Otto Ernst Frieden und Freude Humoristische Plaudereien Im Vorhof des Lebens Auf meinen täglichen Spaziergängen in O. begegnete mir mit vollkommener Regelmäßigkeit ein alter, hagerer Mann, der von Anfang an mein besonderes Interesse erregte, zunächst durch seine milden Züge, die durch ein Paar großer, schwärmender Augen belebt wurden, sodann durch die erstaunliche Akkuratesse, mit der er seinen offensichtlich schon lange nicht mehr neuen Anzug instand hielt. Er trug zu diesem Anzug unabänderlich einen Zylinder und ein Paar Knöpfstiefel, deren fabelhafter Glanz schon von weitem blendete wie Drummondsches Kaltlicht. So sah er schier elegant aus, und erst bei näherer Bekanntschaft merkte man, daß der Rock in den Nähten mit Behutsamkeit geschwärzt und das Beinkleid an den unteren Rändern mit virtuoser Künstlerschaft gestopft war. Wie es so geht: wenn man einander täglich begegnet ohne etwas voneinander zu wollen, so lernt man sich ohne Worte kennen und – je nachdem – sogar gern haben. Eines Morgens rief er mir im Vorübergehen zu: »Bitte, betrachten Sie sich die Buchen im Ackermannschen Park – wundervoll!« »Danke schön!« rief ich mit verbindlichem Lächeln, »werd' ich tun!« Ich sah mir die Buchen an und fand nichts eben Besonderes an ihnen. Sie trugen freilich schon blanke Knospen, daneben aber auch noch das vorjährige Laub, und bekanntlich bietet die Buche in solcher Zeit keinen überwältigend schönen Anblick. Aber seitdem grüßten wir einander und warfen uns öfter und öfter im Vorübergehen ein freundliches Wort über Weg und Wetter zu. Und eines Tages, als ich meinen Spaziergang etwas früher als sonst unternommen hatte, fand ich meinen Freund auf einer Bank des genannten Parks sitzen. Da auch ich ein Ruhebedürfnis empfand, setzte ich mich zu ihm. »Das ist doch der herrlichste Einfall der Natur,« sagte ich: »Syringen und Goldregen zusammen! Für mich wenigstens ist es ihr lieblichstes und vornehmstes Blumengedicht. Und in welcher Fülle sie hier blühen!« »Ja – ja,« sagte er lässig, mit einer Gleichgültigkeit, die mich bei diesem offenbaren Naturfreunde in Erstaunen setzte. »Diesmal,« fuhr ich weniger originell als herkömmlich fort, »diesmal hält der Wonnemonat reichlich, was sein Name verspricht.« »Ja – ja,« machte er mit sanftem Kopfnicken, und jetzt klang es fast wie Wehmut aus seiner Stimme. »Oder sind Sie mit dem Mai unzufrieden?« fragte ich. »Ja,« sagte er jetzt entschiedener, und dann noch einmal besonders entschieden: »Ja! – Er gibt zu viel. Er nimmt dem Sommer zu viel weg. Überhaupt: je mehr er erfüllt, desto weniger ist er ein ›Wonnemond‹. Erfüllung ist keine Wonne.« »Nah,« rief ich kapierend, »danach wäre der wind- und regenzerfetzte April eigentlich wonniger gewesen!« »Gewiß,« versetzte er lächelnd; »aber der Wonnemond ist es natürlich auch nicht.« »Nein, nach dieser Auffassung natürlich nicht,« erwiderte ich. »Sie sind ein Freund der Erwartung. Da wird der März mit seinem amtlichen Frühlingsanfang und seinen ›neun Sommertagen‹ diesen neun Anweisungen auf Sonnenlicht, die meistens nicht eingelöst werden, Ihr Liebling sein?« »O nein!« versicherte er mit milder Entschiedenheit. »Fabian, Sebastian läßt den Saft in die Bäume gahn – und wahrscheinlich steigt da auch ein neuer Saft in den Menschen. Der Januar wäre also schon eher ein Wonnemond; aber eigentlich ist es der Dezember.« Ich mochte wohl große Augen machen. »Ja, ja,« nickte er. »Denn im Dezember ist der kürzeste Tag! Und mit Recht legen die Menschen in diese Zeit das schönste Fest. Vom kürzesten Tage kann es nicht mehr rückwärts, kann es nur noch vorwärts und aufwärts gehen. Das ist Wonne.« Dagegen konnt' ich gar nichts sagen. »Haben Sie,« fuhr er fort, »sich einmal das Vergnügen gemacht, die Leute zu fragen, in welchen Jahreszeiten der Tag zu- und in welchen er abnehme?« Ich mußte verneinen. »Versuchen Sie's einmal; die Menschen wissen nicht einmal das. Sie werden fast immer die gedankenlose Antwort erhalten: »Das ist doch sehr einfach: Im Frühling und Sommer nimmt er natürlich zu, im Herbst und Winter ab!« Bekanntlich nimmt aber der Tag im Sommer ab und im Winter zu.« »So feiern Sie freilich einen erfreulichen Winter, tauschen dafür aber einen tristen Frühling ein.« »Ei, wer sagt Ihnen das?« rief er. »Im Frühling freu' ich mich ja auf den Sommer!« »Und im Sommer auf den Herbst?« »Und im Herbst auf den Winter!« nickte er bestätigend. »Und warum diese ›Schiebung‹?« »Weil die Erwartung immer schöner ist als die Erfüllung.« »Immer?« »Glauben Sie es mir: immer. Wer jemals Frühlingsgedichte gemacht hat – und wer hätte das nicht? –, der weiß, daß sie niemals besser gelingen als bei 20 Grad Kälte oder mehr.« »Das ist richtig,« sagte ich. »Denken Sie an alle Weihnachtsfeste, die Sie erlebt haben: hat jemals eines gehalten, was Sie erhofften?« »Doch!« rief ich. »Es kam sogar vor, daß meine Erwartungen übertroffen wurden.« »Nun, durch das Quantum der Gaben vielleicht.« »Nein, durch die Qualität des Glücks.« »Dann sind Sie von besonderer Anlage. Aber selbst wenn einmal dieser seltene Glücksfall eintritt – die rechte Ökonomie des Glücks ist es dennoch, sich vorher zu freuen, weil diese Freude fast immer feiner und länger ist. Der Genuß ist immer kurz, die Hoffnung darauf ist lang; der Genuß ist immer massiv, die Erwartung ist leicht und beflügelt. Im Reiche der Erwartung herrschen noch Oberon und Titania, an die unsere »Genießer« nicht mehr glauben. Der Duft eines feinen Apfels – nebenbei bemerkt: der schönste aller Wohlgerüche – verwandelt mein Zimmer auf Tage hinaus in ein Paradies; wenn ich ihn endlich esse, merke ich, daß sein Geschmack bei weitem nicht seinem Dufte gleichkommt, und mir ist zumute, wie nach einem Sündenfall. Aber das Beste des Apfels habe ich dann doch gehabt und habe es tagelang gehabt.« »Was Sie da sagen,« bemerkte ich, »erinnert mich an die Gellertsche Fabel von Till Eulenspiegel, der die Berge vergnügt hinan und betrübt hinabstieg. Sie werden das Gedicht als Knabe sicher auch gelernt haben.« »Und ob!« rief er. »Und wie gern! Der herrliche Gellert! Wer würdigt ihn noch? Seine Grazie, seine Schalkheit, seine herzinnige Güte? »Ich!« rief ich lebhaft. Der Alte begann zu rezitieren: »Ich bin, sprach Till, nun so. Wenn ich den Berg hinuntergehe, So denk' ich Narr schon an die Höhe, Die folgen wird, und da vergeht mir denn der Scherz, Allein, wenn ich berganwärts gehe, So denk' ich an das Tal, das folgt, und faß ein Herz. Dieser Till ist also, wie Sie sehen, nur ein halber Weiser. Auch das Unglück ist selten so groß wie die Erwartung. Die Furcht vor dem Unglück ist das wahre Unglück. Also fürchten wir es nicht! Steigen wir den Berg hinan im Genuß des Künftigen, und steigen wir ihn hinab im Vorgenuß des Tales!« »Kommt man dabei ganz auf seine Rechnung?« »Ich denke doch! Wenn dann eines Tages ein wirkliches Unglück kommt, dann haben wir doch ein Glück gehabt , und was wir gehabt haben, kann uns niemand nehmen. Im Gegenteil; es wird noch immer mehr und immer schöner durch Erinnerung. Die Dinge dieser Welt werfen lange Schatten nach vorwärts bis zur Wiege und nach rückwärts bis zum Grabe; aber sie selbst sind klein.« »Und was nennen Sie ›wirkliches Unglück‹?« »Krankheit, und vor der soll man sich hüten, ohne sie zu fürchten. Denn Krankheit fürchten ist ja schon Krankheit.« »Und ist nicht auch Schande ein Unglück?« »Kaum. Schande ist Menschenurteil, und Menschen haben kein Recht zum Urteil. Wer aber wirklich seine Schande verdient hat, der war schon lange vorher unglücklich.« »Und der Verlust geliebter Menschen?« »Den habe ich nicht zu befürchten,' sagte er sehr leise. Ich schwieg. »Ich stehe allein,« fuhr er fort, »und habe mit niemandem Verkehr. Ich bin, wie jedenfalls auch Sie wissen, der ›Sonderling‹, das ›Original‹ dieser Stadt. Die Leute erzählen sich, ich hätte immer hundert Krawatten auf Lager und fünfundzwanzig Regenschirme, mit denen ich abwechselte. Und sie starren mich an, wenn ich ihnen begegne. Sie sind hier der erste Mensch, dem ich Konfidenzen mache. Und wissen Sie warum?« »?« »Sie haben mich nicht angestarrt. Ja, als Sie mir das erstemal begegneten, starrten Sie auch, aber nur für ein Zehntel einer Sekunde; dann besannen Sie sich, daß Sie nicht starren wollten, und fortan sahen Sie mich an oder sahen an mir vorbei, als wäre ich kein ›Sonderling‹. Das hat mich für Sie eingenommen.« Ich verbeugte mich dankbar. »Und Sie leben ganz nach Ihren Grundsätzen?« fragte ich. »Soweit ein Mensch sein Leben in der Hand hat, ja. Und zwar bis ins kleinste, bis ins Alltäglichste hinein. Nie wird das Leben genießen, wer nicht den Alltag zu genießen weiß. Der Alltag ist das Brot auf dem Tische des Lebens, und wem das Brot nicht schmeckt, der hat eine verdorbene Zunge und ist ein bitterarmer Mensch.« »Mir aus der Seele gesprochen,« warf ich ein. »Sehen Sie: indem ich am Abend einschlafe, freue ich mich aufs Erwachen. Wenn ich erwache, freue ich mich – nicht aufs Ankleiden, darauf freuen sich wohl nur Damen –, aber auf mein Sturzbad, und während des Bades atme ich das Aroma meines Morgenkaffees. Während ich ihn trinke, macht meine Seele schon ihre Morgenwanderung durch Felder und Wälder, und während meines Morgenspazierganges sehe ich so recht deutlich mein kleines, friedsames Zimmer, das mich wie ein treuer Freund erwartet. Die Frau, bei der ich wohne, und die für meine bescheidenen Bedürfnisse sorgt, weiß, daß sie mir beim Frühstück das Mittagsmenü nennen muß; heute werde ich Reis essen, und jedesmal, wenn es mir einfällt, freue ich mich. Während des Speisens sehe ich die ersten, feinen, bläulichen Wölkchen der nachfolgenden Zehnpfennigzigarre steigen, die ich freilich nur selten rauche, und wenn ich sie rauche, betrachte ich liebevoll das Sofa, auf dem ich ruhen werde. Wenn ich mich darauf ausstrecke, lege ich vor mir auf den Tisch das Buch, das ich am Nachmittag lesen werde, und in den Seligkeiten seiner Bilder- und Gedankenwelt schlafe ich ein. In den gelegentlichen Pausen der Lektüre denke ich an Theater oder Konzert, das ich am Abend besuchen werde; ein göttliches Thema der Pastoralsymphonie klingt auf; ein paar Verse aus dem ›Wallenstein‹ rauschen mit Geisterfittichen an meinem Ohr vorüber, oder ich sehe schmunzelnd den lustigen Filou des ›Zerbrochenen Kruges‹ sein Knie verbinden, und lese weiter. Wenn ich das Buch weggelegt habe, nehme ich die Zeitung her und lese das Programm des Abends, und dann beschließe ich, mir einen Stehplatz auf der Galerie der Oper oder im Konzertsaal zu kaufen. Sofort befällt mich das wundervolle Fieber, das mich als Jungen tagelang vor meinem jährlich einmal erlaubten Theaterbesuch umfangen hielt; sofort hebt das köstliche Geigengewühl der Ouvertüre zum ›Figaro‹ an, den ich als Achtzehnjähriger hören durfte; der Vorhang stiegt hoch, und ich höre: ›Fünfe – zehne – zwanzig‹ und weiter geht's durch alle Akte bis ›O Engel, verzeihe!‹ und dann fasse ich den Entschluß, zu Hause zu bleiben; denn nichts auf der Welt kann ja so herrlich singen und spielen wie meine Erwartung.« »Und verbringen Sie alle Tage in der gleichen Weise?« »O nein!« rief er, »o nein! Jetzt kommt ja zum Beispiel die Reisezeit. Da lese ich zunächst Reisebeschreibungen. Den deutschen Wandertrieb trage ich in mir, so lange ich denken kann. Nichts kaufte ich mir schon als Junge so gern von der Bücherkarre, wie Reiseschilderungen mit Kupfer- und Stahlstichen oder auch Holzschnitten. Vor manchen dieser Bilder konnte ich stundenlang sitzen, bis ich jeden Quadratmillimeter durchwandert hatte; ja, in solch einer Stunde machte ich oft jahrelange Reisen, Reisen voll staunenden Schauens, Träumens und glückseligen Hoffens. So war ich bald im Schwarzwald und im Altai, am Rhein und am Orinoko zu Hause. Meine bescheidene Pension erlaubt mir immerhin eine kleine Reise im Jahr. Und wenn nun die Ferien kommen, sehen Sie, da verbringe ich halbe, ja, ganze Tage am Bahnhof oder am Hafen. Und freue mich mit den Abreisenden in alle Fernen der Welt. Welch ein eigenes Glück liegt auf diesen Gesichtern, namentlich auf den jungen! Wie köstlich ist diese Mischung von sehnsüchtiger Hast und sicher-behaglicher Erwartung! Wie köstlich ist die Behäbigkeit solch eines Studenten, der sich Obst und Zeitungen und Zigarren kauft, weil das Reisegeld noch so maßlos groß ist, und in seinen Augen, in allen Augen schimmern alle Fluren und Seen, alle Wälder und Berge der Erwartung! Und wenn ich dann daheim bin, studiere ich Fahrpläne und Reiseführer und zeichne mir meine eigene Reisekarte; das ist ein unendlicher Genuß!« »Und wohin soll's denn diesen Sommer gehen?« »O,« machte er sehr verlegen, »das weiß ich noch nicht – ich werde wohl kaum reisen.« »Nicht?« »Nein. Ich bin ja noch nie gereist. Mit einer einzigen Ausnahme. Da hatte ich ein Rundreisebillet für den Harz genommen. Aber ich war schon nach einem Tage so enttäuscht, daß ich schnell wieder heimgefahren bin. Ich könnte ja reisen, wenn ich wollte – das genügt mir.« »Nun!« rief ich und konnte nicht umhin, ein wenig zu lachen. »Da bin ich freilich weniger genügsam. Ich freue mich, um ein tiefsinniges Beispiel aus meinen Schuljahren zu gebrauchen, auf die Reise und auf der Reise.« »Wirklich?« fragte er mit starkem Zweifel. »Und Sie überreden sich nicht nur zur Freude? Man hat sich vorher auf einen großen Genuß gespitzt, und – aus einer gewissen Eitelkeit – will man dann nicht der Hineingefallene sein. Sie nehmen mir diesen etwas impertinenten Zweifel doch nicht übel!« rief er ängstlich. »Ich denke nicht daran. Wenn Sie mir nur auch eine Frage erlauben wollen.« »Bitte?« »Wenn Sie Ihren Reis essen und an die Zigarre denken, schmecken Sie dann mehr den Reis oder den Tabak?« Die Frage machte ihn stutzig. »Sie können recht haben,« meinte er zögernd und mit einem liebenswürdigen Lächeln, »vielleicht schmecke ich mehr den Tabak als den Reis.« »Sehen Sie?« rief ich mit höflicher Schadenfreude, »und vielleicht gar Reis und Tabak durcheinander. Das ist aber schade um den Reis, wenn wir bei diesem materiellen Beispiel – materielle Beispiele sind so schön anschaulich – bleiben wollen. Wenn ich meinen Reis esse, so widme ich mich ihm unbeschadet der genossenen Vorfreude; denn auch ich liebe dieses viel mißhandelte, edle Korn. Ich freue mich auf alle künftigen Sonnenstrahlen; aber wenn mir einer aufs Buch fällt, freue ich mich an ihm. Ich freue mich auf alle hohen und herrlichen Dinge, die mir das Leben vielleicht gewähren will; aber wenn ich einen echten Künstler den Don Juan singen höre, dann rinnt mir sein Champagnerlied so gewiß, so gegenwärtig, so gegenständlich in Ohr und Herz, wie wirklicher Champagner über eine Zunge rinnt. Ich freue mich im Winter auf den Frühling wie Sie; aber wenn er da ist, dann feire ich dies Fest des Blutes so redlich wie der Südländer den Karneval.« »Merkwürdig,« murmelte er. »Und Sie sind nie enttäuscht?« »Mein Leben ist reich an Enttäuschungen; aber der Genuß enttäuscht mich selten; oft übertrifft er meine Erwartungen.« »Ein sehr merkwürdiger Fall,« murmelte er abermals. »Vielleicht liegt der Fall einfacher, als Sie denken,« versetzte ich. »Wir Menschen sind – die Anwesenden wie immer ausgenommen – eine sehr unbescheidene Gesellschaft, oder sagen wir richtiger: eine unverschämte Bande. Wir sind alle mehr oder weniger von der Art jener Leute, die beim Anblick des Amazonenstromes ausrufen: ›Ach – hab' ich mir viel breiter gedacht!‹, oder wenn sie von der Geschwindigkeit des Lichtes hören: ›Ach – hab' ich mir viel schneller gedacht!‹, oder wenn sie das hohe C eines Tenors hören: ›Ach, das hab' ich mir aber höher gedacht!‹, Die Rosinen, die wir von der Zukunft erwarten, malen wir uns immer in der Größe von Orangen aus, und wenn wir ein wenig darauf warten müssen, werden sie wie Kürbisse. Verstehen Sie mich recht: ich meine nicht, daß wir unsere Erwartungen künstlich herabstimmen sollen – dann ist es keine Kunst, Enttäuschungen zu entgehen; wir sollen nur ein wenig Gefühl für das Maß aller menschlichen und irdischen Dinge bewahren. Wir sollen uns schon freuen auf den Frühling; aber wir sollen nicht meinen, daß dann aus jedem Laternenpfahl eine Magnolie werde. Ja, ich gehe noch einen Schritt weiter. Unter den mancherlei feinen Worten, die Nietzsche gesprochen hat, ist auch das vortreffliche Wort: ›Man soll nicht genießen wollen.‹, Auch hier bitte ich, mich nicht falsch zu verstehen. Man soll kein steifes Genick haben, soll bereit zum Genuß sein, willig zum Genuß, und wenn er da ist, soll man ihn mit jubelnder Unschuld umfangen; aber man soll nicht auf ihn lauern, soll um Gottes willen sein Leben nicht auf Genuß anlegen. Es ist bekannt, daß improvisierte Vergnügungen die besten sind. Warum? Weil keine Erwartung vorhergeht, die sie enttäuschen könnten. Nun, wir haben es in der Hand alle unsere Vergnügungen in diesem Sinne zu erhöhen.« »Wie das?« »Wir brauchen nur recht ernst und streng zu arbeiten – nach der Arbeit schmecken alle Genüsse wie improvisierte.« »Fragt sich immer nur, ob die Vorbereitungen, die Erwartung, nicht köstlicher sind als aller Genuß.« »Ich bestreite die Allgemeingültigkeit dieser Behauptung. Ich mußte als Jüngling in einem wahren Hundeloch von einem Zimmer meine Studien betreiben und betrieb sie mit großen Ausblicken in die Zukunft; aber jeden Morgen freute ich mich auch, daß Fenster, Fußboden und Geräte frisch gesäubert waren, freute ich mich, daß ich von diesem Zimmer aus viele Dächer und ein gutes Stück des Himmels überblickte, genoß ich die Wolkenbilder des Tages, und wenn ich ein Buch aufschlug und mich darüber neigte, schwamm ich in Seligkeiten des Augenblicks. Auf meinen Reisen fühle ich oft und tief die Vorfreude des Wiedersehens mit Weib und Kind; aber wenn einem dann im Augenblick der Heimkehr Weib und Kind an den Hals fliegen und einen abküssen, dann hat das beim Himmel seine eigenen, nichtzuverachtenden Reize.« »Sie sind glücklich verheiratet?« fragte er mit einer sehr zarten Hervorhebung des Wortes ›glücklich‹. »Ja. – Sie sind ledig, wie ich glaube.« »Ledig, ja, das ist das richtige Wort. Meine Erwartung ist an keine Realität gefesselt. Ich liebe die Frauen über alles. Sie sind das Beste, was wir auf der Erde haben. Sie sind so viel besser als wir; darum ist es ja so töricht von ihnen, wenn sie uns ähnlich werden wollen. Ich weiß, daß wir in vielen, vielleicht in den meisten Dingen stärker sind als sie; ihre schöpferischen Fähigkeiten sind gering. Aber sie brauchen auch nicht das Schönste und Beste zu schaffen, weil sie das Schönste und Beste dieser Erde sind. Natürlich gibt es weibliche Kanaillen, das weiß ich. Aber auch in der Verworfensten ist noch ein Himmelsrest; das möchte ich von dem verworfensten Manne nicht behaupten. Wenn ein Weib nur von weitem in meinen Kreis tritt, so fühl' ich es wie die Gegenwart eines Gottesboten; das Weib verbindet uns in Wahrheit mit dem Göttlichen; ich fühle mich dann reiner, besser, höher; ich wäre dann nicht fähig, Niedriges zu denken oder zu tun. Und ein Weib, das man mit den unschuldigsten Kräften seines Herzens verehrt, mit Leib und Seele besitzen – und das Weib, das man ganz besitzt, aus dem kindlichsten Grunde der Seele vergöttern – das ist ganz gewiß und ohne allen Widerspruch, ohne allen Zweifel die höchste aller Glückseligkeiten, ist ein Glück, bei dessen Vorstellung mich von jeher ein Taumel ergriffen hat. Und sehen Sie, darum habe ich nicht geheiratet. Wenn auch das verworfenste Weib einen Himmelsrest bewahrt, so wird auch das vollkommenste einen Erdenrest bewahren, und das reinste Bild, das ich von menschlichem Wandel und Wesen in der Seele trage, getrübt zu sehen, das würde ich nicht ertragen. Lieber noch will ich Ihnen lächerlich erscheinen und das höchste Glück mit meinen 65 Jahren noch – ›erwarten‹.« Er erschien mir keineswegs lächerlich, sondern bemitleidenswert. Er war zu zart gebaut für die Welt und blieb darum im Vorhof des Lebens. Ich mußte an die Menschen denken, die niemals im Leben eine Wasserfahrt wagen, und die mir auch immer mehr bedauernswert als lächerlich erschienen. »Das Leben,« fuhr ich nach einer Weile des Schweigens fort, »bringt auch angenehme Enttäuschungen, auch die Ehe tut das. Und man muß, wenn man mit dem Leben fertig werden will, Glück und Unglück, angenehme und schlimme Enttäuschungen ineinanderrechnen, wie es ein mutiger Kaufmann tut. Ein Kaufmann, der nur auf Gewinn wartet und keinen Verlust wagt, wird es nicht weit bringen. Und soll ich Ihnen noch etwas ganz Verschrobenes sagen?« »Hm?« »Ich liebe die Enttäuschungen. Sie sind der Stachel, der uns treibt zu immer strebendem Bemühen. Der Weltenherr hat uns einen herrlichen Bissen in die Wolken gehängt: ›Das reine Glück.‹ Wenn wir glauben, es erschnappt zu haben, zieht er es höher hinauf, immer höher, bis in die Sterne. Das ist schmerzlich; aber es hat ein Gutes: wir lernen springen dabei. Und seltsamerweise hat es noch ein Gutes: gerade so bleibt in uns lebendig, was Sie über alles schätzen: die Erwartung, die Hoffnung. Und zwar eine immer verjüngte Erwartung, eine immer neugeborene Hoffnung. Wenn jede Hoffnung ganze Erfüllung fände, so würde niemand mehr hoffen, und das sogenannte ›Glück‹ wäre eine trübselige Selbstverständlichkeit. Wenn wir aber das Leben nicht anpacken und niemals Genuß und Enttäuschung wagen – muß dann unsere Hoffnung nicht versteinern?« Die letzte Bemerkung schien ihn tiefer zu treffen, als ich wünschte. »Es ist doch noch recht frisch,« sprach er mit einem Schauder und erhob sich. »Meine Überzeugung vom Wert der Enttäuschung,« sagte ich, »gibt mir den Mut, Sie zu Tische zu laden. Wollen Sie mir die Freude bereiten, mit mir zu speisen?« »Sie sind sehr gütig,« versetzte er, »und ich nehme Ihre Einladung an, aber für später. Gönnen Sie mir mindestens acht Tage lang die Vorfreude dieses Festes.« »Dann leiste ich jede Bürgschaft für Ihre Enttäuschung!« rief ich lachend. »O nein,« meinte er, »ich habe ein sicheres Gefühl, daß ich nicht enttäuscht sein werde. Und ich werde ernstlich versuchen, Ihren Reis mit vollster Konzentration auf jedes einzelne Korn zu genießen. Ich muß von Ihnen lernen.« »Das habe ich nicht mehr nötig,« erwiderte ich; »denn ich habe bereits gelernt, mich auf unsere nächste Unterhaltung von Herzen zu freuen.« »Sie verstehen nicht nur, das Glück des Augenblicks zu genießen,« versetzte er, »Sie verstehen auch, dauernd zu beglücken.« Höher ging's nimmer. Sein letztes Kompliment schnitt mir den Atem der Seele ab; ich konnte mich nur errötend verbeugen, und wir schieden mit einem ehrlichen Händedruck. Er ist nie gekommen. Er hat es mir später einmal gestanden: »Ich fürchte, daß Sie mich in meiner Anschauung erschüttern könnten. Und als Fünfundsechzigjähriger noch mit der Philosophie wechseln, das tut nicht gut. Alte Kanarienvögel sterben, wenn man sie an die Außenluft bringt. Zwar freue ich mich auf den Tod, weil er die ewige Ruhe bringen soll; aber ich will auch diese Vorfreude möglichst lange genießen.« Das Leben nach dem Abreißkalender Mein Freund Eberhard Stierholz – die Freundschaft ist etwas einseitig entwickelt – ist ein sogenannter »ernsthafter«, aber schon ein sehr ernsthafter Mensch. Er hat den gewaltsamen Überernst der Unreifen, obwohl er sicher schon seine 30 zählt. Er ist ein braver Kerl, der so edel und klug und tüchtig wie nur möglich werden möchte und sich zu diesem Zweck – wie man so sagt – die Beine ausreißt; aber er meint, daß man immer ernst sein müsse, wenn man ein ernsthafter Mensch sein wolle. Er begriff es einfach nicht, wie man einen Richard Wagner parodieren könne, und als ich ihm erzählte, daß Richard Wagner selbst über eine Tannhäuserparodie Tränen gelacht habe, da machte er ein Gesicht, als wäre ihm der Erdball unter den Füßen weggerutscht. Solche Leute sind immer unbeugsame –ianer oder –isten, unbeugsam auf Monate. Z. B. Vegetarianer. Eine Zeitlang nannte er ein mürbes Beefsteak nicht anders als »ein Stück faulenden Kadavers«, was glücklicherweise meinen Appetit, da ich kein ernsthafter Mensch bin, nicht störte. Nicht einmal Eier und Milch, überhaupt nichts Tierisches, es sei, was es sei, wollte er als menschenwürdige Nahrung gelten lassen. Als ich ihn fragte, ob er auch den Säuglingen die Muttermilch verbiete, maßen diese Milch doch zweifellos ein tierisches Produkt sei, da meinte er stotternd, das sei »etwas anderes«. Aber seine vegetarische Weltanschauung war von Stund an sichtlich erschüttert, und eines Tages ließ er sie fallen und wurde Friedensfreund oder, wie das schreckliche Wort für eine schöne Sache lautet: »Pazifist«. Friedensfreund bin auch ich, aber anders als Stierholz. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß man für ein Ideal auch dann kämpfen soll, wenn seine Verwirklichung noch fern ist; Stierholz wollte sofort den Weltfrieden haben, jetzt in der Minute. Er hielt es für eine bloße Bosheit oder doch Beschränktheit der Fürsten und Kabinette, wenn sie den Weltfrieden nicht heute noch kontraktlich festlegten, und glaubte offenbar, wenn die Kaiser, Könige und Präsidenten sich einig wären und »Sßt! Ruhe!!« riefen, daß dann die menschlichen Leiden- und Aktiengesellschaften nicht mehr mucksen würden. Als ich ihm sagte, daß ich auch dann Anhänger der Friedensbewegung sein würde, wenn ein radikaler Erfolg erst nach hundert, zweihundert, dreihundert Jahren eintrete, da war er empört über so viel Schlappheit; er setzte seinen Namen mit unter einen flammenden Appell an die Balkanvölker, sie möchten doch das Schwert in der Scheide ruhen lassen, und als das bekanntlich nichts fruchtete, wurde er Impfgegner und Naturmensch. Er schlief nur noch in Zugluft, legte Wert auf gefrorenes Waschwasser und hängte vor dem Schlafengehen seine sämtlichen Kleider, nachdem er ihr Inneres nach außen gekehrt hatte, an den Fensterhaken ins Freie. Wenn dann am Morgen die steifgefrorenen Hosen an seinen Beinen auftauten, dann hatte er das Gefühl: Das ist gerade gesund. Er war plötzlich ein fertiger Mediziner und wußte ganz genau, daß der Krebs nur durch Prießnitz-Umschläge zu heilen sei, und zwar todsicher. Die Todsicherheit gab ich ihm zu. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß er die »ruchlose Verpestung der reinen Gottesluft durch Tabakgestank« mit den furchtbarsten Flüchen belegte. Wenn man einem Hund, sagte er, nur ein winziges Tröpfchen Nikotin unter die Kopfhaut spritze, so sterbe er sofort. Ich bemerkte ihm, daß kein Mensch verpflichtet sei, sich Nikotin unter die Kopfhaut spritzen zu lassen. Da wurde er mir böse, und jahrelang kam er mir nicht mehr zu Gesichte. Ich erfuhr gelegentlich, daß er inzwischen Sozialist, Antisemit, Nietzscheaner, Monist, Spiritist, Alldeutscher und Philosemit gewesen sei und alles »ganz entschieden«, ja, daß er sich mit dem Gedanken getragen habe, zum Islam als der »einzig wahren Religion« überzutreten. Ganz unerwarteter Weise rannte er mir eines Tages im Gewühl der Hauptstraße gegen den Bauch. »Oh – verzeihen Sie! Guten Tag!« »Guten Tag. Wie geht es Ihnen?« »Ach – – – nicht gut. Darf ich Sie mal wieder besuchen??!« rief er plötzlich mit großer Vehemenz. Ich erlaubte ihm das gern, und am Abend des nächsten Tages saß er mir gegenüber in meinem Arbeitszimmer und »verpestete die reine Gottesluft durch den Gestank« meiner besten Havanna. Aber er rauchte nervös, ohne Sammlung und Genuß, paffte nur hin und wieder achtlos zwischen zwei Worten eines Satzes, wo gar keine Atempause hingehörte, und ließ die köstliche Rolle schändlich verkohlen. Er schien vollkommen aus dem Leim. »Sie wissen, daß ich das Leben ernst nehme, und ich habe mir gesagt, es ist schändlich und unwürdig, ohne Plan und Ziel in den Tag hineinzuleben wie das liebe Vieh. Man sollte, so sagte ich mir, jeden Morgen einen guten und großen Gedanken lesen und ihn sich den ganzen Tag vor Augen halten, damit das Leben einen rechten Sinn bekommt. Und so kaufte ich mir einen Abreißkalender, hängte ihn in meinem Schlafzimmer auf, riß Morgen für Morgen das fällige Blatt herunter und prägte mir den Spruch, die Sentenz, den Aphorismus des Tages ernstlich ein. Da las ich z. B.: »Vieles Gewaltige lebt, und nichts Ist gewaltiger als der Mensch.« Ein solches Wort spannt die Brust ganz außerordentlich. Aber ein paar Tage später stand da: »Aus Gemeinem ist der Mensch gemacht, Und die Gewohnheit nennt er seine Amme.« Wieder ein paar Tage später las ich: »Nur allein der Mensch Vermag das Unmögliche; Er unterscheidet, Wählet und richtet, Er kann dem Augenblick Dauer verleihen.« Und einige Blätter weiter hieß es: »Wir armen Menschenkinder Sind eitel arme Sünder Und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Hirngespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel.« Da schleicht man mutlos und geknickt zu seiner Tagespflicht. Weiter: »Leichtsinn ist die Quelle alles Unglücks, das uns bedroht.« heißt es auf dem einen Blatt, und auf einem anderen steht: »Wir Menschen werden wunderbar geprüft; Wir könnten's nicht ertragen, hätt' uns nicht Den holden Leichtsinn die Natur verlieh'n.« »Bitte!« Er hatte die Blätter alle mitgebracht und legte sie nacheinander vor mir auf den Tisch. »Hier: »Einsamkeit macht stark!« und hier dagegen: »Wer sich der Einsamkeit ergibt, Ach, der ist bald allein!« Dafür steht hier wieder: »Der stärkste Mann ist der, der allein steht' und etwas weiter hin: »Die Menschen meidet nur, wer sie nicht kennt.« Nun frage ich Sie! Hier steht: »Erst wäg's, dann wag's!« hier aber: »Wer allzuviel bedenkt, wird wenig leisten.« Wer soll sich denn da auskennen? Wie kann ich wissen, was zu viel und was zu wenig ist? Bitte: »Geiz ist die Wurzel alles Übels« und da: »Wenig und oft füllt den Beutel unverhofft.« Hm? – Weiter: »Sich über das Kleine erhaben machen, ist die Schule zur Größe.« Da geht man mit großzügigen Vorsätzen in sein Bureau und sieht bei seiner Arbeit über alle Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten mit Verachtung hinweg. Natürlich kommt gerade der Vorsteher und revidiert; man kriegt einen Anschnauzer, wird am folgenden Ersten nicht im Gehalt aufgebessert und liest denn auch richtig am folgenden Morgen in seinem Kalender: »Kleine Ursachen, große Wirkungen.« Oder man liest: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei«, und da freut man sich seines Weibes und seiner Kinder, um kurz darauf zu lesen: »Welcher heiratet, der tut gut, welcher nicht heiratet, der tut besser.« Nun bitte ich Sie! Da wird man doch stutzig! Der Apostel Paulus war doch ein kluger Mann!« »In diesem Falle hat er trotzdem unrecht,« sagte ich. »Nur bei Lotteriegewinnen ist es gut, daß der Mensch allein sei.« »Nun ja,« fuhr er fort, »ich habe ja auch nach dem alten Testament gehandelt, hab ein liebes Weib und hab acht liebe Kinder, darunter zweimal Zwillinge. Mein Kalender sagt denn auch wahrhaft trostreich: »Wo Gott Zähne gibt, gibt er auch Brot.« Da beruhigt man sich und sagt sich: Es wird schon gehen. Leider steht schon am übernächsten Tage da: »Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.« Ja, du lieber Gott, den Trost kann ich mir selber machen. Ich hätte ja eine Frau mit etwas Vermögen haben können; aber mein Kalender befestigt mich in dem Gefühl, daß ich recht daran getan habe, nur mein Herz zu befragen. »Wer Geld gefreit, hat's oft bereut«, sagt er. Die Freude dauert nur nicht lange; denn auf einem der nächsten Zettel heißt es: »Wenn die Krippe leer ist, beißen sich die Pferde« und das ist leider wahr; ich hatte dieser Tage den ersten Wortwechsel mit meiner Frau, und warum? Um das Hausstandsgeld. Nun, was soll man machen, man faßt sich in Geduld und harrt und hofft, daß es besser werde. Und viele schöne Sprüche bestärken einen darin. »Hoffnung läßt nicht zuschanden werden!« und »Geduld überwindet alles« und »Wer ausharrt bis ans Ende, wird gekrönt« und »Leichter trägt, was er trägt, wer Geduld zur Bürde legt«, so leuchten sie ermutigend von der Wand; sie wechseln nur leider regelmäßig ab mit solchen Sätzen wie: »Hoffen und Harren macht manchen zum Narren« und »Was bringt in Schulden? Harren und Dulden« und »Hoffnung ist ein langes Seil, an dem sich viele zu Tode ziehen« und »Es ist leicht, geduldig sein, wenn's einem wohlgeht.« Ist es da ein Wunder, wenn man schließlich schwankend wird?« Der arme Teufel machte ein gottserbärmliches Gesicht. »Mein Gott, man verlangt ja nicht viel vom Leben,« fuhr er fort, »und man stimmt ja freudig zu, wenn man liest: »Armut schändet nicht« oder »Nichts bedürfen ist göttlich« oder »Dürftigkeit mit frohem Mut, das ist Reichtum ohne Gut;« nur müssen einem dann nicht immer Worte dazwischen kommen wie: »Armut ist schlimmer als Begrabensein« oder »Armut ist zwar kein Laster, aber mehr als dieses verachtet« oder »Wo nichts ist, da kommt nichts hin« usf. Trotzdem strebt und rackert man ja fort und fort, und der Kalender treibt einen an mit den Worten: »Zeit ist Geld«; »Aufschieb ist ein Tagedieb«; »Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle trägen Leute«; »Was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan« und man hetzt sich ab, daß einem die Zunge aus dem Halse hängt; plötzlich eines Morgens starrt man ganz verblüfft auf das neuerscheinende Kalenderblatt; denn da steht: »Eile mit Weile«; »Morgen ist auch ein Tag«; »Sorget nicht für den kommenden Tag«. Ja, da könnt' man doch eine Wut kriegen nicht wahr? – Ich arbeite gewiß von Herzen gern und bedarf nicht der Mahnung meines Kalenders: »Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen«; aber noch viel weniger sollte da stehen: »Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, und euer himmlischer Vater nähret sie doch.« Bitte: beides steht in der Bibel! Soll man da nicht konfus werden? »Wer viel gastiert, hat bald quittiert,« können Sie auf diesem Zettel lesen. Ach du lieber Himmel, das ist eine überflüssige Warnung! Wir schränken uns auf alle erdenkliche Weise ein, und an Gastereien könnten wir zu allerletzt denken. Nichtsdestoweniger steht auf diesem Zettel die Offenbarung: »Tages Arbeit, abends Gäste, Saure Wochen, frohe Feste, Sei dein künftig Zauberwort!« Ja, hat sich was mit frohen Festen! Und dabei hab ich das Gefühl, daß der Mann recht hat! So sollte man leben! Es ist doch von Goethe, nicht wahr?« Ich nickte. »Na ja, Goethe war doch gewiß ein kluger Mann!« Ich konnte es nicht leugnen. »Woran soll man sich denn schließlich halten? Sehen Sie, derselbe Goethe sagt auf diesem Blättchen: »Nur die Lumpe sind bescheiden.« Solch ein Wort kratzt einen auf, man fühlt sich mal wieder; man gibt den Menschen zu verstehen, daß man doch nicht so ganz wertlos ist. Natürlich: Die Vorgesetzten haben das nicht gern; bei erster bester Gelegenheit fahren sie einem über den Mund, und zum Trost erhält man von seinem Kalender die Weisheitslehre: »Demut ziert in allen Dingen.« Ach Gott, ich bin wahrhaftig nicht anmaßend; ich bin höflich und zuvorkommend gegen jedermann, und es ist eigentlich ganz nach meinem Sinn, wenn hier steht: »Sei freundlich gegen jedermann, Dann seh'n dich alle freundlich an.« Aber dann heißt es mit einemmal wieder: »Mache es wenigen recht, vielen gefallen ist schlimm,« und das sagt Schiller! Ja, wem soll man denn noch folgen, wenn nicht einem Schiller! Da! Hier! Das ist auch ein Wort von Schiller, ein herrliches Wort: »Unbilliges erträgt kein edles Herz!« Danach hab ich einmal gehandelt – oh – oh! Wie ist mir das bekommen! Meine Stellung hat es mir beinah gekostet! Ich konnte froh sein, daß ich mit einem blauen, recht blauen Auge davon kam. Ich beruhigte mich bei dem schwachen Trost, daß Gewalt vor Recht geht, und las auf meinem Kalender mit ingrimmigem Kopfnicken: »Der Wurm hat beim Hahn immer unrecht«. Ja ja, dacht ich, so ist es. Aber der Kalender kannte noch einen anderen Wurm, und von dem hieß es: »Auch einen Stachel gab Natur dem Wurm, Den Willkür übermütig spielend tritt.« und das war wieder von Schiller. Und die Bibel trat hinzu und versicherte: »Recht muß Recht bleiben«, und ein anderes schönes Kalenderblatt rief mir zu: »Nur die Sache ist verloren, die man aufgibt.« Da bäumte sich wieder alles in mir auf; ich beschloß, meine Sache trotz allem durchzufechten, und ich hätt' es auch sicher getan, wenn ich nicht am Morgen des Tages, als ich den endgültigen Vorsatz dazu faßte, gelesen hätte: »Man kann nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen.« Sehen Sie: so kommt man nie zur Ruhe.« »Ja,« bemerkte ich teilnehmend, »leider gilt noch immer das Wort: »Das Recht ist stark nur in des Starken Hand,« »Steht hier, steht hier!« schrie er und hielt mir einen neuen Zettel unter die Augen. »Und hier steht groß und deutlich: »Gott ist auch in dem Schwachen mächtig.« Nachgerade wurde auch mir schaukelig zumute. »Ich bin kein Streber,« fuhr er fort; »eigentlich müßte ich ja längst Bureauvorsteher sein; aber darauf hab ich längst verzichtet. Solche Zettel wie »Zufriedenheit ist Reichtum« und »Zufriedenheit macht Wasser zu Wein« sind mir eigentlich ganz aus der Seele geschrieben. Wenn es nur bei solchen Zetteln bliebe! Aber da haben Sie andere, die meinen »Stillstand ist Rückgang« und »Wer mit wenigem zufrieden ist, dem gönnt man auch das nicht.« Aber verzeihen Sie: ich spreche immer nur von mir und meinen kleinen Interessen; das muß Sie langweilen!« Ich bestritt das ehrlich und entschieden; der Mann war mir gar nicht langweilig. »Doch!« meinte er. »Man soll nicht immer nur an sich denken; man soll nach Höherem streben. Aber das ist ja das Schreckliche: in den höheren Dingen und Fragen des Lebens geht es genau so; man sitzt immer auf der Wippe. Was gibt es höheres als die Wahrheit? Und nun hören Sie! »Wer die Wahrheit weiß und sagt sie nicht, Der ist fürwahr ein erbärmlicher Wicht!« »Wahrheit ist die feinste Diplomatie.« »Wahrheit besteht, Lüge vergeht.« »Wer die Wahrheit wollte begraben, müßte viele Schaufeln haben.« »Mit der Wahrheit kommt man am weitesten. Nicht wahr, da schwört man sich's im stillen zu, immer die Wahrheit zu sagen, ob sie nun wohl- oder wehtut. Jawohl! Es kommt wieder anders! »Wahrheit findet keine Herberge.« »Kinder und Narren reden die Wahrheit.« »Wer die Wahrheit geigen will, dem wird mit dem Fiedelbogen auf's Maul geschlagen.« »Wer die Wahrheit sagt, darf nicht im Lande bleiben«, und so gehts weiter. Die Ermunterungen zur Wahrheit sind nicht so zahlreich wie die Warnungen.« Ich hatte schon auf der Zunge, zu sagen: »Wenn man um der Wahrheit willen aus dem Lande muß, so stimmt es doch, daß man mit ihr am weitesten kommt« – aber ich wollte ihn nicht wieder durch einen Scherz erzürnen wie damals beim Nikotin. »Ich habe immer nach Bildung und Wissen gestrebt und meine freien Stunden immer zum Lesen und Lernen benutzt; ich konnte darin nie genug kriegen. Und natürlich sagt der Kalender: »Bildung macht frei.« »Wissen ist Macht.« »Wissen bringt Ehre.« Na schön. Er kann aber auch anders: »Wer viel weiß, vergißt viel.« »Viel Wissen macht Kopfweh.« »Nur der Irrtum ist das Leben, Und das Wissen ist der Tod.« Das ist wieder Schiller! »Unser Wissen ist Stückwerk«, das ist die Bibel! Also – da möchte man ja lieber garnicht erst anfangen. – Man möchte doch so gern, daß die Menschen besser würden, nicht wahr?« »O ja, man möchte schon!« sagte ich. »Nun, hier steht denn auch: »Man säet das Laster, wenn man es nicht tadelt.« Das habe ich denn auch gelegentlich getan; aber es ist mir schlecht bekommen. Was hat man mir gesagt? »Jeder kehre vor seiner Tür«, und das sagt der Kalender auch. Er sagt auch: »Was dich nicht brennt, das blase nicht.« Übrigens: etwas sehr Komisches!« unterbrach er sich. »Gleich am Tage darauf steht da: »Das denkt wie ein Seifensieder!« Was soll das bedeuten? Das hat so doch gar keinen Sinn!« »Das soll sich wohl auf die Sentenz vom Tage vorher beziehen,« meinte ich. »Sie müssen nicht etwa glauben, daß ich selbstgerecht bin und mich für einen Tugendbold halte. Ich weiß sehr wohl, daß wir alle Ursache haben, zu vergeben und zu vergessen. »Der Siege göttlichster ist das Vergeben.« Das ist ein schöner Kalenderspruch. Als ich ihn gelesen hatte, ging ich zu meinem einzigen Feinde, dem widerwärtigsten Kerl auf unserm Bureau, und reichte ihm die Hand zur Versöhnung. Prompt am Tage darauf erklärte mein Kalender: »Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.« Nicht einmal seine Kinder kann man nach solch einem Kalender erziehen! Heute heißt es: »Was sich soll klären, das muß erst gären«, morgen dagegen: »Das Bäumchen biegt sich, doch der Baum nicht mehr«; übermorgen dann wieder: »Zu weit getrieben, verfehlt die Strenge ihres weisen Zwecks«, da wirft man den Rohrstock in den Ofen; übermorgen aber heißt es: »Wer nicht geschunden wird, wird nicht erzogen«, da holte man ihn gern wieder heraus. Kurz: man kommt nie zu einem Ende, nie zu einem Entschluß; immer bleibt man auf halbem Wege stehen, und als wenn der Kalendermacher – der nach meiner Überzeugung ein ganz gewissenloser Mensch sein muß – als wenn er den Leser zum Schluß recht gründlich verhöhnen wollte, sagt er am 30. Dezember: »Nichts halb zu tun, ist edler Geister Art« und am 31. Dezember: »Medio tutissimus ibis« das heißt nämlich auf Deutsch: «Der Mittelweg ist der sicherste.« Ich dankte durch eine leichte Verbeugung. »Ich könnte noch stundenlang so fortfahren –« »Nein,« sagte ich, indem ich ihm sanft die Hand auf den Arm legte, »nicht nötig; ich bin orientiert,« was insofern gelogen war, als ich mich ausgesprochen drehkrank fühlte. »Ich halt diesen Zustand nicht mehr aus!« rief er, nervös vom Stuhl aufspringend, »ich fühle mich hundeelend und komme ganz von Kräften, auch körperlich!« »Und was soll ich dazu tun?« fragte ich. »Ich wollte Sie um einen Rat bitten. Sie sind doch immer so tatkräftig –« »Ja,« sagte ich, »ich mache von Zeit zu Zeit eine bemerkenswerte Dummheit, und darin kann man, wenn man freundlich ist, ein Zeichen von Tatkraft erblicken. Ich fürchte mich nämlich nicht davor, Dummheiten zu machen, und das ist gut; denn ich habe beobachtet, daß die Menschen, die sich beständig davor fürchten, zwar nur eine einzige Dummheit begehen, aber eine lebenslängliche. Sie leben nämlich gar nicht. Sie gleichen dem Tier, das zwischen zwei Heubündeln verhungert, weil es sich für keines entscheiden kann. (Ich sagte aus Höflichkeit ganz allgemein »Tier«.) Ich beiße immer an, auf die Gefahr hin, das schlechtere Heu zu erwischen. Sie sind seekrank.« »Seekrank?« fragte er mit einem vollkommen seekranken Gesicht. »Ja. Und zwar leiden Sie an angeborener Seekrankheit. Es gibt Leute, die niemals seekrank werden – die sind selten –; es gibt andere, die auf ihren ersten Fahrten von diesem trostlosen Übel befallen, danach aber seefest werden, und es gibt endlich solche, die es immer wieder kriegen, und wenn sie hundert Fahrten machen und mehr. Das letztere ist Ihr Fall. Sie sind für das Land geboren und sollten nicht auf's Wasser gehen,« »Ich verstehe nicht ganz,« meinte er. »Ich werde mich deutlicher erklären,« sagte ich. »Bei einem Seesturm ging ich in die Kajüte hinunter, verzehrte eine Portion Spiegeleier und stieg wieder aufs Deck. Es waren die unentschlossensten Spiegeleier, die ich jemals kennen gelernt habe; sie wußten nicht, ob sie herauf oder hinunter wollten. Damals lernte ich die Qual der Unentschlossenheit kennen, lernte sie hassen und lernte sie meiden. Dasselbe sollten Sie tun.« Ich schwieg; er sah mich nachdenklich an, und ich fuhr fort: »Sie geben eigentlich zu Unrecht Ihrem Abreißkalender schuld; die Schuld liegt, wie gesagt, bei Ihnen. Sehen Sie da: ich habe da auch einen Abreißkalender hängen – was steht denn heute drauf? »Arbeit ist des Bürgers Zierde.« Bravo! Wenn ich Lust zur Arbeit habe, nick' ich meinem Kalender lustig zu und sage: Ja, das ist ein wahres Wort! und arbeite wie ein Pferd. Wenn ich aber Lust zum Faulenzen habe, dann ignoriere ich Schiller ganz einfach und gehe bummeln. Und sehen Sie, das gewinnen Sie nicht über sich. Und darum rate ich Ihnen allerdings: Werfen Sie Ihren Kalender in den tiefsten Abgrund und hängen Sie nie wieder einen auf. Sie sind ein gesunder, braver, mit Verstand begabter Mann: richten Sie sich nach dem Abreißkalender in Ihrer Brust. Der reißt sich jeden Morgen in aller Frühe von selbst ab und zeigt die Forderung des Tages . Ganz klar und deutlich sagt er Ihnen, wenn Sie hinhorchen, was Sie an diesem Tage tun müssen, um gesund, gut und verständig zu bleiben. Wenn Sie aber auch einen Leitstern haben wollen, der über den Tag und über das Jahr hinausleuchtet, dann wählen Sie sich ein großes, schönes und klares Wort, ein einziges , und heften es an die Wand Ihres Zimmers oder, noch besser, an die Innenwand Ihres Herzens, z. B. »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!« oder »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« aber nur eins! Das sind zwar hohe Forderungen, die wir bei weitem nicht erfüllen; aber der Mensch ist so ein Lump, von dem man viel fordern muß, um wenigstens etwas zu bekommen. Richten Sie, sobald Sie eines Leitsterns bedürfen, Ihren Blick immer auf dieses eine Wort; Sie werden dann ganz sicher auch Dummheiten machen, aber nicht die eine, die riesengroße, die grenzenlose, die ununterbrochene, die man nicht wieder gutmachen kann, weil man dann schon tot ist.« Stierholz lächelte; der furchtbar ernsthafte Stierholz lächelte; er schien sich immerhin erleichtert zu fühlen, dankte mir vielmals und ging. Ob mein Rat bei ihm dauernde Frucht gezeitigt hatte, konnte ich lange nicht feststellen, da ich ihn viele Monate lang nicht sah. Dann aber sah ich ihn wieder. Auf der Straße rief mich jemand mit heller, fröhlicher Stimme an. Ich blickte auf und sah einen Feldgrauen mit Flinte und Helm, in voller, feldmarschmäßiger Ausrüstung. Ich blickte schärfer hin und erkannte Eberhard Stierholz. Es war Krieg geworden und Stierholz zog hinaus als Freiwilliger. »Freiwillig fort von Weib und Kindern –? Das nenn' ich einen Entschluß!« rief ich. »Entschluß?« wiederholte er lachend. »Kann man das einen Entschluß nennen, was selbstverständlich ist?« Ein anderer Lehrmeister hatte meines Freundes Erziehung in die Hand genommen, einer, der mehr Autorität hat als ich. Hornbold beglückt die Menschheit Leberecht Hornbold ist ein braver Mann; er will immer nur das Beste; er will die ganze Menschheit beglücken, daran ist kein Zweifel; ob er es überall erreicht, das möcht' ich jetzt einmal dem Urteil meiner Leser anheimstellen. Nachdem das frömmste und weiseste Land der Welt, das sind nämlich die Vereinigten Staaten von Nordamerika, das vollkommene Alkoholverbot durchgeführt oder sagen wir: eingeführt hatte, stellte sich Leberecht Hornbold an die Spitze einer Bewegung, die nicht eher ruhte, bis das gleiche Verbot für alle Kulturländer der Erde erreicht war. Die Musen und Grazien des Weines flohen aus der Welt. Noahs sanft gerötetes Patriarchengesicht wurde aus der biblischen Geschichte weggeschminkt; des Venusiners laubumkränzter Becher rollte leer in den Staub. Das deutsche Kommersbuch, diese unergründliche Schatztruhe kindlicher Heiterkeit und genialen Unsinns, wurde zugeschlagen, vernagelt und in die Stahlkammer des Magistrats zur Aufbewahrung gegeben. Die Dichter und Komponisten von Goethe bis Geibel, von Mozart bis Meyerbeer, mußten in alkoholfreien Ausgaben erscheinen, und wo sonst ein Rubens oder Teniers mit trunkenen Bacchanten oder Bauern gehangen hatte, da wurden zur Erbauung des Volkes deutliche und farbenprächtige Abbildungen und Präparate von Säuferlebern, Säuferherzen, Säufernieren usw. in ihren fürchterlichsten Entartungen aufgehängt. Die Herzenstür, die der weinerhitzte Mensch zuweilen aufgestoßen hatte, um sich Luft zu machen, bei welcher Gelegenheit dann allerlei Schlimmes und Gutes an den offenen Tag geschlüpft war – dieses Türlein war für immer verrammelt, und wenn der Mensch schon für gewöhnlich eine Auster ist. so war er nun zur ewigen Auster geworden, Der Rausch war aus der Welt verbannt und damit vielleicht ihre wahrste und ehrlichste Hälfte, mit ihm gewiß auch mancherlei Jammer und Elend, wenn auch nicht so viel, wie man gehofft hatte. Vergeblich riefen die festen Charaktere: »Was fällt euch ein, uns zu Unmündigen zu machen und uns den Wein, den Eröffner der Herzen, zu entziehen?! Wir wissen selbst, wann wir aufzuhören haben! Es ist eine bodenlose Frechheit, erwachsene und gesittete Menschen mit Völlern und Säufern unter dieselbe moralische Kuratel zu stellen und ihnen eine der wenigen reellen Freuden des Daseins vom Munde wegzuziehen! Ebensogut könnte man uns das Schinkenessen verbieten, weil man's übertreiben kann!« Vergebens stiegen in August- und Novembernächten aus dem »Mundus« die Manen Goethes und Schillers empor und riefen: »Was fällt den Hohlköpfen vom Kaliber Woodrow Wilson ein, den Schöpfern des Faust und des Wallenstein den Rheinwein zu verbieten?« »Schinkenverbot?« sagte Hornbold, Schiller und Goethe überhörend, »Kommt auch noch!« Aber einstweilen hatte er's auf die Raucher abgesehen. Daß der Tabak schädlich sei, das wußte alle Welt; das genügte aber nicht. Er mußte auf wissenschaftlichem Wege zu einem menschheitvernichtenden Teufel gemacht werden. Dergleichen ist immer zu machen. Hornbold und seine Organisation wußten die Bonbon- und Schokoladefabrikanten davon zu überzeugen, daß doppelt so viel Süßigkeiten verzehrt werden würden, wenn kein Mensch mehr rauchen dürfe. Da flammte unter den Süßigkeitsfabrikanten ein alles mit sich fortreißender Idealismus auf und gab eine Milliarde her für neue und alte Zeitungen, deren Redakteure und Mitarbeiter alle Fragen der Politik vom tabakfeindlichen Standpunkt aus behandeln mußten. Das Nikotin wurde zum »Dämon« ernannt wie ehemals der Alkohol, und in Filmschauspielen mit dem Titel »Dämon Nikotin« wurde das Schicksal der bejammernswerten, aber auch fluchwürdigen Opfer des Rauch-, Kau- und Schnupflasters dargestellt, von dem Ergebnis des ersten Rauchversuches an bis zum Verrecken des Importen-Wüstlings an Nerventatterich und Herzlähmung. Goethes Tiefe wurde jetzt von den Tabakgegnern erkannt, weil er ein Feind des Rauchens gewesen war; der rauchende und schnupfende Schiller und der qualmende Bismarck wurden unterschlagen. Auch sonst hat es allerlei angesehene und achtbare Leute gegeben, die im Tabakgenuß kein Verbrechen sahen. Der Papst Leo XIII. bot einmal einem Kardinal eine Prise an, die dieser mit den Worten ablehnte: »Ich danke, heiligster Vater; diesem Laster fröne ich nicht.« Worauf Leo XIII. prompt erwiderte: »Wenn es ein Laster wäre, übten Sie's längst.« Bekanntlich erlaubt auch die Geschichte – anders als beim Weine – einen Vergleich zwischen rauchenden und nichtrauchenden Zeitaltern; denn die Sitte des Rauchens – »Unsitte!« schreit Hornbold – ist ja erst ein paar Jahrhunderte alt. Ich fragte also Hornbolden, als ich ihn zufällig einmal wieder traf, ob er finde, daß die nichtrauchende Menschheit mehr geleistet habe als die rauchende. Er hatte aber augenblicklich gar keine Zeit, lief davon und war mir auf einige Zeit böse. Nach drei Monaten aber war das strengste Verbot jeglichen Tabakanbaues in allen Reichen der Erde Gesetz. Das Kanasterrüchlein des ehrwürdigen Pfarrers von Grünau, des göttlichen Bräsig und des »Ätti«, der »sei Tuback schnätzlet«, war aus der Welt verflogen, und der liebliche Abendgruß: »Gott grüß euch, Alter, schmeckt das Pfeifchen?« klang nicht mehr von Zaun zu Zaun. Mit dem Tabak verbinden sich bekanntlich mit besonderer Vorliebe zu höllischer Brüderschaft Kaffee und Tee, ein Teufel so abgefeimt und heimtückisch wie der andre. Vor dem Kaffee hatte auch Goethe gewarnt, der überhaupt ein großer Mann gewesen wäre, wenn er nicht so gern Wein getrunken hätte. Das Coffein oder Theïn – Hornbold kannte seine verheerenden Wirkungen, kannte es als heuchlerisches Herzgift; er kannte auch den bösen Geist der Schokolade, das Theobromin; aber er mußte den Kampf dagegen zurückstecken in der Hoffnung, ihn in ferneren, lichteren Tagen einmal aufnehmen zu können. Vorläufig brauchte er die Schokolade- und Kakaoproduzenten im Verein mit sämtlichen Mineralwasser- und Limonadeerzeugern, um aus dem hohen Geiste der Konkurrenz den Fortschritt der Menschheit zu destillieren. Als Mokkaersatz empfahl Hornbold das neu erfundene »Blaubeeril«, das man, um die Täuschung vollständig zu machen, auch heiß trinken konnte. Da die Frauen schon das Stimmrecht hatten, so war der Kampf gegen den Kaffee ziemlich schwer; aber da seltsamerweise noch immer mehrere Frauen so stimmten wie ihre Männer und Frauen und Männer durch eine tüchtige Presse von allem zu überzeugen sind, so mußten Tee und Kaffee verschwinden, und Johann Martin Usteris gastlicher Frau Amtmännin blieb ihr herzbezwingendes »Noh e Täßli, Frau Bas?« für ewige Zeiten im Halse stecken. Nur mit äußerster Kraftanstrengung hatte Leberecht während seines Kampfes gegen den Kaffee einen anderen Haß in sich hinabgewürgt, den leidenschaftlichen Haß nämlich gegen das Fleisch, worunter hier vorläufig nicht Fleisch im christlich-aszetischen Sinne, sondern Rind-, Kalb-, Schweine-, Hammelfleisch, Wild, Geflügel, Fisch und all dergleichen Animalisches zu verstehen ist. Die Gründe, weshalb die Menschheit am Fleischgenuß unfehlbar zugrundegehen muß und nur durch reine Pflanzennahrung zu retten ist, sind bekannt und belanglos. Denn in den Bewegungen der Menschheit kommt es nicht auf Gründe an, sondern auf den Agitationsfonds. Hornbold machte den gesamten Ackerbau gegen die Viehzucht mobil, und in allem, was Reis, Mais, Roggen, Hafer, Weizen, Gerste, Kartoffeln, Bohnen, Erbsen, Kohl, Zuckerrüben usw. usw. in ungeheuren Massen erzeugte und in noch ungeheureren Massen zu verkaufen wünschte, sei es nun in Kalifornien oder Rußland, in Ägypten oder Neuseeland, in Weimar oder China, überall loderte himmelhoch jener schöne amerikanische Idealismus empor, der in fünf Minuten sieben Milliarden für eine Anti-Fleisch-Presse zeichnete. Ob es dieser Presse gelang, ein Welt-Fleischverbot durchzusetzen? Kindliche Frage! Die Anti-Deutschlaud-Presse, dieser Kulturfaktor, hat doch den Welthaß gegen Deutschland gemacht; warum soll eine andere Milliardenpresse nicht das Kinderspiel eines Fleischverbots zustandebringen? Also aller Fleischgenuß wurde verboten, Eier und Milch nicht ausgeschlossen; nur die Muttermilch, obwohl ein tierisches Erzeugnis, wurde notgedrungen und »einstweilen« zugelassen, »bis es dem Menschengeiste gelungen sein werde, einen vollgültigen Ersatz zu finden«. Die Ochsen atmeten erleichtert auf, nachdem sie bekanntlich bis dahin bei jeder neuen Kulturtat gezittert hatten, seitdem Pythagoras nach Entdeckung seines Lehrsatzes eine Hekatombe von Ochsen geopfert hatte. Die Warnung eines Statistikers: »Wenn wir die Tiere nicht essen, werden die Tiere uns essen!« fand keine Beachtung, weil die Praxis noch nicht bis dahin vorgeschritten war. Mit dem Fleische war ohne Zweifel ein gefährlicher Erreger des Blutes und der Leidenschaften beseitigt: aber Hornbold und seine Genossen waren weit entfernt, sich hierbei zu beruhigen. Noch übten Pfeffer, Kümmel, Senf, Zwiebeln, Paprika, Ingwer, Zimt, Kardamom, Lorbeer, Gewürznelken, Piment, Muskat, Vanille und ein ganzes Heer von Gewürzen als Aufpeitscher der Leidenschaft ihren schlimmen Reiz, ihre herz- und nervenzerstörende Wirkung. Auch hier konnte das Tier in seiner unbewußten Vernunft dem Menschen als Vorbild dienen: »Mag auch die Kuh Muskate? Sie frißt nur Haberstroh.« Die große Aufgabe bestand darin, das Leben der Menschen, wenn man sie glücklich machen wollte, so reizlos wie möglich zu gestalten; da verstand es sich von selbst, daß man den Unfug jener Reizmittel nicht fortbestehen lassen durfte. Nach den großen Erfolgen gegen Alkohol, Fleisch und Tabak war es verhältnismäßig leicht, den Kampf auch gegen diese bedenkliche Würze des Daseins zu einem siegreichen Ende zu führen. Aber die Gruppe Hornbold wußte natürlich längst, daß mit all dieser Befreierarbeit das rohsinnliche Vergnügen noch bei weitem nicht aus der Welt geschafft war, und sie sagte sich mit Recht, daß alles, was den Menschen in solcher Weise Vergnügen mache, den wachsamsten Argwohn rechtfertige. Gegen die »rein geistigen« Genüsse hatten sie natürlich nichts einzuwenden; im Gegenteil: sie versicherten, wenn die Menschen erst der sinnlichen Genüsse entwöhnt seien, würden sie sich den geistigen mit verdoppelter Inbrunst zuwenden. Und das Schwerste und Bedeutungsvollste ihres Kampfes hatten sie sich bis zuletzt aufgehoben. Längst war es ihnen kein Geheimnis mehr, daß die Menschen sich aus der Liebe ein Vergnügen machten. Und doch war es der klare Wille der Natur, daß die Liebe nur der Fortpflanzung zu dienen habe. Schon Romeo und Julia, ja, vielleicht schon Hero und Leander hatten aber nicht, oder doch wenigstens nicht ausschließlich, die Fortdauer des Menschengeschlechts im Auge, noch ist anzunehmen, daß sie bei längerem Zusammenleben diesen Zweck zur alleinigen Richtschnur ihrer Empfindungen gemacht hätten. Das mußte anders werden . Das Laster der zwecklosen Liebe war vielleicht das verbreitetste und verderblichste. Man erwog eine Zeitlang, das Institut der Familie aufzuheben, Männer und Weiber in streng getrennte Wohnungen zu verweisen und die Kinder nach dem hehren Kommunisten- und Schafsideal herdenweise zu erziehen. Eine Begegnung von Mann und Weib sollte dann immer nur so lange erlaubt sein, wie der Zweck nicht erfüllt war. Indessen erschien die Menschheit für dieses Glück noch nicht reif, und man beschränkte sich darauf, die zwecklose Liebe bei Todesstrafe zu verbieten. Ob dieses Verbot überall die beabsichtigte Wirkung hat, konnte ich bisher nicht feststellen; Hornbold meint: ja. Als die Hornboldianer oder Leberechtianer solchermaßen die Menschheit restlos oder doch nahezu restlos beglückt hatten, konnten sie sich gleichwohl nicht verhehlen, daß sie ihr mancherlei Vergnügen geraubt hatten, konnten dies um so weniger, als plötzlich auch die Lust an den »rein geistigen« Vergnügungen reißend abnahm und eine allgemeine und zunehmende Tristitia sich wie eine Nebelkappe auf die Welt herabzusenken begann. Die Menschen hatten früher gerade den Wechsel von Sinnlichem und Geistigem so angenehm empfunden; ja, mehr noch: sie hatten die Welt dann am schönsten gefunden, wenn das Geistige vom Sinnlichen, das Sinnliche vom Geistigen durchdrungen ward. Wenn sie jetzt von Goethe kamen und soeben gehört hatten: »Liebe sei vor allen Dingen Unser Thema, wenn wir singen; Kann sie gar das Lied durchdringen, Wird's um desto besser klingen. Dann muß Klang der Gläser tönen Und Rubin des Weins erglänzen: Denn für Liebende, für Trinker Winkt man mit den schönsten Kränzen.« oder auch, wenn sie von Schiller-Beethovens Lied an die Freude kamen und sich dann zu einem geölten Linsenkotelett mit Sauerbrunnen niedersetzten, um hinterher statt der Zigarre einen Bleistift im Munde herumzudrehen, so empfanden sie etwas wie Unstimmigkeit. Die Normalmänner und Reformfrauen um Hornbold hatten die bei Goethe erwähnte Systole und Diastole nicht ganz begriffen, vielleicht sogar überhaupt nicht; sie hatten nicht begriffen, daß es ohne negative keine positive Elektrizität gibt. Als gewissenhafte Menschen fühlten sie aber tief die Verpflichtung, für das Genommene einen Ersatz zu bieten, und so beschlossen sie einstimmig, sich auf Gemeinschaftskosten photographieren zu lassen und jedem Haus und jeder Hütte ihr Lichtbild zu schenken, damit es allda zum Schmuck der Wände und zur Aufheiterung des Gemütes diene. Wie weit die Menschheit von diesem Geschenk Gebrauch gemacht hat, kann ich natürlich nicht sagen; ich für meine Person habe einstweilen in Ermangelung von etwas Sinnlichem die Bilder aufgehängt. Der Kuchen, der Pfirsich und das Mädchen ... Ich soll die schönste meiner Kindheitserinnerungen erzählen? Das ist grenzenlos schwer. Welches ist denn die schönste? Ich weiß es nicht. Soll ich von den österreichischen Soldaten erzählen, die mit Musik durch unser Dorf zogen, oder von den Weiden, die über den Dorfteich ihre Zweige senkten, oder von Pfannkuchen mit Heidelbeeren, von denen man eine herrlich tiefblaue Zunge kriegte, so daß man noch halbe Tage lang vor dem Spiegel sein Vergnügen daran hatte, oder von dem großen Glasmarmel, der sechzig gewöhnliche Marmel wert war, oder von dem ersten Zigarrenstummel, den ich meinem Vater entfremdete und auf heimlichen Heckenwegen rauchte und der dann freilich auch eine sehr schwermütige Kindheitsstimmung nach sich zog, oder von meiner Krankheit, als ich zu Bette lag und meine Mutter mir mit Tränen in den Augen leise übers Haar strich? Von solchem Glück ist meine Kindheit und Jugend zum Bersten voll, und eines war immer schöner als das andere. Ich will einen Entschluß fassen und von der frühesten meiner schönsten Erinnerungen erzählen, oder doch von einer der frühesten; denn ob sie die allerfrüheste ist, weiß ich auch nicht. Es war damals, als ich noch das neutrale Kleidchen der kleinen Kinder trug – man hat mich aber nie für ein Mädchen gehalten – und als mein Vater, wenn er mit mir ausging, mich an seinem Mittelfinger führte und ich zur Umklammerung dieses Fingers noch meine ganze Hand brauchte. Mit meinem Vater ausgehen, das war schon immer ein Fest für sich; er lachte mich immer so freundlich an oder auch so recht in sich hinein, wenn ich plauschend neben ihm herlief; er machte nur immer zu große Schritte, besonders wenn sein Gedankenschwungrad ins Sausen kam, und dann mußte ich unaufhörlich Trab laufen, bis er sich wieder auf mich besann. Und diesmal gingen wir nach der Flottbeker Chaussee und an die Elbe. Diese Gegend war damals ein einziger, viele Stunden langer Garten und war der Garten Eden meiner Kindheit. Und das ist er noch heute, und wenn ein Cherub mit flammendem Schwert mich daraus vertreiben wollte, so würde ich ihn auslachen und sagen: »Versuch's doch!« Man sagt, daß Kinder im allgemeinen noch wenig Sinn für die Landschaft hätten; ich weiß nicht, wie weit das zutrifft; von mir aber weiß ich, daß mir schon als kleinem Kinde, wenn ich auf diesen Fluren ging, die Welt als fleckenlos schön und als aller Wünsche vollste Erfüllung erschien. Kinder reden nicht viel über die Eindrücke der Natur. Wir stiegen auf einen Baum und blickten weit umher und sagten, wenn wir redselig waren: »Hier ist es fein!« (denn wir wohnten nicht weit von England, wo fine noch »schön« bedeutet) und diese vier Wörtlein umschlossen eine Flut von Empfindungen. Nun stieg an dieser Chaussee aus weit und breitem Rasen eine weiße Villa und blickte über Strom und Straße wie eine weiße Königin auf grünem Thron. Und der Herr dieser Villa hatte einen Gärtner, und der war meines Vaters Bruder. Den wollten wir besuchen. Die Begrüßungsfeierlichkeiten, der Onkel, die Tante – sie sind meinem Gedächtnis längst entschwunden. Ich erinnere mich aber eines freundlichen kleinen Zimmers, in dem ein Kaffeetisch gedeckt war, und daß man mich auf einen hohen Stuhl setzte und mir einen Kuchen gab, der so dick war, daß mein Mund ihn nicht umspannen konnte. Und das war das Köstliche an dem Kuchen. Einen Kuchen hatte ich wohl auch zu Hause einmal bekommen, obschon nur selten; aber ein Kuchen, der so dick war, daß ich – ich mochte das Mäulchen noch so weit aufreißen – nicht überhapsen konnte, das war ein überwältigendes Erlebnis! Später gab man mir dann einen Pfirsich, und als ich hineinbiß, lief mir der Saft zu beiden Seiten des Mundes hinunter. Und das war wiederum das Herrliche an diesem Pfirsich. Auch daheim hatte ich wohl einmal einen Apfel oder ein paar Kirschen genossen; aber eine Frucht, die so duftete und deren Saft man auch beim besten Willen mit einem Munde gar nicht bewältigen konnte – das war ein unerhörtes Begebnis. Und nun kam hinzu, daß mir das alles gereicht wurde von einem Mädchen, das genau so war wie der Kuchen und der Pfirsich. Sie wird wohl 12 oder 14 Jahre alt gewesen sein und war so schön, daß ich sie mit meinen Augen, ich mochte sie noch so weit aufreißen, nicht bewältigen konnte, und während sie mich bediente und mich im Garten schaukelte, war sie von solcher Freundlichkeit und Heiterkeit, daß mein Herz auf einmal so viel Güte nicht fassen konnte und in einem fort überströmte von Glück. »Und klar auf einmal fühlt ich's in mir werden: Sie ist es, oder keine sonst auf Erden!« Ich verliebte mich sterblich in das holde Mädchen, und als man mir beim Abschied Kuchen und Pfirsich und eine Puppe, die mir gefallen hatte, mitgab, da hielt ich es für selbstverständlich, daß man mir auch das Mädchen mitgebe. »Komm!« sagte ich mit der Schlichtheit eines großen Gefühls, als mein Vater und ich aufbrachen. Aber die unmenschlichen Eltern verweigerten sie mir, natürlich aus den bekannten philiströsen Versorgungsgründen, und sie – sie lachte! Damals empfing mein Herz die erste Wunde. Ich soll dann sehr wenig Beherrschung meiner Affekte gezeigt haben; ich weiß es nicht mehr. Aber nach späteren Analogien kann ich mir schon denken, daß ich die Rechte der Jugend gegen das tyrannische Alter mit großer Lebhaftigkeit vertreten habe. Jene Wunde ist vernarbt und ist nur ein Mal neben vielen anderen Malen meines narbenreichen Herzens; aber die Erinnerung an das Mädchen, den Pfirsich und den unüberwindlichen Kuchen werde ich mit ins Grab nehmen. Mein Onkel und sein Weib sind längst gestorben, und von ihrer Tochter weiß ich nichts; aber das kleine Gärtnerhaus steht noch heute, und so oft ich schon daran vorübergeschritten bin, noch immer ist es mir wie ein Zauberhaus im Walde, das aus lauter Kuchen und Pfirsichen und Schönheit und Güte gebaut ist. Und immer fühle ich mich versucht, bei den fremden Bewohnern anzuklopfen und mir von ihnen die Stätte zeigen zu lassen, wo ich zum ersten Male herzhaft hineinbiß in die Frucht meines Lebens und ihre Überfülle mir Mund und Herz überströmte. Viel zu wenig Viel zu wenig wird nämlich geredet. Es sind ja schwache Anläufe zum Besseren da; aber es fehlt noch viel, daß man befriedigt sein dürfte. Die Verbreitung des Klavierspieles – soviel auch sie noch immer zu wünschen übrig lassen mag – kann immerhin schon als Vorbild dienen. Es gibt doch heutigentages zum Glück kaum noch eine kleine Beamten- oder Handwerkerwohnung, in der nicht mindestens ein Klavier von mindestens drei Personen gespielt würde; aber wie himmelweit sind wir noch davon entfernt, daß jede bessere Familie auch ihren eigenen Redner oder gar ihrer mehrere aufzuweisen hätte?! Ich habe mir oft die Frage vorgelegt, warum eigentlich in unseren Parlamenten, Gerichten, Volksversammlungen, Vereinssitzungen, bei Festakten und Festmählern so bitter wenig geredet werde, und bin zu merkwürdigen Vermutungen gelangt. Da gibt es z. B. Leute, die sich allen Ernstes fürchten, Unsinn zu reden. Ich gebe zu: Die Befürchtung, Unsinn zu schreiben, hat eine gewisse Berechtigung; denn was man schreibt, das bleibt und kann allenfalls durch Pedanten einer genaueren Prüfung unterzogen werden; das gesprochene Wort aber fließt, wofern der Redner nur mit der erforderlichen Geschwindigkeit spricht, so rasch vorüber, daß der Hörer in den seltensten Fällen etwas merkt und eher glaubt, er habe nicht recht gehört, als daß der mutige Redner etwas Törichtes gesprochen habe. Und sollte ihm wirklich ein Unsinn unterlaufen, und sollte dieser Unsinn zufällig bemerkt werden, so darf der Sprecher nur nicht den – leider allzuhäufigen – Fehler begehen, daß er zu kurz redet. Eine Parlamentsrede von fünf, eine Festrede von drei Stunden – bei Trinksprüchen nach der Suppe kann man sich auf eine Stunde beschränken – wird so gut wie immer auch etwas enthalten, was kein Unsinn ist. Und was heißt schließlich Unsinn! Wenn man einen Unsinn mit ernster oder, noch besser, mit finsterer Miene vorträgt, so ist es noch sehr die Frage, ob er nicht ein Tiefsinn ist. Wir haben eine ganze Literatur, die von diesem Zweifel lebt. Sodann fand ich Leute, die sich scheuten, Gemeinplätze und Trivialitäten zu reden, Gedanken vorzutragen, die schon hunderttausend andere millionenmal zum Ausdruck gebracht hätten – eine Befürchtung, die mindestens so unangebracht ist wie jene erste. Schon Mephisto hat, um solche zaghaften Redner zu ermutigen, die Worte gebraucht: »Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken, Das nicht die Vorwelt schon gedacht!« Also neues kann man doch nicht denken – da macht es denn auch nichts aus, ob ein Gedanke etwas älter oder jünger ist. Vielmehr: es ist ein Vorteil für den Redner, wenn der Gedanke recht alt ist, weil sich dann der uralte Herr Schulze sagen kann: Ganz meine Meinung. Überdies: wenn der Redner einen Gedanken, sagen wir: von Lessing, wiederholt, so darf er doch fast immer gewiß sein, daß er in der Form von Lessing abweichen wird, ja, vielleicht so sehr von ihm abweichen wird, daß der Hörer den alten Gedanken gar nicht wiedererkennt. Und endlich: ein Gedanke mag noch so oft ausgesprochen und gedruckt sein – es gibt immer noch Leute, die nichts von ihm vernommen haben. Man kennt doch die Geschichte von dem Seemann, der, von langer Reise heimgekehrt, einem Juden begegnete und ihn schalt, weil die Juden Jesum Christum gekreuzigt hätten. »Aber das ist doch schon so lange her!« rief der Jude. »Ja,« versetzte jener, »ich habe es aber erst heute gehört, als ich an Land kam!« Genau so geht es mit vielen, vielen Gedanken. Also die Angst, man könnte die Gedanken anderer wiederholen, braucht wahrhaftig keinen vom Reden abzuhalten; die Zuhörer werden nicht alle. Es gibt aber sogar verschrobene Käuze, die eine Heidenangst davor haben, daß sie sich selbst wiederholen könnten! Sie meinen, wenn ein Gedanke einmal ausgegeben sei, so dürfe er wenigstens in derselben Rede nicht wiederkehren, es sei denn etwa als Refrain, als ceterum censeo , zu dem andere Gedankenreihen immer wieder hinführen. Nichts ist törichter als eine solche Meinung. Das gerade Gegenteil ist richtig. Empfindet man es schon in einem Buche als eine Aufdringlichkeit des Verfassers, wenn er in jedem Satze etwas anderes sagt, so wirkt dergleichen Völlerei in einer Rede vollends peinlich und verstimmend. Eine gute Rede muß sein wie eines jener großen, vielgängigen Diners, die ein mir bekannter Sonderling zuweilen gibt und deren sämtliche Gänge aus demselben Stoffe bereitet sind, z. B. aus Schweinefleisch oder (für Vegetarier) aus Kartoffeln. Dieselbe Idee muß in immer wechselnder Zubereitung immer wiederkehren. Decies repetita placebit , zehnmal wiederholt, wird sie gefallen, sagt Horaz. Ein Redner, der das begriffen hat, wird etwa so sprechen: »Einigkeit, meine Herren, macht stark; Uneinigkeit dagegen macht schwach. Wo man sich einig ist, da wird man siegen, wo Zwietracht herrscht, muß man unterliegen. (Bravo!) Wo zweie sich in den Haaren liegen, meine Herren, da freut sich der dritte, das ist ja ganz klar; wo aber zwei zusammenhalten, da sind sie gegen jeden Feind gewappnet. (Sehr richtig!) Es ist bekanntlich eine Kleinigkeit, einen einzelnen Stab zu zerbrechen; binden Sie aber einmal viele Stäbe zusammen, dann kann der größte Riese kommen, er wird seine Kraft vergeblich aufwenden, das liegt auf der Hand. (Sehr gut!) Wo Eintracht die Menschen verbindet, da können sie jeder drohenden Gefahr mit Ruhe ins Antlitz schauen; wo aber Zank und Hader Platz greifen, da müssen sie früher oder später jedem Angreifer zum Opfer fallen, das sieht ein Kind ein. Friede, meine Herren, ernährt; Unfriede hingegen, meine Herren, verzehrt!« (Stürmischer, minutenlanger Beifall. ) Usw. Ich kannte einen Professor, der viele Stunden lang so konnte, und den viele als einen wundervollen Redner mit Recht bewunderten. Er starb an allgemeiner Lähmung der Schließmuskeln. Man beachte in dem Musterbeispiel, das ich soeben gegeben habe, u.a. den letzten Satz. Der talentlose Sprecher würde sagen: »Unfriede verzehrt!« Punktum. Der gottbegnadete Redner aber sagt: »Unfriede hingegen, meine Herren, verzehrt.« Damit ist der Satz ohne Mühe und Unkosten um 150 Prozent verlängert. Der Anfänger sagt vielleicht: »Das ist möglich«, oder »Das kann sein«; der »große Orator« (wie einmal ein politischer Redner genannt wurde) wird sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, zu sagen: »Das, meine sehr geehrten Herren – ich will es gern zugeben – kann jawohl allenfalls vielleicht möglich sein«, und hat damit den Satz nicht nur um genau 800 Prozent verlängert, sondern auch das, was er sagen wollte, gleich fünfmal gesagt! Man denke sich auch den Fall (der doch gar nicht so selten ist), daß der Redner nur einen Gedanken hat: soll er da etwa aufstehen und sagen: »Einigkeit macht stark, meine Herren!« und sich wieder hinsetzen? Die Leute würden ihn mit Recht auslachen. »Welch ein Tölpel!« würden sie rufen, »welch ein Dummkopf! Und der will in den Landtag!« Es ist mit dem Gedanken wie mit dem Hering: wo er sich zu häufig macht, wird er nicht geschätzt. Timon von Athen verfiel in Elend und Raserei, weil er seinen Reichtum unsinnig verschwendet hatte. Ein Timon des Gedankens erleidet dasselbe Schicksal. Die lächerlichste aller Ängste unerfahrener, lampenfiebernder Redner aber fand ich bei Leuten, die – man sollte es nicht glauben – sich einbildeten, sie dürften nicht aus der Konstruktion fallen, dürften keine »unlogischen«, »unschönen« Satzgebilde formen, müßten sich vor Pleonasmen, Tautologien, Widersprüchen im Beiwort, Synonymenhäufung usw. usw. hüten. Gewiß: wenn jemand sagt: »Wir müssen den Strom der Zeit bei der Stirnlocke fassen«, oder wenn er seinem Gegner »bodenlose Oberflächlichkeit« vorwirft, oder wenn ein moderner Schriftsteller behauptet: »Schillers Hand hielt bis zu seinem Tode des Lichtes Himmelsfackel in der Hand«, so ist ja nicht ausgeschlossen, daß es jemand merke, aber von Tausenden noch keine zwei! Es gibt ja Sonderlinge, die die Meinung verbreiten möchten, die Sprache sei ein mindestens so edles Material wie der Marmor und bedürfe zu ihrer Formung genau so sehr der Meisterhand wie jener, und ihre vollendeten Gebilde seien ebensowohl Kunstwerke wie die Venus von Milo und was dergleichen Verstiegenheiten mehr sind, die nur dazu führen, dem Versammlungs- und Tafelredner das Leben schwer zu machen. Solche Phantasten wollen in einer Rede Rhythmus, Melodie, Architektur, Unterschiede der Dynamik, der Schattierungen wahrnehmen – verrückt! Dergleichen Forderungen mögen ja in der Poesie eine gewisse Berechtigung haben – in der Prosa gilt Freiheit und Gleichheit zwischen Cäsar und Piepenbrink. Kaum sind wir froh, daß uns in der Prosa Reim und Metrum nichts zu befehlen haben, so kommen Schulfüchse daher, um uns alle erdenklichen Schwierigkeiten zu machen! Warum heißt denn die Prosa »ungebundene Rede«, wenn man sich in ihr nicht räkeln soll? »Werden Sie Redner!« das ist der Imperativ, dem wir folgen sollen; alles andere ist unwesentlich. Ist doch sogar schon im schriftlichen Gebrauch unserer Muttersprache eine herzerquickende Ungeniertheit zum Durchbruch gekommen! »Der Garten der Villa Carlotta ist eins der schönsten, die man sehen kann« – »Caruso ist ohne Zweifel einer der bedeutendsten Sänger, den wir haben« – »Die Lage Konstantinopels dürfte schwerlich irgendwo in der Welt seinesgleichen haben« – solche Dinge kann man jetzt schon fast täglich lesen. Auch dem albernen Genitiv-s geht es endlich energisch zu Leibe. »Des Conventgarten«, »des Oratorium«, »des Theater«, »des Ausschuß«, das ist schon erreicht; nun wird man auch bald »des Klavier«, »des Fenster« und »des Deutschverderber« sagen. Nur keine falsche Scham bitte; die deutsche Sprache ist keine juristische Person, die klagen könnte. Nun sollte man meinen, daß wenigstens ich diesem Imperativ immer fleißig gehorsamt hätte und ein »fortlaufender Redner« sei. Weit davon entfernt! Man spricht am meisten von den Idealen, die man nicht erreicht hat und nie erreichen wird, und in der Tat bin ich im Reden einer der größten Feiglinge der Welt. Von Reden, die ich überhaupt gehalten habe, waren 99 Prozent vorher sorgfältigst vorbereitet; wenn ich einmal unvorbereitet sprechen muß, so bin ich krank zum Sterben und denke in einem fort: Wie hübsch wär es, wenn jetzt ein Erdbeben käme! Wenn ich toasten soll, »maikäfere« ich von der Vorspeise bis zum Nachtisch, werfe zwei Gabeln und drei Messer auf den Fußboden, zertrampele meine Serviette, stoße meine Nachbarinnen mit dem Ellbogen, daß sie erschrocken aufschreien, und wenn ich dann endlich ans Glas schlagen will, wird die Tafel aufgehoben. Wenn ich vor Gericht einen Streit habe, sage ich mir: Wozu willst du reden? Was du sagen willst, das sagt sich der Richter, der doch ein intelligenter und gebildeter Mann ist, schon selbst, oder: das ist so selbstverständlich, daß es dein Anwalt natürlich vorbringt, du willst doch das Gericht nicht durch Banalitäten ermüden – aber merkwürdig: sie sagen es sich nicht, und sie bringen es nicht vor; diese Richter und Anwälte sind wie der liebe Gott, der von sich sagt: »Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege. Sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Gedanken höher denn eure Gedanken und meine Wege denn eure Wege.« Und dann verliere ich den Prozeß. Ein wahrer lepus timidus aber bin ich in Vortragsversammlungen mit anschließender Diskussion. Da hat z. B. ein Mann, der auf seinem Gebiet zu Hause ist, nach sorgfältiger Vorbereitung einen ausgezeichneten Vortrag gehalten – was läge näher als der Wunsch, zu zeigen, daß man auch über denselben Gegenstand mitreden könne? Aber nein: wenn ich an dem Vortrag nichts Wesentliches zu ergänzen oder zu widerlegen habe und mein Gewissen mich nicht geradezu zwingt, das Wort zu ergreifen, dann sitze ich da wie Trumpf-Sechs. Mit welcher Frische besteigen dagegen beherzte Männer und in neuerer Zeit auch Frauen in unabsehbarer Reihe das Rednerpult und widerlegen den Vortragenden, indem sie seine Ausführungen wiederholen, oder stellen sich mutig auf seine Seite, indem sie das Gegenteil von dem sagen, was er gesagt hat, oder wenn der Vortragende über antike Plastik gesprochen hat, so tritt ein einfacher Lohgerber auf und beweist, daß wir es niemals zu einer antiken Plastik bringen werden, solange der Impfzwang nicht aufgehoben ist usw. Immer häufiger liest man jetzt in den Zeitungen: »Die Diskussion dehnte sich bis weit über die Mitternachtstunde aus«, und dann lacht mir jedesmal das Herz. Es ist doch wenigstens ein Anfang. So las ich denn auch vor kurzem mit lebhafter Genugtuung in einer großen Zeitung von einem Schiff, das eine Einweihungs- und Eröffnungsfahrt auf einem neuen Kanal gemacht hatte und erst lange nach der festgesetzten Zeit anlegen konnte, weil die an Bord gehaltenen Tischreden nicht früher beendigt waren. Ein sehr intimer Bekannter von mir meinte dazu, daraus ersehe man wieder einmal, daß die Zahl der Rettungsboote gar nicht groß genug sein könne. Ich denke, dergleichen frivole Witzeleien richten sich selbst. Wir wollen uns freuen, wenn bei der Einweihung des Panamakanals in entsprechendem Maße geredet wird, und sollte sich die Freigabe dieses neuen Verkehrsweges für die allgemeine Schiffahrt wirklich um einige Monate verzögern! Und wenn Kanäle keinen genügenden Raum für die Entfaltung unseres Bedürfnisses bieten – wozu haben wir die fünf großen Weltmeere?! Zum Seefahren? Lächerlich. Verba facere necesse est, navigare non necesse est . Reden ist die Hauptsache; Seefahren ist Blech. Jung ist nicht alt Als ich einmal am Morgen von Heiligabend in das Wohnzimmer meines Nachbarn und Freundes, eines berühmten Gelehrten und wundervollen Menschen, eintrat, sah ich ihn mit tiefer Kniebeuge wie einen Frosch um den Tannenbaum, mit dessen Aufputz er augenscheinlich beschäftigt war, herumhüpfen. Auf meine erstaunte Frage, was er denn mache, erwiderte er: »Ich putze den Tannenbaum, und das muß man doch aus dem Gesichtspunkt des Kindes machen; die Kinder sehen doch den Baum nicht aus gleicher Höhe wie wir, sondern von unten!« Ich gestehe: ich war beschämt. Ich hatte auch immer den Weihnachtsbaum für die Meinen geputzt; aber auf diese zartsinnige Rücksicht war ich nicht verfallen. Sie sah ihm ganz ähnlich, meinem Freunde. Als ich von ihm fortging, bewegten mich mancherlei Gedanken. »Der Gesichtspunkt des Kindes!« Wie oft nehmen wir auf ihn Bedacht? Wie oft lassen wir ihn außer acht? Eine liebe Frau erzählte mir einmal, sie habe als Kind sehr oft an einer sehr hohen und langen Mauer entlanggehen müssen; diese Mauer sei ihr immer besonders gewaltig, ja unheimlich erschienen. Als sie dann später, als erwachsenes Mädchen, die Mauer wiedergesehen habe, da sei es eine ganz gewöhnliche Mauer von mäßiger Höhe und Länge gewesen. Ist es uns allen nicht genau so ergangen? Das Kind empfindet alle Dinge größer, gewaltiger, schöner, bunter, süßer, duftiger, glänzender, aber auch drohender, schrecklicher, trauriger, bittrer als wir. Das Kind ist leichter befriedigt, leichter erfreut als wir – »Kinderhände sind leicht gefüllt« – es sei denn, daß es das traurige Schicksal des verwöhnten, überreizten und abgestumpften Kindes erleidet; es ist aber auch leichter geschreckt, betrübt und entmutigt. »Kindermaß und Kälbermaß müssen alte Leute wissen«, sagt ein Sprichwort – auf das Kälbermaß verstehen sie sich oft besser als auf das Kindermaß in Freude und Leid. Schmeckt einem von euch der Apfel oder die Kirsche noch so wie in Kindertagen? Mir nicht. Die Äpfel waren saftiger, die Kirschen süßer. Ich weiß wohl: es ist ein Segen des Verkehrs, daß das beste Obst ins Ausland oder irgendwohin, weit wegwandert und die Leute dort, wo die schönsten Früchte gedeihen, das »Köterzeug« verzehren müssen; aber auch an der Tafel von Fürsten und Börsenkönigen hat mir keine Frucht so geschmeckt wie die Äpfel und Pflaumen, die ich mir halbepfundweise von der Karre kaufte und aus der Mütze verzehrte. Es wird bei euch genau so sein. Findet ihr, daß die Kuchen noch so schmecken wie früher? Ich weiß: Kuchen werden – und wurden schon vor dem Kriege – vielfach aus Ersatzeiern, Ersatzmilch, Ersatzbutter, Ersatzmehl, Ersatzzucker, Ersatzmandeln, Ersatzrosinen, Ersatzzimt usw. bereitet – man sollte diese Kuchen dann auch »Ersatzkuchen« nennen; ein Törtchen dieser Art dient mir schon seit Jahren als Federwischer – aber auch wenn der Kuchen in meinem eigenen Hause von meiner eigenen Tochter mit roten, heißen Wangen und aus lauter echten Zutaten gebacken wurde und mir vorzüglich schmeckt – so wie damals, als ich drei Jahre alt war und eine Tante mir einen Kuchen in den Mund stopfte, der so dick war, daß ich nicht überbeißen konnte, so gut schmeckt kein Kuchen mehr. In Mannesjahren mußte ich einmal pflichtgemäß die Lederstrumpfgeschichten lesen – so herrlich und so schauerlich kamen mir Indianer und Wildtöter bei weitem nicht mehr vor wie einst. Ich bin noch jetzt einigermaßen pünktlich und pflege Verabredungen innezuhalten, wenn es sich auch nur um einen Spaziergang handelt; aber so früh und mit so erregtem Pflichtgefühl bin ich nirgends zur Stelle wie damals, als es sich uns darum handelte, die Jungen des Nachbardorfes zu verhauen. Ich war immer dafür, daß es beim Spielen streng nach Gesetz und Regeln zugehe, besonders wenn sie zu meinem Vorteil waren; aber so fanatisch würde ich jetzt auch bei der wichtigsten Schachpartie nicht streiten, daß ich mir ein Auge blau schlagen ließe. Ich bin noch heute ein gutes Theaterpublikum; aber so himmelschön und seliggroß erscheint mir die Welt der Bühne nicht mehr wie damals auf meinem Puppentheater, oder wenn ich als 10-, als 12 jähriger in einem richtigen Theater saß, ihre Helden nicht mehr so unmeßbar herrlich, ihre Frauen nicht mehr so erdenthoben schön, ihre Schurken nicht so unbegreiflich furchtbar, so unaussprechlich gemein. Ich kann jetzt schlafen, wenn ich »Die Räuber« gesehen habe; damals konnt ich's nicht. Auch bin ich noch immer ein guter Lacher; aber so kann ich nicht mehr lachen wie als Junge, da meine Explosionen die Aufmerksamkeit des ganzen Publikums auf mich lenkten und ich mich plötzlich mit schrecklicher Beschämung als Mittelpunkt einer besonderen Heiterkeit empfand. Ach ja, so vieles, so vieles ist kleiner und schwächer, nüchterner und schäbiger geworden als einst, ist nicht mehr so schön, so leuchtend, so gewaltig, so prächtig. Aber vieles ist dafür auch nicht so schrecklich, so traurig, so beängstigend, so bedrückend mehr wie vor Kinderaugen und im Kinderherzen. Wenn der Schriftleiter eines Blattes mir schreibt: »Sie müssen mir bis zum 13. Ihren Beitrag schicken; denn das haben Sie versprochen!« dann nehme ich das zwar ernst und lasse mir etwas einfallen, wenn es will; aber so bange bin ich nicht mehr wie vorzeiten, wenn ich meine täglichen fünf Bibelsprüche nicht gelernt hatte. Mir sind einmal 20 000 Mark gestohlen worden, und das war viel Geld für mich; aber der Ärger, den mir dieser Verlust verursachte, war ein Vergnügen zu nennen gegen den Schmerz, mit dem ich einen heiß und innig geliebten Kreisel auf Nimmerwiedersehen in einem Straßensiel verschwinden sah. Ich habe noch heute vor dem deutschen Schutzmann den allgemein bekannten deutschen Respekt; aber ich fürchte ihn auch nicht annähernd so tief mehr wie als Vierjähriger, da ich meinte, der Polizist, der hin und wieder in den Gassen unseres Dorfes auftauchte, beschäftige sich unaufhörlich damit, zu seinem Vergnügen Kinder und große Leute einzufangen, mit seinem dicken gelben Bambusrohr schrecklich durchzuprügeln, ins Gefängnis zu werfen, ihnen dort vergiftete Klöße zu essen zu geben und sie, wenn es ihm Spaß machte, zu köpfen. Auch den Schornsteinfeger seh ich bei weitem ruhiger an als damals. Und das ist wohl die lichte Seite an dieser Änderung der Perspektive: Vieles, gar vieles, das uns drohte oder zu drohen schien, sehen wir ruhiger, gelassener an; viel Schweres, Schwarzes, Schreckendes wird leichter, lichter, kleiner, wenn wir größer werden, und namentlich wenn wir innerlich immer größer werden, wird gar manches Übel der Welt immer kleiner und kleiner, oft so klein, daß wir lachen, wo wir als Kinder weinten. Es gibt Menschen, die die Welt viel zu lange aus der Kinderperspektive betrachten und die Menschen und Dinge noch im höheren Alter viel zu groß sehen; es ist auch eine sehr schmerzliche Wandlung, die Menschen kleiner sehen zu müssen als man möchte. Eines aber ist mir nicht kleiner geworden und wird es nicht werden, solange ich lebe: die Natur. Sie sehe ich immer größer, je älter ich werde. Nicht im einzelnen: die Blumen und Schmetterlinge scheinen mir nicht mehr so tief gefärbt, die Bäume und die Pferde nicht mehr so groß wie einst. Nur als ich einmal eine himmelsweite Alpenweide in vollster Juniblüte sah, da war es mir, als sah ich die Blumen meiner Kindheit wieder. Das Ganze der Natur aber wächst höher und herrlicher vor mir und in mir empor mit jeglichem Besuch. Immer tiefer wird mein Staunen, immer froher und frömmer meine Bewunderung; niemals enttäuscht sie mich, nein, immer überbietet sie noch mein Hoffen und Erwarten, und das ist gewiß ein erhabener Trost; denn in ihre Arme sinken wir doch einst zurück; in ihren Schoß kehren wir doch einmal zurück. Und das ist vielleicht ein Rat, wenn uns die Menschen und Dinge der Welt zu klein werden: Laßt uns nach immer größeren Menschen und Dingen, nach immer größeren Gedanken und Aufgaben, nach immer größeren Bildern der Hoffnung suchen! Dann werden wir, je größer wir selber werden, um so Größeres finden. Die jüngsten Zeiten haben uns ja gelehrt, daß der Mensch unendlich klein, daß er aber auch unendlich groß sein kann. Wenn aber nun die Weihnacht wiederkehrt, so wollen wir an den Gesichtspunkt des Kindes denken. Wir feiern eine bescheidnere Weihnacht als ehemals, bescheidner in Gaben und Genüssen – wie klein wären wir, wenn wir darin ein Unglück sähen! Der Handel hatte, wie so oft, uns und unseren Kindern Bedürfnisse eingeredet, die wir nicht hatten. Er hatte uns mit Puppenstuben und Gutshöfen und Eisenbahnen und Kramläden versorgt, die mit allen Einzelheiten, allen Verfeinerungen und Modernitäten ausgestattet waren, und hatte uns versichert, das seien köstliche Spielzeuge für Kinder. Man hatte dabei nur das Eine vergessen, daß das Spielzeug des Kindes nicht außer ihm ist, sondern in ihm. Sein Spielzeug ist nicht das Ding, das es in der Hand hat; sein Spielzeug ist seine Phantasie. Nicht was das äußere Spielzeug ist , sondern was das Kind daraus macht, das ist seine Freude. Die drolligen Einzelheiten und Kleinigkeiten eines vielfach zusammengesetzten Spielzeugs machen ihm – vielleicht – Spaß für einen Tag; was es aus dem einfachsten Gegenstande erschafft , das zeugt durch Wochen, Monate und Jahre mit jedem neuen Tage neue Wonne. Und wenn euer Kind mit geringer Phantasie begabt ist, dann gebt ihm um so weniger ein Spielzeug, das es der Einbildungskraft überhebt, gebt ihm um so mehr ein einfaches Ding in die Hand, das seine Phantasie herausfordert. Sie könnten unsern Kindern zum rechten Glück werden, diese bescheideneren Weihnachten, zum Glück in mehrfacher Hinsicht. In trüber, schwerer Zeit bekam ich einmal gar nichts zu Weihnachten, keinen Tannenbaum und kein Spielzeug. Aber ein Freund unseres Hauses gedachte meiner und brachte mir am Weihnachtsabend ein paar alte, halb vergilbte Bilderbogen, für die er dem Karrenantiquar wohl einen Groschen bezahlt haben mag. Der verwöhnte Bücherliebhaber, der für 50 000 Mark oder ich weiß nicht wie viel eine »Mazarin-Bibel« erworben hat, freut sich nicht so, kann sich auch nicht annähernd so freuen, wie ich mich damals gefreut habe. Ich legte den Schatz bei meinem Bett auf den Stuhl, und als ich ihn am Morgen wieder hernahm und auf meiner Decke ausbreitete, saß ich mitten in einem innigen, goldenen Weihnachtsmorgen. Die deutsche Familie Der Patriarch sitzt in Zipfelmütze, Pantoffeln und verschlissenem Schlafrock, der über dem Bauche nicht schließt, in einem alten Korbstuhl, der zu den Plüsch- und Phantasiemöbeln nicht paßt, raucht aus einer langen Pfeife einen aufdringlichen Tabak und liest das Tropfenhofener Morgenblatt. Die großzügig frisierte Mutter steht in einem Kleide, das über der hinteren Wölbung nicht schließt, und in einer altgedienten Schürze an einer Waschbütte und spült Windeln. Das jüngste der 15 Kinder liegt in der Wiege und schreit, das nächstjüngste sitzt auf einem vase de nuit und beißt von einem Honigkuchen ab, mit dem es sich beschmiert; das dann folgende zerschneidet in ungestörter Muße eine neue Seidenbluse der Schwester; das vierte reißt dem fünften ein starkes Büschel Haare aus und bezahlt sie mit einem Vorderzahn; das sechste schilt, daß es bei solchem Lärm seine Vokabeln nicht lernen könne; das siebente spielt Klavier; das achte brennt sich Locken, daß man's riechen kann; der Rest beschäftigt sich anders, aber ähnlich, und aus der Küche duftet kochender Grünkohl. Wütend fährt der Vater endlich aus dem Korbstuhl empor, holt den etatmäßigen Rohrstock aus bekannter Ecke und haut damit wahllos unter das Getümmel; die Mutter nimmt für die Kinder Partei; es folgt ein heftiger Wortwechsel zwischen den Eltern; der Alte nimmt Rock, Hut und Stock, wirft die Haustür knallend hinter sich ins Schloß und geht zu Biere. Mittags kehrt er reuig zurück, weil es Grünkohl und Speck gibt. Auf ihn kommen drei viertel Pfund Speck, auf die Familie ein viertel Pfund. Er schläft drei Stunden zu Mittag und schnarcht natürlich wie ein übergessener Polyphem. Dann wandert die ganze Familie mit Zylinder, Meerschaumzigarrenspitze, Humpelröcken, Reiherfedern, Pleureusen, Botanisierdosen, Schmetterlingsnetzen, Kinderwagen, Saugflaschen usw. im Gänsemarsch nach dem Bierkeller, wo heute Operettenabend ist. Der pater familias , wie er sich selber nennt, wenn er witzig wird, findet zweie zum Skat; die Damen häkeln Sofadecken oder unterhalten sich mit Nachbarinnen über Moral und Flanell, und um 10 Uhr liegt alles in den Federn. Der Alte schnarcht wie ein verröchelndes Mastodon. So pflegt der Satiriker die deutsche Familie darzustellen, und das ist sein gutes Recht, weil es wirklich dergleichen Familien gibt. Im Unrecht ist nur der, der die Satire für ein erschöpfendes Bild der Wirklichkeit nimmt und sagt: Das ist die deutsche Familie. Es gibt andere. Es gibt eine deutsche Familie, deren erste Voraussetzung ist, daß Mann und Weib sich aus reiner Zuneigung und ohne jede Nebenabsicht verbunden haben. In Deutschland gibt es Gott sei Dank noch Leute, und nicht wenige, die getrost darauflos heiraten, wenn beide «nichts haben« als Gesundheit und Mut. (Über andere Nationen gebe ich hier kein Urteil ab; ich habe nur über Deutschland zu reden.) Ich denke bei solcher reinen Zuneigung keineswegs nur an die »Liebe auf den ersten Blick«, an die explosiv entbrannte, große Leidenschaft. Sie ist wenigstens nicht immer die beste Grundlage für eine gute Ehe und Familie. Die langsam gewachsene Zuneigung ist vielleicht echter, kernfester. Das beste Teil der Liebe ist Freundschaft, zwar eine ganz andere Freundschaft als die zwischen Mann und Mann oder Weib und Weib; mit Freundschaft aber hat der Rausch der Flitterwochen eigentlich gar nichts zu tun. Vielleicht starben Romeo und Julia zur rechten Zeit, bevor der Streit, ob Nachtigall oder Lerche, bedenkliche Formen angenommen hatte. Es gibt dann in Deutschland Männer und Frauen, die bei der Trauung nicht wie Goethes Teufel denken: «Her zu mir!« und »Nun hab' ich dich schon unbedingt«. Es mag beim deutschen Manne noch eine gewisse Neigung sein, den wohlmeinenden Despoten zu spielen, und bei der Frau das reagierende Bestreben, die Herrschaft auf dem Umwege des Pantoffels zu erschleichen; im allgemeinen hält man sich ebenso fern vom Maskulismus des Ostens wie vom Feminismus des Westens, der einen vielgestaltigen Größenwahnsinn des Weibes erzeugt hat. Das schöne Wort »Ich bin dein und du bist mein« versteht man nicht im Sinne der Leibeigenschaft oder Hörigkeit, ebensowenig wie man die Ehe als eine Zusammenkunft »ohne Obligo« betrachtet. Ich glaube (ich drücke mich mit Absicht sehr vorsichtig aus; denn ich liebe es nicht, von hundert bekannten Fällen auf hunderttausend unbekannte zu schließen) – ich glaube also, daß es in Deutschland noch manchen Mann gibt, der da weiß, daß die Frau etwas ganz anderes ist als der Mann, daß ihr ganz andere Aufgaben zufallen als ihm, daß sie aber genau so viel wert ist wie er; ich glaube, daß mancher Mann sich freut, wenn seine Frau auch ein gescheites Wort über Richard Strauß oder Nietzsche zu reden weiß. Ich glaube, daß in Deutschland jene schrecklichen Ehefrauen noch selten sind, die das »Verstehen« ihres Mannes und das »Teilnehmen an seinem Schaffen« so auffassen, daß sie auch über die Möglichkeit synthetischer Urteile a priori oder über Parallaxenberechnung mitreden müßten , ich glaube, das es deren noch gar viele gibt, die das »Verstehen« und das »Teilnehmen« viel innerlicher und viel tiefer begreifen. Mit einem Wort: eine gute deutsche Ehe ist ein richtiges Gemisch von Gebundenheit und Freiheit, von Festhalten und Gewährenlassen. Ich denke bei dem Gewährenlassen natürlich über den Hausschlüssel hinaus, obwohl die Wichtigkeit des Hausschlüssels nicht zu unterschätzen ist. In jedem guten Haushalt hat die Frau so gut einen Hausschlüssel wie der Mann; man überwacht einander nicht bei Ausgang und Heimkehr, besonders kontrolliert man nicht Ausgang und Heimkehr der Seele. Man kann einen Menschen nicht ganz erwerben wie ein Ding, auch durch Liebe nicht. Daß die Frau den physischen Hausschlüssel anders braucht als der Mann, versteht sich von selbst. Wenn in einer deutschen Familie Kinder sind, so findet man meistens seine erste und heiligste Pflicht bei den Kindern. Man hält es für unerläßliche Voraussetzung aller Erziehung, daß Vater und Mutter sich in den Erziehungsmaßnahmen einig sind. Sie mögen sich unter sich über Erziehungsfragen so lange streiten, wie sie wollen – wenn sie vor die Kinder treten, müssen sie eins sein. Eine gemeinsame Erziehungstorheit gilt – mit Recht – für minder schlimm als eine zwiespältige Erziehung. Diese Erziehung hält sich in der Regel ebenso fern von patriarchalischer Tyrannei wie von lächerlichem Anarchismus à la mode . Deutsche Eltern gewähren ihren Kindern (wo sie es noch nicht tun, sollten sie sich beeilen) jede Freiheit, die sie ihnen ohne Schaden für sie selbst oder andere gewähren können; sie zwingen ihnen vor allem keinen Beruf auf. Wenn diese Kinder aber eine Pflicht übernommen haben, so verlangen die Eltern mit milder, unerschütterlicher Festigkeit ihre Erfüllung. Sie gewähren ihren Kindern volle Gewissens- und Redefreiheit, und wenn ein Kind ihnen mit Bescheidenheit und Festigkeit und mit guten Gründen widerspricht und sein Recht vertritt, so sagen sie sich mit Stolz und Freude: Aus dem wird was! und sind die ersten, die ihm sein Recht einräumen. Aber da sie so viel länger gelebt, also auch so viel länger gekämpft und gelitten haben als ihre Kinder, so verlangen sie auch den vollen schuldigen Respekt von ihnen, und wenn ihnen ein Söhnchen ohne Ernst und Selbstzucht, ohne Leistung und Willen zur Leistung mit angelesenen Schnöseleien von Persönlichkeits- und Individualitätsrechten kommt, dann setzen sie ihn mit einem kräftigen Ruck auf sein richtiges Niveau. Auch habe ich manches deutsche Haus gesehen, in dem man heile Schlafröcke oder auch gar keine trug, in dem die Eltern mit den Kindern um die Wette lärmten und der Hausvater sich durch solchen Lärm in seinen Gedanken wundersam beflügelt fühlte, manches Haus, in dem jede Kammer als ein Tempel der äußeren und inneren Reinheit glänzte, und der Hausvater, wenn er allein zu Hause war, ganz langsam durch die schlichten Räume wandelte und sich mit seiner Wohnung unterhielt und in jedem Winkel dachte: Könntest du das malen! Familien habe ich gesehen, die nicht zu den »Operettenschlagern« gingen, sondern zu Beethoven und Mozart, oder zu Goethe und Hebbel, oder an den Fluß und in den Wald, wo dann jeder mit sieben Herzen oder mit vierzehn Herzen empfand, was er sonst nur mit einem Herzen empfinden könnte. Häuser kenne ich, in denen die Hausfrau ganz den Heinzelmännchen gleicht: von ihrer Arbeit spürt man nichts als die Früchte, und die Speisen riecht man erst, wenn sie auf dem schneeweißen Tische stehen, wohlriechend, wohlgeraten, »wohlschmeckend in dem Dufte guter Sitten«. Familien kenne ich, die des Abends um den Tisch sitzen und plaudern vom Tag und von des Tages Werken, daß jeder das Gefühl hat: »Besser kann man sich bei Tisch in Sanssouci auch nicht unterhalten haben, und was das Lustigste ist: Alle, die um den Tisch sitzen, liebst du, und alle lieben sie dich.« Ich weiß, daß ich mich jetzt von der Durchschnittswirklichkeit ungefähr so weit entfernt habe, wie der übliche Familiensatiriker. Ich wollte auch nur zeigen, wie der typische Deutsche sich die ideale Familie vorstellt, was er in ihr erstrebt und manchmal auch annähernd erreicht. Richtig verstanden, bewahrt die deutsche Familie vor der Banalisierung des Lebens, statt sie zu erzeugen. Wen sie gleichwohl nicht lockt, wer da weiß und fühlt, daß er sein Lebenswerk nur als völlig Unabhängiger, als ganz Alleinstehender durchführen könne, der soll um Gottes willen der Paulinischen Weisheit folgen, und am wenigsten eine deutsche Familie gründen. Den Satz, daß ein Familienleben wie das deutsche den Genius überhaupt ins Joch spanne und ersticke, werde ich erst glauben, wenn man mir bewiesen hat, daß die großen Hagestolze den großen Ehemännern überlegen gewesen sind. Eher mag sich schon der kleine Mann, der sein bißchen Kraft zusammenhalten muß, mit Recht vor der Familie fürchten. Dem vollbegabten Manne, der von seinen Kräften an die Familie abgeben kann und dennoch immer sich selbst behauptet, dem ist die deutsche Familie ein unerschöpflicher Kraftquell, der ihm täglich hundertfach zurückgibt, was er abgegeben hat. Sie ist ihm in allem Hader der Welt ein Stützpunkt, auf den er sich immer wieder zurückziehen kann, eine Festung, die ihn immer wieder aufnimmt, und in der er seine Wunden heilen und sich mit neuer Kraft versorgen kann. Wie ihm seine Vorgesetzten oder seine Untergebenen oder seine Parteigegner oder seine Prozeßgegner oder seine Berufsrivalen auch mitspielen mögen – die Seinen lieben ihn, und da die deutsche Familie Gott sei Dank bis jetzt noch einigermaßen zahlreich zu sein pflegt, so ist das eine Art von Beweis. Er darf sich sagen: Wenn diese sieben oder siebzehn oder siebenundzwanzig Menschen, die mich mit allen meinen Schwächen und Fehlern kennen, mich lieben; wenn mein Fortgang aus diesem Kreise eine ewige Lücke reißen würde, so kann ich des Lebens nicht ganz unwert sein. Und wenn ich Kraft, Mut und Freude nirgend verbreiten könnte als unter den Meinen, so ist es doch schon ein stolzer, erhebender Gedanke, daß ich meine tiefste und reinste Glut ausstrahlen kann auf sieben Kinder, auf hoffentlich mindestens neunundvierzig Enkel, auf hoffentlich mindestens dreihundertunddreiundvierzig Urenkel, und so hoffentlich weiter bis ins Unendliche. Das Bett Eine sybaritische Plauderei. Ouuuhahaha!! ... Eieieiuuuha ... Uäääuuujaja ... Ohohoho ... Jittiajajajaja!!! ... Ojajajahaaaaauh... Aah – aaah – aaaaah!!! ... Jeijeijeijeiuhuuuua!!! .. Uiuiutuiiitinnaja!! Herrrrrrgottherrrgottherrrgott!!!... Huijejejenochmal!! Hmmmmgrrrrfffffhhh!...« Diese furchtbaren, rätselvollen Laute kamen am späten Abend wie Ächzen, Seufzen, Stöhnen, Heulen aus dem benachbarten Zimmer, das mein Freund und Wandergenosse bewohnte. Bestürzt eilte ich zu ihm: »Um Gottes willen, was hast du? Was fehlt dir?« »Nichts!« sagte er, im Bette liegend, mit dem glücklichsten Gesicht von der Welt, »ich habe mich zur Ruhe begeben.« »Soso,« machte ich, »Ruhe nennst du das.« »Ja,« sagte er. »Das ist mein allabendliches Wonnegebrüll, wenn ich die Decke über die Ohren ziehe. Kennst du etwas Schöneres als zu Bett gehen?« Ich war damals erheblich jünger als jetzt und sagte: »Nnna!!« »Nee, Schöneres gibt's nich!« erklärte er, jeden Widerspruch abschneidend. Es war wohl um dieselbe Zeit, daß Theodor Fontane auf eine Rundfrage nach der Lieblingsbeschäftigung hervorragender Männer für sein Teil die Antwort gab: »Schlafen.« Ich habe mich damals über diese Antwort ein wenig gewundert, sagte mir aber, daß Fontane schon über 70 sei. Inzwischen bin auch ich ein wenig älter geworden und der Anschauung meines Freundes und Theodor Fontanes ein wenig nähergerückt. Neben der üblichen Tagesmüdigkeit, die am Morgen nach gesundem Schlaf wieder geschwunden ist, sammelt sich in uns mit zunehmenden Jahren eine andere Müdigkeit. Ich meine, was mich betrifft, nicht Lebensmüdigkeit. Ein Altersleben wie Goethe, Schopenhauer, Wilhelm Raabe, der mir selbst gestand, daß er sich seines Alters freue, würde ich gern noch lange führen. Aber die Menschen, die Menschen sind ein angreifender, ermüdender Umgang, und man freut sich, wenn man sich am Abend ganz von ihnen zurückziehen und sie vom Bett aus lieben kann. So bin ich denn auch mit der Zeit ein ehrlicher Bewunderer des Bettes geworden. Ein anderer Bewunderer dieser Einrichtung meinte einmal: »Die größten Erfinder und Wohltäter der Menschen sind unbekannt. Gibt es eine genialere Erfindung als das Bett? Und wer kennt und rühmt seinen Erfinder?« Nun, das dürfte auch schwer halten. Diese Erfindung ist so genial, daß sie einer auf einmal gar nicht machen konnte. Diese Erfindung ist vermutlich überhaupt keine Erfindung, sondern eine Reihe von Entdeckungen. Der Urmensch war zu genialen Erfindungen vermutlich nicht aufgelegt, und vermutlich schlief er zunächst, als Jägersmann in der Regel im Besitz der erforderlichen »Bettschwere«, platt auf dem Erdboden, wie ich als Junge an heißen Sommertagen, wenn ich »Jäger und Hund« gespielt hatte, mich platt auf den Bretterfußboden warf und ohne Kopfstütze wie ein Dachs schlief und wie ein Gott träumte. Ich war ja noch jünger als Jakob auf der Wanderschaft und träumte, auf jedem Steine schlafend, von Himmelsleitern. Aber das merkte auch der Urmensch schon bald, und wär' es nur der Pithecanthropus von Java gewesen, daß es sich auf Gras, Laub oder Moos angenehmer schlafe als auf Steinen; das begriff er schon mit der Rückseite, ohne Bemühung des Denkorgans. So war als erster Teil des Bettes die Unterlage erfunden oder entdeckt. Daß man sich gegen Kälte durch Bedeckung schützt, wußte der Urmensch schon von seiner Kleidung her; der Gedanke der Bettdecke war also verhältnismäßig einfach. Vielleicht war die Bettdecke vor der Körperbekleidung da; das zu entscheiden, überlaß ich den Goethe-Philologen. Als der Mensch auf seinem Lager durch Schlangen oder sonstiges Gewürm belästigt wurde oder als ihm der Erdboden eines Tages zu feucht war, kam er auf den Gedanken, seine Ruhstatt durch Stützen über den Boden zu erheben; das war der Anfang der Bettstelle. Und als der Erfinder des Weines zu einer Nachtzeit aus dem Bette gefallen war, gab er der Bettstelle Wände, zunächst Seitenwände, dann, als er Kälte an den Füßen fühlte, die Fußwand, um der Bettdecke einen Halt zu geben; warum er später die Kopfwand hinzufügte, weiß ich nicht. Ebenso weiß ich nicht, warum er den Kopfpfühl erfand; die Vierfüßer schlafen noch heute, wenn sie sich legen, ohne solchen Pfühl. Als Junge, wie gesagt, als ich den Vierfüßern noch näher stand als jetzt, brauchte ich auch kein Kopfkissen. So gering man sich auch die geistigen Fähigkeiten des Urmenschen vorstellen mag – schon der Pithecanthropus war viel zu begabt, um das Himmelbett oder den Alkoven zu erfinden und sich von der Luft abzuschneiden. Dies war einer höheren Entwicklungsstufe vorbehalten. Was mich betrifft, so mache ich gern den Weltraum zu meinem Schlafgemach, die Steine zu meinen Nachtampeln, die windbewegten Bäume zu meinen Fächern und die Nachtigall zu meiner Kammersängerin, indem ich zur Nachtzeit ein Fenster offen lasse. Es ist ein angenehmes Gefühl, solchermaßen bei Mutter Grün in einem richtigen Bett zu schlafen. Und ich bin glückselig, daß ich um mein Bett nicht einmal den dünnsten Gazeschleier zu ziehen brauche, weil es in unserm Klima nur zweibeinige Moskitos gibt, die in mein Schlafzimmer nicht hineingelangen. Wer sich von dem Urbett des Urmenschen eine deutliche Vorstellung oder sagen wir lieber: einen unvergeßlichen Eindruck verschaffen will, der suche gewisse Hotels auf, wo sich jenes Bett noch erhalten findet. Nur daß jenes vorgeschichtliche, paläontologische Bett wahrscheinlich doch noch etwas bequemer war, weil er, der es machte, selbst darauf liegen mußte. Ich habe in meinem Leben in sehr vielen verschiedenen Betten schlafen müssen und habe das bei meiner hohen Begabung in diesem Punkte auch fast immer fertig gebracht; aber in einigen lieben Gasthöfen des In- und Auslandes habe ich doch auch Betten gefunden, die ausschließlich »zum Wälzen«, aber dabei gar nicht komisch waren. Wenn mein Wanderfreund beim Zubettgehen die Luft mit Wollustgebrüll erfüllt, so glich ich in solchen Nächten dem sophokleischen Philoktet, der nach Lessing ein Beweis dafür ist, daß man Held sein und dennoch heulen und jammern kann. Wenn ich endlich eine erträgliche Lage gefunden hatte, war es immer Zeit zum Aufstehen. Sprichwörtlich gilt es als Gipfel der Unannehmlichkeit, bei einem nassen Regenschirm zu schlafen. Gewisse Hotels suchen diesem Ideal durch feuchte Bettwäsche nahezukommen, und zwar mit Erfolg. Nie in meinem Leben vergesse ich das Bett, das ich einmal als Soldat im Manöver besteigen mußte. »Es war was besser als von Mist,« würde der scharmante Mephisto sagen, d. h. es war sauber; das war aber auch das einzige Gute, was man ihm nachsagen konnte. Es war so schlecht, daß es selbst von den Wanzen verschmäht wurde. Als Unterlage diente ein auf dem Fußboden liegender Strohsack, der offenbar versehentlich statt mit Stroh mit Stachelschweinen gestopft war; das Kopfkissen war ein schlecht verhüllter Granitblock. Dabei erfüllte den Bretterverschlag unterm schrägen Dach, der einem deutschen Krieger als Obdach dienen mußte, ein atemraubender Geruch; man hatte nämlich so viel junges Heu in meinen Schlafraum gepackt, daß ich an eine Verwechslung glauben mußte; mir war es jedenfalls zu viel. Als ich mich stundenlang gewälzt hatte, fiel mir ein, daß ein Kamerad mir aus Dankbarkeit ein Fläschchen Schnaps gekauft und zugesteckt hatte, mit der beschwichtigenden Bemerkung, einen »Schluck« könne ein Soldat immer brauchen. Obwohl ich eigentlich einen Widerwillen gegen Schnaps hatte, hieß ich doch jetzt den Schlafbringer willkommen und leerte in einer Viertelstunde das ganze Fläschchen. Indessen das Bett war stärker als der Schnaps, und ich mußte mich ungeschlafen erheben. Unten im Stübchen meiner Wirte gab es dann auch noch Kaffee. »Kaffee ist ein aufregendes Getränk, wenn er schlecht ist,« pflegte ein witziger Freund von mir zu sagen. Dieser war aufregend, nein: aufpeitschend. Gleichwohl konnte ich den guten Leuten nicht böse sein; sie waren arm und gaben, was sie hatten. Sie entließen mich mit freundlichem Abschied und riefen mir nach: »Auf Wiedersehn! Halten Sie sich munter! « Dafür habe ich aber einmal in einem Fürstenbett geschlafen, im Bett eines großen, gewaltigen Fürsten. Es war an Bord eines großen Schiffes, und der Führer dieses Schiffes wollte durchaus, daß ich in den Prunkgemächern, die sonst dem Fürsten vorbehalten waren, wohne, schlafe und frühstücke. (Ich betone das ausdrücklich, weil sonst im freiesten aller Länder einer aufsteht und sagt, ich hätte um ein Fürstenbett gebuhlt.) Habe ich gesagt, ich hätte in diesem Bett geschlafen? Das Wort muß mir unbedacht entschlüpft sein. Das Schiff mußte die ganze Nacht hindurch laden oder löschen, und kaum hatte ich mein müdes Haupt in die allerdurchlauchtigsten Kissen geschmiegt, als über mir die fürchterlichsten Ketten zu rasseln begannen. Wand an Wand mit mir schlief mein Freund mit dem Wonnegebrüll; ihn störten die Ketten nicht; im Gegenteil: er rasselte selbst und hielt jeden Vergleich mit ihnen aus. So tat ich denn auch diesmal kein Auge zu und schlief im Fürstenbett genau so viel wie in jenem Manöverbett. »Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt.« Du meinst, guter Leser, wenn der Fürst selbst in jenem Bette gelegen hätte, würden keine Ketten gerasselt haben? Physische gewiß nicht, lieber Freund: aber vielleicht seelische? Und die seelischen rasseln fürchterlicher. Wobei ich dir allerdings zugebe, daß es Fürsten gegeben hat, die einen gefährlich guten Schlaf hatten. Nein nein, es schläft sich schon am besten im eigenen Bett, wobei ich als »Reiseonkel« auch an das bezahlte Hotelbett denke. Und zwar in diesem Augenblick an ein unvergeßliches Bett in München, dem hier ein zärtliches Gedenken zu weihen, einfache Pflicht der Dankbarkeit ist. Es war das üppigste, weichste, schmeichlerischste Bett meines Lebens; wäre ich Orientale, ich würde es einer liebeglühenden Geliebten vergleichen, die uns mit Lilienarmen an den schwellenden Busen, an die flaumige Pfirsichwange zieht und gar nicht wieder entlassen will. Es war ein gefährliches Bett, eine Kirke, die mich bei längerem Umgang in ein Faultier verwandelt hätte; schon am ersten Morgen nach dem Erwachen ertappte ich mich darauf, daß ich das Lustgeheul meines Freundes ausstieß: »Ai – ai – ai – ai – aiiiii . . ! !« Wenn ich nicht irre, ist dies der Ruf des Faultieres, das in Südamerika tagelang an demselben Baume hängt und sich Laub und Früchte ins Maul wachsen läßt. Ich ließ mir denn auch das Frühstück ans Bett bringen. Ja, es war ein zauberisches Bett; ich komme von dem Vergleich mit der Geliebten nicht los; wie ein holdseliges Weib war es liebewarm und doch nicht erdrückend, nicht erstickend. Ihr kennt alle das Bauernbett: auf einen Ossa von Unterbett türmt sich ein Pelion von Oberbett, unter dem der arme, empfindsame Stadtmensch daliegt wie ein Veilchen in der Blumenpresse, so daß ihm der letzte Saft aus den Poren quillt. Nein, diese Decke erweckte genau die köstliche Wärme, deren der Ruhende bedarf, und war doch so leicht wie ein Gewölk. Ich mußte mich losreißen aus diesem Sybaris; es wäre mir sonst ergangen wie den Truppen des Hannibal auf Capua. In meiner Naturgeschichte heißt es vom Faultier: »Es ist äußerst träge, beharrt stumpfsinnig in gleicher Stellung; seine Sinne sind stumpf, und besonders das Auge ist blöde und ausdruckslos. Seine geistigen Fähigkeiten sind gering.« Ich stellte ähnliche Symptome bei mir fest und reiste ab. Überdies sagte ich mir: Diese Geliebte ist feil; morgen wälzt sich vielleicht ein schmieriger Kriegswucherer oder ein Hochstapler oder Clemenceau in ihren Armen – pfui Teufel. Das ist zwar bei jedem Hotelbett so; »von diesem aber tat mir's weh.« Ich fuhr nach Hause und – o heimisches Bett, o häusliches Bett, o Bett aller Betten! Du magst treulos in der Ferne geschweift haben so oft und so lange du willst – es ist dasselbe geblieben; es empfängt dich wie ein ewiger Hort der Treue: du kennst es, und es kennt dich; es nimmt dich mit selbstverständlicher Gastlichkeit schweigend in den Arm, oder wenn es quietscht, so quietscht es »Hihi« oder wenn es knarrt, so knarrt es: »Na? Wieder da?« und alles ist gut. Wahrscheinlich wird es quietschen und knarren, weil du dich am ersten Abend in das heimische Bett hineinwirfst, hineinschleuderst wie der nach dem Bade lechzende Mensch in die Wasserflut. Theodor Fontane pries es als einen Vorzug seines Bettes, daß es eine »Kuhle« aufwies, die er durch jahrelanges fleißiges Bemühen hineingelegen hatte und die er schmerzlich vermißte, als seine Matratze neu aufgepolstert war. Er war also ein Stillieger. Ich bin darin glücklicher; ich habe auch nachts und im Schlaf Temperament. Und was vermag das Bett Köstlicheres zu bieten als Räkeln und Wälzen, wenn es freiwillig geschieht? Den eigentlichen Schlaf genießt man nicht, weil man ohne Bewußtsein nicht genießen kann; aber wachend oder im Halbschlaf die Knie unters Kinn ziehen oder sich strecken, daß Mensch und Bettstelle in allen Gelenken krachen, oder das rechte Bein anziehen und das linke strecken, oder das linke anziehen und das rechte strecken, oder mit Armstrecken vorwärts Rumpf beugt! oder mit Armstrecken aufwärts linkes Bein spreizt! machen usw. usw. und das alles in der Rückenlage, in der Seitenlage links, in der Seitenlage rechts und in der Bauchlage ausführen – das ist Leben! Es ist auch eine einseitige Auffassung, daß der Mensch immer in der Längsrichtung des Bettes schlafen müsse. Ich habe eine ganze Reihe von Kindern, die grundsätzlich in der Querachse des Bettes zu schlafen pflegten, wenn auch wichtige Teile des Körpers unbedeckt blieben, oder, wenn sie schon die Längsachse benutzten, mit dem Kopf am Fußende lagen. Wir fanden sie in allen erdenklichen Lagen und Verdrehungen, als Ballen, als Kränze, als Fragezeichen, als Winkelhaken, auch kniend, mit tief nach vorn gesenktem Haupt und hochragendem Hinterteil wie betende Moslemin; was aber jedenfalls vermieden war, das war die normale Lage. Ich habe sie oft beneidet; denn ich als Junge war in meiner nächtlichen Bewegungsfreiheit stark behindert durch einen Bruder, mit dem ich mein schmales Kinderbett teilen mußte und der meinen nächtlichen Ausflügen fühlbaren Widerstand entgegensetzte. Und doch! Und doch! Mein Kinderbett! O mein Kindheitsbett! Was ich auch von der Münchener Kirke und von meinem häuslichen Bett geschwärmt haben mag – mit meinem Kinderbett können sie sich nicht vergleichen! Ich hätte mich getrost mit voller Kleidung hineinlegen können: kein Mensch würde danach an meinem Anzug eine »Feder« entdeckt haben. Auch Sprungfedern hatte es nicht; die Unterlage war wohl nur eine hartgelegene Seegrasmatratze; aber zwischen dieser harten Unterlage und meinem Körper lag ein wunderbares Luftkissen, geschwellt von dem Frühlingswind, der die tausend Segel meiner Jugend blähte, mich in tausend und abertausend Nächten und Tagen aufwärts- und vorwärtstrug, so daß ich schlief und träumte, wie von ewigen Wolken getragen! Wie gern streckt' ich mich auf dieses Lager nieder; morgen kam ja wieder ein Tag und eine Sonne, und noch viele, viele unzählige Tage und Sonnen würden kommen und immer schönere Tage, immer hellere Sonnen, immer noch schönere, immer noch hellere! Im anderen Zimmer saßen oft noch Eltern und Geschwister arbeitend bei der Lampe; ein freundliches Wort flog von ihnen zu mir, von mir zu ihnen, und sie mochten plaudern, so laut sie wollten, und die Lampe mochte scheinen, so hell sie konnte, ich liebte es, unter lauten Grüßen des Tages und des Lebens hinüberzusinken in die Nacht und den süßen scheinbaren Tod. Und diese Gewohnheit hat sich bei mir erhalten. Viele, ich glaube die meisten Menschen müssen tiefstes Dunkel und Grabesstille um sich haben, um einzuschlafen; selbst Furchtsame haben diese Gewohnheit. Ich lasse mir noch heute gern durch einen freundlichen Lichtschein und ein gutes Wort über die Schwelle des Schlafes leuchten und falle gern vom Traum des Tages in den Traum der Nacht. Darum pflege ich auch ein Buch mit ins Bett zu nehmen. Im Bette lesen – die Wonne vieler Leute, namentlich junger! Und doch für alle Menschen mit gesundem Schlaf eine gefährliche Unsitte! Scheucht nicht den Schlaf von euren jungen Augen; es kommt die Zeit, da ihr ihn ruft und der Beleidigte nicht kommt! Zwanzig, dreißig Zeilen vom älteren Goethe, aus Hebbels Tagebüchern, aus dem Don Quichote, von Gottfried Keller, von Mörike, aus einem guten, stillen, nachdenklichen Buche – so gehe ich an treuer Hand in die Nacht, die keines Menschen Freund ist. Nein, keines Menschen Freund; denn wenn du erwachst in der Nacht, sind plötzlich deine Leiden, deines Volkes Leiden, der Welt Leiden siebenfach so groß wie sonst, und es kann geschehen, daß du deine lieben, warmen, weichen Kissen mit einem Fußtritt von dir schleuderst und aufspringst und denkst: Wirken, wirken, schaffen, handeln und nicht schlafen! Wie kannst du schlafen! – Und doch mußt du schlafen, wenn du wirken willst ... Einmal in meiner Kindheit hab ich auch in einem Federbett gelegen: als ich krank war. Die Mutter deckte mich bis ans Kinn zu und befahl mir strengstens, die Arme unter der Decke zu lassen, was mir noch heute unmöglich ist. Und dann kam zunächst etwas sehr Schönes: heiße Milch mit vielem, vielem Zucker, die ich so heiß wie möglich trinken mußte. Und dann kam das dicke Ende: Schwitzen. O Himmel! Ich hab' es, glaub' ich, schon irgendwo einmal gesagt: am Pol könnte ich leben, am Äquator nur sterben. Wenn ich als Junge an die Hölle dachte, wurde ich plötzlich artig. Jetzt lag ich unterm Äquator – o du grundgütiger Heiland! Ich schwitzte Niagarafälle; aber meiner Mutter war es immer noch nicht genug; sie stopfte mir die Kissen noch etwas fester um Leib und Hals und paßte schändlich auf, daß ich keinen Arm unter der Decke hervorzöge. O du fürchterliches Bett, o du Hölle von einem Bett! (Als ich einmal bei einem Freunde zu Gaste schlafen sollte und gerade die Beine unter die Bettdecke streckte, fuhr ich entsetzt zurück. Etwas Warmes lag in meinem Bett! Ich schlug die Decke zurück und mußte lachen wie selten in meinem Leben. Die Frau meines Freundes – ein Wunder an Herzensgüte! Ich küsse ihr über Täler und Berge die Hand! – hatte mir eine Wärmflasche ins Bett gelegt! Das mir! einem jungen Kerl von 50 Jahren! Mir das, der ich im grimmigsten Winter in ungeheiztem Zimmer schlafe, die Arme auf der Decke! Das mir, einem Dichter, an dem ein berühmter deutscher Kritiker immer vor allem die »Wärme« gepriesen hat!...) Aber es half alles nichts; ich mußte nicht bloß einmal schwitzen, sondern noch einmal und noch einmal; die heiße Mutterliebe ließ nicht nach, bis alle Teufel der Krankheit ausgetrieben waren, und dann durfte ich mit befreiten Armen im Bett liegen, durfte aufrecht darin sitzen und spielen. Und nun wurde das Bett wieder mein Freund. Wenn ich eins meiner Knie hochstellte, so war die Bettdecke auf einer Seite ein hoher Berg und auf der andern ein tiefes Tal, und alles lag in tiefem Schnee. Und meine Soldaten standen im Tal, und der Feind stand auf der Höhe, und meine Armee stürmte den Berg und eroberte die Kuppe und stürzte den Feind in den Abgrund. Und mein Eisenbahnwägelchen rollte mit wunderbarer Geschwindigkeit von Berg zu Tal. Oder ich ließ mir die Puppen von meinem Puppentheater bringen und stellte Fra Diavolo auf den Gipfel des Berges und sang ganz leise: »Seht dort auf Felseshöhen Den kühnsten aller Räuber stehn, Fest gestützt auf sein Gewehr; Drohend flammt sein Blick!« oder Geßler lag erschossen im Tal, und Tell stand oben und rief: »Du kennst den Schützen, sucht keinen andern! Frei sind die Hütten, sicher ist die Unschuld Vor dir; du wirst dem Lande nicht mehr schaden!« und wenn dann die Sonne auf Berg und Tal glänzte, dann war das Kranksein eine schöne Sache. Jüngst, als ich nach langer Gesundheit wieder einmal krank war, fand ich es weniger schön. Die Bleisoldaten und das Puppentheater fehlten. Dafür dachte ich an unsere deutschen Soldaten und an das Welttheater. Und obschon ich krank genug war, war noch etwas Stärkeres in mir: das Bedürfnis, Augen und Ohren vor der Welt zu schließen, ja auch die Nase zu schließen; denn die Welt duftete übel. Und in meinem warmen, weißen Bett dachte ich oft und ohne allen Schrecken an das letzte Bett. Es war Sünde, ich weiß es. Als einmal ein geplagter Rekrut ausrief: »Ich wollte, ich wäre tot!« da versetzte sein Unteroffizier: »Das glaub ich, das könnte dir so passen: den ganzen Tag im Sarg liegen und nichts tun!« Das war mein Fall. Sich jetzt aus der Welt drücken, da das arme Deutschland sich plagt, und im Grabe faulenzen, das könnte manchem passen. Ich will es auch schon längst nicht mehr. Die Krankheit wich langsam, und die Besinnung kam langsam zurück. Und in solchen Tagen der Genesung und Besinnung plaudert man viel mit seinem Bett. Es wird zum innigen Vertrauten, und man spricht mit ihm, was man nie zu einem Menschen gesagt hat, auch nicht zu dem vertrautesten, ja auch nicht zu sich selbst. Man überlegt mit ihm, ob man wirklich schon imstande sei, das Lebensgeschäft mit einer anständigen Abrechnung aufzulösen. Und ein gutes Bett hat eine schlechte Akustik; es plaudert nichts weiter. Und als ich dann immer etwas gesünder wurde, da fing das Bett an, einer Geliebten zu gleichen, die von Zeit zu Zeit sehr lieb und angenehm sein kann, die aber lästig wird, weil sie gar nicht loslassen will. Und endlich blieb mir nichts andres übrig als ein sanfter Bruch. Ich sagte: »Es tut mir unendlich leid – ich werde dich nie vergessen – ich bin dir ewig dankbar – ich kehre auch immer wieder zu dir zurück – aber jetzt möchte ich endlich einmal auf eigenen Füßen stehen und mir Bewegung machen. Allzuviel Ruhe ist ungesund.« Der Dualismus von Ruhe und Bewegung, der Rhythmus, der Pulsschlag des Lebens ist schon eine herrliche Erfindung Gottes. »Im Atemholen sind zweierlei Gnaden: Die Luft einziehn, sich ihrer entladen. Jenes bedrängt, dieses erfrischt; So wunderbar ist das Leben gemischt. Du danke Gott, wenn er dich preßt, Und dank' ihm, wenn er dich wieder entläßt.« Darum sind ja die beiden Übergänge so schön: das sanfte Entschlummern, das frische Erwachen. Aber das Entschlummern ist vielleicht doch das Schönere. Für einen rechten Genießer gibt es nichts Köstlicheres als vorzeitig erwachen und nochmals einschlafen zu dürfen. Ich habe vor, mir einen Diener anzustellen, der mich gegen den Morgen hin weckt, um mir jenen erlesenen, potenzierten Genuß zu verschaffen. Da Poincarés Präsidentschaft zu Ende ist, habe ich ihn dazu ausersehen. Ich werde mich, wenn er mich geweckt hat, auf die Seite drehen und ihm die betonte Rückseite zukehren. Deutschland soll es ebenso machen und Kräfte sammeln. Denn aus der Ruhe soll es einst in Bewegung übergehen. Der Wechsel von Ruhe und Bewegung der tut's. Ich habe eine bange Ahnung, daß der Mensch in hohem Alter der einen von beiden den Vorzug gibt; aber ich will mich dagegen sträuben, solang ich's vermag. Die ewige Ruhe dauert mir auch zu lang, und ich rechne stark mit einer Auferstehung, wenn es eine »fröhliche Urständ« ist. Die Form, in der ich wiedererscheine, gilt mir gleich; denn jene Goetheschen Verse gelten von allem, was lebt, von allem, was ist. Sollte jemand das Bett für einen unwürdigen Gegenstand literarischer Behandlung halten, so will ich ihm etwas von eben jenem Goethe erzählen. Wenn er bei gewissen offiziellen Ereignissen besonders viele Besucher zu erwarten hatte, dann spielte er krank und legte sich zu Bett. Das Bett war ihm viel angenehmer als gewisse Menschen. Das hab ich mit ihm gemein. Rückkehr zur Freude Das Geschlecht der Mucker ist weiter verbreitet und mannigfaltiger geartet, als man gemeiniglich annimmt. Gewöhnlich denkt man bei dem Worte Mucker an Frömmler, d. h. an Menschen, die religiöse Gedanken, Empfindungen und Übungen gar zu reichlich und oft an falschem Orte zeigen und deren Kundgebungen mit ihrem eigentlichen, innersten Denken und Fühlen und ihrem verborgenen Handeln nicht übereinstimmen. Das letzte Merkmal gehört aber nicht notwendig zum Begriff des Muckertums; ein Mucker muß nicht unbedingt ein Heuchler, ein Tartuffe sein; es gibt jedenfalls ernste, fanatische, in ihrer Art ehrliche Mucker, wie man ja auch den Führern jener Königsberger Pietisten, von denen das Wort »Mucker« seinen Ursprung hat, ein Verschulden an den geheimen Sünden ihrer Anhänger keineswegs nachweisen konnte. Selbstverständlich ist nur, daß der Schritt von einer übertriebenen, ungesunden und schaustellerischen Frömmigkeit zur Heuchelei immer nur ein kleiner Schritt ist. Mit der religiösen Muckerei pflegt die sittliche eng verbunden zu sein; es gibt aber auch eine besondere sittliche Muckerei, die vom Religiösen unabhängig auftritt, ein Moralprotzen- und Moralphilistertum. Diese Art der Muckerei wirft sich mit besonderer Wut auf das Gebiet des Ehe- und Liebeslebens und vergißt in ihrer Lehre und in ihrem Leben, daß der liebe Gott zehn Gebote gegeben hat und nicht nur das sechste. Ich habe vielfach Leute beobachtet, die über dem sechsten Gebot namentlich das siebente und achte vollständig vergessen hatten. Unsere Geschlechtsmoral ist von solchem Muckertum stark durchseucht. Daß man »vor keuschen Ohren nicht nennen darf, was keusche Herzen nicht entbehren können«, ist ja bis zu einem gewissen Grade nur gut und recht, wenn diese Gepflogenheit nur nicht gar so leicht in die übliche Erscheinung der Prüderie ausartete und letzten Endes in die wohlbekannte Heuchelei mündete. Und da nun Venus nach dem geflügelten Worte erfriert, wenn Ceres und Bacchus sie nicht ernähren, da überhaupt dem Mucker jede Art von Freude an den guten Gaben der Welt verdächtig ist, so wendet er sich endlich mit zerstörendem Haß gegen den Lebensgenuß und die Lebensfreude überhaupt, soweit sie nicht aus den von ihm anerkannten Quellen fließen. Ich habe seit langem und wiederholt den Eindruck gewonnen, als wenn das Muckertum die Zeit des Krieges und die Zeit nach dem Kriege für seine gute Zeit erachte und die Gelegenheit günstig finde, der Lebensfreude Hand- und Fußschellen anzulegen. Wenn man ihm glauben soll, so ist in diesen ernsten Zeiten jede unbefangene, offenherzige Freude an den Sonnenseiten und Sonnentagen des menschlichen Lebens – Sonne, Blumen, Frühling und Vogellieder kehren ja auch in diesen Zeiten immer wieder! – eine Schande und ein Verbrechen. In jeder Stunde und Minute sollen wir danach der Leiden unserer Mitmenschen, sollen wir des Ernstes der Weltlage eingedenk sein. Wie sollen wir uns zu dieser Forderung verhalten? Ich glaube, die Haupt- und Grundantwort lautet wie in allen Lebenslagen: Wir sollen wahr sein. Ich will darzustellen versuchen, was ich unter diesem »Wahr sein« verstehe. Wenn man in der Öffentlichkeit steht und, obwohl man Künstler ist, gewisse Beziehungen zur Gesellschaft hat, kommt man jedes Jahr ein paarmal in die Lage, an einer Bestattung teilnehmen zu müssen, die einem nicht zu Herzen geht. Irgend ein mir menschlich gleichgültiger Schulze oder Müller ist gestorben, dem ich anstandshalber die letzte Ehre erweisen muß. Wenn ich dabei eine durchaus ernste, ja feierliche Haltung bewahre, so folge ich nicht nur einem Gebot der Erziehung und guten Sitte, es hat auch seine guten seelischen Gründe. Denn der Tod eines Menschen ist immer ein ernstes Ding; ich halte es für eine gute Sitte, vor einem Leichenwagen den Hut zu ziehen; denn im Leben des Vorbeifahrenden war sicher auch ein gutes Stück Leid, und Leid verdient Ehre. Und wenn ich den Hinterbliebenen mit einem Händedruck mein »Beileid« ausspreche, so lüge ich nicht; denn die Trauer der Nachbleibenden steht mir lebhaft vor der Seele. Den Erschütterten jedoch spiele ich nicht . Statt dessen habe ich zuweilen furchtbare Lachanfälle zu überwinden, wenn ich den Obmann der bezahlten Leichenträger, der die Honneurs macht, mit wunderbarer Tüchtigkeit den seelisch Zusammengebrochenen, für immer Vernichteten markieren sehe. Er ist mir das unbezahlbare Vorbild der bezahlbaren Nächstenliebe. Wenn ich am Sarge eines Verblichenen spreche, so werde ich schon etwas wissen, was ihm zur Ehre gereicht; vor allem suche ich alles zusammen, was die Hinterbliebenen aufrichten und erquicken kann. Aber »Er hatte keine Fehler« sage ich nicht . Als das ein Herr sagte an der Bahre eines wackeren Mannes, der so zweifellos Fehler hatte wie ich, da wurde mir körperlich übel. Man zählt am Sarge eines Menschen nicht seine Fehler auf; denn man ist nicht die Weltgeschichte; aber als anständiger Mensch sagt man nicht: »Er hatte keine Fehler.« Man ist wahr . Wie zu Begräbnissen, so muß man zuweilen zu Jubiläen, goldenen Hochzeiten, Rangerhöhungsfestlichkeiten und dergl. gehen und Glück wünschen, ohne daß man von den Verdiensten der Gefeierten unbedingt überzeugt wäre. Ich lüge nicht, wenn ich einem Jubilar Glück wünsche; denn eigentlich wünsche ich allen Menschen Glück. (Wenn ich dem einen oder andern gelegentlich eine Tracht Prügel wünsche, so ist das auch nur zu seinem Glück gemeint, und wenn er ihr entgeht, so grolle ich deshalb nicht mit dem Schicksal.) Soll ich auf den Gefeierten reden, ohne daß ich ihm etwas Gutes sagen könnte, so erkläre ich, daß für diese Aufgabe weit würdigere Männer in Betracht kämen. Wenn du bei solchen Anlässen redest, lieber Leser, dann sollst du wissen, daß du dem Gefeierten mit gutem Gewissen etwas Freundliches sagen kannst. Sage es ihm auf die freundlichste und angenehmste Weise; aber datiere nicht, wie es üblich ist, von seinem Auftreten die Weltwende zum goldenen Zeitalter hin, das noch gar nicht da ist; sage nicht, daß er die Verdienste und Eigenschaften Julius Cäsars, Martin Luthers, Goethes, Hindenburgs, Beethovens und Justus Liebigs in sich vereinige. Ich will um Gottes willen nicht sagen, daß du an Feiertagen mit einem Rezensentengesicht unter den Menschen einhergehen sollst, oder mit dem Gesicht eines Schulpedanten, der fest überzeugt ist, daß er zu bestimmen habe, ob seine Mitmenschen 2–3 oder 3–4 oder 5 verdienen. Ich habe es schaudernd miterlebt, wie ein aufgeblasener Literaturprofessor am 70. Geburtstag eines Dichters in dessen Gegenwart eine »Festrede« hielt, die im Grunde darauf hinauslief, daß mit dem Gefeierten nicht viel los sei. So ist das »Wahr sein« nicht zu verstehen. Er konnte sich seine Kritik für seine Vorlesungen sparen; auf einem Feste hatte er die Pflicht, wahr und liebenswürdig zu sein. Gewiß: Das findet sich nicht oft zusammen, aber es muß ja auch nicht oft geredet werden. Ich glaube, nun deutlich gemacht zu haben, was ich unter dem »Wahr sein« verstehe. Wie ist das Gesagte auf unser heutiges Betragen anzuwenden? Wie wir uns zu den gegenwärtigen Leiden unserer Mitmenschen, zu den Schicksalsfragen dieser Zeit stellen sollen – ich glaube, darüber brauchen wir uns nicht zu unterhalten. Wie dürften wir auf den Namen »Mensch«, auf den Namen »Deutscher« Anspruch erheben, wenn wir diese Leiden nicht fühlten, den Ernst dieser Fragen nicht begriffen? Das häßliche Wort »Abstumpfung« findet auf uns keine Anwendung. Das Verhältnis unseres Herzens zu dieser gewaltigsten und elendesten Zeit der Menschheitsgeschichte kann sich nicht ändern. Unser Mitleid ist stiller, aber darum nicht tatlos, unser Ernst, unsere Begeisterung für Deutschlands Zukunft sind gefaßter, beherrschter, aber darum nicht matt und müde geworden. Wahr aber ist, daß ein ununterbrochener Ernst, ein unausgesetztes Leidgefühl eine seelische und körperliche Unmöglichkeit sind. Wahr ist, daß neben dem strengen Ernst die Heiterkeit, neben dem schwersten Leid die Freude, neben der tiefsten Trauer der Frohsinn ein unverlierbares Naturrecht hat. Dieser Rhythmus des Herzens ist so natürlich wie der Rhythmus der Atmung, des Pendels, des Kolbens im Zylinder, wie der Rhythmus Frost und Wärme, Tag und Nacht. Und zu dieser Tatsache sollen wir uns wahr verhalten und sollen sie nicht heuchlerisch verleugnen. Es ist ein tragisch-komischer Mangel des Deutschen, daß er das nicht recht begreift und fühlt. Ich habe schon an anderer Stelle darauf hingewiesen, daß der Deutsche recht gern lacht; er muß ja lachen, wie er essen muß; aber er schämt sich des Lachens. In breiten Schichten unserer Nation herrscht mehr oder weniger das Grundgefühl, daß der Mensch eigentlich immer ernst sein müsse und daß Heiterkeit, ausgelassene Lustigkeit gar, im Grunde genommen eine unerlaubte, alle sieben Jahre allenfalls einmal entschuldbare Ausschweifung sei. So kam ein Goethe dazu, seine Deutschen »düstere Bestien« zu nennen. Ich sehe ganz ab von den überzeugten Pessimisten, denen das Weltenspiel in seiner Ganzheit eine unzweifelhafte Tragödie ist. Sie allerdings dürften nach ihrem System eigentlich nicht lachen, wie sie auch eigentlich nicht essen dürften. Aber selbst sie lachen und müssen lachen, und in ihren Systemen können sie des Humors nicht entbehren. Wieviel mehr haben die ein Recht zum Lachen, denen die Welt trotz aller Weltkriege ein Drama mit gutem Ausgang, zum mindesten mit gutem Ausblick ist, wenn nur der Blick Jahrtausende, Jahrhunderttausende überspannt? Was sollen wir also den Leuten sagen, die unser Land und Volk, die die ganze Welt vermuckern möchten um unseres Unglücks willen? Zunächst dies: Schaut zurück in die Zeit des Krieges! Was taten unsere Krieger in den Kampfpausen, wenn sie Ruhe, Sicherheit, Erholung genossen? Sie scherzten, lachten, sie gingen ins Theater, sie sangen und tanzten. Weil sie's nötig hatten, weil sie's mußten, weil sie nach Leid und Schrecken die Freude so notwendig brauchten wie das Ausatmen nach dem Einatmen. Vielleicht wendet man uns ein: Ja, die hatten auch ein Recht zur Freude, weil sie Ungeheures leisteten. Aber ich denke: die Last, die wir im Lande trugen, der Kampf, den wir kämpften, sie waren nicht so gering, daß wir verdienten, mit Entziehung des Lichtes bestraft zu werden. Weiter werden wir sagen: Tod und Wunden sind nicht das tiefste und schwerste Leid des Lebens; die Welt des Friedens hat wohl stillere, aber nicht geringere Schrecken als die des Krieges. Das Leid dieser Zeit ist nicht größer als das Leid der Welt. Wenn ihr denn so tief und lebhaft mit Welt und Menschheit fühlt, so dürft ihr auch in sogenannten »guten Zeiten« nicht fröhlich sein. Denn das ist doch gewiß: Wer sich in jedem Augenblick seines Lebens mit ganzer Kraft lebendigen Gefühls vorstellte, was die Welt an Leid und Schmerzen birgt, der könnte niemals froh sein, der müßte unaufhörlich weinen. Augen, die unaufhörlich weinen, erblinden zuletzt, so sagt man. Soll die Menschheit erblinden? Gottlob, daß dagegen gesorgt ist. Gottlob, daß der Mensch mit Federkraft begabt ist, die jede Last einmal abwirft und jedem Druck mit Gegendruck antwortet. So gewiß das Pendel nach links geht, nachdem es zuvor nach rechts gegangen, so gewiß kehrt das Menschenherz vom Leid zur Freude zurück. Nur im Tode ist es anders. An seichten, albernen, schlüpfrigen, rohen Späßen sich vergnügen, ist schon in guten Zeiten des Menschen unwürdig, und ist es in schlimmen sicherlich noch mehr. Das darf man zugestehen, ohne Mucker zu sein. Aber ist z. B. auch der Tanz ein unwürdiges Vergnügen? Scheltet nicht, wenn unsere Jugend wieder tanzt, ist doch der Tanz die eigentliche Gangart der Jugend! Und um der Jugend willen ist's ja vor allem, daß wir das Recht auf Freude verlangen! Eine Jugend ohne Freude ist eine Mannheit ohne Wärme, ein Alter ohne Abendrot. Denkt euch doch ein Mädchen, das in seinen Frühlingstagen nie getanzt hat! Von der Freude der Kindheit und Jugend ernährt sich unser ganzes Leben. Aus dem Leiden kommt die Kraft zur Freude; aus der Freude kommt die Kraft zum Leid. Freilich: wenn Deutsche tanzen und feiern in diesen Zeiten, so sollen sie es tun mit dem Schwert an der Seite und dem Helm auf dem Haupt . Wenn ihr die Welt bis in den Grund vermuckern wollt, so verbietet im kommenden Frühling und Sommer den Sonnenschein, weil er nicht zum Ernst der Zeiten passe. Angenommen, euer Verbot hätte Erfolg, so würdet ihr im Herbst kein Brot haben. Und ihr werdet kein Brot haben, wenn ihr die Freude verbietet. Und wenn ihr nicht Brot habt, werdet ihr keinen Sieg haben. Garten unterm Regenbogen Niemals bin ich ein sonderlicher Freund von Edelsteinen gewesen. Ja, ein schöner Stein an einer feinen Hand, auf einem weißen Hals oder in einem zarten Öhrchen kann wohl eine gute Wirkung tun, indem er die Schönheit des Menschenleibes hervorhebt; aber er ist doch nur ein lebloser Diener des Lebendigen, und die schöne Hand ist mir immer tausendmal lieber gewesen als der schönste Stein. Für sich allem betrachtet, ist mir auch der herrlichste Diamant eine kalte, tote Pracht, die aus meinem Herzen keinen Schlag in der Minute mehr erweckt. Dagegen stand ich dieser Tage eines Morgens plötzlich wie angewurzelt, wie festgezaubert, als ich, durchs Fenster in meinen Garten blickend, zwei, drei Edelsteine sah, wie ich sie in meinem Leben noch nie gesehen hatte. Das wunderbarste Feuer des wunderbarsten Diamanten der Welt schien mir nur ein armes Glimmen und Schwelen gegen diesen verwirrenden Farben- und Flammenstreit. Es waren ein paar Tautropfen, mit denen die Sonne ein freundliches Morgengespräch begonnen hatte. Die kleinen Tropfen waren außer sich vor Glück und Eifer und führten eine so unaufhörlich sprühende Unterhaltung, daß die geistreichsten »Causeurs« der ganzen französischen Literatur, mit diesen Tropfen verglichen, nur Tröpfe sind. Regen und Tautropfen sind Tränen des Himmels; wenn das Licht zu ihnen kommt werden sie zu lebendigen Edelsteinen. Nun gar, wenn gegen ein Gebirge von Tränen, wenn gegen eine Wand von Regenwolken das Angesicht der Sonne scheint: dann entsteht eine ungeheure Brücke aus lauter Edelsteinen, eine Brücke, die den Abgrund zwischen Erd' und Himmel überspannt, eine Brücke zwischen Tränen und Licht, zwischen Leid und Erlösung, und die Menschen rufen aufleuchtenden Auges: »O seht, ein Regenbogen!« Eine Geschichte aus grauen Menschheitstagen, eine jener wundersamen, tiefäugigen Geschichten, die man uns in Kindertagen erzählt und die wir erst im Alter hören, die, wenn wir sie nur einmal gehört, in unserm Herzen immer weiterleben, leise immer weiterraunen, bis wir sie verstehen, solch eine Geschichte erzählt uns, daß Jehova nach der Sintflut sprach: »Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.« und daß er sprach: »Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken, der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.« So wurde die Erde ein Garten unterm Regenbogen. Und das wissen wir nun seitdem: Wenn auch Haß und Verderben, Tod und Vernichtung, Schrecken und Grauen in schier endlosen Schauern und Wirbeln über die Erde dahinrasen, wenn das ganze Weltall verfinstert scheint von einem Wirbelsturm des Wahnsinns – es kommt doch wieder ein Regenbogen, es schwingt sich doch wieder eine Brücke vom Irdischen zum Himmlischen, vom Endlichen zum Unendlichen, von der Gegenwart zur Zukunft. Samen und Ernte soll nicht aufhören, und zwischen dem Herzen der Erde und dem Herzen ihres Schöpfers ist ein ewiger Bund. Seit der Aufrichtung des Regenbogens ist das Lachen in der Welt. Vor der Sintflut liest man in der Bibel nichts vom Lachen. Aber Sara lachte. Ob sie Humor hatte, weiß ich nicht; sie lachte ungläubig; der Humor ist ein gläubiges Lachen; er ist der Glaube ans Heil der Welt. Den Regenbogen, den die Sonne bildet oder der Mond, können alle Menschen sehen. Aber in manchen Menschen spannt sich ein bleibender Regenbogen vom Herzen zum Auge, vom Auge zum Herzen – von solch einem Menschen sagt man: er hat Humor. Nun will ich dich aber um alles in der Welt nicht erschrecken, mein lieber Leser, wenn du manchmal gelacht hast, ohne an den ewigen Bund der Erde mit dem Gedanken des Schöpfers zu denken. Lache du getrost über den Spaßmacher im Zirkus, der sich ein Glühbirnchen auf die Nase setzt, lache ruhig über einen schiefgeschorenen Pudel, und wenn du ein Backfisch bist, der über nichts, rein gar nichts lacht, nur, weil ihm so unsäglich wohl und jung ums Herz ist, weil er so unglaublich gesund ist – lache, lache, soviel du magst; denn dein Lachen ist wie der Jubelruf der Amsel, wie der Duft des Weißdorns und das stumme Feuer des Glühwurms ein Teil des großen Weltlachens. Du bist ein Mensch? Du gehörst zu diesem Ganzen, Ungeheuren, das sich Welt nennt? Ei, da kannst du lachen! – Nur das Lachen des Bösen, das Lachen über Leid und Kummer einer Mitkreatur – das ist ganz etwas andres, das ist ein ausschließliches Vorrecht des Teufels. Es ist ja auch zu bedenken, daß alles Lachen sofort verdorren würde, wenn es jedesmal einen Berechtigungsschein von der höchsten Behörde vorzeigen müßte. Tristram Shandy erzählt bekanntlich, daß im Augenblick innigsten Liebestausches seine Mutter seinen Vater gefragt habe, ob er auch nicht vergessen habe, die Wanduhr aufzuziehen. Wie diesem armen Manne, so würde es uns allen zumute sein, wenn ein festangestellter Heiterkeitspolizist uns mitten im Lachen fragte: »Lachen Sie auch philosophisch?« Freilich kann man auch zu leicht und zu viel lachen, das ist nicht zu leugnen; jeder muß halt sein Maß wissen, daß er nicht zum Narren werde. Zum guten Lachen gehört ein eingeborenes Taktgefühl; wer so lacht, daß er aus dem Takt des Weltgesanges herausfällt, der ist ein Narr, und ein Narr ist fast so schlimm wie ein Würdespießer. Die ästhetische Obrigkeit in Deutschland hat es nicht an Bemühungen fehlen lassen, durch Humorgendarmen den dichterischen Frohsinn auf ein verständiges Maß herabzustimmen und dafür zu sorgen, daß die literarische Heiterkeit ernsthaft bleibe und beschränkt werde. Sie hat aber nicht viel damit erreicht. Wie die Kinder Israel in Ägypten sich nur um so einiger mehrten, je ärger sie unterdrückt wurden, oder wie die Kamille nach der Behauptung des guten Sir John Falstaff »nur um so schneller wächst, je mehr sie getreten wird«, so ist der deutsche Humor nur um so üppiger gewachsen, je heftiger er geprügelt wurde. Es muß wohl daran liegen, daß er der Humor ist und die Humorgendarmen mit dem Würdespieß humoristisch nimmt. In der Tat: der deutsche Humor ist in solcher Fülle gediehen, daß man tausend Sammelbücher damit füllen könnte, wenn – ja, wenn das nötige Papier vorhanden wäre. Da muß ich eine Geschichte erzählen. In den Schulen wurde einmal Altmaterial für den Krieg gesammelt, nämlich: Papier, Sektflaschen, Rotweinflaschen, Literflaschen, Weißweinflaschen, Wasserflaschen, dänische Milchflaschen, große Medizinflaschen, kleine Medizinflaschen, Weißblechdosen, Sektkorke, ganze Weinkorke, kleine Korke und Bruchkork, Frauenhaar, Kupfer, Zink, Blei, Gußmetalle und Verschiedenes. Für jede Sorte, die der Schüler ablieferte, bekam er eine Quittung; wenn er sieben verschiedene Dinge brachte, bekam er sieben Quittungen. Der Klassenlehrer hatte eine Kolossalfolio- Liste mit all jenen Rubriken, und in die trug er jeden Beitrag ein, z. B. Friedrich Schiller: 1 Sardinendose – Guthaben 0,005 Mark. Unten auf der Seite zählte er alles zusammen und fuhr auf der nächsten mit dem Übertrag fort. Natürlich wurde diese Kolossalfolio-Liste doppelt angefertigt. Aus allen Klassen gingen diese Listen an den Sammelleiter, und der übertrug ihre Ergebnisse in ein fingerdickes (man muß aber an einen Schwerarbeiterfinger denken) Listenbuch, z. B. Klasse V: 200 g Gummiabfälle – Guthaben 0,04 Mark usw. Die Zahlen und Namen dieses Kolossalfolio-Listenbuches kamen dann in eine Liste C, in der die Gesamtforderungen der Ablieferer verzeichnet wurden, z. B. Samuel Bleichröder: Guthaben 0,73 Mark usw. Außerdem erhielt jeder Lehrer zu den Listen einen Führer durch die Listen, eine Anweisung von 12 engbedruckten Folioseiten, damit er wisse, wozu die Listen zu gebrauchen seien und sie nicht etwa anders verwende. Das war dann alles. Nun, mein lieber Leser, da bei der Sammlung unmöglich so viel Altpapier eingehen konnte, wie neues verbraucht wurde, so wirst du begreifen, daß für das nationale Gelächter auch nicht annähernd die erforderliche Papiermenge übrigblieb. Das Papier würde vielleicht reichen, wenn immer nur das Modernste gedruckt würde. Das aber ist leider noch nicht erreicht. Es wird immer noch Altmodisches gedruckt, z. B. Naturalistisches, Romantisches, ja: Klassisches! Wir haben leider noch kein Gesetz, welches bestimmt: »Bis zu dem und dem Datum darf romantisch gedichtet werden; danach nicht mehr. Mit dem 1. Januar neunzehnhundertundsoundso beginnt die neue Richtung. Personen, die nach dem genannten Tage noch bei romantischer oder gar klassischer Dichtung betroffen werden, haben Internierung in einer Idiotenanstalt zu gewärtigen.« Es gibt tatsächlich heute noch Dichter, die ihren Helden sagen lassen: »Ich liebe dich« statt »Deine roten Wirbel schlitzen meine Seele« oder »Meine Rosse liegen in der Wiege und singen« oder so. Wir wissen, es handelt sich bei solchen Dichtern um arme, bemitleidenswerte Blödsinnige, die man nicht frei umhergehen lassen sollte; aber es fehlen alle gesetzlichen Handhaben, um dergleichen Menschenschund verschwinden zu lassen. Unsere Literatur zeigt immer noch ein unaufhörliches In- und Durcheinanderwogen der mannigfaltigsten Bildungen, und so hat es sich leider noch immer unmöglich erwiesen, zwischen Altem und Neuem eine »reinliche Scheidung« herbeizuführen. Es ist leider nicht zu vermeiden, daß noch bei währendem Regenbogen ganz neue Sonnengulden in den Garten fallen, und daß, wenn kaum das siebenfarbige Stirnband der Welt verblaßte, die alten Sterne wiederkommen. Meine Hoffnung ist, daß es Menschen gibt, die von allen diesen Dingen: von Gartenlust und Sonnengulden, von Regenbogen und Sterntalern nie genug bekommen und deshalb immer wieder nach deutschen Humoristen verlangen, schon um deswillen, weil von allen Menschen gerade die Humoristen die ernsthaftesten sind. Sterntaler und Sonnengulden Der deutsche Humor wird noch immer ausgezahlt in Sterntalern und Sonnengulden. Was Sterntaler sind, weiß jedermann. Wenn man von aller Welt verlassen und dennoch gut und fromm ist, fromm im allerhöchsten und allerschönsten Sinne, und den Armen sein Letztes hingibt, auch sein letztes Hemd, dann fallen die Sterne vom Himmel und sind lauter blanke Taler. Und obwohl man sein letztes Hemd dahingegeben hat, hat man doch eins von allerfeinstem Linnen an, und dahinein sammelt man die Taler und ist »reich für sein Lebtag«. Freilich: die meisten Menschen nehmen diese Taler nicht in Zahlung und geben nicht Brot, nicht Kleid und nicht Wohnung dafür; aber dafür tragen sie sich sehr leicht; man kann die ganze Summe überall mitnehmen, und reich ist man und bleibt man. Immerfort fallen solche Taler vom weiten deutschen Himmel, und wenn der Leser nicht reich wird, so liegt es wohl nur daran, daß er noch nicht gut und fromm genug ist. Auch was Sonnengulden sind, weiß jedermann. Sie sind leichter zu haben als die Sterntaler, weil die Sonne näher ist als die Sterne; jeder gesunde und harmlose Mensch, der an einem rechten Sommertage in einer grünen Laube sitzt, sieht die flimmernden Goldgulden überall auf Tisch und Bank und Boden liegen, ja sie fallen ihm wohl von selbst auf die Hand, und wenn er die Hand umdreht, in die Hand. Man mag davon aufraffen und in den Herzkammern aufhäufen, soviel man will, der Zauberschatz bleibt immer unvermindert. Allerdings: bei vielen Menschen haben auch die Sonnengulden keinen »Münzfuß« und keine »Währung«; aber wer sie aufnimmt, ist dennoch reich für eine Stunde, vielleicht für einen Tag, wenn er Glück hat, wohl gar für Wochen. Von Sterntalern wie von Sonnengulden wimmelt's, wie in der weiten Welt, so in der deutschen Dichtung, und wenn der Leser nach dem Lesen solcher Dichtung nicht als ein Mensch von Vermögen aufsteht, dann kann es nur daran liegen, daß er Hand und Herz nicht aufgetan hat. Ja, das muß vor allem gesagt werden: Wer in den Himmelssaal voll Sterntaler und in die Laube voll Sonnengulden hineinwill, die der deutsche Humor erbaut hat, der muß außer dem Tribut an den Herrn Buchhändler noch ein hohes Eintrittsgeld – »ein Extradouceur« pflegen die Gaukler zu sagen – von mehreren Talenten erlegen. Und das größte von diesen Talenten ist ein offener Sinn. Wer mit einer bittern Zunge kommt, für den sind alle Schüsseln bitter. »Wenn das Herz nicht lachen will, So hilft kein Münchhausen und kein Till.« Die hohen und höchsten Herrschaften, die den fröhlichen Olymp der deutschen Dichtung bevölkern, verlangen Wohlwollen vom Leser, das heißt nicht, daß er sich ein lustiges X für ein trübseliges U machen lassen soll, sondern das heißt: er muß wohl wollen , wenn er nur kann . Manchmal, wenn ich ausgehe, seh' ich weit und breit kein schönes Frauenangesicht, und jede Leserin wird sich mit Recht sagen, daß das nur an mir liegen kann. Ein andermal begegnen mir auf Schritt und Tritt die liebsten, süßesten, entzückendsten Frauen und Mädchen. Das liegt dann natürlich an den Frauen und Mädchen. So, wenn der Leser bei deutschen Humoristen nichts Herzerquickendes finden kann, liegt es unfehlbar an ihm, und so, wenn er eitel Lust und Freude aus ihnen schöpft, liegt es unzweifelhaft an den Humoristen. Ich sehe da nun einen sehr ernsthaften Mann auf mich zukommen und höre ihn fragen, wo in der deutschen humoristischen Literatur die Sterntaler, die aus Siriusfernen kommen, und wo die Sonnengulden, die nur von unserm lumpigen Fixstern herrühren, wo, mit andern Worten, das Schwergewichtige und wo das Leichtere zu finden, kurz: wie die deutsche Literatur geordnet sei. Ja – das ist nun ein Schlimmes an deutscher Dichtung und deutschem Humor, daß sie nicht »nach Materien geordnet«, daß sie eigentlich nicht einmal chronologisch geordnet sind. Das ist ja auch das Fürchterliche am Wald, daß er nicht »nach Materien geordnet« ist und auch nicht chronologisch, daß die alten Eichen und die jungen Brombeeren wild durcheinander stehen. Aber Ordnung muß sein, darin hat der ernsthafte Mann ganz recht, und so schlag ich ihm die straffe und starre Ordnung des Alphabets vor. Da nun die Menschen – leider – nicht in alphabetischer Reihenfolge geboren werden und ein Zschokke vor einem Arnim auf die Welt kommt, so kommt dabei freilich heraus, daß Eichendorff neben Eulenspiegel, Haug neben Hebel, Rabener neben Raimund, und Schlippenbach, der Dichter der herrlichen Verse »'n Kerl wie Samt und Seide, Nur schade, daß er suff«, neben Schiller zu stehen kommt. Das ist dann ja freilich eine ordentliche Unordnung! Und diese kreuz- und querfidele Ordnung des Alphabets und der Natur, muß ich gestehen, find ich herrlich. So kann der Leser mit dem Anfang anfangen und mit dem Ende aufhören, kann vom Mittelalter ins 19. Jahrhundert und wieder zurück, kann von Grabbe zu Grimm und von Grimm zu Grimmelshausen schweben und so aus dem Ganzen eine der tiefsten Weisheiten schöpfen, nämlich die: daß das Leben der Menschheit eine Schaukel ist. Das ist eine tröstliche Weisheit, wenn die Schaukel immer höher und höher geht und zuletzt in den Himmel fliegt. »Wie? Wa – waas?« hör' ich schon seit einer halben Stunde den ernsthaften Mann rufen, »was höre ich da soeben? Raimund und Rabener? Haug und Hebel? Ich denke, du sprichst von deutschem Humor! Rabener war Satiriker! Ist Satire Humor? Haug war ein witziger Epigrammatiker! Ist Witz Humor?« Bravo, ernsthafter Mann! Siehe, ich vereinige meine Stimme mit der deinigen und rufe laut und empört: »Ist die Erdbeere eine Frucht? Nein und tausendmal nein! Sie ist keine! Jeder Schwachkopf weiß es, daß sie nichts als ein fleischig entwickelter Blütenboden ist und daß die winzigen Nüßchen, die er trägt, die wirklichen Früchte sind! Aber was geschieht? Die Menschen bezeichnen nicht nur den Blütenboden schlankweg als Frucht, nein: sie essen ihn auch! Und er schmeckt ihnen! Und ein ganz ähnlicher Schwindel ist es mit der Ananas, der Feige und sogar mit dem so bieder und treu dareinschauenden Apfel! Dem Früchte verzehrenden Publikum ist Frucht und Scheinfrucht ganz einerlei; es frißt alles durcheinander und nennt es Obst. Ja. Und die Polizei läßt das alles ruhig geschehn. Wann wird diesem Unfug einmal ein Ende gemacht? Die Leute lesen auch Romane, die gar keine sind, deklamieren Balladen, die gar keine sind, sehen sich Dramen an, die gar keine sind; sie werfen Humor, Komik, Witz, Ulk, Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung bunt durcheinander und fressen es hinein wie einen Salat. Zum Glück liegt die Sache hier nicht ganz so schlimm wie beim Obst; wir haben wenigstens eine wachsame ästhetische Polizei. Aber da soll es vorgekommen sein, daß ein Dozent etwas auf dem Experimentiertisch, in einem sauberen Probierzylinder als chemisch reinen Humor dargestellt und daß kein Teufel darüber gelacht hat. Und umgekehrt hat man etwas als niedrig-komischen Jokus erkannt, und wenn man nachschlug, war es von Molière oder von Shakespeare oder von Aristophanes. Wie unangenehm! Du siehst, ernsthafter Mann, gegen diesen Wirrwarr ist man machtlos, und so bleibt es denn dabei, daß du in einer guten Humoristenbücherei alles findest, worüber sich mit gutem Grunde lachen läßt: Schweres und Leichtes (nur nichts Seichtes), Grobes und Zartes, Volkstümliches und Apartes, Feines und Derbes, manchmal auch Herbes, Scharfes und Mildes, Zahmes und Wildes, Spitzes und Rundes, aber immer Gesundes. Du meinst, aufs Lachen komm' es nicht an; der höchste Humor sei der, bei dem man nicht lache. Ich kenne die Ausrede. Glaub' mir, es gibt keinen richtigen Wein, bei dem man nicht lacht, sei's laut oder stille, sei's innen oder außen. Wenn du einen Wein kennst, bei dem man nicht lacht, so läuft dir eine Verwechslung unter: Du meinst Lebertran. Also fasse Mut, ernsthafter Mann, tritt ein in den Sternensaal und Lustgarten deutscher Fröhlichkeit und trink dich satt an unerschöpflichen Quellen voll Sonnenglanz und Sternenschein! Bescheidenheit ziert den Jüngling Ich habe merkwürdigerweise nicht mit rein lyrischen Ergüssen angefangen, sondern mit »Balladen«, z. B. mit einem »Fischer«, der bei dem Versuch, seinen tollkühnen Sohn zu retten, mit diesem zusammen ertrank, wonach sich beide noch lange nachher durch einen aus den Fluten heraufklingenden »Grabgesang« bemerkbar machten; ferner mit einer »Burgruine«, in der es ebenfalls unheimlich herging, obwohl ich eigentlich selbst nicht recht wußte, warum und wieso. Ich kann das auch jetzt nicht mehr feststellen; denn diese »Schöpfungen« sind der Nachwelt nicht erhalten geblieben. Was ich aber auch damals, mit meinen 16, 17, 18 Jahren, an Versen hervorbrachte – für die Augen anderer war es nicht bestimmt, am wenigsten für die meiner Angehörigen; denn vor den nächsten Angehörigen schämt man sich immer am meisten. Schließlich mußte ich aber doch einen Verdacht auf mich gelenkt haben; ich befaßte mich viel mit schöner Literatur, und unkundige Leute folgern gern, daß, wer fleißig Verse lese, auch wohl Verse mache. Jedenfalls entwendete mir eines Tages ein in seiner stürmischen Freundschaft etwas unzarter Altersgenosse mein Taschenbuch und las meine »Balladen« zwei jungen Damen vor. Wie ich dann nach einer heftigen Auseinandersetzung mit dem voreiligen Apostel erfuhr, hatten die Damen nicht mit Spott, sondern mit Anerkennung zurückgewirkt. Ich schloß daraus nicht etwa, daß meine Gedichte gut seien, sondern daß die jungen Damen sehr mäßige Ansprüche stellen müßten. Nun war es heraus, daß ich »dichtete«, und bei einer fröhlichen Abendunterhaltung des Kollegiums, dem ich als jüngster »Hospitant« angehörte, half kein Sperren und kein Sträuben; ich mußte den unsterblichen »Fischer« vorlesen. Ich tat es mit Angstschweiß und Herzklopfen und äußerst ungern; aber die Ehrerbietung eines halben Jungen gegenüber so vielen älteren Damen und Herren ließ mir eine hartnäckige Weigerung als Ungezogenheit erscheinen. Das Urteil fiel wieder sehr freundlich aus; aber ich kann es beschwören, daß ich von der Richtigkeit dieses Urteils nicht überzeugt war und mich keineswegs als Dichter fühlte. Es hat auch noch lange gedauert, bis dieses Gefühl langsam in mir erwachte. Es ist gewiß wahr, daß sich, wo eine wirkliche Begabung vorhanden ist, mit der Zeit auch das Bewußtsein der Begabung einstellt; aber es ist ein großer Unterschied, ob man in diesem Bewußtsein sich sagt: »Du bist etwas« oder »Du kannst etwas werden «. Mit dem langsamen, von mir selbst empfundenen Fortschritt meiner Leistungen erwachte wohl auch mehr und mehr das selige Gefühl: »Du kannst etwas werden «; das Gefühl: »Du bist etwas« hat es bei mir niemals zu voller und dauernder Sicherheit gebracht. Jeder Könner, der von böswilligen Verkleinerern angegriffen wird, weiß in solchen Augenblicken mit festem Selbstbewußtsein, daß er viel mehr bedeutet als sie; gerade Unwahrheit und Ungerechtigkeit bringen es ihm zum Bewußtsein; das schließt aber nicht aus, daß er sich vor der höchsten, maßgebenden und unbestechlichen Gerichtsstelle seiner Kunst zeitweilig und immer wieder recht bedrückt fühlt. In meiner Jugend – und auf diese Zeit kommt es mir hier an – habe ich jedenfalls – ich schreibe es mit schamvioletten Wangen; aber die Sache verlangt es – für sehr bescheiden gegolten. Es hat lange gewährt, bis ich gewagt habe, einer Zeitschrift ein paar Verse einzusenden, und ich tat es endlich ohne jede Hoffnung, wie man in einer Augenblickslaune in einen nietenreichen Lostopf greift. Und es war ein blitzhelles Erschrecken, als ich dann im Briefkasten der Zeitschrift (»Vom Fels zum Meer«) las, daß meine Verse angenommen seien. Es war bis dahin die größte Überraschung meines Lebens, und als ich in meinem Taumel einem Bruder die Notiz zeigte und ihm erklärte, sie gelte mir, da sagte er wörtlich und ohne jede vermittelnde Vorbereitung: »Du bist wohl verrückt!« So unfaßbar erschien es ihm; man ersieht daraus, daß ich auch von meiner Umgebung nicht als Wunderjüngling empfunden und gefeiert wurde. Und wie bei der ersten Annahme meiner Gedichte, so ist es mir bei der ersten Annahme eines Artikels, einer Novelle, eines Dramas ergangen; ich bin immer überrascht gewesen; ich bin es noch heute bei jedem Erfolg, handle es sich nun um einen Erfolg beim Publikum oder bei Kennern und Fachgrößen; ich bescheide mich schnell bei jedem Mißerfolg; ich erblicke in jedem Erfolg nicht einen Lohn, den ich von Gottes und Rechts wegen verlangen durfte, sondern ein Geschenk, und so fest ich davon überzeugt bin, daß kein Schafskopf das Recht hat, mich zu rezensieren, so klar bin ich mir bewußt, daß nichts, was ich leiste, an das heranreicht, was ich leisten möchte und sollte. Ich will natürlich nicht behaupten, daß zu meiner Jugendzeit alle jungen Dichter und Künstler ohne Ausnahme so empfunden hätten wie ich; aber das meine ich doch zweifellos beobachtet zu haben, daß fast alle jungen Dichter und Künstler, mit denen ich in Berührung kam, von dem Gefühl geleitet wurden: »Ich muß noch viel, viel arbeiten, um etwas Rechtes zu werden ; meine eigentliche Aufgabe liegt noch vor mir; auf den Lorbeer habe ich noch keinen Anspruch.« Jetzt scheint eine andere Jugend aufgekommen zu sein – oder irre ich mich? Fast meine gesamte Tätigkeit auf dem Gebiet der pädagogischen Literatur galt dem Recht des Kindes wie der Jugend überhaupt auf Freiheit und Freude: über allem, was ich in dieser Beziehung geschrieben und geredet habe, stand als Leitstern der Gedanke Juvenals Maxima debetur puero reverentia Die größte Ehrfurcht gebührt dem Kinde (dem Knaben). Was heißt das? Das kann nur heißen: Ehrfurcht gebührt dem Kinde als der Knospe des Mannes oder Weibes , als dem Keime , aus dem der Mensch werden soll. Werden soll; jede andere Auffassung wäre doch Unsinn. Aber Unsinnigkeit ist für manche Leute bekanntlich kein Denkhindernis. Sie tun so, als brauchten Kind, Jüngling oder Jungfrau nicht erst etwas zu werden, sondern als wären sie schon etwas, als wäre jung sein, Kind sein an sich ein Verdienst, eine Leistung. Sie fallen in den unseligen Rosseauschen Wahn zurück, daß »alles gut sei, wie es aus den Händen des Schöpfers hervorgeht« und daß die Erziehung darin bestehe, nichts zu tun, d. h. Kindheit und Jugend in allem gewähren zu lassen, was ihnen beliebt; dann werde sich Herrliches entfalten. Ich habe reichlich Gelegenheit gehabt, zu beobachten, welch »Herrliches« sich da entfaltet. Unter der heutigen Jugend, besonders auch der literarischen, scheint die Meinung stark verbreitet zu sein, daß es eine ehrfurchtgebietende Leistung sei, jung zu sein. Bei einem deutschen Theater beschwerte sich jüngst ein junger Dichter (wenigstens galt er bei sich dafür), daß man die Jungen nicht zu Worte kommen lasse und immer nur die »Alten« spiele. Als man ihn fragte, welche Alten er denn meine, da nannte er Walter Hasenclever, der nach dem Literaturkalender etwa 29 ist. Bei den Indianern werden die Greise doch erst getötet, wenn sie hinfällig sind; heute empfinden die 28jährigen die 29jährigen als lästige Generation. Sie »stehen ihnen im Wege«; denn die Jüngeren sind überzeugt, daß ihnen der Ehrenplatz gebühre, weil sie – jung sind. Ich habe es sonst immer für viel schwieriger und darum verdienstlicher gehalten, in Kraft und Ehren alt zu sein; aber das ist dann wohl senile Beschränktheit oder Bosheit. Soweit ich die Literaturgeschichte kenne, haben auch Dichter und Künstler zwar oft schon in jungen Jahren Erhebliches geleistet, ihre großen Leistungen aber gewöhnlich erst im reifen Alter, ja, manche gar im Greisenalter vollbracht. Das wird in Zukunft anders, weil man dann nicht erst wird, sondern, wenn man vom Geburtshelfer dem Vater überreicht wird, schon etwas ist. In meinem Garten kenn ich keinen traurigeren Anblick als eine Blüte, die schon in der Knospe verwelkt. Eine Jugend, der man einredet, sie sei schon etwas, sie sei das Maß der Welt und habe der Menschheit Gesetze zu geben, eine Jugend, die nicht begreift, daß alle Pflicht, alle Arbeit, aller Kampf noch vor ihr liegt, daß erst der Kampf bis ans Ende die Krone des Lebens bringt, eine solche Jugend ist gar keine Jugend mehr; sie ist jugendliches Greisentum und wird immer in der Knospe verdorren. Gott schütze unser Vaterland vor solcher Jugend; denn seine Jugend ist ja seine einzige Rettung. Sollten meine Betrachtungen etwa die griesgrämige Grauseherei des Greises sein? Das sollte mich wundern: ich lebe so gern mit der Jugend und habe mich mit ihr immer glänzend vertragen. Es wäre auch grenzenlos dumm, der Jugend etwa das Wort abschneiden zu wollen; sie wird nur böse darüber und redet doch. Aber es ist auch dumm, den Älteren und Alten das Wort abzuschneiden. Dem Jüngling, der den 29jährigen Hasenclever absägen wollte, erzähle ich hier die ganz alte Geschichte von der Roßdecke. Ein Mann duldete seinen alten, hinfälligen Vater nicht in seiner Wohnung, sondern ließ ihn, in eine Roßdecke gehüllt, im Stalle schlafen. Eines Tages war der Alte gestorben, und der Sohn bemerkte, wie das eigene Söhnchen emsig die Roßdecke zusammenlegte und forttrug. »Was willst du mit der Decke?« fragte der Mann. »Die will ich für dich aufheben, bis du alt bist,« sagte das Söhnchen. Der junge Dramatiker stelle sich vor, wie man ihn mit 29 Jahren in die Roßdecke wickelt! Vorschlag, wie man aus einem halben Fest ein ganzes machen könnte. Mir immer wieder ein wunderlicher Tag, dieser Silvester! Ein »Festtag«? Ich weiß es nicht. Aber ein gewöhnlicher Tag, ein Alltag, ist er auch nicht. Ganz gewiß nicht. Wir kennen alle die gewohnte Punschrede: »Das verflossene Jahr hat nicht viel getaugt; möge das kommende Jahr besser sein.« Gott bewahre mich vor der Engherzigkeit, daß ich den armen Teufeln, die es mit gutem Grunde sagen, über den Mund führe; aber oft ist es gelogen. Das erhellt schon daraus, daß es immer gesagt wird. Ich habe freilich nur in Deutschland Silvesterreden gehört, und vielleicht ist es eine deutsche Eigentümlichkeit, an allen Dingen nur die üblen Seiten zu sehen und recht ans Licht zu kehren. Wenn das wirklich deutscher Brauch ist, so ist es ein Brauch, »von dem der Bruch mehr ehrt als die Befolgung«, ist es ein sehr häßlicher Brauch, weil er die gläsernen Augen des Undanks hat. Mir hat das vergangene Jahr manchen Verlust und Verdruß, manchen Schmerz und manchen Ärger, manches Niederträchtlein meiner Feinde und manche Lendenschwachheit meiner Freunde gebracht; aber weit mehr des Guten, Großen und Schönen hat es mir gespendet, und da halte ich es einfach für meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, für seinen Charakter zu zeugen und öffentlich zu bekennen: »Für mich war das Jahr gut; wohl mir, wenn kein schlimmeres folgt,« Daß es darum nicht für alle gut war, weiß meine Nachtmütze – die ich übrigens gar nicht besitze – aber das allgemein verbreitete Weltbild würde um ein Gewaltiges klarer sein, wenn die Leute ihr Heil und Unheil auf einer guten und feinen Wage abwägen und nicht so undankbar lügen wollten. Aber wenn ich nun mit derselben Wage ebenso sorgsam und ehrlich abwäge, was ich im dahingegangenen Jahr geleistet habe – ja, dann freilich schlägt die Stimmung jäh und gewaltig um. Wenn de Dag is vergahn, Harrn (hätten) de Fulen geern wat dahn – das gilt vom Jahre wie vom Tag. Abends wird der Faule fleißig, und am Silvesterabend wird der Lebensverschwender ein Rechenmeister. Am letzten Tage fällt mir ein, um wie vieles ich in diesem Jahr eigentlich klüger und tüchtiger und besser werden wollte, daß ich meinem Leben eigentlich einen tieferen, klareren und reineren Sinn geben wollte – am 31. Dezember fällt es mir ein; vorher hatte ich leider keine Zeit dazu, »beim besten Willen nicht« (natürlich!); es war so viel anderes, Dringlicheres zu erledigen. Und dann kommt wieder dasselbe Gefühl über mich: Heut ist der Katzenjammer des Jahres, der Katzenjammer eines Rausches, der ein Jahr lang gewährt hat. Ein Frost und Übelkeitsgefühl, von dem mir Hirn, Herz und Beine schlottern. Und ich greife schnell nach Hut und Mantel und gehe in die Stadt. Dort kauf ich in einem Papier- und Buchbindergeschäft furchtbar rote Nasen und Schielbrillen und Narrenkappen und Zigarren, die explodieren, und Teufel, die aus dem Kasten springen, und Zündhölzer, die nicht brennen, und Bleistifte, die nicht schreiben, und Knallbonbons mit Versen, die nicht von mir sind, und Nachtwächterknarren, die einen Heidenlärm machen, und noch viele solcher Dinge; denn viel muß es sein, sonst hilft es nicht. Besonders bei mir braucht es viel; ich kann mich totlachen über einen guten Excentric-Clown oder Harlekin und Bajazzo; aber ich selbst bin keiner; ich bin gänzlich unitalienisch. Wenn ich mich solcher Späße unterfange, so haben sie immer einen unausgesprochenen Begleittext: »Entschuldigen Sie, daß ich auch mitmache; ich weiß, ich habe nicht das geringste Talent dazu; aber vielleicht nehmen Sie vorlieb, wenn Sie sehen, daß es mir ernst um die Sache ist.« Trotzdem verbringen wir dank der Hilfe leichterer Temperamente und mit gütiger Unterstützung der Herren Punsch und Genossen die Nacht der Jahreswende immer recht vergnügt, riesig vergnügt sogar; aber die richtige Quellenlustigkeit ist es nicht. Sie ist nicht einmal so ursprünglich wie die Faschingslustigkeit, die für mich auch niemals den Beigeschmack des Präparierten verliert. Der echte Frohsinn ist ein Gnadengeschenk des Augenblicks; er kommt aus unbekannten Quellen wie der Rausch des Dichters; er läßt sich nicht auf ein Datum bestellen, nicht vorbereiten, nicht rufen. Die Silvesterlustigkeit ist gewollt, und sie soll etwas: sie soll betäuben. Es ist eben die absichtliche Lustigkeit eines aufgewärmten Katzenjammers. Zu übertäuben gibt es selbst bei denen etwas, die aus zwingenden Gründen keine Seeleninventur aufnehmen können und keine andere Jahresbilanz aufmachen als die der zählbaren und wägbaren Dinge. Denn am Silvestertag ist sozusagen der Mietzins für unsern biedern Hauswirt Kronos fällig. Ein sauberer Herr, dieser Hauswirt! Seine Wohnungen werden mit jedem Jahre baufälliger; machen läßt er nichts, wie die meisten Hauswirte; aber steigern kann er; alle Jahre müssen wir mehr bezahlen, und dabei hab' ich den alten Gauner noch im Verdacht, daß er betrügt: er kommt in immer kleineren Zwischenräumen; seine sogenannten »Jahre« werden immer kürzer. Der jährliche Tribut, den er einfordert, ist den meisten Leuten ein »ärgerliches Geld«, um so ärgerlicher, als sie wohl wissen, der alte Harpax und Raffegut werde sie eines Tages, wenn sie nichts mehr zu zahlen haben, erbarmungslos aussetzen auf die Gemeindewiese der Ewigkeit. Am deutlichsten erkennt man die einunddreißigste Dezember-Lustigkeit an ihrem Nachhall. Alle großen, schönen, reinen Dinge haben einen großen, schönen, reinen Nachklang. Was aber ist der Nachklang des Silvesterabends? Die Stimmung des 1. Januar! Ich kenne keinen leereren, nüchterneren, charakterloseren, öderen, dümmeren Tag als diesen. Und der will ein Festtag sein, der! Alle Feste leben von der Erinnerung an ein großes Vollbringen oder doch an bedeutsames Geschehen; alle haben eine Rechtfertigung. Was kann der Neujahrstag als seine Rechtfertigung vorbringen, auf welche Vergangenheit kann er sich berufen? Er kommt mir immer vor wie ein anmaßender junger Bengel, der dummdreist ins Zimmer tritt und meint, man müsse ihn Wunders fetieren, weil er ein glattes Gesicht und einen tadellosen neuen Frack und Zylinder habe. Was kann ich zur Charakteristik dieses Tages Vernichtenderes sagen, als daß er uns die Wassersnot der Neujahrsgratulationen, daß er uns 17 Schock Überflüssigkeiten, Unwahrheiten oder Selbstverständlichkeiten auf den Schreibtisch schüttet!? Ich kann mir nicht helfen; ich bin sonst das Gegenteil eines Spielverderbers und lache und feire und freue mich von Herzen gern; aber der Jahreswechsel ist mir nun einmal ein zweifelhaftes Fest. Indessen: ungerecht will ich auch nicht sein. Einen ernsten, aber schönen Augenblick hat die Silvesternacht auch für mich. Mein Haus liegt weit draußen am Rande einer großen Stadt, und wenige Minuten vor zwölf trete ich hinaus auf den Altan meines Hauses, nehme die Narrenkappe ab und erwarte ehrfurchtsvoll die Mitternacht. Und wenn sie da ist, hör' ich die Turmuhren schlagen und Schüsse knallen, und plötzlich braust von der Stadt ein vielstimmiger Ruf herüber: »Prost Neujaaahr! Prost Neujaaahr!« und am lautesten schallen die Stimmen der Kinder. Und dann denke ich mir, ich wohnte nicht am Rande einer Stadt, sondern am Rande der Welt, und was da riefe, wäre die ganze Menschheit. Und dann denke ich mir: sie hat noch Mut, diese Menschheit, sie hat noch Hoffnung und Jugend und will weiter leben und wagen und ringen und suchen. Und wenn ich dann zurücktrete in das Haus und die Arme um meine Lieben schlinge, dann ist es mir zumute, als wäre ich die ganze Menschheit, und ich habe Mut und Hoffnung und Jugend und will weiter leben und wagen und ringen und suchen. Darum, wenn der Neujahrsmorgen mit wässrigen, nichtssagenden Augen ins Fenster glotzt, reiß ich wütend den ersten Januar vom Kalender, damit der schwarze zweite zum Vorschein komme, und mache den »Feiertag«, der kein Feiertag ist, zu einem wirklichen Feiertag durch lustgeschwellte, flügelfrohe Arbeit. Vielleicht könnte man dem seelenlosen Tage noch eine heiligere Weihe geben. Die Franzosen pflegen sich am Neujahrstag zu beschenken; das ist schon ganz etwas anderes als Neujahrsgratulationen, ist sozusagen das Gegenteil. Geschenke sind ein Ausdruck der Liebe, und Liebe gäbe dem blassen Tage schon ein anderes Gesicht. Aber acht Tage nach Weihnachten schon wieder schenken – die Haushaltungsvorstände würden dagegen einen wilden, nicht ganz unbegreiflichen Protest erheben. Ich denke an etwas anderes. Die Juden haben einen Versöhnungstag, bei dem es sich freilich, der Bibel nach, um eine Versöhnung mit Gott handelt. Daß eine Versöhnung mit Gott eigentlich eine Versöhnung mit den Menschen voraussetzt, das ist den meisten Menschen, ob Juden oder Christen, wohl bekannt, aber nicht ins Blut gedrungen. Nun scheint mir, daß ein Tag der Versöhnung mit Gott nicht so notwendig ist, weil man sich mit ihm an jedem Tage versöhnen kann, maßen er geduldig, langmütig und von großer Güte ist. Hassende, zürnende Menschen aber sind darin viel schwieriger; sie sind hochmütig, selbstgerecht, hart und eigensinnig und wollen von Dritten behutsam zusammengeführt und zur Friedfertigkeit fleißig überredet sein. Wie wäre es, wenn wir den ersten Tag des Jahres zu einem großen Versöhnungsfest und damit zu einem Tage neuen Lebens machten? Dann könnten wir die Verstockten, die sich schwer überwinden, an das Gebot einer heiligen Sitte mahnen, und sie selbst könnten sich darauf berufen. Sie könnten ihren Feinden einen gedruckten Neujahrsglückwunsch schicken, »nur, weil's einmal so Sitte ist«, und wenn sie keine Gegenliebe fänden, könnten sie sagen, es sei ein Versehen gewesen. Man verstehe mich recht: Kampf und Streit sollen nicht aufhören; gestritten muß sein, damit die Erdenluft rein bleibe, und mit Schurken soll man sich nicht vertragen; nur ihre Einsamkeit kann ihnen die Augen öffnen. Aber wenigstens die vielen törichten Feindschaften könnten wir abwerfen, und wenn es uns gar zu schwer fällt, die Gratulationskarte abzusenden, so könnten wir am Neujahrstag, da wir doch über manche verjährte Geldschuld einen verzichtenden Strich machen, uns in unserem Herzen, wo uns niemand sieht und niemand verhöhnen kann, mit unseren Feinden versöhnen. Der erste Tag des neuen Jahres ein Allerseelentag der Lebenden, ein Tag, da unsere Seele sie besucht, die uns abgestorben, denen wir abgestorben sind! Wie hell und heimisch würd' es leuchten auf dem großen Friedhof der Lebendigen! Aus meinen Wander- und Lesejahren Sehr geehrter Herr Kollege! Sie wünschen von mir, daß ich aus den Erlebnissen und Erfahrungen meiner Vortragsreisen berichte. Es soll geschehen, obwohl ich mir die Schwierigkeiten der Aufgabe nicht verhehle. Die Schwierigkeit ist immer da: Ist man ein Stümper, so ist für das genügende Quantum Lächerlichkeit von vornherein gesorgt; ist man ein Könner, so ist es fast unmöglich, den Schein der Prahlerei zu vermeiden. Man möchte nicht in den Komödianten- und Virtuosenton verfallen: »Die Leute waren ja rein aus dem Häuschen, als ich gesungen hatte!«, und doch ist es, auch bei der größten kollegialen Rücksicht, nicht immer möglich, den Eindruck zu vermeiden, daß man Erfolge gehabt habe. Übrigens ist ja begründete Ruhmredigkeit immer noch verzeihlicher als verlogene Bescheidenheit, die aus tausend wohlangebrachten Schlitzen den roten Samt der Eitelkeit hervorlugen läßt. »Aus den Löchern deines Mantels schaut deine Eitelkeit hervor,« sagte Sokrates zum Antisthenes. Versuchen wir also, »stolzbescheiden« zu sein wie Nathan der Weise. Wie bin ich eigentlich dazu gekommen, durch die Lande zu reisen und vor den Leuten zu reden? Ich muß schon sagen: wie das Mädel zum Kind, d. h. nicht wie irgendein beliebiges Mädel, sondern etwa wie Goethes Gretchen, will sagen: in aller Unschuld. Man hat es mir nicht an der Wiege gesungen, daß ich einmal dergleichen tun würde. Meine Eltern haben mich auch nicht Besuchern vorgeführt mit dem Bemerken: »Er muß Ihnen mal ein Gedicht aufsagen; er trägt so reizend vor!« – o nein! So war man bei uns nicht. »O sag, woher kommt Liebe? Sie kommt nicht, sie ist da« – So ist es wohl auch mit aller Kunst. Sie kommt nicht, sie ist da. Ein braver Mann, der mir als 15jährigem Buben aus reiner Menschenfreundlichkeit Privatstunden gab, ließ mich eines Tages die ersten Szenen der »Räuber« lesen. »Warum mir gerade dieses Mohrenmaul, diese Hottentottenaugen?!« zischte ich. »Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt, daß ich nicht Herr bin!« pfauchte ich, usw. Als ich wieder vom Buche aufblickte, machte mein lieber Schulmeister die allergrößten Augen. Er hat es mir später erklärt: er hatte sich gewundert, wie aus diesem schüchternen Dreikäsehoch, der vor Verlegenheit immer nicht wußte, wohin er seine Mütze legen sollte, und darum sich draufsetzte, plötzlich ein so ausgewachsener Galgenstrick wie dieser Franz hervorkroch. Er hatte damals besorgt gemeint, ich hätte mich wohl sehr aufgeregt. Davon war mir nichts bewußt. Ich hatte gelesen, wie ein Nachtwandler wandelt. Ich wußte nur: dieser Franz ist ein Schurke. Und einen Schurken muß man wie einen Schurken lesen, das ist doch klar. Als Sechzehnjähriger besuchte ich das Präparandeum in Hamburg. Einmal, in der Literatur-Stunde, kam der Direktor herein, der gefürchtete und dennoch geliebte Direktor, und wollte sich den Unterricht anhören. Der Mann sah immer aus wie ein kampfgerüsteter Igel, in einem Kranz von Stacheldraht serviert; aber er hielt zum Recht nach oben und nach unten; darum liebten wir ihn. Der Lehrer rief mich auf und wünschte, daß ich den »Erlkönig« vortrüge. Ich tat es, wie ich's gewohnt war, und als der Direktor gegangen und die Stunde zuende war, meinte einer meiner Mitschüler: »Na, von heut an hast du aber einen Stein im Brett beim Direktor.« »Wieso?« fragte ich verständnislos. »Na – dein ›Erlkönig‹?!« rief er. Er hatte offenbar etwas Besonderes in meinem Vortrag gefunden; ich kann noch heute schwören, daß mir davon nichts bewußt war. Immerhin ist es möglich, daß ich in meinem rasenden Lampenfieber den sterbenden Knaben ziemlich echt gesprochen habe, da sozusagen mein Lehrer der Vater, der Direktor der Erlkönig und ich das ächzende Kind war. Ich war also entdeckt wie die Insel Guanahani, die auch nicht ahnte, daß sie für Columbus irgendwelches Interesse habe. Und jener Mitschüler stand offenbar nicht allein; denn als die nächste Klassenkneipe vorbereitet wurde, eine Sache, auf die wir uns immer gewissenhaft vorbereiteten, während wir uns auf unsere Stunden zwar auch gewissenhaft vorbereiteten, aber nicht immer – trat der Präside an mich heran mit dem Ersuchen, den Abend durch einen Vortrag zu »verschönen«. Ich war mir auch dann noch nicht bewußt, daß eine Verschönerung dabei herauskommen müsse; aber nach jungfräulich-verschämtem Zaudern sagte ich zu. Das ist für einen so norddeutschen Menschen wie mich ein großer Entschluß. Ich habe unzählige Norddeutsche kennen gelernt, die durch keine Macht der Erde, ja: »nicht ums Verrecken«, wie man zu sagen pflegt, dazu zu bewegen sein würden, aus der Reihe hervorzutreten und »etwas vorzutragen«. Sie erblicken darin, auch wenn andere es tun, eine Art Schamlosigkeit; ein Mädchen vollends, das sich sprechend oder singend vor andern produziert, gilt ihnen für annähernd entjungfert. Das ist natürlich haarsträubend spießig; aber es ist mir immer noch erfreulicher als die Schamlosigkeit der Talentlosen, wie denn übertriebene Schamhaftigkeit immer noch viel besser ist als Frechheit. (Fingerzeig für Zeitgenossen!) In dem Lampenfieber, das gerade die besten und tiefsten Künstler niemals ganz verläßt, ist wohl immer auch ein gut Teil solcher Scham verborgen. Ich machte mich zuhause über die Faustmonologe her, und während ich sie mir laut sprechend einprägte, schien es mir plötzlich, als wenn das gut klänge. Ich entdeckte mich selbst, wenigstens meine Stimme; ich hörte zum ersten Mal meine Stimme. War somit von meiner Künstlerseele die äußerste Hülle kindlicher Unbewußtheit abgestreift, so kann ich doch zwingende Beweise für meine künstlerische Unschuld vorbringen. Ich hielt es nämlich für undenkbar, daß man den zweiten Faustmonolog ohne Requisiten sprechen könne. Diese Requisiten bestanden in einem schalenförmigen Weinglas und einer kleinen Karaffe mit Bier. Wenn nun die Stelle kam: »Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht! Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle; Den ich bereitet, den ich wähle, Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele Als festlich hoher Gruß dem Morgen zugebracht!« dann führte ich die »kristallne reine« Bierschale zum Munde und zog sie erstaunt und erschüttert zurück, wenn ich angeblich ein »tiefes Summen« und einen »hellen Ton« vernahm. Und es spricht gewiß für die Lauterkeit der Kunstbegeisterung bei meinen Genossen und bei mir, daß keiner von uns die außerordentliche Komik dieser Situation empfand. Wenigstens ich nicht. Und hörbar oder sichtbar hat auch keiner von den andern gelacht. Sonst kommt es zuweilen vor, daß Zuhörer lachen, wenn es dem Vortragenden bitter ernst ist. Die kleinen Mädchen sind darin bekanntlich am tüchtigsten. Sie machen sich keine Sorgen, weder um das europäische Gleichgewicht noch um das Problem der Willensfreiheit noch um die Grenzen der menschlichen Erkenntnis. Ich habe sie kichern sehen, während Josef Kainz den Fluch der Erinnyen in Schillers »Kranichen« sprach. Sie meinen es gewöhnlich nicht böse. Oft handelt es sich um eine Überspannung der Nerven, die dann auf den geringsten Anstoß reagieren. Und wehe, wenn solch ein Anstoß erfolgt! Die Pest ist minder ansteckend als solch ein Lachen. Es ergreift die Ernstesten wider ihren Willen wie eine nervöse Epidemie. Es kommt vor, daß ernsteste Menschen bei Begräbnissen ohne merkbaren Anlaß plötzlich lachen müssen, auch wenn sich durchaus nichts Lächerliches begibt. Dies Lachen ist dann ein verkehrtes Schluchzen. Ganz echt, bewußt und intrigant ist die Munterkeit der kleinen Mädchen aber dann, wenn sie nachher tanzen wollen. Kein Kainz und kein Possart, kein Schillerscher oder Goethescher Rhythmus vermag den Rhythmus der weißbestrumpften Füßchen aufzuheben. Seitdem ich in der Lage war, mir mein Publikum auszusuchen, habe ich es standhaft abgelehnt, für Leute »mit nachfolgendem Ball« zu lesen. Selbst wenn zufällig lauter wohlerzogene Damen anwesend sein sollten: innerlich zucken die Füße doch, und in den Köpfen kreist es: »Und schauerlich gedreht im Kreise, Hopsasa tralala Beginnen Sie des Hymnus Weise Heidideldum dallala ...« und Hebbels Holofernes gaukelt durch ihren Sinn als flotter Tänzer. Vor solch einem Publikum sollt' ich einmal in jungen Tagen Chamissos »Salas y Gomez« vortragen, weil der Ruf von dieser meiner Leistung seltsamerweise auch in diese Kreise gedrungen war. Ich erkannte sehr bald, daß es vollkommen aussichtslos war, die jungen Leute, insonderheit die Damen, für einen armen Schiffbrüchigen zu erwärmen, der nicht tanzte. Chamissosche Terzinen vor diesem Publikum sprechen, das hieß Diamanten vor die Schäfchen werfen. Bekanntlich hat der Verschlagene die Qualen seiner mehr als 50jährigen Einsamkeit in drei Schiefertafeln gegraben, die man nach seinem Tode bei ihm findet. Ich zog also diese drei Tafeln in eine zusammen, kürzte solchermaßen die Leiden des unglückseligsten aller Robinsone auf ein Drittel und erlöste ihn durch einen frühen Tod. Woher ich damals die Frechheit genommen, weiß ich noch heute nicht; die Verzweiflung eines Künstlerherzens oder ein tiefes Mitleid mit Chamisso muß sie mir eingegeben haben; noch heute, wenn ich daran denke, werde ich schamrot und komme auf den Gedanken, Regisseur zu werden. Gleichwohl liegt zur Reue kein eigentlicher Grund vor; die Tänzerinnen und Tänzer haben damals lebhaft geklatscht, weil es schon aus war, und gemerkt hat keiner etwas, eine einzige Dame ausgenommen, mit der ich zum Glück verlobt war. Trotzdem habe ich dergleichen »Sprünge« nicht wieder gemacht, vielmehr, wenn ich so etwas wie ein fühlloses oder widerstrebendes Publikum fühlte, mit ihm gerungen nach der Weise Jakobs auf der Stätte Pniel:»Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!« Manchmal ist mir dies auch gelungen, mitunter auch nicht. Der Inhaber eines großen Varietés, der auf Grund irgend einer Verordnung Theodorichs des Großen in der Zeit vor Weihnachten nicht spielen durfte, kam auf den rührenden Einfall, mich zu einer Vorlesung einzuladen. Ich nahm an; der Mann mußte ja sein Publikum kennen. Beim ersten Blick ins Auditorium wußte ich bescheid; die Sachlage war sehr schwierig. Ich erschien nicht im Trikot; kolossale Muskelballen habe ich auch nicht; ich warf mein Buch nicht in die Luft und fing es nicht mit der Nase auf; ich trug keine gewürfelte Hose und keinen gestreiften Zylinder, und für einen Damenkomiker habe ich eine zu tiefe Stimme und kein passendes Korsett. Was tun? Die Leute saßen da, sahen einen grünen Tisch, einen Mann im Frack und dachten: Was will denn der? Daß ich deutsche Dichtung vorlesen wolle, darauf konnten sie doch unmöglich verfallen... Keiner unterschätze oder überschätze die Gefühle eines Vorlesers in solcher Lage. Für einen Tenor liegt die Sache anders; ein Tenor nimmt es mit jedem Akrobaten auf. Aber ein Dichter? Wenn man für gewöhnlich mit 39 Grad Fieber vor die Lampen tritt und einem diese Lampen viel zu hell scheinen, so ist es in solchem Falle, als brennten sie alle trübe und blakten. Eine Parabel erzählt von einem frommen Manne, der in die Wüste ging und den Steinen das Evangelium predigte und es erreichte, daß sie schließlich »Amen« sprachen. Das muß ihm nicht leicht geworden sein. Ich las eine Viertelstunde lang ohne sichtbaren, hörbaren oder fühlbaren Erfolg. Ein Mann, der heftig zu klatschen begann, stellte, erschreckt durch das schaurige Echo der Einsamkeit, seine Arbeit wieder ein. Ich las eine weitere Viertelstunde mit demselben »Erfolg«. Natürlich liest man in solchem Falle nicht unbefangen; denn vor jedem Satze denkt man: Paß auf, das verstehen sie auch wieder nicht! – Paß auf, das macht schon wieder keinen Eindruck! – Indessen ich biß die Zähne zusammen und konzentrierte mich. Und siehe da – obwohl ich keine »Konzessionen« las, im Gegenteil –: die Lampen wurden mählich heller; der Saal wurde wärmer: ich fand in der Menge immer mehr lebendige Augenpaare, und schließlich muß ich so steinerweichend gelesen haben, daß sie Amen riefen und klatschten und mehr verlangten. Hier war's also geglückt. An solchen Abenden streckt man sich natürlich in seinem Bette mit stark erwärmtem Selbstgefühl. In einem andern Falle hatte mich ein schwerreicher Verein von schwerreichen Industriellen nach einer schwerreichen Fabrikstadt im Osten geladen. Auch hier hatte ich, ehe ich ein Wort gesprochen hatte, das Gefühl, ohne Schlüssel und Dietrich, ohne jegliches Einbruchsmaterial vor einem diebes- und feuerfesten Geldschrank zu stehen. In Räders prächtiger Posse »Robert und Bertram« kommt ein Bankier Ippelmeyer vor, der einmal entrüstet ausruft: »Beweisen? Beweisen? Sie woll'n mir was beweisen? Mir will er was beweisen! Dem reichen Ippelmeyer will er was beweisen! « Dieser Mann ist also so reich, daß man ihm nichts beweisen kann, auch den pythagoreischen Lehrsatz nicht. So reich waren diese meine Zuhörer auch, noch reicher. Sie waren so »blödsinnig begütert«, daß man sie nicht rühren und nicht erheitern konnte. Wenn in dem, was ich vorlas, etwas von »Banausen« oder »Spießern« oder »Kaffern« vorkam, so sprach ich das mit besonders kräftiger Betonung und mit einem leuchtenden Rundblick übers Publikum; aber das verstanden sie auch nicht. Der Vorstand versicherte mir zwar am Schluß mit Entschiedenheit, es sei sehr schön gewesen; aber er hat mich nicht überzeugt. Ja, ja, das Publikum! Und nun, glauben Sie, mein Verehrter, werde eine lange oder doch laute Scheltrede gegen das Publikum folgen. Ganz im Gegenteil. Wenn das Publikum an mir so viel Freude erlebt hat, wie ich an ihm, dann können wir beide mehr als zufrieden sein. Ja, wenn das Publikum nichts anderes wäre als eine bloße Ansammlung der Müller, Meyer Schulze und Lehmann, dann stünd' es übel drum; denn wir einzelnen Meyer Müller, Schmidt usw. sind allerdings eine traurige Sorte. Aber Sie kennen doch Schwefel, nicht wahr? Und Sie kennen Quecksilber, nicht wahr? Nun, verbinden Sie die beiden chemisch miteinander, und es entsteht Zinnober, ein Körper mit ganz anderen Eigenschaften als Schwefel oder Quecksilber. Tun Sie Müller und Meyer zusammen, und es entsteht ein Zinnober, genannt Publikum. Es entsteht eine Masse, die dümmer ist als das Vieh und gescheit bis zur Genialität. Ja, ein Beweis dafür, daß das Publikum eine chemische Verbindung von ihr selbst verschiedener Elemente ist, ist darin gegeben, daß jede andere Ansammlung eine andere Verbindung darstellt, daß das Publikum von heute niemals das von gestern oder morgen ist. Jeder Bühnenkünstler weiß das; es müßte ihm ganz unerträglich sein, dieselbe Rolle fünfzigmal zu spielen, wenn er sie nicht jedesmal auf einem anderen Instrument, mit anderer Resonanz spielte. Die Auditorien von hundert Abenden und in hundert Städten haben eine Reihe gemeinsamer Züge: sicherlich. Und doch gibt es hier eine eigentümliche Erfahrung, die keinem vielbewanderten Vortragskünstler fremd ist. Jeder Künstler dieser Art hat in seinem Vortragsschatze Stücke und in diesen Stücken Stellen, von denen er sich sagt: » Das zündet überall; das wirkt auf jedes Publikum.« Es wirkt auch 99mal; aber eines Tages, an einem hundertsten Abend, in einer hundertsten Stadt geht die Kraft- und Glanzstelle ohne spürbare Wirkung vorüber! Und doch braucht es sich keineswegs um ein stumpfes Publikum zu handeln; denn plötzlich reagiert dieses selbe Publikum lebhaft auf eine andere Stelle, auf ein anderes Werk, das anderswo nicht erfaßt wurde. Da haben wir sozusagen den mathematischen Beweis dafür, daß jedes Publikum ein Individuum ist. Wie vor ein Individuum bin ich denn auch vor jedes Publikum hingetreten, und nie habe ich mich als ein Grammophon mit Platten aufgefaßt, die man auflegt und sich abdrehen läßt. Ich habe meine Vortragsstoffe deshalb, von meinen früheren Versuchen abgesehen, niemals auswendig gelernt, obwohl es mir ein Leichtes gewesen wäre. Was man auswendig gelernt hat, mechanisiert sich, nicht nur im Hirn, sondern auch im Herzen . Musik haftet außerordentlich leicht in meinem Gedächtnis; aber ich sträube mich mit aller Gewalt dagegen, den »Figaro«, den »Fidelio«, den »Don Juan«, die Symphonien Beethovens, die Matthäus-Passion und dergl. Herrlichkeiten auswendig zu lernen; ich will jedesmal wieder, wenn ich sie höre, von ihren Schönheiten überrascht, hinterrücks überfallen, überwältigt werden. So will ich jedesmal wieder selbst erleben , was ich lese. Die Gedächtnis-Akrobatik der langen Rezitationen »frei aus dem Gedächtnis« ist für mich als Zuhörer jedesmal eine Angstsache; unaufhörlich muß ich denken: »Jetzt bleibt er hängen« – denn auch das beste Gedächtnis hat seine Tücken – und dann ist von Genuß natürlich nicht mehr die Rede. Wenn man solchermaßen jede Leistung als eine neue Geburt auffaßt, dann entsteht aus dieser Auffassung und einer gewissen Gewissenhaftigkeit jenes ein bißl sehr anstrengende Gefühl des Lampenfiebers. Es ist aber wohl zu bedenken, daß dieses Gefühl sehr oft noch durch äußere Schwierigkeiten kompliziert wird. Es braucht nicht gerade ein wackelnder Zahn zu sein, wie er Liliencron peinigte. »Ich habe,« erzählte er mir, »hier vorn einen künstlichen Zahn, der natürlich nicht festsitzt; wenn ich nun vorlese, z. B. »Teure Thinka!« dann habe ich immer eine Höllenangst, daß der Zahn hinausspringt und mit Donnergepolter ins Publikum kollert!« Es braucht, wie gesagt, nicht das zu sein; ein wackelndes Pult, auf dem man bei jeder stärkeren Erregung Schaukelbewegungen macht, genügt vollkommen, um das Lampenfieber mit Seekrankheit zu komplizieren, und ein Pult, das man nicht vorher untersucht hat, wackelt gewiß. Das Trinkwasser, das man bestellt hat, fehlt in der Regel; aber es kommt! Spät kommt es; doch es kommt. Mitten im schwierigsten lyrischen Gedicht kommt es, von einem Saaldiener mit klirrender Behutsamkeit durch die ganze Länge des Saales getragen, und mit dem Ausdruck pflichtbewußter Tüchtigkeit stellt er es Ihnen vor die Nase. Wenn er sehr tüchtig ist, bringt er Selterwasser, entstöpselt es vor aller Ohren und löst die Spannung der glücklich vereinten Nerven durch einen kräftigen Knall. Unsere Vortragssäle sind in der Regel so eingerichtet, daß es überall hell ist, nur nicht am Pult des Vorlesers. Aber der wahre Teufel der Finsternis sitzt in den Bogenlampen. Sie lesen: »Ach, aus dieses Tales Gründen, Die der kalte Nebel drückt, Könnt ich ...« Die Bogenlampe erlischt. »Könnt ich doch den Ausgang finden, Ach wie fühlt' ich ...« S–s–s–s–s–s–bumm! Die Lampe glüht wieder. »Ach wie fühlt' ich mich beglückt! Dort erblick ich schöne Hügel ...« Die Lampe geht wieder aus. »Ewig jung und ewig grün! Hätt' ich Schwingen, hätt' ich Flügel, Nach den Hügeln zög ich hin. Harmonien hör ich klingen ...« Siiiiiiii – pst pst pst – ks ks ks – puff! Jetzt brennt sie wieder. Das macht Stimmung. Mit manchen Vortragslokalen ist hinterrücks eine Kegelbahn verbunden. Der Wirt kann keine Rücksicht auf Sophokles nehmen; er muß seine Kegelbahn vermieten. Sie sprechen die namenlosen Qualen des Gatten und Sohnes der Jokaste, und dazwischen hören Sie alle Neune fallen. Auch Tanzlokalitäten schmiegen sich gern an Vortragsräume. Sie sprechen den Fluch des alten Lear, und aus der Nachbarschaft tönt – nicht einmal übermäßig zurückhaltend – der Walzer: »Nur die Ruhe kann es machen!« Ich hörte einmal Emanuel Reicher Gedichte von Hölderlin sprechen. Es war mitten im steinigsten Hamburg, wo man gewiß keinen Hühnerhof vermuten konnte. Aber als Reicher begann: »Ihr wandelt droben im Licht Auf weichem Boden, selige Genien!'' da schrie ein Hahn mit prachtvollem Organ »Kükerüküüüh!« Reichers Mundwinkel zuckten. »Glänzende Götterlüfte Rühren euch leicht ...« »Kükerüküüüh!« machte der Hahn. Reichers Schultern bebten, »– wie die Finger der Künstlerin Heilige Saiten« »Kükerüküküüüh!« Reicher konnte nicht mehr. Solchen und anderen Anfechtungen ist der Vortragskünstler ausgesetzt auf Schritt und Tritt, und mit der Zeit fallen sie auf die Nerven. Dazu muß er reisen, fast jede Nacht in einem andern Bette schlafen und jeden Tag dieselbe Hotelküche genießen. Manchmal ist das Reisen schön; manchmal auch nicht. Ich vergesse nie den frühen Wintermorgen, da ich unter Mond und Sternenschein aus einem kleinen mecklenburgischen Nest, wo ich den Abend zuvor gelesen, von sorgenden Händen wohlig eingewickelt, auf einem Wagen stundenweit durch klingenden Frost zur Bahn fuhr, um am Mittag desselben Tages noch in unserer damals glänzenden Reichshauptstadt sprechen zu können. Ein Wechsel von wunderbarem Reiz. Die Leute haben mich oft gefragt, ob es mir denn Vergnügen mache, auch in kleinen Nestern zu lesen, und ich habe ihnen immer mit Ehrlichkeit antworten können: »Erst recht.« Die großen Städte leiden keinen Mangel an geistigen Dingen, oder wenn sie ihn leiden, so ist es der Mangel im Überfluß; nach Dorf und Kleinstadt kommt wenig, oder es kommt der Abhub von der Tafel der Großstädte. Wenn man in solchem Städtchen am Hotelfenster steht und auf Markt und Gassen schaut und alles in allem eine Gemüsefrau sieht, so denkt man wohl zuweilen: »Du lieber Himmel, woher sollen in diesem verlassenen Erdenwinkel die Leute kommen, die dir zuhören mögen?!« Aber am Abend kommen sie dann aus allen Gäßchen und Winkeln, die oft monatelang, jahrelang nach einer Labe aus dem Kelche der Kunst gedürstet haben, und erstaunt, entzückt, ergriffen fühlt man sich plötzlich warm umschlossen von einem feinhörigen, tiefherzigen Zuhörerkreis. Und Berlin? Ich habe soeben diese Stadt genannt und argwöhne bei Ihnen eine ungünstige Meinung über ihr Publikum. Sie ist unberechtigt. Das Berliner Publikum, von dem allein Nachrichten ins weite Reich dringen, jenes Publikum gewisser Premieren, das mit jeder hohlköpfigen Mode läuft, vor keiner Schweinerei erschrickt, aber für jeden Angriff auf den letzten Rest eines reinen Empfindens freudig einen blauen oder auch braunen Schein bezahlt: dieses Publikum ist eine Zucht- oder Irrenhausgemeinde; es ist nicht das »Berliner Publikum«. Wenn man jene Sorte von den etwa 3 Millionen Berlinern abzieht, dann bleiben immer noch etwa 3 Millionen Berliner nach, und die sind ein überaus empfängliches, dankbares und warmblütiges Publikum. Ja, warmblütig. »Der kalte Norden«, nicht wahr? In Süddeutschland ist eine merkwürdige Fabel verbreitet, die vom »kalten Norden«. Sie ist so wahr wie jener mittelalterliche Bericht von dem Gänsebaum, aus dessen riesigen Knospen, wenn sie platzten, Gänse herausflögen. Ich habe Künstler jeglicher Art nirgends wärmer feiern sehen als in Berlin, Hamburg, Bremen, Königsberg u. a. O. Dagegen sagte man mir in einer süddeutschen Hauptstadt vor meinem Auftreten: »Wundern Sie sich nicht über unser Publikum; wenn es dreimal in die Hände klappt, ist es enthusiastisch.« Das war nun freilich auch eine ungerechte Hyperbel; ich fand die Leute nicht kälter als im Norden. Ich habe die deutschredende Welt durchfahren von Petersburg bis Bern, von Wien bis Paris und Amsterdam; die offensten Herzen hab ich gefunden in Paris, im deutschen Rußland und bei den Saupreußen in Berlin. Doch darf ich meine Schweizer Freunde nicht vergessen. Man hat dort die liebe Art, einem Gast, den man erfreuen will, die heimischen Lieder in wohlgeübtem mehrstimmigen Gesange zwanglos vorzusingen, und das haben sie fleißig getan. Aber sie haben auch konkretere Weisen der Huldigung. Als ich einmal nach getaner Arbeit mein Abendessen einnehmen wollte und vom Kellner Wurst verlangte, war keine da. Eh ich's hindern konnte, sprangen drei hübsche Mädchen hinaus, und nach einer Viertelstunde kamen sie zurück mit einer Wurst. »O, laßt mich zögern!« rief ich mit Tasso, »Seh ich doch nicht ein, Wie ich nach dieser Stunde leben soll.« Und ein schlagfertiger Alfons, ein Schauspieler, versetzte: »In dem Genuß des herrlichen Besitzes, Der dich im ersten Augenblick erschreckt.« Prall und rundlich lag sie vor mir auf dem Teller, die Dichterkrone. Ich hätte sie mir in die Locken gedrückt, wenn ich nicht so hungrig gewesen wäre. O ja, solch ein geselliges Beisammensein nach der Vorlesung kann sehr erheiternd sein. So rief einmal ein Mann, als ich an einem regnerischen Maiabend gelesen hatte: »Wie war es voll! Knüppelhagelvoll! Kein Stuhl war mehr zu haben! Das macht das schlechte Wetter.« »Nur!« versetzte ich. Ein Medizinalrat aber in einer kleinen Stadt versicherte, als ich aus meinen Romanen und aus meinen Kinderstudien vorgelesen hatte: »Romane schreiben ist gar keine Kunst, wenn man bloß seine Kinder beobachtet. Meine Jüngste fragte mich mal: ›Vater, brüten die Schweine auch?‹ Ist doch großartig, was? ›Vater, brüten die Schweine auch?‹,« »Großartig,« stimmte ich bei. »Wenn Sie daraus einen Roman machen, verdienen Sie ein Schweinegeld.« Sogar die Autogrammschnorrer können einem Vergnügen machen. Als ich einmal mit einem berühmten Geiger zusammen wirkte, schrieb ich auf die dargereichten Blätter immer seinen Namen und er den meinen. Ein junges Mädchen mit graphologischer Begabung fand die Schriftzüge sehr charakteristisch. Weniger lustig sind die Menschen, die nach dem Grundsatz handeln: Nun hab' ich dich 1½ Stunden lang angehört – jetzt komm' aber ich dran! Vierzehn Sonette hat mir mal einer flüsternd in die Ohren gebrüllt; er umklammerte dabei meinen Oberarm, und jedesmal, wenn ich besonders begeistert sein sollte, kniff er. Erst als ich nachdrücklich versicherte: »Verzeihen Sie; ich muß mal hinaus!« gab er mich ernüchtert frei. Aber ich trug einen violetten Arm davon. Eine ebenso anmutige Spezies sind die, die in der Fünfminutenpause mit einem Manuskript ins Künstlerzimmer kommen und die Frage entschieden wünschen, ob sie Dichter seien. Niemand aber möge glauben, daß solche Erfahrungen die Regel seien. Öfter als das hört man ein paar leise Worte, die vieles sagen, fühlt man einen stummen Druck der Hand, sieht man ein Paar junger oder alter Augen, die wie Schwester- oder Bruderaugen in die unsern blicken. Darum bin ich denn auch mehr als dreißig Jahre lang mit frohem Herzen durch die Lande gefahren. »In raschen Jahren geht's wohl an, So um und um frei durch die Welt zu streifen«, aus dem D-Zug ins Vortragshemd zu stürzen, vom Vortragspult zum Abendessen und vom Abendessen an den Frühzug zu gehen – heute treffe ich spätestens 12 Stunden vor der Vorlesung am Platze ein und schärfe dem Pförtner des Gasthauses ein: »Wenn mich jemand besuchen will: ich bin tot; wenn er den Verblichenen sehen will: ich bin schon begraben. Nur über Ihre Leiche geht der Weg in mein Zimmer. Nach der Vorlesung bin ich noch immer zu allen Schandtaten bereit.« Das letzte ist etwas Renommage eines alternden Herrn; solche Sprünge wie z. B. in Zürich und am Rhein mache ich jedenfalls nicht mehr mit der alten Eleganz. In Zürich feierten mich Studenten an den Morgenzug nach Straßburg; Studenten sind in solchen Fällen sehr lieb und sehr anstrengend. Schlimmer war es in jener Stadt am Rhein. »An den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Rhein; Mein Sohn, ich rate dir gut.« Dort sollte ich am Mittag lesen; am Abend vorher gab man ein Stück von mir, und das anschließende Abendessen schloß gerade noch zeitig genug, daß ich zur Vorlesung kommen konnte. Die Weine von Mosel und Rhein – so schön sie sind – sie haben bei fortgesetzter Anwendung die Eigentümlichkeit, daß sie das menschliche Organ zusammenziehen wie den oberen Rand eines Strumpfes und den menschlichen Kehlkopf sozusagen in eine Gänsegurgel verwandeln. Durch stimmlichen Wohlklang bin ich an jenem Mittag sicher nicht aufgefallen. Die Kegelbahn und der Tanzsaal, die sonst nebenan zu liegen pflegten, waren in meinen Kopf verlegt, die Bogenlampe auch. Aus weiter Ferne drang gelegentlich ein Lachen oder ein Klatschen herüber; daraus schloß ich, daß ich das Lesepult wirklich erreicht hätte und öffentlich etwas vorläse. Wie die Leute lachen konnten, begriff ich nicht; die Welt war doch sehr, sehr traurig; namentlich hatte sie furchtbare Kopfschmerzen. Aus dem Umstande, daß ich heute hier in meinem Hause sitze, schließe ich auch, daß meine Vorlesung einmal aufgehört hat; damals schien es mir nicht so. Aber das Publikum hat nichts gemerkt; Haltung muß ich also glänzend bewahrt haben. Und ich will gleich hinzufügen, daß dies in mehr als dreißig Jahren der einzige Fall dieser Art geblieben ist; sonst kommen meine lauteren und reinen Feinde auf die Idee, ich sei ein Säufer, und schließen womöglich gar aus solcher Verkommenheit bei mir auf Genie. Der müßte ja auch ein Narr und ein schlechter Rechner sein, der das Glück eines Weinrausches vertauschen möchte mit dem Rausch des schaffenden Künstlers. Ein guter Vorleser ist ein feiner Brückenbauer; er baut die luftig goldne Brücke vom Dichter zum Volke. Um einen Dichter voll zu erfassen, muß man, wie jedermann weiß, selbst ein Dichter sein, wenn auch ein stumm geborener; wer das Wort eines Dichters innerlichst erfühlt, der ist in solchem Augenblick selbst ein Dichter. Der Vorleser nun macht sie alle zu Dichtern, die da vor ihm sitzen, oder doch die besten unter ihnen; er ist ein Gott: er kann Dichter machen. Er verbreitet um sich die goldene Lust der Kunst; er ist wie alle wahren Künstler im Besitz der höchsten Macht: er kann glücklich machen.