Karl von Holtei Kriminal- und Schauererzählungen   Quelle: PDF von www.alte-krimis.de I. Bella   (1828.)   I. Am Gesundbrunnen zu R. stellte sich vor einigen Jahren ein junges Paar ein, welches die Aufmerksamkeit sämmtlicher Badegäste auf sich zog. Der Mann ein bleicher, düsterer Dreißiger mit scheuem Blick und verlegenem Benehmen! die Frau vielleicht zehn Jahre jünger, ein Bild der sittsamsten Anmuth, doch sicher und frei in ihrem Wesen. Beide waren sichtbar krank, auch trotz einer gewissen Zierlichkeit in Tracht und Haltung ziemlich dürftig. Man sah sie nur des Morgens am Brunnen, sonst in keinem geselligen Kreise. Desto höher steigerte sich das Interesse, welches Männer und Frauen für Frau und Mann nährten. Diesem Interesse gesellten sich bald Neugierde und – Argwohn. Die jungen Leute schienen sich sehr zu lieben; ja, oft glich ihr Verhältniß mehr einer eben geschlossenen glühenden Verbindung, als einer seit Monaten bestehenden Ehe. Dann aber sah man sie wieder verstimmt, kalt und unfreundlich neben einander her gehen. Das Unglück lag auf ihnen und breitete sich über sie wie ein schwarzer Schleier, durch den, nur umhüllt, die Schönheit der Frau, der unsichere Feuerblick des Mannes strahlte. Wohl fehlte es nicht an jungen Damen, die jenem Feuerblicke gern begegnen und sich unter dem Fremden (wir nennen ihn Hugo) einen sehr geistreichen Mann denken mochten. Aber noch größer war die Zahl junger und älterer Bewunderer, die an Natalien's Bewegungen hingen und im Salon ziemlich unverhohlen gestanden, daß sie den geselligen Zusammenkünften sehr fehle. Jede Bemühung, das Paar dorthin zu locken, blieb fruchtlos. Beide wiesen alle Einladungen zurück, erwiederten keinen Besuch und schnitten so den hoffnungslosen Verehrern die Aussicht auf nähere Bekanntschaft ab. Daß es mir gelang, der Freund Hugo's zu werden, verdank' ich einem Zufall. Ich würde darüber, so wie über das ganze Ereigniß, meinem Worte getreu, ewiges Stillschweigen beobachten, hätte nicht der Tod, dieser Entbinder von so mancher treu bewahrten Pflicht, mich auch meines Versprechens entbunden. Erst vor Kurzem empfing ich aus Paris die Nachricht von Hugo's Tode. Mit ihr zugleich ein Briefchen von ihm, kurz vor seinem Ende geschrieben, in welchem er mich geradezu auffordert, seine Geschichte zu erzählen. Er nimmt in diesen mit zitternder Hand geschriebenen Zeilen einen recht rührenden Abschied vom Leben und mir; deutet, wenn gleich unklar und schwankend, die Hoffnung an, mit geliebten vorangegangenen Wesen wieder vereinigt zu werden, und erinnert mich in tiefer Wehmuth an die Tage, wo wir uns fanden! – In meinem Gedächtniß hatten jene Tage und ihre Begebenheiten nur noch dunkel gelebt. Neuere, frischere Lebensbilder hatten sie schnell verdrängt. Aber Hugo's Zeilen riefen sie mächtig wieder hervor. Das Blatt war von seinen Händen gefaltet, diese Züge von seiner Feder geschrieben, diese Lettern von seinen Thränen verwischt. Und so sah ich ihn denn vor mir, wie damals in R., als ich sinnend und schwermüthig über strauchbewachsene Felsen kletternd plötzlich mit ihm zusammen traf. Wir hatten uns seit drei Wochen täglich in der Brunnen-Allee gesehen; jetzt staunte ich ihn an, als kämen wir uns zum ersten Male entgegen. Retten Sie mich, rief er mir zu, retten Sie mich vor dem Alten, er verfolgt mich noch immer! Und mit diesen in höchster Angst ausgestoßenen Worten warf er sich in meine Arme. Welcher Alte? Der Mann mit dem grauen Barte, sprach er und deutete in den Abgrund hinab, aus dem er emporgeklettert war. Ich folgte seiner Hand mit den Augen und erblickte Niemand. Unter dem Namen »der Alte mit dem Barte« war ein Franzose im Bade bekannt, der sich schon früher dort eingefunden hatte, als irgend Jemand von der ganzen Gesellschaft. Man sagte, er halte in einem abgelegenen Bauernhäuschen eine kranke Tochter verborgen; doch wußte Niemand etwas Genaues von ihr, und Niemand hatte sie gesehen. Sein Aeußeres war nur abschreckend, deshalb bekümmerte man sich nicht um ihn; auch ihm schien es gleichgültig, was im Orte vorgehe; ja er verweigerte der Gesellschaft sogar recht absichtlich die gewöhnlichsten Höflichkeitsbezeugungen. Was er mit diesem Alten zu schaffen habe, war natürlich meine erste Frage an Hugo. Was ich mit ihm zu schaffen habe? Was ich mit ihm zu schaffen habe? Weiß ich's, den er verfolgt wie ein Gespenst? – Was haben Sie mit einem Traume zu schaffen, der Nacht für Nacht Sie ängstigt und endlich sogar am Tage, in Gottes heiterm Sonnenlichte vor Ihnen aufsteigen will? – Ich kenne ihn nicht, ich weiß Nichts von ihm! und doch wird mir bange, wenn ich ihn sehe. Heute, von häuslichem Kummer belastet – meine arme Frau ist wieder krank – benütze ich einen ruhigen Augenblick, wo sie sanfter schlief, um frische Bergluft zu schöpfen. Kaum bin ich im Freien, seh' ich ihn hinter mir, und je schneller ich laufe, desto näher ist mir der Widerwärtige. Zuletzt muß es nur sein Schatten gewesen sein, der zauberhaft an den meinen gebunden ist; denn eben, als ich Sie sah, glaubte ich ihn dicht hinter mir – und nun sind wir zu Zweien. O verlassen Sie mich nicht und erlauben Sie mir, mit Ihnen zurückzukehren. Ich faßte den Arm des Geängstigten, und wir traten langsam den Rückweg an. Welche Besorgniß, nahm ich endlich das Wort, kann Sie, einen starken jungen Mann, zur Flucht vor dem thörichten Greise anspornen? Haben Sie Gründe zu glauben, daß er Ihnen ein Leid zufügen will? Kennen Sie ihn denn gar nicht? Haben Sie niemals in einem Verhältniß mit ihm gestanden? – Ich muß, begann Hugo mit mehr Fassung als zuvor, ich muß ihn schon einmal im Leben gesehen haben. Aber fragen Sie nicht wie, wann und wo? Ich selbst würde glauben, daß auch eine Schuld gegen ihn auf mir laste, deren Bewußtsein mich in Furcht jagt, wenn ich mich nur auf irgend einen, auch den kleinsten Umstand besinnen könnte. In Frankreich war ich allerdings früher; – dort habe ich meine Frau kennen gelernt. Dort auch kann ich das Schreckbild, welches mich hier peinigt, schon gesehen haben. Aber niemals bin ich mit ihm in Berührung gekommen. Ich müßte es ja wissen! Ich bin ja noch nicht wahnsinnig! Ich weiß ja zu genau, was um mich her, fühle, ach! zu tief, was in mir vorgeht! Mein Gedächtniß ist nur zu gut; denn oft würde ich mein halbes Leben darum geben, daß die Vergangenheit minder hell vor mir läge! Warum also schreckt mich der Alte? Sein Blick ist mir drohend. Wenn er vor meiner Wohnung auf- und abgeht, wag' ich nicht aus der Thür zu treten. Wenn er hinausblickt, zieh' ich mich vom Fenster zurück. Und Natalie – – Kennt diese vielleicht ihren Landsmann? Meine Frau ist eine Deutsche. Aber auch sie fühlt sich beängstigt, wenn er uns begegnet. Hier brach er ab. Es schien ihm in diesem Augenblick unangenehm, Natalien genannt zu haben, und unser Gespräch stockte. Wir gingen einen schmalen Bergsteig, im tiefsten Schatten dichtbelaubter Buchen, aus denen einzelne Tannen und Fichten emporstiegen. Die Einsamkeit der Gegend erweckte noch düsterere Gefühle in meiner Seele, und der Anblick meines Begleiters war nicht geeignet, mich umzustimmen. Ich hatte nun recht lange Zeit, ihn zu beobachten. Das bleiche, verlebte Gesicht war reich an Ausdruck von Sanftmuth und Güte. Nur der Schmerz lag auf diesen edlen Zügen; kein Hohn, keine Bitterkeit. Sollte er wahnsinnig sein? fragte ich mich, und als er nun mich freundlich ansah, als unsere Augen sich begegneten, mußte ich mir sagen: nein! Gleichsam um das Unrecht gut zu machen, welches ich stillschweigend gegen ihn begangen, reichte ich ihm die Hand. Er hielt sie lange und fest. Endlich sprach er mit bebenden Lippen: Sollte mir der heutige trübe Tag in Ihnen zugeführt haben, was ich vergebens suche, einen Freund? Es hängt nur von Ihnen ab, mich dazu zu machen. O das sagen Sie nicht; in diesen Worten liegt eine schwere Grausamkeit. Ja, Sie fühlen sich zu mir gezogen, das fühle ich, indem ich Ihre Hand fasse, indem ich Ihrem Blicke vertraue. Aber es ist mein Schicksal, mein altes Schicksal, meine Freunde noch schneller zu verlieren, als ich sie gewann. Auch Sie werden sich von mir wenden, wenn Sie mich kennen, wenn Ihnen meine Erscheinung nicht mehr neu sein wird. Der zerstörte Unglückliche, der Sie jetzt noch interessirt, wird Ihnen lästig werden, wenn er Ihnen erst Gelegenheit gab, zu bemerken, daß der Kern seines Lebens von einem Wurme durchnagt ist. Ja, auch Sie werden sich von mir wenden, und wenn Sie das thun wollen, so thun Sie es jetzt! Lassen Sie mich hier allein, im tiefsten Walde. Stoßen Sie mich zurück, ehe ich noch zu hoffen beginne, daß ich Sie Freund nennen darf. Und lastete ein Mord auf Ihrem Gewissen, Sie könnten nicht wüster, nicht verzweifelter sprechen. Ich würde lügen, wenn ich Ihnen verschweigen wollte, daß dies Zusammentreffen, daß diese halben Bekenntnisse mir peinlich sind. Auch gehöre ich nicht zu den Menschen, die als Vermittler, Tröster und Berather der Schwachen auftreten wollen. Wer so wie ich mit sich selbst und seinem eignen Leben nur zu oft uneinig ist, nur zu oft den stützenden Stab, den sichern Weg verloren hat, der würde einem mit sich Zerfallenen gegenüber ebenso oft in Verlegenheit gerathen. Deshalb rufe ich den Genius der Freundschaft, die Sie von mir wünschen, ich rufe Ihr Vertrauen auf. Sagen Sie mir, was Sie quält, und erwarten Sie von mir volle Aufrichtigkeit. Ich werde Ihnen den Eindruck nicht verheimlichen, den Ihre Geständnisse auf mich machen. Dann wird es sich bald erklären, ob wir Freunde werden können. Hugo's Antlitz verfinsterte sich; Auge und Mund zuckten unwillkürlich. Mit einem ganz veränderten Tone sagt er: Sie halten mich für einen Verbrecher, der vor der Polizei flieht und Sie in Verlegenheit setzen könnte durch seinen Umgang. Sorgen Sie nicht. Meine Papiere sind in der besten Ordnung, und die Gensd'armen sind mir nicht so peinlich, als der Alte mit dem Barte. Er wendete sich ab und wollte gehen. Ich hielt ihn nicht zurück. Aber nachdem er einige Schritte von mir war, kehrte er aus eigenem Antriebe um. Halten Sie mich für einen Verbrecher? Ich schwieg und schlug die Augen nieder. Oder für einen Wahnsinnigen? Ja, erwiederte ich, für einen zerstörten Menschen, auf dessen Seele ein finsteres Bewußtsein lastet, welches ihm die Freiheit des Willens, die Klarheit des Denkens raubt, die wir als höchstes Gut des gebildeten Menschen bezeichnen. Ich gebe Ihnen Recht, sagte Hugo mit schwerem Athemzuge, dieses höchste Gut habe ich verloren. Aber das Bewußtsein des Frevels gilt nur als Anklage gegen mich selbst. Ich bin Thäter und Erdulder in einer Person. Nur gegen mich habe ich gesündigt, nur mir habe ich Böses zugefügt. Eine edle Natur, begabt mit allen Vorzügen des Körpers und Geistes, trat ich in's Leben; früh entwickelten sich die schönsten Keime zu frischen Blüthen; – – ich habe sie gebrochen, ehe sie mir oder der Welt Früchte tragen konnten, mit wildem Uebermuthe hab' ich an den kräftigen Stamm Hand gelegt, habe ihn gerüttelt, daß er bis in's innerste Mark es büßte. Ich habe mein Dasein in Nichts aufgelöst, habe in eitlem Leichtsinn das Schicksal eines liebenden Weibes an das meine gekettet. Weil ich sie liebte, hab' ich sie unglücklich gemacht; weil sie ohne mich unglücklich wäre, ist sie durch mich elend geworden. Das ist mein Leiden. Verpfuscht und verdorben ist mir die Zukunft. Regellos liegen meine Talente um mich her, wie ein verwilderter Garten, den das Unkraut nun einmal erstickt hat. Zur Erhebung fehlt mir der Muth, zur Verzweiflung die Kraft. Natalie zieht mich mit Liebesbanden in die Wirklichkeit zurück, der mich die wehmüthige Erinnerung an frühere Zeiten oft entführen möchte. – – Der Tag verschleicht in nächtlichen Träumen, in halber Thätigkeit und fauler Sehnsucht. Die Nacht bringt glühende Thränen, grauenhafte Ungeduld. Ja, ich bin auf dem Wege, wahnsinnig zu werden – und würde es schon sein, wenn Natalie mich nicht umgäbe. So lange sie mich erheitert, ist mir wohler. Jetzt, wo sie kränkelt, weiß ich mir keinen Rath. Warum aber ziehen Sie sich so geflissentlich von der Welt zurück, von dem Umgange mit Menschen, der sie zerstreuen würde? Sie kennen nicht, war seine Antwort, das Schicksal eines Mannes, der eine schöne Frau hat. Ich bin wahrhaftig nicht zur Eifersucht geneigt, und gegen Natalien wäre sie Frevel. Aber ich kann die Art der jungen Leute nicht ertragen, die jeder Schönheit mit mehr oder minder versteckten Ansprüchen nahen. Kommt nun gar ein Paar, wie ich und Natalie, in die schöne Welt, in die gute Gesellschaft, so heißt es: der Mann ist ein Träumer, ein Genie, er vernachläßigt die arme kleine Frau, und jeder Laffe glaubt ein Recht auf sie zu haben. Es würde mit Mord und Todtschlag enden. Und dann kommen die Zierlichen, die mit frühem Morgen nach dem Befinden der »Gnädigen« fragen, und wenn sie des Mittags mit noch Gnädigeren promeniren, die Gnädige von diesem Morgen kaum noch zu kennen scheinen. Natalie ist zu gut, ich bin zu heftig – – Und so wäre Ihre Frau Schuld, daß Sie keinen Freund haben – – ? Beinahe. Aber auch sie ist Schuld, daß sie keine Freundin hat, denn sie ist eifersüchtig. Weiß sie vielleicht, daß sie Ursache dazu hat, und weiß sie es vielleicht ebenso gewiß, als Sie von ihr das Gegentheil? fragte ich halb scherzend. Hugo wurde feuerroth. Sie sollen sie kennen lernen, sagte er. Ich werde Sie bei uns einführen, sobald Natalie sich wohler fühlt. Wenn Sie wollen, setzte er gleich darauf argwöhnisch hinzu; wenn Sie den Umgang eines Paares nicht fürchten, dessen eine Hälfte körperlich – – die andere geistig krank ist. Ich erwiederte: so passe ich vollkommen zu Ihnen, denn daß ich körperlich krank bin, dafür bürge Ihnen mein Aufenthalt an diesem langweiligen Badeorte; daß ich es geistig bin, werden Sie zeitig genug erfahren. Vielleicht können wir uns gegenseitig erheitern. II. Ich hütete mich wohl, in der Gesellschaft von dieser neuen Bekanntschaft Etwas laut werden zu lassen. Hugo schien dies Benehmen zu billigen; denn wenn wir uns vor Zeugen sahen, war er so fremd und gleichgültig, wie früher. Als ich ihn aber nach einigen Tagen an Natalien's Arm erscheinen sah, gab er mir einen Wink, der mir deutlich sagte, daß er nun meinen Besuch wünsche. Ich machte mich von einer Lustpartie, welche die ganze Gesellschaft an diesem Tage nach einem benachbarten Berge unternahm, durch nichtigen Vorwand los und ging, nicht ohne Besorgniß, dem entlegenen Häuschen zu, an dessen Thür mich Hugo schon erwartete. Gottlob, daß Sie mich verstanden haben, rief er mir entgegen, Sie sind mir heute doppelt willkommen; seit einer Stunde streift der Alte mit dem Barte hier auf und ab, und einmal machte er schon eine entschiedene Bewegung, in die Thür zu treten. Natalie empfing mich sehr freundlich. Ich muß Ihnen danken, sagte sie, daß Sie Hugo's Bitten Gehör gegeben, und will nur um unser Aller Willen wünschen, daß Sie es nicht sehr bald bereuen mögen, in ein Haus getreten zu sein, dessen Bewohner wunderliche Leute sind. Es giebt übrigens eine Art von stillem Wahnsinn, der sich noch am leichtesten ertragen läßt. Von einer solchen ist der unsrige, und bis auf einen gewissen Punkt werden Sie mich, denk' ich, ziemlich vernünftig finden. Ich wußte nicht recht, was ich antworten sollte, stotterte endlich Etwas von längst gehegten Wünschen einer solchen Bekanntschaft. Hugo lachte höhnisch. Ja, sie wünschen es Alle hier, die charmanten Leute. Läßt man sich doch, wenn man einmal in Pirna ist, gern auf den Sonnenstein locken. Nun, fürchten Sie Nichts, wir wollen uns heute recht gut aufführen. Dies, liebe Natalie, ist der Mann, den ich eben im Walde kennen lernte, als Du neulich krank warst und der Alte mich verfolgte. Ich bin diesem Herrn für seine Güte und Geduld viel Dank schuldig. Unterhalte ihn, so gut Du kannst, ich muß mich zur Ruhe legen. Diese ganze Nacht (fuhr er zu mir gewendet fort) hab' ich kein Auge zugethan; die Hitze ist drückend. In einer Stunde bin ich wieder hier! – Er ging. Ich war allein mit Natalien. Es herrschte ein langes Stillschweigen. Nachdem sie mich einige Male fragend angesehen, nahm sie das Wort: Was mögen Sie nur von uns denken, mein Herr? – Rechnen Sie es nicht einem Mangel an Zartgefühl, rechnen Sie es vielmehr der Seltsamkeit unserer Lage zu, wenn ich unsere Bekanntschaft damit eröffne, Ihnen von mir und meinen Verhältnissen zu sprechen. Ich weiß, es ist wider die Formen der großen Welt. Es ist in einem Bade am wenigsten angebracht, wo man sich nur begegnet, um sich bald wieder, oft für immer, zu trennen. Da pflegen nur die oberflächlichsten Erörterungen zu erfolgen, und man ist gegenseitig damit zufrieden. Bei mir trifft das nicht zu. Wer allen Bekanntschaften aus dem Wege geht, sucht, wenn er einmal eine schließt, mehr als eine augenblickliche Unterhaltung. Hugo hat Sie zum Opfer ausersehen; Sie sind so großmüthig gewesen, ihm nicht zu widerstreben – nun ist kein Entrinnen mehr. Bedenken Sie, daß ich ein Weib bin, ein Weib, welches Mondenlang über ihr Schicksal geschwiegen; denn mit Hugo'n darf ich nicht besprechen, was in mir vorgeht; und wenn ich es dürfte, wenn er es duldete, ich würde es nicht, um ihn zu schonen. Er ist krank; ja, daß ich es Ihnen bekenne: er ist dem Wahnsinn nahe, und oft glaub' ich es auch zu sein, wenn ich so mit ihm allein bin. Daher meine nur halb scherzhaft gemeinte Begrüßung von vorhin. Ich bin, was Ihnen ein Blick auf meine Umgebung schon gesagt haben wird, Malerin. Als Lehrerin ihrer Töchter war ich mit einer vornehmen Dame nach Paris gegangen. Dort lernte ich Hugo kennen und lieben. Wir konnten unsere Bekanntschaft nur heimlich fortsetzen. Meine Gräfin übte eine Art von Mutterrecht über mich, die, eine Waise, ihren Wohlthaten viel zu verdanken hatte. Diese war vom ersten Moment an gegen Hugo eingenommen. Unsere Verbindung war eine heimliche, und unsere Abreise könnte Flucht genannt werden. Nur zu bald kehrte uns die Besinnung zurück, als die Wirklichkeit und der mit ihr verbundene Mangel uns drückte. Hugo ist ein gebildeter, kenntnißreicher Mann, Dilettant in allem Schönen, aber in Nichts vollendeter Künstler und, wie es sich später fand, jetzt ganz arm. Ich suchte Pinsel und Palette hervor, um durch meine Kunst und die Eitelkeit der Menschen bestehen zu können. Bald störte mich die Krankheit, die Hugo's unerklärliches Benehmen vermehrt. Von dem Tage unserer Verbindung an ist ein anderer Geist über ihn gekommen. Er fühlt sich unglücklich – ich sehe ihn nur mit Grauen an. Von allen Menschen hat er sich bisher zurückgezogen. Sie sind der Erste, den er mir zuführt. Ich beschwöre Sie, mein Herr, nehmen Sie sich unserer an. Entreißen Sie durch das Uebergewicht, welches Sie gegen einen unglücklichen Freund haben, entreißen Sie ihm sein Geheimniß; denn daß ein Geheimniß, daß eine verborgene Last ihn drückt, ist keinem Zweifel mehr unterworfen. Vielleicht, daß seinem Herzen die Ruhe wiederkehrt, wenn er sich Luft gemacht hat. Besonders suchen Sie zu erforschen, warum er den Alten, den unheimlichen Franzosen, fürchtet und flieht; warum dieser mir völlig unbekannte Mensch ihn sichtbar verfolgt und beobachtet. O, ich bitte, ich beschwöre Sie, handeln Sie männlich und entschieden und seien Sie meiner ewigen Dankbarkeit gewiß. Die Besorgniß, in welche mich eine so stürmische Anrede, ein so unbedingtes Zutrauen versetzte, wurde durch den Anblick der Sprechenden gemildert, deren bleiches Gesicht, jetzt feurig und roth, den schönsten Ausdruck gewonnen hatte. Ich äußerte mein Befremden, daß hier noch Nichts von ihrer Portraitmalerei in's Publikum gekommen, da doch eben hier für sie ein bedeutender Gewinn zu hoffen sei. Wenn ich recht viel gewinnen wollte – unbesorgt um das, was dabei zu verlieren ist, wo häusliche Ruhe und Ehre au dem Spiele stehen – so müßte ich nur meine Wenigkeit in Farben vervielfältigen, erwiederte sie verschämt. Die Anträge der jungen Herren verfolgen mich von allen Seiten und peinigen mich nicht minder, als der Alte mit dem Barte den armen Hugo. In den verschiedensten Gestalten und Formen gelangen sie an mich. Ich heuchle oft Schwäche und Uebelbefinden, um nur nicht mit an den Brunnen gehen zu dürfen, und will lieber die segensreichen Heilkräfte dieser Quelle entbehren, als sie zu einer Quelle der Eifersucht für Hugo machen. Auch darin können Sie uns ein gütiger Freund sein, wenn Sie dazu beitragen wollen, die Ansichten zu berichtigen, die über uns umlaufen mögen, und die ich am Ende Niemand übel nehmen kann, weil unsere Lebensart sie zum Theil erzeugt. Eben deshalb, sagte ich, sollten Sie eine Zurückgezogenheit aufgeben, die Sie der Welt – verzeihen Sie den harten Ausdruck – verdächtig machen muß. Erscheinen Sie mit ihrem Gemahl im Salon, machen Sie von der edlen und feinen Sicherheit Ihrer Erscheinung den schönsten Gebrauch, indem Sie durch Ihre eigene gesellige Ruhe auch den unruhigen Hugo erheben und ihm den Platz in unserem Kreise anweisen, auf den ein so gebildeter Mann vollen Anspruch machen darf. Ich kann mich nach dem, was ich an ihm gesehen und von Ihnen gehört habe, ganz in seine Lage versetzen. Ein verpfuschtes Leben, eine Reihe unerfüllt gebliebener Hoffnungen, eine Beschränktheit äußerer Mittel – das Alles erzeugt der Welt gegenüber jene melancholische Schüchternheit, die, mit Argwohn und Mißtrauen gegen sich und alle Menschen gepaart, zu einer Art von einsiedlerischem Wahnsinn führt. Aber das eben ist das hohe Vorrecht, ist die heilige Pflicht einer Frau wie Sie, daß sie die Ueberlegenheit des Geschlechts zum Vortheil Ihres Mannes geltend mache. Die Mythen, in welche Sie Ihre Abgeschiedenheit gleichsam gehüllt hat, werden in Nichts zerfließen bei dem prosaischen Lichtschein unserer ärmlichen Abendbeleuchtung, und ein Gespräch Hugo's mit irgend einer armen Dame von Adel, in welchem er ihr die Ahnen für Majoratsgüter anrechnet, stellt ihn in die Zahl der angenehmen jungen Männer, bei denen nur zu bedauern bleibt, daß sie nicht von Familie sind! Ich kann Ihre Aufforderung, zur geistigen Genesung beizutragen, nur dann annehmen, wenn Sie mir das Wort geben, Ihrerseits nicht unthätig zu bleiben. Wir wollen vereinigt wirken, und es sei unser erstes Geschäft, den Eigensinnigen noch heute unter Menschen zu bringen. Natalie versprach mir, was ich bat, mit Mund und Hand. III. Die segensreichen Folgen dieses Versprechens für Hugo und seine Frau zeigten sich sehr bald. Schon nach Verlauf einiger Tage hatte sich aus staunendem Anstarren der neuen Gäste ein ihnen freundliches Entgegenkommen gebildet, und binnen einer Woche war Natalie von der Blüthe der Männerwelt umgeben. Hugo führte im schönen Damenkreise das Wort. Ich, der ich diese für alle Theile angenehme Veränderung als mein Werk betrachten durfte, begnügte mich, halb aus der Ferne den frohen Beobachter zu machen und dann in seiner Behausung mich an den guten Folgen zu ergötzen, die sie bei Hugo hervorbrachte. Aus der Befriedigung, die seiner Eitelkeit zu Theil wurde, entsprang Heiterkeit, welche den talentvollen Mann zunächst veranlaßte, sich zu beschäftigen, und die sich dann aus dieser Beschäftigung wieder neu erzeugte. Natalie gewann Zeit, von der trüben Laune des Mannes ungestört, ihre Farben zu mischen, und ein gelungenes Bildchen nach dem andern ging aus ihren zarten Händen. Wenn sonst junge Herren von Künstlern als höchste Aufgabe verlangen, daß sie ihnen die Gesichter junger Damen auf Leinwand zaubern sollen, so nahm hier Niemand Bedenken, sich selbst malen zu lassen, nur daß er stundenlang der Malerin gegenüber sitzen konnte. Das Geheimniß, welches nach ihrer Meinung den Gemahl belasten, von dem seine Zerstörtheit ausgehen sollte, war jetzt ganz vergessen, und Natalie Weib genug, zu übersehen, daß Hugo, nur äußerlich verändert, jede Minute noch einem Rückfall ausgesetzt sei. Ich sah den Augenblick mit banger Ahnung voraus. Diese Ahnung wurde noch vermehrt, als ich den oben erwähnten, räthselhaften Franzosen jetzt häufiger, doch vorsichtiger als sonst, auf den Spuren meines Paares fand, welches glücklicherweise in dieser Stimmung ihn kaum der Aufmerksamkeit würdigte. Und gerade mir kam er jetzt bedeutender vor. In seinem widrigen, aber beredten Gesichte lag der Ausdruck eines Anspruchs auf Hugo, eines Vorwurfs gegen Natalie. Er schien mir nur auf eine Gelegenheit zu lauern, wo er beide geltend machen könnte, und da ich nun einmal den lebhaftesten Antheil an Jenen nahm, da meine Anhänglichkeit vielleicht sogar auf einer tiefer liegenden Neigung ruhte, so war es mir willkommen, daß ich einst auf schmalem Fußpfade mit dem Alten zusammentraf. Ich redete ihn in der Sprache seines Landes an, so gut ich vermochte, und es entspann sich ein Gespräch, dessen Haupt-Inhalt etwa folgender war: Wir begegnen uns so oft, mein Herr, und haben uns noch nicht mit freundlichen Worten begrüßt. An einem Gesundbrunnen pflegt solche Zurückhaltung sonst nicht statt zu finden. Nein, mein Herr! Es würde mich sehr glücklich machen, mit einem Manne, wie Sie, näher bekannt zu werden, insoweit Sie mir diese Ehre gönnen wollen. Ja, mein Herr! Sie werden mich nicht verkennen und mir die freimüthige Aeußerung nicht übel deuten, wenn ich gestehe, daß Ihre Erscheinung etwas Seltsames und Fremdartiges für mich hat. Nein, mein Herr! Aber sehr oft verbirgt sich hinter einer zurückschreckenden Person die liebenswürdigste gesellige Unbefangenheit, und besonders bei Ihren Landsleuten soll dies öfter der Fall sein. Ja, mein Herr! So redete ich eine lange Weile fort, ohne ein anderes Wort, als Ja oder Nein aus ihm hervorzulocken, und schon wollte ich ungeduldig und beleidigt abbrechen und ihm den Rücken kehren, als plötzlich ein Gedanke ihn zu beleben und gesprächig machen zu wollen schien. Sie kennen die junge Malerin? Ja, mein Herr! Sie würden mir eine kleine Gefälligkeit nicht versagen? Nein, mein Herr! So dürft' ich Sie bitten, mich dort einzuführen? Ja, mein Herr! – Aber nur unter der Bedingung, daß Sie mir Grund und Ursache Ihres Wunsches anvertrauen. Sehr gern, nahm er mit französischer Lebendigkeit das Wort, und es ist meine Schuldigkeit. Ich bin alt, wie Sie sehen. Mit dem Leben hab' ich abgeschlossen, oder vielmehr das Leben mit mir. Ich habe keine Wünsche mehr, denn ich wüßte manche nicht zu befriedigen – und die leicht erfüllbaren sind, auch gewährt, langweilig. Daß ich von Adel war, hab' ich vergessen; daß meine Verwandten guillotinirt wurden, ist mir jetzt wie ein Traum; daß die alte Dynastie hergestellt worden, ist mir um der guten Familie willen lieb, die ohne diese Her- und Anstellung manche Sorge um ihren Unterhalt haben würde, während sie jetzt nur für ihre Unterhaltung besorgt sein darf, und wenn deshalb der König von Frankreich selbst seine Messe lieset, so macht er eben von einem alten Rechte seiner Vorfahren Gebrauch. Daß die Deputirten sich zanken, thut mir Leid um ihre Lungen; daß die Minister sich ärgern, mag ihrer Verdauung nützlich sein, wenn sie nicht zu viele Galle absetzen; daß Benjamin Constant Zuckerwasser trinkt, interessirt mich weniger, als die Pariser. Daß man die Emigrirten entschädigt, würde mich vielleicht zum Satyriker gemacht haben, wenn ich dadurch nicht selbst zu einem kleinen Sümmchen gelangt wäre – und was übrigens in der Welt vorgeht, ist mir gleichgültig – ganz gleichgültig, mein Herr! Ich habe es nur mit meiner Tochter zu thun. Nun sehen Sie, meine Tochter ist ein schwächlich kränkliches Ding; wer weiß, wie lange sie's treibt? Auch die hiesige Quelle will ihr nicht mehr munden. Sie hat Launen und Grillen wie eine kleine Prinzessin. Meine Phantasie ist sehr ausgetrocknet. Was werd' ich haben, wenn die Tochter mir stirbt? Nicht einmal die Erinnerung, wie sie ausgesehen. Nun wünsch' ich, daß die junge Malerin, der Sie und alle Herren hier am Orte den Hof machen, sich entschließen wolle, meine Tochter zu malen. Sie soll trefflich treffen. So hätt' ich doch wenigstens ein Bild von dem Kinde, wenn es zum Aergsten käme. Seitdem ich hier bin, lauf ich dem Gatten der Malerin nach; der Eigensinnige flieht vor mir, als ob er ein böses Gewissen hätte, und hält mir nicht so lange Stand, daß ich mein Gesuch anbringen könnte. Ohne vorgestellt zu sein, darf ich der Dame doch nicht in's Zimmer laufen! Und meine Bella ist ein schönes Mädchen, führt ein sanftes Gesicht, trägt zartere Mienen mit sich herum, als all' die bärtigen Stutzer, die Madame tagtäglich abschreibt, schlechten Büchern gleich, und auf Leinwand so sorglich überträgt, wie Ihre deutschen Bühnenschriftsteller, mein Herr, die Werke unserer Boulevard-Dichter auf Ihre Theater. Sie sind, wenn mich eine alte Praxis nicht täuscht, der Begünstigtste unter vielen Gunstsuchenden. Deshalb wende ich mich an Sie mit der Bitte: meinen Wunsch und mich bei der Malerin einzuführen. Bezahlen will ich sie, als ob sie ein weiblicher Gérard wäre, aber zwei Bedingungen muß man mir im Voraus zugestehen. Erstens, daß sie sich nicht weigert, mein Kind zu malen, wenn ich es ihr zuführe und der erste Eindruck vielleicht nicht günstig ist; daß sie ohne Ausflucht sogleich die Arbeit beginne. Zweitens, daß bei den Sitzungen ihr Gemahl nicht gegenwärtig sei! Sie, mein Herr, will ich um die schönen Stunden nicht bringen; vielleicht sind Sie mir dankbar, daß ich Ihnen zu einer vertrauten Unterredung verhelfe: denn ich bin, wenn Sie deutsch mit ihr sprechen, so gut als nicht da, und mein Kind achtet auf gar Nichts. Was ich von seinen Aeußerungen hätte übel nehmen können, überging ich gern und froh bei dem Gedanken, daß der confuse Alte Nichts weiter von meinem Paare gewollt habe, als das eben Mitgetheilte. Ich sah eine erwünschte Auflösung des drückenden Räthsels und freute mich im Voraus, dem guten Hugo nach Beendigung des Bildes sagen zu können, daß die geschickte Hand seiner Natalie ihn von der kindischen Furcht vor einem französischen Narren befreit habe. Ich ging also auf den Vorschlag ein und versprach, ihn am andern Morgen um elf Uhr, als um eine Zeit, wo Hugo Besuche zu machen pflegte, abzuholen; dies wies er jedoch entschieden zurück und erbot sich, um diese Stunde bei mir zu sein. Wir schieden im Ganzen Beide befriedigt. Bei Natalien fand ich außer ihrem Gatten einen jungen Edelmann, der es sich vorzugsweise angelegen sein ließ, ihr Schönheiten zu sagen. Schon drei Mal hatte sie ihn malen müssen, und jedes Mal gab er nicht undeutlich zu verstehen, daß diese Portraits für Freundinnen bestimmt wären. Vielleicht ging er darauf aus, Natalie solle sich die Erlaubniß erbitten, auch für sich ein Abbild machen zu dürfen; denn er war auf seine Schönheit ebenso eingebildet, als auf seine Geburt und seinen Reichthum, und da er uns so oft und so viele Geschichten erzählte, in denen er als unwiderstehlicher Eroberer glänzte, so hatten ihm einige Spottvögel den Beinamen des zweiten Casanova gegeben, den er nun trug, ohne es zu wissen, der ihn aber auch nicht beleidigt haben würde, wenn er ihm zu Ohren gekommen wäre; denn die Figur der Ironie war ihm ziemlich fremd; wer ihn für einen beschränkten Kopf gehalten, hätte ihm kein schweres Unrecht zugefügt. Die Sorge für seine Kleidung überwog jede andere. Von der Literatur wußte er so viel, als man aus schlechten Zeitschriften erfährt, also genug, um überall mitreden zu können; er war hinreichend hinter den Coulissen gewesen, um zu beurtheilen, wie sich die Toilette mittelmäßiger Schauspielerinnen zu dem Beifall verhält, den der erste Rang ihr spenden soll; er besaß ein Reitpferd und zwei Wagenpferde, von denen das eine auch geritten werden konnte; er hatte seinem Bedienten an der Thüre des Salons zwei Zähne eingeschlagen; er war schon in Paris gewesen; sprach stark von einer Reise nach England; unterhielt lebhafte Correspondenz mit einem Freunde in Neapel; hatte sechs Louisd'or an der Bank verloren (er selbst behauptet, es seien sechshundert); hatte einmal mit fünf Andern ein Frühstück im Casino gegeben; konnte eine Melodie aus Oberon singen, den robin adair recht leidlich pfeifen; trug Schnupftücher mit dem Bilde der Sonntag; silberne Sporen auch beim Tanze; eine Reitgerte immer, und seine Beine waren so lang, daß sie jede mäßige Stube sperrten und wie der Riesenstamm beim Hamburger Baumhaus die Passage ohn' Erbarmen hemmten. Was Wunder, wenn er sich für unwiderstehlich hielt! Casanova hatte seine dreizehnte Sitzung überlebt und die vierzehnte eben auf dem Sopha Nataliens begonnen, bei welcher jedoch er der Maler sein zu wollen schien, so frech und starr faßte er die Malerin in's Auge. Hugo ward ungeduldig, das Gespräch stockte. Den Eheleuten schien mein Eintritt willkommen. Ich erzählte sogleich, daß ich den Alten mit dem Barte gesprochen und ihn gar nicht so übel gefunden hätte. Hugo sah mich staunend an, Natalie unterdrückte, mit einem Seitenblick nach ihrem schönen Nachbar, eine Frage, und dieser schlug ein Gelächter auf, welches ich für herzlich dumm zu halten mich versucht fühlte. Der alte Franzose, sagte oder vielmehr näselte er, ist auf Ehre eine recht komische Badefigur, eins von den köstlichen Originalen, die leider immer seltner werden heut zu Tage, und die man, Gott straf' mich, in Spiritus conserviren sollte, weil sie echt poetisch sind. Wenn Hoffmann noch lebte, würd' er uns ein köstliches Phantasiebild von diesem Alten gegeben haben! Kennen Sie Hoffmann? Ein köstlicher Schriftsteller. Er ist der Erste, der Mozart's Don Juan ganz erfaßt hat. Sie kennen Don Juan! Köstlich! Auf Ehre, so tief Shakespeare und Correggio. Kennen Sie Correggio? Köstlich. In Dresden hängen vier. Besonders spricht mich die Nacht an. Schade, daß sein größtes Werk nicht dort ist: wo er den Sack voll Kupfer trägt. Ich will auf Ehre nach Italien reisen, um das Bild zu sehen, sobald ich aus England zurückkomme. Wählend der Jüngling in diesem Tone fortfuhr, ging ich mit mir zu Rathe, ob ich Hugo'n den Inhalt meines Gesprächs mit dem Franzosen mittheilen, oder die Sache mit Natalien allein abmachen sollte. Jedes Für und Wider reiflich erwogen, fand ich rathsam, den letzten Weg einzuschlagen, und ich war deshalb recht zufrieden, als Hugo, dem Nataliens Verstimmung nicht entging, unserem Casanova den Vorschlag machte, mit ihm eine Partie Billard zu spielen, und ihn mit sich führte. Ich erzählte, was der Leser schon weiß. Wir waren bald einig, daß Hugo den Vorgang nicht eher erfahren sollte, als bis das Bild der jungen Französin vollendet und abgeliefert wäre, damit er dann auch zugleich das Lächerliche seiner Furcht einsehen und wie von einem finstern Traume aufwachen möge. Es trifft sich gut, sagte, mich beruhigend, Natalie, daß Hugo morgen sehr früh in's Freie gehen und erst gegen Abend wiederkehren will; er bildet sich ein, das Gedicht, mit dem er sich acht Tage quält, werde nur so zur Vollendung kommen. Es ist eine Thorheit, aber morgen können wir sie brauchen. Uebrigens bin ich neugierig auf die Französin! Hören Sie, Freund, wenn es nur nicht gar eine alte Pariser Liebschaft ist, die der Papa uns auf eine so listige Weise in's Haus bringen will. Ich besinne mich aus der ersten Zeit unserer Bekanntschaft, daß Hugo in dieser Beziehung nicht ganz frei schien, und daß die ersten Wochen unserer Liebe durch einige unangenehme Vorfälle gestört wurden. Ich bekenne, erwiederte ich, daß auch ich im ersten Augenblick eine solche Ahnung nicht unterdrücken konnte, aber bei näherer Beleuchtung muß sie alle Wahrscheinlichkeit verlieren. Wäre Hugo sich eines Verhältnisses mit einer Französin bewußt, so würde die Erscheinung des Alten ihn sogleich und zuerst daran erinnert haben; er müßte ja wissen, daß dies der Vater ist, und seine Furcht hätte dann einen bestimmten Grund, den er entweder offen gestanden (mir besonders!), oder den er durch irgend ein entschiedenes Mittel aus dem Wege geräumt hätte. Seine Angst hätte ja gar nicht den grauenhaften Charakter bekommen, denn was wäre denn an der Verfolgung von Seiten einer verlassenen Geliebten Wunderbares oder Gespenstisches? Selbst wenn der Alte ihr Vater nicht wäre, oder wenn Hugo ihn nicht kennte, sondern nur argwöhnte, daß er es ist! Nein, hier ist kein Zweifel! Eben weil der Eine gar keine Ursache findet, warum der Andere ihn so seltsamlich verfolgt, geräth er in Angst. Und der Wahnsinn des Verfolgers (denn daß eine Schraube in seinem Kopfe wackelt, mögen Sie mir glauben) fand bei dem Andern einen so fruchtbaren Boden, daß ohne mein Dazwischenkommen Beide sich wahrscheinlich wechselseitig vollkommen verrückt gemacht haben würden. Also danken wir dem Geschick, welches der Sache diese mehr komische Wendung giebt, noch dazu nicht ohne Beimischung von Romantik, was einer Künstlerin von Ihrem Geiste doppelt angenehm sein muß. Hugo anlangend, wollen wir ihm sagen, der Franzose habe mir entdeckt, daß er ihn verkannt, für einen früheren Bekannten unter fremdem Namen gehalten und deshalb so aufdringlich verfolgt habe. Natalie willigte ein. IV. Mein Alter, der sich Mortier nannte, war zur sichern Stunde bei mir; wir traten den Weg an, und ich glaubte, er würde mich zu sich zurückführen, um die Tochter dort abzuholen. Aber er deutete stumm und ernst nach Natalien's Wohnung. Will er in aller Förmlichkeit sich erst allein vorstellen lassen, oder ist das Mädchen schon dort? dachte ich und folgte ihm still, um ihn nicht zu erzürnen oder vielleicht von seinem Vorhaben abzubringen, was mir leicht möglich schien. Wir traten ein: Natalie empfing uns mit lächelnder Neugier und freundlicher Ungeduld. Ich stellte Herrn Mortier vor, den ich gestern schon gemeldet. Unser Freund hat mir Ihren Wunsch mitgetheilt, nahm sie das Wort, den ich mit wahrer Freude, so gut ich kann, erfüllen werde; ich bedaure nur, daß meine Bereitwilligkeit, Ihnen zu dienen, so lange auf die erwünschte Gelegenheit warten mußte. Aber wo ist der geliebte Gegenstand, dessen gewiß anmuthige Züge meine Hand auf Leinwand darstellen soll? Wo ist die Demoiselle, Ihre Tochter? Hier, Madame! sagte Mortier trocken, ohne eine Miene zu verziehen, und wies mit der Hand auf die Erde. Erst jetzt bemerkten wir, daß ihm ein Thier gefolgt war. Hier, riefen wir Beide erstaunt, die Hündin? Meine Bella, mein Kind! Ist Ihnen gefällig? Er setzte einen Stuhl vor die Staffelei, winkte dem Thiere, und Bella sprang, ihren Gebieter mit klugen Augen anblickend, sogleich hinauf. Natalie verbarg ihr Lächeln, so gut sie konnte, und sagte mir auf deutsch: Er ist völlig toll, wir wollen die Komödie fortspielen, so lange ich Fassung behalte. Mortier nahm in einem Winkel Platz und beobachtete seine Bella sehr scharf. Diese gehörte zur Gattung jener kleinen zierlichen Windspiele, deren Gesicht wirklich bisweilen eine Art von menschlichem Aussehn hat. Natalie malte fleißig fort, ich blätterte in einem Buche, und Bella blickte wechselnd ihren schweigenden Herrn und die emsige Malerin an. So vergingen fast drei Stunden. Bin ich doch erschöpft wie niemals, seufzte sie, Palette und Pinsel weglegend; nun aber auch heute keinen Strich mehr! Sind Sie zufrieden, mein Herr? Mortier trat zu, ich folgte ihm. Die Künstlerin hatte sich eine lustige Aufgabe gestellt und sie bewundernswürdig gelöset. In den Umriß eines jugendlichen Mädchenkopfes hatte sie Bella's blasses Hundeschnäuzchen gesetzt und die Uebergänge aus dem Thierischen in's Menschliche und wieder umgekehrt so kunstreich verbunden, daß man, trotz der Aehnlichkeit mit Bella, bisweilen wirklich ein weibliches Portrait zu sehen glaubte und dann immer wieder auf das rothe Halsband blicken mußte, um die Täuschung zu zerstören. Das Bildchen war unklar angelegt, die Umrisse schwankend, wie in einem Nebel verschwimmend, und der dunkle Grund trug zur düstern Anschauung das seine bei. Für heute also mag es genug sein! wiederholte sie. – Eben wollte Mortier mit seinem Kinde davon gehen, als der Blick der Malerin von diesem noch einmal auf das Bild glitt und sie plötzlich rief: Nein, ich kann es nicht lassen, das muß ich noch hinein malen; sehen Sie, welch' seltsamen Zug das Thier unter den Augen hat, man könnte ihn schwärmerisch nennen. Den hab' ich ganz übersehen, und er darf nicht fehlen. Besser, als in diesem Augenblicke, werd' ich ihn nicht mehr auffassen; schnell, Bella, noch einmal auf den Stuhl! Bella blieb unbeweglich. Auch Mortier redete ihr vergeblich zu. Sie kratzte an der Thüre. Ei, sei nicht eigensinnig, dummes Thier! rief in lustiger Aufregung Natalie, faßte das Halsband, Bella aber wüthend und mit einem kreischenden Geheul wehrte sich, vor Wuth schäumend, und schnappte mehrmals nach Natalien. So laß es bleiben, Närrin, lachte diese und rief dem gehenden Mortier nach: vielleicht ist das Fräulein morgen bei besserer Laune?! Nun stellte sie das Bild hinter andere, größere in einen Winkel und sandte die Magd nach dem Mittagsessen. Mir ist, sprach sie, als hätt' ich heute ein gutes Werk gethan, und als wäre die Arbeit dieses Morgens, obwohl wahrscheinlich gar nicht einträglich, doch wichtiger und nützlicher für mein häusliches Verhältniß, als jede andere. Ich kann mich von der Hoffnung nicht losmachen, daß die Erzählung des Vorgefallenen und der Anblick dieses Bildes dazu beitragen wird, Hugo zu erheitern, dem immer noch eine Beimischung von Geisteskrankheit geblieben ist, obgleich er sich, seitdem Ihr Rath ihn unter Menschen trieb, viel besser befindet. Ob er es auch nicht eingestand, ich glaube, der alte Franzose war noch immer sein Aergerniß, und wenn dieser nun abreiset (wie er uns hoffen ließ) und wir Nichts von ihm behalten, als die Erinnerung an dies Gemälde, so wird es Hugo ergehen, wie Manchen, die von einer fixen Idee geheilt werden, weil man in ihren stillen Wahnsinn einging und die Komödie bis nach der Heilung mit ihnen spielt. Ich gab der heitern, liebenswürdigen Frau scheinbar Recht, wenn auch in meinem Innern ihr eine Stimme Unrecht gab. Wir verbrachten die Zeit bis zu Hugo's Rückkehr mit wechselnden und anziehenden Gesprächen. Ich hatte wohl bemerkt, daß Natalie während des Essens einige Male aufstand und ihren Arm mit kölnischem Wasser strich, doch darauf nicht sonderlich geachtet. Hugo kam und mit ihm neue Heiterkeit in unsere Unterhaltung. Sein Gedicht war glücklich vollendet, er las es uns vor, wir mußten die Fülle der Gedanken, die Klarheit des Ausdrucks, den Reichthum der Bilder, die Gewandtheit des Verses bewundern. Der Antheil, den wir ihm gönnten, und den er von seiner Frau nicht gewohnt zu sein schien, machte ihn so froh, wie ich ihn in der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft gar nicht gesehen. Er begehrte Wein, verlangte ihn recht dringend, ganz gegen seine Gewohnheit, die Sorte bezeichnend, die er trinken wollte. Laß es guten Ungar sein! rief er der bestellenden Natalie in die Thüre nach, denn so gut wie hier und so wohlfeil, weil hier drei Grenzen sich schneiden, bekommt man ihn wohl nirgend. Mit jedem Glase wurd' er heiterer. Wir wollen, rief er mir zu, im Weine aller Weine Brüderschaft trinken! Es geschah, und Natalie mußte feierlich mit anstoßen. Wir lachten und scherzten viel. Er trank sogar die Gesundheit sämmtlicher Anbeter Nataliens. O diese jungen Herren, mit ihren Liebschaften und Eroberungen, sagte er, wie viel Geschrei und wenig Wolle. Gott sei Dank, daß ich nicht eifersüchtig bin – und daß ich keine Ursach habe, es zu sein. Bei diesen Worten küßte er Natalien verbindlich die Hand. Diese, von einem Glase des feurigen Weines schon erhitzt, zog sich drohend zurück und sagte im Uebermuth der Laune: Ei, Freund, wie stand es in Paris mit Dir, ehe Du mich kanntest? Hugo entfärbte sich und wurde plötzlich stumm. Ich erschrak. – Natalie aber nahm es leichter und fuhr scherzend fort: da sieht man das böse Gewissen. Ja, wir sind hinter all' Deine Schliche! Was noch mehr, die verlass'nen Geliebten folgen Dir nach, und eine ist gar hier, Dich auszusuchen. Nein, sprach Hugo mit bitterm Lächeln, und indem seine Hand über das matte Antlitz fuhr, nein, sie kommt mir nicht nach. Er schwieg. Natalie beobachtete ihn erstaunt und aufmerksam; mir schien, daß er jetzt keineswegs an den alten Franzosen dachte, sondern daß seine Seele mit etwas ganz Anderem, am wahrscheinlichsten mit einer tiefen Wehmuth erfüllt war. Laßt diesen Augenblick, liebe Kinder, wo wir unerwartet aus der fröhlichsten Stimmung, ich wenigstens, in eine traurige versetzt worden sind – begann er nach einer Weile – nicht ungenützt vorüber gehen. So lang' ich Dich besitze, Natalie, trag' ich ein Geheimniß auf dem Herzen, welches ich trotz Deinen Fragen Dir niemals zu entdecken vermochte; eine unerklärliche Macht, eine fürchterliche Bangigkeit hielten mich davon ab. Und doch machte mich dieses Schweigen eben unglücklich. Ich fühlte die Pflicht, Dir zu vertrauen; ich fühlte das Bedürfniß, dennoch konnte ich nicht – und das brachte mich dem Wahnsinne nahe. Seit einem Monat bin ich ruhiger, weil ich thätiger bin. Ich bereite mich schon seit einigen Tagen auf die Erzählung vor, die ich Euch Beiden geben will. Heute, in diesem Moment zum ersten Male, ist mir um's Herz, als dürft' ich es wagen. Ich fühle mich rührend bewegt. Ich fühle Trost in meiner Wehmuth, und auf Eure Nachsicht darf ich rechnen. Du, liebes Weib, wirst mir verzeihen, wenn ich Manches berühre, was Du schon weißt, weil Du es mit mir erlebt hast. Ich bin es dem Zusammenhange und unserm Freunde schuldig. Hört geduldig zu. Mir wird besser sein, wenn Ihr Alles wißt, das fühle ich.   Hugo's Erzählung. In Paris angekommen, fremd, ohne Freund, übermannt von dem großartigen Eindruck, trieb ich mich planlos in jener Weltstadt herum, wie ein junger Mensch, der im wildesten Gewirr ungeregelter Vergnügungen die Befriedigung seines geistigen Strebens sucht und von einer mäßigen Börse voll Goldstücke glaubt, sie sei Fortunatus' unerschöpflicher Säckel, weil beinah' sein ganzes Vermögen darin enthalten ist. Das Herz hatte nicht den geringsten Antheil an den flüchtigen Bekanntschaften, die da geknüpft wurden, um eben so schnell wieder vergessen zu werden; der Geist ging nur halb und oberflächlich auf die bunten Zerstreuungen ein, die sich in den gefälligsten Formen mannichfach darboten, und es war noch kein Monat verstrichen, als ich mitten im Gedränge einer vergnügungssüchtigen großen Masse mich bang und einsam fühlte, sogar mit einer Art von deutschem Heimweh erfüllt war. So ging ich denn mit zwiefach lebendigem Wohlgefallen einem jungen Manne entgegen, mit dem mich der Zufall mehrmals zusammengeführt, und in dessen Pariser Existenz ich eine auffallende Aehnlichkeit mit meiner Lage bemerkt hatte. Gleiches Alter, ähnliches Temperament, Ungebundenheit und das gemeinsame Vaterland machten bald Freunde aus Bekannten; wir wurden unzertrennlich und bewohnten sogar Ein Zimmer. – Ich habe Dir schon früher einmal gesagt, Natalie, daß mich eigentlich Nichts nach Paris gezogen hatte, als der Wunsch, die dortigen Theater, ihre Sitten, Bräuche, Verhältnisse, ihre Dichter und Darsteller kennen zu lernen und dort an der Quelle zu sein, wo jene allerliebsten leichten Dichtungen entspringen, die man so gern und so schlecht für Deutschland übersetzt, und die in bessern Bearbeitungen meinem Vaterlande zuzusenden mir ein würdiges Ziel, ein reichlicher Erwerb schien. Nur zu bald mußte ich mir selbst gestehen, daß dieser Traum ein thörichter sei; daß das Beste, was Scribe und seine minder geistreichen Genossen der Pariser Welt dargeboten, eben in der Lokalfarbe ein Haupt-Verdienst besitzt, und daß es eines deutschen, irgend selbstständigen Talentes unwürdig ist, den Vermittler zwischen Frankreich und Deutschland auf diese Art zu machen. Je mehr man Paris kennen lernt, je tiefer man sich in das dasige Thun und Treiben einlebt, desto klarer muß es jedem Verständigen werden, wie nur dort so geschrieben, nur dort so gespielt werden kann. Ich mag mich hier nicht auf Entwickelung der Gründe einlassen; es ist mir nicht darnach um's Herz, zu dociren. Auch würde ich diesen Punkt, der in meine Erzählung nicht zu gehören scheint, gar nicht berührt haben, wenn ich ihn nicht zur Bezeichnung meines damaligen und jetzigen Zustandes für nöthig hielte. Mit einem Herzen voll Hoffnung hatte ich die Barrièren von Paris betreten. Entmuthigt, in jeder Beziehung hoffnungslos fand mich schon der zweite Monat. Paris hatte für mich eine Goldgrube werden sollen, – es ward mir eine Grube, in die ich mein Geld warf. Ich mußte meine eitlen Pläne für unausführbar erklären und somit den Gedanken aufgeben, mir durch schnelle, leichte Arbeiten eine glänzende Existenz zu gründen. Ich hatte also meine Lage, im Vergleich zur früheren in Deutschland verlebten Zeit, nur verschlimmert. Dort hatte ich Kraft, Lust und Muth zu eigenen Produktionen gehabt; hier erstarben Muth, Lust und Kraft, theils im zerstreuenden Geräusch, theils im Vergleiche zwischen dem französischen und deutschen Theater. Bei uns: getrennte Städte, genirte Hoftheater, prätentiöse Darsteller, regellose Virtuosität, geschmacklose Anarchie, verletzte Autorrechte, schlechte Honorare, theilnahmlose Zuschauer, leere Bänke; – hier: eine tonangebende Hauptstadt, fünfzehn Bühnen, volle Häuser, lebendiges Publikum, fleißige Schauspieler, strenger Eifer, goldner Lohn! – Ohne neidisch zu sein, fühlt' ich, daß wir armselig dagegen wären, und ich ließ entmuthigt die Flügel hängen. Jeden Abend brachte ich in einem andern Theater zu, jeden Abend lernte ich neue Künstler kennen, jeden Abend kam ich niedergeschlagener in meine kleine, theure Zelle – und mein Freund lachte den deutschen Schriftsteller aus. So vorbereitet fand mich der Abend, dessen Wichtigkeit ich nun beschreiben will, in sentimentaler Stimmung. Louis und ich hatten Plätze zur Porte St. Martin genommen, um den (nun jenseits wandelnden) Affen-Mazurier springen, leiden, sterben zu sehen. Die Loge, in welche wir traten, war bereits durch zwei Damen besetzt, die, den Rücken kehrend, uns die hintern Plätze überließen. Wir waren ungewöhnlich heiter; ich übermüthig, wie ich es immer in der dunklen, düstern Vorahnung schwerer Geschicke zu sein pflege. Louis hatte auf dem Boulevard einen Polichinell gekauft, ein Kinderspielwerk, durch dessen gelenke Vermittelung wir die Bekanntschaft der beiden Damen suchten, von denen die eine jung, groß, schön gestaltet, aber nur mäßig hübsch, die andere älter, jedoch regelmäßig schön war. Der Reihenfolge unserer Platze gemäß schien ich bestimmt, mit der Jüngern ein Gespräch zu beginnen. Auf viele Fragen erhielten wir kurze und trockne Antworten, Scherze von unserer Seite wurden kaum belacht, und erst als Polichinell durch eine zu kühne Lenkung meines Freundes sich der haltenden Hand entwunden und einen Sprung über die Logenbrüstung in den vorderen Balkon gemacht hatte, schienen der Schreck und die Besorgniß über das unter uns entstehende Gemurmel eine Annäherung von Seiten der Damen herbeizuführen, die freilich mit bittern Vorwürfen über unsere Etourderie begann. Die Aeltere zog sogleich das Gitter vor, um uns den Blicken der unzufriedenen Balkonbewohner zu entziehen, und wir saßen nun, mitten im vollen Hause, von aller Welt abgeschieden. Die Darstellung ging zu Ende, die Damen brachen auf, und wir schieden – noch ziemlich fremd. Unser Anerbieten, die Begleiter zu machen, wurde so entschieden zurückgewiesen, daß gerade keine deutschen Fremdlinge dazu gehörten, die Zurückweisung für Ernst zu nehmen; unser anziehendes Paar verlor sich nach einem ziemlich kurzen und kalten »Guten Abend« im Gedränge. Ich hatte Fassung genug, beim Gehen einen Blick nach der Nummer der Loge zu werfen, der Schließerin für den mir bewahrten Hut ein großes Silberstück in die Hand zu drücken und ihr zu sagen, daß wir wieder da zu sitzen wünschten, wenn wir dieselbe Gesellschaft öfter zu finden erwarten dürften. Das wird die Welt nicht kosten, erwiederte sie schlau, indem sie mich fest in's Auge nahm, und ich war sicher, daß sie mich nun unter Tausenden nicht mehr verkennen würde. Mein Gespräch mit dem Freunde dauerte bis tief in die Nacht und wendete sich immer wieder auf unsere Unbekannten. Wir waren einig darüber, daß Beide weder unzugänglich, noch vom besten Rufe sein konnten; aber es hatte in ihrem Benehmen doch eine gewisse Zurückhaltung gelegen, die sie nach meiner Meinung höher stellte, als Louis zugeben zu wollen schien. Auch gestand er, daß seine Nachbarin milder und zuvorkommender gewesen sein möge, als die meine. Daß der nächste Abend uns wieder in derselben Loge fand, werdet Ihr erklärlich finden; jedoch schon als wir kamen, deutete mir der Blick und das Achselzucken meiner neu erworbenen Gönnerin die fehlgeschlagene Hoffnung an. Wir kamen zwei Abende vergebens. Erst am dritten, wo ein neues Werk voll schauerlicher Verbrechen die halbe Stadt in Bewegung setzte, hatten sich auch die Schönen eingefunden. Aber die Schließerin konnte nicht verhindern, daß außer uns, ihren Schützlingen, noch zwei Neugierige in das Heiligthum unserer Loge drangen. Diese Kühnen hatten das dem neuen vorangehende Stück und die Langeweile desselben dazu benutzt, unsern Damen den Hof zu machen, und waren dabei freilich kühner und sicherer eingeschritten, als wir bescheidene Deutsche. Waren sie aber vielleicht gar zu parisisch gewesen, und hatte ihre edle Dreistigkeit den Frauenzimmern widerstanden – oder wollten diese (was ich am meisten zu glauben geneigt war) uns auszeichnen; – sie blieben fremd und abschreckend gegen die Landsleute und wendeten sich mit so herzlicher Vertraulichkeit zu uns, daß die beiden Schnurrbärte uns Viere für alte Bekannte hielten und ihre Verfolgung aufgaben. Das neue Stück begann, die Pariser waren Ohr und Auge, und wir zwei Paare konnten ungestört unsere Augensprache fortsetzen. Welcher Triumph für mich, daß Bella, so hieß meine Schöne, die Scene und ihre Gräuel ignorirte, nur für mich da zu sein schien! Wir machten Riesenschritte. Schon vor Beendigung des Schauspiels brachen wir auf, begleiteten heute nach kurzer Widerrede die Heimkehrenden bis an ihre Thür, und ich, dem das Herz mächtig schlug, faßte erst dann den Muth einzutreten, als mir Louis an Sophiens Arme mit kühnem Beispiel voranging. Zwei zierliche kleine Zimmer, fünf Treppen hoch, empfingen uns. Louis und Sophie blieben in dem einen; ich hatte zu viel mit mir selbst zu thun, um nach ihnen zu fragen oder mich um sie zu bekümmern. Bella schürte das Feuer im Kamin. Wir saßen in traulichem Gespräche vor der Flamme. Auf meine schüchternen Eingeständnisse zärtlicher Empfindungen lächelte sie mich fragend an, spöttisch und gutmüthig zugleich. Ich konnte nicht länger die Frage zurückhalten, wie ihre Verhältnisse seien, was sie triebe, wovon sie lebe u. s. w. Mit einer fast mitleidigen Güte blickte sie mir staunend in's Gesicht, als wollte sie sagen: wie weit muß man her sein, aus welchem entlegenen Winkel der Barbarei muß man kommen, um das noch zu fragen? Und als ich wiederholentlich, von dunkler Eifersucht getrieben, in sie drang, erzählte sie mir mit einer Unbefangenheit, die mich ganz entwaffnete, sie sei ein Jahr lang die Geliebte (kleine Frau) eines alten Geschäftsmannes, mit dessen Behandlung auch ziemlich zufrieden gewesen; aber nun habe sich die Sache wohl durch beiderseitige Schuld zerschlagen, und sie suche ein neues Engagement. – Und Ihre Eltern? rief ich furchtsam dazwischen. – Ich habe keine, fuhr sie verlegen fort. Mein Vater – ich sehe ihn selten – und meine Mutter hielt ein meublirtes Hôtel. Da wurde ich als fünfzehnjähriges Mädchen von einem reisenden Engländer verführt, betrogen und verlassen. Bald darauf starb auch meine Mutter, hinterließ mir Nichts als Schulden, und da half ich mir seit drei Jahren allein durch die Welt. – Sie hatte während ihres Berichtes, der höchst umständlich und, die letzten drei Jahre ihres Lebens betreffend, ganz wie die Auseinandersetzung eines geregelten Geschäftsganges abgefaßt war, mir die vier oder fünf Männer geschildert, mit denen sie bis dahin gelebt. Die Feuerzange war nicht aus ihren Händen gekommen; mit eigenthümlicher Anmuth hatte sie Kohlen auf Kohlen gethürmt, die Gluth sorglich unterhalten, als ob sie von den gleichgültigsten Dingen spreche. Ich konnte nicht zu mir selbst kommen. An diesem Abgrund von Verworfenheit, wo ein junges Geschöpf sich ohne Liebe für Geld preisgiebt, noch diese Ruhe, diese Gleichgültigkeit über ihr Schicksal! Und dabei diese Bildung, diese Einsicht in das Leben und seine Verhältnisse; – das ist nur in Paris möglich, dachte ich, und die verschiedenartigsten Empfindungen wechselten in meiner Brust. Ich sah Bella nun mit andern Augen an, mit andern Gefühlen. Die schon aufkeimende Herzensneigung schien neuen Gedanken weichen zu wollen. Aber auch diese zogen sich bei dem Anblick ihrer sittsamen Ruhe wieder scheu zurück. Ich begriff weder sie noch mich. – Es war sehr spät; Gehen schien mir das Rathsamste. Und plötzlich sprang ich auf, so rasch, daß Bella erschrak. Ich klopfte an Sophiens Thür, Louis zu rufen, aber Bella hielt lachend meine Hand und sagte: Stören Sie sie nicht, er geht gewiß nicht mit Ihnen; Sophie hat mir neulich schon gestanden, daß sie den blonden Deutschen liebt, und er schien ihr auch nicht abgeneigt. Auch hat sie den Riegel vorgeschoben, gleich als wir kamen.– Der Ton, mit dem Bella diese letzten Worte sagte, schnitt mir durch's Herz; sie erschien mir fast gemein. O, dachte ich, wie wird sie deiner spotten, wenn du so schüchtern davon gehst, und damit faßte ich sie heftig und sprach: Nun, Bella, und wir? Und wir!? – Sie haben ja den Hut in der Hand. Sie nahm das Licht und setzte hinzu: die Portière ist noch wach, Sie dürfen nur rufen. Also, sprach ich, halb schüchtern, halb keck, ich bin nicht so glücklich wie mein Freund? Ich bin nicht geliebt? Vielleicht mehr als er, und herzlicher, erwiederte sie flüchtig; aber ich habe Rücksichten zu nehmen, die Sophie nicht hat. Sie ist verheirathet, ihr Mann oft abwesend, sie hat Nichts zu fürchten. Ich aber muß mich, wenn ich nicht zur Klasse der verachteten niedern Dirnen herabsinken will, vor jedem Verhältnisse in Acht nehmen, welches nicht ein dauerndes und auf die Zeit seiner Dauer ein sicheres ist. Können und wollen Sie mir ein solches bieten, so werde ich lieber die Ihrige sein, als irgend eines Andern. Nicht ohne Empfindlichkeit sagte ich darauf: Mein Kind, ich bin ein armer Deutscher ohne Vermögen, der hierher gekommen ist, sich einen Erwerb zu gründen; den seine Hoffnungen getäuscht haben, der nun sehr eingeschränkt leben muß. Wenn ich aber Millionen zu vergeuden hätte, so würde ich nie der Thor sein, sie an Weiber zu wenden, die ihre Gunst mir verkaufen wollten. Das gemißbrauchte Wort Liebe gilt mir noch Etwas, und so gewiß ich mit aufrichtiger Zuneigung für Sie hierher gekommen bin, so gewiß gehe ich jetzt über meine Leichtgläubigkeit beschämt hinweg und muß Sie bedauern, – da ich niemals die verachten werde, die ich einmal zu lieben begonnen. – Ich ging. – Schon war ich auf der vorletzten Treppe, als ich Bella ängstlich hinter mir her rufen hörte. Die Worte: Mein Freund, mein theurer Freund! bannten mich auf einen Augenblick fest; dennoch ging ich immer wieder eine Stufe weiter, wenn auch langsamer, als vorher. Schon hatte ich die letzte erreicht, schon schwebte das entscheidende »cordon s'il vous plait!« auf meiner Zunge. – Bella stürmte mir nach, sie hatte mich erreicht. Zitternd umschlang sie mich und beschwor mich umzukehren. Sie irren, sagte ich höhnisch, Sie irren, Demoiselle, ich bin kein reisender Lord, ich bin ein armer Poet, und wie gesagt, meine Taschen sind leer, es lohnt nicht der Mühe. – Deutsches Ungeheuer, sei nicht so grausam, schrie sie, kalter Oesterreicher! und wollte mir die Hand küssen. Ich suchte meinen Schreck hinter Gelächter zu verbergen, indem ich sagte: um Vergebung, ich bin kein Oesterreicher. – Ha, so bist Du aus Leipzig, wo unsere Helden begraben liegen, oder vielleicht gar ein Preuße? Ach, ich wollte, daß ich die Worte: ich liebe Dich! in Deiner Sprache zu Dir sagen könnte, dann würdest Du mir eher glauben. Der Lärm hatte die Pförtnerin aus ihrer Klause gelockt; mir lag in diesem Augenblicke Alles daran, nur fortzukommen; aber Bella ließ mich nicht eher los, als bis ich ihr mit den heiligsten Eiden gelobt hatte, morgen sie zu besuchen. Auch meine Wohnung mußt' ich ihr genau bezeichnen. Ich eilte heim und entschlief spät, vielmehr früh unter bunten Träumen. Es mochte zehn Uhr sein, als mich Louis weckte. Eben war er nach Hause gekommen und hatte viel zu erzählen, von Sophien und dem neugeschloss'nen Bündniß; aber mitten im Erzählen brach er ab: Ach, da ist auch ein Brief von Bella, bald hätt' ich ihn vergessen. Natalie, ich habe den Brief vernichtet, als ich Dich kennen lernte! – Ich will auch weiter Nichts davon sagen, als daß sein Inhalt mich augenblicklich zu Bella zurückführte. Etwas Rührenderes hatt' ich nie gelesen. Was soll ich viel erzählen und beschreiben von einem Verhältniß, welches sich nicht beschreiben läßt! Bella war mein, gab mir unaufgefordert das Versprechen, nie mehr eines Andern zu sein – und hat es gehalten bis zu ihrem Tode. Zum ersten Male erfuhr ich, daß auch Tiefgesunkene höchster heiliger Gluth, reinster Treue fähig sind. Paris war nicht mehr Paris, nicht mehr ein unübersehbarer Raum, in dem Tausende Tausende drängen, um sich und das Leben zu betäuben. Es war mir ein kleines, heiteres, verborgenes Gemach, und in diesem lebte mir ein liebendes, tief ergebenes Herz, ein anhängliches Wesen. Ich begann wieder zu arbeiten, zu leben und zu hoffen; – denn ich liebte und glaubte. Bella's Armuth und ihr Bestreben, sie vor mir zu verbergen, war rührend. Ich bemerkte, wie sie das Entbehrlichste aus ihrer kleinen Wirthschaft heimlich verkaufte, ihre Dienerin abschaffte; ich hatte die größte Mühe, ihr begreiflich zu machen, daß sie nun einen Beitrag von mir annehmen müsse. Nur durch die Drohung, daß ich sie sonst verlassen und schnell abreisen würde, brachte ich sie dazu. – So, glaub' ich, so heftig hat noch kein Weib geliebt. Oft hab' ich sie belauscht, wenn ich unerwartet eintrat, wie sie mit ihrem Hündchen, einem zierlichen, kleinen Windspiel, kosete und ihm von mir erzählte. Das kluge Thier saß vor ihr und hörte aufmerksam dem süßen Geschwätze zu, als ob es ihm verständlich wäre. Auch trug es seinen Gehorsam, seine Anhänglichkeit auf mich über, begleitete mich oft in meine Behausung, machte sogar bisweilen den Boten zwischen uns, indem es kleine Briefchen, die wir in sein rothes Halsband verbargen, hin und her trug. – Bei all' der Liebe, die wir gegenseitig gaben und empfingen, fehlte es nicht an unangenehmen Auftritten. Sie war zu leidenschaftlich, um nicht bis zur Uebertreibung eifersüchtig zu sein. So fand ich sie eines Morgens, ohne vorher ein Wort davon gehört zu haben, im Räumen ihrer Wohnung begriffen, weil sie behauptete, ich und Sophie (die sich von Louis längst getrennt hatte, oder er von ihr), wir hätten uns beim Begegnen auf der Treppe »süße Augen gemacht.« Ich durfte keine Gesellschaft besuchen, ohne ihr die genaueste Beschreibung aller weiblichen Mitglieder zu liefern. Kam ich einmal eine Viertelstunde später, als gewöhnlich, zu ihr, so war ich dem schärfsten Verhör ausgesetzt; überall, meinte sie, würde mir nachgestellt, und oft sagte sie in bitterm Scherze zu ihrem Hunde, daß es wie Ernst klang: verfolg' ihn, gieb Acht auf ihn, und wenn er mich verräth, so melde mir's. Einmal war ich gegen Abend weggegangen, mit dem Versprechen, bald wieder zu kehren; das Hündchen hatte mich begleitet. Unterwegs begegnete mir Louis mit einigen so eben angekommenen Deutschen. Sie forderten mich auf, mit ihnen die große Oper zu besuchen. Ich konnt' es nicht vermeiden, wenn ich mich nicht den größten Neckereien aussetzen wollte. Ich sagte zum Hunde: lauf heim! und winkte ihm. Das Thier verstand mich. – Wir gingen in's Theater. – Als ich am andern Morgen zu Bella kam, fand ich sie in einem entsetzlichen Zustande, dem Tode nahe gewesen, nur eben erst durch ein Gewaltmittel des Arztes, den ihre neuen Miethsleute herbei geholt hatten, gerettet. Sie hatte, als gestern der Hund ohne mich gekommen war, in eifersüchtigem Verdacht geraset, Grünspan von einigen alten Messing-Leuchtern geschabt und diesen in einer Tasse Thee verschlungen, um sich zu tödten. Ich schauderte bei der Erzählung dieser Unthat um so mehr, als mein Gewissen nicht rein war. Ich hatte Dich, Natalie, an jenem Abend zum ersten Mal gesehen. – Unser Verhältniß war zerrissen. Von ihrer Seite fehlte das Vertrauen, von der meinen die innere Ruhe. Ich sah Dich, auch wo ich Dich nicht sah. Bella fühlte, daß meine Zärtlichkeit erheuchelt sei; ... es waren qualvolle Tage. Du wirst Dich unseres Zusammentreffens in den Tuilerien erinnern. Der Blick, den Du mir gegönnt, als mein Auge das Deine traf, glüht ewig in meiner Phantasie. Mir war, als ob in die Nacht eines wilden, wüsten Traumes der Freudenruf eines heiligen Engels ertönte. Ich konnte nicht mehr in Bella's Arme kehren; ich hätte es nicht gekonnt, und wenn Alles auf dem Spiele gestanden. – Als ich heim kam, fand ich den Hund, mit dem Louis spielte. Ich schrieb zwei Zeilen, daß ich reisen müsse, daß sie sich fassen solle, daß sie ohne mich glücklich sein möge. Der kleine Bote empfing den grausamen Brief und trabte fort damit. Nach einer halben Stunde kehrte er zurück, wand sich winselnd und heulend zu meinen Füßen. Er war blutig geschlagen. Seine verzweifelnde Herrin hatte den armen Liebling gemißhandelt, der nun bittend bei mir Schutz suchte. Ich mußte doch alle Fassung zusammennehmen, um nicht noch einmal zu ihr zu stürzen. Aber ich dachte an Dich, ich bezwang mich, blieb, und der Hund blieb bei mir. – Es vergingen einige Wochen, ohne daß Bella von mir, oder ich von ihr vernommen hätte. Gewiß wähnte sie mich fern. Unterdessen hatte ich bei Deiner Gräfin Eingang gefunden, aber keine Gnade. Je mehr ich in Deiner Gunst stieg, desto tiefer sank ich in der ihrigen. Wir konnten uns schon damals nicht öffentlich sehen, ich mußte meine Besuche einstellen und höchst behutsam nur schriftlich mit Dir reden. – Longchamps war gekommen, das Volksfest, mit welchem Paris seinen Frühling begrüßt. Ich stand am Wege, im tiefsten Gewühl der Kutsche harrend, in der Du mit Deiner Gräfin kommen solltest. Du kamst. Unsere Blicke trafen sich, und die strenge Gebieterin hatte zu viel auf den Putz anderer Damen zu achten, um die Vertraulichkeit unserer Augensprache bemerken zu können. Aber eine Andere hatte sie bemerkt. Bella stand neben mir; ehe ich sie noch gewahrte, hatte sie meinen Arm gepackt, daß ich es schmerzhaft fühlte. Das ist die Reise? Verbrecher! murmelte sie, mit den Zahnen knirschend, warf einen wüthenden Blick nach Eurem Wagen und ließ mich Erstaunten stehen, der sie abgehärmt und in dem ärmlichen Aufzuge kaum erkannt hätte. – Du weißt, Theure, daß schon damals sich in unsern heimlichen Zuschriften der Gedanke einer Vereinigung durch gemeinschaftliche Flucht deutlich aussprach. Deine Verpflichtung gegen die stolze, unfreundliche Gräfin war zehnfach gelöset, Du warst frei, sobald Du den Muth hattest, es zu sein. Ich kam also unter dem Vorwande, Deiner Gebieterin und den Ihrigen meinen Abschiedsbesuch zu machen, noch ein Mal in Euer Haus. Glücklicherweise waren Alle abwesend, ich fand Niemand als Dich, und wir konnten ungestört unsern Plan entwerfen, unsere Zukunft besprechen. In jener schönen Stunde, der ersten, die ich ohne Furcht vor einem Ueberfalle mit Dir verlebte, beschlossen wir nun, um jedes Aufsehen, jeden vorher erregbaren Verdacht zu vermeiden, uns nicht mehr zu sprechen, und ich sollte Dir, sobald alle Anstalten getroffen wären, nur am Abend die Nachricht senden, die Dich eine Stunde später in meine Arme führen würde. Das Wann blieb unentschieden. Bald nachher erschienen die Damen; ich brachte meine sehr kalt aufgenommenen Huldigungen an und eilte heim. Hier fand ich Louis mit einem Einkauf beschäftigt, den er in feiner Chokolade gemacht, und über den er sich als Führer unserer kleinen Oekonomie sehr freute. Die Verkäuferin, ein verhülltes, bleiches Mädchen, war ihm zur Zeit der Dunkelstunde bei ihrem Eintritt unkenntlich gewesen, erst später hatt' er Bella erkannt, die sich sichtbar verlegen zeigte, nur ihn zu finden. So, sagt' er, hat Deine Untreue das stolze Mädchen zur Hausirerin gemacht; und so tragen die verlassenen Schönen des Einen zur Magenstärkung des Andern bei. Ich dankte meinem guten Glücke, daß sie mich nicht gefunden, und sagte ihm, er müsse diesen Abend wieder allein zubringen, wenn er mich nicht in's Theater begleiten wolle (wo ich Dich aus der Ferne zu sehen hoffte). Er zog es aber vor, zu Hause zu bleiben. Du warst nicht im Theater, ich verließ es in trüber Stimmung, fand Louis schon schlafend und legte mich auch zu Bette. Kaum entschlummert, wurd' ich durch ein klägliches Gewimmer wieder geweckt. Es hielt minutenlang an, vermehrte sich, schwieg wieder, wurde aber endlich so stark, daß ich aufsprang und Licht anzündete. Ich trat vor Louis, fand ihn halb schlafend, mit offenen Augen, blauen Lippen, bleichem Angesicht, offenbar mit dem Tode ringend. Mein Schreck war unbeschreiblich. Nicht nur Louis Zustand verursachte ihn, auch eine furchtbare Ahnung, die mich schaudernd durchzuckte. Es wurde nach Aerzten geschickt. Sie fanden den Aermsten schon todt. Ihr erstes Wort war: »Vergiftung.« Die Leute, bei denen wir wohnten, erhoben ein mörderliches Geschrei, man sah mich argwöhnisch an; mir schnürte heiße Angst die Kehle zu. In diesem Augenblicke fiel mein irrendes Auge auf den Tisch – da sah ich die blaue Hülle von der Chokolade genommen, einige Tafeln zerbrochen und wie vom bösen Geiste getrieben, schrie ich, meiner Sinne nicht mehr mächtig! Bella! Bella! – Als ich zu mir kam, waren bereits Polizei-Beamte im Zimmer; ich ward in's Gefängniß geführt. Das Hündchen war mir unbemerkt dahin gefolgt. Schon im ersten Zeugenverhör fand ich mich so tief in meine Worte verwickelt, daß ich die Wahrheit nicht mehr umgehen konnte, wollt' ich nicht der Mörder heißen. Ich erzählte Alles. Bella wurde sogleich zur Haft gezogen und machte durch ein wildes, rasendes Geständniß und durch wiederholte Beschwörungen, daß sie ihre Freiheit nur dazu benützen werde, sich zu rächen, der Sache ein schnelles Ende. Ich ward frei erklärt. Ueber sie sprachen die Geschwornen einstimmig ihr Urtheil, und die Verurtheilte, als man sie hinaus führte, würdigte mich keines Blickes.– Du weißt, Natalie, wie zerstört ich in jenen Tagen war, daß Du es sogar aus der Ferne bemerken konntest. Du schobst es auf die Furcht vor der Flucht und sprachst mir durch Deine Mienen Muth zu. – Unser Wagen war endlich bestellt, nöthige Vorkehrungen getroffen. Natalie verließ bei Nacht ihre Gräfin, gelangte unbemerkt und glücklich bis zu mir, der unterdessen ein anderes Zimmer gemiethet hatte, und wir erwarteten ungeduldig den Morgen. Er brach an, aber noch hatte die Stunde nicht geschlagen, wo wir unsere Reise antreten sollten. Natalie war eingeschlafen. Sie lag in himmlischer Schönheit auf der Ottomane – unter dieser der Hund, den sie nie gesehen hatte, von dem sie Nichts wußte. Ich hatte gar nicht mehr an ihn gedacht. Jetzt sah er von Zeit zu Zeit Natalien grimmig an. Ich fing an, mich vor ihm zu entsetzen, und beschloß eben, ihn nicht mit auf die Reise zu nehmen, als ich Geräusch von der Straße herauf hörte. Unsern Wagen vermuthend, trat ich an's Fenster – ein Zug von Menschen – ein blasses Weib – Bella – man schleppte sie zur Guillotine! – Die Unruhe des Hundes vermehrte sich, er rannte wild in der Stube umher, murrte, drohte Natalien zu erwecken, biß sogar nach ihr. Ich war in Todesangst. Behutsam setzt' ich mich neben die Schlummernde, griff mit der Hand unter das Sopha, wo ich das unbändige Thier bei der Gurgel packte und so fest hielt, als ich nur immer konnte. – Der Zug schien vorüber – der Hund ruhig – ich ließ ihn los – er war todt – ich hatt' ihn erstickt. Nun rollte der Reisewagen vor; ich weckte Natalien; wir eilten davon. Aber noch war das Maß meiner Leiden nicht voll; dicht bei dem unseligen Platze, wo die Missethäter sterben, mußten wir vorbei. Natalie wendete sich schaudernd ab (Du ahntest nicht, wie mir zu Muth war); der Streich fiel – die Pferde scheuten – ich glaubte mein – Bella's Windspiel keuchend und in Kreisen das Schaffot umjagen zu sehen. Vielleicht war das Thier wirklich wieder in's Leben gekommen, wie bei Erdrosselten häufig der Fall ist. So haben wir Paris verlassen, so unsere Ehe begonnen – und das hat mich bis heut' gequält. Nun ist's von der Brust, nun ist mir besser, und nicht wahr, Natalie, Du liebst mich noch? VI. Hugo hatte seine Erzählung geendet. Wir saßen stumm, und Natalie hatte kaum Kraft, auf seine letzte Frage mit einem bebenden, leisen Ja zu antworten. Dann blieben wir wieder stumm; aber ein Wink Nataliens erinnerte mich, daß es jetzt um Gotteswillen nicht an der Zeit sei, den Ideen zu folgen und nachzugeben, die sich in unsern Köpfen kreuzten, und so ermannte ich mich denn zu der Frage, ob seit jener Zeit Nichts mehr begegnet sei, was ihn äußerlich an das traurige Ereigniß erinnere. Doch, erwiederte Hugo, es wurde mir durch meinen Wirth ein Brief nachgesendet von einem alten Soldaten, der sich für Bella's Vater ausgab und mich zum Zweikampf forderte. Ich konnte dieses Verlangens wegen doch nicht nach Paris zurückreisen – und antworten konnt' ich nicht; der Brief enthielt weder Namen noch Adresse. Was sollt' ich thun? Mein Wirth meinte in seiner Beilage, der vermeintliche Vater hätte mich noch in Paris geglaubt und sei wahrscheinlich einer jener Händelsucher, die dort von Herausforderungen Metier machen und ihre Drohungen bei furchtsamen Leuten für ein Geschenk zurücknehmen. Nataliens bedenkliche Miene zeigte mir nur zu deutlich, daß sie meiner Meinung sei, und ohne ein Wort zu wechseln, waren wir einig, mein erster Gang müsse morgen zu Herrn Mortier sein, um die Sache auf's Aeußerste zu treiben und schlimmsten Falls anderweitige Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wir schieden; Natalie und ich niedergeschlagen und fürchtend, ohne es uns merken zu lassen; Hugo aufgeregt, aber heiter und scheinbar beruhigt. VII. Als ich am andern Morgen sehr früh zu jenem Häuschen kam, wo Herr Mortier gewohnt, fand ich in großer Bewegung die wenigen Mitbewohner, unter ihnen einen jungen Arzt, einen feinen Mann von Kenntnissen und Geist, den ich früher schon im Saale gesprochen. Als ich diesen über die näheren Umstände der Abreise, die ich unerwartet nannte – denn daß Mortier verschwunden sei, rief man mir schon entgegen – befragte, erwiederte er: das ist ein neuer Beleg für meinen Haß gegen die abscheulichen Thiere, die Hunde, und wie man sie Alle vertilgen sollte, diese Bestien, von der ganzen kultivirten Erde. Denken Sie, der alte wunderliche Franzose war mir in sofern interessant, als ich eben im Begriffe stehe, eine Reise nach Paris zur ferneren Ausbildung meiner medicinischen und chirurgischen Studien zu unternehmen, und ich daher die hier seltene Gelegenheit freudig ergriff, mit einem National-Franzosen plaudernd, eine nützliche Vorübung anzustellen. Aber theils schreckte mich sein verrücktes Wesen ab, theils wurde er mir durch die Zärtlichkeit für seinen Hund zuwider. Das Thier hätschelte und verzärtelte er, wie ein verzogenes Kind. Er sagte mir einmal sogar, als ich ihn darüber verhöhnte, er habe einst eine Tochter gehabt, die er durch Grausamkeit in's Elend gestürzt, und das wolle er nun an dem Hunde, ihrem Lieblinge, wieder gut machen. Seit jenem Tage hielt ich ihn für toll und ging ihm aus dem Wege, wie Jedermann hier im Bade. Gestern aber, als er nach Hause kam, fiel mir im Vorbeigehn die Hündin auf; sie hatte ganz den Habitus, der Wasserscheu ankündigt. Da ich mich früher viel mit dieser fürchterlichen Krankheit beschäftigt und, so jung ich bin, Beobachtungen verschiedener Art angestellt habe (eine wissenschaftliche Richtung, die fast jedesmal mit entschiedenem Abscheu vor den Hunden endigt), so hielt ich es für meine Pflicht, hier Unglück zu verhüten. Ich ging zu dem alten Narren und sagte ihm ganz kurz und ernst, daß meine Prophezeiung einzutreffen schiene, und daß die im Zimmer überfütterte, vom Umgang mit Hunden zurückgehaltene Hündin toll zu werden drohte. Er nahm das Thier in seinen Arm und sagte: Nicht wahr, meine Bella, du bist nicht toll? Du weißt sehr wohl, was du thust? Unterdessen hatte ich eine Schüssel mit Wasser dem Thiere vorgehalten. Es verbarg sich zitternd und murrend. Nun, sprach ich, mein Herr, bleiben Sie diese Nacht mit Ihrem saubern Schoßkinde beisammen, auf eigene Verantwortung; morgen sprechen wir weiter. Aber heute früh geht es mir, wie Ihnen; den ich suche, der hat sich in aller Stille und zu Fuße fortgemacht, und das Corpus Delicti ist mir und der Behörde, die ich bereits instruirt hatte, entzogen. – Lassen Sie ihn, rief ich freier athmend dem jungen Arzte zu, lassen Sie ihn laufen, wohin er will! Gott Lob, daß er fort ist! An sein Hiersein knüpfte sich Kummer für zwei Leute, die mir theuer und werth sind. Gewiß für die schöne Malerin, nahm der junge Arzt lächelnd das Wort. Ja, ja, man sagt, sie sei Ihnen theuer. Uebrigens würde ich es dankbar erkennen, wenn Sie mich dort einführen wollten. Ich versprach es; denn der liebenswürdige, junge Mann schien mir passend für unseren kleinen Kreis und geeignet, neues Leben hineinzubringen, jetzt, wo wir dessen so bedürftig waren. Um noch einmal auf die häßlichen Hunde zu kommen, begann er wieder, es ist bisweilen, als ob die Menschen von einer partiellen Raserei befallen wären, daß sie sich nicht von ihnen losmachen können. Ich möchte nur zu befehlen haben, ich wollte eine unmäßige Hundesteuer einführen, daß gewiß den Meisten die Lust vergehen sollte, so unnütze Brodfresser zu halten. Ausgenommen müßten sein Schäfer, Jäger, Fleischer und solche Leute, deren Gewerbe diese Thiere unumgänglich nöthig macht. Von denen hat man auch nie gehört, daß sie die Hundswuth aus sich entwickelten, weil sie beschäftigt, gut gehalten und nie vernachlässigt werden. Aber sonst mit allen Hunden in die – Grube! außer wenn reiche Leute, die oft einem alten dicken Mops lieber gute Bissen zustecken, als einem hungernden Kinde ein Stück Brod, wenn diese eine recht große Abgabe dafür zahlen. Solche müßte in die Armenkasse fließen, und so wären alte Jungfern und keifende neidische Hagestolzen doch bisweilen gezwungen, Gutes zu thun. Ei, wendete ich ein, Sie übertreiben, Herr Doktor. Würde es dem Unglücklichen, der gebissen wird, nicht am Ende gleichgültig sein, ob es der Hund eines Reichen ist, der ihm die namenlose Qual bereitet? Und wäre es nicht auch grausam, auf diese Art so manchen Armen seines einzigen Freundes zu berauben? Nein, rief er heftig, es ist gleichgültig. Denn wenn auch der Staat so weit ginge (und warum sollt' er nicht?), die Besitzer toller Hunde mit ihrem Leben für anderer ehrlicher Leute Leben verantwortlich zu machen, wer sorgt denn für die Zurückgebliebenen, für die Familie der unglücklichen Schlachtopfer? Hier, Ihr Reichen, hier erwart' ich Euch!! Was Sie mir aber von dem Freunde sagen, den der Arme im Hunde verlöre, so versteh' ich Sie nicht. Wird ein solcher, etwa einem armen Tagelöhner angehöriger Hund nicht häufiger mit Schlägen und Fußtritten bedacht, als mit Brodkrumen? Es ist fürchterlich, das ewige Geheul zu hören, weil die ganze Familie ihren Grimm und ihre Noth an dem Thiere ausläßt. Wenn der besoffene Mann sein Weib prügelt, so rächt diese sich an den Kindern, und die Kinder am Hunde; das ist die ganze Freundschaft. Das Hundehalten bei armen Leuten ist das erste Mittel, in den Kindern jede sanfte Regung des Mitleids zu ersticken; denn sie martern und quälen das Thier, das mit ihnen aufwächst, um die Wette, und das ist dann der sicherste Weg, daß der hungernde und durstende Hund toll werde. Wenn aber auch gar nicht diese Furcht uns drohte, oder wenn man sagen wollte, daß dann Katzen und andere Thiere dieselbe Verfolgung verdienten, so ist ja schon der Ekel, den die Schaaren herrenloser oder auch nur vernachlässigter Hunde auf allen Straßen großer Städte verbreiten, der unsaubere Anblick ihrer Ab- und Zuneigung, die Nahrung, welche ihr Geschlechtstrieb der Gemeinheit des Pöbels giebt, besonders aber ihr heimtückisches oder neckendes Anspringen der schnell Vorübergehenden, welches letztere Kinder und Frauen so oft schädlich erschreckt, hinreichend, ihnen zahlreiche Gegner zu erwecken. Wer nun gar einmal vergebens einzuschlafen hoffte, immer wieder durch das heulende Gebell eines ausgesperrten Köters, um den sich endlich noch klagende Gefährten sammeln, aus dem ersten Schlummer aufgeschreckt, der wird mit mir eingestehen, daß die Hunde, und durch sie ihre Besitzer, der öffentlichen Ruhe mehr Eintrag thun, als jene armen lustigen Gesellen, die eines lauten Wortes wegen von Stadtsoldaten und Wächtern schonungslos zum Arrest geschleppt werden. Man hat einige Beispiele von Treue und Anhänglichkeit gewisser Hunde; sie werden bis zum Ueberdrusse oft uns rührend erzählt. Aber wenn man dagegen alle diejenigen zählen wollte, die von einem Herrn zum andern gehn und da am demüthigsten kriechen, wo sie die fettesten Bissen bekommen – – jene erhabenen Beispiele würden sich verhalten, wie die Perle zum weiten Sande des Meeres. Die Bedeutung eines edlen Thiers liegt in seiner Selbstständigkeit, seiner Kraft, seiner natürlichen Eigenthümlichkeit; das ist es, was wir im freien Thiere des Waldes, das ist es, was wir auch an dem zahmen Thiere in seinem Verhältniß zum Menschen, was wir am mächtigen Stier, am hohen Roß, an der gewandten Katze entdecken. Der Hund geht ganz im Menschen auf und wird ein feiler Speichellecker. Wer einen so wohlfeil zu gewinnenden Freund an seine Brust drücken kann, muß entweder hypochondrisch, menschenscheu, mißtrauisch sein – dann bedaur' ich ihn; – oder er trägt Etwas in sich, was ihn zum Hunde zieht. Ich möchte die Göthe'schen Worte umkehren und sagen: Wundern muß ich mich sehr, wenn Menschen die Hunde so lieben; denn ein erbärmlicher Schuft wird dann der Mensch wie der Hund. Unter diesen Exclamationen waren wir vor Hugo's Wohnung getreten. Ich überlegte, daß, wenn er anwesend sein sollte, die Gegenwart eines Fremden und die Aufmerksamkeit, die er ihm doch gönnen mußte, mir gewiß das Mittel an die Hand geben würde, unbemerkt mit Natalien zu reden. Ich schlug also meinem Arzte vor, die gewünschte Einführung jetzt stattfinden zu lassen, was er dankbar annahm. Wie gedacht, so geschehen. Hugo war daheim, und nur durch die Vermittelung des Vierten, mit dem er sich angelegentlich unterhielt, ward es mir möglich, Natalien mitzutheilen, was ihr wichtig sein konnte. Während ich sprach, starrte sie mich an, ein Schauder überlief sie – endlich athmete sie auf: Gottlob, daß er fort ist! Hätte ich nur Hugo gestern Abend Nichts von dem Entschlusse des Franzosen gesagt, seine Tochter malen zu lassen – ich hatte mich, ängstlich durch seine Erzählung, in meine Worte so verirrt, daß mir Nichts übrig blieb, als einen Theil der Wahrheit zu sagen. Auch dacht' ich, es würde ihn beruhigen; es schien auch so. Nun muß ich noch heimlich das Bild vernichten, das ich gestern begann; dann wollen wir reisen, reisen und vergessen – wenn es möglich ist. Ich hatte, im Sturm widerstreitender Gedanken, leider verabsäumt, dem Arzt auf der Treppe schon einen Wink zu geben, daß er gegen Hugo über das Ereigniß mit Mortier und besonders über dessen Hund schweigen solle. Eben als ich mich nach ihnen umdrehte, war der Gesprächige im vollsten Zuge. Alles zu erzählen, und streute in seinem Bericht die Bitterkeiten gegen das gesammte Hundegeschlecht ein, die er schon im Gespräche mit mir gleich zur Hand gehabt. Hugo verschlang seine Worte. – Und das Bild, schrie er, daß die Fenster dröhnten, das Bild, welches Du gestern von der Tochter des Franzosen entwarfst, wo ist es? Und warum sagt Ihr mir nicht, daß er ein Windspiel mit sich führt? – Natalie erblaßte. Hugo griff wüthend nach den umgelegten Gemälden, warf sie durcheinander; – jetzt erblickte er, was er suchte. Bella! – Ihr Hund? – Teufelei, der rothe Hals! – Sie ist enthauptet! – Ich werde wahnsinnig! – Mit diesen Worten warf er sich zu Boden. Ich und der Arzt, für dessen zufällige Gegenwart ich jetzt dem Himmel dankte, brachten den Fieberwüthenden zu Bett und hielten Natalien mit bittender Gewalt ab. uns zu folgen. Der Arme mußte gebunden werden, so wild waren seine Phantasien. Der junge Doktor ordnete im Vereine mit dem Brunnen-Arzte das Nothwendige an; für Pflege und zuverlässige Aufsicht ward gesorgt. Wir kehrten zu Natalien zurück, sie möglichst zu trösten. Ich erstaunte, sie so ruhig, so ergeben zu finden; doch schien sie ganz verwandelt. Wird er sterben? fragte sie dem Arzte entgegen. Jener zuckte die Achseln und sagte: Ich glaube nein. Aber wie wär' es, wenn Sie mir erlaubten, Madame, Ihnen Etwas zu verordnen? Sie scheinen heftig angegriffen. Ich kann nicht leugnen, daß ich es bin, erwiederte sie zaghaft, aber ich würde eine Unwahrheit sagen, wenn ich die Schuld davon auf dies letzte Ereigniß und auf Hugo's Zustand schieben wollte. Sei es, daß ich seit gestern einen solchen Ausbruch erwartet habe; sei es, daß in mir Etwas vorgeht, was mich gegen die Leiden meines Gatten fühllos macht – ich empfinde kein Mitleid für ihn – ich hege keine Furcht vor seinem Tode – – es ist mir überhaupt Alles gleich. – Ihre Augen verloren bei diesen Worten ihren Glanz; sie versank sinnend in eine Art von Apathie. Der junge Arzt beobachtete sie lange kopfschüttelnd, ging dann zu dem unglücklichen Gemälde; sein Geist schien nach einem dritten Gegenstande zu suchen, durch den er Nataliens jetzigen Zustand mit diesem Bilde in Verbindung setzen könnte. Es war einer jener tiefen Blicke, wie der Arzt von Genie sie bisweilen vorahnend in das Wesen der erst drohenden Krankheit thut; eine Fähigkeit, die sich nicht erlernen läßt, sondern Gabe der ewigen Natur ist, und die z. B. der berühmte Heim in Berlin in so hohem Grade besaß, daß er darin völlig die Mythen anschaulich machte, die aus alten Zeiten auf uns herüber kamen, von rettenden Zauberern oder Wunderthätern. Natalien kehrte die Besinnung zurück. Es ist mir, fuhr sie fort, als ob hier vom Arme aus, mit dem ich gemalt, ein unerklärlicher Schmerz – – doch, so ist es kaum zu nennen – –in meinen Kopf überging und sich dann dem ganzen Körper mittheilte. Des Arztes Gesicht wurde immer bedenklicher. Sie haben Kopfweh? Nun, so erlauben Sie mir, Ihnen einen Trank zu bereiten. Er nahm ein Glas, füllt' es mit Wasser und träufelte einige Tropfen Aether aus einer Phiole, die er bei sich trug, in das Wasser. Das wird den Schmerz lindern, sprach er sichtbar gespannt, als er ihr das Glas reichte. Sie nahm es, setzte es langsam an den Mund – aber in demselben Augenblicke warf sie es zu Boden, daß es in tausend Stücke zersprang, faßte konvulsivisch die Kissen des Canapees, biß wüthend hinein und blieb, nachdem sie dies mehrmals wiederholt hatte, ohnmächtig liegen. Der Schweiß der Todesangst stand auf meiner Stirn; ich faßte zitternd, flehend, weinend die Hand des jungen Arztes. Hier ist Nichts mehr zu thun, sagte dieser, als Gott um ein schnelles Ende zu bitten. In welches Haus des Jammers bin ich getreten! Das war es, was mich im dunkeln Vorgefühle vorhin so heftig und unpassend gegen Sie eifern ließ. Aber wann ist denn das Unglück geschehen? Ich erzählte, was ich gesehen hatte, und erinnerte mich auch jetzt erst, daß sie, ohne zu wissen warum, den Arm mit kölnischem Wasser gerieben habe. Nur zu bald entdeckten wir die kleine Wunde, einer unbedeutenden Schramme, von einer Nadel geritzt, vergleichbar. Hier, sagte der Arzt, sind Leidenschaften, Gemüthsbewegungen, die das Blut in fieberische Gluth gejagt haben, dazugekommen; eine gewaltsam zurückgehaltene Furcht hat dem Gifte Hilfe geleistet, daß die Krankheit schneller zum Ausbruch gekommen ist, als gewöhnlich. Wir hatten nun zwei Zimmer mit Todtkranken. Dasjenige, in welchem Natalie litt, verlangte noch mehr Behutsamkeit. Welche Leiden die Holdselige erduldet – die Erinnerung daran muß das Herz zerreißen. Aber wir hoffen, daß sie Nichts mehr davon empfunden. Die Anfälle der Raserei waren bei ihr so heftig, so schnell auf einander folgend, daß sie fast nicht mehr zu sich kam, und jene unglücklichen hellen Zwischenräume, die bei ähnlichen Kranken so fürchterlich sind, traten bei ihr gar nicht ein. – – Der zarte Körper unterlag sehr bald und wurde mit all' den traurigen Vorsichtsmaßregeln begraben, welche die Strenge der Gesetze in so betrübtem Falle nothwendig macht. Nach dem Begräbniß erklärte mir der junge Arzt, daß Hugo gerettet sei. Aber immer für seinen Verstand fürchtend, nahm der wohlhabende, menschenfreundliche Gelehrte den unglücklichen Wittwer mit sich nach Paris; – theils, um ihn immer unter seiner Aufsicht zu haben; – theils, um an seiner Hand die Verwickelungen der ganzen Begebenheit aufzulösen und so, indem er dem Uebel recht eigentlich entgegen ging und dem Grauen in's Gesicht schaute, ihn ganz zu heilen. Spätere Briefe haben mir gemeldet, daß sie Nichts von Mortier erfuhren, daß Hugo still und hoffnungslos vegetirte und nur in dankbarer Liebe für seinen Arzt und Freund lebte. Der letzte Brief war eben der, dessen ich am Eingange schon Erwähnung gethan, und in welchem mir der Arzt außer Hugo's Tode auch die Ausführung seiner längst projectirten Reise nach Amerika meldete, die er des Verstorbenen wegen immer noch aufgeschoben hatte. Wenn auch sein Plan, ein großes Irrenhaus zu gründen, wozu er sich durch seine Reise vorbereitet, Theil hatte an der Sorgfalt für Hugo (den er vielleicht nur als ein seltenes Exemplar, an dem er studiren wollte, mit sich herum führte), so verdient doch die liebevolle Menschenfreundlichkeit, dem Zerstörten bis zum letzten Augenblick erwiesen, volle dankbare Anerkennung. Auch der Traum jener Unglücklichen ist ausgeträumt, und wir, die wir minder schwer träumen, wünschen und gönnen ihnen von ganzer Seele ein seliges Erwachen. II. Der Handkuss Großhändler Enoch Unangenehme Erfahrungen bestimmen den Verfasser, hier ausdrücklich zu bemerken, was sich für den wohlwollenden Leser eigentlich von selbst versteht, und was auch für seine anderen Erzählungen gilt, daß die in dieser Geschichte genannten Namen willkürlich erfundene und ohne irgend einen Zusammenhang mit der wirklichen Begebenheit sind. Der Erzähler, der sich gezwungen sieht, seinen Menschen Namen zu geben, weil ohne solche Bezeichnung es unmöglich werden würde, deutlich und verständlich zu bleiben, verstößt oft wider Willen bei Familien, welche darin eine Absicht erblicken, die ihm fern lag. Ich protestire gegen jede ähnliche Deutung. Ist man doch kaum im Stande, Namen zu ersinnen, denen man nicht hier oder dort später im gewöhnlichen Leben begegnete. Und das läßt sich nun einmal bei größter Vorsicht durchaus nicht vermeiden. gab einen glänzenden Ball, den letzten vor Eintritt der Fastenzeit. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde noch getanzt , das heißt: man legte noch Werth auf anmuthige Haltung, edle Geberden, sittsames Benehmen und suchte die Freude an dieser geselligen Belustigung vielleicht mehr in einem eitlen zur Schau tragen seines für dergleichen Uebungen ausgebildeten Geschickes, als in der Bewegung selbst, welche allerdings auf graziöse, streng zu beobachtende, abgemessene Formen beschränkt blieb. Jedenfalls gewährte der Anblick solches Tanzfestes zu jener Zeit, und auch noch im ersten Zehntheil unseres neunzehnten Säkulums, ungleich größere Befriedigung als die heutzutage eingerissene wildstürmende, jedem guten Geschmacke, nicht selten jeder Wohlanständigkeit entfremdete Raserei, die aus einem Ballsaale den Schauplatz rücksichtslosen Taumels macht, und die unsere Vorfahren, könnten sie aus ihren Grüften steigen und Zuschauer werden, entsetzen müßte. Sie hätten nie für möglich erachtet, daß »gebildete« junge Herren einst wagen würden, in Stiefeln umherzustampfen, welche mit hohen Absätzen den parkettirten Boden dröhnen machen und sichtbare Spuren der Gewalt hinterlassen. Und ehe ein wohlerzogenes Mädchen den jetzt üblichen Wendungen, Berührungen, Umschlingungen überantwortet worden wäre, hätten es die Eltern hinter Schloß und Riegel verwahrt. Aber damals wie jetzt war der Tanz Erwecker, Beförderer, Vermittler zärtlicher Neigungen, und mancher Jüngling, manche von strenger Aufsicht umgebene erblühende Jungfrau, manche leichtsinnige, eroberungssüchtige Schöne sehnten sich nach dem Abend, wo mitten im Gewühle der großen Welt ein Blick, ein Wink, ein verstohlenes Zeichen sagen durften, was der Mund nicht zu sprechen wagte. In diesem Punkte ähneln sich alle Zeiten, alle Jahrhunderte, mögen Trachten, Bräuche, Sitten und Unsitten sich noch so unähnlich sein. Auch der Ball beim Großhändler Enoch machte keine Ausnahme in öffentlichen und heimliche Liebesangelegenheiten, von denen letztere, wie sorgsam deren Träger und Pfleger sich immer verstecken, bisweilen öffentlicher behandelt, umständlicher besprochen und durchgehechelt werden, als die offen zur Schau getragenen. So wußte Alt und Jung in der großen, wunderlich gemischten Gesellschaft, welche durch Herrn Enoch's Prachtgemächer wogte, daß die Tochter des Hauses, umgeben von Anbetern jeden Alters und Ranges, wie alle reichen und schönen Erbinnen, aus sämmtlichen nicht viel zu machen und deren nur zwei auszuzeichnen schien, zwischen denen ihre Wahl vielleicht noch schwankte. Der Eine gehörte zu den beim kaiserlichen Reichshofrath angestellten »ordentlichen Agenten«, was so viel sagen will als Anwalt, beeidigter Rechtsfreund bei diesem höchstpreislichen Körper und bei der Reichskanzlei. Er war ein junger, überaus hübscher, fast gar zu zierlicher Mann, welcher die für eine künftige Gattin dreifach wohlklingenden Namen Constantin Ritter von Liebfromm trug. – Der Andere, ein ebenfalls junger Hauptmann vom und von Genie, Isidor Baron Armoni, einziger Sohn des höchst einflußreichen, bei der Regierung wohl accreditirten, allgemein verehrten Reichshofrathes, – den wir, da hier der seltene Fall eintritt, daß die Beisitzer des hohen Collegiums ganz den nämlichen Titel führen, der dem Collegio selbst zugelegt wird, um Verwechslungen und Undeutlichkeiten zu vermeiden, uns erlauben wollen, bisweilen kurzweg »Hofrath« zu nennen. Obgleich nun Ritter Liebfromm vom Vater, der ihn protegirt und für sein Amt examinirt hatte, fortdauernd begünstigt wurde, hielt sich der Sohn ziemlich fern von ihm. Ja, der Hauptmann und der Reichhofraths-Anwalt galten für entschiedene Feinde, was Jedermann auf ihre Nebenbuhlerschaft um Leonorens Gunst schob, und was der weltmännische, gewiegte, friedliebende Hofrath durchaus nicht schwer nahm. Mag mein Isidor, ließ er verlauten, nur zusehen, wie er mit dem lieben Mädchen sich stellt. Mir wird sie eine höchst willkommene Schwiegertochter sein, aber ich werde wahrlich die Verdienste meines fleißigen, unterrichteten, bescheidenen Liebfromm nicht weniger schätzen oder ihn gar anfeinden, wenn es ihm gelingen sollte, dem Hauptmann den Rang abzulaufen. Das sind keine Amtssachen; das muß solch' junges Völkchen unter sich abmachen. So ließ Baron Armoni der Vater gern verlauten. Ob er es genau so meint? Ob er nicht, von Isidor's Vorzügen durchdrungen, ganz verschieden dachte? – Das wollen wir für jetzt nicht untersuchen. Wer aber wirklich so verständig und human dachte, das war Vater Enoch, dem ein schwerer Stein vom Herzen fiel, da er den Hofrath sich zum ersten Male in diesem Sinne expectoriren hörte. Denn es wäre dem in mancherlei Spekulationen mehr oder weniger von Armoni's vermittelnder Gefälligkeit abhängigen Großhändler höchst peinlich gewesen, mit seinen Rücksichten für solch' wichtigen Gönner und mit seinen Ansichten von den persönlichen Vorrechten einer heißgeliebten Tochter in Konflikte zu gerathen. Lange hatte ihn der Gedanke gequält, der Baron könne über kurz oder lang Leonorens Hand für Isidor fordern – und Leonore könne ihr Jawort verweigern. Diese Furcht verschwand vor des Gönners liberalen Aeußerungen, – zum Theil auch späterhin wohl vor allerlei Gegengefälligkeiten, die der Großhändler, der Geldmann, dem von der Gelehrtenbank auf die Herrenbank des Reichshofrathes promovirten, nur mit 4000 Gulden W. W. besoldeten Staatsmanne durch baare Darlehen gern erwies. Genug, beide Väter wiederholten zweistimmig: »das muß solch' junges Völkchen unter sich abmachen.« Durften nun Isidor und Constantin für die nächsten und bevorzugten Bewerber um Leonore gelten, so fiel doch den Beobachtern ihres beiderseitigen Verfahrens die große Verschiedenheit auf, womit sie zu Werke gingen. Der Eine, dem sein Stand nur eine Feder als Waffe verliehen, drängte sich voll Selbstvertrauen vor, zeigte sich seiner Sache fast gewiß, sah über die Achsel jedweden an, der etwa der stolzen Dame sich zu nähern versuchte, lag jedoch vor ihr selbst tief-huldigend im Staube, schmeichelte ihren Launen, machte sich zum unterwürfigsten Sklaven. – Der Andere, an dessen Hüfte ein Säbel klirrte, hielt sich in ehrerbietiger Ferne, zog sich neben andern Bewunderern fast schüchtern zurück, bewahrte jedoch bei dem bisweilen hochfahrenden Wesen der Geliebten seine männliche Würde; gab ihren Ansprüchen, wofern dieselben ihm launenhaft oder unpassend dünkten, durchaus nicht nach und ertrug standhaft, daß sie wochenlang mit ihm schmollte, wie das verzogenen Kindern wohl eigen ist. Es konnte folglich kaum ausbleiben, daß nach und nach in der Meinung des sogenannten Publikums, – welches allerdings wieder in eine unübersehbare Menge kleiner Unterabtheilungen zerfällt, mit ebenso vielen Schattirungen jener fälschlich benamseten »öffentlichen Meinung,« – daß in dieser nach und nach Constantin als der Begünstigte, Isidor als der Verschmähte bezeichnet ward. Die Welt urtheilt ja immer nach dem Scheine, und wie möchte sie anders! Ihr sind ihre Irrthümer nicht übel zu nehmen. Daß aber die beiden Personen, denen dieser Irrthum galt, ihn theilen, ihm in düstern Stunden wenigstens Gewalt einräumen mochten; daß Isidor sich häufig sagte: nein, Leonore fühlt Nichts für mich, sonst könnte sie nicht verlangen, ich solle mich so tief herabsetzen, mit einem Herrn von Liebfromm zu rivalisiren! – daß Leonore sich häufig sagte: nein, Isidor liebt mich nicht, sonst könnte er nicht so schroff, so unnachgiebig bleiben! – daß dieser Irrthum möglich wurde, beweiset eigentlich nur, wie tief Beiden die Liebe innewohnte, wie ernsthaft ihre gegenseitigen Anforderungen gemeint waren. Nur deshalb vermochten sie sich zu täuschen, einander zu verkennen. Konstantin dagegen täuschte sich gar nicht; der sah wohl, daß er für's Erste nur als Strohmann gebraucht worden, welchen Leonore vorschob, um hinter ihm wie hinter einem Schilde zu grollen. Doch diese Einsicht hielt ihn niemals ab, sich vorschieben zu lassen, sich stets bereit zu finden, wo und wie er gebraucht wurde. Bei solchen Gelegenheiten, meinte er, komm' ich ihr doch jedesmal näher, und ehe sie sich's versieht, wird sie entdecken, daß der vermeintliche Strohmann auch Fleisch und Blut besitzt. Dann wird es, ihn abzuschütteln, nicht mehr an der Zeit, und der stolze Nebenbuhler wird – wer weiß wo – sein! Er selbst ist noch nicht recht im Klaren, was er will und soll. Das macht ihn unsicher. Ich bin darüber klar, daß ich Leonorens Gatte, daß ich Enoch's Schwiegersohn, daß ich sein Erbe werden will. Ich werd' es durchsetzen, und müßt' ich. – – Wir sind nicht berechtiget, des falschen Menschen verborgenste Gedanken zu verrathen; wir haben abzuwarten, bis sie in Thaten übergehen. Der Abend, mit welchem unsere Erzählung beginnt, schien ausersehen, das Verhältniß Isidor's zu Leonoren auf's Höchste zu spannen und es entweder zum Biegen oder zum Brechen zu bringen. Niemals noch hatte sich die bewunderte Tochter des Hauses anspruchsvoller und herausfordernder, niemals hatte sich Hauptmann Armoni zurückhaltender, man könnte sagen, unbeugsamer gezeigt; niemals noch hatte sich Herr von Liebfromm jedem Winke gehorsamer, jedem gnädigen Lächeln dankbarer, von bescheidensten Hoffnungen mehr beseligt erwiesen. Während er sich um Leonore drehte, wie ein Planet um seine Sonne, stand der Andere zur Seite, nur selten einen Blick hinüber schießend auf das ungleiche, dennoch so vertraulich verkehrende Paar. Hätte Isidor nicht schon einige Tage früher den dritten Walzer dieses Balles für sich erbeten gehabt, er würde wahrscheinlich, gar nicht tanzend, in seinem Schmollwinkel verblieben sein; denn Leonorens – wo nicht Eifersucht, doch verletzte Eitelkeit dadurch zu erregen, daß er sich Tänzerinnen zuwendete, die ihm von Herzen gleichgültig waren, und für diese ein verstelltes Interesse zur Schau zu tragen, – ein solches Hilfsmittel – dessen Wirksamkeit praktische Kenner des weiblichen Herzens wohl zu rühmen wissen – hielt er seiner edleren Gefühle für unwerth. Wie nun die Reihe der Tanzordnung den dritten Walzer brachte, begab er sich festen Schrittes in Leonorens Nähe und mahnte sie mit gemessener Verbeugung an ihr Versprechen. Die wenigen Worte klangen so männlich und wohltönend zwischen Liebfromm's weichliches Geschwätz, daß alle Umstehenden dieser angenehmen Stimme lauschten, ob sie noch weiter sprechen würde. Aber das geschah nicht. Schweigend führte der Liebende seine Tänzerin zum langsamen Walzer, den wir seit zwei Generationen fast vergessen haben. Es war ein feierlicher Tanz, gewissermaßen das Symbol reiflich bedachter, auf gegenseitige Hochachtung gegründeter Verbindung, wenn die vorangegangene Menuet für eine Allegorie des sich Aufsuchens, Ausweichens, sich wieder Annäherns gelten durfte. Doch gaben beide in ihrer pedantischen Würde vielfältige Gelegenheit, sich als Tänzer auszuzeichnen oder die Reize weiblicher Anmuth zu entfalten. Graziöser, angemessener für sittsame Mädchen, minder nachtheilig für die Gesundheit waren sie jedenfalls, als das jetzige Wett-Wirbel-Drehen auf der Rennbahn der Lungenschwindsuchten. Leonore mochte erwarten, daß Isidor sie durch irgend einen Vorwurf, einen Tadel ihres koketten Benehmens, ihrer eitlen Prätensionen veranlassen werde, in ein herzliches, leise geflüstertes Wort zusammenzufassen, was all' seine Rügen in Nichts auflösen und ihm neue Zuversicht geben sollte. Doch er war zu tief verstimmt, um solches Wort zu provociren, und sie hätte es ohne Anregung von seiner Seite nicht ausgesprochen, wäre ihr Leben davon abhängig gewesen. So drehten sie sich schweigend um und miteinander herum, ernsten Angesichtes, wie wenn es eine ihnen auferlegte schwere Buße gälte, die es denn genau betrachtet auch wirklich sein mochte. Zwei Liebende, die sich berechtigt glauben, einander zu zürnen, an einander zu zweifeln, und doch genöthigt sind, vor hundert aufmerksamen Zeugen sich zu umschlingen, Aug' in Auge, Wang' an Wange auszuhalten – sind sie nicht fast ebenso schlimm daran, wie ein paar Galeerensklaven, die sich hassen, und die ein grausames Geschick an eine Kette schmiedete? Schlimmer noch! Denn diese dürfen sich Luft machen, während jene der Konvenienz huldigen und sich verstellen müssen. Nur daß die Fessel, welche der Walzer schlang, früher abgestreift wird. Isidor geleitete Leonore bis an die Niederlassung im angrenzenden Saale, wo er sie aus einem Kreise sogenannter Freundinnen vor zehn Minuten abgeholt, und bewegte schon seine Lippen, sie leise anzureden. Da sah er den unvermeidlichen Ritter von Liebfromm neben ihrem leergebliebenen Stuhle stehen, auf sie harrend – und verstummte. Sie reichte ihm – ein eclatanteres Zeichen von Begünstigung meinte ihr hochmüthiges Selbstgefühl nicht darbieten zu können – die Hand zum Kusse hin. Wenigstens müssen wir die Bewegung ihres wunderbar edel geformten Armes so deuten, denn die burschikosen Handschüttler oder Schüttelhände britischen Ursprungs waren dazumal bei deutschen Jungfrauen noch nicht gang und gebe. Isidor jedoch faßte diese Deutung nicht auf. Er zog sich nach pflichtschuldiger Verbeugung gerade emporgerichtet zurück, wie wenn er keine Ahnung davon hätte, daß heiße Lippen sich auf weißen Händen gut ausnehmen. Leonore hatte nämlich, was wohl besondere Erwähnung verdient, auf dem Gange aus dem Tanz- in den Abkühlungssaal eine ihrer Hände – und ob diese weiß waren! – von der duftig geschmeidigen feinen Lederhülle befreit. Aber wäre diese Hand ein gebratenes Täubchen und der Hauptmann ein rechtgläubiger Russe in strenger Fastenzeit gewesen, dieser würde sich vielleicht eher entschossen haben, seinen Mund damit in Berührung zu bringen, als jener. Die Umstehenden blickten voll Verwunderung auf die befremdende Scene. Leonore blieb nur einen Moment unschlüssig. Mit erstaunlicher Geschicklichkeit wußte sie Arm und Hand so zu wenden, daß letztere nicht mehr dem trotzigen Officier, sondern dem schon lauernden Reichshofraths-Agenten dargeboten schien. Wie die Tigerkatze auf eine zarte Beute warf Herr von Liebfromm sich auf die Hand. Man konnte den Kuß hören, den er darauf preßte. – Als wenige Minuten nachher neue Gruppen sich da und dort bildeten, zischelte man sich zu: Kein Zweifel mehr, Liebfromm erobert das güldene Vließ; der Hauptmann läßt zum Rückzug blasen. Unterdessen manövrirte der junge, unbeugsame Stratege keineswegs gleich Einem, der seine Retirade decken und sich, wie es in Gesellschaften heißt, drücken will, sondern er zeigte die entschiedenste Absicht, den Feind zu umgehen, ihn fest zu halten, ihn zum Treffen zu zwingen, – was für einen Anführer ohne Truppen viel Schwieriges hat, besonders wenn der Feind auszuweichen bestrebt ist. Constantin empfand nicht die geringste Lust, dem Officiere Rede zu stehen, dessen unheilverkündende Gesichtsblässe ihn durch alle Räume des großen Enoch'schen Festes scheuchte und verfolgte, wie ein drohendes Himmelszeichen. Es wurde eine förmliche Jagd; kaum entschlüpft, fand Herr von Liebfromm sich schon wieder den Weg verrannt. Endlich war er in einem Winkel »gestellt;« ausweichen ließ sich nicht mehr; es blieb nur noch übrig, allen Muth vorzuweisen, der etwa in ihm verborgen lag. Denn ganz muthlos ist kein Mensch, auch der Feigste nicht. Zorn, Eitelkeit, Schmerz, Neid, Verzweiflung, – bisweilen die Furcht selbst, – wecken das schlummernde versteckte Feuer und können wohl gar Helden erzeugen, die nach vollbrachten Thaten über sich selbst erstaunen. Constantin raffte sich zusammen und fragte keck: Was beliebt, Baron? – Einen unwürdigen Ritter zu züchtigen, beliebt mir, einem Ritter, der zu schlecht für einen Troßbuben wäre, seine Nasenweisheit zu vertreiben, indem ich ihm die Nase aus der unangenehm lächelnden Visage heraushaue. Ich lasse Ihnen die Wahl, ob Sie sich morgen mit mir schlagen wollen, oder ob ich – Isidor wurde verhindert weiter zu drohen, Leonore stand zwischen ihnen. Ich habe gesehen, was vorging; ich bin Ihnen gefolgt, unter jeder Bedingung ein Duell zu verhindern, als dessen Ursache ich genannt werden würde. Sie Beide müssen einsehen, daß ich so Etwas nicht dulden kann. Sie Beide müssen, wollen Sie mich nicht unversöhnlich beleidigen, mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie sich nicht schlagen werden. – Ihnen darf ich nicht ungehorsam sein, rief Constantin; so schwer es mir fällt, ich gebe das verlangte Ehrenwort. – Schön! sagte der Hauptmann, wobei er Liebfromm's Nase so scharf betrachtete, daß dieser unwillkürlich darnach griff. Leonore gab ihm einen Wink, er möge sie mit Isidor allein lassen, und er gehorchte gern. Abermals empfand die Jungfrau eine Neigung, ihrem Herzen nachzugeben; abermals fühlte sie sich durch des Geliebten kalten Ernst abgeschreckt, und sein Stolz erregte den ihrigen aufs Neue. Baron, hob sie an, ich bin es müde, für ein Spielwerk Ihrer Launen, meinen Freundinnen für einen Gegenstand des Spottes zu gelten. So unschicklich es auch gefunden werden mag, daß ich mit Ihnen in dieser Ecke ein Zwiegespräch pflege, – ich ziehe das den Kränkungen vor, welche unser halbes, unklares Verhältniß mir fortdauernd bereitet. Sie benehmen sich, als wenn Sie irgend ein Recht auf mich zu haben wähnten, und thun doch stets das Gegentheil von Allem, was ein solches Recht Ihnen erwerben oder – bewahren könnte. Sie behandeln mich achtungslos, Sie –. – Sie beleidigen mich, meine Dame! Ein Mann von Ehre und Bildung kann und wird Ihnen die Achtung nie versagen, die Ihnen gebührt. Ich fordere Sie heraus, mir den kleinsten Umstand zu bezeichnen, wodurch ich die Pflichten der guten Sitte verletzt haben könnte, die ich dem weiblichen Geschlechte überhaupt, die ich Ihnen insbesondere schuldig bin. – Sie fordern mich heraus? Nun ja, Sie sind einmal im Zuge. Ich stehe Rede. Wenn eine Dame, – nein, sagen wir: ein junges Mädchen, dem Sie unlängst noch lebhaft huldigten, Ihnen nach beendetem Tanze die Hand darbietet, und Sie es nicht der Mühe werth finden, Ihren Nacken ein wenig zu beugen und die dargebotene Hand zu küssen, – nennen Sie das einen Beweis von Achtung? – In meinem Sinne, ja! – Aber wissen Sie, das Ihr »in meinem Sinne« an Wahnsinn grenzt? Eine solche Kränkung vor Zeugen – Eben weil die junge Dame vor Zeugen mir zumuthete, diesen banalen Akt bedeutungsloser Allerweltsartigkeit auszuüben, hielt ich es der Achtung, die ich für mich und für Sie hege, entsprechend, ihn zu verweigern. Das hier zu Lande beliebte, gebräuchliche Handküssen widert mich an. In kindlicher Ehrfurcht würd' ich die Hand meiner Mutter küssen, wenn ich so glücklich wäre, noch eine Mutter zu haben; in zärtlicher Unterwürfigkeit würd' ich die Hand der Geliebten küssen, wollte diese sie mir – ohne Zeugen – überlassen. Im Uebrigen kann ich nicht dienen. Ich gehöre nicht zu jener Schaar auf zwei Beinen hüpfender, zierlich geputzter, stutzerhafter Schooßhunde, die überall zu lecken und zu schlecken bereit sich einschmeicheln wollen. Es ekelt mich an, ihr ewiges Küss' die Hand zu vernehmen, wo der verständige Mann Guten Tag! Leben Sie wohl! – oder Ich danke! sagt. Die Hand, die, mir allein zum Kusse dargeboten, sich jeder Berührung anderer Lippen entzöge, die unentweihte Hand, welche einen Unterschied zu machen wüßte zwischen dem Munde, der jegliches Wort wiegt, und den Sprechwerkzeugen süßlicher, nichtssagender Schwätzer – ich wähnte einst sie gefunden zu haben! – Ich täuschte mich. Es ist eben auch eine gewöhnliche Hand! – Sie wird nie mehr die Ihrige berühren, Herr Baron, dessen seien Sie sicher. Auch im Tanze nicht. Ich bitte Sie, meines Vaters Haus zu meiden. Wir haben uns nie gekannt. – Sie verließ ihn. Er fühlte, daß er zu weit gegangen; er ahnte, daß er ihr Unrecht gethan. Er wollte sie noch einholen, wieder einlenken – zu spät! Constantin empfing sie und führte sie zum Tanze. – So ist es denn aus! sprach Isidor und entfernte sich aus der Gesellschaft. Als er die Treppen hinabstieg, seufzte er: diese Stufen werd' ich nie mehr betreten. * Leonorens Mutter gehörte zu jenen vortrefflichen Frauen, die, aus stiller friedlicher Heimath an den Traualtar geführt und von dort plötzlich in das Geräusch der großen Welt geworfen, vollkommen bei Besinnung bleiben, sich selbst niemals untreu werden und die frommen heiligen Eindrücke ihrer Kinderzeit mitten im Strudel der Umgebungen fest halten. An ihres Mannes Wünsche, »ein großes Haus zu führen,« war sie freilich gebunden und konnte ihm nicht widersprechen, wenn er es nothwendig fand, die verschiedenartigen Persönlichkeiten, mit welchen oder durch welche er seine kolossalen Geldgeschäfte betrieb, gut zu bewirthen, ihnen, wie er es nannte, »zu essen zu geben, sie tanzen zu machen.« Traten solche Nothwendigkeiten ein, dann förderte sie mit allem Eifer einer umsichtigen und geschmackvollen Hausfrau die Anstalten dazu, und wie Küche und Keller berühmt waren, so mangelte auch gewiß niemals das Geringste an äußerlicher Ausstattung. Großhändler Enoch's Gastgebote durften mit allen übrigen der großen Stadt wetteifern, und Madame empfing bei solchen Gelegenheiten die Anerkennung der vornehmsten Leute in huldreich verbindlichen Danksagungen, die sie bescheiden hinnahm, ohne sich nur auf einen Augenblick aus ihrem Gleichgewichte bringen zu lassen. Mochte der Lärm im Hause noch so arg, mochte die Reihenfolge der »unvermeidlichen« Abfütterungen und »Assembléen« noch so rasch sein, – immer bewahrte sie den ungestörten Frieden ihres Zufluchtsortes, den sie sich am abgelegensten Ende des Flügelgebäudes nach dem kleinen Garten zu eingerichtet, welches ihr Gatte nur selten und außer ihrer Tochter sonst Niemand betreten durfte. Dort empfing sie keine Besuche; dort hielt sie sich den Zerstreuungen der Außenwelt unzugänglich; dort lebte sie nur sich, den Erinnerungen an ihre glückliche glanzlose Jugend, den Hoffnungen auf ihre Tochter, – wohl auch manchen Befürchtungen für deren Zukunft. Was an Leonoren Eitelkeit, Uebermuth, Vergnügungssucht. Hang zu Nichtigem genannt werden mußte, das hatte sie vom Vater, der Ostentation und Ueberhebung fast eben so liebte wie sein Geschäft. Was edel, klug, sittsam, rein und redlich in ihr war, das hatte sie von der Mutter. Leonore übersah den Vater, tändelte mit ihm, lockte ihm durch Liebkosungen die Befriedigung jeder kindischer Laune ab, – doch zollte sie ihm nur denjenigen Grad von Achtung, den ein gutes Kind seinem Vater auch dann nicht versagt, wenn es die Schwächen desselben durchschaut. Ihre Mutter liebte sie mit jenem Gemisch von heiliger Scheu und unterwürfiger Hingebung, welches Furcht genannt werden könnte, lösete nicht unbedingtes Vertrauen seine Bande. Der Mutter öffnete sie willig ihr Herz, und mochte sie nun schon manche Thorheit zu gestehen haben, die ihr ernsten Tadel zuzog, immer wieder gewann sie zärtliche Verzeihung, tröstlichen Rath, mütterliche Theilnahme durch ihre Offenheit. Am Morgen nach dem vorerwähnten Balle gab es denn viel zu berichten und zu erwägen. Zum ersten Male jedoch zeigte Leonore sich unbeugsam gegen Belehrungen und Ermahnungen der Mutter, wies die Anspielungen auf eine doch mögliche Versöhnung mit Isidor trotzig zurück, vermaß sich hoch und theuer, daß sie sich nimmermehr mit einem so hochmüthigen, unnachgiebigen Menschen, der sie unwürdig behandelt habe, versöhnen könne und wolle; daß jede Spur tieferer Empfindung, die sie sonst wohl für ihn gehegt, die sie der Mutter auch nicht verschwiegen habe, völlig vertilgt sei; daß sie ihn hassen würde, wenn ein so herzloser Egoist überhaupt noch verdiene, gehaßt zu werden, und sich nicht mit Gleichgiltigkeit auch abfinden lasse. Dies Alles um eines versäumten Handkusses willen, sagte kopfschüttelnd Madame Enoch; ei, mein gutes Kind, wer macht sein Lebensglück und Geschick vernünftiger Weise von solcher Kleinigkeit abhängig? – Der versäumte Handkuß, Mutter, wäre vielleicht eine Kleinigkeit. Der konsequent verweigerte, der mit Hohn und kränkenden Worten zurückgewiesene, auch dann zurückgewiesen, nachdem ich schwach genug war, ihn zu verlangen – der ist eine absichtliche Beleidigung, er ist die Losung des Bruches zwischen mir und ihm. Und ich danke Gott dafür. Ich sehe jetzt erst ein, daß dieser herzlose Mann mich nie geliebt, daß nur Eigennutz und Habsucht ihn geleitet haben kann. Liebfromm bestätiget, wie derangirt sein Vater ist. Wahrscheinlich sollte meines Vaters Reichthum manchen Ausfall decken, und ich wäre dann im besten Falle eine annehmbare Zugabe. Nein, er hat mich nicht geliebt – und ich ihn auch nicht. Ich täuschte mich, war verblendet von eitlen Gedanken, den Sonderling zu reizen, der bisher für unempfindlich galt, war kindisch genug, mich eines eingebildeten Sieges über viele Mädchen unserer Bekanntschaft zu freuen. Ich habe ihn nicht geliebt, ich liebe ihn nicht, wir sind entschieden getrennt! Wenn es so steht, mein Kind, kann ich Dir nur Glück wünschen zu Deinem klaren Blick, zu diesem festen Entschluß. – Sollte aber in einer Falte Deines Herzens wider Vermuthen noch Etwas versteckt geblieben sein, was unerwartet Dich einmal an frühere Empfindungen mahnte, – dann vergiß nicht, daß ich von Anbeginn dieser Bekanntschaft Isidor's warme Lobrednerin war, daß ich mir keinen besseren Schwiegersohn gewünscht hätte, daß ich auch heute nicht geringer von ihm denke, all' seinen Diatriben gegen das Handküssen zum Trotze! Was er Dir darüber geäußert, was Du mir wiederholt und bei Deiner gegenwärtigen Stimmung doch gewiß nicht embellirt hast, klingt gar nicht so übel und hat, wie Alles, was er spricht, Bedeutung. Vielleicht denkst Du nach einigen Wochen ruhiger über den gestrigen Abend. Vielleicht – – Niemals, liebe Mutter, niemals! rief Leonore mit leidenschaftlicher Lebhaftigkeit aus; und wenn Du mir nicht wehe thun willst, so berühre diese Saite nicht mehr, nenne seinen Namen nicht, gestatte mir desgleichen zu thun! Und ohne abzuwarten, was die Mutter etwa noch zu sagen hätte, entschlüpfte sie. Nicht an demselben Morgen, wohl aber im Laufe der nächsten Tage, begab sich ein Auftritt im Arbeitszimmer des Kaiserlichen Hof-, eigentlich Reichsrathes Baron Armoni, der viel Aehnlichkeit hatte mit dem so eben Geschilderten. Isidor stellte sich ein, seinem Vater Bericht abzustatten über eine Privat-Audienz, welche der Monarch ihm gegönnt, und zugleich des väterlichen Freundes Beirath und Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Sie wissen, theurer Vater, daß unser edler Herrscher kränkelt, daß seine sonst so kühne Zuversicht schwankend wird, daß er oft den Mißmuth nicht unterdrücken kann, den manche fehlgeschlagene Hoffnung, manch' übelwollendes Verkennen seiner besten, großartigsten, freilich oft zu übereilten Reformen in ihm erzeugt. Der aufrichtigste Freund der Menschen hat sich gerade durch das, was er für sie thun wollte, unzählige Feinde gemacht, die im Dunkeln wühlen. Er weiß das, und aus Mißmuth ist nach und nach Mißtrauen entstanden. Rasche, resolute Thatkraft ist in bedenkliches Prüfen umgeschlagen. Sein hoher Geist verfolgt zwar noch immer das herrlichste Ziel, aber leugnen läßt sich nicht, daß die sechs Jahre, die seit dem Tode seiner erhabenen Mutter verflossen sind, wie sie die gewaltigste Revolution, die jemals von einem Throne ausging, herbeiführten, auch den Staat in seinen Fugen erschüttert, und daß diese Erschütterungen auf den Körper des Mannes zurückgewirkt haben, der die Krone so herrlich trug. Was in seinem Busen milde Menschenliebe war und diese männliche Brust zum Altar der Freiheit und des Rechtes machte, das ist im Widerstreite verjährter Vorurtheile, im unvermeidlichen Kampfe des Ideales mit der Realität zur herben Strenge, mitunter zur Härte geworden, so daß man den erbitterten Gegner jeder Unterdrückung bisweilen einen Tyrannen nennen hört. Auch das ist ihm nicht unbekannt und bleibt nicht ohne Einfluß auf seine Entschließungen, die nicht mehr so entschieden eintreten, wie sonst. Diese kurze Andeutung glaubte ich voranschicken zu müssen, um einzuleiten, was ich Ihnen zu erzählen habe. Seit der noch kurz vor Maria Theresia's Tode angetretenen Reise nach Rußland, die eben nicht die geträumten Erfolge hatte, mögen jene Verbindungen und Pläne eine Zeit lang beseitigt worden sein. Neuerdings leben sie wieder auf. Es ist abermals von einer solchen weisen Fahrt zu politischen Weltzwecken die Rede, doch auch hier zeigt sich statt energischen Entschlusses unsicheres Schwanken. Vielleicht vertraut man denjenigen nicht unbedingt, welche an Ort und Stelle über diese wichtige Sache verhandeln sollen. Vielleicht wünscht man, daß ein zuverlässiger, dennoch unbekannter und im diplomatischen Verkehre völlig unbedeutender Mensch sich persönlich dort umthue und Nachrichten heimbringe, die, aus eigener Anschauung hervorgegangen, in ihrer naiven Unbefangenheit mehr sagen, als bogenlange amtliche Relationen. Kurz und gut – es ist mir ein nicht direkter Befehl, ein nicht ausgesprochener Auftrag, wohl aber ein verständlicher Vorschlag zu Theil geworden, mir den Hof der »nordischen Semiramis« ein Bischen anzusehen. Von einer Sendung darf natürlich die Rede nicht sein. Ich muß aus eigenem Antriebe die Lust, die unbezähmbare Leidenschaft kund geben, ein mir fremdes Stück Erdboden kennen zu lernen, muß umständlich und normalmäßig um einen Reiseurlaub einkommen und folglich auch die Kosten tragen, wie Einer, der seine Lust zu büßen hat. Und da Ihr Sohn, auf den eine so ehrenvolle Wahl aus Hunderten heraus doch lediglich um seines hochgeachteten und beim Monarchen beliebten Vaters willen gefallen ist, Ihnen keine Schande machen, sondern nur splendid reisen darf, so entsteht die Frage, ob Ihre Kasse kein veto einlegt? Die Erwiederung aus diese Mittheilung erfolgte nicht sogleich. Es hatte fast den Anschein, als wäre der Angeredete, der dem Eingange gespannte Aufmerksamkeit, dem Verfolge freudige Ueberraschung widmete, durch die den Schluß so plötzlich bildende Frage unangenehm erschreckt worden. Doch er wußte sich gleich zu fassen und gewann die ihm eigenthümliche phlegmatische Wohlhäbigkeit wieder, ehe noch Isidor das Geringste bemerken konnte. War dieser ja doch so fest von des Vaters geregelten Vermögensumständen, wie von dessen stets bereitwilliger Freigebigkeit überzeugt, daß er jene Schlußfrage blos gestellt, um der Form zu genügen. Auch ging Baron Armoni für's Erste gar nicht darauf ein, sondern entgegnete: Es sollte mich wundern, mein Sohn, wenn sich nicht ein veto gegen diese etwas abenteuerliche Reise aus dir selbst erhöbe. Wie verträgt sich eine mehrmonatliche Trennung von hier mit Deinen Herzensangelegenheiten? Ist es klug, sich zu entfernen, bevor man des Sieges über gefährliche Mitbewerber sicher sein darf? Ein altes Sprichwort behauptet: Aus den Augen, aus dem Sinn! Oder seid Ihr schon im Reinen? Ist die Reise nur ein Umweg zum Ziele, um vielleicht mit einem Orden decorirt vor die Braut zu treten! Wir sind völlig im Reinen, Vater. Ich habe Leonore aufgegeben, sie mich. Die Bewerber um ihre Hand haben für mich aufgehört, »Mitbewerber« zu sein, denn ich bin nicht mehr ihres Gleichen. Ich räume willig das Feld, und damit kein Zweifel obwalte über meinen unwiderruflichen Entschluß, ist es mir sehr willkommen, auf längere Zeit abwesend zu bleiben. Ich entgehe dadurch auch der Möglichkeit, einen Gewissen zu züchtigen, wozu ich mich, verweilte ich hier, doch vielleicht verleiten ließe. Lassen Sie mich ziehen! – Und wäre diese Ungeduld, diese Hast, andere Lüfte zu athmen, nicht etwa gar ein unwillkürliches Eingeständniß, daß Du doch nicht so ganz abgeschlossen mit Deinen Neigungen, Deinen Wünschen? Fliehest Du nicht etwa die Gefahr, die Befürchtung, der Anblick Leonorens werde mächtiger sein, als Dein Wille ihr zu entsagen? – Nehmen Sie doch jetzt auf einmal einen Antheil an dem Bruche zwischen mir und Mademoiselle Enoch, Vater, den Sie den ersten Regungen einer möglichen Verbindung nie gezeigt haben. Wie soll ich das deuten? Hat sich irgend Etwas, Leonorens Vater und Sie betreffend, zugetragen, was – ? Nicht das Geringste, unterbrach ihn der Reichsrath schnell, nicht das Geringste! Enoch weiß, daß es mir lieb gewesen wäre, seine Tochter meines Sohnes Gemahlin werden zu sehen, und ich weiß, daß er auch Nichts dagegen gehabt hätte. Doch das ist Eure Angelegenheit, – Ihr seid frei, das versteht sich von selbst. Sprechen wir nicht weiter davon. Du willst reisen; Du erwartest Ehre und Dank, wenn Dir gelingt, ein allerhöchstes Vertrauen zu rechtfertigen. Dagegen läßt sich Nichts einwenden. Triff Deine Anstalten. Reise! – Du brauchst Geld, viel Geld, das seh' ich ein; ich werde die meinigen treffen. Durch mich darf kein Aufenthalt verursacht werden. Wir haben unsere Vorbereitungen zu beschleunigen, damit kein Anderer sich dazwischen dränge. Nach solchen Gelegenheiten, sich brauchbar und nützlich zu erweisen, hascht Alles, was in der Nähe eines Hofes athmet. Nimm diese wahr! Isidor verließ seinen Vater, fest entschlossen, keine Stunde länger zu verweilen als nöthig, und ebenso fest überzeugt, es werde dem freigebigen Herrn sehr leicht fallen, ihn reichlich auszustatten, um so leichter, weil es am Ende doch der väterlichen Eitelkeit schmeichle, den einzigen Sohn bevorzugt zu sehen. Diese mir gegönnte ehrenvolle Auszeichnung, meinte er, wird den Papa trösten über den Fehlschlag seiner Absichten auf meine Verheirathung, so wie die Reise mit ihren Zerstreuungen mich – hoffentlich! – vergessen lehren wird, was jetzt leider noch unvergeßlich scheint! – So täuschte sich der Sohn über sich selbst und über seinen Vater. Denn dieser blieb, nachdem Isidor ihn verlassen, rath- und trostlos allein. Der Leichtsinn, welcher ihm, einem doch schon bejahrten und sonst ernsten Geschäftsmanne, bisher stets zur Seite gestanden, wo es auf strenge Prüfung seiner zerrütteten Finanzen ankam, deren traurigen Verfall er geschickt zu verbergen gewußt, – dieser Leichtsinn wollte heute zum ersten Male von ihm weichen. Sehr begreiflich! Bei all' seinen unzählig oft wiederholten Versicherungen: man müsse die jungen Leute sich selbst und ihren Gefühlen überlassen! war ihm doch nie der leiseste Zweifel ausgestiegen, daß sein Sohn eine der reichsten Erbinnen heimführen, und daß diese Verbindung ihm aus allen Verlegenheiten helfen werde. Isidor's Erklärung hatte die letzte Hoffnung geraubt. Er kannte des jungen Mannes festen Willen genugsam. Wankelmuth, unentschlossene Schwäche, Unterwerfung, Aufgeben beleidigten Stolzes – das waren Dinge, die nicht in des Hauptmanns Wörterbuche standen. Dem Vater blieben nur zwei Auswege: Jenem einzugestehen, daß die Mittel fehlten, und so das Reiseprojekt zu zerstören, – oder schnell und ohne Aufsehen die fehlenden Mittel herbeizuschaffen. Wie der seelensgute Rath immer grübelte und sich abquälte – ein einziger Name leuchtete Hilfe verheißend in die Nacht seines Kummers, und das war der Name des Freundes, an den er sich jetzt gerade nicht mehr wenden durfte, da es zwischen dessen Tochter und seinem Sohne zum entschiedenen Bruche gekommen. Drohten doch die bereits gegen Enoch eingegangenen Verbindlichkeiten ohnedies jetzt, nach unvermeidlicher Trennung der beiden Häuser, einen feindseligen Charakter anzunehmen. Denn wer konnte so genau berechnen, ob des Großhändlers bisher bewiesenes Zartgefühl nicht aus rücksichtsvoller Schonung für den Vater des wahrscheinlichen Eidams mehr als aus Respekt für den Beisitzer kaiserlichen Reichshofrathes hervorgegangen sei? Je tiefer Baron Armoni in die Verworrenheit seiner Lage blickte, desto trostloser kam sie ihm vor, desto dringender fühlte er sich aber auch angeregt, sie dem Sohne zu verbergen. Isidor mußte, ohne Ahnung von der Wahrheit, abreisen können, reichlich ausgestattet, fest überzeugt, dieser Aufwand koste den alten Herrn kein Opfer. Das verlangten Vaterliebe – und Vaterstolz! Um jeden Preis! Um jeden! wiederholte er, heftig im Zimmer auf- und abschreitend. Um jeden Preis! ist ein inhaltschwerer Ausruf, wenn er aus voller bedrängter Seele quillt. Er kann das Erhabenste bedeuten, kann die leuchtende Inschrift des Banners werden, welches hohen, ehrenhaften Thaten voranzieht. Er kann auch das Aushängeschild dunkler Pforten sein, in welche der Pfad zum Unglück, zur Schande, zum Verbrechen führt. Wer ihn ausstößt, weil er Geld herbeischaffen will, der denke bei Zeiten daran, die gefährliche Richtung zu vermeiden. War es Zufall, war es schlaue Berechnung, daß Ritter von Liebfromm sich eben jetzt beim Hofrath anmelden ließ? Jedenfalls wußte der listige Spürer von des Sohnes Rücktritt bei Leonoren, sowie von dessen Reiseplänen genug, um letzteren, die ihn ja von dem einzigen gefährlichen Nebenbuhler erlöseten, förderlich werden zu wollen. Wahrscheinlich besaß er auch Kenntniß von des Hofrathes vor der ganzen übrigen Welt so vorsichtig verhehlten Geldnöthen, was durch seinen vertraulichen Verkehr mit Vater Enoch erklärlich wird. Kurz, er schlich sich ein, gewandt, geschmeidig, glatt – und kalt, dem leidenschaftlich Erhitzten folglich auf jede Weise überlegen und befähiget, aus zufälligen Wahrnehmungen Vortheil für seine eigennützigen Absichten zu ziehen. Ein gewöhnlicher Intriguant hätte lauernd geschwiegen über den Hauptzweck des Besuches, hätte wenigstens eine geschäftliche Ursache vorangestellt und gewartet, bis geeignete Wendungen des Gespräches ihm den Uebergang erleichterten. Constantin verfuhr anders. Scheinbar treuherzig platzte er heraus, machte kein Geheimniß aus seiner Freude über Leonorens und Isidor's endlich deklarirte Trennung, die, setzte er hinzu, ihren völligen und unwiderruflichen Abschluß erhalte durch des Hauptmanns Vorsatz, eine große, langwierige Reise in entfernte, selten betretene Gegenden zu unternehmen. Ihnen, hochverehrter Herr Baron, sagte er, den ich betrachte wie einen zweiten Vater, darf ich jetzt eingestehen, was ich unterdrücken mußte, so lange eine imponirende Persönlichkeit, wie die Ihres Herrn Sohnes, mich im Schach hielt. Er hat gefunden, daß Demoiselle Enoch für ihn keine passende Partie sei! Der Unbesiegbare hat aus eigenem Antriebe sich zurückgezogen; – ich bekenne, daß ich nun anfange, einige Hoffnung für mich zu schöpfen. Wem dürft' ich das freudiger anvertrauen als Ihnen, meinem großmüthigen Gönner? Sie wissen ja am besten, wie es mit einem »ordentlichen Agenten bei hochpreislichem Reichshofrathe« bestellt ist! Unsere Amtsinstruktion enthält zwar nicht, gleich jener der beim Reichskammergericht beschäftigten Advokaten, ein ausdrückliches Verbot, uns von unsern Domestiken oder anderen Personen den Titul »Excellenz« geben zu lassen; solches Verbot ist aber auch bei uns sehr unnöthig, denn unsere Einnahmen sind nicht darnach angethan, dergleichen Ueberhebung zu provociren. Das Register der »Geschäfte und Pflichten der ordentlichen Agenten« führt in zwei Abtheilungen, jegliche aus sechszehn Paragraphen bestehend, in Summa deren zweiunddreißig auf, während die »Rechte und Einkünfte selbiger« mit vier Punkten abgefertiget werden. Dieser schlagende Kontrast soll, denke ich, Denjenigen entschuldigen, welcher unter den Töchtern des Landes Eine zu erringen sich bemüht, die Schönheit und Reichthum vereiniget. Ich spreche zu Ihnen wie, ich wiederhole es, zu meinem Vater. Sie können mir sehr nützlich werden durch gelegentliche Hinweisung auf die Möglichkeit, daß Ihre Fürsprache und des Monarchen Gnade mich bei eintretender Vakanz mit einem Plätzchen in der Gelehrtenbank des Reichshofrathes beglücke. Durch ein glücklich angebrachtes Fürwort, welches aus Ihrem Munde doppelt wirken muß, eben weil Sie der Vater Desjenigen sind, der fast schon für Leonorens Bräutigam galt, der sich jetzt aber angetrieben fühlt, die Grenzen Asiens zu überschreiten. Ihre bereits anerkannte Großmuth wird noch heller in's Licht treten, wenn Sie Ihre Protektion auch in dieser wichtigen Lebensrichtung mir gönnen, obgleich Ihr Herr Sohn mein Widersacher war und ist. Hätte Baron Armoni in Constantin und dessen ritterlichem Uebergewicht die Ursache von Isidor's gewaltsamen Entschlüssen suchen zu müssen geglaubt, er würde seine schon sprichwörtlich gewordene Bonhommie wohl bei Seite gesetzt und den Herrn Reichshofraths-Agenten trotz der vorangegangenen langgesponnenen Rede kurz abgefertiget haben. Weil er sich aber fest überzeugt hielt, daß sein Sohn keinem Nebenbuhler weiche, sondern nur von inneren Antrieben geleitet mit Leonoren breche; weil er ferner Liebfromm für geeignet hielt, ihm heimlicher Weise irgendwo Kredit zu verschaffen, so ging er auf dessen unterwürfige und versöhnliche Anerbietungen willig ein, versprach Fürworte und Protektionen nach allen Seiten und gab dabei zu verstehen, daß er für den Hauptmann ganz andere Heirathspläne hege, daß ihm die Auflösung dieses Verhältnisses deshalb willkommen sei; daß sie ihn nur in diesem Moment genire, wo Isidor Geld, viel Geld haben müsse, wo er selbst zufällig keinen baaren Vorrath besitze und den Papa Enoch, den er immer ein Bischen wie seinen Bankier behandelt habe, doch ohne Verletzung des Zartgefühls nicht in Anspruch nehmen dürfe. Deutlicher konnte der Mann in seiner Stellung nicht mit Liebfromm reden. Es war auch nicht nöthig, denn dieser verstand und begriff hinreichend, was bestätiget zu hören der Zweck seines Eindringens gewesen. Vielleicht, erwiederte der listige junge Mann, sei es ihm erlaubt, der momentanen Verlegenheit abzuhelfen, und wenn der gnädige Herr Reichshofrath ihn nicht zudringlich schelten wollten, so würde er versuchen – es käme nur darauf an, den Betrag der Summe zu wissen – ? – Armoni reichte dem Agenten die Hand: Sie würden mich recht verpflichten, Liebfromm. Wo möglich zweitausend Stück Dukaten, wenigstens eintausend. Ich gebe Wechsel oder, wenn es gewünscht wird, hypothekarische Sicherheit auf Isidor's – auf unsere Herrschaft. – Liebfromm verbeugte sich. Es ist keine Zeit zu verlieren, sprach er, der Herr Hauptmann hat Eile, und ich – Sie begreifen es, theurer Herr Baron, ich werde auch freier Athem holen, wenn er auf dem Wege nach Asien rollt. Somit empfehl' ich mich zu Gnaden! Er ging. An der Thüre kehrte er wieder um, wie wenn ihm zufällig in den Sinn käme, was ihn eigentlich hergeführt. Ich wollte mir die Freiheit nehmen, den Herrn Reichshofrath dienstergebenst zu erinnern an jene beiden Gnadensachen, deren Betreibung mir zwar anvertraut ist, für welche ich aber leider Nichts, oder weniger als Nichts thun kann, sintemalen sie entschieden kaiserliche Reservate sind, welche zwar, nothwendig vorausgehender Cognition halber, durch hochpreislichen Reichshofrath zu laufen, endgültige Entscheidung aber doch nur aus allerhöchster Willensmeinung zu erwarten haben. Beide wurden Ihrer Huld, Herr Baron, gehorsamst empfohlen, und Sie ließen sich herab zu versprechen – Höchst überrascht rief Armoni aus: Weiß Gott, daran hab' ich gar nicht mehr gedacht. Ja, ja, es sind dringende Bittgesuche an mich ergangen aus dem Reiche, und ich bekenne, sie nur rasch überflogen, dann unter andere Papiere vergraben und gar nicht mehr vorgenommen zu haben. Was sind es doch gleich für Fälle, bei denen mein bescheidener Einfluß im Reichshofrath vorarbeiten und im Kabinette nachhelfen sollte? Betraf es nicht die Legitimation eines unehelichen Sohnes, dem seine Mutter den Adel hinterlassen möchte, obwohl er fünf Jahre nach ihres Gemahls, des Grafen, Tode zur Welt gelangte? Ja, Herr Hofrath, das wäre der eine Fall. Der zweite gilt dem sehnlichsten Wunsche veniam aetatis für den neunzehnjährigen Erben eines großen Fideikommisses zu erlangen, weil sonst –. – Besinne mich schon, besinne mich! Leider beides bedenkliche, scabiöse Sachen! Ich zweifle, daß meine Bemühungen durchgreifen werden. – Auf den Herrn Hofrath haben ich und meine Parteien unsere Haupthoffnungen gesetzt. An Dankbarkeit würde es nicht mangeln, und an Mitteln, sich dankbar zu erweisen, fehlt es meinen Parteien auch nicht. Wenn der Herr Baron sich die Mühe nehmen wollten, jene beiden Bittschreiben noch einmal aufmerksam zu betrachten, so würden Hochdieselben sich überzeugen –. – Gut, gut! Eine Hand wäscht die andere. Betreiben Sie meine Sache hier am Platze, beschleunigen Sie das Resultat. Ich werde Alles aufbieten, Ihren Parteien förderlich zu sein – und auch Ihnen. Adieu, Liebfromm, Adieu! Vertrauen für Vertrauen – und Diskretion! Als Konstantin Ritter von Liebfromm im Freien war, lachte er höhnisch: Es thut mir leid, hochfahrender, aufgeblasener Vater eines übermüthigen, insolenten Sohnes, daß ich nicht die Ehre haben kann, deinen Geldmäkler zu machen! Bin eines hochpreislichen Reichshofraths Agent, nicht der deinige! Jetzt in aller Hast einen Spaziergang bei kühlem Märzwetter den Kanal entlang, damit wir ein mäßiges rheumatisches Erkältungsfieberchen erwischen, zu Bette kriechen müssen und eine solide Bescheinigung unserer Krankheit vom Arzte verlangen dürfen. Wer krank ist, kann keine Geschäfte betreiben und ist genügend entschuldiget. Unterdessen wird der Reisewüthige drängen – und wofern mich nicht Alles täuscht, werden gewisse Leute dann in ihrer Noth nach gewissen Beilagen greifen, die sie bis jetzt noch nicht in jenen Briefen entdeckt zu haben scheinen. Va bene! Va bene! Der Sohn muß mit dem Vater gedemüthigt werden, sonst bin ich nicht sicher vor ihm. Rußland ist zwar weit, doch es ist nicht aus der Welt; man kann plötzlich von dort zurückkehren. Wir wollen Sorge tragen, daß es für Herrn Isidor zu spät sei, mag er noch so früh wieder heimkommen! * Die Versicherung des Hofraths, daß er nähere Einsicht in jene ihm zugegangenen Briefe »aus dem Reiche« nicht nur nicht genommen, sondern dieselben, seitdem sie unter dicke Convolute von Akten gerathen waren, völlig vergessen habe, darf als keine Unwahrheit betrachtet werden Erst Liebfromm's Andeutung rief ihm diese Gegenstände wieder in's Gedächtniß, und des schlauen Agenten Hinweisungen auf »Dankbarkeit der Bittsteller« hatten seine Neugier erweckt, die begreiflicher Weise in seiner jetzigen Lage auf Alles gerichtet war, was unerwartete Zuschüsse darbieten mochte. Kaum befand er sich allein, so wühlte er aus verschiedenen Papierbergen die besprochenen Schriftstücke hervor und ging an deren Inhalt. Beide Briefe glichen sich auffallend in drei Punkten. Erstens zeigte ihre verständig abgefaßte Auseinandersetzung dessen, was die Absender zu erlangen wünschten, nicht nur eine gründliche Kenntniß der für und wider sie sprechenden Gesetze, Vorschriften und Herkömmlichkeiten, sondern eine ebenso genaue Bekanntschaft mit allen Zuständen und Persönlichkeiten des Reichshofraths. Zweitens war in beiden zwischen den Zeilen zu lesen, was nicht in den Zeilen geschrieben stand: daß man des einflußreichen Vermittlers Thätigkeit nicht umsonst in Anspruch nehme. – Drittens war jedem derselben eine auf ein großes Bankierhaus in Frankfurt am Main gestellte, von diesem bereits acceptirte und aus Baron Armoni girirte Anweisung von 1200 und resp. 1000 Stück Dukaten beigefügt, für, wie ausdrücklich bemerkt stand: »Vorauslagen, Douceurs, etwaige Taxen und unvorhergesehene Bedürfnisse.« Diese verhängnißvollen Blätter hatte der Hofrath bei erstmaliger, eiliger Ueberblickung der Episteln gar nicht mit aus den Couverten gezogen. Sie fielen ihm jetzt desto bedeutsamer in's Auge. Er verglich die darin prangenden Ziffern und Lettern mit den unbestimmten, vieldeutigen Ausdrücken: »Douceurs, unvorhergesehene Bedürfnisse,« murmelte dann: wie gut, daß Liebfromm für mich thätig sein wird, daß ich nicht der Verlockung nachgeben darf, welche aus diesen Blättern spricht! Hierauf schob er Anweisungen und Briefe in ihre Hüllen zurück und verschloß sie in jenem Schube seines Sekretärs, in welchem er alle Privatsachen aufzubewahren pflegte, fest entschlossen, beiden Parteien seine Mitwirkung, insofern selbige außer den bestimmt ausgesprochenen Funktionen eines Reichshofraths liege, zu versagen und ihnen nächster Tage mit dieser Erklärung ihre Anweisungen zurückzustellen. Dann ging er an seine Amtsgeschäfte. Mittlerweile gewannen Isidor's Reisevorbereitungen einen rapiden Fortgang. Seine Vorgesetzten ließen ihn, da er mit seinem Anliegen sich meldete, gar nicht zu Worte kommen; Jeder schien bereits unterrichtet zu sein, daß »der junge Mann wegen einer Herzensangelegenheit Zerstreuung außer Landes suche,« und schickte ihn gleich zu einer oberen Instanz, wo man ihn abermals schon erwartete. Der Corpschef sagte bloß: Alles in Ordnung; glückliche Reise; Sie können Ihre Jahresgage als Vorschuß erheben. – Das war nicht viel. Wahrscheinlich, meinte er, soll die Gratifikation erst von meinen Leistungen abhängig gemacht werden. Nun, was thut's! Hab' ich doch den Vater und brauche keine Schulden einzugehen, die ich verabscheue. Nur fort, nur fort aus dieser Stadt, daß ich nicht länger eine Luft athme – mit ihr ! Nach Verlauf einiger Tage konnte er demgemäß in seines Vaters Zimmer treten, mit Allem, was zur Abreise nothwendig ist, hinreichend ausgerüstet – nur nicht mit Geld. Er fand den Hofrath niedergeschlagen, verstört, kaum fähig, ihm Rede zu stehen. Als Veranlassung dieser nicht zu verbergenden Erschütterung wurde ihm ein im Collegio erlebter, heftiger Verdruß vorgespiegelt, doch in so zurückhaltender Weise, daß er für unpassend hielt, weiter zu forschen. Du brauchst Geld, sagte der alte Herr, indem er sich gewaltsam aufraffte; Du hast es zu fordern. Legte ich Dir doch, seitdem Du volljährig bist, noch keine Rechnung ab über die Verwaltung Deines mütterlichen Vermögens, gab Dir immer nur kleine Beträge. Du bist ja so sparsam! Sei mir nur nicht böse, lieber Sohn, daß ich Dich noch um einen Tag verzögere. Erstens glaubte ich wirklich nicht, daß Du so geschwind flott würdest, und dann hab' ich den Kopf so voll gehabt von Amtsärgernissen! – Morgen, morgen zuverläßig! Auf zweitausend Dukaten darfst Du rechnen. Mache Dich bereit, bestelle Pferde; morgen Nachmittag kannst Du reisen. Jetzt hab' ich nothwendig zu thun. Morgen, morgen; auf Wiedersehn! – Der Hauptmann hatte schon längst das Haus verlassen, da saß der Hofrath noch immer mit gesenktem Kopfe rathlos, schwerseufzend, unschlüssig an seinem Arbeitstische. Vor ihm lagen einige Blätter dünnen Papiers, die er, so lange der Sohn anwesend, mit andern Schriften bedeckt gehalten und jetzt wieder frei machte. Das eine war ein mit Bleistift gekritzeltes Billetchen, »Constantin Liebfromm« unterzeichnet, welches in unterwürfigsten Ausdrücken bejammerte, dem Glücke einer ihm huldreich übertragenen vertraulichen Hilfsleistung entsagen zu müssen, weil Schreiber laut angebogenem ärztlichem Zeugnisse für längere Dauer fest an's Bett gebunden sei. Das andere waren die bewußten Frankfurter Anweisungen. Daneben auf einem kleinen Aktentische waren allerlei ältere und neuere Fascikel aufgeschichtet, in denen der Hofrath ab und zu blätterte, wahrscheinlich ohne viel Tröstliches zu finden; denn er versank immer wieder in sein vorheriges Brüten und Sinnen. Ich mag die Sachen beleuchten, wie ich will, nirgends finde ich begründete Aussicht, weder die übereilte Majoritäts-Erklärung, noch jene unstatthafte Legitimation glücklich durchzufechten. Meine Ueberzeugung verpflichtet mich, streng genommen, den betreffenden Müttern zu erklären, daß ich und weshalb ich keine Möglichkeit günstigen Erfolges sehe. Ich handle also unrechtlich, wenn ich über Summen disponire, die nur diesem Zwecke gewidmet sind. Selbst wenn ich mich tief genug erniedrige, mich bestechen lassen zu wollen, darf ich es hier nicht, weil ich im voraus übersehe, daß es mir sogar an Scheingründen mangeln wird für die Parteien, die mich erkauften, sei es in öffentlicher Sitzung, sei es in Privat-Audienzen. Und dennoch bleibt kein anderer Ausweg. Isidor darf nicht ahnen, wie es mit meinem, mit seinem Vermögen steht! Er muß diese Reise unternehmen können. Es ist eine Gnade Gottes, der ihm solche unerwartete Gelegenheit darbietet, sich zu heben, zu fördern, in Gunst zu setzen. Nur das kann uns retten; nur aus seiner glänzenden Zukunft kann mir die Hilfe kommen. Er darf jetzt nicht zeigen, daß er ohne baares Geld, daß sein Vater nicht mehr im Stande ist, ihn auszurüsten; es würde ein falsches Licht auch auf ihn werfen. Er muß reisen, er muß bei Kasse sein – um jeden Preis! Mit den Ausstellerinnen der Anweisungen werde ich mich späterhin ausgleichen, werde ihnen schreiben – lassen, durch Liebfromm vielleicht, – daß ich im ersten Eifer, ihnen dienstwillig zu sein, das Geld erhoben, auf zweckdienliche Ausgaben zur captatio benevolentiae hier und dort verzettelt, späterhin erst entdeckt habe, wie wenig auf Erfolg zu rechnen sei; daß ich sie terminweise entschädigen, daß ich günstigere Umstände abwarten will. – Ja, ich werde sie nach und nach bezahlen, werde ihnen zurückerstatten, was ich jetzt gezwungen von der Noth des Augenblicks wie eine erzwungene Anleihe erhebe! Es muß sein – um jeden Preis! Bevor zwei Stunden verflossen, befanden sich beide Anweisungen im Portefeuille eines Bankiers, – Enoch war es natürlich nicht – und Armoni's Kasse barg zweitausend jener kleinen, verschiedenartig geprägter, rundgemünzter Stückchen Gold, um derentwillen schon so viel Unheil über die Menschheit gekommen ist, weil in ihrem Besitze so viele Menschen ihr Heil suchen. Am nächsten Tage nahm der Hauptmann bei seinem Vater das Frühstück, welches zugleich ein Diner ersetzte, und Beide zeigten sich heiterer, als ihrer innern Stimmung angemessen war; Beide legten sich den Zwang auf, Einer den Andern zu täuschen, und Beiden gelang es. Gott sei Dank! rief Isidor, als er im Reisewagen saß, mein guter Vater wähnt, ich zöge mit leichtem, freiem Herzen in die Welt; ich hätte Leonore nicht nur aufgegeben, hätte sie auch schon vergessen! – Gott sei Dank! rief der Hofrath, sobald er sich ohne Zeugen sah, mein guter Isidor hegt nicht den geringsten Argwohn! Möge er seine Mission glücklich vollbringen, Zufriedenheit mit seinen Diensten, Anerkennung einernten – und es kann Alles noch gut werden! Mit diesem unzählig oft wiederholten Stoßseufzer suchte der bekümmerte Mann sich die folgenden Wochen hindurch aufzurichten und wurde dabei auch noch durch Nachrichten Isidor's unterstützt, die, guten Muthes abgefaßt, aus rasch durchflogenen Städten einliefen. Künstlich ersonnene, freilich sehr auf Schrauben gestellte Sendschreiben erwarteten nur Liebfromm's Genesung, um nach verschiedenen durch diesen ertheilten Auskünften an seine vornehmen Clienten abzugehen und sie einstweilen zu vertrösten. Der Hofrath hielt sich von des Agenten Anhänglichkeit so fest überzeugt, daß er beinahe entschlossen war, ihm unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit anzuvertrauen, was seit ihrem letzten Zwiegespräch geschehen sei. Ach, wie fern lag dem unglücklichen Manne der Gedanke, jede seiner leichtsinnigen Handlungen könne in dem boshaften Vertrauten einen aufmerksamen Späher gehabt und dieser vom fingirten Krankenlager aus bereits Anstalten getroffen haben, den Vater seines gefürchteten Feindes zu verderben! Eine Denunciation ohne Namensunterschrift ist gewiß nicht geeignet, Vertrauen einzuflößen, am allerwenigsten wird sie von einem edlen, hochherzigen Herrscher anders als mit Verachtung aufgenommen werden. Wenn sie aber so präcise Nachweisungen enthält, wie jene, die über des Hofraths unredliches Verfahren in allerhöchste Hände gespielt wurde, so muß man ihr nothwendig Aufmerksamkeit gönnen, und sie muß rasche, das heißt den Verdächtigten überraschende Untersuchung veranlassen, damit Letzterem keine Zeit bleibe, schriftliche Zeugnisse seiner Schuld zu vernichten. Mitten in der Nacht stellten sich Kriminalbeamte ein, welche des Hofraths Papiere in Beschlag zu nehmen sich durch Specialbefehle bevollmächtigt erwiesen. Die Gesuche jener beiden Damen aus dem Reiche, sammt den umständlich ausgearbeiteten Entwürfen zu deren Beantwortung fielen ihnen sogleich in die Hände und galten ihnen aus den ersten Blick für so unwiderlegliche Beweise der Schuld, daß ohne weiteres zur Verhaftung geschritten wurde. Die zweite Hälfte dieser fürchterlichen Nacht verlebte Isidor's Vater bereits im Kerker, – und welch' ein Morgen war es, der dem Bedauernswürdigen dort aufging! Die unerbittliche Strenge, mit welcher im Allgemeinen gegen Personen höherer Stellung bei solchen Gelegenheiten vorgegangen wurde, und welche eben, aus einer die geringeren Stände mit väterlicher Huld und Milde umfassenden Gerechtigkeitsliebe hervorbrechend, eine heilsame Abschreckungstheorie im Sinne hatte, mußte natürlich, wie jede Theorie, wo sie Praxis werden soll, in ihrer Konsequenz bisweilen zur grausamsten Härte umschlagen. Und das erfuhr der Gefangene an sich. Er hatte nicht allein seine Vergehungen zu büßen. Ihm ward auch noch zugerechnet, daß es sein Sohn sei, dem um des Vaters willen eine ehrenvolle Auszeichnung zu Theil geworden, dessen Namen er durch den Seinigen nun schände, dessen vielverheißende Laufbahn er mehr oder weniger zerstöre. Wie nur die ersten Steine aus dem bis dahin mühsam gestützten, innerlich morschen Gebäude von Wohlstand, Anerkennung, Wirksamkeit, Einfluß herausgebrochen waren, stürzte augenblicklich Alles in Trümmer, und der in wenigen Wochen zum Greise gewordene Ehrenmann saß auf den Ruinen seines von vielen beneideten Glückes als überwiesener Betrüger, als gemeiner Verbrecher. Er wurde zu dreijährigem Schiffsziehen verurtheilt. Dieses Urtheil wurde, da die Aerzte ihn für körperlich unfähig erklärten, solche furchtbare Anstrengung zu ertragen, aus besonderem Erbarmen umgeändert, und er zum Gassenkehren begnadigt. Als man ihm dies bekannt machte, schluchzte er jammervoll: O diese Gnade ist Grausamkeit! Das Schiffsziehen hätte mich bald von solchem Dasein erlöset; beim Gassenkehren kann ich die Schmach vielleicht ein Jahr hindurch tragen, kann noch am Leben sein, wenn mein Sohn heimkehrt! Alle, die das hörten, weinten mit dem Elenden. Doch Keiner sah eine Möglichkeit vor sich, die unbeugsame zornige Strenge eines in seinem huldvollsten Vertrauen schmählich getäuschten Herrschers zu besiegen. Des Verurtheilten Gläubiger konnten aus der Konkursmasse nur unvollkommen befriedigt werden, obgleich Isidor's Ansprüche mit hineingeworfen und aufgeopfert wurden, was gesetzlich unmöglich gewesen wäre, hätte nicht die verstorbene Mutter versäumt, durch Befolgung vorgeschriebener Formen ihren letzten Willen vor den Eingriffen des Wittwers sicher zu steilen. Unter den Verwünschungen des Publikums trat der »muthwillige Bankerottierer,« der »vornehme Betrüger« die furchtbare Strafe an, und seine ehemaligen Kollegen eilten hastig vorüber, wenn sie zufällig Gruppen in der Gasse sich näherten, aus denen sein geschmähter Name erklang. Gott sei Dank, hörte man in allen geringeren Gasthäusern zwischen Wein und Bier ausrufen, daß es jetzt bei uns nicht mehr heißt: »die kleinen Diebe hängt man, und die großen läßt man laufen!« * Die allgemein ausgesprochene, von vielen Neidern mit sichtbarer Schadenfreude ausgebreitete Vermuthung, daß Großhändler Enoch die so lange zwischen ihm und Baron Armoni bestandene Intimität durch schwere Verluste büßen werde, zeigte sich sehr bald unbegründet. Jene schon erwähnte Unvollständigkeit des von Isidor's Mutter hinterlassenen, doch weder amtlich beglaubigten, noch irgendwo publicirten Testamentes hatte dem Vater möglich gemacht, die seinem Sohne ausschließlich zugedachte Herrschaft als Gemeingut zu behandeln und mit Schulden zu belasten. Enoch's Darlehen waren größtentheils auf dies werthvolle Besitzthum eingetragen, und der vorsichtige Kaufmann durch sichere Grundverschreibungen vollkommen gedeckt. Die geringeren Summen, die er in letzterer Zeit dem stets um baares Geld Verlegenen, wie er es nannte, »auf die Hand« gegeben, kamen weiter nicht in Betracht; sie waren durch hundert »kleine Gefälligkeiten« schon vorher ausgeglichen. Wenn von allen Seiten die Frage erklang: Wo um Gotteswillen hat der Verschwender sein und anderer Leute Geld hingethan? Er hat ja doch im Ganzen keinen übertriebenen Aufwand gemacht, sein Sohn noch weniger! Stand doch in schönem Gehalte, zog tüchtige Nebeneinnahmen, besaß eigenes Vermögen von der Frau her! Wo ist's geblieben? – Dann entgegnete Enoch: In Gertrautenhof! Das Landgut hat's verschlungen! Und wurde dann weiter gefragt: dann ist die Wirthschaft also dort im vortrefflichsten Stande? so entgegnete der Großhändler abermals: Im erbärmlichsten! Weder auf den Zustand der Gebäude, die, das hübsche Schloß ausgenommen, durch die Bank nicht viel werth sind; noch auf Ackerkultur und Viehstand hat er geachtet. Das ging seinen Schlendrian unter einem bequemen Verwalter. Was die Herrschaft trug, und vielleicht noch einmal so viel darüber, das hat er wohl wieder hineingesteckt, aber dennoch vergeudet – in Zwiebeln. – In Zwiebeln? riefen die Hörer ungläubig lachend. – Ja, in Zwiebeln, deren eine Einzige oft so theuer gekauft werden mußte, daß ihrer zwölf die Ernte des Jahres verschlangen. Mein armer Freund war mit einem Wort ein Tulpennarr, ein Hyacinthen-Eroberer, ein Zwiebel-Anbeter, so närrisch, so toll, so wahnsinnig wie nur jemals Einer in Holland, woher er bekanntlich durch die Mutter stammte. Es war ihm eingeboren. Schon als jüngerer Mann kannte er keine größere Freude. Unser vor fünfzehn Jahren verstorbener van Swieten nannte ihn einen »verzwiebelten Maniacus.« Wenn ich bedenke, daß in seinem jetzigen Zustande eine ganz ordinäre Zwiebel, drei Stück um einen Kreuzer, ihm vielleicht köstlicher Leckerbissen auf das schwarze Kerkerbrod dünken wird, so ist mir wahrhaftig, als hätte ich selbst an Zwiebeln gerochen, und die Thränen schießen mir in's Auge. Und wenn ich an den Sohn denke –.« Kam Papa Enoch in seinen Erörterungen so weit, dann mußte er das Gespräch jedes Mal abbrechen, denn Thränen erstickten ihm wirklich die Stimme. Noch tiefer, noch ausdauernder zeigte sich die Theilnahme seiner Gattin. Diese hatte ja niemals aufgehört, in Isidor den Geliebten ihrer Leonore zu erblicken, mochte Letztere noch so oft und entschieden versichern, daß sich kein wärmeres Gefühl mehr in ihrem Herzen rege für den hochmüthigen, unnachgiebigen jungen Mann. Eine verständige, zärtliche Mutter sieht scharf, sie läßt sich durch Worte nicht irre leiten. Leonorens Mutter bemerkte mit Schreck und Gram, daß die Schmach, welche gewissermaßen den Namen des Hauptmanns getroffen, von ihrer Tochter fast triumphirend begrüßt wurde, weil – äußerte die sonst so menschenfreundlich gesinnte, wohlthätige Jungfrau – der unerträgliche Stolz eines von seinen Verdiensten aufgeblasenen Herzlosen nun verdientermaßen gedemüthiget werden dürfte. Wie glühend, so klagte die trauernde Mutter, wie glühend muß ihre Leidenschaft für Isidor noch brennen, wie fest verwachsen muß er mit ihrem innersten Leben sein, wenn sie im Stande ist, sich zu Empfindungen der Rache zu erniedrigen, sie, deren großmüthige Seele von Kindheit auf nur die edelsten Regungen kund gab! Bestärkt wurde Madame Enoch in dieser Ueberzeugung durch ein Ereigniß, welches von minder Einsichtigen, auch vom Vater, ganz entgegengesetzte Deutungen erfuhr. Leonore bestand nämlich darauf, das der Subhastation unterzogene Landgut der Armoni's solle auf ihren Namen angekauft und zu solchem Ankauf nöthigenfalls das ganze ihr von ihrer verstorbenen Großmutter zugefallene Erbtheil verwendet werden. Der Vater wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die Erfüllung dieses Wunsches, den er einen »verrückten Einfall seines geliebten Lorel's« nannte; die Mutter jedoch, weil sie eine Hoffnung, wenn gleich eine noch sehr ferne, dunkle darin ahnete, schlug sich diesmal auf der Tochter Seite, was den Sieg natürlich beschleunigte. Sämmtliche Mitbewerber wurden überboten, und Gertrautenhof gehörte Leonoren Enoch. Gott soll mein Kind vor der Zwiebel-Krankheit schützen! lautete nun des Großhändlers tägliches Gebet, so lange bis er sich überzeugt hatte, daß Glashäuser und Blumenbeete nicht den geringsten Einfluß auf diesen Ankauf gehabt haben könnten, weil weder seine Tochter, noch deren mütterliche Bundesgenossin mehr als oberflächliche Neugierde für den Katalog der überschwänglich theuer bezahlten Tulpen und Hyacinthen zeigten. – Wenn's ihr nicht um dieses bunte Spielwerk zu thun war, äußerte er beruhigt, so kann's nur darauf hinzielen, daß sie ein ungestörtes Plätzchen für die Flitterwochen suchte. Gieb Achtung, Frau; unser Lorel nimmt den Liebfromm zum Gemahle! – Ich fürchte, sie zwingt sich zu solch' gewaltsamem Entschlusse, pflegte die Mutter betrübt zu erwiedern; ich fürchte, sie geht in ihr Unglück! – Dummheiten, Dummheiten, Alte. Ihr Unglück mit Ritter von Liebfromm, einem gelehrten, geschickten Juristen, allbeliebt, allgeachtet, feiner Mann, jung, angenehm, von Oben protegirt, einer großen Carriere gewiß! Wo sitzt das Unglück? Sie liebten sich lange schon. Nur der Hauptmann stand dazwischen mit dem Sarras! Hätte sie den vorgezogen, das wär' jetzt ein Unglück, ein fürchterliches! Mit Liebfromm geht sie in ihr Glück! – Es schien beinahe so. Constantin hatte sich allgemach zum »Hahn im Korbe« bei Enoch's aufgeschwungen. Vom Vater ausgezeichnet, von der Mutter still geduldet, mit der Tochter im traulichsten Verkehr, galt er überall für den Erwählten, und es fiel keinem Bewerber weiter ein, sich fürder um Leonore zu bemühen. Auch herrschte in unterrichteten Kreisen kein Zweifel, der bisherige Agent beim Reichshofrathe werde sehr bald zu einer nicht unbedeutenden Stelle in kaiserlichen Diensten berufen werden, die ihm als Belohnung gebühre. – Als Belohnung? Wofür? Darüber waren die Meinungen getheilt. Verschiedene Stimmen bezeichneten verschiedene Ursachen. Einige flüsterten heimlich, er habe sich von einem sehr hohen Gegner Armoni's, welchem dieser unbequem gewesen, gebrauchen lassen, desselben Sturz herbeizuführen, und dafür sei ihm glorreiche Beförderung verheißen. An Gerüchten, mögen sie noch so falsch, noch so tückisch erfunden sein, ist immer Etwas wahr. Dies bestätigte sich auch hier. Und ebenso bestätigte sich auch jene alte, niederschlagende Erfahrung, daß dieselben Menschen, die dergleichen Gerüchte verbreiten, sich heuchlerisch verbeugen, wenn sie demjenigen in's Gesicht schauen, hinter dessen Rücken sie das Schlimmste sagten, – wofern dieser mächtige Gönner zählt. Liebfromm war niemals zuvorkommender behandelt worden, als seitdem man ihn für einen heimlichen Denuncianten hielt. Bis in's Enoch'sche Haus drangen solche Verdächtigungen nicht. Dort blieb Konstantin, der um seines »väterlichen Freundes« herzzerreißendes Unglück tief trauernde, gemüthvolle, bescheidene, demüthig hoffende Anbeter, dessen Schmerz über Armoni's Schicksal nur durch die Freude über Isidor's Abwesenheit gemildert wurde. Gelegentlich ließ er dann einfließen, wie der Hauptmann, wahrscheinlich schon in Voraussicht einer drohenden Katastrophe, sich noch zu rechter Zeit entfernt habe. Später gab er zu verstehen, man raune in gewissen Regionen sich in's Ohr, der jüngere Armoni sei bereits bittend eingekommen, daß man ihm gestatten möge, einen andern Namen zu führen und einen Vater zu verleugnen, den er verachten müsse. Diese hingeworfenen Andeutungen erregten auf's Neue Leonorens Zorn gegen Isidor. Da zeigt sich, rief sie heftig aus, des Menschen kaltes, selbstsüchtiges Wesen. Seinen Vater verleugnen! Einen wenn auch schwachen, dennoch so zärtlichen Vater, der für ihn in's Verderben ging! Wenn er ein kindliches Herz in der Brust trüge, – aber das ist es eben, er hat gar kein Herz! Dann legte Liebfromm die Hand auf das seinige, zum Zeichen, daß dort eins schlage, und mit den Augen sagte er, für wen . Und Leonore lächelte ihm zu: an Ihnen hab' ich nie gezweifelt! Dennoch aber ging's nicht weiter mit Beiden. Des Vaters Fragen, bis wann die Verlobung sei, überhörte sie. Die Mutter fragte nicht, grämte sich und schwieg; ihr blieb Constantin ein Gegenstand des Argwohns und Isidor der Sohn ihrer Wahl, unerachtet aller Schande, die sich an die Familie geheftet. Was mag dieser edle, tüchtige Mensch dulden? Wird er es überleben? – Das war der Gedanke, der die gute Frau nicht mehr verließ. Heut zu Tage, wo die Verbindungen zwischen großen fernen Reichen so leicht geworden, klingt es unglaublich, dennoch ist es vollkommen wahr, und dem damaligen Zustande gegenseitiger Beförderungsmittel entsprechend, – Isidor wußte noch nicht das Geringste vom Unglück in der Heimath, als der Prozeß seines Vaters längst abgemacht und dieser bereits der grausam auferlegten Buße verfallen war. Briefe nach Rußland und aus Rußland abgesendet, wenn sie auf den Kursen der Post von Wien durch Galizien und umgekehrt von Petersburg nach Oesterreich gehen, sind immer noch tausend unberechenbaren Zufällen preisgegeben. Nun erst damals, wo das Postwesen, auch in Deutschland noch so weit zurück, seines Erlösers, des unvergeßlichen, lange noch nicht genug gewürdigten Nagler harrte! Daß Hofrath Armoni eben so wenig die Gefälligkeit abgehender Kabinetskuriere hatte in Anspruch nehmen dürfen, als sein Sohn sich an die Gesandtschaft mit ähnlicher Bitte wenden konnte, lag in der unbestimmten, mehr auf halbverständliche Andeutungen als auf ausgesprochene Befehle erfolgten Sendung Isidor's. Sollte er nicht sehen und hören, ohne sich viel sehen und hören zu lassen? Sein Bestreben mußte dahin gerichtet sein, sich möglichst fern zu halten von jeder näheren Berührung, Alles zu vermeiden, was Aufmerksamkeit erregen könnte, sich in der großen Masse zu verlaufen und zu verlieren. Wie wenig ein solches »sich Absondern« geeignet sei, Geheimnisse, Intriguen, Kabalen aus obern Regionen zu erlauschen und etwas Brauchbares für einstige mündliche Rapporte zu erhaschen, das hatten weder die ihn entsendet, noch er selbst vorher genugsam erwogen. Jetzt sah er es ein und befand sich deshalb in niedergeschlagener Stimmung, welche noch vermehrt wurde durch das gänzliche Ausbleiben von Erwiederungen auf seine vielen, sehr behutsam abgefaßten Briefe an den Vater. Eine Reise des Hofes nach Moskau und in südliche Distrikte des Riesenreiches brachte einige Erheiterung. Ein glücklicher Zufall hatte ihn davon erfahren lassen, ehe noch der allerhöchste Wille der absolutesten Herrscherin allgemein bekannt geworden, und er benützte das, schon vor dem Hofhalte aufzubrechen, voll Erwartung, ob es ihm gelingen werde, durch heimlich angeknüpfte Bekanntschaften mit etwelchen Günstlingen niedrigeren Schlages dort in mancherlei heimlich gesponnene Verwickelungen einzudringen, deren Gewebe ihm für seine Zwecke wichtig schien. Je tiefer in's Land hinein, desto weniger wagte er auf Nachrichten aus der Heimat zu rechnen, und er lernte sich endlich in Geduld fassen. Ja, er trieb die Resignation so weit, im Ausbleiben jeglicher Kunde für sein liebekrankes Gemüth Tröstung zu finden. Was würde, sagte er sich, mir wohl zuvörderst gemeldet werden? Die Vermählung eines armseligen, verächtlichen Kriechers mit Leonoren, welche ich ja doch nie vergessen kann, welche mir ewig theuer bleiben wird mit all' ihren Fehlern. Ist es nicht besser, ich befinde mich in der Ungewißheit, die so viel Qualen, die dabei nicht minder ihre Reize hat? Ist es nicht besser, ich werde fortdauernd in Spannung erhalten durch den vielleicht albernen, darum doch süßen Traum, die Entfernung könne mir gewähren, was die Nähe versagte? Die Trennung könne mich ihr in hellerem Lichte zeigen und eine Sehnsucht erwecken, welche den eitlen Hochmuth schmilzt, der das herrliche Mädchen irre geleitet? Derlei täuschenden Bildern gab er sich hin, als er im kleinen Schlitten die unübersehbaren Schneegefilde durchflog. Seine Erwartungen in Betreff politischer Durchstechereien wurden übrigens nicht getäuscht, und es gelang ihm hinter verschiedene Schliche zu kommen, deren Kenntniß von Bedeutung war. Ja, er fand unerwartet einen Vertrauten unter denjenigen, welche zu beobachten sein geheimnißvoller Auftrag gewesen. Beide handelten jetzt im Einverständniß, und die Ausbeute ihrer gemeinsamen Forschungen wuchs zusehens, so daß Isidor zu glauben begann, er werde seiner Mission Ehre machen und einflußreiche, dem Vaterlande nützliche Resultate heim bringen, ein Glaube, der ihn über das Zweideutige, das für einen offenen, freisinnigen Charakter in derlei Rollen liegt, siegreich erhob. Auch sah er sich nicht gezwungen zu lügen oder zu betrügen, – er beobachtete nur, ließ kein Wörtchen zur Erde fallen, bewahrte Aeußerungen wie Begebenheiten in seinem Tagebuch und kombinirte, was um ihn her sich zutrug, mit einem Geschick, welches natürlich in der Uebung täglich wuchs. Dies Gelingen ließ ihn die Sehnsucht nach der Heimath oft vergessen, machte ihn heiterer, ja beglückte ihn gewissermaßen, als sich nun der Zeitpunkt herannahte, wo er nach erfüllter Pflicht an die Heimkehr denken zu dürfen meinte. Ich trete nicht mit leeren Händen auf, sprach er; ich bringe ein ziemlich klares Bild hiesiger Zustände mit, kann manche versteckte Absicht enthüllen, weiß auch zu würdigen, wo man es wahrhaft ehrlich mit uns meint; meine Berichte werden Gewichte sein, die entscheidend in die Wagschale fallen. Ich bin nicht vergeblich hier gewesen, alles Uebrige wird sich finden! Von solchen kräftigen Gedanken neu gestählt, begab er sich zu seinem jüngst gewonnenen Freunde und Landsmann, mit diesem noch Einiges zu berathen, fand aber einen befremdend abgemessenen Empfang, der die Mitte hielt zwischen absichtlicher Einsilbigkeit und verlegener Theilnahme. Im ersten Augenblicke wähnte er, diese Zurückhaltung beziehe sich auf Geschäfte, und es sei Etwas geschehen, wodurch sein Vertrauter amtlich kompromittirt zu werden fürchte. Doch bald zeigte sich, daß nicht Jenem, daß ihm selbst dies plötzlich veränderte Betragen gelte. Haben Sie Nachrichten, die mich betreffen? fragte er; ist meinem Vater ein Unglück zugestoßen? – Das größte, welches Ehrenmännern widerfahren kann; er ist des Betruges angeklagt, überwiesen, verurtheilt, seiner Würden und Aemter entsetzt – Isidor hörte nicht weiter. Schon stürzte er fort, Pferde zu bestellen. Seine Anstalten waren bereits getroffen gewesen, der Postpaß gelöset. – Gegen Abend flog er, von drei flüchtigen Rennern gezogen, die Landstraße entlang, in die Stacht hinein. Ach und in welche Nacht! * Ein frühzeitiger, voreiliger Frühling war mit den ersten Märztagen über's Land gedrungen, saugte die letzten Schneestreifen von Feld und Wiese und lockte im jüngst angelegten Augarten tausend Veilchen aus jungem Grün. Herr Ritter von Liebfromm ließ sich angelegen sein, jedweden Vormittag ein duftig Sträußlein Leonoren zu bringen, welche bereits für seine Braut galt, nicht allein in der Meinung der ganzen Bekanntschaft, sondern auch in der Ueberzeugung des Herrn Enoch. Denn dieser umsichtige Mann, der als Großhändler en gros als Neuigkeitskrämer jedoch sehr en detail handelte, wußte zuversichtlich, daß Constantin sehr bald die, wenn auch gewinnreiche, keinesweges zu besonderen Ansprüchen berechtigende Existenz eines Reichshofraths-Agenten mit einem höheren Range vertauschen und seiner Auserwählten einen ehrenvollen Titel zur Morgengabe schenken dürfte. Der junge Mann, sagte er, weiß sich zu benehmen, weiß sich zu fügen, nöthigenfalls zu schmiegen; der junge Mann kann's weit bringen mit Gottes Hilfe – und wenn der Schwiegervater ein Bischen nachhilft mit Geld und guten Worten, wird's auch nicht schädlich sein! Leonore verrieth eben keine entschiedene Neigung für Herrn von Liebfromm, aber sie that auch Nichts, ihn abzuschrecken; sie ließ die Dinge gehen, wie sie gingen, und schien bereit, auch über sich ergehen zu lassen, was kommen würde. Ihr Vater meinte: ganz umgewandelt hat die Liebe mein Kind; keine Spur mehr von ihrer sonstigen Sucht zu befehlen, zu herrschen, ihren Willen durchzusetzen; sie ist die Nachgiebigkeit selbst! – Die Mutter sah in dieser Nachgiebigkeit nichts Anderes als Geringschätzung alles dessen, was um ihre Tochter her geschah; sie leitete des sonst so spröden Mädchens auffällige Güte für Konstantin nicht wie der Vater aus zärtlicheren und erwiedernden Gefühlen, sondern lediglich aus jener Apathie her, welche sich nach dem übereilten Bruche mit Isidor der stolzen Jungfrau bemächtiget hatte, und es jetzt gleichgültig fand, wodurch die unausfüllbare Leere ihres Innern scheinbar verdeckt und übertüncht werden wollte. Die arme Frau befand sich in peinlicher Lage. Ihre Ueberzeugung, daß Leonore nur mit ihrem Leben aufhören könne, Isidor zu lieben, stand unveränderlich fest, und dennoch durfte sie weder warnen, rathen, noch trösten, denn seit Armoni's entsetzlichem Sturz sah sie kein Mittel mehr, gut zu machen, was der jungen Leute stolzer, unbeugsamer Eigensinn, was des alten, leichtsinnigen Hofraths schwere Schmach rettungslos verdorben hatte. Ihr edler Sinn, ihre reine Seele ahnten, Liebfromm sei Leonorens unwürdig; doch es fehlten ihr Beweise, und die Erinnerung an den Abwesenden, welche die sicherste Bundesgenossin wider ihres Gatten Verblendung, wider ihrer Tochter unbegreifliche Gleichgültigkeit gewesen wäre, durfte sie unter den vorwaltenden Verhältnissen nicht wach rufen, weil sie fürchten mußte, Leonorens Stolz neu zu erregen und die bittere Frage zu hören: Soll ich eines Gassenkehrers Schwiegertochter werden? Auf diese Weise faßte der konsequente Bewerber mit jedem Tage festeren Fuß, und Leonore hatte sich, darüber war kein Zweifel mehr möglich, allgemach an den Gedanken gewöhnt, Frau von Liebfromm zu heißen, wenn auch zwischen ihr und Jenem, der diesen Namen ihr zu geben trachtete, noch immer kein eigentlich bindendes Wort gewechselt war. Heute muß ich ihr Ja empfangen! rief Constantin, da er an einem sonnenhellen Tage früher als gewöhnlich, den vollsten frischesten Veilchenstrauß in der Hand, Enoch's Haus betrat und Leonore, die im offenen Fenster lag, freudig begrüßte. Sie steckte die Veilchen vor die Brust, was sie noch nie gethan, das belebte seine Zuversicht. Er nahm den Platz neben ihr. Beide Arme auf das schwellende Kissen gestützt, lehnte er sich ihr so nahe wie möglich hin, sein Arm berührte den ihrigen. Zum ersten Male trat die berechnende Schlauheit, welche jeden seiner Schritte bisher geleitet, sorglos in den Hintergrund, verdrängt von jugendlich-feurigen Wünschen, die ihn überwältigten. Die Natur verlangte endlich ihr Recht bei diesem der Unnatur des Eigennutzes, des Ehrgeizes, der Verstellung fröhnenden Heuchler. Er vergaß die Rolle des Tugendhelden, des strengen Anklägers menschlicher Sündhaftigkeit. Der überschwengliche Anbeter verwandelte sich in einen lüsternen Liebhaber und trug es offen zur Schau, insoweit seiner Nachbarin vornehme, Achtung gebietende Persönlichkeit dies gestatten wollte. Die Umwandlung mißfiel Leonoren nicht. Was von jedem Andern, der sich ihr vorher schon als ehrliches Weltkind verrathen, ihr unverzeihliche Keckheit gedünkt hätte, reizte sie an Constantin, weil es eine unwiderstehliche Gewalt ihrer eigenen Reize bewies, welche den kalten schönen Ritter plötzlich so warm durchglühte, daß er sich gar an's ausgesprochene Beneiden der Seligkeit wagte, die seine Veilchen an ihrem Busen genössen! Und abermals waren es Hochmuth und Eitelkeit, von denen sie sich betrügen ließ. Constantin gefiel ihr wohl in diesem Augenblicke; sie überredete sich, sie könne ihn lieb haben, einzig und allein um der Zaubermacht willen, die von ihr ausging, die sogar die stahlgepanzerte Rüstung undurchdringlicher Vorsicht und Behutsamkeit weich und den demüthigsten, bescheidensten, nur in ätherischen Anbetungen schmachtenden Bewerber kühn machte, neben ihr zu verrathen, daß er ein junger Mann sei, daß er bereits gewisse Rechte zu haben vermeine. Ihrer kräftigen Persönlichkeit hatte ein sich fügender, gehorsamer Freund, wie bequem er immer sein mochte, doch niemals näher treten können. Wenn sie ihn geduldet, wenn sie die Möglichkeit nicht abgewiesen, ihm ihre Hand am Altare zu reichen, unterlag sie dem thörichten Wahne, sich dadurch an Isidor, dem Verhaßten, bitter zu rächen. Heute zum ersten Male trat ihr ein Bild vor die Seele, als könne Liebfromm, wenn er die Maske einmal abgelegt, die er täuschend wie ein wirkliches, lebendiges Antlitz getragen, männlichen Willen entwickeln, Selbstständigkeit zeigen, vielleicht aus dem submissen Diener ein entschiedener Herr werden. Denn das ist der ewige Widerspruch solcher weiblichen gebieterischen Naturen, daß sie befehlen und herrschen, siegreich walten wollen, während doch im Innersten ihres Herzens die heiße Sehnsucht brennt nach einem Gebieter, der sie besiegt, um ihnen zu befehlen, um sie zu beherrschen. Und finden sie diesen nicht, oder giebt er, eh' er ihren Stolz gebrochen, den Kampf voreilig auf, so sind sie verloren, und wer sich ihnen dann auf gutes Glück unterwarf, ist es mit ihnen. Wäre Moreto's classisches Lustspiel damals schon auf den deutschen Bühnen heimisch gewesen, – wir sind außer Stande zu sagen, ob die alte italienische Umwandlung desselben in eine »Dona filosofa« übertragen und aufgeführt worden – ich stehe nicht dafür, daß Leonore an Liebfromm's Seite sich die Partie der unerbittlichen Prinzessin zugetheilt und in Constantin einen zweiten Don Cesar erwartet haben dürfte. So hoch aber vermochte Ritter von Liebfromm sich nicht zu schwingen. Edle Menschen von feinerem Stoffe, mögen sie aus eigennützigen Absichten irgend welchen Zwang sich auferlegt und eine ihrer unwürdige Hülle umgenommen haben, sie werden, wenn Gefühl und Leidenschaft die Bande durchbricht, also gleich mit ihrem besseren Ich vortreten, und ein edler Sinn wird sie erkennen. Wo aber gemeine Selbstsucht, niedrige Gesinnung sich gleißnerisch in sanftes tugendsames Gewand kleidete, da kann aus den Falten, die sich bei momentaner Nachläßigkeit verschieben, immer nur niedrige Gemeinheit schielen. Solche Nachläßigkeit ließ Constantin sich zu Schulden kommen, verführt von Leonorens ihm völlig neuer, noch nie erlebter Koketterie, die ihrerseits wieder aus jener Täuschung entsprang, Isidor's Nebenbuhler und Nachfolger sei einiges Aufwandes von kleinen Kriegslisten vielleicht doch nicht unwerth, und es werde schon die Mühe lohnen, ihn aus seinem Verhau sorgfältig ausgewählter Floskeln und Sentenzen zu aufrichtigem Gespräche herauszulocken. Er ließ sich gehen und redete – dem volksthümlichen Ausdrucke gemäß – von der Leber weg. Da kam denn mancherlei zu Tage, was besser in der Nacht verborgen geblieben wäre, die es gezeugt. Er triumphirte, durch Leonorens Ermunterungen sicher gemacht, daß ihm durch Umsicht, Beharrlichkeit, Geduld nun endlich doch zu Theil werden solle, wonach er seit zwei Jahren getrachtet; und nicht zufrieden mit diesem Selbstlobe, gab er auch zu verstehen, er habe nicht immer so geduldig und müßig, wie es wohl den Anschein gehabt, den Ereignissen um ihn her zugesehen. Er habe sich nicht in devoter Resignation damit begnügt abzuwarten, welchen Verlauf die Geschicke gewisser Personen, die ihm lästig waren, aus eigenem Antriebe nehmen wollten. Er habe sich erlaubt, ein wenig nachzuhelfen, und hier und da einen kleinen coup de main, gegeben, wenn es zu langsam ging. Er habe darin nicht blos für sich gehandelt, sondern auch für das Beste seiner geliebten Leonore, die ihm zu ewigem Danke verpflichtet sei, daß er sie aus den Klauen eines schroffen, hochstehenden Tyrannen gerettet, sie für immerdar von Jenem befreit und endlich durch die letzte Katastrophe dahin gewirkt habe, daß jeder Versuch des Nebenbuhlers, etwa wieder anzubinden, von nun an schlechthin unmöglich sei. In diesem Tone sprach Constantin, der sonst jegliche Silbe sorgfältig abzuwiegen gewohnt, viel und lange, nicht anders als im Rausche! Und es war auch ein Rausch, der ihm die Zunge lösete, ein Rausch, der mit den Dünsten aufgeregter Sinnlichkeit, eitler Bewunderung eigener Vorzüge, befriedigter Habsucht und gemeiner Schadenfreude den im ruhigen Zustande klaren Verstand umnebelte. Leonore hörte aufmerksam zu. Ihr war, als ginge jetzt eine dumpfe Ahnung in Wirklichkeit über, eine Ahnung, die ihr seit Armoni's Sturz Herz und Seele zusammengeschnürt, die sie aber nicht zu deuten gewußt. Ein kalter Schauer durchrieselte sie, wie Constantin's Hand verstohlen die ihrige zu drücken wagte. Doch so heftig waltete ihr Wille vor, tiefer in seine Geheimnisse einzudringen, daß sie den Druck leise zu erwiedern vermochte, daß sie ihn fragend anblickte und den in ihr auflodernden Abscheu, die in ihrer Brust gährende Verzweiflung hinter ein Lächeln verbarg, dessen furchtbare Bedeutung der schlaue Beobachter nicht auffaßte. Sein von glühender Leidenschaft und niedriger Gesinnung getrübtes Auge las Beifall auf den zuckenden Lippen. Ja, flüsterte er. Du mußtest mein werden, und um Deinen Besitz hätte ich einen Mord nicht gescheut. Doch so schwer machten sie mir's nicht. Sie gingen willig in die Falle. Mit einem anonymen Briefchen, auf die richtige Stelle gelegt, war's abgemacht. Man hat seine Gönner in Vorzimmern, und über die Hintertreppe führt auch ein Weg zum Ziele. Leonorens Hand zitterte heftig, fester drückte sie die seinige. Dann that sie einen langen tiefen Athemzug, als wolle sie erst Luft schöpfen für das, was sie zu sagen habe, und schon öffnete sie den Mund, da klirrten Ketten unter dem Fenster – einem Büttel, der sie leitete, folgten zehn bis zwölf gefesselte Sträflinge verschiedenen Alters, Kehrbesen tragend; ein zweiter Büttel wies sie mit erhobenem Stocke an, den Unrath auf der Straße in kleine Haufen zusammenzufegen. Jedem wurde sein Platz bezeichnet. Unmittelbar dem jungen schönen Paare gegenüber war ein alter gebeugter Mann beschäftigt, der die auferlegte Arbeit gehorsam, ohne Trotz, mit rührender Würde vollzog, und so emsig und genau, als ob er sein Lebenlang den Besen geführt. Nur einmal wendete er den Blick vom Staube und Koth der Gasse nach dem Fenster empor. Dann senkte er das Haupt noch tiefer, fegte wo möglich noch eifriger. Leonore stand starr mit offenem Munde. Constantin, der ihre Hand noch immer hielt, glaubte Eis anzufühlen, so kalt war sie. Er bemühte sich, sie durch heiße Küsse zu erwärmen. Leonore ließ das geschehen. Sie verwendete kein Auge vom Gassenkehrer, der seine Aufgabe rasch förderte. Nun, mein Herr Baron, höhnte Liebfromm murmelnd hinab, wie gefällt es Ihnen, sich für mich bemühen zu müssen, damit ich meinen Weg mit reinen Schuhen gehe, Ihnen, der Sie unter der Maske herablassender Protektion mich so gern wie Ihren Schuhputzer behandelten und mich mit leutseligen Mienen bei jeder Gelegenheit empfinden ließen, welch' ein Abstand von Ihnen zu einem armen Agenten sei? Ich stehe jetzt hoch über Ihnen, sehe vom Fenster meiner Braut verächtlich aus Sie nieder, und sollte Ihr Herr Sohn jemals wieder kommen, so würde er, denk' ich, Ihnen aus dem Wege gehen, wie uns. Ha, ha, ha! Leonore hatte sich von ihrem Nachbar losgemacht. Hoch aufgerichtet stand sie neben ihm. Als er sich nach ihr umsah, bebte er zurück. Sie erhob die geballte Hand. Niederträchtiger! flüsterte sie kaum hörbar und holte aus zu einem Schlage in sein Angesicht. Sein Rausch verflog bei diesem Worte, beim Anblick dieser Geberde. Er wankte zurück. Doch ehe die verdiente schmachvolle Züchtigung seine bleich gewordenen Wangen getroffen, hielt der geschwungene Arm inne, die Finger lösten sich aus der krampfhaften Biegung und deuteten vielsagend die Gasse entlang, die ihrem Hause gegenüber in die Quergasse mündet, welche sie bewohnte. Es war in diesem Augenblicke, als ob Leonore, der Gegenwart entrückt, nicht mehr wisse, was neben, was vor ihr geschehen. Dort – dort –! lispelte sie und schaute unverwandt einem fest Einherschreitenden entgegen. Constantin, der den vernichtenden Schlag schon empfangen zu haben wähnte, der durch diese unerwartete Wendung seines Schicksals aus dem Taumel leidenschaftlicher Unvorsichtigkeit zauberhaft rasch zur Besonnenheit des scharfsichtigen Ränkemachers übergegangen war, erkannte in ihren Zügen, daß sie seinen Feind erkannt habe, daß es Isidor sei, der herannahe, sich und seinen Vater zu rächen. In anderer Stimmung würden Furcht und böses Gewissen den ursprünglich Feigen wahrscheinlich in die Flucht getrieben haben, jetzt hielt ihn wüthender Zorn aufrecht, verlieh ihm einige Festigkeit, und zugleich stachelte ihn boshafte Erwartung, welche demüthigende Wirkung es auf den stolzen Herrn Baron machen werde, seinem Vater hier und so zu begegnen. Ich freue mich auf diese Scene, rief er grinsend; der Logenplatz, den ich inne habe, ist mir nicht feil um Herrn Enoch's ganzen Reichthum! Seine Erwartung, Leonore dadurch zu kränken, schlug fehl. Sie hatte nicht auf ihn gehört. Er war für sie gar nicht mehr auf Erden. Sie sah nur, was sich auf der Straße begeben werde. Isidor schritt erhobenen Hauptes, die Augen fest nach ihr hinauf gerichtet, die Gasse daher. Er trug Parade-Uniform; ohne Zweifel kam er von seinen Oberen, vielleicht gar von einer höchsten Audienz. So stattlich sah er aus, so männlich sicher hielt er sich, daß unwillkürlich alle Leute, an denen er vorüberging, stehen blieben und sich nach ihm umwendeten. Er bemerkte Niemand, er bemerkte auch Herrn von Liebfromm nicht, der noch immer neben Leonoren weilte; er schien nur diese zu sehen, und von ihren Augen, die ebenso fest auf ihn gerichtet blieben, gleichsam angezogen, schlug er die gerade Richtung nach ihrem Hause ein. Kaum noch zehn Schritte bis an die Thür hatte er zu thun, da setzten die Sträflinge, von ihren Bütteln angetrieben, sich in Bewegung. Die Ketten klirrten. Isidor schrak zusammen. Dieser schreckliche Klang riß ihn aus dem Banne, den Leonorens Anblick über ihn verhängte. Er sah die Gassenkehrer – er sah in ihrer Mitte den guten schwachen Mann, der vor Ablauf einer Jahresfrist zum erbarmungswerthen Greise verwelkt war, den er doch erkannte, und mit einem furchtbaren Schrei: Vater, armer Vater! stürzte er auf ihn zu, umschlang ihn mit beiden Armen, badete die abgehärmten Wangen mit erquickenden Thränen, warf sich ihm zu Füßen und schluchzte heftig. Der alte Mann hob die von Eisen belasteten Arme zum Himmel auf und wiederholte laut: O Gott, o Gott, wie barmherzig bist Du! Meinen Sohn lässest Du mich wiedersehen, und mein Sohn verleugnet mich nicht! O Gott, wie gnädig bist Du! – Ein Kreis von Gaffern hatte sich um sie her gesammelt. Bald weinten alle Umstehenden, die andern Sträflinge weinten mit; die Büttel wagten nicht das Paar zu trennen, sie weinten auch. – Der Vater legte beide Hände auf des Sohnes Scheitel und flehte innig: Segne ihn, Gott, segne den treuen Sohn! Nimm Du die Schande von ihm, die ich über ihn gebracht! Laß ihn glücklich leben und ehrenvoll! – Und der Sohn richtete sich aus vom Boden und lehnte sein Angesicht zärtlich an das des Vaters, und der Vater streichelte ihm die Wangen und bat wie ein Kind: Verzeihung, Isidor, Verzeihung! Der Sohn aber beugte sich auf die vom Staube der Gasse schmutzige Hand und küßte sie ehrfurchtsvoll. Da brach sich eine herrliche Jungfrau, in Fülle blühender Schönheit prangend, durch's Gedränge Bahn und trat nahe hin zu den Beiden. Isidor, sagte sie vernehmlich, wir trennten uns, weil meiner Eitelkeit ein Handkuß verweigert wurde. Ein Handkuß möge uns wieder verbinden. Mir, die ich schweres Unrecht abzubüßen habe, gebührt er nicht. Des Sohnes ist er würdig, der seinen Stolz behauptete vor der Geliebten, der ihn hinwarf vor dem unglücklichen Vater! – Und ehe er es verhindern konnte, hatte sie seine Hand ergriffen und, was sie gesprochen, mit ihren Lippen besiegelt. Leonore? rief Isidor aus tiefster Brust, und aus dieser in ein einziges Wort gelegten Frage sprach zugleich ein beredtes Geständniß der unauslöschlichen Liebe, die er ihr im fernen Rußland bewahrt. – Auch ich! Auch ich! erwiederte sie. Denn sie hatte die Bedeutung seines Ausrufes verstanden. Und unbekümmert um die Schaar der Zeugen, die sie umgab, fielen sich die Liebenden in die Arme. Segne sie, Gott! flehte abermals der Alte. Doch oben am Fenster, aus welchem noch kurz vorher Constantin hinabgeschielt, standen jetzt Leonorens Eltern. Was beginnt das Mädchen! seufzte Herr Enoch; sie macht sich zum Stadtgespräch; sie bringt uns in der Leute Mäuler! Die Mutter dagegen stimmte ein in des Gassenkehrers Flehen: Segne sie, Gott! Schon war die Rührung der Zuschauer in neugieriges Staunen und Flüstern übergegangen, schon wurden schlechte Späße gemacht über die Verlobung in geschlossener Gesellschaft; schon ließen die Büttel ihr: »vorwärts, daß wir einmal weiterkommen!« vernehmen, – da brach Isidor's Vater, der Schmach, Elend und Ketten standhaft ertragen, zusammen unter der Last der Wonne, die seines Sohnes treue Liebe ihm beratet. Dieser und Leonore trugen den Ohnmächtigen in's Haus. Die Büttel ließen sie gewähren, denn, meinten sie: der läuft uns nicht mehr davon! Er wurde sterbend hinauf gebracht. Dort lag er auf Leonorens Bette. So hatte sie's gewollt. Sie und die Mutter labten ihn mit Weine. Enoch's redliches Gemüth erweichte sich beim Anblick des ehemaligen Gönners, er sprach ihm freundlich zu und begrüßte den Heimgekehrten mit Wärme. – Fassen Sie Muth, mein Vater, sagte Isidor, es wird Alles gut. Ich habe geredet, man hat mich huldreich gehört; Ihre Begnadigung ist gewiß. – Gewiß! Gewiß! stammelte der Alte. – Enoch hatte nach Aerzten gesendet. Ein Herzkrampf, äußerten diese; sobald er zum dritten Male eintritt, löscht das schwache Flämmchen aus. – Gönnt mir den Tod, – weiter sprach er Nichts mehr. Und nach einer Stunde ging er zur Ruhe ein. * Eine Stunde gewaltigster Aufregung, in welcher Wohl und Wehe sich entscheiden soll, vermag wohl, und vorzüglich in so besonderen Verwickelungen und Familienverhältnissen, außerordentliche Schritte herbeizuführen. Schritte, welche ihre Entschuldigung nur im Gefühl finden, vor dem ruhigen Verstande aber kaum gerechtfertigt werden mögen, weil sie alle geselligen Formen umwerfen. Leonore sah zeitig genug ein, daß ihr Vater richtig geäußert: sie werden sich zum Gespräche der Stadt machen. Denn was kann einer großen Stadt, in der es ja stets von müßigen Schwätzern wimmelt, willkommener sein, als einen neuen Gegenstand zu haben, auf den sich hübsch mit Fingern zeigen und hinter ihm her klatschen – und lügen läßt! Gar erst, wenn besagter Gegenstand Nichts unterlassen, keine Gelegenheit versäumt hat, dem »süßen Pöbel« der eleganten Welt so viel Geringschätzung darzuthun, als sich mit der herkömmlichen Artigkeit nur immer vertrug. Siehst Du, Väterchen, schmeichelte sie, siehst Du, wie weise ich gethan, als ich Dich quälte, Gertrautenhof für mich zu erstehen! Wo sollte ich jetzt bleiben vor den lästigen Blicken, Fragen, Glückwünschen, Beileidsbezeigungen, Besuchen und allem Unheil, wenn ich nicht mein stilles, abgelegenes Zufluchtsörtchen besäße? Wenn wir nicht dem theuern Isidor sein rechtmäßiges Erbtheil gerettet hätten? Dort will ich mit meiner lieben Mutter wohnen, dort die letzten Reste modischer Thorheit, eitler Ansprüche abstreifen, dort zur schlichten Hausfrau mich vorbereiten. Und dort wirst Du uns besuchen, so oft es Dein Comptoir Dir gestattet, wirst den Besitzer von Gertrautenhof mitbringen, daß er nachsehe, wie die Mutter und ich wirthschaften. Unterdessen bereitet er seinen Rücktritt in's Privatleben gehörig vor, und ist das Trauerjahr verflossen – willst Du, lieber Vater? – Muß ich nicht wollen, was Du willst? Wir haben Nichts weiter zu erzählen. Lange bewohnte den Gertrautenhof, zurückgezogen in ländlich-häusliches Dasein, auf den Verkehr mit Büchern, Blumen, wenigen Freunden beschränkt, ein Ehepaar, dessen einzige überlebende Tochter vorstehende Begebenheit in vertraulichem Kreise mittheilte. Sie ist auch schon begraben. Ueber Herrn von Liebfromm konnten wir Näheres nicht erfahren. Nur im Allgemeinen hieß es, er habe auf seine Weise prosperirt, sei zu Geld, Ansehen und Ehren gelangt. Warum nicht? – III. Die Kröten-Mühle. I. In tiefer Bergschlucht dicht an der Landesgrenze liegt ein Stein- und Schutthaufen, den die Bewohner kleiner Hütten im Gebirge »Ruine der Kröten-Mühle« nennen. Zerstört sind jene Dämme, welche einstmals den muntern Bach zu seiner Pflicht geleitet haben; leer und sumpfig, von struppigem Schilfrohre umwachsen, ist der Mühlteich ein Tummelplatz neckender Irrwische und ein Lustort hundertjähriger Kröten geworden, die in lauen Sommernächten, aus dem zerbröckelnden Gestein der Ruinen kriechend, ihren alten Kellerstaub abschüttelnd, sich im Schlammboden verjüngen. Drohend, als könne er bei jedem Donnerschlage, welcher durch die Berge nachdröhnt, herabstürzen und den blauen Sumpf bedecken, ragt ein schroffer Felsenvorsprung weit herüber. Wer den selten betretenen Fußpfad entlang an dieser Stelle vorbeiwandelt, sucht einen Umweg zu machen, um der verrufenen Stätte so weit als möglich auszuweichen; und kein Bergbewohner, wenn er bei Mondenschein in die bedenkliche Gegend kommt, wird es wagen, seinen Blick zu jener Grotte zu erheben, welche sich über der Ruine im Felsenvorsprung zeigt, denn Jeder befürchtet, eine weiße Gestalt zu schauen, die mit lockenden Geberden bisweilen am Eingange der düsteren Grotte stehen soll. Alles nun, was sich als Sage an die Kröten-Mühle und deren Andenken knüpft, will ich Dir, lieber Leser, jetzt erzählen. Ich weiß wohl, daß wir in einem Zeitalter leben, wo der dunkle und thörichte Aberglaube, wie er noch vor einem halben Jahrhundert aus Kinderstube und Ammenmund ertönte, siegreich beseitigt ist; ich weiß, daß wir sämmtlich höchst aufgeklärte, wissenschaftlich gebildete Leute sind, die mit Dampfwagen fahren und zu Gespenstergeschichten nur mitleidig lächeln; ich weiß, daß wir wissen, wie Alles zusammenhängt, was unsere Vorfahren in Erstaunen setzte, und weiß, daß unsere Knaben, die Cigarre im Munde die Brille auf der Nase und die Kuffe mit bayrischem Bier vor sich auf dem Tische, über Nichts mehr erstaunen können, weil das Bier sie ermuthigt, die Brille ihre Einsicht schärft und der Glimmstengel jedes Dunkel erleuchtet! Aber ich weiß auch, daß trotz aller Technik, Mechanik und Physik, trotz aller Frühreife und Altklugheit die Träume jener Kinderstuben und Ammenmärchen oft noch ihr altes Anrecht auf das Menschenherz behaupten; weiß, daß des Wunderbaren Macht und Gewalt gelten wird, so lang' es unaufgelöste Räthsel um uns, über uns, unter uns giebt; und weiß endlich, daß die Weisesten ohne Scheu eingestehen, wie das höchste Ziel ihres Erkennens in dem offenen Bekenntniß liegt, über das Wichtigste Nichts zu wissen. Und so möge denn auch mein Märchen von der schönen Grethe seinen Platz finden. Es dreht sich um einen Aberglauben, der so alt ist, als die Geschichte; der unter verschiedenen Formen und mit wechselnden Gebräuchen immer und überall wiederkehrt, und der (wenn schon im Stillen!) vielleicht mehr gläubige Anhänger zählt, als glaublich scheint. Margarethe, die Müllerin, war des alten Müllers Pflegekind gewesen und in des Greises spätesten Tagen sein junges Weib geworden. Dunkle, kränkende Gerüchte lasteten auf jenem ungleichen Bündniß; denn in den Bergen flüsterte man sich zu, Grethe sei des Müllers leibliche Tochter. Ein altes, häßliches Zigeunerweib – welches denn freilich zu seiner Zeit auch ein Mal jung und hübsch gewesen, wie Zigeunerinnen es oftmals sein sollen – habe dem Vater sein Kind vor die Mühle gelegt, und dieser habe in einem Zeitraume von sechszehn Jahren vergessen gelernt, wer des Kindes Mutter und was sie ihm gewesen! Aber das Gerücht blieb Gerücht. Niemand wußte nähere Auskunft darüber zu geben; Einer wollte es vom Andern gehört haben; jeder Beweis, jedes nähere Anzeichen fehlte. Zudem war der alte Müller reich, und so saß er unangefochten in seinem steinernen Hause, verschanzt wie in einer kleinen Burg, und achtete des Geschwätzes nicht. Alles, was Gut und Geld dem irdischen Menschen gewähren können, das gewährten sie ihm, und er wußte es wohl zu schätzen. Er pflegte seines Leichnams so sorgfältig, daß er lange rüstig blieb und an des jungen Weibes Seite noch gar manchen Jüngeren beschämte. Auch hing die Hausfrau an dem alten Eheherrn, den sie einst Vater genannt; ja, sie nannte ihn schmeichelnd noch immer »Väterchen« und blieb ihm darum nicht minder treu in Gedanken und That. Beide galten für glücklich und wurden nicht weniger beneidet, als verlästert; was sich gewöhnlich vereint, bis denn die letzte Stunde dem Glück des Müllers ein Ende machte. Es mag ein schweres Ding sein um diese letzte Stunde, und Denen, die da Ursache haben, zu fürchten, daß sie bei dem Tausch, der ihnen bevorsteht, nur verlieren können, doppelt schwer. So ging es auch bei Grethens väterlichem Gatten. Er konnte sich gar nicht losreißen vom Leben und von seines schönen Weibes thränenfeuchtem Antlitz; schon sterbend raffte sich der zähe, willensstarke Mann ein um's andere Mal zusammen und sprach es geradezu aus, er möge noch nicht sterben! seine Zeit sei noch nicht kommen! der Tod solle sich zum Teufel scheeren! Ein paar Stunden lang ließ sich der Tod auch wirklich in's Bockshorn jagen und trat aus Rücksicht für den Muth des Sterbenden vom Kopfkissen zurück. Aber als der Alte, von Margarethens Lippen zur Ruhe geküßt, sich so weit vergaß, in einen erquickenden Schlummer zu sinken, da hatte er verspielt. Er wachte nicht mehr auf; Margarethe hielt eine kalte Leiche im Arm, und der Tod lachte sich in's Fäustchen. Nun war Grethe eine junge, schöne, reiche Wittwe. Der Müller, ohne sonstige Verwandte, hatte ihr sein ganzes Besitzthum hinterlassen. In der Mühle ging Alles seinen alten Gang; die Mühlburschen versahen ihre Arbeit, wie sie's bisher gethan, weil der Alte, seitdem er verheirathet gewesen, sich nur um die Frau bekümmert; und diese ließ Alles gehen, zählte die blanken Goldstücke, die jetzt ihr eigen waren, und tröstete sich schnell. Freilich, nachdem sie erst getröstet war, fing ihr die Zeit entsetzlich lang zu werden an. Goldstücke mochte sie nicht immer zählen; als der Vorrath erst einige Male durchgezählt war, fand sie keine Freude mehr daran. Ja, sie fühlte beim Anblick der blinkenden Münzen ein wachsendes Unbehagen und fragte sich wohl gar: was hilft mir all' der Reichthum, wenn ich mir keine Freude dadurch zu erkaufen weiß? Ein Tag verstrich wie der andere; Niemand wagte sie, die Herrin, zu schelten; Niemand wagte sie zu liebkosen. Und an Beides war sie vom Verstorbenen her so gewöhnt. Umgang mit Leuten aus dem Gebirge hatte sie, so lange sie verheirathet gewesen, nicht gepflogen; ihr Gatte hatte durch sein barsches, zurückstoßendes Wesen auch diejenigen fern zu halten gewußt, die um eines guten Trunkes und eines fetten Bissens willen der öffentlichen Meinung gern Trotz geboten und mit den Müllersleuten Verkehr gehabt hätten. Ihre Mägde waren plump, dumm und roh; mit denen wollte sie Nichts gemein haben. Die drei Mühlburschen hatten sich niemals erdreisten dürfen, ein Wort an sie zu richten; das hätte der Meister übel vermerkt. Sie thaten es auch jetzt nicht, und nur der Aelteste von ihnen, der eigentlich das Wort führte, redete mit ihr, was unumgänglich Noth that, von der Arbeit; nicht eine Silbe darüber. Er war ohnedies ein zurückhaltender, einsilbiger Kerl, ein Ausländer, Horrja mit Namen. Keines Menschen Freund, war er gegen die jüngeren Gesellen streng und ernst und blieb es auch gegen seine Gebieterin. Dennoch hätte, wer sich darauf versteht, in eines finstern Mannes Auge zu lesen, nicht selten Seitenblicke wahrnehmen können, die der schweigende Horrja auf Frau Grethe warf, wenn er sich unbelauscht wähnte; Blicke, die Funken zu sprühen schienen und bei äußerer Kälte und Gleichgültigkeit wildes, inneres Feuer verriethen. Jakob und Ulrich waren ein paar hübsche, muntere Jungen; nur schüchtern und verzagt, wenn der Altgesell in ihrer Nähe sich befand; und still und schweigsam, wenn sie befürchten mußten, von ihm gehört zu werden. Nicht gar lange vor des Alten Ende aufgenommen, fühlten sie sich noch immer nicht recht heimisch in dem unfreundlichen Steingeklüft. Ja, sie wären schon längst auf- und davongegangen, hätte nicht der Frau Müllerin Anblick sie festgehalten. So 'was Schönes hatten die armen Jungen noch niemals gesehen; meinten auch durchaus nicht, daß es auf Erden etwas Schöneres geben könne! Und vielleicht hatten sie so Unrecht nicht. Beide blieben oftmals bei der Arbeit stehen, wie die Bildsäulen, wenn Margareth in ihrer leichten Haustracht an ihnen vorüberging, und standen dann, ihrer fünf Sinne unmächtig, so lange, bis Horrja's scheltende Stimme sie wieder in's Leben rief. Dabei waren sie gegenseitig die besten Freunde und vertrauten in kindischer Offenheit Einer dem Andern die bittersüßen Gefühle, denen sie zum Opfer wurden. Jakob war blond und weiß, wie ein Mädchen, mit blauen Augen; Ulrich trug braune Locken und hatte lebhafte, braune Augen, sonst sahen sie sich ähnlich wie Brüder, und man hielt sie wohl auch dafür. Beide gingen nach einem Schnitt gekleidet, waren von einer Größe und Gestalt, aßen aus einer Schüssel, schliefen in einem Bett und theilten ein Liebesleid. Daß ihrer Zwei waren, und daß diese Zwei nur Einer zu sein schienen, immer unzertrennlich, bei der Arbeit, beim Mahl und bei der Ruhe, das mag wohl die schöne Grethe verhindert haben, Einem von ihnen manchmal ein freundlich aufmunterndes Wort zu gönnen; wozu sonst die Einförmigkeit ihres abgetrennten Daseins und die quälende Leere ihres Herzens sie getrieben haben würde, obschon sie die Meisterin war und die armen Jungen ihre Diener. Ja, hätte Einer von Beiden Muth fassen mögen, ihr sein Herz zu gestehen, gleichviel welcher, sie wäre gewiß nicht unempfindlich geblieben. Aber eher hätten sie ja den Kopf zwischen die Mühlsteine gesteckt, gerade wenn der Bach am heftigsten trieb. Nun war einmal in der Mühle Nichts zu thun; denn es war Sonntag und um die Mittagsstunde, wo Gottes Sonne über den Fluren glüht und auch in die Bergschluchten wärmend dringt, und wo Mensch und Thier zu ruhen lieben. Die Mägde saßen reingewaschen und vollgegessen vor der Hausthür und legten die Hände in den Schooß. Frau Margareth schlich, gelangweilt und verdrießlich, langsamen Schrittes der Laube zu, wo sie sich gähnend auf eine Rasenbank streckte, zu versuchen, ob es ihr gelingen möchte, den ewig langen Tag um ein verschlafenes Stündchen zu täuschen. Da hört sie, eben wie sie zu schlummern beginnt, hinter sich Tritte und erkennt die Stimmen der jungen Freunde Ulrich und Jakob, die sich, von dichten Büschen umgeben und ohne der Frau Meisterin Nähe zu ahnen, neben einander auf's weiche Gras legen. Ihr leises Gespräch wird fast vom Summen der Bienen übertönt, welche zu ihrer süßen Arbeit singen, und die schöne Schläferin will schon jenem sanften Schlummerliede nachgeben, als plötzlich durch die Blätter ihr Name an ihr Ohr schlägt. Das macht sie munter, und nun horcht sie emsig auf. Da vernimmt sie denn mit bangem Erstaunen, welche glühende Leidenschaft für sie und ihre Schönheit in zwei jugendlichen, unschuldigen Herzen lebt! Vernimmt mit noch größerem Erstaunen, daß zwei so entschiedene Nebenbuhler zugleich so innige, vertraute Freunde sein und sich Lieb' und Leid aufrichtig gestehen können. Ihr wird gar seltsam um's Gemüthe. So nahe bei sich weiß sie nun die Neigung, nach der sie, wie nach etwas Fernem, Unerreichbarem, sich in langen, unruhigen Nächten vergebens gesehnt hat. Und sie versucht in ihrer Einbildungskraft die Burschen, deren Flüstern sie fortwährend hört, mit einander zu vergleichen, ihr Aussehen sich vor's innere Auge zu rufen; gleichsam zu prüfen, welchem der Vorzug gebühre. Vergebens! Die jugendlichen Gestalten verschwimmen in einander; braune und blonde Locken verwirren sich, blaue und dunkle Augen strahlen von einem und demselben Feuer; und kein bestimmtes Bild vermag die sehnsüchtige Träumerin gesondert festzuhalten. Da richtet sie den im matten Thränenthau schwimmenden Blick, als ob sie von oben herab Klarheit suchte, durch die Blätter empor in's Blaue, und siehe: in den Aesten der alten Tanne, die ein Dach hoch über ihrer Laube bilden, sieht Margareth den finsteren Horrja sitzen, und wie ihre Augen den seinen begegnen, wird es ihr deutlich, daß er jenen gefährlichen Sitz mühsam erstieg, um sie, die Schlummernde, gierig zu belauschen. Hatten die Bekenntnisse der harmlosen Jungen wehmüthige Theilnahme bei ihr erweckt, so erfüllt Horrja's wilde Keckheit sie mit Furcht und Widerwillen. Zornig springt sie auf und verläßt die Laube. Von diesem Tage an ward ihr Zustand um so peinlicher, je unliebenswürdiger Horrja mit seinem listig-tückischen Lächeln ihr erschien, und je weniger sie im Stande war, Ulrich und Jakob in ihrem Herzen von einander zu trennen. Sie hätte so gern, wär' es auch nur ein Spiel des Augenblicks geworden, mit Einem von Beiden angebunden; aber immer, wenn sie im Begriff stand, sich für Diesen zu erklären, trat Jener dazwischen – und so umgekehrt. Sie wähnte Beide zu lieben und liebte darum Keinen. Im Hause, im Garten fand sie nicht Ruhe mehr. Da nahm sie manchmal ihres seligen Herrn Rohrstab in die Hand, setzte einen großen Strohhut auf, machte den greisen Sultan, den ältesten der Mühlenhof-Hunde, von der Kette los und stieg, von diesem begleitet, in den Bergen umher. Sultan war zu seiner Zeit ein wildes, böses Thier gewesen. So lang' er Zähne hatte, durfte kein Mensch ihm nahe kommen außer der kleinen Grethe. Jetzt war er alt, schwach und gebrechlich; des Lebens satt lag er in seinem Hause; nur wenn die Frau rief, erhob er sich, und mit ihr gehen zu dürfen fand er seine Kräfte wieder. Auf einer dieser Wanderungen, wo sie nur selten einem menschlichen Wesen begegneten, denn die schöne Wittwe suchte stets abgelegene Stellen, blieb Sultan plötzlich vor einem Strauche stehen und wandte seiner Gebieterin einen bittenden Blick zu, in welchem zugleich etwas Warnendes lag. Grethe begriff nicht, was dem sonst so wüthigen Thiere begegnet sei, und rief ihn vergebens an, in den Strauch vorzudringen. Je lebhafter, sie rief, desto ängstlicher zog sich Sultan zurück. Als aber eine kreischende Stimme aus der Hecke heraus seinen Namen rief, kehrt' er auf der Stelle um und rannte, so rasch als seine alten Beine ihn tragen mochten, mit eingeklemmtem Schwanze und bangem Geheul auf und davon. Während Grethe vergebens hinter ihm her schrie, theilten sich die Dornengesträuche, und ein scheußlich anzusehendes altes Weib kroch hervor. Herrlich, meine Tochter, sprach die Alte, daß Du zu mir kommst; Du ersparst mir einen unnützen Gang; ich war auf dem Wege zu Deiner Mühle. Wittwe bist Du? Das ist gut! Du bist schön! Bist Du auch glücklich? – Wer seid Ihr? stöhnte Grethe kaum hörbar, daß Ihr mich Tochter nennt? – Wer ich bin? Je nun, ein altes Weib. Daß ich Dich Du nannte? Ei, sagen nicht alte Leute oftmals zu jungen: mein Sohn!? Meine Tochter!? Das ist so eine leere Redensart. Manchmal bedeutet sie was – aber das geht Dich Nichts an! Hab' keinen Kummer; fürchte Dich nicht vor mir. Ich begehre Nichts von Dir! Du bist reich, ich weiß wohl. Aber ich bin reicher als Du, denn ich brauche Nichts. Brauche Nichts von Dir. Vielleicht brauchst Du ein Mal mich und meine Hilfe! Deshalb wollt' ich zu Dir kommen, schon seitdem Du Wittwe bist. Nur nah' ich ungern der großen Mühle. Heisa, der Alte ist todt! Und wie steht es, Töchterchen, um einen Jungen? Wenn Du mein bedarfst, so ruf' mich. Hier oben findest Du mich, immer von Sonnabend zu Sonntag um zwölf Uhr in der Nacht! Hörst Du, Grethchen, Fleisch von meinem Fleisch! Wenn Du mich brauchst, – denn ich vermag den Liebestrank zu bereiten! – wenn Du mich einmal brauchst. Du weißt nun, wo Du mich findest! Rufe nur dreimal: Sibylle! Und Mutter Sibylle wird da sein! Mit diesen Worten verkroch sich die Alte wieder im Gebüsch, wo sie Grethe's Blicken bald entschwand. Unterdessen war es fast dunkel geworden. Von streitenden Empfindungen gepeinigt trat die Wittwe den Rückweg an. Dunkle Träume ihrer frühesten Kindheit, vereinigt mit den Erzählungen und Anspielungen jener Mägde, die vor länger als zehn Jahren in der Mühle gedient, beunruhigten sie und schienen dieser unerwarteten Begegnung eine niederschlagende Deutung geben zu wollen. Als sie den Hofraum betrat, kam Sultan, der sie so feig und treulos verlassen, ihr wieder in's Gedächtniß. Sie ging vor seine Hütte und nannte ihn bei Namen. Ein dumpfes Gewinsel tönte heraus. Und als sie noch einmal »Sultan« rief, schleppte sich der sterbende Hund mühsam bis zu ihren Füßen, that einen tiefen Athemzug, als wollt' er heulen, – und war todt. Mußte sie doch weinen um ihn, und Jakob und Ulrich, als sie die Frau Meisterin weinen sahen, weinten redlich mit; gruben auch dem Dahingeschiedenen ein Grab im Garten, schön und tief, wie sich's nur ein vornehmer Herr wünschen könnte, wo sie der Bestie ordentlich anständig die letzte Ehre erwiesen; Alles der Frau Meisterin zur Lieb' und Ehre. Mit dieser jedoch stand es jetzt heftig schlimm und alltäglich schlimmer. Die Sibylle wich ihr nicht mehr aus dem Kopfe, so wenig als die Liebessehnsucht aus dem Herzen weichen wollte, und das junge, blühende Weib fing an zu kränkeln vor lauter Fülle der Gesundheit. Seitdem Sultan todt und begraben war, wagte sie auch nicht mehr in die Berge zu klettern, um so weniger, weil sie der alten Sibylle wider Willen zu begegnen fürchtete. Sollte jene Mißgestalt, sagte sie, während sie sich und ihre unbezweifelten Reize betrachtete, oftmals zu sich selbst, wirklich meine Mutter sein können? Sollten die Mägde mit ihren heimlichen Neckereien Recht gehabt haben? Sollte gar mein verstorbener Eheherr ..., hier überkam sie ein inneres Entsetzen und tödtete für ein Weilchen jede Lebenslust und Liebeshoffnung, bis sie dann mit leichtem Sinn und warmem Blute die drohenden Warnungen wieder in den Wind schlug und in Sibyllens Anrede Nichts weiter mehr finden mochte, als den Unsinn einer halb Wahnwitzigen. Im Uebrigen geschah nichts Neues. Der Sommer grünte und blühte ruhig fort, ein Tag folgte dem anderen, die Mühlräder drehten sich, die Forellen blitzten im Bergwasser hin und her, die Amseln und Drosseln schwatzten in den Erlenbüschen, die Mägde fraßen, wuschen und schliefen, Horrja schielte mit gierigen Blicken lauernd nach Margarethen, Ulrich und Jakob klagten sich ihrer Herzen Wund' und Weh', – und die Müllerin konnte nicht in's Klare mit sich kommen, welchen von Beiden sie hübscher fände. Schon fingen die großen Haselnüsse zu reifen an, und sie wußte immer noch nicht, woran sie mit ihrer Liebe war. Und weil sie vor Bergen und Felsen jetzt dunkle Scheu hegte, zog sie vor, im Thale hin zu schlendern, wo Gottes Natur sanfter waltete, und wo sie wohl auch den Leuten begegnete, die nach der Mühle mit Körnern oder sonst ihres Weges wandelten; vor denen sie aber doch – als wäre sie sich bitterer Schuld bewußt – erröthend die Augen niederschlug. Am liebsten waren ihr die frühen Morgenstunden, die voll erfrischendem Athem ihre heiße Brust kühlten, wenn sie, dem einsamen Lager entflohen, unbemerkt aus der Mühle schlüpfen und mit ihren kleinen, sauberen Füßen den Thau vom Grase streifen konnte. Stieg dann der Tag höher und senkte er sich wärmer in's Thal, da suchte sie ein stilles, umwachsenes Schattenplätzchen, wo sie sich recht unbemerkt ausweinen mochte. In solcher Einsamkeit fand sie Trost, der ihr nur getrübt wurde, sobald ein schelmischer Vogel durch's Gebüsch rauschte, und dann die Furcht, Sibyllens Antlitz werde jetzt gleich aus den Blättern hervorgrinsen, ihren Gedanken eine traurige Richtung gab. Wie aber geschah der Aermsten, als nun wirklich einmal die Zweige sich theilten und wirklich ein menschliches Angesicht ihr entgegen schaute! Doch Sibyllens war es nicht. Denn trug diese garstige Hexe auch schon den Anflug eines dunklen Bartes unter ihrer krummen Nase, so schien der Bart, den Margarethe jetzt erblickte, von ganz anderer Gattung, wie er sich so glänzend und zierlich gehalten über dem schönsten Munde wölbte, aus dem zwei Reihen perlengleicher Zähne freundlich herauslachten. Und bald folgte diesem Barte, diesem Munde, diesem edlen Kopfe der ganze Mensch in Gestalt des herrlichsten Jünglings, den sich ein junges Weib nur denken, wie sie ihn nur in ihren kühnsten Träumen sich selbst erschaffen könnte. Der stand vor ihr und sah sichtlich überrascht auf das Müllerweib im grünen Grase. Sie wollte eiligst aufstehen, aber vermochte es nicht, und als sie sich nur halb erhoben, blieb sie, auf ihrem Arm gestützt, regungslos, den Fremden anstarrend, wie wenn er ein Wesen höherer Gattung wäre, vor dem Sterbliche in Ehrfurcht verstummen müssen. »Solche Geschöpfe wandeln auf dieser Erde umher? Solche Männer giebt es?« Das waren die Gedanken, die in ihr aufdämmerten; in ihr, welche außer dem verstorbenen Gatten und seinen Gesellen nur unsaubere Landsleute gesehen und in Ulrich und Jakob bisher den Inbegriff männlicher Schönheit vermuthet hatte. Seinerseits dachte wieder der Fremde: »Solche Blumen blühen in diesem vergessenen Thale? Solche Weiber leben unter Zigeunern?« Denn für eine Tochter dieses ausgestoßenen Stammes war er geneigt seine unerwartete Begegnung zu halten, und er warf die Blicke rechts und links, jene Gefährten suchend, welche die Bande bilden möchten. Doch war ihre Kleidung so bürgersam-ländlich, einfach und rein, ihr Wesen so bescheiden-schüchtern, ihre verschämte Angst so ausdrucksvoll und wahr, daß er mit artigen Fragen nach ihrer Heimath und Herkunft forschte. Da kam denn bald ein zierlich Gespräch in Gang, und ehe sich's Grethe versah, saß der schöne Herr plaudernd neben ihr auf dem Rasen. Sie mußte ihm ihr ganzes Leben erzählen, und sie that es mit einer Offenheit, die den Hörer entzückte, wobei sie freilich mit angeborner Schlauheit jede Aeußerung zu umgehen wußte, die an die Geheimnisse ihrer Herkunft und Ehe, oder gar an ihre Furcht vor der alten Sibylle erinnert haben würde. Horrja jedoch sammt seiner verbissenen und fast tückischen Leidenschaft, so auch Jakob und Ulrich mit ihrer verschwiegenen und doch vielberedten Liebe, nebst allem Zubehör eigener Seelenkämpfe wurden treulich beschrieben. Wer hätte einer so reizenden Sprecherin widerstehen können, wär er auch zehnmal Bräutigam der schönsten und vornehmsten Braut gewesen? Wer hätte nicht, unmerklich näher rückend, Schulter an Schulter gedrängt und von der bezaubernden Erzählung, wie von einem idyllischen Gedicht hingerissen endlich die weiße, weiche Hand der Erzählerin sanft ergriffen, um in bebendem Drucke und zitterndem Gegendruck den Gang der kleinen Mühlengeschichte theilnehmend zu begleiten? Als nun Margareth mit der Schilderung ihrer Zustände bis auf den heutigen Tag, bis auf die jetzige Stunde gelangt war, da hielt sie forschend inne, als wolle sie dem holden Nachbar sagen: nun bin ich fertig, und was weiter mit mir werden soll, das hängt von Dir ab. Ich kann Dir meine Geschichte nur erzählen, so weit sie reicht; von heute an magst Du sie selbst machen! Der Fremde schien ihre Gedanken zu errathen, denn er sah bald verwirrt, bald verlegen in's Gras vor sich hin und suchte lange nach Worten, um den Faden des abgerissenen Gesprächs schicklich aufzunehmen. Weil es aber damit nicht sogleich gerathen wollte, so begnügte sich der sichere Weiberkenner für's Erste mit fortgesetzten Händedrücken zu reden, woraus Margarethe, obschon diese Sprache ihr neu war, voll bewunderungswürdiger Gelehrigkeit einging. Denn die Weiber lernen rasch, sobald sie wollen. Wenn ich aber sagen soll, was ich für das unbescheidenste Wesen auf Gottes Erdboden halten mag, so sag ich: eines Mannes Hand, die eine schöne Hand gedrückt und ihres Druckes Erwiederung gefühlt hat. Es ist, als ob der böse Geist in solchen fünf Fingern wohnte; sie können nicht Ruhe halten. Und so machte Grethens Fremdling seine Hand, die so warm und wohnlich in ihrer Hand lag (einen Diebesfinger um den anderen) los, bis er sie alle fünf frei hatte, und dann folgte der Arm, und nachdem er mit diesem erhobenen Arm seiner Nachbarin Nacken umschlungen und sie zärtlich herangezogen hatte, daß ihr Lockenhaupt recht fest an seinem Herzen lag, fragte der Bösewicht, anstatt, schuldigen Dankes voll, jetzt seine Lebensgeschichte zum Besten zu geben, mit lispelnder Lippe: Wie heißest Du denn? Margarethe spürte keine Abneigung, ihren ehrlichen Namen zu nennen; sie nannte ihn dreist heraus. Weil sie nun aber auch gern des Fremden Namen gewußt, und weil sie doch mit sich nicht einig war, ob es sich zieme, sein Du zu erwiedern, so stockte sie lange, ohne zu fragen. Da fühlte sie – und ein ahnendes Zittern flog durch ihre Glieder – die bärtige Lippe auf ihrer Stirn, auf ihrem Augenlied, auf ihrer Wange. Und Du ? fragte sie zitternd. Stanislas, war die Antwort, doch Antwort und Kuß berührten zu gleicher Zeit ihren Mund, und die letzte Silbe des schönen Namens ging im Kusse verloren. Das war ein langer Kuß. In ihm flammte der armen Grethe Leben aus. Sie wähnte sich am Ziele. Thörin! wer hieß Dich im Uebermaß Deines Glückes diesen heiligen Kuß, die erste und letzte Seligkeit, stören, um jene eitlen Worte: »Stanislas, ewig mein!« dem Geliebten in's Ohr zu hauchen!? Das Wort ist ausgesprochen, – der Schatz versinkt. – Wie von einer Schlange gebissen fuhr Stanislas zurück, machte sich los aus Grethens Armen, sprang auf beiden Füßen empor und schaute wild um sich her, mit rollenden Augen und drohender Geberde. Margareth blieb am Boden sitzen und stierte zu ihm hinauf, mit einer Miene, als erwarte sie sehnsüchtig den Tod von seiner Hand. Weib, hob Stanislas, nachdem er sich ein wenig beruhigt, mit ernstem, aber nicht unfreundlichem Tone an, ich bin Fürst Stanislas * * *. Meine Herrschaften liegen jenseit der Berge. Ich reise nach Falkenschloß. Auf der Landstraße ziehen meine Wagen und Diener. Des staubigen Weges satt, wollt' ich zu Fuß und allein durch diese Thalschlucht wandern, an deren Ausgang die Meinen mich erwarten. Wärest Du vor einem Jahre mir begegnet, wohl hättest Du mein werden müssen, und ich wäre Dein gewesen – wenn auch nicht auf ewig, wie Du meintest. Jetzt ziemt mir nicht mehr, was dem freien Jüngling gestattet war. Wir trennen uns, sehn uns nimmer wieder! Die junge Gräfin im Falkenschloß ist meine Braut, und bevor die Sonne zum dritten Male über Deinen Bergen aufgeht, bin ich ihr Gemahl. Leb' wohl, Margareth! – Sie saß allein und weinte vor sich hin. Ein Fürst! Ein Fürst! wiederholte sie mehrmals, und kopfschüttelnd fügte sie hinzu: die junge Gräfin vom Falkenschloß seine Braut! Dann senkte sie traurig ihr Haupt und sah zum Boden, wo ihre Thränen in's Gras tropften. Glänzten sie doch wie Thau an den Halmen, die warmen Thränen, und blitzten und flimmerten lustig im Abend-Sonnenlicht; so lustig, als ob sie Freudenthränen wären. Aber was blitzt, was glänzt dort unten aus dem Rasen herauf? Das ist keine Thräne! das flimmert wie Gold! Das ist ein Ring! den hat der junge Fürst von seinem Finger gestreift, als er meine Hand in der seinen hielt! Inwendig eine Inschrift: Sophia – das ist sein Verlobungsring! Mag sie ihm einen anderen geben. Diesen Ring hat er getragen; dieser Ring ist mein! Und mit ihrem köstlichen Funde schlich die unglückliche Grethe langsam der Mühle zu. II. In dem alten, neu ausgeputzten Falkenschlosse war große Bewegung und Unruhe. Diener rannten mit Kerzen durch Gang und Flur. Graf und Gräfin gingen unruhigen Schrittes auf und ab, und Sophia, Beider einziges Kind, schaute sinnend und nachdenkend auf den Schloßhof, wo die Leute ihres Bräutigams beim hellen Schein großer Stocklaternen und Fackeln sich und ihren Pferden Unterkunft suchten. Stanislas war noch nicht eingetroffen. Vergebens hatten, seinem Befehle gemäß, die Seinigen ihn am Ausgange des engen Thalgrundes erwartet, wo er nur bei mäßigem Gange längst vor ihnen, die dem großem Umweg der Heerstraße folgen müssen, hätte eintreffen können. Sie waren, nachdem sie stundenlang seiner geharrt, einstimmig der Meinung geworden, ihr Gebieter habe, von Bräutigams-Ungeduld fürbaß getrieben, seines säumigen Gefolges nicht weiter geachtet, und sie würden ihn bereits im Falkenschloß treffen. So trafen sie denn glücklich ohne den Fürsten ein und erregten im Schlosse um desto größere Besorgnisse, als von allen Seiten drohende Wetter aufstiegen, die eine üble Nacht und anschwellende Bergströme befürchten ließen. Merkwürdig hätte einem unbefangenen Beobachter der Gegensatz scheinen müssen, den die Bewegung und sichtbare Aengstlichkeit der Eltern im Vergleich zu Sophia's Ruhe bildete. Während Vater wie Mutter von einer Minute zur andern die Hände rangen oder ihrer Angst durch laute Seufzer und durch den Ausruf: heilige Mutter Gottes, was ist aus ihm geworden! Luft machten, blieb die Tochter regungslos am Fenster stehen und schaute noch immer hinab in den Hofraum, als Wagen, Pferde und Diener schon untergebracht und ein Theil der Schloßbewohner, der nächsten Umgebung besser kundig, als des Fürsten Leute, mit Windlichtern hinausgesendet war, den Verirrten zu suchen. Es war nicht Besorgnis um den Bräutigam, nicht Sehnsucht nach ihm, nicht der Ausdruck liebender Erwartung, was aus Sophia's Zügen sprach. Vielleicht hätte man stillschweigende Hingebung, willenlose Demuth, vereint mit jungfräulichem Stolz, mit kalter Unempfindlichkeit darin lesen können. Liebte sie den Fürsten nicht? Ward sie vielleicht gar zu diesem Bunde gezwungen? O nein! Betrachtet nur die sanften greisen Eitern, denen all' ihre blühenden Kinder frühzeitig hinstarben, und die nur auf diesen Spätling ihrer frommen Ehe jenen Ueberfluß von Liebe häufen, welcher für eine große Kinderschaar ausgereicht haben würde. Nein, von Zwang konnte da nicht die Rede sein. Sophia behielt vollkommen freie Wahl. Sie hat den Fürsten vergangenen Winter in der großen Stadt kennen gelernt; sie hat sich ihm vom ersten Ersehen günstig und wohlgeneigt erwiesen, sie hat seine Werbung huldreich aufgenommen, und sie hat auf die Fragen der Eltern mit festem Ton erwiedert: Ich kenne keinen Würdigeren! Und so ist es auch. Sie steht in ihm den hochgebornen, ihrem Range, ihrem Besitzthum entsprechenden Gemahl. Gewiegt und auferzogen in der Ansicht, daß es ihre Pflicht und Ehre sei, den Beruf des Weibes als Gattin und Hausfrau vorwurfsfrei und sonder Makel zu üben, betrachtet sie Stanislas als einen willkommenen Lebensgefährten. Aber sie fühlt Nichts für ihn als Hochachtung, und wenn sie auch Augen hat, zu sehen, er sei der schönste Mann, seine Haltung die vornehmste, seine Sitten die edelsten, so ist doch in ihrer Brust noch kein Wunsch aufgestiegen, der zur Liebe führen könnte. Eine zu tiefe Kluft liegt zwischen ihrer reinen, durch kein Stäubchen eines weltlichen Traumes berührten Jugend – und zwischen jenen Bildern der Phantasie, welche ihr fremd blieben, welche ihr bei dieser Erziehung, dieser Umgebung, dieser mütterlichen Führung fremd bleiben mußten. Sie denkt der Ehe wie einer nothwendigen Form, einer herkömmlichen Uebereinkunft, gemeinsam ihr großes Haus zu führen, und erwartet im Gemahl eben nur den ritterlichen Begleiter, den hohen Beschützer, den weisen Verwalter ausgebreiteten Besitzthums. Dabei von fester Gesundheit und unerschütterlichen Nerven, hält sie den Irrweg eines jungen Spaziergängers für unverfänglich und zweifelt nicht im Geringsten, daß er wohlbehalten, wenn auch ein wenig durchnäßt, über kurz oder lang eintreffen werde. Scheint sie gleichwohl in tiefes Sinnen versenkt, so richtet sich dasselbe auf andere Gegenstände, als auf die Gefahren des Fürsten bei nächtlichen Ungewittern. Die Anstalten, welche seitens der häuslich waltenden Mutter zum nahe bevorstehenden Hochzeitsfeste getroffen werden, haben Sophien stutzig gemacht. Fern von dem Flügel des Schlosses, der die zahlreich geladenen Gäste aufnehmen und in seinen reich ausgestatteten Gemächern beherbergen wird, hat sie im abgelegenen Säulengange mehrere neu eingerichtete Zimmer entdeckt, die bisher unbeachtet und verschlossen geblieben waren, zu denen ihr Fuß sie niemals getragen. Dort haben geschickte Arbeiter aus der Stadt mit regem Fleiße geschmückt und geschaffen. In reichen Falten hängen schwer-seidene Stoffe um die hohen, gothisch gewölbten Fensterbogen, welche mit bunten, kostbaren Glasmalereien ausgefüllt sind; wunderbar liebliche Tapeten bedecken ringsumher die alten steinernen Wände; mit rothem Sammet üppig ausgepolstert, laden tiefe, vergoldete Lehnstühle zur Ruhe ein; kleine Tische, mit tausendfältigen Spielereien beladen, schmücken Winkel, Nischen und Ecken, und im geheimnißvollsten, dunkelsten, kühlsten dieser hohen Zimmer, in dessen einziges Fenster dickstämmiger Epheu mit jungen saftgrünen Blättern äugelt, steht ein großes, breites, gar nicht zu beschreibendes Himmelbett, welches der erstaunt und besorgt Fragenden von einer bejahrten, niemals lächelnden Kammerfrau der alten Gräfin voll andächtiger Würde als »ihr hochfürstliches Brautbett« bezeichnet worden ist. Sie hat nicht gewagt, weiter zu fragen und mehr zu erforschen. Sie kann nur grübeln, zweifeln, fürchten – sie begreift nicht, was dies bedeutet, weiß nicht, was ihrer wartet. Und noch hat die Liebe jene Brücke nicht für sie gebaut, auf welcher sie in ihren kindischen Gedanken vom stillen, unbelauschten jungfräulichen Lager zu diesem neuen Wohnplatz dunkler Zukunft wandeln möchte. Deshalb geht sie schon den ganzen Tag über nachdenklich sinnend umher; – deshalb machten die Besorgnisse der Eltern auf sie so geringen Eindruck. Von drei Seiten zugleich leuchteten die Blitze. Tiefe Nacht wurde durch sie zum hellen Tage. In die Seufzer und Klagen der Eltern mischten sich dringende Stoßgebete, an den Einen gerichtet, der den Zug der Wolken leitet und dem Sturm gebietet. Sophia blieb unerschüttert; kein Zucken ihrer Wimpern folgte dem heftigsten Blitz, kein Beben ihrer Glieder dem krachenden Donner. – Da ist der Fürst! – rief sie plötzlich nicht ohne Lebhaftigkeit aus. Sie sah ihn beim Licht des himmlischen Feuers, unbegleitet und hastigen Laufes durch eine kleine Seitenpforte in den Schloßhof dringen. Er ist den Fußpfad heraus über die Felsenseite geklettert, – sprach sie zu den Eltern gewendet, – aber naß wird er sein! Man muß ihm leine Leute mit trockenen Kleidern entgegenschicken! – Ueber die Felsenseite, den steilen Fußpfad herauf? jammerte der Graf. Er liebt die Umwege nicht, sprach Sophia und schellte den Dienern. * Am fröhlich lodernden Kaminfeuer saßen nach Verlauf einer Stunde Vater und Mutter, Bräutigam und Braut. Mit verklärten Blicken sahen die Eltern auf ihr junges, schönes Paar. Zum ersten Male, seitdem sie verlobt, wagte heute der anderswo so kühne Stanislas, schüchtern und verzagt wie ein Schulknabe, die Hand der hohen Sophia zu fassen. Sie ließ ihm die Hand, als ob sie es aus Gehorsam gegen den künftigen Gemahl, aus Achtung für die anwesenden Eltern thäte. Aber nicht eine Regung dieser Hand verrieth, daß sie einem lebenden Wesen angehöre; kein noch so leises Zeichen gab dem bescheidenen Frager bejahende Antwort. Unwillkürlich mußte er nun der Müllerin gedenken. Aermste Grethe, der Vergleich, wie ihn der durchlauchtigste Jüngling jetzt eben zwischen Dir und Deiner Nebenbuhlerin angestellt – zu Deinen Gunsten fällt er nicht aus. Wie eines trüben Rausches mußte Stanislas auf die Stunden im Mühlthale zurückblicken. Zur hellsten Klarheit erwacht, nahm er Sophia's himmlische Schönheit, ihre unentweihte Reinheit mit anbetender Begeisterung wahr, und als wollt' er Verzeihung erflehen für die flüchtige, bald besiegte Untreue an Margarethe's Seite, führte er die zierlich gegliederte, fast durchsichtige Hand seiner Braut lebhaft an den Mund. Das Erste, was seine Lippen berührten, war der Verlobungsring, den er ihr vor drei Monaten im glänzenden Kreise einer vornehmen Gesellschaft feierlich überreichen dürfen. Ohne zu wissen warum, bewegte er seine Linke, nach dem goldnen Pfande zu fühlen, welches der Graf ihm, dem künftigen Sohne, in der einzigen Tochter Namen damals an den Finger gesteckt; der Ring war fort! Wer ihn trägt, mein lieber Leser, das wissen wir Beide. Der Fürst wußt' es freilich nicht, aber ahnen mocht' er's, denn finstere Runzeln furchten sich in seine prächtige Stirn, und sein ganzes Wesen bekam einen Anflug von Düsterheit. Die Unterhaltung stockte. Stanislas zog seine Rechte von Sophia's kalter Hand zurück und hätte am liebsten seiner Linken den treulosen Finger ausgerissen, der einen so kostbaren, glückverheißenden Reifen nicht besser festzuhalten gewußt. Da nun die Wetter ausgetobt haben und der helle Mond am blauen Himmel lacht, so dürfen wir uns, hob der alte Graf an, denk' ich, unbesorgt zur Ruhe begeben; unser Fürst scheint ihrer auch bedürftig. Sie brachen auf und gingen »Ein Jedes in sein Kämmerlein,« wohin wir ihnen nicht folgen dürfen, weil daselbst Jeder und Jede ihren eigensten Gedanken nachhängen. Und so weit hat es noch kein Erzähler gebracht, daß er diese genau erriethe. Gewöhnlich sind es des Erzählers Gedanken, die er in solchen Fällen zu Markte bringt. III. Frau Margareth saß denn auch in ihrem Stübchen und küßte den gefundenen Ring. Wie sie sich satt geküßt hatte, warf sie ihn auf den Boden, indem sie ausrief: er kommt von ihr ! Dann aber rief sie wieder; Stanislas hat ihn aber getragen! Dann warf sie sich zur Erde und kroch in alle Winkel und scharrte in allen Ritzen, bis sie den Ring wieder am Finger hatte, den der Fürst an dem seinigen getragen, und die Küsserei fing wieder an. Dies beschäftigte unsere junge Wittwe so lebhaft, daß sie der Wetter, welche sich dick über dem Thal gethürmet, kaum achtete. Mocht' es blitzen, stürmen und krachen – sie küßte ihren Ring. Gerade als einer der heftigsten Donnerschläge das Haus bis in seine Kellergründe durchdröhnte, und alle Thüren und Fenster in ihren Fugen knackten und klirrten, öffnete sich Margarethens Stubenthür, und Horrja, der garstige Horrja trat ein. Ehe Margarethe noch die herrische Frage, wer ihm erlaube, in ihr Schlafgemach zu treten, vollendet hatte, stand er schon mit seinem Antrage vor ihr. Frau, begann er mit fester Stimme, wenn die Sonne scheint und die Grillen zirpen, ist mir nicht wohl in meiner Haut; dann hab' ich keine Courage und bin maulfaul. Aber bei einem Wetter, wie es gerade heut in den Bergen steckt, fühl' ich mich aufgelegt zu Allem! Da wird einem tüchtigen Kerl beherzt zu Muthe, und er möchte die Welt stürmen! Da hab' ich mir denn dieses Stündlein ersehen, Euch zur Frau zu begehren, – laßt mich ausreden, Margarethe! – Ihr mögt mich nicht. Aber das thut Nichts. Einmal mein Weib, werdet Ihr an mir hangen wie eine Klette. Ich weiß, was ich sage. Noch niemals hat Eine von mir gelassen. Ich war es, der ihnen den Rücken drehte, wenn ich ihrer satt war. Das werd' ich Euch nicht thun; weder Euch, noch der Mühle. Seid mein Weib! Ich weiß, was ich verspreche. Ich weiß auch, was Euch fehlt. Und bildet Euch nicht ein, Einer von den dummen Jungen könnt' Euch genügen. Zehn solche Knäbchen zusammen wie unsere Burschen geben noch keinen Horrja. Ich bin der Mann für Euch, glaubt mir's und nehmt mich!! Wie ein heftiger Donnerstoß seinen Eintritt in der Müllerin Zimmer vorbereitet, so bezeichnete ein ähnlicher jetzt den Schluß der frechen Anrede. Unverschämter Mensch, sagte Grethe, wie mögt Ihr Euch erdreisten, so mit mir zu sprechen? Hab ich Euch jemals nur durch ein freundliches Wort zu solchen Anträgen berechtigt? Möcht' ich doch eher zu meinem verstorbenen Manne in den Sarg steigen, als Euch zu meinem Herrn machen! Nie, niemals! Und morgen am Tage verlaßt Ihr die Mühle. Steht es so? erwiederte Horrja. Hm, ich dachte nicht, daß Eure Wittwenschaft Euch so bequem wäre; meinte, Ihr brenntet vor Ungeduld, sie abzustreifen, wie ein schweres Tuchkleid in den Hundstagen. Sagt mir ein Mal die reine Wahrheit: wollt Ihr gar keinen Mann mehr nehmen? Bin ich Euch Rechenschaft schuldig? rief hocherröthend die Gepeinigte. Und den Purpur auf ihren Wangen wahrnehmend, lachte Horrja spöttisch auf: Also denkt Ihr wirklich an einen von den zwei Gelbschnäbeln? Nun, gut bekomm's. Aber nehmt ihn wohl in Acht, bis er Euch in's Brautbett folgt, sonst könntet Ihr ihn eines Tages mit zerschlagenen Gliedern vor Eurer Thüre als Krüppel finden. Versteht Ihr mich? Aufgeblasenes Weibsbild! Ist doch bekannt, wer Eure Mutter gewesen, wenngleich über den Vater die Leute verschiedener Meinung sind. Sei's drum, morgen verläßt Horrja die Mühle. – Grethe blieb allein, den wilden Kämpfen in ihrer Brust preisgegeben. Abneigung gegen den zudringlichen Werber, unbezwingliche Sehnsucht nach Stanislas stritten in ihr mit der quälenden Angst, durch Horrja's letzte Worte hervorgerufen. Gespenstig stand die alte Sibylle vor ihrer Einbildungskraft, und wie eine unabweisliche Zauberformel schlugen die nur halbverständlichen Worte, die sie ihr aus dem Dornenbusch entgegengekreischt, wieder an ihr Ohr. Sie fühlte sich gedrungen, Silbe bei Silbe willenlos in's Gedächtniß zurückzurufen. Da kam sie auch an die Worte: denn ich weiß den Liebestrank zu bereiten! und kaum hatte sie diese in ihrer tiefsten Bedeutung durchgedacht, als ein Fieberfrost wildester Begier mit unbesieglicher Gewalt sie durchschüttelte, das Herz in ihrem Busen krampfhaft zusammenpressend. Dem Wahnsinn nahe warf sie sich auf's Bett, raufte ihre Haare, drückte vor Kälte klappernd ihren Kopf in die Kissen und riß gleich nachher, weil sie sich im Feuer zu verzehren meinte, ungestüm ihr Kleid in Stücke. Sie trieb es arg, die schöne Grethe; man könnte ihr zürnen, wenn wir nicht alle Eva's Kinder wären. Luft! frische Luft! schrie sie dann weinend, von banger Raserei erschöpft, und stieß die Laden, die Fenster weit auf. Siehe da: das Gewitter hatte sich zertheilt, getrennte Wolken ließen ganze Stücke voll Sternenhimmel durch, und derselbe Mond, der in sanfter Klarheit die hochgebornen Bewohner des Falkenschlosses angelächelt, strahlte mit seinem räthselhaften Lichte auch auf die niedrig geborne Müllerin. Sie streckte ihre nackten, weißen Arme nach ihm empor, als wollte sie ihn zu ihrem Beistande herabrufen. Aber er kam nicht; recht wie ein vornehmer Herr, zu dem die Armen sich hin bemühen müssen, wenn sie Hilfe bei ihm suchen. Ach, Grethe hätte sich so gern zu ihm hinaufziehen lassen, wäre es möglich gewesen, hätte gern ihr irdisches Theil der Erde gegönnt und wäre mit dem, was göttlich in ihr waltete, – denn in jedem liebenden Herzen, auch wenn es zuckt und bricht, wohnt Gott, – ihrem Leib entflohen. Doch hielt der Leib sie so fest, und der Mond lockte nur, er erhob sie nicht. Elf Mal schlug die Wanduhr, und der alte Kuckuck im kunstreichen Werke wiederholte mit seiner hölzernen Stimme den Stundenschlag. Noch eine Stunde nur, sprach Grethe in's Grüne hinaus, und der Tag des Herrn beginnt. Eine sanftere Stimmung schien sich ihrer bemächtigen zu wollen, und schon neigte sich das wogende Herz gläubig zu frommer Entsagung, als wiederum das Bild der Zigeunerin und mit diesem die Erinnerung an deren Worte in ihr auftauchte. Hier oben findest Du mich immer von Sonnabend zu Sonntag, um zwölf Uhr in der Nacht. Elf hat es geschlagen; bis Zwölf kann der Berg, wo ich sie traf, erstiegen sein! Den Liebestrank versteht sie zu bereiten! der Mond scheint – Gott sei mir gnädig, es muß geschehen! Bald war ein Mäntelchen über Grethens zerstörten Anzug geworfen, eine Börse voll schwerer Goldstücke eingesteckt, und mit einer Kraft, mit einer Gewandtheit, wie sie ihr in ruhigem Zustande niemals zu Gebote gestanden haben würden, schwang sie sich über die Fensterbrüstung hinaus, hing nur eine Sekunde lang, mit den Händen festgeklammert, unschlüssig in der Luft, ließ sich dann dreist auf den Erdboden fallen, kam glücklich auf beide Füße zu stehen und verfolgte alsogleich den kürzesten Weg, indem sie den Mühlgarten quer durchschnitt. Ein dumpfes Geheul, dem Jammern eines im tiefsten Keller versperrten Hundes ähnlich, hemmte ihren raschen Gang. Sie horchte auf und glaubte die heisere Stimme des treuen Sultan zu hören; wirklich stand sie auf dem kleinen Grabhügel, den die Burschen ihm gewölbt. Noch einmal sank ihr Muth; schon wollte sie umkehren. Da trat der Mond wieder in voller Macht hervor; dies Erscheinen galt ihr als Zeichen der Ermunterung; sie überstieg den Zaun des Gartens, und binnen drei Viertelstunden fand sie sich, athemlos vom raschen Steigen, am Ziele der unseligen Wanderung. Dort zeigte sich jenes struppige, wildverwachsene Dornengebüsch; leicht kenntlich, weil es das einzige auf dem Kamme der Berge war; man sagte, es verhülle in seiner weiteren Ausdehnung den Eingang zu verrufenen Höhlen. Kalter Winter strich über die Berge. Margarethe klimperte vor Angst mit den Goldstücken in ihrer Tasche, ob es ihr vielleicht gelingen möchte, durch diesen Klang die ersehnte Gefürchtete aus dem Schlupfwinkel hervorzulocken, da sie den Namen »Sibylle« laut auszusprechen nicht Kraft genug in sich verspürte. Lange währt' es auch nicht, so zeigte sich das Schreckensweib. Schon heute, schönes Töchterlein? rief sie der verbleichenden Grethe entgegen. Und was bringst Du mir? Mit zitternder Hand hielt die Müllerin das Gold im Schatten des Mondes der Alten vor die Augen, die es hastig nahm und dabei murmelte: nicht für mich, welche des Plunders nicht bedarf; nur zu frommen Werken! Auch wollt' ich nicht fragen, was Du mir bringst ! Ich wollte hören, was Du von mir verlangst ! Womit kann die weise Mutter des Berges ihr üppig Töchterlein beglücken? Jetzt oder nie, dachte Grethe; hab' ich den Weg hierher gewagt, bin ich den bösen Mächten verfallen, nun, so sei auch die verbotene Frucht gepflückt! Und bringt sie mir Tod, desto besser! Sibylle, so sprach die Müllerin laut und vernehmlich, Du verstehst den Liebestrank zu bereiten! Ich bedarf dessen! Ich hab' ihn gesehen, den ich besitzen will! Was muß ich thun, daß er mein werde? Mir gehorchen! Weiter Nichts! Aber eh' wir beginnen, ist Eins nöthig, und das wird schwierig sein. Einen güldenen Ring müssen wir haben, den Dein Auserwählter mindestens durch drei und dreißig Nächte an seinem Finger getragen, und einen solchen – Besitz' ich, rief Margareth so laut und jubelnd, daß es in den Bergen wiederhallte. Du hast ihn schon? Ei, Du bist mein kluges Kind. Dann können wir schon ohne Aufschub zum Beginn schreiten. Folg' mir in mein steinern' Gemach; und wenn Du Dich am Dornengebüsch ein wenig ritzen solltest, acht' es nicht, Grethchen: wir brauchen ohnedies warmes Blut zum Tränkchen, nebst andern guten Dingen. – Gierig griff die Alte mit ihren dürren braunen Krallen in Margarethens vollen Arm und zerrte die Willenlose wie ein Opfer hinter sich her. Der Mond verhüllte sich schamhaft in dicke schwarze Wolken, und tiefe Nacht trat ein. IV. Welch' ein herrliches Paar! ging es durch die Reihen der Gäste und der Dienerschaft von Mund zu Mund, als Fürst Stanislas an Sophia's Seite ans der Schloßkapelle kam. Sie war ernster, als je. Daß Stanislas den Verlobungsring verloren, war ihr schwer auf die Seele gefallen, und sie, jedem Aberglauben so fern, fühlte sich von diesem Zufall wie von dem Gewicht einer traurigen Ahnung bedrückt. Deshalb hatte sie alle Voranstalten zu einem rauschenden Hochzeitsfeste bittend rückgängig zu machen gewußt, und der lange Tag schlich, da die Trauung bereits am Morgen geschehen war, ohne Sang, ohne Tanz, ohne heitere Spiele, nur durch ein glänzend-kaltes Mahl unterbrochen, einförmig und freudlos dahin. Mit feuriger Ungeduld zwar, aber dennoch mit düstrer Vorempfindung harrte Stanislas der Abend-Dämmerung entgegen, vor deren Geheimnissen Sophia fast weinend erbangte. Auch die Eltern konnten das Entzücken nicht wiederfinden, mit welchem sie längst schon auf den ersehnten Abend geblickt. Ueber alle Bewohner des Schlosses schien ein grauer Schleier ausgebreitet zu sein, unter dem sie beängstigt athmeten. Schon hatte die Sonne scheidend einen schönen Morgen verkündigt; schon suchten die Schwalben ihre Nester, schon schwebten hungrige Fledermäuse wie abgeschiedene Geister durch des Schlosses lange Gänge; schon brannten buntvergoldete Wachskerzen im Gesellschaftssaale, – als der Kammerdiener des Fürsten in die Thüre trat und den Gebieter durch einen bescheidenen, doch verständlichen Wink abrief. Durchlaucht, sprach er draußen zu ihm, da ist ein wunderlich aufgeputztes altes Weib, einer Zigeunerin ähnlich, und will durchaus mit Euer hochfürstlichen Gnaden sprechen. Sie giebt vor, die wichtigste Kunde zu bringen, und läßt sich nicht abweisen. Ich sollte nur den Namen »Rosaura« nennen, dann sei sie sicher, vorgelassen zu werden. Nun hatte Stanislas in seinem ganzen Leben keine Rosaura gekannt, und darum gerade machte die Zuversicht der Fremden ihn neugierig, zu erfahren, was sie mit ihrer Rosaura von ihm wolle. Er befahl sie in die von ihm bewohnten Gastzimmer zu bringen, und als sie daselbst fast zugleich mit ihm eintrat, wendete sie sich halb kriechend, halb gebietend an den Kammerdiener, den sie beschwor, ihr mit des Herrn Vergünstigung einen Becher guten Weines zu holen, da sie der Erquickung nach langem, beschwerlichem Marsche höchst bedürftig sei. Der Fürst gab Erlaubniß, daß der Kammerdiener den begehrten Labetrunk herbeihole, und seinem Befehle, der Kellermeister möge eine Flasche Rheinwein senden, fügte Sibylle den Nachruf bei: und zwei Gläser! – Sollen wir etwa miteinander zechen, krumme Hexe? fragte der Fürst höhnisch. Sibylle aber ließ sich weiter nicht irre machen und erwiederte nur: wär' es doch nicht zum ersten Male, daß ich mit Fürsten pokulirte. Dann nahm sie eine kleine verbogene Brille aus ihrem Schubsack, gab ihr die nöthige Form und betrachtete, nachdem sie die scharfen Gläser aus ihre krumme Nase gezwickt, den jungen Ehemann mit vergnüglichen Blicken, ohne ihn anzureden. Werd' ich bald erfahren, rief jener unwillig aus, was es mit Deiner Rosaura soll? Aus welchem Narrenhause trugst Du die Bestellung? Du hast Recht zu schelten, mein Sohn, sprach mit verlegenem Zögern die Alte. Sibyllchen hat diesmal einen dummen Streich begangen. Sie hat sich von der schönen Rosaura und deren Jammer irre führen lassen; Du bist gar nicht, den wir suchen; mein Auftrag gilt einem Andern! O weh mir, daß ich die kostbare Zeit verloren! Ach weh' mir Aermsten, wie wird die stolze mächtige Rosaura zürnen! Mein Lohn ist dahin, mein schönes Gold ist dahin! Krächze nicht, habsüchtige Vettel, sagte der Fürst. Nimm diese Börse als Entschädigung und zieh' Deines Weges. Nicht ohne dieses reiche Geschenk vergolten zu haben. Sibylle bleibt Nichts schuldig. Reiche mir Deine Hand, schmucker Jüngling, ich will Dir wahrsagen. Ungläubig gab ihr Stanislas seine Linke! Hm, hm, flüsterte das Weib, da sieht's närrisch aus: Glück und Unheil, Wonne, Lust und Elend bunt durcheinander. Zigeunergeschwätz, meinte der Fürst achselzuckend. Zigeuner? Ja, Zigeuner nennt Ihr uns, weil Ihr's nicht besser wißt. Mein Vater war, – und hier richtete sie sich stolz empor, und ihr Auge funkelte mächtig durch die grünen Brillengläser – mein Vater war aus indischem Königsstamme, ein anderer Fürst, als Du und Deines Gleichen! – – So beliebe es Deiner Majestät fortzufahren, denn meine Geduld geht zu Ende! – Krumm und gebückt in ihre erste Stellung zurückfallend, betrachtete Sibylle immer emsiger des Fürsten Hand. Da seh' ich einen Ring am Finger, – aber es ist Täuschung; der Ring ist nicht mehr da. Wo hast Du den Ring, Unglücklicher? Weiß ich's? rief Stanislas, bang' erstaunt über die Zaubergaben des Weibes; ich hab' ihn verloren. Schlimm, sehr schlimm, mein Söhnchen; das bedeutet ... Bei diesen Worten trat der Kammerdiener mit der Flasche und den Gläsern ein; der Fürst hieß ihn sich sogleich wieder entfernen und schloß sorglich hinter ihm die Thür. Was bedeutet's, alte Eule? Vollende! Je nun, daß Eure junge Frau Euch nicht treu bleiben wird. Mir! nicht treu? Mir? Und als er dies aussprach, warf er sich stolz und zuversichtlich in die Brust: Wärst Du nicht so tief unter mir, Satan, ich erdrosselte Dich mit eigener Hand für dies schandbare Wort. Thut, was Ihr mögt und dürft, junger Herr, erwiederte die Zigeunerin jetzt mit ganz anderer, kräftigerer Stimme! Aendern werdet Ihr Nichts, und wenn Ihr mich spießen und braten laßt. Ich nehm's Euch nicht übel, daß Ihr zornig seid. Will Keinem in den Kopf, daß ihm die Ansätze zu den Hörnern schon in der Stirn stecken; hilft aber Alles Nichts. Ja, Fürst, ich schenk' ein und bring's Euch. Auf eine glückliche Nacht! Und weil Ihr meinem Schaden Mitleid gegönnt, und weil Ihr mich reich beschenkt, so will ich Euch beweisen, daß edles Blut in meinen Adern rollt, daß ich aus wahrhaft königlichem Stamme bin, will's Euch durch Großmuth beweisen. Hier, füllt Euer Glas zur Hälfte und jetzt laßt mich den Inhalt dieses kleinen Fläschchens dazu gießen. So! Seht Ihr, Herr, jetzt habt Ihr's in Eurer Macht: trinkt diesen Saft, eh' Ihr in's Brautbett steigt, und Euer Weib ist mit unauflöslichen Banden an Euch gefesselt; Ihr seid ihrer auf immer gewiß. Das Arcanum ist uralt in unserem Stamme; unfehlbar ist's, und so hat sich's bewährt seit Jahrtausenden. Ihr lächelt? Kennt Ihr die Geheimnisse der Natur? Habt Ihr sie ergründet? Wißt denn, meines Trankes Gluth duftet in balsamischen Tropfen aus Euren Poren, und die während dieser Nacht in Euren Armen lag, kann sich nie mehr einem Anderen ergeben! – Ihr zweifelt noch? Wohlan denn, gießt das schlechte Gebräu zum Fenster hinaus! Was thut's mir! Ich habe Dankes Pflicht erfüllt. Jetzt aber öffnet die Thür und gebt mir meinen Abschied. Stanislas rief den Kammerdiener und befahl ihm, das Weib unbemerkt aus dem Schlosse zu schaffen. Während dieser sie durch die kleine Seitenpforte des Hofes entließ, vernahm er noch aus ihrem murmelnden Selbstgespräch die ihm unerklärlichen Worte: ob er trinken wild? Ob? Ha, er müßte kein Mann sein! – – Da saß denn Stanislas allein und nachdenklich vor dem Tisch, und dicht vor ihm der Zaubertrank. Trotz seines gerechten Mißtrauens gegen die Alte hatten ihre Aeußerungen ihn doch innerlich erregt. Auch Gebildete und Vornehme, ja sogar Gelehrte und Priester glaubten damals noch an Hexerei und Teufelsspuk! – Daß Sibylle den Mangel des verlorenen Ringes zu entdecken vermocht, gab in des Fürsten Meinung auch ihrer Prophetenkunst einiges Gewicht, und Sophia's Benehmen war in diesen letzten Tagen, die doch eigentlich schon der innigsten Annäherung zweier Liebenden gewidmet schienen, noch kalt und zurückhaltend genug gewesen, um Zweifeln an wirklicher Liebe von ihrer Seite Raum zu gönnen! Wenn nun am Ende gar ein bisher ungeahnter Nebenbuhler im Hintergrunde lauerte? Wenn die schauderhafte Vorherverkündigung der Zigeunerin über kurz oder lang in's Leben treten, wenn des Fürsten Ehre so gekränkt werden könnte? – Und dennoch, nein, es ist nicht möglich, diese reine, himmlische Gestalt, dieses Abbild jeglicher Tugend kann nicht sinken. – Aber auch Sophia ist ein Weib – und Weiber, mögen sie Engel scheinen, bleiben doch schwache Weiber! – Wie, wenn ich den Römer leerte!? – Doch wer weiß, was er enthält!? Ob vielleicht nicht gar Gift oder sonst ein unheilvolles – ... schon streckte er die Hand nach dem Glase, schon führt' er's an den Mund und sog den verführerischen Duft gierig ein. Seltsam, je länger er es hielt und prüfte, desto weniger war er im Stande, sich wieder davon zu trennen. Aber eben so wenig war er vermögend, sich, so lang' er den Geruch des Trankes spürte, das Bild seiner jungen Gemahlin, mit welcher doch seine ganze Seele gerade so lebhaft beschäftiget gewesen, klar und deutlich in's Gedächtniß zu rufen. Immer war es, wie wenn aus dem grünen Becher ein Auge blickte, und um dieses Auge formte sich dann ein Antlitz, und dieses Antlitz gehörte – Grethen, der Müllerin. Stanislas strengte sich gewaltsam an, der edlen Gattin zu denken, sich auszumalen, wie sie mit Thränen und rührenden Bitten seinen Umarmungen sich hingeben werde; – wider Willen sah er Margarethen und sich, sie umschlingend, neben ihr im Grase sitzen. Ein niegefühlter Durst begann ihn zu quälen. Er setzte den Römer an den Mund, versuchte zu nippen, und kaum hatte der erste Tropfen seinen Gaumen berührt, als er, unfähig abzusetzen, ihn bis aus den Grund leerte. Im Augenblick empfand er die Wirkung: wollüstige Wärme durchdrang ihn von Kopf zu Fuß, jedes Bangen war gewichen, neue Lebenskraft rieselte durch seine Adern. In diesem Zustande erhöhter Jugendlust fand ihn sein würdiger Schwiegervater, der bescheiden zu ihm trat, ihm zu melden, daß Sophia bereits von den Frauen in's Brautbett geleitet, und daß es wohl des Gatten Pflicht sei, ihr zu folgen. Beide Hände legte der Greis mit frommer Würde zum Segen auf des Jünglings Haupt und entfernte sich, sanft lächelnd, wie er gekommen. An gehorsames Schweigen gewöhnt entkleidete jetzt der Kammerdiener seinen fürstlichen Herrn, ohne des Besuches der Zigeunerin und des unerklärlichen Zwiegespräches weiter noch zu erwähnen; wenngleich bang erstaunt, seinen Gebieter in einem noch niemals beobachteten Zustande der Aufregung zu erblicken, schob er die Schuld davon auf die schöne Stunde, welche nächtlich des jungen Ehemannes harrte. Einen silbernen Armleuchter vor ihm hertragend, führt' er ihn pflichtgemäß bis an den Eingang zum Brautgemach und legte, als er sich dort von ihm trennte, alle tiefempfundenen Glückwünsche des ergrauten und vom verstorbenen Fürsten-Vater auf den Sohn überkommenen Dieners in eine lange, stumme Verbeugung. Einem Wilden, Berauschten ähnlich stürzte Stanislas zu Sophien, die mit gefalteten Händen betend da lag, vom bleichen Schimmer der alabasternen Ampel beschienen, wie ein Marmorbild anzuschauen. Heftig riß er sie empor, daß die Zarte laut aufschrie; wüthend zog er sie an seine Brust; aber mit einem Blicks der sie im Feuer verzehren zu wollen schien, stieß er sie wieder von sich, daß sie taumelnd in die seidenen Kissen sank. Du bist's nicht! rief er zürnend aus, und bevor die halb Ohnmächtige ihn über die Bedeutung dieses wahnsinnigen Wortes befragen konnte, war sie allein ihren Thränen, ihrem herzdurchbohrenden Jammer überlassen. Am nächsten Tage fand man sie, heftigstem Fieber zur Beute, auf ihrem jungfräulichen Lager; der Fürst war verschwunden, Niemand konnte eine Spur von ihm entdecken; nur der Burgwächter sagte aus, daß er in vergangener Nacht eine Gestalt im weißen Gewande, wie Mondsüchtige etwa thun, über die Mauer habe steigen sehen, und daß er, aus Furcht vor Gespenstern, unterlassen habe, darnach zu rufen oder sie zu verfolgen. Stanislas schien verloren, und Sophia mußte für eine bräutliche Wittwe gelten. In welche Trauer hochgräfliche Sippschaft und sämmtliche Einwohnerzahl des Falkenschlosses versank, brauch' ich Dir, mein gütiger Leser, wohl nicht erst zu schildern. Graf und Gräfin wichen nicht vom Bette der geliebten Tochter und lauschten ihren wirren Reden, aus denen sich eben nichts Anderes entnehmen ließ, als daß sie böslich und aus kränkende Weise verschmäht und verlassen worden. Der Schloßkaplan ordnete eine Betübung um die andere an, so daß Jung und Alt schier gar nicht mehr von den Knieen aus die Füße kamen. Aber das brachte den Fürsten nicht wieder. Nur sein Kammerdiener war der höchst irreligiösen Meinung, um einen Verlorenen zu finden, sei nach ihm zu suchen ein besseres Mittel, als für ihn zu beten, und durchkreuzte die Gegend ringsumher; nicht ohne dabei nach der ihm höchst verdächtigen alten Zigeunerin zu forschen. Auch seine redlichen Bemühungen blieben fruchtlos, und als er ermattet heimkehrte, theilte er seine Befürchtungen mit, indem er erzählte, was er am Hochzeitabend gesehen und gehört. Daß Hexenkunst im Spiele sei, daran zweifelte nun wohl keine Seele im ganzen Schlosse mehr. Waren doch zu jener Zeit noch viele arme Weiber, lediglich weil sie entzündete Augenlider hatten, gefoltert und ersäuft worden. Die geheimnißvolle Sibylle, wie des Fürsten Kammerdiener sie sammt ihren Aeußerungen bei'm Ausgang aus dem Schloßhofe beschrieb, wollte der gräfliche Justizamtmann nun gar verbrennen lassen. Aber die Nürnberger hängen Keinen, es sei denn, sie hätten ihn zuvor; und so hielten sie's auch auf Falkenschloß mit dem Verbrennen. Sophia's Zustand fing sich nach Verlauf der zweiten Nacht sichtlich zu bessern an; sie wurde ruhiger, redete nicht mehr irre und zögerte nicht mehr, der geliebten Mutter ihre ganze Seele zu öffnen. Da kam denn eine merkwürdige Veränderung zu Tage. Die scheinbar Kalte, Gleichgültige, von Erdenliebe Unberührte war glühend, zärtlich, sehnsuchtsvoll geworden; was süße Worte und schmachtende Blicke des Liebenden nicht vermocht, das hatte Eifersucht gethan: sie zitterte, ihn in den Armen einer Anderen zu wissen, und ließ sich's nicht ausreden, der Fürst sei nicht toll, er sei treulos! Neue Bedenklichkeiten! Neue Zweifel! Neue Gebete des Schloßkaplans! In diese bedenklichen Zweifel, in diese zweifelhaften Gebete trat unerwartet Gewißheit, und zwar durch eine sehr widerwärtige Person: durch den uns längst bekannten Müller Horrja, der auf dem gräflichen Schloß erschien, seiner Rache freien Lauf zu lassen. Die Kunde vom weggezauberten fürstlichen Bräutigam war bis in's Mühlthal gedrungen. Grethe, die Müllerin, ward in ihrer Behausung zu gleicher Zeit vermißt. Horrja hatte bald erlauert, daß hier ein Zusammenhang stattfinden könnte; hatte sich's nicht verdrießen lassen, eine Nacht im Freien zuzubringen, und konnte nun die sichere Nachricht mittheilen, daß in der Grotte des Felsenvorsprungs, der seit der Sündfluth über die Mühle hinhängt, seine Meisterin mit einem Fremden weile, und daß er ein Hexenungethüm bei Mondlicht habe ein- und auskriechen sehen. Dieser Bericht setzte das ganze Schloß in Bewegung; Jäger und Diener bewaffneten sich mit Flinten und Schwertern; Weiber und Kinder mit Rosenkränzen; der Schloßkaplan ergriff ein Kreuz; der alte Graf bestieg sein bestes Roß und führte, Horrja an der Seite, den langen Zug nach der Mühle an. Gräfin Mutter blieb bei Sophien, die Unglückliche mit frommen Formeln zu trösten, welche jedoch nicht mehr verfangen, welche nicht mehr genügen wollten. Die Jungfrau war zum Weibe geworden, durch ihre Gedanken. Als die Schaar vor der Mühle erschien, gafften die dummen Mägde mit glotzenden Augen und offenem Munde aus dem Küchenfenster. Jakob und Ulrich, auf stillstehende Mühlräder gelehnt, sahen betrübt mit dumpfer Ergebung darein. Horrja beurlaubte sich vom Grafen, indem er anzeigte, er wolle hinter der Mühle emporklimmen, um oben das Paar aus der Grotte zu locken. Einige Jäger, die jüngsten und rüstigsten, wurden befehligt, ihn zu begleiten; sie konnten nur schwer zum Gehorsam vermocht werden, und erst, nachdem der Kaplan sie von oben bis unten mit seinem Weihwedel besprengt und angefrischt, entschlossen sie sich, dem wuthschnaubenden Horrja zu folgen, der so rasch kletterte, daß er einen großen Vorsprung gewann und sehr bald die Felsenkuppe erreicht hatte, von der er sich gewandt herabschwang und auf einem Berghollunderstrauch, handhoch über dem Eingang zur Grotte, sitzen blieb. Mit vorgebeugtem Haupte rief er in die Höhle hinein: Margarethe, verfluchte Zauberin, zeige Dich dem irdischen Gerichte! – Ein gellender Schrei drang aus der Grotte, und schon sprang Grethe, einer Tigerin zu vergleichen, die ihre Kleinen vertheidigen will, an's helle Licht des Tages. Welch' ein Anblick! Fürchterlich-schön war sie zu betrachten. Was wollt Ihr? schrie sie hinab zu der unten versammelten Menge; warum stört Ihr die Freuden meiner Brautnacht? Was begehrt Ihr? Meinen Sohn, den Fürsten, antwortete der Graf; im Namen Gottes und aller Heiligen gieb ihn heraus! Seid Ihr thöricht? Das Herz könnt Ihr aus der Brust mir reißen, nicht Stanislas aus meinen Armen. Und was hilf' es Euch, wenn ich ihn hergäbe? Möchtet Ihr ihn führen durch's ganze Land – so wie ich seinen Namen ausspreche und ihm befehle zu kommen, muß er ja doch mir folgen! Da, seht selbst! Mit dem Ausdruck höhnischen Trotzes rief sie Stanislas! Augenblicklich wankte der Fürst aus der Grotte, blaß, mit verwildertem Haar, wie ein Sterbender, und stürzte anbetend zu ihren Füßen. Was meint Ihr nun? Nützt er Euch noch? – Mein ist er, nur mein! Den Liebestrank hat er getrunken, seinen Ring trag' ich am Finger, und erst mit meinem Tode erlischt der Zauber. So erlösch' er jetzt gleich! brüllte Horrja; von seinem Hollunderstrauch auf sie springend, riß er die Müllerin mit zu Boden und bohrt' ihr, eh' die vorsichtig herabsteigenden Jäger zu Hilfe kommen konnten, ein scharfes Messer in die bloße Brust. »Stanislas« röchelte noch einmal die Getödtete, dann erstickte sie im Strom ihres dunklen Blutes. Bei der letzten Zuckung, welche durch ihre Glieder ging, sank Stanislas den Jägern in die Arme, als ob er auch todt wäre! Behutsam wurd' er in's Thal, langsam nach Falkenschloß gebracht; sie trugen ihn, wie einen verwundeten Krieger aus der Schlacht, auf zusammengeflochtenen Zweigen. Horrja zog den Ring von Grethens Finger, eilte damit auf's Falkenschloß, empfing eine reiche Belohnung und verließ bei Nacht und Nebel jene Gegend. Jakob und Ulrich verscharrten, als erst wieder Dunkel auf den Bergen lag, den Leichnam der Geliebten, von ihren Thränen gebadet, im Garten neben Sultan's Grab. Dann sagten sie der Mühle Lebewohl und zogen mitsammen in die weite Welt. Auch die dummen Mägde zerstreuten sich, indem sie Kreuze über Kreuze schlugen. Nach etlichen Tagen, bevor noch das Gericht eingeschritten war und Haussuchung gehalten hatte, brannte die Mühle nieder. Man will in den Flammen ein altes Weib gesehen haben; Einige sagen, es sei mit verbrannt; Andere behaupten, Sibylle habe des Müllers Gold aus dem Brande gerettet und sei dann auf und davon gegangen. Mir scheint, die Mühle hat ursprünglich » Grethen -Mühle« geheißen und ist erst später in Volkes Mund zur » Kröten -Mühle« geworden. Nun, Kröten, wie gesagt, hat's genug im Sumpfe, der ein Teich war. Fürst Stanislas erholte sich gar bald bei guter Pflege und jugendlicher Kraft zur vorigen Schönheit. Der Zeit in der Grotte wußt' er sich nur wie eines Traumes zu erinnern und wünschte nicht, daß man davon redete. Völlig genesen, gab er seiner schönen Gemahlin das Glück in reicher Fülle, dessen sie so würdig; sie liebten sich sehr, waren mildthätig, fröhlich und guter Dinge; begruben in Schmerzen die Eltern, erzogen in Freuden ihre Kinder; und wahrhaftig, wenn sie nicht gestorben wären, könnten sie heute noch leben. IV. Der Taubstumme. Erstes Kapitel. In dem Kreisstädtchen Oerle, oder wie es in der Schriftsprache heißt: Oerla, saß der Kreis-Gefängnißwärter Pancratius Hiob Abends vor der Hausthür, sein Pfeifchen rauchend und mit seltenem Behagen die milde Herbstluft einathmend. Seine Frau saß fleißig strickend neben ihm. Der Sohn Tobias lehnte sich bis an die Brust zum offenen Fensterchen heraus und gab sein Wort in ihre Gespräche gelegentlich mit dazu. Ja Krezel, hob der Alte an, das ist uns lange nicht widerfahren. Heute beschließen wir mit Gottes Hilfe den dreißigsten Tag, wo kein Arrestant eingebracht worden ist. Seit zehn Jahren, glaub' ich, ist es nicht geschehen, daß einen ganzen Monat hindurch die Brummställe leer blieben, 's thut unser Einem wohl; wenn auch dadurch das Bissel Profit, was Du etwa bei der Kost haben kannst, in die Brüche geht – mag's doch! 's ist doch ein angenehmes Gefühl, des Nachts im Bette zu denken: da, hinter der Mauer neben uns härmt sich kein armer Teufel und grämt sich kein abgerissener Landstreicher auf dem alten Strohsack! Wohl thut's Einem, sag' ich. Freilich thut's das, erwiederte Frau Lucretia Hiob; mir auch; und von Herzen gern wollte ich mein Lebelang auf die paar Pfennige Verzicht leisten, die das Kreisamt mir auf meine Mühe vergütet, wenn ich nimmermehr für einen Gefangenen zu kochen brauchte. Gefangene und Gefangene, das ist ein Unterschied, sagte nach einigem Bedenken Hiob. So ein wirklicher Aufseher in einem ordentlichen Strafhause, das ließ' ich mir etwa eher noch gefallen. Wer da hineinkommt, der hat das Schlimmste schon überstanden, hat Untersuchung und Urtheil hinter sich, und wenn er sich gut beträgt, hübsch fleißig arbeitet, redlichen Willen zur Besserung bezeigt, kann ihm allerlei Vorschub geleistet werden durch freundliche Behandlung und eindringliche Lehren. Aber die bei uns hier untergesteckt werden, sind gewöhnlich erst auf dem Wege in's Unglück, voll von Lügen wie von Ungeziefer, und ehe man im Stande ist, sie auswendig und inwendig ein Bissel zu säubern, werden sie schon wieder fortgeschafft. Da hat mir's Herze wohl manchmal geblutet um solch' junges Bürschlein, vielleicht braver Eltern Kind! Und mir erst, sprach Tobias aus dem Fenster heraus, wenn ich sie forttreibe wie das liebe Vieh zum Schlachthofe. 's ist ein hartes Stückel Brot, ein Kreisbote sein. Was hilft's, wendete Frau Lucretia ihm dagegen ein; Dein Weib und Deine Kinder, unsere kleinen muntern Enkelchen wollen doch auch leben. Und ist das Brot hart, ernährt es Euch doch leidlich; und Dein Herze wenigstens ist dabei noch nicht hart geworden, wie des städtischen Amtsdieners, des Schmolian seines. Nein, Mutter, meiner Seele nicht, und soll's auch mit Gottes Hilfe nicht werden. Wenn ich schlechte Burschen transportiren muß, und sie sind nur nicht gerade widerspenstig und obstinat, da behandle ich sie so viel wie möglich mit Schonung; denn ich denke immer, wer weiß, wie dereinst Deine Kinder gerathen, ob Du Freude an denen erlebst, und ob Dich der Himmel nicht strafen würde, wenn Du unbarmherzig wärst? So sind meine Gedanken. Aber der Schmolian lacht mich nur aus derowegen. Er hat gut lachen; er hat keine Kinder und weiß nicht, wie einem Vater zu Muthe ist. Nu gar erst einem Großvater, fuhr der alte Hiob fort, wenn er einsieht, daß er's nicht mehr erleben kann, wie die kleinen Rangen einschlagen werden. 's steht jetztund gar zu übel auf Erden und ist erbärmlich bestellt um die Menschheit. In früheren Zeiten haben die Landesherren ein Prämium ausgesetzt auf den siebenten Sohn, der einem Elternpaare am Leben blieb; heute zu Tage giebt es so viel Volks, daß schon bald kein Platz mehr sein wird und kein Unterkommen. Das hätt' mir noch gefehlt, klagte Tobias, daß ich sieben Jungen haben sollte! Ist mir der Eine schon zu viel mit seinem Spektakuliren! Da lob' ich mir die zwei Mädel; die sind meine Freude. Nicht wahr, sagte beistimmend Mutter Lucretia, genannt Krezel; Mädel, das ist gleich ganz 'was Anderes, die erziehen sich von selbst und kosten so viel wie gar Nichts. Denn Du meine Güte, was ißt denn so ein Mädel? Wie ein kleines Piepvögelchen! Das möcht' ich von unsern gerade nicht behaupten, Mutter; die fressen ganz gehörig. Aber dabei fällt mir ein, daß meine Frau mit dem Bissel Abendbrot auf mich wartet; hier ist weiter Nichts zu thun; dorten seh' ich auch den Schmolian die Gasse heraufkommen, der macht vor Eurer Bank sicher ein Ständerle, und aus dessen feine Unterhaltung bin ich nicht sehr versessen. Also: gute Nacht mitsammen, und ich gehe. Gute Nacht, Tobias, sprachen Hiob und Lucretia zugleich – und gleich darauf sprachen sie: Guten Abend auch, Herr Schmolian! Das ist ein stattlicher Mann, dieser städtische Amtsdiener in seinem langen dunkelblauen Ueberrocke mit Metallknöpfen, worauf das Wappen des Städtchens geprägt ist, und einen Rohrstock zur Hand, den er wie einen Scepter trägt, und vor welchem alle Gassenjungen und böse Buben schon aus hundert Schritte entweichen. Er lüftet seinen Hut und fragt herablassend das Ehepaar: Na Kinder, wie gehen die Geschäfte? Alsbald entspinnt sich folgendes Dreigespräch: Gott sei Dank, recht stille, Herr Schmolian, ganz stille! Ja, Gott sei Dank, seit einem Monate Alles ruhig, wie Sie wohl wissen. Also durchaus kein Vogel im Stalle? Nichts zu rupfen? Nicht ein Federchen. Aber das ist langweilig, Ihr Leute! Eh conträr, pläsirlich ist das; man geneußt seine alten Tage am Liebsten in Frieden. Daß ich nicht wüßte. Ich bin wohl was jünger wie Ihr, darum aber auch kein Grünschnabel mehr, und mir kann's nicht genug Arbeit geben. Je mehr ich packe und einschleppe von dem ruchlosen Gesindel, desto besser geschieht mir. Da bin ich in meiner Esse , wie der Herr Bürgermeister zu sagen belieben. Das ist jedoch lateinisch, und das versteht Ihr nicht, Ihr da beim Kreis-Amte. Lateinisch versteh' ich freilich nicht. Aber »Esse« hätt' ich für ein deutsches Wort gehalten, so gut wie Feuermauer, Schornstein, Schlot oder dergleichen; derowegen Heißt's ja auch Essenkehrer. Eben so richtig könntet Ihr's vom essen herleiten; keine Idee! In seiner Esse sein ist so viel, als sich behaglich fühlen, wie – ja wie sprech' ich gleich? wie – der Vogel im Hanfsamen, der Fisch im Wasser – Das Schwein im Moraste? Gewissermaßen, ja! Und so ist dem Herrn Schmolian, wenn er viel Arrestanten macht? Getroffen! Wenn ich sie beim Kragen halte, und sie winden sich, wollen sich losdrehen, ausreißen, ich halte sie fest. Denn wo meine fünf Finger anpacken, da greifen sie durch. Betrachtet die Faust: von der giebt's kein Entkommen. Nee, die ist wie dazu gemacht. Ich glaube immer, Ihr seid schon zum Haltfeste in die Welt gesetzt worden. Das glaub' ich auch, Frau Hiobin. Darum thut es mich jedesmal wurmen, wenn mir Einer entgeht. Wie heute zum Exempel, der verwetterte taubstumme Landstreicher, der sich schon etlichemale in der Vorstadt gezeigt, und den kein Teufel kennt. Niemand weiß, wo er gebürtig oder zu Hause ist; betteln thut er auch; darf also in's Loch gesteckt werden mit Fug und Recht. Aber Prosit die Mahlzeit! Stumm und taub mag er sein (wenn er sich nicht verstellt, was bei solchem Gesindel auch vorkommt), blind ist er nicht, und eine feine Nase muß er haben. Ich mag lauern wie ich will, immer heißt's: da gewesen ist er – und ich muß abziehen. Heute hab' ich den unverschämten Kerl mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er vor der Thüre des letzten Häuschens, welches zum städtischen Weichbilde gehört, hinüber ging auf Hafenauer Grund und Boden; guckte sich ordentlich nach mir um, der Racker, wie wenn er sagen wollte: nu so komm' doch und thu mir was. So ein Schuft! Und Ihr aus Euerem Kreisamte seid auch alle mitsammen, vom Obersten angefangen bis zum Herrn Tobias Hiob hinunter, von einer unleidlichen Nachsicht. Warum nicht einmal ein kleines Treibjagen anstellen auf solch' ein ausländisch Stück Wildpret? Schon daß wir die Satisfaction haben, einem fremden Amte den Vagabunden, wo er hin gehört, zu überschicken und beizuschreiben: Hierbei folgt ein Umhertreiber und Bettler, so Euch zugehört, und wollet hinfüro auf Eure Sache besser Obacht geben! Warum nicht? frag' ich. Weil der Herr Kreislandrath zu nachsichtig sind gegen derlei Unflath. Weil sie jedesmal, wenn mein gestrenger Herr Bürgermeister auf dieses oder ein ähnliches Capitel kommen, zur Erwiederung geben: Laßt den armen Teufel laufen! Ja, Euch im Vertrauen kann ich es sagen, Hiob, der Taubstumme aus – Gott weiß woher – hat sich sogar aus Eures Herrn sein Landgut hinausgewagt, hat dorten im Schloßhofe gebettelt, und der Herr, der gerade vom Kreistage hinaus geritten kam, hat seine gewisse lange grüne Geldbörse herausgezogen und hat dem Maleficanten mit eigener Hand einen Silbergroschen dargereicht. Dieses hat mir der Reitknecht – – Der Reitknecht könnte was Besseres thun, Herr Schmolian, als daß er Ihnen ausschwatzt, was Seine Gnaden der Herr Landrath thun oder lassen. Indessen diesmal hat er die Wahrheit gesagt, der vorlaute Junge. Denn der Herr Landrath haben mit dem Kreissecretär über den Taubstummen geredet, und der Herr Winderle hat wieder mit meinem Sohne darüber geredet, und es ist schon geschrieben worden dahin, dorthin, des Unglücklichen wegen, und warten allzumal auf Bescheid. Bis dahin läßt man ihn sein Bissel Nahrung suchen, so lange er nichts Böses thut, und so lange gute Menschen ihm eine Kleinigkeit schenken. Picken doch oft hungrige Thierchen verlorene Brosamen auf. Und der liebe Gott ... Der liebe Gott hat Nichts mit unsern neuen Armengesetzen zu schaffen. Nein, davor wird er sich hüten! Aber Ihr beim Kreisamte bekümmert Euch auch Alles zu wenig darum; das geht bei Euch immer nach dem alten Schlendrian fort, wie beim verstorbenen Landrath, von dem sein Sohn nicht blos das Amt, sondern auch die Nachsicht geerbt hat. Das darf nicht sein; das Gesetz ist ein eisernes Rad, wie mein gestrenger Herr Bürgermeister zu sagen belieben, und wen es ergreifen kann, den zermalmt es in seinem unaufhaltsamen Gange. Und Herr Schmolian hilft drehen. So thu' ich, Frau Hiobin, so thu' ich, weil es also mein Beruf mit sich bringt. Lasse mich auch nicht irre machen durch Bitten, Thränen, Lügen und andern Firlefanz. Werde ebenfalls besagten Betrüger oder wirklichen Taubstummen in diese meine Fäuste kriegen, über kurz oder lang, darauf mögt Ihr Euch verlassen; werde ihn Euch in Euer Kreisamt überliefern, und Ihr werdet ihn bei Euch als einen Fremden, mit welchem löblicher Magistrat Nichts weiter zu schaffen hat, einsperren müssen, mögt wollen oder nicht. Wenn er aber, wie Ihr meint, immer zur gehörigen Zeit entschlüpft? Das gilt nur für den Sommer. Das ist wie mit den Krähen, seht Ihr. Zur milden Jahreszeit, wo das Spitzbubenvolk von Galgenvögeln draußen allerlei Geschmeiß und Ungeziefer in allen Furchen, auch Früchte auf allen Bäumen findet, da wagt es sich nicht in die Städte hinein; da flankirt es höchstens um die äußersten Enden der Vorstadt herum, wo noch Gärten liegen. Sobald sich der Winter einstellt, und der Schnee ihnen die Zufuhr abschneidet, da macht sie der Hunger frech; da dringen sie weiter vor und lassen sich in Papierdüten fangen, mit einem Brocken Fleisch und zwei Tropfen Vogelleim. Geduldet Euch nur noch etliche Monate, und er ist mein. Haben muß ich den Kerl; meine Ehre steht auf dem Spiel. Wer mit mir Versteck spielen will, wird mich kennen lernen, daß ich kein Kind mehr bin, und damit Basta. Nun gute Nacht, Ihr Leute! Was wird's denn auch weiter sein, meinte Frau Lucretia Hiob, wenn sie ihn aufgreifen? Sie schicken ihn halt nach Hause, nicht wahr Pancratius? Insofern er ein »zu Hause« hat, entgegnete Herr Hiob. Giebt es denn Menschen, die so unglücklich sind, daß sie gar nirgend daheim sind? Ach ja, Krezel, 's giebt welche. Darum wollen wir dem Himmel danken, daß wir ein Lager unter uns und ein Dach über uns haben; mag es auch nicht vom schönsten sein. Und sie begaben sich zur Ruhe. Zweites Kapitel. Kein belehrendes Gleichniß wurde wohl je so oft gemißbraucht und übel angewendet, als jenes allerschönste von den Lilien auf dem Felde, von den Vögeln unter dem Himmel, die nicht säen, die nicht ernten, und die unser Aller Vater dennoch bekleidet und ernährt. Jeder Faulpelz, der, statt zu arbeiten, es vorzieht, sich von demjenigen zu ernähren, was man ihm schenkt, oder was ihm sonst zufällt, bettelt und mauset unter jenes Gleichnisses Aegide. Dafür freilich ergeht es ihm dann auch nicht selten, wie es im Winter allen lustigen Vögeln ergeht, welche nicht darauf eingerichtet und geschaffen sind, nach Gegenden auszuwandern, wo es keinen Winter giebt. Er hungert und friert. Und wie keck, ja wie frech Frost und Hunger Thiere und Menschen zu machen vermögen, davon geben harte und anhaltende Fröste trauriges Zeugniß. Schmolian hatte den Nagel auf den Kopf getroffen mit seiner herzlosen Anspielung auf Krähen, die der Schnee zur Stadt hineintreibt. Die zudringlichen Thiere blieben im Dezember des Jahres 183* nicht aus; sie stellten sich ein mit unverschämten Anforderungen an allerlei Abfälle aus Küche und Haus, die sie durch heiseres, krächzendes Geschrei kundgaben, und um welche sie dann lärmend zankten, ohne sich gerade ernstlich wehe zu thun, denn »eine Krähe hackt der andern das Auge nicht aus.« Gewissermaßen hatten sie gegründete Ansprüche auf öffentliche Wohlthätigkeit geltend zu machen, denn sie durften sich auf die unzähligen Würmer, Käferlarven, junge Feldmäuse und dergleichen mehr berufen, von denen sie mit fleißigen starken Schnäbeln sämmtliche umliegende Aecker gereinigt. Die Bettler, welche ihnen nachfolgten, durften sich ähnlicher Verdienste nicht rühmen; hatten sie Aecker und Felder säubern helfen, so war es höchstens von Rüben und Kartoffeln gewesen, mit denen die Besitzer ohne ihre Beihilfe auch fertig geworden wären. Das wußte man in Oerle recht gut und empfing sie deshalb nicht allzu huldvoll; und da sie keine Flügel führten, um sich wie ihre Vorgänger, die Krähen, von Dach zu Dach zu schwingen, so mußten sie von Thüre zu Thüre humpeln, in fortdauernder Angst vor Herrn Schmolian, dem allgefürchteten Bettelvogte, dem strengen Amtsdiener, dem großen Manne. Große Männer, die das Gefühl ihrer Größe in sich tragen, haben kleine Launen und geben diesen willig nach; sie betrachten das wie eine vergönnte Erholung, wie eine erlaubte Zerstreuung bei ernsten Amtsgeschäften. Herr Schmolian zeigte sich heuer ausnahmsweise nachsichtig gegen die gewöhnlichen Eindringlinge und deren Geplärr. Bisweilen schritt er vorüber, wo eben Einer sein Sprüchlein bettelnd herbetete und schielte links weg nach den Krähen auf dem Dache, drohte denen lächelnd mit hochgeschwungenem Stocke und that, als ob er den unbefiederten Vogel, nach Diogenes spöttisch Mensch genannt, weder hörte noch sähe. Niemand in Oerle wußte, was das bedeuten solle. Wir glauben es zu wissen, denn wir erinnern uns seines Gespräches mit Pancratius Hiob und Frau Krezel, aus welchem wir entnehmen, daß Plärrende, redende Bettler ihm so alltäglich erschienen, wie Krähen; daß er sie verschmähte, weil er auf den Fang eines seltenen Vogels lauerte: eines Taubstummen, durch dessen listige Vorsicht er sich mehrmals getäuscht gesehen, durch den er sich an seiner Amtsehre gekränkt wähnte, den er folglich haßte! Diesem Hasse verdankte das übrige Gesindel ungewöhnliche Nachsicht und legte solche dem Herrn Schmolian für Nächstenliebe aus. Ach, gütiger Gott, wie häufig ergeht es Andern eben so! Wie häufig entspringt, was man Liebe nennt oder Erbarmen oder Wohlthätigkeitstrieb, aus nicht minder unlauteren Quellen! Und nun erst die sogenannte wirkliche Liebe, deren Ursprung Poeten als einen heiligen und reinen besingen! Sollte man, dem Umschlage zu folge, den sie nach Erreichung ihres Zieles bisweilen erduldet, nicht geneigt sein, sie ebenfalls aus verkapptem Hasse, wenigstens aus grausamer Selbstsucht herzuleiten? Doch das ist eine andere Frage, als in unsere anspruchslose Erzählung gehört, und wir überlassen die bedenkliche Antwort Philosophen und Psychologen. Wir kehren zu Herrn Schmolian zurück. Die Nachsicht, welche er gegen sprachfertiges Bettelvolk zu dessen höchstem Befremden walten ließ, gehörte in sein schlau ersonnenes System. Je stärker Strom und Zug nach unsern Mauern werden (meinte er), desto gewisser ziehen sie den Taubstummen nach. Aber höchst ungehalten wurde der kluge Mann, als ein Tag um den andern ablief ohne Erfolg. Schon fing er an, voll Reue über fehlgeschlagene Entwürfe, Einzelne der Sichergewordenen heraus zu greifen, und Tobias Hiob, der Sohn, bekam verschiedene Gäste seines Vaters nach kurzem Aufenthalte im Kreisgefängniß in ihre Heimath zu transportiren, allwo sie weder mit Glockengeläute, noch von weißgekleideten Jungfrauen empfangen wurden, will man nicht das Heulen des Dezemberwindes und die von herabsäuselndem Schnee verhüllten Jammergestalten, die ihnen entgegentraten, dafür gelten lassen. Am Weihnachtsabend endlich, wo der kinderlose, mit seiner Gattin keineswegs im zärtlichsten Einverständniß lebende Greifzu von einem wenn auch dunklen Gefühle des Neides erfüllt die Gassen durchstöberte, auf deren Schneeteppich aus allen Fenstern Kerzenschein und Lichtglanz fiel, stieß er fast mit der Nase an den Gesuchten, längst Erwarteten. Und wo? Vor dem Häuschen, in welchem das Kreisgefängniß sich befand und wahrscheinlich heute noch befindet. Mit beiden Händen festgeklammert an die äußeren Gitterstangen starrte der Taubstumme in Hiob's Wohnstübchen hinein. Dort ging es lustig zu. Großeltern, Eltern und Kinder freuten sich um den Christbaum, der mit Wachslichtern und vielerlei kleinen Gaben prunkte. Es hätte keines Tauben bedurft, das Herannahen des Feindes nicht zu vernehmen. In der weichen Schneedecke mußten auch die derbsten Tritte ungehört ersticken. Deshalb fand es Schmolian bei all' seinen Zweifeln an des Unglücklichen wirklicher Taubheit durchaus nicht befremdend, daß dieser ihn sich ganz nahe treten ließ und dann, plötzlich festgepackt, einen dumpfen Schrei ausstieß, der bis in die Weihnachtsluft der Familie Hiob hineindrang und die Kinder nicht wenig erschreckte. Unarticulirtes Gegurgel, unterbrochen durch eine allzu bekannte Stimme: Hab' ich Dich, stummer Vogel!? Na, Du sollst schon singen, wenn Du auch in der Mause bist! ließ den Männern keinen Zweifel übrig. Vater und Sohn sagten zugleich: Das ist der Taubstumme, auf den der Schmolian so lange Jagd macht, eine liebere Christbescheerung hätte ihm der heutige Abend nicht bringen können. Na, wer weiß, wozu das gut ist? setzte Frau Krezel hinzu, vielleicht bringen sie das arme Thier jetzt irgendwo unter, und es braucht diese Nacht wenigstens nicht zu frieren. Das ist noch sehr zweifelhaft, äußerte Tobias. Ich glaube nicht, daß Herr Schmolian seinetwegen auch nur ein Scheitchen in den Ofen legt, und den Weihnachtskarpfen wird er auch nicht mit ihm theilen. Ich wollte, die Festnehmung wäre schon gestern erfolgt, sprach Vater Pancratius, und wir hätten ihn schon in unserm Gewahrsam; bei uns dürfte er keine Noth leiden. Gewiß nicht, rief die alte Hausfrau, und des Tobias Kinder brachten sogleich von ihren Näschereien herbei. Doch ihr guter Wille mußte unbenützt bleiben, denn bereits hatte sich der glückliche Jäger mit seiner zappelnden Beute entfernt. Da nach den Feiertagen Arrestant als Fremder einem löblichen Kreisamte überliefert und im Triumphe von Schmolian herbeigeführt wurde, da hatten die kleinen Hiöbchen ihre Süßigkeiten längst aufgezehrt. Wir haben Nichts aus dem Halunken herausgebracht, hob Herr Schmolian an, weder der gestrenge Herr Bürgermeister, noch ich selbsten, und haben ihn doch gequetscht wie eine Citrone. Daß er bei der Verhandlung Nichts eingestehen wurde, dessen war ich schon im Voraus gewiß; denn darauf bereiten sich solche Bestien ordentlich vor und verhärten sich absichtlich. Deshalb dacht' ich, wenn ich ihn nur bei mir habe, soll er schon beichten und wird mir zur Ergötzlichkeit dienen über die Feiertage. Aber Nichts, nicht die Probe, keine Silbe, kein Sterbenswort, kein Muck, keine Andeutung über Geburtsort, Eltern, Heimat, gar Nichts nicht. Gezwickt hab' ich ihn – weil nun einmal das Prügeln untersagt ist – daß man die blauen Flecke noch sieht. Keine Wirkung. Ich habe, daß er es deutlich hören mußte, mit der Meinigen über ihn und seine Bestrafung geredet, verschiedentliche Androhungen hineingemischt; auch nicht mit einer Augenwimper hat er gezuckt. Taub ist er wirklich und wahrhaftig; und daß er stumm sein muß, läßt sich auch nicht bezweifeln, wenn man bedenkt, wie viel er aussteht, ohne das Maul zu einer Klage aufzusperren; solche Pakasche schwadronirt sonst eher zu viel, als zu wenig. Also hier überliefere ich dieses Stück Vieh und bitte um Bescheinigung. Fürchte auch, Ihr werdet die Gesellschaft, die langweilige, sehr lange im Hause behalten, denn bis Ihr von dem herausbringt, wo Ihr ihn hinzubringen habt, das heißt wo seine Heimat ist, da kann wieder Weihnachten herankommen. Na, viel Vergnügen; meine Lust ist gebüßt, ich will weiter Nichts mit ihm zu schaffen haben. Der Taubstumme gehorchte Hiob's Anweisung, das für ihn bestimmte Gemach zu betreten, mit der Unterwürfigkeit eines an pantomimische Befehle dieser Art längst gewöhnten und auf gefängliche Haft eingeübten Landstreichers. Weder gab er ein Zeichen von Furcht, Aerger, Widerspenstigkeit, noch ließ er die geringste Spur dankbaren Vertrauens blicken, wie sehr auch Pancratius Hiob durch freundliches Lächeln und sanfte Geberden darauf hinarbeitete. Mit niedergeschlagenen Augen, die obenein krank und entzündet zu sein schienen, saß der Verhaftete auf dem Lager, welches Frau Krezel sauber hergerichtet, ließ mürrisch, fast tückisch den Kopf hängen und hob ihn sogar dann nicht in die Höhe, als jene gute Frau ihm warme Suppe mit Fleisch brachte. Sie war genöthigt, ihn beim Arme zu ergreifen und auf die dampfende Schüssel hinzuweisen. Dann fiel er freilich mit der Gier eines ausgehungerten Wolfes über die kräftige Speise her, aber die mildthätige Geberin würdigte er doch keines erkenntlichen Blickes. Der Schmolian hat diesmal Recht; 's ist ein pures Stück Vieh! Nicht doch, Vater Pancraz, nicht doch. Er ist nur verschüchtert und mißtrauisch geworden durch die erbärmlichen Feiertage, so er gehabt, und des Schmolians Mißhandlungen. Wenn er erst spüren wird, daß man's hier ganz gut mit ihm meint, hernach wird er schon freundlich werden. Verliere Du nur nicht die Geduld. Sollst sehen, eh' ein Tag vergeht, kann ich durch Zeichen mit ihm reden, und wer weiß, was er uns hernach Alles anvertraut. So sprach die gute Mutter Hiob und gestand dabei unbewußt ein, daß sie theils ein Bischen neugierig sei, theils die Hoffnung hege, ihren Vorgänger, den Schmolian, an Erforschungstalenten zu übertreffen. Doch sollte ihr das Letztere nicht gelingen und die Neugierde nicht befriedigt werden. Der Taubstumme blieb nicht allein (was sich von selbst versteht) taubstumm; er blieb auch verstockt, jeder gegenseitigen Mittheilung unzugänglich oder unfähig, sowohl bei den Privatbestrebungen der Hiob'schen Eheleute und deren Sohnes Tobias, als auch bei den Verhören (wenn man dies so nennen darf, wo Einer weder hört noch redet!) auf dem landräthlichen Amte. Der Kreissecretär Winderle, ein hagerer hektischer, in Bureau-Staub und Stubenluft ergrauter Schreib-Sklave, setzte sämmtliche bedeutend lange Extremitäten seines gebückten Menschen in Telegraphen-Arme um und ließ sie spielen, wie nur jemals ein Telegraph arbeitete, der Napoleonische Bulletins von Straßburg nach Paris beförderte, zu einer Zeit, wo man den Blitz noch nicht seiner Zaubermacht entkleidet und furchtbare Naturgewalten zu dienstbaren Boten gezähmt hatte. Winderle erschöpfte sich in allegorischen, symbolischen, zum Theil possirlichen Versuchen, sich seinem vis-à-vis verständlich zu machen. Er fragte ihn immer mit Armen, Händen, Füßen, Augen (wobei auch die Lippen unwillkürlich beschäftigt wurden), ob seine Eltern noch lebten; wie lange er von ihnen getrennt und ein heimathloser Bettler sei; ob er vielleicht einigen Unterricht in einer Anstalt genossen habe, dergleichen doch für Unglückliche seiner Art bestehen; ob er ein Bischen schreiben oder wenigstens Gedrucktes lesen könne; wie alt er sei, und so weiter. Winderle hätte diese Fragen, die er mit der Beweglichkeit einer lustig klappernden Windmühle – (Arme und Beine stellten die vier Flügel vor) – ausführte, dem nächsten besten Mehlsack vorlegen können. Dieser würde eben so viel Verständniß gezeigt haben, würde mit eben so gutem Willen darauf eingegangen sein. Von irgend einem schriftlichen Ausweise, von dem kleinsten Streifchen Papier, welches auch nur im Entferntesten einer Legitimation ähnlich gesehen, war ohnehin nicht die Rede; das hatte schon die bürgermeisterliche Verhandlung festgestellt. Erschöpft durch die übermäßigen Anstrengungen ließ Winderle endlich nach und rief entsagend aus: Der Kerl muß aus dem Monde herab aus den Erdboden gefallen sein! Und weshalb denn gerade in unsern Kreis? Wenn sie allerseits im Monde kein besseres Mundwerk haben, erlaubte sich Tobias Hiob einzuschalten, da muß es oben sehr stille zugehen; glauben Sie nicht auch, Herr Secretär? Sicherlich werden Sie dann eine andere Gattung von Sprache führen, mein lieber Tobias, mit der sie sich einander verständlich machen; gerade so wie unsere Pferde wiehern, unsere Hunde bellen, unsere Gänse schnattern und sich dabei recht wohl befinden. Aber so lange ich diese Redeweise nicht kenne, ist jedes Bemühen fruchtlos. Und was wird der Herr Landrath dazu sagen? Wird er nicht die Schuld auf mein Ungeschick schieben? Na, Ihr seid Zeuge, Tobias ... Ja, Herr Winderle, ich bin Zeuge; Sie haben sich abstrapizirt, daß es Einen in der Seele erbarmen muß, wenn man's mit angesehen hat. Und hat Nichts genützt. Lassen Sie's nur den gnädigen Herrn Landrath selbsten ein Bissel probiren, daß er ein Einsehen bekommt, ist ja der billigste Mann von der Welt; wird von Ihnen auf Ihre alten Tage nicht verlangen, daß Sie Mondsprache reden. Die Frage ist nur, was fängt unser Kreisamt mit »bevorstehendem« Mondkalbe an? Soll's bei meinen Eltern auf der Mast bleiben? Und wer bestreitet zuletzt die Kosten? Es frißt unbändig viel. Und auch die Kleidasche fällt schier auseinander. Da wird auch müssen Rath geschafft werden. Aberdings, Tobias; für's Erste bleibt nichts Anderes übrig. Zunächst hab' ich die angenehme Aussicht, an alle Ecken und Enden der Provinz lange Nachfragen zu richten, ob ein Individuum (die Personalbeschreibung liegt bei), so und so beschaffen, vielleicht die Ehre hat, da oder dort angehörig zu sein? Natürlich beeilt man sich nirgend mit der Erwiederung; dort, wo sie wirklich ein derlei Exemplar vermissen sollten, am allerwenigsten; denn sie danken Gott, einer Last los zu sein. Wird auch in den Mond geschrieben, Herr Secretär? Herzlich gern; auf einen Brief mehr kommt mir's nicht an; wenn ihr ihn bestellen wollt, meinetwegen. 's möcht' mich doch zu lange aufhalten, und die Kreisgeschäfte thäten drunter leiden. Das denk' ich auch. Folglich nehmt für's Erste Euren Gast wieder heim, zu Papa und Mama; ich werde mit dem Herrn Landrath schon reden, wo wir etwa ein paar alte Klüftel und Klaftel auftreiben, die wir ihm überhängen. Tobias Hiob schickte sich gerade an, den Taubstummen wegzuführen, da trat der Landrath in's Bureau. Mit dem geübten Blicke, den lange Praxis verleiht, prüfte er den Unbekannten, während er zugleich aufmerksam zuhörend Winderle's umständlichen Bericht, der ihm einiges Lächeln abzwang, entgegennahm. Er belobte des Schreibers Eifer und gestand billigend ein, daß für jetzt Nichts weiter zu thun, als der freilich höchst unsichere Erfolg schriftlicher Nachfragen abzuwarten sei. Auch für Bekleidung versprach er aus eigenem Vorrath Sorge zu tragen. Dann wendete er sich zu Tobias, dieser möge seinen Eltern an's Herz legen, gegen den Taubstummen nicht minder menschlich zu sein, als es ja immer gegen Kranke und Nothleidende wären. Denn – setzte der erfahrene Mann hinzu – das elende Geschöpf muß viel gelitten, viele Mißhandlungen erduldet haben, um so unberührt zu bleiben von der Freundlichkeit, die wir ihm zeigen. Wahrscheinlich traut er auch uns nicht und fürchtet, daß unsere Milde nur Verstellung sein möchte, auf welche abermals grausame Härte folgen werde. Heimtückisch sieht er wohl aus, das läßt sich nicht leugnen; – doch wer hat ihn dazu gemacht? Vielleicht war er einst ein gutmüthiger Junge!? Sei er übrigens was er wolle, sehr unglücklich ist er gewiß: weiter wollen wir nicht urtheilen, bevor wir nicht etwas Näheres über ihn erfahren. Tobias versprach im Namen seiner Eltern das Beste, ergriff des Landstreichers Arm und führte ihn von dannen. Drittes Kapitel. Was Frau Lucretia Hiob am tiefsten kränkte, war die Unmöglichkeit, ihren Haft- und Pflegebefohlenen bei irgend einem christlichen Namen zu nennen. Sein verstocktes, undankbares Wesen, seine trutzigen Manieren wollt' ich mir ja gerne gefallen lassen, meinte sie, denn warum, das Elend hat ihn so gemacht, wie mir auch unser gnädiger Herr Landrath durch den Tobias einschärfen lassen. Aber daß er nicht einmal einen Namen haben soll, das will mir nicht in den Kopf. Heißen muß man doch einmal, Hinz oder Kunz, Peter oder Paul. Heißt doch jedweder Hund, wär's auch nur Spitzel oder Dachsel, daß man wenigstens weiß, wie man das Creatur rufen kann. Was würde Dir's helfen, Krezel, wenn Du seinen Vor- und Zunamen wüßtest – tröstete sie Vater Pancratius – hören thäte er's ja doch nicht, so Du ihn dabei riefest. Wer steht uns denn überhaupt davor, daß er gar getauft sei? Das wächst manchmal auf in der Wildniß, wie der Fuchs im Walde. Man hat Beispiele. Der nicht, Vater Pancraz, der nicht. Der ist hübscher Leute Kind gewesen, darauf möcht' ich schwören. Betrachte Dir nur seine Hände, wie fein die sind; und der ganze Knochenbau, so zärtlich. Der hat in weichen Windeln gelegen und hat theure Wäsche getragen. Das muß lange her sein, Krezel. Jenes Hemde, welches er auf dem Leibe hatte, da Herr Schmolian ihn gebracht brachte ... Rede mir nicht von dem häßlichen Lappen. Der fault längst auf unserem Düngerhaufen. Dennoch hab' ich ihn, ehe ich ihn wegwarf, mit der Brille mühsam durchmustert, ob sich nicht in irgend einem Zipfel wenigstens der Anfangsbuchstabe von einem Taufnamen entdecken ließe. Aber nicht die Probe! Das will ich gerne glauben. Wie wär's, wenn wir das Kalender-Büchlein vornähmen, legten es vor ihn hin, wiesen mit dem Zeigefinger auf unsere Namenstage und gäben ihm zu verstehen, daß wir den seinigen zu erfahren wünschen? Mag er auch nicht ordentlich lesen können, die Blätter mit den Monaten und rothgedruckten Festen kleben ihm doch vielleicht im Gedächtniß aus frühester Zeit, und er erinnert sich, kann sein, an die Stelle, wo ihm seine Mutter, wenn er eine hatte, den eigenen Namen gezeigt hat. Es ist nur ein Versuch und leicht anzustellen. Frau Krezel fand den Vorschlag annehmbar. Sie brachte den Kalender, und Herr wie Frau Hiob begaben sich zum Namenlosen. Letztere äußerte, es komme ihr vor wie eine verspätete Noth-Taufe, was sie da beabsichtigten. Beim Anblicke des Kalenders verrieth das Gesicht des Fremden zum ersten Male seit seiner Verhaftung eine Spur von Theilnahme. Er griff nach dem bunt eingebundenen Quart-Bändchen und betrachtete es mit Aufmerksamkeit. Als Hiob die Blätter umzuschlagen begann und erst auf den zwölften Mai und den dabei befindlichen Pancratius, dann auf sich selbst deutete, sah ihn der Taubstumme fragend an. Sonach suchte Frau Hiob ihren siebenten Juni und legte den Finger auf die Lucretia, berührte sodann ihre Stirn und nickte mit dem Kopfe, der Namenlose nickte ebenfalls. Nun faßte sie seinen Finger und führte diesen auf das Blatt. Anfänglich ließ dieser ihn unbewegt liegen und beugte nur das Haupt nieder, als ob er nachdenke. Dann glitt der Finger langsam von Tag zu Tag, bis er den Monat Juni durchlaufen; nun schlug er das Blatt um, machte es bei'm Juli ebenso und immer weiter fort; wie er zum Dezember gelangte, stutzte er, überzeugte sich erst, ob noch ein Monat folge, rückte dann bedächtig von Tage zu Tage vor und endlich machte er auf den sechs und zwanzigsten, den Tag Stephan, ein tiefes Zeichen mit dem Nagel. Also Stephan heißt Ihr? fragten die beiden alten Leute zugleich. Und er, wie wenn er ihre Frage vernommen, nickte ihnen mehrmals bestätigend zu. Von dieser Stunde an bekam das Verhältniß zwischen dem Verhafteten und seinen Wärtern hellere Farben. Er zeigte einiges Vertrauen zu ihnen; Frau Krezel redete nicht anders von ihm, als von »unserm armen Steffen,« und Pancratius schrieb in sein Journal: »Nummer 371, Stephan Unbekannt, Charakter taubstumm.« Weil sich aber Woche nach Woche hinzog ohne Entscheidung, und weil die in ihrem Alter noch immer thätig schaffende Hausfrau nicht begreifen wollte, wie es »menschenmöglich sei, daß ein Christenmensch in Gottes weiter Welt gar durchaus nichts Anderes fördere, als essen, trinken, schlafen und müssiggehen, ohne dabei vor Langerweile zu sterben,« so setzte sie ihr eifrigstes Bestreben daran, dem armen Steffen einigen Trieb zur Beschäftigung beizubringen. Anfänglich begnügte sie sich, ihm durch ihr eigenes, ruhmwürdiges Beispiel aufzufordern: sie rückte ihr Spinnrad in seine Zelle und spann, daß ihr der Athem ausging. Steffen folgte wohl mit den Augen dem Schwunge des Rades; doch diese gleichförmige Bewegung wurde für ihn, was dem Kinde einförmige Wiegenlieder sind, er entschlummerte dabei und schlief wie ein Hamster. Das verdroß Frau Krezel. Sie gab es deutlich mit unzweifelhaften Geberden kund, daß sie mehrere Spinnräder besitze und daß noch viel Flachs darauf harre, Garn zu werden und nächsten Sommer auf die Bleiche zu kommen, denn die Kinder ihres Sohnes Tobias brauchten Wäsche. Sie machte das mindestens eben so gut und klar, wie die meisten Tänzerinnen, welche pantomimische Gespräche zu führen durch's Programm angewiesen sind, nur daß sie keinen hochaufgeschürzten seidenen Bauernrock trug und sich nicht auf einem Beine um sich selbst drehte, was ihr allzu schwierig gewesen wäre, der dicken Greisin. Steffen verstand auch die Ansprache vollkommen! der barmherzigen Behandlung, so ihm Hiob's angedeihen ließen, eingedenk, blieb ihm schon Nichts übrig, als zu thun, wie wenn er thun wollte. Weiter jedoch kam es nicht. Ueber ein Viertelstündchen hinaus währte sein Bemühen, die edle Spinnkunst praktisch zu erlernen, nimmer. Dann ließ er die Arme sinken, feierte, verfiel in träumerische Schlaffheit und zuletzt regelmäßig in Schlaf. Frau Krezel wähnte manchmal, sein Rädchen schnurre noch, derweil es schon seine Gurgel war, welche schnarchte. Da nannte sie ihn denn nicht mehr: »unseren armen Steffen;« nein: »Faulpelz« hieß er kurzweg, und die Theilnahme für ihn verminderte sich, wodurch er seinerseits wiederum tückisch und trotzig wurde. Das währte bis Anfang März. Mittlerweile hatten sie auf dem Kreisamte die feste Ueberzeugung gewonnen, daß Stephan's Heimat und Ursprung nicht zu ermitteln sei. Alle Erwiederungen der unzähligen Anfragen fielen gleichlautend aus: da und dort hatte man ihn gesehen, festgenommen, untersucht, weiter geschickt; nirgend wußte man, von wannen er stamme, wohin er gehöre. Tobias Hiob wiederholte die Aeußerung: Der Kerl muß aus dem Monde auf den Erdboden herab gefallen sein! und war nicht abgeneigt, diese kühne Ansicht des Herrn Winderle zu theilen. Der Landrath hatte schon früher ausgesprochen, ihm und seinem Kreise dürfe die Last nicht aufgebürdet bleiben, da es nicht an einheimischen Nothleidenden fehle, und deshalb waren unterdessen zweckdienliche Vorbereitungen getroffen worden, den Fremdling im allgemeinen Landescorrections- und Arbeitshause zu Bergitz unterzubringen, wo man (Mutter Hiob möge sich das als Trost gesagt sein lassen) schon Mittel haben werde, den Faulpelz arbeiten zu machen. Bei all' ihrer Gutmüthigkeit meinte sie doch: ein Bissel Strenge könne dem Tagedieb nicht schaden. Garn spinnen, sagte Vater Pancraz, hat er nicht wollen; Wolle wird er schon wollen – müssen; sie werden ihm in Bergitz den Willen beibringen. Tobias Hiob der Sohn gürtete sich, hing sich seinen Säbel um, holte sich bei Herrn Winderle die nöthigen schriftlichen Documente, und dann meldete er sich im Kreisgefängniß und erbat sich vom Vater seinen Transport. Beide Hiob's, Vater wie Sohn, hatten ja gedient, sie machten ihre Sachen militärisch ab, ernst, gewichtig, ohne Nebengeschwätz; Familienangelegenheiten kamen dabei nicht zur Sprache. Gottlob, daß wir ihn wieder los sind, sprach Pancratius hinter ihnen her. Mich erbarmt er jetzund doch, sagte Frau Krezel. Etwa weil er sich so gerührt beim Abschiede zeigte und so erkenntlich für alle Deine Güte? Freilich ist er davon gegangen wie ein Stück Holz; aber mein Gott, versteht er's denn besser? Ich wollt' ihm das schönste Leben gönnen, dem armen Steffen, wenn er nur nicht so ein schrecklicher Faulpelz wär'! Und sie setzte sich an ihr Spinnrad und drehte, als müsse sie einbringen, was der Taubstumme versäumt. Am Thore begegnete Tobias dem Schmolian. Glückliche Reise, rief ihm dieser zu; aber ich an Eurer Stelle thäte dem Patron ein Stricklein um die Handgelenke schlingen und mir das andere Ende desselbigen um meinen corpum winden. Es ist von wegen der Sicherheit. Der Kerl ist berühmt im Ausreißen. Binden wie ein Thier soll ich ihn, Herr Schmolian? das mag ich nicht. Was ist er denn anders? Na, auf Eure Gefahr. Der März war lieblich, der Himmel rein, die Luft frisch und erfrischend. Lerchen sangen, andere Vögel prüften auch schon ein wenig ihre Kehlen, Gräser sprießten, Bächlein rannen angeschwellt von dem Zufluß, den die letzten sich auflösenden Schneehügel ihnen spendeten. Tobias Hiob fand das wunderhübsch; es stimmte ihn mittheilsam. Häufig brach er in Entzücken aus, wendete sich zu Stephan: Ist das ein herrlicher Tag!? und dann erst, sich besinnend, daß Jener ihn nicht höre, brummte er: Ja so, mit dem ist Nichts anzufangen; es ist eben so viel, wie wenn ich alleine marschirte oder mit Respect zu reden einen Ochsen vor mir her triebe. Und der möchte doch wenigstens brüllen, wo er andere Ochsen auf dem Felde gewahr würde. Ob der Mensch denn gar Nichts empfindet, wenn er Flur und Wald vor sich hat? Sehen thut er ja doch, und mögen seine Augen ein Weniges krankhaftig sein, blind ist er nicht. Mir ist immer zu Sinne, als wenn das Auge die fürnehmste Gabe bei'm ganzen Menschen wäre. Stumm sein ist schlimm genug, denn ich kann nicht sagen, was ich gedenke; aber auch hinwiederum hat es sein Gutes, denn ich muß alsdann die dummen Gedanken gleichfalls bei mir behalten, kann kein unnützes Geschwätze nicht von mir geben, und das ist reiner Gewinnst für den jüngsten Tag, wo wir von jedem unnützen und schlechten Worte Rechenschaft ablegen müssen. Taub sein ist schlimm, denn ich kann nicht hören, was die Anderen reden; aber auch hinwiederum hat es sein Gutes; denn man hört das Schlechte gleichfalls nicht, und die Klatschereien und Lästerungen und Lügen. Aber blind sein ist das Allerschlimmste; denn mag es noch so viel Uebles zu sehen geben, über Thal und Hügel, über Blumen und Bäume, über Erde und Himmel geht doch Nichts; und wer das an einem Tage wie heute betrachten kann, der wird ein neuer Mensch. Deshalb bin ich auch gerne ein Kreisbote, weil ich als solcher oftmalen Gelegenheit habe, in die Natur zu kommen. Durch derlei halb gebrummte, halb gemurmelte Selbstgespräche suchte Tobias Hiob zu ersetzen, was der von ihm transportirte Stumme an Belebung des Marsches schuldig blieb. Von Zeit zu Zeit hielten sie an, und er ließ eine Erfrischung reichen, wobei er nicht knauserte und seine eigenen Diäten zu Hilfe nahm, den schlechten Gesellschafter so gut zu bewirthen, als sich thun ließ. An manchen Orten, wo sie aßen und tranken, war der Taubstumme schon persönlich bekannt, hatte sie als umherstreifender Bettler verschiedentlich besucht. Ueberall galt er für einen harmlosen, nie unbescheidenen, doch auch über Nichts erfreuten Gast, der Abweisung und Härte still duldend, Freundlichkeit und Großmuth gleichgiltig hingenommen, dabei aber stets ein bewundernswürdiges Geschick entfaltet habe, die Aufmerksamkeit der Beamten zu täuschen und ihren Händen zu entgehen. Haben sie Dich endlich einmal doch beim Schlaffittig erwischt? das war der Gruß, womit man ihn unterwegs empfing. Und an Tobias richtete man regelmäßig die Warnung: Den laßt nicht aus den Augen, Landsmann; der ist flüchtig wie Haarpuder. Weil sich diese Worte überall, wenigstens dem Sinne nach wiederholten, gewannen sie endlich doch so viel Gewalt über den Kreisboten, daß er sich im Städtchen, wo sie Nachtquartier hielten, und wo er sich Unterkunft im Gefängniß erbat, noch einen Helfer miethete, der sie auf der zweiten Tagereise begleiten sollte. Sowie Stephan früh Morgens dieses neuen Gefährten ansichtig ward, gab er augenscheinlichen Aerger kund, zeigte sich verdrossen, fast wüthend. Einige Male warf er sich mitten auf der Landstraße nieder, mußte mit Gewalt emporgerissen und ein Stück Weges fortgeschleppt werden, schlug um sich, stieß die ihm dargebotenen Lebensmittel zurück, trieb es überhaupt so häßlich, daß Tobias ihm recht gram wurde und endlich, obgleich mit Widerwillen, an Schmolian's Rathschlag denkend einen Strick einkaufte, welchen er dem Widerspenstigen wie eine verständliche Drohung vorhielt. Das half wenigstens insoweit, daß sie, wenn auch langsam, vom Flecke kamen. Doch auf diese Weise trafen sie erst spät am Abende in Bergitz ein. Kur; vor dem Thore machte der Taubstumme einen kühnen Fluchtversuch. Wie faul er sich sonst immer gezeigt, seinen Beinen mangelte es nicht an Schnelligkeit. Tobias und der Hilfsmann würden ihm vergeblich nachgestellt haben, wäre er nicht in ein Labyrinth von Gartenzäunen und Hecken gerathen, wo er sich verfing. Nun wurde er wirklich gebunden und die wenigen hundert Schritte bis zum Eingange des düstern Gebäudes gezerrt, welches ihn aufnehmen sollte. Tobias befand sich in sehr übler Laune, wie leicht begreiflich, und empfahl den Ankömmling beim Inspector der Anstalt noch schlechter, als sich dieser durch sein wildes Betragen und den Strick um die Handgelenke schon selbst empfahl. Dadurch ward gleich sein erster Eintritt verhängnißvoll und von traurigen Nachwirkungen für künftigen Aufenthalt im Arbeitshause. Bei der Verschiedenartigkeit Derer, die solche Zwangsanstalt bewohnen, und die eine förmliche Musterkarte von bösen, schlechten, schwachen, unglücklichen, fast schuldlosen Menschen in allen möglichen Schattirungen und Abstufungen bilden, muß auch die Behandlung, welche man den Einzelnen angedeihen läßt, eine sehr verschiedenartige werden, und muß es nothwendigerweise vom Ermessen des Vorgesetzten abhängig bleiben, bei wem Nachsicht und Geduld, bei wem rücksichtslose Strenge anwendbar sei. Da nun auch der redlichste Beamte, mit den edelsten Absichten und vieljährigen Erfahrungen ausgestattet, dennoch nicht vermag, das Innerste der ihm anvertrauten Personen zu durchforschen, so wird auch er nicht selten gezwungen sein, nach falschem Scheine zu urtheilen; Heuchelei wird auch ihn täuschen; ein erster unangenehmer Eindruck wird auch ihn mit ungerechter Abneigung erfüllen können. Dieses Unheil zog sich der Taubstumme Stephan zu. Tobias, dessen Gutmüthigkeit durch augenblicklichen Groll übertäubt wurde, that Nichts, dem Inspector eine bessere Meinung von dem »unverbesserlichen Faulpelz und Landstreicher« beizubringen. Er überantwortete den Gebundenen sammt allen auf ihn Bezug habenden Papieren, ließ sich »richtige Ablieferung und geschehenen Empfang gebührend bestätigen« und eilte davon mit der nicht aus seinem Hiob'schen Familienherzen kommenden Aeußerung: Der Schmolian kennt seine Leute besser als ich; es thäte wahrlich Noth, daß man würde wie er und das letzte Fünkchen Mitleid mit dem Stiefel austräte, wie einen Fidibus auf der Erde! Stephan wurde einstweilen untergebracht. Viertes Kapitel. Auch klugen, besonnenen, wohlwollenden Männern widerfährt es, daß sie durch vorgefaßte Meinungen und entschiedene Antipathieen sich zu Vorurtheilen hinreißen lassen, die bisweilen in Ungerechtigkeit ausarten. So blieb der Inspector des Zwanghauses nicht dabei stehen, daß sein neuer Gast ein trotziger, arbeitscheuer Müssiggänger sei; er wollte ihn auch zum frechen, doppelt strafbaren Betrüger stempeln, indem er die Ansicht behauptete: Stephan sei nicht taubstumm, verstelle sich nur. Darüber gerieth er mit seinem guten Freunde und Gevatter, dem Geistlichen der Anstalt, in heftigen Wortwechsel. Pastor Pfeiffer brachte alle ersinnlichen physiologischen und psychologischen Gründe, so weit solche ihm irgend zu Gebote standen, gegen jene Zweifel vor. Es ist nicht möglich, sagte er, nachdem Stephan bereits acht Tage hindurch im Hause verweilte und durch jedes irgend gestattete Zwangsmittel zur mechanischen Handarbeit, wenn auch sehr wider Willen, gebracht worden war; es ist nicht möglich, daß ein Mensch sich solange verstellen könnte, ohne nur durch eine Miene (mag er immerhin die Zunge beherrschen) zu verrathen, daß er hört, was um ihn, neben ihm, über ihn selbst gesprochen wird. Im Schlafe wenigstens müßte ihm bisweilen eine Silbe entwischen, ein Klagelaut; im Traume müßte sich das gepreßte Herz bisweilen Luft machen, und seine Zellengenossen müßten das vernehmen, würden es auch augenblicklich anzeigen, weil sie ihn sämmtlich hassen und deshalb scharf belauern. Doch Nichts dergleichen macht ihn verdächtig. Und was die Hauptsache ist: ich selbst habe stundenlang in ihn hineingeredet, mit den Tröstungen, Warnungen, Verheißungen der Religion. Gäb' es irgend einen Weg durch das Gehör zu seiner armen Seele, meine Ermahnungen müßten ihn erschüttert haben. Doch auch das blieb wirkungslos. Das glaub' ich gern, mein lieber Pastor. Sie würden eben so wenig auf ihn wirken, wenn er so deutlich hörte, wie Sie und ich. Solchen verhärteten Gemüthern ist nicht anders beizukommen, als durch Härte. Mit frommen Worten geht's nicht. Und bei manchen recht energischen Naturen schlägt gar Nichts an; sie würden tödtlichen Martern Trotz bieten. Kommen Sie mir doch vor, liebster Inspector, wie jener Reisende, Gott hab' ihn selig, der in einer Gesellschaft, wo über die Grausamkeit des orientalischen Lebendig-Spießens gesprochen wurde, die tröstliche Versicherung ertheilte, eigentlich wäre das Ding nicht so schlimm; die Delinquenten thäten nur so erbärmlich; er für seine Person habe Kerls am Pfahle zappeln sehen, die schon längst todt waren und sich nur aus Bosheit noch lebendig stellten!? Das ist freilich etwas stark. Doch eine gewisse Wahrheit liegt auch dieser unsinnigen Uebertreibung zum Grunde. Es scheint mir höchst merkwürdig, wie häufig Menschen, die zu faul waren, sich und die Ihrigen durch mäßigen Fleiß, leichten Erwerb redlich zu ernähren, wahrhaft übermenschliche Energie und Ausdauer entwickeln, sich auf unerlaubte Weise Geld zu verschaffen. Ein Dritttheil dieser Anstrengungen hätte genügt, ihnen ein erträgliches, vorwurfsfreies Dasein zu verschaffen. Eben so geht es mit Bettlern, die irgend ein Gebrechen erheucheln, um zu rühren, Mitleid zu erwecken und dabei sicher zu bleiben vor der Zumuthung, sich ihr Brot zu verdienen . Die Entbehrungen, welche ihre Lüge ihnen auferlegt, wollen sie sich nicht verrathen, sind ungleich schwerer, als jene, welche eine geregelte Beschäftigung mit sich brächte. Dennoch harren sie aus und zeigen eine Consequenz, die Bewunderung verdiente, wenn sie auf etwas Gutes gerichtet wäre. Ich fürchte, es steht so mit diesem Stephan. Denken Sie an mich, Pastor, über kurz oder lang wird er entlarvt sein! So sprach der Ehrenmann aus voller aufrichtiger Ueberzeugung. Doch es sollte ganz anders kommen, und der Inspektor Ursache finden, seinen Argwohn als einen ungerechten herzlich zu bereuen. Stephan's Augenübel, wahrscheinlich die Folge vernachlässigter gichtischer und scorbutischer Leiden, nahm heftig überhand. Anfänglich wollte man auch die daraus hervorgehende Blindheit des Taubstummen für erlogen halten und hegte die Ansicht, er hoffe sich dadurch von der ihm lästigen Arbeit loszuschwindeln. Doch bald bestätigte der Arzt, daß der Kranke wirklich unfähig sei, sich ferner zu beschäftigen, und daß der furchtbare Zustand der Lider alle Symptome sogenannter egyptischer Augenentzündung an sich trage. Die Schmerzen dabei schienen unbeschreiblich zu sein. Zwar gaben sie sich nur durch schwaches, oft kaum hörbares Wimmern kund; aber dieses drang wie ein Ton aus Gräbern jammervoll aus der Brust, artete selten in einen lauten Klageschrei aus und verstummte dann wieder gänzlich, von festem Willen und eiserner Gewalt zurückgehalten. Oftmals sprach der Arzt sein Bedauern darüber aus, daß der Patient unfähig sei, durch mündliche Mittheilungen den eigentlichen Sitz der heftigsten Schmerzen zu beschreiben. Denn, sagte er, nicht selten theilt sich die vernichtende Krankheit der Lider, in denen sie ursprünglich ihre Verheerungen beginnt, den Augäpfeln mit, und es wäre sehr wichtig, aus des Leidenden eigener Schilderung zu erfahren, wie weit es damit bei ihm etwa schon gediehen ist. Nicht nur, daß ich ihm einige Linderung verschaffen könnte; es wäre vielleicht möglich. ihm die Sehkraft zu retten. Jetzt muß ich in Blindheit umhertappen gleich ihm, und es steht sehr zu besorgen, daß er beide Augen verliert. Diese und ähnliche Aeußerungen, in des Inspectors Gegenwart gethan und laut an diesen gerichtet, brachten im Benehmen des Taubstummen nicht die geringste Veränderung hervor. Nun werden Sie doch endlich daran glauben, Freund, daß er in Wahrheit taub und stumm ist? fragte leise der Pastor. Ja, entgegnete Jener, jetzt kann kein Zweifel mehr aufdämmern. Windet sich der Aermste nicht in seinen Qualen wie ein gemarterter Wurm? Gott weiß, jetzt thut es mir von ganzer Seele leid, daß ich bisher so streng mit ihm verfuhr. Dafür soll ihm von nun an auch Nichts versagt werden. Doch das war zu spät. Die theuersten Heilmittel vermochten nicht den Fortschritt des Uebels aufzuhalten, nicht die damit verbundenen Schmerzen zu mäßigen; keine Labung beruhigte, keine Pflege beschwichtigte den Gequälten. Sein Wimmern wurde zuletzt unerträglich für die neben ihm befindlichen Gefangenen im Krankenzimmer. Man mußte ihn in eine abgesonderte Zelle betten. Der Wärter, welcher ihm beigegeben ward, wollte nicht aushalten. Täglich schickte man ihm dann einen neuen, und Einer wie der Andere versicherte, das sei um verrückt zu werden. Der Sommer ging zu Ende; alle übrigen Bewohner des Arbeitshauses, mochten sie noch so unglücklich, noch so hoffnungslos sein, durften sich doch wenigstens der Hoffnung hingeben, ihn im künftigen Jahre wieder grünen zu sehen und ihn, wenn sie bis dahin noch nicht entlassen, noch nicht frei waren, im Garten zu begrüßen, wo man sie bisweilen arbeiten ließ. Nur für den Taubstummen war auch diese Hoffnung erloschen. Zu der geistigen Nacht, in welche er schon vorher verhüllt gewesen, hatte sich nun die irdische gesellt. Er sollte keinen Sommer mehr blühen, keine Wiese mehr grünen sehn: seine Augen waren ausgeflossen, und zwei leere, runde Höhlen senkten sich tief in das entstellte Antlitz. Sei es, daß vielleicht die jetzt eingetretene Schmerzlosigkeit wohlthätig auf den so lange Gequälten wirkte; sei es, daß Befreiung von der Zwangsarbeit ihm Trost für die Blindheit gewährte; – er schien kaum zu entbehren, was er eingebüßt; er zeigte sich weniger verdrossen, weniger trotzig als früher; und wenn es erlaubt wäre, von einem Menschen, der weder sieht, noch hört, noch redet, diesen Ausdruck zu gebrauchen, so könnte man sagen: er war in seiner Art zufrieden und heiter. Die Direction des Arbeitshauses, nicht berechtigt und noch weniger geneigt, einen zur Arbeit, folglich zum Erwerbe gänzlich Unfähigen unnütz zu füttern, traf ihre Vorkehrungen, sich seiner zu entledigen. In unserm Bienenstocke, pflegte der Inspektor zu äußern, werden faule Drohnen nicht geduldet. Da er es aber nicht machen durfte, wie fleißige Bienen es mit jenen machen, so kam es zunächst darauf an, den Stephan irgendwo anzubringen, und das hielt verzweifelt schwer, weil seine Heimath, wie schon oft erwähnt, nicht zu entdecken war. Wohin mit einem blinden Taubstummen, der kein Geburtsrecht, keinen Anspruch auf eine Gemeinde nachzuweisen hat? Das machte wieder sehr viel vergebliche Schreiberei, und nach vielfältigem, mehrmonatlichem Briefwechsel blieb man dabei stehen, diejenige Behörde, welche ihn der Anstalt zur Correction überwiesen, müsse ihn gegenwärtig, wo er entschieden incorrigibel geworden sei, zurücknehmen; sie möge dann selbst sorgen, wie sie ihn wieder los werde und weiter schaffe. Das Kreisamt zu Oerle wehrte sich dagegen so lange als möglich, fand aber zuletzt keine Ausflucht mehr und mußte sich fügen. Winderle verwünschte tausendmal Herrn Schmolian, der ihnen durch seine »Fleischerhund-Packwuth« diese Last aufgebürdet habe, und Herr Schmolian lachte sich in's Fäustchen, wenn er zu Vater Hiob sagte: Anjetzo werdet Ihr Euern Liebling bald wieder sehen, sothane Indiwidiwümmer sind wie das Gliedreißen; wer sie einmal gehabt hat, zu dem kehren sie gewöhnlich zurück. Sie sind von sehr anhänglicher Natur. Es ist wieder Weihnachtsabend, oder will Abend werden. Der kurze Tag, den Kindern noch immer nicht kurz genug, geht seinem Ende zu, und liebende Eltern legen die letzte Hand an Ausschmückung der Bäumchen. Auch Vater Pancratius Hiob und Mutter Lucretia sind viel geschäftig. Der Kuckuck in der Wanduhr hat viermal gerufen, und Punkt fünf Uhr sind Sohn, Schwiegertochter und Enkel bestimmt zu erwarten. Ich bin noch nicht darüber klar geworden, wie oft ich auch schon nachgesonnen habe, wem doch dieses schöne, echt deutsche, nordische Fest die größere Freude bringt: ob Denen, welche beschenkt werden, ob Denen, welche die Geschenke und Gaben vorbereiten. Alles recht abge- und erwogen, bin ich immer bei der Meinung geblieben, daß die Geber im Vortheile sind; besonders dann, wenn sie, was bester Wille mit vollen Händen darreicht, durch eigene Entbehrungen und Opfer erst erkaufen mußten. Darin ist der Aermere so reich gegen den Reichen. Und heute waren es auch Pancratius und Frau Krezel. Diese fühlte sich dermaßen beglückt, daß sie ihren Gatten mehrmals »Vater Krazel« anredete; das geschah nur in außerordentlichen Stimmungen. Die Kinder des Sohnes Tobias gingen bei weitem nicht so sparsam mit diesen Liebkosungsnamen um; bei ihnen folgte jedweder schmeichelnden Großmama Krezel ein zärtliches Großpapa Krazel! und Beides heute noch recht oft zu hören, darauf harrten Beide voll ungeduldiger Lust. Schon ein Viertel auf Fünf! sagte Hiob und rieb sich vergnügt die Hände. Aber Vater, sprach Frau Hiob und hielt inne im Auspacken ihrer rothbäckigen Aepfel, die sie gerade stückweise um die verschiedenen Plätze der Ihrigen aus einem großen Henkelkorbe herauszuzählen und gleichmäßig zu vertheilen beschäftigt stand; aber Vater, hält nicht ein Wagen vor unserm Hause? Rumpeln hör' ich ihn schon lange die Gasse herauf; – ja, er hält an. Na, das ist ein seltsamer Besuch am heutigen Tage. Er trat an's Fenster, nachdem er seine Brille geputzt, blickte hinaus, und dann rief er: Ach Du mein lieber Himmel, sie bringen den taubstummen Steffen! Der Inspector des Arbeitshauses war so barmherzig gewesen, Rath zu schaffen, daß für den Transport des Blinden ein Wagen gutgeheißen wurde; da jetzt nicht mehr zu befürchten stand, daß er sich der vorgeschriebenen Reiseroute durch die Flucht entziehe, so hatte man ihn ohne weitere Umstände auf den kleinen Flechtenwagen gepackt und ihn dem Knechte, der das davorgespannte Pferd lenkte, zur Beaufsichtigung anvertraut. Dieser übergab nun an Hiob, was er von schriftlichen Ausweisen erhalten, half seinem steifgefrorenen Passagier vom Gefährte herab und beeilte sich dann sogleich, die Stadt wieder zu verlassen. O mein Heiland, wie ist er zugerichtet, wie sieht er aus! jammerte Frau Lucretia; den hätte ich gar nicht mehr erkannt. Zugleich ließ sie beim Weihnachtstische Alles stehen und liegen, um nur gleich im Arrestantenstübchen zu heizen. Und ihren Mann ersuchte sie, eine Schale Suppe warm zu stellen, daß der »Eiszapfen aufthaue.« Hiob zeigte sich wohl ein wenig verdrossen über die Störung und wiederholte mehrfach: Konnten sie etwa nicht bis nach den Feiertagen warten? Doch aber gehorchte er seiner Frau, und bald gewann in ihm Neugier die Oberhand über den Verdruß. Er wollte erproben, ob dem für jede Mittheilung von Außen nun völlig unzugänglichen Stephan nicht dennoch eine Ahnung beizubringen wäre, daß er sich an einem ihm schon bekannten Orte und bei Menschen befinde, die ihm schon Gutes erwiesen hatten. Er geleitete ihn also nach dem Gemache, welches ihn vor einem Jahre beherbergt, führte seine Hand über Thürpfosten, Wände, Bettstatt, Stuhl, Tisch und Waschgeschirr, damit er die einzelnen Gegenstände betastend erkenne und sich daran freue. Als dies keine Wirkung hervorbrachte, legte der treuherzige alte Mann des Fremden kalte Hand auf den eigenen Kopf, ließ ihn die oft gesehene Perrücke fühlen, nahm diese dann ab, setzte sie wieder auf und wartete auf ein Zeichen des Erfolgs. Vergeblich. Stephan rührte und regte sich nicht; als wenn er in Wahrheit zu einem großen Eiszapfen festgefroren wäre und ihm kein warmes Blutströpfchen mehr in den Adern ränne, stand er unbeweglich da. Nun brachte die Hausfrau eine Schüssel mit Suppe. Sie reichten ihm den Löffel, setzten ihn an den Tisch, schoben ihm die Schüssel hin, und er schlürfte gierig die heiße Nahrung. Dann lenkten sie ihn an's Lager, ließen ihn die wollenen Decken fassen. Er hüllte sich hinein, kroch unter und regte sich nicht mehr. Darf man das auch noch einen Menschen nennen? fragte Hiob recht betrübt. Kaum, antwortete die Frau. Und doch ... aber ich bitte Dich, Vater, es schlägt drei Viertel! Und sie eilten, ihr Freudenwerk zu vollenden. Stephan blieb allein. Fünftes Kapitel. Tobias Hiob sammt Frau und Kindern mußten ein langes Weilchen vor der Thüre harren, bis sie, obgleich in soldatischer Pünktlichkeit erst mit dem Schlage fünf Uhr angerückt, Einlaß fanden. Die unvermuthete Störung und Unterbrechung hatte drinnen doch bedeutend aufgehalten. Zwei der Kinder wurden sehr unwillig wegen der Säumniß, die das heilige Christkind sich zu Schulden kommen lasse; doch das dritte, das jüngste, belehrte sie eines Besseren und setzte auseinander, sie möchten nicht unbescheiden sein, sondern bedenken, wie viele Lichter das gute Christkindlein heute zu besorgen und anzuzünden habe in der ganzen Stadt, die über hundert Häuser zähle, und daß es sich doch nicht zertheilen könne um überall auf einmal zu handthieren. Die älteste der Töchter setzte sich dagegen und fragte schnippisch: wofür hätte es denn die lieben Engel? die sollen gehorchen, wie wir der Mutter; aber sie werden halt auch mitunter ungehorsam sein und nicht gut thun, gleich wie wir. Sicherlich, sagte die Mutter, und darin besteht nun Eure Strafe, daß Ihr heute so lange warten müßt. Vielleicht ist auch gar Nichts für Euch bereitet worden!? O nein! riefen die Kinder, so schlimm wird es nicht ablaufen, gar so unfolgsam sind wir ja nicht gewesen; ein Bischen etwas haben wir schon verdient, wenn's auch nur ein paar Kerzen wären und ein paar Aepfel! Und Pfefferkuchen! setzte der dicke Junge hinzu, indem er sich die Lippen beleckte. Da ging die Stubenthüre auf, und sie schwammen im Lichtmeer, wie die Fische im Teiche. Dies schönste aller deutschen Familienfeste bleibt bei allem Jubel, bei aller Lust immer zugleich rührend, erweckt mehr oder weniger auch wehmüthige Gefühle bei älteren Personen. Am wehmüthigsten, am rührendsten wird es wirken da, wo es im schärfsten Gegensatze steht zu den häuslichen Umgebungen; also zum Beispiel in einem Gefängnisse. Darum stieß Vater Pancraz, als seine Enkel im lautesten Jauchzen den Tisch umtobten, seine Frau unbemerkt mit dem Ellnbogen an, ihr zuflüsternd: Ob der da drinnen wohl auch einmal solch' einen Abend mag gehabt haben, Krezel, da er noch ein Kind war? Die Frau wischte sich die Augen mit der Schürze und antwortete: Wenigstens hört er nicht, wie lustig es hierzugeht, und wird ihn der Lärm nicht im Schlafe stören. So gebe Gott ihm angenehme Träume, damit er am heiligen Abende nicht ganz leer ausgeht! – Man wird häufig finden, und ich habe es selbst schon oft beobachtet, daß Leute, die sonst gewissermaßen damit prunken, keiner Kirche anzugehören, sich sogar in schwachen, eitlen Stunden erlauben, diejenigen, welche streng an kirchlichen Formen, Festen, Pflichten festhalten, zu bespötteln, – daß diese, will ich sagen, beim Weihnachtsfeste ihre Gegnerschaft fahren lassen und sich dem allgemeinen Gebote christlicher Liebe gern und freudig fügen, daß sie Kinder werden. Tobias Hiob, der Sohn, der eigentlich so Etwas von einem Freigeist an sich hatte und zum Entsetzen der Frau mancherlei Bedenken und Zweifel hegte (die er freilich vor den frommen Eltern verbarg), befand sich in dieser Lage. Ihn ergriff die tiefe Bedeutung des Christbaumes auf's Innigste; er wurde, im besten Sinne des Wortes, dabei zum Kinde mit den Kindern. In weisem Gebrauch neuer Spielsachen, besonders gewisser musikalischer Instrumente, suchte er sie einzuweihen. Und nicht ohne Erfolg. Trommel, Trompete, Klimperkästchen überschrieen einander, schwiegen nur während kurzer Pausen, welche benützt wurden, eine Zuckernuß, eine gebrannte Mandel, eine getrocknete Pflaume ohne Rücksicht auf die daran haftenden Gold- oder Silbermassen zu verschlingen. Kaum war eine solche Näscherei aufgezehrt (Tobias fraß mit), gleich setzten die jungen Künstler wieder ein, und er auch; er blies gewaltig, als ging es zur Schlacht; seine Lippen spielten bereits in Roth und Blau, theils von überschwenglicher Anstrengung, theils von den grob aufgetragenen Farben des bunten hölzernen Trompetleins, die seinem Eifer wichen und vom Mundstücke auf seinen Munt sich übertrugen. Wenn wir noch eine Ratze im Hause haben, Krezel, heute zieht das Beest nothwendig aus. Den Spektakel verträgt kein Vieh, höchstens eine Großmutter. Ja wohl, Vater Krazel, eine Großmutter verträgt's. Laß sie immer machen, ist doch nur einmal im Jahre heiliger Abend! Mit diesem ihren Lieblingsspruche beruhigte sie den armen Pancratius, der sich denn in sein Schicksal ergab, zwei Finger in beide Ohren steckte und still-dumm vor sich hin lachte, wie wenn's nicht anders wäre. Der Tumult hatte seinen höchsten Punkt erreicht – denn nach menschlicher Voraussetzung und allen Erfahrungen gemäß, die über Lungen und andere körperliche Organe feststehen, konnten sie's unmöglich weiter treiben – da verstummten die Klänge, die den Vater Hiob theils mit Entzücken, theils mit Verzweiflung erfüllt hatten, plötzlich, und gleich darauf erhoben die drei Kinder, in die Falten des mütterlichen Rockes ihre Gesichter bergend, das ängstlichste Jammergeschrei. Eine abenteuerliche Gestalt stand mitten im Zimmer hell beleuchtet von vielen Kerzen. Es war der Taubstumme, den Pancratius, da er ihn schlafend verließ, erst einzuschließen sich nicht mehr die Zeit genommen. Halb umhüllt von der langhaarigen braunen Decke, das Gesicht glühend von der Ofenhitze in seiner Zelle, nach dem Frost unterwegs, dabei die tief-dunklen Gruben im brennend rothen Antlitz ... so trat er unter die Weihnachtsfreuden der Hiob'schen. Groß und Klein, Alt und Jung entsetzten sich vor der unerwarteten Erscheinung. Anfänglich wollten sich die Kinder gar nicht zu Verstande bringen lassen. Weder Großvater noch Eltern vermochten ihnen begreiflich zu machen, das störende Schreckbild sei nichts Anderes, als ein armer blinder Mensch. Nur die Großmutter fand den richtigen Weg, indem sie den Verstand der Kleinen durch Beihilfe des Gefühles anregte. Sie sagte ihnen, der Blinde sei nicht allein blind, was schon an und für sich traurig genug wäre, denn er könnte ja ihre Tannenbäumchen, ihre brennenden Kerzen, ihre Trompeter und Hanswürste nicht erblicken; er sei außerdem auch taub, das heißt, er höre nicht, wie sie jubelten und musicirten; er höre auch nicht, wenn zur Sommerszeit die Wachtel draußen im städtischen Getreidefelde »pickwerwick« rufe, was ihnen doch so prächtig gefalle, daß sie es gern nachahmten!? Aber, ach, auch dies sei dem armen Blinden versagt, denn er könne weder einer Wachtel Sprache nachahmen, noch eines anderen Vogels, noch eines Menschen, denn er sei ganz stumm; folglich sei er dreifach unglücklich, da er nicht einmal sein Herz erleichtern, seine Leiden Niemandem klagen könne. Und vor einem Unglücklichen, setzte sie schließlich hinzu, darf man sich nicht fürchten, darf man nicht fliehen, den soll man bedauern, und wo möglich soll man ihn trösten. Diese belehrende, herzliche Ermahnung wirkte so viel, daß die Kinder nach und nach ihre Köpfchen zu Stephan hinwendeten und ihn mitleidig betrachteten. Tröste ihn doch! Geh' doch hin und tröste ihn! sagten die kleinen Mädchen zu ihrem Bruder, dafür bist Du ja ein Junge. Wie kann ich ihn denn trösten, Ihr dummen Mädel, wenn er taub ist auf seine beiden Ohren? Der Junge ist unglaublich klug für sein Alter, rief Tobias in väterlichem Stolze. Hat ihm denn kein Mensch eine Christbescheerung gegeben? fragte das größere der beiden Mädchen. Niemand, erwiederte die Mutter, er hat keine Eltern mehr, er ist ganz allein in der weiten Welt. Warum habt Ihr ihm nicht einen Baum mit Lichtern zurecht gemacht? fragte das Kind weiter, und die Großeltern erwiederten verlegen: sie hätten ja nicht ahnen können, daß der Arrestant ihnen heute schon eingebracht werde, und würde dieser ja doch Nichts gesehen haben, wenn gleich tausend Kerzen für ihn brennten. Voll Schüchternheit näherte sich nun das Mädchen dem Stephan und sprach fast weinend: Du fremder Mann, Du hörst nicht und siehst nicht, und ich thäte Dir doch gern eine Freude machen zum heiligen Abend. Da riech' einmal, wie schön das riecht! Ich schenke Dir meinen bemalten Wachsstock. Dieses Haupt- und Prachtstück ihrer Weihnachtsgaben steckte sie ihm eiligst zu, worauf sie sich dann sogleich hinter ihre Mutter verbarg. Das jüngere der beiden Mädchen brachte den großen Reiter von Pfefferkuchen, den sie noch verschont hatte, schob ihn auf den Wachsstock, daß dieser zwischen des Rosses Untergestell zu stecken kam, und lispelte kaum hörbar: Von mir auch 'was, Du! Das ist dumm, rief der Junge, ich hab' schon Alles verschnabulirt; zwei Aepfel sind noch da, die wollt' ich mir zu den Feiertagen auf dem Ofen braten. Die geb' ich Dir, Mann. 's ist heute Weihnachtsabend! Muthig drückte er die schönen Borsdorfer dem Stephan in die Rechte. Der Mensch, der bis dahin unbeweglich gestanden, fing an heftig zu zittern. Dann führte er die Hand mit den Aepfeln empor, sog begierig den Duft der Früchte ein, woran er sich zu laben schien; doch zugleich verfiel er in krampfhaftes Schluchzen, kämpfte lange dagegen an und brach endlich, als er zu Athem kam, in die laut und deutlich artikulirten Worte aus: O meine Mutter ! Die Anwesenden wollten an Wunder glauben; sie umringten ihn und begrüßten ihn als einen Neugeborenen, sogar die Kinder jauchzten fröhlich auf: Der Stumme redet! Er aber wies Alle mit den Armen zurück und sagte mehr ingrimmig wie gerührt: Laßt mich, Ihr Leute, ich hab' Euch betrogen; ich war in meinem ganzen Leben weder stumm noch taub. Dies gesagt, bat er, sie möchten ihn mit seinen Geschenken allein lassen. Tobias geleitete ihn in die Gefangenenstube. Pancratius zog seinen alten Mantel über, setzte die Pelzmütze auf und begab sich zum gestrengen Herrn Landrath, um pflichtgemäß Bericht abzustatten, daß der Taubstumme höre und rede, daß er nur blind sei, und daß seine (Pankratius) Enkel dem Verstockten durch ihre Gaben die Zunge gelöset hätten. Sechstes Kapitel. War das Erstaunen über Stephan's Geständniß – (Tobias meinte, wenn er früher das Maul aufgesperrt hätte, führte er jetzund vielleicht seine Augen noch im Kopfe, und es würde überhaupt Vieles ganz anders für ihn geworden sein; weshalb auch der bisweilen nach Witz haschende Kreisbote seinen vorjährigen Reisebefohlenen mit Bileam's Esel zu vergleichen sich bemühte, ohne irgend einen Anknüpfungspunkt für den Vergleich herauszufinden, außer das Sprechen nach hartnäckigem Schweigen!) – war das Erstaunen in Hiob's Hause ein gewaltsames, überwältigendes, dem berechnetsten Theatereffecte eines auf Ueberraschung eingerichteten Schaustückes ähnlich: so ging es darum doch nicht minderschnell vorüber, um den gewöhnlichen Betrachtungen nächstfolgender Tage Raum zu lassen. Hiob's wußten nun, daß Stephan sie betrogen habe, daß er sprechen könne, und nahmen ihn kurzweg für einen Betrüger, der sich ein Gebrechen angedichtet als Aushängeschild für die Bettelei. Dergleichen war ihnen nichts Neues. Auch der vielerfahrene Winderle beurtheilte die Sache geschäftlich, und auf dem Kreisamte hieß es: Gleich nach den Feiertagen wird der Stephan zu Protokolle vernommen. Da werden wir nun endlich auch erfahren, wohin wir ihn zu schicken, und an wen wir uns zu halten haben wegen der für ihn gehabten Unkosten und Auslagen. Nur der Landrath ging tiefer ein auf die psychologischen Eigenthümlichkeiten, die einer so unglaublichen Thatsache zum Grunde liegen könnten. Er sparte sich die erforderliche Zeit von seinen Erholungsstunden ab, um in langen Gesprächen mit Stephan dessen Vertrauen und durch dasselbe nachfolgende Selbstbekenntnisse ihm abzugewinnen, die wir dem Inhalte nach unverändert wiedergeben. Ich bin – erzählte Stephan – vor achtundzwanzig oder dreißig Jahren – genau kann ich mein Alter nicht angeben – in J... jenseits dieser Landesgrenzen geboren. Ich war das einzige Kind meiner Mutter. Mein Vater hielt einen Kramladen, den er mit geringen Mitteln eröffnet, nach und nach zum großen vielseitigen Geschäft empor gebracht hatte. Ihm gelang Alles. Er war unermüdlich in seiner Thätigkeit, und von seiner Umgebung verlangte er das Nämliche. Ich besinne mich aus frühester Kindheit auf die Klagen meiner Mutter daß er ihr gar keine Ruhe lasse, und daß sie bis in die Nacht hinein arbeiten und schaffen müsse. Als fünfjähriger Junge wurde ich schon angehalten, Kaffeebohnen oder Rosinen ausklauben und reinigen zu helfen wie es mit den Vorräthen für etliche hohe Kundschaften geschah. Ich liebte meinen Vater nicht. Er hat mich nie geschlagen oder sonst ungütig behandelt, aber auch Nichts gethan, meine Anhänglichkeit zu erwerben. Er bekümmerte sich nur um sein Geschäft, er hatte nur die Absicht, Geld zu verdienen; alles Uebrige war ihm gleichgiltig, und von Zärtlichkeit und häuslichem Wohlbefinden konnte bei seiner Jagd nach Gewinnst nie die Rede sein. Zu solchen Nebendingen nahm er sich keine Zeit. Meine Mutter, die Tochter eines ärmlichen, halbverhungerten Dorfschulmeisters, mag ihren Gatten wohl ohne Liebe geheirathet haben, um nicht zu verhungern, wie ihre Eltern. So viel ich mich auf sie erinnern kann, war sie eben nicht schön, doch sanft und lieblich anzuschauen. Sie fühlte sich gewiß nicht zufrieden in ihrer Ehe, kannte kein Glück – ich war ihr einziges. Wenigstens hat sie mir das täglich und stündlich wiederholt. Als ich kaum lallen konnte und ihre Worte nicht verstand, prägten sie sich doch schon in meinem Gedächtnisse fest ein, wenn sie mich mit Küssen und Thränen bedeckte und tausendmal sagte: Du bist mein einziges Glück! Sie war auch das meinige, und ich suchte auch kein weiteres. Umgang mit anderen Kindern kannte ich nicht. Durch Ungehorsam hab' ich meine Mutter nie gekränkt. Sie that, was sie mir an den Augen absehen konnte; ich war frühzeitig schon stolz darauf, »ihr einziges Glück« zu heißen und zu bleiben. Ich lebte nur in ihr, bei ihr, so wie sie nur mit und in mir. Sie lehrte mich lesen und schreiben, denn sie wollte nicht, daß ich mit den ungezogenen Kindern des Ortes die Stadtschule besuche. Den Unterricht mußte sie mir heimlich ertheilen, weil der Vater jede Stunde für Raub an seinen Geschäften hielt. Diese Heimlichkeit reizte mich an. Lehrstunden galten mir für etwas Verbotenes, wozu jedes Kind sich gezogen fühlt. Deshalb machte ich gute Fortschritte trotz dem entschiedenen Widerwillen, der sich schon damals in mir regte vor Allem, was körperliche oder geistige Anstrengung erfordert. Meine Mutter hatte immer blaß und leidend ausgesehen, anders war sie mir niemals erschienen. Daß dies Aussehen die Folge tödtlicher, wenn auch langsam fortschreitender Krankheit wäre, wurde dem unerfahrenen Knaben nicht deutlich. Sie selbst deutete wohl in Augenblicken wehmüthiger Aufregung darauf hin, daß Gott sie von mir wegrufen könnte, und was dann aus mir werden sollte? Doch als ob dieser Gedanke allzu fürchterlich sei, suchte sie ihn immer wieder zu verscheuchen, so daß er auch in mir nicht bleibend wurde. Ich mochte das neunte Jahr zurückgelegt haben und war für dieses Alter und meine Stubenerziehung schon stark und rüstig genug, da trat die Möglichkeit, daß meine Mutter sterben könne, zum ersten Male ernstlich mir vor die Seele. Wir feierten den Weihnachtsabend. Der Vater pflegte an solchen Dingen, die er nutzlosen Krimskrams nannte, nicht Antheil zu nehmen. Er blieb in seinem Laden und fertigte verspätete Kunden ab. Ich saß neben der Mutter, spielte mit meinen Geschenken und erfreute mich vorzüglich an einem großen Korbe ausgesuchter Aepfel, die für mein winterliches Vesperbrot ausreichen sollten. Einen nach dem andern nahm ich hervor, betrachtete die rothen Backen und labte mich an dem frischen Obstgeruche, der mir klare sonnige Herbsttage und lustige Spaziergänge wach rief. Plötzlich faßte die Mutter mit beiden Händen meinen Kopf, küßte mich auf die Stirn und rief: Das Einzige versprich mir, mein Stephan, daß Du jedesmal an Deine arme Mutter denken willst, wenn Du einen solchen Apfel riechst! Ich wußte nicht, wie das gemeint war, noch wie ich es verstehen sollte. Verlegen gab ich ihr keine Antwort, sondern sagte nur: Mutter, Deine Wangen sind aber heute gerade so schön roth, wie der Aepfel ihre, sie glühen recht! – Sie werden bald weiß sein wie der Schnee, der draußen liegt, sprach sie und küßte mich wieder auf die Stirn. Der Kuß war eiskalt. Das verwunderte mich, daß ihre Lippen kalt wären, weil doch Backen und Augen brannten. Ich fragte weiter nicht mehr, nur ging ich unruhvoll und bekümmert zu Bette, wie mit der dunklen Ahnung eines großen Unglücks. Auch weiß ich noch, daß mich die ganze Nacht hindurch verworrene Träume von Leichen quälten, obschon ich noch keine Leiche gesehen hatte. Erst gegen Tagesanbruch entschlief ich zum gesunden Kinderschlafe. Zu meinem bängsten Erstaunen wurde ich am ersten Feiertage nicht durch der Mutter Morgenkuß erweckt; die Dienstmagd rüttelte mich unsanft auf, ich möchte mich eiligst ankleiden, der Geistliche wäre drüben, und Mama wolle mich segnen. Um was es sich in Wirklichkeit handle, vermochte ich, noch schlaftrunken, gar nicht zu durchschauen, nur daß mir ein schweres Unheil drohe, so viel begriff ich. Sie hatte, als ich an ihr Sterbelager trat, die letzten Trostworte der Religion vernommen; jetzt streckte sie mir ihre bebenden Arme entgegen und wollte mich mit den letzten Mutterworten anreden, sie fand keine Kraft mehr dazu. Alles um ihr Lager und auf demselben schwamm im Blute. Drei Anfälle seit gestern Abend waren sich rasch gefolgt. Ihre Augen richteten sich im Erlöschen nach mir, nach meinem Vater, dann wieder auf mich ... die blauen Lippen bewegten sich noch, als wolle sie ihn für mich bitten ... eine Stunde nachher befand er sich in seinem Gewölbe, und ich kniete, Hände und Gesicht und Kleider von ihrem Blute befleckt, bei der Todten. Was zunächst mit mir geschehen, kann ich nicht genau angeben. Jene Tage sind mir ganz dunkel. Nur auf das Heben der Leiche besinne ich mich, auf mein Geschrei, und wie sie mich fortgezogen und in meine Kammer sperrten. Die Dienstmagd haßte mich, weil sie meinetwegen oft von der verstorbenen Mutter gescholten worden war. Jetzt nach deren Tode verstand sie sich meinem Vater unentbehrlich zu machen; ich sollte nur zu zeitig ihren Einfluß auf ihn und das ganze Hauswesen empfinden. Zunächst wurde ich, weil sie mich so viel wie möglich los werden wollte, in die Stadtschule geschickt, wo ich redlich nachholte, was ich bis dahin an Jugendstreichen und Unarten versäumt, und in dieser Beziehung der gelehrigste, obgleich in allem Uebrigen der faulste Schüler wurde. Meine arme Mutter war bald vergessen. Als ich das zehnte Jahr zurückgelegt hatte, gerieth ich in einen großen Schultumult, oder veranlaßte ihn vielmehr. Etliche größere Knaben behaupteten nämlich laut, mein Vater würde seine Dienstmagd heirathen. Ich erklärte das für unverschämte Lügen, weil ich diese Person nicht minder haßte, als sie mich. Aus dem Streite, woran sämmtliche Mitschüler Partei nahmen, entstand zuletzt eine Schlägerei, die ganz ernsthaft wurde, einige Theilnehmer bekamen Wunden von scharfen Linealen, und auch ich trug eine solche heim. Mein Vater zeigte sich erst ein Bischen verlegen, als ich den Grund der Prügelei bezeichnete, dann aber ging er darauf ein und bestätigte, daß ich »eine neue Mutter haben würde.« Auch äußerte er, es wäre nun seit einem Jahre Schulgeld genug für mich gezahlt worden und sei Zeit, daß ich erwerben helfe. Er machte mich zum Lehrburschen in seinem Laden. Glücklicherweise schrieb ich besser wie er (denn er, der sich vom Hausknecht zum Herrn aufgeschwungen, schrieb eigentlich gar nicht) und wurde dadurch den gröbsten Arbeiten entrückt; mußte jedoch Tag und Nacht am Schreibpulte sitzen, was mir auch entsetzlich war. Augenschmerzen belästigten mich damals schon, und ich litt häufig an Entzündungen der Lider. Meine Stiefmutter machte diesem Namen Ehre. Sie ließ mich zehnfach büßen, was sie etwa meinetwegen an kleinen Verdrüssen erlitten haben mochte. Doch hatte sie insofern ein Einsehen, daß sie den Vater hinderte, mich allzu sehr anzustrengen. Ihr erstes Kind blieb ihr letztes. Es hatte vier Wochen nach der Hochzeit schon in der Wiege gelegen, an welcher einst meine Mutter mich in Schlaf gesungen, wenn sie mich darin schaukelte. Mein Halbbrüderlein ward auf den Namen Adolar getauft, sah aus wie ein Affe und schrie wie ein Zahnbrecher. Sehr oft rief mich seine Frau Mutter vom Schreibpulte und hieß mich den Schreihals umherschleppen, bis er vom Brüllen müde einschlief. Dieses Geschäft, so lästig der häßliche, dicke Bengel mir wurde, schien ich dem ewigen Schreiben doch vorzuziehen, ich war nicht böse, wenn ich abgerufen wurde, und endlich setzte es meines Vaters Frau durch, daß ein alter, verkümmerter Ladendiener für's Schreiben aufgenommen wurde, damit ich zum Kindermädel befördert werden könnte. Sie behauptete: ihr Adolar bedürfe meiner; Niemandem ginge das Kind so willig zu, als mir. Ich ließ mir die Veränderung gefallen. Kinderwarten galt mir für keine Arbeit; es bedurfte dazu nicht der geringsten Anstrengung, die ich vor Allem floh und verabscheute. Wir wuchsen neben einander fort, Adolar und ich. Er zum starken, kräftigen Kinde, ich zum privilegirten Müssiggänger. Bis zu meinem vierzehnten Jahre that ich buchstäblich Nichts weiter , als mich mit dem Kinde hin und her schleppen, unter den Obstbäumen auf grünem Rasen faullenzen, im Winter am Ofen hocken und dabei verdummen. Ob ich bisweilen gedacht habe, oder ob ich immer nur Zeit und Stunden verträumte, das weiß ich selbst nicht mehr. Daß ich vor Papier, Feder und Dinte zuletzt ein wahres Grausen empfand, darauf kann ich mich noch sehr wohl besinnen. Auch Bücher waren mir verhaßt; wo ich zufällig eines erblickte, warf ich es zu Boden und stieß es mit dem Fuße von mir. Meine Stiefmutter war (natürlich ohne Vaters Wissen) eine eifrige Leserin und holte sich Band um Band vom Leihbibliothekar; diesen abgegriffenen, schmutzigen Büchern eben hatte ich so manchen Fußtritt beigebracht. Bei ähnlicher Gelegenheit fügte sich's einmal, daß der Deckel des Einbandes aufklappte und ich des Titelkupfers ansichtig wurde, welches meine Neugier erregte: Vermummte Gestalten, blinkende Dolche, Todtenschädel, im Hintergrunde ein Gerippe! Wie im Traume griff ich darnach und fand eine furchtbare Räubergeschichte, wo es von Mordthaten und Liebeschwüren wimmelte. Eine Eigenschaft meiner fast thierisch gewordenen Seele wachte bei Durchlesung dieses elenden Machwerkes gewaltig auf: die Einbildungskraft! Sie entriß mich unsern Umgebungen und führte mich in eine völlig neue Welt. Von diesem Tage wurde ich der begierigste Bücherverschlinger. Das Unwahrscheinlichste, Widersinnigste galt mir für das Schönste, und meiner Stiefmutter Geschmack und Auswahl versorgten mich reichlich damit. Ich lebte nur noch in verrückten Träumereien und Einbildungen: unser Obstgarten galt mir für einen undurchdringlichen Wald, der alte baufällige Backofen für Burgruinen, der Hofhund für einen reißenden Wolf, Adolar für einen geraubten Prinzen, und der kleine Junge gerieth gegen den Spätherbst hin mehrmals in Gefahr zu erfrieren, weil ich bis zur sinkenden Nacht mit ihm draußen auf einem morschen Apfelbaume versteckt blieb, damit die uns verfolgenden Ritter seines Vaters, des Herzogs, uns nicht entdecken möchten. In dieser Verfassung mußte es keinen geringen Eindruck auf mich machen, als ich eines Tages an der Ecke unserem Hause gegenüber den Theaterzettel angeschlagen sah, welcher » Die Räuber « verkündigte. Eine reisende Truppe verweilte schon seit etlichen Wochen am Orte. Keine ihrer bisherigen Ankündigungen hatte mich irgend angelockt. »Die Räuber« wirkten unwiderstehlich. Auch bildeten sie die letzte Vorstellung vor der Abreise der Schauspieler. Ich wendete mich an die Stiefmutter: wenn sie zufrieden mit meinen mehrjährigen Dienstleistungen für ihren Sohn gewesen sei, solle sie mich heute belohnen, solle mir gestatten, das Theater zu besuchen. Sie willigte ein. Der Vater brauchte Nichts davon zu erfahren; er that ohnehin, was sie befahl, und fragte selten oder nie nach mir. Ich empfing das Eintrittsgeld und war der Erste – im Paradiese. Verschiedene ehemalige Schulkameraden, jetzt Schuster-, Schlosser-, Schneider- und Töpfer-Lehrjungen, gesellten sich zu mir, deren Keiner mich anfänglich erkannte, weil sie mich so lange nirgend erblickt hatten. Sie waren nicht wenig erstaunt, da ich mich ihnen als gegenwärtige Kindermagd und dereinstigen Räuberhauptmann vorstellte. Doch meine Belesenheit verblüffte sie. Auch sie verriethen einige Neigung, künftig im Walde zu leben und in unerforschlichen Höhlen furchtbare Eidschwüre abzulegen. Die Aufführung des Schauspiels »die Räuber« steigerte unsere kindische Frechheit. Während der Zwischenacte stifteten wir ein Bündniß zu ähnlichen Zwecken mit Vorbehalt nächtlicher Zusammenkunft auf dem Galgenberge. Neu und überraschend war mir Nichts, was dort auf der Bühne vor sich ging. Die Schauderscenen, welche abgehandelt wurden, hatte ich mir schon an den Schuhsohlen abgelaufen; denn was wollte das Bischen Vatermord und Fluch und Brandstiften heißen gegen meine Romane? Nur Eines befremdete mich: daß der große Räuberhauptmann Graf Moor den jungen Kosinski, der sich ihm anbietet, hart anläßt: »Hat Dein Hofmeister Dir vielleicht die Geschichte des Robinson in die Hände gespielt?« und so weiter; »man sollte dergleichen unvorsichtige Canaillen ans die Galeere schmieden!« Wer war denn dieser Robinson? Gewiß ein noch größerer Mordbrenner und Räuber als der große Karl Moor selbst, den dieser beneidete und deshalb haßte!? Gleich am nächsten Tage schlug ich meiner Stiefmutter vor, das Buch dieses Namens und Titels in der Leihbibliothek einwechseln zu dürfen. Sie hatte Nichts dagegen, doch lachte sie mich aus und versicherte, das sei ein dummes Buch für kleine Kinder und vor lauter Tugendhaftigkeit langweilig. So fand ich es denn auch und quälte mich lange mit Zweifeln, warum wohl jener arme Hofmeister angeschmiedet werden sollte, der dem Kosinski den Robinson in die Hand gegeben. Wenn's weiter Nichts ist, dacht' ich, als auf einer wüsten Insel sitzen? Da verstehen wir's besser, ich und meine Freunde. Wir trafen uns wirklich in der Abenddämmerung auf dem Galgenberge zusammen. Die Andern hatten es sehr leicht, sie brauchten nur, sobald Feierabend wurde, anstatt sich wie sonst in den Gassen herumzutreiben, hinaus zu laufen vor's Thor. In zehn Minuten waren sie beim kahlen Hügel, wo vor vielen Jahren das Hochgericht gestanden haben soll. Ich aber durfte ja den kleinen Bengel, den Adolar, nicht verlassen, folglich blieb mir Nichts übrig, als ihn mit zu den Versammlungen zu nehmen. Zu tragen brauchte ich ihn nur selten; er hatte seine vier Jahre hinter sich und lief schon ganz gut, nur sehr langsam ging's. Und dann wurde das Kind frühzeitig schlau und auf Alles aufmerksam, was wir besprachen, so daß wir uns bei unsern Verabredungen nicht genug in Acht vor ihm nehmen konnten. An Tagen, wo für den Abend Zusammenkunft angesetzt war, ließ ich mich also keine Muhe verdrießen, meinen Halbbruder durch die ausgelassensten Spiele recht müde zu machen und abzuhetzen, damit er draußen in sichern Schlaf sinken möge. Daß er in der Kälte erfrieren könnte, bedachte ich nicht. Ich dachte überhaupt an Nichts, als an meine Hauptmannschaft. Denn zum Hauptmann der Bande hatte ich mich gleich den ersten Abend erwählen lassen. Die Jungen gehorchten mir, weil ich ihnen hochtrabende Floskeln aus überspannten Büchern vorschwatzte. Doch nach und nach wurden sie des Schwatzens überdrüssig. Sie verlangten einstimmig, daß ich ihnen Gelegenheit zu Thaten geben solle; zu Thaten, welche ihre Taschen mit Geld füllen würden. Ich wußte durchaus nicht, wie das im Weichbilde unserer friedlichen Stadt, wo wir, bekannt wie die bunten Hunde, vor jedem kleinen Ackerbürger demüthig die Mütze zogen, sich bewerkstelligen ließe, und vertröstete sie auf den Sommer, wo wir aufbrechen und in die Wälder ziehen wollten, die jenseits der nahen Grenze so blau und vielversprechend herüberwinkten. Doch damit ließen sie sich nicht mehr beschwichtigen. Sie machten die kühnsten Pläne und Entwürfe. Einer, ein Schneiderlehrling, schlug vor, meines Vaters Laden zu erbrechen, die Kasse zu rauben und dann sogleich in die Waldungen zu flüchten. Ich solle von innen behilflich sein. Dagegen lehnte ich mich entschieden auf. Nun wurde ich von Allen insgesammt der Feigheit beschuldigt und mir mit Entsetzung von der Hauptmannswürde gedroht. Es blieb mir also nur übrig, in ein anderes, noch gefahrvolleres Unternehmen zu willigen, sollte ich nicht gestürzt werden. Dies bestand in einem offenen Anfall auf den Mann, der am zweiten jedes Monats die in der Umgegend erhobenen Steuergelder dem Amte überbrachte und regelmäßig des Abends zwischen sechs und sieben Uhr aus dem letzten Dorfe anzulangen pflegte. Der Weg führt durch eine unbewohnte Strecke mit Strauchwerk kümmerlich bewachsenen Heidelandes. Dort sollte der Raubanfall vor sich gehen. Daß er gelingen müsse, darüber fand kein Zweifel statt, denn der Einsammler war ein schwächlicher, alter Mann. Sobald wir im Besitze der Summe wären, die er bei sich führte, wollten wir der Grenze zueilen, wo der Wald uns vor Tagesanbruch schützende Zuflucht verhieß. Wir trennten uns mit dem Losungsworte: Den 2. Februar um sechs Uhr am Kreuzwege! Darauf legten wir einen furchtbaren Eidschwur ab, den ich meinen Genossen feierlich vorsagte. Siebentes Kapitel. Meine sechs Kameraden – ich der siebente – stellten sich am bezeichneten Orte pünktlich ein, Jeder mehr oder weniger zur Frevelthat gerüstet. Auch Messer fehlten nicht. Alle zeigten sich sehr ungehalten, daß ich auch heute als Kindermädel erschien und den nicht abzuschüttelnden Bruder mitbrachte. Einer drohte das Kind umzubringen. Ich machte ihnen begreiflich, sein Zurückbleiben würde Argwohn erweckt haben, und beruhigte sie durch Vorzeigung eines Fläschchens mit süßem Branntwein, welches ich meiner Stiefmutter, die auf dieses Labsal Etwas hielt und im Stillen manchen Tropfen kostete, entwendet hatte. Davon ließ ich meinen Adolar naschen, und er schlief unter einem Wachholdergebüsche wie ein Dachs. Wir mußten lange auf den Steuerboten warten, der Mann hatte sich diesmal verspätet. Dies Harren kühlte den Muth der jugendlichen Verbrecher bedeutend ab, und der Ruf: »Dein Geld oder Dein Leben!« erscholl weder kräftig noch drohend. Auch hatten wir den zu Beraubenden nach seinem Aeußern falsch beurtheilt; er theilte mit seinem Stocke Schläge aus, die Nichts weniger als schwächlich klangen und auf den Köpfen und Schultern der Getroffenen tüchtig wiederhallten. Ehe eine halbe Minute verstrich, waren wir zerstoben wie Spreu vor dem Winde. Keiner hatte sich nach den »Blutbrüdern« auch nur umgesehen; Jeder nur seine eigenen Gliedmaßen in Sicherheit gebracht. Ich war, das will ich gern bekennen, zuerst ausgerissen und hielt mich weit vom Schlachtfeld hinter Sträuchern verborgen, bei denen ich später einige nachfolgende Flüchtlinge athemlos vorüberkeuchen hörte. Ich dachte an Nichts mehr, als an ungefährdete Heimkehr; meiner Hauptmannschaft fühlte ich mich völlig unwerth. Doch wie nach Hause kommen ohne Adolar? Es half Nichts, ich mußte umkehren, den schlafenden Knaben holen. Schreck und Angst verwirrten mir die Sinne, ich schwankte hin und her und rannte dem vorsichtig mit erhobenem Stocke fortschreitenden Sieger gerade in die Hände. Es war wohl dunkel, aber doch nicht finster genug, daß nicht ein bekanntes Gesicht zu erkennen gewesen wäre. Des Mannes Faust packte mich am Kragen, schüttelte mich, zog meinen Kopf bis an eine Stelle, die nicht vom Gebüsch bedeckt war, und da drangen in mein Ohr die fürchterlichen Worte: »Ah, Du bist dabei? schon recht!« Darauf gab er mir einen Fußtritt, daß ich taumelte, und entfernte sich. Wahrscheinlich hab' ich mir nachher, wie ich mich nur ein wenig erholt, meinen Bruder auf den Buckel geladen und bin mit ihm heimgewankt. Ich sage wahrscheinlich, denn ich weiß nicht, was mit mir vorgegangen. Doch muß es so sein, weil wir am Morgen des 3. Februar Beide vorhanden waren, Adolar krank, fiebernd, und die Stiefmutter mir ein für allemal untersagte, des Abends auszugehen. Dies Verbot wäre nicht nöthig gewesen. Ich hegte nicht den leisesten Trieb mehr, unsere engen Mauern zu verlassen, mit irgend einem fremden Menschen zu reden, von irgend einem drohenden Auge gesehen zu werden. Nur zwei Gedanken kämpften mit einander in meiner gefolterten Brust; der eine sagte bei jedem Geräusch: »jetzt kommen sie, um Dich als Straßenräuber gefangen zu nehmen!« der andere tröstete: »vielleicht hat er Dich doch nicht genau erkannt; und wenn er Dir für's Erste nicht mehr begegnet und nicht an Dich erinnert wird, verwischt sich Dein Bild in seinem Gedächtniß.« Dieser Trostgedanke führte mich bei stetem Sinnen und einsamem Brüten auf den Entschluß, Nichts einzugestehen, man möge mir abfragen, was man wolle; lieber zu sterben, als mich durch unüberlegte Worte zu verrathen und in Widersprüche zu verwickeln. Und um dies sicher zu können, nahm ich mir vor, mich stumm zu stellen. Ich hatte etwas Aehnliches gelesen. Langsam bereitete ich nun die Ausführung dieses Entschlusses vor. Ich fing damit an, über Schmerzen im Munde zu klagen, daß mir die Zunge so schwer sei; wenn Adolar mit mir plauderte, gab ich ihm keine Antwort oder lallte nur unverständlich, was er natürlich der Mutter klagte, diese dem Vater mittheilte, welcher dann mit seiner gewöhnlichen Gleichgiltigkeit äußerte: »das hätte dem Tagediebe noch gefehlt.« Weiter geschah Nichts, und man ließ mich schweigen. Verrichtete ich doch die Pflichten eines gehorsamen Hausthieres, und jetzt wahrlich gehorsamer und unterwürfiger als je, weil ich noch immer unter dem Drucke der Gewissenspein, der Missethäter-Angst dahin schlich. Doch wie Tag um Tag, Woche um Woche verging, der Gefürchtete sich nicht blicken ließ, keine Nachfrage von Seiten der Behörde erfolgte; der Frühling wiederkam und hinaus rief – da wähnte ich endlich Alles überstanden, war nahe daran, wieder meine Zunge zu gebrauchen, und wagte mich sogar in's Freie. Stieß mir etwa Einer von der Bande auf, dann schlugen wir gewiß Beide die Augen nieder, und eilten an einander vorüber, gleich geprügelten Hunden. Zuerst zitterte ich vor der Möglichkeit, dem Steuerboten zu begegnen, von ihm gesehen zu werden. Als sich das lange Zeit hindurch nicht traf, fing ich an es zu wünschen, wie man etwas Gefährliches fürchtet und wünscht zugleich, um zu erproben, was eben noch zu befürchten sei. Zuletzt wurde ich so tolldreist, den Mann zu suchen, indem ich die Gassen einschlug, durch die sein Beruf ihn führte. Mehrmals stieß er mir auf; doch er wendete sich zu anderen Leuten, die vorübergingen, und schien meiner gar nicht zu achten. Nun wurde ich unverschämt, und einmal, meinen Bruder an der Hand führend und Jenen auf der entgegengesetzten Seite der Gasse erblickend, grüßte ich ihn. Er sah sich um, ob auch nicht außer uns Jemand in der Nähe sei. Dann trat er auf mich zu und sprach leise: Deine selige Mutter war eine unglückliche, gute Frau; eine sanfte Dulderin. Ihr hast Du's zu verdanken, daß ich Dich nicht wieder erkennen will. Bess're Dich! Als er dies gesagt, ließ er mich stehen, wo ich stand, klopfte den Adolar auf die Backen und machte sich rasch davon, wie wenn er etwas Böses gethan. Alles was Recht ist, er handelte edel und meinte gewiß mir Gutes zu erweisen. Doch erwies er mir im Gegentheil das größte Uebel. Ich war nun wieder sicher vor Entdeckung und Strafe, und anstatt meiner Mutter Andenken, dem ich diese Nachsicht verdankte, heilig zu halten, demselben einigermaßen Ehre zu machen, überließ ich mich auf's Neue dem heillosen Treiben meiner durch Müssiggang genährten übermüthigen Phantasie. Doch durch Schaden klüger geworden, vermied ich die Gemeinschaft anderer Burschen, über meinen eigenen Plänen allein brütend. Ich hatte gehört, eigentlich erhorcht, daß zwischen der Stiefmutter und meinem Vater lebhafte Zwistigkeiten entstanden waren, deren Veranlassung meine Zukunft abgegeben. Mein Vater warf ihr vor, daß sie mich ihrer häuslichen Bequemlichkeit halber aus dem Geschäft gerissen, mich zu einem blödsinnigen Faullenzer gemacht habe, der sein Brot vor den Thüren werde betteln müssen, wenn nicht noch bei Zeiten eine Aenderung geschähe. Er ist jetzt fünfzehn Jahre vorüber, der Stephan, ziemlich stark ist er auch, ich werde ihn bei einem Zimmermann in die Lehre geben, ein paar Meilen von hier, den ich als einen strengen Mann kenne. Die Arbeit wird ihn munter machen und aufwecken. Vielleicht, daß er noch einmal zu sich kommt! hier ist Nichts mehr mit ihm anzufangen, und im Gewölbe mag ich ihn nicht, um keinen Preis. Mag ihn überhaupt nicht sehen. Er ist mir zuwider, so zuwider wie seine Mutter mit ihrer barmherzigen Jammermiene. Nachdem ich erst einige ähnliche Aeußerungen, denen die Stiefmutter nur schwache Einwendungen entgegenstellte, aufmerksam belauscht hatte, waltete kein Zweifel mehr ob, was zu beginnen sei. Meinen Vater glaubte ich hassen zu dürfen; damit vergalt ich ihm ja nur, was er mir gab. Daß man mich von der kleinen Erbschaft zu Adolar's Vortheil ausschließen wolle, durchschaute ich auch. Und aus einem Zimmerplatze die schwere Axt führen, von früh bis in die Nacht angestrengt arbeiten – arbeiten überhaupt! – das erschien mir das Gräßlichste auf Erden. Ich suchte meine »schwere Zunge« wieder hervor; traf allerlei Anstalten, mir etliche Groschen zu verschaffen, die ich da und dort im Hause zusammenraffte, und eines Abends, bei heftigem Unwetter, schlüpfte ich aus meiner Kammer, kletterte über den morschen Gartenzaun, rannte, was mich die Füße tragen wollten, durch Dick und Dünn und passirte vor Tage noch glücklich und unangefochten die Grenze. Da durchstreifte ich nun die Waldungen, in denen ich als Räuberfürst herrschen gewollt. Aber in meinen Ansprüchen herabgesunken, hatte ich jene prächtige, blutige Rolle mit der eines stummen Bettlers vertauscht, wozu ich mich auch besser eignete. Ich führte sie täuschend durch, erregte überall Mitleid, erhielt viel Geschenke, wurde sogar von mildthätigen Frauen gewarnt, wie ich vermeiden könnte, die Aufmerksamkeit der Behörden zu erregen. Insofern ging es mir sehr gut. Was mich aber peinigte, war die kaum zu besiegende Neigung, die ich empfand, manche an mich gestellte Fragen über Heimath, Herkunft und dergleichen mit lügenhaften Worten zu erwiedern, wenn meine Geberdensprache nicht ausreichte oder nicht verstanden wurde. Einige Male war ich schon nahe daran herauszuplatzen. Ja, ich fühlte bisweilen das Bedürfniß zu reden und konnte mir, wenn es allzu stark wurde, nicht anders helfen, als daß ich Thiere, die mir aufstießen, herrenlose Hunde, Vögel, sogar Bäume ansprach. Einigen Fröschen, die bei einem Sumpfe, wo ich lagerte, in der Sonne saßen, hab' ich meine Lebensgeschichte erzählt, so ernsthaft und so umständlich, wie wenn sie meines Gleichen wären. Doch weil diese Erleichterung immer nur vorübergehend war und ich fortdauernd fürchten mußte, mich bei theilnehmenden Anfragen zu verrathen, so beschloß ich, auch das Gehör zu verlieren, und zog von jetzt an als Taubstummer tiefer in's Land. Es gehörte anfänglich ein sehr fester Wille dazu. Durft' ich doch mit keiner Bewegung andeuten, daß ich hörte, was sie über mich äußerten. Bald gelangte ich auch darin zu einer gewissen Sicherheit, und das gewährte mir bedeutende Vortheile. Erstens vergrößerte sich dadurch die Wohlthätigkeit der Menschen, die mich herzlich beklagten; zweitens legten sie sich keinen Zwang an in ihren Meinungen und Ansichten über mich. Das wurde mir sehr ersprießlich, denn es gewährte mir Einsicht in etwa drohende Gefahren, und ich hatte immer Zeit zu verschwinden, wenn Einer oder der Andere die Absicht laut werden ließ, mich als Landstreicher festzuhalten und meine Aufnahme in ein Taubstummeninstitut zu vermitteln. Davor bangte ich am meisten. Nicht allein aus Furcht vor Entdeckung meines Betruges; hauptsächlich, weil ich vernommen, daß die Taubstummen belehrt, unterrichtet, zu regelmäßiger Beschäftigung angehalten würden. Lieber wollte ich Hitze und Kälte, Hunger und Durst erdulden, lieber in feuchten Löchern übernachten. Doch diese Entbehrungen kamen nicht so häufig vor, als man denken sollte. Fast in allen Ländern, die ich durchstreifte – und ich habe mich binnen fünfzehn Jahren weit herumgetrieben, wie begreiflich – fand ich Schutz, Nahrung, Obdach. Aufgegriffen wurd' ich sehr häufig, doch fast jedesmal wieder entlassen, weil die kleinen Dorfbehörden froh waren, wenn sie einer Last ledig wurden, die sie nirgend unterzubringen wußten. Wo sie's aber genauer nahmen und mich nach einer Stadt abliefern wollten, entsprang ich unterwegs, nachdem ich meinen Begleitern Vertrauen eingeflößt und mich schwachsinnig gestellt hatte. Wo ich überall gewesen, wie weit ich mich herumgebettelt habe, das müßt' ich heute lügen, wenn ich es genau beschreiben sollte. Eben so wenig bin ich mit der Zeit und mit meinem Lebensalter ganz im Klaren. So viel ist mir bekannt, daß im vorletzten Sommer etwa vierzehn Jahre seit meiner Flucht verstrichen waren; denn ich hab' ein Zeitungsblatt am Wege aufgelesen, wo Hühnerknochen hineingewickelt waren, welche Reisende aus dem Postwagen warfen. Und da stand's gedruckt – dazumal hatte ich noch Augen im Kopfe – ich sei verschollen , und das Gericht fordre mich auf, zu erklären, daß ich wirklich todt sei. Ich dächte, so hätt' es geheißen. Mußt' ich doch lachen! Wie sie mich hier am Orte erwischt haben, das brauch' ich dem gestrengen Herrn nicht zu erzählen. Da es gerade Winter war und die Behandlung beiden alten Hiobs im Kreisgefängnisse recht leidlich, so ließ ich mir's gefallen. Zum Frühjahr, wo ich dann in's Correctionshaus transportirt wurde, hätt' ich dem Tobias zwanzigmal entwischen können; that's aber nicht, weil ich die Krankheit in den Augen schon spürte und wollte mich erst auscuriren lassen. Denn zum Landstreichen muß Einer gut sehen, sonst ist's verspielt. Wie ich das Stadtthor von Bergitz ansichtig ward, kriegt' ich Angst vor der Arbeit, Da war's zu spät, und ich verfing mich in Stacketen. Nun kam die schwere Zeit. Sie wollten mich mit Gewalt fleißig machen. Brachten's doch nicht dazu samm allem Drohen, allen Fasttagen und Schlägen. Der Augenschmerz befreite mich von der Schinderei, darum ertrug ich ihn leichter. Nach und nach, wie er zunahm, und wie der Doctor zwar merken ließ, er würde mir vielleicht helfen können, wenn ich nicht taubstumm wäre; wie aber der Inspector hinwiederum meinte: jetzt zeigt sich's, daß wir ihm Unrecht thaten, – da that ich mir Gewalt an, mocht' es bohren, brennen, stechen wie Gift und Feuer. Die egyptische Krankheit nannten sie's. Ich dachte an die egyptische Finsterniß und tröstete mich mit dem Gedanken: bin ich erst recht blind, da muß ordentlich für mich gesorgt werden, und kein Teufel kann mich mehr zur Arbeit zwingen. Und mitten in meinen Martern lachte ich den Inspektor aus, weil ich ihn für einen Narren hielt, und er mich für einen Taubstummen. Also wär' es auch verblieben. Nicht zehn Pferde hätten ein Wort aus meinem Munde gezogen. Da mußte sich's schicken, daß ich zum heiligen Abende bei Hiobs wieder eintraf. Mußte den Jubel der Kinder durch die Wand hören, wie sie bliesen auf kleinen Trompeten. Das schnitt mir durch Mark und Bein, that mir weh und wohl, daß ich gerne geweint hätte; die Thränen wären auch vorhanden gewesen, kamen aber nicht heraus, denn warum, es sind ja keine Augen mehr da. Es zog mich vom Lager auf, zog mich mit Gewalt unter die Leute. Wußte ich selbst nicht, was ich da wollte; konnte doch nicht zurückbleiben. Noch stritt es in mir, Rührung und Zorn. Wie sie sich vor mir entsetzten und die Kinder schrieen, hätte ich am liebsten unter sie geschlagen. Hernach brachten sie mir Geschenke: den Pfefferkuchen, den Wachsstock; da wurd' ich schon weich. Wie ich aber die Aepfel in meiner Hand fühlte ... Herr Landrath, der Mensch ist ein curioses Ding. Er kann so viel ausstehen und erdulden; was ich ausgestanden habe, bis die Augen aus diesen zwei Höhlen herausgeflossen sind, das geht nicht auf alles Papier, was in Ihrer Kanzlei liegt! Und habe nur gewimmert, nicht eine Silbe geredet; bin stumm geblieben, sogar im Schlafe, wenn ich manchmal ein paar Minuten schlief. Na, sehen Sie, das hab' ich ausgehalten. Und den Geruch von zwei Aepfeln hab' ich nicht ausgehalten. Denn es war mir, als ob ich die Mutter sprechen hörte. Und ich hätte nicht länger bei der Lüge verharren können, um aller Welt Wunder nicht. Sonst hab' ich wohl Nichts mehr zu Protokolle zu geben? Letztes Kapitel. Das letzte Kapitel wird sehr kurz ausfallen. Gestützt auf Stephan's Angaben, konnten sogleich die nöthigen Nachforschungen in seiner Heimath angestellt werden. Diese führten zu sehr befriedigenden Ergebnissen. Seine Stiefmutter war langst gestorben. Sein Vater, früh zum Greise geworden, hatte sich vom Geschäfte zurückgezogen, und Adolar, der Halbbruder, führte es unter der väterlichen Firma, die nur den Namen hergab, weil der Sohn noch nicht volljährig war. Den amtlichen Ausweisen lag ein offenes Schreiben des jungen Mannes bei, welches der Landrath dem blinden Stephan in Gegenwart sämmtlicher Hiob'schen vorlas: Mein lieber Bruder! Du bist sehr unglücklich geworden, und ich frage nicht darnach, ob durch Deine Schuld. Ich halte mich nur an die Dankbarkeit, die in meiner Seele nicht erloschen ist, für alle Liebesdienste, die Du mir einst erwiesen; für alle Geduld und Treue, die Du für Deiner Stiefmutter kleinen ungezogenen Sohn gehabt. Ich bin jetzt der Herr. Sie ist todt. Unser Vater lebt – doch vielleicht hilfloser, gewiß schwächer, geistig unfähiger als Du. Für ihn ist Gegenwart und Vergangenheit ein leerer Raum. Nur ein Fünkchen glimmt noch lebendig in dieser Asche, und dies regt sich und flammt empor, sobald der Name Stephan genannt wird. Oftmals hab' ich ihn in seinen verwirrten Selbstgesprächen klagen hören: Wenn doch nur der Stephan da wäre, daß ich mit ihm von seiner Mutter reden könnte. Gewiß ist er schon bei ihr! Und sie führen Klage über mich im Himmel, wo sie sind!? Aus diesen und ähnlichen verlorenen Aeußerungen, die mir jedesmal einen Stich in's Herz geben, kannst Du entnehmen, wie groß mein Bedürfniß wurde, nach meinen Kräften Dir Gutes zu erweisen und den traurigen Umständen gerecht zu werden, die mich in den Besitz Deines Vermögens brachten. Denn Dir gehört, streng genommen, was wir haben, wenn auch nicht mehr vor dem Gesetze (welches schlau genug umgangen wurde), doch vor meinem Gewissen. Urtheile daraus, wie gern ich Dich in Deines, in unseres Vaters Hauses empfangen werde! Welchen Trost Deine Gegenwart ihm, dem alten kindischen Manne bereiten kann! Du wirst bei ihm sitzen und ihm vorplaudern. Du wirst ihn so wenig sehen, als er Dich, denn seiner Augen Licht ist auch vergangen. Aber seinen Händedruck wirst Du fühlen, wenn Du ihm sagst, daß Du bereutest und abbüßtest, was Du Sträfliches gethan; und er wird Dir dagegen sagen, wie er sich darnach sehnte, in Deinen Armen zu sterben. So komme denn hierher, seinen Wunsch zu erfüllen und dann bei mir zu leben, nicht wie der verlorene Sohn des Hauses, sondern wie der ehemalige Pfleger und Wärter meiner Kindheit und wie der gegenwärtige Pfleger unsers kindisch gewordenen Vaters. Es soll Dir an Nichts fehlen; wenigstens an der Liebe nicht, die Du seit Deiner Mutter Tode entbehren mußtest. Für Deine bequeme Reise hierher ist Sorge getragen. Es erwartet Dich Dein Bruder. Nachdem Stephan den Inhalt dieses Briefes vernommen, warf er sich auf die Kniee, faltete die Hände und ließ den Kopf sinken. Niemand störte ihn. Dann erhob er sich, suchte den Weg nach seiner Zelle, brachte die beiden Aepfel hervor, die er dort aufbewahrt, und bat Frau Lucretia, diese Früchte zu zerschneiden in so viele Theile, daß jeder Anwesende ein Stückchen erhalte, auch der Herr Landrath. Er selbst nahm auch eines, und eh' er es verzehrte, sprach er: Als Liebesmahl, zur Erinnerung an meiner Mutter Segen. Junge, sagte Tobias zu seinem Knaben, bewahre die Kerne von den Aepfeln auf, die wollen wir in die Erde stecken, da müssen rare Bäume daraus wachsen.   Ende.