Josef Hofmiller Versuche For I am nothing, if not critical Shakespeare, Othello II,1 (Aus einem Notizbuche Hofmillers) Inhalt Nietzsches Testament Nietzsche und Rohde Der Heilige Catarina von Sienna Ralph Waldo Emerson Thoreau Maeterlinck Der Abbé Galiani Anhang Alexander Ritter Der alte Mozart und seine Violinschule Augsburger Kalender aus den vier Jahrhunderten Der »Δ-Kritiker« Nachwort Nietzsches Testament (1902) Wie die Vollendung des Faust dem greisen Goethe als das »Hauptgeschäft« erschien, dem alles andere Hervorbringen nachstehen mußte und nach dessen Abschluß er jeden Tag als reines Geschenk des Schicksals empfand, so ist der Versuch einer Umwertung aller Werte , dessen endgültige Fassung im Willen zur Macht vorliegt, Nietzsches philosophisches Hauptwerk, das er am längsten mit sich herumtrug. Um das Jahr 1881 taucht die erste Absicht einer planmäßigen Zusammenfassung seiner philosophischen Ideen auf. Übermächtig aber steht die Gestalt Zarathustras vor ihm. Mit einer bis dahin unerhörten Pracht und Wucht verkündet er seine Lehren, in Sätzen und Bildern, die aus edlem Marmor gemeißelt scheinen. Jenseits von Gut und Böse , die erste Erläuterungsschrift zum Zarathustra, – denn als Auslegungen dieses Werkes sind die nun in erstaunlich kurzen Abständen veröffentlichten Bücher zu verstehen – trug den zu wenig beachteten Untertitel Vorspiel einer Philosophie der Zukunft . Vom März 1887 an bis zum Frühjahr 1888 arbeitet Nietzsche, abgesehen von der Fertigstellung der Genealogie der Moral (zwischen 10. und 30. Juni 1887), beinahe ausschließlich am Willen zur Macht . Er versucht, den Stoff zu sichten, legt Verzeichnisse an, versieht die Abschnitte mit Ziffern, Stichworten oder formelhaft knappen Angaben des Inhalts, bemerkt die Nummer des Bandes (I – IV), dem er die einzelnen zuweisen will. Inzwischen sind neue Schriften gereift: Der Fall Wagner löst sich von dem Hauptwerke los, nachdem er ursprünglich als ein Abschnitt der Kritik der Modernität geplant war; vom Mai auf Juni 1888 wird das dünne, aber inhaltschwere Heft in Turin und Sils-Maria entworfen, Nachschriften und Epilog werden im August angefügt. Derselbe Sommer zeitigt die Dionysos-Dithyramben . Als erste deutlichere Ankündigung der Umwertung , aus dem überreichen Stoffe dieses Buches herausgewachsen, stellt die vor dem 3. September 1888 vollendete Götzendämmerung Nietzsches Philosophie in nuce dar. Währenddessen hat er beschlossen, anstatt sein Hauptwerk in vier Bänden abzuschließen, den ganzen Stoff in vier Bücher eines Bandes zusammenzupressen. Der vom 3. bis 30. September vollendete Antichrist ist das erste dieser Bücher. Kurz darauf fällt die Selbstbiographie Ecce Homo (vom 15. Oktober bis 4. November). Gegen Mitte Dezember wird Nietzsche contra Wagner zusammengestellt. Die ersten Tage des Januars 1889 bringen den Zusammenbruch. Die Werke und ihre Entstehungszeit mußten hier kurz angegeben werden, da nur auf diese Weise gezeigt werden konnte, daß Nietzsches Schaffen vom 17. März 1887 an, an welchem Tage die erste Anordnung der Umwertung niedergeschrieben wurde, bis zu jenem Januartage eine geschlossene Einheit darstellt und von der Umwertung ausgefüllt wird. Diese ist das letzte Ziel des unablässigen Hervorbringens dieser zweiundzwanzig Monate, ihr gemeinsamer Hintergrund, ihr unausschöpfbarer Fond. Die während dieser Zeit herausgegebenen Bücher sind entweder Ableger oder Erholungen vom Hauptwerke. Die Veröffentlichung dieses Hauptwerkes im Dezember 1901 bildet, sollten auch noch so wertvolle Schätze im Weimarer Archiv des Hebens harren, den Abschluß und das wichtigste Ereignis der nachgelassenen Werke. Die Feststellung des Wortlautes und die Anordnung der einzelnen Abschnitte war mit Schwierigkeiten verbunden, deren Größe der Vorbericht andeutet. Die Herren Peter Gast, Ernst und August Horneffer haben diese Schwierigkeiten bewältigt, und wenn hier eine einzelne Frage ihrer Herausgebertätigkeit berührt wird, so soll damit nur eine abweichende Meinung, nicht ein Tadel ausgesprochen werden. Die Herren Herausgeber haben sich an den Plan vom 17. März 1887 gehalten, demgemäß die Bücher sich so verteilen: I. Der europäische Nihilismus. II. Kritik der höchsten Werte. III. Prinzip einer neuen Wertsetzung. IV. Zucht und Züchtung. Dieser Plan brachte die Schwierigkeit mit sich, zwischen dem ersten und zweiten Buche einerseits, und dem dritten und vierten andererseits die Grenze zu ziehen. Demgegenüber hätte der letzte Plan, aus dem Herbste 1888, den Vorzug scharfer Abgrenzung gehabt: I. Der Antichrist. Versuch einer Kritik des Christentums. II. Der freie Geist. Kritik der Philosophie als einer nihilistischen Bewegung. III. Der Immoralist. Kritik der verhängnisvollsten Art von Unwissenheit, der Moral. IV. Dionysos. Philosophie der ewigen Wiederkunft. Das erste Buch hätte dann den Antichrist enthalten müssen, so, wie er im achten Bande gedruckt vorliegt, und dazu die Antichrist-Aufzeichnungen des Nachlasses. Das zweite Buch wäre den Grundfragen der Metaphysik und der Erkenntnislehre, das dritte denjenigen der Moral, das vierte der Aufstellung neuer Werte und Ziele gewidmet gewesen. Auch geschichtlich war diese Anordnung glücklich, da sie in der Gliederung des Stoffes zugleich die Entwicklung der modernen Philosophie andeutete. Die Kritik hat beim Christentum angesetzt; die moderne Philosophie ist ihrem Wesen und ihrer Entwicklung nach nichtchristlich. (Auch die Philosophie Arthur Schopenhauers macht davon keine Ausnahme, wenn sie auch ihm selbst als philosophia christianissima erscheinen mochte. Wagnerianischen Weltanschauungsdilettanten gegenüber sei hervorgehoben, daß die Lehre Schopenhauers anti-theistisch ist – man lese nur einmal die neuen Paralipomena! –, und daß es ein Unfug ist, seine einheitliche und strenge Erscheinung mit der abenteuerlichen Verquickung schärfster Gegensätze in Zusammenhang zu bringen, die in den Schriften aus Wagners letzter Zeit und in den Bayreuther Blättern zum Ausdrucke gelangt.) Das Christentum als ein Problem anzusehen, es auf seinen Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen, das war für jeden neueren Philosophen die nicht zu umgehende Voraussetzung seiner Philosophie. Das mußte von selbst zu einer Kritik des Gottesbegriffs überleiten. Damit trat in den Vordergrund der Untersuchung das Problem der Metaphysik überhaupt, von dem dasjenige der Erkenntnis sich nicht abtrennen ließ. Die Erkennbarkeit der Dinge, die Kausalität, die Möglichkeit des Urteilens, des Schließens, der Verknüpfung von Urteilen – all das mußte erst Problem, erschüttert, in Zweifel gezogen werden. Darum war, nach der Kritik des Christentums, diejenige der Metaphysik, der Erkenntnislehre, schließlich auch der Logik nicht zu umgehen. Das zweite Buch der Umwertung hätte diese Kritik gebracht, in neuer Beleuchtung, vertieft, vor allem rücksichtslos – die Kritik der reinen Vernunft und der Urteilskraft von der Vorsicht des deutschen achtzehnten Jahrhunderts befreit und über die Jahrtausende hinweg dem erkenntnistheoretischen Pessimismus der Inder die Hand reichend. Wenn Nietzsche Kant fast durchweg scharf und unehrerbietig angreift, wenn er bei aller Sympathie für die Persönlichkeit Schopenhauers mit seinen Einwänden gegen das nicht zurück hält, was er die metaphysische und psychologische Falschmünzerei dieses Philosophen nennt, so ist sein fortwährendes Auseinandersetzungsbedürfnis ein Fingerzeig dafür, daß er in beiden Männern Gegner sah, die zu bekämpfen der Mühe wert war. – Die Schranke, vor der auch Kant und Schopenhauer Halt gemacht hatten, war die Moral; und zwar waren die Entstehung der sittlichen Anschauungen und Werte gleich ungenügend, und vor allem mit demselben Mangel an Mut zu den letzten Folgerungen, untersucht worden, wie die Frage, welche neuen sittlichen Werte aus der veränderten Stellung zum Christentum, zum Gottesbegriff und zu der der realen Welt gegenübergesetzten »wahren« Welt abzuleiten waren. Die bisherigen Philosophen waren, mit wenigen Ausnahmen, eifrig bemüht gewesen, durch um so zäheres Festhalten an den moralischen Dogmen derselben Weltanschauung, deren religiöse und metaphysische Grundbegriffe sie untergruben, ihre eigene praktische Harmlosigkeit zu erweisen und sich durch stillschweigende Anerkennung oder ausdrückliche Rechtfertigung der herrschenden Moral das Recht abweichender Meinung in anderen Dingen zu erkaufen. Nicht ohne Grund war daher für das dritte Buch der Umwertung die Kritik der bisherigen Art von Moral in Aussicht genommen. Ebenso ergab sich von selbst die Aufstellung positiver Werte und Ziele für das vierte Buch. Es fällt auf, daß Nietzsche in seinem letzten Werke eine ähnliche Einteilung der vier Bücher aufstellt, wie der von ihm in der ersten Unzeitgemäßen Betrachtung angegriffene David Friedrich Strauß. Ein seltsamer Zufall will es, daß er jene Fragen nicht umgehen kann, deren biedermeierhafte Beantwortung durch Strauß er mit Hohn überschüttet hatte: Haben wir noch Religion? Sind wir noch Christen? Wie begreifen wir die Welt? Wie ordnen wir unser Leben?   Wenn man nicht umhin kann, zu bedauern, daß vielleicht aus triftigen Gründen der ersten Stoffanordnung vom März 1887 vor der soeben entwickelten letzten vom Herbst 1888 der Vorzug gegeben wurde, so muß man sogleich hinzufügen, daß die Tätigkeit der Herren Herausgeber dem Leser ermöglicht, sich diese Einteilung aus den Werken jener Jahre selbst auszufüllen und das System aufzubauen, das der Philosoph nur andeuten konnte, Kenner Nietzsches wußten bisher schon, was sie von dem gerne vorgebrachten Vorwurfe der Systemlosigkeit zu halten hatten. Als ob nicht auch ein System sowohl die selbstzufriedene Horizontabschließung eines beschränkten Intellekts, wie andererseits den Schematisierungstrieb eines philosophischen Verwaltungsbeamten bedeuten könnte. Die Frage, ob ein Philosoph ein »System« habe, ist so lange müßig, als nicht genau bestimmt wird, in welchem Sinne das Wort zu nehmen ist, und ob es ferner wertvoller sei, Gedanken in Herbarien zwischen Löschpapier zu legen, als sie wild wachsen zu lassen, oder in Beeten zu pflegen oder in Sträuße zu binden, oder als Kränze über die Pforten eines Heiligtumes zu hängen: »System« bedeutet für jeden Denker etwas Anderes! Es kann ein Mechanismus sein und ein Organismus; für eine tiefere und strengere Auffassung hat mancher »systematische« Autor in Wahrheit kein System, weil seiner Gedankenwelt die innere Notwendigkeit fehlt; ein Anderer, der es verschmäht, mit dem konstruktiven Gerippe seiner Darstellung zu prunken, hat ein System, weil er ein System ist ; ein mit Notwendigkeit hervorbringender Denker. Durch die Umwertung wird aufs Neue bewiesen, daß Nietzsche mit den Jahren immer systematischer die großen Fragen des menschlichen Lebens betrachtete, in immer umfänglicheren Kreisen seine Interessen ausdehnend, bewußter stets und stets schärfer mit seinen philosophischen Ahnen sich auseinandersetzend, vorsichtiger im Prüfen, strenger in der Selbstkritik und meisterlicher in der Anwendung seiner Methode. Eine geistige Entwicklung von außerordentlicher innerer Notwendigkeit ist hier jäh abgeschnitten worden. Je näher die Werke dem Zeitpunkte der Katastrophe stehen, desto energischer sind sie in der Grundanlage, desto tiefer und allseitiger durchgedacht, desto klarer und schärfer in der Form. Mit einem aus Schmerz, Stolz und Dankbarkeit gemischten Gefühle sieht man den Philosophen in dem Augenblicke unter der Bürde seiner Aufgabe erliegen, da er im Begriffe ist, sein abgerundetstes und eigentümlichstes Werk zu geben und die Gedankenreihen eines Jahrzehntes abzuschließen. Einen Abschluß hätte die Umwertung bedeutet, vielleicht auch einen Wendepunkt. Denn in seltsamer Weise fließen zwei Strömungen in den Werken der letzten Zeit ungeschieden nebeneinander her: eine Verneinung, die rücksichtslos, heftig und feindselig bis zum Unrechte ist, und ein neues Sehnsuchtsbild vollkommener Güte, das im Zarathustra zum ersten Male aufglänzt, hier noch von herben, scharfen und kriegerischen Umrissen, im Jenseits von Gut und Böse feiner schon und zarter, und in der Folge stets strahlender und herzlicher, ohne daß es von seiner Tapferkeit einbüßte. Der Antichrist hatte dieses Ideal einer Güte ohne Schwäche noch sicherer und fester aufgestellt. Leise Untertöne von Dankbarkeit und Liebe klingen seltsam an, so oft diese Vision des unendlich gütigen, frohgemuten, wohlgeratenen Menschen in den nachgelassenen Werken von Nietzsche erschaut wird. Der spätere Buddhismus kennt und schildert, im Buche des Khuddaka Nikaya im zweiten Pitaka, die Lebensläufe von vierundzwanzig Buddhas, die vor Gautama da gewesen waren; nach Gautama aber soll ein neuer Buddha erscheinen, wenn Sakyamuni und seine Lehre längst vergessen sind, und sein Name wird sein Maitreya Buddha, der Buddha der unendlichen und triumphierenden Güte. Jener vollkommen gütige Mensch der Zukunft in den Schriften Nietzsches ist sein postulierter Maitreya Buddha. Die reine große Güte, die schenkende Tugend, der seine Überfülle selig spendende Reichtum ist ein wesentlicher Zug im Bilde des Übermenschen. Hier reichen sich über die Jahrtausende hin zwei wundervolle Visionen die Hände: der Traum jener sehnsüchtig nach einem reinsten Gütebild ausspähenden buddhistischen Mönche, und die Vision eines deutschen Philosophen, der sich kaum bewußt war, daß sein zögernder Fuß schon die Schwelle des Nirwana berührte. Es muß immer wieder betont werden, daß Nietzsche ethische Forderungen nur für sich und die Seinen aufstellt. Individualist ist er nur in diesem Sinne. Der weitaus größte Teil der Menschheit jedoch braucht kollektivistische, altruistische Ideale. Und zwar wählt der Einzelne sich seine Moral, seine Lebensanschauung nicht willkürlich, sondern er hat sie instinktiv, je nach Rang und Wesen der Energie, der Vitalität, die er selbst darstellt (wobei das Geistige nicht zu übersehen ist). Jede Bereicherung der Weltanschauung ist nur eine blitzartig aufleuchtende und tief beglückende Anagnorisis. Nur Verwandtes empfindet sich als verwandt. Nur Ähnliches assimiliert sich. Es steht niemanden frei, zur Herrenmoral oder zur Sklavenmoral sich zu bekennen. Man verkündet und lebt, was man ist. Man ist wohlgeraten oder man ist Ressentiment. Wo Nietzsche den Ausdruck »Sklavenmoral« gebraucht, meint er stets nur die Ressentiment-Moral des revoltierenden Sklaven, wie er sie in einigen Religionen und Philosophien zu erblicken glaubte. Daneben gibt es die große Menge der »guten Sklaven« (wobei das Wort »Sklave« nur der Kürze halber, wie eine mathematische Formel, verwendet wird, durchaus nicht beleidigend), die sich in ihrer Existenz glücklich fühlen, bei denen Vitalität und Weltanschauung sich entsprechen. Ihr Glück heißt: Gehorchen! Dienen! Sich Aufopfern! Sie empfinden das nicht als verächtlich. Es ist auch durchaus nicht verächtlich. Verächtlich dagegen wäre es, wenn sie mit der Anmaßung aufträten, die Werte des höheren Menschen zu bestimmen. Dieser höhere Mensch hinwiederum darf nicht altruistisch sein, er wird mit Notwendigkeit in allem Fühlen, Werten, Handeln sich bejahen. Bei ihm ist Egoismus eine Lebensäußerung, bei jenen wäre er Arroganz. »Ne nous laissons donc pas abuser: en dépit des apparences, il n'y a pas de morale plus ascétique, en un certain sens, que celle de Nietzsche: aucune n'exige plus d'abnégation, un plus rude et plus constant effort de volonté.« Kennern Nietzsches sagt dies Wort eines Franzosen nichts Neues. Aber um über ihn zu sprechen, ist es immerhin wünschenswert, daß man von Jenseits von Gut und Böse mehr gelesen habe als den Titel und von der Genealogie der Moral mehr kenne als das Assassinenzitat: Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt; daß man vor allem dort das neunte Hauptstück Was ist vornehm? gründlich durchgedacht und seine letzten Folgerungen erwogen habe. Man vergleiche mit dem verleumderischen Zerrbilde, das von Nietzsches sittlichen Idealen entworfen zu werden pflegt, die Tafel der vornehmen Werte, wie sie der Antichrist aufstellt: Rechtschaffenheit, Höhe der Seele, Zucht des Geistes, freimütige und gütige Menschlichkeit, Gemeinsinn, Dankbarkeit für Herkunft und Vorfahren, Förderung irgend eines Gemeinwohles, Frohsinn, Hochherzigkeit, Güte ohne Schwäche, Offenherzigkeit, Tatsachensinn. Man darf nicht vergessen, daß alle Schroffheit und Unerbittlichkeit nur die eine, negative Seite der Gedankenwelt Nietzsches bedeutet; daß sie naturgemäß bei ihm schärfer hervortritt, da er sich zu mancher Erkenntnis hart durchringen mußte, die dem Heutigen längst vertraut geworden ist. Gewiß haben die Betrachter seiner Philosophie Recht, die in ihm vorzugsweise den Kämpfer sehen, und denen er als ein erstarrter Fechter erscheint, vom Geschicke in dem Augenblicke zur Statue versteinert, da er zu einem entscheidenden Hiebe ausholte. Aber auch der hat sein Wesen erfaßt, dem er ruhig und gütevoll vor Augen steht, mit erhobenen Armen ein blaues leuchtendes Meer grüßend zugleich und segnend, ein Glücklicher und Dankbarer, der seine schlimme und gefährliche Anabasis endlich hinter sich hat, und nun all der wolkenlosen Unendlichkeit, die vor seinen entzückten Blicken sich hindehnt, aus tiefster Seele ein »Thalatta! Thalatta!« zujauchzt. Die Gedanken des neuen Buches sind nicht gleichwertig hinsichtlich ihrer formalen Ausgereiftheit. Die Worte sind stellenweise aufs Geratewohl gewählt, oft nur ein paar Schlagworte angedeutet. Skizzen und Entwürfe stehen neben Abschnitten, die zu dem Vollendetsten gehören, was Nietzsche geschrieben hat. Man sieht, hier ist jemand plötzlich von seiner Arbeit weggerufen worden und nicht mehr zu ihr zurückgekehrt. Die Schwermut des Torsos ruht über dem Ganzen, aber auch der Reiz des Entstehenden. Man hat die Glücksempfindung, eines großen Werdens Zeuge zu sein. Man sieht, wie Nietzsche arbeitet. Wie er ein Problem von allen Seiten anpackt, und am liebsten von der unzugänglichsten; wie er lange Gedankenreihen nebeneinander entwickelt, manche Idee zweimal, dreimal, öfter ausspricht, immer um noch größere Schärfe und Klarheit bemüht; wie er sich selbst Einwände macht, sich ad absurdum zu führen versucht; wie er immer genauer unterscheidet, z. B. zwischen den zwei Ausgangspunkten des Rausches (der übergroßen Fülle des Lebens und dem Zustande einer krankhaften Ernährung des Gehirns) oder zwischen einer doppelten Art von Schwäche (die Schwäche kann ein Anfangs-Phänomen sein: »noch wenig«, oder ein End-Phänomen: »nicht mehr«). Stärker als in den früheren Schriften wird die geschichtliche Entwicklung und damit die sogenannte Berechtigung von Dekadence und Nihilismus festgehalten; das Durch- und Nebeneinander von Symptomen des Verfalles oder des Aufsteigens im Leben der gegenwärtigen Menschheit wird öfter und eindringlicher betont. Nietzsche sieht die Dinge immer komplizierter. Er wirft manchmal Andeutungen hin, aus denen zu erraten ist, daß er hinter jeder scheinbar befriedigenden Antwort neue Fragezeichen und verwickeltere Probleme entdeckt. Es geht ihm wie dem Bergsteiger: was aus der Ferne eine kahle, glatte Wand schien, zeigt sich in der Nähe als ein System von Lagen und Schichten, mit zahllosen Vorsprüngen, Rissen, Klüften, mit Griffen und Tritten. Mit den Schwierigkeiten wachsen zugleich die Möglichkeiten, sie zu überwinden: »Wir leben im Zeitalter der Vergleichung, wir können nachrechnen, wie nie nachgerechnet worden ist. Wir genießen anders, wir leiden anders: die Vergleichung eines unerhörten Vielfachen ist unsere instinktivste Tätigkeit. Wir verstehen alles, wir leben alles, wir haben kein feindseliges Gefühl mehr in uns. « Das erste Buch enthält Monologe eines modernen Faust. Das Heraufkommen des europäischen Nihilismus wird erzählt (das Wort Nihilismus nicht in einem politisch-agitatorischen Sinne, sondern rein philosophisch genommen). Die allmähliche Verzweiflung, da kein von außen gegebenes Ziel sich halten ließ: wie das »Ziel der Welt« zuerst ins Religiöse, dann ins Moralische, dann ins Rationalistische, dann ins Soziale, dann (durch Hartmann z. B.) ins Immanent-Historische, endlich ins Eudaimonistische verlegt wurde. »Wir haben einen ›Sinn‹ in allem Geschehen gesucht, der nicht darin ist ... Es gibt keine Wahrheit; es gibt keine absolute Beschaffenheit der Dinge, kein ›Ding an sich‹. – Dies ist selbst nur Nihilismus, und zwar der extremste. Er legt den Wert der Dinge gerade da hinein, daß diesen Werten keine Realität entspricht und entsprach, sondern, daß sie immer nur ein Symptom von Kraft auf Seiten der Wert-Ansetzer sind, eine Simplifikation zum Zwecke des Lebens. Der Glaube an die Vernunftkategorien ist die Ursache des Nihilismus, – wir haben den Wert der Welt an Kategorien gemessen, welche sich auf eine rein fingierte Welt beziehen.« »Welche werden sich als die Stärksten erweisen? Die Mäßigsten, die keine extremen Glaubensätze nötig haben, die einen guten Teil Zufall, Unsinn nicht nur zugestehen, sondern lieben, die vom Menschen mit einer bedeutenden Ermäßigung seines Wertes denken können, ohne dadurch klein und schwach zu werden: die Reichsten an Gesundheit, die den meisten Malheurs gewachsen sind und deshalb sich vor den Malheurs nicht so fürchten – Menschen, die ihrer Macht sicher sind und die erreichte Kraft des Menschen mit bewußtem Stolze repräsentieren.« Begriffe wie Herrenmoral, Sklavenmoral, Immoralist, Jenseits von Gut und Böse sind γυμναστιχωσ nicht δογματιχωσ aufzufassen. Nietzsche hatte solche Antithesen nötig, »die Leuchtkraft dieser Gegenbegriffe, um in jenen Abgrund von Leichtfertigkeit und Lüge hinabzuleuchten, der bisher Moral hieß. Man soll den solitären Typus nicht abschätzen nach dem herdenhaften, und den herdenhaften nicht nach dem solitären. Aus der Höhe betrachtet, sind beide notwendig; insgleichen ist ihr Antagonismus notwendig .« Welches ist Nietzsches letztes Streben? »Wirklich den Pessimismus überwinden –; ein Goethischer Blick voll Liebe und gutem Willen als Resultat. Eine Höhe und Vogelschau der Betrachtung gewinnen, wo man begreift, wie alles so, wie es gehen sollte, auch wirklich geht: wie jede Art ›Unvollkommenheit‹ und das Leiden an ihr mit in die höchste Wünschbarkeit gehört ... Eine Rechtfertigung des Lebens, selbst in seinem Furchtbarsten, Zweideutigsten und Lügenhaftesten. Auch dieser Pessimismus der Stärke endet mit einer Theodicee, d. h. mit einem absoluten Jasagen zu der Welt – aber um der Gründe willen, auf die hin man zu ihr ehemals Nein gesagt hat. – Die Ja-sagenden Affekte: der Stolz, die Freude, die Gesundheit, die Liebe der Geschlechter, die Feindschaft und der Krieg, die Ehrfurcht, die schönen Gebärden, Manieren, der starke Wille, die Zucht der hohen Geistigkeit, der Wille zur Macht, die Dankbarkeit gegen Erde und Leben – alles, was reich ist und abgeben will und das Leben beschenkt und vergoldet und verewigt und vergöttlicht.« Es hieße, Mißverständnisse herbeiführen und unehrlicher Vergutmütigung Tür und Tor öffnen, wenn man die unverminderte, ja noch schärfer gefaßte Abweisung dekadenter Wertungen verschwiege, die auch in diesem Buche den eigentlichen Akzent bedeutet. In der unerbittlichen Verurteilung lebensfeindlicher Werte geht die Umwertung zum Teil noch weiter als der Antichrist. Kleine und hämische Geister haben denn auch nicht verfehlt, in den Ausfällen Nietzsches gegen das Christentum und gegen die altruistische Ethik die Bedeutung seiner Werke zu erblicken: sie haben sich die feindselige Terminologie seiner Ablehnung teils nachsprechend angeeignet, teils sie als Mittel benutzt, ihn zu denunzieren. Wenn hier die Ansicht kundgegeben wird, daß alles Negative bei Nietzsche erst in zweiter Linie, erläuternd nur, nicht beweisend, in Frage komme, so darf der Philosoph selbst als Zeuge angerufen werden – er, dessen Art »jasagend ist und mit Widerspruch und Kritik nur mittelbar, nur unfreiwillig zu tun hat«, der sich einst als liebsten Wunsch zum neuen Jahre diesen einen gestand: »Ich will nicht anklagen, ich will nicht einmal die Ankläger anklagen. Wegsehen sei meine einzige Verneinung!« Nietzsche hat, tiefer und leidenschaftlicher als die Mehrzahl seiner Zeitgenossen, verschiedene Seelenzustände durchgemacht, um sie später zu bekämpfen: das Christentum, die Schopenhauerische Philosophie, die künstlerischen Wirkungen der Wagnerischen Musik. Die genannten drei Phänomene gehören für ihn zusammen. Eines nach dem andern hat er, mit Anstrengung und sich selbst wehtuend, aus seiner Seele gerissen, weil ein mächtigeres Grundgefühl es ihm gebot. Gegen die drei Phänomene findet er die bittersten Worte; sich von ihnen losgelöst zu haben, schien ihm sein philosophisches Schicksal; hier in irgend einer Weise nachzugeben, seine größte Gefahr. Nur wer so wie er geliebt hat, kann so hassen, und aus seinem Hasse noch klingt der Schrei enttäuschter Liebe. Es ist, wie wenn Nietzsche in späteren Jahren gegen sich selbst auf der Lauer gestanden wäre, jede aufkeimende sanftere Regung nach dieser Richtung hin sofort zu unterdrücken. Für ihn war diese ungestüme Ablehnung notwendig. Ist sie es auch für uns? Und wäre sie es für ihn geblieben? Es sei gestattet, auf die zweite Frage zuerst zu antworten. Wer den Antichrist kennt, weiß, daß hier eine Darstellung des Christentums und eine Psychologie des Erlösers gegeben wird, die in mehrfacher Beziehung mit den Ausführungen Tolstois übereinstimmt. Wer die Umwertung liest, wird finden, daß in dem Maße, als das Verständnis Nietzsches für die geschichtliche Entwicklung des Christentums sich vertieft, seine Polemik an Gereiztheit verliert, und daß der Gedanke nicht abzuweisen ist, Nietzsche hätte auch das Christentum schließlich unter jene vereinigten Gegensätze mit inbegriffen, mit denen sein »großer Mittag, die Erlösung alles Vergangenen« vollgestopft erscheint (XII, 395). So darf vielleicht die ganze Umwertung als die letzte und größte Anstrengung angesehen werden, von aller Negation und Kritik endgiltig sich zu befreien, die ganze Vergangenheit noch einmal, zum letzten Male, heraufzubeschwören, sie einmal noch zu prüfen, auf die einfachste Formel zu bringen, um sich für immer von ihr abwenden zu können. Auch die Umwertung ist eine Vita Nuova , eine große und gründliche Abrechnung, ein letzter zürnender Blick auf die Gestade der Vergangenheit, ehe das Schiff die hohe See erreicht und nach neuen, nie geschauten, aber inbrünstig geahnten Küsten die herbe Salzflut durchpflügt. Da über das Verhältnis der jüngeren Deutschen zu Nietzsche unklare und unrichtige Vorstellungen verbreitet sind, sei eine Bemerkung dazu gestattet. Die neue Generation, die um die Zeit des Krieges [1870/71] auf die Welt gekommen ist, ihre höheren Schulen hinter sich hat und anfängt, am öffentlichen Leben teilzunehmen, ist wesentlich kühler und leiser als die vorhergehende, ohne deswegen pessimistisch zu sein. Sie verachtet das Parteigezänke in religiösen und politischen Dingen. Sie hat an den Kämpfen um das neue Reich nicht teilgenommen und keine Veranlassung, sich für politische Gegenstände leidenschaftlich zu erwärmen. Sie hat die Kämpfe um Richard Wagner nicht erlebt und steht dem Manne, seiner Kunst und dem Musikdrama mit zweifelnder Bewunderung gegenüber. Sie schickt sich an, soweit sie für den Naturalismus schwärmte, von dieser ästhetischen Kinderkrankheit zu genesen. Gemeinsam ist diesen Jüngeren eine Abneigung gegen große Worte, eine Geringschätzung jeder Borniertheit, die sich unbedingt und unentwegt gebärdet, und eine bewußte Flucht vor der Öffentlichkeit. Sie haben gelernt, daß Jeder das Entscheidende mit sich ganz allein auszumachen hat, daß ihnen Niemand dabei zu helfen vermag; daß ihnen Niemand zu befehlen hat, soweit es sich um Fragen des inneren Erlebens handelt. In diesem Sinne anerkennen sie keine Autorität. Sie haben ihre Sinne weit aufgetan für das Wirkliche, und ihr Herz hängt innig an allem, was schön ist: die leisen Lockungen der Kunst, jeder Art von Kunst, sind beinahe die einzigen, denen sie folgen. Sie sind nicht apathisch, aber antipathetisch, abwartend und zurückhaltend. Die Vorwürfe von Schwächlichkeit und Nervosität sind Geschwätz. Die neue Generation ist körperlich und geistig energisch und vielseitig; sie stellt strenge Anforderungen an sich selbst und an die Andern. Für die Ideale Derer, die um das Jahr 1860 jung waren, hat sie wenig Liebe. Selten haben Väter und Söhne sich so wenig verstanden. Wenn die Söhne ein Ziel deutlich verfolgen, so ist es dieses: unabhängig und abseits zu leben und zu versuchen, was sie aus ihrem Leben machen können, so daß es ihr eigentümliches und persönliches Leben bleibe, sowie von religiöser, nationaler und ästhetischer Rechthaberei sich möglichst frei zu halten. Der Philosoph, der diese Jüngeren am nachhaltigsten angeregt hat, ist Friedrich Nietzsche. Sie sehen schlechterdings nicht ein, an wen sonst sie hätten anknüpfen sollen, wenn sie auch seinen Vorgängern die Ehrfurcht nicht versagen. Seinen Ansichten unbedingt zu glauben oder zu folgen, fällt ihnen nicht im Traume ein. Aber sie verehren in ihm den letzten bedeutenden Denker seit Schopenhauer. Im Einzelnen hält jeder für richtig, was ihm beliebt. In dem Romane Niels Lyhne des dänischen Schriftstellers Jacobsen – er gehört zu den geliebtesten Büchern dieser Jüngeren – findet sich die Stelle, daß sich das ganze Problem auf eine einfache Formel bringen lasse: das Leben zu ertragen, wie es sei, und jegliches Leben nach den eigenen Gesetzen des Lebens sich bilden zu lassen. Auf Grund dieser Formel kann man sich verständigen. Sie ist, in einen Satz zusammengepreßt, der Inhalt der Umwertung aller Werte . Dem nachgelassenen Hauptwerke Nietzsches wird dasselbe Schicksal zuteil werden wie dem Manne selbst: es wird mehr gelesen als verstanden werden. Man wird ihm vorwerfen, daß es trotz alledem nicht systematisch sei. Mit demselben Rechte würde man an einem Gemälde Böcklins tadeln, daß es trotz alledem kein Schachbrett sei. Man wird an dem Buche aussetzen, daß ihm die Originalität fehle. Mit demselben Rechte würde man von einem Baume verlangen, daß er in der Luft wurzele. Man wird endlich geruhen, ex cathedra zu verkünden, daß es für die Wissenschaft nicht existiere. Durch denselben Vorwurf ist Burckhardts Griechische Kulturgeschichte in die Reihe der erlauchten Bücher gestellt worden, die für die Menschheit existieren. Vielleicht werden es die gelehrten Diurnisten ignorieren. Dies wäre das Weiseste was sie tun könnten. Nietzsche und Rohde (1903) Auf einem Bilde, das die Mitglieder des Leipziger Philologischen Vereins darstellt (Winter 1866/67), fallen bei genauerer Betrachtung von den zehn um einen Tisch gruppierten jungen Leuten dem Beschauer zwei auf, die einen viel bedeutenderen Eindruck machen als ihre Kommilitonen: an der linken Ecke der sofort kenntliche zweiundzwanzigjährige Nietzsche, heiter und nachlässig wie Einer, der die feierliche Prozedur als einen Scherz ansieht; ganz rechts an der Ecke ein Jüngling von einem sonderbar ernsten und stolzen Ausdruck in Gesicht und Haltung; der feine Kopf merkwürdig schmal; hinter dem sich emporwölbenden Scheitel wird ein mächtiger, stark aufgerundeter Hinterschädel sichtbar, eine Kopfbildung, wie begabte Menschen, besonders Musiker, sie oft zeigen; das Kinn trotzig; die Backenknochen treten energisch, doch nicht unedel hervor; das Augenpaar blickt fast schwermütig in eine unbestimmte Weite. Der also Dargestellte ist Erwin Rohde, Nietzsches bester Freund. Ein Bild Rohdes schmückt auch die schöne Biographie des Mannes, mit der Professor Crusius die nicht große Zahl wertvoller Gelehrtenbiographien um ein Werk von gründlicher Kenntnis, anziehender Darstellung und erquickender Herzenswärme bereichert hat. Die Züge des Dreißigjährigen sind noch bedeutender geworden; stärker wölbt sich die Stirn, trotziger sind die von einem schmalen schwarzen Barte beschatteten Lippen aufgeworfen; eine unausdrückbare Idealität liegt über der Erscheinung; aus den düsteren Augen spricht schmerzliche Entsagung, aber zugleich eine unbedingte, harte Wahrhaftigkeit, die sich dem Beschauer ins Herz bohrt. Ein seltsamer Zauber und Zwang geht von diesen forschenden Augen aus; sie erzwingen Ehrerbietung, sie heischen Liebe. Erwin Rohde ist geliebt worden. Nicht von den reinen und glücklichen Tagen seiner jungen Ehe sei hier die Rede: wer das Buch von Crusius liest, wird manchmal ergriffen innehalten. Aber bevor Rohde sich einen Hausstand gründete, hatte er Jahrzehnte lang in Freundschaft mit Nietzsche gelebt. Keiner von denen, die Nietzsche ihren Freund nennen durften, ist ihm so ganz nah gekommen. Keiner war seinem Wesen so verwandt. An Keinem hing Nietzsche mit treuerer Liebe. Nun liegt der Briefwechsel zwischen Rohde und Nietzsche in einem stattlichen Bande vor. Professor Fritz Schöll hat die Briefe des Freundes, Frau Elisabeth Förster-Nietzsche die des Bruders herausgegeben. Sich kennen und lieben gelernt zu haben, empfanden diese Zwei als ein tiefes Glück. Dieses Glück mitzuerleben, gewährt der Briefwechsel den Freunden der Freunde. »Rohde ist jetzt auch ordentliches Mitglied, ein sehr gescheiter, aber trotziger und eigensinniger Kopf«, schreibt Nietzsche im September 1866 an den Freiherrn von Gersdorff. Es handelte sich um den auf Ritschls Anregung gestifteten Philologischen Verein. Bald waren Nietzsche und Rohde die Flügelmänner der jungen Gesellschaft. In Nietzsches sechstem Semester, Ostern bis Herbst 1867 zu Leipzig, wurde die Freundschaft eng und herzlich; Beide sahen sich mit einem Male allein, »auf einem Isolierschemel«, wie Rohde sagt; sie waren über ihre mitstrebenden Altersgenossen hinausgewachsen und aufeinander angewiesen. Freund Rohde war es, zu dem Nietzsche mit dem fertigen Manuskript seiner Preisaufgabe de fontibus Diogenis Laertii in dunkler Regennacht stürmte; feierlich bewegt, tranken sie eine Freudenflasche zusammen und redeten sich von Hoffnungen und Entwürfen die Köpfe heiß. »Ich habe es bis jetzt nur dies eine Mal erlebt«, notierte Nietzsche ein Jahr später, »daß eine sich bildende Freundschaft einen ethisch-philosophischen Hintergrund hatte. Einig waren wir nur in der Ironie und im Spott gegen philologische Manieren und Eitelkeiten. Für gewöhnlich lagen wir uns in den Haaren, ja, es gab eine ungewöhnliche Menge von Dingen, über die wir nicht zusammenklangen. Sobald aber das Gespräch sich in die Tiefe wandte, verstummte die Dissonanz der Meinungen und es ertönte ein ruhiger und voller Einklang.« Wie ein Echo schallt es zurück aus dem ersten Brief, den wir von Rohde an Nietzsche besitzen: »Ich denke, old boy , daß auch Du mit Vergnügen an so manche Augenblicke innigster Harmonie in den Grundstimmungen des Denkens und Seins zurückdenkst. Die herzliche Teilnahme, die Du mir querköpfigen und abstoßenden Kerl erwiesen hast, empfinde ich um so wärmer und tiefer, weil ich nur zu genau weiß, wie wenig meine Art zu näherer Teilnahme auffordert. Vor Allem denke ich mit Freude zurück an die Abende, wo Du mir im Finstern auf dem Klavier vorspieltest: ich fühlte den Abstand zwischen einer produktiven Natur und mir ohnmächtig wollenden Halbhexen, aber die Seele schloß sich doch auf unter den Tönen und ging einen somewhat elastischeren Schritt.« Dieser Brief ist ein Selbstporträt, in einem anderen Sinn allerdings, als sein Schreiber es gemeint hatte. Man errät eine vornehme, schamhafte, hochstrebende Seele, mit einer unseligen Veranlagung, sich zu quälen und Bitternis aus den Blüten des Lebens zu saugen; einen düsteren und leidenschaftlichen Geist, leicht verwundbar und schwermutvoll, der das Geheimnis seiner Zartheit ängstlich hinter der Maske eines bärbeißigen Humors verhehlt; einen Freund, der bei aller unbedingten Verehrung Spuren leiser Eifersucht nicht ganz verbergen kann: der reicher und allseitig begnadete Genosse ist ihm ein wundervolles Glück und ein schmerzlich schürfender Stachel zugleich. So weiche Klänge dieser spröden Natur zu entlocken: das erforderte einen Herzenskünder wie Nietzsche; er sah durch Falten und Schleier die hüllenlose, in einsamer Sehnsucht sich verzehrende Seele. Wie mühsam verhaltener Jubel braust es durch Rohdes Jugendbriefe. Gelegentlich, wie in dem herrlichen Weihnachtsschreiben vom Jahre 1868, springen alle Riegel dieses verschlossenen Herzens auf und wie aus tiefen, lauteren Brunnen quillt die Empfindung: »Dir allein verdanke ich die besten Stunden meines Lebens; ich wollte, Du könntest in meinem Herzen lesen, wie innig dankbar ich Dir bin für Alles, was Du ihm geschenkt; der Du mir das selige Land reinster Freundschaft erschlossen hast, in das ich, mit liebebedürftigem Herzen, früher wie ein armes Kind in reiche Gärten geblickt hatte. Der ich von jeher einsam war, ich fühle mich jetzt vereint mit der Besten Einem; und Du kannst schwerlich verstehen, wie Das mein inneres Leben verändert hat; bei meinem tiefen Bewußtsein meiner Härten und Schwächen erquickt mich Liebe und Milde wie etwas Unverdientes unsäglich.« Noch sind es zwei jugendliche und harmlose Menschenkinder, die einander die schwärmerischen Brautbriefe ihrer Freundschaft schreiben; noch haben sich nicht die drohenden Schatten des Lebens auf ihre sonnige Existenz gelegt; ihr gern betonter Pessimismus hat etwas jünglinghaft Theoretisches: die müde und schmerzliche Weisheit Schopenhauers ist ihnen in Hirn und Herz gedrungen und gläubig beten sie dem Meister nach, der ihrem Geiste das auszeichnende Stigma der Philosophie aufgeprägt hat. Sie beraten einander in ihren philologischen Studien, schwärmen von Objektivation des Willens, von der platonischen Idee als Objekt der Kunst, von Bejahung und Verneinung des Willens zum Leben. Daneben aber freuen sie sich kindlich auf eine Pariser Reise, die sie zu machen gedenken, und Nietzsche schreibt in scherzhafter Renommisterei von der göttlichen Kraft des Cancan und vom gelben Gift Absynth. Der selbe vierundzwanzigjährige Nietzsche ist entzückt über seine Qualifikation zum Landwehrleutnant, die ihm »von äußerstem Wert« zu sein scheint, angesichts der täglichen, immer drohenderen Kriegsgefahr. Die gleichzeitig ausgesprochene Hoffnung »auf spätere artilleristische Tätigkeit« klingt dem Leser ominös, der sich der Werke der achtziger Jahre erinnert. Siebenmal wird Suschen Klemm, die zierliche Naive des Leipziger Stadttheaters zu jener Zeit, im Briefwechsel der Freunde erwähnt; sie haben ihr den philologischen, spätgriechisch-galanten Kosenamen Glaukidion gegeben; Nietzsche berichtet triumphierend, daß er sie nach Hause begleiten durfte; er sucht im ganzen Theater, ob sie anwesend ist; er weiß, wie viel Gage, wie viel Zulage sie von Laube bekommt; seine Stube ist »so glücklich, besagtes Wesen mit ihrer hübschen Schwester eine Stunde zu beherbergen. Und es war eitel γελωσ und γλυχυτησ«. Zum Zeichen dessen, was mit dem ausdrücklichen Hinweis auf diese unschuldige Herzensneigung zu einem anmutigen Theaterbackfisch beabsichtigt ist, seien drei Jahreszahlen hier verzeichnet. Das Jahr, in dem diese Briefe geschrieben wurden: 1868; das Jahr, in dem Menschliches, Allzumenschliches erschien: 1878; endlich das Jahr des Fall Wagner , der Dionysos-Dithyramben , der Götzendämmerung , des Antichrist , des Ecce Homo , der Umwertung aller Werte : 1888. Welcher Weg , welche Entwicklung in zwei Jahrzehnten! 1868: Der normale hoffnungsvolle Jüngling; heiter, sorglos, lebenslustig; sehr strebsam, aus gutem Hause: Pastorssohn, mit einem Dutzend gutmütig bemutternder Tanten. Scheinbar nichts Außergewöhnliches ist an ihm; gewiß ist er begabt, sogar sehr und vielseitig; aber der um ein Jahr jüngere Rohde macht entschieden einen reiferen, ernsteren Eindruck. Gründungsphilister eines Vereins gescheiter Philologen, Ritschls Günstling; dieser Nietzsche wird vermutlich eine glänzende, wenn auch durchaus typische akademische Karriere durchlaufen: er wird brav und sittsam als Privatdozent anfangen, wird zum Extraordinarius, zum Ordentlichen Professor vorrücken; vielleicht bringt ers sogar zum Wirklichen Geheimen Rat und sicher bleibt ihm der Rote Adlerorden vierter Verdünnung nicht aus. Er wird ein Weib nehmen und seine Töchter an weitblickende Privatdozenten verheiraten; er wird zwei oder drei grundlegende Werke und eine Unzahl Zeitschriftenartikel schreiben, – Alles sehr gediegen, sehr wissenschaftlich, mit Zitaten, Anmerkungen, Hinweisen, Varianten, mit kritischem Apparat ... 1878: Er ist tatsächlich Professor geworden, abnorm früh, unter ungewöhnlich ehrenvollen Umständen. Aber er hat sich durch heillose Verquickung von Philologie und Wagnerei kompromittiert; für ernsthafte Philologen existiert er nicht mehr, denn er ist nicht wissenschaftlich; man hat, wie es sich gehört, seinen Katheder boykottiert, angehende Jünger der Philologie vor ihm gewarnt. Seit einiger Zeit liest er nicht mehr, sondern treibt sich, angeblich aus Gesundheitsrücksichten, irgendwo in Italien herum, in bedenklich internationaler Gesellschaft. Sein neustes Werk, lauter Aphorismen, zeigt, daß er sich total ausgeschrieben hat ... 1888: Dieser Nietzsche, auf den gewisse Leute vor fünfzehn Jahren so übertriebene Hoffnungen gesetzt hatten, ist so gut wie verschollen. Er führt ein Nomadenleben: Oberengadin, Thüringen, Venedig, Riviera. Er soll immer noch schreiben, aber kein Mensch liest ihn, niemand kauft, niemand bespricht seine überspannten Bücher, die jedes Jahr den Verleger wechseln. Eins davon soll sehr unmoralisch sein, hat aber dennoch keinen Erfolg gehabt; schon der Titel läßt allerlei Abscheuliches vermuten. Ein anderes handelt von persischer Mythologie, wie man hört. Um sich interessant zu machen, hat er ein Pamphlet gegen Wagner verfaßt ... Halt, gerade kommt eine ganz unglaubliche Zeitungsnachricht über ihn: »Die von dem Dozenten Dr. Georg Brandes im größten Hörsaal gehaltenen öffentlichen Vorlesungen om den tüske filosof Friedrich Nietzsche haben enormen Zulauf; jedesmal über dreihundert Personen.« Wie? Das Ausland nimmt Notiz von dem Manne? Sollte der Mann daher am Ende ernst zu nehmen sein?   Drei Dinge waren Nietzsche und Rohde gemeinsam: Liebe zum Altertum hatte sie zusammengeführt, Begeisterung für Schopenhauer brachte sie einander näher, Hingabe an die Wagnerische Kunst besiegelte den Bund. Rohde ist der Philologie treu geblieben und hat Glänzendes in ihr geleistet; er hat nie Wagner den Rücken gekehrt, obgleich auch er den weihrauchschwülen Quovadismus des Parsifal ablehnte; am lockersten wurde sein Verhältnis zur Philosophie, wenn er auch in seinen beiden Meisterwerken philosophischen Problemen durchaus nicht aus dem Wege ging. Nietzsche löst sich von Philologie, Schopenhauer und Wagner entschlossen los: sie waren ihm nur Wegweiser zu sich selbst gewesen. Alles in seinem Leben drängte scheinbar darauf hin, daß er Richard Wagner eine Art von Paulus würde: eine junge Sekte braucht den Vermittler, der sie in Beziehung zu den vorhandenen Kulturmächten setzt. Wagner hatte, wie kein Künstler vor ihm, einen skrupellosen Ehrgeiz, mit allem, was irgendwo einmal in der Geschichte groß war, in Beziehung zu stehen; Indertum, Griechentum, Christentum, die alte Tragödie, der Heilige Franz von Assisi, Dante, Shakespeare, Calderon, Goethe, Schiller, die Romantik, Schopenhauer, Beethoven, germanischer Mythus, ritterliche Epik, bretonische Fabulierlust: das alles sollte in das Werk Wagners hineininterpretiert werden, und zwar so, daß es erst in und durch Wagner seine Vertiefung und Vollendung gefunden habe. Nietzsche schien so recht geschaffen, der griechische Kirchenvater des neuen Glaubens zu werden; die Umstände konnten nicht günstiger zusammentreffen; seine Berufung nach Basel wies ihm deutlich die Richtung. »Luzern ist mir nun nicht mehr unerreichbar«, heißt es in dem Brief, in dem er Rohde seinen Ruf mitteilt. So sah er der neuen Professur froh, wenn auch nicht ohne Sorge entgegen. Rohde fühlte dunkel, daß ihnen Beiden ein Lebenssommer voll Mühe und Schwüle bevorstehe; in ergreifenden Worten nahm er Abschied vom Jugendgenossen und vom Frühling ihrer Freundschaft: »An diesem trivium unserer Lebenspfade laß michs Dir noch einmal sagen, daß Niemand im Leben mir wohler und lieber getan hat als Du und daß ich das empfinde mit allen Fibern meines Wesens.« Basel ist die entscheidende Wendung in Nietzsches Lebenslauf. Er wird unvermittelt und unvorbereitet in einen Beruf hineingeworfen, den er unter normalen Umständen in langem geduldigem Warten und Vorbereiten erreicht hätte; der Unterricht am Pädagogium vermehrte bedenklich Arbeitslast und Verantwortung. Die freien Stunden waren einer erstaunlichen Produktion gewidmet: fast alles, was der erste, neunte und zehnte Band der Gesamtausgabe enthalten, ist in Basel entstanden. Ein ausgedehnter Briefwechsel, aufregende Musik und die Besuche in Tribschen bei Richard Wagner sind nicht zu vergessen. Mit der Berufung nach Basel scheint Nietzsches Lebensschiffchen in das idyllische Seitengewässer einer friedlichen Gelehrtenexistenz zu steuern; in Wirklichkeit treibt es sacht, aber unaufhaltsam hinaus in den Strom. Denn in Basel wuchs Nietzsche nur zu bald über das ganze Universitätswesen hinaus. Zunächst verlor er den engen persönlichen Konnex mit Rohde; lange Briefe waren ein kümmerliches Surrogat. Neuen Anschluß fand er nicht leicht. Der später einigermaßen vertrautere Verkehr mit Jakob Burckhardt und besonders Overbeck beschränkte sich anfangs auf freundliches Grüßen. So drängte alles darauf hin, ihn der Macht in die Arme zu treiben, die den Menschen jäh und gründlich wandelt: der Einsamkeit. Sie verleiht von nun an seinem Leben und seinen Werken Farbe und Glanz. Die Einsamkeit ist das letzte Kriterium für alles Hervorbringen; sie ist das Auszeichnende und Unterscheidende; man fühlt es sofort, wenn ein Werk »aus der Fremde« kommt, aus Höhe und Stille; seltsam und adelig steht es da. Beethovens letzte Quartette, Schopenhauers Hauptwerk, Ibsens letzte Dramen haben alle einen Hauch und Duft der strengen Einsamkeit an sich, in der sie entstanden sind. Nietzsche, von Natur aus wie Stendhal geneigt à se singulariser , wurde durch ein sonderbares Zusammenwirken verschiedener Umstände aus Beruf und Amt, aus Tradition und sozialem Leben hinausgedrängt, unmerklich beinahe, aber unaufhaltbar. Man kann Schritt für Schritt verfolgen, wie er die Wohnstätten der behäbig in Alltag und Gemeinschaft Lebenden verläßt, wie er immer höher seinen Berg hinansteigt und immer einsamer wird. Wohl preist sein Sonnenhymnus, da Zarathustra auf dem Gipfel steht und süßen Honig opfert, in entzückter Weiherede seiner Einsamkeiten siebente und letzte. Aber zu anderen Zeiten entlockte ihm das Gefühl, nicht einen einzigen Menschen zu haben, der ihn liebend verstand, bitterliche Klagen. Kaum war Nietzsche ein Jahr in Basel, als er Rohde schon ganz revolutionäre Briefe schrieb: ein radikales Wahrheitswesen sei an einer Universität nicht möglich; etwas wirklich Umwälzendes werde nie von hier aus seinen Ausgang nehmen können; er werde diese Luft nicht mehr lange aushalten. Um aus dieser Not herauszukommen, erwog er in vollem Ernst einen Gedanken, der zu allen Zeiten feinere Geister als selige Utopie gereizt hat: den des weltlichen Klosters, in der Art der Platonischen Akademie oder der Thelemitenabtei des weisen Meisters Rabelais. Er bereitete einen Aufruf vor »an alle noch nicht erstickten und in der Jetztzeit verschlungenen Naturen«. Auf Rohdes und Romundts Mitwirkung rechnete er zuversichtlich, im Stillen wohl auch auf die Deussens, Burckhardts, Overbecks. Er fing an, seine Bedürfnisse auf ein Mindestes einzuschränken, um einen kleinen Rest von Vermögen für alle Fälle zu bewahren; er wollte in die Lotterie setzen, für seine Bücher die denkbar höchsten Honorare verlangen. Rohde mahnte besonnen ab; er fand sich nicht produktiv genug zu solcher Welteinsamkeit. »Mit Leuten wie Schopenhauer, Beethoven, Wagner ist es eine ganz andere Sache; auch mit Dir lieber Freund.« Die Stelle ist interessant: hier also kommt Rohde schon nicht mehr mit; er hat nicht mehr die nötige Elastizität. Und welch sonderbare Gleichstellung von Nietzsche, der noch keine seiner größeren Schriften veröffentlicht hatte, mit Schopenhauer, Beethoven, Wagner! Welchen Eindruck von Größe muß Nietzsche auf Rohde stets gemacht haben, daß dieser eine solche Nebeneinanderstellung wagte, ohne Furcht, sich und den Freund lächerlich zu machen! Nietzsche fühlt sich unbehaglich in Amt und Fach. Nun tritt ein Ereignis ein, das in seiner Wichtigkeit für Nietzsches Entwicklung noch nicht hinreichend erkannt worden ist: der Basler Professor der Philosophie Teichmüller nimmt einen Ruf nach Dorpat an, Nietzsche hat eine solche Sehnsucht, seinen Rohde wieder bei sich zu haben, daß er ordentlich erfinderisch wird: er trägt sich mit dem Wunsch, sich um die vakante Professur zu bewerben, damit seine eigene für Rohde frei werde. In Lugano, wo er seine Erholung sucht, wiegt er sich in goldenen Träumen gemeinsamen Wirkens an der Basler Hochschule; sich selbst aber – und das ist das Entscheidende – kann er sich nur mehr als Philosophen vorstellen: so fest hat er sich schon in diese neue Hoffnung hineingelebt. »Von der Philologie lebe ich in einer übermütigen Entfremdung, die sich schlimmer gar nicht denken läßt. Bald sehe ich ein Stück neue Metaphysik, bald eine neue Ästhetik wachsen.« Es war der letzte Versuch, das ideale Kloster zu gründen. Der etwas spätere Plan, Rohde wenigstens an die Nachbaruniversität Zürich zu bringen, zerschlug sieh, weil Rohde mit Kiel unterhandelte. Man darf die Wichtigkeit dieser vergeblichen Bemühungen nicht übersehen: jetzt ist Nietzsche der Philologie ganz entfremdet, sie ist ihm, wie er selbst im nächsten Briefe bekennt, »ein Ekel«. Sie hat nur noch Wert für ihn, wenn sie sich in den Dienst des Lebens, der hohen Kultur, der großen Kunst stellt; diese Rolle weist ihr Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik an. Als das Werk erschienen war und von Wilamowitz Möllendorf vom Standpunkte der Wissenschaft aus ungestüm angegriffen wurde, stellte Rohde sich resolut auf die Seite des Freundes. Ob auch der Sache, ist zweifelhaft. Zwar haßte Rohde die »fatale Göttinger Weisheit von der Heiterkeit des echten Griechentumes« ebenso grimmig wie Nietzsche; auch er sah die Zeit tiefster mystischer Erregung zwischen Homer und Äschylos; »purifizierten Altenweiberprotestantismus« nennt er die zünftige Darstellung griechischer Weltanschauung. Aber Nietzsches erstes Buch enthielt Kühnheiten und Vorahnungen seiner späteren Entwicklung, die einem sorgfältigen Leser nicht entgehen konnten. Im Juli 1876 erhielt Nietzsche die Anzeige von Rohdes Verlobung. Sogleich schrieb er einen herzlichen Glückwunschbrief, der jedoch eine merkwürdige Stelle enthält: »Ja, ich werde ruhiger an Dich denken können: wenn ich Dir auch in diesem Schritt nicht folgen sollte. Denn Du hattest die ganz vertrauende Seele so nötig und hast sie und damit Dich selbst auf einer höheren Stufe gefunden. Mir geht es anders. Mir scheint das alles nicht so nötig, – seltene Tage ausgenommen. Vielleicht habe ich da eine böse Lücke in mir. Mein Verlangen und meine Not ist anders; ich weiß kaum, es zu sagen und zu erklären.« Er ahnte wohl selbst nicht, welch klaffenden Abstand er mit diesem Bekenntnis zwischen sich und dem Freunde konstatierte; auch Rohde scheint die Stelle: »Du hattest die ganz vertrauende Seele nötig« nicht verstanden zu haben; noch einmal flammt, zum letzten Male und am höchsten, seine Liebe auf: »Mein Freund, ja, wahrlich mein Freund und Bruder! Eins denke immer: daß in meinem zukünftigen Hause Dir Herz und Herd allezeit zur Verfügung stehen; nicht wie ein Geschenk, sondern wie Dein eigener und rechtmäßiger Besitz! Ich bleibe Dein in unveränderter Liebe.« Dieser Brief steht auf Seite 534 des Bandes; dann folgen nur noch fünfzig Seiten. Wann schreibt man einem Mädchen die glühendsten Briefe? Wenn man sich unbewußt mit dem Wunsche trägt, ihr den Abschied zu geben. Zwei Dinge gibt es, die den Menschen entjungen; sie schneiden seine Entwicklung ab: Amt und Ehe. Sie sind des Durchschnittsmenschen Los und Glück, auch des sehr begabten. Dem Philosophen aber ist jedes Amt eine Kette und die Ehe ein Verhängnis; er versagt sich beides aus Instinkt. Schon dem vierundzwanzigjährigen Nietzsche stand dieser Satz fest. »Ich habe hier Gelegenheit, mir die Ingredienzien eines glücklichen Familienlebens in der Nähe anzusehen: hier ist kein Vergleich mit der Höhe, mit der Singularität der Freundschaft. Das Gefühl im Hausrock, das Alltäglichste und Trivialste überschimmert von diesem behaglich sich dehnenden Gefühl: Das ist Familienglück, das viel zu häufig ist, um viel wert sein zu können.« So ungefähr sagt das einmal jeder Jüngling; man erinnere sich der köstlich frischen Eingangsszene von Stifters Hagestolz . Nietzsche hat seine Jugendanschauung über die Ehe festgehalten; sie ist ihm immer strenger und entschiedener geworden. Wundervoll besang er im Zarathustra das Glück der Ehe und die Seligkeit der Elternschaft, aber er vergaß keinen Augenblick, daß es nicht für ihn und er nicht für es geschaffen sei. Fürs »dumpfe deutsche Stubenglück« vollends hatte er nur höhnende Verachtung, und als er dem fromm und mürb gewordenen Wagner die Summe seiner Existenz zog, schrieb er an auffälliger Stelle den bösen Satz: »Die Gefahr der Künstler, der Genies liegt im Weibe; die anbetenden Weiber sind ihr Verderb.« Nicht in der unglücklichen Ehe sah er die Gefahr: ohne Xanthippe kein Sokrates. Das »Behagen zu Zweien« war ihm das zu Fürchtende, das eigentlich Unphilosophische. In dem Glückwunschbrief deutete ers Rohde in einem zarten Symbol an: Ein Wandrer geht durch blaue Nacht und lauscht in weicher Wehmut der süßen Weise eines Vogels. Aber der Vogel spricht: »Nein, Wandrer, nein! Dich grüß ich nicht Mit dem Getön! Ich singe, weil die Nacht so schön: Doch Du sollst immer weiter gehn Und nimmermehr mein Lied verstehn!... Leb wohl, Du armer Wandersmann!« – – Rohde hatte vielleicht als erster die aphoristische Technik Nietzsches erkannt. »Du deduzierst zu wenig«, schrieb er ihm über die zweite Unzeitgemäße Betrachtung; »Du überlässest dem Leser mehr, als billig und gut ist, die Brücken zwischen Deinen Gedanken und Sätzen zu finden. Zuweilen habe ich den Eindruck, als ob einzelne Stücke und Abschnitte zuerst für sich fertig gearbeitet worden wären und dann, ohne in dem Fluß des Metalles völlig wieder aufgelöst worden zu sein, dem Ganzen eingefügt worden wären.«. Als Nietzsche in dem Aphorismenbande Menschliches, Allzumenschliches gänzlich auf die Eselsbrücken verzichtete, in denen philosophierende Flachköpfe das System einer Philosophie erblicken, war Rohde weniger von der neuen Form als von dem neuen Inhalt überrascht: »So muß es sein, wenn man direkt aus dem caldarium in ein eiskaltes frigidarium gejagt wird.« Schmerzlich befremdet, fand er zu viel Rée in dem Werke. So sehr er den rücksichtslosen Wahrheitstrieb, die kühle und strenge Zerlösung religiöser, metaphysischer und künstlerischer Illusionen bewunderte: er gab nur die relative Wahrheit der Sätze zu und fand den Gehalt des Buches mehr im Einzelnen als im Ganzen. Seltsam klingt der Schluß: »Nichts, dessen sei gewiß, soll mich Dir je im Innern entfremden.« So schreibt man nur, wenn die Entfremdung tatsächlich schon begonnen hat. Rohde mußte blitzartig erkennen, daß sein und Nietzsches Weg schon weit auseinandergingen. Daß er nicht, wie Wagner, das Buch als Ganzes verwarf, zeugte von Freiheit des Geistes. Daß er ihm nur zum Teil zu folgen vermochte, lag daran, daß Nietzsches Entwicklung ein ganz anderes Tempo annahm, nachdem er seinen Beruf aufgegeben hatte und nur noch sich selbst lebte. Rohde war durch Amt und Ehe davor bewahrt, ein rein kontemplatives Leben zu führen. Von nun an wird auch der Ton Nietzsches in seinen Briefen anders; ganz langsam und allmählich, aber deutlich erkennbar. Es ist, als ob er aus der Höhe spräche; eine eigentümliche Überlegenheit und Nachsicht klingt leise durch. Die Antwort auf Rohdes Brief zeigt schon diese neue Weise; wer genau hinhorcht, hört durch alle Herzlichkeit doch einen Ton selbstbewußter Ironie. Nietzsche erklärt dem Freunde kurz und bündig, das Buch sei fertig und zu einem guten Teil schon reingeschrieben gewesen, ehe er überhaupt Rées Bekanntschaft gemacht habe. »Dadurch erscheine ich Dir vielleicht noch fremdartiger, unbegreiflicher? Fühltest Du nur, was ich jetzt fühle, seitdem ich mein Lebensideal endlich aufgestellt habe, die frische, reine Höhenluft, die milde Wärme um mich, – Du würdest Dich sehr, sehr Deines Freundes freuen können. Und es kommt auch der Tag.« Wirklich fand Rohde mit der Zeit sich besser in die Wandlung hinein; immer mehr erfaßte er die Souveränität des Buches: »Du wohnst in Deinem eigenen Geist, wir anderen aber hören solche Stimmen sonst nie, nicht gesprochen, nicht gedruckt: und so geht es mir, wie von jeher, wenn ich mit Dir zusammen war, auch jetzt: ich werde für eine Zeitlang in einen höheren Rang erhoben, als ob ich geistig geadelt würde.« Leider fehlen uns mehrere Briefe der späteren Korrespondenz. Man könnte an der Hand dieser verlorenen Dokumente den Finger auf eine Stelle nach der anderen legen, durch die sich das Fremdwerden offenbart. Denn fremder werden sich immer mehr die früher so innig Vertrauten, deren Gehirne und Herzen wie Geschwister gewesen waren. Aus dieser drückenden Empfindung heraus bittet Nietzsche, Rohde wolle ihm doch etwas recht Persönliches schicken, damit er nicht immer nur den vergangenen Freund im Herzen habe, sondern auch »den gegenwärtigen und – was mehr ist – den werdenden und wollenden: ja, den Werdenden! den Wollenden!« Nietzsche hat das sicher nicht böse gemeint; aber der Hieb saß. Sofort entschuldigte sich Rohde: es sei eben gerade der Fluch des Professorentums, sich als einen Seienden zu geben; er wisse sich kaum zu helfen vor Seminar- und Vorlesungsbürde; er verglich sich mit einem Dorfteich, der langsam mit Schimmel überwächst. Für Rohde war das Werden vorbei. Er mußte froh sein, wenn er sich in seiner Wissenschaft auf dem Laufenden halten konnte. Der Universitätsgelehrte, der zugleich Forscher und Lehrer sein soll, hat viel zu tun, wenn er nicht eins von den beiden vernachlässigen will. Rohde hatte in Amt und Ehe eine reiche und tiefe Persönlichkeit mitgebracht, aber er entwickelte sich nicht mehr in dem Sinne, wie Nietzsche es ersehnte. Ihm mußte Nietzsches fortwährendes Werden, Wachsen, Überwinden unheimlich erscheinen. Die Briefe, die er ihm schrieb, zeigen die bewußte Absicht, einen Leidenden zu schonen. In den Briefen an Overbeck, Ribbeck und andere, die man in dem Buch von Crusius nachlesen mag, klingt alles um ein paar Nuancen schärfer, auch kühler. Ihm war Nietzsche ein lieber alter Freund neben lieben neugewonnenen Freunden. Er war Nietzsche der älteste, geliebteste Freund, der Freund. Gerade von seinen Jugendfreunden wollte Nietzsche verstanden werden; er fühlte dunkel, daß sie ihn nicht mehr verstehen konnten, vielleicht auch nicht mehr begreifen wollten ; mit der zarten Empfindlichkeit des Leidenden hörte er aus all dieser schonenden und herzlichen Rücksicht die tiefe, nicht wieder gut zu machende Entfremdung: »Mein alter, lieber Freund, ich weiß nicht, wie es zuging: aber als ich Deinen letzten Brief las und namentlich, als ich das liebliche Kinderbild sah, da war mirs, als ob Du mir die Hand drücktest und mich dabei schwermütig ansähest: schwermütig, als ob Du sagen wolltest: ›Wie ist es nur möglich, daß wir so wenig noch gemein haben und wie in verschiedenen Welten leben! Und einstmals ...‹ Und so, Freund, geht es mir mit allen Menschen, die mir lieb sind: Alles ist vorbei, Vergangenheit, Schonung; man sieht sich noch, man redet, um nicht zu schweigen. Die Wahrheit aber spricht der Blick aus: und der sagt mir (ich höre es gut genug!): ›Freund Nietzsche, Du bist nun ganz allein!‹ Ach, Freund, was für ein tolles, verschwiegenes Leben lebe ich! So allein, allein! So ohne ›Kinder‹!« Es war nur die traurige Bestätigung des längst Geahnten, als im Frühjahr 1886 die Freunde einander in Leipzig wiedersahen, zum ersten Mal seit zehn Jahren, zum letzten Mal fürs Leben. Rohde war in Leipzig in so viele Widerwärtigkeiten verwickelt worden, daß er wenige Wochen nach seinem Eintreffen einen Ruf nach Heidelberg annahm. So sah Nietzsche nicht den Jugendfreund, wie er ihn in immergrüner und verklärender Erinnerung gehegt hatte, sondern einen verdrießlichen und scheltenden Professor. Kein Gespräch wollte glücken. Kein gemeinsamer Grundton klang mehr. Jetzt wußten sie, wie fremd sie einander geworden waren. Zum äußeren Bruch kam es, als Rohde im Mai 1887 in einem Brief ein spöttisch hochmütiges Wort über Taine sich entschlüpfen ließ. Nietzsches Antwort war wie ein Peitschenhieb: »Wenn ich nur diese eine Äußerung von Dir wüßte, ich würde Dich auf Grund des damit ausgedrückten Mangels an Instinkt und Takt verachten. Glücklicher Weise bist Du mir anderweitig ein bewiesener Mensch.« Zwei Tage darauf kreuzten sich zwei Briefe. In dem einen bat Rohde wegen des Tones seines letzten Schreibens um Entschuldigung. Im andern Nietzsche den Freund wegen seiner harten Antwort. Aber es war doch das Ende. Ein halbes Jahr darauf sandte Nietzsche an Rohde die Genealogie der Moral . Der Brief schloß: »Wer wäre mir bisher auch nur mit einem Tausendstel von Leidenschaft und Leiden entgegengekommen! Hat irgendwer auch nur einen Schimmer von dem eigentlichen Grunde meines langen Siechtums erraten, über das ich vielleicht doch noch Herr geworden bin? Ich habe jetzt dreiundvierzig Jahre hinter mir und bin genau noch so allein, wie ich es als Kind gewesen bin.« Rohde brachte es fertig, auf diese wie mit Blut geschriebenen Zeilen kühl und förmlich dankend auf einer Karte zu antworten. Er war wieder, wie vor einundzwanzig Jahren, »ein sehr gescheiter, aber trotziger und eigensinniger Kopf«. So endete diese Freundschaft mit einer unwiderruflichen Entfremdung. Aber wenn auch Rohde die persönlichen Beziehungen abgebrochen hatte, so hörte er doch nicht auf, an Nietzsches weiterem Schaffen reges Interesse zu nehmen. Er erlebte den wachsenden Ruhm des Freundes. Wenn über den einst so Geliebten unehrerbietig geurteilt wurde, brach er in mächtigem Ingrimm los. Darin hat er Nietzsche auch nach dem Bruch Treue bewahrt. Am siebenten Januar 1889 bekam er ein aus Turin datiertes Blatt Papier, mit einer kurzen Anrede; die wohlbekannte Schrift, aber unterzeichnet: Dionysos. Da Nietzsches Geist sich umnachtete, trat noch einmal das geliebte Bild Rohdes vor die Seele des unglücklichen Mannes und er mußte das Billet als letzten rührenden Gruß dem Freunde senden. Als später Nietzsches Schwester daran ging, den philologischen Nachlaß herauszugeben, war ihr Rohde, trotz vielen und drückenden Berufspflichten, der treuste Helfer. Er ordnete die langen, von Erinnerung schwer getränkten Briefe, die er in zwei Jahrzehnten von Nietzsche empfangen hatte; wehmütig sah er seine eigenen wieder und ließ sie mit verhaltenen Tränen durch die Hände gleiten. Einen einzigen wollte er verbrennen: den, der ihm einst in böser Stunde durch ein unbedachtes Wort den Freund geraubt hatte. Als ein paar Jahre darauf Erwin Rohde sich zum Sterben legte und die Kunde ins Nietzsche-Archiv kam, teilte die Schwester sie dem Kranken mit: »Er sah mich lange mit großen, traurigen Augen an: ›Rohde tot? Ach!‹ sagte er leise; dann wandte er schweigend das Haupt; und eine große Träne rollte langsam über seine schmale Wange herab.« Das Verhältnis Nietzsches zu Rohde ist eins der schönsten und bedeutsamsten Kapitel der neueren Geistesgeschichte. Der Konflikt vertieft sich aus dem Persönlichen ins Typische. Er wird zum Antagonismus zwischen dem hochbegabten und gemütvollen Fachmenschen und dem Philosophen. Dem Einen ist die Philosophie ein Jugenderlebnis voll feinen Duftes, dem Anderen Inhalt des ganzen Lebens, das Leben selbst. Man kann beobachten, wie Rohdes philosophisches Interesse abbröckelt; er ist der geniale Akademiker, der sich mit Arbeit betäubt und dem sein Beruf zum Horizont wird. Es ist ein Glücksfall, daß zwei so bedeutende Vertreter dieses Gegensatzes vor uns stehen. Daß Beide ihr Gegensätzliches verkannten, zu versöhnen suchten, wo es nichts zu versöhnen gab: das ist das Tragische und Ergreifende. Der Heilige Ein imaginäres Gespräch (1906) »Es gibt keine römische Diplomatie mehr«, rief der Korrespondent der großen deutschen Zeitung aus, als der Ausrufer das Abendblatt auf den kleinen Marmortisch der bescheidenen Trattorie gegenüber Fontana Trevi gelegt hatte, um den, seit drei Wochen etwa, allabendlich derselbe vertraute Kreis sich versammelte. »Hatte ich es nicht prophezeit? Hier haben Sie's: Fogazzaro ist auf dem Index.« Von allen Seiten griffen hastige Hände nach dem Blatte, als müsse jeder die fettgedruckte Überschrift des Telegramms mit eigenen Augen sehen, ehe er das Unglaubliche glaubte. Der ersten Aufregung folgte ein Stillschweigen, niedergeschlagen und drohend zugleich. Der Journalist erholte sich als der erste und griff nach dem Hute, die Neuigkeit sofort seinem Blatte zu telegraphieren: »Sie begleiten mich doch, Monsieur de Bonnefon? Wir haben denselben Weg, vermutlich. In einer Viertelstunde sind wir zurück.« »Sie werden mich wohl entschuldigen müssen«, erwiderte kühl und höflich der Franzose. »Für den Siècle kommt diese Bagatelle ebensowenig in Betracht, wie für die französische Presse überhaupt. Ich begreife nicht, warum Sie in Deutschland sich für das langweilige Buch des Herrn Fogazzaro so erhitzen. Ich verstehe höchstens, weshalb mein sehr verehrter Kollege Brunetière diesen religiösen Kriminalroman in der Revue des Deux Mondes veröffentlichte: er braucht nur Kirchenluft zu wittern, um ein Buch für bedeutend zu halten. Seitdem er sich durch übermäßigen Genuß der Werke unseres großen Jahrhunderts Geschmack und Stil verdorben hat, genügt ihm die Abwesenheit künstlerischer Vorzüge, um sich für ein Buch mit dem ganzen Fanatismus einzusetzen, den er bei seinen Gegnern verdammt. Nein, ich werde nicht telegraphieren, geehrter Kollege, und ich rate Ihnen, es auch Ihrerseits bleiben zu lassen. Denn diese Omelette des Herrn Fogazzaro ist zu zäh, zu mager und zu kalt, als daß man soviel Lärm davon machen sollte.« »Zäh? Meinetwegen. Mager? Vielleicht. Aber kalt? kalt? Wie können Sie sagen Fogazzaros Buch sei kalt?« Das bleiche Gesicht Professor Minuccis rötete sich. »Sie ziehen wohl die parfümierte Prosa dieses Gecken D'Annunzio der reinen edlen castigatezza Fogazzaros vor? Ein Buch muß vor Leidenschaft rauchen, sein Stil flackern, zucken, blitzen, blenden, seine Beschreibungen beleidigend bunt sein wie die bei den Engländerinnen beliebten Volksszenen in den Auslagen der Piazza di Spagna, um vor Ihnen Gnade zu finden? Ich sage Ihnen, Fogazzaros Buch glüht von innerer Flamme, es glüht wie der Vesuv, und man muß verrückt sein wie die Herren von der Indexkongregation, um zu glauben, dieser Krater sei einfach durch ein Dekret vom grünen Tisch zu verstopfen. Was verrückt! Mehr, es ist dumm, verbrecherisch dumm ...« Bei diesen Worten schob der Wirt, Sior Angelo, energisch die Glastür zu, die das hintere Lokal von den beiden vorderen und dem Schanktische trennte, so daß kein Laut nach vorne dringen konnte. Der Listige hatte die schönsten Weinhänge im Albanergebirge und wollte es mit seiner geistlichen Kundschaft nicht verderben. Minucci merkte, daß er zu weit gegangen war, und hielt inne. »Dumm!« begann Bonnefon gelassen, »dumm! Sie werden sich hüten, die Indexkongregation für dumm zu halten. Sie weiß was sie will, und sie will was sie soll. Sie hat immer den Mut zur unpopulären Maßregel. Ich bin überzeugter Katholik, das wissen Sie alle. Ich schwärme nicht für die Kongregation, auch das wissen Sie. Aber ich bestreite, daß sie dumm ist, wie ich bestreite, daß ihre Motive tadelnswert seien. Ich finde ihre Hand nicht immer sehr glücklich, ich hielte es selbst für erwägenswert, sie als eine veraltete Institution abzuschaffen, aber ich billige ihr Vorgehen in diesem Falle durchaus. Denn es betrifft ein Buch, das geeignet ist, die Massen zu verwirren, und dessen künstlerische Eigenschaften – verzeihen Sie, Minucci, Sie gaben mir die Waffe in die Hand, – mehr negativer Art sind. Castigatezza – zugestanden. Aber was ich vermisse, ist das Leben, die Kraft, das Interesse. Fogazzaros Geschichte ist nicht im geringsten spannend, daher nennt man sie aus Verlegenheit vornehm. Ihre Liebesintrigue besteht darin, daß die verwitwete Jeanne Dessalle ihrem ehemaligen Geliebten nachläuft – eine tugendhafte Manon, die den Spuren eines hochmoralischen Chevalier des Grieux hoffnungslos folgt, um ihm im Augenblick, da er stirbt, das Kreuz reichen zu können. Welches Melo! Jawohl Melo! Ist nicht alles Melodram, vom ersten Kapitel bis zum letzten? Kennen Sie etwas, das mehr an den Haaren herbeigezogen wäre, als die rührsame Ouvertüre, die in Brügge spielt? Sie haben die hysterische Geschichte von Rodenbach Bruges la morte schwerlich gelesen? Sie taten recht daran; ihr Saisonerfolg war so matt, daß sie in schlechtes Deutsch übersetzt werden mußte. Nun wohl, Rodenbachs Buch ist ein Juwel von Eleganz und künstlerischer Kultur gegenüber dem ersten Kapitel Fogazzaros. Zu welchen Geschraubtheiten muß er nicht seine Zuflucht nehmen, um an den vorhergehenden Roman Piccolo mondo moderno anzuknüpfen: Pietro Maironi ist verschwunden, verschollen, fast wie der Graf von Monte Christo. Und in Brügge, ausgerechnet in Brügge, erfährt die Frau, die er geliebt hat und die ihn noch liebt, durch einen Brief, daß er als Mönch in Subiaco lebe. Konnte man ihr das nicht ebensogut nach ihrer Villa in Venedig schreiben? Ihr wären mindestens einhundert Kilometer Expreßzug, dem Schreibenden zehn Centesimi Porto, uns vierzig gezierte Seiten erspart geblieben, in denen der Autor sich erfolgreich müht zu beweisen, daß Feindschaft gesetzt ist zwischen ihm und dem Esprit. Aber gehen Sie weiter: sehen Sie einmal das zweite Kapitel an, eine unendliche Kontroverse zwischen einem halbdutzend liberaler Katholiken, wie sie bei uns in Frankreich heißen, vermutlich weil sie zum Katholizismus nicht genügend moralischen und zum Liberalismus nicht genügend intellektuellen Mut haben. Man glaubt einem Kränzchen von Schwärmern anzuwohnen, von unterrichteten, liebenswürdigen, edlen Schwärmern, gewiß, aber – von Schwärmern. Kein positives Wort; kein greifbarer Vorschlag; kein realisierbarer Gedanke. Nur die Suggestion, daß es eines Heiligen bedürfe, damit die reformkatholische Bewegung in Fluß komme. Sie nennen das Vorbereitung, künstlerische Zögerung? Ich nenne es Melo, wenn Sie wollen Große Oper: der Tenor tritt erst im dritten Akt auf, um den Effekt zu steigern. Ist es nicht große Oper, wenn der frühere Weltmann Pietro Maironi als einfacher Gärtner inkognito unter falschem Namen in Subiaco lebt, à la Bourgmestre de Zaardam ? Ist es nicht Meyerbeer, oder wenn Sie wollen, Richard Wagner, wenn Jeanne den einstigen Geliebten in der magischen Dämmerung der Unterkirche von San Benedetto wieder erblickt, nur um ihn endgültig zu verlieren? Und die Zurückgezogenheit des Heiligen, sein Aufenthalt in dem romantischen Apenninenneste, seine Popularität, sein jäher Fall in der Gunst der Menge, weil er das erwartete Wunder nicht wirkt, das alles ist für meinen Geschmack zu sehr Johann von Leyden, zu sehr Demetrius, das alles schreit förmlich nach Victor Hugo. Kommt der große Effekt des Romans: wie Benedetto, alias Maironi, durch dunkle und selten betretene Gänge des Vatikans sich tastend, plötzlich vor dem Papste steht: Sie wissen, ich hasse diesen Spekulanten von Zola, aber die berühmte Audienz, die sein Pierre bei Leo XIII. hat, scheint mir intelligenter, möglicher, wahrscheinlicher, künstlerisch richtiger geführt, als die Konzertarie von der Reform der Kirche, die unser Pietro Maironi dem verblüfften Pius X. vorschmettert. Schade, daß Fogazzaro sich diesen immerhin starken Grammophon-Effekt durch die nächtliche Szene verdirbt, in der Maironi sich dem Minister gegenüber genau so unverschämt und, was ich künstlerisch verurteile, genau so unwahrscheinlich in der Rolle des Amateur-Märtyrers und Heiligkeitsdilettanten benimmt, wie vor dem Papste. Schade überhaupt, daß der Schluß so im Sande verläuft: man hört nur von den Unannehmlichkeiten, die dem Heiligen durch die römische Polizei bereitet werden – ich bitte Sie, meine Herren! durch unsere langweilige, langmütige, faule römische Polizei! – von der Krankheit, die er sich durch seinen unvernünftigen Vegetarismus, seine Kasteiungen, seine religiöse Exaltiertheit, seine mangelnde Vorsicht im Verkehr mit Kranken, seine Propheten-Nervosität, seine Märtyrer-Ekstase zugezogen hat. Er stirbt, von Haus zu Haus vertrieben, in einem abgelegenen Zimmer der armseligen Gärtnerwohnung, streckt mit sterbender Hand der Geliebten das Kruzifix zum Kusse hin, und lächelt verklärt – welches Melodram! welch schöne Pose! wahrhaftig würdig der Porte Saint-Martin: – Coquelin als Pietro, und Sarah Bernhardt als Jeanne ...« Bonnefon hatte mit wachsender Lebhaftigkeit gesprochen. Sein häßliches aber geistvolles Gesicht sprühte von Bosheit, seine listigen Augen waren in burlesker Verzückung gegen das niedrige Gewölbe des Gemaches verdreht, und er verrenkte die Arme wie der larmoyanteste Engel auf Berninis Brücke. Er schwieg wie erschöpft, und blickte verstohlen um sich. Abbé Marinier und der Journalist lachten, Minucci, Selva und Dane schwiegen mißbilligend, verstimmt, ja gekränkt. »Sie haben unrecht, denn Sie spotten«, sagte mit sanfter und trauriger Stimme Giovanni Selva. So leise er sprach, alle wandten sich dem Philosophen zu, denn sie hatten Ehrfurcht vor seinen weißen Haaren, vor dem vielen Kummer, den er im Laufe eines makellosen Lebens erlitten hatte, vor seinen mit unerschütterlicher Überzeugung vertretenen Ideen. »Sie haben unrecht. Ich gebe Ihnen die in Brügge spielende Einleitung preis wie auch die Szene mit dem Minister. Denn beide Szenen sprechen für Fogazzaro, für seine Lauterkeit, seinen Ernst. Gesegnet sei diese Ungeschicklichkeit eines religiösen Anregers! Was beweist es denn, daß jene Szenen mißlungen sind? Nichts anderes, als daß rein weltliche Szenen ihm nicht mehr gelingen! So abgestorben ist er aller Eleganz und allem Esprit, so ganz geht er auf in der Heiligkeit seines Problems, so radikal ist sein Verzicht auf mondäne Effekte. Sie haben mit Recht gesagt, daß diese langen Debatten für das durchschnittliche Lesepublikum nicht geschrieben sind. Aber auch dieses Durchschnittspublikum wird gerührt werden durch die ergreifende, so einfache, so wenig spannende, und doch so mächtige Handlung des Buches. In drei grandiosen Bildern entrollt sich die Passion des Heiligen vor uns: Subiaco, die Wiege des ehrwürdigsten Ordens der Christenheit, wo der büßende Pietro in demütiger Verborgenheit als Gärtner arbeitet und dient und gehorcht, bis er wieder die himmlische Stimme in seinem Herzen hört: Magister adest et vocat te . Das Apenninendorf, wo er den Unwissenden, den Armen und Kranken dient, und sie pflegt, mit ihnen und für sie betet, und sich seine Demut bewahrt, und die kindliche Furcht vor dem leicht zu gewinnenden falschen Heiligenschein. Und dann Rom, wo er endlich, endlich vor dem Heiligen Vater steht, in einsamer Nacht, zur einsamsten Stunde, und seiner Seele brennender Eifer gewaltige Worte findet, Rom, wo antike Welt und Renaissance und zwanzigstes Jahrhundert sich im Wege sind und sich stoßen, Heiliges und Irdisches, Göttliches und sehr sehr Menschliches, Priestertum und Politik, Gebete, Liebe, Ränke, Minen und Gegenminen, wildeste soziale Gegensätze, der Heilige selbst mitten darin, von einem Milieu ins andere gestoßen, von dem Krankenbette in den Vortragssaal, in das Privatzimmer des Papstes, die Amtsstube der Polizei, den Salon des Ministers, das eigene arme Kranken- und Leidens- und Sterbezimmer: nennen Sie mir doch einen europäischen Schriftsteller, der imstande wäre, ein gleich erhabenes und weihevolles Triptychon zu schaffen? Was Sie Melodram nennen, ist die erschütternde Simplizität der Geschehnisse, gegen die Sie sich selbst nicht wehren können, es sei denn durch Spott. Aber dann ist auch Francesca da Rimini Melodram, und Ödipus auf Kolonos, und Romeo und Julie, und alles was das Herz rührt und mit sanfter Schwermut füllt bis zum Rande und bis zum Zerspringen, das alles ist nur Melodram!« »Wir kommen vom Thema ab«, sagte Abbé Marinier, dem dies Pathos unangenehm war. »Zugegeben, daß der künstlerische Wert des Buches so hoch sei, wie Sie behaupten, Herr Selva (er verbeugte sich gegen ihn), oder so zweifelhaft wie Sie annehmen, Monsieur de Bonnefon (er verneigte sich auch gegen jenen), darin hat die Indexkongregation recht, daß sie vor dem verworrenen und verwirrenden Buche warnt. Denn gerade wenn es bedeutend ist, ist es gefährlich. Es war ohnehin eine Langmut ohnegleichen, daß sie das Verbot erst aussprach, als der Abdruck in der Revue des Deux Mondes beendigt war.« Hier konnte der deutsche Journalist nicht mehr an sich halten und platzte heraus: »Langmut? Auf welchem Jupitermond leben Sie, Herr Abbé? Ihre historischen Studien verderben Ihnen Gesicht und Gehör. Langmut ist wirklich ein guter Ausdruck. Warum versagte diese Langmut plötzlich, als es sich darum handelte, in einer katholischen deutschen Monatsschrift den in Rom spielenden Schlußteil zu Ende zu drucken? Wer ist der Spiritus Rektor der Indexkongregation? Ein Deutscher, Kardinal Steinhuber, Societatis Jesu, achtzig Jahre alt. Wer ist der Mann, der am meisten gegen Fogazzaro geschrieben hat? Alexander Baumgartner, ebenfalls Jesuit, der am liebsten die ganze Literatur, soweit sie von Nicht-Jesuiten herrührt, auf dem Index hätte. Wo hat Baumgartner den artigen Scheiterhaufen gegen Fogazzaro Scheit um Scheit aufgeschichtet? In der jesuitischen Monatsschrift Stimmen aus Maria Laach . Welches ist das stattliche Konkurrenzunternehmen der Stimmen aus Maria Laach ? Das Hochland , eben jene Zeitschrift, die durch das Verbot getroffen wurde und getroffen werden sollte . Aber natürlich, Brunetiere läßt nicht mit sich spaßen, die Revue des Deux Mondes ist eine Macht, mit der man rechnet und die man nicht vor den Kopf stößt, das Hochland dagegen ist quantité négligeable und die Deutschen dafür bekannt, daß sie den Stiefel küssen, der sie getreten hat.« »Wirklich?« entgegnete spöttisch Bonnefon, »so kleinlich sollte die Kongregation sein? Konkurrenzneid? Journalistenkabale? Nein, sie mußte das Verbot erlassen, sollte sie überhaupt noch respektiert werden. Es war eine Kraftprobe, eine Herausforderung. Man hat solange und so oft geschrieen: »Diszipliniert ihn doch, wenn ihr euch getraut«, bis die Kongregation handeln mußte . Die liberalen Zeitungen waren plötzlich voll Interesse an der Säuberung der römischen Zustände, obgleich ihnen die Säuberung der liberalen Zustände dankbarere Aufgaben bot. Fogazzaro mag sich bei seinen zudringlichen Freunden bedanken.« »Fogazzaro! Was liegt an Fogazzaro!« fuhr Professor Minucci auf. »Für uns alle ist dies Verbot ein Schlag! Hier ist ein europäisches Buch, und die Kongregation nimmt es einfach weg. Sie nimmt es den Katholiken Amerikas, Englands und Skandinaviens ebenso weg wie denen Italiens. Warum? Weil theologische Probleme darin behandelt werden? In jeder Wissenschaft geht der Weg zur Erkenntnis durch Widerspruch, durch Neuheit. Nur nicht in der unseren, in der Theologie? Hier darf kein Widerspruch laut werden, kein neuer Gedanke die Geister aufrühren? Weg mit neuen Gedanken! Weg mit neuen Tatsachen! Sie sind uns unbequem, ergo sind sie verdammungswürdig. Auf den Scheiterhaufen mit ihnen! Ut facinorosae perversitatis vestigia flammis combusta depereant! Aber dann ist unsere ganze Theologie keine Wissenschaft, sondern eine Art apologetisches Schachspiel: die Regeln stehen fest, die Ziele stehen fest, es handelt sich höchstens um Feinheiten, ob ich mit Evansgambit eröffne oder mit Königsgambit.« »Bitte, was hat die Theologie mit dem Roman Fogazzaros zu tun?« Marinier hatte in seinem kältesten und schneidendsten Tone gefragt: das war ja Rebellion, offene Empörung, Kündigung des Gehorsams. »Was sie damit zu tun hat? Sehr viel sogar. In vielen unserer Besten wächst und wächst eine dumpfe Bangigkeit, daß die katholische Religion Gefahr laufe, eine Art von Paganismus zu werden. Denn die gebildeten Kreise wenden sich in erschreckendem Maße von ihr ab. Sie wird ein Glaube der kleinen Leute, der alten Weiber, der Bauern. Da tritt Fogazzaro auf. In einem Buche, das die ganze zivilisierte Welt in Atem hält, beginnt er zu sprechen, furchtlos und gewaltig. Er spricht von den vier bösen Geistern, die sich in die Kirche eingenistet haben. Vom Geiste der Lüge, der Erwachsene zur Kinderkost, Erkennende zur Anbetung des Buchstabens zwingt, der alles, was er anrührt, unfruchtbar und tot macht. Vom Geiste der Herrschsucht, der alle Freiheit unterdrückt, der auf allen Gebieten sich bis in die letzte Ecke breit macht, und alle feiner Denkenden und Empfindenden aus der Kirche hinaustreibt, in die Opposition. Vom Geiste der Habsucht, der in die Kleriker gefahren ist, und der Armut Christi ins Gesicht schlägt. Vom Geiste der Erstarrung, der Christum, wenn er heut käme, eifernd ans Kreuz schlüge, der einen Fanatismus der Vergangenheit in der Kirche erzeugt hat, der uns dem Gelächter der Ungläubigen preisgibt, der nichts ist als die Adernverkalkung der Kirche, an der sie langsam aber tödlich sicher zugrunde gehen wird. Und dann kommt die Stelle, bei der allen guten Italienern die Seele brennt: »Ich beschwöre Eure Heiligkeit, den Vatikan zu verlassen. Treten Sie hinaus, Heiliger Vater! Aber das erstemal, das erstemal wenigstens gehen Sie hinaus wegen eines Werkes Ihres heiligen Amtes! Lazarus leidet, Lazarus stirbt jeden Tag: gehen Sie, Lazarus zu sehen! Christus ruft um Hilfe in all den armen menschlichen Geschöpfen die da leiden. Wenn im Quirinal menschlicher Schmerz in Christi Namen ruft, so denkt man dort vielleicht »Nein«, aber man geht . Vom Vatikan aus antwortet man Christo »Ja«, aber man geht nicht .« Dies ist die Stelle, wegen der das Buch auf den Index gekommen ist. Sie allein! Die Theologie ist nichts als ein bequemer Vorwand, um die Gläubigen einzuschüchtern. Es ist immer dieselbe Macht, die ein Interesse daran hat, daß kein Friede wird zwischen Quirinal und Vatikan, zwischen moderner Entwicklung und kirchlicher Lehre, immer dieselbe Macht, die den Papst, der endlich aus diesem unnatürlichen, zwecklosen, schädlichen Protestkarzer herausmöchte, wieder hineinzwingt, und damit uns Katholiken in diese heillose Sackgasse hineinzwingt. Welche Hoffnungen hatten wir Italiener! Friede, endlich Friede zwischen dem Vaterlande und dem Heiligen Vater: wir dürften uns am politischen Leben beteiligen, könnten uns unsres Vaterlandes endlich reinen Herzens, ohne Hintergedanken freuen! Mit brausendem Jubel würde der Papst begrüßt, der endlich im einigen Italien als dessen geliebtester und verehrtester Bürger zu leben sich entschlösse, mit dem Vaterlande, mit uns, nicht abseits von uns, feindselig auf das einige Italien blickend, in einer jammervollen Untätigkeit, einer leeren Protestation, einer Selbsteinkapselung. Wer ist es denn, der alles systematisch hintertreibt? Der jeden kleinsten Versuch zur Vermittelung vergiftet? Der diese armen Narren verhetzt, bis sie schreien Evviva il Papa Rè « »Sie werden mich entschuldigen«, sagte Marinier ernst und stand auf, »ich kann bei einer Diskussion nicht länger gegenwärtig sein, die sich in dieser Richtung und in diesem Tone bewegt. Ich sage Ihnen nur ein Wort zum Abschiede: sehen Sie zu, daß nicht Sie in der Sackgasse sind, Sie allein! Niemals ist, trotz aller äußeren Anfeindung, die heilige Kirche glanzvoller, erhabener dagestanden, als in diesem Augenblicke. Sollen sich Millionen Katholiken nach den wenigen Intellektuellen richten, denen die ehrwürdige Institution nicht genügend komfortabel ist? Was wollen Sie eigentlich? Eine Niederdruckdampfheizung in Sankt Peter? Einen Kommentar des Abbé Loisy unter der Kuppelinschrift Tu es Petrus – daß die Stelle interpoliert sei? Die Unfehlbarkeit des Herrn Fogazzaro an Stelle derjenigen des Papstes? Einen populärwissenschaftlichen Vortrag über Darwinismus und Schöpfungshypothese, anstatt eines Rosenkranzes? Sie wollen aus dem Schiff Petri heraus, und auf dem Wasser spazieren? Sehen Sie zu, daß Sie nicht ertrinken! Wo ist Ihr Programm? Worin sind Sie einig? In welchem positiven Punkte? Sie kommen mir vor wie Offiziere, die über die Tragweite des Fahneneides diskutieren. Mit einem Romane gedachten Sie die Kirche zu reformieren? Rufen Sie doch einmal Sior Angelo, erzählen Sie ihm diese Ihre Absicht, und Sie werden sehen, wie er als höflicher Mann Mühe haben wird, das Lachen zu verbeißen. Ich meinerseits kann nicht lachen. Mir steht das Weinen näher, solch bedeutende Geister auf verhängnisvollem Abwege zu sehen. Leben Sie wohl!« Er war wirklich im Begriffe zu gehen. Alle waren aufgestanden und redeten auf ihn ein. Mit Tränen in den Augen bat ihn Minucci um Vergebung. »Ich bin ein unglücklicher alter Hitzkopf. Das Wort, der Augenblick, die Entrüstung, das galoppiert mit mir davon. Ich flehe Sie an, bleiben Sie! Gehen Sie nicht in dieser Stimmung von uns!« Halb widerwillig ließ sich Marinier die Felpa aus der Hand nehmen. Reverend Dane hob seine schmale blasse Hand und bat um Ruhe. »Ist nicht die Kontroverse«, begann er, »die wir soeben vernommen haben, das denkbar stärkste Zeichen für die Bedeutung des Buches? Fogazzaro fragt: Sind Heilige noch möglich? Und er antwortet: Ja. Er fragt abermals: Sind Heilige nötig? Und er antwortet abermals: Ja. Und er stellt den neuen Typus vor uns hin, den Heiligen unserer Zeit, der zugleich sozial und intellektuell ist. Sozial wie der Arme von Assisi, intellektuell wie Paulus. Welcher Intuition bedurfte es, diesen neuen Typus zu schauen! welcher gestaltenden Kraft, ihn zu formen! welcher Sicherheit, ihn nicht zu verzeichnen! Nichts ist an Pietro Maironi zu unrecht stilisiert, nichts ins Falsch-Großartige verfälscht, there is no mock-heroism neither in this man nor in this book: ein unheldischer Held, ein armer sündiger leidender Mensch wie wir ihn glauben können, Versuchungen, Zweifeln und bitterlicher Herzensangst unterworfen. Ich finde dieselbe Innigkeit der gestaltenden Kraft in der Zeichnung der übrigen Charaktere: welch apostolische Seele ist diese Maria! welch wunderbares Geschöpf Noëmi! Don Clemente aber und der Abt, sind es nicht zwei Büsten von Donatellesker Feinheit und Schärfe? Sie blicken ungläubig, Herr – –?« Er suchte nach dem Namen, der ihm entfallen war ... Der deutsche Journalist, den er meinte, errötete leicht und sagte sehr höflich: »Reverend, Sie sind ein halber Gedankenleser. Ersparen Sie mir die Notwendigkeit, Ihnen weh zu tun, Ihnen allen. Wir sind so gute Freunde, wie man sie nur in diesem Rom finden kann. Sie lieben mich, der ich Jude bin, in Ihrer geistlichen Tafelrunde zu sehen. Und ich komme gerne, sehr gerne. Sie ziehen mich an, auch wo ich Sie nicht verstehe. Sie sind so anders, so gegensätzlich zu mir. Ist es das Blut meiner Väter, das mich für religiöse Dispute immer wieder, mir zum Trotze, empfänglich macht? Sie waren nämlich alle Rabbiner – erst ich bin zum Zeitungsschreiber entartet. Gibt es auf Erden ein köstlicher Ding als Gegensätze? Gott empfand das Bedürfnis seiner Antithese, und schuf die Welt. Ich liebe den Gegensatz, den Streit der Geister, und nichts klingt meinen alten Ohren holder, als das leise Klirren blanker Waffen. Sie hören: der Wein Sior Angelos verlockt mich zu Gedankensprüngen und Träumen – verzeihen Sie! Aber ich bin verpflichtet, Ihnen zu erklären, daß ich nicht ungläubig den künstlerischen Vorzügen des Buchs von Fogazzaro gegenüberstehe. Il a les qualités de ses défauts. Ich wunderte mich nur im Stillen, daß Sie mit ästhetischen Argumenten Ihre Begeisterung zu stützen suchen, der Sie doch genau wissen, daß Ihr Herz Ihnen das Buch teuer macht, und nicht Ihr Geschmack! Denn als Kunstwerk allein , das fühlen Sie so gut wie ich, ist der theologisch-politische Traktat, Il Santo genannt, nicht haltbar.« »Weil es mehr ist als ein Kunstwerk, nämlich eine Tat, ein Ereignis, eine Explosion.« (»Warum nicht gar ein Attentat!« murrte Minucci.) »Hierüber bin ich nicht kompetent. Ich stehe dieser ganzen Welt zu fern. Für mich ist dies Buch nicht was es für Sie ist. Als Journalisten geht es mich nur an, ob ich darüber zu telegraphieren habe oder nicht. Als Mensch betrachte ich seinen Fall als rein pathologisch: religiöse Neurose, die auf einen Nervenschock zurückgeht. Ich kann Ihnen schwer ausdrücken, wie objektiv, will sagen fremd und kühl ich den Santo ablehne. Ich verstehe Linda Murri. Pietro Maironi verstehe ich nicht. Ich kann die Motive Linda Murris nachfühlen. Diejenigen Maironis kann ich bestenfalls nachkonstruieren. Die innere Erfahrung fehlt mir. Bis zu einem gewissen Grad kann ich mich in die Gefühlswelt dieses Romans durch Analogie hineinversetzen. An einem gewissen Punkte versagt meine Anschmiegungsfähigkeit völlig. Worüber Sie sich streiten, als seiens Ewigkeitsfragen, scheint meinem hierfür ungeschulten Auge und Gehirn eine Debatte um Nuancen, eine Diskussion um Worte, ein Zank um das Jota. Ich hege für diese Probleme etwa dasselbe Interesse, das Oberst Younghusband für das Zeremoniell der Lamas in Lhassa empfunden haben mag. Es gibt sogar für Italien Fragen, die mir erheblich wichtiger scheinen als die römische Frage, die seit sechsunddreißig Jahren aufgehört hat eine Frage zu sein: die Auswanderungsfrage, die Kolonialfrage, die Agrarfrage, vor allem die Fragen der Korruption der höheren und des teppismo der untersten Schichten der Nation. Foggazzaro scheint mir nicht nur die Notwendigkeit, sondern sogar den Wert eines Arrangements des neuen Italien mit dem Papsttum zu überschätzen. Wenn der offizielle Katholizismus gegen die terza Italia schmollt, lassen Sie ihn doch schmollen! Ein resoluter Bruch mit der Vergangenheit, ein vollständiges Ignorieren scheint mir besser, als Ruinensentimentalität irgend welcher Art. Sie sprachen von dem doppelten Typus, den der Heilige vereine. Ich stelle Ihren beiden Typen die beiden Typen des modernen Italieners gegenüber: Mazzini und Garibaldi. Den Intellektuellen und den Volksmann. Das sind meine Heiligen, die ich hätte, wenn ich Italiener wäre, und ohne den Luxus von Heiligen nicht auskäme! Was aber den Index betrifft, freuen Sie sich: der Santo kommt in keine schlechte Gesellschaft! Man kann sich eine recht wertvolle Bibliothek zusammenstellen, wenn man den Index librorum prohibitorum als Katalog benutzt. Ein Sperling kann sich einem Alligator ruhig auf die Nase setzen. Was beweist das Verdikt der Kongregation? Daß Fogazzaro kein Sperling ist, sonst hätte der Alligator nicht geschnappt. Wenn Sie wirklich glaubten, daß Ihre Ideen dadurch geschädigt würden, so müßte es schlecht um diese Ihre Ideen stehen. Eine solche Energie, wie Sie sie dem Buche zuschreiben, sollte wirkungslos verpuffen? Seien Sie beruhigt: nichts verpufft, nichts geht verloren, am wenigsten der Geist. Fogazzaros Buch ist ein Glied der ungeheuren Kette elektrischer Energie. Trösten Sie sich mit der Entdeckung Ihres Landsmanns Marconi: auch in der Sphäre des Geistes gibt es eine geheimnisvolle und gewaltige Fernwirkung ohne materielles Substrat.« Er schwieg, und versank wieder in das träumerische Schweigen, das er abends und beim Weine liebte. Die Andern hatten ihm nicht ungeduldig zugehört. Sein höflicher Ton, in dem Skepsis und eine gebändigte Energie sonderbar zusammenklangen, beruhigte sie wie exotische Musik: er störte sie nicht, verpflichtete sie nicht einmal zur Widerlegung. Denn, wie er selbst gesagt hatte, er kam aus einer andern Welt, die sie nie betreten hatten und nie betreten würden. Mit ihm stritten sie nicht. So unnachgiebig sie gegen einander waren, so liebenswürdig waren sie gegen ihn, von dem sie eine Welt trennte. An der Stille merkte Sior Angelo, daß der Höhepunkt des allabendlichen Gefechtes überschritten war und das Gespräch in friedlicheres Gewässer einlenkte. Nicht ohne Ironie schob er den Flügel der Glastür zurück, und stellte einen frischen Krug weißen Frascati vor die Versöhnten hin. Mit jener Heiterkeit, die gerade nach sehr ernsthaften Meinungsverschiedenheiten zwischen wackeren Männern sich einstellt, kamen sie seinen Intentionen entgegen, und schalten scherzend, daß die Artischoken heute so lang ausblieben. Während Sior Angelo mit drolliger Miene zerknirschte Entschuldigungen vorbrachte, drängte eine Menge junger Leute fröhlich lärmend herein. Sie kamen aus der Oper und verlangten im Rhythmus des letzten Finales Wein. Mit ihnen zugleich, denn sie hatten die vordere Tür absichtlich offen gelassen, schwebte der kühle Atem der römischen Nacht in das Gemach, und das ruhige, gleichmäßig starke und mächtige Rauschen der Fontana. Catarina von Sienna 1907 »Gott will, daß ihr acht habt auf die Seelen und auf die geistlichen Dinge mehr denn auf das Zeitliche. Zwar könntet Ihr sagen: Gewissenshalber bin ich verbunden, das Gut der heiligen Kirche zu bewahren und wiederzugewinnen. Ach ich bekenne ja, daß es die Wahrheit ist, aber mir scheint, daß man diejenige Sache, die wertvoller ist, auch mehr bewahren muß. Der Schatz der Kirche ist das Blut Christi, gegeben als Preis für die Seelen, dieser Preis ist nicht bezahlt worden für die weltliche Macht, sondern für das Heil des menschlichen Geschlechts. Setzen wir also, daß Ihr verbunden seid, die Herrschaft über die Städte wiederzugewinnen, welche die Kirche verloren hat: so seid Ihr doch viel mehr verbunden, soviele Lämmer wiederzugewinnen, welche der Schatz der Kirche sind. Besser ist also, das Gold der weltlichen Dinge zu lassen, als das Gold der geistlichen. öffnet, o öffnet das Auge der Einsicht, mit dem Verlangen nach dem Heile der Seele zwei Übel zu betrachten: das eine ist das Übel der Größe und weltlichen Herrschaft, welche Ihr meint wieder gewinnen zu müssen; das andere ist das Übel, daß das Heil der Seele verloren geht und der Gehorsam, den sie Eurer Heiligkeit schuldig sind. Also werdet Ihr einsehen, daß Ihr vielmehr verbunden seid, die Seelen wiederzugewinnen. Ihr müßt also von zwei großen Übeln das kleinere wählen. Gebt die Sorge um weltliche Dinge auf, und blicket auf die geistlichen!« Schriebe jemand heute als Antwort auf die Frage, ob der Papst überhaupt rechtlich auf den Kirchenstaat verzichten könne, die eingangs angeführten Sätze zurück, so hätte das für ihn schwerlich angenehme Folgen. Es ist jedoch nicht zu befürchten, daß Rom heute auf diese Frage auch diese Antwort erhalte. Vestigia terrent . Fogazzaros Santo wurde hauptsächlich wegen der Offenheit auf den Index gesetzt, mit der Benedetto Maironi in seiner nächtlichen Audienz den Papst anfleht, doch endlich die eigensinnig festgehaltene, obgleich von keinem Mündigen mehr geglaubte Fiktion der vatikanischen Gefangenschaft fallen zu lassen. Eine Zensurierung unserer Eingangssätze jedoch ist – man kann sagen: glücklicherweise; man kann auch sagen: leider – nicht mehr möglich, da ihr Verfasser seit dem 29. April 1380 tot, seit dem 28. Juni 1461 heilig gesprochen ist.   Wie kam Catarina von Siena dazu, an den Papst Gregor XI. diesen Brief zu richten? Zumal es nicht der einzige ist, den sie diesem Papste und seinem Nachfolger Urban VI., sowie anderen hochgestellten Persönlichkeiten geschrieben hat. Wer war diese Heilige, deren Briefe in der italienischen Ausgabe vier Bände füllen, und die vor kurzem in einer deutschen Auswahl den Lesern des 20. Jahrhunderts geboten worden sind? Als Catarina Benincasa, dreiundzwanzigste Tochter des Färbers Jacomo Benincasa und seines Weibes Lapa, im kleinen Hause der Färbergasse, die von der Fontebranda steil bergauf gegen den Dom führt, am Palmsonntage 1347 auf die Welt kam, stand das Gestirn Sienas, das meteorgleich aufgestiegen war und ein knappes Jahrhundert in blendendem Glanze gestrahlt hatte, noch auf seiner Höhe. Im Marmorwunderbau des neuen Domes prunkten das Kruzifix und die riesenhaften Fahnenstangen des Bannerwagens aus der blutigen Schlacht am Monte Aperto, in der zehntausend Florentiner gefallen, elftausend gefangen nach Siena geführt worden waren, und nach der die erbeutete Staatsfahne von Florenz an einem Eselschwanze durch den Kot der Gassen geschleift ward. Siebenzig Jahre hatte der »Berg der Neun« (Monte dei Nove) die aufblühende Stadt regiert. Die Vornehmen wetteiferten mit neuen, und bei aller trutzigen Wucht gefälligen Burgen. Breit und behäbig stand der neue Torturm der Porta Pispini; neue Brunnen wurden gebohrt, neue Leitungen brachten köstliches Wasser. Seit acht Jahren baute man an der Vergrößerung des Domes, der die riesigste Kirche der Zeit geworden wäre, wenn nicht der Plan hätte aufgegeben werden müssen. An der wundervollen Stirnseite des Baues blendeten zierliche Säulen, schlanke Bildhauerwerke und verschiedenfarbiger Marmor den Blick. Meister Niccolo aus Pisa hatte die achteckige Marmorkanzel gefertigt, figurenreicher noch als die berühmte seiner Heimatstadt. Meister Duccios Madonnenbild ward als ein Wunder menschlichen Liebreizes und himmlischer Sanftmut gepriesen, und war in feierlichem Zuge von Priestern und Vornehmsten aus der Werkstatt an den Altar gebracht worden. In der Bücherei des Doms leuchteten auf goldenem Grunde die zarten Farben köstlicher Miniaturen in Chorbüchern, Gradualen und Antiphonarien. Auf dem Campo blinkte der edle Marktbrunnen des Meisters Jacopo aus Quercia. Seit zwei Jahren erst reckte der rote Ziegelturm des Rathauses seine Zinnen in die Lüfte. Frisch leuchteten die Farben auf Simone Martinis großem Fresko, darauf Engel, Evangelisten, Propheten und Heilige der holden Madonna die Stadt anempfahlen, und auf Ambrogio Lorenzettis eben, vollendeten gewaltigen Allegorien vom guten Regiment und vom Greuel der Zwingherrschaft. Vor kurzem eingeweiht stand im Nordosten die weite Hallenkirche des heiligen Franziskus, am andern Ende der Stadt wuchs eben der Glockenturmbau von San Domenico über dem rötlichen Langhaus empor, im Südosten erhob sich seit zwei Jahren erst Santo Spirito: in Burgen, Brunnen und Kirchen sprach sich das schwellende Machtgefühl der Hügelstadt aus, und in der gleichmäßigen Süße und Demut frommer Altarbilder die träumerische Innerlichkeit ihrer Bewohnerinnen. In dieser Zeit und Luft wuchs Catarina Benincasa auf. Man mag ihr noch oft von der grauenvollen Pest des Jahres 1348 erzählt haben. Als sechsjähriges Kind hatte sie auf offener Straße ihre erste Vision; seitdem mied sie Spiele, aß wenig Fleisch und geißelte sich mit einem Strickchen. Früh begeisterte sie sich für Dominikus und seinen Orden, überwand den Widerstand der Ihren, und trat in den nach des Franziskus Vorgang gestifteten dritten Orden des Dominikus. Die Folgen übermäßiger Bußübungen blieben nicht aus: himmlische und höllische Visionen, Halluzinationen von versuchenden Stimmen, unzüchtige Zwangsvorstellungen; bis endlich die ursprünglich kräftige Leiblichkeit zermürbt war. Nun sah die selig Entrückte von Angesicht den Heiland, der mit ihr die Tagzeiten las, oder betend treulich ihr zur Seite das Zimmer auf und ab schritt. Gleichwie mit jener älteren alexandrinischen Namensschwester, verlobte er auch ihr sich durch einen Ring, den nur ihr begnadetes Auge erblicken konnte. Mehr, unerhört: sogar sein göttliches tauschte er gegen ihr menschlich Herz aus (wozu allerdings das spätere Wunder schlecht stimmt, daß einst dies Herz vor lauter Liebesglut und Mitleid ihr in der Brust zerbarst). Gleichwie der Arme von Assisi empfing sie die blutigen Male des Gekreuzigten, aber unsichtbar für alle anderen Augen. Catarinens Beichtvater, der Dominikaner Raimund von Capua, der Hauptbiograph der Heiligen, nannte diese Erscheinungen mentales excessus: geistige Exzesse. Karl von Hase Karl von Hase: Heiligenbilder (Franz von Assisi – Catarina von Siena) Leipzig, Breitkopf \& Härtel: trotz aller neueren Veröffentlichungen für beide Heilige noch immer das klassische Buch, dem auch die Hauptdaten und Zitate dieses Artikels, soweit sie nicht eine Fußnote kennzeichnet, zu verdanken sind. bezeichnet sie als pathologische Wundergeschichten. In der Tat zeigen sich bei Catarina eine Reihe ausgesprochen pathologischer Zustände: Ohnmächten, Starrkrämpfe, lokale Anästhesie, Visionen, Halluzinationen. Ohne Zweifel war ihr Seelenleben so wenig normal wie das ihres Körpers. Doch bleibt erst zu fragen, ob die noch so unerhört gestaltende religiöse Phantasie und das eigentlich religiöse Genie anders zu verstehen seien als die Unerhörtes gestaltende künstlerische Imagination. Ob, deutlicher gesprochen, das Wort pathologisch nicht nur ein Wort ist, das, wie so viele unserer Formeln, nichts beweist und vor allem nichts erklärt. Vom Standpunkte Catarinens aus sind alle Menschen (auch sie selbst, denn so will es ihre Demut) religiös verkümmert, unentwickelt. Vom Standpunkte der normalen Menschen ist sie religiös verstiegen, exaltiert. Sie erblickt in Allen nur das Zuwenig. Alle erblicken in ihr das Zuviel. Dem Künstler gesteht der Normalmensch mehr Exaltation zu, als dem religiösen Genie: denn vom Künstler hofft er Unterhaltung, während er mit den Ergebnissen religiöser Inspiration nichts anzufangen weiß. Sind wir andrerseits nicht eher geneigt, einen indischen Fakir als Vertreter religiöser Entrücktheit zu studieren und darzustellen, als einen katholischen Heiligen? bringen wir nicht unbewußt den Äußerungen orientalischer Philosophie und Religion mehr günstiges Vorurteil, zum mindesten mehr Interesse entgegen, als denen christlicher Mystiker? Aber haben wir irgend ein Recht, irgend einen Grund dazu? Leitet uns dabei nur Neugier nach Exotischem? Oder wirkt ein tieferer Instinkt oder ein mächtiges Gegengefühl in uns? Stellen wir zusammen, was wir mit dem hochmütigen Ausdrucke Faktoren bezeichnen. Religiöse Grundstimmung der Zeit: der Arme von Assisi war durch Italien gegangen wie ein Säemann, und sein Same war aufgegangen allerorten. Religiöse Grundstimmung der Stadt: Fieberhafte Frömmigkeitskrisen in Zeiten öffentlicher Not. Dann stieg, wie vor der Schlacht bei Montaperti, »der Diktator barfuß und barhaupt, im Bettlergewande, mit einem Strick um den Hals, die steilen Stufen zum Dom hinauf, und barfuß folgte ihm alles Volk und schrie unaufhörlich misericordia, misericordia . Bischof und Diktator umhalsten sich feierlich, zum Zeichen der völligen Eintracht von Kirche und Staat, Todfeinde fielen einander in die Arme, die ganze Nacht hindurch wurde in allen Kirchen gebeichtet und Feindschaften geschlichtet.« Ich entnehme diese und einige der folgenden Einzelheiten dem reizenden kleinen Buche Edmund G. Gardners The Story of Siena and San Gimignano (The Mediaeval Town Series, London, J. M. Dent \& Co.) . Civitas Virginis hieß Siena nach der glücklichen Schlacht, Advocata Senensium wurde der lauretanischen Litanei eingefügt: wie Christus durch Savonarola zum König von Florenz, war die holde Madonna Herrscherin ihrer Stadt, des sanften Siena, y Siena l'amorosa madre di dolcezza. Leidenschaftliches Temperament der Rasse: »Öffentliche Kriege gegen Pisa, Florenz und Perugia, Kriege zwischen Bürgern, Adel und Volk, Straßenkämpfe, Rathausgemetzel, Verfassungsumsturz, Verbannung aller waffenfähigen Nobili, Verbannung von viertausend Handwerkern, Konfiskationen, Ächtungen, Massenhinrichtungen, Anschläge der Verbannten gegen die Stadt, Handstreiche mit Hilfe des Pöbels, Verzweiflung bis zum Verzicht auf die Freiheit, plötzliche wütende Revolten, Jakobinerklubs, geheime Gesellschaften wie die der Carbonari, verzweifelte Belagerung, systematische Entvölkerung – nirgends ist das Leben so tragisch gewesen«. Taine, Voyage en haue, II. 47. Ein weiterer Faktor: Die Dominikaner waren eifersüchtig auf die Franziskaner (das schöne Terrakottawerk aus der Werkstatt der Robbia, das den Franziskus und Dominikus sich brüderlich umfangend zeigt, ist schmerzliche Ironie für jeden, der die Frühgeschichte beider Orden ein wenig kennt) und entfalteten einen Wetteifer ohnegleichen. Weiter: religiöse Monumentalität als vornehmster Ausdruck munizipalen Machtgefühls. Dann das Individuelle: Catarina als dreiundzwanzigstes Kind (ihre Zwillingsschwester starb früh), wie alle Spätgeborenen zum Grübeln geneigt; strengste Bußübungen: Geißeln, Fasten, Entziehung des Schlafes bis auf ein armseliges Restchen; unvernünftige Auswahl (rohes Kraut, Aal und alter Käse) und als Kasteiung erzwungenes Wiedervonsichgeben der Speisen. Dazu das sexuelle Moment: grausame Abtötung in den Pubertätsjahren, alle Phantasie tyrannisch auf das Religiöse konzentriert. So wird religiöse Erotik eine Begleiterscheinung dieser Zustände: Dolce ist stets Catarinas Lieblingsadjektiv, sangue und amore sind die in ihren Schriften am öftesten wiederkehrenden Substantive. O dolce e amoroso cavaliere; Du süßer und verliebter Ritter! So ruft sie ihren Seelenbräutigam, dessen »holden Namen sie wie wahnsinnig nannte, vor Liebessehnsucht verschmachtend, ohne Schlaf, nicht mehr vom Lager aufstehend« (Raimund). Ist diese Sensualität krankhaft geschwächt? oder ins Seelische sublimiert? Ist hier überhaupt von krankhafter Anlage zu sprechen erlaubt? Was ist Ursache, was Wirkung? Verzehrt das religiöse Genie alle Leiblichkeit und Sinnlichkeit wie Feuer mürbes Holz verzehrt? Oder ist eine gewisse Morbidität Grundbedingung, Nährboden für die Blüte jedes, auch des religiösen Genies? Doch ist Catarina nicht nur die ekstatische Einsame, sondern ein Genie der Tat. In diesem durch Krankheit geschwächten, durch Askese zerstörten Leibe flammt eine mächtige Seele; eine Energie ohnegleichen; ein Enthusiasmus, der alles ansteckt, was ihm in den Weg tritt. Das macht die gebrechliche Färberstochter von Siena zu einer der interessantesten Gestalten des italienischen Mittelalters. Mit Werken der Nächstenliebe beginnt sie: sie pflegt aufopfernd arme Kranke, schreckt nicht vor den widerlichsten und bösartigsten Leidenden zurück. Ein rührendes Ereignis bildet gleichsam den Übergang zu ihrem politischen Auftreten. Ein junger Adeliger, Nicola Tuldo, hatte gegen das bürgerliche Regiment gewühlt und war zur Enthauptung verurteilt worden. Verzweifelt ob der frühen Hingabe seines jungen Lebens wehrte er sich wie ein Rasender und wies jeden Trost der Kirche von sich. Da kam Catarina, redete ihm liebreich zu und versprach, ihn auf seinem schweren Gang zu begleiten. Einige Sätze des Briefes, in dem sie ihrem Beichtvater berichtet, sind bezeichnend: »Er sagte zu mir: stehe du mir bei und verlaß mich nicht, so werde ich zufrieden sterben. Und er hielt seinen Kopf an meine Brust. Ich fühlte da eine Freude und einen Geruch seines Blutes, und es war nicht ohne den Geruch des meinen, welches ich verlange hinzugeben für den süßen Verlobten Jesus. Und wie das Verlangen in meiner Seele wuchs und ich sein Zittern fühlte, sagte ich: Ermutige dich, mein süßer Bruder, denn bald werden wir kommen zur Hochzeit ... Er kniete nieder mit großer Sanftmut, und ich entblößte ihm den Hals und beugte mich herab und erinnerte ihn an das Blut des Lammes. Sein Mund sagte nichts als »Jesu« und »Catarina« und »Ich will«. Und ich empfing sein Haupt in meine Hände, indem die göttliche Güte sein Auge schloß ... Er schmeckte schon die göttliche Süßigkeit. Er wandte sich, wie die Braut tut, wenn sie angekommen an der Tür des Bräutigams das Auge und den Kopf rückwärts wendet, die grüßend, welche sie begleitet haben, mit dem Zeichen des Dankes. Wie die seine, war meine Seele in Ruhe und Frieden, in solchem Dufte des Blutes, daß ich mich nicht entschließen konnte, das Blut wegzuwaschen, das mir aufs Gewand gekommen war von ihm.« Die seelische Verfassung, die aus dem ganzen Tone, aus dem Schwelgen in der Vorstellung »Blut«, aus der Analogie mit der Hochzeit spricht, ist höchst charakteristisch für Catarina. Es handelt sich hier nicht um gelegentliche Äußerungen, die nichts beweisen, sondern um den Grundton und eines der immer wiederkehrenden Themen der Schriftstellerin Catarina. An den Bruder Raimund schreibt sie in demselben Briefe: »Ich will also, daß Ihr Euch einschließet in die geöffnete Seite des Sohnes Gottes, die eine offene Flasche ist, von Duft so erfüllt, daß die Sünde darin wohlriechend wird. Dort ruhet die Braut auf dem Bette des Feuers und Blutes.« Ein Nonplusultra von Jargon ist eine Stelle aus einem Briefe an den Augustiner Jeronimo da Siena: »Du süßes Lamm, geröstet am Feuer der göttlichen Liebe und Spieße des heiligsten Kreuzes«. Solche Proben zeigen, wo die Schwäche der Schriftstellerin Catarina liegt: in jenem für deutsche Leser schwer genießbaren süßlichen Frömmigkeitsjargon, der speziell romanisch ist. Obgleich natürlich auch hier ein gewaltiger Unterschied bestehen bleibt zwischen dem leidenschaftlichen Temperamente, dem es mit jedem dieser Bilder Ernst ist, weil jedes ihm ein seelisches Erlebnis war, und zwischen gedankenloser Bigotterie, deren schlechter Geschmack solchen Jargon ästhetisch genießt. Aber auch im ganzen und großen beurteilten wir Catarina falsch und würden der Eigenart ihres Wesens nicht gerecht, wenn wir in ihr vorzugsweise die Mystikerin suchten, die uns ähnliches bedeuten könnte wie unser Meister Eckehart oder der tiefe und sinnige Seuse. Catarinens religiöse Sprache erhebt sich nicht über den durchschnittlichen Klosterfrauenton. Nicht umsonst läßt sie sich so leicht kopieren: kaum ist die edle Alessia aus der Familie der Saracini eine Zeitlang mit Catarina beisammen, so beherrscht sie auch schon Catarinens Stil: »Ich Alessia bitte Euch, bittet dieses süßeste Lamm, daß es mich lasse mit Euch leben und überbildet werden in die Liebe Gottes und die Erkenntnis meiner selbst«. Freilich steht auch plötzlich ein bedeutsames Wort bei Catarina, wie »Ich bin das Feuer, ihr seid die Funken«, das an eine den späteren Upanischaden geläufige Vorstellung anklingt. Aber mögen auch quantitativ fromme und erbauliche Ermahnungen und Bilder überwiegen, qualitativ steht die Reformatorin und Politikerin Catarina ganz anders da: als eine Person voll ungestümen Tatendrangs, rücksichtslos und unbeirrt, keine kontemplative Marianatur, eher eine helfende und tapfer zugreifende Martha; resolut selbst noch, wenn sie zur vita contemplativa zuredet: »Halte den Blick gesenkt«, schreibt sie ihrem Nichtchen ins Montepulcianer Kloster, »und sei unzugänglich wie ein Igel ... Gespräche mit der nichtsnutzigen Sippe der Betbrüder und Betschwestern, sowie die religiösen Gebräuche und Regeln der Orden ruinieren die Seele.« Noch weniger Umstände macht sie mit scheinheiligen Nonnen: »O vermaledeites Wort, welches heute in der Kirche Gottes regiert und in der heiligen Religion, da diejenigen Devote genannt werden, welche die Werke des Satan tun.« Auch der Ton, in dem sie zum Papste spricht, ist ziemlich energisch: »Wenn Ihr nicht kommt, so wird das ein Ärgernis und eine leibliche und geistige Empörung bewirken, da man in Euch die Lüge findet, und nicht die Wahrheit. Denn Ihr habt Euer Kommen beschlossen und angekündigt.« »Mich verlangt darnach, Euch als einen mannhaften Mann zu sehen, ohne irgendwelche Furcht oder fleischliche Liebe zu Euch selbst oder zu irgend einer Kreatur, die dem Fleische nach mit Euch verwandt ist«. »Ihr könnt Frieden haben, wenn Ihr die törichte Pracht und Lust der Welt von Euch tut, allein die Ehre Gottes und das Heil der Kirche bedenkend ... auf daß nicht über Euch komme dieser harte Tadel: Verwünscht seist du, daß du Zeit und Kraft, welche dir anvertraut war, nicht gebraucht hast!« Es ist rührend, wenn sie am Ende solch energischer Mahnungen aufs demütigste um Verzeihung bittet. Sie veranlaßte auch Urban VI., sich nicht, wie sonst der Brauch, wie ein lebendiges Heiligenbild auf den Schultern seiner Trabanten in feierlicher Prozession tragen zu lassen, sondern nach besserer älterer Sitte barfuß in die Peterskirche zu wandeln. Der Papst folgte ihrem Rate, worauf sie ihm schrieb: »Ich freue mich in herzlicher Freude, daß meine Augen den Willen Gottes sich an Euch erfüllen sahen, nämlich in dem demütigen, seit langen Zeiten nicht mehr üblichen Akte der heiligen Prozession. O wie war das angenehm vor Gott und ärgerlich den Dämonen«. Für die karossenfahrenden Kardinäle hätte sie wohl ebensowenig Verständnis gehabt, wie für die höchst scharfsinnigen Gründe, mit denen die Notwendigkeit solcher Repräsentation bewiesen wird. Fortwährend verlangt sie eine gründliche Reform des Klerus: »Es ist eine schlechte Maßnahme, aus irgend einem Zwange Hirten oder Vorgesetzte in die Kirche einzusetzen, die nicht tugendhaft und selbstlos sind ... nicht dürfen sie aufgeblasen sein von Hoffart, noch Schweine durch den Schmutz ihres Lebenswandels, noch dem Blatte gleich, nach dem Winde der Reichtümer und weltlichen Eitelkeiten sich drehend.« Manche Stellen lesen sich, als handelte es sich um allerjüngste Verhältnisse und um die Aufhebung des Non expedit: »Rücket vor mit der Güte, Vater: denn wisset, daß jede Kreatur, die Vernunft in sich hat, mehr durch Liebe und Güte gewonnen wird, als durch irgend etwas anderes, und am meisten gilt das für unsere Italiener. Wenn Ihr so verfahrt, könnt Ihr von ihnen verlangen was Ihr wollt ... Es kommen zu Eurer Heiligkeit die Gesandten von Siena; wenn es Leute auf der Welt gibt, die man mit Liebe gewinnen kann, so sind sie es. Nehmt ein wenig huldreich ihre Entschuldigungen auf über den Fehler, den sie begangen haben, denn es tut ihnen leid. Wenn Ihr irgend eine Art sähet, wie sie sich gegen Eure Heiligkeit verhalten könnten, die Euch genehm wäre, und die sie doch nicht entzweien würde mit denen, welchen sie verbündet sind, so bitt ich Euch, tut es!« Das stärkste ist wohl ihr Brief an die drei Kardinäle, die zuerst Urban VI. gewählt hatten, dann aber von ihm abgefallen waren: »Nun habt Ihr die Schultern gewendet, als niedrige und erbärmliche Ritter; Euer Schatten jagte Euch Furcht ein ... Was ist Schuld daran? Das Gift der Eigenliebe, welche die Welt vergiftet hat. Durch sie seid Ihr, die Ihr Säulen der Kirche seid, schwächer geworden als Strohhalme. Keine Blumen seid Ihr, die Düfte ausströmen, sondern Gestank; denn die ganze Welt habt Ihr verpestet. Keine Lichter in Leuchter gesteckt, um den Glauben zu verbreiten, sondern versteckt hat sich dies Licht unter dem Scheffel der Hoffart. Nicht als Verbreiter, sondern als Schandflecken des Glaubens ergießet Ihr Finsternis über Euch und die andern ... Wie groß ist Eure Tollheit! ... Ihr sagt, aus Furcht hättet Ihr Urban erwählt: dies ist nicht wahr! und wer es sagt (ich spreche unehrerbietig zu Euch, denn Ihr habt Euch der Ehrfurcht beraubt), der lügt auf seinen Kopf! ... O Ihr Toren, tausend Tode wert! so verblendet, daß Ihr Euch selbst zu Lügnern und Heiden macht! ... Von welcher Seite ich die Sache auch betrachte, ich sehe nur Lügen«, usw. Doch hiermit greifen wir schon dem öffentlichen Auftreten und Wirken der kleinen Färberstochter vor, da ihre schmale abgezehrte Hand entschlossen in die Geschicke nicht nur ihres Vaterlandes, sondern des Papsttumes selbst eingriff und den zaudernden Pontifex aus Avignon wieder nach dem apostolischen Sitze zurückführte. Denn sie war es, die dem Skandal der babylonischen Gefangenschaft ein Ende machte, die Rom den Papst, dem Papste aber Rom und die beinahe verlorene Autorität über die Gewissen zurückgab. Ganz von selber machte es sich, daß Catarina aus dem frommen Bezirk ihrer ärmlichen Zelle ins Leben hinausschritt, und daß dies Leben bewegter und gewichtiger wurde als sie jemals ahnte. Frauen und Mädchen, darunter auch aus den edlen Geschlechtern Sienas folgten ihr, der auch die Söhne des heiligen Dominikus als Freunde und Berater zur Seite standen. Im Verkehr mit ihnen zeigte Catarina jenen untrüglichen Tiefblick, der sie später befähigte, gegen die Diplomatie des florentinischen Staatswesens und des päpstlichen Hofes ihre Pläne durchzusetzen. »Oft sagte sie uns die Gedanken unsres Herzens so vollständig«, berichtet Raimund, »als wären diese durch sie, nicht durch uns gedacht. Ich weiß es von mir selbst, daß sie mich öfter tadelte wegen gewisser Gedanken, die ich wirklich hatte, und ich – ich erröte nicht ihr zum Ruhm es einzugestehen – ich wollte mich lügenhaft entschuldigen, da erwiderte sie: Was leugnet ihr das, was ich deutlicher sehe als ihr selbst.« »Neidische glaubten«, sagt ihr andrer Beichtvater Bartolomeo di Domenico, »daß wir Brüder die Jungfrau unterrichteten, da doch vielmehr das Gegenteil stattfand.« Sie war es auch, die das Sieneser Dominikanerkloster reformierte und zu dem strengen Ideale des Ordensgründers zurückführte. Ihre Wirksamkeit als Friedensstifterin kann gar nicht hoch genug angeschlagen werden. Die Zeit war nicht geneigt, Beleidigungen zu verzeihen. Im Rathause Sienas lag ein schwarzes Buch, das Memoriale delle Offese ,in dem alle der Republik zugefügten Kränkungen treulich aufgezeichnet wurden: »Vergiß nicht in alle Ewigkeit die so dir trotzen, dir die geziemende Huldigung versagen, gegen dich Pläne schmieden und Schmach über dich bringen.« »Gedenke Montepulcianos, das, obgleich deinem Gebiete pflichtig, sich hochmütig davon drücken will.« Siena war so erfüllt von diesem Hasse, der Staat, Stände, Adelige, Bürger, Familien zerfraß, eines gegen das andere hetzend, eines durch das andere vernichtend bis zur Sinnlosigkeit, daß der Historiker Malavolti diese Zwietracht einer ansteckenden Seuche vergleicht, die jeden ergriff der die Stadt betrat. Hier fand Catarina eine Aufgabe. Von Burg zu Burg und von Stadt zu Stadt eilte sie, entzweite Geschlechter und Gemeinwesen zu versöhnen. Man berief sie in hoffnungslosen Fällen, und sie kam, sprach, gewann, stiftete Frieden, rettete Seelen. Ihr Vergnügen am Seelenfang läßt sie sogar eine Art säuerlich lächelnden Humors in ihren Briefen entwickeln: »Wir leben hier unter Kriegsleuten und verzehren soviel eingefleischte Teufel, daß der Bruder Tommaso sagt, ihm tue der Magen davon weh.« Schon jetzt fällt in ihren Briefen der resolute Ton auf, der für ihre spätere Korrespondenz mit dem Papst so bezeichnend ist. Der Sieneser Signoria schreibt sie: »Mich verlangt männliche Männer zu sehen, nicht furchtsame Stadtregenten.« Die ganze Welt scheint ihr »voller Pilatusse zu sein«. Das Wort ist echt und treffend: sie ist eine unbedingte Seele, deren Losung Alles oder Nichts heißt; sie kennt kein Verhandeln außer zu ihrem Zwecke, von dem sie nicht ein Jota abhandeln läßt. Ihre Sicherheit ruht im Gemüte; der Reinheit ihrer Absicht bewußt, setzt sie sie durch. Sie tritt auf als müßte es so sein, müßten alle tun, was sie will. Sie ist eine Macht wie die Republik Florenz. Da sie 1375 nach Pisa kommt, wird sie vom Gonfaloniere und vom Erzbischof empfangen wie eine Fürstin. Während dieses Pisaner Aufenthaltes erfaßt sie der Gedanke, den Ungläubigen das heilige Land zu entreißen. Praktisch wie sie ist, wendet sie sich sogleich an den, der die Sache am besten ausführen kann: an den Condottiere Hawkwood, den sie in Italien den Conte Aguto nannten: bisher sei er des Teufels Söldling gewesen, jetzt solle er mit seiner Kompagnie »gegen die ungläubigen Hunde ziehen, die unsre heilige Stätte besitzen«. Aus dem Unternehmen wird nichts: die Zeit der Kreuzzüge ist vorbei, Catarinen aber winkt eine andere schwierige und großartige Aufgabe, die eigentliche Aufgabe ihres Lebens. Die politischen Verhältnisse waren durch den Aufenthalt der Päpste in Avignon außerordentlich verwickelt geworden. Philipp der Schöne von Frankreich, der schon dem machtbewußten Bonifaz VIII. erfolgreich getrotzt hatte, brachte den Kandidaten der italienischen Partei, Bertrand d'Agoust, Erzbischof von Bordeaux, durch schlaue Ränke auf seine Seite, und den Erwählten als Clemens V. ganz in seine Hand. Denn der politische Renegat getraute sich nicht inmitten der italienischen Kardinäle zu residieren, deren Erwartung er enttäuscht hatte, und siebenzig Jahre lang lebten er und seine Nachfolger in Avignon, »von französischen Kardinälen umgeben, friedlich und wertgehalten. Rom mit seiner unruhigen Bevölkerung war ihnen ein fremder Ort, von dem sie hörten, daß die einstige Stadt der Weltherrschaft immer mehr veröde und in Trümmer zerfalle mit ihren Denkmalen alter Herrlichkeit, ihren Palästen, selbst mit ihren Kirchen«. Das Papsttum war ein Appendix der französischen Politik, die Päpste die ersten Prälaten des französischen Reichs. Französische Präfekten sogen die Provinzen des Kirchenstaats aus. »Jedes Volk hat seinen Bischof, soll das römische Volk allein ohne den seinen bleiben?« klagte Petrarka; »die Königin der Städte, soll sie auf immer eine Witwe sein? Wollt ihr einst auferstehn unter den Sündern von Avignon, oder unter den Aposteln und Märtyrern von Rom?« Urban V. war den Drohungen der schwedischen Visionärin Brigitta nachgebend im Herbste 1367 in Rom eingezogen, aber aus Unbehagen an der öden Stadt, Angst vor den widerborstigen Städten seines Landes und Rücksicht auf die fast rein französischen Kardinäle schon nach drei Jahren fluchtartig und heimlich nach Avignon zurückgekehrt. Sein Nachfolger Gregor XI. wäre gern nach Rom gegangen, aber, ein furchtsamer und leicht bestimmender Charakter, verschob er den unbequemen, selbst gefährlichen Entschluß. Die Städte des Kirchenstaats, Perugia voran, waren in heller Empörung gegen französische Legaten und fremde Burgtyrannen. Das guelfische Florenz fürchtete, die Franzosen möchten die ganze Toskana in des Papstes Sack stecken. Im Hungerjahre 1374 verbot der Kardinallegat von Sant' Angelo die Ausfuhr nach der Toskana, und »als der nächste Frühling eine reiche Ernte versprach, ergoß sich das päpstliche Söldnerheer unter Hawkwood verheerend über die Fluren der Florentiner.« Florenz zahlte 130 000 Goldgulden. Man verwünschte das Priesterregiment, erbrach und zerstörte das Gefängnis der Inquisition, machte den Antritt jeder geistlichen Pfründe vom Placet der Republik abhängig, schaffte den geistlichen Gerichtsstand ab, konfiszierte das Kirchengut, um Kriegsgelder herauszuschlagen, und – echt florentinisch! – nahm den päpstlichen Condottiere durch Bestechung in den eigenen Sold. Die Städte des Kirchenstaats standen auf, die päpstlichen Präfekten wurden erschlagen oder vertrieben. Florentinische Söldner trugen die Rebellion von Ort zu Ort, man wollte der weltlichen Herrschaft den Garaus machen. Civitas Florentina cooperante humani generis inimico (selbstverständlich!) se cum ecclesiae hostibus colligavit ad destructionem totius temporalis potentiae ipsius ecclesiae (zitiert bei Hase, S. 228). Hier greift nun Catarina ein, und ihre Entscheidung ist überraschend klug, patriotisch und kirchlich zugleich: sie verwirft den Abfall vom Papste mit den stärksten Ausdrücken. An den Gonfaloniere di Giustizia, zugleich Priore dell' Arti, Nicolo Soderini in Florenz schreibt sie, wie auch an die hohe Signoria selbst, geradezu flammende Briefe voller Beschwörungen zum Gehorsam gegen den Papst. Man muß diese Stellungnahme bewundern. Catarina wollte ein einiges Italien, um ihre Kreuzzugspläne ausführen zu können. Wenn die Gegner des Papstes auf dem begonnenen Wege weiterschritten, war in einem halben Jahre ganz Mittelitalien französisch. Aber auch den Papst beschwört sie, Frieden zu machen, mit ebenso großartig offenen wie ehrerbietigen Mahnungen. Zunächst ist ihr Bemühen nach beiden Seiten hin vergebens. Der Papst, von den französischen Kardinälen beeinflußt, belegt Florenz mit dem Interdikt: niemand darf mit Florentinern Handel treiben, alles Grundeigentum von Florentinern soll an den päpstlichen Fiskus fallen, ihr beweglich Gut an die Gläubigen, sie selbst in Sklaverei. Als die Bulle verlesen ward, warf sich Donato Barbadori vor dem Kruzifix nieder und rief: »An dich mein Gott appelliere ich von dem ungerechten Spruche deines Statthalters zu jenem furchtbaren Tag, wenn du kommen wirst zu richten die Welt, da kein Ansehen der Person gilt. Schütze du selbst unsere Republik vor den wider sie geschleuderten grausamen Flüchen«. Gregor XI. sagt, kein Moment ist ungünstiger, – Catarina, keiner günstiger für die Rückkehr des Papstes nach Rom. Aber er darf nicht kriegerisch kommen: »Ich sage Euch, Vater in Christo, kommt wie ein sanftes Lamm. Mit dem Dufte des Kreuzes werdet Ihr den Frieden gewinnen. Ich sage Euch: kommet, kommet, kommet! Wartet nicht auf die Zeit, denn sie wartet nicht auf Euch! Gehorchet Gott, der Euch ruft, daß Ihr kommt, die Stätte des hohen Hirten Sankt Petrus in den Besitz zu nehmen, dessen Vikar Ihr seid.« Gregor XI. hatte ein Gebot erlassen, daß jeder Prälat bei seiner Herde leben solle, und hatte sich von einem Bischof ins Gesicht sagen lassen müssen: »Heiliger Vater, warum geht Ihr nicht zu Eurer Kirche?« Er schien noch gar nicht gesonnen, nach Rom zu gehen. Zu Weihnachten 1375 hatte er neue Kardinäle ernannt: einen Italiener, einen Spanier, sieben Franzosen, unter ihnen drei ihm Blutsverwandte. Catarina hält es ihm in ihrem ersten Briefe ehrerbietig, aber entschieden vor. Da luden die Florentiner selbst Catarinen ein, nach Avignon zu gehen und den Papst zum Frieden zu stimmen: die päpstliche Bulle hatte nämlich ihrem Geldverkehr in Frankreich und England empfindlich geschadet. Die Heilige sandte ihren Beichtvater voraus, sie selbst traf mit einem Teil ihrer geistlichen Familie am 18. Juni 1376 in Avignon ein, wurde in einem Palast untergebracht, und nach drei Tagen als florentinische Gesandte ins Konsistorium eingeführt, wo sie mit begeisterten Worten Frieden anbot und verlangte. Aber die Verhandlungen zogen sich in die Länge hauptsächlich durch die Schuld der Florentiner, die das Papsttum unheilbar schwächen wollten. Es ist ein eigentümliches Bild: richtiger guter Wille fehlt auf beiden Seiten, beide möchten verzögern, kleine Vorteile herausschlagen, beide haben Hintergedanken und sind nicht für einen ehrlichen Frieden zu haben; und zwischen beiden steht ein altes Mädchen von gänzlicher Lauterkeit und reinster Absicht, sie allein die Ehrliche, Selbstlose, die nichts will als helfen und heilen. Dabei vergibt sie sich nach keiner Seite. Man hat den Eindruck, als sei sie der einzige Mann zwischen diesen Wankelmütigen und Pilatussen. Dem Papst wirft sie die übeln Sitten der Avignoneser Kurie vor, und da er spitzig fragt, wieso sie in den paar Tagen ihres Aufenthaltes habe die Sitten des Hofes ergründen können, bringt sie ihn mit gewichtiger Rede zum Schweigen: »Zur Ehre des allmächtigen Gottes wage ichs zu sagen, daß ich in meiner Geburtsstadt mehr vom Gestank der Sünden der römischen Kurie empfunden habe, als die empfinden, die sie begangen haben und täglich begehen«. Kardinäle setzten ihr mit kleinlichen Bosheiten zu, aber sie blieb von großartiger und bescheidener Ruhe. Ihre Geduld ist unermüdlich. Es will scheinen als erreiche sie keins ihrer Ziele, nicht den Kreuzzug noch die Rückkehr. Denn »alles will den Papst zurückhalten in Frankreich, sein verehrter Vater Graf von Beaufort, seine Mutter, vier Schwestern, sein König, seine Kardinäle, seine eigene Scheu vor einem Lande, dessen Sprache er nicht einmal versteht«; unter den 26 Kardinälen dieser Zeit waren 21 Franzosen! Man ging soweit, dem Papst Angst einzujagen, in Italien stehe schon das Gift für ihn bereit. »Der Euch das schrieb«, sagt Catarina, »der kennt das Schwächste am Menschen, vornehmlich an solchen, die voll fleischlicher Liebe sind und zart am Körper ... Kommt Ihr nicht, so wird es ein Ärgernis und eine leibliche und geistige Empörung bewirken, da man in Euch die Lüge findet und nicht die Wahrheit.« Endlich am 13. September stiegen Gregor XI. und die Kardinäle, die ihm folgten (6 gingen überhaupt nicht mit), zu Pferd, ritten nach Marseille, kamen Ende November nach Corneto (etwas vor Civitavecchia), verhandelten mit den autonomiesüchtigen Römern fünf Wochen lang, gingen abermals zu Schiff, fuhren den Tiber hinauf und zogen am 17. Januar 1377 unter unermeßlichem Volksjubel in der ewigen Stadt ein. »Tausend Gaukler ( histriones ) in weißen Kleidern schlugen nach dem Takt in die Hände und geleiteten mit ihren Tänzen den Zug, auf den schöne Frauen aus den Fenstern Zuckerkörner und Winterblumen herabwarfen«. Catarina hatte Avignon schon vor dem Papste verlassen und hatte in Genua die letzten Versuche abgeschlagen, ihn zur Umkehr zu bewegen. Beim Einzug fehlte sie; sie war ins kleine Färberhaus ob Fontebrande zurückgekehrt. Aber von dort aus hörte sie nicht auf, auf den Papst in ihrem doppelten Sinne zu wirken: Friede und Reform. Klar erkennt sie die Wurzel des Übels, den eingerissenen Nepotismus: »Mich verlangt danach Euch zu sehen als einen mannhaften Mann, ohne irgend eine Furcht oder fleischliche Liebe zu Euch selbst oder zu irgend einer Kreatur, die dem Fleische nach mit Euch verwandt ist, indem ... nichts die Reform der Kirche so hindert, wie dieser Umstand«. Wenn er nicht dreinfahren will, »so wäre besser, auf das, was Ihr angenommen habt, zu verzichten, das gereichte Gott mehr zur Ehre und Eurer Seele zum Heile«. Auch in Florenz war die Stimmung dem Frieden geneigter geworden, so daß der Papst nach langem Zaudern Catarina als seine Gesandte in die zu gewinnende Stadt schickte. Schon hatte die Wirksamkeit des Interdiktes zu wanken begonnen: als das Volk ob des entbehrten Gottesdienstes unruhig wurde, befahl die Signoria die sofortige Öffnung der Kirchen, Rückkehr der ausgewanderten Bischöfe bei 10 000 Lire Geldstrafe, Wiederaufnahme des Gottesdienstes durch die Pfarrgeistlichkeit. »Auf allen Kanzeln predigten die Franziskaner gegen den Papst, der kein Recht habe, ein christliches Volk wegen politischen Zwiespaltes der Segnungen des Christentums zu berauben.« Aufhören des rebellischen Gottesdienstes gebot und erlangte Catarina als erstes Zeichen des Entgegenkommens. Doch zogen sich die Verhandlungen sehr in die Länge, neuer Bürgerkrieg brach aus, der alte Hader zwischen Guelfen und Ghibellinen erwachte, die Friedensbotin selbst wurde bedroht: »Fangen und verbrennen wir das schändliche Weib«, aber ihre himmlische Ruhe und heitere Todesbereitschaft entwaffneten den Führer des Pöbelhaufens. Endlich kam der Friede zustande, aber nicht mehr mit Gregor, sondern seinem Nachfolger. Catarina jubelt: »Gott hat das Schreien seiner Knechte gehört. Seine Söhne sind vom Tode zum Leben gekommen, von der Blindheit zum Lichte. Die Lahmen gehen, die Tauben hören, die Stummen rufen mit lauter Stimme: Friede, Friede, Friede! Die Söhne sind zurückgekehrt zum Gehorsam und zur Huld des Vaters, der Friede ist eingezogen in ihre Herzen. Geschlagen ist der Satan, gefallen der Nebel und wieder heiterer Himmel. Ich sende euch das Ölblatt des Friedens. Freuet euch, freuet euch meine Söhne, mit der süßen Träne des Dankes gegen den ewigen Vater. Doch nicht begnügt euch damit, sondern betet, daß er bald erhebe das Panier des heiligen Kreuzes.« Dieser wundervolle Brief ist echt Catarina: in dem Augenblick, da sie das zweite ihrer Lebensziele erfüllt sieht, denkt sie an den zu betreibenden Kreuzzug. Nach ihm kann man sich einen Begriff machen von der Gewalt ihrer Beredsamkeit, die sich nur mit der des andern großen Volksheiligen vergleichen läßt, des Armen von Assisi. Sie ahnte allerdings nicht, daß schon eine neue Aufgabe für sie bereit lag: der Kampf gegen die Kirchenspaltung. Als Gregor XI. auf dem Sterbebette lag, ermahnte er die Umstehenden, sie sollten sich vor solchen Menschen hüten, die, männlichen oder weiblichen Geschlechts, unter dem Scheine der Religion Visionen ihres eigenen Gehirnes verkündigten. Das konnte auf niemand anderen zielen als auf Catarina. Es war die Rache des Sterbenden an der Urheberin seines Todes; denn er erlag dem römischen Klima. Mit seinem Tode begannen unendliche Wirren. Die Bevölkerung hatte sich drohend vor dem Vatikan angesammelt und brüllte nach einem Italiener, einem Römer. Da verfielen die französischen Kardinäle auf einen Notweg und wählten den Bischof von Bari, Untertan der Königin Giovanna von Neapel, der als halber Franzose galt. Das Geschrei des bewaffneten Volkes wurde drohender: »Der heilige Geist will nur einen Römer!« In ihrer Feigheit drängten die fremden Kardinäle den greisen Kardinal von San Pietro, die Rolle des Erwählten zu spielen, warfen ihm die päpstlichen Gewänder über, ließen das Te Deum ertönen, das Volk hereindrängen, das nicht müde wurde, die gichtgeschwollenen Hände und Füße des Greises zu küssen, der ärgerlich protestierte: »Ich bin ja gar nicht der Papst! Der Erzbischof von Bari ist's.« Am nächsten Morgen ward die Wahrheit kund und der wirkliche Papst als Urban VI. ausgerufen. Der Erwählte enttäuschte jedoch die Hoffnungen seiner Wähler: nicht nur, daß er nicht nach Avignon zurückging, er begann sogar eine gründliche Säuberung der Kirche, nannte die ihn umgebenden Bischöfe eidbrüchige Fahnenflüchtige ihrer Kirchen und verbot den Kardinälen die hohen ausländischen Jahresgehalte anzunehmen. Als die heiße Zeit kam, gingen die französischen Kardinäle nach Anagni, die italienischen mit dem Papst nach Tivoli. Die Franzosen versprachen den drei Italienern jedem für sich die päpstliche Krone, wenn sie von Urban abfielen, wählten aber den jungen Grafen Robert von Genf, der den Namen Clemens VII. annahm. Alles fiel von Urban ab, nur Catarina nicht, die sofort eine fieberhafte Tätigkeit für ihn als das rechtmäßige Haupt der Kirche begann: sie schrieb an Urban VI. selbst, an den Kardinal di Luna, an die abtrünnigen italienischen Kardinäle, an die Städte Siena, Florenz, Perugia, an Fürsten, Prälaten und Klöster, an die Königin von Neapel, den König Ludwig von Ungarn, die Prinzen von Durazzo, Brief um Brief, flehende, ermahnende, zürnende, drohende Briefe, wahre Brandbriefe, denn die Einheit der Kirche ging ihr über alles, – vergeblich. Es ist tragisch, sich ihre letzten römischen Wochen vorzustellen. Alles was sie wollte, zerronnen und in unendliche Ferne entschwunden. Gegenpäpste, neuer Unfriede in Italien, neue Einmischung des Auslandes, die Verweltlichung ärger, der Kreuzzug unmöglicher, die Kirchenreform aussichtsloser denn je. Wozu hatte sie gelebt und gelitten, wofür gekämpft? Aber die berufen sind zu wirken, fragen nicht nach dem Wozu. Sie wollen, weil sie müssen, diese großen Wollenden, weil Wollen und Wirken ihre Lebensluft ist. Die Welt ist voller Pilatusse, sagt Catarina. Pilatusse erwägen, ob eine heroische Sache möglich ist. Die Genies der Tat erwägen nie. Impossible n'est pas un mot frangais sagt Napoleon. Das Unmögliche in Wirkliches zu wandeln ist die einzige Aufgabe, die heroischen Seelen ziemt. Sie brauchen keine Unterstützung, suchen kein Gefolge. Gefolgsleute kommen von selber zu ihnen und sind glücklich, wenn sie den Saum ihres Gewandes küssen und die Riemen ihrer Schuhe entknoten dürfen. Der starke Wille zieht magisch an. Wer Eisen ist, fliegt auf den Magneten, ohne daß er weiß warum, ohne daß er fragt wozu. Sie sind notgedrungen Einsame, diese heroischen Seelen, am einsamsten, wenn ihre Anhänger ihnen zujauchzen. Der Erfolg ist ihnen gleichgültig, oder vielmehr, er ist eine für die andern angenehme und in die Augen fallende Begleiterscheinung des Wollens. Der Donner macht mehr Lärm, aber das Entscheidende ist der Blitz. Nichts kann verloren gehen, kein großes Wollen ohne Erfolg sein. Was liegt an der augenblicklichen Wirkung? Die Welt dürstet nach Einzelnen. Die Geschichte ist sinnlos, wenn die Einzelnen sie nicht machen, nicht alles um sich kristallisieren, damit die Ereignisse Ordnung und Wert bekommen. Welch gewaltiger Trieb hob diese kleine Färberstochter heraus aus dem niedrigen Umkreis ihres Hauses, ihrer armen Gasse, ihrer Stadt, Weltgeschichte zu machen, große Geschicke zu schürzen, größere vielleicht ungeschehen zu hindern? Denn niemand kann sagen, wie die Entwicklung der italienischen Staaten, des Papsttums, der Kirche weitergegangen wäre ohne Catarinas Eingreifen. Mögen Gegenpäpste aufstehen, Catarinas ganzes Leben hat verkündet, daß nur der Bischof von Rom Papst ist. Mag Italiens Boden von Blut getränkt, von feindlichen Hufen zertreten werden, die Friedensbotschaft Catarinens wird zwischen den Schlachten leise erklingen, bis sie einmal allen Kriegslärm überschallt. Der große Gedanke der Einheit, den sie gehegt, kann gar nicht sterben. Die Reform, die sie ersehnt, kann nicht ausbleiben. Nichts ist umsonst, kein Wirbel in dem ungeheuren Kräftereigen kann verloren gehen, und wenn ihn die Jahrhunderte verhüllen, so glänzt er nach einem Jahrtausend wieder auf. Man kann sich ausmalen, wie es der Heiligen heute erginge. Sie käme vermutlich in den Bann, ihre Sendschreiben auf den Index, und die Ansicht, die Päpste müßten von Avignon nach Rom zurückkehren, auf den Syllabus. Würde sie um ein Haar anders handeln, das kleinste Zugeständnis machen? Aber dann wäre sie nicht Catarina, sondern Pilatus. Es ist ganz gleichgültig, wie heroische Lebensläufe endigen, auf dem Scheiterhaufen zu Rouen oder mit der Kanonisierung. Der Glanz, den sie ausstrahlen, kommt weder von lodernden Scheitern, noch von huldigenden Kerzen. Ihr Wesen ist es, zu glänzen, weil es ihr Glück ist, zu wollen. So stirbt die Heilige in Rom mählich ab, und es ist wie ein Autonekrolog, wenn sie in ihrem letzten Brief an den Papst schreibt: »Nicht durch das Leiden unsrer Körper wird der Satan aufs Haupt geschlagen, sondern durch die Kraft göttlicher Liebe.« Ihren Jüngern aber darf sie zum Abschied sagen: »Ich habe mein Leben verzehrt und hingegeben für die heilige Kirche, das ist mir die absonderlichste Gnade.« Dann kamen ihre letzten Worte: Vengo non per li meriti miei, ma per tua sola misericordia in virtú del sangue tuo – sangue – sangue. Am 20. April 1380 ist sie, dreiunddreißig Jahre alt, gestorben. Sie wurde begraben im Friedhof der Kirche Maria sopra Minerva . 1385 wurde ihr Leib in die Kirche selbst, ihr Kopf in ihre Vaterstadt übertragen. Die achtzigjährige Mutter Lapa ging mit im Triumphzug ihres Kindes. Als Aeneas Sylvius Piccolomini aus Siena als Pius II. den päpstlichen Thron bestieg, nahm er seine vom Volke schon längst heilig gesprochene Landsmännin am 28. Juni 1461 in die Zahl der Heiligen auf. Der Streit um ihre Wundmale war freilich noch nicht zu Ende. »Der Franziskanerpapst Sixtus IV. verbot 1475 bei Strafe der Exkommunikation, zu behaupten, daß Catarina von Siena oder sonst jemand außer dem heiligen Franziskus die Wundmale gehabt habe. Man denkt unwillkürlich an die Replik aus der Salome : »Seit dem Propheten Elias hat niemand Gott gesehen.« ... Die Dominikaner haben sich dabei doch nicht beruhigt. Clemens VIII. gebot 1539 dem heftigen Ordensstreite Stillschweigen. Urban VIII. gestattete 1630, auf daß die Wahrheit der unsichtbaren Wundmale sich auch den Augen darstelle, die fünf Stellen durch dahin gerichtete Lichtstrahlen zu bezeichnen«. Somit blieb dieser tragischen Existenz das posthume Satyrdrama nicht erspart, bis der kluge Urban das Konkurrenzgezänke durch seine salomonische Entscheidung abschnitt.   Um die Osterzeit waren wir wieder einmal in der Stadt der heiligen Catarina gewesen, hatten wieder vom schlanken Rathausturm die grünen Hügel überblickt, das silberne Graugrün der Oliven, die rosig und weiß schimmernden blühenden Bäume, zu unsern Füßen das alte Siena, fast unverändert wie zu Lebzeiten der Heiligen: links oben der leuchtende Dom, auf den drei Hügelrücken helle hochräumige Häuser, braungraue Paläste, ungegliedert ragende Kirchenschiffe, uralte würfelförmige Türme, rötliche efeubekränzte Mauern, enge und vielfach gewundene Straßenhügel auf und ab, darüber der strahlende hellblaue toskanische Frühlingshimmel, den schneeweiße Wolken durchsegelten. Dann waren wir wieder nach San Dominico hinübergegangen, und saßen lange vor Sodomas wundervollem Doppelfresko, auf dem Catarina in leidender und triumphierender Entrückung dargestellt ist. Es war schon Abend, als wir an der Fontebranda vorbei, wo die kleine Catarina oft im kupfernen Eimer Wasser geschöpft haben mag, zu ihrem Elternhause hinaufgingen, das schon seit 1464 von der Stadt angekauft und zu einem Oratorium umgewandelt worden ist. Man sieht heute noch das winzige Zimmer, in dem sie wohnte, aus der kleinen Küche ist eine Kapelle, aus dem Kamin ein Altar geworden, die Decke ist reich vergoldet, der Boden zeigt reizende Ornamente. Daran stößt, durch Peruzzis zierlichen Hof verbunden, das Oratorium, in dem das Kruzifix verehrt wird, vor dem Catarina die unsichtbaren Wundmale empfing. Der geleitende Priester führte uns tiefer in das untere Oratorium mit Pacchias Fresken und Neroccio Landis edler Porträtbüste der Heiligen, und berichtete von ihrem Leben, ihren Wundern, ihrer Glorie, zeigte mit naivem Stolze die fürstlichen und adeligen Namen der Ehrenmitglieder ihrer Bruderschaft, erzählte von der Einteilung Sienas in Stadtviertel, und wie das Viertel dell' Oca von jeher ein besonders ruhmwürdiges gewesen, zeigte seidene Fahnen und eingerahmte Diplome vom großen alljährlichen Pferderennen am 15. August, und ließ so individuelle und kommunale, heilige und profane Geschichte wie bunte Fresken in der dämmernden Kirche vor dem innern Auge vorbeiziehen. Es war vollständig dunkel geworden, als wir ihm die Hand reichten, und die steile Gasse weiter hinaufgingen, wo sie in die Hauptstraße mündet, und uns über das merkwürdige Geschick dieses frühverstorbenen Weibes unterhielten, das ein Innen- und Außenleben von unerhörter Fülle geführt hat. Friedensbotin, nur durch ihre unantastbare Lauterkeit durch all die kriegerischen Greuel dieser wilden Zeit ungefährdet schreitend, das verkörperte Gewissen der Kirche, von unbeschreiblicher Selbstlosigkeit und Opferwilligkeit, sich verzehrend in Seelenkämpfen, in den Flammen himmlischer Verzückung, kaum daß sie noch durch leichten Schlaf und karge Speise den schwachen Docht ihrer Leiblichkeit tränkte, und in den Aufregungen des politischen Lebens die großartigste Ruhe und Reinheit bewahrend, ahnungslos, daß sie, die bis in ihre Zwanzigerjahre Analphabetin gewesen, einst zu den klassischen Schriftstellern der italienischen Literatur zählen würde. Wenigen ist es so ernst gewesen mit Pascals Devise Le Moi est haïssable . Wenige zugleich haben durch Verleugnung ihres Ich ihre Persönlichkeit schärfer und schlackenloser entwickelt. Sweetest of the Saints nennt sie Swinburne in seinen Songs before Sunrise und preist die Demütige in rauschend festlichen Strophen: »Sie nahm die Sorgen der italienischen Lande in ihre reinen Hände, und ging als lebendes Sendfeuer nach Frankreich. Sie lächelt über ihrer hellen Stadt wie eine Braut.« In der Tat ist nicht nur das kleine Haus an der steilen Gasse, sondern das ganze Siena, die namenlos schöne Stadt des Trecento, von Erinnerung an die Heilige erfüllt und ein großes Museum ihres Gedächtnisses. Wo immer wir auch gehen, überall ist da schon Catarina gegangen. Noch zeigt man im Spedale della Scala die harte Liegestätte aus Stein, darauf sie in den kurzen Pausen schlief, wenn sie Kranke pflegte. Die Capella delle Volte in San Dominico ist dieselbe, in der sie so oft gebetet hat, und an deren Pfeiler knieend sie der Messe anwohnte. Hier ist auch das einzige authentische Bild von ihr, das ihr Freund und Korrespondent Andrea di Vanni gemalt hat: es zeigt sie im weißen Schleier und Habit, und im schwarzen Mantel der Dominikanerin, die Züge fest und herb, Nase und Brauen energisch, das Auge ernst, fast traurig. Am stärksten lebt ihre Erinnerung in dem malerischen Viertel, wo ihr Geburtshaus steht und heute noch, wie vor fünfhundert Jahren, Färber und Gerber hausen: der scharfe Geruch der Lohe erfüllt die Luft wie zu ihrer Zeit; kein modernes Gebäude stört das reizvolle Gewirr von Gassen und niedrigen Häusern, und jeden Augenblick meinen wir, die Heilige müsse uns begegnen. Auch darin hat Swinburne recht, In einem Punkte hingegen ist er unvollständig berichtet. Er wünscht eine Biographie »cleared of all the refuse rubbish of thaumaturgy« . Wir besitzen diese Biographie längst: Es ist diejenige Karls von Hase, der auch die vorliegende Skizze in ihrem rein historischen Teile fast alles verdankt. Hases Buch hat ein fast tragisches Geschick: die Protestanten betrachten diese Heiligenbilder als krypto-katholische Verrirrung, die Katholiken hingegen ignorieren sie, sehr zu ihrem Schaden, da weder Franz von Assisi noch Catarina von Siena als auf Dokumenten aufgebaute biographisch-psychologische Kunstwerke übertroffen worden sind, so manches auch an Einzelforschung zur Aufhellung einzelner Punkte geleistet worden ist, wenigstens soweit es Franziskus betrifft. daß sie eine tapfere und kluge italienische Patriotin gewesen ist, die im Papste ebensowohl das Haupt des Glaubens, wie das lebende Symbol der Einheit Italiens nach Rom zurückbringen wollte. Von ihr gilt, was Ibsen von seinem Helden Brand sagt: daß ihre innere Biographie sich auch hätte abspielen können, wenn sie nicht eine geistliche Natur gewesen wäre. Vielleicht wäre sie eine andere Märtyrin des Patriotismus geworden wie Italiens berühmteste Mutter, Signora Cairoli. Gewiß ist es schwer, durch den Schleier der Legende hindurch ihr Eigenstes und Wesentliches zu erkennen, es loszulösen von dem Zufälligen, das Zeit und Umgebung bedingten. Aber es ist seltsam anregend, sich das Leben dieser genialen Frau nachzukonstruieren, die vielleicht die Privatperson des italienischen Mittelalters ist, über die wir die meisten und verhältnismäßig glaubwürdigsten Urkunden haben. Aus den letzten Jahren seien zwei bedeutende Biographien der Heiligen genannt: Sainte Catherine de Sienne par Johannes Joergensen und L'Histoire de Sainte Catherine de Sienne par la T. Rde. M. Drane; beide Werke enthalten eine reiche und mit Erklärungen versehene Bibliographie. Aus dem Französischen übertrug 1929 P. Albertus M. Kaufmann O. P. das Werk des Abbé Jacques Leclerco (Brüssel): »Die Mystikerin des Apostolates S. Katharina v. Siena«. (XV u.406S.) D.Herausg. Ralph Waldo Emerson (1903) Am fünfundzwangzigsten Mai [1903] sind hundert Jahre vergangen, seit Emerson auf die Welt kam. Die Amerikaner lassen den Tag nicht vorübergehen, ohne sich ins Gedächtnis zu rufen, was sie Emerson verdanken. Die Emerson Society begeht, mit der schlichten Würde und Sachlichkeit, die den amerikanischen Intellektuellen eigentümlich ist, das Fest ihres Philosophen. Die Institute, die seine ersten Vorlesungen hören durften, geben, indem sie ihn feiern, einen Überblick über das letzte Jahrhundert ihrer Entwickelung: die Harvard-Universität in Cambridge, die Phi-Beta-Kappa-Gesellschaft, die Colleges in Dartmouth, Waterville. England wird nicht stumm bleiben. Die geistige Zusammengehörigkeit der zwei großen Völker, der die Freundschaft zwischen Emerson und Carlyle den schönsten Ausdruck gab, wird einen Tag lang noch stärker als sonst den freiesten Geistern beider Reiche fühlbar. Solche Gedenktage wiegen in der wirklichen Geschichte der Völker schwerer als Monarchenbegegnungen und Schlachtenfeiern. Da besinnen sich die Besten, an welchem Punkte der Reise man steht, welches die letzte Tagesleistung war und was die Aufgabe des nächsten Morgens sein wird. Es ist wie ein abendliches Ausruhen, ein herzliches Wiedersehen und Grüßen, eine wunderliche Mischung von Friedenssehnsucht und Kampflust, wenn man ein schönes und mühevolles Tagewerk hinter sich und ein schöneres und mühevolleres vor sich weiß. Die nordamerikanische Literatur scheint dem flüchtig Hinsehenden nur ein Anhang zur englischen zu sein; lange ist sie auch in den Literaturgeschichten so dargestellt worden. Longfellow ist der klassische Dichter, Irving der klassische Prosaiker dieser europäisierten Schicht. Aber in beiden bricht schon das Neue, Amerikanische durch. Longfellows Evangeline nimmt eine ganz moderne Landschaftsauffassung vorweg; ein paar von Irvings Skizzen unterscheiden sich an einigen Stellen nur durch den latinisierenden Stil und die sinnliche Pracht des Klanges von manchen Essays Emersons. Vor allem aber kündet sich bei Irving und Longfellow schon der Grundzug des nordamerikanischen Geisteslebens an: die Dinge der Welt als Eins zu fassen, mit scharfen Sinnen und hellem Kopf keck vor die Probleme hinzutreten, nicht eine künstliche Zweiteilung zu respektieren, die die eine Hälfte der Welt für moralisch und poetisch, die andere aber, für unmoralisch und unpoetisch erklärt. Das Historische zieht diese jugendlichen Pioniere einer beginnenden Kultur höchstens als Kuriosität an: sie machen ihre obligate Reise nach Europa, lassen europäische Kultur auf sich wirken, um in ihr Vaterland heimzukehren und wieder so amerikanisch wie möglich zu leben und zu denken. Drei Männer repräsentieren diese Seite amerikanischer Geistesentwickelung am stärksten: Thoreau, der Naturbeobachter und Tagebuchschreiber; Whitman, der alle Fesseln der Form ungestüm sprengende Odensänger; Emerson, der Philosoph. Von ihnen ist Emerson der Bedeutendste; in ihm ist Thoreau und Whitman, feinstes Naturgefühl und dithyrambisches Dahinrauschen der Begeisterung. Es gibt zu denken, daß auch Emerson, wie sein europäischer Geistesverwandter Nietzsche, ein Theologenabkömmling war; seine Vorfahren waren durch acht Generationen puritanische Geistliche gewesen. Solche Söhne einer Academic Race , in denen die Kräfte und Anlagen von Geschlechtern gestaut und gespart worden sind, haben oft Explosionsstoff in sich; sie hatten gleich bei ihrer Geburt vor anderen Individuen einen nie wieder einzuholenden Vorsprung voraus. Man denke an den vollkommenen Gegensatztypus, das katholische Priestertum, das sich nicht legitim fortpflanzen kann: die feinste persönliche Kultur, die zarteste Sittlichkeit, die reifste Milde, zu der sich schließlich das Individuum hinaufgebildet hat, gehen hier unwiederbringlich verloren, weil sie nicht vererbt werden dürfen; der Stand als solcher muß immer wieder von vorn, ab agricola , anfangen. Einzelne Biographen Emersons, besonders Holmes, haben versucht, in den Predigern und college graduates seiner Ahnenreihe seine entscheidenden Züge nachzuweisen. Man kann dies Bestreben für ebenso interessant wie müßig erklären: nicht die Summanden gehen uns an, sondern die Summe; nicht die Faktoren, sondern das Produkt, das geniale Individuum, das mit einem Male aus der Reihe seiner Brüder tritt und über Familie und Rasse sich emporschwingt. Allerdings hätten die Gegner recht, zu erwidern: dennoch haben wir, die wir, wie beim Rennpferd und beim Jagdhund, auch beim Genie einen sauberen pedigree aufstellen möchten, allen Grund dazu; denn das Entscheidende war eben jene stille, geheimnisvolle Arbeit von Generationen, der gegenüber das geniale Individuum im besten Fall ein Experiment darstellt, das in wenigen Fällen glückt, in manchen mißrät und auf das man nie gar zu viel geben soll. Emerson selbst sagt einmal, mit Anspielung auf dieses Problem: What care we who sang this or that? It is we at last who sing. Als Emerson zehn Jahre alt war, wurde gerade in England das Gesetz aufgehoben, das die Leugner der Trinität mit dem Tode bedrohte; es ist nützlich, an solche Daten zu erinnern, wenn man Protestanten über römische Intoleranz klagen hört. Für Emerson ist es von Anfang an wichtig, daß er Unitarier war; nur hieraus erklärt sich der gleichmäßige Verlauf seiner äußeren wie seiner inneren Erlebnisse. Wir brauchen ihn uns nur als europäischen Theologen vorzustellen: ohne ganz andere Kämpfe und Krämpfe wäre es nicht abgegangen; vielleicht wäre sein Leben, wahrscheinlich wären seine Werke noch bedeutender geworden, wenn er im fortwährenden Gegensatze zu seinen Angehörigen und Landsleuten sich hätte entfalten, durchsetzen und behaupten müssen. So wurde er ein Autor ohne merkliche Entwickelung; er scheint sich nur an Gesinnungsgenossen zu wenden; mit Sanftmut sagt er Alles, lächelnd begegnet er abweichenden Meinungen, als seien sie bloße Mißverständnisse, gelassen spricht er seine Kühnheiten aus, als ob sie Gemeinplätze wären; er beweist nichts, er hastet nicht, er verteidigt sich nicht. I do not know what arguments are in reference to any expression of a thought, sagt er einmal. Sein Lebenslauf ist in wenigen Jahreszahlen erzählt. 1832 hielt er seine letzte Predigt, weil er den Abendmahlsritus nicht mitmachen wollte; er legte sein Amt für immer nieder. Im nächsten Jahr reiste er nach Europa; Goethe und Scott, die er gern gesehen hätte, waren tot; er lernte Coleridge, Wordsworth, Landor, De Quincy kennen; er besuchte Carlyle, als der Heroensucher niedergeschlagen in Craigenputtock saß, und erschien ihm wie eine himmlische Vision des Trostes. 1847 und 1872 reiste er ein zweites und drittes Mal nach Europa. 1872 sah ihn Herman Grimm in Florenz: »Eine hohe, schmale Gestalt, mit dem unschuldigen Lächeln um den Mund, das Kindern und Männern höchsten Ranges eigen ist. Die höchste Kultur erhebt den Menschen über das Nationale und macht ihn ganz einfach. Liebenswürdigkeit scheint ein zu einseitiges Wort, um all Das zu bezeichnen, was in Emerson davon umfaßt wird.« Am siebenundzwanzigsten April 1882 starb er in Concord, Massachusetts, wo er fast sein ganzes Leben verbracht hatte. Während der letzten Jahre hatte sein Gedächtnis recht nachgelassen; im übrigen lebte er heiter und gütig im Kreise der Seinen, freundlich für jeden Besucher, wenn auch schweigsam, und durch seine bloße Existenz ein gewisses Gefühl des Glückes über die intellektuellen Kreise seines Landes verbreitend. Auch die Hauptdaten seiner Bücher sind rasch erwähnt: 1836 erschien Nature , 1841 und 44 Essays I und II , 1850 Representative Men , 1856 English Traits ,1860 Conduct of Life , 1870 Society and Solitude , 1874 Letters and Social Aims . Nature brauchte dreizehn Jahre, bis die 500 Exemplare der ersten Auflage verkauft waren. Conduct of Life war nach zwei Tagen vergriffen. Heute sind Emersons Werke in einer Menge englischer und amerikanischer Ausgaben verbreitet. Die besten deutschen Übertragungen (von Karl Federn und Thora Weigand) sind in Hendels Sammlung erschienen und für ein paar Groschen zu haben. Natur ist der Hymnus überschrieben, in dem Goethe 1782 die Summe seiner Religion zog. Hofmiller hielt nach der damaligen Auffassung »Natur« für ein Fragment Goethes, fing aber später selbst an zu zweifeln und zu ahnen, was durch die Forschung Prof. Wernles bestätigt wurde: daß nicht Goethe der Verfasser war. (Siehe Hofmillers Briefe an Max Rychner vom 8. und 31. Mai 1925. »Das Innere Reich«, März 1936.) D. Herausg. Nature ist das Wort, mit dem Emerson 1836 die Reihe seiner Schriften anfängt und das wie ein mächtiger Grundbaß fortan seinen Lehren Feierlichkeit und Eindringlichkeit verleiht. »Unser Zeitalter ist rückwärtsschauend. Es baut die Gräber der Vorväter. Es schreibt Biographien, Historien, Kritik. Die vorangegangenen Geschlechter sahen Gott und Natur von Angesicht zu Angesicht; wir sehen durch ihre Augen. Warum sollten nicht auch wir uns einer ursprünglichen Beziehung zum All erfreuen? Die Sonne scheint auch heute. Neue Länder sind da, neue Menschen, neue Gedanken.« Neue Gedanken sind es auch, die Emerson seinen erstaunten Lesern vorträgt. Neu wenigstens für Amerika. »Man reißt ihr keine Erklärung vom Leibe, trutzt ihr kein Geschenk ab, das sie nicht freiwillig gibt«, heißt es in Goethes Fragment; bei Emerson: Neither does the wisest man extort her secret, and lose bis curiosity by finding out all her perfection. Sicher ist Emersons Essay von Goethe stark beeinflußt. Als Ganzes ist die Schrift nicht einheitlich. Der Autor hat seine eigene Weise zwar gefunden, aber er getraut sich noch nicht, sie ganz rücksichtslos zu singen. Für den Schluß, der immer mehr zum mystischen Hymnus wird, wagt er die ausschließliche Verantwortung noch nicht zu übernehmen. Er fingiert, ein befreundeter Dichter habe ihm Das mitgeteilt. In der Tat war Emerson eben so sehr Dichter wie Denker, trotz seinem bescheidenen Wort: I do not belong to the poets, but only to a low department of literature, the reporters. Nature war anonym erschienen, doch der Verfasser wurde sofort erraten. Der gleichsam trunkene Stil schreckte die Meisten ab; aber feinere Geister sahen hinter dieser Trunkenheit eine ganz neue Art von Weltfrommheit, eine sonderbar sanfte Heiterkeit, die mit unschuldigen Augen um sich blickte, weltliebend, weltsegnend, ohne Anklage, ohne Düsterkeit, ohne Verleumdung des Weltlaufes und der Natur. Carlyle las die dünne Schrift mit Begeisterung und lieh sie allen seinen Freunden, die er für reif genug dazu hielt. Noch mehr wurde die Aufmerksamkeit seiner Landsleute auf Emerson gelenkt durch seine Harvard-Vorlesung The American Scholar , »Diese großartige Rede ist unsere Unabhängigkeitserklärung auf geistigem Gebiet«, sagte einer der Hörer von ihr. Wir wollen ganz wir selbst sein – das ist ungefähr der Gedankengang –: lange genug haben wir von fremden Landen Wissen geborgt. Um uns rauscht es von millionenfachem Leben. Wir können nicht länger uns mit den Brocken fremder Tische speisen lassen. Der Mensch ist nicht Farmer oder Professor oder Ingenieur; er ist Alles. Der Mensch ist Priester und Lernender, Staatsmann, Produzent, Soldat. Oder vielmehr: er sollte Das Alles zusammen sein. Leider sehen wir nur Teilmenschen, Menschentums-Spezialitäten, zerstückelte Glieder dieses Idealmenschen. Der Mensch ist zu einem Ding geworden, zu vielen. Dingen. Wenn wir aber diese unglückselige Teilung annehmen und trachten, ihr die beste Seite abzugewinnen, so ist der Lernende der Mensch als Denkender, als Denkwesen. Aber auch er ist in Gefahr, zur Denkmaschine, zum Papageien der Gedanken Anderer zu werden. Noch stärker drückt Emerson seine Meinung in der Divinity School Address aus. Schwerlich ist jemals in diesem Tone zu angehenden Theologen von einem Extheologen geredet worden. Die Vorlesung beginnt ganz gelassen: »In diesem strahlenden Sommer war es eine Wollust, den Atem des Lebens einzusaugen. Das Gras wächst, die Knospe springt, die Wiesen sind mit Feuer und Gold in Blumenfarben besprengt. Die Luft ist erfüllt vom Gesange der Vögel und süß vom Dufte der Pinien, des Balsams von Gilead und des frischen Heus. Die Nacht bringt dem Herzen kein Düster mit ihrem willkommenen Schatten. Durch das flüssige Dunkel gießen die Sterne ihre beinahe geistigen Strahlen. Der Mensch unter ihnen erscheint wie ein junges Kind und sein gewaltiger Erdball wie ein Spielzeug. Noch nie hat sich das Mysterium der Natur vor unseren Augen so glücklich entfaltet.« Unmerklich leitet Emerson zu seinem Thema über. Nur als Vision des ethischen Gefühls hat die Religion Wert. Nicht nur in Palästina, auch in Ägypten, Persien, Indien, China hat der Mensch diese wahre Religion erkannt. Aber der Mensch kann die Religion nicht aus zweiter Hand, sondern nur aus Intuition annehmen; nicht auf das Wort eines Anderen hin, sei er, wer er mag. »Das historische Christentum ist in den Irrtum verfallen, der alle Versuche, eine Religion auszubreiten, verdirbt. Es ist keine Lehre vom Geist mehr, sondern nichts als eine Übertreibung des Persönlichen, des Positiven, des Rituellen. Es haftete immer und haftet noch heute mit schädlicher Übertreibung an der Person Jesu. Unser historisches Christentum ist nichts als eine orientalische Monarchie, aufgebaut aus Indolenz und Furcht. Wenn wir die schimpflichen Behauptungen, die unser Unterricht im Katechismus uns aufzwingt, akzeptieren, so werden Selbstverleugnung und Ehrlichkeit nur glänzende Sünden, sobald sie nicht den christlichen Namen tragen; nicht nur Namen und Stellen, nicht nur das Land und alle Berufsarten, sondern selbst die Sittlichkeit und Wahrheit sind abgeschlossen und christlich monopolisiert. Man ist dahin gekommen, von der Offenbarung zu sprechen als von Etwas, das vor langer, langer Zeit geschehen sei, als ob Gott tot wäre... Ich glaube, kein Mensch, der nicht ganz gedankenlos ist, kann in eine unserer Kirchen gehen, ohne zu fühlen, daß aller Einfluß, den der öffentliche Gottesdienst einst auf die Seelen hatte, dahin ist oder dahin schwindet. Und nun, meine Brüder, werdet Ihr fragen: Was können wir in diesen kleinmütigen Tagen tun? Wir haben die Kirche dem Geist entgegengesetzt. Nun denn: im Geiste liegt die Erlösung. Wo ein Mann auftritt, bringt er eine Revolution mit sich. Das Alte ist für Sklaven. So ermahne ich Euch vor allem Anderen, allein zu gehen, alle guten Vorbilder zu verschmähen, die selbst, die den Menschen noch so geheiligt erscheinen, und Gott ohne Mittler, ohne Schleier zu verehren.« Man begreift, daß diese Ansprache einen kleinen Sturm in theologischen Zeit- und Streitschriften heraufbeschwor. Emerson hatte sich durch seine kühne Rede zum Häretiker befördert. Für uns Europäer liegt die Unfaßbarkeit mehr darin, daß angehende Prediger einen ehemaligen Prediger, der ostentativ sein Amt niedergelegt hatte, einladen konnten, sie über ihren Beruf zu belehren, als darin, daß der Sproß von acht Theologengeschlechtern diese Ansprache hielt. Jenes setzt eine Freiheit des Geistes voraus, die dem zahmen Europäer unverständlich ist. Dieses ist weniger verwunderlich. Nourri dans le sérail, j'en connais les détours , konnte Emerson mit bezug auf seine theologischen Studien sagen. Man darf sich nicht wundern, daß gerade ehemalige Theologen oft radikale Kritiker werden: sie haben die Theologie erlebt und an ihr gelitten. Für Emerson hatte die theologische Vorlesung erfreuliche Folgen: alle kleinen Fanatiker schmähten ihn, sein Name wurde in Concord, Boston, Newyork genannt, von der Rede über tausend Exemplare abgesetzt, die Jugend blickte fortan hoffend auf ihn. Durch die etwas radikale Theologie seines Vortrags hatte er sich selbst den größten Dienst erwiesen: er war als Theologe unmöglich; so blieb ihm das Schicksal Sören Kierkegaards erspart, als Dissident innerhalb des kirchlichen Systems sich langsam zu verbluten. Die Theologie bedeutete für ihn nur noch eine überwundene Entwicklungsstufe, wie für Nietzsche die klassische Philologie und die Kunst Wagners. Er hatte alles abgestreift, was ihn hinderte, er selbst zu werden. Mit neuer Zuversicht spricht er jetzt und in neuen Tönen: »Aus dem ewigen Schweigen sind wir geboren; nun wollen wir leben – für uns leben –, nicht das Leichentuch der Vergangenheit nachschleppend, sondern als Verkünder und Schöpfer unseres Zeitalters. Und weder Griechenland noch Rom, weder die drei Einheiten des Aristoteles noch die Heiligen Drei Könige von Köln, weder die Sorbonne noch die Edinburgh Review haben uns was dreinzureden. Nun wir einmal da sind, wollen wir unsere eigene Auffassung haben und unseren eigenen Maßstab. Mag sich unterwerfen, wer will: für mich müssen die Dinge mein Maß annehmen, nicht ich das ihre.« Es war die Vorlesung über literarische Ethik, in der Emerson so energisch, als Einer, der beschlossen hatte, jung zu bleiben, zur Jugend des Landes sprach. Die Wendung in seiner Tätigkeit trat durch die Veröffentlichung des ersten Bandes seiner Essays ein. Bis dahin war er ein gern gehörter Lecturer für einen kleinen Kreis und ein leidlich bekannter Lokalschriftsteller gewesen. Von den Essays an sprach er zu allen, die überhaupt Englisch verstanden. Sein Stil war ruhiger und sorgfältiger, seine Ideen freier geworden. Diese zwölf Essays, denen nach drei Jahren noch neun andere folgten, stehen im Zentrum seines Lebenswerkes. Die erste Serie behandelte Geschichte, Selbständigkeit, Ausgleichung, geistige Gesetze, Liebe, Freundschaft, Klugheit, Heldentum, Überseele, Kreise, Intellekt, Kunst. Die zweite brachte den Dichter, Erfahrung, Persönlichkeit (Charakter), Manieren, Geschenke, Natur (nicht mit dem Erstlingswerk zu verwechseln), Politik, Nominalist und Realist, Neu-England-Reformer. Die Titel zeigen, daß es sich nur um einzelne Aufsätze, nicht um ein disponiertes und komponiertes Buch handelt. Irgend ein möglichst abstraktes Thema reizte Emerson zur Anknüpfung; dann ließ er seinen Gedanken freien Lauf, unbekümmert, ob sie so recht zur Sache gehörten. Die fehlende Disposition ist der Grundmangel. Man könnte mit einiger Übertreibung sagen, Emerson habe überhaupt nicht Essays, sondern nur einen einzigen Essay geschrieben; Titel und Einteilungen der Kapitel seien willkürlich. Er hatte eigentlich nicht viele, auch nicht einmal sehr neue Ideen; eine gewisse Monotonie macht sich selbst in seinen besten Aufsätzen fühlbar; man kann nicht anhaltend in ihnen lesen, ohne zu ermüden. Er verschmäht, einem logischen Gedankengang gleichmäßig zu folgen. Die Verbindung zwischen seinen Sätzen ist oft nur äußerlich; unvermittelt beginnt er von etwas ganz anderem. Es ist lehrreich, die Struktur seiner Bücher mit derjenigen der Werke Nietzsches zu vergleichen: man sieht sofort, wer eigentlich von den Zweien der Aphoristiker ist. Ich habe den Versuch gemacht, Freunden die Essays Emersons durcheinander vorzulesen, bald ein paar Sätze aus History , bald aus Over-Soul , bald sogar aus Conduct of Life und Society and Solitude , Werken, von denen das erste um zwanzig, das zweite um dreißig Jahre später geschrieben ist als die Essays: der Versuch gelang fast immer; oft ergaben sich ganz überraschende Kombinationen. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß ein geschickter und philosophisch gebildeter Mann mit Leichtigkeit aus den zwölf Bänden der großen Ausgabe zwölf bessere machen könnte: das Zusammengehörige zusammen, das oft Gesagte nur in einer, und zwar der schärfsten, eindringlichsten Form. Dies gilt sogar von den Representative Men . Doch die lose und unbekümmerte Gedankenverbindung gibt den Essays auch wieder den starken Reiz. Sie regen zum Selbstdenken an: Das ist ihr höchster Wert. Sie geben jedem etwas; der eigentümliche und fortwährende Wechsel sehr praktischer und sehr idealer Gesichtspunkte berührt nicht unangenehm, der energische Ton der einen, die stimmungsvolle Mystik der anderen lädt, je nach Laune und Art des Lesers, zur Zustimmung ein. Was für einen europäischen Leser das Erfreulichste ist: nichts im schlechten Sinn Europäisches lebt in diesen Schriften. Die Luft ist reiner, man glaubt, den guten, herzstärkenden Salzwasseratem einzusaugen; der Horizont ist freier; man spürt sufficient elbow-room ; die Worte haben nicht so viel kompromittierende Vergangenheit, sondern kommen uns wie frische Kinder entgegen; man vergißt die Jahrtausende des unerquicklichen Prozesses, den einige Ideologen immer noch hartnäckig Kulturgeschichte nennen: man hat das Gefühl, keine Vergangenheit, sondern nur eine unendliche Gegenwart zu haben. Man wird glücklich und froh. »Ich mache alles ungewiß. Nichts ist für mich heilig, nichts profan. Ich stelle einfach Versuche an, ein endloser Sucher mit keiner Vergangenheit hinter mir.« Emerson stand zeitlich dem Beginnen der nordamerikanischen Geschichte nahe genug, um sich zu dem übermütigen Gefühl eines Adam aufschwingen zu können, der mit selig staunenden Augen auf all den Morgenglanz ringsum blickt und zu Erde und Welle, Blüte und Gras, Vogel und Wurm sich neigt, um den Wesen Namen zu geben. Im vergangenen Jahre ist in Deutschland viel von sogenannter Voraussetzungslosigkeit die Rede gewesen. In einem anderen, sehr viel tieferen und wichtigeren Sinn ist dieses das eigentliche Problem Emersons. Der Philosoph, dessen erster Essay History überschrieben ist, hat wie wenige andere die Macht des Historischen empfunden. Wir sind zu konservativ. Vielleicht ist die Erfindung der Buchdruckerkunst wesentlich mitschuldig daran, daß die Entwicklung der Ideen viel zu langsam geht, daß mit manchem Trödel gar nicht aufzuräumen ist. Dokumente und Überreste werden mit ängstlicher Sorge bewahrt, mit unermüdlichem Eifer erforscht, in Beziehung zueinander gesetzt; jeder Zoll der Vergangenheit wird nachgeprüft; man will um jeden Preis eine lückenlose Kette des Geschehens nachweisen. Wir machen uns das Leben schwer. Eine kaum zu tragende Last von Vergangenheit ruht auf unseren schwächeren Schultern. Nichts, was einmal da war, wird preisgegeben. Unser toter Besitz wird immer größer, immer höher türmen sich die Kataloge und Register auf: wir ersticken vor Retrospektivität und Reproduktivität. Wohl kamen von Gott erleuchtete Wohltäter, wie jener ehrwürdige Kalif Omar, der die Alexandrinische Bibliothek verbrannt haben soll, aber solch weiser Männer gab es leider viel zu wenige. Wenn wir uns die Entwicklung der Hellenen vorstellen, kommen wir zu der notwendigen Annahme, daß dieses Volk sich in einem langen, langen Prozeß gebildet hat, daß eine ungeheure plastische Kraft dazu gehörte, so viel Fremdes auszuscheiden oder umzubilden, bis zuletzt eine Art Kulturreinheit da war. Wie glücklich sind wir, daß wir von diesem ganzen Umbildungsprozeß fast gar nichts wissen! Daß wir nur das schöne Ende sehen! Wir Spätgeborenen bilden keine Mythen mehr. Uns ist es nicht mehr möglich, das, was uns lästig ist, ins Schöne umzudeuten. Wir sind negativ und kritisch geworden. Das war unsere Notwehr. Wir sind eher geneigt, abzulehnen und umzustürzen, als umzubilden. Die Fragen scheinen sich immer mehr auf die eine zu reduzieren: Wie können wir das Leben aushalten? Friedrich Nietzsche hat in seinem nachgelassenen Hauptwerk einem gänzlichen und entschlossenen Agnostizismus das Wort geredet, einer triumphierenden Unterwerfung unter die Bedingungen der Wirklichkeit, einem unbedingten Ja-Sagen zu Erde und Leben. Aber schon ein halbes Jahrhundert vor ihm hatte Emerson als sein Alpha und Omega verkündet: Glaube ans Heute! Kümmere Dich nur ums Heute! Laß die Toten ihre Toten begraben! Sei ein endloser Versucher mit keiner Vergangenheit hinter Dir! Gleich Nietzsche erkannte auch Emerson nur einen Wert der Geschichte an: daß wir darin die Biographien großer Männer finden. Aus dieser Gesinnung heraus entstanden die Representative Men , die von Manchen als sein Hauptwerk angesehen werden. Ich vermag diese Meinung nicht zu teilen. Von den sechs Essays scheinen mir drei nicht ganz geraten. Der Aufsatz über Shakespeare wird dem Dichter nicht gerecht, noch weniger der über Goethe; auch Napoleon scheint mir nicht gelungen. Wenn Emerson sich inkommensurablen Naturerscheinungen, wie diesen Dreien, gegenübersieht, kommt der ehemalige Prediger in ihm zum Vorschein; er erlaubt sich, zu moralisieren. Der Aufsatz über Swedenborg ist ein interessanter Versuch, noch einmal die Ideenkreise der Divinity School Address durchzudenken; der Schluß ist eine ruhige, aber entschiedene Ablehnung: »Palästina wird immer wertvoller als Kapitel der Weltgeschichte, immer unnützer als Erziehungselement.« Swedenborg ist »ein rachsüchtiger Theologe; die Engel, die er schildert, sind lauter Landgeistliche; ihr Himmel ist ein evangelisches Picknick oder eine französische Preisverteilung an tugendhafte Landleute. Die Schönheit fehlt. Wir wandern verloren durch die glanzlose Landschaft. Kein Vogel sang je in all diesen Totengärten. Der Lorbeer ist mit Zypressen vermischt, in den Weihrauch des Tempels mengt sich fühlbar ein Leichengeruch; Knaben und Mädchen werden den Ort meiden«. An Montaigne, den Emerson als Typus des Skeptikers dem Mystiker Swedenborg gegenüberstellt, erfaßt er nur die allgemeinsten Züge; aber die helle Verständigkeit, der trockene Geist, die spöttische Nüchternheit, kurz das Südliche und Französische in Montaigne entgeht ihm. Der beste Aufsatz ist der über Plato; nur verschwimmt er ins Allgemeine; er ließe sich auf andere Philosophen auch anwenden. Vielleicht sind diese philosophischen Aufsätze Emersons deshalb etwas unbestimmt geraten, weil es unrichtig ist, den einen Denker als Skeptiker, den andern als Mystiker zu definieren; weil nichts mehr übrig bleibt, wenn wir vom Philosophen den Mystiker und den Skeptiker subtrahieren; weil jeder echte Denker beides zugleich ist; weil jeder Philosoph die Lehren der Vorangegangenen in sich aufnimmt, gleich dem Jüngling des Märchens, der die Stärke aller Recken erhält, mit denen er sich in ritterlichem Kampfe gemessen hat. Emerson ist lange in Deutschland unbekannt geblieben. Er ist es nicht mehr. Herman Grimm hat zuerst auf ihn aufmerksam gemacht, Spielhagen seine English Traits übersetzt, das Beste, was neben Taines Notes sur l'Angleterre über England geschrieben worden ist; fast alle Werke sind nun ins Deutsche übertragen. Am meisten aber hat Nietzsche für Emerson getan. So paradox es klingt: Schopenhauer und Emerson verdanken Nietzsche ebensoviel wie er ihnen. Nietzsche hat die breite Gasse gebahnt: er hat mehr als irgend ein anderer dazu beigetragen, daß die Philosophie wieder vielen Deutschen eine Lebensmacht und ein Lebensbedürfnis wurde. Nicht zu den großen Philosophen stellen wir Emerson. Er war kein Pflüger, der tiefe Furchen riß, kein Säemann, der neuen Samen ausstreute. Als ein freundlicher Spaziergänger schritt er über Fluren und Felder, über blumige Anger und schattige Heckenwege, sinnend, von Ackerduft und Sonnenglanz umflossen, Garben und Blüten, Ranken und unscheinbare Grasblätter zu einem frischen Strauße vereinend. Über all seinen Schriften ruht die milde Verklärung der ländlichen Gegend, in der er gelebt und gedichtet hat. Als ein unendlich Freundlicher und Gütiger ist er durch das Leben gegangen. Freundlichkeit und Güte, ein unüberwindlicher Optimismus redet aus seinen Werken. Thoreau (1907) 1 Der Reisende, der vom Bostoner Nordbahnhof aus in den kanadischen Zug einsteigt, fährt zuerst an Waltham vorbei, dem Hauptorte der amerikanischen Taschenuhrenindustrie. Bald darauf erscheint rechts ein lieblicher, dunkler, waldumrandeter See: Waiden Pond! Die Reisenden machen sich gegenseitig auf ihn aufmerksam, wie auf etwas Besonderes, obgleich ganz Massachusetts überreich an hübschen Seen ist. Nun fährt der Zug in den kleinen Bahnhof von Concord ein. Dieses Concord, das noch heute nach amerikanischen Begriffen ein Dorf ist, – im Jahre 1900 hatte es noch nicht einmal sechstausend Einwohner – hat für Amerika eine ähnliche Bedeutung wie für Deutschland Weimar und für England Stratford. Hier haben Emerson, Hawthorne, die Alcotts und Thoreau gelebt. Emerson allein ist von ihnen weltbekannt geworden; er gehört zu den geistigen Mächten der Gegenwart und ist bestimmt, in Zukunft noch mehr in die Weite und Tiefe zu wirken. Hawthornes Romane werden leider weniger gelesen als sie verdienen. Der Name Alcott ist bei uns nur durch Louisa Alcott bekannt geworden, deren höchst liebenswürdiges und anmutig heiteres Mädchenbuch Little Women auch in Deutschland allmählich nach Gebühr geschätzt wird. Thoreau endlich ist in jenem Mittelstadium zwischen Berühmtheit und Unbekanntheit, das man eine Gemeinde heißt. In der Nähe des kleinen Bahnhofes steht ein Hotel, das Thoreaus Namen auf seinem Schild führt. Rechts vom Bahnhof zweigt die Thoreau Street ab. Nach ein paar Minuten kommt man an dem weißen Hause Emersons vorbei; an dem von prachtvollen alten Bäumen überschatteten Orchard House , wo die Alcotts hausten; an The Wayside mit dem Turmzimmer, wo Hawthorne seine Romane schrieb; an Old Manse , wo Emerson seine Kinderjahre verlebte. Endlich gelangt der Spaziergänger an einen träumerisch stillen kleinen Friedhof: das Sleepy Hollow Cemetery . Dort unter dem mächtigen Block Rosenquarz ruht Emerson. Jener niedrige Hügel, den eine dichte Lebensbaumhecke umgibt, ist der Nathaniel Hawthornes. Etwas weiter weg, in der Nähe der Alcottschen Grabstätte, hat Thoreau seine Ruhe gefunden. Verbunden im Leben, vereint im Tode. Der Hauch der Unsterblichkeit wittert um die schönen alten Rüstern und Buchen. Denn du Concord, im Lande Massachusetts, bist wahrlich nicht die geringste unter den Städten Neu-Englands. Denn aus dir sind Gedanken der Ewigkeit ausgebraust über Land und Meere... 2 Der Mensch der großen Stadt bezahlt die Eigenart dieser Lebensform teuer: er verliert die Fühlung mit der Natur. Denn die Natur wird in der Stadt denaturiert: zur gärtnerischen Anlage verniedlicht und erniedrigt, verliert sie ihre Unschuld. Die Gesamtheit von Lebensformen, Kunst, Luxus, die man als moderne Kultur bezeichnet, ist kompliziert und künstlich. Einfachheit und Natürlichkeit sind für den modernen Menschen wieder Ziele; noch nicht erreichte, durch unablässige Selbstzucht zu gewinnende Ziele, ein wieder zu erlangendes verlorenes Paradies. Er vergleicht sich mit zeitlich oder ständisch oder kulturell tieferstehenden Individuen, und findet in dem Menschen früherer Jahrhunderte, im Jäger, Bauern, Flößer, im Indianer oder Beduinen Wildheit, Mut, Unabhängigkeit, offene, wenn auch wortkarge Biederkeit, wahre Teilnahme, ruhiges Selbstvertrauen, gesunde, durch das fortwährende Leben mit der Natur geschärfte Sinne. Er erscheint sich selbst zahm, ja feige; unehrlich und verschlossen; in schiefem Verhältnisse zu Menschen und Dingen; Wesen und Grad der Teilnahme heuchelnd; unsicher; seine Sinne geschwächt, krank. Ist sein Wohlstand um soviel reicher, seine Kultur um soviel geistiger und innerlicher, sein Leben um soviel behaglicher, daß er solch hohen Preis ohne Reue zahlen mag? Hat ihn nicht die Verbesserung des Kulturmechanismus zum Sklaven eben dieses Mechanismus gemacht? Narrt ihn nicht die Kultur, die, indem sie auf die Erzielung möglichst differenzierter Individuen hinzuarbeiten scheint, in der Tat eine fortschreitende Nivellierung und Schablonisierung alles öffentlichen und häuslichen, alles geistigen und körperlichen Lebens zur Folge hat? Anstatt der genügsamen und stolzen Unabhängigkeit des Wilden hat er tausend Arten vielfacher Abhängigkeit eingetauscht: das Gold der Freiheit für die Glasperlen der Handlungsreisenden der Zivilisation. Jeglichen Geschickes Knecht fühlt er sich. Er sucht die Natur wieder auf im Sport: doch voll Hohn wird er abgewiesen. Die Natur kennt, duldet, nimmt keine Surrogate. Die Kluft wird größer. Die Großstadt verdirbt alles: die Luft, das Wasser, das Licht der Sonne, die Natur, den Menschen. Sie vergiftet was sie behaucht: die Dichtung, die Musik, die Geselligkeit, die Liebe. Da treten Prediger auf, die ihre Lehre leben. Muß man ein russischer Landedelmann sein wie Tolstoi, um sein eigenes Leben zu leben? Genügt es nicht, als ehrlicher Bursche ohne künstliche Bedürfnisse sich durch die Welt zu schlagen wie Thoreau? 3 Thoreaus Großvater stammte aus Jersey und war 1772 nach Neu-England ausgewandert; er heiratete eine Schottin, war Kaufmann in Boston und starb 1801 in Concord (Massachusetts). Thoreaus Vater war gleichfalls Kaufmann, fallierte, verlor all sein Vermögen und wurde Bleistiftmacher: er wird als ein kleiner, ruhiger, fleißiger, verträglicher Mann geschildert, grundehrlich und verlässig, in seinem Geschäft aufgehend, aber hilfsbereit und freundlich. Thoreaus Mutter war groß, schön, schlagfertig, frohsinnig und lebhaft; sie sang gut mit guter Stimme und plauderte gern bis zur Geschwätzigkeit. Ihr Bruder Charles war exzentrisch, führte ein merkwürdiges Vagabundenleben, kugelte von Stadt zu Stadt, und war ein landbekannter Schelm voll krauser Einfälle und Sprüche. Der am 12. Juli 1817 geborene Henry David Thoreau selbst, das drittgeborene Kind, erwies sich als eine glückliche Kombinierung der widersprechenden Eigenschaften von Vater- und Mutterseite her. Sein Geburtsort Concord war eine ehemalige Indianerniederlassung, die von ihnen nach dem Flusse Musketaquid (Wiesenbach) benannt worden war; es hatte damals etwa 2000 Einwohner, die altmodisch in bescheidenem Wohlstande dahinlebten. Die Landschaft ist schön. Wasser in Menge: der träge dahinrollende Musketaquid und der pfeilschnelle Assabet. Die ganze Gegend voll von reizenden Seen, worunter der Waldensee späterhin für Thoreau bedeutsam und durch ihn weltberühmt werden sollte. Wundervolle Wälder von alten Eichen, Föhren, Edelkastanien und Ahornen. Sanfte, abwechslungsreiche Hügel; trockener Sandboden, zum Gehen in jeder Jahreszeit einladend. Diese Landschaft ist der Schauplatz von Thoreaus Leben, der geistige Hintergrund all seiner Werke, und der unerschöpfliche Springquell seiner inneren Erlebnisse. Seines Vaters Verhältnis zur Natur war verhaltene Innigkeit; er liebte es, wie es im Niels Lyhne heißt, »in vegetativer Ergriffenheit« sie zu betrachten. Die Mutter war eine so leidenschaftliche Spaziergängerin, daß eins ihrer Kinder beinah auf dem ziemlich entfernten Lees Hill zur Welt gekommen wäre. Als sechsjähriger Knabe führte Thoreau die väterliche Kuh auf die Weide, barfuß wie alle Dorfjungen. Als Zehnjähriger wußte er mit Vogelflinte und Angelrute umzugehen. Schon damals trieb er sich leidenschaftlich gern am Wasser herum; Baden und Rudern, das war sein Leben, nie mehr vom Waldensee fort müssen, sein Traum und seine Sehnsucht. Alljährlich kamen Reste alter Indianerstämme, errichteten Zelte auf den Wiesen, reihten Muschelperlen auf, flochten ihre Körbe und lehrten die Dorfjugend ein Canoe meistern. Der kleine Thoreau war ein furchtloses, selbständiges und ernstes Kind; sein Neckname war the judge . Wurde er ungerecht verklagt, so fiel es ihm nicht ein, sich zu verteidigen; er sagte nur ruhig »Ich tat es nicht«. Mit sechzehn Jahren wurde er auf die Universität Harvard geschickt, wo er nicht auffiel. Mit zwanzig verließ er sie. Als Student hatte er Stunden gegeben; so wurde er Lehrer, zunächst im Heimatdorfe. Bezeichnend ist der Grund, weshalb er nach kurzer Zeit den biedern Concordern empört kündigte: sie beklagten sich, daß er die Kinder nicht auch genügend prügle. 4 Damals rührte sich in Neu-England eine neue geistige Macht. »Welcher Genosse jener Zeit«, schreibt der große Kritiker James Russell Lowell in seinem (übrigens ziemlich ungerechten) Aufsatz über Thoreau, »wer kann je das vergessen, was wir vor dreißig Jahren die transzendentalistische Bewegung hießen! Aufgerührt durch Carlyles Aufsätze Zeichen der Zeit und Geschichte, bekam sie ihren endgültigen und unmittelbaren Anstoß durch den Sartor Resartus ... Der namenlose Adler der Weltesche schien endlich Ruhe zu finden, und Jedes versuchte, dem geheimnisvollen Vogel das Wunderei unterzulegen, aus dem endlich die neue und schönere Weltenschöpfung ausgebrütet werden sollte. Redeunt Saturnia regna – das stand fest; in welcher Form und Art, darüber ließ sich streiten. Jede geistige und körperliche Dyspepsie brachte ihr Evangelium zu Tage ... Das Wort »transzendental« war das Mädchen für Alles ... Man reagierte und rebellierte mit Carlyle gegen die Philister, und der alte Kampf begann wieder, den Erasmus und Reuchlin schon gekämpft hatten, den Lessing und Goethe weitergeführt, den, in engerem Umfange, Heine gefochten, und dessen Führer in England, jeder nach seiner Fasson, Fielding, Sterne und Wordsworth gewesen waren. Es war einfach ein Kampf um frische Luft, und wenn die Fenster nicht geöffnet wurden, bestand Gefahr, daß man die Scheiben zertrümmerte, so schön sie mit Bildern von Heiligen und Blutzeugen bunt bemalt waren ... Nur ein Ding ist besser als Tradition: Leben! Das ursprüngliche, ewige Leben, dem alle Tradition erst ihren Ursprung dankt. Dies Leben forderten die Reformer, mehr oder weniger klar in Gedanke und Ausdruck: Leben in der Politik, Leben in der Literatur, Leben in der Religion!« Der schottische Presbyterianismus und der spezifisch amerikanische Puritanismus waren tot. Der Protestantismus schien seine Rolle ausgespielt zu haben: da traten Carlyle in England und Emerson in Amerika auf, nur daß Carlyle immer gereizter, schriller, krauser sprach, wogegen Emerson immer ruhiger, heiterer, feierlicher das ewige Gesetz der Schönheit und Gerechtigkeit verkündete. Die Welt des Schotten war ein schwärzliches Gewimmel mit einem einzigen Lichtschimmer. Bei Emerson war alles hell, in strahlendem, gütigem Lichte schwebend, der Sonnenhymnus eines Seligen, der zum Leben Ja und Amen sagt, und über der Kraft nicht die Milde übersieht, noch über dem großen Individuum die gesellschaftlichen Mächte. Thoreau trat zunächst aus der Kirche aus. Um sich zu ernähren, fing er an Bleistifte zu machen wie sein Vater. Daneben ging er möglichst viel spazieren, was ihm wieder als Landvermesser zu statten kam. Im April 1838 hielt er seine erste Vorlesung im Concorder Lyzeum über die Gesellschaft. Schon etwas früher hatte er begonnen zu dichten. Seit 1837 führte er genau Buch über seine Spaziergänge, seine Erlebnisse und Gedanken. 1839 machte er mit seinem Bruder auf selbst erbautem Boote den in einem Buche hinreißend geschilderten Ausflug auf dem Concord und Merrimac. Von 1840 an war er regelmäßiger Mitarbeiter ohne Honorar an der Vierteljahrsschrift des Emersonschen Kreises, dem Dial (Sonnenuhr), dem auch Alcott, Hawthorne, Elisabeth Peabody, die beiden Schwestern Fuller und Elisabeth Hoar angehörten. Er lebte sogar zwei Jahre unter Emersons Dach und machte sich nützlich in Haus und Garten. Die eigenartige Persönlichkeit des um fünfzehn Jahre älteren Emerson wirkte auf ihn so mächtig, daß er unwillkürlich viel von dessen Manieren und die Art seines Sprechens annahm. Aber Emerson verdankte dem Jünger dafür Anleitung zu schärferer Beobachtung der Natur und zu einfacherer, strengerer Lebensweise. 1841 fand Thoreau als Freund fürs Leben Ellery Channing. Das Jahr darauf verlor er seinen über alles geliebten Bruder John, dessen er noch nach Jahrzehnten nicht gedachte, ohne blaß zu werden vor Gram. Nun warf er sich ganz der Natur in die Arme. Der Transzendentalismus stand damals auf seiner Höhe, zugleich schwärmte man für körperliche Arbeit und einfaches Leben. »Wir sind alle ein wenig wild vor lauter sozialen Reformprojekten«, schrieb Emerson 1840 an Carlyle, »jeder hat die Skizze einer neuen Gemeinschaft in der Westentasche«. Mehrere Versuche, die neue Gemeinschaft in die Praxis umzusetzen, scheiterten. Es ist allzeit der Traum feiner und nachdenklicher Geister gewesen, das weltliche Kloster zu gründen. Aber das weltliche Kloster ist ein Widerspruch in sich selbst. Man träumt es in der Jugend, und da man erwacht, entdeckt man mit schmerzlichem Befremden, daß man nicht im Kloster, sondern verheiratet ist. Der Junggeselle ist schließlich der moderne Anachoret, omnia sua secum portans , sogar sein Kloster, wie der Krebs seine Schale. Aber sobald er den Versuch macht, eine Einsiedlergesellschaft mit beschränkter Haftung zu gründen, erfährt er den durchaus idealen und phantastischen Charakter des weltlichen Klosters. Vielleicht ist die ganze klösterliche Existenz zu sehr religiös begründet, um als weltliches Ideal in Betracht zu kommen. Vielleicht ist die einzige Möglichkeit das Leben in der thebäischen Wüste, genannt Welt. Sie machen sich Besuche, diese heiligen Einsiedler, wie es auf dem Wandbild im Pisaner Campo Santo gemalt ist; einige fischen, andere hauen Holz, andere schnitzen ernsthaft Löffel, – das nennen sie dann ihre Lebensaufgabe; andere, ohne Zweifel die Klügeren, wenn auch vielleicht die minder Heiligen, führen auf Gazellen die Holzlöffel in die Stadt zum Verkaufe. Immer wieder bestattet Panunzius den Onofrius, der Freund den Freund. Immer wieder hält der tapfere Junggeselle die Hand ins Feuer, sich vor der Anfechtung der Ehe zu bewahren. Immer wieder sind es allerlei Drachen und Teufel, so den Heiligen umdräuen. Und immer wieder küßt Antonius des toten Paulus Hand, zum letzten Gruße, derweil zwei fromme Löwen ihm die Grube graben. Alle aber sind sie getrost, weil jeder die Klause weiß, in der er des Abends schlummern wird, seine einsame Klause ... Immer stärker wuchs in Thoreau die Sehnsucht seiner Knabenjahre: ganz allein am Waldensee zu leben. Sein Freund Stearns Wheeler hatte schon den Versuch gemacht, einige Monate am Flintssee zuzubringen. Am Weihnachtsfeste 1841 schrieb Thoreau in sein Tagebuch: »Ich möchte bald gehen fernab leben am See, wo ich nur den Wind im Röhricht säuseln höre. Erfolg genug, wenn ich mich selbst zurücklasse. Aber meine Freunde fragen, was ich dort tun wolle. Als obs nicht Tätigkeit genug wäre, den Fortschritt der Jahreszeiten zu betrachten!« Ende März 1845, in seinem achtundzwanzigsten Jahre, ging er zu Freund Alcott, nahm eine Axt zu leihen und fing an, Holz zu schlagen zum Bau seiner Hütte. Am 4. Juli, dem Unabhängigkeitsfeste, bezog er sein Heim, das ihn genau achtundzwanzig Dollar gekostet hatte. »Ich ging in diese Wälder«, sagt er selbst, »weil ich mit Verstand (deliberately) leben wollte, nur den Grundtatsachen des Lebens ins Auge blicken. Ich wollte beim Sterben nicht etwa entdecken, daß ich überhaupt nicht gelebt hätte«. Der Waldensee ist ungefähr zwei Kilometer von Concord entfernt; dicht bewaldete Hügel umgeben ihn und spiegeln sich in dem grünlich-blauen Wasser, das so herrlich klar ist, daß man bis auf dreißig Fuß den Grund deutlich erkennt. Der von Thoreau zum Hausbau erwählte Grund hatte Emerson gehört, – war das nicht ein wenig symbolisch? Symbolisch wie die entliehene Axt, die Thoreau dem Eigentümer schärfer und blinkender zurückgab? Die Einzelheiten des Hausbaus und der ersten Einrichtung werden in »Walden« ergötzlich genug erzählt. Thoreau, der sich zuerst ein Boot gezimmert, dann ein Zelt aufgerichtet hatte, besaß nun eine Hütte; es ist ein hübscher Zug, daß er so drei Existenzformen der Menschheit gewissermaßen im Auszuge nachgelebt hat: die des Fischers, des Nomaden, des seßhaften Landbebauers. Die Frage des Hausrates machte ihm keine Schwierigkeit: »Hausrat!« rief er mitleidig, »Gottseidank brauch ich kein Möbelmagazin, um stehen oder sitzen zu können«. Seine Hütte enthielt nur das im strengsten Sinn unumgänglich nötige Gerät. Er hatte drei schöne Kalksteinstücke auf dem Tische liegen; als er entdeckte, daß er sie täglich abstäuben mußte, warf er sie zum Fenster hinaus. »Nur ein Gerät muß man täglich ab- und ausstäuben: dies Möbel ist der Geist!« Er stand zeitig auf und nahm andächtig im See sein Morgenbad, als eine religiöse Handlung. Dann pflanzte er seine Kartoffeln, Bohnen, Erbsen und Rüben, und nahm ein zweites Bad als feierlichen Schluß seiner Arbeit. Den ganzen Nachmittag ging er spazieren, selig wie Robinson, immer auf neue Entdeckungen aus. »Manchmal, an einem Sommermorgen, wenn ich mein gewohntes Bad genommen hatte, blieb ich auf meiner sonnigen Schwelle sitzen von Sonnenaufgang bis gen Abend, im Traum entrückt, mitten unter den Föhren und Hickory- und Sumachbäumen, in ungestörter Einsamkeit und Stille, derweil die Vögel ringsum sangen oder lautlos durchs Haus schwebten, bis die Sonne in mein Westfenster fiel, oder das Knarren eines Wagens auf der fernen Landstraße mich an das Verrinnen der Zeit mahnte.« In Mondnächten ging er auf dem zarten Sande des Ufers flötenspielend auf und ab und lauschte dem Echo, das von den schlummernden Wipfeln ihm süß zurückfloß. Ein Grundgebot seiner Philosophie war, keinem atmenden Wesen das Leben zu nehmen; aber da waren die Murmeltiere, die ihm die Bohnen verwüsteten. Thoreau bastelte eine Falle und bald fing er einen ehrwürdigen Murmeltiergreis. Zur Strafe beließ er ihn ein paar Stunden in der Falle, dann ließ er ihn laufen als einen sicherlich gewitzigten Attentäter. Weit gefehlt! Der alte Herr kehrte pünktlich zu seinen Bohnen zurück, bis ihn Thoreau wieder fing. Zufällig kamen drei alte Sonntagsfischer gerade recht zum Kriegsgericht. Thoreau brachte es nicht übers Herz, das gefällte Todesurteil zu vollstrecken; er nahm das Murmeltier in die Arme, trug es zwei Meilen über Land, hielt ihm eine scharfe Predigt, zog ihm ein paar tüchtige Hiebe über den feisten Hintern – und ließ es wieder laufen. Diesmal sah er es nicht wieder. Sogar das Fischen machte ihm Gewissensskrupel; so oft er gefischt hatte, war er in seiner eigenen Achtung gesunken. Gastfreundlich empfing er Kinder und Eisenbahner, Holzsucher, Fischer, Jäger, auch Schwachsinnige aus dem Armenhause; aber Projektenmacher, Klatschbasen und hohle Philanthropen ekelte er vergnügt zum Teufel. Wenn Emerson und Alcott kamen, wars natürlich ein Fest. Einmal kam der Steuereinnehmer. Aber Thoreau war durch seine Abscheu vor der staatlich konzessionierten Negersklaverei in einen so grimmigen Staatshaß geraten, daß er sich rundweg weigerte, irgendwelche Steuer zu entrichten. Die Strafe blieb nicht aus. Eines Nachmittags, als er eben einen kranken Schuh flicken lassen wollte, wurde er verhaftet und ins Gemeindegefängnis gesperrt. »Henry, weshalb sind Sie hier?« fragte ihn der bestürzt herbeieilende Emerson. »Emerson, weshalb sind Sie nicht hier?« gab Thoreau dem vorsichtigeren Freunde zurück. Es gefiel ihm ausgezeichnet im Gefängnis, und als Mutter und Tanten die Steuer hinter seinem Rücken zahlten, war er »wild wie der Teufel«. Er war oft nächte-, ja wochenlang von seiner Hütte abwesend, aber nie sperrte er sie zu. Dennoch kam ihm kein Stück weg, außer einmal ein Band Homer. »Nie hat mich jemand belästigt, außer die als Vertreter des Staates kamen.« Nichts ist falscher als sich Thoreau als menschenscheuen Einsiedler vorzustellen, oder ihn mit der Walden-Episode zu identifizieren. Er verlor nie die Fühlung mit der Gesellschaft, wenngleich sein Hauptstreben war, nie die Fühlung mit der Natur zu verlieren. Zwei Sommer und zwei Winter war er so am Waldensee gewesen, da trieb es ihn wieder mehr zu den Menschen. Am 6. September 1847 verließ er Walden; er hatte diese Existenz gründlich ausgekostet, seine Lehrzeit war abgeschlossen. Als Jüngling, rauh und burschikos, war er gekommen, als Mann entließ ihn seine geliebte Einsamkeit, reif, ernst und milde. 5 Walden ist ein wunderliches Buch. Wer es in der Hoffnung läse, viele zitierbare Einzelaphorismen zu finden (in welche man z. B. Emersons Essays zerlegen kann), wäre bald enttäuscht. Der Geist des Buches steckt mehr im Ganzen, als daß er sich in der konkreten Sentenz äußert. Wenn er sich einigermaßen sentenziös kristallisiert, hat man allerdings den ganzen Thoreau: »An den Pyramiden erregt nichts so sehr das Erstaunen wie die Tatsache, daß sich so viele Menschen fanden, verkommen genug, ihr Leben zur Erbauung eines Grabes für irgend einen ehrgeizigen Hanswursten herzugeben. Besser und männlicher wäre es gewesen, man hätte den Tölpel in den Nil und seinen Leichnam hernach vor die Hunde geworfen.« »Ein Mensch ist umso reicher, je mehr Dinge er unbeschadet am Wege liegen lassen kann.« »Die Mehrzahl der Menschen verbringt ihr Leben in stiller Verzweiflung. Sie fürchten den Hungertod, bevor sie hungrig sind.« »Die kostbarsten Eigenschaften unseres Wesens können, wie der Flaum der Früchte, nur durch die zarteste Behandlung erhalten bleiben. Doch wir behandeln weder uns selbst noch die andern so zartfühlend. Es ist hart einem südlichen, härter einem nördlichen Sklavenaufseher zu unterstehen. Am schlimmsten ist es um den bestellt, der sein eigener Sklaventreiber ist. Die Menschen sind nicht so sehr die Herren ihrer Herden, als die Herden die Herren der Menschen. Wir fahren nicht auf der Eisenbahn, sie fährt auf uns.« »Es ist eine interessante Frage, bis zu welchem Grade die Menschen ihren jeweiligen Rang behalten würden, wenn sie sich ihrer Kleider entledigt hätten. Bekleide eine Vogelscheuche mit deinem neuesten Anzug und stelle dich nackend neben sie – wer würde da nicht zuerst die Vogelscheuche grüßen?« »Jedermann hat die Verpflichtung, sein Leben auch in Einzelheiten so zu gestalten, daß es selbst in seiner feierlichsten und kritischsten Stunde als der Betrachtung würdig sich erweist.« Was an diesen Sätzen auffällt, ist die Abwesenheit des Esprit. Man braucht sich nur eines Satzes von Wilde oder Shaw zu erinnern, und man hat den Gegenpol. Thoreaus Denken und die Art, es zu äußern, hat jenen unschuldigen Ernst, den das von Erwachsenen unbelästigte Kind beim Spiel zeigt. Seine Bücher sind ohne Hinschielen auf eine lesende und zu überredende Mitwelt entstanden. So gering der aphoristische, so groß ist der rein menschliche und persönliche Ertrag des Buches. Es bringt jenen frischen kühlen Duft mit sich, der an unsern Mänteln hängt, wenn wir uns drei Stunden lang vom Wind haben tüchtig an- und ausblasen lassen. Leg es auf deinen Schreibtisch, und es erfüllt das Gemach mit Frische: Wie muffig riecht nicht dies vergrämte Stubendrama daneben! Wie parfümiert jener um jeden Preis schlichte Roman! Dieses Walden ist ein unabsichtlich kritisches Buch. ... Ein »selbstangestellter Inspektor der Schneestürme und Regenschauer«, notiert Thoreau sein Leben am Waldensee. Erzählt er gut? Ich weiß es nicht. Wenn gut soviel ist, wie geordnet, so ist seine Art des Berichtes nicht sehr gut. Ist gut soviel wie fesselnd, so ist sie ausgezeichnet. Nichts schenkt er uns; sogar daß sein ganzer Palazzo 28 Dollar und 12½ Cents gekostet hat, rechnet er uns Posten für Posten vor. Er gibt uns sein vollständiges Inventar an, wieviel er zum Leben braucht, wieviel er verdient und wie: Schnapper-Arndt hätte seine Freude daran gehabt. Er schränkt das Akzidentelle des Lebens auf ein Mindestes ein, um das Substanzielle auszukosten, in tiefen, tiefen Zügen. »Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so herzhaft und spartanisch leben, daß alles was nicht Leben war, aufs Haupt geschlagen würde. Ich wollte mit großen Zügen knapp am Boden mähen, das Leben in die Enge treiben und es auf die einfachste Formel bringen. Und sollte es sich gemein erweisen, nun dann wollte ich seine ganze, unverfälschte Gemeinheit auskosten, um sie der Welt zu künden. War es jedoch rein, so wollte ich dies aus eigener Anschauung erkennen. Die Übersetzung, nach welcher Walden hier zum Teil zitiert ist, stammt von Wilhelm Nobbe und ist, geschmückt mit einem Bilde Thoreaus und vom Übersetzer durch eine bedeutende Charakteristik des Waldeneinsiedlers eingeleitet, in vortrefflicher Ausstattung bei Diederichs erschienen (Jena und Leipzig 1905). Eine gut zugängliche englische Ausgabe ist um billigen Preis in der Scott Library zu haben. (Drei Bände: Walden, Essays, A Week on tbe Concord. Nur in solcher Einsamkeit genießt man die Morgenschönheit eines unsterblichen Buchs, meint Thoreau; kein Schwätzer drängt sich zwischen das Werk und deine Seele. Bis du, satt des Genusses, das Buch weglegst, um nur den Tönen deiner Einsamkeit zu lauschen: dem Spatzen, der vor deinem Blockhaus zwitschert, dem Schrei des Habichts, dem Gurren der Wildtaube, dem verwehenden Rollen des fernen Bahnzuges, dem Rauschen des Schilfs und der Riedmeisen und Rohrdommeln, die darüber fliegen, dem Pfeifen der Lokomotive, blökenden Kälbern und muhenden Kühen, dem schwachen Gerassel des Lastwagens auf der Landstraße, den sonntäglichen Glocken, dem Summen der Tagschläfer, dem Klagerufe der Knarreulen, dem nächtlichen Trompetenkonzerte der Ochsenfrösche – Töne, Laute, Geräusche ohne Ende, ohne Ende: wie sich die Seele beruhigt bei all dieser Musik der Jahreszeiten! Wie wunschlos sie wird! »Der Vögel Gefieder und Gesang harmoniert mit den Blumen. Doch welcher Jüngling, welches Mädchen versenkt sich mit Inbrunst in die wilde, wonnige Schönheit der Natur? Sie blüht meistens im Verborgenen, fern von den Städten, wo die Menschen wohnen. Schwätzt vom Himmel! Ihr entweiht die Erde!« Walden war das Experiment, das Thoreau einmal machen mußte. Sein Genius trieb ihn zu einer bestimmten Zeit seines Lebens, genau diese Form der Existenz auszukosten. Aber Thoreau fordert die Menschen nicht auf, ihm nachzuahmen; es steht jedem frei, ihn als einen verrückten Kanadier zu verspotten und sich selbst für sehr zivilisiert zu halten. Wie ein Heimweh nach dem verlorenen Paradies lebt die Sehnsucht nach einfacherer Art des Lebens in uns, oft unter seltsamen Formen. Wir alle opfern in unsern besten Stunden jenem edlen Heimweh nach Natur, nach rauherer und reinerer Luft. Wir alle dürsten einen Augenblick nach den Quellen und Bächen des Lebens, weg, weg von der großen Stadt! Einen Augenblick lang sehen wir klar: »Meine ganze Lebensweise ist Sklaverei!« Dann flüstert unser Versucher uns zu: »Glaube das nicht, nur in Kunst und Dichtung gibt es dies Leben, das du ersehnst«. Und wir senken mutlos das Haupt. Auch zu Thoreau sprach der Versucher also. Thoreau aber, mit seiner trotzigen Lust am Experiment, gebot der holden Vision, Wirklichkeit zu werden, und siehe, sie ward wirklich. Der Weise aber weiß, daß Kürze aller Schönheit geheimes Gesetz ist. Sein Liebesverhältnis mit der Einsamkeit entartet nicht zur Ehe. Der Einsiedler kehrt zur Gesellschaft zurück. Nicht als ein Unterlegener oder nach Menschen Verlangender, sondern als Einer, dem ein jahrlanger Traum sich verwirklicht hat: Ich habe die Hoheit der Erfüllung ertragen, ich war nicht kleiner als meiner Seele Sehnsucht, ich segne dich, du meine geliebte Einsamkeit, überallhin nehme ich dich mit mir, ich wärme mich an dir wie an einem Feuer, ich hülle mich in dich wie in einen weichen Mantel ... 6 Zunächst zog Thoreau wieder bei Emerson ein und machte seinen Gärtner, während der Hausherr die bekannte europäische Reise vollführte. Nach dessen Rückkehr ging er ins Vaterhaus zurück und lebte sein stilles, ereignisloses Leben weiter. Sein Studierzimmer – soweit er ein Studierzimmer brauchte – war der Dachboden; dort stapelte er seine Schätze auf: Vogeleier, Pflanzen, Indianerfunde; dort schrieb er, zunächst nur für sich, seine wunderlichen Bücher. Ein zärtlicher Sohn und Bruder, erregte er doch manchmal das beinahe unwillige Erstaunen der Seinen. So, wenn er seinen Zucker aus Ahornhonig raffinierte, statt ihn um ein paar Cents beim Krämer zu kaufen. Dann fuhr ihn wohl der Vater an, er solle sich nicht durch solche Allotria von seinen Studien abhalten lassen, worauf der Sohn gelassen erwiderte, solche Allotria gerade seien sein Studium. 1849 ließ er sein erstes Buch A Week on the Concord and Merrimac Rivers auf seine Kosten bei Munroe in Boston drucken. Es wurde günstig besprochen, aber nicht gekauft, und der Verfasser fing wieder an, Bleistifte zu machen und Land zu vermessen. 1853 erhielt er ein mächtiges Paket: es waren die unverkauften Exemplare: »Ich besitze nun eine Bibliothek von fast neunhundert Bänden, von denen ich über siebenhundert selbst geschrieben habe«, tröstete er sich mit Humor. Mehr Erfolg hatten die Beschreibungen seiner kleinen Wanderungen in verschiedenen Monatsheften. Bewunderer und Freunde hätten ihn gern auf ihre Kosten um die Welt reisen lassen, doch er lehnte ab: ein Sumpffalke in der Concorder Aue sei ihm viel interessanter als der Einzug der Verbündeten in Paris. 1854 erschien Walden und hatte Erfolg, obgleich die New-Yorker Zeitung The Knickerbocker versicherte, ein solcher Schwindel sei seit Barnums Autobiographie unerhört. 1856 traf Thoreau mit Walt Whitman zusammen und empfing einen bleibenden Eindruck von dem Verkünder des neuen, demokratischen Amerika. Für ihn von noch größerer persönlicher Bedeutung war der Besuch des damals sechzigjährigen John Brown, der als Einzelner der staatlich sanktionierten Negersklaverei den Krieg erklärt hatte. Schon früher hatte Thoreau flüchtige Sklaven beherbergt, ihre geschwollenen Füße gebadet, und ihnen versichert, daß sie in seinem Hause so sicher wären wie in Abrahams Schoß. Das war kein leeres Wort, denn daß er Manns genug sei, Schutzbedürftige zu schützen, bewies er eines Abends, wo er zwei Strolche, die es auf ein Frauenzimmer abgesehen hatten, kurz entschlossen am Kragen packte und im Dorf ablieferte. 7 Hier ist vielleicht der Ort, über Thoreaus Stellung zum Staate und zur Negerfrage etwas zu sagen. Es ist kein Zufall, daß Thoreau die Sklaverei fanatisch bekämpfte. Der freie Mensch war sein Alles, der Staat schien ihm ein natürlicher Gegner des freien Menschen. In einem Aufsatze Civil Disobedience hatte er schon 1849 versucht, sich über seine Stellung zum Staate klar zu werden: Hier sind die Grundgedanken. Am besten ist die Regierung, die überhaupt nicht regiert. Ein stehender Staat ist so überflüssig und schädlich wie ein stehendes Heer. Hätten nicht Handel und Industrie eine gummiartige Elastizität, sie kämen nie über die Hindernisse weg, die der Staat ihnen in den Weg legt. Die Gesetzgeber sind ihrer Wirkung nach nicht verschieden von den Leuten, die Hindernisse über die Schienen legen. Wenn eine Regierung irgend wen unschuldig einsperrt, gibt es nur einen passenden Platz für einen anständigen Mann: das Gefängnis. Ich treffe diese amerikanische Regierung, oder vielmehr die Regierung von Massachusetts einmal im Jahr von Angesicht zu Angesicht; nicht öfter: in der Person ihres Steuereintreibers. Wenn tausend Menschen dieses Jahr ihre Steuer verweigerten, so wäre das keine gewalttätige oder blutige Maßregel, während die Bezahlung der Steuer dem Staate die Möglichkeit gibt, Gewalttat zu begehen und unschuldiges Blut zu vergießen. »Was soll aber denn ich tun?« fragt der Steuereintreiber. »Wenn es dir ernstlich darum zu tun ist, etwas zu tun, so lege dein Amt nieder!« Es gibt Worte, die einmal gesprochen, für alle Ewigkeit gesprochen sind. Sie haben einmal geblüht und gefruchtet, dann kam der Sand und bedeckte sie. Nach tausend Jahren haucht ein Wind über den Sand, und Wasser des Himmels netzt die dürre Wurzel, und wieder blüht und fruchtet dies einmalig-ewige Wort, um wieder einzudorren und des Windes und Regens zu harren. Solch ein Wort ward einst zum reichen Jüngling gesprochen. Thoreau hegt für die heiligen Bücher der Inder bedeutend mehr Sympathie als für das Neue Testament, und doch ist sein Verhalten zum Staat eine Konsequenz jenes unbeugsamen Gewissens, das einst zum reichen Jüngling sprach: »Verkaufe was du hast, und gibs den Armen, und folge mir nach!« »Da ich die Steuer verweigerte«, fährt Thoreau fort, »steckten sie mich ins Gefängnis. Törichte Einrichtung! Als wär ich nur Fleisch und Blut und Knochen, die man so mir nichts dir nichts einsperren kann . Die Ratlosen wußten nicht, was sie mit mir anfangen sollten, daher benahmen sie sich wie sich eben Leute ohne Erziehung benehmen. Da sie mein Selbst nicht erreichen konnten, straften sie meinen Körper; wie Knaben einen Hund quälen, dessen Herrn sie nicht beikommen können. Der Staat schien mir schwachsinnig und feig wie eine alleinstehende Frau mit ihren silbernen Löffeln: ich verlor den letzten Respekt vor ihm; er tat mir leid ... Der Staat sagt zu mir: Geld oder Leben! Als hätte ich daran Interesse, ob die soziale Maschine geschmiert ist! ... Wir haben den Fortschritt von der absoluten zur beschränkten Monarchie gemacht; den von dieser zur Demokratie. Immer mehr Respekt vor dem Individuum! Sollte es über die Demokratie hinaus keine Verbesserung mehr geben? Keinen weiteren Schritt zur Anerkennung und Organisation der Menschenrechte?« Ohne Zweifel ließe sich gegen Thoreaus Ansichten vieles einwenden. Vielleicht ließe sich sogar gegen diese Einwände manches einwenden. Doch ist hier nicht der Ort, gegen Thoreau zu polemisieren, sondern ihn zu Worte kommen zu lassen. Höchstens ist eine Vermutung über die Quelle dieser Energie gestattet. Forschungen der letzten Jahre haben wahrscheinlich gemacht, daß die Droits de l'Homme , wie überhaupt die Themen der französischen Revolutionsliteratur, nichts andres sind, als ihrer spezifisch religiösen Färbung entkleidete Grundanschauungen amerikanischer Separatisten. Auf der Maiblume kam mit den Pilgervätern eine ganz bestimmte Ladung religiöser Energie nach Neuengland, die, treulich bewahrt und ernstlich geübt, dem ganzen Leben Schwungkraft und Straffheit gab. Bei der nahen Verbindung politischer und religiöser Fragen mußte der Tag kommen, wo das ungestüme Freiheitsempfinden aus Mangel an religiösen Hemmungen gegen staatliche Hemmungen sich wandte, und so die gesamte Energie auf ein neues Gebiet geleitet wurde. Auch Thoreaus Energie war bei seinen Vorvätern vermutlich noch religiöse Leidenschaft gewesen: ein Bach von jenem Berge in Galiläa, auf dem einst gepredigt wurde. Als Massachusetts sich auf die Seite der Sklavenhalter stellte, verweigerte Thoreau sofort die Steuer. Er hielt Vorlesungen, schrieb Aufsätze gegen die Sklavenhaltern – beides war nicht opportun, nicht einmal ungefährlich: aber was kümmerte ihn Gefahr! Er half sogar schwarzen Deserteuren über die kanadische Grenze. Für diese, wie für alle biographischen Einzelzüge ist meine Quelle die Biographie Thoreaus, die Henry S. Salt geschrieben hat (London, Walter Scott, Great Writers) . Als einmal ein flüchtiger Sklave aufgegriffen und von der Regierung seinem Herrn überliefert wurde, forderte Thoreau seine Mitbürger auf, das städtische Freiheitsdenkmal schwarz anzustreichen. Knabenhafter Zorn, nicht wahr? Aber es gehörte verdammt viel Mut dazu, bei der damaligen Stimmung als Einzelner zu solchem Knabenstreiche aufzustacheln. War nicht auch der Bostoner Teesturm, die Versenkung des Tees der Ostindischen Kompanie durch einige Jünglinge, die sich noch dazu als Indianer maskiert hatten, ein Knabenstreich? Und doch ist dieser Knabenstreich der kecke Auftakt zur amerikanischen Revolution, dem bald die metallene Wucht der Unabhängigkeitserklärung dröhnend folgt: When a long train of abuses and usurpations evinces a design to reduce a people under absolute despotism, it is its right, it is its duty to throw off such government ... Als am 16. Oktober 1859 der Agitator der Emanzipation, John Brown, gefangen wurde und sechs Wochen lang auf ungerechten Prozeß und heuchlerischen Justizmord warten mußte, war Thoreau der erste, der entschlossen für den »verrückten Niggerapostel« eintrat. Er kündigte an, daß er im Rathause für John Brown sprechen werde. Als sogar Freunde der Befreiung, überzeugte Abolitionisten, ihn baten, doch nicht gerade jetzt Öl ins Feuer zu gießen, antwortete er, er habe sie nicht um ihren Rat gebeten, sondern um Verbreitung seiner Absicht, für John Brown zu sprechen. Als A Plea for Captain John Brown ist die berühmte Rede in seine Werke aufgenommen. Sie ist ein klassisches Beispiel zu Thoreaus Theorie des Redners: »Sprich die Wahrheit! Das ist die erste Regel, und die zweite, und die dritte.« Sie beginnt ganz schlicht von John Browns bisherigem Leben, wie es allen Zuhörern bekannt ist; wie er sieben Söhne zeugte, alle tapfer wie er; wie er der Schrecken aller Grenzstrolche war; sie preist seine Wahrhaftigkeit, seine Gottesfurcht, seine Kühnheit. Dann wird sie allmählich angreifender: »Sicher bekommt ihr auf euren Märkten mehr für ein Quart Milch als für ein Quart Blut; aber Helden tragen ihr Blut auch nicht auf den Markt!« Er verspottet die Christlichkeit, die feige der Ungerechtigkeit zusieht: »Der moderne Christ ist ein Mensch, der sich verpflichtet hat, alle vorgeschriebenen Gebete herzusagen, wenn man ihn nur gleich darauf ins Bett gehen und in Ruhe schlafen läßt«. Er verhöhnt die durch die Zeitungen verkörperte öffentliche Meinung: »Ich kenne keinen Herausgeber im ganzen Lande, der mit Wissen und Willen etwas drucken würde, was die Zahl seiner Abonnenten auf die Dauer reduzierte.« Manche Stellen lesen sich wie eine Vorahnung von Ibsens Volksfeind: »Ist es nicht möglich, daß ein Individuum recht hat und eine Regierung unrecht?« Diese Frage klingt von Anfang an durch die Rede, immer wuchtiger wird der Gegensatz zwischen dem Mann von Mut und Gewissen, und zwischen geldgierigen Machthabern herausgearbeitet, bis zu dem kühnen Schlusse: »Ich sehe die Zeit voraus, da der Maler diese Szene (John Browns Tod) malen wird, der Dichter sie besingen, der Geschichtsschreiber sie feiern; neben der Landung der Pilgerväter und der Unabhängigkeitserklärung wird sie die Zierde unsrer zukünftigen Nationalgalerie sein, wann wenigstens die gegenwärtige Form der Sklaverei abgeschafft sein wird. Dann werden wir weinen dürfen um John Brown.« Wenn man bedenkt, daß diese Rede zugunsten eines von der verhetzten Volksmeinung zum Verbrecher gestempelten Freischärlers gehalten wurde, wird man ihren Mut würdigen. Vielleicht ist die Zeit nicht ferne, da man auf unseren Schulen die Apologie für John Brown lesen wird, anstatt die Rede des Lykurg gegen Leokrates und ähnliche Antiquitäten, deren Verfasser, Gegenstand und frostige Stilistik für uns gleich gründlich tot sind. Auf einem Acker bei Charleston ward am 2. Dezember 1859 John Brown gehenkt, seines Zeichens Lohgerber, Wollmakler, Farmer, Brecher des Landfriedens, Puritaner und Sklavenerlöser. »Wie schön sind doch diese Kornfelder!« waren seine letzten Worte. Auf die Kunde seines Todes läuteten in Neuengland die Glocken, von den Kanzeln predigte man Rache. So rasch stellte sich die öffentliche Meinung dahin, wo Thoreau einen Monat zuvor allein zu stehen gewagt hatte. 8 Schon 1855 hatten sich bei Thoreau die ersten Zeichen der Lungenschwindsucht gemeldet, zu der er durch Vererbung neigte und die durch eine Erkältung im November 1860 beschleunigt wurde. Er erlebte noch den Ausbruch des Kriegs zwischen Nord- und Südstaaten, und war »krank vor Gram« über die anfänglichen Mißerfolge der Sklavenfreunde. Bald ging es gegen das Ende. Aufgefordert, sich mit seinem Gott zu versöhnen, antwortete er gelassen, er habe sich nie mit ihm gezankt. Musik war die Labung des Kranken, ein Drehorgelspieler auf der Straße rührte ihn zu Tränen. Am 6. Mai 1862, morgens um 8 Uhr, saugte er noch glücklich den Duft übersandter Hyazinthen ein; dann bat er, man solle ihn im Bette aufrichten, atmete schwächer, flüsterte noch etwas von Elken und Indianern, und starb. »Ich könnte die Erde küssen vor Freude. Ich freue mich dereinst in ihr begraben zu werden«, hatte er vor Jahren geschrieben. Emerson hielt ihm die Grabrede. Eine Pyramide aus Kieselsteinen bezeichnet den Fleck am Waldensee, wo einst sein Blockhaus stand: jeder Besucher legt einen Stein zu den andern. Ganz Concord ist sein Denkmal: wie ein gütiger Hausgeist schwebt er über der Gegend, die er im Leben liebte. 9 »Von Natur war er klein«, berichtete Moncure Conway, »wohlgebaut, so wie ich mir Cäsar vorstelle. Jede Bewegung elastisch und ruhig; der Klang seiner Stimme wie der der Wahrheit selbst; sein Auge rein hellblau wie der Himmel Neuenglands, sein Haar flachsgelb wie Sonnenschein. Er hatte eine ausgeprägte Adlernase von römischer Form.« »Wer sein Gesicht einmal sah«, sagte Ellery Channing, »konnte es nicht mehr vergessen ... Es trug ganz den Ausdruck tätigen Ernstes, als hätte er keinen Moment zu vergeuden. Sogar im Boot hatte er ein bedachtsames, entrücktes Wesen, vielleicht erspähte er gerade eine Ente oder Schildkröte oder Otter.« Das Porträt, das der schönen Diederichsschen Ausgabe beigegeben ist, zeigt ihn als schmalschultrig, den Kopf ein wenig vorgebeugt, das tiefliegende Auge weit und aufmerksam geöffnet, die Brauen schön gewölbt und direkt an die Nase anschließend; eine scharfe Falte zieht von den feinen Nasenflügeln zum Munde, von dem man des dichten Bartes wegen nur die wie zum Sprechen bewegte untere Lippe sieht. Obgleich das Bild aus dem August 1861 stammt, sind keine Spuren der Krankheit zu bemerken. Seine Kleidung war so einfach, daß man ihn manchmal für einen Hausierer, einen wandernden Schirmmacher oder Matrosen, einmal sogar für einen Bankräuber hielt. Er reiste am liebsten zu Fuß, ohne Gepäck, übernachtete bei Farmern und Fischern, setzte sich an ihr Herdfeuer, half ihnen beim Heuen und lebte mit den einfachen Leuten als einer von ihnen. Ein alter Rock war ihm ein Freund, von dem er sich äußerst schwer trennte. Er war gleich gewandt als Fußgänger, Schwimmer, Schnelläufer und Ruderer, maß jede verlangte Entfernung oder Höhe mit bewundernswerter Richtigkeit und schätzte jedes Gewicht mit der Hand. 1847 wurde er aufgefordert, für eine Festschrift der Harvarder Abiturienten von 1837 autobiographische Angaben zu liefern. Als Antwort schrieb er diesen Brief: »Bin unverheiratet. Weiß nicht, ob ich einen Beruf oder Geschäft habe ... Ich bin Schullehrer, Erzieher, Geometer, Gärtner, Farmer, Anstreicher, Zimmermann, Maurer, Taglöhner, Bleistiftfabrikant, Rostpapiermacher, Schriftsteller und manchmal Dichterling ... Ich ersuche meine Mitschüler, in mir nicht etwa ein Objekt ihrer Barmherzigkeit zu sehen. Im Gegenteil, wenn einer Hilfe braucht, soll er michs nur wissen lassen: ich geb ihm dann einen Rat, der mehr wert ist als Geld.« Er aß und trank spartanisch einfach. Ihn berauschten Farben, Töne, Düfte; seine Sinne waren so scharf und unverbraucht, daß ihm die Jahreszeiten ein unaufhörliches Bankett, eine Oper ohne Ende waren. In Gesellschaft fühlte er sich unbehaglich und setzte ihrer heuchlerischen Liebenswürdigkeit scharfe Reden oder vernichtendes Schweigen entgegen. Ein richtiger Concorder Bauer, ein knorriger Holzfäller, ein wetterharter Fischer, ein betrunkener Holländer, ein lustiger alter Austernhändler: das waren die Leute, in deren Gesellschaft er aufgeräumt wurde; dann schmolz sein Ernst, und er lachte, daß alles dröhnte. Am liebsten hatte er die Kinder; alljährlich beim Heidelbeersuchen war er ihr Anführer: »wenn ein Kind strauchelte und fiel, und sein sorglich gepflückter Beerenvorrat verrollte, kniete er sich zu dem kleinen Unglückswurm und erklärte ihm und den anderen, das habe die Natur weislich so eingerichtet; denn wo käme die nächstjährige Ernte her, gäbs nicht kleine Jungen, die über eine Baumwurzel stolpern und so Heidelbeersamen verstreuen?« Er haßte Niedrigkeit der Gesinnung, Heuchelei, Unehrlichkeit; wenn er auf Unaufrichtigkeit stieß, dann war er wieder the judge , »der schreckliche Thoreau«. Man hat ihn als Yankee-Stoiker definiert. In der Tat ist etwas durchaus Uneuropäisches an ihm. Die Reaktion gegen Europa lag damals in der Luft. Der politischen sollte die geistige Unabhängigkeit folgen. Auch Emersons schriftstellerische Tätigkeit läßt sich am besten von diesem Punkt aus verstehen. Von dem 1836 veröffentlichten, gleichsam mit Zungen redenden Essay Nature an durchzieht der Gedanke alle seine Schriften: Ich bin ein Suchender, und die Vergangenheit geht mich gar nichts an. Als Produzent von Gedanken wird Thoreau von dem mächtigen Freunde ganz erdrückt. In der Forderung der Unabhängigkeit aber trifft die allgemeine Zeitströmung und der Einfluß Emersons mit Thoreaus besonderem Temperament zusammen. Unabhängigkeit ist das letzte Wort seiner Philosophie. Aber ist Thoreau überhaupt ein Philosoph? Jedenfalls nicht einmal in dem Sinne wie Emerson, der doch seinerseits auch nichts weniger als ein zünftiger Philosoph war. Er ist mehr ein nachdenklicher Sonderling, der die schwierige Kunst des Lebens übt. Für Metaphysik hat er kein Organ; Erkenntnistheorie, Ästhetik, Ethik – was kümmert ihn das alles? Was an Thoreau so anziehend ist, das ist der Mensch: daß ein solcher Mann auf solch unabhängige, hochgesinnte Art sich durchs Leben geschlagen hat; daß er über seine Existenz gewissenhaft Buch geführt hat, – das macht uns den Yankee-Stoiker zum willkommenen Genossen unserer einsamen Stunden. Sein Leben ist schöner, ausdrucksvoller, tiefsinniger als seine Schriften; der Schriftsteller Thoreau ist nur eine Äußerungsform des Individuums, allerdings wie all seine Äußerungen von großer Wahrhaftigkeit. Er hat sich die leidige Schriftstellerei nie näher als fünf Schritt kommen lassen. Wenn ihn die Laune ergreift, verabschiedet er jene und stürmt in die Wälder. Er ist das Gegenteil jeglicher bookishness , und doch las er viel: Bhagavatgita, die Gesetze des Manu, Saadi, die griechischen Tragiker, die Anthologie, Homer, Vergil, Aristoteles, Aelian, Theophrast, Cato, Varro, Plinius. Er vergrub sich in alte Historiker und Chronisten wie Froissart; an Reisebüchern las er, was ihm in die Hände kam; die alten Balladen, Chaucer, Ossian, Milton kannte er gründlich. Von Neueren liebte er Goethe, Wordsworth, Coleridge, Ruskin und Carlyle. Daneben waren die Berichte der Jesuitenmissionäre über die Indianer sein Studium. Der Indianer war ihm der Vertreter der alten, rauhen, tapferen Zeit. Die drei Menschen, die er am stärksten bewunderte, waren John Brown, Walt Whitman und der indianische Führer Joe Polis. Er selbst besaß indianische Sinnesschärfe. Seine Witterung war wie die eines Jagdhundes, sein Gehör erstaunlich fein. »Wie machen Sie es denn, diese kleinen indianischen Pfeilspitzen zu finden?« fragte ihn ein Begleiter auf einem seiner täglichen meilenweiten Spaziergänge. »Da liegt eine«, antwortete Thoreau, hob sie auf und reichte sie dem überraschten Manne. Er liebte es, von seinen roten Freunden zu erzählen, so ausdrucksvoll und märchenhaft gegenwärtig, daß es den Zuhörenden gruselte. Er liebte die Tiere, und die Tiere liebten ihn. Er fuhr oft rasch mit der Hand in den Fluß und wie durch Zauberei lag ein großer glitzernder Fisch ruhig in seiner Hand. Ein Eichkätzchen, das er einst mit nach Hause genommen hatte, ließ sich nicht wieder in Freiheit setzen, sondern kletterte ihm zutraulich aufs Knie, setzte sich auf seine Hand und versteckte schließlich das Köpfchen in den Falten seiner Weste. Es hatte den guten Einsiedler erkannt. Kaum ist irgend ein Schriftsteller der Natur inniger gegenübergestanden als er. Es sind glänzendere Naturschilderungen geschrieben worden, aber über den seinen ruht der köstliche Duft der Stunde und der zarte Flaum des Augenblicks. Sie sind nicht überlegt, sondern erlegt, ertappt. Wie das Reh in der Schlinge sind sie warm und lebendig und schauen uns mit samtnen braunen Augen rührend an. Er lebt in der Natur nicht, um in ihr das Echo seiner pathetischen Deklamationen zu finden, sondern weil er sich, gleich Franz von Assisi, als aller Gestirne und Bäume, als des Wassers und der Erde Bruder fühlt. Es ist etwas vom Karlsbader Goethe in ihm, der sich frohgemut als Verehrer von Saint-Fainéant bekennt, aber sein Daseinsgefühl ist zugleich gespannt wie das der indianischen Jäger, die vor ihm in den Wäldern gegangen waren, rastlos, genügsam, stolz und schweigend wie er. Die Liebe spielt keine Rolle bei ihm. Aus seinen Werken würde man kaum erfahren, daß es so etwas wie Frauen in der Welt gibt. Eine inkomplete Natur, zugegeben. Einseitig, ein Ausnahmemensch, ein Sonderling. Aber er hat sein eigentümliches Wesen so rein und stark entwickelt, daß es in seiner Art etwas Ganzes und Kompletes geworden ist. Was aber an ihm das Beste ist, sagt er selbst: »Ein wirklich gutes Buch lehrt mich etwas Besseres, als es zu lesen. Ich muß es bald weglegen und versuchen, nach seinen Winken zu leben. Es macht mich so reich, daß ich es niederlege ohne das geringste Bedauern. Was ich lesend begann, muß ich handelnd vollenden.« Maeterlinck (1904) 1 Im August des Jahres 1890 erregte ein Artikel des Figaro einiges Aufsehen. Octave Mirbeau pries darin das erste Drama eines gänzlich unbekannten Verfassers; es stehe über jedem, gleichviel welchem, von Shakespeares unsterblichen Werken ( »supérieur à n'importe lequel des immortels ouvrages de Shakespeare ). Der junge Dichter, der auf diese Weise gleich als belgischer Shakespeare in die Weltliteratur eingeführt wurde, hieß Maurice Maeterlinck, und sein Drama nannte sich La Princesse Maleine . Allein schon die Zusammenstellung der Schauplätze seiner fünf Aufzüge vermag eine unbestimmte Vorstellung von der Eigenart dieses Dramas zu erwecken. 1. Schloßgarten; Gemach im Schlosse; Wald; gewölbtes Turmgemach. 2. Wald; Saal im Schlosse; Dorfstraße; Gemach im Schlosse; Gang im Schlosse; Gehölz im Park. 3. Gemach im Schlosse; Prunksaal; vor dem Schlosse; Zimmer im Hause des Arztes; Schloßhof. 4. Garten; Schloßküche; Maleines Gemach; Gang im Schlosse; Maleines Gemach. 5. Friedhof vor dem Schlosse; Saal vor der Schloßkapelle; Gang im Schlosse; Maleines Gemach. Ein leiser Schauder weht aus diesem Szenarium, kühl, wie aus alten Gewölben, und bange, wie aus alten Märchen. Ein germanisches Märchen ist es denn auch; das uns die herzbewegende Sage von der Königstochter Maleine berichtet. Ihr Vater ließ die Unfolgsame in einen Turm einmauern, den nie ein Strahl von Sonne oder Mond durchdrang. Im drittletzten der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (Nr. 198) steht wundertreuherzig beschrieben, wie die Jungfer Maleine mit dem schwachen Brotmesser die Mauer durchbricht und durch das enge Loch mit dem lieben Sonnenlichte zugleich ein traurig verwüstetes Reich schaut; wie sie beim geliebten Prinzen als Aschenbrödel dient; wie sie die Stelle der häßlichen Prinzessin beim Gang zur Hochzeit vertritt; wie sich endlich alles froh wendet: »und sie küßten einander und waren glücklich für ihr Lebtag. Der falschen Braut ward zur Vergeltung der Kopf abgeschlagen«. Denn das Märchen ist, im Gegensatze zum Mythus und zum Drama, unverbesserlich optimistisch, wenigstens in der Regel: die blonde Prinzessin bekommt ihren Herzallerliebsten und ihr Krönlein, und die falschen Hexen rumpeln und rollen im Faß voller Schlangen und spitzer Nägel ins tiefe Meer. Andere Vorstellungen sind es, die durch das Personenverzeichnis bei Maeterlinck wachgerufen werden: Hjalmar und Marcellus, holländische Könige; Angus, Freund des jungen Hjalmar; Stephano und Vanox, Offiziere des Marcellus; Godelive, des Marcellus Gattin; Uglyana, Tochter der Königin von Jütland; ein Arzt; ein Narr; drei Arme; ein Hirte; ein Krüppel ohne Beine; Pilger, Bauern, Bettler, Landstreicher; Maleinens Amme; sieben Beghinen; ein großer schwarzer Hund... Das alles erinnert leise an Hamlet. Der Eindruck wird verstärkt, wenn in der ersten nächtlichen Gartenszene Vanox und Stephano die Wache beziehen und in beklemmend-dunklen Reden vom alten Könige Marcellus berichten, von der bleichen Maleine, die dem jungen Hjalmar vermählt werden soll, und vom alten König Hjalmar, der trotz seiner siebenzig Jahre noch die unheimliche verbannte Königin Anna von Jütland sündhaft liebt. Ein Komet steigt auf über dem Schlosse; Sternschnuppen schneien funkelnd hernieder; der Himmel wird ganz schwarz; wunderlich rot und traurig glüht der Mond. Da plötzlich klirren Fenster, wirres Schreien gellt in die Nacht, mit aufgelöst flatternden Haaren stürzt die weinende Maleine vorüber, König Hjalmar verläßt unter wilden Verwünschungen und Drohungen das Schloß. Die Handlung schreitet sehr rasch fort. In der zweiten Szene trotzt Maleine ihrem Vater Marcellus, der ihr die Liebe zu dem jungen Hjalmar ausreden will; in der dritten sprechen Prinz Hjalmar und sein Vertrauter schon von dem niedergeäscherten Schlosse, vom Tode des Marcellus und all seiner Anhänger, und von der Unauffindbarkeit Maleinens; daneben äußert Hjalmar ein unerklärliches Grauen vor der schlimmen, schönen Jütländerin und ihrer Tochter Uglyane. In der vierten Szene arbeiten Maleine und ihre Amme, die im Turme eingemauert sind, den ersten Stein heraus und ahnen die Verwüstung. Hier treten zum ersten Male gewisse Manieren des Dialoges schärfer hervor: Maleine. II n'y a plus de maisons le long des routes! Nourrice. II n'y a plus de maisons le long des routes? Maleine. II n'y a plus de clochers dans la campagne! Nourrice. II n'y a plus de clochers dans la campagne? Maleine. II n'y a plus de moulins dans les prairies! Nourrice. Plus de moulins dans les prairies?... Tout a brûlé! tout a brûlé! tout a brûlé! Maleine. Tout a ...? Nourrice. Tout a brûlé, Maleine! tout a brûlé! – Im Walde, beim Kreuzweg zu den vier Judassen, treffen Maleine und die Amme auf drei Bettler, die ihnen den Weg ins Dorf weisen. Im Schlosse oben umarmt die falsche Anna den alten König und wärmt gleich darauf die eisig kühlen Hände des jungen Hjalmar, der ob der Berührung erschaudert. Im Dorfe schlagen und stechen sich die Bauern im Blauen Löwen wegen des fremden Mädchens. – Maleine ist als Magd bei Prinzessin Uglyane eingetreten; sie geht anstatt Uglyanen zum Stelldichein mit Hjalmar. Er küßt sie. Da sagt sie ihm, wer sie ist: Hjalmar: A quoi songez-vous? Maleine: Je suis triste. H.: Vous êtes triste? à quoi songez-vous, Uglyane? M.: Je songe a la princesse Maleine. H.: Vous dites? M.: Je songe à la princesse Maleine. H.: Vous connaissez la princesse Maleine? M.: Je suis la princesse Maleine. H.: Quoi? M.: Je suis la princesse Maleine. H.: Vous n'êtes pas Uglyane? M.: Je suis la princesse Maleine. H.: Vous êtes la princesse Maleine! Vous êtes la princesse Maleine! Mais elle est morte! M.: Je suis la princesse Maleine. Im selben Augenblick gluckst der Springbrunnen sonderbar auf und versiegt. Hjalmar eilt zu seinem Vater und verkündet ihm, er habe seine liebe, echte Braut wiedergefunden; nie werde er sich mit Uglyane vermählen. Zitternd bittet ihn der Alte, doch vorerst der schlimmen Jütländerin nichts zu sagen. – Im Tanzsaale sind Anna, die Jütin und ihre Tochter Uglyane, und die beiden Hjalmar; der Alte murmelt voll Ahnung entsetzlicher Zukunft in sich hinein; der Junge ergeht sich in spitzen Reden und Preziositäten wie Hamlet gegenüber Ophelien. Da spricht der Alte sehr laut: Je crois que la mort commence à frapper à ma porte. Alle zittern. Die Musik hört mitten im Stück auf. Im selben Augenblick klopft es, und herein tritt Prinzess Maleine. Unter allgemeiner Aufregung fällt der König ohnmächtig zu Boden. – Vor dem Schlosse beraten der alte König und die Jütin, wie man sich Maleinens in aller Stille entledigen könnte. Da kommt sie selbst, blaß und müde, neben dem jungen Hjalmar. Ein Irrsinniger tritt auf, deutet grinsend auf sie und bekreuzigt sich unter blödem Stammeln. Vom Friedhof her durch den Nebel schreiten langsam die sieben Beghinen. Dazu läutet bang die Abendglocke, Raben kreisen krächzend um die Liebenden, und Irrlichter tanzen gespenstig über die Sumpfwiese in den Friedhof hinein. Königin Anna wird ungeduldig: das schleichende Gift tötet Maleinen viel zu langsam. Der greise Ehebrecher verblödet mehr und mehr; er lallt nur noch Worte des Schreckens, sieht Symbole des Todes um sich und spricht alles nach, was er von den andern hört. In der Schloßküche hockt das Gesinde in dumpfer Gewitterfurcht; Aufträge kommen: die Amme dürfe Maleinens Zimmer nicht betreten, sie wolle schlafen; man solle das Mahl um eine Stunde früher anrichten; man brauche heute nacht nicht auf die Königin zu warten; man solle alle Lampen in ihrem Gemach anzünden; man solle noch mehr Wasser auf ihr Zimmer bringen. In ihrem Schlafzimmerchen liegt fiebernd die kleine Maleine. Ein großer, schwarzer Hund kauert in einem Winkel und zittert. Den ganzen Tag ist niemand zu Maleine gekommen, und sie fürchtet sich, daß ihr das Herz zerspringen möchte. Da fängt der Hund an zu winseln: vor dem Zimmer flüstern der alte König und Anna und tasten nach dem Schlüsselloch. Die sieben Beghinen ziehen vorüber und murmeln die letzten Responsorien der Allerheiligenlitanei. Der König und Anna ringen um den Schlüssel, den der vom Gewissen gefolterte Alte nicht herausgeben will. Aber Anna entreißt ihn ihm: sie treten ein, der Hund entflieht, Maleine liegt wie gelähmt vor Angst auf ihrem Bett und horcht, horcht, horcht. Der Sturm heult. Ihr Herz klopft wie rasend. Sie kann nicht mehr sprechen vor Angst. Sie zittert so, daß das leichte Holz des Bettes mitzittert. Es wirft sie vor tobender Angst. Heuchlerisch redet ihr die Königin zu, sanft legt sie ihr die dünne Schnur um den Hals. Da springt Maleine aus dem Bett: Maleine. Ah! qu'est-ce que vous m'avez mis autour du cou? Anne. Rien! rien! ce n'est rien! ne criez pas! Maleine. Ah! ah! Anne. Arrêtez-la! Arrêtez-la! Le Roi. Quoi? Quoi? Anne. Elle va crier! elle va crier! Le Roi. Je ne peux pas! Maleine. Vous allez me ...! oh! vous allez me ...! Anne (saisissant Maleine). Non, non! Maleine. Maman! Maman! Nourrice! Nourrice! Hjalmar! Hjalmar!... Attendez! Attendez un peu! Anne! Madame! roi! roi! roi! Hjalmar! Pas aujourd'hui! Non! non! Pas maintenant! Da zieht die Königin die Schlinge zu – Maleine röchelt. Der König sinkt auf einen Stuhl. Anna befiehlt ihm, Maleine fest zu packen, denn die Arme zappelt im Todeskampfe mit den Füßen. Wütender Hagel prasselt an die Scheiben; Maleinens Augen brechen. Ein Fenster fliegt klirrend auf und reißt eine Lilie in einer Vase auf den Boden; der Irrsinnige grinst ins Gemach, der König schlägt ihn mit dem Schwerte nieder. An der Türe scharrt und heult der Hund. Man muß ähnliche Szenen auf der Bühne gesehen haben, um zu ermessen, mit welchem Raffinement hier Situation, Wort, Vorgang, Dekoration und Elementarmaschinerie zusammenwirken, um den Eindruck des ungeheuersten Grauens zu erzeugen. Das Grauen, das von dieser Szene ausgeht, kann nicht leicht mehr übertroffen werden. Darum wirkt auch der letzte Akt matter, trotz der Weltuntergangsstimmung der ersten Auftritte, trotz der Hamletartigen Lösung durch Mord und Selbstmord, trotz der schauerlichen allgemeinen Verwüstung des Schlusses, der einem entsetzlichen Traume gleicht. 2 »L'Intruse« (1891), »Les Aveugles« (1891), »Interieur« (1894) und »La Mort de Tintagiles« (1894) bilden eine Gruppe für sich. Gemeinsam ist ihnen die methodische, überlegte Langsamkeit, mit der das Schreckliche vorrückt, Zoll um Zoll, wie jener bewegliche Betthimmel englischer Schauernovellen, der sich langsam senkte und das schlummernde Opfer mit der infamen Sicherheit eines Mechanismus zerquetschte. Der Eindringling: Um einen Tisch herum sitzen der alte blinde Großvater, der Vater, der Onkel, die drei Töchter und reden von der Wöchnerin, die nunmehr außer Gefahr ist. Was sie sprechen, ist alltäglich, die Bemerkungen des Onkels sogar von ziemlicher Gereiztheit, besonders wenn er sich gegen den Blinden wendet. Man erwartet eine Schwester der Kranken, die nachts noch eintreffen soll. Mond liegt auf den weißen Gartenwegen. Da erhebt sich ein schwaches Säuseln im Laub: es ist, als ob die Bäume zitterten. Die Nachtigallen singen nicht mehr: ist vielleicht jemand in den Garten gekommen? Aber man hört nichts. Was haben denn die Schwäne im Teich, daß sie so erschreckt auseinanderfahren? Und alle Fische tauchen in die Tiefe! Sollte es vielleicht die Schwester sein, die von der Reise gekommen ist. Warum nur bellt kein Hund? Es streicht kühl ins Zimmer. Sonderbar, wie schwer heute die Flügeltür sich schließt; gerade, als ob etwas dazwischen wäre. Wer wetzt denn um diese Zeit noch eine Sense? Es wird wohl der Gärtner sein, der morgen, am Sonntag, nicht mähen will; man kann ihn nicht recht sehen, es ist so dunkel. Auch im Zimmer ist es dunkel; die Lampe brennt düster, obwohl man sie erst heute aufgefüllt hat. Horch – Schritte! Das wird die Schwester sein! Man ruft die Magd; man hört ihren Schritt, zugleich noch einen zweiten Schritt; kein Zweifel, es ist die Schwester! Wie, es ist nur die Magd? Aber es ist doch jemand gekommen? Wir haben ja doch das Geräusch am Haus deutlich gehört! Die Magd sagt, sie habe eben das Tor geschlossen. Ja, war es denn offen? Ganz bestimmt, es war offen; es wird noch jemand hereingegangen sein. Was hat denn die dumme Magd, daß sie so gegen die Türe drückt? Aber sie drückt ja gar nicht! Sie ist drei Schritte von der Tür entfernt! Der Blinde wird unausstehlich unruhig: er bildet sich ein, am Tische sitze ein Fremder, den man ihm verheimlichen wolle. Warum alle auf einmal mit ganz anderer Stimme sprächen? Was es in der Ecke zu flüstern gäbe? Was flackert denn die Lampe? Wie, sie erlischt? Es schlägt zwölf: wer ist denn gerade aufgestanden vom Tische? Da fängt im Nebenzimmer der Säugling an, ängstlich zu weinen. Man hört schwere, eilige Schritte, dann Stille: die Zimmertür geht auf, die barmherzige Schwester tritt aus dem Gemach der Wöchnerin, sehr ernst, und weist die Sehenden mit leiser Gebärde ins Sterbezimmer. Jammernd und hilflos bleibt der Blinde zurück. Die Blinden: In nächtlichem Walde, unter funkelnden Sternen kauern zwölf Blinde: blind Geborene, blind Gewordene, Greise, Junge, eine närrische Blinde, die ihr Kind an der Brust hält. Schweigsam sitzen sie da, ohne heftige Gebärden, ohne jäh den Kopf zu wenden. Sie bergen das Antlitz in bleichen Händen und stützen die Arme auf müde Knie. Eiben und Trauerweiden stehen regungslos in der Runde; starr recken die Zypressen sich in die Höhe; auf bleichen Asphodelosbüschen schimmert mattes Mondlicht. In der Mitte der Blinden sitzt der priesterliche Greise ihr Führer, der einzige, der sieht. Der einzige, der sah. Denn er ist soeben lautlos verschieden. Aber die Blinden wissen es nicht. Sie glauben, er habe sich nur ein wenig entfernt. Sie sprechen von ihm, anhänglich, freundlich die einen, mit schmähender Spitalbissigkeit die andern. Nachtvögel kreisen im Gezweig. Drüben, überm Deiche, rauscht das Wasser. Die blind Gewordenen erzählen sich von der Zeit, da sie noch sahen, die Sterne, die Sonne sahen, vor urlanger Zeit, wie sie noch Kinder waren. Jetzt hören sie Sonne und Sterne. Mit ungläubigem Hohn vernehmen die Blindgeborenen das alles. In der Ferne schlägt es Mitternacht. Oder ist es Mittag? Die Blinden wissen es nicht. Zugvögel kreischen vorüber; am Deiche frißt und brüllt die Woge. Es schneit in großen Flocken. Da entdecken sie, daß der Führer tot ist. Es dünkt ihnen, ein Fremder sei unter ihnen. Wer ist in ihre Mitte getreten? Keine Antwort. Nur das Kind schluchzt und, in drohender Nähe, donnert das Meer gegen den allzuschwachen Deich. Drinnen: Ein nächtlicher Garten, in dem ein Haus steht. Die Fenster des Erdgeschosses sind hell erleuchtet. Friedlich sitzt die Familie um den runden Tisch: zunächst dem behaglichen Feuer der Vater; nachdenklich blickt die Mutter ins Weite; an ihren Arm geschmiegt schlummert ein Kind; die Schwestern sticken, lächeln sich an und träumen. Der Greis und der Fremde treten in den Garten, behutsam und ängstlich: sie wollen nicht gesehen werden. Denn sie bringen böse Botschaft: die Schwester von den zwei lächelnden Stickerinnen da drinnen ist tot. Wem soll man es zuerst sagen? Dem Vater? Aber er ist alt und kränklich. Die Mutter auch. Und die Schwestern sind zu jung. Ah, wie ist diese Tote geliebt worden! Gab es je ein glücklicheres Heim? Wie soll man es ihnen nur beibringen? Schonend? mit einleitenden, vorbereitenden Worten? Aber sie werden den Greis sogleich fragen, warum er so durchnäßt sei, und den Fremden, woher der Schlamm komme an seinem Gewände. Gestern, um diese Zeit, saß sie noch mit am Tische und lächelte auch, stickte auch, träumte auch. Wie friedlich das Kleine atmet und schlummert! Da sitzen sie drinnen, die Ahnungslosen: alle Türen haben sie wohl verschlossen, alle Fenster klug vergittert, alle Riegel sorglich vorgeschoben; draußen aber lauert das Schreckliche und kommt immer näher. Bald werden sie die Leiche bringen: schon sind sie an den letzten Hügeln; das ganze Dorf kommt mit, sie tragen Lichter und Fackeln. Der Greis darf nicht mehr zögern, er geht hinein ins Haus. Man sieht, wie er sich setzt, sich den Angstschweiß von der Stirne wischt, wie die Mutter zittert und ahnt, wie alle im Zimmer plötzlich aufstehen, eine Frage auf den totenblassen Lippen, wie der Greis traurig bejahend nickt. Der Tod des Tintagiles: Zwischen den Bergen, unter morschen Bäumen, steht das schwarze Schloß. Ygraine und Bellangère wohnen darin, die Schwestern. Das Schloß verfällt, die Mauern klaffen, trotzig und dräuend steht nur der dicke Turm, in dem die alte Königin haust. Niemand sieht sie, niemand weiß, was sie tut; selbst ihre Mägde gehen nachts nur aus. Argwöhnisch ist sie und eifersüchtig, herrschgierig, halb wahnsinnig. Ihre Befehle werden ausgeführt, ohne daß ein Mensch ahnt, wie. Nun hat sie den kleinen Tintagiles kommen lassen. Aber die Schwestern werden ihn treulich vor ihr behüten; nur darf er sich nie von ihnen oder vom alten Aglovale entfernen. Schon sind die Schwestern ängstlich; Bellangère hat sich bis zum Turme gewagt; sie sah unheimlich gewundene Gänge, niedrige Galerien ohne Ausgang; sie hörte die Mägde der Königin von einem Kinde und einer goldenen Krone sprechen; wie böse sie dazu lachten! Soll vielleicht der kleine Tintagiles auch so spurlos verschwinden wie seine älteren Brüder? Machtlos ist man gegen die Königin; sie vergiftet das Schloß mit ihrem Schreckensatem; ihre Gegenwart lähmt, zermalmt, erwürgt; es gibt keinen Widerstand gegen ihre Bosheit. Drei Türen führen zu den Korridoren der Königin. Die Schwestern und der Alte halten Wache davor. Warum klopft das Herz des kleinen Prinzen so? Man hört schlürfende Tritte, Flüstern, Schleichen. Ein Schlüssel knarrt im rostigen Schlosse. Der Alte fährt mit dem Schwert in die Toröffnung neben den Rahmen, wo er die Feindinnen vermutet; wie Glas zersplittert das Schwert, langsam öffnet sich das Tor, man sieht niemanden, man hört nichts, dann schließt es sich dröhnend. – Es ist Abend. In müder Umarmung schützen die Schwestern den kleinen Prinzen. Leise gleitet das Tor auf: die vermummten Mägde der Königin holen Prinz Tintagiles aus den Armen seiner schlafenden Schwestern. – Vor der eisernen Tür des unterirdischen Gewölbes steht Ygraine und schlägt sich die Hände blutig daran; hinter der Tür klopft Tintagiles mit dünnen Fingerchen und ruft schwach: »öffne, Schwesterchen, öffne, schnell, schnell, sie ist da, ich muß sterben, wenn du nicht aufmachst, ich bin ihr entlaufen, hörst du denn nicht? Sie kommt, sie kommt! Um Gottes willen, mach auf!... Jetzt packt sie mich an der Kehle!« Da ist es plötzlich still. Ygraine schreit ihren Jammer der eisernen Tür zu; sie bittet und fleht. Demütig kniet sie sich nieder, um das alte Scheusal zu erweichen; sie fleht mit aufgehobenen Händen: »Er ist so klein, so klein! Tut ihm nichts! Mit mir tut, was ihr wollt! Nur ihn schont! Nur ihn laßt leben!« – Grauenvolles, unerbittliches Schweigen. Da sinkt sie gebrochen zu Boden und schluchzt, und das helle Blut rinnt von ihren kraftlosen Händen. 3 Der Tod des Tintagiles leitet über zu den Märchenspielen, zu denen er nach seinem äußerlich dekorativen Apparat zu reihen wäre, wenn ihn nicht die schauerliche Grausamkeit des Stoffes als verspäteten Nachkömmling der Maleinestimmung, die überlegte Technik der Nervenfolter als Seitenstück zu den drei Alltagsdramen erscheinen ließe. Les Sept Princesses (1891): Das Dekorative erinnert an Intérieur ; hier wie dort eine stumme Gruppe in einem Gemache, draußen vor den Fenstern die sprechenden Personen; drinnen unheimliche Ruhe, draußen ebenso unheimliche Geschäftigkeit. Ein großer Marmorsaal, in dem Lorbeerbäume stehen, Lavendel duftet, und Lilien in feinen Gefäßen welken. Auf den sieben Stufen der Marmortreppe schlummern die sieben Prinzessinnen. Weiß ist der Marmor, weiß die Gewänder der Mädchen, weiß die schlanken Arme, die auf blassen Seidenkissen ruhen, weiß und blaß das Licht, das aus der silbernen Ampel schimmert. Durch die Fenster, die bis zu den kühlen Fliesen reichen, blickt eine traurige Sumpflandschaft herein, und unbeweglich und schwarz ein Kanal. Ein Schiff kommt, dem Prinz Marzellus entsteigt. Mit Wehmut begrüßt er das alte Königspaar, aber seine Sehnsucht drängt ihn zu einer der sieben Prinzessinnen. So gebrechlich und zart sind diese Wesen, daß schwer zu sagen ist, ob es schlimmer sei, sie jäh zu wecken oder sie in unnatürlich tiefem Schlafe zu lassen. Darum geht Marzellus den unterirdischen Gang, an dessen Ende man zu der Grabplatte mitten im Saale emporsteigt. Sechs Prinzessinnen fahren aus ihren Träumen auf, wie der blasse Ritter mit der Lampe unter ihnen steht, die siebente aber, zu der ihn die Sehnsucht zog, bleibt starr und unbeweglich auf dem blassen Pfühl. Während draußen der König und die Königin jammernd um Hilfe schreien, während Diener, Soldaten, Bauern, Weiber mit Fackeln und Laternen herbeieilen und in wilder Angst an Pforte und Fenstern pochen, heben die sechs Schwestern den weißen Leichnam auf und betten ihn auf die oberste der Stufen. Pelleas et Melisande (1892): Pelleas und Golaud sind die Enkel des Königs Arkel von Allemonde. Golaud findet auf der Jagd Melisanden, die mit langem, wundervollem, aufgelöstem Haar am Rande eines Brunnens sitzt und weint. Obwohl sein Haar schon an den Schläfen grau wird, nimmt er das Kind zum Weibe; aber nach sechs Monden weiß er nicht mehr von ihr als am ersten Tage. – Pelleas und Melisande weilen am alten Brunnen im .verwilderten Park; Melisande wirft spielend den Ring, den Golaud ihr gab, in die Höhe: da fällt er ins Wasser. Wie ihr Mann sie darum fragt, lügt sie, sie habe ihn in der Grotte am Meer verloren. Warum lügt sie? – In der Dämmerung schweigen Pelleas und Melisande sich gegenüber; da kommt Golaud mit seinem Söhnchen Yniold aus erster Ehe. Der kleine Yniold leuchtet den Zweien ins Gesicht: warum haben sie geweint? – Golaud überrascht Pelleas, wie er jubelnd die Haare Melisandens liebkost. Mit finsterem Ernste gebietet er ihm, sie zu meiden. Aber fortan zermartert er sich Herz und Hirn mit Argwohn. Er fragt den kleinen Yniold aus, und das kindische Geplauder verrät ihm zu wenig und zu viel zugleich. Er überrascht die beiden, wie sie sich umarmen, und stößt in jäher Wallung den Bruder nieder. Melisande gebiert ein schwächliches Kind, dann legt sie sich zum Sterben, schuldlos in Schuld verstrickt, »das arme, kleine, geheimnisvolle Wesen«. Alladine et Palomides (1894): Alladine, die arkadische Sklavin, wird vom alten Könige geliebt. Palomides soll die Tochter des Königs heiraten, aber ihn bezwingt die Liebe zur schönen Alladine. Der König läßt das Paar in die unterirdischen Grotten werfen. Aber der unbestimmte Widerglanz von blauem Meer und heller Sonne verwandelt den Kerker in ein smaragdenes Paradies voll tiefen Leuchtens und sanfter Glut, und schon sind beide willig, den seligen Liebestod in solch wunderherrlicher Entrücktheit zu sterben, da wanken die Felsen: die Retter kommen, und mit ihnen, grell und grau und öde, die kalte Klarheit des nüchternen Tages. Feucht und klebrig sind nun die nassen Felsen anzusehen, und als widrige Algen und schmierige Flechten zeigt sich, was den Liebenden in zarter Dämmerung wie Rosenketten erschimmert war. Rasch siechen die Befreiten dahin, Kammer an Kammer nebenan, und wunderlich klingt ihre fromme Sehnsucht nach der Zaubergrotte den andern, die nicht wissen, daß von den Gipfeln der Seligkeit kein Weg ins graue Leben zurückführt. Sie sterben leicht: nichts bindet sie mehr an diese Welt. Aglavaine et Sélysette (1896): Sie stirbt leicht: nichts bindet sie mehr. Denn Selysette, das scheue Seelchen, ist in demütiger Liebe zur Heldin geworden, und der Augenblick ihres Todes ist zugleich der Augenblick, da ihre reine Seele am höchsten und am gütigsten aufglänzt. Vier Jahre lang hat sie als Gattin Meleanders gelebt, schön, liebevoll und sanft; sie hat ihre Blumen begossen, ihre Meervögel vom alten Turm aus gefüttert und die lahme Großmutter gepflegt, und war allzeit fröhlich wie ein Kind. Da tritt die Witwe ihres Bruders in ihr Leben, jene schöne und weise Aglavaine, von der es wie ein Schimmer strahlender Wahrhaftigkeit ausgeht; vor der alle Seelen sich willig öffnen; vor der weder Verstellung noch Kleinlichkeit bestehen kann. Aglavaine und Meleander ziehen sich zauberhaft an; sie lieben sich, weil sie sich lieben müssen, weil eins sich selbst ohne das andere nicht denken kann, eins nur im andern sich weiß, fühlt, liebt, im andern sich selbst und in sich selbst nur das andere wiederfindet; sie lieben sich, als hätten sie ihr ganzes bisheriges Leben auf einander gewartet, ihre Seelen in alten, alten Zeiten sich längst gekannt, ehe ihre Blicke sich trafen. Sie lieben auch Selysette, aber die Arme, Geduldete benetzt heimlich mit Tränen die Brosamen der Liebe, die man ihr großmütig übrig läßt; sie weiß, wie überflüssig die bemitleidete kleine Selysette ist, die man nur hastig küßt, während doch jedes geheim an das andere denkt. Aber da sie Aglavainen am Rande des tiefen Wassers eingeschlafen findet, weckt sie die Nebenbuhlerin sanft auf. In wundervoller Offenheit kündet Aglavaine der ängstlichen und schüchternen Seele ihres tiefsten Wesens Geheimnis, und beide lernen sich zu lieben, die zu früh Gekommene und die zu spät Gekommene. Aber dennoch, so sehr die drei in makelloser Reinheit ihre Liebe heilig halten wollen, die beiden Frauen fühlen, daß jede der andern im Wege ist. Selysette blickt bewundernd auf zu Aglavainens Hoheit, diese aber erkennt, daß Selysettens reine Kindesseele das Schönste, Größte und Herrlichste auf Erden ist: »sie braucht sich nur zu neigen, um unerhörte Schätze in ihrem Herzen zu finden, und bietet sie so zagend an, wie eine junge Blinde, die gar nicht weiß, daß sie lauterstes Gold und köstlichster Perlen Zier in ihren Händen hält«. Und so trägt jede sich mit dem Gedanken, der geliebten andern um des geliebteren Mannes willen Platz zu machen. Ein Heldengedanke keimt in Selysettens traurigem Herzen: sie lockert die Steine auf ihrem alten Turme, so daß man glauben muß, es habe nur ein Quader nachgegeben, als sie sich zu weit hinauslehnte. Aber da sie zu Mittag auf der hohen Warte steht und in unendlicher Bläue das Meer sich dehnen, in namenloser Festlichkeit jede Näh und Ferne aufglühen sieht, goldener die Sonne, grüner Gärten und Gras als je, alles in ruhigem, heitern, tiefen Glücke strahlend, da vermag sie es nicht. Noch einmal geht sie müden Schritts hinunter zur lahmen Großmutter und sagt ihr liebe, herzliche Worte, dann nimmt sie ihr Schwesterchen wieder mit auf den Turm. Es ist Abend geworden, versunken die Sonne, alles grau und kühl und bleich. Sie umhüllt schützend das Kind und redet eindringliche, zärtliche Worte zu ihm, Worte, die schwer sind von Tränen; denn irgend jemanden möchte sie doch bei sich haben in ihrem letzten Stündlein, damit das Überlebende den zwei andern sage, es sei nur ein Unglück gewesen, sie habe nicht geweint, gewiß, sie habe nicht geweint; nur ein Unglück war's, nur der Stein gab nach, als sie sich zu weit hinauslehnte. – Aber der armen kleinen Selysette soll gar nichts erspart bleiben: man findet sie, noch lebend, am Fuße des hohen Turmes; man bettet sie weich und sanft. Aglavaine und Meleander knien vor der Sterbenden und flehen sie an, doch die Wahrheit zu sagen, ob sie habe sterben wollen. Sie aber lächelt innig und lügt tapfer, denn sie will das Glück der Überlebenden nicht durch einen Vorwurf trüben, und nur, wenn die Schmerzen sie so quälen, daß sie fürchtet, sie möchten ihr die Wahrheit entpressen, bittet sie Aglavaine, ihr den Mund zuzuhalten. Ihr letztes Wort aber ist: »Nur der Stein gab nach, wie ich mich zu weit hinauslehnte«. 4 Ariane et Barbe-Bleue (1901) und Soeur Béatrice (1901): Zwei Texte für Singspiele, die der Dichter nur als Gelegenheitsarbeiten gelten lassen will. Ariane entdeckt in Blaubarts Schloß die fünf, die vor ihr gegen den Befehl die siebente Türe geöffnet haben. Sie befreit sie aus ihrem Kerker, und die erbitterten Bauern schleppen unter wildem Siegesheulen den gefesselten Blaubart herein. Nun können die Frauen sich rächen. Aber Ariane zerschneidet die Fesseln, und als sie die Zauberburg verläßt, folgt ihr keine der andern fünf. Sie bleiben treu bei dem furchtbaren Blaubart. Schwester Beatrix, die Pförtnerin, folgt, da der Liebe Sehnsucht übermächtig in ihr wird, dem Werben Ritter Bellidors, nur legt sie ihr Klostergewand vor die Statue Mariens, ehe sie flieht. Die seligste Jungfrau steigt vom Sockel herab, zieht Kutte und Schleier an und läutet zur Hora. Die Nonnen sehen, daß durch Beatricens Unachtsamkeit das Marienbild verschwunden ist, und wollen die vermeintliche Pförtnerin züchtigen, aber da fangen die Gewänder der Jungfrau an zu leuchten, die Engel am Altare neigen sich, alle Heiligen beugen sich inbrünstig, die steinernen Statuen an den gotischen Pfeilern fallen auf die Knie, Engeljubel durchbraust himmlisch die Kirche, Blumen schweben duftend nieder – Schwester Beatrix ist eine Heilige! – Nach fünfundzwanzig Jahren kehrt die wahre Beatrix zurück. Müde sind ihre Füße und wund, mit Staub und Schmutz ist sie bedeckt, und auch ihr Herz ist müd und wund, und ihre Seele ist durch Staub und Schmutz gegangen. Mit zitternder Hand tastet die Heimgekehrte nach Gürtel und Schleier, hüllt sich, denn die Arme friert erbärmlich, ins reine klösterliche Gewand und bricht ohnmächtig zusammen. Die greisen Schwestern wanken herein, finden die heilig verehrte Beatrix, finden die wieder an alter Stätte thronende Schirmherrin, gnadenvoller, lächelnder und schimmernder anzusehen denn je zuvor. Mit liebender Ehrfurcht stützen sie Beatrix und sehen, wie fürchterlich die Arme gealtert ist: wie welk die Haut, wie erloschen der Blick, wie grau die wirren Strähnen, wie gebrochen die einst so Strahlende. In wilden Selbstanklagen enthüllt Beatrix die traurige Vergeudung ihres Lebens und das namenlose Elend jener fünfundzwanzig Jahre: als Dirne klagt sie sich an, deren Leib jedem feil stand, nachdem Bellidor sie verlassen; als Erwürgerin ihres jüngsten Kindes, nachdem ihr die drei älteren in grauenhafter Not gestorben, – sie war wahnsinnig, und der Wurm schrie vor Hunger. Erschüttert lauschen die greisen Schwestern der schrecklichen Beichte. Sie glauben kein Wort davon, wissen sie doch, wie heiligmäßig Schwester Beatrix diese langen Jahre vor ihren Augen gelebt hat. Nur seine Heiligen läßt Gott, als letzte Prüfung vor der ewigen Seligkeit, so schwer und bitter versuchen! Da legt die müde Beatrix das Haupt nieder zum langen, bitter genug verdienten Todesschlafe. In der Welt hat die Arme nicht Ruh noch Rast gekannt vor der Bosheit und dem Hasse der Menschen, nun wird ihr letztes Stündlein von eitel Liebe und Güte verklärt. Sie neigt das Haupt und stirbt. 5 Es lebte in der Stadt Pisa Madonna Giovanna, eine ebenso tugendhafte wie schöne Dame, vermählt mit dem Capitano der Stadt, Guido Colonna. Sie rettete Leben und Besitz der Bürgerschaft, als die Florentiner den Ort scharf bedrängten, indem sie dem Begehren des feindlichen Anführers Prinzivalle gehorchte, nackt, nur mit einem Mantel bekleidet, auf eine Nacht in sein Zelt zu kommen, Durch eine wunderbare Laune des Geschickes, wie nicht minder durch die erstaunliche und großmütige Enthaltsamkeit des Feindes geschah es, daß er Monna Vanna nicht berührte, sondern sie mit der ehrerbietigen Liebe eines Bruders die Nacht hindurch bei sich behielt und mit ihr von sonnigeren Tagen der Kindheit sprach, da sie beide in Venedig zusammen gespielt hatten. Aber weil die unbegreifliche Schonung Pisas den Prinzivalle als einen längst Verdächtigen und halb in Ungnade Gefallenen der Rache der Florentiner ausgeliefert hätte, floh er mit Giovanna in die gerettete und mit Lebensmitteln und Geschossen versorgte Stadt. Vannas Gemahl aber, der von unadliger und argwöhnischer Gemütsart war, und unfähig, den Edelmut des Prinzivalle zu begreifen, verschloß sein Ohr gegen die Schwüre der Frau, daß sie als eine Reine und Unschuldige ihm zurückkehre, und befahl, den Prinzivalle allsogleich zu einem grausamen Tode zu führen. Da wußte sich die edle Dame in bitterer Herzensnot keinen andern Rat mehr, als daß sie log, jener habe sie berührt und sie ihn mit Liebkosungen listig nach Pisa gelockt; und vor aller Augen überhäufte sie den Gefesselten mit den glühendsten Küssen, um zu zeigen, wie schlau sie ihn betört habe, und befahl, ihn aufs beste zu bewachen, denn ihrer Rache gehöre er nunmehr. Also geschah es, daß eine tugendhafte Dame in Liebe zu einem edlen Jünglinge entbrannte, weil ihr Gatte zu klein für die Großmut des Feindes und die Wahrheit des Weibes sich erwies.   Monna Vanna entpuppte sich als ein Kassenstück ersten Ranges. Wer nie vorher auch nur eine Zeile von Maeterlinck gelesen hatte, ließ den Namen nunmehr wie ein Bonbon auf der Zunge zergehen, schmatzte und schmunzelte, verdrehte mit weihevoller Lüsternheit die Äuglein und sprach den Namen grundsätzlich falsch aus. Was war geschehen? Welches Unglück war geschehen? 6 Aber damit beginnen die Fragen der Kritik. Ohne Unterbrechung, ohne jedes Dreinreden wurde der Inhalt dieser Dramen erzählt; so, daß ihr Eigentümliches ruhig und deutlich hervortrat; so, daß der Leser, auch wenn er das Werk nicht kannte, nun darüber orientiert ist. Orientiert in dem Sinne, daß er nunmehr eher einen Hymnus, als eine Ablehnung erwartet. Immerhin aber so genau orientiert, daß er Hymnus sowohl wie Ablehnung selbst nachprüfen und berichtigen kann. Das ist sein Recht. Ich aber habe Lust, nach so vieler Feierlichkeit, zu der meine Aufgabe mich zwang, ab und zu ein wenig zu lachen. Das ist mein Recht. Zuvor jedoch sei dem Dichter noch einmal das Wort erteilt. Maeterlinck hat sich zweimal über das Drama vernehmen lassen. Der ersten Gesamtausgabe seiner kleinen Dramen hat er ein Vorwort mit auf den Weg gegeben. Er spricht darin mit lächelnder Nachsicht von seinem Erstlingswerke, der Princesse Maleine , dessen gefährliche Naivitäten er ebensowenig verkennt, wie die vielen dramatisch überflüssigen Auftritte, die wunderlichen Wiederholungen, durch die seine Personen wie schwerhörige Schlafwandler erscheinen, welche jäh aus bangen Träumen gerissen worden sind. Er schaut zurück auf die größere Reihe der Todesdramen: Was er in ihnen zu erwecken unternahm, war das Gefühl von der Gegenwart »ungeheurer Mächte, unsichtbar zugleich und fürchterlich, deren Absichten keiner kennt, die aber all unserm Tun feindlich zu sein scheinen, feindlich dem Lächeln, dem Leben, dem Frieden, dem Glücke. Unschuldige, aber wider Willen feindliche Geschicke schürzen und lösen sich, und Alle gehen zugrunde, und traurig blicken die Weiseren: sie sehen das Kommende voraus, aber können nichts ändern an all dem grausamen und unerbittlichen Spiel, das Liebe und Tod mit den Lebenden spielen. Liebe und Tod und die andern Mächte alle üben in diesen Stücken eine Art tückischer Ungerechtigkeit aus, deren Strafen (denn Belohnungen kennt diese Ungerechtigkeit nicht) vielleicht nur Launen des Schicksals sind ... Fast stets erscheint dies Unbekannte in der Gestalt des Todes ... Das Problem der Existenz wird durch das Rätsel ihrer Vernichtung beantwortet. Dieser gleichgültige unerbittliche Tod, blindlings tappend und tastend, holt sich am liebsten die Jüngsten, die am wenigsten Unglücklichen, ... kleine, zerbrechliche, schaudernde Geschöpfchen, die tatlos grübeln; und all ihrer Worte und all ihrer Tränen Bedeutsamkeit liegt darin, daß Worte und Tränen in den Abgrund fallen, an dessen Schneide sich das Drama abspielt, und daß sie wunderlich darin verhallen, im Bodenlosen gleichsam, denn dumpf nur klingt und trüb verworren der Schall.« In einem kleinen Aufsatze hat Maeterlinck seine Ansicht vom modernen Drama im allgemeinen niedergelegt. Seine Ästhetik ist, wie die der meisten Künstler, eine Formulierung dessen, was er kann, als gut, und dessen, was ihm versagt ist, als schlecht. Das erste dünkt ihm der Weg der Zukunft; das, was er nicht kann, ist veraltet und abgetan. Als das Wesentliche erscheint ihm beim modernen Drama das Verkümmern der äußeren zugunsten der inneren Handlung; gewalttätige Konflikte, tragische Erschütterungen, blutige Lösungen, wie das antike Drama und das der Renaissance sie liebte, seien fortan unmöglich, weil unser modernes Leben zu nüchtern, zu kühl rechnend und besonnen geworden sei. Anzustreben sei ein neues Theater, ein Theater des Friedens, des Glückes, der Schönheit ohne Tränen. 7 Als man anfing, aufmerksamer hinzuhören, wenn Maeterlincks Name genannt wurde, da war man in Deutschland eben der Offenbarung von vorgestern ein wenig müde geworden. Man hatte sich mit der schalen Kost des Berliner Naturalismus den Magen verdorben und verlangte nach künstlerischerer Würze, nach schärferen Reizen. Bot sich ein Narkotikum, so auserlesen konzentriert, künstlich und berauschend zugleich, wie die ersten kleinen Dramen des Belgiers? Wer die letzten Jahre hindurch mit offenem Auge die Entwicklung der Malerei verfolgt hatte, sah eine neue Mode schon von längerher kommen: die graue Milieumalerei, die sozial-pathetische Schilderung, die lebensgroßen Kohläcker waren eines schönen Tags wie weggezaubert: man schwelgte in holdester Märchenzartheit, malte symbolische Gedichte, philosophierte mit Pinsel und Ätznadel, badete sich in Schönheit. Nie vorher hatte man so unheimlich schön gemalt. Der unter spöttischen Nekrologen begrabene Realismus hatte übertriebenen Respekt vor dem Modell. Die Neu-Romantik (denn um dieselbe Zeit prägte man dieses sehr schöne Wort und setzte es vorsichtig in Umlauf) entband von solch unbequemer Forderung: man durfte wieder nach Herzenslust auswendig malen! Der Naturalismus hatte nur das Triste, Peinigende, Sinnlose, Gemeine der Realität erfaßt und dargestellt. Die Neu-Romantik beschränkte sich auf einen kleinen Umkreis fahler mondübergossener Halde, auf der bleiche hysterische Jungfräulein sich zu blassen rachitischen Knaben niederneigten und Babygefühlchen im Babyjargon stammelten. Drüben aber, jenseits des vergoldeten Gitterzäunchens, blühten und dufteten wie in den alten Tagen die reichen Gärten des Lebens, in denen hell und heiß die liebe Sonne schien und Vögel sangen und kühle Brunnen rauschten und kecke Winde wehende Wipfel umspielten. Die deutsche Romantik vom Anfang des Jahrhunderts war der frische und übermütige Ansturm eines jungen Geschlechts gegen die klassizistische Hochburg gewesen, die Neu-Romantik war der vorsichtige Tastversuch einer Handvoll Literaten, wieder Fühlung mit den zahlungsfähigen Kreisen des deutschen Bürgertums zu gewinnen, die man durch den ungebärdigen Naturalismus vor den Kopf gestoßen hatte. Man soll nie vergessen, von wem Maeterlinck entdeckt worden ist: von Octave Mirbeau! Man soll auch nie vergessen, wann und wo Maeterlinck von Octave Mirbeau entdeckt worden ist: im August, in den Hundstagen! Weiß man aber auch, was Hundstage in Paris bedeuten? Die Stadt ein stauberfülltes glühendes Gefängnis; Bäume und Rasen wie verbrannt; der weiche Asphalt stinkt zum weißlichblauen Himmel; man lechzt nach Amer Picon , und Piperminthe á l'eau dünkt dem verstocktesten Alkoholiker ein trinkbares Getränk; keine Linderung in den Nächten, keine Abkühlung durch ein frisches Schwimmbad. In solcher Höllenqual ist man rührend empfänglich für jegliche Suggestion, wunderlich dankbar für jede Sensation. »Ein belgischer Shakespeare!« Warum nicht? Man glaubt gern alles, man widerspricht bei gar nichts, hält Octave Mirbeau für einen kompetenten Kritiker und Maurice Maeterlinck für ein naives Genie. Ein belgischer Shakespeare! Man hat schon seit langem keinen literarischen Messias mehr gefeiert: wie hübsch von Octave Mirbeau, einen zu entdecken, lá-bas ... Was den Franzosen geographisch über den Horizont geht, nennen sie lá-bas ; was sie literarisch nicht mehr verstehen, brouillard du Nord . Auch Shakespeare, den die Franzosen trotz Taine, trotz Paul de Saint-Victor nie verstanden haben, ist für einen Mirbeau lá-bas , und was er schreibt brouillard du Nord ; ein ebenso nebulöses wie schleierhaftes Genie. Aber – im übrigen – welch gefundener Titel für ein Feuilleton in den Hundstagen: »Ein belgischer Shakespeare«. Wer erdreistete sich, den Belgier anzuzweifeln? Nun wohl, so mochte der Shakespeare nebenherlaufen! Mirbeaus Artikel wurde gedruckt, ein paar Camelots schrien ihn aus, ein paar Boulevardiers lasen ihn, alle Welt vergaß ihn. In Frankreich wenigstens. Ganz anders in Deutschland. Niemals hatte der leichtsinnige Mirbeau einen folgenschwereren Witz gemacht. Daß ein Feuilleton des Figaro für den Tag geschrieben und berechnet ist, kam den feierlichen Deutschen nicht in den Sinn. Was keinem von Mirbeaus Romanen, keinem seiner Dramen jemals vorher oder nachher passierte, geschah seinem Artikel: er wurde ernst genommen. Die Berliner bekamen damals eine Dramatik vorgesetzt, so naturalistisch, daß die ganze Poesie zum Teufel ging. Wohlan, hier war soviel Poesie, daß die ganze Natur zum Teufel ging. Man hatte sich bei Hauptmann tödlich gelangweilt, hatte unter Gähnen applaudiert, unter Applaus gegähnt. Nun hatte man wieder einen Dichter. Nein, man hatte mehr, unendlich mehr: ein dankbares Objekt für geistreichelnden Tiefsinn, einen Dichter, der eigentlich ein Philosoph war, einen Philosophen, der zum mindesten als Bienenzüchter einiges verstand. Sehr bald war der belgische Shakespeare in Kreisen, die von Goethe nur wußten, daß er himmlisch unpassende Sachen geschrieben und den Goethebund gestiftet habe, eine gegebene und absolute Größe, die man als unerforschlich ruhig verehrte. Jedwedes sacrificum intellectus wurde ihm, soweit dies nötig oder möglich war, inbrünstig gebracht. Daneben aber, abseits von den Maklern der Literaturbörse, stand damals und steht noch heute eine kleine Anzahl Kenner, durchaus nicht geneigt, Maeterlinck so schnell abzulehnen. Wie konnte es geschehen, daß Maurice Maeterlinck nicht nur die Armen am Geiste verführte? Daß er nicht nur Kindern und Unmündigen das Gruseln lehrte? 8 Wer in Deutschland zuerst Maeterlinck Hoffnung und Sympathie entgegenbrachte, das waren alle vom Naturalismus Enttäuschten. Diese kleinen Dramen erweckten unbestimmte, sehnsüchtige Erinnerungen an geliebte Bilder: Mädchen mit todestraurigen und wundersam tiefen Augen, Gestalten, auf deren zarte Schultern eine unsichtbare und ungeheure Schwermut wie eine allzu gewichtige Bürde gelegt schien, schlanke Prinzessinnen, wie man in heimlichen Knabenträumen sie geliebt hatte, jugendliche Ritter in matten Harnischen, kleine sonderbare Häuser, die wie verzaubert in Abendglut flammten, seltsame Blumen im lichten Grase, ein wunderlich rührender Himmel darüber ausgespannt und auf Näh und Ferne ein schmerzlich sanfter Schimmer. Die ganze Melancholie des Jahrhundertendes duftete schwer und betäubend aus diesen Dichtungen. Man mußte an Rossetti denken und an Burne Jones, wenn man die rätselhaft holdseligen Gestalten der Dichtung sich im Bilde vorstellen wollte. Ein eminent musikalischer Reiz sprach aus jeder Situation. Süße Traurigkeit quoll aus den dunkeln Märchen und machte das Herz unruhig und schwer. Eins hatte dem Parvenü Naturalismus gefehlt: Stil. Maeterlinck hatte Stil. So vielfach die Einflüsse waren, denen dieser junge Dichter sich hingegeben hatte, so verräterisch manche Wendung an Shakespeare, manche Replik an den späten Ibsen, mancher Gedanke an Emerson erinnerte, – das Ganze hatte Stil. Dazu kam, daß Maeterlinck ganz bescheiden auftrat: »kleine Dramen für Marionetten«; »kleine Singspiele«. Man konnte nicht anspruchsloser sein. Wie wohl das tat, nach all der basarmäßigen Reklame, mit der einem in Berlin neue Richtungen aufgeschwätzt wurden! Dieser Maeterlinck schien so recht für die Gourmets der Literatur gekommen zu sein. Die großen Bilder auf den Kunstmärkten waren erbärmlich, zugegeben; hier aber war wenigstens ein feines Talent, dessen phantastische Radierungen man bei sich zu Hause genießen konnte, Blatt um Blatt zärtlich am Rande fassend und sorglich wendend, hier vom melodischen Rhythmus sanfter Linien, dort von der raffinierten Einfachheit der Schattenverteilung, dort wieder von der atembeklemmenden Phantastik des Vorgangs aufs stärkste künstlerisch gefesselt. Ach! Es gibt keine Feinschmeckerwerke der Literatur mehr! Es gibt keine Literatur der Wenigen für die Wenigen mehr! Gegen die edelsten Werke wird man allmählich verrucht mißtrauisch wegen der verdächtigen Gesellschaft, mit der man ihre Bewunderung gemeinsam hat. Man revoltiert zum Schlusse nicht gegen diese Gesellschaft, sondern gegen die Werke selbst. Es scheint das Schicksal aller Götterbilder zu sein, daß sie durch ihre aufdringlichen Priester diskreditiert werden. Was aber besonders ein wahrhaftes Verhängnis für die literarische Bildung der Deutschen ist, das ist, daß seit mehr als zehn Jahren anstatt der großen, vielseitigen und mächtigen Talente allgemein fast nur mehr interessante Spezialisten importiert und gelesen werden. Gorki und Wilde sind hierfür typische Beispiele. Man schwärmt für Maxim Gorki, kennt aber Korolenko nicht, sein unvergleichlich genialeres Vorbild. Man gebärdet sich wie verzückt vor Wildes Salome und legt ihre Quelle, Flauberts köstliche Herodias, gelangweilt aus der Hand. Gewisse Werke wirken auf ein gewisses Publikum wie Baldrian auf brünstige Katzen in lauer Sommernacht. Am meisten gilt das vom Theater. Es darf die tiefste erzählende Dichtung erscheinen, ohne daß sie auch nur ernsthaft gewürdigt würde. Das lumpigste und ordinärste Theaterstück wird besprochen, sein Erfolg telegraphiert. Sein Erfolg! Wir wissen alle, bis zu welch staunenswürdiger Meisterschaft die moderne Fälschung gelangt ist: die Tiara des Saitaphernes ist noch in gebührender Erinnerung. Die meisten Dichterkronen der Gegenwart sind um kein Haar echter... 9 »Jede Niedergangserscheinung zeugt auch wieder von höherem Leben. – Sinnbildliches sehen ist die natürliche Folge geistiger Reife und Tiefe. – Wir wollen keine Erfindung von Geschichten, sondern Wiedergabe von Stimmungen; keine Betrachtung, sondern Darstellung; keine Unterhaltung, sondern Eindruck. – Eine Neubelebung der Bühne ist nur durch ein völliges Inhintergrundtreten des Schauspielers denkbar.« Diese Sätze wurden um dieselbe Zeit geschrieben, als unter dröhnendem Beifalle das gänzliche Gegenteil der in ihnen niedergelegten Anschauung über die deutschen Bühnen ging. Die sie schrieben, waren die Feinsten und Scheuesten unter den Jüngeren, die sich voll Ekel vor dem Literatur- und Theaterbetriebe der Zeit abgeschlossen hielten. Ihre Sehnsucht schien sich in Maeterlinck zu verwirklichen, der, müde und dekadent, eine neue seltsame Schönheit den Empfänglichen verkündete, der in unvergeßbaren Gestalten, Bildern, Vorkommnissen alles Lebens und Sehnens rätselvolle Tiefe zu versinnbildlichen und zu deuten versuchte, der aus alten Märchen wundersame Stimmung schöpfte, der entschlossen auf den Schauspieler gänzlich verzichtete und nur von Marionetten seine Spiele dargestellt wissen wollte. Über manchen Szenen dieser Dichtungen ruhte eine schmerzliche, milde Weihe, als ob eine unendliche Bedeutung hinter all den einfachen Worten und Vorgängen verborgen läge, ein faszinierender Zauber, etwas zugleich Primitives, Unschuldiges, und Spätes, Wissendes, ähnlich den Szenen des Wagnerschen Parsifal. Die Literaturbetrachtung einer kommenden Zeit wird vielleicht von Maeterlinck am höchsten jene Werke schätzen, denen kein Bühnenerfolg beschieden war: Alladine und Palomides, Aglavaine und Selysette. Am niedrigsten wird sie die Todesdramen werten. Vor einigen Jahren wurde in den Hauptstädten Europas eine Pantomime gespielt, in der ein Mann am Telephon stand und die Ausraubung seiner Wohnung, den Hohn der Eindringlinge, den Todesschrei seines Weibes durch dies fühllose Instrument vernahm. Ob die Todesdramen des Belgiers ihrem künstlerischen Wesen nach höher stehen, ist fraglich. Es gibt keine niedrigere Art von Kunst als jene, die auf das Grauen spekuliert. Sie setzt ein Publikum voraus, das um masochistischer Sensationen willen ins Theater geht. Auch für Maeterlinck gilt das Wortspiel, das Victor Hugo bei seinem Eintritt in die Akademie nicht erspart blieb: Vous avez introduit l'art scénique (l'arsenic) dans le drame . Die Technik dieser Stücke wurde mit der jenes höllischen Betthimmels verglichen, der sich Zoll um Zoll senkte und den Schlummernden lautlos erstickte. Andere Vergleiche drücken das Wesen des Vorgangs vielleicht noch deutlicher aus. Vor dem amerikanischen Sklavenkriege wurden rebellische Nigger auf eine sinnreiche Art gezüchtigt: man band sie an einen Baum, so, daß sie den glattgeschorenen Kopf nicht rühren konnten, und ließ aus einem angebohrten hohlen Kürbis ganz langsam einen Tropfen Wasser nach dem andern immer auf dieselbe Stelle des Kopfes niederfallen; die armen Teufel brüllten vor Schmerz. Das eigentliche Geschehnis in diesen Stücken ist stets ein rein äußerliches accident , das durch eine auf die niedrigsten Hintertreppenwonnen der »Spannung« spekulierende Technik zum événement wird. Die Grausamkeit allerdings, mit der diese Schauergeschichten erzählt werden, ist keineswegs alltäglich. Der Autor schleppt ein retardierendes Motiv ums andere herbei; der Kern ist gleichsam japanisch eingeschachtelt: in jeder Schachtel wieder eine kleinere, bis in der letzten, winzigsten das petit fait als widerlicher Unhold dem erschreckten Öffner entgegengrinst. Kürzer: neurasthenischer Sardou. Ein auf die Höhe der Modernität gebrachter Sardou. Der alte Sardou hatte, trotz seiner unleugbaren Geschicklichkeit, einen bösen Fehler gehabt: er hatte bei seinen Zuhörern geistige Mitarbeit verlangt. Nichts von dem bei Maeterlinck. Mag der Zuschauer so dumm sein wie der Chimborasso, Maeterlinck kommt ihm schon; er muß beklommen, nervös, überwältigt, erschüttert werden. Immer an demselben zuckenden Nerv zu zerren; eine Situation auszupressen wie eine Zitrone; ein Gefühl, das schon in einem Augenblick erwürgen möchte, erbarmenslos auf eine Stunde zu verlängern; durch klugen Stumpfsinn, raffinierte Wiederholungen den härtesten Hörer mürbe, den gesündesten krank zu machen: das alles hatte dem Belgier ein anderer, Größerer vorgemacht, der noch unvergleichlich virtuoser auf den drei Grundinstinkten der modernen Seele zu spielen verstand, auf dem Brutalen, dem Unschuldigen, dem Künstlichen. Nach brutalen Reizen verlangt der moderne Mensch, weil er müde, verlebt, abgearbeitet ist; er braucht Stimulantien, immer stärkere, schärfere, wilder peitschende Stimulantien, Nach unschuldig-idiotischen Reizen verlangt der moderne Mensch, weil ihm, nicht nur im Theater, der vornehm genießende Intellekt abhanden gekommen ist; er steht nicht mehr über den Dingen, er hat keinen Sinn für pragmatische Darstellung, für den feinen Reiz strenger Kausalverknüpfung, für den Ewigkeitsakzent, den eine hohe Weltanschauung alltäglichem Geschehen und Tun zu verleihen vermag. Nach künstlichen Reizen verlangt der moderne Mensch, weil er den Sinn für Einfachheit, Ruhe und Größe verloren hat. Die Art, theatralische Kunst zu genießen, nähert sich mit unheimlicher Raschheit und Folgerichtigkeit der spätrömischen Zirkusmanie. Die Grenzen zwischen Zirkus und Theater verwischen sich; ob eine gewisse Art von Spannung durch La Mort de Tintagiles oder durch Looping-the-loop erweckt wird, macht verdammt wenig Unterschied. Maeterlinck lief Gefahr, zum petit marchand de poison zu werden; das lauernde Spielen mit dem Tode gab seinen ersten Werken eine fatale Ähnlichkeit. 10 Alle Künstler sind zwei Gefahren ausgesetzt: Zuerst bildet der Künstler sich sein Publikum, dann erwartet das Publikum ganz bestimmte Sensationen vom Künstler; der Künstler schreibt bewußt für ein Publikum. Noch größer ist das zweite Verhängnis: was einem Künstler ein einmaliges, ungeheures Erlebnis war, mit dem er gewaltig ringen mußte, bis es endgültig gestaltet war, ist ihm selber schon das zweite Mal ein rein technisches Problem der Wiederholung, das er leichten Sinns und spielend löst; aber sogar andere, denen seine Voraussetzung fehlt , die nichts dergleichen erlebt, nie nächtelang um den künstlerischen Ausdruck gerungen haben, machen eben diesen Ausdruck leichten Sinns und spielend nach, weil sie ihn technisch beherrschen und nachmachen können . Alles Große jedoch ist etwas Einmaliges, ein απαξ λεγομενον. Wer seine höchsten Erlebnisse ein zweites Mal gestaltet, prostituiert sie. Es war wohl in diesem Sinne, daß der alte Böcklin einmal äußerte: »Wer immer dasselbe malt, ist ein Schweinehund«. Und daß er den berühmtesten Musiker des Jahrhunderts barsch abtat: »Nein, der ist nicht groß. Der hat keine Variation.« 11 Doch laufen wir nicht Gefahr, ernster zu werden, als es sich für den Anlaß schickt? Laufen wir nicht selbst Gefahr, von philosophischen Problemen zu reden? Es gibt nur ein Mittel, wie mit Faustens Zaubermantel in einem Nu meilenweit aus dem philosophischen Walde zu entschweben: retten wir uns zu Maeterlinck dem Philosophen! Besuchen wir ihn in seiner Idylle, wie sie Octave Uzanne beschrieben hat: »Bin ich denn noch in Frankreich? Am Ende der Allee steht ein helles, schlichtes, gefälliges Haus; halb batavischer, halb Directoire-Stil. Weiße Fenster mit grünen Läden leuchten aus Wänden, die goldgelb sind wie Butter. Wiesen und Obstgärten ringsum. Vorne ein reizender Garten, den ein weißer Zaun umgibt, voll von lauter bunten, simpeln Blumen; der reine Garten eines Pfarrhofs. Maeterlinck empfängt uns im Sportkostüm. Dieselbe feierliche Ruhe, von der seine letzten Schriften erfüllt sind, glänzt in seinem Gesichte. Eine ruhige, helle, glückliche Seele strahlt aus seinen Augen; der freie, offene Blick eines Kindes. Das Innere der Zimmer wirkt ganz geistlich einfach, ganz und gar harmonisch; lauter weiße Täfelung, leichte Vorhänge, keine Bilder, kein protziger Schmuck. Die Möbel im Salon einfach grün, im Eßzimmer rot lackiert. In Bauernvasen schlanke Blütenzweige auf den Wandbrettern. Im Arbeitszimmer, mitten auf dem Tisch, mitten zwischen Büchern, ein Bienenvölkchen, das sich gar nicht stören läßt. Ein Dutzend labt sich an etwas Honig, der offenbar absichtlich auf die Tischdecke ausgegossen worden ist.« Was weiß er uns zu verkünden, der gütige Landpfarrer, Imker und Philosoph im Sportanzug? Er spricht vom innern Leben, wie der selige Thomas von Kempis; vom Schweigen in unserm Innern, das doch so beredt unser wahres Wesen ausspricht. Es ist wie der unterirdische Dialog, der in allen guten Dramen als bedeutsamer Grundton mitschwingt. Darum sind Blinde manchmal so hellsichtig, weil sie so konzentriert in sich hineinleben. Manchmal aber erkennt die Seele sich selbst; in äußerster Furcht, in innigstem Mitleiden, in höchster Liebe erkennen die Seelen sich wechselseitig. – Was sind wir schließlich? Die Götter lächeln über uns, wie wir lächeln, wenn wir junge Hunde auf einem Teppich herumspielen sehen. Wir wollen schweigen; wir wollen warten. Vielleicht hören wir balde die Götter flüstern. Ist denn der Unterschied so groß zwischen einem Aphorismus Marc Aurels und der Bemerkung eines Kindes, daß es kalt sei? Seien wir demütig! Maeterlinck als Philosoph unterliegt gänzlich einer Gefahr, die sich vielleicht als »die Freude am Jargon« bezeichnen läßt. Er mischt eine bestimmte Anzahl von Abstrakten: Weisheit, Schicksal, Seele, Gerechtigkeit, Mysterien, Kräfte, Gesetze, Ursachen, Natur. Er legt diese Abstrakta vor uns aus wie ein Spiel Karten. Er manipuliert damit ebenso rasch wie elegant. Jeden Augenblick geraten wir in Versuchung zu glauben, das amüsante Spiel könne vielleicht am Ende doch noch irgendwelchen Sinn haben. Man kann auf diese Weise Essays schreiben bis das Papier ausgeht. Man kann auf diese Weise Bücher schreiben. Sogar mehrere Bücher. Sogar dicke Bücher. Ja, man kann sogar viel leichter solche Bücher schreiben, als sie lesen. Dies scheint Ihnen zu stark zu sein? Dies scheint Ihnen denn doch ungerecht zu sein? Nun wohl, hören Sie! Sie haben es selbst gewollt! »Wo will die Natur hinaus? Wonach trachten die Welten im Schöße der Ewigkeit? Wo fängt das Bewußtsein an, und kann es keine andere Form haben, als die, welche es in uns annimmt? Von wo ab sind die physikalischen Gesetze auch Moralgesetze? Ist das Leben bewußtlos? Kennen wir alle Eigenschaften der Materie und wird sie einzig und allein in unserem Gehirn zum Geiste? Und was ist schließlich die Gerechtigkeit, aus einer andern Höhe gesehen? Bildet die Absicht notwendigerweise den Mittelpunkt ihres Systems, oder gibt es auch Fälle, wo die Absicht gar nicht mitzählt?« (Der begrabene Tempel. S. 41.) Man kann das tiefsinnig finden. Man kann es auch pueril finden. Wenn Feuerbach von sich selbst sagte: »Keine Philosophie, ist meine Philosophie«, so kann mit ungleich mehr Recht Maeterlinck sagen: »Meine Philosophie ist keine Philosophie.« Die philosophischen Werke Maeterlincks lesen sich sehr oft wie eine höchst unfreiwillige Parodie auf Emerson, den er auch zum Teil übersetzt hat. Besonders in die dunkelsten von Emersons Essays hat er sich verliebt. Ohne Gegenliebe, wie es scheint: Self-Reliance, Compensation, The Over-Soul, Circles, Nature . So ist Le temple enseveli nur der mißverstandene und zum Erbarmen verwässerte und verspießbürgerlichte Essay Compensation . Man wäre beinahe versucht, einen Ausspruch von Oskar Wilde zu parodieren: Whatever is philosophical in Mr. Maeterlinck's big volumes, he owes to Emerson. Whatever is nonsense, he owes to himself . Ich mache mich anheischig, für jeden tiefen Gedanken, den man für Maeterlinck reklamieren möchte, die Vorlage bei Emerson nachzuweisen. Der allerneueste Band aber, Le double jardin , warum doch nennt er sich nicht lieber Le triple jargon ? Denn es ist in der Tat keine schwache Tripelessenz von Jargon, mit der hier salbungsvoll über den Tod eines jungen Hundes und über den Zorn der Bienen, über Feldblumen und Chrysanthemen, über Automobilfahren und Duell gepredigt wird. Ich lege das Buch weg und schlage, um mich zu erholen, die neue Nummer der Woche auf: was muß ich finden? Von Maeterlinck einen Essay über den Landaufenthalt, genau in demselben Jargon, süß wie Saccharin, weich wie Butter, unaufhörlich murmelnd und plätschernd wie ein seichtes Wässerlein. Es ist fast wie eine symphonische Dichtung von Liszt. So gut es Liszt freistand, für jedes beliebige Werk der Weltliteratur sich orchestral zu echauffieren, ebensogut könnte sich Maeterlinck über jedes beliebige Thema philosophisch exaltieren, über den Cake Walk, das Diabolo, die selbstlose Tätigkeit des Psychologischen Verlags, Maggis Suppenwürze, Zeppelins Luftschiff und Isadora Duncan. 12 Wenn man nicht scharf, nicht schneidend genug die rosarote Theosophie ablehnen kann, die uns Maeterlinck mit beharrlicher Sanftmut doziert, so muß man andrerseits dem Dichter geben, was des Dichters ist. Schon in Pelleas und Melisande glänzt es stellenweise auf wie die Vision einer seligen Märcheninsel, die hoch über den dumpfen Stubenschauern der Prinzeß Maleine, unendlich hoch über den kleinlichen Henkerkniffen der Todesdramen schwebt. Ein Hauch von der schwermütigen und ritterlichen bretonischen Sage, ein verwehter Klang vom alten Lied von Tristan und Isolden seufzt sehnsüchtig aus diesem Stücke. Man darf in der Weltliteratur suchen, bis man eine Szene findet, so zart leidenschaftlich wie diejenige, in der Melisande vom Söller aus auf Pelleas sich herabneigt, und ihr goldenes Haar sich löst, und die blonden Wellen den Abschiednehmenden umhalsen. Dies ist nur ein Beispiel für den außerordentlichen Sinn Maeterlincks für das Szenische. Seine Szenen sprechen ihre eigene, köstliche Sprache: sie können des dichterischen Wortes entraten. In der Szene, im Bühnenbilde, in der Attitüde liegt die Dichtung; das Wort dient nur sie zu verstärken, ihr Verweilen zu rechtfertigen, das neue Bild vorzubereiten. Nicht die Entwicklung ist das Entscheidende, sondern die Szene. Mägde öffnen in Morgenfrühe hohe Burgpforten. – An einem Brunnen sitzen, gegeneinander geneigt, zwei Liebende, die es noch nicht wissen, daß sie sich lieben. – Der Eifersüchtige hält auf dem Arme das Kind, das in das dämmerige Gemach hineinsieht, in dem zwei Liebende stumm träumen. – Eine Sterbende liegt im Abendscheine auf weißem Pfühl: da sinken plötzlich die alten Mägde in die Knie. – Das alles aber ist Oper, nicht Drama. Es sind lauter stillstehende Szenen, von denen solch wundersamer Reiz ausströmt. Nur Wagner hat einen ähnlichen Blick für das szenisch Hinreißende. Es ist weniger ein rein episches Verweilen auf ergreifenden Situationen, als ein lyrisches und ekstatisches Schwelgen. Dramatisch ist es nicht. Die Hauptpersonen bei Maeterlinck sind rührend schöne Opfer, die in edler Haltung den Todesstreich erwarten. Er kennt nicht die Tragödie des Wollens, des Kämpfens, sondern der duldenden Unschuld, der sanften Resignation, des vom Schicksal zermalmten wehrlosen, sich gar nicht wehren wollenden Einzelgeschicks. Er schreibt tragische Idyllen, verherrlicht eine rein passive Tragik, eine feminine Art von Tragik; nicht umsonst sind alle Hauptpersonen seiner Stücke junge, etwas kränkliche Frauen. 13 Letztes Problem: ist zwischen geläuterten Menschen noch eine Tragödie möglich? Ist das Theater der Güte, der Liebe, der Schönheit ohne Tränen möglich? Maeterlinck hat in Aladine und Palomides versucht, den neuen Weg zu beschreiten: es wurde ein Kompromiß zwischen dem alten und dem neuen Ideale; Korridorschauer, vermischt mit Tristanischer Entzückung. Auch in Aglavaine und Selysette scheint das Schicksal plötzlich die vom Dichter gewollte Richtung eigenwillig zu verlassen und stürmisch der Tragik, einer sehr tränenreichen Tragik sogar, zuzueilen. Bittre Tränen glänzen auch aus den Augen der armen Beatrix. Hier war Maeterlinck nicht glücklich von seiner Vorlage, der mittelniederländischen Legende Beatrijs , abgewichen; die alte Fassung ist dramatisch viel straffer als das opernhafte Mysterium, das er daraus gemacht hat. Dort ist vor allem Wunder und Fall begründet: Beatrix findet Gnade, weil sie auch in ihrem Welt- und Sündenleben die marianischen Tageszeiten betet. Sie sündigt nur, um ihre armen Würmer vor dem Hungertode zu bewahren, und da der Abt, dem sie ihre Schuld beichtet, »vom Kloster schied mit Gruß und Segen, da nahm er mit auf seinen Wegen die Kinder zwei in Büßertracht, hat gute Menschen aus ihnen gemacht«. Gerade der letzte Zug ist echt mittelalterlich: hoffend und gütig. Cäsarius von Heisterbach kennt diesen Schluß ebensowenig wie die (auf der kaiserlichen Bibliothek in Wien befindliche) Übersetzung und ihre französischen Nachahmungen, wie auch Maeterlinck ihn nicht kennt. Gottfried Keller hatte die kraftvolle und heitere Innigkeit der mittelalterlichen Legende verstanden, und mit Rührung liest man in seinem Berichte, wie die alte Beatrix in dem eisernen Rittersmann und den acht jugendlichen Kriegern, schön wie geharnischte Engel und schlank wie junge Hirsche, den Gatten und die Söhne wiedererschaut, und alles Volk froh bekennt, sie habe der seligsten Jungfrau die köstlichste Gabe gebracht. Vor solch weltfroher und gütiger Weisheit verblaßt Maeterlincks zerknirschte Oper wie ein müder, böser Traum. Seine Schwester Beatrix ist im Grunde jenen erbarmenswürdigen Geschöpfen der neueren Russen verwandt, die, vom Leben befleckt und zertreten, in einem Winkel verenden, und über die bittere, lebensfeindliche Unfreudigkeit der Auffassung des Dichters täuscht nicht die prunkvollste, sinneberauschende Dekoration, nicht die feinste Stimmung, täuschen nicht Glockenklang und Rosenregen und Engelreigen den Schärferblickenden hinweg. 14 Da überraschte Maeterlinck alle Welt durch das Drama, das ihm in Deutschland lärmenden Tageserfolg eintragen sollte. Was war Monna Vanna andres, als ein typischer Novellenstoff der italienischen Renaissance? Bot sich eine gleich lockende Gelegenheit, die Liebe in ihren verschiednen Formen mit spitzfindiger Leidenschaft zu preisen? Gattentreue, hoffnungslose Schwärmerei, unbewußt und zart keimende Neigung, wütende und blinde Eifersucht, fessellose, gewaltige Liebe? Wie aber kam Maeterlinck zur Renaissance? – Es geht ein zwingender und unwiderstehlicher Reiz aus von der großen Form. Zwischen drei ganz großen, gewissermaßen ewigen Formen sucht das Drama der Neueren zu vermitteln: zwischen hellenischer Tragödie, französischer Renaissancekunst und Shakespeare. Der Zauber der großen Form wird nur schwachen Geistern verhängnisvoll. Er zieht an wie ein Magnet. Man kann um die Form, in der eine künstlerische Epoche ihr Letztes und Vollendetstes aussprach, nicht herumkommen. Die Form erweist sich schließlich stärker als das künstlerische Individuum, aber den weise sich Unterwerfenden macht sie zum Lohne doppelt stark. Maeterlinck, der sich schon seit geraumer Zeit der jambischen Sprache genähert hatte, schrieb die Monna Vanna zum größten Teil in reimlosen Alexandrinern; so sehr ist er auch im Äußerlichen im Banne Racines. Denn Monna Vanna ist eine Nachblüte racinescher, wie Cyrano de Bergerac corneillescher Kunst. Freilich ist Maeterlinck nicht ungestraft ins klassische Theaterland hinübergesprungen; es ist durchaus nicht immer Racine, sondern auch ein wenig Sardou, dem er seine Wirkungen verdankt. Seien wir sicher, daß in zwanzig Jahren Sarah Bernhardt die Monna Vanna spielen wird. ... Was sonst noch an dem Stücke störte, war vor allem die wunderliche und geschwätzige Philosophie des greisen Marco, in der Tiefsinn und Banalität sich drollig vereinigten. Um aber über eines keinen Zweifel zu lassen: wem Monna Vanna gefiel, das war am Ende gleichgültig; wem aber das Stück niemals und unter keinen Umständen gefallen durfte, verstand sich von selbst: dem deutschen Publikum. Nichts, was dem deutschen Geschmack entgegengesetzter war: schöne Reden, heldenhafte Gefühle, langes Verweilen auf psychologischen Nuancen, jäher Sinneswechsel, viel, allzuviel Reflexion, das alles in gepflegter, edler Sprache, in einer Sprache, die in ihrer eigenen Schönheit schwelgte, ihrer eigenen Köstlichkeit nicht müde wurde, die am Worte sich ekstasierte und göttlich trunken redete: wie war das alles romanisch! wie wenig entsprach das deutschen Wünschen, wie unverständlich mußte das einem deutschen Publikum sein! Und nun geschah das Wunder: Monna Vanna hatte in Paris und damit in Frankreich wenig, in Deutschland einen enormen Erfolg. Damit ist wieder die Frage fällig: Was war geschehen? welches Unglück ? Sudermanns Johannes verdankte seinen Erfolg dem halbnackten Schleiertanze der Salome. Was vorher etwa, an Originalem oder klug Nachempfundenem, in dem Stücke fesseln konnte, langweilte das Premièrenpublikum; aber als im fünften Akte Salome sich zum Hemisphärentanze rüstete, ging es wie ein Schauder durch das Haus: man atmete schwer und brachte das Binokel nicht mehr vom starren Auge; »da verstanden wir uns gleich ...« Auch Wildes Salome tanzte, aber sie ersparte den kunstsinnigen alten Herren vier langweilige Akte; man kam rascher zur Sache. Monna Vanna war die Weiseste: sie dekolletierte sich im zweiten Akte. So füllte sie zugleich den Abend und das Haus ... Die Kühle, mit der Maeterlinck von Anfang an in Frankreich, vom Publikum sowohl wie von der Kritik, behandelt wurde, konnte stutzig machen. Der geringe Erfolg, den Monna Vanna bei den Franzosen fand, mußte sogar auffallen. Aber als das begabte Theatervolk, das sie sind, nahmen die Franzosen Anstoß an dem Aufwande von Gemüt und Reflexion, an dem Mangel an dramatischer Wucht. »Alle Personen sind um die Wette edelmütig«, spottete ein Kritiker; »warum bewirbt sich keine um den Prix Montyon? « Die Franzosen sind sehr empfindlich im Punkte der Sprache; der reimlose Alexandriner, in dem fast die ganze Monna Vanna geschrieben ist, ging ihnen auf die Nerven. »Warum, sagten sie, schreibt dieser Herr Maeterlinck Verse, die keine Verse sind? entweder er kann in unserm klassischen Dramenverse dichten, warum, zum Teufel, tut er es dann nicht? oder aber er kann es nicht, warum, zum Teufel, hält er uns mit seinen monotonen Jamben zum Narren?« In beiden Punkten denkt der Deutsche anders. Er liebt die Verse, die eigentlich Prosa sind. Er liebt das »Gemüt« auf der Bühne. Wenn aber gar das Gemüt nichts anhat, als einen weiten Mantel, ist er vollends im siebenten Himmel ... Der Abbé Galiani (1907) »Madame, so ist's recht: schreiben Sie immer, selbst wenn es nichts zu schreiben gibt. Ebenso werde ich Ihnen antworten, wenn ich Ihnen nichts mitzuteilen habe, und das wird schließlich eine sehr interessante Korrespondenz werden.« 2. Okt. 1769 »Sie müssen alle meine Briefe sammeln wie die Blätter der Sibylle, Gott weiß, was darin stehen mag, wenn sie einmal gesammelt sind.« 26. Mai 1770 1 Als der zweiundzwanzigjährige Ferdinand Galiani sich als Verfasser des erstaunlich frühreifen Buches Della Moneta bekannte, erhielt er die Pfründe des Bistums Centola und der Abtei San Lorenzo. Um rechtlich in ihren Genuß zu treten, bequemte sich der junge Adelige zu den niederen Weihen. Papst Benedikt IV. verlieh ihm den Titel Monsignore und den Rang eines Infulierten, aber der Name, unter dem ihn die Welt kennt, ist Abbé Galiani. Nietzsche nennt ihn mit einiger Übertreibung den tiefsten, scharfsinnigsten und vielleicht auch schmutzigsten Wie Nietzsche dazu kam, Galiani den schmutzigsten Menschen seines Jahrhunderts zu nennen, darüber eine Vermutung. Seite XLII der Notice sur l'Abbé Galiani , die der ersten Ausgabe von Asse vorangesetzt ist, findet sich folgender Satz: Cet Italien était d'une salacité qui surpassait tout ce qu'on a connu en France en ce genre . Das Wort salacité (Geilheit) erweckte in Nietzsche die beiden Vorstellungen sagacité (Scharfsinn) und saleté (Schmutz). Menschen seines Jahrhunderts. Jedenfalls war er einer der geistreichsten, unabhängigsten und unzeitgemäßesten. Er hat einige volkswirtschaftliche Werke, geistvolle Dialoge und ein Buch über den neapolitanischen Dialekt verfaßt. Dies ist alles mehr oder weniger vergessen. Er hat an seine Freunde in Paris einige hundert Briefe geschrieben, die zum Schatze der reichen französischen Quellenliteratur über das galante Jahrhundert gehören. Sie sind, von Heinrich Conrad zum ersten Male vollständig übersetzt und von Wilhelm Weigand eingeleitet, vor kurzem herausgekommen. Wir verdanken Herrn Weigand sehr wertvolle Aufsätze über Frankreich und die Franzosen. Leider sind seine Essays (über Voltaire, Rousseau, Sainte-Beuve, Taine, Amiel, Baudelaire usw.) seit fünfzehn Jahren vergriffen, die feinen Seiten über Stendhal in einer wenig bekannten Sammlung versteckt und die Einleitungen über Rabelais und Galiani durch den hohen Preis der betreffenden Werke schwer zugänglich. Gesammelt erregten diese Studien allgemeineres und noch lebhafteres Aufsehen, als einst der schmale Band der Essays bei einer kleinen Gemeinde anspruchsvoller Leser hervorrief. Wenige unserer Mitlebenden verbinden mit gleicher Kenntnis der französischen Literatur die Gabe, sie in ihren feinsten Äußerungen nachzuempfinden und nachzuschaffen, bei aller zärtlichen Neigung für seltene und umfängliche Naturen ihr Wertvolles und Vergängliches mit Gelassenheit zu scheiden, Menschen und Werke einer versunkenen Schönheitswelt in ihrem besonderen Lichte zu zeigen und dabei die eigene Persönlichkeit zu wahren. Kenntnis ohne gelehrtes Brüsten, Hingabe ohne Selbstverlust, Feinheit ohne Empfindelei: durch solche Vorzüge wirkt der Herausgeber in dem glänzenden Kulturbilde, das er den Briefen vorangesetzt hat. An Tatsachen bringt Weigands Einleitung nichts Neues. Dies ist begreiflich, da die beiden französischen Ausgaben von Galianis Briefen in ihren Notices so ziemlich alles Material zusammentragen: die eine von Eugène Asse (Charpentier), die andere von Perey und Maugras (Calman Lévy); die erste bietet ausgezeichnete Anmerkungen, aber nur die zweite gibt einen korrekten Text. Nach ihr ist die vorliegende Übersetzung angefertigt, während die Noten auf beiden Ausgaben fußen, mit Bevorzugung der von Asse. Leser, die sich für Galianis nationalökonomisches Hauptwerk interessieren, die Dialoge über den Getreidehandel (auch Dialoge über die Regierungskunst betitelt), seien auf die Übersetzung Franz Bleis verwiesen (Bern, Wyß), als die einzig vollständige, deren Wert durch eine knapp hundert Seiten starke Studie des Übersetzers erhöht wird. Auch dieser Einleitung verdankt Weigand für die seine manches Tatsächliche. Die Dialoge sind so spannend geschrieben, daß sie auch heute noch aufs lebhafteste fesseln und ihre Neuherausgabe ein Verdienst wäre. 2 »Der Abbé«, berichtet Marmontel, »war der hübscheste kleine Harlekin, den Italien hervorgebracht; aber auf den Schultern dieses Harlekins saß der Kopf Macchiavells.« Wir besitzen nicht viele, und darunter keine vorzüglichen Bilder von ihm. Sie zeigen einen typisch süditalienischen Kopf guter Rasse: das Auge groß, rund und lebhaft; die Brauen kräftig gewölbt, der Mund voll Ausdruck, Nase und Kinn robust, die Stirn hoch und gerade, der Schädel stark ausgebildet, das Ohr zierlich, alles in allem ein auffallend geistvoller und lebendiger Kopf. Allein das treueste Bild bleibt starr und stumm, wenn es sich um den flüchtigen, niemals festzuhaltenden Reiz eines improvisierenden Plauderers und Anekdotenerzählers handelt. In diesem Sinne sind seine Briefe bezeichnender für ihn, als jedes Porträt sein könnte. Man muß sie allerdings beim Lesen übersetzen , sich im lebhaftesten Gespräch vorgespielt denken, überreich an eindringlichen, ablehnenden, beteuernden, ironisch pathetischen, verbindlichen Gebärden, begleitet von koketten Blicken, schalkhaftem Spiel des Mundes, bewegten Lippen, burlesk gerunzelter Stirne, alle Töne und Register des Vortrags und jedes Tempo meisternd, zärtlich und zögernd, leicht dahintanzend, gravitätisch schreitend, in toller Ungezogenheit wirbelnd, presto con molto brio: Monologe eines mutwilligen Neapolitaners, der, unfähig nur eine Sekunde lang still zu sitzen, sich an seinen eigenen Gesten, Worten, Witzen steigert, bei dem unbewußte und bewußte Schauspielerei nie zu trennen sind, der bei aller Keckheit zu höflich ist, sich je ganz zu geben, bei aller Schamlosigkeit zu schamhaft, der unter den waghalsigen Zynismen, die er mit graziöser Frechheit gleich bunten Raketen emporzischen läßt, eine hochmütige und melancholische Seele verbirgt, irgend ein ingrimmiges Mißtrauen, irgend einen unversöhnlichen Haß, irgend einen tapfern, trockenen Galgenhumor. Mit Stendhal teilte Galiani die Neigung zum Pseudonym und zur Maske; nur war seine neugierige Eitelkeit naiver als der gallige Stolz des Grenoblers, der seine Abstammung aus der häßlichen Provinzstadt mit dem schönsten sehnsuchterregenden Hochgebirgshintergrunde nie ganz verleugnen kann. Es ist eine hübsche Pointe, sich den Abbé Galiani und den Abenteurer Casanova an einem Tische sitzend vorzustellen, wie es wirklich mehrmals der Fall war: beide keck sinnliche Naturen, weltmännische Italiener, die ihr Vaterland verlassen hatten, um in Paris die Befriedigung ihrer feinsten wie ihrer gröbsten Triebe zu finden. Man mag sich als Widerpart Galianis im Gespräche denken, wen man will, unwillkürlich spielt der Abbé die bedeutendere Rolle. Dies ist immerhin etwas. Sein äußeres Leben ist bald erzählt. Er ist am 2. Dezember 1728 in Chieti geboren, am 30. Oktober 1787 in Neapel gestorben. (Goethe, der damals in Rom weilte, hat ihn offenbar nicht gekannt, obgleich die in Venedig erworbene Ausgabe des Vitruv, da sie von Galianis Bruder Bernardo besorgt war, ihm den Namen auffällig machen mußte.) Früh zeigte er Neigung für volkswirtschaftliche Fragen, las in der Akademie der Emuli sogar eine sicher sehr gelehrte Abhandlung über den Zustand des Münzwesens zur Zeit des trojanischen Krieges vor. In einem pompösen Trauergedicht auf den Tod des Scharfrichters Jannacone parodierte er den akademischen Stil ebenso sicher, wie er in seinem Buche Della Moneta den Stil eines reifen Mannes spielend nachahmte. Gefeiert in Florenz, Padua, Venedig, Turin, sich als gelehrter Liebhaber mit Geologie, Archäologie, Münzenkunde beschäftigend, lief er Gefahr, eine jener lokalen, höchstens nationalen Koryphäen zu werden, die man rasch und gründlich vergißt, als er plötzlich im Frühjahr 1759 der neapolitanischen Gesandtschaft in Paris beigegeben wurde. »Er wird es bei Hofe zu nichts bringen«, bemerkte die kühle Madame Necker, »er denkt zu hoch und spricht zu niedrig.« »Ich bin nur das Muster ohne Wert eines Sekretärs, er selbst kommt nach«, so stellte sich der geistreiche, ein wenig bucklige Zwerg vor, als man ihn bei Hof auslachte. Er fühlte sich unglücklich, unelegant, linkisch, ehe er mit den Enzyklopädisten und durch sie mit den Salons bekannt wurde, in deren Kreis er ein glückseliges Dezennium verlebte, bis er 1769 einer unerwarteten diplomatischen Konstellation geopfert und abberufen wurde. Seine Vaterstadt Neapel ward sein Exil. Er wurde nacheinander Sekretär des obersten Handelsgerichts, Vorsitzender der Domänenverwaltung, Advokat des Staatsschatzes, Beisitzer des obersten Finanzrates, hatte Einfluß und Macht eines Ministers, aber nichts konnte ihm Paris ersetzen. Es macht einen rührenden Eindruck, wenn er mit befreundeten ausländischen Diplomaten Paris spielt. Halb scherzhaft, halb ernst schildert er seine Lage: »Mangel an Vergnügungen, an Gesellschaften, an Freunden, an Schülern, an Diners, an Soupers, an Geld, an Gesundheit, an Fröhlichkeit, an angenehmen Geschäften, an Liebe; aber dafür hab ich die Freundschaft des Ministers, den Ärger der Neider, die Gefahr der Verleumdungen, die unabsehbare Schar der langweiligen Menschen, die Prozesse, den Palast, den Hof, auf den Straßen die Dudelsäcke und an den Füßen die Hühneraugen.« Man vergleiche mit dieser komischen Arie eine andere Schilderung, die der Präsident Charles de Brosses in seinen Lettres familières écrites d'Italie gibt (die Briefe, seit 1858 vergriffen, sind vor kurzem neu abgedruckt worden): »Nach meinem Geschmack ist Neapel die einzige italienische Stadt, die wirklich wie seine Hauptstadt aussieht. Der Verkehr, das Hin- und Herwogen der Menge, die erstaunliche Anzahl und das unaufhörliche Gerassel der Kutschen, ein respektabler, sogar ziemlich glänzender Hof; die Eleganz und das großartige Auftreten des Adels, all das trägt bei, der Stadt jenen lebhaften und bewegten Charakter zu geben, den Paris und London haben, und den man in Rom vergebens sucht.« So schrieb De Brosses zwanzig Jahre vor Galianis Abberufung aus Paris; allein De Brosses war Provinzler, der geistreichste Mann von Dijon, und Galiani war Pariser: »Die Pflanzen verändern ihre Natur, wenn sie in andern Boden versetzt werden, und ich war eine Pariser Pflanze.« »Das einzige gute Wort, das mir dieser langweilige Herr Sterne gesagt hat, war dieses: Es ist besser in Paris zu sterben, als in Neapel zu leben.« »Ach, ich bin in Neapel! Das will sagen: im Lande der Langeweile, der Schwerfälligkeit, der Traurigkeit.« Die Briefe, durch die er diesen drei Mächten zu entrinnen trachtete, sind alles andere als langweilig oder schwerfällig, und ihre gelegentliche leise Traurigkeit unterbricht wie ein kurzes dunkles Adagio die geistreiche Heiterkeit, die ihr eigentliches Element ist. Gewiß sind nicht alle lesenswert; mit Herrn Pellerin z. B. unterhält er sich fast nur über die Vermehrung seiner Münzsammlung und die Verminderung seines Augenlichtes. Aber als Ganzes genommen sind sie unvergleichlich. Daß sie ein wenig für ein größeres Publikum geschrieben sind (»Meine Briefe gelten wie die des heiligen Paulus, Ecclesiae quae est Parisiis «), läßt sich nicht bestreiten, aber es lag seit Madame de Sévigné im Charakter des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, seine Korrespondenz an einen ganzen Kreis von Freunden und Bekannten zu richten, wie es im Charakter des neunzehnten lag, mit seinen Tagebüchern vor dem Spiegel und vor der Nachwelt zu posieren. Was diesen Briefen, wie der ganzen Art ihres Verfassers einen besonderen Reiz gibt, empfand schon der Wahlpariser Grimm, Madame d'Epinays Geliebter: »Sein Stil, sein Wesen, seine Weltanschauung, seine Ideen, – nichts erinnert an die Ferneysche Mache.« Um Galianis Unterscheidendes zu erfassen, genügt es, einige der charakteristischen Flachheiten Voltaires im Dictionnaire philosophique zu lesen, z. B. den Artikel Versu . Die Probleme Galianis scheinen untergeordneter Art: die Getreideausfuhr; die Gesundheit seiner Angorakatzen; die billigste Art, seine und Madame d'Epinays Briefe zu befördern; billigen Kattun für seine Hemden, billige Taschentücher, gute Tinte zu bekommen; die Meinung der Pariser über seine Dialoge zu erfahren. Dies alles nimmt in den Briefen einen breiten, für ungeduldige Leser allzubreiten Raum ein. Aber ungeduldige Leser verdienen auch nicht, daß man ihnen hübsche Briefe schreibe. »Notabene, ich habe in Geldsachen immer ein bißchen Eile ... ich möchte mein Geld wieder haben... Ich lege Ihnen ans Herz, mich immer zu lieben und mir mein Geld wieder zu verschaffen: Das ist das Gesetz und die Propheten.« Wer so an eine Dame schreibt, ist kein Poseur, keine schöne Seele. Dabei war er alles andre als geizig. Um die Gründe seines chronischen Geldmangels gefragt, antwortete der Inhaber so vieler Pfründen: »Weil ich alle Laster habe.« Sein Testament begann mit den Worten: »Die meine Art zu leben kannten, werden nicht erstaunt ein, daß ich so wenig Geld und Gut hinterlasse.« Ebenso naiv ist seine Eitelkeit: »Eine Verdienstmedaille, ein Brief, ein bemerkbares Lob, das man veröffentlichen kann, würde mir genügen«: wie wohlriechend ist diese Eitelkeit, verglichen mit der des moralischen Pfauen Rousseau! »Die Medaille trifft nicht ein«: Dieser Schmerzensschrei ist ehrlich! Und welch naives Entzücken, zu vernehmen, »daß die beiden größten Wesen der Welt zu Mohiloff von einem kleinen Einwohner Neapels gesprochen haben, den alle zwei niemals gesehen haben« (Katharina II. traf in Mohilow mit Joseph II. zusammen): erst in Nietzsches Briefen vom April 1888 an, nachdem er von den Vorlesungen Brandes' erfahren hat, vernimmt man wieder diese naive Freude am Ruhm, die für den Menschen der Renaissance natürlich war, und die der moderne Mensch vor sich und anderen vergebens zu verhehlen sucht. Seine Hauptsorge in Neapel war, seinen drei Nichten Männer zu verschaffen, und es ist ergötzlich, ihn seufzen zu hören: »Meine Nichten, meine gottverfluchten Nichten fesseln mich an diesen grausamen Pfahl«. »Ich habe just zwei von meinen drei Nichten verheiratet. Die Dritte, die bucklig ist, wird viel schwieriger zu verkaufen sein. Wenn ich es so machen würde, wie Ihr Kattunhändler, könnt' ich sie gegen die zweite vertauschen, die ich eben verheiratet habe und die hübsch ist ... Warten Sie nur, bis ich das Weibzeug aus meinem Haus hinausgefegt habe!« »Ich muß mit meiner unverheirateten Nichte und ihrer Mutter ins Theater gehen: ist das nicht sehr unterhaltend? Eine andere ist gestern mit einem Mädchen niedergekommen. Welche wahrhaftige Freude ist doch die Geburt einer Menge von künftigen Dummköpfen beiderlei Geschlechts, die ich ebenfalls werde verheiraten müssen. Ah, welche Wonne im Schoß der Familie!« »Ich bin im Begriff, die dritte zu expedieren, nachdem ich die Witwe meines Bruders wieder verheiratet habe. Wenn das so fortgeht, wird man klatschen, wenn ich im Theater in meiner Loge erscheine.« Dieser Mann posiert wirklich nicht; er prahlt weder mit den Tugenden, die er nicht besitzt, noch mit Lastern, die ihn besitzen, wie der eitle Verfasser der Confessions . Er war bewußter Egoist, wenngleich er verschmähte, sich wie Stendhal als solchen zu formulieren und vorzustellen. »Man hat für das Leben eines anderen nur so viel Anhänglichkeit, wie man für sein eigenes hat«: damit hätte er Voltaires Artikel Vertu in Bausch und Bogen abgelehnt. »Ich liebe die Monarchie, weil ich mich der Regierung näher fühle als dem Pflug. Ich habe fünfzehntausend Livres Einkünfte, die ich verlieren würde, um Bauern zu bereichern. Mach es ein jeder wie ich, und spreche er so wie es seine Interessen erfordern, so wird man sich auf der Welt nicht mehr streiten. Der Sprachwirrwar und der Lärm kommen daher, daß ein jeder für die Sache der andern redet und niemals für seine eigene. Abbé Morellet deklamiert gegen die Priester, Helvetius gegen die Finanzleute, Boudeau gegen die Faulenzer, und alle reden zum Besten des Nächsten. Die Pest hole den Nächsten! Es gibt keinen Nächsten. Sagt, was ihr braucht, oder schweigt!« Kommen wir ihm allmählich näher, diesem Zyniker und Tatsachenmenschen? entdecken wir den Ernst hinter diesen Scherzen, den Philosophen hinter dem Briefschreiber, den Macchiavell hinter dem Harlekin? »In politischen Dingen erkenne ich nur den reinen, unverfälschten, rohen, grünen Macchiavellismus an. Abbé Raynal wundert sich, daß wir den Negerhandel in Afrika betreiben; warum wundert er sich nicht auch, daß man Maultiere von Guyenne nach Spanien verhandelt? Gibt es etwas Scheußlicheres, als Tiere zu kastrieren, Pferden den Schwanz zu stutzen usw.? Das Kalbfleisch von Pontoise wird zu Aas; also essen Sie es doch nicht! Der Tanz führt zur Müdigkeit; also tanzen Sie nicht! Liebe macht melancholisch; also lieben Sie nicht! Der einzige gute Handel besteht darin, daß man Stockhiebe austeilt und dafür Rupien erhält. Es ist der Handel des Stärkeren. Da haben Sie mein Buch! guten Abend!« Man liest zwischen den Zeilen der Übertreibung die Abneigung gegen alles, was Vertu heißt, man hört den harten Ton des Realpolitikers: das ist nicht achtzehntes Jahrhundert, das könnte Napoleon ebenso gesagt haben! Hier zeigt sich der Abkömmling eines andern Klimas und einer andern Rasse. In natürlichen Dingen vollends ist dieser Südländer von einer Natürlichkeit, die uns unmöglich scheint, besonders wenn man sich vorhält, daß er an eine Dame schreibt: »Um Sie als Prinzenerzieherin hierher berufen zu können, müßte man zuerst unsere Königin schwanger machen. Ich arbeite daran durch die Gebete, die ich zum Himmel sende, und durch meine aufrichtigsten Wünsche. Wäre unsere Königin die Frau eines Privatmannes, so würde ich trachten noch wirksamer daran mitzuarbeiten.« »Dieser Strohsessel ist Grimms Tod! Wenn man den ganzen Tag ein großes Viereck am Hintern hat, wie kann man sich dann einbilden, durch so ein Ding hindurch sich ordentlich auszuleeren? Um Gottes willen, ordnen Sie an, daß ihm überall freie Öffnung gemacht wird, daß man ihn sogar wie ein Kind mit offenem Höschen auf der Straße herumlaufen läßt. Er kann ja sagen, es sei das Zeremonienkleid der deutschen Barone, die keine Baronie haben, und deren Lehenseinkünfte von den Gütern des heiligen römischen Reiches nicht genügen, um Hosenböden zu bezahlen.« »Ist es nicht unwürdig, daß man einen Papst (Clemens XIV.) mit Rattengift umbringt? Daß man einen Pontifex Maximus vergiftet, ist ganz einfach, ganz natürlich, und ich habe nichts dagegen einzuwenden. Aber es gibt Gifte für alle Stände, und Pater Ricci, der Jesuitengeneral, der eine Apotheke und eine vollständige Serie davon besaß, hätte schon etwas Kostbareres wählen können. Rattengift wäre höchstens für einen Kapuzinerguardian gut genug gewesen. Es einem Papst zu geben! solch eine Knickerigkeit!« »Da das Rockaufheben Mode geworden ist, so ist es an der Zeit, die Strumpfbänder zu verbessern. Ich möchte solche mit mehrfach durchlöcherten Silberschnallen, um sie weiter oder enger machen zu können; denn unsere Schenkel sind verteufelt dick.« »Die Verse Marmontels sind köstlich; schade, daß er sie auf seine eigene Frau gedichtet hat. Man muß hoffen, daß er davon abkommen wird. Unbeständigkeit ist ein physisches Gesetz bei allen Tierarten. Ohne sie keine Fruchtbarkeit, keine Mannigfaltigkeit, keine Vervollkommnung.« Der Stammgast der Straßen Fromentin, Saint-Honorée, Champfleury, Tiquetonne und der Place Butty spricht hier durchaus nicht im Scherze. (Wenn er übrigens auf Liebesabenteuer ausging, verkleidete sich der Abbé als Diplomat, während er im gewöhnlichen Leben ein Diplomat war, der sich als Abbé maskiert hatte.) 3 Hier ist vielleicht der geeignetste Moment, uns von unserem Erstaunen über diesen Abbé zu erholen, der scheinbar zu den Salonabbés gehört, während er tatsächlich über alle Salons und Abbés erhaben ist. Man lese in Taines klassischem Werk über das Ancien Régime das Kapitel, das von der Entchristlichung der Geistlichen handelt, und man wird manches begreifen. Der Abbé des achtzehnten Jahrhunderts ist undenkbar ohne den Salon; er ist der feinste Domestik des Salons, sein unentbehrlichstes Möbel. Der Salon ist seine Luft, in der allein er atmen, das heißt frivole Witze machen kann. Er lebt im Salon, er lebt vom Salon, er stirbt mit dem Salon. Er ist unterwürfig wie ein Lakai, diskret wie eine Zofe, indiskret wie ein Barbier. Sein antiker Vorfahr ist der römische Klient: Schmeichler, Neuigkeitskrämer, Schmarotzer. Noch herrscht im Salon die Kunst des Plauderns, des feinen, leichten, raschen Dialogs, in der die Franzosen Meister sind. Ein Bonmot macht die Runde von Salon zu Salon; der bittere Chamfort notiert es und macht es unsterblich. Das Bonmot entschädigt für den Verfall der Institution, den es geißelt. Die Chanson macht den Unfug vergessen, gegen den sie sich richtet. Man applaudiert der Hochzeit des Figaro, ahnungslos, daß das Rasiermesser dieses revolutionären Barbiers mit märchenhafter und unheimlicher Raschheit sich zum Messer der Guillotine auswachsen wird. Man lebt in den Tag mit vollkommener Gedankenlosigkeit: denn die Zeit der vollendeten Fäulnis, die ihr Ende wittert, ist noch nicht da. Das zierlichste Chinesentum, das die Welt je gesehen, lebt sich zu Ende. Noch ist der Geschmack rein, wenn auch raffiniert, die Kunst unbeeinflußt, wenn auch der feinste Maler kein Franzose und von den beiden Rivalen der Oper der eine Italiener, der andere Oberpfälzer ist: der nationale Geschmack ist noch stark genug, sich alles Fremde zu assimilieren. Die Melancholie des Abends und Abschieds ruht für uns Spätgeborene auf dieser übermütig heitern Zeit, das schwermütige erblassende Rot des letzten Herbsttages: der letzte Baustil, der letzte Stil überhaupt in Sprache, Kunst, Mode: was nachher kommt, ist Kopie oder Durcheinander oder Barbarei. Nichts ist wichtiger, nichts notwendiger für diese Zeit, als das Überflüssige. Man ist höflich, verbindlich, liebenswürdig selbst beim Duell. Man ist ernst mit Anmut, debattiert mit Geist, philosophiert mit Witz. Da ist der Salon Holbachs, in dem Diderot, Rousseau, Helvetius, Marmontel aus- und eingehen, dessen Besuch Hume, Garrick, Sterne, Franklin nicht unterlassen. »Roux und Darcet entwickeln ihre Erdtheorie, Marmontel die Prinzipien seiner Elemente der Literatur, Raynal berechnet auf Heller und Pfennig den Umsatz des spanischen und englischen Kolonialhandels, Diderot improvisiert über Moral, Kunst, Metaphysik, Galiani bietet den Salonatheisten Trotz, schlägt ihre Lobeserhebungen mit seinen Wortspielen, wirft seine Perrücke in die Luft, reitet auf seinem Sessel und beweist mit burlesken Gleichnissen und Kalauern, daß die Enzyklopädisten nicht um ein Haar besser sind als die Theologen.« (Memoiren des Abbé Morellet und Taine a. a. O.) Dieselbe Gesellschaft trifft sich Sonntags bei Grimms Dîner de garçon, Freitags bei Madame Necker, ganz zwanglos bei Grimms Freundin und Galianis nachmaliger Hauptkorrespondentin Madame d'Epinay, Montags und Mittwochs bei der klugen Bourgeoise Madame Geoffrin, jeden Dienstag bei Helvetius und wieder ganz zwanglos bei der Freundin d'Alemberts, Julie de Lespinasse. Wir können uns kaum mehr einen Begriff machen von der seligen Heiterkeit dieser Kreise. Erst wenn wir uns in irgend eines der klassischen Dokumente der Zeit langsam und geduldig einlesen, – in die Briefe der Lespinasse, die Memoiren der Madame d'Epinay, die Briefe Galianis – dann steigt es von den vergilbten Blättern auf wie leichter zarter Nebel, eine erlesene Gesellschaft wird wie durch dünne Schleier sichtbar, bewegt sich vor unsern Augen, plaudert, lächelt, liebelt, spiegelt sich in den zahlreichen geschliffenen Spiegeln der Zimmer, gleitet zierlich über das glänzende Parkett, und von den hellen, weißen Wänden spotten aus goldenem Arabeskenwerk oder zwischen geschweiften Gittern dralle Liebesgötter in den verwegensten Stellungen, Faune und Satyre grinsen verständnisvoll aus halbrunden Nischen, die ganze Existenz duftet wie ein Parfüm, girrt wie die Kantilene einer Viola d'Amour, ist flüchtig und welk wie Rosenblätter, die ein zärtlicher Wind vom schlanken Stamme weht, wundersam leicht, beschwingt, aufgelöst in Anmut, alles ist Dekoration geworden, Dekoration der Mensch, das Leben selbst. So schwer es für uns auch ist, bei Betrachtung dieser Zeit je der kommenden Revolution zu vergessen, von der aus gesehen ihre Leichtlebigkeit und Heiterkeit erst die fahle und scharfe Beleuchtung empfängt, so notwendig ist es, uns stets vorzuhalten, daß die Pariser Gesellschaft vor dem Regierungsantritt Ludwigs XVI. sich durchaus nicht als ein Ende empfand, eher als einen neuen Anfang einer Epoche der Vernunft, Duldung, Beglückung. Einer der Wenigen, die in dem reizenden Wirrwarr von Philosophie und Anthitheologie ganz klar sehen und ganz kühlen Kopf behalten, scheint Galiani. Es ist bezeichnend, daß er, trotzdem er Gesandtschaftssekretär war, den Hof vermied und die Salons suchte. Aber er wahrte sich auch im Salon die Überlegenheit des gescheiten Kopfes, der zuviel weiß , um all diesen Geist und Witz ernst zu nehmen. Er, der später in Neapel sich so sehr als Pariser fühlte, empfindet diesen Franzosen gegenüber durchaus als Italiener: »Sie sind ihrem Wesen nach Plauderer, Klugsprecher, Spaßmacher. Ein schlechtes Bild ruft eine gute Broschüre hervor, das ist bezeichnend. Ihr Franzosen werdet stets besser über die Kunst sprechen, als sie ausüben.« »Ein Franzose, und sei er noch so klug, kann sich niemals einen Begriff von einem Lande machen, das anders ist als Frankreich.« »In Paris ist der Begriff der Natur beim weiblichen Geschlecht völlig verwischt.« »Wenn auch der französische gute Geschmack von anderen Nationen angenommen werden kann, den guten Ton werden sie sich nie zu eigen machen; das ist eine echt pariserische Krankheit, wie den Polen der Weichselzopf eigentümlich ist.« Er bewahrt diesen philosophisch und politisch aufgeregten Ideologen gegenüber einen Konservatismus, der erstaunlich ist: »Die Veränderung einer Verfassung ist eine sehr schöne Sache, wenn sie gemacht ist, aber eine sehr häßliche, wenn sie erst noch gemacht werden soll. Sie macht zwei oder drei Generationen ganz gewaltigen Verdruß und verschafft nur der Nachwelt Annehmlichkeit. Unsere Nachkommen aber sind nur mögliche Wesen, und wir sind wirkliche.« »Ich leide unter Frankreichs Unglück«, schreibt er achtzehn Jahre vor Ausbruch der Revolution, »es ist zu alt, um einem derartigen Stoß widerstehen zu können, seine Heiterkeit wird auf ewig dahin sein.« Er durchschaut den Grundfehler der Franzosen als Politiker: ihren Radikalismus im Zerstören: »Sie selbst, Madame, die Sie im Begriff sind, ein Haus zu kaufen, würden den Architekten, der die Löcher verstopft und leichte Umbauten vornimmt, viel höher schätzen als den berühmten Perrault, der es Ihnen niederreißen würde, um es nach einem prächtigen Plane wieder neu aufzubauen. Denn Sie wollen eine Wohnung haben. Sie fühlen, daß das Leben kurz ist.« Der heitere Menschenverächter findet auch die Formel für den besten Typus Staatsmann: »Ich glaube, nachdem ich lange darüber nachgedacht habe, daß der flachköpfigste Mensch der größte Mann unseres Zeitalters wäre, da er alle Übel bestehen ließe, was notwendig ist, indem er sich in einemfort den Anschein gäbe, als wolle er sie heilen, was ebenfalls notwendig ist.« Im Gegensatze zu eitlen Politikern des augenblicklichen Effektes war er weitschauend: »Ein Gewitter bricht los und entwurzelt die Weinstöcke im Nu; man macht einen politischen Fehler in bezug auf den Weinhandel, und man muß zwei oder drei Generationen abwarten, um zu sehen, daß dieser politische Fehler mehr Weingärten entwurzelt hat, als alle Gewitter zusammen.« Paris schwelgte in tönenden Allgemeinheiten und Schlagwörtern, Galiani aber verglich sarkastisch den von der Hand in den Mund lebenden Landwirt, der Zwiebeln und Salatköpfe anbaut, mit dem weiter blickenden, der Eichen- und Kastanienbäume pflegt, die er nicht gepflanzt hat und deren Ende er nicht mehr erleben wird: »Weisen Sie weit von sich und von der Politik die sinnlosen großen Worte! Wir und unsere Kinder – das ist alles. Der Rest ist Träumerei.« Es ist unheimlich, was dieser Realpolitiker alles vorausgesehen und in seinen Briefen vorausgesagt hat: die französischen Hungersnöte nach 1770, den Widerruf des Edikts über die Getreideausfuhr, die Wiederherstellung des Jesuitenordens, das Scheitern der Reformpläne Ludwigs XVI., den baldigen Sturz Turgots, den Erfolg des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, um nur das Wichtigste zu nennen; dabei saß er unten in Neapel und empfing von seinen Freunden nur subjektiv gefärbte Berichte: »Wer nicht die Imponderabilien in Anschlag zu bringen weiß, taugt nicht zum Regieren«, sagt er einmal. Ein Werk, das ihn längere Zeit in Gedanken beschäftigte, war eine Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Auch hierin erwies er sich als der geniale Seher, der sich nur in Einzelheiten täuschte: »Wir werden in hundert Jahren viel mehr Ähnlichkeit mit China haben als jetzt. Es wird zwei scharf voneinander unterschiedene Religionen geben: die Religion der Vornehmen und wissenschaftlich Gebildeten, und die Religion des Volkes. Priester und Mönche werden zahlreicher sein als jetzt; sie werden leidlich reich, unbeachtet und ruhig sein. Der Papst wird nur noch ein erlauchter Bischof sein, aber kein Fürst mehr; man wird ihm nach und nach seinen ganzen Staat weggeschnappt haben. Es wird große stehende Heere geben und fast gar keine Kriege. Die Truppen werden wundervolle Parademanöver machen, aber Offiziere und Soldaten werden weder grausam noch tapfer sein. Sie werden schöne Tressen haben, sonst nichts. Überall wird Despotismus herrschen, aber ein Despotismus ohne Grausamkeit, ohne Blutvergießen. Ein Beamtendespotismus, der sich auf die Auslegung alter Gesetze, auf Juristenweisheit und Advokatenkniffe stützt. Und dieser Despotismus wird nur die Finanzen der Privatleute im Auge haben. Glücklich alsdann die Robenträger, die unsere Mandarinen sein werden. Sie werden alles sein, denn die Soldaten werden nur zu Paradezwecken da sein. Die Gewerbe werden überall blühen. Die Modewissenschaften jener Zeit werden Physik, Chemie und Alchemie sein, vermischt mit viel Geometrie. Aus der Verbindung wahrer Wissenschaften wird man eine Afterwissenschaft ableiten, die nur aus hohlen Worten besteht, oder aus Gemeinplätzen, die durch große Worte dunkel gemacht worden sind. Was die Rechtswissenschaft anbelangt, so werden alle Nationen Europas ihr besonderes Gesetzbuch haben, und das römische Recht wird abgeschafft sein. Indessen wird man über den Geist der Gesetze so gründlich disputieren, daß man die Gerichtspraxis aus den wunderbarsten Quellen ableiten wird. Es wird viele Soldaten und wenig Tapferkeit geben; viel Fleiß und wenig Genie; viel Volk und wenig Glückliche. Die Republiken werden in Europa verschwinden, sie können mit den Monarchien nicht Schritt halten, bleiben zurück und werden verschlungen. Das beweist Ihnen das Beispiel Polens; das gleiche Unglück werden in spätestens hundert Jahren die italienischen Republiken haben.« Man bedenke, daß die meisten dieser Prophezeiungen den sowohl prahlerisch eingestandenen wie den vorsichtig verhehlten Tendenzen der Zeit schroff zuwiderliefen, und man wird einen Begriff von dem unzeitgemäßen Politiker Galiani haben. 4 Wie denkt dieser schärfe, alles durchschauende Geist über die Möglichkeit der Vervollkommnung durch die Erziehung? Es ist wie eine spielende Vorwegnahme Taines, was er über Individuum und Milieu äußert: »Der Mensch wird stets so sein, wie er von jeher gewesen ist. Man muß die Natur einer Masse von Menschen von der Natur eines Individuums unterscheiden. Die Natur einer Menschenmasse nenne ich das Ergebnis alles dessen, was das Wesen des durch Örtlichkeit, Klima usw. beeinflußten Nationalcharakters ausmacht.« »Ein Mensch, der in Konstantinopel auf die Welt kommt, wird als Türke erzogen; in Rom als römisch-katholischer Christ; in Paris als Schöngeist, als ökonomisch-anglomaner Krautjunker; in London als Goddam-Kolonist usw. Alles, was uns umgibt, wirkt erzieherisch auf uns ein, und der Erzieher ist etwas unendlich Kleines, das die guten Rechner außer acht lassen.« Er nimmt, ebenso spielend, Gobineau vorweg: »Die Vervollkommnungsfähigkeit ist nicht eine Gabe des ganzen Menschengeschlechtes, sondern der einzigen weißen und bärtigen Rasse. Die Rasse ist alles.« Er definiert einmal den Menschen als das einzige religiöse Tier, ein andermal als »das Geschöpf, das sich für frei hält: Die Überzeugung, daß wir frei sind, genügt, um Gewissen, Reue, Rechtspflege, Belohnungen und Strafen zu schaffen.« Ob man von seiner Freiheit überzeugt oder ob man wirklich frei ist, hat dieselben moralischen Wirkungen und ist genau soviel wert, wie die Freiheit selbst. Man vergleiche hier etwa Voltaires Artikel Liberté , um zu sehen, daß Galianis Probleme da erst eigentlich anfangen, wo der Horizont Voltaires endet. Galiani geht noch weiter: »Alles, was uns vom Tier unterscheidet, ist einzig und allein eine Wirkung der Religion: politische Gesellschaft, Regierung, Luxus, Ungleichheit der Stände, Wissenschaften, abstrakte Ideen, Philosophie, Mathematik, schöne Künste – mit einem Wort: Alles.« Man vergleiche wieder Voltaires Artikel Religion , eine Sammlung gesuchter Parallelen aus allen Völkern und schlecht versteckter Hiebe auf das Christentum: solch tiefer Einsichten, die Galiani bei passender oder unpassender Gelegenheit aus dem Ärmel schüttelt, war Voltaire gänzlich unfähig. Galiani geht immer vom Menschen, nie von der Institution aus; er verlegt die Frage sofort ins Innere; seine Fragestellung ist von vornherein tiefer. Wie erheiternd oberflächlich mag dem einsamen Epikureer der ganze Voltaire vorgekommen sein, wenn er auch zu klug war, den Götzen des Jahrhunderts jemals direkt anzugreifen. Daß er hingegen Rousseau nicht ertragen kann, das bemüht er sich nicht im geringsten zu verheimlichen. »Waren Sie jemals so rasend, an Rousseau und seinen Emil zu glauben? Zu glauben, daß Erziehung, Grundsätze, Reden irgend etwas zur inneren Einrichtung eines Kopfes beitragen? Wenn Sie daran glauben, – bitte, nehmen Sie einmal einen Wolf her und machen Sie einen Hund daraus, wenn Sie können!« In einem andern Briefe spottet er über die Manie der Franzosen, aus ihren Kindern durchaus »Etwas« machen zu wollen. Rousseau will die Menschen zur Natur zurückführen. Galiani ist zu sehr Tatsachenmensch, um die Antithese eines gefühlvollen Schwärmers ernst zu nehmen: »Es gibt auf der Welt mehr Natur, und es findet weniger Verletzung der Natur statt, als Sie glauben: man ist, was man sein muß.« Wie manche andere, tut er auch diese Frage mit einem zynischen Scherz ab: »Wir werden niemals große Männer haben, wenn wir nicht große Ammen haben. Arbeiten wir also mit aller Macht an den Ammen; ich werde mich nach besten Kräften bemühen.« Einmal erwähnt er einen Traktat über Erziehung, den er fertig habe. (Der Traktat war natürlich nur in seinem Kopfe fertig; ihn auszuführen, hatte der bequeme Genußmensch keinen zwingenden Grund, wie überhaupt alle Werke Galianis nur zufällige Äußerungen einer reichen Natur sind.) Was will alle Erziehung? fragt er. Antwort: zweierlei ertragen lehren, Ungerechtigkeit und Langeweile. Was tut ein Pferd in der Reitschule? Es lernt Schritt, Paß, Trab, Galopp nicht mehr gehen, wenn es will, sondern wenn der Reiter will; nicht mehr so lange es will, sondern solang er will. Ehrlicher ausgedrückt: Ungerechtigkeit und Langeweile. Was lernt das Kind in der Schule? Sich langweilen. Lateinisch, Griechisch, Französisch sind nur hervorragend geeignete Mittel zur Langeweile. Das an Langeweile und Ungerechtigkeit gewöhnte Kind ist dressiert, für die Gesellschaft tauglich. Es achtet Beamte, Minister, Könige, es beklagt sich nicht über sie. »Erziehung ist Beschneidung der natürlichen Talente, um an ihre Stelle die sozialen Pflichten zu setzen.« Der Satz ist so paradox, daß er von Bernhard Shaw sein könnte. Wenn die Erziehung ihre Pflicht versäumt, die Talente nicht verstümmelt, nicht beschneidet, ist das Resultat ein unmöglicher, ungezogener, lästiger Bohémien: ein Dichter, Maler, Haudegen, Harlekin: ein Original. Gerade das aber vermeidet die Erziehung instinktiv: das Original. Weg mit dem Original! Originale sind unbequem. Daher sind sie unnütz, schädlich. Das Ceterum censeo jeder Erziehung ist originalia esse delenda . Auch hier, wie so oft bei Galiani, sind Ernst und Satire längst nicht mehr zu scheiden. Ohne Zweifel entspricht die von ihm vorgetragene Theorie der höfischen Tradition des Jahrhunderts, die er gegen Rousseau in Schutz nimmt. Ebenso ist manches trotz der paradoxen Einkleidung unbedingt richtig. »Der Despotismus in den Klöstern ist eine Folge der Härte des Noviziats.« Ein solcher Satz verrät den geborenen Psychologen. »Alle öffentliche Erziehung tendiert zur Demokratie, alle Privaterziehung zum Despotismus.« Der Satz ist so treffend, daß man ihn auch auf den Kopf stellen kann: Im Wesen der Demokratie liegt es, die Erziehung so öffentlich wie möglich zu machen, wie es im Wesen des Despotismus liegt, die Öffentlichkeit aus der Schule möglichst zu entfernen. Galiani führt seinen Gedanken bis zur letzten Konsequenz: »Alle angenehmen Methoden, um Kindern die Wissenschaften beizubringen, sind falsch und albern. Denn es handelt sich nicht darum, Geographie oder Geometrie zu lernen, sondern es an Arbeit, d. h. an Langeweile zu gewöhnen, seine Gedanken auf einen einzigen Gegenstand zu richten.« Wie wird daher ein gutes Buch über Erziehung aussehen? Es wird in allem genau das Gegenteil des Emile sein. In der Doktorpromotion der Götzendämmerung ist Nietzsche deutlich von Galiani beeinflußt: »Was ist die Aufgabe alles höheren Schulwesens?« – Aus dem Menschen eine Maschine zu machen. – »Was ist das Mittel dazu?« – Er muß lernen sich langweilen. – »Wie erreicht man das?« – Durch den Begriff der Pflicht. – »Wer ist sein Vorbild dafür?« – Der Philolog: der lehrt ochsen . – »Wer ist der vollkommene Mensch?« – Der Staatsbeamte. Der Denker Galiani ist das vollkommene Widerspiel von Voltaire. Voltaire schreibt für das Dictionnaire philosopbique seinen Artikel Bêtes . Natürlich geht er vom Menschen aus. Natürlich ist hiermit der ganze Artikel eine amüsante Stilübung, sonst nichts. Umgekehrt Galiani: »Ich studiere in einem fort die Tiere. So sehr habe ich die Menschen satt.« Aus der Ähnlichkeit zwischen Mensch und Hund wollte er das Friedens- und Kriegsrecht, aus der Ähnlichkeit zwischen Mensch und Rind die Grundzüge des Familienrechtes entwickeln. Dabei ist ihm durchaus nicht scherzhaft zumute. Es ist ein fesselndes Bild, sich den einsamen Menschenverächter mit seinen Katzen vorzustellen. Denn die Katzen liebt er besonders; er liebt sie sogar mehr als er seine Nichten liebt. Zur Entschuldigung könnte er allerdings anführen, daß er seine Katzen nicht zu verheiraten braucht: sie besorgen das selbst. Man kann bei seinen Aussprüchen über die Katzen immer auf den Menschen exemplifizieren: »Meine Untersuchungen über die Gewohnheiten der Katzen haben in mir den starken Verdacht erweckt, daß sie vervollkommnungsfähig sind, aber erst im Verlaufe einer langen Reihe von Jahrhunderten. Ich glaube, alles was die Katzen können, ist das Werk von vierzig- oder fünfzigtausend Jahren. Eine Naturgeschichte gibt es erst seit einigen Jahrhunderten«. Er wollte ein Buch über die Katzen schreiben. Es blieb natürlich ungeschrieben. Nur den Titel und die allgemeinen Umrisse teilt er Madame d'Epinay mit: »Es wird heißen: Moralische und politische Belehrungen einer Katze an ihre Jungen. Aus dem Kätzischen ins Französische übersetzt von Herrn von Kratzerich, Dolmetscher der Katzensprache an der königlichen Bibliothek. Zunächst lehrt die Katze ihre Jungen die Furcht vor dem Menschgotte. Hierauf erklärt sie ihnen die Theologie und die beiden Grundprinzipien: den guten Menschgott und die bösen Hundsteufel. Sodann belehrt sie sie über die Moral: Bekämpfung der Ratten und Spatzen. Endlich erzählt sie ihnen vom Katzenjenseits und vom himmlischen Ratzusalem. In dieser Stadt bestehen die Mauern aus Parmesankäse, die Fußböden aus Kalbslunge, die Säulen aus Aalen usw. Sie flößt ihnen Ehrfurcht ein vor den kastrierten Katzen. Dies sind prädestinierte Katzen, vom Menschgott zu ihrem Stande berufen, um in dieser oder jener Welt glückselig zu sein, was man daraus erkennt, daß sie so fett sind; darum brauchen sie auch keine Mäuse zu fangen. Endlich empfiehlt sie ihnen, sich vollkommen in ihr Schicksal zu ergeben für den Fall, daß der Menschgott sie in diesen Stand der Vollkommenheit berufen sollte.« Es vergehen über hundert Jahre, bis wieder eine ähnliche, zugleich sanfte und tiefe Parodie geschrieben wird. Herrn Bergerats Hund philosophiert: »Menschen, Tiere und Steine wachsen, wenn sie sich mir nähern, und werden ungeheuer groß, wenn sie mir nah am Leibe sind. Ich bleibe immer gleich groß, wo ich auch sei. Mein Herr hält mich warm, wenn ich hinter ihm in seinem Lehnstuhl liege. Das kommt daher, daß er ein Gott ist. Die Fliesen vor dem Kamin sind auch warm. Die Fliese sind göttlich. Ich rede, wann ich will. Auch vom Munde meines Herrn gehen Laute aus, die eine Art Sinn haben. Aber ihr Sinn ist nicht so deutlich wie der, den ich mit meiner Stimme ausdrücke. In meinem Munde hat alles Sinn. Eine Tat, für die man Prügel erhält, ist schlecht. Eine Tat, für die man gestreichelt wird, ist gut. Hundegeruch ist ein entzückender Duft.« Herrn Bergerats Hund ist philosophischer, seine Erkenntnistheorie stärker, seine Metaphysik schwächer als diejenige der Katze Galianis. Aber dafür liegt auch ein Jahrhundert philosophischer Spekulation zwischen dem Abbé und Anatole France. Überrascht es nach all dem, Galiani als einen der gründlichsten Skeptiker kennenzulernen? Un sceptique qui ne croit rien en rien sur rien de rien? Dessen letzte Weisheit lautet: x = Null? Er erkannte die Gefahr jeglichen Systems: breit und imposant auf einer Bêtise zu ruhen. »Alles was ist, ist in uns selbst mit Bezug auf uns.« (Vgl. Goethe: »Wir wissen von keiner Welt, als im Bezug auf den Menschen.«) »Immer durchscheinend, glaubt der Mensch etwas an und für sich zu sein, und ist doch nur ein Transparent.« »Die Welt ist ein Drahtspieß: wir glauben ihn zu drehen, und er dreht uns.« »Tatsachen sind immer erhaben.« Er verschmäht es zu überzeugen: »Fanatiker taugen nie etwas, man darf nicht seine Zeit damit verlieren, sie zu bekämpfen oder sie überzeugen zu wollen.« Welches sind die Fehler aller kleinen Sekten? »Kauderwelscher Jargon, System, Freude an Verfolgungen, Haß gegen die Andersdenkenden, Gekläff, Bösartigkeit, Kleinlichkeit des Geistes.« (Dies scheint mir, nebenbei gesagt, eine Parodie auf eine paulinische Stelle zu sein: Galater 5, 22.) Enthusiasmus ist nur eine euphemistische Ausdrucksweise für Fanatismus. Alles ist kompliziert. Die Ursachen sind verschieden, in ihrer Zusammensetzung verwickelt. Man sollte niemals aus Ursachen folgern: denn es kommt nur die Klugschwätzerei heraus: post hoc, ergo propter hoc ; vollends »den Durchschnitt des Guten oder Bösen zu berechnen, geht über Menschenverständnis hinaus«. Unendlich, unermeßlich – »das sind bloß leere Worte für Dummköpfe. Viel Ruhe, viel Arithmetik: so muß man denken!« Schließlich ist alles so gleichgültig: »Alles in allem genommen, kommt es gar nicht darauf an, ob auf dieser Welt der eine recht bekommt oder der andere. Die Hauptsache ist, eine Entscheidung zu fällen. Denn schließlich muß man doch zum Mittagessen gehen, Richter sowohl wie Parteien.« Auf dem Konzil von Trient »berieten die Theologen, und die Väter, das heißt die Bischöfe, die von Theologie kein Wort verstanden, entschieden«. So ist es immer: »Die Dummköpfe machen den Text und die gescheiten Leute den Kommentar dazu.« »Der Mensch hat fünf Sinne, die eigens dazu da sind, ihm Lust und Schmerz anzuzeigen. Er hat keinen einzigen, der ihm zeigte, was an einer Sache wahr, was falsch ist. Er ist also nicht geschaffen, die Wahrheit zu erkennen oder durch Lügen getäuscht zu werden. Das ist gleichgültig. Er ist gemacht, um zu genießen oder zu leiden. Also genießen wir, und, wenn möglich, leiden wir nicht!« Will man die Kosmogonie dieses pessimistischen Skeptikers? »Ihr Tölpel! Wißt ihr denn nicht, daß Gott diese Welt aus dem Nichts geschaffen hat? Also haben wir Gott zum Vater und das Nichts zur Mutter. Gewiß ist unser Vater etwas sehr Bedeutendes; aber unsere Mutter taugt ganz und gar nichts. Man schlägt dem Vater nach, aber man schlägt auch der Mutter nach.« Die Unvollkommenheit dieser besten aller unmöglichen Welten ist »der überzeugendste Beweis, daß sie geschaffen und einem vollkommenen Wesen untergeordnet ist. Gott war mit seiner Existenz unendlich zufrieden, aber das Nichts mußte in seiner Nichtigkeit sich unendlich langweilen. Infolge der dringenden und flehentlichen Bitten des Nichts ist die Welt geschaffen worden; das ist gar nicht sonderbar, denn es gibt auf der Welt viel mehr Mütter, die Kinder haben wollen, als Väter, die Kinder zeugen wollen. Die tödliche Langeweile unserer Mutter ist also die Ursache unserer Existenz. Sie langweilte sich, daß sie Nichts war, und darum langweilen wir uns alle in diesem Jammertale. Die Langeweile ist ein Muttermal, das wir im Schoß unserer Frau Mama erhielten, die an diesem Übel litt, als sie mit uns schwanger ging. Unser Vater kann gar nichts dafür; denn Gott langweilt sich bekanntlich niemals«. Wie denkt dieser Abbé über die Abbés? »Man hat sehr unrecht, sie abschaffen zu wollen, und man wird in der Gesellschaft die Unbequemlichkeit spüren, wenn man einmal diese Zufluchtstätten für Faulenzer, Dummköpfe, Tölpel und Querköpfe aufhebt.« Wie denkt er über die Jesuiten? »Jeder einzelne Jesuit war liebenswürdig, gut erzogen, nützlich; die ganze Gesellschaft, die doch nur die Summe der Einzelindividuen darstellte, war hassenswert, sittlich verdorben, schädlich.« Wie verhält sich der Abbé zum Papste? »Man hat soeben wieder einen Rezzonico zum Papst gewählt. Früher war der Papst der Kalif Europas, und alle Sultane der verschiedenen Provinzen interessierten sich für seine Wahl. Heut ist er nur der Beherrscher Roms, und die großen römischen Familien allein wählen ihn. Die Albani, Corsini, Borghese, Colonna tun sich zusammen und wählen zu ihrer größeren Bequemlichkeit einen Lakaien ihrer Häuser, der seine Rolle spielt. Caligula ernannte sein Pferd zum Konsul.« Wie ist seine Vorstellung von Rom? »Männer in Weiber verwandelt, Arme so feist wie Kanonikusse, Geistliche ohne Religion, eine Wüste im Süden, ein Palast im Norden.« Aber so wenig er die Abbés abschaffen will, ebenso sehr tritt er für die Feste ein: »Voltaires Eifern gegen die Feste ist abgeschmackt. Er hält sie für eine göttliche Einrichtung, und darum haben sie ihn verschnupft. Aber er täuscht sich, sie sind eine menschliche Einrichtung. Sie sind nicht für Gott, sondern für den Menschen gemacht, und darum sollte Voltaire sie achten. Er hat wieder einmal seinen Hintern mit seinen Hosen verwechselt.« Das stärkste aber, was der Abbé je gesagt hat, ist dieses: »Sie gedachten, Voltaires Statue mit vier gefesselten Affen zu schmücken, aber Sie haben keine gute Auswahl getroffen. Es mußten sein: Der Papst, der Jesuitengeneral, Moses und noch Einer.« Dies Zitat, das nicht fehlen darf, wenn das Porträt des Abbé nicht in einem wichtigen Punkte gefälscht sein soll, das ich aber eigentümlicherweise in keiner Studie über ihn gefunden habe, reißt mit einemmale den letzten Nebel von der tiefen Kluft, die uns vom achtzehnten Jahrhundert trennt. Ohne Zweifel war der Abbé gleich Goethe zu einer bestimmten Zeit seines Lebens ein »dezidierter Nicht-Christ«. Doch wäre Goethe zu jeder Zeit seines Lebens zu diesem Ausspruche unfähig gewesen. Oder ist das Wort nur sein frechster Witz? War er soweit Schauspieler, daß ihm der effektvolle Abgang über alles ging? So sehr Harlekin, daß er an einem nicht gemachten Witz erstickt wäre, selbst wenn der Witz gegen seine tiefste Überzeugung war? Jedenfalls hat er Momente in seinem Leben, in denen plötzlich ein ganz anderes Gefühl durchbricht. So, als seine Freunde die schmeichelhaftesten Unterschriften für sein Porträt vorschlugen, und er ihnen trocken erwiderte, sie sollten daruntersetzen: Peccavi, Domine, miserere mei . Literarhistoriker von der Schule Alexander Baumgartners, denen die Bekehrung auf dem Sterbebette nicht eine Erscheinungsform der Agonie, sondern ein Argument ist, werden erfreut sein, zu vernehmen, daß der Abbé beim Sterben die üblichen Dehors gewahrt hat, wenn ihm auch das Geschäft nicht tragisch genug erschien, um ihn zur Unterdrückung seiner witzigen Bemerkungen zu veranlassen. 5 Nichts ist wohlfeiler als Skeptizismus. Man ist noch gar nichts, wenn man nur Skeptiker ist. Skeptizismus kann ebensogut Unlust wie Unvermögen sein: Unlust, eine Entscheidung fällen zu wollen ; Unvermögen, sie jemals fällen zu können ; die Tapferkeit des tödlich getroffenen Tiers, das sich zum Verenden in seine Höhle und Skepsis geschleppt hat; die Feigheit eines Richters, der seine Entscheidung hinausschiebt, weil er sich vor beiden Parteien gleich sehr fürchtet; die Weisheit des Heiligen, der den Betrug dieser Welt erkannt hat; die Unschlüssigkeit des Esels zwischen zwei Heubündeln; bei einem philosophischen Kopfe die feinste Form, seine Unwissenheit zu bekennen, und die höflichste Manier, gegen die Probleme unhöflich und flach zu sein; bei Gelehrten, z. B. Historikern, nichts als eine Art intellektueller Kurz- und Schwachsichtigkeit; Anfang des Denkens und der Weisheit letzter Schluß; ein Narkotikum, und ein Stimulans; das wirkliche Gesicht des Denkers, und die Maske, hinter der sich sein letztes und bösestes Gesicht verbirgt. Es gibt eine Skepsis aus Müdigkeit, und eine Skepsis aus Mut und Über-Mut. Skepsis kann ebensogut die robuste Rauheit des Gesunden, Instinktsicheren sein, mit der er sich alles vom Leibe hält, was seine unbekümmerte Selbstfrohheit gefährden könnte, wie die verzweifelte Müdigkeit des Geschwächten, Kranken, der sich isolieren möchte vor irgend einer unausweichbaren, schlimmen Gewißheit. Es gibt Skeptiker aus Mangel an Glauben und Skeptiker aus einem Zuviel von Glauben; aus Not, aus Tugend; eine interessante Form des Skeptikers ist der Heautontimorumenos, der sich in seinen Dornen wälzt und an seinen eigenen Qualen weidet. Jede Oberflächlichkeit und jede Tiefe kann sich für Skeptizismus ausgeben. – Es gibt nur ein vieldeutigeres, vielsagenderes, nichtssagenderes Wort als das Wort Skepsis: das Wort System ... Dieser Galiani z. B., Skeptiker und Epikureer zugleich, selbst Zyniker – sicher nur nicht Stoiker –, was ist er anders als ein Diplomat, der aus seinem alten Metier zwei Dinge gelernt und gerettet hat: ausweichende Antworten zu geben, und Kleinigkeiten wichtig zu nehmen? Das Kapital seiner Existenz ist sein Pariser Aufenthalt; was er in seinen Briefen davon abschneidet, sind nur die Kupons – und bei ihnen macht sich mit der Zeit eine deutliche Konvertierung bemerklich, nicht zu ihrem Vorteile. Wie ganz anders ist Stendhal! Was fehlt eigentlich all diesen unleugbar geistreichen Männern und Frauen des achtzehnten Jahrhunderts? Die Jugend! Das unterscheidet sie so sehr von den geistreichen Frauen und Männern der italienischen Renaissance. Diese letzteren fragen immer: Wie erfülle ich mein Dasein? Sie sind und fühlen sich unerhört jung , eine neue Welt beginnt mit ihnen, ein neuer Frühling, eine neue Freude am Leben. Jene fragen stets nur: Wie ertrage ich mein Dasein? Sie sind alt geboren, müde, bequem, und ihr ganzes Wollen konzentriert sich auf einen Luxus mehr , eine Behaglichkeit mehr , ein kleines, geschwätziges, niedliches Ding von Glück mehr . Diese Rosen duften welk, dieses Lächeln glänzt matt oder gezwungen, dieser Geist ist fein, aber dünn. Sie nehmen jedes sich selbst, und sich gegenseitig als Personen zu wichtig. Sie sind die Provinzialen der Hauptstadt, ihre Atmosphäre ist nur eine höhere und feinere Art von Klatsch. Künstlich, Dilettanten, oberflächlich, eitel, selbstsüchtig, ausgebrannt, mit einer Menge von kleinen Horizonten, sogar borniert – – – »Halten Sie inne, mein Herr, mit Ihren Adjektiven und Urteilen! War nicht schon Taine in seinem Anciem Régime ungerecht genug mit mehr Geist? Denn welche Ungerechtigkeit, das achtzehnte Jahrhundert an der Renaissance, Galiani an Stendhal messen zu wollen! Gewiß nimmt Stendhal vieles vom Wertvollen dieser Zeit herüber, selbst noch als Genießender ist er tiefer, stärker, vielseitiger. Die Lebens werte des achtzehnten Jahrhunderts sind gering. Aber seine Lebens kunst war unvergleichlich. Es scheint, daß diese Art von Kultur durch eine gewisse spezifische Leichtigkeit bedingt war. Es gibt nur einen Maßstab für das achtzehnte Jahrhundert: es selbst. Es trägt sein Gesetz in sich, es erfüllt sein Gesetz. Haben diese feinen Köpfe nicht einen ganz andern Ausdruck, als alles, was vor ihnen war, alles, was nach ihnen kam? Hat nicht die letzte, unscheinbarste, gleichgültigste Äußerung dieser Zeit, ein Liebesbrief, eine Tabatière, die Art, Haarbänder zu flechten und seidene Röcke zu tragen, hat nicht dies alles eine Einheit des Stils, eine Sicherheit der Tradition, einen schwer zu fassenden und dennoch das stumpfste Auge entzückenden Zauber? Soll in der interessanten Suite, die von einigen Pedanten Weltgeschichte genannt wird, nur das revolutionäre und stürmische Allegro, nur das philanthropisch schwärmende Adagio, nur das Presto con molto, molto fuoco seinen Sinn und Wert haben? Ist nicht auch das gefällige Spiel, die anmutige Oberflächlichkeit »berechtigt«, nicht auch der leichte Schritt des Tanzes und Reigens, das kokette Lächeln, der geistreiche Übermut, der philosophische Bouffon, Galiani der Harlekin, Galiani – der Skeptiker ...?« 6 Der Aphorismus Siebenundzwanzig der Streifzüge eines Unzeitgemäßen in Nietzsches Götzendämmerung, der vom unbefriedigten Literatur-Weibe handelt, schließt mit einem Zitate, dessen Quelle Nietzsche absichtlich nicht angibt: je me verrai, je me lirai, je m'extasierai et je dirai: Possible que j'aie eu tant d'esprit? Die Stelle ist aus dem Briefe Galianis an Madame d'Epinay vom 18. September 1769. Nietzsche hat Galiani vermutlich in der zweibändigen Ausgabe von Eugène Asse kennen gelernt, die 1882 erschien (die kritische Ausgabe von Perey und Maugras kam erst 1890 heraus); sie findet sich in seiner Bibliothek. Er erwähnt ihn zum erstenmale in einem Briefe an Malwida von Meysenbug (datiert aus Nizza, 13. März 1885): »Es war den Winter über ein Deutscher um mich, der mich »verehrt«: ich danke dem Himmel, daß er fort ist! Er langweilte mich, und ich war genötigt, so vieles vor ihm zu verschweigen. Oh über die moralische Tartüfferie aller dieser lieben Deutschen! Wenn Sie mir einen Abbé Galiani in Rom versprechen könnten! Das ist ein Mensch nach meinem Geschmack. Ebenso Stendhal.« – Seiner Schwester schreibt er im Sommer desselben Jahres, daß zu seinen alten Freunden unter den Franzosen nur wenige neue dazugekommen seien, »z. B. Galiani und Taine, die du aber erst schätzen wirst, wenn du ein skeptisches altes Weibchen geworden bist«. Ein Aphorismus des Nachlasses (XIII, 806) lautet: »Die feinsten Köpfe des vorigen Jahrhunderts, Hume und Galiani, alle mit Staatsdiensten vertraut; ebenso Stendhal, Tocqueville.« Was Nietzsche so sehr an Galiani anzog, war – um es in seiner Art zu sagen – die Abwesenheit jeder moralistischen Naivität, jeder erbaulichen Hinterabsichten, jeder idealistischen Selbstbelügerei und Farbenblindheit. Pour être bon philosophe, il faut être sec, clair, sans illusion: der Satz Stendhals stand als Imperativ vor Nietzsche, der von Natur aus eher das Gegenteil von all dem war, und sich harte, spöttische, trockene und zynische Psychologen verordnete, wie er sich trockene, heitere Klimate und dünne, klare Luft verordnete. Er liebte Galiani, wie er den Gil Blas liebte: »ein angenehmes Land, in dem keine Deutschen vorkommen«; wie er Prosper Mérimée liebte: »ein noch angenehmeres: man stolpert nirgends über eine Tugend«. Er hatte selbst die Absicht, in einem zweiten Teile zur Genealogie der Moral auch Galiani zusammen mit Balthasar Gracian, Macchiavelli, Montaigne und – Pascal anderen Moralisten entgegenzustellen. Galiani ist sogar bis zu einem gewissen Grade von Einfluß auf den Schriftsteller Nietzsche gewesen, vor allem auf den Briefschreiber. Man kann an den noch allzu unbekannten Briefen Nietzsches (am besten an der veränderten Auflage des ersten Bandes) verfolgen, wie mit einemmale ein neues Vorbild des Briefstils als eines gesprochenen Stiles auf ihn wirkt, wie alles, was an Laune, Witz, Lebhaftigkeit, Esprit, an rascher und eleganter Gebärde des Stils im Keime vorhanden war, plötzlich aufsprüht und die persönlichen und glänzenden Briefe hervorbringt, deren Stil mehr und mehr zugleich der Stil von Nietzsches Büchern wird. Das ist nur eine Vermutung. Ich finde auch sonst Fäden, die zu Galiani hinüberführen. Der Vergleich seiner Schriften mit Bomben, die Zukunftsschilderung von einer zunehmenden Chineserei Europas sind Beispiele: »Bigis atque quadrigis petimus bene vivere, und so tragen wir überallhin Krieg, Zwietracht, unser Geld, unsere Gewehre, unser Evangelium usw.« – könnte das nicht aus dem Antichrist sein? »Ich weiß, daß ohne die Tugenden der Duldsamkeit, der Verzeihung von Beleidigungen und andere Mönchereien die Römer das größte aller Reiche gründeten. Ich weiß, daß mit ihren so ganz anderen Grundsätzen die Modernen überall Knirpse und Schweine geblieben sind.« Man hört die vibrierende Verachtung dieser Antithese Galianis von der Genealogie bis zur Umwertung . »Was ist denn der Geist im Vergleich zu dem Magen?« Nietzsche hätte der kecken Frage zugestimmt, – für seine Person sowohl wie für die anderen, wie er auch mit Schrecken an Freund Rohde einen Satz Galianis aus demselben Briefe sich erfüllen sah: »Wenn die Seele altert, taucht wieder irgend ein Glaube auf.« Vor allem aber mußte der Gegner aller Verächter des Leibes sich über die scheinbare Oberflächlichkeit skeptischer Scherze freuen: »Es ist wohl wahr, daß die Seele etwas vom Körper Verschiedenes ist: aber es ist wie der Unterschied zwischen Rahm und Milch, zwischen dem Schaum und der Masse der Schokolade, zwischen dem Schnaps und dem Wein: die Essenz des Körpers wird Geist«: wie mag Nietzsche gelacht haben, als er dies las, eingedenk der tausend alten und neuen Spekulationen über das Wesen der Seele, alle gleich tief und gleich richtig wie die Vergleiche Galianis. Zu allem Überfluß hatte auch Galiani eine merkwürdige Neugier hinsichtlich des Cesare Borgia, den er rein als prächtigen Kerl, ce gaillard , auffaßt. Aus Galianis Besitz stammt Cesares Prunkdegen mit der stolzen Aufschrift Cum Numine Caesaris Omen , den er der römischen Familie Gaetani vermachte. Ernsthafte Dinge auf eine paradoxe Weise ausdrücken; die Probleme so lange kitzeln, bis sie anfangen zu niesen; Erklärungen versuchen, die dem Stolze des Menschen zuwiderlaufen: das hat Nietzsche mit Galiani gemeinsam. Denn unter den stärksten Bouffonnerien des Neapolitaners verbirgt sich ein Ernst, der seine Tiefen und Tücken hat. Man könnte auf ihn anwenden, was von dem gleichfalls buckligen Spötter Lichtenberg einmal gesagt worden ist: daß überall, wo er einen Witz mache, ein Problem verborgen liege. Die Abwesenheit jeder Sentimentalität bei Galiani wirkt wohltätig wie Seeluft. Er war kein liebloser Mensch, als welcher er verleumdet worden ist, als welchen er sich selbst zu verleumden liebte: die feuchtwarmen Gefühlswinde, die von Genf in das heitere Frankreich hinüberzogen, gingen ihm so auf die Nerven, daß er lieber sich als gefühllos hinstellte, als daß er mit Jean Jacques schwärmte. Aber man lese einmal den Brief, mit dem er die Nachricht vom Tode der Frau von Epinay erwiderte (ich setze ihn französisch her, um doch einen Begriff von der Knappheit seines Stiles zu geben, die in der besten Übersetzung verliert): Madame d'Epinay n'est plus! j'ai donc aussi cessé d'être. Mon cœur n'est plus parmi les vivants, il est tout dans un tombeau. J'ai vécu, j'ai donné de sages conseils, j'ai servi l'Etat de mon maître, j'ai tenu lieu de père à une famille nombreuse, j'ai écrit pour le bonheur de mes semblables: et dans cet âge, où l'amitié devient plus nécessaire, j'ai perdu tous mes amis! j'ai tout perdu! on ne survit point à ses amis. Dies ist echtes Gefühl. Und so blättert man durch diese Briefe, merkt sich eine Menge Stellen an, die beim ersten Lesen auffallen, notiert sich die Schlagwörter, gruppiert sie nach ihrer inneren Zusammengehörigkeit, sieht die charakteristischen Stellen sich häufen, der Reichtum wird zur Verlegenheit, das Bild Galianis beginnt sich zu runden, Teil um Teil seines literarischen Porträts sich zu beleben, eins das andre zu beleuchten, man glaubt dem Menschen näher zu kommen, und dennoch! dennoch: welch armer Versuch, dies Leben nachzukonstruieren, das einmal so unbeschreiblich reich gesprüht und gefunkelt hat, diesen Menschen nachzupausen, der ein Genie des Augenblicks und ein Improvisator im Leben und im Schriftstellern war! Am Ende sind es nicht einmal die geistreichen oder witzigen Stellen, die den Wert der Briefe ausmachen: diese Briefe sind als Ganzes zu nehmen, mit all ihrem Gewimmel von Einzelzügen, von alltäglichen Dingen und Sorgen, von den kleinen Tatsachen des Lebens, die alle einmal so köstlich interessant für diese längst toten Briefschreiber gewesen sind. Nur so vermögen die Briefe einem das zu werden, was Diderot über Galiani selbst geäußert hat: un tresor dans les jours de pluie . 7 (Ein apokryphes Blatt aus Goethes Italienischer Reise) Neapel, 29. Februar 1787. »Gestern macht ich die Bekanntschaft des berühmten Abbé Galiani, der eines besonderen Vertrauens, einer vorzüglichen Gnade des Königs und der Königin genießt. Ich fand ein klein bucklicht Männchen, das mir steif entgegen trippelte und mit artiger Lebhaftigkeit seine Medaillen, Kameen, alte Bronzen und derlei Sächelchen zeigte. Es sind viel gute Stücke drunter, aber auch viel kurioses Zeug, was blos er für kostbar hält. Ich konnt all die Zeit, es mochten zwei Stunden sein, kaum zu Wort kommen. Er redete unaufhörlich von der Kaiserin Katharina, von dem Buch über Horatius, welches er just vollendet hatte, von der Vorzüglichkeit und Aboriginität des neapolitanischen Dialekts, dazwischen erzählt er alte, unmäßig derbe Anekdoten. Ich bat, er solle mir seine Meinung über die Altertümer von Herkulanum sagen, und er regalierte mich mit der Geschichte vom Pfaffen und vom Mauleseltreiber oder vom Kardinal und seinem Sekretär. Da er endlich merkte, daß mich sein Geschwätz und Gezappel ennuyierte, stellt er sich mit einem ganz ernst und ruhig vor mich, läßt seine schwarzen Kugelaugen aufs lebhafteste rollen und prasselt ein Hagelwetter von Witzen und Verwünschungen über mein armes Haupt, teils im reinsten Italiänisch, teils mit Flüchen der Ruderknechte und mit französischen Brocken untermengt, so daß ich ganz betäubt da stund. »Was seid ihr herausgegangen zu sehen?« fing er an, gleich dem Täufer Johannes, und in dem Tone gings weiter, geistlich und weltlich, gereimt und ungereimt durcheinander. Ob er sich zum Affen seiner eignen Kollektionen müsse machen lassen, oder für jeden hergelaufenen Fremden gegen ein angemessenes Schaugeld seine Kunststücke aufführen, wie seine Angorakatzen umsonst täten (die liefen derweil im Zimmer herum, sträubten den Schwanz und krümmten den Buckel). Er, der Abbé, pfeif' auf alle durchkommenden Fremden und Herrschaften, sie sollten ihn in Ruhe lassen, denn er sei ein alter Mann, dessen die verstorbenen Freunde in der unteren Welt schon von länger her mit Verlangen harrten, da sie ohne ihn nicht einmal als Schatten zu leben vermöchten. Ich hab' die Verse behalten: Tandis que j'ai vécu, on m'a vu hautement Aux badauds effarés dire mon sentiment. Je veux le dire encor dans le royaume sombre: S'ils ont des préjugés, j'en guérirai les ombres. Die Verse sind nicht von Galiani, sondern von Voltaire, der sie am Tage vor seinem Tode, 29. Mai 1778, dichtete. Da er meine Verlegenheit sah, trieb ers noch ärger, bis er mir mitten im Satz mit artigster und höflichster Manier seine braune und behaarte Hand hinstreckte und mit rechtem Schelmenton sagte: Soyons amis! Ich schlug ein, und ließ mich selbst, betäubt wie ich war, zum Frühstück nötigen, das nur aus ein wenig Huhn, kühlem Obst und einer Art von römischem Käs bestand, den sie in Rom caccio cavallo nennen, dabei sich denn das Wortspiel cazzo von selber einstellt, welches sich auch der Abbé mit nichten entgehen ließ. Da ich den Mund nur zum Trinken auftun brauchte (es gab einen dunkeln, herben roten Wein), hatt' ich Muße, mir den Mann zu betrachten, dessen Ruhm vorzeiten die halbe Welt erfüllte, und der nun zahnlos vor mir saß, und ohne Aufhören klapperte, wie eine Mühle, wenn sie leer geht, deren Gestoße was Unheimliches hat. Unterdem wurd ich immer stiller, ließ den wunderlichen Greis seine Späße treiben, und dachte derweil, wie nah doch in einem bedeutenden Kopfe der Hanswurst und der würdige Mann beisammen wohnen, und wie sich der Mensch immer steilere und scheinbar unmögliche Ziele stecken muß, um das Leben überhaupt mit Anstand durchzuführen. Behagliches Genießen des Gegenwärtigen ist nur fürs Animalische nützlich, schließlich notwendig, im Geistigen wirds geschwind zur Fratze seiner selber, und verdirbt. Abends mit Hackert in Gesellschaft. Wir redeten auch von dem Abbé, und wurde mancher bedeutende Zug des Mannes vorgebracht, so daß ich mich schließlich glücklich pries, ihn kennen gelernt zu haben.« Anhang Alexander Ritter (Zwei Aufsätze aus der »Gesellschaft«, 1893 und 1896.) I. Was Alexander Ritter anderen Leuten gewesen ist, weiß ich nicht. Ich kann deshalb auch nichts darüber aussagen. Selbst wenn ich wollte, könnte ich gar nicht über ihn das schreiben, was man eine Kritik zu nennen pflegt oder einen Essay. Dergleichen setzt immer einiges Vertrautsein voraus. Ich müßte meine Leser kennen, ob ich ihnen überhaupt etwas sagen will. Meine Leser müßten mich kennen, ob sie überhaupt von mir was hören wollen. Endlich zweifle ich sehr – mag das nun aus Bescheidenheit geschehen oder aus Hochmut –, daß meine Meinung über Ritter meinen Lesern auch nur im allermindesten interessant wäre. Ich muß das alles im vorhinein bemerken. Sonst entstehen die ärgsten Mißverständnisse. Ich stehe den Werken Ritters überhaupt nicht kritisch gegenüber. So wenig ich die Stunde eines tiefen, stillen, seligen Erlebnisses hinterher beurteilen kann; oder das leuchtende und gütige Auge einer hohen blassen Frau, das ich vielleicht einmal in meinem Leben gesehen habe und vielleicht nie wiedersehen werde; oder den wonnigen Zauber einer schweigenden Sternenmitternacht, die jeglichem Wesen sein heimliches Licht und seine verborgne Musik zu entlocken weiß. Ein tiefes, stilles, seliges Erlebnis ist mir Ritter gewesen vom ersten Moment an, und das will nun laut werden. Meine Dankbarkeit dafür will laut werden und meine Liebe. Denn wenige Menschen habe ich so geliebt, wie ihn, den Großen, Guten. Immer seh ich ihn vor mir, so, wie ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Am 6. März dieses Jahres [1896] führte Strauß in München seine letzte Symphonie auf. Wie der Beifall gar nicht enden wollte, erschien er zwei-, dreimal auf dem Podium und dankte. Die Leute machten große Augen, da sie den schönen alten Herrn sahen; sie hatten wohl einen heißen Jüngling erwartet. Ich ahnte nicht, daß ich dieses geliebte Antlitz nie mehr sehen würde. Einen Monat darauf, am 12. April, ist er in München gestorben, dreiundsechzig Jahre alt. Kurz zuvor war sein letztes Liederheft herausgekommen, dessen letztes Stück die merkwürdige » Todesmusik « ist: »In des Todes Feierstunde, Wenn ich einst von hinnen scheide, Und den Kampf, den letzten, leide« ... Das erste gedruckte Werk Ritters ist ein Streichquartett. Von diesem Quartett bis zu jener Todesmusik trägt sein Lebenswerk den Stempel der großen Einheit und der heiligen Not. Das Quartett ist aus dem Jahre 1873, die Todesmusik trägt die Opuszahl 21. Jemand hat gesagt, zur Unsterblichkeit dürfe man nicht viel Gepäck mitbringen. Das ist das Auszeichnende an seinem Werke, das entzieht es für mich jeder ästhetisierenden Kritik: daß es notwendig ist. Es ist nichts Gewolltes an ihm und nichts Geschaffenes. Es ist einfach da. Er verstand jene hohe und seltene Kunst des Warten-Könnens. Darum weht aus seiner Musik der reine Atem echter und ehrlicher Offenbarung. Kein Schweiß befleckt, kein Staub verunstaltet sie. Sie ist reif und süß geworden in feierlicher Stille wie edelster Wein. Diese Kunst hat Stil. Man hat ihm manchmal vorgeworfen, er schreibe wagnerisch. Der Tadel ist ja auch Anton Bruckner nicht erspart geblieben, so wenig wie Liszt. Man geht dabei von der irrigen Ansicht aus, der Stil unserer modernen Musik sei von Wagner gemacht worden. Bereits Göllerich hat nachgewiesen, daß gerade jene Werke von Liszt, die angeblich Wagner nachempfunden seien, vor den betreffenden Werken des letzteren geschrieben sind. Es war überhaupt unserm an Hypertrophie des historischen Sinns erkrankten Jahrhundert vorbehalten, den Begriff der Beeinflussung in dieser unerhört oberflächlichen und äußerlichen Weise zu nehmen. Man schlage die Lebensgeschichte eines beliebigen Dichters auf, man lese irgend eine Literaturgeschichte, man durchblättere die kritischen Feuilletons unserer Journale, – überall stößt man ärgerlich auf diesen groben Unfug in künstlerischer Psychologie. Die gescheiten Leute haben entdeckt, daß Thoma den Altdorfer, Keller den Goethe »nachahme«. Man zitiert uns bis zum Ekel jenes Goethische Wort von der »Filiation«, die durch die Künste gehe, und von den »Avantagen«, die das Individuum daraus zu ziehen vermöge, sowie es sich darum handelt, einem ursprünglichen und eigenwilligen Temperament ein Bein zu stellen; dann auf einmal hat man's vergessen; »unselbständige Nachahmung« wird nunmehr gescholten, was als »Filiation», als »Aufrechterhalten der künstlerischen Tradition« sonst kaum hoch genug gepriesen werden konnte. Es heißt, die ganze Geschichte der modernen Musik nicht kennen oder nicht verstehen, wenn man Wagner als den Schöpfer des modernen Stiles hinstellt. Ein Stil wird überhaupt nicht geschaffen, sondern er wächst . Der moderne Stil in der Musik ist durch ein Doppeltes verursacht: Wir haben mehr zu sagen als die Früheren, und wir haben uns mehr und reichere Mittel erobert, es zu sagen. Ob deswegen unsere Musik selbst eine schönere, größere, reichere ist, als die der Früheren, – das möge entscheiden, wer daran Interesse hat. Soviel ist sicher, daß sie die uns gemäßere, die uns einzig gemäße ist. Hierzu kommt noch, daß unsere Musik, wie unsere Kunst überhaupt, seit einem Jahrhundert etwa an immer wenigere sich wendet; dem scheint allerdings entgegenzustehen, daß die Musik gegenwärtig die populärste Kunst zu sein scheint. In Wirklichkeit hat das Verständnis für diese Kunst rapid abgenommen; die üppig grünenden Weiden eines traumhaft dumpfen Dilettantismus werden ja von zahlreichen Herden begangen, doch die ragenden Gipfel werden von wenigen und immer wenigeren erklommen. Die Musik dieser wenigen – wie wird sie beschaffen sein? Wird sie nicht die beredteste Verkündigerin alles dessen sein, was uns am Herzen liegt, schwer und schwermütig? Wir sind ein Ende und zugleich ein Anfang; vieles ist in uns, das sterben will, vieles, das geboren zu werden verlangt. Sehnsucht erfüllt uns, die Sehnsucht nach dem Gestern und die Sehnsucht nach dem Morgen und Übermorgen. Auf der großen Anabasis ziehen wir, zu neuen Meeren und zu neuen Vaterländern, zur neuen Kultur. Da mag es wohl geschehen, daß durch alle Lieder, die wir uns auf unserem langen und beschwerlichen Wege singen, ein gemeinsamer Ton schamhaft verhehlten Heimwehs und wonniger Sehnsucht nach Fernstem und Künftigstem erklingt. Der Generation, die im heutigen Deutschland zwischen zwanzig und dreißig ist, liegt Tag und Nacht dieses »Thalatta, Thalatta« in den Ohren und brennt ihr mit schmerzlichem Verlangen auf der Seele. Diesen Ruf an irgend einem ungeheuren Mittag im Angesichte glatten blauen Meeres hinausschreien zu dürfen – das ist ihre Sehnsucht, das fühlt sie als Sinn ihres Daseins. Ich halte Alexander Ritter, um gleich ein großes Wort gelassen auszusprechen, für den bedeutendsten Liederkomponisten des letzten Drittels unseres Jahrhunderts. Die achtundfünfzig Lieder, die von ihm gedruckt sind, scheinen mir das Wertvollste, weil das Persönlichste, Erlebteste, was unsere Zeit auf dem Gebiete des Liedes hervorgebracht hat. Es sei mir erlaubt, etwas näher auf die einzelnen Lieder einzugehen. »Schlichte Weisen.« Fünf Gedichte von Felix Dahn. Hier ist alles hold und lieb. Die Melodien sind von entzückender Einfachheit und Schönheit. Hier redet verschwiegene Zärtlichkeit, ganz leise, ganz selig. Morgenduft und Morgentau ruht darauf. Wie die Herzlichkeiten dieser köstlichen Kunst an alle schlummernden Harfen in unserer Seele rühren! Wie sie alle herben und süßen Schwärmereien der Jugend in uns wachrufen! Auch der Dramatiker rührt sich schon: Die Stelle, wo es heißt, die Augen der Geliebten mahnten ihn »an eine alte Weise, die seine Mutter, die gute Frau, sang in der Dämm'rung leise« ist mit einer so tiefen und stillen Stimmung komponiert, daß man das ganze Bild zum Greifen lebendig vor sich sieht. In eine ganz andere Welt treten wir mit dem nächsten Werke. »Liebesnächte.« Ein Zyklus ein- und zweistimmiger Gesänge. Dem innig geliebten Meister Richard Wagner in Treue und Ehrfurcht gewidmet. Es ist der Meister des »Tristan«, dem dieses Werk dediziert ist; wir atmen den berückenden duftschweren Hauch des zweiten Aktes von »Tristan und Isolde«. Die Form ist höchst merkwürdig: Ein kurzes, langsames aber bewegtes Vorspiel leitet zum ersten Duett über: »Sind endlich wir allein!« Zuerst die ungeheuren Wonnen des Wiedersehens und Wiederumarmens, dann die mähliche, tiefe, weltvergessene Ruhe, genau wie im »Tristan«; aber aus welcher Intensität des Erlebnisses muß dieser Zwiegesang geboren sein, daß Ritter es wagen konnte, diese Situation zu komponieren! Wie sicher muß er gewesen sein, daß er etwas Anderes schaffe, als eine Nachempfindung! Es folgt der Hymnus an die Nacht Lenaus: »Weil' auf mir, du dunkles Auge«, eine gewaltig ergreifende, getragene Melodie, die zwei Stimmen eilen sich bald voraus, dann finden sie sich wieder in gemeinsamer Sehnsucht. Das dritte Lied, nur vom Bariton gesungen, mit dem Refrain »vergessen, – vergessen«, läßt wieder das feierliche Glück abendlicher Ruhe in der Geliebten laut werden. Da kommt im vierten Lied die Geliebte zu Wort: »Wie sehr ich Dein? soll ich Dir sagen?« Dieses Lenausche Lied hier einzuschalten ist psychologisch und vom Standpunkte des zyklischen Organismus aus ein wundervoll feiner Zug. Wieder von Lenau sind die Worte des folgenden Zwiegesangs: »Ließe doch ein hold Geschick mich in Deinen Zaubernähen still verglühen und vergehen!« Hier schwebt alles in wunschlosem leuchtendem Glück. Doch aufs neue beginnt die Geliebte: »Als wir uns noch nicht verstanden, konnten andre uns verstehn.« Geheimnisvoll innig lösen sich diese Worte von den Lippen, bis auch der Liebende einstimmt in die wunderliche, halb schelmische, halb feierliche Liebeslitanei: »Frau Minne – bewahr' uns! Frau Minne – behüt' uns!« Und wieder sinkt die Stimmung in glückselige Ruhe zurück: »Die Luft geht durch die Felder, die Ähren wogen sacht, es rauschen leis die Wälder, so sternklar ist die Nacht« (von Eichendorff). Dieses wunderbar ruhige und wie von kühlem, nächtigem Atem beseelte Duett leitet über zu dem triumphierenden Hohenliede der Geliebten, das den Mittelpunkt des Zyklus bildet; es ist A. R. gezeichnet und, soweit ich den Gedankenkreis Ritters kenne und aus Analogien (vgl. Schlußchor zu: »Wem die Krone«) schließe, von ihm selber; der musikalische Ausdruck ist hier so grandios gesteigert, die Linien der Melodie sind so groß und stolz, daß dieses Lied sich neben den Zwiegesang: »O sink' hernieder, Nacht der Liebe« aus »Tristan« stellen kann. Es folgt das Hohelied des Liebenden: »Zünde nur die Opferflammen immer höher, heller an« (von Rückert). Das Charakteristische der Liebe des Mannes ist hier mit ungeheurer Intensität ausgedrückt: die Geliebte wird unter die Sterne versetzt, das Ich wird zum Du und das Du zum Ich (wer Feuerbach kennt, weiß, wie ich es meine), in eigner Glut formt der Liebende die Geliebte nach seinem Bild und Gleichnis. Dieses reine und hohe Gefühl wird noch leidenschaftlicher gesteigert im zehnten Gesang, der wieder von beiden gesungen wird: »Nicht mit Armen Dich umschlingen kann mir g'nügen« (von Rückert). Es folgt ein längeres Zwischenspiel, – die Wogen der Leidenschaft glätten sich; ein breiter, innig anschwellender Gesang von leuchtender Schönheit; das Ganze eine geniale Skizze einer Symphonie. Im Schlußzwiegesang erhält der von Ritter am öftesten komponierte Dichter, Lenau, das Wort: »Wohl bin ich nur ein Ton.« In herrlicher seliger Ruhe klingt das Ganze aus. Wir haben dieses Werk ausführlicher behandelt, weil es uns ein Kunstwerk ersten Ranges zu sein scheint. Welche plastische Kraft gehörte dazu, welche Energie des innerlichen Lebens war nötig, aus den verschiedenen Gedichten diesen wundervoll aufgebauten Zyklus zu bilden! Wir können uns den Umstand, daß er nicht oft und oft im Konzertsaal aufgeführt wird, nur dadurch erklären, daß die Anforderungen, die er an die Sänger und den Klavierspieler stellt, in Bezug auf die Größe und Gewalt des Ausdrucks geradezu enorm sind. Früher oder später jedoch wird er seine Sänger und sein Publikum finden. Die »Sechs Gesänge«, op. 5 sind ebenso viele Perlen unseres Liederschatzes. »Ich möcht' ein Lied Dir weihn« – ein Jubelgesang, aus dem Gefühle überwallender Liebe heraus gedichtet und komponiert. »Nie zurück« und das folgende »Zweierlei Vögel« von Lenau zeigen eine ganz außerordentliche Kunst, den scheinbar sprödesten und unmusikalischsten Dichtungen, die ganz reflektiert sind, das tiefe und verschwiegene Gefühl, aus dem sie der scheue Dichter geschaffen hatte, herauszulocken und in unvergänglichen Tönen neu zu schaffen. Doch die Krone dieses Heftes bleibt für mich das »Gebet« von Hebbel: »Die du, über die Sterne weg«: Das ist mit solch ungeheurer Leidenschaft und Größe erlebt, daß ich ihm in unserer ganzen Musikliteratur wenige Lieder in Bezug auf die Gewalt der Empfindung und die Sicherheit und Kühnheit der Melodie an die Seite zu setzen wüßte. Die »Drei Lieder«, op. 6 und »Drei Lieder«, op. 7 singen wiederum von Liebeslust und Leid. Opus 7 enthält das auch im Konzertsaal schon zu einiger Berühmtheit gelangte wundervoll melodische Lied: »In Lust und Schmerzen«. »Belsazar«, op. 8 ist meines Wissens die einzige Ballade, die Ritter komponiert hat. Die Sicherheit, mit der hier ein energischer und eindringlicher Alfreskostil getroffen ist, die Kraft des epischen Tones sind bewunderungswürdig und lassen nur bedauern, daß wir nicht mehr Balladen von Ritter haben. Die »Drei kleinen Lieder«, op. 9 sind zum Weinen schön. Wundersam ergreifend ist gleich das erste »In einem Buche blätternd fand ich eine Rose«. Wer diese schlichten Worte so einfach, so innig zu beseelen weiß, ist ein Künstler allerersten Ranges. »Fragen« und »Gute Nacht« sind wieder von der holdseligen Zartheit der »Schlichten Weisen«, übertreffen sie jedoch noch an melodischer Schönheit; man hat den Eindruck, als ob hier eine reife und gütige Seele all ihre Köstlichkeiten und süßen Geheimnisse lächelnd ausstreue. »Drei Lieder«, op. 10 sind wieder jubelnd geschwellte Liebeshymnen. Das erste »Ich bin in kühler Morgenluft den Strom hinabgegangen« nähme auch unter den Schubertliedern einen Ehrenplatz ein. Es folgen die »Drei Gedichte«, op. 12 . Besonders merkwürdig ist das zweite: die »Erklärung« aus Heines Nordseebildern; wer je die kolossale Stelle gehört hat »und mit starker Hand aus Norwegs Wäldern reiß' ich die höchste Tanne und tauche sie ein in des Ätna glühenden Schlund, und mit solcher feuergetränkten Riesenfeder schreib' ich an die dunkle Himmelsdecke: Agnes, ich liebe Dich« – dem bleibt dieses übermütig trotzige Meisterstück melodischer Sprache unvergeßlich. »Im Alter« ist schon von Schubert in Musik gesetzt worden; wer die beiden Lieder vergleicht, wird staunen über die ganz unglaubliche Originalität bei Ritter. »Fünf Gedichte von Peter Cornelius«, op. 16 sind die schönste Huldigung Ritters an den toten Freund, dem er auch als Musiker so verwandt ist. »Zwei Gedichte von Nikolaus Lenau«, op. 17 , ist der genialen russischen Pianistin Sonja von Schéhafzoff gewidmet. Eine schwermütige Herzlichkeit beseelt die Lieder. Das zweite, »Mahnung«, war seinerzeit das erste, was ich von Ritter'schen Liedern hörte, darum vielleicht ist es mir so lieb. Ich glaube, wer diese breit ausgedehnte, leuchtend schöne Melodie je gehört hat, dem bleibt sie sein Lebenlang im Herzen. »Benediktus«, op. 18 und »Primula veris«, op. 19 , ach, wie soll ich sie schildern. Fünfzig neue Adjektive wären nötig, die Schönheit dieser Musik zu beschreiben. Zwischen diesen Werken und den folgenden liegt der Tod von Ritters Gemahlin. Ich hatte noch das Glück, diese seltene Frau zu kennen. Ihr Verlust traf Ritter mitten ins Herz. Als ich ihn nach längerer Zeit wiedersah, war er wie verwandelt. Jeder Blick, jedes Wort, jede Geberde zeugten von einem unheilbaren, tiefen Schmerz. Zehn Lieder hat er sich in jener Zeit noch zum Troste gesungen (op. 20 und 21). Eine ergreifende, gefaßte Klage durchdringt sie: »Ich geb' dem Schicksal Dich zurück, von dem ich Dich empfangen habe.« »Lethe, brich die Fesseln des Ufers.« Das düsterste aller Lenauschen Lieder »Blick in den Strom« ist nun Interpret des Schmerzes um die Verlorene geworden. Er hört seine alten Lieder, doch »so schön, wie Du sie gesungen, singt sie mir keine mehr«; dann singt er sein herrliches »Trostlied«; die Singstimme hat eine langsame, choralartige Weise; im Baß klingt das »Ein feste Burg« mit, wundersam in die Melodie verwoben; dazu eine leise, schwebende Begleitung. Und nun singt sich dieses alte, tapfere Herz seine triumphierende »Todesmusik«. ... »Also in der Töne Fluten Laß mein Leben sich verbluten!« ... Wie ich nun diesen meinen Versuch überlese, Ritter als Liederdichter zu feiern, macht es mich sehr traurig, daß ich meine Worte so ungenügend und allgemein finde. Ich konnte nur stammeln, wo er gesungen hat. Und alles, was ich über ihn gesagt habe, dünkt mich blaß und welk, wenn ich die saftfrohe, prangende Frische seiner Kunst vor Augen habe. Doch verzeiht – Freunde! Und ersetzt aus seiner Glut und seiner Fülle, was an Feuer und Reichtum mir versagt war! – Wie kommt es nun, daß solche Schätze noch nicht gehoben sind? Daß man so selten, allzuselten eins seiner Lieder zu hören bekommt? Die Lieder bieten den Sängern bedeutende Schwierigkeiten durch die großen Anforderungen, die sie an die Stimme, durch die noch größeren, die sie an die nachschöpferische Gewalt der Auffassung stellen. Für jeden, der sich zum ersten Mal mit ihnen beschäftigt, liegt zudem die große Gefahr nahe, daß er sie auch aufs zweite und dritte Mal noch nicht versteht, und dann enttäuscht beiseite legt. Takt und Tonart wechseln in ein und demselben Liede drei-, viermal; die vielen Vorzeichen erschweren es vielleicht manchem, die Führung der Melodie klar zu erkennen; die Begleitung ist sehr oft nur von außerordentlich gebildeten Pianisten zu bewältigen; diese Lieder lassen sich, einzelne Ausnahmen abgerechnet, vom Blatt weder singen noch spielen; sie wollen studiert sein. Nicht zu vergessen ist endlich, daß die musikalische Kritik bei uns noch nicht gebildet genug ist, das Wertvolle und Bleibende zu erkennen und zu signalisieren. Ich nehme hier ausdrücklich Heinrich Porges und Oskar Merz aus, die für die Entwicklung der Münchner musikalischen Verhältnisse unausgesetzt tätig sind und auch auf Ritters Bedeutung oft aufs nachdrücklichste hingewiesen haben. Von den anderen Kritikern wird die enthusiastische und ekstatische Stimmung mancher dieser Lieder nicht goutiert und nicht verstanden. Seltsam genug! Auf dem Gebiete der poetischen Lyrik läßt man ja die Arten gelten, vom Volkslied bis zu den gewaltigsten freien Rhythmen. In der musikalischen Lyrik dagegen hält man uns immer das »Lied«, womöglich das strophische Lied, als Norm vor und vergißt dabei vollständig, daß auch Schubert von den Kritikern seiner Zeit aufs lebhafteste getadelt wurde, nicht die gewohnten Geleise eines Zelter zu wandeln. Man weiß, wie selbst Goethe Zeltern höher stellte, als Schubert und Beethoven. Heute ist Zelter als Komponist vergessen, doch Schubert lebt. Und so prophezeie ich auch für die Lieder Ritters noch eine Zeit der Popularität. II An einem der letzten schönen Maitage des vorigen Jahres (1892) sahen wir ihn zum ersten Male. Unmittelbar hinter einer der ältesten und belebtesten Straßen Münchens liegt ein stilles Viertel, mit ein paar alten schwarzen Kirchen, großen Pfründnerhäusern, mit breiten, sonnigen, landstädtchenmäßigen Straßen, darinnen alte stille Häuser mit blankgeputzten Spiegelscheiben und hellen Fensterläden. Dort liegt auch eine alte stimmungsvolle Weinstube, in altdeutscher Bauart, mit goldbraun angerauchten Holzgewölben und mit gemalten Fensterscheiben, die ein feierliches Halbdunkel in dem getäfelten Räume verbreiten. Dort saß er eines schönen Nachmittags, in andächtigem Schweigen langsam einen Römer nach dem andern leerend. Die bunten Lichter der Fenster und die Kerzen vom Lüsterweibchen tanzten einen märchenhaften Reigen um seinen Tisch, über seinen prachtvollen alten Kopf, über den weißen Bart, über sein glänzendes, jugendlich rotes Gesicht. So saß der alte Zecher wohl eine Stunde lang, schweigend, feierlich, in kleinen Kennerschlücken trinkend, dann stand er auf, setzte seinen schwarzen Schlapphut aufs schneeweiße Haupt und ging raschen Schrittes hinaus. Wir kannten ihn nicht, aber er hat einen Kopf, den man nie wieder vergißt, wenn man ihn einmal gesehen hat. Am Heimwege blieben wir vor einer Musikalienhandlung stehen, wo die Photographien aller Mitwirkenden bei der 29. Tonkünstlerversammlung ausgestellt waren. Da lasen wir unter seinem Bilde zum erstenmal den Namen »Alexander Ritter«. Beim vierten Konzert im Odeon wurde eine seiner Kompositionen aufgeführt, »Olafs Hochzeitsreigen, symphonischer Walzer für großes Orchester«. Wir gestehen offen, daß wir noch nie mit froherer Erwartung zu einem Konzert gingen. »Olafs Hochzeitsreigen« ist einer der merkwürdigsten Tänze, die je geschrieben sind. Ein ganz knappes Thema, bloß vier Töne, aber was hat der Komponist daraus gemacht! Das wiegt sich und schmiegt sich, das lacht und jubelt, das sehnt und drängt in atemloser Hast, und zögert wieder in unnennbarer, quälender Angst, das wirbelt und flirrt wie ein berauschendes Bacchanale, das schluchzt in zuckenden Stößen, wie wenn es weinen wollte und nicht weinen könnte, und reißt und zerrt drohend und wird ein einziger ungeheurer Schrei – und niemand weiß, ob so grausig der gräßlichste Schmerz schreit oder die entsetzlichste Wonne. Kein Takt ist wie der andere, und es ist eine Melodie; das Thema kehrt immer wieder, und es ist doch jedesmal neu und anders; es ist geistvollste Kunst bis ins feinste Geäder, und klingt wie eine Improvisation; es ist ganz genial orchestriert, und man hört es kaum, so sehr ist die Klangwirkung im Organismus des Stücks aufgegangen; jede Einzelheit ist vollendet, und man hört immer nur das vollendete Ganze . Vor kurzem wurden in der Akademie wieder zwei Orchesterstücke von Ritter aufgeführt. Wir hatten eine ganz unbeschreibliche Freude, ihn wieder dirigieren zu sehen. Er hat seine ganz besondere Art. Wie er langsam auf das Podium steigt, wie er vor dem Publikum eine stolze, altfränkische Verbeugung macht, wie er sich vor dem Orchester verneigt, als wollte er sagen: »Bitte, nehmt euch recht zusammen, damit es recht schön wird!« – Das alles ist so eigentümlich und sprechend, daß man es nie vergißt. Und dann sein Dirigieren! Es war höchst interessant, seine Art mit der Hermann Levis zu vergleichen. Es gibt für einen musikalischen Menschen wohl kaum einen feineren Genuß, als Levi dirigieren zu sehen: Wie er alles durchgeistigt, wie er tausend einzige Schönheiten aus einer Partitur herausholt, ohne eine einzige hineinzulegen, die nicht schon vom Komponisten hineingelegt ist, wie er mit dem Orchester spielt, so daß es nur das ist, was er in jedem Moment haben will, und das alles ganz fein, ganz diskret, ohne Fechtübungen in der Luft, ohne jede Virtuosenpose, – das muß man gesehen haben, um es in seinem ganzen zarten Dufte zu erfassen. Ritter dirigiert wieder ganz anders: Einmal mit einer Sicherheit, die wirklich überraschend ist, wenn man bedenkt, wie selten der Mann Gelegenheit hat, ein Orchester zu leiten. Aber es kommt noch etwas ganz Eigentümliches hinzu, eine Art von Andacht. Über seinem ganzen Wesen ist eine innige Feierlichkeit ausgegossen, jene Feierlichkeit, mit der der Schaffende seinem Werke gegenübersteht, eine Art von holdseliger Ehrfurcht und Scheu, eine tiefe stille Seligkeit und Wonne; – ich glaube, auch wer ihn nicht kennt, müßte an seinem Dirigieren merken, daß er der Komponist sei. Es ist, wie wenn er das Werk in diesem Moment gerade schüfe, es sind nicht die Geigen, die so verklärt singen, seine Seele singt und jubelt, es sind nicht die äußerlichen Pausen, die dieses Bangen hervorzittern lassen, er selbst erlebt in diesem Momente alle Schrecknisse seiner Musik, er selbst bangt und zittert vor den schwindelnden Schauern des Erhabenen, die er künden soll ... » Karfreitag « hieß das erste Stück. Es war totenstill in dem weiten Saale. Man hatte noch selten solche Töne gehört: das war von einer ungeheuren Trauer, das wühlte in den grausamsten, schmerzendsten Akkorden, das quälte bis aufs Blut, das war wie ein einziger schneidender Ton, in dem alle Qual und alle Herbigkeit und Bitternis zusammengepreßt war, und das fiebernde Zittern aller Kreaturen vor dem Tode, und der stumme Schrei aus dem brechenden Auge des Sterbenden, und das marternde Verrieseln des warmen Blutes in müden, brennenden Tropfen, und die Verzweiflung, die sich krümmt und röchelt, und die schluchzende Sehnsucht, die um den endlichen Tod bettelt ... » Fronleichnam .« Ah, wie man aufatmete! Wieder hoffte! Sich der Sonne freute! Denn das war wieder Sonne und Farbe und Singen! Es gibt ein paar Seiten von Dr. Conrad, die zu dem einfachsten, hellsten und festlichsten gehören, was die neue Literatur an Stimmungsbildern hervorgebracht hat: ich meine die Schilderung seines Einzuges in einem fränkischen Städtchen am Abende des Fronleichnamsfestes in den »Wahlfahrten«. An diese Seiten erinnerte mich die Musik Ritters: In dieser Stimmung wandelt ein froher, wohlgeratener Mensch durch die träumenden Gassen; noch liegt das duftende Gras auf den Wegen gestreut und vermischt seine Wohlgerüche mit dem leisen Schlummeratem des müden Tages; noch zittern Glockentöne und hohe Lieder in den bewegten Lüften; noch raschelt helles Birkenlaub an den weißen Ästen; noch hallt das bunte Klingen des verrauschenden Volksfestes aus traulichen Winkeln; leiser plätschern die Wasser in den Brunnen, leiser ziehen die murmelnden Wellen des Flusses ihren silbernen Weg; lautlosen Flugs schwebt süßer Traumesduft über der ruhigen Stadt ... Als Künstler gehört Ritter zu jener seltsamen und einsamen aristokratischen Gruppe, die gerade in unserem Jahrhundert ihre feinsten und tiefsten Repräsentanten hat; diese Kunst ist es, für die man in Frankreich den Namen »art intime« geprägt hat: Corot, Millet und alle die späteren Meister des »paysage intime« gehören dazu, wie Flaubert und die Goncourts, wie Stifter und Gottfried Keller, wie Jacobsen und Ibsen, wie alle wirklich originellen Genies: Denn die eigenste und köstlichste Blüte eines Kunstwerks ist für die Menge immer ein Adyton, ein verzauberter Garten, den sie nie und nimmer betreten wird; die kolossale Poesie, die Zola in ein paar Sätzen, Wagner in drei Takten zusammenpreßt, die wird – gottlob – trotz aller äußerlichen Erfolge dieser Meister immer nur Wenigen und Auserlesenen zugänglich sein. Zu dieser strengen und abgeschlossenen Gilde gehört auch Ritter; am nächsten steht er vielleicht dem Komponisten des »Barbiers von Bagdad«. Wie Cornelius, ist er ohne Wagner schlechthin nicht zu denken, und doch, wie Cornelius, steht er Wagner durchaus selbständig gegenüber. Er bringt es fertig, fünfzig Takte zu schreiben, von denen ein Durchschnittspublikum auch nicht einen einzigen kapiert; dann fällt ihm wieder ein, wie in der Komposition zu dem Lenauschen Gedicht »Mahnung« , einen reinen Satz von solch absoluter Melodie und Verklärtheit zu dichten, daß er sich dem Ohre für immer eingräbt; oder, wie in seinem »Benedictus« , erzielt er den Eindruck jubelnder Seligkeit durch ein ganz einfaches und scheinbar leichtes Mittel – es ist wie mit dem Ei des Kolumbus: Das Lied ist im 6/8 Takt geschrieben, und die ersten fünf Achtel zuammengenommen; dieser sechste kurze Ton, der wie vor Freude aufhüpft, wirkt ungemein reizvoll und eigentümlich. Oder er schreibt eine Art von Fuge ( »Fronleichnam« ), keine epigonenhafte rhythmisch plumpe Stimmenreißerei, sondern einen ganz langsamen, gedehnten, weichen Gesang: zuerst singen ihn die ersten Violinen, so daß er gleitet und leuchtet, wie eine Perlenschnur durch die feinen Finger einer Frauengestalt von Burn Jones, dann nehmen ihn die zweiten Violinen auf, dann die Violen, die Cellos, Note für Note, Takt für Takt: ist das eine Fuge? Möglich, aber eine ganz besondere. Oder ist es ein Canon? Auch möglich, aber einer, wie er nur einmal existiert. Oder ist es keines von beiden, ist es »bloß« Musik, ganz unvergleichlich seelenvolle, stille Musik? In dieser Art schrieb Ritter eine lange Reihe wundervoller Lieder, bald für die menschliche Stimme, bald für die Violine mit Orgelbegleitung ( »Eine Christmette«, »Zu einer ersten Kommunion« ), bald für ein großes Orchester. Aber, wie wenn ihm das nicht genügte – zweimal griff er mit glücklicher Hand in die wunderbare alte Märchenwelt und schuf sich als Dichter zwei prächtige, bunte Texte und komponierte eine prächtige, leuchtende Musik dazu. Nun redet er zu allem Volke, wie der Meister der Meistersinger. Er redet, wie Hans Sachs, tiefsinnig und schalkhaft, und wenn das Volk auch nicht alles versteht, die Schönheit und der frohe Humor des Erfaßten läßt es wohl die Tiefe und die goldige Sonnenscheinweisheit des noch nicht Verstandenen glücklich ahnen.   »Es war im Jahre 1872, glaub' ich, in einem Konzert in Mannheim, das Wagner dirigierte. Nach dem Diner saßen wir zwei beisammen, unsere Frauen hatten wir fortgeschickt, und da fing Wagner ganz abrupt mit jener grandiosen Offenheit an, sich zu äußern, die bei jedem anderen Arroganz gewesen wäre: Wenn Sie fürs musikalische Drama pathetische Stoffe nehmen, fallen Sie alle miteinander in meine Art hinein. Sie können nicht selbständig sein, Sie mögen tun, was Sie wollen! Nein, nehmen Sie komische Stoffe, oder kleinere, aber tiefe poetische Symbole in anmutiger, anspruchsloser Form. Und vor allem eins: Lassen Sie die Franzosen Franzosen sein, und die Italiener Italiener! Bleiben Sie mit Ihrem ganzen Herzen echt und deutsch!« Diese Anekdote war die Antwort, die mir Ritter einmal gab, als ich ihn fragte, wie er zu seinen beiden Opern angeregt worden sei: »Der faule Hans« und: »Wem die Krone?« Über keine künstlerische Strömung hat man bisher oberflächlicher geschrieben, als über die Romantik. Man hat sich bei uns in Deutschland von Anfang an die Perspektive dafür verdorben, indem man ihre katholisierenden Tendenzen viel zu einseitig betonte, man hat sich nie gefragt, ob das nicht im Grunde etwas herzlich Nebensächliches und Sekundäres war. Man hat mit plumpen Fingern Romantik und Jungdeutschland geschieden, zwei Strömungen, die fast nicht zu unterscheiden sind. Da traf Stendhal wieder einmal ins Schwarze, als er in seiner Broschüre »Racine et Shakespeare« kühn und richtig die These aufstellte: »Á le bien prendre, tous les grands écrivains ont été romantiques de leur temps« . Wo etwas Großes im Werke ist, geht es nie ohne eine Art von Romantik ab: Man vergesse nicht, daß das bedeutendste politische Faktum in diesem Jahrhundert, das Jahr 1871, ohne erzromantische Instinkte nicht erfolgt wäre, daß das bedeutendste künstlerische Faktum, Richard Wagner, die intensivste Romantik war; und wieviel Romantik steckt, als Bestes und Tiefstes, in der bedeutendsten philosophischen Erscheinung dieses Jahrhunderts, in Friedrich Nietzsche! »Romantisch« und »modern« sind schließlich nur Worte für ein und denselben kulturellen Vorgang. – Auch Ritter ist Romantiker. Seine Probleme sind romantische Probleme: Da ist der »Taugenichts«, der »noch nichts gesehn, der Mühe wert, drum aufzustehn«, ein legitimer Enkel des Eichendorffschen Helden, aber hundertmal tiefer als dieser: er hat den tiefen Argwohn, daß alles, was so großen Lärm mache, in Wirklichkeit ganz verteufelt wenig tauge, er kann den Spektakel der Historie »um alles nicht im Ernste nehmen«. Darum liegt er den ganzen Tag »im Schatten breiter Linden, – umspielt von Sommerwinden, – und dichtet eine schönre Welt, – drin alles besser ist bestellt«. Und so ist er ein Wartender, dieser Ideologe und Weltverbesserer, und wird nicht ernst genommen, und nimmt selber die Andern nicht ernst, bis das »Wunderbare« eintritt: Eines schönen Tages, wie die »Praktischen« sich keinen Rat mehr wissen, weiß der faule Hans eine Tat: Er schlägt die Riesen nieder und freit die Königin. Was ist geschehen? 1870/71, sonst nichts ... Da ist der »Pechvogel« Heinrich, der mit seinen Brüdern ausgeschickt worden ist, und wer von den dreien den mitgegebenen Schatz am weisesten verwendet, soll König werden und die schöne Base Hilde freien. Die Brüder sind »praktisch« und sorgen für Prunk und Wehr, Heinz kehrt mit leeren Taschen heim – er hat alles verschenkt und nebenbei ein paar freche Beamte totgeschlagen. Nun steht er vor dem Thron: »Ach wüßt ich nur kunstreich die Worte zu führen, ich wollte Gluten im Herzen euch schüren, entfachen ein zornig flammendes Wollen, das führe durchs Land in donnerndem Grollen, zu künden in leuchtendem Morgenrot aufs neue der Menschenlieb' heilig Gebot.« Was ist geschehen? Im Märchen – Alles: Heinzens ist die Krone. In der Wirklichkeit – Nichts: Noch ist Heinz nicht nach Deutschland zurückgekehrt. Wie? ein Märchen mit politischen Hintergedanken? Das nicht, aber ein Symbol: »Die Königin erscheint: eine Gräfin in lang wallendem weißem Haar, die übrige Erscheinung genau der Germania gleich , wie wir sie auf Bildwerken und Monumenten kennen.« (Szenische Anmerkung zu »Wem die Krone?«.) Noch ist Heinz nicht zurückgekehrt: noch zankt man um Militärvorlagen und Handelsverträge, während die Kultur schön langsam zum Teufel fährt. »Der faule Hans« ist nicht nur Symbol geblieben; »Wem die Krone?« aber muß erst von Deutschland eingelöst werden ... Wir gehen auf den poetischen Wert der beiden Dichtungen nicht näher ein, – wir müßten sonst die Textbücher abschreiben. Wir erklären sie nur als die besten, klarsten und dichterischesten unter allen nachwagnerischen Texten; wir gehen noch weiter und behaupten direkt, daß der poetische Wert derselben allein, ohne die Musik, schon hinreichen würde, sie als ganz reizende und originelle Dichtungen zu charakterisieren: Stellen, wie der wundervolle Monolog Hansens vor dem Einschlummern, oder die große Erzählung Heinrichs sind den analogen Partien bei Wagner vollkommen ebenbürtig.   Von wenigen gekannt, aber von diesen wenigen verehrt und geliebt, ist Alexander Ritter gestorben. Ich hoffe, daß ich die Zeit erleben werde, wo viele ihn kennen und lieben. Seine Werke werden bleiben. Denn er war ein Musiker zu einer Zeit, die fast nur Musikanten hervorbrachte. Er hatte seinen eigenen Ton und sang seine eigene seltsame, kühne Weise, zu einer Zeit, die sonst fast nur schwächliches Gezirp hörte. Er hatte die Kraft, in stolzer Zurückhaltung zu verharren und sein Lebenswerk zu vollenden, zu einer Zeit, die auf dem Gebiete der künstlerischen Produktion das widerlichste Markten und den unlautersten Wettbewerb gewohnt war. Ein Künstler war er, im strengsten und heiligsten Sinne. Nie hat er den Helden in seiner Seele weggeworfen. Er hat nur gesungen, wann er mußte, w a s er mußte, wie er mußte. Aufrechten Leibes, stolzen Hauptes, leuchtenden Auges ist er durchs Leben gegangen und ruhig und groß ist er gestorben. Der alte Mozart und seine Violinschule Ein Kapitel Augsburger Musikgeschichte zum schwäbischen Musikfest 5.–7. Juni 1892 (1892) In den Pfingsttagen dieses Jahres werden viele, der Einladung der »holdseligen Frau Musika« Folge leistend, sich in Augsburg versammeln, und für drei Tage wird die Musik ihren heiteren Reichstag in der Stadt aufschlagen, deren alte, hohe Häuser mit den feingegliederten Giebeln manch ernsteren Reichstag geschaut. Einen deutschen Künstler, der selbst inmitten dieser steingewordenen Symphonie der Renaissance gelebt, unserer Zeit näher zu rücken, ist der Zweck der folgenden Zeilen. Es ist durchaus kein Grund, sich zu verwundern, wenn wir vom alten Mozart und seiner Violinschule ein wenig plaudern. Denn einmal war der alte Mozart ein prächtiger Mensch, so was man unter einem deutschen Musiker ungefähr versteht, will sagen: durch und durch Original, eine ausgeprägte Persönlichkeit, eine Kraftnatur von starker Rasse und vor allem eins: voll ehrfürchtiger Gewissenhaftigkeit für seine Kunst. Zum Zweiten: Wenn an den drei Pfingsttagen ein paar hundert Musiker geigen und blasen und viele wunderschöne Musik aufführen, so wäre das alles nicht möglich gewesen ohne den alten Mozart, nicht einmal ohne seine alte Violinschule. Zum Dritten war der alte Mozart ein Augsburger Kind, und drum wollen wir zur größeren Ehre der Frau Musika und zum Ruhme Augsburgs von dem alten Herrn ein wenig erzählen.» Wenn man die Windgasse hinaufgeht, kommt man an das Haus E 15, ein Haus, wie alle andern alten Augsburger Häuser, vorne ein wenig Kartoffelpflaster mit Gras in den Fugen, mit einem kleinen Giebel und einer Gedenktafel, welche meldet, daß in diesem Hause am 14. November 1719 Leopold Mozart, der Vater des berühmten Mozart, geboren sei. Gestorben ist er am 28. Mai 1787 zu Salzburg, als Unterdirektor der erzbischöflichen Kapelle. Er hinterließ der Welt seinen Woferl und seine Nannerl, sowie eine Violinschule. Über Woferl und Nannerl läßt sich nicht viel Neues sagen, eher über die Violinschule, welche mit anderen Büchern das Schicksal teilt, daß sie zwar oft erwähnt wird, aber noch selten jemanden zu Gesicht gekommen ist. Sie liegt vor mir auf meinem Schreibtisch: »Leopold Mozarts Hochfürstl. Salzburgischen Vice-Kapellmeisters gründliche Violinschule, mit vier Kupfertafeln und einer Tabelle. Zweyte vermehrte Auflage. Auf Kosten des Verfassers. Augsburg, gedruckt bey Johann Jakob Lotter 1769.« Da das Buch auf Kosten des Verfassers gedruckt wurde, scheint es für die damalige Zeit ein finanzielles Wagnis gewesen zu sein. In der Folgezeit jedoch wurde es berühmt und ins Italienische und Französische übersetzt. Gewidmet ist es »dem Hochwürdigsten des heil. Rom. Reichs Fürsten Siegmund Christoph aus dem hoch Reichsgräflichen Hause von Schrattenbach, Erzbischoffen zu Salzburg, des heil. Rom. Stuhls gebohrenen Legaten und Primaten des Deutschlandes, meinem gnädigsten Landesfürsten und Herrn«. An der Spitze trägt das Buch in griechischer und lateinischer Sprache ein Motto aus Quintilian. Der alte Mozart war nicht nur ein tüchtiger Musikant, sondern auch ein grundgelehrtes Haus. Seine Violinschule strotzt von Zitaten griechischer, römischer, französischer, englischer, italienischer und hebräischer Bücher. Er hatte eine ausgezeichnete Bildung genossen und die Absicht, Jura zu studieren, hatte ihn zuerst nach Salzburg geführt. Der deutsche Musiker ist aber ein wunderlicher Kauz: Je sprühender und heller ihm die wunderschönsten Melodien im Kopfe jauchzen und klingen, desto schweigsamer pflegt es im Geldbeutel herzugehen. Leopold Mozart hatte sich schon während seines Studiums durch Musikunterricht erhalten, und bald vertauschte er das corpus juris civilis mit Kontrapunkt- und Generalbaßlehre. Er wurde sodann Kammerdiener beim Domherrn Grafen Thurn (etwas für die damalige Zeit durchaus nichts Auffälliges; war doch auch Josef Haydn bei dem Maestro Porpora ebenfalls eine Zeit lang tagsüber mit Bürste und Besen, abends mit Geige und Spinett tätig). Doch auf seine gelehrte Erziehung war Mozart stets stolz; allgemeine Bildung hielt er, und das beweist sein richtiges Gefühl, für etwas dem Komponisten schlechthin Notwendiges. Zum Beispiel Violinschule, Seite 108: »Die Abschnitte und Einschnitte sind die Incisiones, Distinctiones, Interpunctiones usf. Was aber dieß vor Thiere sind, muß ein guter Grammatikus, noch mehr ein Rhetor und Poet wissen. Es soll es aber auch ein guter Violinist wissen. Einem rechtschaffenen Componisten ist diese Wissenschaft unentbehrlich; sonst ist er das fünfte Rad am Wagen; ein besonderes Naturell ersetzet zwar manchmal den Abgang der Gelehrsamkeit und oft hat, leider! ein Mensch bey der besten Natursgabe die Gelegenheit nicht, sich in den Wissenschaften umzusehen.« Im übrigen ist Mozart ziemlich schlecht auf die Gelehrten zu sprechen; anläßlich der gleichgültigsten Dinge macht er plötzlich eine überraschende Wendung, um den Gelehrten eines zu versetzen. Zum Beispiel »Am äußersten Ende bemühen sich die Geigenmacher theils eine zierliche schneckenförmige Krümmung, theils einen wohlgearbeiteten Löwenkopf anzubringen. Ja sie halten sich über dergleichen Auszierungen oft mehr auf, als über dem Hauptwerke selbst; daraus denn folget, daß auch die Violin, wer sollte es meynen! dem allgemeinen Betrug des äußerlichen Scheines unterworfen ist. Wer den Vogel nach den Federn und das Pferd nach der Decke schätzet, der wird auch unfehlbar die Violin nach dem Glänze und der Farbe des Firnüsses beurtheilen, ohne das Verhältniß der Haupttheile genau zu untersuchen. Also machen es nämlich alle diejenigen, welche ihre Augen, und nicht das Gehirn zum Richter wählen. Der schön gekraußte Löwenkopf kann ebensowenig den Klang der Geige, als eine aufgethürmte Quarreperrücke die Vernunft seines lebendigen Perrückenstockes bessern. Und dennoch wird manche Violin nur des guten Ansehens wegen geschätzet; und wie oft sind nicht das Kleid, das Geld, der Staat, sonderbar aber die geknüpfte Perrücke jene Verdienste, die manchen ... zum Gelehrten, zum Rath, zum Doktor machen! Doch! wo bin ich hingerathen? Der Eifer gegen das so gewöhnliche Urtheil nach dem äußerlichen Scheine hat mich fast aus dem Geleise getrieben.« Insbesondere sind ihm die musikalischen Ästhetiker zuwider; er wüßte ihnen ganz andere Aufgaben: »Das ganze musikalische Reich wüßte es einer gelehrten Gesellschaft nimmer genug zu verdanken, wenn sie den Instrumentenmachern ein so nützbares Licht anzündete, als: was für Holz zu einem Geigeninstrumente das tauglichste? Wie die Schweislöcher des Holzes am besten zu verschliessen seyn, und ob nicht auch der innere Theil deßwegen mit Firnüß ganz fein zu bestreichen, und was für Firnüß der tauglichste wäre. Man wird es mir nicht verargen, wenn ich ganz aufrichtig sage: daß an genauer Untersuchung der Instrumente mehr lieget, als wenn man durch die Bemühung vieler Gelehrten endlich vom Grunde erörtert: warum zwo unmittelbar auf einander folgende Oktaven oder Quinten nicht wohl in das Gehör fallen. Bey rechtschaffenen Componisten sind sie ohnehin schon längst des Landes verwiesen. Da messen die Gelehrten ganze Reihen papierener Intervallen aus, davon oft viele in der Ausübung wenig oder gar nichts nützen.« Von köstlicher Derbheit ist die folgende Stelle: »Die Herren Kunstrichter werden sich ja nicht daran stoßen, wenn ich die 4/ 2/8 9/8 9/16 12/16 12/24 12/4 Takte weglasse. In meinen Augen sind sie ein unnützes Zeug; man findet sie in den neueren Stücken wenig oder gar nicht; und man hat wirklich Taktsveränderungen genug alles auszudrücken, daß man dieser letztern nicht mehr benöthiget ist. Wer sie liebt, der mag sie mit Haut und Haare nehmen. Ja ich würde den ganzen Tripel auch noch großmüthig dazu schenken, wenn er mich nicht noch aus einigen alten Kirchenstücken trotzig anglotzete. Da nun aber solches schimmlichtes Zeug hieher zu schmieren gar zu nichts mehr dienlich ist, so werden die Liebhaber dergleichen Unterhaltungen an die alten Schriften selbst angewiesen.« Man muß nun wissen, wie Mozarts Bemerkungen bezüglich des Instrumentenbaues und der Takteinteilung von den modernen Tonphysiologen, wie Fechner und Hermann Helmholtz, oft bis in die kleinsten Details hinein bestätigt worden sind, und man wird den genialen Weitblick dieses Mannes, sein sicheres Auge für die Entwicklung der Musik, sein resolutes Aufräumen mit formalistischem Kram noch mehr bewundern. Interessant für die Stellung der Musiker im vorigen Jahrhundert sind die beiden folgenden Sätze: »Die Instrumentenmacher arbeiten heutzutage freilich meistentheils nur nach Brod. Und einestheils sind sie auch nicht zu verdenken; man verlangt gute Arbeit und will wenig dafür bezahlen.« »Man pflegt an vielen Orten die Gelehrten und Künstler mit lauter Bravo fast zu vergöttern, ohne sie mit einer andern gebührenden und nachdrücklichen Belohnung zu beehren. Allein, dergleichen magere Lobeserhebungen sollten den Herrn Virtuosen auch eine Natur der Götter einflössen, und ihre Leiber verklären, damit sie von himmlischen Einbildungen leben könnten, und nimmer einer zeitlichen Nothwendigkeit bedürften.« Diese und ähnliche Ausführungen Mozarts bieten ein doppeltes Interesse: einmal ein kulturgeschichtliches, insofern sie durchaus treue und lebendige Dokumente der Zeit sind, in der unsere moderne deutsche Musik geboren wurde; sodann ein hohes Interesse bezüglich der Entwicklung, welche unser Musikwesen seit hundertfünfzig Jahren genommen oder auch nicht genommen hat. Und in dieser Beziehung ist sie geradezu ein goldiges Buch, des alten Mozart alte Violinschule. Die folgenden im Buche zerstreuten Sätze könnte man vielleicht in ein Kapitel bringen mit der Oberschrift: »Virtuosenunarten«. Oder, wie der alte Mozart vielleicht als guter Augsburger geschrieben hätte: »Von den Ohnfürmen der Virtuosen«. Ich lasse diese Ausführungen ohne weitere Randbemerkungen folgen. Denn sie sprechen deutlich genug, deutlich auch zu unserer Zeit. Sie sind der ehrliche, echt künstlerische Protest einer gesunden und starken musikalischen Natur gegen jede Art musikalischen Akrobatentums: »Wer sollte nicht lachen, wenn man zum Exempel auf der Violin solche Gänge, Sprünge und Verdoppelungen abgeigen soll, dazu noch 4 andere Finger nöthig wären? Manche meynen, was sie Wunderschönes auf die Welt bringen, wenn sie in einem Adagio cantabile die Noten rechtschaffen verkräuseln, und aus einer Note ein paar Dutzend machen. Solche Notenwürger legen dadurch ihre schlechte Beurtheilungskraft zu Tage, und zittern, wenn sie eine lange Note aushalten oder nur ein paar Noten singbar abspielen sollten, ohne ihre gewöhnlichen und ungeschickten Verzierungen anzubringen ... Eine Unart ist die gewaltige Bewegung des ganzen Leibes, wodurch sich auch oft der Chor oder das Zimmer, wo man spielet, erschüttert, und die Zuhörer bey dem Anblicke eines so mühsamen Holzhauers entweder zum Gelächter oder zum Mitleiden bewogen werden ... Was kann wohl abgeschmackters seyn, als wenn man sich nicht getrauet, die Geige recht anzugreifen; sondern mit dem Bogen, der oft nur mit zweenen Fingern gehalten wird, die Seyten kaum berührt, und eine so künstliche Hinaufwispelung bis an den Sattel der Violin vornimmt, daß man nur da und dort eine Note zischen höret, folglich nicht weiß, was es sagen will; weil alles lediglich nur einem Traume gleichet ... Es gibt Violinisten, welche in die von ihnen selbst zusammengeschmierten Solo oder Concerte alle nur erdenkliche Gaukeleyen einflicken. Giebt es nicht andere, die mit den unverständlichsten Passagen alle Tonleitern durchwandern? die unverhoftesten, Seltsamesten und wunderschönsten Bockssprüng anbringen? ja solche widrige Gänge untereinander mischen, die weder Ordnung noch Zusammenhang haben! ... Alles kann zur Mode werden; ich sah wirklich schon einige, die beim Cadenztriller den Bogen ein paarmal änderten, um nur einen recht schrecklich langen Triller zu machen, und dadurch ein Bravo zu erhalten. Mir gefällt es nicht ... Es gibt solche Spieler, die bey jeder Note beständig zittern, als wenn sie das immerwährende Fieber hätten. Der gute Vortrag einer Komposition nach dem heutigen Geschmacke ist nicht so leicht, als sich's manche einbilden, die sehr wohl zu thun glauben, wenn sie ein Stück nach ihrem Kopfe recht närrisch verzieren und verkräuseln; und die von demjenigen Affekte ganz keine Empfindung haben, der in dem Stücke soll ausgedrücket werden. Und wer sind diese Leute? Es sind meistens solche, die, da sie kaum im Takte ein wenig gut fortkommen, sich gleich an Concerte und Solo machen, um (nach ihrer dummen Meynung) sich nur bald in die Zahl der Virtuosen einzudringen. Schlechte Akkompagnisten gibt es genug; gute hingegen sehr wenig; denn heut zu Tage will alles Solo spielen. Wie aber ein Orchester aussieht, welches aus lauter Solospielern bestehet, das lasse ich jene Herren Komponisten beantworten, die ihre Musiken dabey aufgeführet haben ... Wenn man manche italienische Sängerinn, oder sonst solche Einbildungsvirtuosen vor sich hat, die dasjenige, was sie auswendig lernen, nicht einmal nach dem richtigen Zeitmaase fortbringen; da muß man freilich ganze halbe Takte fahren lassen, um sie von der öffentlichen Schande zu retten. Oft mag man in einem Adagio cantabile manche Achttheilnote die Zeit eines halben Taktes aushalten, bis der Virtuos von seinem Paroxysmus wieder zu sich kömmt; und es geht nichts nach dem Takte; denn er spielt »rezitativisch«. Man gehe diese Bemerkungen des klarsehenden und gewissenhaften Meisters, eine nach der andern, durch – es ist keine einzige darunter, deren Tadel nicht auf manche Erscheinung unserer modernen Konzertsäle in vollem Umfange angebracht wäre. Ein wenig veränderte Sprache, und es könnte 1892 geschrieben sein, statt 1756. Kostbare und zuweilen auch köstliche Bemerkungen über musikalische Pädagogik weist das Buch in Fülle auf. Mozart spricht offen seine Überzeugung aus, daß jeder vernünftige Unterricht ein individueller sein müsse. »Man sehe auf das Temperament des Schülers, sonst wird er auf seine Lebstage verdorben. Ein fröhlicher, lustiger, hitziger Mensch wird allezeit mehr eilen; ein trauriger, fauler und kaltsinniger hingegen wird immer zögern. Läßt man einen Menschen, der viel Feuer und Geist hat, gleich geschwinde Stücke abspielen, bevor er die Langsamen genau nach dem Takte vorzutragen weis; so wird ihm das Eilen lebenslänglich anhangen. Legt man hingegen einem frostigen und schwermüthigen Maulhänger nichts als langsame Stücke vor, so wird er allezeit ein Spieler ohne Geist, ein schläfriger und betrübter Spieler bleiben. Man kann demnach solchen Fehlern, die von dem Temperamente herrühren, durch eine vernünftige Unterweisung entgegenstehen. Den Hitzigen kann man mit langsamen Stücken zurückhalten und seinen Geist nach und nach dadurch mäßigen; den langsamen und schläfrigen Spieler aber kann man mit fröhlichen Stücken ermuntern, und endlich mit der Zeit aus einem Halbtodten einen Lebendigen machen.« Sehr beherzigenswert ist folgender Passus: »Die Meister haben oft die Geduld nicht, die Zeit abzuwarten; oder sie lassen sich von dem Discipel verführen, welcher alles gethan zu haben glaubet, wenn er nur bald ein paar Menuete herabkratzen kann. Ja vielmal wünschen die Eltern, oder andere des Anfängers Vorgesetzte nur bald ein dergleichen unzeitiges Tänzel zu hören, und glauben alsdann Wunder, wie gut das Lehrgeld verwendet worden.« »Allein was kann der Schüler dafür, wenn es sein Lehrmeister selbst nicht besser verstehet, und wenn der Lehrmeister selbst auf gut Glück in den Tag hinein spielet ohne zu wissen was er thut? Und dennoch will oft noch dazu ein solcher Gerathewohl-Spieler ein Komponist heißen. Genug! Man mache keine oder nur solche Auszierungen, die weder die Harmonie noch die Melodie verzerren. Man lerne endlich einmal gut lesen, bevor man mit Figuren um sich werffen will; denn mancher kann ein halbes Dutzend Konzerte ungemein fertig und sauber wegspielen; kömmt es aber dazu, daß er etwas anders gleich von der Faust weggeigen solle, so weis er nicht drey Takte nach des Componisten Meynung vorzutragen; wenn gleich der Vortrag auf das genaueste bestimmt ist. Ich eifere für die Reinigkeit des Vortrags; man nehme mir's also nicht übel, daß ich die Wahrheit rede.« »Ich kann hier jene närrische Lehrart nicht unberührt lassen, die einige Lehrmeister bey der Unterweisung ihrer Lehrlinge vornehmen; wenn sie nämlich auf den Griff der Violin ihres Schülers die auf kleine Zettelchen hingeschriebene Buchstaben aufpichen, oder wohl gar an der Seite des Griffes den Ort eines jeden Tones mit einem starken Einschnitte oder wenigstens mit einem Ritze bemerken. Hat der Schüler ein gutes musikalisches Gehör, so darf man sich nicht solcher Ausschweifungen bedienen; fehlet es ihm aber an diesem, so ist er zur Musik untauglich, und er wird besser eine Holzaxt, als die Violin zur Hand nehmen.« Etüden sollen nach Mozarts Ansicht möglichst trocken sein. »Hier sind Stücke zur Übung. Je unschmackhafter man sie findet, je mehr vergnügt es mich; also gedachte ich sie nämlich zu machen.« Er scheint auch die argumenta ad hominem geliebt zu haben: »Man muß zu Zeiten auf ganz besondere Mittel gedenken, wenn man Leuten, die keine natürliche Fähigkeit haben, etwas beybringen soll. Eben also mußt ich einsmals eine ganz besondere Notenerklärung erfinden. Ich stellte nämlich die ganzen Noten als sogenannte Batzen oder Vierkreuzerstücke vor, die halben Noten durch halbe Batzen, die Viertheilnoten durch die Kreutzer, die einfachen Fusellen (Achtel) durch die halben Kreutzer oder Zweenpfenniger, die doppelten Fusellen (Sechzehntel) als Pfennige, und endlich die dreyfachen Fusellen (Zweiunddreißigstel) als Häller. Läßt dieß nicht recht lächerlich? Und so lächerlich und einfältig es immer klingt, so half es doch. Denn dieser Saamen hatte das richtigste Verhältniß mit der Erde, in die er geworfen ward.« Etwas sehr drastisch ist folgende Methode: »Will der Schüler den Ellebogen nicht biegen, und geigt folglich mit einem steifen Arm und starker Bewegung der Achsel, so stelle man ihn mit dem rechten Arm nähe an eine Wande; er wird, wenn er beym Herabstriche den Ellebogen gegen die Wand stößt, solchen ganz gewiß biegen lernen.« Von mehr als nur zeitgeschichtlichem Interesse sind auch Mozarts Bemerkungen über Musik im allgemeinen. Ohne Rhythmus keine Musik, sagt er an mehreren Stellen, und er meint jene rhythmische Bewegung, welche das physiologische Wohlbehagen erzeugt, das im graziösen Gehen, Schreiten, Tanzen liegt. Von dem Fortschritte der Musik ist er überzeugt: »Wenn es wahr wäre, daß die griechische Musik die Krankheiten geheilet hätte, so müßte unsere heutige Musik unfehlbar gar die Erblaßten aus ihren Särgen rufen.« Gerade wie wenn er eine Ahnung von jenen erschütternden Posaunentönen gehabt hätte, mit denen sein Sohn das Erscheinen des steinernen Gastes im Don Juan begleiten sollte. Einmal gebraucht er das Wort »Vollkommenheit«, setzt aber sofort in einer Anmerkung dazu: »Man stoße sich nicht an dem Worte: Vollkommenheit. Wenn wir genau und nach der Schärfe darein sehen, so sind freylich noch Stuffen ober uns.« Das erinnert an Haydns prophetischen Ausspruch: »Kinder, was in der Musik bereits geschehen ist, ist nichts im Vergleich mit dem, was in ihr noch geschehen kann.« Bei der Erklärung des Wortes cantabile setzt er feierlich hinzu: »Und dieß ist das schönste in der Musik.« Vor unserem Geiste steigen dabei all jene herrlichen Cantabile auf, mit denen sein Sohn und Beethoven die Welt beschenkten bis hinauf zu den Sphärenharmonien und Sternenreigen im dritten Satze der neunten Symphonie. Auf musikhistorisches Gebiet führt uns die folgende Anmerkung: »Einem Violinisten wird meine Lehre von den Tonarten unfehlbar nützlicher seyn, als wenn ich ihm Vieles von den Alten ihrem Dorius, Phrygius, Lydius, Mixolydius, Aeolius, Jonius und, durch Hinzusetzung des Hypo von noch anderen solchen sechs Tonarten vorschwätze. In der Kirche gemessen sie das Freyungsrecht; bey Hofe aber werden sie nimmer gelitten.« Hier ist mit wenig Worten der große Prozeß charakterisiert, der die auf diatonischer Grundlage aufgebaute Musik durch die enharmonische verdrängte. Wer Gelegenheit hatte, im Konzerte des Orchestervereins die als Manuskript in der Staatsbibliothek befindliche Sonate von Tartini zu hören, wird sich vielleicht an den eigenthümlichen Zwiespalt erinnern, der durch diese Musik hindurchgeht. Manchmal ein leises, fast verwehtes Echo von Palestrinas seltsam jubilierenden Akkorden, dann wieder kurze, blitzartige Hinweise auf Haydn, bis das Adagio in beinahe Mozartscher Weihe und Verklärung ausklingt. Sehr hübsch ist auch der »Versuch einer kurzen Geschichte der Musik«, der sich pag. 10 ff. in der Violinschule findet. »Gott hat dem ersten Menschen gleich nach der Erschaffung alle Gelegenheit an die Hand gegeben, die vortreffliche Wissenschaft der Musik zu erfinden. Adam konnte den Unterschied der Töne an der menschlichen Stimme bemerken; er hörte den Gesang verschiedener Vögel; er vernahm eine abwechselnde Höhe und Tiefe durch das Gepfeife des zwischen die Bäume dringenden Windes; und das Werkzeug zum Singen war ihm ja von dem gütigen Erschaffer im voraus in die Natur gepflanzet ... Dem Jubal sind seine Verdienste nicht abzusprechen. Denn die heilige Schrift selbst beehret ihn mit dem Titel eines Musikvaters ... Die Violin ist von dem Orpheus, dem Sohn des Apollo erfunden worden; und die Dichterinn Sappho hat den mit Pferdhaaren bespannten Bogen erdacht und war die erste, welche nach heutiger Art gegeigt hat.« Vierundvierzig gelehrte Werke, deren Zitate in Seitenzahl angemerkt sind, haben Mozart zu diesen Resultaten geführt. Die umfangreichen Studien zu seinem Werke halfen in ihm ein gelehrtes Selbstbewußtsein erzeugen, das manchmal in einer Anmerkung kategorisch und köstlich gravitätisch auftaucht. Zum Beispiel »diejenigen, welche das Auflösungszeichen in ihrer Komposition nicht brauchen wollen, die irren sich. Wenn sie es nicht glauben, mögen sie mich darum fragen«. Interessant ist, daß auch ihm schon die später von Richard Wagner bis ins Einzelnste durchgeführte Idee vorschwebte, die Vortragsbezeichnungen der Musik in deutscher, statt in italienischer Sprache anzudeuten: »Man sollte sich durchaus seiner Muttersprache bedienen und man könnte so gut langsam als Adagio auf ein musikalisches Stücke schreiben; allein soll denn ich der erste seyn?« Ein weltgeschichtliches Wortspiel macht er anläßlich der Tirata genannten Verzierung. Er übersetzt nämlich tirata mit »Schuß« und fährt dann fort: »Was? den Schuß aus dem Reiche der Musik verbannen? ... Das wollte ich nicht wagen. Denn er hat sich nicht nur in die schönen Künsten, sondern aller Orten eingedrungen. Ja, wo man nichts davon wissen will, dort riechet es erst recht sehr nach Pulver ...« Man erinnere sich, daß im Jahre 1756, als die erste Auflage der Violinschule erschien, Friedrich II. soeben den Siebenjährigen Krieg begonnen hatte. Übersetzungen von musikalischen Kunstausdrücken sind überhaupt Mozarts starke Seite; die dreiteiligen Takte nennt er Trippeltakte, die Triolen Dreyerl, den mordente Beisserl: »Wenn sich einige bey diesem mordente , nach der Wortforschung, lustig machen, so darf ich vom französischen pincé welches Zwicken, Zupfen oder Pfetzen heißt, wohl sagen: Daß der Mordent ganz still und geschwind sich an die Hauptnote machet, selbe ungefehr anbeisset, zwicket oder pfetzet; gleich aber wieder ausläßt.« Das hübscheste am Buche sind die beiden Vorreden, von einer so liebenswürdigen, so unaufdringlichen Geschwätzigkeit, wie sie eben nur im achtzehnten Jahrhundert zu finden ist. Und es ist eigentümlich, welch sicheres Stilgefühl Mozart nicht nur in musikalischer, sondern auch in sprachlicher Hinsicht besaß. Man vergleiche die folgenden Stellen einmal mit dem Prosastile Lessings; man wird ganz merkwürdige Ähnlichkeiten damit entdecken: Dasselbe elegante Anreihen von Gedanke an Gedanke, dasselbe musikalische Gefühl für die Nuancen der Wortstellung, der Satzwendung, dieselben feinen, geschmeidigen, ungezwungenen Wendungen, sprachliche Menuette an Grazie und Liebenswürdigkeit: »Ob diese Blätter so abgefasset sind, wie es Herr Marpurg und andere gelehrte Musikverständige wünschen, dieß ist eine Frage, die nicht ich, sondern die Zeit beantworten kann. Und was könnte ich denn wohl auch davon sagen, ohne mich zu tadeln oder zu loben? Das Erste will ich nicht: denn es läuft wider die Eigenliebe. Und wer würde mir doch glauben, daß es mein Ernste wäre? Das zweyte läuft wider die Wohlanständigkeit; ja es läuft wider die Vernunft und ist sehr lächerlich; da jedermann weiß, was für einen Übeln Geruch das eigene Lob nach sich läßt.« Es folgt nun eine Stelle, die im Buche selbst an erster Stelle sich findet, die ich mir aber bis jetzt aufgespart habe, weil sie die interessanteste ist. Es ist dies der »Vorbericht der zweyten Auflage«. »Jede neue Auflage eines Buches pflegt man auch mit einer neuen Vorrede zu versehen. Wird man nicht wegen der späten Herausgabe der zweiten Auflage etwa meine Entschuldigung erwarten? wird man nicht die Ursache dieser Verzögerung zu wissen verlangen? – Ich war nämlich seit 1762 sehr wenig zu Hause. Das außerordentliche musikalische Talent, mit welchem der gütige Gott meine zwey Kinder in voller Maase gesegnet, war die Ursache meiner Reise durch einen großen Theil Deutschlandes und meines sehr langen Aufenthalts in Frankreich, Holland und Engelland etc. Ich könnte hier die Gelegenheit ergreifen, das Publikum mit einer Geschichte zu unterhalten, die vielleicht nur alle Jahrhundert erscheint und die im Reiche der Musik in solchem Grade des Wunderbaren vielleicht gar noch niemals erschienen ist; ich könnte das wunderbare Genie meines Sohnes beschreiben; dessen unbegreiflich schnellen Fortgang in dem ganzen Umfang der musikalischen Wissenschaft von dem fünften bis in das dreyzehende Jahre seines Alters umständlich erzehlen; und ich könnte mich bey einer so ungläubigen Sache auf das unwidersprechliche Zeugniß vieler der größten Europäischen Höfe, auf das Zeugniß der größten Musikmeister, ja sogar auf das Zeugniß des Neides selbst beruffen. Da ich aber nur einen kleinen Vorbericht und nicht eine umständliche Geschichte hier zu schreiben habe, so hoffe ich nach meiner Zurückkunft aus Italien, wohin ich nun unter dem Schutz Gottes zu reisen gedenke, das Publikum nicht nur mit dieser Geschichte zu unterhalten, sondern auch dasjenige in Erfüllung zu bringen, wovon ich schon in der ersten Auflage der Violinschul etwas gemeldet habe, nämlich die musikalische Welt noch einmal mit einer Schrift über die Erkänntniß und Empfindung des guten, musikalischen Geschmackes zu vermehren.« Dieses Werk über die Erkenntnis und Empfindung des guten musikalischen Geschmacks hat nun allerdings Leopold Mozart nicht mehr geschrieben. Wolfgang Amadeus Mozart heißt sein Verfasser, Idomeneo sein erstes, Requiem sein letztes Kapitel. Die Menschheit ist noch nicht müde geworden, darin zu lesen ... Doch ist es jetzt nötig, auf des alten Mozart Leben in Salzburg noch etwas näher einzugehen. Im Jahre 1747 hatte er die Pflegetochter eines nahen geistlichen Stifts geheiratet; beide galten als das schönste Ehepaar in Salzburg. Nannerl und Woferl blieben ihnen als die einzigen von sieben Kindern. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war von gemütvollster Herzlichkeit. Aus ihrem erhaltenem Briefwechsel lassen sich Beispiele herausheben, die das Wesen des Vaters in patrizierhafter, gediegener Güte, das des Sohnes in kindlichem Enthusiasmus so rein und offen vor uns hinlegen wie ein liebes, seelenvolles Buch, das einen beim Lesen stets aufs neue erquickt und anmutet. »Mein lieber Sohn! Wenn Du glücklich bist, so bin ich, so ist Deine Mutter, Deine Schwester, so sind wir alle glücklich! Und das hoffe ich von der Gnade Gottes und von dem Vertrauen, das ich in Deine vernünftige Aufführung setze.« Und nach der später zu besprechenden Abreise nach Augsburg: »Nachdem ihr abgereist, ging ich sehr matt über die Stiege und warf mich auf einen Stuhl nieder. Ich habe mir alle Mühe gegeben, mich bei unserer Beurlaubung zurückzuhalten, um unsern Abschied nicht noch schmerzlicher zu machen, und in diesem Taumel vergaß ich, meinem Sohne den väterlichen Segen zu geben. Ich lief zum Fenster und gab ihn euch beiden nach, sah euch aber nicht zum Thor hinausfahren und wir mußten glauben, Ihr wärt schon vorbei, weil ich lange dasaß, ohne an etwas zu denken.« Wolfgang antwortet darauf in seiner kindlich-heiteren Weise: »Wir leben wie die Prinzen, uns geht nichts ab als der Papa; Je nun, Gott will es so haben, es wird noch alles gut gehen. Ich hoffe, der Papa wird wohlauf sein und so vergnügt wie ich, ich gebe mich ganz gut darein. Ich bin der andere Papa, ich gebe auf alles Acht. Ich habe mir ausgebeten, die Postillione auszuzahlen, denn ich kann mit die Kerls doch besser sprechen als die Mama. – Der Papa soll Achtung geben auf seine Gesundheit und gedenken, daß der Mufti (gemeint ist der Erzbischof Hieronymus von Salzburg, der den Mozarts sehr ungnädig gesinnt war) ein Schwanz, Gott aber mitleidig, barmherzig und liebreich sei.« So ging es also nach Augsburg. Mozart hatte schon früher einmal mit Vater und Schwester ein paar Tage dort zugebracht. Die »Salzburger Zeitung« brachte am 19. Juli 1763 eihen aus Augsburg vom 9. Juli datierten Artikel: »Vorgestern ist der Salzburgische Vizekapellmeister Leopold Mozart mit seinen zwei bewundernswerten Kindern von hier nach Stuttgart abgereist, um seine Reise über die größten Höfe Deutschlands nach Frankreich und England fortzusetzen. Er hat den Jnwohnern seiner Vaterstadt das Vergnügen gemacht, die Wirkungen der ganz außerordentlichen Gaben anzuhören, die der große Gott diesen zwei lieben Kleinen in so großem Maße mitgeteilt und deren der Herr Kapellmeister sich mit so unermüdetem Fleiße als ein wahrerVater bedient hat, um ein Mägdlein von elf und, was unglaublich ist, einen Knaben von sieben Jahren als ein Wunder unserer und der vorigen Zeiten auf dem Clavezyn der musikalischen Welt darzustellen.« Vierzehn Jahre nach diesem ersten Aufenthalt betrat Mozart mit seiner Mutter zum zweitenmal die Geburtsstadt seines Vaters. Sie wohnten bei einem Bruder des letzteren, dem Buchbinder Franz Alois Mozart. (Auch, der Vater der beiden, Johann Georg Mozart, hatte dasselbe Gewerbe betrieben.) Der Onkel hatte eine Tochter, das »Bäsle«, 2 Jahre jünger als Wolfgang. Es folgt nun eine Reihe der reizendsten Genrebildchen, die sich im Rahmen der altehrwürdigen Reichsstadt abspielten. Doch lassen wir Mozart selbst das Wort. (Vgl. Mozarts Briefe. Nach den Originalen herausgegeben. Von Ludwig Nohl. Leipzig, Breitkopf \& Härtel, 1877.) »Augsburg, 14. Oktober 1777. Hören Sie nur, wie schön generös die Herren Augsburger sind! Ich bin noch in keinem Ort mit so vielen Ehrenbezeugungen überhäuft worden, wie hier. Mein erster Gang war zum Herrn Stadtpfleger Longotabarro. Ich hatte die Ehre, in Gegenwart des gestarzten Herrn Sohnes und der langhachsigten gnädigen jungen Frau und der einfältigen alten Frau so beiläufig ¾ Stunden auf einem guten Clavichord von ›Stein‹ zu spielen.« Dann ging es zu Stein, dem Chef der bekannten Klavierfabrik, selbst. Er war von Mozarts Natürlichkeit und von seinem Spiel entzückt. »Er führte mich gleich in ein Caféhaus, wo ich, wie ich hineintrat, glaubte, ich müßte wieder zurückfallen, vor Gestank und Rauch von Tabak. Ich mußte halt in Gottes Namen eine Stunde aushalten. Ich ließ mir auch Alles gefallen, obwohl ich in der Türkei zu sein glaubte.«Mozart macht die Bekanntschaft eines Flöten-Komponisten, Namens Graf. »Das ist ein ganz nobler Mann; er hatte einen Schlafrock an, wo ich mich nicht schämete, auf der Gasse ihn zu tragen. Er setzt alle Wörter auf Stelzen und macht gemeiniglich das Maul eher auf, als er nur weiß, was er sagen will; – manchmal fällt es auch zu, ohne etwas zu thun gehabt zu haben.« Am 17. Oktober schreibt er über die Tochter eines Kriegssekretärs, er wolle sie zum Papa nach Salzburg schicken; »es ist ihr doppelter Nutzen, in der Musique sowohl als in der Vernunft; denn die ist wahrlich nicht groß.« Mozart sollte nun ein Konzert geben in der »Bauernstube«, dem Gesellschaftshaus der Augsburger Patrizier. Es verzögerte sich jedoch ein wenig. Mittlerweile amüsiert er sich bei seinen Verwandten. »Das kann ich sagen, wenn nicht ein so braver Herr Vetter und Base und so ein liebs Bäsle da wäre, so reute es mich soviel als ich Haar auf dem Kopfe hab, daß ich nach Augsburg bin. Unser Bäsle ist schön, vernünftig, lieb, geschickt und lustig; wir zwey taugen recht zusammen; denn sie ist auch ein bischen schlimm. Wir foppen die Leute miteinander, daß es lustig ist.« Der alte Mozart war wegen seiner beißenden Sarkasmen wohlbekannt und gefürchtet. Er vererbte den etwas herben, überlegenen Spott der Menschen, welche einen schärferen Blick für die Welt haben, auf seinen Sohn; von seiner Mutter hatte Mozart den Salzburger Humor geerbt, von dem Schubart sagt, er finde seinen treuesten Ausdruck in den Salzburger Volksliedern: »Sie sind so komisch und burlesk, daß man sie ohne herzerschütterndes Lachen gar nicht anhören kann. Allenthalben blickt der Hanswurst durch.« Es ist interessant zu sehen, wie sich diese beiden Elemente des Humors in Wolfgang zu einem neuen Ganzen vermischen, wie überhaupt sein ganzes Wesen eine Mischung von dem reichen, vornehmen Leben der alten Reichsstadt und dem phäakenhaften heiteren Lebensgenüsse der sonnigen österreichischen Stadt bildet. Mozart probierte auch bei St. Ulrich und bei hl. Kreuz die Orgeln. In beiden Kirchen hatte der Vater schon als Sopranist gesungen, in hl. Kreuz »oben auf dem Stieg hinten bey der Orgl«. Der Kustos von St. Ulrich »ein hoffärtiger Esel und einfältiger Witzling« sagte zu mir: »Wenn wir nur länger beisammen sein könnten, ich möchte mit Ihnen von der Setzkunst diskuriren.« »Da würden wir bald ausdiskurirt haben«, sagte ich. »Schmecks Kropfeter!« Das Konzert, das endlich stattfand, trug rund 100 fl. ein. Mozart war mit dem Erfolg ziemlich zufrieden, weniger sein Vater, der in Geldsachen etwas genau war. Allerliebst sind seine aus Mannheim datierten Briefe an das Augsburger »Bäsle«. Zum Beispiel: »Ich sag Dir tausend Dank mein liebste Sallerl, Und trinke Dir zu Ehr ein ganzes Schallerl Kaffee und dann auch Thee und Limonadi Und tunke ein ein Stangerl vom Pomadi Und auch – – auweh, auweh, es schlägt just sex, Und wer's nicht glaubt, der ist – der ist – ein Fex.« »Desto besser, besser desto! Sie schreiben, ja Sie lassen sich heraus, Sie geben sich bloß, Sie lassen sich verlauten, Sie machen mir zu wissen, Sie erklären mir, Sie geben deutlich zu Tage, Sie verlangen, Sie begehren, Sie wünschen, Sie wollen, Sie mögen, Sie befehlen, Sie deuten mir an, Sie benachrichtigen mich, Sie machen mir kund –, daß ich Ihnen auch mein Porträt schicken soll. Eh bien, ich werde es Ihnen gewiß schicken.« Im tollsten Übermute geht es weiter: »Ich sage Ihnen eine Sache Menge zu haben, Sie glauben es nicht gar können; aber hören Sie morgen es schon werden. Nun muß ich schließen und das thut mich verdrießen. Addio Fex, Hex – bis ins Grab, wenn ichs Leben hab. Miehnnam ned net 5 rebotko 7771.« (Mannheim den 5ten Oktober 1777.) Von Mannheim aus gratuliert er auch dem Vater: »Ich wünsche Ihnen, daß Sie so viele Jahre leben möchten, als man Jahre braucht, um gar nichts Neues mehr in der Musik machen zu können. Ich bitte Sie recht unterthänig, mich noch ein bischen lieb zu haben und mit diesem schlechten Glückwunsch unterdessen vorlieb zu nehmen, bis in meinem engen und kleinen Verstandeskasten neue Schubladen gemacht werden, wo ich den Verstand hinthun kann, den ich noch zu bekommen im Sinne habe.« Das »Bäsle« schickte ihm ihr Porträt nicht sofort: »Potz Himmel, tausend Sakristey, Croaten schwere Noth, Teufel, Hexen, Truden, Kreuz-Battalion und kein End, potz Element, Luft, Wasser, Erd und Feuer, Europa, Asia, Affrica und America, Jesuiter, Augustiner, Benediktiner, Capuziner, Minoriten, Franziskaner, Dominikaner, Carthäuser und Hl. Kreuz-Herrn, Canonici reguläres und irreguläres, und Bärnhäuter, Spitzbuben, Hundsfutter, Eseln, Büffeln, Ochsen, Narren, Dalken und Fexen, – was ist das für eine Manier, vier Soldaten und drei Bandalier? – so ein Paquet und kein Porträt?« So geht es in übersprudelndem, lebensprühendem Übermute noch ungefähr eine Seite lang fort. Die bisher angeführten Briefstellen geben ein prächtiges Gesamtbild von Mozart, wie er schwärmte, scherzte, spottete, bald mit seelenvollstem Auge sein überströmendes Gefühlsleben in fremden Spiegeln wiederschauend, bald in koboldartiger, geflügelter Laune Städte und Menschen köstlich schildernd, ein Kind an Heiterkeit, mit dem Gefühlsleben eines Jünglings, der Kunsterfahrung des reifsten Mannes. Und nun ist es am Platze, uns zu dem Manne zurückzuwenden, von dem Mozart selbst sagte: »Nach Gott kommt gleich der Papa, das war als Kind mein Wahlspruch und bei dem bleibe ich auch noch.« Das bleibt der ewige Ruhm des Augsburger Buchbinderssohnes, das Genie seines Wolfgang sofort erkannt zu haben und ihm mit kongenialem Verständnis entgegengekommen zu sein. Es ist ein merkwürdiger Boden, dieses Augsburg. Holbein, Holl, Mozart – man versuche es, diese drei Namen aus der deutschen Kunstgeschichte zu streichen ... Des ersten strotzende Lebensfülle, des zweiten machtvoll aufbauender Formenreichtum, des dritten heiliger Kunsternst vereinigen sich in Wolfgang Mozart zu einem Leben, das in solcher Vielseitigkeit, solcher Harmonie, solcher Weihe selten gelebt worden. Wenn wir auch wenige von des alten Mozarts Kompositionen besitzen, dieses Wenige und das, was wir über sein Leben wissen, berechtigt uns, ihn in eine Reihe, gewissermaßen als Bindeglied zwischen die beiden anderen bayerischen Musiker zu stellen: Gluck und Lachner. Es ist eine stolze, starke und gesunde Rasse, diese bayerischen Musiker: Ganze Menschen, ganze Künstler, geschworene Feinde alles Halben und Untüchtigen, gewissenhafte Bewahrer des Heiligtums ihrer Kunst, ehrlich und zielbewußt. So mag man denn zum Namen des Oberpfälzers, der der dramatischen Musik auf zwei Jahrhunderte hinaus den Weg wies, und zum Namen des Münchener Meisters, der einer großartigen Epoche der deutschen Musik das Schwanenlied gesungen, den Namen Leopold Mozarts legen, den reichen Sprossen eines reicheren Bodens, den kleineren Vater des größten Klassikers zwischen den ersten Dramatiker der deutschen Musik und den letzten Klassiker. Er ist der Stelle nicht unwert. Augsburger Kalender aus den vier Jahrhunderten (»Sammler«, 1893) Seit ein paar Jahrzehnten hat die Geschichtliche Forschung die großen Hauptstraßen und Prunkpromenaden der Vergangenheit weniger besucht, als die kleinen und versteckten Gäßchen und Winkel, in denen sich eine Fülle altertümlichen Krams in heimlichem und gemütlichem Behagen eingenistet hatte. Man hat gelernt, das Kleinleben der Zeit als gleichberechtigten Gegenstand der Forschung neben die großen Haupt- und Staatsaktionen zu stellen, gleichsam als einen bunten und reichen Hintergrund voll emsigen Gewimmels und durcheinanderlaufender Arabesken, von dem sich dann die höheren Gestalten des Vordergrunds wirkungsvoller und kräftiger abheben. Man hat unser Volkstum an der Quelle aufgesucht, aus derben und witzigen Flugblättern die großen Literaturdenkmale, aus Skizzen und Holzschnitten die alten Maler, aus Volksliedern und Madrigalen unsere Musiker, und aus all dem insgesamt unser deutsches Volk besser begriffen. So kam es auch, daß auf einmal eine sehr untergeordnete Literaturgattung, die bisher höchstens der Kuriosität halber so nebenher laufen durfte, etwas genauerer Besichtigung gewürdigt wurde: Das Kalenderwesen. Riehl war der erste, der mit jenem wunderbaren Quellenfinderinstinkte, der ihn vor allen deutschen Kulturhistorikern auszeichnet, auch die tiefen Brunnen dieser alten Kalenderliteratur aufzeigte und uns verstehen lehrte, neben wunderlichem und mystisch tollem Alräunchenwirrwarr seien auch köstliche Funde und einleuchtende Schätze da drunten zu holen. Durch einen glücklichen Zufall wurde ich mit fast zwei Dutzend alter Augsburger Kalender bekannt, deren erster im Jahre 1490 gedruckt wurde und die in fortlaufender Reihenfolge bis 1769 eine ziemlich übersichtliche Und sehr interessante Geschichte der Augsburger Kalenderliteratur darstellen. Der erste dieser alten Drucke gehört zu den wertvollen Inkunabeln der Münchener Staatsbibliothek. »Das ist der teutsch Kalendari mit den Figuren. Gedruckt zu Augspurg von Hannsen Schönsperger und vollendet am Montag vor sant Katharinatag.« Die erste Seite dieses Kalenders faßt in ihrer Inhaltsangabe fast alles zusammen, was der gemeine Mann damals von seinem Kalendermacher verlangte: »In disem teutschen kalender vindet man gar hübsch nacheinander die zwelff zeychen und die zwelff planeten wie jeglicher regieren sol. Darnach vindet man die guldin Zal und wie man den suntaglichen Buechstaben suechen sol und zue wolicher Adern man sol lassen.« Aderlassen und Planetenhokuspokus, – Volksmedizin und Volksaberglaube, – Geheimniskrämerei und Radikalkuren nach dem Rezept des gelehrten Herrn Dr. Eisenbarth – das ist der Inbegriff aller Kalender bis zum-Anfang unseres Jahrhunderts. Und auch in dieses hat sich noch viel mehr aus jener Zeit der Scharlatane und Blutabzapfer herübergeflüchtet, als wir anzunehmen geneigt sind. Zwar stehen jetzt gewöhnlich Annoncen, wo damals das Aderlaßmännlein zu finden war, die Schröpftafel ist in keinem Kalender mehr gedruckt, wir sind nicht mehr so vollblütig, daß wir alle Jahre ein paarmal dem allzu »jachen« und hitzigen Blute aus bloßer Vorsicht ein Pförtlein öffnen müßten; aber noch »glauben« wir an die Unglückszahl 13, noch unternehmen wir am Freitag höchst ungern eine Reise, noch haben wir einen gruseligen Respekt vor dem 1. April, dem größten Unglückstag des ganzen Jahres, an dem sich ja Judas erhängt haben soll, wie eine selbstverständlich unanfechtbare Tradition uns erzählt; wir haben mit kleinem Schrecken auf den Ostersonntag des Jahres 1886 gewartet, an dem ja die Welt untergehen sollte; wir holen uns noch beim »Hundertjährigen« Rat, wie das Wetter wohl zu unserm nächsten Ausflug ins Gebirge ausfallen wird, wobei der naivere Glaube, alles wörtlich aufzufassen, der etwas raffinierteren Auslegung derjenigen gegenübersteht, die immer genau das Gegenteil des Orakels erwarten; wenn wir aufgeklärt sind. halten wir uns mehr an den Ergoldsbacher, und wenn wir gar wissenschaftlich uns geberden, studieren wir mit erbaulicher Andacht die Prophezeiungen Falbs, mit sorgfältiger Unterscheidung zwischen kritischen Tagen dritter, zweiter und erster Ordnung; rumpelt es dann irgendwo »weit hinten in der Türkei«, so nehmen wir von dieser Tatsache mit schwarzsehender Befriedigung Notiz und gratulieren uns, daß die Erde doch ziemlich groß ist. Anders ist es mit unseren astrologischen Reminiszenzen; die gestehen wir uns nicht nur stillschweigend ein, o nein, wir drucken den »Jahresregenten« groß und feierlich auf die erste Seite unserer modernen Kalender, ein Kind, das im Krebs oder Skorpion geboren ist, scheint uns einer nicht so ganz reinlichen und einwandsfreien Zukunft entgegenzuwachsen; an unseren Zeitungskiosken und in den mächtigen ledernen Umhängetaschen unserer Zeitungsfrauen finden sich für 10 Pfennige neben den unsterblichen Briefstellern für Liebende, neben dem illustrierten Bericht über den neuesten Raubmord und der »einzigen authentischen Aufklärung über den Panamaprozeß« auch die »Planeten für Knaben und Mädchen nebst einer Zusammenstellung der wichtigsten Glücks- und Unglückstage des ganzen Jahres«. Und die besorgte Amme, die in einem dieser Werke die Zukunft ihres Pfleglings lesen will, würde sich sicherlich schönstens bedanken, wenn ihr ihre Geistesverwandte aus dem Jahre 1490 verständnisinnig die Schwesterhand drücken würde, nachdem sie aus dem »teutschen Kalendari mit den Figuren« folgendes schauderhafte Prognostikon entnommen: »Würde ein kindt geboren im widder, das kindt gewünne rot krauß dick haar und ist jächzornig und böß und sein natur ist rauben brennen stechen morden hencken. alle boßheyt treybt es mitt Gewaltt und man mueßs im Überseen von seiner bösen natur willen, und ist nichts guets an im und stirbt eines bösen tods als ein wüettender hundt.« Die »Figuren«, die den »teutschen Kalendari« so berühmt gemacht haben, daß er ganz einfach sich nur die Apposition »mit den Figuren« beizulegen brauchte, um sich um Haupteslänge von allen anderen zu unterscheiden; diese seltsamen holzgeschnittenen Männlein bei jedem Monat lassen uns schon durch ihre Namen einen tiefen Blick in die deutsche Kulturgeschichte tun: Alle Völker und Zeiten geben sich hier Rendezvous, Orient und Occident müssen herhalten, um dem gemeinen Mann seine Lebensweise und Diät während der einzelnen Monate zu diktieren. Da erscheint gleich im Januar ein Araber: »Der meister Almansor spricht daz man in dem Genner (= jänner) guetten Wein nüechteren trinken soell und dei Latwerg sol seyn Dialatenus. Genner bin ich genannt Trincken und essen ist mir wohl bekannt. In diesem Monat ist nit guet Von dem Menschen lassen das Bluet« Im Februar wird der Schatten des Hypokrates beschworen: »Der meister Ypokras spricht: man sol sich in dem hornunge warm halte daz man nit reüdig werd; kytzenfleysch sol man nit essen.« So folgen die »zwölf weisen Meister« monatlich auf einander: Da kommt im März der Meister Galienus, im April der Meister Johannes, im Mai Avizenna, dem im Juni Averrois folgt; die beiden letzteren, die berühmten arabischen Philosophen Ibn Sina und Ibn Rosch'd waren in der Phantasie des fünfzehnten Jahrhunderts längst schon sagenhafte, mit geheimnisvollen Zauber- und Wunderkräften ausgerüstete Fabelwesen geworden, aus deren Munde jede Vorschrift mit scheuer Ehrfurcht hingenommen wurde. Dasselbe gilt in noch höherem Grade von Plato, der den Dezember abschließt. (Die dazwischen liegenden Monate haben Rasis, Seneka, Isaias, Constantinus und Mesue als »Medizinmänner«.) Der Kalenderleser von anno 1490 wußte wohl nicht, wer und wes Landes Platon gewesen sei; vielleicht wußte es der Kalendermacher ebensowenig: Der »Meister Platon« war ein mächtiger Zauberer, der vielleicht jetzt noch existierte, in Deutschland auf seinem Zaubermantel herumfuhr, jedenfalls hielt er alljährlich geheime Zwiesprache mit dem Kalendermann auf dessen Hexenküche, um ihm in die Feder zu diktieren, was die lieben Deutschen im Monat Dezember tun und lassen sollten. Und der Kalendermacher selbst, der mit so geheimnisvollen und nicht ganz geheuren Herren zu tun hatte, galt als eine Art Hexenmeister, zum mindesten als Seher und Prophet. Das wußte er auch recht gut, und darum liebte er es, sich mit seltsamem Dunkel zu umhüllen, etwa sich aus einem Hans Schwartz in einen Joannes Nigrinus umzutaufen; er schmückte sich wenigstens mit allerhand wirkungsvollen lateinischen Prädikaten, die hochtönend klangen und wissenschaftlich aussahen, wie z. B. der Augsburger Johann Gabriel Sperber sich D. (was aber beileibe nicht Doktor heißt) mathematicum et astronomum schelten ließ; oder, wie Georg Domfeld: L. L. A. A. cultorem , was einfach heißt »Liebhaber der freien Künste«. War aber einer zu ehrlich, den geneigten Leser mit lateinischem Prestige zu mystifizieren, oder reichte ihm das Latein nicht ganz dazu, so nannte er sich wenigstens wie Johann Georg Freund im Augsburger Kalender von 1675: »Der astronomischen Wissenschaft ergebenen« oder wie Jakob Holderbusch »der göttlichen Wahrheit Liebhaber«. Doch kehren wir zu unserm Schweinsleder von 1490 zurück und sehen wir zu, wie sogar der Kalendermann seinen erhabenen Ernst um ein paar Töne heller stimmt gegenüber dem »wunderschönen Monat Mai«: »Hye kumm ich stolczer mey Mit kluegen bluemen mangerley; In disem monat man auch baden fol, Tanezen singen springen und minnen wol.« Merkwürdig ist, wie in den diätetischen Lebensregeln für die einzelnen Monate uralter Aberglaube und Pflanzensymbolik sich mit wirklichen physiologischen Ahnungen zu einem kunterbunten Durcheinander von Vernunft und Unsinn seltsam vermischt, wie in der Vorschrift für den Juni: »man süll in dem brachmonat all morgen nüechtern Brunnenwasser trincken; latich mit eßig solt du essen; schlaffe nit zue vil; fisch, hertte eyer, schweynenfleisch; hertt käß und alles gebraten fleysch ist nit gesund zu essen, dein tranck sey salvaybluemen und rauten. hollerblüe solt du auch nuechttre essen.« Im Dezember schließt dann der Meister Plato mit einer echtdeutschen Mettwurstreminiszenz: »Mit würsten und mit braten Will ich meyn hauß wol beraten. Also hat das jar eyn ende. Gott uns in seyn ewig Reych sende.« Der zweite Teil des Kalenders ist astronomischer Halbwissenschaft und astrologischer Mystik gewidmet: »Got hat es also geordnet wölcher planet einem stern allernächst geet von dem selben stern empfahet er sein natur. Etlich sind kalter natur etlich nasser etlich truckener etlich heißer. Die selbe natur zeühet der mensch von de gestirn. Der mond ist der mindest von de siben planeten. Cameta (= Komet) ist ein stern der nymer erscheint denn so sich daz reich verwandlen wil.« Die hier zum Ausdruck kommende Idee von den verschiedenen Temperamenten der Gestirne ist eine uralt-germanische, die bis ins deutsche Heidentum hinaufreicht. In einer Sage aus der Grafschaft Mark wird, wie Riehl berichtet, dem nachherigen Mann im Mond, als ihn der Herr für seine knechtliche Arbeit am Sonntag bestrafen will, die Alternative gestellt, ob er in der Sonne verbrennen oder im Mond erfrieren wolle. Er meint, das Erfrieren tue nicht so weh, und so läßt er sich in den kalten Mond setzen. Von diesem deutschen Kalender sind noch drei Jahrgänge auf der Staatsbibliothek: Der eine von 1496, auch in Augsburg gedruckt, aber bei »Hansen Schawren« mit bedeutend schlechteren Lettern und auf miserablem Löschpapier. Dagegen die beiden von 1497 und 1522, wieder bei Schönsperger gedruckt, sind Prachtexemplare, der letztere ist sogar sehr originell koloriert. Im Inhalt sind die drei ganz genaue Abdrücke jenes ersten von 1490, des ältesten Augsburger und wohl des ältesten deutschen Kalenders überhaupt. Es dauert lange, bis uns wieder ein aus dem Strom der Jahrhunderte ans Ufer geworfenes Dokument begegnet: Erst im Jahre 1668 erscheint der Newer und alter Schreibkalender sampt der Planeten Aspekten Lauff und Zustand nebenst fernerer Beschreibung aller Römischen Kayser, wer sie gewesen, wie sie regieret und aufeinander gefolget. Für den gemeinen Mann sehr lustig zu lesen. Gedruckt zu Augsburg durch Johann Schultz.« In diesem Kalender steht die alte julianische und neue gregorianische Zeitrechnung ganz friedlich nebeneinander, z. B. der 31. Mai neben dem 10. Juni, so daß für jedermanns Geschmack Sorge getragen ist. Der »neue und alte Schreibkalender« ist sozusagen von den vielen und durchwegs abergläubigen alten Herren der allerabergläubigste. Schon bei der Erklärung der Zeichen wird jedesmal eine besondere Hieroglyphe gesetzt, wann gut Haarabschneiden sei, so langsam wächst, wann solches, so bald wächst; wann ferner gut »aderlassen, schrepffen, baden, säen, pflanzen, artzneyen insgemein, artzneyen mit Pillulen, artzneyen mit Tranck, wann Kinder entwehnen, wann Bauholz fällen.« Aus denselben mythologisch-natursymbolischen Gründen, aus welchen weise Frauen dem gegen Cäsar ins Feld ziehenden Ariovist geboten, daß er beileibe nicht vor Neumond angreifen solle (etwas ganz Ähnliches erzählt ja auch die griechische Geschichte von den Spartanern, die um eines Neumondes willen die Schlacht bei Marathon versäumten), aus demselben Grunde gebot vor zweihundert Jahren der Herr Kalenderschreiber dem »gemeinen Mann«, vor Neumond beileibe nicht zu purgieren und zu arzneien. Denn da das wachsende Licht Fülle und Gesundheit mit sich führt, das abnehmende dagegen Zerstörung und Untergang, werden alle positiven Geschäfte (wie Säen, Pflanzen usw.) in die Zeit des wachsenden, die negativen (Holzfällen, Haarschneiden) in die des abnehmenden Mondes verschoben. Haarsträubend genaue Vorschriften bringt dieser Kalender auch für die geringsten Geschäfte, z. B. Stahl und Blei kaufen, Nägel abschneiden, Ehhalten dingen, Gesellschaft machen, Kinder in die Schule und zu subtilen Handwerken tun, mit alten Leuten handeln, mit Prälaten, Richtern, Frauen handeln, und last not least heiraten, wobei aber wieder ein ganz genauer und peinlicher Unterschied gemacht wird, je nachdem man ein junges Mädchen oder eine Witwe heiratet. Da ist denn doch der Kalender von 1670 ein liebenswürdigerer und heitererer Geselle. Hören wir nur, wie drollig und naiv sogar die folgende Pegnitzschäferei in seinem Munde klingt, und wie durch den steifen alexandrinischen Faltenwurf der lenzlustige und liederjauchzende Kopf eines Walther von der Vogelweide oder Neithardt von Reuenthal schelmisch und neckisch hervorlugt; der Mai tritt auf und hält eine feierliche Begrüßungsrede »an sein Volk«: »Ist auch ein Mond im Jahr, der lustiger zu nennen, Als ich? Der tret' herfür und geb' es zu erkennen! Jetzt wird die gantz' Natur in's Innerste beweget; Das, was gar leblos lag, sich allgemachsam reget; Der Früchte Laub und Gras in Garten und in Feldern, Der Tier und Vögel Schaar zu Hauß und in den Wäldern Bezeugen dieses klar. Auch Corydon thut machen Mit seiner Schäferpfeiff die Schäferin jetzt lachen. Die Milchwerk, Butter jetzt am allerbesten schmeckt So wie's die Bäuerin ausruft und rundum träckt. Nun, Hans, thu Deine Gret zum grünen Meyen geleiten, Trink Wein, iß gute Speiß, Salat auch laß bereiten; Und hat der Hans nicht Wein, so braucht er kein'n zu trincken, Mit einen Trünklein Bier mag er der Grete winken.« Man sieht, – sie dürfen sich noch so verkleiden und Schäfer spielen und sich Corydon und Phyllis umtaufen, zum Schluß kommt doch nichts anderes zum Vorschein als – Hans und Grete. Darum wollen wir es dem guten Kalender von 1670 auch zugute halten, wenn er auf einmal sich feierlich zu geberden anfängt, sich mit einem sternbesäten Magiermantel majestätisch drapiert, und uns unter allerlei verrücktem Hokuspokus und Abrakadabra in seine alchimistische Hexenküche führt. In diesem unheimlich dämmerigen Laboratorium wird er uns sofort nicht mehr und nicht weniger geben als ein Rezept, blitzblankes Silber zu fabrizieren: »Nimm gepurifiziert Bley ein Pfund, thus in ein irden Gefäß, thu dazu zwey Untzen Salarmoniak und eine halbe Untz Sal Elebrot, und ein Untz Salpeter, setz es also in ein stark Feuer, laßs zwo Stunden darinnen stahn, heb es dann ab, so hast Du feyn Silber.« Im Jahre 1675 erscheint dann die » Aquila austriaca , das ist neuer und alter österreichischer Fürstenkalender, an das Licht gegeben durch Georgium Domfeld, C. C. A. A. Cultorem , gedruckt zu Augspurg bei Koppmayer«. Dieser hat bereits große Ähnlichkeit mit unseren modernen Kalendern, indem er eine gedrängte Übersicht der politischen Ereignisse des Vorjahres bringt. Die Art und Weise nun, wie hier Zeitgeschichte repetiert wird, insbesondere aber die Vorgänge, welche man damals dem guten Kalenderleser als politische Ereignisse hinstellte, haben den Vorzug, zum mindesten originell zu sein. Die Art und Weise insofern, als die Rankesche Schule der Geschichtsschreibung hier bereits in wunderlicher Weise in nuce vorgebildet ist: Die Ereignisse werden nur erzählt, es fehlt sowohl der geringste Versuch, die Ereignisse und ihren Wert kritisch festzustellen, noch ferner liegt der Gedanke einer Einwirkung auf das Volk; und, was insbesondere Rankes Eigentümlichkeit ist, nur die Haupt- und Staatsaktionen in ihre feinsten Fäden zu zerlegen, und sich um Kulturgeschichte nicht zu kümmern, das hat der Kalenderschreiber von 1675 auch schon gekonnt: Von der damaligen Zeit wurde die Idee des Volkes und des Staates nur insoweit begriffen, als sie sich in der Erscheinung von Fürst und fürstlichem Hofe verkörperte. Doch machen gerade die Augsburger Kalender eine merkwürdige und beachtenswerte Ausnahme von der allgemeinen Beschränktheit und Kleinigkeitskrämerei. Die mit Holzschnitten illustrierten langmächtigen Beschreibungen von Krönungen und Heiraten, Prinzentaufen und fürstlichen Leichenfeierlichkeiten sind hier auf ein Minimum zusammengedrängt. Ihre Stelle vertreten historische Berichte, die zwar sehr knapp gehalten sind, aber nur durchaus Glaubwürdiges überliefern. Der alte Augsburger ließ sich gerne von den Cäsaren erzählen – der Kalender von 1763 bringt eine Fortsetzung der »historischen Beschreibung aller Römischen Kayser, vom Caje Julio Caesare« an; die Tradition des römischen Reiches deutscher Nation wurzelte damals noch tief im Volke; und für den Augsburger hatte das alles noch einen ganz anderen und tieferen Sinn: Er fühlte sich sozusagen persönlich als Erben und Sprossen dieser römischen Imperatoren; den Namen des ersten unter ihnen trug ja seine Vaterstadt, in alten Wällen und Gräben schaute er römische Bollwerke, und zudem hatte er seinen Staat ganz nach römischem Muster organisiert. Doch davon später. Riehl teilt die Kalender dieser Zeiten in drei Sorten, je nach ihren Titeln; die einen, das seien die martialischen und gruseligen, die anderen die tiefsinnigen und mysteriösen, die dritten endlich die bombastischen und reklamehaften. Der, mit dem wir uns jetzt zu beschäftigen haben, gehört offenbar zur dritten Sorte. »Europäische Kriegstrompete und Friedensposaune mit einem Anhang: Die große Practica.« Er hat einen hübschen Kupferstich als Deckblatt; auf einem Forum mit Häusern im Renaissancestil befinden sich verschiedene Gruppen: Astronomen, Mathematiker, Geographen, lernende Kinder, unterweisende allegorische Frauenzimmer; ganz im Vordergrund ein Gelehrter, der dem in der Augsburger Galerie befindlichen alttestamentlichen Propheten von Hermann tom Ring aufs Haar ähnlich sieht. Sogar eine große Hornbrille trägt er, wie jener, auf der Nase. Neu und eigenartig ist in diesem Kalender die Methode, wie die Vorgänge der Planetenwelt dem Leser mitgeteilt werden, nämlich durch Gespräche. In diesen Dialogen treten auf: Theophilus, ein Geistlicher, Ptolemäus und Copernikus, zwo Sterngucker, Adam, ein Bürger und Simplex, ein Schäfer. Doch ist diese an sich außerordentlich glückliche Idee nicht in humoristischer Weise verwertet, sondern die Personen reden alle sehr gelehrt und ernsthaft, als ob sie insgesamt Sterngucker wären. Auch »Küchen- und Kellerkalender« wurden damals in Augsburg gedruckt, so einer aus dem Jahr 1678. Derselbe enthält bei jedem einzelnen Monat Vorschriften für Aufbewahrung und Behandlung des Weins und je drei Kochrezepte: Ein feines Tafelgericht, ein Hausmannskostrezept und ein nahrhaftes Wöchnerinnenessen. Beim Durchlesen dieses Kochbuches möchte einem manchmal, wie man zu sagen pflegt, das Wasser im Munde zusammenlaufen; denn unsere Alten verstanden das Kochen schon ganz exzellent und wußten ihre Rezepte riesig appetitlich zu redigieren; als Probe mag Folgendes dienen: »Ein gebraten Ferkel oder Spansäulein: Brühet und bereitet das Spanferkel, wie es sein soll, salzt es dann wohl in einer Multer, füllts mit einer Fülle von Eierbrod, Rosinen, Weinbeer und Mandeln, wohl gewürzt und mit Safran gegelbt, steckts dann an den Spieß, brechet ihm den Rucken in der Mitten, daß es nicht krumm werd, bratets bei einem hellen und lustigen Feuer, schmierts tüchtig mit Speck oder Butter, sonst wirds blässigt, gebts geschwind, wanns vom Spieß kommt, aufn Tisch, weil die Haut fein rösch ist; man kann in den Rüssel einen Apfel oder Bomerantzen geben.« Anno 1679 erscheint der »Neue und alte Schreibkalender«, dessen Verfasser Herr Georg Galgenmeyer ist, »gewester Pfarrer zu Hausham«. Doch würde man sich sehr täuschen, wenn man des geistlichen Herrn Verfassers wegen in diesem Opus einen religiösen Erbauungskalender etwa von der Art der streitbaren Schriften Alban Stolzens vermuten wollte; derselbe ist im Gegenteil durch nichts von den gleichzeitigen unterschieden und behält auch die Planetenmystik und die Aderlaß-Erwählungen ganz gemütlich bei. Eine literarische Kuriosität ist des Redelius Kalendarium chronorhythmicum ad annum 1692. Augusta Vindelicorum . Bei jedem Tage des ganzen Jahres steht ein lateinisches Chronostichon, in dem der betr. Heilige oder das gerade fallende Fest gefeiert werden. Die innerhalb des Verses groß gedruckten lateinischen Buchstaben geben, addiert, jedesmal wieder die Jahreszahl 1692. Ebenfalls nur eine Spielerei, aber mit prophetischer Grandezza auftretend, daher zur zweiten Riehischen Kategorie gehörig, ist »William Hanemanns verwunderlicher englischer Wahrsager, worinnen des Krieges Weh zu Land und See der Welt vor Augen gelegt werden«. (Augspurg, bey Kaspar Brechenmacher.) Dieser gute Herr Hanemann scheint ein Vorfahr von Gottfried Kellers Herrn Kohl gewesen zu sein, der sich statt Hans Kohl John Kabys schelten ließ; denn er war ein ganz ehrliches Augsburger Kind trotz des lordmäßigen William; und er hielt seine lieben Augsburger und die benachbarten Gegenden mit seinen politischen Prophezeiungen weidlich zum Narren. Mit dieser Weissagung pro domo ist Herr Hanemann wirklich kein falscher Prophet gewesen: Wenn wir nach seinen Nachdrucken fragen, siehe, so sind sie dahin und nirgends zu finden; der verwunderliche englische Wahrsager des William Hanemann aber grünet heute noch, als eines der üppigsten Gewächse, so jemals ein närrischer Kauz im großen Park der Literatur gepflanzt hat. Der spanische Erbfolgekrieg war zu Ende, und die allgemeine Roheit verlangte immer nach derberer Kost, das beweist unter anderm auch der »Zigeuner-Calender« aus dem Jahre 1719, der mit Zigeunern nichts zu tun hat, sondern nur eine Sammlung der greulichsten Mordtaten und Mißgeburten ist. Das wäre also Nummer Eins Riehlscher Kategorien; nur etwas für starke Nerven, wie die besonderen Kabinette unserer Jahrmarktswachsfiguren-Panoptiken. Mit demselben Gänsehautsbehagen, mit dem heutigentags die Romane vom bayerischen Hiesel, Schinderhannes, Gänswürger verschlungen werden, ließ der Kalenderleser von anno dazumal seine stärkeren Nerven mit unerhörten Greuel- und Bluthistorien in angenehme Vibrationen versetzen. Ganz dasselbe, wie wenn in Paris Baroninnen und Komtessen bei interessanten Raubmördern in Mazas Audienz nachsuchen, oder das Berliner Vorstadtpublikum ins Ostendetheater strömt, um in einem Stücke, das ein und denselben Scharfrichter zum Verfasser und zum »Helden« hat, das Gruseln zu erlernen. Der Geschmack der Menge bleibt sich ewig gleich, ob siebzehntes oder zwanzigstes Jahrhundert, löschpapierener Kalender oder Leihbibliothekenroman. Professor Krafft-Ebing in Wien würde ihn sicherlich unter die unheilbaren Opfer der paranoia politica gerechnet haben. In diesem Kalender werden nämlich alle Ereignisse des Jahres, der größeren Wirkung halber natürlich möglichst viel Krieg und Pestilenz, haarklein prophezeit, und da das Jahr 1705 mitten in den spanischen Erbfolgekrieg fiel, so mag auch manches davon eingetroffen sein, wodurch natürlich des Herrn Hanemanns Einbildung betreffs seiner sibyllinischen Begabung nicht wenig gewachsen sein mag. Was aber der tiefe und sinnreiche Humor davon ist, ist die charakteristische Manier, die Staatsprognostika ebenso wie das Wetter nach den Mondwechseln zu berechnen, das ist wahrlich unbewußte Weisheit für eine Zeit, in der das fürstliche Regiment noch wie ein Donnerwetter ob den Häuptern der Untertanen dräuete, das man in demütiger Einfalt als vom Schicksal zusammengebraute Witterung hinnahm. Es scheint aber, daß andere Leute auch so pfiffig waren, mit tiefsinnigen mythologischen und heraldischen Orakelsprüchen Zukunftspolitik »in höherem Stil« zu treiben; wenigstens beklagt sich Mister William bitter über die Nachdrucke und Nachahmungen und empfiehlt seine politischen Schweizerpillen als die allein echten und wirksamen; ja, er wendet in einem köstlich arroganten Epilog auf diese unbefugten Nachdrucker den siebenunddreißigsten Psalm an: »Ich habe gesehen einen Gottlosen, der war trotzig und breitete sich aus und grünete wie ein Lorbeerbaum; da man vorüberging, siehe, da war er dahin, ich fragte nach ihm, da war er nirgends zu finden.« In dasselbe Jahr 1719 fällt der »Augspurgische Geographische Weltkalender«, der besonders dadurch bemerkenswert ist, daß hier zum erstenmal eine schüchterne Polemik gegen den astrologischen Schnickschnack versucht wird. Die »Geographie« beschränkt sich einzig und allein auf ein Kapitel »Von den merkwürdigen Höhlen, unterirdischen Gängen und Krüfften des Erdbodens«. Unter den Gefahren, welche den harmlosen Wanderer hier bedrohen, meint der nicht abergläubische Kalendermann, nachdem er die schlechte Luft, Erdspalten usw. erwähnt: »Was aber noch erschröcklicher ist, so meldet man, es seye nicht leichtlich eine unterirdische Höhle zu finden, welche nicht von grausamen Gespenstern bewohnet sei.« Die zwei nun folgenden Kalender sind die interessantesten, sowohl kulturgeschichtlich, wie insbesondere als wertvolle Dokumente zur Geschichte der Reichsstadt Augsburg. Der erste derselben, der mir durch die Güte des Herrn Theodor Kraus in Augsburg mitgeteilt wurde, ist der »Augspurgische Neu- und Verbesserter Stadt- und Raths-Kalender, Auf das Jahr nach der Geburt unseres Heylandes 1763. Allda druckts und verlegts, Andreas Brinhaußer, Stadt-Buchdrucker«. Er hat als Deckblatt einen prächtigen Kupferstich mit dem Reichs- und Stadtwappen, eine reizende Darstellung der Stadt von Lechhausen aus, unten die allegorischen Darstellungen des Lechs, der Wertach und der Singold. Der Lech ist ein schilfbekränzter, graubärtiger Mann, dessen Nase etwas sehr kräftig schattiert ist, die Wertach eines der herkömmlichen mythologischen Frauenzimmer, das die Singold mütterlich umarmt. Der Kalender enthält 41 Wappen derjenigen Mitglieder der Geschlechter, die ein öffentliches Amt bekleideten oder im großen Rat saßen. Aus dem Beamtenverzeichnis nun, das sich am Schlusse befindet, läßt sich die ganze reichsstädtische Verfassung Augsburgs rekonstruieren, jenes »stolze Bürgergemeinwesen, das in allen seinen öffentlichen und privaten Einrichtungen eine bürgerliche Vornehmheit sondergleichen an den Tag legte.« (W. Vogt, Elias Holl Bayerische Bibliothek, Bd. 7.) Es geht ein Zug römischer Größe durch die Verfassung und Geschichte dieser aristokratischen Handelsrepublik, derselbe monumentale Zug, der auch aus den öffentlichen Bauten der alten Reichsstadt spricht; ein strenger und stolzer Zug, – nichts von Grazie und doch harmonisch, nichts von Formenreichtum und doch überwältigend, kurz, großer Stil: »Das höchste Gefühl von Macht und Sicherheit kommt in dem zum Ausdruck, was diesen großen Styl hat. Die Macht, die keinen Beweis mehr nötig hat, die es verschmäht, zu gefallen, die schwer antwortet, keinen Zeugen um sich fühlt, in sich ruhend, ein Gesetz unter Gesetzen, – das redet als großer Styl von sich.« Da sind die beiden Konsuln (Duumviri, Stadtpfleger), in diesem Jahr Herr Marx Christoph Koch von Gailenbach, Sr. jetzo Glorreichest-Regierenden Kayserl. und Königl. Majestät FRANCISCI I. würcklicher Rath, und Herr Frantz Joseph Ignati Remboldt. Es folgen die fünf »Geheimen«, die sechs Bürgermeister, von denen je zwei in jedem Dritteljahr amtieren; je drei Einnehmer, Baumeister, Zeug- und Proviantmeister, je vier Steuermeister und Umgeldherrn, zwei Oberrichter, sechs Verordnete zum Handwercksgericht, je vier Deputierte zum Kreis, Münzwesen, Landquartierwesen, zum engern Ausschuß, für das Notariatsexamen, zur Bücherzensur, ebenso vier katholische und vier protestantische Oberschulherrn; je zwei Bibliothekare, Forstamtsdeputierte, Deputierte fürs Hochzeits-, Zucht- und Strafamt, über die Sturmglocken und zum Sanitätswesen usw. Die für Augsburg hochwichtige Weberzunft, die Fleischbänke, Getreidemakler und auch die Meistersinger haben ihre eigenen Deputierten zur Aufsicht und Vertretung. Jede Pfründe und Stiftung, Siechen-, Blattern- und Armenhaus hat ihre städtischen Beamten, sogar der Schlüssel des Perlachturmes ist nicht in profanen Händen. Diese Verstadtlichung aller Einrichtungen zu einem exakt fungierenden Apparat ist ein Meisterstück städtischer Verfassung, wie es zu jener Zeit noch nicht viele deutsche Städte aufzuweisen hatten. Eine ganz geniale Zusammensetzung ist auch die des großen Rates. Er zerfällt in den inneren Rat von nur vierzehn Mitgliedern, und zwar vier Patrizier, drei Kaufleute, sieben von der Gemeinde, und in den äußeren: neun Patrizier, siebzehn aus den alten, nichtadeligen Geschlechtern, siebenundfünfzig Kaufleute und zweihundert von der Gemein. Charakteristisch ist, daß bei den letzteren nicht mehr, wie bei den Kaufleuten, ein »Herr« vor dem Namen steht; – Augsburg wußte wohl, warum es gerade den Kaufleuten diese historisch und psychologisch begründete Ausnahmestellung anwies; denn da die Ratsmitglieder »von der Gemein« alternierten, konnten alle zum Aufblühen und Gedeihen der Stadt dienenden Gesetze durchgebracht werden; die Kaufleute nämlich hielten sich selbstverständlich zu den Patriziern, und so war für alle wichtigen Angelegenheiten eine Majorität sicher, und die demokratische Masse konnte nicht, wie bei den antiken Gemeinwesen, den Bestand des Staates langsam, aber sicher zerwühlen; auf dem Papier aber sah das Verhältnis gerade umgekehrt aus: 200 gegen 57   40. Darum ist diese Zusammensetzung ein geniales Stück staatserhaltender Weisheit; das ist noch die Tradition, durch die Augsburg groß und mächtig sich entwickeln konnte: Interessen-Solidarität zwischen Aristokratie und Handel. Selbstverständlich waren auch die Ämter streng paritätisch verteilt, so daß in dieser Beziehung eine Gefährdung des inneren Friedens nicht zu fürchten war. Wenn auch jetzt nicht mehr die Schweineställe der Bäckerzunft in C (kath.) und A C (Augsb. Conf.) geteilt sind, auch nicht mehr die Kaffeehäuser, die Stadtgardenlieutenants usf. nach Konfessionen geordnet sind, ein Blick aufs Adreßbuch belehrt uns, daß noch immer die Hochzeitlader und Leichenbitter je zwei und zwei gravitätisch und paritätisch darin aufmarschieren. Wir stecken noch im siebenjährigen Krieg; darüber belehrt uns der Absatz: »Vom Krieg und Welthändeln.« »Es wäre zwar auf der Welt nichts mehrers zu wünschen, als daß uns des Noä' Täublein dieses Jahr mit einem Oelzweig erfreuen und uns den edeln Frieden, auf den so viele Millionen Menschen mit großem Verlangen warten, bringen möchte; allein, irdische Aspekten drohen uns noch ferner des Krieges Ungewitter.« Eine sehr überflüssige Partie enthalten alle diese Kalender vom Ende des 18. Jahrhunderts: Die Aderlaßtafeln. Denn schon zu jener Zeit hatte das periodische Aderlassen bei den mittleren Klassen längst aufgehört, nur einige ganz gegen allen Verkehr abgeschlossene Gaue mit den allerkonservativsten Bauern mögen es noch beibehalten haben. Es ist diese Fortführung der alten Vorschriften ein Beweis mehr für die oft wiederkehrende Tatsache, daß Sitten und Gebräuche noch existieren, nachdem die Voraussetzungen dazu schon längst zerfallen sind. Die Aderlaßtafel regelt sich nach dem Mondwechsel und jeder der dreißig Tage des Mondlaufs hat seinen für alle Monate und Jahreszeiten feststehenden guten oder schädlichen Charakter, z. B. wer an einem dritten zur Ader läßt, stirbt eines jähen Todes, wer am neunten, wird krätzig am ganzen Leib, wer dagegen am fünfundzwanzigsten, wird »klug und weise« wie der Bürgermeister von Saardam. Daß in den sogenannten Hundstagen das Aderlassen und Arzneien verboten wird, ist nicht so ganz unverständlich; warum dagegen das Baden, bedürfte wirklich näherer Begründung; es ist reizend, wenn man sich einen dicken, schwitzenden Privatier aus dem vorigen Jahrhundert vorstellt, wie er z. B. im Schmuttertale keuchend und pustend gegen das schöne Wirtshaus zum schwäbischen Himmelreich zu sich Bewegung macht, wie er gar zu gerne in dem kühlen Wasser ein wenig herumplätscherte, aber er darf nicht, weil es der Kalendermann nicht erlaubt; nun trinkt er wenigstens mehrere Krüge kühlen Bieres und tritt Abends etwa um sieben Uhr den Heimweg an, wobei er ein wenig perpendikulare Bewegungen zeigt; o weh, das rote Tor ist bereits geschlossen, – und will er nicht den Umweg nach dem Gögginger Tor machen, das bis 10 Uhr offen ist, muß er seine 4 Kreuzer Sperrgeld zahlen. Zu Hause angelangt, sieht er sofort in seinem Stadt- und Rathskalender die »Spörrordnung der allhiesigen Stadt-Thor« nach; dieselbe steht an derselben Stelle, wo in unseren Kalendern die Gebetläutordnung und es decken sich auch die Zeiten so ziemlich. Will nun unser Herr Privatier sich z. B. ein Fäßlein Seewein von Lindau schicken lassen, so geht er auf den Fischmarkt, wo der Lindauer Bote sein Lädlein hat; er kommt immer an am Donnerstag um 3 Uhr und fährt um 8 Uhr wieder nach Lindau ab. Die Herbergsväter dieser Boten haben auch ihre Spitznamen: Johann Adam Schmidtpeter ist Josephle, Joseph Gleich das Dilgerle benamset. Der siebenjährige Krieg ist zu Ende. Beim Abschluß des Hubertusburger Friedens kümmert sich der Kalenderschreiber nicht im geringsten um die politische Bedeutung dieses Friedens, er erzählt nur den Umzug, den der Friedensherold samt Gefolge in Berlin gehalten. »Der Herold aber trug einen römischen Helm, einen Küraß mit darüber geworfenem Tigerfell, kurze Hosen, und, wie der Kalender wörtlich berichtet, saubere weiße Strümpfe.« Ein Holzschnitt in einem andern Kalender zeigt uns das Schloß Hubertusburg, aus dessen Toren zwölf Postillone lustig blasend in die verödete Landschaft hinaussprengen, um den Frieden in alle Welt zu verkündigen, darüber aber schwebt ein Posaunenengel mit dem Spruch: »Des HErrn Gnade hat uns diesen Frieden geschenkt.« Für das Jahr 1769 hat uns Andreas Brinhaußer wieder einen Kalender gedruckt: »Augspurgischer Compendiöser Hand- Schreib- und Sack-Calender.« Dieser ist der einzige, in dem eine Reihe von städtischen Vorschriften als Anhang sich finden: Da wird einmal gewarnt vor den schlechten französischen Laubthalern, dann wird »gesamter Burger und Innwohnerschaft beditten, daß, wer sich eine halbe Stund nach Läutung des Gebeths auf der Straß ohne Licht oder Latern betretten läßt, alsogleich, ohne Ansehen der Persohn, arretieret, und auf die Hauptwach gebracht, oder aber auf ihme, nach dreymalig vergeblichem Anruffen und wol gar ergreiffender Flucht, oder Widersetzung, Feuer gegeben werden solle.« Wie Figura zeigt, konnten die Juristen von anno 1769 ebenfalls schon Bandwurmsätze bilden, nur daß die ihrigen immer noch verständlich sind. Diese Stilblüte ist einer ellenlangen Verordnung entnommen »von denen nächtlichen Diebstählen«. Die Unruhen des Krieges scheinen damals die öffentliche Sicherheit auf Jahre hinaus sehr nachteilig beeinflußt zu haben. Es folgen Ermahnungen an die säumigen Steuerzahler, an die Metzger, die zu schlecht wogen und übergroße Zuwagen hergaben, und endlich ein Mandat zur Ausrottung der Wilderer, Vaganten und herrenlosen Gesindels in der Markgrafschaft Burgau. Erlasserin desselben ist Maria Theresia, Markgräfin von Burgau, wie sie sich in diesem Mandat nennt. Diese »Markgräfin von Burgau« wäre auch ein Thema, für den Historiker noch mehr als für den Kulturgeschichtler. Die Kalenderliteratur hat sich seitdem ins Ungeheure vermehrt: Unsere politischen Parteien geben Kalender heraus, oder machen sich wenigstens bereits bestehende dienstbar, um für ihre Ansichten Propaganda zu machen; die illustrierten Blätter veröffentlichen solche mit Romanen von den ersten Autoren und Illustrationen von den namhaftesten Künstlern; fast jeder Beruf, jeder Sport, jedes Gewerbe hat einen eigenen Kalender; für die Kinder sogar werden reizende und anmutige Büchlein verfaßt, und unsere Gymnasiasten erfahren durch Kalender, daß Goethe eigentlich ein ganz ordinärer Mensch gewesen sei; zum Glück glauben sie's nicht mehr so fest, wie in früheren Zeiten die Staatsprognostika geglaubt wurden. In deutschen und österreichischen Musenalmanachen werden Frühlingslieder gesungen, fast so schön wie im Kalender von 1675, – kurz, aus den rauhen, löschpapiernen Gesellen sind freundliche und gern willkommene alljährliche Gäste geworden, denen es niemand ansieht, aus welch blutdürstiger und abergläubischer Familie sie entstammen. Aber vergessen wollen wir darum jene alten, vergilbten Blätter doch nicht, – ist doch in ihnen ein gut Stück deutscher Vergangenheit begraben und ruht doch auf ihnen ein verklärender Vorzeitschimmer voll Derbheit und Aberglauben, aber auch voll träumender Ahnungen, voll urwüchsiger und schalkhafter Treue und Poesie. Der »Δ-Kritiker« Musik-Kritiken Beethovenabend des »Kaim-Orchesters«. 1901 Die Ouvertüre zu den »Geschöpfen des Prometheus« und die achte Symphonie zeigen so recht Beethovens Humor, beide allerdings in verschiedenem Grade und in anderer Art, dem langen Zeitraum entsprechend, der zwischen ihnen liegt. Gegenüber dem esoterischen und kontemplativen Humor der letzten Sonaten und Quartette entwickelt Beethoven in seinen Symphonien einen außerordentlich direkten, naiven Humor von grandioser Volkstümlichkeit. Beim Anhören solcher Werke überkommt einen ein leises Bedauern, daß Beethoven zu einer Zeit, wo er noch umgänglicher war und noch nicht in erhabener Einsamkeit über allen menschlichen Dingen schwebte, nicht einen anständigen Text zu einer komischen Oper bekommen hat. Was hätte das werden müssen! Diese lustige Grundstimmung steckt auch in der Achten; in allen Formen des Ausdrucks spielt hier Beethovens Humor, vom feinsten geistvollsten Scherze bis zu übermütiger Persiflage (des Mälzlschen Metronoms) und tobender Laune. Deutlich klingen Themen an, die vom »Heurigen« herübergeweht worden sind, einfache Weisen von Volkssängern, von herbstlichen Tänzen, nordischen Singspielen. Jeder Kenner Beethovens weiß, daß er sich gern von Wiener Volksmelodien anregen ließ, um dann ganz Außerordentliches daraus zu machen. Hausegger ist ein tüchtiger Beethoven-Dirigent; er beherrscht die Werke, nicht nur dem Gedächtnis nach (er dirigierte alles auswendig), sondern auch stilistisch; eine gesunde und sichere Kraft trägt seine Auffassung jedes Werkes. 1901 Das Symphonie-Konzert des Kaim-Orchesters zu ermäßigten Preisen erfüllte den Wunsch, den ich vor vierzehn Tagen hier geäußert habe: es brachte »nur« die beiden großen Symphonien Schuberts , die unvollendete in H-moll und die siebente in C-dur . »Freudschauernd« lernte, nach seinem eigenen Zeugnisse, Schumann 1838 in Wien die große C-dur-Symphonie kennen. Zehn Jahre lang war das herrliche Werk unerkannt unter den Nachlaßsachen Schuberts gelegen und erst am 22. März 1839 fand die erste Aufführung in Leipzig unter Mendelssohns Leitung statt. Noch merkwürdiger war das Schicksal der H-moll-Symphonie, die volle vierzig Jahre lang verschollen war, erst 1865 erklang das wundervolle Fragment zum erstenmal. Durch zwei Zufälle ist uns so der Symphoniker Schubert erhalten geblieben, der sich mit diesen zwei Werken direkt an die Seite Beethovens gestellt hat. Darum habe ich es so innig gewünscht, darum auch so freudig begrüßt, daß man ausschließlich diese beiden Werke einmal in einem Konzerte aufführte. Hausegger hat das Wagnis unternommen, dieses kühne und stolze Programm aufzustellen; er hat mit edler Begeisterung und energischer Kraft dirigiert. Hervorragend gelungen war gleich das Allegro der H-moIl-Symphonie mit dem strahlend schönen wiegenden Gesang der Violinen. Geistreich und mit köstlicher Laune kam das Scherzo der C-dur-Symphonie heraus und mit dröhnender Wucht rauschte das Finale einher, das wohl für alle Zeiten, eines der großartigsten Werke bleiben wird, die je geschrieben worden sind. Je mehr ich Hausegger höre, desto mehr staune ich über seine rastlose Energie, seinen hohen künstlerischen Ernst und sein fabelhaftes Gedächtnis. Ich wünsche, daß sein Beispiel auch anderwärts Nachahmung finde. Denn diese zwei Symphonien gehören in jeder Saison aufgeführt, bis sie ebenso populär werden wie diejenigen von Beethoven es schon sind und diejenigen von Brahms und Bruckner es werden müssen. Denn diese beiden letzten verehrten Namen, deren Träger bei Lebzeiten durch die gehässige Dummheit ihrer Anhänger in ein Antipodenverhältnis geraten waren, nennen wir ruhig in einem Atem. Vielleicht führt uns Hausegger auch seinen Barbarossa vor, der in Berlin so warme Anerkennung gefunden hat, dazu vielleicht etwas von unserm lieben alten Alexander Ritter und von Richard Strauß? Der Saal war übrigens wieder so gut wie ausverkauft und der größere Teil des Publikums zeigte für Hauseggers Absicht, die einzelnen Sätze ohne Pause zu verbinden, Sinn und Sympathie. Es wäre auch viel gescheiter und stilvoller, wenn das Geklatsche zwischen den Sätzen in Zukunft fortfiele.   1901 Der von der Münchner Kammermusikvereinigung unter Mitwirkung von Frau v. Kaulbach-Scotta im Museumssaal veranstaltete Bläserabend bot hervorragende Genüsse. Das Oktett in C-moll von Mozart für zwei Oboen (HH. Reichenbächer und Millé), 2 Klarinetten (HH. Wagner und Walch), 2 Hörner (HH. Hoyer I und Busch) und 2 Fagotte (HH. Abendroth und Koch) wurde graziös und frisch gespielt; besonders schön war der letzte Satz: zuerst wird das Thema viermal variiert, das viertemal sehr reich und frei, dann folgt ein strahlend schöner Mittelsatz in Dur, in dem die Hörner das große Wort führen, dann wieder drei Variationen, von denen die vorletzte harmonisch sehr eigenartig und die letzte, wieder in Dur, von prachtvollem Feuer ist. Wieviel leuchtende Anmut, wieviel liebenswürdiger Geist ist über dieses zierliche Werk ausgegossen! Als zweite und wohl wertvollste Gabe des Abends folgte das Trio Op. 40 von Brahms , gespielt von Frau Kaulbach (Violine), Herrn Hoyer I (Horn) und Herrn Schmid-Lindner (Klavier). Man sollte von diesem wundervollen Werke nur im Tone innigster Ehrfurcht und reinster Begeisterung sprechen. Welch stolze und gelassene Schwermut singt aus dem sinnenden Andante! Wie stürmt unbändig und in kraftvoll überschäumendem Humor wie in wildem Galopp das Scherzo dahin; dazwischen wieder Minuten des zartesten, selbstvergessenen Hindämmerns, Hinträumens; – es ist, als wenn mit einemmal silbernes Mondlicht über eine nächtliche Landschaft aus zerrissenen Wolken flösse, und alle Bäume am Wege biegen sich und leiser zieht der Stern in dunklem Glänzen; dann wieder ein plötzliches Aufbäumen und übermütig-jauchzend geht der Ritt weiter. Ich mußte immer an die nächtlichen Ritte Goethes nach Sesenheim denken ... Frau v. Kaulbach spielte dieses, trotz aller sanften Sehnsucht, so herb und stolz männliche Werk mit großem Zuge und männlicher Kraft, von den beiden Herren trefflich unterstützt. Die Zuhörer waren von dem Werke sichtlich im Innersten ergriffen. An Brahms ist hier in München manche Unterlassungssünde begangen worden. Nun scheint die Zeit gekommen, wo diesem großen, ehrlichen und herrlich deutschen Genius auch hier in München sein königliches Recht wird! – Die Phantasiestücke Op. 73 von Schumann für Klavier (Herr Schmid-Lindner) und Klarinette (Herr Walch) sind drei feine, ungemein liebliche und zart getönte Skizzen, frisch wie ein Frühlingsmorgen. Klavier und Klarinette wetteiferten in graziösen Nuancen. – Frau v. Kaulbach hatte sehr schöne Blumenspenden empfangen. Schönere und vollere Rosen aber, als sie durch ihr seelenvolles Spiel auf das Grab unseres geliebten Meisters Johannes Brahms gelegt hat, können ihr nimmer gegeben werden!   1901 Volks-Symphoniekonzert des »Kaim-Orchesters«. Siegmund v. Hausegger dirigierte Beethovens Ouvertüre »Zur Weihe des Hauses« und Mozarts G-moll-Symphonie . Dem energischen Interpreten Wagners und Brückners liegt das Beethovensche Werk mit seiner manchmal ganz meistersingerhaft gemahnenden Formensprache besser als die unendlich geistreiche und zartest beschwingte Symphonie Mozarts. In der Tat steht vielleicht kein Werk Beethovens, die Diabelli-Variationen ausgenommen, dem Stil der Meistersinger so nahe wie diese Ouvertüre, und über manches Gesicht zog ein Lächeln freudiger Überraschung, als im letzten sequenzenhaften Teil von den Holzbläsern das gemütvoll-behäbige Thema des zweiten Taktes der Meistersinger-Ouvertüre einen Augenblick deutlich anklang. Für die G-moll-Symphonie ist Hausegger vielleicht noch zu jugendlich stürmisch, doch konnte auch der Hörer, dem die entzückend feine Filigranarbeit des ersten Satzes etwas zu rauh angefaßt schien, des energischen Temperaments und behaglichen Humors, mit dem Hausegger den Menuet herausbrachte, von Herzen froh werden. Zwischen beiden Werken spielte Herr Guido Peters das Es-dur-Konzert von Beethoven mit gewandter Technik und gesangvollem Anschlag. Besonders das schöne Adagio, dessen charakteristisches Thema auch anderwärts bei Beethoven, z. B. in den Bagatellen, wiederkehrt, war bei aller Deutlichkeit mit dem zartesten Legato herausgearbeitet. Die traumhaft zögernde Stelle unmittelbar vor dem Rondo kann kaum schöner gespielt werden.   1901 Kammermusikabend im Museum. Mit dem G-dur-Quartett Op. 18 Nr. 2 von Beethoven wurde der Abend eröffnet. Was soll man noch zu dieser heiteren und geistreich belebten Musik Worte machen? Wie fest und meisterhaft gefügt ist das Ganze! Jeder Satz ein Organismus in sich und alle vier Sätze eine organische Einheit, Früchte eines Baumes und an einem Sonnentage gereift. Man muß immer und immer wieder bewundern, wie sogar bis in die nur scheinbar äußerlichen Verzierungen Beethovens Werke, jedes für sich, zusammengestimmt und stilistisch geschlossen sind. Das Quartett Op. 84 Nr. 3 von Spohr zeigt die Vorzüge dieses Meisters in hellem Lichte: eine leidenschaftliche Innigkeit gesteigerter Empfindung, verbunden mit einer vornehmen Form und technischen Vollendung. Es ist ein einziges Ding, so ein Spohrsches Adagio, gar nicht so bequem zugänglich, aber echt und tief. Auch die raschen Sätze Spohrs sind eigentlich verkleidete Adagios; wie wenn mitten im Reigen tanze ein süßer, dunkler Blick eines Mädchens ihre feine gütige Seele erraten läßt. Das 1898 in Prag preisgekrönte D-dur-Quintett Webers bildete den Schluß. Das gefällige aber schwierige Werk wurde mit Schwung gespielt und fand reichen Beifall, besonders der kecke zweite Satz und das humorvolle Finale. Die HH. Weber und Leitner (Geige), Bihrle (Bratsche), Ebner und Fleißner (Cello) haben sich sehr gut eingeführt. Sie spielen schon jetzt gut zusammen und werden sich noch besser zusammenspielen. Schon gestern war es oft, als ob die Schönheit und sanfte Gewalt der Töne den Saal zersprengen wollte.   1904 Das Volkssymphoniekonzert brachte, unter Raabes hervorragend glücklicher Leitung, ein Programm, wie wir's seit Hausegger nicht mehr erlebt haben: Bruckners herrliche siebente Symphonie und Hugo Wolfs Penthesilea . Die E-dur-Symphonie wurde mit stürmischer Begeisterung aufgenommen. Hier in München ist auch Boden für Brückner: nur ein Süddeutscher konnte diese Sätze voll Glanz und Farbe, voll Wucht und Pracht dichten, und nur ein kindlich frommes und gläubiges Gemüt konnte die einsame und meditative Inbrunst solch seelenvoller Gesänge gestalten. Inbrünstig ist Bruckner, aber niemals brünstig; sein Ausdruck ist stets, auch wenn er an die letzten Schleier rührt, ungemein gesund, keusch und gebieterisch; er schmachtet nicht, er verdreht die Augen nicht; kurz: Parsifal und Bruckner sind Antipoden. Auch Bruckners Orchester ist nicht modern im Sinne hoffnungsvoller Musikeleven; er wirkt nicht mit orchestraler Sauce, die möglichst scharf gepfeffert sein muß, sondern mit instrumentalen Gruppen, wie Beethoven. Man kann vielleicht Anton Bruckner als den letzten, größten und modernsten Vertreter der katholischen Kirchenmusik auffassen, die sich in seinen Werken glorreich und glanzvoll zu Ende singt; denn was nachher kommt, sind die pfiffigen Eklektiker und die sklavischen Archaiker, Die katholische Kirchenmusik ist in Brückner symphonisch geworden. Parallel mit der Entwicklung, wie die Wagnerianer sie gerne wahr haben wollen, von der Symphonie zum Musikdrama, geht eine andere, viel stärkere, tiefere, innigere: vom Wort zur absoluten Musik. Schon Beethovens Hohe Messe steht hart an der Grenze, wo das Wort versagt und als störend empfunden wird. Das Gebiet der absoluten Musik ist unendlich weiter und reicher, als die sogenannte Worttonkunst. Bei Brückner ist alle Kirchenmusik symphonisch geworden; alles Festliche und Herzliche, alle Kränze und tannengeschmückten Triumphbögen, Weihrauchduft und sonnigstes Leuchten in alten Barockkirchen, Beichtzerknirschung und Himmelfahrtsjubel, Wallfahrten mit fröhlich flatternden Fahnen und einsames Gebet in der Dämmerung vor dem ewigen Licht, Maienandacht und Kirchweihlust, alles, was im Katholizismus stark und zart und innig und festlich ist – das alles lebt in Brückners mächtiger Kunst. Er hat unvergleichlich die Elemente der alten Kirchenmusik ausgedrückt: das Hochfesttägliche, das Pastorale, das Treuherzig-Gelehrte. Er hat Stellen geschrieben, die einsam und ungeheuer dastehen: Ewigkeitsmusik von einer Tiefe, die wir nie ergründen, von einer leuchtenden Reinheit, die abseits vom ganzen Musiktreiben des 19. Jahrhunderts steht. Man tut ihm unrecht, wenn man ihn als bloßen Symphoniker auffaßt; das Organisch-Geschlossene, Prägnant-Notwendige der Symphonie ist diesem wundervollen Kindergemüt nie aufgegangen. Seine Symphonien sind glanzvoll instrumentierte Orgelphantasien einer unbändig kraftvollen und zugleich ergreifend schamhaften Seele: kaum hat er mit vollem Werke gespielt, so greift er zaghaft ins obere Manual und läßt alle Zartheiten und alle Demut seiner gnadenvollen Mannesseele verschämt Wort und Klang und Ausdruck gewinnen; Gebete sind seine Meditationen, Hymnen seine Adagios, Dörperweisen seine Scherzi, inkommensurabel seine Schöpfungen. Immer ist die Orgelphantasie das Primäre bei ihm, und manchesmal muß man die selige Schönheit seiner primären Inspiration erraten, wie bei einem Palimpseste. Von solchem Werke sagt man dankbar, daß es aufgeführt wurde. Aber auch, wie es aufgeführt wurde, ist aller Ehren wert. Peter Raabe darf zufrieden sein, – er hat ein gutes Werk getan. 1903 Im Münchener Schauspielhaus errang Ludwig Ganghofers Volksstück »Der heilige Rat« , das in Wien abgelehnt worden war, einen glänzenden Erfolg. Das Werk war klugerweise nicht wie in Wien als ländliches Drama, sondern als Komödie aus dem Volksleben auf dem Zettel bezeichnet worden; das trug zum Erfolge wesentlich bei. Denn auch das harmloseste Publikum weiß, daß eine Komödie aus dem Volksleben im wesentlichen auf eine rührsame Posse hinausläuft, die man weiter nicht ernst zu nehmen und bei der man sich nicht aufzuregen braucht. Der Untertitel eines Stückes ist so wichtig wie beim Weine die Etikette: was die Flasche enthält, ist belanglos; wenn nur »Rauenthaler Berg« darauf steht, wenn nur das Getränke süß und süffig die Kehle hinunterläuft, darf es auch »Grünberger Schattenseite« sein. Der Verfasser hatte bei der ersten Bearbeitung das Stück tragisch ausgehen und die unsympathischste Person des Dramas am Schlusse triumphieren lassen. In der neuen Bearbeitung triumphiert das kosende Pärchen, ziehen die unsympathischen Bösewichte mit langen Nasen ab und geht alles glücklich zu Ende: so will's das Publikum haben; Ganghofer ist kein Unmensch: »Hier stehe ich, ich kann auch anders!« Das durch Anzengruber vorgebildete Wieher Publikum sollte einen Anzengruberischen Schluß vorgesetzt bekommen, das durch Ganghofer vorgebildete Münchener Publikum hatte sein Recht auf einen Ganghoferischen Schluß; das kann auch der einfache Parterrebesucher für seine Mark verlangen, daß die Geschichte versöhnlich endet: man ist doch in einem Volksstück und in keinem Drama! Um beim Gleichnis vom Weine zu bleiben: Es ist eine Tatsache, daß früher sehr viele Rhein- und Moselweine für den süddeutschen, speziell Münchnerischen Konsum »aufgerichtet«, d. h. parfümiert und gezuckert wurden, weil der Durchschnittstrinker vom Weine ebensoviel versteht, wie ein Durchschnittsleser vom Drama. Wie oft hat man es nicht totgesagt, das liebe, sentimentale oberbayerische Volksstück! Wie oft haben ehrlich entrüstete Leichenredner ihm böse Nekrologe gehalten! Das Volksstück aber lebt, es ist nicht umzubringen. Es wird immer Leute geben, denen Konrad Kiesel künstlerisch höher steht als Albrecht Dürer. Die tränenfeuchten Seelen werden allezeit bis ins Innerste erregt werden, wenn ein Leierkasten mit seinen weihevollsten Klängen intoniert: »Bei ihrem schwer erkrankten Kinde« ... Auch die Liebhaber des spezifisch oberbayerischen Volksstückes werden nicht alle werden. Wie gut unser Autor das Volk kennt! Daß unsere katholischen Bauern eine Bibel im Hause haben, wußten wir bisher nicht; in unserem Unverstande glaubten wir, man dürfe ganz Oberbayern und das schöne Land Tirol absuchen, ohne in einem einzigen katholischen Bauernhause eine Bibel zu finden. Ganghofers Bauern haben sogar die Lutherbibel im Hause. Darauf aber, daß 1. die Nachbarin ihre Heilige Schrift so genau kennt; daß 2. die Seehoferin die Bibel im Hause hat; daß 3. die Nachbarin auf den Einfall kommt, der kinderlosen Seehoferin das Experiment der Sara mit der Hagar zur Nachahmung zu empfehlen; daß 4. die Seehoferin auf den Vorschlag eingeht; daß 5. der Seehofer sich dazu bereden läßt, um einen Erben zu bekommen; daß 6. justament ein dazu passendes Mädchen im Hause ist; daß 7. auch dieses Mädchen einwilligt; daß 8. dieses Mädchen schon in der Hoffnung ist, aber von dem Knecht; daß 9. ein Jahr nach dem untergeschobenen Sohne ein legitimer Sohn nachkommt; daß endlich 10. der Vater den illegitimen lieber hat als den legitimen – darauf ruht das Stück. Das Fundament ist solid: zehn Unwahrscheinlichkeiten, eine dicker als die andere, sind notwendig, bis eine Art Handlung in Fluß kommt. Selbstverständlich liegen zwischen dem ersten und zweiten Akte zwanzig Jahre Pause; wir sind ja in einem Volksstück! Eine Zeitlang tut nun der Autor, als ob er die Sache schlimm ausgehen lassen wolle. Der erfahrene Volksstückbesucher aber läßt sich nicht anschmieren: er weiß, daß in der letzten Szene des letzten Aktes ein liebendes Paar sich busseln wird und daß sämtliche Personen, natürlich nur die edlen Menschen, in Rührung schwimmen werden wie die Kücheln im Schmalzpfandl. Der erfahrene Volksstückbesucher verrechnet sich niemals: Letzter Akt letzte Szene: ein Liebespaar busselt; ein Ehepaar liegt sich gerührt in den Armen; im Vordergrunde der alte Pfarrer, der ins Wasser gefallen ist, mit triefenden Kleidern; im Hintergrunde die Bösewichte, Vater und Sohn, die sich scheu zur Tür hinausdrücken: ersterer einen durch Zufall verhüteten Mord, letzterer einen tatsächlich begangenen Inzest im schuldigen Busen verbergend. So was macht in einem Volksstück gar nichts. Wenn nur der richtige Bua sein richtiges Deandl kriegt! Das ist Ganghofers neues Stück! Das ist im Schauspielhaus jubelnd applaudiert worden! Immer wieder rief man den Autor; man wurde nicht müde, den Mann zu sehen, der dieses schöne, rührende, humorvolle, echte Volksstück geschrieben hatte. Warum doch unterließ es dieser Mann, nach berühmtem Muster zu seinen Getreuen zu sprechen: »Sie haben gesehen, was wir können: an Ihnen ist es nun, zu wollen. Und wenn Sie wollen, haben auch Sie Ihre Heimatkunst.« – Größte und aufrichtige Anerkennung den Schauspielern, die mit diesem Werke sich mühten. Neuerts Pfarrer, Linds Kronschnabl, Schwartzes Seehofer, Esslairs Knecht, die Damen Nebauer, Ida Müller, Luise Fischer, Anny Blaha als Mutter, Magd, Nachbarin und Veverl: Leistungen, die schlechthin vollendet waren; diese Leistung der Schauspieler allein schon ist es wert, daß das Stück sich eine Zeitlang hält. Im übrigen ist nun die Konfusion in unsern Theatern komplett. Im Hoftheater die Fledermaus, im Residenztheater Ludwig Thoma, im Gärtnertheater Monna Vanna, im Schauspielhaus ein Volksstück: nächstens wird Schmids Marionettentheater die Götterdämmerung ankündigen und das Prinzregenten-Theater: »Schuriburiburischuribimbampuff oder Kasperl als Porträtmaler.« 1903 Der Akademisch-dramatische Verein hat durch das Personal des Schauspielhauses Anton Tschechows »Onkel Wanja« zum erstenmal in Deutschland aufführen lassen. Tschechow war eine Zeitlang Favorit des literarischen Spezialitätentheaters; augenblicklich hat ihn gerade Gorki abgelöst, aber auch er wird wohl nicht allzulange Mode sein: Die kleinen Berliner Nachtcaféästhetiker schauen sich gegenseitig schon ganz gelb und giftig an, ob nicht der Konkurrent den neuen Ausländer, der auf die dummen Deutschen losgelassen werden soll, schon eingeschmuggelt habe. Immerhin ist Tschechow ein ganz gutes Papier der Literaturbörse, und all die kleinen Makler, die den französischen Maupassant nicht kennen, bieten ihn als den russischen Maupassant an. Sein Drama »Onkel Wanja« ist, wie sich von selbst versteht, eine Novelle, die so unvorsichtig war, in vier Akten anstatt vier Kapiteln auf die Welt tu kommen. Als Novelle müßte man auch den Inhalt erzählen; ihn in einen Bericht zusammendrängen, ist müßig. Die Andeutung genüge, daß der Zuschauer von den auf der Bühne sicb langweilenden Neurasthenikern bald angesteckt wird und sich ebenfalls langweilt. Langeweile und Lebensekel sind das moderne Analogon zur aristokratischen Furcht- und Mitleidstragik. Natürlich langweilt man sich bei Tschechow nicht à la silésienne, sondern à la russe; die philosophischen und sozialen Gemeinplätze sind spottbillig, das Familienleben ist einem Hundekäfig abgeguckt, die Personen öden sich gegenseitig an und wenn sie das vier Akte lang getan haben, schicken sie uns nach Hause. Ich glaube, wir täten am besten, den modernen Russen gegenüber etwas vorsichtiger zu sein. Was haben sie uns denn gegeben? Was gehen uns diese stammelnden Halbasiaten mit ihrer primitiven Technik eigentlich an? Welten liegen zwischen ihnen und uns: Homer, Dante, Shakespeare, Goethe heißen diese Welten. Seien wir doch nicht so dumm, uns all diese talentvollen Ausländer aufschwätzen zu lassen! Ich meine hiermit durchaus nicht etwa die Kleinen, sondern gerade die Größten: Was hat uns Germanen Tolstoi zu sagen? was geht uns eigentlich Zola an? Ibsen, Jakobsen, Björnson, überhaupt die Germanen – die verstehen wir, sie reden unsere Sprache, sie sind eines Blutes mit uns. Aber wenn man uns mit Russen kommt, sollten wir immer fragen: »Verehrtester, kennen Sie denn Keller, Stifter, Mörike, Gotthelf, Meyer, Storm, Anzengruber, Rosegger, die Ebner-Eschenbach, Fontane, Hermann Kurz, Melchior Meyr usw.?« – Ich möchte jedoch mit diesen grundsätzlichen Einwänden dem Verdienste des Münchener Akademisch-dramatischen Vereins durchaus nicht zu nahe treten: wer so viele Verdienste hat, darf sich auch einmal vergreifen; ohne Experiment kein Fortschritt! 1903 Gastspielabend der »Internationalen Tournée«. Zum erstenmal: Nachtasyl. Szenen aus der Tiefe in 4 Akten von Maxim Gorki. Deutsch von August Scholz. Seit geraumer Zeit sind die meisten unserer Premieren nicht mehr in erster Linie als künstlerische Ereignisse bedeutsam, sondern als Kulturdokumente, oder – um noch deutlicher zu sein – als Krankheitssymptome. Irgendwo in Halbasien macht ein Schriftsteller in Dialogform einen Ausschnitt aus dem elenden Leben eines Nachtasyls; sofort kommt das halbasiatische Werk nach Europa; Direktoren und Verleger raufen sich um die tristen Vagabundenszenen; sie werden vor täglich ausverkauften Häusern gegeben; man vergleicht sie mit dem Teuersten, was man sein eigen nennt, mit Wildes Salome; es bildet sich ein Ensemble, das nur mit diesem Stück reist; in allen größeren Städten wird das Werk aufgeführt und mit mehr oder weniger simulierter Begeisterung aufgenommen; brave, reiche Leute schwärmen für diese verkommene Gesellschaft; ach, vom sicheren Parkett aus läßt sich's so gemächlich schwärmen; alle Stammgäste der Nachtcafés fühlen sich angeheimelt von denjenigen des Nachtasyls –: die Sache fängt an, zur enthusiastischen Posse zu werden; wir werden allgemach das Gespött unserer Nachbarn; der ganze Nachtasylschwindel ist ein unheimliches Zeichen für den Niedergang des deutschen Geschmacks. Fern sei es mir, dem Dichter unrecht zu tun. Alexej Maximowitsch Pjeschkow, der sich als Schriftsteller mit leiser Koketterie Gorki, den Bittern, nennt, hat Schicksale erlebt und weiß Schicksale zu gestalten; er ist durch manche Lande des riesigen Zarenreiches gepilgert und in vielen Berufen herumgekugelt, er hat Schuhe geflickt und Bäume gefällt, Brot gebacken und auf einem Wolgadampfer den Küchenjungen gemacht; er war eine Zeitlang Schreibergeselle bei einem Advokaten, dann wieder Bahnwärter irgendwo in Kleinrußland; jahrelang ist er auf der Walz im russischen Süden herumgestreunt; wie der alte Odysseus hat er geirrt, gewandert, gelitten. Seine Novellen umwittert ein urwüchsiger stärkender Hauch von freier Wald- und Steppenluft, der auch solche Leser noch zu fesseln vermag, die Gorkis unvergleichlich größeres Vorbild Korolenko kennen und in Gorki nur den Epigonen sehen: denn auch Korolenko ist nur ein interessanter Spezialist gegenüber dem gewaltigen Gogol. Auch seinem Werke möchte ich nicht unrecht tun. Gewissenhaft sei der Inhalt der vier Akte angegeben, keine Person soll unterschlagen, keine Szene vergessen werden: Ein ältlicher Herbergsvater, Gauner und Hehler, Heuchler und sanfter Halsabschneider, ohne Herz, ohne eine menschlich versöhnende Eigenschaft; sein freches Weib, eine gemeine Megäre, die einem strammen Bengel gegenüber mit ihren Dirnenreizen nicht kargt; ihre junge Schwester, ein gutmütiges mißhandeltes Ding; als Onkel der beiden der würdige Polizist, der bei Mißhandlungen und Hehlereien gnädig die schnapsfeuchten Augen zudrückt, wenn die Sache in der Familie bleibt; der Dieb Pepel, der die liebesgierige Herbergsmutter tröstet und in seinen besseren Stunden ihre Schwester liebt; ein verkommener Schlosser mit seinem halbtotgeprügelten Weibe: er feilt und raspelt, sie hustet und röchelt; eine Dirne, die vom Morgen bis in die Nacht über Schundromane Tränen vergießt und die Erlebnisse der jeweiligen Heldin sich suggeriert; ein derbes Hökerweib; ein verunglückter Mützenmacher; ein philosophierender Tagdieb; ein versoffener Schauspieler; ein verkommener Baron, der auf allen Vieren kriecht und wie ein Hund bellt, wenn man ihm dafür Schnaps zahlt; der greise Pilger Luka, der ger schwätzige Räsonneur des Stücks; ein besoffener Schuster; zwei Lastträger; ein paar Barfüßler. Ich habe niemand vergessen: die Menagerie ist komplett – die Vorstellung mag beginnen. Erster Akt: Man zankt und beschimpft sich, die Kranke röchelt, der Schauspieler renommiert, die würdigen Herbergsleute schleichen tückisch in der stickigen Spelunke umher, horchen und lauern; Luka gibt das erste Dutzend seiner Weisheiten zum besten; hier eine Probe: »Was du auch anstellst, wie du auch aufspielst, ab Mensch bist du geboren und wirst als Mensch sterben.« Der Schuster poltert im Rausche herein und spielt Ziehharmonika; die beiden Schwestern prügeln sich halbtot. Vorhang. – Zweiter Akt: Die Herrschaften spielen Karte und Dame, mogeln und streiten: Luka tröstet die Sterbende mit dem zweiten Dutzend seiner Weisheiten: »Du wirst nun sterben, siehst du – und dann hast du Ruhe. Brauchst dann vor nichts mehr Angst zu haben, vor gar nichts! So still wirds sein, so friedlich, und du liegst ganz ruhig da« usw. Die Hauswirtin sucht den Pepel zu überreden, ihren Mann umzubringen: die Kranke stirbt; der Schauspieler deklamiert ein albernes Gedicht; die Herrschaften legen sich murrend zum Schnarchen. Vorhang. – Dritter Akt: Die romanwütige Dirne renommiert, heult, zankt, renommiert wieder. Luka läßt das dritte Dutzend seiner Weisheiten los: »Nicht aufs Wort kommt es an, sondern darauf, warum's gesprochen wird, seht ihr, darauf kommt's an!« oder »Gegen einen Menschen freundlich sein, schadet niemals.« Der Schlosser brüllt vor Wut. Pepel versucht die Natascha zur gemeinsamen Flucht ins ehrliche Leben zu überreden; die würdigen Herbergsleute horchen; die Schwestern prügeln sich halbtot, Pepel schlägt den Herbergsvater ganz tot; Vorhang. – Vierter Akt: Luka ist fort; die Bande streitet und zankt sich. Einer läßt, in Haltung und Sprache Luka kopierend, das vierte Dutzend seiner Weisheiten los. Die Herrschaften fangen wieder an zu streiten, dazwischen philosophieren sie, lauter tiefe Wahrheiten, billig und nützlich wie Hosenknöpfe, sie brüllen, saufen, singen, musizieren. Der Schauspieler geht leise hinaus und erhängt sich. Vorhang und Ende. Um diese Menschen zu sehen, dieses Theaterstück auf sich wirken zu lassen, hat am Samstag eine auserwählte Menge das Volkstheater gefüllt; Equipagen fuhren vor, Diener in eleganten Livreen warteten, bis es ihren schönen Herrinnen gefällig war, aus der Idealwelt der Verbrecherspelunke in die gänzlich unpoetische Atmosphäre zurückzukehren, wo die Männer weder Strolche noch Diebe und die Weiber keine schmierigen Dirnen sind. Equipagen und Diener mußten lange und geduldig warten; das Stück dauerte geschlagene drei Stunden, länger als die Iphigenie! Gorkis zweites Stück ist an künstlerischem Feingehalte unendlich ärmer als seine »Kleinbürger«. Die »Szenen aus dem Hause Bessjemenows« waren der Aufschrei eines Leidenden, quälend, rücksichtslos, rauh, echt bis zur Grausamkeit, der Dialog stellenweise von wunderbar feiner Arbeit. Das Verbrechermelodram für gemütvolle Jobber, die da ausziehen, das Gruseln zu lernen, ist recht grob gearbeitet; die Charakterisierung flüchtig und leitmotivartig wie bei den schwächsten Gestalten von Dickens; der Zigeuner Gorki hat kompromittierend rasch begriffen, wie man ein Fünf-Mark-Publikum gewinnt; sein Werk trieft von unechter Mitleidreligion und süß einschläfernder Moral. Seine letzte, im Grunde einzige Weisheit, ist das alte Nitschewo: »Nichts! Hat nichts zu sagen! Lüge ist so gut wie Wahrheit, der Strolch so gut wie der arbeitende Bürger, die Dirne so gut wie die ehrbare Frau: »Menschn, Menschn san mer Alle!« Ach, er hat reichlich Sirup in seine Bitternis getan und viel beruhigendes Zuckerwasser in den Essig seiner Kunst gegossen, der ehemals so bittere Max! Er ist ansässig geworden, er ist Theaterdirektor geworden, er wird noch Klassiker werden, der süße Max! Denn süß wie Honigseim mundet seine Kunst den Berlinern, und glätter ist seine Kehle denn Öl: und war doch vordem bitter wie Wermut, und scharf wie ein zwoschneidig Schwert. Für das oppositionelle Rußland mag Gorkis Stück trotz seiner hilflosen novellistischen Breite als Dokument sozialer Anklage etwas zu bedeuten haben. Für Deutschland hat es gar nichts zu bedeuten. Wertvoll ist es höchstens als Symptom der trostlosen Verworrenheit deutscher Theaterzustände, der beschämenden Unsicherheit deutschen Geschmacks, der Verheerungen theatralischer Moden und Machenschaften. Ich soll wohl noch von der Aufführung und Darstellung berichten? Aber ein Stück wie dieses gibt nicht den mindesten Anhalt dazu. Man kann nur sagen, daß alles klappte. Es ist unmöglich, ein Werk wie dieses durch die Darstellung zu heben oder zu gefährden. Man kann es nicht gut spielen, man kann es nicht schlecht spielen, man kann es nur spielen wie der Verfasser es im kleinlichsten Detail vorschreibt: heulend, brüllend, keifend, röchelnd, gähnend. Es ist sehr schwierig, ein solches Werk zu inszenieren, bis alles klappt. Noch besser wäre es, es wäre unmöglich. Szenen aus der Tiefe? Darauf – pfeifen wir! Gebt uns Szenen aus der Höhe! 1903 Münchener Schauspielhaus. Eine der sympathischsten Überraschungen brachte uns das Gastspiel Centa Brés durch die Wiederaufnahme des » Frühlingsopfers « vom Grafen Keyserling . Dieses stimmungsvolle Werk ist in seinen Mitteln durchaus echt und anständig und hatte deswegen von Anfang an gegenüber der aufdringlichen Bazarware unserer Spielpläne einen schweren Stand. Es ist für den genauen Beobachter geradezu eine Freude, zu sehen, wie unfehlbar sicher Keyserling die Situation gerade dann abschließt, wann ein Modedramatiker erst anfangen würde, die Stimmung oder das Milieu auszupressen wie eine Zitrone. Diese Eigenschaft ist ebenso selten wie vornehm. Die düstere und wilde Mischung von Glaubensinbrunst und brutal-egoistischem Aberglauben in der Seele dieser Bauern ist ausgezeichnet getroffen. Dazu ist die tragische Idylle originell in jeder Faser; das Werk steht hoch über der erfolgreicheren gleichzeitigen Produktion. Es gehört zu den wenigen neueren Stücken, die nicht nur von einem Verfasser, sondern von einem Dichter geschrieben worden sind. Es sind Situationen darin, so sachlich und zugleich zart, so rührend in ihrer grausamen Echtheit, daß man unwillkürlich genauer hinhört: »Ja, das ist ja ein Dichter ...« 1904 Münchener Schauspielhaus. Im Sommer ist das Bier etwas stärker, hingegen die Überzieher, die Wäsche und die Dramatik etwas leichter als im Winter. Es gibt Winterdramen, z. B. die Salome, Monna Vanna, das Nachtasyl, und Sommerdramen, z. B. Höhenluft von Heinr. Stobitzer. Unter den Sommerdramen ließen sich noch einige feinere Unterschiede machen; es gibt welche, die man im kühlen Bierkeller, welche, die man im Seebade am besten genießt, andere im Anbau einer Sennhütte, wieder andere auf Schutzhütten, wenn man eingeregnet ist. Wenn man nichts anderes hat, gefallen sie einem; manchmal selbst dann nicht. Sie haben fast alle einen Fehler, nämlich den, daß sie geschrieben sind. Aber, du lieber Gott, wer oder was auf Erden hat keinen Fehler! Beim Kuhhandel gibt es sogar gesetzliche Fehler. Das unterscheidet den Kuh- und den Dramenhandel. Soll ich von der Posse berichten, die gestern (es war ziemlich regnerisch) den Beifall des Publikums fand? Aber es hieße dem Werke sein Feinstes rauben, wollt' ich mit rauher Hand es kritisch entblättern. St. Harmlos ist dabei Gevatter gestanden. Schließlich ist mir eine freiwillige Posse lieber als eine unfreiwillige, die sich für ein Drama hält. Schließlich ist mir der harmlose Spaßmacher lieber als der »satanische« Nichtskönner, der sich für ein Genie hält. Genta Bré hat uns auch dieses Stück beschert: wie nett von ihr! Sie hat mit Selbstverleugnung die Rolle eines Gänschens gespielt. Hat sie nichts anderes zu spielen? Schwartze gab den Schwerenöter als Moralanwalt munter und launig. Olga Heydecker füllte ihre Hosenrolle erfreulich aus: wenn die russischen Studentinnen alle so wären, ginge mancher Mann mehr nach Zürich. Noch eine Anzahl anderer verdienter Mitglieder des Schauspielhauses spielte mit und half dem Verfasser zu einem Hervorruf, dem Gaste, durch flottes Zusammenspiel, zu einem warmen Erfolge, dem Publikum zu einem ganz netten Abend. Kein Mensch zischte. Es war wirklich nicht der Mühe wert. Es war nett. 1903 Theater am Gärtnerplatz. Gastspiel Eleonora Duse: La Città Morta von Gabriele d'Annunzio. Den Deutschen fehlt gewöhnlich das Verhältnis zu den Schauspielern anderer Nationen. Sehr oft, wie bei den Franzosen, halten sie für Fehler, was nationale Eigentümlichkeiten sind. Sehr oft, wie bei den Südromanen, bei der Duse, bei Andrade, bei Novelli, bei der Bellincioni, halten sie die nationalen Eigentümlichkeiten für einzigartige Vorzüge. Sie verwechseln das Allgemeine der Rasse mit dem individuellen Genie. Denn davon muß man ausgehen, wenn man einer italienischen Truppe gerecht werden will: daß, was bei uns Ergebnis eines langen Lebens, überlegten Kunstverstandes, sorgfältigen Studierens ist, daß das alles diesen Sonnenkindern als himmlisches Patenangebinde in die Wiege gelegt wird: Einfachheit und Stil der Gebärde, Adel der Haltung, süßer Zauber des Wortes. Sie sind Plastiker und zugleich Gegenstände der Plastik; wenn sie sich die Sandalen fester schnüren, wenn sie mit stürmischer Gebärde winken, rufen, wenn sie in leisem Kummer den schönen Leib demütig neigen – sie sind ein Kunstwerk, und nur einer der Ihren vermag es zu schaffen und warme Seele ihm einzuhauchen, nur ein heimlicher Grieche, wie Adolf Hildebrand. Was Eleonora Duse zur ersten lebenden Schauspielerin macht, ist ein Doppeltes: Gebärde und Stimme. Hinreißend schön ist diese Anna in der »Toten Stadt«, wenn sie schlanken Leibes an der dorischen Säule lehnt, wenn sie schreitet, wenn sie weggeworfene Rosen gütig vom Boden aufliest, wenn sie ihr Antlitz sehnend dem dunklen und großartigen Schicksal zuwendet, das ihr erst die letzte Weihe und die Holdseligkeit auf das zarte Haupt träufeln wird. Wie ein ergreifendes Wunder wandelt diese blinde Frau über die tragische Bühne, und man weiß nicht, soll man mehr ihrer Hoheit huldigen oder ihrem Liebreize. Die Anmut der italienischen Rasse, ihre geschmeidige Grazie, ihre herrliche Natürlichkeit feiert in Eleonora Duse einen vollendeten Triumph. Die größte Schauspielerin unserer Zeit – wie nichtssagend ist dieser Superlativ! Aber hinter all dieser blassen Zartheit und Lieblichkeit, hinter all diesen unvergeßlich einfachen und überredenden Gebärden eine vornehme, tiefe und feine Seele zu erraten, über der Kunst der Duse die edle Künstlichkeit Gabriele d'Annunzios zu vergessen, Zug um Zug der seltsam schönen Dichtung zu erleben, die sie, nicht ihr Dichter schafft –, wie viel näher kommt man ihrem Wesen durch diese Auffassung! Sie ist der Tragödie, was ein Lamond oder ein Joachim dem musikalischen Manuskripte ist. Sie belebt, beseelt; alle Rosen fangen an zu blühen unter ihren Händen, und alle Saiten beginnen geheimnisvoll zu rauschen und zu singen, wenn ihr zarter Finger leise nur sie liebkost. Mit eintönig süßer Stimme plaudert, lacht, scherzt, klagt, jubelt Eleonora Duse; man horcht erstaunt auf; kaum ein Schrei, so gar nichts Theatermäßiges geht von ihr aus; leise, sanft, fast unhörbar schwebt der silberne Ton von ihrer Lippe hernieder zum Hörer, und die Brunnen der Dichtung werden wach und ihre versunkenen Schätze glühen und blühen sehnsüchtig empor: so spricht eine Geliebte! so tröstet eine Mutter! so klagt ein Kind! Man wird nicht müde, dieser rätselhaft einzigen Stimme zu lauschen. Man ist um ein Glück reicher, wenn man Eleonora Düse erlebt hat. Man weiß, daß es auf dieser erbärmlichen Erde »so etwas gibt«, schön wie ein Traum, leuchtend wie ein Märchen, geheimnisvoll lockend und beglückend wie der warme Wunderblick von Meister Lionardos Gioconda. Und diese Frau hat man gewagt, in einem Atem mit Sarah Bernhardt zu nennen! Sie unter die Bernhardt zu stellen! Es ist als ob man lebendige Rosen mit Blumen aus parfümierter Seide vergleiche! Die Aufführung der »Toten Stadt« war ein Erlebnis. Wieder einmal hatte man den Eindruck, daß ein Dichterwerk einen adäquaten Ausdruck gefunden habe. Die schlechteste italienische Truppe ist besser als eine gute französische Gesellschaft: gewisse Geschmacklosigkeiten und Albernheiten sind den Italienern einfach unmöglich. Die Truppe der Duse aber ist sogar gut. Rosaspina, den wir vom letztenmal her kennen, gab die beiden großen Erzählungen vom Goldfund und von seiner Verblendung mit ausgezeichnetem Ausdrucke, und Bianca Franci verlieh der Bianca Maria immerhin einiges von der holden und herben Zartheit der Dichtung. Haben wir nun nicht gerade den Fehler begangen, den wir im Eingange als zu vermeiden bezeichnet hatten: das Temperament der Rasse mit der schauspielerischen Begabung des Individuums verwechselt? Oder ist eben doch in der Duse etwas, das entschieden über die italienische Schauspielkunst weit hinausgeht, etwas rein Persönliches, eine Feinheit und Tiefe des Ausdrucks, die nur sie allein hat? Es ist so schwer, dies zu sagen. Man kommt mit der Absicht, sich diesmal ganz bestimmt nicht überrumpeln und zu kritiklosem Schwärmen verführen zu lassen – und nach den ersten Repliken der Duse ist man gefangen und fängt zu schwärmen an »als wie in alter Zeit«. Man will einen kühlen und vorsichtig abwägenden Bericht schreiben, und richtig ist es wieder ein Hymnus geworden. Ach, diese mächtige Zauberin, wie oft wird sie uns noch behexen und den kritischen Sinn lähmen? Aber ist nicht gerade das ein Beweis ihrer Größe? ... 1904 Im Prinzregenten-Theater Don Carlos: Unvermindert wirkt und ergreift das trotz aller Schwächen unvergängliche Werk. Mag mancher Theatereffekt Viktor Hugo vorwegnehmen, mag das Gefüge der beiden letzten Akte sogar zeigen, wie viel Sardou in unserem Schiller steckte, – das Ganze atmet eine Größe, die den Referenten des modernen Theaters doppelt erquickt. Wir alle machen eine Zeit durch, in der wir uns von Schiller ungestüm entfernen: es ist das Zeichen beginnender Selbständigkeit. Dann aber kommt für uns alle wieder die Zeit, in der wir mit wachsender Bewunderung erkennen, wie groß Schiller ist. Auf einmal entdecken wir hinter dem Jubiläums- und Schulausgaben-Schiller wieder den wirklichen Schiller, und ein edles, wundervolles Haupt wird uns allmählich sichtbar, mit den unaussprechlichen Zügen eines tief Leidenden und mit der Gloriole eines großartig Sieghaften. Wenn man jahraus, jahrein nur die Kolophoniumblitze zu registrieren hat, die unsere klugen Tagesarrangeure machen, fühlt man sich sonderbar wohl in den historisch-philosophischen Gewittern, die Schiller zusammenprallen läßt. Daß auch heute noch, heute mehr als je, Schiller volle Häuser macht, ist ein hoffnungsfrohes Zeichen dafür, daß wir allmählich wieder anfangen, das Drama großen Stils von der anmaßlichen Plebejerkunst des Tags reinlich zu scheiden. Nachwort Es war mir eine Herzensfreude, nach den spätesten Aufsätzen Josef Hofmillers, die der Verlag der »Corona« als »Letzte Versuche« herausgab, das Erstlingswerk meines Mannes als Ersten Band der geplanten Gesamtausgabe seiner Schriften vorzubereiten. Wir bringen das Buch, das 1909 im Verlag der »Süddeutschen Monatshefte« erschienen war, in ursprünglicher Gestalt. Auch der Essay über Maeterlinck, den Hofmiller später etwas gekürzt den »Franzosen« eingereiht hatte, ist in der Fassung des Erstdrucks belassen. Im Anhang sind Aufsätze vereinigt, die im Ton, in den Themen, in der Zeit zusammengehören und sich wie von selbst aneinandergefügt haben. Ritter, Mozart, Augsburg bedeuten Erlebniskomplexe des jungen Kritikers, die ihre Tragweite haben, aus seinem Werden nicht wegzudenken sind: Spürt man es dem »Alexander Ritter« nicht an, wie sehr die Würdigung eines Künstlers ihm Herzenssache war? Wer, im Freundeskreise, hat Hofmiller nicht einmal über Mozart reden hören? Und nicht nur ist er von Vaters Seite her Schwabe, in Kranzegg am Fuße des Grünten geboren, in Augsburg verbringt er viele Ferien seiner Jugend und Hochschulzeit, und auch später kehrt er immer wieder gern bei den Verwandten in der heimatlichen Stadt ein. Schwer war die Wahl aus den Kritiken; denn die Besprechungen des Musik- und Theaterreferenten der »Allgemeinen Zeitung« – ein Nebenberuf, den der Neuphilologe von 1901 bis 1907 ausübte –, gehen in die Hunderte. Schon die ersten fallen durch Temperament, Unbefangenheit, Mut, durch Witz und Humor aus dem Rahmen der üblichen, um dann schnell jene Höhe zu erreichen, die nur dem geborenen Kritiker zugänglich ist. Umfassendes Wissen, Einsicht, Verpflichtung dem Ererbten gegenüber und die Sorge, daß es in dem kulturellen Durcheinander der Jahrhundertwende verschleudert werden könnte, geben seinen Ausführungen Tiefe und die Kraft, aufbauende Kräfte zu erregen. Wenn man in Fontanes wundervollen »Causerien über Theater« liest, die Eindrücke ordnet und zusammenzufassen sucht, fällt einem auf, wie sehr die beiden Kritiker im Einzelnen auseinandergehen, wie sie sich aber bis zur Übereinstimmung in ihren Grundansichten und Grundforderungen nähern. Fontane, der durch reiche Lebenserfahrung Gereifte, zurückhaltend, immer gütig, Erfreuliches auch in Fehlleistungen, die er klar herausstellt, zu sehen bereit; der junge Hofmiller bissig bis zum Sarkasmus, im Unmut gelegentlich über die Schnur hauend, schonungslos – dann wieder schwärmerisch und hingegeben wie ein Student, dem Konzertsaal und Theater Entrückung ins Märchen bedeuten. Doch sobald es gilt, Farbe zu bekennen, heißt es bei beiden: Weg mit dem Pessimismus! Nur was uns erhebt, freier, größer und reiner macht, hat ein Lebensrecht auch auf der Bühne! Deswegen lehnte Fontane schließlich Ibsen ab, deswegen kämpfte Hofmiller seinen Kampf gegen die Dekadenz des zeitgenössischen Dramas. Die wenigen Kritiken, die wir diesem Bande mitgeben konnten, versprechen ein Mehr in einem eigenen Buche, in dem nur der »Delta-Kritiker« zu Worte kommen soll. In diesem Zusammenhange darf ich Herrn Verleger Karl Rauch danken, der das opfervolle Wagnis der Gesamtausgabe unternahm und in großzügiger Weise fortzuführen bestrebt ist. Von ihm wie von manchen Seiten habe ich wertvolle Anregungen für die Gestaltung des ersten Bandes empfangen; besonders danke ich Herrn Fritz Gutsche, dem feinen Kenner Fontanes und Hofmillers, für seine Mitarbeit.   Im 7. Heft des 18. Jahrgangs der »Gesellschaft«, in der die Nietzsche-Aufsätze zuerst erschienen, die sieben Jahre später den Anfang seines ersten Buches bilden sollten, sagt Hofmiller in der Einleitung zu »Nietzsches Testament«: »Darstellung, nicht zustimmendes oder verneinendes Urteil, schien die erste und zunächst einzig geziemende Aufgabe«. Seine Nietzsche-Biographie, drei Jahrzehnte später in der »Coleman-Reihe« veröffentlicht, zeigt den Weg auf, den der Kulturkritiker gegangen ist: nicht als Stilist nur, sondern auch als Mensch, als Denker. Daß wir ihn in seinem lebhaften Ringen um die Vollkommenheit des Ausdrucks, in seinem Fragen um die Inhalte des Seins und die Sicherheit der Lebenshaltung die lange Wegstrecke begleiten dürfen, die er selbst mit so vielen Marksteinen gezeichnet hat, das erhält uns sein Antlitz lebendig, beglückt und verjüngt uns Lernende. Rosenheim , am 28. Dezember 1937. Hulda Hofmiller