Bret Harte Die Geschichte einer Mine Eine kalifornische Skizze Erster Theil. Erstes Kapitel. Wer die Mine suchte. Ein steiler Pfad führt über das Küstengebirge von Monterey. Concho war sehr müde; Concho war sehr staubig; Concho war außerordentlich mißgestimmt. Angesichts dieser unüberwindlichen Unannehmlichkeiten gab es für sein Gemüth nur einen einzigen Balsam und dieser befand sich in einer ledernen, über den Machillas seines Sattels hängenden Flasche. Concho preßte dieselbe an seine Lippen, that einen langen Zug, zog ein bitteres Gesicht und rief: »Carajo!« Offenbar enthielt die Flasche, keinen Aguardiente, sondern war erst vor Kurzem unweit Tres Pinos in einer Schenke gefüllt worden, in der ein Irländer schlechten amerikanischen Whisky unter jenem wohllautenden, castilianischen Namen verkaufte. Dessen ungeachtet leerte Concho, die Flasche fast bis zur Hälfte und ließ sie, sobald sie das gelbe, welke Aussehen seiner eigenen Wangen erhalten hatte, auf den Sattel zurückfallen. Sodann wandte er sich, neu gestärkt, rückwärts und überschaute das hinter ihm liegende Thal, aus dem er seit Mittag emporgeklommen war. Es bot ihm einen öden Anblick. Hier und dort war es zwar von Streifen urbaren Bodens eingefaßt und mit »Valdas« Falda oder Valda ist der Theil des Frauenkleides, welcher schleppenartig auf der Erde liegt; und wird auch als Bezeichnung für die letzten Ausläufer eines Hügels benutzt. von Wiesenland besäumt, doch war der größere Theil staubig, unfruchtbar und unschön. Sein Auge blieb an einer weißen Wolke haften, die am östlichen Horizonte schwebte, dabei aber so trügerisch und wesenlos war, daß sie sich gleichzeitig zu nähern und zu entfernen schien. Concho schlug an seine Stirn und blinzelte mit den heißen Augenlidern. Waren es die Sierras oder war es der verwünschte amerikanische Whisky? Er begann abermals bergan zu reiten. Zu Zeiten verlor sich der stark abgetretene, nur halb sichtbare Pfad unter dem nackten, schwarzen Felsengestrüpp; allein seine weisheitsbegabte Mauleselin fand ihn stets wieder, bis sie schließlich, auf ein lockeres Steingeröll tretend, ausglitt und zu Boden stürzte. Vergebens bemühte sich Concho, sie aus einem Trümmerhaufen von Feldkesseln, Schmelztiegeln und Bergwerkshacken emporzuziehen. Sie beharrte in ihrer liegenden Stellung und erhob nur dann und wann den Kopf, als wolle sie mit einem prüfenden Blicke den Charakter her öden Gegend, die unter ihr lag, ergründen. Sodann bemühte sich Concho vergebens, sie mit Hilfe von Schlägen zum Aufstehen zu zwingen. Darauf versuchte er das Thier durch Schmähungen weltlicher Art zu bewegen. »Du Dieb! Du Mörder! Du schweineköpfige Bestie! Du Futter für die Hörner eines Ochsen!« rief er, aber ohne jeglichen Erfolg. Nun wandte er eine geistliche Ermahnung au. »O Judas Ischariot! Verlassest du auf diese Weise als ein Renegat und Ueberläufer deinen Herrn eine Meile vor dem Lager, wo das Abendessen unsrer wartet? Stehler des Sakramentes! Erhebe dich!« Da Concho hiermit keine Wirkung erzielte, ward er unruhig. Hatte doch noch niemals eine Mauleselin christlicher Herkunft einen so dringenden Aufruf unbeachtet gelassen! Er sah sich daher zu einem letzten verzweiflungsvollen Versuche gezwungen. »Ha, du Tempelschänderin! Wende dich nicht ab, sondern blicke mich an.« Er hob die Hand empor und spreizte plötzlich die Finger. »Höre, was ich dir sage, Teufelin! Ich treibe dir den bösen Geist aus. Ah, du zitterst! Sieh mich nun nur noch eine kleine Weile an, – so! Du abtrünniges Geschöpf! Ich – ich – verfluche dich, Mula!« »Was machst du hier für einen Höllenlärm!« tönte eine rauhe Stimme vom Felsen herab. Concho erbebte. War der Teufel in leibhaftiger Gestalt erschienen, um mit seiner Mauleselin auf und davon zu fliegen? Er hatte nicht den Muth, empor zu blicken. »Komm, komm!« fuhr die Stimme fort. »Laß dein Schreien, du verwünschter, alter Schmierfink. Greaser, Schmierfink, Spitzname der Mexikaner und anderer Bewohner des spanischen Amerika. Siehst du denn nicht, daß das Thier sich die Hüfte verrenkt hat?« Diese Nachricht erschreckte Concho zwar sehr, allein nichts desto weniger fiel ihm doch eine kleine Last vom Herzen. Es war zwar traurig, daß seine Mauleselin lahm war; allein noch weit trauriger wäre es ihm gewesen, hätte sie ihren Ruf als gute Katholikin eingebüßt. Er wagte es, die Augen aufzuschlagen. Ein Fremder – der Kleidung und Sprache nach ein Americano – näherte sich ihm, den Felsen herabsteigend. Der Unbekannte war ein schmächtig gebauter Mann mit glattem, bräunlichem Antlitz, welches sehr gewöhnlich und nichtssagend gewesen wäre, hätte nicht das linke Auge ein schurkisches Gemüth verrathen. Schloß man dies eine Auge, so sah man ein Gesicht vor sich, dessen Ausdruck und Züge einen alltäglichen Menschen bekundeten; bedeckte man dagegen diese Züge, so sprühte und funkelte jenes Auge, wie das des Erzfeindes selbst. Offenbar hatte die Natur die nämliche Bemerkung gemacht und deshalb eine Nervlähmung ironischer Weise eintreten lassen, derzufolge das eine Ende des oberen Lides gleich einem Vorhang über das Auge herabgefallen war; dann hatte sie sich lachend ihres Werkes gefreut und ihn sich selbst überlassen, auf daß er die leichtgläubige Welt ausplündere und rupfe. »Was thust du hier?« fragte der Fremde, nachdem er dem Mexikaner geholfen hatte, die Mauleselin aufzurichten, die hilflos hin- und herschwankte. »Ich suche, Señor.« Der Fremde wandte Concho das treuherzige, rechte Auge zu, während das linke mit einem unbeschreiblich höhnischen, schadenfrohen Blick die Gegend überflog. »Was suchst du?« »Gold und Silber, Señor – doch Silber zumeist.« »Bist du allein?« »Wir sind unsrer Vier!« Der Fremde schaute umher. »Unser Lager ist dort drüben, – eine Meile von hier,« erklärte der Mexikaner. »Hast du Etwas gefunden?« »Sehr viel, – von dieser Sorte.« Concho nahm aus einem seiner Sattelsäcke ein Stück grauen Eisenerzes, das stellenweise mit Pyritsternchen durchsetzt war. Der Fremde sprach kein Wort; allein sein Auge verrieth, daß ihm ein teuflischer Gedanke durch den Sinn fuhr. »Du bist ein Glückspilz, Freund Schmutzfink.« »Wieso?« »Das ist Silber!« »Woher wissen Sie das?« »Es ist mein Geschäft. Ich bin ein Metallurgist.« »Und Sie können mir sagen, was silberhaltig ist und was nicht?« »Ja! Sieh her!« Der Fremde zog aus seinem Sattelsack einen kleinen ledernen Kasten, welcher etwa ein halb Dutzend Phiolen enthielt. Eine derselben war mit dunkelblauem Papier umhüllt. Er hob dieselbe empor und zeigte sie Concho. »Dieses Fläschchen enthält ein Silberpräparat.« Concho's Augen funkelten, trotzdem aber schaute er den Fremden zweifelnd an. »Schütte Wasser in deinen Tiegel.« Concho goß den Inhalt seiner Wasserflasche in seinen Schmelztopf und reichte ihn dem Fremden. Dieser tauchte in die Phiole einen trocknen Grashalm und ließ sodann einen Tropfen von dessen Spitze ins Wasser fallen. Das Wasser blieb unverändert. »Nun wirf ein wenig Salz in das Wasser,« sagte der Fremde. Concho gehorchte. Sofort erschien auf der Oberfläche eine weiße Wolke und dann nahm die gesammte Flüssigkeit eine milchartige Farbe an. Concho bekreuzte sich hastig. »Mutter Gottes! das ist Zauberei!« »Es ist Chlorsilber! Du blinder Narr!« Mit diesem wohlfeilen Experiment noch nicht zufrieden, versetzte der Fremde den guten Concho in das höchste Erstaunen, indem er ein Stückchen Lackmuspapier mit Hilfe von salpetersaurem Salz roth färbte; und als er demselben dann wieder durch Eintauchen in das Salzwasser seine ursprüngliche Farbe zurückgab, hob er den einfältigen Mexikaner vollends aus dem Sattel. »Sie müssen dies auch untersuchen,« sagte Concho, sein Eisenerz dem Fremden darreichend. »Wenden Sie hierbei ebenfalls das Silber und das Salz an.« »Geduld, mein Freund!« antwortete der Fremde. »Zuerst muß man dies Erz schmelzen und sodann wird ein Stückchen abgeschabt und in diese Form gebracht – und das kann nicht umsonst geschehen, mein schmutziger Cherub! Denkst du etwa, daß unsereins seine Jugendzeit in Heidelberg und Freiburg zubringt, um seine Kenntnisse an den ersten besten Silbersucher fortzuwerfen, der ihm in den Weg kommt?« »Wie viel wird es kosten, – he! wie viel?« forschte der Mexikaner eifrig. »Nun, du mußt etwa hundert Dollar und die Auslagen bezahlen, wenn ich dir – – in diesem Stück Erz Silber nachweisen soll. Doch habe ich es einmal gethan, so kannst du ja mit Sicherheit auf viele Tonnen rechnen.« »Sie sollen das Geld haben,« sagte der nunmehr erregte Mexikaner. »Sie sollen es erhalten, – von uns Vieren! Sie müssen mit mir zu unserm Lager gehen, dort werden Sie das Erz schmelzen und uns das Silber zeigen und – kurz und gut – kommen Sie mit mir,« und in fieberhafter Hast ergriff er die Hand seines Gefährten mit solcher Heftigkeit, als wolle er ihn stehenden Fußes mit sich fortziehen. »Was gedenkst du mit deiner Mauleselin anzufangen?« fragte der Fremde. »Heilige Mutter Gottes! Ich hatte sie vergessen! Was soll ich thun?« »Nun, nun,« sagte der Fremde mit höhnischem Lächeln. »Sie wird sich schwerlich aus dem Staube machen; darauf gebe ich dir mein Wort. Ich habe dort oben einen Extra-Maulesel, der mein Gepäck trägt; auf dem kannst du reiten, wenn du mich in Euer Lager führen willst, und morgen magst du wieder hierherkommen, um dein Thier zu holen.« Dem guten, ehrlichen Concho blutete das Herz bei dem Gedanken, seine müde Dienerin, die er noch vor einem Augenblick so schlecht behandelt hatte, verlassen zu müssen; doch die Liebe zum Gelde gewann die Oberhand. »Ich kehre bald wieder zu dir zurück, und zwar als ein reicher Mann, mein kleines Thierchen. Inzwischen erwarte mich hier; ich weiß ja, daß du geduldig bist. Adios , du zierlichste aller Mauleselinnen, Adios !« Nach diesen Worten ergriff er den Unbekannten bei der Hand und kletterte mit ihm die felsige Anhöhe hinan, bis sie mitsammen den Gipfel erreichten. Dort hielt der Fremde eine schnelle, flüchtige Rundschau, indem er einen prüfenden Blick aus seinem schurkischen Auge in das Thal hinabsandte. Aus diesem Grunde hat man dieser Stätte in späteren Jahren, als diese Geschichte mit der den Trägern des Katholicismus eigenen Hingebung erzählt worden ist, den Namen » La Cañada de la Visitacion del Diablo ,« das heißt »Die Teufelsbesichtigungs-Schlucht« gegeben. Dieser Platz bildet gegenwärtig die Grenze eines jener berühmten mexikanischen Grundstücke, welche behufs bergwerklicher Ausnutzung von der Regierung verschenkt worden sind. Zweites Kapitel. Wer die Mine fand. Concho brannte so sehr vor Ungeduld das Lager zu erreichen und seinen Kameraden die gute Neuigkeit mitzutheilen, daß ihm der Fremde mehr als einmal den Befehl ertheilte, seinen Schritt zu mäßigen. »Ist es dir noch nicht genug, du satanischer Greaser, daß du deine eigene Eselin zu Schande gehetzt hast? Willst du mir auch noch die meinige ruiniren? Oder soll ich dir Jinny mit auf die Rechnung setzen?« rief er und dabei lachte er höhnisch und hob das gelähmte Augenlid ein ganz klein wenig empor. Die beiden Männer trabten über eine Stunde auf dem Bergrücken entlang; dann fingen sie an, ins Thal hinuntersteigend, bergab zu reiten. Am Rande des Pfades zeigte sich jetzt eine dürftige Vegetation und hin und wieder sah man einen Manzanitabusch oder einen zwergischen Bocksaugenbaum, der in den Spalten des schwarzgrauen Felsens Wurzel gefaßt hatte. Auch ward, so oft sie über eine ausgetrocknete Bachrinne ritten, welche die im Winter übertretenden Gewässer gebildet hatten, das düstere Grau der Felsen durch matte röthlich-braune Farbenmassen belebt und fast ein jeder der überhängenden Blöcke trug die Spuren einer Goldgräberhacke. Doch kaum hatten sie die gebogene Flanke des Berges umritten, so erblickten sie einen gespenstischen Strom feinen Rauches, der unausgesetzt von unsichtbaren Händen in den unsichtbaren Aether emporgezogen zu werden schien. »Dort ist das Lager!« rief Concho freudestrahlend. »Ich will vorauseilen, um sie auf Ihren Besuch vorzubereiten.« Und ehe sein Gefährte ihn zurückzuhalten vermochte, war er bereits bei einer Biegung des Weges hinter einer scharf hervorspringenden Felskante verschwunden. Sich selbst überlassen, ließ der Fremde sein Pferd einen gemächlicheren Schritt annehmen. Er gewann somit Muße, sich seinen Betrachtungen hinzugeben. Obwol er ein Erzspitzbube war, so verursachte ihm doch die einfältige Leichtgläubigkeit des guten Concho eine gewisse Unruhe. Nicht, daß sein moralisches Bewußtsein gerührt worden wäre; nein, er fürchtete nur, daß Concho's Kameraden, dessen Einfalt kennend, den Verdacht schöpfen würden, daß er diesen Umstand ausbeute. In tiefes Sinnen verloren, ritt er fürbaß. Ueberschaute er sein vergangenes Leben? Ein Vagabond durch Geburt und Erziehung, ein Schwindler von Profession, ein Pariah in Folge seines schlechten Rufes, hatte er, ohne mit der Rechtschaffenheit öffentlich zu brechen, seit seiner Knabenzeit auf jener gefahrvollen Klippe unmittelbar über dem Abgrund des Verbrechens geschwebt. Er machte sich kein Gewissen daraus, diese Mexikaner zu betrügen. Gehörten sie doch einem verkommenen Geschlechte an! Ja, es war ihm sogar einen Augenblick fast zu Muthe, als sei er ihnen gegenüber ein bevollmächtigter Träger des Fortschrittes und der Civilisation. Wir verstehen erst dann den vollen Werth der Aufklärung, wenn wir anfangen, sie als eine Angriffswaffe zu benutzen. Noch einige Schritte weiter vorwärts reitend, sah er auf dem von zunehmendem Dämmerlicht umhüllten Pfade vier Gestalten auftauchen. Er erkannte sofort den guten Concho, der mit strahlendem Antlitz seinen Gefährten voran ging. Ein flüchtiger Blick auf die Gesichter dieser Männer verrieth ihm, daß sie zwar an Gutmüthigkeit hinter Concho zurückstanden, ihn trotzdem aber keineswegs an Klugheit übertrafen. Pedro war ein stämmiger Vaquero, Manuel ein schmächtiger Mischling und obendrein ein Ex-Convertit der Mission St. Carmel, und Miguel hatte ehedem in Monterey als Schlachter gelebt. Nachdem die argwöhnische Scheu, mit der sie nach der Art ungebildeter Menschen den Fremdling betrachteten, unter Concho's wohlmeinendem Einfluß erstorben war, begleiteten sie alle Vier den Unbekannten, der sich ihnen als »Herr Joseph Wiles« vorstellte, zu ihrem Lagerfeuer. Sie waren so begierig, die Untersuchung sofort beginnen zu lassen, daß sie sogar die Anfangsgründe der Gastlichkeit außer Acht ließen und sich erst auf ihre Pflicht besannen, als Herr Wiles, jetzt Don José genannt, ihnen durch einen sehr deutlichen Wink zu erkennen gab, daß er etwas zu essen wünsche. Als das frugale, aus Tortillas, Frijoles, Pökelfleisch und Chocolade bestehende Mahl beendet war, erbauten die Mexikaner aus der dunkelrothen Felsmasse, welche sie der vor ihnen liegenden Schicht entnahmen, einen Schmelzofen und bedeckten denselben mit einem genau eingefügten Tiegel, der seine Glasur einem eigenartigen, landesüblichen Verfahren verdankte. Nachdem sie den Tiegel mit Lehm und Soden befestigt hatten, zündeten sie eiligst einen Haufen Fichtenzweige an, die sie aus einem tieferliegenden bewaldeten Hohlweg herbeigeschafft hatten; und nach wenigen Augenblicken stand der Schmelzofen in voller Glut. Wiles nahm keinen Antheil an diesen thätigen Vorbereitungen; behaglich mit dem Rücken auf der Erde liegend, stieß er nur dann und wann einen Befehl zwischen den Zähnen hervor, mit denen er sinnenden Geistes eine Thonpfeife festhielt. Wie sehr sich auch der Schurke an der nutzlosen Arbeit der Männer ergötzen mochte, er zeigte es nicht; doch sah man, daß sein linkes Auge wiederholt der breiten Gestalt des Ex-Vaquero Pedro folgte und mehr als einmal auf den buschigen Brauen und den halb thierischen Gesichtszügen dieses würdigen Mannes ruhte. So oft Pedro jenem unheilschwangeren Blick begegnete, stieß er einen Fluch aus; aber nichts destoweniger war er nicht im Stande seiner magischen Anziehungskraft zu widerstehen, sondern sah sich gezwungen, ihn immer aufs Neue zu suchen. Und doch hätte es wahrlich nicht dieses diabolischen Auges bedurft, um der Scene eine wilde Romantik zu verleihen; sie war ohnehin gespenstisch genug. Thurmhoch ragte der Berg empor, – eine dichte dunkle, Rembrandtartige Schattenmasse, – die sich hier und dort in malerischen Formen von einem Himmel abhob, der so unermeßlich fern erschien, daß er in einer weltmüden Seele den verzweiflungsvollen Gedanken erweckt haben würde, daß es unmöglich sei, ihn jemals zu erreichen oder seine stahlblauen Wände zu erklimmen. Die Sterne waren groß, klar und leuchtend, aber kalt und unbeweglich. Sie hüpften und funkelten nicht in ihrer demantnen Fassung. Der Feuerschein des Schmelzofens bemalte die Gesichter der Männer mit dem Roth der Indianer und spielte auf den buntgefärbten Decken und Serapés; dann aber ward er, kaum zwanzig Schritte von der Ofenthür entfernt, von dem lauernden Schatten des schwarzen Berges gefangen und aufgesogen. Die ungebildete, halb gesungene, halb geflüsterte Unterhaltung der Gruppe, das Stöhnen des Ofens und das plötzlich aus dem Thale heraufschallende schrille Geheul eines Prairiewolfes waren die einzigen Töne, welche die geheimnißvolle Stille rings umher unterbrachen. Es dämmerte bereits, als es hieß, das Erz sei geschmolzen. Und es war höchste Zeit, denn der Tiegel versank allmählich in den stark zusammenschrumpfenden Ofen, Concho stieß ein frohlockendes »Gott und die Freiheit!« aus; allein Don José Wiles befahl ihm, zu schweigen und gab ihm den Auftrag, Stäbe zur Stützung des Topfes herbei zu holen. Sodann neigte sich Don José über die siedende Masse. Er that es nur während eines einzigen Augenblickes. Allein dieser Augenblick genügte ihm – dem bewärten Metallurgisten, – um heimlich einen halben Silberdollar in den Tiegel zu werfen. Dann schärfte er den Mexikanern ein, das Feuer nicht erlöschen zu lassen; er selbst legte sich nieder und schlief ein, – nur das eine Auge blieb geöffnet. Das Morgenroth kam; es entzündete auf den nahen Hügelspitzen matte Leuchtfeuer und streute fern im Osten Rosen auf den Schnee der Sierras. Unten in den entlegenen Erlengehegen zwitscherten Vögel und deutlich vernahm man die knirschenden Räder eines Wagens, der sich auf der fernen Landstraße in Gestalt eines Staubsteckchens zeigte. Nunmehr ward von Don José der Schmelztiegel feierlich zerbrochen und sein glitzernder, weißglühender Inhalt zum Abkühlen auf den Erdboden geschüttet. Als das geschehen war, schabte der Metallurgist ein Spänchen von der Masse ab, und zerstieß dasselbe zu Pulver und dann schnitt er ein noch kleineres Stück herunter, welches er ebenfalls pulverisirte. Darauf unterwarf er die Substanz in erster Reihe einer Säure und in zweiter einem Salzbade, welches sich sofort milchartig färbte, und nun brachte er endlich einen weißen Gegenstand zum Vorschein, der – mirabile dictu! – einen Silberwerth von zwei Cents befaß. Concho jauchzte vor Freude und seine Kameraden starrten einander mißtrauisch und mit ängstlicher Sorge an. Die Armuth hatte sie zu Genossen gemacht; die Aussicht auf Reichthum machte sie uneins und argwöhnisch. Ironisch glitt Wiles linkes Auge von Einem zum Andern. »Hier sind die hundert Dollars, Don José,« sagte Pedro, indem er dem Metallurgisten das Gold einhändigte und ihm in barscher Weise deutlich zu verstehen gab, daß seine Dienste und Gegenwart nicht mehr erwünscht seien. Wiles nahm das Geld mit einem huldvollen Lächeln und einem Blick in Empfang, welcher bewirkte, daß dem Vaquero das Herz in die Stiefel rutschte, und schickte sich an, von dannen zu gehen, als ein Ausruf, der plötzlich Manuels Lippen entfuhr, ihn zurückhielt. »Der Tiegel! – der Tiegel! – Er hat geleckt. – Blickt her, o, kommt, o, seht doch nur!« Der Mexikaner hatte, um das Frühstück herzurichten, die zerbröckelten Fragmente des Schmelzofens fortgeräumt und hatte bei dieser Gelegenheit eine Lache schimmernden Quecksilbers entdeckt. Wiles prallte zurück, überschaute mit pfeilschnellem Blick die Umstehenden und gewann die Ueberzeugung, daß denselben dies Metall unbekannt sei. »Es ist kein Silber!« sagte er ruhig. »Mit Vernunft, Señor, – es ist doch welches, wenn auch geschmolzenes.« Wiles bückte sich und ließ seine Finger durch die lichthelle Masse gleiten. »Mutter Gottes! Was ist es denn? – Zauberei?« »Nein, ein werthloses Metall.« Doch jetzt wagte es Concho, durch Wiles Probestückchen ermuthigt, ebenfalls eine Hand voll des glitzernden Quecksilbers zu ergreifen, das sich sofort unter seinen Fingern in tausend winzige Küchelchen theilte, von denen mehrere an seinem Hemdsärmel entlang liefen, bis er, halb von kindischer Freude, halb von Furcht ergriffen, umhertanzte. »Und ist es nicht des Nehmens werth?« forschte Pedro an Wiles sich wendend. Wiles hatte die ausdruckslose Hälfte seines Antlitzes und das rechte Auge dem Fragenden zugekehrt, während er mit dem unheilvollen linken die matten, röthlich-braunen Felsenmassen des Hügelabhanges prüfend betrachtete. »Nein!« Er wandte sich mit einer hastigen Bewegung ab und fuhr fort, seinen Maulesel zu satteln. Manuel, Miguel und Pedro vertieften sich, da sie sich selbst überlassen waren, in eine eifrige Unterhaltung, während Concho, dem jetzt wieder die beschädigte Mauleselin in den Sinn kam, zu der Stätte wanderte, wo er sie verlassen hatte. Allein sie war dort nicht zu finden. Trotz häufiger Schläge und Schmähworte war sie ihrem Herrn stets treu gewesen; doch Gleichgültigkeit und Nichtachtung hatte sie nicht zu ertragen vermocht. Es gibt gewisse Geschlechtseigenschaften, die allen organischen Wesen eigen sind. Untröstlich, mit wunden Füßen und reuigem Herzen kehrte Concho auf dem weiten Wege quer über den Felsrücken zu dem Lager und dem Schmelzofen zurück. Aber wie groß war seine Bestürzung, als er, daselbst anlangend, den Platz verödet fand. Die Kameraden, die Maulesel und alle Lagerutensilien waren verschwunden. Concho rief mit lauter Stimme. Nur das Echo der Felsen antwortete ihm dumpfen Tones. War das ein Scherz? Concho versuchte zu lachen. O, gewiß! Es war ein guter Witz, ein lustiger Schelmenstreich. Nein, nein! Sie hatten ihn in der That verlassen! Und dann neigte der arme Concho sein Haupt zu Boden und fiel auf sein Antlitz und schluchzte, als wolle ihm das ehrliche Herz brechen. Der Sturm hatte nach wenigen Augenblicken ausgetobt; es lag nicht in Concho's Natur sich lange zu härmen oder über ein ihm zugefügtes Unrecht nachzusinnen. Als er den Kopf wieder erhob, ward sein Auge von dem Schimmer des Quecksilbers getroffen. – Jener kleine See von lustig zitterndem Metall, der ihn vor einigen Stunden so sehr ergötzt hatte, fesselte ihn jetzt aufs Neue. Nach wenigen Augenblicken war er ganz in sein Spiel vertieft; bald jagte er die Kügelchen hier, bald dort hin oder ließ sie in seinen Handflächen auf und niederrollen und lachte dann mit knabenhaftem Frohsinn über ihre unberechenbaren Einfälle und Sprünge. »Oh! mein behendes Dingchen – mein Springinsfeld – wo willst du hin? Komm hier her! – Nimm diesen Weg – so, nun hab' ich dich, du Kleines, – komm Muchacha, – komm, und küsse mich.« So vergaß er binnen Kurzem die Treulosigkeit seiner Kameraden. Und selbst dann, als er sich sein armseliges Bündelchen auf die Schultern schnallte, war sein Sinnen und Denken einzig und allein auf seinen Spielgefährten gerichtet, den er in seiner leeren, ledernen Flasche mit sich nahm. Die Sonne schaute freundlich auf ihn herab, als er, an dem dunkeln Bergabhange entlang gehend, so munter seines Weges dahin schritt; auch sein Gang war dadurch nicht minder leicht und elastisch, daß er weder das Silber noch die Schuld seiner ehemaligen Kameraden zu tragen hatte. Drittes Kapitel. Wer einen Anspruch auf die Mine erhob. Der Nebel hatte sich bereits über Monterey zusammengezogen und wogte im Luftraum als eine weiße, wallende See, die sich gar bald von der unter ihr schäumenden blauen Brandung trennte. Mehrere Male hatte Concho beim Hinabsteigen des Berges, der über die Klippe hinausragte, auf die gebogene, hufeisenförmige Bucht hinabgeschaut, die, obwol sie sich unmittelbar vor ihm ausbreitete, – doch viele Meilen von ihm entfernt war. In den ersten Nachmittagsstunden hatte er das goldene Kreuz des weißgetünchten Missionsgebäudes im Sonnenlicht funkeln sehen; allein jetzt war es vollständig verschwunden und zu der Zeit, da er die zu der Stadt führende Landstraße erreichte, war es bereits ganz dunkel und deshalb trat er in die erste Fonda (Schenke), die am Wege stand, und bestrebte sich, seine Leiden und seine Müdigkeit in Aguardiente zu versenken. Allein der Kopf that ihm weh, und der Rücken that ihm weh und er fühlte sich am ganzen Körper zerschlagen, so daß er auf den Gedanken verfiel, einen Medico, – einen amerikanischen Arzt, – zu consultiren, der sich vor Kurzem in der Stadt niedergelassen hatte und der ihn und seine Mauleselin vor einiger Zeit mit der nämlichen Medicin und nach der nämlichen energischen Methode curirt hatte. Concho hegte die nicht unlogische Ansicht, daß er, falls er überhaupt nicht umhin könne, sich den Magen mit Arznei zu verderben, eine möglichst große Quantität für sein Geld haben wolle. Die grotesk-extravagante Lebensweise in Californien, das Uebermaß an Früchten und Vegetabilien ließ sich mit den üblichen, unendlich kleinen Dosen nicht in Einklang bringen. Als Concho das erste Mal krank war, hatte ihm der Arzt ein Dutzend Pillen gegeben, die jede vier Gran Chinin enthielten. Am folgenden Tag hatte der Mexikaner sich im Sprechzimmer des Arztes – als völlig geheilt – gemeldet. Der Arzt sah darin nichts Außergewöhnliches, bis er in Erfahrung brachte, daß Concho in Folge seines schlechten Gedächtnisses und um die Sache möglichst zu vereinfachen, sämmtliche Pillen auf einmal eingenommen hatte. Der Doctor zuckte die Achseln und – änderte fortan seine Verfahrungsweise. »Nun?« sagte Dr. Guild, als Concho erschöpft in einen der zwei Sessel des Sprechzimmers sank. »Wo fehlt's? Haben Sie einmal wieder in den feuchten Marschen geschlafen oder hat Sie der allmächtige Whisky umgeworfen? Heraus mit der Sprache.« Allein Concho erklärte, daß der Teufel in seinem Magen sitze, daß Judas Ischariot sich seines Rückgrats bemächtigt habe, daß Kobolde sich in seinem Kopfe umhertummelten und daß seine Füße von Pontius Pilatus gegeißelt würden. »So, dann gebe ich Ihnen Blue Mass!« (eine aus Quecksilber bereitete Masse) sagte der Doctor und reichte ihm dies Arzneimittel in Form einer Pille, welche die Größe einer Musketenkugel besaß und nicht minder schwer war. Concho nahm es sofort ein und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. »Ich habe kein Geld, Señor Medico!« »Das schadet Nichts. Der Preis des Medicamentes beträgt nur einen einzigen Dollar.« Concho machte ein reuiges Gesicht bei dem Gedanken, so viel Silbergeld verschluckt zu haben. Dann sagte er: »Ich habe freilich kein Geld, allein ich kann Ihnen etwas sehr Hübsches und Lustiges geben. Hier nehmen Sie es.« Mit diesen Worten reichte er dem Arzte das inhaltschwere Trinkgefäß, das er mitgebracht hatte.« Der Doctor nahm es, schaute auf die unruhig zitternde Masse und sagte: »Ei – das ist ja Quecksilber!« Concho lachte. »Allerdings ist es ein lustiges, ein quickes Silber,« und dann schnalzte er mit den Fingern, um die Hurtigkeit des Metalles zu veranschaulichen. Das Antlitz des Arztes ward ernst. »Wo haben Sie es gefunden, Concho?« fragte er schließlich. »Es lief dort drüben in dem Gebirge aus unserem Tiegel.« Der Doctor schaute ihn ungläubig an. Dann ließ er sich von Concho den Verlauf der Sache erzählen. »Würden Sie mir die betreffende Stelle zeigen können?« »Madre de Dios, – ja! Ich habe ja dort meine Mauleselin gelassen. – Möge der Teufel mit ihr auf und davon fliegen!« »Und Sie sagen, daß Ihre Kameraden das Alles auch gesehen haben?« »Ja, freilich.« »Und Sie behaupten, daß dieselben nach diesem Ereigniß sich heimlich fortgeschlichen und Sie verlassen haben?« »Das thaten sie, die Undankbaren!« Der Doctor erhob sich und verschloß die Thür seines Sprechzimmers. »Hören Sie mich an, Coucho,« sagte er, »die kleine Quantität Arzenei, die ich Ihnen gab, hatte genau berechnet, den Werth eines Dollars. Sie kostete nicht mehr und nicht weniger, da die Substanz, aus der die Pille gemacht war, aus dem Stoff bestand, den Sie dort in Ihrem Gefäße haben – aus Quecksilber oder Mercury. Es ist dies eines der werthvollsten Metalle, zumal in einem Lande, wo Gold gegraben wird. Mein guter Freund, wenn Sie wissen, wo viel davon zu finden ist, so ist Ihr Glück gemacht.« Coucho sprang vom Stuhle auf. »Erzählen Sie mir, war die Felsmasse, aus der Sie Ihren Schmelzofen erbauten, roth?« » Si Señor .« »Und braun?« » Si Señor .« »Und schrumpfte sie unter dem Einfluß der Hitze zusammen?« »Als wollte sie vergehen.« »Und war dies rothe Gestein in Menge vorhanden?« »Seine Mutter, der Berg, gebiert es unausgesetzt.« »Und können Sie mir mit Sicherheit angeben, daß Ihre Kameraden diesen Berg nicht mit Beschlag belegen werden?« »Wie so?« »Indem sie unter dem Schutz der Minengesetze Anspruch auf ihre Entdeckung erheben und das Recht des Finders zu ihrem eignen Vortheil ausnutzen.« »Das sollen sie nicht.« »Aber wie wollen Sie, ein einzelner Mann, es mit Vieren aufnehmen? denn ich glaube bestimmt, daß Ihr gelehrter Freund seine Hand mit im Spiele hat.« »Ich werde ihnen Trotz bieten.« »Vortrefflich, mein guter Concho. Doch wäre es Ihnen nicht lieber, wenn ich Sie der Mühe des Kampfes überhöbe? Hören Sie meinen Vorschlag. Ich fordere etwa sechs Amerikanos auf, mit Ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen. Sie bedürfen des Geldes, um die Mine auszubeuten, – Sie brauchen ein Capital. Sie erhalten die Hälfte des Gewinnes und die Amerikanos übernehmen das Risico, bringen das Geld zusammen und schützen Ihre Rechte.« »Das verstehe ich,« sagte Concho, mit dem Kopfe nickend und mit den Augen blinzelnd, » Bueno !« »In zehn Minuten bin ich wieder hier,« sagte der Doctor, seinen Hut ergreifend. Ein Mann! Ein Wort! Nach zehn Minuten kehrte er mit sechs Einwohnern des Ortes, den erforderlichen Directoren, einem Präsidenten, einem Secretär und der zur Gründung der » Blue Mass Quicksilver Mining Compagny « notwendigen Eintragungsurkunde zurück. Dieser Name, den man der neuen Bergwerksgesellschaft beilegte, war eine zarte Aufmerksamkeit gegen den allgemein beliebten Dr. Guild. Der Präsident vermehrte das Eigenthum der Gesellschaft durch einen Revolver. »Hier, nehmen Sie diese Waffe,« sagte er, Concho das Mordinstrument in die Hand drückend. »Draußen vor der Thür steht mein Pferd. Bedienen Sie sich desselben und eilen Sie in Windeseile voraus; wir kommen Ihnen nach.« In der nächsten Minute saß Concho bereits im Sattel. Dem Minendirector schlug plötzlich das ärztliche Gewissen. »Ich weiß kaum,« sagte er zweifelnd, »ob ich Sie in Ihrem gegenwärtigen Zustande fortreiten lassen darf. Sie haben soeben eine sehr starke Arznei eingenommen,« und machte dabei ein sehr besorgtes Gesicht. »Zum Teufel!« lachte Concho, »das viele Quecksilber, das da draußen ist, muß berücksichtigt werden und nicht das Bischen, welches ich bei mir habe. Hoopa la! Mula !« und unter dem Getön der Hufschläge und dem Geklirr der Sporen war er gleich darauf in der Dunkelheit verschwunden. »Sie sind keineswegs zu früh gekommen, meine Herren,« sagte der amerikanische Alcalde, Bürgermeister. dessen Wagen gleich darauf an der Thür des Arztes hielt. »Es hat sich soeben eine zweite Gesellschaft gebildet, die sich, wenn ich nicht irre, auf das nämliche Grundstück hat eintragen lassen.« »Wer sind sie?« »Drei Mexikaner: Pedro, Manuel und Miguel unter der Anführung jener verfl... schielenden Sidney-Ente Wiles.« »Halten sie sich hier in Monterey auf?« »Nur Manuel und Miguel; die Andern sind nach Tres Pinos geritten, um Rocommon ebenfalls in die Falle zu locken, und so die Whisky-Rechnungen, die sie ihm schulden, abzuzahlen.« »Wenn die Sache so steht, so brauchen wir nicht vor Sonnenaufgang aufzubrechen, denn sicherlich werden sie noch vor Tagesanbruch total betrunken sein.« Und nachdem der gesetzliche Nachfolger der ernsten mexikanischen Alcaldes auf diese Weise seine unparteiische Meinung kund gegeben hatte, fuhr er von dannen. Inzwischen sparte Concho, der Furchteinflößende, Concho, der Glückliche, weder Riata noch Sporen. Der Weg war dunkel; der Pfad schwer erkennbar, ja, hin und wieder sogar gefährlich und Concho, der die Gefahren des Gebirges nur zu gut kannte, dachte oftmals mit Bedauern an seine verlorene sicherfüßige »Francisquita«. »Sei unbesorgt, Concho,« pflegte er sich in solchen Augenblicken zuzurufen. »Gedulde dich nur noch ein Weilchen, – nur noch ein ganz kleines Weilchen und dann wird eine zweite Francisquita dir Segen bringen. Ha, Springinsfeldchen! Wir spielen dir eine schöne Melodie auf zu deinem Tanz! Einen Dollar für eine Unze! – Du bist mir lieber als Silber, denn du bist lustiger.« Und doch versäumte er nicht, trotz seiner heiteren Stimmung bei bestimmten Biegungen des Bergpfades, eine scharfe Rundschau zu halten. Er fürchtete sich nicht vor Wegelagerern und Räubern, denn es fehlte ihm keineswegs an persönlichem Muthe, sondern vor dem Bösen, der, wie es zur großen Beunruhigung aller gläubigen Katholiken hieß, in dem Santa-Cruz-Gebirge sein Wesen trieb. Er gedachte der Erlebnisse des Ignacio, eines Mauleseltreibers der Franziskaner-Mönche, welcher, als er bei dem Angelus anhielt, um sein Credo herzusagen, den Luzifer in der Gestalt eines ungeheuren Grizzli-Bären erblickte, der ihn dadurch zu höhnen suchte, daß er, auf den Hinterbeinen sitzend, die Vordertatzen wie zum Gebete gefaltet emporhob. Trotz dieser lauernden Schrecknisse gelang es Concho, der mit der einen Hand seinen Zügel und seinen Rosenkranz festhielt und mit der anderen die Whiskyflasche und den Revolver umklammerte, seinen Ritt so glücklich auszuführen, daß er bereits den Gipfel des Bergrückens erreichte, als die ersten Strahlen der Morgendämmerung die Umrisse der weit entfernten Spitzen der Sierras erleuchteten. Nachdem er sein Pferd auf einem Plateau angebunden hatte, legte er seinen Weg zu Fuß fort und kletterte vorsichtig bergab, bis er jene Bank, welche aus der rothen Felsmasse gebildet ward und den eingesunkenen, zerbröckelten Schmelzofen erreichte. Er fand noch Alles in dem Zustande, in dem er es Tags zuvor verlassen hatte. Nirgend zeigten sich Spuren, daß seitdem eine Besichtigung des Terrains stattgefunden habe. Mit dem Revolver in der Hand untersuchte Concho alle Höhlen, Spalten und Nischen. Aufmerksam lugte er hinter jeden Baum, durchstöberte das Bocksaugen- und Manzanitagestrüpp und lauschte gespannt. Kein Laut war vernehmbar, nur der Wind fuhr mit leisem Pfeifen über die Fichten im Thale. Ein Weilchen wanderte er auf und nieder in dem dunklen Gefühl, daß es seine Pflicht sei, das Amt einer Schildwache zu versehen, allein gar bald empörte sich sein lebhaftes Temperament gegen diese einförmige Beschäftigung und außerdem begann er auch die Strapazen des vergangenen Tages zu spüren. Je öfter er seiner Whiskyflasche zusprach, desto schläfriger ward er, bis er schließlich dem Verlangen sich niederzulegen und sich fest in seine Decke einzuwickeln, nicht zu widerstehen vermochte. Schon im nächsten Augenblicke war er in tiefen Schlaf gesunken. Das Wiehern des Pferdes erscholl zweimal von der Höhe herab; aber Concho hörte es nicht. Dann knisterte über ihm auf dem Felsenabhang das Gestrüpp; ein abgebröckelter Stein fiel, herabrollend, unmittelbar neben ihm nieder; allein er bewegte sich nicht. Gleich darauf zeigten sich auf jener Stelle des Berges die Umrisse zweier schwarzer Gestalten. »St, St!« flüsterte der eine der beiden Männer. »Dort unten neben dem Schmelzofen liegt ein Mensch!« Er sagte das in spanischer Sprache; allein die Stimme verrieth, daß es Wiles war. Die zweite Figur kroch vorsichtig bis zur Kante des Abhanges und schaute hinab. »Es ist der blödsinnige Concho,« sagte Pedro verächtlichen Tones. »Doch wie, wenn er nicht allein wäre oder wenn er erwachen sollte?« »Ich will hier bleiben und ihn beobachten. Heften Sie inzwischen unsere Anzeige an.« Wiles verschwand. Pedro ließ sich behutsam an der Felswand hinab, indem er sich am Gestrüpp und an den Chemisalzweigen festhielt. Schon im folgenden Augenblick stand Pedro vor dem schlafenden Manne. Dann spähte er vorsichtig umher. Die Gestalt seines Begleiters ward von der Finsterniß des Felsens verdeckt, nur das leise Geräusch zerbrechender Zweige verrieth, wo er sich befand. Plötzlich warf Pedro seinen Serapé (das Obergewand mexikanischer Rinderhirten) über den Kopf des Schlafenden und dann stürzte er sich mit seiner mächtigen Gestalt und seinem enormen Gewicht auf dessen emporgerichtetes Gesicht und umklammerte mit seinen starken Armen die durch die Decke gefesselten Glieder seines Opfers. Dann erfolgte ein minutenlanges Emporrichten, ein Krampf und ein Ringen; doch umschloß nach wie vor die aus der Decke gebildete Umhüllung den unglückseligen Mann, wie das in Wachs getauchte Leinen den Körper einer einbalsamirten Leiche. Kein Geräusch, kein Hilferuf begleitete das Ringen. Es war nichts zu erkennen, als die stillen, gekrümmten Gestalten der beiden Männer, die sich als dunkle Massen von dem Untergrunde abhoben. Man hätte glauben können, der Eine schlafe in den Armen des Anderen. Und in der lautlosen Finsterniß vernahm man nur, daß Wiles leise durch das Gestrüpp schlich. Allmählich ließ der Kampf nach. Dann ertönten vom Abhang herab die geflüsterten Laute: »Ich sehe dich nicht. Was thust du?« »Ich achte auf ihn.« »Schläft er?« »Er schläft!« »Fest?« »Sehr fest!« »Nach der Art der Todten?« »Nach der Weise der Todten!« Die Agonie war vorüber. Pedro erhob sich, während Wiles herabstieg. »Alles ist fertig,« sagte Wiles, »du wirst es bezeugen, daß ich diese Anzeige hier angeheftet habe.« »Ich werde es bezeugen!« »Und was soll mit diesem Menschen geschehen?« fragte er, auf Concho deutend. »Wollen wir ihn hier liegen lassen?« »Einen blödsinnigen Trunkenbold, – warum nicht?« Wiles heftete sein linkes Auge auf Pedro. Zufälligerweise bildeten sie in diesem Augenblicke fast die nämliche Gruppe, wie in der vergangenen Nacht. Pedro stieß einen Schrei und einen Fluch aus. » Carramba! Wenden Sie Ihr teuflisches Auge von mir ab! Was sehen Sie an mir? He! was?«' »Nichts, guter Pedro,« sagte Wiles, dem Mexikaner seine ausdruckslose Seite zukehrend. Der theils in Wuth versetzte, theils geängstigte Ex-Vaquero schob das lange Messer, das er bereits halb aus der Scheide gezogen hatte, wieder zurück und brummte mürrisch: »Wir wollen fortgehen! Doch halten Sie sich auf jener Seite; ich will auf dieser bleiben.« Und so schlichen sie mitsammen, theils horchend, theils Umschau haltend und ihren argwöhnischen Sinn auf Alles, aber zumeist auf einander richtend, von dannen und verschwanden in jene Schatten, die sie erzeugt zu haben schienen. Eine halbe Stunde verging und während dessen erhellte sich der Osten; er blitzte und funkelte und verwandelte sich in flüssiges Gold. Und dann stieg stolzen Schrittes die Sonne empor und ein Nebelstreifen, welcher sich im Laufe der Nacht heimlich um den Gipfel gelegt hatte, erhob sich und zerriß – an der Bergwand emporfliegend – in schuldbewußter Hast seine weißen Gewänder, so daß sie an dem Gesträuch, dem Geröll und den Felsriffen flatternd haften blieben. Tausend winzige Halme, welche in den Spalten, vom Sturme genährt und von den Passatwinden gewiegt, nestelten, streckten ihre schwachen Aermchen der Sonne entgegen, aber Concho, der Starke, Concho, der Tapfere, Concho, der Fröhliche, rührte und regte sich nicht. Viertes Kapitel. Wer die Mine in Besitz nahm. Ein ununterbrochenes Wiehern erschallte auf dem Bergrücken. Concho's Pferd verlangte nach seinem Frühfutter. Diese Mahnung drang an das Ohr mehrerer Männer, welche, vom Westen kommend, den Berg hinaufritten. Einem derselben klangen die wiehernden Töne bekannt. »Ei, zum Henker! Das ist ja Chiquita. Wahrscheinlich liegt der verfluchte Mexikaner irgendwo betrunken am Boden,« sagte der Präsident der » Blue Mass Company «. »Die ganze Sache hier hat ein Ansehen, das mir nicht gefällt,« sagte Dr. Guild, als die Gesellschaft sich dem entrüsteten Thiere näherte. »Wenn ein Amerikaner in Frage stände, so würde ich auf Fahrlässigkeit schließen; allein kein Mexikaner vergißt jemals sein Thier. Treiben Sie Ihre Pferde an, meine Herren. Wer weiß, ob wir nicht schon zu spät kommen.« Nach einer halben Stunde erblickten sie die tieferliegende Schicht, den zerfallenen Schmelzofen und die regungslose Gestalt des Mexikaners, der, fest von seiner Decke umhüllt, das Gesicht der Erde zugewandt, im Sonnenschein lag. »Sagte ich es Ihnen nicht? Er ist betrunken!« rief der Präsident. Der Arzt machte ein ernstes Gesicht, sprach jedoch kein Wort. Sie stiegen ab und banden ihre Pferde fest. Dann krochen sie auf Händen und Füßen bis zu dem Abhang, welcher sich über dem Schmelzofen befand. Der Secretair Biggs stieß einen Schrei aus. »O, sehen Sie doch! Es ist uns Jemand zuvorgekommen. Dort sind Anzeigen!« Und in der That waren zwei Leinewand-Plakate an dem Felsen angeschlagen, vermittelst welcher von diesem Grund und Boden Besitz ergriffen wurde, und diese Schriftstücke waren von Pedro, Manuel, Wiles und Roscommon unterzeichnet. »Herr Doctor, dies geschah, während Ihr vielgepriesener Mexikaner, unser Gesellschaftsmitglied – das der Teufel holen möge – dort betrunken im Staube lag. Was ist nun zu thun?« Der Arzt begab sich jedoch zu dem unglückseligen Urheber ihrer vereitelten Hoffnungen, der auf diese Vorwürfe kein Wort erwiderte; die anderen Herren folgten ihm. Er kniete neben Concho nieder, rollte ihn aus der Umhüllung, legte seine Finger auf sein Handgelenk und sein Ohr auf die Herzgrube und sagte: »Todt!« »Sehr begreiflich! Sie haben ihm ja gestern Abend Arzenei gegeben. Das kommt von Ihren verwünschten Pferdekuren!« Allein Dr. Guild war allzu beschäftigt, um auf die Spottreden seines Gefährten zu achten. Er betrachtete Concho's hervorgequollene Augen, öffnete dessen Mund und prüfte die geschwollene Zunge; dann sprang er plötzlich empor. »Reißen Sie die Anzeigen herunter, meine Herren, und bewahren Sie dieselben sorgfältig. Statt dessen schlagen Sie Ihre eigenen an. Sie dürfen ohne Sorge sein. Niemand wird Ihnen Ihre Ansprüche streitig machen, denn hier hat nicht nur ein Raub stattgefunden, sondern auch ein Mord!« »Ein Mord!« »Ja,« sagte der Arzt erregt. »Ich kann vor jedem Gericht einen Eid darauf ablegen, daß dieser Mann erdrosselt worden ist. Er ward überfallen, als er schlief. Sehen Sie hier!« Er deutete auf den Revolver, welchen Concho's erstarrende Finger noch immer umklammert hielten. Der Ermordete hatte den Hahn desselben gespannt, ohne ihn während des Ringens abdrücken zu können. »Das stimmt!« sagte der Präsident. »Mit einem gespannten Revolver legt sich kein Mensch zum Schlafen nieder. Was aber soll nunmehr geschehen?« »Alles Erforderliche!« entgegnete Dr. Guild. »Diese That ist innerhalb der zwei letzten Stunden begangen; der Körper ist noch warm. Der Mörder hat keinenfalls unsern Weg eingeschlagen, sonst würden wir ihm auf dem Bergpfade begegnet sein. Wenn er überhaupt irgendwo zu finden ist, so hält er sich zwischen hier und Tres Pinos auf.« »Meine Herren!« sagte der Präsident, indem er seine Worte mit einem leichten räuspernden Tone einleitete, der einen Anflug von richterlicher Würde hatte. »Zwei von Ihnen bleiben hier und halten Wache; die Uebrigen folgen mir nach Tres Pinos. Das Gesetz ist mit Füßen getreten. Sie wissen, was das heißt!« Durch irgend einen merkwürdigen Einfluß hatte sich urplötzlich die kleine Gesellschaft, deren Mitglieder halbcynisch, halb-leichtfertig sich sonst um nichts zu kümmern pflegten, in ernste, besonnene Bürger verwandelt. »Vorwärts also!« riefen sie, nickten zustimmend mit dem Haupte und eilten zu ihren Pferden. »Wäre es nicht besser, wir warteten, bis die Leichenschau stattgefunden hat und wir uns durch eidliche Aussage einen Verhaftsbefehl erwirkt haben?« fragte der Secretair vorsichtig. »Aus wie vielen Personen besteht unsere Gesellschaft.« »Aus Fünfen.« »Nun wohl!« sagte der Präsident, indem er die revidirten Statuten der californischen Staaten in einen einzigen kräftigen Ausspruch zusammenfaßte, »dann bedürfen wir keines verfl... Verhaftsbefehles.« Fünftes Kapitel. Wer eine spanische Schenkungs-Urkunde auf die Mine besaß. Die Mittagszeit war bereits weit vorgerückt in Tres Pinos. Die balsamischen Wipfel der drei Fichten, denen der Ort seinen Namen verdankte, schienen auf der staubigen Landstraße und in der heißen Luft Dämpfe auszuströmen. Im blendenden Glanz strahlte die Straße, im blendenden Glanz die Felsen sowie die weißen Zeltdächer der wenigen Shanties und die Hütten, die das Dorf bildeten. Selbst die unbemalten Bretter von Roscommons Kramwaarenhandlung und Schenkwirthschaft hatten diesen blendenden Glanz und die krummgebogenen Dielen der Veranda zeigten das Bestreben, sich unter den Füßen der Eindringlinge krumm zu biegen. Einige wenige Maulesel, die sich in der Nähe des Wassertroges aufhielten, hatten sich in den spärlichen Schatten der Hofumzäunung geflüchtet. Die Kramwaarenhandlung des Herrn Roscommon nahm, obwol sie den Bedürfnissen des Dorfes vollkommen entsprach, weder die Zeit noch die Kräfte des Besitzers allzusehr in Anspruch; das Anfüllen der Schweinefleisch- und Mehlfässer für den Bedarf der aus Goldgräbern bestehenden Stammgäste war jeden Sonnabend Abend das Werk einer knappen Stunde; allein die tägliche Versorgung der ständigen Mitglieder mit Whisky war ein nie endendes, angreifendes Geschäft. Roscommon verbrachte ungleich mehr Zeit hinter seinem Schenktisch als hinter dem Tresen seines Kramladens. Vergegenwärtigt man sich außer dieser Thatsache noch den Umstand, daß ein langer scheunenartiger Anbau oder Flügel die Inschrift »Kosmopolitisches Hôtel, Kost und Logis auf Tage oder Wochen; M. Roscommon« trug, so erhält man einen Begriff von der mannichfaltigen Thätigkeit des Besitzers. Das »Hôtel« stand übrigens mehr unter der Leitung von Frau Roscommon, einer starkknochigen, derben, gutmüthigen Dame von dreißig Jahren. Roscommon hatte schon seit Langem die Ueberzeugung gewonnen, daß die meisten seiner Stammgäste unzurechnungsfähig seien und je nach der Art ihres Zustandes bald heftig angefahren, bald milde behandelt werden mußten. Kein Ereigniß, keine außergewöhnliche Rede oder That vermochte das Gleichmaß seines auswendigen Menschen zu stören, und so ruhig dieser erschien, so störrisch, entschlossen und zäh war sein inwendiger Mensch. So oft er keinen Branntwein ausschenkte und während der Zeit, wo seine Gäste tranken, pflegte er seinen Schenktisch unausgesetzt mit einem ausnehmend schmutzigen Tuche oder irgend einem andern Gegenstande, der ihm gerade zwischen die Finger kam, abzuwischen. Die Goldgräber, welche diese völlig mechanische Gewohnheit bemerkt hatten, steckten ihm hin und wieder Dinge in die Hand, die diesem Zwecke in keiner Weise entsprachen, – z. B. alte Fetzen von ihren Hemden oder Unterhosen, Sackleinen und Werg; ja einstmals gaben sie ihm sogar einen wollenen Unterrock seiner Frau, den sie von der Waschleine im Hofe entwendet hatten. Roscommon verrichtete in der Regel dieses Abwischen seines Tisches ohne den Blick zu erheben; nichtsdestoweniger aber war ihm die Anwesenheit eines jeden Kunden gar wohl bekannt. »Sie bekommen wahrhaftig nicht einen einzigen Tropfen mehr, Jack Brown, bis Sie die schwarzen Striche, die ich Ihnen angeschrieben habe, auslöschen.« »Ah! da sind Sie ja, mein Werthester, und hier ist Ihre Pulle; sie wartet schon seit dem vorigen Sonnabend auf Sie.« »Und was haben Sie mit dem letzten Stück angefangen, das ich Ihnen geschickt habe, Sie Teufel von einem Mr. Clorkle, und ich habe mir das Rückgrat zerbrochen, weil ich mich unausgesetzt gebückt habe, um Ihnen die besten Bissen aus dem Schweinefleischfaß zu geben, und Sie verprassen inzwischen Ihren letzten Cent während einer Sauferei bei Gilroy.« »Ruhig! Wenn ihr euch prügeln müßt, ihr Jungens, so kann ich euch ein ganz famoses Grasplätzchen bei der Hofumzäunung anweisen, und wer weiß, ob ich selbst nicht auch mit einem Stock herauskomme und euch Gesellschaft leiste.« An dem heutigen Tage befand sich Roscommon jedoch nicht wie sonst in gleichmütiger Stimmung, und als die Hufschläge herannahender Pferde das Eintreffen fremder Gäste verkündigten, stellte er sein Wischen vollständig ein und hob die Augen auf, als Dr. Guild, der Präsident, und der Secretair der neuen Bergwerksgesellschaft in den Laden traten. »Wir suchen hier einen Mann Namens Wiles und drei Mexikaner, die Pedro, Manuel und Miguel heißen,« sagte der Präsident. »So? Thun Sie das?« »Ja, das thun wir.« »Meiner Treu, – dann will ich Ihnen wünschen, daß Sie die Leute finden. Und wenn Sie ihnen die Zeche abjagen, die sie mir schuldig sind, so will ich Ihnen meinen Segen noch obendrein geben.« Die Umstehenden, denen das Eindringen der Fremden offenbar nicht zu behagen schien, brachen in ein schallendes Gelächter aus. »Ich fürchte sehr, meine Herren,« sagte Dr. Guild in kaltem Tone, »daß Ihnen die Angelegenheit durchaus nicht lächerlich erscheinen wird, wenn ich Ihnen mittheile, daß soeben ein Mord begangen ist und daß die Männer, welche wir suchen, in der nämlichen Stunde und an demselben Ort, wo die That stattgefunden hat, diese Anzeige angeschlagen haben.« Bei diesen Worten zog der Arzt ein Papier hervor und faltete es auseinander. Eine lautlose Stille herrschte in der Versammlung, die sich dicht zusammendrängend – alsbald einen Kreis um Dr. Guild bildete. »Wie Sie sehen, meine Herren, steht unter denen, die das Grundstück beanspruchen, auch der Name des Herrn Roscommon.« »Ja, natürlich, Verehrtester,« sagte Roscommon, ohne die Augen zu erheben, »und wenn Sie gegen die anderen alten Knaben keine besseren Beweise aufzählen können, als gegen mich, so reiten Sie nur ruhig wieder nach Hause. Denn, daß ich selbst den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht die Nase aus meiner Bude gesteckt habe, können mir die Jungens hier, die mir die ganze Zeit keine Ruhe gelassen haben, bezeugen.« »Das stimmt auf ein Haar, Roß!« brüllte die Menge im Chor. »Wir haben dem Alten fortwährend auf dem Pelz gesessen!« »Wie kommt denn Ihr Name hier auf dies Papier?« »Mord und Todtschlag! Hört nur, Jungens, was der Alles angibt! Als ob nicht ein Jeder, der eine Whisky-Rechnung zu berappen hat, zu mir käme und mir sagte: Apropos, Herr Roscommon oder Moike, – wie er mich nun gerade nennt, – ich habe heute eine gute Stelle getroffen und deshalb habe ich mit eigner Hand Ihren Namen als ersten Besitzergreifer mit aufgeschrieben und nun sind Sie ein reicher Mann, Roscommon, und daher schenken Sie mir gefälligst noch ein Glas ein, damit ich Eins auf das gute Glück trinke, das Sie und ich gehabt haben. Ja, ja, fragen Sie nur Jack Brown dort, ob mir seine Besitzurkunden nicht schon zum Halse heraushängen.« Das Gelächter, welches dieser Rede und ihren einleuchtenden Erläuterungen folgte, überzeugte die Gesellschaft, daß sie die Angelegenheit falsch angefaßt habe, daß sie hier keinen Aufschluß über den Aufenthaltsort der wirklichen Uebelthäter erhalten würden und daß jeder Versuch, durch Drohungen das Ziel zu erreichen, auf eine heftige Opposition stoßen würde. Nichtsdestoweniger blieb Dr. Guild beharrlich. »Wann haben Sie die betreffenden Männer zuletzt gesehen?« »Wann ich sie zuletzt gesehen habe? Verrückte Frage! Ich muß meine Tische trocken wischen und Schnaps ausschenken und habe sie daher überhaupt niemals gesehen.« »Das stimmt, Roß!« brüllte abermals der Chor, der den ganzen Vorgang als eine höchst lustige Komödie betrachtete. »Nun, meine Herren, so kann ich Ihnen mittheilen, daß sie gestern Abend in Monterey gewesen sind, daß sie auf dem dorthinführenden Bergpfade heute Morgen nicht zu der Stadt zurückgekehrt sind und daß sie in Folge dessen bei Tagesanbruch hier durchgekommen sein müssen.« Nach diesen Worten, die den Doctor gereuten, sobald sie ihm entfahren waren, ritt die Gesellschaft von dannen. Roscommon begab sich wiederum an seine Kellnerarbeit und Tresen-Abwischung. Allein spät in der Nacht, nachdem die Schenke geschlossen und der am längsten säumende Trinker ohne Umstände an die Luft gesetzt war, brachte er in der Stille des ehelichen Schlafgemaches ein Papier zum Vorschein, welches das Aussehen einer Urkunde besaß. »Lies dies, Maggie; du weißt ja, mein Schatz, daß ich es im Lesen und dergleichen Dingen nicht weit gebracht habe.« Frau Roscommon nahm das Papier. »Das ist gewiß so'n amtliches Schreiben, worauf steht, daß du ein Stück Land bekommen hast. O, Moike! Du hast doch nicht etwa speculirt?« »Still! Und was bedeutet das schmutzige graue Blatt mit den Schnörkeln und Siegeln?« »Meiner Treu! Daraus kann ich nicht klug werden. Das ist gewiß kein Englisch!« »Still! Maggie – das ist eine spanische Schenkungsurkunde!« »Eine spanische Schenkungsurkunde? – O, Moike, – was hat dir die gekostet?« Roscommon legte den Zeigefinger an die Nase und sagte mit schmelzendem Tone »Whischky!« Zweiter Theil. Sechstes Kapitel. Wie jene Schenkungsurkunde zu Stande gekommen war. Während die Blue Mass Company mit mehr Eifer als Vorsicht sich bestrebte, Pedro und Wiles auf dem Wege nach Tres Pinos einzufangen, saßen die Senores Miguel und Manuel unangefochten in einer Fonda zu Monterey, rauchten Cigaritos und sprachen mit einander über die Entdeckung, die sie letzthin gemacht hatten. Sie befanden sich jedoch in keiner besseren Stimmung als ihre ehemaligen Kameraden, und aus ihrem Gespräche ging hervor, daß sie in einem schwachen Augenblicke ihren Antheil an der vermeintlichen Silbermine für wenige hundert Dollar verkauft hatten, da sie der Ansicht waren, daß ihnen derselbe doch durch einen thatkräftigen Einspruch seitens der Amerikaner streitig gemacht worden wäre. Der scharfsichtige Leser wird hieraus entnehmen, daß der in allen Ränken erfahrene Wiles ihnen nicht mitgetheilt hatte, daß die Grube eine Quecksilber-Mine sei, obwol er sich andererseits gezwungen sah, dies Geheimniß dem Mexikaner Pedro zu verrathen, da ihm derselbe ein unentbehrliches Werkzeug und Helfershelfer war. Daß Pedro nicht von Gewissensbissen gequält ward, als er in solcher Weise seine beiden Kameraden betrog, wird uns nicht wundern, da wir ja von der geraden und unmittelbar auf das Ziel zusteuernden Behandlungsweise Kenntniß genommen haben, die er letzthin seinem Gefährten Concho hatte zu Theil werden lassen und daß er bei erster Gelegenheit und falls es ihm seine eigene Sicherheit wünschenswerth machen sollte, Herrn Wiles Lebenslicht mit der nämlichen Ruhe auslöschen würde, – daran zweifelte dieser Herr selbst keinen Augenblick. »Wenn wir nur noch etwas länger gezögert hätten, so würde uns dieser schieläugige Mensch mehr gegeben haben,« murrte Manuel mit zanksüchtigem Tone. »Nicht einen Peso!« sagte Miguel mit Bestimmtheit. »Woher weißt du das, mein Miguel? Bedenkst du denn nicht, daß wir die Mine selbst hätten bearbeiten können.« »Vortrefflich, um unsre Arbeit obendrein zu verlieren! Sag' mir doch, Brüderchen, kannst du mir wol den Mexikaner zeigen, der aus einer californischen Mine auch nur Einen Real gewonnen hat. Nun, wie viele kennst du? He! Keinen! Nicht einen einzigen! Wem gehören die mexikanischen Minen? He! den Americanos! Wer wird reich durch die mexikanischen Minen? Die Americanos! Du entsinnst dich noch eines gewissen Briones, der den Ertrag einer Goldmine verausgabte, um eine Silbermine in Gang zu bringen. In wessen Händen sind jetzt die Ländereien und das Haus dieses Briones? In denen der Americanos! Wem gehören die Viehheerden des Briones? Den Americanos! Wem gehört die Mine des Briones? Den Americanos! Wer fand das Silber, das Briones vergebens suchte? Die Americanos! Stets dieselbe Leier! Immer und immer wieder! Ah, carramba!« Und dann fuhr es dem Bösen offenbar in den Kopf und in die Hörner, so daß er diese beiden, verhältnißmäßig schuldlosen Männer eines bestimmten Zweckes wegen noch weiter trieb und stieß. Denn gleich darauf gesellte sich zu ihnen ein gewisser Victor Garcia, der zur Zeit Schreiber beim Ayuntemiento (Stadtrathsamt) war, und dieser machte sich beim Aguardiente über sie lustig und erzählte ihnen die Geschichte der Quecksilber-Entdeckung und der beiden Gesuche wegen der Besitznahme der Mine, welche Concho und Wiles heute Abend eingereicht hatten. In Folge dieser Kunde platzte Manuel vor Neid und ließ schwefelartige Flüche hervorlodern, wogegen Miguel, der ehemalige Geistliche, schwarzgelb ward und gedankenvoll dasaß. Endlich trat in Miguels Bombardement eine Pause ein und während derselben fand zwischen den kaltblütigeren Schauspielern eine Unterhaltung folgenden Inhaltes statt: Miguel (nachdenklich) . »In welchem Jahre hast du eigentlich ein Gesuch eingereicht, um Ländereien im Thale zu erhalten?« Victor (betroffen) . »Ich that es niemals. Der Boden ist eine unfruchtbare Wüste. Bin ich denn ein Thor?« Miguel (sanft) . »Du hast es doch gethan! Bei dem spanischen Gouverneur Micheltorena. Ich habe die Eingabe selbst gesehen.« Victor (fängt an eine Beute zu wittern) . »Si! Ich hatte es vergessen. Weißt du gewiß, daß das Grundstück im Thale lag?« Miguel (mit Nachdruck) . »Es lag im Thale und zog sich an der Valda hinaus.« Victor (mit zustimmendem Tone) . »Allerdings. – Du hast Recht – die Valda war mit eingeschlossen.« Miguel (indem er Victor scharf ins Auge faßt) . »Und trotzdem hast du die Schenkungsurkunde nicht erhalten. Sollte es nicht möglich sein, so schmerzlich das auch wäre, daß sie mit den Actenstücken zerstört worden ist, welche die Amerikaner in Monterey vernichteten?« Victor (vorsichtig, obwol er die Schliche merkt) . »Possiblemento!« Miguel. »Es dürfte weise sein, dem Sachverhalte nachzuspüren.« Victor (ohne Umschweife) . »Und weshalb?« Miguel. »Zu unserem Heile und dem deinigen, Freund Victor. Wir bringen dir unsere Entdeckung und du bringst uns deine Geschicklichkeit, deine Erfahrung, deine gerichtlichen Kenntnisse und dein Custom-House-Papier. Schenkungsurkunden, Gesuche und amtliche Anzeigen wurden zur Zeit der spanischen Regierung auf einem Stempelpapier ausgefertigt, das den Namen Custom-House-Papier führte. Manuel (mischt sich mit lallender Zunge in das Gespräch) . »Aber wozu das? Wir sind Mexikaner! Stehen wir nicht unter einem verhängnißvollen Geschick? Wir verlieren! Wer ist im Stande uns die Americanos vom Leibe zu halten?« Miguel. »Wir verbinden uns mit einem Amerikaner, aber nur mit Einem, – Ha! Merkst du was? Unser amerikanischer Kamerad soll seine Gerichtshöfe, seine Corregidores (die erste obrigkeitliche Person einer Stadt) bestechen. Und nach Verlauf einer kurzen Zeit soll er uns die Leute herbeischaffen, welche die Dampfmaschine, die Fabrik und den Schmelzofen herstellen. – He?« Victor. »Wo aber finden wir einen, – der nicht stiehlt.« Miguel. »Ich meine den Irländer, den guten Katholiken von Tres Pinos.« Victor und Manuel (gleichzeitig) . »Roscommon?« Miguel. »Der Nämliche. Wir geben ihm einen Antheilschein und erhalten dafür Vorräthe, Gerätschaften und Aguardiente. Denn vor den Irländern fürchten sich die Americanos sehr. Sind sie es doch, welche die Wahlen bestimmen, durch die der Präsident erwählt wird. Und dieser setzt dann wiederum den Alcalden von San Francisco ein. Und zudem gehören wir auch zu derselben Kirche, wie Roscommon.« Sie riefen alle drei » Bueno !« und es hatte in diesem Augenblicke den Anschein, als würden sie von einer religiösen Begeisterung – einem gemeinsamen Gelübde emporgehoben, welches auf Tod, Verderben und wo möglich auch auf Fälscherei berechnet war, da es sich gegen andersgläubige Menschen richtete. Diese innere Uebereinstimmung räumte alle äußeren Bedenken und Zweifel aus dem Wege. »Ich habe eine kleine Nichte,« erzählte Victor, »welche wundervolle Arbeiten mit der Feder anzufertigen vermag. Wenn man zu ihr sagt: ›Carmen, copire mir dies oder jenes‹, so kann man sich darauf verlassen, daß sie es thut und wenn es auch auf einer Kupferplatte wäre, und nachher kann man nicht einmal angeben, welches von beiden das Original ist. Madre de dios! Vor einigen Tagen hat sie mir die »Rubrik« Eine spanische »Rubrik« besteht aus den künstlich verschlungenen Schnörkeln, welche die Unterschrift vervollständigen; sie ist ebenso charakteristisch und individuell als die Handschrift selbst des Gouverneur Pio Pico Strich für Strich so nachgemacht, daß sie von der wirklichen nicht zu unterscheiden ist. Du kennst sie, Miguel. Sie hat sich gestern nach dir erkundigt.« Obwol Miguel verwirrt ward, wie Leute von mangelhafter Erziehung es bei solchen Anlässen zu werden pflegen, so bemühte er sich doch, gleichartig zu erscheinen, was ihm übrigens gänzlich mißglückte. Und in der That glaube ich, daß er wohl fühlte, daß Carmens schwarze Augen ihr Werk bereits an ihm vollendet hatten – und zum Theil Schuld daran waren, daß er sich um Victors Beihilfe bewarb. Es gelang ihm indessen, sich zu der Frage aufzuraffen: »Aber wird sie denn nicht Alles durchschauen?« »Sie ist ein Kind!« »Allein wird sie nicht schwatzen?« »Nicht wenn ich »nein« sage – und du auch .... He, Miguel?« Diese kleine Schmeichelei, – welche nebenbei gesagt, eine Lüge war, denn Victors Nichte hegte nicht die mindeste Neigung für Miguel, hatte eine gute Wirkung. Sie schüttelten sich die Hände über dem Tisch. »Aber,« sagte Miguel, »was geschehen soll, muß gleich geschehen.« »Unverzüglich!« rief Victor »und du sollst selbst sehen, wie sie es macht. He! Ist dir das nicht ein angenehmer Gedanke? Nun, so komm!« Miguel nickte dem Mexikaner Manuel einen Abschiedsgruß zu. »Wir werden in einer Stunde zurückkehren. Erwarte uns hier.« Sie schritten hinaus auf die dunkle unregelmäßige Straße. Das Schicksal führte sie gerade in dem Augenblick an Dr. Guilds Hause vorüber, als Concho sich in den Sattel schwang. Die Dunkelheit verbarg sie vor ihren Nebenbuhlern, doch vernahmen sie deutlich die letzten Verhaltungsmaßregeln, welche der Präsident dem unglücklichen Concho einschärfte. »Hast du es gehört?« sagte Miguel seinen Gefährten am Arm packend. »Ja,« erwiderte Victor. »Aber laß ihn nur ruhig von dannen reiten, mein Freund; in einer einzigen Stunde besitzen wir Etwas, das uns einen Vorsprung von mehreren Jahren sichert,« und mit schadenfrohem Kichern schlichen sie ungesehen und ungehört weiter, bis sie, plötzlich – um eine Ecke biegend – vor einem niedrigen Adobe-Hause (d. i. ein Gebäude, welches aus ungebrannten, an der Luft getrockneten Ziegelsteinen erbaut ist), Halt machten. Dasselbe war einst ein recht stattliches Bauwerk gewesen; doch war es, wie ersichtlich, von dem nämlichen Loose betroffen, dem die übrigen Glücksgüter des Don Juan Briones anheimgefallen waren; denn sein Eigenthümer hatte es als letztes Brodstückchen dem dreiköpfigen Cerberus, welcher die plutonischen Schätze von El Refugio bewachte, dargeboten und dieser hatte es als einen einzigen Bissen verschlungen. Es befand sich in sehr schlechtem Zustande. Die Furchen des rothen Ziegeldaches sahen aus, als seien sie das Resultat des Alters und der zernagenden Zeit. Das beste Zimmer hatte einen muffigen Geruch und der langsam um sich greifende Verfall verbreitete feuchte Moderdünste; nichts desto weniger hatten sich die spanischen Californier als erfahrene Baumeister erwiesen, denn die massiven Mauern und Wände des Hauses trotzten den Erschütterungen eines Erdbebens und bewirkten, daß im ganzen Jahre eine gleichmäßige Temperatur in seinem Innern herrschte. Victor führte Miguel durch ein niedriges Vorzimmer in ein einfach möblirtes Gemach, in dem Carmen malend saß. Nun aber war Fräulein Carmen mit ihrer allerliebsten Art der Ausführung ein Bischen von einer Malerin; sie empfand all die unbestimmte Sehnsucht eines Künstlers, doch fehlte ihr, wie ich fürchte, die unverwandt auf ein Ziel gerichtete Seele eines solchen. Sie besaß, wie man es wol bei einem Kinde zu finden pflegt, ein Gefühl für Schönheit und Formen, doch kein Verständniß für das Wesen derselben. Auch gelang es ihr nicht recht, ihre jugendlich jungfräulichen Stimmungen, welche sicherlich auch zugleich die Eingebungen der Natur waren, zu versinnlichen. Und so malte sie in kindlicher Anschauungslust Alles: Blumen, Vögel, Insecten, Landschaften und Menschen – mit einer erfreulichen Treue, aber ohne eigentliche Poesie. Der Vogel sang ihr stets nur das nämliche Lied; die Blumen und Bäume redeten zu ihr nur eine einzige Sprache und der Himmel strahlte für sie nie anders als in Farben. Eine große Geschicklichkeit besaß sie im Copiren katholischer Heiligenbilder; sie vermochte einen glattrasirten Aloysius mit süßlich ausdruckslosem Antlitz oder eine wassersüchtige, lethargische Madonna so getreu nachzuahmen, daß man die Copie von dem Werke des alten Meisters, und sei dasselbe auch noch so schlecht, nicht zu unterscheiden vermochte. Ihre Fähigkeit des genauen Reproducirens verrieth sie auch bei der Anfertigung von kunstvoll verzierten Initialen und letzthin sogar in der Nachahmung von Namenszügen und Unterschriften. Und in der That hatte sie sich, da sie ungemein viel Formensinn besaß, im Kloster stets durch eine schöne Handschrift ausgezeichnet, ein Talent, welches die guten Schwestern hoch in Ehren hielten. Ihre äußere Erscheinung war »petite«, ihre Gestalt mädchenhaft und unfertig, der Rücken vielleicht ein wenig zu flach; auch erinnerte ihr Gang hin und wieder an den eines Knaben. Ihre von blauschwarzem Haar bedeckte Stirn war niedrig, offen und ehrlich; ihre dunklen Augen hatten ein tiefes Nußbraun; sie waren nicht sonderlich groß; doch bargen die melancholischen Augenlider eine schwere Fracht von schlummernder Leidenschaft; ihre Nase trug jenen unbedeutenden Charakter, der sich in keines Menschen Erinnerung einprägt; ihr Mund war klein und gerade, ihre Zähne weiß und regelmäßig. Der Gesammtausdruck ihres Gesichtes war piquante Sprödigkeit, die durch eine zarte Neigung gedämpft oder durch zornige Regungen in Haß ausarten konnte; zur Zeit glich dieselbe noch einem Salat, in dem sich Oel und Essig trefflich vermischten. Die scharfsichtige Leserin wird sofort zu der Erkenntniß gelangen, daß diese Kritik einen Beweis liefert für die dem männlichen Geschlechte eigene oberflächliche Veurtheilungsweise und sie wird sich daher nicht nur über den Charakter der jungen Dame, sondern auch über die Competenz des Kritikers ein selbstständiges Urtheil bilden. Ich kann darauf nur erwidern, daß Carmen de Haro mir persönlich lieb und werth war. Auch spielt sie in dieser wahren Geschichte eine durchaus nicht unbedeutende Rolle. Sie blickte auf, erhob sich rasch von ihrem Sitze und schaute den Eindringling an, indem sie ihre schwarzen Augenbrauen zusammenzog. Auf einen Wink ihres Onkels zeigte sie jedoch ihre weißen Zähne und begann zu sprechen. Es war nur eine einzige Redensart und noch dazu eine sehr gewöhnliche und doch würden ihr, wenn sie im Stande gewesen wäre, ihre Stimme auf die Leinewand zu heften, die Glücksgüter der Garcias wieder zugeströmt sein, denn ihre Stimme war so wohllautend, so zart, so herzgewinnend, so melodisch, so ganz erfüllt von der Anmuth der Weiblichkeit, daß man hätte glauben können, sie habe die Ausdrucksweise ersonnen. Und doch war jene Phrase nichts als eine verblümte Form des »Wie geht es Ihnen?« welches aus dem Munde meiner schönen Landsmänninnen entweder wie ein Gewimmer, oder ein Gejammer oder ein Gelispel oder ein Geplapper klingt. Miguel bewunderte ihre Malereien. Die Bleistiftzeichnung eines Maulthieres fesselte namentlich seine Aufmerksamkeit. »Mutter Gottes, das ist ein Maulthier, wie es leibt und lebt! Sieh nur – es will nicht vom Flecke.« Der durchtriebene Victor fiel ihm jedoch ins Wort: »Aber das ist nichts im Vergleich zu ihren Schreibekünsten; schau her und sage mir: welches ist die Unterschrift von Pio Pico?« Mit diesen Worten zog er aus einem der Schubfächer des Secretairs zwei Signaturen. Die eine befand sich auf einem vergilbten Papier, die andere war auf einem einfachen, weißen Folioblatt geschrieben. Natürlich griff Miguel mit der Galanterie eines Verliebten nach demjenigen Papier, welches neuer aussah. »Dies ist die rechte Unterschrift!« Victor lachte triumphirend; und voll kindlicher Lust stimmte Carmen mit melodischen Tönen in das Gelächter ein und setzte dann hinzu, indem sie ihr eigenartiges Köpfen ein wenig zurückwarf: »Das ist die meinige!« – Die Besten ihres Geschlechtes weisen niemals ein gerechtes, ihnen im reichlichen Maße gebührendes Lob zurück und käme es auch aus dem Munde eines Mannes, der ihnen mißfällt. Fragen sie doch nur nach dem Urtheil selbst und nicht nach dem Gefühl, das es hervorrief. Allein Victor gab sich mit den Geschicklichkeitsbeweisen seiner Nichte noch nicht zufrieden. »Sage ihr« sprach er zu Miguel, »wessen Namenszug du einmal sehen möchtest, und sie soll ihn dir unter deinen Augen anfertigen.« Miguel war nicht zu sehr verliebt, als daß er nicht sofort gemerkt hätte, welchen Wink ihm Victor mit dieser Andeutung zu geben wünschte, und er äußerte daher, daß die Rubrik des Gouverneur Michaltorena außerordentlich kunstvoll und schwierig herzustellen sei. »Sie soll dieselbe sofort copiren«, erwiderte Victor mit großer Entschiedenheit. Aus einem Stapel staubiger Acten ward die Unterschrift des Gouverneurs hervorgesucht und sodann ward dem jungen Mädchen der vielverschlungene Namenszug vorgelegt, der seiner verstorbenen Excellenz in ihren Jugendtagen manche Müh' und Noth verursacht haben mochte. Carmen nahm die Feder zur Hand und verglich das bräunlich aussehende Document mit der jungfräulichen Weiße des vor ihr liegenden Folioblattes. »Aber«, sagte sie mit reizendem Schmollen, »ich müßte vor allen Dingen dieses weiße Papier braun anmalen. Auch wird es die Tinte schneller aufsaugen, als jenes. Als ich für den Vater Acolti den San Antonio der Mission San Gabriel malte, da hatte ich mit Oelfarbe und Pinsel die Zeichen des Alters nachzuahmen, ehe der gute Padre zufriedengestellt war.« Die beiden Schurken blickten einander an. Es war dies ihr erhabenstes Moment. »Wenn ich nicht irre,« sagte Victor mit erkünstelter Gleichgiltigkeit, »so besitze ich noch etwas von dem alten Custom-House-Papier.« Er nahm aus dem Schreibtisch einen Bogen braunen, mit einem Stempel versehenen Papieres und fragte: »Paßt dieses besser?« Carmen lächelte mit kindlichem Entzücken, wagte den Versuch und vollbrachte ein Wunder. »Das ist Zauberei,« sagte Miguel und that, als schlage er ein Kreuz. Victors Rolle war ernster: er heuchelte eine tiefe Rührung, nahm das Papier, faltete es zusammen und legte es auf seine Brust. »Ich habe die Absicht, Don José Castro damit hinter das Licht zu führen,« sagte er, »er wird behaupten, es sei die eigenhändige Unterschrift des Gouverneurs, der sein Freund gewesen ist.. Gib Acht, Carmen, daß du mir den Spaß nicht dadurch verdirbst, daß du ihn über deine rothen Lippen springen lässest. Sobald ich ihn gehänselt habe, will ich ihm von diesem Wunderkinde, meiner Nichte, erzählen und dann wird er ihr Bilder abkaufen. He, Schätzchen!« Nach diesen Worten belohnte er sie mit einer oheimlichen Liebkosung, das heißt, er gab ihr einen Liebesschlag auf jede Wange und einen Kuß obendrein. Miguel beneidete ihn; allein die Habsucht schlug den Gott der Liebe aus dem Felde und gleich darauf erlahmte die Unterhaltung, bis es Victor zu rechter Zeit in den Sinn kam, daß er und sein Kamerad versprochen hatten, um zehn Uhr an der Posada del Toros zu sein und er hierdurch eine günstige Gelegenheit fand, sich zurückzuziehen. Doch geschah das nicht, ohne daß Carmen noch zufälligerweise einen Pfeil abschoß. »Sagt mir,« bat sie sich theils an Victor und theils an Miguel wendend, »was mag unserm Concho zugestoßen sein? Er war sonst stets bereit, mir Blumen aus den Bergen zu bringen und Vögel und Insecten. Auch weißt du, o mein Onkel, wie oft er hier neben mir gesessen und mir von den seltsamen Felsenklüften, die er gesehen hat, und von Bären und bösen Geistern erzählte. Und nun kehrt er, mein Concho, nicht zu mir zurück! Wie mag das zugehen? Es wird ihn doch hoffentlich kein Unglück getroffen haben,« und ihre tiefherabhängenden Augen schlossen sich schmerzbewegt. Miguels Eifersucht fing Feuer. »Er ist betrunken, Señorita; das ist außer aller Frage und er hat nicht nur dich, sondern auch seine Mauleselin und seine Habseligkeiten vergessen. Das ist so seine Gewohnheit. Ha, Ha!« Die rothe Farbe erlosch auf Carmens schwellenden Lippen, und mit schnappendem Laut schlossen sich dieselben gleich einer stählernen Börse. Die Taube hatte sich urplötzlich in einen Habicht verwandelt, das arglose Mädchen in eine antike Amazone und der Geist irgend einer jähzornigen Ahnfrau aus der Familie der Garcia, von dem sich bisher nur ein Anflug in ihrem Gesichte gezeigt hatte, kam nunmehr deutlich zum Vorschein. Sie warf einen raschen Blick auf ihren Oheim, stemmte die kleinen Hände auf die steifen Hüften und trat mit zwei Schritten auf Miguel zu. »Höchst wahrscheinlich, Señor Miguel Dominguez Perez! (hier erfolgte eine tiefe Verbeugung) hat es sich so zugetragen, wie du sagst. Es mag sein, daß Concho ein Trunkenbold ist; aber trunken oder nüchtern, hat er doch niemals Jemandem den Rücken gekehrt, weder seinem Freunde, noch (diese Worte hatten einen etwas höhnischen Ton) seinem Feinde!« Miguel wollte etwas erwidern; doch Victor kam ihm zuvor. »Du Narr!« sagte er, ihn in den Arm kneifend. »Er ist ein alter Freund, –und – und die Eingabe muß ja auch noch ausgefüllt werden. Bist du von Sinnen?« Aber in diesem Punkte war es Miguel keineswegs und daher ließ er sich von Victor fortführen, doch gesellte sich fortan zu seinen Leidenschaften noch der Rachedurst eines Nebenbuhlers. Bei ihrer Rückkehr in die Fonda fanden sie, daß der junge Herr Manuel im Aguardiente und in seinem Groll gegen alle Americanos allzu große Fortschritte gemacht hatte, um ihnen noch in irgend einer Weise nützen zu können. Und so arbeiteten sie allein mit Feder, Tinte und Papier in der qualmigen, von Cigaritowolken erfüllten Hinterstube der Fonda. Um Mitternacht– also zwei Stunden, nachdem Concho aufgebrochen war – gab Miguel seinem Pferde die Sporen und lenkte es dem Dorfe Tres Pinos zu. In seiner Tasche befand sich wohlverwahrt eine Eingabe an den Gouverneur Micheltorena, welche sich auf eine Schenkungsurkunde über den »Rancho der rothen Felsen« bezog. Siebentes Kapitel. Wie mit der Mine speculirt wurde. Es ist kaum in Zweifel zu ziehen, daß das Todtenschau-Schwurgericht nach der Untersuchung von Concho's Leiche den Ausspruch »Tod durch Alkohol« gethan haben würde, hätte nicht Dr. Guild dem Schutz des Gesetzes und seiner eigenen festen Ueberzeugung zu Liebe mannhaft gefochten. Die Mehrzahl der Geschwornen stellte die Behauptung auf, es sei überhaupt keine derartige Untersuchung erforderlich. Ein besonders Aufrichtiger erklärte es für unbillig, zu verlangen, daß, so oft einer der mexikanischen Schmutzfinken in einer heimtückischen Weise sich aus der Welt geschlichen habe, eine Anzahl amerikanischer Bürger ihr Geschäft im Stiche lassen sollten, um zu ergründen, was demselben gefehlt haben möge. »Und selbst dann, wenn er ermordet sein sollte,« sagte ein Zweiter, »so kann er froh sein, daß man ihn, so zu sagen, dreißig Jahre lang ungeschoren gelassen hat und es ihn nicht hat entgelten lassen, daß er ein Mexikaner ist.« Das Schwurgericht that schließlich den Ausspruch, daß gewisse unbekannte Personen sich des Mordes verdächtig gemacht hätten. Es ward dabei stillschweigend angenommen, daß diese unbekannten Personen Wiles und Pedro seien, da Manuel, Miguel und Roscommon ihr unbestreitbares Alibi nachgewiesen hatten. Wiles und Pedro waren nach Nieder-Californien geflohen. Manuel, Miguel und Roscommon hielten es für rathsam, mit Rücksicht auf die im Publikum herrschende Erregung, ihre gefälschte Eingabe und Anspruchs-Urkunde dem Gerichtshof und der öffentlichen Prüfung noch einstweilen vorzuenthalten. Und so kam es, daß sich die » Blue Mass Mining Company « ein Jahr nach Concho's Erdrosselung und der Flucht seiner Mörder noch immer in dem unangefochtenen und thatsächlichen Besitz der Mine befand und dieselbe ausbeutete. Allein der Geist des erschlagenen Concho wollte sich ebensowenig zur Ruhe legen, wie der des ermordeten Banquo, und derselbe brachte daher in seiner stillen, conchoartigen Weise der Blue Mass Company ein schweres Leid. Es erschien nämlich in dem Bergwerke ein großer Capitalist und Meister der Habsucht, dem die Mine gefiel, und der deshalb eines der Gesellschaftsmitglieder auf die Seite zog und demselben versprach, seinen Namen und einen bestimmten Betrag an baarem Gelde herzugeben, falls man ihm einen dominirenden Antheil einräumen werde, und der diesem großmüthigen Anerbieten die Andeutung beifügte, daß er sich gezwungen sehen würde, mehrere mexikanische Minen anzukaufen und den Markt zum großen Schaden der » Blue Mass « mit Quecksilber zu überschwemmen, falls man seine Offerte nicht annehmen werde. Fürwahr ein inhaltsschwerer Wink, der, da er aus dem Munde eines Mannes kam, der nicht nur häufig als einer der großen californischen Minen-Fürsten bezeichnet ward, sondern der auch zu der Zahl Derer gehörte, die »viel gethan hatten, um die Hilfsquellen des Staates zu erweitern«, nicht auf die leichte Achsel genommen werden durfte, und so geschah es denn, daß der betreffende Actienbesitzer seinen Antheil ohne vorherige Verabredung mit der Gesellschaft und in lobenswerther Verschwiegenheit verkaufte. Gleich darauf setzte man eiligst die Nachricht in Umlauf, daß der große Capitalist die Leitung der » Blue Mass « übernommen habe; die Actien stiegen und die übrigen Actionäre frohlockten – bis es dem großen Capitalisten in den Sinn kam, kostspielige Factoreien zu errichten und einen hochbesoldeten Oberinspector anzustellen, und auf diese Weise die Mine auf Kosten ihres eigenen Ertrages auszudehnen und zu verbessern und hierdurch zu bewirken, daß die Actien, welche auf 112 standen, schließlich per Stück mit einer Nachzahlungssteuer von fünfzig Dollar belastet waren. Eine zweite Steuer von fünfzig Dollar, welche den Herrn Oberinspector in den Stand setzte, nach Spanien und Rußland zu reisen, um die Betriebsweise der dortigen Quecksilberminen kennen zu lernen, brachte im Verein mit der Thatsache, daß einem talentvollen, wissenschaftlich ausgebildeten Schinder das Amt übertragen ward, die verschiedenen Bestandteile des Quecksilbers zu ergründen und darüber zu berichten, ob sich dasselbe nicht mit Anwendung von Dampfkraft und Elektricität aus gewöhnlichem Sandstein gewinnen lasse, die übrigen Actionäre schleunig zur Besinnung. Und gerade zu dieser Zeit kamen die Makler des großen Capitalisten, der ehrliche Tom, der ernste Dick und der waghalsige, aber vom Glück begünstigte Harry zu der Einsicht, daß es zweckmäßig sei, auf Rechnung ihres ebengenannten vornehmen Kunden die verschiedenen anderen Actien mit großen Opfern aufzukaufen. Ich fürchte, daß ich meine Leser durch die ermüdende Detailschilderung jenes sinnreichen amerikanischen Zeitvertreibes gelangweilt habe, welches die Amerikaner, meine Landsleute, mit dem Spottnamen » freezing-out process « (Ausfrierungsverfahren) zu bezeichnen pflegen. Und sollte einer meiner Leser die Moralität dieses Verfahrens in Frage ziehen, so bitte ich ihn, sich die Thatsache ins Gedächtniß zu rufen, daß einer von Denen, die es in dieser Methode zu einer großen Vollkommenheit gebracht haben, stets ein offener und aufrichtiger Feind des verstorbenen Spielers John Oakhurst gewesen ist. Allein diesmal hatte der große Meister der Habsucht die Habsucht anderer Menschen nicht genugsam in Rechnung gezogen und gerieth daher plötzlich in eine tugendhafte Entrüstung, als er eines Tages erfuhr, daß binnen Kurzem bei der Ländercommission der Vereinigten Staaten ein Gesuch um ein Patent auf bestimmte Landstrecken eingereicht werden würde, die unter dem Namen »der Rancho der rothen Felsen« bekannt wären. Diese Fundrechtbeanspruchung gefährdete sein Minenbesitzthum. Er erhielt jedoch diese Kunde still und insgeheim, in derselben Weise, wie ihm alle Nachrichten, die ihm von Interesse waren, zugetragen wurden; deshalb ergriff er die erste Gelegenheit und verkaufte rasch, bevor das vielzüngige Gerücht die Neuigkeit weit und breit ausgestreut hatte, seinen bedrohten Titel und sein Eigenthumsrecht an einen jungen, markigen Mann, das einzige noch vorhandene Mitglied der Gründergesellschaft der » Blue Mass Company «. Schwer traf der Schlag diesen nunmehrigen Eigenthümer der Mine. Belastet mit den enormen Schulden und Ausgaben des großen Capitalisten, und mit einem Credit, der noch obendrein durch den Rücktritt des glücklichen Magnaten untergraben war, den man wegen der klugen Voraussicht eines Verlustes bewunderte und dessen Zurückziehen die Hoffnungslosigkeit des Unternehmens offenbarte – prüfte der auf sich allein angewiesene, verarmte Besitzer der Mine, dessen Eigenthumsrecht angefochten und dessen Ruf noch erst begründet werden mußte – prüfte der arme Biggs, der erste Secretair der Blue Mass Company und der einzige übriggebliebene Betriebsbeamte der Mine mit schwerem Herzen seine Bücher und seine letzte Übertragungsurkunde – und seufzte. Doch habe ich bereits angedeutet, daß er aus festem Stoff erbaut war. Er glaubte an sein Werk und das war gut – er glaubte an sich selbst und das war besser – und so zweifelte ich nicht daran, daß es ihm gelingen werde, jenen Quecksilberberg über die Uebergriffe gefälschter Documente hinwegzuheben, und sollte sein Glaube auch nicht größer sein, als der eines Senfkornes. Und außerdem erweckte ihm die Vorsehung – nachdem sie ihn von diesen verschiedenen Schurken befreit hatte – einen Freund. Doch derselbe ist für diese wahre Geschichte von so großer Wichtigkeit, daß ich nicht umhin kann, ihm einen eigenen Paragraphen zu widmen. Der Pylades dieses Orestes war den gewöhnlichen Sterblichen unter dem Namen » Royal Thatcher « bekannt. Sein Geschlechtsregister, seine Geburt und seine Erziehung sind von keinem Werth für diese Erzählung, welche sich nur auf seine Freundschaft für Biggs und das Ergebniß dieses Bundes bezieht. Er und Biggs kannten sich seit etwa zwei Jahren. Sie hatten zur Zeit ihres Zusammenseins ihre Börse, ihr Lager, ihre Cabine, ihre Mahlzeiten, ja sogar häufig ihre Freunde mit einander getheilt und hatten sich dabei, wie das bei dem Pionierleben der Fall zu sein pflegt, vollkommen frei von jeglicher Verpflichtung gefühlt. Infolge der wechselnden Strömungen des Schicksals sah Thatcher sein Schiff auf einem wüsten Sandhügel von San Francisco mit einer unversicherten Ladung von Hoffnungen scheitern, während dieselben Strömungen, – das spiegelte ihm seine lebhafte, doch keineswegs neugierige Phantasie vor, – des Freundes Barke über die Sandbänke des Montereygebirges gehoben und auf eine offene Quecksilbersee getrieben hatte. Er war daher ausnehmend betroffen, als er eines Tages ein Billet folgenden Inhalts von Biggs erhielt: »Lieber Roy! Komm' und hilf mir armen Kerl. Die Last, die auf mir ruht, ist allzu schwer für einen einzelnen Menschen. Hoffentlich gelingt es uns, ein Gespann zu bilden und die » Blus Mass « aus dem Schlamm zu ziehen. Biggs.« Wie einst Paulus, so vernahm auch Thatcher diesen macedonischen Ruf, als er in seinem ärmlich möblirten Stübchen saß und nicht wußte, woher er die nächste Mahlzeit nehmen und wovon er die rückständige Miethe bezahlen sollte. Er schrieb ein verheißungsvolles, beschwichtigendes Billet an seine Frau Wirthin und ließ, da er sich vor dem »süßen Herzeleid« eines mündlichen Abschieds fürchtete, sein zusammengeschmolzenes Felleisen vermittelst eines Strickes aus dem Fenster herab und erschien nach Verlauf von drei Tagen in Folge einer ökonomischen Benutzung der Post und des Schusters Rappen an der Thür seines Freundes Biggs. Einige Minuten später besaß er einen Einblick in die Sachlage und eine halbe Stunde später besaß er die Hälfte der Mine sammt ihrer unglückseligen Vergangenheit und ihrer zweifelhaften Zukunft. Nach beendetem Geschäft wandte sich Biggs zu seinem Associe, um ihn näher ins Auge zu fassen. »Du bist älter geworden, seit ich dich zuletzt gesehen habe,« sagte er. »Hunger und Kummer, vermutlich! Ich würde deine Augen, alter Junge, zu jeder Zeit unter zehntausenden heraus erkennen, deine Lippen sind aber welk geworden und dein Mund ist weit finsterer, als er ehedem war.« Thatcher lächelte; offenbar wollte er den Beweis liefern, daß er es noch nicht ganz verlernt habe; doch sagte er nicht, wie er es wol hätte thun können, daß Selbstbeherrschung, unterdrückter Ingrimm, Enttäuschung und zeitweiliger Hunger ihr Möglichstes gethan hatten, um das offenbare Versehen der Natur zu corrigiren und einem wohlwollenden Munde das Lachen abzugewöhnen. Er zog nur seinen fadenscheinigen Rock aus, stülpte seine Hemdsärmel auf und stürzte sich mit den Worten: »Wir haben alle Hände voll zu thun und mancherlei auszufechten!« unverzüglich in die geschäftlichen Angelegenheiten der Blue Mass Copany . Achtes Kapitel. Wer um die Mine processirte. Inzwischen verhielt sich Roscommon abwartend. Sodann brachte er in Garcia's Namen und von diesem gestützt seine Sache vor die Landcommission, indem er derselben die an den Gouverneur Micheltorena gerichtete (und mit gefälschten Indossementen versehene) Eingabe einreichte und vorgab, daß das Original der Schenkungsurkunde durch Feuer zerstört sei. Aber weshalb? Offenbar hatte Fräulein Carmens Nachahmungstalent eine Grenze. So bewunderungswürdig es auch war, so befähigte es sie doch nicht zum Nachmachen jenes Amtssiegels, welches nothwendigerweise dieser Schenkungsurkunde hätte beigefügt sein müssen. Statt dessen hatte Roscommon Briefe aufzuweisen, die der Gouverneur auf gestempeltem Papier an ihn selbst, an Garcia, an Miguel und an Manuels Vater geschrieben hatte und diese waren sämmtlich der Ordnung gemäß mit der eigenhändigen Unterschrift und der Rubrik der Frau-Gouverneur-Micheltorena-Carmen-de-Haro versehen. Und außerdem fehlte es nicht an mündlichen Beweisen; es traten vielmehr eine Menge Zeugen auf, welche von Allem genau unterrichtet waren, und zu diesen gehörten in erster Reihe: Manuel, Miguel und der gedächtnißstarke de Haro; auch kamen eine Fülle von sinnreichen Muthmaßungen erweckenden und Frau-Hurtigschen Detailangaben zu Tage, welche darthaten, daß die verstorbene Excellenz zwar nicht »beim Steinkohlenfeuer«, jedoch bei Aguardiente und Cigarros ihm – dem ehemaligen Geistlichen Miguel – die eidliche Versicherung gegeben habe, daß Garcia's Gesuch von ihm bewilligt werden sollte und bewilligt worden sei. Und außerdem waren noch Wolken von Unterredungen, Briefen und Berichten vorhanden, die sich knapp und bündig auf den betreffenden Fall bezogen. Kurz, es fehlte nichts, als das Siegel seiner Excellenz. Und trotzdem ward der Anspruch zurückgewiesen. Die Landcommission, welche vor Kurzem zwei verschiedene Parteien von Bewerbern für ein Patent auf den nämlichen Grundbesitz vorgeschlagen hatte, war nunmehr vorsichtig und zurückhaltend geworden. Roscommon war zuerst betroffen, dann entrüstet und dann kriegslustig; er stimmte entschieden für eine Appellation an eine höhere Instanz. Der Leser wird dies vielleicht mit dem, was er bisher von Roscommons Charakter erfahren hat, nicht recht in Einklang zu bringen vermögen; doch möchte ich ihn daran erinnern, daß es gewisse Naturen gibt, für welche das Processiren den nämlichen aufregenden Reiz besitzt, wie das Spielen; auch darf er nicht vergessen, daß dies Roscommons erster Proceß war. Und so fand ihn denn der Rechtsanwalt Saponacius Wood in jener händelsüchtigen Stimmung, welche jedem Advocaten die Pflicht auferlegt, sich den Anschein zu geben, als wolle er sie mit all' seiner juristischen Weisheit dämpfen. »Sie haben natürlich das Recht, zu appelliren,« sagte er, »allein erhitzen Sie sich nicht, mein lieber Herr; es will reiflich bedacht sein. Die Sache war vortrefflich begründet, die Zeugenaussagen lauteten in überwiegender Weise zu unseren Gunsten, jedoch hatten wir zufällig gegen Bestimmungen zu kämpfen, welche die Landcommission früher getroffen und durch die sie sich in Ungelegenheiten gebracht hatte. Unter diesen Umständen hätten wir selbst dann nichts erreicht, wenn Micheltorena persönlich im Gerichtshof erschienen wäre und ausgesagt hätte, daß er Ihnen die Schenkungsurkunde gegeben habe; eine spanische Schenkungsurkunde konnte zu der Zeit nicht anerkannt werden und wird sich auch in den nächsten sechs Monaten keine Geltung verschaffen. Sehen Sie, mein lieber Herr, die Regierung hat nämlich einen ihrer gewaltigen Anwälte aus Washington hierher geschickt und der hat in den meisten spanischen Actenstücken Fälschungen nachgewiesen. Und woher das kommt, mein lieber Herr? Woher das kommt? Nun, er hat sich mit Leib und Seele verkauft, er hat sich bestechen lassen von dem Ring.« Geheime Cliquen oder Verbindungen, welche unerlaubte Zwecke verfolgen, nennt man in Amerika »Ringe« »Von dem Ring, was ist das für'n Ding?« fragte der Client mit scharfem Tone. »Der Ring ist – hm – der Ring ist ein Verein von gewissenlosen aber wohlhabenden Leuten, welcher darauf aus geht, die Ziele der Justiz zu vereiteln.« »Und, zum Henker, was hat denn der Ring mit der Schenkungsurkunde zu schaffen, die mir der vermaledeite Mexikaner zum Ersatz für die Kost und das Logis gab, das er mir schuldig war? He? Heraus mit der Sprache!« »Der Ring, mein lieber Herr, ist die andere Partei – ist – hm stets die Gegenpartei.« »Donnerwetter, warum bilden wir nicht auch einen Ring. Habe ich Ihnen nicht fünfhundert Dollar ausgezahlt? Und nun kommen Sie nicht einmal auf diesen schlauen Einfall. Gott bewahre! Weshalb bezahle ich Sie denn? He?« »Ich möchte durchaus nicht in Abrede stellen,« hub der Rechtsanwalt an, »daß Ihrer Sache ein unberechenbarer Nutzen erwachsen würde, wenn Sie außer den ordnungsmäßigen Gebühren noch eine Summe Geldes klüglich verausgabten, aber –« »Sehen Sie, Herr Wood, ich habe meinen Kopf darauf gesetzt, zu appelliren; und die Schenkungsurkunde muß ich haben, denn meine Alte und ich haben uns darauf versteift. Verschaffen Sie mir das Stück Land, dann soll Ihnen die Hälfte gehören, und damit basta!« »Aber, mein lieber Herr, wir haben einige Vorschriften in unserm Beruf, die, wenn sie sich auch lediglich auf denselben beziehen – so doch ....« »Zum Teufel mit Ihrem Beruf! Ist er etwa besser als der meinige? Ich habe für die verfluchten Papiere, die mir der Halunke von Garcia gegeben, meine Vorräthe und meinen Whisky riskirt, für die ich in Frisco schweres Geld geblecht habe. Darum ist es recht und billig, daß Sie und Ihr Gelichter auch einmal ihre Juristerei riskiren.« »Gut,« sagte Wood mit einem albernen Lächeln. »Ich bin der Meinung, mein lieber Herr, daß in Anbetracht unserer Freundschaft, eine Schuldverschreibung auf die Hälfte des Antheils und ein durch mich ausgezahltes Sümmchen genügen würde, um Alles ins Reine zu bringen.« »So! das hat Hand und Fuß! Aber wer ist denn eigentlich der Patron, mit dem wir es zu thun haben und der den Ring zu Stande gebracht hat?« »Ja, mein lieber Herr, – das sind die Vereinigten Staaten!« sagte der Rechtsanwalt würdevoll. »Die Staaten! Also die Regierung? Und von der lassen Sie sich ins Bockshorn jagen? Bah! ich habe mich mit der Regierung gestritten, als ich in meiner Heimat war, und die Regierung hat mich hierher nach Amerika getrieben und jetzt komme ich wieder auf meine alten Grundsätze zurück!« »Ihre politische Gesinnung macht Ihnen große Ehre, mein Herr,« sagte Herr Wood. »Und was hat die Regierung mit der Appellation zu thun?« »Die Regierung,« entgegnete Herr Wood mit Nachdruck, »wird sich durch den Districtsauwalt vertreten lassen.« »Und wer ist der Hasenfuß?« »Es verlautet,« sagte Herr Wood langsam, »daß ein neuer ernannt werden soll. Ich selbst habe mit Rücksicht auf diese Stelle einige ehrgeizige Absichten.« Der Client heftete seine beiden verschmitzten, wenn auch nicht allzu klugen, grauen Augen auf seinen amerikanischen Advocaten, doch sagte er nichts weiter als: »So! das haben Sie also?« »Ja,« sagte Wood, den Blick kühnlichst erwiedernd, »und wenn mich einige Ihrer angesehenen Landsleute, welche einen so großen Einfluß auf alle Parteien ohne Ausnahme ausüben und Männer wie Sie, mein lieber Herr, unterstützen wollten, nun, so glaube ich mit Bestimmtheit, daß Sie mit der Zeit, wenn auch nicht conservativ, so doch wenigstens etwas regierungsfreundlicher werden.« Hiernach musterten sich der kleinere und der größere Betrüger gegenseitig mit einem prüfenden Blick und dann empfanden sie während einer oder zweier Minuten eine warme, sympathische, freundschaftliche Regung zu einander und schüttelten sich schweigend die Hand. Wir können uns darauf verlassen, daß in dem Gefühl, welches zwei anerkannte Schurken für einander hegen, ungleich mehr Wohlwollen und menschenfreundliche Sympathie zu finden ist, als in der ruhigen, achtungsvollen Anerkennung, die Du und ich, mein Leser, zur Schau tragen, wenn wir zufälligerweise mit unseren beiderseitigen Tugenden feindlich aufeinanderstoßen. »Und Sie bringen die Anklage vor die zweite Instanz?« »Ich thue es.« Und er that es. Und in Folge eines merkwürdigen Zusammentreffens der Umstände erhielt er die Districtsanwaltschaft obendrein. Und sobald er die Übertragungsurkunde in der Tasche hatte, die ihm ein Anrecht auf die Hälfte des »Ranchos der rothen Felsen« sicherte, schickte er einen befreundeten Advocaten vor das Gericht, damit derselbe die Sache seines Clienten, der Vereinigten Staaten, gegen ihn selbst, gegen Roscommon, Garcia und Consorten verfechte. Wilde Pferde würden ihn nicht von diesem edlen Entschluß abgebracht haben. Es herrscht bei der juristischen Facultät ein Tact und ein Chorgeist, den wir Männer der Feder uns gleichfalls aneignen sollten. Die Vereinigten Staaten verloren den Proceß! Und das war ein vernichtender Schlag für die » Blue Mass Company «, die von der landesväterlichen gütigen Regierung einen Grundbesitz erhalten hatte, welcher derselben nicht gehörte. Die spanische Urkunde machte natürlich, da sie aus einer früheren Zeit datirte, sowol die durch Concho, Wiles Pedro u. s. w. erfolgte Besitznahme der Mine, als auch die Uebernahme derselben durch die » Blue Mass Company « und die vereinsamten Actionäre Biggs und Thatcher ungiltig. Ja, noch mehr als das, sie verschluckte nicht nur außerdem jeden Gewinn, den die gegenwärtigen Besitzer geerntet hatten, sondern machte dieselben auch Garcia gegenüber für all das Geld verantwortlich, welches seiner Zeit der große Meister der Habsucht aus der Mine gezogen hatte. Der Districtsanwalt war – wie es schien – tief bekümmert, jedoch ergeben. Biggs und Thatcher waren in Wahrheit tief bekümmert aber kampfbereit. Und dann erst begann (wir erwähnen das im Voraus) der eigentliche Proceß. Derselbe ward geführt von Seiten Biggs und Thatchers mit Ernst, Kraft, Muth, Eifer und Vertrauen und von Seiten Garcia's, Roscommons und ihrer Verbündeten mit juristischen Kniffen, Doppelzüngigkeiten, Verzögerungen und einer Menge Kreuz und Querzügen, die selbst dem Q. Fabius Maximus Ehre gemacht haben würden. Von all diesen ermüdenden Proceßepisoden erwähne ich nur eine einzige, die wegen ihrer Originalität und der Kühnheit ihrer Idee mir besonders den Zeitgeist und die Civilisationsstufe jener Periode zu charakterisiren scheint. Ein Subalternbeamter des Bezirks-Gerichtshofes weigerte sich, die ihm aufgetragene Abschrift der Acten anzufertigen, welche dem höchsten Gerichtshof der Vereinigten Staaten eingesandt und vorgelegt werden sollten. Es ist zu bedauern, daß der Name dieses kecken Jünglings, der solchergestalt einen Stein auf den Dom unserer constitutionellen Freiheiten warf, im übrigen so unbedeutend war, daß er auf die staubigen Acten jenes zweifelhaften Gerichtshofes, dessen zweifelhafter Beamter er war, beschränkt blieb, so daß sein Anspruch auf Unsterblichkeit mit einer von zwei Seiten ihm zukommenden Besoldung erlosch. Doch befindet sich noch in jenen Acten ein Schreiben von der Hand dieses jungen Herrn, in dem das weisheitsvolle Rechtsverfahren des Landes angegriffen wird, und dieses Schreiben kann denjenigen jungen Leuten, welche sich eine angesehene Stellung und ein Vermögen verschaffen möchten, nicht nur Unterhaltung, sondern auch Belehrung gewähren. Nichtsdestoweniger sah sich der höchste Gerichtshof gezwungen, diesem Provinzialbeamten die Legislation seiner amtlichen Pflichten aus den Händen zu winden und dieselben in die größere Handfläche seines eigenen Anwaltes zu legen. Dieses vielfache Hin- und Herprocessiren, das, wenn die Rechtssache ihren geregelten Verlauf genommen hätte, nur einige Monate beansprucht haben würde, zog und schleppte sich mit Vor- und Rückschritten durch einen Zeitraum von etwa acht Jahren hin. Allein Biggs und Thatcher behaupteten einstweilen mit starker Hand den Grundbesitz und verzögerten oder verhinderten, indem sie offenbar die Tactik der Gegenpartei sich aneigneten, ihre Vertreibung aus der Mine und während ihre Gegner große Summen Geldes vergeudeten, verkauften sie unausgesetzt ihr Quecksilber, bis schließlich Biggs, der zwischen den Metallplatten seiner Rüstung schwer verwundet ward, mit wachsbleichen Wangen und erschlaffendem Arm auf dem Kampfplatze zusammenbrach und scheidend – da er sich seiner traurigen Lage wohl bewußt war – seinem Kameraden seinen Antheil an dem verwalteten Gut vermachte und dann starb. Statt seiner herrschte nun fortan Royal Thatcher. Und nachdem wir solchergestalt den Verlauf des Processes unseren Lesern im Voraus mitgetheilt haben, wenden wir uns denjenigen Personen zu, die durch ihre verschiedenartigen Interessen mit demselben verflochten waren. Wir beginnen mit Roscommon: Um dessen späterer Rede- und Handlungsweise gerecht zu werden, ist es nothwendig, hervorzuheben, daß er, als er die noch nicht angezweifelten Papiere mit dem Anspruch auf den »Rancho der rothen Felsen« aus Garcia's Hand erhalten, vollständig arglos gewesen war und keine Fälschungen geargwöhnt hatte. Erst dann, als er den berauschenden Einfluß des Processirens gekostet, ward es ihm einigermaßen klar, daß mau ihn übervortheilt und hinters Licht geführt habe; allein nichtsdestoweniger schob er mit dem Eigensinn, welcher betrogenen Menschen eigen zu sein pflegt, lieber die Schuld an dem erlittenen Unrecht auf irgend eine nebensächliche Thatsache oder Person, als auf die mannichfaltigen Umstände, welche dasselbe in Wahrheit herbeigeführt hatten. In seiner Einfalt glaubte er, es sei offenkundig, daß die » Blue Mass Company « unrechtmäßigerweise Geld aus einer Mine ziehe, die ihr noch nicht gerichtlich zuerkannt sei und auf die er selbst einen Anspruch habe. Jeder Dollar, den Biggs und Thatcher einnahmen, galt ihm als ein frischer Zusatz, eine Erweiterung der Anklageakte. Jede Verzögerung der endgiltigen Entscheidung und mochte dieselbe auch von seinem eigenen Anwalt bewirkt sein, betrachtete er als eine persönliche Benachtheiligung. Ja, sogar der Umstand, daß er niemals eine erhebliche Entschädigung für diesen enormen Grundbesitz gegeben hatte, daß er ihm vielmehr für einen Spottpreis zugefallen war, verdoppelte seine Kampfbegier. Der Gedanke, daß ihm möglicherweise diese wohlfeile Speculation mißlingen könne, regte ihn mehr auf, als es der Fall gewesen sein würde, wenn er die Million, die er aus der Mine zu gewinnen hoffte, bereits baar ausgezahlt hätte. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, jene allen Menschen gemeinsame Sucht zu schildern, welche darauf ausgeht, Etwas für Nichts zu erhalten und durch eine möglichst kleinste Ausgabe eine außerordentlich große Einnahme zu erzielen; allein ich bestreite, daß ich das Recht habe, zu behaupten, Roscommon sei tadelnswerther gewesen, als seine Mitmenschen. Nichtsdestoweniger zehrten diese Verhältnisse an ihm, wie sie an allen denen zehrten, über die der Geist des ermordeten Concho brütete und an denen, die sich von der Habsucht heute hätscheln und morgen foltern lassen. Von dem sicheren Einkommen seiner Wirthschaft, von dem kleinen Capital, das er sich durch Fleiß und Sparsamkeit angehäuft hatte, vergeudete er Tausende, um seinem Hirngespinnste zu fröhnen. Er ward grau und altersschwach in Folge dieser steten Selbsttäuschung; er scherzte nicht mehr wie früher mit seinen Kunden ohne Rücksicht auf ihren Stand, ihr Ansehen und ihren Rang; er mußte vielmehr Parteizwistigkeiten ausgleichen, Gegner zur Milde stimmen und Freunde belohnen. Das Kramwaarengeschäft ging rückwärts, und da Frau Roscommon sich unausgesetzt gezwungen sah, einer Schaar von zahlungsunfähigen Zeugen, die von der Land-Commission und dem Bezirks-Gericht beordert waren, freie Kost und Logis zu gewähren, so waren ihre Ausgaben ebenfalls größer, als ihre Einnahmen. Sogar die Schenke war nicht mehr einträglich; denn die von der Blue Mass Company beschäftigten Leute kehrten in der jenseits der Landstraße errichteten Fonda ein und schalten und wetterten daselbst beim Whisky über Roscommons unberechtigte Ansprüche. Der ruhige ungestörte Gleichmuth, mit dem der Wirth von Tres Pinos ehemals seine Kunden bedient hatte, war verschwunden. Das Handtuch ward nicht mehr, wie früher, zu harmloser Beschäftigung benutzt; der Tresen blieb unabgewischt und zeigte die feuchten Abdrücke zahlloser Whiskygläser und dies bewies, daß seine Gedanken jetzt eine ganz andere Richtung nahmen. Spähten doch die grauen Augen des um den Rancho des rothen Felsens processirenden Mannes unausgesetzt nach Freunden oder Feinden. Auch mit Garcia stand es nicht gut. Das Geschick zu einer falschen Darstellung von Thatsachen, das diesem Ehrenmanne innewohnte, steigerte sich in Folge einer zunehmenden Gedächtnißschwäche in bedenklichem Grade. Ein oder zwei Jahre, nachdem er seinen Anspruch auf die Mine beschworen hatte, zeigten sich, als er in Betreff einer anderen Rechtssache vernommen ward, Widersprüche in seinen Aussagen, welche, obwol sie das Schwergewicht der Beweisführung zu Gunsten derjenigen Partei herabdrückten, die ihn am besten bezahlt hatte, doch sofort von der schwächeren Partei entdeckt wurden. Garcia's einflußreiche Stellung als Zeuge, als Sachverständiger und als ein in der Geschichte seiner Stadt genau bewanderter Mann war somit untergraben. Er sah sich gezwungen, seine Aussagen durch die Anderer beglaubigen zu lassen und auf einen erheblichen Theil der ihm zukommenden Gebühren zu verzichten. Von dem Augenblicke an, wo er seine Glaubwürdigkeit als Zeuge einbüßte, nahmen seine schlechten Gewohnheiten überhand. Er war häufig betrunken; er verlor seine Stellung; er verlor sein Haus, und Carmen, die nach San Francisco übersiedelte, mußte ihn mit ihrem Pinsel ernähren. Und dies führt uns noch einmal zu jener hübschen Malerin und unschuldigen Fälscherin, deren unbewußte That auf den öden Hügelabhängen des Roncho's des rothen Felsens diese verhängnißvollen Früchte trug und auch zu einer späteren Blüte ihres Lebens, welche sich indessen in einem freundlicheren Sonnenschein entfaltete. Neuntes Kapitel. Auf welche Weise sich das schöne Geschlecht um die Mine bekümmerte. Das Haus, welches Royal Thatcher auf eine so unhöfliche Weise verließ, als er auszog, um zu dem gelobten Lande seines Freundes Biggs zu pilgern, war eines jener übergroßen, unter ihrem Werth taxirten Gebäude, welche zur Zeit ihrer Errichtung in der Brust ihres San Franciscanischen Erbauers die ausschweifendsten Hoffnungen entfachten und die ihn, als sie schließlich bewohnt wurden, zur Verzweiflung trieben. Obwol sie ursprünglich dazu bestimmt waren, einem neugebackenen californischen Aladdin als Palast zu dienen, so war doch meistens das Ende vom Liede, daß sie als Chambregarnie-Hôtel von irgend einer mittellosen Wittwe oder einer hoffnungslosen alten Jungfer verwerthet wurden, welche es verstand, die Anforderungen ihrer gesellschaftlichen Stellung mit der schweren Aufgabe des Broderwerbens zu vereinigen. Thatchers Wirthin gehörte zu der Classe der mittellosen Wittwen. Sie hatte unglücklicherweise nicht nur ihren Gatten, sondern auch dessen Vermögen überlebt und daher vermiethete sie – während sie sich selbst auf eines der verödeten Zimmer beschränkte – nach Art des italienischen Adels den übrigen Theil des ruinenartigen Hauses. Die Gewohnheit, diese Thatsachen des Längeren zu erörtern, verliehen ihren am ersten jeden Monates gehaltenen Unterredungen einen bedeutsamen Sinn. Thatcher hatte dieselben mit jenem seinen Gefühl aufgefaßt, welches die Armuth in ihm ausgebildet hatte. Als aber die Wittwe wenige Tage nach seinem plötzlichen Verschwinden einen Brief von ihm bekam, der einen in hochherziger, überreichlicher Weise alle Rückstände und Vorschüsse deckenden Wechsel enthielt, da richtete sich ihr Herz empor und dem Gestein, berührt von dem goldenen Zauberstabe, entströmte nunmehr eine Flut von wohlthätigen Regungen, und diese gaben sich kund: in einem neuen Kleide für sie selbst, in einem neuen. Anzuge für Johnny, ihren Sohn, einem neuen Wachstuchteppich für den Corridor, in besserer Bedienung für die Miether und – wir wollen es dankbar anerkennen – in einem gütigeren, nachsichtsvolleren Benehmen gegen die arme, kleine, schwarzäugige Malerin aus Monterey, welche zur Zeit in höchst beunruhigender Weise mit ihrer Miethe im Rückstande war. Denn, um die Wahrheit zu gestehen, verrathen wir, daß die Anforderungen, welche Fräulein de Haro's Onkel an ihre dürftige Börse machte, immer häufiger wurden; sank doch auf dem Markte zu Monterey in Folge eines außerordentlich starken und unverhältnißmäßigen Angebotes der Meineid allmählich so sehr im Preise, daß schließlich die Grenzlinie zwischen demselben und der strengen Wahrheit, fast haarscharf gezogen ward und Victor Garcia sich zu dem Ausspruche bewogen fühlte: »Jetzt, wo alle Welt ihm ins Handwerk pfusche, halte er es für reichlich so vortheilhaft, ohne Weiteres die Wahrheit zu sagen und seine Seele zu retten.« Frau Plodgitt, die Hauswirthin, konnte es nicht unterlassen, Carmen de Haro von ihrem unverhofften Glück in Kenntniß zu setzen. »Auch Sie, mein liebes Kind, waren ja stets mit ihm befreundet, und ich wußte es wol, daß er ein guter Mann sei, der eine arme Wittwe nicht benachtheilt; hören Sie nur, was er von Ihnen schreibt.« Nach diesen Worten zog sie Thatchers Brief hervor und las: »Sagen Sie meiner kleinen Nachbarin, ich würde sehr bald kommen, um sie sammt ihren Malgeräthschaften mit Gewalt hierher zu bringen. Sodann ließe ich sie nicht eher wieder heimkehren, als bis sie die schwarzen Berge und die rothen Felsen, von denen sie so oft gesprochen, gemalt habe und die Blue-Mass-Mine zum Mittelpunkt eines Gemäldes gemacht hätte, welches ich demnächst bei ihr zu bestellen beabsichtigte.« Aber was ist das, du Kleine? Wahrlich, Carmen, du hast keinen Grund zu erröthen, weil du zum ersten Mal in deinem Leben eine große Bestellung erhalten hast. Heilige Jungfrau! Ist es denn nothwendig, daß du das falsche Ende deines Pinsels in den Mund steckst und denselben dann auf deinen Schooß fallen lassest? Oder haben dir die guten Klosterschwestern etwa gesagt, man müsse sich wie ein Junge benehmen, und sich auf ältere Personen stürzen, um ihnen das Blatt aus der Hand zu reißen, wenn man einen Auftrag selbst zu lesen wünscht? Wir möchten hierüber eine genauere Auskunft haben. Darum rede, – o Carmen, zierlichste aller Brünetten, – rede, und sei es auch in deiner melodischen Muttersprache, auf daß ich dich und dein tactvolles Benehmen meinen eigenen Landsmänninnen als Beispiel zu empfehlen vermag. Leider erhielten weder der Erzähler dieser Geschichte, noch Frau Plodgitt irgend einen näheren Aufschluß von der klugen Carmen und sahen sich daher genöthigt, ihre Muthmaßungen auf die folgenden, offenkundige Thatsachen zu basiren: Fräulein Carmens kleines Stübchen lag dem Thatchers gegenüber und zwei, drei Mal hatte der Letztere, als die Thüren geöffnet waren, ein schwarzes Köpfchen und eine stämmige, jungenhafte kleine Gestalt erblickt, die mit einer großen, blauen Schürze bekleidet, jenseits des Corridors vor einer Staffelei auf einem Bock saß; und andrerseits hatte Carmen gar häufig die Gerüche von Tabaksrauch gespürt, die in ihre klösterliche Einsiedelei drangen und sodann – über den Corridor schauend – einen amerikanischen Olympier bemerkt, der von der betreffenden Nicotin-Wolke umwallt, in einem Schaukelstuhl lag und seine Füße auf dem Kaminsims ruhen ließ. Beide waren einander zwei oder drei Mal auf der Treppe begegnet und bei solchen Gelegenheiten hatte Thatcher einen kurzen, durchaus nicht respectwidrigen aber dennoch halbneckischen Gruß an sie gerichtet, einen Gruß, wie er zwar niemals eine echte Frau beleidigt, aber doch in Folge des geistigen Uebergewichtes, den der Neckende durchblicken läßt, ihr Selbstgefühl anstachelt. Jedes weibliche Wesen fühlt instinctiv, daß die größeren und gefährlicheren Neigungen stets »serious« sind und deshalb darf man es ihm nicht verargen, wenn es in allen Ehren sich veranlaßt fühlt, zu ergründen, ob nicht etwa unter der Haut dieses lachenden Mercutio das Fleisch und Blut eines Romeo verborgen sei. Thatcher hatte von Natur eine Vorliebe zum Beschützen und Vertheidigen; Schwachheit – doch nur diese allein – vermochte die in seinem Innern schlummernden, weichen Regungen wachzurufen, doch gelang ihr dies leider wol oftmals nur durch den Anflug von Komik, der ihr gar häufig beiwohnt und der, so schien es ihm, namentlich Frauen und Kindern eigen ist. Ich erwähne diese Thatsache zum Besten der jüngeren Mitglieder meines Geschlechtes; denn ich bin davon überzeugt, daß eine unbedingte Unterwerfung und das unausgesetzte, stete Kniebeugen des männlichen Geschlechts vor der weiblichen Schönheit wohlfeile französische Redensarten sind, welche den meisten derjenigen Frauen, die umworben zu werden verdienen, unübersetzbar bleiben. Denn eine Frau muß unter jeder Bedingung zu dem Manne emporschauen, den sie wahrhaft liebt, und müßte sie auch in den Staub sinken, um es zu können. Nur der männliche Theil meines Zuhörerkreises wird aus diesen Bemerkungen folgern, daß Carmen Thatcher liebte; das kritischere und tieferblickende weibliche Auge wird ihnen dagegen nichts entnehmen, das sich nicht durch die Bezeichnung »Freundschaft« decken ließe. Denn Thatcher war keine schwärmerische Natur; er hatte dem jungen Mädchen niemals eine Huldigung – und sei es auch nur in der stummen und doch so beredten Form einer Aufmerksamkeit dargebracht. Tagelang blieb die Thür seines Zimmers verschlossen und wenn er ihr dann, nach solchen Stunden der Zurückgezogenheit, begegnete, so war sein Benehmen so ungezwungen und natürlich, als habe er sie erst gestern gesehen. Allerdings war es die arglose Carmen, welche absichtslos veranlaßte, daß sein heimliches Entrinnen und Auf- und Davongehen entdeckt ward; hatte sie doch in den Tagen, die seiner Flucht folgten – Gott weiß woher – erfahren, daß sich während dieser ganzen Zeit seine Thür nicht geöffnet habe und deßhalb hatte sie in der Angst, daß eine Krankheit, ein plötzlicher Tod oder wol gar ein Selbstmord vorliege, die Hauswirthin beschworen, den Sachverhalt zu erforschen. Die Thatsache, daß sie im ersten Augenblick nicht minder entrüstet war, als Frau Plodgitt, beweist freilich schlagend, daß sie nur ein geringes Maß von Sympathie für den Flüchtling besaß. Und zudem hatte sie bis jetzt nur Concho, ihrem Jugendfreunde, näher gestanden – und war seinem Gedächtnisse treu und demnach feindlich gesinnt gegen alle Americanos, die nach ihrer felsenfesten Ueberzeugung seine Mörder waren. Und so verbannte sie nicht nur Thatcher, sondern auch seinen Auftrag aus ihrem Herzen und begab sich an ihre Malerei, ein Phantasie-Porträt des guten Pater Junipero Serra, eines großen Missionärs, der zum Glück für die Echtheit seiner Knochen und die Lauterkeit seines Rufes mehrere hundert Jahre vor jener Zeit starb, da die Amerikaner Kalifornien in Besitz nahmen. Das Bild war schön, fand jedoch keinen Käufer, und daher begann sie allen Ernstes sich mit dem Anfertigen von gemalten Etiketten zu befreunden, die damals sehr gesucht und beliebt waren. Einen unvollendeten kunstvoll mit Wolken umrahmten Kopf des San Juan de Bautista verkaufte sie einem angesehenen Kramwaarenhändler für fünfzig Dollar und derselbe diente fortan dazu, die Wirkungen des in vier Flaschen ausgestellten »Jone's Sommersprossen-Vertilgungs-Wasser« zu veranschaulichen und in einer angenehmen harmlosen Weise das Gedächtniß des Heiligen zu erneuern. Nichtsdestoweniger fühlte sie sich müde und mißmuthig; sie sehnte sich nach den guten Klosterschwestern und nach dem beschaulichen Leben im Kloster und dann...... »Kam er!« Aber nicht wie der Prinz kommen sollte, auf schneeweißem Streitroß, um die grausam verlassene, verzauberte Jungfrau heimzuführen. Er war sonnenverbrannt; er war bärtig »wie ein Parder«; er war etwas fahrlässig in Betreff seines Anzuges; auch war sein Geist vielfach von geschäftlichen Angelegenheiten beansprucht; allein sein Mund und seine Augen waren die alten geblieben und als er die in seinem Briefe ausgesprochene Einladung in der ihm eigenen offnen, halb neckischen Weise wiederholte, erröthete die arme kleine Carmen, ohne sich zu einer bestimmten Antwort entschließen zu können. Da fuhr ihm ein Gedanke durch den Sinn, der ihm das Antlitz färbte. Ein Mann, dem die Bildung angeboren ward, ist stets ebenso sittsam, wie eine Frau. Er eilte die Treppe hinab, suchte die Wittwe Plodgitt auf und sagte hastig: »Sie bringen sich hier um. Eine Luftveränderung ist Ihnen unbedingt nothwendig. Kommen Sie für einige Tage nach Monterey und bringen Sie, damit Sie sich nicht einsam fühlen, Fräulein de Haro mit.« Die alte Dame durchschaute sofort die Sachlage. War doch Thatcher nunmehr ein Mann, dessen Zukunft zu den kühnsten Hoffnungen berechtigte. In allen matronenartigen Töchtern Eva's steckt die Neigung zum Bemuttern und Heirathsstiften. Ist dies doch die einzige Möglichkeit, die Vergangenheit wieder ins Leben zu rufen. Sie willigte ein und Carmen de Haro konnte nun nicht länger ihre Zustimmung verweigern. Die Damen fanden die Blue-Mass-Mine ganz, wie Thatcher sie ihnen im Voraus geschildert hatte, ein wenig primitiv; auch sah man es ihr an, daß sie bisher nur Männern als Aufenthaltsort gedient hatte. Der Wirth überließ jedoch seinen Gästen das einzige vorhandene Gelaß, in dem er bisher gewohnt hatte und schlief bei seinen Leuten oder deutlicher gesagt unter den Bäumen. Zuerst vermißte Frau Plodgitt Gas und Wasserleitung und die verschiedenen Annehmlichkeiten der Civilisation, zu denen, wie ich fürchte, auch Betttücher und Kissenüberzüge gehörten; aber der balsamische Hauch der Bergluft linderte ihre Neuralgie und wirkte wohlthätig auf ihre Stimmung. Was Carmen betrifft, so schwelgte diese in dem unbegrenzten Genuß ihrer unbedingten Befreiung von allen konventionellen Fesseln und in der Befriedigung ihrer kindlichen Gelüste. Sie durchstreifte die Gegend weit und breit; sie tauchte in dunkle Gehege, klomm über öde, mit dürren Chemisal-Pflanzen bewachsene Felsen und kehrte stets mit einer reichen Ausbeute von Bocksaugenbaum-Blüten, Manzanita-Beeren und Lorbeern beladen heim. Jedoch eine Skizze von der Fabrik der Blue Mass Company anzufertigen, die später einmal lithographirt oder durch Farbendruck vervielfältigt werden konnte und die Tonnen Quecksilber zeigte, welche die Maschinen durch die Vermittelung einer malerischen Gruppe fröhlicher Arbeiter zu Tage förderten, dazu konnte sie sich nicht entschließen, obwol sie wußte, daß sie damit ihrem Padrone Don Royal Thatcher einen Dienst erwiesen hätte. Dagegen begann sie eine Studie von den Trümmern des zerfallenen, verwitterten Schmelzofens mit seinem dunklen, hohen Berghintergrund und dem Licht eines erlöschenden Lagerfeuers, der dessen Ueberreste beleuchtete, und der mattrothen Aushöhlung in der Felsschicht. Allein selbst dieses Bild genügte ihr erst nach vielfachen Umänderungen und als sie es schließlich, nach vollendeter Arbeit, zu Don Royal trug, schaute sie mit einem leisen Auflug von Kampfeslust zu ihm empor. Thatcher bewunderte das Werk aufrichtig; doch konnte er es nicht lassen, sie gegen seine eigne Ueberzeugung durch einige tadelnde Bemerkungen zu necken. »Warum haben Sie nicht, wenigstens mit Rücksicht auf mich, auf jenem Felsen dort einen Wegweiser mit der Aufschrift »Straße zu der neuen Factorei der Blue Mass Company« angebracht und so praktische und künstlerische Zwecke mit einander verbunden? Doch ich sehe wohl, Sie kranken an dem nämlichen Fehler an dem alle genialen Leute leiden. Was aber bedeutet jene Gestalt, die dort in eine Decke gehüllt, neben dem Schmelzofen liegt? Sicherlich haben Sie niemals einen meiner Arbeiter auf dieser Stelle liegen sehen – und außerdem scheint es, nach seinem Serapé zu urtheilen, ein Mexikaner zu sein.« »Die Gestalt soll nur dazu dienen, den Vordergrund auszufüllen,« versicherte Fräulein Carmen ausweichend, »ich bedurfte ihrer, um eine gleichmäßige Gruppirung herzustellen.« »Sie ist nach dem Leben gezeichnet!« fuhr Thatcher fort, indem er unwillkürlich seiner Bewunderung Ausdruck gab. »Bitte, erzählen Sie mir, Fräulein de Haro, ehe ich Frau Plodgitts Hilfe und Beistand anrufe, wer ist jener verhaßte Nebenbuhler? Wer ist Ihre Thonfigur, Ihr Modell?« »O,« sagte Carmen mit einem leisen Seufzer, »es ist nur der gute Coucho!« »Und wo ist Concho?« – Er sagte das nicht ohne Heftigkeit. »Er ist todt, Don Royal!« »Todt?« »Ja, wahrlich – todt – ermordet von Ihren Landsleuten!« »Ah, so! – Und Sie kannten ihn?« »Er war mein Freund.« »O!« »In Wahrheit!« »Aber (mit neckischem Ton) liefert dies Bild nicht – falls es für keine illustrirte Zeitung bestimmt ist, eine etwas gespenstische Darstellung meiner Besitzung?« »Gespenstisch, Don Royal? Sehen Sie denn nicht, daß er schläft?« »Ja! (in spanischer Sprache) wie die Todten!« Carmen (sich hastig bekreuzend). »Nach der Art der Todten!« Ein unbehagliches Gefühl beschlich beide. Carmen bebte. Allein, da sie eine Frau war und zwar eine tactvolle, so gewann sie zuerst ihre Fassung wieder. »Ich habe diese Studie nur für mich angefertigt, Don Royal,« sagte sie, »ich mache Ihnen eine andere.« Und mit diesen Worten entschlüpfte sie, um, wie sie hoffte, nicht nur der Fortsetzung des Gespräches, sondern auch seiner Nähe zu entgehen. Allein sie irrte sich; am Abend des nämlichen Tages nahm er die Unterredung wieder auf. Carmen fing an, sich zu verbarrikadiren, doch nicht aus Feigheit oder aus List, wie der Leser vielleicht argwöhnen wird, sondern aus jenem wunderbaren weiblichen Instinct, der ihr eingab, auf ihrer Hut zu sein. Trotzdem erfuhr er von ihr die ihm bisher unbekannte Thatsache, daß sie die Nichte seines ärgsten Widersachers war und in Folge dessen verdoppelte er, als gebildeter Mann, seine Aufmerksamkeit und seine Höflichkeit in solchem Grade, daß Frau Plodgitt sich einbildete, die Sache sei abgemacht und anfing, allen Ernstes über den Anzug nachzudenken, den sie bei der bedeutsamen, Feier tragen werde. Allein die arme Carmen weinte in jener Nacht, bis sie endlich mit dem Entschluß einschlief, daß sie sich fortan nicht mehr um ihren bösen Onkel kümmern, sondern allein diesem hochherzigen Americano vertrauen wolle; doch kam es ihr nicht in den Sinn, die Erzeugnisse ihrer unschuldigen Feder mit der tödtlichen Fehde der beiden Männer in Verbindung zu bringen. Frauen – auch die besten ihres Geschlechtes – sind stark im Errathen nebensächlicher Thatsachen, gewandt im Folgern, doch unsicher, wie die Kinder, sobald es sich um eine genaue Aufstellung oder eine gründliche Erforschung der Prämissen handelt. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß sie nicht daran gedacht hatte, irgend eine ihrer Handlungen mit dem Proceß ihres Onkels in Zusammenhang zu bringen und die Anfertigung der Unterschriften war ihrem Gedächtniß gänzlich entschlüpft. Der männliche Theil meines Leserkreises wird jetzt Carmens Verwirrung und Erröthen verstehen und zu der Einsicht kommen, daß er ein Esel war, falls er dieselben für das Bekenntniß einer ursprünglichen Neigung gehalten hat. Meine Leserin wird dagegen nunmehr die Ueberzeugung gewinnen, daß die heuchlerische Hexe nichts anderes im Sinn hatte, als sich Thatchers Herz zu erobern. Und ich weiß in der That nicht, wer von beiden auf dem rechten Wege ist. Dessenungeachtet malte sie für Thatcher eine Skizze, welche noch heute sein Comptoir in San Francisco schmückt, Auf diesem Gemälde ist die Mine in gefälligen geometrischen Linien veranschaulicht und jeder Pinselstrich verräth die zuversichtliche Hoffnung auf eine rosige Zukunft. Dann aber ward Carmen, nachdem sie auf diese Weise, wie sie glaubte, ihre Schuld abgetragen hatte, etwas kalt und spröde gegen Thatcher, worauf dieser Herr sich noch mehr bestrebte, aufmerksam und zuvorkommend zu sein, da ihm der Umstand, daß sie in dem Rancho der rothen Felsen verweilte, als eine Méprise erschien, die ihr ungleich unangenehmer sein mußte, als ihm. Die Nichte seines Feindes war ihm höchstens ein interessantes Mädchen – ein Mädchen, das des Schutzes bedürftig war, – das ihm jedoch niemals und unter keinen Umständen Furcht einflößen konnte. Doch kann man wol, wenn auch nicht Furcht, so doch Argwohn insgeheim in edle Gemüther streuen. Frau Plodgitt, die sich auf diese Weise zu ihrem Kummer beim Schmieden von Heirathsplänen gestört sah, schob natürlich die Schuld auf ihr eigenes Geschlecht und ging zur stärkeren Seite, das heißt: zu der des Mannes über. »Es ist Jammerschade,« sagte sie sotto voce zu Thatcher, als Carmen wieder einmal trotzig und mürrisch war, »daß die Mädchen manchmal so sonderbar sind. Es ist freilich anzunehmen, daß es ihr im Blute liegt. Die Spanierinnen sind rachsüchtig – ganz wie die Italienerinnen.« Thatcher schaute sie mit unverhohlenem Erstaunen an. »Nun, merken Sie denn nicht, daß sie unausgesetzt daran denkt, daß dieses Grundstück ihrem Onkel gehören würde, wenn Sie ihm nicht im Wege ständen? Und anstatt recht schön mit Ihnen zu thun und –« Hier machte sie eine Kunstpause, um sich zu räuspern. »Guter Gott!« rief Thatcher in großer Bestürzung. »Der Gedanke ist mir noch nie in den Sinn gekommen.« Er hielt einen Augenblick inne und fügte dann mit bestimmtem Tone hinzu: »Ich kann es nicht glauben; es sieht ihr nicht ähnlich.« Frau Plodgitt fühlte sich verletzt. Sie wanderte von dannen; entsandte jedoch im Scheiden diesen parthischen Pfeil: »Nun wohl, ich hoffe, daß nichts Schlimmeres dahinter steckt.« Thatcher lächelte; dann beschlich ihn eine gewisse Unruhe. Als er bald darauf mit Carmen zusammentraf, bemerkte sie, daß seine grauen Augen mit einem seltsamen, durchdringenden Blick, der ihnen sonst nicht eigen war, auf ihr ruhten. Hierdurch gewann das Feuer neue Nahrung. Sie vergaß die Verpflichtungen, welche zwischen Wirth und Gast bestehen, und betrug sich geradezu ungezogen. Thatcher blieb ruhig, doch beobachtend. Er sorgte dafür, daß Frau Plodgitt frühzeitig zu Bett ging, lockte Carmen unter dem Vorwand, ihr die vielumworbene Mine bei Mondscheinbeleuchtung zu zeigen, ins Freie, und wanderte mit ihr bis zu dem eingestürzten Schmelzofen. »Was ist vorgefallen, Fräulein Haro, habe ich Sie beleidigt?« Dem Fräulein Carmen war es nicht bekannt, daß Etwas vorgefallen sei. Wenn Don Royal es vorzog, mit älteren Freundinnen zu verkehren, deren Treue er bereits erprobt hatte, die aber übrigens, – das wußte sie gewiß, – einem alten, ins Unglück gerathenen Herrn nichts Böses nachsagen wurden, (o, Carmen, pfui!) und wenn ihm die Gesellschaft dieser Damen lieber sei, als die seiner jüngeren Freundinnen, – nun, (dem Leser wird eine unverkennbare Erregung und eine uumotivirte Anwendung von Pluralformen auffallen) – nun so begreife sie nicht, warum er sie dafür verantwortlich mache. Sie wandten sich um und schauten einander ins Angesicht. Die Bedingungen zur Herbeiführung eines gründlichen Mißverständnisses zwischen diesen beiden Personen konnten nicht günstiger liegen. Thatcher war ein Verstandesmensch, Carmen dagegen ein Gefühlsweib, wenn mir dieser Ausdruck gestattet ist. Thatcher verlangte bestimmte Thatsachen festzustellen, und aus denselben seine Schlußfolgerungen zu ziehen. Carmen wünschte sich über gewisse Gefühle Klarheit zu verschaffen, um diesen sodann die Thatsachen anzupassen. »Aber es fällt mir gar nicht ein, Sie zu tadeln, Fräulein Carmen,« sagte er ernst. »Es war in der That thöricht von mir, Sie zu veranlassen, ein Grundstück zu betreten, auf das Ihr Onkel einen Anspruch erhoben hat und das ich im Besitz habe; es war dies ein Mißgriff, aber nein!« fügte er schnell hinzu, »es war doch kein Mißgriff. Sie wußten, wie die Sache stand, und ich nicht. Sie nahmen keine Rücksicht darauf, ehe Sie hieher kamen, und ich war nur zu bereit, keine Rücksicht darauf zu nehmen, als Sie einmal hier waren.« »Natürlich!« sagte Carmen gereizt, »bin ich die Einzige, die tadelnswerth ist. Ja, so sind die Männer!« (Bedenkt, sie war erst fünfzehnjährig und sprach doch dieses Verdammungsurtheil aus, als sei es das Ergebniß ihrer Erfahrungen und als habe man es ihr nicht bereits in der Wiege vorgesagt.) Weibliche Gemeinplätze pflegen einen Mann stets stutzig zu machen. Thatcher erwiderte kein Wort. Carmens Ingrimm steigerte sich. »Und warum haben Sie die Hand nach Onkel Victors Eigenthum ausgestreckt?« fragte sie triumphirend. »Es ist mir nicht bekannt, daß es Ihres Onkels Eigenthum ist,« entgegnete er. »Das ist Ihnen nicht bekannt?! Haben Sie denn nicht die Eingabe mit der Unterschrift des Gouverneurs Micheltorena gesehen? Haben Sie nicht die Zeugenaussagen gehört?« fragte sie mit leidenschaftlichem Tone. »Unterschriften lassen sich fälschen und Zeugen können lügen,« entgegnete Thatcher gelassen. »Was ist das, was Sie ›fälschen‹ nennen?« Thatcher erinnerte sich sofort des Umstandes, daß die spanische Sprache keinen Ausdruck für »Fälschung« besitzt. Dieser Begriff war offenbar eine Erfindung des El Diable Americano. Daher sagte er, während sich in seinen wohlwollenden Augen ein überlegenes Lächeln zeigte: »Jeder, der schlecht genug und geschickt genug ist, kann die Handschriften seines Nebenmenschen nachahmen. Wenn eine solche Copie zur Förderung eines Betruges benutzt wird, so nennt mau das ›eine Fälschung‹. Ich bitte um Verzeihung – Fräulein de Haro – Fräulein Carmen – was ist Ihnen?« Sie lehnte sich plötzlich in einem Anfall von Schwäche und Erschlaffung an einen Baum und starrte ihn mit weitgeöffneten Augen unverwandt an. Obwol sie erst ein »Embryo-Weib«, ein unerfahrenes, unwissendes Mädchen war – so war der ihrem Geschlechte innewohnende Instinkt doch bereits vollständig in ihr zur Reife gekommen: Sie hatte nur einem einzigen Sprung in die Tiefe Alles ergründet, wonach er jahrelang vergebens geforscht hatte. Thatcher sah nur, daß sie litt, daß sie hilflos war, und das genügte ihm. »Es ist möglich«, begann er, »daß Ihr Onkel sich hat täuschen lassen.« Manch ehrlicher Mann ist durch die geschickten Betrügereien von schändlichen Gaunern und Gaunerinnen hinter's Licht geführt worden.« ... »Halten Sie ein! Madre de dios! Ich will kein Wort mehr hören!« Thatcher zog sich einen Augenblick vor den stammenden Augen und dem bleichen Antlitz der kleinen Gestalt zurück, welche mit drohend geballter Kinderfaust dicht an ihn herangetreten war. Er gehorchte ihr und schwieg. »Wo ist diese Eingabe, diese Fälschung?« fragte sie, »Sie müssen mir dieselbe unverzüglich zeigen!« Thatcher athmete erleichtert auf; er lächelte, wie Männer stets zu lächeln pflegen, sobald sie ihr Uebergewicht über weibliche Unwissenheit empfinden. »Wie können Sie nur annehmen, daß Ihr Onkel mir seine Papiere anvertraut hat. Diese Documente befinden sich vermuthlich in der Obhut seines Anwaltes.« »Und wann darf ich diesen Ort verlassen?« fragte sie erregt. »Wenn Sie meinen Wünschen nachzukommen gedenken, so bleiben Sie hier, wenn auch nur bis zu dem Augenblicke, wo Sie mir verziehen haben werden. Aber wenn ich Sie beleidigt – was jedoch durchaus nicht in meiner Absicht lag – und Sie unversöhnbar sind ..« »Darf ich morgen bei Tagesanbruch abreisen, wenn es mir beliebt?« »Gewiß, das dürfen Sie, wenn Sie darauf bestehen,« erwiderte Thatcher ernst. »Gracias Señor!« Sie wanderten langsamen Schrittes heimwärts. Thatcher mit dem specifisch-männlichen Gefühl, ohne Grund und Zweck verletzt worden zu sein, Carmen mit der specifisch-weiblichen Idee, nunmehr für immer zu Boden geschmettert zu sein. Kein Wort ward zwischen ihnen gewechselt, bis sie die Thür erreichten. Dann rief Carmen plötzlich nach alter Gewohnheit, ihren Impulsen folgend, mit heiterem Tone: »Gute Nacht, o, Don Royal! Angenehme Träume! Hasta Mañana!« Thatcher starrte stumm und betroffen das wetterwendische Mädchen an. Sie erkannte sofort, daß ihm ihre Handlungsweise dunkel war. »Es ist nur wegen der alten Tante,« flüsterte sie, indem sie mit dem Daumen die Stelle bezeichnete, wo Frau Plodgitt schlief. »Gute Nacht! Gehen Sie!« Er ging von dannen und ertheilte einem Peon (Tagelöhner) den Auftrag, die beiden Damen am folgenden Morgen zu begleiten und für sie und ihren Wagen Sorge zu tragen. Als er erwachte, entdeckte er, daß Fräulein Carmen mit ihrem Diener, den Weg nach Monterey einschlagend, abgereist war, daß sie jedoch Frau Plodgitt nicht mitgenommen hatte. Er war nicht im Stande, der Letzteren sein Erstaunen hierüber zu verheimlichen. Diese so schändlich im Stich gelassene und den Tücken unseres Geschlechtes überantwortete Dame war sehr entrüstet. Allein sie besaß doch noch Fassung genug, um Thatcher ihre Meinung mittheilen zu können. »Sagte ich es Ihnen nicht? Sie ist zu ihrem Onkel ** gegangen, um demselben Alles zu erzählen.« »Alles? Zum Henker, was kann sie ihm erzählen?« donnerte Thatcher, seiner Selbstbeherrschung beraubt. »Hoffentlich nichts, was sie nicht sagen darf,« sagte Frau Plodgitt und zog sich hoheitsvoll zurück. Sie hatte Recht. Fräulein Carmen fuhr in der That nach Monterey und jagte zu diesem Zwecke ihrem Pferde fast die Beine ab; dann aber sandte sie ihren Diener und ihren Wagen mit den Worten zurück, daß sie die Absicht habe, per Steamer nach San Francisco zu reisen, und Frau Plodgitt dort zu treffen hoffe. Sodann wanderte sie muthigen Herzens zu dem Geschäftslocal des Districtsanwalt Saponaceons Wood, der zur Zeit der juristische Beistand ihres Onkels war. Trotz des unglückseligen Rufes, in dem ihr Oheim stand, erfreute sich Fräulein Carmen der Bewunderung und der Hochachtung der Mehrzahl der männlichen Bevölkerung von Monterey. Herr Wood war entzückt, sie wiederzusehen und empfing sie mit linkischer Zuvorkommenheit. Fräulein Carmen war kühl und geschäftsmäßig. Sie komme, sagte sie, im Auftrage ihres Onkels, um die Papiere durchzusehen, welche den Blue-Mass-Mine -Proceß beträfen. Dieselben wurden ihr unverzüglich vorgelegt. Carmen blätterte nach der Urkunde, welche sich auf die Schenkung bezog. Ihre Wangen entfärbten sich unmerklich. Ihr scharfes Gedächtniß und ihr wunderbar sicheres Auge konnten sie nicht irre leiten. Es unterlag keinem Zweifel, die Unterschrift von Micheltorena war von ihr selbst geschrieben! Und doch lächelte sie, als sie zu dem Advocaten aufblickend, die Frage aussprach: »Darf ich diese Papiere für eine Stunde mit zu meinem Onkel nehmen?« Selbst ein älterer und ein besserer Mann als der Districts-Anwalt würde diesen gesenkten Wimpern und dieser sanften Stimme nicht haben widerstehen können. »Sehr gern!« »Sie erhalten dieselben nach Verlauf einer Stunde zurück.« Carmen hielt Wort. Noch ehe die bestimmte Zeit verflossen war, lieferte sie die Documente wieder ab, verneigte sich mit freundlichem Gruß vor dem gerichtlichen Beistand ihres Onkels und begab sich noch am nämlichen Abend auf den nach San Francisco bestimmten Dampfer. Am folgenden Morgen taumelte Victor Garcia, den die Freuden der vergangenen Nacht nicht sonderlich gekräftigt hatten, in das Comptoir seines Advocaten. »Ich habe Grund, mich vor Carmen zu fürchten,« lallte er mit schwerer Zunge. »Sie hält es mit unserm Feinde. Da sieh her!« Er zog ein anonymes Schreiben hervor (dasselbe verdankte seine Entstehung Frau Plodgitts ungelenker Hand), in welchem ihm mitgetheilt ward, daß seine Nichte von seinem Gegner bestochen sei, er müsse sich deshalb vor ihr in Acht nehmen. »Unmöglich!« sagte der Anwalt. »Sie hat dir ja noch in der vergangenen Woche 50 Dollar geschickt.« Auf Victors Wangen zeigte sich ein Roth, das trotz seiner unreinen Haut bemerkbar war; auch machte er mit der Hand eine ungeduldig abwehrende Bewegung. »Und außerdem,« fuhr der Advocat gelassen fort, »ist sie ja gestern in deinem Auftrage hier gewesen, um die Papiere durchzusehen und dieselben dann wieder abzuliefern.« Victor rang nach Athem. »Und du – du hast sie ihr gegeben?« »Natürlich!« »Alle, – auch die Urkunde mit der Unterschrift?« »Allerdings. Sie kam ja auf deinen Wunsch!« »Auf meinen Wunsch? Die leibliche Tochter des Teufels ist sie!« schrie Garcia. »Nein! Hundert Millionen Mal, nein! Schnell, ehe es zu spät ist, zeige mir das Papier.« Der Advocat holte die Acten herbei. Garcia durchblätterte sie mit bebenden Fingern, bis er schließlich des verhängnißvollen Documents habhaft ward. Er begnügte sich nicht damit, es zu öffnen und den Inhalt und die Überschrift zu besichtigen, sondern ging mit demselben an das Fenster, um es genau zu beleuchten. »Es ist das Nämliche!« sagte er beruhigt aufathmend. »Das versteht sich von selbst,« entgegnete Herr Wood gereizt. »Die Papiere sind sämmtlich da; es fehlt kein einziges, – und du bist ein Narr, Victor Garcia.« Das war er allerdings. Doch Herr Saponaccous Wood, der Rechtsgelehrte, verdiente wenigstens in dem vorliegenden Falle diese Bezeichnung nicht minder. Inzwischen kehrte Fräulein de Haro nach San Francisco zurück und ging dort wieder ihrem Erwerbe nach. Einige Tage später traf auch Frau Plodgitt ein. Diese Dame hatte eine zu großartig angelegte Natur, als daß sie einem von ihr selbst geschriebenen anonymen Briefe gestattet hätte, als Scheidewand zwischen sie und ihre kleine Mietherin zu treten. So herzte und liebkoste sie dieselbe und schilderte ihr in etwas übertriebenen Farben, den Kummer, den sie Don Royal durch ihre plötzliche Abreise verursacht hatte. Fräulein Carmen ließ das Alles in einer demüthigenden, kätzchenartigen Weise über sich ergehen, ohne sich jedoch bei ihrer Arbeit stören zu lassen. Zur verabredeten Zeit war das große Bild, welches Don Royal bestellt hatte, vollendet; sodann fand sie noch Muße, ihrer Neigung nachgehend, jene gespenstische Skizze von dem geborstnen Schmelzofen durch verschiedene Umänderungen zu vervollständigen. Gleichwol kam Don Royal, da er offenbar mit Geschäften überbürdet war, nicht wieder nach San Francisco zurück und Frau Plodgitt erwarb sich inzwischen ein hübsches Sümmchen, indem sie für eine kurze Zeit sein Zimmer an zwei ruhige Mexikaner gab, welche ausnehmend angenehme Miether gewesen sein würden, wenn sie nicht die abscheuliche Gewohnheit gehabt hätten, Cigaritos zu rauchen, die das ganze Haus einräucherten. Wenn es diesen Herren nicht gelang, die Bekanntschaft ihrer schönen Landsmännin, Fräulein de Haro, zu machen, so kam das wol nur daher, weil die betreffende junge Dame allzuviel zu thun hatte; und nicht weil die Mexikaner es etwa an einer klar zu Tage tretenden Bemühung hätten fehlen lassen. »Fräulein de Haro hat einen eigenthümlichen Charakter,« sagte die politische Frau Plodgitt zu ihren Gästen. »Sie knüpft niemals Bekanntschaften an, und das bringt ihr meiner Meinung nach in geschäftlicher Beziehung manchen Nachtheil. Wenn ich nicht die Vermittelung übernommen hätte, so würde sie Don Royal Thatcher, den Besitzer der großen Quecksilbermine, nicht kennen gelernt und niemals von ihm den Auftrag erhalten haben, ein Bild von seiner Mine anzufertigen.« Die beiden fremden Herren wechselten einen bedeutsamen Blick. Der Eine sagte: »Gerechter Gott, das bedaure ich sehr!« und der Andere sprach: »Ist es möglich?« und dann schlichen sie sich, als ihre Wirthin kaum den Rücken gedreht hatte, mit Hilfe eines Nachschlüssels in das derzeit leere Schlafgemach und Atelier ihrer schönen Landsmännin, die außer dem Hause mit Skizziren beschäftigt war. »Du ersiehst hieraus,« sagte Herr Pedro (der Flüchtling) zu Miguel (dem Ex-Geistlichen), »daß dieser Americano allmächtig ist und daß unser Victor, trotz seiner Trunksucht, mit seinen Vermuthungen auf der rechten Fährte sich befindet.« »Ja, wahrlich!« erwiderte Miguel. »Bedenke doch nur, daß selbst Jovita Castro ihrem Schatze, einem Americano, zu Liebe den Rechtsanspruch von Sobriente verrieth. Nur in uns beiden, mein Pedro, lebt noch der alte mexikanische Geist, das echte Gott und die Freiheit!«' Sie schüttelten sich die Hände in edler Gefühlsaufwallung und begaben sich dann an ihr Werk, daß heißt, an die Durchstöberung der Koffer, Kisten und Schubfächer dieser armen, kleinen Malerin Carmen de Haro; ja, sie trennten sogar die Näthe der Matratze ihres jungfräulichen Lagers auf. Allein sie fanden nicht, was sie suchten. »Was mag nur dort auf jenem Holzgestell unter dem Tuche verborgen sein?« fragte Miguel. »Tiefe Künstler haben die schändliche Gewohnheit, ihre Wertsachen gut zu verstecken.« Pedro trat an die Staffelei und riß den sie bedeckenden Musselinvorhang herab. Dann stieß er einen Schrei aus, der seinem Gefährten durch Mark und Bein drang und denselben veranlaßte, ihm unverzüglich zu Hilfe zu eilen. »Im Namen Gottes!« flüsterte Miguel ihm eiligst zu. »Hast, du etwa die Absicht, das ganze Haus in Bewegung zu bringen?« Der Exvaquero zitterte wie ein Kind. »Schau hin!« stieß er mit heiserer Stimme hervor. »Schau hin, – siehst du es? Das ist Gottes Finger!« Dann brach er bewußtlos zusammen. Miguel folgte seiner Aufforderung und erblickte Carmens fast vollendete Skizze, den verlassenen Schmelzofen darstellend. Concho's Gestalt nahm, von dem Schein des Lagerfeuers klar beleuchtet, die linke Seite des Vordergrundes ein. Allein offenbar hatte die Malerin – der vorteilhafteren Gruppirung wegen – sich bewogen gefühlt, eine zweite Figur anzubringen, welche das Gesicht und die Gestalt Pedro's tragend, auf Händen und Füßen zu dem schlafenden Manne kroch! Dritter Theil Zehntes Kapitel. Wer für die Mine agitirte. Ein Junitag in Washington! Bereits früh Morgens, als die Sonne noch in der nämlichen Höhe mit den Köpfen der durch die breiten schattenlosen Straßen wandernden Fußgänger stand, war es unerträglich heiß. Später am Tage flimmerten die Häuserreihen nicht minder als die divergirenden Strahlen jener zweiten Sonne, des Capitols, Das Sitzungslokal des gesetzgebenden Körpers welches dem unbeschützten Auge ein Gegenstand war, den es zu vermeiden suchte. Je mehr die Stunden vorrückten, um so heißer wurde es, und dann stieg vom Potomac ein Nebel empor, der das schimmernde Himmelsgewölbe verhüllte und bald darauf thürmten sich am Horizonte trügerische Gewitterwolken über einander, welche ihre Kraft und ihren Inhalt anderswo entluden und, von dannen ziehend, die Schwüle der Luft eher vermehrten als verminderten. Gegen Abend kam die Sonne neugestärkt zum Vorschein, nachdem sie sich zuvor die feuchten Tropfen von der himmlischen Stirn gewischt hatte, ohne jedoch die Fieberglut derselben abzuschwächen. Die Stadt war verödet. Die wenigen zurückgebliebenen Einwohner vergruben sich, um dem stechenden Auge des Tages zu entfliehen, in irgend einem dunklen, klosterartigen Winkel, einem Laden, einem Hôtel oder einer Restauration, und der von der Helligkeit da draußen geblendete, schweißtriefende Fremdling, der sie aus ihrer stumpfen Ruhe aufschreckte, stieß unerwartet auf gespenstische Erscheinungen, die, offenbar der Vergangenheit angehörend, ohne Hemdkragen und ohne Röcke, mit einem Fächer in der Hand, ihn empfingen und unverzüglich in ihren Zauberschlaf zurücksanken, so bald sie die geschäftlichen Angelegenheiten in einem Zustande vor Schlummertrunkenheit erledigt hatten und der Fremde wieder fortgegangen war. Viele der Congreßmitglieder und Senatoren waren bereits längst zu ihren Wählern zurückgekehrt und hatten, indem sie ihre Mittheilungen aus der Hauptstadt den Wünschen und Bedürfnissen ihrer Wählerschaft anpaßten, entweder daheim erzählt, das Land gehe seinem Ruin entgegen oder die Kunde ausgestreut, daß der Stand der Dinge in keinem Jahre so hoffnungsvoll und aussichtsreich gewesen sei, wie in dem jetzigen. – Nur wenige Mitglieder des Cabinetsrathes befanden sich noch in der Stadt und diese hatten sich – da sie zu der Erkenntniß gelangt waren, daß sie keine einzige Angelegenheit nach ihrem Sinn durchzuführen vermochten, sondern auf jeden Erfolg verzichten mußten, sobald sie nicht Alles auf die altherkömmliche Weise handhabten – mürrisch und verstimmt in ihr Schicksal ergeben. Auch das, aus gebildeten kenntnißreichen Männern bestehende Collegium, welches das höchste Gesetzestribunal des Landes repräsentirt, verweilte noch in Washington, da es sich in dem Wahn befand, es leiste hiermit dem Staate einen Dienst und mache sich des kärglichen, ihm von den sparsamen Begründern der Regierung ausgesetzten Gehaltes würdig, wenn es geduldig den Argumenten eines Rechtsanwaltes lausche, der für die Geltendmachung der dem Tribunal vorzulegenden Gesuche ein Honorar einnahm, welches das lebenslängliche Einkommen von mindestens der Hälfte des Collegiums gedeckt haben würde. Auch der Herr Staatsanwalt und seine Unterbeamten waren noch zugegen; sie schützten mit vereinter Kraft nach wie vor treulichst die Millionen der Regierung vor räuberischen Händen und nahmen dafür vom Staat ein jährliches Salair entgegen, welches ihre wohlhabenderen privatisirenden Collegen ihren jüngeren Berufsgenossen kaum als eine Gebühranzahlung hätten anbieten mögen. Außerdem befand sich noch in Washington die kleine stehende Armee der Beamten des Ministeriums, die hilflosen Opfer der sinnlosesten und verrücktesten Form der Disciplin, welche die Welt je sah, einer Disciplin, die so sehr aus Laune, kriechender Unterwürfigkeit, Feigheit und Tyrannei zusammengesetzt war, daß ihre Reform einer Revolution, wie sie nun und nimmermehr von Gesetzgebern und Räthen geduldet werden darf, gleich gekommen wäre oder aber einen Despotismus bedeutet hätte, demzufolge ein halb Dutzend zufällig erwählter Männer ihre Vorurtheile und Wünsche derartig auslegten, als werde durch die Erfüllung derselben jene Reform bewirkt. Verwaltung nach Verwaltung, Partei nach Partei hatte die verzweiflungsvollsten Versuche gemacht, die jugendliche, von unsern Vätern nach einer längst veralteten Mode gefertigte Gewandung der Colonisten der umfangreichen Gestalt und dem muskulösen Körperbau einer reifen Nation anzupassen. Hier und dort sah man Flicken; hier und dort zeigten sich betrübende Risse und Löcher und überall traten an den ausgewachsenen Gliedern entblößte, theils Lachen, theils Unbehagen erregende Stellen hervor und die am Ruder stehenden und die nicht am Ruder stehenden Parteien stickten und stückten, stopften und reinigten, rieben und bürsteten unausgesetzt und machten zuweilen, von Verzweiflung getrieben, den Vorschlag, die rebellischen Glieder abzuschneiden, welche trotz aller Vorsichtsmaßregeln den Windeln ihrer Kindheit entwachsen waren. Es war in der That eine mit Widersprüchen und Widersinnigkeiten erfüllte Hauptstadt. An dem einen Ende der Straße residirte der verantwortliche Erhalter und Mehrer der militärischen Ehre, des Ruhmes und der Kriegstüchtigkeit einer namhaften Großmacht und dieser besaß nicht einmal die Macht, seinen Truppen rechtzeitig den ihnen gesetzlich zukommenden Sold auszuzahlen; sondern mußte sich vielmehr gedulden, bis diese oder jene Partei ihren aus Sonderinteressen entsprungenen Hader ausgeglichen hatte. Unmittelbar neben ihm wohnte ein zweiter Minister, dessen Amt es zu sein schien, dafür Sorge zu tragen, daß die Nation im Auslande möglichst schlecht und zwar durch den am wenigsten charakteristischen Theil des Volkes – das heißt durch diejenigen Politiker vertreten werde, welche daheim aus dem Felde geschlagen und von ihrer Wählerschaft nicht mehr mit den Verpflichtungen eines Abgeordneten betraut wurden. Diese nationale Widersinnigkeit fand ihres Gleichen nur in jener andern, derzufolge man von einem Politiker außer Dienst erwartete, daß derselbe vier Jahre lang die Ehre der Flagge einer Großmacht auf einem Ocean wahren könne, den er nie befahren und eine Disciplin aufrecht zu erhalten vermöge, deren Anfangsgründe er vor seiner Absetzung oder vor dem Ablauf seiner Dienstzeit er kaum zu erlernen im Stande gewesen war; –und dieser Mann erhielt seine Weisungen von einem Vorgesetzten, der ebenso wenig Einblick in die ihm obliegenden Pflichten besaß und war der Revision eines Congresses unterworfen, dessen Mitglieder ihn nur als Politiker beurtheilten. An dem äußersten Ende der Straße befand sich ein Ministerium, welches so unermeßlich in seiner Ausdehnung und so mannichfach in seinen Functionen war, daß sich nur wenige der in Wahrheit großen Nationalökonomen des Landes – und hätte man ihnen auch ein zehnfach erhöhtes Salair angeboten – entschlossen haben würden, die Verwaltung desselben zu übernehmen und dennoch legte die vollkommenste Staatsverfassung der Welt, dieses verantwortliche Amt Jahr aus, Jahr ein in die Hand von Männern, welche sich genöthigt sahen, es als die Anfangsstufe zu einer besseren Beförderung zu benutzen. Ferner gab es noch ein anderes Ministerium, das den finanziellen Charakter seiner Pflichten gelegentlich durch die in seinen Zahlungslisten hervortretende Verschwendungssucht oder Sparsamkeit bekundete, nachdem eine Reihe von Congressen ihm andere Angelegenheiten aus der Hand genommen hatte und das unter der Leitung eines Beamten stand, welcher den Titel und die Verantwortlichkeit eines Seckel- und Zahlmeisters der Staatsbörse trug und einen Sold erhielt, über den ein Bankdirector die Nase gerümpft haben würde. War es doch ein Bestandtheil dieser constitutionellen Widersinnigkeit und dieser administrativen Abgeschmacktheit, daß man in allen Fragen der Ehre, Gerechtigkeit, Amtstreue, ja selbst der geschäftlichen Lauterkeit erwartete, daß der Beamte höher stehen solle, als die Regierung, die er vertrat! Und dieser Widersinnigkeit ward noch dadurch die Krone aufgesetzt, daß man von Zeit zu Zeit das souveraine Volk aufforderte, zu erklären, ob diese vielen Widersinnigkeiten in Wahrheit der vollkommene Ausdruck der vollkommensten Regierung wären, welche die Welt je gesehen habe. Und die einstimmige Antwort der Volksvertreter, der Redner und der unbeeinflußten Dichtergarde lautete, daß es der Fall sei. Selbst die öffentliche Presse verschmähte es nicht, dieser allgemeinen Widersinnigkeit die Hand zu reichen. Der Zeitung, welche diesseits der Avenue herauskam, war es so klar wie Krystall, daß das Land auf den Hund komme, wenn nicht der »Geist« der Väter das Volk durchdringe und belebe; nicht minder klar aber war es der auf der andern Seite der Avenue veröffentlichten Zeitung, daß die Nation nur durch ein starres Festhalten an dem »Buchstaben« der von den Vätern hinterlassenen Institutionen gerettet werden könne. Natürlich durchschaute die ersterwähnte Zeitung sofort, daß das Wort »Buchstabe« nichts Anderes bedeutete als die dem feindlichen Journale zugewandte Gönnerschaft der am Ruder befindlichen Partei, und diesem Organ war es hinwiederum einleuchtend, daß nur die »Silberlinge« des Senator X. es waren, welche dem Geiste der Väter das Wort redeten. Und trotzdem stimmten Alle darin überein, daß man eine gute und vollkommene Regierung besitze, die nur den einen Mangel habe, daß sie nicht die räuberischen Eingriffe jenes hydraköpfigen Ungeheuers abzuwehren vermöge, das unter dem Namen »Ring« bekannt war. Die Entstehung des Ringes war ein Geheimniß, seine Fruchtbarkeit beunruhigend; allein obgleich seine Gefräßigkeit alles Maß überstieg, so war doch seine Verdauung normal und leicht. Er hüllte jedwede Angelegenheit in ein geheimnißvolles Dunkel; er bedeckte Alles mit den Staub- und den Aschenwolken des Mißtrauens. Jede vereitelte Hoffnung auf eine Anstellung, alle Uebergriffe der Habsucht, des Ehrgeizes und des Unverstandes waren nachweisbar durch ihn veranlaßt. Er drang sogar in das häusliche und gesellschaftliche Leben der Bürger ein; in der Küche und in der Gesindestube entstanden Ringe; auch in den öffentlichen Schulen entsprangen die Abkömmlinge dieser Species und bemühten sich, die Intelligenz der Kinder zu dämpfen; es gab Ringe, die aus einnehmenden, hübschen jungen Wüstlingen bestanden, welche uns tugendhaften aber uneinnehmenden älteren Herren die Gunst des schönen Geschlechts abspenstig machten; auch bildeten sich aalglatte, verleumderische Ringe in der Schaar unserer Gläubiger, welche uns zur Insolvenzerklärung trieben und unsern Credit untergruben. Und in der That wäre es durchaus nicht gewagt, wollte man die Behauptung aufstellen, daß alles Elend, das Einem im öffentlichen oder privaten Leben entgegentrat, sich unzweifelhaft auf jenes heimliche, mit dem Namen »Ring« bezeichnete Bündniß zurückführen ließ, demzufolge die vereinigte Kraft einer Minorität über die Schwachheit einer Majorität siegte. Glücklicherweise besaß das Land eine Anzahl von Halbgöttern, die es bisher noch nicht zu Hilfe gerufen hatte, die jedoch im Fall der Noth Alles schleunigst in Ordnung zu bringen vermochten. Sobald Smith von Minnesota, Robinson von Vermont und Jones von Georgia ihr ländliches Stillleben aufgebend, mit einer Fülle von Aufklärungen und frei von jeglichen particularistischen Vorurtheilen, in den Congreß zurückkehrten, so ahnte Jedermann im Voraus, daß große Thaten vollbracht werden würden. Und so war es stets. Bisher war noch niemals in der Geschichte der amerikanischen Politik der Zeitpunkt eingetreten, der uns nicht – (wir bedienen uns der Ausdrücke der obenerwähnten Zeitungen) – zu der Hoffnung berechtigt hätte, »daß die gegenwärtige Congreß-Session die bedeutsamste werde, die unsere Geschichte aufzuweisen habe,« und trotzdem war noch nie eine Session geschlossen, die nicht factisch einen ungeheuren Haufen wichtiger, hoffnungsloser und unerledigter Angelegenheiten auf ihren Pulten hätten liegen lassen, nachdem sie den übrigen Theil der vorliegenden Fragen ebenso unzerkaut, ebenso rasch und mit ebenso wenig Rücksicht auf die Verdauung und den Ernährungsproceß »hinuntergeschluckt« hatte, wie die amerikanischen Reisenden die ihnen auf einer Eisenbahnstation gebotenen Erfrischungen. In dieser Hauptstadt und an diesem erschlaffenden Junitage finden wir den ehrenwerthen Herrn Gashwiler in einem der oberen Zimmer eines Hôtels zweiten Ranges an seinem Schreibtische sitzend. Es gibt gewisse fleischige Menschen, bei denen schon das Fehlen der Halsbinde oder des Hemdkragens den Eindruck einer unzüchtigen Entblößung hervorbringt. Der ehrenwerthe Herr Gashwiler bot in Beinkleidern und Hemd einen Anblick dar, der ein sittsames Auge verletzt hätte. Das kleine Streifchen Hals, das in Folge seines unvollständigen Anzuges, sichtbar ward, ließ in so augenfälliger Weise das Vorhandensein enormer Massen fettigen Fleisches vermuthen, daß er wohl gethan haben würde, sein Dishabilée ebenso geheim zu halten, wie seine geschäftlichen Angelegenheiten. Nichtsdestoweniger rief er unbedenklich »Herein«, als an seine Thür geklopft ward. Sodann stellte er einen, mit einem gewissen aromatischen Trank bis zum Rande gefüllten Becher mit der rechten Hand auf eine andere Stelle, während er mit der linken einige Correcturbogen hervorholte, auf welchen seine demnächst erscheinende Rede gedruckt war. Gleichzeitig trat auf seiner Stirn der Ausdruck intelligenter Zerstreutheit hervor. Der Eintretende bewies dem ehrenwerthen Gashwiler seine Hochachtung, indem er ihm mit seinem rechten Auge einen Blick cordialer Vertrautheit zuwarf; sein linkes hielt inzwischen eine rasche Rundschau über die auf dem Tische liegenden Papiere und funkelte höhnisch. »Sie sind beschäftigt, wie ich sehe,« sagte er, als fürchte er, gestört zu haben. »Ja,« erwiderte das Kongreßmitglied mit einer Miene, die auf eine geschäftliche Ueberbürdung schließen ließ. »Ich corrigirte eine meiner Reden. Die verwünschten Setzer drucken Unsinn über Unsinn. Allerdings pflege ich nicht sehr leserlich zu schreiben.« Wenn der hochbegabte Gashwiler hinzugefügt hätte, daß er weder etwas Gescheidtes, noch etwas grammatisch Richtiges zu schreiben pflege und obendrein mit der Orthographie auf gespanntem Fuße stehe, so würde er die Wahrheit berichtet haben, obwol das vor ihm liegende Manuscript und die Correcturbogen das Gegentheil zu beweisen schienen. Des Pudels Kern war, daß die Rede von einem jungen Sachwalter Namens Dobbs, der von Gashwiler beschäftigt wurde, verfaßt und ausgearbeitet war und daß sich die Correcturthätigkeit des ehrenwerthen Congreßmitgliedes daher lediglich darauf beschränkte, dem Texte hier und da willkürlich und ohne dadurch eine Verbesserung des Schriftstückes zu bewirken, Worte wie: Anarchie, Oligarchie, Satrap, argusäugig u. s. w. einzufügen. Der Fremde bemerkte das Alles mit seinem boshaften linken Auge, fuhr aber dennoch fort, aus seinem rechten Auge wohlwollende Strahlen zu entsenden. Gashwilers Rock und Weste forträumend, machte er einen Stuhl frei, zog denselben an den Tisch, schob eine neben ihm liegende, auffällige, lauttickende Uhr, die eine unverkennbare Aehnlichkeit mit Gashwiler hatte, zur Seite, stemmte beide Ellenbogen auf die Correcturblätter und sagte: »Nun?« »Ist irgend etwas Neues in der Mühle?« fragte der diplomatische Gashwiler. »Sehr viel! Ein Frauenzimmer!« erwiderte der Fremde. Der schlaue Gashwiler beschloß diese Mittheilung, in Erwartung fernerer Eröffnungen, in scherzhafter und zuvorkommender Weise entgegen zu nehmen. »Ein Frauenzimmer? Was Sie sagen, mein lieber Herr Wiles! Die herzigen Dinger,« fuhr er mit widerlichem, im Fett erstickenden Kichern fort, »wissen ihre bezaubernde Persönlichkeit stets bemerkbar zu machen. Ha! Ha! Ein Mann, mein Herr, der wie ich im öffentlichen Leben steht, kennt das von A bis Z und weiß, wann er liebenswürdig sein muß, liebenswürdig aber unerschütterlich. Ich habe in dieser Beziehung manche Erfahrung gemacht, Herr Wiles, und habe so meine eigenen Ansichten über diesen Punkt,« also sprechend, lehnte sich das Congreßmitglied in seinen Stuhl zurück, und war in diesem Augenblicke einem robusten St. Antonius nicht unähnlich, welcher der einen Versuchung Widerstand geleistet hat, um sich der anderen zu ergeben. »Schon gut,« sagte Wiles ungeduldig, »aber, zum Henker, sie hält es mit der anderen Partei.« »Mit der anderen Partei!« wiederholte Gashwiler gedankenlos. »Allerdings. Sie ist eine Nichte von Garcia. Ein kleiner, weiblicher Teufel.« »Aber Garcia ist ja auf unserer Seite,« entgegnete Gashwiler. »Ja, aber sie ist von dem Ring bestochen.« »Pah!« sagte Herr Gashwiler verächtlich, »was kann ein Frauenzimmer Männern anhaben, die sich nicht am Narrenseil herumführen lassen? Ist sie denn so außerordentlich hübsch?« »Ich kann nichts besonders Schönes an ihr finden,« sagte Wiles verdrießlich, »doch sagt man, daß sie den verfluchten Thatcher trotz seiner Unnahbarkeit eingefangen hat. Jedenfalls protegirt er sie. Uebrigens gehört sie nicht zu der Sorte von Frauenzimmern, an die Sie denken, Gashwiler. Wie verlautet, weiß sie etwas, oder gibt vor, etwas über die Schenkungsurkunde zu wissen. Es ist nicht unmöglich, daß ihr einige von den Papieren ihres Onkels in die Hände gefallen sind. Dieses mexikanische Gesindel ist verflucht leichtsinnig und wenn Garcia etwas Dummes gethan hat, so wett' ich drauf, daß er sich von ihr hat in die Karten sehen lassen. Und das bei seinen Kenntnissen und den günstigen Gelegenheiten, die ihm in den Schooß fallen! »Wahrhaftig, wenn ich an seiner Stelle wäre ...« Doch hier hielt Herr Wiles inne, um über die Ungerechtigkeit des Schicksals zu seufzen, das »die günstigen Gelegenheiten« an einen Gauner verschwendete, der ihm an Geschicklichkeit nachstand. Herr Gashwiler nahm eine würdevolle Miene an. »Sie kann uns nichts thun,« sagte er mit Salbung. Wiles richtete sein boshaftes Auge ihm zu. »Manuel und Miguel, die ihr Anrecht an unsere Partei verkauften,« sagte er, »fürchten sich in Wahrheit vor ihr. Sie sind unsere Zeugen gewesen. Ich glaube bestimmt, daß sie alle Aussagen wiederrufen, wenn dies Mädchen ihnen auf den Pelz rückt. Und was Pedro anbelangt, nun – der glaubt felsenfest, daß sie die Macht hat, ihn vom Leben zum Tode zu bringen.« »Pedro! Vom Leben zum Tode? – Was bedeutet das Alles?« sagte der erstaunte Gashwiler. Wiles fühlte, daß er einen Fehler begangen hatte, doch hielt er es nicht für rathsam, jetzt, wo er so weit gegangen war, inne zu halten. »Pedro hat in dem Verdacht gestanden, Concho, einen der ersten Besitzergreifer der Mine, ermordet zu haben.« erklärte er. Herrn Gashwilers Angesicht ward so bleich, wie ein Stück Papier; und dann wurde es wieder von einer apoplectischen Glut überströmt. »Haben Sie die Kühnheit zu behaupten,« rief er, sobald er den Gebrauch seiner Zunge und seiner Beine wiederfand, denn diese beiden verschiedenartigen Glieder seines Körpers pflegten ihn bei der Ausübung seiner Congreßpflichten in gleichem Maße zu unterstützen. »Wollen Sie etwa damit andeuten,« stotterte er in steigender Wuth, »daß Sie es gewagt haben, einen der Gesetzgeber der Vereinigten Staaten in eine Affaire zu verwickeln, die mit einem todeswürdigen Verbrechen in Zusammenhang steht? Habe ich Sie recht verstanden? Ist in den Gerichtsacten – sage – in den Gerichtsacten! – von einem Morde die Rede, der diejenige Sache schändet, welcher ich – der Abgeordnete von Remus – vor aller Welt meinen Beistand geliehen habe? Wollen Sie mir damit sagen, daß Sie meine Wählerschaft, deren heiliges Vertrauen ich besitze, schmählich hintergangen, indem Sie mich zu verführen suchten, ein Verbrechen vor den Argusaugen der Justiz zu verbergen?« Und Herr Gashwiler blickte nach dem Glockenzug, als habe er die Absicht, einen Diener herbeizubeordern, damit derselbe nöthigenfalls dieses Majestätsverbrechen gegen die gerichtliche Obrigkeit bezeugen könne. »Der Mord – wenn es überhaupt ein Mord war – fand statt, ehe Garcia seine Eingabe einreichte, und ehe er einen Fuß in den Gerichtshof gesetzt hat,« entgegnete Wiles milde, »und daher bildet derselbe keinen Theil der Acten.« »Sie wissen mit Sicherheit, daß in den Acten kein Wort davon steht?« »Allerdings weiß ich es. Uebrigens können Sie sich ja durch eigene Anschauung überzeugen.« Herr Gashwiler trat an das Fenster, kehrte zu dem Tisch zurück, leerte seinen Becher mit einem einzigen Zug und sagte dann, indem er in seinen salbungsvollen Ton zurückfiel: »Das ändert die Sache.« Wiles warf mit dem linken Auge einen flüchtigen Blick auf den Congreßmann; das rechte schaute indessen sinnend aus dem Fenster. Sodann sagte er mit großem Gleichmuth: »Ich habe Ihnen die Actiencertificate mitgebracht; sollen dieselben auf Ihren Namen ausgestellt werden?« Gashwiler bemühte sich, zu thun, als müsse er sein Gedächtniß anstrengen, um Wiles Frage zu verstehen. »Ah – so! Hm! Hm! Warten Sie einen Augenblick! O ja, jetzt fällt es mir ein, ganz recht, die Actiencertificate! Stellen Sie dieselben gefälligst auf den Namen des jungen Dobbs, meines Privatsecretairs in spe , aus. Sie werden ihn vielleicht für die vielen Schreibereien entschädigen, die ihm aus der Geltendmachung ihrer Rechtsansprüche erwachsen sind. Er ist ein achtungswerther junger Mensch. Obgleich er kein Staatsbeamter ist, steht er mir doch so nahe, daß ich, was ich vielleicht nicht sollte, ihm für Privatarbeiten gern eine kleine Nebeneinnahme gestatte. Als amerikanischer Abgeordneter kann man übrigens nicht vorsichtig genug sein, Herr Wiles. Vielleicht ist es besser, Sie lassen sich auch noch ein Blankett ausstellen. Das Stammcapital ist noch eine Sache der Zukunft, falls ich Sie recht verstanden habe. Herr Dobbs ist, obwol er sehr begabt und strebsam ist, arm zu nennen; er möchte den Wunsch hegen, das Papier zu versilbern. Wenn Jemand – hm, z. B. irgend ein guter, besser situirter Freund geneigt sein würde, ihm den Betrag in baarem Gelde auszuzahlen und das Risico auf sich zu nehmen, nun, so würde das ein Act der Humanität sein.« »Ihre Hochherzigkeit ist sprichwörtlich, Herr Gashwiler,« sagte Wiles, mit seinem linken Auge, das er wie eine Diebeslaterne auf- und zuklappte, den menschenfreundlichen Abgeordneten musternd. »Junge Leute, die treu und willig sind, sollte man stets ermuthigen,« erwiderte Gashwiler. »Ich habe letzthin Gelegenheit gehabt, diesen Punkt in einer Rede zu erörtern, die ich in dem Remuser Sonntagsschulen-Verein gehalten habe. – Danke! – Ich werde dafür sorgen, daß er sie – hm – daß er sie erhält. Ich will sie ihm eigenhändig überreichen.« Nach diesen Worten nahm er in seinem Sessel eine bequemere Lage ein, vermuthlich um sich mit um so größerer Sammlung an der Perspective weiden zu können, welche ihm seine außerordentliche Großmuth und Leutseligkeit darbot. Herr Wiles ergriff seinen Hut und schickte sich zum Fortgehen an. Doch noch ehe er die Thüre erreicht hatte, kehrte Gashwiler auf das Niveau einer freundschaftlichen Unterhaltung zurück und sagte kichernd: »Sie behaupten, daß dieses Frauenzimmer – ich meine Garcia's Nichte – hübsch und schlau ist?« »Ja.« »Nun, ich kann mit einem anderen Frauenzimmer ins Feld rücken, dem es ein Kleines ist, ihr gehörig die Hölle heiß zu machen.« Wiles war zu klug, um eine Verwunderung über den urplötzlich veränderten Ton des sonst so würdevollen Congreßmitgliedes an den Tag zu legen; sein rechtes Auge sagte nur: »So! Kannst du das?« »Bei dem Gottseibeiuns! Ich kann es und ich thue es, oder ich will zugeben, daß ich unfähig bin, Remus zu vertreten.« Wiles dankte ihm mit seinem rechten Auge; tödtlicher Haß blitzte in seinem linken. »Gut,« sagte er und fügte dann mit einschmeichelndem Tone hinzu: »Hält sie sich hier am Orte auf?« Das Congreßmitglied nickte bejahend. »Eine riesig hübsche Person! Ich bin sehr intim mit ihr.« Herr Gashwiler hätte es offenbar nicht ungern gesehen, wenn man ihn wegen seines zarten Verhältnisses zu der Schönen ein wenig geneckt hätte. Allein der ränkevolle Wiles war in diesem Augenblick mit anderen Gedanken beschäftigt. Er hatte aus den Worten und Geberden des Herrn Gashwiler die Schlußfolgerung gezogen, daß er die schöne Unbekannte kennen lernen müsse, falls er denselben in seine Gewalt zu bekommen wünsche. Er nahm sich daher vor, den ersten günstigen Augenblick zweckentsprechend zu verwerthen. Kaum hatte sich die Thür hinter ihm geschlossen, so ward die Aufmerksamkeit des Congreßmitgliedes durch ein abermaliges Pochen von den Correcturbogen abgelenkt. Der Eintretende war ein junger Mann mit aschblondem Haar und ängstlichem Gesicht. Derselbe näherte sich mit unterwürfiger Haltung, als erscheine er vor einem übermächtigen Wesen, dem man nur mit stehender Geberde sich zeigen dürfe. Herr Gashwiler machte keinen Versuch, ihn eines Besseren zu belehren. »Ich bin beschäftigt, wie Sie sehen,« rief er kurz angebunden. »Corrigire Ihre Arbeit.« »Hoffentlich ist dieselbe brauchbar,« sagte der junge Mann schüchtern. »Nun, ja – es geht,« entgegnete Gashwiler. »Man kann ihr sogar im Großen und Ganzen das Prädicat ›zufriedenstellend‹ ertheilen,« und dann fügte er, indem er die Miene eines wohlwollenden Gönners annahm, mit Nachdruck hinzu: »recht zufriedenstellend!« »Nicht wahr? Sie haben noch keine Nachrichten erhalten,« fuhr der junge Mann fort, während ein leichtes Roth, entweder durch eine Erwartung oder durch das ihm zu Theil gewordene Lob erzeugt, seine Wangen überflog. »Nein, bis jetzt noch nicht.« Herr Gashwiler hielt inne; offenbar fuhr ihm plötzlich ein Gedanke durch den Sinn. »Ich bin der Meinung,« sagte er nach einer Weile, »daß Ihnen eine feste Anstellung, z. B. ein Secretariat bei mir, zu einer schnelleren Beförderung verhelfen würde. Wenn ich Sie zu meinem Privatsecretair machte und Ihnen irgend eine wichtige Vertrauenssache in die Hand legte, was würden Sie dann sagen? – He?« Dobbs schaute seinen Gönner mit jenem sehnsuchtsvollen Ausdruck an, mit dem ein Hund, der eine Gabe aus der Hand seines Herrn erwartet, emporzuschauen pflegt; auch rutschte er in der nämlichen eigenthümlichen Weise auf dem Stuhlpolster hin und her, mit der ein Hund seine Dankbarkeit schon im Voraus bezeigt, und erweckte hierdurch die naheliegende Vermuthung, daß er mit dem Schwanze gewedelt haben würde, wenn er einen gehabt hätte. Dies bemerkend, ward Herr Gashwiler noch hoheitsvoller, als zuvor. »Allerdings habe ich bereits auf Ihre Zustimmung gerechnet durch die Annahme gewisser Papiere, welche ich in Ihre Obhut und in Ihrem Namen gestellt habe, indem ich mir nun von Ihnen eine Cession geben lasse, welche mich in den Stand setzen soll, Ihnen seiner Zeit, als meinem Privatsecretair, gute Empfehlungen mit auf den Weg zu geben. Am zweckmäßigsten ist es, Sie unterschreiben jetzt, da Sie gerade hier sind, der Form halber, diese Session und beginnen mit dieser Handlung so zu sagen, Ihre neue Tätigkeit. Die Glut freudigen Stolzes und froher Hoffnung, welche die Wangen des armen Dobbs bedeckte, hätte auch ein Herz schmelzen können, das härter war, als das, welches Gashwiler besaß. Allein die Senatorentoga hatte diesen Mann mit einem Stoicismus gegen die Gefühle anderer umkleidet, der den der Römer übertraf und so lehnte er sich mit der würdevollen Haltung bewußter Rechtlichkeit in seinen Stuhl zurück, als Dobbs das Papier eilig unterschrieb. »Ich werde es in meinen Reisesack legen,« sagte Gashwiler, das Wort der That anpassend. »Da ist es sicher aufgehoben. Im übrigen brauche ich Ihnen jetzt, wo sie gleichsam auf der Schwelle Ihrer Berufstätigkeit stehen, wol kaum zu sagen, daß in allen amtlichen Obliegenheiten eine tiefe und unverbrüchliche Verschwiegenheit die erste Regel ist,« und dabei deutete er auf seinen Reisesack, als ob derselbe zum mindestens einen Staatsvertrag enthalte. Dobbs pflichtete ihm bei. »So erfordern meine Pflichten vermutlich, daß ich mich in Ihrer Nähe aufhalte,« sagte er mit bangem Zweifel. »Nein, nein,« entgegnete Gashwiler und fügte dann, sich verbessernd, hinzu: »das heißt – vor der Hand – noch nicht.« Das Gesicht des armen Dobbs zog sich in die Länge. Leider war ihm vor Kurzem seine jetzige Wohnung gekündigt, da er mit der Miethe in Rückstand gerathen war. Er hatte daher zuversichtlich gehofft, daß er in der Eigenschaft eines Privatsecretairs freie Kost und Logis erhalten würde. Doch fragte er nur, ob neue Schriftstücke auszufertigen seien. »Hm, augenblicklich nicht. Mir ist heute die Zeit durch steten Besuch zersplittert worden; ich habe wol ein halb Dutzend Leute empfangen müssen, und weiß nunmehr keinen Ausweg, als mich einzuschließen und zu sagen, ›Nicht zu Hause‹.« Der neue Privatsecretair errieth aus dieser Andeutung, daß die Audienz ihr Ende erreicht habe und verabschiedete sich demüthigst und in einer Stimmung, die zwar etwas niedergedrückt in Betreff seiner nächsten Aussichten, jedoch gehoben von sanguinischen Zukunftsplänen war. Doch jetzt legte die Vorsehung dem armen Dobbs – vielleicht fühlte sie eine Anwandlung von Mitleid mit ihm – eine gewisse Macht und einen Vortheil in die ungeübten Hände, die er nach Belieben ausnutzen konnte, falls er die dazu erforderliche Fähigkeit und Würdigkeit besaß. Er war die Treppe hinabgestiegen und war im Begriff durch einen tiefergelegenen Corridor zu wandern, als er unerwarteter Weise der unfreiwillige Zeuge eines höchst merkwürdigen Auftrittes ward. Es zeigte sich nämlich, daß Herr Wiles, welcher, wie wir sahen, Gashwilers Zimmer verließ, als Dobbs dasselbe betrat, in dem nämlichen Hôtel noch andere Geschäftsangelegenheiten zu erledigen hatte und aus diesem Grunde an die Thür von Nr. 90 klopfte. In Erwiderung der mürrischen Aufforderung zum Hereintreten, welche alsbald erfolgte, öffnete er die Thür und gewahrte einen großen, muskulösen Mann, der einen feuerrothen Bart hatte und in einem Bette lag, dessen Decke seine ganze Gestalt nebst den flach am Körper anliegenden Armen verhüllte und die sorgsam bis unmittelbar unter das Kinn heraufgezogen war. Herrn Wiles rechte Wange strahlte huldvoll. In der Absicht, des Fremden Hand zu schütteln, trat er an das Bett; doch der in demselben Liegende erwiederte den Gruß weder durch eine Bewegung noch durch ein Wort. »Vielleicht störe ich Sie,« sagte Herr Wiles zuvorkommend. »Sehr wohl möglich,« entgegnete der Rothbart lakonisch. Herr Wiles zwang der rechten, dem Fremden zugewandten Hälfte seines Angesichtes ein Lächeln auf, gestattete jedoch der linken Seite den Ausdruck unbegrenzter Spottsucht anzunehmen. »Ich komme nur, um anzufragen, ob Sie sich die Sache bedacht haben,« sagte er sanftmüthig. »Ich habe sie mir bedacht und beschlafen und von außen und innen und von oben und unten und von allen Seiten betrachtet,«entgegnete der Mann ernst, indem er Wiles unverwandt anschaute. »Und haben Sie die betreffenden Documente durchgesehen?« »Ich habe jedes Document, jede Rede, jede Zeugenaussage, jedes Gutachten und jede Beweisführung gelesen!« antwortete der Fremde, als ob er eine Formel recitire. Herr Wiles suchte seine Verwirrung durch jenes, ihm stets zur Verfügung stehende rechtseitige Lächeln zu verbergen, welches auf der linken Seite einen hämischen Charakter annahm, dann sagte er: »Nun, so hoffe ich zuversichtlich, mein lieber Herr, daß Sie, da Sie sich nunmehr ein eingehendes Urtheil über den Rechtsfall gebildet haben –unsere Partei begünstigen werden.« Der Herr im Bette erwiderte nichts, sondern hüllte sich offenbar noch fester in seine Decke ein. »Ich habe die Actien, von denen ich Ihnen sagte, mitgebracht,« fuhr Herr Wiles mit einschmeichelndem Tone fort. »Haben Sie einen guten Freund zur Hand?« unterbrach ihn der liegende Mann mit sanfter Stimme. »Ich verstehe Sie nicht ganz, lächelte Herr Wiles. »Natürlich ist mir jeder Name recht, den Sie etwa vorzuschlagen geneigt sind...« »Haben Sie nicht einen Freund in der Nähe oder sonst irgend einen Menschen, der sofort hereingewalzt kommt, wenn Sie ihn rufen?« fuhr der Mann im Bett fort. »Nein? Kennen Sie denn vielleicht einen von den Kellnern im Hause? Da hinten in der Ecke ist ein Glockenzug.« Dies sagend, wies er mit den Augen, doch ohne ein Glied zu rühren, auf die betreffende Stelle. »Nein,« sagte Wiles, den ein leiser Argwohn und eine Aufwallung von Zorn beschlich. »Ein Fremder kann es allenfalls auch thun. Ich wette Zehn gegen Eins, daß gerade jetzt Einer durch den Gang geht. Rufen Sie ihn schnell herein. Er kommt mir gerade gelegen.« Wiles öffnete zögernd die Thür, schaute aber dennoch spähend hinaus, als Dobbs vorüberschritt. Der Mann im Bett schrie mit erhobener Stimme: »Heda, Fremder!« und setzte, als Dobbs stillstand, hinzu: »Kommen Sie herein. Schnell!« Dobbs näherte sich schüchtern; wie er denn überhaupt in Gegenwart fremder Leute stets blöde zu sein pflegte. »Ich weiß nicht, wer Sie sind, ist mir auch ganz gleichgiltig,« sagte der Rothbart. »Dieser Mensch da,« er deutete auf Wiles, »heißt Wiles. Ich bin Josh Sibblee von Fresno, Kongreßmitglied für den vierten Congreßdistrict von Californien. Ich liege hier im Bett mit einem Revolver in jeder Hand; ich liege hier und rühre kein Glied, weil ich es sonst nicht lassen kann, diesem gottverdammten Stinkthier den Hirnschädel wegzublasen. Lange kann ich mich nicht mehr beherrschen, das fühle ich. Doch was ich Ihnen sagen wollte, Fremder, ist, daß dieses Stinkthier, mit Namen Wiles, alle seine verfluchten Kniffe aufgewandt hat, um Josh zu bestechen, und Josh liegt hier nun, aus Rücksicht für seine Wähler, ganz still und wartet darauf, daß irgend ein Mensch hereingewalzt kommt und aufpaßt, daß die verfluchte Sache nicht ein ganz verzweifeltes Ende nimmt.« »Aber, mein lieber Herr Sibblee, hier muß ein Irrthum obwalten,« sagte Wiles ernst. »Irrthum? Ziehen Sie die Bettdecke fort!« »Nein, nein!« schrie Wiles eilfertig, als der einfältige Dobbs sich anschickte, der Aufforderung zu entsprechen. »Schaffen Sie ihn aus der Stube, rasch!« sagte Josh Sibblee, ehe ich meine Wählerschaft verunehre. Man hat mir prophezeit, sie würden mich ins Loch stecken, ehe die Session zu Ende sei. Wenn Sie nur einen Funken von Menschlichkeit haben, Fremder, so setzen Sie ihn an die Luft und zwar so schnell wie möglich.« Dobbs schaute mit geisterbleichem, angstvollem Angesicht auf Wiles und zauderte. Der Mann im Bette bewegte sich. Sofort stürzten beide Herren nach der Thür und schon im nächsten Augenblick schloß sich dieselbe sehr energisch vor dem Abgeordneten von Fresno. Elftes Kapitel. In welcher Weise für die Mine agitirt ward. Das ehrenwerthe Mitglied des Congresses, Herr Pratt C. Gashwiler ahnte natürlich nichts von dem in dem vorhergehenden Capitel geschilderten Vorgange. Das Geheimniß würde übrigens, falls Dobbs es in den von keiner Unredlichkeit befleckten Händen dieses Herrn niedergelegt hatte, treulichst bewahrt worden sein; auch war es jedenfalls nicht der Art, daß Herr Wiles Neigung verspürte, es anderen mitzutheilen. Zumal, da derselbe, trotz der Niederlage, die er erlitten, noch Menschenkenntniß genug besaß, um zu wissen, daß der erzürnte Abgeordnete von Fresno kein öffentliches Aergerniß geben, sondern sich damit begnügen würde, ihm auf diese etwas eigenthümliche Manier zu zeigen, daß er keiner Versuchung zugänglich sei. Ferner war Wiles gleicherweise davon durchdrungen, daß Dobbs dermaßen in Gashwilers Angelegenheiten verwickelt war, daß er schon um seiner selbst willen schweigen würde, so daß der gute Dobbs – wie das so oft das Schicksal gerader aber schwacher Naturen ist – bei jedem Schurken im Lande in dem Geruch der Achselträgerei stand. Hieraus dürfen wir folgern, daß sich nichts ereignete, was die Sicherheit des Abgeordneten für Remus hätte stören können. Derselbe verfaßte, zu der Zeit, da sich die Thür hinter Herrn Wiles schloß, ein Billet, welches er im Verein mit einem Blumenstrauße, – der sehr kostbar, aber außerordentlich unschön war, und in Folge der Thatsache, daß er ihn mit seinen feisten Fingern neu arrangirt hatte, an allen Stellen eine disharmonische und geschmackswidrige Farbenzusammenstellung zeigte, – durch einen expressen Boten absandte. Sodann fing er an, seine Toilette zu machen, – eine Arbeit, die unser Geschlecht selten mit Anmuth und Grazie verrichtet, die aber, wenn noch obendrein große Fettleibigkeit vorhanden ist, verletzend auf das Auge des Beschauers wirkt. Nachdem er ein reines Hemd angezogen, das viel zu bauschig war und eine Weste angelegt hatte, die seinen Schmerbauch zur vollen Geltung zu bringen schien, vollendete er seinen Anzug durch einen schwarzen, nach der allerneusten Mode angefertigten Frack und betrachtete sich darauf selbstgefällig im Spiegel. In Wirklichkeit war jedoch das Ergebniß, so befriedigend dasselbe auch für ihn selbst ausfallen mochte, doch nichtsweniger als erfreulich für den unbefangenen Beobachter. Es gibt Männer, an denen »die Mode, jene verunstaltete Diebin«, ihre Rache ausläßt, indem sie ihrer Kleidung das Ansehen steter Neuheit verleiht. Der durch das Bügeleisen des Schneiders hervorgebrachte Glanz und die Knicke, welche der Stoff im Laden erhielt, fordern unaufhörlich zu einer Kritik über den Träger auf. Neuheit war der Totaleindruck, den Herrn Gashwilers Frack hervorrief, sein Besitzer fühlte sich in demselben nicht heimisch und »Eignes Fabrikat«, »Allerneuste Mode«, »Feinster Schnitt, Preis nur 15 Dollar«, stand so offenkundig auf dem breiten Rücken des Abgeordneten geschrieben, als ob daselbst die Laden-Etiquette noch angeheftet sei. Solchermaßen herausgeputzt, folgte Herr Gashwiler nach Verlauf einer Stunde stolzen Schrittes dem voraus gesandten Billet und der Blumenspende. Das Haus, das er aufsuchte, war ehedem der Wohnsitz eines ausländischen Gesandten gewesen, der seiner Zeit seine Loyalität gegen seine Regierung dadurch bekundet hatte, daß er einen einzigen, längst vergessenen, unwichtigen Vertrag abschloß und viele Soiréen und Diners gab, welche noch lebhaft im Gedächtniß derjenigen Herrschaften standen, welche zufälligerweise in dem, jetzt zu einem der unwohnlichen, echtamerikanischen Empfangszimmer degradirten »Salon« des Hauses einen Besuch abstatteten. »Du lieber Himmel!« sagte der charmante Herr X., »entsinnst du dich noch, mein Herz, daß ich hier in diesem Zimmer, einstmals mit dem Marquis von Monte Pio eine so sehr interessante Unterhaltung hatte?« Und der elegante Jones vom Ministerium des Aeußern, der einem herabgekommenen Freunde einen Pflichtbesuch abstattete, zerschmetterte denselben mit den Worten »Auf Ehre, wie kommst du hierher? Als ich mich das letzte Mal in diesem Gemache aufhielt, plauderte ich dort in jener Ecke wol eine Stunde lang mit der Baronin de Castenet.« Denn unmittelbar nach der Zurückberufung des ebengenannten Gesandten war das Palais in ein Boardinghaus verwandelt worden, das von der Gattin eines Departementsschreibers verwaltet wurde. Vielleicht gab es in der ganzen Vergangenheit dieses Hauses nichts Merkwürdigeres und Lehrreicheres, als die Lebensgeschichte seines gegenwärtigen Besitzers. Roger Fauquier war seit vierzig Jahren Departementsschreiber. Es war theils sein Glück, theils sein Unglück, daß er in sehr jungen Jahren zu einer Stellung ernannt worden war, welche eine gründliche und umfassende Sachkenntniß der Formeln und Geschäftsweise eines Verwaltungsfaches erforderte, das alljährlich aus der Staatskasse Millionen zu verausgaben hatte. Der kärglich besoldete Fauquier, dessen Stellung sich mit den Jahren eher verschlechterte als verbesserte, sah eine Reihe von Verwaltungen knospen, blühen und verwelken, behauptete aber nichtsdestoweniger seinen Posten in Folge des Umstandes, daß seine Sachkenntniß den aufeinanderfolgenden Chefs und Employées unentbehrlich war. Einmal war er allerdings von einem neuen Ministerium in summarischer Weise entlassen worden, um einem Parteigänger Platz zu machen, der in Folge umfassender und intellectueller in einer politischen Campagne bewährter Dienste zur Ausübung jedes Amtes geeignet erschien, allein die beunruhigende Entdeckung, daß es mit der grammatischen und etymologischen Ausbildung des neuen Schreibers sogar noch trauriger bestellt war, als mit der des Ministers selbst, und daß die Departementsverwaltung, in Ermangelung der erforderlichen Geschäftsroutine, der Regierung einen Verlust von einer halben Million verursacht hatte, führte zu der Wiedereinsetzung des Herrn Fauquier, wenn auch mit vermindertem Gehalt. Denn man nahm an, daß die Sache irgendwo einen Haken haben müsse und da der Congreß und die Verwaltungsbehörde von jeher die Gewohnheit gehabt hatten, jede Reform mit einer Verringerung der Gehälter zu eröffnen, so ward nunmehr an Herrn Fauquier ein beherzigenswerthes Exempel statuirt. Da derselbe jedoch aus einer angesehenen Familie stammte und manche kostspielige Neigungen besaß, so hatte er seinen Gehalt stets verbraucht; in Folge dessen rief dieser Umschwung der Verhältnisse eine neue Broderwerberin – Frau Fauquier – in die Schranken, welche mit mehr oder minderem Erfolg die ihr als Südstaatlerin angeborne Ader der Gastfreiheit, in eine Einnahmequelle zu verwandeln suchte. Allein da der gute Fauquier sich niemals dazu entschließen konnte, einem seiner Gäste eine Rechnung einzureichen und da mehrere der bei ihm wohnenden jungen, sehr vornehmen Herren entweder auf eine Anstellung warteten oder aus dem Dienst entlassen waren, so erwies sich das Unternehmen in pecuniärer Beziehung als ein Mißgriff. Trotzdem stand die Pension in gutem Ruf und erfreute sich hoch angesehener Protectionen; und in der That war es goldeswerth, Herrn Fauquier an der Spitze seiner Tafelrunde nach der Weise seiner Ahnen den Vorsitz führen zu sehen und seinen Anecdoten aus dem Leben großer, längst gestorbener und verdorbener Männer zu lauschen. Zu bedauern war nur, daß diese Erzählungen von Zeit zu Zeit durch die sehr ungelegenen Besuche geldbedürftiger Krämer unterbrochen wurden. Aus dem Kreise der Hausbewohner, die Herr Fauquier seine »kleine Familie« zu nennen pflegte, ragte namentlich eine schwarzäugige Dame hervor, die eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die Männerwelt ausübte und in Washington in dem Ruf einer koketten Frau stand. Ihre gesellschaftlichen Verirrungen fanden jedoch bei einem stillen, guterzogenen Gatten eine milde Beurtheilung. Ja, derselbe beobachtete die Kurzweil, welche die kleine Dame trieb, nicht nur mit nachsichtigen, sondern sogar mit bewundernden Augen und gab somit bis zu einem gewissen Grade seine stillschweigende Zustimmung zu ihrem Benehmen zu erkennen. Niemand bemerkte Hopkinson. In dem Strahlenkranze, der von Frau Hopkinsons Reizen ausging, verlor man ihn vollständig aus dem Gesicht. Einige wenige Damen, deren Ehemänner allzu empfänglichen Herzens waren, und mehrere Jungfrauen, die sich eines guten, langjährigen Rufes erfreuten, nahmen Anstoß an ihrem Benehmen. Die jüngeren Männer schwärmten natürlich für sie; doch glaube ich, daß sie ihren hauptsächlichsten Stützpunkt uns älteren bereiften Häuptern verdankte. Denn bei Lichte betrachtet, ist es doch nur der ruhige, würdige, selbstbewußte, weisheitsvolle, corpulente Pater familias , dem die Vergnügungssüchtigen und Flatterhaften des anerkannt selbstlosen, gefühlvollen Geschlechtes ihren Platz am Sternenhimmel der Gesellschaft schulden. Wir sind nicht zur Tadelsucht geneigt; wir belächeln als eine Thorheit, was unsere Frauen und Töchter als ein Vergehen verdammen. Wir haben unsern Hals nicht in die Schlinge gesteckt, und doch bekennen wir, daß wir nicht stumpf sind für die Reize eines schönen Gesichtchens. Wir wissen, leider Gottes, aus eigener Erfahrung ganz genau, was wir von dem Urtheil zu halten haben, das eine Frau über eine andere fällt. Es behagt uns, wenn unsere kleine strahlende Freundin ihr Licht leuchten läßt. Sind es doch nur die Motten, welche ihre keinen Heller werthen, unsauberen Flügel an der Flamme versengen! Und warum sollten sie das nicht? Die Natur hat es wohlweislich so eingerichtet, daß es mehr Motten gibt, als Lichter. Darum laßt uns nur getrost auf diesem Wege weiter wandern! Laßt uns dem hübschen Geschöpf, – sei es Jungfrau, Gattin oder Wittwe – Gelegenheit geben, ihre Schönheit zur Geltung zu bringen. Und während Mater familias ihre schwarzen Brauen runzelt, bekunden wir mit unserem kleinen überlegenen Lächeln unser geistiges Uebergewicht und bringen, nach wie vor, dem Fräulein Anonyma unsere ermuthigenden Huldigungen dar. Und wenn dann Leichtfertigkeit dankerfüllt und Thorheit zuthunlich ist – nun – so ist es doch wahrlich nicht unsere Schuld. Im Gegentheil, es beweist nur, daß unsere Theorie richtig ist. Ich hatte die Absicht, noch ein Wort über Hopkinson fallen zu lassen, allein es ist in der That wenig über ihn zu sagen. Einst versuchten es einige Damen, ihm deutlich zu machen, daß es seine Pflicht sei, sich das Benehmen seiner Frau mehr zu Herzen zu nehmen als bisher, und man sagt, daß er ihnen wirklich – in einer Anwandlung von Gutmüthigkeit und Freundlichkeit – das Versprechen gegeben habe, ihrer Ermahnung Folge zu leisten. Und in der That war der gute Mann so empfänglich für das Vertrauen, das man ihm schenkte, daß ihm sogar der junge de Lancy vom Ministerium des Innern eines Tages die traurige Eröffnung machen durfte, daß er Ursache habe, auf einen Nebenbuhler eifersüchtig zu sein und ihm gleichzeitig das entsetzliche Geheimniß offenbarte, daß er (de Lancy) ein Recht habe, von seiner (Hopkinsons) Gattin mehr Anhänglichkeit zu erwarten. Der gute Mann soll diese vertrauliche Mittheilung mit großer Theilnahme entgegen genommen und Herrn de Lancy versprochen haben, all seinen Einfluß aufzubieten, um seine Frau ihm wieder geneigt zu machen. »Sehen Sie,« sagte er zu ihrer Entschuldigung, »sie hat allzu vielen Verpflichtungen nachkommen müssen, und da ist sie ein wenig nachlässig geworden. Das ist der Frauen Art! Aber wenn es mir nicht gelingt, ihr den Kopf zurecht zu setzen, so bitte ich Gashwiler, der soll all seine Minen springen lassen. Deshalb dürfen Sie den Muth nicht verlieren, mein guter Freund, er wird die Sache jedenfalls ins rechte Gleis bringen.« Auf Frau Hopkinsons Tisch war die Ankunft eines Blumenstraußes keine seltene Begebenheit, dessen ungeachtet stand Herrn Gashwilers Bouquet nicht auf demselben. Es hatte infolge seiner abscheulichen Geschmacklosigkeit ihr weibliches Schönheitsgefühl verletzt, (es ist nämlich eine erwiesene Thatsache, daß der gute Geschmack diejenige Eigenschaft ist, welche den Untergang aller anderen weiblichen Tugenden überlebt) und sie hatte es daher auseinander genommen, um kleine Knopflochsträuße für die Herren zu binden. Doch, als der Geber erschien, legte sie ihre Hand auf die Stelle, wo das Herz sich zu befinden pflegt, und sagte hastig: »Wie freue ich mich, Sie zu sehen! Aber welchen Schrecken haben Sie mir vor einer Stunde eingejagt!« Gashwiler war theils sichtlich erfreut, theils betroffen. »Was habe ich denn verbrochen, meine liebe Frau Hopkinson?« hub er an. »O, reden Sie nicht so,« sagte sie schwermüthig. »Was Sie verbrochen haben? Nun, in der That, Sie haben mir das reizende Bouquet geschickt. Ich erkannte sofort an der Anordnung der Blumen, daß es von Ihnen kam. Leider war mein Gatte zugegen. Sie kennen seine Eifersucht. Ich sah mich genöthigt, es schnell zu verbergen. Ich bitte Sie dringend, – es nie, – nie wieder zu thun. Versprechen Sie mir das?« Herr Gashwiler erhob einen bescheidenen Einspruch. »Nein; ich bin im vollen Ernst. Ich war so sehr erregt. Er hat sicherlich bemerkt, daß ich roth ward.« Nichts, nur die plumpe Schmeichelei dieser Rede verhüllte diese augenfällige Ungereimtheit vor Gashwilers geistigem Auge. Und überdies hatte er sich bereits von dem Anflug mädchenhafter Zaghaftigkeit unterjochen lassen, mit der dieselbe ausgesprochen ward. Dessenungeachtet konnte er es nicht unterlassen, zu fragen: »Aber seit wann ist er denn so eifersüchtig? Ich sah erst gestern, wie Simpson von Dulus Ihnen unmittelbar vor seinen Augen einen Blumenstrauß überreichte.« »Ach,« entgegnete die Dame, »er war damals zwar äußerlich ruhig; allein Sie ahnen nicht, welch' eine Scene zwischen uns stattfand, sobald Sie uns verlassen hatten.« »So?« meinte der praktische Gashwiler, »aber Simpson hatte doch Ihrem Gatten den Contract überreicht, der ihm hilft, baare 50 000 Dollar einzusacken.« Frau Hopkinson schaute Herrn Gashwiler mit so viel Würde an, als sich nur immer mit 5 Fuß 3 Zoll, (die letzten drei Zoll wurden durch einen pyramidalen Aufbau aus strohgelbem Haar hervorgebracht), einer Franze Schmachtlöckchen, einem Paar lachender Augen und einer zierlich umgürteten Taille vereinbaren läßt. Dann entgegnete sie, die Augen niederschlagend: »Sie vergessen, daß mein Gatte mich liebt!« Und in diesem Augenblick hatte ihr Gesicht den Ausdruck tiefer Reue. Derselbe stand ihr gut; doch da er eigentlich nur im Verein mit einem schmucklosen und mit kindlichen blaßblauen Bändern versehenen weißem Kleidchen den rechten Eindruck machte, so paßte er nicht recht zu der lavendelfarbenen mit Plissen verzierten Toilette und dem rosa Besatz. Allein eine Frau, die sich besinnt, ob der seelische Ausdruck ihres Gesichts mit ihrer Kleidung im Einklang stehe, ist verloren. Frau Hopkinson siegte nur allein durch ihre Kühnheit. Herr Gashwiler fühlte sich geschmeichelt. Selbst der lasterhafteste Mensch weidet sich gern an dem Anblick der Tugend. »Allein Talente und Reize wie die Ihrigen gehören dem ganzen Lande!« sagte er salbungsvoll, indem er die Worte mit einer Verbeugung begleitete, welche bewies, daß er sich theils stolz gehoben, theils besiegt fühlte. »Und ich werde dieselben sämmtlich für mich ins Feld rufen, um den Rechtsanspruch von Garcia durchzuführen. Ein freundschaftliches Abendessen bei Welkers, einige Gläser Champagner und ein einziger leuchtender Blick aus Ihren herrlichen Augen und die Sache ist abgemacht!« »Aber,« sagte Frau Hopkinson, »ich habe meinem Josiah versprochen, alle Koketterien zu unterlassen und obgleich mein Gewissen rein ist, so habe ich doch genugsam erfahren, wie gern die Leute klatschen. Denken Sie, vorgestern Abend, als wir bei dem patagonischen Gesandten waren, steckten alle anwesenden Damen die Köpfe zusammen, weil ich mit unserm Wirth den Walzer eröffnete. Als ob eine verheirathete Frau, deren Gatte sich an Staatsunternehmungen betheiligt, nicht die Pflicht hätte, dem Repräsentanten eines befreundeten Staates höflich zu begegnen!« Herr Gashwiler begriff nicht recht, wie es kam, daß der Contract, laut welchem Herr Hopkinson für die Armee der Vereinigten Staaten Pökelfleisch und sonstige Mundvorräthe zu liefern hatte, der Frau Hopkinson die Verpflichtung auferlegte, die Huldigungen ausländischer Botschafter zu begünstigen. Doch behielt er dies wohlweislich für sich. Da er aber selbst kein Diplomat war, so konnte er nicht umhin zu sagen: »Allein so viel ich weiß, ist Ihr Herr Gemahl damit einverstanden, daß Sie sich für diesen Rechtsanspruch interessiren; auch dürfen Sie nicht vergessen, daß sie einige der Actien...« Frau Hopkinson fuhr auf und rief: »Actien! Lieber Herr Gashwiler, um des Himmels willen! Sprechen Sie das abscheuliche Wort nicht aus. Actien! Ich werde krank, so oft ich es höre! Habt ihr Herren denn nicht etwas Gescheidteres zu sprechen, wenn ihr bei einer Dame seid?« Sie erhöhte die Wirkung dieses letzten Satzes durch den entzündlichen Blick, den sie auf ihren Gast warf. Zu meinem großen Leidwesen erlag Herr Gashwiler zum zweiten Male ihrer Macht. Hoffentlich hatten die Einwohner von Remus keine Ahnung von der Niederlage, die ihr großer Abgeordneter erlitt. Herr Gashwiler ließ sofort das Thema fallen und fing an, der Dame den Hof zu machen; doch parirte dieselbe – zu ihrem Lobe sei es gesagt – seine ochsenartigen Galanterien mit einer schelmischen, dachshundartigen Gewandtheit, und in diesem Augenblick meldete der Diener plötzlich »Herrn Wiles«. Gashwiler erschrak, nicht so Frau Hopkinson, die jedoch klüglich und unbemerkt ihren Stuhl mehrere Zoll von dem Gashwilers fortschob. »Kennen Sie Herrn Wiles?« fragte sie mit liebenswürdigem Tone. »Nein! das heißt ich – ja, ich kann wol behaupten, daß ich hie und da in geschäftliche Beziehungen zu ihm getreten bin,« antwortete Gashwiler sich erhebend. »Wollen Sie nicht bleiben?« fragte sie schmeichelnd. »Bitte – bitte!« Herrn Gashwilers Klugheit siegte jedoch stets über seine Galanterie. »Jetzt nicht,« entgegnete er nicht ohne nervöse Erregung. »Es ist besser, daß ich gehe – schon des Geredes wegen, auf welches Sie mich vorhin aufmerksam machten. Ich möchte Sie bitten, meinen Namen nicht diesem – diesem Herrn Wiles gegenüber zu erwähnen.« Und ängstlich nach der Thür schauend, drückte er mit seinen plumpen, ungeschickten Fingern die der Dame und zog sich schleunigst zurück. Herrn Wiles Unterhaltung mit Frau Hopkinson ward durch keine einleitenden Redensarten eröffnet. Er kam unverzüglich zur Sache. »Gashwiler kennt eine Dame,« sagte er, »von der er behauptet, daß sie im Stande sei, jene junge Spanierin aus dem Felde zu schlagen, die mit ihren schriftlichen Beweisen, ihrer Schönheit, ihren Zauberkünsten und – was weiß ich – für Hilfsmittel hierher gekommen ist. Sie müssen mir dieselbe zur Stelle schaffen.« »Und weshalb?« fragte die Dame lachend. »Weil ich diesem Gashwiler nichts zutraue. Eine Frau, die ein hübsches Gesicht und eine Unze Verstand besitzt, kann ihn in die Tasche stecken, ja, ihn und uns obendrein.« »O, sagen Sie zwei Unzen Verstand, Herr Wiles; denn Herr Gashwiler ist kein Dummkopf.« »Wol möglich; doch ist er schwach sobald Ihr Geschlecht in Frage kommt und es ist daher anzunehmen, daß jene Frau ihm überlegen ist.« »Das glaube ich auch,« sagte Frau Hopkinson mit einem schelmischen Blick. »Ah – so kennen Sie dieselbe?« »Nicht so genau, wie ihn,« sagte Frau Hopkinson mit aufrichtigem Ernst. »Ich wollte, ich kennte sie besser.« »Nun, so sind Sie gewiß so gütig zu ergründen, ob man ihr trauen darf. Sie lachen? Die Sache ist ernsthaft – diese Frau ...« Frau Hopkinson machte ihm einen reizenden Knix und sagte: »C'est moi!« Zwölftes Kapitel. Ein Wettrennen um den Besitz der Mine. Royal Thatcher arbeitete unermüdlich. Daß die kleine, knabenhafte Malerin, die in der Blue-Mass-Mine seine Gastfreundschaft in Anspruch genommen hatte, jetzt in seinem thätigen Leben keine Rolle mehr spielte, schien durchaus nicht unvereinbar mit seinem Wesen zu sein. Augenblicklich war die Mine seine einzige Liebe; sie nahm seine ganze Zeit in Anspruch und forderte von ihm, obwol sie ihn gar häufig durch ihren Wankelmuth erzürnte, jene unbedingte, opferbereite Hingebung, deren sein Gemüth fähig war. Es ist möglich, daß Fräulein Carmen dies ebenfalls bemerkte und sich daher mit weiblichem Tact bestrebte, ihre Nebenbuhlerin, wenn auch nicht zu verdrängen, so doch minder herrschsüchtig und absorbirend zu machen. Abgesehen von diesem Ziel, widmete sie sich mit großem Eifer, obwol leider mit geringem pecuniären Nutzen, ihren Berufsarbeiten. Einheimische Kunstproducte wurden in Californien schlecht bezahlt. Die landschaftlichen Schönheiten des Landes waren derzeit noch nicht berühmt; es war vielmehr einem namhaften Künstler aus dem Osten der Vereinigten Staaten vorbehalten, ihren Ruf zu begründen und das californische Publikum trug kein Verlangen, diejenigen Gegenden, welche es beständig vor Augen hatte und nicht zu schätzen wußte, unmittelbar vor seinem Angesichte auf die Leinewand heften zu sehen. Und so sah sich das kleine Fräulein Carmen genöthigt, ihre Künstlerseele darben zu lassen, um ihre kleine, kernige, gesunde Erdenhülle zu ernähren und verschiedene Streifzüge in das Gebiet der Porzellan- und Sammtmalerei, der Meßbücherillustration, der Kerameutik u. s. w. zu unternehmen. Ich besitze mehrere Wachsblumen, eine überraschend naturgetreue Fuchsia und eine berückende Georgine, die zu einem Spottpreis von dieser kleinen Dame verkauft worden sind, welche, nachdem sie von dem californischen Publikum fast dem Hungertode preisgegeben war, für ihre Gemälde auf einer Ausstellung im Auslande den Hauptpreis gewann und von jenem Tage an von der californischen Presse, als ein unter ihren Fittichen erwachsenes Genie, gepriesen ward. Von diesen Kämpfen und Triumphen erfuhr Thatcher nichts; er war daher sehr erstaunt, ja noch erstaunter, als er es sich selbst zugestehen wollte, als er an einem Decembertage eine Depesche folgenden Inhalts erhielt: »Kommen Sie unverzüglich nach Washington, Carmen de Haro.« »Carmen de Haro!« Ich bedauere, constatiren zu müssen, daß dieser junge Mann, den das Schicksal zum Helden der einzigen Liebesepisode erwählte, welche in dieser Erzählung vorkommt, so sehr mit anderen Dingen beschäftigt war, daß er im ersten Augenblick nicht wußte, wer diese Dame sei. Als jedoch endlich die kleine, treuherzige Gestalt vor sein geistiges Auge trat, welche ihm wie ein Mann gegenüber gestanden und doch bald darauf ihr Geschlecht dadurch bekundet hatte, daß sie ihm entlaufen war, da erschien ihm die Sache anfangs wie ein Räthsel und dann fing er an Gewissensbisse zu empfinden. Er war – das fühlte er – sich selber untreu geworden. Er hatte sich rücksichtslos gegen das Mädchen benommen, das sich ihm als die Tochter seines Feindes zu erkennen gegeben hatte. Warum aber sandte sie ihm ein Telegramm und was that sie in Washington?« Auf diese Fragen erwartete er – zu seiner Ehre sei es gesagt – keine sentimentale oder romantische Antworten. Royal Thatcher war von Natur bescheiden und unterschätzte seinen Einfluß auf das weibliche Geschlecht, wie es die meisten Männer zu thun pflegen, die den Frauen gegenüber Aussicht auf Erfolg haben – obwol eine Ueberfülle von verjährten Phrasen sich bestrebt, das Gegentheil zu beweisen. Denn auf ein halb Dutzend Frauen, welche durch ein keckes Auftreten eingeschüchtert und zur Unterwerfung bewogen worden sind, kommen über zwanzig, die durch ein selbstachtungsvolles Warten aufgestachelt werden. Und wo ein Weib dem Freier halben Weges entgegen gehen muß, da sorgt sie in der Regel dafür, daß sie ihr Ziel erreicht. In seiner Bestürzung hatte Thatcher einen Brief übersehen, der auf seinem Tische lag. Derselbe kam von seinem Rechtsanwalt aus Washington. Der Schlußsatz des Schreibens fiel ihm auf. »Vielleicht ist es zweckmäßig, wenn Sie selbst hierherkommen. Roscommon ist hier und außerdem soll vor einiger Zeit eine Nichte von Garcia eingetroffen sein, die voraussichtlich eine große Freundschaft und Theilnahme für den alten Mexikaner an den Tag legen wird. Ich habe zwar nicht gehört, daß seine Partei die Absicht hat, sie zu ihren Gunsten als Zeugin auftreten zu lassen, allein man sagt doch, daß das Mädchen ungemein anmuthig und klug sein soll und bereits die Sympathien der Abgeordneten erregt hat.« Thatcher legte den Brief einigermaßen entrüstet nieder. Starke Männer verfallen ebenso häufig wie schwache Frauen in Widersprüche, sobald es sich um Fragen handelt, die beide Theile gemeinsam berühren. Wer gab dieser armen, kleinen Knospe, die er so treu gehegt und gepflegt hatte, (er bildete sich jetzt allen Ernstes ein, daß erste nicht nur gehegt und gepflegt, sondern auch daß er in Folge der Trennung von ihr schwer gelitten habe,) das Recht, sich so urplötzlich im Sonnenschein der Staatsgewalt zu erschließen und sich der Möglichkeit auszusetzen, von einem seiner Feinde gepflückt und davon getragen zu werden? Er nährte zwar nicht in Uebereinstimmung mit seinem Rechtsanwalt den Verdacht, daß sie mit seinen Feinden verbündet sei; er traute vielmehr in diesem Punkte ihrem Tact und ihrer Treue unbedingt; allein ihrem weiblichen Herzen drohten große Gefahren: Einfluß, Macht, Schmeichelei. Und ebenso fest, wie er noch wenige Augenblicke zuvor geglaubt hatte, daß er es ihr gegenüber an der erforderlichen Aufmerksamkeit habe fehlen lassen – ebenso fest wähnte er jetzt, daß sie ihn verwundet und vernachlässigt habe. Diese, wenn auch rasch sich verflüchtigende Erregung zwang den starken Mann zu einem schnellen Entschluß; er telegraphirte nach San Francisco und belegte, da der Dampfer bereits abgegangen war, einen Platz auf der nach Washington fahrenden Ueberlandpost, prüfte sodann die Sache noch einmal und ward eine Stunde nach dem Einkauf des Billets theilweise anderen Sinnes, beharrte aber doch schließlich, da er nun einmal den ersten Schritt nach einer falschen Richtung hin gethan hatte, lieber auf dem einmal eingeschlagenen Wege, als daß er zugegeben hätte, er sei mit sich selbst in Widerspruch gerathen. Trotzdem bildete er sich ein, seine Reife trage einen durchaus geschäftlichen Charakter. Das unter der Herrschaft ihrer Regungen stehende schwache kleine Fräulein Carmen hatte offenbar dem starken Manne gegenüber einen Stein im Brett gewonnen. Zu jener Zeit war nur ein kleiner Theil der jetzigen großen transcontinentalen Eisenbahn erbaut; derselbe bildete die Endpfeiler einer Brücke, welche dermaleinst diese öde, wilde Landstrecke überspannen sollte. Sobald der Reisende bei Remus den Zug verließ, sagte er gleichzeitig der Civilisation Lebewohl und verblieb während der übrigen Zeit der Reise auf dem alten Auswandrerpfade, auf dem sich die Postkutschen der Ueberland-Compagnie kreuzten. Mit Ausnahme von einem Theil des »Devils Cañons« war der Weg unmalerisch und flach und die Fahrt durch das Felsengebirge besaß nicht nur keine Spur von der Poesie, welche man jener Gegend zuzuschreiben pflegt, sondern trug das Gepräge einer der vielen langweiligen neuenglischen Landschaften. – Die Reise ermüdete namentlich durch ihre trostlose Einförmigkeit; ihre vielfachen Unannehmlichkeiten, welche sich niemals bis zu einem nennenswerthen Abenteuer oder irgend einem Erlebnisse steigerten, wirkten daher zerrüttend auf alle Nervensysteme. Häufig trat sogar Irrsinn ein. »Als wir drei Tage unterwegs waren« sagte der Postillon Hank Monk, wenn er beiläufig aber wohlwollend von einem Fahrgaste sprach, »als wir drei Tage unterwegs warm, fing er an, nachdem er hundert Fragen gethan und keine einzige Antwort bekommen hatte, das Stroh zu zerbeißen, das er sich aus dem Polster gezogen hatte und dabei fluchte er in seinen Bart hinein. Von dem Tage an, wußte ich, daß es um ihn geschehen war, und da habe ich ihn an den Rücksitz festgebunden, weil er immerzu auf den vornehmen Herrn, dem die ganze Post zugehört und der Ben Holliday heißt, schimpfte und fluchte; und in Shy Ann habe ich ihn zu seinen Freunden gebracht.« – Wir ersehen hieraus, daß die Zornausbrüche des unglücklichen Reisenden sich lediglich auf das Haupt des damaligen Eigentümers der ganzen Postverbindung, auf den vor kurzem verstorbenen Herrn Ben Holliday ergossen und das ist zweifelsohne ein Beweis von Geistesverwirrung, wie diejenigen mir bezeugen werden, welche jenen weitherzigen, wählerischen, hochfeinen Gewohnheiten huldigenden Californier kannten, der sogar dem ausländischen Adel zugezählt ward. Herr Royal Thatcher war ein alter, erfahrener Gebirgsreisender; er fügte sich daher mit dem Gleichmuth eines Philosophen in die Methode, vermittelst welcher sein steinreicher californischer Mitbürger seine Einnahme erweiterte. Da man annahm, daß diejenigen Reisenden, welche die Ueberlandroute einschlugen, in der Regel dunkle Zwecke verfolgten, so erregte ihr Leiden wenig Mitgefühl. Thatcher hatte indessen an seinem stets gleichmäßigen Temperament und an seiner unbeugsamen Energie zwei Stützen, welche ihm halfen, seine Aufgabe heiteren Sinnes zu vollenden. Er verzehrte seine sparsam gemessenen Mahlzeiten und bemühte sich, wann und wo er es vermöchte, ohne Murren den Anforderungen seines Körpers gerecht zu werden, so daß er sogar aus dem Munde seines Postillons wegen seiner Fähigkeit, »Alles auf die leichte Achsel zu nehmen«, manch' lobendes Wort einerntete. Nebenbei gesagt, bezeichnete der gute Mann mit diesem Ausdruck das Vermögen des Reisenden, das Unvermögen der Postverwaltung zu erdulden. Allerdings bereute Thatcher mehr als einmal, nicht per Dampfschiff gefahren zu sein; allein dessen ungeachtet bezeigte er sich bei jeder Gelegenheit gegen seine Leidensgefährten unterhaltend und hilfreich und, wußte sich selbst dem Postillon Yuba Bill so interessant zu machen, daß derselbe, ihm den Platz zu seiner Rechten zur Verfügung stellte. »Aber,« entgegnete Thatcher, den dies Anerbieten einigermaßen befremdete, »der Sitz gehört ja dem Herrn, der ihn in Sacramento belegt hat. Derselbe hat extra dafür bezahlt; auch steht sein Name in Ihrer Personenliste verzeichnet.« »Was schert mich das,« sagte Yuba Bill spöttisch, »und wenn er auch den ganzen Kasten für sich allein gemiethet hätte. Denken Sie, ich hätte Lust, immerzu bei so'nem Schielmichel zu sitzen und mir von dem meine gute Laune verderben zu lassen? Gott steh' mir bei! Was hat der Kerl für'n Auge! Denken Sie nur, vor'n paar Tagen, als ich in Webster den Pferden was zu trinken gebe, da steigt er 'runter und geht dicht vor der Stute, die da an der rechten Seite steht, vorbei und, ich will verflucht sein, kaum steht die verwetterte Hexe, die an Indianer, Bären und Büffel gewöhnt ist, sein schieliges Auge, so steigt sie kerzengrade in die Höhe und stellt sich so verrückt an, daß ich um ein Haar heruntergestiegen wäre, um ihr die Scheuklappen abzubinden und sie dem Teufelskerl über die Augen zu hängen.« »Er hat aber doch sein Geld bezahlt und kann den Platz beanspruchen,« entgegnete Thatcher, bei seiner Ansicht beharrend. »Im Postbureau! Das mag sein, aber hier draußen nicht!« brummte Yuba Bill. »Ich sage Ihnen, es wird jetzt endlich Zeit, daß einige von den Herrschaften capiren, daß ich hier auf dem Plan ganz allein die Zügel in der Hand habe.« Die Mehrzahl der Fahrgäste schien übrigens an dieser Thatsache nicht im Mindesten zu zweifeln. »In dieser traurigen Wüstenei ist die Machtvollkommenheit eines Postillons, wie es scheint, nicht minder absolut, als die eines Capitäns auf hoher See,« bemerkte Thatcher, sich an den Fremden mit dem verhängnißvollen Auge wendend. Herr Wiles, den der Leser bereits erkannt haben wird, pflichtete dieser Aeußerung mit der huldvollen Seite seines Antlitzes bei; die andere heftete er jedoch rachebrütend auf Yuba Bill, während Thatcher, der keine Ahnung davon hatte, daß dieser Mann einer seiner ärgsten Feinde sei, den Postillon überredete, demselben seinen rechtmäßigen Sitz wieder einzuräumen. Wiles dankte ihm. »Werde ich längere Zeit hindurch das Vergnügen Ihrer Gesellschaft genießen?« fragte er mit katzenfreundlichem Tone. »Bis nach Washington,« erwiderte Thatcher offenherzig. »Während der Congreßsession ist Washington eine lustige Stadt!« äußerte Wiles, in der Hoffnung, mehr zu erfahren. »Ich befinde mich auf einer Geschäftsreise,« gestand Thatcher ohne Umschweife. In »Pine Tree Crossing« ereignete sich ein geringfügiger Umstand, der die Verehrung, welche Yuba Bill für den Fremden hegte, keineswegs erhöhte. Als Bill den zwiefach verschlossenen, ausschließlich für die Aufbewahrung der Expreßpackete von Wells, Fargo \& Co., sowie der Schätze der Ueberland-Postgesellschaft bestimmten Behälter der Postkutsche öffnete, gewahrte Wiles unter den Packeten einen kleinen Lederkoffer. »Oh! pflegen Sie dort im Hinterfache auch Privatgepäck aufzubewahren?« fragte er. »Nicht oft,« entgegnete Yuba Bill lakonisch. »Ah! so enthält jener Koffer ohne Zweifel werthvolle Gegenstände?« »Er gehört dem Herrn, dem Sie seinen Platz weggenommen haben,« sagte Yuba Bill, der, um seiner üblen Laune freien Spielraum lassen zu können, bei der Behauptung beharrte, daß Wiles sich den betreffenden Sitz widerrechtlich angemaßt habe, »und wenn der es für gut hält, weil er nicht weiß, ob er der ganzen Gesellschaft trauen darf, seinen Koffer unter Verschluß zu geben – so meine ich, daß das keinem Menschen was angeht. – Wer, zum Teufel, hat denn hier eigentlich die Zügel in der Hand?« fuhr Bill fort, indem er sich immermehr in Wuth redete. »He? Sie bilden sich wol ein, daß Sie das Regiment hier führen, weil Sie da oben auf meinem Bock sitzen? Und am Ende glauben Sie wol gar, Sie könnten mit Ihrem vermaledeiten Auge um die Ecke gucken und mein Gespann mir nichts dir nichts – um die Biegungen rumlenken und den Plan herunterjagen...« Aber jetzt legte sich Thatcher, – den ein Mitleid beschlich, wie es einst Lancelot mit Modred empfand, und der stets eine hochherzige Rücksichtsnahme für jedes Gebrechen an den Tag legte, – so energisch ins Mittel, daß Yuba Bill verstummte. Am vierten Tage wurde die Gesellschaft, als sie zu der öden Hochebene hinauffuhr, welche hinfort auf einer Strecke von sechshundert englischen Meilen ihren Untergrund bilden sollte, von einem blendenden Schneesturm überfallen. Die Pferde waren, nachdem sie sich bis zur nächsten Station mühsam durch den Schnee hindurchgearbeitet hatten, völlig erschöpft und die demnächstigen Aussichten schien allen – nur nicht sachverständigen Augen, mehr als zweifelhaft. Ein Theil der Fahrgäste hielt es für rathsam, Schlitten zu nehmen, während die übrigen die Reise zu unterbrechen wünschten, bis das Wetter sich ändern werde. Yuba Bill dagegen gedachte, die Fahrt auf die bisherige Weise fortzusetzen. »Noch zwei Meilen weiter,« sagte er, »dann sind wir oben, und da ist der Sturm kräftig genug, um uns auf dem windigen und flachen Plan vor sich her zu blasen und schlau genug, um jeden Zoll breit Schnee, der vom Himmel fällt, zwischen die Felsblöcke zu fegen. Auf diesen vier Rädern fahre ich Sie in alle Schneestürme hinein und hinaus – aber mit so'nem niedrigen, platten Krämerkarren kommen Sie, meiner Treu, nicht ein Mal durch ein einziges Schneegestöber.« Bill blickte, wie jeder echte californische Postillon auf jedes schlittenartige Fuhrwerk mit Verachtung herab. Thatcher unterstützte ihn in seinen Bestrebungen auf das lebhafteste. Besaß er doch jene Eigenschaft, die der Erfahrung zunächst steht, – nämlich den Instinkt in den Charakteren seiner Nebenmenschen zu lesen und sich ihre Erfahrungen zu eigen zu machen. »Wer hier bleiben will, bleibt hier,« sagte Bill, den gordischen Knoten mit einem einzigen Machtwort durchschneidend, »und wer einen Schlitten nehmen will, der kann's thun – da im Schuppen steht einer. Wer mit mir und dem frischen Vorspann weiterfahren will, der soll's nicht bereuen.« Herr Wiles entschied sich für einen Schlitten und einen anderen Kutscher; einige der Fahrgäste waren Willens, den nächsten Postanschluß abzuwarten und nur Thatcher erklärte sich nebst zwei anderen Herren bereit, Yuba Bill zu begleiten. Diese Veränderungen nahmen eine erhebliche Zeit in Anspruch und inzwischen ward die Postkutsche, da der Sturm sich unausgesetzt steigerte, unter einen Schuppen geschoben, während die Passagiere sich um das Stationsfeuer versammelten und erst nach Mitternacht fing Yuba Bill an, frische Pferde einzuspannen. »Ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise,« sagte Wiles, der aus dem Schuppen herausfuhr, während Bill denselben betrat. Der Postillon würdigte ihn keiner Antwort, sondern wandte sich mit einer Miene an den Kutscher des Schlittens, als wolle er demselben einen Rath in Betreff der Ablieferung des Gepäckes ertheilen und sagte: »Mach, daß du ihn in Rawling los wirst!« Sodann ging er langsamen Schrittes an dem hinteren Ende des Schlittens vorüber und begab sich an das Anschirren seines Vorspanns. Der Mond trat hervor und stand hoch am Himmel, als Yuba Bill wieder die Zügel in die Hand nahm. Der Wind, welcher die Kutsche sofort ergriff, als dieselbe die Hochebene erklommen hatte, schien die Behauptung des Postillons wahr machen zu wollen; denn eine halbe Meile weit waren die Geleise des Weges rein gefegt und hart gefroren. Bald darauf aber zog sich, von einem seitwärtsstehenden Felsblock geschützt, eine fast zwei bis drei Fuß hohe Schneezunge quer über den Weg. Allein Yuba Bill peitschte die Pferde durch einen Theil derselben hindurch und umfuhr – ein geschicktes Manöver ausführend – die andere Hälfte des Schneehügels. Kaum aber hatte die Kutsche dies Hinderniß überstanden, so neigte sie sich nach einem verhängnisvollen Hin- und Herschwanken plötzlich auf die eine Seite und in dem nämlichen Augenblick flog das eine Vorderrad in die Finsterniß hinein. Bill riß die Pferde auf ihre Hanken zurück; allein noch ehe er ihren Bewegungstrieb zu hemmen vermochte, glitt auch das eine der Hinterräder von seiner Achse herab. Der Wagen schwankte gewaltsam hin und her, kippte vorüber, kippte hintenüber und blieb dann stehen. Schon im nächsten Augenblick stand Yuba Bill mit einer Laterne auf der Landstraße. Und gleich darauf erfolgte ein Ausbruch von gottlosen Reden, die – wie ich aus schriftstellerischen Motiven bedauernd bekennen muß – jenes großmüthig bewilligte Maß bei weitem überschreiten, das mir ein nachsichtsvolles Publikum zur genauen Darstellung von Charakteren eingeräumt hat. Ich begnüge mich daher, mit wenigen Worten zu constatiren, daß es ihm in überraschend kurzer Zeit gelang, den guten Ruf seiner Arbeitgeber, deren männlichen und weiblichen Verwandten, des Erbauers der Postkutsche, des Posthalters, der Landstraße, auf der er fuhr, und sogar die Passagiere mit gelegentlichen Schlaglichtern auf seine eigene Person und seine nächsten Angehörigen auf das Schändlichste zu verunglimpfen. Ich verweise den wohlwollenden Leser, der den Geist dieser Reden in einer poetischeren, gebildeten Ausdrucksweise kennen lernen möchte, auf das dritte Kapitel des Buches Hiob. Die Fahrgäste kannten Yuba Bill und beharrten deshalb, in eifriger Unterredung begriffen, geduldig und erwartungsvoll auf ihren Plätzen. Die Ursache der Katastrophe war ihnen noch nicht bekannt. Endlich erschallte Thatchers Stimme vom Vordersitz herab. »Was ist denn passirt, Bill?« »Es ist kein einziger verfluchter Bolzen mehr in der ganzen vermaledeiten Kutsche,« lautete die Antwort. Todesstille folgte diesem Bericht. Yuba Bill führte einen wilden Kriegstanz ohnmächtiger Wuth aus. »Zum Teufel, nun soll doch gleich das verwetterte Teufelsding zum Teufel fahren!« (Ich verweise hiermit freundlichst den wohlerzogenen, feingebildeten Leser auf das einzige Adjectiv, welches ich aus diesem mit eigenen Ohren vernommenen Fluche mitzutheilen gewagt habe. Ohne Zweifel wird er in dieser wilden, im Westen der Vereinigten Staaten entsprungenen Verwünschung Anklänge an den alten classischen »Dämon« entdecken.) »Wer mag das gethan haben?« fragte Thatcher. Yuba Bill erwiderte nichts, sondern rannte spornstreichs zu dem Hinterfache, schloß den Postbehälter auf und schrie überlaut: »Der Kerl, der Ihren Koffer gestohlen hat, der verdammte Wiles!« Thatcher lachte. »Lassen Sie sich deswegen keine grauen Haare wachsen, Bill. Es war nichts in dem Koffer als ein Manschettenhemd, ein Hemdskragen und einige Papiere.« Yuba Bill stieg langsam von dem Tritt herab. Als er wieder auf dem Erdboden stand, zupfte er Thatcher am Rockärmel und fragte ihn insgeheim: »Ist es wahrhaftig die reine Wahrheit, daß Sie nichts in dem Koffer hatten, den Sie mit sich schleppten?« »Gewiß, der Inhalt war nicht von Belang,« sagte der lachende Thatcher offenherzig. »Und dieser Wiles ist keiner von den verhenkerten Detectiven?« »So viel ich weiß, nein!« Yuba Bill seufzte schwermüthig und fing an, die Kutsche wieder auf die Räder zu stellen. »Seien Sie unbesorgt, Bill,« sagte einer der Fahrgäste voll Mitgefühl. »Wir fangen diesen Menschen sicherlich in Rawlings ein,« und bei diesen Worten schaute er im Kreise seiner Gefährten umher und sah schon im Geiste ein Wachsamkeitscomité entstehen, welches unter seiner Hand eine zweckentsprechende Gestalt erhielt.» »Den einfangen?« entgegnete Yuba Bill höhnisch lachend. »Meiner Treu, wir müssen nach der letzten Station zurück, und wenn wir wieder abfahren, hat der sich natürlich längst mit dem Vorspann, das wir eigentlich haben sollten, aus dem Staube gemacht. Den einfangen! Eher fängt er uns ein und fährt mit uns zum Teufel.« Es ließ sich offenbar nichts thun, als zu der nächsten Station zurückzugehen, um dort die Reparatur der Kutsche abzuwarten. Und während das geschah, zog Yuba Bill Thatcher abermals auf die Seite. »Ich habe von vornherein dem schieläugigen Patron nicht über den Weg getraut,« sagte er. »So was habe ich ihm freilich nicht zugemuthet. Ich nahm mir aber doch vor, auf alle Siebensachen gut Acht zu geben und auf Ihre ganz besonders. Und um allen Verdrießlichkeiten vorzubeugen und Alles so ungefähr aufs Gleiche zu bringen, da ging ich bei und langte mir, als er abschob, aus dem Hinterbrett von seinem Schlitten seinen Reisesack herunter. Ich weiß zwar nicht, ob es ein guter Tausch oder ein Ersatz ist, aber es ist doch möglich, daß Ihnen das Ding hier hilft, daß Sie den Kerl wiederfinden oder er Sie. Nach meiner Meinung ist das so Rechtens und in der Ordnung.« Mit diesen Worten legte er den schwarzen Reisesack des Herrn Wiles dem erstaunten Thatcher vor die Füße. »Aber, Bill, was denken Sie nur von mir?« fiel ihm Thatcher ins Wort. »Ich kann diesen Reisesack nicht annehmen; zumal da Sie nicht im Stande sind, einen Eid darauf abzulegen, daß er wirklich meinen Koffer gestohlen hat – und – deshalb, – zum Henker mit der ganzen Geschichte; – kann die Sache nicht auf diese Weise ausgeglichen werden. Ich habe kein Recht, mir fremde Sachen anzueignen, selbst wenn ...« »Mit Ihren Predigten bleiben Sie nur zu Hause,« sagte Bill ernsthaft. »Ich habe es übernommen, Ihre Bagage richtig abzuliefern. Ich habe mein Wort nicht gehalten, weil dieser verdammte, schielige – Nun, – drum gebe ich Ihnen einen anderen Reisesack, ich weiß nicht, wem er gehört, und Ihnen kann's gleich sein.« Halb belustigt, halb verwirrt und unausgesetzt protestirend, nahm Thatcher den Reisesack in die Hand. »Wir machen ihn auf und sehen nach, was drin ist,« schlug Yuba Bill vor. Thatcher entsprach lächelnd dieser Aufforderung. Der Reisesack war mit einer Menge von Papieren und Documenten angefüllt, die ein halb anteilmäßiges Aussehen hatten. Thatcher bemerkte auf den ersten Blick, daß auf einem der Blätter sein Name stand; er nahm dasselbe heraus, schlug es auseinander und las es durch. Das Lächelt erstarb auf seinen Lippen. »Gut,« sagte Yuba Bill, »wir wollen annehmen, daß wir einen rechtschaffenen Tausch gemacht haben.« Thatcher untersuchte noch immer die Papiere. Plötzlich hob dieser kluge, verständige Mann den Kopf empor, schaute in Yuba Bills erwartungsvolles Gesicht und sagte ruhigen Tones: »Das ist der sonderbarste Zufall, den ich je erlebt. Gut, wir wollen's annehmen.« Dreizehntes Kapitel. Wie die Mine berühmt ward. Yuba Bill hatte mit seiner Annahme Recht gehabt, daß Wiles zu Rawlings keine Zeit vergeuden werde. Er verließ diesen Ort auf einem flüchtigen Rosse, noch ehe Bill mit seiner zusammengebrochenen Kutsche die letzte Station wieder erreicht hatte und war daher dem Telegramm, das ihn zurückhalten sollte, um zwei Stunden voraus. Die Poststraße und ihre gefahrdrohenden Telegraphenstationen verlassend, jagte er, südwärts sich haltend, auf der Heerstraße nach Denver und fuhr über den Missouri, bevor Thatcher Julesburg erreicht hatte. Als Thatcher sich in Omaha befand, war Wiles bereits in St. Louis, und als der Pullman-Waggon, der den Helden der »Blue-Mass-Mine« barg, in den Bahnhof von Chicago rollte, wanderte Wiles bereits durch die Straßen der Bundeshauptstadt. Dessenungeachtet hatte er während der Tour doch noch Zeit genug gehabt, Thatchers kleinen schwarzen Koffer, der einen Toilettenkasten, einige wenige unwichtige Briefe und ein Manschettenhemd enthielt, in die Wellen des North Platte zu versenken und mit Ausdrücken der tiefsten Verachtung sein Erstaunen darüber zu bekunden, daß einfache Leute ihre wichtigen Dokumente und Wertsachen nicht mit auf die Reise zu nehmen pflegen. Auch stellte er einige, vorsichtige Nachforschungen über den Verbleib seines eigenen verlorenen Reisesackes und dessen wichtigen Inhalt an. Mit Ausnahme dieser geringfügigen Widerwärtigkeiten hatte er begründete Ursache, sich über das glückliche Gelingen seines Planes zu freuen. »Es ist Alles auf bestem Wege!« sagte Frau Hopkinson in heiterster Stimmung. »Während Sie und Gashwiler mit ihren »Actien« herumlaufen, und sich einbilden, daß alle Welt Willens sei, sich, von Ihnen bestechen zu lassen, habe ich mit unserem ernsten Roscommon, diesem rührenden Menschen, der an sich selbst glaubt und sich selbst betrügt, mehr ausgerichtet, als Sie und Ihre ganze Bande zusammen genommen. Denken Sie nur, ich habe überall seine herzbewegende Geschichte erzählt und den Augen der Senatoren und Cabinetsmitglieder Thränen entlockt. Mehr noch; ich habe ihn in die Gesellschaft eingeführt, habe ihm einen Frack angezogen. O, die Figur, die er spielte! Sie wissen ja, wie selbst die vornehmsten Leute Alles, was Outré ist, als das einzig Wahre anbeten. Einen stürmischen Erfolg habe ich mit ihm errungen. Und denken Sie, gestern Abend, als Senator Misnancy und Richter Fitzdawdle bei uns waren, sang ich, nachdem ich ihn zuvor veranlaßt hatte, seine Erlebnisse zu erzählen – an die er, wie Sie wissen, allen Ernstes glaubt – das Lied: ›Ein armer Flüchtling kam zum Strand, Weit her von Erins grünem Land‹, und mein Gatte hat mir nachher gesagt, mein Gesang sei mindestens ein Dutzend Stimmen werth.« »Aber wie steht es mit Ihrer Nebenbuhlerin, der Nichte unseres Garcia ?« »Das ist wieder einmal eine von Ihren unsinnigen Behauptungen! Was versteht ihr Männer von Frauensachen? Erstens ist sie eine kleine brünette Person mit schwärzlichem Teint und Pfeffernüssen statt der Augen; sie geht breitbeinig wie ein Mann, zieht sich an wie eine Schlumpe, trägt kein Corset und hat mit einem Wort keine Spur von Lebensart und keine Manieren. Ferner ist sie ein lediges Frauenzimmer und besitzt keine Angehörigen; und wenn sie sich auch das Ansehen zu geben sucht, als sei sie eine Künstlerin und daher völlig unabhängig, so liegt es doch auf der Hand, daß sie sich nicht ohne männliche Begleitung, oder einen Freund oder etwas derartiges an den Gesellschaften betheiligen kann. Es ist also nichts, als fades Geschwätz.« »Aber,« beharrte Wiles, »trotzdem muß sie einen nicht unerheblichen Einfluß besitzen. Senator Peabody und Richter Mason sprechen fortwährend von ihr und Dinwiddi aus Virginien hat sie vor einigen Tagen in das Capitol begleitet.« Frau Hopkinson lachte, »Mason und Peabody prahlen mit ihrer literarischen und künstlerischen Ausbildung und Dinwiddi hat nur im Sinne gehabt – mich zu ärgern.« »Aber Thatcher ist kein Narr.« »Ist Thatcher ein Damenfreund?« forschte die Dame plötzlich. »Wol schwerlich,« entgegnete Wiles. »Er thut, als gehe er vollständig in seinem Schwindel auf und werde von seiner Mine ganz und gar in Anspruch genommen. Ich glaube kaum, daß selbst Ihre Persönlichkeit –« Er hielt inne und musterte sie mit höhnischem Blick. »Da unterschätzen Sie abermals meinen Einfluß, und was noch schlimmer ist, Sie verkennen die Sachlage vollständig. Thatcher findet Gefallen an Garcia's Nichte, weil er vermuthlich noch keine andere Frauen kennt. Gedulden Sie sich, bis er nach Washington kommt und Gelegenheit findet, einen Vergleich anzustellen.« Mit diesen Worten warf sie einen vielsagenden Blick in ihren Spiegel, während Wiles sich mit einer spöttischen Verbeugung verabschiedete. Nicht minder zuversichtlich baute Gashwiler seine Hoffnungen auf die Erfolge, welche er im Congreß errungen hatte. »In wenigen Tagen,« sagte er, »stehen wir am Ende der Session. Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß es uns gelingt, die Sache zur Sprache zu bringen und durchzujagen, noch ehe der verwünschte Thatcher weiß, woran er ist.« »Wenn die Angelegenheit zum Abschluß gebracht werden könnte, bevor er eintrifft,« sagte Wiles, »so wäre das ein großer Gewinn. Er hat zwei Tage verloren; – es wäre freilich besser, man hätte ihn noch länger aufhalten können.« Bei diesem Wunsche seufzte Herr Wiles. Wenn der Unfall sich auf einer abschüssigen Stelle ereignet hätte und die Postkutsche in einen Abgrund gestürzt wäre, wie viel kostbare Zeit würde dann gewonnen sein! Er und seine Genossen könnten dann mit Sicherheit auf einen Sieg rechnen. Herrn Wiles Advocaturpflichten schlossen jedoch keinen Mord in sich; wenigstens zweifelte er daran, ob er seinem Clienten einen solchen bei der Berechnung der Gebühren mit in Anschlag hätte bringen dürfen. »Wir haben nicht das Geringste zu befürchten, mein Herr,«, wiederholte Gashwiler. »Der Rechtsfall ruht nunmehr in der Hand des höchsten Appellationsgerichtes unseres Landes. Er wird daher mit unbeugsamer Gerechtigkeit geprüft werden. Ich habe übrigens bereits die erforderlichen vorbereitenden Schritte gethan.« »Apropos,« unterbrach ihn Wiles, »wo hält sich Ihr Factotum auf? Ihr Privatsecretair – der junge Dobbs.« Das Kongreßmitglied stutzte. »Er ist nicht hier,« sagte er. »Auch muß ich Sie auf einen bedauerlichen Irrthum aufmerksam machen. Der Titel, den sie ihm geben, kommt ihm nicht zu. Ich habe diesen Menschen niemals in meine geschäftlichen Angelegenheiten eingeweiht.« »Aber Sie haben ihn mir ja selbst als Ihren Privatsecretair vorgestellt?« »Das war eine Art von Ehrentitel, mein Herr. Eine Titulatur ohne die entsprechende Stellung. Allerdings habe ich – das, läugne ich keineswegs – die Absicht gehabt, ihn dermaleinst zu einem solchen Posten zu erheben. Allein er hat sich dessen unwürdig gezeigt. Ich mache leider stets schmerzliche Erfahrungen, so oft ich die Gefühle, die ich als Mensch empfinde, über die Pflichten stelle, die mir als amerikanischem Gesetzgeber obliegen. Dieser Dobbs mißbrauchte meine Gönnerschaft; er beutete die günstige Gelegenheit, die ich ihm zum Eintritt in das staatliche Leben bot, auf das schändlichste aus. Er stürzte sich – ich bekenne es ungern – bis über die Ohren in Schulden. Seine Verschwendungssucht überstieg alle Grenzen, sein Ehrgeiz jedwede Schranken – und dabei hatte er keinen rothen Heller zu verausgaben. Von Zeit zu Zeit schoß ich ihm auf das kleine Vermögen, welches Sie ihm großmüthiger Weise überwiesen hatten; Geld vor. Allein er hat diese Summen ganz im Stillen durchgebracht. Und trotzdem, mein Herr, – so weit geht die Undankbarkeit der Menschen!– kommen vor mehreren Tagen seine Angehörigen zu mir, um mich in seinem Namen anzubetteln. Ich empfand die Notwendigkeit unerschütterlich zu sein, und schlug ihr Gesuch ab. Uebrigens möchte ich um seiner Familie willen, nicht laut werden lassen, daß mir seit seiner Entlassung mehrere Bücher in meiner Bibliothek fehlen. Es sind mir abhanden gekommen, sage abhanden gekommen, nicht nur zwei Bände von Bureauberichten, welche das Schutz- und Patentwesen betreffen, sondern auch ein Blaubuch des Kongresses, das ich mir erst am nämlichen Tage in einem der Buchläden der Pensylvaniastraße gekauft hatte. Mit Müh' und Noth – sage mit Müh' und Noth – gelang es mir zu verhüten, daß die Presse Lärm schlug.« Da Herr Wiles diese Geschichte bereits von Gashwilers Bekannten in verschiedenen mehr oder minder freien Lesarten und mit einigen scharfen Seitenhieben auf die Sparsamkeit des begabten Gesetzgebers vernommen hatte, so konnte er sich sehr wohl vorstellen, daß die Vertuschung dieser Sache allerdings mit Schwierigkeit verbunden gewesen sein mußte. Er verlor übrigens kein Wort darüber; er heftete jedoch sein boshaftes Auge auf Gashwiler und sagte: »So ist er auf und davon gegangen? He?« »Ja.« »Und Sie haben ihn sich zum Feinde gemacht. Das ist äußerst fatal.« Herr Gashwiler bemühte sich, einen würdevollen Gleichmuth an den Tag zu legen; allein die ernste Miene seines Geschäftsfreundes machte ihn beklommen. »Ich wiederhole, das ist äußerst fatal! Sie hätten es nun und nimmer thun dürfen. Hören Sie mich an! Ehe ich von Washington abreiste, fand ich in einem Pensionshause, wo Dobbs Kost und Logis erhalten hatte und noch eine Rechnung schuldig war, seinen Reisesack, den der Wirth als Pfand an sich genommen hatte. Ich öffnete denselben und bemerkte, daß er mehrere Documente und Papiere und ein Notizbuch enthielt, in welches Dobbs Bemerkungen eingetragen hatte, diese Gegenstände hätten sich, wie mich dünkt, sämmtlich in Ihrer speciellen Obhut befinden sollen. Ich gab mich daher für einen Freund aus, und löste den Reisesack ein, nachdem ich die Rechnung bezahlt hatte, und brachte hiermit die ungleich wertvolleren Papiere in Sicherheit. Gashwilers Gesicht, das anfangs von einer apoplektischen Glut überströmt war, nahm, als Wiles seine Erzählung beschloß, seine ursprüngliche Farbe wieder an. Nach einer Pause stieß er die Worte hervor: »Und Sie haben den Koffer in Ihrem Besitz und die Papiere ebenfalls?« »Nein, leider nicht, und deshalb ist die Sache so äußerst unangenehm.« Herr Gashwiler saß während mehrerer Augenblicke sprachlos da; die Purpurröthe der Wuth und die Leichenblässe der Furcht überflogen abwechselnd sein Angesicht. Dann sagte er mit heiserer Stimme: »Es sind alles eitel Fälschungen, Stück für Stück nachgemachte Documente!« »O, nicht doch!« versetzte Wiles, mit der rechten Seite süßlich lächelnd, während sich das teuflische Auge der linken Seite mit schadenfroher Lust an der ganzen Scene weidete. »Ihre Papiere, mein lieber Gashwiler, sind sicherlich alle echt und ich bin inniglichst überzeugt, daß sie sich sämmtlich in der besten Ordnung befinden. Aber unglücklicherweise hatte ich in dem nämlichen Reisesack, in dem ich den Inhalt von Dobbs Koffer verwahrte, einige Memoranda, die ich für meinen Clienten aufgeschrieben hatte und diese können, wie Sie begreifen werden, einen unberechenbaren Schaden anrichten, falls sie in die unbefugten Hände eines klugen Menschen fallen.« Die beiden Schurken schauten einander an. Es herrscht in der Regel in Wirklichkeit sehr wenig Corpsgeist unter den Dieben – wenigstens unter den großen – und der schwächere dieser zwei Spitzbuben knickte bei dem Gedanken an Das zusammen, was er thun würde, wenn er an des Anderen Stelle sich befände. »Sehen Sie, Wiles,« sagte er, während sein würdevolles Wesen sich in Schweißtropfen auflöste, die, aus jeder Pore dringend, seinen Hemdkragen in ein feuchtes Zeugläppchen verwandelte. »Sehen Sie, wir – (diese Anwendung der ersten Person Pluralis kam einem Geständnisse gleich) wir müssen uns die Papiere wieder verschaffen.« »Natürlich,« sagte Wiles kaltblütig, »wofern wir es können und Thatcher noch nicht Wind von ihnen bekommen hat.« »Das kann er nicht.« »Er befand sich in der Postkutsche, als ich den Reisesack verlor.« Herr Gashwiler ward abermals bleich. In der Angst seines Herzens flüchtete er sich, Wiles vergessend, zu einem Wandschrank und ergriff eine Flasche. Zehn Minuten früher würde Wiles ihn bei dieser Beschäftigung nicht gestört haben; jetzt aber erhob er sich rasch, nahm dem ehrenwerthen Abgeordneten ohne alle Umstände die Flasche aus der Hand und sorgte dafür, daß er der Erste war, der etwas zu trinken bekam und setzte sich dann wieder nieder. »Muth gefaßt, alter Junge,« sagte Gashwiler, nunmehr den Platz mit dem kaltblütigeren Wiles wechselnd. Er klopfte demselben mit seinem feisten Zeigefinger vertraulich auf die Schultern und fuhr dann muthvoll fort: »Menschenkind! Sie vergessen ja ganz, daß die Sache fix und fertig ist, ehe Thatcher anlangt.« Mag sein,« versetzte Wiles düster, »aber diese faulen, lässigen, rechtschaffenen Menschen haben eine ganz verfluchte Art, gerade dann aufzutauchen, wenn der entscheidende Augenblick eintritt. Sie überstürzen sich niemals; Alles wartet auf sie. He! wissen Sie nicht mehr, wie gerade an dem Tage, an dem Frau Hopkinson und ich und Sie den Präsidenten breitgeschlagen hatten, ein Patent zu unterschreiben, Einer von den verfluchten Kerlen von San Francisco oder von Australien hier eintraf, nachdem er die ganze Reise in größter Gemächlichkeit gemacht hatte? Der Präsident hatte das Patent soeben unterzeichnet und wollte es in das Bureau schicken, als der wahre Jacob erschien und auch natürlich sofort den rechten Mann aufgabelte, der ihn zum Präsidenten führen konnte. Und nun ward nach einem halbstündigen Gespräch der Erlaß des Patentbriefes zurückgezogen und unsere ganze sechsjährige Mühe und Arbeit in einer einzigen Stunde über den Haufen geworfen.« »Ja, aber der Congreß ist ein Tribunal, das seine Beschlüsse nicht widerruft,« sagte Gashwiler, in sein früheres Wesen zurückfallend, »wenigstens,« fügte er hinzu, als er gewahrte, daß sein Gefährte ungläubig die Achseln zuckte, »wenigstens nicht im Laufe der nämlichen Session.« »Nun, wir werden sehen!« sagte Wiles, nach seinem Hut greifend. »Sie werden sehen, Herr Wiles,« wiederholte der Abgeordnete von Remus mit Würde. Vierzehntes Kapitel. Wie ein Senator mit Sammetpfötchen gestreichelt wird. Es befand sich zu jener Zeit in dem Senat der Vereinigten Staaten ein außerordentlich begabter, hochangesehener Mann, der gebildet, friedfertig, ehrenwerth und radical gesinnt, der geeignete Repräsentant einer gebildeten, friedfertigen, ehrenwerthen und radical-gesinnten Republik war. Seit vielen Jahren verwaltete derselbe das ihm anvertraute Amt mit bewußter Rechtlichkeit und ohne auch nur den geringsten Werth auf seine anderen Verdienste zu legen. Und während dieses langen Zeitraumes hatte ihm seine Wählerschaft mit dem nämlichen Stolz auf ihre Rechtschaffenheit und mit der nämlichen Geringschätzung ihrer anderen Tugenden regelmäßig zu seinem Sitz zurückgesandt. Da er in Folge seiner Naturanlage dem Bereich gewisser Versuchungen entzogen und in Folge günstiger Verhältnisse viele andere nicht einmal kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hatte, so war sein socialer und politischer Ruf makellos. Als Redner und geübter Disputant hatte er Dank seinem geläuterten Geschmack stets nur die Sache und nie die Person im Auge; und die öffentliche Anerkennung der vollständigen Selbstlosigkeit seiner Motive und die Erhabenheit seiner Grundsätze schützten ihn vor jeder niederen Verunglimpfung. Niemals ward der Versuch gewagt, seine Grundsätze zu erschüttern; auch war er kaum jemals von einer Gefühlsaufwallung beeinflußt worden. Als ein in künstlerischer und literarischer Beziehung fein durchbildeter Mann hatte er, da er die Mittel besaß, seine Neigungen zu befriedigen, sein elegant ausgestattetes Daheim mit selbstgesammelten Kunstschätzen angefüllt, deren Werth dadurch erhöht ward, daß er ihnen den Stempel seiner Anerkennung aufdrückte. Sein Studirzimmer besaß nicht nur eine seinem Schönheitssinn und seinem Reichthum entsprechende Ausschmückung, sondern auch die durch die tägliche Benutzung hervorgerufene vornehme Nachlässigkeit und die behagenerweckende Unordnung einer Künstlerwerkstatt. Dies Alles ward mit raschem Blick von einem jungen Mädchen bemerkt, das am Abend eines trüben Januartages auf der Schwelle des Gemaches stand. Die Visitenkarte, welche dem Senator überbracht worden war, trug den Namen »Carmen de Haro« und in der Ecke rechter Hand befand sich zur näheren Bezeichnung ihrer Persönlichkeit, das in fast mikroskopischer Schrift geschriebene Wort »Malerin«. Vielleicht erweckte das Pittoreske des Namens und die sich an denselben knüpfenden historischen Reminiscenzen das Interesse des gelehrten Mannes, denn als Carmen auf sein durch den Diener ihr mitgetheiltes Ersuchen, sie möge die Güte haben, ihm den Zweck ihres Besuches anzugeben, mit der nämlichen Offenheit erwiderte: sie wünsche ihm persönlich ihr Anliegen vorzutragen, so gab er den Befehl, sie vorzulassen. Doch gleichzeitig flüchtete er sich hinter seinen Arbeitstisch, woselbst er über einem Bollwerk von Büchern und einer Brustwehr von Flugschriften und Acten hervorsah, und gab seiner Stirn und seinen Augen einen Ausdruck, als sei er völlig unfähig, sein Sinnen und Denken auf einen außergeschäftlichen Gegenstand zu richten. Nunmehr erwartete er in Ruhe die Ankunft des Eindringlings. Carmen de Haro kam und schien, da sie einen Augenblick zögernd auf der Schwelle stehen blieb, ein von der Thür umrahmtes Bild. Frau Hopkinson hatte Recht; sie besaß keinen Anstand, wenn nicht eine ihr angeborene und zum Theil fremdländische Art des Auftretens diese Bezeichnung verdiente. Vollständig verfehlt war freilich der Versuch, einem amerikanischen Shawl die Eigenschaften einer »Mantilla« zu verleihen; das Tuch glitt ihr leider unausgesetzt von den Schultern herab, und diese verriethen durch ihre Geschmeidigkeit und Beweglichkeit, daß ihnen niemals die segensreichen Wirkungen einer Schnürbrust zu Theil geworden waren. Ein Kranz schwarzer Löckchen begrenzten die niedrige Stirn und schmiegten sich so dicht an dieselbe an, daß sie einen Theil des schwarzen Pelzmützchens zu bilden schienen, welches ihre Toilette vervollständigte. Einmal versuchte sie, durch die Macht der Gewohnheit beeinflußt, ihren Shawl über den Kopf zu ziehen und durch die unter dem Kinn zusammengehaltenen Falten zu sprechen, allein ein erstaunter Blick des Senators that ihrem Bestreben Einhalt. Dieser fühlte sich übrigens dessenungeachtet sichtlich erleichtert; er erhob sich und wies ihr mit solcher Herzlichkeit einen Stuhl an, wie er es wol schwerlich einer Pariser Modendame gegenüber gethan haben würde. Und als sie mit zwei, drei raschen, großen Schritten auf ihn zuging und ihm ein offenes, unschuldiges aber strenges und entschlossenes Gesichtchen zeigte, in dem nur das blitzende Auge und die schöne Wölbung des Kinnes und der Lippen weiblich zu nennen waren, legte er die Broschüre, die er auffälliger Weise in die Hand genommen hatte, nieder und fragte sie freundlich nach ihrem Begehr. – Ich glaube, ich habe schon früher einmal von Carmens Stimme gesprochen, jenem Instrument, das meine Landsmänninnen mehr zum Singen, als zum Sprechen auszubilden pflegen und das also von ihnen in Anbetracht der Thatsache, daß der größte Theil unseres Verkehrs mit dem weiblichen Geschlechte ohne Hilfe von Opern-Arien vor sich geht, offenbar falsch angewandt wird – und von ihrem Wohllaut, ihrem sanften Schmelz und ihrem melodischen Tonfall gesprochen. Das junge Mädchen hatte den Vortheil, unter dem Einfluß einer musikalischen Sprache aufgewachsen zu sein und von einem Volke zu stammen, bei welchem Erkältungen und Halsleiden eine Seltenheit sind. Und so gelang es ihr nach wenigen Worten, den Senator in eine wohlwollende Stimmung zu versetzen und ihm ein Ja zu entlocken, als sie ihm den Zweck ihres Besuches mittheilte, das heißt den Wunsch aussprach: »einige seiner werthvollen Holzschnitte zu sehen.« Nun aber waren diese Holzschnitte gewisse Radirungen, welche von den großen Zöglingen der ältesten Malerschulen angefertigt waren – und wie ich gern zugeben will – außerordentlich selten sind. Meinem ungeschulten Auge erschienen sie ausnehmend häßlich, da sie die Anfangsstufen einer seitdem vervollkommneten Kunst darthaten; – dem Herzen eines echten Sammlers waren sie jedoch natürlich unendlich theuer. Ich kann mir nicht denken, daß Carmen sie wirklich bewunderte. Doch wußte die Sirene, daß der Senator stolz darauf war, die einzigen »Jugendstudien« des großen A. oder die »ersten künstlerischen Versuche« des berühmten B. zu besitzen. Ich überlasse es den Kunstkennern, diese Buchstaben durch die rechten Namen zu ergänzen. Das Interesse des Senators erwachte. Im Laufe der letzten zwei Jahre hatten mehrere dieser abscheulichen Bilder in seinem Studierzimmer gehangen, ohne auch nur die Aufmerksamkeit eines einzigen der vielen Menschen zu erregen, welche das Zimmer betraten. Jetzt endlich fanden sie die verdiente Anerkennung! Sie sei, sagte Carmen, nur eine arme junge Malerin und nicht im Stande, sich solche Schätze zu kaufen, aber noch weniger sei sie im Stande, Washington zu verlassen, ohne dieselbe gesehen zu haben, und deshalb habe sie es gewagt, hierher zu kommen, und sei es auch auf die Gefahr hin, allzu kühn zu erscheinen oder einen großen Mann in seiner Arbeit zu stören u.s.w. u.s.w. Der Senator nahm diese Huldigung, die er als ein falsches Goldstück zurückgewiesen haben würde, falls sie ihm in der gewöhnlichen, landesüblichen Münzsorte gezollt worden wäre, jetzt, wo sie ihm mit fremdem Accent und einem Anflug von tropischer Glut dargebracht ward, als ein unverfälschtes Metall an. Geben doch diese Kinder der Sonne jeder Regung Ausdruck! Wir blicken natürlich mit einer Art von Bedauern auf sie herab, wenn sie in dieser Weise die Grenzlinien des guten Geschmackes überschreiten und gegen den conventionellen Canon sündigen – doch stehen sie in dem Rufe der Aufrichtigkeit. Und daher fand der zurückhaltende Neu-Engländer durchaus nichts Verletzendes in diesen zwei, drei offenkundigen und übertriebenen Complimenten, die jedenfalls die frühzeitige Entlassung seines Gastes zur Folge gehabt haben würden, wenn ihm dieselben in den abgegriffenen hohltönenden Redensarten der von ihm vertretenen Republik ausgezahlt worden wären. Und so geschah es, daß sich nach einigen Minuten der schwarze Krauskopf der kleinen Malerin und die weißen, wallenden Locken des Senators dicht nebeneinander über die Mappe beugten, welche die Holzschnitte enthielt. Und in diesem Augenblick war es, wo Carmen, der lebensvollen Schilderung der ersten Blüte der niederländischen Kunst lauschend, sich vergaß, und ihren Shawl über den Kopf ziehend, die Falten desselben mit ihrer kleinen braunen Hand festhielt. In dieser Stellung wurden sie während der nächsten zwei Stunden nacheinander von fünf Congreßmitgliedern, drei Senatoren, einem Cabinetsbeamten und einem Obertribunalsrichter unterbrochen und alle diese Herren wurden höflich, aber schleunigst entlassen. Der allgemeine Unwille kam jedoch auf dem Corridor zum Ausbruch. »Wahrhaftig, ich bin kugelfest, aber dies wirft mich denn doch um!« (Der Sprechende war ein Territorial-Abgeordneter.) »Und noch dazu in seinen Jahren Bilder mit einem jungen Mädchen zu besehen, das seine Enkelin sein könnte!« (Dies waren die Worte eines bejahrten Beamten, den die Liebe seitdem auf höchst bedenkliche Abwege geführt haben soll.) »Schön ist sie nicht die Spur!« (Der ehrenwerthe Abgeordnete von Dakota.) »Ah, nun weiß ich mir sein beharrliches Schweigen im Congreß zu erklären!« (Ein scharfsinniger Landsmann und Berufsgenosse des Senators.) »Hol' der Teufel die ganze Geschichte!« (Alle.) Vier der Herren gingen nach Hause, um diese Kunde ihren Gattinnen mitzutheilen. In dem Bunde, der Mann und Frau vereint, gibt es kaum einen einzigen Punkt, der so tiefbewegend ist, als die unbedingte Freimüthigkeit, mit der sich beide Theile gegenseitig über die Schwächen und Fehler ihrer Freunde und Freundinnen aussprechen. Und gerade diese geheiligten, vertraulichen Eröffnungen bilden die Steine, auf denen die festen Grundlagen der ehelichen Gemeinschaft unerschütterlich ruhen. Natürlich hatten die beiden, den Mittelpunkt dieser Klatschereien bildenden Personen, wenigstens die eine derselben, keine Ahnung hiervon. »Hoffentlich entziehe ich Sie nicht Ihren großen Freunden,« sagte Carmen schüchtern, nachdem sie im Verein mit dem Senator zum vierten Mal die verunglückte Leistung irgend eines niederländischen Holzaushackers mit Entzücken angestaunt hatte. »Ich würde mir das nie verzeihen!« fügte sie dann, ihre hübschen Augenlider in banger Besorgniß niederschlagend, hinzu. »Vielleicht haben die Herren ein wichtiges Staatsgeschäft Ihnen vorzutragen?« »O, nein! im Gegentheil! Sie werden sammt und sonders nicht verfehlen, sich wieder einzustellen, denn es treibt sie nur ihr eigener Vortheil.« Der Senator wollte hiermit eine freundliche Anerkennung aussprechen. Dieselbe streifte das gefährliche Grenzgebiet eines Complimentes, ein Terrain, welches ein aus den ersten Kreisen von Boston stammender Mann nur in sehr vereinzelten Fällen zu betreten wagt. Carmen fühlte sich, nach Frauenart schmerzlich getroffen. »Und ich fürchte, daß Sie lieber sehen würden, wenn auch ich Sie nicht wieder belästigte.« »Es wird mir eine Freude sein, Ihnen meine Mappe stets zur Verfügung zu stellen. Gebieten Sie über mich, wann und so oft Sie wollen,« entgegnete der Senator zuvorkommend. »Sie sind freundlich; Sie sind gut!« sagte Carmen, »und ich, ich bin nur – sehen Sie – ich bin nur ein armes Mädchen, aus Californien, einem Lande, das Sie nicht kennen.« »Verzeihen Sie, ich kenne Ihr Vaterland sehr wohl.« Und in der That hätte er ihr genau angeben können: wie viel Scheffel Weizen ein Morgen Landes in ihrem Heimatlichen Bezirke Monterey einbrachte, wie stark die wahlfähige Bevölkerung des Ortes sei und welcher politischen Partei sich dieselbe zuneigte. Allein von dem vor ihm stehenden ungleich wichtigeren Product war ihm, nach der Art der Büchergelehrten, nichts bekannt. Carmen war erstaunt und von Bewunderung überwältigt. Es ergab sich nunmehr, daß sie nichts davon ahnte, daß in letzter Zeit die Zucht der Seidenraupe in ihrem Vaterlande bedeutend zugenommen habe, daß sie ferner keinen Einblick in den Stand der chinesischen Frage gethan hatte und nur eine ganz oberflächliche Kenntniß von den amerikanischen Minengesetzen besaß. Der Senator klärte sie in Betreff dieser Punckte vollständig auf. »Ihr Name ist, nebenbei bemerkt, von historischem Interesse,« sagte er galant. »Ein Ritter von Alcantara, ein de Haro, befand sich unter den mit Las Casas eingewanderten Emigranten.« Carmen nickte freundlich: »Ja, das war mein Ur-ur-ur-Großvater.« Der Senator stutzte. »O, ja, ich bin eine Nichte von dem Victor Garcia, der meines Vaters Schwester heirathete.« »Dem Victor Garcia der Blue-Mass-Mine ?« fragte der Senator. »Ja,« sagte sie gelassen. Hätte der Senator dem Typus entsprochen, den Gashwiler veranschaulichte, so würde er seinen Gefühlen durch ein langgedehntes Pfeifen Ausdruck gegeben haben. Da das aber nicht der Fall war, so trat die Ueberraschung und der Argwohn, die plötzlich in seinem Gemüthe aufstiegen, nur durch den Umstand zu Tage, daß der gesellschaftliche Thermometer des Zimmers so tief sank, daß die arme Carmen erschrocken emporschaute, fröstelte und ihren Shawl dichter um die Schultern zog. »Ich habe noch eine Bitte auf dem Herzen,« sagte sie, das Köpfchen senkend, »es ist eine Gunst – o, eine sehr, sehr große Gunst.« Der Senator hatte sich wieder hinter seine Bücherbarrikade zurückgezogen und bereitete sich offenbar auf einen Angriff vor. Er durchschaute jetzt die ganze Sachlage. In unerhörter Weise hatte man ihn in eine Falle zu locken gewußt. Er hatte, ohne daß er es wollte, der Nichte eines der vor dem Congreß erschienenen Minenbewerber eine vertrauliche Audienz ertheilt. Der unvermeidliche Hammer war also auf den Ambos niedergefallen! Was konnte dieses Mädchen ihm nicht alles abzuschmeicheln versuchen! Er mußte um so mehr auf seiner Hut sein, da er bereits ein günstiges Vorurtheil und zwar in arglosester Weise für sie gefaßt hatte. Er grollte ihr, weil sie ihm gefiel. Ohne sich durch sein Benehmen beeinflussen zu lassen, fuhr Carmen mit herzgewinnender Ungezwungenheit, die sich in ihren Worten, ihren Geberden und ihrer ganzen Art des Seins kund gab, fort: »Sie wissen also, daß spanisches Blut in mir fließt und daß das Motto, welches wir in unserm Adoptivvaterlande annahmen, »Gott und die Freiheit« lautet. Und schon als Kind erzählte man mir von Ihnen, dem großen Volksfreunde, dem Apostel dieser Freiheit, dem Beschützer der Zertretenen und Beladenen. Aus dem Geschichtswerken dieses großen Landes habe ich erfahren, was sie vollbrachten und Ihre Reden habe ich gelesen. Ich habe mich danach gesehnt, Sie von der Tribüne herab jenes Glaubensbekenntniß meiner Väter verkünden zu hören. Was würde ich darum geben, wenn ich aus Ihrem eigenen Munde – Oh! Madre de Dios! – wie soll ich mich ausdrücken? – die großartige Standrede vornehmen dürfte und Ihnen lauschen könnte, wenn Sie, wie Sie es nennen, eine Debatte halten! Darauf habe ich so lange gehofft. O, verzeihen Sie mir; Ich erscheine Ihnen thöricht – und wild – und – sicherlich – wie ein kleines Kind. O!« In Folge ihrer Erregung ward ihre Sprache von Minute zu Minute dialektischer; plötzlich sagte sie: »Ich habe Ihnen gewiß von mir selbst weh gethan. Sie sind außer sich über mich, weil ich ein unbescheidenes, schlechtes Kind bin. Ist es nicht so?« Der Senator, welcher – das unterlag keinem Zweifel – hinter seinen Verschanzungen wiederum matt und kraftlos ward, stammelte: »O, nein!« und dann »wirklich!« und schließlich »danke Ihnen!« »Ich bleibe hier nur eine kleine Zeit, gleichsam nur einen Tag. Ich kehre, ehe die Woche sich neigt, nach Kalifornien zurück und ach! ich werde nie, niemals zugegen sein, wenn Sie im Capitol dieses großen Staates zu Ihrem Volke reden!« Der Senator entgegnete rasch, er fürchte allerdings ihrem Wunsche nicht entsprechen zu können; seine Pflicht fessele ihn während dieser Session an den Schreibtisch; er glaube schwerlich, daß er Zeit zu einer Rede finden werde u. s. w. »Ach!« sagte Carmen traurig, »so ist Alles wahr, was ich gehört habe. Es ist wahr, was man mir gesagt hat, daß Sie die Sache der Gerechtigkeit aufgegeben haben und daß Ihre Stimme nicht mehr gehört wird, um das letzte Wort in der – wie nennen Sie es doch? – der Discussion zu sprechen.« »Derjenige, der Ihnen das sagte, Fräulein de Haro,« erwiderte der Senator mit schneidigem Tone, »war sehr thöricht. Man hat Sie irrig berichtet. Darf ich fragen, wer...« »O!« sagte Carmen. »Ich weiß es nicht. Es liegt in der Luft. Ich bin eine Fremde. Es ist sehr wohl möglich, daß ich mich habe täuschen lassen. Doch hört man es überall. Ich frage die Leute, wann werde ich ihn sprechen hören? Tag für Tag gehe ich in das Capitol; ich beobachte ihn – den großen Volksfreund – aber es wird immer nur von Staatsgeschäften gesprochen – und von dem Antrag, den Dieser oder Jener macht – und von der Steuer, – ja – und vom Zoll – und von der Post – aber die gewaltige Rede von den Menschenrechten, die höre ich nie – niemals. Ich frage, wie kommt das? Und Einige schütteln den Kopf und antworten mir: er wird keine Rede mehr halten. Er hat – wie sie es nennen, gespielt, – ganz recht, so sagten sie – er hat ausgespielt. Ich kenne das Wort nicht – ich glaube, es kommt von Boston. Und dann sagten sie – seine Partei hat ihn – ich verstehe die englische Sprache nicht gut – seine Partei hat ihn fallen lassen, nein – er hat seine Partei fallen lassen. Ja, so war es, – das sind die Worte, die man in Boston gebraucht.« »Ich muß Ihnen mittheilen, Fräulein de Haro,« entgegnete der Senator, sich erhebend, und sie mit einem strengen Blick anschauend, »daß Sie offenbar sehr unglücklich in der Wahl Ihrer Bekannten und noch unglücklicher in den Versuchen gewesen sind, den Entstehungsort der betreffenden englischen Provinzialismen zu erforschen. Die – die Ausdrücke, die Sie angeführt, – stammen nicht aus Boston – sondern verdanken ihren Ursprung dem Westen der Vereinigten Staaten.« Zerknirscht bedeckte Carmen de Haro ihr Gesicht mit dem Shawl, so daß nur ihre schwarzen Augen sichtbar blieben. »Niemand hat ein Recht,« fuhr er mit milderem Tone fort, indem er sich wieder setzte, »aus meiner Vergangenheit zu folgern, was ich in Zukunft thun werde oder die Mittel zu bezeichnen, die ich zur Aufrechterhaltung, der von mir anerkannten Grundsätze, oder zur Vertretung meiner Partei für nothwendig erachte. Das ist meine Sorge. Sollte sich übrigens ein Anlaß, oder eine Gelegenheit finden, obgleich die Session bereits nach wenigen Tagen geschlossen wird, so...« »Ja,« fiel ihm Carmen niedergeschlagen ins Wort. »Ich weiß schon im Voraus, wie es gehen wird, es wird wieder nur von Staatsgeschäften die Rede sein oder von einem Anspruch, den irgend Jemand erhebt – aber – Madre de Dios! Sie werden nicht sprechen und ich –« »Wann gedenken Sie heimzureisen?« fragte der Senator mit ernster Höflichkeit. »Wie lange haben wir noch die Freude, Sie bei uns zu sehen?« »Ich werde bis zum letzten Augenblick, bis zum Schluß der Session bleiben,« sagte Carmen. »Und jetzt ist es hohe Zeit, daß ich Sie verlasse.« Sie stand auf und zog sich den Shawl mit unwirrscher Bewegung und reizendem Schmollen fester um die Schultern. Es war dies vielleicht die weiblichste Handlung, die sie an diesem Abend gethan. Jedenfalls war dieselbe ungekünstelt. Der Senator lächelte gütig. »Sie verdienen weder in dem einen noch in dem andern Fall getäuscht zu werden. Deshalb möchte ich Ihnen mittheilen, daß es später ist, als Sie denken. Erlauben Sie, daß ich Sie den kleinen Weg bis zu meinem Wagen geleite; derselbe steht vor der Thür.« Er führte sie mit ernster Höflichkeit bis zu seiner Equipage. Als dieselbe mit ihr von dannen rollte, vergrub sie ihre kleine Gestalt in die schwellenden Kissen und brach in ein leises, aber etwas hysterisches Lachen aus. Als sie ihren Bestimmungsort erreichte, bemerkte sie zu ihrem Verdruß, daß sie Thränen in den Augen hatte. Sobald der Wagen vor der Thür ihrer Wohnung anhielt, trocknete sie dieselben hastig. »Nun haben Sie Ihren Zweck erreicht?« fragte Herr Harlowe, Royal Thatchers Rechtsanwalt, indem er ihr dienstfertig die Hand reichte, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein: Ich warte hier schon seit zwei Stunden. Ihre Unterredung hat sich offenbar sehr in die Länge gezogen. Das ist sicherlich ein gutes Zeichen.« »Fragen Sie mich jetzt nicht,« sagte Carmen ein wenig heftig. »Ich bin müde und abgespannt.« Herr Harlowe verbeugte sich. »Hoffentlich werden Sie sich morgen ungleich wohler befinden, denn wir erwarten unsern Freund Thatcher.« Carmens braune Wange färbte sich mit einem leichten Roth. »Er hätte schon früher hier sein sollen! – Wo mag er nur gesteckt haben? Und was hat er inzwischen gethan?« »Er ward auf der Hochebene durch einen heftigen Schneesturm aufgehalten. Doch naht er jetzt mit Dampfesschnelle. Aber vielleicht kommt er trotzdem zu spät.« Carmen gab keine Antwort. Der Rechtsanwalt verweilte zögernd. »Was sagen Sie von unserm großen Senator?« fragte er mit jener äußeren Gelassenheit, die dem Juristen eigen zu sein pflegt. Carmen war matt; Carmen empfand eine Anwandlung von Reue; auch wußte sie, daß sie gar leicht in Wallung gerieth. In Folge dessen erwiderte sie mit eisigem Tone: »Ich sage, er ist ein echter Mann!« Fünfzehntes Kapitel Wie die Mine als ein unerledigtes Geschäft behandelt ward. Der Schluß des Congresses unterschied sich im Wesentlichen nicht von den vorhergegangenen Sessionen. Es entstand vielmehr die nämliche ungeschäftsmäßige Hast und die nämliche überstürzte parteiliche und völlig unangemessene Abwickelung unerledigter, schlechtverdauter Geschäfte, welche das souveraine Volk keinen Augenblick in einer anderen als in seinen großen öffentlichen Angelegenheiten geduldet haben würde. Fälschungen schlüpften durch; vielfach unterdrückte gerechte Forderungen wurden auf die lange Bank geschoben, manche rechtliche Schuldklage durch eine dürftige, völlig unzureichende Abzahlung aus der Staatskasse verunehrt, und Schlußscenen wurden aufgeführt, welche ohne den Einfluß des amerikanischen Humors geradezu niederträchtig gewesen wären. Die handelnden Personen, die Gesetzgeber selbst, wußten es und lachten darüber; die Berichterstatter, die Vertreter der Presse, wußten es und lachten darüber; das Publikum, das große amerikanische Volk, wußte es und lachte darüber. Und Niemandem kam es auch nur für einen einzigen Augenblick in den Sinn, daß es jemals und unter irgend welchen Umständen anders werden könne. Roscommons Anspruch befand sich unter den unerledigten Geschäften. Der hagere, mitleiderweckende, zudringliche, halsstarrige Minenbewerber selbst sah aus, wie das verkörperte unerledigte Geschäft. Mehrere Congreßmitglieder, deren Interessen in mehr oder minderem Grade mit der Durchführung des Anspruches verwebt waren, befanden sich gleichfalls unter den unerledigten Geschäften. Der hochbegabte Gashwiler, dessen Gemüth mit schwerer Sorge um ein gewisses unerledigtes Privatgeschäft, das die Gestalt verlorener Papiere trug, belastet war und der dennoch Oel und Honig spendete, sobald er sich zu seinen Brüdern gesellte, war König der Mißbräuche und Herr der unerledigten Geschäfte. Die hübsche Frau Hopkinson, die wohlweislich von ihrem Gatten begleitet und thörichter Weise von leichtentzündlichen Congreßmitgliedern beliebäugelt ward, lieh den Reiz ihrer Gegenwart dem Abschluß der unerledigten Geschäfte. Zwei Journalisten, die von einem erledigten finanziellen Geschäft träumten, welches ihnen aus den unerledigten Geschäften erwachsen würde, waren ebenfalls erschienen, um gleich den alten Barden mit Sieges- oder Klagegesängen das Ende der unerledigten Geschäfte zu besingen. Mehrere unsaubere Vögel, welche unter dem Haufen der unerledigten Geschäfte Aas witterten, umkreisten die Säle oder nisteten in den Vorzimmern. Das Unterhaus berauschte sich unter dem Präsidium des begabten Gashwilers an Roscommon und seinem betäubenden Anspruch und überreichte dem Senate sodann die halbgeleerte Flasche als ein unerledigtes Geschäft. Aber ach! in dem ärgsten Rasen und Toben des Sturmes, den der Geschäftsabschluß hervorrief, entstand eine unvorhergesehene Störung durch das Auftreten eines bedeutenden Senators, dessen Macht sich Niemand zu widersetzen vermochte und der sich zu allen Zeiten das Recht einer freien unbegrenzten Meinungsäußerung bewahrt hatte. Ein Rechtsanspruch auf Federvieh, welches von General Shermans Truppen auf den Marsch durch Georgia aus dem Hühnerkorb eines angeblich loyalen Irländers gewaltsam requirirt worden war, eröffnete eine constitutionelle Frage und entsiegelte die Lippen des großen Senators. Sieben Stunden lang sprach derselbe eindringlich, überzeugend und mit ungeschwächtem Feuer. Und während dieser sieben Stunden erörterte er der Reihe nach die alten Parteizwistigkeiten und die alten politischen Fragen und erledigte sie mit jener ihm eigenen unwiderstehlichen Beredsamkeit, die ihn ehedem berühmt gemacht hatte. Die Gegenreden derjenigen Senatoren, welche jetzt die unerledigten Geschäfte vergaßen, und in wildem, neuentfachten Parteieifer entbrannten, die Gegenreden derjenigen Senatoren, welche der unerledigten Geschäfte liebevoll gedachten, jedoch nicht im Stande waren, die Roscommonsche Flasche aus dem Wege zu schaffen, spornten ihn nur zu erhöhter Anstrengung an. Die Lärmglocke, die im Senat erschallte, ward im Unterhause vernommen. Die starkerregten Mitglieder desselben versammelten sich an den Thüren des Sitzungssaales und überließen die unerledigten Geschäfte ihrem Schicksale. Volle sieben Stunden sich selbst überlassen, knirschten die unerledigten Geschäfte in dem Gange und in der Halle mit ihren künstlichen Zähnen und rauften sich ihre falschen Haare in ohnmächtiger Wuth. Sieben Stunden lang hatte sich der begabte Gashwiler unausgesetzt der Fabrikation von Oel und Honig gewidmet, jedoch begann auf den congreß-mitgliedlichen Lippen die Süßigkeit, derselben sich allmählich in Bitterkeit zu verwandeln; sieben Stunden lang stampften Roscommon und seine Freunde mit ungeduldigen Füßen im Vorzimmer und drohten dem hervorragenden Senator mit mehr oder minder entfärbter Faust. Sieben Stunden lang mußten die beiden Journalisten auf ihrem Sitz verharren und geduldig die lange Rede niederschreiben, welche noch am Abend des nämlichen Tages mit dem alten elektrischen Feuer blitzschnell über die Telegraphendrähte des großen Staates flog. Und das Schlimmste von Allem war, daß sie gleichzeitig den Bericht abzustatten hatten, der Schluß der Session sei mit einem außergewöhnlichen Rückstand an unerledigten Geschäften erfolgt. Ein kleiner Freundeskreis gruppirte sich, Lobeserhebungen und Glückwünsche darbringend, um den großen Senator. Alte Gegner grüßten ihn im Vorübergehen höflichst mit jener Ehrerbietung, die starken Männern eigen zu sein pflegt. Eine kleine Frauengestalt näherte sich ihm, in einen Shawl gehüllt, den sie mit ihrer kleinen braunen Hand festhielt, und sagte schüchtern und mit sanftem Tone: »Ich kann nicht gut englisch sprechen, aber ich habe viel gelesen. Ich kenne die Dramen Ihres großen Shakespeare und ich möchte Ihnen die Worte sagen, die Rosalinde dem Orlando zurief, als er den Ringplatz verließ: »Herr, Ihr habt brav gekämpft und Andre noch besiegt, als Eure Feinde!« Nach diesen Worten war sie verschwunden. Doch ehe sie sich den Blicken der Umstehenden entzog, ward sie zuvor noch von der hübschen Frau Hopkinson bemerkt, die – wie die Siegerin ja stets zu dem Sieger kommt – herbeieilte, um dem großen Senator ihren Dank abzustatten, obwol das Antlitz ihrer Begleiter sich in düstere Falten gelegt hatte. »Sehen Sie dort!« sagte sie, Wiles boshaft in den Arm kneifend, »das ist die Person, vor der Sie sich so sehr fürchteten. Ich bitte Sie, betrachten Sie dieselbe nur einmal genau. Welch ein Kleid sie trägt! Und, o du gütiger Himmel, dieser Shawl! Sagte ich es Ihnen nicht, daß sie keine Spur von Geschmack habe?« »Von wem sprechen Sie?« fragte Wiles mürrisch. »Von Carmen de Haro, natürlich,« entgegnete die Dame mit großer Lebhaftigkeit. »Aber warum eilen Sie denn plötzlich so sehr? Sie reißen mich ja im wahren Sinne des Wortes mit sich fort!« Herr Wiles hatte soeben unter der auf der Treppe sich drängenden Menschenmasse das reisemüde Angesicht seines Gegners erblickt. Royal Thatcher sah bleich aus und war sichtlich zerstreut. Herr Harlowe, sein Anwalt neckte ihn: »Man sollte nicht denken, daß Sie soeben einen neuen Pachtbrief auf Ihre Besitzung erhalten haben und einem großen Schwindel glücklich entgangen sind. Wie seltsam Sie sich benehmen! Soeben ist Fräulein de Haro an uns vorübergegangen. Sie sahen doch, wie sie mit dem Senator sprach! Warum haben Sie ihr keinen Gruß gegönnt?« »Ich war in Gedanken,« sagte Thatcher düster. »Nun meiner Treu, Sie fassen die Dinge kaltblütig auf, Jedenfalls sind Sie nicht sehr zuvorkommend gegen die Dame, der Sie Ihre Rettung verdanken. Denn so gewiß, wie Sie leben, so gewiß war sie es, welche den Senator veranlaßte jene Rede zu halten.« Thatcher gab keine Antwort, sondern setzte sich in Bewegung. Er hatte Carmen sehr wohl bemerkt und auch die Absicht gehabt, sie mit einem Gemisch von Freude und Verwirrung zu begrüßen. Allein die Huldigung, die sie dem Senator zollte, brachte ihn außer Fassung, und dieser starke, ganz seinem Geschäfte lebende, automatische Mann, der noch vor zehn Tagen all sein Sinnen und Denken der Mine zugewandt hatte, dachte jetzt mehr an die einem Redner gezollte Lobpreisung, als an den gewonnenen Proceß und empfand eine Anwandlung von Haß gegen den Senator, der ihm den Sieg erfochten, gegen den Anwalt, der neben ihm stand, und sogar gegen die kleine Gestalt, die, seiner Nähe unbewußt, die Stufen hinabtrippelte. Sechszehntes Kapitel. Und wer nicht mehr an die Mine dachte. Es stand einigermaßen im Widerspruch mit Royal Thatchers sonstiger Handlungsweise, daß er, trotzdem er verstimmt und verletzt war, unmittelbar nach dem Verlassen des Capitols eine Droschke bestieg und einem Kutscher den Auftrag ertheilte, ihn eiligst nach Fräulein de Haro's Wohnung zu fahren. Dagegen war es, wie mich dünkt, naturgemäß und der Eigenart des männlichen Charakters entsprechend, daß er sofort wieder in eine trübe und argwöhnische Stimmung verfiel und sich sogar der guten Regung schämte, die ihn zu dieser Fahrt veranlaßt hatte, als er erfuhr, daß sie nicht zu Hause sei. Er fühlte, daß er seinerseits alle Pflichten erfüllt habe, welche die Höflichkeit von ihm heischte; er hatte, ihrem telegraphischen Rufe unverzüglich Folge leistend – sich rechtzeitig eingestellt. Wenn sie es dagegen vorzog, in einem solchen Augenblick nicht zur Stelle zu sein, nun – so hatte er zum mindesten seine Schuldigkeit gethan. Mit einem Wort, es gab kaum eine einzige Ungereimtheit, zu der sich die Phantasie dieses sonst so vernünftigen Mannes nicht verirrte; doch behielt er dabei stets das Bewußtsein, daß er seinen Gefühlen gestattete, mit ihm fortzulaufen; – und dieses Bewußtsein war keineswegs geeignet, seine Laune zu verbessern, im Gegentheil, es bewirkte nichts weiter, als daß er die Verantwortlichkeit dieses Fortlaufens einer anderen Persönlichkeit zur Last legte. Wenn Fräulein de Haro daheim geblieben wäre, wenn es ihr nicht in den Sinn gekommen wäre, im Capitol fremden Herren übertriebene Lobpreisungen zu schenken, und wenn sie Alles gethan hätte, was sie hätte thun müssen – (d. h. mit andern Worten, was ihm genehm gewesen wäre) – so würden alle diese Unannehmlichkeiten vermieden worden sein. Ich bin mir bewußt, daß dies die Achtung, welche der Leser meinem Helden zollt, nicht erhöhen wird. Doch möchte ich darauf hinweisen, daß das unmerkliche Umsichgreifen einer aufrichtigen Neigung in dem starken gereiften Manne eine mit weit größerer Ueberstürzung und mit ungleich mehr Ungereimtheiten gepaarte Revolution hervorruft, als in dem unreifen Jüngling. Das Fieber, welches in den Adern eines kräftigen Menschen mit verzehrendem Feuer wüthet, läßt häufig den Schwächling unberührt. Vielleicht läßt sich durch Einimpfung etwas dagegen ausrichten. Bleibt doch Lothario stets im Besitz seiner Selbstbeherrschung und findet jederzeit das rechte Wort und die rechte That, während der gute, ehrliche Coelebs durch seine Liebesnoth lächerlich wird. Royal Thatcher betrat das Bureau seines Anwaltes keineswegs in einer sehr huldvollen Stimmung. Das Arbeitszimmer dieses Herrn befand sich im Erdgeschoß eines Privathauses, das ehedem die Ehre gehabt hatte, von einem hochangesehenen Manne bewohnt zu werden, dessen Gedächtniß nur noch von dem Hauseigenthümer und dem letzten Miether bewahrt wurde. In der, die Zimmerwände bildenden Mauer befanden sich mehrere Reihen jener Regale, welche, den Spitznamen Taubenlöcher tragend, in kleine Fächer und Abtheilungen zerfielen, in denen die Friedenstaube niemals ein Asyl gefunden hatte, sondern die vielmehr durch ihre Aufschriften verriethen, daß sie die Fehden und Streitigkeiten proceßlustiger Männer bewahrten, deren Leib längst in gemeinen Staub verwandelt war. Auch hing ein Gemälde an der Wand, das von Weitem gesehen, einen Cherub darstellte, der sich aber bei genauerer Betrachtung in einen berühmten englischen Lord-Kanzler verwandelte. Die Bücher, die im Zimmer standen, hatten sämmtlich einen keineswegs anlockenden Titel der auf selbstgefällige, von ihren eigenen Ansichten durchdrungene Verfasser schließen ließ – lauteten sie doch »Smiths Ideen über diesen Punkt« und »Jone's Meinungen über jene Frage« u. s. w. Ein an die Wand gehefteter Anschlagezettel, der auf den ersten Blick die erfreuliche Aussicht auf eine Circusvorstellung oder eine Dampfschiff-Lustfahrt zu bieten schien, erwies sich jedoch bei genauerer Untersuchung als eine polizeiliche Waarentaxe. Mehrere unförmliche, von Zeitungspapier umhüllte Packete ruhten geheimnißvoll und unheimliche Gedanken erweckend, in den dunklen Winkeln und erregten die Vermuthung, daß sie Acten enthielten, die der eminente Rechtsanwalt bei seiner in der letzten Woche gehaltenen Wäsche zu berücksichtigen vergessen hatte. Auf dem Tische lagen verschiedene Blätter, die den wartenden Clienten mit der Hoffnung auf einen angenehmen Zeitvertreib anlockten und die sich hinterdrein als Gesetz-Statuten oder Gerichtliche Bekanntmachungen entpuppten. Und auf dem Pult stand die Büste eines verstorbenen, hervorragenden Juristen, welche offenbar nicht abgestäubt war, seitdem er selbst in Staub sich verwandelt hatte; wenigstens sproßte auf der gestrengen Richter-Lippe ein bereits sehr ansehnlicher Staub-Schnurrbart. Schon am helllichten Tage war es ein unwohnliches Gemach; in der Nacht aber – wo es den Reminiscenzen seiner verstaubten Vergangenheit zufolge, den rachesüchtigen Geistern, die den größten Theil ihrer Hoffnungen und Leidenschaften in jenen Acten niedergezeichnet und aufgespeichert wußten, als Tummelplatz hätte überlassen werden sollen, – in der Nacht, wo sich die Leichenhände vergessener Männer aus dem Dunkel der staubigen Gräber hervor streckten, um tastend ihre alten Urkunden zu suchen; in der Nacht, wo es vom flackernden Gaslicht erhellt ward – trat der hohle Hohn dieses gespenstischen Unbehagens so deutlich hervor, daß die durch die Straße wandernden und in die erleuchteten Fenster schauenden Leute ein Gefühl empfanden, als seinen Leichenräuber in das Heiligthum eines Familienbegräbnisses eingedrungen. Royal Thatcher blickte im Zimmer umher und ließ den trüben Eindruck, den es machte, in einer halb müden, halb gleichgültigen Weise auf sich wirken und warf sich dann in den Comptoirsessel, der nur für den alleinigen Gebrauch des Rechtsanwaltes bestimmt war, als dieser Herr aus dem angrenzenden Zimmer trat. »Ei, Sie sind ja sehr schnell wiedergekommen!« sagte Harlowe munter. »Ja,« erwiderte sein Client, ohne den Blick zu erheben und sich durch die bemerkenswerthe Thatsache von allen früheren Clienten unterscheidend, daß er weit weniger Geschäftseifer an den Tag legte, als sein Rechtsanwalt. »Ja, – und nun bin ich hier, – und warum ich hier bin – das kann ich Ihnen wahrhaftig nicht sagen.« »Sie erwähnten, daß Sie gewisse Papiere entdeckt hätten,« versetzte der Rechtsanwalt, seinem Gedächtnisse zu Hilfe kommend. »Richtig,« gab Thatcher mit leisem Gähnen zurück, »ich glaube, ich habe einen Theil dieser Papiere bei mir.« Er steckte die Hand suchend in die Rocktasche. »Doch nebenbei gesagt ist dieses Zimmer ein trostloser, gottverlassener Aufenthalt. Ich schlage vor, wir gehen mitsammen zu Welkers. Dort können Sie bei einer Flasche Champagner meinen Fund besichtigen.« »Wenn ich denselben in Augenschein genommen habe, will ich Ihnen auch etwas zeigen,« sagte Harlowe, »und was den Champagner betrifft, so wollen wir denselben später im Nebenzimmer trinken. Für jetzt möchte ich Ihnen und mir den Kopf klar erhalten, auch würde ich Ihnen sehr verpflichtet sein, wenn Sie sich an Ihren eigenen Angelegenheiten mit etwas lebhafterem Interesse beteiligen wollten.« Thatcher hatte gedankenvoll in das Feuer geblickt. Jetzt raffte er sich zusammen. »Ich weiß sehr wohl,« hub er an, »daß ich nicht sehr interessant bin, und es ist sehr wohl möglich, daß meine eigenen Angelegenheiten mich letzthin allzu sehr in Anspruch genommen haben. Jedoch...« Er hielt im Sprechen inne, zog aus seiner Tasche eine Briefmappe und warf sie auf das Schreibpult, »ist hier ein Theil der Papiere. Ich weiß zwar nicht, ob dieselben irgend einen Werth besitzen, dies zu entscheiden überlasse ich Ihnen. Auch weiß ich nicht, ob ich einen rechtlichen Anspruch auf sie habe, das mögen Sie ebenfalls ergründen. Sie fielen mir durch eine seltsame Fügung in die Hand. Auf dem Ueberlandwege hierher verlor ich nämlich meinen Koffer, der einige meiner Habseligkeiten und mehrere Brieftaschen enthielt, die – wie es in den Zeitungsannoncen gewöhnlich zu heißen pflegt – nur für den Eigentümer Werth haben. Nun; der Koffer war fort und der Postillon behauptete: er wisse mit Sicherheit, daß derselbe gestohlen sei und zwar von einem unserer Mitpassagiere, einem Menschen Namens Giles oder Stiles oder Biles...« »Wiles,« sagte Harlowe ernst. »Ja,« fuhr Thatcher fort und bemühte sich ein Gähnen zu unterdrücken, »ja, ich glaube Sie haben Recht, – Wiles. Der Postillon jedoch, der diesen Mann schon seit Langem beargwöhnte, hatte sich insgeheim ans Werk begeben und ihm mit der größten Seelenruhe seinen Reisesack gestohlen. – Haben Sie vielleicht eine Cigarre zur Hand?« »Ich werde Ihnen eine holen.« Harlowe ging in das angrenzende Zimmer. Thatcher zog Harlowe's schweren Comptoirsessel, der noch niemals von seinem geheiligten Platz fortgerückt war, an das Feuer und begann zerstreut in den Kohlen zu stochern. Harlowe kehrte mit Schwefelhölzern und Cigarren zurück. Thatcher nahm ihm mechanisch eine der letzteren aus der Hand und rauchte sie an. »Haben Sie die Gewohnheit mit sich selbst zu sprechen?« »Nein. Wie so?« »Mir war, als hörte ich soeben Ihre Stimme im Nebenzimmer. Wie dem auch sei, – dies ist ein entsetzlich gespenstischer Ort. Wenn ich hier eine halbe Stunde allein zubrächte, so würde ich mir einbilden, daß der Lord-Kanzler dort oben in seiner Amtstracht aus seinem Rahmen träte, um mir Gesellschaft zu leisten.« »Thorheit! Wenn ich viel zu thun habe, sitze ich hier häufig bis nach Mitternacht. Es ist dann so still.« »Ja, verflucht still!« »Doch um auf die Papiere zurückzukommen. Irgend Jemand also stahl Ihnen Ihren Reisesack, oder Sie verloren ihn und Sie stahlen –« »Der Postillon stahl,« verbesserte Thatcher in einem so müden Tone, daß man es kaum eine Unterbrechung nennen konnte. »Nun gut; wir wollen also sagen, der Postillon stahl gewisse Papiere und händigte sie Ihnen als seinem Helfershelfer, Hehler und Bundesgenossen ein. –« »Hören Sie, Harlowe; ich verspüre nicht die geringste Lust, jetzt nach Mitternacht in diesem geisterhaften Bureau Scherz zu treiben. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Yuba Bill, unser Postillon, nahm seinem Fahrgast, Wiles oder Smiles, einen Reisesack weg und gab ihn mir, in dem Wahn, daß ich mit Hilfe desselben wieder in den Besitz meines abhanden gekommenen Koffers gelangen könne. Ich fand in diesem Reisesacke mehrere Papiere, die meinen Proceß betreffen. Hier sind sie. – Benutzen Sie dieselben nach Belieben.« Thatcher heftete den Blick wieder auf das Feuer und dachte offenbar an ganz andere Dinge. Harlowe öffnete das erste Papier, das er aus der Brieftasche nahm. »Ei, seht doch! Das ist ja eine Depesche! Ja – so! Kommen Sie unverzüglich nach Washington, Carmen de Haro.« Thatcher stutzte, erröthete wie ein junges Mädchen und streckte hastig die Hand nach dem Telegramm aus. »Unsinn! Das ist ein Versehen. Ich habe die Depesche irrthümlich in die Brieftasche gelegt.« »Das sehe ich!« sagte der Rechtsanwalt trocken. »Ich glaubte, ich hätte sie zerrissen,« fuhr Thatcher nach einer peinlichen Pause fort. Leider ertappen wir hier den sonst so wahrheitsliebenden Mann auf einer Lüge. Er hatte die Depesche Tag für Tag wol ein Dutzend Mal gelesen und in Folge dessen waren die Einknickungen des Papiers stark zerrieben. Harlowe bemerkte es mit dem ihm eigenen raschen Blick, wandte aber schon im nächsten Augenblick seine volle und ungetheilte Aufmerksamkeit dem übrigen Inhalt der Brieftasche zu. Thatcher versank wieder in die Betrachtung des Feuers. »So!« sagte Harlowe, sich nach einiger Zeit zu seinem Clienten wendend. »Dies genügt, um Gashwiler aus dem Sattel zu heben oder ihm den Mund zu stopfen. Und was die übrigen Papiere betrifft, so gewähren sie eine unterhaltende Lectüre– wenn auch keine vor Gericht giltigen Beweise. Jedenfalls aber werden ihre Gegner von allen ferneren Angriffen abstehen, sobald die Auffindung dieses Memorandums bekannt wird. Es hält stets schwer einen Menschen der Bestechung zu überführen, da der einzige Zeuge natürlich particeps criminis ist – allein es würde doch den betreffenden Herren schwer werden, sich gegen die von der Hand jenes Schurken aufgezeichneten Notizen zu vertheidigen. Mehrere der Bemerkungen verstehe ich übrigens nicht; was bedeutet z.B. der Satz, der hier unmittelbar hinter dem Namen des verehrten Herrn X. steht? ›Er nahm die Medicin artig ein und fühlt sich seitdem wohler‹ und hier dicht am Rande: ›Muß der Buße zugänglich gemacht werden.‹« »Offenbar entlehnt die californische Gaunersprache manche ihrer Redensarten der medicinischen und theologischen Facultät,« entgegnete Thatcher. »Ist es aber nicht befremdend, daß ein Mensch auf den Gedanken kommt, ein genaues Tagebuch über seine eigenen Missethaten zu führen?« Harlowe, der ein wenig bestürzt gewesen war über die Unkenntniß, die er in Betreff der amerikanischen Metaphern an den Tag gelegt hatte, fühlte sich jetzt wieder in seinem Element. »Nicht doch,« sagte er, »das ist durchaus nichts Außergewöhnliches. In einem jener Bücher finden Sie den Fall verzeichnet, daß ein Mann, der im Laufe vieler Jahre eine lange Reihe der unerhörtesten Greuelthaten beging, ein Verzeichniß seiner sämmtlichen Verbrechen angefertigt hatte. Das betreffende Buch ward dem Gerichte vorgelegt. Und glauben Sie mir, lieber Freund, unsere juristische Thätigkeit würde sich auf die Hälfte reduciren lassen, wenn die meisten Männer und Frauen nicht die Gewohnheit hätten, diejenigen Papiere aufzubewahren, die sie – ich will nicht sagen, vernichten sollten, denn das ist eine Sache des individuellen Gefühls – aber doch vernichten möchten.« Thatcher ergriff halb mechanisch das Telegramm der armen Carmen und warf es ins Feuer. Harlowe sah es und lächelte. »Ich wage indessen die Behauptung aufzustellen,« fuhr er fort, »daß sich in dem Koffer, den Sie, mein Freund, verloren haben, kein Papier befindet, dessen Verlust Ihnen auch nur eine einzige unruhige Minute verursacht. Es ist nur der Spitzbube, welcher so thöricht ist, diejenigen Dinge mit sich herumzuschleppen, die ihn früher oder später zu seinem eigenen Detectiven machen.« »Ich habe einen Freund,« setzte er nach einer kleinen Unterbrechung hinzu, »der trotz seiner großen Klugheit die Dummheit beging, sich in einen ernsten Proceß mit einem Frauenzimmer zu verwickeln. Er selbst war die personificirte Ehrenhaftigkeit und am Anfang ihrer Correspondenz hatte er ihr den Vorschlag gemacht, sie wollten sich gegenseitig die erhaltenen Briefe sammt der Antwort zurückerstatten. Sie thaten es manches Jahr, aber das kostete ihm nachträglich zehntausend Dollar und endlose Unannehmlichkeiten. »Warum?« fragte Thatcher. Er hatte – einer empfindsamen Laune folgend – den Brief, in welchem er ihr den Vorschlag gemacht und den sie ihn verabredetermaßen wiedergegeben, als ein rührendes Andenken aufbewahrt. Natürlich fiel derselbe irgend Jemandem in die Hände. »Gute Nacht!« sagte Thatcher plötzlich aufstehend. »Wenn ich hier noch länger bleibe, so würde ich anfangen, an meiner eigenen Mutter zu zweifeln.« »O, dieser widernatürliche Fall soll auch schon vorgekommen sein,« sagte Harlowe lachend. »Aber kommen Sie mit mir. Sie dürfen nicht fortgehen, ohne den versprochenen Champagner getrunken zu haben.« Er führte seinen Clienten in den angrenzenden Raum, welcher sich als das Entrée zu einem dritten Gemache erwies, auf dessen Schwelle Thatcher mit ungeheucheltem Erstaunen stehen blieb. Es war ein elegant ausgestattetes Lesezimmer. »Sybarit!« rief er. »Warum bin ich hier niemals gewesen?« »Weil Sie mich bisher nur in der Eigenschaft eines Clienten besucht haben; heute Abend sind Sie jedoch mein Gast. Diejenigen, welche diese Stube betreten, lassen ihre Geschäftssorgen mit ihren Hüten im Vorzimmer. Schauen Sie sich um; auf jenen Bücherborten finden Sie kein einziges juristisches Werk; der Tisch dort ward nie durch eine Acte oder eine Urkunde entweiht. Sie sind erstaunt? Ich gebe zu, daß es eine Grille von mir ist, meine Wohnstätte und meine Werkstätte unter dem nämlichen Dach zu haben und sie doch so streng von einander zu scheiden, daß sie niemals miteinander in Berührung kommen. Wie Sie wissen, sind die oberen Etagen des Hauses vermiethet. Ich bewohne mit meiner Mutter und meiner Schwester das erste Stockwerk und dies hier ist mein Boudoir. Meine Arbeiten verrichte ich in jenem düsteren Raum, dessen Fenster nach der Straße blicken: hier aber erhole ich mich. Ein Mann muß im Leben noch Etwas haben außer seiner Arbeit. Und ich finde es am harmlosesten und am wenigsten kostspielig, wenn ich meine Freuden mir hier verschaffe.« Thatcher war sinnend in die Umarmung eines Lehnsessels gesunken. Schwermüthige Gedanken stiegen in ihm auf; auch er liebte Bücher und, wie alle diejenigen Menschen, welche stark gearbeitet haben und ein Wanderleben führten, besaß er ein feines Gefühl für den Werth gebildeter Erholungen und wie alle diejenigen Menschen, welche sich häufig gezwungen sehen, in ein Decke gehüllt, unter freiem Himmel zu schlafen, wußte er sehr wohl die Wohlthat eines linnenen Betttuches und den Luxus einer mit Stuccatur versehenen Zimmerdecke zu schätzen. Denn es sind im Grunde doch nur der kränkliche Schreiber oder der magenschwache Geistliche, die sich einbilden, in dem schlechten Brod, dem harten Fleisch und der filzigen Flanelldecke der Berg-Pickenicks den wahren Lebensgenuß gefunden zu haben. Und es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, daß die gebildeten Männer, welche auf eine derartige Lebensweise angewiesen sind und körperlich schwer arbeiten müssen, in der Regel weder Bücher über die Vortheile ihres Berufes schreiben, noch ihre Mitmenschen ermahnen, zu ihnen zu kommen, und ihre Einsamkeit und das Unbehagen derselben kennen zu lernen. Und als Thatcher so dem Geschmack und der Wohnlichkeit dieses Lesezimmers volle Gerechtigkeit widerfahren ließ und theils mit einem Anflug von Neid an dessen Besitzer dachte, theils wehmüthigen Herzens in seine arbeitsvolle Vergangenheit zurückschaute, die er sich ganz anders hätte gestalten können, sprang er plötzlich von seinem Stuhle auf und schritt zu einer eleganten Staffelei, auf der ein Gemälde stand. Es war Carmen de Haro's erste Skizze von dem Schmelzofen und der Mine. »Wie ich sehe, macht das Bild einen tiefen Eindruck auf Sie,« sagte Harlowe mit der Champagnerflasche in der Hand stillstehend. »Sie verrathen einen guten Geschmack. Diese Landschaft ist viel bewundert worden. Nicht wahr? – wie prachtvoll spielt der Schein des Feuers dort auf dem Antlitz des Schläfers und bringt durch seinen warmen Schein die fast todtenartige Ruhe der Gestalt um so schärfer zur Geltung! Jene Felspartien sind mit genialer Kraft ausgeführt; ihre dunklen Schatten erwecken geheimnißvolle Ahnungen. Wissen Sie, wer es gemalt hat?« Thatcher murmelte den Namen »Carmen de Haro,« in dem Bewußtsein eines neuen, fremdartigen Gefühles. »Ganz recht! So kennen Sie auch natürlich die Geschichte des Bildes.« Thatcher glaubte, sie nicht gehört zu haben. Nein, in der That, – er entsann sich derselben wenigstens in diesem Augenblicke nicht mehr. »Nun, diese liegende Gestalt stellt einen Spanier dar, der ihr Liebhaber war und der, wie sie glaubt, auf dieser Stätte ermordet worden ist. Es ist eine gespenstische Idee. Finden Sie das nicht auch?« Ueber zwei Punkte ärgerte sich Thatcher. Erstens mißfiel ihm, daß Harlowe Concho als Carmens Liebhaber bezeichnete, und zweitens, daß er sich in dem Besitz des Bildes befand – und was zum Teufel meinte er mit ...? »Schon gut!« stieß er endlich hervor, »aber wie kommt die Skizze hierher?« »O, ich kaufte sie ihr ab. Ich habe mich nämlich zu ihrem Beschützer aufgeworfen, sobald ich erfuhr, daß sie auf unserer Seite war. Da sie hier in Washington ganz einsam stand, so haben sich meine Mutter und meine Schwester ihrer angenommen und haben sie in die Gesellschaft eingeführt.« »Seit wann ist das?« fragte Thatcher. »O erst seit Kurzem. An jenem Tage, wo sie Ihnen die telegraphische Depesche schickte, besuchte sie mich, um mich zu fragen, was sie für uns thun könne und als ich ihr sagte, das Einzigste, was uns nützen könne, sei – den Congreß zu beeinflussen, – nun da ging sie hin und that es – denn sie und nur sie allein hat den Senator zum Reden gebracht. »Aber,« fügte er, ein wenig muthwillig hinzu: »Sie scheinen wenig von ihr zu wissen.« »Nein! Ich – das heißt – ich wollte sagen– ich habe ausschließlich meinem Geschäfte gelebt,« versetzte Thatcher, das Bild anstarrend. »Kommt sie häufig hierher?« »Ja, letzthin ausnehmend oft. Auch heute Abend war sie bei meiner Mutter und befand sich – wenn ich nicht irre – hier im Hause, als Sie kamen.« Thatcher warf einen prüfenden Blick auf Harlowe. Allein das Gesicht dieses Herrn verrieth keine Verwirrung. Thatcher füllte ein wenig ungeschickt sein Glas, trank es mit einem Zug bis zur Neige aus und erhob sich dann von seinem Sitze. »Nein, alter Freund, – so lasse ich Sie nicht von mir gehen. Das darf ich nicht erlauben,« sagte Harlowe, indem er seine Hand freundlich auf die Schultern seines Clienten legte, »Sie sind angegriffen. Bleiben Sie heute Nacht bei uns. Unsere Schlafeinrichtungen sind zwar nicht umfangreich, doch dehnbar. Ich kann Sie bis morgen früh behaglich unterbringen. Warten Sie hier einen Augenblick; ich werde inzwischen die erforderlichen Anordnungen treffen.« Unserem Helden war es nicht unangenehm, allein gelassen zu werden. In der letzten halben Stunde war er zu der Erkenntniß gekommen, daß seine Liebe zu Carmen de Haro auf das schändlichste mit Füßen getreten sei. Während »er« in Kalifornien rastlos arbeitete, ward »sie« in die ersten Kreise der Washingtoner Gesellschaft von wahlverwandten Brüdern eingeführt, welche ihre Gemälde kauften. Dem wahrhaft eifersüchtigen Gemüth ist es eine Erleichterung in Pluralen zu schwelgen. Thatcher wiegte sich in dem Wahn, daß sie bereits von hundert wahlverwandten Brüdern belagert werde. Schweigend versenkte er sich in die Betrachtung des Bildes. Nach und nach verschwand dasselbe und statt seiner trat die Erinnerung an jenen nebligen, mitternächtigen, monderhellten Spaziergang hervor, den er einst mit ihr gemacht, und erfüllte die Leinewand mit einem unbeschreiblichen Zauber. Er sah den zerbröckelten Schmelzofen, die dunklen, überhängenden Felsmassen, die zitternden Bewegungen des Laubes und vor allen Dingen dicht neben sich das Blitzen dunkler Augen unter einer Mantilla. Welch ein Narr war er damals gewesen! Hatte er sich nicht in Wahrheit ebenso kalt, ebenso gefühllos benommen, wie dieser Concho, der gleich einem leblosen Stück Holz dort auf der Erde lag? Und sie hatte diesen Mann geliebt! Hatte sie ihn an jenem Abende nicht für einen Thoren halten müssen? Und mußte sie ihn jetzt nicht für einen undankbaren Tropf erklären? Er ward durch ein leises Geräusch im Corridor aufgeschreckt, das jedoch verstummte, sobald er sich umwandte. Thatcher blickte nach der Thür, die zum Bureau führte, als erwarte er halb und halb, daß der Lord-Kanzler, seiner gedankenlosen Andeutung folgend, gleich dem steinernen Gaste des »Don Juan« hereintreten werde. Er lauschte abermals; Alles war still. Ein Gefühl äußerster Unbehaglichkeit und Nervosität beschlich ihn. Welch eine lange Zeit verbrauchte dieser Harlowe zu seinen Vorbereitungen! Er beschloß, auf den Corridor hinauszuschauen. Um das zu ermöglichen, mußte er das Gas ein wenig höher schrauben. Er versuchte es und drehte es in seiner Zerstreutheit aus. Wo waren Schwefelhölzer? Er entsann sich, im Zimmer einen bronzenen Gegenstand gesehen zu haben, der in Anbetracht des modernen Bestrebens, auch die prosaischen Dinge decorativ zu gestalten, Asche oder Schwefelhölzer enthalten konnte. Er suchte denselben tastend und warf Etwas um – wahrscheinlich ein Tintenfaß, noch Etwas – diesmal war es ein Champagnerglas. Er ward unruhig, wühlte in den Trümmern umher, brachte einen bronzenen Merkur zu Fall, der in der Mitte des Zimmers stand, und setzte sich dann verzweiflungsvoll in den nächsten Sessel. In diesem Augenblicke glitten ein paar Sammetfinger, die den gesuchten Gegenstand hielten, in seine Hand, und eine melodische Stimme ließ sich folgendermaßen vernehmen: »Sie suchen vermutlich ein Schwefelholz. Hier ist eins.« Thatcher erröthete nervös und verwirrt. In dem Gefühl, wie lächerlich es sei, einem in Dunkel gehüllten Wesen »Danke Ihnen« zuzurufen, zündete er das Schwefelhölzchen an, erblickte bei dessen kleiner flackernder Flamme dicht neben sich Carmen de Haro, verbrannte sich die Finger, hustete, ließ das Hölzchen fallen und befand sich wiederum in der äußersten Dunkelheit. »Soll ich es versuchen?« Carmen strich ebenfalls ein Hölzchen an, sprang dann behende auf den Stuhl, entzündete das Gas, hüpfte leichten Fußes wieder auf den Boden und sagte: »Sie scheinen gern im Dunkeln zu sitzen. Nicht wahr? Auch ich liebe es – wenn ich allein bin.« »Fräulein de Haro,« sagte Thatcher mit aufrichtiger Herzlichkeit, indem er ihr beide Hände darbot: »Glauben Sie mir, ich bin aufrichtig entzückt, bin außer mir vor Freuden, Sie wiederzusehen.« Sie hatte sich jedoch schleunigst zurückgezogen, als er sich ihr näherte und sich hinter die hohe Lehne eines großen altmodischen Stuhles verschanzt, auf dessen Polster sie niederkniete. Ich bedaure, hinzufügen zu müssen, daß sie ihm ein wenig derb mit ihrem unvermeidlichen Fächer auf die ausgestreckten Hände schlug, als er sich ihr noch mehr näherte. »Wir sind nicht in Kalifornien. Hier ist Washington. Es ist nach Mitternacht. Ich bin ein armes Mädchen und ich habe Nichts zu verlieren, als das, was man hier einen guten Ruf nennt. Sie sollen sich dort drüben hinsetzen,« sie deutete auf das Sopha, »und ich bleibe hier sitzen.« Sie legte ihren Krauskopf auf die Spitze der Lehne und fuhr dann fort: »So, nun wollen wir miteinander plaudern, denn ich habe Ihnen Etwas mitzutheilen, Don Royal.« Thatcher setzte sich demüthig, reuig und unterwürfig auf den ihm angewiesenen Platz. Carmens kleines Herz ward weich. Aber dennoch verharrte sie hinter der Stuhllehne. »Don Royal,« sagte sie, jedem Worte mit ihrem Fächer Nachdruck gebend, »ehe ich Sie sah – ehe ich Etwas von Ihnen wußte – war ich ein Kind. Ja, ich war weiter nichts als ein Kind – ein wildes, schlechtes Kind – und ich war, was Sie eine – eine ›Fälscherin‹ nennen.« »Was waren Sie?« fragte Thatcher, der nicht recht wußte, ob er lachen oder seufzen sollte. »Eine Fälscherin»,« versetzte Carmen. »Ich machte ganz von selbst die Namen von fremden Leuten nach.« Wenn Carmen erregt ward, so verlor sie die Herrschaft über die englische Sprache. »Ich zeichnete sie aber nur nach, weil es mir Spaß machte; doch mein Onkel, der ließ sich Geld dafür geben. Haben Sie mich verstanden? He? Wollen Sie nicht antworten? Muß ich Sie wieder schlagen?« »Fahren Sie fort,« rief Thatcher lachend. »Ich erfuhr, als ich zu Ihnen in die Mine kam, daß ich gegen Sie die Unterschrift von Micheltorena gefälscht hatte. Und ich ging nun rasch zu dem Rechtsanwalt und sah gleich, daß es wirklich so war und nicht anders. Sehen Sie mich doch nicht so an, Don Royal! – Es ist eine Fälscherin, die Sie anstarren.« »Carmen!« »Still! Soll ich Sie noch einmal schlagen? Ich blätterte also die Papiere durch; ich fand die Eingabe. Sie war wirklich von mir geschrieben! Hier!« Sie warf ihm über die Lehne ihres Sessels eine Papierrolle zu. Er öffnete sie. »Ich sehe,« sagte er freundlich, »Sie haben das Document wieder annectirt!« »Was ist das, an–nectirt?« »Nun,« erklärte Thatcher zaudernd, »Sie haben sich wieder in den Besitz dieses Papiers, dieser unschuldigen Fälschung gesetzt!« »O! Sie halten mich also nicht nur für eine Fälscherin, sondern auch für eine Diebin! Gehen Sie fort! Stehen Sie auf! Hinaus mit Ihnen!« »Mein liebes Mädchen!« »Sehen Sie doch das Papier an! Nun, wird's bald? O, Sie Dummkopf!« Thatcher betrachtete das Document genauer. Das Papier, die Handschrift, das Datum und der Stempel desselben unterschieden sich nicht von der durch Garcia eingereichten Urkunde. Die Indossemente des Gouverneurs Micheltorena waren unzweifelhaft echt. Allein der Anspruch war auf Royal Thatchers Namen erhoben und seine eigene Unterschrift war mit vollendeter Meisterschaft nachgeahmt. »Ich besaß nur einen einzigen Brief mit Ihrer Namensunterschrift,« sagte Carmen, sich entschuldigend, »und besser konnte ich, armes Ding, es nicht machen.« »Du gebenedeites kleines Gänschen, du Engel!« sagte Thatcher mit einer verliebten Menschenkindern eigenen Kühnheit, die widersinnigsten Metaphern mit einander verschmelzend, »merkst du denn nicht ...« »Ah, es gefällt Ihnen nicht – es ist nicht gut?« »Mein Lieb!« »Still. Da oben ist eine alte Mutter. Und jetzt habe ich hier einen guten Ruf. Wollen Sie sich wol schnell wieder hinsetzen! Ist es denn unbedingt nothwendig, daß Sie im Zimmer herumlaufen und das ganze Haus aufwecken? Da!« Und rasch hatte sie ihm, als er an ihr vorüberging, einen kräftigen Schlag mit ihrem Fächer gegeben. Er setzte sich nieder. »Und Sie haben mich ein ganzes Jahr nicht gesehen und mir kein einziges Mal geschrieben!« »Carmen!« »Bleiben Sie sitzen, Sie wilder, böser Junge! Haben Sie vergessen, daß Sie und ich hier von Geschäften reden wollen, und daß die Leute oben auf der Etage denken, daß wir von Geschäften sprechen?« »Zum Henker mit allen Geschäftssachen!« »Höre mich an, Carmen, mein Lieb. Sage mir ...« Bei diesen Worten gelang es ihm, zu meinem großen Leidwesen sich der Lehne von Carmens Stuhl zu bemächtigen. »Sag' mir, mein Herzenskind – was du mit dem Senator gesprochen hast – du wirst es doch noch wissen. Nicht wahr?« »Meinen Sie den alten Mann? O, das war von Geschäftssachen. Und Sie sagen ja von allen Geschäftssachen: Zum Henker! »Carmen!« »Don Royal!« Obgleich Fräulein Carmen während dieser Unterredung wiederholt ihren Fächer in Bewegung setzte, so mußte die Luft doch wol sehr kalt sein, denn als der arme, häufig erkältete Harlowe die Treppe herabkam, ward er von einem heftigen Hustenanfall überfallen, der ihn bis zum Eintritt in das Zimmer quälte. »Nun gut,« sagte er, »wie ich sehe, haben Sie Herrn Thatcher gefunden und ihm Ihre Urkunde gezeigt. Jedenfalls hat es Ihnen an Zeit dazu nicht gefehlt. Ich bin von meiner Mutter herunter gesandt worden, um Sie beide ins Bett zu schicken.« Carmen, welche in ihre Mantille gehüllt, im Lehnsessel saß, erwiderte kein Wort. »Wahrscheinlich besitzen Sie genug Sachkenntniß, Thatcher,« fuhr Harlowe fort, »um zu erkennen, daß Fräulein de Haro's Urkunden trotz' ihres künstlerischen Werthes nicht zu gerichtlichen Zwecken verwendbar sind, es sei denn, daß ......« »Ich sie als Zeugin aufrufe. Harlowe Sie sind ein treuer Freund, und ich besinne mich daher keinen Augenblick, Ihnen mitzutheilen, daß ich nicht wünsche, daß ›meine Gattin‹ jemals Gebrauch von diesen Urkunden macht. Wir lassen die Sache bis auf Weiteres ruhen und betrachten sie einstweilen als – ein unerledigtes Geschäft.« Sie thaten es. Aber eines Abends brachte unser Held seiner Gattin, Frau Royal Thatcher, eine Zeitung, welche einen tiefergreifenden und schönen Nekrolog zu Ehren des verstorbenen Senators enthielt: »Hier Carmen, mein Herz, lies dies. Schämst du dich jetzt nicht ein Wenig deiner – deiner – deiner Unterrockspolitik?« »Nein,« sagte Carmen schlagfertig. »Das Geschäft brachte es so mit sich – und wohl uns, wenn alle Unterrockspolitik so ehrlich ist, wie diese!« Ende.