem sie ihm die Hand darreichte zum Abschiede, sagte sie mit leiser Stimme: »Das Meer will sein Opfer? Die Unsterblichen schützen dich!« Da war er schon draußen, warf noch zaudernd einen Blick auf die Hütte zurück und beeilte sich dann nach Haus zu kehren. Er kam an das Gestade und vermeinte, hier seinen Simichus zu finden. Denn seit Jahren fanden sich die beiden Gesellen dort jeden Abend vor dem Schlafengehen und starrten auf den Golf hinaus, träumend von fernen Wunderländern und zukünftiger, gemeinsamer, abenteuernder Seefahrt, bis die Väter von rechts und von links sie in die Betten riefen. 83 Simichus war heut nicht zu finden. Er saß seitab am Ende des Strandes und härmte sich in kindischen Ungedanken, und mühte sich nach Kräften, sich unglücklich zu fühlen und den Alexis zu hassen und Myrto erst recht. Alexis aber stand tief einsam, und er vermißte den Freund nicht. Ja, er war ungetreu. Er stand unter dem Südhimmel voll ewig wandelnder goldener Sterne am laulichen nachtenden Meer, das weithin vom Fackelschein erglänzte; denn die Fischer waren mit Fackeln hinaus zum Polypenfang. Die Schleier der Nacht wogten geheimnisvoll halb durchleuchtet aus der Tiefe und Höhe, aufwärts und abwärts; aus der Höhe aber sah er über sich ein besorgtes Auge strahlend und ernst auf sich ruhen, ein Auge, das er kannte! Da begann er eintönig und brünstig vor sich hin zu singen, wie wohl ein Edelwild schreit; es war ein Lied ohne Worte, das über die Wellen scholl, und die schlafenden Tritonen am Grund der See wachten auf und hörten es staunend; sie streckten die weißen Körper geräuschlos aus der Woge und lauschten mit großem Ohr, und ihre Bärte flossen wie Silber aus den Wellen. Da rief der Vater; Alexis gehorchte, erklomm die Stiege der Kammer und legte sich zu ebener Erde ruhig nieder, den Arm unterm Haupte, über sich das treue Ziegenfell, das ihn zeitlebens zugedeckt und das älter als er war. * * * Der Mond war noch nicht aufgegangen, wohl aber warf der Leuchtturm, der hoch über der Klippe am Palast des Tiberius ragte, der Rivale des Mondes, 84 sein gewaltiges breites Licht sorgsam über das weite Mittelmeer ostwärts und südwärts gegen Kalabrien und Afrika: ein untrüglicher Wegweiser der Schifffahrt. Auf dem Turm aber stund der alte Kaiser Tiberius mit Thrasyll , seinem Sternendeuter, und die Unersättlichen pflogen, wie seit Jahrzehnten, in nächtlicher Weile stundenlange ziellose Gespräche über Schicksal und Vorbestimmung. Denn Güte der Götter gab es nicht; das mechanische Gesetz der Mitleidenschaft knüpfte jedes Menschenlos an die wandelnden Himmelskörper, und alles, was geschah, stand unentrinnbar im Lauf der Planeten. Tiberius trug auf dem Haupt den Lorbeerkranz; denn er fürchtete sich auf diesem Turm stets vor Gewitter und glaubte, daß Lorbeer den Blitz ablenke. Sie sprachen im Flüsterton und in Pausen mit ernsten, blassen Mienen und behorchten das Sternenlicht dort oben und den östlichen Horoskop ohne Hilfe geschliffenen Glases; aber das Auge der alten Männer war scharf wie das der Wildkatze. Dann prüften sie in Bücherrollen die Zeichnungen alter Sternendeuter, wo in magischen Dreiecken Gedrittschein eingetragen stand und Gegenschein und der Zodiakus mit Tierzeichen und Häusern und Himmelsachsen, und schritten gedankenvoll hin und her, ohne sich anzusehen. Mars traf sich eben jetzt im Horoskop diametrisch mit dem Merkur zusammen, und die Stunde war übel. Der Kaiser klappte eine Wachstafel auf; sie enthielt eine Liste vornehmer Namen von 85 Männern und Frauen, deren Nativität zu prüfen und deren Todesstunde zu kennen wichtig war. Die Liste zeigte ihm, daß er, der Kaiser, älter als die Mehrzahl sei, und der 74jährige fing an, über sich selbst zu grübeln. »Die Planeten in ihren Häusern wissen, wann ich sterben soll,« begann er düster. »Ich aber stelle an die Sterne die Frage nicht, und es schiert mich nicht, die Stunde zu kennen, nach der alle im Reich fragen. Denn sie hoffen auf meinen Tod, und die Schwächlinge verdienten, daß ich unsterblich wäre. Ein Anderes aber frage ich wieder und wieder: Warum zähle ich nicht zu den Glücklichen, Thrasyll? ich, der ich Glückliche beherrsche! Ich weiß, es liegt in der galligen Mischung des Bluts, und Empfängnis und Geburt standen bei mir unter unheilvollen Aspekten. Aber kann ich das Heil nicht zwingen, der ich alles zwinge? Eine Stunde reinen Glücks, die möchte ich kennen, ob sie mir einmal im Leben beschieden sei. Ich fordere sie mit Ungeduld. Denn Neid und Mißgunst, Haß und Rache, das war mein Dasein, bis daß ich auf diese Insel floh. Ich wähnte, hier sei ein Asyl des Verfolgten, und der Fluch der Sterne dringe nicht in diese Herberge ländlicher Zufriedenheit und werde hier auf der Schwelle straucheln. Aber der Haß, der mich groß gemacht, ist mir hierher gefolgt. Eine Stunde frißt die andere, ein Genuß würgt den andern, und die Vernichtung grüßt mich aus jedem Lachen der Wonne . . .« Er brach ab, und Thrasyll sprach nüchtern: »Auch gibt es keine Tugend; und die, die du heute 86 vergöttert hast, verdient, daß du sie morgen zu den Toten wirfst.« »Sprichst du von Anassa?« »Dein Neapler Günstling Philadelphus ist ihr Buhle. Die Spione melden es. Er pflückte heute verbotene Früchte in ihren Gärten, und gibst du nicht acht, so hat er dir Anassa morgen nach seinem Neapel entführt.« Der Kaiser wurde bleicher und sagte nichts. Aber von der Wand des Gewölbes fiel rasselnd der schwere Stuck herunter. Tiber hatte seinen Dolch in die Wand gestoßen. Das war ein übles Zeichen. »Die Sterne schweigen,« hub Thrasyll von neuem an, »und von jener Glücksstunde, die du forderst und die du noch nie erlebt haben willst, erhabener Cäsar, wissen sie nichts. Aber es gibt andere Wunderkräfte, die dem, der an sie glaubt, hilfreich sind. Willst du dich herablassen und den Weg der Zauberweiber gehen? Du zuckst verächtlich die Achseln. Aber nicht nur die Zauberinnen hier zu Lande wissen davon, sondern die großen Magier in Persien selbst überliefern die Lehre von der Heilkraft der Wunderkräuter. Wer die Pflanze Aglaophotis findet, so lehren sie, dem gehorchen die Götter. Wer sich mit der Hiera Botane Brust und Stirne reibt, der entrinnt jeder Krankheit und jeder ist ihm Freund. Helianthes gibt den Königen im Perserland jenen Schimmer des Liebreizes, der alle Herzen besticht. Theobrotion aber ist ein Kraut, wunderbar vor allen, das die Perserkönige in ihrem Weine trinken, und nicht nur aller Körperschmerz, sondern jedwedes 87 Leid der Seele ist für sie aus den Adern hinweggespült und entschwunden. Willst du deine Verachtung überwinden, großer Cäsar? Willst du ohne Geleit einen Gang durch die Insel wagen? Wer an einem Tage, wo die Sonne im Zeichen der Zwillinge steht, bald nach Sonnenuntergang an einer Stelle, die auch kein Mondenlicht bescheint und wo kein Mensch zugegen, die Blume Theobrotion findet, die mit blauem Kelch an einsamer Stelle am Felsen blüht, wer sie mit der Linken schneidet, nachdem er in das Erdreich einen magischen Kreis gezogen, dem, heißt es, soll das reinste Glück erscheinen, das die Menschen kennen und das sich der Träumer vom Elysium erhofft. Die Konstellation trifft zu; der geeignete Tag wird da sein, sobald sechs Nächte vergangen sind; die Heilkräuter wachsen an einer Stelle, die ich dir weisen kann, und der Kaiser kann sie pflücken wie der gemeinste Schifferknecht, wenn ihn dabei nicht schwindelt! Denn das Glück fürchtet sich vor dem Cäsar nicht, wenn er es nur zu finden weiß.« Tiberius gab kurz zurück: »Ich merke, du führst Ammengespräche, und ich werde für einen Säugling gehalten. Wohin ist es mit uns gekommen? Laß hören. Theobrotion bedeutet ›Götterspeise‹; und ich soll, um ein Gott zu werden, ein Kraut verdauen? eine Göttlichkeit, die aus dem Magen kommt! Wer aber sagt dir, alter Schwätzer, daß ich nicht Gott bin? Wenn ich an Götter glaubte, so wäre ich selbst der erste unter ihnen! Verbringe denn hier in Weisheit deine Nacht und halte mir die Knechte wach, daß sie 88 die hundertfältige Flamme des Leuchtturms hüten. Denn dazu hab' ich ihn erbaut; sein Licht ist mein Licht; ich will, daß mein Königsschloß im Meer Heil bedeute dem Seefahrer und daß mich die Segler bei Nacht betend aus der Ferne grüßen und anrufen wie ein gnadenreiches Gestirn. Einem Fixstern will ich gleichen, der beharrt in seinem Glanz und nicht untergeht.« Er wandte sich, und des Weltbeherrschers Majestät klomm vorgebückt wie eine Katze die schmale Turmstiege hinab, »Theobrotion« vor sich murmelnd, bis wo er seine Pagen fand. Die hoben ihn auf den Tragsessel und trugen ihn hoch auf ihren Schultern wie ein Idol (zwei Trabanten mit Pfauenwedeln schritten hinter ihm) durch die Hallen und Korridore bis in den Festsaal; denn es gab jetzt allabendlich Fest in der Villa des Jupiter. Gäste aus Rom, Athen, Ägypten waren zugegen; auch Philadelphus fehlte nicht. Die schönsten Speisen waren abgetragen; denn der Kaiser gestattete oft, daß das Gelage ohne ihn beginne. Als er im Saal erschien, sprang alles von den Polstern; die rennenden Diener standen festgebannt mit Kannen und Schalen, als würden sie zu Stein, und der Ruf erscholl wie erschreckt: » Ave Cäsar, ave Domine! « Das muntere Gelächter der vorigen Sekunde hing gleichsam noch stumm im Saal. Kaiser Tiberius witterte es und suchte gleichsam nach ihm. Sein Gesicht aber bewahrte stets den gleichen Ausdruck; es war der Ausdruck mißbrauchter Gnade und ermüdeter Gerechtigkeit. 89 Er ließ sich auf den Boden herab; der Liktor mit dem Beil trat neben ihn, und so stehend, mit steifem Nacken aufgerichtet und alle überragend, begrüßte er langsam die Geladenen, indem er jeden bei Namen nannte; und jeder Gast zitterte jedesmal, aufachtend, in welchem Ton er seinen Namen sprechen werde. Dann verstummte Tiber, wie er stets verstummte, trank und trank, wie er stets trank; aber sein kaltes Hirn spürte es nicht. Und das stechende, große, graue Auge im weißen Gesichte ruhte leer und teilnahmslos auf dem Kreise, bis in ihm eine unheimliche Flamme aufleuchtete. Denn sein Blick traf auf die sorglos heitere Gestalt des schönen Philadelphus; sein Blick haftete an ihm und ließ nicht von ihm, als wollte er ihn umklammern. So umklammert hielt er ihn im Auge, als sich die Hinterwand auftat und ein Schauspiel begann. Denn im Tanzschritt erschien auf einer Erhöhung leichtfüßig ein schmucker Mädchenreigen, tändelnd und verführerisch und ein Ergötzen auch für das verwöhnteste Männerherz. Von Gades und Antiochien waren diese Nymphen bezogen und gaben einen Tanz in reizenden Verschlingungen, bunt und keck, von langen Gewändern umflattert, die frei und lose keine Bewegung des Leibes verhehlten, in den Händen wehende Schleier, Reifen und Blumen. Junge halbnackte Panisken mischten sich geschmeidig in die heitere Wollust der Szene. Philadelphus war in Spannung ganz bei dem Bilde und spürte den langen Blick des Kaisers nicht. 90 Denn er erwartete Anassa zu sehen. Da schritt ein alter Silenus herein und vertrieb die bunte Schar. Die Bühne war leer. Eine Pause entstand. Anassa sollte erscheinen. Sie kam nicht. Der Silenus lief ab und zu, sie zu holen. Anassa weigerte sich. Sie hockte im Nebengemach auf einem Schemel, übergossen von mattgelben, golddurchwirkten Gewändern und Efeuranken mit dunklen Früchten, saß dort und weinte in wilder Scham. Anassa war eine andere geworden. Gedankenlos hatte sie bisher als Zierfigur der Feste gedient, und es hatte sie nicht gekränkt; aber sie liebte jetzt, und der echte Stolz der Liebe regte sich in ihr. Sie wollte sich nicht entwürdigen. Die Pause wuchs und ward peinlich. Im totenstillen Saal konnte man ihr Schluchzen von fern vernehmen, als der gemessene Befehl des Imperators an sie erging, ihre Pflicht zu tun. Sie erschien. Cymbel und Harfe fiel ein, die Flöte schrillte. Sie stand scheu und trocknete sich mit den wirren Haaren ihre Tränen. Der zottige feiste Silen aber umfaßte sie, ein gewiegter faunischer Tänzer die jüngste der Mänaden, riß sie mit grinsender Miene in den gierigen Tanz, und bald ihre Hüfte, bald ihre zarte Brust mit großer Hand umspannend, warf er sie im Taumel der Tarantella hin und her und aus einem Arm in den anderen und sprang dabei schwerfällig, mit keuchendem Atem, die Beine nach vorne werfend, und schlug den Boden mit den Hacken. Sie aber suchte ihm angstvoll zu entschweben und senkte die Augen weg in liebreizender Scham, nicht wissend, 91 wohin sie schauen sollte. So blieb sie ganz in Verwirrung, wehrlos wie die Taube, hochgerötet, mit fliegender Brust, und ihre Lippen standen offen und zuckten in Pein und Ratlosigkeit. Philadelphus wußte wohl, daß es gefährlich war, seine Liebe zu verraten. Aber er wußte auch, der Kaiser begünstigte ihn und er hatte Nachsicht mit dem leichten Blut und den arglosen Keckheiten der neapolitanischen Jugend. Und das Ungewöhnliche geschah: Philadelphus hatte sein Lager verlassen. Im leichten seidenen Speisekleid, den silbernen Becher in der Hand, um das Haupt den Rosenkranz, so sprang er plötzlich in gymnastisch leichtem Schwung auf die Bühnenhöhe, faßte den Silen am Ohr, schlug ihn mit dem Becher, daß es schallte, und stieß ihn mit dem Fuß hinaus. Der Unhold kehrte nicht wieder. Alles sah erschreckt auf Tiber. Dessen bleierne Miene verzog sich nicht; es war noch immer die Miene mißbrauchter Gnade. Philadelphus aber lag schon wieder auf seinem Platze, sah harmlos in des Kaisers starres Auge und rief: »Der Abscheuliche ist vertrieben, und unser erhabener Herr wird sagen, daß er mir dankbar ist. Anassa blieb hier. Anassa wird jetzt vor uns lachen und tanzen, und es wird die Schönheit selber sein!« Da tanzte Anassa; sie tanzte und lachte; aber sie tat es für ihn . Es war ein mänadischer Tanz der Sehnsucht und der Leidenschaft. Wie vom Zauberschlage verwandelt, wurden ihre Bewegungen frei und kühn; ihre zarte und schlanke Gestalt wuchs und hob sich; das entzückende Ebenmaß 92 des jungen Leibes entfaltete seinen Zauber, und im zagen Angesicht der Hebe stand drohend der sengende Blick der Venus. Um den nackten Hals trug sie das Fell der Hindin, in der Rechten die Schale der Lust. So angetan begann sie in treibenden Rhythmen ein Schreiten und Neigen und Schweben wie im Winde, ein Flüchten und Haschen und Suchen und Grüßen, bis ihr das Haupt zurückfiel, der Taumel sie faßte, bis im Rausch die Gestalt sich um sich selbst zu drehen begann und wie ein im Frühlingssturm gewirbeltes Rosenblatt ohne Erdenschwere über dem Boden zu flattern schien. Dann ruhte sie, und Triumph umspielte ihre jungen Lippen, und kindlicher Jubel lachte hell in ihren Mienen. Tiberius sah, für wen dies Auge glühte, und sein eisiger Blick umklammerte sie und ihn. Da füllte sie die Schale, trank mit Hast und spritzte die Neige weit über die Tische hin, daß der Wein die Wange des Philadelphus traf. »Anassa, meine Göttin!« scholl es laut von seinen Lippen. Der Kaiser aber gebot, die Bühne zu schließen; die Zimbeln verstummten. Und alles war still. Es schien, daß die Lampen auf den Kandelabern erlöschen wollten. Der Wein floß schwer und schwerer aus den Krügen. Die heiteren Schildereien an den Wänden verdämmerten trüb. Auch Philadelphus hing mehr als sonst dem Schweigen nach, und nur bisweilen tönte sein sorgloses Lachen, oder er summte ein neapolitanisch leichtes Lied: 93 O Mädchen, du gleichst dem Kruge, Dem Kruge mit Purpurlippen. Den füllt bis zum Rand die Liebe. Komm, Amor, kredenze mir! Tiberius aber begann mit dem Ritter Priskus , dem Meister der Zeremonien, der ihm zur Linken lag, in kurz gestoßenen Worten ein Gespräch. »Ich will, daß du mir morgen ein anderes Schauspiel bereitest, ein Zauberspiel nur für mich allein, und zwar in jener schönsten Grotte der Insel, die bläulich schimmert und die die Sirenengrotte heißt. Ihr Wasser ist tief. Du sollst mir in mimischem Bilde die Hochzeit des Peleus und der Thetis zeigen, jene Hochzeit aus der Fabelwelt, aus der Achill, der Pelide, entsprossen und die unser lahmes Dichtervolk zu besingen pflegt. Ich will, daß Thetis, die Meergöttin, auf schwimmendem Lager ruhe. Der Held Peleus wird sich auf das Muschellager zu ihr gesellen. Die Grotte selbst sei der Thalamos. Das andre aber alles soll sein, wie es bei den Dichtern steht. Wähle dir zu dem Bilde das schönste Weib und den schönsten Mann, die du in dem Menschengehege dieses Eilandes findest. Du wirst nicht zweifeln, Priskus, und die Wahl ist leicht. Ich will sie zur Götterehe zusammengeben!« Solches sagend strich sich Tiberius weich die Hände, lachte mit einem stimmlosen Lachen und hieß den Kreis auseinandergehen. Fackelträger leuchteten jedem Gaste von Raum zu Raum. Als Philadelphus, um seinen Abschied zu nehmen, zum Kaiser trat (sie waren beide gleich hoch gewachsen), redete ihn Tiber, wie öfters, »mein 94 Liebling« an. Ein süßer Hauch üppiger Jugend wehte ihm aus dem Odem des Jünglings entgegen. »Es war Göttergunst, dich hier zu sehen; schön und verwegen, mein Liebling,« sagte er, »so war einst Phaëthon und so bist du!« Und er griff ihm hinten am Hals in das seidene Kleid, das weit geschnitten und lose war, so daß unter dem schwarzen Lockengeringel der blendende Nacken frei wurde, weidete an dem Schimmer der Haut, die keine Sonne gebräunt hatte, seinen Blick für kurze Zeit; dann prüfte er mit hartem Knöchel die Feste des Fleisches und murmelte: »So ist's. Ein Schwert würde Mitleid haben hindurchzufahren.« Danach küßte er ihn freundlich auf beide Wangen und hieß ihn schlafen gehen. »Ruhe nun aus,« sprach er, »du Sonne Neapels. Mich dünkt, der Leichtsinn und das Glück sind deine Freunde. Sage deinem Neapel, wenn du es wiedersiehst, daß ich es um dein Glück beneidet habe.« Und der Muntere ging, sein Lieblingslied trällernd, davon. Priskus sah ihm nach und dachte: »Der Wolf hat ihn bei den Ohren, und er ahnt es nicht.« Der greise Allmächtige aber trat auf das freie Dach seines Schlosses, von wo sein spähendes Auge am Tag bis Paestum und bis zum circejischen Vorgebirge reichte, starrte aus der Höhe, ein einsamer Mann, über das Meer hinaus in die grabstumme Nacht, und die leere Unendlichkeit stand gähnend über ihm. Er beugte sich über die Tiefe. »Mein Leuchtturm streut sein Licht und steht aufrecht wie das Glück des Kaisers,« so sprach er vor sich hin. »Das Glück des Kaisers aber, wo ist es? 95 wo ist mein Glück? Mich fiebert danach. Hinter Palasttüren und goldnen Mauern wächst jenes alberne Heilkraut nicht, von dem Thrasyllus redet. Kein Elender lebt, der es mir bringt. Ich muß es suchen gehen zu seiner Zeit.« Und er lachte ekel vor sich hin, sank müde zurück und lehnte schlaflos am Pfosten. Aus der Tiefe des Meers stieg die Kühle auf, und seine langen Nackenhaare flatterten im Wind. So kauerte er stundenlang lechzend, wie ein Dürstender mit trocknem Gaumen, bis der nahende Morgen ihn vom Dache trieb. Der Hirte der Welt hatte gewacht über seinem schlummernden Volke. * * * Der Morgen kam. Es war die sechste Stunde nach Mitternacht, als Myrto die Türe ihres Hauses öffnen wollte, um Wasser zu schöpfen und alsbald mit den Mägden zum Strand zu gehen. Sie zauderte den Türring zu fassen, und wie die Lazerte übers Gestein, so huschte ihr ein Morgengedanke über die Fläche ihrer Seele. War es Alexis? – Als sie aber die Türe bewegte, da fiel ein voller Kranz von Mohnblumen und Malven von oben ihr weich auf das Haar, strich ihr die Wange und blieb im Gleiten wie von selbst in ihren Händen hängen. Und ein frischer Tau, der ihr die Haut lieblich kühlte, fiel aus den Blüten, ein Anzeichen, daß der Kranz erst eben gewunden war. Myrto kannte die Zeichensprache der Liebe, sie flüsterte des Alexis Namen, und ihre Brauen zogen sich in Überraschung und halbem Zorne. Alexis hatte schon früh vor dem Morgengrauen 96 wach gelegen; so lag er und sann in Traumgedanken, bis es ihn hinaus ins Freie trieb. Er gedachte Myrtos und ihres Blickes und überdachte, was er ihr schenken könnte. Denn wie unter der Tageswärme die Knospe den Kelch auftut und nun der Duft aus ihrer Tiefe strömt, wie der milde Regen aus der Wolke fällt, wenn der West sie schüttelt, so schnell, kraftvoll und lind erwacht im Knaben die Liebe, wenn es Zeit ist. Der Mond senkte sich eben zum Untergange, als er ins Hausgärtchen hinaufstieg, um ihr einen Kranz zu winden. Das Frührot erwachte noch nicht, als er schon zu ihr hinaufeilte in das Gebirge. Er fand die Türe nur angelehnt und hing das Gewinde heimlich im Innern des Hauses über den Pfosten, so daß es herunterfallen mußte, sobald sie die Türe bewegte. Denn die Häuser standen hier unverschlossen, und niemand fürchtete den nächtlichen Dieb. War er aber nicht selbst ein Dieb? Gab er nicht, um zu nehmen? Was würde sie sagen? würde sie ihm zürnen? ihm Freude zeigen? Alexis war noch zu rasch und jung, um Selbstgespräche zu halten. Aber sein innerstes Gefühl war wie ein Gedicht, das er zu dichten nicht imstande war Dies Gedicht ist uns gleichwohl erhalten und lautet in der zärtlichen Sprache des Südens:         Hanget, ihr Kränze, mir still hier über den Flügeln der Pforte,             Dauert und nicht vorschnell welkt mir entblätternd dahin;         Die ich mit Tränen euch netzte! So tauen der Liebenden Augen!             Sondern, gewahret ihr sie, naht sie und öffnet die Tür,         Da auf ihr Haupt hinträufet den Regen von mir, und die Zähren,             Die ich geweinet um sie, trinke ihr schimmerndes Haar. . 97 Myrto mußte den Kranz, da sie ihn nicht vernichten wollte, verbergen, und hing ihn im Schlafgemach an ihren Webstuhl, als ein Gegenstand herausfiel. Es war eine Ziernadel von schlichter Koralle, die Alexis auf seiner ersten Seefahrt im Herbst erhandelt und an den heiligen Götterfesten mit Stolz getragen hatte. Sie tat die Nadel schnell in ihre Lade und eilte mit ihrem Vater zum Tagewerk, das sie zum Strande hinabführte. Alexis aber fand sie am Strande nicht, da er hinausgefahren war, die Netze zu heben. Nach wenigen Stunden aber hatte sich das Meer belebt. Kaiserliche Barken kamen gefahren. Die Boten des Präfekten eilten über die Landwege. Die Kramläden und Gerichtshallen wurden geschlossen, und das Gerücht lief durch diese kleine Welt: der Kaiser begeht heut ein Fest, und nach der Sirenengrotte fahren die Schaluppen. Auf geheimen Wegen ist der Kaiser schon in die Grotte gelangt. Und die Neugierigen sprangen in die Boote, Alt und Jung, Männer und Weiber, und im lustigen Gewirre tummelte sich ein Korso von bunten Kähnen, die ihre grellen Farben im Wasser spiegelten und alle auf die Sirenengrotte hielten. Ein munterer Wind ging. Das flimmernde Meer sprühte Wonne. Ein Wettfahren entstand, mit Ho- und Heiaruf! Die Riemen ächzten am Pflock, die Ruder klatschten. Die dreieckigen Segel blähten sich, der hohe Bug sprang munter von Welle zu Welle und schnitt scharf durch die perlende, smaragdene Tiefe. »Habt ihr schon Wunderbares gesehen? Tänzer und Tänzerinnen sind soeben hinausgeschafft. Dort 98 kommen auch Fahnentücher und Kränze! Es wird einen Schwimmtanz geben. Wer das Schauspiel mit ansehen könnte!« Aber in dem engen Mund der Grotte verschwanden alle Herrlichkeiten. Und die Vielen, die keinen Zugang hatten, wimmelten auf tanzender Flotille vor der Einfahrt wie Möven am Brutplatz oder wie ein Volk von Schwänen an der Futterstelle. Der Felsenrand der Insel steht hier wohl bis achthundert Fuß steilrecht und unzugänglich aus dem Meere. Er wurzelt im Seegrund fest genug seit Jahrtausenden. Aber auch das Wasser spült hier an und nascht am Felsen ruhelos seit Jahrtausenden. Es hat den harten Fuß des Riesen unterspült und ihm die schönste der Grottenstuben abgewonnen; und die blaue Welle hebt sich schlüpfrig und leckt empor, wenn sie durch die enge Einfahrt ins Innere einschlägt. So kleidet sich hier der Hader der Elemente in Liebe und in Lieblichkeit. Der breite Fels prangt mit nackter Brust braungold und tief violett von oben bis unten, die Schultern überschüttet von Sonnenstrahlen, indessen die wogende See schmeichelnd seine Sohle küßt, und Höhe und Tiefe ist wie in eins geschmolzen von der heitern Glut des Sommertages. Alexis war mit Simichus vom Fang heimgekehrt; anlandend traf er Myrto mit ihrem Vater. Vater Simon wünschte eifrig, zur Grotte zu fahren. Die Knaben erboten sich, und Myrto konnte nicht widerstreben. Sie dachte nicht an Liebe; sie gestand sich nur, daß sie ihre Freude an Alexis gehabt und daß sie dies 99 unvorsichtig gezeigt hatte. Das war nun zu Ende. »Die jungen Männer sind täppisch und vorschnell,« dachte sie; »und sie sind sich alle gleich; zeigst du ihnen Zutrauen, so stürzen sie ungeschickt auf dich mit Liebeswerben; blickst du sie freundlich an, so springen sie mit beiden Füßen in deinen Garten. Morgen aber sind sie bei einer andern, die noch freundlicher blickt. Sie sind wie Öl und wie Schwefel, und jedes Weib kann sie entzünden!« Alexis in seiner Einfalt sah sie sehnsüchtig fragend, flehend und dringend an. Ein Blick von ihr, ein einziger hätte als Dank genügt für seine Gabe. Sie mied mit entschiedener Ruhe sein Auge und dachte streng: »Es ist dem Burschen schon Antwort genug, wenn ich ihm die Gabe nicht zurückgebe; daraus mag er erkennen, daß ich ihm seine Kühnheit verzeihe.« Alexis verstand sie nicht, und sein Gespräch wurde kleinlaut, sein Herz gedrückt. Aber auch Simichus saß im Kahne mit düsterm Angesicht und verbissener Miene, blickte, wenn Myrto ihn ansprach, finster zur Seite, und sah sie mit Haß an, so oft er sich unbeobachtet glaubte. Hier saß das Mädchen vor ihm, das ihm seinen Freund verwandelt hatte; und sie machte den Freund nicht selig, sondern bekümmert! Myrto fuhr selten auf dem Meere; denn selbst auf so kleiner Insel engt und teilt sich das Leben. Das Treiben der Schiffer, die farbigen Wimpel, das Schreien und Grüßen von Gondel zu Gondel belustigte sie. Man jauchzte ihnen zu, und Myrto gab den Ruf zurück, daß das Echo der Felsen widerhallte. Der Strandpalast des Tiberius zog an ihnen vorüber. 100 Denn auch hier hatte der große Herr einen Prunkbau errichtet, der kühn in drei gewaltigen Stockwerken, 270 Fuß in Front, mitten in die Flut gemauert stand. Myrto frug, und Alexis mußte erklären, daß früher in jedem Frühling der Kaiser hierher kam, um in den Seebassins im Innern der Höfe des Bades zu genießen Jetzt Bagni di Tiberio . Doch der Kaiser ist nunmehr hoch betagt, und er meidet die Salzflut. So waren sie bis zur Grotte gelangt, und die Umgebung wirkte zerstreuend. Zwei Reihen bemannter kaiserlicher Schaluppen lagen trotzig vor dem Grotteneingang und wehrten jedem Neugierigen, sich zu nahen. In des Mädchens Seele aber wurde die Neugier reger und reger, und ihre Phantasie fing an zu raten. Ein Geheimnis, ein Rätsel, das sirenenhaft lockte, verbarg sich in der Höhle. Wer hineinschauen könnte! er würde in die Wunder Elysiums sehn! Und im Kahn, der sich wohlig hob und senkte, lagen die jungen Drei untätig hingestreckt und spähten zaubersüchtig nach jener Stätte des Wunders. Alexis sprach: »Ich wüßte ein Abenteuer. Wer unter den Kaiserschiffen hindurch in die Grotte schwämme, der würde gewiß alles sehen, und er könnte uns alles erzählen.« Das war ein Wort! Myrto schlug ungläubig die Hände zusammen. Simichus aber hatte es kaum gehört, als er emporfuhr, sich rasch entgürtete und über den Bootrand im Meer verschwand. Erschreckt riefen die andern ihm nach; er ließ sich nicht halten. 101 Den eigensinnigen Knaben in seiner verbitterten Seele lockte just ein Abenteuer, und das Unmögliche war ihm eben recht. Wenn es ihm gelänge und er das Geheimnis entdeckte, dann würde er doch dieser Myrto davon nichts erzählen! Und ging er gar unter, nun gut! man würde sich doch um ihn grämen müssen! Seine Gestalt entfernte sich; er tauchte unter und wieder auf. Jetzt war er an der Grotte; aber die Kaiserlichen gewahrten ihn. Eine Eisenstange schlug nach ihm, und er versank. Alexis schrie auf, rief gellend des Simichus Namen und sprang in fliegender Hast ihm nach, dorthin, wo auch ihm die Eisenwaffe drohte. Die Barke trieb ohne Ruder. Myrto, die starke, erschrak; eine Angst nicht um Simichus, eine Angst um Alexis überfiel sie. Ihr fiel die Fabel ein, die Alexis eben gestern von dem Seeungetüm, von dem Meerstier erzählt, der auf dem Felsenbett geschlafen und der heute, eben heute sein Opfer forderte. Ihre Augen verfolgten den Schwimmer in atemloser Spannung, dann sank sie über den Bootrand, griff mit beiden Händen in die blaue Flut, hob sie dann flach zum Himmel empor und hauchte unhörbar: »Herrin Venus, Königin der Meere, dein ist er! Schütze ihn und laß ihn leben. Und ich will tun, was du gebeust.« Aber die letzten Worte, die einem Gelöbnis glichen, hatte sie noch nicht gesprochen, da erhob sich ein Schwarm von Delphinen aus den Wellen und umkreiste mit gleißendem Rücken den Kahn; mitten unter 102 ihnen aber tauchte Alexis selbst empor, den Freund im Arme, das rote Gürteltuch schwenkend, das ihm von den Hüften geglitten. »Gerettet!« Die Göttin hatte geholfen, und der Meerstier hatte das Opfer nicht gewollt! Simichus wurde ohnmächtig in die Barke gehoben. Da fiel alle Angst und Erregung des Augenblicks Myrto vom Herzen, und eine heitere Ruhe erfüllte sie. Simichus war von dem Schlage am Kopf getroffen, und das Blut rann aus der Wunde. Myrto besann sich nicht, löste ihr leinenes, weiches Brusttuch und wand es ihm fest um Schläfe und Stirn. Ihr Hals stand offen. So ließ sie sein blasses Haupt in ihrem Schoße ruhen, legte den Arm auf seine Schulter und neigte sich mildtätig über ihn, seinen Atem belauschend. »Er lebt und wird erwachen!« sagte sie mit Zuversicht und war ganz nur von der Pflege des Knaben hingenommen. Denn ihr Herz neigte sich ihm zu um seines Freundes willen. Auch Alexis sorgte sich um Simichus, aber seine Gedanken hingen nur an ihr, an der Pflegerin. War es möglich? Er mußte in diesem Augenblick der Gabe, die er ihr am vorigen Tage gebracht, der geringen Ziernadel gedenken. Er wähnte, sie hätte sie etwa verborgen in ihrem Brusttuch getragen. Jetzt sah er, sie trug seine Nadel nicht! Er ruderte stehend, und mit jedem Ruderschlag sich neigend, sah er vor sich die Freundin und den Freund wie eine schöne Gruppe der Pietas. Der Zauberglanz der See schimmerte milde in Myrtos Auge. Er aber konnte den Anblick nicht ertragen, neidete dem Verwundeten 103 den zärtlichen Platz in ihrem Schoße und zürnte mit seinem Schicksal: »Warum lieg' ich nicht dort? und warum bin ich nicht selbst der Geschlagene?« Ein Zug von Delphinen umkreiste noch immer friedfertig die Barke. Myrto sah sie mit Bewunderung und Entzücken, Alexis aber hub voll Grimm die Ruder und schlug nach ihnen, und die freundlichen Boten der Venus entwichen. Jetzt eben regte sich Simichus. Myrto strich ihm mit der Hand Haar und Wange und sagte fröhlich: »Er erwacht und kommt zu sich! Ein wackrer Jüngling ist dein Freund. Gestehe, Alexis: Simichus war tapferer als du!« Aber sie kannte Simichus nicht. Der schlug kaum die großen Augen auf und begriff, wo er war und wer dies gesagt, als er emporschnellte, und Myrto fühlte einen heftigen Schmerz; er hatte sie voll Haß in die Hand gebissen, daß sie aufschrie, und stürzte mit Anstrengung von ihr hinweg, als wäre sie eine Schlange. Myrto versuchte zu scherzen: »Hast du ein Raubtier zum Freunde, Alexis?« Aber die Stimmung blieb unfrei und verworren, die Herzen näherten sich nicht, und auf dem berauschenden Gefilde der Liebesgöttin, das die Gondel in wonniger Welle geschaukelt, waren die Kinder, die sich liebten, umsonst gefahren! Am Ufer folgte ein eiliger Abschied; denn Simichus bedurfte der Führung, um alsogleich in sein Haus zu kommen. Vater Simon und Myrto sprachen noch ein freundliches Dankeswort; Alexis hörte es kaum. Bald hernach stand er vor seiner Türe und sah, wie 104 ihre Gestalt leicht und ohne Steinlast dahinschwebte, die Treppe hinan ihrem Vater voraufflog und bald hoch oben am schwindelnden Felsen hing, gleich der rankenden weißen Rose, die flatternd am hohen Stirngebälk des Tempels hängt. * * * In das Geheimnis der Grotte aber war Myrto nicht gedrungen, und die Kinder hatten umsonst getaucht. Das schöne Schiff des Philadelphus lag noch immer mit schlaffem Segel am Molo. Seine Bootsleute standen müßig herum, scherzten mit den Strandschönen, würfelten, leerten die Krüge und harrten umsonst ihres jungen Gebieters. Auch Herse droben in ihrem Haus erwartete die Freundin Anassa vergeblich. Die Diener im Sonnentempel hatten sie nicht gesehen; sie war aus den Palästen des Kaisers nicht heimgekehrt, weder nachts noch im Laufe des folgenden Tages. Das war noch nicht dagewesen. Als aber der Tag zur Neige ging und das Meer von Kähnen leer war, erhob das Gerücht, das tausendzüngige, sich aus der Tiefe und begann huschend auf Flügeln der Nachteule – denn nichts ist geschwinder als das Gerücht – seinen Umlauf über den Inselrücken von Türe zu Türe, vom Strand hinauf bis zur fernsten Hütte Anokaprias, wo Herse und Bittis und Battis es hörten. Man wußte jetzt, was in der Sirenengrotte geschehen war, man wußte, daß man Anassa nie wieder sehen würde. Tag auf Tag verging, und jeder Tag bestätigte es: auch Anassa gehörte hinfort zu den Verschwundenen. Was erzählte man? wer sagte 105 es? wer bezeugte es? Hatten die jungen Soldknechte geplaudert, die an der geheimen Zauberhandlung, als Tritonen verkleidet, teilgenommen hatten? Ritter Priskus, der diese Feste leitete, hatte hierzu die Knechte gedungen, um sie gleich folgenden Tages von der Insel zu entfernen; sie wurden nach Afrika verschickt, um dort am Rande der Wüste Verschwiegenheit zu lernen und die Karawanenzüge des römischen Handels gegen die Berber schützen zu helfen. Das Gerücht aber, ausschmückend und hinzudichtend, erzählte folgendes, und bald wurde es, wie auf Capri, so auch in Neapel und in Rom vernommen: Auf den vier Ostgipfeln der Insel standen die vier Burgpaläste des Kaisers; im Westen bei Anokapria und nahe dem Sonnentempel lag der fünfte; der sechste war unten am Hafen ins Meer gebaut. Von diesem Wasserpalast aber, so sagte man, lief ein Stollen unterirdisch bis in den Hintergrund der Sirenengrotte, und durch diesen geheimen Gang hatte sich die Majestät, von niemandem gesehen, in die Höhle begeben. Anassa und Philadelphus ahnten die Nähe des Gefürchteten nicht, als sie nacheinander und getrennt auf zwei glänzenden kaiserlichen Lustkähnen in der nämlichen Grotte anlangten. Priskus hatte ihnen nur dies verkündet, daß beide sich wie Peleus und Thetis kleiden und schmücken sollten; der Kaiser begünstige ihre Liebe; er wolle ihnen ein Brautgemach seltener Art bereiten, und sie sollten eine Hochzeit feiern gleich jenen Seligen. Die Grotte stand über dem stillen, gleißenden Meer 106 wie eine umgestülpte blaue Riesenmuschel: ein Sirenengemach, dessen schwanker Estrich die Welle, dessen Unterkellerung der tiefe Seegrund selber war. Priskus aber hatte alles sinnreich vorbereitet: denn aus dem Wasser erhob sich eine offene, weit ausgespannte Riesenhand; die Hand war aus starkem Zedernholz gemeißelt und sah aus, als reckte ein Atlas und Gigant, der unter dem Wasser lag, seinen schweren Arm aus der Tiefe, um eine Last zu tragen oder um einen Griff zu tun. Dieselbe Hand trug aber auf ihrer Fläche ein Elfenbeinlager, das mit gelbseidenen, rosendurchwirkten Teppichen überstreut war und weich zur Ruhe lud. An den Seitenenden der Grotte waren auf Podien lebende Genien aufgestellt; die wehten mit Fächern und Schleiertüchern, und ein narkotischer Wohlgeruch zog durch die Wölbung. Von unten schlug aus dem Wasser magisches Licht und brach sich in der Höhe in den gezackten Nischen und Spalten. Unter den Wölbungen schaukelten sich Liebesknaben mit bunten Flügeln, in goldenem Schmuck, aus hängendem Gezweige, indessen aus den seitlichen Felskulissen rauschend und mit vibrierendem, orgiastischem Schall die Flöten ertönten. Anassas Gondel nahte zuerst; sie grüßte lächelnd, erstieg das Lager in heller Anmut, aber mit einem Staunen im Blick und mit einem Ausdruck des Leidens, als litte sie unter ihrer eigenen Schönheit. Ein Chor von freundlichen Nereiden schwamm festlich herbei; die sangen plätschernd mit süßem Ton: »Heil Thetis, unserer Göttin, Heil unserer Erstgeborenen, der Liebenden!« Im meergrünen Peplos, Perlen des 107 Meeres im fließenden Haar, so saß Anassa mit gesenktem Blick am Rande des Lagers; sie harrte nicht lange. Auch Philadelphus fuhr ein. Jugendstrahlend wie ein Held und wie ein Glücklicher aus jener Zeit, da noch die Götter auf Erden wandelten, stand er hochragend im Schiff und breitete die Arme. Da schwammen junge Tritonen herzu, und Tritonen und Meeresweiber sangen mit Jauchzen: »Heil auch dir, Peleus! Deine Göttin ruft dich! Du gleichst dem Achill der Sage an Schöne und bist wert, Erzeuger des Achill zu sein!« Indessen gewahrte Philadelphus die Geliebte und setzte sich zärtlich neben sie an ihre Knie. Da erschien noch ein Zug von hohen Gästen zur hochzeitlichen Feier. Auf dem Rücken von Delphinen und Seezentauren fuhren die hohen Götter des Olympos selbst heran, Juno und Minerva, Apoll und Bacchus und Venus vor allen, die holde Gönnerin dieses Tags, und jeder sprach Segen und brachte sinnreich seine Gabe. Da umschlang Peleus sein Weib, nahm aus des Bacchus Hand die goldene Schale, spritzte des purpurnen Weins in die Flut und rief lobpreisend: »Hymenäus! Unser Jupiter, der Kaiser, vermählt uns! Es blühe das Glück des Kaisers! Er höre diesen Ruf, wenn sein Genius unsichtbar uns nahe ist!« Und sie tranken beide; ihre Herzen lachten; sie küßten sich auf den Mund, hielten sich inniger umfangen und vergaßen um sich alles. »Hymenäus!« scholl es in den Wölbungen wieder mit Sirenenklang; und die Schwimmenden in den Wogen küßten sich; es küßten sich schaukelnd oben in den Zweigen die Flügelknaben. 108 Auf dem dunklen Höhlengrunde aber ruhte des Tiberius hartes Auge auf denen, die sich Götter wähnten, und seine Kinnladen bewegten sich, als wollten sie, was er sah, zermahlen: so schrecklich phantasierte die Volkserzählung. Da geschah das Entsetzliche. Das Lager aus Elfenbein begann sich unmerklich zu rühren, die Hand des Giganten im Wasser rührte sich auch und zog sich unheimlich langsam zurück. Ein Netz fiel über die Liebenden, und die Hand glitt langsam tiefer, sie sank und versank in die Flut, und Lager und Liebende waren mit ihr versunken. Der Griff des Giganten war gelungen. Das Meer schlug gurgelnd über ihrem Kusse zusammen. Sie spürten den Tod nicht, und die Welle, durchsichtig wie der azurne Äther, zeigte an ihrem Grunde das sich umschlingende Paar, die Körper silberweiß schwebend in blendender Verklärung. So ruhten sie: ihr schwarzes Haar war über seinen Nacken gefallen; aber sein offener Mund trank lächelnd die salzige Flut, die ihn erstickte. Thetis hatte den jungen Gatten hinabgezogen in ihr feuchtes Reich. So erzählte das Gerücht vom Ende des Philadelphus und der Anassa. Das Grausigste aber schien dem Volke, daß in der Frühe des folgenden Tags das Paar am Wellengrund spurlos verschwunden war, und kein Taucher hatte die Leiber der Versunkenen gefunden. Die Gläubigen aber wußten die Erklärung: »Der Meerstier wollte sein Opfer; er hat es gefunden. Nun gibt uns der Böse ein gutes Jahr.« Bittis und Battis reckten die Ohren, als sie dies alles hörten, fühlten ein wohltätiges Grauen, und 109 ihre gelben Augen blinzten selbstgerecht unter den zottigen Augenbrauen: sie hatten das alles vorausgesehen! Herse trauerte und weinte ehrliche Tränen der Freundschaft. Anassas leeres Gemach hielt sie verschlossen und tat ein Volk von Singvögeln hinein, die von den Dorfgenossen gefangen wurden und die man blendete, damit sie schöner singen sollten; und so scholl nun von den Geblendeten täglich der Gesang da, wo einst Anassa so hell gelacht hatte. Und Herse dachte: »Mir ward kein Gesang gegeben, und die blinden Vögel singen meinen Schmerz. Denn auch mir ist wie ihnen das Licht geraubt, seit mir die Freundin geraubt worden.« * * * Fünf Tage waren, seit Myrto mit Alexis auf dem Meer gefahren, vergangen. Das tägliche Leben ging weiter in gleichem Schritt, und auf den Dorfstraßen Anokaprias herrschte wieder die alte sorglose Munterkeit; denn das Schreckliche war für dies Volk wie ein böser Traum, den man sich heute mit Schauer erzählt, um ihn morgen vergessen zu haben. Alexis und Simichus trafen sich wieder zur Abendzeit am Strande; denn die Gewohnheit siegte; und obschon sie über das, was sie widerstreitend bewegte, nicht zu sprechen wußten, fanden sich ihre Herzen doch wieder langsam zusammen und baten sich stillschweigend das Unrecht ab, das doch keiner dem andern vorwarf. Aber seine Sorge um Myrto trug Alexis allein. Und doch: wie sollte er sie alleine tragen? Je mehr des Mädchens überlegene Ruhe ihn demütigte, um 110 so unbedingter herrschte sie in seinen Gedanken. Warum durfte er ihr nicht sagen, daß er sie liebte? Er liebte sie. Es war die Wahrheit. Konnte es sie kränken? Er, der den Wellen trotzte im Wintersturm, war kraftlos und willenlos vor einem Weibe. Sein Herz wurde dunkel, wie von Spinngeweb überzogen – bis es ihn nachts vom Lager trieb und er den Mut zu handeln wiederfand. Und an jedem Morgen fand dann Myrto über dem Pfosten den Kranz von Mohn und Malven, den sie schon kannte, und wieder fiel das eine und das andere Mal ein Geschenk aus dem Kranze. Denn er verstand kleine Schifflein aus Holz zu schnitzen, ein beliebter Zierrat der Schifferstuben; die gab er ihr. Zu ihr hinauf zu gehen, wagte er nicht; denn sie hatte es ihn nicht geheißen. Aber er wollte sie darum fragen. Ein alter Sorrentiner Fischer, der bisweilen herüberkam und dem er vertraute, zeigte ihm die Kunst, Buchstaben in Holz zu schneiden. So lernte er schnell Myrtos Namen zu schreiben und legte nun in seine Kränze ein Täfelchen, darauf stand: »Myrto, darf ich kommen?« Denn er wußte, sie war klüger als er und hatte die Kunst des Lesens inne. Dreimal hatte er so geschrieben; dreimal war sie mit ihren Mägden zum Strande herabgekommen, um dies und das von den anfahrenden Schiffern zu erhandeln. Jedesmal hatte sie ihn mit Freundlichkeit gegrüßt, war aber zu keinem Wort der Zwiesprache stehen geblieben, und auf seine Frage antwortete sie nichts. Als er zum viertenmal schrieb, kam sie nicht wieder. Warum? Sie war ein Weib und begann sich 111 vor seiner Ungeduld zu fürchten. Ihr Herz glich dem Apfel am Baum dicht vor der Reife. Du schüttelst, aber er fällt nicht und hängt wie mit Eigensinn am Zweige fest, der seine Heimat ist. Der Tag aber kommt, und er wird fallen, von der eigenen, süßen Schwere bezwungen, wenn die linde Reife ihn ganz und im Innersten durchdringt. Alexis jedoch ertrug es nicht länger, denn sein Blut war entzündet. Ein Kriegsschiff vom Misenischen Hafen legte an. Er sprach mit dem Navarchen und verdingte sich ihm als Seesoldat. Das Schiff lief morgen nach Kreta. »Vielleicht fassen wir dort den Piraten, der des Simichus Schwester entführt; Korymbus ist sein Name.« So sprachen die Leute, die an eine Entführung glaubten. Dem Alexis genügte, daß der Bug des Schiffs in die Ferne wies. Dann ging er einen letzten Weg der Frömmigkeit und stieg hinauf zum Nymphenquell, der Lieblingsstätte seiner Kindheit. Denn hatte man die Felsentreppe nach Anokapria zur Hälfte erstiegen, so führte zur Linken ein Pfad seitab durch struppiges Gebüsch auf eine schmale Wiese, die tief einsam und im feuchten Grün prangend auf einer natürlichen Felsengalerie schwebte, über sich und unter sich Absturz. Ein Quell süßen Wassers, eine Kostbarkeit auf dieser wasserlosen Insel, brach aus verborgenem Spalt und befruchtete rieselnd und Kühle hauchend die lockere Erdsohle, und die Matte lag sammetweich und sprießte üppig in wilden Blumen; zwei Nußbäume breiteten ihr Schattendach; der Quell selbst aber war in Marmorstein gefaßt, und ein 112 Heiligtum der Nymphen mit einem Tafelbilde der Göttinnen stand schlicht daneben. Es waren wohltätige Göttinnen. Wer immer nach klarem Geiste, nach reinem Herzen und hellem Mut Verlangen trug, der kam herauf und huldigte in der Stille den freundlichen Nymphen, und sie gaben Begeisterung und den Rausch für die gute Tat. Alexis war nun seit Jahren nicht hier gewesen. Er saß am Quell nieder, spülte sich andächtig Wange und Brust, atmete tief den Duft der Wiese und sprach zu den Geistern des Orts, die ihn wohl verstanden: »Helft mir, ihr Nymphen! Denn mein Sinn ist verworren. Ich fühle Schmerz und habe doch keine Wunde; ich schmecke Bitterkeit und habe doch kein böses Kraut gekostet; mein Mut ist voll Begehren, aber er begehrt, was ihn traurig macht. So nehmt mir diesen fremden Schmerz aus den Gliedern, o freundliche Göttinnen, und zürnet nicht, daß ich nicht euch, sondern der Sterblichen meine Kränze brachte, die mir nicht helfen will. Wie Held Jason will ich in die Fremde ziehen, dahin, wo das Meer am weitesten ist und wo die östlichen Stürme gehen. Wenn ich aber zu unserem Strande kehre und dieser Schmerz kehrt nicht mit mir heim, dann will ich euch zehnfältiges Opfer bringen in süßem Dank, ihr Guten!« So betete der Einsame im verlassenen Herzen. Simichus aber hatte Alexis mit dem fremden Navarchen verhandeln sehen. Ihm konnte der Plan seines Freundes nicht entgehen, und in seiner Seele stürmte es. Auf seine vorwurfsvolle Frage: »Du willst übers Meer und willst von uns gehen?« hatte ihn Alexis 113 umarmt, hatte ihm alles gestanden und ernst gesagt: »Der Strand ist mir zu eng, und die Welt ist weit, und ein Gott ruft mich! Hat sich der Mond zwölfmal neu gefüllt und ich kehre zurück, dann hole ich meinen Simichus und wir fahren gemeinsam hinaus. Und kehre ich nicht, dann sei gewiß, mein Teurer, daß ich gestorben bin. ›Wer dem Leben die Stirne bot, den liebt der Tod; wer sacht geht und eben, den liebt das Leben‹ – so sagt das Sprichwort, an das wir beide glauben. Ich will dem Tod und dem Leben die Stirne bieten!« So ließ er Simichus allein, den Angst und Zorn erfaßte. Er wußte nun gewiß, daß Myrto der Grund alles Kummers, daß sie auch der Grund dieses jähen Abschieds war, und er haßte sie doppelt. Aber die Liebe siegte. Es geschah ein schneller Riß in seinem Herzen, und opferfähig und rasch im Handeln, wie er war, eilte er augenblicks zum Hochgebirge den Stufenweg hinan. Er eilte zu Myrto. Sie stand mit der Hacke in ihrem Garten und lockerte das Erdreich der Reben. »Bist du allein?« rief er sie an, und seine Augen sprühten Zorn. »Ich bin allein. Was bringst du? Bleibe draußen, bissiger Freund des Alexis!« »Unholde, so höre mich. Bericht bring' ich dir, daß Alexis unseren Strand verläßt, daß er in die Fremde fährt als Triërenknecht. Ich weiß es: nur, weil du ein böses Weib bist, weil du sein Eingeweide verzaubert hast und ihn in seiner Pein verläßt, nur darum wird er heimatlos und ein irrender Flüchtling. Die Triëre, die ihn angeworben, setzt schon Segel auf; 114 der Wind steht auf Ost; noch vor Mitternacht hat Alexis den Hafen verlassen. Jetzt eben ist er zum letztenmal hinauf zum Nymphenquell gegangen. Hörst du mich, Myrto? Ein Wort von dir könnte ihn halten! Die Wunde heilt nur, wer sie schlug. Aber dir geschieht schon recht, daß er davongeht, dreimal Verwünschte! Ich werde dich strafen und dir einen festen Fluch bereiten, daß nie ein anderer Knabe dir nachschauen soll, nie, niemals, solange ich lebe!« Und er reckte die Hand drohend über die Gartenmauer und verschwand. Myrto aber ordnete sich nicht das Haar, nicht das Kleid, das sie zur Arbeit hoch aufgenommen. Achtlos, wie sie war, stürzte sie aus dem Garten durch die menschenvollen Gassen an den Rand des Gebirgs, da, wo es ins Meer stürzt und man den Hafen in der Tiefe erspäht. Da lag sie, die Triëre, hochgemastet, mit dreifachem Deck und hundert Rudern zum Seegefecht gerüstet und zur Abfahrt bereit. Sie sah es. Es war Wirklichkeit. Und mit fliegendem Haar und Gewand rannte sie weiter und weiter die Steile nieder zum Nymphenquell. Alexis war noch dort. Er schnitt eben eine Locke und warf sie in den Wind, und große Tränen rannen ihm wider Willen auf die weichen gebräunten Wangen nieder. »Nur voran, junger Tor! es liegt jetzt alles hinter dir!« Und er wandte sich entschlossen und hochaufgerichtet zum Gehen, als er stürzende Schritte hörte, die Hecke knickte und eine Mädchengestalt vor ihm stand, die ihm den Weg verwehrte. Sie war es selbst. »Alexis!« rief sie mit fliegendem Atem. »Myrto ist 115 hier. Sieh, ich bin gekommen! Gehe nicht, gehe nicht, Alexis, sondern bleibe am Strand deiner Heimat!« Alexis aber konnte es nicht fassen, er drängte vorwärts, sah sie mit fremdem Blick an und sprach: »Warum soll ich bleiben?« »Bleib', Alexis, um deiner greisen Mutter willen.« »Die Mutter will mir wohl und hieß mich fahren.« »Bleib' um des Simichus, um deines Freundes willen, der nun allein und ohne Führer ist.« »Du nennst Simichus? Ich sah in sein Herz; auch er liebt mich und hieß mich fahren.« »So hör' mich, Alexis, die ich hier stehe. Um meinetwillen, um meinetwillen allein, bleib hier, bleib hier an unserem Strande!« Und sie umschlang ihn mit überwallender Leidenschaft und küßte ihm heiß den Mund. Es war geschehen. Er erbleichte und erschrak in Wonne. »Und warum gabst du nicht Antwort, Myrto, da ich dir Gaben der Liebe sandte?« »Ich durfte nicht, Alexis, und auch heute darf uns hier niemand sehen. Aber du bist stürmisch und vorschnell, und wenn dir ein Mädchen drei Tage nicht gehorcht, gehst du am vierten von dannen.« »Komm auf den Rasen und sei nicht umsonst hier gewesen!« Und er zog sie am Quell in das weiche Gras; sie saßen beieinander; er nahm ihre Hand, und sie ließ sie ihm. Man sagt: ein Kuß von Mädchenlippen ist wie eine Blume, darin der Stachel der Biene ist. Er fühlte ihn noch, den ersten Kuß ihrer Leidenschaft, und er fühlte den Stachel darin. Mit tiefem Staunen sah 116 er ihr ins Auge; es strahlte ihm entgegen, und ihre unergründliche Seele lag offen vor ihm. Dann begann er: »Ein jeder Knabe, wenn das rechte Alter naht, so hat er sein Mädchen. So will ich dich, Myrto; es ist kein Unrecht darin, und du sollst nun die Meine sein.« Sie versetzte in zärtlichem Ton: »Lerne Geduld, mein süßer Freund. Wir wollen uns fortan oftmals sehen, aber nicht hier und nicht heimlich; denn die Ehre eines Mädchens ist dahin, wird sie mit einem Jüngling jemals allein gefunden. Sondern oben im Elternhaus und bei den Götterfesten, da sehen wir uns. Denn ich bin jung, und die Herrin Venus hat mich noch nicht gerufen.« »Und darum kamst du hierher?« stieß er hervor, und ihre Hand pressend zog er sie näher zu sich. »Fühlst du nicht, Myrto, wie um uns die Blumen blühen? Und weißt du nicht, daß ich auf unserem Eiland nur darum bleibe, weil du zu mir hierher gekommen?« Da legte sie das Haupt flüchtig auf seine Schulter und ging nicht hinweg, obschon die Sonne sich senkte. Seinem Kuß aber entzog sie sich schnell, und Alexis fühlte noch brennend den Stich aus der Blume ihres Mundes und fürchtete sich wie ein Knabe vor der lieblichen Gefahr. So lagen sie unter dem Sinken der Sonne und sahen lächelnd auf das Meer zu ihren Füßen und auf die grimme Triëre herab, die drunten wie ein Haifisch schwamm und ihrer Beute vergebens harrte. Der Duft des jungen Sommers schlug über sie. Da blühte in Fülle auf dem Rasen und am Gestein Zytisus und 117 Orchidee, Rosmarin, Thymus und Lavendula, hellrote Nelken neben goldenem Ginster, Asphodelos in farbigen Ruten und das hängende Mesembrianthemum, dessen Asterblüten sich mit dem Tageslicht langsam öffnen und schließen. Also vom Paradies umgeben schwebten die Kinder hoch über dem Meer wie auf Flügeln des Traumes; ihr Herz war wie der bunte Falter, der um sie her von Dolde zu Dolde schaukelte. Die Natur, die sie umblühte, blühte in ihnen, und die freundlichen Göttinnen des Quells, die jene Wiese nährten, nährten auch ihre jungen Seelen und erfüllten sie mit reinem Geblüt, mit Frieden und Klarheit und dem seligen Rausch der ewig lebendigen Gegenwart! * * * Indessen so durch Irrung zwei Glückliche sich zusammenfanden, war es auf der Jupitervilla des Kaisers still geworden. Aus den hohen Marmorsälen fiel kein Licht, keine Musik scholl aus den Galerien über die Insel. Die Gelage hatten aufgehört. Tiberius selbst wurde von seinen Freunden seit vier Tagen nicht gesehen. Seine Richtersprüche verstummten. Er kam auch nicht zum Leuchtturm hinauf, und alles schlich lautlos einher durch die Atrien und Korridore und sah sich verwundert an. Es hieß, er sei krank, und er war es. Aber er ließ keinen Arzt vor sich, auch nicht einmal den Leibarzt Charikles, und sagte mit stumpfer Verachtung: »Das Volk der Schulmeister ist dumm, und dumm sind die Ärzte; die Ärzte aber sind es noch mehr.« So saß er starr und teilnahmslos im goldenen 118 Armstuhl, zwei Diener vor sich wie Schatten an den Wänden, den gelben Molosserhund im Purpur zu seinen Füßen. Hatte ihm die feuchte Höhlenluft der Sirenengrotte geschadet? Hatte gar das Schauspiel, das er dort sah, seine gereizten Pulse erschüttert? Ihn hatte gefröstelt. Die Nässe war von oben auf ihn getropft, und er hatte es nicht wahrgenommen. Ihn fieberte, aber die Gedanken bohrten unablässig in ihm. Ein Heilmittel gab's für Körper und Seele zugleich: es hieß Theobrotion, es hieß die Kost der Seligen! Wie ein Greis, der kindisch geworden, dachte er jetzt nur noch an das eine. Es wuchs auf der Insel, und es gehörte ja ihm zu eigen; denn diese ganze Insel gehörte ja ihm. Er würde das Kraut suchen, er würde es finden, und fände er es, es würde ihm Ruhe geben, ja, Seelenruhe . . .! Der Schlaf floh seine Augen seit langem. Denn Schlaf und Tod sind Brüder, die sich zärtlich lieben. Er aber hatte den Tod nur zu oft mißbraucht, und der Schlaf rächte nun seinen Bruder an ihm. Im kranken Geist sah er Anassa und Philadelphus noch immer vor sich versinken; sie versanken schmerzlos und selig im blauen Schlunde, und er beneidete sie. Sein Neid, der ständig rege, verfolgte noch seine eigenen Opfer. Seine Seele war voll Schwären der Sünde; sie brachen auf; kein Purpur verdeckte sie, und er ertrug es nicht. Sein Stolz zerbrach in ihm; seine Allmacht krümmte sich in Ohnmacht. »Wohlan! einem alten Weibe will ich gleichen! Ich will es wagen, mich zu demütigen, und einem Zauberkraut nachgehen wie ein Dieb. Thrasyll glaubt daran; denn auch er 119 ist ein Weib; er hat mir die Stelle deutlich angezeigt. Wenn es ein anderer vor mir schnitte! wenn ein anderer den Frieden fände, meinen Frieden! Ein Elixier! Ich muß dieses Leben verdauen lernen!« Die Nachmittagssonne stand noch heiß am Himmel, als aus dem stillgewordenen Palast eine Gestalt schlich, unscheinbar, grau und bartlos, mit verfallenen Zügen; weiße Haare flatterten im Nacken. Die Gestalt ging künstlich gebückt, um nicht erkannt zu sein. Denn dieser Nacken stand sonst steif und gerade; es war der Körper, der in den Kriegen gegen Germanen und Perser an der Weser und am Tigris wetterfest, zäh und unzerstörbar geworden. Er trug Soldatenmantel, Soldatenstiefel, aber den Hut des Schiffers, der ihm das Gesicht tief verschattete. So ging er ruhelos wie ein Verfolgter in der Hitze die schattenlosen Saumwege hinab und hinan. Niemand kannte ihn; aber die ihm begegneten, schauten sich um, spuckten aus und glaubten, sie hätten ein Gespenst gesehen. Er mied die belebte Stadt Kapria; aber er mied auch die Bergeshöhen, auf denen die Kaiserburgen lagen – denn er wollte von den Schranzen der Majestät nicht gesehen werden – und stieg in Hast zur klippenreichen Südküste hinauf, die nach Afrika schaut, wo der Pfad schwindelnd steil wird und die Steine, die er trat, ihm tückisch unter dem Fuß hinwegrollten. Sein Fuß ermüdete früh, denn er war seit Jahren nur die Sänfte oder die Mosaikfußböden seiner Paläste gewohnt. So schlich er an den Felsenwundern der Küste vorüber. Hier stand am Ufer ein natürlicher hohler 120 Felsenbogen , der riesenhaft aus der Tiefe wuchs; die Titanen mußten ihn so getürmt haben; wer aber hindurchschritt, der stürzte in die Brandung. Höher hinauf ragte eine gehauene Felsensäule, wie ein versteinerter Gigant, rotglühend in die Lüfte; man nannte sie den Polyphemus , und in Wahrheit glich sie dem ungelenken Zyklopen des Märchens; so stand sie und starrte unablässig dreist und ohne Auge ins Meer hinaus; aber das Meer lag tief unter dem Riesen, und die lachende Galatea der Woge verspottete den Polyphem hier schon seit Jahrtausenden. Die wenigen Menschen, die dem Wanderer begegneten, waren ihm ausgewichen. Denn er selbst ging herrisch vorwärts und verstand es nicht, aus dem Weg zu treten. Aber ein unwirscher junger Bursch kam ihm jetzt entgegen, der die Holzaxt im Gürtel trug. Der Pfad war eng und schwindelnd. Beide blieben stehn, maßen sich herausfordernd mit den Blicken und wichen nicht zur Seite. Der eine trotzte auf seine Jugend, der andere trotzte auf seine Allmacht. Der Kaiser, der sich gebieterisch steif emporgereckt, sah auf seinen Schatten am Boden. Aber der Schatten des Kaisers war nicht größer als der des Tagelöhners. Da knickte er zusammen und schob sich eilends längs der Felswand an seinem Gegner vorüber. Der lachte herausfordernd hinter ihm her. »Ein Weib und eine Memme bin ich geworden!« murmelte Tiber mit gekniffenem Munde. Und er mied fortan vorsichtig jede Begegnung. In der Nähe zog durch das Inseltal eine Prozession singender Leute zur Mithrasgrotte; er mußte den Hut 121 ziehen, wenn man ihn sah; allein er verbarg sich wie ein Verbrecher, bis der fromme Zug vorüber war. An den Hängen sah er eine Schnecken sammelnde Frau; jetzt einen Winzer, der sich kühn am Seil den Felsen hinabließ, um über der gähnenden Tiefe Gras zu schneiden und die Möweneier aus den Spalten zu nehmen; ein anderer kam daher, der einen Sack voll gefangener Wachteln trug, und wieder ein anderer, der sich am Strand Seewasser in die Amphore geschöpft; denn sein Weib brauchte Salz im Haus. Sonst blieb der Pfad einsam. Die Sonne senkte sich; der Kaiser fürchtete sich zu verirren. Schon sah er über sich jenen Palastberg ragen, der nach den Bastionen, die er trug, der Kastellberg heißt Castiglione ; schon näherte er sich den gewaltigen Hängen des Mons Solarius. Falken und Raben schreckten auf und fuhren kreischend über das Meer. Müdigkeit, Unsicherheit, Angst und Scham befiel ihn. Er war zwei Wegstunden gewandert. Über einen Abhang hing vorgeneigt ein Fruchtbaum, der an der Klippe wurzelte. Ein Tagewerker stand kühn in seiner Krone, um nichts als das tote Reisig auszubrechen. So wagt hier der Mensch sein Leben selbst um den geringsten Vorteil! Dem Tiber schien es ungefährlich ihn anzurufen. Er nannte kurz und herrisch sein Ziel und fragte nach dem Wege. Der Winzer kletterte aus seinem Baume und gab dienstbereit die Auskunft. Tiberius hörte ihn stumm, wandte sich wortlos und gab weder Dank zurück noch Abendgruß. Da rief ihm der andere nach: »Einem 122 Fremdling den Weg zu weisen ist ebenso leicht, wie ein Feuer am anderen zu entzünden. Man gibt ohne zu verlieren. Aber ein Wort des Dankes kostet nicht mehr! Den Alten da aber treibt wohl sein arges Gewissen, und er sehe zu, daß ihn kein Abgrund am Fuß in die Tiefe zieht!« Tiberius hörte es und floh weiter. Jetzt erlosch die Sonne aufflammend in der Meeresflut; der Mond aber verbarg heute sein Licht; es war so, wie der Sternkundige es vorausgesagt. Es dunkelte schnell. Der erschöpfte Greis erreichte noch rechtzeitig den Ort, der ihm bestimmt war, und je näher er kam, je erbärmlicher erschien er sich in seinem zerrütteten Stolze. Es war in der Nähe der tausendstufigen Felsentreppe, die vom Sonnengebirge hinab zum Strande führt. Er trat auf eine Felsenstirn, die wie ein Konsol vorstand und unter der ein grün bewachsener Abhang lag. Duftwogen stiegen aus der Tiefe zu ihm auf; denn der Nymphenquell rieselte dort unten, und keine Stätte war reicher an Heilkräutern und wilder, würziger Gebirgsflora. Hierher hatte ihn Thrasyll gewiesen. Tiberius begann im Halblicht sich über die Spalten des Gesteins zu bücken. Er suchte. Blaue Dolden gewahrte er hier und dort. Er hielt das Sichelmesser in der Linken bereit. Denn der Ritus befahl: nur mit der Linken durfte er schneiden, und er durfte es nur in tiefer Einsamkeit. Er horchte. War nicht Geräusch? Er horchte länger. Ein freundlicher Ton, ein Gelächter und Singen schien von unten zu tönen. Er beugte sich vor, und er hörte Gespräche. Alexis sprach: »Bleibe noch, Myrto, Holdselige. 123 Siehe, der Abend kommt, die Sterne beginnen zu glühen; die Nacht wird herrlich; die weite Welt schmiegt sich in blauen Schatten zu unseren Füßen, der schöne Golf und der Vesuv und die großen Städte drüben an der Küste. Mir aber fällt die Erzählung ein vom Griphus, dem armen Fischerknaben, der einen Goldschatz in seinem Netze fand und König wurde. Der Fischer bin ich heute. Hier oben ist mein Felsenthron, dort unten mein Königreich und du bist die Königin, die mit mir fortan darin herrschen soll.« Myrto aber versetzte: »Und möchtest du wirklich König sein? möchtest wie jener Cäsar sein, der in seinem Steinhaus nie glücklich war? Seit vier Tagen, sagt man, liegt er dort krank in Todesangst. Andere wieder sagen: er stirbt schon jahrelang, aber der Tod will ihn nicht; denn der Tod selbst hat Angst vor ihm.« Und Alexis: »So ist also der Kaiser der arme Mann, und ich muß ihn beklagen! Er kann nicht wissen, was es ist, frei im Morgenwind auf den Fischfang gehen; er weiß nicht, was es ist, abends unter dem Felsen eine Freundin haben!« Und Myrto hub an: »Laß uns gehen. Denn riechst du den starken Blumenduft nicht? Ich weiß es von Anna, meiner Mutter: an dieser Stelle wächst ein Zauberkraut, es heißt Theobrotion; das steht jetzt eben recht in Blüte, und es duftet nur, wenn die Nacht kommt. Es wächst hier um uns her in Fülle; wer aber unglücklich ist, der kommt und pflückt es, und er kann glücklich werden.« »So müßte man das Kraut schneiden und es dem armen Kaiser bringen,« rief Alexis. »Vielleicht hülfe 124 es ihm, und er würde sterben können oder auch wieder froh und gesund werden wie wir!« Myrto aber tadelte: »Du redest schier immer wie ein Tor. Wer das Heilkraut will, der muß es sich selber holen. Glaubst du aber, daß der Kaiser, der nur in Sänften fährt, selbst hierher kommen wird, allein kommen wird und zu solcher Stunde? Und käme er selbst, es hülfe ihm nichts. Denn nur dem, der ohne Blutschuld ist, hilft der Zauber. So aber ist sein Leumund: kein Laster soll es geben, das nicht an ihm haftet. Auch seine Freunde haben vor ihm ein Grauen, und ich nenne seinen Namen nicht, damit mich die Götter schützen!« Da war ein fallendes Geräusch. Tiberius war vorgetreten. War es das Wort, das er gehört, war es der betäubende Duft der Kräuter, den der Nachtwind hertrug, war es die tiefe Ermüdung, die ihn lähmte: ein jäher Schwindel hatte dies kühle Hirn befallen, er griff umsonst nach einem Halt und stürzte ohnmächtig nieder in die Tiefe. Die Kinder fuhren auf. Ihr erstes Gefühl war: sie waren belauscht! – ihr zweites: der Mann ist abgestürzt, und wir müssen helfen. Sie spürten, daß er am Leben war; denn er war weich und nicht tief gefallen. So nahmen sie kräftig den schweren Körper und begannen ihn mühsam hinanzutragen, bis nach dem Willen freundlicher Götter Hilfe kam. Zwei alte Strandweiber kamen eben, ihrer Waren ledig, mit ihrer leeren Tragbahre vorüber. Die entlehnten sie, gelangten so glücklich mit ihrer Last ins Dorf hinaus und legten den Geborgenen auf saubere Binsenmatten 125 im niederen Hause des Vaters Simon. Noch standen Leute neugierig auf der Gasse; Alexis rief ihnen zu: »ein Abgestürzter!« und man faßte keinen Verdacht und fragte nicht weiter, wo Myrto den Alexis getroffen. Nur der Mann, der auf der Matte lag, war Mitwisser ihres süßen Geheimnisses. Wer war es? Ob er plaudern würde? Das Bewußtsein war dem Tiberius wiedergekehrt, aber die Sprache versagte ihm; er nahm alles um sich wahr, aber konnte sich nicht regen vor Erstarrung. Er, unter dessen Szepter Asien und Afrika und Europa zitterte, lag hier wehrlos zu Füßen der Armut, und er dachte: »Sie konnten mich töten! Hätten sie mich nur leise weiter hinabgestoßen, ich läge jetzt zerschellt, den Raben ein Fraß!« Myrto kühlte seine Schläfe mit Wasser und stützte mit weichen Decken sein Haupt; Alexis aber sprach leise und scheu: »Wer es nur ist? Er weiß um unser Geheimnis! Hätten wir ihn dort liegen lassen am Nymphenquell, er hätte vielleicht sich schon selbst geholfen, und er würde nie erfahren, wen er belauscht hat.« »Rede nicht unfromm, Alexis,« gab Myrto zurück. »Wer von der Klippe stürzt, ist unserer Liebe empfohlen, und er ist heilig für jedermann. Das ist altes Gesetz auf unserer Insel. Und hast du nicht gefühlt, da wir ihn trugen? Sein Untergewand ist aus feinster Wolle, und wundervolle Steine trägt er am Gürtel. Auch sind seine Hände weiß und fein, und die Bildung seines Angesichts scheint vornehm, als wäre er ein 126 Herr über viele. O helft ihm, gute Götter, zum Leben und zum Frieden. Denn in seinen Zügen ist Bitterkeit, und es scheint ein Mann des Kummers!« Da ging ein Lächeln über die harten Züge des Kaisers, ein sanftbeglücktes Lächeln, das noch nie auf ihm gespielt. Die beiden aber sahen es nicht. Myrto brach ab: »Gehe nun, Alexis. Denn du kannst in unserem Haus nicht rasten, und den Kranken hütet die Mutter mit mir.« Alexis stieß einen Jauchzer aus, so wie es die Fischer tun, wenn sie von Barke zu Barke sich jubelnd grüßen. So grüßte er sie, im Jubel der ersten Liebe, und wandte sich gehorsam zum Gehen. Da regte sich der Kranke und bat um Wasser. Alexis brachte es. Und der Kranke zog von seinen gewaltigen Adleraugen die Lider unheimlich langsam zurück, sah beide durchbohrend und doch freundlich an und begann zu reden: »Wie heißet ihr?« Sie nannten ihre Namen, auch der Eltern Namen, aber sie wagten keine Gegenfrage zu tun. Und Tiber fuhr gebietend fort: »Du läßt deinen Freund nicht fortgehen, Myrto. Denn ich bedarf seiner. Ihr wißt, daß ich euer Geheimnis weiß; denn eure Liebe ist noch jung, und sie liebt das Geheimnis. So wollen wir einen Pakt schließen. Ich werde von eurer Liebe schweigen zu jedermann; ihr aber haltet auch mich verborgen und fragt nicht, wer ich sei, und plaudert von mir zu niemandem. Habt ihr mich gehört?« Er erhob den Kopf, und es wetterte drohend in seinem Auge. »So laßt mich noch eine Weile bei euch rasten; denn 127 es tut mir wohl. Aber bevor der Morgen kommt, soll mich Alexis im Schatten des Dunkels zum Sonnentempel führen, der nicht weit von hier. Meine Glieder werden mich tragen. Die Priester des Tempels aber kennen mich, und ich weiß, daß sie für mich sorgen werden.« So sprach er. Denn niemand sollte den Kaiser ohnmächtig gesehen haben, und er wollte so unbekannt verschwinden, wie er erschienen war. Aber auch ein anderes erreichte er so: daß man im Palast durch die Priesterschaft rechtzeitig und in der Frühe von seinem Verbleib erfuhr; damit nicht Boten über die ganze Insel liefen, um nach dem Kaiser Roms mit Geschrei zu suchen. Ihn hungerte plötzlich, und er bat: »Mich hungert. Wollt ihr einen Fremdling speisen, den ihr nie wiederseht?« Da kam Myrto geschäftig mit Speisen und Wein in irdenem Geschirr. Alexis füllte den roten Bacchus Kapris in die Schale, aus der hier alle tranken, und das Mädchen sagte dazu: »Er ist zweijährig und gut, und wir haben ihn selbst gekeltert.« Der Kaiser sah besorgt auf ihre Fußknöchel, die kelternd in den Trauben gestanden, aber er trank und es schmeckte ihm. An Fleisch gebrach es; aber Pistazien und süßen Honig reichte sie ihm, Ziegenkäse und grobes, trockenes Brot. Der Kaiser brach das Brot mit zitternden Händen und mußte wieder lächeln. Er aß und trank und dankte ohne Wort, aber er dankte, und ein wohliges Friedegefühl zog ihm behaglich durch Leib und Seele. Theobrotion! Hatte Myrto das Zauberkraut in diesen Trank getan? 128 Seine Schwäche schien ihm Wonne, seine Ohnmacht Erlösung. Ihm deuchte es Glück ohnegleichen, die Hilfe der Menschen zu fühlen, wo er nicht befehlen konnte, und Gnade zu nehmen statt Gnade zu geben: die Gnade von Kindern, die mit zarter Rücksicht über ihm walteten. Die dürftigen Lampen verzehrten ihr Öl am Gesims. Aber dies Halbdunkel war Friede; die Enge des Raums war Geborgenheit; die Luft, die das Gemach füllte, schien ihm einen Erdgeruch von Natur und Kraft zu atmen. Die Geberde der Reinheit und Keuschheit lag auf den Angesichtern der jungen beiden, und er fühlte den gesunden Frohsinn der Armut, der in dieser Hütte heimisch war. Alexis stand mit der Freundin Hand in Hand zu seinen Füßen, und da er nichts Besseres wußte, so holte er die Rohrpfeife aus dem Gewand und blies schüchtern und irrend eine schlichte Weise. Es klang wie ein süßer Lockruf seliger Kindheit. So vermeinte der Gewaltige, der hier am Boden lag, indem er selbstvergessen die Augen schloß, von linden Wolken sacht gehoben und weich gewiegt in tiefer Nacht hoch oben im Kreise der Sterne dahin zu schweben und den lautlosen Gesang zu hören, der in den unendlichen Sphären klingt: für einen Augenblick ein Unsterblicher! Er war in dem Himmel, an den er nicht glaubte. Die Türe ging auf, und die jüngsten Geschwister, zwei Buben, zwei Mädchen, mit lachenden dunklen Gesichtern, stürzten herein. Hinterher kam Anna, die Mutter. Myrto glättete den Mädchen die Haare, gab jedem der vier eine Frucht, küßte sie alle und sagte: »Geht leise, leise, ihr Kinder, legt euch artig zur Ruh 129 und schlaft fleißig bis zum Morgen. Denn wenn ihr nicht artig seid, da kommt Mormo, die böse Hexe, und holt euch. Denn Mormo holt jeden Bösen bei Nacht. Die Mutter aber wird mit euch beten. So betet denn auch für diesen Fremden hier, der krank und voll Kummer ist. Denn die Bitte, die wir für andere tun, erhören unsere Götter, und sie lieben die Lippe eines Kindes.« Den Fremdling in seiner Schwäche berührte auch dies Wort lieblich, und er grübelte: würde gar dieser Traum nie zu Ende gehen? Die Zeit verstrich. »Der Schlaf, der launische Despot, will auch uns bezwingen,« sagte er endlich. »Er kommt, wenn wir ihn nicht gerufen. Es gilt Abschied zu nehmen, ihr jungen Toren. So sagt mir noch dies von euch: daß ihr euch liebt, des war ich Zeuge, und daß ihr wohlgemut eure Tage dahin lebt, das steht in euren Mienen. Was aber hofft ihr? und was soll euch die Zukunft bringen? Und wähnt ihr, daß das Unglück euch hier in euren Hütten nie finden wird?« Und mit schneller Zunge und sprühenden Eifers hub Myrto an; denn ihr Herz war voll, und eine Winzerin ist behender im Reden als ein Fischerknabe: »Wir lieben uns, jawohl, du grämlicher Frager! Ist er's nicht wert? Sieh ihn nur an. Er ist der stärkste und schönste von allen Burschen am Strande drunten. Oder willst du's bestreiten? Er ist kühn und erprobt, und seine Brust ist fest wie aus Eichenholz und als ob kein Dolch hindurchdränge. Aber er zählt erst achtzehn Frühlinge, und ich bin sechzehn; da wollen wir noch zwei Jahresläufe über das Land 130 ziehen lassen, weil auch der Baum wartet, bis er trägt. So scheint es der Mutter recht, und der Vater will stets, was die Mutter. Zwei Jahre mag Alexis noch die Netze ziehen und auch Seefahrten tun bis nach Afrika und zur Sarderinsel und mir Wunder erzählen, wenn er heimkommt. Dann bringe ich der lieben Frau Venus Tauben und Früchte in ihren Tempel, daß sie mir acht gibt, und daß ihm die wilde See draußen nichts anhaben kann. Und bleibt er heil und raubt mir auch kein böser Zauber seine Treue, da zieht Alexis mit dem Willen der Götter im dritten Jahr zu mir ins Elternhaus; denn draußen auf das Meer lass' ich ihn nicht länger fahren. Auch ist mein Vater schwächlich auf den Füßen und die Brüder noch zu jung, um zuzugreifen. Da kann er dem Haus und Gelände vorstehen als der rechte Mann. Und weiter hoff' ich nichts, als daß uns zu hoffen immer noch etwas übrig bleibt!« »Und wähnt ihr, daß ihr nie traurig auf eurem Berge lebt? Denn auch ihr Glücklichen hier oben habt in den Adern Menschenblut, Menschenblut, den trüben Saft, der ruhelos aus den Pulsen des allerersten armseligen Sterblichen in uns Spätgeborenen weiterrinnt und nicht enden will. So alt dies Blut, so alt ist die Hoffnung und so alt ist die Enttäuschung, und unser Leben ist nichts als ein qualvoll langer Sturz aus dem Götterschoß der Kindheit durch die trüben Sphären der alternden Zeit hinab in die Hölle des Acheron und in das ewige Nichts.« Da umschlangen sich die Kinder, und Myrto wuchs und wurde größer, und sie sprach wie vom Geist 131 befallen; denn sie hatte die natürliche Beredsamkeit ihres Volkes: »Du hast den Wurm im Herzen, fremder Mann, und ich beklage dich. Auch weiß ich Antwort. Was ich aber vor dir rede, das rede nicht ich; sondern ein Weiser lebt hoch oben in der Bergesklause, ein Sonnendiener. Zu dem steig' hinauf, wenn du Lehre brauchst. Der sagte mir's: Das Unglück trifft uns alle, die wir Menschen sind, wie der Rost das Korn trifft und die Fäulnis die Traube. Und wehe dem, den das Unglück nicht traurig macht; kein Glück würde ihn froh machen! So wie ich unsere Eltern im Leide sah, da der Sturm Hütte und Garten zu Boden riß, und in noch größerem Leide, als der Erstling der Söhne starb und wir seine Asche sammelten, so sind wir bereit und gerüstet zu trauern, wenn es ein Gott verhängt. Denn unsere Seele liegt dem Schicksal offen, wie die See dem Wind. Wie sollten wir hier aber nicht glücklich sein? Hat uns die Herrin Venus nicht dies Sonnenland geöffnet und zu unseren ersten Ahnen gesagt: wohnet allhier und helfet einander und genießet der Stunde, frei wie der Falk, der im Felsen wohnt, arbeitsam wie die Biene, die sich nährt vom Wiesenhang, bedürfnislos wie der nackte Fels, den die Woge küßt, den die Sonne in Farben kleidet und der keinen Schimmer Floras braucht, um sich zu schmücken? Wächst uns hier nicht die Frucht zur Freude am Baum, die uns sättigt bis zum nächsten Herbste? und die Traube reift, daß wir opfern können, und die Blume blüht uns zum Kranze, und das Meer spart das flossige Wild in seinem Schoße nicht, um 132 uns zu nähren? Sollten wir hier nicht glücklich sein, da jeder Odem Labsal und Wonne ist und die Jünglinge herrlich zu Männern reifen und die Mütter gesegnet sind mit junger, lachender Menschenfrucht, und der, der sich zum Sterben legt, sagt: Lebet weiter, ihr anderen und liebet euch! Ich gebe nun Platz denen, die nach mir kommen, damit des Glückes auf diesem Felsen in Ewigkeit kein Ende sei! »So sprach zu mir der Weise und setzte hinzu: des Menschen Glück zerstört nur der Götter Neid oder der Neid des Kaisers. Aber die Götter sind fromm und schaden uns ungern; denn nur die Hochmütigen und Allmächtigen, die am Glück des Armen zehren, die trifft ihr Neid, und sie senden ihnen das Laster ins Haus, um sie zu strafen. Neidischer aber als die Götter ist der Kaiser, der Kaiser Roms, der auf unserer Insel wohnt wie ein Einsiedlerkrebs in fremder Muschel. Er hält unsere freien Berge umklammert, daß sie seine Burgen tragen müssen, und er lebt hier als wie ein Gott. Aber die Erinyen der Hölle sind seine Hausgenossen. Er kennt die Güte nicht, sondern nur den Haß. Sein Haß, der ist's allein, der uns vernichten könnte. Aber er wird uns nicht bedrohen. Denn, Gottlob, nur die Himmlischen droben sind allwissend, und der blinde Cäsar sieht es nicht, wie nah um ihn Menschen leben, die seines Neides würdig sind.« Und der Strom ihrer Rede ging in ein triumphierendes Lachen aus, ein Lachen der eigenen inneren Seligkeit und des stolzen Mitleids mit dem, der sie töten konnte – als sie plötzlich verstummte. Der fremde Mann am Boden fuhr röchelnd auf; sein 133 Gesicht war aschfahl geworden. Seine Augenbrauen hoben sich drohend, in seinen Geieraugen glomm Haß und Wut, Schaum stand vor seinem Munde, und er streckte die gespreizten, weißen, knöchernen Hände aus, als wollte er greifen und würgen. Dann sank er ohnmächtig zurück; die Hand griff mit Krampf in den Mantel, der ihn deckte, und seine Züge verzerrten sich gräßlich. Alexis sah Myrto erschrocken an. Wer war der Unheimliche, der ihr Gast geworden? Beide verließen geängstet den Bewußtlosen, legten noch einmal die Hände ineinander und trennten sich. Sie ging zur Mutter ins Schlafgemach; Alexis legte sich draußen auf die Schwelle der Haustür unter den hohen Sternenhimmel und entschlief dort bald sorgenlos. Kaum aber war die siebente Stunde der Nacht vorüber, als ein Geräusch ihn weckte. Der Fremde öffnete die Tür, um herauszutreten. Alexis sprang hurtig von der Schwelle, denn er begriff die Absicht des Alten, bot ihm die Schulter zur Stütze und führte ihn, ohne eine Weisung abzuwarten, langsam und in Sorgsamkeit durch die langen, stillen, tief schlummernden Gassen des Dorfes und den Seitenweg zu jenem Tempel weiter, der dem Dienste des Sonnengottes geweiht war. Just eben erhob sich am Osthimmel über dem fernen Vesuv das erste rosige Licht des ungeborenen Tages. Die Hand des Fremden löste sich von seiner Schulter. Während aber Alexis im Säulenvorhof vor dem Bilde des Sonnengottes fromm niederkniete, die Hand des Heiligen mit der Lippe berührend, war der 134 Unbekannte in der Zelle des Tempelhüters wortlos und spurlos für immer verschwunden. Er hatte in unheimlicher Stummheit während des nächtlichen Ganges kein Wort gesprochen, der Jüngling hatte auch nicht gewagt ihn anzublicken und hatte den Griff der Tatze des Seltsamen immer stärker und lastender auf seiner Achsel gefühlt. Alexis erhob sich vor dem Götterbilde, wartete nicht weiter, sah sich nicht um, forschte nach nichts und eilte die wohlbekannte Felsenstiege hinab zum tiefen Strande, um mit seinem Simichus in der goldenen Frühstunde die Netze zu heben. Die Diener des Tempels aber trugen den Herrn der Welt noch zur selben Stunde zum nächsten der unbewohnten Kaiserpaläste, und erst am Abend kehrte Tiber von dort auf seine Villa Jovis zurück, um mit Thrasyll, dem Sternendeuter, wie seit Jahren, auf jenem Turm zu stehen, der das Licht seines Herrn über die Meere warf. Nicht einmal zum Thrasyll sprach er ein Wort über sein nächtliches Abenteuer. Von jetzt an begann Tiberius, die Sterne nach seiner Sterbestunde zu fragen. Aber Thrasyll hieß die Sterne schweigen, die Antwort blieb aus, und die Sehnsucht des Müden blieb ungestillt. * * * Vier Jahre vergingen. In dem Haus des Simon auf Anokapria hatte das Glück sich verjüngt. Weinbau und Ölbau gaben reichen Ertrag; die neuerbaute Terrasse bewährte sich. Myrto hatte oftmals der Göttin Tauben und Früchte dargebracht, und Alexis ruhte fröhlich von seiner letzten Seefahrt aus. Die 135 Heirat folgte. Und alljährlich, wenn der Tag wiederkehrte, an dem der Kaiser unbekannt in das Haus getragen war, fand man in der Frühe die reichsten Gaben auf die Schwelle gestellt, bald kostbare Decken, bald schönes bronzenes Hausgerät, dazu jedesmal eine Urne voll baren Goldes. Alexis ertappte den Überbringer; es war ein Bote vom Sonnentempel. Ein Zurückweisen der Geschenke war nicht möglich; denn der Bote drohte mit dem Zorn des Kaisers. Was hatte der Kaiser mit ihnen zu tun? Eine Ahnung stieg in ihnen auf; aber sie fragten nicht und wollten es nicht wissen. Sie waren Philemon und Baucis gewesen, und Jupiter war bei ihnen eingekehrt. Nun sandte Jupiter seine Gnadenspenden! War es der Dank für jene Stunde des Friedens, die einzige, die er bei ihnen gefunden? oder wollte er versuchen, ob nicht der Reichtum doch noch imstande wäre, dem Unglück diese Hütte zu öffnen? Sie vergruben abergläubisch den Schatz und legten die stolzen Gewänder in die Truhe, die sie nie öffneten. Nachdem aber das vierte Jahr vorüber war, hörten die Gaben auf, und ihre Sorge verschwand. Denn die Natur selbst regte sich und tat zum Schrecken der Welt ein gewaltiges Wunder. Der Berg Vesuvius, der seit wohl einem Jahrtausend drüben über Herkulanum und Stabiae friedlich gelegen, begann zum erstenmal seine vulkanische Kraft zu erproben. Zwar spaltete sich sein breiter Gipfel noch nicht, und kein Feuerregen brach aus seinem verschütteten Schlunde; aber tief unterirdisch regten sich seine bedrohlichen 136 Gewalten; die Schmiedehämmer des Vulkan pochten und dröhnten in seinen Höhlen. Der weite Golf von Neapel, ein Riesenbecher voll von Meeresblau, begann von Grund aus zu schüttern, als rüttelte die Hand des Orkus an seinem Fuße, und um alle Ränder des Bechers ging das Erdbeben; die Küsten schwankten; auch das Inselland Kapris taumelte wie ein Schiff auf bewegter See, und der Leuchtturm droben am Kaiserschloß brach ab an seinem Fuße, stürzte schallend in den Abgrund und löschte sein Licht im Meer. Das war der Fixstern des großen Tiberius. Sein Licht war gefallen. Kein Schiffer von Ägypten und Syrerland, der nachts hier am Kap der Minerva vorüberfuhr, hub hinfort mehr huldigend die Hände und rief seinen Namen an. Drei Tage nach dem Einsturz war auch der Kaiser tot. Und das Gefolge des Herrschers stob auseinander; die Paläste leerten sich; des Tiberius Geschlecht verging. Jahrzehnte zogen durch die verödeten Hallen; Rom selbst sank und sank, bis aus Jahrhunderten Jahrtausende wurden. Über das große Festland drüben ging die laute Weltgeschichte mit Getose ihren Gang, und Völker und Fürstengeschlechter wurden unter ihr Rad geworfen. Capri lag still seitab im Meer, aber die allmächtige Zeit hatte auch der stillen Insel nicht vergessen. Wie den dürren Kranz vom Haupt einer Statue, so riß der Sturm der Zeit die Kaiserburgen von ihren Bergesgipfeln. Die hohläugigen Säle knickten ein; die Gemälde zerstäubten, die Marmorbilder sanken in Schutt. Der Efeu spann 137 das Gemäuer in sein ewiges Leben ein und sprengte die Gewölbe. Aus den Bruchsteinen und Ziegeln der Ruinen baute sich der späte Contadino achtlos seine Hütten und Gartenmauern. Und die Eule der Vergessenheit nistet seitdem in den kargen Trümmern. Aber Alexis und Myrto leben noch heut! Die Winzer und Fischer Capris, sie sind geblieben. In die Falten des blauen Gebirges schmiegen sie ihre Hütten noch heute, und der harte Fels ernährt sie liebreich. Die unvergängliche Gegenwart pulsiert wie einst in diesem Geschlechte. Noch rauscht der Nymphenquell, noch blühen immergrüne Rosen und Myrten, noch streichen die Barken mit springendem Bug durch die Brandung; noch spinnen die Weiber am Weg, und Bittis und Battis führen das Wort noch heute; noch glüht die griechische Jugend in schwarzen Augen, und Anassa mit ihren Sammetwangen lockt den verwöhnten Fremden aus den Städten noch heut' herbei. Die Insel aber schwebt sonnenlichttrunken auf dem farbenprangenden göttlichen Meer in unvergänglich erhabener Schönheit und atmet nichts als Feier der Wonne und seligste Vergessenheit. Sie hat sich den fernen Tiberiustraum aus der Stirne gestrichen wie einen bösen Nachtgedanken, und der Name des Düsteren huscht nur bisweilen über das Gedächtnis der Gegenwart, wie eine Spinne ungesehen über die besonnte Mauer huscht. 138     Der Freund des Titus Tritt nur mutig näher, Vortrefflicher, und laß dich durch die vielen Hofschranzen nicht stören,« sagte Titus und schritt durch den Säulengang voran, um seinen Gast in sein Gemach zu führen. »Ohne Palastwachen, ohne Lakaien in allen Ecken geht es am Hof nicht ab. Wie bin ich froh, daß ich dich sehe!« »Dies ist der Arbeitsraum des Titus?« sagte Hermogenes , der Alte, und sah sich erstaunt um. »Du erwartetest einen Prunksaal? Aber ich bin kein Nero.« »Und ich sehe dich nicht mit Helm und Schwert wie damals?« »Hier in Rom bin ich Bürger unter Bürgern,« erklärte der junge Kaiser und warf nicht ohne Selbstgefälligkeit einen Blick in den großen silbernen Wandspiegel; seine junge, hohe Gestalt machte sich prächtig im Wurf der blendend weißen Toga mit dem Purpurstreifen. »Nimm Platz. Wie schön, daß du Anlaß fandest mich aufzusuchen!« »Der Anlaß selbst ist schön,« sagte der Grieche (Titus sprach griechisch mit dem Gast). »Den Dank unserer Insel bringe ich dir. Es ist nicht auszudenken, wie groß die Entlastung unserer Gemeinde ist, da du unsere Schulden tilgtest, unsere Gläubiger, die römischen Geldleute, befriedigtest: rasch wie immer und großmütig wie immer.« »Wozu bin ich Kaiser? wozu habe ich den vollen Fiskus?« lachte der junge Herrscher. »Mein Vater schafft das Geld und gestattet, daß ich, der Sohn, 142 es ausgebe, wie ich will. Vom Brand Jerusalems führte mich ein günstiger Zufall nach Andros, eurer friedseligen Insel; da lernte ich dich schätzen, dich liebgewinnen, weiser Mann, sah eure mißlichen Verhältnisse – was ist da weiter zu reden? Sitzt du dort angenehm?« »Laß mich stehen, Göttlicher. Ein Lachen der Freude geht durch die Welt, seitdem du ihr Herr bist.« »Ich und mein Vater Vespasianus,« ergänzte Titus. »Daß Rom jetzt gleichzeitig zwei Kaiser hat, bewährt sich gut.« »Und es ist mir denkwürdig: so also sieht es in der Stube eines Kaisers der Welt aus?« »Ah! Hermogenes ist Historiker. Ich merke, du willst über Titus Geschichte schreiben. Du wirfst die Augen forschend herum wie ein Luchs.« »Und ich finde wenig. Da hängt ein Saitenspiel am Nagel.« »Ich tändele gern auf den Saiten und singe gelegentlich mein Lied, aber nur allein oder mit meinem Töchterchen.« »Hier ist Orpheus an die Wand gemalt, der mit seinem Gesang die wilden Tiere bezwingt.« »Ja, Orpheus! Wer das auch könnte, was er gekonnt! Aber sieh nur: die Tiere sind schlecht gegeben; kein Maler kann einen richtigen Löwen oder den Bison in seiner tierischen Schönheit richtig malen. Um die zu kennen, da muß man in die Arena gehen. Tierkämpfe –« »Du liebst die Tierhetzen?« fragte Hermogenes entsetzt. 143 »Und wie!« Des Kaisers Augen strahlten wie die eines Kindes, das nach der Traube greift. Hermogenes spürte weiter. »Ich vermisse Bücher,« sagte er. »Nur dort der Schrank! Was für Bücher liest Titus in seinen stillen Stunden?« »Ich lese nicht gern; wozu soll ich es? Die römische Geschichte habe ich ja schon als Bub' gelernt. Nur allerdings Senekas Schriften liegen hier. Es sind heilige Bücher, die ich bisweilen aufrolle. Sie handeln von der Menschenliebe. Eine schwere Sache!« »Ich lerne dich verstehen,« sagte Hermogenes. »Aber hier auf der Staffelei ein verschlossenes Bild?« »Oh! mein Gastfreund ist nicht wißbegierig, er ist neugierig. Ich schlage die Bretter zurück. Ein Weib! Du siehst Berenike, die Jüdin, meine Freundin . . .« »Blendend schön!« »Die Fürstin vom Berg Libanon in all ihrem üppigen Reiz. Hier ist sie auf Holz gemalt. Aber sie war gleichsam selbst ein Gemälde; denn sie schminkte sich stark. Das Bild hat sie mir hergeschickt zum Andenken an unsere Begegnung in Palästina, und sie wird auch selbst herkommen, mich zu besuchen.« »Titus, ich warne dich!« »Ich halte das Bild immer verschlossen, damit es mein Töchterchen nicht sieht.« Der Kaiser klappte die Bretter wieder zusammen. »Und dort? in der hohen Nische die Statue aus Erz? Sie zog meinen Blick schon gleich anfangs auf sich, als ich eintrat. Zwei brennende goldene Lampen hängen davor; ein frischer Veilchenkranz im Haar, 144 welch edler Anblick! Es ist ein junger Römer ohne Frage. Ist es ein gestorbener?« »Es ist Piso, mein Jugendfreund. Es ist Lucius Calpurnius Piso, er, mit dem ich aufwuchs. Du siehst, ich ehre ihn, so gut ich kann. Ich kann ihn nicht vergessen.« Hermogenes stand ehrfurchtsvoll: »Ich frage nicht weiter,« murmelte er. »Oh, frage nur, frage nur immer!« rief Titus dagegen lebhaft. »Es ist mir Wonne, über Lucius zu sprechen.« »Du wolltest . . .?« »Rede offen,« sagte Titus. »Du hast ein Geschichtswerk zu schreiben begonnen über die gegenwärtige Zeit?« »Ja, ich tue es aus Dankbarkeit, denn ich preise mein Glück, daß ich dich, daß ich dein Leben, Titus, mit erlebe: ein Gnadengeschenk der Götter, und ich möchte es beschreiben.« »Dann will ich dir helfen, dir selbst erzählen, damit du mich nicht zu gut machst. Das heißt, ich will dir von Piso, von meinem Freund Lucius erzählen. Denn durch ihn bin ich, was ich bin.« In diesem Augenblick kam ein Offizier der Palastwache und meldete, die Personalien der Mörder seien festgestellt; was jetzt mit den Mördern geschehen solle? Mörder? Hermogenes horchte auf. »Bringt die Kerle, wenn wir zur Nacht speisen, hierher in den Palast; ich will sie noch einmal sehen. Verstanden? Heute noch. – Zwei junge Männer,« 145 erzählte Titus lachend, »aus reichem Rittergeschlecht, denke nur, die wollten mich heut' früh, als ich einen Kranken besuchte, erstechen. Sie wurden ergriffen. Ich fragte sie, was ich verbrochen hätte. Sie wußten mir nichts, nichts zu antworten. ›Wenn wir, ich und mein Vater, schlecht regieren, so sagt es uns!‹ wiederholte ich. Aber es war offenbar nur Tollheit, nur Abenteuerlust. Alle früheren Kaiser vor mir sind ja gewaltsam umgekommen: Caligula, Claudius, Nero, Galba, Piso, Otho, Vitellius – sie alle. Da denken die Leute, das kann so weiter gehen; warum soll man nicht auch Titus ermorden?« »Und du tötest sie nicht?« »Soll ich es nicht einmal auf anderem Wege versuchen? Ich möchte es wie jener Orpheus machen, der die Tiere gebändigt hat. Aber du brauchst Ruhe, Erholung. Laß dich von meinen Dienern ins Bad führen. Man wird dir dort auch Speise und Trank reichen. Nach einer Stunde sei wieder hier; dann will ich dir von Piso erzählen.« Als Hermogenes nach einer Stunde zurückkam, erschrak er nicht wenig. Da lag langgestreckt ein Löwe zu Titus' Füßen, der langsam den schweren Kopf hob. Seine grünen Augen schillerten fremdartig wild. Titus schlug in die Hände vor Vergnügen: »Keine Angst, liebster Freund. Es ist ja mein Stubengenosse! das prächtigste Exemplar, zehn Jahre alt. Saevus nenne ich den Burschen. Sieh nur!« Und er zwang das Tier, auf den Hinterfüßen zu stehen, und umfaßte es, als ob er mit ihm ränge. Dann zauste er ihm mit Geknurr die dicke dunkle Mähne und führte den 146 Saevus rasch in den Hof hinaus. Hinter der Zypressenwand war der prachtvolle Löwenkäfig. »Glaube mir! Es ist nichts wundervoller als die gezähmte Bestie,« sagte er. »Aber der Saevus würde uns stören; er würde über meine Erzählung die Geduld verlieren, dieselbe Geduld, um die ich dich jetzt dringend bitte. Also Lucius, mein Freund! Willst du von ihm hören? Schon als Buben wurden wir Gespielen, rechneten zusammen mit Haselnüssen, als wären es Goldstücke, und ritten auf dem Holzpferd, kutschierten mit dem Hundewagen um die Wette: er der Patriziersohn und vornehme Urenkel des großen Pompeius, ich der Sohn des Emporkömmlings. Ich muß wohl zuerst von mir und meinem Vater reden. Im Hinterland, im Bergnest der Abruzzen, in Reate, da wuchs Flavius Vespasianus , mein Vater, auf, ein verachteter Kleinstädter.« »Aber guter Rasse . . .« »Mag sein. Mein Vater schlägt sich ja manchmal noch auf die Schenkel vor Staunen und kichert vor sich hin, daß er jetzt der große Kaiser ist, und will es gar nicht glauben. Du weißt: in der Zeit, als Vitellius in Italien den Otho besiegte und als mein Vater und ich fern in Palästina Jerusalem belagerten, da riefen mich, mich die Legionen am Jordan zum Kaiser aus. Ich war nun einmal der Liebling der Truppe; warum sollte ich nicht auch so gut wie Otho und Vitellius den Kaiser spielen? Aber mein guter Vater war auch noch da, der hochverdiente Mann. Ich stellte also die Bedingung, daß vielmehr mein Vater als 147 Kaiser herrsche und ich ihm in gleicher Würde helfe, als sein Mitregent. So kam es. Aber von seinen Gewohnheiten läßt der Alte nicht. Nach dem Bergnest Reate geht er noch immer jedes Jahr, wo die Ziegenherden mit ihren Glöckchen am Hals durch die Dorfstraße ziehen. Wenn er dort im alten Familienhause seine Rüben und Linsen speist, kann es kommen, daß eine Kuh spreizbeinig in den Hausflur eindringt und ihr Gehörn wiegt und sich neben den Speisetisch legt, als spräche sie: willst du Milch, großer Kaiser Vespasianus? Hier ist mein Euter! Zur Zeit, von der ich reden will, herrschte aber noch Kaiser Claudius in Rom, der alte mit dem Wackelkopf, den man immer verhöhnt hat, der es aber im Grunde ganz brav meinte. Ich war ihm herzlich zugetan. Er protzte nie und, hatte er seinen Becher Wein heruntergegossen, so vertrug er jeden Spaß. Aber er war schwach, und durch die Weiber, die Kaiserinnen Messalina und Agrippina, herrschten die abscheulichsten Zustände. Mein Vater war durchaus kein Tugendbold, aber er haßte die Kaiserinnen beide wie die Sünde. Das Entscheidende war, daß mein Vater über das Nordmeer ging und für Kaiser Claudius die Insel Britannien bis zum Themsefluß eroberte. Er war ein tadelloser Truppenführer. Von da an kam Kaiser Claudius öfter in unser simples Haus, am Aventin; er entdeckte mich; ich war ein ganz hübscher Junge, aber noch ohne alle besseren Manieren, und so kam ich als Kind an den Hof. Am Hof waren die beiden Prinzen Britannicus und Nero . Sie waren Stiefbrüder: Britannicus des 148 Claudius rechter Sohn, Nero der Sohn Agrippinas von einem anderen Vater. Ich sollte fortan zu des Britannicus Gespielen gehören. Wir waren da zehn bis zwölf junge Bürschchen, darunter auch Lucius Piso. Für mich war das natürlich eine Wonne und Herrlichkeit. Der Prinz Britannicus war auch ein lieber, prächtiger Junge, rotwangig, kräftig, schlicht und gradweg. Wacker und ohne alles Großtun hat er unsere Lauf- und Raufspiele mitgemacht. Da war Nero, sein Stiefbruder, anders. Neros Mutter, Agrippina , die allmächtige Frau, hatte damals schon durchgesetzt, daß nicht Britannicus, sondern Nero der Thronerbe und künftige Kaiser sein sollte. Daher wurde der liebe Britannicus im Palast arg zurückgesetzt, Nero dagegen wie ein Halbgott, wie ein Juwel behandelt. Von uns gemeinen Sterblichen wurde er möglichst ferngehalten; keiner durfte ihn je anfassen. Ich glaube, Nero hat sich zeitlebens nie körperlich mit jemandem gemessen. War es die Göttlichkeit seines Wesens? war es Feigheit? Dabei hatte er etwas Herausforderndes in den Mienen, und wir hätten ihn gar zu gern einmal angepackt. Schon damals hatte er etwas Weiches, Wiegendes im Gang, etwas Schwammiges im Gesicht, und wenn man ihn stramm ansah, da hielt er den Blick nicht aus. Einmal waren wir in dem großen Brunnenhof, und Britannicus war durstig und fing sich in der Schale Wasser aus dem Springbrunnen, als Nero mit Otho , dem schönen, in den Hof kam. Otho war damals schon Neros Lieblingsgespiele, der bevorzugte, mit dem honigsüßen Gesicht und dem Weiberscheitel und der 149 dicken Pomade im Haar. Man roch ihn schon von weitem. Wer ahnte damals, daß Otho und Nero nacheinander Kaiser der Welt sein würden? Also am Brunnenhof war's. Hochmütig herrschte Nero seinen Bruder an: ›Laß mich zuerst trinken.‹ Er ärgerte sich, daß wir alle auf ihn gar nicht acht gaben. Britannicus trat zurück, lenkte aber mit seiner Trinkschale den Wasserstrahl aus Übermut so, daß die Nässe dem Nero sprudelnd ins Gesicht fuhr. Gleich liefen die Diener zusammen, als wäre ein Mord geschehen. Nero bekam vor Wut einen roten Kopf wie ein Truthahn, griff nach einem Eisenhaken und schmiß ihn aus der Entfernung auf Britannicus, der ihn fest ansah und, obschon es eine häßliche Schramme gab, ruhig stehen blieb und keine Hand rührte. ›Nero ist gut und weich,‹ hieß es hernach. ›Aber die Majestät regt sich früh in ihm, und man soll ihn nicht reizen.‹ Seitdem war er mir unheimlich, ja, zuwider. Lucius aber haßte ihn seitdem. Lucius war in allem energischer als ich. Er war elternlos, und in dem fürstlichen Palast seines Oheims, des großen Calpurnius Piso, der damals an Reichtum der nächste nach dem Kaiser war, da lebte er. Die Pisonen sind der vornehmste Adel Roms. Was war ich armer Schlucker gegen ihn? Wie staunte ich, wenn ich ihn besuchte (und ich lief oft zu ihm) über die Masse der Statuen in den weiten Kolonnaden und die strahlenden Bilderwände und die bronzenen Rosse über den Portalen, die Treppen aus Porphyr und die versilberten Krippen im Stall und die tausend Menschen, vornehm und gering (darunter natürlich auch 150 ein Rudel von Dichtern), die da täglich als Gäste aus- und einliefen! Calpurnius war der große Mäcen jener Zeiten. In einem Flügel zu ebener Erde, in prachtvollen Stuben wohnte da der kleine Lucius mit seiner eigenen Dienerschaft, die aus dem Elternhause stammte. Ich weiß es noch: auf den Achseln trug er köstliche Edelsteine als Spangen; ich bewunderte sie mit gierigen Augen; gleich riß er sie herunter und schenkte sie mir. So war er immer. Ihm waren alle Herrlichkeiten gleichgültig bis zum Überdruß. ›Meinst du,‹ sagte er, ›mein großer Herr Oheim käme mir wunder wie groß vor? der wie eine Frau nicht Kissen genug haben kann, um weich zu liegen, der selbst, wenn er bös wird, flüstert und zirpt wie eine Grasmücke und sich tausendmal am Tag anlächeln läßt, weil er der reiche Mann ist, der bis ans Knie im Gold watet? Was tut er sonst? Stundenlang sitzt er vor dem Schachbrett und schiebt da die dummen Puppen hin und her. Es ist keine Kunst, beliebt zu sein, wenn man eine Futterstelle für alle Faulen und Eckensteher errichtet. Da ist meine Schwester Calpurnia anders. Wenn du die kenntest! Die ist streng und heilig und gut; sie ist viel älter als ich, und sie ist Vestalin. Im Kloster, im Vestalinnenhaus eingeschlossen lebt sie, hütet das Feuer der Vesta, und ich sehe sie nur bisweilen, wenn Festtag ist. Und die Schwester, die sagte mir: Romulus schlief nachts auf der bloßen Erde. Romulus war Roms erster großer König. Darum mache ich es auch so.‹ 151 Ich mußte lachen: ›Du hast ein Bett, und das ist von Ebenholz, und du schläfst nicht drin?‹ Da biß er die Lippen zusammen. Sein Gesicht war fein und schmal, hager und zäh. Die Backenknochen sprangen eckig vor. Dabei senkte er gerne die Stirne und, hätte er Hörner gehabt, er hätte damit gestoßen. Aber es stand ihm nur ein dicker Wirbel krauser schwarzer Haare über der Stirn. Wir waren so verschieden! Aber gerade darum hingen wir fest aneinander: er immer so ernsthaft und zielbewußt, ich nur gar zu lustig und immer zerstreut. Und da war noch eine Sache, die uns eng verband, ein Ammengeschwätz.« »Das wäre?« warf Hermogenes dazwischen; er konnte seine Neugier nicht bezähmen. »Ja, meine Amme und seine Amme, zwei gute und treue Seelen, die trafen sich einmal, und wir Jungen waren auch zugegen. Wir waren schon sieben oder acht Jahre alt, aber immer noch etwas unter ihrer Aufsicht. Da sagte seine Amme: ›Lucius wird einmal Kaiser werden.‹ ›Unmöglich!‹ sagte da meine Amme und blickte ganz zornig. Die andere aber fuhr fort: ›Wir haben ein sicheres Vorzeichen. In derselben Stunde, als mein süßer Lucius geboren wurde, legte eine Taube in unserm Taubenschlag ein purpurnes Taubenei. Ja, purpurn, sag' ich. Die Gärtnersfrau brachte es mit Geschrei gleich in den Saal. Ganz purpurn war das Ei an allen Seiten rund herum, ein wahres Wunder zu sehen, und alle, die sich darauf verstehen, sagten gleich: Lucius wird einst den Purpur tragen.‹ 152 ›Nein! nicht Lucius, Titus wird Kaiser,‹ rief da meine Amme, und ihre Erregung wuchs. ›Denn als hier unser süßer Titus als Kindlein, drei Wochen alt, in seiner Wiege schlief, da geschah auch ein Wunder. Eine Schlange schlüpfte in die Wiege, kroch hinan und legte sich sanft um des Kindes Stirn und um sein kleines Köpfchen wie ein Krongewinde, das in metallenen Schuppen glitzerte. Ich habe es selbst mit Augen gesehen; und alle, die sich darauf verstehen, sagten gleich: das ist ein sicheres Zeichen. Das Kind wird einmal die Krone tragen, die Krone tragen.‹ Mit offenem Munde hörten wir Jungen das Gerede, griffen uns vor Vergnügen an den Händen und tanzten umeinander herum; das heißt: ich griff mir den Lucius, der ein Jahr jünger als ich war, und rief ihn hundertmal: Kaiser Lucius! und er sah mich groß und ernst an und nannte mich feierlich: Kaiser Titus! Das war damals. Wir Ahnungslosen! Wir wußten nicht, was kommen würde, aber seitdem ließ uns beide der Gedanke nicht los. Mir erschien auch gleich der Romulus im Traume; von Romulus und Remus träumte ich, und die Wölfin säugte mich, und ich stieg auf's Kapitol und gründete Rom. Ja, die Sache führte noch zu einem wichtigen Begebnis. Als wir wieder einmal am Hof mit Britannicus spielten und auch mit ihm speisen sollten, da reichte die Sitzbank nicht aus für uns alle. Aber da war ein Lehnsessel, auf dem der Kaiser Claudius, wenn er dorthin kam, höchstselbst zu sitzen pflegte. Den Sessel zog ich heran und setzte den Lucius darauf, und 153 dann salutierte ich ihn feierlich und laut: ›Kaiser Lucius sitzt auf dem Kaiserthron!‹ Britannicus, der Prinz, freute sich arglos daran; denn wir zankten uns gleich; Lucius sprang vom Stuhl und rief: ›Nein, Titus ist der Kaiser. Er soll darauf sitzen.‹ So stritten wir in unserer kindischen Dummheit, als aus dem Hintergrund eine ehrwürdige Gestalt auftauchte. Es war Seneka . Ich sehe ihn noch und werde die Erscheinung nie vergessen. Er kam aus Neros Gemächern . . .« »O du Glückseliger! Du hast Seneka gekannt?« warf hier Hermogenes dazwischen. »Der Geheimnisvolle, der alles Gute wirkte, aber niemand erfuhr, daß er es war! einer der wenigen Weisen, der am Predigen nicht genug hatte, nein, der wirklich es wagte, die Welt zu beherrschen, indem er den Herrscher beherrschte.« »Damals gehorchte Nero, der Knabe, ihm in der Tat noch aufs Wort. In weichen Schuhen ging er, leicht vorgebeugt; man hörte keinen Schritt auf dem glatten Marmor. Nur seine Kleidung aus leichter Seide raschelte leise. In dem Kleid steckte sein schmächtiger Körper: schmalschulterig; der Hals so dürr, die Arme so kraftlos; zeitlebens ein kränklicher Mann; aber in seinem weißen Gesicht standen ein Paar suchende Augen von wunderbarer Glut, schwarz wie Kohlen. Ich fühlte die Augen auf mich gerichtet, als er fragte, was es gäbe. Ein stilles Lachen war in seinem Gesicht; denn er hatte unseren Streit doch wohl gehört. Ich strich mir gleich die zerzausten Haare glatt, stellte mich stramm hin und erzählte, vorlaut wie immer, die Sache. 154 ›Wer von euch Kaiser wird?‹ Sein Gesicht wurde tiefernst. ›Das ist nichts zum Scherzen, Knaben! Wehe dem, der Kaiser wird. Die Allmacht ist ein Fluch. Nur wer gut wie Gott ist, darf herrschen, und wer ist gut von euch?‹ Er küßte uns beide huldvoll auf die Stirn. Britannicus streifte er mit einem Blick tiefen Mitleids, ja, des Grames, und ging. Ich fühlte mich wie geheiligt durch seine Berührung. Aber er wandte sich noch einmal zurück, reckte den müden Körper hoch und fragte: ›Wißt ihr auch, was das Gutsein ist?‹ Wir schwiegen bestürzt. ›Sich opfern für andere!‹ sagte er mit einer Stimme von wunderbar tiefem Klang. Dann fielen die schweren Vorhänge hinter ihm zusammen. Er war verschwunden wie ein Geisterschatten im Traum, wie eine Lichtgarbe, die über den dunklen Himmel fuhr. Seitdem standen wir ganz unter dem Einfluß dieses hochgestellten Mannes, obgleich wir ihn so selten, kaum zwei- oder dreimal wiedersahen . . .« Titus sah sich wieder durch seinen Gast unterbrochen. »Sich opfern für andere! Das Wort«, rief Hermogenes, »strahlt wie ein Stern in der Nacht. Das Wort schafft Genesung, Erlösung. Wer hätte zu hoffen gewagt, daß Rom daran noch genesen könnte?« »Zweifeltest du?« »Wo die Fäulnis bis ins Mark geht, ist die Genesung schwer. Mit welcher Begeisterung haben wir Griechen einst Rom, das göttliche, verherrlicht! Wohin sind die Zeiten der Scipionen, die Zeit des Pompeius, des Edlen, Freundlichen? Mit dem 155 Cäsarentum kam das Unheil, und wir sahen es mit Grauen. Seit Tiberius wurden die Kaiser, die in Rom sitzen, Würger ihrer Herde und sollten doch die Hirten sein. Alle Knechtung entsittlicht den Geknechteten und den, der knechtet. So blühte wuchernd bei euch das Laster auf und reckte sich bis zum Himmel: Rom die Stadt der Lüste und der Lüge; kein anständiger Mann, keine unbescholtene Frau; hirnloser Sinnentaumel, Schmeichelei und Hoffahrt, Bestechung und Käuflichkeit, Raubgier, Verwandtenmord. Eine Schändung der Menschheit. Die Welt war dessen Zeuge. Der Orkus soll dies Rom verschlingen: so dachten wir auf unserer stillen Insel.« Titus lächelte: »Du schiltst ja wie ein Jude. Der Satan selbst hat in Rom seinen Thron errichtet, so predigten damals die Juden. Der Satan mit seinen Teufelskrallen, das Weltprinzip aller Bosheit: ich hab' es von den Juden selbst gehört, und ich wagte nicht zu widersprechen.« »Aber die Genesung kam,« fuhr Hermogenes fort, »und sie kam durch euch Knaben.« »Sagen wir lieber: durch Seneka. Aber ich will dir von meinem Lucius erzählen. In der Zeit, von der ich rede, gab es doch auch sonst allerlei brave Leute in Rom (wie sollte es anders sein?), die eifrig nach dem strengsten Sittenkodex lebten; aber diese Guten versteckten sich, hielten nur hübsch ihre eigene Seele sauber, aber sie wagten sich nicht in den Kampf des Lebens hinaus, und wir Knaben wußten damals von dieser Gemeinde der ›Guten‹ nichts. Lucius aber handelte triebhaft, der frühreife Junge; er war eine 156 Kampfnatur und merkwürdig planvoll in allem. Seine Amme, die kränklich wurde, hätschelte er wie seine Mutter, überhäufte sie mit Leckerbissen und Blumen und las ihr stundenlang aus Vergil vor, bis sie einschlief. Philetus, das Söhnchen der Amme, das Sklavenkind, war ein schlapper Bengel von einer lasterhaften Unordnung und Fahrigkeit; Lucius widmete sich ihm ganz und hielt ihn streng, bis er parierte. Aber jetzt begann er die Selbsterziehung. ›Wie schaffe ich, daß ich gut bin?‹ Hinten im Park stand ein marmornes Tempelchen; ursprünglich war es ein Brunnenhaus mit einem Nymphenbilde. Dahin schleppte er seinen Bücherkasten und warf sich auf Weltgeschichte: ein endloses Lesen, und ich mußte mittun. Es half mir nichts. Er wollte sehen, wie die großen und guten Staatsmänner und Feldherrn es gemacht hätten, Nutzen zu schaffen und den Staat zu retten. Auch ein Bilderbuch, eine Rolle mit Bildern, war dabei; die heftete er an die Wand und freute sich stundenlang, daß es noch Bilder gab von Lykurg und Solon und Aristides und Perikles und Romulus und Cincinnatus. Auch Lehrbücher der Philosophen kamen an die Reihe, und um unsere Köpfe schwirrte allerlei Weisheit, dunkel und wundervoll. Aber nur zu oft ertappte mich Lucius darauf, daß ich Unfug trieb, statt ordentlich zuzuhören. Ich warf ihn mit Brotkugeln, wenn er gerade beim Scipio war, der den Hannibal besiegte, und ließ den Hund über die Bank springen, wenn Marius eben die Cimbern und Teutonen schlug. Dann sah er mich traurig und tadelnd an und fragte: ›Soll ich aufhören?‹ 157 ›Nein!‹ ›Glaubst du an die Orakel oder nicht?‹ Ich zuckte die Achseln. ›Einer von uns beiden wird Kaiser!‹ fuhr er in dringendem Ton fort. ›Du oder ich. Die Orakel lügen nicht. Aber nicht ich, nein du wirst's! Ganz gewiß, du Herrlicher. Ich fühle es deutlich. Denn dich lieben alle Menschen, die dich sehen. Die Götter und Menschen sind mit dir. Um deinetwillen, Titus, bin ich so eifrig. Wie sollst du gut werden, wenn du nicht lernst?‹ Sollte es mich nicht rühren, wie er so sprach zu mir schlichtem Burschen? ›Auch Orest und Pylades waren Freunde,‹ sagte er mir oft; ›ich bin der trübe Orest, du bist der Pylades mit dem immer frohen Herzen, und ich liebe dich wie mein besseres Ich, und dein Glück ist mein Glück.‹ Aber Lucius liebte doch noch jemand anders. Denn bisweilen waren wir im Tempelchen drei Personen bei den Büchern. Verania war es, die kleine Nachbarin, aus hochadeligem Geschlecht, die bisweilen herbeischlüpfte, um mit zuzuhören. Verania ist heute noch meine Freundin, und wir sprechen noch oft von jenen Kinderzeiten. Mit großen staunenden Augen horchte das liebe Mädchen, wenn wir lasen; ihre Locken, die ihr tief über ihren Nacken fielen, regten sich nicht: so still in Andacht saß sie da. Zwischen Verania und Lucius war es eine rechte Kinderliebe. Und mir war das nützlich; denn nie war ich strebsamer, als wenn Verania zu uns kam; denn sie sollte mich an Eifer nicht beschämen. 158 So waren wir, er und ich; ich lebte gern in den Tag hinein und pfiff mein Lied; aber es half mir nichts. Mit beiden Händen seiner Seele hielt er mich fest. Dazu gehört auch noch folgendes kleine Erlebnis. In der Arena gab Kaiser Claudius Tierhetze, Löwenjagd, Pantherjagd. An die hundert Bestien! Das kam damals selten vor. ›Heut' laß, Lucius, die alten Bücher in ihrem Nest,‹ sagte ich; ›komm mit. Es wird wundervoll.‹ In Lucius' Augen blitzte es lebenslustig auf. Aber er bezwang sich. ›Ich hab' einmal eine Hetze gesehen, und tue es nicht wieder. Aber ich geleite dich bis zu den Eingängen.‹ Philetus, das Sklavenkind, kam mit, als wir gingen. Durch die Gassen drängte die Menschenwoge. Mir fiel ein, ich könnte bei dem langen Schauspiel verhungern. ›Hier hast du Geld,‹ sagte ich zum Philetus. ›Spute dich und hol' mir vom Budenmarkte Feigen und Schmalzgebackenes!‹ Kläglich weinend kam Philetus zurück; er brachte nichts; er hatte das Geldstück verloren. In Wut schlug ich ihm auf die Wange, daß es schallte. Da hättest du den Lucius sehen sollen. Er sprang mir förmlich an den Hals: ›Mit welchem Recht schlugst du ihn? Weißt du denn, ob er schuld hat?‹ Weiter nichts. Er drehte sich schroff ab, legte den Arm um Philetus' Schulter und ließ mich ohne Gruß allein. In der Tat war dem Knaben die Münze von einem Gauner aus der Hand geschlagen worden. Er war unschuldig. 159 Folgenden Tags traf ich Lucius beim Aventin, am Tiberfluß, wo die Kornspeicher, die großen Silos sind. Er war auf dem Weg zu mir; er wollte mich versöhnen. Das sah ich ihm an. Aber ich war ganz harmlos und unbefangen und erzählte ihm von der Hetze und wie aufregend das war und noch von einem besonderen Erlebnis, das ich da mit Nero hatte. Vordem das öffentliche Schauspiel begann, hieß es, der Kaisersohn Nero habe sich in die Gewölbe begeben, wo die hungrigen Bestien in den Käfigen sind. Was wollte er da? Die Neugier packte mich. Der Zutritt war streng verboten; einerlei, ich bestach kurzweg einen Wächter. Düsternis; Menageriegestank; Hundegekläff, eine ganze Meute. Und da sah ich nun Nero und Otho, die beiden, mit den Tierkämpfern in einem Winkel, beim Wein; sie becherten und wieherten vor Lachen. Nero sollte sich Mut trinken. Er war mit den rohen, bärtigen Gesellen, afrikanischen Leuten, förmlich zärtlich und kniff ihnen gnädig in die Beine. Auf einen Tiger hatten sie es abgesehen; Nero sollte ihn füttern und hatte doch sichtlich Angst. Da nahmen die Kerle Eisenzangen, steckten lebende Tauben und Kaninchen in die Zange, und Nero mußte sie so durch das Käfiggitter stecken. Er heulte vor Aufregung und sah mit Gier, wie der Tiger jedesmal seiner Beute die Köpfe abriß. Der Wein stieg ihm zu Kopfe; denn er trank immer wieder. Es war schauderhaft. Ich schrie auf: da wurde ich entdeckt. Ich glaube nicht, daß man mich erkannt hat, aber der Wächter, der mich einließ, wurde jämmerlich mit der Peitsche verhauen. Ich hörte noch sein Gebrüll. 160 Das war's, was ich Lucius erzählte. ›Bestochen hast du den Mann?‹ fragte er mit vibrierender Stimme. ›Woher das Geld?‹ ›Ich borgte es rasch von einem Bekannten.‹ Er legte mir die Hand auf die Schulter: ›Aber das war nicht gut. Sollen wir nicht gut sein? Vergißt du es immer? Hat Seneka nicht auch zu dir gesprochen? und ich finde dich oft so anders.‹ Ich sah ihn reumütig an. ›Ich habe eine Herzensbitte,‹ fuhr er fort. ›Liebst du mich, Titus, so laß uns schwören, ich bitte dich; wir wollen ein Gelöbnis tun, gleich hier, wo wir eben sind. Hier ist es schön. Komm. Wir stellen uns auf die Brücke: da fließt der Tiber mächtig unter uns her und der Stromgott hört uns, und die Sonne über uns hört uns auch, und vom Kapitol schaut Jupiter auf uns her. Bei unserer Freundschaft! Bestechen ist Verführung zur Untreue. Wir wollen, wenn wir einst in Macht sind, nie jemanden schlagen und vorschnell strafen, bevor nicht die Schuld erkannt ist. Und wir wollen nie bestechen; denn es tötet die Ehrlichkeit. So steht es in den Büchern. Du hast es gelesen wie ich!‹ Da taten wir auf der Brücke den Knabenschwur zur Tugend, als sollten wir und nicht Nero Kaiser werden. Der gute, eifrige Junge, in seinem hochgetriebenen Edelsinn, er hat den Schwur auch wirklich gehalten; ich bin noch oft gestrauchelt; aber es war mir zum Heile. Aber die Ereignisse häuften sich. Am folgenden Tag war schon der Kaiser Claudius tot. Nero, der Knabe, wurde plötzlich Kaiser; 17jährig. Seine 161 Mutter, die Agrippina, hatte ihren Gatten, den Claudius, vergiftet. Das gab ein Gezischel und Geschrei. Des Lucius Wesen aber hob sich. Er sagte nichts, aber ich wußte, was er dachte: ein Kaiser ist tot; jetzt sind nur noch Britannicus und Nero am Leben. Weshalb der Mord? Agrippina kämpfte gegen Britannicus für ihren Nero. Claudius war ihr zwar gefügig gewesen und hatte Nero im Testament schon zum Thronerben erklärt; in den letzten Tagen aber war seine natürliche Liebe zu Britannicus neu in ihm erwacht. Ich sah es bei der Tierhetze, von der ich erzählte, selbst mit an. Seit langem zum ersten Male wurde da der versteckt gehaltene Britannicus wieder dem großen Stadtpublikum gezeigt. In seiner Kaiserloge saß Claudius selbst strahlend mit ihm; in der Loge ihm gegenüber thronte Agrippina finster mit ihrem Nero, und beide hielten gleichsam Hof im Wettbewerb. Die Höflinge drängten sich zu beiden Prinzen; das Vivatgeschrei der Menge grüßte beide, aber den Britannicus viel lauter mit wachsender Begeisterung. Britannicus freute sich kindlich daran. In Agrippinas Augen war Gift. Die Wetten gingen jetzt in der Stadt: Nero gegen Britannicus wie drei zu zwei, nein, wie eins zu eins, als wären die Prinzen Rennpferde, die zum Ziele rasen und auf die man zu wetten pflegt. Ich sehe Agrippina noch, wie sie da mit Nero auf der Estrade saß, von oben bis unten in Goldstoff gekleidet wie eine schillernde Schlange, blendend wie der Blitz, scharfschneidig wie ein persisches Messer, kalt wie eine Eisscholle, hart wie Granit, stolz wie ein Gott. Sie hatte Claudius rasch beseitigt und glaubte jetzt 162 allein zu herrschen; denn Nero war in ihren Augen nur ein Kind. Britannicus lebte still gefügig im Palast fast wie ein Gefangener; Lucius und ich besuchten ihn noch oft. Aber die mächtige Frau irrte sich. Kaum fühlte sich Nero als Kaiser, als er dem Seneka die Staatsgewalt in die Hand legte und die Mutter zurückstieß. Sogar die Leibwache, die Agrippina hatte, entzog er ihr. Sie schäumte Wut und sann gleich auf Rache. Sie hätte, wie den Gatten, so auch den leiblichen Sohn ruhig umgebracht, um zu herrschen. Nero aber schwamm indes in Wonne wie die Forelle im Wasserstrudel, nahm Gesangstunden, pflanzte Statuen auf die Postamente, fuhr im Zirkus mit dem Viererzug, machte die Kutscher zu seinen Freunden, streute Geld, trieb sich in Bordellen und Kneipen um und ließ Regieren regieren sein. ›Hätte ich doch nie schreiben gelernt,‹ seufzte er, als er unter das erste Todesurteil eines überführten Verbrechers seinen Namen Nero setzen sollte. Was sollte daraus werden? Lucius aber war von seltsamer Unruhe. ›Das Bücherlesen ist aus,‹ sagte er. ›Komm mit zu Seneka. Heute ist Festtag; da hat er vielleicht Zeit für uns.‹ Senekas Palast stand auf weitem Areal, ein Labyrinth von Räumen. Wie sich zurechtfinden? Die Prunksäle unbenutzt; zum Empfange Neros wurden sie eben damals neu ausgeziert. Der Trakt mit den Finanzbureaus war heute geschlossen. Aber da kamen Kuriere aus England, aus Afrika; denen folgten wir bis zum Vorraum des öden Saales, wo der Philosoph und Staatsmann heut' wie alle Tage mit seinem Personal arbeitete. Schreiber hockten, Läufer standen 163 bereit. Die Tür ging auf, und da war auch mein Vater und Galba; Seneka stand im Gespräch mit ihnen. Wir warteten scheu hinter einer Statue des Sokrates. ›Gleicht er nicht dem Sokrates?‹ flüsterte Lucius ehrfurchtsvoll. ›Nein,‹ sagte ich; ›hier ist mehr; denn Sokrates hat kein Weltreich verwaltet wie dieser Weise.‹ Drei Feldherrn hatte Rom damals, die sich auf den großen Krieg verstanden: Corbulo, Galba und meinen Vater. Galba war ein Sprößling des Hochadels, und mein guter Vater war nichts gegen ihn. Hier trat uns Galba zum erstenmal entgegen. Dies wurde entscheidend für meines Lucius Schicksal. Seneka drehte den Kopf; er sah uns, und Galba und mein Vater traten auf seinen Wink in den Säulenhof. ›Oho! ihr Jungen! was wollt ihr von mir Alten?‹ frug er; er hatte ein liebewarmes Auge. Lucius stammelte eine Erklärung. ›So? ihr seid Freunde? Orest und Pylades? Und ihr wollt gut sein? Sieh' da. Wozu? Habt ihr große Pläne?‹ Er sah uns scharf an. Wir wurden bleich. Große Pläne? Er durchschaute uns wohl gar. ›Das Schlechtsein ist der Werkmeister alles Unglücks,‹ fuhr er fort; ›der Gute aber braucht Grundsätze: wahrhaftig sein, gerecht sein, niemanden zum Trug verführen . . .‹ ›Wir haben es schon beschworen, wir beide,‹ rief ich; ›auf der Tiberbrücke . . .‹ ›Habt ihr? Ich dachte es mir, Kinder. Was wollt ihr weiter?‹ 164 Er nahm uns rechts und links, lehnte sich mit beiden Armen auf uns und führte uns so sachte in den Säulenhof. ›Da ist dein Vater,‹ sagte er zu mir. ›Werde Soldat wie Vespasian; der Staat wird es dir danken. Und du, Piso, du bist vaterlos. Hier aber ist Galba, der letzte der Sulpicier. Wenn er deiner sich annimmt, kannst du einen zweiten Vater in ihm finden. Wie wär' es, Galba? Deine Frau ist bei den Toten, und sie gab dir keine Kinder. Einen Sohn wolltest du dir annehmen in dein leeres Haus. Hier ist ein Nachkomme des großen Pompejus. Nimm ihn, erzieh ihn dir zu deines Namens Erben und deiner Tugend!‹ Galba sah uns mit einem leeren Ausdruck an. Er zählte schon sechzig Jahre. Er knurrte halb unwirsch, halb verlegen vor sich hin (es klang, wie wenn ein Hund im Traum aufbellt); dann schien er zu erwachen, und sein Blick haftete auf mir. So ist es mir immer gegangen; man hat mich immer vorgezogen. Und er sagte zu meinem Vater: ›Ja, ja! ein Sohn! Ich beneide dich, Vespasian, um den deinen. So kommt denn beide, ihr jungen Leute, kommt beide und besucht mich oft, solange ich in Rom bin.‹ Wir waren gegangen. ›Galba liebt dich und nicht mich,‹ stammelte Lucius in Eifersucht und konnte sich der Tränen nicht erwehren. Aber das war nur eine flüchtige Regung. Er blieb tapfer und strebsam, wie er gewesen, und wir warfen uns nun auf das Rapierfechten, wir ritten und schwammen im Tiber um die Wette; schweiften Tag und Nacht auf der Wolfsjagd zusammen in den wilden Sabinerbergen umher. Es 165 war wundervoll. Unsere Freundschaft wurde männlicher, und sie wuchs. Auch zum Galba gingen wir oft; der unterwies uns in Heereswesen und Staatsverwaltung, oft bissig und barsch und voll Ungeduld, aber doch in gut väterlicher Meinung, wie Seneka es wollte. Über Lucius aber hing es wie Schwermut, die Schwermut des Selbstlosen, der sich sagt: ich recke mich nach Zukunft, ich habe alles Recht auf Glück, aber ein anderer wird es finden, und es ist der, an den ich mein Herz gehängt. Da schlug schon gräßlich ein neuer Schlag in unser Leben. Nero wurde zum Mörder. Britannicus, der geliebte, starb. Nero vergiftete unseren Britannicus, und wir beide waren dabei zugegen. Von da an wuchs in Lucius der Nerohaß. Aus herrlichem Topas war der Becher, in dem der Bruder dem Bruder beim Mahle den Gifttrank kredenzen ließ. Die Brüder lagerten sich am Rundtisch gegenüber, ich dem Opfer zunächst. Aus Freundschaft ergriff ich den Becher; ich wollte vorkosten, meine Lippen berührten den Wein schon: da riß ihn mir Nero fort, und ich kam mit Erbrechen davon. Britannicus sank plötzlich weg. Ich griff nach ihm: da lag er schon am Boden, eine Leiche. Ein Jammer faßte mich, durchschauerte mich. Nero kaute an einem Hühnerbein und befahl ruhig, ihn fortzutragen, als ob nur eben ein Teller zerbrochen wäre. ›Mein Bruder war immer schon Epileptiker,‹ sagte er kalt und aß ruhig weiter. Nero, der lustige – was hatte ihn so verändert? Agrippina war schuld. Seit Nero seiner Mutter 166 nicht mehr gehorchte, sann ihr ruheloser Geist auf Palastrevolution, warb sie in allen Kreisen, beim Senat, bei der Garde, für Britannicus; Britannicus sollte Kaiser sein. Es ging für Nero um Sein oder Nichtsein. Nero aber entdeckte jetzt, wie leicht für einen Kaiser das Töten ist. ›Lucius, gib acht! Das Schicksal will sich erfüllen. Nun lebt nur noch Nero. Er ist der letzte des Kaiserhauses, das sich von Augustus herleitet. Nero ist achtzehn Jahre. Die Götter geben, daß er keine Söhne und Erben hat, und dann?‹ Und dann? Die so sprach, war Calpurnia, des Lucius Schwester, die Vestalin, die jetzt öfters zu ihrem Bruder kam, mit wachsendem Stolz auf ihn sah und ahnungsvoll große Zukunftsgedanken nährte. ›Und dann?‹ Keiner sprach den Satz zu Ende; aber auch in mir festigte sich der Glaube, daß es Vorbedeutungen, Orakel, daß es eine Zeichensprache der Götter gibt, und sei es auch nur ein Purpurei oder eine Schlange, die sich als Krone um das Haupt eines Kindes legt. Denn zu welcher anderen Sprache sollen die Götter greifen, wenn sie zu uns reden, uns für unsere Zukunft rüsten wollen? Nero war vermählt. Er hatte schon als Knabe auf der Mutter Geheiß Oktavia, die Schwester des Britannicus, den er jetzt umbrachte, geheiratet. Daß er dies Mädchen nie berührte, in einem Zwiegefühl von Scheu und Abscheu, kann mich nicht wundern. Was bedeutete uns jungen Leuten damals die Ehe? Auch ich, auch Lucius heirateten eben jetzt; ich zweimal; 167 ich griff voll Ehrgeiz zu den vornehmsten Weibern. Aber ich habe mich von ihnen sofort geschieden. Die Römerinnen sind falsch und herzlos wie Hyänen; ich hasse sie. Doch blieb mir ein köstlicher Schatz aus jenen Zeiten; es ist Julia , meine Tochter. Lucius war unendlich viel glücklicher als ich. Er nahm seine Verania zum Weibe. Die Kinderliebe bewährte sich, und es wurde eine Musterehe wie aus den frommen Zeiten des Königs Numa. Wie traulich war es fortan in seinen Stuben! Ein Sohn stellte sich bald ein, ja, auch noch ein zweiter, und es war nun an mir, den Freund zu beneiden. Er stand in seiner Blüte. Sein ganzes Wesen war wie hochgeschnellt. Unsere kriegerischen Leibesübungen gingen weiter. Obschon er der Schwächere war, kam er mit zäher Willenskraft dahin, es mir in allem gleich zu tun. Nur im Pfeilschießen nach Perser-Art übertraf ich ihn. Es war ein Triumph, es war ein reges Leben. Man nannte uns damals die Dioskuren, das heißt die Zwillingssöhne des Zeus. Damals ist auch die Statue, die dort vor uns steht, sein ausdrucksvolles Ebenbild, gegossen worden. Da siehst du, wie er war: gespannt und herbe, ohne Lächeln; etwas übermenschlich Reines und Sonnenhaftes in ihm; aber eine Sonne, vor der ständig eine Wolke steht. Wie oft riß ich an der Wolke! Sieht nicht sein schwarzes Auge im klaren Augenweiß so aus, als wäre es feucht von heimlich vergossenen Tränen? Niemand hat diese Tränen gesehen. Galba, der alte Knurrbär, war mit ihm und mir 168 wohl zufrieden; aber er verließ Rom und hatte die Adoption nicht ausgeführt. Er hatte nicht Lucius, er hatte mich adoptieren wollen, und mein Vater hatte dem auch schon zugestimmt. Denn mein Vater selbst hätte dabei nichts verloren, und für mich wäre es ein gewaltiger Vorteil, ein Aufrücken in den Hochadel gewesen. Aber Galba war ein sonderbarer Kauz; er kam nicht zum Entschluß: immer schneidig, eisern und entschlossen durchgreifend als Soldat und Beamter; da war er die Disziplin selbst, und der Staatswille stand gleichsam hinter ihm. Umso ratloser war er dagegen, wo es sich um sein eigenes Wohlergehen handelte. Da machten seine Diener, vor allem der findige Gauner Ikelus , für ihn alles. Gab es zu Tisch hier Kapaunen, dort Schnepfen, dann saß Galba verlegen und nahm nichts, bis Ikelus ihm den Kapaun hinhielt. So ging es auch mit seinen Stiefeln (er hatte gichtisch geschwollene Füße), so auch mit seinen Reitpferden. Ikelus mußte die Wahl treffen. Als Galba plötzlich nach Spanien abging, wo sich gefährlicher Aufstand regte, trauerten wir ihm nicht nach, Lucius am wenigsten, der jetzt mit seiner Verania wohlgeborgen im Palast des großen Calpurnius hauste. Den Schaden hatte nur Galba selbst. Er hat dann in Spanien jenseits des Ebro den Aufstand glänzend niedergeworfen und das schöne Land dort weiter sieben Jahre lang trefflich und wie ein rechter König verwaltet. Sein Ruhm wuchs, aber auch sein Alter. Soweit war alles gut. Da traf Lucius das Unglück. In dem Kastell draußen jenseits des Viminal lag 169 damals wie heute die kaiserliche Garde der Prätorianer in Garnison. Was wären wir Kaiser ohne ihren Schutz? Ja, die Garde macht gelegentlich selbst den Kaiser; den Claudius hatte sie zum Kaiser gemacht. Wie kam Nero, der nichts Militärisches hatte, mit der gefährlichen Bande aus? Verschwenderische Geldgeschenke machten alles; auch suchte er seine Freunde geflissentlich unter ihren Offizieren. Eines Tages kam Otho, der Schöne, mit einem der Offiziere, dem frechen Tigellinus , zu Lucius und legte ihm nahe, Gardeoffizier zu werden. Lucius lehnte es ab. Als er mir das erzählte, war ich außer mir: ›Weißt du nicht, was für Hoffnungen sich für den auftun, der das Kommando bei den Prätorianern hat?‹ ›Ich weiß es wohl,‹ gab er zurück. ›Die 8000 Mann, die in der Zwingburg über Rom lagern und den Senat bedrohen, zeitlebens keine Schlachten schlagen, aber sich mit goldenen Waffen putzen, sich Dirnen in der Kaserne halten und den kaiserlichen Fiskus melken, indem sie mit Revolten drohen: das ist nichts für mich. Und dieser Tigellinus ist der schlimmste.‹ Die Straße war, als wir so sprachen, voll drängender Volksmassen, die aus dem Theater strömten. Denn Nero hatte an dem Morgen zum erstenmal im Theater vor dem Volke Roms gesungen. Da kam an uns eine Sänfte vorbei, die von zwölf arabischen Knechten getragen wurde. Lange Dolchmesser trugen die Kerle im Gürtel. Die Kaiserin-Mutter Agrippina saß in der Sänfte. Plötzlich ließ sie halten, neigte sich heraus und winkte uns. Auf dem Dach der Gondel schwebten 170 Amoretten auf silbernen Wolken. Ihr bleiches Gesicht stand stolz und kalt im Rahmen des Fensters wie eine Juno, die mit ihrem Groll den Himmel erfüllt; aber ein Nimbus von Goldlicht schien sie zu umschweben; es war der Widerschein ihres blendenden Geschmeides, in dem die Sonnenstrahlen sich verfingen. ›Ihr seid's! die Dioskuren! die Unzertrennlichen, von denen die ganze Stadt weiß,‹ sagte sie verbindlich; aber ihr Organ klang rauh. ›Nur auf ein Wort. Ich bin in Eile. Aber wollt ihr mich nicht aufsuchen? Es wäre eine Wohltat für mein Herz. Denn ihr seid es, die dem teuren Britannicus die Treue hielten.‹ Die eiserne Maske ihres Gesichts zerschmolz; eine bestrickende Huld strahlte aus ihm. Dann zog sie hämisch den Mund: ›Habt ihr den Nero vorhin, habt ihr meinen herrlichen Sohn bewundert, der da, statt in den Krieg zu ziehen, als Sänger sich zeigt? Es fehlte nur, daß er tanzte vor dem Pöbel.‹ Ein ohnmächtiger Haß schlug aus ihren Augen. Wir standen sprachlos, verneigten uns in pflichtgemäßer Huldigung, und keiner fand ein Wort, als Otho, der Schöne, mit Tigellinus des Weges daherkam. Die zwölf Araber setzten sich in Trab. Agrippina verschwand. ›Mit wem spracht ihr da? Ihr Unvorsichtigen!‹ näselte Tigellinus mit gespreiztem Gestus. Wir nannten den Kerl den Flamingo; denn er trug sich im schneeweißen Rock mit scharlachrotem Unterfutter und hatte unendlich lange Beine und eine vornübergekrümmte Nase wie ein Flamingoschnabel. ›Ja, Agrippina!‹ fiel Otho ein. ›Wißt ihr nicht, 171 daß es heute gefährlich ist, mit ihr zu sprechen? Sie geht um auf der Suche nach Freunden unter den werdenden jungen Größen Roms; sie schmiedet aufs neue Ränke gegen ihren Sohn, der nicht will, daß ein Weib ihn und die Welt beherrscht.‹ ›Aber, natürlich: eure Begegnung war nur Zufall, und wir schweigen, wir verraten nichts,‹ fiel wieder Tigellinus ein, nickte gnädig mit einem schmierigen Lachen in seinem langen, verlebten Gesicht und wedelte dabei mit den Händen wie ein Vogel. Die Volksmasse drängte nach. Wir ließen sie ziehen. Otho hatte recht: Nero sollte fallen. Agrippina suchte immer noch nach einem Ersatz für ihn. Lucius konnte Kaiser von Agrippinas Gnaden werden. ›Wie schön, daß sie unseres Britannicus gedachte,‹ sagte er bewegt. Aber wir widerstanden. Die mächtige Frau hatte uns umsonst gelockt. Nicht lange danach war Zauberfest im Palast des Oheims, des großen Calpurnius. Die ganze leichtlebige vornehme Welt strömte zusammen; auch schöne Frauen fehlten nicht. Ein Orchester von hundert Harfen. Frische Rosen, die in Girlanden von Säule zu Säule sich wiegten. Indische Spezereien, die aus goldenen Schalen dufteten. Alles war in Erwartung, ob auch der Kaiser käme. Die Nackttänzerinnen warteten hinter dem Vorhang und lugten bisweilen neugierig durch den Spalt; sie wollten erst auftreten, wenn Nero da war. Er kam nicht. Und Otho, der Schöne, wurde mit Fragen bestürmt; aber er schwieg geheimnisvoll und flüsterte nur der Sabina ins Ohr, was er wußte. Was war es? In Sabinas Gesicht stand ein 172 Ausdruck der Verachtung. Es war Sabina mit den Sphinxaugen. In einem der Vorsäle fand ich Verania mit anderen jungen Müttern, die von nichts als von ihren kleinen Kindern sprachen. Ihr behagten die Orgien der Üppigkeit nicht, und sie wollte eben sich entfernen: ihr jüngster Knabe, sagte sie, liege im Fieber. Da trat von draußen der Flamingo herein, Tigellinus, mit klirrenden Ketten behangen, das Schwert mit einem Diamantgriff an der Hüfte, und ich hörte, wie er zu Verania sagte: ›Wo ist Piso, dein Gatte, dein Abgott, schönste Frau?‹ Sie suchte ihm auszubiegen. Er grinste sie an, und sein großer Unterkiefer sprang vor: ›Hier, wo die Schönheit ihre Feste feiert, will eine Verania fehlen? Bleib' hier, und die schönste Rose für dich!‹ Der Geck riß eine Blume aus der Vase und gab sie ihr. ›Piso, den du suchst, ist im Büchersaal,‹ sagte sie kurz und beeilte ihre Schritte. Sie war fort. Erst draußen hat sie die Rose fortgeschleudert. Inzwischen führte ich Tigellinus zu Lucius. ›Ich weiß, du sehnst dich nicht nach mir, du Strengster der Gestrengen,‹ begann er zu ihm in leichtem Ton. ›Ich aber suche dich im Namen des Kaisers.‹ ›Was ist?‹ ›Ein frohes Wort hab' ich dir zu entbieten.‹ Lucius sprang aus dem Stuhl. ›Nero, unser Herr, läßt dich bitten, sein Freund zu sein und als sein täglicher Tischgenosse hinfort an der kaiserlichen Tafel teilzunehmen.‹ 173 ›Mich?‹ ›Schon morgen.‹ Lucius wurde bleich. Ich wußte, was er jetzt dachte: wenn Kaiser bitten, ist es Befehl. Aber war es nicht die günstigste Fügung? Dies war mehr als Gardeoffizier. Die Stellung als ›Freund des Kaisers‹ ist ein Hofamt, das, wie kein anderes in der Welt, Ehre und Ansehen, das aber auch Macht gibt, ja, unberechenbare Möglichkeiten eröffnet. Aber freilich, man muß dabei einen Nero in den Kauf nehmen, muß mittun im Guten und Bösen, man muß lächeln können, wenn man verachtet. Tigellinus lachte auf: ›Dieser Mensch bleibt stumm. Wie er nur dasteht! Titus Flavius hier ist mein Zeuge: dies Gesicht strahlt nicht von Freude.‹ ›Die unerwartete Gnade verwirrt mich,‹ sagte Lucius betreten. ›Ich bringe unserem Herrn die Antwort selber. Wann darf ich ihn sprechen?‹ ›Danach frage seine Kammerdiener, nicht mich. Es gibt übrigens guten Wein und Braten am Hofe des Göttlichen. Ich fehle da selten und werde unserem Herrn morgen dies unser Gespräch erzählen. Sein Verlauf war wenigstens neu.‹ Danach tauchte Tigellinus im Meer der Gäste unter, die vielhundertköpfig den Hausherrn, den großen Calpurnius, umwogten, und überall flüsterte er bedeutsam: ›Ihr dürft euch heut' nicht stören lassen; der Göttliche kommt nicht. Warum kommt er nicht? Ihr wißt, er ist jung und er liebt.‹ Liebt? Und alles raunte: ›Nero ist bei seiner Akte . Der 174 Kaiser bei einer Sklavin! Ist es nicht erhaben und außerordentlich? Sein Herz ist ohne Stolz. Der Gott läßt sich zu einer Zofe herab.‹ Die Harfen klangen; die Tamburine rasselten; das Fest wurde jetzt rauschend. Der Vorhang löste sich; die geschmeidigen syrischen Tänzerinnen tanzten ihren Schleiertanz. Der Bajazzo machte seine Possen und verteilte im Namen des Hausherrn kostbare Geschenke. Man aß und trank an den vergoldeten Tischen und kicherte, schrie und sang, und die Gespräche wurden schon loser und lärmender, als auf einmal alles aufsprang, als schlüge ein Blitz in den Raum. ›Der Kaiser kommt!‹ schrie man. Die Türen flogen auf, und da war er schon, Nero, würdelos, springend wie ein Junge; so rannte er durch die Flucht der Säle, fast atemlos, nach allen Seiten lachend und grüßend. Seine Stimme klang gellend: ›Wo ist er, unser Wirt? Nur nicht böse sein, Teurer, daß ich doch noch komme, so spät komme! Natürlich ganz unerwünscht! Aber ich komme gern.‹ Alles bildete Spalier und beugte sich dreimal tief (wie eine rollende Welle im Meer wogte die Verbeugung durch den Saal). Nero streckte die fleischigen Hände hin und ließ sich die beringten Finger küssen. Die ganz Devoten küßten ihm auch den Fuß, als er sich auf den Diwan warf. Ein dicker Lorbeerkranz saß ihm schief über den gebrannten gelben Locken. Das schleppende Seidenkleid, das in sieben Farben spielte, ließ den schwammigen Hals offen, und bei jeder Erschütterung, wenn er lachte, wackelte das Halsfleisch sonderbar. Aber er war so huldvoll, er schien so 175 arglos! Er war wie einer, der aus einem wollüstigen Traume eben halbwach in die Welt hinaustritt. Wer sollte ihm gram sein? Die Nackttänze wurden wiederholt; währenddessen aber hörte man sein Geschwätz ohne Ende. ›Bin ich nicht der glücklichste Mensch?‹ ging es, und jedes Wort von ihm wurde natürlich bewundert. ›Ja, der Glückseligste! bin ich es nicht? Die Liebe, die Liebe! Die Liebe ist allmächtig. Was hilft's? Auch Jupiter liebte die Semele. Meine Semele hielt mich heut' so lange fest. Es ist alles ganz sauber bei ihr. Aber sie schmolz gleichsam in meinen feurigen Händen. Sie ist noch so zart und jung. Da mußte ich sie schonen, und da bin ich.‹ Plötzlich rief er: ›Eine Maske her! Ich will singen. Der Gott Apoll regt sich in mir. Eine Frauenmaske! Aber sie darf nicht zu schwer sein; denn mir ist warm.‹ Eine Maske kam. Da griff er sich gleich eine der vornehmsten jungen Frauen; es war jene Sabina, Poppäa Sabina war es, die neben Otho lagerte. ›Hilf mir, schönste Frau, daß ich mich als Phädra zurechtmache.‹ Und Sabina verschwand mit ihm girrend und lachend in einem der Seitengemächer. Sie schmückte den Kaiser. Alles sah Otho an: das hatte etwas zu bedeuten! Otho der Schöne wechselte die Farbe. Sabina war damals die Gattin des Faustus, aber des Otho erklärte Geliebte. Jetzt griff der Kaiser nach ihr. Dem Kaiser gehörte alles in der Welt, warum nicht auch die Geliebte seines Freundes? Otho zog seinen 176 Spiegel aus dem Busen und betrachtete sich ängstlich; dann schminkte er sich mit Rot, wie die Frauen es tun, mit Hilfe einer Puderquaste; denn er dachte: ich bin kreidebleich, und man soll es nicht merken. Den Gesang, der nun folgte, will ich nicht schildern. Nero sang den Tod der Phädra. Schön war es nicht. Die Leier spielte er höchstselbst dazu. Aber er blieb mitten im Text stecken und spitzte seinen kleinen, sinnlichen Mund in der Pause wie ein Windgott, der im Begriffe ist loszublasen. Umsonst! Er warf die Maske weg, verbeugte sich rasch, wie die Histrionen das tun, und stürzte zum Calpurnius: ›Habe ich Fortschritte gemacht? Du bist Musikkenner, und du sagst ja? Ja, so ist es. Das goldene Zeitalter ist unter Nero erschienen und die Freude, die Schönheit und der Gesang der Musen.‹ So war er damals, gutmütig und fiebernd eitel, strahlend in Gnade und nach Bewunderung und Liebe lechzend. Von Blutdurst war nichts mehr zu merken, Britannicus vergessen. Und in der Tat: Alles schwärmte für ihn, ganz aufrichtig, das kleine Volk, die Kutscher, die Mägde, die Soldaten, alle ehrgeizigen Weiber. Schwerer war es freilich für ihn, die Herzen der vornehmen Männerwelt zu berücken. Der Schlemmer Calpurnius öffnete jetzt seine Thermen; Trompetenstöße verkündeten das. Es war der Schluß des Abends. In den Thermen war es wonnig kühl; man atmete Erfrischung. Die Gewölbe prunkten in Jaspis und Edelsteinen, in Gold und Elfenbein. Springbrunnen perlten, schlanke Marmorbilder spiegelten sich in den Becken. Durch die weiten Grotten 177 der Korridore schoben sich die plaudernden Menschengruppen dorthin. Ich hielt Lucius zurück. ›Sei klug! Tigellinus sprach schon mit Nero,‹ so warnte ich ihn. ›Willst du dich zugrunde richten? Du mußt dich endlich dem Kaiser nähern, für seine Gnade deinen Dank stammeln. Mut, Freund!‹ Eine bebende Erregung ging durch die Gestalt meines Freundes. ›Tischgenosse des Nero!‹ fuhr ich fort. ›Wer weiß? Es führt dich zum Ziel, zur Größe. Denke an die Zukunft. Nero ist unberechenbar, auch im Guten.‹ Unberechenbar? freilich! Denn da stand er leibhaftig dicht vor uns. Neros immer in Neugier herumschweifendes Auge hatte uns eben entdeckt. ›Da bist du, Piso!‹ rief er und zog Lucius am Rock näher zu sich heran. ›So muß ich dich suchen? Du sollst mein Freund sein. Es bestürzt dich; du wunderst dich. O, ich verstehe das. Aber es hilft dir nichts. Mein Herz verlangt gerade nach dir, du Seltener, Unverfälschter! Leute mit sogenannten strengen Grundsätzen: ich weiß, es gibt davon jetzt einen ganzen Haufen bei uns in Rom; die fürchten mich wie die Sünde, und es ist wahr: ich kann nicht sein wie sie. Aber ich brauche euch – eben darum! Ich brauche auch ernste Gesichter um mich, wahrhaftig, so wie deines. Wie stolz, wie stolz werde ich auf meinen Lucius sein!‹ So deklamierte er und küßte ihn auf beide Backen, legte den Arm um ihn mit zärtlicher Allgewalt und zog ihn so mit sich fort durch die Menschenmenge, und zu allen sagte er: ›Hier ist mein neuer Freund, Piso, 178 der Neffe. Seht ihn nur. Einer der ganz Tüchtigen aus unserer Jugend. Ich bin stolz, stolz auf ihn.« Alles sah mit Staunen auf die zwei. Nur Otho und Tigellinus lachten; Otho lachte leise, Tigellinus frech und laut. Lucius war wehrlos. Ich habe nachher alles von ihm selbst gehört. Nero ließ ihn nicht los, als wäre er seine Geliebte, in Unzertrennlichkeit. Er war der Allbesieger. Sabina ärgerte sich sichtlich. Sie ging. Otho schlich ihr nach. Da ging plötzlich auch Nero. Spalier und Handküsse, wie zu Anfang. Man hauchte: ›Die Sonne geht unter.‹ Lucius aber mußte den Allmächtigen zu seiner Sänfte begleiten. Fackelträger standen draußen, Soldaten, gätulische Neger, die die Gondel hoben. ›Also auf morgen!‹ sagte Nero, aus der Sänfte heraus. ›Du kommst morgen zu mir.‹ ›Ich kann nicht,‹ stammelte Lucius. Nero sprang wieder aus dem Tragbett. ›Ich kann es dir erst hier, wo wir allein sind, bekennen. Ich bin von deiner kaiserlichen Gnade beglückt; zürne mir nicht, wenn ich mich weigere.‹ ›Bist du verrückt? und weshalb?‹ ›Ich war Freund und Tischgenosse des Britannicus. Wie kann ich der deine sein? Denn du hast . . .‹ Weiter kam er nicht. Ein Hieb traf ihn. Nero hatte seine Gerte aus der Sänfte gerissen und hieb ihm damit übers Angesicht. ›Du hast den Satz nicht vollendet,‹ fauchte er. ›Geh' 179 mir aus den Augen, Undankbarer. Du hältst zu meiner Mutter; aber du sollst von Nero hören.‹ Der Schaum stand ihm auf den Lippen. Tilgung aus der Bürgerliste; lebenslängliche Verbannung; ausgeworfen aus der Gesellschaft! Ein Deportierter! Damit war meines Freundes Zukunft entschieden. Tigellinus brachte den Befehl: ›In vierundzwanzig Stunden mußt du Rom verlassen haben. Die Schaluppe für Sträflinge liegt in Ostia bereit.‹ Grauer Himmel. Herbstliche Stürme. Auch Verania kam zum Hafen; auch sie bestieg mit den Kindern das Schiff; die Tapfere teilte seine Verbannung. Wohin? niemand wußte es. Es war ein großes Trauern. Mein Freund bereute nichts; er stand wie eine Granitmauer auf seinen Grundsätzen. Aber der Stoß ging tief. Wir preßten uns die Hände und starrten sprachlos, wortlos in die leere Ferne, auf das endlos anrauschende Meer, das Grab seiner Hoffnung. ›Sei du glücklich,‹ sagte Lucius nur immer wieder. ›Es bleibt nur noch dies, Titus, daß du glücklich bist.‹ Aber auch seine edle Schwester war zum Abschied erschienen, Calpurnia, die Vestalin. Sie war hochgewachsen, großzügig und herrlich, eine Feuerseele. ›Da steht ihr in Kleinmut! Ich aber glaube an Vorzeichen,‹ sagte sie fest. ›Sei wach, Bruder. Ich werde sorgen, daß du aus Rom nicht ohne Kunde bleibst. Das Gebet ist der Vestalin Beruf. Die Vestalin betet für Nero, weil sie muß; sie betet für ihren Bruder, weil sie will . Welches meiner Gebete wird Jupiter hören?‹ 180 ›Du betest für Nero, der deinen Bruder ins Gesicht geschlagen,‹ ächzte Lucius. Er verschwand in der Öde. Wo war die Macht, den Hieb zu rächen?« * * * Hier verstummte Titus, der Erzähler. Es war, als ob er noch immer in die Öde starrte. Hermogenes, der Grieche, erhob sich gleich: »Du bist müde, Herr,« sagte er, »und ich raube dir die Zeit, die so kostbar ist.« Titus schüttelte den Kopf und lauschte zum Ausgang. »Hörtest du nicht draußen das dumpfe Brummen? Saevus, mein Löwe, grollt und murrt, als fühle auch er den Hieb des Nero.« Der Grieche achtete nicht darauf. »Darf ich aufschreiben, was du mir erzählst?« fragte er dringend. »Ja, schreibe es auf in deiner schönen Sprache; das ist, worum ich dich bitte. Mein Freund soll mir in der Geschichte der Menschheit nicht vergessen werden, und wer von mir weiß, soll auch von ihm wissen. Du bringst mir das Werk, das du geschrieben, und ich prüfe es nach. Dann brauche ich heute nicht zu sagen, daß ich diesen Tag verloren habe.« Titus eilte hinaus und öffnete den Käfig. Der Löwe war gut gefüttert und ohne Groll; so stand er erst breit auf seinen Füßen wie aus Bronze gegossen, reckte den Nacken königlich hoch und äugte, dann streckte er sich katzenhaft, gähnte laut und dröhnend, leckte sich die Schnauze und legte sich endlich fromm zu des jungen Herrschers Füßen, das schwere Haupt auf den Tatzen. »Du fürchtest dich nicht mehr vor ihm?« »Ich merke, solch' Tier ist ein Symbol,« versetzte der Grieche voll Andacht. »Was ist das höchste Gut? 181 Die gebändigte Leidenschaft ist es, und der gezähmte Löwe ist das Symbol der gebändigten Leidenschaft. Er ist wie ein Heiligtum.« »Hörst du? Saevus, Saevus, du wirst heilig gesprochen von den Philosophen!« scherzte Titus. Da kam aus dem Seitengemach ein Mädchen herein. »Julia! was willst du, meine Tochter?« »O, Saevus ist doch sanft?« sagte Julia;»er tut meiner Canicula nichts? Canicula, mein Hündchen!« Julias Windspiel war mit hereingeschlüpft, beschnüffelte keck verwegen den Löwen, der nur einmal die großen Augen aufklappte und sich nicht regte, und der Hund legte sich zu ihm an seine Flanke in aller Vertraulichkeit. »Was bringst du, Julia?« wiederholte Titus. »Sieh, hier ist ein Tischgast, mein weiser Freund Hermogenes aus Andros.« Julia, das reizende Mädchen (sie zählte erst dreizehn Jahre) streckte dem Griechen freudig die Hand entgegen. »O, Großvater läßt fragen, ob dir zu Tisch heut' Rüben genügen, Rüben und Speck.« Ein schallendes Gelächter war die Antwort: »Da hast du etwas für dein Geschichtswerk, Hermogenes. Der große Kaiser Vespasian liebt die Rüben aus Nursia. Aber nein, mein Kind. Sag' dem Großvater, heut' sind der Gäste mehr; auch die zwei Männer, die nach mir stechen wollten, habe ich zu Tisch befohlen, und ich lasse um Wildschwein bitten.« »Um Wildschwein?« Julia schlug die Händchen zusammen. »O, o, das ist ein Aufwand. Und die zwei Missetäter kommen auch?« 182 »Du siehst, Hermogenes, wie sparsam mein Vater ist. Wär' es anders, hätt' ich das Geld nicht, das ich streue.« »Nun aber sag', Väterchen, was plaudert ihr hier nun schon so lange?« schmeichelte die Tochter. »Darf ich nicht mit zuhören?« »Nein, das darfst du nicht, du bist noch zu jung.« »Ich darf nicht? und ich darf auch das Bild nicht sehen?« Julia wies auf das verschlossene Bild der Berenike. »Zu jung! Muß ich erst so alt werden wie dieser gute Freund? Ich beneide ihn um seinen Graukopf.« »Nun geh', meine Tochter,« drängte der Kaiser. »Ist Verania nicht da? Geh' zur Verania, Kind.« Julia trat zu dem Griechen und sagte feierlich ^»Die Götter mit dir! Du mußt gut sein; denn du gefällst meinem Vater.« Dann griff sie ihr Windspiel am Halsband, umschlang und küßte das Väterchen und war fort mit einem Sprunge. Eine Pause entstand. Titus schmunzelte vor sich hin. »Welch' holdes Mädchen!« sagte Hermogenes. »Und fügsam!« »Wahrlich, du bist glücklich, Titus. Was dein Freund Lucius von dir hoffte, ist wahr geworden: das kaiserliche Diadem schmückt deine Stirn. Und Julia ist deine Tochter!« »Verania war's, die Witwe meines Lucius, die das Kind mir so prächtig erzog. Ich hätte das nie vermocht. Ich bin zu weich mit dem Kinde. Verania, die 183 noch lebt, ihr hab' ich es zu danken. Ich begrüße sie oft in meinem Hause, die edle Zeugin jener fernen Tage. Du möchtest noch erfahren, wie Lucius sein Geschick vollendete? ob Jupiter die Gebete der Vestalin hörte? Wir haben noch Zeit genug; das Wildschwein ist noch nicht gebraten, und ich bringe meine Erzählung rasch zu Ende. * * * Ich muß aufs neue von mir reden. Zehn Jahre sah ich meinen Freund nicht wieder. Wir wechselten Briefe, aber das ist kein Ersatz. Ich bin durchaus kein Musterknabe; ich lebte darauf los, und mir ging es herrlich in der Welt. Zu den senatorischen Staatsämtern rückte ich glatt auf und kam als Offizier zu den Legionen draußen, an den Rhein und nach England, wo es immer zu kämpfen gibt. Ich machte es nicht besser und nicht schlechter als viele andere. Da draußen zu schalten und zu walten, das ist Hochgenuß. Im Norden die wundervollen Menschenrassen, die muß man im Urstand sehen. Eine Germanenjagd ist schöner als eine Löwenjagd. Im verkommenen Rom, da schämt man sich ein Römer zu sein; erst draußen an den Grenzen, da erwacht die alte Römertugend. Was indes in Rom geschah, hörte ich nur aus der Ferne. Ich hörte es mit Spannung und mit Abscheu. Nero begann mit den Dingen und Menschen wie ein übermütiges Kind zu spielen. Er wurde sich seiner Macht immer mehr bewußt. Um Sabina zu heiraten, schickte er Otho, den Freund, aus Rom zum Galba nach Spanien, und Sabina, das Weib mit den Sphinxaugen, wurde Kaiserin. Aber Oktavia, seine erste 184 Gattin, lebte noch. Oktavia mußte sterben. Das ging rasch. Vorher aber hatte schon Agrippina, die stolze Mutter, sich verblutet. Nero hatte immer Angst vor ihr, und auch der Sabina war sie verhaßt. So kam es zum Ungeheuerlichsten, zum Muttermord. Das Messer seiner Kriegsknechte drang in den Schoß, der ihn geboren. Die Wirkung blieb nicht aus. Er hatte die Schranken der Natur übersprungen, und das Grauengefühl erstickte fortan in ihm alle natürlich gesunden Triebe. Und Rom lächelte noch immer; die Gesellschaft stieß ihn nicht nieder; er merkte, daß sie sich alles bieten ließ. Der Unglücklichste von allen aber war Seneka, der treue Hüter des Reiches, der immer noch auf seinem Posten der Reichsverwaltung ausharrte, bis Nero ihm ungeduldig die Zügel aus den Händen riß. Seitdem war Tigellinus der geschmeidige Berater Neros. Jetzt endlich kam es zur Verschwörung. Denn bei den Legionen draußen an den Grenzen wuchs die Mißstimmung, weil Nero, kriegsscheu, sich nie persönlich beim Heere zeigte. Offiziere kamen aus dem Orient nach Rom mit dem Plan, ihn zu beseitigen; den großen Calpurnius, den fürstlichen Schlemmer, den wollten sie zum Kaiser machen. Man zauderte noch, und die Zahl der Verschwörer wuchs; aber Neros Sbirren, seine Spione, horchten gut; sie erkundschafteten alles, und das Blutgericht begann. Wie in Tollwut griff Nero seine Opfer, Schuldige und Unschuldige. Hinrichtungen zu Hunderten. Nicht nur Calpurnius, auch Seneka, der völlig Schuldlose, mußte nun sterben. Wie tief mich das traf, magst du dir denken. Es war ein Wunder, daß Lucius in seinem Exil am Leben 185 blieb; Nero hatte ihn vergessen. Ein Geschenk der Götter! Lucius lebte; das tröstete mich. Nero war kerngesund trotz des Lotterlebens, das er führte; aber er hatte immer noch keine Leibeserben. Denn auch Sabina, die Kaiserin, starb plötzlich; Nero mißhandelte sie in der Trunkenheit, als sie gebären wollte. Einerlei! Er war noch nicht dreißig Jahre alt und in seiner Allmacht nunmehr völlig gesichert. Der Eigenwille der Senatsherrn war endgültig gebrochen; niemand wagte sich an ihn. Und jetzt enthüllte er seine phantastisch-großen Pläne: das Reich der Schönheit sollte beginnen. Rom ging in Flammen auf. Rom verbrannte. Über Esquilin und Quirinal, ja, über vier Hügel der Stadt fegte die Brunst, alles einäschernd, durch die tausend Winkelgassen des kleinen Bürgertums. Wer hat sie gezählt, die hunderttausend Obdachlosen, die aus Schutt und Brand ihr nacktes Leben retteten? Für Nero aber war es ein Freudenfeuer. Denn gleich begann er prachtvoll den Neuaufbau der Stadt nach seinen höchsteigenen Plänen. Tausend Werkmeister und Künstler hatten zu tun, alles roch nach Kalk, Mörtel und Tünche, und alle sperrten den Mund auf vor Staunen: Rom die Residenz der Schönheit, eine Herberge der Götter! Der beleidigte die Majestät, wer nicht ah und oh schrie vor Entzücken. Die reichen Steuern aus den Provinzen verschwanden dem großen Bauherrn unter den Händen. Dann aber bemächtigte sich Nero meines Vaters. Mein biederer Vater im Dienst der Schönheit? Es war zum Lachen. Nero reiste als Sänger nach Griechenland; die Schönheit sollte da im Gesang aus der 186 kaiserlichen Kehle fließen. Dreitausend bezahlte Leute schleppte er mit sich, die in den altehrwürdigen griechischen Theatern für Beifallsstürme zu sorgen hatten; aber auch meinen Vater. Denn ein Römer in glänzender Feldherrntracht mußte dabei sein, um den Kaiser im Publikum zu vertreten, wenn er selbst oben auf der Bühne stand. In zwanzig, dreißig Städten gab Nero Konzerte. Meinem Vater war Musik etwas Schreckliches. Er wurde seekrank, fingierte Zahnschmerzen, Kolik, um sich aus dem Theater zu retten. Als das nicht mehr half, schlief er rettungslos ein. Wenn Nero die Kassandra zu Ende gesungen hatte und sich zum Publikum herabließ und alles sich huldigend erhob, lag sein Feldherr schnarchend vor ihm im Stuhle. Nero war giftig, er keifte fürchterlich, und wer weiß, was noch daraus geworden wäre (denn Nero konnte grenzenlos hassen), hätte nicht eben damals das Schicksal mächtig eingegriffen. Der Judenkrieg brach los, der wilde Judenaufstand: Jerusalem im Kampf gegen Rom, Jehova gegen Jupiter. Nero brauchte einen Feldherrn. Mein Vater war ihm dafür gut, und damit tat sich auch mir die Zukunft auf. Mein Vater stellte die Bedingung: »Gib mir meinen Sohn Titus als Legaten mit.« Ich stand in Köln. Nero beschied mich nach Rom zur Audienz. Den Feldzugsplan gegen Jerusalem entwarf mein Vater; ich aber sollte die Schlachten schlagen. Freilich war ich nicht ohne Sorge. Ich durchschaute Neros Plan. Denn wie ging es mit Corbulo , dem großen Feldherrn, der in Armenien siegte? Als 187 Corbulo sein Kriegswerk vollendet hatte, lud ihn Nero gleißnerisch zu sich; Corbulo kam, und Nero ließ ihn gleich erstechen. So war es. Die bedeutenden Militärs mußten für Nero arbeiten, um dann zu sterben; denn er witterte in jedem von ihnen seinen Nachfolger. So würde es gewiß auch meinem Vater gehen. Wie war mir, als ich nach Rom kam und mein Lucius fehlte! Auch Seneka war tot, Galba fern, das stolze Pisonische Haus verfallen; und ich erkannte die Stadt selbst nicht wieder. All die neugebauten Quartiere! Auf dem Quirinal ganze Straßen noch unfertig mit hohlen Wänden! Überall ein Hämmern und Pochen, starrendes Balkenwerk, Krane und Winden. Unzählige arme Leute lebten noch immer wie die Wilden in Zelten auf den freien Plätzen. Ihr leises Jammern wurde übertönt von der tollen Lustigkeit der Masse: Nerorausch, als wären ewig Saturnalien. Es roch gleichsam in Rom nach Brand, Blut und Sünde. Eine schwüle Stimmung. Ich suchte Nero. Er hatte am hellen Mittag mit Schauspielern, Künstlern und Buhldirnen im offenen Zirkus gespeist; der Pöbel füllte die Ränge und sah der Gasterei von oben zu. Es war eine besondere Gnade, daß der Göttliche mich nicht morgens, sondern nach dem Mahl und nach seiner Mittagsruhe empfangen wollte. Ich betrat sein unermeßliches goldenes Haus; endlose Vorräume, Galerien, Höfe und Säle, deren Wände und Decken in numidischem Marmor, Achat, Edelsteinen, Gold und echten Perlen strahlten von oben bis unten. Durch die Spaliere von 188 Kriegsknechten und Lakaien hindurch! Ich gab auf nichts acht. Dort, hinter der vergoldeten Tür, da würde ich Nero sehen, den Mann, der seine Mutter gemordet, der meinen Lucius geschlagen hatte. Und da stand er vor mir. Der kreisrunde Prunksaal war künstlich verdunkelt. An den hohen Wänden bis zur Kuppel spielten im Zwielicht weiße und goldene Schatten. Der Herrscher hatte sich wie ein Theaterkönig so gestellt, daß ein Lichtstreifen blendend auf ihn von der Seite fiel, und er schien selbst zu leuchten. Er maß mich mit mißtrauisch scheuen Blicken, als dächte er, ich wäre stärker als er und könnte ihn packen. Dann löste sich sein gekniffener Mund: ›Ei, Titus Flavius, sei deinem Herrn willkommen.‹ Seine Rede ging hochstimmig, fast im Fistelton. ›Immer noch ehelos? wie? Man erzählt gar keine Abenteuer von dir. Die Ehe ist eine Schinderei! Brutanstalt, von den Banausen ersonnen. Freiheit über alles! Du denkst wie ich. Aber warte nur: in Palästina sind schöne Weiber!‹ Er küßte mich zudringlich (mir zuckte es in den Fäusten, als müßte ich ihn niederschlagen) und preßte mich lachend auf einen der Throne nieder; auch er selbst setzte sich, und seine Rede ergoß sich weiter: ›Krieg, Krieg! Wozu diese leidigen Kriege? Sie reißen nicht ab. Ich will, es soll endlich auf dem Erdenball Friede sein. Dem danke ich, der mir endlich den Krieg erstickt. Das sollst du tun, du und dein Vater. Die dummen Juden! wozu existieren sie? wozu überhaupt die Verschiedenheit der Völker? Warum spielt sich das Gesindel mit seinem jüdischen Gott auf? Ich 189 könnte das tolle Volk ja selber niederschlagen; ich brauchte nur hinzufahren. Aber nein! es lohnt mir nicht, und ich bin hier in Rom nötig. Auch ich führe Krieg, den Krieg gegen das Häßliche. Die Künstler sind meine Armee. Ich liebe mein Rom zu sehr, zu sehr . . .‹ ›Ich komme, um dir für dein Vertrauen zu danken,‹ sagte ich, um doch etwas zu sagen. ›Es wird aber kein leichter Krieg sein. Und Galba? Du hast uns dem Galba vorgezogen, dem hochverdienten, erprobtesten deiner Generäle? Galba wird uns beneiden.‹ Nero bekam einen roten Kopf: ›Beneiden? ich will allen Neid erdrosseln. Galba hat schon Verdienste genug. Der Mensch ist nun alt genug geworden.‹ Alt genug? ›So wie auch Seneka. Auch Seneka hatte sein Leben erfüllt. Dann starb er. Ich strich ihn aus wie einen Buchstaben auf der Schreibtafel. Es war gut von mir. Große Männer sollen sich nicht überleben.‹ Was sagte er da? War er betrunken? Waren solche Worte ernst zu nehmen? Nero stellte sich wieder so hin, daß der einfallende Lichtstreifen ihn geheimnisvoll überstrahlte, und sagte theatralisch: ›In Palästina stehen schon die vier Legionen aus Armenien bereit. Die fünfte holst du aus Ägypten dorthin. So fahre hin als ein Strahl der Sonne. Die Sonne wandelt nicht; sie steht und entsendet nur ihr Licht in alle Fernen. Du bist begnadet, ein Strahl aus der Sonne Nero zu sein.‹ Er machte ein Gesicht, als ob er eine Arie singen wollte; dabei sah ich, daß ihm zwei Oberzähne fehlten. 190 Es gab ihm den Anstrich der Verkommenheit. Laut gähnend ließ er sich dann auf ein Faulbett fallen und dehnte sich träge, als wäre ich nicht zugegen. ›Wo ist Sporus?‹ flüsterte er hinter den Vorhang. ›Sporus, Sporus!‹ lispelte er süßlich. ›Sporus soll jetzt bei mir sein.‹ Zwischen den Falten des Velums sah schon der Knabe dieses Namens hervor, ein schön frisiertes lammfrommes Jüngelchen mit langen, weichen Locken und einem müde schmachtenden Blick. Mir wurde übel. ›Also die Juden!‹ so schloß er unser Gespräch hastig, indem er sich halb aus den Kissen hob. ›Ich gebe euch nur sechs Monate Frist. Bis dahin muß Jerusalem, dieser Fettfleck auf meinem Kleide, ausgetilgt sein, oder ich will euch nicht wiedersehen.‹ Ich war entlassen. Was sprach er von Galba? Es ließ mir nicht Ruh'. In drei Tagen wußte ich's: Nero plante wirklich den alten Galba, wie Corbulo, durch Gift oder Dolch zu beseitigen; demnächst sollten die Mörder nach Spanien abreisen. Einen der Kammerdiener bestach ich, der das wußte. Bestechen! Einst als Knaben hatten wir es abgeschworen; aber solcher Schwur gilt nicht im Kampf gegen Nero. Tags darauf fuhr ich zu Lucius, dem Verschollenen. Zu Lucius! Endlich! Wie sollte ich in den Krieg ziehen, ohne ihn gesehen zu haben? Nach Korsika fuhr ich. Denn da lebte er all' die Zeit. Bei Viriballum, an der steilen Westküste der Insel, landete ich, wo die azurene Brandung mächtig anrauschte in grenzenloser Einsamkeit. Es war wie das Brausen der 191 Großstadt Rom; aber die See ist rein, die Großstadt Schlamm, und ich dankte den Göttern, ihr fern zu sein. Da sammelten sich schon ein paar Strandleute. Wie die meine Flotte, vor allem mein Admiralschiff anstarrten und meine Feldherrntracht! Denn ich trug, eitel genug, den prunkvollen Harnisch. Und wer saß da unter der Pinie an der Lagune und flickte sein Fischernetz, die Brust offen, die Arme entblößt? Lucius war's. Lucius! Lucius! bärtig, nußbraun gebrannt. Das war er. ›Ich, ich bin es, Titus!‹ Das war ein Wiedersehen in der Wildnis, wie im Märchen. ›Elf Jahre!‹^ rief er; er erkannte mich gleich. ›Und du? Du bist der große Mann geworden. Ich wußte, du würdest mich nicht vergessen.‹ ›Und du?‹ Ich suchte sein Auge. Aber sein Auge fremdete; es wich mir aus. ›Auf dem Kriegszug bist du gegen Jerusalem?‹ warf er hin. ›Das weißt du?‹ ›Ich bin hier besser unterrichtet, als du glaubst.‹ Da waren auch seine drei Buben – denn es waren jetzt drei –, die lieben Jungen, wie die Wildlinge. Halb nackt patschten sie im Wasser und griffen sich Seeigel und Taschenkrebse, die sie zerbissen und noch lebend zerkauten. Da kamen sie gesprungen und bestaunten mich mit hungrigen Blicken. ›Die sind wohlgediehen, Lucius. Ich beneid' dich um die drei!‹ ›So will ich dich gleich zur Verania führen.‹ Und wir kletterten das schroffe Gebirge hinan; das 192 Meer versank unter uns und wuchs an Größe. ›Das Meer! Sieh nur, wie herrlich!‹ Aber das Wort verstummte. Wir sprachen nicht. Es war wie eine unsichtbare Scheidewand. Wir suchten uns mit den Augen und fanden uns nicht. Elf Jahre der Trennung! Keiner wagte am Schicksal des anderen zu rühren. ›Aber erzähle doch, Freund. Du hast tausend Dinge erlebt, ich nichts,‹ begann er endlich. Ich sah zu meiner Freude: er war nicht mürrisch, er war nicht gebrochen. Stahlhart schien er mir und fest gefügt, ernst und still wie die Heiligen in der Wüste Syriens, in seinem schlichten Rock, einen Wust wirrer Haare um die Schläfen. Ich blieb stumm. Was war mein armseliges Kriegshandwerk, was war das prahlerische Rom, was war aller Menschenehrgeiz in dieser weltverlassenen erhabenen Natur, die nun des Lucius Heimat war? Dicker Urwald klomm mit uns die Flanken der Berge hinauf, und über ihm hing das urewige Schweigen, das aus der Tiefe kam und Himmel und Erde und uns umarmte. Nur der klagende Schrei eines Falken, das Summen eines Käfers hörte ich und einmal aus der Ferne die Schläge der Axt eines Holzfällers. Lucius wies nach oben: ›Der Adler nimmt sein Sonnenbad. Wie königlich in lautloser Majestät zieht er seine Kreise!‹ In der Ferne Rauch. Brennt da Rom? O nein! Ein Wald brennt; der Wald muß fallen, damit wir hier Kornfelder gewinnen. Endlich kamen hängende Wiesen. Zwischen wilden Ölbäumen und Myrten kletterten die Ziegen, und 193 Menschen tauchten auf, Menschen mit Banditengesichtern. ›Es sind Barbaren, diese Korsikaner im Fellkleid, und sie verstehen unsere Sprache nicht.‹ Dann zeigten sich dürftige, strohgedeckte Hütten: ein Dorf. Gärten mit Feigenbäumen und blühenden Granaten. Ein Reiter trieb seine stampfende Rinderherde vor uns auf. Am Brunnen lagerten Hirten mit langen Spießen. ›Hier ist mein Königreich,‹ sagte Lucius in munterem Ton. ›Die Leute sind Barbaren, wie du sagst, freilich, und leben als Jäger einsam wie die Tiere im Buschwald verstreut. Aber vierzig Familien habe ich hier gesammelt; ich hab sie gezähmt. Es war mein bescheidenes Lebenswerk: eine Gemeinde von zweihundert Seelen. Sie lernen unsere Sitten, unsere Sprache. Ja, dort oben auf der Höhe verehren wir den Jupiter Roms. An Geld fehlt es mir nicht, und man muß etwas schaffen im Leben. Ist es nicht so?‹ Ein Taubenschwarm flog um den Turm der kleinen Villa, in der mich Verania empfing. Die Villa war wie ein Kastell gebaut. Auch an einer Waffenkammer fehlte es nicht. Auch Verania war wortkarg; mit großen stillen Augen sah sie mich prüfend an. Die Befangenheit wollte nicht aufhören. Nur die Söhne füllten die Stuben mit ihrem Gejauchze. Welch' glückliches Leben! Nach dem Mahl kletterten die Buben auf den Turm und untersuchten die Taubennester. ›Lauter weiße Eier!‹ rief der Jüngste vom Turm aus uns zu, ›kein einziges Purpurei! Die Purpureier sind selten, und wer eins findet, der wird Kaiser!‹ 194 Meines Freundes Gesicht zuckte nicht. Er schien das Geschwätz nicht zu hören. Zur Jupiterhöhe führte er mich, als eben glühend die Sonne im Meer versank. Das Meer stand in Flammen. Da sprach er auf einmal den Namen Galbas aus. ›Dort im Sonnenuntergang, da liegt Spanien,‹ rief er; ›da lebt Galba. Wie oft dachte ich: könnte ich zu Galba fliehen! er würde mich schützen! Weißt du noch? einst dachte der Alte daran, dich oder mich zu seinem Sohn zu machen.‹ Ich fuhr auf: ›Wenn er sich nur selber schützt! Die Mörder Neros sind hinter ihm,‹ und ich erzählte Lucius, was ich wußte. ›Und du hast ihn nicht gleich gewarnt?‹ schrie er auf, ›und bist hier so müßig nach Korsika gekommen? Die Mörder über Galba!‹ Ich rechtfertigte mich: ›Nur von hier aus können wir ihn heimlich warnen.‹ ›Dein Kurierschiff muß hin. Augenblicks!‹ Er rannte ins Haus zurück. Aus der Bücherkammer griff er eine Brieftafel. ›Morgen in erster Frühe muß dein Schiff laufen; in fünf Tagen kann es in Taragona sein, und unser Brief kommt früher als die Mörder. Was schreiben wir?‹ Und er entwarf den Brief: ›Sulpicius Galba, den Ehrwürdigen, grüßen seine jungen Freunde Titus Flavius und Lucius Calpurnius Piso. Wir warnen dich. Dein Tod ist in Rom beschlossen. Als Roßhändler verkleidet, werden die Mörder zu dir kommen. Hilf dir, wie du kannst. Niemand weiß den Inhalt dieser Tafel.‹ Er verschnürte, versiegelte die Tafel, und fort ging's 195 im Abenddunkel, wir zwei, den schwindelnden Felsenpfad bis ans Meeresufer hinab, wo neben der Kriegsgaleere der Schnellsegler, mein Kurierschiff, lag. Ich gab meine Befehle; der Segler machte sich reisefertig. Die Nacht kam; die Austernfischer fuhren mit Fackellicht aufs Meer hinaus; die See war weithin wie ein dunkles Gewand, das in Diamanten funkelte. Und wir? Wir legten uns in eine Fischerbarke, die auf dem Wasser lag und uns wohlig wiegte. Die hohen Sterne sahen auf uns nieder, der Mond lichtete die Nacht; das Meer rauschte ein weiches Klagelied. Wir schliefen nicht. Nein! Endlich öffneten sich unsere Herzen. Ich sah, wie seine klugen, warmen Augen wieder auf mir ruhten mit innigem Wohlgefallen. Er war der Alte, und unsere Seelen stürzten ineinander wie mit Jubelschrei. ›Weißt du noch?‹ so fing jeder Satz an, den wir sprachen, und wir faßten uns an den Händen wie die Kinder mit warmem Druck und ließen uns nicht los, als sollten wir ewig so zusammen bleiben. Die Gegenwart versank. ›Weißt du noch, wie wir die Dioskuren hießen? Und wie wir schwuren, gut und treu zu sein? und wie wir vom Kaisertum träumten? unser Kindertraum! Die schönen Vorzeichen! Was ist statt dessen aus mir geworden?‹ (Er lächelte.) ›Ein König im Dorf der vierzig Häuser. Und weißt du noch, wie wir in all den Büchern lasen? Ich zwang dich, und es war dir eine Pein. Ich wette, Titus, du liesest auch jetzt nicht gern in Büchern.‹ ›Wer hat im Heerlager dazu Zeit?‹ 196 ›Aber ich hier in der Bergesstille, ich habe Zeit. Calpurnia sandte mir Senekas letzte Schriften.‹ ›Seneka? Was steht darin?‹ ›Tausend gute Worte, und das Wort von der Menschlichkeit und daß das Herrschen ein Dienen ist. Und was ist der Ruhm? was ist der Reichtum? Die Liebe ist alles. Und die Liebe? was ist die Liebe? das Leben in Gott. Das Leben in Gott, Titus. Ist das nicht neu und groß? Wer so lebt, erfüllt jede harte Pflicht, sie sei groß oder klein, mit Freuden, ob er Jerusalem stürmt und ein ganzes Volk bändigt, oder am Strande sitzt und sein Fischernetz flickt.‹ Ich streichelte ihm das Haar: ›Oh, könntest du mir oft so predigen, wie du es schon damals tatest! O süße Erinnerung, du Einziger! Dich hat das gemeine Leben nie berührt, und du kennst den Neid nicht und die Bitterkeit.‹ Er wurde plötzlich still, als hätte ihn dies Wort schwer getroffen. Auch ich schwieg, und so harrten wir, bis Mond und Sterne verblaßten und über den steilen Felsenspitzen im Osten das erste Morgendämmern aufleuchtete. Da gab ich Befehl, und das Kurierschiff lief aus nach Spanien, das Schiff, das den Brief trug. Bald kamen auch aus den Bergen des Lucius Söhne gesprungen, um uns zu suchen, und ich sah Vater und Söhne noch einmal beisammen. Meine Seele sog sich fest an ihrem Anblick, und ich ahnte das Ende nicht. Es war kurz gewesen, dies unser letztes Zusammensein. Ich wollte der Rührung nicht nachgeben und nahm rasch Abschied. Da, als ich mich wendete und mein Admiralschiff besteigen wollte, da war ein Schrei, 197 ein bebender Angstschrei. Lucius war es; er brach zusammen. In meinen Armen fing ich ihn auf. Ein Krampf befiel ihn, und er stammelte: ›Ich kann nicht mehr!‹ ›Lucius, was ist dir?‹ ›Wozu dies Leben?‹ brach es hervor. ›Und es war alles vergebens! Ich habe Kräfte wie du! ich habe Verheißungen wie du! Aber das Glück ist mit dir und nicht mit mir. Warum? warum? Verzicht ist der Tod. Wo ist die Gerechtigkeit des Himmels? Wie soll ich es ertragen?‹ Es erschütterte mich sehr. Die mühsam verklebte Wunde war aufgebrochen. Mir kamen die heißen Tränen. Da raffte er sich schon und drängte mich fort. ›Lucius!‹ rief ich. Er faßte meine beiden Hände: ›Vergiß, wie du mich jetzt gesehen, und laß mich von dir hören, wenn du große Taten tust. Dein Glück ist mein Glück! War es nicht so? So soll es sein. So oft dir ein Werk gelingt, denke: Lucius ist mit dir! Ein Stück von deinem Lucius ist in dir! Kraft von meiner Kraft! O, wär' es so! Dann habe ich nicht vergebens gelebt und gelitten.‹ So war unser Abschied. ›Kraft von meiner Kraft,‹ sagte er. Wann habe ich das zur Wahrheit gemacht? Korsika versank hinter mir und Lucius mit ihm. Ich hatte ein leichtes Herz; dem Gram nachzuhängen ist mir nicht gegeben. Die Woge des Meers, die Woge des Lebens trug mich herrlich dahin. Der Orient tat seine Wunder auf, der Krieg am Jordan begann, und Berenike kam über mich, das schöne Weib vom Libanon. Wo die Palmen in Wäldern rauschen, die 198 Lilienfelder wie Paradiese prangen, die Luft flimmert und gleißt wie ein Zaubertraum des Überhimmels, wer soll nicht berückt sein, wenn er dorthin kommt? Jerusalem starrte in Felsenmauern unersteiglich. Es galt der Stadt alles Vorland wegzunehmen, Galiläa, Samaria, wo einst jener Jesus wandelte, von dem die Christen fabeln. Und es war ein Spaß: den Berg Tabor nahm ich; auf dem See Genezareth gab es eine Seeschlacht in Fischerkähnen; ein fester Platz nach dem anderen fiel. Ich war 29 Jahre alt, jung genug, um das Gefecht zu lieben. Dann aber kam eine andere Liebe. Im Land der Zedernwälder, an den Hängen des Libanon, da herrschte Agrippa, der jüdische Königssohn, mit seiner Schwester Berenike. Sie waren beide aus Jerusalem von den fanatischen Strenggläubigen vertrieben, wo sie ihre Paläste hatten; die Paläste waren verbrannt worden, und sie hofften nun auf römische Hilfe. Berenike ist älter als ich, aber heißblütig und klug und schwelgerisch schön. Die Juden erzählen von der Königin von Saba, die einst in ihrer Pracht zu Salomo kam; so kam Berenike zu mir ins Heerlager, den Hals in klirrenden Ketten, goldene Spangen in den Ohren, das Haar wie ein Turm, ihr Duft wie Balsam, wie Narde und Myrrhen, und ihre Liebe lieblicher als Wein. Nach jedem leichten Sieg, den ich erfochten, war sie es, die mich mit Rosen krönte, mit den Rosen Jerichos. Weiche Pagen und Kastraten um uns her, die über unsrem Lager den Fächer schwangen. Mein Vater zog einen schiefen Mund: ›Die Jüdin, die sich freut an Jerusalems Fall, welche 199 Niedertracht!‹ Ich junger Laffe aber ging jetzt in Purpur und Diadem im Feldlager einher, eine alberne Maskerade. Berenike verlangte es so, und ich dachte: das Orakel hat sich schon jetzt erfüllt; Lucius ist Fürst bei seinen Wilden in Korsika, ich bin es unter den Fischern in Galiläa. Welch' ausgelassenes Leben! Hätte Lucius mich so gesehen! Da ging ein Schlag durch die ganze Welt: Nero tot! Es war wie ein Erdbeben von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Nero tot! Eilboten aus Caesarea brachten die Nachricht in mein Zelt: ›Nero tot. Galba ist Kaiser Roms und Piso mit ihm!‹ Der junge Piso mit ihm Kaiser! Lucius und Galba Kaiser Roms! Unglaublich fabelhafte Kunde. Die Tribunen kamen gerannt. Ein Jubelgeschrei ging durch das Lager stundenlang. Es warf mich völlig um. Die Maskerade war zu Ende. Berenike spie Gift: ›Dein Freund Kaiser und nicht du? Dein Orakel hat getrogen!‹ Ich lachte vor Freude, ließ Jerusalem stehen, wo es stand, und war schon folgenden Tages in Caesarea auf der Reise nach Rom, um ihn zu sehen, ja, um Lucius zu sehen, um Galba und meinem Freund zu huldigen, und schon in Caesarea erfuhr ich Genaueres. Galba war von uns rechtzeitig gewarnt. Er griff, er entlarvte die Mörder, die Nero nach Spanien sandte. Das aber war das Signal zur Empörung. Selbigen Tages rissen die spanischen Legionen Neros Bildnis von den Feldzeichen herunter und riefen Galba zum Kaiser aus. Die Provinzialtruppen machten jetzt den Kaiser. Die Empörung sprang nach Gallien und Germanien hinüber; auch an der Rhone, am Rhein, 200 suchten die Legionen nach einem neuen Kaiser. Der Senat in Rom atmete auf. Nero merkte, daß der Senat drohend wurde, und verlor gleich die Besinnung. Er saß in seinem Harem und machte immer noch Musik mit Harfen und Gitarren. Tigellinus zog sein langes Gesicht in bedenkliche Falten; er wartete ab und gedachte seine Treue an den Meistbietenden zu verkaufen. Hätte Nero sich mutig vor seine Garde gestellt mit dem Schlachtruf: »Ich kämpfe für mein Recht; wer hilft mir?« die Garde hätte bis zum letzten Mann für ihn gefochten; Tigellinus hätte ihm wohl noch die Treue gehalten. Aber er hatte Angst vor dem Schwert. Da entzieht ihm Tigellinus die Leibwache; er ist vogelfrei. Wohin sich wenden? er will nach Ägypten, von Ägypten weiter nach Palästina; mein Vater und ich, wir sollen für ihn kämpfen! Aber er wagte es nicht. Es war, als ob die Geister seiner Blutopfer, der Geist des Britannicus, des Seneka, der Oktavia, der Geist seiner Mutter furiengleich aus ihren Grüften stiegen und ihn in Wahnsinn hetzten, und es gibt noch Gerechtigkeit. Vor der Stadt liegen die kaiserlichen Gärten; da versteckt er sich. Der Senat befiehlt ihn greifen zu lassen. Einen Sack füllt er sich noch mit Juwelen und Gold, und wie ein gemeiner Dieb und Vagabund läuft er davon, wirft sich auf die Landstraße, verkriecht sich, als er müde wird, in irgendein Haus am Weg, als schon die berittenen Häscher kommen. Er hört mit Grauen den Hufschlag der Tiere. Keine Rettung! Der Schwächling muß nun doch zum Messer greifen. Alle anderen Mordtaten ließ er durch andere verrichten, den Selbstmord muß er selber tun. 201 Galba kam mit seinem starken Heer nach Rom. Aber er war von Gicht schwer gelähmt und schon 74 Jahre alt. Hatte es noch Sinn, daß er, ein so brüchiger Mann, ein Mann ohne Sohn und Erben, ein neues Kaisertum begründete? Da entsann er sich des Einsiedlers auf Korsika, der ihn gewarnt; er ließ Lucius nach Rom holen, führte ihn vor den Senat und sagte: ›Hier ist der Mann der Zukunft. Ich nehme ihn zum Sohne. In ihm fließt das edle Blut des großen Pompejus. Die Götter schützten ihn wunderbar, und er ist der Trefflichsten einer in der Jugend Roms. Wer weiß, wieviel Tage ich noch lebe? Er soll mit mir Kaiser und nach meinem Tode mit seinen Söhnen des Reiches Erbe sein. Es blühe das Kaiserhaus der Pisonen!‹ So war es geschehen. Kannst du ermessen, wie ich mich freute? Kein Gottesbild war, das ich nicht dankend grüßte. Der große Jupiter hatte Calpurnias Gebete in Gnaden erhört. Meines Freundes heiliger Eifer fand seinen Lohn; seine Selbsterziehung war nicht vergebens. Auf die Demütigung folgte die Erhöhung, und die Vorzeichen hatten nicht getrogen. In Neros goldenes Haus, die Herberge der Schande, zog jetzt mit Lucius Verania ein. Eine neue Zeit begann, wie Seneka es wollte: Gerechtigkeit und Glück für alle, und ein Ende der Blutgerichte! Und ich, ich durfte meines Lucius Diener und Helfer sein! Unermeßliche Hoffnungen taten sich auf. Freilich: alle Erfahrung fehlte ihm. Er hatte nie ein Staatsamt bekleidet, er hatte nie eine Kohorte geführt. Zwölf Jahre in die Einsamkeit verpflanzt, hatte 202 er sich gewöhnt an die schlichte Größe der Natur, die sich ewig unwandelbar gleicht, wo die Adler Gottes hoch oben im reinen Äther kreisen. Rom kannte ihn nicht, und er kannte Rom nicht mehr. Die Aufgabe war die schwerste. Aber Galba war da! Ein Glück, daß Galba noch lebte. Es war klug ersonnen, daß Vater und Sohn gleichzeitig herrschten; so halten auch wir es heute, mein Vater und ich; ihr Vorbild war es, dem wir gefolgt sind. In sechs Tagen kam ich über Korinth bis nach Patras. Von Patras wollte ich über die Adria setzen und harrte dort auf das Eilschiff aus Brundisium mit fiebernder Ungeduld: wann endlich würde ich in Rom sein? Die Berge Ätoliens hingen in Wolken, ein Sturm brach aus Norden, ein Ungewitter. Das Meer stand in Schaum. So mußte ich noch fünf qualvolle Tage warten. Auf dem Molo, der in die Brandung vorstieß, stand das Erzbild des Poseidon träge auf seiner Säule; warum hob der Gott nicht den Dreizack und gebot den Wellen? – bis endlich das Schiff wirklich einlief, das mich nach Italien mitnehmen sollte. Ich stürzte zum Schiffspräfekten an Bord: »Es lebe das neue Kaisertum! Wie steht es in Rom? Was bringt ihr?« »Das neue Kaisertum?« grunzte der Seebär mit rohem Auflachen. »Es lebt schon nicht mehr. Die Welt reißt sich um den Thron Neros. Heut ist Otho Kaiser. Gestern war es Galba. Wer wird es morgen sein?« »Was ist geschehen?« rief ich. »Was ist mit Galba?« »Tot ist er.« 203 »Und Piso?« »Tot.« »Tot? Unglaublich.« »Beide erschlagen! Es ist gefährlich im Kaiserpalast zu schlafen.« Das war der Ausgang? Große Götter! Der Mann wußte nichts Genaueres. Aber ich reiste nicht. Wozu noch reisen? Zum Otho? Nimmermehr. Ihm wollte ich nicht huldigen. Zerschlagen, tiefstes Weh im Herzen, kehrte ich zu meiner Truppe an den Jordan zurück. Was sich in jenen acht Tagen in Rom abgespielt hat – Verania war Zeugin; von ihr hab' ich später das meiste erfahren. Galba riß Lucius mit in den Untergang. Warum hatte er nicht mich zum Sohne genommen? Dann war ich das Opfer, und Lucius war gerettet! Die Ereignisse gingen rasch, und es waren Tage unerhörter Spannung in der Hauptstadt. Neros ganze Herrlichkeit plötzlich weggefegt; statt seiner Galba, diese alte Ruine, und Lucius, ein Mensch, den niemand kannte. Gleichwohl stand alles gut. Die Garde der Prätorianer hatte sich in die Lage gefügt, und Tigellinus zeigte die beste Laune. Vor allem waren die spanischen Regimenter treu ergeben, die, 20 000 Mann stark, auf dem Land vor der Stadtmauer jenseits des Janikulus und des Vatikan ihr Lager hatten. Diese Spanier hielten die Prätorianer in Schach; gar zu gern wären sie auch in Rom selbst eingezogen. Aber sie durften nicht. Es ist altes Gesetz, daß kein Militär in Waffen Rom betritt. Nur die Palastwache macht 204 davon eine Ausnahme, die aus fünfzig Köpfen besteht und aus dem Prätorianerlager mit Musik täglich anrückt, um den Kaiserpalast zu hüten. Auch Otho, Neros Jugendfreund, war in Rom; in Galbas Gefolge war er mit aus Spanien gekommen (immer noch frauenhaft schön, obschon er neuerdings falsche Locken, eine Perücke trug) und floß über von Freundschaft und Entzücken, so oft ihn Lucius sah: »Ich bin einer der wenigen Glücklichen, die dich hier kennen, noch aus unserer goldenen Knabenzeit. Es ist mir unvergeßlich. Nun will ich in der Stadt den Ruhm deines Edelsinns verkünden.« Lucius' Seele war von mächtigem Schwung getragen. Er war am Ziel. Jetzt endlich begann er voll zu leben. Galba lag krank (Füße und Hände waren ihm gichtisch geschwollen), und Lucius konnte handeln, konnte herrschen. Die Schwierigkeiten türmten sich hoch, aber es beirrte ihn nicht. Nero hatte nur groteske Schulden hinterlassen, und aus den Provinzen flossen zunächst keine Gelder. Aber ein Kaiser hat immer Kredit; der kapitolinische Tempelschatz stellte sogleich Summen zur Verfügung, und die erste Not schien beseitigt. Schlimmer ging es ihm, als er auf dem Forum von der Rednerbühne, auf der einst schon die Scipionen und die Gracchen standen, zum Volke sprach; denn das Volk Roms sollte ihn doch kennen: »Habt Vertrauen, Quiriten,« rief er mit Herzenston. »Alle Bestechung, aller Argwohn, alle Verleumdung hat ein Ende. Ein Priester der Gerechtigkeit will ich sein. Nero ist tot; das glückliche Jahrhundert des Augustus, die Zeit der Menschenliebe soll sich erneuern, wir 205 wollen sie verewigen, und kein Bürgerblut soll mehr fließen auf den Gassen Roms.« »Kein Bürgerblut?« Er sprach noch; da trugen kaiserliche Diener (man erkannte sie an der Hoftracht) an langen Spießen die bluttriefenden Köpfe etlicher römischer Bürger über das Forum. Bürgerblut! Er erbleichte. Eine Hetze auf alle Nerofreunde hatte in den Straßen begonnen. Wie kam das? Galba lag gelähmt; seine Diener und Kreaturen, Ikelus voran, gingen in Galbas Namen auf Raub aus. Sie schrien: »Galba gegen Nero!« plünderten die Häuser, töteten die Männer, und Galba konnte es nicht wehren. Knirschend vor Wut und Scham stürmte Lucius zu ihm, der nun sein Vater war: »Du mußt sie strafen, ans Kreuz schlagen mußt du die Plünderer!« Galba jammerte in seinen Schmerzen: »Es sind meine Diener; sie haben mich gepflegt mein Leben lang. Ich kann nicht leben ohne sie. Wie soll ich von meinem Ikelus lassen? Habe Nachsicht, Sohn, und warte, bis ich tot bin, es währt nicht lange. Neros böser Geist geht noch um; wenn ich verreckt bin, dann kannst du es besser machen.« Lucius verstummte. Er mußte sich in Geduld fassen. Der achte Tag des jungen Kaisertums begann. Die Palastwache wurde in der Frühstunde abgelöst. Da trat Tigellinus an Lucius heran; seine lange, stelzbeinige Gestalt knickte unterwürfig zusammen, als er sagte: »Es ist Zeit, Herr, an das Kronengeld zu denken!« »Das Kronengeld?« »Die Schenkung aus dem Kronschatz, die beim Thronwechsel geschieht. Du wirst damit nicht zögern 206 wollen. Wir wissen wohl zwischen dir und Galba zu unterscheiden. Galba ist geizig; alle Leute sind das, die Gicht in den Händen haben. Die Hand wird steif und kann nicht mehr geben. Aber du . . .« »Erwartest du Antwort?« »Ich unterfange mich nur, Herr, dich an das, was üblich ist, zu mahnen. Es ebnet die Verhältnisse, und du warst zehn, zwölf Jahre fern von Rom; dir wird manches, was geläufig, entfallen sein.« »Die Garde hat ihren Sold erhalten. Ich habe den Sold ihr vorausbezahlt.« »Und wir haben ihn mit Dank erhalten. Aber es handelt sich nicht darum. Kaiser Claudius gab überdies beim Regierungsantritt jedem der Achttausend als besondere Schenkung fünf Goldstücke und ein Pfund Silber; Caligula und Nero gaben mehr, weit mehr: ein goldener Gruß, der Treue wirkt. Du weißt: Treue ist Goldes wert, und sie wächst mit dem Golde.« Sie wächst mit dem Golde? »Ich danke dir, daß du mich mahntest,« versetzte Lucius kurz. »Heute noch werde ich in das Lager der Garde kommen.« »Geld! Geld! Ich habe keins!« fauchte Galba und krallte seine Finger zusammen, als Lucius an sein Nachtlager trat. Es ging Galba just an diesem Morgen besser, aber er schwankte noch, mit welchem seiner lahmen Beine er zuerst sich aus dem Bett heben sollte. »Ich habe kein Geld,« wiederholte er mit knarrender Stimme. »Alles, was ich habe, brauche ich für meine Spanier. Hast du, Piso, Geld für diese Bande?« »Ich hätte es wohl,« sagte Lucius, »aber ich gebe es 207 nicht; ich gebe es nur, wenn du es verlangst. Die Tagediebe machen mir keine Sorge; sie leben ohnedies wie die Fürsten. Schlachten schlagen sie nicht, aber der Sold ist doppelt so hoch, wie der der Feldtruppen. Da weiß ich mir eine bessere Pflicht. Nero hat Rom niedergebrannt. Noch immer liegen ganze Quartiere im Schutt; Hunderte von Abgebrannten lungern noch immer in den Baracken wie die Bettler. Da eilt es, da gilt es, Geld zu streuen, und ich habe schon damit begonnen.« Galba sprang auf; er konnte auf den Füßen stehen, und sein bitterböses Gesicht verklärte sich: »Ich wußte es, du bist herrlich, mein Sohn, und alle niederen Mittel sind dir zuwider. Gehe denn hin, wenn du den Mut hast, und verkünde den Soldknechten Neros, was du gesagt hast.« Lucius hatte den Mut. Gleich im Palasthof stand die Prätorianerwache. Er ließ sie in Reihen treten und redete ihnen mächtig ins Gewissen. Die Krieger hörten es stumm und ehrerbietig und salutierten wie immer. Er glaubte ihr Gewissen getroffen zu haben; sie hatten ihn verstanden. Otho war da. Er zeigte sich täglich im Palast zum Morgengruß; so hatte er in des Lucius Gefolge eben jetzt alles mit angehört und rief gleich: »Welch' außerordentliche Zeit, in der wir leben! Wunderbar, göttlich, o Piso, hast du gesprochen. Ich hätte solche Wirkung nicht für möglich gehalten. Ich eile, Piso, wenn du gestattest, ins Prätorianerlager voraus (du wirst auch dort sprechen), um dir einen guten Empfang zu bereiten.« 208 Die Garnison der Garde ist wie eine Festung. Im riesigen Kasernenhof steht eine marmorne, mit goldenen Adlern geschmückte Rednerbühne, der Stand für den kaiserlichen Redner. Neros zerschellte Kolossalbüste lag noch in Scherben zu ihren Füßen. Die Rednerbühne harrte auf den Redner. Lucius aber trieb es noch einmal zu seiner Verania. Verania Kaiserin der Welt! Es schien ihm immer noch wie ein Traum. In innigen Gesprächen verbrachte er mit ihr voll munteren Geistes wohl eine Stunde und freute sich an seinen Söhnen: »Es blühe das Kaiserhaus der Pisonen!« Was war es, das ihn so lange festhielt? Verania wunderte sich. Die Zeit verrann. Ahnte er, daß ihm das Schicksal nahte? Als er sich losriß, bebten seine Lippen. Es war wie Hektors Abschied von Andromache, aber wortlos, lautlos, tränenlos. Er richtete sich hoch auf und küßte noch einmal flüchtig die Seinen. Verania ordnete ihm noch den schleppenden, golddurchstickten Purpurmantel. »Wie schön du bist, Vater!« riefen die Jungen; »der Purpur und der goldene Lorbeer im Haar! Könnten wir mit!« Er winkte fröhlich zurück. Mit großem, vielhundertköpfigem Gefolge wandelte er langsam, wie in Prozession, über den Quirinal und weiter durch die endlos engen Gassen zum Viminalischen Tore. Das Volk in den Gassen kannte ihn nicht; es merkte nur an dem prunkvollen Aufzug, daß dies der neue Kaiser sei, und schon erhoben sich Heilrufe, vereinzelt, hier und dort von den Söllern und Dächern; Frauen warfen Blumen, schwenkten Ölzweige und Tücher zum Gruß: »Salve, Piso Cäsar, bleibe ein Freund des Volkes!« 209 Dankend hob er die Rechte, und sein dunkles Auge strahlte. »Steht es nicht wie eine Flamme auf seiner Stirne, wunderbar?« flüsterten fromme Leute, denen er nahe kam. »Ja, silberhell schimmert es um seine Locken, und die Götter sind mit ihm.« Was wie eine Flamme in ihm strahlte, war die Sehnsucht nach Zukunft, der feste Glaube an seinen Herrscherberuf, war Tatendrang, unermeßliche Hoffnung. Er stand auf der Rednerbühne. Die Korona der Achttausend umgab ihn. Er war nie Soldat gewesen, hatte noch nie zum Heer gesprochen, aber er fürchtete sich nicht. Wüste, verwöhnte Gesellen, immerhin, aber es waren doch lauter Bürger Roms und echte Söhne Italiens, zu denen er sprach. Sie mußten ihn verstehen. Und er redete nun mit wachsender Erregung von dem, was ihn erfüllte, von dem, was Rom einst groß gemacht: es war der Opfersinn, der alle verbindet, der strenge Geist, der da freudig hilft, wo Hilfe not tut, und auf Gewinn verzichtet, wo die Vernunft es heischt. Das ist die echte Soldatenehre. Nero hat sie geschändet; Galba, der wackere, stellt sie wieder her. »Laßt euch daran genügen, Kameraden, daß ihr dem tüchtigsten Manne dient,« so schloß er seine Rede. »Versteht mich wohl: wir wollen eure Treue nicht erkaufen. Denn Geld ist nicht das höchste Gut. Wohltat übt, wer den Armen gibt; wer aber den Besitzenden Geld schenkt, der übt Bestechung.« »Bestechung?« Ein Gejohle entstand. Bestechung! Das war das Wort, das Lucius haßte. Aber ein freches Auflachen war die Antwort, das von Reihe zu 210 Reihe ging. Ein dumpfes Rasseln mit den Waffen. Die Reihen lösten sich und strömten durcheinander; sie wollten nichts weiter hören. Wütend schrie Lucius: »Euer Kaiser ist es, der mit euch spricht. Die Spanier, die 20 000, liegen vor Rom; sie sind fest in unserer Hand. Aber ich lasse sie nicht in die Stadt, denn ich baue auf euch, auf euch, auf euch, ihr Prätorianer! Sollen euch die Fremdlinge, die Spanier, beschämen?« Der Lärm legte sich. Es wurde plötzlich still, unheimlich still. Es war ein eisiges Schweigen. Lucius verließ hohen Hauptes das Tribunal. Man ließ ihn gehen. »Es fehlte nur, daß sie mich mit Steinen schmissen,« das dachte er wohl, als er draußen war; ich glaube, ihm war wie dem Schauspieler zumut, der seine Rolle schlecht gespielt hat. Wehe ihm, wenn er wieder auftritt! Otho aber blieb im Lager zurück. Kaum war Lucius gegangen, da sprang Otho auf die Bühne. »Der Geiz ist ein Laster, Kameraden!« rief er in die Masse. »Der Geiz, sag' ich. Soll der Geiz fortan König sein?« Ein wieherndes Gebrüll erhob sich. »Piso gab euch schöne Worte zu hören, aber Piso begreift nicht, was dem Herrscher ziemt. Wie anders Nero! Seht mich an. Ich, Salvius Otho, war Neros nächster Freund. Wir liebten uns schon als Knaben.« Ein Juchheh und Jubel kam von allen Seiten. »Nero ist tot; nein, Nero lebt. Ich bin wie Nero,« schrie Otho noch lauter. »Wär' ich euer Kaiser, ich würfe jedem von euch schon heute, jawohl, schon heute, 211 zweitausend Sesterzen in die Hände. Glaubt mir: jedem von euch. Denn ich weiß, was man euch schuldig ist.« »Das Krongeschenk! Er weiß, was man uns schuldig ist!« ging das Echo. »Er ist's, den wir brauchen.« Es waren zunächst nur einzelne Stimmen. Schon aber brach es von rechts und links und aus der Tiefe los: »Otho soll Kaiser sein!« Die ganze Masse, Offiziere und Gemeine, fiel brüllend ein. Die Schwerter fuhren ans den Scheiden, die Hörner bliesen. »Den Purpur her!« Man kleidete Otho, den Schönen, in Purpur. »Die Kaiserbinde!« Man legte ihm eine goldene Binde ums Haupt. »Seht nur, wie schön er ist! Den Spiegel her!« Da brachte Tigellinus grinsend den Spiegel, und man freute sich, wie sich der Schöne im Spiegel besah. Seine falschen Locken hatten sich nicht verschoben. War das bloß Mummenschanz? Es war gefährlich. Woher sollte Otho die Gelder nehmen? Danach fragte niemand. Wer Kaiser ist, kann schenken. Das stand fest. Die Mittagsstunde war da. Im Kaiserpalast ahnte man noch nichts. Zu seiner Verania war Lucius noch nicht gegangen. Er gab Galba von dem, was er erlebt, Bericht. Der Alte ballte die verknorpelten Hände und schnob und polterte grimmig: »Warte nur! Es soll ihnen übel gehen«, als sich auf dem weiten Forum zu Füßen des Palastes wüstes Geschrei erhob. Das Volk? Nein! Die Kohorten sind da, die Prätorianer in Waffen, zu Fuß, zu Pferde! Das harte Basaltpflaster dröhnte und klirrte unter den Hufen. Alle Tempeldiener flüchteten; die Verkaufsbuden schlossen ihre Türen; die Bürgerschaft stob angstvoll 212 auseinander. Was schrien sie? Empörung! »Nieder mit Galba!« schrien sie aus tausend Kehlen, daß es vom Kapitol bis zur Velia dröhnte. »Nieder mit Galba! Otho unser Herr!« Die Palastwache, die das Kaiserhaus schützte, hörte es; sie stimmte plötzlich mit ein und ging zu den Aufständischen über. Lucius suchte sie umsonst zu halten. Wehrlos, waffenlos, wie er war, stürzte er aufs Forum. Aber auch Galba hielt es nicht; voll Entsetzen und Wut warf er sich in seine Sänfte und ließ sich mitten in die tosende Menge tragen. Verania flog mit den jungen Pisonen auf die hohe Terrasse des Palatin und starrte, bleich vor Schrecken, in den Aufruhr. »Ruchlose Bande!« krächzte Galbas Stimme. Der Alte reckte den Kopf weit aus der Sänfte und drohte mit den Fäusten: »Ich,« schrie er, »ich bin euer Kaiser! was ist euer Verlangen?« Da sprang ein Riesenkerl vor und hieb ihm mit einem Hieb den Kopf herunter. Es war ein Gladiator aus dem Lukanerland. Der Kopf rollte in den Schmutz. Die Menge wogte darüber hin. Otho stand nahe; er reckte die Hände beschwörend, als entsetzte er sich. Er trug immer noch Diadem und Purpur. Lucius drang furchtlos auf ihn ein; er wollte sprechen; aber vom ungeheuren Getöse wurde er übertäubt. »Was will er? Auf ihn! Auf ihn! Er ist nicht besser wie der Alte!« Er schien verloren. Da drangen aus dem nahen Heiligtum der Vesta in wallenden Schleiern und Gewändern die Vestalinnen überraschend mitten in den Haufen, und, die Arme streckend, warf sich Calpurnia schützend vor ihren 213 Bruder. Herrlich, furchtlos und gebieterisch stand sie da, hochgereckt, überirdisch, unantastbar und rein, ein erhabenes Abbild der Vesta selber, der allerheiligsten Göttin Roms. Sie brachte kein Wort hervor; sie war stumm wie ein Götterbild. Die Schwerter und Spieße zuckten zurück. Lucius war gerettet. Calpurnia faßte den Bruder an der Hand und zog ihn in den Tempel. Da war er. Kein männliches Wesen, außer dem Kaiser, darf je das Vestalinnenkloster und das Tempelhaus der Göttin betreten und sich dem heiligen Herdfeuer nahen, das, solange Rom steht, von den frommen Jungfrauen Tag und Nacht gehütet wird und nie erlischt. Calpurnia sank in sich zusammen; sie bebte vor Angst. »Galba ist tot,« hauchte sie. »Lucius, Lucius! Jetzt bist du, Bruder, allein der Kaiser Roms. Du bist's! aber für wie lange? Wie dich retten?« »Die Spanier her! schafft mir einen zuverlässigen Boten«, herrschte er und horchte hinaus. »Die Spanier müssen in die Stadt; sie sollen mir Otho greifen.« Eine der Tempeldienerinnen schaffte wirklich den erwünschten Boten. Es war schon gegen Abend. In geschlossener Tafel gab ihm Lucius den kaiserlichen Befehl, ausgefertigt an Rusticus, den Kommandanten der spanischen Legionen, sofort einzurücken in die Tore Roms, die Prätorianer zu werfen, den Kaiserpalast zu entsetzen. Der Bote lief aus; aber er wurde sofort ergriffen, die Tafel erbrochen, gelesen. Ein schauriges Wutgeheul entstand. Die letzten Bande der Scheu zerrissen. Der mordsüchtige Haufe drang an, zerhieb 214 krachend die Türen des Heiligtums; die Dolche starrten. Die Flamme des Stadtherdes schlug unter dem Windzug entsetzt empor. Lucius schrie: »Freie Bahn, ihr Knechte!« und rannte in die Dolche. Das war das Ende. Von Wunden bedeckt, taumelte er nieder. Er war in seinen Tod gerannt. Aber das genügte nicht; es sollte auch niemand leben, der seinen Tod rächen könnte. Der Kaiserpalast selbst wurde erstürmt und des Lucius Söhne erstochen. Veranias Jammerschrei verhallte. So ist es geschehen. Galbas Kopf flog von Hand zu Hand; sein Rumpf wurde mißhandelt, zerrissen. Des Lucius Leichnam dagegen schonten die Entmenschten, als fühlten sie den Frevel, den sie an ihm begangen, als schützte ihn der Adel seiner Gestalt, der göttlich reine Schimmer der Jugend und der Seelengüte, der sein bleiches Antlitz umfloß. * * * Titus hatte geendet. Es war eine große Stille. Die goldenen Lampen vor Pisos Standbild flackerten auf und erloschen, als wäre er noch einmal gestorben. Saevus, der Löwe, erhob sein königliches Haupt und brüllte dumpf grollend vor sich hin. Es klang wie Wehklage der Natur, wie Götterzorn. Aus dem Nachbarraum stürzten die Diener herein. »Das Tier wird unruhig,« sagte Titus. »Bringt ihn in den Käfig. Der Saevus könnte seinem Namen Ehre machen.« »Verstehst du nun,« fuhr er fort, »warum ich gern von meinem Lucius rede? Heilung der Menschheit! Der Sehnsucht danach fiel er zum Opfer. Er starb – 215 ein Blutzeuge seines Glaubens an die Tugend – als ein rechter Gehilfe Gottes.« »Im Norden,« sagte Hermogenes versonnen, und in seinen Augen war ein tiefer Glanz, »im Nordland jenseits des Balkan und der Alpen gibt es die langen Winter. Die Blume, die da auf den Wiesen zu früh erblüht, erliegt dem Frost, ein Vorbote des Frühlings. Solch' Vorbote ist auch dein Freund gewesen. Er kam zu früh, und der Frost hat ihn getötet. Aber der neue Frühling ist nun erschienen. Er blüht unter dir, Titus. Du heißt nicht umsonst die Liebe und Wonne des Menschengeschlechts.« Titus machte große Augen: »Auch du, Hermogenes, redest wie die Unweisen zu mir in Schmeicheltönen? Warte, bis Berenike kommt; sie wird kommen. Gib acht, ob ich auch dann meine Probe bestehe!« 216     Das Unmeßbare Oben auf der Gartenmauer hockte Niko und spähte hinab. Versteckt unter Aloën und Feigenbäumen lag die Villa über dem Meer; in den verwahrlosten Rebengärten am Abhang kletterten die Ziegen. Ein Segelboot lag tot und leblos am Strand. Weithin nichts als Einsamkeit. Kein Mensch ging über den Strandweg. Heute aber, dort unten auf der flachen Düne stand ein alter Mann nun schon stundenlang, dem Mädchen ein Rätsel. Was wollte der Mensch hier? Oft bückte er sich und ließ sich den Ufersand durch die Hand rinnen, der Sand schimmerte goldblond und war fein und weich wie Sammet. Dann stand er regungslos, als wär' er aus Holz geschnitzt, und starrte und starrte über die See, als fesselte ihn etwas Unsichtbares. Oder schlief er im Stehen? Nein, er schrieb plötzlich auf einer Tafel, dann bohrte er den Blick zur Erde, nahm den Stock und zeichnete lange Striche in den Sand. Am Ufer fuhr die goldene Barke der Prinzessin Damarete vorüber. Die Leute im Schiff sahen den Greis und winkten. Aber er bemerkte es nicht. »Komm her, sieh nur! Er hat ein Sieb, der Sonderbare!« rief Niko ihrer Sklavin zu, die untätig in der Schaukel hing. »Durch das Sieb reinigt er den Sand, und er fingert darin, als wäre er verliebt in ihn, wie in Wollust!« »Wollen wir Lärm machen, daß er einmal aufguckt?« Und die zwei begannen ein Trällern und Lockrufen, ein Nachahmen von Vogelstimmen. Der schnöde Alte achtete es nicht. Aber er aß, er aß doch wenigstens. 220 Ein Diener hatte ihm vorhin Zehrung gebracht. Er biß hastig ins Brot und in die getrockneten Feigen. »Es ist doch ein natürlicher Mensch.« »Aber ein verrückter!« lachte die Zofe. »Sucht er hier Gold im Sand? und das in der Hitze!« »Nicht verrückt! Er ist entrückt. Man sagt, daß die Seelen oft, wenn ein Geheimnis sie zieht, aus ihren Körpern wandern!« Die Schwüle wuchs. Es war Nachmittag. Der Spiegel des Meeres lag still und wie zu Onyx erstarrt. Da rannte ein wildgewordenes, junges Pferd daher, ein Schecke mit fliegender Mähne, der Knecht hinterdrein, der es greifen wollte. Er hetzte das Tier dem Meere zu, wo es stehen bleiben mußte. Der Alte merkte nichts; da war er schon überrannt, zu Boden geschleudert und lag hilflos am Boden. Nein, nicht hilflos. Er streckte den Kopf hoch und rief dem Knecht nach: »Das Tier scheut vor seinem Schatten. Von links kommen! Faß' es in die Nüstern!« Dann sank er zurück. Er schien bewußtlos, und schon stand Niko bei ihm, schon hatten ihre Diener ihn oben im Gartenschatten auf weichem Fell gebettet und untersucht. Syrakus, die Stadt, lag nahe; Niko schickte dorthin nach dem Arzt. Aber der Schaden schien nicht schlimm; das Pferd trug kein Eisen am Huf. Wer war nur der Bewußtlose? Gewiß kein Bettler. Das Kleid, die Agraffe am Kleid verrieten es. Und schon schlug er die Augen auf. Niko hatte ihn aus ihrem Riechfläschchen besprengt: ein starkes Riechwasser aus Orangen oder Medischen Äpfeln war darin. Das wirkte. 221 »Das böse Tier,« sagte sie leise, mit fremdem Akzent. »Nun wollen wir dich pflegen, Ehrwürdiger.« Er schwieg und sah sie erstaunt an. »Ein schönes Tier,« sagte er dann. »Es schien sehr jung. Ich liebe die ungestüme Jugend . . .« »Welch ein Unfall! und schmerzt es nicht?« »Nicht mehr als recht ist,« gab er launig zurück. »Du aber, so fremd und schön! Bist du ein irdisch Weib? So wie dich, so dachte ich mir Astarte, die Göttin, die ewig jungfräuliche Mutter des Alls: jung und voll Schwermut.« Sie mußte lächeln. Da sah er ihr blendendes Gebiß zwischen den schwellenden korallenroten Lippen. Ein gelblicher Glanz überschimmerte ihre Haut. Schwer und müde lagen die Lider über den mandelförmigen Augen, die halbgeschlossen wie schwarze Kohle funkelten. Im farbigen Kopftuch war ihr Haar vergraben. »Darf ich dich fragen: warum so einsam hier draußen im Brand der Sonne den ganzen Tag?« »Weißt du, was Ewigkeit ist? was Unendlichkeit? Ich suche sie. Wer sie sucht, braucht Einsamkeit. Ich suchte das Unendliche und habe statt seiner dich gefunden.« »Wie sucht man das Unendliche, Herr? Du bist ein Weiser. Und zürnst du mir nicht? Mein Ahab, mein junges Reittier . . .« »War es deines? Du bist Reiterin?« »Ja, Reiterin.« »Ein Weib zu Roß? Das ist nicht landesüblich hier!« Es schimmerte wie Neugier im Blick des Alten. 222 Eben tauchte im Haustor ein negerartiger Mensch auf; der trug einen Papagei und setzte ihn in die Baumkrone. Über der Tür war der Kopf eines Elefanten befestigt mit zwei riesigen Stoßzähnen. Sonderbar. »Das Reiten habe ich in Karthago gelernt,« scholl Nikos Stimme. Aus ihrem verschlossenen Gesicht schlugen Blitze. »Du bist keine Griechin?« »Meine blinde Mutter sitzt drinnen im Saal. Sie wird von meiner Schwester gehütet. Die Arme! blind zu sein und Witwe zugleich! Meine Mutter ist Vollgriechin, aus Agrigent am Meer. Mein Vater Hanno, mein Vater ist Punier; Großhändler! Nein, er war es. Auf der Seefahrt ist er seit zwei Jahren verschollen. In Syrakus kaufte er sich Warenspeicher und baute dies Landhaus, aber er ist nicht mehr, und wir sind schutzlos, heimatlos, nicht Punier, nicht Griechen.« »Der Mensch braucht keine Heimat!« sagte der Alte, und seine Augen weiteten sich wunderbar. »Unser aller Heimat ist die Welt. Was willst du mehr, Weltbürgerin?« »Aber wir brauchen Schutz. Wir Weiber verkriechen uns hier zitternd in die Einsamkeit. Wenn die Römer, die Römer kämen! Man sagt, es gibt Krieg. Was wird euer König tun?« »Mögen die Barbaren, Römer und Punier, sich zerfleischen. König Hieron von Syrakus ist Grieche, ist Mensch, ist Friedensfürst. Er denkt wie ich. Was ist der Krieg? ein Schrei, der heute gellt und morgen verklingt. Die Ewigkeit ist der Friede, und sie schlingt 223 alles, was endlich, in ihren Abgrund. Nur den Denkenden verschont sie. Denn nur eins ist, was nicht sterben kann, das Wissen.« »Das Wissen? Du redest dunkel und schön, aber es macht mich traurig.« »Junge Seelen, mein Kind, sind wie liebe Blumen im Wiesengrund: sie schauen nicht über die nächste Feldmauer. Anders, wer alt wird; seine Seele trägt Wipfel und möchte hoch hinaus ins Grenzenlose wachsen. Wissensdrang, darin leb' ich, und darum kam ich hierher an den Strand. Wer die Grenzen kennte des Grenzenlosen! wer es messen könnte, das Unermeßliche!« »Grenzenlos ist der Himmel. Darin lebst du?« Niko mußte wieder lächeln vor Ungläubigkeit und Unverstand. »Glaubst du nicht, daß man Unsichtbares denken kann, wie das Gute und das Böse? So auch das Unermeßliche.« »Mir schwindelt, wenn ich das höre. Ich kann es nicht denken.« »Ganz recht. Nur wer es mißt, kann es denken. Danach suche ich.« »Mit Maßen messen das Unmeßbare? das wolltest du? und doch bücktest du dich, alter Mann, als wolltest du im Sande wühlen, die Sandkörner zählen . . .« »Das eben war es: unzählbar ist der Sand am Meer. Wer ihn zählen kann, hat eine Zahl für das Unendliche. Ich will die Zahl finden.« »Unglücklicher!« »Wahnsinniger, willst du sagen, Kind. Aber das 224 Suchen rückt den Menschen an Gott heran. Gott weiß die Zahl, die ich suche. Er ist sie selber.« Sein Mund verstummte. Er wurde still. Wenn man ihn von der Seite sah, hatte er das Gesicht des Raubvogels; aber seine Stirn war hoch und schmal. Lichtweiße Locken umrahmten die hagere Wange. Ein Netz von Gedanken hing in den tausend feinen Furchen, die das Gesicht durchspannen, und seine Augen standen tief verschattet und fragend unter den schweren, dichtbuschigen Brauen. Da stand schon ein kleiner Mann in gelbem Rock, der Arzt Menekrates , vor ihnen, der aus der Stadt herbeigeholt war, und rief hastig: »Welch weiter Weg! Hier bin ich, schöne Niko. Aber was seh' ich? Archimedes!« »Archimedes?« Niko sprang auf. Es war, als wäre plötzlich ein Gott im Raum erschienen. »Archimedes!« Der Kranke öffnete die Augen, und der Arzt schalt: »Es ist immer dasselbe! Der Klügste der Klugen; aber er kann nicht artig zu Hause bleiben; immer irrt er unberechenbar da herum, wo niemand ihn sucht und wo er nichts zu suchen hat. Nun hat er den Schaden.« »Mein gelber Schatten verläßt mich nicht,« sagte der Getadelte gutmütig. »Und Olbios? Olbios? Er weiß noch nichts? er kommt nicht?« »Woher sollte es Olbios wissen, wo sein Großvater, der Appa, steckt? Du bist zwar ein großes Licht, aber noch keine Sonne, daß alle wissen müßten, wo du leuchtest. Aber ich werde melden . . .« Schon hatte der Arzt untersucht, verbunden, Rat 225 erteilt; er befahl: »Der Kranke bleibt hier im Haus, bis ich anders bestimme,« und war schon verschwunden. »Ihr sollt mich beherbergen, Niko, und du erschrickst nicht?« sagte Archimedes. Aber Niko war überglücklich. Sie eilte, ihrer Mutter alles zu melden und ein Zimmer zu bereiten. »Bettet mich da, wo ich nachts den Himmel sehe,« hatte Archimedes gebeten. Als sie wiederkam, fragte er: »Mir war, als sei dir mein Name nicht fremd gewesen? Woher kanntest du ihn?« »Damals, als ich zum Tempel der großen Artemis wallfahrtete. Beim ersten Frühlicht. Im Augenblick des Sonnenaufgangs schlugen die Tempeltüren vor uns auf. Im selben Augenblick war ein mächtiger Schall; die Posaunen bliesen. Sie bliesen; aber ein Bläser war nicht zugegen; kein Mensch irgendwo in der Nähe. Ich fragte den Pförtner; der berichtete Sonderbares. Hinter dem Türflügel standen die Posaunen auf einem Gestell. Mit dem Türflügel hingen sie durch Leitung wunderbar zusammen; sobald sich die Tür stark dreht, fährt durch das Erz von selbst ein Luftstrom, so daß es erklingt, und das war der Schall, der die Sonne brausend begrüßte. Ein Wunder! wer hat es ersonnen? fragten wir. Archimedes, der Syrakuser, hieß es.« »Spielerei mit Hebel und Druckwerk,« lachte der Alte. »Schöner noch das andere, die Spenderinnen, wie man sie nennt, die im Vorhof des Zeus stehen: die beiden Jungfrauen, starr und steif aus harter Bronze. Viele Menschen waren zum Festtag gekommen. Wir 226 legten unser Geld in den Opferstock. Da belebten sich die Figuren, so daß wir erschraken: die Schalen in ihren Händen füllten sich von selbst mit Opferwein, dann kippten sie die Schalen und senkten sie, und die Spende träufte nieder auf den Altar des Gottes, nicht nur einmal, nein, so oft man Geld in den Kasten warf. Von weitem kommen die Fremden gereist, um das zu sehen. Ich möchte mich vor dir fürchten, Archimedes, du Wundermann.« »Kein Wunder, mein Kind; Luftdruck, Mechanik, weiter nichts. Ausnutzung der Kräfte der Natur durch Berechnung. Wenn ich die Figuren vor dir auseinandernähme, du würdest graß ernüchtern. Das Wunder ist anderswo.« »Was meinst du jetzt?« »Das Wunder ist das Weltall, der große Automat, der sich tagtäglich nach inneren Gesetzen selbst bewegt. Die Welt! die Welt! könnte ich ihre ungeheure Maschine auseinandernehmen! sie nachschaffen! Das Herz wird groß bei dem Gedanken.« Es klang wie Selbstgespräch. Des Forschers Gesicht strahlte von innerem Schauen: »Gib mir, wo ich stehn kann, und ich will die Welt aus ihren Angeln heben.« Niko aber fragte, nach Frauenart abspringend: »Du sprachst von Olbios. Olbios ist dein Enkel?« »Meine Frau gab mir drei Söhne. Archias und Aeneas, die zwei, leben mir fern, im Umland, in Tycha und Catania. Der dritte starb und hinterließ mir den munteren Enkel, den ich liebe. Seine Jugend erfrischt mich; auch sollte er mein Schüler sein in der Wissenschaft. Aber der Praktikus lernte den Kaufhandel und 227 das Geldgeschäft, und wer weiß? er rechnet besser als ich.« Archimedes schien zu ermüden. Niko verließ ihn. Da kam schon jemand auf dem Esel geritten. Es war Olbios. Sie sah ihn. »Wie steht's mit dem Appa?« so stürmte Olbios herein, im Äußeren so ein rechter Durchschnittsgrieche, kerngesund, elastisch und brav. »Wie steht's? Aber zuvor: darf ich mich waschen? Ich komme in Eile eben, so wie ich war, aus unserem Kornschiff, wo wir den Weizen verluden.« Er wusch sich, ließ sich erzählen, eilte zur blinden Mutter, überschüttete die Frau mit verbindlichen Worten des Dankes; dann erst war er bei dem Alten. »Appa, Appa!« Mit einem Blick zärtlicher Freude blickte der zu ihm auf. »Es kommt immer anders, als man denkt,« rief der Junge. »Du großer Rechner rechnest mit allem, nur nicht mit jungen Pferden, wenn sie durchgehen. Wo ist da das innere Gesetz, von dem du immer redest?« »Frage die Reiterin. Sie muß ihr Tier kennen.« Eine Reiterin? Olbios maß Niko mit erstaunten Blicken. »Aber das Neueste! Es gibt Krieg in der Welt. Das Kurierschiff aus Spanien meldet: Hannibal setzte über den Ebro; und wir . . .« »Hannibal über den Ebro?« Ein Aufschrei unterbrach ihn. Es war Niko. »Hannibal!« rief sie. »Der Sieg mit ihm! Ich kenne ihn. Ich sah ihn, da ich Kind war. Nun mag Rom zittern.« »Du sahst ihn?« 228 »In Karthago war ich als Kind; Hannibal in meines Vaters Haus. Reiten sah ich ihn mit seinen Beduinen auf dem schimmernden weißen Hengst, die Sonne im Antlitz, den Blitz im Auge. Krieg gibt es. Hannibal ist los. Alle Götter mit ihm!« »Schweig!« herrschte da Archimedes. Niko erblaßte. »Krieg ist ein Lasterwort, und ich will es nicht hören. Vergißt du, daß du auf Siziliens Boden lebst?« Schneidend klang seine Stimme; Niko sah bestürzt auf Olbios. »Mögen die Wilden Krieg führen; solch wüstes Heldentum ist für die Kinderfibel. Tu deinen Hannibal zu Diomed und Achill, die einst rauflustig gegen Troja rannten.« »Aber Homer hat sie besungen!« »Er würde es jetzt nicht mehr tun. Die wilde Knabenzeit der Menschheit ist zu Ende, veraltet und abgetan. Laß die Barbaren wahnsinnig gegeneinander rennen wie die Stiere. Wir Griechen sind gereift. Willst du Mädchen mit den Deinen auch weiterhin den Schutz unseres Staats genießen, so verlerne den Haß gegen Rom.« »So redet auch meine Mutter oft,« stammelte Niko, völlig eingeschüchtert. »Das wäre schlimm,« fiel auch Olbios ein, »wenn wir Syrakusaner uns mit Rom verfeinden wollten. Der Kaufmann weiß, was not tut. Rom kauft unser sizilisches Korn in großen Frachten, Karthago unser Geschirr und Erz. Keine der beiden Mächte dürfen wir reizen, und ich selbst habe gute Freunde auf beiden Seiten. Aber unsere Stadt ist voller Zündstoff, es sind 229 viel Punier, viele Römer in unseren Fremdenquartieren. Ein aufreizendes Wort, und die Parteien schlagen auch bei uns gegeneinander. Schon heute ist Syrakus wie von Sinnen. Darum entschuldigt mich; Pansa ist im Haus, und ich muß ihn sprechen, muß hören, was sie reden. Aber ich komme wieder, oft wieder, Niko, wenn ich kommen darf.« Die Nacht kam; sie war milde und berauschend schön. Gulussa, der grinsende Neger, bediente jetzt Archimedes. Er bettete ihn auf seinen Wunsch auf dem Altan, wo er in den Himmel sah und die Wellen anrauschen hörte, den ewig gleichen Pulsschlag des Meeres. Niko erschien, um sich noch einmal nach ihm umzusehen. Er bat sie zu bleiben, und sie hockte neben ihm nieder, wie es in den Tempeln Afrikas die Andächtigen tun. »Die Sterne haben sich entschleiert. Sprachen wir nicht heute von Unendlichkeit? Hier schwebt sie über uns. Der Mond steht schüchtern im ersten Viertel; mit deiner Hand kannst du ihn zudecken, und doch ist er millionenmal größer als deine Hand. So deckt nachts der Erdenkörper für uns die Sonne zu, und doch ist sie tausendfach größer als die Erde.« »Wahrlich,« flüsterte Niko in Erschauern. »Du bist gottgleich; du weißt, wie groß die Sonne ist?« »Wer ihre Entfernung weiß, weiß auch ihre Größe. So höre mich. In allen Weltkörpern dort oben, liebes Mädchen, herrscht das Gesetz, und keiner irrt ab: ein heiliger Gehorsam. Wir nennen ihn Notwendigkeit. So sollen auch wir sein, auch du, nicht abirren durch ohnmächtige Leidenschaft.« 230 Mit einem Schrei stürzte sie an seinen Hals; ihre Stimme erstickte in Tränen: »Ich verstehe dich. Mein Vater Hanno! Ich soll ihn verleugnen! Mein Vater . . .« »Dein Vater war Mensch, das ist mehr als Punier und Römer. Sei auch du Mensch, weiter nichts.« »Das ist schwer zu lernen. Ich bin vaterlos, Herr, und du bist gütig. Könntest du mich täglich lehren, könntest du mir Vater, Vater sein, in diesen schlimmen Zeiten bei uns bleiben; oder ich, ich käme zu dir . . .« »Törin, du zu mir?« »Ich weiß, daß es unmöglich ist.« Sie sprang auf ihre Füße. »Verzeih, ich habe Unbesonnenes geredet.« Aber Archimedes forschte weiter: »Du zu mir? Und deine Mutter?« »Meine Schwester ist gut. Meine Schwester ist bei ihr. Ich könnte die Mutter oft, täglich, besuchen, wenn ich für mich, für uns einen Helfer fände.« »Was hat dich angefaßt?« »Ich habe das Denken gelernt in der Einsamkeit, und ich weiß von dir, es zieht mich zu dir, und ich hatte Mut um dich zu werben.« »Mich pflegen wolltest du, weil ich alt bin?« »Deine Tochter, deine Sklavin! Ich fürchte mich vor mir selber in diesen Zeiten.« »Geh zur Ruhe, Niko. Das Wort Krieg hat dich so erschüttert. Aber die Vernunft wird siegen, und denke, daß ich auch einen Enkel habe.« Olbios? Sie ging. Sie hatte Olbios ganz vergessen. Archimedes ächzte leise. Fuß und Hüfte schmerzten sehr. Der Mohr kam, ihm zu helfen. Dann schaute er 231 tief atmend zum Firmament empor, wo die goldene Saat der Sterne glühte. »Jupiter, der Planet, steht an seiner rechten Stelle. Ich kenne ihn. O heilige Ordnung! Dort oben ist kein Schmerz. Kein Reittier reißt sich dort los und wirft die erste beste Kreatur, deren Bahn es kreuzt, zu Boden, so wie es mir geschehen. Und dort oben ist kein Krieg. Der Friede ist überweltlich: dort, wo die Götter sind und das Gesetz hüten. Und Niko? Ich könnte es lieben, das friedlose Kind. Friedlos ist der Mensch; denn er ist frei und losgerissen von der Notwendigkeit, ein Opfer seiner Leidenschaft, unberechenbar wie die Stürme auf See. Ich verstehe mich nicht auf Sturm und Leidenschaft. Leicht ist die Wissenschaft, schwer ist das Leben.« Da erscholl ein tierisches Stöhnen. Gulussa, der Schwarze, sang seinen melancholischen Nachtgesang in langgehaltenen, gebrochenen, grauen Tönen vor sich hin. Es klang wie das ferne Lachen und Weinen der Hyäne in der Wüste. Archimedes hörte es nicht mehr. Er war entschlummert. Am anderen Tage hatte Niko sich festlich geschmückt, für ihn, den sie verehrte. Es war, als wollte sie ihn betören, ihn blenden. Eine seltsame Schwärmerei. Dieser fremde Mann: die Götter hatten ihn ihr ins Haus gesandt. Eine sichere Ruhe lag in seinem Wort, und er war hochangesehen in der Stadt; er konnte sie schützen, die wehrlosen Frauen, in der Zeit der Not. Und er freute sich wirklich ihres Anblicks. Diese süße Weichheit im Angesicht, dieser Schmelz der Farben! dieser stille flehende Blick, in dem maßlose 232 Leidenschaft schlummerte! Dann kam auch Olbios, der wie geblendet stand. »Welch wundervolle Verwandlung,« rief er laut. Niko lächelte stolz, aber ihr Blick galt nur dem alten Manne. Ihr Haar stand hoch aufgebaut, wie ein Turm. In den schwarzen Ringeln lagerte eine silberne Schlange mit glutroten Augen aus Edelstein. Am schlanken Hals wiegten sich bunte Perlenkettchen als Ohrgehänge; so bunt war auch die Halskette, die bei jeder Bewegung klirrte. Das gestreifte Gewand glitzerte in Purpur und Grün und floß blumenhaft leicht geschmeidig an ihr nieder. Auf hohen Hacken ging der Fuß in Schuhen aus Schlangenhaut. Um Fuß- und Handgelenke aber lagen breite Kupferspangen, darauf man Löwen ziseliert sah, die mit züngelnden Drachen kämpften. »Sie schmückte sich für mich, mein Sohn, und nicht für dich,« lachte Archimedes. »Ich Alter steche dich aus bei ihr.« »Und mit Recht, Appa,« gab Olbios ehrlich zurück. »Aber so kann sie leider nicht bleiben. Kleide dich um, Niko; denn ich bin zu Pferde gekommen, und ich weiß, auch du bist Reiterin. Komm, laß uns reiten.« Sie warf den Kopf hoch. »Wollen einmal sehen, wie dein Ahab läuft.« »Er läuft wie Sturm,« rief sie. »Ihr guten Götter, du sollst es sehen. Reiten, reiten! Aber nein, ich will es nicht, ich darf es nicht.« »Glaubst du, deine Mutter würde dich tadeln?« »Nein, sie nicht, aber er, er, dein Appa, Archimedes!« 233 Archimedes aber sagte: »Du irrst. Ich wünsche es: du sollst mit Olbios reiten. Gönne ihm die Freude. Der treue Nubier begleitet euch. Ich wollte, ich könnte statt seiner der Dritte sein.« Schon saß Niko im schneeweißen Kleid und Burnus zu Pferde; schon trabten die drei über die Hochflächen jenseits der kalkigen Höhe des Euryalos hinaus. Schon begann das Hetzen um die Wette. Olbios hörte ihr schrilles Pfeifen und wie sie fremdartige Töne sang. Sie ließ ihn eine gute Strecke hinter sich. Dann stand Ahab zitternd, weil sie auf ihn wartete. Das währte so stundenlang. Es war eine Wonne. Sie sprachen wenig. Wozu auch reden? Plötzlich sahen sie Syrakus, die mächtige Stadt am Meer, zu ihren Füßen. »Da unten steht es toll,« sagte er da. »Was ist?« »Die ganze Stadt steht auf dem Kopf.« »Der Krieg?« »Jawohl: der Krieg hat begonnen. Hannibal stößt schon auf Genua vor.« »Hannibal!« »Denke! auch hier auf Sizilien können Karthager, können Römer landen; was dann?« Ein Fieber befiel sie. »Hannibal, der wilde, – endlich, endlich! Rom niederreiten. Er wird's. O könnt' ich ihn sehen, ihn sehen und seine Beduinen, die Römerköpfe auf den Spießen!« »Gottloses Mädchen! Barbarin! Niko, wenn dich Archimedes jetzt hörte! Hast du vergessen . . .? »Vergessen?« »Die Glut Afrikas schäumt in dir. Ich möchte wohl 234 deine Träume kennen. Du träumst nichts als Menschenblut und wilde Rache.« Da schreckte sie zusammen, hemmte ihr Roß und wandte es. »Ich will nach Hause,« sagte sie tonlos. Ihr Haupt fiel ihr auf die Brust; sie senkte es auf den Hals des Pferdes, und ihr gelöstes rabenschwarzes Haar mischte sich in die helle Mähne des Tieres. »Nie wieder reit' ich, nie, nie!« stöhnte sie auf. »Ich muß diese wilden Freuden, ich muß meinen Vater vergessen lernen; denn ich will Griechin sein. Ich muß werden wie eure Frauen.« Als sie die hohen Zypressen ihres Gartens von weitem sah, sprang sie ab, zerbrach die Reitgerte, führte das Tier an der Hand, liebkoste es und zog es selbst in den Stall. Olbios sah es mit Verdruß. Sie stand und sah dem Tier ins sprühende, große Auge: »Ich beneide dich, Ahab. Du darfst die Römer hassen, ich nicht. Käme ein Punier her, ihm würd' ich dich geben, daß er dich ins Gefecht reitet; du würdest springen und wiehern vor Kampfbegier.« Am folgenden Tag kam Olbios zu später Stunde, und nicht allein. Er brachte seine römischen Freunde mit. Er tat es ungern, aber er konnte es nicht verhindern. Es waren Rullus und Pansa , die Kaufherren; Rullus der Mensch mit dem schielenden Blick, barsch und verdrossen, Pansa dagegen wohlgestaltet, wuchtig von Wuchs, Schiffsinhaber vornehmsten Geschlechts und Sohn eines Konsularen. Beide Männer lebten als Gastfreunde in des Archimedes Haus, so oft sie nach Syrakus kamen; eben jetzt aber waren sie im Begriff, nach Rom zurückzukehren, und wollten 235 pflichtgemäß Abschied von Archimedes nehmen. Olbios lieferte für sie das Korn aus der reichen Ernte Siziliens für den Verbrauch Roms seit längerem zu Vorzugspreisen. Es ließ sich nicht hindern, daß Niko den Römern begegnete. Pansa sah sie, und sein dreister Blick haftete an ihr. Sie war auch heute schön gekleidet, und der niedergehaltene Sturm in ihrem Herzen, die schwermütige Stille in ihren Zügen machte sie noch entzückender für den Weiberkenner. Ein Widerwille packte sie, als sie den Blick auffing; sie verschwand und erschien nicht wieder. Olbios eilte ihr nach, entschuldigte sich in aufrichtigem und dringendem Ton und erklärte ihr alles. Auch entfernten sich die Fremden nach kurzer Zeit. Aber Niko vergaß den Römer nicht, und der Römer vergaß sie nicht. Acht Tage hatte Archimedes in Nikos Pflege gelebt. Der Mann im gelben Rock, der Arzt Menekrates, war oft dagewesen; er gestattete jetzt, daß Archimedes zu seinem Enkel nach Syrakus übersiedelte. Pansa hatte inzwischen mit schwerer Schiffsladung die Stadt verlassen. In Archimedes aber war ein Plan gereift. Er hatte mit seinem Enkel, er hatte mit Nikos Mutter ernste Zwiesprache geführt. Er wußte wohl: »Leicht ist die Wissenschaft, schwer ist das Leben«; aber er wollte trotzdem jetzt das Leben lenken. Die bedingungslose Verehrung, mit der das Mädchen an ihm hing, erwärmte ihm das Herz; er hatte sie lieb gewonnen und verstand ihre Sehnsucht. Jetzt stand er mit ihr am Strand des Meeres, wo sie ihn zuerst gesehen. Der Seewind ging stark. 236 »Ich muß euch verlassen,« begann er. »Mein Hiersein hat ein Ende. Aber ich will kein Ende. Du wolltest mit mir kommen, Niko, du tapferes Mädchen. Willst du es noch?« Sie erfaßte seine Hand in völliger Überraschung. »Olbios wird kommen und in der Sänfte mich heimholen. Ist dein Herz meinem Enkel freundlich gesinnt?« Sie stockte. »Du sollst ihm aber freundlich sein, da er mir teuer.« »Und ich bin es,« sagte sie rasch und laut und in aufrichtigem Tone. »So höre auch dies. Er ist unbeweibt und lebt in meinem Hause, und er verlangt nach dir.« »Er?« Das Blut trat ihr aus der Wange. »Du begreifst, daß du in meinem Haus nicht leben, des Olbios Hausgenossin nicht werden kannst, es sei denn, daß du sein Weib wirst.« »Des Olbios!« »So will es die Sitte, da du nicht seine Schwester bist.« »Da ich nicht seine Schwester bin!« Er legte den Arm um sie; sie lehnte sich zitternd kindlich an den Alten. Dann sprang sie mit flackerndem Auge weg: »Er ist Römerfreund? Ist er es nicht?« zischte sie. »Und ich . . .« Unverbesserlich! Archimedes rief ihren Namen. Da kam sie zurück, warf sich nieder, umfaßte seine Knie und flüsterte: »Rede weiter.« »Ich sage nichts weiter, Niko. Aber du sollst kommen; du sollst mir in meinem Stadthaus willkommen 237 sein an jedem Tag, so oft du mich aufsuchst. Werde langsam heimisch bei uns, und ein freundlicher Gott wird dein Herz lenken, da ich es nicht kann. Siehst du die Brandung? Hörst du, wie der Sturm heftiger herfegt? Morgen aber ist weithin alles still, und die See liegt wieder glatt wie ein Spiegel. So vergänglich ist alle trübe Leidenschaft. Du wirst den Frieden finden in meinem Hause.« * * * Drei Jahre waren seitdem vergangen. Nikos Herz hatte sich ergeben; sie war wirklich des Olbios Gattin geworden. Aber auch die Weltgeschichte draußen ging inzwischen ihren großen Gang und häufte Ereignis auf Ereignis. Hannibals Triumphe kamen. Niko hatte richtig geweissagt: Hannibal, der Punier, schlug die furchtbare Schlacht bei Cannä. Rom schien überwunden, und in Syrakus erstarkte sofort die Partei der Karthagerfreunde. Aber das hatte zunächst nichts zu bedeuten. Da kam die große Trauer über dich, Syrakus, du glückselige Stadt, und helle Tränen standen in deinen lachenden Augen. Denn Hieron starb. Über neunzig Jahre alt war König Hieron geworden. Man träumte, er würde ewig herrschen, und die Götter der Unterwelt wollten ihn nicht zu sich nehmen, damit Syrakus ewig glücklich sei. Denn all die Zeit hatte er den goldenen Frieden gesichert, jeden auswärtigen Konflikt geschickt verhütet; seine Stadt gedieh im Überschwang des Wohllebens und gesicherten Reichtums und übertraf eben jetzt an Volkszahl, Größe und Pracht unbedingt selbst Rom und Karthago, die kriegsgewaltigen Metropolen und Kraftzentren der westlichen 238 Welt. Mit der Trauer aber kam, was schlimmer war, die Ratlosigkeit; denn Hieron hinterließ keine männlichen Nachkommen. Der Rat der Senioren mußte jetzt im Sinn des Friedens die Bürger zu lenken versuchen. Aber eine feste Hand fehlte am Steuer. In der Volksversammlung wurden alle Gesetze und Maßnahmen votiert, und das Volk war launisch und unberechenbar; unberechenbarer noch Hierons fünfzigjährige Tochter Damarete, die in der Königsburg saß, ein eheloses Weib, gutherzig, wie man glaubte, aber voll Eigenwillen; sie war es, die die nahe der Burg und an den Toren kasernierten Söldnertruppen bezahlte; denn sie besaß als Erbin den Schatz des Königs. Den Bürgern blieb der Heeresdienst seit langem erspart; die 20 000 Söldner, angeworbene Leute von allen Mittelmeerküsten, hatten bisher für die Zwecke des bewaffneten Friedens genügt. Indessen organisierte schon Rom gegen Hannibal neuen Widerstand und verdoppelte die Zahl seiner politischen Agenten in Syrakus. Syrakus durfte sich nicht mit Karthago verbünden. Des Archimedes Haus lag stattlich und steil in drei Terrassen aufgebaut am sogenannten inneren Hafen. Der Herbst war gekommen; da begann ein Poltern und Rumoren im Haus, mit Kisten und Kasten, die von den Dienern sorglich gepackt, genagelt und mit Geschrei aus dem Haus über den weiten Kai aufs Schiff geschafft wurden; Kleider und Decken, kostbare Bücher und Instrumente der Mechanik waren darin. Der Segler sollte schon morgen den Anker lichten. Er war einer der letzten, der noch in See ging. Denn im Winter ruhte alle Schiffahrt, und schon lagen viele 239 Zweimaster und Fischkutter und Schaluppen abgetakelt auf dem Staden am Ufer fest für den langen Winterschlaf. Der Hausherr selbst hatte auf das Getriebe wenig acht. Er entließ eben sein Schreiberpersonal, saß in seiner großen lichten Bibliothek im hochlehnigen Sessel zurückgelehnt und hielt zwei Buchrollen in den Händen, Reinschriften seines neuen großen Werkes. Er wog die Rollen in den Händen, als ob der geschriebene Gedanke Gewicht hätte, und ein Aufatmen kam aus seiner Brust. Niko trat leise ein und sah das Wohlgefühl in seinen Zügen. Auf seiner Stirn standen die tief gegrabenen Furchen in stolz geschwungenen Bögen, wie Triumphbögen des Geistes. »Sieh her, Niko,« sagte Archimedes. »Aber wo hast du deinen Buben?« »Die Amme läuft mit dem Kinde.« Niko nahm die Bücher, entrollte das eine halb und bat: »Darf ich nicht mit meiner Hand die Unterschrift daruntersetzen? Ich bin zu schwach an Geist und ahne nicht, was du da Ungeheures errechnet hast: die unendliche Zahl. Aber Buchstaben malen hab' ich gelernt.« Und sie tauchte den Schreibstift in die Farbe und malte langsam und andächtig unter den Text die Worte: Archimedes, der Syrakusier, über die Zahl des Sandes, der den Erdball füllt. »Ist es recht so?« Archimedes korrigierte: nicht »den Erdball«, sondern: »der das Weltall füllt«. »Wer das verstünde!« »Wär' nicht der Kleine, wahrhaftig, ich würde dich 240 mit nach Ägypten nehmen,« setzte er munter hinzu und trat auf den breiten Altan, das Terrassendach des Unterstocks, hinaus, um nach dem Schiff zu sehen. Der Hafenplatz war voll Getöse wie immer. Welch unerschöpflich buntes Menschenleben! Er nahm im Geist Abschied von Syrakus. All die Kleinhändler, die Packleute, die zwiebelkauenden Matrosen, Bettler und Nichtstuer, die auf dem Bauch lagen und sich sonnten; dazu Neger und Berbern in roten Mänteln, Bauern in Schafsfellen, die große Ohrringe trugen; und das liebe trippelnde Weibervolk! all das Feilschen und Lärmen! Fischmarkt war. Auf den Ständen Polypen, Schildkröten, Tunfische und Delphine, aber auch Berge von Honigkuchen und Käse, und frische Trauben aus den Weinbergen in radgroßen, flachen Körben. Jenseits des Hafenbeckens aber lag die vorgelagerte stolze Insel Ortygia mit der hohen Königsburg und den strahlenden Tempeln. Dort drüben war Hieron gestorben. »Sieh,« rief Niko. »Jetzt dort! Von Ortygia her kommt die königliche Barke.« Pfeilschnell schoß ein schlankes Schiffchen daher. Die zwanzig Ruder spritzten. Der Bug schnitt hochmütig durch die blauen Wellen. Der farbige Baldachin mit den goldenen Tressen taumelte im Zugwind. Die Prinzessin kam über das Wasser aus dem Inselpalast, die Basilissa Damarete. Sie sahen sie aussteigen; acht Soldknechte in schwerem Erzpanzer voran, mit entblößtem Schwert; hohe Helmbüsche; dichte Visiere, durch deren Öffnungen die Augen rollten. Sie selbst trug das Haar im dunklen 241 Schleier; sie trauerte noch. Die langwogende Schleppe ihres herrlichen, sechsfädig gewebten schwarzen Talars schlug Wellen bei jedem Schritte, indem sie über den Platz fegte und alle Abfälle des Marktes, Holzspäne, Fruchtschalen, Traubenstengel und Fischflossen achtlos mit sich raffte. Zwei Zofen gingen hinter ihr und streuten Kupfermünzen. Da waren rohe Kerle, die lachten wüst: »Das ist die, die nie geboren hat. Sonst hätten wir einen Königserben.« Die Masse jedoch huldigte der Fürstin trotzdem unterwürfig, ja, mit freudigem Gemurmel. Denn der Märchenglanz des Königtums umschimmerte sie noch. Damarete war die letzte ihres Stammes. Sie nickte nur mechanisch mit ihrem großen Kopf, wie ein Gaul, der eine schwere Last zieht, sah sich nicht um und ging mit großen Schritten vorwärts; die spitzen Knie formten sich im Gewande. »Will sie Fische kaufen?« flüsterten die Spötter. »O nein! Sie rennt zum Archimedes. Für den Sterngucker ist sie alt genug. Was will sie bei ihm?« Niko trat ihr gleich entgegen. »Ah! unsere Afrikanerin!« sagte die Basilissa. »Nicht Afrikanerin, nein, Griechin,« verbesserte Niko errötend. »Ist es wahr? er reist?« »Er ist auf deinen Besuch nicht vorbereitet, Herrin.« »Einerlei!« Sie drang schon die schmale Marmorstiege hinauf und stand vor dem Alten. »Verzeih, Freund. Müßig? Wo ist dein Rechenbrett? Man sagt, den Sand der ganzen schrecklichen Sahara hast du ausgerechnet. Aber heute störe ich dich 242 nicht bei solcher Arbeit. Du willst fort? Darum komm' ich. Du sollst nicht reisen.« »Ich . . .« »Du sollst nicht reisen, sag' ich!« Ihr Ton hatte etwas Stoßendes, Bellendes. Er hatte aufzustehen versucht; aber sie drückte ihn freundlich gewaltsam auf seinen Thron zurück und warf sich auf eine Bank, die Knie übereinandergeschlagen. Ihr Schleier und Mantel fiel zurück; da sah man den Dolch an ihrem Gürtel. »Wohin den Mantel? Bitte, Niko, häng' ihn dort über das Gestell.« Das Gestell war nichts Geringeres als der Weltglobus, die berühmte »Sphära« des Archimedes. Die Reisenden kamen von weither, um das erstaunliche Werk zu besichtigen. In der Nische, die sonst für Götterbilder bestimmt war, hatte der Gelehrte seine Sphära aufgebaut, ein Abbild des Planetensystems, wie es die damalige Astronomie sich dachte: gleichsam eine leere Kugel aus Luft; an Stäben waren die Drähte befestigt, die in Kreis- oder Ellipsenform das gedachte Weltall rings umspannten und umflochten. An den Drähten hafteten verschiebbare goldene Kugeln; die Sterne, auch der Sonnenball wandelten da in Riesengröße als Planet, die kleine Erde bildete den Mittelpunkt des Ganzen. Niko hatte gezaudert zu gehorchen. »Ein schrecklicher Anblick,« rief da Damarete. »Das Gerippe des Himmels! Alle Götter ausgetrieben. Die Welt wird zur Maschine.« Niko verdeckte das Werk mit dem Mantel. 243 Archimedes lachte kurz auf: »Nun begreifst du, weshalb ich nach Alexandrien fahren will, wie ich es ja schon oft getan: weil ich hier bei euch kein Verständnis finde für mein bißchen Gedankenleben. Du selbst beweisest es mir! Freilich, dein großer Vater dachte anders.« »Mein großer Vater! Geh' mir! der Schwächling, der dir alles zuliebe tat! Ich vergess' es nie. Ein neues Königsschiff hatte er sich erbaut, das berühmte Prachtschiff des Hieron. Wir bekränzten es mit Rosen und wollten es einweihen bei gutem Winde zu einer Vergnügungsfahrt; wir freuten uns schon lange darauf. Da kamst du und sagtest: ich will euch zeigen, daß das Schiff auch über Land laufen kann! und mit Hebeln und greulichem Maschinenwerk wurde es wirklich eine Stunde lang landeinwärts das Tal hinaufgeschafft. Wir saßen darauf und schimpften. Eine qualvolle Stunde das! Ebenso der Goldkranz, das Wunderwerk der Schmiedekunst mit Blumen und Traubenranken aus Silber und Gold. Wir Kinder schenkten den Kranz unserem Vater. Da kamst du und sagtest: ist er auch echt? und er gab ihn dir; du zerbrachst ihn, um das Gewicht des Goldes und Silbers nachzuwiegen und mit dem Wassergewicht zu vergleichen. ›Ich hab's gefunden!‹ riefst du, als sei das etwas sehr Wichtiges. Wir vergingen vor Ärger Es handelt sich um die Entdeckung des spezifischen Gewichts. Daher das »Heureka« (»ich hab's gefunden«) des Archimedes. . Mir genügt zu wissen, daß Gold im Wasser nicht oben schwimmt. Neulich fiel mir mein goldener Ohrreif ins Meer: da rief ich nicht dich zu Hilfe, sondern einen Taucher. Ohne den Burschen hätt' ich das Ding 244 nicht wieder. Dreimal drei ist neun, gut. Aber sonst? dein ewiges Rechnen, was nützt es, frag' ich?« »In Alexandrien wird man mich nicht so fragen. Da sind meine Mitarbeiter und Freunde. Ihre Briefe rufen nach mir. Ich muß sie sehen.« »Du mußt? warum? Ich habe für Syrakus zu denken. Der Krieg droht uns, und ich brauche dich. Du sollst helfen.« »Wer glaubt an Krieg?« »Karthagische Gesandte sind da. Sie kamen heimlich auf griechischem Schiff. Es sind so viel römische Spione in unserer Stadt, daß ich die Ankömmlinge in meinem Palast verberge. Hannibal fordert das Bündnis von Syrakus. Ruhm und großer Gebietsgewinn, das ganze Land Kalabrien wird uns verheißen, wenn wir mitgehen. Hannibal selbst rückt eben auf Rom. Der Moment ist günstig. Ich konnt' es nicht verhindern, daß die Gesandten auch in die Kaserne zu den Söldnern drangen, und die jubeln; sie hassen Rom und drängen zum Losschlagen. Aber die Sache wird auch schon ruchbar in der Stadt . . .« »Weib! Weib! Die Soldateska hat dich in den Händen. Wenn Krieg kommt, kommt er durch dich.« »Beleidige mich nicht!« Auf dem Tisch lag ein metallener Zirkel. Sie griff nach ihm und brach ihn mitten durch. Ihre Lippen bebten. »Täglich bete ich zu den Göttern, daß sie das Schreckliche abwenden. Jetzt aber handelt es sich nicht um mich, sondern um dich. Wozu hast du dein Wissen? deine Maschinenkunst? Es ist deine Pflicht hier zu sein, wenn es losbricht. In den Kasematten stehen Geschütze. Lehre sie 245 uns brauchen. Baue neue. Ich verlang' es, der Staat verlangt es von dir.« Archimedes nahm den zerbrochenen Zirkel und sagte ruhig: »Warum zerbrachst du ihn? Du siehst, daß du nur Unheil stiftest. Die Geschütze, von denen du sprachst, baute ich selbst dereinst, als ich noch Jüngling war, für deinen Vater. Es war Spielwerk, Probewerk, Experiment, weiter nichts. So dachte Hieron, so ich. Höre mein Gelöbnis: eher möge meine Hand verdorren, mein Auge erblinden, als ich einen Geschützbogen spanne, der dem Kriege dient. Der Geist der Neuzeit lebt in mir, und nur dem Hochgedanken der Philosophie hab' ich mich geweiht; er lebt in mir, er reinigt das Gehirn, und ich kann ihn in mir nicht erdrosseln. Und ob das rohe Gesindel sich mordet und der gemeine Rassenhaß sich sättigt mit Blut, es gibt noch Stätten der Zuflucht für die, die ihre Hände rein erheben und die Predigt in die Welt rufen: die Menschlichkeit ist der Friede. Liebet euch, Menschen, und suchet einander und wetteifert im Fleiß und in der Guttat und jeder Tugend. Schande über die, die dies wissen und nicht befolgen.« Damarete reckte sich hoch, und ein überlegener Blick traf den Redner: »Das klingt ausgezeichnet,« sagte sie. »Du solltest so zu dem rohen Gesindel sprechen, nicht zu mir.« »So laß die karthagischen Männer augenblicks abfahren, dorthin, woher sie kamen. Sind aber Staatsgeschäfte Sache der Frauen? Ein Staat ist schwer zu lenken. Laß du die Hand vom Steuer, rat' ich dir. Eine Reise täte dir gut, wie mir. Fahre mit mir an 246 den frommen Nil, und Syrakus wird für sich selber sorgen.« »Du verkennst mich. Ich bin die letzte königlichen Bluts. Ich stehe und falle mit Syrakus.« »Aber Syrakus nicht mit dir!« Mitleidslos kam das Wort von des Archimedes Lippen. Sie wandte ihm den Rücken, um zu gehen. Plötzlich hörte man vom Hafenplatz ein Rufen, ein dröhnendes Murmeln angesammelter Volksmassen, das sich steigerte bis zum Tumult. »Hier im Haus, hier im Haus!« schrie man. Was gab's? Im Theater war große Volksversammlung, und aus dem Theater strömte es, Massen auf Massen, in wilder Unruhe herbei. Und schon stand Pansa, der Römer, im Gemach, Pansa mit Olbios. »Verzeih, edler Freund, verzeih auch du, Fürstin,« begann er, »wenn ich so ungerufen zu euch eindrang. Meine Liebe zu dieser Stadt treibt mich zu euch. Karthagische Männer gehen um; sie hetzen die Söldner auf. Nicht geheim; durch alle Gassen schleicht schon das Gerücht. Ich eilte zur Volksversammlung, wo man harmlos über Wasserleitungen und den Erlaß der Zölle beriet. Da wurde die Sache plötzlich ruchbar, und alles schrie gleich durcheinander. Ich trat auf und redete: ›Im Namen Roms, nehmt euch in acht, rief ich. Draußen ist Krieg, aber er berührt euch Syrakusaner nicht. Was kümmern euch die Schlachtfelder Italiens? Rom wirbt nicht um euch; Rom verlangt kein Bündnis von euch; Rom will nur, daß Syrakus sich ruhig hält. Wollt ihr unter euch die punischen Hetzer 247 dulden, so wißt: die römischen Kohorten stehen in Palermo; ein Marsch von zwei Tagen, und sie sind hier.‹ So ich. Gleich warf das Volk die Hände hoch und schrie aus vollem Halse: Friede mit Rom! Nur einige Lärmmacher sprangen auf die Bühne und forderten: ›Die karthagischen Gesandten her! Wir wollen auch die Karthager hören.‹ Der Vorsitzende aber hob rasch die Versammlung auf. Das Volk ist verständig, aber es fürchtet sich, Damarete, vor deinen Söldnern.« Die Königstochter trat sofort entschlossen auf die offene Brüstung. »Die Basilissa!« schrie das Volk, reckte die Köpfe hoch, und es wurde still; und über den weiten Hafen scholl die sonore Stimme der mutigen Frau: »Mitbürger! Die Gesandten Hannibals fanden Schutz bei mir. Unter meinem Schutz werden sie wieder abreisen, noch heute. Syrakus ist frei. Muß ich es euch sagen? Syrakus ist nicht Rom. Wir sind mit Rom, aber wir sind auch mit Karthago befreundet. Wozu die feige Angst? Wir halten Frieden, solange der Friede uns nützlich scheint. Ich stehe für meine Söldner. Unser Schwert trifft nur den, der unseren Frieden bedroht. Wer unter euch denkt anders?« Ein Raunen der Zustimmung kam aus der Masse. Dreimal sprach Damarete so. Die Zustimmung wuchs zu stürmischem Beifall. Dann verlief sich alles. Indes war Rullus ins Gemach getreten, Rullus, der Römer, der Mensch, der schielte; es war der Mann mit dem bösen Blick. Der war Zeuge, wie Pansa eben hastig zu Niko trat. Auch Olbios, der junge Gatte, stand daneben, und Pansa hob an: 248 »Einst waren wir Gäste dieses Hauses. Seit die schöne Niko in diesem Hause herrscht, dürfen wir nicht mehr unter dem Dach des Archimedes wohnen. Was hab' ich begangen? Ich muß es wissen.« »Begangen? nichts,« stotterte die junge Frau. »Niko will uns nicht,« grunzte Rullus und warf sich in einen Stuhl. »Ist es Römerhaß?« ging Pansas Rede weiter. »Wozu der Unfriede, holde Frau? Glaubst du nicht, daß es mich kränkt? und ist das deine Liebe zu Olbios? Olbios, wer weiß? er wird noch meine Freundschaft brauchen; soll er sie verlieren?« Es klang drohend. Sie sah ihn starr an. Olbios kam ihr nicht zu Hilfe; gewiß, er dachte ebenso, er dachte wie dieser Römer. »Aber es war nur Scheu in dir, Niko; wie kann ich zweifeln?« fuhr Pansa in einem fast schmeichelnden Tone fort und ergriff ihre Hand, die sie ihm mit Mühe entzog; sie fühlte, es war eine wuchtige Hand, die Hand des Römers. »So sag' ich dir, beim allgewaltigen Jupiter, ich bin euch gut gesinnt, und die Furcht ist närrisch, die du vor uns hegst. Sage ja, daß du mich nicht kränken wolltest, sage ja, Niko!« Sie stammelte »ja« und sah hilflos auf Olbios, der aufgeräumt und voll Beifall in die Hände schlug. »Zehn Tage noch, und wir fahren ab, von Syrakus nach Neapolis. Bis dahin laßt uns, Rullus und mich, wieder der eure sein, wieder euer Gastfreund sein, wie bisher. Ich bitte um die alte Freundschaft dieses Hauses, auf die ich Wert lege.« 249 Jetzt ließ sie ihm ihre Hand. »Niko widerspricht nicht, und ihr seid uns willkommen,« rief Olbios voller Zutrauen; über des Rullus Gesicht ging ein Grinsen, als freute er sich des Erfolges. Da fing Pansa plötzlich großtönig zu dozieren an: »Daß mancher hier am Ort auch für Karthago ein Herz hat, das begreifen wir Römer. Warum sollten wir nicht? Dein Vater, Niko, war Karthager. Aber es ist schade um die herrliche Stadt. Denn wir werden sie sicher zerstören, daß kein Stein mehr auf dem anderen steht. Was nützt ihr der Trotz? Man soll nicht trotzen, Niko, wo man lieben kann! und es ist mit den Staaten so, wie mit den Menschen. Erst Kampf, dann Liebe. Rom der starke Mann, Karthago das schwelgerisch rassige Weib! Vor dreißig Jahren hat Rom seine stolze Gegnerin schon einmal besiegt und geschont. Jetzt könnte Karthago unsere Freundschaft genießen, wenn es sich hingäbe, wie es dem Weib geziemt. Allein es trotzt und geht an seinem Haß zugrunde.« Welch seltsam aufreizende Worte! Niko fühlte ihre Knie zittern; sie war wie betäubt. Pansa zehn Tage ihr Gast, indes Archimedes fort ist! Eben jetzt? Welch sonderbare Fügung! Aber Olbios wünschte es selber so. Und »Trotz und Liebe?« Trotz und Liebe? Was sollten die Worte? Währenddessen war Damarete mit Archimedes wieder allein. Archimedes lobte: »Du hast verständig gesprochen, Basilissa.« Sie aber trat dicht an ihn 250 heran. »Was soll mir dein Lob?« zischte sie. »Ein Vaterlandsverräter, wer jetzt seine Heimat verläßt, da er ihr helfen könnte!« Da packte den Alten der Jähzorn, und in unerhörtem Hochmut kam es heraus: »Vaterland? was ist Vaterland? etwa dieser sizilische Erdenwinkel? dies Rattenloch der Genußsüchtigen? Mein Vaterland ist die Welt, und der denkende Geist kennt keine Grenzen, wie das Licht keine Grenzen kennt. Überall, soweit die griechische Zunge klingt, vom Euphrat bis zu den Säulen des Herkules, überall ist meine Heimat; überallhin drang längst mein Name, und überall heißt man Archimedes willkommen. So groß ist mein Vaterland, und ich werde es nicht verraten. Mögen die Politiker die Völker verhetzen; ich aber lasse mir meine Kreise nicht stören, die Länder und Meere umspannen. Und warum ich nach Ägypten will? Ägypten das Land, wo die Gelehrten und Priester sind, die mich verstehen, das Land, wo selbst die Steine Weisheit predigen! Ich sage es dir noch einmal: deshalb trage ich meine Bücher dorthin; hier in Syrakus würden sie ungelesen vermodern. Wissenschaft ist Gottesdienst; sie kennt nicht Freund, nicht Feind, und für die zukünftigen Jahrtausende muß ich alter Mann retten, was ich in Einsamkeit hier ersonnen. Darum geh' ich.« »Und kommt indes Rom über uns?« »Und ob der Ätna losbricht und Syrakus verschüttet, ich werde trauern um diese Stadt, aber meine Lebensarbeit soll sie überleben; denn sie ist für die Menschheit getan.« 251 »Hochmütiger Mann, würdest du so auch zu meinem Vater sprechen?« »Gewiß nicht, denn er war nicht wie du. In dir ist ein wilder Trieb. Gestehe! es juckt dich nach Erleben!« Da krachte es. Damarete stieß den schweren Schemel mit dem Fuß, daß er gegen die Tür prallte, die aufflog. »Du wirst es bereuen,« schrie sie. »Wärst du nicht Archimedes, meine Soldaten würden dich gefangen setzen.« Archimedes lachte. »Und ob ich vor dir kniete, du würdest nicht nachgeben?« Archimedes zuckte die Achseln und geleitete die Fürstin hinaus. Denn sie ging. Unten im Säulenhof trat ihr Niko mit einer Fruchtschale voll Trauben entgegen. »Geh nicht im Zorn,« sagte sie, »und geh nicht ohne ein bescheidenes Gastgeschenk. Die Trauben reiften in unseren Gärten.« Damarete sah Niko freundlich an: »Du hast etwas, was mich lockt, junges Weib. Ich hoffe, wir wollen uns öfter sehen, wenn dieser weise Mann am Nil über den Büchern sitzt. Da sind meine Dienerinnen; sie mögen die Früchte tragen.« »Und darf ich auch dich um ein Geschenk bitten?« fuhr Niko fort und streckte die Hand. »Gib mir deinen Dolch, Herrin.« Da blickte die Fürstin erstaunt und lachte: »Du willst mich wehrlos machen?« löste die persische Waffe vom Gürtel und gab sie hin. Die Frauen sahen sich an, ihre Augen versenkten sich ineinander, und sie küßten sich. 252 Die acht Soldknechte der Basilissa waren indes verschwunden. Sie saßen in der nächsten Schenke; man hörte ihr rohes Singen und Würfelschlagen, und Archimedes ging persönlich über den Platz, um sie zu holen: »Da hast du deine Leute, die mich gefangen setzen sollten. Leb' wohl, Tochter Hierons,« fügte er ernst hinzu; »leb wohl, und der Friede sei mit dir!« »Die Reue sei mit dir,« gab sie scharf zurück. Sie blickte finster und in Trauer. »Die Götter geben, du denkender Geist, daß ich dich nicht wiedersehe oder anders als heute.« * * * Ein Tageslauf verging. Es war die Mittagsstunde. Archimedes war abgereist, Olbios noch nicht wieder im Haus zurück. Niko hatte mit ihren Mägden gespeist; sie ging mit müden Füßen in ihr Frauengemach, wo auch das Wiegenbett des Kleinen stand, schickte die Amme fort und wollte ruhen. Ihr Lager stand im Halbdunkel; der blaue Betthimmel fing das Licht ab. Draußen war ein einschläferndes Rauschen; der Brunnen im Hof plätscherte wie alle Tage; aber auch der Herbstregen warf sich ebenmäßig auf die hohen Dächer, und aus den Traufen stürzte das Naß. Die Fensterläden standen offen, und die Feuchtigkeit und ein reger Hauch schwellenden Rosendufts wogte herein; denn die Kletterrosen draußen blühten noch. Auch die Dienerschaft ruhte zu dieser Stunde. Aus der Küche scholl noch ein letztes Klappern der silbernen Teller, ein verlorenes Lachen der naschenden Küchenjungen. Dann war tiefste Stille, tief, abgrundtief. Niko lauschte. Sie hätte gern geschlafen. Kleider und Haar 253 hatte sie sich gelöst. Aber sie sprang auf. Sie wußte nicht warum? Ein Schluchzen befiel sie in der leeren Einsamkeit. Der Knabe lag so still in seinem Bettlein. Hanno nannte sie ihn, nach ihrem Vater. Sie kniete vor dem Kinde hin und horchte auf seinen Schlaf. Sein Atem ging so ruhig! sie durfte ihn nicht stören. Dann warf sie sich vor das düstere Götterbild (es war Tanit, die starre karthagische Göttin, die aus Porphyr gehauen götzenhaft in der Nische stand), hob die Hände in verlorener Stimmung, in dämmernden Gedanken, in ratlosem Gebet. Die Göttin rührte sich nicht. Mochte ihr Herz in Angst vergehen! Die Himmlischen hatten anderes zu sorgen. Unstet sank sie wieder auf ihr Lager, in die schwellenden Polster, und ihre Gedanken jagten sich. Der Abschied! heute in der Frühe! Mit starkem Wind war das Schiff aus dem Hafen. Die See ging hoch. Die Wellen stießen es fort nach Osten, ins Unbekannte, ins Unerreichbare. Bangte sie um den Alten? Warum sollte sie um ihn bangen? Der Arzt Menekrates fuhr ja mit ihm und würde ihn sorglich hüten. Aber sie sehnte sich nach dem, der nun fort war. Wie beglückend war es, ihm zu dienen, wie fremdartig schön, seinen Gesprächen zuzuhören! Ja, war er da, so fühlte sie sich sicher, sicher vor sich selber. Nur vor sich selber? Groß war am Hafen der Menschenauflauf gewesen. Sie sah noch alles im Geist: wie die Kisten in den Schiffsboden kollerten, daß es dröhnte, die Seile anzogen, die Matrosen schrieen, wie Archimedes das steile Brett betrat, um ins Schiff zu treten, dann umkehrte, 254 sie, Niko, noch einmal auf beide Wangen küßte und mit verschleierter Stimme sprach: »Hüte mir den Knaben, Niko, und du, Olbios, hüte mir dein Weib. Im Schoß der Zukunft ruhen tausendmal tausend Jahre. Millionen Frühlinge harren darauf, erlebt zu werden. Nur noch einen von ihnen schicke uns Zeus, da ich gelassen in euren Armen sterben darf. Wann kommt die Stunde, da wir sagen: »Das Endliche endet, und endlich hebt an die Unendlichkeit?« Alle Diener weinten und küßten sein Gewand; Gulussa, der Nubier, heulte laut. Archimedes streichelte jedem Haar und Wange. Da kamen auch Pansa und Rullus – sie durften nicht fehlen – und viele Ratsherrn und Kaufherrn und von den Handwerksvereinigungen die Altmeister und der Bartscherer selbst. Nur eine fehlte: Die Basilissa kam nicht auf ihrer Barke. Da war es, daß Pansa allein vor Niko stand und ihre Hand faßte: »Weine nicht! Du bist zu schön zum Weinen.« Das sagte er; sie hörte es noch; und weiter: »Archimedes geht, aber wir sind noch da, und wir wollen versuchen, so weise wie er zu sein. Heiterkeit verschönt, Niko, und ich fordere Freundschaft, du weißt es. Ich fordere. Ich bin Römer und bin gewohnt zu fordern, wo ich fordern darf.« Das etwa war's, was der Mensch sagte. Sie hörte ihn noch deutlich, den andringenden, den heischenden, den herrischen Ton. Und Rullus schielte herüber. In ihrer Verwirrung sah sie nicht, daß Archimedes schon im hohen Schiffe stand. Das Brett war weggezogen. Die Schiffsflöte schrillte. Die bunten Segel fluteten auseinander und flogen hoch. Die 255 Ruderstangen stießen das Wasser. Da stand der Gute und entschwebte langsam, ein Gottesbild in den Händen, indes der Schiffsleib sich seitlich warf und mächtig zu kämpfen begann und der Bug im Schaum sich hob, als wollte er über den Abgrund springen. So war es gewesen. Sie hätte sich gern ihm noch einmal ans Herz geworfen. Und Olbios? Olbios wollte jetzt hier sein. Warum kam er nicht? Er war so treu, zartfühlend und arglos heiter. Aber er war so anders! Sie liebte es emporzuschauen. Aber sie sah nicht an Olbios empor. Er war nicht mehr als sie. Wo er nur blieb? und wo war der Dolch der Basilissa? Er lag dort hinten im Schmuckkasten, am Spiegel bei dem Silberkamm, den sie sich aus dem Haar gelöst hatte. Wie der Regen rauschte! einschläfernd! Aber da war ein Klappen, das sie hörte. Irrte sie? Der Riegel des Vorgemachs war aufgestoßen. Das mußte Olbios sein. »Bist du da?« rief sie halblaut und im Halbtraum lallend, in lockend süßem Ton. Sie fühlte es eben jetzt tief, wie sie Olbios lieb gewonnen. Warum antwortete er nicht? Schwere Schritte taumelten über den Teppich. Sie blickte bestürzt mit offenem Munde zur Tür und fuhr aus den Kissen mit gellendem Schrei. An beiden Handgelenken fühlte sie sich gepackt: »Da bin ich! Schreie nicht. Es nützt dir nichts.« Pansa! Heiß und voll Weindunst ging sein Atem; gierig seine Blicke, sein Kuß. »Schande! Bruch des Gastrechts! Niedertracht!« Er zwang sie nieder, wie sie war, so daß sie Knie an 256 Knie saßen. »Dein Zorn ist wundervoll, aber du sollst mich lieben.« »Hassen! Es ist dein Tod!« schrie sie auf. »Olbios, Olbios kommt. Wenn er kommt . . .« »Er kommt nicht. Auch fürchte ich ihn nicht. Rullus hält Wache vor dem Haustor mit meinen Dienern.« Da kam es wie Ohnmacht über sie, und sie sank zu Boden. Auf dem Leopardenfell lag sie in ihrer Schönheit. Welch ein Anblick! Er rief sie mit Namen und wollte ihr langsam emporhelfen. Da sprang sie plötzlich auf ihre Füße, wie die gefangene Wildkatze, wenn ein Gitter sich öffnet, rasend die Freiheit sucht, und stand aufrecht vor ihrem Spiegel. Er ihr nach. »Was soll's?« Sie ordnete mit fliegenden, blassen Händen ihr gelöstes Kleid und griff in ihr Haar. »Ich suche meinen Kamm.« Er stand dicht hinter ihr. »Wozu der Kamm? Zauberin, Hexe im fließenden Haar! Sei gut! Keine Gewalt! Ich führ' dich nach Rom. Olbios muß dich geben. Hätt' ich hundert Augen, dich zu sehen!« Der Kamm, der silberne, fiel zu Boden. Pansa bückte sich danach; es war unwillkürlich, daß er das tat. Im selben Augenblick schrie er ächzend auf; ihr Dolch war ihm tief in den Nacken gefahren. Der Dolch der Basilissa! Sie hatte ihn rechtzeitig gefunden. Er taumelte zur Wiege, wo Hanno, das Kind, lag. Das Kind wurde mit Blut bespritzt. Römerblut! »Punische Hündin!« schrie er und schlug machtlos blind um sich. Sie verkroch sich hinter den Vorhang, 257 den Stahl in der Hand, mit aufgerissenen Augen und schlotterndem Gebein. Draußen hatte man das Geschrei gehört; schon stieß Rullus die Tür auf; blutend stürzte Pansa hinaus, und durch des Archimedes friedliches Haus scholl der wilde Lärm, wahnsinniges Getöse. Mord! Mord! Olbios war gekommen. Sein Hausgesinde strömte ihm nach. »Waffen her!« Zwölf Leute gegen die drei Römer! Da sah man Niko. Sie stand in der Tür, zähnebleckend vor wilder Angst, und schrie: »Lebt er noch? Würgt ihn; er soll sterben!« Olbios begriff, was geschehen. Aber das Messer in seiner Hand sträubte sich; er stieß nicht zu; ihm graute, und er rief schmerzvoll nur: »Pansa, Pansa, das tatest du mir!« Der Gerufene lehnte todesblaß kraftlos an der Säule. Rullus suchte ihm zu helfen. Da stürzte sich Gulussa, der Schwarze, auf Pansa und erdrosselte ihn mit seinen Tatzen. Er hätte auch noch den niederkollernden Leichnam mit seinen Nägeln zerfleischt, hätte Olbios ihn nicht weggestoßen. Die Römer bargen die Leiche. Des Rullus Stimme aber erklang: »Wir wissen, wer die Mörderin war. Roms vornehmster Mann! Rom wird Rache nehmen. Syrakus soll es erfahren.« Der Lärm verklang. Ratlos stand das Gesinde. Olbios wußte, was folgen würde. Er setzte sein Haus in Verteidigungszustand. Aber Niko flehte ihn an: »Hier nicht! Laß uns nach Ortygia. Zur Basilissa bring' mich!« Und sie retteten sich rechtzeitig auf die Königsburg. 258 Römer und Römlinge! sie waren zahlreich, trefflich national organisiert und imponierten durch ihr dreistes Auftreten gewaltig. In vielen Straßen, durch die Stadt verteilt, wohnten einzelne reiche römische Herren, die zahlreiche Klienten hatten und ihre Kundschaft, ganze Gruppen der städtischen Bürgerschaft, nach Belieben gängelten und lenkten. Wie mit der Hetzpeitsche trieb jetzt Rullus alle Römer und Römlinge in den Gassen zusammen: »Ein Römer ermordet! Pansa umgebracht! Rom beleidigt! Rächen wir ihn!« Wie ein Rudel reißender Wölfe stürzte die Schar daher. Da sie des Archimedes Haus leer fand, strömte sie mit wildem Geheul gegen das Karthagerquartier, das am Südufer des großen Hafens lag, und es kam, was kommen mußte. Längst glommen die Funken, jetzt schlugen die Flammen auf: ein punischer Krieg in Syrakus' Mauern. Die punischen Krämer, Fruchthändler, Leder- und Farbenhändler, Juweliere, Schuster und Schneider verschanzten sich in ihren Buden und Speichern, umsonst. Die Angreifer waren die Stärkeren, und schon begann das Plündern. Aber die schwarzäugigen Semiten, die Männer mit den langen Bärten, kochten vor Wut; sie stachen mit Messern. Das Blutvergießen hatte begonnen. Da sandte Damarete mit Zustimmung der Stadtältesten ihre Söldner zur Hilfe. Mit stampfendem Schritt, mit Wucht und Behagen fuhren die eisernen Schwerbewaffneten dazwischen. Sie hatten endlich, was sie wollten: Krawall und Kampf, zogen ihre langen Schwerter und hieben blindlings auf die 259 Plünderer ein. Die Sache war rasch erledigt. Leichen bedeckten den Boden; auch an die zwanzig Römer, Stadtbürger Roms, waren gefallen. Mit Mühe entkam Rullus selbst dem Verderben. Hundert Soldaten blieben zur Bewachung des Quartiers zurück. Als die Nacht einsetzte, waren alle Straßen still und dunkel, und der Friede schien gesichert. Die Nacht war sternenlos. Niko und die Fürstin standen wie Freundinnen aneinandergelehnt auf dem Dach der säulengetragenen Palasthalle und horchten hinaus. Damarete trug wieder ihren Dolch am Gürtel; Niko gab ihn ihr zurück, den Dolch, der das erste Blut vergossen, der allen Unheils Anfang war. »Das Verhängnis naht, ich weiß es,« sagte Damarete ernst. »Die böse Kriegsfurie lauert hinter der schwarzen Nacht. Schreckt es dich? Mich nicht. Was ich getan, war recht; die Frechen sind gezüchtigt.« »Du liebst Rom nicht?« fragte Niko schüchtern. »Ich hab' es im stillen immer gehaßt.« »Trotz deinem Vater?« »Die wenigsten ahnen, was der König, mein Vater, seit Rom sich mit dem ersten Sieg über Karthago brüstete, gelitten hat und was ich hier Übles im Palast in den letzten zwanzig Jahren mit angesehen habe. Die römischen Senatoren schickten ihre ungewaschenen Söhne zu uns, oft auch nur ihre Kammerdiener und Klienten; die machten sich breit als Vertreter Roms und als ständige Gäste an meines Vaters goldenen Tischen und taten, als wären sie die Herren. Mißbrauch seiner Güte! Wenn sie die Nase rümpften, wenn sie nur mit den Brauen zuckten, zuckte auch er 260 zusammen und lächelte Gewährung. Unwürdig eines Königs, unwürdig unseres alten Ruhms. Friede um jeden Preis, das war seine Losung. Das wußten diese Herren, und sie prahlten: ›Syrakus ist der Widder mit dem goldenen Vließ; wir werden den Widder nie umbringen, um sein Fell zu haben; es ist besser, ihn öfter zu scheren und am Leben zu lassen.‹ Mein müder Vater tat, als hörte er es nicht, und lächelte wie immer. Er sorgte nur, daß das Gold, das Gold nicht fehlte. Und ich? ich selbst! Ich war auch einmal jung und schön, glaub' es mir, und ich erzähle dir alles. Ich liebte Myrtilus , unseren Truppenführer, der aus Sparta stammte; ich wollte ihn zum Manne, nur ihn. Aber Hieron verbot mir die Ehe. Warum? weil Rom sie nicht wollte; Hieron sollte keinen waffenfrohen Eidam haben, keinen Eidam, der ein Kriegsmann ersten Ranges war. Myrtilus verschwand. Über den Tisch hin höhnten mich die Laffen da unverschämt mit seinem Namen: ›Holde Damarete, wo ist dein Myrtilus?‹ Seitdem blieb ich eingeschlossen in meinen Gemächern: aber ich bin heut noch Soldatenfreundin wie einst, und auch die Truppe liebt mich, und das Messer ist mir vertraut.« Der Nachtregen vertrieb jetzt die Frauen vom Balkone. Da schritten sie stumm durch die Prunksäle des Palastes; die Diener kamen und entzündeten die Lichter. Im Thronsaal fünf fünfzigarmige Marmorkandelaber in Palmenform mit hängenden Lampen, die als Früchte in den Wipfeln glühten. Überall weich schillernde Teppiche; skulpierte Tische; die Wände Elfenbein und buntes Glasmosaik in großen Feldern; in 261 den goldenen Säulenkapitellen Blumen aus Topasen und Amethysten: die Blüte des Schönsten, was die griechische Kunst je ersonnen, blendend reich, aber durch den feinsten Feinsinn geadelt. Und jetzt? Die Schatten vergangener Größe lauerten in den Nischen und gähnenden Hallen. Wie leer, wie ausgestorben alles, wie zwecklos und melancholisch! Da standen auch die edlen Statuen der griechischen Weisen in stummen Reihen. Was war aller Weisheit Ende? Der Tod. »Hier ich , als Einsiedlerin!« raunte Damarete. »Der Mensch baut, und die Öde zieht ein. Begreifst du, daß ich mich nach dem Tod sehne? Aber erst leben, dann sterben! Ich brauche ein Erlebnis.« Die Frauen schliefen wenig. Als Niko am anderen Morgen in die Gartenhalle trat, stand die Basilissa im Prachtgewand vor ihr; den goldenen Laubkranz im Haar; sie hatte etwas Stilles im Ausdruck, was Ehrfurcht weckte. Sie war schon im Gotteshaus gewesen, um der großen Göttin Artemis, der Schutzpatronin, zu opfern und hatte dann lange einsam im Allerheiligsten der Tempelhalle verweilt, die durch Oberlicht erhellt war und wo an den hohen Wänden die Bildnisse sämtlicher Herrscher der Stadt, eine Galerie, die durch vier Jahrhunderte zurückwies, in Farben gemalt waren: listige Tyrannen und Männer der Weisheit durcheinander. Sie sah mit wundem Gefühl zu ihnen auf. Auch ihres Vaters Bild, hatte sie befohlen, sollte dort prangen. Aber was dann? Die Zukunft war das Nichts, das Nichts! und eine ungeheure Traurigkeit kam über sie und zerrte unüberwindlich ihr Herz nach unten. 262 »Alberne Schwäche!« Sie raffte sich schon. Mochte die Zukunft für sich selber sorgen. Es galt zu handeln. Aus dem Weihrauchduft des Tempels trat sie in den frischen Morgen hinaus, und ihre Befehle schallten durch den Palast (Niko hörte es mit Staunen); befahl das Militär herbei, wählte die hundertköpfige Schloßwache aus, gab ihr die Tageslosung, ließ sich Vortrag halten, sandte zu den Ratsherrn und bestellte sie aufs Rathaus zur üblichen Stunde. Dann turnte sie (das Turnen hielt sie jung und rüstig), ruhte darauf und speiste gut. Aber sie sprach nur das Nötigste, als wäre sie mit sich selbst allein: bis die Sänfte kam, die weißgekleideten Diener zusammenliefen, und sie sich zur Fahrt ins Rathaus rüstete. Da sprach sie heiter zu ihrer jungen Freundin: »Wenn zwei Stunden vergangen sind, erwarte mich wieder.« »Was wird geschehen?« »Es ist noch nicht vorüber mit dem Rumoren in den Fremdenquartieren, und die Römlinge werden auf Vergeltung sinnen. Daher soll der Rat einen Erlaß ausgeben. Die Ausrufer sollen ihn ausschreien an den Kreuzwegen; an den Pfeilern soll man ihn anschlagen: »Der Römer Pansa kam um. Eine gerichtliche Untersuchung des Hergangs wird geschehen. Die Geschworenen sollen urteilen; denn in dieser Stadt wohnt Recht und Gerechtigkeit gegen Bürger und Nichtbürger. Alles Rottenbilden auf der Gasse aber wird untersagt. Die Söldner taten gestern ihre Pflicht, die für die Ruhe sorgten und die Gewalttätigen niederschlugen; sie sollen es auch ferner tun.« Das Wetter war klar. Sie saß schon in der Sänfte, 263 deren Baldachin sie zurückschlagen ließ, damit jeder sie sehe und ihr selber nichts verborgen blieb. Ein Prachtbild in Purpur und Gold: in Purpur die Fürstin und die zwölf Sänftenträger, übergoldet der ganze Wagenkasten und die Stierköpfe an den Tragbalken. Standarten trug man vor ihr her und hinter ihr. Acht Schwerbewaffnete hüteten die Sänfte, vier vor ihr, vier hinter ihr. So hatte sie es befohlen, und so hielt sie es stets. Als sie aus Ortygia über die Landenge und durch das sechssäulige Tor in die Altstadt gelangt war, schlug ihr toller Lärm entgegen, und sie runzelte die Stirn. »Also doch!« Es waren aber nur Zecher, die aus den Weinbergen kamen. Schwere Karren fuhren daher, mit weißen Ochsen bespannt; die trugen rote Bänder um die Stirn, Blumen am Gehörne, und die lustigen Leute saßen auf dem Wagen zwischen den hohen Weinkörben und naschten Trauben und tranken und sangen. Aber nun strömte es auch aus den Kneipen; denn in den Trinkstuben hatte das aufrührerische Volk von gestern die Nacht durchzecht, neue Tumultuanten, die mitmachten, geworben, und jetzt taumelte es stierwütig und brüllte durch die Gassen, ein Rachegeschrei. »Das sind sie, die Schufte, die Verbrecher! Ruchlose Bande! Wohin werden sie sich wenden?« Der Lärm war nicht mehr weit; er kam von mehreren Seiten. Als Damarete die breit aufgetreppte Vorhalle des Rathauses erreichte, kam der Lärm nah. Eine Menschenwoge mußte dicht hinter dem Prachtbau sich stauen. Der Wutschrei der Leute wurde deutlicher: 264 »Rache für gestern! Wo wir einen Söldling sehen, wird er zerrissen!« Die Basilissa erbleichte. Sie ließ sich eben aus der Sänfte heben und faßte Fuß auf der Treppenhöhe; ihr Haupt strahlte im Goldschmuck; der Kopf stand ihr königlich auf den Schultern; ihr Purpurkleid fiel in mächtigen Falten über die Stufen, von oben bis unten durchwebt von weißen Mohnblüten, die sich in Schilf verschlangen. Sie blieb stehen, um zu sehen, was es gäbe, als die Menge durch den Säulengang hereinstürzte und die vier ersten Krieger sah, überfiel, ergriff und mit Triumphgeheul zu Boden schlug. Wütend sah es die Frau. »Nichtswürdige!« schrie sie, »ihr Hunde, Auswurf der Bürgerschaft! Im Namen meines Vaters! Hier ist unantastbarer Boden. Wer sich erfrecht . . .« Da überschrie sie das Hohngelächter: »Das alte Weib! Nieder mit ihr! die sich mit den Lappen des Königtums behängt und die Mörder schützt.« Damarete rief nach ihren vier Kriegern, die sie begleitet hatten und die noch lebten: »Kommt zu mir herauf! zieht die Schwerter!« Aber was nützte hier das Schwert? Sie stellte sich selbst vor die vier Getreuen, die ihre Lieblinge waren, um sie zu decken: »Habt ihr mich bisher beschützt, jetzt beschütze ich euch.« Da war sie schon umringt und die Treppe hinabgestoßen. Sie fiel vornüber. Man faßte sie in den Haaren, die Goldkrone zerfiel; ihr Kleid schleifte im Staube. So riß man sie weiter, die Straße entlang, trat sie mit Füßen, zerrte sie grausam dahin, bis Rullus mit anderen Vornehmen sich dazwischen warf. 265 Der Hunger nach dem Gräßlichen war gestillt. Aber es war zu spät. Damarete lebte noch, aber sie war bis zur Unkenntlichkeit entstellt, Mund und Wange aufgerissen, und sie gab den Geist auf inmitten der schreienden Menge. Seit dies geschehen, schlug in Syrakus alles um. Die Roheit hatte sich ausgetobt. Syrakus war auf einmal verwandelt; es war, als stockte der Stadt der Atem. Die Missetäter verkrochen sich. Das eigentliche städtische Bürgertum, das sich bisher scheu und angeekelt von dem Treiben zurückgehalten, erhob sich jetzt in Entsetzen, Entrüstung und Entschlossenheit, in hellem Zorn und ausgesprochenem Haß gegen alles, was römisch war. Der Haß erfaßte alle Kreise. Die Römer, die den Krawall geschürt hatten, befiel jetzt die Angst, und sie flohen zu Hunderten über die Grenze, nach Messina und weiter über das schmale Wasser der Meerenge nach Haus. Als man Hierons Tochter auf hoher Bahre zum Scheiterhaufen trug, stürzten die Menschen aus allen Häusern, und die Wehklage ging hunderttausendstimmig durch alle Gassen. Die Wagen der Ratsherrn mit schwarzen Viergespannen gaben das Geleit. Das Soldatenheer selbst marschierte hinter der Bahre. Endlich, endlich Einigkeit! endlich die Griechen Herren im eigenen Hause! Im leeren Königsschloß empfing der Rat im Beisein der Truppenführer Hannibals Gesandte, und Syrakus schloß seinen Bund mit Karthago, das Bündnis gegen Rom. Eine mächtige Stimmung, erregt und gläubig, hob alle Seelen. Aus der Rüstkammer holten alle Bürger die verstaubten Helme, Schilder und 266 Spieße. Es bildete sich ein Bürgerheer; denn man wollte nicht nur mit Hilfe der Söldner siegen. Niko zog Ahab aus dem Stall: »Unser Ahab lebt noch. Wer soll ihn reiten?« Olbios schwang sich lachend hinauf. »Mit eingelegter Lanze gegen Rom! Hannibal mit uns und alle Götter!« * * * Inzwischen umfing den Archimed im Ägypterland der tiefste Friede. Der Segler hatte ihn in raschem Zug dahingebracht. Am Landungsplatz der Weltstadt hatte ihn Sosthenes , der feiste Hochgelehrte, mit großem Schülergefolge feierlich empfangen: »Willkommen im Hafen der Wissenschaft, großer Mann. Endlich wieder der unsere! Wir lassen dich nicht mehr.« »Wie Zeus will,« sagte Archimedes, und seine Seele weitete sich. Frei und schön atmete es sich hier und sorgenlos. Im Thronsaal des Palastes hatten König und Königin ihn gleichfalls auf das huldvollste begrüßt. »Endlich unser!« hieß es auch da. »Hier bist du, und ich lasse dich nicht.« »Wie Zeus will,« sagte Archimedes; aber seine Züge verklärten sich. Sein neues Buch, von der Zahl des Sandes, überreichte er dem Herrscher Ptolemäus , der selbst in höchster Person der Alexandrinischen Gelehrtenwelt vorstand, und Ptolemäus händigte das kostbare Werk feierlich dem Bibliothekar, der wie ein Fürst im Purpur ging, ein, und der tat es in eine kostbar bronzene Kapsel wie einen Kronschatz. Dachte Archimedes noch an die Stunde zurück, da Niko unter das Buch die Unterschrift setzte? 267 Beim Königsbau lag, abgetrennt von der lärmenden Verkehrswelt, der Musentempel, die ausgedehnte Bibliothek und die Hallenbauten mit den Studiensälen und den Wohnungen für die Gelehrten. Aus aller Herren Ländern strömten hier seit langem die klugen Geister heimatlos zusammen, vom Schwarzen Meer, von Amisos, vom Euphrat, vom Orontes, von den Inseln, aus Epirus und hundert anderen Plätzen. Im großen, ovalen Saal mit den Achatwänden und den schlanken Säulen aus Granit, da saßen sie, die Herren Scholarchen, wenn Sitzung war, in Gruppen von Hörern umgeben, auf ihren Thronen und trugen vor, zeitlos und in großartiger Ruhe und Gemächlichkeit. Wie viel große Namen! Wie erhaben und klangvoll waren die Begrüßungen! »Ich Glückseliger kenne dich,« hieß es, »aus deinen göttlichen Schriften längst und schloß dich in mein Herz, obschon ich dich nie sah.« Welch göttergleiches Leben, wie auf dem Helikon! und wie wohlgenährt waren sie alle! Sosthenes, der Mann mit den Hängebacken, tat es darin allen zuvor, und er sprach zu Archimedes: »König Ptolemäus ist unser Heil. Er nährt uns, und ihm haben wir uns durch Eid verbunden als Bürger dieses Gelehrtenstaates, bis in den Tod.« Bis in den Tod? »Tu du es auch.« »Wie Zeus will,« blieb des Archimedes Antwort. Dann hockten die lernenden Jünglinge lauschend am Boden, der in Mosaiken strahlte, und die Vorträge ergossen sich: über die Gebirge des Mondes, über die Antipoden auf unserem Erdenball, über Ebbe und 268 Flut im eisigen Polarmeer, über Urgeschichte der Menschheit und das Alter der Völker. Draußen in den königlichen Gärten weideten unter Palmen und Sykomoren die seltensten Tiere aller Weltteile, und man ging hin und übte sich in der Tierbeschreibung. In die Gewölbe ging's, wo in Reihen menschliche Skelette standen, der Schatz der Anatomen. Der Botaniker aber entfaltete ein prachtvolles Bilderbuch, wo in frischen Farben alle Pflanzen und Kräuter in Unzahl auf das natürlichste abgemalt und beschrieben waren. Welch Wunderwerk, welche Fülle des Wissens, des Forschens und Fragens! welch friedlich beschauliches Plätschern im unendlichen Bereich der Dinge! War ein Vortrag zu Ende, so rauschte der Beifall, und Sosthenes erhob sich in seinem Vollgewicht und sprach jedesmal salbungsvoll ein Sinngedicht zum Lobe des Redners. So war es denn auch ein großer Tag, als Archimedes endlich lorbeerbekränzt seinen ersehnten Vortrag hielt: der große Mathematiker! Mit unheimlicher Hochachtung wurde er bewundert, um so mehr, je weniger man ihn verstand. Dem Sosthenes selbst wirbelten die Sinne bei der Quadratrechnung der Millionenzahlen. Aber er sprach doch getrost die Verse, die er schon vorher zurechtgemacht hatte: »Was ist die Zahl? Der Umspanner des Alls. Kein Himmel zu ferne, Und dir im Hirn, Archimed, thront die unendliche Zahl. Meßbar ist alles, der fliegende Staub und der Flug der Gestirne, Und an der Welt Pulsschlag legst du als Rechner die Hand. Selbst das Chaos durchdringt, aufbauend und bindend, die Denkkraft, Und in der Wissenschaft ist König die Mathematik.« 269 Archimedes lächelte, aber es tat ihm wohl. Orgien des Denkens! Wie schön ist es, sich rühmen zu lassen; denn es ermuntert zu neuem Schaffen; wie befruchtend ist der Austausch mit ebenbürtig kundigen Männern! So glatt und eben, wie die Nilbarken auf dem sanftströmenden Nil dahinglitten, die da Getreide in die Städte und die stillen Mumien zur Grabstätte brachten, so glatt und eben floß ihm der Winter dahin. Aber er brauchte von neuem Einsamkeit. Er sehnte sich nach der Wüste. Mit der Karawane ritt er zuerst auf hohem Kamelsrücken zur berühmten Oase des Jupiter Ammon, wo mitten im Sandmeer wundervoll die zwanzig Quellen springen. Dann wandte er sich nach Memphis und zu den grabesstillen Pyramiden, den gigantischen, steinernen Königszelten, in denen seit tausend Jahren die Cheops und Sesostris schliefen (wo wäre ein Mathematiker, der nicht die Pyramide liebte?) und baute sich schließlich selbst ein winziges Zelt, fernab dort draußen bei den drei Palmen und im Angesicht der großen Sphinx, des Wüstenungeheuers, dessen wohl hundert Fuß langer Löwenleib schon damals wie heute in Sand tief verschüttet lag. Nur der Kolossalkopf hob sich märchenhaft wie ein Felsengipfel auf den großen Schultern und reckte sich hoch, um nicht zu ersticken. Sand, Sand: hier ist er! Ozeane von Sand, dürr und quellenlos! »Meßbar ist alles, der fliegende Staub und der Flug der Gestirne!« Hohles Gerede das! Hier, hier verzagt das Menschenhirn, wo er wirklich fliegt, der Staub, wo er in Wirbeln daherweht, so heute, so gestern und seit Ewigkeit, gierig alles 270 einsargend, verschüttend, verschlingend, unerschöpflich aus Westen, aus dem Herzen Afrikas, dem Land des großen Geheimnisses, wo die Quellen des Sandes sind. Es wurde Februar; die Regenzeit war vorüber. Da kam ein Sturm daher, trockener, heißer Wüstensturm. Der Kopf der Sphinx verschwand, die Löwin erstickte. Der Himmel selbst versandete. Das ganze Weltall war jetzt von Sand erfüllt. Archimedes sah es nicht; auch sein Auge versandete, wie der Himmel. Reiner und süßer atmete sich die Luft, als die Wirbel endlich langsam sich niederlegten und der Himmel wieder frei und klar aus der Wüste aufstieg, die ihn verschlungen. Archimedes lebte. Da tauchte flüchtig in seinem Gedächtnis Niko auf, Niko und die stille Strandstelle am Meer bei Syrakus, wo er in den unschuldigen weichen Sand spielend seine Finger gegraben, wo der Ahab gerannt kam und Niko den fremden Gast aufnahm. Ahab? Wer ritt jetzt das Tier? Und Olbios? Wie fern und klein das alles! Da kam der Abend und das Sonnenwunder. Die Geier flogen von ihren Horsten auf. Die kahlen Felsen im Osten brannten in roter Glut, in königlichem Purpur. Die weite Wüste feierte Sonnenuntergang, flammend in Andacht, und begann im Golde zu schweben, als hinge sie in der Luft. Grell lohend versank in den fernen Sandwogen die Sonnenscheibe jählings und rasch, und die drei Palmen standen plötzlich schwarz und neigten ihr dunkles Lockenhaupt wie zum Nachtgebet. Die Sonne! der rennende Weltkörper! was treibt sie in ihre Bahn? Das war das neue Problem, das 271 Archimedes eben jetzt beschäftigte. Ägypten war ja selbst das Sonnenland; in allen Städten, Memphis, Theben, standen die riesigen Sonnentempel, dem Gott Horos geweiht, und überall lagerten die Sphinxe in langen Reihen vor den Tempeln, die Sphinxe mit dem Rätsel auf ihren steinernen Lippen. Er hatte sich das Buch des Aristarch mit hinaus in diese Einsamkeit genommen und studierte es tagelang; das war die neue Lehre von der Sonne, als dem Zentrum der Dinge. Nicht um die Erde kreisen die sieben Planeten, nein, um die Sonne; und auch die Erde ist's, die täglich rund um die Sonne fliegt. Das Weltall war umgebaut. Niemand glaubte bisher an diese neue Lehre des Aristarchos vom solarischen Weltsystem. Hier im Sonnenland Ägypten fing Archimedes an, daran zu glauben. Nicht die Sonne ging unter; die Erde ging auf: das war es, was er eben erlebt hatte. Mochten alle Götter mit umstürzen und der Größenwahn der Menschen selbst, die sich mit ihrer kleinen Erde so wichtig dünkten. Die Erde verschwand im All. Seine Sphära, die Archimedes in Syrakus gebaut und die Damarete so gröblich verhöhnt hatte, war falsch. Es galt eine neue Sphära zu bauen; aber zuvor galt es zu rechnen, zu rechnen. Das konnte den Rest seines Lebens ausfüllen. »Wie lange werde ich noch leben?« fragte Archimedes seinen Arzt Menekrates, den gelben Schatten. In Ägypten war alles gelb; der Arzt im gelben Rock paßte dahin. »Du wirst neunzig Jahre und mehr, wenn du hier 272 bleibst. Die Luft, der Friede tut dir gut. Setz' dich nieder in die große Bücherei in Alexandria; da ist es trocken und still wie in der Wüste, und du verkehrst nur mit den Geistern, die du rufst.« »Ägypter werden?« »Und fett werden wie Sosthenes!« Archimedes mußte lachen: »Und Olbios, mein Enkel?« »Du rufst ihn her.« Da kamen schon die Abgesandten des Königs Ptolemäus voll Ungeduld, und des Menekrates Rat drang durch. Archimedes setzte ein Schreiben auf und bewarb sich um das Bürgerrecht der Hauptstadt. Er wurde am Hof »Freund« der Majestät des Königs (ein Ehrentitel höchster Ordnung) und herrschte in der Gelehrtenrepublik ungefähr so, als wäre er die Sonne unter den Planeten. Auch die lernende Jugend drängte sich zu ihm. Er fand Schüler und Mitarbeiter, und seine Arbeit wuchs. Der Winter verging. Die ersten weichen Winde hauchten über das Meer und drangen durch die offenen Zimmerwände in das Gemach, wo Archimedes mit seinen Schülern in kleinem Maßstab die neue Sphära zimmerte. Der Arzt trat herein: »Die Frühlings-Schiffahrt wird heute eröffnet. Komm mit und schaue.« »Wie hätte ich Zeit?« »So tritt nur ins Fenster. Sieh das Volk! Das Bild der Isis tragen sie auf der Stange daher, und ein menschenleeres Schiff wird da von der Kette gerissen; sie stoßen es in die Wellen; es treibt ab, führerlos. 273 Reiche Weihegaben für die Meeresgöttin sind in dem Schiff.« »Weihegaben auch von mir,« bekannte da Archimedes. »Auch von dir?« »Ja, auch ich brauche gute Seefahrt.« »Willst du reisen?« »Nur mein Brief soll reisen. Er muß sicher ans Ziel kommen. Ich schrieb, daß Olbios herkomme mit Niko und dem Kinde. Ich bin nun Ägypter, und sie gehören zu mir.« Des Archimedes Schüler staunten; der Meister vergaß heute seine Arbeit ganz und stand immer noch am Fenster und spähte und spähte, dem bunten Schiffe nach, das die Meeresgöttin versöhnen sollte. Und schon hörte man, wie die Strandfischer sangen; die Fischer rüsteten ihre Barken zum Fang. Auch des Archimedes Gedanken drangen über das Meer; er hoffte auf seine Kinder. Folgenden Tages ging wirklich sein Brief mit dem ersten Schnellsegler nach Syrakus ab. Weitere vier Tage vergingen, da lief das erste ersehnte Kurierschiff aus Westen auf der Reede ein. Es kam von Neapel. Ob es Botschaft brachte von Hannibal und von Rom? Am Tag darauf saß Archimedes wie immer, in seine Arbeit versunken, in Erwartung seiner Schüler. Er schob die Planetenkugeln an seiner Sphära (ein Spielzeug für Greise) und fand, daß die Konstellationen immer noch nicht stimmten. Das Werk war noch verfehlt, die Rechnung mußte neu beginnen. Da hörte er draußen seinen Namen rufen. Es war 274 ein wilder, heulender Schrei wie von einer Bestie, der ihm durch alle Glieder fuhr. Er lehnte den Kopf heraus; da kamen Bootsleute, und aus dem Haufen stürzte ein Schwarzer vor mit katzenhaften Sprüngen: »Appa, Appa, Herr! Herr!« Die Augen rollten in dem Negergesicht, das vor Freude und Angst verzerrt war. »Du hier, Gulussa? Aus Syrakus?« »Der junge Herr schickt uns und den Brief.« Noch zwei weitere Diener waren mitgekommen. Archimedes war ärgerlich. »Was soll's mit euch? Genügte der Brief nicht?« »Damarete erschlagen, Herr, Herr, und Olbios in Helm und Waffen! Olbios reitet den Ahab, Herr! und mit Rom ist Krieg, und die Römer kommen schon, und der Karthager hilft nicht, und unsere Mauern, ob sie halten?« Die Worte überstürzten sich. »Gib den Brief!« Da war der Brief von Olbios. Archimedes merkte, daß er zitterte. Er fand lange nicht die Fassung, des Enkels Brief zu lesen. Da stand alles, alles, was geschehen. »Appa,« so schloß der Brief: »Noch ist der Weg hierher offen! Aber nein, komme nicht. Bleibe dort. Es ist besser, daß du nicht mit uns untergehst. Denn die Wissenschaft ist mehr als die Ehre!« Syrakus! Krieg! Untergang! Damarete tot! und »die Ehre«? Las er recht? Olbios, der Knabe, das schrieb er ihm? Das wagte er, der immer ehrerbietig schüchterne, zu schreiben? »Ehrlos ich? und der Knabe 275 in Waffen! Gegen Rom!« Die Welt stürzte ein, die Welt brach zusammen, Entwurzlung. Das Unerhörte kam. Das Unmögliche wurde Wirklichkeit. Der Alte starrte hinaus. Über den großen Hof, da gingen sie, seine Kollegen, die wohlgepflegten, wie immer zum Sitzungssaal, die sich mästeten im Namen der Kultur. Da würden sie heute wieder näselnd ihre Weisheit predigen und sich in Verslein Weihrauch streuen, da, wo die tanzenden Musenbilder standen, wo die Gerippe hingen, wo das große Bücherwerk von den Pflanzen auslag, das immer noch anwuchs. Da forschten sie, ob der Seidenwurm besser in China oder bei uns gedieh, und wie die Walfische gebären und wie tief das Schwarze Meer ist und ob das Schiff Argo, das einst nach Kolchis fuhr, schon einen Anker hatte. Wissen! großartiges Leben! Da lag eine Axt. Mit bebender Hand griff er danach und zerhieb mit einem Schlage sein neues Werk, die Sonnensphära, daß die Kugeln klirrten und die Drähte zerspellten. Dann rief er nach Menekrates: »Wir reisen.« In neun Tagen landete er auf Sizilien. * * * Archimedes landete in Agrigent (Girgenti), an der Südküste Siziliens. Agrigent war in karthagischem Besitz; aber die Stadt lag wie im Frieden, und keine Truppen standen dort marschbereit. Mit seinen Dienern, dem Arzt und zwei treuen Schülern, die er aus Alexandrien mitgebracht, ritt er von dort, langsam und müde, landeinwärts, bis er eines Abends auf der Bergeshöhe des Euryalus stand. 276 Da war das blaue Meer, der Ätna in Schnee und Rauch. Da waren die lachenden Küsten, und da lag es ihm zu Füßen, Syrakus – die Tränen stürzten ihm –, Syrakus, abendsonnenlichtübergossen, selig schön und prangend in Herrlichkeit: es war noch dasselbe. So wie es immer war, so lag es da: wie ein weißseidener Mantel, der riesengroß, dreieckig geschnitten, in weichen Falten an den abstürzenden Felsen hing. Ihn schwindelte. Ein Blumenduft aus den Gartenparadiesen wogte über ihn hin. Die Falken schwärmten in der Höhe. Sein Auge suchte geblendet die scheidende Sonne: »Hier sah ich als Säugling ihren ersten Strahl; hier hat die Sonne mir einst das Auge geöffnet; hier will ich auch zum letztenmal in die Sonne sehen, wenn mir das Auge bricht.« Er stürzte nieder und küßte die Erde. Gulussa war in die Stadt vorausgeeilt, und schon kamen die Kinder dem Archimedes aus der Höhe entgegen; auch Aeneas und Archias, des Archimedes zwei ältesten Söhne, erschienen da, die vor kurzem mit ihren Familien, mit Hab und Gut, aus den Landstädten der Nachbarschaft nach Syrakus geflüchtet waren. Sie holten den Alten freudig heim. Er aber war matt, er war scheu und stumm. Als sie durch die Gassen wanderten, blickte er nicht auf; ihm war, als ob alles ihn fremd ansah, fremd und grollend. Das Haus tat sich auf. Im eigenen Haus fühlte er sich wie ein Fremdling. Befangen blickte er sich um. Da war Olbios. War er nicht ein anderer geworden? Welche Festigkeit lag in seinen sonst so weichen Zügen! Und Niko? sie hing in Stolz 277 und Hingabe ganz nur an ihm. »Ich bin nichts, eine alte Scherbe! Sie brauchen ihren Appa nicht mehr,« so bohrten in ihm die Gedanken. Er nahm kaum Speise. Die Kinder erzählten aufgeregt von den Römern. Römische Kohorten waren schon nah' gekommen, aber wieder verschwunden; es waren nur Erkundigungen des Feindes gewesen. Der Römer arbeitet langsam, aber sicher. Und Myrtilus, der Freund Damaretes, Myrtilus, der Spartaner, war jetzt in Syrakus; er war es, der jetzt als oberster Stratege die ganze Verteidigung lenken würde; er wollte den Tod Damaretes rächen. Archimedes schien von alledem nichts zu hören. Vor sich hinbrütend, wie in sich zerfallen, lehnte er im Sessel zurück. Niko streichelte ihm zärtlich das liebe Haupt; da blickte er ihr wie flehend lange ins Auge und fand kein Wort. Das tägliche Leben im Haus begann; Niko sah mit Sorge auf ihn. Täglich schlich er sich aus dem Haus; nach Ortygia, in die Königsburg, schlich er Tag für Tag. Was wollte er da? Wollte er Hieron und Damarete, die Toten, besuchen? Dann wandelte er wie ein Irrsinniger die Stadtmauer entlang, die sich unendlich ausgedehnt die Berge hinaufzog und nicht nur die Altstadt, sondern auch die Vorstädte und große, menschenleere Gartengefilde umschloß. Olbios ging ihm eines Tages nach. Da fand er den Alten im Gespräch mit Myrtilus, und auch die beiden Schüler aus Ägypten waren bei ihm. Die ließ Archimedes nicht von sich. »Du bist übermüdet, Appa,« sagte Olbios. »Komm nach Hause; was erregst du dich?« 278 Er öffnete ihm das schöne Bibliothekzimmer; aber Archimedes wandte sich ab; er mochte es nicht wieder betreten. Er setzte sich still zu Hanno, dem Kinde. »Wem glich das Kind?« dachte er. »Hatte es nicht den Typus des Afrikaners?« Er dachte es nur, er sprach noch immer nicht. Der Senat hatte im Rathaus seine Sitzungen. Eines Tages begann Archimedes, den Seinen unbemerkt, als beginge er ein Unrecht, wenn Sitzung war, dorthin zu schleichen. Er tat es täglich und saß da in sich gekauert und hörte die Reden der hundert Stadtältesten, die sich endlos ergossen, er selbst regungslos und mumienhaft still. Jeder sah: er war alt geworden, er war geistig zurückgegangen. Nur zuweilen spielte es um seine Lippen, zogen seine Brauen sich finster; seine Finger zerrten vor Ungeduld am Kleide. Es war ein Reden und Raten der Hundert ohne Ende, ein Durcheinander von Ratlosigkeit, die auch das Winzigste zum Ungeheuren aufbauschte. Man hatte vor, eine neue Münze zu prägen, und zwar mit dem Bild der Siegesgöttin Nike. Da bildeten sich gleich zwei Parteien; denn man schwankte, ob die Nike mit Flügeln oder ohne Flügel abzubilden sei. »Ohne Flügel!« riefen die Lautesten. »Denn wenn sie keine Flügel hat, kann die Göttin nicht zum Feinde fliegen.« Da wandte sich alles um. Archimedes war aufgesprungen. »Mitbürger, genug der Worte,« murrte er. »Nicht Münzen sollt ihr schlagen, sondern den Feind. Müht euch nicht um die Siegesgöttin, sondern um den Sieg. Es gilt endlich zu handeln.« 279 Er hielt inne; sein ganzes Ich vibrierte. Dann fuhr er fort: »Ich sprach mit Myrtilus. Wählt einen Ausschuß von zehn kriegskundigen Männern. Ich, ich will ihn leiten. Wir wollen sorgen, daß Syrakus gerüstet ist.« Nichts weiter. Es war nicht zu glauben. Ein Durcheinanderschreien und Lachen war die Antwort. Archimedes mußte sein Wort dreimal wiederholen; Myrtilus selbst mußte herbei und barsch die Wahl des Ausschusses fordern. Da war es geschehen. Archimedes der Rechner war Archimedes der Kämpfer geworden. Man drängte sich an ihn, und es regnete Fragen von allen Seiten, Fragen voll Mißtrauen und verhaltenem Spott. »Mißtraut mir nur,« sagte er gelassen. »Ihr hättet Grund genug dazu. Eins ist gewiß: in meinem Haus fiel Pansa; aus meinem Haus ging der Krieg hervor, und ich, ich muß ihn zu Ende führen.« Der Senat war entlassen. Die Hundert liefen auseinander. Archimedes und Myrtilus waren Herren im Rathaus. »Wißt ihr es schon?« rief Archimedes fröhlich, als er nach Hause kam. Olbios wußte es schon. Jetzt erst begriff Olbios, weshalb der Alte so oft nach Ortygia zur Königsburg geschlichen war; im Arsenal standen dort die Geschütze, die Archimedes einst als junger Mechaniker in phantastisch gelehrtem Spiel für König Hieron gebaut hatte. Er hatte sie jetzt heimlich nachgeprüft und sich neu mit ihnen vertraut gemacht. 280 Solche Bogengeschütze, die in Vergrößerung die Armbrust nachahmten und auf Rädern liefen, Ballisten, Skorpione und Katapulte genannt, gab es im griechischen Kriegswesen längst; diese verborgen gehaltene Batterie aber sollte an Wucht und Tragkraft alles Dagewesene übertreffen. Und schon rasselte sie schwerfällig wie ein Trupp Elefanten durch die Straßen. Aber nicht genug damit. Unmittelbar an seinem Haus schuf Archimedes auf eigenem Grundstück jetzt eine neue Werkstatt, wo sogleich, hinter den Planken verborgen, das wilde Pfeifen der Sägen, das Schmiedegerassel und Hämmern begann. Nach verbesserten Modellen wurden da neue Geschütze gebaut. Mit Winden hob man die fertigen Stücke auf die Stadtmauer. Und Archimedes war rastlos überall. Ein Personal von 400 technisch erprobten Männern zog er sich mit Hilfe seiner beiden Schüler und seiner wackeren Söhne Aeneas und Archias heran und prüfte mit ihnen wieder und wieder die Stadtmauer, das Gefüge ihrer Quadern, die Fundamente, die vorspringenden Türme, das vorgelagerte Pallisadenwerk. Die Mauer war so breit, daß sich auf ihrer Höhe zwei Wagen begegnen konnten: Raum genug für die schwere Artillerie und für die Munition der Steinkugeln, die, bis fünfzig Pfund schwer, überall in hohen Pyramiden aufgehäuft neben den Geschützen standen, klar zum Gefecht. »Wir müssen uns trennen, mein Sohn,« sagte Archimedes zu Olbios. »Die Tore, die Straßen draußen sind noch offen. Sattle den Ahab. Mit vierzig Mann sollst du hinüber reiten nach Agrigent. Fordre 281 schleunigst karthagische Hilfe! Gulussa, den Schwarzen, nimmst du als Diener mit. In den Rücken fallen sollst du dem Feind.« Olbios sprang fröhlich auf. »Du aber?« fragte er dann besorgt. »Ich bin zu alt zum Reiten,« sagte Archimedes kurz. »Hier ist mein Platz. Ich werde Niko hüten und den Knaben.« Wie leer war das Haus, als Olbios und Gulussa fort waren! Hoch von der Mauer hatte Archimedes dem Enkel nachgesehen. Wie ein Triumphator ritt der Junge dahin. Der Ahab schnob und tanzte; das blaue Perlennetz spielte in seiner Mähne; die Staubwolken flogen. Würde er ihn jemals wiedersehen, den geliebten Knaben? An diesem Morgen zum erstenmal brach Niko zusammen. Es war, als ob ein Frost sie schüttelte. Ihr Wehgeschrei war erschütternd: »Durch mich ist dieser Krieg! Hätte mein Dolch den Pansa nie getroffen!« Und da kam sie schon, die erste Nacht des Schreckens. Die Lichtsignale der Vorposten stiegen plötzlich hoch: sie verkündeten den Feind. Ein Angstschrei hallte tausendstimmig durch die Gassen, über die Dächer. Kein Bürger tat ein Auge zu. Alles hastete und rannte mit Fackeln in den Händen. Das vom Landgebiet zusammengetriebene Vieh brach in der Stadt aus den Pferchen und mischte sich unheimlich brüllend in die Menge; das Delirium wuchs. Mit Mühe stellte Myrtilus Zucht und Ordnung her. Er ordnete auch die Ernährung, bestimmte Rationen an Fleisch und Brot für jedes Haus. In die Stadtgefängnisse wurden 282 alle Personen geschafft, die des Spionendienstes oder des Verrats verdächtig waren. Und der Kampf mit Rom begann, unabsehbar an Dauer, wie es schien; ein Kampf auf Tod und Leben. Mißlingen war völliger Untergang; denn der Römer kannte keine Schonung. Mauern und Tore zu sichern galt es. Wehe, wenn der Feind einbrach, auch nur an einer Stelle! 30 000 Verteidiger waren zur Stelle, und ein Drittel davon stand auf der Mauer. Hörnerblasen! Kommandoschreie, Wutgeheul: der Sturmlauf der Kohorten setzte an. Marcellus war der Feldherr der Römer. Archimedes sah dem Ringen tagelang müßig zu. Wozu waren des Myrtilus Söldner, die Schleuderer und Schützen? Sie genügten, den Sturm aufzufangen. Unscheinbar, ohne Helm und Schwert, stand Archimed im gewöhnlichen Werktagsrock hinter seinen Batterien, und nur ein breiter, roter Gürtel machte ihn kenntlich. Seine Geschütze lagerten wie die Sphinxe vor dem Sonnentempel in Memphis, rätselvoll, regungslos und rührten sich nicht (war es Trägheit? war es Mißtrauen?), bis Marcellus endlich das Verfahren änderte. Er begann aus Holzwerk und gerafften Steinen eine Einschließungsmauer um Syrakus zu bauen, die die Höhe der Stadtmauer erreichen sollte. Da plötzlich belebten sich die Sphinxe. Archimedes mußte Damaretens gedenken. »Eher möge mir die Hand verdorren, als ich ein Geschütz gegen den Feind spanne,« so hatte er gesprochen. Er betrachtete lächelnd seine Hand; sie war gesund und verdorrte nicht, und sein Kommando scholl, seine Ordonnanzen liefen, und die Ballisten begannen schon 283 zu spielen. Alles stand in grenzenloser Erwartung. Die Artilleristen verfehlten ihr Ziel; aber sie schossen sich ein, und schon flogen die Kugeln immer sicherer ihre Kurven und schlugen krachend in die unfertigen Bauten der Römer. Die Wirkung war gleich vernichtend. Wochen vergingen. Hundertmal ließ Marcellus, der zähe Kriegsmann, den Bau beginnen, hundertmal wurde er zermalmt. Archimedes steigerte noch das Kaliber. Es war Juli; Hochsommer. Der Gegner erlahmte. Hallender Jubel scholl die Mauer entlang. Marcellus rüstete zum Abzug, die Verteidigung war meisterhaft. Myrtilus stürzte herbei und umarmte den Alten in Zärtlichkeit: »Du Herrlicher, Wunder über Wunder!« »Ich lebte bisher in der Kinderstube,« sagte Archimedes kurz. »Erst siebzigjährig ward ich zum Mann.« Wie aber sollte das Werk weitergehn? Von Olbios verlautete nichts; auswärtige Hilfe blieb aus. Marcellus aber ließ noch keineswegs nach. Eines Tages wurden 200 feindliche Schiffe gemeldet; in Wirklichkeit liefen fünfzig starke römische Pentêren plötzlich in den kleinen Hafen ein. Da waren sie. Der Schrecken erneute, verdoppelte sich. Der Römer wollte jetzt in das Herz der Stadt Syrakus, er wollte in die Altstadt dringen. Die Syrakus umfassende Stadtmauer lief, um den Kai zu schützen, auch hier am Hafenufer entlang; sie stand hier mit dem Fuß unmittelbar im Meerwasser und war daher leicht von den Schiffen aus zu ersteigen. In der Tat legte sich Marcellus hart an die Mauer; er setzte sogleich auch die Sturmleitern an; 284 und jetzt erst begann das schwere Blutvergießen, der gefährliche Nahkampf. Händeringend standen die Weiber auf allen Dächern und schauten dem täglich sich steigernden Ringen zu; wie würde es enden? Alles rief nach Archimedes. Aber was nützten hier seine Geschütze, die doch nur in die Ferne wirkten? Schießscharten ließ er in den Fuß der Mauer brechen; durch die niedrigen Schießscharten konnte man die Römer auf ihrem Schiffsdeck allerdings mit dem Pfeil trefflich erreichen. Aber auch Marcellus war erfinderisch; er begann jetzt auf seinen Schiffen hohe Stockwerke und Brettergestelle aufzubauen. Von da ließ sich unmittelbar auf die Mauerhöhe springen. Wehe, wenn ein Römerfuß die Mauer wirklich erreichte! Der Römer galt im Handgemenge für unüberwindlich. Die Lage wurde kritischer; es kam zum Verzweiflungskampf. Da endlich öffneten sich die Planken der nahen Werkstatt des Archimedes geheimnisvoll. Er hatte eine neue Hilfe ersonnen. Die Feinde kannten ihren Gegner schon. »Archimedes! Archimedes,« kam der Schrei von den römischen Schiffen, als sähe man Gespenster. Zwei fremdartige Krahne standen plötzlich hochgereckt auf der Mauer und weiterhin sechs große, aufgestützte Balken mit Rollen und Druckschrauben und Flaschenzügen; die Krahne mit eisernen Griffen bewehrt, die sich wie Greifenklauen zu bewegen schienen. Ruhig wartete Archimedes noch hinter der Mauerzinne; dann sprang er vor, griff selbst an die Schraube, und ein mächtiger Balken senkte sich zuerst, langte in die Wassertiefe, schob 285 sich als Hebel unter den Schiffskiel des Admiralschiffs und warf es völlig um, daß der Schiffsbauch nach oben stand. Die Bemannung versank und ging unter. Marcellus rettete sich mit Not in einen Kahn. Da sah Marcellus auch die beiden Krahne aus der Mauer sich bewegen; auch sie senkten mechanisch ihre Tatzen und faßten gleichzeitig zwei Galeeren. Einhakend faßten sie jedes der Schiffe mit festem Griff am gebogenen Schnabel, zogen sie hoch, so daß sie auf dem Heck standen, zogen weiter, bis das Schiff wie ein Hai an der Angel hoch in der Luft hing; dann scholl das Kommando: der Krahn ließ die Beute fallen. Wogenschwall, Krachen und Donnern. Wahnsinniges Geheul der Verunglückten. Es war die Vernichtung. Das war ein großer Tag! Die Weiber ließen sich nicht halten. Sie stürmten mit fliegenden Kleidern auf die Mauer und bekränzten die Maschinen wie große Götzen mit Lorbeer und Rosen. Archimedes lachte. Er ließ den Schmuck entfernen. Die Maschinen sollten noch nicht ruhen. Der Römer hielt Kriegsrat; umsonst; Menschenkraft war nichts gegen Maschinenkraft. Er setzte ein, was er hatte, er tat es einen Monat lang; zwanzig Schiffe gingen verloren; dann noch zehn. Dann zog er ab, und Syrakus war frei. Kein Zweifel mehr, Syrakus war frei, zu Wasser wie zu Lande. Und Archimedes? War er noch der Greis? War er nicht der Gott Vulkan, der Schmiedegott, der aus dem Ätna gestiegen? Wer ihn in diesen Tagen sah: das Haar stand ihm zu Berge; ein langer Bart war ihm gewachsen, der wie eine silberne Wolke im Winde 286 flatterte, wenn sein hastender Schritt ihn von Zinne zu Zinne trug. Seine Stirn im Schweiß; die Stirnadern geschwollen; ein schlafloser Ausdruck im eingefallenen Gesicht; aber die Züge spannten sich, die Pupillen sprühten im Gefecht, und herrisch wie Adlerschrei klang sein Kommando. Wer beschriebe den Jubel der befreiten Stadt Syrakus! wie alles aus den offenen Stadttoren rannte, wie die Boote und Schaluppen spielten im Meer! Gesang, Gitarrenklang, Wonnelachen. Schon kamen auch aus Italien Gesandte des Hannibal, um Glück zu wünschen: »Archimedes und Hannibal, die Besieger Roms!« Archimedes aber gab darauf nicht acht; er brauchte Ruhe. Er ließ sich sein Bibliothekzimmer öffnen, das er seit einem Jahr nicht wieder betreten hatte, und saß da lange einsam still und gedankenvoll. Niko holte den Arzt herbei. Auch der Arzt riet zur Ruhe. Auf dem Hafenplatz aber wogte die Volksmenge; man hatte schon öfter nach ihm gerufen. Jetzt erscholl des Archimedes Name überlaut. Fanfaren bliesen; Stadtälteste, Offiziere drängten ins Haus; Myrtilus selber kam: »Die Stadt feiert den Sieg, und Archimedes sollte fehlen?« Da weigerte er sich nicht. In der Sänfte trug man ihn zum Ehrenmahl in das Königsschloß, kränzte sein Haupt mit schlichtem Lorbeer, und der unendliche Festzug begann. Im Wagenstuhl der Quadriga stand der Greis; vier leuchtende Schimmel in Goldgeschirr zogen den Siegeswagen. Das Heer, das ganze Volk in Kränzen. Der Wirbel der Heilsrufe, der Pauken und 287 Flöten ging mit ihm durch alle Gassen der Stadt. Der Gefeierte konnte im Wagen nicht stehen; ihm brachen die Knie; die beiden Söhne, Aeneas und Archias, mußten bei ihm sein, um ihn zu stützen. So kam er in das große Theaterrund, wo die bunten Fahnentücher wehten, die Musik sich verhundertfachte, um den Altar der Festreigen sich schwang, die Becher kreisten, der Wein aus den Amphoren sprudelte – bis plötzlich ein einziger Ruf den Raum erfüllte: »Auf die Bühne! Wir wollen ihn sehen! Er soll sprechen!« Da stand er wirklich auf der Bühne und sprach. Es war das einzige Mal in seinem Leben, daß Archimedes zum Volk zu sprechen versuchte. Seine Stimme war unrednerisch dünn und klanglos; aber in den griechischen Theatern hörte man wunderbar auch den leisesten Ton. Tief atmend und zögernd begann er, und die wenigen Worte quollen ihm schwer wie Herzblut aus der tiefsten Brust. »Wer bin ich,« sagte er, »daß ihr mich feiert? Ein einsamer Büchermensch war ich, der den Sand und die Sterne zählte, und Himmel und Erde unterfing ich mich zu messen. Eins aber ist das Unmeßbare, das über Himmel und Erde thront. Bei euch hab' ich es gefunden: es ist die Liebe, es ist der Wille, es ist der Mut, der für das Teuerste sich und alles dahinwirft. Es gibt eine zweite Welt, in die keine Zahl dringt: heilig, heilig nenn' ich sie. Allmächtiger Zeus, ich rufe dich, daß sie flamme in uns allen! daß sie nie erlösche, die heilige Liebe zum Vaterlande . . .« Man hörte nichts mehr. Man lauschte: »Habt ihr 288 es verstanden? das Unmeßbare! Es war wie Andacht. Aber was ist geschehen?« Der Redner war zu Boden geglitten. Man trug ihn fort. »Eine Ohnmacht! Er war zu müde!« Niko empfing im Haus den Bewußtlosen. Es dauerte lange, ehe Archimedes wieder die Augen öffnete. Er fand sich nicht gleich zurecht und redete erst wirr von den Geschützen und vom Rätsel der Sphinx und vom Sand der Wüste und von der heiligen anderen Welt. Dann fragte er nach Olbios: »Ist Olbios nicht gekommen? Ja, Olbios, wenn er kommt . . . wenn er kommt . . . Niko, was glaubst du? dann wird er mich loben, Archimedes, den Alten! Mein Enkel wird mich loben. Weine nicht. Schmücke das Haus für seine Wiederkehr. Warum weinst du, meine Tochter?« * * * Mag das Unglück kommen! Wer einmal frohlockt hat, da ihm die gute Tat gelang, wem einmal aller Schmerz sich in Wonne löste, wem einmal, auch nur für eine Stunde, die reinste Freude, die den Himmel in sich trägt, wie Triumphgefühl beseligend durch die Adern rann: mag hernach der Blitz ihn fällen – er war einmal einer der ganz Glücklichen, und alle Nachwelt mag ihn beneiden. So war es damals. Das Unglück aber kam. Das Schicksal ist grausam. Soll ich auch noch davon erzählen? Wer weiß nicht vom Tod des Archimedes? Niko herrschte gebietend im Haus. Ihre fremdartige Schönheit blühte wundervoller als je, aber ihr Herz war von Sorge zerrissen. Denn Olbios kehrte nicht 289 wieder; kein Bote kam, der von ihm Meldung brachte, und Hannibal, auf den sie glühend hoffte, weh! Hannibal, der Sieger, siegte nicht mehr. Die Kraft Roms dagegen verzehnfachte sich. Das meldeten die Boten. Noch einmal kam Marcellus; noch einmal mußte Syrakus sich verteidigen. Und es gelang. Der müde Alte stand nicht mehr auf der Mauer, wohl aber seine Batterien, und Syrakus blieb uneinnehmbar nach wie vor. Da kam ein großes Götterfest; der Festrausch ergriff die Stadt; das Staatsgefängnis blieb unbewacht, und einer der Spione und Römerfreunde brach aus dem Gefängnis und öffnete den Römern ein Tor. Das Kämpfen in den Gassen der Stadt hub an, ein Schlachten, Sengen, Morden und Plündern, und Syrakus, die herrlichste der Städte, war in fünf Tagen zerstört, vernichtet. Archimedes saß mit Niko im Garten draußen vor seinem Landhaus, das hoch oben in Epipolä, in der Vorstadt, lag. Er merkte vom Feste, er merkte auch vom Waffenkampf nichts und brütete still verloren über neuen mathematischen Problemen. Kreisrunde Figuren hatte er in den Sand gezeichnet. Niko aber wußte mehr als er; sie wußte, was kommen würde. Schützend hielt sie ihren Hanno im Arm, als Soldaten in ihren Rebengarten sprangen. Rullus war's, der sie führte. Mit Zorn blickte Archimedes auf und bückte sich vor: »Ihr Täppischen,« stammelte er, »zerstört mir meine Kreise nicht!« Da fiel der Todesstreich, und die Zeichnung erlosch in seinem Blut. Niko schauerte zusammen. Sie erkannte Rullus, den Schieler. Er grinste auch jetzt, und er griff nach ihr. 290 »Mörderin des Pansa, so hab' ich endlich dich gefunden,« schrie er. Sie starrte ihn an in ohnmächtigem Haß, wie die Natter, die züngelnd sich aufreckt, wenn man sie tot tritt, und noch einmal wundervoll in allen Farben schillert. Er aber tötete sie nicht; er ließ sie mit Stricken binden, sie und den Knaben. Sie wurden beide nach Rom in die Sklaverei geschleppt. Das war das Ende: die Angehörigen des Archimedes eine gute Beute! Viel tausend Sesterzen brachte der Handel. Auch die Sphära, der berühmte Weltglobus des Archimedes, kam als Beutestück mit nach Rom. Marcellus schleppte ihn dorthin. Aber das dumme Rom wußte damit nichts anzufangen. Was wollte der Esel mit der Leier? der Römer mit der Sternenwelt? Hundert Jahre und mehr vergingen. Des großen Mannes Grab lag völlig vergessen in der Öde, bis es der neugierige Cicero, der Römer, der zufällig nach Syrakus kam, im Gestrüpp entdeckte. Cicero war ein Halbwisser und verstand nichts von Zirkelmaß, Kubus und Parabel; aber ihn bewegte das Schicksal des Archimedes doch. Auch ich, der ich dies erzähle, bin schwerlich klüger als Cicero. Mir genügt es, den Kennern in unserer Gegenwart zu glauben, daß Archimedes einer der größten Physiker und Denker der Menschheit war. Aber nicht darum habe ich diese Geschichte geschrieben; denn herrlicher ist, daß derselbe Mann, der nur ein Forscher war, einer der größten Freiheitshelden des Griechentums wurde und in der Not sein Wissen und Erfinden als Bürger unter Bürgern fruchtbar machte zur Rettung der Heimat; herrlicher ist, daß er begriff, was auch uns Deutschen unser 291 hartes Schicksal in Sieg und Niedergang mit eherner Zunge predigt: es gibt keine Menschheit, es gibt nur Volkstum. Denn nur der Tod macht gleich, nicht das Leben. Gott schuf die tausend Farben, daß sie leuchten, jede Farbe im eigenen Glanz. Gott schuf die Völker, daß auch sie Farbe halten und ihr anerschaffenes Wesen verteidigen bis in den Tod. Das war unsre Losung; sie soll es bleiben.